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TERRITO RIU M UND TECHN1K

Peter Weibel

Wer einige meiner Bûcher kennt, wird w issen, wie sehr das
Bewegungsphânomen im Zentrum meiner Gesellschaftstheorie
steht. Die Bewegung ist der eigentliche Einstieg in die Mo-
f derne, die Antike kannte keine Bew egungslehre, keine
Dynamik, und die Industrie der Bewegung hat dann sozu-
sagen in der industriellen Révolution ihren B ru ch mit der
âlten Welt und den Einstieg in die moderne Welt geschaffen.
Die Entstehung der Dynamik ist in der Renaissance zu datie-
ren, sie ist aufs engste mit der Entw icklung der Feuer-
waffen und der Einführung und V erbreitung von Geschützen
verbunden. In der Entwicklung der M ilitârtechnik und der
damit verbundenen technischen Produktionszweige ist die
eigentliche Erk lâru n g fü r die Entstehung der Dynamik als
Wissenschaft zu finden. Wie Walter schon 1938 gezeigt hat,
in der Frage eben, wieso hat es in der A ntike keine Dynamik
gegeben. Die Transformationen des Territo rium s durch eine
fortschreitende Technologie, die gleichzeitig auch neue so-
ziale Formationen erzeugen, erleben wir seit der Renaissance
besonders deutlich. Die W echselseitigkeitsregel sieht man
besonders deutlich in der Relation von Territorium und Tech
n ik: Eine veranderte avancierte Technologie schafft ein v e r-
ândertes Territorium als Grundlage des sozialén Lébens, das
territorial umgeformte soziale Leben erzeugt eine neue
Technologie, z .B . der Sprung von der Volkstechnologie zu r

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w issenschaftlich-industrialisierten Technologie. Die militâ-
rische Technologie liefert ein besonders deutliches Beispiel
für diese wechselseitige Transformation von Territorium und
sozialen Formen. Rüstungen, Stadtm auern, Ritterburgen
hatten als Territorium ausgespielt, als eine Waffentechnik
entwickelt wurde, die nicht nur eine besonders tôdliche
K raft, sondern auch eine besondere Reichweite hatte. Die Waf-
fe, welche die tôdliche K raft des SchieB pulvers mit einer gros-
sen übernatürlichen Distanz verband und sômit historische
territoriale Grenzen überwand, war die Kanone. Die R ü s­
tungen und Burgen und Stadtmauern sind versôhwunden,
als Kanonenkugeln sie zerfetzen und über Stadtmauern flie-
gen konnten. A ber mit ihnen (den Rüstungen, Burgen und
Stadtmauern) sind auch soziaie Organisationsformen v e r-
schwunden, als ihnen ihr T e rra in , ih r Territorium geraubt
wurde. Die kampffâhige Kanone hat historische Diménsionen
des Territorium s obsolet gemacht und neues T e rra in e r-
obert. Damit hat sie eine befestigte Stadt als verknotetes
Territorium unsinnig gemacht. Mauern aïs steinerne Koordi-
naten eines historischen Territorium s konnten eine Stadt
im Zeitalter der Kanonen nicht mehr schützen. Mit der ü b e r-
windung des historischen Territorium s konnten auch die darauf
errichteten sozialen Formen nicht mehr geschützt werden.
Mit der Stadt stü rzte auch das Feudalsystem durch die Ka-
nonentechnik, welche ein neues Modeil, ein neues Bild des
Territorium s lieferte, das immaterieller und telematischer
war. Ein spziales System ist also zusammengebrochen, weil
sein Territorium durch eine neue Waffentechnik obsolet,
d .h . nicht mehr verteidigungsfâhig geworden ist. In Zu-
kunft wird also die Technologie im m er auf die Verteidigung
des neu eroberten Territo riu m s ausgerichtet sein. Die kü n f-
tigén Schlôsser der Bourgeoisie waren daher, im k ia s-
sichen Sinne, offen und u n g eschützt, weil ihr Territorium
durch eine andere und neuere T ech n ik als die historischen
und m ilitârischen, namlich zunehmend immateriell, v e rte i-
digt werden mu Bte und konnte. Frie d rich Engels b eschreib t
in H e r r n Eugen D ü h r in g 's U m w àizung d e r W issenschaft die-
se von mir behauptete W echselwirkung von Territorium und
Technik und ihrem EinfluB auf die soziale Entw icklung:
"Zur Erlangung von P u lver und Feuerwaffen gehôrte Indu­
strie und Geld, und beides besaBen die Stâd tebü rg er. Die
Feuerwaffen waren daher von Anfang an Waffen der Stâdte
und der auf die Stâdte gestützten, emporkommenden Monar­
chie gegen den Feudaladel. Die b ish er unnahbaren Steinmau-
ern der Adeisburgen erlagen den Kanonen der Bürger,, die
Kugeln der bürgerlichen Handbüchsen schlugen durch die
ritterlichen Panzer. Mit der geharnischten Kavallerie des
Adels brach auch die A d elsh errsch aft zusammen; mit der
Entwicklung des Bürgèrtum s wurden FuBvolk und G eschütz
mehr und mehr die entscheidenden Waffengattungen ; durch
das Geschütz gezwungen, mu Bte das Kriegshandwerk sich
eine neue, ganz industrielle Unterabteiiung zulegen: das In -
genieurw esen." (MEW 20,S . 154) Und das Ingenieurswesen
war ja dann sozusagen der eigentliche Zugang, seit dem Mit-
telalter, fur die techné.

