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VI.

Erzrichter und Chrematisten.


Untersuchungen zum Mahn- und Vollstreckungsverfahren
im griechisch-römischen Ägypten.

Von

Herrn Prof. Dr. Paul Jörs


in Wien.

Das Mahn- und Vollstreckungsverfahren auf Grund


von Exekutivurkunden, wie es sich in unsern Papyrus-
urkunden vorzugsweise in der römischen Provinz Ägypten
abspielt, ist in neuerer Zeit wiederholtGegenstand wissen-
schaftlicherForschung gewesen. 1 ) Zusammenfassende Dar-
stellungen hat es namentlich in den grundlegenden Arbeiten
von Koschaker, Mitteis und Schwarz gefunden. Im
folgenden soll keine neue hinzugefügt werden vielmehr ,

sollen Nachprüfungen einzelner Fragen unternommen wer-


den. Vor allem haben neue Urkunden auch neuen Stoff
hinzugebracht ihn gilt es in das Bild hineinzuweben und
:

es dadurch lebensvoller zu gestalten.

Eine solche Untersuchung braucht sich nicht an die


zeitliche Reihenfolge der einzelnen Handlungen im Ver-
fahren zu binden. den Stoff zusammenfassen und
Sie darf
trennen, Einzelheiten herausgreifen und zurücktreten lassen,
wie es die Fragestellung mit sich bringt. Immerhin scheint
es auch hier geboten, wenigstens die Akte, von denen im
folgenden hauptsächlich die Rede sein wird, in der Ord-

x
) Koschaker, XXIX, 22ff.; Mi tt eis, Grundzüge
Z. Sav. St.
122 ff. 143ff. 158ff.; A. B. Schwarz, Hypothek und Hypallagma 76ff.;
vgl auch Eger, Grundb. 46 ff.; Frese, Aus d. gräko-ägypt. Rechtsleben
19ff.; Raape, Verfall d. griech. Pfandes 117ff.
c

Kr/.richtcr und ( 'lirrmv 231

nung, in <l< sie sich im einzelnen Falle vollzogen, einem


i

kurzen Überblick zu unterwerfen, um später darauf v<


weisen zu können. Wenn ich mich dabei von einer —
Stelle abgesehen —
nicht mit bloßer Aufzählung und Schlag-
worten begnüge, sondern, selbst auf die Gefahr hin, manch»-.-
Bekannte zu wiederholen, kurze Beschreibungen und In-
haltsangaben bringe, so ist der Grund teils der, daß ich
von vornherein bestimmten Auffassungen Ausdruck und
Nachdruck geben möchte, teils der, daß auf diese Weise
einige Punkte von untergeordneter Bedeutung, Texter-
gänzungen und dergleichen ihre Erledigung finden können.
Dabei ist gelegentlich schon von einer unverönVnt-
lichten Urkunde (Berlin Inv. 11664) Gebrauch gemacht,
deren Wortlaut im folgenden Abschnitt (III) mitgeteilt
werden soll.

I. Überblick Über den Verlauf des Mahn- und Vollstreckungs-


verfahrens.'

A. AiaoxoXixov.
1. Eingabe (allgemein als vjiojuvrjfia 2 ), nach ihrer Voll-
3
ziehung als diaozohxöv ), auch als diaaxoh) be- vereinzelt
zeichnet) des Gläubigers an den Erzrichter: BGU. 578,

*) Zugrunde gelegt ist der Verlauf bei der Vollstreckung in


Liegenschaften auf Grund pfandloser oder durch Hypallagma gesicherter
Forderungen: von den Besonderheiten des Hypothekenrechts wird zu-
nächst abgesehen. Ebenso soll hier auf die Gestaltungen des Ver-
fahrens, die sich aus dem Widerspruch fdyTt'oorjaig) des Schuldners
ergeben, noch nicht eingegangen werden.
2
) BGU. 578, 7 . 19 ; Flor. 68, r (8 ?); 86, 21 ; Oxy. 485, 4. «. „f.
1118, «.

3
) Flor. 1, 6. 81, u ; Giss. 33, u . 34, 8 . 13 f.; Oxy. 68, 33; Straßb.
52, 7; wahrscheinlich auch Basel Inv. 7, 18 (Chrest. II, 245); BGU.
832, 25 . 1131, M . 1158, 16 . Ez. Rainer
Preisigke, Sammelbuch bei
5168, gg. AiaoxoXixä begegnen nicht nur im Mahnverfahren und be-
reiten nicht notwendig ein Vollstreckungsverfahren vor. Hier soll aber
von dem weiteren Begriffe zunächst abgesehen werden. Über die ver-
schiedenen Bedeutungen von biaatoh) s. Schwarz, Hypothek und
Hypallagma 117, 2 .
232 Paul Jörs,

9 _ 23
(Chrest. II, 227) *); 888,
5 _ 26 (Chrest. II, 239); Flor. 68,

5 _i2- 86 (Chrest. II, 247); Oxy. 485, 8 _ 37 (Chrest. II, 246);


wahrscheinlich auch Oxy. 1118; zweifelhafter Lips. Inv. 110
(beiKoschaker, Z. Sav. St. XXIX, 27, 3 ). Sie gab zunächst
eine Darlegung des zwischen dem Gläubiger und Schuldner
bestehenden Rechtsverhältnisses unter Hervorhebung der
öffentlichen Urkunde 2 ) oder des yreiQÖyQacpov öeörjfxooicojLie-
vor 3 ), in denen es verbrieft war, ferner eine Aufforderung
an den Schuldner, den gegen ihn geltend gemachten An-
spruch zu erfüllen, schließlich die Androhung der Voll-
streckung beim Ausbleiben der Leistung. Ein Zahlungs-
befehl von seiten des Erzrichters oder sonst einer Behörde
wird nicht begehrt: der Antrag geht nur dahin, den zu-
ständigen 4 ) Strategen durch ein Schreiben zu beauftragen,
er solle dem Schuldner eine Abschrift der (die Zahlungs-
aufforderung enthaltenden) Eingabe amtlich zustellen lassen.

2. Schreiben des Erzrichters an den Strategen, durch


welches die begehrte Zustellung angeordnet wird: BGU.
578, 7 _9 . 888, !_ 4 ; Flor. 68, 3 _4 ; Oxy. 485, A_ 8 . Es wurde
wahrscheinlich dem Strategen auf dienstlichem Wege über-
mittelt. 5 ) Sicher ist, daß es dem Gläubiger zuging, ob

x
) BGU, 578 verbindet mit dem Gesuche um Zustellung im Mahn-
verfahren das um vorhergehende Verlautbarung (8rj[iooi(oaig) eines %ei-
QÖ7Q a<pov (vgl. Jörs, Z. Sav. St. XXXIV, 108. 154, j. 155 f., 4 ); damit
hängt jedenfalls die Erscheinung zusammen, daß hier (wie bei jedem Ge-
such um Srjfzooicooig) der Wortlaut des Schuldscheines mitgeteilt wird,
während die übrigen Eingaben im Mahnverfahren sich mit der Angabe
des Inhalts begnügen. Vielleicht erklärt sich daraus auch die ab-
weichende Formulierung des Gesuches des Gläubigers an den Strategen
in BGU. 578, 4 ff. Die letztere findet sich auch in den sonst nicht be-
stimmbaren Urkunden Flor. 40, 6 (hier auch der Wortlaut des z £t Q°~
ygcupov); Lips. 122, 2 ff. ; Lond. III, 126 Nr. 1222, 3 ff.: darf man daraus
daß diese stark verstümmelten Urkunden von
schließen, gleicher Art
wie BGU. 578 waren?
a
) BGU. 888, 10 f.; Flor. 86, 3 ff.; Oxy. 485, 12 ff.
3
) BGU. 578, 10 ff., vgl. Anm. 1.

*) Dafür scheint der Wohnsitz des Schuldners maßgebend gewesen


zu sein.
5
) In den uns erhaltenen (im Text angeführten) Urkunden ist es
der Gläubiger, der dem Strategen den Zustellungsbefehl des Erzrichters
Erzrichter und Ohrematisten. 233

durch amtliche Zustellung, oder ob es ihm selbst über-


lassen blieb, sich —
etwa durch seinen Bevollmächtigten
(dtuxroTak/iih'os) —
eine Ausfertigung von dem xaxaXoytXov
zu verschaffen, muß dahingestellt bleiben. 1 )
Eingabe des Gläubigers an den Strategen (BGU.
3.

578, Flor. 68, ,_,; Oxy. 485, v 4 a ), in welcher er unter


36 ; )

Anfügung einer Abschrift des Erzrichters (A 2) und seiner


ihr zugrunde hegenden Eingabe (A 1) bittet, die Zustel-
lung ausführen zu lassen. 3 )

nebst Anlage mitteilt Es ist aber wahrscheinlich, daß der Erzrichter


dem Strategen eine unmittelbare dienstliche Anweisung zukommen ließ.

Dafür spricht der Wortlaut des Antrages ovrxd^ai ygäycu t<£ OTQairjytft —
sowie die Tatsache, daß das Schreiben des Erzrichters an den Strategen
gerichtet ist und ihm ein Befehl erteilt wird, während der Gläubiger
seinem Gesuch an den Strategen nur eine Abschrift der Verfügung
(uvTi'yQaqpov xoyhauopov) beifügt. Dem letzteren gegenüber mußte der
Strateg vor Unterschiebungen und Fälschungen gesichert sein. Auch ent-
spricht die Ausfertigung an den Beamten der sonst im römischen Ägypten
nachweisbaren Praxis (BGU. 613, ,; Oxy. 1032, u ). VgL zu der Frage
Preisigke, Pap. Straßb. S. 23; Lewald, Grundbuch 71, ,; Schwarz,
Hypothek und Hypallagma 77.
1
) Alle unsere Urkunden zeigen den Gläubiger im Besitz des
Schreibens mit Anlagen. Der Ausdruck ov Liögiaa (Oxyrynchos) oder
naQExö^iioa (Areinoites, Hermupolis) Ttaoa (ix) xov xaiaXoyctov yQrjfiaxi-
o/nov (vnouvrjuaTOs) ävxiyga<pov xxX. darf kaum zugunsten der Annahme
einer amtlichen Ausfertigung für den Gläubiger angeführt werden.
Andrerseits spricht der Vermerk, der sich mehrfach in den Akten findet,
daß der ro/noyQaqpos (BGU. 888, 4 [578, 8 ]) oder der ygafifiaxevg xaxaXo-
yeiov (BGU. 239, J0 . Oxy. 1270 n ) die Urkunde ge-
1038, 13 vgl. 614, ,;
schrieben habe, eher für als gegen die Meinung, daß die Partei sich
von einem in der Kanzlei des Erzrichters selbst angestellten oder von
einem sonstigen mit öffentlichem Glauben versehenen Schreiber — so
wird man den vofioygdtpog auffassen dürfen: vgL Koschaker, Z. Sav.
St. XXIX, 17, 2 Mitteis, Grundz. 56f,. 7 ; Meyer, P. Hamb. S. 14. 17
;

— die Abschriften, die sie brauchte, anfertigen ließ.


a
) Daß die Bitte um Zustellung in Oxy. 486, 4 nicht ausgesprochen
ist, hat nichts auf sich. Vielleicht ist sie weggelassen, weil sie nach
dem folgenden Befehl des Erzrichters überflüssig schien. Daran, daß
auch hier Zustellung begehrt wurde, kann nach Z. 35 ff. kein Zweifel
bestehen.
3 Vermerke über die Anordnung und Ausführung der Zustellung
)

enthalten BGU. 578, t t't Flor. 68, „_«,; Oxy. 485,;» ff.
-

234 Paul Jörs,

B. 'Evexvgaoia.
1
1. Eingabe (allgemein als vjiö^vrjjua ), technisch als
evrev£ig 2 ) bezeichnet) des Gläubigers an den Praefectus
Aegypti: BGU. 1038, 18 _ 27 (Chrest. II, 240); BGU. 239
(Preisigke, Berichtigungsliste S. 29 f.), wo die geringen
Reste von Z. 16ff. den Beginn der evrev^ig zu enthalten
scheinen. Auch hier wird zunächst auf das zugrunde
liegende Rechtsverhältnis verwiesen. Der Erlaß des öia-
orohxov ist in den für uns allein in Betracht kommenden
Fragmenten von BGU. 1038 nicht erwähnt und daß ein
Mahnverfahren stattgefunden hat überhaupt nur dadurch
angedeutet, daß hervorgehoben wird, es sei weder Zahlung
noch Widerspruch des Schuldners erfolgt. 3 ) Was den An-
trag betrifft, sp läßt sich nur erkennen, daß der nachher
tatsächlich erlassene Beschluß (B 2) begehrt wurde. 4 )
2. Gerichtsbeschluß 5 ) (xQrjfxartojudg Evexvgaoiag 6
), häufig
auch schlechthin als £.ve%vQa.oia 1
) bezeichnetj : BGU. 239,
io-i4- 1038 Inv 11664, 5 ff. Er enthält eine
> 13-is» Berl - -

protokollarische Darlegung der Akte, welche der Bevoll

*) Oxy. 1027, 8.
2
) BGU. 1038, 13 . 16 ; Berl. Inv. 11664, 7. 8. M .

3
) Die Ergänzung von Mitteis zu Chrest. II, 240, 22 f. fj,Jt]8E/niä;

dno8[6Jaeco? [f*wz &vtiqqtjoecos ysvof.isvt]g (ysvafxivqs ist Druckfehler) darf


im wesentlichen als sicher gelten.
4
) In BGU. 1038, 23 würde die von Kose haker (Z. Sav. St, XXIX,
33. 34 auf Grund von Flor. 56, 17 vorgeschlagene, von Mitteis
f.)

(Chrest. II, 240) nicht aufgenommene Ergänzung ä£iä> im xfj$ dialoyrjs


avyxgXvai ygdtpai genau die Lücke ausfüllen. Meines Erachtens trifft

sie das Richtige.


6
) Die Berechtigung zu dieser Bezeichnung statt der bisher ver-
wendeten 'Dekret des Statthalters' wird im folgenden Abschnitt (II 1)
dargelegt werden.
6
) BGU. 239, 6. 1038, 9 vgl 7 . 10 ; Oxy. 712, 10 vgl. 16 . Auch bei
den ygäfifiaxa ivsxvgaaiag (BGU. 578, 21 . 888, 23; Flor. [55, 25]. [56, n ])
ist jedenfalls in erster Linie an den xqr\y,axto}x6g zu denken.
7
) BGU. 239, 9. 970, 20 . 1038, u ; Berl. Inv. 11664, 2 ; Flor. 48, 8
(Giss. 33, la ); Flor. 97, 8 ; Giss. 34, 8 .
14 ; Lond. III, 132f. Nr. 908, 22
(vgl.34). Auch
7 19 Lond. Nr. 1897, 7 (Arch. f. Pap. VI, 106)
Giss. 32, . ;

dürften hierher zu zählen sein. In Oxy. 712, 3 19 (vgl. Lips. 120, 12 ) .

dagegen ist die Vollziehung der Pfändung gemeint.


ht<r und Chrrrn.i; 235

m&ohtigte 1
) des Gläubigers vor dem Gericht (Int rijs dia-

t) vorgenommen und der Nachweise, welche er dort


erbracht hat, Entscheidung (avyxgivtiv), daß
ferner die
unter Mitteilung einer Abschrift der Ivrev^ 7 ) ein Schreiben
an den Strategen und Gerichtsvollzieher (Zevixwv ngoxTüig)
des Vollstreckungsortes 8 ) (im uov töncov) ergehen solle,
durch das sie ermächtigt werden, nach Vornahme weiterer
Ermittelungen und Feststellungen dem Schuldner eine
Abschrift des Gerichtsbeschlusses und der faevtu;*)
zuzustellen und die Vollstreckung (Pfändung) nach den
bestehenden Vorschriften durchzuführen.
3. Das vom Gericht beschlossene Schreiben an den

Strategen wurde vom Erzrichter ausgefertigt: BGU. 239,

8 10 . u 12 Berl. Inv. 11664, 1-r Zu beachten ist, daß


1038, ;

nach dem Wortlaut dieses Schreibens der Beschluß dem


Strategen lediglich zur Kenntnis gebracht wird (Tv' eldfjg) :

einen Auftrag, ihn dem Schuldner zuzustellen, erteilt der


Erzrichter nicht — anders
beim Mahnverfahren (A 2)als
und bei der ljußadeia (D3). Der Grund ist wohl der, daß
hier der Beschluß selbst den Zustellungsbefehl enthielt,
seine Ausführung aber von dem Im xa>v romjov vorzuneh-
menden weiteren Ermittlungsverfahren abhängig machte.
Die Ausfertigung für den Gläubiger läßt sich auch hier
nachweisen 5 ) amtliche Übermittelung an den Strategen ist
;

wie beim Mahnverfahren zu vermuten. 6 ) Und wahrschein-

*) In den uns erhaltenen Akten tritt immer ein diaxeozalftevo.; auf.


Daß aber dem Gläubiger persönliches Handeln verboten gewesen sein
schwer zu glauben. VgL unten bei III 2.
sollte, ist
Das ist in BGU. 239, 13 und BerL 11664, u t ausdrücklich ge-
2
)

sagt und in BGU. 1038, u dem Wortlaut oder dem Sinne nach zu
jzsfi<p&fjvat zu ergänzen; vgl. S. 239, 3.
3
) Über die Zuständigkeit s. S. 232, 4.
Entsprechend dem Vordersatz des Beschlusses (s. Anm. 2) dürfte
4
)

in BGU. 1038 die Ergänzung der Z. 17 von Koschaker (Z. Sav. XXIX,
33) und Mitteis (Chrest. II, 240) zu vervollständigen sein: inezaöo&rjvac
rfjg ze svzsv^soig xai] zcöv ygapfiäzcov zovzcov dvziygatpov. Damit wird der

zur Verfügung stehende Raum genau geschlossen.


5
) BGU. 239, 5. 1038, ,; vgl. S. 233, 1.

Dafür sprechen hier die gleichen Gründe wie dort (S. 232, 5),
6
)

•namentlich auch, daß der Beschluß ausdrücklich vorschreibt yQayfjvai


236 Paul Jörs,

auch an den gevixwv nQaxTcoQ, obwohl es


lieh erfolgte sie
an einem Belege dafür in den Quellen fehlt. 1 )

4. Eingabe des Gläubigers an den Strategen (BGU.

239, 3 _8- 2 ) 1038, 8 _ 10 ), in welcher der Gesuchsteller unter


Anfügung einer Abschrift des Gerichtsbeschlusses (B 2) und
seiner ihm zugrunde liegenden Eingabe (B I) bittet, die
Zustellung ausführen zu lassen. 3 )

C. llQogßokrj und xaT<xyQa<pr},

sowie die damit zusammenhängenden Akte der nagdöei^ig,


xaxo%rj und anoyQacpr\ sollen hier nur genannt werden, weil
ihre genauere Bestimmung überall eine eingehendere Er-
örterung nötig macht.

D. 'E/Lißaösia.
Das Verfahren bei der ijußaöeia ist ebenso wie das bei
der evexvgaoia gestaltet. Es genügt also, die Akte hier kurz
zu bezeichnen und hervorzuheben, inwiefern sie andern
Inhalt hatten.
1. Eingabe (allgemein als V7i6juvr]jua i ), technisch als
evtevgig 5 ) bezeichnet) des Gläubigers an den Präfekten. Der

— j<p axQaxrjyü). Vielleicht ist BerL 11664 eine solche Ausfertigung


für den Strategen: es ist nämlich zu beachten, daß hier (anders als in
BGU. 239 und 1038) das Schreiben des Erzrichters eine andere Hand
aufweist als der ^gj^artöuös he^vQaaiag (8
ff).

*) Im Gerichtsbeschluß wird ein Schreiben an den Strategen und

an den Praktor vorgesehen (BGU. 1038, 15 ; Berl. 11664, 13 ff.): es ist


nicht anzunehmen, daß damit bloß eine Mitteilung an den Vollstreckungs-
beamten durch Vermittlung des Strategen gemeint sein sollte. Aus
ptolemäischer Zeit haben wir unmittelbare Beauftragungen des fmxÄv
ngdxTooQ in Vollstreckungssachen erhalten: Tor. 13, v 15 ; Teb. 165; auch
Magd. 41, 5 darf vielleicht in diesem Zusammenhange genannt werden.
Von Oxy. 286 und 1203 dagegen möchte ich wegen der besonderen
Voraussetzungen dieser Urkunden hier absehen.
2
) Hier werden Einzelheiten hervorgehoben, die
wir bei der Ver-
stümmelung von BGU. 239, da BGU. 1038 keine Parallele dafür bietet,
nicht genauer bestimmen können.
3
) Anordnungen und Vermerke über
die Ausführung der Zustellung
bieten BGU. 239, x f. 1038, „.
«) Flor. 56, 2.
6
) Flor. 55, u .
12. 15 f. , 8 . 56, e. 7 . r
-

Erzrichter und Chrematisten. 237

Gesuchsteller geht davon aus, daß er durch die xarayQacprj


Eigentümer des Pfandgrundstückes geworden ist und be-
antragt, das Gericht möge beschließen, den Strategen zu
beauftragen, ihn, nötigenfalls zwangsweise, in das Grund-
stück einzuweisen.
2. Gerichtsbeschluß (xQ^^axia^bg Ijxßadeias l
) , auch
2
schlechthin ljußadeta )
genannt,): Flor. 55, s_ n . 56, 6 _ 10 .

Auch hier benennt das Protokoll die vor Gericht erbrachten


und am Vollstreckungsort zu erbringenden Nachweise und
sonstigen vom Gläubiger vorzunehmenden Akte. Sodann
wird verfügt (ovyxgiveiv) daß unter Mitteilung einer Ab- ,

schrift der gvrev£t<; ein Schreibenan den Strategen hier —


nur an ihn —
ergehen solle, in dem ihm aufgegeben wird,
einen Räumungsbefehl an den Schuldner zu erlassen und
die Besitzeinweisung des Gläubigers in das ihm durch
die xaxaygacpi) zugeschriebene Grundstück nach den be-
stehenden Vorschriften durchzuführen.
3. Das vom Gericht beschlossene Sendschreiben an den

Strategen wurde auch bei der l/ußadeia vom Erzrichter aus-


gefertigt: Flor. 55,
3 _ 8 56, 4 5
In der letzteren Urkunde . .

3
(Flor. 56) enthält es lediglich den Befehl der Zustellung )

des Gerichtsbeschlusses mit der angehängten (jedenfalls


£vrev£ig). Das Schreiben in Flor. 55 war, wie die Über-
reste erkennen lassen, abweichend gefaßt, enthielt aber
schwerlich anderen Inhalt: die beigefügten Schriftstücke
scheinen aufgezählt gewesen zu sein, mit vjioyQa<pijs im
zrjg diaXoyijg ( 4) scheint der Gerichtsbeschluß (D 2) gemeint
zu sein 4 ), und in Z. 5
f. war vielleicht der ihm vorauf

J
) BGU. 832, u ; Flor. 55, r 56, ,; vgL auch Oxy. 274, M : fifißa-
ösvjaecos ädeiav.
2
) Flor. 56, 5
In Flor. 55, M «• 56.
. .
10 dagegen bedeutet iußadeta
die Durchführung der Besitzeinweisung.
3
)
Also anders als bei der evexvQaoia ( ), aber hier war die Zu-
stellung auch nicht wie dort Inhalt des Gerichtsbeschlusses.
4
) Für diesen Sprachgebrauch vgL Petr. HI, 25, x (Chrest. II, 30);
Tor. 13, ! (Chrest. II, 29) : in beiden Fällen ist unter vjtoyeacpTJ, was hier,
wie sich zeigen wird, besonders ins Gewicht fällt, ein Urteil der Chrema-
tisten verstanden. VgL ferner Teb. 165, wo es sich ebenso wie in
Tor. 13 cit. um eine Anordnung in Vollstreckungssachen handelt. Auch
238 Paul Jörs,

gehenden evxeviig gedacht. 1 ) Im übrigen gilt das gleiche


wie bei der ivexvgaoia (B 3),nur daß hier eine Ausfertigung
für den £evix&v jiqolxtcoq nicht in Frage kam.
Eingabe des Gläubigers an den Strategen Flor. 55,
4.

i_ 2 56, 1-4) mit der Bitte um Ausführung der Zustellung )


2
.

wie bei der ivexvgaoia (B 4).

II. XQrnxariofxbg ivexvgaoiag und ejußadeiag.


1. man die Urkunden des Mahnverfahrens
Vergleicht
mit denen des Vollstreckungsverfahrens, so fällt ein Unter-
schied in die Augen, dem die Forschung bisher, wenn sie
ihn auch nicht übersehen, so doch wenig Gewicht beigelegt
hat. Während nämlich im Mahnverfahren, ebenso wie bei
allen sonstigen Angelegenheiten der nicht streitigen Ge-
richtsbarkeit, in denen der Erzrichter tätig wird (ovyxcogrjoig,
7iQog(pd>vt]otg, drjfxooioioig) ) die Eingabe (vjiojuvrjjua) des oder
3

der Rechtsuchenden an ihn selbst gerichtet ist, wendet sich


das Gesuch, mit dem der Gläubiger das Vollstreckungsver-
fahren einleitet, die evrev^ig, sowohl bei der evexvgaoca als
auch bei der ejußadeia, wie wir sahen (S. 234. 236), an die
höchste Landesstelle, den Praefectus Aegypti. 4 ) So lag es
denn nahe anzunehmen, daß auch die Verhandlung über

in Tor. 1, ix, 24 (Chrest. II, 31) bedeutet vnoygacpri ein Urteil: hier das
in Par. 15 erhaltene des ijciardrrjg mit seinem Consilium.

*) In Flor. 55, 6 f. dürfte, wenn der Raum es zuläßt, zu ergänzen


sein: Jigogvjiothaxzai de xai [fj] 81 [avxfjg \
arj(iaivofih>ri evtsv^ig. rovro xtX.
Mit avrfjg wäre auf das vorhergehende vnoygacpfjg hingewiesen,
2
)
Vermerke über die Ausführung der Zustellung enthalten Flor.
55, «f. 56, 19 ff.
3
) Für die avyxcogrjaig vgL diebeiKoschaker Z. Sav. St. XXVIII,
271 zusammengestellten Urkunden, dazu BGU. 1108. 1111. Berl. Bibl. 8
(Preis igke, Sammelbueh 424). Teb. 319; für die ngogcpcörrjaig Oxy.
1200, 6 ff. Für die 8r)nool<ooig habe ich das Material Z. Sav. St. XXXIV,
108 ff. gesammelt; dazu jetzt Berl. Inv. 11644 (Arch. f. Pap. VI, 177).
4
)
Flor. 55, 22 . ra](a> [Zsnzifitjq) Oveyeico; BGU. 1038, 18
Aov[x]iq>
ÜQÖxXcp; Flor. 56, 10 [Mr)ov]icp 'Ovoganavcp. Daß die Amts-
Ovcdeg'icp
bezeichnung fehlt, ist daraus zu erklären, daß wir hier überall (auch
sonst gekürzte) Abschriften vor uns haben. Die Eingabe der Partei
hat den Statthalter gewiß nicht mit dem bloßen Namen angesprochen.
.

Kr/.ritfit.r und ( I
239

«lies»- Gesuoh, <li<\ wie die QueHen ngen, £*d tffc AtaXoyrje ) 1

stattfand, sich vor dem Statthalter abspielte, und daß die


hier ergehende in unseren Urkunden stets mit den Worten
'Avayvcooddor)G hrev£eu)<; anhebende Verfügung (das 'Dekret')
(oben S. 234f. 237) von ihm herrührte. In der Tat ist dies
auch die, soweit ich sehe, allgemein anerkannte Meinung. 2 )
Und doch, glaube ich, weisen schon die bisher veröffent-
lichten Urkunden auf einen anderen Weg.
Wir lesin in BGU. 1038, „ff. (Chrest. II, 240) *Ara-
yruxHleiorjg tvievtjewg — — ovvexgivafu/v ygcKprjvat xal iu[i-
(p&rjvai rrjg ivrev^ecog ävrtygcKpov*) uo — OJQa(rr]yä>) xut] tü>

[ — £tVlXWV 7lQdxJlOQl —
Ebenso in BGU. 239, 10 ff. (Preisigke, Berichtigungs-
liste S. 29 f.): [AvayvcooOelorjs Ivrevfrcoe avveJxQivafiev

*) BGU. 1038 [J; Flor. 55, x vgl. 4 ; Flor. 56, „. Nähen» unten
bei 118.
») So Mi tt ei s,
XXVII, 346 und Grundz. 128. 159.
Z. Sav. St.
161 und Gradenwitz, Berl. phiL Wochenschrift
Chrest. S. 266. 269;
XXVI (1906), 1354; Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 34 ff.; Rabel,
Verfügungsbeschränkungen 94; Eger, Grundb. 47, ,; Wilcken, Arch.
f. Pap. IV, 373; Schwarz, Hypothek und Hypallagma 81 f. 112. 127.
3
) Die Worte rfjg ivrsv^e<og avTtygayov müssen (vielleicht abgekürzt),

wenn der Raum es irgend zuläßt, den Ergänzungen von Koschaker


(Z. Sav. St. XXIX, 33, dem Mitteis Chrest. S. 270 folgt), entsprechend
den parallelen Urkunden eingefügt werden (a. den Text und oben
S. 235). Andernfalls muß angenommen werden, daß die Worte in der
Urkunde ausgefallen sind, denn xen<p&ijvai tö> mQaxrjyfä
Abschrift der
kann nicht ohne Objekt gewesen sein. Aber auch weiterhin ist der
Text, wie ihn die beiden genannten Forscher hergestellt haben, nicht
in Ordnung, denn der Infinitiv ^exado&rjvai in Z 17 läßt sich so, wie er
dasteht, nicht erklären. Sollte er, was aber schwerlich anzu-
nehmen ist, parallel mit ygaqpfjvai und nentp&fjvai aufgefaßt werden, so
müßte ein xal eingeschoben werden. Abhängig könnte er dem Sinne
nach ja überhaupt nur von yoacpfjvai, nicht von nefitp&ijvai sein, aber
auch das scheint mir sprachlich nicht möglich. Die Lösung dieser
Schwierigkeiten kann man m. E. aus Flor. 55, 15 ff. und 56, 7 ff. ent-
nehmen; dort ist die Konstruktion klar: yQacpfjvai xal nsnydrjvai tva ,

— noifjxat (avvxsXrjxaiJ xä xtjg ifißadeiag dazwischen sind die Voraus-


,

setzungen in dem Satz mit idv eingefügt. Entsprechend wird anzu-


nehmen sein, daß in BGU. 1038, M die Partikel ausgefallen ist, und wird
zu lesen sein (tV), iäv a>o(i) yeyowlcu al diaygayai —
worauf dann
in Z. 17 etwa fortgefahren werden müßte fieraSodrj —
ävxiygayov.
. .

240 Paul Jörs,

ygfacprjvcu) xal ne/j,<pi}(fjvat) rfjg [evrevg~ecog avriygacpov reo —


OTQaxrjycp —
Richtig hat ferner Vitelli in Flor. 55, 12 ff. ergänzt:
Avayvcoofte lorjg evrevjtjeayg — [— ovvexgeivafiev yjgacpfjvai xal
jze/ucp&fjvfaji rfjg ivrevf^ecog ävrlyoacpov reo —] orgarrjyep —
Wenn derselbe Gelehrte aber an der entsprechenden Stelle
von Flor. 56, 6 f. liest 'Avayveoo'&eiarjg evrev$~eeog ovvexoeivfa
yoaepfjjvai xal nejuep'&fjvai rfjg ivrevfeeog avriyoaepov reo —
orgarrjycp — , so ist das gegenüber den anderen Urkunden
nicht zu billigen, sondern es muß
wie bei diesen ovrexget-
v[a/uev yQacpfjJvai wenn dafür der
ergänzt werden, oder,
Raum nicht reichen sollte 1 ), eher mit einer Abkürzung ge-
rechnet als der Singular angenommen werden.
Wenn also hier gleichmäßig ovvexQivajuev geschrieben
war oder ergänzt werden darf, so ist es unwahrscheinlich,
daß wir eine Verfügung des Präfekten vor uns haben. Denn
dieser spricht, wie überhaupt die römischen Magistrate bei
Akten der Verwaltung und Rechtsprechung, regelmäßig
im Singular. 2 ) Dagegen ist die Ausdrucksweise ganz am
Platze, wenn der Beschluß von einem Richterkollegium aus-
ging. Und ich glaube, daß darauf gerade in der ältesten
unserer Urkunden eine deutliche Spur hinweist.
In Flor. 55 (vom Jahre 88 n. Chr.) folgt nämlich auf das
am in Z. 8 f. 3 ), ehe der üblk
anhebt, noch ein Zwischenstück:

*) Entscheiden läßt sich das nur am Original. Wenn aber, wie


ich nach dem Ausmaß der Druckzeilen annehmen möchte, die Lücken
in Z.6 avftfjg
dsdrjXw] (tsvrjg in Z. 8 [ivrog XQ° V] 0V (nach Vi tellis Ver-
,

mutung), in Z. 9 diaoxedaft [evyj toig ojvm ihrem Platz und ihrer Größe
nach der hier interessierenden von Z. 7 entsprechen, so würde die von
mir vermutete Ergänzung avvexgscv [a(xev yQacpfjJvai mit 9 Buchstaben
den Raum besser schließen als Vi tellis ovvexgeivfa yQacpfjJvai mit nur
6 Buchstaben.
2
) Nur ganz ausnahmsweise kommt der Plural vor: Catt. I, 9
(Chrest. II, 372) voovpitv , aber gleich darauf in den entscheidenden
Worten des Urteils heißt es bibcopijij, dö^ca; Oxy. 653 (Chrest. II, 90, 2»):
InTeb. 286, 22 (Chrest. 11,83) spricht der Richter offenbar nicht
dixaiovfxtv.
bloß von sich, sondern von allen Beteiligten, für welche die kaiserlichen
Reskripte maßgebend sind. Daß der im Text gekennzeichnete Sprachge-
brauch auch in den lateinischen Quellen überall zutage tritt, ist bekannt.
3
) Auch dieses gehört schon zum Gerichtsbeschluß; vgl. unten S. 244.
Erzrichter und Chrematisten. 241

10 'AnoJXXddtoQos *"! Uonlttpde


11 6 xaiJ'Al&auvg, ol tag hu >''$eis

12 'Avayvcoa&eiotjs hrevj^eeog 'E£axä>vroc xtX.

Trotzdem nur etwa ein Drittel der Zeilen erhalten ist,

läßt sich erkennen, daß hier mindestens zwei,


deutlich
vielleicht drei 1 ) Personen genannt und als ol t<U irufö&iQ

/
bezeichnet sind. Ich dachte zuerst daran,
dem bekannten ptolemäischen Sprachgebrauch 2 ) folgend,
[XQrjjuaTioavTEs zu ergänzen: wie sich aber gleich zeigen
wird, ist mit größter Wahrscheinlichkeit das noch viel
interessantere Wort [diaXe$avres einzufügen. Jedenfalls
kann keinem Zweifel unterliegen, daß wir hier das
es
Richterkollegium 3 ) vor uns haben von dem es in dem ,

Beschlüsse heißt: ovvEXQtva/itr.


Was man aus den vorstehenden bisher bekannten Ur-
kunden vermuten durfte, wird zur Gewißheit und in helles
Licht gesetzt durch die folgende unveröffentlichte Urkunde,
deren hier mitgeteilten Text ich Herrn Kollegen Schubart
in Berlin verdanke. Die Lesung ist gemeinsame Arbeit
von ihm und Herrn Dr. Plaumann. 4 )

x
) Vgl. darüber unten S. 254.

») Fay. 12, „ff. (Chr. II, 15); Leid. D7 ; Lond. I, 9 Nr. 20, 5 ff.;
Lond. I, 13 Nr. 21, 6 ff. ; Magd. 6, ,; Petr. II, 2 (2), , (Chr. II, 22); Reinach
7, „ (Chr. II, 16) (= Par. 14) M ff. Vgl. dazu Laqueur, Quaest.
Tor. 3
epigr. et pap. 4ff.; Gradenwitz, Aren. f. Pap. HI, 34ff.; Gerhard,
Philol. LXIII, 518f. 549f.; Zucker, PhiloL Suppl. XII, 8 ff. 54 ff.;
Mitteis, Grundz. 13ff.; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I, 265 f. ; Les-
quier, Pap. Lille II (Magd.) S. lOff. 15ff.
3
Der Herausgeber Vit eil i war schon auf dem rechten Wege,
)

wenn w bemerkt: Qui compaiono — nomi di magistrati


er zu Flor. 55,
deputati, crederei, dal prefetto alla 'evasione' come nel nostro lingu-
accio buroeratico usa dire, di siffatte instanze (ol zä^ ei-zev^et; fdoxo-
Xovftevoi?]). Was an dieser Bemerkung unzutreffend ist, bedarf heute
keiner Zurückweisung mehr.
*) Ich benutze die Gelegenheit, diesen Herren hier aufrichtig für
Herrn Kollegen Schubart.
ihre Freundlichkeit zu danken, insbesondere
der mir auf meine Bitte um
Auskunft über den Berliner Papyrus den
obigen Text mitteilte. Nicht minder gilt mein Dank Herrn Kollegen
Mitteis, der in Kenntnis meiner Forschungen, sobald er von der
Berliner Urkunde erfuhr, mir davon Mitteilung machte.

Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XXXVI. Eom. Abt. 16


242 Paul Jörs,

Pap. Berl. Inv. 11664.


1 [. . ... Jgog 6 xal HoXkiiov hoevg xal ägx(iöixaoxr]g) xal (?)
xqoji(riTr)<z1) xcp xrjg

2 [Tlotefijcovog fiegiöog xov 'Aooivoeixov oxg(axrjyqj) %ai(Qeiv).

Trjg xeX(eia)vxeiorjg) evexv(oaoiag)

3 [dvxlyQ(a<pov)J vnox(eixai) '


yeyoqcpa ovv aqi Xv elö(f\g). "Eq-
qoj(oo). ("Exovg) t£ Avxox(odxoQog) Kaiaagog Toaiavov
4 'AÖQiavov Zeßaaxov &aQjuovfti g (= 1. April 133)
5 (2. Hand) [('Exovg) i£] Avxoxoäxooog Kafioaojog Toaiavov
'Adgiavov Zsßaoxov
6 [0a/uevJ(6'& '
xQVIMXtlOTa \ T[i]xoi &Xdovioi 'AnoXXodoioog xal
IIo-
7 [nXisvbJg ol xäg [i]vxev£et[g] öiaXeg'avxeg.
c
8 ['AvayvcooJ&eiorjg evxev£[e]a)g 'HgaxXeiag xrjg Eo/j,ovxog, xrjg

9 [de öi avxjrjg orj/taivoflirr) g ovvyoayrjg vTtoyeyQa/LijLisvrjg ix


10 [xrjg xov Navjaiov ßißXiO'&fjxrjg enevrjveyfxevrig, xal xov Xeyo-
jxevov
11 [dianeox]dX &ai ävögög avxrjg 'HgaxXeiöov xov xal OvaXeoiov
i

xov 'HoaxXei-
12 [dov vnoy]o[d](p[o]vxog 'öianeoxaXfiai noög xrjv xov XQYjfjia-

XlOfXOV
13 [xeXeiajoJiv, ovvexoeiva/x[e]v yaayrjvai xal n[e]fMp&rjvai xrjg
14 [evxevg"] eayg dvxiyoayov [x0] xrjg JJoXefxmvog fieoidog xov
'Aqoivo-
15 [eixov oxjoaxrjycp xal xcb xq[v ajyxov vojuov frvixcov noäx-
xoqi xxX.

1) äQx(iöixaozT)s) xal (?) «oo^zjfc ?) *<£> noch unsicher, ob nicht


nur aQxiöixaoT(r)g) r$. — 8) Das zweite rijs verbessert aus z<ov. —
9) vnoyeyQafiftivTjs verbessert aus vTioysyga/ifievTjv (?). — 10) ensvrivey-

fitv?verbessert aus sjtsvrjvsyfievcov. —


12) vnoy]Q[ä]<p[o]vxog: man
erwartet vnoyQäxpdvxog ; die Lesung ist noch nicht ganz sicher.
Von der Entsendung des Mannes war in der evrevg'ig (am Ende)
die Rede.

Wir sehen also : ein Kollegium von zwei Männern faßt


den Beschluß über die ivexvoaoia, und diese Männer werden
als xQVßiari oi:ai '
'
1 ™s ivxev^sig öiaXigavxeg bezeichnet. Kein
Zweifel, daß das gleiche Kollegium in Flor. 55, 10 f gemeint .

ist. Wenn es in den andern Urkunden (BGU. 1038, 13 .


Erzrichter und Chrematinten. 243

Flor. 56, 6 und


wahrscheinlich auch BGU. 239, nicht , )

genannt wird, so ist es offenbar weggelassen: Kürzungen


der Texte lassen sich in den uns vorliegenden Abschriften
ja mehrfach nachweisen. 1 )

2. Ehe wir dem Inhalt der neuen Urkunde näher


treten, sind ein paar Worte über sie selbst und ihr Ver-
hältnis zu den andern Texten des Vollstreckungsverfahrens
am Platze: es wird möglich sein, diese auch in ihrer äußeren
Gestalt in mancher Hinsicht genauer zu bestimmen.*)
Die Akten von Berl. 1 1 664 zeigen uns das Vollstreckungs-
verfahren in einem früheren Stadium als die bisher be-
kannten Stücke. Sie enthalten nur den Gerichtsbeschluß,
dem hier wie sonst eine Abschrift der £vrev£t<; angehängt
war, und das Sendschreiben des Erzrichters an den Stra-
tegen, letzteres vielleicht in amtlicher Ausfertigung für den
Strategen. 3 )
Wie aus unserer Urkunde deutlich zu erkennen ist,

trägt das Sendschreiben des Erzrichters sein Datum am


Schlüsse (Z. 3 f.) und der Gerichtsbeschluss das seinige am
Anfang (Z. 6 f.). Entsprechend wird man in BGU. 1038
die Grenze zwischen beiden Aktenstücken in Z. 13 nach
S-ygaya setzen und das nun folgende Datum mit dem Text
des Beschlusses "Avayvaxr&eiarjg ivrev^ecog xxX. verbinden
müssen 4 ): dazwischen waren dann in dem ursprünglichen
Protokoll die Chrematisten benannt.

*) Auf die Kürzung in der Adresse der &m>f<c wurde schon hin-
gewiesen (S. 238, 4). Auch Zeitangaben sind gelegentlich weggelassen
(S. 245). Vgl. ferner S. 239, 3).
2 Es
sollen hier zunächst nur einige Äußerlichkeiten allgemeiner
)

Art hervorgehoben werden. Einzelheiten, die mit den später behan-


delten Fragen zusammenhängen, werden an ihrem Platze zu erörtern
sein. So die Ergänzung von BGU. 239, n und Flor. 55, IS nach Maß-
gabe von BerL 11664, 8 f. u. a. m.
3
) Vgl. darüber oben S. 236. Merkwürdig ist, daß atarjugiiouai fehlt,
das wir sonst meistens an dieser Stelle finden (BGU. 578, g. 614, r
1038, ^ Flor. 40, 4 55, 6 56, B 68, 4 Ups. 122, ,. Oxy. 485,8- 1270, u ).
. . . .

Aber in BGU. 888 fehlt es auch. Man wird die Bedeutung dieses
Aktenvermerkes nur im ganzen behandeln können und muß dabei wohl
auch mit Zufälligkeiten rechnen.
4
) Danach muß namentlich auch der Abdruck in Mitteis, Chrest.
240 (S. 268) geändert werden. Auch in Nr. 246 (Oxy. 485, 8 ) gehören
16*
:

244 Paul Jörs,

Ebenso darf man annehmen, daß in BGU. 239, 10 (Prei-


sigke, Berichtigungsliste S. 29) das Sendschreiben mit den
Worten 'Avovßtcov [yg(af i/ iarevg)J xarak(oysiov) xr\v oixovo-
J J

(juiav) £y[Q]a(ipa) schloß 1 ), und der Beschluß mit dem folgen-


den Datum begann. Dieses war aber, wie die erhaltenen
Worte zeigen, nicht in der abgekürzten 2 ), sondern in der
vollen Form gegeben; es ist also zu ergänzen ("Etovg) xy
AvroxqaxoQOQ Ka[iaagog Tkov AiXiov Adgiavov * Avtodvivov '

Evasßovg, Monat, Tag. Nimmt man dann die schon von


Koschaker 3 ) zweifellos richtig ergänzten Worte 'Avayvcoa-
Woavavxog xov] hinzu, so hat damit die
&eiarjg evrevi-ecog
,

Zeile 10
Länge wie 5 deren Ergänzung
so ziemlich die gleiche ,

durch denselben Forscher als annähernde Norm für das


Ausmaß der verlorenen rechten Seite der Urkunde gelten
kann. Daraus folgt, daß in dem vorliegenden Text kein
Platz für die Namen der Chrematisten übrigbleibt: sie
waren also in BGU. 239 ebenso wie in BGU. 1038 bei der
Abschrift weggelassen, im Urtext sind sie zwischen dem
Datum und ' Avayvcoo&eiorjg zu vermuten.
Auch in Flor. 55 läßt sich die Grenze deutlich erkennen
in Z. 7 haben wir das Datum des Sendschreibens, in Z. 8 ff.
das des Beschlusses. Daß hier in unserm Texte die Chrema-
tisten mit Namen aufgeführt sind, wurde schon hervor-
gehoben: wahrscheinlich waren sie im verlorenen Teil von
Z. 10 auch als solche bezeichnet.

die Worte 'Hyaioriwv — eygafyja) m. E. zu dem Sendsehreiben, nicht zu


der Eingabe.
x
) Das Datum des Sendschreibens steht regelmäßig vor dem Ver-
merk, in dem sich der Schreiber benennt (BGU. 578, 8 614, 8 888, 3 . . .

1038, 12. Oxy. 1270, 8 ff.). Auch in BGU. 239, 9 ist hinter "Eqqcooo reich-
lich Platz dafür. wird sogar gut tun um der zu vermutenden
Man ,

normalen Zeilenlänge den Text) möglichst nahe zu kommen, statt


(s.

des bloßen tV elöfig in Z. 9 eine längere Formel wie in Flor, 55, 8 oder
Berl. 11664,3, a l so etwa: rovxo de aoi yeyQaya vvv tV eldfis oder ähnlich
anzunehmen.
2
)
Diese bieten BGU. 239, 2 und 8, wo hinter 'Avrcovsivov Kaioago;
höchstens noch xov xvqiov hinzugefügt war. Das kaiserüche Distinktiv
Imperator (AvxoxQÖxoio) (wie in Z. 10 ) deutet immer auf den vollen
amtlichen Namen.
3
)
Koschaker, Z. Sav. St. XXIX, 32.
Kr/.richtcr und Chrematisten. 245

Flor. 56 weist in der uns vorliegenden Gestalt stärkere


Kürzungen auf: das Datum in Z. 6 gehört zu dem Send-
schreiben: im Beschluß ist nicht nur die Bezeichnung des
Gerichtshofes und seiner Mitglieder, sondern auch die ein-
leitende Zeitangabe weggelassen.
Die wichtigste Tatsache, welche uns Pap. Berl. 1 1 664
3.

lehrt, istohne Frage die, daß unter der römischen Herr-


schaft in Alexandrien 1 ) Chrematisten *) tätig waren: nach
Ort und Zeit ist das eine überraschende Neuheit. Es liegt
auf der Hand, daß damit auch der aus vielen römischen
Urkunden bekannte Titel des Erzrichters ngot; xfi tmneteuj.
rä>v xQrjftaTiOTiov xai rcöv äXXcov xgtrr]Qiü)v 9 ) ein
ganz anderes
Aussehen gewinnt: wir haben kein Recht mehr, ihn als
bloßes Rudiment aus der Vergangenheit anzusehen. 4 ) Sicher

) Daß die vom Erzrichter ausgehenden oder mit ihm im Zu-


1

sammenhang stehenden Akte des Mahn- und Vollstreckungsverfahrens


nach Alexandrien gehören und daß dort auch das von ihm als Kanzlei
benutzte xaxaloyeiov zu suchen ist, kann nach den Untersuchungen
von Koschaker,Z. Sav. St XXIX 257 ff. nicht mehr zweifelhaft sein.
Über den Begriff der dtaloyt) wird unter II 8 zu handeln sein.
2
) Vgl.
über diese Richter Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht 48,
und Grundzüge 3ff.; Gradenwitz, Aren. f. Pap. III, 22ff.; Meyer,
Arch. f. Pap. III, 74 f.; Zucker, Philologus SuppL XII.64 ff.; Semeka,
Ptol. Prozeßrecht I, 120ff. (dort S. 118, 2 ist auch die ältere Literatur
verzeichnet).
3
) Es sind zeitlich geordnet BGU. 1001, ,
(nach 55 v. Chr.; vgl
S. 246 A 1); BGU. 1111, jff. (15 v. Chr.); BGU.
Oxy. 1108, x (5 v. Chr.);
281, jff. (20-50 Oxy. 268, , (58 n. Chr.); BGU. 455, ,f. (wahr-
n. Chr.);
scheinlich unter Vespasian, 69—79 n. Chr.); BGU. 231, 4 f. (unter
Hadrian, 117-138 n. Chr.); BerL Inv. 13993 (Arch. f. Pap. VI 85) ,

(120f. n. Chr.); Oxy. 592 (122f. n. Chr.); Lond. III, 132f. Nr. 908, „f.
(139 n. Chr.); BGU. 741, ,f. BGU. 729, 4 f. (144 n. Chr.);
(143f. n. Chr.);
Oxy. 727, 2 ff. u f. (159 n. Chr.); BGU. 888, t
(154 n. Chr.); Oxy. 1270,
(159 f. n.Chr.); Flor. 68, 6 (172 n. Chr.); BGU. 241,, f. (177 n. Chr.);
Lips. 10, Ifl f. (178 bzw. 240 n. Chr.); BGU. 578, , f. (189 n. Chr.);
Oxy. 719, \ (193 n. Chr.); BGU. 614, 10 f. (217 n.Chr.); Teb. 319, X L
(248 n. Chr.); Oxy. 1200, 6 f. ,f. (266 n. Chr.); BGU. 1071, t t (III. Jahr-
hundert n. Chr.); Erzh. Rainer SN 98 (Wessely, Wiener Stud. XXIV,
107) (III. Jahrhundert n. Chr.); Lips., Inv. 610 (Koschaker, Z. Sav.
St. XXVIII, 263) (III. Jahrhundert n.Chr.): Berl. Bibl. 8 (= Preisigke,
Sammeln. 424) (aus unbestimmter Zeit).
4
) Die meisten Forscher nehmen an, der Titel müsse in ptole-
mäischer Zeit entstanden sein, in der allein es Chrematisten gegeben
246 Paul Jörs,

bezeugt schon für die frührömische Zeit (zuerst


ist er
15 v.Chr., in BGU.
1111 und 5 v.Chr. in BGU. 1108).
Daß er in ptolemäische Zeit zurückreicht, ist sehr wahr-
scheinlich: ob wir einen Beleg dafür haben, hängt davon
ab, ob die Urkunde BGU. 1001 nahe an das Jahr 55 v. Chr.
herangerückt werden darf. 1 )
Urkundlich nachgewiesen sind die Chrematisten für die
ptolemäische Zeit bisher nur in der %<aqa. Insbesondere
lassen auch die wichtigen Zeugnisse, die wir heute in P. Hai". 1
über das alexandrinische Gerichtswesen besitzen 2 ), keine
Spur eines königlichen Gerichtshofes, wie es die Chrema-
tisten zuverlässiger Überlieferung nach 8 ) von Anfang an
waren, in der Stadt erkennen. Und wenn auch vielleicht
der Beweis aus dem Stillschweigen der abgerissenen Stücke,
die in dieser Urkunde zusammengetragen sind, nicht jeden
Zweifel auszuschließen vermag, so ist doch in Betracht zu
ziehen, daß ein Wandergericht wie die Chrematisten, das
geschaffen wurde, um die Bevölkerung der langwierigen

habe: vgl Gradenwitz, Arch. f. Pap. 111,22; Sohnbart, Arch. f.


Pap. V, 66; Zucker, Philol. SuppL XH, 55. 116; Mitteis, Grundz. 9
(anders Kose haker, Z. Sav. St, XXVIII, 258).
x
Die Urkunde steht anf einem Blatt mit BGU. 1002 vom J. 55
)

v. Chr., und da in ihr teilweise die gleichen Personen vorkommen wie


dort, hatte sie Schubart (in der Ausgabe) auch in die gleiche Zeit
gesetzt (vgl. auch Wilcken, Arch. f. Pap. III, 389). Nachdem aber
Gradenwitz (BerL philol. Wochenschrift XXVI, 1346 f.) sie für die Zeit
des Augustus in Anspruch genommen hatte (zustimmend Koschaker,
Z. Sav. St. XXVIII, 258.276; Berg er, Straf klausein 29, 6 ; Semeka,
Ptol. Prozeßrecht I, 37 f., 2 ), hat jetzt auch Schubart (Arch. f. Pap.
V, 52, 3 ) sich dieser Ansicht angeschlossen, weil die Schrift auf die
Zeit des Augustus hinweise. Das wäre natürlich ein Grund, gegenüber
dem sich nichts sagen läßt; aber doch wird die Frage gestattet sein:
Laben wir denn Papyrusurkunden aus der hier in Betracht kommenden
letzten ptolemäischen Zeit, welche die erforderliche Vergleichung ermög-
lichen? und ferner: läßt sich überhaupt aus dem Charakter der Schrift
allein entscheiden, ob eine Urkunde die hier in Frage kommenden
30 bis 40 Jahre älter oder jünger ist? Für heutige gerichtliche oder
notarielle Akten würde ich das nicht wagen.
a Das haben die Herausgeber mit Recht hervorgehoben: s. Dikaio-
)

mata S. 169f. 171.


3
) Ps. Aristeas 111 (Wendland). Für die Papyrusurkunden ge-
nügt es auf die oben (S. 245, 2) angeführte Litteratur zu verweisen.
;

Ererichter und Chrematisten. 247

Reisen nach dem Gerichtsorte zu überheben 1


), weit mehr
auf das Land, als auf die Großstadt hinweist. Indomet!
gehören die Einsetzung des Gerichts der Chrematisten und
ebenso die in P. Hai. 1 benutzten Rechtsquellen dem dritten
Jahrhundert v. Chr. an für die Folgezeit versagen die
:

Quellen, was unsere Frage anlangt, gänzlich, und sind über-


haupt die Nachrichten über Gericht und Prozeß in Alexan-
drien bis auf Augustus äußerst dürftig. Möglich ist es also
jedenfalls, daß das Gericht der Chrematisten, wenn es auch
ursprünglich in der Hauptstadt keine Stelle hatte, so doch
später, also zwischen dem dritten und ersten Jahrhundert,
dort seinen Eingang fand und nicht erst von den Römern
aus der x<*>Q a wo es se ^ Augustus nicht mehr vorkommt,
>

dorthin verpflanzt wurde. Und für diese Annahme sprechen


äußere wie innere Gründe.
Vielleicht am wenigsten die Tatsache, daß, wie wir
jetzt genauer zu erkennen vermögen 2 ), das Amt des Erz-
richters ein hohes Alter hatte, möglicherweise schon in die
früheste ptolemäische Zeit hineinreichte und jedenfalls von

*) Das sagtdie eben (S. 246, 3) angeführte Stelle ausdrücklich. Vgl.


ferner für den Charakter als Wanderrichter das imßdXXovreQ in Tor. 1,
HI u ; Grenf. I 40, 7 und aus der Literatur (S. 245, 2) Mitteis a. a. O.
,

Gradenwitz 24f. 40; Semeka 124f., sowie Wilcken, Arch. f. Pap.


IV 400. Ihr Vorbild hatten die Chrematisten schwerlich in Griechen-
land, vielleicht im Orient: es sei in dieser Hinsicht auf die interessante
Erzählung bei Aelian Var. 1, 34 hingewiesen, die uns Wanderrichter im
Perserreich zeigt. Daraus, daß sie den Spruch ablehnen und die Sache
an den König selbst verweisen, darf man gewiß den Schluß ziehen, daß
sie, wie die Chrematisten in Ägypten, ein königliches Gericht waren.

Eine Verschiedenheit besteht allerdings: es handelt sich hier um eine


Strafsache und gerade in solchen sind die Chrematisten, sofern nicht
etwa TiQoooöixd in Betracht kamen, nicht nachweisbar. Aber daran
braucht die Vergleichung nicht zu scheitern: es wäre, wenn die Er-
zählung geschichtlichen Wert hat, wohl denkbar, daß bei sonst gleicher
Einrichtung die Zuständigkeit verschieden geregelt gewesen wäre.
8
) Zu den Zeugnissen des Strabo 17, 12 (p. 797) und der dem Ende
des zweiten oder Anfang des dritten Jahrhunderts angehörenden In-
schrift Dittenberger, Or. gr. Inscr. 136(Chrest. II 4) tritt jetzt P. Hai. 10
aus dem dritten Jahrhundert hinzu. Ungefähr auf dieselbe Zeit würde
P.Lille 29, i 17 (Chrest. II 369) hinweisen, wenn die Ergänzung von
Schubart (Arch. f. Pap. V 66, t) zutrifft, was aber recht fraglich ist.
248 Paul Jörs,

vornherein in Alexandrien seinen Sitz hatte. 1 ) Denn damit


ist nichts über die Beziehungen dieses Beamten zu den

Chrematisten gesagt, am wenigsten über solche, wie sie die


späteren Quellen aufweisen. Die ältesten Spuren deuten,
was ja auch der Name erschließen läßt, auf eine richtende
Tätigkeit des äQxidixaotrjg, wahrscheinlich in bürgerlichen
Rechtsstreitigkeiten 2 ), nicht auf freiwillige und vollstreckende
Gerichtsbarkeit. Bestand die letztere und mit ihr die Ver-
bindung von Erzrichter und Chrematisten was anzu- —
nehmen sein dürfte —
schon unter den Ptolemäern, so war
sie doch wahrscheinlich jüngeren Datums. Auf den

a
) Daran besteht kein Zweifel, gleichviel ob der dQxtötxaanjg, wie
das Schubart (Arch. f. Pap. V 69 f.; Klio X x ) annimmt, von jeher
57,
nur königlicher Beamter oder ob er ursprünglich städtischer Beamter
war, dem im Laufe der Zeiten die Ausübung königlicher Gerichtsbarkeit
übertragen wurde, etwa wie unter den Kaisern ja auch Konsuln und
Prätoren in weitgehendem Maße durch kaiserliche Mandate mit Recht-
sprechung betraut wurden. Die oft herangezogene Stelle des Strabo 17, 12
(p. 797) ist allerdings, wie Schubart hervorhebt, nicht schlechterdings
entscheidend, da der Gegensatz hier nicht der zwischen Beamten der
Stadt und des Landes, sondern zwischen römischen und einheimischen,
d. h. aus der Königszeit übernommenen Beamten ist. Immerhin ist aber
zu beachten, daß von den a. a. 0. zusammen genannten, in Alexandrien
wirkenden Beamten sicher der erste (igrjyrjxrjg) und aller Wahrschein-
lichkeit nach der letzte (wxxegivdg oxgaxrjyög) städtische Behörden waren.
Interessant ist auch Oxy. 705, 17 ff. 67 ff. (Chrest. I 153. 407) vom Jahre
202 n. Chr. Avgrjhog 'Ügekov yevöpievog axQaxrjyög xal aQxtötxaoxrjg xrjg
:

ha.pmqox6.xr\g n6Xeo>g xwv 'AXe^avögecov: es ist auffallend, daß hier


in einer an die Kaiser gerichteten Eingabe, wo doch eine unzu-
kommende Titulatur des Gesuchstellers am wenigsten angebracht war,
xrjg nöhewg nicht zu axQaxr\y6g, sondern zu äqyvbaiaaxr\g gestellt, also

wenn nicht auf den letzteren Beamten allein, so doch jedenfalls auch auf
diesen bezogen ist. Das ist um so auffallender, als doch der fragliche
Zusatz sonst immer zur Amtsbezeichnung des Stadthauptmanns ge-
hört und seine Wirksamkeit, soviel wir wissen, auf Alexandrien be-
schränkt war, die des Erzrichters aber seit Augustus gerade nicht:
sollte bei seinem Titel doch die Erinnerung an den Ursprung des
Amtes fortgewirkt haben? Vgl. über den axgaxrjyog xfjg notetog
Wilcken, Ostraka 624 und Grundz. 14.47; Preisigke, Stadt. Beamten-
wesen 5; Meyer, Arh. f Pap. III 71f.; Strack ebd. 135; Schubart,
.

Klio X 68ff.
2 Das
) lassen die Reste von Hai. 10 cit., so gering sie sind,

vermuten: Z. j x]givo)vrai ägxiöix[aax und 4 x]giaecov.


Er/J-ichttr und ChfOBitJ 249

i
Bliok möchte es seheinen, als ob man sich für
diese Ansicht sogar auf eine Urkunde berufen könnte.
In Tor, LS (Chrest. II 29) vom Jahre 147 v. Chr. beschließt
das Gericht der Chrematisten in Memphis den Gerichts-
vollzieher (gevixcov jtqoxtcüq) desselben Ortes mit der Voll-
streckung des von ihm erlassenen Versäumnisurteils zu be-
auftragen. In dem aus der Kaiserzeit bekannten Voll-
streokungsvea fahren dagegen wird der entsprechende Be-
schluß durch die Chrematisten von Alexandrien erlassen und
von da aus an die ihn ausführenden örtlichen Behörden über-
mittelt (vgl. oben S. 234f.). Man möchte zu der Annahme
geneigt sein, daß die jüngere Ordnung, welche die entschei-
denden Beschlüsse und Anordnungen in die Hauptstadt
verlegte und den Behörden an Ort und Stelle nur Ermitte-
lungs- und Ausführungshandlungen überließ, im zweiten
Jahrhundert v. Chr. noch nicht durchgedrungen war. Aber
man darf nicht übersehen, daß es sich in Tor. 13 um ein
Urteil handelt, während der xQ rHJLaTiafi ^ hexvgaaiat; und
ifxßadetag in BGU. 239. 1038, Flor. 55. 56, Berl. 11664, wie
es seheint in allen Fällen, von einer Exekutivurkunde aus-
geht. Für diese könnte die Zusammenschließung des Ver-
fahrens in der Hauptstadt also schon früher erfolgt sein. 1 )
Lösen können wir die aufgeworfenen Fragen bei dem gegen-
wärtigen Stande unserer Quellen nicht. Immerhin ist es
nützlich, im Auge zu behalten, daß das Erscheinen des
königlichen Gerichtshofes der Chrematisten, gleichviel in
welche Zeit es zu setzen ist, einen erheblichen Einbruch in
Es spricht
die alte städtische Gerichtsverfassung bedeutet.
demnach eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür, daß die
Neuerung keine allgemeine Umgestaltung der Gerichts-
verfassung von Alexandrien bedeutete, sondern auf be-
schränktem Gebiete erfolgte, das dann vielleicht dem für
uns erkennbaren der späteren Zeit nicht so ganz unähnlich
war. Denn daß die Chrematisten jemals in der Haupt-
stadt in demselben Maße wie in der %6iqa die ordentliche
streitige Gerichtsbarkeit ausgeübt haben sollten, rä ßaadixä

*) Die Urkunden Magd. 41, 5 und Teb. 165 tragen in der hier be-
handelten Frage schwerlich etwas aus, da in ihnen die Chrematisten
nicht in Frage kommen.
250 Paul Jörs,

xal TtQoaodixd, ja auch nur rä idiconxä xqivovxec;, x ) ist nicht


nur für das dritte Jahrhundert durch die Nachrichten des
P. Hai. 1 ausgeschlossen, sondern auch für die spätptole-
mäische Zeit deshalb unglaubhaft, weil sich noch unter
Augustus Reste anderer Gerichtshöfe erkennen lassen.
Neben den Chrematisten nämlich werden, wie wir sahen,
in dem Titel des Erzrichters noch äXXa xQirrJQia genannt.
Auch betreffs ihrer ist die Frage aufzuwerfen, welcher Zeit
sie entstammen: es scheint sogar, als ob wir hier etwas
festeren Boden unter den Füßen hätten, als bei den Chrema-
tisten. Wie bekannt, begegnet unter Augustus sehr häufig
ein XQirrjQiov schlechthin 2 ); auch später (57 n. Chr.) kommt
es noch einmal vor. 3 ) Freilich ist über seine Zusammen-
setzung und Zuständigkeit wenig bekannt. In der Regel
wird in unsern Urkunden nur der Vorsitzende (d eni rov
XQirrjQiov) genannt und handelt es sich um die Errichtung

*) Vgl. Amh. 33, ,f.; [Grenf. I 40, x f. (Chrest. II 25)]; Tor. 13, e
(Chrest. II 29); dazu Gradenwitz, Arch. f.Pap. III 38f.; Mitteis,
Grundz. 5; Semeka, Ptol. Prozeßrecht 135f.
'*) Belege sind überflüssig, da sie aus dem Register von BGU. IV

mit Leichtigkeit entnommen werden können. Aus der Literatur vgl.


namentlich Schubart, Arch. f. Pap. V 57ff.; Mitteis, Grundz. 8f. 65f.
Dikaiomata 53; auch Koschaker, Z. Sav. St. XXVIII 276£f. (vor
Schubart). Die ältesten Erwähnungen finden sich in BGU. 1148 u (27
v. Chr.); 1157, 4 f. (27/6 v. Chr.); 1152, 7 f. (23-22 v. Chr.); 1167, 24 f. (22
v. Chr.); vgl. Schubart, Arch. f. Pap. V 59, v
3 Hamb.
) 1, 14 äxoXov&icoq) tri(i) dvevrj(veyfidvrji) öia rov XQir(r}Qfou)
Xv[aei. Freilich meint der Herausgeber Meyer
das xqixtiqvov, das(S. 2),
sonst seit Augustus nicht mit dem bekannten
mehr nachweisbar ist,

xataXoyelov gleichsetzen zu dürfen, das er, Schubart (Arch. f. Pap. V 62)


folgend, schon unter Augustus als eine Gerichtsbehörde ansieht. Zu dem
einen wie dem andern hegt m. E. kein Grund vor. Solche Schlüsse aus
dem Stillschweigen sind bei der Zufälligkeit, mit der uns das in Betracht
kommende Material bald reichlich (so aus Augustus' Zeit), bald spärlich
zufließt, stets bedenklich. Als Gerichtsbehörde neben dem Erzrichter
können wir jetzt die Chrematisten nachweisen, das xarcdoyelov aber ist,
wo es vorkommt, immer eine Kanzlei (Registratur), die übrigens nicht
,

nur dem äQxtöocaazrjs, sondern, wie Flor. 57 =


382, 77 (Chrest. I 143)
zeigt, auch dem egrjyrjTrjg von Alexandrien zur Verfügung stand. Sie
scheint verschiedene Abteilungen gehabt zu haben und darf in dieser
Hinsicht vielleicht mit den scrinia der römischen Kaiserzeit verglichen
werden. Näher kann hier auf diese Frage nicht eingegangen werden.
Erzriohter und Chrematisten. 251

einer ovyxwQrjotQ. Um so beachtenswerter ist BGU. 1105 1 ),


eine Eingabe (vnöfxvrjfia M f. 3^.), in welcher um die Ein-
leitung eines Ehescheidungsverfahrens nachgesucht wird,
und zwar soll der Vorsitzende einen der „Angestellten des
Gerichts" entsenden 2 ), um die Formalien des Auszuges der
Frau aus dem Hause des Mannes zu vollziehen. Die Urkunde
läßt erkennen, daß noch unter Augustus die Wirksamkeit
des Gerichts über den angegebenen Geschäftskreis hinaus-
reichte. Dieses xqitijqiov ist —
darüber besteht kein Zweifel 3 )

— sicherlich keine römische Neuschöpfung, sondern aus der


ptolemäischen Zeit übernommen, wenn sich auch ein Zu-
sammenhang mit der älteren im dritten Jahrhundert v. Chr.
in Alexandrien herrschenden Gerichtsordnung nicht mehr
nachweisen läßt. 4 )
Mit noch größerer Bestimmtheit darf man das andere
unter Augustus nachweisbare xqitijqiov, das Hofgericht (tö
£v rfji avXfji xqittjqiov) der ptolemäischen Zeit zuschreiben. 5 )
Der Name läßt diesen Ursprung deutlich erkennen und zu-
gleich auch vermuten, daß dieses sicher königliche Gericht
so bezeichnet wurde, um es von dem xqittjqiov schlechthin
zu unterscheiden, das dann mit um so größerer Wahrschein-

) Vgl. zu der Urkunde Schubart, Arch. f. Pap. V 62f.; Schwarz,


x

Hypothek und Hypallagma 91, 4 Berger, Strafklauseln 221, ,. ;

8
) BGU. 1105, ,5 ff.: drwari[X]cu aÖTcüi ziva xütv tioqo. tov [xJQirrjQtov.
Hierbei bleibt allerdings fraglich, ob ein Mitglied oder Diener (trn?pen?s)
des Gerichts gemeint ist: der Ausdruck würde eher auf das erstere
schließen lassen.
3
) Vgl. Schubart, Arch. f. Pap. V 59. 60; Mitteis, Grundz. 8, ,;
Dikaiomata 53.
«) Vgl. P. Hai. 1, „. 76 ; dazu Dikaiomata 51ff. 166ff. Daß die Be-
zeichnung oi &*l tüjv xqittjqUdv schon in ptolemäischer Zeit vorkommt
{Teb. 7, x f.; 114 v. Chr.), ist beachtenswert, reicht aber, auch wenn der
Titel auf Alexandrien zu beziehen ist, nicht aus, um weitere Schlüsse
iür die dortige Gerichtsbarkeit darauf zu bauen. Vgl.dazu Meyer, Klio
VII 291; Schubart, Arch. f. Pap. V 57, x; Mitteis, Grundz. 8; Dikaio-
mata 128. 167.
6
) BGU. 1098. 1127. 1146. 1156, Eingaben mit der Adresse 'Axcuwi
Ttüt ini tov iv rfji avA^t xqht^qIov; gleichzustellen sind 1124 und 1143,
die nur den Namen
'Axauöi aufweisen. Vgl. dazu Schubart, Arch. f.
Pap. V 59f.; Zucker, PhiloL Suppl. XII 117, die gewiß mit Recht entt?J
vom Hofe des Königs verstehen.
252 Paul Jörs,

lichkeit als ein Überrest aus der alten städtischen Gerichts-


barkeit in Anspruch genommen werden darf. 1 )
4.Die Behauptung, daß es in Alexandrien schon in
ptolemäischer Zeit Chrematisten gegeben hat, wird um —
zunächst bei den äußeren Verhältnissen des Gerichts stehen
zu bleiben —
gewiß nicht dadurch erschüttert, daß das,
was wir über Verfassung, Tätigkeit und Zuständigkeit 2 )
des Gerichts in der Hauptstadt aus den römischen Urkunden
erfahren, wichtige Verschiedenheiten gegenüber dem, was
wir von den älteren Chrematisten der %oiqa wissen, auf-
weist.
Als ausgeschlossen kann gelten, daß die alexandrini-
schen Chrematisten von Flor. 55 und Berl. 1 1 664 Wander-
richter waren wie diejenigen, welche wir aus dem dritten
und zweiten vorchristlichen Jahrhundert in der %mQa kennen. 3 )
Ist doch überhaupt die Frage zweifelhaft, ob sich die Wirk-
samkeit jener Chrematisten jemals auf die Griechenstädte,,
vor allem auf Alexandrien erstreckt hat. 4 ) Auf dem Lande
aber, wo sie einstmals umherzogen, kommen sie in der
Kaiserzeit nicht mehr vor: man ist darüber einig, daß das
nicht auf einer Zufälligkeit der Überlieferung beruht.
Damit hängt ein anderes zusammen. Auf Grund der
Inschrift von Ghazin (Chrest. II 2) nimmt man gewöhnlich
an, daß die ptolemäischen Chrematisten nur für zwei Jahre
oder doch auf kürzere Zeit bestellt wurden. 5 ) Demgegenüber
weisen die beiden römischen Urkunden eine merkwürdige
Erscheinung auf. In Berl. 11664, 6 f. (vom Jahre 133) heißen
die Richter xQW ariara i T[C]roi 0Xdovioi ' AnollodoiQOQ xal
IIo[7cfaev6]s, in Flor. 55 10 (vom Jahre 88) ist es, da offenbar
dieselben Cognomina vorliegen, kaum möglich anders zu
'
ergänzen als xQW ariarai Tiroi OXdovioi A7io]ää6Ö(dqoq xac

x
) Damit ist selbstverständlich nicht ausgeschlossen, daß nicht auch
dieses xqixtjqiov im Laufe der Jahrhunderte manchen, vielleicht tief-
gehenden Veränderungen unterworfen wurde.
2
) Über
das Verfahren s. unten S. 267 ff.
3
) S. oben S. 246f.
4
) Vgl. Zucker, Philol. Suppl. XII 61 ff. ; Semeka, Ptol. Prozeß-
recht I 123.
5
) Gradenwitz, Arch. f. Pap. III 23; Semeka, Ptol. Prozeßrecht
I 120f.; zurückhaltender Mitteis, Grundz. 4.
Erzriobter und Chrematisten. 253

llo.-rhun-}) Ist das richtig, so haben wir in einem Zeit-


raum von 4") , Jahren die gleichen Namen, also aller
Wahrscluiiilii hkcil nach auch dieselben Männer in der
gleichen richterlichen Stellung. 8 ) Denkbar wäre, daß sie

diese zum zweitenmal bekleideten, wahrscheinlicher ist aber


doch wohl, daß sie sie dauernd innehatten. Man braucht
darum die Chrematisten auch in römischer Zeit nicht als
Staatsbeamte im eigentlichen Sinne anzusehen: näher liegt
es vielleicht, an ein angesehenen Alexandrinern übertragenes
Nebenamt, etwa wie das unserer Handelsrichter, zu denken.
Ob dafür römisches Bürgerrecht, wie es die beiden uns be-
kannten Männer hatten, eine notwendige Voraussetzung
bildete, läßt sich um so weniger entscheiden, als diese Frage
auch für den Erzrichter noch in der Schwebe ist. 8 )
Für die ptolemäische Zeit sieht man die Dreizahl der
Chrematisten als die Regel an. 4 ) In Berl. 11664, 6 f. aber

1
) Für Flor. 55, 10 ist diese Ergänzung namentlich deswegen ge-
boten, weil sie, wenn man das am Anfang der Zeile anzunehmende Datum
Ilaxdyv x hinzufügt, genau den Raumverhältnissen entspricht. In
Berl. 11664, 7 wäre ja möglich, die Lücke von 5 bis 7 Buchstaben durch
ein anderes Cognomen, z. B. IJo{?.vßio]; oder nd\nhxoha~k oder ähnlich
auszufüllen. Aber die UnWahrscheinlichkeit einer solchen Lesung
liegt auf der Hand. Auch wer die Ergänzung in Flor. 55 nicht für so
naheliegend hält, wie ich es annehme, wird jedenfalls mit ihr als einer
Möglichkeit rechnen müssen: vorübergehen kann man an der Gleichheit
der Cognomina nicht.
2 Schlechterdings notwendig ist freilich dieser Schluß nicht, denn
)

wer durch kaiserliche Verleihung in der Zeit vom 1. Juli 69 bis 18. Sept. 96
das römische Bürgerrecht erhielt, hieß eben T. Flavius und das traf auf
viele Personen zu. Aber daß verschiedene Männer mit gleichem Cognomen
nach 45 Jahren dasselbe Richteramt bekleidet haben sollten, ist nicht
gerade wahrscheinlich, auch wenn man annehmen wollte, daß es sich um
Angehörige derselben Familie gehandelt hätte. Selbst bei Vätern und
Söhnen hätte die Annahme des gleichen Namens zu jener Zeit und gerade
in einer griechischen Gemeinde die größten Bedenken gegen sich.
3
)
Vgl. darüber Mommsen, Jur. Sehr. I 472. III 52; Otto, Priester
und Tempel I 199; Meyer, Arch. f. Pap. III 74; Hirschfeld, Kais.
Verw. 2 362, 3 Koschaker, Z. Sav. St. XXVIII 258ff. Zur Frage des
;

Bürgerrechts der Chrematisten sind auch die folgenden Darlegungen des


Textes (S. 254) über die Ergänzung von Flor. 55, n heranzuziehen.
*) Gradenwitz, Arch. f. Pap. III 23, „wenn wir den Fall von

Tor. 13 verallgemeinern dürfen" (s. auch Erbstreit 21, 2 [Sehr. d. wiss.


254 Paul Jörs,

wird das Gericht nur aus zwei Männern gebildet. Zweifel-


hafter ist Flor. 55. Auch hier sind, wie eben dargelegt, die
beiden T. Flavii Apollodorus und Publienus genannt, dann
aber folgt in Z. u nach der Lücke das bekannte Demotikon
'AA&aievg und hierauf erst die Bezeichnung der Männer als
ol rag evrev&ig [diaXdiavteg]. Daß 'Atöcuevg zu dem vorher-
gehenden IIo7cXiev6g gehörte, ist unwahrscheinlich. Denn
wenn auch vorkommt, daß ein römischer Bürger seinem
es
offiziellen Namen noch Phyle oder Demos seiner Heimat
hinzufügt 1 ), so wäre es doch auffallend, wenn das hier nur
bei einem der beiden Männer geschähe. Und was hätte
dann in der vorhergehenden Lücke gestanden ? Man würde
kaum an etwas anderes als an die Phyle denken können:
aber auch mit den längsten dafür in Betracht kommenden
Bezeichnungen 2 ) wäre der Raum nicht ausgefüllt. So darf
die Möglichkeit nicht schlechthin zurückgewiesen werden,
daß vor 'AX&aievg noch ein dritter Richter 3 ) genannt war,
von dem es dann allerdings fraglich wäre, ob er römisches
Bürgerrecht hatte. —
Als unbedingt sicher und eine für alle
Fälle geltende Regel ist übrigens die Dreizahl auch für die
ptolemäische Zeit nicht anzusehen. Sie beruht auf der In-
schrift von Ghazin 10ff. und Tor. 13 6ff. (Chrest.
(Chrest. II 2)
II 29),wo die Chrematisten, und zwar jedesmal drei mit Pa-

Ges. in Straßburg 1912, 13]); Mitteis, Grundz. 4 „soweit bis jetzt be-
kannt"; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I 120. 125.
z. B. BGU. 578, 4 [jragd Aovxlov 'Am^ovlav M[Ivo]qoq 'Avzi-
x
) So
voicog 'Afajvcueög 6 xai 'Eqix&6vio(q) (sie); BGU. 709, M BGU. 1022, 8 ff.
;

Überall handelt es sich hier um Städter aus Antinoupolis: für Alexandriner


ist mir kein Beispiel bekannt.
2
) IlQcmcmjioaeßaaxevoQ 6 xal wären beispielsweise 22 Buchstaben,

die Lücke verlangt aber gegen 30.


3 Ich habe auch die Möglichkeit
) erwogen, ob in der Lücke von
Flor. 55, u etwa der etaayo/yevg der Chrematisten genannt war, auf den
dann das Demotikon bezogen werden müßte. Aber dagegen spricht,
daß auch in ptolemäischer Zeit dieser Geschäftsführer des Gerichts zwar
oft neben den Chrematisten, aber nie unter ihnen, d. h. als Mitglied des
Kollegiums genannt ist und daß er an der Urteilsfällung nicht beteiligt
ist: vgl. namentlich Inschr. v. Ghazin (Chrest. II 2); Rev. Laws 15,
4 f.;
Petr. III 25, 7 ff. w (Chrest. H 30); Tor. 13, 4 ff. «,; ferner die unten (S. 263)
näher zu behandelnde Tatsache, daß der etoayoyyevs als solcher in römi-
scher Zeit überhaupt nicht mehr nachweisbar ist.
Erzriohter und Chrematisten. 255

tronymikon, an letzterer Stelle auch mit Demotikon genannt


sind. St»hr viel fraglicher steht es in IVtr. III 25 (Chrest.
II 30). Hier werden wie in Tor. 13 die Richter am Kopf
des Urteils mit Namen aufgeführt. Es heißt: 7 IIoq' 'Abci-
8 '
örjfiov ..[ ] AQxefiidüiQOv xüv xä Jiqoa-
7ihtxo[v]- • xa xQY\iiaxiaxG>v. Die Zeilen haben durchschnitt-
lich eine Länge von (im ganzen) 22 —
25 Buchstaben. 1 ) Sieht
man Alkidemos als den ersten, Artemidoros als den dritten
Richter an, so würde der Raum zwar für einen weiteren
Namen und zwei xai reichen, aber sicher nicht mehr für die
Vaternamen der Richter. Das müßte, trotzdem die Urkunde
eine Abschrift 2 ) enthält, nicht nur deswegen befremden, weil
diese Art der Bezeichnung in ptolemäischer Zeit allgemein
üblich ist, sondern namentlich auch darum, weil unmittelbar
vorher ( e ) der eiaayaryevq (vgl. M ) des Gerichts als Zon\o$
xov ' Hyaiaxiowot; aufgeführt ist: der vollständige und dar-
um ehrenvollere Name, der dem Geschäftsführer gewährt
wurde, konnte den Mitgliedern des Gerichts nicht gut ver-
sagt bleiben. So ist also möglich —
mehr soll nicht behauptet
werden —
daß auch hier nur zwei Chrematisten das Urteil
fällten und daß in Z. 7 f. zu ergänzen ist 'Afoaörjßov xo[v 3 )
öelvog xai zweiter Richtername xov] 'Aoxefuöcboov. Auch
Petr. III 20 m (Arch. f. Pap. I 285) ist hier zu nennen.
Mahaffy ergänzt: <
Ö7iö/iV7]/j,a NtxoxXel xai [xolt; äXXoig?]
XQr]/j,axiaxalg naoä 0a[irjxoi; xxL, aber sollte der Gesuch-
steller wirklich an „Nikokles und Genossen" adressiert
haben? Liegt es nicht viel näher, einen zweiten Namen
in derLücke zu vermuten 4 ), die damit dann ausgefüllt
wäre? Für einen Dritten wäre also kein Raum mehr.
Daß die Zuständigkeit der in römischer Zeit in Alexan-
drien nachweisbaren Chrematisten eine andere war als die

*) Das ergibt sich aus Z. 6 . fr ^ 16 . 17. 18 . „. ö mit Sicherheit.


*) Auch P. Tor. 13, der die Vaternamen angiebt, ist eine Abschrift.
3
) Vielleicht läßt sich am Original erkennen, ob die Spuren vor der
Lücke besser zu xa[l oder zu to[v passen: das würde für die hier auf-
geworfene Frage entscheidend sein.
*) Die Vaternamen fehlen hier auf jeden Fall: aber es ist ein Unter-
schied zwischen einer Eingabe an dieBeamten und einem offiziellen von
ihnen ausgehenden Akt wie dem Urteil. Übrigens haben wir auch hier
offenbar eine Abschrift vor uns.
256 Paul Jörs,

der ptolemäischen in der^a^a, wurde schon erwähnt (S. 249f .).


Insbesondere kann keine Rede davon sein, daß sie in bürger-
lichen Rechtsstreitigkeiten eine ähnliche Gerichtsbarkeit
ausgeübt hätten wie jene Wanderrichter. Sicher nachweis-
bar sind sie nur beim xQr}ixana[jbd<; eve%vQa.aiaq und ijußadsiag. 1 )
Gewiß liegen darin tiefgreifende Verschiedenheiten: über
die Frage, wie sie entstanden sind und welcher Zeit sie an-
gehören, kommen wir beim heutigen Stande unserer Quellen
nicht über Zweifel hinaus. 2 )
5. So verschieden sich aber auch das Gebiet und der

Umfang der Tätigkeit der ptolemäischen (ländlichen) und


römischen (hauptstädtischen 3 )) Chrematisten unsern Blicken
darstellt, um so mehr Ähnlichkeiten wird uns das Ver-
fahren vor diesen und jenen aufweisen, wenn wir in die
Untersuchung eintreten, ob die Formen, in denen sich das
Erwirken und Erlassen des %qr\iiaxia(x6(; evexvgaaiai; und
ifißadeiag vollzog, römisches oder griechisch-ptolemäisches
Gepräge tragen. Ehe wir aber auf das einzelne eingehen
(S. 267ff.), ist es erforderlich, die Vorfrage nach dem Ver-
hältnis des Erzrichters zu den Chrematisten zu stellen.
Auch hierfür dürften die Anknüpfungspunkte schon in der
Gerichtsverfassung und dem Prozeß der Königszeit zu suchen
sein, gleichviel wann es die Ausgestaltung erhielt, in der
es uns in den Urkunden der Kaiserzeit entgegentritt. Denn
nur um die Grundzüge handelt es sich bei diesen Unter-
suchungen: daß andererseits manche und vielleicht viele
und wichtige Einzelheiten, was den Erzrichter und ins-
besondere auch das Mahn- und Vollstreekungsverfahren an-
langt, erst von den Römern herrühren, soll selbstverständ-

*). Zweifelhafte Fragen, ob ihr Geschäftskreis nicht vielleicht doch


ein ausgedehnterer war, sollen an ihrer Stelle zur Sprache kommen.
2
) oben S. 249 f. Ich möchte nicht einmal darüber eine Ver-
Vgl.
mutung wagen, ob die Chrematisten auf dem Lande erst von den Römern
oder schon von den Ptolemäern des ersten Jahrhunderts beseitigt sind.
3
)
Ich glaube jetzt diese kurzen Bezeichnungen gebrauchen zu
dürfen, ohne fernerhin hinzufügen zu müssen, daß sie sich nur auf das
Erscheinen der Chrematisten in unseren Quellen beziehen, und daß da-
mit über den Ursprung der alexandrinischen Chrematisten nichts gesagt
sein soll.
-

Erzrichttr DOd Chrcniatisten. l2."»7

liehdurch die Behauptung ptolem&uohen CTrsprangee nicht


in Abredegestellt werden.
Man hat den Erzriohter als Chef der Justizverwaltung
angesehen, dem die Oberaufsicht über dir in setnem Titel
ttoo: rfj i.~rt/JE%eta v&V yni^uiriariltv xnt Ttuv äX?.(ov XQUtfQ

inbegriffenen Gerichtshöfe und deren Zusammensetzung ob-


gelegen habe, ,,ein Wort, das den Begriff einer obersten
Ric hterinstanz ebenso aus-, wie es den der Verwaltung ein-

ohließt". 1 )Gewiß könnte der Ausdruck im/xekeig: auf eine


verwaltende Tätigkeit bezogen werden, und die Möglichkeit,
daß der Erzricbter auch mit der Dienstaufsicht über Ge-
richte und richterliche Beamte betraut war, muß zu-
gegeben werden. 2 ) Aber die Ansicht, daß der Titel not-
wendig zu einer solchen Auffassung zwinge und daß damit
die einzig zulässige Erklärung für ihn und das Amt ge-
geben sei, geht entschieden zu weit. Schon die Bezeichnung
des Beamten als Erz'richter' (äQ%i-dixa<rtrit;) spricht nicht
zu ihren Gunsten. Auch weist, wie schon hervorgehoben,
die älteste Urkunde, die seiner gedenkt, Hai. 10 s ), so dürftig
ihre Reste sind, allem Anschein nach auf eine richtende
Tätigkeit hin. Aber auch, wenn man dies lediglich als
Überrest einer älteren Zeit gelten lassen wollte, so ist um
so mehr zu betonen, daß auch aus der Kaiserzeit bisher
kein Akt von Verwaltungstätigkeit des Erzrichters bekannt
4
geworden ist ): so oft wir diesem Beamten begegnen, übt

er freiwillige oder streitige Gerichtsbarkeit aus. Als Justiz


minister darf er nicht aufgefaßt werden.
x
) Schubart, Arch. f. Pap. V 67 ff. vgl. Mitteis, Grundz. 9.
;

:
) Wir werden auf diesen Punkt zurückkommen müssen, wenn wir
zu positiven Ergebnissen über das Verhältnis des Erzrichters zu den
Chrematisten gelangt sind (S. 266). Aber schon hier mag darauf hin-
gewiesen werden, daß auch im heutigen Rechtsleben die Übertragung
von Akten der Justizverwaltung (z. B. Anstellung und Beaufsichtigung
von Referendaren, Gerichtsschreibern, Gerichtsvollziehern u. dergl.) an
richterliche Beamte nichts Seltenes ist.
3
) Vgl. oben S. 248. Schubart (Anm.
1) kannte die Urkunde
noch nicht.
*) In Oxy. 705 vollzieht der Erzrichter keine Amtshandlung: die

Errichtung der Stiftung, um deren Genehmigung er sich an die Kaiser


wendet, ist für ihn eine persönliche Angelegenheit. Preisigke, Giro-
wesen 296, sieht in der Behandlung der Handscheine und der oir/x(f>Qt]Oi;-
Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XXXVI. Rom. Abt. 17
258 Paul Jörs,

Auch die Meinung, daß der äQ%iöixaoTrjg als Oberrichter


im Sinne einer höheren Instanz aufzufassen wäre, hat ihr
Bedenkliches. Zwar hat sie jetzt insofern eine Anlehnung
in den Quellen gefunden, als gerade im alexandrinischen
Rechtskreis durch Hai. 1, 68 f. das Vorkommen einer Be-
rufung erwiesen ist. 1 ) Aber freilich auch nur die nackte
Tatsache: alles Nähere, insbesondere auch die Frage nach
dem Berufungsrichter muß dahingestellt bleiben. Indessen
selbst wenn Jahrhundert
sich der Erzrichter für das dritte
v. Chr. in dieser Eigenschaft nachweisen ließe, so wäre da-
mit für seine Stellung zu den Chrematisten der römischen
Zeit noch wenig gewonnen. Und doch ist der Gedanke,
ihn als höhere Instanz gegenüber diesem Gerichtshofe zu
betrachten, auch an der Hand der römischen Urkunden
nicht ganz abzuweisen: nämlich dann nicht, wenn ihm die
richterliche Entscheidung über den Widerspruch (ävriQQrjOig)
des Schuldners gegen den von den Chrematisten erlassenen
Pfändungsbeschluß (xQ^fianafidg eve%VQaaiag) zukam. Ob
das der Fall war, ob es insbesondere aus Giss. 34, 5 f f.
(Chrest. II 75) erschlossen werden kann, wird in anderem
Zusammenhange zu erörtern sein.
Beim Zehnergericht der %diQa wird ein ngöedQog als
Leiter der Verhandlung genannt. 2 ) Ebenso ist für die
öixaaxriQia in Alexandrien ein solcher Vorsitzender durch
Hai. 1, 122 erwiesen 3 ), und unter Augustus sind dort Prot-
archos beim 'xqixyiqiov und Achaios beim Hofgerichte be-
kannte Erscheinungen. Auch bei den Chrematisten hat

Urkunden, sowie in der Tätigkeit zur Durchführung hypothekarischer


Ansprüche Beweise dafür, daß der Erzrichter Verwaltungsbeamter war.
Der Begriff der freiwilligen Gerichtsbarkeit ist dabei übersehen und
Mahn- und Vollstreckungsverfahren sind gewiß keine Akte der Ver-
waltung.
!) Vgl. Dikaiomata S. 61. 170.
2
) Petr. III 21 (Chrest. II 3 [b], * „ [f], 2 . 7 ); Petr. III 21 (g), 4 f.
(Chrest. II 21).
3
)
Nach der Meinung der Herausgeber handelt es sich auch hier
um das Zehnergericht (Dikaiomata S. 83. 167. 172); auf diese und die
damit zusammenhängende Frage nach der Bedeutung des t-evtxöv öixa-
axriQiov (Hai. 1, 164 dazu Dikaiomata S. 97. 173) kann und braucht
;

hier nicht eingegangen zu werden.


Erzrichter und Chremut £59

•ohwerlich drr Vorsitzende gefehlt l ): denn eine Verhandlung


vor einem kollegialgericht ist ohne Leitung durch einen
einzelnen kaum denkbar. Dennoch dürfen wir Dient ver-
suchen, dem Emiohter eine solche Stellung bei den alexan-
drin ischen Chrematisten zuzuweisen. Denn, ganz abgesehen
davon, daß er sie bei den äXka xQtTi',i>m nicht hatte, war d< i

Erzrichter nach unseren Urkunden ein neben dem Kollegium


stehender Beamter, nicht sein Mitglied. In keinem det
beiden Texte, welche die Chrematisten benennen, wild 81
als solches aufgeführt- oder ist anzunehmen, dali er unter
einem derNamen ohne Angabe seines Amt st it« U verboa
sei.Im Gegenteil läßt Berl. 11664 wenn hier an« h sein ,.

Name nur verstümmelt erhalten ist ([ >>oc 6 nd //"/.-


Xioiv),doch deutlich erkennen, daß er mit keinem der beiden
Richter (
T\C\xoi &M6vioi A710M.6ÖWQOQ xui Ilo[n?.iero]<;) ver-
'

selbigt werden darf.


Schließlich muß es auch als ausgeschlossen gelten, daß
die Chrematisten etwa als Beirat des Erzrichters aufgefaßt
werden könnten. Weder die römische (auch in den ägypti-
schen Urkunden 2 ) häufig begegnende) Form, daß der Magi-
strat, nachdem er sich mit dem Konsilium (ovfißovAiov vo/u-
xög, (piXoi) über den vor ihnen verhandelten Prozeß beraten
hat, aus eigener Machtvollkommenheit das Urteil erläßt,
noch die, wie es scheint, verwandte Gestalt der Verhandlung
und Urteilsfällung aus ptolemäischer Zeit, wie sie uns
z. B. in dem vor dem Gauvorsteher {imcrcdxriQ) und seinen
Beisitzern (avfi7iaQÖvreg) verhandelten Prozesse des Herrn las
117 v.Chr. entgegentritt 3 ), noch auch die neuerdings aus
*) Möglich, daß es der an erster Stelle genannte Richter war: der
Vorsitzende braucht ja nur primus inter pares, kein Vorgesetzter zu sein.
In Hai. 1, m
f. cit. wird er für den einzelnen Fall aus der Zahl der Richter

durch das Los bestimmt: das mag auch sonst vorgekommen sein. Aber
Vermutungen haben hier wenig Wert.
2
) BGÜ. 288, M f. 613, „f.; Catt. col. III, M . IV, 12. IV, 19 ; CPR,
18, 5 . jaf.; Oxy. 578 ( Teb. 286, u ii. Das kaiserliche
?). 706, ,. 1102, 6;
Konsilium erscheint mehrfach in den Alexandrinischen Märtyrerakten,
zusammengestellt bei Wilcken, Abh. d. Sachs. Ges. d. Wiss. (phil.-hist.
Kl.) XXIII 800ff. (vgl. auch Chrest. I 14. 20); neuerdings ist Oxy. 1242
hinzugekommen. Freilich handelt es sich hier überall um Uterarische
gnisse.
ä
) Tor. 1, Is ff. Xl i (Chrest. II 31). Ähnliche Urkunden s. bei
17*
260 Paul Jörs,

ausP. Straßb. Inv. 277, 34 f f. vom Jahre 134 v. Chr. 1 ) bekannt


gewordene Art der Berichterstattung der Gehilfen (avv-
axoXov&ovvTes) über die vor ihnen allein stattgefundene Ver-
handlung an den Richter, der dann das ihm an die Hand
gegebene Urteil verkündet, diesem also bloß seine Amts-
macht leiht, keins von allem trifft hier zu. Denn der XQrifxa-
ricr/Ltog ivsxvgaaiag und eußaöeiag geht in den uns vorliegenden
Fällen lediglich von den Chrematisten aus. Der Erzrichter
war nach unseren Texten weder an der Verhandlung, noch
an der Beschlußfassung oder Verkündung beteiligt; nur die
Zufertigung der vom Gericht erlassenen Schreiben an Stra-
tegen usw. war, wie oben dargelegt, seine Sache (vgl. S. 235.
237; auch 261).
Bessere Anknüpfungspunkte bietet die folgende Be-
trachtung.
In den Texten der ptolemäischen Zeit erscheinen die
Chrematisten der %(x>qa regelmäßig in Verbindung mit einem
eiaayojyevg, dessen Name besonders dann, wenn die Mit-
glieder des Kollegiums nicht aufgeführt werden, zur Be-
zeichnung des einzelnen Gerichtshofes verwendet wird %qtj- :

fjiaxiaral &v eiaayoyyevg Aetjiög. 2 ) Es ist wichtig, sich klar

Semeka, Ptol. Prozeßrecht I 109 ff. Das Urteil weist anders als bei
den römischen Behörden den Plural (ebia/uev) auf. Es kann fraglich sein,
ob damit (sog. pluralis maiestatis) nur die Meinung des Richters aus-
gedrückt oder ob betont werden soll, daß auch die Ratsmänner ihm zu-
gestimmt haben. Par. 16, wo nur der Richter genannt ist und es in der
Urteilsformel doch heißt ebiapiev ( 22 ), ist kaum entscheidend, denn in den
uns vorhegenden Abschriften haben oft Kürzungen stattgefunden. Man
muß also mit der Mögüchkeit rechnen, daß die Namen und überhaupt
die Erwähnung der Ratsmänner, wie so häufig in den römischen Pro-
tokollen, weggelassen sind. Mir scheint das näherzuliegen, als die An-
nahme eines Verstoßes gegen das Herkommen. Denn daß die Ratsmänner
in Fällen wie dem von Par. 16 üblich, wenn nicht gar vorgeschrieben
waren, wird man doch wohl aus den parallelen Urkunden schließen
müssen. Vgl. Semeka 115 f.
*)Gradenwitz, Preisigke, Spiegelberg, Ein Erbstreit aus d.
ptolemäischen Ägypten S. 33f. (= Preisigke, Sammelbuch 4512). Vgl.
Gradenwitz in der Ausgabe S. lOf.
2
) So Amh. 33, 10 f.; Fay. 11, „. 12, w (Chrest. II 14. 15); Straßb.
dem. 18, 10 (Schrift, d. wiss. Ges. 1912 Heft 13 S. 51); Teb.29, x (Chrest.
II 24); Tor. 1, Il6 .
m^ (Chrest. II 31); Tor. 3, 3« (=Par. 14); Tor. 4, „,
Ersriohter und Chrematiflten. 261

zu machen, welche Verrichtungen ihm oblagen und welche


Dicht.
Deutlich lassen die Quellen erkennen, daß er den Ver-
kehr /.wischen dem Gerichtshofe und den Parteien ver-
mittelte. Er gab diesen Nachricht von dem bevorstehenden
Eintreffen des Gerichts 1 ); er sorgte für die Ausführung
der Ladung 2 ), indem er dem Beklagten eine Abschrift der
hrevgig zustellen ihm den Verhandlungstermin bekannt
ließ,

gab und ihn zum ordnungsmäßigen Erscheinen aufforderte. 8 )


Auch die Gegenschriften des Beklagten scheinen bei ihm
eingereicht zu sein. 4 War das Urteil gesprochen, so war
)

es Sache des eloaywyevs, es ausfertigen zu lassen 5 und dem )

Gerichtsvollzieher (gevixojv 7iq<vct(dq) Anweisung zur Aus-


führung der vom Gericht angeordneten Vollstreckung zu
erteilen. 6 )
Überhaupt scheint das Aktenwesen in seiner
Hand gelegen zu haben und die aufgelaufenen Protokolle
des Gerichts wenigstens so lange in seiner Verwahrung ge-
wesen zu sein 7 ), bis sie an das dafür bestimmte Archiv ab-

Auch sonst begegnet der eioarytoyevQ der Chrematisten öfter: Inschr. v.


