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Lisbeth Grolitsch

NotwendeNotwendeNotwendeNotwendeNotwende

Aufsätze, Reden und Schriften

Im Kampf um eine neue Ordnung in Kultur, Geschichte und Politik aus lebensgesetzlichem Denken

Herausgeber:

Deutsche Kulturgemeinschaft

Lisbeth Grolitsch

Notwende

ISBN 3-00-009944-1

Lisbeth Grolitsch:

Notwende.

Copyright © 2002: Deutsche Kulturgemeinschaft Postanschrift: A-8020 Graz, Strauchergasse 23 Satz: Franz Radl Gedruckt in Österreich

INHALTSVERZEICHNIS

Zum Geleit

7

Einleitung

19

Ulrich von Hutten und seine Zeit

22

Hochscholastik und deutscher Humanismus

24

Die

Geniezeit

25

Ein neues Huttenbild

28

Ruhm und Ehre des Dichters

32

Das Vorspiel

34

Huttens deutscher Humanismus

35

Auseinandersetzung mit dem Römischen Recht

37

Ausplünderung durch Rom

38

Am Mainzer Hof

39

Hutten und Erasmus

40

Sprachschöpferische Wirkung

41

Der politische Durchbruch

41

Hutten und Luther

43

Hutten schreibt deutsch

45

Worms und die Reichsreform

47

Hutten wagt das Äußerste

50

Maria Theresia

54

Frauentum gestern und morgen

69

Natur- und Kulturwesen

71

Germanische Ehe

72

Überfremdung

73

Vom Minnesang zum Hexenwahn

77

Neues Vorbild

78

Maria Theresia

80

Weimar

81

Die deutsche Frauenbewegung

84

Bewährung im Kriege

86

Entwürdigung

88

Kulturelle Aufgabe

89

Otto von Bismarck

91

Auszug aus der Festrede

92

Mensch und Persönlichkeit

93

Diplomat und Staatsmann

96

Bismarck und das Parlament

100

Die weitsichtige Politik Bismarcks

100

Bismarcks Frankreichpolitik

102

Bismarck und die Romkirche

104

Bismarcks Sozialgesetzgebung

105

Bismarcks Außenpolitik

107

1000 Jahre Österreich

111

Österreich in der deutschen Geschichte

114

Ostarrichi – Bollwerk des Reiches

114

Im Vorhof der Geschichte

115

Die Gewinnung des deutschen Volksbodens

116

Die Erneuerung der Ostmark: Ostarrichi

118

Lebendiges Kulturerbe

120

Reichsverbundenheit und Eigenstaatlichkeit

121

Des Reiches Bollwerk

122

Reichsstil im Barock

124

Deutsche Kulturleistung im Südosten

125

Ungebrochenes Volksbewußtsein

125

Von der Notwendigkeit einer Neuordnung unseres Denkens

131

Begriffe und Werte in der Neuordnung

134

KULTUR – Anpassungsleistung zu höherer Lebensordnung

137

Erkenntnistrieb als zentrale Lebenssteuerung

139

Die Lage der deutschen Kultur

139

Die Spenglersche Theorie biologisch widerlegt

141

Kultur als Gegenstand naturwissenschaftlicher Untersuchung

144

Maßstäbe neuer Kulturpolitik

150

Wesenszüge und Leistungen des Deutschen Volkes

154

Einleitung

154

Ein neues Weltbild

159

Neue Maßstäbe der Heimatforschung

161

Von der Heimatforschung zur Volksforschung

162

Umwelttheorie bestimmt Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts

163

Siedlungsgeschichte

164

Volkskunde

168

“Atlas der deutschen Volkskunde”

169

Österreichischer Volkskundeatlas

170

Die biologischen Grundlagen

171

Volksgenealogie und Begabungsforschung

172

Kultur als gewachsener Organismus

175

Volkscharakterologische Grundlagen

176

Hochverehrter Herr Professor Oberth!

183

Für eine neue Weltordnung im Einklang mit den Lebensgesetzen

185

Wer fest auf dem Sinn beharrt, der bildet die Welt

188

“Grenzenlose Gerechtigkeit”

193

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. Friedrich Hölderlin

200

Weder Recht noch Freiheit – Rudolf Heß

203

Zur nationalen Lage

205

Seltsames

206

Europa im Schatten von Versailles

208

Dem eigenen Volke mitten ins Herz. Eine Zwischenbilanz zum 20. Juli

210

Das kosmische Fest

218

Aus Huttenschem Geiste. Abschied von Heinrich Härtle

222

Nachruf auf Emil Maier-Dorn

223

Prof. Hermann Giesler (1898–1987)

228

Dem Märtyrer Rudolf Heß

231

Frau Ilse Heß

235

Gedanken zur

Wintersonnenwende

237

Bekenntnis zu Ulrich von Hutten

240

Zum Neuen Jahr

244

Zum 100. Geburtstag Adolf Hitlers

246

Deutschland – einig Vaterland

250

Ist die Deutsche Einheit der Feind Europas?

253

Das Tor der Zukunft ist weit offen

259

Das Ende der Heuchelei

265

Arno Breker

268

Deutschlands Opfergang für Europa

270

Kein Weihnachtsfriede

273

Das Deutschlandlied

276

Die Deutschen – ein Volk ohne nationalen Lebenswillen?