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E s ist intéressant, daB auch der B e g riff Territorium erst
- abgeleitet aus dem lat. te rra , E rd e , Land - im 17. /18-
Jahrhund ert aus dem Franzôsischen territo ire zu uns ge-
kommen ist und ursp rü n g lich bedeutete 'zu einer Stadt ge-
hôrendes A ckerland, Stadtgebiet oder auch ( im heutigen
Sinne) ein Staats- oder Hoheitsgebiet'. Also das Territorium
war immer schon mît der Polis und mit der Politik verbu n -
den. Zu r Erkundung und Oberwindung des Territo riu m s,
um die Macht zu erobern, bedurfte man seit dem 16. Ja h r­
hu n d ert, wie Ëngels gezeigt hat, d er Ingenieure und Ma-
thematiker als technîsche Ratgeber. Dementsprechend sind
in einem der einfluBreichsten Werke der neuen W issenschaft,
der nouva scienzia, von Niccolô T a rta g lia , 1537 erschienen,
auch Fragen des Ceschützw esens wesentlich aufgegriffen.
Tartaglia hat z .B . in diesem Buch als e r s t e r zu begründen
v e rsu c h t, warum die grôBte SchuBweite bei einem A bschuB-
winkel von 45° erreicht w ird . Die Technologie des T e rrito ­
riums als Feld der Verschm elzung von ab strakter Wissen­
schaft und militârischem Handwerk kommt schon im Titel ei-
nes anderen bedeutenden Werkes zum A u sd ru ck , nâmiich
D ie geo m etrische B ü c h s e n m e is te re i des StraB bu rg er A rztes
und Mathematikers Walter Herrmann R ü ff von 1547 (es ist
also 10 Jahre spâter erschienen, mit gutem C ru n d , es war
nâmiich zum groBen Teil nur eine Ü bersetzung, eine A b-
schreibung des Bûches von T a rta g lia ). Die S ch rift von
R üff besteht aus 3 Teilen , der e rste über das kü n stlerisch e
Maien und die S ku lp tu r, der zweite über die geometrische
Büchsenmeisterei und den Festungsbau und der d ritte über
geometrische Messung und S ta tik . A rtille rie , Bewegungs-
lehre, B allistik dienen der Erforschung der idealen und op-
timalen Schuftweite. Und sie erbringen dadurch nîcht nur
den Bëweis, wie sèhr dynamisches. Denken an den Probie-
men der Schieftkunst erwachsen ist, sondern über den Spe-
zialfall hinaus erbringen sie den Nachweis, dali B ü ch se, Ka-
none und Wissenschaften (B a llistik , A rtillerie) als T e ch -
nologien des Territorium s zu betrachten sin d . Sie setzen
neue Crenzen und errichten neue T e rrito rie n . D e n n a lsd ie
Stadtmauern ein stü rzten , erw eiterte sich das Territorium ,
und das neue Territorium bildete der Nationalstaat, der ei-
nigermaften durch Kanonen verteidigt werden konnte. Die
Crenzen des neuen technischen Territorium s bildeten aiso
die Staatsgrenzen. Die A rtillerie korrespondiert mit den
neuen territorialen C ren zen , so wie diese mit den neuen po-
litischen Organisationsformen. Die Transformation von der
Polis, der Stadt, zu r Politik, dem Staat, ist auch eine Folge
der Erw eiterung des Territorium s der Technologie. Die
Reichweite der Kugeln und Kanonen ist, wie wir w issen, im­
mer grÔBer geworden. SchlieBlich ist die A rte lle rie, immer
noch durch die Schw erkraft in ih rer Dynamik gebremst, von
schwereiosen, weil immateriellen Technologien wie Radar in
ihrer Dynamik und Reichweite übertroffen worden, nâmlich
eben durch die drahtlose Télégraphié und andere Formen der
Telekommunikation. Der Romancier Soischenizyn beschreibt
in einer seiner wenigen guten Passagen, wie seh r die T élé­
graphié als Waffentechnik für das Cewinnen der Schiachten
im 1.Weitkrieg ausschlaggebend w ar. Die Uberwindung im-
mer grôfterer Weiten in immer g rô lierer G esch w in d ig keit.
durch Feldtelephon und Télég raphié, z . B . entlang des E i-
senbahnnetzes, durch Funk und durch Flieger biideten das
Modell fü r heutige, globale te rre strisch e Reichweiten. Die
Telekommunikation des 20. Ja h rh u n d e rts erobert neue D is-
tanzen, neue T e rrito rie n . Den dadurch gesetzten neuen ter-
ritorialen Grenzen fa lien auch wiederum die auf den alten
technischen T errito rien aufgebauten sozialen Formen zum
O pfer, z . B . ganz sicherlich in naher Zukunft der National-
staat. Die Grenzen von Nationalstaaten sind im Zeitalter
globaler te rre strisch e r Reichweiten und Frequenzen, im
Zeitalter orbitaler Satelliten zum Verschw înden v e ru rte ilt.
Der Satelit wird den Nationalstaat zerstôren , wie einst die
Kanone die Ritterburg und die Polis. Eine avancierte Tele-
technologié vom Fernsehen bis zum Fernhôren zerstô rt die
alten Grenzen des T e rrito riu m s, eine histo rische Technolo-
gie,und damit auch die darauf konstruierbaren poiitischen
Organisationsform en. Deswegen kâmpfen ja gegenwârtig die
alten historischen Sozialformen, wie der Nationalstaat, mit
den monopolistisçhen G esetzen, mit Zollbeschrânkungen, mit
Export- und Importverordnungen gegen die von der moder-
nen Teletechnologie erzwungenen globalen Verschiebungen
territorialer G ren zen. Der mit aller Gewalt des Gesetzes
durchgeführte gegenwartige Kampf der staatlichen T V -A n -
stalten um das Monopol auf te rre strisch e Frequenzen liefert
hierzu ein d rastisch es, aber dennoch obsolètes B eisp iel.

Die Astronomie - um einem genius loci (Kepler) zu huldigen -


als geometrische Verm essung des unendlichen Territorium s
des Himmels verdankt ihren Erfolg ebenfalls der Prâzision
der neuen Teletechnologie und der Dynam ik. Die ersten ent-
scheidenden S chritte der neuzeitlichen Dynamik waren ja be-
kanntlich das Werk von Gaiileo Galilei, siehe seine Wurfpa-
rabel, vergleichbar der Bahn der Geschosse oder S tern e.
A ls Newton aus dem Keplerschen Gesetzen der astralen Be-
wegungsbahnen das Gravitationsgesetz ableiten konnte, wur-
den die unendlichen himmlischen Erscheinungen in die end-
liche irdische Physik einbezogen. Das infinité Territorium
des Himmels wurde endgültig zu einer finiten territorialen
Technologie. Und heute haben wir als das Erg ebn is dieser T ra n s -
formation des unendlichen Territorium s in eine finite te rri­
toriale Technologie eben das SDI-Programm^historisch zwangs-
lâufig. A ber durch das W echselwirkungsgesetz wurde auch
das alte Territorium , wurden die alten globaien Grenzen
ins unendliche Universum , ins Unendliche des Unsichtbaren
erw eitert. Innerhalb dieser territorialen Technologie zwi-
schen finit und infinit entwickeln sich auch die ersten Theo-
rien der sinniichen Wahrnehmung, z . B . bei D escartes und
Locke (bei Locke Mitte des 17. Ja h rh u n d e rts, also ein Ja h r-
hundert spâter als die eben angeführten W erke). Denn wenn
sich das Territorium e rs t durch die neue Technologie der
unmittelbaren sinniichen Erfahru n g zu entziehen beginnt,
taucht logischerweise die Frage auf, ob die wahrnehmbare
W irklichkeit oder die nicht-wahrnehm bare W irklichkeit oder
die nur distanziert, technisch zugângliche, abstrakt vor-
stellbare, mathematisch zugângliche W irklichkeit die wahre
W irklichkeit d arstelle. Also der Kampf zwischen sinnlicher
Wahrnehmung und mathematischer Wahrnehmung d e r Wirk­
lichkeit beginnt. A ls daher im 17. Jahrhu n d ert durch die
Erw eiterung der territorialen Technologie und ih rer Théo­
rie, welche d u rch in der Dynamik auftretende Problème v e r -
ursacht wurde und durch nichts an d eres, begonnen wurde,
anstélie des physischen Raumes den mathematischen Raum
zu setzen, fü r den aile gegeneinander gleichfôrmig, gerad-
linig bewegten Koordinatensysterne gleichwertig sin d , tritt
erstmals ein R elativitâtsprinzip auf, das an der Wahrheit
der wahrgenommenen, mit den natürlichen Organen zugâng-
lichen, sichtbaren und hôrbaren Welt zweifelt. Wenn als Fol-
ge dieser Substituierung des mathematischen Raumes fü r
den aristotelischen Raum der unmittelbar sinnlichen Erfa h -
rung die Bewegung eines Kôrpers nicht mehr eine Eigen-
schaft dieses Kôrpers selbst ist, sondern n u r noch eine Be~
ziehung zu einem Koordinatensystem in einem-abstrakten
mathematischen Raum, so ist natürlich die Frage logisch kon-
sequent, ob die sinnlichen Qualitâten eines Cegenstandes,
wie Wârme, T on , Farb e, Geschmack, Geruch objektive E i-
genschafteh dieses Gegenstandes sind oder ebenfalls nur
in Beziehung zum wahrnehmenden Subjekt auftreten, also
bloli subjektive Ein d rü cke sind. A us diesen bereits von Ga-
lilei beilaufig gestreiften Gedanken hat Locke die Lehre von
den primaren und sekundaren Qualitâten form uliert, und
wie sie w issen, waren z . B . Wârme, Ton, Farbe usw . sekun-
dâre Qualitâten.
Das Zeitalter der Gestaltproblematik/ der Wahrnehmung von
Gestaltqualîtâten, von Perzepten, hat mit Locke angehoben
und-hat um 1900 mit E rn s t Machs A nalyse der Empfindungen
und d e r daraus resultierenden Schule der Cestalttheorie
ihren, ich glaube histo rischen , AbschluB gefundenv
Ich werde versuchen zu zeigen, daB es gerade die Tendenz
der Technologie ist *• als territoriale Technologie und al s
solche hat sie eine Tendenz der Exterritorialitat oder der
D eterritorialisierung - , die ein Ende macht diesem Denken
in C estalt. Unser 1. Lemma ist also, daB die Wahrnehmungs-
theorie von der Bewegungslehre und der territorialen Tech­
nologie in Gang gesetzt worden ist, als Problem der Dyna-
mik und der Kriegstechnologie. Daraus folgt umgekehrt hin-
gegen, daB die territoriale Technologie und ihre Théorie
immer mit Theorien der Wahrnehmung verknü pft sein wer-
den, z . B . heute die fraktale Théorie, und klarerw eise.m it
Problemen der Wahrnehmung von Bewegung und von D is-
tanzen und nicht von Problemen der Wahrnehmung des S till-
stands, was ja auch g ar nicht sinnvoll ist. E s gibt ja im
elektronischen Bild ein seh r gutes Analogon zu dem von
Heinz von Foerster erwâhnten B eispiel: es gibt ein elektro-
nisches Rauschen, das sozusagen n u r, wenn es in Bewegung
ist, Formen ergibt, wenn man das Biid aber stoppt, lôsen
sich die Formen im elektronischen Rauschen auf, sind sie
nicht mehr sichtbar. Wahrnehmungslehre wird immer ein
Schnittbegriff von Territorium sein, so wie Technologie
immer mit Wahrnehmungstheorie verknüpft sein wird.