Ghazin (Chrest. II 2); Grenf. I 40 (Chrest. II 25); Petr. III 25, „ (Chrest.
II 30); Rev. Laws 15, 4 f. (Chrest. I 258); Berl. Inv. 11306, t (Schubart,
Papyri graecae Berohnenses 6 a. b = Preisigke, Sammelbuch 3925);
Tor. 13, M (Chrest. II 29). Vgl. aus der Literatur besonders Graden-
witz, Arch. f. Pap. III 23ff. und Sehr. d. Wiss. Ges. in Straßburg 1912,
Heft 13 S. 21; Zucker, Philol. Suppl. XII 55; Mitteis, Grundz. 4f.;
Semeka, Ptol. Prozeßrecht I 125ff.; Dikaiomata S. 32. 128. 173.
x
) Grenf. I 40; dazu Gradenwitz, Arch. f. Pap. III 24; Mitteis,
Chrest. S. 21; Wilcken in Dikaiomata S. 203, 5 Für die hier interessie- .

rende Frage trägt die Urkunde kaum etwas aus, da sie wandernde Chre-
matisten voraussetzt, und das sind die von Alexandrien vermutlich nie
gewesen. Vgl. S. 288.
2
)
ist nur von der amtüchen Ladung die Rede: vgl. Mitteis,
Hier
Grundz. 17f. und Chrest. 24 Einl. (S. 20).
3 die Ladung durch
) Berl. Inv. 11306 (S.260f., 2 ). Beschlossen wurde

das Gericht: Fay. 11, „ff. 12, M ff. Näheres unten S. 285.
4
) Man
darf das wohl aus der Adresse des Gesuches um Vertagung
in Teb. 29, x (Chrest. II 24) schließen: rot; xmjfiaziaxal; cjv elaayo/yevQ
Aa>[. . . .]. Auch der in dieser Urkunde ( 9)
erwähnte yorifiazuj/xög des
Beklagten wird denselben Weg genommen haben.
5
Tor. 13, M (Chrest. II 29); Petr. HI
) 25, ,3 (Chrest. II 30). Vgl.
S. 262, 2 •) Tor. 13, jff.; vgl. M
. .

7
Nach Hai. 1, w soll der eloayayysvg
) bei der öbtr) yexjöo/xaQzvQtov
262 Paul Jörs,

geliefert wurden. Alles in allem kennzeichnet sich demnach


der el&aycoyevg der Chrematisten als der Geschäftsführer
des Gerichts: so hat man ihn mit Recht schon öfters be-
zeichnet. Nicht aber darf man ihm nach den vorliegenden
Quellen eine rjysfiovia öixaarr]Qiov im Sinne des attischen
Rechts zuschreiben. 1 ) Weder läßt sich nachweisen, daß er
eine Entscheidung zu treffen hatte, ob die Streitsache zur
Einführung geeignet noch haben wir
(elaaycayifioq)
sei,

irgendein Anzeichen dafür, daß er was zwar für den —


einführenden Beamten auch sonst nicht notwendig ist,
aber doch vorkommt —
den Vorsitz in der Hauptverhand-
lung geführt habe: dagegen spricht vielmehr, daß er bei
Aufzählungen der Chrematisten in offiziellen Akten nicht
unter diesen, sondern getrennt und zwar in der gewiß die
amtliche Rangordnung aufweisenden Weihinschrift von Gha-
zin nach ihnen genannt wird. 2 Sogar das muß zweifelhaft
)

bleiben, ob der eloaycoyevg überhaupt bei der Hauptverhand-


lung beteiligt war: ist es doch in Ägypten wie auch sonst

die öixaubfiara des alten Prozesses im neuen vorlegen: sie waren also in
seiner Obhut. Dies wird zwar für das alexandrinische doeaanJQiov vor-
geschrieben: die Ausdehnung auf alle Gerichte in Ägypten, die einen
eiaayo/yevg hatten, dürfte aber wohl unbedenklich erscheinen. Vgl. auch
Petr. III 21 (g), 41 f. (Chrest. II 21) vom Zehnergericht der #a>ga.
*) Der Punkt soll hier nur gestreift werden. Auf das elodyeiv außer-

halb Ägyptens (und auch in Ägypten, abgesehen von den Chrematisten)


kann noch nicht eingegangen werden; es handelt sich im Text zunächst
nicht um die Frage, wie weit dieser Begriff gemeingriechischist, sondern

nur darum, ob und inwieweit das, was wir vom ekrayaryevg der Chrema-
tisten wissen, auf den äoxidixaxsxrjg Anwendung findet. Im übrigen sei
vorläufig auf die wichtigste Literatur über das elodyeiv verwiesen: Lip-
sius, Att. Recht u. Rechtsverfahren I 53ff., III 829ff. 845 ff. 901 ff.;
Caillemer bei Daremberg-Saglio I 261ff., II 502ff.; Thalheim in
Wissowa-Kroll, Realenzykl. I 2050L, V 2138; Hitzig, Altgriech. Staats-
verträge 55ff.; Leisi, Der Zeuge im attischen Recht 81 ff. Naber in ;

Mnemosyne XXVIII 65 ff.; Bonner, Evidence in Athenian Courts 48 ff.


2
) Inschr. v. Ghazin (Chrest. II 2): BaaiXei — xal ßaaiUaar\i xQV' —
/mxiaxal ol — xeyjQr\fmxvx6xeg — drei Namen — xal elaayoyyevg — Name
— xal yoafifiaxevg — Name — xal v7it)Qexr]g — Name — ; Petr. III 25, 5 ff.
(Chrest. II 30): Ausfertigung des Urteils dia Zfolhov ( 63 eloayayyecog), Erlaß
des Urteils naq — Namen — rarv — %Qt]naxus6.VT(av; Tor. 13, 4 ff.: yjyr\-

fiaxiaxai — Namen — oi — XQivövreg. Ausfertigung ( 26 ) (5t' eloayoiyecog


'AQie/iiödjQov. Näheres hierüber s. in der S. 260f., 2
angeführten Literatur.
Erzrichter und ChrematiM. n . 263

im griechischen, selbst im attischen Rechtsgebiet eine offene


Frage, ob die 'Einführung' (eiodyeiv) des Rechtsstreites und
der Parteien vor dem erkennenden Gericht in einer formalen
Prozeßhandlung des Beamten bestanden hat. Spuren dafür
sind meines Wissens weder hier noch dort bekannt ge-
worden.
Die vorstehenden Ausführungen betreffen die Chrema-
x<*>Q a: demgegenüber muß betont
tist en der werden, daß,
wenn in Alexandrien Chrematisten tätig sind, gleichviel ob
sie genannt werden (Flor. 55; Berl. 11664) oder nicht (BGU.
239. 1038; Flor. 56), kein eioaycoyevt; erwähnt wird. Über-
haupt ist er den Urkunden der römischen Zeit fremd. 1
)

Die Geschäfte aber, die ihm bei den ptolemäischen Chrema-


tisten zufielen, besorgte bei denen der Hauptstadt der oqxi-
dixaorrJQ. Wir können das in unserer trümmerhaften Über-
lieferung zwar nicht für alle, aber doch für einzelne und,
wie ich meine, besonders wichtige Punkte nachweisen. 1 )
Vor allem erklärt sich auf diese Weise die auffallende
Tatsache, daß der xQrjfiaTiofi.ög evexvQaaiaq und Ifißadeiag
von den Chrematisten, das Sendschreiben aber, das ihn den
Ortsbehörden übermittelte, vom Erzrichter erlassen wurde. 3 )
Man vergleiche in dieser Hinsicht Tor. 13 (Chrest. II 29)
mit Berl. Inv. 11664 (oder sonstigen Pfändungsakten). In
der ersteren Urkunde erkennen die Chrematisten zu Mem-
phis für Recht (Z. ^f.) : avvexQivapev — ygldipcu ron arj]fi(U'

vofie[vcoi]*) TiQaxroQi, awxeXelv xxX. Unter dem Urteil steht


der Vermerk di' eiaaycoyecog 'Agre/iiöibgov rov . . . ., und
dieser Beamte führt den richterlichen Befehl aus, indem er

1
)
Es handelt sich hier natürlich nur um den eioayur/ev; der Ge-
richtshöfe: sonstige Beamte dieses Namens, wie Fay. 23 a 3 und Hamb.
,

18, i 2 . ii j. 7 . la , in 2. kommen nicht in Betracht.


2
) Die Vergleichung versagt selbstverständlich da, wo überhaupt
keine gleichen Verhältnisse in Betracht kommen, z. B. wenn es sich um
Obliegenheiten handelt, die mit der Eigenschaft der Chrematisten in der
X<oQa als Wanderrichter zusammenhängen ( S. 261, x ) oder die sich auf die
kontradiktorische Verhandlung vor dem Kollegium beziehen (S. 261, 3 ),
von der wir in der Kaiserzeit nichts wissen.
3
) Die Nachweise für den Erzrichter sind oben S. 235f. und 237f.,
die für den elaaywyevg S. 261, 5 6 gegeben. .

*) Vgl. Z. 15 : sevixiov JiQÜy.xoQi.


264 Paul Jörs,

an den Gerichtsvollzieher schreibt (Z. jf f.) : Tau — ijevixwv


71QGMT0QI. Tfjg yeyevrj[xevrjg vnoygcHpfjg vnöxetxai xö ävxiyga-
cpov emre[Xe]a&rjr(oi o$v xxX. Entsprechend lautet in dem
andern Stück der Beschluß der alexandrinischen Chre-
matisten: avvexQeivafi{e\v yQacpfjvat xal 7t[e]/j,(p^fjvai xfjg [ev-

XEvij]Eüjg ävxiyQcupov [xco] —[-ax]gaxr)yä> xal — xq> tjevixcöv nqdx-


xogi xx?.., die angeordneten Schreiben aber werden vom Erz-
richter erlassen (S. 235. 237) : das auf uns gekommene an den
Strategen lautet (Z. x
f f.) : Tfjg xeA(eLü)'&eiorjg) ev£%v{Qaalag)
[avxiyQ(a<pov)~\ vjiöx(eixai) xxX.Diese zum Teil bis auf den
Wortlaut übereinstimmenden, um 280 Jahre auseinander
liegenden Aktenstücke zeigen trotz einzelner Verschieden-
heiten 1 ) deutlich, daß die Ausfertigung 2 ) des Urteils und
die Übermittelung an die in Betracht kommenden Stellen,
die Erteilung der nötigen Befehle 3 ) an sie, mit einem Worte
die Fürsorge für die Ausführung der Beschlüsse der Chre-
matisten vom eiaaycoyevg auf den dq%ibixaaxr\g übergegangen
ist. — Als sicher darf ferner gelten, daß sofern ein Wider-
spruch (avxiQQtjOig) gegen den. %Qrj[iaxiO[iög eve'/vQaaiag der
Chrematisten zulässig war, er beim Erzrichter eingelegt
oder wenigstens durch ihn vermittelt wurde. 4 )
x
) Eine Verschiedenheit (Versäumnisurteil in Tor. 13, Exekutiv-
urkunde bei Berl. 11664) wurde oben S. 249 schon berührt. Eine andere
liegt darin, daß in Tor. 13 nur ein Schreiben an den Praktor, in Berl. 11 664
wie überhaupt im ^g^aTiojudg iveyvQaalag, ein Schreiben an diesen und
den Strategen vorgesehen wird. Nur letzteres ist in unseren Akten-
stücken erhalten (vgl. oben S. 235f.): um so bezeichnender ist, daß auch
bei ihm die im Text behandelte Parallele deutlich zutage tritt.
2
) Darunter ist die Herstellung eines (auf der Kanzlei anzufertigen-

den) mit der (auf der Kanzlei zurückbleibenden) Urschrift gleichlauten-


den Exemplars zu verstehen. Eine Verschiedenheit rein äußerlicher Art
liegt darin, daß in Tor. 13 (ebenso wie beim Zehnergericht in Petr. III

25) die Beglaubigung der Ausfertigung durch den eiaayayyevg persönlich,


bei den XQW arur/^oi der römischen Zeit aber durch Kanzleipersonal er-
folgte. Übrigens soll mit diesen und den obigen Bemerkungen über die
Ausfertigung nichts über die Abfassung des Urteils (in Urschrift) ge-
sagt sein. Wer diese vornahm, ob dabei auch Hilfskräfte, ob die Kanzlei
mitwirkte, wissen wir nicht: das wird wohl damals wie heutzutage
Internum des Kollegiums gewesen sein.
3
) So schon der eiaaycoyevg in Tor. 13, 2 cit. Daß die Formulierung
in der römischen Zeit abweicht, kann nicht in Betracht kommen.
4
) Das ist allgemeine Ansicht (Mitteis, Chrest. S. 251; Schwarz,
Erzrichter und Chrematisten. 265

unl wohl nicht zu kühn sein, die angeführten Tat-


sachen dahin zu verallgemeinern, daß in römischer Zeit der
Vorkehr der Behörden und Privaten mit den Chrematisten
durch die Hände des Erzrichters ging, daß dieser also, wie
einst der elaaycoyevc in der %oiqa, als ihr Geschäftsführer
angesehen werden muß. Diese seine Eigenschaft tritt um
so deutlicher hervor, als die Vergleichung auch nach der
negativen Seite hin durchgeführt werden kann. Denn, wie
schon hervorgehoben (S. 258f.), ist der dggcdtxacmfc ebenso —
wie der elaaycoyexx; (S. 262f.) —
nicht als Vorsitzender des
Kollegiums anzusehen und erscheint eine Beteiligung des
einen wie des andern an der Urteilsfällung und Beschluß-
fassung nach den uns erhaltenen Aktenstücken als aus-
geschlossen.
Die vorstehenden Erörterungen sollen nur ein Versuch
sein, das Verhältnis des Erzrichters zu den Chrematisten,
genauer zu ihrer gerichtlichen Tätigkeit, klarzulegen weder :

soll damit etwas über den Ursprung 1 ) des Amtes gesagt,

noch sein Inhalt und Umfang erschöpfend gekennzeichnet


sein. Können wir doch nachweisen, daß der Erzrichter
neben der hier besprochenen Wirksamkeit noch in weitem
Maße freiwillige und streitige Gerichtsbarkeit 2 ) zu versehen
hatte, die mit den Chrematisten in keinem erkennbaren Zu-
sammenhange stand. 3 )

Hypothek u. auch Koschaker, Z. Sav. St»


Hypallagma 83; vgl.
XXIX 38f.). durch Lond. III 132f. Nr. 908 und
In wie weit sie
Giss. 34 gestützt wird, und welche Behörde über den Widerspruch zu
entscheiden hat, wird unten erörtert werden, Vgl. auch Oxy. 68, wo
der Widerspruch aber nur gegen ein öiacn6?axov, nicht gegen eine
evexvgaaia gerichtet ist.

x
) Vgl. oben S. 248.
2
) Auf Einzelheiten kann und braucht hier nicht eingegangen, ins-
besondere auch nicht untersucht zu werden, ob neben der besonderen
Delegation auch allgemeine Betrauung mit streitiger Gerichtsbarkeit an-
zunehmen ist.

3
)
Es ist deshalb im vorstehenden auch mit Absicht nirgends ge-
sagt, der aQxi^otaaxrjQ 'ist' der elaayoryevg der Chrematisten oder als
solcher anzusehen. Nur das soll behauptet werden, daß die Geschäfte

jenes, soweit sie für die Chrematisten der Kaiserzeit noch in Betracht
kommen, auf ihn übergegangen sind.
266 Paul Jörs,

Schließlich ist noch einmal 1 ) daran zu erinnern, daß


möglicherweise mit der Geschäftsführung für die Chrema-
tisten auch eine Dienstaufsicht des Erzrichters über das
Gericht und seine Mitglieder verbunden war. Der Ausdruck
emfieAeta in seinem oft erwähnten Amtstitel würde freilich
durch die erstere allein schon erklärt sein, denn an und für
sich bedeutet er nur 'Fürsorge' damit kann eine Vorstand-
:

schaft verbunden sein, braucht es aber nicht. Namentlich


wegen der äXXa XQirrJQia, die neben den Chrematisten ge-
nannt werden, ist es angebracht, den Gesichtspunkt der
Über- und Unterordnung im Auge zu behalten. Denn da
diese nach allem, was wir wissen, mit dem Mahn- und Voll-
streckungsverfahren nicht befaßt waren, ist es fraglich, ob
der Erzrichter ihnen gegenüber wie bei den Chrematisten
als Geschäftsführer im obigen Sinne in Betracht kam. Aus-
geschlossen ist das nicht schon deswegen, weil diese Gerichts-
höfe ihre besonderen Vorsitzenden hatten, denn auch beim
Zehnergericht und den dixaarrJQia in Alexandrien fielen die
Rollen des Vorsitzenden und des eiaaycoyevg verschiedenen
Männern zu. 2 ) Aber es darf doch nicht übersehen werden,
daß unter Augustus häufig Eingaben um Errichtung einer
avyx(ogrjaig bei Protarchos und Achaios 3 ) den Beamten em
rov xqitt]qiov und iv rfji avXfji xQirrjQiov eingereicht und offen-
bar auch von ihnen entgegengenommen werden, während
gleichzeitig solche an den dQxtdixaarrJQ vorkommen. Das
muß uns zum mindesten daran hindern, diesen Gerichts-
vorsitzenden die Verrichtungen des eiaaycoyevg ohne weiteres
abzusprechen. 4 ) Der Boden, auf dem wir uns hier bewegen,
ist zu unsicher, um bestimmtere Behauptungen nach der
einen oder andern Seite aufzustellen.

x
) Vgl. oben S. 257.
2 Vgl. für die Zehner Petr. III 21 (g),
) 4 f. (Chrest. II 21): int ngo-
[söqov und ebendort 33. 41 über den euJaywyevg; für die öixaorrjQia in
Alexandrien Hai. 1, 40 (sloaycoyevg), m
(jioöedgog).

) An Protarchos auch eine Eingabe anderen Inhalts: BGU.


3
1105;
vgl. oben S. 251.
4
) Vollends würde das bedenklich sein, wenn wir die in Teb. 7 vom

Jahre 114 v. Chr. (Chrest. II 7) erwähnten Beamten, wie es die Heraus-


geber der Dikaiomata S. 167 (vgl. auch 128) tun, mit denen, die unter
Augustus die oiryxcoQrjoeig aufnahmen, gleichsetzen müßten. Aber es ist
Erzrichter und Chrematiaten. 267

6. Von der größten Bedeutung für die Frage nach der


ptolemais« hin Herkunft der Chrematisten in Alexandrien
und des sich vor ihnen abspielenden VollKtreckungsverfah-
rciis ist die Tatflache, <lali dieses Verfahren durch einen
Schriftsatz eingeleitet wurde, welcher im technischen
Sprachgebrauch den Namen Hitevsk; führte. (Flor. 55 [ 4 ]. u .

ia- i5- is
Berl. 11664 7 8 14 BGU. 1038 18 [ M ? w ]; BGU.
; . . ; .

*W 10 i2- 13] ^or. 56 6 7 , (vgl. oben S. 234. 236). Die all-


[
- ; . .

gemeine Bedeutung des Wortes 1 ) ist Eingabe an den König.


Nun ist nicht zu bezweifeln, daß in der Tat viele dieser
&rtev£eis an den König oder wenigstens an die dafür beim
Hofe bestehende Zentralstelle gelangten, dort bearbeitet
und durch vnoyQayr) beschieden wurden.*) Diejenigen aber,
welche den Rechtsschutz des Königs in privaten Angelegen-
heiten erbaten, wurden, wenn dafür die Kollegialgerichte 3 ),

mir fraglich, ob in Teb. 7 die xniTi'jQia im engern Sinne im Gegensatz

zu den von Alexandrien (die einen beaondern elaaytayevQ


öixaoTi'iQia.

hatten: S. 266, B ) verstunden werden D&WB. !><r hier erlassene Befehl


mußte, wenn er sich auch gerade auf Alexandrien bezog, doch an alle
Behörden, denen die gedachten Eingaben vorgelegt werden konnten,
gerichtet sein: dadurch erklärt sich auch die sehr allgemein klingende
Bezeichnung: fit]&eva xön> im reüv xQtxrjQUuv (man beachte den Plural!)
xai tütv ä/[X]fov rtöv nQo± xQ e^al ^- ^° muß y.nii ifeia hier doch wohl im
weiteren Sinne als Gerichtshöfe schlechthin verstanden werden. Vgl.
auch oben S. 251, «.

*) Laqueur, Quaest. epigr. et


Vgl. über die ptolemäische hrev^tg
papyrologicae 2 ff.;Wilcken, Arch. f. Pap. IV 224. VI 276; Graden-
witz, Arch. f. Pap. III 33ff.; Meyer, Klio VI 424. 459 ff. VII 289ff.;
Gerhard, Philol. LXIII 518f.; Preisigke, Klio VII 257ff.; Zucker,
Philol. Suppl. XII 6ff.; Mitteis, Grundz. 2. 13ff.; Lesquier, Pap.
Lille II (Magd.) S. 15ff.; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I lOf. 27 f. 259ff.
Ich glaube nicht, daß man mit Mitteis, Grundz. 14, für
auch ein evrevSu;
inhaltlichesMerkmal, nämlich das der auf Rechtsschutz und Gerichts-
verfahren gerichteten Eingabe, aufstellen darf. Werden doch die von
Mitteis S. 2, 4 als 'Verwaltungssachen' aufgeführten Urkunden zum
größten Teil als ivTevgeig bezeichnet.
2
) So z. B. Teb. 43. Leid. G. H.; Inschr. Chrest. I 70; Pap.
Fay. Dittenberger, Inscr. Or. gr. 138; vgl. auch Ps. Ari-
S. 49;
steas 252 (Wendland). Näheres s. bei Meyer, Klio VI 459f. 6 VII 290; .

Preisigke, Klio .VII 259, x Mitteis, Grundz. 2, 4 13, ,; Zucker,


; .

Phil. Suppl. XII 9; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I lOf. 27ff. 74. 80.
99f. j. 124, v 194f. 260ff.; vgl. auch Wilcken, Grundz. 5 ff.
3
) Ob nur in solchen Fällen, mag hier dahingestellt bleiben.
268 Paul Jörs,

insbesondere auch die Chrematisten zuständig waren, regel-


mäßig gar nicht an die höchste Stelle geleitet, sondern ent-
weder in einem Vor- und Vergleichsverfahren 1 ) oder, wenn
dieses erfolglos blieb, von dem erkennenden Gericht durch
Urteil erledigt. Dies sind die sogenannten evrev£eig eis to
2
xov ßaaiXeoiq ovo/u,a. ) Das Anrufen des Königs als Gerichts-
herrn war also hier ein ganz formaler Akt, die Delegation
der Gerichte eine allgemeine und jedenfalls schon im dritten
Jahrhundert v. Chr., vielleicht sogar schon in der altptole-
mäischen Gerichtsordnung, dem oft erwähnten didyQafXfxd
'

durchgeführt.
Auch in römischer Zeit hat das Wort seine Bedeutung
festgehalten. meines Wissens aus Ägypten 3 ) noch
Zwar ist

keine evrev^ig bekannt geworden, die an den Kaiser selbst


gerichtet wäre. Aber in allen Stellen, in denen der Aus-
druck (bis in die byzantinische Zeit hinein) begegnet, ist
seine Bedeutung als Eingabe an den Statthalter, den Ver-
treter des Kaisers im Lande, teils sicher, teils in hohem
Grade wahrscheinlich. 4 )
Bei den Eingaben, von denen wir ausgingen, kann
diese Behauptung keinem Zweifel unterliegen. Sehen wir
zunächst von ihnen ab, so bleiben folgende Stellen. 5 )

x
) Waren die Laokriten oder das xoivoölxiov zuständig, so fand das
Vorverfahren vor dem Strategen und Dorfvorsteher (imardxrjg) statt.
Bei den vor die Chrematisten gehörenden Sachen sind Vorverhandlungen
vor diesen Beamten nicht nachweisbar und auch nicht wahrscheinlich.
Darum scheiden letztere für unsere Darstellung aus. Über das besondere
bei den Chrematisten Platz greifende Prüfungsverfahren (im rfjg öudoyfjg)
s. unten S. 282 ff.
2
Hai. 9, rf.; Magd. 22, 3 ; Petr. II 2 (1), 3 (Chrest. I 337); Petr.
.)

II 12 (3) EE
32 vgl. III S. 62); Petr. II 47, 10 (S. 154); Petr. III 64
(S.
(c) S. Genaueres s. in der S. 267. x angeführten Literatur.
185 ( ?).

) Außerhalb Ägyptens bieten die Akten zum Dekret von Skapto-


3

parene (Mommsen, Jur. Sehr. II 175) ein Beispiel, denn in den Worten
AioyevTjg — enl r-tp evrevt-iv ravxTjv i?>rjhv{}ev ist eine Bezugnahme auf die
vorhergehende Eingabe (öer/aig preces) an den Kaiser enthalten.
) Vgl. Meyer
4 zu Pap. Hamb. 29, 19 und dazu unten S. 272, ,.

5
) Abgesehen werden muß auch von BGU. 1208, 12 [
&v e\yQa~bpa.g ivrsv^ecov. Der Brief,
jisqI] aus dem diese Worte stammen, ist

an der in Betracht kommenden Stelle arg zerstört. Auch die besser


erhaltenen Stücke der Urkunde enthalten nichts, aus dem man etwas
über Inhalt und Adresse der hier erwähnten ivrevtjeig entnehmen könnte.
Erzrichter und Chrematisten. 269

BGU. 1182 (14/13 v. dir.). Der Herausgeber Schu-


bart bemerkt : Die Eingabe ist offenbar an den Statthalter
gelichtet: ae xov Tidvrcov [owzfJQa xai ävTiXr}jn7iT0Qa] und be-
zweekt eine Weisung an den Hypomnematographos ( ? ) : nqoa-
xd£ai xQW ar ^(ral ^M^ v ix V
v brevtiv ..... foiofi]vT)fjtaTO-

ygd(fü)i xrk.' Sind, wie nicht zu bezweifeln, die Ergänzungen


richtig, so ist es auch die Annahme einer an den Statthalter
gerichteten hrev^iq.
Edictum Ti. Iulii Alexandri vom Jahre 68 n. Chr.
(Dittenberger, Inscr. Or. gr. 669, 10 ): "Eyvtov yäq tcqo
jxavxoq, £vXoy(ordrr)v oüaav n)v hxev^w ü/iüv xrX. Gemeint
ist die Eingabe an den Statthalter, welche die Veranlassung
zu seiner Verordnung gegeben hat.
Flor. 61 (Chrest. II 80), ein Prozeßprotokoll vom Jahre
85 n. Chr. Phibion hatte den Achilleus und dessen Gattin
wegen einer angeblichen Forderung in Haft genommen.
Als er deswegen vom Statthalter hart angelassen und mit
der Peitsche bedroht wurde, bat sein Anwalt für ihn um
Verzeihung (15 ff.): av[y]yv<ofirjv ahov/uevog, biei iTtXavrj&rj
negl T7)v hrevt-iv. £dei yao äva<pÖQiöv ao[i] öovrai, &Q xai av
rjdeXrjoag. Auf den ersten Blick möchte man geneigt sein,
hieraus einen Gegensatz zwischen evrev^ig und ävayöqiov zu
entnehmen und in beiden Worten verschiedene Arten von
•Schriftsätzen zu erblicken, so daß Phibion also eine evrev$ig
eingereicht hätte, während ein ävayÖQiov am Platze ge-
wesen wäre. Aber diese Auslegung wäre gewiß verfehlt;
denn abgesehen davon, daß für einen solchen Formfehler
die körperliche Züchtigung doch ein sehr harte Maßregel
gewesen wäre, würde diese Meinung sich in Widerspruch
mit der sonst feststehenden Bedeutung von ävayögiov
setzen. Dieses Wort (gelegentlich auch ävacpoqd) und
das entsprechende Verbum dvaq>SQeiv wird in unsern Quellen
unterschiedlos für Eingaben und Berichte aller Art an alle
möglichen Behörden verwendet: nie hat es die Bedeutung
einer besonderen Gattung von Urkunden, sondern stets die

Wir müssen uns also mit der Feststellung begnügen, daß die Urkunde
jedenfalls nicht gegen die obige Deutung von evxev^u; spricht. Dies
um so weniger, als sie der allerfruhest en römischen Zeit (27/26 v. Chr.)
angehört.
270 Paul Jörs,

von Gesuch, Sendschreiben, Bericht im allgemeinen. 1 Ent- )

scheidend aber ist für unsere Stelle, daß der Statthalter in


seinem Urteil ausdrücklich die Eigenmacht des Gläubigers
bei der Freiheitsberaubung als das Vergehen bezeichnet, das
die Peitsche verdient hätte (60 f.): diä aeavrov \%\axaa%oiv
är&QcoTtov evax^/^ova xal yw[al]xav. Das kann nur bedeuten,
daß Phibion überhaupt keine Behörde angerufen, also auch
keinen Schriftsatz eingereicht hatte. Man muß sich also
vorstellen, daß der Präfekt ihm vorwarf, er hätte bei ihm
selbst durch eine Eingabe (evrevtjig) um die Verhaftung nach-
suchen müssen. 2 Der Anwalt gibt zu, daß er betreffs dieser
)

Eingabe (evrevt-iq) 'fehlging', da er gewiß verpflichtet ge-


wesen wäre, einen Schriftsatz (ävayöoiov) einzureichen. Er
Wechselt also nur mit dem Ausdruck, indem er im Vorder-
satz die technische, und im Nachsatz die allgemeine Be-
zeichnung für das erforderliche Schreiben verwendet. Bei
dieser Auffassung, die mir als die allein mögliche erscheint 3 ),
hat evrev&Q auch hier seinen gewöhnlichen Sinn 'Eingabe
an den Statthalter'.

J
) 'AvoupÖQtov {ävacpood, ävcupeQEiv) wird gebraucht für Eingaben an
den Präfekten: Flor. 33, ,. 36, 27 ; Giss. 92 (?); Oxy. 66, 17 . 67, 4 . 8 . 12.

237, Iv 36- vi 4i- 294 > 13- 486 » u- M 5 Iuridicus : BGU. 5, n 16 ff. ; "Iötog Xöyog :
BGU. 250, 21 ; Wessely, Spec. isag. 7 (8), M 28- 9 (13), 3
- ; inwjxoäxriyogx
BGU. 168, v 462, t (Preisigke, B. Oxy.L.). 1022, „f.; atoarr^yög:
898, ßaadtxog yoafifiarevg: Wessely, Spec. isag. 8 (11), 3 12 ßißAto-
37 ;
.
;

yvkixeQ iyxzrjoecw: BGU. 1073, 15 Lips. 8, 12 ; Lond. III 118 Nr. ^40, 18 ;
;

Praef. alae als Iudex datus: BGU. 613, ,; vgl. außerdem: BGU. 163, 7 .
1123, 3. 5 . 1201, 19 f. (ävcupeQouev dia dvacpogäg); CPR. 233, 8 ; Giss. 8, 13 ;
Jand. 26, 32 (Pachtangebot); Lond. II 188 f. Nr. 438, t
(ebenso); Oxy.
1272, w ; Teb. 302, 9 .

)
2
8 daß er ihm
Daß der Präfekt den Phibion anspricht, zeigt Z. ;

den Mangel einer Eingabe vorgeworfen hat, lassen die Worte des An-
waltes in Z. 17 mg xal av rföeArjoat; erkennen.
3
) Verfehlt wäre es insbesondere auch,
wollte man den Ton auf
das aoi in Z. 17 legen und die Äußerung des Anwaltes dahin verstehen,
daß Phibion sich an eine unzuständige Behörde gewandt hätte, während
er den Präfekten hätte anrufen müssen. Gewiß ist das letztere richtig;
aber die hier behandelten Worte und überhaupt das ganze Protokoll
geben nicht den geringsten Anhalt, einen solchen Gegensatz hinein-
zutragen, und der Vorwurf des Präfekten in Z. «, öia aeavrov xataaxcov
verlöre dabei sein Gewicht. Der Nachdruck in den Worten des Anwaltes

( 16
f.) liegt auf dem voranstehenden eöei.
Erarichter und Cbrcmatisten. 271

In 1(1). 287, 13 (vom Jahre


161 —
169) könnte auch eine
Wrlialtnim (b, B. ivT£v$e[Tcu) ergänzt werden. Aber auch
wenn das Substantivum (ivrev^e[(og oder ein anderer Kasus)
dagestanden hat, so spricht nichts dagegen, daß eine Ein-
gabe an den Präfekten gemeint war, der in dem früheren
(Z. € ) und wahrscheinlich auch in dem gegenwärtigen Ver-
fahren mit der Sache befaßt war und an der in Betracht
kommenden Stolle das Wort führte. 1 )
Oxy. 1101 (aus den Jahren 367—370) enthält ein Edikt,
in welchem der Präfekt Zivilpersonen verbietet, in ihren
Streitigkeiten mit anderen Zivilpersonen die Hilfe des mili-
tärischen Präpositus anzurufen. Er betont dabei, daß seine
Kenntnis jener tadelnswerten Gewohnheit nicht aus un-
zuverlässigen Quellen, sondern i£ h[x]ev^eu)v ( 6 stamme. )

Damit meint er offenbar an ihn selbst gerichtete Eingaben :

Das tritt um so klarer hervor, als kurz darauf die Eingaben


an den Präpositus ßißlia genannt werden ( 10 ).
BGU. 1024, V28 (viertes Jahrhundert). Der Tatbestand
des dargelegten strafrechtlichen Falles, in dem das Wort
iv[r£v]£iv enthalten ist, ist wegen der Verstümmelung des
Papyrus nicht erkennbar. Da aber in diesem wie in allen
andern Stücken der Sammlung der Statthalter das Urteil
spricht (30), ist anzunehmen, daß die kurz vorher erwähnte
evrev^tg, wenn sie als schriftliche Eingabe aufzufassen ist 2 ),
auch bei ihm eingereicht war.
Cairo (Masp.) 67031, 8 (unter Justinian). Der Statt-
halter schränkt die seinen Offizialen zu entrichtenden Spor-
tein ein. Wenn dabei von iyy(>dq;oig evxev^eai die Rede ist ( 8 ),

so ist klar,daß darunter sportelpflichtige, an ihn selbst ge-


richtete Eingaben zu verstehen sind. 8 )

x
) Die Herausgeber sehen (S. 48), wie mir scheint, mit Recht den

Leiter der Verhandlung Severianus als Statthalter an.


2
) Ausgeschlossen ist es nicht, daß hier persönliches Erscheinen,
etwa vor dem Tribunal des Statthalters, gemeint ist: vgl. darüber
S. 272, ,.
3
) Vgl. Partsch,
Gott. Gel. Anz. (1911) 316. Auch Lydus de
magist r. könnte hier herangezogen werden, wo die /Mvo/xegelg ivxevt-eiQ
3, 25
zusammen mit den fisyiara öixqorrJQia genannt weiden; vgl. auch eben-
da 3, 24: fiovo/ii£Qwv evrvxiwv. Übrigens soll für die byzantinische Zeit,
auch für Ägypten, kein unbedingt feststehender Sprachgebrauch von
272 Paul Jörs,

Nicht hierher gehört Hamb. 29, u x ) .

In den angeführten Fällen handelt es sich um Eingaben,


deren Erledigung durch den Statthalter selbst erfolgt ist oder
begehrt wurde. Wie schon hervorgehoben wurde (S. 267, 2 ), sind
auch aus ptolemäischer Zeit solche an den König selbst ge-

evxevtju; mehr behauptet werden. Jedenfalls ist es bemerkenswert, daß


die obige Urkunde, die späteste, in der uns das Wort erhalten ist, es

noch in dem alten Sinne zeigt.


l
) Das Verbum evxvyxdveiv hat in ptolemäischer wie römischer Zeit
keine so enge Bedeutung wie evrev^tg, weder ist es auf schriftliche Ein-
gaben noch auf die Beziehung zum König oder Statthalter beschränkt.
Es wird vielmehr ganz allgemein im Sinne von 'jemanden, insbesondere
auch einen Beamten, angehen, sich an ihn wenden, vor ihm auftreten'
gebraucht. Belege sind überflüssig. Das gleiche gilt für das Substantivura
ivzvxia: vgl. Bouriant l3 (nach Mitteis' Ergänzung:
BGU. 1209, 18 ;

Chrest. II 96); Flor. 6, 4 Lond. II 293f. Nr. 237, 19 Oxy. 237, V l 8 VII s?
; ; -

Oxy. 1264, 7 Teb. 61 b &. Auch evtev£iq kommt in diesem allgemeineren


; ,

Sinne vor. Bisher hatten wir dafür nur Belege aus der Literatur und
den Inschriften, wo es häufig Begegnung mit einer Person, Eintreffen,
Besuch bei ihr, Audienz bei einer Fürstlichkeit u. dergl. bedeutet; vgl.
z. B. Aelian Var. 4, »,; Diodor 16, 55, 3 . 16, 79, 2. 18, 65, 5 ; Plutarch

Cic. 31. Sol. 27. Ti Gracch. 11; Polyain 4, 6, 2 ; Polyb. 2, 8, 6. 3, 15, 4 .

5, 67, n ; Inschr. v. Olympia 53, ,9 ; Dittenberger, Inscr. Or. gr. 5, 6.

Neuerdings läßt sich nun dieser weitere Sprachgebrauch auch in dem


oben erwähnten Prozeßprotokoll Hamb. 29, 16 erkennen, wo der Anwalt
vor dem Präfekten für die von ihm vertretenen Mündel erklärt: äl-iovaiv
v7io/iv^fj,aria&tj[vai] rrp> evrev&v avrcöv. Der Herausgeber Meyer, der
den Begriff von hxev^iq für die Kaiserzeit richtig erkannt hat, will auch
hier unter diesem Ausdruck einen 'beim Konvent an den Praefectus
Aegypti, als Stellvertreter des „Königs", gerichteten Antrag' verstehen.
Aber das Beantragen hegt doch schon in ä^tovoi, und in dem Vorher-
gehenden ist zum mindesten formell, aber (wie mir scheint) auch sachlich
kein Antrag auf Aufhebung der Wirkung des Edictum peremptorium
(S. 124) enthalten (vgl. in letzterer Hinsicht auch Steinwenter, Ver-
säumnisverfahren 75 ff.). Meines Erachtens verlangt der Anwalt einfach,
daß 'das Erscheinen', 'die Anwesenheit' seiner Partei im Protokoll fest-
gestellt werde, damit sie nicht von den seitens des Statthalters angedrohten
Versäumnisfolgen ( 8 f.) betroffen werde, wenn es ihr auch bis zum
wiederholten Aufruf der Sache nicht gelungen sein sollte, die fehlenden
Akten herbeizuschaffen. Auf diese Weise vermeiden wir die Erklärung
von evtev^ig als eines mündlichen in einer Sitzung gestellten Antrages,
die ohne Seitenstück ist, und geben dem Worte eine wenn auch noch
nicht in den Papyrusurkunden, so doch sonst sehr häufig vorkommende
Bedeutung. Für Feststellung der Anwesenheit einer Partei durch Ge-
richtsprotokoll vgl. auch Wessely, Spec. isag. 8 (11), 16 f.
Erzrichter und Chremat 273

r,-,w."
leitete /it. bekannt. Betrachten wir ihnen gegenüber
unsere iiTiv^n- des Vollst reokung8\ ei i.ihi'eiis, von denen
wir ausgingen, so kann kein Zweifel bestehen, daß sie
ein vollständiges Seitenstüek zu den Ivrevt-eit; eis xö xov
ßaaiU(OQ övofia bieten (S. 267f.). Formell sind sie an den
J'rät'ekten gerichtet, aber sachlich wird er nicht mit dem
(JcmicIv befaßt. 1 ) Dem Antrage e.Tt T//; dm /.<,-,]; aryy.nlrm
wird nicht von ihm, sondern, wie wir jetzt wissen, von den
Chrematisten stattgegeben. Ebenso wie einst ihre Vorgänger
in der x&QO- prüften sie an Stelle dm \ izekönigs' 2 die )

hrev^eiQ und entschieden sie darüber.


Auf welchem Wege die ivrev^eig den ('hrematisten
zugingen, ist nicht überliefert. Daß die aus der ptole
maischen Zeit bekannte Form des Einwerfens in (inen zu
diesem Zweck aufgestellten Behälter (dyyeiov) 3 nicht mehr )

— und vielleicht in Alexandrien überhaupt nie l'latz —


griff, wird man mit ziemlicher Sicherheit annehmen dürfen.

da sie offenbar für die Wanderrichter der x<*>Qu berechnet war.


So wird die allgemeine Form der Einreichung eines V7i6fiv^[iu
bei der Behörde 4 ) auch hier zu vermuten sein und diese
sich, wenigstens in römischer Zeit, wohl wie üblich durch
Übergabe des Schriftsatzes seitens der Partei oder ihres
Vertreters (diajiearaXptevog) in öffentlicher Sitzung 5 ) voll-
zogen haben. Fraglich muß bleiben, bei welcher Behörde
dies geschah, ob beim Adressaten der £rrev£<g, dem Statt-
halter, ob bei den Chrematisten, oder bei ihrem Geschäfts-

*) Von der Frage, ob nicht etwa die gerichtliche Entscheidung im


Falle eines Widerspruches (ävTiggr^aiq) an den Statthalter gelangen konnte,
darf hier abgesehen werden.
2
)
Für die Berechtigung dieses Ausdruckes genügt es, auf Hirsch-
2
feld, Kais. Verwaltungsbeamte 344 ff. und Wilcken, Grundz. 28ff.
zu verweisen.
3
) S. darüber Gradenwitz, Arch. f. Pap. III 26f.; Mitteis,
Grundz. 16; Zucker, Philol. Suppl. XII 54f.; Semeka, Ptol. Prozeß-
recht I 124. 129, r
Bekannt ist sie für die ivrevgeig auch schon in der ptolemäischen
*)

Zeit, z. B. in den Urkunden von Magdola. Ob sie auch damals schon


(neben dem Einwerfen in das dyyelov) bei den Chrematisten vorkam,
ist fraglich: s. Zucker und Semeka a. a. 0.
5 Vgl. Mitteis,
) Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss. LXII 90ff. und Grund-
züge 38. 159.
Zeitschrift für Kechtsgeschichte. XXXYI. Rom. Abt. 18
274 Paul Jörs,

führer, dem Erzrichter. Darf man die Parallele der ptole-


mäischen Zeit durchführen, so muß man annehmen, daß
die Eingabe vom Statthalter wie einst vom König nur den
Namen trug und gar nicht an ihn gelangte. 1 ) Das dünkt
mich wahrscheinlich: im übrigen wird die aufgeworfene
Frage eine offene bleiben müssen.
7. Wie die Eingabe (evrevtjig), durch welche das Voll-

streckungsverfahren eingeleitet wird, so trägt auch der Be-


schluß, durch welchen Pfändung und Besitzeinweisung von
den Chrematisten bewilligt wird, der %Qrj(jiaxLafi6<; ivsxvgaaiag
und ifißadeiag, durchaus ptolemäisches Gepräge. Um das
klarzustellen, müssen wir uns die Verschiedenheiten der in
Betracht kommenden römischen und ptolemäischen Ge-
richtsakten vergegenwärtigen.
Die auf uns gekommenen Protokolle 2 ) der ptolemäischen
Zeit sind ihrem ganzen Umfange nach 3 ) Berichte und Äuße-
4
rungen des Gerichts. ) Als solche enthalten sie eine mehr
oder minder ausführliche —
bisweilen in einen Satz zu-
sammengeschlossene —
amtliche Darstellung über den Gang
der mündlichen Verhandlung und die richterliche Entschei-
dung. Dabei wird im ganzen ein festes Schema eingehalten,

x
) Man würde sonst auch wohl Überweisung an die zur Entscheidung
berufene Stelle durch die in solchen Fällen übliche v7wyQa<pij des Statt-
halters erwarten dürfen: dafür fehlt aber jede Spur.
2
) Wir dürfen uns bei dieser Vergleichung nicht auf Protokolle
und Urteile der Chrematisten beschränken, sondern müssen den Typus
der ptolemäischen Urteile überhaupt feststellen, dem sich auch jene
unterordnen.
3
)
Das tritt am deutüchsten bei den Protokollen des Zehnergerichts
hervor, in denen das die Entscheidung einleitende eyva)/iEV dem ganzen
Bericht über die Verhandlung vorangeht; vgl. Petr. II 21, 8 (Chrest. II 28);
Petr. III 21 (g), n (Chrest. II 21). Es. gilt aber nicht minder auch von
den übrigen Urteilen, in denen das entsprechende Wort (s. unten S. 276)
dem Tatbestande nachfolgt und erst am Schlüsse den Tenor einleitet.
4
) Das geht, abgesehen von den im folgenden aufgeführten Ge-

sichtspunkten, auch daraus hervor, daß in den Protokollen gelegentlich


gesagt ist, es sei im Termin ein Schriftstück verlesen worden, dessen
'Abschrift' folgendermaßen laute (Tor. 1, j n i.; Straßb. Inv. 277, ^f.
= Preisigke, Sammelbuch 4512): das kann natürlich so nicht gesprochen
sein. In einem römischen Protokoll würde man so etwas, glaube ich,
vergeblich suchen.
:

Erzrichter und Chrematiatcn. 275

das um so mehr zu beachten ist, als es offenbar nicht auf


gesetzlicher Vorschrift, sondern auf Herkommen und gleich
mäßiger Praxis beruhte.
Am Eingang wird Zeit und Ort angegeben und werden
der oder die Richter mit Namen aufgeführt und zwar in
der Regel losgelöst vom folgenden Text: mehrfach werden
dabei die Richter namentlich auch die Chrematisten — —
kurzweg im Nominativ genannt, z. B. Tor. 13, 4 ff. "Erovc
Ad Tvßi e h M£[i<pei XQW aricna 1 AU^avÖQoq 7/oa-— ,
'
— ' — ,
'

xAe(Öt)Q — , ZcoyevrjQ — , oi rä ßaaikixä xal nQoaoöixä xal


iÖKDXLxä xqlvovreg. Karaardvrog xrX. 1 ) Nachdem dann die
Parteien bezeichnet sind, beginnt der Bericht über die Ver-
handlung in der Regel mit der Feststellung, daß die das
Verfahren eröffnende Eingabe (hrev£i<;, wiojuvrjiua) verlesen
wurde, welche dann, sei es ihrem Wortlaute, sei es ihrem
Inhalte nach mitgeteilt wird. 2 ) Es folgen Ausführungen
der Parteien oder ihrer Anwälte 3 ), die bald mehr, bald
weniger ausführlich, durchweg als Bericht in indirekter Rede
wiedergegeben sind. 4 ) Den Schluß bildet die 'Urteilsformer

*) Ebenso beim Zehnergericht in Petr. II 21 (Chrest. II 28, tft)l


Petri III 21 (Chrest. II 3 (b), B ff. (f), ,ff.). Vgl. ferner Petr. III 26, 7 ff.
(Chrest. II 30): 77oe' 'AfaiStifwv ktA. ; Tor. 1, i ,ff. 9, t ; Par. 15, ,ff. 16, x f.
'E<p"HQaxÄeiöov. Hat ein Einzelrichter zu urteilen (vgl. Mitteis, Grundz.
9ff. ; Zucker, Philol. Suppl. XII 72ff.; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I
35 ff.), so werden, wenn Ratsmänner zuzieht, meistens auch diese oder
er
wenigstens die namhafteren von ihnen aufgezählt. Vgl. oben S. 259 f.
2
) Wörtliche Einfügung der Eingabe bieten Petr. II 21, ,_ 14 (Chrest.
II 28); Petr. III21(g), ^.»(Chrest. II21);Par. 15, ,_„; Tor. 1, 1 u _ mi7
(Chrest. II 31); Straßb. Inv. 277, a _ u (= Preisigke, Sammelbuch
4512); Giss. 37, Ua i. (Text S. 163f.); wahrscheinlich auch Grenf. I 11
(Chrest. II 32), j !_ri 6 mit u ^ga als Anlage zum imofivrjfia. Bericht
über den Inhalt der Eingabe s. Amh. 30, j—^ (Chrest. I 9); Tor. 13, 8 _ 18
(Chrest. II 29); ähnlich wohl auch Petr. III 25, u ff. (Chrest. II 30),
fraglicher Tor. 9, 7
ff. und Par. 16, la ff. Über Petr. 21 s. Mitteis, Chrest.
II 3 (S. 2).
8 Tor. Straßb. Inv. 277,
) 1, jx 4; „ {öixaiotoyetv).
*) Vgl. Petr. in 21 (g), „ff. (Chrest. II 21); Amh. 30, 15_ ffl ;
Straßb.
Inv. 277, H _ 76
Par. 15, jg—«; Tor. 1,
; 19— IX s- 1° dem Versäumnis- m
urteil Tor. 13 tritt an die Stelle des Berichts über die Verhandlungen
der Parteien der über dieLadung des Beklagten und die Androhung der
Versäumnisfolgen. Jede Andeutung von solchen Verhandlungen fehlt
in Grenf. 111. Reden von Anwälten, wie wir sie in Oxy. 471. 472 (römisch)
18*
276 Paul Jörs,

(der Urteilsspruch, Tenor) 1 ), die, wie auch unsere heutigen


Gesetze es fordern, von den übrigen Teilen des Urteils
scharf abgehoben und möglichst präzis gefaßt wird.' Dabei
wird in den auf uns gekommenen Stücken als Regel 2 ) fest-
gehalten, daß der oder die Richter in der ersten Person und
zwar im Präteritum sprechen, wodurch der vorhergehende
Bericht deutlich als die von ihnen formulierte Urteilsgrund-
lage gekennzeichnet ist. Urteilt ein Kollegium (Zehner,
Chrematisten), so sprechen die Richter naturgemäß im
3
Plural (aweHQivafiev, eyvcofiev) ).

Was die römische Zeit 4 ) anlangt, so muß vor allem auf


die bekannte Tatsache hingewiesen werden, daß das Ver-
vor uns haben, sind literarische Schöpfungen, keine Prozeßakten: m. E.
muß das auch für Giss. 99 gelten. Zeugenaussagen sind gelegentlich ganz
(Petr. II 21 =
Chrest. II 28, 17 ff.) oder ihrem wichtigsten Inhalt nach
(Amh. 30, 32 _3e) direkt im Wortlaut, sonst aber ebenfalls in berichtender
Form wiedergegeben.
x
) Bisweilen werden vorher noch die für die Entscheidung maß-

gebenden Tatsachen oder Gründe besonders hervorgehoben: so Amh.


30, äs-«; Grenf. I 11, n «t-a»; Par. 15, 87 _ 69 ; Straßb. Inv. 277, 76 _g3;
Tor. 1, ix«-xi; Tor. 13, M .»
2 Unpersönliche Formulierung findet sich in den Urteilen vor
)

'leerem' Gericht Petr. III 21 = Chrest. II 3: (blxr\ eQTj/uog xaxedixdcrfhi);

ferner in Grenf. I 11, n 28


In Straßb. Inv. 277 (Preisigke,
(etpaivero).

Sammelbuch 4512) ist die Fassung durch das eigenartige Verhältnis der
Urteilsfinder (vgl. Z. 7a iqxuvezo) zum Richter, der das Urteil nur ver-
kündet, bedingt: daß über diese Verkündung nur berichtet wird (33:
awsxaJ-Ev), zeigt, wie sehr sie Formsache war.
3 Zehnergericht: Petr. II 21, (Chrest. II eyvcopev ofioyvco-
) 8 28):
ftovovvTes; Petr. III 21 (g), u (Chrest. II 21): eyvco/iev; Chrematisten:
Tor. 13, «a (Chrest. II 29): awexglvafxev. In Petr. III 25, „,43 nimmt
Mitteis z. d. St. (Chrest. II S. 27. 28) gewiß mit Recht an, daß ein Wort
wie eyvco/xev oder awexQivansv verloren ist. Als Beispiel für die erste Per-
son des Aorist kann man auch Amh. 30, 39 f. (TiagrjyyeiXapiev; vgl. 33 rifüv)
anführen (die Angabe der Richter ist nicht erhalten); und ebenso die
Urteile des imoTdzrjg in Par. 15, 69 (ehzapev); Par. 16, 22 (ebtafiev); Tor. 1, x1
(sma/xsv); Tor. 9, 17 (öieoteiM/xe&a). Die Frage, wie sich hier der Plural
erklärt, wurde oben S. 259f., 3 behandelt. Vgl. auch das Register in
Lille 28, n .

4 Abgesehen ist von den Protokollen aus byzantinischer Zeit (Arch.


)

f. Pap. I 298ff., III 340f.; BGU. 1024 (wohl literarische Arbeit, eine Art
antiker Pitaval); Berl. Inv. 2745 bei Mitteis, Dek. Progr. Lauhn S. 6f.;
Lips. 38. 40. 43; Lond. III 128f. Nr. 971; Mon. 6; Oxy. VI 893; Thead.
13. 14) sowie von den christlichen und alexandrinischen Märtyrerakten,
Erzrichter und Chrematisten. 277

fehlen sich jetzt grundsätzlich als sogenannte Kxtraordinaria


Cognitio vor einem Emzelriohter, dem PkÜekteo oder einem
seiner Delegaten abspielte. Über die Verhandlung wuni«
Während der Sitzung ein Protokoll aufgenommen, das die
Vorträge der Parteien oder ihrer Anwälte und die ver-
chiedenep Äußerungen des Richters oft in drastischer —
Lebendigkeit —
wiedergab, und dann in die Amtstage-
bücher (commentarii, v^ofivt^arta^oi, auch tcro/mj/zara) 1 )
des Beamten übertragen wurde. Eine besondere Urteils-
ausfertigung für die Parteien fand, soviel wir wissen, nicht
statt. Aus den regelmäßig veröffentlichten und später in
amtlichen Archiven niedergelegten Kommentarien konnten
da hier die Frage, ob und wieweit ihnen wirkliche Gerichtsakten zu-
grunde hegen, nicht erörtert werden kann. Dagegen werden aus der
römischen Zeit auch die Protokolle in Verwaltungssachen mit heran-
gezogen, weil bei ihnen hinsichtlich der Formulierung kein Unterschied
gegenüber den gerichtlichen Akten besteht.
x
) 'YjtOftvTjfiariafioi des Präfekten: Amh. 64, 8; Flor. 61, ,; Hamb.
29, ,. Oxy. 40, ,. 237, V n w*- se- VIII 43- 471, „f. 653, ,; Teb. 569 ( T).
„f.;
Iuridicus: BGU. 245, na*; Catt. Vereo u f. m
u v io ')• Oxy. 237, V u » . (

lötog köyog: Inschr. Arch. f. Pap. II 440 Nr. 49; BGU. 347, ij.ni!
Teb. 291, ssf.; Wessely Spec. isag. 8 (11), „f. ( T). 'AQx^txaaxrjz: BGU.
136,j. 'EjiiaTQdzyjyoQ: BGU. 15, i t Oxy. 237, vhm-m- Sxgaxrjyög:
;

Amh. 66, 48? BGU. 163, 8 ff. 361, n „. 891 Vereo 15; Fay. 106, x (?); Münch.
in Arch. f. Pap. II 125 (a), t ; Oxy. 37, v 38, w
898, „; Par. 69 (Chrest.
I 41) erhaltenes Amtstagebuch. Iudex datus verschiedener Art BGU.

969, i r „ n •; CPR. 18, w Rein 44, t j Teb. 488 ( ?). Beamter nicht be-
;

stimmbar: BGU. 5, n iv 832, M Flor. 67, „; Lips. 123, „ vgl. auch Wil-
;

cken, Chrest. S. 60; Oxy. 237, vill 6- 298, u Teb. 302, „. 'Yjiofivrjfia ;

begegnet als Bezeichnung für das Amtstagebuch schon in römischer Zeit


nichtselten: Präfekt: BGU. 613, M
Catt. IV M Giss. 40, n m(T); Aioi-
; ;

XTjxrjs: 'AQxiöixaoxrJQ: Giss. 34, 8 f. ,. Zxgaxrjyöq:


Oxy. 1264, 9.
BGU. 168, j5. 361, ni ( ?); Oxy. 911, ,. 1252, M f. M f.; Thead. 15, , ( ?).
Iudex datus: BGU. 19, Il0 Unbestimmter Beamter: BGU. 1085, Il8 f.
.

Vgl. auch Polyain. IV 6, 2 ; I. G. VII 413, n (= Bruns, Fontes I 7 S. 182).


Seit dem vierten Jahrhundert kommt nur noch die kürzere Form (vnöfivr)-
Ha) vor. Gleichwertig mit der Eingangsformel 'El; vTionvr^jiaxuafjuüv xxL
ist der bloße Name des Magistrats im Genitiv mit oder ohne Amtscharakter

ander Spitze des Protokolls, z. B. Amh. 65, j 9 BGU. 388, um; Catt. V n;
;

Straßb. 22, 10 „; vgl. auch Amh. 66, »; BGU. 347, ni 361, n io f Aus der
. . -

Literatur vgl. namentlich Wilcken, Philol. LIII 80ff. und Arch. f. Pap.
IV 424f. und Chrest. I S. 59f. 104 und Abh. d. Sachs. Ges. d. Wiss.
(phil.-hist.) XXVII 826ff.; Mommsen, Strafr. 512ff.; v. Premerstein
in Wissowas Realenzykl. IV 743. 746 ff.; Weiß, Z. Sav. St. XXIII 229f.
1

278 Paul Jörs,

die Beteiligten sich Abschriften (mit und ohne Beglaubigung)


anfertigen oder anfertigen lassen und sich auf diese Weise
Prozeßakten zusammenstellen. 1 ) 2 )
Von einer bestimmten Form der Urteile kann unter
diesen Umständen kaum die Rede sein, wenn auch die Pro-
tokolle begreiflicherweise viele gleichmäßige Züge/" auf-
weisen. Um den Gegensatz zu denen der ptolemäischen
Zeit zu kennzeichnen, mag auf folgendes hingewiesen werden.
Zunächst auf eine Äußerlichkeit. Während das ptole-
mäische Protokoll die Namen der Richter an die Spitze
stellt, braucht in römischer Zeit der Richter am Eingang

des Protokolles nicht benannt zu werden, weil er ja aus


dem Tagebuch, das seine Amtsgeschäfte überhaupt ver-
zeichnet, ersichtlich ist. 3 ) Weiter scheint die unter den

*) Auch sonstige Interessenten wurden zu den Archiven zugelassen,

Darauf beruhen die Spruchsammlungen, von denen mehrfache Reste auf


uns gekommen sind: BGU. 114 + Catt. (Chrest. II 372) über Soldaten-
ehen, Straßb. 22 (Chrest. II 374) über Ersitzung; auch die Entscheidungen,
welche Dionysia in ihrer Eingabe anführt, namentlich die über die väter-
liche Gewalt (Oxy. 237, vilw^-)» sm d wahrscheinlich aus einer solchen
Sammlung entnommen.
) Daraus, daß e3 sich bei Privatakten regelmäßig um Entlehnungen
2

aus den amtlichen Tagebüchern handelt, erklärt es sich auch, daß


sie keineswegs immer wortgetreue Abschriften, sondern oft nur ge-
kürzte Auszüge sind. Bisweilen ist das ausdrücklich hervorgehoben (BGU.
1085, M ; Oxy. 237, V n 40-42; Straßb. 22, 13 19 Teb. 286, 8 ). Aber auch an
. ;

andern Orten ist es, namentlich wenn die Ausführungen der Parteien
nicht in Rede und Gegenrede angegeben, sondern zu einer kurzen In-
haltsangabe zusammengeschrumpft sind, so gut wie sicher: vgl. z. B.
BGU. 114, lB ff.; Catt. m u ff.; wohl auch Oxy. 237, V u ff. m
3
) Das uns erhaltene Amtstagebuch (Par. 69
= Chrest. I 41) trägt
an der Spitze jedes Blattes die Überschrift r Y7io/j,vrjfj,ariajLioi Avqrßlov
Aeovxä OTQcprjyov '0/j.ßitov 'EAeqxxvrivrjg, bei den einzelnen Amtshand-
lungen aber heißt es in der Regel nur 6 argarrj-yog. Die in den uns vor-
liegenden Abschriften und Auszügen nicht seltene Überschrift 'E% vno/ivrj-
fianoficöv xxk. gehört bei dem einzelnen Protokoll nicht der Urschrift
an, sondern benennt nur das Tagebuch, aus dem sie stammt, als Quelle.
Weitere einleitende Bemerkungen dagegen, wie Datum dieses ganz —
regelmäßig, Ortsangabe (Amh. 65, u ; BGU. 114, Il6 f. 347, 1 4 f. n 3 .

361, 11 2 ; Oxy. 237, V n a>; Straßb. 5, 7 41, i; Teb. 569; Thead. 15, x ),
.

Angabe, daß pro tribunaü (ini xov ßi/j/junog: BGU. 136, 3 361, 2 Oxy. .
m ;

37, 3 237, vn 20; Straßb. 5, 7 41, l5 Teb. 569; Thead. 15, x ), daß auf
. .

Delegation des Statthalters (e'£ avanofjuifig: BGU. 19, 1 2 114, 1 M ; CPR.


.
Erzrichter und Chrematisten. 279

Ptdtemiern regelmäßige Kinlcitimg des Verfahrens durch


die Verlesung der ihm zugrunde liegenden Eingabe in der
crzeit, wenn sie auch gelegentlich vorgekommen sein
mag, so doch nicht üblich gewesen zu sein: in unseren
Akten läßt sie sich nicht mit Gewißheit feststellen 1 ). Die
Ausführungen der Parteien werden in Rede und Gegenrede
mit direkten Worten oder in berichtender Form w i-

gegeben: die erstere Art, die den wirklichen Vorgang am


getreuesten wiederspigelt und keine oder doch nur geringe
Überarbeitung der Urschrift der Protokolle voraussetzt,
wiegt in der römischen Zeit vor 2 ), während sie sich unter
den Königen bisher nicht hat nachweisen lassen. Auch der
Richter, der in den uns bekannten ptolemäischen Akten
nur als Urteilsfäller wirksam wird, erscheint jetzt durch
Fragen, Feststellungen und Anordnungen aller Art oft recht
lebhaft an der Verhandlung beteiligt. 8 ) Der Spruch (Tenor),
welcher für die einzelne Verhandlung oder den ganzen Prozeß
die Entscheidung bringt, unterscheidet sich seiner Form
nach in der Regel nicht von anderen Äußerungen des Rich-
ters. Er kann —
was wieder in den ptolemäischen Akten

18, t ; Teb. 489) verhandelt wurde, die Bezeichnung der Parteien im


Rubrum (Amh. 66, M ff.; BGU. 19, ,f. 114, EMft 136, 4 f. 361, „„ff.
969, 4 ff.; CPR. 18, 6 f.; Flor. 61, 4 ; Oxy. 37, 4. 237, vilao*- 653 (Chrest.
II 90, 8 f.); Rein 44, ,f.; Teb. 286, 2 f. 489) sind gewiß aus den Kommen-
tarien selbst übernommen.
*) Der einzige Fall, in dem man eine solche Verlesung annehmen
könnte, wäre, wenn man Mitteis' Erklärung (Chrest. II S. 101) zugrunde
legt, BGU. 613, ^f. 33. „ff. Hier wäre in der Verhandlung vor dem
delegierten Strategen das vn6(iVT)/Aa des Klägers an den Präfekten, der
darauf die Sache an den Strategen überwiesen hatte, verlesen worden:
freilich das tbiöfivtjfia an einen früheren Präfekten (Munatius Z. jg), wäh-
rend der Anwalt des Klägers sich in der vorliegenden Verhandlung schon
auf eine Entscheidung seines Nachfolgers (Liberalis Z. 41 ) beruft. Der
Fall hat also jedenfalls seine Besonderheiten und ist eine vereinzelte Er-
scheinung. Wenn sonst von Verlesungen die Rede ist, so beziehen sie
sich auf andere Schriftstücke: so Amh. 64, 2. 65, u f.
2
) Es hat wohl wenig Wert, das ganze Material hierfür mitzuteilen.
Ich zähle nach meinen Sammlungen 39 Fälle von ausschließlich oder
vorwiegend direkter, 22 von indirekter Rede der Parteien. Vgl. auch
Vat. fr. 112; Dig. 4, 2, „ (= 48, 7, ,). 26, 8, 21 . 28, 4, 8 .

s
) BGU. 163. 388; Catt. IV i«ff.; Flor. 61; Oxy. 237, vil»""- vil»»"-
653. VgL auch die in Anm. 2 zitierten lateinischen Protokolle.
1 ;

280 Paul Jörs,

nicht vorkommt — auch in einer Anrede an den Kläger


oder Beklagten enthalten sein 1 ), und er ist auch gar nicht

immer das letzte Wort des Richters 2 ): bisweilen muß der


Inhalt der Entscheidung sogar aus verschiedenen Aus-
sprüchen des Richters zusammengelesen werden. 3 ) Und
wenn auch das Bestreben, die maßgebende Entscheidung
vor allem das Endurteil, äußerlich hervorzuheben, an
manchen Anzeichen (z. B. Betonung vorhergehender
Beratung, wortgetreuer Verlesung u. a. m.) erkennbar
ist 4 ), so ist doch die scharfe Herausarbeitung der Urteils-

r
x
) BGU. 114, In 9 20- V 24- VI i 8 ; Flor, 61 59 ff.; Lond.
I12 ; Catt. -

II 152f. Nr.196, Oxy.40, 8 f. 237, vii 42 «3- 653. 1117, 6 ff.; Par.69, ni21 ;
13 . 16 ; -

Straßb. 22, 29 f. ; Teb. 488. Vgl. auch CIL VI 266, , (Bruns, Fontes I 7 188);
Dig. 4, 2, 13 . 26, 8, 21 . 28, 4, 3 . 42, 1, 69 x ; Cod. Iust. 7, 46,
.
3. 4.
2
Catt. 1V16-V25; CPR. 18, 22 ff.; Oxy. 237, V
) n 37 f- «f. 653 (Chrest.
II 90, 25 f.). 706, n ff. 1102; Par. 69, i n28 f. Die lose Form des Verfahrens
gestattete auch, daß von den Parteien noch nach dem Urteil unerledigt
oder unaufgeklärt gebliebene Fragen aufgeworfen und von dem Richter
in Erläuterung oder Ergänzung seines ersten Spruches nachträglich ent-
schieden wurden. So BGU. 19, n ^ff. 388, muff« 1085, n Catt. m4 ff. ;

Vi i 8 ff-; vgl. Dig. 28, 4, 3 32, 97 Aus ptolemäischer Zeit fehlt es auch
. .

hierfür an Beispielen.
3
) So namentlich Oxy. 653 (vgl. auch P. Bouriant [Chrest. II 96].
Cod. Iust. 7, 46, 3 ). In Flor. 61 ist mit direkten Worten überhaupt keine
Entscheidung ausgesprochen; freilich konnte sie aus den Schlußworten
leicht entnommen werden, aber das war bei römischen Urteilen nicht
immer der Fall, wie die Anfrage bei Scaev. Dig. 26, 8, 21 zeigt.
4
Bemerkung, daß der Spruch nach Beratung mit dem Assessor
)

(voßixög) oder Konsilium gefällt ist: Catt. ni 18 rv i 2 9 CPR. 18, ^L; . - ;

Oxy. 706, 6 1102, 4 Teb. 286, 15 f. (Chrest. II 83) oxeipdu[evog fis]rä [t]öjv
. ;

[cpl?M>v] oder [nagövrcov] ebenso ist auch oxEy)d/^ev[og in BGU. 613, 26 f.


;

(Chrest. II 89) zu verstehen. Vgl. auch CIL II 4125, n (Bruns, Fontes I 7


S. 404). VI 266, M (Bruns S.407). X 3334, 8 ; Bull. d.Ist, di dir. Rom. III
S. 1, J3 ff . ; Dig. 28, 4, (cum deliberasset). Ferner die Bemerkung, daß
3
der Richter sich zur Verkündung des Urteils erhoben habe Teb. 286 cit. :

Thead. 15, 20- Diktat, Niederschrift, (wortgetreue) Verlesung des Spruches


werden erwähnt: BGU. 592, n4 f.; CPR. 18, ^f.; Oxy. 1102, B f.; vgl.
CIL II 4125 (Bruns Eine allgemein vorgeschriebene Form
I 7 S. 404).
war die Verlesung in den ersten drei Jahrhunderten nicht: das zeigen
Urteile wie das in Flor. 61; Oxy. 237, V n 38- «• 653 deutlich: hier folgte
offenbar die Schrift dem Wort. Die Rechtsbücher betonen, daß bei
der Verkündung des Endurteils sowohl beide Parteien (Iul. D. 42, 1, w ;

Marceil. D. 28, 4, 3 Paul. D. 42, 1, 47 pr.) als auch das Officium des Rich-
;

ters (Carus C. 7, 45, 6 ) zugegen sein müsse. Vielleicht hängt mit der
Erzrichtcr und Chrematisten. 281

forme] und
Zuspitzung der ganzen Darstellung auf
die
dieses ihren wie sie in den ptolemäischen
Schlußstein,
Protokollen <lit* Regel bildet, in den römischen eine Selten-
heit. 1
Vor allem ist bezeichnend, daß der Richterspruch
)

nicht, wie ehedem, durch die Formel iyvcüfxev usw. (erste


Person) eingeleitet, sondern ebenso wie alle anderen Be-
standteile des Protokolles stets als Geschehnis (dritte Per-
son: ebuf) in den Akten aufgezeichnet wird.*) Das Pro-
tokoll ist eben nfcht mehr eine Darstellung des Gerichts
ober den Streitstand und seine Entscheidung, sondern ein
Bericht des Schreibers über die Amtshandlungen seines
Vorgesetzten, den dieser nur durch seine Unterschrift
(aif'yvcDv) 3 ) als richtig anerkennt.
Nach alledem kann über den geschichtlichen Ursprung
und den Charakter des Xgrifiaxiafi.6<; ivexvgaaiai; und ifißa-
öeiag im Vollstreckungsverfahren kein Zweifel bestehen.
Schon allein die Tatsache, daß diese Beschlüsse von einem
Kollegium ausgingen, weist auch wenn wir nicht —
wüßten, daß sie von Chrematisten erlassen wurden auf —
die ptolemäische Zeit hin die Römer kannten von sich aus :

in Ägypten nur Einzelrichter. Ebenso die Form der Be-


schlüsse: die Benennung der Richter am Kopfe des Pro-
tokolles und zwar in genau derselben Weise (bloße Namen
im Nominative) wie in dem naheverwandten Pap. Tor. 13

letzteren Vorschrift die mehrfach in unseren Protokollen nach der Mit-


teilung des Richterspruches begegnende Bemerkung i£ijX&ev 6 tm?)Qexr]s
zusammen: BGU. 388, m 16 . 592, n ,f. 613, „. a (an letzterer Stelle ist

der Protokollauszug ungenau und verkürzt); Oxy. 1102, u f. Das Abtreten


des Offizialenwürde dann ein formaler Ausdruck dafür sein, daß die
Verhandlung geschlossen ist. Andere Auffassungen s. bei Gradenwitz,
Einführung lOf. 21; Mitteis, Grundz. 31 undChrest. zu 89, M und 372, v r
) Am
1
nächsten kommen der ptolemäischen Form Protokolle wie
BGU. 136; Oxy. 237, vilu»«*- 706. Sie mögen ihre Gestalt bei der Über-
tragung aus der ersten Niederschrift in die Kommentarien (Mommsen,
Strafr. 516f.) erhalten haben.
2
)
Ich kenne keine Ausnahme. Nicht selten wird übrigens das
Verbum ganz weggelassen und bloß der Name oder die Amtsbezeichnung
gesetzt, z. B. BGU. 136, M CPR. 18; Flor. 61; Oxy. 37, ns Rein. 44.
; ;

3
)
So BGU. 136, 27 . 163, 17 . 361, n9 . 592, Münch. in Arch.
n 10 ;

f. Pap. II S. 125 (b), M ; Oxy. 237, V ll 29 ; Par 69 (täglich in den Kom-


-

mentarien, insbesondere auch bei dem Prozeßprotokoll m 30) ; Teb. 287 14 .


jj.
282 Paul Jörs,

vom Jahre 147 v. Chr., die Verlesung der Eingabe zu. Beginn
der Verhandlung, die Fassung des ganzen Beschlusses als
eines vom Gericht erstatteten Berichtes 1 ), die formale Ab-
hebung des Beschlusses von seinen Voraussetzungen, seine
Einführung mit dem bezeichnenden Wort awsxQiva/j,ev 2 ) in
der ersten Person als Aussage der Richter: alles das sind
Züge, die deutlioh darauf hinweisen, daß unsere Beschlüsse
der Chrematisten eine Erbschaft aus ptolemäischer Zeit sind.
8. Sehr wichtig für die Vergleichung mit den ptolemäi-

schen Rechtsverhältnissen ist es schließlich, daß die Chre-


matisten in Berl. 11664, 7 [und Flor. 55, n f. 3 )] bezeichnet
werden als oi räq [e]vrev£ei[g] diategavreg*), und daß in den
ivrevi-eig der formell an den Präfekten, sachlich an die
Chrematisten gerichtete Antrag übereinstimmend lautet:
deofiai etil xy\g öiaXoyfjg avyxgtvai (Flor. 55, 30 . 56, 17 ;
[BGU.
1038, 23])- Mit dieser letzteren Wendung hat man schon
5
)

öfters 6 ) die folgenden ptolemäischen Texte in Verbindung


gebracht.
x
) Von der Anfertigung des Beschlusses ist hier nicht die Rede,
vgl. dazu S. 264, 2 .
2
)
Das Wort läßt sich im Sinne von richterlicher' Entscheidung
zwar auch noch in römischer Zeit nachweisen (Lond. II 149 Nr. 276, 2 ;

Wessely Spec. isag. 11 [19], 6 16 Sprüche des" Iöioq X&yog). Vorzugsweise


. :

aber gehört es der ptolemäischen Rechtssprache an: Fay. 12, & und
Tor. 13, 2 '28 (Chrematisten); Grenf. I 11, j 9.n 3 ins (Einzelrichter mit
.

Konsilium); Magd. 24, 12 (Strateg). Vgl. Mitteis, Grundz. 19.


3
) Vgl. oben S. 241.
4 und
) Über diaXeyeiv Siak*yr\ in den Papyrusurkunden vgl. nament-
lich Mitteis, Hermes XXXII 647 f. XXXIV 97 und jetzt Grundzüge 18.
125, 3 ; Naber, Arch. f. Pap. II 33; Wilcken, Arch. f. Pap. IV 372f.;
Koschaker,Z.Sav.St. XXVIII 264ff. XXIX 35; P reis ig ke, Girowesen
297 f. Eine Bekämpfung der älteren Meinung, welche öia/oyrj als gleich-
bedeutend mit öicdoyio/xög (Konvent) ansah, und auch der, daß die dia-
hyyr\ als ein Amt aufzufassen sei, erübrigt sich heute. Diese Ansichten,
die schon in der angeführten Literatur zurückgewiesen wurden und zum
Teil auch von ihren früheren Vertretern aufgegeben sind, lassen sich
vollends gegenüber Berl. 11664 nicht mehr aufrechterhalten. Behandelt
werden soll im folgenden die öicrfxryri zunächst nur so weit, als sie zu den
angeführten Texten und damit zu den Chrematisten in Beziehung steht:
ihr sonstiges Vorkommen beim Erzrichter und Exegeten bleibt hier
außer Betracht.
5
) Ergänzt von Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 33. 34f.
6
) Wilcken, Koschaker, Preisigke a. a. 0. (Anm. 4).
Erzrichter und Chrematisten. 283

Amh. 33. 1
) Dieser £vxev£ic; liegt eine Anzeige gegen
einen Noraarchen wegen Unterschleifes Die zugrunde.
Kläger führen aus: in einem früher in Sache an- ihrer
stehenden Verhandlungstermin (xaTaardaecog Z. 7 awxa&i- ;

crvaaftai Z. 16 ) hätten sie, als gerade ihre Sache 'eingeführt'


sei {slaayofievoiv Z. 14 ), bemerkt, daß der Angeschuldigte
unter Beistand eines Anwaltes auftrete, obwohl das bei
einer nqoaoöixi) xqiaiq, wie der vorliegenden, gesetzlich ver-
boten sei. Wie es scheint haben sie sich damals geweigert, in die
Verhandlung zur Sache einzutreten: jedenfalls reichen sie
eine neue (die vorliegende) £vreu£te 2 ) ein, in der sie den
Antrag stellen ( 21
ff.) : ^e6f^e&
,
— djioarelXax rjfitöv rr/v £vzev£iv
inl zotigavrovg XQ r)M aXicrt^> facog bil rrjg dicdoyfjg xGjv
£vr[ev]£ean' awraicoaiv rcoi Teaevowpei, pi) fierä awrjyoQov
Gwxa&toxaoftai .

Entsprechend heißt es in der Darlehnsklage Fay. 11


(Chrest. II 14) ( 84
rf.): ö[€]opcu aji6[a]xelXat. /nov xj)v bnev£iv

*) Urkunde Wenger, Arch. f. Pap. II 33ff.; Wilcken


Vgl. zu dieser
ebend. 121;Gradenwitz ebend. III 39; Meyer, Klio VII 291; Ko-
schaker, Z. Sav. St. XXVIII 264f.; Zucker, Philol. SuppL XII 61;
Mitteis, Grundz. 4f.; Semeka, Ptol. Prozeßr. I 31. 135ff. 163f. 177f.
Auf die Besonderheiten, welche die Urkunde hinsichtlich der Verbindung
von Chrematisten und Verwaltungsbeamten aufweist, braucht nicht ein-
gegangen zu werden. Für die hier behandelten Fragen trägt es nichts
aus, ob man für die Hauptverhandlung einen gemeinsamen Gerichtshof
unter dem Vorsitz des eju^uXtjx^ und Beisitz der Chrematisten annimmt,
oder ob man in den letzteren ein avviÖQiov 8 ) etwa nach Art von Straßb.
(

Inv. 277 erbückt, so daß die Verhandlung lediglich vor ihnen stattgefunden
hätte und dem im/nEX^T^g und ßaoifaxög ygafi/MtZEvi; das Urteil nur zur
Genehmigung und Verkündung unterbreitet wäre. Auf jeden Fall fand
nach der Urkunde die Vorprüfung der evTetf$ig nur durch die Chrema-
tisten statt.
2
) Auch dies ist eine evrev^ig el; to xov ßaaOMoq ovofia, denn die
Kläger bitten in der üblichen Weise um Zusendung an die Chrematisten,
für deren diaXoyrj sie ihren Antrag stellen. Wenn Mitteis, Grundz. 2, 4
unsere Urkunde zu denjenigen Verwaltungssachen zählt, die tatsächlich
an den König eingereicht seien, was sich aus der darauf gesetzten Sub-
skription der königlichen Kanzlei ersehen lasse, so ist das wohl nur ein
Versehen. Jedenfalls enthalten Z. 27 ff. nicht eine zur Erledigung der
vorstehenden Eingabe darauf gesetzte königliche vJwyQaq>t], sondern ein
vom Kläger beigefügtes nQoqxaypui früherer Zeit, auf das er in seiner
£vrev£ig Bezug nimmt (Z. 16 f.).
. ..

284 Paul Jörs,

im x\o\bg — y^rj^axiaxag, — önoog diaXei-avxeg avxtjv elg


xax[d]oxaoiv xal ävaxaXeadfjLevoi xöv Oecova — xqivcoolv —
Diesen Urkunden darf man zwei andere anreihen, in
denen der Ausdruck öiaMyeiv durch das hier offenbar gleich-
wertige xQW ar %eiv ersetzt ist.

Fay. 12 (Chrest. II 15) ( 26


ff-) : deofiai cmoaxetkai fiov xrjv
i-vxevtjiv enl xovg —
XQ rifxariar(*g —
öncog xQrjfAaTioavreg ,

avrrjv xal nQoaxaXeadfievot xöv Aiox\f}v —


ovvxqivcooi — —
Tor. 3 (= Par. 14) ( 31
ff.): öeofiai — ävanefAipai [xov xr\v
evxev&v enl xovg — %Qruj,axLOxäq — , on<ag XQrjfiaxiaavxsi;
avxrjv elg xqigiv xal /lexane/uipd/zevoi xovg eyxaXov/bievovg —
enioxexpoivxai, iv\ eäv f/
ola ngcxpegopai, xgivcoai —
betrachten wir zunächst diese ptolemäischen Texte
ganz für sich, um ein Bild der diaXoyrj für die ältere Zeit
und die %(bqa zu gewinnen, so läßt sich folgendes feststellen.
Das Verfahren enl xfjg diaXoyfjg fand in einem der Haupt-
verhandlung (xaxdaxaaig 1 )) voraufgehenden besonderen Ter-
mine statt. Nur so ist es verständlich, wenn von öiaXiyeiv
(XQr)/j,axi£eiv) xr\v evxevi-iv elg xaxdaxaaiv oder elg xqiaiv ge-
sprochen wird: das kann nur bedeuten, die Chrematisten
sollen die Eingabe für die Hauptverhandlung (den Prozeß)
prüfen, d. h. untersuchen, ob sie für diese zuzulassen sei.
Der Gegensatz zwischen dem vorprüfenden und erkennenden
Gericht tritt klar hervor. 2 ) Und nur so erklärt es sich weiter,

) Daß xaxdaraoig {xa&ujxdvai), wie auch sonst, so namentlich bei


x

den Chrematisten von der Hauptverhandlung, d. h. der kontradiktori-


schen Verhandlung vor dem erkennenden Gericht gebraucht wird, zeigen
Tor. 1, ns- !3, 7 ; Petr. III 25, 10 ; Berl. Inv. 11306, 6
(Schubart, Pap.
gr. Berol. 6a; Preisigke, Sammelbuch 3925).
2
) Anderer Ansicht ist Mitteis, Grundz. 18, der f)inkyyr\ nicht von

einem Prüfungstermin, sondern lieber 'einfach als Verhandlung' ver-


standen wissen will. Demgegenüber kann ich in den obigen Texten das
elg mit Akkusativ nicht verstehen. Man würde von Mitteis' Stand-
punkt aus dabei doch notwendig an ein Prüfen für das Urteil denken
müssen. Nun kann unter xgiaig zwar das Urteil verstanden werden,
wenn auch, soweit ich sehe, die Bedeutung Prozeß vorwiegt; aber öiaMyeiv
elg xaxaaxdatv (in Fay. 11 cit.) kann jenen Sinn nicht haben, muß not-
wendig heißen 'auslesen, prüfen für die Verhandlung (das „Auftreten"
der Parteien vor Gericht)'. Ich werde an meiner Auffassung auch nicht
beirrt durch Oxy. 237, V37 und Lond. II 152f. Nr. 196, „f. (Chrest. II 87),
auf welche Stellen sich übrigens auch M. nicht berufen hat. Gradenwitz
Ererichter und Chromat ist cn. 285

daß Ergebnis der Prüfung ein Beschluß der Chrema-


als
über die Ladung des Beklagten 1 ) gefordert wird:
tistt'ii

Verfügte das Gericht diese Ladung, so war damit auch die


Einführung (elgayetv) der Sache in die Hauptverhandlung
zugelassen, andernfalls abgewiesen. 2 ) In dieselbe Richtung
weist Amh. 33 cit. : Kläger verlangen, dem An-
die
geschuldigten solle im Prüfungstermin (bii rrjs dicdoyrji;)

( Anh. f. Pap. I 331) will an ersterer Stelle 6iaXi£etuv lesen und die letztere

durch öia?*~o{ph>ov ergänzen: dabei versteht er das Substantivum wie


das Verbum beide vom Spruche des Richters. Das halte ich für unzulässig,
wenigstens finde ich keinen lieleg für eine solche Bedeutung der frag-

lichen Worte in den Quellen. Mitteis (Chrest. II 87) ergänzt in Lond.


cit. dt(i?.ti(>\it<n. das im Text auf den Juridicus, den erkennenden Richter.

also auf die Haupt Verhandlung zu beliehen Wim Aber hier steht (die
Richtigkeit der Ergänzung vorausgesetzt) nicht das Aktivum, sondern
das Medium, und daß dieses, auf den Richter bezogen, 'sich mit den
Parteien unterreden' oder 'den Prozeß vor sich verhandeln lassen* be-
deuten kann, soll nicht in Abrede gestellt werden. Bemerkenswert ist
übrigens auch der Sprachgebrauch von öidAoyog in Teb. 58, „. iV u wo ,

jedenfalls ein Prüf ungs terra in gemeint ist: aber es handelt sich nicht um
einen Rechtsstreit, sondern um Steuerpacht.
x
) Die Chrematisten sollen laden lassen (mxDeaXead^ievoi, iwoocdkeaä-

ftevoi, nercmentpdfievoi: Medium), d. h. sie sollen die Ladung anordnen.

Die Ausführung der Ladung gehört in ihren Einzelheiten nicht hierher.


Sie erfolgte in den uns bekannten Fällen durch Zustellung einer Ab-
schrift der frnvfc (Berl. Inv. 11306, ,f. [S. 284, ,]; Tor. 13, 17 ; Teb. 29, ,f.)
entweder durch ein amtliches Organ (Tor. 13, M Berl. Inv. 11306; Fay.
;

11, „. 12, ao; Tor. 3, M ) oder durch den Kläger selbst (Teb. 29, 4 ff. [Chrest.
II 24]). Dabei ist für unsere Untersuchung wichtig, daß auch im letzteren
Falle (Parteiladung) betont wird, daß die Ermächtigung zur Zustellung
der &reu|t£ von den Chrematisten ausging; Teb. 29, ,f.: 'Axovaüjao[g xai
nz6)Ä£fta.log (Kläger) — äjwöedcoxdv fioi nag' v/u[än> (Chrematisten) ävxC]-
ygcupov Evrevgeax;. Ausgeschlossen ist übrigens nicht, daß hier die Kläger
nur als Urheber der Beschuldigung genannt sind, und daß die Zustellung
auch in diesem Falle durch einen Amtsboten erfolgte.
2
) Meines Erachtens ist auch hier die Ausdrucksweise in Fay. 11. 12;

Tor. 3 cit. nicht mißverständlich: die evrevt-ig soll den Chrematisten zu-
gehen, damit diese, nachdem sie die Eingabe (auf ihre Verhandlungsfähig-
keit für die xaräaraotg) geprüft haben —
Inhalt des Verfahrens ircl Tfjg
öiatoyrjg —und die Ladung angeordnet haben — Ergebnis dieses. Ver-
fahrens —dann (in der Hauptverhandlung) —
wenn sich das klägerische
Vorbringen als wahr erweist (Tor. 3), den Beklagten verurteilen. Wer
die Prüfung (dtaksyeiv) in die Hauptverhandlung (xqIveiv) verlegt, muß
erklären, warum die Ladung dazwischengeschoben wird.
286 Paul Jörs,

anbefohlen werden, daß er bei der Hauptverhandlung (aw-


'xa&ioxaoftai) ohne Anwalt erscheine 1 ): also auch hier
eine scharfe Scheidung beider Stadien des Verfahrens.
Weiter lernen wir aus den behandelten ptolemäischen
Texten, daß das Vorverfahren enl rfjg diakoyfJQ vor den
Chrematisten selbst stattfand. Das muß besonders betont
werden gegenüber den Versuchen in der neueren Literatur,
welche die Prüfung der evrsvieig, um eine Angleichung an
die Grundsätze des attischen Prozesses zu erreichen, dem
eigaycoysvg zuweisen wollen. 2 ) Der klare Wortlaut unserer
Urkunden läßt eine solche Deutung nicht zu.
Ferner ist zu beachten, daß in Amh. 33 gefordert wird,
die Chrematisten sollten die gewünschte Anordnung im xfjc,
diakoyfjg röjv evrevtjecov — Plural! — treffen. Man darf
daraus wohl entnehmen, daß die Vorprüfung der gesamten,
durch Einwurf in das ayyelov zusammengekommenen Ein-
gaben, wenn möglich, in einem Termin erledigt wurde. Und
es läßt sich vermuten, daß dieser Termin möglichst bald
nach dem Eintreffen (ifxßaXslv) des Wandergerichts statt-
fand, daß dann zunächst die beschlossenen Ladungen der
Beklagten ausgeführt und schließlich nach angemessener
Frist 3 ) die Hauptverhandlungen abgehalten wurden.

x
) Eine (formelle) Ladung erübrigt sich hier wohl des-
Vgl. S. 283.
halb, weil sie jedenfalls schon für die erste Verhandlung ( s _ w ) erfolgt
war: es genügte, daß der Beklagte den neuen Termin erfuhr, dessen An-
sage ja leicht mit der Übermittlung der begehrten Anordnung verbunden
werden konnte. Ob übrigens die Kläger den rechten Weg gewählt hatten,
um ihr Begehren durchzusetzen, und wie die Chrematisten über ihre
evrevgig entschieden, vermögen wir nicht zu erkennen.
2
)
So Dikaiomata 32; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I 128 f. Dieser
Forscher nimmt das thema probandum als bewiesen und erklärt den
Plural ävaxcdeadfievoi usw. daraus, daß der elaayoyyevg im Namen der
Chrematisten gehandelt habe: mit welchem Recht? Vgl. S. 262. 288, ^
3
)
Es wäre begreiflich, wenn man diese Frist kurz bemessen hätte,
damit der Aufenthalt der Wanderrichter an den einzelnen Orten sich
nicht gar zu sehr ausdehnte. In der Tat finden wir, daß dem Beklagten
in Berl. Inv. 11306 (Schubart, Pap. gr.Berol. 6a; Preisigke, Samml.
3925) nur fünf Tage bis zum Erscheinen in der Hauptverhandlung (xaxd-
OTaoig) gegeben werden. Das war wenig, wenn er z. B. die dtxaubfiara ( 6 )
nicht gleich bei der Hand hatte oder sich sonst Hindernisse einstellten.
Wir lassen dem Beklagten heute länger Zeit.
Krzricbter und Chrematisten. 287

An und tiii sich interessant, aber für unsere Unter-


suchung von geringer Bedeutung ist die Frage, welche
Punkte der Prüfung im Vorverfahren unterlagen. Daß
über die Zulässigkeit einer Beistandschaft beschlossen wer-
den konnte, ergibt Amh. 33. Ferner möchte man vor allem
annehmen, daß die Chrematisten von vornherein ihre sach-
liche und persönliche Zuständigkeit zu untersuchen hatten. 1 )
Aber wir bewegen uns hier auf unsicherem Boden.*)
Nicht unwichtig dagegen ist es festzustellen, daß die
Grundlage der Prüfung die &T£v£t£ bildete: stets erscheint
sie in unseren Texten als der Gegenstand des diaXtyeiv

(XQrjfiariteiv). Selbstverständlich mußten die Chrematisten


also ihren Wortlaut kennen: nur ävayvü>o&etot}<; brcevSeott;
konnten sie ihre Entscheidung treffen.
Deutlich zeigen schließlich die ptolemäischen Urkunden,
daß das Verfahren int xi]Q diaXoyrJQ ohne den Beklagten vor
sich ging, denn bei dieser Vorprüfung wurde ja regelmäßig
erst über seine Ladung entschieden. 3 ) Erwähnt wird in

*) Also die Frage, ob die Sache zu den ßaothxd, nQoooöocd, iduojocd


zählte (vgl. S. 250, x );
ferner, ob die Vorschriften über die Nationalität
der Parteien zutrafen, also die Sache nicht vor die Laokriten oder das
xoivoölxiov gehörte.Diese Ansicht erhält eine gewisse Unterstützung
durch die Fassung von Teb. 5, ^ff. (Chrest. II 1). Denn hier richtet
sich das Verbot und Gebot geradezu an die Chrematisten: xgloei; /zi)
emoTiätr&w. rot)g %^>;/«i(T«nde), ä)X iäv öte$dyetr&ai &ii tüvIjooxqitwv (jjgff.).