277

Vorwort zum “Wannsee-Protokoll”

280

Der Ruf Ostpreußens

281

10 Jahre Huttenbriefe

283

Europapläne der “westlichen Wertegemeinschaft”

285

Nachruf auf Karl Balzer

286

Weihnachten 1993 287

Rudolf Heß: “Ich bereue nichts”

289

Zur Lage der Nation

290

Die

“Hoffnungsrede”

292

Halleluja: “The American Way of Life.”

293

Neue Ordnungsmacht Europa

294

Eine deutsche Frauengestalt. Nachruf auf Ilse Heß

297

Mythos und ewige Ordnung des Alls

300

Evolution und Wissen – Neuordnung der Politik. Buchbespr. Herbert Schweiger 302

Weil wir dieses Volk lieben!

305

Durch Kampf zum Licht

308

Wir gedenken unserer Helden

310

Das Maß ist voll. Der Völkermord am Deutschen Volk

311

Der Kampf der deutschen Soldaten im Osten. Ihr Opfergang für Europa

315

Enthüllungen über die west-östliche Verschwörung gegen das Reich und Europa .319

Englands Verrat an Europa. Zum 10. Todestag von Rudolf Heß am 17.8.1997

321

Herbert Böhme

324

Kulturkrise und Neuorientierung

325

Englands Menschheits- und Kulturverbrechen. Der Mord an Dresden

328

Endzeit ist‘s

331

Stalins zweite geheime Front

334

Rettet das Licht

335

Nachruf auf Dr. Max Klüver

336

Deutschland im amerikanischen Jahrhundert

338

Manipulation über die Musik als Angriff auf die Volksseele

341

Die Verluste des Deutschen Volkes während und nach dem 2. Weltkrieg

344

Und dennoch: das VOLK

346

Zum Schluß

350

Personen-, Orts- und Sachregister

353

Zum Geleit

Der Ansturm der Feinde gegen das Reich kennzeichnet, im größeren Zu- sammenhang der Geschichte gesehen, die gigantische Auseinanderset- zung zwischen Gestern und Morgen. Zwischen einer Welt, die sich in ihren ideologischen Irrfahrten soweit von der in der Evolution des Lebens gewachsenen Ordnung entfernt hat, daß sie in dieser Sackgasse mensch- licher Hybris nur noch ein sich ständig steigerndes Chaos herbeiführt, und dem Deutschen Volk, – dem europäischen Menschen also –, das von Ur her aus bäuerlichem Erbe das Einssein mit aller Natur fühlte und von dort aus eine neue Idee entwickelt hat, als deren Grundtatsache mensch- licher Lebenswirklichkeit die Völker und ihre Kulturen gelten.

Die Verfasserin zählt sich jener Generation zu, die einstens ihre Bewäh- rungsprobe im Kampf um Deutschland und auf den Schlachtfeldern Eu- ropas bestanden hat. Diese Jugend trug Nietzsches „Zarathustra“ im Tor- nister und die Verse Friedrich Hölderlins im Herzen. Sie war erfüllt von der Idee des Reiches als Ordner Europas und dem Ideal eines neuen Men- schentypus, der vorgelebt werden mußte. Diese Kriegsgeneration begann damals schon zu begreifen, daß das von Nikolaus Kopernikus entdeckte dreidimensionale Weltbild eine weltbildliche Neuorientierung im geisti- gen Bewußtsein der Menschen eingeleitet hat, die erst zur eigentlichen kopernikanischen Wende führen muß. Es war darum dieser jungen Gene- ration auch bewußt, daß nach der militärischen Auseinandersetzung ein vergleichsweise noch einschneidenderes Ringen um künftige geistige Po- sitionen bevorstand.

Es ist hier von größeren geistesgeschichtlichen Zusammenhängen der po- litischen Machtkämpfe nicht nur der letzten 100 Jahre die Rede; daß die auf der politischen Weltbühne agierenden Mächte die Kampfmaschinen ihrer vornehmlich internationalen Auftraggeber sind, widerspricht nicht dieser Darstellung, sondern ordnet die militärischen Waffengänge gerade der hier zu behandelnden Dimension einer gigantischen Entscheidung evo- lutionsgeschichtlichen Ausmaßes unter.

Es ist vielen noch nicht annähernd bewußt geworden, wie umfassend und groß der Evolutionsschritt ist, den der menschliche Geist in seinem Er- kenntnistrieb seit dem Mittelalter gesetzt hat. Seit Kopernikus rüttelten die Zeiten am alten zweidimensionalen christlichen Weltbild. Es ist in unseren Tagen völlig zusammengebrochen. Damit stürzt auch eine Reli- gion, die als Fremdling in unseren Raum gekommen war. Das Schicksal des Christentums wird es sein, auch machtpolitisch in sich zusammenzu- brechen, da hilft ihm auch das Bündnis mit der One-World-Ideologie nicht.

Der wissenschaftliche Übergang in ein neues vierdimensionales Weltbild durch die Entdeckung des Atommodells um 1900 markiert den Weg vom 19. in das 20. Jahrhundert.

Eine neue Weltsicht führt zu anderen Vorstellungen im metaphysischen Bedürfnis des Menschen. Aus dem entstandenen religiösen Vakuum wird sich eine neue Weltanschauung entwickeln, die sich in Erkenntnis der Ordnung des Weltalls an Naturgesetzen orientiert.