Die Frage des Territorium s ist das missing lin k, das v e r-


knüpfende Band zwischen Technologie und Perzeption. A us
dieser Entstehungsgeschichte, au s dieser Funktion bei der
Konstruktion der exakten W issenschaften und der modernen
Welt e rk la rt sich , wieso fast aile neuzeitlichen Theorien der
Technologie, von Bergson bis M cLuhan, die Technologie
als Wahrnehmungstheorië, als A usdehnung un serer S in -
nesorgane, als Verlângerung d er Reichweite u n serer na-
türlichen Sinnesorgane in terp retieren . Deswegen kann
ich sa g en, was ich nicht müde werde zu wiederholen:
aile Technologie ist Teletechnologie.

Schon D escartes begründet die abendlândische B e g riffs-


sch rift von Territorium und Technologie, indem e r die
Welt in res cogitans und res extensa teilt. Der G eist, der
fü hlt, wahrnimmt und denkt, hat keine Ausdehnung, kein
materielles Territorium ; dafür ein unendliches immateriel­
les Territorium . Mentale Dinge und Ereig n isse sind unteil-
bar und unrâumlich, aile wahrnehmbaren Eigenschaften
sind daher nur su b jektiv. Aile p h ysischen Phânomene hin-
gegen sollen allein aus der BeWegung, aus der Dynamik von
Kôrpern e rk lârt werden,und die Kôrper haben - res extensa,
die sie sind - als einzige Eigenschaft ihre Ausdehnung in
die Dreidimensionalitât des Raum es. Die Extension, die
Ausdehnung des K ô rp ers, der Kôrperorgane, steht also
von Beginnan im Zentrum aller W ahrnehm ungstheorien.Diese
Extension kann natürlich nicht d u rch den ausdehnungslo-
sen Geist gelingen, sondern n u r durch physische Phanome-
ne. Die Technik ist diese materielle Ausdehnung der res