Die Ausdrucksweise deutet darauf hin, daß das Gericht seine Zuständig-
keit von Amts wegen, also doch, wenn möglich, von vornherein vor
Eintritt in die sachliche Verhandlung zu prüfen hatte. Indessen soll
diese Auslegung der Worte nur als naheliegend, nicht als notwendig
hingestellt werden.
*) Da, wie im folgenden dargelegt ist, der Beklagte nicht bei dem

Prüfungstermin anwesend war, mußten die Gründe der Abweisung des


Hauptverfahrens wegfallen, welche auf einem von seiner Seite zu er-
hebenden Einwände beruhten, wie sie im attischen Recht eine so große
Rolle spielten. In der Regel wird es sich also bei der dvaAoyr\ der Chrema-
tisten um solche Punkte gehandelt haben, die das Gericht, von Amts
wegen berücksichtigen mußte.
8
) Ein Zweifel könnte in dieser Hinsicht nur bestehen, wenn, wie

im Falle von Amh. 33, die Sache schon anhängig war. Aber gezwungen
sind wir auch hier nicht, eine zweiseitige dudoyt) anzunehmen. Denn
das awxdaaeiv ( 2S ) dieser Urkunde schließt nicht notwendig einen Befehl
an den gegenwärtigen Beklagten in sich: die Anordnung konnte ihm
288 Paul Jörs,

unseren Texten auch nichts von der Anwesenheit des Klä-


gers ob sie erforderlich oder wenigstens zulässig war, bleibt
:

also zweifelhaft. Die Frage dürfte aber bejaht werden,


wenn Grenf I 40 (Chrest. II 25) in dem Sinne aufzufassen
.

wäre, daß in diesem Schreiben der elaaycoysvg der Chrema-


tisten dem Kläger Mitteilung von dem bevorstehenden Ein-
treffen des Gerichts machte. Dafür spricht allerdings die
Wahrscheinlichkeit. 1) 2
)

Vergleichen wir diese Ermittelungen über die bioloyr\


in der %o)qa unter den Ptolemäern mit dem, was wir aus den
alexandrinischen Protokollen der römischen Zeit wissen, so
steht auch hier die Tatsache im Vordergrund, daß die Ver-
handlung vor dem Kollegium der Chrematisten stattfand.
Dessen Aufgabe wird, wie ehedem, zutreffend durch die
Worte diaXeijavTEQ rag evTevgeig gekennzeichnet, und darunter
wird auch jetzt noch die Prüfung der formell an den (Vize-)
König gerichteten Eingaben verstanden. In gleicher Weise
begann die Prüfung mit der Verlesung der evrevtjig am Ein- :

gange des Protokolles wurde das ausdrücklich vermerkt.


ebenso wie die hxeo^u; und Ladung schriftlich zugefertigt oder durch
Boten ausgerichtet werden.
) Daß Grenf. I 40 keine Ladung der Beklagten enthält,
x zeigt eine
Vergleichung mit Berl. Inv. 11306 (S. 284, x ) offenkundig. So ist also an-
zunehmen, daß das Schreiben vom eiaayaryevg an den Kläger gerichtet
wurde. Vgl. auch Dikaiomata 203, t freilich möchte ich aus Wilckens
:

Lesung x[aXä>g] c^ew exgivov allein keinen Schluß auf den etaayayyevg
als Subjekt ziehen, denn diese Wendung braucht auch das Gericht der
Chrematisten: Tor. 13, & *[aAä>]g e%ew ^[yov]fxevoi. Das Schreiben hat,
wie der Gebrauch des genauen Titels in der Adresse schließen läßt, amt-
lichen Charakter: wenn aber der Kläger von Amts wegen aufgefordert
wird, sich für das Eintreffen der Chrematisten bereit zu halten, so hegt
es nahe anzunehmen, daß er damit schon zu ihrem ersten Akt, der Vor-
prüfung, zugezogen werden sollte. Es mußte auch für die Chrematisten
selbst wünschenswert sein, vom Kläger Aufklärung über seine evrev$ig
fordern zu können.
2
) Darin, daß die öiafayyr) ohne den Beklagten vor sich ging, liegt

ein ganz wesentlicher Unterschied gegenüber der ävaxguyig des attischen


Prozesses. Diese war ein kontradiktorisches Verfahren: sie führte nicht
zur Ladung des Beklagten, sondern setzte voraus, saß eine gültige
Ladung (nQÖgxkrjoiQ) erfolgt war, und gab seinem Widerspruch (ävziMyeiv)
sehr weiten Raum. Es ist wichtig, diese Verschiedenheit zu betonen,
weil aus der Gleichsetzung schon manche irrigen Folgerungen gezogen sind.
Vgl. S. 262. 286.
Erzrichtcr und Chtvm.it ist on. 289

l n*l \<r allem: zugegen war nur der Gläubiger oder sein
llmachtigter, nicht der Schuldner: einst wir jetzt voll-
zieh also die Verhandlung ohne den belangten Teil.
Freilich das Ziel des Verfahrens
ganz war ein
Anderes. Nicht handelte es «ich vonum die Erledigung
Vorfragen, um <lir Ladung des Beklagten und die Eröffnung
dt Haupt Verhandlung, die dann beiden Teilen Gehör gab
i

und mit dem Urteil der Chrematisten endete. Hier kam


eine solohe xardaxaaiq gar nicht in Frage, vielmehr führte
das Verfahren hei xtjq diaXoyfjg selbst zum avyxQtveiv des
Gerichts, d. h. zum Erlassen eines die Rechtsverhältnisse
der Parteien ordnenden Beschlusses. Und gerade weil der
Zweck und der Ausgang ein so verschiedener war, verstärkt
sich der Eindruck, daß das Vollstreckungsverfahren auf
Grund von Exekutivurkunden, soweit die Chrematisten da-
mit befaßt waren, wenigstens in seinen Grundzügen schon
in ptolemäiseher Zeit so geschaffen wurde, wie wir es später
vor uns sehen, und daß eben nur der äußere Aufbau des
Verfahrens enl xrje öiaXoyf^ hier und bei der streitigen Ge-
richtsbarkeit die gleiche Anlage aufwies.

III. Ermittelungen und Feststellungen.

Im evexvqaaiac, und i/ußaöetaz wird, wie


^ry/iartcr/^ö?
schon angedeutet (S. 235. 237), ausgesprochen, daß be-
stimmte Prozeß handlungen und Ermittelungen vor dem
Gericht der Chrematisten, also im xfjg ötaXoyfj;, vorgenom-
men wurden (Verlesung der evxevgiQ usw.). Andere wurden
dem Nachverfahren sni xcöv xonoiv zugewiesen, wo Strateg
und Praktor 1 ) ebenfalls das Vorliegen gewisser Voraus-
setzungen feststellen mußten, ehe sie ihre Hand zur Durch-
führung von Pfändung und Besitzeinweisung reichten. Im
folgenden sollen nicht der Hergang und alle Einzelheiten
dargelegt 2 ), sondern nur zwei Punkte einer Prüfung unter-
zogen werden.

*) Welche der beiden Behörden in Betracht kommt, bleibt hier


vorläufig dahingestellt.
») Vgl. dafür Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 33ff.; Mitteis,
Grundz. 159 f.; Schwarz, Hypothek und Hypallagma 80 ff.; Raape,
Verfall des Pfandes 118ff.

Zeitschrift für Rechtsgreschichte. XXXVI. Kom. Abt. 19


290 Paul Jörs,

1. Vorlegung der Schuldurkunde.

Das Recht des Gläubigers beruhte in den uns be-


kannten Fällen auf einer exekutiven Schuldurkunde. Auf
sie hatte er sich in der evrev£tg berufen, ihr Vorhandensein
mußte vor der Behörde festgestellt werden. 1 ) In dem Voll-
streckungsverfahren, dessen Protokoll uns in Berl. 11664
erhalten ist, wurde sie in der Verhandlung vor den Chrema-
tisten vorgelegt ( 8
ff.): rfjg [de öi avr]fjg arnxaivofievrjg ovv-

yqatpfjg vTioyeyQafifievrjg ix [rfjg rov Nav]aiov ßißfaoftfjxrig

bievr\veynevr\g.
Hiernach wird man BGU. 239, u ergänzen müssen:
[rfjg de] öi avrfjg arjfxaivo[x[evrig ovyyqacpfjg v7ioyeyga/j,fj,evrj^
inevrjveyfiivrjs, und vor dem letzten Wort vielleicht auch
hier einfügen dürfen: ex rfjg rov Navaiov ßißfao-&fjxrjg oder
kürzer ex rov Navaiov.
Offenbar haben wir damit auch die Erklärung für den
entsprechenden Satz in Flor. 56, 6 rfjg de di av[rfjg dedtj- :

Xco]/j,evr]g —
oder auch hier ar]fiaivo]/uevrjg xara[yga((pfjg)] 2 ) —
vnoyeyQa(fj,fj,evtjg) e7ievrp>eyjuevrjg

und zugleich das Vorbüd für Flor. 55, 13 : [rfjg de öl


5 2
avrfjg arjfjtaivojue]vrjg ) xa[r]ayoa<pfjg ) e7ievr][veyfievr)g — ].

*) Handelte es sich um Vollstreckung eines Urteils, so mußte der

Gläubiger sich notwendig auf dieses berufen und es der Behörde vor-
legen: die dem Anspruch zugrunde hegende Urkunde konnte nicht mehr
genügen. Aus römischer Zeit haben wir keinen Beleg, daß die Chrema-
tisten durch einen x&rUmxufpo<; evexvoaaiag oder ifißaSeiag oder sonst
auf irgendeine Weise mit der Urteilsvollstreckung, über die wir über-
haupt nur recht dürftige Spuren in den Quellen haben, befaßt gewesen
wären. Die ptolemäische Urkunde Tor. 13 (Chrest. II 29), in der die
Chrematisten die Vollstreckung ihres eigenen Urteils anordnen, kann
hier auch zur Vergleichung nicht herangezogen werden, weil eine ordent-
liche streitige Gerichtsbarkeit, wie sie darin vorausgesetzt ist, den Chrema-
tisten der Kaiserzeit abging. Die Urteilsvollstreckung scheidet also
für uns aus.
2
)
Daß auch die hier genannte xaxayQafpr) als rechtsgeschäftliche
Urkunde angesehen werden muß, wird unten (S. 303 ff.) dargelegt werden.
3
)
mit Vitelli zu ergänzen: öi avrov (d. i. 'E^axwvtog)
Nicht ist

tmoyeyQa/iifieyrjg. Vorher ging der Name des Gläubigers, bei dem in


rov AI doch wohl der Name des Vaters steckt: das Demotikon 'AX-
. .

daieojg, an das Wilcken (Arch. f. Pap. IV 434) denkt, steht, soweit ich.
sehe, immer ohne Artikel.
Erarichter und Chromat taten. 291

Zur Erläuterung mag auf folgendes hingewiesen sein.

Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß eine Urschrift


liehe Ausfertigung der Schuldurkunde vorgelegt werden
mußte. Denn nur aus dieser konnte mit ausreichender
Sicherheit entnommen werden, ob die vom Gläubiger be-
hauptete Forderung vollstreckungsreif vorlag. Unsere An-
nahme findet ihre äußere Bestätigung darin, daß in den
angeführten Texten bemerkt wird, die beigebrachte Ur-
kunde sei (vom Aussteller) unterschrieben. Denn seine oder
seines Schreibvertreters Unterschrift ist der Urschrift eigen-
tümlich: Abschriften haben überhaupt keine 1 ) oder doch
nur eine nachgebildete 2 ) Unterschrift. Dieser Punkt ist
nicht unwichtig. So sehr das Verfahren auch darauf ab-
gestellt war, den Schuldner für seine Verteidigung auf den
Widerspruch (dvriQgrjaii;) zu verweisen, so ist doch begreif-
lich, daß die Urkunde, auf der das Recht des Gläubigers

zur Forderung und Vollstreckung beruhte, von Amts wegen


eingesehen und damit sowohl hinsichtlich ihrer Echtheit
und Unverfälschtheit, wie auch hinsichtlich ihrer Form und
ihres Inhaltes, soweit davon die Vollstreckbarkeit abhing,
geprüft wurde. 8 )

*) So BGU. Lond. II 217f. Nr. 277; Lond. in 104f.


193. 196. 834;
Nr. 1166; Oxy. 271. 506; weiter auch CPR, 24; Fay. 90; Goodflp. 27;
Lond. II 206f. Nr. 298; Lond. II 216 Nr. 360; Lond. III 171 f. Nr. 918;
Oxy. 94. In den ereteren Stellen ist die Abschrift als solche bezeichnet,
in den letzteren nicht.
a
) 'AvxlyQcupov djioyQaqnfc: BGU.
CPR. 4; Grenf. II 69; Oxy.
1045;
494. In den Urkunden BGU. 399 deutet die gleiche Hand
77. 1013; Teb.
von Text und Unterschrift darauf hin, daß wir eine Abschrift vor uns
haben.
s
In Betreff der Form war zu prüfen, ob die Schuldurkunde öffent-
)

oder ob sie als Privaturkunde der Verlautbarung (örjftooiüxru;)


lich errichtet
unterzogen war. Was den Inhalt anlangt, war zu fragen, ob die Urkunde
die Vollstreckungsklausel trug, ob die Forderung durch Pfand gesichert
war, und wenn das der Fall war, welcher Art das Pfand war, ob Hypothek
oder Hypallagma. Vielleicht unterlagen auch noch andere Punkte der
Prüfung (Geldforderung, Fälligkeit?). Alles das soll hier nur angedeutet
werden: auf einzelne dieser Fragen werden wir zurückkommen. Übrigens
soll mit den Ausführungen des Textes selbstverständlich nicht gesagt

sein, daß in den Punkten, die von Amts wegen geprüft wurden, der
Widerspruch des Schuldners ausgeschlossen gewesen wäre.
19*
292 Paul Jörs,

Damit hängt noch ein Weiteres zusammen. Nach


Berl. 11664, 9 f. wurde die Urkunde vom Gläubiger aus
dem' öffentlichen Archiv des Navalov x ) beigebracht sie muß :

also dort hinterlegt gewesen sein. 2 ) Es kann keinem Zweifel


unterliegen, daß durch diese Verwahrung die Urkunde vor
Verlust und Verfälschungen sichergestellt werden sollte.
Gerade die Erwähnung der ßißfao&rjxr] rov Navalov aber
ruft sogleich den Gedanken an das zweite neben ihr stehende
Archiv, die ßißfoo&rjxrj Aöoiavrj und damit an die ötj/jioaicoaig
*

wach. Bisher war die Ansicht die, daß diese Verlautbarung


nur bei Privaturkunden Platz griff 3 ): müssen wir sie mit
Rücksicht auf unsere Urkunde, nach der eine avyyoaq>r\,
das ist hier offenbar eine öffentliche Urkunde 4 ), im Navalov
aufbewahrt wurde, ändern und annehmen, daß die ör]fio-
cliaaiQ, auch bei solchen Urkunden vorkam und insbesondere

für ihre Verwertung im Vollstreckungsverfahren notwendig

x
) Die Ergänzung von Schubart und Plaumann in Z. 10 ex \xrj<;

xaö Navydao ßißho&rprqq darf nicht angezweifelt werden, trotzdem sie


um 2—3 Buchstaben größer ist als die der übrigen Zeilenanfänge. Ich
würde eher glauben, daß der zweite Artikel fehlte, als daß ein anderer
Verwahrungsort angegeben gewesen wäre.
2
) Ob in Flor. 55, 13 und 56, 6 dasselbe Archiv oder überhaupt eine
öffentliche Verwahrungsstelle gemeint war, steht dahin. Die folgenden
Erörterungen zeigen, daß die Verwahrung nicht vom Gesetz gefordert
war, sondern im Belieben des Gläubigers stand. Vgl. S. 296.
*) Die dafür in Betracht kommenden Urkunden sind von mir

Z. Sav. St. XXXIV 108ff. zusammengestellt. Auf die seitdem in Oxy. X


und Soc. Ital. III bekannt gewordenen, hierher gehörenden Texte ein-
zugehen, würde an dieser Stelle eine zu große Abschweifung nötig machen.
Ich muß mich also damit begnügen, meiner Überzeugung Ausdruck zu
geben, daß sie ebensowenig einen Anlaß bieten, das oben Gesagte ein-
zuschränken, wie die oxryyQcuprj in Berl. 11664.
*) Über die öfter behandelte Frage, ob avyyo<upr\ auch eine Privat-
urkunde bedeuten kann, s. neuerdings Grenfell-Hunt zu Oxy. 1266,
17_19 . Betreffs des Berliner Textes wird die vollständige Veröffent-
lichung der Urkunde wohl noch nähere Aufklärung bringen. Aber schon
jetzt, soweit ich den Wortlaut kenne, möchte ich hervorheben, daß eine
Privaturkunde vor allem deshalb als ausgeschlossen gelten muß, weil
sonst hier in einem amtlichen und wahrscheinlich in Urschrift vorliegen-
den Schreiben des Erzrichters, in welchem er dem Strategen die Abschrift
des Gerichtsbeschlusses mitteilt, die für das Vollstreckungsverfahren not-
wendige örjftoaüoaig hätte erwähnt sein müssen. Auch Kürzungen des
Beschlusses dürfen hier nicht unterstellt werden.
Erzrichter und Ohren™:. 293

war? Ich glaube nicht: denn einmal ist zu beachten, daß


hier eben nur das Navalov genannt ist, während bei wahrer
1
hfftoaloHJiQ, seitdem die beiden Archive l>< standen ), sie in
allen uns bekannten Fällen auch beide zusammen aufgeführt
werden. 2 3 Noch mehr aber fällt folgender Umstand
) )

Gewicht. Während eine Privaturkunde nur dann zur


Grundlage des Mahn- und Vollstreckungsverfahrens ge-
macht werden konnte, wenn sie (in der vorgeschriebenen
Form) in die alexandrinischen Archive eingebracht war 4 ),
ist allem Anschein nach bei der öffentlichen Urkunde die

Verwahrung im Navalov und folgeweise die Vorlegung aus


diesem Archiv in der Gerichtssitzung der Chrematisten,
wie sie Berl. 11664 aufweist, keine gesetzliche Voraus-
setzung für den Erlaß des xQ'W axialx ^
tveyyQaaia:; gewesen.

*) Ob das für unsere Urkunde zutrifft, läßt sich nicht mit Sicher-
heit sagen. Wir wissen zwar, daß der ;jo>;/MJTK7/iö£ evi/voaaiaq dem Jahre
133 angehört, nicht aber, wann die in ihm erwähnte ovyyoaiprj errichtet
und hinterlegt wurde. Die hadrianische Bibliothek können wir neben
der des Xanaion bis in das Jahr 127 zurückverfolgen (Oxy. 34).
•) BGU.578, „; Lipe. 10, n M Oxy. 34; Oxy. 1200, 4r Bei
;

Oxy. 719 darf angenommen werden, daß das zweite Archiv in dem
verlorenen Schluß genannt war, also etwa: awxaraxioo[iaai —]
— tö Navalov (oder riyv roü Na-
eis i[t]v 'AÖQUtvr)v ßi]ß[Xiy&rptrjv, efc [öi
Auch Lond. III S. XLVIII Nr. 949 wird schwerlich eine
valov) tö ujov.
Ausnahme bilden. Denn wenn eine Abschrift an das Navalov gesandt
werden sollte, so wird wohl auch hier wie sonst bei der örjfioaiaxjiQ die
Urschrift der 'Aöotavi) ßißkoWpcr] eingeliefert sein. Ein sicheres Urteil
ist, wie ich schon an anderer Stelle hervorhob (Z. Sav. St. XXXIV 110),
bei der Kürze des Berichts des Herausgebers, der namentlich kein Urteil
über die Möglichkeit der Ergänzungen der verlorenen linken Seite der
Urkunde zuläßt, nicht möglich.
3 Wenn es sich in Berl. 11664 um örjfioauooi^ handelte, müßte es
)

auch auffallen, daß hier die Urschrift (S. 291) der (öffentlichen) Urkunde
gerade aus dem Navalov herbeigeschafft wird. Man sollte dafür die
'AÖQtavfj ßißfao&rpcri erwarten, denn bei der Verlautbarung von Privat-
urkunden gelangte in dieses Archiv immer eine Urschrift, in das Navalov
dagegen häufig nur eine Abschrift. Man müßte nach dem Vorbild von
BGU. 578, 17 die Hinterlegung zweier Urschriften der ovyyoatpr} unter-
stellen, um eine für das Navalov annehmen zu können. Und auch dann
bliebe die Frage übrig, warum die Urkunde dem Archiv entnommen
wurde, das zufällig, warum nicht dem, das notwendig eine Urschrift
enthielt.
«) Jörs, Z.Sav.St, XXXIV 140.
294 Paul Jörs,

Das tritt deutlich hervor, wenn man BGU. 1038


(Chrest. II 240) zur Vergleichung heranzieht. Auf den
ersten Blick zwar könnte man sich versucht fühlen, in Z. 13 f .
zu ergänzen: rät[v de öi' avrfjg arjfiouvo/jtevcDV diayQcupüv (vgl.
Z. 19 ) v7ioysyQa[i[iiv(ov e7ievrp>ey[dvmv. Aber es ist nicht
möglich, diese Worte in den zur Verfügung stehenden Raum
einzufügen, ohne mit erheblich größeren Abkürzungen zu
rechnen, als sie die Urkunde sonst bietet. 1 ) Erfreulicher-
weise deutet der, wenn auch nur bruchstückweise erhaltene
Text selbst auf einen andern Weg. Wenn es in der evrevijig
heißt ( 26
): ]öiayQaq>äg evgrj ovaag h xatax[coQ]iafMp etii tc&v
ronoiv, und entsprechend im Pfändungsbeschluß ( 15
): säv
yeyowlcu cd /*[... ]v/xevai diayQoupai, so ist daraus zu
c5<r(i) .

schließen, daß in diesem Falle der Gläubiger die in Frage


stehenden Bankurkunden nicht bei der biakoyr\ aus einem
alexandrinischen Archiv den Chrematisten vorlegte, son-
dern erst bei Gelegenheit der im Pfändungsbeschluß angeord-
neten Erhebungen em ra>v xonmv dem diese Verhandlungen
leitenden Beamten, wahrscheinlich dem Strategen, die
dort in Verwahrung befindlichen Urkunden nachwies. Man
wird sich die Lage demnach folgendermaßen vorstellen
müssen: Die Chrematisten hatten zu bestimmen, ob der
Gläubiger sein Recht, die Vollstreckung zu begehren, vor
ihnen selbst oder im forum executionis durch die Urkunde,
welche das maßgebende Schuldverhältnis verbriefte, klar-
legen sollte. Im ersteren Falle (Berl. 11664; Flor. 55. 56;
wahrscheinlich auch BGU. 239) führte ihr Pfändungs-
beschluß die Beibringung der Urkunde als Grund seines
Erlasses an, im zweiten (BGU. 1038) machte er das Vor-
handensein der Urkunde zur Bedingung der Durchführung
der Pfändung.

*) Zwischen den Zeilen fehlen, wie man aus den vielen sonstigen
zuverlässigen Ergänzungen entnehmen kann, etwa 60 Buchstaben. Da
nun die von Mitteis in Z. u eingefügten Worte xai xov foyo/iivov öi-

aneaxdJSai 'Agiov 'Aq .] so gut wie sicher gelten können, hätten wir
. .

mit der im Text angegebenen Ergänzung zwischen Z. 13—14 mehr als


90 Buchstaben. Dabei sind die von Berl. 11664 an die Hand gegebenen
Worte ex rfjg xov Navaiov ßißkto&^arjg noch gar nicht in Ansatz gebracht.
Ich vermute eher, daß in Z. 13 noch Namen (Großvater, Heimatsort)
enthalten waren.
Erzrichter und Chrematisten. 295

Was das Verfahren irci i<bv x6noiv anlangt, so könnte


auffallen, daß in BGU. nicht (wie in Berl. 11 664, 10 ;
1038, 16
Flor. ;">">,
13 .
66, 6 ) von einem 'Beibringen' (im<p£geiv), son-
dern vom 'Vorhanden-' oder 'Errichtetsein' (a»<r(i) yeyo-
wlai) der Urkunde Wörtlich genommen gaben
die Rede ist.

also die Chrematisten den Ortsbehörden nur auf, das Da-


sein der diayQa<pai festzustellen wie sie sich diese Kenntnis :

verschaffen sollten, wurde ihnen nicht vorgeschrieben. Die


größte Sicherheit bot natürlich auch hier die Einsichtnahme
in die aus dem xaraxatgia/nog beigebrachten und vorgelegten
Urkunden. Außerdem könnte etwa noch in Betracht kom-
men, daß der Gläubiger durch eine Bescheinigung des Nota-
riats oder der ßißXto&rjxr) £yxrrjo£<ov oder sonstigen Auf-
bewahrungsstelle 1 ) nachwies, daß die Urkunde in den bei
ihnen geführten Sammlungen vorhanden war. 2 ) Wenn man
aber erwägt, daß es sich nicht bloß um die Echtheit der
Urkunde handelte, sondern auch darum, ob ihr Inhalt das
Begehren der Pfändung oder Besitzeinweisung rechtfertigte,
was doch nur die Behörde selbst entscheiden konnte, wenn
man ferner in Betracht zieht, daß sich auch die Chrema-
tisten nicht mit einem Zeugnis des Navalov begnügten, son-
dern die Urkunde selbst einsahen, so ist wenig wahrschein-
lich, daß ihre Aufforderung an Strategen (oder Praktoren),
das Dasein der öiayQaq>ai festzustellen, einen andern Sinn
gehabt und ihnen die eigene Prüfung erlassen haben sollte.
Wann die Chrematisten die Prüfung selbst vornahmen,
wann sie diese den Ortsbehörden überließen, läßt sich

*) Über das xaxaxoyQl^etv bei rechtsgeschäftlichen öffentlichen Ur-


kunden CPR.
27, M ; Hamb. 15, 28 Lond. Nr. 1897, ! (Arch. f. Pap.
vgl. ;

VI 106);Oxy. 268, »; Teb. 397, x Thead. 2, x \ wahrscheinlich auch


;

Erzh. Rainer 1528 (Wessely, Mitt. Erzh. Rain. V 97. Sitz. d. Wiener
Akad. 124,41); SN. 87 (Wessely, Karanis und Sokn. Nesos S.50); vgl.
auch Wessely, Spec. isag. 7 (8), ^ff. In Oxy. 34 ist m. E. die Beziehung
nicht hinreichend gesichert, s. Z. Sav. St. XXXIV 116, r Des nähern
kann auf die Bedeutung der Verwahrung hier nicht eingegangen werden.
2
) Daß derartige Nachweise auch sonst vorgekommen sind, zeigt
BGU. 1047, ii s f. rag ävxi ovußoljakav öiayQafcpäs] (Mitteis, Grundz. 69, 4 )
:

TQOJts^wv fit) elvai ev xaTax<oQiO[MÖ. Diese Auskunft ging von den ßißho-
<pv)xtxe± aus, denn Z. n 7 f.
muß zweifellos mit Wilcken (Arch. f. Pap.
III 508) zavrä Tolg ßiß}Mxpv).a£iv gelesen werden.
296 Paul Jörs,

nicht entscheiden. Nahe liegt es, zu vermuten, daß das


erstere Verfahren bei Verwahrung der Urkunde in Alexan-
drien, das letztere bei solcher am Vollstreckungsorte Platz
griff. Aber doch ist es bedenklich für eine Frage, in der ,

offenbar die Überzeugung und das Ermessen des Gerichts zu


entscheiden hatte, eine Regel aufzustellen. 1 ) Überhaupt darf
man nicht glauben, daß der öffentlichen Urkunde nur dann,
wenn sie bei einem öffentlichen Archiv, sei es in der Stadt,
sei es auf dem Lande, in Verwahrung gegeben war, Voll-
streckbarkeit zukam. 2 ) Nichts Derartiges ist überliefert,
und die Tatsache allein, daß in Berl. 11664 (vielleicht auch
in BGU. 239) und BGU. 1038 solche Verwahrungsstellen
erwähnt sind 3 ), genügt um
daraus eine gesetzliche
nicht,
Norm zu erschließen, welche die Hinterlegung zur Voraus-
setzung der Pfändung oder Besitzeinweisung machte. Nichts
steht im Wege, sie als eine freiwillige anzusehen.

2. Eidesleistung des Gläubigers.


Zu den Voraussetzungen, von denen die Durchführung
der ivexvgaaia und e/ußadeia abhing, gehörte eine eidliche
Versicherung des Gläubigers, daß seine Behauptungen in
der svreviig wahr seien und daß (seither) keine entgegen-
stehenden (rechtsgeschäftlichen) Verfügungen vorgenommen
seien. Sie wurde durch den Gerichtsbeschluß der Chrematisten
angeordnet. In BGU. 1038, 15 f.; Flor. 55. 56, 8 f. findet sich
dafür folgende übereinstimmende Fassung: die Richter be-
schließen, daß die Ortsbehörden zur Durchführung der
Pfändung oder Besitzeinweisung ermächtigt sein sollen,
wenn der Gläubiger den vorgeschriebenen Eid leistet. So
z. B. die am besten erhaltene Urkunde Flor. 56, 7 ff. (Chrest.

*) Außerdem würde die Regel auch versagen, wenn die Urkunde

an keinem der beiden, sondern an einem dritten Orte hinterlegt war.


2
) Nur um diese Frage handelt es sich hier. Errichtungsform in
dem Sinne, daß die Gültigkeit oder auch nur die Wirkung der Urkunde
von der Hinterlegung abhing, war diese im griechisch-
als einer öffentlichen
römischen Ägypten überhaupt nicht.
3
) Flor. 56, 6 und 55, 13 erwähnen überhaupt nur das Beibringen
(inupegeiv) : das kann auch ohne öffentliche Verwahrung gedacht werden.
!it»r und Chromat 297

II i!41): avvexQtitldtuv 1
) yga(prj]vai — tw — (rtga^T/yä)) 2
),

iv, iäv 7iag[ov]aa %m[axov]fl fj AvgrjMa 'Agrjxovt; — xal


jtgofjxcu — [tj)v] xa§t)xovaav x*iQOYQ a ( (piav ) negi xov. äArj&r}
iivat tu diu t Fjq ivjev^£(o[<;] öe[dr)A<ofie'v]a xal fiijdev v7ievavxiov

<bxov[o/Lii)od]ai — /uexä xavxa awx[eX]fjxai r[ä] xfji; [i]ft-


ß[aö]£iag — . Der Eid sollte also hü xätv xötiütv geschworen
werden: er war als Schrifteid (xeigoygayta) vorgesehen und
mußte als solcher vor dem Strategen 8 ) abgelegt, d. h. schrift-
lich eingereicht werden. Es spricht manches dafür, daß wir
in BGU. 1038 (Chrest. II 240) eine solche Eingabe vor uns
haben. 4 ) Maßgebend für die Bestimmung der Urkunde im

1
) Über diese von der des Herausgebers abweichende Ergänzung
s. S. 240.
2
) Im Pfändungsbeschlussc tritt noch hinzu xai xtj> — t-evotüiv

jiQaxoQi s.BGU. 1038, 15 über BGU. 239 und Berl. 11664


; vgl. S. 290.
3 Das
) 55 und 56 cit. klar, weil bei der e^tßaöeia der
ist in Flor.

Strateg die einzige Ortsbehörde ist, die mit der Ausführung des yQitfia-
Tio/iös befaßt wird. Es ist anzunehmen, daß dje Akte, welche sich in gleicher
Weise bei der ivexvgaaia finden, darunter die Eidesleistung, auch bei
ihr zur Zuständigkeit des Strategen, nicht des Praktor gehörten. Außer-
dem wird in BGU. 1038 gerade die Zustellung des -/Qijfiaxianög (mit
der JrtBufc) von der Eidesleistung abhängig gemacht. Von ihr wissen
wir, daß sie der Strateg anzuordnen hatte (S. 236): also wird auch ihm
der Beweis der Erfüllung der dafür gesetzten Bedingung erbracht wor-
den sein.
«) Vgl. über BGU. Urkunde hier in Betracht kommt,
1038, soweit die
Koschaker, Z. Sav. St. XXIX
Eger, Grundbuch 61f.; Mitteis,
36, t;
Chrest. S. 267. Schon Koschaker hat richtig erkannt, daß die Ein-
leitung in Z. 6f. die Ableistung des dem Gläubiger im xQTj/MiTiOfxÖQ iveyv-
Qaoiag auferlegten Schrifteides enthält. Daß hier ein Schwur geleistet
wird, ist durch öfivva) [rfjv 'Avxwvtyov Kcuooqoq xov xv[qiov xvxtjv außer

Frage gestellt. Daß es sich dabei um den von den Chrematisten geforderten
Eid ( 18 ) handelt, wird schon durch den Zusammenhang der Stücke wahr-
scheinlich. Auch sehen die in Z. 9 erhaltenen Worte /j.i]{xe i]yeiv xi eh;
xä JiQaooöfieva, äneQÜ.vxov öe el[vcu xtjv] oUpiXrjv ganz so aus, als entsprächen
sie dem fit]6[ev VTie]vavxiov (bxovon[rja&ai ( 14 ), das als Inhalt der Eides-
leistung vorgeschrieben wird; die Bestätigung des vorher geforderten
d?.]>?#r7 elvai xä öiä x[fjg ivxev&wg öe8ri}xofiiva\ ( 18 ) dürfte man in der

vorhergehenden Lücke suchen: beispielsweise würde urfiev xöjv iv xjj


ivxevget öeörj?xo/nEva)v etpevfad-ai (39 Buchstaben) gerade den zur Ver-
fügung stehenden Raum füllen (vgl. Koschaker a. a. O.). Als Adressaten
der Eingabe können weder die ßißPuocpvPxtxE; noch der £evixän> tiqoxxwq
(an die man gedacht hat) angesehen werden. Erstere amtieren, wenn auch
298 Paul Jörs,

ganzen ist das erste Stück d_ 8 ), das zunächst die Adresse ( x )


und nach einer einleitenden Darstellung des Tatbestandes
(2_5) die Eidesformel (5.^) enthält. Zu ihm gehört die Unter-

richt ausnahmslos (Erzh. Rain. 1436 [Chrest. II 200]; Gen. 44 [Chrest.


215]), so doch in der weitaus überwiegenden Zahl von Beispielen zu
zweit: sie sind darum bei BGU. 1038 durch das sicher ergänzte d[pi in
Z. 7 unwahrtcheinüch. Ausgeschlossen aber sind sie und ebenso der
gevixwv jiqoxtcoq durch Z. v Da die Ausgabe nicht angibt, daß die Ur-
kunde oben abgebrochen ist, muß angenommen werden, daß sie mit der
uns vorüegenden ersten Zeile begann: dann aber müssen deren einzige
erhaltenen Worte 'HQaxjtetöoiv /ijegldog zur Adresse gehört haben. Nun
erscheinen aber in den vielen arsinoitischen Urkunden die ßißXuxpvXaxeg
Beamte des ganzen Gaues, nie der
stets als pteglöeg, und dasselbe gilt,

wenn wir auch weniger Beispiele haben, vom fevwaöv JigaxroiQ (vgl. Teb.
165; Berl. 11664, 15 , wo die Gegenüberstellung von Praktor des vo/tog
und Strategen der hbqIq zu beachten ist). Nur für den Strategen paßt
der Zusatz des Teilbezirkes in BGU. 1038, x : daß er in der Tat für die
Abnahme des Eides zuständig war, wurde eben (vorige Anm.) dargelegt.
Trotz alledem darf nicht übersehen werden, daß der Auffassung von
BGU. 1038 als Schrifteid Bedenken entgegenstehen. Einmal ist nicht
recht einzusehen, warum einer solchen Eidesleistung die übrigen Akten-
stücke („-ag) angefügt wurden: enthielt die Eingabe etwa außer dem
Schwur in Zeile 6f. noch einen weiteren Antrag ? Eine größere Schwierig-
keit liegt darin, daß der xQVfiaTl<J^Q nach offenbar zutreffender Er-
gänzung (Mitteis, Chrest. 241, 17 ff.) die Zustellung nur dann ausgeführt
wissen will, wenn der Eid geleistet ist, während die Eingabe sie als ge-
schehen voraussetzt. Denn der Gläubiger teilt unter den Beilagen als
ersten, also der Zeit nach letzten, der jetzigen Eingabe unmittelbar vor-
hergehenden Akt sein Gesuch vom 27. Mai um Zustellung mit (s—m),
und die am Schlüsse der Beilagen in Z. 28 erhaltenen Worte ZctQamdöi
ivoxnlilq} mit dem Datum des 2. Juni können nichts anderes sein als

ein Vermerk des Amtsboten über die Ausführung dieser Zustellung (vgl.
die S. 233, 3. 235, 3. 238, 2 zusammengestellten Belege). Die Zustellung
war also bereits erfolgt, als der Gläubiger seine vorüegende Eingabe
einreichte. Dies leuchtet um so mehr ein, als in ihrer Unterschrift
(Z. 30) ein Datum genannt ist, JJavvi la =
Juni, das um drei Tage
5.

jünger das der Zustellung des xQrlfiaria/i


ist als (2- Juni). Wie der^
Widerspruch zwischen der Eingabe und dem Gerichtsbeschluß zu er-
klären ist, vermag ich nicht anzugeben. Aber diese Bedenken vermögen
an der Tatsache, daß wir in BGU. 1038, a_ 8 28 it einen dem Strategen
.

eingereichten Schrifteid des Gläubigers beim Genius des Kaisers vor


uns haben, nichts zu ändern. Auf jeden Fall müssen wir uns also die
Frage vorlegen, was der Gläubiger beschwört: ich wüßte, wenn die im
vorstehenden vertretene Auffassung nicht gelten soll, keine mit den
Resten von Z. x_ 8 zu vereinigende Antwort zu geben.
Eruichter und Chrematiaten. 299

schrift des Gläubigers am Schlüsse ( s8 ff.), wo um des Eides


'
willen wohl Tgvaxov
AnoXXtovlov [öfnoftoxa allein oder mit
Hinzufügung von xal imd£da>xa zu ergänzen ist. 1 ) Die da-
zwischen eingeschobenen Stücke (g_j 8 ) sind, wie der Gläu-
biger selbst angibt ( 7 ), abschriftliche Beilagen.
Von dem Eide haben wir auch in BGU. 239, n ff.
(Preisigke, Berichtigungsliste S. 29) eine Spur. Die Reste
lauten 8 ): ]* Avxuivel\y6]v Zeßacrxov Evaeß[tj a\\rj&r) elvcu rä
[öi]ä xr\[q ivxev^eax; öedrjXcjfiiva xal firjdev vnevavxiov d>xo~
8
vofATJa&ai ) awe]xQtvafAev yg(a(prjvai) xal 7ie/Mp&(rj-
vat) Trjg [brcev£ea>g ä]vr{yg(aipov) rw te rrjz [' Hgaxk(eidov)
pegtöog xov '
Aga(ivoetxov) axg(axrjycp) xal xü> xov avxov vofwv
t-evixüv ngoxrogi Daß der Name des Kaisers in Z. lt
zu einem Schwur auf den Kaiser ergänzt werden muß, er-
gibt sich aus den unmittelbar darauffolgenden Worten. 4 )
Der Eid ist also hier vor der Entscheidungsnorm (awexgl-
vafxey xtX.) erwähnt, während er in BGU. 1038; Flor. 55. 56
in ihr enthalten 5
ist. ) Seine Ableistung ist nicht in das

*) Vgl. für" öfitüftoxa (oder ätfioffa) allein BQU. 543, ,. tl 891, R „.


.

„. M Oxy.
; 77, a M f.
. 83, 6
.
u . 100, ,. n ; Teb. 293, u M zusammen mit
. ;

budiöwxa Amh. 71, w


M 72, lt lt f. . .

*) Die Ergänzungen rühren größtenteils von Koschaker (Z. Sav.

St. XXIX 31 f.) her. Den Schluß habe ich hinzugefügt: durch das er-
haltene xe wird ein xal gefordert, das dann nach Maßgabe der parallelen
Urkunden BGU. 1038, w und BerL 11664, u wohl zweifellos den £enxtür
7iq6xx(oq einführte.
*) Ob hinter (pxovofiijcrihu noch weitere Worte anzunehmen sind,
ob auch die vorhergehende Fassung etwas ausführlicher war,
vielleicht
läßt sich nicht ausmachen. Im Vergleich mit den sonstigen Ergänzungen
der Urkunde würde der Baum noch etwa 10 Buchstaben zulassen.
*) Auch dies hat schon Koschaker a. a. O. S. 36, hervorgehoben.
t
*) Eine ebensolche oder ähnliche Fassung ist für Berl. 11664 zu

erwarten, wenn, wie zu vermuten, auch hier der Eid vom Gläubiger
verlangt wurde. Daß sie in BGU. 239 ausgeschlossen ist, ergibt sich,
abgesehen von den im Text aufgewiesenen Spuren, auch daraus, daß
die Raumverhältnisse der Urkunde eine Ergänzung hinter owEXQivafiev
verbieten. Ein annäherndes Bild der Zeilenlänge kann man sich aus den
Ergänzungen von Z. 5 g_w machen. Selbst wenn man die doppelte
.

Länge annehmen wollte, würde an der entscheidenden Stelle, zwischen


Z. 1S und 14 der Raum bei weitem nicht ausreichen, um die Auferlegung
des Eides hineinzupressen. Wir sahen (Anm. 2), daß hinter dem Strategen
offenbar auch hier (in Z. 1S ) der Praktor genannt war; die erhaltenen
300 Paul Jörs,

spätere Verfahren ini rcov xönoiv verlegt, sondern sie muß


und wird nun zur Grundlage des Be-
bereits erfolgt sein
schlusses gemacht. Man kann sich dessen Fassung etwa
folgendermaßen vorstellen: 'Nachdem der Gläubiger beim
Genius des Kaisers geschworen hat, daß seine Behauptungen
in der evrevgis wahr sind und daß keine entgegenstehenden
Verfügungen vorgenommen wurden, haben wir entschieden,
daß dem Strategen und Praktor geschrieben werde' usw.
Wie diese Eidesleistung vor Erlaß des Beschlusses im
einzelnen vor sich ging, muß freilich gegenüber der nur sehr
unvollständig erhaltenen Urkunde eine offene Frage bleiben.
Denkbar wäre, daß der Gläubiger nicht durch einen Bevoll-
mächtigten vertreten war, sondern das Vollstreckungs-
verfahren in Alexandrien selbst betrieb: er könnte dann
den Eid in der Sitzung des Gerichts (inl trjs öiatoyfji;)
mündlich geleistet oder ihn auch vielleicht niedergeschrieben
eingereicht haben. 1 ) Möglich wäre an und für sich auch,
daß der Gläubiger, wie in den andern uns bekannten Fällen,
einen Vertreter vor die Chrematisten entsandte und durch
ihn den in seiner Heimat aufgesetzten natürlich mit der —
nötigen Beglaubigung versehenen — Schrifteid einreichen
doch würde sich diese Annahme mit dem erhaltenen
ließ 2 ) :

Text von BGU. 239 schwer vereinigen lassen. 3 )

Anfangsworte von Z. u ivcon]lq) Iv eldy aber gehen zweifellos auf die


Anordnung der Zustellung des Beschlusses. Es ist nun schlechterdings
unmöglich, dazwischen, wenn auch in abgekürzter Gestalt, dieselben
oder ähnliche Worte einzufügen, wie sie an der entsprechenden Stelle
BGU. 1038, is_ 17 oder Flor. 55, 16 —19 . 56, 7 _ 9 bieten.
x
) Diese Annahme würde das Satzgefüge und die Raumverhält-
nisse für sich haben. In Z. n ist, wie wir sahen (S. 290), nach der Be-
nennung des Gläubigers zunächst zu ergänzen [rfjg öe] öi' avxrji; orj/iaivo-
n\hr}z 0vyyQa<pfjs vjioyeyQafifidvrjg e7ievrjveypievr]g. Sodann verlangt der
Schluß notwendig den Anfang des Kaisernamens in Z. 12 , also (wohl
mit Abkürzungen) Ayrotcgdtoga Kaixsaqa Tirov Aifaov 'Aöquivov]. Wir
würden innerhalb der gegebenen Grenzen bleiben und sie auch ausfüllen,
wenn, wir zwischen diesen beiden Bestandteilen einfach einfügen dürften:
xai tov öeöavetxorog ö/iöoavrog.
2
) Vgl. dafür Oxy. 260;
Hamb. 4; BGU. 647. 581. 891 R.; Fay. 24;
wahrscheinlich gehört auch Oxy. 1258 hierher; vgl. auch Hamb. 6.
3
) Anfang und Schluß
der Ergänzung müßten natürüch ebenso
lauten wie in Anm. 1. Zwischen eJievrjveypevTjs und den Kaisernamen
Erzrichter und Chrematisten. 301

Wir sehen also, daß, ebenso wie die Schuldurkunde


entweder den Chrematisten in der Sitzung oder dem Stra-
tegen des Vollstreckungsortes vorgelegt wurde, so auch der
Eid des Gläubigers entweder vor Gericht oder im Nach-
verfahren geschworen wurde, je nachdem es den Chrema-
tisten angemessen schien. So nebensächlich diese Frage
nach dem Wann und Wo auch an und für sich erscheinen
mag, so ist ihre Erörterung doch deswegen wichtig, weil
sie uns zeigt, daß die Tätigkeit der Chrematisten keineswegs

eine rein mechanische war, sondern daß diese Richter ihre


Beschlüsse nach den Verhältnissen des einzelnen Falles ver-
sehieden gestalteten 1 ), und vor allem, daß sie trotz des
Grundsatzes einseitigen Gehörs Pfändung und Besitzein-
weisung nur dann verhängten, wenn der Gläubiger vor
ihnen oder dem von ihnen beauftragten Strategen seinen
vollstreckbaren Anspruch durch Urkunde und Eid die —
modernen Gesetze würden sagen 'glaubhaft gemacht' —
hatte.

IV. Eigentumserwerb am Pfände.

Das Pfand ist in den uns bekannten Fällen des Voll-


streckungsverfahrens auf Grund exekutiver Urkunden ein
Verfallspfand. 2 ) Die Erörterung der Frage, ob der XQVß '

müßte dann zuerst die bekannte Formel xcu xov /^syo/idvov öunxeaxdX&ou
— Name und Vatersname — v7wyeyoaup6xos öuvieoxd).dcu Tiodg xrjv xov
ZQtj/MiTiOfiov zeXebtxnv ergänzt werden, darauf hätten notwendig noch
W
andere die x£tQ°yQa 1 einleitende Worte folgen müssen, deren gram-
matische Verbindimg mit dem Kaisernamen und alrjürj elvai anders
als inden parallelen Urkunden gestaltet werden müßte. Aber dafür
ist inZ. n _ 12 unmöglich Platz: schon die Einleitungsformel würde
den zur Verfügung stehenden Raum erheblich überschreiten. Mich
dünkt demnach in BGU. 239 der öuuKOxaXfih'og recht wenig wahr-
scheinlich.
x
) Verschiedenheiten, die bloß den Ausdruck betreffen, wie die
direkte Rede (diandoxal/nai) in Berl. 11 664, 12 , die indirekte (duvt&Jxd).vxcu)
in BGU. 1038, 14 und Flor. 56, 7 sind ohne Bedeutung.
2
) Über den Verfall des Pfandes und die damit zusammenhängenden

(im Text berührten) Fragen kann im allgemeinen auf Mitteis, Grundzüge


142ff. (mit Literaturangaben) verwiesen werden. Hinzugekommen sind
,

302 Paul Jörs,

napog ivexvQaotag der Chrematisten auch auf einen andern


Weg, insbesondere den des Verkaufes auslaufen konnte,
würde von den Quellen absehen müssen und darum in der
Luft schweben. Auch Rückschlüsse aus anderen Tatsachen
sind hier nicht angebracht, teils weil sie nicht zwingend sind
— so der aus den Verkäufen des öffentlichen Rechts —
teils weil deren eigene quellenmäßige Grundlage zu un-
sicher ist — so bei der Urteüsvollstreckung — . Auch
für die Rechtsvergleichung ist kein Raum, solange wir
das Verfahren auf Grund exekutiver Urkunden außerhalb
Ägyptens nicht genauer kennen mit allgemeinen Gesichts-
:

punkten ist auf diesem durch ältere und jüngere Gesetze


und Edikte so eigenartig ausgestalteten Gebiet wenig aus-
zurichten.
Gehen wir auf die Sache selbst ein, so tritt uns überall
in den Urkunden die Erscheinung entgegen, daß das Ver-
fahren zuerst zum Eigentumserwerb, dann erst zum Be-
sitzerwerb führt. Die e/ißadsia setzt den Gläubiger als
Eigentümer voraus: ihm gehört bereits das Grundstück,
das der Schuldner räumen soll und das er selbst durch
'Beschreiten' (ifißaösveiv = ingredi) in Besitz nehmen will. 1
)

Es wird also zu untersuchen sein, auf welche Weise der


Gläubiger seit der evexvQaoia bis zur iftßadeia zum Eigen-
tümer wurde: dabei soll auch hier ohne Rücksicht auf

die zeitliche Reihenfolge (vgl. S. 230) zunächst der


Akt behandelt werden, über den wir die besten Nach-
richten haben, der also die sicherste Grundlage für weitere
Schlüsse bietet.

namentlich Raape, Verfall des Pfandes 49ff. und Manigk in Wissowa-


Krolls RealenzyÜ. (Art. Hypallagma, Hyperocha, Hypotheca). Ich be-
tone auch hier noch einmal, daß die vorliegende Arbeit sich auf Grund-
stücke als Gegenstand des Vollstreckungsverfahrens beschränkt: darüber
allein sind wir durch unsere Quellen unterrichtet.
x Dieser Satz gilt auch für die Hypothek, verschieden aber ist
)

bei ihr die Art und Weise des Eigentumserwerbes. Meinem Plan ent-
sprechend (S. 231, 1) sehe ich von den Besonderheiten des Hypotheken-
rechts zunächst ab (s. darüber Abschn. V) und behandle hier nur den
Eigentumserwerb bei pfandloser oder durch Hypallagma gesicherter
Forderung.
.

Erzrichtrr und Chrematisten. 303

1. Karaygaqiij.
Die xarayQCKprj des Vollstreck ungs Verfahrens 1 ) erschien
bisher in folgenden Urkunden*):

Flor. 55. In der £vrev£tg heißt es ( M ff.): 'Etjaxcov


xaray]eyQapfiai öiä xov iv[ ivexvoaot]ag xal Tigog-
ßokfjg Ttov [ , womit weiterhin („) olxiav xal ngo-
vy'joiov zu verbinden ist. Entsprechend sagen die Chrema-
tisten im xQW aTia i °S
t ifxßaöeiag ( ls ) [zfjg öe dl avTr)g (d. i.

ivxev^etog) arj/iatvo/nd]vrjg 3 ) xa[x]ayqa<pr\g i7ievrj[vey(x£vrig.

Flor. 56 (Chrest. II 241). In der evrevtig lesen wir ( 10 ff.) :

Avo]r)X(ia) 'Aqtjtovs xaTayiyQa(fijuai)- xarä tu 7iq[ote]-

r£X[ei(Ofxha yQa(^fiara) i]vexvgaai[a]g xal 7iQogßo[Xrj]g xafrd


owxüiQrfloiv xeXeioi&elaav — Datum rat; re ^ntjXXay-
fiivag — — [ OQovoag — — xal —
] ij/iurv fiigog olxiag —
Die Pfandgrundstücke werden als verfallen in Anspruch
genommen für die geschuldeten Kapitalien nebst Zinsen,
Gebühren und Kosten ( 16 ): i<p' ol[g] äXXoig rj xfjg xarayga-
(<pfjg) owx<i>Qr)Oig TtegtixBi, Öl r)g xal ai ynviai iör]Xoj&r)oav.
Der Antrag geht dahin, den Strategen anzuweisen 17 ):
ifißißdoai fie elg rä [x]arayQa(<pivra) ndvxa Ebenso — — .
(

sagt der Gerichtsbeschluß ( 6 ): xfjg de 6C av[Tfjg (d. i. ivrev-


£ecog) ot]/j.aivo][i£vr)g xaTa[yoa(<prjg)] v7ioyeyQa(fi/Li€vtjg) e7ievrj-
veyfih7]g, und bei der Anordnung der Räumungsaufforde-
rung der Gläubigerin ( 9 ): diaareiXafi[ivr) roig o]$oi iv rolg
xa[raye]yQajUfiivoig (d. i. Grundstücken) ixxojgeiv ix tovtwv
iv rjixeqatg [ö]ixa.

Daß xaxayeyQafifxai olxiav, ägovoag in diesen Urkunden

*) Nur für den Bereich des Vollstreckungsverfahrens soll die xaxa-


yQatpJi hier behandelt werden. Ihren Begriff im allgemeinen und die
damit zusammenhängende Frage des Eigentumserwerbes auch nur an
Grundstücken zu verfolgen, würde eine eingehende Abhandlung er-
fordern. Vielleicht ist es aber auch für derartige weitergreifende For-
schungen nützlich, wenn zunächst einmal für ein beschränktes Gebiet,
soweit als möglich, Klarheit geschaffen wird. Ich glaube, die Quellen
hegen dafür gerade beim Vollstreckungsverfahren günstig.
*) Die Texte von Flor. 55. 56 sind hier zunächst so gegeben, wie

sie bisher ergänzt sind. BGU. 1132 ist vorläufig nicht herangezogen,
weil dieser Urkunde ein besonderer Abschnitt (rV 4) gewidmet ist.
3 Über diese Ergänzung s. oben
) S. 290.
304 Paul Jörs,

bedeutet (medial) 'ich habe mir das Grundstück zuschreiben


5
lassen oder (passivisch) 'mir ist das Grundstück zuge-
schrieben worden' 1 ), demgemäß xaxayeygafAfieva, xaxayga-
cpevxa 'die zugeschriebenen Grundstücke' und xaxayqaxpr]
den Akt der 'Zuschreibung' bedeutet, ist einleuchtend.
Zweifel aber sind in der neueren Litteratur darüber laut
geworden, ob es sich um ein Zuschreiben auf amtlichem
oder rechtsgeschäftlichem Wege handelt. 2 ) M. E. kann nur
die letztere Ansicht aufrechterhalten werden: das zeigen
schon die seit länger bekannten, noch viel mehr aber die
neuerdings hinzugekommenen Urkunden.
Zunächst Flor. 55, 24 . Die Worte xaxayeyQafi/j.cu öiä
xov ev [ . . .
3
) lassen nur die Ergänzung durch ein Urkunds-
amt in der Hauptstadt — etwa: diä xov ev [' AXetjavögeiq
xaxaloyeiov*) — oder in der %üioa b ) — etwa: diä rov ev
['Eq/iov Tiolei äyooavofiiov — zu. 6 )
In Flor. 56, n lesen wir an der entsprechenden Stelle
%arayiyQa((X(iai) — xa\xä aw/oiqr^aiv 1 ) xeXeioftelaav xq>

1
)
Dieser passive Gebrauch des Wortes tritt besonders deutlich
in dem nachher zu betrachtenden Pap. Lond. Nr. 1897 hervor: «ar-
eyqacpr\ 'Iaiöwoog aQovgag.
2
)
Vgl. über die xatayQcuprj im Vollstreckungsverfahren Rabel,
Verfügungsbeschränkungen 73; Mitteis, Grundzüge 161 und Chrest.
S. 267. 269; Schwarz, Hypothek und Hypallagma 106ff.; Raape,
Verfall des Pfandes 124ff. Auf die richtige Ansicht hat schon Rabel,
dieser freiüch unter abweichender Deutung des Wortes xaxayoäcpeiv, hin-
gewiesen, Schwarz hat ihr dann eine genauere Begründung zu geben
gesucht. Die Punkte, in denen ich von dem letzteren Forscher abweiche,
betreffen namentlich BGU. 1132 (vgl. S. 327 ff).
3
) Vgl. Schwarz 109, t
der die Worte aber nicht weiter für die
Erklärung der xaxayQatpri verwertet.
4
) Vgl. BGU. 240, 13 ; CPR. 188, 24 f.; Hawara 238, 8; Lond. III 61
Nr. 1217 (b), 5 .
6 Daß die xarayQayrj im Vollstreckungsverfahren auch bei einem
)

Notariat der %ö)Qa erfolgen konnte, zeigt die gleich zu behandelnde


Urkunde Lond. Nr. 1897.
8
) Wer mit Mitteis (Anm. 2) ein Zuschreiben durch die ßißko&rjxrj
eyxrrjoecov annimmt, müßte etwa ergänzen öiä rov ev ['Eofwv nötei ßißfao-
<pvku<lov. Aber gerade das spricht gegen diese Meinung, denn die ßißfao-
drpir) iyxTrjOecov wird da, wo sie für den Gau zuständig ist, durchweg
nach diesem, nicht nach der Metropole, in der sie ihren Sitz hat, be-
zeichnet: das gilt insbesondere auch für den 'Eo/MxnoMrrjg.
7
) Die Ergänzung ist durch Z. 16 gesichert.
:

Enriohtec und Chrematüäten. 305

e[vE]axüm ty (hei). Über die Bedeutung, die das Wort


avyxcoQT]at; hier hat, gehen die Meinungen auseinander. 1 )
Die meisten Forscher erklären es als Erlaubnis der Obrig-
keit (Statthalter, Erzrichter, Praktor). Ich halte diese Auf-
uig schon deshalb für unzutreffend, weil die <xvyx<i>-

Q)[Oiz als reXeico&eiaa bezeichnet wird. Dieses Verbum be-


deutet in römischer Zeit die amtliche Tätigkeit, iralohe
zu einem privaten Akt hinzutritt, ihn abschließt, vollendet.
Besonders häufig wird es für die Mitwirkung der gericht-
lichen Behörden (äoxtöixaoT)')<;, XQiTrjoia), Notariate (dyoga-
rniim, {ivrjjuoveia, und Banken (für dtayQcupat) bei
ygcupela)
der Errichtung rechtsgeschäftlicher Urkunden verwendet:
es liegt kein Grund vor, hier nach einem andern Sinn und
Sprachgebrauch zu suchen: denn daß zu einer amtlichen
Gestattung und überhaupt zu einem dienstlichen Akt das
reXeiovv einer Behörde hinzuträte, ist, soweit ich sehe, ohne
Beispiel in unseren Quellen. Wir müssen also die avyx<o-
Qrjaig hier als rechtgeschäftliche Urkunde ansehen. Eine
starke Stütze findet diese Auffassung darin, daß die ge-
pfändeten Grundstücke für Kapital und Nebenforderungen
in Anspruch genommen werden, wie die hxev^ig sagt ( 16 )

i<p' of[g] äXXoig f) rfjg xarayQa(<prjg) ovyx(OQr]Oig negiix^, &'


tjg xai ai yvtvim idtjkco&rjaav. Diese Verweisung auf Einzel-
heiten und Nachbarschaften in Verträgen über Grund- ist

stücke bekannte Erscheinung, während sie in


eine
amtlichen Erlassen meines Wissens nicht vorkommt.
Noch bleibt zu erwägen, ob hier nicht, wie Schwarz
(109) glaubt, der materielle Sinn von avyxcoQtjaig in
Betracht kommt und eine Urkunde, die eine Abtretungs-
(Auflassungs-)erklärung enthielt, gemeint ist, gleichviel
welches ihre Form war. Daß das Wort diesen Sinn ( = naga-
X<oQr)aig) haben kann, steht fest 2 ) es bedeutet dann im Er- :

x
Babel, Verfügungsbeschränkungen 73; Eger, Z. Sav. St.
) Vgl.
XXXI 461, 2 Lewald, Grundbuch 72, E ; Mitteis, Chrest. zu Nr. 241, u ;
;

Schwarz, Hypothek und Hypallagma 106. 109; Raape, Verfall des


Randes 122f. 124ff.
2
) Vgl. z. B. CPB. 156, 10 (wo m. E. auch in Z. u aw]ey6Qi]aa er-
gänzt werden muß); Goodsp. 13, 4;Grenf. II 25, 5 Lond. II 5f. Nr. 220, 25,
;

Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XXXVI. Rom. Abt 20


306 Paul Jörs,

gebnis dasselbe wie xara.yQa(prj, wenn auch den Ausdrücken


verschiedene Anschauungen zugrunde liegen. In Flor. 56 cit.
würde also der Gläubiger erklären, daß ihm das Grundstück
mit einer Abtretungsurkunde zugeschrieben (= abgetreten)
worden sei. Daß hier und ebenso in Z. 16 mit zwei Worten
derselbe Vorgang bezeichnet werden sollte, ist nicht gerade
wahrscheinlich. Fassen wir dagegen avyxo)grjaig in der for-
mellen Bedeutung des Wortes als alexandrinische gericht-
liche, vor einem hqit^qiov 1 ) oder dem äQxidixaorrji; errichtete
Urkunde 2 ), so haben wir damit ein Seitenstück zu Flor. 55, 24
(S. 304): in beiden Fällen war gesagt, daß die xarayQa<prj
durch eine öffentliche Urkunde erfolgt sei : in Flor. 56 durch
eine alexandrinische avyxoygrjaig, in Flor. 55 vielleicht durch
eine ebensolche, vielleicht aber auch durch eine notarielle
Urkunde (dann wahrscheinlich aus Hermupolis).

Lond. II 216 Nr. 360, 8 ; Oxy. 271, 7. 273, 10 . 506, 19 ; Straßb. Inv.
87, III 35- 47 (Arch. f. Pap. IV 134); Teb. 393, 7 f.14 „.
.

*) Die xQixrjQia würden allerdings im 3. Jahrhundert kaum noch


in Betracht kommen.
2
) Diese Auffassung wird von Schwarz 109, 3 deshalb zurück-
gewiesen, weil sonst, wenn eine avy%6iqrpig im formellen Sinne gemeint
sei, regelmäßig das bei der Errichtung beteiligte Amt angegeben ist

(öux xov xaxaAoyelov dgl.). Aber die Regel ist keine ausnahmslose: das
Amt fehlt auch in andern Urkunden, vgl. Oxy. 281, 7 Hamb. 1, 10 der ; :

Punkt kann also nicht entscheidend sein. Auch darf man nicht außer
acht lassen, daß die Akten, die den Gesuchen im Vollstreckungsverfahren
beigefügt sind (insbesondere auch in Flor. 56), Abschriften mit mancherlei
Kürzungen sind (vgl. S. 243, 1): man darf also keine allzu sichern Schlüsse
auf die Weglassung von sachlich unwichtigen Zusätzen wie dem in Frage
stehenden bauen. Eine andere Schwierigkeit könnte man vielleicht
darin finden, daß die beiden Glieder xaxa xä — ygäfifiaxa evexvQaaiag
xal ngogßo}.fjg und xaxä avyx(OQTjmv unvermittelt nebeneinander gestellt
sind. Hier wird wohl ungeschickte Stilisierung vorhegen, die in antiken
Gerichtsakten nicht seltener ist, als in modernen. Jedenfalls scheint
es unzulässig, wenn man aus dieser Konstruktion herauslesen wollte,
die xaxayQacpr\ sei auf Grund der evexvgaala und nQogßoXij, Und diese
Maßregeln, also zunächst die erstere, seien auf Grund einer avyyoi-
QrjOig erfolgt. Es fehlt jede Andeutung in unsern Quellen, daß zwischen
der evxevt-ig des Gläubigers und dem Beschluß der Chrematisten ein
Akt gestanden hätte, der als ovyxtioQrjoig und noch dazu als avy%<aQr\aig
bezeichnet werden und die in Flor. 56,
xeteiar&eloa. 16 angedeuteten An-
gaben enthalten könnte.
btflC und Ct 307

re Auffassung erhält «'in«- wichtige stütze durch


Beii 1 I<>04, 9 f. Denn wenn hier berichtet wird, die avy-
yga<pr\, also zweifellos eine n <
<t't liehe l'rknnde, sei
mit der Unterschrift des Ausstellers versehen aus dem
Nnvaior (in die Sitzung der Chrematisten) herbeigebracht
worden (S. 290 ff.), und in Flor. 55. 56, abgesehen von der liier

nicht genannten Verwahrungsstelle, dasselbe mit denselben


Worten von der xaxaygacpr} gesagt wird, so spricht alles
dafür, daß diese Urkunde gleicher Art wie jene war. Daß
es sich dort um evexvgaota, hier um kann
ipißadeia handelt,
daran nichts ändern. Denn wenn die Protokolle auch auf
ein verschiedenes Endziel hinauslaufen, so sind sie doch,
was die vorgenommenen Prozeßhandlungen und den Aufbau
des Verfahrens anlangt, ganz gleichartig gestaltet: dem-
entsprechend kann die xaxayga<prj wohl andern Inhalt, aber
nicht andern Charakter als die ovyyga<prj gehabt haben.
Bestünden trotz alledem noch Zweifel, so werden sie
gehoben durch den kürzlich von Bell veröffentlichten Pap.
Lond. Nr. 1897 (Arch. f. Pap. VI 106f.). Das Stück enthält
eine notarielle, von den Beamten des äyogavö/uiov und /ivt}-
poveiov zu Ptolemais Euergetis, der Metropole des arsinoiti-
schen Gaues, aufgenommene Urkunde vom 26. April 177
n. Chr., deren Text, soweit er hier in Betracht kommt,
lautet: Kaxeygd<pr) i£ evexvgaaiag xai ngogßoAfjg 'Afificovtov
— xai exegov '
A^fxoiviov, drj/xoauüvcöv Zevixrjg ngaxxogiag did
'
Avrcovtvov ßorftov xaxä xöv imoraAevra. xtr£ avxcöv xQ7)M aTia ~
fxov, oü ävxiygayov rfjöe xfj öfxoXoyia vnoxexaxxai, 'Ioidojgog
— —
dgovgag Beschreibung der gepfändeten und dem Gläu-
biger zugeschlagenen Grundstücke _38) — ngog xdg 12 6<pi\o-

fihag — dgaxfidg — Angabe des Schuldbetrages mit


avxiö
(

Zinsen und Gebühren (39— 41) — vno xov\ vnoxgiov [. . .

HXiodü)Qov — xaxä xö
r
(Schluß verloren). Hier haben
x[. .]

wir eine Urkunde vor uns, die tatsächlich eine solche xaxa-
ygayrj enthält, wie sie nach der im vorstehenden vertretenen
Meinung im xQ ritjLaXLatl °S i/ußaöeiag von Flor. 55 ( 24 und )

56 6 gemeint ist. Der Gläubiger hatte sie in diesem Falle


( )

in der x<*>Q a errichtet. Wir können uns, ohne das Gebiet


zulässiger Vermutungen zu verlassen, vorstellen, daß er,
wenn er zur ifißaöeia f ortschritt, in seiner evxevgig angab:
20*
308 Paul Jörs,

yMTayeyqafXfjbai Öiä rov iv IlroXejLiaiöi Eveoyerldi äyooavojLiiov


xrX. oder Haft' öftoXoyiav reXeico-deloav diä rov iv II. E. äyoga-
Damit wird auch die oben (S. 304) vorgeschlagene
vojxiov.
Ergänzung von Flor. 55, 24 gestützt und ihre Fortführung
nach dem Vorbild von Lond. 1897 möglich: xarayeyQafjLfiai
öiä rov iv ['Eq/liov tzöXsi ayoqavo/jLLOv (oder iv [' AXs£avdoeia
xaraXoyeiov) 1 ) e£] iveyvoaaiaq xal noogßoXfJQ rä>v [iv 'Eqjuov
noXei (oder ähnlich) ijevixcöv jigaxrÖQcov — , darauf folgte die
Bezeichnung des Grundstückes mit Zubehör (26 ff.): [ — rrjv
(Name des Eigentümers)] —
olxiav xal 7iqovr\aiov xxX.
Noch aus einem andern Grunde ist die neue Urkunde
wichtig: sie gibt uns auch Auskunft auf die bisher offene
Frage, wie eine rechtsgeschäftliche Übereignung gegen den
Willen des Schuldners als bisherigen Eigentümers der ge-
pfändeten Grundstücke durchgeführt werden konnte. Ver-
weigerte er seine Mitwirkung 2 ), so stellte das Notariat nach
Maßgabe der einseitigen Erklärung des Gläubigers 3 ) fest,
daß die Pfandstücke auf Grund der vorher ergangenen
ivexvoaoia und TZQogßoÄrj dem Gläubiger zugeschrieben seien.
Das heißt mit andern Worten: jene Akte der Chrematisten
und des Gerichtsvollziehers ersetzten die Zustimmung des
Schuldners. 4 ) In gleicher Weise muß man sich den Her-
J
) Ob der Gläubiger die y.axayQa<pr\ (wie in Lond. 1897) bei einem
Notariat der x<bqa oder durch avyxöiQipn; in Alexandrien (wie in Flor. 56)
vornehmen wollte, mag in seinem Beheben gestanden haben. Dem
Recht des Schuldners geschah durch die Wahl des einen oder andern
Ortes insofern kein Abbruch, als der Akt, wie gleich zu zeigen ist, seiner
Anwesenheit nicht bedurfte.
2
)
Daß die Mitwirkung des Schuldners ausgeschlossen gewesen und
die Ausstellung einer freiwilligen Abtretungsurkunde in den gewöhn-
lichen Formen unzulässig gewesen sei, darf gewiß nicht aus Lond. 1897
geschlossen werden. Vgl. BGU. 832 (Hypothek) und dazu Rabel
Verfügungsbeschränkungen S. 73. Vgl. auch unten S. 339.
3
)
Es ist das Verdienst von Schwarz (Hypothek und Hypallagma
122 ff.), zuerst auf diesen Weg gewiesen zu haben. Allerdings für das
Vollstreckungs verfahren bei Hypotheken (darüber wird unter V zu han-
deln sein); betreffs des Hypallagma begnügt sich S. damit, auf jene Er-
örterungen zu verweisen (S. 110, v 123). Andere einseitige notarielle
Urkunden (außer letztwilligen Verfügungen) bieten Grenf. II 70, 4 f.;
Oxy. 1208, 3 f.
4 Das findet darin seinen Ausdruck, daß der
) xQTjfiarurfiög, in dem
die Praktoren dem Agoranomen von der evsxvQaaia und itQoqßoXri Mit-
htrr und Chrematisten. 309

gang vorstellen, wenn die xaTayga<prj wie das nach der oben
f

vertretenen Meinung im Verfahren von Flor. 56 geschah,


durch eine ovyxu>Qr)oi<; vor dem Erzrichter vollzogen wurde. 1 )
Bleiben wir aber bei dem, was wir aus Lond. 1897 sicher
zu erkennen vermögen, stehen, so ist zu beachten, daß die
ivexvqaala ohne nähere Bezeichnung, insbesondere ohne An-
gabe der Behörde, von der sie ausging, erwähnt wird, uah
rend bei der ngogßoh] nicht nur das Amt, die £«M*£f .ifjax-
roQia, sondern auch die Pächter, die es verwalteten, und der
Gehilfe, der den Akt vollzogen hatte, mit Namen angeführt
sind. Man wird daraus schließen dürfen, daß die xurayQcuprj
sich gerade an diesen letzteren Akt anschloß und daß der
Notar seine Machtvollkommenheit, die Urkunde ohne Mit-
wirkung des Schuldners aufzunehmen, wenigstens nicht un-
mittelbar von den Chrematisten, sondern von dem Voll-
streckungsbeamten herleitete. War doch auch in dem Ge-
richtsbeschluß zwar ein Schreiben an den Praktor, nicht aber
an den Agoranomen vorgesehen.
Pap. Lond. 1897 cit. führt uns aber noch einen Schritt
weiter, indem er berichtet, die xaxayqwpr] sei erfolgt ( 9 ff.):
xarä rov emcnaXevra vnö avrä>v (Praktoren) xQVM ariaft ^ r >

ofl ävTiygaq>ov rf]de xfj 6/uoÄoytq vnoThaxxai. Das wird ganz


wörtlich dahin zu verstehen sein, daß der die Urkunde auf-
nehmende Agoranom aussagt, der abschriftlich beigefügte
XQrjfiariafiög sei ihm unmittelbar von den Praktoren zu-
gegangen. Denn wollte man das imarW>eiv als Zusendung
der Vollstreckungsbeamten an den Gläubiger auffassen, so
wäre nicht abzusehen, warum der Notar gerade diese und
nicht auch die für ihn viel wichtigere Vorlegung des Gläu-

teilung machten, wie der Londoner Papyrus sagt, in Abschrift der y.aru-
YQaxpr] angehängt wurde.
*) Wie die ovyxcboTjois dann formuliert war, läßt sich nicht sagen.
Das übliche ovyxcoQei, das bei Abtretungsurkunden vom Veräußerer
ausgehen mußte, Heß sich, wenn
abwesend war, schwerlich ver-
dieser
wenden für die rein protokollarische Beurkundung (y.arayQdq^i]) fehlt es
;

bei der cnryx(OQT]Oig an einem Beispiel. Aber gewiß war es möglich, diese
formalen Schwierigkeiten zu überwinden: keinesfalls glaube ich, daß
unser Nichtwissen darüber die oben vertretene Auffassung der avy-
X(t>QT)0iQ Tefeuadeioa von Flor. 56, u zu erschüttern vermag.
310 Paul Jörs,

bigers bei ihm selbst in der Urkunde vermerkte. 1 ) Von


größerer Bedeutung ist die Frage, welchen Inhalt der xq*]-
juaxKTjbiög hatte. 2 ) Der xqrnxaxiafxoc, evsxvgaaiag kann nicht
gemeint sein, denn durch dessen Mitteilung hätte der Agora-
nom zwar erfahren, daß eine Pfändung über den Schuldner
verhängt wurde, nicht aber, daß und an welchen Grund-
stücken sie ausgeführt wurde 3 ): gerade darauf aber kam es
für ihn an. Dem Wortlaut unseres Textes entspricht am
besten die Annahme, daß der xQrifiaxiafiog der Praktoren
ein selbständiges Schreiben der letzteren an den Urkunds-
beamten war, durch das sie ihn benachrichtigten, daß auf
Grund des Beschlusses der Chrematisten von ihrer Seite
eine nQogßoXri der näher angegebenen Grundstücke an den
Gläubiger erfolgt war. 4 ) Demnach hatte nicht der Gläu-
biger dem Notar durch die Vorlegung des xQ 1HtiaTL(y[i °S
evsxvgaaiag und der nQogßoXrj oder auch nur der letzteren
allein den Nachweis für seine Berechtigung zu der nötigen-
falls einseitigen 5 ) xaxayQayrj zu erbringen, sondern der Prak-
tor gab von sich aus dem Notar zu wissen, daß ihrer Auf-
nahme nichts im Wege stehe. Wie das zum Ausdruck ge-
bracht war, ist unbekannt 6 ): jedenfalls lag in dem XQW -'

Mit dieser Auslegung meine ich den Worten des Textes am


x
)

besten gerecht zu werden. Aber auch wenn der Gläubiger dem Agora-
nomen den ihm von den Praktoren zugestellten ^ß^artor/idg überreicht
hätte, wäre sein Inhalt ebenso zu bestimmen, wie es oben geschieht.
2 Das Wort xqr\naxia(iög kann jede Urkunde bedeuten, in welcher
)

eine von einer Behörde oder eine von einem Privaten vor einer Behörde
vorgenommene Rechtshandlung bezeugt wird. Daß der in Lond. Nr. 1897, 10
erwähnte xQ^fiarutfiog der ersteren Gattung angehörte, also der Akt
einer Behörde war, liegt auf der Hand denn nur von einer solchen konnte
:

die Ermächtigung zur einseitigen xaxayQaq>rj ausgehen.

) Da die xaxayQaupri auf Grund der ivexvgaaia und


3
7igogßokij er-
ging, wäre nicht zu verstehen, weshalb dem Agoranomen nur die erstere
zugesandt sein sollte, die der riQoqßohq doch höchstens als einer bevor-
stehenden, vom Praktor vorzunehmenden Handlung gedacht haben
könnte. Vgl. auch S. 309. 316.
4
) Daß der xgr]/xaxicf/x6; nicht mit der UQoqßoXr) gleichzusetzen ist,

soll im Zusammenhange mit der letzteren (S. 317) dargelegt werden.


8
) Ich glaube nicht, daß diese abgekürzte Bezeichnung für die
ohne Mitwirkung des Schuldners aufzunehmende xaxayQatprj, wie sie in
Lond. Nr. 1897 vorliegt, mißverstanden werden kann.
8
) Man könnte sich ein ähnliches y.axdyqatpov vorstellen wie in
Erzrichter und Chrematisten. 311

tkthu; iniaraXeig — oder wie man wohl kürzer sagen darf,


dem SiÜTTcdfia — eine Ermächtigung der Praktoren zur
Aufsct/.uiig der xaxayqa(pr\ im obigen Same.
^
So aufgefaßt bietet der xQW axiatM der Praktoren viel-
lcic ht auch die Handhabe zur Deutung eines anderen,
neuerdings bekannt gewordenen Textes, nämlich eines Zu
satzes zu BGU. 1132 1 ), der lautet: f.i>) <>roi^ xi\<; ßeßauoaeax;
x(fj)g 7iQox(ei/i£vr)<;) 7igo<;ßo(h~]<;) ' Afxfxmviov ( ?) dtä xrj(-) öiä
xäv 7iQax(r 6qü)v) ovyx<DQrj(oE(D<;). Der Vermerk scheint folgen-
dermaßen zu verstehen: für die vorliegende TtQogßoXrj zu-
gunsten des Ammonios (?) 2 ), d. h. für den auf Grund
dieser nQoqßoXt) erfolgten Eigentumserwerb ist (vom Schuld-
ner) keine Gewähr zu leisten, da sich die Veräußerung auf
Grund der Gestattung 3 ) der Praktoren (nicht freiwillig durch
den die Gewährschaft übernehmenden Rechtsvorgänger) voll-
zogen hat. Jedenfalls wird man, worauf es hier ankommt,
aus den Worten entnehmen dürfen, daß es sich um das
Einstehen für einen Eigentumserwerb handelt: dieser be-
ruhte auf einer Gestattung der Praktoren, und diese Ge-
stattung war die Folge der nQogßoXi?. Die hier erwähnte
ovyxioQrjoig ist also mit dem XQV/* 01™/*^ iniaxaXed; von
Lond. 1897 auf eine Linie zu stellen, gleichviel ob sie,
wie dieser, in einer besonderen Zuschrift an den Notar
zum Ausdruck gebracht war oder nur als in der 7igo;ßoXtj
enthalten angesehen wurde.

Oxy. 242. 327. 328. 330-336 (vgl. dazu Mitteis, Grundz. 82, 2 und
Chrest. II S. 194 f.), von welchen Texten freilich nach dem, was die
Herausgeber darüber mitteilen, keiner auf ein Vollstreckungsverfahren
zurückzugehen scheint. Auch das xazdayere in Oxy. 712, , (vgl. X9 ),
das sicher von den Sevtxäv ^goxrooe; ausging, könnte als Parallele heran-
gezogen werden. Aber auch eine bloße Zusendung (der 7igo;ßo?.i]) zur
Kenntnisnahme würde dem Begriffe des xQrnxaxujfio^ £maxa}jdz gerecht
werden, denn auch darin würde eine Ermächtigung oder Aufforderung
an den Agoranomen, seines Amtes zu walten, liegen.
x
) Gelesen von Schubart, veröffentlicht von Preisigke in der
Berichtigungsliste zu BGU. 1132 (S. 98).
a
Der Akkusativ 'Afijiiwviov ist auf jeden Fall unverständlich und
)

auch wohl deshalb vom Herausgeber mit einem Fragezeichen versehen.


Ammonios war, wie die Urkunde BGU. 1132, 6 ff. zeigt, der Gläubiger.
3
) Daß die hier erwähnte ovy/wgrjoig xcöv Ttqaxxöqoyv nichts gemein
hat mit der avyycögrjoig r£?.euo&euxa (Datum) in Flor. 56, u (S. 305) braucht
kaum hervorgehoben zu werden.
312 Paul Jörs,

Die Frage nach der materiellen Bedeutung der xaxa-


ygacprjwird besser im Zusammenhang mit der ngogßoXrj er-
örtert, der wir uns jetzt zuwenden.

2. TiQoqßoXrj.
Nach den angeführten Urkunden Flor. 55, 25 . 56, n
(Chrest. II 241), Lond. Nr. 1897, 7 (Arch. f. Pap. VI 106f.)
und außerdem Oxy. 1027, 7 (Chrest. II 199a) folgte dem
XQrjfiaTLOfids Eve%vQaoias und ging der xarayQaq>7] voran die
schon mehrfach berührte nQogßoXrj. 1 ) Daß sie, was früher
von einigen Forschern in Zweifel gezogen wurde, einen
von der eve%vQaaia (d. h. dem Beschluß der Chrematisten)
äußerlich getrennten Akt darstellte, darf nach den neuen
Urkunden 2 ) als feststehend angesehen werden. Bestätigt
haben diese Urkunden, daß die ngogßoXrj durch eine Be-
hörde, nämlich die fjevixcöv TtQaxroQeg 3 ) des, Gaues, in dem
die Vollstreckung auszuführen war, vollzogen wurde. Was
zunächst den äußeren Verlauf des Verfahrens anlangt, so
darf als sicher angenommen werden, daß das Einschreiten
der Praktoren ebenso wie alle anderen obrigkeitlichen Akte
des Mahn- und Vollstreckungsverfahrens eine schriftliche
Eingabe der Partei, also hier des Gläubigers, voraussetzte,
wenn uns auch eine Urkunde dieser Art bisher nicht be-
kannt geworden ist. 4 ) Die Wirksamkeit der Behörde

*) Vgl. über die TCQogßohrj Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 40, 5 ;

Eger, Z. Sav. St. XXXI 460; Schwarz, Hypothek und Hypallagma


104ff.; Mitteis, Z. Sav. St. XXXII 487 und Grundz. 160f. und Chrest.
S.270 (zu Nr. 241, u ); Raape, Verfall des Pfandes 119ff. 123ff. Partsch,
;

Arch. f. Pap. V 517.


2
) BGU. 1132, 8 17 und Zusatz bei Preisigke, Berichtigungsliste
.

S. 98; Lond. 1897, 7 ; Oxy. 1027, 7 .

3
) Weiter, als die nqoqßoKr] es fordert, kann hier auf diese viel be-
sprochenen Beamten nicht eingegangen werden. Vgl. über sie Grenf eil
Hunt, Pap. Oxy. II zu Nr. 286, 16 und Pap. Teb. I zu Nr. 5, 221 und
Oxy. IV Einl. zu Nr. 712 (S. 178); Reinach, Pap. grecs et dem. S.40;
Mitteis, Pap. Lips. Einl. zu Nr. 120 (S. 326) und Grundz. 19f.; Graden-
witz, Arch. f. Pap. III 29ff.; Lewald, Grundbuch 67 ff.; Schwarz,
Hypothek und Hypallagma 82. 96. 130f.; Lesquier, Pap. Magd. 2 zu
Nr. 8, n (S. 88f.) und zu Nr. 41, 6 (S. 198); Dikaiomata 58f. 95f.
4
) Darauf verwiesen sein dürfte in Oxy. 1027, 6 f e| ov e^eQxofJievov
:

fiov rfjg zwv rjve%vQao[xev(ov JiQogßo?ifjg. Die Vermutung, daß dieses Ge-
Kr/rwhtri und Chrematisten. 313

betohxinkte sieh, wie wir deutlich zu erkennen vermögen,


war durch eine
nicht auf einen einzelnen Akt, sondern sie
Mehrheit von Handlungen am Verfahren beteiligt. 1 ) Den-
noch darf man behaupten, daß nQot;ßo\i) nicht eine zu-
sammenfassende Bezeichnung für diese ihre ganze Tätig-
keit oder deren Ergebnis ist, sondern daß darunter der be-

stimmte Akt 2 ) verstanden wird, der den Schlußstein ihrer


Tätigkeit bildete. Die Zusammenstellung dieser ngogßoXij
mit der ivexvgaoia (der Chrematisten), bei welcher beide
als Grundlage der xarayga(prj erscheinen, berechtigt uns,
auch in der ersteren einen Ausspruch der Behörde über das
Rechtsverhältnis des Gläubigers zu den Pfandgrundstücken
zu erblicken.
Die Frage, um welches Recht es sich dabei handelte,
erledigt sich durch das, was oben (S. 301 ff.) über den Cha-
rakter des Pfandes im Vollstreckungsverfahren hervor-
gehoben wurde. Da es ein Verfallspfand war, so wurde das
davon betroffene Grundstück vom Gläubiger zu Eigentum
erworben. 3 ) Schwierigkeiten aber macht die weitere
Frage, welcher der drei Akte, die in den für die ivexvgaat'a

such an die Praktoren ebenso wie das an den Strategen (S. 236) eine
Abschrift der OvrevSig und des xQt)t taTUJti ^
ive^vgoolaQ enthielt, hegt
nahe: man nimmt ja in Ägypten nicht leicht zu viel Schreibwerk an.
Nicht auf diese Eingabe zu beziehen scheint das vorher in Oxy. 1207, $
erwähnte 7kqI tt'iq ivexvQaataq vnöfivrjfia: wahrscheinlich ist die hrrev^ig
an den Präfekten um Erlaß des Pfändungsbeschlusses gemeint. Auch
das Gesuch in Oxy. 712, 8 ff. betraf, ebenso wie seine Erledigung durch
die Praktoren, nach dem erhaltenen Text zu urteilen, nur die Beschlag-
nahme (xaToxv) des Pfandgrundstückes, nicht die 7iQocßoÄr{. Näheres
unten S. 334 f.
*) Sicher nachweisbar ist neben der Tioogßoh) die Aufforderung an

die ßißk&pvAaxe; zur xaroy/j in Oxy. 712. Vielleicht waren die Praktoren
auch für die nagdöei^ig zuständig, vgl. unten S. 324.
) Man kann
2
sich dafür auch auf Lond. 1897 cit. berufen, denn
wenn hier von einer Tiqoqßoh) gesprochen wird, die von der £evixän> ngoxro-
Qia der beiden Ammonios ausging und durch ihren Gehilfen Antoninus
vollzogen wurde, so kann sich das letztere wohl nur auf einen bestimmten
Akt beziehen.
3
)
Es braucht wohl kaum darauf hingewiesen werden, daß für die
Evexvgaoia, 7iQo;ßoh'j und y.axayQaq:^ der Besitzerwerb nicht in Frage
kommt, weil für diesen ja der letzte Teil des Verfahrens, die i/itßaöeia
bestand.
314 Paul Jörs,

maßgebenden Quellen genannt werden, den Gläubiger zum


Eigentümer machte, der %Qr\naxioix6<;, die nQogßoXrj oder die
7iaxayqa(pr\.
Gewiß nicht der xQVfzaTL(TlU0 ? svexvgaaiag. Wie schon
hervorgehoben (S. 325), befahlen die Chrematisten den Orts-
behörden zweierlei die Zustellung einer Abschrift ihres Be-
:

schlusses mit der b>xev£iQ und die Vollziehung der Pfändung


nach den bestehenden Vorschriften. Ob dabei einzelne Voll-
streckungsmaßregeln (z. B. die TiQogßoXrj) benannt waren,
wegen der Lücke in BGU. 1038, 18 nicht erkennen.
läßt sich
Aber auch wenn das der Fall gewesen sein sollte, so konnten
damit doch nur weitere Handlungen der Behörden hervor-
gehoben sein, die den Eigentumserwerb des Gläubigers
mittelbar oder unmittelbar herbeiführen sollten. Daß der
Xqtjpar 10fiÖQ das Pfand dem Gläubiger für verfallen erklärt
oder ihn sonstwie zum Eigentümer gemacht hätte, scheint
auf jeden Fall mit dem erhaltenen Wortlaut der Urkunde
unvereinbar.
Es bleibt also die Wahl zwischen nQogßoXri und xara-
yqa<pr\. Wir haben zwar bisher keine die TiQogßoXrj selbst
darstellende Urkunde, sondern sind für sie auf gelegentliche
Erwähnungen und namentlich auf Rückschlüsse aus
der besser bekannten xarayQacpri beschränkt. Aber ich
meine, die Quellen weisen so deutlich auf die konstitutive
Wirkung eben der xataygcuprj hin,daß kaum ein Zweifel
übrigbleiben kann. 1 ) Hätte schon die 7iQogßokrj das Eigen-
tum an den Gläubiger übertragen, so müßte man sich not-
wendig die Frage vorlegen, welchen Sinn es dann haben
sollte, daß man ihr eine rechtsgeschäftliche Urkunde folgen
ließ, die unter Verschweigung des vollzogenen Rechts-
erwerbes sich den Schein gab, als habe dieser Rechtserwerb
erst vor dem Notariat stattgefunden. Denn das ist nach
der unzweideutigen Ausdrucksweise von Flor. 55, 24 f. 56, n
und Lond. 1897, 7 f. cit. 2 ) der Sinn der xarayQCKprj: es geht

x
) Hiermit wird die vorher (S. 312) abgebrochene Frage wieder auf-
genommen. Auch auf die Verdienste von Rabel und Schwarz in der
Behandlung dieser Frage (S. 304,2) soll noch einmal hingewiesen werden,
wenn auch im folgenden manche abweichende Ansicht geäußert wird.
*) S. den S. 303. 307 mitgeteilten Wortlaut.
Erzrichter und Chremnt; 315

ii;k h diesen Quellen nicht an, ihr bloß eine deklarative


Wirkung beizulegen: wäre das gemeint, so gätte gesagt
sein müssen, welcher vorhergehende Akt das Eigentum
übertragen hatte. Deutlich lassen die Texte erkennen,
daß zwar ivexvgaaia und 7tqogßoXr\ die Voraussetzung der
xaxayQCKpri bildeten 1
), deren Vorliegen feststehen mußte, ehe
der Notar die Umschreibung vornehmen durfte, daß aber
die xarqyQaqiy) selbst es war, die den Eigentumserwerb des
Gläubigers herbeiführte. Nichts anderes kann es bedeuten,
wenn die eingetretene Rechtsänderung als xaTayQdyea&ai
olxtav, ägovQag oder die davon betroffenen Liegenschaften
xaray eyQa/n fxha
als xarayQacpevTa, nicht nQoqßdXÄEiv, jigog- —
ßhföhra usw. —
bezeichnet werden und wenn für die
Einzelheiten des Erwerbes auf die xaxayqatpri verwiesen
wird (Flor. 56, lt ). Klar tritt auch die Rechtsanschauung
des Verfalles in den Worten der xarayQacpij Lond. 1897, 38 f.
zutage, daß die Grundstücke dem Gläubiger zum Ausgleich
für seine Forderung (ngög xclq oyeiXo/xivcu; avrcö — ÖQ<*X~
2
Lide) ) übereignet sein sollten.
Enthielt erst die xarayQa<ptj die Übereignung, so bleibt
die Bedeutung der nQogßoArj festzustellen. Sie wird er-
kennbar, wenn man den Wortlaut des ^g^/iaTta/iöc eve%v-
gaaiag mit der xaxayqatpr\ vergleicht. Pap. BGU. 1038,
dem
das am vollständigsten erhaltene Beispiel eines
i3_i8> zurzeit
solchen ^^ona/xoe, zeigt, daß die Chrematisten, wenn auch
ihr Beschluß in der Tat die Pfändung verhängte, doch —
von den oben erwähnten Ermittelungen und Feststellungen
abgesehen —
deren Durchführung nicht weiter regelten, son-
dern sie unter Verweisung auf die dafür bestehenden ge-
setzlichen Vorschriften den Ortsbehörden auftrugen. Ins-
besondere war, nach den bisher bekannt gewordenen Texten
zu urteilen 3 ), im Beschlüsse nicht gesagt, auf welche Weise
1
) Sie beide bildeten die Voraussetzung, wenn auch, wie oben
S. 309 dargelegt wurde, die xaxayQaq)^ sich zunächst an die jiQogßoArj
und durch sie nur mittelbar an den xQrmaxiapoq ivexvQaaia; anschloß.
2
)
Dieser Sprachgebrauch, häufiger noch das sachlich gleichwertige
dvrt tcüv öysiXofAevwv ÖQa%fMÖv (oder ähnlich) ist namentüch aus Hypo-
thekenurkunden bekannt: vgl. Flor. 1, 7 86, 22 26 Oxy. 485, 2X 506, 81 . 44;
. . ; .

auch BGU. 101, 5 (Nutzungspfand).


3 mache diese Einschränkung deswegen, weil sich Ermitte-
) Ich
316 Paul Jörs,

der Gläubiger befriedigt und seine Forderung gedeckt werden


sollte.Andrerseits macht die xaraygaq)ij Lond. 1897 den Gläu-
biger zum Eigentümer bestimmt bezeichneter Grundstücke.
Nun darf es als ausgeschlossen gelten, daß dem Agora-
nomen, oder wer sonst die Urkunde aufnahm, irgendwelche
Verfügung oder Entscheidung über das Recht des Gläu-
bigers oder Schuldners zugewiesen war. Derartige,
in die Rechtsverhältnisse der Parteien eingreifende Rege-
lungen waren damals ebensowenig Aufgabe des Notars wie
heutzutage. Auch war seiner ja gar nicht in dem XQW a ~
najuög gedacht: von den dort aufgeführten Ortsbehörden
aber können hier nur die £evixä>v ngdtcrogeg in Betracht
kommen, und der maßgebende Akt kann nur die von ihnen
ausgehende TiQogßoArj gewesen sein. Denn diese gibt die
xaTayQcuprj als die Grundlage an, aus der sie unmittelbar
hervorgegangen ist (S. 309).
Das Wort TiQogßoArj bedeutet, was schon öfter betont
wurde, 'Zuschlag'. Von den Gerichtsvollziehern wurde also
das Pfandgrundstück dem Gläubiger zugeschlagen oder —
was auf dasselbe hinauskommt —
für verfallen erklärt:
dieses aber, wenn unsere vorstehenden Erörterungen zu-
treffen, nicht in dem Sinne, daß der Gläubiger durch den
Spruch der Behörde zum Eigentümer wurde, sondern, daß
er sich das Eigentum (auch gegen den Willen des Schuld-
ners) von einem öffentlichen Urkundsamt zuschreiben lassen
konnte. Selbstverständlich soll damit nichts über die Form
und den Wortlaut der nQogßoXrj gesagt, sondern nur eine
Ansicht darüber ausgesprochen sein, mit welchem Inhalte
sie sich zwischen dem Beschluß, die Pfändung einzuleiten
und seiner letzten Wirkung, der Übertragung des Eigen-
tums auf den Gläubiger einfügte.
hingen und Feststellungen des Verfahrens nachweisen ließen (S. 289 ff.),
die in einem Falle im rrjg öiaXoyfji;, im andern im rä>v totküv vorgenommen
wurden. Wenn es auch nicht gerade wahrscheinlich ist, daß der hier
in Frage stehende Punkt, die Feststellung der Pfandgrundstücke (die
regelmäßig auf dem Wege der nachher zu betrachtenden TiagdSei^ig er-
folgte) ebenfalls zu ihnen gehörte, so wird doch eine vorsichtige Forschung
die Möglichkeit einer weitergreifenden Fassung des Gerichtsbeschlusses
— der beispielsweise bei hypallagmatischer Haftung von Grundstücken
diese anführte — nicht schlechthin als ausgeschlossen ansehen dürfen.
Erzrichtcr und Clin tu..' 317

erwägen bleibt noch, ob nicht etwa die nqogßo\r\


Vax
eins und dasselbe war mit dem aus Lond. Nr. 1897 be-
kannten, oben (S. 309f.) besprochenen XQr}fxaxianoQ(hiiaxaXiJia t

ovyx<*>Qii<yic;) der Praktoren. Die Frage muß verneint werden.

Gegen die Verselbigung spricht schon die Ausdrucks weise


der Londoner Urkunde, daß die xaxayQaxpi) vollzogen werde
'auf Grund' (i£) der iveyvQaaia und der 7igogßoXrj der Prak-
toren (und) 'gemäß' (xaxd) dem von dieser Behörde über-
mittelten '/Q>ifxuTia/4Ög. Auch würde man nicht recht ver-
stehen, warum derselbe Akt in einem Satz mit zwei ver-
schiedenen Worten bezeichnet sein sollte. Außerdem war,
wenn Erklärung das Rechte getroffen hat, der
die obige
XQrj/Ltanafjiög ein Schreiben der Praktoren an den Agora-
nomen (oder wer sonst die xaxayoa<pij aufnahm): die Formu-
lierung der noogßoXr} kennen wir nicht, aber wenn sie eine
Adresse trug, spricht der Anschein dafür, daß es die des
Gläubigers war, der das Verfahren betrieb, oder vielleicht auch
des Schuldners, der davon betroffen wurde. Es wird also
dabei bleiben müssen, daß die Praktoren in der 7igogßoXrj
kundgaben, das Pfand sei dem Gläubiger für seine Forderung
zugewiesen (verfallen), und daß sie außerdem das Urkunds-
amt ermächtigten, diesen ihren Spruch durch (formell rechts-
geschäftliche) Übereignung des Grundstückes an den Gläu-
biger zu verwirklichen. Dabei ist gewiß nicht ausgeschlossen,
daß der ^^erntr/id? eine Abschrift der TtoogßoÄrj enthielt:
wir wissen nichts Näheres darüber, und der Möglichkeiten
gibt es viele. 1 )

3. nagdöeiüig.
Die im vorhergehenden vertretene Auffassung der ngog-
ßoXr\ wird noch klarer hervortreten, wenn wir die Spuren
verfolgen, welche wir über einen verwandten, sich eben-
falls ini rä)v xötzojv abspielenden Akt, die naoadet^ig, in

unseren Quellen finden. Ihrer wird an drei Stellen gedacht.