Mit dem Zusammenbruch des Alten wird das Deutsche Volk nach über tausend Jahren in die Lage versetzt, sein Leben nach eigener Art und Weise gestalten zu können. Es wird ganz aus ihm selbst und damit aus seinem Wesen, seinem Mythos heraus geschehen, weil dort wieder ange- knüpft werden kann, wo eine Religion anderer Art das Lebensganze un- seres Denkens und Fühlens, unseres geistigen Schaffens durchbrochen und unsere höchsten Möglichkeiten in den Dienst dieser an sich fremden Welt gestellt hat.

Aber werfen wir zum besseren Verständnis des Gedankenganges einen kurzen Blick auf die Stammesgeschichte des Menschen.

Die Evolution auf unserer Erde hat Millionen von Arten hervorgebracht. Jede einzelne bildete sich notwendig aus dem Gesetz der Anpassung als Überlebensgemeinschaft. Die Ausbildung zu Artgemeinschaften mit spe- zifischen Eigenschaften in Anpassung an den jeweiligen Lebensraum (die jeweilige Lebensnische) ist unumstößlich, d.h. sie kann nicht rückgängig gemacht werden, weil sie den Verlust an Informations- und Energiege- winn bedeutete, den beiden Triebfedern der Evolution.

Auch die höchste Schicht mit der Entwicklung des geistigen Bewußtseins

des Menschen ist diesem Gesetz der Anpassung als Überlebensstrategie eingeordnet. Mit der Ausbildung des menschlichen Gehirns erwirbt die Evolution ein Steuerungsorgan von hoher Kommunikationsfähigkeit durch die Speicherung des Lernens im Gedächnis. Dadurch erhält der Mensch einen schnelleren und besseren Informations- und Energiegewinn – der einzelne wird Teilhaber der im Gruppengedächtnis gespeicherten Traditi- on. In der Kultur, also im gesamten geistig-schöpferischen Schaffen steigt seine Gruppe, sein Volk auf zu einer höheren Leistungsgemeinschaft. Somit wurde das menschliche Gehirn durch anpassendes Lernen mittels der Tra- dition in den Völkern und Kulturen zu seinem Überlebensorgan.

Durch den Gewinn eines Freiheitsraumes in seinem Bewußtseinsspiel ist der Mensch jedoch nicht aus den Naturgesetzen der Evolution des Lebens entlassen.

Entscheidend ist, daß sein Ich, – auch in seinem Freiheitsspiel – geballtes Naturgesetz ist, daß Milliarden Jahre der Entwicklung in ihm kreisen und wirken.

Die Naturwissenschaft hat uns die Einblicknahme in die Gesetzmäßig- keit des Lebens eröffnet, das in allen Schichten die Ordnung von Syste- men erkennen läßt. Es sind Ganzheiten von wunderbaren Komplexen und Strukturen, die durch offene Programme das anpassende Verhalten er- möglichen, denen eine Unzahl der in den Genen gespeicherten Informa- tionen zugrunde liegt.

Das lebende System besitzt alle Eigenschaften seiner Glieder, - umge- kehrt hat keines der vielen Untersysteme die Eigenschaften der höheren Einheit. Man kann die den höheren Schichten allein eigenen Ordnungen und Vorgänge nicht mit den Geschehenskategorien der tieferen erfassen (Lorenz), aber auch die höhere Einheit ist und bleibt ein lebendiges Sy- stem.

Völker und ihre Kulturen sind höhere Ganzheiten!

Der einzelne Mensch ist ein Glied der Ganzheit Volk. Die Entwicklung seines Gehirns mit dem Erwerb des Ich-Bewußtseins weist ihn eindeutig als Wir-Wesen aus. Der Mensch ist von Natur aus ein Kulturwesen. Im ununterbrochenen Austausch der Gene entwickelt sich jede Gruppe über

Sippe und Stamm zum Volk als Typus mit der jeweils in eigene Richtung gewachsenen Kultur. Unter Kultur verstehen wir die Gesamtheit allen geistigen Schaffens eines Volkes.

Welchen Anpassungs- und Überlebenswert hat das geistige Bewußtsein des Menschen in der Evolution?

In der modernen Evolutionslehre liefert uns die Naturwissenschaft den fundamentalen Beweis von der Einheit allen Lebens und führt uns in die Bahnen unserer ursprünglichen Weltanschauung – tief gedeutet in unse- rem Mythos – zurück, das Leben als ein Ganzes zu betrachten. Die Spal- tung unseres Bewußtseins in Äußeres und Inneres, in Körper und Geist, in Natur und dem außerhalb ihrer Gesetze stehenden Menschen ist über- wunden. Die Entschleierung der Geheimnisse des Lebens durch die Er- kenntnistätigkeit unseres geistigen Bewußtseins läßt es uns in Ehrfurcht, Staunen und Entzücken wahrnehmen.

Der Mensch setzte im faustischen Forscherdrang zwei große Evolutions- schritte in seiner Entwicklung: die Entdeckung des Feuers und die ur- schöpferische Erfindung des Mühlsteines; damit trat er den gigantischen Siegeslauf zum Kulturwesen an.

Mit dem Durchbruch zu einer höheren geistigen Bewußtseinsstufe durch die Erkenntnis der Gesetzmäßigkeit allen Lebens, aus dem Drange der Notwendigkeit geschöpft, seine eigene Evolution nicht gegen sich selbst und seinen Bestand zu richten, ist ein Schritt gesetzt von der Dimension einer neuen Weltstunde.