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ex te nsa. In diesem Dualismus stellt natürlich die Technik
eine Analogie h er, der Kôrper wird zu r Maschine, und, wie
Sie w lssen, war ja D escartes der e rste , der diese Analogie
aufgestellt hat und den menschlichen Kôrper mit einer U hr
verglichen hat. Indem nâmiich die dreidimensionale Exten ­
sion des Kôrpers nur durch die mechanische Technik wei-
ter territo rial, spatial ausgedehnt werden kann, liegt lo-
gisch der SchluB nahe, daB der Kôrper selbst schon me-
chanîsch ist, daB der Kôrper selbst eine Maschine ist, ein
Automat wie eine U h r. Mit Vilém F lu sse r stimme ich darin
überein, daB es die res cogitans ist, welche den Abgrund
zwischen mir, dem Subjekt, und der Welt erzeugt, die on-
tologische Spaltung der T ren n u n g . Und ebensosehr sehe
ich in der neuen Technologie die Môglichkeit, die Kluft zu
überwinden, indem die neue Technologie - und das ist viel-
leicht der U nterschied zu meinem V orred n er - die A rbeit
der S ch rift fo rtsetzt, aber über die S c h rift hinausgeht. Die
A rbeit der S ch rift als Sprache des Abwesenden fortsetzt,
aber über diese A rbeit der S ch rift auf eine spezifische Wei-
se hinausgeht.
Die jahrhundertealten Analogien von Maschine und Kôrper
fuBenàlso, wie der psych o-ph ysische Parailelism us, und ich
hoffe, das ist ein wenig überraschend, auf den Schnittbe-
griffen Territorium (re s extensa) und Technik (re s cogi­
ta n s). In einer weiteren Drehung der konzeptuellen S ch ra u -
be kônnen wir sehen, wie die trennende, kategoriale Oppo­
sition von res cognitans und res extensa zur berühmten
Problematik der Représentation g eführt hat. Beim Zerfall
der Welt in subjektive Empfindungen und objektive Gegen-
stânde stelit sich namlich logischerweise die Frag e: Wie ist
es môglich, daG externale Cegenstânde korrekt in den sub-
jektiven Empfindungen, im Gehirn reprâsentiert werden kôn-
nen? Ist es überhaupt môglich oder ist die Représentation
der Dinge, wie wir sie erfahren , ganz anders als die Dinge
a priori sind? Ist die Erscheinung der Objekte nicht abhën-
gig von der Weise u n serer Représentation? V e rsch â rft sich
der Oualismus von res cogitans und res extensa in der Re­
présentation sproblematik zu einer Dichotomie, kommen so-
wohl die idéal ist i schen wie die m aterialistischen Betonungen
eines Aspektes der Reprësentationsfrage zu k u rz . In der
Neuzeit hat diese Frag e, wie v erkô rp ert sich der G eist und
wie wird der Geist v erkô rp ert, auf der B asis der Analogie
von Kôrper und Machine zur Kybernetik geführt, indem,
wie der dynamische B eg riff der Steuerung schon sag t, d e r
Sp u r von Territorium und Technik gefolgt wurde. Der T i-
tel einer Arbeit von Warren S . McCulloch zeigt deutlich die-
sen neuen Ansatz eines circu iu s cre a tiv u s, um einen Term i­
nus von Heinz von Foerster zu verwenden, in der K yb ern e­
tik . Der Titel lautet: "Was ist eine Zahl, daG sie ein Mensch
erkennen kann, und was ist ein M ensch, daft er eine Zahl
erkennen kann?" Statt einer Trennung in Gegensatze also
eine zirkulare Schleife von gegenseitiger Beeinflussung und
Bedingung. Nichts ist im Geist, was nicht auch im Kôrper
ist, Und nichts ist im Kôrper, was n icht auch im G eist is t.
Das Gesetz der wechseiseitigen Wirkung strômt aus dem glei-
chen W irkunsgesetz von Territorium und Technologie: Im
| Kôrper-und-Geist-Problem rep rasentiert sich der A ntagonis-
tb
| mus von res cogitans und res extensa, die auf.dem Feld der
5 territorialen Technologie system theoretisch einer Lôsung an-
genâhert werden kônnen, wie die Kybernetik zeigt, voraus-
gesetzt, daB die aite territoriale Begrenzung der Technolo­
gie, auf der diese obsolète, mechanische Analogie von Kôr-
per und Maschine b eruht, aufgegeben wird. A b er, wie Sie
ja w issen, gibt es auch in der Kybernetik noch Reste dieser
obsoleten historischen, mechanischen Analogie von Kôrper
und Maschine, die sie nach aufblühenden Hoffnungen zu ei-
nem momentanen Scheitèrn gebracht hat.
Im Zeichen der Reprâsentationsproblematik entw ickelt da-
her auch Locke im 17. Jahrhu n d ert seine Unterscheidung
von primâren und sekundaren Qualitâten. Form, GrôBe und
Zahl sind Eigenschaften der Dinge an sich , égal ob sie w ahr-
genommen werden oder n ich t. Farbe und Schmerz werden
durch Reizung u n serer Sinnesorgane erzeugt, sind also
subjektive Eigenschaften. B erkeleys A n Essoy to w a rd s
a new th e o ry o f vision von 1709 v ersu ch t, die Kluft zwi-
schen Subjekt und Objekt, res cogitans und res extensa, mit dem
berühmten Wort "esse est percipi" zu überbrücken. En tsch ei-
dend fü r unseren Standpunkt ist die vielleicht ein flu B reich-
ste S ch rift des 18. Jah rh u n d erst über Wahrnehmung, nam-
lich Condillacs A b h a n d lu n g von dén E m p fin d u n g e n von
1754, wo Condillac v e rsu ch t, B erkeley und Locke zu fol-
gen, ab er, so wie er meint, ihre historischen und logischen
Fehler vermeidet. Condillac geht davon aus, daB ailes Wis­
sen und aile Operationen des Geistes von Sinnesreizungen
abgeleitet sind. Aber da der B ereich , das Territorium der
Cedanken um so vieles weiter und grôBer ist als die Reich-
weite der Sinnesorgane, da, D escartes folgënd, das T e rrito ­
rium der res cogitans so unendlich grôBer ist als das T e r ­
ritorium der res extensa, muB es sich die Frage stellen: "wie
kann eine Empfindung über das Organ hinausgehen, welches
diese Empfindung erzeugt, beschreib t, umfaBt, fühlt?" "Be-
vor ich meine Organe, nâmlich Arme, Beine, b e w e g te , wuBte
ich nicht, daB etwas auBerhalb meiner seibst e x istie rte . ich
wuBte nicht, daB ich ausgedehnt w ar." In der Sprache Des­
c a rte s1bedeutet dies das ungeheuèrliche Skandalon: die res
cogitans, das denkende Subjekt, wuBte nicht, daB sie res
extensa, das ausgedehnte Subjekt, war und so wuBte sie
nichts von îh rer E x isten z. Condillac sag t: "ich war n u r ein
P unkt, wenn ich zu einem uniformen Cefühl reduziert w ar."
Das Problem der Extension, der Aùsdehnung des T e rrito ri-
ums gehôrt aiso von Anfang an zu r Théorie der Wahrneh-
mung und damit auch der natürlichen O rgane.
Die Extension der Wahrnehmung über das Territorium der
natürlichen Wahrnehmungsorgane hinaus steht von Anfang
an im Mittelpunkt abendlândischer B e g riffssch rift zum P er-
zeptionsproblem, muB dort stehen, weil Extension des T e r-
ritoriums selb'st ein Zentralbegriff der Perzeption ist. (Sie
kennen ja auch aus der Physiologie die Einteilung in D istanz-
und N ahsinne.) Die Technologie als Summe aller Werkzeuge
umfaBt das Wesen dieser Extension des Territorium s über
die natürlichen territorialen Grenzen der Sinnesorgane. Da-
h e r: aile Technologie ist stets Teietechnologie. Dies T a tsa -
che, dafi die Extension zur B eg rifflichkeit der Wahrneh-
mungslehre von Anfang an gehôrt, é rk lâ rt, warum M aschi-
nen, Werkzeuge, Technologie stets als Extension der mensch-
lichen Organe beschrieben wurden, warum territoriale P u ls-
sationen die Entw icklung der Technologie korrelativ beglei-
tet haben. Karl Marx hat 1856 geschrieben - um ein Jah rh u n -
dert nach vorne zu springen "Maschinen sind Produkte der
menschlichen In d u strie . N atürliches Material verwandelt
in Organe des menschlichen Willens über die N atur. Sié sind
von der menschlichen Hand geschaffene Organe des mensch-
lichen H irn s." E r sieht also Technologie als verlângerten
Leib. Und diese Metapher wird zu einer zentralen Meta-
pher um 1900. Gerade in dem historischen Moment, wo
eben durch die elektronische Epoche ein neues T e rrito ri-
um, d u rch e in e n e u e T e ch n ik e in n e u e sT e rrito riu m e ro b e rtw ird .
Eben weil um 1900 Territorium und Tech n ik Korrelate wer-
den und um 1900 die entscheidendsten postindustriellen Um-
schichtungen des mechanischen modernen Territorium s sich
ereignen. E s werden eben sozusagen postindustrielle, im­
matérielle, elektronische Territo rien um 1900 durch die E r -
findung des Elektron s erobert. So nimmt es auch nicht Wun-
der, dali Werner Sombart in seinem Werk D e r m oderne K a p i-
talism us von 1901 - denn, wie Braudel gesagt hat, wurde
erst in diesem Werk der Kapitaiismus historisch definiert, -
schreibt - und das ist eines von vielen Beispielen, wie
um 1900 diese Analogie von Mechanik/Maschine ein erseits,
Kôrper/Organ an d ererseits kulminiert "Durch die Maschi­
nen werden die Leistungen des Menschen über das n atü rli-

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che Ausmafi seiner Organe hinausgehoben. Sie reckt den
Arm und den Kôrper zu riesigen V erh âltn issen , sie schwellt
die Muskeln ins Gigantische und verleiht den Fingern sub-
tilste Feinfühligkeit, sie trag t den Blick über tausende von
Meilen und ieiht den FCifien die Schnelligkeit des W indes."
In qualitativer und vor allem in quantitativer Hinsicht steigert
die Maschine das menschliche Konnen über das individuel!
erreichbare Maximum von Vollkommenheit hinaus.wAuch das
feinste Werkzëug, der deiikateste G riffel oder Meiftel in der
Hand des A rbeiters kann doch nie etwas anderes leisten ai s
manuelle Fertigkeit u n terstü tze n . Die Arbeitsmaschine dage-
gen kennt diese Schranken n ich t. Sie braucht nicht den Kon-
takt zwischen Auge und Hand, auf dem aile V erfeinerung ma-
nueüer GeschickJichkeit b eru h t, sie kann so fein schneiden,
so leise klopfen, so fein bohren, wie niemals die menschli­
che Hand es vermôchte. Sie e rsetzt eben, in vollkommene-
rerFo rm , die A rbeit des A rb e ite rs." Und da sehen Sie eben
schon auch den zentralen B e g riff der Ersetzu n g , der S u b sti­
tution, aus dem dann spâter die Simulation erfolgt.