Lond. III 132 f. Nr. 908, ^f. (Chrest. II 229) (vom


J. 139 n. Chr.): 7iaQSÖei[^a rä v7iaQxov]xa avxov diaxei\ji\eva
h övö/Liaxi xrjg ywaxxög avxov.

x
) Vgl. auch S. 310 f., 6.
. :

318 Paul Jörs,

Oxy. 712, 2 (Chrest. II 231) (Ende des II. Jahrhunderts)


]ofj,cog naQaöeiijeax; v<p' rjveanv e . [ *)

Flor. 56, 14 (Chrest. II 241) (vom J. 234 n. Chr.): xaxa-


yeyQa{[ifxai) — rag re vnrjXXayfievag — [aQovQag — — xai
]

öiä ro firj ßidCeiv d ngognagedEi^a — fieqog olxiaq —


Gewiß mit Recht hat man in der neueren Literatur 2 )
die nagadei^tg als die Bezeichnung der für die Vollstreckung
in Anspruch genommenen Vermögensstücke 3 ) aufgefaßt. In
den vorhergehenden Texten handelt es sich um Grundstücke
des Schuldners 4 ): es scheint, daß diese bei der nagäöeigig
ebenso wie bei einer freiwilligen Veräußerung nach Lage
(Ort, Gemarkung, Nachbarn), Flächeninhalt, wirtschaft-
licher Beschaffenheit (Haus, Hof, Bauplatz, Gartenland,
Getreideland), nötigenfalls auch politischer Bodengattung
(Katoikenland) aufgeführt werden mußten. 5 )

*) Über die Frage, ob in Oxy. 712, 3 7KXQEÖ[eU;ev zu ergänzen ist,

s. S. 321.
2
) Schwarz, Hypothek und
Hypallagma 97 f.; Mitteis, Chrest.
S. 254 (zu Nr. 231, 2 ); Raape, Verfall des Pfandes 125.
3
)
In dem Verfahren enl röyv xömav kommen auch Nachweise anderer
Art vor. Dahin gehört die Bezeichnung der betroffenen Personen, soweit
sie nicht schon in der Eingabe benannt waren, insbesondere der Erben
des Schuldners und ihrer gesetzlichen Vertreter. Freilich beziehen sich
die Belege dafür (BGU. 888, %x i.\ Oxy. 485, 81 f. 1270, 61 f.) nicht auf die
Zustellung einer evrevtjiQ, sondern eines öutatoXocöv. Aber daß eine Rechts-
nachfolge, wie sie in diesen Stellen vorausgesetzt wird, auch beim Voll-
streckungsverfahren eintreten konnte, liegt auf der Hand: vielleicht
haben wir eine Spur davon in BGU. 239, 6 f. noch erhalten, wo die Zu-
stellung an die Tochter und Erbin des Schuldners erbeten wird und am
Schlüsse der Zeile möglicherweise ähnliche Formeln wie in den obigen
Stellen enthalten waren. Aber wie dem auch sei, es fehlt am Beweise
dafür, daß der uns hier beschäftigende Abschnitt des Verfahrens, der im
technischen SinneTiagdöeiJ-iQ hieß, sich auf etwas anderes als auf die Angabe

der Grundstücke, die der Gläubiger zu seiner Befriedigung in Anspruch


nahm, bezog, mag auch der Ausdruck für Nachweise aller Art passen.
*) Um das Eigentum des Schuldners an dem durch nagdöeigis in

Anspruch genommenen Grundstück handelt es sich in Lond. III 132f.


Nr. 908, 23 f. S. darüber S. 325 f.
B
) Das darf man daraus schließen, daß die Grundstücke in der
(einseitigen) xa.TayQa.yr) i_ 38 2 m
dieser Weise verzeichnet
Lond. 1897,
werden, welche ihrerseits auf einer vorhergehenden Feststellung der
Grundstücke durch die Behörde beruhte. Näheres S. 323 f.
Erzricliti-r und Clm-rin: 319

Mitder Namhaft nun hung der Grundstücke verband


eich, wie sclion von anderer Seite 1) hervorgehoben wurde,
auch ihre Abs» hätzung dem Werte nach. Das zeigt vor
allem 2 ) der angeführte Text von Flor. 56, nach dem die
xar ayQcupi) außer den hypallagmatisch verpfändeten Aruren
BOch andere irundst ücke ergriff, weil der Gläubiger 'nach-
(

gewiesen hatte' ( 13 ), daß die elfteren zur Deckung seiner


Forderung nicht ausreichten. Natürlich mußte dazu auch
der Betrag der Forderung feststehen und der Wert der
rückständigen Zinsen, der Kosten und Gebühren ermittelt
werden. 8 ) Mit Recht hat die neuere Forschung aus diesen
Tatsachen die wichtige Folgerung gezogen, daß die ge-
pfändeten Grundstücke dem Gläubiger nicht schlechthin
als Ersatz seiner Forderung zufielen, sondern ihm zu ihrem
Schätzungswert zugewiesen wurden. Freilich, wie die Aus-
einandersetzung geschah, wenn sich ein der Forderung
gleichwertiges Pfand nicht finden ließ, insbesondere ob bei
einem Mehrwert des Grundstückes der Gläubiger zur Her-
auszahlung des Überschusses verhalten wurde, bleibt noch
ganz im dunkeln. Unsere Quellen bieten keinen Anhalt
zur Beantwortung dieser Frage und es nützt nichts, Ver-
mutungen darüber aufzustellen.
Die naQadei^ig war notwendig, wenn das Vollstreckungs-
verfahren auf Grund pfandloser Forderung eingeleitet wurde,
weil hier vor der Pfändung überhaupt noch kein bestimmtes
Grundstück verhaftet war: der Gläubiger mußte also an-
geben, welches er in Anspruch nahm. 4 ) Bei hypallagmatisch

x
) Schwarz, Hypothek und Hypallagma 98, vgl. auch 110f.;
femer Partsch, Arch. f. Pap. V 517; Raape, Verfall des Pfandes 131.

2
) Inwiefern für die hier behandelte Frage BGU. 1132 in Betracht
kommt, wird unten ( S. 329f .
) zu erörtern sein. BGU. 378, M f (Chrest. II 60)
.

ist hierdeswegen nicht herangezogen, weil es sich in der Urkunde nicht


um ein Vollstreckungsverfahren vor Erzrichter und Chrematisten auf
Grund einer exekutiven Urkunde handelt.
s Das lassen die Texte von Lond. 1897 und
) (ävzi nteiövoyv) Flor. 56
über die xaza-ygatpri deutlich erkennen.
*) Man kann dafür zunächst auf Flor. 56, 14 verweisen, denn der
Hausanteil, von dem die Gläubigerin sagt, daß sie ihn über das Hypal-
lagma hinaus angegeben habe {rcQogjKiQidei^a), war ihr nicht verpfändet.
Ferner darfman mit ziemlicher Sicherheit Lond. III 132 f. Nr. 908 cit.
320 Paul Jörs,

gesicherter Forderung war das der Vollstreckung unter-


liegende Grundstück schon durch den Vertrag bestimmt,
nichtsdestoweniger scheint auch hier eine Erklärung des
Gläubigers, durch die er sein Recht auf dieses Grundstück
geltend machte, erforderlich gewesen zu sein. Jedenfalls
konnte die Ttagadei^iQ nicht fehlen, wenn es sich um die
Feststellung des Wertes des Grundstückes, das von dem
Hypallagma ergriffen wurde, handelte. Auch dafür kann man
sich auf Flor. 56, 14 berufen: denn wenn der Gläubiger hier
ergänzungsweise auf ein zweites, nicht verpfändetes Grund-
stück greift (7tQog-7taQddei^a), so setzt das eine vorhergehende
Bezeichnung und Abschätzung des hypallagmatischen Pfand-
grundstückes voraus, welche eben das Ergebnis hatte, daß
dessen Wert nicht zur Deckung der Forderung ausreichte.
Die 7iaQadei^ig wird sicher in Flor. 56, 14 und aller
Wahrscheinlichkeit nach auch in Lond. III 132 f. Nr. 908,
2 3 f. ) von der Gläubigerin vorgenommen.
1 Konnte sie auch
vom Schuldner ausgehen ?*) Die Beantwortung dieser Frage

hierherziehen: die Gläubigerin, welche die naQdde&g vornahm ( 23 f.),


erwähnt kein widMay/ua, was sie bei ihrer sehr fragwürdigen Rechts-
behauptung wohl kaum unterlassen hätte, wenn ihr eins zugestanden
hätte. Auch in Oxy. 712 cit. wird wenigstens in den uns erhaltenen
Teilen kein Hypallagma genannt. Zur Unterstützung mag auch noch
auf die im übrigen nicht hierhergehörige Urkunde Oxy. 286, 20 f. hin-
gewiesen werden, in welcher der Bürge für den Fall, daß er vom Gläu-
biger in Anspruch genommen werden sollte, dem Schuldner die Voll-
streckung androht 'in alle seine Grundstücke, die er findet', d. h. deren
Nachweis er sich vorbehält.
) IlaQeöefäa, ist von Grenfell Hunt bei Wilcken, Arch. f. Pap.
x

IV 548 und von Mitteis, Z. Sav. St. XXVIII 385 ergänzt worden.
Daran wird man festhalten müssen. Obwohl auch so der Satzbau Schwie-
rigkeiten macht, würde er sich einer Ergänzung 7iageöei[£e mit dem
Schuldner als Subjekt noch viel weniger fügen. Die Darstellung des Vor-
gehens des Schuldners beginnt offenbar erst bei owegycov. Über den
Inhalt der Urkunde s. S. 325 f.
a Man könnte sich das beispielsweise so vorstellen, daß bei einer
)

pfandlosen Forderung der zahlungsunfähige Schuldner der Behörde ein


oder mehrere Grundstücke angab, die dem Gläubiger zu seiner Befriedi-
gung zufallen sollten. Der Schuldner hätte auf diese Weise die Aus-
wahl gehabt, was natürlich von Vorteil für ihn war. Bei dem ganz
hypothetischen Charakter dieser Erörterung hat es keinen Zweck,
der weiteren Frage nachzugehen, ob der Gläubiger, der jedenfalls volle
titer und Chrenmtisten. 321

hängt von der Ergänzung und Auslegung von Oxv. 712, 8 f.


(Chrest. II 231) ab. Darf man mit Mitteis lesen xardaxexe
oüv Tigog ivexvgaaiav rjv 7iaQid[ei£ev IJadeQ-
jiov&k; xai 6 ädeAcpoc;] avxov TIoTdfuav — olx[iav xai ar?./ji\
so war hier von einer Tzooddeigii; der Schuldner — denn das
sind die genannten Brüder in der Urkunde — die B
Die angegebene Ergänzung hat immerhin so viel Wahr-
scheinlichkeit für sich, daß man mit dieser Möglichkeif
rechnen muß. 1 )

Die Frage, wann im Laufe des Vollstreckungsverfah-


rens die Tzoodöeiiju; stattfand, läßt sich nur mittelbar in der
Weise beantworten, daß wir untersuchen, von welchem
Zeitpunkt ab es feststand, daß bestimmt bezeichnete (S. 318)
und ihrem Wert nach abgeschätzte (S. 319) Grundstücke
des Schuldners zur Deckung einer nach Kapital, Zinsen und

Befriedigung verlangen konnte, an das Angebot des Schuldners gebunden


war und wie eventuell ein Streit darüber entschieden wurde.
) Das Verlockende an dieser Ergänzung liegt darin, daß sich mit
a

ihr die grammatische Konstruktion glatt erklären läßt: xaxdayexe hat


zum Objekt den Relativsatz rjv Jiagdd[ei£e xzA., und in diesem ist Subjekt
[IlaTEQfwv&u; xai — ] —Tloxdfiajv, Gegenstand des Nachweises ot[jaav xai
aü\rp>. Letztere Ergänzung ist, wenn man Z. 18 ff. vergleicht, so gut wie
sicher. (Daran kann auch die für uns nicht aufzuklärende Unstimmig-
keit, daß dort ( n ) Haus und Hof als Eigentum nur des einen Bruders
erscheint, während in Z. 4 f. beide Brüder als Eigentümer genannt werden,
nichts ändern.) Die Bedenken, auf die übrigens auch Mitteis hindeutet,
liegen einmal darin, daß in dem in Z. 4 erhaltenen naged der letzte Buch-
stabe unsicher ist, was natürlich die angeführte Ergänzung eines wichtigen
Stützpunktes beraubt; weiter darin, daß die ohne Frage richtige Er-
gänzung von Grenf eil Hunt in Z. 8 [Ila&eQiwv&u; xai 6 döehpöi;] avxov
IJotäfKov eben die Namen der Schuldner als Subjekte einführt. Wollte
man an 7xaQdÖ[ei^ev festhalten, aber annehmen, daß der Nachweis vom
Gläubiger ausging, so häufen sich die Schwierigkeiten bei jedem Ver-
such dies auszudrücken. Denn da die Namen der Schuldner in Z. 4
feststehen, müßte man annehmen, daß diese und die folgende Zeile außer-
halb des Satzgefüges der Z. 3 Standern Es müßte also innerhalb dieses der
Name des Gläubigers als Subjekt und obdav xai avkrjv als Objekt zu
jtaQsöei^ev in Z. 2 _ s untergebracht werden. Wie sich das mit den Raum-
verhältnissen und mit den erhaltenen Resten von Z. 2 vereinigen ließe,
vermag ich nicht zu erkennen. Man sieht, die im Text mitgeteilte Er-
gänzung hat vieles für sich und darf jedenfalls nicht ohne weiteres von
der Hand gewiesen werden, wenn auch von Sicherheit in dieser Hin-
sicht keine Rede sein kann.

Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XXXVI. Rom. Abt 2L


322 Paul Jörs,

Gebühren (S. 319) feststehenden Forderung des Gläubigers


verfangen waren. In der svrevtjig war das nach dem bisher
allein hierfür in Betracht kommenden Text von BGU. 1038,

i 8 _27
nocn nicht der Fall. Freilich wird hier nicht nur von
der Forderung ( 19 f.)> sondern auch von dem Hypallagma
( 24 )
des Gläubigers gesprochen, aber die genaueren Angaben
über Lage, Größe, Beschaffenheit und Wert der Grund-
stücke, wie sie die nagdöeiiig erforderte, sind in diesen Worten
nicht enthalten und lassen sich schwerlich in die Lücken
der Urkunde hineintragen. Diese evrev^ig lieferte also weder
eine nagdÖEi^iq, noch läßt sich nachweisen, daß sie eine
solche als erfolgt voraussetzte. Auch was den xQi]fiana/jidg
EveyvQaoiag anlangt, lassen unsere Quellen nichts von dem
erkennen, was als Merkmal der na^döei^K; hingestellt wurde.
Wie schon hervorgehoben (S. 314 f.), beschränkten sich in
den uns bekannten Fällen die Chrematisten darauf, die
Zustellung und Durchführung ihres Beschlusses im all-
gemeinen anzuordnen. So stark auch die in Betracht kom-
menden 1 ) Texte BGU. 1038, 18 _ 18 und 239, 10 _14 beschädigt
sind, so darf man doch auch hier behaupten, daß Angaben
wie die oben gekennzeichneten weder in ihren Resten er-
halten sind, noch durch Ergänzung in ihre Lücken hinein-
getragen werden können. 2 ) Nun kann ja fraglich erscheinen,
ob man das, was vereinzelte Urkunden erkennen lassen,
verallgemeinern darf. Ich möchte auch eine andere Fassung
der svrevgiq und des xQWxlial1 ^ un ^ eme frühere JiaQaöeiijig
(namentlich bei hypallagmatischen Forderungen) nicht als
x
) In Berl. 11664 entspricht der Beginn des /g^arto/zös ive/vgcioiag

dem üblichen Schema: das für unsere Frage in Betracht kommende


.Stück ist noch nicht bekannt.
2
) Daß in dem Beschlüsse auf hypallagmatisch haftende Grund-
stücke oder auf deren Erwähnung in der evxev£ig verwiesen war, ist natür-
lich möglich. In BGU. 1038, 18 könnte man sich nach dem von Mitteis
ergänzten [xeXeuo&ijvai (oder was sonst dastand: vgl. S. 239, 3) bei-
spielsweise folgende Fortsetzung vorstellen: xä xrjg ivexvgaoiag (vgl.
Flor. 55, u 56, 10 ex xüv vmjMay/xevcüv avxü» (vgl. 24) o.qovqö>v xal oixujov
. )

(vgl. 4 ). Man brauchte dabei gar nicht viele Abkürzungen, an denen der
Text auch sonst keinen Mangel leidet, anzunehmen. Ich will aber mit
jenen Worten nur eine Möglichkeit dessen, was etwa in der Lücke ge-
standen haben könnte, andeuten: als positiver Vorschlag zur Ergänzung
sollen sie nicht gelten.
hter and < &

unbedingt ftuflgesohloana bezeichnen 1 ), aber es ist doch


beachtenswert, daß in Übereinstimmung mit dem, was vir
aus den erhaltenen Texten der Eingaben und Besclil
feststellen konnten, BW61 andere Urkunden, die der nni/i-
öei^ig gedenken, nämlich Lond. 111 [92t. Nr. 908 und <

712 erkennen lassen, daß dieser Nachweis erst


nachdem der xQV/laTtaM^ hexvqaaiaQ ergangen war. 8 ) 3 )
— Die vorstehenden Erörterungen zeigten, in welchen Sta
dien des Verfahrens sich noch keine Spuren der naq6A
finden: ihnen gegenüber darf mit aller Bestimmt hei:
hauptet werden, daß die nagdöei^ig der Haxa-ygatpri voran-
gegangen sein muß. Das ergibt sich aus Flor. 56, n ff. denn :

der Gläubiger sagt ausdrücklich, daß er sich das Eigentum


an den verpfändeten Aruren und dem ihnen zugeschlagenen
Hausanteil nach der naQadEi£i<; des letzteren (um so mehr
der ersteren) habe zuschreiben lassen. Vor allem aber folgt
es daraus, daß Lond. Nr. 1897 (Arch. f. Pap. VI 106f.) ein
genaues, mit allen Einzelangaben versehenes Verzeichnis
der dem Gläubiger zugeschriebenen Grundstücke mit An-

') VfL die Bemerkung S. 315,,.


2
)
Vgl. Lond. Nr. 908, „f.: ['CfyetJ.lo/ifituv ftoi —] — (ÖQayjtwv
J
Betrag) xa& tjv] naQExopioäfitjv £ve%i>Qao(av xai rzciQiöet[3u tu vndgyov]Ta
avTov öiaxei[[i]eva
xr).. Daß imgufaala hier wie oft (S. 234, 7) den I'faii-
dungsbeschluß der Chrematisten bedeutet, geht daraus hervor, daß der
Gläubiger (ebenso wie in BGU. 970, M sagt, er habe die ivt^vQaaia em-
)

pfangen (nämlich vom Erzrichter). Eben wegen dieser Bedeutung von


ivexvQaoiav halte ich die von Mitteis zu Chrest. II 229, 23 hinter diesem
Wort für möglich erachtete Einschiebung von (öi' fjg) nicht für angebracht.
Der Gläubiger würde damit sagen, daß er durch den Gerichtsbeschluß
die Namhaftmachung der Grundstücke vollzogen habe. Sollte das be-
deuten, daß er die nagdöett-ig vor den Chrematisten (in der ivrev^tq oder
im T//g öiaXoryfJQ) vorgenommen hatte, so wäre damit ein Beleg für die
oben als unerweislich, wenn auch nicht unmöglich hingestellte Ansicht
gewonnen. Vorläufig aber meine ich, daß sie durch eine Textkonjektur
nicht genügend gestützt ist.
3
)
In Oxy. 710, 10 (Chrest. II 231) beruft sich der Gläubiger auf
den, damals also schon ergangenen xQrIViaxuJfi °S EVzyvQaciaq und bittet
um dieBeschlagnahme (xaroxt]) bestimmter Grundstücke. Betreffs
dieser wird dann in dem Schreiben der Praktoren, das die begehrte Be-
schlagnahme anordnet, auf die naodöei^iq Bezug genommen (Z. 2 ). Daß
sie nach der evE%vQaoia erfolgt war, ist, wenn auch keine notwendige,
so doch eine wahrscheinliche Folgerung.
21*
324 Paul Jörs,

gäbe des Schuldbetrages, der durch ihre Übereignung ge-


tilgt wird, aufweist. Haben wir auf diese Weise einen ter-
minus ante quem gewonnen, so dürfen wir aber auch gleich
hinzufügen, daß es aus den oben S. 316 angeführten Grün-
den als ausgeschlossen angesehen werden muß, daß die
Ttagdöetiig erst vor dem Agoranomen, oder wer sonst die
Urkunde aufnahm, in Verbindung mit der xaxayqacpri voll-
zogen sein könnte. Wohl aber kann es als sicher gelten,
daß die nagadsi^ig, wenigstens der Regel nach, zu den im
rcöv rojicov vorzunehmenden Akten zählte. Dieser Abschnitt
des Verfahrens aber gipfelte in der nqogßoXri. Wenn wir
deren Wesen oben (S. 316) richtig als eine amtliche Zu-
weisung der Pfandgrundstücke an den Gläubiger zu nötigen-
falls einseitigem rechtsgeschäftlichen Erwerb (xaTayQCHpij)
aufgefaßt haben, so mußten natürlich diese Grundstücke
und ihr Deckungswert gegenüber der Forderung feststehen,
ehe sie erging. Die nqogßoXri setzt also die nagdöei^ig voraus.
Trotz des nahen Zusammenhanges, in dem beide Akte
standen, ist es aber nicht notwendig anzunehmen, daß die
Tiagadsi^ig gerade vor den t-svixäjv TtQaxroQsg erfolgte. Es
bleibt die Möglichkeit offen, daß die Namhaftmachung und
Abschätzung der Grundstücke seitens des Gläubigers (oder
Schuldners?), gleichviel ob sie, wie im folgenden ange-
nommen wird, in einer schriftlichen Eingabe erfolgte oder
in einer mündlichen Erklärung bestand, an den Strategen
gerichtet war und daß von diesem die nötigen Ermitte-
lungen und Feststellungen vorgenommen und dann den
Praktoren mitgeteilt wurden. Auch ein Zusammenwirken
von Strategen und Praktoren und Anrufen beider Behörden
ist nicht ausgeschlossen.
Über die Form der nagdöei^ig ist nichts überliefert.
Wir werden aber wohl nicht fehlgehen, wenn wir annehmen,
daß sie die gleiche war wie die der übrigen vom Gläubiger
ausgehenden Akte im Vollstreckungsverfahren, also die einer
Eingabe 1 ) an die zuständige Behörde mit nachfolgender
x
) Diese Eingabe mußte die in Anspruch genommenen Grund-
stücke in der oben 318 geschilderten Weise enthalten. Freilich könnte
S.
man die Frage aufwerfen, die auch bei den obigen Erörterungen über
eine miqadei^iQ in der evrevgig schon in Betracht gezogen wurde, ob die
ktCf uud ChfWMd :V2~>

Zustellung an den Schuldner, der dann — so müßte wi


geschlossen werden — nötigenfalls seine Rechte durch e

Widerspruch (ävTiQQrjoK;) in der üblichen Form walin n


konnte. Diese Aufstellungen sind keineswegs bloße Ver-
mutungen. Einmal scheint Oxy. 712, 2 die Erklärung zu
fordern, daß die dort erwähnte noQdöettu; in einem Schritt
satze bestand. 1 ) Vor allem aber meine ich, daß wir in
Lond. III 132f. Nr. 908 einen Widerspruch gegen «in.-
naQadeiZu; vor uns haben. Die Rechtslage in dieser Ur-
kunde 2 ) muß man sich folgendermaßen vorstellen. Die
Gläubigerin hatte den gerichtlichen Pfändungsbeschluß (23
ivexvgaaiav) erwirkt und darauf bei der naQäöeil-i<; bestimmte
Grundstücke für ihre Befriedigung in Anspruch genommen.
Diese waren, wie sie ausführt, zwar bei der ßißfoo&tjwi
eyxxrjaeoiv auf den Namen der Frau gebucht, gehörten aber
in Wahrheit dem Schuldner 3 ), die Übertragung auf die
Frau sei in beiderseitigem Em Verständnis erfolgt ( u avveg-
ycov), um die Grundstücke der Vollstreckung zu entziehen.
Mit andern Worten die Gläubigerin will die Übereignung
:

an die Frau als simuliert nicht gelten lassen 4 ), sie behandelt


deshalb die Grundstücke als Eigentum ihres Schuldners.

Nachweise, die das Wesen der Ttagädeigig ausmachten, notwendig in einein


selbständigen Schriftsatz enthalten sein mußten, ob sie nicht vielmehr
in einerandern Eingabe (z. B. in dem Gesuch um 7uxx;ßoh)) eingeschlossen
sein konnten. Eine sichere Antwort läßt sich nicht geben, doch glaube
ich, daß das, was im folgenden über Oxy. 712; Lond. III 132 f. und
Lips. 120 ausgeführt ist, eher für als gegen einen selbständigen Schrift-
satz spricht.
x
Die erhaltenen Worte lauten: ]ofitog naQadeiZeax;, rxp' yv emiv
)

s . Wenn das Relativum rjy, wie es doch notwendig scheint, auf das
[ . .

unmittelbar vorhergehende Substantivum 7iaQaöei£eu>g bezogen werden


muß, so können die Worte kaum einen andern Sinn haben, als daß unter
der nagdöei^ig irgend etwas geschrieben stand, daß ihr also z. B. ein
anderer Schriftsatz angehängt war oder daß eine amtliche Erledigung
(vnoyoaqnj) darunter stand.
2
) Vgl. zu ihrer Erklärung Schwarz, Hypothek und Hypallagma
83; Mitteis, Chrest. S. 251.
*) Auf avxov in Z. 24 liegt der Nachdruck.
4
) Der Versuch, durch derartige Scheinveräußerungen den Gläu-
bigern Exekutionsobjekte zu entziehen, ist auch dem heutigen Praktiker
bekannt genug.
.

326 Paul Jörs,

Dagegen wenden sich nun der Schuldner ( 31 f.) und seine


Frau 32 f.) 1 durch eine Eingabe, die, wenn auch der Name
( )

nicht gebraucht wird, doch offenbar als eine in der üblichen


Form erhobene und zugestellte dvriQQTjaig angesehen werden
muß. 2 Daß diese aber nicht gegen den Pfändungsbeschluß
)

(XQrjfiaTiajudg als solchen, sondern vor allem


ivexvQaoiag)
und vielleicht gegen die nagdöeit-iQ gerichtet war,
allein
zeigt die Urkunde deutlich. Die Gläubigerin sagt ausdrück-
lich, der Schuldner habe ihr das (den Widerspruch ent-
haltende) vnöjuvrjjua zugestellt, nachdem sie selbst die eve-
yvgaaia erwirkt und die Ttagdöeigig vorgenommen hatte. Be-
rücksichtigt man nun, daß in den uns bekannten Gerichts-
beschlüssen der Chrematisten die Grundstücke gar nicht
angegeben waren, sondern nur im allgemeinen die Voll-
ziehung der Pfändung angeordnet wurde (S. 314f.) und daß
im vorliegenden Falle betont wird, die Gläubigerin habe
bei der naQadeiiig die Grundstücke als Eigentum des
Schuldners in Anspruch genommen (Z. 23 f.), so ist klar,
daß sich dessen Widerspruch gegen diesen Akt gerichtet
halben muß. 3 )

Wenn wir die nagdöeigig mit Recht als eine Eingabe


des Gläubigers (oder Schuldners?) an eine der Ortsbehörden
(oder beide?) aufgefaßt haben, so hegt die Frage nahe, ob
uns nicht ein derartiges Schriftstück erhalten ist. In Be-
tracht kommen könnte zunächst Lips. 120 (Chrest. II 230).
Die Eingabe scheint an den Strategen gerichtet zu sein,
der sie —
wohl mit einem Vermerk über ihre Erledigung
versehen —
den Praktoren in Abschrift mitteilte. 4 ) Ihr
*) Vgl. betreffs der Frau Mitteis, Chrest. S. 251 'Vollstreckungs-
hauptintervention'
2 wird in der Literatur
)
Der Charakter der Eingabe als ävrlQQrjaig
(S. 325,2) allgemein anerkannt.
3 Dieser Punkt steht
) m. E. fest, auch wenn der Schuldner oder
seine Frau in ihrem vnö/xvrifj,a noch andere Beschwerden vorgebracht
oder vielleicht auch die Forderung selbst bestritten haben sollten. Die
Urkunde läßt nichts darüber erkennen. Denn aus den Worten, mit denen
die Gläubigerin die Eingabe ihres Gegners kennzeichnet ( 28 f-)> *ä iavtcöi
äoiaxov[x]a xev&q xal [ä]vüxpetö<; örjkboag, läßt sich nichts Bestimmtes
über deren Inhalt entnehmen.
4
) So Mitteis, Chrest. S. 253, dessen Gründe mir überzeugend
erscheinen. Zustellung an den Schuldner ist zu vermuten.
htaf und Chrema! 327

li lieber, der Gläubiger, hat. wie er angibt, einen gericht-


lichen 1 Miindungsbeschluß erwirkt ( 3 f. 9 ) und ihn dem Schuld
ner zustellen lassen ( 9 f.). Nachdem (innerhalb der d
vorgeschriebenen Frist) weder Zahlung noch JdflffSpcuoh W
erfolgt ist, erklärt er nunmehr ( 12 ):
'ich pfände' (Jtfggqgd
Soweit Ordnung. Daß der Stmtsg als Adressat
ist alles in

erscheint, würde, wie oben (S.SS4) dargelegt, der Ansieht,


daß wir eine nagadet^ig vor uns haben, nicht entgegenstehen .

Und die Erklärung 'ivexvgdCoi* wäre ein durchaus zu


treffender Ausdruck, wenn ihr die Namhaft machung <l< i

Grundstücke, die der Gläubiger zu seiner Befriedigung in


Anspruch nahm, gefolgt wäre. Leider läßt aber an diesen
entscheidenden Punkte die Zerstörung der Urkunde keinen
sicheren Schluß mehr zu. Ausgeschlossen ist eine
legung im angedeuteten Sinne nicht, aber es zwingt auch
nichts, sie anzunehmen. Gerade die letzten lesbaren Worte

( 13 )
im 6 71q(z(>ct(oq) rä vnaQ%ovra navra AQ7iäX(ov) machen '

Schwierigkeiten. Sie legen den Gedanken nahe, daß be-


reits eine das ganze Vermögen des Schuldners treffende
Vollstreckungshandlung vorgenommen war. Ob di
der gegenwärtigen Forderung, ob sie überhaupt wegen einer
Forderung des jetzigen Gläubigers stattgefunden hatt< ob .

die neue Pfändung etwa eine Anschlußpfändung ) war und 1

ebenfalls das ganze Vermögen oder nur einzelne Gegen-


stände (Grundstücke?) ergriff, alles das bleibt im dunkeln.
Über die Bedeutung der Eingabe in Oxy. 712 s. unten
S. 334f.

4. Zur Auslegung von BGU. 1132.


In den vorhergehenden Erörterungen ist Abstand ge-
nommen von der Heranziehung der wichtigen, aus Alexan-
drien stammenden, unter Augustus' Regierung abgefaßten
Urkunde BGU. 1 132 2 ), die verschiedene der hier behandelten

*) Vgl. Oxy. 653 (Chrest. II 90, 4 ff.).


2
) zu dieser Urkunde vor allem Schwarz, Hypothek und
Vgl.
Hypallagma 106 ff.; ferner Part seh, Arch. f. Pap. V517; Raape, Ver-
fall des griech. Pfandes 126. Der in Preisigk.es Berichtigungsliste S. 98

veröffentlichte Zusatz zu BGU. 1132 ist oben S. 311 behandelt: er bleibt


hier außer Betracht.
3

328 Paul Jörs,

Fragen berührt 1 ), deren Benutzung aber voraussetzt, daß


die verwickelten, in ihr bekundeten Rechtsverhältnisse klar-
gelegtund in den richtigen Zusammenhang gebracht werden.
Es schien mir deshalb angemessen, die Urkunde, soweit sie
das Vollstreckungsverfahren betrifft, hier gesondert zu be-
handeln. Ich hoffe, daß dabei manche der bisher vor-
getragenen Auffassungen und Erklärungen schärferes Licht
empfangen werden.
Zwei Parteien treffen ein Abkommen über die zwischen
ihnen bestehenden rechtlichen Beziehungen. Der Schluß
der Urkunde, der die neue Vereinbarung enthielt, ist ver-
loren, die Darstellung der vorausgehenden Rechtsverhält-
nisse zum größten Teil erhalten. Diese nehmen ihren Aus-
gang von einem durch das Mnemoneion (in Alexandrien)
verbrieften Darlehn des Ammonios an Theodoros im Be-
trage von 500 Drachmen (g). Sie beruhen weiter auf vier
durch das Kriterion (in Alexandrien) aufgenommenen avy-
Xcogrjoeig (I —
IV), über die in der vorliegenden Urkunde
Bericht erstattet wird (über I in 6_ 2i über II in 24_
, über ,

III in 30_37 über IV in 37 ff.). In der ersten Synchoresis (I)


,

werden wiederum vier zwischen den Parteien geschlossene



Rechtsgeschäfte (A D) aufgezählt (A in 8_16 B in 16_l9 , ,

*) Daß die Urkunde


hierher gehört, kann keinem Zweifel unter-
liegen. Zwar worauf schon Schwarz (S. 107) hingewiesen hat,
fehlt es,
an einem Beweis, daß der in ihr erwähnten TCQogßoXrj eine iveyyQaaUt
vorangegangen ist und daß es sich um Vollstreckung einer Exekutiv-
urkunde handelt. Berücksichtigt man aber, daß hier in einer avyxo)Qt]aig
über andere avyytoiQvpev; und in diesen wieder über frühere Rechtsakte
berichtet wird, so kann es nicht wundernehmen, daß diese letzteren nicht
in allen Einzelheiten dargestellt, sondern nur mit kurzen Schlagworten
gekennzeichnet sind. Und was die Exekutivurkunde anlangt, so kann
man zum mindesten behaupten, daß sie die Wahrscheinlichkeit für sich
hat. Denn da einerseits die /j.vr][iova<rj ovyyQa<prj ( 7 ) und die ötayQa<prj ( 8 ),
durch welche das zugrundeliegende Darlehn zustande gekommen war,
und weiter die nQoqßoXrj ( 8 ), durch welche der Gläubiger die Vollstreckung
betrieb, aufgezählt werden, wäre es doch, wenn ein Urteil die Grundlage
der Vollstreckung gebildet hätte, kaum zu verstehen, daß es nicht ge-
nannt wäre. Außerdem fehlt es bisher am Beweise dafür, daß auch
bei Urteilsvollstreckung eine 7iQogßoA.rj stattfand: selbstverständlich ist
das keineswegs.
;

Kr/.riilitcr und Clircin.i:

fol^*'- >'» ( l*'i ÜUf Inhalt hier wiedergegeben ist, nacheinander


abgeschlossen wann. Wir werden aber guttun, sie nicht
ihrer Entstehungszeit nach, sondern so wie sie inhaltlich
zusammenhängen EU betrachten: beides trifft nieht immer
zusammen.
An erster Stelle (I A [£_ 16 ]) wird berichtet, daß der
(ilaubiger Ammonios sich zur Tilgung des genannten Dar- 1
)

lelms von 500 Drachmen nebst Zinsen durch die Praktoren


(8 ) bestimmte Grundstöcke
(»ff.) des Sebuldners, und zwar

Ödland (,, yf/v x^Qoov) habe zuschlagen lassen ( g TiQOsßeßfo'jO-


tiai), an dritter (I C [jo-m])» daß er 20° Drachmen als Ab-

zahlung vom Schuldner empfangen habe. Die zweite Syn-


ehoresis (II [24—30]) stellt, nachdem sie eine Übersicht über
die bisher /wischen beiden Teilen abgeschlossenen Rechts-
geschäfte (I A 2

D) gegeben hat ), als deren Ergebnis fest,
daß Theodoros dem Ammonios noch 300 Drachmen schuldet
(26 f.): xal Xouicov ovacöv iv toh Geodiogiot and tü>v xov doyv-
(qiov) (ÖQaxfiüv) <p dgaxipüv) t. 3 Von der vorerwähnten 4 ) )

nQogßofo] (I A [g_ 16 ]) ist überhaupt nicht mehr die Rede.


Man nimmt nun mit Recht an 5 ), daß sie durch die Zahlung
der 200 Drachmen ( 21 aufgehoben sei und schließt daraus,
)

daß der Wert der von ihr ergriffenen Grundstücke (a_ 16 )


auf diesen Betrag beziffert wurde. 6 ) Dadurch erhält die

*) ITgog äg iödveiaev — (ögaxfiag) <p — nQogßeßXijadat — yfjv ytnoov


ist genau so aufzufassen wie z. B. Flor. 56, n : xarayiygafifjuii — [dgovoag
— — ] — rag öipeiXofihag poi (Betrag); Lond. 1897 (S. 307): tcaz-
Jtgdg
£YQf* <PT) ~ 'Iotöogoq — dQOvgag — nqbg xäg wptAonevag a&cq) — ÖQaxjiag —
Oxy. 712, i,£f.: [xaraaxelv — ] — olxtav — [ngog — zag dqtdofidvaq ,uot
— ÖQaxuäs] -.
a
) Z. 25 : arjftaiverat zä 7iQoxefa(eva).
3
) Der weitere Inhalt der zweiten Synehoresis, sowie der der dritten
und vierten (Z. »ff.), bieten, soweit ihr Inhalt erkennbar ist, nichts,
was für das Vollstreckungsverfahren in Betracht käme und bleiben des-
halb hier unberücksichtigt.
*) Von B 16_ 19 genannten Jtoogßo/.t] und der zweiten
der zweiten in I
in I D 22_ 24
erwähnten Zahlung unbestimmten Betrages sehe ich vor-
läufig ab. S. darüber S. 330 f., 332 f.
8
) Schwarz llOf. und, wenn ich recht verstehe, auch Partsch,
Arch. f. Pap. V 517.
•) Freilich rechtfertigen die angeführten Tatsachen nicht ohne
weiteres den daraus hergeleiteten Schluß. Denn wenn für eine Forde-
330 Paul Jörs,

oben (S. 319) vertretene Meinung, daß die gepfändeten


Grundstücke dem Gläubiger zu ihrem Schätzungswerte zu-
geschlagen wurden, eine wichtige Stütze. Und ferner be-
stätigt die Stelle unsere Ansicht, daß die nqoqßoXrj dem
Gläubiger noch kein Eigentum an der Sache gab (S. 316):
wie ein Pfandrecht kann der Schuldner sie durch seine
Zahlung ablösen. 1 )
Von besonderer Bedeutung für die Erkenntnis des
Wesens der noogßoXr) ist der in der ersten Synchoresis an
zweiter Stelle erwähnte Rechtsvorgang (I B [ 16_ 19 ]), über
den folgendermaßen berichtet wird xal naQaxexcoQfjo&ai rov
:

avrov '
Afiftcbviov Ttagä rov Oeodcbgov diä rü>v tzqolxtöqcov tzqoq-
ßokrjv rcöv TiQÖTEQOv '
Agioriov enoixiov xal — SQyaarrjQiojv xal
ipdöjv roncov xal oIxotcsÖcov. Es ist ausgeschlossen 2 ), daß
hier dieselbe 7ioogßo2.rj wie bei dem
ersten Rechtsgeschäft
(I A [8_ 16 ]) gemeint sein könnte.
Beide haben, wie es scheint,
nichts miteinander gemein: jedenfalls beziehen sie sich auf
ganz verschiedene Grundstücke. 3 ) Vor allem aber geht es
rung von 500 Grundstücke im Werte von 200 gepfändet und für ver-
fallen erklärt wurden, so folgt daraus, daß nachher eine Abschlags-
zahlung von 200 geleistet wurde, noch nicht von selbst, daß nun jene
Grundstücke von der Haftung frei waren: es bedurfte vielmehr einer
Feststellung, daß durch die Teilzahlung die TtQogßoArj abgelöst sein
sollte. Aber wir dürfen wohl annehmen, daß eine solche auch tat-
sächlich in der ersten Synchoresis (I
6 _
24 ) enthalten war und daß diese
Angabe nur summarischen Übersicht weggelassen ist, bei
in unserer
der man sich damit begnügte, das Endergebnis einer Restschuld von
300 ohne nqoqßoXrj zu verzeichnen. (Die von manchen Forschern an-
genommene Teilhaftung des griechischen Pfandes bei Abschlagszahlungen,
die in unserem Falle dazu führen müßte, daß die von der 7iQogßoÄrj be-
troffenen Grundstücke zu zwei Fünfteln ihres Wertes haftfrei wurden,
kommt hier, da sie ganz frei werden, nicht in Frage. Vgl. darüber Gra-
denwitz, Einführung XIV Anm. und Arch. f. Pap. II 100 Anm.; Weiß,
Pfandr. Unters. I 23f.; Eger, Grundbuch 45; MitteiS, Grundz. 157;
Raape, Verfall des Pfandes 100; Partsch, Arch. f. Pap. V 508.)
) Wegen der abweichenden Meinung von Schwarz vgl. S. 331, 4
x
.

) Die folgenden Ausführungen kommen zum mindesten im Haupt-


2

punkte, nämlich in der Erklärung der TiagaxdJQrjaii; zu einem andern Er-


gebnis als die von Schwarz (107ff.). Da ich aber zweifelhaft bin, ob
ich die Ausführungen dieses Forschers in allen Einzelheiten richtig ver-
standen habe, vermeide ich die Auseinandersetzung mit ihnen und gebe
kurz meine Auffassung.
s
) Die Grundstücke hegen allerdings in beiden Fällen in der *AXe-
,t<-r uri.l Chrrm.' 331

nicht an. die hier (,,.) erwähnte 7iagax(t)Qr}aiQ auf eine Linie
mit <lrr xaxayQaspr] des VoDttpeckungavcrfahrePl (Flor. 55.
66; Lond. Nr. is!>7; oben s. 303 ff.)
1
) n stellen und sie als
Abtretung (Zuachreibung) des Eigentums zu verstehen. 2 )
Der mitgeteilte Text läßt nur eine Auslegung zu TtQogßoXrjv :

muß das Objekt zu 7iaQaxex(OQf)<r&ai sein und die Genitive


bioixiov usw. müssen von ngogßoXrjv abhängen. 8 ) Demnach
muß man sich das Rechtsverhältnis so vorstellen: Theodoros
hatte eine nQogßoXrj an den Grundstücken der An>ti<>n,
wohl seiner Schuldnerin, erwirkt: diese 7iQOQßoXrj tritt er
nun dem Ammonios ab. Das kann niehts anderes bedeuten,
als daß er das ihm aus der 7igozßoArj zustehende Recht auf
die xaxayQa(prj an seinen Gläubiger überträgt. Diese, wie
mir scheint, unabweisliche Auslegung 4 ) von BGU. Litt,
ie_i» bestätigt wieder die oben (S. 316) vertretene Auf-
fassung, daß die ngogßoXr] dem Gläubiger kein Eigentum,
wohl aber das ausschließ üche Recht auf (rechtsgeschäft-
lichen) Eigentumserwerb zur Deckung seiner Forderung

f-avÖQecov y^mga (vgl. dazu Dikaiomata 69f.), aber im erstoren ist yfj zigooz
(vgl. Rostowzew, Kolonat 3; Wilcken, Grundz. 273) in der Feldmark
(7KQi) des Syrerdorfes, im zweiten sind ein enotxiov i^yaaxi)Qta, ydot
xönoi und oixöneöa im (iv) Syrerdorf genannt.
Wäre das der Fall, so müßte man eine zweiseitige, anders als
*)

Lond. 1897, unter Mitwirkung des Schuldners zustande gekommene


xaiayocupr] annehmen (vgl. S. 308,,): die Worte TiaQaxexoryfja^tu — 'Aft-
/ubviov TtaQa — QeoöwQov würden diese Auslegung fordern.
2
) Damit soll selbstverständlich nicht gesagt sein, daß naeaxiogrjOK;

überhaupt nicht in diesem Sinne gebraucht werden könnte: daß das


Wort jede Abtretung, sowohl die des Eigentums wie die eines anderen
Rechtes bedeuten kann, bedarf keines Beleges. Vgl. auch S. 305 f.
s
) Es nützt auch nichts, wenn man die von Schwarz (108, t ) auf-
geworfene Frage, ob nicht etwa 7uiQaxexu>Q^a&ax {xaxä zrjv) öid tüw tiqoxxö-
qcdv TiQogßoh'jv zu vermuten sei, bejahen wollte. Dann hätten wir aller-
dings eine gemäß der TioogßoXt) vorgenommene nagax&QTjou;, aber die
Gegenstände des 7iaQaxex(OQfja&cu müßten auch dann notwendig im
Akkusativ genannt sein. Wir lesen aber nicht nur in Z. 18 exoixiov, son-
dern haben auch in Z. 19 Genitive {eygaaxriQuov usw.), die aus ursprüng-
lichen Akkusati ven hergestellt sind: hier eine reformatio in peius an-
zunehmen, wäre Willkür.
. *) Von der hier vorgetragenen Auffassung aus erledigt sich ins-

besondere auch, wie ich glaube, die Meinung von Schwarz (111), daß
durch die nqozßoXfi der Gläubiger ein auflösend bedingtes Eigentums-
recht erlangt habe.
332 Paul Jörs,

gab. 1 ) Dabei erbebt sich aber eine naheliegende Frage. Die


war eine amtliche Verfügung: konnte sie oder
TZQogßoArj
konnte das durch sie dem Gläubiger zugesprochene Recht
durch privates Rechtsgeschäft an einen andern abgetreten
werden? Auch für die Beantwortung dieser Frage weist
unser Text den rechten Weg. Denn die Worte naQaxexco-
Qrjc&cu — '
Afifidiviov Tiagä — Oeodcbgov diä rä>v 7iqgmx6q(ov
jtQogßoXrjv — inoixiov daß Ammonios sich
xtL besagen,
die TiQOQßoXri der betreffenden Grundstücke von Theodoros
(dem das Recht bisher zustand) 'durch die Praktoren' über-
weisen Heß. 2 ) Diese Beamten mußten also den 'Zuschlag'
vom Zedenten auf den Erwerber übertragen, d. h. das Grund-
stück nunmehr dem letzteren für verfallen erklären.
Über den letzten Akt in der ersten Synchoresis wird
folgendes berichtet (I D [ 22_24 ]): hi de elhqqiivai — elq rov

*) Man darf sich nicht dadurch täuschen lassen, daß die Aus-
drucksweise der Quellen nicht immer den strengsten juristischen An-
forderungen gerecht wird. Wenn z. B. in der hier besprochenen Stelle
gesagt wird, Theodoros habe dem Ammonios die nqoqßoXri an den Grund-
stücken abgetreten, die 'früher' (tiqoxsqov) der Aristion gehörten, so ist
das insofern ungenau, als ihr erst die xaxayQoxpr\ das Eigentum entziehen
würde. Aber großes Gewicht wird man nicht darauf legen dürfen, daß
die dem Theodoros für verfallen erklärten Grundstücke als nicht mehr
im Vermögen der Schuldnerin stehend bezeichnet werden. Wäre Th.
durch die TtQcgßofaj schon Eigentümer geworden, warum üeß sich dann
sein Gläubiger A. nicht die Grundstücke selbst zuschlagen ? Vollends —
wird man es als ungeschickten Ausdruck bezeichnen dürfen, wenn m
dem oben (S. 311) behandelten Zusatz zu unserer Urkunde (Preisigke,
Berichtigungsliste S. 98) von einer ßeßaUooig x(f\)<; 7iQox(eifievr)s)

7tQogßo(Xf}Q), also Gewährschaft den Zuschlag' des Grundstückes,


'für
statt 'für das auf Grund des Zuschlages erworbene Eigentum' ge-
sprochen wird.
2
) Man darf die Worte nur mit 7KtQa>{exu>Qfjadai,
öta x&v nQaxxoQayv
nicht mit nqoqßoXriv verbinden. Hätte gesagt sein sollen 'Ammonios hat
sich von Theodoros die diesem durch die Praktoren zuteil gewordene
ziQogßoArj abtreten lassen', so wäre der zutreffende Ausdruck gewesen
TtaQQxsxojQfia&ai xrjv öia x&v nQaxxoQcov JigogßoÄrjv. Auch kam es für die
Darlegung der Rechte des Ammonios viel mehr darauf an, hervorzuheben,
wie er selbst, als wie sein Vorgänger sie erworben hatte. — Übrigens
mag auch auf den /g^/zarto/zog, durch den die Praktoren den Notar zur
Aufnahme der xaxaygaqiij zugunsten des Gläubigers ermächtigten (S.309f.
317), hingewiesen werden: auch er konnte gewiß nur durch seine Urheber
abgeändert werden.
Er/mbtcr und (linin.. 333

r% XQOQßoXifc ?.6yo(v) a>v nat>£y<A}Qr\atv avrün rätv 'Agiariov


aQyv(Qiov) (ÖQax/iu;). Durch die Erwähnung der naga-
. .

XcoQtjaiQ und der Aristion erhält die Zahlung, von der hier
die Rede ist, ihre feste Beziehung zu der vorerwähnten, in
der Urkunde an zweiter Stelle (I B [i«_ lt ]) genannten nqoz-
ßofoj, also derjenigen, die Theodoros an den Grundstw<
der Aristion erwirkt und dem Ammonios abgetreten hatte.
'Auf Rechnung' dieser nQosßoXi) hat der Gläubiger und
Zessionar Ammonios nun eine Abschlagszahlung erhalten.
Das setzt eine bestimmte Wertgrenze voraus und bestätigt
ebenfalls den oben (S. 319) entwickelten Grundsatz, daß
durch die nagdöei^iq ein bestimmter Schätzungswert des
Pfandes ermittelt wurde, zu dem es dem Gläubiger bei der
TZQogßofaj zugeschlagen wurde. 1 ) Des weiteren ist zu be-
merken, daß Ammonios das Recht zur y.azayQa<pTJ, das ihm
nach unserer Auffassung durch die Abtretung der nqoqßoXr\
zustand, bisher nicht ausgeübt hatte: vielleicht hatte diese
Abtretung fiduziarischen Charakter. Auffallend ist, daß
die hier erwähnte Zahlung, deren Betrag wir nicht kennen,
von der zugrundeliegenden Forderung der 500 Drachmen
nicht abgerechnet wird. Denndie zweite Synchoresis ( 24 _3o)
beginnt damit, daß sie ein Saldo von 300 Drachmen fest-
stellt ( 26
f. 34f.): sie hat also nur die erste Zahlung von
200 Drachmen ( 21 ) in Ansatz gebracht. Wie das zu erklären
ist, geht aus unserer Urkunde nicht hervor: für die hier

behandelten Fragen ist es ohne Belang.

5. xaxoyr] und äjioyQa<prj.

Wenn die xarayQCKprj das Eigentum durch einen rechts-


geschäftlichen Akt auf den Gläubiger übertrug, so ist zu
vermuten, daß auch eine Verbuchung dieser Rechtsänderung
bei der ßißfao$i]xr\ eyy.zrjaeoiv stattfand und daß diese durch
cmoyqcHpr) des Gläubigers als neuen Eigentümers herbei-
geführt wurde. Es fragt sich, ob diese Annahme in den
Quellen einen Anhalt findet.

x
) Diese Abschätzung müßte bei unserer Auffassung der Sachlage

die Grundstücke der Aristion betroffen haben und schon erfolgt sein,
als Theodoros die TiQogßoAtf an ihnen betrieb.
;

334 Paul Jörs,

Zunächst kann man auf die xaroxrj 1 ) hinweisen, die


in Oxy. 712 (Chrest. II 231) 2 ) behandelt wird. Der Gläu-
biger, der einen XQrjixario/xdQ evE%vQaoiag erwirkt ( 10 ) und,
wie es scheint, auch die nagdöeiiig schon vorgenommen
hatte 3 ), dagegen noch keine nQogßoArj erlangt hatte 4 ), wendet

x
) Vgl. darüber Lewald Grundbuch 67ff. Eger, Grundbuch 61 ff.
, ;

Schwarz, Hypothek und Hypallagma 97.


2
Vgl. zu der Urkunde außer den Bemerkungen der Herausgeber
)

und von Mitteis (Chrest. S. 254f.) Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 37;
Lewald, Grundbuch 67. 70; Eger, Grundbuch 62; Schwarz, Hypothek
und Hypallagma 85 f., 2 95 ff.; Raape, Verfall des Pfandes 121.
.

3
)
Nach Oxy. 712 muß die nagdöei^ig entweder der hier mitgeteilten
Eingabe vorangehen oder in ihr enthalten sein (vgl. S. 3241,!).
( 8
ff.)

Letzteres wäre der Fall, wenn man in den Angaben von Z. ^f. den Nach-
weis des Grundstückes und seines Deckungswertes für die Forderung er-
blicken könnte: der Abschätzung mochte dadurch Genüge geschehen sein,
daß der Gläubiger das Grundstück als Entgelt für seine Forderung in An-
spruch nahm. Daß eine solche Erklärung unmöglich ist, wird man nicht
behaupten können. Auch die Ausdrucksweise in Z. 2 7ULQaöd^ea>g vqp' fp>
iaxiv läßt sich ebensowohl erklären, wenn man sie auf das gegenwärtig zur
Erledigung vorliegende Gesuch bezieht, als wenn man ein vorhergehendes
Schriftstück darunter versteht (vgl. dazu S. 325, j). Wenig aber paßt zu
der Annahme, daß die in der Urkunde enthaltene Eingabe eine naQddetgiQ
darstellte, deren Antrag ( 19 ) und die darauf ergehende Anordnung ( 3 ):
denn das aaxi%eiv JCQog Eveyvqaaiav läßt die Feststellung des von der
Pfändung betroffenen Grundstückes und seines Wertes, die doch die
Hauptsache für die nagdöeit-ig sein mußte, ganz zurücktreten. Noch
weniger würde jene Auffassung zutreffen, wenn wir oben mit Recht
angenommen haben, daß die nagdöei^iQ eine genaue Beschreibung der
Grundstücke wie bei freiwilligen Veräußerungen voraussetzte. Und
vollends müßte man annehmen, daß die nagdöei^ig der Eingabe von Oxy.
712 vorangegangen wäre, wenn in Z. 3 f. von einem nagaöeixvvvai des
Schuldners die Rede war, was freilich recht zweifelhaft ist: vgl. S. 321.
4 erhaltenen Teilen von Oxy. 712 ist die nqogßoKrj nicht
) In den

erwähnt, und dem Versuche, sie durch Ergänzung in die Lücken hinein-
zutragen, würde, abgesehen von grammatischen Schwierigkeiten, auch
der Umstand entgegenstehen, daß der Gläubiger den Ablauf einer Frist
betont ( 18 ), offenbar derjenigen, die zwischen dem gerichtliehen Pfän-
dungsbeschluß und seiner Durchführung liegen mußte (vgl. dazu Jörs,
Z. Sav. St. XXXIV 154, x ). Das wäre den Praktoren gegenüber kaum
angebracht gewesen, wenn diese dem %Qr)/uaTiOfiög ivexvQaolag schon durch
ihre nqogßolr) Erfolg gegeben hatten. Selbstverständlich soll damit kein
absolutes Urteil ausgesprochen sein, sondern nur die größere Wahrschein-
lichkeit gegenüber unserer Urkunde abgewogen werden. Nebenbei: In
Z. 18 könnte vielleicht ergänzt werden: xal öieX]-&6vro[g] nfaiovog %qovov
bter und Chrematisten. 335

sich mit einer Eingabe ( e


ff.) an die £evixö)v ngwcroge^ und

bittet sie um
'Beschlagnahme' des Grundstückes ( 19 ). Die
Praktoren geben dem Gesuch dadurch Folge, daß sie an die
ßtßXtoftiAaxet tyxxr'ioeiov die Aafforderang «ließen 3 ): xard- (

ax^TS o«5v 7iqoq htyvoaaiuv. Darunter kann, da dir Beschluß


der 'hrcniatislen, die Pf&ndung einzuleiten, bereits ergangen
(

war, nur eine Beschlagnahme /.um Zwecke der Durchfüh-


rung dieser Mündung, also eine solche, die den bevorstehen-
1

den Eigentumserw erb des Gläubigers sichern sollte, gemeint


sein. Nun ist aber nicht abzusehen, inwiefern die Mit-
wirkung der ßißXiocpvXaxeQ eine Voraussetzung für die nQoq-
ßoAij, durch die das Pfand dem Gläubiger für verfallen er-
klart wurde, oder die xaxayqatfi), durch welche er das Eigen-
tum daran erwarb, gewesen sein sollte, so daß diese Akte
ohne sie nicht hätten vonstatten gehen können. Dagegen
bleiben wir ganz im Rahmen dessen, was sonst über die
Eintragungen bei der ßißfao&ijxi] eyxxrjoefüv bekannt ist, wenn
wir uns vorstellen, daß der Gläubiger durch die xaxoxt) da-
gegen gesichert werden sollte, daß bis zu seiner Cuioyqatp^
im didaTQtofta Eintragungen erfolgten, welche seine Reo!
läge benachteiligen konnten. Auch der Vorbehalt, durch
den das Vorrecht des Fiskus gewahrt wird ( 6 ), weist ganz
in diese Richtung.
vermöchte aber nur eine Vorbereitung der
Alles das
ajioyQayrjzu erweisen. Wir müssen weiter fragen, ob sich
nicht Spuren in den Quellen darlegen lassen, welche un-
mittelbar auf diese änoyQCKpri des zum Eigentümer geworde-
nen Gläubigers hindeuten.
Zunächst kommt Flor. 97, 2_ 9 in Betracht. 1 ) Neuere
Forscher haben in dieser Urkunde, von der nur ein schmaler,
an beiden Seiten abgebrochener Streifen erhalten ist, ein
Blatt aus einem didargcofia der ßißho$r(xr\ eyxrrjoeoDV er-
kannt und die angeführten Zeilen auf eine mit dem Voll-
streckungsverfahren in Zusammenhang stehende Eintragung

avxi TwvÖia xov jigo^TÖly/narog — Zahl — rj/xegäw. (Daß das Vollstreckungs-


verfahren in vielen Einzelheiten durch ^gogtäy/uara geregelt war, zeigen
die Quellen: BGU. 1038, 18 .
35; Flor. 56, 10 . 18 ; BGU. 578, x ).
*) Vgl. zu dieser Urkunde Eger, Grundbuch 58 f. 142. 162ff.;
Lewald, Grundbuch 18f.; Schwarz, Hypothek und Hypallagma 97.
336 Paul Jörs,

bezogen. Insbesondere haben Eger und Schwarz aus den


Worten (3)
xax vnod6%{et<ov) o <pr\oiv evxaT£a%rj(r&a.[i] vtC
avxo[v geschlossen, daß hier die Verbuchung einer xaxoxrj
vorliege, wie sie in Oxy. 712 nachgesucht und zugelassen
wird. Der Zusammenhang mit dieser xaro%rj soll nicht in
Abrede gestellt werden, doch muß ciarauf hingewiesen
werden, daß hier die Beschlagnahme als eine in der
Vergangenheit erfolgte Handlung und daß sie als die Aus-
sage einer Partei, wahrscheinlich des Gläubigers, hin-
gestellt wird. wenn es auch nicht unmöglich
Das läßt sich,
ist, doch nur schwer mit der Annahme vereinigen, daß das

vorliegende Stück gerade die Buchung der xaxoxrj im did-


axQCüfxa vorstelle. Vielmehr kennzeichnet es sich 2 ), wie über- (

haupt die Eintragungen von Flor. 97, als Bericht über eine
<moyQa<prj, und daß die xaxoxrj durch eine solche der ßißho-
-&rjxq iyxxrjoecov angemeldet wurde, ist nach Oxy. 712 ent-
schieden nicht anzunehmen. Diese Schwierigkeiten ver-
schwinden oder verringern sich wenigstens erheblich, wenn
wir uns vorstellen, der Gläubiger habe unter Berufung auf
eine früher erfolgte xaxoxrj, nachdem er nunmehr (durch
das Eigentum an den Grundstücken erworben
y.axaygacpfj)
hatte, eine ajioyoayf) eingereicht, deren Eintragung hier
vorliegt. 1 )
Auf den ersten Blick möchte es scheinen, als ob
damit auch Z. 7 im Einklang stände. Die dort erhaltenen
Worte äxoAov&cog xq> emaxaÄ(evxi) r)ßlv vnö EvÖ(oq[ov?, wozu
schon Eger xQrj/LtaxiOfuö ergänzt hat, erinnern auffallend an
Lond. Nr. 1897, 9 f. xaxä xöv smaxalevxa vnö avxibv XQW*1 '
:

xiofiov. Man möchte geneigt sein, sie hier wie dort auf die
Anweisung der Praktoren an die Urkundsbehörde, durch
welche diese zur Aufnahme der xaxayqacpr) ermächtigt wurde
(S. 309f.) zu beziehen. Und in Z. 8 hätten wir bei der dort
erwähnten ivexvgaaia an den voraufgehenden Gerichts-
beschluß der Chrematisten zu denken. Aber diese Auf-
stellungen unterhegen doch erheblichen Zweifeln. Einmal
fragt es sich, ob die versuchte Deutung von eniaxeXXeiv
stichhaltig ist. Und da muß gleich das folgende Wort Be-

x
) Eine offene Frage bleibt es, wie das zweite äjielyQdyxiro in Z. 6,
wenn richtig gelesen und ergänzt, zu verstehen ist. Unmöglich macht
es jedenfalls die oben vorgetragene Auffassung nicht.
iit«T iitiu Chrom \A '.V.'<7

(lenken erregen. Wenn f^ür, das freilich der Heraus-.


Vit eil i seihst als nnsieher ansieht, richtig gelesen ist, M
konnten damit wenn wir wirklich ein didaTQojfxa vor uns
.

haben, doch nur die ßtßfao<pvXaxe<; gemeint sein: die Btelk


spräche also von einem diesen Beamten, nicht wir der Lon-
doner Text von einem dem Notariat zuteil gewpfdi
Auftrage. Ferner darf, was den Pfändungsbeschluß an-
1
)

hingt, nicht übersehen werden, daß hinter xara t/,i in/v


gaaiav noch die Buchstaben Eq(jl[ folgen, was offenbar auf
einen Eigennamen sehließen läßt und uns zum mindesten
zwingt, mit der Möglichkeit zu rechnen, daß hier die Person
genannt war, welche die Pfändung betrieben hatte. Das
seheint aber nicht der Gläubiger gewesen zu sein, von dem
die ajtoyQCKpri ausging, der vielmehr in dein vorher ge-
nannten Ptolemaioe zu erbHokao ist. 2 ) Wenn es demnach
mißlich erscheinen muß. dem tnt(7Ti/.ÄFiv und der eiexvgaata
die angedeutete bestimmte Auslegung zu geben, so bleibt
trotzdem das obige Ergebnis bestehen, daß in Flor. 97, t _9
von einer azioyocupi) — nicht xaxoyj) —
gehandelt wird,
durch welche der im Wege des Vollstreckung« Verfahrens er-
folgte Erwerb des Eigentums an einem Grundstück bei der
ßißXio&ijxr] eyxxriaeoiv angemeldet wird.
Um an keiner Möglichkeit vorbeizugehen, sei ferner
auf Oxy. 1268 hingewiesen. 3 ) Eine Frau meldet in dieser
Urkunde ihren Erwerb des Eigentums an Liegenschaften
bei der ßißkio&rjxt) eyxxr'jaecov mit den Worten an ( 4 ff.):
'
Anoyqäcponai i\v xareygdcp^y xara avyyjMQr^piv re/.£iü)^eiaav
6iä rov xarcdoy]eiov Zeitangabe —
Tcagä Avqi]'mojv IJero- —
[atQiog — xal £iv]&co[v]iog — Personalien — oixiav xal
al&Qiov — Aus dem weiteren Text der stark zerstörten
.

Urkunde sind dann in Z. 13 noch die Worte ixdö]aifi[a]


*) Solche Anweisungen, insbesondere auch das e:uoit?J£iv ygr]-

[iciTiofiöv seitens höherer Beamten an die ßißhoqrvXax&z eyxTfpjeüjv, sind


auch sonst nichts Seltenes in den Quellen: z. B. BGU. 73, 12 . 1073, 19 ;
Chic. 2, 6 (Chrest. II 217); Flor. 2, ^; Oxy. 237, v 43. vin- VII 4? vgl. auch
2
CPR. 178, 2. Eger, Grundbuch 164.
) Vgl.
3 zu der Urkunde außer der Einleitung der Herausgeber
) Vgl.

Grenfell und Hunt auch Lewald, Vierteljahrsschr. f. Sozial- und


Wirtschaftsgeschichte XII 479 ff. Letzterer Forscher hat (S. 480, J
schon auf die hier interessierende Frage hingewiesen.
Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XXXVL Rom. Abt. 22
— ;

338 Paul Jörs,

and diaXoyfjg avanefjicpdivra von Bedeutung. Sogleich springt


in diesem Text die Ähnlichkeit mit Lond. Nr. 1897, 7 ff.
(xareyQacprj — 'Iatöcogog —
aQovgag nevxs) und noch mehr
die mit Flor. 56, n ff. {xaxayeyQafifiai — xa[rä awx(b(>r)]oiv
rsXetco'&elaav Zeitangabe— rct? vnrjXXayjuevag — [ — —
äQovQaq) in die Augen: dürfen wir annehmen, daß es sich
in Oxy. 1268 um die anoyqacpri des Eigentums eines im
Vollstreckungsverfahren erworbenen Grundstückes han-
delte ? In allen den angeführten Texten war die xaxa-
yqacpri in einer öffentlichen Urkunde, in Flor. 56 sogar
ebenso wie in der unsrigen durch eine avy%6iqr\aig verbrieft.
Bedenken könnte es wohl kaum erregen, daß in Oxy. 1268
die ivexvQaaia und nQoqßoXrj nicht hervorgehoben ist: bei
der änoyQacpr), die doch nicht mehr zu den eigentlichen
Vollstreckungshandlungen gehörte, mochte es genügen, die
unmittelbare Grundlage des Eigentumserwerbes anzugeben
auch ist nicht unmöglich, daß durch die exdöai/j,a ojiö öia-
Xoyfjg ävojiefiqy&evra auf ältere Vollstreckungsakten ver-
wiesen war. 1 ) Schwerer fällt gegen die Vergleichung der
Urkunden ins Gewicht, daß in Oxy. 1268, 5 ff. die Veräußerer
als solche mit ihren genauen Personalien angeführt sind,
und daß auch ihr Recht am Grundstück durch Benennung
der Erwerbsakte im einzelnen dargelegt ist ( 14 ff.) 2 ), wäh-
rend in den erhaltenen Teilen nichts davon zu lesen ist, daß
sie Schuldner des Erwerbers waren. Das ist eine wesent-
liche Verschiedenheit gegenüber Lond. Nr. 1897. Denn hier
erscheint das xaraygdcpea'&ai zugunsten des Erwerbers, so-
zusagen als ein von den bisherigen Rechtsverhältnissen an
x Das
) soll natürlich nur ein Erklärungsversuch sein. Einen anderen
hatLewald a. a. O. 480 aufgestellt. Ob BGU. 73 (Chrest. II 207), wie
man gemeint hat, auf das Vollstreckungsverfahren zu beziehen ist, läßt sich
noch immer nicht bestimmen. Die mehrfach versuchte Zusammenstellung
mit BGU. 825, 13 ff. unterhegt seit den in Preisigkes Berichtigungsliste
S. 70 mitgeteilten Lesungen Schubarts von Z. I4 erheblichen Be-
denken. Wahrscheinlich handelte es sich in der letzteren Urkunde um eine
7iQOQ(p(bvr}OiQ. Vgl. über diese Urkunden Koschaker, Z. Sav. St. XXIX

43f.;Lewald, Grundbuch 70f. und Vierteljahrsschr. (S. 337, 8 ) a. a. O.;


Eger, Grundbuch 23 f. 115 f.; Schwarz, Hypothek und Hypallagma
97, 3; Mitteis, Chrest. S. 227; Jörs, Z. Sav. St. XXXIV 125, 2. 140,
Zu 2 und dazu Eger,
) äyogaarixü) (Oxy. 1268, ie ) vgl. Flor. 97, 6

Grundbuch 164.
Erzrichtor und ('hr«'in.-itis»«-n. 339

Grund und Boden losgelöster und lediglich auf dem Voll-


streekungsverfahnn beruhender Vorgang: die Urkund-
nennt den »Schuldner als solchen ( 38 ff.), bezeichnet ihn aber,
soweit der Text erhalten ist, nicht als Rechtsvorgänger det
Erwerbers. Indessen spricht auch dieses Bedenken nicht
schlechthin gegen die oben angedeutete Möglichkeit, daß
die anoyQa<prj von Oxy. 1208 auf Grund einer im Voll
streck ungswege errungenen xaraygaq)^ eingereicht wurde.
Kinnml ist die Urkunde stark verstümmelt. Ferner i

wie oben (S. 308, 2) betont wurde, keineswegs


gemacht, daß im Vollstreckungsverfahren die eins«
xaraygag)jj eine Notwendigkeit war: es liegt kein rechter
Grund vor, warum man nicht sollte glauben dürfen, daß
der Schuldner, der sich der 7iQO<;ßoXrj fügte, auch bei der
Übertragung des Pfandgrundstückes an den Gläubiger mit-
gewirkt haben könnte. Und schließlich würde es auch,
wenn im von Oxy. 1208 die xaraygatp^ ebenso wie in
Falle
Lond. 1897 einseitig aufgenommen wäre 1 ), zu begreifen
sein, daß die ajKj>yQa<prj den Rechtsvorgänger ausdrücklich
benannte, während die xaxayqatpi) ihn vielleicht nur mittel-
bar hatte erkennen lassen. 2 Denn die ßißhoq r/.axt; mußten
)

vor allem wissen, wem das Grundstück, das sie dem Er-
werber zuschreiben sollten, bisher gehört hatte. 3 ) Man
sieht, unüberwindlich sind die Schwierigkeiten nicht, die
sich der obigen Deutung von Oxy. 1208 entgegenstellen:
mehr darf nicht behauptet werden. (Fortsetzung folgt)

*) Sprachliche Bedenken stehen m. E. dieser Auffassung nicht


entgegen: xaTeyQdqnp> — 7iaQa Avqt}XUov — obeiav mußnicht notwendig
den Sinn haben 'mir wurde von den Aureliern (als Ausstellern der l'r-
kunde) das Haus zugeschrieben', sondern es kann auch bedeuten 'mir
wurde (von der die Urkunde aufzunehmenden Behörde) aus dem Ver-
mögen der Aurelier das Haus zugeschrieben'.
*) Auch ist zu beachten, daß in Lond. 1897, 9 f. für die xaiaryQatpt)

auf den xQVfiaruJf1 ^ der Praktoren an den Agoranomen verwiesen wird,


dessen Abschrift der xaxayQa<pfi als Anlage beigefügt wird. Es liegt nahe, zu
vermuten, daß darin (oder jedenfalls in der jtQosßoArj) der bisherige Eigen-
tümer des dem Gläubiger zuzuschreibenden Grundstückes genannt war.
*) Auf die Einzelheiten dieser Frage, insbesondere die nach der

mangelnden a7ioyQa<pi] der Rechtsvorgänger, kann und braucht hier nicht


eingegangen zu werden: vgl. für Oxy. 1268, M ff. Lewald (S. 337, 3) 480f.

22*
52 Paul Jörs,
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m.
Erzrichter und Chrematisten.

Untersuchungen zum Mahn- und Vollstreckungsverfahren


im griechisch-römischen Ägypten.

Von

Herrn Prof. Dr. Paul Jörs


in Wien.

(Forlsetzung.)^)

V. Widerspruch (ävxiQQt]ais),

Wesentlich für das Mahn- und Vollstreckungsverfahren


war seine Einseitigkeit. Auf Antrag des Gläubigers allein
ergingen Beschlüsse, Verfügungen und, soweit unsere Quellen
ein Urteil gestatten, überhaupt alle Maßregeln, die zur Ein-
leitung und Durchführung der Pfändung und des Verfalles
des Pfandes erforderlich waren. Dem Schuldner stand für
die Wahrung seiner Rechte der Widerspruch (dvriQQrjaig)
frei 2),auf Grund dessen er eine richterliche Entscheidung
herbeiführen konnte.

1, Zulässigkeit des Widerspruches.


Die dvriQQtjaig läßt sich nachweisen')
gegenüber dem Zahlungsauftrag {öiaatoXixov; vgl. XXXVI
1) Vgl. Bd. XXXVI, Rom. Abt., S. 230 fE.

«) im allgemeinen: Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 28ff. 38f.;


Vgl.
Mitteis, Grundzüge 126f. 128. 160; Schwarz, Hypothek und Hypal-
lagma 78 f. 83.
3) Sie wird hier nur insoweit bebandelt, als sie sich auf das Mahn-

und Vollstreckungsverfahren bezog. Über die Frage, ob sie nicht auch


gegenüber der örjfioauoaig zulässig war, s. Jörs, Z. Sav. St. XXXTV 154f.
Zu den dort genannten Urkunden, aus denen eine Zustellimg im Ver-
lautbarungsverfahren entnommen werden kann, treten neuerdings hinzu
Oxy. 1276,1,. J473,4if. «^f. 1474,4. 1560, ,; Meyer, Griech. Texte 8, jiff.
Erariohter und Chrematisten. 53

Oxy. 68 (Chrest. II 228);


231 f.) in BGU. 1038, [^y)
(Chrest. II 240) und Oxy. 1203»),
gegenüber dem xQrmariafidQ ivexvQaalag (XXXVI 234 f.) in
BGU. 970, „ (Chrest. II 242)»); Leipz. 120, „ (Chrest.
II 230); Giess. 34 (Chrest. II 75)*)

*) Die hier von Mitteis sicher ri..htig eingesetzte dvrlQQrjaiz muß


auf ©in vorhergehendes dta<rroXtx6v des Mahnverfahrens bezogen werden,
weil vor der IvTev^u;, in welcher der Gläubiger um den PfändungsbesohluB
nachsucht, kein anderer Akt in Frage kommen kann.
*) Über diese Urkunde, die manche Besonderheit enthält, aber
leider mehr Rät«el knüpft als sie löst, vgl. Wenger, Krit. VierteljahrB-
sohrift L 5ß9ff.; Lewald, Z. Sav. St. XXXIII 632ff. Hier kommt ee
darauf an, den rechtlichen Charakter der zwischen den Parteien ge-
wechselten Schriftstücke zu bestimmen. Zunächst machte der Gesuch-
steller, dessen Name verloren ist (X), eine duich Hypothek gesichei-te
Forderimg gegen seinen Schuldner Leonides geltend (,f. i,f. „). Daß
das auf dem Wege des Mahnverfahrens geschah, wird nicht gesagt, ist
aber aus dem Inhalt der vorliegenden Eingabe zu vermuten. Über den
Zahlungsauftrag scheint der Gläubiger noch nicht hinausgekommen su
sein. Denn wenn der Schuldner die verpfändete Sache verkaufen konnte
und der Gläubiger demgegenüber nicht behauptete, daß das Eigentum
auf ihn selbst übergegangen sei, sondern nur auf die Unzulässigkeit der
Veräußerung hinwies, so war offenbar weder der Verfall eingetr*»ten,
noch die ifißadela vollzogen; eine ivexvQoata aber kommt bei der Hypo-
thek nicht in Frage. Der Schiddner Leonides machte nun eine Gegen-
-f orderung im Mahnverfahren auf dem gewöhnlichen Wege {bc toö xoto-

hryetov) geltend {i^ii.)'. darin lag offenbar ein Widerspruch gegen den
Zahlungsauftrag des X, gleichviel ob dessen Fordenmg ausdrücklich be-
stritten war oder ob sie durch die Aufrechnung getilgt werden sollte.
Dieser Gegenfordenmg des Leonides setzt X in der vorliegenden Eingabe
seinerseits den Widerspruch entgegen (vgl. besonders »ff.): auch hier
haben wir also eme avrlQQrjat^ gegen ein Suunohtcöv. (Über den Adressaten
der zuletzt erwähnten Eingabe s. unten S. 57, ,). —
Auf den sonstigen
Inhalt von Oxy. 1203 soll hier kurz hingewiesen werden, um sein Ver-
hältnis zu dem Vorhergehenden klarzustellen: um eine ävrtQQryriQ handelt
es sich in ihm nicht. Wie eben hervorgehoben, veräußerte der Schuldner
die mit der Hypothek belastete Sache, der Gläubiger stellte darauf dem
Käufer ein öiaajohxdv zu, durch das er die Rechtmäßigkeit der Ver-
äußerung bestritt. Darin liegt eine Rechtsverwahrung des Gläubigere
gegenüber einem Dritten. Näheres ist aber nicht bekannt: man könnte
vielleicht (!) an ein öiaaxohx6v nach Art von Oxy. 1270 denken. Ob
dieses aber im Mahn- und Vollstreckungsverfahren Berücksichtigung
finden konnte, ob seine Erledigung nicht vielmehr ganz dem ordentlichen
Verfahren anheimfiel, muß dahingestellt bleiben.
*) Die ävrlQQTjaig (j,) wird in dieser Urkunde freilich im Anschluß
54 Paul Jörs,

und gegenüber der Ttagdösiiig (XXXVI 317ff.) in Lond.


III 132f. Nr. 908 (Chrest. II 229).i)

Bei den späteren Akten des Vollstreckungsverfahrens


fehlt es an sicheren Belegen für die Zulässigkeit des Wider-
spruches. Das gilt vor allem hinsichtlich der nqoQßoXi^ und
Tcaiayqaq)'!^, die ja nur das ausführten, was im xQ-rifiaxiafidQ

evexvQaaiaq und seiner Ergänzung durch die nagdöei^ig be-


gründet war. Am wenigsten könnte man sich eine dvriQQrjaig
gegen die xaraygatp'^, einen rechtsgeschäftlichen Akt
(XXXVI 303 ff.), vorstellen. Anders liegt die Sache bei der
ijLißaöeia, die, wie die evexvqaaia, durch einen besonderen

Beschluß der Chrematisten verhängt wurde. Hier steht


wenigstens das fest, daß in Oxy. 653, Catt. Verso und viel-
leicht auch in BGU. 832 Fälle vorkommen, in denen über
das Recht des Gläubigers gestritten wurde, nachdem die
Besitzeinweisung und so müssen wir schheßen — der —
Verfall des Eigentumes stattgefunden hatte. Es handelt
sich in ihnen um Hypotheken, und da bei diesen kein
XQrifxaxiafidQ evexvqaaiaQ erging und auch das öiaarohxdv
ausgeschaltet werden konnte, also insoweit auch kein Wider-

an den Zahlungsauftrag (jjf.) genannt: dann erst ist von dem Pfändunj
beschluß (u) die Rede. Damit soll aber schwerlich die zeitliche Reihen^
folge der Akte zum Ausdruck gebracht und des Widerspruches nur al
einer der Vergangenheit angehörenden Tatsache gedacht werden. De*
Pfändujogsbeschluß wird von der Gläubigerin zur Unterstützung ihr
weiteren uns nicht mehr erhaltenen Ausführimgen herangezogen (as^*)^
"Ax^qC] 6e oß [äv ? zct ?] iifjg emxeXä) öia tov ^evinärv 7iQdxr[oQOc:] a>c[oXo]vi
fj Tiagexö/iiaa evexvQ[aoi]a . . . . (vgl. Preisigke, Berichtigungsliste S. 85)
Diese Worte lassen erkeimen, daß das Anrufen des Statthalters siel
zwischen den Beschluß und seine Ausführimg einschiebt. Offenbar will
die Gläubigerinden Beschluß aufrechterhalten: er wird also durch deni
Widerspruch betroffen. Vgl. imten S. 95 £E.
*) Das Nähere über diese Urkunde s. unten S. 58ff.

1) Vgl. oben XXXVI 325f. Wilcken und Grenfell Hunt (Arch.


f. Pap. IV
548) haben den Text folgendermaßen hergestellt (asö-)* »'o^'
rp>] Ttagesiofiurdfirp' eveyvQaalav xai 7iaQedei\ßa ] — —
öiearellarö fwt 'ön6-
fivi]/ja «tA. Auch Ergänzimg müßte die dvrlQQrjai<; den letzten
bei dieser
der beiden genannten Akte, di^ tioquöei^u;, mit umfassen: diese hat also,
da die ivexvQaaia bis zu ihr fortgeführt wurde, den Beschwerdegrund
geliefert. Klarer wird die Sache, werm man statt xa&' ip)] einfügt inei}
oder ineiöi}]: auch der Satz bau macht dann keine Schwierigkeit.
Enricbt«r und Chrematisten. 55

spnich in Frage ktCm, möchte man um so eher zu der


Annahme geneigt sein, daß dieser gegen den xQVf*ati<ff^oQ
oder vielleicht auch gegen einen der ihm inl xwv
i/ißadeiat;

xÖTiojv folgenden Akte


eingelegt werden konnte. Denk-
bar wäre dieser Widerspruch sowohl bei Vollstreckung
in Hypotheken als auch bei der auf Grund pfandloser oder
durch Hypallagma gesicherten Forderungen. Gewißheit
haben wir in keinem Falle, doch spricht manches zugunsten
der Annalime. wenigstens im Hypothekenrechte. Das
Nähere muß bei der Behandlung der dafür in Betracht
kommenden Texte erörtert werden.*)
Im Anschluß hieran soll noch auf einen Punkt von all-
gemeiner Bedeutung hingewiesen werden. Neben der Er-
ledigung der i/ußadeia durch Widerspruch steht nämhch die
durch Zahlung. In zwei Fällen, Oxy. 653 (Chrest. II 90 um
161 n. Chr.) und Lond. III 158f. Nr. 1164 (d) (vom J. 212
n. Chr.), sehen wir, daß der Schuldner dem Gläubiger nach
erfolgter i/xßadeta*) und demgemäß auch nach eingetrete-
nem Verfall Zahlung anbot, um die von ihm in Besitz
genommene Sache zu lösen und zurückzuerhalten.') Der
1) Über Catt. Verso s, unten S. 99ff., über Oxy. 653 im VTII. Kap.

In betreff der letzteren Urkunde muß darauf hingewiesen werdeti, daß


es sich hier nur darum handelt, ob das erst« Urteil des Militärtribuuen
Honoratus (^f. u. ^j) durch einen Widei-spruch des Schuldners hervor-
gerufen war. Was BGU. 832 anlangt, so müssen wir uns damit begnügen,
festzustellen, daß die Urkunde, ebenso wie die vorhergehenden, einer
ifißadela auf Grund einer Hypothek („ dji6 öuiXoyfJQ zefJ/iCtTMr/ioü i^ßa-
deiaq und 2, ifißaöevaova[a.]v aiTTpf ctg zfjv rmod^rpcrfv xai xQazT]a[ovaav)
und eines Rechtsstreites („ 7i]oo}afiivr]g xaxaardxfeoK) gedenkt. Aber der
Text ist so arg verstümmelt, daß si( h nichts Näheres über das Verhältnis
des Rechtsstreites zu der Besitzeinweisung ausmachen läßt.
In Oxy. 653 ist die ifißaöeia auf Grund einer Hypothek erfolgt
*)

(w Lond. cit. wahrscheinlich nicht: wenigstens ist nichts davon


«)» '"
erwähnt und in dem (wie alle Bankurkunden von Antinoupolis) sorg-
fältig abgefaßten Stück wäre wohl schwerlich bloß von einem verlaut-
barten Handschein (^f.) gesprochen wenn eine Hypothekenurkunde
,

zugrimde gelegen hätte. Es ist also zu vermuten, daß hier eine pfandlose
Forderung beglichen wurde und demnach zu den vö/xifia in Z. ,. 10 auch
die evexvQaaia gehörte.
^) In Ryl. 119, 14 ergeht em Urteil des luridicus: oTwdovvai ^fiäg
rd xe<pd}.aiov xal ävaxofilaaG'&cu rfjv "üTw&rpcrp'. Das ist offenbar nicht so
zu verstehen, daß der Schuldner ein Einlösungsrecht geltend gemacht
56 Paul Jörs,

Gläubiger durfte, sofern die genannten Urkunden einen


Schluß gestatten, die Annahme der Zahlung und Rück-
gewähr, wenn er nur volle Befriedigung erlangte, nicht
verweigern 1): dem Schiddner stand also ein gesetzliches
Emlösungsrecht zu.^) Die in P. Lond. Nr. 1164 (d) ^q cit.
erwähnte naQaxXrjaig "ötieq dicd-öaecog dürfte demnach als
Aufforderung des Schuldners an den Gläubiger zur Auf-
hebung der Vollstreckungsakte gegen Empfang der Zahlung
anzusehen sein. Daß ein solches Einlösimgsrecht an be-
stimmte Voraussetzungen imd Grenzen gebunden sein
mußte, liegt auf der Hand: doch wissen wir nichts dar-
über. Auf jeden Fall enthielt es eine wesentliche Ab-
schwächung der Härten des Verfallsrechtes. Auch ist be-
greiflich, daß es darüber zu neuen Streitigkeiten kommen
konnte: in Oxy. 653 haben wir ein Beispiel dafür.

2. Erhebung des Widerspruches,


a) durch Eingabe {vndfivrifta).

In deii meisten uns bekannten Fällen wurde der Wider-


spruch durch eine schriftliche Eingabe bei dem Erzrichter
erhoben.
hatte und der Gläubiger verurteilt worden wäre, e«? anzuerkennen.
Verurteiltwurde der Schuldner, wie er selbst sagt (j xvyxdvtoi xenQi/iivos),
zur Rückzahlung (änoöovvai), als deren Folge sich dann die Verpflich«
tung des Gläubigers ergab, das Hand zurückzugeben.
Aus der Quittung in Lond. «it. würde man das kaum folgern
1)

dürfen, da die Aufhebung d^r i/ißaöeia gegen Zahlung lediglich auf Grund
der Vereinbarung der Parteien erfolgt sein köimte: immerhin weist auch
hier die noQdxhjaig, wenn wir sie richtig aufgefaßt haben (s. d. Text),
in die angedeutete Richtung. In Oxy. 653 dagegen wird man bei
der großen Entschiedenheit, mit welcher der Präfekt betont, daß der
Gläubiger sich mit der angebotenen Zahlung zufrieden geben müsse
einen gesetzlich anerkannten Anspruch des Schiddn'^rs auf
(i2f. 17. ni'),
Rückgabe der Pfandgrundstücke annehmen müssen. Der Präfekt zweifelt
offenbar gar nicht an dem Lösungsrecht des Schuldners er erwägt nur,:

ob und inwieweit der Gläubiger auch fiu seine Zinsforderung Deckung


gefunden hat. Näheres s. im VIIL Kap.
*) Auf das Einlösungsrecht wurde schon öfters in der Literatur

hingewiesen: Mitteis, Z. Sav. St.XXVIIl 495; Kosebaker, Z. Sav. St.


XXIX 39; Schwarz, Hypothek und Hypallagma 112f. Frese, Griech.-
;

äg. Rechtsleben 21. Vgl. auch Rabel, Verfügungsbesohränkungen 72, ,;


Raape, Verfall des griech. Pfandes 82.
Enriohtor und Chrematisten. 57

Eine solche ist uns in dem i6n6fivr]/ia (jj) Oxy. 68 (Chrest.


II 228) erhalten (m): 7ioiovfia.[i ti)v] daiovaay dvr/^atv.*)
In Lond. III 132 f. Nr. 908 (Chreat. II 229) wird ihrer
gedacht mit den Worten (»ff.): diearelXarö fioi ^ö/ivrj/xa
(vgl. 32) u>Q ix xaxaXoyelov nenoQiafxhov,
ebenso in BGU. 970. „f. (Chreet. II 242): ^ [<5]i hdX-
fifjaev fiexadcjvai pLOi dvriggrjaiv*)

und Oxy. 1203, wo es hinsichtlich des Schriftsatzes,


in
mit dem der Schuldner seine Gegenforderung und damit
zugleich seinen Widerspruch gegen die Forderung des Ge-
Buchstellers geltend macht (S. 53, 3), heißt (»f.): inogiaazo
ix rov xaraXoyeiov vTiö^vrjfia.^)

Das gleiche gilt für die Rephk des Gläubigers, für die
wir ein mit der Adresse des Erzrichters versehenes Beispiel
in Lond. III 132 f. Nr. 908, „ff. besitzen, und die in Oxy.
68, 88^- vom Schukhier mit den Worten a%>v olg iäv ßißXvO"
/«a;U^[or]j7 TiQogfxexadol vorgesehen wird.*)
Man darf annehmen, daß für die dvrlQQTjaig wie für alle
dem Erzrichter eingereichten Schriftsätze die allgemeine
Begel galtj daß sie ihm in einer Sitzung zu eigenen Händen

*) Daß die Urkunde, deren Anfang verlorenist, an den a^iStxacni^

gerichtet war, wird heute nxit Recht allgemein angenommen: vgl. Mitt-
eis, Grundzüge 127 und Chreet. S. 249; Schwarz, Hyp. 78f.
•) Die folgenden Worte kann man vielleicht ergänzen: öi* fjg ivi-

[(peQi] xiva TiQÖQ xijv tölav invdvula», d. h. sie brachte einiges vor, das ihrem

eigenen Begehren entsprach. Ähnlich schildert die Gläubigerin in Lond.


ni 132f. Nr. 908 den Inhalt der dviloerjai^ („f.): rd iamün diQiaxoi>[r}a

') Anders steht ee mit der vorli^endon Eingabe Oxy. 1203, welche

den Widerspruch gegen die im Text erwähnte Gegenforderung des Leoni-


dee enthält. Ihr© Adresse ist verloren: der Herausgeber Hunt \md ihm
folgend Lewald, Z. Sav. St. XXXIII 632 heben mit Recht hervor, daß
die Eingabe nicht an den Erzrichter, sondern aller Wahrscheinlichkeit
nach an den Strategen gerichtet war. Lewald stellt dafür die Erklärung
auf, daß das vorliegende Stück als Provisorium anzusehen sei, dem die
formelle aanlQQTjatg nachfolgen müsse.Das hat viel für sich: jedenfalls
ist der Ansicht, daß die vorläufige dyxlQQTjats die wirkliche nicht er-
setzen konnte, zuzustimmen.
*) Selbstverständlich ebenso für den weiter etwa noch stattfinden-

den Schriftenwechsel: vgl. Lond. ^: xal 5aa eav etg vazsQov /neradip.
») Mitteis, Sitzb. d. Sachs. Ges. d. W. (phiL-hist.) LXH 86ff. und

Grundzüge 37 f., insbesondere füi den Erzriohter 84, 5. 124. Freilich, —


58 Paul Jörs,

durch die Namhaftmachung des für die


sieht ihre Stütze
Verhandlung beim Erzrichter bevolhnächtigten Vertreters:
öicmiaraXfxai ds 'EQfxaiov.
Die Zustellung erfolgte, wie die genannten Urkunden
zeigen, in der bei allen diaarohxd des Mahn- und Voll-
streckungsverfahrens üblichen Form auf Anordnung des.
Erzrichters unter Vermittlung des Strategen an den Schuld-
ner, bei Repliken an den Gläubiger.

b) Widerspruch zu Protokoll des Erzrichters.


Mußte aber der Widerspruch notwendig in dieser Ge-
stalt eingelegt Den Anlaß zu dieser Frage gibt
werden?
P. Giess. 34 (Chrest. II 75) vom J. 265/6 n. Chr.i) Nach
dieser Urkunde hatte Ammoninos von einem (nicht ge-
nannten) Schuldner 163 Maß Wein zu fordern. Nach dessen
Tode ging er auf 'gesetzHchem' Wege 2) gegen seine, durch
ihren Großvater AureUus Sabinus vertretene^) unmündige
Tochter (und Erbin) Aurelia Menodora vor, stellte ihr im
Mahnverfahren ein öiaaro^ixöv zu (g. 13. 14) und erwirkte
darauf im Vollstreckungsverfahren die evexvgaaia (g. n),
also den Pfändungsbeschluß der Chrematisten.'*) Später

ob die Übergabe zu Händen des Statthalters oder sonst zuständigen Be-


amten in dem Sinne ausschließliche Regel war, daß das Libell auf keine
andere Weise sein Ziel erreichen konnte, scheint mir gegenüber Mod.
D. 47, 2, 73 und P. Oxy. 1120 doch nicht über allem Zweifel zu stehen.
In diesen beiden Fällen war die Jlinreichung beim Officiun) vorgenommen
oder doch beabsichtigt, bei Modestin durch Vermittlung eines Centurionen.
Daß dies ein gangbarer Weg war, um die Sache zur Verhandlung zu bringen,
siehtman daraus, daß bei Modestin der gestohlene Libell pro tribunali
verlesen wurde quasi officio traditos, und daß in Oxy. 1120 erzählt
wird, der Beklagte habe das ßiß^Iötov (beim Otficium) unschädlich zu
to,achen gewußt,damit er unangreifbar (^wj) eTie^etxjrixÖQ) erscheine: das
kann doch wohl nur besagen, daß er, wenn er das Schriftstück nicht be-
seitigt hätte, der Rechtsverfolgung ausgesetzt gewesen wäie.
1) Urkunde Eger, Arch. f. Pap. V 137 ff.; Mitteis,
Vgl. zu dieser
Z. Sav. St. XXXI
390 und Chrest. II S. 83f.; Schwarz, Hypothek u.
Hypallagma 83 f. 93; Steinwenter, Versäumnis verfahren 17. 88 f.
*) Z. n: vofilpuov rlg^aro. Z. 14: [ —
£xe?.eloxrev rä Tieoji avxä vö/Mua.

Z. 1,: ixeTisUooev rä v6/xipia.


3) Vgl. Taubenschlag, Z. Sav. St. XXXVII 209, ,. 222, 5.

*) In dem Satz d,): vnofiv]^fiara öeö(t)x[ev (^O^vQvyxeix&v) ixaxdv


if«JjxovTa XQiö/t> rföil enixp6n(o tfjg vl{d)'^g sind, wie mir scheint, unter den
Enxicbter und ChrematiHten. 59

fand dann —
worauf es hier ankommt ein Termin vor —
dem Erzriöhter statt, der zu einem Schreiben dieses Be-
amten an den Strategen führte. Dieser Brief (j-,) und
das Protokoll der Verhandlung vor dem Erzrichter (a-n,
unvollständig erhalten) sind abschriftlich mitgeteilt.*) In

tVto/iv^/iaTu die Eingaben dee Gläubigers an den Enuichter zwecks Er-


langung des öiaoTohydv (XXXVI 231, ,) und an den Präfekten, also die
rvTCvfic zur Erwirk\ing dos xeVf*otuxnö<; htxvQoalau; (XXXVl 234, ,) zu
\er8t«ihen, die der Gläubiger wie üblich dem Schuldner zustellte. Im
folgenden werden sie dann im einzelnen angeführt.
*) Z. jf. : avreCevvfiivojv xöav yevofihtov in' aixtp wu^vT]fia.[xüxv.
Wilcken und Eger (Arch. f. Pap. V 141) achließen aus dem Plural, daß
mindestens zwei Verhandlungen vor dem Erzrichter stattgefunden hatten
und zwei Abschriften beigefügt waren. Dieser Meinung gegenüber muß
darauf hingewiesen werden, daß nachher, wo die Abschrift mitgeteilt
wird, nur von einem Protokollauszug die Rede ist (, rot? <J^ wiofivi^fMnog).
Der Singular ^hui/jmjfui im Sinne von Protokoll ist verhältnismäßig selten:
Giess. 40, nu; Oxy. 1264, ,; Grad, in Preisigkcs Sammelbuch 5676,
„. „; Thead. 14, „; vielleicht auch BGU. 1084, ^f. und Eitrem 5, „
[dazu Wilcken, Chrost. S. 172; Preisigke, Sitzb. d. Heidelberger
Akad. (pbil.-hist.) 1916 Nr. 3 S. 11]. —
BGU. 613, ,1 gehört nicht
hierher: s. Mitteis, Chrest. S. 101, j. dessen Auslegung jetzt durch
P. Grad, in Preis igkes Samioelbuch 6693, i, gestützt wird. Viel —
häufiger wird der Plural gebraucht: 142, m; BGU. 19, i lo- 168, ».
Amh.
361, ni- 925, u- 1085, us^i Bom-iant jg (Chrost. II 96); Catt. lygo;
Heid. Inv. 311, rs (Preisigke, Sammelb. 6000); Laps. 33, „(T). „. ^
34, M. „. ,^ 38, 1 4. ,,. „. 40, n 20 «8- in 1*; Oxy. 911, 8. 1204, „. 1252, «f. ^
^f.; Straßb. 5, ^; Thead. 15, j. Bei vTtouvTjfiaruJftÖQ und vjioftvijfiaziaftoi
kann man die gleiche Beobachtung machen. Sie dürfte sich daiaus er-
klären, daß, wenn es überhaupt nxir darauf ankommt, die Amtstage-
büoher zu nennen, der Plural gesetzt wird, während ^rcöfivrjfia das einzelne
Aktenstück bedeutet. Nur darf man nicht glauben, daß, wenn jemand
sich auf ein bestimmtes Aktenstück bezog, er es immer auch als solches
hervorheben mußte, es nicht als Teil des Ganzen ansehen konnte. In
der Tat werden mehrfach die ^Tio^ivrjfiaxa genannt, wenn es sich nur um
ein einzehi*« Protokoll handelt: vgl. Amh. 142, i,; BGU. 926, u. 1085, n 8^-
Gatt. Oxy. 911, ^ 1204, „. „. So wird auch Giess. 34, ,f. zu verstehen
B, 2o;
sein: 'unter Beifügung der bei ihm aufgenommenen Akten' und nachher
(,): 'Abschrift des (in Betracht kommenden) Aktenstückes'. Diese Aus-
legung findet eine wichtige Stütze in Straßb. 5, «: evtcvxov dt' vTWfivrjfid-
Ttw und dann (7): ] öi rov fmofiv^fiaxog. Daß auch hier das Amtstagebuch
gemeint ist imd daß dessen Inhalt dem unserer Urkunde parallel geht,
wird unten S. 6&tf. gezeigt werden: hier soll darauf hingewiesen werden,
daß in Straßb. 5, dessen Schluß erhalten ist, sicher nur 6in Protokoll-
auszug mitgeteilt wird. Übrigens würde die im Text vorgetragene Aus-
60 Patil Jörs,

letzterem führt ein Anwalt des Großvaters das Wort do).