Angesichts der Weltlage können keine Zweifel mehr angemeldet werden:

die Erde steht in einer Weltstunde der NOTWENDE. Sie redet mit tau- senden Stimmen und heißt: Untergang – oder Aufstieg in der Morgenröte der Erkenntnis. Der Mensch kann mit seinen Fähigkeiten, die seine Erde ihm geschenkt hat, ihr Leben zerstören oder zu noch größerer Schönheit und Vollkommenheit ordnen. Durchbricht er frevlerisch ihre Gesetze, sind Chaos und Untergang die Folge.

Die tieferen Ursachen liegen zweifellos in der durch ideologische Fehlein- schätzungen falsch gesteuerten Entwicklung seines Bewußtseins bei der Beantwortung der Frage: „Wer bin ich Mensch?“, seine Fähigkeiten als

Kulturwesen überschätzt und sich über die Natur zum Maßstab aller Dinge erhoben zu haben. In jedem Parteiprogramm ist zu lesen: „Das Höchste ist der Mensch“. Gemeint ist das Einzelwesen Mensch, nicht als Glied seiner Ganzheit Volk, sondern als Individuum der Masse Menschheit.

So diente die wissenschaftliche Forschung eben nicht der Ganzheit Volk. Im Mittelpunkt stand und steht bis heute das Einzelwesen Mensch che- misch, physikalisch, physiologisch, und psychologisch untersucht, losge- löst von seiner Erbgebundenheit in der Kulturgemeinschaft seines Vol- kes. Ja, der Siegeszug der Naturwissenschaft mit ihren letzten biologi- schen Erkenntnissen der Genetik wird schließlich im pflanzlichen und tierischen Bereich bis zur Faszination durch die wunderbaren Entdek- kungen akzeptiert, aber die Anwendung ihrer Erkenntnisse auf Rasse und Volk in wissenschaftlich geradezu blamabelster Form unterdrückt.

Analytisches Denken und andauernde Spezialisierung, die zur Einblick- nahme in die fernsten und kleinsten Bausteine des Lebens führen, waren vielleicht ein Umweg unserer Wissenschaft, verursacht durch das Abwei- chen vom ganzheitlichen Denken, das uns manche geistige Fehlinvestiti- on hätte ersparen können. Aber so wahr der Erkenntnistrieb eine Überle- bensfunktion ist, so sicher führt sein Weg über die Beantwortung der Frage „Wer bin ich Mensch?“ zu der ihm zugehörenden Gemeinschaft Volk, die für das Überleben des Menschen als Kulturwesen unverzicht- bar ist. Das Volk ist die höchste organisch gewachsene Ganzheit des Le- bens.

Das Ergebnis der Evolution unserer Erde ist die Population, die Artgemein- schaft. Der Bestand der einzelnen Population ist naturgesetzlich geregelt und gesichert durch die Ausgewogenheit zwischen Nahrungsangebot und Populationsdichte, im Kampf der Erbtüchtigkeit der Gene in der Fort- pflanzung – Naturgesetze, die das Überleben der Art sicherstellen.

Die konsequente Fortsetzung der Evolution des Menschen erfolgte in ei- ner neuen Schicht mit der Entwicklung des Großhirns zu einem Steue- rungsorgan bewußter Lebensführung, d.h. der Mensch ist befähigt, die – auch in ihm, wie in allem Leben – vorgegebenen Gesetze bewußt zu er- kennen, anzuerkennen und danach zu leben und zu handeln.

Das ist seine Freiheit: die Gesetze des Lebens nicht als Muß und Soll zu

erfahren, sondern als Wille für sich selbst und seine Gemeinschaft, sein Volk und seine Kultur zu vollziehen, d.h. – stammesgeschichtlich gese- hen – das Tier-Mensch-Übergangsfeld zu überwinden auf dem Weg zum vollkommenen Menschen. Die biologischen Voraussetzungen dafür sind in ihm angelegt, seine Großhirnrinde gibt ihm Spielraum genug zu seiner eigenen Vervollkommnung.

Nicht prüde Abkehr vom körperlich-triebhaften Verhalten als der Peini- gung menschlichen Daseins auf niederer Stufe, sondern Hinwendung zum Leib als einem körperlich-seelischen Ganzen. Die Triebe als lebensnot- wendig zu erkennen und zu beherrschen, heißt Herr über sich selbst sein und vervollkommnet das Menschsein auf einer höheren Stufe. „Dem Er- kennenden heiligen sich alle Triebe“, dieses Nietzsche-Wort weist den Weg zu einer neuen Lebensfrömmigkeit.

Das ist die Idee, dahin führt alle Menschenzukunft. Das Ziel ist hoch, der höhere Mensch ist der Weg seines Daseins zu seinen höchsten Möglich- keiten.

Damit erst rechtfertigt der Mensch den evolutionären Schritt, der mit dem Steuerungsorgan seines Geistes eingeleitet wurde, Macht zu gewin- nen zur eigenen Daseinsgestaltung auf der Erde.

Vorbereitet von unseren größten Geistern, dem naturverbundenen Men- schen bewußt, zu wissenschaftlicher Kenntnis erhoben: Die große Sym- phonie des Lebens auf unserer Erde in ihrer millionenfachen Vielfalt der Stimmen singt und spielt unserem Bewußtsein das Lied des Lebens, das ein harmonisches Ganzes ist und als gewaltige überwältigende Komposi- tion unser geistiges und seelisches Dasein erfaßt. „Die Himmel rühmen des Ewigen Ehre“, der Genius der Kunst führt uns zur Andacht des Ewi- gen, seiner höchsten Gestaltwerdung im Volke und seiner Kultur, und verankert dort unsere Hoffnungen und Vorstellungen, unseren Glauben.