Ich môchte aber hier einen M edientheoretiker anführen, der


meistens in den Lehrbüchern zu r Medienasthetik fehit und
der diesen Gedanken auf entscheidende Weise vorangetrie-
ben hat, nâmlich Freud in seiner S c h rift Das U nbehagen in
d e r K u lt u r , der unser A usgangspunkt sein wird fü r den
2. Teil dieses V o rtra g s. Ich zitie re : "Mit ail seinen W erkzeu-
gen vervollkommnet der Mensch seine Organe - die motori-
schen wie die sensorischen - oder raumt die Schranken fü r

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ihre Leistung weg. Die Motoren steilen ihm riesige Krafte
zur Verfügung-, die er wie seine Muskeln in beliebige R ich-
tungen schicken kann: das Sehiff und das Flugzeug machen,
daft weder Wasser noch Luft seine Fortbewegung hindern
kônnen. Mît der B rille ko rrig iert e r die Marigel der Linse
in seinem Auge, mit dem Fern ro h r schaut er in entfernte
Weiten, mit dem Mikroskop überwindet e r die Grenzen der
Sichtbarkeît, die durch den Bau seiner Netzhaut abgesteckt
w e r d e n ,..." Das klingt fast wie abgeschrieben von Som-
bart. "in der photographischen Kamera hat er ein in s tru ­
ment geschaffen, das die flüchtigen Scheineindrücke fest-
halt, was ihm die Gràmmophonplatte fü r die ebenso vergâng-
lichen Schalleindrücke leisten muB, beides im Grunde Ma­
ter iaiisationen des ihm gegebenen Vermôgens der E rin n e ru n g ,
seines G edâchtnisses. Mit Hilfe dés Telephons hôrt e r aus
Entfernuhgen, die selbst das Marchen als unerreichbar res-
pektieren würde; die S ch rift ist u rsp rü n g lich die Sprache
des Abwesenden, das Wohnhaus ein E rsa tz für den Mutter-
leib, die erste, wahrscheinlich noch immer ersehnte Behau-
sung, in der man sicher war und sich so wohl f ü h lt e ...
Der Mensch ist sozusagen eine A rt Prothesengott geworden,
recht gro&artig, wenn er aile seine Hilfsorgane anlegt, aber
sie sind nicht mit ihm verwachsen und machen ihm gele-
gentiich noch viel zu s c h a f f e n .... Ferne Zeiten werden neue,
wahrscheinlich unvorstelibar gro5e Fo rtsch ritte auf diesem
Gebiete der K ultur mit sich brin gen, die Gottâhnlichkeit
noch weïter steigern. Im Interesse u n serer Untersuchungen
wollen wir aber auch nicht daran verg e sse n , daft der heuti-
ge Mensch sich in seiner Gottâhnlichkeit nicht glücklich
fü h lt." Das ist eine Behauptung, die ja nicht eingetrof-
fen ist*
Ich kônnte Ihnen noch aus einem se h r reichen Schatz zitie--
ren , z . B . aus einer A rbeit von Henri Bergson, die bezeich-
nenderweise "La signification de la guerre" heiftt, 1915 e r-
schienen ist, zur militârischen Technologie der Eroberung
des Territorium s um 1900, wo die elektronische Telekommu-
nikationstechnologie eingetreten is t. Bergson sch re ib t:
"Jede neue Maschine war fü r den Menschen ein neues O r-
gan, ein künstliches O rgan, das seine natürlichen Orga-^
ne verlângert h a t". Wir sehen, die Elemente der Technik
werden in der abendlândischen B e g riffssc h rift als W erkzeu-
ge und Maschinen aufgefaBt, und diese Werkzeuge und Ma-
schinen werden immer als Ausdehnung und V erlângerung un
serer Sinnesorgane in terp retiert. Um diesen G esichtspunkt
zu verstehen, muft man sich einigen, was diese Sin n eso r­
gane sind und was sie leisten. Wenn die W erkzeugeiBestand-
teile der Technik sin d , Produkte u n serer kognitiven wie ma-
nuelien Fâhigkeiten, dann sind die Sinnesorgane offensicht-
lich Bestandteile der Natur, eine genetische E rb sch a ft. Das
Auge, die Hand sind auf anschauliche Weise keine techni-
schen Produkte, sondern scheinbar Stücke der N atur, Teile
des natürlichen Organism us. Die Sinnesorgane sind also Pfor-
ten der Wahrnehmung,Tore nach au Ben wie nach innen, wie
wir heute eben gehôrt haben. Pforten der Innenwelt wie der
AuBenwelt. Deswegen sind die Organe ein Teil des Menschen
seiner selbst, wie ein Teil der N atur, seiner Umgebung, des

98
Unîversum s. Die Teilung des menschlichen Organismus in
ein Territorium des Subjekts und in ein Territorium der Na-
tur ist also niemals gânzlich aufhebbar, bzw. eine vollstân-
dige Zuteîlung ist nicht d u rch fü h rb a r. Umgekehrt tragen
die Werkzeuge A spekte der Natur in sich , sie gehorchen
den Cjesetzen der N atur; die Werkzeuge bestehen aus na-
nürliçhen Materialien, sie sind Modellen der Natur nachgebil-
det, der Hebei ist eine perfekte Simulation der S ch w erkraft.
Sie entspringen den Erkenntnissen der Naturwissënschaf^
ten. E s gibt ja einen Darwin der Evolution in der Maschi-
nenwelt, namlich Samuel B utler und der hat in einem T r a k -
tat von den Maschinen 1872 geschrieben, daB die Entwicklung
der menschlichen Organe mit jeder Erfindung zusëtzlich er
Glieder, namlich extrakorporaler Glieder des menschlichen
K ô rpers, von M aschinen, eigentiich e rst vo ran schreitet. E r
hat sozusagen den Organismusgedanken Darw ins auf die Ma-
schinenw eltangew endet.
Wir sehen also, Werkzeuge sind Simulationen natü rlicher O r­
gane und Simulationen von Naturgesetzen. Perfekte Simula­
tionen, sonst würden sie ja nicht so effektiv funktionieren.
Also haben die Werkzeuge als Technik eben auch eine A b-
bildung der Natur in sich .
René Thom, der Theoretiker der mathematischen Katastro-
phentheorie, form uliert das so: "Ein Apparat wie das Auge
beruht auf einer perfekten Simulation der optischen Gesetze.
Die wesentliche Funktion unserer Sinnesorgane ist das glei-
che, eben uns mit einer môglichst, auch metrisch getreuen
Kopie des umgebenden Unîversum s zu verseh en ." Man wird
eingestehen müssen, daft wir also bei der Konstruktion der
Realitât auf genetische Wéise über zerebrale Mechanismen
verfügen, welche die realen Cesetze der Mechanik simulie-
ren. Und der U rspru n g des konzeptuellen Denkens bildet
die Invasion des Zerebralen durch das Genetische, was ü b ri-
gens nur ein anderer A spekt der Analogie von Organ und
Werkzeug ist. René Thom sch re ib t: "Es ist vielleicht nicht
absu rd , in den elaboriertesten Vorgangsweisen des mensch-
lichen Psychism us - z .B . die mathematische Entdeckung,
also das mathematische Denken ist sicherlich eine der kom-
plexesten Vorgangsweisen des menschlichen Denkens - ei-
ne direkte Verlaiigerung des Mechanismus der symbolischen
Kreation zu sehen, die den Menschen von der T yran n ei des
Hic-et-nunc befreit, welcher das T ie r unterworfen b leib t."
Ich wiederhole, er definiert h ie r wie Freud die Technologie
al s territoriale V erlang erung , die den Menschen von der T y r ­
annei des H ic-et-n unc, aus dem Territorium des H ier-u n d -
jetzt befreit, d .h . er definiert die Technologie als Sprache
des Abwesenden, und als solche folgt die Technologie d er A r-
beit der S c h rift, weil Freud schon gesagt h a t; die eigent-
liche A rbeit der S c h rift ist, die Sprache des Abwesenden zu
sein.
Wir sehen: aile T errito rien sind immer technologisch be-
setzt und sei es durch die Technologie der natürlichen O r­
gane, durch die Füfte, oder sèi es durch die künstlichen
Prothesenorgane, die W erkzeuge. Technologie ist immer te r­
ritorial umgekehrt; die Sinnesorgane interpretieren die Na-
tu r, ein Produkt d ieser Interprétation sind die Werkzeuge.