Dieser selbst war zugegen^), nicht aber der Gläubiger oder
ein Vertreter von ihm.^) Der Erzrichter verfügte nun, daß
der Gläubiger (nebst einer Dienerin) vor das Gericht (g dixa-
axriQiov) nach Alexandrien entboten werde und daß bis zu
dessen Entscheidung nichts (an dem bestehenden Zustande)
geändert, mit anderen Worten, daß die (von den Chrema-
tisten) verfügte Pfändung vorläufig nicht durchgeführt
werde.*) Für den Fall des Ausbleibens des Gläubigers
wird diesem die Aufhebung des Zahlungsauftrages und
Pfändungsbeschlusses angedroht.*)
Man hat diese Verfügung des Erzrichters mit größerer
oder geringerer Bestimmtheit so aufgefaßt^), als ob damit
eine Wiedereinsetzung der unmündigen, also auch minder-
jährigen Aurelia Menodora in den vorigen Stand gemeint
wäre, die, wenn der Beklagte erschiene, den Gegenstand
der Verhandlung bilden und, wenn er ausbUebe, ohne weite-
res bewilligt werden sollte. Doch scheint mir, auch wenn
Menodora unter den vorliegenden Umständen die Wieder-
einsetzung hätte fordern können'), der uns erhaltene Text

legiing von Giess. 34 dieselbe bleiben, auch wenn man zwei Protokolle
annehmen müßte: über das zweite würde freilich der Text nicht einmal
zu Vermutungen einen Anhalt bieten.
*) Z. y^i. : AvQijXla Mrjv[o6iOQa — — öia rov naavnoo — Eaßeivoü —
]

[— ivxxryx\dvei. Z. jj: Tf\(; t>t[d]^? rov TioQdvTog.


*) Das daß dem Strategen die Entsendung des Gläu>
folgt daraus,
bigers nach Alexandrien aufgegeben wird, \md daß der Gläubiger erst
durch den Strategen Kenntnis von dem, was Sabinus gegen die Forde»
rung vorgebracht hat, erhalten soll (gf.). Das wäre imverständlich, wenn
er persönlich oder diuxh einen Bevollmächtigten an der Verhandlung
teilgenommen hätte.
') Vor allem also sollten jiQogßoX'^ und xaToygaq)^ nicht vorgenom-

men werden: demzufolge konnte dann der Gläubiger auch keine ipißaöela
herbeiführen.
*) Über diese Auffassung s, imten S. 60ff.

«) Vgl. Eger, Arch. f. Pap. V 140. 141; Mitteis, Z. Sav. St.


XXXI 390 (in Chrest. II S. 83f. nicht wiederholt); Steinwenter,
Versäumnisverfahren 89.
•) Das Rechtsgeschäft, durch das die Schuld begründet wurde, war

vom Vater abgeschlossen: die Pfändung erfolgte nach seinem Tode gegen
seine minderjährige Erbin. War in einem solchen Falle überhaupt eine
Wiedereinsetzung zulässig ? Die einzige Stelle, die, soweit ich sehe, von
Enrioht«r und Chrematisten. 61

gegen eine solche Deutung zu sprechen.*) Wenn sie auch


gelegentlich als Unmündige bezeichnet wird (g. u), so wird
doch ihr Alter in keiner Weise als Grund für das Einschreiten
des Erzrichters angeführt.*) Dagegen hegt aller Nachdruck
auf der Behauptung des Sabinus, die Schuld sei begUchen.')

einer in iiUeffrwn restitutio gegenüber einem pignus in causa iudicati


captutn spricht, ist p,. Hier wird anerkannt, daß ein
TJlpian D. 4, 4, 9
Minderjähriger, dem
Wiedereinsetzung gegen ein Urt il bewilligt ist,
ebenso wie er einen Anspruch auf RUckgewähr der von ihm gezahlten
ürteilssumme hat, innerhalb gewisser Grenzen auch die Rückgabe der
ihm abgepfändeten und verkauften Sachen fordern kann. In der Stelle
sind die Hände der Kompilatoren bemerkbar, doch ist möglich, daß sie
sich nur in einschränkendem Sinne betätigt haben ('interdum', 'grande',
vgl. C. 2, 28, 1 'magno', 'enorme'). Die Fragestellung ist nicht die gleiche
trie in Giess. 34; auch handelt es sich hier um Vollstreckung eines Ur-
teils, dort einer exekutiven Urkunde. Immerhin ist anerkannt, daß eine

Pfändimg von der Wiedereinsetzung betroffen werden kann. Wollte


man hervorkehren, daß gerade die für Giess. 34 maßgebende Voraus-
setzung, eine ererbte Schuld der Unmündigen, in den Worten, Ulpians
nicht enthalten ist, so würde dies Bedenken wohl der Erwägung weichen
müssen, daß, wenn die Wiedereinsetzung bei eigenen Schulden gewährt
wurde, sie um so eher für solche Schulden zu haben sein mußte, in die
der Minderjährige durch Erbgang eingetreten war. —
Ob aus den nur zum
Teil übereinstimmenden und auch nicht von Interpolationen freien Aus-
sprüchen der römischen Quellen über die Wiedereinsetzung gegenüber
dem Verkauf eines Vertragspfandes (Paul. Sent. 1, 9, g; Marcian D. 20,
ß, „ 1; K. Goid. C. 5, 71, 1; K. Dio^l. u. Max. C. 2, 28, ^ [dazu Dern-
burg, Pfandrecht II 238]. C. 2, 28, ,) etwas für unsere Frage entnommen
werden kann, muß hier dahingestellt bleiben. Vgl. zur Sache Burchardi,
Wiedereinsetzung 85f. 228f. 249f.; Savigny, System VII 152. 272;
Windscheid-Kipp, Pandekten I • § 117, , (f.); Dernburg, Pfand-
recht n 235ff.
*) Bei in integrum könnte der Erzrichter nur als dele-
restitutio
gierter Richter in Betracht kommen
(vgl. Mitteis, Chrest. S. 84). Dar-

auf, daß dies in der Urkimde nicht angedeutet ist, habe ich in meiner Be-
kämpfung dieser Ansicht absichtlich kein Gewicht gelegt, denn es gibt
auch sonst Fälle, in denen die Überweisung nicht zum Ausdruck ge-
bracht ist.
*) Die Vermutimg, daß die Minder jähiigkeit im verlorenen Schlüsse

des vndfjvrjjia als Grund des Begehrens angeführt gewesen sein möchte,
würde den im Text hervorgehobenen Gnmd, daß der Erzrichter den
Gläubiger nicht auf sie, sondern auf die Erfüllung hinweist, gegen sich
haben.
") In Z. 8 (töv nXdoxw) wird Teilleistung erwähnt und nach Z.
«
{hom&v) scheint sie sioh auf 100 Maß belaufen zu haben. Demgegenüber
62 Paul Jörs,

Und namentlich ist beachtenswert, daß der Erzrichter diese


Aussage als Grund für die Vorladung i) des Gläubigers in
seinem Schreiben an den Strategen ausdrücklich hervor-
hebt (g): xai yäg 6 Zaßelvog TioQi&ero^) dvadöaeig ra> 'AfifKo-
vivo) xov nXeiaxov {yeyovevm .... Diese Verteidigung der
Schuldnerin paßt nicht zu der in integrum restitutio und
nötigt uns, nach einer andern Erklärung für die in Aus-
sicht genommene zweiseitige Verhandlung zu suchen.
Die Verfügung des Erzrichters entsprach dem Begehren
der Schuldnerin.') Wenn aber von ihrer Seite im Voll-
streckungsverfahren ein Antrag auf gerichthche Entschei-
duirg gestellt wurde, so mußte ein Widerspruch voraus-
gegangen sein, der nach Lage der Sache ebenfalls nur von
ihr geltend gemacht sein konnte. Wäre diese dvriQQrjaig
auf dem gewöhnlichen Wege durch Überreichung einer
schriftUchen Eingabe an den Erzrichter erfolgt, so müßte,
wenn das in einem früheren Termin geschehen wäre, eine
Zustellung an den Gläubiger ergangen sein, dieser also
Kenntnis von dem Widerspruche und wahrscheinhch auch
von seinem Grunde*) gehabt haben. Das ist aber gegen-
über der Tatsache, daß der Erzrichter den Gläubiger aus-
drücklich darauf hinweisen läßt, die Gegnerin habe Er-

kann Mitteis' Ergänzung zu Anfang von Z. 13 {xal roikov zöv äQi&jnov


(d. 163) [in ndXcu nmXrjQoxcöxog) schwerlich aufrechterhalten werden.
i.

Betreffs des Eestes (63 Maß) hat vielleicht ein Erfüllungsversprechen


auf einen späteren Termin oder sonst ein Abkommen (jg öiov o/wktyriaa
[....) Platz gegriffen.

1) Das Nähere hierüber s. bei Eger, Arch. f. Pap. V 140f.; Mitteis,


ehrest. S. 83 f.
*) Für Tiaoaridea&ai in der Bedeutung aussagen, bekunden, be-
richten vgl. Oxy. 33, in 12 (o' riß6[xarö]g —
TioQe&exo [tö>] xvqUü A^ow);
Oxy. 41, 2s. 237, y 7; Flor« 6» w
382, ,1 {ivhvxov —
ravra naQaxi&iinevog;
Thead. 16, ^f. In demselben Siime läßt sich (vielleicht in Anlehnung
an den griechischen Sprachgebrauch) deponere für die spätere lateinische .

Rechtssprache nachweisen (Belege im Thes. L. L. V 582, jgff. und bei


Seckel in Heumaims Handlexikon * 137 (4). Von da ist das Wort in
das Eranzösische und Englische und weiter in das fremdwortlüstemo
Aktendeutsch übergegangen: der Zeuge 'deponiert'.
3) Giess. 34, ^r xai^' ä ri^Uoasv MevoMlga.

*) In dt-r ävrlQQrjaig Oxy. 68 (uö.) und der Replik Lond. IQ 132f.

Nr. 908 («ff.) ist der Grund aus dem i5n6fivr]fia zu entnehmen: ob das
notwendig war, muß dahingestellt bleiben.
Erarichter und Chrematisten. 63

füUung behauptet, nicht anzunehmen. Die angeführten


Worte (gf.) machen entschieden den Eindruck, als wollten
sie den Gläubiger vor eine neue Tatsache stellen, über die
er das Nähere aus dem beifolgwiden Protokoll entnehmen
könne. —Zu erwägen wäre weiter, ob vielleicht in der
gegenwärtigen Sitzung ein die dvriggrjaiQ enthaltender
Schriftsatz eingereicht wurde. Aber wenn das zuträfe,
so wäre unerklärlich, warum der Erzrichter nicht wie in
den anderen uns bekannten Fällen die Zustellung des
v7i6/uvT]/Lia anordnete und warum er in dem Schreiben an

den Strategen unter Verschweigung des schriftlichen Wider-


spruches aus dem mündlichen Vortrage die sachlich wich-
tigste Behauptung der Schuldnerin hervorhob und zur
Grundlage seiner Anordnungen machte.
Alles das drängt meines Erachtens zu der Annahme,,
daß eben dieser mündliche Vortrag selbst den Widerspruch
enthielt. Ob er ausdrücklich darin erklärt war (wie in dem
Schriftsatz Oxy. 68, oder ob er sich lediglich aus dem
j^f.)

Vorbringen der Partei ergab (wie in Lond. III 132 f. und


Oxy. 1203), läßt sich, da der Schluß des ProtokoUes ver-
loren ist, nicht ist aber auch unerheblich.
entscheiden,
Jedenfalls Schuldnerin die Pfändung als un-
hatte die
berechtigt hingestellt und ihre Gründe dafür angegeben.
Der Gläubiger erhielt Mitteilung davon und zugleich die
Ladung zur zweiseitigen Verhandlung durch den Erzrichter
und Strategen. Das abschriftlich beigefügte Protokoll
{v7i6[ivr)fia) tat dieselben Dienste wie bei schriftlichem
Widerspruch die abschriftlich beigefügte Eingabe {vnofivri-

Ha) des Schuldners: eins ersetzte das andere.


In formeller Hinsicht kann es als wahrscheinlich gelten,
daß die Schuldnerin den Erlaß des Schreibens an den Stra-
tegen beantragt hatte*), und als sicher, daß sie die Ladung
des Gläubigers sowie die vorläufige Hemmimg des Voll-
streckmigsverfahrens und, für den FaU des Ausbleibens
des Gläubigers, die Aufhebung von Zahlungsgebot und
Pfändungsbeschluß begehrt hatte.^)

^) Vgl. in den Schriftsätzen Oxy. 68, ^: ä^uö awtd^cu yodyKU —


tgad Lond. III 132 f., „: öiov i^ovfioi avinä^an yQÖyxu r(p —
axQaTT]yq>.
*) Vgl. oben S. 62, j.
64 Paul Jörs,

Die Annahme, daß die Erklärung des Widerspruches


zu Protokoll des Erzrichters der Einreichung einer den
Widerspruch enthaltenden Eingabe bei diesem Beamten
gleichstand^), würde vielleicht zu gewagt sein, wenn sie
als Einzelerscheinung angesehen werden müßte. Ist sie
richtig, so wird die gleiche Möglichkeit nicht nur bei andern
Akten des Mahn- und Vollstreckungsverfahrens, sondern
allgemein auch bei anderen Gesuchen und anderen Be-
hörden bestanden haben.^) Schon Mitteis, dem wir die
grundlegenden Untersuchungen über das Wesen des wrd-
fjtvrjfia verdanken (oben S. 57, 5), hat an der Hand von
P. Berl. Inv. 2745, ^ff. (etwa aus dem fünften Jahrhundert
n. Chr.) hervorgehoben, daß die Überreichung des Libells
kaum in dem Sinne notwendig gewesen sein dürfte, daß
sie nicht hätte durch mündlichen Antrag zu Protokoll er-
setzt werden können.^) Ich glaube, daß unsere Urkunden-
sammlungen auch schon aus früherer, und zwar ziemlich

*) Vgl. hierzu auch die Erörterung über BGU. 832,26 unten S. 71,2.
*) Im allgemeinen werden die Erklärimgen zu Protokoll wohl er-
heblich seltener gewesen sein als die Überreichungen von Eingaben, da
sie offenbar die Zeit des Beamten mehr in Anspruch nahmen als diese.
Auch haben wir nur wenige Beispiele dafür in den Quellen. Vielleicht
ja
ist es kein Zufall, daß in Giess. 34 Sabinus ßovXsvxrjg nQeaßvxatos in Ale-

xandrien und demnach gewiß den vornehmen Familien der Stadt an-
gehörte, denen ja auch der Erzrichter zu entstammen pflegte.
') Mitteis, Leipziger Dekanatsprogramm 1912 (Lauhn) S. 8. Der

S. 6 mitgeteilte Text der Urkunde i^t jetzt auch in Pr eisigke s Sammel-


buoh 5357 wiedergegeben. Mitteis rechnet außerdem noch mit der
Möglichkeit, daß der Libell bei der Überreichung auch gelegentlich ver-
lesen wurde. Für Giess. 34 ist das schwerlich anzunehmen, da sich hier
das vjt6(4,vT](j,a als Wiedergabe mündlicher Rede zu erkennen gibt (m:
e]m{ev)) und nicht abzusehen ist, warum dies vorgespiegelt und die Ver-
legung der Urkunde unterdrückt sein sollte. Dasselbe gilt für den gleich
zu betrachtenden Pap. Straßb. 5 (s. Z. ,: ngo ßi^fiaros — eiJiev. Z. gi xXr]-

^hrtog xai vnaxovaavxog elnsv. Dagegen könnte die Vermutung von


Mitteis vielleicht zutreffen bei BGU. 1139: Faiwi TvQgavicoi nagä
2aiv^Qo{g) —
xai rfjs to{vzov) Yv{vaix6s) — naQovtcov «uro Avxcov ji6lso>{$)
— .nÖLQsofuv ;tae(t)v r^f eaxf]xviag '^fj.äg — d'Xellxp^scos hxX. Die Betonung
der Gegenwart der Gesuchsteller in dieser Eingabe an den Statthalter,
namentlich die in der ersten Person zu Beginn des Textes, ist jedenfalls
verständlicher, wenn die Worte gesprochen wurden, als wenn sie bloß
in der Urkunde geschrieben standen.
Erzriohter und Chrematisten. 65

der gleichen Zeit, der Giess. 34 angehört, ein zweites Bei-


spiel dafür bieten.
Ich meine P. Straßb. 5, eine Verhandlung vor dem
Tribunal des Präfekten aus dem J. 262 n. Chr. Für den
Kläger tritt als Sachwalter {^^rmg) der im Amt befindliche
dgXidixaar^g auf.^) Dagegen fehlt jede Spur in unserem
Text, daß auch die Gegenseite an der Verhandlung teil-
genommen hätte. Nicht sie kann es sein, von der es im
Eingang des ProtokoUes heißt (g): xXrjdhxog xal vnax[o]v-
aavrog, denn es war eine Mehrzahl von Personen, die den
Kläger geschädigt hatte, gegen die sich seine vorliegende
Beschwerde daff) und das weitere Verfahren richtet (g- n).^)
In der Tat kommen die Beschuldigten auch gar nicht zu
Wort bei der Verhandlung: von ihrer Verteidigung ist
keine Rede'), erst später, vor dem Strategen, soll sich

*) An einer überzeugenden Erklärung für diese auffallende Tatsache


fehlt es bisher: vgl. Preisigke in der Aasgabe S. 22; Koschaker,
Z. Sav. St. XXIX 46f.; Wenger, Gott. Gel. Anz. 1907, 319. Jeden-
falls liegt nichts vor, was auf einen Zusammenhang mit dem Mahn- und
Vollßtreckungsverfahren schließen ließe.
*) Auch Einfühnmg eines Hauptgegners, an die Preisigke
die
(S. 21) wenn auch unter Zweifeln, am Ende von Z. ,
denkt, indem er,
6 dv[rlötxo<; vorschlägt, halte ich für unwahrscheinlich, da seiner weiter-
hin nicht gedacht wird (s. den Text). Die schon von Preisigke als
unsicher bezeichnete Lesung in Z. jq [t*ö ä]X}jci> q>oQrjTov, die ebenfalls
auf einen einzelnen Gegner deuten würde, ist durch Wilckens Ver-
bessenmg [7io\T(moq>OQi]Tov erledigt (Ausgabe S. 6). Die Annahme, daß
einer dei Beschuldigten für alle odei ein Anwalt für alle aufgetreten sei,
istauch deswegen abzulehnen, weil der Aufruf doch jedenfalls an alle
ergehen mußte. Und auch wenn man sich über dieses Bedenken hinweg-
setzen wollte, so wäre doch jedenfalls nötig gewesen, daß das Vertretungs-
verhältnis im Protokoll zum Ausdruck gebracht wurde. Dafür reicht
aber die m
Betracht kommende Lücke von Z. , schwerlich aus (über
ihr s. Preisigke zu Z. 4).
Ausmaß
Auch dafür darf man nicht seine Zuflucht zu der Lüoke nehmen.
')

Wenn man berücksichtigt, daß in Z. jg, die dafür in Betracht kommen


würde, zimächst der Schluß des Vortrages des Erzricbters gestanden
haben muß, so bleibt schwerlich Baum übrig für 6 öeiva elnev (oder oi
SdvsQ ehiav) und den Inhalt seiner (oder ihrer Rede, auch wenn diese
noch so kurz gewesen wäre. Ein einfaches Geständnis, das vielleicht (!)
Platz gehabt hätte, ist ausgeschlossen, weil in der Entscbeidxmg des
Präfekten die Tat- und Schuldfrage als eine offene behandelt wird dg:
d Tt 7iQÖ[g]
ßiav eXrjfitp&ri). Zu behaupten, daß die Verteidigung der Be-
Zeitschrift für Eechtsge schichte. XXXIX. Rom. Abt. 5
66 Paul Jörs,

zeigen, wie sie sich zu der Klage stellen (17). Demgegenüber


sind meines Erachtens zwei Erklärungen geboten. Einer-
seits: die Worte xXrj'&ivrog xal v7iax[o]vaavrog sind auf den
Kläger selbst zu beziehen.^) Der Erzrichter, der seine
Sache führt, beantragt die Hinzuziehung des alten Mannes,
der stets seine Pflicht getan und doch so viel Unbill er-
fahren hatte, und der Stätthalter ordnet sie an.^) Ferner:
das Protokoll, das keine kontradiktorische Gerichtsverhand-
lung darstellt, sondern von Parteiausführungen nur die Be-
hauptungen und den Antrag des Klägers vor dem Präfekten
enthält, steht auf einer Stufe mit einer bei ihm in der
Sitzung eingereichten Eingabe.^)*)
Auch die Erledigung des Gesuches durch den Statt-
halter gestaltet sich in entsprechender Weise. Während
ein schriftHcher LibeU durch Unterschrift {v7toyQa(pi]) be-
antwortet wird, ergeht auf mündUches Vorbringen ein

klagten in der uns vorliegenden Abschrift des Protokolles weggelassen


sei, wird wohl niemand in den Sinn kommen, da es für eine solche Ver-
mutimg an jedem Anhalt fehlt.

^) 'Yjiaxoveiv wiid öfter mit Beziehimg auf den Kläger gebraucht:


BGU. 15,14; Lond. II 150 Nr. 359, ,; Oxy. 237, vmi»- 663, y; Stiaßb.
22, 11 (von beiden Paiteien); Plutarch, Solon 31: 6 de xaxrjfyoQOZ oüx
{ßirpionxsE. Vgl. Mitteis, Chrest. S. 268 (zu Nr. 240, „).
Es kann dahingestellt bleiben, ob der Statthalter sich damals
*)

auf dem Konvent befand oder nicht (vgl. Wilcken, Arch. f. Pap. IV 397).
Auch im ersteren Falle war gewiß die Anbringung einer Beschwerde in
der hier angenommenen Form nicht ausgeschlossen: was sollte den Prä-
fekten auf dem Konvent hindern, auch einer Partei allein Gehör zu
geben? Der Zeit nach würde das vom 14. August datierte Programm
auf den Konvent von Alexandrien, als dessen Vorort dann Klein- Hermu-
polis angesehen werden müßte, hinweisen (Wilcken a. a. O. und 415ff.).
8) Das Protokoll wie die Eingabe wird als V7i6fivr}/j.a bezeichnet.

Über die Verwendung des Wortes in Z. ,.7) s. oben S. 59, 1. Vgl. auch
Mitteis, Her. d. Sachs. Ge?. d. W. LXII 87, ,.

*) Außer der zu Protokoll gegebenen Erklänmg erwähnt der Kläger


noch eine episiula (s. darüber Mitteis, Ber. d. Sachs. Gtes. d. W. [phil.-
hist.] LXII 86ff.; Grundzüge an den Statthalter (Straßb. 6, ,):
37f.)
ivervxov öt' vjiofivij/idrcov o^ fiövov dAAd [x]ai öt' inuyxoKrjg. Nähere Angaben

über dieses Schreiben macht er nicht. Eine interessante Parallele bietet


Oxy. 237, VI 7^' • o dt oi [xövov iygatpev, oMa xal TiaQOJV ^xQWxrjQtaaev rd
Tigäyfia. Daß damit das Schreiben einer epistula gemeint ist, zeigen die
unmittelbar vorhergehenden Worte. Nachdem also Chairemon den Brief
an den Statthalter gerichtet hatte, entstellte er gelegentlich einer Audienz
Erzrichter und Chrematistea 67

mündlicher Bescheid (dTcöcpaaig).^) —


Dem Inhalt nach ent-
hielt der Spruch des Präfekten in Straßb. 5, igf.*), was ja
auch bei der ^oygaq)'^ sehr oft vorkam, die Verweisung
der Partei an eine untergeordnete Behörde, hier (in erster
Linie) an den Strategen.*) Diesem wurde aufgegeben, dafür
zu sorgen, daß, wenn dem Kläger etwas mit Gewalt ge-
nommen worden sei*), es ihm schleunigst zurückerstattet
werde daß : alx^r, wenn sich die Beschuldigten nicht fügten, sie
vor das Gericht des Statthalters entsendet werden sollten.*)

(na^c^) den Tatbestand: ob freilich auch in diesem Falle ein Protokoll


über den mündlichen Vortrag aufgenommen wurde, wird nicht berichtet.
Vielleicht hatte das Schreiben neben dem persönlichen Erscheinen den
Zweck, mehrere Wege, die zum Ziele führen körmten, zu betreten: nahm
der Statthalter das erstere nicht an, so blieb immer noch das letztere.
*) Dieser für die in der Sitzung verkündete Entscheidung geläufige
Ausdruck war, wie »^ scheint, auch in Straßb. 5, j gebraucht. Vgl.
Wilcken, Arch. f. Pap. V 266.
•) Zum besseren Verständnis muß namentlich wegen der Lücken
der Uikunde der Antrag de« Erzrichters (i,f.) herangezogen werden.
•) Außerdem werden (,,. i,. j,) die Eirenarchen des Gaues genannt

(vgl. über diese Behörde namentlich Hirschfeld, Kl. Schriften 602ff.


620; auch Jouguet zu P. Thead. 15, „f.). Der Kläger beantragte beim
Statthalter (j,):cixTTe imaxeiXal ae roig elQr][v6Qxcu(; [ — Es kommt
wenig
], dieser veifügte

(m)' [Ä^rlttyCrJeAüi t<^ axQaxrjlyyp x[a\i xoiq elQrjväQx\(u]z.


darauf an, ob schon der Antrag in der Lücke von Z. den Strategen 17

erwähnte, jedenfalls erg'ng der Auftrag des Statthalters an beide Be-


hörden. Die ims vorliegende Eingabe (Einleitimg Z. ,_,, Schluß Z. 1»—n)
ifit nach der zutreffenden Erklänmg des Herausgebeis Preisigke (S. 23)

an den derzeit dtis Amt verwaltenden Vertreter {duiSoxoq) des Strategen


gerichtet. Offenbar sind die Eirenarchen als seine Gehülfen anzusehen,
die, wie es der Kläger beantragt, für ihre Tätigkeit der Anweisung des
Strategen bedurften. Der Verweser der Strategie gab nun zunächrt
seinem Amtsboten auf, die Beklagten ([rjovg evyeygofifih'ovg, d. h. die im
Protokoll [12] Genarmten) unter Mitteilung des Protokolls einschließlich
der ojcöqxiaig (2) des Präfekten (j) vorzuführen (, dyayelv: man wird an
das bekanpte d|tc5 äx^rjvai eiinnert; vgl. Mitteis, Ber. d. Sachs. Ges.
d. W. LXII 64f. und Grundzüge 41, 2)- Eine solche Vorführung war
notwendig, um festzustellen: et xt 7iQÖ[g] ßiav IXrjfjupdri d,) und ob die
Beklagten Widerspruch erhoben, wovon ja das weitere Verfahren abhing.
*) Über den zugrunde liegenden Tatbestand läßt sich wegen der

starken Verstümmelung der Urkunde ein klares Urteil nicht gewinnen.


Vgl. darüber Preisigke in der Ausgabe S. 21; Wilcken, Arcb. f. Pap.
V2ö4f.
•) Wilcken (P. Straßb. S. 6) liest („): f^v imfi{i\voiev hcelvot djr[o]-
5*
68 Paul Jörs,

Ein derartiger Bescheid oder wenigstens ein darauf zielen-


der Antrag begegnet öfter in römischer i) Zeit, teils in schrift-
lichen Eingaben mit vnoyqacpr\ des Statthalters (Oxy. 71i j^ff.
= ehrest. II 62 vom J.
vom J. 312; Amh. 142,
wahrscheinlich auch Oxy. 1470, 7f.), teils in mündlicher
Verhandlung (Berl. Inv. 2745). 2) Wir finden hier überall,
ebenso wie in Straßb. 5, daß durch Befehl des Statthalters')
ein Vorverfahren vor einer untergeordneten Behörde*) an-
geordnet wird, in welchem auf den Beklagten eingewirkt^)
werden soll, daß er dem Begehren des Klägers (ohne Pro-
zeß) gerecht werde ^), und weiter vorgeschrieben wird, daß
der Beklagte, wenn er widerspricht'), vor das Gtericht^)

voiq. XQÖifi^oi. Damit darf Preisigkes (S. 27) Unterscheidung zwischen


einer privatrechtlichen und strafrechtlichen Entscheidung des Präfekten
als erledigt gelten. Wenn ich recht verstehe, will sie auch ihr Urheber
selbst nicht mehr aufrechterhalten.

^) Ähnliche Formen kommen schon in ptolemäischer Zeit und im


zweiten Jahrhundert n. Chr. vor. Näheres s. im VIII. Kap.
2) Vgl. oben S. 64, 3.

3) In allen genannten Urkunden geht der Befehl vom Statthalter


aus; nur in Berl. Inv. 2745, ,1 ist zweifelhaft, welche Stellung der hohe

Beamte, der hier die Verhandlimg leitete, einnahm: vgl. Mitteis, Pro-
gramm S. 11.
*) Vgl. oben S. 67.
In Oxy. 71, i jg beißt es: rj xq> axQaxr^tö rj
^ eäv o^ eäv 6oxi[fj,daf) aov xö fxjeyaklov. In
öofcifMiaijg; in Flor. 36, 27 f.:
Amh. 142, 18 soll der praepositus castrorum, in Berl. Inv. 2745, ^ das
Offifyum {rd^ig) beauftragt werden.
') Oxy. 71, i^i.: eTiavayxaa&fj — ^er' ivexvQoy» XrjfJitpecoz; Flor.:
ijiavayxaa&fjvai; Oxy. 1470, jg: ETiavayxacf&fjvai; Amh. j«: eTUjvayxdaai;
Berl. ,1: aweXdaei, vgl. ,,: 6(xt]q ixxog imyvcövca. In Stiaßb. 5 wird in
der Lücke von Z. yj wohl ein ähnlicher Ausdruck gestanden haben; vgl.
lg: [£?r]tor[T"]£Acö
— dnoxaxaaxfj xrjv xaxicfxrjv.

•) Oxy. 71, 19: xrjv ojiööoaiv noi'^aaa&ai; Flor. 28 '"^d Amh. 17:
dnoxaxaaxfjaai; Berl. ni ajioaxrjvai — xal ojioöovvai; Straßb. jg: ajioxa-
xaaxfl. Oxy. 1470, ,: änoöovvcu.
') Oxy. 71, 20^ äyvcD/novovvxa; Amh. jg: ävxiXeyovaiv; Berl. 12 : ävxiQ-
QY^aet, 1,: ävxiMyovxeq; Straßb. j^: ^ ejuix[E\voisv — aa^6\voiq. xQ(i>/ievoi;
Oxy. 1470, 7: ävxiXeyovaiv.
*) Oxy. 20= «^t t6 aov /xeyaXlov; Flor. 29: dg xö] aov äxQovxov öixa-
[ax}i]QU)v; Amb. jg: eig xö äxQ[a.]vx6{v) aov öixaaxi^Qiov; Berl. 12- le* öixa-
axTJQiov; Straßb. „. j,: elg xo aov In Oxy. 1470, g
(19: i[nov]) öwaaxriQuyv.
ist wegen der Lücke die Folge des ävxiXeyeiv nicht erkennbar: die Fassimg

weicht von der der anderen Urkimden ab.


Erzrichter und Chrematisteo. 69
f
des Statthalters entboten^) werde. An dem rechtlichen
Charakter von Straßb. 5 als eines in mündlicher Verhand-
lung gestellten Antrages mit einer in gleicher Weise er-
gangenen Verfügung über die Einleitung des Verfahrens
gegen abwesende Beklagte, kann demnach meiner Ansicht
nach kein Zweifel bestehen.

3. Wirkung des Widerspruches.


Die Fragen, welche Wirkung der Widerspruch hatte und
wie er erledigt werden konnte, insbesondere die, wer die
Entscheidung über den Widerspruch zu treffen hatte und
welchen Inhalt eine solche Entscheidung haben konnte, sind
von der neueren Forschung mehr gestreift als behandelt
worden.') Es empfiehlt sich die letztere Frage, um eine
möglichst feste Grundlage zu gewinnen, voranzustellen.

a) Richtersprucb über Aufbebung oder Fortgang


des Verfahrens.
In Giess. 34 stellt der Erzrichter für das Ausbleiben
des Gläubigers die Aufliebung des Zahlungsauftrages und
Pfändungsbeschlusses in Aussicht (g): [ uderijaoi ä na- —
Qtjveyxe x]arä rTJg dipTpuxog dia[ar]oXi/<ov xui iveyyoaaiav.
Sehen wir vorläufig davon ab, daß das maßgebende Wort
nicht erhalten ist, und fragen wir uns unter der Voraus-
setzung, daß es richtig ergänzt ist, wie die Entscheidung
lauten mußte, wenn der Gläubiger erschienen war. Hier
liegt es wohl auf der Hand, daß, wenn er im Unrecht war,
ebenfalls auf die Aufhebung jener Akte erkannt wurde,
und daß im entgegengesetzten Falle die uvriQgrjaig des
Schuldners zurückgewiesen, also Zalilungsauftrag ^) und
^) Oxy. 20- TiaoaneficpdTJvai; Amh. jg: 7iaMaiEH(p^evTa\<;; Berl. ,3:

noQd^ei; Straßb. „: naQafiiutpai, ^9: ävunenTteiv. Die.scUrkunden müssen


auch für die Prozeßeinleitung durch evocatio (Mitteis, Grundzüge 37. 41)
verwertet werden.
2) Vgl. Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 31. 45, ,; Mitteis, Z. Sav.
St. XXXI 390 und Grundzüge 127 und Chrest. S. 84; Schwarz, Hypo-
thek Hypallagma 84.
u.

Daß im Zusammenhange mit der ivexvgaoia auch das öiaaroliy.ov


*)

aufgehoben werden konnte, zeigt Giess. 34, g- Da wir nun aus Oxy. 68
wissen, daß ein Widerspruch gegen das 6iaaxo?uxöv allein zulässig war,
kann die Folgerung, daß dieses auch allein aufgehoben werden konnte.
70 Paul Jörs,

Pfändungsbeschluß aufrechterhalten und damit dem Mahn-


und Vbllstreckungsverfahren freier Lauf gelassen wurde.
Das gleiche muß hinsichtlich der nagdöei^ig gelten, wenn
sicja gegen diese der Widerspruch richtete.^) Daß diese
Schlußfolgerungen das Richtige treffen, läßt sich aus den
Quellen erkennen: einmal daraus, daß die in Giess. 34, ^
verkündete vorläufige Hemmung des Verfahrens 2) bis zur
(endgültigen) Entscheidung über den Widerspruch bestehen
soll {[i^xQL —
xgiaecog) diese mußte sich also über die Fort-
:

setzung aussprechen. Noch mehr aber daraus, daß in Lond.


III 132 f. Nr. 908, gj (Chrest. II 229) die Gläubigerin es
als das Ziel ihrer RepHk hinstellt, daß der Widerspruch
durch richterhche Entscheidung verworfen werden sollte:
äxvQov xal ävcbcpeXeg Hoi'&fjaofievov 8 ixexiöcoxev V7i6(xvri[ia. In
gleicher Weise ist es aufzufassen., wenn in Oxy, 68, 5,2^^«

der Schuldner das ihm zugestellte diaaroXixöv nebst allen


sonst etwa noch vom Gläubiger ergehenden Streitschriften
für unwirksam {äxvgov) erklärt, und hinzufügt: fxevovaa»
d* i/zol rijv ngog avrov xoiaiv ecp' oiv öeov eaxCv.^) Ebenso wohl

keinem Bedenken unterliegen. Die weitere Frage, ob in einem solchen


Falle doch noch die ivexvgaala begehrt werden konnte, fällt mit der zu-
sam.men, ob überhaupt ein Vollstreckuligsverfahren auf Grund exekutiver
Urkunden ohne vorhergehendes Mahnverfahren möglich w^r: meines Er-
achtens muß sie nach Maßgabe des uns vorliegenden Materials verneint
werden. Vgl. Schwarz, Hypothek u. Hypallagma 86ff.

^) Die noQdöet^tg war nach der obigen Darstellung (XXXVI 317ff.)


eine Ergänzung des ;fgJ7/iaTMT/i6c ivexvgaolag, indem sie dem Beschluß
der Chrem.atisten, daß die Pfändimg einzuleiten sei, die Gnmdstücke,
welche von ihr betroffen werden sollten, hinzufügte. Man könnte des-
halb fragen, ob ein Widerspruch gegen sie allein und eine richterliche
Entscheidung lediglich über ihre Rechtsbeständigkeit zulässig wai. In
Lond. III 132 f. Nr. 908 ist streitig, ob die von der Gläubigerin n«ich
Erlaß des Beschlusses in Anspruch genommenen Grundstücke dem
Schuldner oder seiner Frau gehörten: denken wir tms, die in Aussicht
genommene richterliche Entscheidung erkannte den Mann als Eigentümer
an, so ist kein Gnmd ersichtlich, weshalb die Pfändung nicht hätte zu
Ende geführt werden können, im andern Falle kein Gnmd, weshalb nicht
die Benennung anderer Pfandgegenstände gestattet gewesen sein sollte.
Über diese s. S. 73 ff.
2)

Mit den letzten Worten ist jedenfalls der Richter gemeint, der
3)

über den Widerspruch entscheiden soll, weion sich der Gläubiger ihm
nicht fügen, sondern zum ßißKio/naxeiv übergehen wird. Daß dafür ver-
Enriohter und ChrematiBtea. 71

auch Oxy. 1203, wo der Gesuchsteller, nachdem er die


in
vom Gegner hinsieht üch dessen Forderung (S. 53, g. 57,3) ein-
geleiteten Schritte als unwirksam (äxvga) hingestellt hat,
beantragt, dem ^evixwv nQOKvojg solle untersagt werden,
gegen ihn vorzugehen: fxixQi- xoiaetog.^)^) Diese Worte

Bohiedene Richter in Betracht gekommen seien, ist allerdings nicht wahr-


scheinlich (vgl. S. 79ff.). Eher glaube daß der Gesuchsteller sich
ich,
den Übergang in das ordentliche Vei fahren vor den Präfekten oder lu-
ridiouB (S. Ö4{f.) vorbehalten wollt«. Die Wendung ist übrigens ziemlich
formelhaft: sie findet sich nicht nur in Urkunden des Mahn- und VoU-
Btreokungsverfahrens (vgl. noch Flor. 68, „) oder solchen, die damit ver-
wandt sind (BGU. 614, ^: hier ausführlicher inl aov tcgjÄoc x« «^ez*"
diixyiaxo6 ^ iq>' c&v ^dv ixigcuv öijj dixacnätv), sondern auch in solchen,
die in keinerlei Beziehung zu ihm stehen: so Teb. 317, „ (Chrest. II 348).
*) Z. „ff.: 5 di ^evtxtüv JiQÖxxfOQ firfikv xad^ i\fuäv ohtavourfjji djiö
xoö JiQoxafiivov thwftvijfiaxoi M^XQ^ XQiaexog. Der Gesuchsteller verlangt
abo, der angerufene Beamte (Strateg) solle den Praktor anweisen, vor-
läufig keine VoUstreckungshandlimg gegen ihn vorzunehmen. Die tcQlaig
soll demnach über Aufhebung oder Fortführung des Verfahrens ent-
scheiden. Es liegt gewiß am nächsten, sie ebenso aufzufassen wie in
Giess. 34. Hier befiehlt, wje wir sahen, der Erziichter, bei dem der Wider-
spruch geltend gemacht ist, dem Strategen, er solle das Ruhen des Ver-
fahrens veranlassen. In Oxy. 1203 wird der Strateg unvermittelt darum
angegangen, den entsprechenden Auftrag an den Gerichtsvollzieher zu
erteilen. Indessen gebe ich zu, daß bei den vielen Zweifeln, zu denen die
Urkunde Anlaß gibt, auch andere Auslegungen möglich sind, und ins-
besondere, daß es, wenn auch weniger wahrscheinlich, so doch nicht
ausgeschlossen ist, daß der Antragsteller vorhatte, den Prozeßricbter
anzurufen.
•) Auch auf BGU. 832, 2» mag in diesem Zusammenbange hin-
gewiesen werden. Der Zeilenrest lautet: ] — iv IJaxQixolg inl ßi^^axog
inl xfji xütv ötaaxoXtxüiv d;r[ Es handelt sich um ein Vollstreckungs-
verfahren bei Hypotheken (vgl. Über die IlaxQixä (in
oben S. 55, J.
Alexandrien) vgl. Sohubart, Arch. f. Pap. V 70f. und Wilcken, Chrest.
S. 60. Während die übrigen Erwähnungen (BGU. 981, i ,; Leipz. 123
und Leipz. xmveröffentl. bei Wilcken a. a. O.) sie als ein Zentralarchiv
erkennen lassen, erscheinen sie hier als Gerichtsstelle und zwar, wie
Schubart wohl mit Recht annimmt, des Erzrichters. Doch möchte ich
im Gegensatz zu diesem Forscher Zeile 24 nicht hierherziehen und nicht
verbinden yeycvhax öe xrjv xov VTiofivrj/naxog /Liexdö[oaiv ] iv IJaxgi-
xolg ini ßrjfiaxog. Denn den Mahn- und Voll-
die fxexdöoaig bedeutet in
streckungsm-kunden sonst nicht die Einreichung beim Erzrichter, son-
dern die Zustellung an die Partei. Die Lücke zwischen den Zeilen muß
groß gewesen sein vmd, was darin gestanden hat, bleibt ungewiß. Dürfte
man Z. j, ergänzen: iv IlaxQucolg inl xrjg xöjv öuujxohxäiv an\p}Mytag, so
72 Paul Jörs,

geben uns zugleich die Gewähr, daß die vorerwähnte Er-


gänzung von Giess. 34, g jedenfalls dem Sinne nach zutrifft.^)
Die zweiseitige Verhandlung der Parteien vor dem
Richter und dessen Entscheidung bezog sich hiernach auf
die Rechtsbeständigkeit der Akte des Mahn- und Voll-
streckungsverfahrens: öiaaroXixov, evexvgaaia, naQadei^ig ei-
nerseits und die gegen sie geltend gemachte dvriQgrjaig
andererseits. Dabei handelte es sich keineswegs bloß um
die Prüfung der (formellen) Voraussetzungen des Verfah-
rens, beispielsweise, ob die in Betracht kommenden Ein-
gaben in der vorgeschriebenen Form und innerhalb der
dafür bestehenden Frist eingereicht waren. Vor allem war
könnte man darin eine Verhandlung vor dem Tribimal (des Erzrichters)
ei blicken, die zur Erörterimg über öiaarohxd bestimmt war. Dabei
müßte Ausdruck wohl kaum so wörtlich genommen werden, daß
dieser
man dabei nur an Zahlungsaufträge (XXXVI 231 f.) zu denken hätte:
auch andere Widersprüche (vgl. oben S. 52ff.) dürften hier ihre Behand-
lung gefunden haben. Daran, daß man mehrere gleichartige Sachen in
einer Tagfahrt zusammenfaßte, würde nichts Befremdliches liegen. Man
könnte einmal daran denken, daß Gläubigern die Verteidigung ihrer durch
ävTigoTjaig angegriffenen öiaoroXixd (usw.) ermöglicht* werden sollte: der
Term,in, zu dem Ammoninos in Giess. 34, ^f. entboten wird, würde ein
Beispiel für eine solche amoXayla liefern. (Auch an aji\pdel^e(oq könnte
man in diesem Sinne in BGU. 832, 35 denken.) Andererseits aber könnte
in einem solchen Termin auch der Verteidigung der Schuldner gegen
öiaaroXixd (oder Akte des VoUstreckimgsverfahrens) Rauna gegeben sein,
wie wir sie beim Auftreten des Sabinüs für seine Enkelin Menodora in
Giess. 34 kennengelernt haben (S. 62 f.). Vgl. für den Sprachgebrauch
Thukyd. 8, jg: &avdxov ölxrjv änoloyTjodfievog; ebenda 8, 109* omjDQ —
rag
öiaßoMq —äno^oyijarjrai; P. Petr, III 21 (g), 33. 39 (Chrest. II 21): äno-
Xoyeia&at rrjv ölxrjv (von der Beklagten). Ebenso könnte äno^oyela&ai
xä öiaaxoXixd und änohyyia rwv öiaaxoXixcöv gesagt werden.
1) Was den Wortlaut angeht, so hatte Eger in der Ausgabe äxvQa
xaxaaxrjOOi, Mitteis in der Chrestomathie II 75, weil der Raum für jene
Ergänzung nicht reicht, a&exriaü) oder axvQCMJü) vorgeschlagen. Die
Zeilen, deren Ergänzung sicher ist (3. 5. ,) lassen eine Lücke von 32, 35,
33 Buchstaben erschließen. Unsere Stelle (g) würde, wie sie Eger aus-
gefüllt hat, 34, nach Mitteis aber nur 27 Buchstaben zählen. Ist der
Bruch an der linken Seite ein gleichmäßiger, so würde also die Lesung
von Eger vorzuziehen sein. Auch das später (S. 80, 1) von mir in Be-
tracht gezogene Passivum dd^Exrid-rjaexai, oder axvQco&^aexai (12 + 20 =
32 Buchstaben), das der Erzrichter auch gebraucht haben könnte, wenn
er sich selbst als Richter ansieht, würde den Raumverhältnissen gerecht
werden.
Erxriohter und Chrematisteo. 73

jetzt über die (materielle) Berechtigung und Verpflichtung


der Parteien zu verhandeln, die in dem vorhergehenden
einseitigen Verfahren, z. B. bei der Anordnung der Zu-
stellung des Zahlungsauftrages oder beim Erlaß des Pfän-
dungsbeschlusses, nicht in Frage gezogen war. So mußte
darüber geurteilt werden, ob die Forderung, auf Grund
deren das öiaaroXixöv (Oxy. 68) oder der xQWartfJ/^og hexv-
QaaCaq (Giess. 34) ergangen war, zu Recht bestand und
nicht etwa schon getilgt war, ob die durch die naoadei^ig
für die Pfändung in Anspruch genommenen Grundstücke
dem Schuldner gehörten (Lond. III 132 f. Nr. 908) und
was sonst unter den Parteien streitig war. Über die Begren-
zimg dieses zweiseitigen Verfahrens und namentlich der
Beweisaufnahme läßt sich nichts Bestimmtes sagen. Wich-
tig ist, daß in Giess. 34. ^ außer dem Erscheinen des Gläu-
bigers auch das seiner Dienerin angeordnet wird. In letzterer
sieht man wohl mit Recht eine Zeugin dann aber kann das :

Verfahren kein ganz summarisches gewesen sein.

b) Hemmung des Verfahrens durch Erhebung


des Widerspruches.
IJie Erhebung des Widerspruches allein, d. h. seine Ein-
reichung oder Erklärung in der Sitzung beim Erzrichter
und seine Zustellung an den Gegner setzte demnach dem
MaJhn- und VoHstreckungsverfahren noch kein Ende.^) Daß
sie die Gnmdlage für die Ladung des Gegners zur zwei-
seitigen Verhandlung über die Rechtsbeständigkeit des an-
gefochtenen Aktes bildete, zeigt Giess. 34, gff.*) Aber
sicherlich war das nicht ihre einzige Wirkung. Wenn in
Leipz. 120, 11 ff. (nach Erwähnung des Pfändungsbeschlusses)
gesagt ist : /j.r]de]/niäg fioi öievXvtriaEOiQ fitjde dvriQQrjaetog yevo-
fihr]g ivExvQdCcii, so folgt daraus kraft eines wohl sicheren
argumentum e contrario, daß die Durchführung der Pfän-
dung*) nicht mögüch gewesen wäre, wenn dem xQVß^ox^'^f*^^

Anders im modernen Recht: Deutsche ZPO. 695.


^)

*) Hier wird der Antrag auf Ladung von der Partei gestellt, welche
den Widerspruch geltend gemacht hatte: wahrscheinlich konnte er aber
auch von dem Gegner eingebracht werden; vgl. S. 76.
») Näheres s. oben XXXVI 326f.
74 Paul Jörs,

ivexvQaaiag ein Widerspruch des Schuldners entgegengetreten


wäre. Ebenso steht es bei BGU. 1038, 22^- '
«a* fi]i^dEfj.iäg

ajiod[6]aecog [/itjÖb dvriQQ'^aeoDg ysvofidvrjg d|w5 .... yQa<pfjvai


TW — — axQarrjy^ xat —
] reo ^evixtöv nQaxxoQi. Daß die ent-
scheidenden Worte richtig ergänzt sind^), ist in hohem
Grade wahrscheinüch dann aber muß auch hier geschlossen
:

werden, daß der Pfändungsbeschluß nicht hätte begehrt


und erlassen werden dürfen, wenn gegen das ihm vorher-
gehende öiaaroXixöv der Widerspruch eingelegt worden wäre.
Entsprechend wird man für Oxy. 68 folgern müssen: da
der Schuldner die dvriQQriaig hatte zustellen lassen, konnte
der Gläubiger, solange sie bestand, die ivexvgaaia nicht her-
beiführen.^)^)
Demnach dürfen wir feststellen: die Erhebung des
Widerspruches hob das Mahn- und Vollstreckungsverfahren
nicht auf, aber sie hemmte es, solange der Widerspruch
nicht durch richterhche Entscheidung für ungerechtfertigt
erklärt war. Jedenfalls wird man für den schriftlichen
Widerspruch behaupten dürfen, daß seine Erhebung genügte,
um das Verfahren zu sperren. In Lond. III 132 f. Nr. 908,
igff. fehlt jene Klausel und wird nur die Zustellung an-

geordnet.
Aber nach Giess. 34, , möchte es freilich scheinen, als
hätte es auch, um das Verfahrenzum Ruhen zu bringen,
einer richterhchen Anordnung bedurft. Denn hier erläßt

^) Die Ergänzung stammt von Mitteis (Chrest. 240), nur habe ich
entsprechend Lips. 120, „ firjdi statt ^^re eingefügt.
•) Freilich muß man gerade hier beachten, daß das Verfahren ein-

seitig war. Denkbar wäre es also, daß der Gläubiger unter Verschweigung
des gegen das duxarohxöv eingelegten Widerspruches seine evxevgig ein-
reichte und den Rändungsbeschluß erbat. Indessen groß war diese Ge-
fahr für den Schuldner nicht. Denn die Chrematisten prüften, wie wir
sahen (XXXVI 284 ff. 291 ff.), bevor sie die Pfändimg verhängten, die
ivxev^iQ hinsichtlich ihrei Voraussetzungen: der Gedanke liegt nahe, daß
sie dabei die Vorakten aus dem xaxahyyelov heranzog;^, und aus diesen
mußte sich ergeben, ob ein Widerspruch vorlag. Und selbst wenn es dem
Gläubiger gelungen sein sollte, das Gericht zu täuschen und einen Pfän-
dimgsbeschluß zu erwirken, so stand ja dem Schuldner auch gegen diesen
ein Widerspruch zu, mit dem er geltend machen konnte, daß der frühere
nicht berücksichtigt war.
8) Über Lond. III 132f. Nr. 908f. im folgenden (S. 72fE).
Eixriohter und ChrematiBten. 75

der äQix^ixacniJQ zugleich mit dem Ladimgsbefehl die vor-


läufige Verfügung: veo)TeQi^ofxhov fx6xqt rfjg noQ*
firjdev6<;

i/nol xQiaecDi. Indessen müssen diese Worte nicht jenen


Sinn haben: sie können auch so verstanden werden, daß
der Erzrichter dem Strategen nur einschärfen wollte, daß,
nachdem nunmehr mündlich Widerspruch erhoben war, das
Verfahren (kraft Gesetzes) ruhen müsse.

Wirkang der Replik — ßißltoftax'Tv.


c)

Schwierigkeiten bietet die Repük des Gläubigers. Sie


witd in Oxy. 68, jjf, in Aussicht genommen, wo der Schuld-
ner das diaaroXixöv des Gläubigers als wirkungslos hinstellt
nebst allen Schriftsätzen, die er ihm etwa später noch zu-
stellen sollte: ax>v olg iäv ßiß^ioxax'^lo]]] nQog/iexadoi.^) In
Lond. III 132 f. Nr. 908, „ff. ist uns eine solche Rephk er-
halten'), und zwar stellt sie sich deutlich als ein gegen den
Widerspruch des Schuldners gerichteter Widerspruch des
Gläubigers dar. Nicht nur die Form der Eingabe als eines
beim Erzrichter eingereichten ^öfivrjfia, das durch die von
ihm angeordnete und vom Strategen vollzogene Zustellung
zum diaaroXix6v wird (XXXVI 231), sondern vor allem die
Wirkung, die durch den Widerspruch des Schuldners und
die Replik des Gläubigers verfolgt wird, hat den gleichen
rechtlichen Charakter. Denn wie in Oxy. 68, 3^ das diaaxo-
Xih6v durch den Widerspruch zum äxvgov werden soll'), so
heißt es auch in Lond. 908, 31 im Hinblick auf die ayrigQrjatg
des Schuldners öncog eldfj äxvgov xai ävuxpeXeg xgi^aöfievov
:

6 fieridatxev ^ößivrjfia.*) Jeder Teil verfolgte also mit seiner

*) Der Satz ist dem Schreiber mißlungen: vgl. Mitteis, Chrest.


S. 260 z. d. Stelle.
') Hier wird sogar noch auf fernere Gegenschrilten (Dupliken usw.)

Bezug genommen (jj): xal öaa iav dg rknegov fiezaö^.


3) Vgl. auch Oxy. 1203, „.

*) Schwarz, Hypothek u. Hypallagma 79,, weist, ohne freilich

weitere Folgerungen daraus zu ziehen, darauf hin, daß in Oxy. 68, jjf.
als Wirkung der Eingabe angeführt wird: oxvqov xa&eaxdq —
5 fiexidonci
fjioi diaarohxöv, während es in Lond. 908, 31 heißt: oxvqov —
xQi&rjaö/ievov.
Ich glaube, die Verschiedenheit liegt nur im Avadruck, denn es ist zu
beachten, daß sich xa&earög in der ersten Stelle nicht bloß auf das vor-
liegende duiaxohxöv des Gläubigers, sondern auch auf seine vielleicht
erfolgenden zukünftigen Eingaben bezieht, xmd daß auch Oxy. 68
76 Paul Jörs,

Eingabe das Ziel, die Eingabe des anderen zu entkräften.


Es fragt sich aber, inwiefern es für den Gläubiger, der sein
Begehren ja schon in dem Zahlungsauftrag und im weiteren
Verlauf in der evrev^ig, mit der er den Pfändungsbeschluß
erwirkte, zum Ausdruck gebracht hatte, und dem auch
später, wenn es zur gerichtlichen Verhandlung kam, noch
Gelegenheit gegeben war, sich über das Vorbringen des
Schuldners zu äußern, notwendig oder doch von Vorteil
war, den Widerspruch des Schuldners sogleich durch ein
formgerechtes diaarohxov zu bekämpfen. Daß er nur dann
von sich aus die gerichthche Verhandlung hätte beantragen
können, wenn er die Rephk im obigen Sinne geltend gemacht
hatte, daß also mit anderen Worten jeder Teil nur auf
Grund seines eigenen Widerspruches den Richter hätte an-
rufen können, ist trotz des Formahsmus, der das ganze
Mahn- und VoUstreckimgsverfahren beherrscht, schwer zu
glauben. Eher könnte man sich vorstellen, daß der Wider-
spruch des Schuldners, der, wie wir sahen, zunächst nur
die Hemmung des Verfahrens bewirkte, wenn er unbestritten
blieb,nach Ablauf einer bestimmten Frist durch eine Art
Verschweigung unanfechtbar wurde und so dem Verfahren
ein Ende setzte.^) Dann hätte der Gläubiger allen Grund
gehabt, ihm mit einer Replik zu begegnen. Indessen lege
ich kein großes Gewicht auf diesen Erklärungsversuch, der
zwar zu einer, wie ich meine, befriedigenden Lösung der
aufgeworfenen Frage führen würde, sich aber unmittelbar
aus den Quellen nicht beweisen läßt. Wichtiger ist, daß-
man sich, lediglich auf die obigen Feststellungen über die
Wirkung der dvri^Qrjaig gestützt, klarmacht, welche Folgen
es für den Schuldner und Gläubiger haben mußte, wenn
sie Widerspruch und Rephk erhoben und wenn sie davon
absahen. Der Schuldner konnte sich gegenüber dem Zah-
lungsauftrag zunächst mit seinem Widerspruch begnügen:

ausdrücklich auf den eventuell nötigen Prozeß hinweist {fievovaav 6' ifiot

rrp TiQog airdv teglaiv).


^) Hier ist nur vom Mahn- und Vollstreckungsverfabren vor Erz-
richter und Chrematisten die Rede. Daß Klage, Veihandlung und Uiteil
im ordentlichen Verfahren ausgeschlossen gewesen wären, soll nicht be-
hauptet werden. Vgl. unten S. 94 ff.
Erzrichter und Chrematisten. 77

<la dieser das Verfahren


hemmte, wird er selbst in der Regel
kein Interesse gehabt haben, die Entscheidung des Richters
anzurufen. Etwas anders lag die Sache, wenn bereits ein
hexvQaaiaq ergangen war: zwar hatte der Gläu-
XQri(iaxiafiÖQ
biger an den Grundstücken, welche (durch die naQ^dei^iq)
der Pfändung unterworfen wurden, weder Besitz noch Nut-
zung —
beides erlangte er erst durch die ijußadela aber — ,

die Pfändung als solche konnte vom Schuldner durch seinen


Widerspruch, der nur das Fortlaufen des Verfahrens hinderte,
nicht beseitigt werden.^) Das allein war ein Nachteil für den
Schuldner''), der ihn veranlassen konnte, die richterliche Ent-
scheidung anzurufen, wie es in Giess. 34 tatsächlich geschieht.
Immer aber mußte der Gläubiger, der das durch den Schuld-
ner gesperrte Verfahren nicht fortführen konnte, bestrebt
sein, dessen Widerspruch unschädhch zumachen. Das konnte
er, wenn er die Sache nicht gleich auf die richterliche Ent-
scheidung abstellen wollte'), durch seine Replik erreichen.
Denn wenn diese, wie wir sahen, die gleichen Wirkungen
hatte wie der Widerspruch des Schuldners, ihn also ent-
kräftete (Lond. Nr. 908, gj), so konnte der Schuldner sich
nicht mehr auf ihn stützen, wenn er der Fortführung des
Verfahrens entgegentreten wollte. Die Replik konnte der
Schuldner nun wieder durch eine Duplik wirkungslos machen
(Lond. 908, 32), wodurch also wieder der Gläubiger an der
Fortsetzung des Verfahrens gehindert wurde usw.
In diesem Sinne ist das ßißXiofiaxelv zu -verstehen.*)

*) Das zeigt Giess. 34, wo deutlich ausgesprochen ist, daß die


ivexvQaala erst durch den Richter aufgehoben werden soll.

*) So war er z. B. an der Veräußerimg und Belastung der gepfän-


deten Grujidstücke behindert: es mag dahingestellt bleiben, ob rechtlich,
jedenfalls war er es tatsächlich und wirtschaftlich.
»)Das wollte offenbar die Gläubigerin in Lond. III 132f. Nr. 908
nicht, da sie keine Ladung des Schuldners beantragte. Was sie ver-
anlaßte, sich zunächst auf die Replik zu beschränken, läßt sich natüilich
nicht sagen: die richterliche Entscheidung konnte auch gegen sie aus-
fallen \md vielleicht erreichte sie mit der Replik allein ihr Ziel (vgl. S. 78, 2).
Wie der Ausdruck hier aufgefaßt wird, sind darunter nur der
*)

Widerspruch und die zu seiner Anfechtung oder Aufrechte) haltimg ge-


wechselten Eingaben zu verstehen. Nur darin liegt ein wirkliches 'Kämp-
fen mit Schriftsätzen', und nur solche innerhalb der gegenwärtigen Lage
des Verfahrens ausgetauschten Streitschriftfen haben wir in Lond. lU 132 f.
78 Paul Jörs.

Ein belangloser Schriftenwechsel, in dem die Parteien sich


gegenseitig erklärten, die Behauptungen des anderen Teiles
nicht anerkennen und bei den eigenen verbleiben zu woUen,
war es sicherUch nicht: dazu wäre es zu kostspielig und zu
zeitraubend gewesen.^) Eine Rechtswirkung mußte dem
Widerspruch, der RepHk, Duplik usw. innewohnen: daß
dies nicht die Aufhebung, sondern die Hemmung des an-
gefochtenen Aktes war, glaube ich im vorstehenden er-
wiesen zu haben. Die erstere war Sache des Gerichts (S.69ff .).
Für jede der Parteien aber mußte es schon von großem Vor-
teil sein, den andern Teil an der Fortführung des Mahn-

und Vollstreckungsverfahrens hindern und umgekehrt dies


Hindernis beseitigen zu können, bis die, deren Interesse
es forderte, die gerichtliche Entscheidung anrief.^)

d) Aussetzung des Verfahrens durch Bichtersptuch?


Wir haben im vorhergehenden als Inhalt des über den
Widerspruch (und einer etwa eingelegten Replik usw.) im
Vollstreckungsverfahren erkennenden Urteils die Entschei-
dung über den Fortgang oder die Aufhebung des Verfahrens

Nr^ 908 vor uns. Nicht also smd solche Eingaben gemeint, mit denen
der Gläubiger versuchen könnte, das Verfahren fortzviführen, also bei-
spielsweise gegenüber Oxy. 68 dieivrev^ig, wenn er die ei'£;^eaafo hätte ein-
leiten wollen. Gewiß wäre auch sie vom Schuldner als dxvQog angesehen
worden, aber einen Angriff gegen die ävrlQoipig enthielte sie rieht: sie
würde vielmehr voraussetzen, daß entweder kein Wideispruch erfolgt
(BGU. 1038, fzzf-]; vgl. S. 74) oder daß er überwunden war: ein 'Schrift-
Btreit' darf in ihrer Einreichung nicht gesehen werden.

^) Zvüc Einreichung mußte, wenn die Partei nicht selbst nach Ale-j

xandrien reisen wollte, ein Bevollmächtigter dorthin entsandt werdenj


{öuuio(niX}£iv) oder doch dort bestellt werden. Des Reisegeldes wird in]
Grenf. 11,71, jj „ {drjfioaloxfig) gedacht. Auch war der Akt wohl kai
von Gebühren xind Sportein frei, jedenfalls machte das Schreibwe
und die Zustellung Kosten. —
Auch als vorbereitender Schiiftenwech
im modernen Siime ist das ßißXio/mxeiv nicht anzusehen: es arbeitet
nicht der mündlichen Verhandlimg vor, sondern schaffte selbständig eii
Streitlage, die durch diese Verhandlung aufgehoben werden konnte.
') Noch größere Bedeutimg würde den ßißXiofmxelv innewohnen,!

wenn die Parteien hoffen durften, durch Widerspruch oder Replik usw.i
auch ohne den Richter anzmufen und vor ihm in Alexandrien ei scheinen]
zu müssen, zum Ziele zu kommen: ich habe oben S. 76 darauf hinge wie-
fien, daß vielleicht dem Zeitablauf eine solche Bedeutung zukam.
Enxiohter und Chrematiaton, 79

kennengelernt. Es bleibt die Frage übrig, ob der Richter,


wenn er den Widerspruch für gerechtfertigt hielt, notwendig
BO entscheiden mußte, ob er nicht statt der Aufhebung auch
bloß die Aussetzung des Verfahrens anordnen konnte. Ein
Bwingender Quellenbeweis hierfür läßt sich nicht erbringen^),
andererseits aber auch kein Grund ersehen, weshalb eine
richterUche Entscheidung von geringerer Tragweite als die
durch die S. 69 f. genannten Urkunden nachweisbare aus-
geschlossen gewesen sein sollte. Jedenfalls würde eine da-
hingehende Vermutung sich nicht schon deshalb verbieten,
weil nach den vorstehenden Darlegungen schon der Er-
hebung des Widerspruches (der RepUk usw.) hemmende
Wirkung zukam. Der Richt«rspruch hätte demgegenüber
auch nicht etwa ledigüch die Bedeutung einer Bestätigung
gehabt er hätte vor allem das weitere Streiten der Parteien
:

im Vollstreckungs verfahren, daa ßißXioftaxeiv, ausgeschlossen


oder doch gegenstandslos gemacht. Von praktischer Be-
deutimg mußte er namentlich dann werden, wenn ein den
Gegenstand der Vollstreckung betreffender Rechtsstreit der
Parteien vor dem ordenthchen Prozeßrichter auszutragen
war. Unter diesem Gesichtspunkt werden wir später (S. 94.
96. 108 ff. 117f.) auf die hier berührte Frage zurückkommen.

EntBcheidung durch den Ersrichter.


e)

Wir wenden uns nmi der Frage zu, vor welchem Gre-
richt {dixaar^Qiov, Giess. 34, «) die Verhandlung stattfand
und wessen Entscheidung angerufen wurde. In Giess. 34, ,
sagt der Erzrichter: fiixQ'' ^V^ ^«ö' ^/^^t xgiaeayg. Die Worte

lassen zwei Auslegungen zu: es kann damit ein Prozeß*)

1) Ein solcher ist gegeben, wenn die unten S. 107 ff. vorgetragene
Auslegung von Catt. Verso Aber weil auch dabei nur von Wahr-
zutrifft.
scheinlichkeit, nicht von Sicherheit gesprochen werden kann, will ich
Mich hier nicht darauf berufen.
*) Kglaig hat, was oft übersehen wird, in der Literatur und den

Urkunden häufig die Bedeutung 'Prozeß' im allgemeinen: vgl. Lysias


18, SS {xQlaiv Jioielv rivt); Lykurg jj {xqUjsi^ iviaxaadm); Thukyd. 1, j^

„i (^öiov^laQ jiQOTi^ivai XQlaw). Nur so ist


(«ßo»<a^««rdai dt: xqIoiv); 1,
es auch verständlich, daß von einem xqiveiv der Partei gesprochen wird
(prozessieren): vgl. Dem. 26,8, (vmaxmvuevoQ XQiväv)', Plut. Caes. 4
(JoAo^^AAov htQive xax(öoeoi<:hiaQx(az)', Manandros '^ntre^Ttovres 3<Körte)
80 Paul Jörs,

gemeint sein, der sich vor dem aQ%idixaaxriQ als Richter,


oder ein solcher, der sich vor einem bei ihm bestehenden
Grerichtshofe abspielte. In letzterem Falle würde man von
selbst auf die Chrematisten geführt es hat etwas Verlocken-
:

des, sie sich auch als Richter in der zweiseitigen Verhand-


lung über den Widerspruch gegen ihren Pfändungsbeschluß
und die ihn ausführenden Akte vorzustellen.^) Indessen
erwächst ein erhebliches und, wie ich glaube, nach Lage
unserer Quellen nicht zu überwindendes Bedenken gegen
diese Anschauimg daraus, daß die Eingaben, welche sonst
die Tätigkeit der Chrematisten nach sich ziehen, als evrevieig
(eig To rov ßaadecoQ ovofia) ^n den Statthalter gerichtet

sind (XXXVI 267 ff.), während die, welche die ävriQQrjaig


geltend machen, beim dQxiöixaartjg eingereicht (Lond. III
132 f. Nr. 90.8) oder zu Protokoll erklärt werden (Giess. 34). 2)
So spricht die Wahrscheinhchkeit doch dafür, daß der Erz-
richter^) selbst über den Widerspruch, auch wenn dieser die
€»'e%voao'fa(7raedöet|ts)oder £/i;Sa^a'a betraf, zu erkennenhatte.*)

{xQivcbfie&a). Aus den Papyrusurkunden vgl.: Par. 14, 3, (= Tor. 4; vgl.


oben XXXVI 284, J; Amb. 33, ig. 30; Oxy. 471, 13,; Lond. II 152f.
Nr. 196, Q {nifineiv zivd eig XQiaiv).

^)Der erhaltene Text von Giess. 34 würde dieser Annahme nicht


entgegenstehen, nur dürfte dann in Z. g nicht ergänzt werden äxvga
xaxaaxriao} (Eger) oder ä&Exriafo oder oxvqcmjco (Mitteis), sondern müßte
das Passivum d&etrj&rjaexai oder axvQco&'^aexai eingesetzt werden. Der
Erzrichter würde dann dem Gläubiger nicht mitteilen lassen, was er zu tun
gedenkt, sondern allgemein angeben, welche Folge eintreten wird, wenn
der Gläubiger nicht erscheint, gleichviel wer sie verhängt. Vgl. S. 72, 1.
2) Weniger €rewicht würde ich darauf legen, daß in Giess. 34 nicht

niu* die Aufhebung der evexvoaava, sondern auch die des öiaaxoXixöv in
Aussicht gestellt wird. Würde es sich nur um das letztere handeln, so
könnte für seine Aufhebung wohl nur der Erzrichter in Betracht kommen
(an den auch alle^ Wahrscheinlichkeit nach Oxy. 68 gerichtet war), denn
mit dem Zahlimgsauftrag allein waren die Chrematisten, soviel wir
wissen, nicht befaßt. Erklärlich aber wäre es, wentt sie mit dem von
ihnen ausgehendtn Pfändimgsbeschluß auch zugleich dessen Grundlage
beseitigt hätten.
^) Daß für die Entscheidung über den Widerspruch verschiedene

Richter zuständig gewesen seien, braucht man, wie ich meine, wegen
Oxy. 68, 34 xglaiv eq) Sw öiov iaxlv nicht anzunehmen. Vgl. oben S. 70, 3.
*) Die Möglichkeit, daß der Erzrichter übtjr den Widerspruch ent-

schied, hat schon Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 31 erwogen. Mit Recht
Erariohter und Chrematisten. 81

Er konnte demiiach Beschlüsse der Chrematisten aufheben,


vielleicht auch abändern und verbessern. Innerhalb des
Mahn- und Vollstreckungsverfahrens *) war er also nicht
nur Geschäftsleiter und erließ er nicht nur die erforder-
lichen Anweisungen aji die Ortsbeamten, sondern waltete
er auch als Oberrichter und entschied als solcher über Fort-
gang oder Aufhebung des Verfahrens. Wie wichtig das für
die Auffassung seines Amtes überhaupt und vielleicht auch
über dessen ursprüngUche Bedeutung ist, wurde schon her-
vorgehoben.*)

4. Zu Pap. Ryl. 113.

In diesem Zusammenhange') soll schUeßlich noch ein


Blick auf die neuerdings bekannt gewordene Urkunde

hat er davon abgesehen, durch Oxy. 260 (Chrest. II 74) zu beweiBcn;


sie

und zwar nicht nur, K. hervorhebt, auch andere


weil diese Urkunde, wie
Auslegung r.ulüßt. sondern namentlich auch, weil es ohne eine Häufung
von Vermutungen schwer sein würde, darzutun, daß die Parteien, die
vor dem Strategen stritten und sich vor ihm dahin einigten, vor dem
Erzrichter zu erscheinen, sich in einem Mahn- oder VoUstreckimgsver fah-
len befanden. —
G<?gen die Annahme einer Entscheidung des Erzrichtera
hat sich Mitteis, Z. Sav. St. XXXI 390, Grundziige 127 und Chrest.
6. 84 ausgesprochen. Die Schwierigkeit, die Mitteis darin fand, daß
°

das 'Vollstreckungsdekret* vom Präfekten ausgegangen sei, also auch


dessen Aufhebung zunächst von ihm erbeten werden müsse, besteht nicht
mehr, seitdem wir wissen, daß der Pfändungsbeschluß von den Chrema-
tisten erlassen wurde. —
Vgl. über die hier behandelte Frage auch oben
& 71f., , und uinten S. 104£f.

*) Das betone ich: über die Frage, ob und inwieweit der Erzriohter

etwa außerhalb dieses Kreises selbständige Gerichtsbarkeit hatte, ist da-


mit nichts gesagt. Vgl. darüber Wenger, Rechtahist. Papyrusforschungen
94ff. lölf. 161; Koschaker, Z. Sav. St. XXVIII 280; Schubart, Arch.
f. Pap. V 69; Mitteis, Grundzüge 28. — Zu dem dem Erzrichter vom
Statthalter übertragenen Prozessen ist der in Jand. 9, ^ff erwähnte hinzu- .

getreten (dazu Wiloken, Arch. f. Pap. VI 292ff.).


«) Vgl. oben XXXVI
258 und im VIII. Kap. Unmöglich ist es
übrigens auch nicht, daß Hai. 10, y 5 (xo/vcwvtcu, yQÜJecjv) Vollstreckungs-
angelegenheiten betraf: doch sind die Reste so dürftig und ist unsere
Kenntnis des Vollstreckungsverfahrens des 3. Jahrhunderts v. Chr. so
gering, daß selbst eine Vermutung hier nicht am Platze wäre.
Ich will damit nicht der Bezeichnung 'verspätete ävxiQQrjatQ,
3)

die Mittels, Z. Sav. St. XXXVII 320L vorgeschlagen hat, beitreten.


Im weiteren Sinne mag man den Ausdruck gelten lassen (vgl. unten
Zeitschrift für Bechtsgeschiohte. XXXIX. Bom. Abt. 6
82 Paul Jörs,

Ryl. 113, ein Gesuch an den Statthalter M. Petronius


Mamertinus^) aus den Jahren 132/133 geworfen werden.
Über und sachlich
die ungeschickt abgefaßte, sprachlich
gleich unklare Eingabe zu einem einwandfreien Ergebnis
zu gelangen, halte ich für ausgeschlossen. Besondere
Schwierigkeiten bereitet es dem Verständnis, daß der Ge-
suchsteller über die Einzelheiten des vorangegangenen Ver-
fahrens teils hinweggeht, teils sie mit mehrdeutigen Aus-
drücken nur berührt. So wird man sich mit Vermutungen
über das, was er sagen wollte, begnügen müssen.
Sarapäs und Genossen hatten gelegenthch des letzten
(der gegenwärtigen Eingabe vorhergehenden) Konvents, der
von dem früheren Statthalter T. Flavius Titianus zu Mem-
phis wahrscheinüch im Frühjahr 132^) abgehalten war, dem
Hierakion eine Urkunde zugestellt {SieareiXavrö fioi), in der
sie einen Anspruch gegen ihn geltend machten. Später
war eine Entscheidung gegen Hierakion ergangen {xQi-d-fjvai),
die diesen veranlaßte, den Gegnern Zahlung zu leisten.^)

S. 87, 2), aber eine dvtlQQrjaiq im technischen Sinne des Mahn- und Voll-
streckungsverfabrens stellt die vorliegende Eingabe (als solche) nicht dar.
Diese ist nicht bloß ausgeschlossen, weil sie zu spät kotiünen würde,
sondern vor allem, weil sie an den Erzrichter, nicht an den Statthalter
gerichtet sein müßte.
1) Das früheste bekannte Datum dieses Statthalters ist der 11. Nov.
133 (Oxy. 237. vm 43)- Vgl. Anm. 2.

2) Den Ort kann man daraus erschließen, daß der belangte Schuld-

ner Hierakion zu Letopolis in der Thebais seine Heimat hatte. Vgl.


Wilcken, Arch. f. Pap. IV 374ff. 396f. Die Zeit ergibt sich daraus»
daß Titianus, der bis zum 30. Juni 132 nar^hweisbar ist (Hamb. 7, ,. aif.)»
als Leiter des Konventes genannt wird dsf-)- Über die Jahreszeit s.
Wilcken a. a. O. 415ff. Da dieserKonvent als TiQÖrsQog SiaXoyux/xög be-
zeichnet wird, hat der erste des Mamertinus (vgl.- Anm. 1), der bei regel-
mäßigem Geschäftsgang in das Fiühjahr 133 zu setzen wäre, noch nicht >.

stattgefunden. Unsere Eingabe fällt also in die zweite Hälfte 132 oder]
den Anfang 133 n. Chr.
3) So ist die Angabe des Schuldners (27ff.): ««^ /^^ ndvxa xä
ifiavrov 7i6kr\aaz i&wqdrjv nhjQÖkiai, wenn man ihn beim Worte nehmen
will, aufzufassen. Vergleicht man aber die Eingaben wegen Körper-
Verletzungen in Lond. I 227 Nr, 113 (12d), g. „f. und Amh. 141, 10, in

welchen der Beschwerdeführer von sich selbst sagt: äni&avov, i(p[6]vev<iiv


ixe, nXrjycüg fie xaxhcTi\ya\v, so darf man vielldcht auch dem
Hierakion
zutrauen, daß er den Mund etwas voll nimmt imd in Wirklichkeit nur
Erariohter und Chrtmatiaten. g8

Das bereut er jetzt und verlangt von dem neuen Präfekten


Gehör für seine Angelegenheit.
Auf die beiden hervorgehobenen griechischen Auß-
drücke kommt es an. Es heißt zunächst (i4ff.): ötearelXavxö
fioi (bg (paalv ixeiv negl [7iQdy]fiarog nqdq fte deo/Ad[v]ov x^g
diayvibaecog ^Xaviov Tiriavov töte tov i^yejuovevaavT{og). Auf
den ersten Schein möchte man die Worte so auffassen 'sie :

stellten mir (eine Urkunde) zu, (in der) sie angaben, sie
hätten (einen Streit?) gegen mich betreffs einer Angelegen-
heit, welche die Entscheidung des damaligen Statthalters
l'lavius Titianus erforderte.*) Daß das aber in Wirkhchkeit
Nr Sinn der Worte war, erscheint recht zweifelhaft. Zu
yiv fehlt das Objekt: es ist möglich, daß etwas ausgefallen

!oder daß Sx^iv gestrichen werden muß, möghch aber


lieh, daß der Verfasser aus der Konstruktion gefallen ist

und anders fortfahren wollte, als der Satz jetzt lautet.


Xamenthch ist zu beachten, daß der Inhalt des diacrciXXeiv

aus der Grcgenwart des Schreibers der jetzigen Eingabe


luraus berichtet wird {<paalv x6xe — —
i^yefxovevaavxog) man :

muß Frage aufwerfen, ob der Schuldner, dessen Dar-


also die
stellung ja auch weiterhin recht verworren ist, nicht seine
Kritik in die Erzählung des Vorgehens der Gläubiger ein-
fließen läßt.') Insbesondere gilt das hinsichthch des die-
Entscheidung des Statthalters Titianus- betreffenden Satz-
gliedes. Faßt man Wirkhchkeit als Begründung des
sie in
Sarap&s auf, so muß von der Zustellung einer
dteaxEiXavxo
Klage'), die vor den Präfekten gehörte, verstanden werden.
Dann aber kann das nachher erwähnte xQi'&fjfvai (j^) schwer-
lich etwas anderes als ein Urteil desselben Präfekten —
meint, er werde infolge des xQf&rjvai gezwungen sein, seine Habe zu versil-
bern, um die Gläubiger zu befriedigen, wenn ihm der Präfekt nicht helfe.
*) So die Herausgeber, welche übersetzen: 'Sarapas —
served a
smnmons upon me, pretending, tbat they had a case against me which
requjred the decision of the late praefect F. T.*
*) Das kommt, wenn auch nicht gerade in dieser Weise, so doch
auch sonst öfters vor. Vgl. z. B. Lond. III 132f. Nr. 908, j, (Chrest.
II 229): xä iavxm aQ£axov[x]a xevwg xal [äjvaxpeX&g örjMaag. Oxy. 1027, i,
(Chrest. II 199»): ftaraUag eujxoqbL
') Belege für diese Bedeutung von öuurtülav (ßutaToXr), öuuno-
Xi>c6v) sind unten zusammengestellt.
6*
84 Paul Jörs,

höchstens noch eines seiner Delegierten bedeuten, das —


doch aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Konvent ge-
sprochen wäre. Demgegenüber versagt jede Erklärung, wie
der Schuldner, der in jenem Prozesse rechtskräftig zur Zah-
lung verurteilt war imd sie, wie er angibt, geleistet hatte,
von einer Erneuerung des Streites vor Titianus' Nachfolger
etwas erhoffen konnte.^) Diese Schwierigkeit verschwindet,
wenn wir den Hinweis auf das Gericht des Statthalters mit
Mitteis als eine Meinungsäußerung des jetzigen Gesuch-
stellers Hierakion ansehen und öieareiXavxo im technischen
Sinne von der Zustellung eines Zahlungsauftrages im Mahn-
verfahren verstehen.^) So aufgefaßt entspricht die Ansicht,
die Hierakion in den Worten (igff.) {nQdy)/zarog deo/iivov
r^g diayvcbaecDQ 0Xaviov Tiriavov xxX. zum Ausdruck bringt,
genau der nachher von ihm gebrauchten Wendung (soff.)*
xov odv ngäyfiatog öeo/xivov rfjg afjg fieiConovi^Qlag, mit der

er den Mamertinus anruft.


Es bleibt die Frage, wie es von dem diaaroXixöv aus zimi
xqi'&fivai kam. Der Gesuchsteller schreibt (äff-)- ft>? «^w-
ßrlvai i>c rovtov ro mQiafiivov vtibq rcöv öiaaxoXixa>v iv ögax-
(ßalg) (p xal nQogßdvrog xgi'&fjvai. Was er damit meint,
läßt sich nur erraten. Zimächst weist er darauf hin, daß
nunmehr (d. h. im Anschluß an das öiaardX?.eiv) das (vom

^) Vorgekomtnen sein mögen derartige Versuche: aber man sollte


denken, daß dann wenigstens irgendein Grund für die Erneuerung in
der Eingabe namhaft gemacht wäre. Hier aber findet sich nichts der-
gleichen. Zu beachten ist, wie in BGU. 613 der Präfekt den Versuch
der im Prozeß unterlegenen Partei, den Streit wieder aufzunehmen
{Tiahvöixeiv), durch Verweisung an den Vollstreckungsrichter {iTil x&v
}(&CQifj^von>) erledigt, der das erste Urteil durchführen werde. Darüber im
Vni. Kap.
2) Mitteis a. a. O. (S. 81, 3) S. 321 'adversativer Zusatz': sie
sandten mir ein dicunoXocöv in einer Sache, die der Kognition des Statt-
halters bedurft hätte. Auf die Gründe von M. soll hier insoweit ver-
wiesen werden, als sie nicht im folgenden bekämpft werden. —
Eine ge
wisse Schwierigkeit erwächst aus der Erwähnung des Konvents (,f.).
Aber sie besteht mindestens ebensosehr, weim man imter öiaatd^iv die
Ladung zur gerichtlichen Verhandlung versteht. Denn diese müßte 'zum*
Konvent (durch naQayyeJUa), nicht, wie es hier heißt, 'auf' dem Konvent
{&nel x(i> —öud(/yiapi(p) ei folgt sein. Eine offene Frage bleibt es auf jeden
Fall, wie es kam, daß die Gläubiger sich gerade auf dem Konvent zu
ihrem Vorgehen entschlossen.
Errriohter und Chrematisten. 85

Gesetz) über die diaoroXind Vorgeschriebene erfolgte.*) Im


allgemeinen ßoll damit gesagt sein, daß das Verfahren ihn
in die lAge versetzte, den genannten Betrag (d. i. die Schuld-
summe) bezahlen zu müssen. Das folgende xal TiQogßdvxog
xQidfivai fasse ich so auf: 'und») als ich (der Schuldner)
zum (Richter) ging, wurde gegen mich entschieden.* Wei-
hen Richter aber hat Hierakion angerufen ? Den Schlüssel
zum Verständnis bietet, wie ich meine, Pap. Giess. 34, ,
(Chrest. II 75), wenn man die oben (S. P8ff., 79ff.) ver-
tretene Auslegung dieser Urkunde zugrunde legt. In ihr
wird von einer xqlaiQ des Erzrichters gesprochen, der, wie
wir sahen, auf Grund eines Widerspruches des Schuldners
darüber zu entscheiden hatte, ob der angefochtene Akt des
Vollstreckungs Verfahrens aufgehoben werden oder ob das
Verfahren seinen Fortgang nehmen sollte. Nehmen wir das
gleiche für Ryl. 117 an, so ergibt sich, daß ein Widerspruch

*) Auch dafür darf ich auf Mitteis a. a. O. verweisen. Weiter aber


vormag ichihm nicht zu folgen. M. nimmt nämlich an, Hierakion habe
gegenüber dem 'Zahlungsbefehl' {dioaroXuidv) keinen Widerspruch er-
hob«n: so sei dieser 'rechtskräftig* geworden und sei die Vollstreckung
ungeordnet worden. Letzteres seider Sinn von xQi&rjvat, womit da«; 'Dekret
des Statthalters' geroeint sei, das beim Ausbleiben des Wideispruohee
dem Gläubiger die geforderte Summe 'zuerkennen' müsse. Ich glaube
oben (XXXVI 238 ff.) gezeigt zu haben, daß es im Vollstreckungs verfah-
ren überhaupt kein Dekret dos Statthalters gibt, und daß das, was man
o zu bezeichnen pflegt, in Wirklichkeit ein Beschluß der Chrematisten
St. Weiter aber bieten \insere Quellen au ii keinen Beleg dafür, daß im
Mahn- und Vollstreckungsverfahren, werm der Schvildner keinen Wider-
spruch einlegt«, eine Behörde —
gleichviel welche —
dem Gläubiger den
geforderten Betrag zuerkannt hätte. Das öuurtohxdv des Gläubigers,
welches den Schuldner auffordert zu zahlen, wird vom Erzrichter ledig-
lich mit dem Zustellung» befehl versehen. Der Beschluß der Chrema-
tisten gibt dem Strategen und Praktor auf, falls die nötigen Voraus-
setzungen vorliegen, ihres Amtes zu walten, d. h. die Pfändung zu voll-
ziehen. Im Falle eines Widerspruches entscheidet der Erzrichter über
Aufhebung oder Fortsetzung des Verfahrens (oben S. 69ff.). Erst wenn
die Sache aus dem Vollstreckungsverfahren ausschied imd in das ordent-
liche Verfahren vor dem Statthalter (luiidicus) oder einem von ihm dele-
gierten Richter übergeleitet wurde, konnte es in diesem zu einer Zu-
erkennung oder Abweisung der Fordenmg durch den Prozeßrichter
kommen (darüber unten S. 94ff.).
*) Man beachte das xai: es wird damit ein weiterer Schritt des

Verfahrens eingefüixrt.
86 Paul Jörs,

— sei es gegen den erwähnten Zahlungsauftrag, sei es gegen


einen schon ergangenen Pfändungsbeschluß eingelegt —
war^)^), daß Hierakion darauf zum Erzrichter ging') und
daß dessen Erkenntnis gegen ihn ausfiel, so daß nun das
öiaaxoXixov (oder der ;f^>;/iaTfcr/id? evexvQaaiao) zu Recht be-
stand und Hierakion sich in die Lage versetzt sah, zahlen
zu müssen.*)
Treffen die vorstehenden Darlegungen zu, so bildet
Ryl. 113 eine wichtige Stütze für die vorstehend vorgetragene

*) Die Herausgeber denken an eine Sicherheitsleistung, welche im


Falle einer 'irregularity' des zur Zahlung aufgeforderten Schuldners ver-
fiel. Vor dieser Erklärung hat die unsrige jedenfalls den Vorzug, daß
sie tnitbekannten Tatsachen rechnet, während, wie Hunt und seine Mit-
arbeiter selbst hervorheben, von einer solchen Sicherheitsleistung bisher
in den in Betracht kommenden Urkunden nichts bekannt geworden Ist.
— Über Mitteis' Ansicht, daß der rechtzeitige Widerspruch imter-
blieben 85 j.
sei, s. S.

In welcher Form der hier angenommene Widerspruch eingelegt


2)

war, ob schriftlich durch diaoxohxöv (S. 56f.) oder mündlich zu Proto-


koll des Erzrichters (S. 58ff.), läßt sich nicht sagen: hierüber soll
durch die Verweisung auf Giess. 34 keine Ansicht ausgesprochen sein.

Ebenso muß ob die Entscheidvuig des Er;:-


es dahingestellt bleiben,
richters sich schon an den Widerspruch knüpfte, oder ob vorher noch
(wie in Lond. III 132f. Nr. 908) eine Replik des Gläubigers, also ein weite-
res ßißhoixaxetv erfolgt war (vgl. S. 75ff.). Schließlich läßt imsere Ur-
kxmde, wie im Text angedeutet ist, auch nichts darüber erkennen, welcher
Akt des Verfahrens durch den Widerspruch angegriffen wurde, ob schon
der Zahlungsauftrag des Gläubigers [diaaxoXixov), oder ob es bereits z\xm
Pfändungsbeschlusse (xQr)fzaruT/i6g ivexvgaaiag) gekommen war. Die Worte
t6 mQUjfiivov vtieq rüw diaaxoliKÖiv (im oben dargelegten Simie verstanden)
mögen vielleicht den Gedanken an einen über den Zahlungsauftrag hinaus-
gehenden weiteren Schritt im Verfahren nahelegen auch die Zeitverhält
:

hisse (S. 82, 2) würden dieser Auffassung schwerlich entgegensteh«


Aber ich glaube, daß auch eine Auslegxmg, welche die ävzlgQrjaig an da
erste diaaroXitcöv knüpft und ihre Eirilegung und Wirkung als das (bgurfi
vov ansieht, vollauf zu Recht bestehen würde.
') Eine Ergänzung verlangt der absolute Genitiv in Z. ajf- auf jede

Fall. Ich verstehe ihn so : TiQogßdvrog fiov rcp dgxiSinaatfj. Das Beziehungs»^
wort ist wie vorher (u) bei exeiv weggelassen oder vielleicht auch aus-
gefallen.
Er zahlte also
*) —
oder sah sich zur Zahlung gezwxmgen (S. 82, 3)
— um der ihm drohenden Pfändung oder, wenn man den XQW^^'^/^S
ivexvQoaiag als erlassen ansehen will (Anm. 2), um der ngogßoX^ und den
weiteren Akten des Vollstreckimgsverfahrens zu entgehen.
Erzrichter und Chrenuitisten. 87

Auffassung der dvTiQQt]aig. —


Über die Frage, ob und in-
wiefern der Schuldner von der Anrufung des Präfekten
Schutz erhoffen durfte, wird unten (S. 116f.) zu han-
deln sein.

VI. Eingreifen Dritter in das Vollstreckungsverfahren.

Widersprucli gegen eine schwebende Vollstreckung kann


•LUch von einem Dritten erhoben werden: eine im antiken
Rechtsleben *) ebenso bekannte Erscheinung wie im moder-
nen. Er findet sich insbi^ondere auch gegenüber der hier
behandelten Vollstreckung auf Grund exekutiver Urkunden.
Die \\ichtigste Frage für unsere Untersuchung ist, welchen
Einfluß er auf den Lauf des Verfahrens zu äußern ver-
mochte. Leider lassen uns gerade hierüber unsere Quellen
recht sehr im Stiche. Doch soll das wenige, was wir aus
ilmen über eine solche 'Exekutionsintervention' erfahren*),
hier zusammengestellt werden.^)
1. In Lond. III 132 f. Nr. 908«) hatte die Gläubigerin

gegen ihren Schuldner die he'/yQaaia erlangt und die :iaqd-


ÖEi^iQ eingeleitet (aaf.)- Hiergegen machte der Schuldner
die dvr(QQi]aig geltend. Zugleich ließ seine Frau, welche die
gepfändeten Gnmdstücke als ihr Eigentum in Anspruch
nahm, der Gläubigerin ein vnojiivrjfia zustellen (gof.). "^^
ihre Rechte zu wahren. Die Gläubigerin beantragte nun
liinsichtlich dieser Eingabe das gleiche wie betreffs der
dvTt'QQr)ai(;: sie solle für wirkungslos erklärt worden (jj drco-

1) Für das griechische Recht vgl. Rubel. Z. Sav. St. XXXVI 3G2f.
mit Belegen.
*) Da ß auch (ür diese In tervent ion der Ausdruck ävTiootjOi^ gebraucht

werden könnte, ist möglich: bis jetzt aber hat er sich in diesem weiteren
Sinne nicht nachweisen lassen.
3) Von Hib. 32 (Chrest. II 37) aus dem Jahre 246 v. Chr. wird

hier abgesehen. Die Urkimde bezieht sich auf die Urteilsvollstreckung


(jf.), von der aus nicht ohne weiteres auf die hier in Frage stehende

Vollstreckung exekutiver Uikvmden geschlossen werden kann. Aus der


ptolcmäischen Zeit haben wir keine dieses Verfahren betreffenden Texte,
die hier in Betracht kämen. Die der römischen Zeit, die uns erhalten
sind, bieten keine Spur des in Hib. 32, „i. füi das Eingreifen des Dritten
maßgebende i^ofivvmi. Vgl. Rabel (Anm. 1) und im VIII. Kap.
*) Vgl. über diese Urkvmde oben XXXVI 325 f. und hier S. 70. 75 fE.
88 Paul Jdrs,

q^eXeg xQi'&rjcrdfiBvov), also im Vollstreckungsverfähren (nöti-


genfalls)durch Richterspruch zurückgewiesen werden. Gern
wüßten wir, ob dieser Antrag Erfolg haben konnte, ob also
der Erzrichter (S. 79ff,) auch auf Grund der Eingabe
eines Dritten über Fortsetzung oder Beendigung des VoU-
streckungsverfahrens entschied. Unsere Urkunde läßt
nichts Bestimmtes darüber erkennen. Zwar sehen wir, daß
die Gläubigerin sowohl in ihrer Rephk (S. 75f.) als auch
nachher beim Strategen nur die Zustellung an den Schuld-
ner verlangte (30 avrat, Kjf. tw [ —
dr]^öv/Lid]vq)), daß der Erz-

richter auch nur diese anordnete (vgl. 15 [ —


(hg vyiöxsirai)
und daß der Strateg nur sie durch seinen Amtsboten aus-
führen ließ (vgl. 39 Evconico). Doch ist zu beachten, daß die Frau
des Schuldners in der Replik nur nebenbei erwähnt wird,
daß sie aber ein selbständiges vnofivrifia eingereicht hatte
(32f.) und daß wir nicht wissen, was sie in diesem beantragt
und was der Erzrichter darauf verfügt hatte. Die Frage,
die wir aufgeworfen haben, bleibt also in der Schwebe:
immerhin wird man die Möghchkeit, daß der Erzrichter
auch gegenüber dem Dritten eine dem ävaxpeXeg XQf&tjaö-
[levov entsprechende Entscheidung treffen konnte, ins Auge
fassen müssen.
2. ÄhnHch ist die Rechtslage in Oxy. 1027 (Chrest.
II 199*).^) Der Gläubiger hatte die evexvgacria erwirkt (5. -)

und wollte zur jiQogßoKij fortschreiten (7) ^), als er erfuhr, daß
Ammonios, derVater der Schuldner, für sich ein Pfandrecht an
den gepfändeten Grundstücken in Anspruch nahm.^) Der
Gläubiger reichte nun die vorliegende Eingabe an eine Be-
hörde ein, deren Amtsbezeichnung in der Urkunde verloren
ist. Da sie mit 'euch' angeredet wird*), also aus einer Mehr-
1) Vgl. oben XXXVI 312, 4 und unten
92 f.S.
) Von der Ttagdöei^ig wird in dem erhaltenen Text nicht gesprochen.
Da bestimmte Grundstücke als von der Pfandhaftung ergriffen angeführt
werden (2 ff.), ist möglich, daß sie schon vorgenommen war. Doch würde
ihre Erwähnung auch durch eine hypallagmatische Verpfändung allein
erklärt werden können. Vgl. oben XXXVI 321 ff.
8)Auf die materielle Sachlage kann hier nicht eingegangen werden.
Näheres darüber bei Mitteis, Z. Sav. St. XXXI 391 und Chrest. S. 220f.
*) Die vorliegende Eingabe war an dieselbe Stelle gerichtet wie die

des Intervenienten Aüxmonios. Von diesem heißt es (,): inideöcü{Hi]vai


^püv. Vgl. auch ii): dC t;/x[ct>v].
Erzriohter und ChremaÜsten. 89

heit von Personen bestand, sind Präfekt Erzrichter und


Strateg ausgeschlossen.*) Gemeint sein köhnen nach Lage
der Sache entweder die ßißXuxpvXaxeq fyxnjaeojv*) oder
was mir glaubhafter erscheint die ^evix&v 7iQ<bcroQ€g*) —
Nicht erhalten sind auch der Antrag des Gläubigers
und die Erledigung seines Gesuches. War es an die Prakto-
rtn gerichtet, so ist das Einschreiten des Ammonios so zu
verstehen, daß er bei den für die noogßoXij zuständigen Or-
anen den Zuschlag zu verhindern suchte. Das ist offenbar

^) Dieser Grund trifft rwar nicht die Chrematisten. Aber da sie


in keinem der für sie in Betracht kommenden Texte unvermittelt, sondern
et« durch den Präfekten angerufen werden (XXXVI 267. 272ff.), sohei-
II sie hier aus.
•) So Hunt in der Ausgabe Oxy. VII S. 160; Mitteie, Z. Sav. St.
XXI 391; Schwarz, Hyp. 104, ,. Die ßißXtoqwXaocei; sind regelmäßig
m der Zweizahl tätig (vgl. Mitteis, Aroh. f. Pap. I 186): als einzelne
finden sie sich nur in Genf. 44, 4. „ (Chrwt II 215); Erzh. Rain, (in
Proisigkes Sammelbuch 5281) und Rain. Inv. 1436 (Chreet. 11 200);
vgl. außerdem Oxy. 483, „ und Leipz. Inv. 608, »f. (CJhrest. II 196), wo
ein ßißXuxptiXa^ für sich xmd im Namen seines Kollegen handelt. Sollten
in Oxy. 1027 die ßißXuxpvXcoce^ gemeint sein, »o könnten sie in der Lage
des Verfahrens, welche diese Urkunde voraussetzt, wohl nur für die
xarox^ der Grxmdstücko (XXXVI 334 f.) in Betracht kommen. Um diese
aber handelt es sich hier offenbar nicht: der Intervenient will das
Vollstreckungs verfahren zum Stillstand bringen. Vgl. den Text und
unten S. 92, ,.