Es gehört zur NOTWENDE zu begreifen, daß nur die gewachsenen Völ- ker auf die Dauer das Überleben des Homo sapiens sichern. Es sind die Völker, die ihren Lebensräumen durch ihre Kultur das unverwechselbare Antlitz geben; sie ordnen und gestalten aus der Kraft ihrer Rasse, die in langen Anpassungsprozessen jene Eigenschaften genetisch erworben hat, die ihr Überleben ermöglichen.

Vermehrung statt Fortpflanzung ist im Bereich außerhalb des menschli- chen Lebens ausgeschlossen, sie bedeutet Störung des ökologischen Gleich- gewichtes der Natur und führt zu Untergang oder Dezimierung.

Wenn Nahrungsangebot und Bevölkerungsdichte nicht mehr ausgewogen sind, kann aber auch der Mensch seiner Notlage nicht entkommen. Sein geistiges Schaffen ermöglicht ihm zwar durch die höhere Organisation seines Gemeinschaftslebens in Sitte und Kultur eine mehr oder weniger große Bevölkerungsdichte, doch zeigt das Naturgesetz seine Wirkung, wenn er seine Anlagen und Lebensformen nicht mehr natürlich betätigen kann.

Durch die Mißachtung der Naturgesetze bringt sich der Mensch in die Gefahr, als Kulturwesen unterzugehen. Die Vermehrung der nichtweißen Völker der Erde hat eine fast ausweglose Lage geschaffen; die Gefahr eines mörderischen 3. oder 4. Weltkrieges ist am Welthorizont aufgezo- gen.

Ein Zerstörungs- und Vernichtungskrieg zur Errichtung einer Weltdikta- tur, wie sie unverhüllt von der US-amerikanischen Macht programmiert ist, kommt einem Rassenkrieg gleich, der die Völker einer Massengesell- schaft unterwerfen soll. Herr zu werden durch Macht und Unterdrückung ist keine Lösung der Menschheitsfrage. Der Rassenkrieg des wurzellosen Amerikanismus ist schlechthin Frevel an allem gewachsenen Leben. Schon wird die Welt in Regionen aufgeteilt, wird durch Manipulationen über Aktien und Börsenmärkte die Wirtschaft handstreichartig in die Globali- sierung getrieben, werden die Strukturen menschlicher Siedlung aufge- löst durch die „Mobilisation“ der Arbeitskräfte und ist weltweit die Un- terwanderung in Gang gesetzt, die vor allem die europäischen Völker, am meisten aber das Deutsche Volk, bedrängt.

Diese Politik entspricht einer menschen- und naturgesetzverachtenden Gesinnung.

Gelingt es nicht, das Ruder der Irrfahrt jetzt herumzuwerfen, würde die Machtergreifung durch eine Weltdiktatur, eine Weltherrschaft, die Ent- scheidung nicht aufheben, – sie nur hinausschieben –, aber um so zwin- gender eine NOTWENDE aus dem drohenden Untergang herbeigeführt werden müssen.

Es liegt kein billiger Trost darin, angesichts der Notlage unseres Volks- schicksals zu sagen, vertrauen wir dem Naturgesetz, das keine Bäume in den Himmel wachsen läßt und vertrauen wir auch dem Steuerungsorgan der menschlichen Evolution, dem die größte Bewährungsprobe noch be- vorsteht.

Richten wir unsere Hoffnungen auf das Deutsche Volk, das in einzigarti- ger Weise seit fernen Jahrtausenden der Geschichte zum Leistungsstand eines 90-Millionen-Volkes gewachsen ist und kümmern wir uns dabei nicht um den heutigen Zustand seiner geistigen und seelischen Desorien- tierung. Es wird wieder zu sich selbst finden.

Hier schließt sich der Kreis meiner Ausführungen.

Das Deutsche Volk ist kraft seiner Geschichte und seiner schöpferischen Leistungen ausgewiesen, in einer Weltstunde der NOTWENDE sich selbst und die anderen Völker unserer Erde zur Einsicht zu führen, daß nur die Beachtung der Naturgesetze und eine entsprechende Lebensordnung in ihrem politischen Verhalten ihren Lebensraum und ihre Kultur bewahren können. Die in einer neuen politischen Ordnung geeinten Volksstaaten Europas werden mit Vorbildwirkung alle anderen Völker davon zu über- zeugen haben, daß die gewaltigen Aufgaben zur Erhaltung der Erde als Heimat des Menschen nur gemeinsam gelöst werden können.

Alle Aufsätze des Buches dienen dem Kampf um eine neue Weltsicht. Nicht eine ideologische Doktrin, mag sie sich nennen wie sie will, wird Europa und der Welt eine neue Ordnung geben können, sondern nur die Respektierung der Lebensgesetze, die zu erkennen alle schöpferischen Leistungen und Anstrengungen des Menschen bisher gegolten haben. Sie erheischt den Vollzug einer NOTWENDE durch die Neuwertung des menschlichen Lebens.

Das Deutsche Volk ist aufgerufen, sich dieser Aufgabe vorangehend zu stellen.