100
Diese Werkzeuge interpretieren die Natur auf neue Weise,
und diese neuén operativen Interpretationen schaffen neue
Werkzeuge. So wie die Technologie ein neues T e rrito -
rium schafft und im neuen Territorium eine neue Technolo­
gie entsteht, ad libitum.
Territoriale Pulsationen begleiten also stets die Evolution
der Technologie. Diese Pulsationen haben natürlich v e r-
schiedene G ren zen, die Grenzen kônnen enger sein und kôn-
nen weiter sein . Sie kônnen so eng sein wie der Kôrper al s
Territorium der Technologie, dann haben wir diese Analo­
gie von Maschine und K ô rper. Die C ren zën kônnen sich e r-
weitern zur Polis, zu r Stadt, sie kônnen sich aber auch e r-
weitern, zum Staat, zum Nationalstaat, dann sprechen wir
wie Hobbes vom sozialen K ô rper. Und ich môchte nun zei-
gen, wie diese Metapher, die am U rsp ru n g des 16. Jah rh u n -
derts als Schn ittb eg riff von Territorium und Technik ge-
standen ist, aber die heute überwunden sein solIte, immer
noch wirksam is t. Wenn wir dieser Gleichung vom sozialen
Kôrper, vom G esellschaftskôrper, die besonders im L e v ia ­
than bis in die Gegenwart hin aufgebaut worden ist, fol-
gen wollen, dann wissen w ir, daB die Soziologen in dieser
Gleichung, die aus beiden Variablen besteht (Gesellschaft
und K ô rp e r), Eigenschaften des Kôrpers auf die Gesell­
schaft übertragen haben (man sp rich t dann von "gesunden
G liedern“) . DaB man heute aber Eigenschaften der Gesell-
i
sch a fta u f den Kôrper ü b ertrâg t. Ein Buch von Marvin L.M in sky
mit dem Titel S o c ie ty o f Mincis beweist uns mit traurigem
N achdruck, daB diese Metaphorik des Soziaikôrpers noch

101
immer wirksam ist. Der U nterschied ist nur der, daB Mins-
ky nicht mehr n u r in die eine Richtung geht, vom Kôrper
zur C esellschaft, wie frühere Sozialtheoretîker ( H o b b e s lia .),
sondern in die andere Richtung, von der C esellsch aft Zum
Kôrper. E r e rk lâ rt zum Beispiel den immateriellen Teîl des
Kôrpers, das G ehirn , aïs eine Cesellschaft von G eistern .U n d
Sie sehen al so sehr deutlich, daB solche Metaphorik eindeu-
tig zeigt, weil sie historisch obsolet ist und aus einem me-
chanischen Erb e stammt, daB Minsky keineswegs der Pro-
pheft der neuen Technologie sein kann, weil die Modelle,die
er liefert, fuBen auf alten metaphorischen, mechanischen Mo-
dellen. Und auch die Szenarios des Fraktalen , die uns heu-
te entworfen werden, sind nur der erste S ch ritt dieser Ü ber-
windung und nicht das Erg eb n is, nicht das endgültige Ende
der Transformation des Territorium s durch neue Teletech-
nologien. Auch die Szenarios des Fraktaien stecken noch
zum Teil in der Metaphorik von Maschine und K ô rper, von
Cesellschaft und K ô rper. Und n u r als solche kônnen sie fu n k-
tionieren, denn nicht anders ware es môglich, daB Maschinen
Bilder von Kôrpern entwerfen, wenn nicht diese B ilder sel-
ber maschinell herstellbar sin d .
Uns erscheint als eigentlicher A nsatz der in Freud und in
René Thom gefundene, nâmlich die Technologie zu sehen
als Sprache des Abwesenden, als Fortsetzung der S c h rift.
Die S ch rift ist die Abbildung der vierdimensionalen Wahr-
heit in eine eindimensionale Symbolkette. Und ich sage A b­
bildung und nicht Kreation oder K o n stru k tivitât. Die A b­
bildung einer vierdimensionalen W irklichkeit in die eindi-