Der ^evocwv nQÖxzotQ ist zwar in den meisten der uns bekatmten
')

RUIe (entgegen der Meinung von Mitteis, Cbrest. S. 253) als einzelner
Beamter tätig (vgl. aus ptolemäischer Zeit: Magd. 41, ,; Toi. 13, 1. „. „;
Rein. 7, „; Teb. 166; aus rönJscher Zeit: Oxy. 286, ^; Leipz. 1^, 1,;
Oxy. 1203, u- IS- «• ssf-; Berl. Inv. 11664, „; BGU. 1038, a. j,; BGU.
070, „). Dennoch darf man es wohl «Is Regel ansehen, daß es mehrere
dit-ser Beamten im Gau gab. Wir haben zwei Urkimden, in denen sie in
der Mehrzahl genannt werden: die ptoleraäische Rein. 19, „ (Teb. 5, „if.
kommt als allgemeine gesetzliche Vorschrift hier nicht in Betracht) und
die römische BGU. 1132, ,. ,,, wo gewiß die ^evixwv nQaxzoQeq, wenn auch
nicht genannt, so doch gemeint sind. Wichtiger ist, daß öfters die Be-
hörde als solche {^evtxtäv ngoxrogela) auftritt: so Leipz. 120, j; Lond.
Nr. 1897, 8 f. (Arch. f. Pap. VI 106 f.); Oxy. 712. 1. 825. In diesen ür-
kundrai ist das Amt einer Mehrheit von Pächtern {örjftoouinxu, /ua&KpraC)
überlassen, die es selbst (Oxy. 712, wo sie als ijmjQrjTal bezeichnet sind)
oder durch ihre Angestellten {ßorj^ög nQccyfiarsvri^g) ausübten. Es wäre
also durchaus angebracht, wenn- eine Partei sie, wie in Oxy. 1027, mit
ifieis anredete.
90 Paid Jörs,

auch der Sinn der Worte (qÜ.): e^exofihxro [lov (Gläubiger)


T^g — 7iQogßoXfj(; ngogineadv fzoi — 'Afijucoviov (Intervenient)

— iTiiöedcolx^lvai vjbiiv vnofivrjfia, dq)' ov edo^ev dw/jaaa'&ai


ifiTtodia'&rjvai jliov rr]v ngä^iv. Die TtQpgßoXij war die nächste,
noch ausstehende und von den ^evixcöv nQaxxoQEQ vorzu-
nehmende Vollstreckungshandlung: gerade darum scheint
mir die obige Deutung den Vorzug zu verdienen. Welche
Wirkung ein solcher Versuch haben konnte, ob insbesondere
die Praktoren in der Lage waren, darauf den Zuschlag aus-
zusetzen, bleibt im dunkeln. Immerhin ist zu beachten,
daß der Gläubiger in den uns erhaltenen Worten niu* die
Richtigkeit der sachHchen Angaben des Intervenienten be-
mängelt (loff-)- FreiHch bricht hier der Text ab, so daß
wir nicht wissen, ob der Gläubiger nicht hinterher noch
behauptete, das Gtesuch hätte an eine andere Behörde —
etwa den Erzrichter —
gerichtet sein müssen, wenn eine
solche Annahme auch nicht gerade wahrscheinUch ist.
3. In Frage kommt femer die unten (S. 99 ff.) aus-

führHch zu besprechende Urkunde Catt. Verso (Chrest.


II 88). Hier streiten die ursprüngHch im Vollstreckungs-
verfahren stehenden Parteien, luüus Agrippianus als Gläu-
biger und die Kinder und Erben des Valerius Apöllinarius
als Schuldner, jetzt im ordenthchen Verfahren vor dem
luridicus und delegierten Richtern. Die Kinder sind
durch ihre Mutter Drusilla vertreten, die aber außerdem
noch für sich selbst die Ausscheidung ihrer Dos aus dem
Nachlasse ihres Mannes, der —
wie es scheint durch ejjißa-
deia —in die Hände des Gläubigers gelangt war, fordert.
Hinsichtlich dieses ihres Anspruches kann man also von
einer Intervention reden. Indessen dürften wir die Urkunde
hier nur heranziehen,wenn es feststünde, daß Drusilla ihre
Forderung schon innerhalb des Vollstreckungsverfahrens
geltend gemacht hatte. Da in dieser Hinsicht, wenn auch
eine WahrscheinHchkeit, so doch keine Gewißheit besteht,
kann die Urkimde als Grundlage weiterer Schlüsse nicht
verwendet werden. Deshalb soll hier von ihr abgesehen
und das Nötige später (S. 110 f.) dargelegt werden.
4. Auch in Oxy. 653 (Chrest. II 90), einer Urkunde,

die uns ebenfalls später noch beschäftigen wird, hatte


Erzrichter und ChremaÜBten. 91

die Vollstreckung in hypothelcarisch verpfändete Grund-


stücke bis zur ^fißaöela geführt. Offenbar erst nach dieser i),
also —
was man hier als feststehend ansehen muß —
nach dem letzten Akte des Vollstreckungsverfahrens, mel-
deten sich dritte Personen, die ebenfalls Pfandrechte an den
Grundstücken geltend machten.') Die Sache war unter-
dessen in das ordentUche Verfahren übergegangen, in dem
die Entscheidung einem Mihtärtribunen überwiesen war.
Bei diesem Iudex datus oder —
was mir glaubhafter er-
scheint — bei dem dem Präfekten), der
Magistrate (wohl
ihn bestellt hatte, werden also die anderen Gläubiger ihre
Intervention geltend gemacht haben. Der Militärtribun
war es auch, der über sie entschied, indem er den Verkauf
der Grundstücke (und gewiß auch die Teilung des Erlöses)
anordnete. Näheres s. im VIII. Kap.
6. Die Ausbeute, welche die herangezogenen» Urkunden

für die von uns aufgeworfene Frage nach der Einwirkung


der Intervention eines Dritten auf ein schwebendes VoU-
fltreckungsverfahrcn bieten*), ist gering. Zusanmienfassend
weise ich auf folgendes hin.
In Lond. Nr. 908 cit. wurde der Widerspruch beim Erz-
richter, in Oxy. 1027 cit. nicht bei diesem Beamten, son-
dern (wahrscheinhch) bei den ^evix&v nqaxTOQeq eingelegt.*)

*) Das Auftreten der Intervenienten d«!.) wird in der Darstellung

des Vertreters des Gläubigers eist nach der ifißaöela erwähnt. Denn
diese (^) wird offenbar durch die Worte („f.) änevEyxdfit&a ndvxa xd
xo&cw xfOQla geschildert. Darauf erst heißt es (14 f.): ivxvxövxcav öi
xxL
Ttwon'

6i äUot iv6xovQ iavroig vofdCovaiv elvai lOQ vjio&rptau;


•) Z. j,: bI TtV£5

xtA. Damit auf die Z. ^i. erwähnten xiv^ (vorige Anm.) verwiesen.
ist

Da auch sie Gläubiger des gemeinsamen Schuldners waren (n), so kann


-auch für sie offenbar nur Pfandhaftung in Frage kommen.
*) Nach den vorstehenden Ausführungen muß dabei von Gatt. Verso
und Oxy. 653 abgesehen werden.
In beiden Fällen durch ein V7i6fivi]/xa: Oxy. 1027, ,; Lond. 908, 32 ff.
*)
— ob hier der Pluraloaa etwas zu bedeuten hat, ob also schon vorher
Eingaben der Frau erfolgt waren, ist für unsere Frage unerheblich —
Im letzteren Falle stellt die Gläubigarin das vjiöfivrj/Mx, welches der Schuld-
ner ihr zustellte (d. h. die ävriQQrjaig), die vjwfiv^/iaza, welche der Schuld-
ner etwa femer no» h zustellen weide (S. 75ff.), und das vTiö/ivrifia der
Interyenientin auf eine Linie. Daß diese Schriftsätze, die offenbar alle
92 F&ul Jöra,

Das ist darum auffallend, weil der Zeitpunkt der Einlegung


in beiden Fällen ziemlich derselbe ist: im ersteren war die
ivExvQaaia (d. h. der xoriixariafidq hexvoaaiag) ergangen und
hatte die Tzagdöei^ig (2^), offenbar aber noch nicht die tiqoq-
ßoXrj stattgefunden: im zweiten wird die ivexvqaaia als er-
folgt und die nqoqßoXri als bevorstehend hingestellt.^)
Man muß nun jedenfalls mit der Möglichkeit rechnen,
daß im Falle von Oxy. 1027 die angerufene Behörde (die
Praktoren) dem Antrage des Intervenienten, die Voll-
streckung nicht fortzusetzen, stattgeben konnte. Ob damit
aber die Sache erledigt war, bleibt eine offene Frage. Denn
es ist nicht ausgeschlossen, daß Ammonios sich zunächst
bloß deshalb an die ausführende Behörde gewandt hatte,
weil für ihn Gefahr im Verzuge war, und daß die Entschei-
dimg, was mit der Vollstreckung werden sollte, doch noch
wie in Lond. 908 beim Erzrichter eingeholt werden mußte.*)
Es ist nicht gerade wahrscheinHch, daß man den Gerichts-
vollziehern einen Spruch, der doch seiner Natur nach ein
richterhcher war, übertragen hätte. ^)
Sehen wir aber von dieser besonderen Frage und da-
mit auch von Oxy. 1027 ab: in Lond. 908 {29ff.) cit. wird

den Weg durch das xaxa}ßfyeun> (jg) genommen hatten, bei denen allen
das technische Wort fisTaöiöövai verwendet wird, gleichen Charakter
hatten, daß sie nämlich alle durch den Erzxichter vermittelte öiaenoXoed
waren, kann nicht zweifelhaft sein. In Oxy. 1027 ist jedenfalls kein auf
Befehl des Erzrichters zugestelltes duuxtohfcdv anzunehmen, denn der
Intervenient hat seine Eingabe bei der von ihm angerufent,n Behörde
(den Praktoren) eingereicht: ijiiöeda}[xi]vcu vfuv —
nicht /iexadeöcoxivat.
Diese Feststelluhg genügt hier, um die Verschiedenheit klarzulegen. Im
übrigen mag es dahingestellt bleiben, auf welche Weise {jigogineah fioi)
der Gläubiger von der Eingabe imd ihrem Inhalt Kenntnis erhalten hat.

^) Wegen der Ttagdöei^ig s. oben S. 88, 2-

) Zum Vergleiche sei auf das Gresucb um vorläufiges Eingreifen


des Strategen in Oxy. 1203 hingewiesen (vgl. S. 57, 3. 71, 1). Eine Ver-
Bohiedenheit besteht insofern, als in dieser Urkunde der Praktm durch
Vermittlung des Strategen, in Oxy. 1027 aber die Praktoren direkt an-
gerufen werden.
•) Noch viel weniger würde man sich die ßißhoqwXaxeg (S. 89) in
dieser Rolle vorstellen können. Daß sie durch ihre Anordnimg das Voll-
streckungsverfahren zum Stillstand bringen konnten, halte ich für aus-
geschlc
Enriohier und Chrematisten. 93

zweifelloB der Spruch eines Richters, und zwar desselben


Richters, der über die ävxiqQ-qaiq entscheiden soll also —
nach der hier(S. 79 ff.) vertretenen Meinung eine Entschei-
dung des Erzrichters —
, über die Berechtigung des Dritten

zu seinem Eingriffe in das schwebende Vollstreckungsver-


fahren begehrt. Wie schon hervorgehoben wurde (S. 87 f.),
verlangt die Gläubigerin hinsichtUch der Eingabe der Inter-
venientin daa gleiche wie hinsichtlich des Widerspruches
des Schuldners, nämlich daß sie für wirkungslos {ävdxpeXec;)
erklärt, also zurückgewiesen
werde und daß demgemäß
<las Vollstreckungsverfahren seinen Fortgang nehme. Daß

tatsächhch in diesem Sinne erkannt werden konnte^), darf


man gegenüber dem Antrag der Gläubigerin, wenn auch
nicht als sicher ansehen, so doch auch nicht in Abrede
stellen. Auch macht es keine Schwierigkeiten, sich vor-
zustellen, daß der Erzrichter die Streitteile, insbesondere
auch den Intervenienten, vor sich beschied, sie anhörte
und die nötigen Beweise erhob, wie bei der dvriQQrjaig in
Giess. 34, ,ff. (oben S. 73). Schüeßlich kann es auch nicht
zweifelhaft sein, daß die Zurückweisung des Intervenienten
im Vollstreckungs verfahren, wie sie in Lond. 908 in Aus-
sicht genommen wird, diesen nicht gehindert haben würde,
seinen Eigentumsanspruch im ordentlichen Verfahren vor
dem Prozeßrichter geltend zu machen.
Schwieriger ist die Beantwortung der Präge, wie es
im umgekehrten Falle, d. h. dann, wenn der Eh^richter
sich vom Rechte des Intervenienten überzeugte, stehen
mochte.*) Hier fehlt es, wenn wir Gatt. Verso zunächst
beiseite stellen (vgl. S. 90), an einem Quellenzeugnisse,
auch an einem Parteiantrage, wie wir ihn der vorhergehen-
den Erörterung aus Lond. 908 zugrunde legen konnten.

^) Ich betone dieses 'konnte*, weil ich nicht der Meinung bin, daß

der Erzrichter auf Grund einer Intervention überhaupt eine Entscheidung


über den Fortgang des Vollstreckungsverfahrens treffen mußte. Dem
Dritten blieb ja der Prozeßweg, um seinem Rechte Geltung zu verschaffen,
sei es, daß er auf ihn verwiesen war, sei es,daß sein Widerspruch un-
berücksichtigt geblieben wer. Es tut nicht gut, wo die Quellen fehlen,
zu tief in die Möglichkeiten hineinzusteigen.
*) Auch das Folgende steht unter dem in Anm. I gemachten Vor-
behalt.
94 Paul Jörs,

Verfolgt man die duröh diese Urkunde und Giess. 34 ge-


wiesenen Bahnen, so kommt man zu dem Ergebnis, daß
im Falle einer gerechtfertigten Intervention das Vollstrek-
kungsverfahren aufzuheben war.^) Doch muß man in Be-
tracht ziehen, daß dieses Vollstreckungsverfahren sich nicht
zwischen dem Gläubiger und Intervenienten, sondern zwi-
schen dem Gläubiger und Schuldner abgespielt hatte, die
nun beide von der zugunsten des Pritten ergangenen Ent-
scheidung betroffen sein würden (Hauptintervention). So
liegt hier die Frage besonders nahe, ob der Erzrichter in
solchen Fällen nicht vielleicht bloß die Aussetzung dea
Verfahrens anordnete, bis der Intervenient seinem Rechte
durch Urteil des Prozeßrichters Geltung verschafft hatte,
das ihm dann eine Grundlage zu eigener Vollstreckung
ebendieses Urteils bot (vgl. oben S. 7 8 f.). Eine Antwort
läßt sich aus den bisher herangezogenen Urkunden nicht
geben 2): die Möglichkeit einer solchen Entscheidung darf
jedenfalls nicht von der Hand gewiesen werden.

VII. Voilstreckungsverfahren und ordentlicher Prozeß.

Nach der obigen Darstellung war der Widerspruch


{ävtiQQrjaig) ein Rechtsbehelf des Schuldners, der inner-
Mahn- und Vollstreckungsverfahrens vom Schuld-
halb, des
ner erhoben und vom Erzrichter^) erledigt wurde. Da-

*) Daß der Brzi:ichter in solchem Falle dem Intervenienten das

Eigentum (oder was er sonst für ein Recht geltend machte) zuerkannt
hätte, daß er überhaupt eine Entscheidung hätte treffen können, die
über den RÄhmen des Vollstreckungsverfahrens hinausging, haltte ich
für ausgeschlossen. Das wäre eine Umgehung und Ausschaltung de»
ordentlichen Prozesses gewesen, zu der gewiß weder die Parteien, noch
dieser Richter befugt war. Man darf demgegenüber auch nicht auf
Oxy. 653 verweisen (S. 90f.): hier entscheidet allerdings der Militär-
tribun über die Berechtigung der Intervenienten, aber er stand als Iudex
datus an Stelle des Prozeßrichters.
*) Über Catt. Verso s. unten S. 111.
') Der Kürze halber soll hier und im folgenden nur vom oQXi-
dixaaxrig als dem über Aufhebimg oder Fortgang des Mahn- und Voll-
streckungsverfahrens urteilenden Richtei gesprochen werden, weil die
Wahrscheinlichkeit dafür splricht, daß ihm diese Aufgabe zufiel: des
näheren vgl. S. 79f. 104 ff.
Erzrichter und Chrematisten. 95

neben steht noch eine andere Erscheinung. Es begegnen


nämHch Urkunden, in denen nach Einleitung des JMDahh-
und Vollstreckungsverfahrens, mag dieses mehr oder weni-
ger weit fortgeschritten sein, die Sache in der üblichen Form
durch Ladung auf den Konvent oder durch Libell vor den
ordentlichen Richter (Präfekt, luridicus) gebracht, vor ihm
oder einem von ihm bestellten Richter im gewöhnlichen
(ordentlichen)*) Prozeßwege verhandelt und ebenso von
ihm oder dem Mandatar entschieden wird. Bald ist es
dabei der Gläubiger, bald der Schuldner, der das ordent-
liche Verfahren betreibt.

1. Klage des Gläubigers.

Den vom Gläubiger vollzogenen Übergang aus dem


Mahn- und Vollstreckungsverfahren in das ordentliche Ver-
fajiren könnte man sich so vorstellen, daß gegen den Zah-
lungsauftrag oder Pfändungsbeschluß vom Schuldner ein
Widerspruch erhoben und vom Erzrichter als berechtigt
anerkannt war. Damit war, wie wir sahen, dem Gläubiger
die Fortsetzung des Vollstreckungsverfahrens unmöghch ge-
'macht. Daß ihm aber, wenn er es nun mit einer Klage
versuchte, aus der in jenem Verfahren getroffenen Ent-
scheidung eine Exceptio rei iudicatae entgegengesetzt wer-
den konnte, ist nicht anzunehmen. Indessen fehlt es an
einem sicheren Quellenbelege für eine Rechtsverfolgung
des Gläubigers auf dieser Grundlage. In Frage kommen
könnte BGü. 970 2), wo allerdings die Gläubigerin durch
ein Libell das Gericht des Statthalters anruft. Aber doch
scheint das Verhältnis nicht das vorher angedeutete ge-
wesen zu sein. Die Gläubigerin hatte Zahlungsauftrag (22 f.)
und Pfändungsbeschluß (g«) erwirkt: gegen den letzteren
machte, wie angenommen werden muß (vgl. S. 53 f., 3), die

^) Es verstehtsich, daß die Bezeichnung 'ordentliches' Verfahren,


*ardentlicber' Prozeß hier nur im Gegensatz zum Mahn- und Voll-
Bteeckungs verfahren gebraucht ist.
«) Vgl. zu BGU. 970: Nietzoldt, Ehe in Ägypten 53f.; Wilcken,

Arch. f. Pap. IV 393; Weiß, Arch. f. Pap. IV 351 f. und Pfandrecbtliche


Untersuchungen I 88 ff.; Eabel, Verfügungsbeschränkungen 76 f.; Le-
wa Id, Grundbuchrecbt 68; Schwarz, Hypothek und Hypallagma 141 f.;
'Mitteis, ehrest. S. 272.

^
96 Paul Jörs,

Schuldnerin die dvriQQrjaig geltend (25). Wäre diese vom


Erzrichter anerkannt worden, so wäre damit das Voll-
streckungsverfahren für die Gläubigerin erledigt gewesen.
Damit aber läßt sich der Text der Urkunde schwer ver-
einigen.Der nur noch teilweise erhaltene letzte Satz (ge)
äxlQi] ^e ov [dlv (?) rä (?)] üfjg eTureXcH diä xov ievixcov
nQd}cr[oQOQ] ä>c[oXo]v&cog fi Tiagexö/iiaa evexvQ[aai](^'^) läßt er-
kennen, daß die Klägerin das VoUstreckungsverfahren fort-
setzen wollte. Unter den „folgenden" («1%) Handlungen,
die sie durch den ^evincov nQaxrcoQ vollziehen lassen wollte,
ist ziemlich deuthch auf die nqogßoXrj, vielleicht außerdem
noch auf die ihr vorangehende noQdöei^iq hingewiesen. Was
sie inzwischen vornehmen woUte oder erwartete, sagt uns
die Urkunde nicht mehr aber da die Gläubigerin die Hilfe
:

des Präfekten anrief, werden wir wohl mit der Vermutung


nicht fehlgehen, daß sie sein JEinschreiten, mit anderen
Worten sein Urteil über eine im Verfahren streitig gebhebene
oder gewordene Frage forderte. Jedenfalls Hegt dieser Sinn
so nahe, daß die Auslegung damit rechnen muß.
Die Frage ist also die, ob eine Partei, hier der Gläubiger,
ohne Aufhebung des VoUstreckungsverfahrens und ohne sich
an den Erzrichter zu wenden (Giess. 34), von sich aus eine
Entscheidung des ordentlichen Richters über seinen vom
Gegner durch dessen ävtiQQrjaig bestrittenen Anspruch her-
beiführen konnte. Aus BGU. 970 läßt sich weder eine be-
jahende, noch eine verneinende Antwort geben. Denn es
ist immerhin mögUch, daß hier die Gläubigerin den Statt-

halter nicht aus freien Stücken anrief, sondern daß sie vom
Erzrichter an ihn verwiesen war. Es hegt auf der Hand,
daß dieser Beamte, der, um eine Entscheidung über die
Aufrechterhaltung oder Beendigimg des Vollstreckungs-
verfahrens zu geben, auf das materielle Rechtsverhältnis
der Parteien eingehen mußte (S. 72f.), es trotz dieser seiner
Zuständigkeit vermeiden mußte, damit der allgemeinen
Gerichtsbarkeit des Statthalters vorzugreifen. Auch war
sein ÖMaaririQLoVy wenn die Verhandlungen auch nicht
schlechthin als simimarische angesehen werden dürfen.

1) S. Preisigke, Berichtigur^sUste S. 85.


Erziiohter und Cbromatisten. 97

dvvh kamu geeignet, verwickeitere Fälle, namentlich solche,


die über die Frage des Bestehens der im Mahnverfahren
geltenden Forderung hinausgriffen, zu erledigen. Man darf
nicht vergessen, daß die Grundlage des Verfahrens eine
Exekutivurkunde war, und daß die Verhandlungen, deren
Grenzen wir im einzelnen nicht bestimmen können, doch
wohl im wesentlichen darauf beschränkt waren, ob sich
der geltend gemachte Anspruch aus der Urkunde ergab
\md nicht bereits getilgt war.
Andere Fälle, in denen die Anrufung des Prozeßrich-
ters vom Gläubiger ausging, sind bisher nicht bekannt
geworden.
2. Klage des Schuldners.
Eine andere Gestalt weisen die Urkunden auf, in denen
der Schuldner das ordentliche Verfahren betreibt. Sein
Ziel war selbstverständUch nicht die Aufrechterhaltung
und Fortsetzung des Mahn- und Vollstreckungsverfahrens:
im einzelnen konnte es, je nach dem Stande, bis zu dem
dieses vorgeschritten war, verschieden sein.

a) Lond. II 172 Nr. 358.

Diese Urkunde (Chrest. II 52) ist hier zu nennen, wenn


man, wie ich glaube, berechtigt ist, die Worte (12) w? ^
iQr],uia mit Mitteis auf das
{roTg vüjuifioig (?)) ;fß?yo'a/x^a>v
Mahn verfahren' zu beziehen.*) Dieses war nach der Urkunde
von den Gläubigern eingeleitet der Schuldner aber wandte
:

sich demgegenüber zunächst mit einem LibeU an den Statt-


halter, und da die Sache auf diesem Wege keine Erledigung
fand, beantragte er in der vorliegenden Eingabe die Ladung
der Gregner auf den nächsten Konvent. Nun kann man
freilich zweifeln, ob er in seiner recht ungeschickten Dar-
stellung alle wesentlichen Tatsachen mitgeteilt hat, ob er
es nicht etwa unterlassen hat zu erwähnen, daß er vom
Erzrichter mit seiner Sache an den Präfekten verwiesen

*) Mitteis, Grundzüge 122. Die Einschiebung von {toIq vofxlpiois)


istvon M. nur als Versuch betrachtet (Anm. 3), von dessen Richtigkeit
aber die vorgetragene Auffassung nicht abhängt. Über die formale
Grundlage des Verfahrens s. Jörs, Z. Sav. St. XXXTV 140, ,.
Zeitschrift für Beohtsgeschichte. XXXIX. Rom. Abt. 7
9S Paul Jörs^

wurde. Ein ausreidhender Grund zu einer solchen Unter-


stellung liegt aber nicht vor: seiner Angabe nach müßte
man eher denken, daß er den Libell aus eigenem Antrieb
(i4 i"^ }<arr][a]vxdaag) eingereicht habe. Jedenfalls wird
man nach dieser Urkunde nach BGU. 970
es ebenso wie
als möglich ansehen dürfen, daß eine Partei hier der —
Schuldner, dort der Gläubiger —
die Sache von sich aus
auf den Weg des ordentHchen Verfahrens bringen konnte.
Bedauerlich ist, daß wir aus P. Lond. cit. nichts darüber
erfahren, ob bloß erst ein Zahlungsauftrag ergangen war^),
oder in welchem Stadium sonst sich das Mahn- undVoll-
streckungsverfahren zur Zeit der Klageerhebung befand
und welche Wirkung diese auf jenes hatte.^)

1) Die Beklagten, sagt der Gesuchsteller, glaubten, es werde ihnen


ihr gesetzwidriges und imgerechtes Vorhaben glücken (olo/xivcov nqo%(ü'
Danach scheinen sie nicht bloß gedroht,
gelv airoiQ rä ävofj-a xal äöixa).
sondern schon einen Anfang mit dem Verfahren gemacht zu haben (Zah-
lungsauftrag). Den weiteren Schritten will- nun Demetrios durch seine
Klage vorbeugen. Diese Auslegung scheint mir dem Wortlaut von Z. i^i.
am besten zu entsprechen, der freilich recht dunkel ist und auch an dieser
Stelle Zweifeln Raum läßt.
Auf Oxy. 484 möchte ich in diesem Zusammenhange wenigstens
2)

hindeuten. Der Gesuchsteller Pausiris gibt an (7 ff.): A[löv]fi[o]g —


öiearahtev Iji\_6\i (bg iveögevoavu Aidv/iov viov avrov negi tivqov. Die Ur-
kunde gehört dann hierher, wenn wir annehmen dürfen, daß unter dta-
miUeiv die durch den Erzrichter vermittelte Zustellimg eines Zahlungs-
auftrages (öiaarohxöv) zu verstehen sei. Dann wäre unsei'e Urkunde ein
Beleg dafür, daß durch eine Partei die im Mahnverfabren anhängige
Sache vor den Konvent gezogen, also auf den Weg des ordentlichen Ver-
fahrens gebracht wurde. (In dieser Hinsicht bliebe es unerheblich, wie
die Ladung des Sohnes Didymos zu erklären ist: vgl. Wenger, Stell-

vertretimg 149, Mitteis, Bei. d. Sachs. Ges. d. W. (phil.-hist.) LXII


3;

68f.) Aber jene Auslegung des öiaari}.^iv ist nur möglich, nicht not-
wendig. Und auch wenn wir sie uns zu eigen machen, bleibt die Partei-
stellung und die materielle Rechtslage im unklaren. Jedenfalls wird
dem Pausiris von Didymos Dolus vorgeworfen: ob aber iveÖQSvaavn
negl nvqov bedeuten soll, er habe sich auf betrügerische Weise Weizen
zu verschaffen gewußt —
dann würde Didymos für seinen Sohn als Gläu-
biger den Weizen in dem Zahlungsauftrage von Pausiris als Schuldner
zurückgefordert haben —
oder ob es heißen soll. Pausiris habe als (an-
,

geblicher) Gläubiger durch sein duiaxoXacöv einen rechtswidrigen An-


spruch gegen Didymos (den Sohn) als Schuldner geltend gemacht, bleibt
zweifelhaft. Irgendwelche zuverlässigen Schlüsse lassen sich also aus
der Ui künde für die uns beschäftigende Frage nicht ziehen.
Ereriohter und Chrematisten. 99

b) Catt. Verao.
Tiefer führt in die hier behandelten Fragen P. Catt.
VcTso (Chrest. II 88) mit den ergänzenden Urkunden Lond.
11 lß2f. Nr. 196 (Chrest. II 87) und BGU. 1019, sämtüch
um 141 n. Chr.»)
lulius Agrippianus hatte dem Valerius Apollinarius
seit 117 V. Chr. mehrere Darlehen, zum größten Teile unter
hypothekarischer Sicherheit, gegeben. Obwohl ein Teil des
Kapitals zurückgezahlt war, bestand doch Schuld und Haf-
tung noch in erheblicher Höhe fort.*) Der Gläubiger
brachte nun (frühestens 128/9 n. Chr.), wie die uns in Catt.
Verso erhaltene Eingabe seines gleichnamigen Sohnes und
Erben sagt (i ^f.), die 'gesetzUchen' Rechtsbehelfe gegen
den Schuldner in Anwendung: ^;fo^(raTO Toig vofiiijiOK;. Daß
damit das Vollstreckungsverfahren auf Grund der die Dar-
lehen und Hypotheken verbriefenden (exekutiven) Schuld-
urkunden gemeint ist, kann als sicher gelten.*) Und ebenso

Zu diesen Urloinden vgl. vor allem Meyer, Arch. f. Pap. III 91 ff.
^)

247f., außerdem Boulard, Les instructions Äcrites 76ff.; Weiß, Pfand-


rechtliche Untersuchungen I 93 f.
*) Die einzelnen Schuldposten werden als Anlage zu dem uns in

Lo'.d. II lS2f. Nr. 196 erhaltenen Verhandlungsprotokoll aufgeführt (i,ff.).

Diese Übersicht schließt mit einf^m Guthaben des Gläubigers von 3 Ta-
lenten 1400 Drachmen, für welche Hypotheken an insgesamt 10^4 Aruren
Gaitenland hafteten. Dazu kam noch ein weiteres diagrapharisches,
nicht hjTpothekarisch gesichertes Darlehn von 1 Talent 1400 Drachmen.
In der uns als Catt. Verso vorliegenden Eingabe erwähnt der Gläubiger
weder die Schuldposten noch die Hypotheken: er sagt nur, sein Vater
Bei Gläubiger des Apollinarius noch vom 13. Jahr Hadrians her (128/9

n. Chr.). Da in dem erwähnten Verzeichnis die einzelnen hypothekari-


schen Schulden älter sind (beginnend 117 n. Chi.), so muß wohl an-
genommen werden, daß —
wenigstens nach der Auffassung des Gläu-
bigers —
im Jahre 128/9 die letzte Berechnung zwischen den Parteien
Ktattgefunden hat, die auch jetzt, mindestens 12 Jahre später, noch maß-
gebend ist. Denn zwischen dem Protokoll, das die Schuldposten enthält
(Lond. oit.), und der vorliegenden Eingabe (Catt. V.) liegt offenbar kein
längerer Zwischenraum. Da der Gläubiger damit rechnen konnte, daß
dem neu bestellten Richter, dem fisairriQ xal xQixriq (Lond. igff. Catt. j if.),
;

das unmittelbar vorhergehende und zu seiner Bestellung führende Pro-


tokoll mitgeteilt werden mußte, konnte er sich angesichts der diesem
beigegebenen Darstellung des Schuldverhältnisses jetzt des Eingehens
darauf enthalten.
') Über die Verwendung des Ausdruckes vofUfw. und insbesondere
7*
100 Paul .Tors,

läßt sicü erkennen, daß dieses Verfahren zum Verfall der


Pfänder geführt hatte und bis zur ejußadeia gediehen war,
denn im Verlaufe der weiteren Verhandlungen erscheint
der Gläubiger als Eigentümer und Besitzer der Pfandgrund-
stücke.^) Nun starb der Schuldner (i 13) und wurde von
Tolg vouifioig XQV'^^'^ ^^ ^'^^ oben angegebenen Sinne s. die Nachweise
bei Schwarz, Hypothek u. Hypallagma 114, j und Meyer, Arch. f. Pap.
III 96f. Wollte man die im Text vertretene Ansicht nicht gelten lassen,
so müßte man den in Frage stehenden Ausdruck auf die Vollstreckung
eines Urteils beziehen. Aber wenn das der Fall wäre, so sollte man an-
nehmen, würde der Gläubiger dieses ebenso erwähnt haben, wie er die
später in der Sache ergangenen Urteile genau mit Angabe des Richters,
der Parteien und des Inhalts anführt (n—Vi)- Statt dessen sehen wir,
daß dem imserer Eingabe vorhergehenden Verhandlungsprotokoll Lond.
II 152f. Nr. 196, „ff. lediglich Schuldurkunden dem Richter als Giomd-
lage des Verfahrens benannt werden (vgl. S. 99, 3)- So spricht alles
dafür, daß der Gläubiger auch nur aus ihnen die eußaöeia herleitete.
Welcher Art das Vollstreckungsverfahren war, läßt sich nicht mit
Sicherheit erkennen. Da aber die Forderungen zum größten Teil durch
Hypotheken gesichert waren, wird man annehmen dürfen, daß der
Gläubiger sich auch vor allem an sie gehaltxin hat. Ob er daneben
auch wegen der pfandlosen ^tayoagpjj das Verfahren mit diaaxohxöv und
ivexvQaaia betrieben hat, muß dahingestellt bleiben.

^) Das geht einerseits daraus hervor, daß der uisprüngliche Gläu-


biger die Nutz\mgen selbst gezogen hatte (jy 7). Nach seinem Tode wurde
jedenfalls die Rechtslage und der Besitzstand nicht geändert, wenn auch_
sein jugendlicher, bald in Militärdienst tretender Sohn und Erbe die Vei|
waltung wohl niemals selbst geführt hat: da der Ertrag der Nutzung
hinterlegt wurde dy 27)» möchte man eine Sequestration vermuten. Weit
stützt sich die im Text vertretene Meinung auf die Verfügungsverbot
der in der Sache ergangenen Urteile. Das des Asklepiades untersag
dem Gläubiger Verfügungen hinsichtlich des Vermögens (des Schuldner
(l 3, f.). Dadurch wollte der Richter ihm gewiß nicht etwas einschärfe
das ohnebin unzulässig für ihn gewesen wäre, sondern ein Verbot schaffen
das Zuwiderhandlungen ungültig machte. Der Gläubiger muß also voi
her in der Lage und berechtigt gewesen sein, solche Verfügungen vor4
zunehmen. Von luridicus Maximianus wird angeordnet, daß dem Gläi
biger, wenns ein Forderungsrecht erwieseo werde (vgl. S. 107f.), das,
ihm von Rechts wegen zukommt, 'verbleiben' solle (jjj gf. : fieivu adxq
rä vößißa-, vgl. auch n gjf. : i(fi)fMevet ( ?) a öoxei 6 dav[Eixj]tf]g e^cpxovoßrj-

xev{ai}), und daß er im entgegengesetzten Falle das, was er durch un-


berechtigte Verfügungen gewonnen habe (m gf. : et n SXaßev fir] ösovrcog
(bxovo/j.i^aag), in doppeltem Betrage erstatten solle. Auch diese Worte
zeigen, daß der Gläubiger Eigentum und Besitz ist: freilich ist die Grund-
lage seines Rechts, die Forderung, (ganz oder teilweise) bestritten (S. 108.
Erzrichtor und Chretnatisten.
101

seinen beiden damals unmündigen Kindern beerbt (i 23^.)-*)


Zwei testamentarische Vormünder d ggf.) scheinen schlecht
für die Kinder gesorgt zu haben. Um so energischer trat
ihre Mutter Drueilla für sie*), außerdem aber auch für sich
selbst auf und setzte nun dauernd die Gerichte in Bewegung.

112f.), und für den Fall, daß er sie nicht beweisen kann, wird
ihm die
Ersatzpflicht auferlegt. Daß etwa bloß den all-
olxovofieiv hier nicht
gemeinen Sinn 'vorwalten, wirtschaften' hat, sondern als 'verfügen, ver-
äuß«Tn* (hinsichtiich der Substanz und der Früchte: vgl. S. 113, j) auf-
pefrßt werden muß, gebt aus dem Zusammenhange hervor. Nicht die
Verwaltung hatte der Richter Asklepiados dem Gläubiger entzogen, denn,
wie schon hervorgehoben, führte er diese bis zu seinem Tode fort. Auch
kann i^-oixovofielv (u 3, f.) nicht in jenem Sinne, sondern nur als 'ver-
wirtschafton, veräußern' verstanden werden. —
Die i/ißadsia des Gläu-
bigers wird übrigens auch von Meyer, Arch. f. Pap. III 96f. und Raape,
Verfall d. grierh. Pfandes 66 angenommen.

Zur Zeit dos Todes des Vaters waren beide Kinder noch un-
^)

mündig (i „f.), zur Zeit der vorliegenden EL gäbe ist es nur noch das
jüngere (i, f.). Näheres s. bei Meyer, Arch. f. Papt III 94. Alle beteiligten
Personen dürften, was wichtig ist, Römer gewesen sein. Bei den Gläu-
bigern luliiLs Agrippianus, Vater und Sohn, und bei dem m sprünglichen
Schuldner, Valerius Apollinarius, kann das keinem Zweifel unterliegen.
Auffallend ist aber der Name des älteren Sohnes des Schuldners, der
zweimal (im Genitiv) verstümmelt begegnet (Lond. j, ....] oevxiov und
Catt. Verso ig.... öevrlov (PiMtviov). Der jüngere Sohn (ätp^h^) wird nicht
genannt. Das könnte den Anschein erwecken, als ob wenigstens der erstere
Sohn nicht den Gentilnamen des Vaters geführt hätte, also möglicherweise
unehelicher Geburt gewesen wäre. Da ß beide Söhne —
der jüngere (d^JtjAt^)
wird nicht mit Namen genannt —
, wie es nach der Urkunde den An-

schein hat, den Vater (der Soldat gewesen sein könnte) testamentarisch
beerben, würde gut dazu stimmen. Indessen wäre, auch wenn die unehe-
liche Geburt des ältesten Sohnes feststünde, ihm damit das römische
Bürgerrecht nicht abgesprochen: nach den Resten seines Namens müßte
es demnach als wahrscheinlich voi banden angesehen werden. Aber jene
Annahme erscheint überhaupt ols bedenklich. Denn da das Testament
des Valerius Apollinarius den Kindern, die es zu Erben einsetzte, zu-
gleich Vormünder bestellte, müssen sie doch wohl als iusti liberi unter
der Gewalt ihres Vaters gestanden haben, vmd ist ...entius vielleicht als

Endung eines Cognomen anztLsehen. Dann aber ist auch die Mutter
der Kinder, deren allein bekannter Name Drusilla nichts beweisen könnte,
als Römerin und ihre ngol^ (i 2of. m 9) als echte

Dos anzusehen.
ßorj&ovoa
*) Catt. Verso j i4ff.: nQodixovaa x&v xhcvtav. \ ^i.'.
— Tofg a<pijXiii. Lond.Xoyovg ^ .u^rijo tcöv tkuöIcov Ttageaxev. Auf
,f. : rox^g
das Vertretungsverhältnis kann hier nicht eingegangen werden. Vgl.
Meyer a. a. 0. 94; Wenger, Stellvertretung 148.
102 Paul Jörs,

Wesentlich ist, daß sie nicht bloß in ihrer eigenen Sache,


sondern auch in der ihrer Kinder stets als der angreifende Teil
erscheint.^) Demnach kann hier von einer Klage auf Rück-
erstattung der Darlehen, gegen welche von schuldnerischer
Seite Einreden vorgebracht wurden, keine Rede sein. Die
Schuldner wollen offenbar den durch die v6/A,ifia (i 12), d. h.
durch das Vollstreckungs verfahren {S. 99, 3) geschaffenen
Zustand nicht gelten lassen.
Ihren ersten Prozeß führte Drusilla vor einem Richter
Asklepiades (i igff •) : rnjicpiaßrirrjaev tiqöq — ' Aa}c?.rjmddr)v
yevöfievov .
[ ]. Im weiteren Verfahren finden wir luri-
dici, zuerst lulius Maximianus, dann Claudius Neokydes, zu-
letzt einen Verweser des Juridikats, den Dioiketes luhanus,
als Prozeßrichter. 2) Die Strategen, der /zeairrjg xal XQirijg,

^) Catt. Verso j jjff. : AQova[l]Uxi — rin<pujßrixriaev nqdg xöv juxriga


ngdg 'AaxXrpiiadrjv — fiBreQxo/j,evr} xtX. Ebenso später vor dem luridicus
(n i)' ivhvxev q AQ(n^aiX\?M 'Iw?Icp Ma^i/Mavcp — J (n iqÜ-)' xaxaaxdaeax;
— yevo/ievTjQ xfj AQovaiXXq. — xai xrjg AgovalllXku; fxeiupo/j,EVf)g xxX. Vgl.
auch IV 16* V ao^if- BöU. 1019, jf. fisxfjk&ev xai e[t]s xöv 'fitih[e\Qai>; ,f.
:

ini NeoxvÖTjv ^ev. —


*) Unsere Urkunden legen die Frage, ob der luridicus eine eigene,

ihm unmittelbar vom Kaiser übertragene Gerichtsbarkeit innehatte, be-


sonders nahe. Nachweisbar ist eine solche Jurisdiktion für die Bestellung
von Vormündern seit K. Marcus (Ulp. D. 1, 20, 2) und wohl auch für das
Gtebiet der freiwilligen Gerichtsbarkeit (Ulp. D, 1, 20, j : data est ei legis
actio, was gewiß nicht von einer wenn auch ständigen Delegation seitens
des Präfekten, sondern von kaiserlicher Zuweisung zu verstehen ist). Da-
gegen fehlt es an einem zwingenden Beweise für die streitige Gerichts-
barkeit, denn die Worte des Strabo 17, 1, 12 (p- "^97) d xwv ttoAAcöv xqUjEoyv :

xijQiog würden auch durch eine dem luridious vom Statthalter über-
tragene Rechtsprechung und die der Inschrift CIL. XI 6011: hie cum
mitteretur a Ti. Caes(are) Aug(uslo) in Aegyptum ad iur(is) dictfionem)
auch durch die freiwillige Gerichtsbarkeit erklärt sein. Immerhin dürfte
man solche einschränkende Auslegung als gezwungen empfinden. Und
auch die Nachrichten unserer Papyrusurkimden über prozessuale Tätig-
keit des luridicus machen nicht den Eindruck, als ob er sein Richteramt
lediglich im Auftrage des Präfekten ausgeübt hätte: vgl. außer den hier
behandelten Urkunden noch BGU. 5, n le**- ^5, n »• 245, n i^- 361, n v
378, „ff. Cairo (Preisigke) 1, gff.; Oxy. 237, yns»; 1102, i«. 22; Soc. Ital.
281, 293, aif.; Ryl. 119, , und aus byzantinischer Zeit P. Bouriant
27 0.
(Chrest. II 96). So überwiegt denn in der neueren Literatur auch die
Ansicht, daß dem (ritterlichen) luridicus in Ägypten ebenso wie den
(senatorischen) Legati iuridici anderer kaiserlicher Provinzen eine eigene
Ermohter und Chrematisten. 103

wahrscheinlich auch der Richter inl r&v xexQifiivcov


(v 8iW). tue sonst mit der Sache befaßt werden, sind Be-
auftragte (Delegierte) der luridici,*) Daß wir uns, seitdem

Oeriohtsbarkeit neben der des Statthalters vom Kaiser selbst übertragen


war. Vgl. Mümmsen, Staatsrecht I ' 231f. Wenger, Rechtshist. Papjmis-
;

f.; Wilcken, Arob. f. Pap. IV 405f.; Mitteis, Ber.


forsohuiigen 164f. 161
d. Sachs. Ges. d.W. (phil.-hist.) LXII 86 und Giundzüge 26f.: Zucker,
Philol. Suppl. XII 116; Rosen berg in Krolls Realencycl. X 1151 f.
Der Prozeß der Drusilla, in welchem die Sache dauernd in den Händen
dreier aufeinanderfolgender luridici bleibt — den lulianus darf man
mitzählen — und die Aufträge an die Strategen stets von ihnen aus-
gehen, spricht ganz besonders für die selbständige Jurisdiktion dieses
Magistrates. Daß nach BGU. 1019, ,f. Julius Agrippianus sich an den
Präfekten wandte und von diesem an den dixcuodÖTTjq verwiesen wurde
{Seva3u{ßMp^d]Q), zwingt uns nicht, anzunehmen, daß die luridici in unserm
Prozeß durchweg als Delegatare des Statthalters gehandelt hätt«n. Die
Worte können ohne Schwierigkeit von einem ZiKÜckverweisen an die
bislang mit der Sache befaßte und für sie zuständige Stelle, welcher der
Gläubiger den Prozeß —
vielleicht weil er nicht von der Stelle kam —
SU entziehen wünschte, aufgefaßt werden. Übrigens schließt eine selb-
ständige Gericht* bark^it des luridicus im obigen Sirme weder aus, daß
er im allgemeinen Untergebener des Präfekten war (vgl. Strabo a. a. O.
tJn* noch daß er neben seiner eigenen Jurisdiktion auch noch
avT(p).
Mandatar des Präfekten ausübte: letzteres soll
richterliche Tätigkeit als
besonders im Hinblick auf den später (Kap. VIII) zu behandelnden Pap.
BGU. 378 hervorgehoben werden. Schließlich ist in Betracht zu ziehen,
daß auch gar nicht geboten erscheint, die selbständige Gerichtsbarkeit
es
des luridicus als eine ausschließliche anztiseben. Für die Bestellung von
Vormündern steht sogar das Gegenteil fest (vgl. Oxy. 720; Teb. 326),
und ebensowenig kann die legis actio des Präfekten neben der des
luridicus bezweifelt werden. So wird man auch auf dem Gebiete der
streitigen Gerichtsbarkeit damit rechnen müssen, daß, wenn der luridicus
hier ein Mandat vom Kaiser hatte, dieses ihn doch nur innerhalb be-
stimmter Grenzen für zuständig erklärte, ohne die davon betroffenen
Sachen schlechthin der allgemeinen Jurisdiktion des Statthalters zu ent-
ziehen. Um so weniger dürfte es geraten sein, ein«* Abgrenzung der frag-
lichen Rechtsprechung des luridicus zu versuchen. Nur das darf n>an
an der Hand der Papyrusurkunden behaupten, daß sie weder auf einen
bestimmten örtlichen Bezirk —
wie bei den legati iuridici Asturiae et
Gallaeciae im diesseitigen Spanien, z. B. CIL. VI 1486 XIV 3995;=
VI 1507; VUI 2747; XII 3172; XIV 2941 —
, noch auf bestimmte Be-

völkenmgsklassen beschränkt war. Vielmehr muß sie nach sachlichen


Merkmalen (Prozeßgattvmgen) bestimmt gewes'^n sein: diese näher an-
zugeben ist aber nach dem vorliegenden Material nicht möglich.
*) Nachweise hinsichtlich aller dieser Richter s. bei Meyer, Aich.

f. Pap. in 99ff.
104 Paul Jörs,

die Sache bei Maximianus anhängig ist, wenn auch die vor
ihm verhandelten Fragen ihren Ausgangspunkt in dem Voll-
streckungsverfahren hatten, doch nicht mehr innerhalb
dieses, sondern im ordenthchen Prozeß befinden, kann
keinem Zweifel unterliegen. Denn alle sicher zum Voll-
streckungsverfahren gehörigen richterlichen Erlasse sind
Beschlüsse oder Verfügungen, welche die evexvgaaia oder
ifißaöeia verhängen, verwerfen oder aufrechterhalten, und
diese gehen überall vom Erzrichter oder von den Chrema-
tisten oder deren Mandataren aus. Der luridicus erscheint
nie damit befaßt auch in unserem Falle haben seine Urteile,
:

wie später dargetan werden soll (S. 107 ff.), anderen Inhalt.
Fraglicher ist es, wie es mit der Verhandlung vor Askle-
piades und der von ihm getroffenen Entscheidung steht
(i 18— 3«). Vor allem wäre es wichtig, seine Stellung als
Richter zu kennen. In dieser Hinsicht hat Meyer die
Frage aufgeworfen, ob er nicht ein und dieselbe Person
mit dem in Catt. Recto m
6 (Chrest. II 372) genannten Erz-
richter O^hiioq ' AaxXrjmddrjg gewesen sein könnte^) und
demgemäß in unserer Urkunde Catt. Verso 1 19 f. zu er-
gänzen wäre ngög ' AaxKr)7iiddr]v yevofievov^) qlQXtdixaarrjv'].^)

^) Meyer, Arcb. f, Pap. III 99. Die Gründe dieses Forschers, eine
besondere Beziehung des ägxiöixoujTi^g zu den bei d^r ßißhoß-rpcr] iyxn^-
aecüv eingetragenen Pfandrechten der Drusilla und ihres Gegners, können
dem heutigen Stande unserer Wissenschaft gegenüber nicht mehr in Be-
tracht kommen. Die ßißhoqwkaxeg erhalten wohl gelegentlich Anweisungen
vom Erzrichter: so bei der TtQogqHovrjaig (Oxy. 1200; vgl. BGÜ. 825; Soc.
Ital. 74) und in dem unbestimmbaren BGU.
73 (wo übrigens der
Pap.
Gläubiger von Catt. Verso, Julius Agrippianus der Vater, ebenfalls das
Schreiben angeregt hat; vgl. Jörs, Z. Sav. St. XXXIV 125, 2 und
XXXVI 338, 1). Im allgemeinen darf die ßißho&rpcri nicht als dem Eiz-
riohter unterstellt angesehen werden.
*) 'Gewesener* Erzrichtei wäre Asklepiades vom Zeitpunkt der Ab-
fassung der vorliegenden Eingabe aus. Ebenso heißt es (n 2)' *IovM(p
Ma^iuutvip x(^ yevon\£\voi öixaiodöz'^ und (n 4) Kegedki — yevofiiv^ arQa-
8) Nach einer Angabe von Grenfell-Hunt üum Text der Urkimde
Arch. Pap. III 62. Dia Ergänzung paßt mit ihren 12 Buchstaben genau
f.

in die Lücke. Daß sio, lediglich nach den Maßverhältnissen des Textes
betrachtet, auch anders lauten könnte, braucht kaum hervorgehoben zu
werden. Insbesondere wäre auch ö[ixawd6Ti]v'] mit 11 Buchstaben mög-
lich, vorausgesetzt, daß der erste Buchstabe als ö gelesen werden dürfte.
Eririohter und ChrematiBten. 105

Wenn auch unsere Quellen eine sichere Entscheidung


*)
i>ht zulassen*), so ist doch die Frage selbst für uns schon
t^en bedeutsam, weil sie notwendig die Erörterung
t, ob die Verhandlungen vor Asklepiades und seine
I Entscheidung eine im Vollstreckungsverfahren geltend ge-
machte dvxiggrjau; betrafen.
Auf den ersten Blick möchte es sogar scheinen, als
fiätten wir in den Worten (i i») fieaeyy^'ov dvtmdvrog gerade-
u eine Hindeutung auf einen solchen Widerspruch. Daß
ivreineiv diesen Sinn haben könnte, darf nicht bezweifelt
.\ erden : um so unsicherer aber ist es, wer der fxeaiyyvoi; war,
von dem derText spricht. Meyer (S. 97) meint, der Schuldner
;iabe mehrere Gläubiger gehabt, deshalb sei sein Vermögen
Verwaltung eines Sequester (fxeaiyyvoi;) unterworfen und
i(T

lieser habe, als ApoUinarius zur iußa&Fla schritt, dagegen

protestiert'. Das ist zwar mögUch, doch ist es auffallend,


daß keine der drei unseren Rechtsfall betreffenden Urkunden

Aber es liegt auf der Hand, wieviel mehr Wahrscheinlicbke't die Ein-
fügung des Namens eines füi die in Betracht kommende 2Joit bekannten
Eizrichters für sich hat als die eines luridicus, von dessen Vorhanden-
sein wir nichts wissen.

Die Zoitvrrhältnisse sprechen für eine bejahende Beantwortung


*)

der aufgeworfenen Frage. Wir können folgende Erzrichter für die in


Betracht kommenden Jahre nachweisen: 1 oc 6 xal TIoXMüjv am
1. April 133 (Berl. Inv. 11664, „ oben XXXVI 242), 2. mXnux; 'Aaxlri-

mdSrjq am 25. Februar 134 (Gatt Recto ni •)> 3. Klavdtog ^iXö^evoQ am


21. April 135 (BGU. 136. ,. „)• Nach dem ersten, vor dem letzten dieser
Daten müßte demnach dia Verhandlung vor Asklepiades stattgefunden
haben, werm er nüt dem in Catt. Recto Genannten gleichzusetzen ist.
Die sonstigen Angaben unserer Urkunde Catt. Verso lassen sich damit
ohne Zwang vereinigen. Zwischen ihr imd dem Urteil des Asklepiades
lagen zunächst längere Verhandlimgen vor dem luridicus, Strategen und
den Rechnungsprüfern, sodarm wird berichtet, daß mehrere Jahre er-
gebnislos verstrichen seien (jv ta—ss)' ^*^ möcht« sobon auf die Zeit um
141 n. Chr. führen.
*) Wenn auch nicht wahrscheinlich, so ist es doch auch nicht un-
möglich, daß Asklepiades ebenso wie die später genannten Richter ein
(sonst nicht bekannter) luridicus und dann ein Vorgänger des lulius
MaxJmianus war. Auch daß er ein von einem unbekannten luridicus
oder auch von einem Präfekten bestellter Richter war, ist denkbar.
Auf jeden Fall muß er, da er als yevö/ievog bezeichnet wird, Beamter
gewesen sein.
106 Paul Jörs,

eine zuverlässige Spur anderer Gläubiger bietet^), mit denen


es der Schuldner zu tun gehabt hätte, und daß von dem
fieaiyyvoQ im folgenden gar nicht mehr die Rede ist schon :

an der Verhandlung vor Asklepiades erscheint er nicht als


beteiligt.'^) Auf jeden Fall scheidet er für die im Voll-
streckungsverfahren in Frage kommende ävriQgrjaig aus:
denn diese mußte vom Schuldner ausgehen: daß er aber
dessen Vertreter gewesen sein sollte, läßt sich am aller-
wenigsten annehmen und jedenfalls nicht beweisen. Sehen
wir also vom jusaiyyvog ab, der keine zuverlässige Grund-
lage für unsere Untersuchung bildet, und prüfen wir die
Frage, ob von Seiten des Schuldners eine dvriQQrjmg geltend
gemacht war, an der Hand der uns bekannten Nachrichten
über den Verlauf des Rechtsstreites.') Dabei ist zu be-
achten^ daß unsere Hauptquelle, P. Catt. Verso, eine Dar-
legung des Streitstandes durch den Gläubiger enthält, die
zwar wertvollen Stoff bietet, aber doch recht einseitig ge-
halten ist, an manchen Punkten Unebenheiten und auch
Unklarheiten aufweist*) und wichtige Tatsachen über-

*) Z. „ff. die man etwa heranziehen könnte, sind zu


(et xive<; xtA.),

zerstört, um daraufe
etwas zu erschließen. In 24 m
brauchen die Worte
f.«

iv nöaoig ictrl xä öcpeilrinaTa nicht auf mehrere Gläubiger zu gehen, da


dem Agrippianus allein, wie wir wissen, mehrere Darlehen geschuldet
wurden: in der Folge reichte er ja auch sein Konto ein (jy ,: xoix; Xöyovg
Lond. „ ff.). Die Rückforderung der Dos
x(öv 6q>eiXofidvcov xtA., vgl.
seitens der Drusilla kann hier nicht in Betracht kommen, da sie erst
mit dem Tode ihres Mannes begründet war.
') Hatte der ß^eaeyyvog die von Meyer angenommene Stellung, so

läge in seinem ävxemeiv wohl das Eingreifen (die Intervention) eines


Dritten, vgl. S.. 87 ff. Da die Urkunde aber seiner nicht weiter gedenkt,
ist ep zwecklos, diese Frage, für welche ims kein Material zu* Verfügung
steht, zu erörtern.
Auf die Prozeßgeschichte wird im folgenden nur so weit ein-
')

gegangen, als sie für die Frage, ob dem Rechtsstreit vor den luridici
ein Vollstreckungsverfahren vorhergegangen ist, in Betracht kommt. Im
übrigen vgl. Meyer a. a. O. (S. 99, ,)• Auf einen Punkt werden wii
unten (Kap. VIlI) noch eingehen müssen.
*) An vielen Stellen zeigt die Urkunde durch Streichungen und

Ergänzungen, an einer auch durch eine Wiederholung (n 1—» und loff.)»


daß sie etwas Unfertiges, vielleicht nur einen Entwmf bietet. Auch der
Einklang nait dem Pi-otokoll Lond. 11 152f. Nr. 196 ist, wenn man die
Einzelheiten imd ihre Reihenfolge prüft, nicht leicht herzustellen (vgl.
Enxiohter und Chrematuten. 107

goht.^) Dazu kömmt die lückenhafte Erhaltung der Ur-


kunde und das Felilon des Schlusses.
Den Kernpunkt unserer Untersuchungen bildet die
Frage, ob das Urteil des Asklepiades als eine Entscheidung
des (Erz)richter8 im Vollstreckungsverfahren angesehen wer-
den kann.
Bemerkenswert ist in dieser Hinsicht zunächst, daß
das Verfaliren von der schuldnerischen Seite ausgeht. Doch
kann diese Tatsache, die auch andere Erklärungen zuläßt,
für sich allein nicht ausschlaggebend sein.
Wir müssen das Urteil selbst prüfen. Der darüber vor-
liegende Bericlit des Gläubigers (l ib—s«) ist freilich so dürftig,
daß er notwendig der Ergänzung aus den Nachrichten über
spätere Stadien des Rechtsstreites bedarf. Vor allem ist
das, was er über die Hauptfrage, die nach dem Rechts-
verhältnisse zwischen Gläubiger und Schuldner mitteilt,
ungenügend. Es heißt in dieser Hinsicht nur, der Richter
habe dem ursprünglichen Gläubiger (dem Vater des jetzigeny
verboten, irgendwelche Verfügungen über das (durch Ifjißa-
deia in Besitz genommene) Vermögen (des Schuldners) zu
treffen. Das ist weder für sich allein noch aus dem, was in der
Urkunde vorhergeht, verständlich und mag deshalb vorerst
zurückgestellt werden (vgl. S. 109f .). Ein bei weitem klareres
Bild von dem Streitstand zwischen Gläubiger und Schuld-
ner erhalten wir, wenn wir das wohl ziemlich wortgetreu
mitgeteilte (erste) Urteil des luridicus Maximianus in Be-
tracht ziehen, dessen Schluß lautet (miff-): tva*), ia» fih

Meyer S. 101 f.). Indessen soll hier auf diese Punkte nur zur Charakte-
Ganzen hingewiesen werden auf
ristik des : einige von ihnen werden wir
zurückkommen müssen.
^) Es ist in dieser Hinsicht beachtenswert, daß die Eingabe nicht

einmal der Hypotheken, der Grundlage des ganzen Verfahrens gedenkt,


und daß die zu ihrer Geltendmachimg dienenden Schritte durch die
Bemeikung ixQ'fftoaTo Jöig vofilfioig erledigt werden. So kann es auch
daß der Gläubiger eines einzelnen Aktes im Verfahren,
nicht auffallen,
wie es die war; zumal sie in einer Handlung des Gegners be-
dvxlQ^rjaig
stand, keine Erwähnung tat. Daß er alles in einem für ihn möglichst
günstigen Lichte darstellt imd. Nachteiliges zurücktreten läßt oder gar
verschweigt, ist unverkennbar.
) Was im Vordersatz stand, läßt sich w^en der schlechten Er-
108 Paul Jörs,

djcoöeix'&f} öavicnrjg elvai, fieCvrj avrcp rä voßifia, iäv de [xi}

ajcodeix'&f] Kai ei ri eXaßev f^rj öeövrcog (bxovofiijaag, tovto


öuiXovv änoÖM. Danach müssen also die Darlehnsforde-
rungen selbst entweder schlechthin oder doch wenigstens
teilweise oder ihrem Betrage nach bestritten gewesen sein.^)
Daß dieses Bestreiten von den Erben des Valerius Apolli-
narius, also dessen Kindern, den jetzigen Schuldnern aus-
gingt), kann als sicher angesehen werden. Denn zwischen
ihnen und dem Gläubiger schwebt weiterhin der Prozeß
über die Berechtigung des Gläubigers an den vnoQxovra
ihres Vaters und deren yevrjfiara. Und auch darüber kann
meines Erachtens kein Zweifel bestehen, daß dieses Be-
streiten —
vom Standpunkte der Schuldner aus die Haupt-
sache im ganzen Prozeß —
nicht erst nachträglich vor
Maximianus, sondern von vornherein, also jedenfalls auch
schon vor dem Richter Asklepiades erfolgt war.^) War
dieser, was oben (S. 104 f.) als mögUch hingestellt wurde,
in Wirklichkeit der Erzrichter, so läge der Gedanke sehr
nahe, daß das Bestreiten der Forderung wie in Oxy. 68
und im Vollstreckungsverfahren durch ovriQ^aig
Giess. 34
geltend gemacht war. Dann würde unser Text auch ein
wichtiges Beweismittel dafür bilden, daß die Entscheidung
über den Widerspruch dem Erzrichter oblag (S. 79 ff.).
Der Widerspruch hätte den letzten Akt des Vollstrek-

haltung des Papyrus nicht mit Sicherheit feststellen. Unmittelbar vor-


her war von den bisherigen Verfügungen des Gläubigers über das Ver-
mögen der Schuldner die Rede, die, wie es scheint, vorläufig aufrecht-
erhalten wurden. Das Nähere s. oben S. 100, i.
^) Das letztere möchte ich trotz des allgemein klingenden Aus-
diuckes (uj 2) öaviax^c elvai für glaubhafter halten, weil später iüamer
von der Hohe der Fordenmgen gesprochen wird (uj 04^- IV a^-)' ^8^*
unten S. 113, j.

Die Mutter wäre auch hier rls ngodixcnkfa und ßat]&ovaa anzu-
*)

sehen: vgl. S. 101, 2- Übrigens ist keineswegs ausgeschlossen, daß schon


der Vater der Kinder die Forderungen nicht oder nicht in ihrem vom
Gläubiger behaupteten Umfange anerkannte: wir wissen nichts darüber.
3) Daß der Gläubiger dies nicht erwähnt und überhaupt auf das

Vorbringen der Schuldner nicht eingeht, sondern nur von einem An-
spruch der Drusilla in eigener Angelegenheit und einem Angriff gegen
die Vormünder berichtet, ist für seine Darstellung bezeichnend, darf uns
aber nicht beirren: vgl. S. 107, j.

I
Erzrichter und Chrematisten.
109

kungsvorfahrons, also im vorliegenden Falle die


ifißadela
(S. 100) treffen müssen. Vorausgesetzt, daß er
gegen diese
überhaupt und daß er in unserem Verfahren noch zulässig
wari), „o liätte der Schuldner wahrscheinhch
damit ihre
Aufliobung verlangt (vgl. S. 69ff.). Diese nun hat der Richter
Asklepiades offenbar nicht verhängt, denn, wie schon her-
vorgehoben (S. 100, i), war der Gläubiger auch später noch
in Besitz und Nutzung der Grundstücke. Über das Urteil,
soweit es hier in Betracht kommt, berichtet, wie schon
bemerkt, P. Catt. Verso i »off. : ^iXrjaev 6 ' AaxXrjniddr][g]
— TÖv — Tiarioa fiov f^rjöev [H]arä rcov vnoQx^vTOiV olxov{o-
Der Widerspruch wäre also insofern nicht durch-
lAslv'].

gedrungen, als die ifxßaöeia nicht aufgehoben wurde*), aber


der (Erz)richter hätte doch dem Gläubiger aufgegeben,
keinerlei Verfügungen über das in seinem Besitz verblei-
bende Vermögen zu treffen.') Ich sehe keinen Grund, wes-
halb eine solche Entscheidung nicht möglich gewesen sein
sollte. Es ist aber auch klar*), daß der Richter, indem er
die ifißadeia zwar bestehen Heß, aber doch den Gläubiger
in der Ausübung seines Rechts behinderte, damit keine
endgültige Regelung, sondern einen Zustand schaffen wollte,
der die Parteien zur Austragung ihres Rechtsstreites vor

*) Über ersteres oben


S. 54 f.
s. War gegen die ifißadela eine
dvrlQQipn; möglich, so war
gewiß auch an eine bestimmte Frist ge-
sie
bunden (vgl. Jörs, Z. Sav. St. XXXIV 164, ,). Wann in unserem Falle
äi6 ifißadela stattgefimden hatte, ist nicht gesagt. Beachtet man aber,
daß es heißt (j 1^1.): ixQtloaxo in Tiegiövroq avrov (Valerius ApoUinarius)
mid daß das Urteil des Asklepiades den Besitz des Gläu-
roig vofilfioiQ,
bigers an den iSndQxovta als feststehend behandelt, so spricht die Wahr-
scheinlichkeit dafür, daß die i/ißaöeia, die zweifellos zu den v6/ufia ge-
hörte, schon bei Lebzeiten des m-sprünglichen Schiüdners durchgeführt
war. Da wir aber weder dessen Todeszeit noch die Länge der Frist für
die ävTiQQTjoig keimen, so läßt sich, auch wenn wir die Verhandlung vor
Asklepiades in die Jahre 133—135 versetzen dürfen (vgl. S. 105, i), aus
den Zeitverhältnissen nichts für oder gegen die aufgeworfene Frage ent-
nehmen.
*) Das wm^e in Giess. 34 in betreff der Bvcxvgaala dem Gläubiger
in Aussicht gestellt: vgl. S. 69f.
Näheres S. 100, , und S. 113, ^
3)

Das Folgende bleibt auch darm bestehen, wenn die Entscheidung


•)

des Asklepiades nicht durch eine dvTiee»?(ris hervorgerufen war, vgl S. 105 f.
1 10 Paul Jörs,

dem ordentlichen Richter herausforderte. Und vielleicht


wajp das^ auch in dem Urteil des Asklepiades ausgesprochen.
Denn unmittelbar auf seine vorher angeführten Worte
folgen noch andere (i dsii.), die in unserer Urkunde zwar

den dem jetzigen Richter lulianus vor-


getilgt sind, also in
zulegenden Text nicht aufgenommen werden sollten, die
aber doch nicht aus der Luft gegriffen sein können, sondern
aller Wahrscheinhchkeit nach Bestandteile des Spmches
des Asklepiades sind. Die schlechte Erhaltung schHeßt eine
sichere Deutung aus. Aber wenn wir lesen (33): firjdsv —
oiyovojuelv [[f^sxQt xQiascog und (34 [[aAA /^^XQI'' ><]Q^(yBcoQ

Ttegträ yev6fieva]Y) so wird die Vermutung erlaubt sein,


,

daß Asklepiades dem Gläubiger die Verfügungen auf so


lange untersagte, bis ein Prozeß (vor dem ordentHchen
Grericht) die (endgültige) Entscheidung über den vorgelegten
Tatbestand gebracht haben würde. Der (Erz)richter, der
über den Widerspruch erkannte, hätte nach dieser Aus-
legung eine vorläufige Ordnung unter den Parteien erlassen,
sie aber des weiteren auf den ordentlichen Rechtsweg ver-

wiesen. Das Vollstreckungsverfahren war also zum Still-


stand gebracht (vgl. S. 78f.).
Es fragt sich weiter, ob der übrige Inhalt des Urteils
des Asklepiades und der es ergänzenden sonstigen Teile der
Urkunde mit der hier versuchten Erklärung, daß es eine
Entscheidung des (Erz)richters über einen Widerspruch im
Vollstreckungsverfahren enthalte, im Einklang steht.
Drusilla, die Mutter der unmündigen Schuldner, trat
nicht bloß für diese ihre Kinder auf, sondern forderte "auch
für sich selbst die Ausscheidung ihrer Dos aus dem (durch
ifißaöeia) in den Besitz des Gläubigers gelangten Vermögen
ihres verstorbenen Mannes. 2) Da sie nicht dessen Erbin
war^), so kann, was ihre Person anlangt, von einem Wider-

^) Der Schreiber setzte also zweimal an, um den beabsichtigten

Gedanken —w^e ich meine, den vollständigen Inhalt des Urteils des
Asklepiades —zum Ausdruck zu bringen, strich aber schließlich alles
als entbehrlich oder aus was sonst für einem Grunde.
8) Gatt. V. i2off-: fiexEQXo/jiivr] fiev nqohca n ....... v otpd'keaa&ax
iaxnfi vno xov 'AnoXivagloo.
3) Das geht daraus hervor, daß nur die Kinder als }c2.rjQov6fioi be-
Erariohter und CSirematisten. 111

des Schuldners gegen einen Akt des Vollstreckungs-


i. lie

. Rede sein. In formeller Hinsicht müßte


ihrens keine
ihr Auftreten als da« Eingreifen eines Dritten angesehen
werden, der ein selbständiges Recht an Gegenständen, die
der Gläubiger für seine Befriedigung in Anspruch nimmt,
geltend macht und deren Aussonderung aus der Masse
begehrt (S. 90f.).Da Spuren in unseren Quellen darauf
hindeuten, daß auch bei solcher Intervention eines Dritten
die Entscheidung des Erzrichters angerufen wurde (S. 87 f.
93), sowäre es zu verstehen, daß Drusilla die eigene Sache
mit der ihrer Kinder verband. Wie die Entscheidung
lautet, sagt uns der Bericht über das Urteil des
Asklepiades nicht: doch erfahren wir, daß später der luri-
dicus Maximianus zugleich mit der Prüfung der Angelegen-
heit der Schuldner auch eine solche betreffs der Dos der
Drusilla anordnete.^) Asklepiades hatte also offenbar eine
Entscheidung über den Dotalanspruch nicht getroffen, son-
dern ihn ebenso wie die Sache der Kinder vor den Prozeß-
richter verwiesen.')
Weiter erfahren wir, daß Drusilla in der Verhandlung
vor Asklepiades die testamentarischen Vormünder der nach-
lässigen Verwaltung des Vermögens ihrer Kinder beschul-
digte.') Irgendeinen Zusammenhang mit der Tatsache, daß
dieses Vermögen in den Händen des Gläubigers war, muß
dieser Angriff gehabt haben: vielleicht den, daß die Vor-
münder einer ungerechtfertigten Ausdehnung der ifißadeia

leichnet werden d t^f. 2«) und daß Drusilla für siofa nichts von der Erb-
Bohaft, sondern nur ihre Dos fordert.
*) Catt. V.
ni 7^' Später wird der Dotalfoiderung nicht mehr
gedaoht: ob sie befriedigt wurde odep ob sie bei dei eingeleiteten Xoryo&eata
e Erledigung finden sollte, läßt sich nicht entscheiden.
>) Gewiß kam auch der Drusilla die (von uns angenommene) Sper-

nmg des VoUstieckungsverfahrens zugute, und vielleicht war sie auch


mit um ihres Dotalanspruches willen erfolgt. Auch das würde nach den
früheren Darlegungen (S. 94) nicht außerhalb der Zuständigkeit des
Enrichters im Vollstreckungsverfahren liegen: es- würde vielmehr, wenn
es zuträfe, die oben vorgetragenen Ausführungen stützen.
Catt. V. I jjff. : fjsfupo/idvT} öe roiig xaxaara&ivxcu; avx&v rfjg ÖQq>a-
^)

»efag €ni[xQ6\novq ijiö xov Tiargog airiöv aaio öiad^rjg rifieXXov xai Se/i-
nq/tavtav c5s d^ueA^ovras röjv rüg aujprjh^i öiaqie^<ivTan>.
112 Paul Jörs,

nicht genügend Widerstand geleistet hatten. Aber auf


keinen Fall konnte er die Grundlage einer ävriQorjaig gegen
den Gläubiger imd demgemäß einer Entscheidung des (Erz)-
richters über diesen Widerspruch bilden. Eine solche erheß
aber auch Asklepiades nicht, sondern ordnete kurzweg an,
die Vormünder hätten vor dem Prozeßgericht zu erscheinen.^)
Dort erst wurden sie abgesetzt und wurde eine neue Vor-
mundschaft eingeleitet. 2) Auch diese Beschränkimg zeigt,
daß Asklepiades sich innerhalb der Grenzen des VoUstrek-
kungsverfahrens hielt und keine sonstige richterUche Tätig-
keit auf sich nahm.
Das letztere gilt, wie wir schon sahen (S. 110), ganz
besonders auch hinsichtlich des Rechtsverhältnisses zwi-
schen Gläubiger und Schuldner. Dieses war offenbar von
vornherein recht verwickelt und verlangte längerer Erhebun-
gen, Prüfungen und Berechnungen. Was wir nämlich über
das Vorbringen der Schuldner^) erfahren oder erschließen
können (S. 107 f.), macht nicht den Eindruck, als hätten sie
dem Gläubiger das Recht zur e/j,ßadeia überhaupt absprechen
wollen: vielmehr deutet alles darauf hin, daß sie ihn be-
schuldigten, er habe an Kapital und Zinsen mehr in Anspruch
genommen und vom Vermögen der Schuldner mehr an sich

^) Wenn es hinsichtlich der Vormünder heißt (i jof.): riMkrjaev

'JaxXrimddri^Ql xovg emr[Q]6jiovg naqelvai, so ist das nicht in dem Sinne


zu verstehen, wie wenn in Giess. 34, das Erscheinen der &eQ<hKuva
,. ,£.

angeordnet wird (S. 73). Daß die Vormünder nicht vor Asklepiades,
sondern vor dem luridicus, also vor dem ordentlichen Richter, und nicht
als Zeugen, sondern zui" eigenen Verantwortung erscheinen sollten, gebt
aus Catt. Verso n zz^- deutlich hervor.
2) Die testamentarischen Vormünder wurden vom Imidicus zur

Verantwortung gezogen (n 21 ^f-) und es werden obrigkeitlich bestellte


Vormünder an ihre Stelle gesetzt (n «ff- 25 K-)- Aber auch diese ver-
schwinden im Verlaufe des Verfahrens: die Prüfung der Vermögenslage
der Schuldner und der Ansprüche des Gläubigers, die ihn^n zunächst
übei tragen war, wurde in einer zweiten Entscheidimg des luridicus dem
Strategen überwiesen (in 22^-)' der sie durch Rechnungsprüfer {}ßyo&dt(u)
ausführen ließ (ni zj^^-)- Näheres bei Meyer, Arcb. f. Pap. III 99ff.;
vgl. über die kyya&hai auch den Hinweis bei Paitsch, Z. Sav. St.
XXXI 438. Jetzt auch Ryl. 119, jo-
3) Mit diesem Ausdruck soll die Partei als solche bezeichnet sein. Auf

die Vertretung der Unmündigen kotnmt es hier nicht an; vgl. S. 108, 2-
Erariohter und Chrematisten. 113

gezogen, vor allem auch größere Nutzungen eingebracht,


als ihm zukam.*) Wie das im einzelnen gemeint war, läßt
sich nicht erkennen.') Jedenfalls warfen die Schuldner

*) Daß das
Kapital stieitig war, geht aus Gatt. Vorso ^ff. (vgl. m
8> 107 f.) und m
hervor. Mit den Zinsen wird es ebenso gewesen sein,
f^{.
aber es wird ihrer nur gelegentlich einmal gedacht (iv »): nicht einnxal
in der Protokollanlage zu Lond. II lö2f. Nr. 196, „ff., in welcher die
Forderungen doe Gläubigers aufgezählt werden, sind sie erwähnt. Den
Inhalt doe Prozeflsea faßt der luridicus indem Auftrage zusanunen
(in jjff.): rdv xoC vofiov azQaxTjydv i^ejdaai ndvra, xdv rov ihioxQiov tiöqop
Hai iv TiöaoiQ iaxl rä ögieiM/isva xal 6r)hiöaai aöxtp. Also die Aktiva und
Passiva sollen festgestellt werden, eine Aufgabe, für die dann weiterhin
die Rechmmgsprüfer (Uiyo&ixm) bestellt werden (S. 112, j). Ihr ent-
spricht es auch, wenn der Gläubiger Verso iv »ff«) und die Schuld-
(Gatt.
ner, letztere durch ihre Mutter (Ijond. , f.), ihre Aufstellungen über Fordo-
rangen, Zinsen, haftende Grundstücke (Lond. if^ii.) und deren Erträge
einreichen. Offenbar wichen diese voneinander ab und sollte die Prüfung
feststellen, was von ihnen richtig war. Auffallend ist, wie sehr in dem
Berichte des Gläubigers die Nutzungen {nQdqqioi ^f si) yev^/icrra ly 24«i

tr'- V •• 13- it) '" ^®" Vordergrund Daß


durch die mehrere
treten. sie

Jahre hindurch fortgesetzte Versilberung und Hinterlegung (jy »«ff-) einen


erheblichen Wert erreicht hatten, ist fraglos. Darauf Vermutungen zu
bauen, etwa die, daß nach irgendeiner Vereinbarung der Paiteien aus
den Früchten das Kapital getilgt werden sollte, bietet die Uifcunde
keinen genügenden Anlaß. Ebenso wäre es verfehlt, wollte man an-
nehmen, daß es sich in dem Rechtsstreit der Parteien bloß uro die Eli-
träge, nicht um die von der ifißaöeia betroffenen Grundstücke pelbst
gehandelt hätte. Das Verfüguiigsverbot des Asklepiades betraf die
ÜTiÖQXovxa der Schuldner (j jg), also jedenfalls auch den Stammwert
des Vermögens. Auch die Auskehrung des Heiratsgutes, welche Drusilla
war gewiß eine ELapitalforderung. Entsprechend
für sich verlangte,
muß auch das oixovofieiv und e^owovofielv im Urteil des luridicus
(n 82^' m
6^0 nicht bloß vom Veräußern odet Verzehren von Früchten,
sondern auch von Verfügungen über die Substanz des Vermögens ver-
standen werden (S. lOOf., 1). Auch ist damit zu rechnen, daß die Schuld-
ner, wenn wie wir annehmen müssen, den Betrag der Forderungen
sie,

bestritten,auch die Hypotheken nicht in dem Umfang anerkannten,


wie der Gläubiger sie in Anspruch nahm. Denn Lond. j^ff. z^igt, daß
in dem Maße, wie das Kapital getilgt wurde, sich auch die pfandrecht-
liche Haftimg verminderte, gleichviel ob das durch Vertrag ausbedungen
oder durch Gesetz vorgeschrieben war (Literatur zur Frage der Teil-
haftung s. oben XXXVI 329f, ,). Daß wir über alle diese Fragen nichts
Genaueres erfahren, ist in erster Linie der einseitigen und vieles ver-
sthweigenden Darstellung des Gläubigers zuzaschreiben, vgl. S. 107, 1.
*) Es hat keinen Zweok, sich in die denkbaren Möglichkeiten zu

Zeitschrift für Rechtsgeechichto. XXXIX. Rom. Abt. S


114 Paul Jörs,

dem Gläubiger eine unberechtigte Ausdehnung seiner Ifißa-


öeia und Übergriffe i) bei deren Geltendmachung vor.^)
Man versteht es, daß demgegenüber Asklepiades sich da-
für entschied, die Parteien vor den Prozeßrichter zu ver-
weisen, hinsichtUch des Vollstreckungsverfahrens aber sich
mit dem Veräußerungsverbot an den (im Besitz bleibenden)
Gläubiger zu begnügen. Daß in dem letzteren keine über
die Grenzen des Vollstreckungsverfahrens hinausgreifende
Entscheidung enthalten war, ißt klar, da ja der Richter
befugt gewesen wäre, die Akte dieses Verfahrens, hier also
die e/j.ßadsia, ganz aufzuheben.
Nach alledem glaube ich feststellen zu können, daß in
Catt. Verso (und den dazugehörigen Urkunden) nichts ent-

vertiefen, da die Quellen keinen Anhalt gewähren. An und für sieh denk-
bar wäre eine Forderung der Schuldner auf Herausgabe des Überschusses
{superfiuum, hyperocha). Dabei ist kaum darauf Gewicht zu legen, daB
im vorliegenden Falle, wie es scheint, alle Beteiligten Römer waren
dexm
(S. 101, i); Akt des Vollstreckungsverfahrens
die eußaöela ist als ein
anzusehen, und dieses wurde, soweit wir es kennen, nicht von der
Nationalität des Gläubigers oder Schuldners beeinflußt. Aber da sich
weder ein gesetzliches Recht des Schuldners auf Erstattung des Über-
schusses noch eine vertragsmäßige Festsetzung dieses Inhalts bisher in
den ägyptischen Pfandverträgen mit genügender Sicherheit hat nach-
weisen lassen, so ist in dieser Hinsicht die größte Vorsiebt geboten (vgl.
hierüber, insbesondere auch über das Ostrakon Berl. 12524, unten
Kap. IX). — Näher läge viel leicht der Gedanke an die Geltendmachung
eines Einlösungsi echtes nach der i/xßaöela, wie wir es oben kennenlernten
(S. 65f ): aber in den unsem Rechtsstreit behandelnden Urkunden findet
sich auch nicht die leiseste Andeutung, daß dem Gläubiger nach der
ifißaöeia eine Zahlung angeboten wäre.
Durch solchen Übergriff des Gläubigers würde es sich auch er-
1)

klären, daß sich das Heiratsgut der Drusilla in seinen Händen befand
(S. llOf.). Daß auch das Hineinziehen der Vormünder in die Verhandlung
vor Asklepiades wohl mit diesen Verhältnissen in Zusammenhang stand,
wurde schon hervorgehoben (S. Ulf.).
2) Bezeichnend ist Catt. V. m
44 ff.: die Androhung der Strafe des

Doppelten deutet zweifellos darauf, daß dem Gläubiger unerlaubte Hand-


lungen vorgeworfen waren. Ziu" Vergleichxmg mag auch auf Oxy. 6ö3
(Chrest. II 90, igf.) hingewiesen werden, wo der Gläubiger zugibt, daß
er sich bei oder nach der ifißadsia Übergriffe hatte zuschulden kommen
lassen: ojievsyxdfie&a ndvta rä xovxov xcagia' dixalcos tomo jiqos ^fiäe

XiyeTai. Indessen bleibt es ungewiß, ob das Delikt hier in derselben


Richtung zu suchen ist wie dort.
Erzrioht«r und Chrematisten.
115

halttn ist, was die Deutung des Urteils des Asklepiades


dl»—88) als einer richterlichen Entscheidung
über eine
gegen die i/aßadeia des Gläubigers erhobene dvriQQtjaig des
Schuldners ausschlösse, daß vielmehr durch diese Auf-
fassung eine Reihe von Einzelheiten, insbesondere der
Übergang vom Vollstreckungsverfahren zum oidentlichen
Prozeßvcrfaliren in schärferes Licht treten und damit auch
das Verständnis der Urkunde überhaupt gewinnen würde.
Andererseits ist klar, daß von Gewißheit keine Rede sein
kann: vor allem deswegen, weil sich kein zwingender Be-
weis erbringen läßt, daß Asklepiades der Erzrichter vom
Jahre 1 34 war. Immerhin dürfte es seh werfaUen, einen andern
Beamten zu finden, dem man das Urteil 1 19_^6 mit größerer
Wahrscheinlichkeit zuschreiben könnte und dessen Amts-
bezeichnung in die Lücke von Z. ^ hineinpaßte.^)

^) Im vorhergehenden habe ich davon abgesehen, P. Ryl. 119 (aua


der Mitte des Jahrhunderts n. Chr.) heranzuziehen. Zwar haben die
1.

Herausgebor mit Rocht darauf hing'^wiosen, daß die Urkunde manche


Züge mit Catt. Vorso gemeinsam hat. Hier wie dort handelt es sich um
eine Hypothek dp. j,. j,. jj. ,,. „) imd stehen die von ihr betroffenen Grund-
stücke in Besitz und Nutzimg des Gläubigers („ff. ^ü.), auch hier ,,.

war eine ^xyyo&ecrla angeordnet (^q) und prozessivjrt^n die Parteien vor
dem luridicus (,) über die Erträge der Pf andgrimdstücke ob nur dar- :

übei', kaim hier dahingestellt bleiben. Dem stehen aber wesentliehe,


gerade für ims ins Gewicht fallende Verschiedenheiten gegenüber. Das
Endurteil, das in Catt. V. noch aussteht, war in Ryl. 119 schon ergangen
(j. uff.), Forderung und Zinspflicht standen damit fest, und über den
Umfang der Hypothek bestand jedenfalls gegenwärtig kein Streit. Für
die bis zum Urteil gezogenen Nutzimgen konnte der Gläubiger nicht
mehr zur Rechenschaf t gezogen werdend, f.). Überdies würden für eine
die hier behandelten Fragen treffende Vergleichung gerade die Akte,
die dem Urteil vorausgegangen waren, in Betracht kommen. Darüber
aber findet sich Ryl. 119 nur die nichtssagende Wendung f,,): xal
TiXelaxag evxvxiaq xal eTiiöoaeig ävaq>oQÜ)V hwirfadfie&a und außerdem die
Erwähnung der Xcryo&eaixi (jq). Auf eine ifxßaöela in di«^ Hypothek, eine
dagegen geltend gemachte avxiQQrjaiq, ''ine Entseheidimg des (Erz)richter3
über diese enthält der Text im Gegensatz zu Catt. Verso keine Hin-
deutung. Ausgeschlossen ist natürlich nicht, daß die Vorgeschichte eine
gleiche oder ähnliche war: aber da keine erkennbare Spur darauf hin-
führt, scheidet die Urkunde für unsere Untersuchung aus. Vgl. zu ihrer
Erklärung die Ausführungen der Herausgeber S. 106f. und Mitteis, Z.
Sav. St. XXXVII 322f.

8*
116 Paul Jörs,

c) Ryl. 113.
In diesem Zusammenhange müssen wir noch einmal
auf Ryl. 113 zurückkommen. Nach der oben (S. 81 ff.)
vertretenen Erklärung dieser Urkunde war dem Hierakion
im Mahnverfahren von seinen Gläubigern durch ein öiaaro-
hnov die Bezahlung einer Schuld aufgetragen, vielleicht war
auch schon ein Pfändungsbeschluß ergangen: den dagegen
eingelegten Widerspruch hatte der Erzrichter verworfen,
und der Schuldner sah sich gezwungen, zu zahlen. Jetzt
ruft dieser den Statthalter an, der allein in seiner Sache
entscheiden könne. Da der Schuldner selbst erklärt, auf
Grund des bisherigen Verfahrens, also nach unserer Auf-
fassung (85 f.) des Mahn- und Vollstreckungsverfahrens
gezahlt zu haben (oder wenigstens zahlen zu müssen^)), so
ergibt sich daraus die Frage, ob die ordentliche Gerichts-
barkeit des Statthalters auch in der Weise in dieses Ver-
fahren eingriff, daß sie darin ergangene feststehende Ent-
scheidungen aufhob oder sich doch darüber hinwegsetzte.
Als unmöghch wird man das nicht hinstellen dürfen, aberj
unsere Urkunde bringt keinen Beweis dafür. Denn
wissen nicht, welchen Erfolg das Gesuch des Hierakioi
hatte, ob es nicht gerade, weil der Statthalter sich nich^
mit der ordnungsmäßig ergangenen ycQiaLg (des Erzrichtersj]
in Widerspruch setzen wollte, abgewiesen wurde. Der An-^
tragsteller betont nur, daß die Sache vor das Tribunal dee
Statthalters gehöre und von Anfang an dort hätte ver-
handelt werden sollen. Warum er dieser Meinung ist,
er nicht. Es ist möglich, daß er das Mahn- und VoUstrek-!
kungsverfahren in seinem Falle als unzulässig ansieht dar :

wäre eine Beseitigung durch den Präfekten gewiß am Platze.


Vielleicht hielt er aber die gegen ihn ergangene Entschei-
dung auch bloß für unrichtig und wollte sie mit der Be-
rufung —
von der wir freilich beim VollstreckungsverfahrenJ
nichts wissen —
anfechten: auch dann hätte er die Auf-'
hebung betreiben können. Doch wäre von dem einen wie dei
andern Standpunkte aus kaum verständlich, warum er Zah-
^) Vgl. oben S. 82, 3. Es ist keine Frage, daß das Anrufen des
Ptäfekten sieb besser erklärt, wenn die Versilberung der Sachen des;
Schuldners noch nicht ausgeführt war.
Errxioht©r und Cbrematisten.
117

hing leistete oder sich wenigstens dazu für verpflichtet hielt.


So bleibt kaum eine andere Erklärung übrig, als daß er nur
hervorheben wollte, seine Sache sei so wichtig, daß sie nur
durch den höchsten Richter des Landes entschieden werden
könne.*) Dann aber dürfte die Eingabe wohl wenig Aus-
loht auf Erfolg gehabt haben. Unsere Kenntnis über das
Verhältnis des Vollstreckungsverfahrens zum ordentlichen
Verfahren gewinnt demnach aus Ryl. 113 keine Förderung.

3. Ergebnisse.
Es sind unvollständige und unsichere Ergebnisse, die
wir aus den Urkunden über das Verhältnis des Mahn- und
Vollstreckungsverfahrens zum ordentlichen Verfahren ent-
nehmen konnten. Außerdem sind die einzelnen Erschei-
nungen so verschieden, daß man darauf verzichten muß,
allgemeine Regeln über den Übergang, seine Voraussetzun-
gen und Wirkungen aufzustellen, ja sogar bezweifeln kann,
ob es überhaupt solche gegeben hat. Immerhin mag eine
Zusammenfassung dessen, was unsere Quellen erkennen
oder durchschimmern lassen, am Platze sein.*)
Den Übergang zum ordentlichen Verfahren konnte jede
Partei, Gläubiger oder Schuldner, wie es scheint, von sich
aus vollziehen (BGU. 970; Lond. II 172 Nr. 358). Freilich
drängt sich gerade hier die Frage auf, ob dies ganz ihrer
Willkür anheimgegeben war und ob dadurch ohne weiteres
das Mahn- und Vollstreckungsverfahren ausgeschaltet oder
wenigstens gehemmt wurde: aber unsere Urkunden geben
in dieser Hinsicht nicht einmal für eine Vermutung ge-
nügenden Anhalt. — Außerdem deuten Spuren darauf hin,
daß die Parteien vom vor den ordentUchen
Erzrichter
Richter verwiesen werden konnten, welch ersterer auch
die geeignete Behörde gewesen sein dürfte, das Vollstrek-
kungsverfahren, wenn nötig, vorläufig zum Stillstand zu
bringen und die erforderlichen einstweiügen Verfügungen
zu treffen (Catt. Verso, S. 109f.).

^) BGU. 226, ,; Lond. II 172 Nr. 358, „f.


Vgl.
Ich begnüge mich hier mit der Verweisung auf die Urkunden,
*)

auf welche ich meine Meinung stütze: die näheren Aasfühiungen sind
in den obigen Darlegimgen enthalten. Auf diese verweise ich auch hin-
sichtlich der Zweifel, die sich bei der Auslegung der Texte ergeben.
118 Paiil Jörs, Erzrichter und Chrematisten.

Der Übergang zum ordentlichen Prozeß scheint in jedem


Stadium des Mahn- und Vollstreckungsverfahrens möglich
gewesen zu sein. In Lond. II 172 wurde er vielleicht schon
nach dem öiaarokTcöv vollzogen (S. 98): mit welchem Erfolg
ist freihch nicht bekannt; in BGÜ. 970 ist bereits eine
evExvoaaia ergangen; im von Catt. Verso scheint das
Falle
ordentliche Verfahren erst nach der ejußaöeia eingeleitet zu
sein, um Übergriffe, die sich der Gläubiger nach Ansicht
des Schuldners bei dieser hatte beikommen lassen, aus-
zugleichen.
Dementsprechend konnte auch der Zweck des Über-
ganges ein verschiedener sein^): Vermeidung des VoUstrek-
kungsverfahrens und Ersetzung durch den ordentlichen
Prozeß (Lond. II 172), Aussetzung des VoUstreckungs-
verfahrens bis zur Erledigung einer Streitfrage, vielleicht
auch der Berechtigung des Gläubigers überhaupt, durch
einen Prozeß (BGU. 970; vgl. S. 96 f.), Berichtigung der
Ergebnisse des Vollstreckungsverfahrens (Catt. Verso; vgl.
S. 112£f.).
man zur Zeit auf diesem Gebiete
Ich glaube nicht, daß
weiter kommen kann: aber doch mußte der Versuch einer
Erklärung des Verhältnisses des Mahn- und Vollstreckungs-
verfahrens zum ordentUchen Verfahren gemacht werden.
(Schluß folgt.)

^) Die hier gegebene A\if Zählung faßt nur das zusammen, was m,an ai

den zur Zeit vorliegenden Quellen entnehmen kann: daß sie erschöpfend
ist, soll nicht behauptet werden. Insbesondere muß von der Frage ab-l
gesehen werden, ob gegen Beschlüsse und Entscheidungen im Voll-!
streckungsverfahren eine Beschwerde oder Berufung an den Statthalter]
zulässig war. Unsere Urkunden bieten, wie schon hervorgehoben, keineni
Anhalt dafür. Doch mag darauf hingewiesen werden, daß auch eine all-|
gemeine dem Erzrichter und den Chrematisten zugewiesene Zuständigkeit!
nicht notwendig so avifgefaßt werden muß, daß sie den Statthalter alsj
höhere Instanz ausgeschlossen hätte.
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Erzrichter und Chrematisten.


Untersuchungen zum Mahn- und Vollstreckungsverfahren
im griechisch-römischen Ägypten.

Von
Herrn Prof. Dr. Paul Jörs
in Wien.
(Fortsetzung. 1 )

VIII. Urkundenvollstreckung und Urteilsvollstreckung.

Dem Verhältnis des Vollstreckungsverfahrens zum or-


dentlichen Verfahren gelten auch die folgenden Untersu-
chungen. Doch betreffen sie die besondere Frage, ob Ein-
richtungen und Vorgänge, die wir bei jenem kennenlernten,
sich auch bei diesem nachweisen lassen: mit anderen Wor-
ten ob und inwieweit die Vollstreckung auf Grund exeku-
:

tiver Urkunden —
man gestatte dafür im folgenden den
,
kürzeren Ausdruck Urkundenvollst^eckung
,
der Voll- —
streckung rechtskräftiger Urteile in das Vermögen des
Schuldners ('Urteilsvollstreckung') gleichsteht. 2 ) Freilich
haben wir hier mit zwei Übelständen zu kämpfen. Einer-
3
seits fließen für die Urteilsvollstreckung ) die Quellen über-

*) Das Manuskript zu der folgenden Abhandlung war schon im


Sommer 1917 eingereicht, konnte aber erst jetzt gedruckt werden. Die
Korrektur mußte ioh an einem Orte erledigen, wo mir wissenschaftliche
Hülfsmittel außer denen, die ich zufällig bei mir hatte, nicht zugäng-
lich waren. So war es mir unmöglich, die neuesten Veröffentlichungen
von Papyrusurkunden und literarischen Werken hineinzuarbeiten.
*) Das ist in der Literatur die, soweit ich sehe, unwidersprochene
Ansicht: vgl. Lewald, Personalexekution 43f. ; Mitteis, Grundzüge 127;
Raape, Verfall des griech. Pfandes 117. 128. Näher untersucht hat
freilich noch niemand diese Frage.
s Vermögen des Schuldners
Über die Urteilsvollstreckung
) in das
vgl. Lewald, Personalexekution 42, 2 ; Schwarz, Hypothek und Hyp-
allagma 70. 96. 99f.; Mitteis, Grundzüge 19ff. 44ff. 158 und Chrest.
S.271 (zu 241, 14 ); Raape, Verfall des griech. Pfandes 104ff. 117; Gra-
denwitz, Erbstreit22f. (Schriften d.wiss. Ges. in Straßburg 1912, Heft 13);
Semeka, Ptol. Prozeßrecht I 51 f., ,. 61f. 81f.; Dikaiomata 170.

Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XL. Rom. Abt. 1


2 Paul Jörs,

haupt recht Weiter aber gehören, worauf schon


spärlich.
öfters hingewiesen werden mußte, die Texte, aus denen
unsere Kenntnis der Urkundenvollstreckung stammt, der
Kaiserzeit an 1 ), so daß die Frage offen bleibt, ob das Ver-
fahren von jeher die Gestalt gehabt hat, in der es uns hier
entgegentritt. Es ist nun gewiß möglich, daß manche
Einzelheiten auf Statthalter, die ändernd oder neugestaltend
eingriffen, zurückzuführen sind. 2 ) Auch ist denkbar, daß
das ganze Verfahren von ihnen oder vielleicht sogar vom
Kaiser einer Revision unterzogen wurde und so eine neue
gesetzliche Grundlage erhielt. Trotzdem ist nicht zu be-
zweifeln, daß, wie oben (XXXVI 256f. 267ff.) näher dar-
gelegt, die wichtigsten Akte des Verfahrens deutlich griechi-
sche Züge aufweisen und darum in die ptolemäische Zeit
zurückreichen. 3 ) Insbesondere ist auch unwahrscheinlich,

x Die einzige in Betracht kommende. Urkunde aus ptolemäischer


)

Zeit Magd. 31 weist für die Hypothek die auch aus den römischen Texten
bekannte ävaveamg und emxaraßöXr) auf. Gehört der Text, was mir
nicht zweifelhaft erscheint, dem Verfahren auf Grund einer exekutiven
Urkunde an, so beweist er dessen Bestehen im Jahre 218 v. Chr. In-
dessen würde seine Benutzung das Eingehen auf das Hypothekenrecht
fordern: außerdem ergibt er nichts für das Verhältnis von Urkunden-
vollstreckung zur Urteilsvollstreckung. Die Urkunde soll deshalb vor-
läufig zurückgestellt werden.
2
) Als Quellen des Vollstreckungsrechts werden bald vö/wi (vö/xi/ia)

(Belege bei Schwarz, Hypothek und Hypallagma 114, ,), bald jigogray-
fiara {jtQoszerayfiiva) (Magd. 31, 3 ; BGU. 578, t-; 1038, 18. ; Oxy. 712,
a :
M
dazu oben XXXVI 334f., 4 ) genannt. Daraus läßt sich nichts Bestimmtes
entnehmen, weder darüber, durch welchen gesetzgeberischen Akt (einen
oder mehrere?), noch zu welcher Zeit die maßgebenden Vorschriften
entstanden sind. Für die 7iqo<;xdyfiaxa in Magd. cit. kommen natürlich nur
königliche Verordnungen in Betracht: bei den ngogretay/idva der anderen
Urkunden liegt der Gedanke an Erlasse der römischen Behörden näher.
8 Beachten muß man, daß das Mahn- und Vollstreckungsverfahren,
)

wie es uns in den Urkunden der ersten drei Jahrhunderte n. Chr. ent-
gegentritt, sich im wesentlichen gleichartig erhalten hat. Man kann
sich das auf verschiedene Weise erklären. Einmal dadurch, daß das
Verfahren nicht nur seinem Grundgedanken, Aufbau und Inhalt nach
auf ptolemäische Quellen zurückgeht — darüber kann, wie gesagt, kein
Zweifel bestehen — sondern daß auch die gesetzliche Norm (eine oder
,

mehrere?), die das Verfahren ordnete, aus der Königszeit stammte und
von den Römern aufrechterhalten und in der Praxis angewandt wurde.
Es kann aber auch sein, daß nur der Rechtsstoff übernommen wurde
Kr/.ri. ht.w und Cliremii'

<la(j dem <liis Verfahren leitenden Kr/.rnhtrr 1


). <l<n dir
Pfändung und Besitzeinweisung verhängenden Chn
und den sie ausführenden Strategen und Qeriohtarolkieherii
diese ihre Aufgaben erst in römieohex /Vit Übertragen \\mi
den sein sollten. Jedenfalls begegnen Bohon In den ältesten
hierher gehörigen Urkunden der aQ%idixa(JT Ixi einen) >'/;

Mahnverfahren im J. 10 v.Chr. (BGU. 1155,, ff.)«) und der


(£evixä>v) 7iQdxx(oQ bei einer ngogßoXtj im J. 16 v. Chr. (BGU.
3
1132, 8
.
16
f.). )

1. Begrenzung der Untersuchung.


Zunächst wird es nötig sein, um geeignete Vergleichungs-
punkte zu gewinnen und Irrwege zu vermeiden, eine g^-

und daß dir für die Folgezeit maßgebende Satzung von den iflOÜ
Behörden aufgestellt milde. Man kannte dabei an das Edikt eines Statt-
halters denken, das von seinen Nachfolgern dauernd festgehalten wurd«-
und wenigstens in seinen Grundzügen keine Abänderung erfuhr,
lieh wäre aber auch, daß schon das Grundgesetz, das Augustus (Dio

51, le f.; vgl. Tac. Ann. 2, M 12, „> Hist. 1. ,,.


T
l lp. D. 1, 17), in dem
man wohl sicher die Unterlagen der seither in Ägypten geltenden Ge-
richtsordnung vermuten darf (vgl. Tac. 12, „, cit.), die nötigen Vorschriften
(insbesondere die über die zuständigen Behörden) enthielt. Die Quellen
sind, soweit ich sehe, mit jeder dieser Auffassungen vereinbar.
x
) Über P. Ryl. 257 berichten die Herausgeber 'Beginning of a
petition adressed to Qitovi iegel äglytioiaoTfi xai] tiqoq rfj im/jeX[elq . . .

]Late first Century B. C. 6 lines.' Da die letzten 30 Jahre


Tiaga xtA.
des ersten Jahrhunderts schon der römischen Zeit angehören, ist damit
zu rechnen, daß dies auch von unserer Urkunde gilt. Wir können also
auch aus ihr keinen Beweis dafür erbringen, daß der bekannte Titel
des Erzrichters schon in ptolemäische Zeit zurückreicht. Vgl. oben
XXXVI 245f. — Aus der Erwähnung des Erzrichteramtes in der Legende
in Oxy. 1381, 8 (Nexavzi [r]<5 di&xovri rdre T17V dß^t^[j>:[a<7 ] Te[ t']a*') kann
überhaupt nichts und namentlich nichts für die vorrömische oder gar
vorptolemäische Zeit, in welche die Erzählung versetzt wird, über die
in dieser Abhandlung behandelten Fragen entnommen werden.
Vgl. dazu Schwarz, Hypothek und Hypallagma 77f.
*)
8
Die Frage, wie weit die Einzelheiten des Verfahrens, insbesondere
)

seine Unterstellung unter den Erzrichter und die Chrematisten der


Hauptstadt in die Königszeit zurückreichen, ob sie sich nicht erst all-
mählich entwickelt haben, läßt sich beim heutigen Stande unserer Quellen
nicht mit genügender Sicherheit beantworten (vgl. oben XXXVT 248 f.).
Auf einige Fragen der Entwicklungsgeschichte werden wir unten (S. 75 ff.)
zurückkommen.
1*
4 Paul Jörs,

nauere Abgrenzung des Gebietes, auf dem wir uns bewegen


müssen, vorzunehmen. 1 )

a) Ausscheidung der Personalexekution.


Behandelt werden kann hier nur die Vollstreckung in
das Vermögen, nicht die gegen die Person des Schuldners. 2 )
Zwar darf man annehmen, daß auch die Urkundenvoll-
streckung zur Personalexekution führen konnte. Dafür
spricht, daß die Exekutivklausel der Verträge, es solle dem
Gläubiger die Betreibung (ngoi-ig) wie aus einem Prozesse
{xa&drcsQ ix öixrjg) gestattet sein, häufig nicht bloß auf das
Vermögen (ix tqjv v7iaQ%6vxoiv), sondern auch auf die Person
des Schuldners (ig avrov rov öedaveia/iivov oder ähnlich)
abgestellt wurde. 3 ) Auch scheint es, daß bei der Vollstrec-
kung gegen die Person ebenso wie bei der in das Vermögen
Verhängung und Ausführung in die Hände von staatlichen
Beamten, vielleicht sogar teilweise der gleichen Beamten
gelegt war.*) Im übrigen aber sind wir über die Einzel-
heiten der Personalexekution 5 ) viel zu wenig unterrichtet,

*) Höchstens zur Unterstützung und als Parallele soll gelegentlich


auf die im folgenden ausgeschlossenen Gebiete und Gegenstände ver-
wiesen werden.
a Vgl. über die Personalexekution
) im griechisch-römischen Ägypten:
Mitteis, Reichsrecht und Völksrecht 447ff. und Grundzüge 20. 44f.
121; Partsch, Griech. Bürgschaftsrecht I 14, v 302ff.; Lewald, Zur
P. E. im Recht der Papyri; Schwarz, Hypothek und Hypallagma 45, t .

&7ff. 90ff.; Dikaiomata 81; Sethe, Abh. d. Gas. d. Wiss. z. Göttingen


(phil.-hist.), N. F. XIV (1913), 96ff.; Wilcken, Arch. f. Pap. VI 200ff.
3
) S. darüber Mitteis, Reichsrecht und Volksrecht 419f., jetzt
Grundzüge 121; Wenger, Arch. f. Pap. II 52f. 498; Kubier, Z. Sav. St.
XXV 276ff.; Pflüger, Nexum und Mancipium 81 ff. Lewald, Personal- ;

exekution 42ff.
So der Zevvxwv tcqoxxoqbq (Teb. 5, 221 f. Rein 19, 17 ). Über die
*) ;

Beamten bei der Vermögens Vollstreckung aus Urkunden


Tätigkeit dieser
s. oben XXXVI 312ff., bei der aus Urteilen unten S. 40f. Den im
Text angeführten Grundsatz der Personalexekution hat namentlich
Lewald (s. Anm. 2) vertreten. Vielleicht galt er nicht für das Sonder-
recht der äywyt/uoi: vgl. Lewald 27ff.: Mitteis, Grundzüge 46. 121f.
5
) Insbesondere auch darüber, ob die Vorschrift des alexandrini-
schen S adtr chts in Hai. 1,
m
U9 f. 7iQa$d[ra) xa&äneQ ex öUtjq ex x[&v
.

vjioqxovtüw, eäv de [xrj exnou)i, xai ex rov ad)/xarog allgemein galt (vgl.
Wenger, Krit. Vierteljahrsschrift LI 359i.). War das der Fall, so mußte
Erzrichter und Chrematisten. 5

alsdaß eine Vergleichung mit dem Mahn- und Vollstrek-


kungs verfahren, das den Gegenstand der vorliegenden Ar-
beit bildet, Erfolg versprechen könnte.

.b) Ausscheidung der Selbstvollstreckung.


In Betracht gezogen werden soll zunächst nur die Voll-
1
streckung durch Behörden, nicht die durch die Partei allein. )

Daß das griechische Recht, ebenso wie ;m<l. re ältere

Rechte, die Urteilsvollstreckung, insbesondere die Pfändung


in Privat prozessen, bis tief in die geschichtliche Zeit hinein
dem Kläger überließ ist bekannt. 2 )
siegreichen So ist ,

es begreiflich, man die Frage der Selbst vollst rek-


daß
kung (Privatpfändung) auch für das griechisch-ägyptische
Recht aufwarf. 3 ) Die bisher hierfür herangezogenen Texte,
insbesondere Lille 8, 7 ff.; Hib. 63, 8 ff.; Teb. 57, führen zu
keinem einwandfreien Ergebnis.*) Auch daß gelegentlich
vom ivexvQatetv Privaten gesprochen wird (BGU.
eines
1170, 67 )
5
), ist allein nicht entscheidend: der Ausdruck

bei der Urkundenvollstreckung durch die 7iaQäöet$iz festgestellt werden,


ob das Vermögen zur Befriedigung des Gläubigers ausreichte: vgl. oben
XXXVI 319.
x
) Am Schlüsse dieses Abschnittes (S. 78ff.), wo es sich darum
handelt, einen Einblick in die geschichtliche Entwicklung des Voll-
streckungsrechtes zu gewinnen, werden wir noch einmal auf die Selbst-
vollstreckung zurückkommen.
») Lipsius, Att. Recht III 947ff.; Hermann-Thalheim,
Vgl.
Griech. Rechtsaltertümer * 131 ff.; Mitteis, Reichsrecht u. Volksrecht

413f. 418f.; Hitzig, Griech. Pfandrecht 56ff. 99ff.; Pappuli as, *Ep-
TtQdyfiaTOQ äotpäXeia lOOff.; Thalheim, Realenzykl. V 2561; Kohler-
Ziebarth, Stadtrecht v. Gortyn 86ff. 131f.; Rabel. Z. Sav. St. XXXVI
356ff.
*) Vgl. Mitteis und Pappulias a. a. 0.; Lewald, Personal-
exekution 42, ,. 43, 4
; Schwarz, Hypothek u. Hypallagma 96, 3 Mitteis, ;

Grundzüge 21; Raape, Verfall d. griech. Pfandes 104ff.


*) Es muß auch darauf hingewiesen werden, daß es hier und in

manchen der folgenden Urkunden, auch wenn man private Pfändung


annehmen will, nicht sicher ist, ob diese auf Grund eines Urteils erfolgte,
ob es sich nicht vielmehr um gesetzlich zulässige oder dafür angesehene
Eigenmacht oder gar um reine Willkür handelte. Vgl. auch unten S. 47, 4 .

») Vielleicht auch Grenf. I 10, 1T nach Ergänzung von Wessely,

Wochenschrift f. klass. PhiL XIII 1139; vgl. Preisigke, Berichtigungs-


liste S. 178.
:

6 Paul Jör«,

wäre auch dann angebracht, wenn der Gläubiger sich staat-


licher Organe bei der Pfändung bedient hätte. 1 ) Größere
Bedeutung kommt den beiden folgenden Urkunden zu.
Zunächst dem ptolemäischen Gesetz über Tierschaden
in Petr. III 26. Hier wird bestimmt, der Eigentümer des
Viehes habe 'dem Geschädigten' den Schaden auf Grund
eines Prozesses (Urteils) (ex XQiaecog) zu ersetzen: vor dem
Prozesse (Urteil), also ohne Prozeß 2 ) aber dürfe 'niemand'
pfänden (tiqö xqloeoyg de jurjftelg evexvQa^drco) wenn 'jemand' :

(rig) gegen diese Vorschrift verstoße, müsse er Buße zahlen

und dem Eigentümer das, was er gepfändet habe, heraus-


geben. Daß man dabei voraussetzte, ein Beamter könnte
ohne Prozeß und Urteil gepfändet haben und müßte des-
halb mit Strafe bedroht werden, ist schwerlich anzunehmen
das Verbot der Pfändung vor dem Urteil wendet sich offen-
bar gegen den Gläubiger selbst. Dann aber ist die Folge-
rung kaum abzuweisen, daß ihm auf Grund des Urteils
die eigenmächtige Pfändung freistand. 3 ) Das um so mehr,
als zum Schlüsse hinzugefügt wird, daß die Beitreibung
der Buße bei ungerechter Pfändung und die Erzwingung
der Herausgabe der Sachen durch den nqdxTcoQ 6 bei rcov
ßaoifax[ß)\v tzqooööow reray^evog erfolgen solle: man sollte
meinen, wäre er oder ein anderer Praktor auch vorher ge-
meint, so hätte er auch dort genannt werden müssen.
Weiter Hai. 1, 234—241- Wenn hier ganz allgemein vom
'Pfändenden' gesprochen und er als 'jemand' oder 'einer'
bezeichnet wird ( 238 [i]äv de ng e[vexvQaor}i ]; 240 MV^ —
elg ivexvQaCerco', 241 earmaav oi rj[vex(vQax)6r]eg),
[v]jiödtxoi
so ist die nächstliegende Erklärung, daß dabei an Private
gedacht ist 4 ), oder doch, daß die Vorschriften sie" mit um-

x
) Auch heute sagen wir "der Gläubiger hat gepfändet' statt 'durch
den Gerichtsvollzieher pfänden lassen'.
2 Parts ch, Griech. Bürgschaft I 221,
) Vgl. 2.
3 Strafdrohungen eines Gesetzes wegen ungerechtfertigter Pfän-
)

dung müssen überhaupt als gegen den Gläubiger gerichtet angesehen


werden. Vgl. das Gortyner Gesetz Rec. d. Inscr. jur. I S. 401 f. bei D
(= Kohler-Ziebarth, Stadtr. v. Gortyn S. 38 bei I).

4 Der Plural örj/noffi€v[excoyrav zwingt uns nicht, an eine Be-


) ( 238 )

hörde zu denken, die den Verkauf besorgt hätte. Er wird auch nachher
Ererichter und Chrematisten. 7

faßten: wären Beamte allein gemeint, so wäre auch hier


nicht einzusehen, warum Geradesie nicht genannt waren.
im alexandrinischen Stadtrecht, das ja so viele Züge alt-
griechischen Rechts bewahrt hat, wäre die Privatpfändung
begreiflich. Indessen ist zu beachten, daß in Hai. I wieder-
holt ein ngdxTcoQ bei der Vollstreckung erwähnt wird 1 ):

gebraucht, wo ganz allgemein die ungesetzlich Pfändenden mit Strafe


bedroht werden ( 1Jt ).

l
) Hai. 1, 47 ff. M f. Hier ist zu beachten, daß der jxqöxtcjq (oder
üjtrjQixiji) für die Vollstreckung des Prozesses zu sorgen hatte, in dem
die angefochtene Zeugenaussage gemacht war. Da ein solches Zeugnis
in jedem beliebigen Prozesse vorkommen konnte, muß man den hier
genannten ji^öxxwq als allgemeines Vollatreckungsorgan ansehen. 8. ferner
Hai. 1, ti ff. n »f., wo der jtgdxxcoQ (oder tfcnjß^rtjc) von dem bei der dlxt)
,

Oßgeiog (usw.) unterlegenen Kläger die diesem obliegende Bußzahlung


beitreiben soll xa&druQ iy dbeqq und, wenn sie nicht ausreicht, bc xov
otbfiaros vollstrecken soll. Von einer Person alezekution (TiaeaXafißäyetv)
durch den Tigdxnüo ist außerdem noch in Hai. 1, die Rede. Auf keinenm
Fall darf man in Hai. 1, m
die &eofiotpvAaxes, von denen es heißt dva-
yQa]tp£x(ooav — xftv] fae%voao(\a*] als ausführendes Organ, das die Pfän-
dung vollzog, ansehen. Denn weder der Name, noch was wir sonst über
diese Beamten erfahren (vgl. Thukyd. 5, 47, ,; Diodor. 6, 67, 4 P. Fay. ;

22, [J. u ) würde damit in Einklang stehen. Und doch dürfte es schwer
sein, jener Annahme zu entgehen, wenn man Mitteis' Auslegung der
Worte ( tt0 ) dvayQdyphcoaav ol &eofio<pvAax{es] ti)(V] ivexvoaal\ai\ von
Pfändungsprotokollen verstehen wollte: Denn das Protokoll müßte doch
wohl, wie heutzutage (C. P. O. 762), von demjenigen aufgenommen wer-
den, der die Pfändung vornahm. Wir haben jetzt zu dem ävayodtpeiv
des P. Hai. cit. eine interessante Parallele in der Inschrift des Delphinion
zu Milet (147, M ff.): xai ivexvgaalav elvai xaxä xwfi fit) dövxwv tiqös dwAd-
atov enl xov xafiteiov . rdg öi ivexvoaoia; dvayga<pix<o 6 ygatpei* xöjv xcyiiajv
indvayxes . xd$ öi Afoetg xütv ivexvoajv ylyveo&ai iv xalq laaiq ^ftioeug xxX.
Meines Erachtens handelt es sich in beiden Fällen um eine Kundmachung
der erfolgten Pfändung, die denselben Zweck verfolgte, wie die bekannte
Vorschrift der Zwölf Tafeln (III 5) über die Personalexekution bei Gell.
20, 1, 47 : trinis nundinis continuia ad praetorem in comitium pro-
ducebantur, quaniaeque peeuniae iudicati essent praedicabatur.
, Dort
durch geschriebenen Aushang, hier durch mündlichen Ausruf wurde
Schuldner und Schuld zur öffentlichen Kenntnis gebracht, offenbar
damit es gelänge, einen Zahler zu finden, der die Vollstreckung vom
Haupte oder der Habe des Schuldners abwende. Bei der Pfändung
von Sachen spielte wohl auch der Gedanke mit, durch die Kundmachung
Dritten Gelegenheit zu geben, ihre Rechte, vor allem ihr Eigentum an
den Sachen geltend zu machen. Darauf scheint die i$topoola in Hib-
8 Paul Jörs,

fremd war er also dem Gesetze jedenfalls nicht. Vielleicht


lag auch hier die Sache so, daß die Pfändung zwar durch
den Praktor ausgeführt werden mußte, daß dieser aber
nicht, wie regelmäßig in den aus der %&qa bekannten Fällen,
von einer Behörde 1 ), sondern unmittelbar von der Partei
den Auftrag erhielt, das erstrittene Urteil zu vollziehen.
Auf diese Weise wäre es verständlich, daß der Gläubiger
auch bei Mitwirkung des Gerichtsvollziehers als Pfandneh-
mer und Pfandverkäufer erschien und die Folgen der tpevd-
svexvgaaia ( 24 i) zu tragen hatte.
Es bleiben also Zweifel übrig, ob und in welchem Umfange
in der älteren ptolemäischen Zeit eine Privatvollstreckung
Rechtens war. Für unsere Vergleichung zwischen Urkunden-
und Urteilsvollstreckung aber kommt die eigenmächtige
Beitreibung der Schuld durch den Gläubiger auf jeden Fall
nicht in Betracht. Denn wenn es auch wahrscheinlich ist,
daß im griechischen Rechtsgebiete auch bei der exekutiven
Urkunde Selbstvollstreckung durch den Gläubiger statt-
gefunden hat 2 ), so ist doch das Mahn- und Vollstreckungs-
verfahren, das uns in den Urkunden Ägyptens entgegentritt,
überall an die Zulassung durch Gerichtsbehörden und die
Ausführung durch staatliche Organe gebunden. Wir würden
also für die Urkundenvollstreckung kein Material zur Ver-
fügung haben, auf das wir uns bei einer Vergleichung stützen
könnten.

32, 17 f. (Chrest. II 37) zu deuten: und das um so mehr, wenn Mitteis'


ansprechende Ergänzung (&) tpdfxevoq av[rov elvai] richtig ist. Jedenfalls
ist Menippos, der den Eid leistete, weder Gläubiger (vgl. ), noch Schuld-
2
ner (vgl. 6 ). So dürfte in der schon von Lewald (Personalexekution 42, 8 )
hiermit in Verbindung gebrachten pergamenischen Inschrift bei Ditten-
berger, Or. gr. Insc. 483, 78 ff. das evexygaaiav xldeodw Jigog rot)g doxv-
vöfiovg denselben Zweck der Kundmachung der Pfändung verfolgen
wie das ävay(>d<peiv in Alexandrien: der Verkauf der gepfändeten Sachen
durfte erst stattfinden: idv pirj&eig e£o/MOr)zcu iv rj/iegats nevre xä iveyv-
Qao&ivra. Vgl. Hitzig, Z. Sav. St. XXVI 437ff. 483; Rabel, Z. Sav. St.
XXXVI 362f.
x
) Sie soll im folgenden als 'Vollstreckungsrichter' bezeichnet
werden. Vgl. S. 18 ff.
8
) S. darüber Mitteis, Reichsrecht u. Volksrecht 418ff. Vgl.
auch unten S. 78. 82.
Erzrichter und Chrematisten. 9

o) Ausscheidung des vorläufigen Rechtsschutzes.


Abzusehen ist schließlich von den Fällen, in denen zu-
nächst nicht die Hilfe des ordentlichen Gerichts begehrt
wurde, sondern vorerst Beamte angerufen wurden, um durch
ihr Ansehen und ihre Amtsmacht, nötigenfalls auch durch
Zwangsmittel, auf den Gegner einzuwirken. Man hat liier
von polizeilichem, schieds- oder friedensrichterlichem Rechts-
schutz gesprochen da aber mit diesen Bezeichnungen sich
:

leicht moderne Vorstellungen verbinden, die auf jene Fälle


nicht oder nur teilweise zutreffen, ist vielleicht der, wenn
auch farblosere Ausdruck vorläufiger Rechtsschutz vorzu-
ziehen. Denn darauf ist der Nachdruck zu legen, daß der
Kläger, der sich an den Beamten wandte, damit nicht auf
die gerichtliche Verhandlung verzichtete er hoffte nur, auf
:

dem von ihm eingeschlagenen Wege schneller das zu er-


reichen, was er erstrebte (Leistung oder Abwehr).
Für die ptolemäische Zeit bilden das bekannteste Bei-
Urkunden von Magdola (Lille II), in welchen
spiel 1 ) die
die Hilfe des Strategenund Dorfvorstehers (hnor&xriQ) in
der angegebenen Weise begehrt wird. 2 ) Der Beklagte sollte
durch das Vorverfahren dazu gebracht werden, sich dem
Ansprüche des Klägers zu unterwerfen. Tat er das, so
war die Sache auf dem Wege der didXvaig erledigt 3 ): zum
elgdyeiv und xqlveiv, also zum Prozeß vor dem zuständigen
Gericht (Xaoxgirai, xoivodixtov, xa&fjxov xqit^qxov) kam es
nicht. Andersfalls wurde die Sache vor dieses Gericht ver-
wiesen, damit es das Urteil spreche.

l
) Über andere hierher gehörende Urkunden s. unten S. 20, ,.

•) Urkunden und die hier berührten Fragen Tauben-


Vgl. über diese
schlag, Arch. f. Pap. IV lff.; Zucker, PhiloL SuppL XII 6ff.; Mitteis,
Grundzüge 14ff.; Lesquier in P. Lille. II S. 22f£.; Semeka, Ptol.
Prozeßrecht I 47 ff.
•) Über die Frage, ob aus der öidXvoig eine Vollstreckung wie aus

einem rechtskräftigen Urteile hergeleitet werden konnte, s. unten S. 21, v


Für unsere Vergleichung zwischen Urkunden- und Urteilsvollstreckung
trägt ihre Beantwortung nichts aus, denn weder wissen wir etwas über
die Form, in der die öidAtmg sich vollzog, noch ist etwas über Maßregeln
zu ihrer zwangsweisen Durchführung bekannt. Stoff für unser Thema
können wir also auf keinen Fall aus ihr entnehmen.
10 Paul Jörs,

Ebensowenig ist ein vollstreckungsfähiges Urteil an-


zunehmen, wenn in römischer Zeit von Epistrategen, Stra-
tegen und anderen Beamten Zwangsmaßregeln gegen den
Beklagten begehrt und gelegentlich auch von ihnen ver-
hängt werden. Auch hier ist der leitende Gedanke, der
Beklagte werde sich der Amtsgewalt fügen, und es werde
nicht nötig sein, den Gerichtsherrn (Statthalter) anzurufen. 1 )

*) Näheres hierübera. bei Mitteis, Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss.

(phil.-hist.) LXII76 ff. (mit Belegen) und Grundzüge 34f.; Martin,


Epistrateges 157 ff.; Partsch, Arch. f. Pap. V526f. Auch BGU. 168, „ff.
(Chrest. II 121) istmeines Erachtens mit Recht von Mitteis hierher
gezogen, während Partsch
die Frage offenlassen will, ob der Strateg
nicht bei sofortigem Anerkenntnis des Betroffenen zu Vollstreckungs-
handlungen befugt war. Apollinarios hatte als ngööucog zweier Unmündiger
mit Thatres vor dem Strategen gestritten: dieser hatte von dem in Frage
stehenden Nachlaß des Großvaters der Kinder dem Kläger A._ Sklaven
übergeben (jiaQaöovg), im übrigen aber der Gegnerin die Herausgabe
anbefohlen (ixi[X]ev[ae]v ävxtxazaozrjvai (tot xfp> ivöopeviav xai [r]&v
vn[aQ]x6vr[(ov] (wohl Grundstücke) ävTiAaßio&ai Der Grund dieser
jie).

verschiedenen Behandlung der Sachen ist aus der Urkunde nicht er-
sichtlich.Wollte man ein Anerkenntnis der Beklagten (Th.) unterstellen
und die Übergabe der Sklaven als das Ergebnis einer Vollstreckungs-
handlung ansehen, so müßte man doch auch die Anordnung der Heraus-
gabe des übrigen Vermögens als Vollstreckungsbefehl auffassen, also
annehmen, daß der Sprach des Strategen in vollem Umfange der Rechts-
kraft fähig war. Damit läßt sich aber der weitere Verlauf des Rechts-
Einklang bringen. Zunächst unterliegt schon die Meinung,
streits nicht in
Thatres habe den Ansprach des Klägers (A.) anerkannt, einem erheb-
lichen Bedenken. Wie ihr Gegner die Sache darstellt, erfuhr sie erst
nachträglich von dem Einschreiten des Strategen — daß imyvovoa ( u i.)
so verstanden werden muß, verlangt der Parallelismus mit dem zweiten,
auf lulius Valerius bezüglichen imyvovg ( Ie )
— Ob das dadurch zu er-
.

klären daß sie an der Verhandlung gar nicht teilgenommen hatte,


ist,
oder dadurch, daß -sie sich hatte vertreten lassen und nun erst Kunde
muß dahingestellt bleiben. Jedenfalls leistete sie nun unter Zu-
erhielt,
ziehung eines Beistandes dem Spruche des Strategen Widerstand, und
es kam zu neuen Verhandlungen —
der Wechsel der Magistrate ist, da
alle, die hier genannt werden, keine selbständige Gerichtsbarkeit hatten,
für unsere Frage unerheblich — Dieses weitere Verfahren aber betrifft
.

das ganze streitige Vermögen einschließlich der Sklaven (vgl. „) und


auch hier zeigt sich, daß kein Anerkenntnis der Thatres vorhergegangen
ist. Denn sonst wäre es unverständlich, daß Apollinarios sich jetzt nicht

nur nicht darauf beruft, sondern vielmehr ausdrücklich hervorhebt ( ),


18
daß er durch das Verhalten der Gegnerin gezwungen werde, von seiner
Erzrichter und Chiemat inten. 11

In diesen Zusammenhang gehören schließlich auch die oben


(XXXIX r
C. )ff.) behandelten Urkunden Straß b. 5; Oxy. 71;

Flor. 36; Amh. 142; Oxy. 1470; Berl. Inv. 2745 ^ aus
dein dritten bis fünften Jahrhundert n.Chr. In ihnen wird,
Wie wir sahen, der Statthalter ersucht, er möge einem
untergeordneten Beamten (a.a.O. 67, s 68, 4 ) aufgeben, den
.

Beklagten zu 'zwingen', der Forderung des Klägers gerecht


zu werden. Nur für den Fall, daß sich der Beklagte nicht
fügt,wird ihm der Prozeß vor dem Statthalter in Aussicht
gestellt.Bemerkenswert ist, daß unter den Zwangsmitteln
in einem Falle sogar die pignoris capio, also die gleiche
Maßregel erscheint, mit welcher die Urteilsvollstreckung
durchgeführt wurde.*) Ob sie vom Statthalter so, wie sie
beantragt war, zugelassen wurde, wissen wir nicht: geschah
es, so konnte sie beim Widerspruche des Beklagten gewiß
nicht ohne weiteres zum Verkaufe des Pfandes führen,
sondern mußte sie zum mindesten in der Schwebe bleiben,
bis das Urteil eine Entscheidung gebracht hatte. Offenbar
sollte durch diese Pfändung ein möglichst starker Druck auf
den Beklagten ausgeübt werden, die Klägerin nicht länger
hinzuhalten, sondern Zahlung zu leisten oder den Prozeß
vor dem Statthalter auf sich zu nehmen. 3 ) Eine Besonder -

Seite aus von neuem gegen sie vorzugehen. Meiner Auffassung nach
hat der erste Spruch des Strategen (auch hinsichtlich der Sklaven) nur
die Bedeutung einer vorläufigen Regelung des Besitzes, und nur in dieser
Beziehung wird er auch in den späteren Stadien des Verfahrens aufrecht-
erhalten (27)- Über die Frage der Berechtigung zu der Erbschaft, die
offenbar auch Thatres für sich in Anspruch nahm (vgl. 7 f.) und damit
auch des Eigentums an den Sklaven, hat der Strateg keine Entscheidung
abgegeben.
x
) Text bei Mitteis, Leipziger Dekanatsprogramm (Lauhn) S. 6f.

und in Preisigkes Sammelbuch 5357.


*) Oxy. 71, 18 f. (Chrest. II 62): /*er' ivey vQOj» Xrjuyeax;.
w
Auch in
anderen der hier behandelten Fälle vorläufigen magistratlichen Ein-
greifens kann ein Zwang durch gleiche Maßregeln wie bei der Vollstreckung
gemeint und angewandt sein. Dabei mag im großen und ganzen das
für die Urteilsvollstreckung bestehende gesetzliche Verfahren eingehalten
worden sein: nur mußten die der Befriedigung des Gläubigers gelten-
den Maßregeln wegfallen (s. den Text).
8 Vgl. hierzu (mit zum Teil abweichenden Erklärungen von Oxy. 71):
)

Wenger, Rechtshist. Papyrusforschungen 125; Mitteis, Ber. d. Sache.


12 Paul Jörg,

heit dieser Gruppe von Urkunden liegt darin, daß die Unter-
beamten vom Statthalter, also von dem ordentlichen Pro-
zeßrichter angewiesen werden sollen, den Zwang auf den
Beklagten auszuüben. In früheren Zeiten scheinen die
Strategen (usw.) im allgemeinen ermächtigt gewesen zu
sein, eine Vermittlung in der angedeuteten Weise unter
den Parteien vorzunehmen, während ihnen jetzt —unser
ältestes Beispiel, Straßb. 5, ist vom Jahre 262 n. Chr. —
ein besonderer Auftrag dazu erteilt wurde. Es ist nicht
unmöglich, daß wir hier die Ausläufer einer von der öidXvaig
des griechischen Rechts ausgehenden Entwicklung vor uns
haben.
2. Vollstreckungsklausel.
Das Recht zur Urkundenvollstreckung gründet sich
regelmäßig auf die bekannte Klausel, mittels deren der
Schuldner für den Fall, daß er seinen Vertragspflichten
nicht nachkommt, dem Gläubiger das Recht zum ngdaaeiv
xa&cbzeg ex öixrjs einräumt. 1 ) Die Urkundenvollstreckung
wird also an die Urteilsvollstreckung angelehnt. Das Urteil
erscheint hierbei als die normale Grundlage der Vollstrek-
kung die Vereinbarung der Parteien in einer Schuldurkunde
:

ebenso auslösen wie das Urteil des Richters. Da


soll diese
die Klausel in gleicher oder ähnlicher Fassung auch in
Athen, auf den ägäischen Inseln und in Vorderasien be-
kannt war 2 ) und sich bis in das vierte Jahrhundert zu-

Ges. d. Wiss. (phil.-hist.) LXII 78. 109 und Chrest. S. 69; Schwarz,
Hypothek u. Hypallagma 92f.; Partsch, Arch. f. Pap. V 526f.
l Die Literatur über die
) Klausel Mitteis, Grundzüge 119
ist bei
zusammengestellt: hinzugekommen ist Schwarz, Hypothek
u. Hypal-
lagma 69ff. Besonders bezeichnend ist die Formulierung in unserer
ältesten Urkunde Eleph. 1, la (Chrest. II 283): xa&dmeg ey öbctjg xaxä
vopov xihx; &%ovor\s. Sie findet sich auch außerhalb Ägyptens in den Dar-
lehnsverträgen von Arkesine auf Amorgos IG XII (7) 67, „f. ^f.
71 ff.
<Rec. d. Inscr. grecq. I S. 313f.). Beachtenswert ist auch, daß in dieser
Urkunde (Z. 68 72 ) und ebenso IG XII (7) 69,
.
18 [ n ]. u (Rec. S. 316f.)
.

der Gerichtshof, der für Prozeß und Urteil in Betracht gekommen wäre,
genannt ist: iv xfji itcxk^rcoi (vgl. Keil in Gercke-Norden, Einleitung
in die Altertumswissenschaft III 363 ff.).
») Die Texte sind bei Mitteis, Reichsrecht u. Volksrecht 405ff.

aufgeführt (vgl. dazu Braßloff, Zur Kenntnis des Volksrechtes 3ff.;


Erzrichter und Chrcmatiaten. 13

rückverfolgen läßt, ist klar, daß auch die dadurch zum

Ausdruck gebrachte- Anschauung nicht erst in Ägypten ent-


standen, sondern aus einem älteren griechischen Rechts-
gebiet übernommen ist.
1
) Indessen hilft uns die Voll-
streckungsklausel für die Beantwortung der uns hier be-
schäftigenden Frage wenig. Sie besagt nur, daß die Ur-
kunde ebenso wie ein Urteil zur Vollstreckung berechtigen
soll. Ob damit weiter gemeint ist, die Vollstreckung müsse

in dem einen wie in dem anderen Falle in derselben Weise,


also mit denselben Mitteln und unter Mitwirkung derselben
Behörden vollzogen werden, läßt sich aus dem Wortlaut
der uns bekannt gewordenen Formeln nicht entnehmen.*)
Als selbstverständlich darf das zum mindesten für das
griechische Ägypten nicht unterstellt werden.
Noch eine andere auf die Vollstreckung hinweisende
Klausel 3 ) findet sich in rechtsgeschichtlichen Urkunden der

P a r t a c h Bürgschaft 1 22 lff und d io Herausgeber des Recueil I S. 334 f


, .
. , 4 ).
Hinzugekommen ist die Inschrift aus Iasos in Karien Rev. d. Et. grecq. VI
S. 171 Nr. 7, ,ff. : ditfixtiadroxiav xo atiro JiQ6<^xi\nov rolg. xAqgovo/iOtc
rote <PaivhtJWV, xfjg 7i(>d.[£eu>]s [oxxrr)]<; xot' afaätv xa&ibieQ ix öixrji;.

*) Es erübrigt darum, hier auf die Frage einzugehen, ob die ge-


kennzeichnete Anschauung dem älteren, die Pfändung beherrschenden
Reohtsgedanken entspricht: vgl. darüber Rabel, Z. Sav.St. XXXVI
358ff. Auch wenn es richtig ist, daß noch das hellenistische Recht von
der Auffassung beherrscht war, daß das Urteil nicht das Pfandrecht
schaffe, sondern bloß zur Pfändung ermächtige, so läßt sich doch nicht
verkennen, daß der Schuldner, der sich der Vollstreckung 'wie aus einem
Prozeß' — oder noch deutlicher 'als ob er einen Prozeß verloren hätte*
(xafrdjieQ dbcrjv oxpkrpccög) — unterwarf, dem Gläubiger damit durch
Vertrag die Ermächtigung erteilte, welche diesem ein obsiegendes Urteil
hätte geben können. Übrigens ist denkbar, daß die vertragsmäßige
Unterwerfung unter die Vollstreckung nicht immer die hier behandelte
Form gehabt hat. Wir werden gleich der Frage nähertreten, ob nicht
auch zu der Zeit, aus der sie uns bezeugt ist, der Urkunde in anderer
Weise Vollstreckbarkeit beigelegt werden konnte. Ist sie zu bejahen,
so darf man die von dem Urteil absehende Formulierung vielleicht als
die ältere ansehen. Aber es ist hierbei zu vieles unsicher, als daß man
auch nur eine Vermutung aussprechen könnte.
*) Auch darüber, ob die Urkundenvollstreckung in ihrem Her-

gange der Urteilsvollstreckung nachgebildet war, ob also teilweise Gleich-


heit bestand, sagt uns die Klausel allein nichts.
8
) Im übrigen liegt die Frage, ob es eine notwendige Voraussetzung
für das Vollstreckungsverfahren war, daß die Schulduxkunde eine Voll-
14 Paul Jörs,

älteren ptolemäischen Zeit. 1 ) Für den Fall bestimmten


vertragswidrigen Verhaltens 2 ) wird nämlich der dadurch
geschädigten Partei das Recht zur Vollstreckung nach Maß-
gabe des öidyQaftßa, d. h. der altptolemäischen, bis zum
Jahre 262 v. Chr. hinauf zu verfolgenden Gerichtsordnung 3 )
zugesprochen. So z. B. Hib. 90, 15 f. xal rj ngä$[iQ $a]rco :

AioÖd)Q(i)t TtaQo. EvxQarovg 7iQ<x(ra(ö)vri xarä ro didygafifMi.

Auch hierzu finden sich Seitenstücke außerhalb Ägyptens.


Im Darlehn der Nikareta (I G. VII 3172, 27 ff.)*) heißt es
betreffs der Schuldner iäv de pr) a7ipöcoo[i], TtQäx^cfovrai

Streckungsklausel enthielt, außerhalb des Bereiches meiner Untersuchun-


gen. darüber Mitteis, Grundzüge 123f. und Z. Sav. St. XXXII 486;
S.
Schwarz, Hypothek u. Hypallagma 71ff. Freese, Griech.-aeg. Rechts- ;

leben 19f., „. Wenn oben XXXVI 291, 3 von einer Prüfung der Völl-
streckungsklausel gesprochen wurde, so sollte damit nicht zu dieser
Frage Stellung genommen werden: für den Beweis kam die Klausel
auf jeden Fall in Betracht.
1
) Es sind zeitlich geordnet: Hib. 92, 22 (263 v. Chr.); Hib. 88, u f.
91, 18 89, 18 90, 16 ; Hamb. 26, s ; Grad. 10 (a), i0 (b), 4 it ; Amh. 43, , 4
. . . .

(173 v. Chr.), hier in der Form TiQdaaovri xaxä xö öuxyQa/ifia xal xovg
vöfiovg.
2 Die Voraussetzungen sind recht verschieden: Ausbleiben der
)

vereinbarten Lieferung von Getreide oder Geldzahlung (Hib. 88. 89. 90,
Amh. 43), Nichtgestellung des Beklagten durch die Bürgen (Hib. 92),
Zurückgreifen auf den beglichenen Anspruch (Grad. 10). Über Hib. 91
und Hamb. 26 vgl. Meyer zur letzteren Urkunde in der Ausgabe S. 112f.
Zu beachten ist, daß in diesen älteren Urkunden im Gegensatz zu den
späteren (S. 17f., ,) der Fall, daß das Sidyga^ua mit Verzugszinsen in
Verbindung gebracht wird, nicht begegnet.
8
) Vgl. dazu Lewald, Personalexekution 31; Schubart, Arch.
f.Pap. V68f., a Mitteis, Grundzüge 1; Dikaiomata S. 42 f. 46. 58.
;

In Hib. 84, M (Chrest. II 131) vom Jahre 285 v. Chr. lautet die Klausel:
xai fi 7iQ<x!;is iaxo) TifiOKkel — — nQcujaovTi tq6jkoi ä>i äv ßotffajTcu. Damit
soll indesseh schwerlich der Willkür Raum gegeben werden. Auch im
Darlehn der Nikareta (I G. 3172, 84 f.) heißt es: ngaaaovaiji 8v äv tqötkw
ßovhjtat: Da
aber vorher den Schuldnern in Aussicht gestellt ist Tigax^hj-
4Xovxou xaxä xdv vö/iov, ist klar, daß der Gläubigerin nur Freiheit im Rahmen
des Gesetzes eingeräumt wird. So wird auch Hib. 84 cit. aufzufassen
sein. Vgl. auch I G. XII (7), 67, &. 69, w f. (Arkesine) tqojkoi &i äv tnl-
crttjxcu, zweites Notstandsgesetz von Epheaoe <0 (Rec. d. Inscr. jur.)
tq6jkdi &i äv dvvo/vxat.

*) Orchomenos, Ende des dritten oder Anfang des zweiten Jahr-


hunderts v. Chr. Abdruck im Rec. d. Inscr. jur. grecq. I S. 282.
Iltei imi<1 Chn-mat 15

xaxä xöv v6pov. Ähnlich wird in dem auf Grund des Testa-
mentes der Epiktcta ergangenen Ntiftbrief (I G. XII (3),
330, 144 f.) ) die Eintreibung der festgesetzten Bußen mit
1

den Worten angeordnet: ngaaaia&o> xaxä [xoq] v6po<; —


oder ( 161 ff): nga^axat avxöv [6] ägxvxfjg (Verwalter der Stif-
tung) xai $ve%vgaaxo<; [f\ax(o (Schuldner) avxioi [x]axä xo<;
(ähnlich tl8 ff- 237 ^- »«*•)• Auch den Darlehnsvertrag
v6pLo<;

des Praxikles darf man wohl hierherstellen, da in ihm auf


den Rechtshilfe vertrag zwischen Naxos und Arkesine 2 ),
dessen Vorschriften für den Prozeß maßgebend sein wür-
s
den, hingewiesen wird (I G. XII (7), 67, 47 f. M f.
71 f) ):

xa&djteg ix d(xi]t; xiXog ixovoyt; xaxä xo avfxßoXov xo Na£Uov


xai 'Agxeoiviwv. Die letztere Formel ist deswegen wichtig,
weil sie nicht wie die der vorgenannten Inschriften das
Gesetz oder die Gesetze im allgemeinen, sondern wie das
ptolemäische ngäaaeiv xaxä xo didyga/ufta eine bestimmte
Rechtsordnung namhaft macht.
Im letztgenannten Falle haben wir, da der Vertrag
die Klauseln xa&äjieg £y dixrjg und xa&äjieg dixrjv dxpXrjxo-
xan> enthält, zweifellos eine Exekutivurkunde vor uns. 4 )
Trotz des Fehlens dieser Worte darf man aber auch in

*) Thera, etwa aus gleicher Zeit wie die vorige Inschrift. Abdruck
im Rec. d. Inscr. jur. II 77ff. ; Laum. Stiftungen II 43ff.

•) Vgl. Mitteis, Reichsrecht u. Volksrecht 408.

») Arkesine auf Ainorgos, Anfang des zweiten Jahrhunderts v. Chr.


*
Abdruck im Rec. d. Inscr. jur. I S. 313f. und bei Dittenberger, Syll.

517. Vgl. auch die Inschrift aus Ephesos (104 n. Chr.) in Anc. greek
Inscr. of the Brit. Mus. III 481, ^ff. (= Laum, Stiftungen II S. 85):
die Erben des Stifters sollen das Stiftungskapital auszahlen und dabei
der Vollstreckung unterliegen nach Maßgabe der für das Tempelvermögen
der Artemis und der für ausgeliehene Darlehen bei den Stadtälteren
geltenden Grundsätze: vnoxeifievojv avxütv xjj ngd^ei xaxä xä ieqä xrjg
öeov xai xä nagä xoZq 7iQesßvx£(Kug exdavtoxtxa evyoatpa. Ferner Rec. d.
inscr. jur. XIII (4) (I S. 248) aus Mylasa: 'H de Ji^iq iaxai xov <pÖQov
bcäaxov hovg xov; yivo^evoiq xa/jUau; xijg <pvXrjg ngdaaovai xaxä xöv mikr\-
rtxov vöfiov nagä xov exovxog a&id. Laum, Stiftungen 129, 63 (II S. 120)
aus Milet: elvai öe atJtc&r xai [jiq] jiqö£iv xov jmo&ov xolq Ttaiöoxolßaig xai
yQOfifiaxoöiöaoxdAois xaxä xöv äyoQavopuxov vöfwv. Erstes Notstandsgesetz
von Ephesos: Rec. d. inscr. jur. IV 57 f. (I S. 26): &rrd>cw avxoü; rag
7tQä£euz tos nQofriaQXOvoai; xaxä zovg [vö/iovg.

*) Vgl dazu jetzt auch Rabel, Z. Sav. St. XXXVI 365ff.


16 Paul Jörs,

den anderen hier angeführten Inschriften sowie in den


ptolemäischen Urkunden, von denen wir ausgingen, zum
mindesten die Möglichkeit in Betracht ziehen, daß auch
1
in ihnen Urkundenvollstreckung gemeint war. ) Trifft das
zu, so kann die Verweisung auf das didyQafifia um uns —
auf dieses zu beschränken 2 ) —
einen zwiefachen Sinn haben.

x
) Bedenken äußert in dieser Hinsicht Mitteis sowohl bei dem
Darlehn der Nikareta und der Stiftung der Epikteta (Reichsrecht u.
Volksrecht 416, 8 ), als auch hinsichtlich des Tigdaaeiv xaxd xö didygafi/xa
der ptolemäischen Verträge (Grundzüge 120). In betreff der ersteren
Urkunden ist ihm Hitzig (Griech. Pfandrecht 60ff.) entgegengetreten
(vgl. auch die Herausgeber des Recueil I 299f.); die letzteren sehen Wen-
ger (Arch. f. Pap. II 53) und Partach (Griech. Bürgschaftsrecht I 225)
als Exekutivurkunden an. Vgl. zu der Frage auch Schwarz, Hypothek
u. Hypallagma 71 ff.). Darüber, daß das Wort Tigdaaeiv allein nicht aus-
schlaggebend ist, ist man einig. Aber mit Re cht hat meines Erachtens
Hitzig hervorgehoben, daß das Recht zum Tigdaaeiv, wenn dieses in rechts-
geschäftlichen Urkunden als Folge eines bei Nichterfüllung zu erwirken-
den Urteils gedacht gewesen wäre, doch wohl selbstverständlich war und
dem Gläubiger nicht erst hätte zugesichert werden müssen. Für das
öidygafifia sollte man das um so mehr annehmen, als dieses offenbar
für die Urteilsvollstreckung die allgemeine Re chtsordnung darstellte
(vgl. S. 17, 2 )- In betreff des Darlehns der Nikareta ist zu beachten,
daß auch die weiteren in dieser Angelegenheit ergangenen Aktenstücke
nirgends auf Prozeß und Urteil hindeuten, daß insbesondere Z. 43 ff.
(Rec. I S. 509) nur vom ngdxxeiv auf Grund der ovnegafieglat und der
avyygatpri die Rede ist. Im Stiftbrief von Thera ist den im Text an-
geführten Stellen gegenüberzustellen Z. 221 ff- ' hier, wo es sich um die Ein-
treibung von Nachlaßforderungen handelt, wird bloß vom Tigdaaeiv des
dgxvxr\g ohne die dort gebrauchten Zusätze gesprochen: offenbar, weil
eine Verfolgung der Ansprüche im gewöhnlichen Prozeßwege gemeint
war. — Trotz alledem darf man in den oben angeführten Stellen nur
die Möglichkeit oder höchstens Wahrscheinlichkeit einer Auslegung im
Sinne der Urkundenvollstreckung behaupten. Wie sehr Vorsicht ge-
boten ist, zeigt eine Inschrift aus Iulis auf Keos (I G. XII (5) 595, n ^ff.),
wo —freilich in einem Rats- und Volks beschluß — in betreff der Bei-
treibung von Strafgeldern bestimmt wird 01 de &eono[<pvhixe<; xi/iTjadvxcov
:

etil xcöi el<za\yyeX$evxi fivglag ögaxfidg tegdg (dem Apollon), ig[ayövxcov öe

avxöv elg xö öttcdjax^giov — [— tcal elgagagdvxow avxöv xax]ä xöv vö/iov


(die Ergänzungen des Herausgebers können als zuverlässig gelten): also
Urteilsvollstreckung nach dem Gesetz. Man sieht, der Ausdruck xaxä
töv vofiov allein ist nicht entscheidend.
*) In betreff der vö/wi in den erwähnten Inschriften könnte man
natürlich die gleiche Frage aufwerten. Indessen wäre es bei dem völligen
Erzruhter und OhfMBttl 17

Entweder enthielt es, was zwar nicht bezeugt, aber doch


immerhin m8gtioh igt, geradeso Vbraehiiftan über die Ur-
kwndenvollstreekung dann wäre durch die Klausel auf
:

diese als das neueste Recht Besug genommen. Oder das


didygafifiiabehandelte 1) nur die Urteilsvollstreckung, für
weiche wir sichere Belege haben 2 ): in diesem Falle würden
die für sie geltenden geeetslichen Bestimmungen durch das
ngdaaeiv xavä ro didygafifia der gedachten Verträge auf die
Urkundenvollst reckung ausgedehnt. Inwieweit, ob in vollem
Umfange oder nur in einzelnen Beziehungen, bliebe freilich
auch dann eine offene Frage. 3 )

Mttlgd an Quollen, die uns über ihren Inhalt Auskunft geben konnten,
vergebliche Mühe, ihr nachzugehen.
x
) Neben anderen, den Prozeß l«t reffenden Gegenständen, z. B.
Gerichtsstand (Betr. III 36 [a], n —
Ablehnung von Richtern Chrest. II 6),
lVtr. IN 21 [g], u - Chrest. II 21; Hai. 9,,), Klagerhebung durch
ölxrjv ygäycodai (Hai. 1, «,); vgl. außerdem Eleph. 14, „ (Chrest. I 340);

IVtr. III 21 (g), „ (Chrest. II 21); IMr. III 25, „ (Chrest. II 30).

•) So Hai. 1, u . „. ia ; Lille 29, „ (< 'hrest . 1 1 M9); Par. 14, 44 (Tor. 3).

')Später finden wir, was rechtsgeschäftliche Urkunden anlangt,


da« öidygafifia nur noch in den alexandrinischen Synchoresisurkunden
unter Augustus erwähnt: BGU. 1053, „ (Chrest. II 105). 1054, u 1055. „ .

(Chrest. II 104). 1115,3,. 1145. 13 .


M (Christ. II 168). 1146, M (Chrest.
II 106). 1147, „ (Chrest. II 103). 1150.,,. 1151, u . „. 1156, „. 1161,,,.
1162,,. 1167, „. 1170. 10 1172, u gegenüber den
. Beachtenswert ist

bisher behandelten ptolem&ischen Urkunden zunächst, daß


in den ale-
xandrinischen Texten der Schuldner in den weitaus meisten Fällen
JJeQ<JT]g xrjg intyovijg und äyaryifiog ist, freilich nicht ausnahmslos: vgl.

BGU. 1151 (wo 'Aü£avÖQoq 6 Neixoörinov [ 4 ] durch BGU. 1132, , f. als


Maxiöcov erwiesen ist) und 1156, tl (wo die Schuldner zwar ayaryipiot
sind [ M], aber nicht als Perser gekennzeichnet werden: vgl. Lewald,
Personalexekution 28f.). Ferner, daß es »ich hier immer nur um Geld-
forderungen handelt, und zwar in der Regel um Darlehen, in BGU. 1146
und 1151 um Stundung der Zahlung eines Kaufpreises und eines Ver-
mächtnisses. Auf Zufälligkeiten beruhen diese Erscheinungen schwer-
lich, doch vermögen wir sie nicht näher zu erklären. Wichtiger ist, daß

die hier in Betracht kommende Klausel in den alexandrinischen avyyw-


qrptig überhaupt anders lautet als in jenen älteren Verträgen. Einmal
enthält sie immer das dort fehlende xa&öjieQ ex öixrjg, und vor allem
ist sie stets auf einen bestimmten, dort gerade nicht nachweisbaren Tat-

bestand abgestellt. Der Schuldner verspricht nämlich, zu ausbedungener


Zeit zu zahlen, und fügt hinzu (z. B. BGU. 1053, 37 ff.): xov öe V7ie(meoövxog
XQöv[ov] xovg xaxä xo Sidyga^fia xöxovg StÖQdx/jiovg, xrjg jigä^ecog (für Kapital
Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XL. Rom. Abt. 2
18 Paul Jörs,

Nach alledem müssen wir feststellen, daß sich ans der


Vollstreckungsklausel als solcher eine Entscheidung über
die uns beschäftigende Frage, ob die Vollstreckung auf
Grund einer Schuldurkunde sich in derselben Weise voll-
zog wie die auf Grund eines Urteils, weder bejahen noch
verneinen läßt. Wir müssen versuchen, aus dem, was
unsere Papyrustexte uns über die Ausführung der Voll-
streckung in dem einen und dem anderen Falle sagen r
eine Antwort zu gewinnen.

3. Vollstreckungsrichter.
Gemeinsam ist der uns bekannten Urkunden- und Ur-
teilsvollstreckung, daß sie von einer richterlichen Behörde —
und Zinsen) yivo/iivrjQ rtp raiq> 'IovMq) &iMa> —
xa&dneg ix öoctjq. Diese
Texte lehren also, daß das zu 24 v. H. fest-
öidyga/x/ia Verzugszinsen
gesetzt hatte —
ob allgemein oder nur für bestimmte Fälle, muß dahin-
gestellt bleiben —
Daß die Vollstreckung selbst nach seinen Vorschriften,
.

daß also wie in jenen älteren Urkunden ein ngäoaew xaxä tö öhygafi/na
Platz greifen sollte, sagen sie nicht, und es liegt kein Grund vor, dies
ohne Deckung durch den Wortlaut als ihre Meinung anzusehen. Damit
scheiden die alexandrinischen Synchoresisurkunden aus unserer Er-
örterung aus. —
Der xoxog öiögaxfiog für Verzugszinsen begegnet übrigens
schon in Verträgen des ausgehenden zweiten Jahrhunderts v. Chr. bei
Gelddarlehen, ohne daß auf das öidygafi/ta Bezug genommen wird: so
Amh. ÖO, ja,.
Grenf. I 20, [ ]8 ]; II 18, „. 27, „; Lond. III 9f. Nr. 1208,
8 .

Da alle diese Urkunden aus der Thebais (Pathyris, Krokodilopolis)


stammen, so wird der Umstand, daß man in Alexandrien die Quelle der
Zinsen angab, hier dagegen nicht, wohl lediglich als eine der vielen örtlichen
Verschiedenheiten der Stilisierung anzusehen sein. Daraus, daß in diesen
Urkunden ebenso wie in den vorerwähnten avyxcoQtjaeig nicht von
einem ngdaaeiv xaxä xo öidyga/i/xa die Rede ist, wird man aus dem gleichen
Grunde schwerlich einen Beweis dafür entnehmen können, daß sich
das Verfahren bei Urkundenvollstreckung seit der älteren ptolemäischen
Zeit geändert hatte, so wahrscheinlich dies auch sonst erscheint. Schließlich
mag noch darauf hingewiesen werden, daß nach Augustus die Verzugs-
zinsen zu 24 v. H., soweit ich sehe, in unseren Texten überhaupt nicht
mehr vorkommen, sondern daß, wo Verzugszinsen gemeint sind, ent-
weder von Zinsen schlechthin die Rede ist (Hamb. 2, 18 BGU. 910, ;
u 2l ;

Oxy. 269, 10 ) oder ein anderer Zinssatz angegeben wird (Flor. 1, 10 Straßb. ;

52, u Oxy. 506, 48 507, 19 1271, 28 f. [hier in einer ovxyaxrrjoig]). Auch


; . .

in dieser Hinsicht scheint also das öidyga/upa seine Geltung verloren


su haben.
hier und ('hrematisten. 19

wir wollen sie im folf^nd. Mi einfach als VollstreckungBrichter 1 )


bezeichnen —
angeordnet und geleitet*) und von anderen
diesem Richter unterstellten Beamten ausgeführt wurden.

.1) bei l'rkuiult'iivol Ist rci-kuii g,

Kür Urkundenvollstreckung müssen sowohl die


die
Chrematisten, welche die he'/yQaaia und l/ißadeia verhäng-
ten, als aneli der Erzrichter, der die Leitung des Verfahrens
in der Hand hatte und die nötigen Anweisungen zur Aus-

führung der ergangenen Beschlüsse erließ 3 ), als Vollstrek-


kungsrichter angesehen werden: die ihm obliegenden Ver-
richtungen waren unter ihnen verteilt. Die einen wie der
andere wann für Stadt und Land zuständige Zentral-
behörden (XXXVI 245 ff.): die Urkundenvollstreckung war,
was die Riehter anlangt, an die Hauptstadt gebunden. 4 )

l>) bei Urteilsvollstreckung in ptolemiiaehex Z.it.

Dagegen findet sich kein Beweis in unseren Quellen,


daß Erzrichter und Chrematisten in ihrem für die Ur-
kundenvollst reckung so charakteristischen Zusammenwir-
ken^) jemals mit der Vollstreckung eines Urteils befaßt
gewesen wären. Diese wurde vielmelir grundsätzlich von
dem Gericht angeordnet, welches das Urteil gesprochen
1
) Der Aufdruck wird ohne Rücksicht darauf, ob ein Kollegium
oder ein Einzelrichter die Vollstreckung verhängte, verwendet.
*) Zur Leitung gehört in.--V>csondere auch die Entscheidung von

Streitigkeiten, welche die Vollstreckung betreffen, z.B. über den Wider-


spruch gegenüber der Urkundenvollstreckung. S. oben XXXIX 69 ff. 79 ff.
') S. die oben XXXVI 231 ff. gegebene Zusammenstellung, die

durch die Ausführungen über den Widerspruch (vorige Anm.) zu er-


gänzen ist. Über das Verhältnis der beiden genannten Behörden zu-
einander vgl. XXXVI 258. 263ff. XXXIX 80 und hier 84,,.
4
) Nachweisen läßt sich diese Zentralisation freilich erst seit Au-
gustus: wahrscheinlich reicht sie aber in die Königszeit zurück, denn
der Erzrichter hatte von jeher seinen Amtssitz in der Hauptstadt (XXXVI
247f., vgl. 249) und eben dahin gehört das so häufig beim Mahn- und
Vollst reckungsverfahren genannte xum?.oyeiov.
6
) Ich meine das ebenerwähnte Zusammenwirken (Beschluß, An-
weisung, Entscheidung über den Widerspruch usw., vgl. Anm. 3).

Eine andere (im folgenden zu behandelnde) Frage ist es, ob Chrema-


tisten oder Erzrichter die Vollstreckung eines von ihnen auf Grund
zweiseitiger Verhandlung erlassenen Prozeßurteils anzuordnen hatten.
:

20 Paul Jörs,

hatte : der erkennende Richter war zugleich Vollstreckungs-


richter. 1 )
Für die ptolemäische Zeit tritt uns das am deutlichsten
in Tor. 13 (Chrest. II 29; vom
Jahre 147 v. Chr.) vor Augen.
Hier entspricht das Gericht der Chrematisten zu Memphis
(also in der %6qa) dem vom Kläger gestellten Antrage ( 16 f.)
hu<ndkrp>ax x&i r&v gevixcov nqdxxoQi awrekeiv avx&i rrjv
7iQä£[iv] xöjv 7iQoxeifidva>v xe<paXa(ow und verhängt selbst die
Vollstreckung über den Beklagten {&i.)'. owexQivaftev —
yQ\&tpai tc5« —
] ngdacrogi cuvreXelv avran r^v tcqö^iv xrX.,

während sein Geschäftsführer das betreffende Schreiben


an den Gerichtsvollzieher ausfertigt ( 2 ) inite[Xe]a^r(oi o$v :

xa&coQ awxixgirai (vgl. oben XXXVI 263f.). Das ist nun


gewiß keine vereinzelte Erscheinung. Zwar ist uns kein
ähnlich lautendes Urteil erhalten, wohl aber Eingaben aus
verschiedenen Landesteilen, die in dieselbe Richtung weisen.
So fordern die Anträge der ivretigeiQ in Fay. 11, 29 f. (Chrest.
II 14), Fay. 12, M ff. (Chrest. II 15), beide aus dem Arsi-
noites, und Par. (=
Tor. 3) aus Theben von den
14, ^ff.
Chrematisten ein auf Beitreibung {TiQax&fjvai) eines Geld-
betrages lautendes Urteil, also offenbar eine Anordnung
der Vollstreckung (z. B. Fay. 11 cit.: Sncog — xq(v[(d]c(iv

nQayftrpal (xoi avtov zip — rei/i^v —r (dQaxftdg)). Auch


in Eingaben wie den üvre-ögeig von Magdola 2 ) (Lille II), in

x Wir
) haben keine für unsere Frage zu verwertenden Nachrichten
über die Geriohte der griechischen Städte (vgl. über sie Mitteis, Grund-
züge 8f.; Schubart, Arch. f. Pap. V 53; Plaumann, Ptolemais 30f.;
Jouguet, Vie municipale 33f.; Zucker, Philol. Suppl. XII 61ff. 117;
Dikaiomataölff. 82f. 95ff. 128f. 166ff. 174. 176f.)und über die Sonder-
gerichte (s.darüber Mitteis, Grundzüge llf.; Zucker, Philol. Suppl.
XII 72ff. 112f.; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I 14ff. 169ff.). Aber es
wird, was den Vollstreckungsrichter anlangt, kaum etwas Abweichendes
für sie gegolten haben.
a oben
) Vgl. S. 9, s Ähnliche Antrage an Beamte s. in Lond.
I 32f., Nr. 24, „f.; Lond. H 13f., Nr. 401, M ff. (Chrest. II 18); Teb.
49, u ff. (Chrest. II 19). Während in der letzteren Urkunde der xev/io-
yQa/ifiozsiJS zuerst 'zwingen' und, wenn der Beklagte 'nicht Folge leistet',
eine Abschrift der Eingabe an die 'zuständigen Richter* leiten soll,
findet sich in Teb. 50, 88 ff. nur der zweite Teil des Antrages: wahrschein-
lich deshalb, weil schon ein Spruch (xQi&dvra). wenn auch nicht von
dem jetzt angerufenen xco/wyQa/xfuxreijg, bo doch von dem Oberen und
iit.r iui<l t'hrematiaten. 21

denen von einem Beamten ohne eigene Gerichtsbarkeit (Stra-


tegen, Epistaten) ein Zwang (hcavayxdCeiv, ngdaaeiv) gegen-
über dem Beklagten in dem Sinne begehrt wird, daß da-
mit, wenn der Beklagte auch zugleich die
sich nicht fügt,
Hilfe des zuständigen ist, was
Gerichts angerufen wird,
das letztere anlangt, die gleiche Auffassung geboten: es
solleinen Vollstreckungsbefehl erlassen. 1 ) Damit soll natür-

den Ältesten des Dorfes zugunsten deB Klägers ergangen war (, g ff.)
und es sich gezeigt hatte, daß der Beklagte eich ohne Prozeß nicht fügen
werde. Welches Gericht (oh; xad¥pcti) hier in Betracht kam, wissen wir
nicht (vgl. Grenfell-Hunt. Tob. I S. 86 [zu 16, ,,]; Wenger, Arch.
f.Pap.IIö00f.;Meyer,KlioVl462, i; Zucker, Philol, Suppl. Xllößff.;
Mitteis. Grundzüge 6, t und Chrest. S. 14 [zu 19, „]; v. Druffel, Knt.
Viertelj.- Schrift I 630): ein Kollegialgericht ist möglich, aber nicht
notwendig, auch ein Einzelrichter (Mitteis, Grundzüg*« Off.) kann
gemeint sein. —
Als Verhandlung vor einem Beamten ohne eigene
Gerichtsbarkeit, hier dem Strategen, wird auch Rein. 7, „ff. (Chrest.
II 16 vom Jahre 141 v. Chr.) anzusehen sein. Hier wurde der Schuldner,
wie es heißt, gezwungen („), Bürgen beizubringen, die seine Zahlung
sicherstellten.Der Zwang ging zwar nach der Darstellung des Schuld-
ners vom
Gläubiger aus, aber da er gelegentlich einer gerichtlichen Ver-
handlung geübt wurde, wird sich ihm der Schuldner wohl nicht ohne
Einwirkung des Strategen gefügt haben. Vgl. meine Ausführungen Z. Sav.
St. XXXIV 14 öf. und die folgende Anmerkung.
l
Es kann wohl keinem Zweifel unterliegen, daß der Antrag auf
)

inavayxd&w und Tigdaaeiv, den der Kläger an den Strategen richtete,


auch gegenüber dem Gericht gelten sollte, an das dieser die Sache weiter-
leitete. War es aber dem Strategen gegenüber nur in dem bisher (S. 9

und vorige Anmerkung) behandelten Sinne eines mittelbaren Zwanges


gemeint ? Konnte nicht auch von ihm wenigstens in dem Falle, daß
der Beklagte sich im Vorverfahren Beinem Spruche unterwarf,
•ine Vollstreckung begehrt werden, wie wenn ein gerichtliches Urteil
ergangen war? Die Ausdrucksweise der Urkunden von Magdola ist
dafür schwerlich ausschlaggebend. Während nämlich dort für den gegen
den Beklagten zu übenden Zwang meistens der allgemeine Ausdruck
iTUjvayxä&iv gebraucht ist, wird in einzelnen Eingaben ein nodaaeiv
beantragt, also das für die echte Vollstreckung gebräuchliche Wort
verwendet. Indessen wird das Tigdaaeiv nicht nur vom Strategen (Magd.
1, 8
i
17, 7 elg7tQä£ai. 18, 8 21, ,. 34, 4 ), sondern auch vom Epistaten
.

(Magd. 4, 8 23, 9 ) begehrt. Daß der letztere eine Vollstreckung hätte


.

anordnen und als Dorfbeamter dem Gerichtsvollzieher, dem £evixäv


nodxTü>Q (S. 40 f.), der ein Gaubeamter war, hätte Aufträge erteilen
können, ist wenig wahrscheinlich: man würde also doch wohl, entgegen
dem Wortlaut der betreffenden Urkunden, auf den Strategen zurück-
22 Paul Jörs,

lieh nicht behauptet werden, daß das Urteil immer genau


so formuliert gewesen sein und der Hergang sich ebenso
abgespielt haben müßte, wie in Tor. 13. Insbesondere
braucht man nicht anzunehmen, daß der Auftrag des Ge-
richts an den tjevixoijv 7iq&xt(oq> die Vollstreckung auszu-
führen, stets so wie dort in das Urteil selbst aufgenommen
wurde. 1 ) Man kann sich den Vorgang ebensogut losgelöst

greifen müssen. Von größerer Bedeutung ist, daß das ngdaaeiv nicht
bloß für den Fall des Zugeständnisses des Beklagten (so nur Magd. 23, ,:
vgl. auch 25, 8 ff. inavayxdocu), sondern auch dann verlangt wird, wenn
die Verhandlungen vor dem Strategen oder Epistaten, insbesondere
auch, wenn eine Beweisaufnahme (Magd. 18) diesen Beamten die Wahr-
heit der Behauptungen des Klägers darzutun vermochten (so Magd. 1, 19 .

4. 7 f. 18, 5 21, 9 34, 4 ).


. In Wirklichkeit läge darin eine Entscheidung
über das Recht des Klägers, und es dürfte schwer zu sagen sein, worin
sie sich, zumal wenn sie vollstreckbar gewesen wäre, von einem Urteil
unterschieden haben sollte. Demgegenüber muß hier, wie überhaupt
bei den Urkunden von Magdola immer wieder betont werden, daß der
Stratog nie das Urteil spricht, sondern durch seine Unterschriften auf
den Eingaben stets die Grenzen der ötdXvaig (S. 9) einhält und das
xoivtiv den Gerichten überläßt. Ich kann deshalb dem Wortlaut der
Anttäge in den Urkunden von Magdola nicht die Bedeutung beilegen
wie Mitteis, Grundzüge 16, und glaube die Frage, ob aus dem Ge-
ständnis bei der öidfaxriQ eine Vollstreckung wie aus einem rechtskräftigen
Urtftil hergeleitet werden konnte, offenlassen zu müssen. Schwerer —
fällt Rein. 7 ins Gewicht. Dort erklärt der im Verfahren vor dem Stra-
tegen zur Sicherstellung seiner Erfüllung 'gezwungene' Schuldner (vgl.
5. 20f., j), er sei in Gefahr, aus einem Freien ein Sklave zu werden (4
V
Wenn Worte ernst zu nehmen sind, was immerhin fraglich bleibt,
diese
so wird damit auf eine ihm drohende Vollstreckung hingewiesen, gleich-
viel ob sie seine Person oder sein Vermögen ergreifen sollte. Indessen
gibt auch dieser Text keine Gewißheit hinsichtlich der von uns auf-
geworfenen Frage. Denn er verschweigt uns überhaupt das Anerkenntnis
des Schuldners, und wenn wir auch ein solches unterstellen müssen,
so ist doch möglich, daß es in einer exekutiven Urkunde ausgesprochen
war (vgl. Jörs, Z. Sav. St. XXXIV 146, t ) und daß aus dieser eine
Vollstreckung hergeleitet werden sollte. Über Magd. 41 s. unten S. 23 f.. t
und für die römische Zeit S. 10, x .

J
) Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Fassung von Tor. 13 eine
Besonderheit des hier ergehenden Versäumnisurteils war. Darauf weist
namentlich der Antrag des Klägers hin, der die Befriedigung des mate-
Anspruches schlechthin ( 13 ff.), die Vollstreckungsanweisung an
riellen
den Gerichtsvollzieher aber gerade für den Fall des Ausbleibens des
Beklagten begehrte ( 14 f. : xat, iäv fif] änavrrjor] inhö xgn^Qiov, iTiiaxcdfjvai
Brsrfohter und Chromat iRten. 23

vom l r(« il vorstellen, so daß dieses zunächst die materiell»

Entscheidung brachte und dann auf Antrag des siegreichen


in eigener Vollstreckungsbefehl des Gerichts an

den IVaktor erging. 1 ) 8 )

rcöt fmxcöv nQdxTOQi xtA.). — Übrigens sind diese Worte auch insofern
Interaaant, als sie einen Beweis dafür liefern, daß die lyret^u; in der
mOndliohen Verhandlung vorlesen wurde. Denn da es jetzt nicht mehr
Weifalhefl war. ob der Beklagte vor Gericht erscheinen werde, muten
die Int reffenden Worte der evTtv$t£ entstammen, die also, obwohl das
Protokoll mir aber ihren Inhalt berichtet, doch bei der Verhandlung
ihrem Wortlaut nach vorgetragen wurde (Ergänzung zu den Ausfüh-
rungen oben XXXVI 275, x ).
J
) Vielleicht ist auf diese Weise Teb. 165 zu erklären. Dat. an den
tsvtxwv tcqöxuoq gerichtete Schreiben ginge dann von einem Kollegial-
gericht ()}/j[tv]) aus, das vnö/ivtjfia wäre das an dieses Gericht eingereichte
Gesuch um Erlaß des Vollstreckungsbefehls, dieser wäre in den Worten
Ttolei (bq xa&ifacei enthalten, und unter faoyocupfy wäre das Urteil zu ver-
stehen, das ja öfters so bezeichnet wird (vgl. oben 237, «). Aber XXXVI
da das Subjekt des mit trtl anhebenden Satzes in der Lücke verloren-
gegangen ist und weiterhin entweder das TtQdq überflüssig oder das Objekt
zu imäQxeiv ausgefallen ist, so bleibt doch alles zweifelhaft. Für un-
zulässig halte ich es (gegenüber Zucker, Piniol. Suppl. XII 87, 13t 124),
ünoyoafprp als Objekt zu nolet — das ganz gut absolut dastehen kann —
zu nehmen: es darf meines ErachtenB nicht von TiaQaxtx'^QV^^ip' ge-
trennt werden*
*) In diesem Zusammenhang mag auch ein Blick auf Magd. 41

geworfen werden.
T
W
enn die Urkunde auch arg verstümmelt ist, so läßt
doch die Erwähnung des gevatüv jt^öxxioq und das Wort ?ißä[^ou in Z. ,
erkennen, daß es sich um eine Vollstreckung handelt. Wichtig ist ferner,
daß ein Beweis ( 4 £äv ivöelgoftou) und zwar vom Gläubiger angeboten
: ,

wird das letztere folgt daraus, daß der Antrag auf Jigöffcu ( f ) und Ano-
:

fovvai not, 6 ) geht. Daß streitige Fragen unter den Parteien vorhanden
(

waren, zeigt außerdem auch die Verfügung des Strategen an den Epi-
staten ( 8 ): fid{haxa) öi{dXvoov) aOrot^ xtA. Welche es waren, läßt sich,
da der den Tatbestand enthaltende Antrag der h'Tevgig verloren ist,
nicht sagen: beispielsweise könnte man daran denken, daß die Echtheit
des Urteils, auf das sich der Kläger stützte, bestritten war, oder daß
gegen die vom Beklagten behauptete Tilgung der Urteilsschuld Ein-
wendungen erhoben waren oder dergleichen mehr. Bei einer solchen
Sachlage wäre es verständlich, wenn die Austragung des Streites (die
Erledigung der actio iudicati) in derselben Weise erfolgen mußte, wie die
jeder anderen Klage der Urkunden von Magdola, also durch eine h>Tev£ig
elg tö rot»ßaaiMwq ovofia, eine Öidhxng vor dem Strategen (und Epi-
staten) und eine xaxdaxaou; und xoioig vor dem erkennenden Gericht,
24 Paul Jörs,

c) Vollstreckungsrichter in römischer Zeit.

Was die Kaiserzeit anbetrifft, muß man sich für die


folgende Untersuchung die schon oft hervorgehobene Tat-
sache vergegenwärtigen, daß in Ägypten auf dem Ge-
biete des Prozeßrechts das sogenannte Verfahren extra
ordinem herrschte. Seine Grundsätze erscheinen als all-
f
gemein maßgebendes Recht, als ius absolutum'. 1 ) Das
gilt von der Einleitung des Verfahrens wie von seinem
Verlauf und der Vollstreckung der in ihm ergangenen
Urteile. 2 )
Bleiben wir zunächst bei der uns hier beschäftigenden
Anordnung und Leitung der Urteilsvollstreckung, so können
wir schon aus den Schriften der römischen Juristen und
Konstitutionen der Kaiser ersehen, daß —
ebenso wie in
ptolemäischer Zeit — grundsätzlich der Prozeßrichter auch
zugleich Vollstreckungsrichter war. 3 ) Er blieb es auch,

falls dessen Entscheidung nötig wurde. Soweit ich sehe, widerspricht


dieser Auffassung nichts in den erhaltenen Resten des Textes der Ur-
kunde. Daß auch andere Erklärungen möglich sind, soll um so weniger
bezweifelt werden, als wir über das Verfahren bei Urkundenvollstreckung
zur Zeit von Magd. 41 ganz im unklaren sind.

*) Vgl. Mitteis, 104 und Grundzüge 134, v


Chrestomathie S.
Die Nachweise hegen für Ägypten in den vielen Prozeßprotokollen auf
der Hand. Auch die vorliegende Arbeit hat die Geltung des römischen
Prozeßrechts der Extraordinaria Cognitio schon öfter berührt: vgl. ins-
besondere XXXVI 276ff.; auch XXXIV 144.
) Vgl. über die sog. Exsecutio extra ordinem Keller-Wach, Rom.
a

Zivilprozeß 6 432f.; Bethmann-Hollweg, Rom. Zivilprozeß II 690ff.;


Dernburg, Pfandrecht I 417ff.; II 250ff.; Samter, Nichtförmliches
Gerichtsverfahren 140ff.
3
) Das ergibt sich aus dem Reskript des Pius D. 42, 1, u pr, (vgl.
S. 25, 2). Das läßt ferner die Verhängung und Leitung der Vollstreckung
durch die iudices = ccmsules bei Ulpian de off. cons. III in D. 42, 1, 15 ,
»_io und ebenso die häufige Ausübung dieser Tätigkeit durch die Pro-
vinzialstatthalter (Ulp. D. 27, 9, 3 l5 Macer D. 49, 1, «, ,; R. Ant. C. 7,
,

53, 2-3-4; G°rd- C. 8, 22, 3 ; Diocl. u. Max. C. 7, 53, 7 ,; Const. C. Th.


.

2, 30, j), die gewiß nur selten (Ulp. D. 42, 1, 16 a ) als Vollstreckung städti-
,

scher Urteile erklärt weiden darf, deutlich erkennen. Auch sind die
mehrfach in den Quellen begegnenden allgemeinen Bezeichnungen des
Vollstreckungsrichters zwar nicht überall, aber doch wohl öfter von den
Kompilatoren an die Stelle des im Urtext benannten Magistrates gesetzt
worden: vgl. außer den schon erwähnten iudices in D. 42, 1, ]8 noch
Erzrichter und Chronic 25

wenn er einen von ihm bestellten Richter mit der Urteils-


fällung beauftragt hatte 1 ): doch lassen die Quellen er-
kennen, daß auch die Vollstreckungsgewalt als solche dele-
giert werden konnte. 2 )
Für die in der Provinz Ägypten gesprochenen Urteile
muß demnach der Präfekt als Vollstreckungsrichter an-
gesehen werden. Freilich fehlt es bisher in unseren Papyrus-
urkunden*) an einem ausdrücklichen Zeugnis für eine durch

Up. I). 20, 4, lt ; K. Ant. C. 8, 22, ,; Alex, ebenda ,; Gonl. C. 8, -44, „;


fraglicher Herrn. D. 21, 2, 74 , j
(vgl. Anm. 2); offenkundig dagegen
pttJMt. 0. Th. 2, 30, , verglichen mit C. I. 8, 16, ,.

J
) PhM bd Dlp. I). 42,2 und unten & 87 f.
1, „ pr.; vgl. Anm.
') Am das ausgesprochen von K. Const. C. Th. 1, 2, ,
klarsten ist

(= C. I. 1, 22, 4 ). Aber auch nchon in klassischer Zeit muß eine Über-


tragung der Vollstreckungsgewalt möglich gewesen sein: der rerutn
iudicatarum exsecutor datus bei K. Phil. C. I. 7, 63, ( der sich eine .

Abänderung des Urteils erlaubt, ist nicht als Gerichtsvollzieher, son-


dern als Vollst rcckungsricht er anzusehen. Auch der iudex, qui de
iudicato oognoacit, der von Iulian D. 6, 1, n neben dem praetor (fidei-
commissarius: vgl. Eisele, Abh. z. röm. Zivilprozeß 186) genannt wird,
dürfte ebenso zu erklären sein (vgl. Wenger, Act. iudicati 232ff.).
Zweifelhaft bleibt, ob die gleiche Auffassung für den iudex rei iudicaiae
bei Hermogenian D. 21, 2, T4 , j
gerechtfertigt ist, ob damit nicht vielmehr
eine allgemeine Bezeichnung für den Vollstreckungsrichter überhaupt ge-
geben werden soll (vgl. S. 24,3). Der Annahmeder Übertragbarkeit der Voll-
streckungsgerichtBbarkeit steht nicht, wie man angenommen hat (Eisele
a. a. 0.), der Bericht Ulpians de 2072
off. cons. III (D. 42, 1, „ pr. fr.

Lenel) entgegen, in dem es heißt: o divo Pio rescriptum est magi-


atratibus populi Romani, vi iudicum a se daiorum vel arbitrorum
— vgl. Ulp. de off. cons. I D. 42, 5, 27 — sententiam exsequaniur hi,
qui eo8 dedenmt. Die Stelle ist überarbeitet, denn ein Reskript ver-
langt einen bestimmten Adressaten, konnte nicht an die Magistrate
im allgemeinen gerichtet sein: aus dem Titel von Ulpians Schrift möchte
man auf ein Konsulnpaar schließen. Aber gleichviel wer der Empfänger
war, so stellt das Reskript doch auch in der uns überlieferten Gestalt
lediglich die Regel auf, daß die Bestellung eines Richters (welche diesem
Verhandlung und Entscheidung des Prozesses aufträgt), die Vollstrek-
kungsgewalt dem Mandanten beläßt daß eine Übertragung der letzteren :

unzulässig sei, ist nicht gesagt und darf nicht in die Worte hineingelegt
werden. Jedenfalls kannte die Praxis, wie die angeführten Stellen
zeigen, Delegation im angegebenen Sinne: auch für Ägypten werden
wir das bestätigt finden. Vgl. insbesondere S. 29, 6.
) Was sich
3
aus den Rechtsbüchern über die Statthalter über-
haupt ergibt (S. 24, 3), darf unbedenklich auch auf den Praefectus
Aegypti bezogen werden.
1
26 Paul Jörs,

ihn anbefohlene Vollstreckung. 1 ) Aber es bedarf dessen


auch nicht. Ist doch die Vollstreckungsgewalt ein Bestand-
teil der ihm vom Kaiser verliehenen allgemeinen richter-

lichen Gewalt. Außerdem darf man daraus, daß der Prä-


fekt, wie gleich darzutun sein wird, die Vollstreckungs-
gewalt an andere übertragen konnte, mit Sicherheit dar-
auf schließen, daß sie ihm selbst zustand.

*) Muß man dem in Preisigkes Sammelbuch 5676


nicht vielmehr in
veröffentlichten Gradenwitz ein entgegenstehendes Zeugnis er-
Pap.
blicken? In diesem (linksseitig abgebrochenen) Prozeßprotokoll hat
der Präfekt (Maevius) Honoratianus (um 232 n. Chr.) erkannt, daß eine
unter den Parteien bestrittene Hypothek nicht zu Recht bestehe (,:
dxvQcoaag fdv xrjv oö öeövTCog yevo/xevr]v vno\ßrptrj\v rän> vtzolqxovtoov fwv).
Nirgends findet sich eine Andeutung, daß der Statthalter eine Anord-
nung über die Ausführung seines Urteils getroffen hätte: weder stand
eine solche an dem (uns erhaltenen) Schlüsse der Urkunde ( ]9 ), noch
könnte sie in die dafür in Betracht kommenden Lücken, insbesondere
nach dem vorliegenden Bericht über das Urteil ( 9 ) eingefügt werden.
Nach unserem Aktenstück wandte sich die Gesuchstellerin vielmehr an
den Strategen und beantragte, er möge die ßiß^Mxpvhjxeg iyttxrfleojv
veranlassen, die dem Urteil entsprechende naQd&eotg vorzunehmen G f.).

Dieser Beamte ließ auch den erbetenen Auftrag ergehen (jff.). Indessen
darfman darin keinen Vollstreckungsbefehl erblicken. Ein solcher
kommt überhaupt bei einem negativen Feststellungsurteil wie dem
vorliegenden nicht in Frage. Auch kann die TtagdÜeoig, gleichviel wie
man sie sonst aulfassen mag — vgl. Mitteis, Arch.
f. Pap. I 196f. und

Grundzüge 133ff. und Z. Sav, St. XXXIII 641 j Rabel, Verfügungs-


beschränkungen 62ff.; Eger, Grundbuch 131ff.; Lewald, Grundbuch
38ff. und Z. Sav. St. XXXIII 629f. und Vierteljahrsschr. f. Soz. u.
Wirtsch. -Gesch. XII479ff.; Ruggiero, Bull. d. Ist. XXI 265ff. 29öff.;
Preisigke, Girowesen 454ff. und Klio XII 420. 436. 441. 443f.; Schwarz.
Hypothek u. Hypailagma 63ff. — doch jedenfalls nicht als eine Voll-
streckungshandlung zur Erzwingung einer Leistung oder Herbeiführung
sonstiger Befriedigung angesehen werden. Sie war ein buchmäßiger
Vorgang, zu dessen Vornahme der Strateg als aufsichtsführende Behörde,
gewiß auch ohne Auftrag des Prozeßrichters den ßißAuxpvkveeg Anweisung
erteilen konnte. An diesem Ergebnis ändert sich auch nichts dadurch,
daß der Berieht über das Urteil nach den bisher behandelten Worten
noch fortfährt (,): TrjQrjoag öe [. Was der Präfekt bewährt, aufrecht-
. .

erhalten hat,, ist in der Lücke verlorengegangen — etwa die den per-
sönlichen Anspruch verbriefende Urkunde (vgl. 16 ) und damit diesen
selbst? — kommt aber hier für uns nicht in Betracht.
, Denn wahr-
scheinlich enthielt es. einen Vorbehalt zugunsten des Gegners. Die Ver-
fasserin der vorliegenden Eingabe aber betreibt offenbar nur ihre eigene
Sicherstellung ( w i.).
w

Erzrichtcr um! Chrcmati«teu. 27

Unmittelbar aus den Quellen läßt sich die Anordnung


einer Vollstreckung durch den Iuridicus nachweisen. In
BGU. 378 (Chrest. II 60 vom Jahre 147) hatte dieser Be-
amte, Claudius Neokydes, auf Grund müudlieher Verhand-
lung zugunsten des Gläubigers (und Klägers) Iulius Satur-
ninus entschieden. 1 ) Dieser erwirkte, wie der Schuldner
dem Nach-
C. Iulius Agrippinus berichtet, bei Calpurnianus,
folger desNeokydes, also bei derselben Stelle, von welcher
das Urteil ergangen war, ein Schreiben ( 22 ) an den Stra-
tegen des Inhaltes: ö.tojz h[ß]ißuodfi (Gläubiger) [el]g xä
t5[7r]d(#o[v]Td fxot (Schuldner). 2 ) Danach war also der luri-

*) Das Urteil wird zwar in der vorliegenden Eingab*' dvs Agrippinun


da eine Verhandlung vor dem Iuridicus
nicht ausdrücklich erwähnt, aber
stattgefunden hat und da eine Urkundenvolist reckung hier nicht in
Frage steht, kann der vom Iuridicus erlassene Vollst reckungsbefehl
nur auf Grund eines von ihm erlassenen Urteils ergangen sein.
•) Die angegebenen Tatsachen sind dem Libell des C. Iulius Agrip-
pinus an den Statthalter ( n _ M ) entnommen, sie gehen ihm also zeit-
lich voraus. Der Libell enthält, wenigstens in der hier mitgeteilten
Abschrift, keinen Antrag. Die darauf ergangene Verfügung (vTwyoatpri % \
des Statthalters ist beigegeben: sie hat offenbar Agrippinus
nicht
an den Iuridicus zurückverwiesen (vgl. S. 28, ,). Die Eingabe, mit
welcher nunmehr der Gesuchstcller diesen Beamten angeht 1-t ), (

große Lücken auf, so daß wenig mehr als die Bitte um richter-
liches Gehör ( T f.) daraus entnommen werden kann. Nach alledem läßt
sich der Chaiakter des Libells an den Statthalter nicht genauer be-
stimmen: man pflegt es als ein auf tnetus, dolus und minor aetas n f .) (

gestütztes Gesuch um restitutio in integrum anzusenen (vgl. Mitteis,


Hermes XXX 577. 614f. und Chrest. Nr. 60; Wenger, Rechf-'ii^t.
Papyrusstudien 164, x ). Das wird richtig sein: nur handelt es sich meine«
Erachtens nicht um Wiedereinsetzung gegen eine vollzogene Exekution.
Denn wäre das der Fall, so hätte Agrippinus den Schaden, den er da-
durch erlitten, wohl sicher nicht verschwiegen. In der Eingabe an den
Präfekten findet sich aber keine Andeutung einer erfolgten Vollstreckung,
und die Trümmer des an den Iuridicus gerichteten Gesuches bieten
(insbesondere in Z. keine genügende Grundlage, sie zu T arnt en.
8 f.)
Im Gegenteil spricht der Umstand, daß am Schlüsse des Libells ( 24 ff.)
hervorgehoben der Gläubiger habe das Schreiben, d. h. den Voll-
ist,

streckungsbefehl des Iuridicus, durch zwei Soldaten dieses Beamten


(dem Schuldner) zugesandt (vgl. S. 69, j), eher dafür, daß er die Voll-
Wege leiten wollte, als daß er sie schon hatte aus-
streckung erst in die
Denn welche Bedeutung hätte hier der Zustellung der
führen lassen.
Anordnung der Vollstreckung zukommen sollen, wenn diese bereit«
:

28 Paul Jörs,

dicus in diesem Falle der Vollstreckungsrichter. 1 ) Freilich


muß die Frage aufgeworfen werden, ob er hier eigene Ge-
richtsbarkeit ausübte und nicht vielmehr vom Präfekten
delegiert war. Was den Prozeß vor Neokydes und den
Vollstreckungsbefehl des Calpurnianus anlangt 2 ), enthält
die Urkunde keine Andeutung eines Auftrages von Seiten
des Statthalters. So hegt, wenn man überhaupt die selb-
ständige Jurisdiktion des Iuridicus gelten lassen will 8 ),
kein Grund vor, sie hier in Zweifel zu ziehen.
Wohl aber findet sich sonst Delegation der Vollstrek-
kungsgewalt in Ägypten. In BGU. 136, ^ff. (Chrest. II 86
vom Jahre 135) überträgt der, wie es scheint, vom Prä-
fekten auf dem Konvent*) mit der Sache betraute Erz-
richter die Entscheidung der Rechtsfrage und, für den
Fall, daß diese zugunsten des Klägers ausfallen wird, auch
die Erzwingung der Herausgabe des streitigen Vermögens
weiter auf den Strategen. Der Auftrag betrifft also beides:
das Urteil zu fällen und es vollstrecken zu lassen. 5 ) Wich-

vollzogen gewesen wäre? Ist die vorstehende Auffassung zutreffend,


so richtete sich die Eingabe gegen den Vollstreckungsbefehl als solchen,
dessen Selbständigkeit dadurch um so deutlicher hervortritt.
*)Nicht der Strateg: über ihn s. unten S. 41 f.
*) Nur darauf kommt es hier an. Daß Agrippinus sich später,
nachdem der Vollstreckungsbefehl ergangen war, diesem gegenüber mit
einem Gesuch (um Wiedereinsetzung) an den Präfekten wandte und
von ihm wieder an den Iuridicus gewiesen wurde, ist schon hervor-
gehoben (S. 27, ,) und kann, auch abgesehen von dem ohne er-
kennbaren Zusammenhang erhaltenen Worte dvanopairj» ( 8 ) nicht be-
zweifelt werden. Aus der Übertragung der causae cognitio über die
Wiedereinsetzung kann aber nichts über eine Delegation in dem früheren
Prozeß ( 17 ) entnommen werden. Der Versuch, in einem vor dem Iuri-
dicus schwebenden Rechtsstreit das Eingreifen des Statthalters herbei-
zuführen, wurde auch im Prozesse der Drusilla (XXXIX 99 ff.) unter-
nommen und hatte dort den gleichen Erfolg wie hier: BGU. 1019, 9 f.
ävane{ßq)&el]s int xdv ÖPtcuoö[6]trp>. Vgl. S. 30, 4 .

3
) S. darüber oben XXXIX 102f., a .

4
) Das darf nach den Forschungen von Wilcken, Arch. f. Pap.
IV 388 f. 406 ff. 411 als feststehend angesehen werden. Vgl. auch Bou-
lard, Les instructions ecrites 23, ,; Koschaker, Z. Sav. St. XXIX 21f.
5
) Es heißt (2,) \_ano9td\xaaxfjmi dörfi noirjoei. Mit dem letzten
Wort ist Aufgabe des Vollstreckungsrichters bezeichnet.
die Über
die hier vorliegende Weiterbegebung der übertragenen Gerichtsbarkeit
Erzriohter und Chromat ist en. 29

tiger ist, daß auch die Delegation der Vollstreckungsgewalt


für sich allein, also die Bestellung besonderer Vollstreckungs-
riohter (hcl x(bv xexgifUviov) vorkommt. 1 ) Hierher gehören
folgende Urkunden.
Zunächst BGU.
613 (Chrest. II 89; zwischen 160 und
162 n. Chr.).«) Der Veteran
Ti. Tiberinus hatte gegen
Athenarion und Genossen 3 ) einen Erbschaftsprozeß durch
Urteil des Strategen Theodoros gewonnen ( n „. 14 ff. M ff). .

'
Von den Gegnern war darauf ein diaaroXixöv' *) beim Prä-
fekten eingereicht, über dessen Inhalt Tiberinus nur an-
gibt, daßden Streit erneuern wollten ( 17 TtaXivdixo&rreg).
sie
Auf sein Gesuch, eine solcheWiederholung des Prozesses
über die abgeurteilte Sache nicht zuzulassen, verwies der
Statthalter den Tiberinus an Fabricianus, biaezog elXrjQ
(= praefectus alae) xal hii tcöv xexgifih(ov ( a 6 f.) mit dem .

Anfügen, daß dieser für die Zwangsvollstreckung des rechts-


kräftigen Urteils sorgen werde ( e S<; rä xexgi/iha iyßißdai)})
:

(Subdelegation) 8. Mitteis, Ber. d. Sachs. Ges. d. Wiss. (phiL-hist.