Wer es durch die Vernichtung seines Lebens daran hindert, begeht einen Menschheitsfrevel schlechthin. Nicht nationale Überheblichkeit, sondern der Ausweis der Leistungen lassen den Schluß zu, daß die Menschheit zur NOTWENDE ihrer Existenz das schöpferische Potential und die

Leistungsstärke des Deutschen Volkes an der Spitze aller Völker nicht entbehren kann.

Lisbeth Grolitsch

Reden und Schriften

Einleitung

Die nationale Aufgabe

Unsere wesentlichste kulturpolitische Aufgabe ist das Bemühen um eine geordnete weltanschauliche Antwort auf die von der Naturwissenschaft erarbeitete Lehre von der Entwicklung des Lebens. Es darf uns nicht ge- nügen, sich durch wissenschaftliche Erkenntnisse in nationalen Leitbil- dern bestätigt zu sehen, so sehr uns dies auch Genugtuung und Sicherheit gegenüber veralteten Ideologien gibt. Das Wissen um den Aufbau des Lebens (biologische Evolution) verlangt neue Wertungen, – die Frage nach dem Sinn des Lebens ist neu gestellt und harrt der Antwort. Diese Antwort kann nur in einer lebensreligiösen Anschauung liegen. Herbert Böhme sah es als höchsten gemeinschaftsprägenden Willen an, das Reli- giöse, das „Unbegreifbare“ im Erlebnis der Volkheit, der Kunst und Kul- tur fühlbar werden zu lassen, davon „ergriffen“ zu werden. Dies ent- sprach und entspricht dem religiösen Bedürfnis des Menschen außerhalb aller Konfession. Religiöses Bedürfnis und wissenschaftlich-biologisches Weltbild wollen und müssen jedoch in Einklang gebracht werden, – Le- benswirklichkeit und religiöse Sinngebung übereinstimmen –, wenn wir den lebensfeindlichen Pessimismus und Nihilismus überwinden wollen, der alle weißen Völker bedroht.

Dies ist die große Aufgabe, die uns in unserer Zeit gestellt ist. Obwohl die neuen Erkenntnisse der naturwissenschaftlichen Revolution nationales Denken nicht nur bestätigen, sondern fundamentale Bausteine für eine notwendige weltanschauliche Thesenbildung liefern, gibt es auf unserer Seite kaum Ansätze zu ihrer Auswertung. Wir erschöpfen uns vorwie- gend im analytischen Beschreiben, anstatt endlich zu konstruktiven Fol- gerungen anzusetzen. Wir reagieren, statt zu agieren. So können wir auch der jungen Generation keinen klaren Weg weisen, der sie Auftrag, Verantwortung und Sinn ihres Lebens erkennen läßt.

Bewahrung und Pflege unserer Kultur können nur ein Teil unseres Kul- turauftrages sein. Der schöpferischen Weiterentwicklung unserer Kultur, – wenn wir sie im Nietzscheschen Sinne als „Einheit des künstlerischen

Stiles in allen Lebensäußerungen eines Volkes“, also als geistig-seelische Lebensform des Volkes wollen –, ist die Neuwertung unseres Lebens und aller Werte vorausgesetzt. Erst einem weltanschaulichen Fundament wer- den Prägekraft und Prägewillen zu einer neuen ganzheitlichen Gestaltung unseres Lebens entwachsen können. Bei der Prüfung des Wertbeständi- gen wird sich unsere kulturelle Wirklichkeit als lebensgerechte Wertord- nung erweisen, weil sie den biologischen Gesetzen gefolgt ist; so sind z.B. Heimat, Familie und Volk auch biologische Ordnungen, – so erken- nen wir in unseren ethischen Werten arterhaltende Funktionen.

Die Beantwortung des Lebenssinnes rührt an die großen Fragen unseres Seins. Jenes Unbehagen des Menschen, das Gefühl des Geworfenseins bezeugt, daß unsere Zeit nicht länger ausweichen darf und sich der Neu- wertung des Gottesbegriffes stellen muß. Damit gehen wir der Stunde entgegen, da unser Volk seit mehr als tausend Jahren die Schatten des Fremden abwerfen und in einer von Wissen erhellten Welt nach ausschließ- lich seiner Art und Weise Idee und Gestalt seines Lebens entwickeln kann. Ob wir die gestaltende Kraft dazu haben, wird allein von unserem Volke abhängen.

Die biologische Revolution, längst seit Kopernikus mit seiner Entdek- kung des heliozentrischen Weltbildes eingeleitet, treibt ihrem Höhepunkt zu. Die jenseits der Wirklichkeit des Lebens angesiedelten Ideologien können sich ihr nicht entziehen, auch wenn sie damit ihr Ende beschleuni- gen. So mag es grotesk erscheinen, daß z.B. der Wiener „Kurier“ einen dreiteiligen Artikel mit dem Thema abdruckt: „Das Ende des Dogmas von der Gleichheit“ oder der „steirische herbst“ die Frage „Umwelt oder Vererbung“ in einer Reihe von Vorträgen aufwirft. Sie handeln unter dem Zwang einer unaufhaltsam vordringenden wissenschaftlichen Umwälzung, ohne ihre eigene Bedrohung im ganzen Umfang zu erkennen. Somit er- gibt sich der in der Geschichte in solchen Ausmaßen wohl einmalige Vor- gang, daß die Wissenschaft den endgültigen und totalen Zusammenbruch überholter und lebensfeindlicher Anschauungen herbeiführen wird.