1 An
mensionale Symbolkette zu dem Zwecke, daB etwas, das ab-
wesend ist, ein vergangenes E re ig n is, eine zeitliche Abwe-
senheit, oder eine râumliche Abwesënheit, ein Ereig n is, das
an einem anderen O rt stattfindet, daB aiso diese abwesen-
de W irklichkeit, dieses abwesende Territorium anwesend ge-
macht werden kann. Und zwar modifiziert und beschrânkt,
nur sim ulativ. Ein er Lan d karte, wie B audrillard uns auf so
wunderbare Weise gezeigt hat, sim uliert das Territorium
auf eine modifizierté, beschrânkte Weise* Die Modifikation
kann aber auch eine Amplifikation, eine V erstârku n g sein
wie der Hebel. Der entscheidende Punkt ist n u r, daB die
S ch rift, da sie eben nur Abbildung ist, eine bloB tran slati­
ve, eigensinnige Relation zu r W irklichkeit hat. Die S ch rift
kann das Abwesende zum Sprechen bringen, die abwesen­
de zeitliche und râumliche W irklichkeit, sie kann aber nicht
das, was anwesend ist, abwesend machen, obwohi beide,
S ch rift und Technologie aus der gleichen Quelle stammen,
und das ist ein weiteres Lemma , das ich mir erlaube, Ih-
nën v o rzu stellen . S ch rift und Technologie stammen aus
dem Vermôgen des Menschen zu r Symbolbildung, zu r A b-
straktion, denn - wie neuèste Forschungen gezeigt haben -
der A ffe, der mit einem Stab einen distanzierten Gegen-
stand, eine in einem ferneren Territorium geiegene Banane
herbeiholen kann, macht symbolische Prozeduren. Die Sym­
bolbildung, die Abstraktion zur Symbolbildung, die Ober-
windung des Territorium s ist der U rsprung von S ch rift und
Technologie. A ber es gibt zwischen S ch rift und Technolo­
gie einen wesentlichen U nterschied, nâmlich daB die T e ch -
noiogie eine,wie man in der Mathematik sagt, kommodative
Relation ist, eine w echselseitige: Eine kommodative Relation
zu r abwesenden W irklichkeit, ich kônnte auch sagen 'dyna-
misch1 oder 'korrelativ' und 'zirku târ1. Wenn ich nâmiich am
Telefon mit einer Person spreche (D u rc h s a g e : H e r r W eibel
b itte ans T e le fo n ), mâche ich ja nicht n ur ihn, den Abwesen­
den, du rch seine Stimme modifiziert und am plizifiert anwesend,
sondern ich mâche ja auch meine Stimme abwesend, indem ich Sie
von meinem jetzigen H ic-et-nunc in das Territorium des Abwe­
senden sende. Dieabwesende W irklichkeit wird partiell und in
m odifizierter,sim ulativer Form anwesend, und umgekehrt wird
meine anwesende W irklichkeit abwesend. D araus resu ltiert die
Simulationstheorie der Medien.
Die Technik setzt also die A rbeit der S c h rift fo rt, aber,
nachdem sie eine Extension dés Kôrpers und der Organe
ist, ist die Technik immer als A rbeit der S c h rift extrakorpo-
r a l. Insofern ist sie dann auch extra territorial oder, wie wir
auch mitPeleuze sagen kô n n ten ,d eterrito rial. Die Technik hat
immer, nachdem der U rsprung eine territoriale Technologie
war, als Tendenz, besonders seit 1900, die E x te rrito ria li-
tât. Flu sser hat uns die Exterrîto rialisieru n g des Gedàchtnis-
sesg ezeig t, des C e h irn s, die Auslagerung des kulturelien Ge-
dâchtnisses in die Bibiiothek. A ber die ExterritorialiSierung
ereignet sich ja nicht nur als Sprache des Abwesenden auf
dem Kôrper und fü hrt dorten auf der Ebene des Reâien zu
einer Entkôrperlichung oder zu einer D erealisierung, sie e r­
eignet sich auch im Imaginaren und Symbolischen. Und hier
beginnen dann die Schwierigkeiten der zeitgenôssischen
Theoretiker.
Die Technologie als. Sprache des Abwesenden sp richt ja zu
uns nicht nu r vom Abwesenden, nicht n ur d e r, die, das Ab-
wesende sp rich t zu uns durch die territoriale Technologie,
sondern die Technologie ist auch eine Sprache des Abwe­
senden selbst, weil sie uns hic et nunc das Anwesende ab-
wesend macht, d istan ziert. Insofern ist diese E x te rrito ria -
iisierung das Wesen der Technologie. Und diese Exterrito -
rialisierung d u rch die Technologie kann auf den drei Ebe-
nen real, imaginâr, symbolisch sich ereignen und hat da-
durch als Tendenz die Derealisation, die Entkorperlichung
und die Dem aterialisierung. In dieser Tendenz einer drei-
fachen Exterrito rialitët liegt die eigentliche K raft der Tech­
nologie, der Sprache des Abwesenden.
Sie beginnt um 1900, nach dem J .J .Thomson 1897 in Cam­
bridge das Elektron entdeckt hat, das e r, wahrscheinlich
um mîr, einem künftigen Theoretiker, einen Gefalien zu
tun, Korpuskel, kleines Kôrperchen genannt hat. Sie se-
hen, auch das Elektron wurde am Anfang als kleiner Kôr-
per, als Ausstattung der Organe des menschlichen Korpers
verstanden. Elektronik bedeutet demnach, vom FluB der Elek-
tronen im Vakuum oder in der Materie Cebrauch zu machen.
Der ElektronenfluG wird verwendet, um Informationen zu
übertragen, zu empfangen, zu lôschen oder zu speichern.
Die dabei verwendeten Techniken sind Osziliation, Modula­
tion, Detektion, Amplifikation etc. fu r das Codieren und
Decodieren von Botschaften. Eine Reihe von Erfindungen,
die ich den Triodenwald nenne, haben das goldene Zeital-
ter der Rôhren erôffnet und die Erfindung von Radio, Fe rn -

105
sehen, Radar, Elektronenm ikroskop und nuklearer T eü chen -
beschleuniger ermôglicht. Mit d èr Erfindung des T r a n s is ­
tors und des intëgrierten S ch altk reises ab 1950 begann
die zweite elektronische Révolution, die m ikroelektronische,
welche die eigentliche Computerrevolution d arstellt und den
Beginn der künstlichen Intelligenz m arkiert.
Und gerade h ie r, bei diesem Einbruch in das Sym boiische,
gibt es die Problème. Wenn der N obelpreistrâger Langmir,
eiri P h y sik e r, 1950 geschrieben hat, Lee de Eo rest, der E rfin d e r
des Audion, legte durch seine Triode die Grundlagen fü r eine
Extension der menschlichen Sinne und der Verm ehrung der
Geschwindigkeit und S en sitivitât ins Millionenfâche, dann
sehen wir zunâchst die Wiederholung der von uns schon
ausgebreiteten T hese, daB die Technologie immer als E x ­
tension des Sinnesorgans verstanden w ird, als Steig eru n g ,
als Amplifikation, z . B . der Geschw indigkeit. Langmir
sagt aber auch, unisono mit anderen K ritik e rn , daB sie kei-
ne Problème haben, wenn es bloB um die Ausdehnung des
Territorium s der Sinnesorgane g eht. Die Problème tauchen
auf, wenn über die Ausdehnung der Sinnesorgane und die
Beschleunigung der Sinnesdatenverarbeitung hinaus, âlso
über das Kôrperliche hinaus, diese Teietechnologie jen seits
der Physiologie in das Symboiische ein b richt, wie es eben
die moderne Teietechnologie automatisch machen muB. Nicht
das künstliche Sehen und künstliche Hôren, sondern das
künstliche Denken wurde problem atisiert, die Extension und
Amplifikation des Territorium s der res cogitan s . Obwohl diese
Extension nur das logische Ende der Extensionen u n serer Sin~
nesorgane in Raum und Zeit d u rch die elektronische Technolo­
gie darstellt,w enn wir eben Condillacfoigen wollen.Die V e rs ta r-
kung der Veranderung u n serer Sinneswahrnehmung ste llta lso
den einen A spekt der soziaien Verânderungen in der elektroni-
schen Epoche d a r . Doch nicht diese V erstârku n g sélbst, sondern
die durch die elektronische Transform ation un serer Sinnesw ahr­
nehmung bewirkte Veranderung u nseres V erh altn isses zum rea-
len Territorium hat die Problematisierung bew irkt. Im D is-
k u rs über den Computer, wie es in den lâcherlichen B est-
sellern getan w ird ,a lsk ü n stlich e Intelligenz, in der Klage über
den V erlu st des Denkens und des Menschlichen wird eigentlich
ein D isku rs über die Reaiitât g efü h rt, namlich über den
V erlu st eines historischen T errito riu m s. So wie die Stadt-
mauern fa lien, wie der Nationaistaat fâllt, wird auch dieses
historische Territorium der res cogitans failen. Und das
heiftt nicht, daB dadurch - ich erlaube mir hier mit allem
Respekt, Foucault zu w idersprechen - das menschliche C esich t
im Ozean der Telekommunikation verschw inden wird. G éra-
de im Gegenteil, das menschliche G esicht wird erst dann
sein eigentliches Profil erreich en . E s wâre namlich w irk-
lich absu rd , nach einer zweitausendjâhrigen Geschichte
territorialer Technologie anzunehmen, daB wir mit den hi-
storisch erreichten Grenzen des T errito rium s bereits wüB-
ten, was ein Territorium , ein m enschliches Territorium sein
kann. "Die menschliche Provinz" - ein Zitat von Canetti,
auf das B audrillard immer wieder hingewiesen hat - "hat
ihre Grenzen noch nicht abg esteckt." In ail diesen fashio-
nablen Attacken gegen den Computer geht es gar nicht um
den Computer selbst, denn die elektronischen Amplifikatio-
nen der Sinnesorgane wurden ja von allen Theoretikern ge-
rade aïs Bereicherung der menschlichen Lebenswelt empfun-
den, sogar als riotwendige O berlebensstrategie.
Warum wird dann also ausgerechnet das ietzte iogische Giied
in dieser Kette der Sinnesextensionen, der Computer als
Exterritorialisieru n g des G eh îrn s, nicht mehr als B ereiche­
rung sondern als Bedrohung empfunden? Die Antwort
scheint mir zu sein: èben wëil mit dem Computer in der
künstiichen Intélligenz etwas vollkommen offenbar wird,
was schon ino gesamten elektronischen D isk u rs und im ge-
samten technologischen D isk u rs des Territo rium s v erste ckt
vorhanden w ar, das Verlôschen des Reaien in der Simula­
tion, genauer das Verlôschen des traditionellen Territorium s
der sinnlichen Wahrnehmbarkeit in der mathematischen S i­
mulation des T errito riu m s. p a s hat ja mît Galilei begonnen.