LXII 103f.
x
) Vgl. zum Folgenden Gradenwitz, Einleitung 19f.; Wenger,
Actio iudioati 235ff.; Mitteis, Grundzüge 45, 8 und Chrest. S. 100.
Diese Forscher haben sohon auf parallele Erscheinungen der Rechts-
bücher, den iudex, qui de iudicato cognoscit bei Iul. D. 6, 1, n (Wenger)
und den rerum iudicatarum exsecutor dolus bei K. PhiL C. 7, 63, (
(Mitteis) hingewiesen. Vgl. oben S. 26, 2.
*) Vgl. zu dieser Urkunde Mitteis, Hermes XXXII 649ff. und
Grundzüge lOOff.; Gradenwitz, Einleitung 6ff.; Wenger, Actio iudi-
oati 235ff.
*) Da sie Freigelassene des Antistius Gemellus waren (»f.), werden
sie ebenfalls Pvömer gewesen sein.
') Der Ausdruck im Sinne von Mahnverfahren zu
ist hier nicht
verstehen (vgl. XXXVIWenigstens findet sich in der Urkunde
231, ,).

nichts, was darauf hindeutet, daß der Erzrichter mit der Sache befaßt
gewesen wäre: die Vollstreckung wird zweifellos auf Grund des Urteils
des Strategen begehrt
B
) Das Urteil in der Saohe war durch einen Strategen gesprochen,

der vom Präfekten delegiert war ( H ü.). Wenn nun hier Tiberinus sich
wegen der Vollstreckung an den Präfekten wendet und dieser ihn des-
wegen an den Richter ini xwv xexQtfievtav verweist, so entspricht das
ganz unserer Auffassung des Reskripts in D. 42, 1, tt pr. (S. 26, 2):
die Delegation der Vollstreckungsgewalt ist zulässig, aber sie ist in dar
Bestellung zum Prozeßrichter nicht enthalten.
30 Paul Jörs,

Hier daß Fabricianus prüfen sollte, ob ein naXiv-


ist klar,

dixelv vorliegt,und daß er, wenn er diese Frage bejahte,


die zur Durchführung des Urteils nötigen Anordnungen
treffen, also den Vollstreckungsbefehl erlassen sollte. 1 ) Zu
beachten ist, daß es sich in materieller Hinsicht 2 für den )

Kläger um die Herausgabe des Nachlasses seiner Groß-


mutter nebst Nutzungen handelte, der mit einem andern
Nachlasse zusammen in den Händen der Beklagten war.
Die Vollstreckung des Urteils setzte also die Ausscheidung
der fia/Li/Lupa vnaQxovra voraus, die, soweit ersichtlich, noch

nicht erfolgt war und daher ebenfalls zu den Obliegen-


heiten des Vollstreckungsrichters gehörte.
Weiter kommt der oben (XXXIX 99 ff.) behandelte
P. Catt. Verso (Chrest. II 88) nebst Lond. II 152f. Nr. 196
(Chrest.II 87) und BGU. 1019 (sämtlich um 141 n.Chr.) in
Betracht. Im
Prozeß der Drusilla und ihrer Kinder gegen
C. Iulius Agrippianus wurde nach langen Verhandlungen,
die schon zu mehreren Zwischenurteilen geführt hatten 3 ),
ein Vollstreckungsrichter ernannt ( V31 ff.): fiexä Tatra yevo-
ßivrjg Yijiwv xaraardaecog enl Eevxiov Matj({i[o]v %\i\fadQ%ov

( = tribunus militum) rov im rcöv xexq[i]/j,evcov £7t[i]yvovg


rä xexQi[/ue]va ävdyxaasv (1. rjvdyxacEv) rjju[äg ] ayrjöai
ev. Da der Iuridicus Prozeßrichter war (XXXIX 102 ff.), ist
anzunehmen, daß auch von ihm die Ernennung des Sentius
Maximus ausging. 4 ) Leider läßt aber die Zerstörung von
Catt. Verso an den hier in Betracht kommenden Stellen
keine sichere Erkenntnis über die Veranlassung zur Auf-
x
) Das muß der Sinn von ixßißdg'eiv sein. Vgl. Mitteis, Grund-
züge 45, 3.
a
) In betreff des materiellen Inhaltes des Rechtsstreites muß auf
die S. 29, 2 angeführte Literatur verwiesen werden.
3
) wenn von XQi&evra oder xexQifteva die Rede
Sie sind gemeint,
ist: IIl22 .
v 2 4- Vir Vgl. XXXIX 102 ff. 107 f.
IVl9 .

4
)
Außer ihm könnte nur der Präfekt in Betracht kommen. Aber
es ist, auch wenn man keine ausschließliche Zuständigkeit des Iuridicus
für diesen Fall gelten lassen will, nicht gerade wahrscheinlich, daß der
Statthalter in den vor jenem schwebenden Prozeß eingegriffen haben
sollte. Haben wir doch gerade im Prozeß der Drusilla die Nachricht,
daß er, vom Gläubiger angerufen, diesen an den Iuridicus verwies —
oder vielleicht besser 'zurückverwies': BGU. 1019. avcme[iJiq^ei]c.
9 f.
Vgl. XXXIX 102 f., t
hter und Chremal 3t

iteÜung eines Vollst rcckungsrichter.s und den Inhalt seinem


Spruches ZU 1 ), und ergeben auch die beiden anderen Ur-
kunden nichts über ihn. 2 Immerhin mag auf folgende
)

Punkt« hingewiesen werden. Bloß mit dem Erlaß des


Vollstreckungsbefehles war die Sache hier jedenfalls nicht
zu erledigen. Dieser würde voraussetzen, daß, als Sentius
Maxi in us zum Vollstreckungsrichter bestellt wurde und
seines Amtes waltete, bereits eine rechtskräftige Verurtei-
lung des Schuldners ergangen wäre. Das war aber offen-
bar nicht der Fall.*) Denn in der nach dein Termin vor
dem Vollßtreckungsrichter stattfindenden Verhandlung des
Prozesses vor dein (stellvertretenden) luridicus lulianus 4 )

*) Unklar bleibt, in weichet Beziehung die Mutter im Schuldners


(y zur Sache stand, wer Herodes (y 4) war, was es mit den dedöftevoi
9)

xgnal (vif.) au* 8 ' cn hatte, insbesondere welche Aufgabe ihnen gestellt
war, und welche Bewandtnis es mit der Quittung Ober die Erträge der
Grundstücke (ve) hatte. Hierauf folgt ein Zwist henurteil des luridicus
Neokydes, dessen Inhalt zwar erhalten ist (y n-n't vgl. Lond. ,f.; BGU.
1019, b_ 8 ), das uns aber keinen Anhalt für die Beantwortung der Frage
nach den Aufgaben des Vollst reckungsrichters gibt. Unvollständig
ist dann wieder der mitgeteilte Bericht über diesen selbst: wir erfahren

nichts über den Inhalt seines Spruches, namentlich nicht, wozu er die
Parteien zwang. r Vgl. S. 35,
*) Beide Urkunden kennen das in Catt. Verso der Erwähnung

des Vollstreckungsrichters vorhergehende Urteil des Keolrydei (vgl.


Anm. 1). Die später fallende (Anm. 4) Verhandlung vor dem Dioi-
keten lulianus und die von ihm ausgehende Bestellung des XQtrfjg xai
/ifcr/r/;; Domitius ist Gegenstand des Protokolles in Lond. cit. und wird

auch in BGU. 1019, , ff. hervorgehoben. Daß die in Catt. V. vor und
nach dem Spruch des Vollstreckungsrichters erwähnten Tatsachen hier
bekannt sind, dieser selbst aber keine Beachtung findet, ist auffallend
und läßt vermuten, daß der Verlauf des Prozesses nicht durch ihn be-
einflußt wurde.
s
) In dieser Hinsicht ist eine Vergleichung mit BGU. 613 lehr-
reich. Nach der Behauptung des Tiberinus waren ihm die piaftfida vndq-
%ovxa rechtskräftig zugesprochen. War das richtig, so handelte es sich
jetzt noch um
Herausgabe dieses Vermögens und seine Ausscheidung
die
aus dem der Gegner, also in erster Linie um die Feststellung der von
dem Urteil betroffenen Güter: das war Sache des Richters, 6; rd xacgi-
fieva eyßißdai. Vgl. S. 35, 2.
4 Daß die in Lond. II 152f. Nr. 196 erhaltene Verhandlung vor
)

lulianus später fällt als die vor dem Vollstreckungsrichter Sentius Maxi-
mus folgt daraus, daß über die letztere in Catt. Verso (y 81 ff.) berichtet
32 Paul Jörs,

ist ebenso wie in der vorhergehenden vor Neokydes 1 ) die


einst (von Maximianus) dem Strategen gestellte Aufgabe,
die Aktiva und Passiva zu prüfen und danach den Schuld-
betrag zu ermitteln 2 ), noch nicht erledigt. 8 ) Wir müssen

wird, diese Urkunde selbst aber eine Eingabe an den im Termine vor
Iulianus ernannten fxeairrjg xai xgirrfg Domitius ist, die sich offenbar
an den Termin vor Iulianus anschloß und, wenn sie nicht zu spät kommen
wollte, innerhalb der dem /ieahtjg gesetzten 15 Tage (Lond. M f.) ab-
gefaßt sein muß. In der Zwischenzeit aber kann die Ernennung des
Vollstreckungsrichters und die Verhandlung vor ihm nicht untergebracht
werden: sie muß also früher stattgefunden haben. Es kommt hinzu,
daß in Catt. Verso die xardaraaig vor Sentius Maximus unmittelbar
an das Urteil des Neokydes (y 17.30) angeknüpft wird und erst darauf
in den Resten von Spalte vi vf* (Arch. f. Pap. III 67) der sonst nur in
der Einleitung genannte 'Iwhavög [6] x\s\dxiaxoQ ötooerjx^g erwähnt wird.

!) Vgl S. 31, 1 und 4.


2
Catt. Verso 11123^
) Vgl. hierüber und über die zwischen den
Parteien streitigen Fragen XXXIX 107f. 112ff.
8 Das Urteil des Neokydes hatte sofortige Erledigung der teyo-
)

fteola innerhalb von 30 Tagen anbefohlen (Catt. Verso y as^O; vgL


Lond. cit. x ü.\ BGU. 1019, ,ff.): der Erfolg war, wie das Protokoll des
Iulianus berichtet: ovöi otixcog dmjQxbrd{ij (Lond. 2; vgl. BGU. 1019, 8 :

neQt[e}tXTafidvr)s ö' avxfjg, d. i. toyo&eotag). Und die letzte Tatsache der


Vergangenheit, welcher dieses Protokoll gedenkt, ist ein Gesuch des
Gläubigers an den Strategen, er möge die toyo&hcu zwingen, endlich
einmal die Sache zu Ende zu führen (Lond. 8 ). Man muß daraus schließen,
daß zu der Zeit, da die Verhandlung vor Iulianus stattfand, noch kein
abschließender Bericht der Rechnungsprüfer oder des Strategen, der
sie bestellt hatte (Catt. Verso him*-) VLn '^ beaufsichtigte (väe**-) ein *
gegangen war. Und das um so mehr, als allem Anschein nach in diesem
Termin die ungelöste Aufgabe durch Iulianus dem von ihm ernannten
/isakrjg xai XQixr\g Domitius zugewiesen wurde (Lond. cit. 17 avaqxus$r\- :

(tco) tö £rj[T\r)[jMi], vgl. Lond. 8 ebenso wie bei dem des Neokydes an
;

den Strategen in Catt. Verso y u r\ Xctyo&eala — eü&icog änaQxia&rj\a\exai).


:

An diesem Ergebnis kann es schwerlich etwas ändern, daß unter den


spärlichen Resten von Catt. Verso vi 7 ff- (Arch. f. Pap. III 67) sich die
Worte finden: xov Tiqdynaxog \öai\aQxvcs&ivxog. In welchem Zusammen-
hange sie gestanden haben, läßt sich nicht ausmachen. Jedenfalls steht
der Annahme, die sich am besten mit der vorstehenden Erklärung des
erhaltenen Textes vereinigen läßt, daß nämlich jene Worte bloß im
hypothetischen Sinne gemeint seien, nichts im Wege. Sollte das nicht
zutreffen, sollte damit auf eine vollendete Tatsache hingewiesen sein,
so müßte man freilich folgern, daß die Avyo&eofa in der kurzen Zeit
(S.31f., 4 ) nach der Verhandlung bei Iulianus und vor der Abfassung
Erzrichter und Chrematisten. 33

daraus weiter schließen, daß die Verhandlung vor dem


Vollstreckungsrichter ohne Erfolg geblieben war. Und wenn
wir sehen, daß der Iuridicus die von neuem vor ihm er-
schienenen Parteien nunmehr an einen (iealxt]Q xai xgirijs 1 )
verwies, der allem Anschein nach die unerledigt gebliebene
Rechnungsprüfung zu Ende führen und ihr Ergebnis
feststellen sollte 2 ), so hegt der Gedanke nahe, daß der

der vorliegenden Eingabe des Gläubigere an den ^«rt'njc Domitius ab-


geschlossen worden wäre. Aber die Tatsache, auf welche es hier an-
kommt, daß die Rechnungslegung zur Zeit der xaxdmaau; vor dem
Vollstreckungsrichter Sentius Maximus noch nicht vollendet war, bliebe
auch dann bestehen.
l
) Catt, Vereo i,; Lond. cit. , 8. „; BGU. 1019, „ Vgl. über diesen
Beamten Mitteis, Z. Sav. St. XXVI 490. XXVII 344 und Ber. d.
Sachs. Ges. d. Wiss. LXII 124ff. und Grundzüge 31; Meyer, Aroh. f.
Pap. III 103; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I 21 Off. Der Zusammen-
hang mit dem 'Dialysisrichter*, den der letztere Forscher annimmt,
scheint mir nicht erwiesen; auch ist ja fiealrrj^ selbst schon in ptole-
mäischer Zeit nachweisbar: s. Anm. 2.

«) Die Gründe dafür s. S. 82, ,. Es fragt sich aber, ob die Auf-


gabe des fiealrrjg nicht weiter reichte als die des Strategen, insbeson-
dere, ob ihm nicht oblag, ein Endurteil, das nach erlangter Rechts-
kraft die Grundlage der Vollstreckung bilden könnte, zu fällen. Zu-
nächst kommt es auf das Amt als solches an. Ein fieolxr]t; als Richter
— denn nur in dieser Hinsicht kommt er hier in Betracht — begegnet
schon im 3. Jahrhundert v. Chr. im 'registre judiciaire' des P. Lille 28, u .

Hier werden zwei Parteien, die sich gegenseitig Beschuldigungen vor-


werfen, angewiesen, nach 10 Tagen wieder vor der Behörde (Gericht?)
zu erscheinen; zunächst gab diese ihnen einen fieairrji;. Daß diese Be-
stellung als eine Zwisehenniaßregel gedacht ist, folgt aus dem Gegensatz
des Futurum [7i)aQaye[vfi\isovTai und des Aorist iöwxafiev: man darf ver-
muten, daß der [leoltrn vorbereitende, vielleicht auch vermittelnde
Handlungen vornehmen sollte, die der späteren Verhandlung als Grund-
lage dienten: das Urteil sollte er, da ja eine neue Tagfahrt vor der Be-
hörde (Gericht T) in Aussicht genommen war, augenscheinlich nicht
sprechen. Das römische Recht weist in dem von einem Magistrat (mit
Kognitionsrecht.) eingesetzten Arbiter eine ähnliche Erscheinung auf:
auch seine Tätigkeit bestand vorzugsweise in der Prüfung (namentlich
auch Rechnungsprüfung) und Feststellung streitiger Tal Sachen, Ent-
wirrung und Klarlegung verwickelter Rechtsverhältnisse, Abschätzung
und dergleichen. Sie diente also, sofern noch die Parteien ein Urteil
begehrten, dessen Vorbereitung, gelegentlich auch der Ausführung eines
gesprochenen Urteils: in der Regel aber war es nicht seine, sondern
des Magistrates Aufgabe, das Urteil zu fällen. Vgl. Keller, Rom. Zivil-
Zeitschrift für Rechtsgeschichte. XL. Rom. Abt. 3
34 Paul Jörs,

prozeß * 414f. Bethmann-Hollweg, Rom. Zivilprozeß II 110; Bekker,


;

Aktionen II 208ff.; Wlassak, Realenz. II 410f. Es war also, wenn


wir Lille 28 richtig aufgefaßt haben, im wesentlichen der gleiche Ge-
danke, der zur Aufstellung des ^eaixrjg und des Arbiter führte. Sind
also auch die Wurzeln in ptolemäischer Zeit zu suchen, so ist doch die
Praxis der Kaiserzeit in Ägypten gewiß nicht von den Anschauungen,
die wir in den Rechtsbüchern niedergelegt finden, unbeeinflußt geblieben.
Man hat die Verwandtschaft des Arbiter mit dem fieatxrjg gelegentlich
der Besprechung unserer Urkunden, namentlich aber auch bei Rein. 44
(Chrest. II 82), wo ebenfalls ein xotxfjg fieaixrjg vorkommt, hervorgehoben
(Litt. S. 33, x ). Mitteis sah (Z. Sav. St. XXVI 490) seinen Spruch
f
als rein präjudiziell' an: diese von M selbst aufgegebene Ansicht (Be-
richte 125 'Definitivsentenz', vgl. Grundzüge 31), die sich mit Lille 28
gut vereinigen ließe, findet in Rein. 44 selbst in der Äußerung des [teaixrjg,
er habe in betreff des mütterlichen Vermögens, da es an den nötigen
Belegen mangelte, nichts feststellen können ( 33 ovöiv rjöwrf&rp oxrjoai)
:

einen Anhalt: das klingt mehr nach einem Bericht als nach einem Urteil.
Auch einen naoh Verkündung des Urteils bestellten fiealxrjg weisen unsere
Urkunden in Goodsp. 29, m s auf er soll die cmoxa.Taaxa.au; in die Wege
:

leiten und ist dem arbiter ad restituendum datus bei Afr. D. 42, 2, 7
an die Seite zu stellen. Immer aber muß man sich sowohl für die römi-
schen Quellen, wie für die Papyrusurkunden gegenwärtig halten, daß
der Arbiter wie der peolxrjg auf Grund eines Auftrages des Magistrates,
der ihn bestellt hatte, seines Amtes waltete und daß es von diesem Magi-
strat abhing, welchen Inhalt sein Auftrag haben sollte. Wenn es also
auch nicht die Regel war, so war es doch auch nicht ausgeschlossen,
daß dem Arbiter oder /Aeoixrjg gelegentlich die Entscheidung des Pro-
zesses übertragen wurde, in welchem Falle er mit dem schlechthin mit
zum Urteilen berufenen iudex dalus (pedaneus) auf eine Linie zu stellen
ist (vgl. Mitteis, Berichte 123ff.). Prüfen wir darauf die Urkunden
des Prozesses der Drusilla, so dürfte es schwerlich ausschlaggebend sein,
daß Domitius /xeaixrjg xai xoixrig genannt wird (ähnlich Reim 4A, z "AxvXog
— XQixr}$ fj,eaixr}q): auch der Spruch des Arbiter konnte 'richterliche
Färbung' haben (Bekker a. a. O.), ohne daß dieser deswegen delegierter
Prozeßrichter war. Übrigens bezeichnet die erste Erwähnung (Lond. , 8 )
den Domitius nur als neo[lxr}v: für xai xgixrjv bietet die Lücke keinen
Raum. Auch aus der Frist, die dem Domitius gesetzt war (Lond. J6 f.),
läßt sich nichts Bestimmtes für unsere Frage entnehmen freilich waren
:

15 Tage eine kurze Zeit, aber man muß beachten, daß die Äoyo&ixai
vorgearbeitet und das Material schon zusammengebracht hatten (Catt.
Verso ivaff-; Lond. 6 f. 19 ff.}: so mag es sich für Domitius nur noch
um ein letztes Gehör der Parteien und die Feststellung des Ergebnisses
gehandelt haben: daß er aber mit der Fällung des der Rechtskraft fähigen
Endurteils beauftragt war, muß nicht notwendig daraus gefolgert werden.
Andererseits ist meines Erachtens von Bedeutung der Umstand, daß
der Iuridicus Maximianus, als er den Strategen mit der Prüfung der
i

hier und GhramaJ 35

VoUstreokungsriohter 1 ) sie auf diesen Weg gewiesen, also


vor den Prozeßrichter zurückgesandt hatte. 2 )

Forderungen betraute, ihm auch vorschrieb, fr tolle ihm über ihr Er-

gebnil Bericht erstatten (ni,,f.: xai aer$): das kann kaum


f>i)hlxsai

«im n andern Sinn haben alt* den, daß der Iuridicu* sich das Endwteil
vorbehielt. Gerade dann, wenn man. wie oben (S. 32. s geschehen, )

nimmt, daß der Auftrag an den Strategen auf den futHnji entreckt
müde, Liegt der Gedanke nahe, dafl auch der Befehl <l«r B n< Lter-tattung
aufrechterhalten blieb. Entscheidend für diese Frage würde das letzte
uns überlieferte Wort des Protokolle« (Lond Nr. 19<>. ;7 f.) sein, wenn
es besser erhalten wäre. Ist fita)J$c{ftai von Mit eis richtig ergänzt,
t

so kann esdoch wohl nichts anderes besagen, als daß der Iuridicus
nach dem Spruche des fuaixr^ den Prozeß weiter vor sieh verhandeln
lassen (vgl. oben XXX.VI 284f., ,). also auch selbst das Urleil sprechen will.

') Es bleibt noch zu erwägen, ob Sentius Maximus nicht bloß


den Titel ini tiöv xexQtfUvfov führte, in welchem Falle ihm «he Entschei-
dung dieses Prozesses hatte übertragen sein können (rgL S. 86). In-
dessen müßte man dann fragen, warum er diesen Auftrag nicht aus-
führte. Die feststehende Talsache, daß der Prozeß durch Sentius Maxi-
mus nicht erledigt und nachher in den alten Bahnen fortgeführt wurde,
läßt die angedeutete Möglichkeit wenig glaubhaft erscheinen.
•) Gegen diese Ansicht darf man nicht einwenden, daß von Sen-

tiusMaximus gesagt wird (Catt. Verso vi J) emyvovq tu xexQtfiha. Mit


:

dem letzten Wort sind hier, wie überall in der Eingabe, die bisher er-
gangenen Zwischenurteile der Iuridiei gemeint (S. 80, 8 ), in welche
also der Vollstreckungsrichter Einsicht nahm. Eher könnte es Bedenken
erregen, daß dieser (nach der im Text vorgetragenen Vermutung) ent-
gegen der an ihn ergangenen Delegation die Vollstreckung ablehnte.
Das wäre durchschlagend, wenn der Delegant, also der Iuridicus, die
Frage, ob ein vollst reckungsreifes Urteil vorlag, selbst untersucht und
entschieden hätte. Aber gerade das ist unwahrscheinlich, denn dann wäre
Sentius Maximus nur für die Anweisung und Beaufsichtigung der aus-
führenden Organe (Exekutorcn) bestellt gewesen: einen Richter er-
forderte gerade die Prüfung der Voraussetzungen der Vollstreckung.
Ein Auftrag, wie er in BGU. G13, , erhalten ist 8; rä xexoi/ieva ryßißdot.
enthielt notwendig auch den Befehl, zu prüfen, ob xexoi/ieva. im Sinne von
rechtskräftigen Urteilen ergangen waren. Ante rem iudicatam durfte kein
Vollstreckungsbcfchl erlassen werden, wie K. Sev. u. Ant. C. I. 5. 53,
ausdrücklich betonen; auch das von K. Const.(C. Th. 1.2 t =
C.I. 1.22. t )
vom Vollstreckungsrichter geforderte inquirere de precum ist
veri'nte

jedenfalls von Prüfung der Vollst reckbarkeit zu verstehen:


einer
dagegen durfte er die in der Sache ergangene Eni Scheidung selbst-
verständlich nicht abändern: K. Phil. C. I. 7, 53. , Sind diese Aus-
führungen richtig, so könnte man sich versucht fühlen, im Text von
Catt. Verso vi« die Worte ävayxaaev j}/i[Ö£ so zu verstehen, daß Sentius
3*
36 Paul Jörs,

Schließlich Oxy 237 vra 3 (und wahrscheinlich auch jx M


. .

S . 151der Ausgabe) Hier läßt sich der Vollstreckungsrichter


.

Salvistius Africanus ein Responsum von dem Juristen Ulpius


Dionysodorus erteilen: O. A. —
vo/iixog ZaAovi<rz[(cp *A<p)ßi-
xavco en&Qxw oxoXov xal [fall r<5]v xexgi/ihcov. Schwerlich hat
er sich dabei in eigener Angelegenheit beraten lassen wenig- :

stens läßt sich in dem Gutachten keine rechtliche Beziehung


zwischen ihm und den darin genannten Personen 1 ) erkennen.
Africanus hat sich also offenbar in einer Sache, mit der er
als Richter befaßt war, von dem Juristen Rats erholt. 2 )
Freilich, ob gerade als Vollstreckungsrichter, bleibt zweifel-
haft: der Text enthält keine Andeutung, daß eine Voll-
streckung betrieben wurde. 3 ) War das nicht der Fall, war
dem Salvistius Africanus die Entscheidung des Rechts-
streites aufgetragen, so käme er für uns nur wegen seiner
Benennung fall x&v xexQi/ihcov in Betracht. Diese würde
dann auf einen Titel hindeuten, den der damit Beliehene
auch dann führte, wenn er nicht mit Vollstreckungssachen
betraut war, der also die Übertragung anderer richterlicher
Aufgaben nicht ausschloß (vgl. S. 37, 5 ).
Zusammenfassend weise ich noch auf folgendes hin.
Der Vollstreckungsrichter fall twv xexQi/iivojv war in
den uns bekannten Fällen römischer Offizier. Man wird,
zumal die Urkunden auch zeitlich nicht weit auseinander-

Maximus die Parteien veranlaßte, das Endurteil von dem Prozeßrichter


zu erbitten.
x
) Die Dionysia und ihr Vater im Gutachten sind nicht die Par-
teien der Eingabe Oxy. 237, in Welcher es uns erhalten ist: vgl. Gren-
fell-Hunt zu vnis-
2
) Rechtsguiachten, die von Magistraten und Richtern für ihre
Kognitionen eingeholt werden, begegnen auch in den Rechtsbüchern
mehrfach: z. B. bei Cels. in D. 4, 4, „ x ; Iul. D. 40, 2, 5; Pap. D. 23, 4„
(wahrscheinlich auch Coli. 4, 9 w und D. 48, 5, 12 » u. 12 ); Ulp. in D. 19, 1, ti
.
,

(vgl. auch D. 40, 2, 8 ).


8 Wollte man etwa annehmen, daß es sich wie
) in BGU. 613 bloß
um die Ausscheidung und Herausgabe der Dos gehandelt hätte, so würde
man voraussetzen müssen, daß über diese (wie in BGU. 613 über die
fiafifiwa vTtÖQxovxa) ein rechtskraftiges Urteil ergangen wäre. Der Text
aber macht eher den Eindruck, als ob in dem Responsum das Recht
auf die Dos selbst den Gegenstand des Prozesses bildete: jedenfalls
ist die Sache zweifelhaft.
«<rzrichter und Chrematisten. 37

fallen 1 ), daraus kaum mehr als eine Bevorzugung solcher


Männer und höchstens, eine beständige Übung erschließen
dürfen. In zweien unserer Aktenstücke, BGU. 613 und
Catt. Verso, sind die ParteienRömer 1 ): für die Behauptung,
daß ein besonderer Vollstreckungsrichter nur bei Prozessen
römischer Bürger bestellt wurde, reicht diese Tatsache nicht
aus, namentlich da die dritte Urkunde Oxy. 237 VIII 2 ff.
in dieser Hinsicht nichts Bestimmtes ergibt.*)
Bestellt wurde er vom Prozeßrichter, in BGU. 613 vom
Präfekten, inCatt.Verso vermutlich vom Iuridicus (S. 30, 4 ),
von denen der erstere sicher, der andere wahrscheinlich
(XXXIX 102 f.,,) selbständige Gerichtsbarkeit ausübte.
Daß auch ein delegierter Richter ihn mit der Vollstreckung
hätte betrauen können, ist nicht zu vermuten.*)
Zu beachten ist, daß in Catt. Verso VM von 'dem'
Vollstreckungsrichter (xo€ hnl rän> xexqiphoiv) gesprochen
wird und daß in BGU. 613 dem Fabricianus neunzehn
Eingaben zugleich zur Erledigung zugewiesen werden. Bei-
des deutet darauf hin, daß diese Delegationen für eine ge-
wisse Zeitdauer an bestimmte Personen erfolgten. Damit
nehmen sie den Charakter der Verleihung eines Amtes an. 5 )

») BGU. 378 um 160-162; Catt. Vereo um 141; Oxy. 237, vnit-T


unter Hadrian oder Pius (vgl. Grenf eil- Hunt zu vni7> s - 173t.).

«) S. oben S. 29 und XXXIX 101, ,.

•) Da das Gutachten einen yd/iog SyQcupoe behandelte, also die


betroffenen Personen Ägypter waren, wurde diese Urkunde die im Text
angedeutete Frage in verneinendem Sinne erledigen, wenn es feststünde,
daß Salvistius Africanus den Juristen in einer VoHstreckungssache be-
fragt hätte: das ist aber nicht der Fall: vgl. S. 36, 3.
4
) Dagegen sprechen daß der delegierte Richter
die Grundsätze,
nicht weiter delegieren sollte (S. 28 f.,,) und daß, wenn ein Richter für
das Urteil bestellt wurde, die Vollstreckung doch beim Deleganten blieb
(S. 25). Waren beides auch keine unverbrüchlichen Normen, so
wurden sie doch als Regel eingehalten.
•) Von hier aus würde es sich auch erklären, daß die Bezeichnung

ini xärv x&egi/xivcav als Titel geführt werden konnte. Es mag auch darau
hingewiesen werden, daß ebenso wie diese Vollstreckungsrichter auch
die gleich ihnen häufig aus den Kreisen der Offiziere (CPR. 18; Giess. 111;
Oxy. 653; Teb. 488) und der städtischen Beamten (BGU. 114, i, f.
592. 962; Oxy. 1102; Teb. 286. 488) mit der Urteilsfällung betrauten
iudk(8 dati (pedanei) öfters ihr Amt für eine gewisse Zeitdauer
38 Paul Jörs,

Dach darf man nicht übersehen, daß wir nicht wissen, ob


das, was uns die genannten Urkunden lehren, allgemeiner
Brauch war, und weiter, daß auch in diesen Fällen ein
besonderer Auftrag des Prozeßrichters nötig war, um den
Vollstreckungsrichter in Tätigkeit zu setzen (BGU. 613):
unvermittelt konnten die Parteien seine Hilfe nicht an-
war also seine Delegation keine allgemeine.
rufen. Insofern
Über die Obliegenheiten des Vollstreckungsrichters
wurde bei der Besprechung der einzelnen Urkunden ge-
handelt, soweit diese dazu Anlaß gaben. Im allgemeinen
war Wirksamkeit wohl die gleiche, wie wenn der
seine
Prozeßrichter selbst die Vollstreckung leitete: sie umfaßte
also die Prüfung der Voraussetzungen, die Anordnung
und Beaufsichtigung der Ausführung der Vollstreckung
(vgl. Ulp. D. 42, 1, das schließt nicht aus, daß nicht
15 ):
doch in Einzelheiten seiner Macht Schranken gesetzt
waren; auch konnte ja immer der Auftrag bei der Bestel-
lung seine Aufgabe begrenzen.

4. Ausführende Organe.
a) bei der Urkundenvollstreckung.
Die Ausführung der Urkundenvollstreckung fiel den
Ortsbehörden (eni töjv roncov) zu. In den Beschlüssen der
Chrematisten über Pfändung und Besitzeinweisung wurde
sie, wie wir sahen (XXXVI 234 ff.) in der Weise angeord-

net, daß dem Strategen und ijevixüv 7iq<iht(oq Anweisung


erteiltwurde, den gesetzlichen Vorschriften entsprechend
ihres Amtes zu walten. Aufgabe des Strategen war es,
die vom Erzrichter und den Chrematisten anbefohlenen
Zustellungen an den Schuldner durch seine Amtsboten aus-
führen zu lassen (XXXVI 232 f. 235f. 237 f.). Diese Zu-
stellungen waren wegen der Einseitigkeit des Mahn- und Voll-
streckungsverfahrens (XXXIX 52) notwendig: durch sie
erhielt der Schuldner überhaupt erst Kenntnis von den gegen

führten und doch jedesmal für den einzelnen ihnen zugewiesenen Fall
besonders bestellt wurden. Kennzeichnend dafür ist, daß sie Amts-
tagebücher (vnofiVTj/xaziOfiol) führten (BGU. 969, j ,. ,. n ,; CPR. 18, * 40 ;
Teb. 488; Rein. 44, i [fieairrjg]).Diese sind auch für die Richter eni
rwv xexQifievov zu vermuten.
Erzrichtcr und Chromat inten. 39

i Ihn unternommenen Schritten des Gläubigers und der ihm


drohenden Pfändung und Besitzeinweisung. Weiter hatte
der Strateg die zu den Voraussetzungen dieser Zwangs-
maßregeln gehörend« 'u Feststellungen und Ermittlungen
vorzunehmen (XXXVI 289ff.). Vor ihm mußt«- der Gläu-
biger, der seine Sache nicht selbst vor den Chrematuten
geführt hatte, erscheinen, die in Alexandrien abgegebenen
Erklärungen und Anträge seines Bevollmächtigten aner-
kennen und die Wahrheit seiner Behauptungen über den
rechtlichen Bestand und Fortbestand seiner Forderung eid-
lich erhärten. 1 ) Auch die Prüfung der der Vollstreckung
zugrunde liegenden Schuldurkunde konnte dem Strategen
übertragen werden, so daß er angewiesen wurde, dem Ver-
fahren nur dann seinen Lauf zu lassen, wenn ihm diese
Urkunde in Urschrift nachgewiesen wäre (XXXVI 294 ff.).
Von den eigentlichen Vollstreckungsakten lag die Ausfüh-
rimg der hexvQaoia, die in der nqozßo"kr\ gipfelte 2 ), in den
Händen des Praktors (XXXVI 312ff.), während" bei der
ifißaÖeCa die etwa notwendig werdenden Zwangsmaßregeln
lediglich durch den Strategen angeordnet und wohl durch
seine Amtsdiener ausgeführt wurden. Indessen sind wir
über den letzten Punkt nicht näher unterrichtet.*)

b) bei der Urteilsvollstreckung in ptolemäischer Zeit.


Es ist in hohem Grade unwahrscheinlich, daß bei der
Urteilsvollstreckung ein ähnliches Nachverfahren wie das
eben berührte vor dem Strategen stattgefunden haben
sollte. Weder die Anerkennung des Vertreters*), noch der

*) BGU. 1038, „ff.; Flor. 55, „ff. 56, e ff.; Näheres s. oben XXXVI
296 ff.; dazu unten S. 90.

*) Über die Frage, ob der Strateg vielleicht bei der Tiajxböeitu;


beteiligt war, s. oben XXXVI 324. 327.
•) Über den Hergang bei der i/xßadeia vgl. unten S. 63 ff.
•) Offenbar war zur Legitimation des Prozeß Vertreters (vgl.
Wenger, Stellvertretung 127 ff.) schriftliche Bevollmächtigung er-
forderlich: vgl. die Urkunden Oxy. 97.
öffentlichen 261. 365. 726.
727, 19 f. (in einer Generalvollmacht); außerdem Teb. 317, Erklärung
gegenüber einer Behörde. Bei der Ürkundenvollstreckung scheint man
sich in der diaXoyq vor den Chrematisten mit der schriftlichen Erklärung
des Vertreters öurnearaXfiai ngog trp> toö xgq/uarfoyiov reXeitoatv (BGU.
40 Paul Jörs,

Eid über die Forderung oder gar die Prüfung von Ur-
kunden, auf die sich der Kläger zur Begründung seines
Anspruches berief, konnte aus dem Prozeß in die Exe-
kutionsinstanz verlegt werden. Denn der Richter sollte
hier die Grundlage der Vollstreckung, das Urteil, selbst
schaffen darum mußte er die Prozeßvoraussetzungen und
:

Beweismittel selbst prüfen, ehe er seine Entscheidung fällte.


Daß diese Grundsätze auch für den Prozeß im ptolemäischen
und römischen Ägypten galten, zeigen die vielen auf uns
gekommenen Protokolle: keine Spur führt auf ein ab-
weichendes Verfahren. Auch Zustellungen durch den Stra-
tegen, wie siebeim diaotofaxov und XQVfjlaxiatJ'^ ivexvQaatag
und waren, kommen beim Urteil
ifißadeiag vorgeschrieben
in unseren Texten nicht vor. In der Tat waren sie ent-
behrlich, denn der Zweck, den sie dort bei dem einseitigen
Verfahren verfolgten, dem Schuldner Kenntnis und zu-
gleich Gelegenheit zum Widerspruch (ävriQQrjaig) zu geben,
kam bei dem auf dem Grundsatze beiderseitigen Gehörs
aufgebauten Prozeß nicht in Frage. Selbst dann, wenn
die Verhandlung vor Gericht tatsächlich ohne den Schuld-
ner stattgefunden hatte, also wenn ein Versäumnisurteil
ergangen war, fand, wenigstens im Falle von Tor. 13, keine
Zustellung des Urteils mit Androhung der Vollstreckung
durch den Strategen statt, sondern wurde lediglich die
letztere dem Praktor anbefohlen.
Für die ptolemäische Zeit läßt sich der gevix&v tzqoxtodq 1 )

1038, 14 ; Flor. 55, M . 56, 7 ; Berl. Inv. 11664, 10 ff.) begnügt zu haben. Das
folgt daraus, daß von ihm als einem 'angeblichen' Bevollmächtigten
gesprochen wird : xov foyo/iivov öuvieoxdX&ai vTioyodyavxoq (in Flor. 55, 14.

muß aber m. E. statt xov hyofievov [Vitelli], das nicht ohne Verbum
bleiben kann, ein Name ergänzt werden: xal xov öelvog VJioyQayxivxog
6umeo']xdKvxai xzL). Gerade darum war die Bestätigung der Akte des
Vertreters durch den Gläubiger selbst vor dem Strategen erforderlich.
— Anders bei der öijfi-oaUoaig: vgl. Jörs, Z. Sav. St. XXXIV 115.
126ff. 153.
x
) An mehreren Stellen finden sich Vollstreckungsbeamte, die als
ngdxxooeg schlechthin bezeichnet werden: so Hai. 1, 47 M iU
. . .
ll9 ( 1M
Personalexekution); Hib. 92, 21 f. (vgl. S. 43,,); Theres. I 6 (Stud.
Pal. I 1) (vgl. S. 47, 4 ). Außerdem begegnet in Hib. 34, 7 ein TigdtcxatQ
xän> löuoxixwv (S. 44, x) und in Petr. III 26, M f. 6 nodxtcoQ 6 im wp
Erzrichtor und Chrei.iatisten. 41

1
mit Sicherheit als Vollstrecker gerichtlicher Urteile ) be-
legen. Vor allem durch Tor. 13, ,. 16
.
24
(Chrest. II 29),
wo das Gericht der Chrematisten in Memphis beschließt,
den dortigen £evixü>v 7iq6.xt(oq mit der Vollstreckung des
von ihm erlassenen Urteils zu beauftragen und sein elgaycj-
y&oi das entsprechende Schreiben an ihn ergehen läßt (vgl.
XXXVI 249. 263 f. und hier S. 20). Ebenso wird man
Teb. 165 (S. 23, ,) und Magd. 41») hierher ziehen dürfen.
Und die in Teb. 5, nx ii. enthaltenen, an die fcvixcüv ngdx-
toqeq gerichteten Verbote über die Vollstreckung gegen die
Person und in bestimmte Vermögensgegenstände der ßaoi-
Xixoi yeoDQ-yoi und toozeXeli; sind in ihrer allgemeinen Fassung
jedenfalls in erster Linie auf die Vollstreckung von Urteilen
zu beziehen. 3 )

Für die Mitwirkimg des Strategen bei der Urteils-


vollstreckung haben wir aus ptolemäischer Zeit keinen zu-

ßaodix[ü]v Terayfieva;. In welchem Verhältnis sie zu den uns beschäf-


tigenden £mxtöv TiQÖXTOQee standen, ist nicht bekannt (vgL Grenfell-
Hunt zu Hib. 34, 7 Mitteis, Grundzüge 19f.). Es ist möglich und
;

sogar wahrscheinlich, daß die altptolemäische Prozeßordnung, das öid-


ygafifta (S. 14), da, wo sie die Vollstreckung regelte, vom tiqöxxoq
schlechthin sprach (vgl. Hai. Hib. 92, „f.), daß also für die ver-
1, <,ff. ;

schiedenen Praktoren, soweit sie mit der Vollstreckung von Urteilen


befaßt waren, dieselben Vorschriften galten. Jedenfalls findet sich
auch in den eben genannten Texten nichts, was uns veranlassen könnte,
die im folgenden über die fmxeuv TiQaxroQeg und insbesondere über ihr
Verhältnis zu Gerichten und Strategen ausgesprochenen Sätze zu ändern.
Das Gesagte würde übrigens auch von den noaxiogeg in BGU. 1132, ,. „
gelten,wenn diese Urkunde hierher gehörte: meines Erachtens handelt
es sich in ihr aber nicht um Vollstreckung auf Grund eines Urteils,
sondern einer exekutiven Urkunde: vgl. oben XXXVI 328, x .

*) In Rein. 7, ,, (Chrest. II 16) und 19, 17 (Chrest. II 27) werden


£evixä>v TiQaxTOQeg, in Hib. 30, u wird ein tiq6xxoiq schlechthin erwähnt,
die in privatrechtlichen Angelegenheiten tätig sind, doch handelt es
sich nicht um eine Vollstreckung. Auch in Petr. III 26, u (Chrest. II 30)
Jwkw tov tc5v toto»» tiqöxxoqoi; ist eine Beziehung zu ihr nicht erkennbar.
Die Notiz in Lille 28, u bleibt ganz dunkel : wahrscheinlich ist der hqöxkdq
äqryvQo«öv, also ein Steuererheber, gemeint.

•) Diese Urkunde nur soweit es sich um den gevtxwv tcq6xx(oq han-

delt,dessen Aufgabe in der Urkunde durch ngc^ai bezeichnet ist. Im


übrigen s. S. 23, a 42, t u. r .

3
) Vgl. hierzu unten S. 70 f.
42 Paul Jörs,

verlässigen Beweis. 1 ) Bestimmte Handlungen, die ihm da-


bei zugefallen wären, sind nicht bekannt. Aber einmal ist
die Zahl der dafür in Betracht kommenden Urkunden ge-
ring, und vor allem könnte man die Frage aufwerfen, ob
ihm als oberstem Beamten des Gaues nicht etwa die Leitung
und Aufsicht oblag. Eine direkte Antwort läßt sich auch
darauf nicht geben. Es ist möglich, daß die £evixatv tiqox-
rogeg im allgemeinen als Untergebene der Strategen an-
zusehen sind: wenigstens lassen sich dienstliche Anweisun-
gen von diesen an jene nachweisen. 2 Aber dem steht eine
)

l
) In Betracht kommen konnte vielleicht BGU. 1004 (Chrest. II 33).
Hier ist jedenfalls ein Urteil der Chrematisten ergangen ( B f.), aber es
fehlt die Adresse, und wenn die Eingabe, wie Mitteis vermutet, an
den Strategen gerichtet war, so läßt sich doch nicht erkennen, ob dieser
um eine Vollstreckungshandlung angegangen war (vgl. Mitteis, Chrest.
S. 42; Semeka, Ptol. Prozeßrecht I 60ff.). Daß der Antrag, die Sache
dem imardrrjg zuzuweisen, gegen die Annahme einer Urteilsvollstreckung
spricht, hat schon Mitteis hervorgehoben: das ist um so mehr zu be-
tonen, als wir in Tot. 13 ein Vorbild für die Vollstreckung eines von
den Chrematisten erlassenen Versäumnisurteils, wie es hier in Frage
kommen würde, besitzen: dieses aber weist wesentlich andere Formen
auf, als sie BGU. 1004 erschließen läßt. — In Magd. 41 handelt eB sich
meines Erachtens nicht um die Ausführung der Vollstreckung, sondern um
einen Streit über die Berechtigung dazu; vgl. S. 23, 2 und hier Anm. 2.
— Auch aus Hib. 92, „„ff. ist schwerlich etwas über die Beteiligung des
Strategen an der Vollstreckung zu entnehmen. Dort wird gesagt, die
tiqö^u; solle zustehen dem Apollonios (Gläubiger oder Praktor? vgl.
Dikaiomata 89) oder dem Amtsdiener, sei es des Strategen, sei es des
Praktor. Damit sind die Vollzugsorgane genannt, die Vollstreckungs-
handlungen vornehmen können: über eine Mitwirkung des Strategen
selbst aber verlautet nichts. Vgl. dazu S. 40, v 43, a
s So in Magd. 41 (vgl. S.
) 23, s ): das Subjekt zu yqdrpaq x&i £e»atGtt
nodxzoQt 7iQä[£av ] xal anoöovvai ftoi (,f.) ist offenbar der Stra-

teg (vgl. „): er soll also den Gerichtsvollzieher mit der Vollstreckung
beauftragen: diese Tatsache bleibt bestehen, trotzdem in der evrevfe
ek ro xov ßaaiX&og Svofxa (formell) der König gebeten wird, den Stra-
tegen zu jenem Auftrage zu ermächtigen: wie bekannt (oben XXXVI 268),
gelangen Eingaben dieser Art überhaupt nicht an den Hof. — In Rein.
19, 1 H. „iL (Chrest. II 27; 108 v. Chr.) ergeht sogar von den ßaotkxol
yQafifiazelg (vgl. Biedermann, Studien 14) eine Anweisung an die
£en>töw JiQdxtoQeg, die es diesen Beamten untersagt, den Gesuchsteller
(Schuldner) in Haft zu nehmen (naQaXafißäveiv), wenn er während der
Saatzeit der Ladung des Gläubigers nicht Folge leisten wird. Das ist
um so auffälliger, als der Schuldner gleichzeitig von dem Strategen
)

ter und Chrdmatistca 13

and- einung gegenüber: der Vollfctreckungabefehl


i erging vorn erkennenden Gericht nicht durch Vermittlung
des Strategen, sondern unmittelbar an den GeriohtSToll-
I zieher: so in Tor. 13 und in 'Feh. 1(1."). wenn die oben (8. 23, J
I
gegebene Auslegung, daß dieses Schreiben von einem Kol-
legialgerieht ausging, zutrifft. 1 ) Das ist schwerlich eine
inzelte Erscheinung, sondern wird allgemeiner Brauch
gleichviel, ob der Vollst reckungsbefehl von

einen Befehl ati den t.-tiaräTij; t>/,- mStfltji erwirkt, <Jaß dieser ilcn (il.m

Ufer von Schritten gegen ihn abhalten soll (Hein. iS - Chr. 11 '-'<>).
Wisli.ill) hier ein doppelte« Gesuch, das noch dazu in der Darlegung

des Tatbestandes ganz gleichlautend ist, eingereicht \sird und weghalb


da» die Traktoren betreffende an die königlichen Schreiber, die doch
Untergebene des Strategen waren, gerichtet wurde, vermögen wir nicht
zu erkennen. Nach alledem glaube ich. daß unsere Quellen i

nicht gestatten, eine bestimmte Meinung über die im Text aufgeworfene


Frage auszusprechen. — Die römische Urkunde Oxy. 1203 lv ff. M f. (

kann meines Brachten« nicht zum Beweis der rnterordnung des £mxü>»>
jiQdxxioQ unter den Strategen verwendet werden. Wenn auch die Ein-
gabe an diesen Beamten gerichtet war (S. XXXIX 57. s so verlangt doch
).

der Gerachsteller nichts weiter von ihm. als daß er dem Zevtxäw JtQaxiMQ
(ebenso wie dem CtOgner) eine Abschrift seines faöftiijfia zustellen lasse,
was auch geschieht. Damit ist aber nur gesagt, daß der Strateg dem
Praktor den Antrag formell bekanntgab, nicht daß er ihm befahl, dem
Begehren des Gesuchstellers zu willfahren: die Entscheidung darüber
blieb dem Praktor anheimgestcllt. — Dagegen ist möglich, daß in Ryl.
115, » die Tätigkeit des Praktor von dem Ausfall einer durch den Stra-
tegen zu führenden Untersuchung, also auch wohl von dessen Anweisung
abhängig gemacht werden 6oll: vgl. unten S. 91 f.
l
Zur Unterstützung mag darauf hingewiesen werden, daß die
)

Beschlüsse der alexandrinischen Chrematisten BGU. 1038, j 5 tz und .

Berl. 11664, u für die Urkundenvollstreckung zwar beide Organe, den


Strategen und den frvixwv tiqöxtqjq in Bewegung setzten, den letzteren
aber nicht durch Vermittlung des ersteren, sondern durch ein selb-
ständiges an ihn gerichtetes Schreiben. Entsprechend wird im ötaoTokxov
Oxy. 286, 6 ein Schreiben an den Praktor, wie Mitteis (Chrest. S. 256)
,

mit Recht annimmt, vom Erzrichter begehrt. Und in Oxy. 1203 heißt
es, der £evtxän> twoxtcüo habe ein thtofivfjfta aas dem xa.Ta.kyytun, also
aus der Kanzlei des Erzrichters erhalten. Diese Urkunden stammen
zwar aus der römischen Zeit: als Parallele für die selbständige Stellung
des Praktors bei der Vollstreckung können sie aber auch hier heran-
gezogen werden.
*) Dagegen kann man sich auch nicht auf die Vollstreckungsklausel

n Hib. 92, M ff. (Chrest. II 23 vom Jahre 263/2 v. Chr.) berufen, welche
44 Paul Jörs,

einem Gericht der x&Qct oder von einer zentralen Landes-


behörde 1 ) erlassen wurde.

c) bei der Urteilsvollstreckung in römischer Zeit.


Die Urkunden der römischen Zeit weisen ein anderes Bild
auf. Nach BGU. 378, u«. (Chrest. II 60, vom Jahre 147 n. Chr.)
hatte, wie schon hervorgehoben wurde (S. 27), der Gläubiger
von dem Prozeßrichter, dem Iuridicus, einen Vollstreckungs-
befehl an den Strategen erwirkt ( 22
ff .) : il-io%'öoa<; — &r[t]oTo-
Xrjv [rov] — öixaiodörov — tö> otQatriytp, önox; £v[ß]ißa<r&fj 2 )

[el]s rä $[7i]äQxo[v}td fioi. Selbstverständlich sollte der


Strateg damit nicht beauftragt werden selbst Hand an-
zulegen, sondern die nötigen Anweisungen zur Ausführung
der Vollstreckung an die ihm unterstehenden Organe zu
erlassen. Es fragt sich, wer das war. In erster Linie möchte
man an die gevixtöv TiQ&xtoQes denken: und gewiß dürfen
sie nicht als ausgeschlossen angesehen werden. Aber es
ist zu beachten, daß sie mit Sicherheit für die römische
Zeit nur bei der Urkundenvollstreckung zu erweisen

lautet: Jj ngä^v; i[a]x(o ['ÄTidfifonfhoi] {} äXktot xüv [Kq]ioIjuwv [rj to]v


no6xro{Q]os ÖTiijQexcw xaxä xd [öidyQafi]iua. Danach kamen neben, den
Dienern des Praktors auch die des Strategen (vgl. Z. u ) für die Voll-
streckung in Betracht. Es ist möglich, daß das auf eine ältere Ordnung
hinsichtlich des Vollstreckungspersonals deutet (vgl. S. 40, v 42, j).
Aber daß der Praktor und seine Gehilfen nur auf Geheiß des Strategen
tätig werden konnten, darf man nicht aus den Worten erschließen.
Sie deuten eher darauf hin, daß dem Gläubiger die Wahl freistand,
welche Organe er für die ftgö£t£ in Anspruch nehmen wollte. Ob Apollo-
nios der Gläubiger oder, wie die Herausgeber der Dikaiomata (S. 89)
annehmen, der Praktor war, trägt für unsere Frage nichts aus.

Dafür darf man Hib. 34, 7 (Chrest. II 34 vom Jahre 243/2) zwar
*)

nicht als Beweis anführen, aber doch zur Vergleichung heranziehen.


Hier wird der König, also gewiß eine Zentralstelle, um den Befehl zum
Erlaß eines Schreibens, nicht wie sonst bei der §vxev£ig eis rd xov ßaaiMmq
cvofxa, an den Strategen sondern an den Vbllstreckungsbeamten an-
gegangen, eine Tatsache, die bemerkenswert ist, wenn auch dieser Be-
amte hier ngdxxwQ xwv iöiajxiy.&v heißt (vgl. oben S. 40, ,) und es sich
um eine Vollstreckung gegen die Person des Schuldners, nicht in sein
Vermögen handelt. Wie in diesem Falle der Geschäftsgang gestaltet
war, wissen wir nicht: da aber im Gegensatz zu den Urkunden von Mag-
dola der Strateg gar nicht genannt ist, spricht der Augenschein dafür,
daß er auch nicht mit der Sache befaßt war.
2
) Vgl. dazu unten S. 67 f.
.

Erzrichter und Chromat ist en. 45

sind 1
) und daß sie hier, wie wir sahen (S. 43), ihren Auftrag
direkt vom Vollstreckungsrichter erhielten, während sie ihn
im Falle von BGU. 378 durch Vermittlung des Strategen be-
kommen würden. Andrerseits ist der aus den Rechtsbüchern
bekannte Brauch der Magistrate, das Urteil durch ihre
Amtsdiener vollziehen zu lassen 1 ), auch für Ägypten be-
zeugt: in Teb. 335, 18
finden wir xdv dqxpixidXtov xrjg rd&cwc

*) Von den nennenden römischen Texten


die Eevtxütv TiQÖxxoQei;
sind sicher auf die Urkundenvollstreckung zu beziehen BGU. 970 ( M ). :

1038 ( u n ); Be rl I" v »864 ( u ); Lips. 120 (,); Lond. Nr. 1897 (,f.)
. - -

[Arch. f. Pap. VI 106]: Oxy. 712 (,. ,). Aller Wahrscheinlichkeit nach
gilt das gleiche von BGU. 1132 (,. „ nedxxooeg): vgl. oben XXXVI 328, ,.

In Oxy. 286 („) ist ein Urteil weder erwähnt, noch aus dem Inhalt zu
erschließen. Der Antrag in dieser wahrscheinlich an den dQxäocaaxfc
gerichteten Urkunde (Mi tteis) geht zunächst nur auf Zustellung. Die
weiterhin bedingt angedrohte Vollstreckung will der Gesuchsteller offen-
bar nicht durch Riohter und Urteil, sondern durch Erzrichter und Chre-
mausten herbeigeführt wissen. Darauf deutet die beim Mahnverfahren
bekannte Formel ( lt ft): 5ncoi — änööwoeiv (1. dnodwoiv) xavxa, f} eldwoi
— ioofidvrjv. /MH ti)v jiqö^iv —
Mitteis hat die Form als 'uneigentliches
.

Mahnverfahren* bezeichnet: vgl. Chrest. S. 266; Grundzüge 124. —


In Oxy. 1203 ist wahrscheinlich, daß die Hypothekenforderung des
Gesuchstellers im Mahnverfahren verfolgt wurde: wenigstens fehlt jede
Hindeutung auf ein Urteil. Daß die Gegenforderung des Leonides im
Mahnverfahren geltend gemacht war, sagt der Text (»ff.): inogtoaxo ix
xov xaxaXoyelov öjwfiyrjfia no6g xdv iv&aöe Zevixüv tiqoxxooo. Auch der
Widerspruch, den der Gesuchsteller durch die vorhegende Eingabe er-
hebt dT ft), bewegt sich in den bekannten Bahnen dieses Verfahrens:
der Prozeß, der in Aussicht genommen wird w ), ( betrifft die Entscheidung
über diesen Widerspruch. Vgl. oben XXXIX 53,
Aus Oxy. 825 läßt ,. -
sich überhaupt nichts über die Eevtxwv Tx^dxxooei entnehmen. — Der Voll-
ständigkeit halber mag auch noch auf das in der Urkunde Chrest. I 28, u f
erwähnte liturgische Amt der TiQaxxoQela >ca[x]axQifia[x<o]v im lykopoliti-
schen Gau hingewiesen werden. Aber da die Urkunde nichts Näheres
angibt und der Name sonst nicht begegnet, muß es dahingestellt bleiben»
welche Aufgabe die dabei in Betracht kommenden Praktoren zu er-
füllen hatten.
*) Vgl. Ulp. D. 21, 2. M K. Alex. C. 8, 22, , (officium)
(apparitores);
Herrn. D. 21, 2, 74 , , (officium).Namentlich wird das Vollstreckungs-
organ als exsecutor bezeichnet: Ulp. D. 3, 5, „ ( DiocL u. Max. C. 7, 53, g ;
;

vgl. auch Oonst. C. Th. 2, 30, x (intercessores: C. L 8, 16, T interpoliert


exHcutores). Das Verbum nur von dem ausführenden
exsequi wird nicht
Beamten (so D. 21, 2, M 21, 2, 74 x citt.), sondern häufig auch von dem
.
,

anordnenden Vollstreckungsrichter gebraucht (vgl. Ulp. D. 42, 1, »


durchweg; K. Ant. C. 7, 53, a und 4 8, 17, ,. Literatur s. oben S. 24, r
.
4G Paul Jörs,

als das Organ genannt, das den Vollstreckungsbefehl aus-


führt. 1 )Die Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß das
allgemein so gehalten wurde. Man wird also auch im
Falle von BGU. 378 damit rechnen müssen, daß der Stra-
teg die ihm übertragene Vollstreckung des Urteils auf diese
Weise, sei es durch seinen eigenen vnr/QeTrji;, sei es durch
andere Offizialen 2 ) ins Werk setzen ließ. 3 )

*) In dieser Urkunde — vgl. dazu Wilcken, Areh. f. Pap. V 238.


202, 3 — , wahrscheinlich einem Auszuge aus einem Prczcßprotokoll (W.),
streitet Phienüs mit einem ungenannten Gegner um das Eigentum eines
zu ihrem Heiratsgute gehörigen Grundstückes. Nach ihrer Darstellung
hatte ihr der Richter auferlegt, die bisher nicht auffindbaren Urkunden
über ihr Recht (ötxcua 6 w ßißXia 8 [schwerlich Akten der ßißfaodrjxrj
.
,

iyxxr/aeoiv, wie Eger, Grundb. 199, 8 annimmt]) beizubringen, zugleich


aber entschieden (eöixioxrev 8 ), daß sie zunächst bis zum Endurteil (riAeiav
cbi6<paoiv 8 ) im Besitz bleiben solle. Trotzdem aber hatte, so führt sie
weiter aus, einer der Offizialen desselben Richters, angeblich auf dessen
Befehl ( 14 . J5 ) 15 ), das Grundstück in Verwaltung
(xexefevxÖTog u, xekeveiv
genommen Hiergegen legt Phienüs Verwahrung ein und
(öioixeTv , 4 ).

beantragt, diese Maßregel auszusetzen, bis sie dem Richter die Urkunden,
denen sie unterdessen auf die Spur gekommen war, vorgelegt haben würde.
Sie scheint dabei ihr nachteilige Umstände zu verschweigen oder doch
zu verschleiern. Aber gleichviel, ob der Befehl in Wirklichkeit erlassen
war oder nicht und ob er im ersteren Falle auf Grund eines neuen den
Bescheid in anderer Weise regelnden Interlokutes oder des in Aussicht
gestellten Endurteils ergangen war: jedenfalls zeigt uns die Urkunde,
daß eine solche (vorläufige oder endgültige) Vollstreckungsmaßregel
vom Prozeßrichter ausging und durch den dqxpixidhog rfJQ rd^e<oq aus-
geführt wurde. Darauf kommt es hier an.
8
) In BGU. 378, 26 f. wird dargelegt, der Gläubiger habe (dem
Schuldner) durch zwei Soldaten des Iuridicus den Vollst reckungsbefehl
zugesandt. Daß dadurch eine Vollstreckung eingeleitet werchn sollte,
ist klar. Daß aber die Soldaten auch weiter die Vollstreckung durch-
führen sollten, wozu es der Anweisung des Strategen bedurft hätte (^f.)»
kann man nicht ohne weiteres aus der angeführten Tatsache folgern.
Höchstens auf die Möglichkeit darf hingewiesen werden. Bemerkens-
wert ist es jedenfalls, daß in beiden Fällen, in denen es sich um Urteils-
vollstreckung in römischer Zeit handelt, Offizialen des Vollst reckungs-
richters in Erscheinung treten. Vgl. dazu unten S. 69, ] u. 2 .

3
) Teb. 335 gehört dem dritten Jahrhundert nach Chr. an: viel-
leicht hat die römische Ordnung der Vollstreckung durch die Amts-
diener erst allmählich die ptolemäische durch besondere, unmittelbar
vom Vollstreckungsrichter beauftragte Gerichtsvollzieher übeiwunden.
iitt-r und ChreoMtl 47

5. Vollst reck ungshandlutiK<n.


.1) Pf&ndnag.
Die Vollstreckung von Urteilen wurde ebenso wie <li<-
aus Urkunden 1 ) durch Pfändung vollzogen. In den ptole-
maischen Texten finden wir sie hier wie dort*) mit dem
im ganzen griechischen Recht&kreiae üblichen Auadrnoke
hexvQaola, ivexvgdCetv bezeichnet. So sicher in llib. 32, 7 f.
(Chrest. II 37, vom Jahre 246/5 v. Chr.): tiqoq xaxad(xt,v
fgtjfiov —Rückseite: ivexvgaoia, und Petr. III 26, 8 ff.
,

(Gesetz über Tierschaden aus dem dritten Jahrhundert


v. Chr.): änoreiadra) 6 xvqioq zmi ßXixp&evxi ro ßXdßog —
bt xqiofüx;. 7iqo xgiaecog de (irfteig hex^ga^EXü) — . idv ö£ xtg
xovxatv rt Tzoirjorji — S äv ivexvgaaev [ ] uTiodöxcn

xcöi xvQicot — . Wahrscheinlich gehört auch Hai. 1, j^ff.


hierher 3 ),während die übrigen Texte dieser Zeit, in denen
die Pfändung erwähnt ist, nicht notwendig ein Urteil vor-
aussetzen. 4 )

*) Von den Hypothekenurkunden, bei denen keine Pfändung >tatt-

fand, wird hier zunächst abgesehen.


•) Vorsichtiger ausgedrückt: 'liier wie Ihm der Urkundenvollst nk-

kung der Kaiserzeit*. Aber da das uns bekannte Verfahren bei dieser
sicher in ältere Zeiten zurückreicht (XXXVI 245«. und hier & 2f.),
wird man das vor allem für die iveyyQaoia anerkennen.
*) Gesagt ist es nicht, daß es sich um Pfändungen auf Grund
eines Urteils handelt. Die Vorschriften sind allgemein gehalten, aber
gerade darum muß man zum mindesten in erster Linie an Urteilsvoll-
streckung denken. Hätten sie auch die Urkundeiiyollst reckung be-
müßte diese im dritten Jahrhundert v. Chr. ein ganz anderes
troffen, so
Aussehen als das, welches wir aus der Kaiserzeit kennenlernten,
gehabt haben. Und zwar weniger, weil dieses nur bei Grundstücken
vorkommt, während in Hai. 1, 13t ein Pferd, also Fahrnis, erwähnt
ist. Das kann Zufall sein: wissen wir doch, daß das Vollst r^ckungs-
verfahren bei Hypotheken auch Sklaven ergriff (Oxy. 485). Aber der
vo/iog datwofitxöq (Hai. 1, t87 ) und die ävayQU(f>) der &eafiotfv)xixeq (, w )
sind Erscheinungen, die offenbar dem alexandnnkchcn St adln cht und
wahrscheinlich der Privat pfändung angehörten (oben S. 6f. ), und
die sich schwerlich mit dem uns bekannten Verfahren vor Erzrichter
und Chrematisten in Zusammenhang bringen lassen. Die Annahme
einer Urkunden Vollstreckung aber, welche von diesen Organen absehen
wollte, würde bei dem heutigen Stande unserer Quellen jeden gesicherten
Boden verlassen.
*) In Theres. 1 10 (Stud. Pal. 1 1) handelt es sich zwar um einen
48 Paul Jörs,

privaten Anspruch, doch ist nicht erkennbar, ob die Pfändung auf Grund
eines Urteils oder einer vollstreckbaren Schuldurkunde vorgenommen
wurde. —
In Lille 8 scheint, wenn auch der Ausdruck ivexvQa&iv nicht
gebraucht wird, die 'Wegnahme' des Viehes doch eine Pländung dar-
zustellen, weil der Gesuchsteller Phibis deren Widerrechtlichkeit durch
die Worte ( M ) oööev oqpelXovroQ ifiov afaiöi darzutun sucht. Jedenfalls
weisen diese Worte auf eine Forderung hin, die Kresilaos, wenn er auch
Beamter war (vgl. die Herausgeber zu Z. 7 und S. 57), doch wohl in
eigener Sache (cttfreöt) geltend machte. Ungewiß bleibt aber, wie er die
Pfändung rechtfertigte: von einem Urteil oder sonstigem Vollstreckungs-
titel ist keine Rede: vielleicht war in der Z. 6 erwähnten fvTet>£i5 Näheres
ausgeführt. Auf jeden Fall muß man auch mit einer Privat pfändung
rechnen. — In Teb. 57 (Chrest. I 69) ist unsicher, ob der Pfändung (g. 8 )

ein privater oder öffentlicher Anspruch zugrunde lag. War ersteres


der Fall, so liegt es näher (mit Grenfell-Hunt, Ausgabe S. 167, und
Wilcken, Chrest. S. 97) anzunehmen, daß der Brief von einem Priester
(oder Beamten) ausging und an den Gläubiger gerichtet war, als (mit
Raape, Verfall d. griech. Pfandes 106f.) den Gläubiger für den Schreiber
anzusehen: denn bei dem Priester ist die Sorge für die Fütterung der
heiligen Tiere (, ff.) leicht verständlich, während sie bei dem Gläu-
biger ohne Erklärung bliebe. Bei dieser Auffassung aber liegt nun
wieder der Gedanke an eine Privatpfändung nahe. Auf ein Urteil
deutet nichts in dem kurzen Text. — Ebensowenig lassen einen sichern
Schluß zu Par. 35, ^ und
37, 87 4S sowie die verwandten Eingaben
.

Vat. 2, u und 3, 19 (Mai Classicorum auctorum e Vaticanis cedicibus


editorum tom. V 352ff.). In den erstgenannten Urkunden läßt die An-
gabe, daß Polizeiorgane und Priester bei Ptolemaios nach Waffen suchten,
vermuten, daß der gegen ihn bestehende Verdacht die Veranlassung
oder vielleicht auch den Vorwand zu den am Abend und später vor-
genommenen Versiegelungen und Beschlagnahmen gegeben hat. Jeden-
falls ist in den Urkunden von einer gegen Ptolemaios erhobenen Forde-
rung oder gar von einem Urteil keine Rede und ist es keineswegs sicher,
daß die hier geschilderte Pfändung einen privatrechtlichen Anspruch
geltend machen sollte. Vgl. zu den Urkunden Schwarz,- Hypothek
u. Hypallagma 96, 3 Raape, Verfall d. griech. Pfandes 106f.; Wilcken,
;

Arch. f. Pap. VI 200ff. — Vollends fehlt jeder privatrechtliche Anhalt


und scheint es sich um Pfändungen aus Gründen öffentlichen Rechts
zu handeln in Par. 62, tv „; Petr. III 32 (f); Verso n la (S. 69); Teb. 61
(b) sff und 72, s7 , (vgl. Rostowzew, Kolonat 49). in Grenf. — Wenn
I 10, 17 richtig ergänzt ist ivexvQdo]cooiv (Preisigke, Berichtigungsliste
S. 178), so würde allerdings eine private Forderung zugrunde liegen,
aber für die hier behandelten Fragen gäbe der Text nichts aus. Noch
1

weniger ist etwas aus den dürftigen Re sten in P. Soc. Il al 227, 4i ]rjeve-
jfuga[ zu schließen, obwohl die Erwähnung des öidygafifia ( M f3 ) den .

Gedanken an ein Urteil nahelegt. Übrigens ist auch das Sub&tantivum


'Pfänder* (...tj ivixvQa) hier nicht ausgeschlossen.
Erzriohter und Chrematisten. 49

Auch
die von den römischen Magistraten (pra^f* <ti,
iuridici)oder ihren Delegaten verhängte Vollstreckung von
Urteilen erfolgte zweifellos in Ägypten, wie überhaupt im
Reiche beim pignus in causa iudicati captum durch Pfän-
dung. 1 ) Aber der Ausdruck ivexvgaaia hat sich bisher
nicht dafür nachweisen lassen. So oft er in römischen
Urkunden vorkommt, ist nirgends ein Urteil als Grundlage
der Pfändung erwähnt oder auch nur angedeutet. In den
meisten Fällen kann man mit Sicherheit oder doch mit
Wahrscheinlichkeit behaupten, daß von Urkunden Voll-
streckung die Rede ist. 1 ) Und auch in den Stellen, in

l
) Beiego bei Bethmann-Hollweg, Rom. Zivilprozeß II 693ff.
Natürlich kommt hier die sog. Exsecutio extra ordinem in Betracht:
vgl. 8. 24. ,
*) Am klarsten sprechen die diamokxd des Mahnverfahrens (XXXVI
231 f.), durch welche der Gläubiger offenkundig ohne Prozeß zur Pfän-
dung gelangen will, wenn der Schuldner nicht zahlt: so BGU. 678, w ff.
(xetQ&yQatpov öeörjuoouanivov); BGU.
(Agoranomische Urkunde).
888, 10 ff.

Nicht anders steht es in den übrigen Fällen, in denen lediglich die Schuld-
urkunde als Grundlage der ivexvQaafa genannt ist so BGU. 970, u M f. :
w .

(X&Q&y(>atpov öedrjuoattünhor); BGU. 1038, u . ,» M (diaygatpal); Berl.


>
Inv. 11664, , (ovyyQcupij); Flor. 66, u u . (öuryQaqn^); Lips. 120, s (xaz
hyQcupovq [owifrfpcaQ oder aatpaXelai;]); Lond. III 132f. Nr. 908, 34 (£«(><$-
ygoupa: vgl. Jörs, Z. Sav. St. XXXIV 140, x ); Oxy. 712, w (ÖTjfiöoioz

XQrjftaTUTfiÖQ); Ryl. 116, tt {öiaygcupat). Ohne Schwierigkeit kann man


die beiden folgenden Urkunden anreihen, in denen die ivexvQaola zwar
nicht genannt, aber offenbar gemeint nämlich Flor. 86, soweit es ist,

sich um die ngä^ig ( n ) handelt, deren Grundlage die öuryQaqyq ( u ) bildet,


und BGU. 1132, wo die jiQosßoXfi (,) der Vollstreckung des durch eine
fjvrjuovotf] ovyyeaqrf (7 f.) verbrieften Darlehns gilt (vgl. oben XXXVI
328, i). Vgl. ferner Flor. 48 (= Giess. 33), eine Quittung mit dem Ver-
sprechen des Gläubigers, daß er nie auf die die Schuld verbriefende öia-
yQcuptf (F. 7 ; G. u) u^d das vermittelst ihrer (oV aixfjg: F. 8; G. u ) herbei-
geführte Mahnverfahren (duunoXcöv: F. 8; G. u ; vgl. oben XXXVI 231,,)
und das bis zur ivexvQaola (F. g ; G. 18 ) gediehene Vollstreckungsverfahren
zurückkommen werde. Auch Giess. 32, eine Quittung über den Empfang
der Zahlung einer durch 6iayQaq>tf ( 4 18 ,. J8 ) begründeten Schuld unter
. .

Beifügung der Versicherung ( 7 18 f. tjj öi öiayQa(<pjj) ivexvQaola ovtc inrj-


.

xoXov\{hptev\ genört hierher. Es wäre, in Fällen wie den vorstehenden,


wenn ein Urteil ergangen wäre, nicht zu erklären, warum man von seiner
Erwähnung Abstand genommen und statt dessen die Schuldurkunde, von
welcher der Gläubiger bei der Erhebung der Klage ausgegangen war, ab
alleinige Grundlage der Vollstreckung hingestellt hätte. Wir brauchen
dabei auch gar nicht an eine Konsumption im römischen Sinne zu denken:
Zrttochrifl Ar Reahts^Mchichte. XL. Rom. Abt. 4
50 Paul Jör« :

denen keine bestimmte Beziehung erkennbar ist, steht


dieser Auslegung nichts im Wege. 1 ) Es mag das Zufall
auch heute wird das Urteil, nicht der eingeklagte Schuldschein, Wechsel
usw. vollstreckt. — Für die Urkundenvollstreckung darf man ferner
BGU. 239 in Anspruch nehmen. Hier ist zwar die evrevgig, in welcher
die Begründung für das Gesuch um den Erlaß des Pfändungsbeschlusses
zu suchen wäre, verloren. In diesem aber war (Z. u ), wenn wir den Text
nach Berl. 11664 ergänzen dürfen, auf die Schuldurkunde, nicht auf
ein Urteil Bezug genommen: s. darüber oben XXXVI 290. Auch auf —
Oxy. 1027 (Chrest. II 199*) boII hingewiesen werden. Ammonios, der
die JieoqßoXr) des Gesuchstellers hindern will, führt zugunsten seines
(jüngeren) Pfandrechtes an (uff.): äyvoetv a[v]rov zrjv xän> i/wl (Gesuch-
steller) ye[ye]vTj[jidva)v] da<paXi&v öeoiv. (Zur Erklärung vgl. Mitteis,
Z. Sav. St. XXXI 391 f. und Grundzüge 110 und Chrest. S. 220f.;
Schwarz, Hypothek u. Hypallagma 104f.; Jörs, Z. Sav. St. XXXVI
312f.,
4 wo im Zitat
, ii-exofiivov zu verbessern ist.) Was mit äaqxduöv
&£ou; gemeint ist, bleibt dunkel (vgl. Hunt in der Ausgabe zu Z. x \
Schwarz, Hyp. 106, ,; Preisigke, Klio XII 436): jedenfalls ist es das
nächstliegende, äcnpdXeta hier wie so häufig als rechtsgeschäftliche Ur-
kunde aufzufassen, gleichviel was unter Maig zu verstehen ist. Auch
der Plural braucht kein Bedenken zu erregen, denn eine Mehrheit
solcher Urkunden begegnet öfter als Grundlage des Vollstreckungs-
verfahrens (z. B. BGU. 1038, i 6 „ff. 29 Lips. 120, 6 Lond. III I32f.
. ; ;

Nr. 908, e4 ).
x
) Hierher gehören solche Texte, in denen nur gelegentlich von
der ivexvQaota die Rede war und kein Grund vorlag, die einzelnen Tat-
sachen und Akte, welche ihre Voraussetzung bildeten und zu ihrer Vor-
nahme geführt hatten oder führen würden, aufzuzählen. So BGU.
1170 iv, Abtretung der Beitreibung (7iQä£ig) einer Forderung, bei welcher
dem Erwerber unter anderem die Ermächtigung zum ivexvgd^eiv ( M )
eingeräumt wird. Ähnlich Chic. 4 (Preisigke, Sammelbuch 4415),
Eingabe, in der sich eine Römerin beschwert, daß ihr Schuldner in der
Steuerliste noch als Eigentümer eines Grundstückes geführt werde,
obwohl sie es auf dem Vollstreckungswege erworben habe ( e f.): ia%w
di dnd vo/itftcw i/ißadelag ivexvQaalag. Diese beiden Urkunden stehen
außerhalb des Mahn- und Vollstreckungsverfahrens: aber auch inner-
halb dieses kann man der gleichen Erscheinung begegnen. So in Giess. 34
(Chrest. II 76). In dem mündlich vorgetragenen Widerspruch (XXXIX
58 ff.) des Schuldners gegen den Pfändungsbeschluß wird hier, soweit der
Text erhalten ist, nur der Gegenstand ( M f. , B ), nicht aber die Begrün-
dung der Schuld erwähnt: das kann nicht auffallen, da diese Frage
bereits gelegentlichdes Erlasses des XQr)tiaxuTti6g ivexvQaalag erledigt
werden mußte XXXVI 290ff.). Ähnlich steht es in Flor. 55.
(vgl. oben
Weder in der &rev£*c (22-10) nocn m
dem Xerlfuixtalj^i («-») findet sich
ein Hinweis auf die Schuldurkunde, von der (nach meiner Ansicht)
das Verfahren ausging. Auch eine Ergänzung der Lücken in diesem
»

Erxrichter und Chrcmatisten. 51

lein 1 ), ist aber doch bemerkenswert, da, wie wir sahen,


auch der die Svexvgaola ausführende £enxüv tiq&xtü)Q bis-
her nur für die Urkundenvollstreckung hat nachgewiesen
können.
ii

Sinne scheint ausgeschlossen. Das würde, wenn der Gläubiger, wie in


BGU. 239 und Borl. 11664, die ivexvQaaia verlangt hätte, schwer zu
erklären sein. Die ijtßaAela aber, um die es sieh hier handelt, stützt
sich auf xaxayQaqrf und diese wieder auf h'ex*x>aola und nQogßofy:
die.

Akte sind aueh in Flor. 56 hervorgehoben („. M f. [„, wo nach


Maßgabe von Flor. 56, 1T und Preisigke, Bericht igungslistc S. 141
[xarayQCupivra xai owemaxveiv ftoi xxX.] zu ergänzen ist): weiter wird
nicht Eurfickgegrüfen. Dali es auch anders sein konnte, ist klar: in dem
parallelen Text wird auf die schuldbegründende öurygeupt')
Fl<>r. 56, , r , a
hingewiesen: aber nötig war das ln-i der iftßadela nicht. Lond. Nr. 1897 —
(Arch. f. Pap. VI 106f.) ist am Schlüsse, wo die Schuld angegeben war.
um derentwillen ivexvQaaia und JiQoqßokt) ergangen waren und jetzt die
xaxayQcupt] vorgenommen wurde, abgebrochen (j»ff.): n QOC reu; dyciko-
fiivag — —
(Betrag von Kapital und Zinsen, Gebühren)
dgaxft'k —
[i£ ovöfiaros xov] (nach l'art seh) v7k>xQ£ov — (Name) — xard rd t[. .] . . . .

Hier war offenbar Näheres ülnr die vollstreckbare Forderung angegeben.


Beweisen läßt es sich infolge der Zerstörung des Papyrus also nicht,
daß hier eine Urkunde als Grundlage der Vollstreckung genannt war.
Vergleicht man aber die angeführten Worte, insbesondere den Sprach-
gebrauch von tiqöz und xctrd in ähnliehen Wendungen (z. B. in BGU.
1132, T ff.; Flor. 50, n ff.; Eitrem 5, „ff.; Oxy. 1268, ,), zieht man weiter
in Betracht, daß es auch für die nQosßoXi?) und xarcrygatpi] an jeder sicheren
Spur bei der Urteilsvollstreckung fehlt, so darf man es mindestens als
sehr wahrscheinlich bezeichnen, daß sich die in Lond. 1897 erwähnte
ivexvQaola (ebenso wie dio andern genannten Akte) auf eine exekutive
Urkunde stützte.

x
) Man muß sich die Frage vorlegen, wie das lateinische pignoris
eapio im Griechischen wiedergegeben wurde. Daß hierfür ivexvQaala
vorkommen könnte, ist gewiß möglich: als ausgeschlossen wird man
darum die Verwendung des Wortes für die Urteilsvollstreckung nicht
ansehen dürfen. Wortgetreuer noch wäre ivexvQW (oder ivexvQoiv)
XfjfapiQ. In der Tat begegnet dieser Ausdruck in Öxy. 71, j lt f. (Chrest.
II 62, vom Jahre 303). Freilich handelt es sich in dieser Stelle nicht
um die Vollstreckung eines Urteils, sondern um eine Schutz- und Zwange-
maßregel, durch welche die Gläubigerin ohne Prozeß «um Ziel zu kommen
hoffte: erst für den
daß ihr das nicht gelingt, will sie ein Urteil
Fall,
des Statthalters erwirken. Immerhin ist zu beachten und auch für den
Sprachgebrauch wichtig, daß sie den vorläufigen (polizeilichen) Schutz
mit demselben Mittel durchgeführt wissen will, mit dem er ihr als end-
gültiger gewährt werden mußte. Vgl. XXXIX 68, 5 u. hier S. 11,


:

52 Paul Jörs,

b) nagädeil-ie, TtgogßoXrj, katayQatpri.

Das Vollstreckungsverfahren auf Grund exekutiver


Urkunden führte, nachdem der Beschluß der Chrematisten
die Pfändung gestattet hatte (XXXVI 234f. 238ff. 314ff.),
zum Verfall der durch die naQ&deit;i<; vom Gläubiger in
Anspruch genommenen (XXXVI 289 ff.) und ihm durch
die TiQoqßoXrj des ievix&v tcq&xtcoq zugesprochenen Grund-
stücke (XXXVI 312ff. 329ff.) mittels Eigentumserwerbes
des Gläubigers durch die vor einem öffentlichen Urkunden-
amte vollzogene xarayQa<prj (XXXVI 303ff.).
Von diesen Akten lassen sich TiQogßoXrj und xarayQaq>^
nicht für die Urteilsvollstreckung aus den Quellen belegen
die Texte, in denen sie vorkommen, sind mit Sicherheit
oder Wahrscheinlichkeit der Urkundenvöllstreckung zu-
zurechnen. 1 ) Das gleiche gilt von den oben (XXXVI 317f.)
behandelten Stellen, in denen die nagadsi^ig genannt ist.
Indessen scheint dieses Wort auch in einem sicher die
Urteilsvollstreckung betreffenden Texte, nämlich Hib. 32
(Chrest. II 37) gebraucht zu sein. Raape hat darauf hin-
gewiesen, daß in diesem als ive%vQaala bezeichneten Stücke
ergänzt werden kann: ("Erovg) ß Acov xe öiä Te'ke.fiayov.
'HQaxkeirog —
naQdd[ei£ev] vndqxovra N€&q%ov ngog xara- —
bixr\v ^Qfjfiov vßQSCDG jiqos (ÖQaxfidg) a —
ngößata fa\ xxX.
Danach hätten wir eine Aussage des Telemachos, wahrschein-
lich eines Praktors über die vom Gläubiger Herakleitos
nachgewiesenen und dann gepfändeten Sachen vor uns. 2 )
*) Die xazayQaqtr, des Vollstreckungsverfahrens ist erwähnt: Flor.
55, 18 . 84 ; Flor. 56, , ,. u ]6
17 Ixmd. Nr. 1897, „ die TiQogßoArj: BGU.
. . ;

1132, r j 7 2S und Zusatz bei


. Preisigke, Berichtigungsliste S. 98; Flor.
55, „; Flor. 56, u Lond. Nr. 1897, 7 Oxy. 1027, ,. Diese Texte wurden
; ;

oben S. 49, 2 50, i für den Sprachgebrauch von ivexvQaola geprüft: es gilt
.

hier dasselbe wie dort, daß die Beziehung auf die Urkundenvoll-
streckung teils sicher, teils wahrscheinlich ist und daß nirgends die
Annahme eines Urteils als Grundlage des Verfahrens geboten ist. Das
gleiche gilt auch für Oxy. 1268, 4 wenn die Urkunde überhaupt in diesen
,

Zusammenhang gehört: vgl. darüber XXXVI 337 ff. —


Zur Literatur
über die jcarayQatp^ (XXXVI 304, 2 ) ist jetzt hinzuzufügen Part seh,
Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie (phil.-hist.) 1916, Heft 10
S. 23ff.
a
) So Raape, Verfall d. griech. Pfandes 105, 4 Grenfell und
.

Hunt hatten in der Ausgabe (zweifelnd) naQtd[i£ax6] vorgeschlagene


Erzrichter und Chrematisten. 53

Daß diese Urkunde aus früher Zeit (246/245 v. Chr.)


stammt, würde uns nicht hindern, die hier erwähnte nagd-
öei$ig der aus den römischen Texten bekannten an die
Seite zu stellen. Denn, wie oft hervorgehoben, ist das
in dieser Zeit geltende Verfahren bei Urkundenvollstreckung
nicht von den Römern geschaffen, sondern, wenigstens in
Minen Grundzügen, aus der Königszeit übernommen. Ist
also naQiö[ei$ev] richtig eingefügt, so wäre damit erwiesen,
daß auch bei der Urteilsvollstreckung der Gläubiger die
Sachen des Schuldners bezeichnete (oder doch bezeichnen
konnte), die der Gerichtsvollzieher pfänden sollte. 1 ) Je-
doch stände damit keineswegs fest, daß diese nagdöei^u;
sich in denselben Formen bewegte wie die der Urkunden-
vollstreckung (XXXVI 324 ff.), und daß auf sie eine 7iqos-
ßoXtf und xazayQatprj im obigen Sinne folgte. Das Nach-
weisen geeigneter Pfandstücke seitens des Gläubigers kann
man sich ebensogut vorstellen, wenn das Verfahren auf einen
Verkauf der Sachen hinauslief, wie wenn es zum Eigen-
tumserwerb führte. Das Wort allein besagt also wenig,
und wir sind —
worauf es hier ankommt nicht berech-—
tigt, daraus, daß bei der Urteilsvollstreckung vom naqa-

deixvvpai gesprochen wird, Schlüsse auf den für die Ur-


kundenvollstreckung so charakteristischen Akt der tiqoq-
ßoXrj, sowie auf Verfall und xaxayqafp^ zu schließen.

c) ifißaöela.
Den Schluß bildete bei der Urkundenvollstreckung die
ifißaöela: läßt ae sich auch für die Urteilsvollstreckung
erweisen ?
Zunächst ist festzustellen, daß das Wort nirgends, wo
damit wäre ein anderer Wortsinn gegeben (vgl. S. 70, 4 ), aber die
Konstruktion bliebe dieselbe. Nach Mitteis' Ergänzung (Chrest. II 37)
naQeö[e£dfitjv müßten jedenfalls Z. B _ lt als Aussage des Gläubigers Hera-
kleitos gelten. Das ist mir deswegen nicht wahrscheinlich, weil dann
die Worte öiä TeXefidxov (,f.) schwer zu erklären wären.

*) Auch eine Abschätzung (XXXVI 319) wäre bei der Urteils-


vollstreckung denkbar. In Hib. 32 läßt sich nichts Derartiges erkennen:
zwar ist der Schuldbetrag angegeben, aber der Aufzählung der Vieh-
stücke sind keine Wertangaben beigefügt. Darüber, daß die owxifirjaig
in BGU. 378, a4 f. nicht als Tiagdöe^ig aufzufassen ist, s. unten S. 67 f., j.
54 Paul Jörs,

es im ägyptischen Rechtskreis vorkommt 1 ), die Beziehung


auf ein Urteil fordert. Im Gegenteil sind die Erwähnungen
der ifißadeia zum größten Teile mit Sicherheit der Ur-
kundenvollstreckung zuzuweisen, sei es, daß pfandlose und
hypallagmatische Forderungen 2 ) oder daß Hypotheken 3 )
geltend gemacht werden, sei es, daß die Vollstreckung in
Grundstücke oder in Fahrnis 4 ) betrieben wird. Und auch
in anderen Urkunden, bei denen ein zwingender Beweis sich
nicht erbringen läßt, Hegt diese Auffassung am nächsten 3 ).

Auszuschließen sind hier selbstverständlich die Stellen, in denen


*)

die {i/xßaöeveiv, i/ußaTeveiv) überhaupt nichts mit der Voll-


ifißaöela
streckung von Forderungen zu tun hat. So Eleph. 2, u und wahrschein-
lich auch CPR. 95, ]0 13 (Antritt der Erbschaft durch den Erben); BGU.
.

1130, j4 (Besitznahme des veräußerten Grundstückes); Heid. Inv. 1280, 8

+ Grenf. I 17, 8 (bei Gerhard, Sitzungsberichte der Heidelberger


Akademie (phil.-hist.) 1911, Heft 8 = Preisigke, Sammelbuch 4638);
Lond. II 13f. Nr. 401, l9 Par. 14, ^ [= Tor. 3]; (widerrechtliche Be-
;

sitznahme einer Erbschaft oder eines Grundstückes); BGU. 101, 18 (da-


zu Manigk, Festschrift f. Güterbock286 und Gläubigerbefriedigung 19,
anders Mitteis, Chrest. S. 285 zu Nr. 249, a f.). Gar nicht dem Privat- ,

28 an (Grenfell-Hunt im Arch. f. Pap. I 59


recht gehört Cairo 10351,
= Chrest. I 11; dazu Croenert in Preisigkes Berichtigungsliste S. 5).
a So
) Flor. 55, 2. „. [ M\ 40 ; Flor. 56, 8 f. B
.
10 .
18 f. Vgl. dazu oben
S. 49, 9 50, ,.

3
) So BGU. 832, M .
ga ; Flor. I, 7 ;Flor. 81, 18 86, a8 Oxy. 274, M
. ; .

485, 82 . 1118, 7 ; Erzh. Rain. 1444, ^ (Preisigke, Sammelbuch 4370);


Straßb. 52, 8 .

*) Hierfür bietet das diaoxokoifo Oxy. 485 (Chrest. II 246) ein

Beispiel. Eine Sklavin ist hypothekarisch verpfändet. Nach dem Ver-


trage soll sie, wenn die Zahlung ausbleibt, dem Gläubiger verfallen sein ( M ).

Da dieser Fall eingetreten ist, droht jetzt der Gläubiger


XQ^öfi^yö» ( 38 f.):
fie] xoiq aqiM^ovai neQ[l i]fißaöetag vo/ii/ioig. Ob übrigens bei Urkunden-
vollstreckung jede bewegliche Sache dem Verfall und der ißißadeta unter-
lag — so z. B. bei Generalhypallagma (Schwarz, Hyp. 48ff.) muß — ,

dahingestellt bleiben. Sklaven standen in so vieler Beziehung unter


Sonderrecht, daß es vorsichtiger ist, das, was wir aus Oxy. 485 über
sie erfahren, nicht zu verallgemeinern. Über die Ausführung der ifißaöeia
von Sklaven s. unten S. 66, ,.
5
) So in BGU. 1167 III (einer Synchoresis, die Schwarz [Hypo-
thek u. Hypallagma 7f. 14f., 4 IÖ0f., 8 111] mit Recht für das Hypal-
. .

lagma in Anspruch genommen hat). Der Schuldner bekennt, ein Dar-


lehn empfangen zu haben, und verspricht dessen Rückzahlung: zur
Sicherheit hierfür sagt er dem Gläubiger die Aushändigung der Ur-
kunden über den Erwerb eines bestimmten ihm gehörigen Grundstücke»
Erzrichter und Chremat inten. 55

Zweifel könnte Oxy. 653 (Chrest. II 90) erregen, eine


Urkunde, bei der man in der Tat S/ißa&sta auf Grund eines
Urteils angenommen hat. Dem in ihrbehandelten Rechts-
fall 1
) liegt ein zinsbares
n f. 18
( ) Darlehn ( n ir [„"]. M ) zu-
.

grunde, das der Römer Sempronius Orestinus dem Römer


Iulius Voltimus gegeben hatte: zur Sicherheit war ihm
eine Hypothek ( lt „) an mehreren Grundstücken 1 ) des
.

Schuldners, darunter einem in der Urkunde hervorgehobe-


nen kanopitischen, bestellt worden.') Wir erfahren nun,

(drei Aruren) zu. Für den Fall/ daß er diose seine Verpflichtungen nicht
erfüllt, soll der Gläubiger das Recht haben zum 7i^iaae(tv) [nal] ifißa-
öeveir eis räc XQeic [dpov(ßaf)]M ). Damit soll gewiß nicht das Selbst-
(

verständliche gesagt sein, daß der Gläubiger, wenn er ein Urteil erlangt
habe, dieses vollstrecken könne, sondern es soll ihm auf Grund der vor-
liegenden Urkunde ein selbständiges Recht zur ngäZig und ifißadela
eingeräumt werden. — Ferner Lond. III 158f. Nr. 1164 (d). Wenn hier
gesagt wird, der Gläubiger habe auf Grund eines xttQ^VQatPov fotyfioou»-
fdvov alle sich an die Verlautbarung anschließenden gesetzlichen Schritt«
(a rd 4£t/c röfiifia) bis zur ifißaÖcla, einschließlich ihrer (,f.), vollzogen,
so ist schwerlichanzunehmen, daß damit auf den Prozeßweg hingewiesen
sein sollte: dann müßte man doch erwarten, daß nicht oder nicht nur
der Handschein und seine Verlautbarung, sondern vor allem das zu
vollstreckende Urteil erwähnt worden wäre. — Über Chic» 4, « (Prei-
sigke, Sammelbuch 4410) s. oben S. 60, v
l
) Die folgende Darstellung beruht auf der Text gest alt ung und
Erklärung, die Oxy. 663 durch Mitteis gefunden hat (Chrest. 90 S. 103f.:
danach auch die Zeilenzählung). Vgl. außerdem die Erörterungen von
Raape, Verfall d. griech. Pfandes 66f. 88f. 9öf. 128.
*) Mitteis, Chrest. S. 104 nimmt eine Hypothek des Gläubigers

an allen Grundstücken des Schuldners an und verweist dafür auf die


Worte ( M ) djteveyxdfie&a ndvxa td rotjrov %a>Qia. Indessen erkennt der
Gläubiger im folgenden an, daß man ihm mit Recht einen Übergriff
vorwerfen könne. Entweder ist dieser in äneteyxäneda angedeutet, also
darin, daß der Gläubiger, obwohl ihm alle Grundstücke verpfändet
waren, doch die iftßaSela nicht auf sie alle hätte ausdehnen dürfen. Oder
in ndrta, d. h. darin, daß er alle Grundstücke für seine Befriedigung
in Anspruch genommen hatte, trotzdem ihm nur einzelne verpfändet
waren. Obwohl auch diese letztere Auslegung Zweifel übrigläßt, er-
scheint sie mir doch als die wahrscheinlichere, da bei der enteren kein
rechter Grund für die Notwendigkeit der Beschränkung ersichtlich wäre.
3
) Daß die Hypothek zur Sicherheit für das Darlehn bestellt war
ist zwar nicht ausdrücklich gesagt, muß aber als selbstverständlich

angesehen werden (wie es auch Mitteis S. 104 tut). Denn die Hypothek
ist, sooft wir ihr begegnen, gesetztes, nicht genommenes Pfand, was
:

56 Paul Jörs,

daß den Parteien zum Prozesse kam, in welchem


es unter
ein Militärtribun als Iudex datus den Schuldner zur Rück-
zahlung des Darlehns verurteilte. 1 ) Und ferner, daß der Gläu-
biger die Bfißaöeia ( 20 ) vollzogen hatte, die ihn in den Besitz 2 )
und die Nutzung 3 ) der Grundstücke des Schuldners brachte.
ja auch ihr Name deutlich anzeigt. Deshalb halte ich auch in Hai. 1, Wi
die von den Herausgebern vorgeschlagene Ergänzung \jofa\&rpcr\\ oder
\v\n6[&eai<z\ für bedenklich. Sollte sich die Überschrift ivExvQaoia xtu
den mitgeteilten, sondern, wie die
vno&rpir] (imö&ecrig) nicht bloß auf
Herausgeber meinen, noch auf einen weiteren nicht mitgeteilten Text
bezogen haben, so würde sie recht verschiedenartige Gegenstände zu-
sammengefaßt haben.
x
) Im späteren Prozeß sagt der Gläubiger ( 6 ff.): int 2Je/jmQcovlov
'Ovogdxov xih&Qx00 t&)°® m
T0 ngäy/xa xai xaxaxexQlo&at xöv OvöXxi/iov.
Ebendort spricht der Präfekt ( l0 f.): teyexat ooi. negi fiev xov öavlov aw£-
0tT]x[e]v <bg exgivev 6 ^iXiaQx<>[i]- Vgl. Z. 81 nagaxoXov&cöv rfji 'Ovogdxov
:

xgloei. Ob das Urteil des Militärtribunen sich auch über die Darlehns-
zinsen aussprach, muß, da unser Text nichts darüber enthält, dahin-
gestellt bleiben.
8
) Das ist die gesetzliche Wirkung der ifißadela. Es wird aber
auch in unserer Urkunde deutlich auf den Besitzerwerb des Gläubigere
hingewiesen ( 18 f.): äneveyxdfie&a ndvxa xä xovxov xiOQla (vgl. S. 55, t ).
Dem entspricht der Befehl des Präfekten ( 24 f.): anoxaxaoxrjoeig a&iqt
(vgl. nächste Anm.).

) Der Präfekt hält dem Gläubiger vor Ggf.):


8
[av xa]vxag xagr^pl.
So muß meines Erachtens gelesen werden. Gegen die Ergänzung
von Grenf eil- Hunt [od xa]vxag xa(m[pv hat Mitteis mit Recht ein-
gewandt, daß der Imperativ das Gegenteil der Meinung des Statthalters
besagen würde. Liest man wie oben, so kommt der richtige Sinn heraus
der Statthalter entgegnet dem die Zinsen fordernden Gläubiger, daß
er ja die Nutzungen ziehe. Andererseits wird man der Schwierigkeit
überhoben, mit Mitteis zwischen [£öexo]v xovg xaQn[ovg (was den Schrift-
spuren im Original nicht entspricht) und \£ö£xd\o xäg xaQ7t[iag (was mit
der Wortbedeutung von xagnela schwer zu vereinigen ist) zu wählen. —
Da