Auf den Trümmern des Reiches und Europas, die in dem Kampf gegen die alten Mächte unterliegen mußten, erhebt sich über die Sieger der alten Welt triumphierend der neue Geist. Er wird das Denken grundlegend wandeln und zu biologischem Handeln zwingen. So wird unsere nationa-

le Weltanschauung ihren Sieg erleben, um im Einklang mit den Gesetzen der Natur eine völker-achtende und im wahrsten Sinne des Wortes men- schen-würdige Politik einleiten zu können und – vielleicht in letzter Stun- de – aus der Götterdämmerung herausführen in ein neues Jahrtausend.

Diese not-wendenden Möglichkeiten vor Augen können wir mit Ulrich von Hutten sagen: „O große Zeit der Wissenschaft, noch ist nicht der Augenblick, sich zur Ruhe zu setzen, die Geister erwachen, die Studien blühen, es ist eine Lust zu leben!“

Es fällt den elitären nationalen Kräften unseres Volkes die Verantwortung zu, mittels der wissenschaftlichen biologischen Weltauffassung die gei- stige Befreiung des Deutschen Volkes von allen fremden Einflüssen und Einflüsterungen einzuleiten. Dieser Wille muß uns beherrschen, oder wir werden blind und unfähig Zeit und ungeheure Möglichkeiten ungenutzt vorübergehen lassen. Hart und verantwortungsvoll ist solche Arbeit, des- sen sind wir uns bewußt. Es ist auch unserer Gemeinschaft aufgegeben, daran mitzuwirken.

Geschichte des Kosmos, Evolution des Lebens und Geschichte des Vol- kes sind Wissensgrundlagen, die wir uns, auch mit den Jüngeren, erarbei- ten wollen. Die Aneignung des Wissens ist der weltanschaulichen Wer- tung vorauszusetzen. „Im Wissen andächtig werden“, wie Nietzsche ein- mal sagte, daraus kann echte und tiefe Religiosität wachsen.

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(16.3.1972)

Ulrich von Hutten und seine Zeit

Festvortrag anläßlich der 500. Wiederkehr von Huttens Geburtstag am 21.4.1988, gehalten bei der 500-Jahr-Feier am 24.4.1988 in Nie- deraula.

Seit den Tagen HUTTENS sind 500 Jahre über unser Land gegangen, haben 16 Geschlechterfolgen deutscher Menschen gelebt, gekämpft und gelitten, hat Deutschland politische Niederlagen überwunden und geisti- ge Triumphe gefeiert, die seinen Rang als Kulturnation begründet haben. Es gingen Sternstunden des Reiches in den Sehnsüchten ihrer Zeit und trotz der Gunst der Stunde unerfüllt vorüber. Sie waren wie das Aufglü- hen einer Sternschnuppe in dunkler Nacht, Wünsche und Hoffnungen erregend. Und wieder mußten in neuem Anlauf die Besten ausziehen, das Reich zu gewinnen.

Die ewige Sehnsucht der Deutschen nach nationaler Erfüllung – der Traum vom Reich – erweckte zu allen Zeiten mythische Vorstellungen im Volke vom schlafenden Kaiser, vom Führer, der einstens wiederkommen wird, um das Reich zu neuer sittlicher Größe und politischer Einheit führen.

Wie ins zeitlos Ewige der Kunst im Bamberger Reiter erhoben, so wur- den Kaiser Friedrich Rotbart und Friedrich II. zum Mythos einstiger Größe und Herrlichkeit des Reiches. Und die edle Gestalt des Cheruskerfürsten Arminius, des ersten deutschen Königs, hat seine Leuchtkraft bis in unse- re Tage nicht verloren.

Auch Ulrich von HUTTEN ist zu einer mythischen Gestalt verklärt wor- den. Als das Deutsche Volk die tiefste Ohnmacht seiner Geschichte im Dreißigjährigen Krieg durchleben mußte, verlor sich sein Bild in den geheimnisvollen Gründen des Volksgedächtnisses. Erst 200 Jahre später, von Johann Gottlieb Herder wiederentdeckt, begann es seine alte Anzie- hungskraft auf die Geister der damaligen Zeit auszuüben. Der junge wie

der alte Goethe war vom Feuergeist HUTTENS fasziniert. Fortan wird sich der germanisch-deutsche Geist in seinen Weihestunden auf Ulrich von HUTTEN berufen.

Der endgültige Bruch mit dem Weltbild von gestern durch die geistige Revolution unseres Jahrhunderts ermöglicht es uns erst heute, das Bild Ulrichs von HUTTEN in seiner Größe und Tragik, in der Zeitgebunden- heit ebenso wie in der über seine Zeit hinausragenden Ideenkraft ins rich- tige Licht der Geschichte zu stellen und in ihm einen großen Mann von deutschester Art zu erkennen. Er war der erste politische Führer der auf- brechenden nationalen Idee Deutschlands.

Weit verbreitet ist die Ansicht, daß Ulrich von HUTTEN ein Mitstreiter Martin LUTHERS gewesen sei.

Die Maßstäbe liegen jedoch anders.

LUTHER war weder der größte Geist der sogenannten „Reformations- zeit“, noch war die Reformation die größte geistige Auseinandersetzung dieser Zeit.