Ich springe jetzt ein wenig, aber vielieicht eriaube ich es


mir, ein bezeichnendes Beispie! aus dem 19. Jahrhu n d ert zu
bringen, namlich, wiedie Geometrie der Erfahrung sw elt, die zwei
und dreidimensionale euklidische Geometrie, durch die nicht-
euklidische Geometrie der Mathematik veran d ert w u rd e.A ls
namlich über die unseren Sinnesorganen zugànglichen drei
Dimensionen hinausgegangen wurde und eine Geometrie
vierdimensionaler und mehrdimensionaler M annigfaltigkei-
tenentstand> in denen sogar das Kern stück der E rfa h -
rungsgeometrie, namlich der pythagoreische Le h rsa tz, gar
nicht mehr galt, kollabierten gleichsam nicht nur die Ge-
setze der Erfahrungsgepm etrie, sondern auch die Erfah -
rungsweit und das Reale. Wenn Donaldson und Freeman ge-
rade letztes Ja h r fu r ihre Arbeiten in der Geometrie mehr-
dimensionaler Mannigfaltigkeiten die Fields-Medaille erhal-
ten haben, eine A rt Nobeipreis der Mathematik, zeigt das,
daB die se rein mathematische Geometrie, die den sinniich
wahrnehmbaren Erfahrungsraum nicht nur übersteigt, ja
sogar ihm w iderspricht und ihn auBer K raft setzt, die notwen-
dige neue territoriale Geometrie ist, eine hochkomplexe ter­
ritoriale Technologie, die es uns ermogliçht, in dem immer
dichter werdenden, mehr sich verschachtelnden T e rrito -
rium der komplexen modernen G esellschaft zu überleben.

Nach der Entwicklung des mathematischen Modellbegriffs


der Physik geben solche Arbeiten Anregungen für Theo-
rien über eine vieldimensionale Raum-Zeit-Welt, die Voraus-
setzungen sind fü r neue Modelle des Territo rium s, die viel
wirksamer sein werden als die alten Modelle. Ich würde sa-
gen, die Négation des bloB sinniichW ahrnehm baren und
verstehbaren Territorium s hat e rst im eigentlichen Sinne
ein neues Territorium fü r den Menschen erôffnet. Solche
mehrdimensionale mathematische Geometrie liefert ein Mo-
dell d a fü r? wie Realitât überhaupt durch eine mathemati-
sch-technologische Transformation kollabiert. Wie aber
dadurch eine neue Realitât erfunden w ird. Dieses V e r-
schwinden des traditionellen Territo riu m s, des alten Rea-
len, aus dem Bereich u n se rer natürlichen Sinne, dieses
Aufgehen und Verlôschen des Realen in mathematischen

109
Modellen und den Anwendungen der mathematischen Modelie
führt natürlich zu einem Cefühl der U nsicherheit, zu ei-
nem Gefühl des V erlu stes an Boden, aber eben nur des his-
torischen Bodens, der nie und nimmer der Boden der Zukunft
sein kann. Das Entschwinden des Realen und des histori-
schen Territorium s in der mathematisch-technischen T ra n s-
formation.der Welt wird nur in d ieser begrenzten historischen
Perspektive als Verschw inden der Souverânitât des Menschen
über das Reale empfinden. Solange diese Souverânitât sich nur
auf die üblichen Sinnesorgane beschrân kte, haben wir diese.
Verânderung des Realen und T errito rialen als V e rlu st zu
empfinden. Wenn wir das nicht tun, kônnen wir diese Am-
piifikation des Territo riu m s aïs neue menschliche Souverâ­
nitât und Stârke empfinden. Jetzt, wo der O rt dessen, was
aïs eigentliches Zentrum der menschlichen Souverânitât an-
gesehen w ird, nâmlich das G ehirn , selbst einer mathemati­
schen Blaupause verfâ llt, und nicht mehr allein die Wurfge-
schosse, verd reh t sich un ser V erh âltn is zur Technotrans­
formation der Welt und wir empfinden sîe als Verarm ung.
Dabei ist es umgekehrt so, daB e rs t in der Computerkul-
tur das eigehtiiche Wesen der lingüa mathematica zum A u s-
druck kommt, nâmlich die Them atisierung des Territorium s
und des Realen selb st. Die mathematische Modellierung der
Welt erweist sich als Tendenz des Realen selbst, sich über
sich selbst zu beugen, und insofern kann René Thom ,eben-
falls ein T râ g e r der Fields-M edaille/sagen, "die Stimme des
Realen ist èrst im Sinn des Symbol s zu hôren". Die Stimme
des Realen hôren wir nicht im Realen selb st, sondern e rst
im Symbol. Und das ist e s, was der Computer, die kü n stli-
che Intelligenz als Symbol einer gewaltigen Véranderung, ei
ner neuen extraterritorialen Technologie unserer Gesell-
schaft in der elektronischen Epoche vor Augen fü h rt: Das
Erfinden ei nés neuen Territo riu m s, das Erfinden des Rea-
len durch eine deterritorialisierende Technologie. Mit Com-
putern wird angedeutet, was bisher unvorstellbar schien,
das Ende der Natur, das Ende des Realen, wie ja B aud ril­
lard sehr oft ausgeführt hat, wenn auch nicht mit den glei-
chen historischen Argum enten. Der Computer als Symptom
der elektronischen K u ltu r ist ein Indikator und zeigt an,
daB der Code der N atur, das natürliche Territorium nicht
identisch ist mit dem Code des U niversum s, mit dem Code
des M enschen.