Gewiß hatte die Tat LUTHERS ihre große Fernwirkung auf unser deut- sches Volksschicksal, deren spätere Ergebnisse wir heute nicht mehr alle positiv bewerten können. So überragt sein Verdienst um die deutsche Pfar- rersfamilie als Erziehungsstätte und Begabtenherd in unserem heutigen Werturteil aus biologischer Sicht selbst seine Bibelübersetzung in die neu- hochdeutsche Sprache.

Die Stärkung der deutschen Familie aus lutherischem Geiste blieb ganz ohne nachteilige Nebenwirkungen auf die Entwicklung unseres Volkes. Der Aderlaß begabten Blutes durch den Zölibat der Priester mit seiner unheilvollen Ausrottung Hochbegabter wurde wenigstens für den nördli- chen Teil Deutschlands gestoppt. Die lutherische Bibelübersetzung (vor- her waren bereits 130 deutsche Bibelübersetzungen erschienen) hatte bei all ihrer großartigen sprachlichen Einigung unseres Volkes im Neuhoch- deutschen durch ihre gleichzeitige Verbreitung mosaischen Geistes doch ihre unübersehbaren geistigen wie seelischen Nebenwirkungen. Aber die Bibel war eben damals das einzige Buch, über deren weite Verbreitung eine sprachliche Strahlung auf alle deutschen Stämme und Landschaften

übergehen konnte, und dies so schnell und ausschließlich, daß es uns selbst heute noch wie ein unenträtselbares Wunder vorkommt.

Hochscholastik und deutscher Humanismus

Damals waren ganz andere Kräfte gegeneinander angetreten. Die beiden großen Gegner, die einen erbitterten Kampf miteinander führten, waren die Spätscholastik und der junge deutsche Humanismus.

Die Knebelung des Geistes war eine totale. Alle Wissenschaft, jedes Den- ken, Suchen und Forschen durfte nur der einen Aufgabe dienen, die Exi- stenz Gottes zu beweisen. Gott stand im Mittelpunkt der sogenannten theokratischen Weltanschauung. Die Beweisdenker des Mittelalters über- boten sich darin, die Allgewalt Gottes zu verherrlichen, zu verklären und zu verewigen. Darüber wachte eine fanatische Priesterschaft. Dieser Gott war aber der Gott der eifernden Kirche, war der Gott Roms und der Gott des Papstes, als dessen Stellvertreter auf Erden er eingesetzt war.

Das Ringen der germanisch-deutschen Seele um ihren arteigenen Aus- druck und um ihre geistige Freiheit war seit der Christianisierung Deutsch- lands nicht mehr zur Ruhe gekommen. Gegen den dogmatischen Totalitäts- anspruch der Römischen Kirche sind immer wieder Rebellen des Geistes aufgestanden. Solange jedoch der romanisch-germanische Dualismus im Heiligen Römischen Reich herrschte, wurde auch die politische Macht der deutschen Nation in den Dienst der universalen Aufgabe des Reiches gestellt, Schutz und Schirm der christlichen Kirche und ihres Machtan- spruches in der damaligen Welt zu sein.

Der jahrhundertelange Kampf zwischen Rom und Reich, zwischen Kai- ser und Papst hatte das Weltkaisertum geschwächt, das Heilige Römi- sche Reich Deutscher Nation war von West und Ost, von Nord und Süd durch nationale Sonderinteressen in seinem Bestand bedroht. Das habs- burgische Herrscherhaus stellte die eigenen Hausmachtinteressen vor die machtpolitische Aufgabe des Reiches und die Pflichten des deutschen Königtums.

Das war die Lage Deutschlands, als der germanisch-deutsche Geist im jungen deutschen Humanismus zum umfassenden Angriff auf das theo- kratische Weltbild antrat.

In Italien war durch die Wiederentdeckung der römischen Antike ein neu- es Lebensgefühl aufgebrochen, das in der italienischen Renaissance zur Geburt einer eigenständigen italienischen Kunst und Kultur führte.

Es war Mode geworden, die Bildung vom lateinischen Vorbild abzulei- ten, das allein im Range hoher Kultur stehen sollte. Diese, reinem forma- len Denken huldigende Zeitströmung nannte sich Humanismus.

Was in Italien eine oberflächliche Spielerei mit geistigen Dingen war, wurde nördlich bei den Deutschen zu einer Bewegung, die durch eifriges Studium der antiken Welt nach neuer Erkenntnis strebte. Das Studium der alten Sprachen wurde an allen Universitäten aufgenommen, Dich- tung und Philosophie, vor allem Griechenlands, bewundert und begei- stert aufgegriffen. Die heidnische Welt mit ihrer frohen Diesseitsbeja- hung trat in scharfen Kontrast zur düsteren Jenseitsfurcht mittelalterli- cher Vorstellungen. Das Leben löste sich aus niederdrückender Umklam- merung, und der Geist befreite sich aus seiner dogmatischen Enge. Ent- deckungen und Erfindungen erschüttern nun das theokratische Weltbild in seinen Grundfesten. Die Befreiung vom scholastischen Zwang läßt die Wissenschaft aufbrechen und die Künste erblühen. Es beginnt eine Zeit höchster Fruchtbarkeit deutschen Geistes. Und es wäre bei dem Aufbruch des deutschen Geistes verwunderlich, wenn er nun nicht auch die eigenen nationalen Kräfte erweckte.

Die Geniezeit

Wir würden jedoch nur die äußeren Erscheinungen des gewaltigen Auf- bruches in eine neue Welt der Erkenntnisse sehen, wüßten wir nicht um die inneren Ursachen dieses plötzlichen, von größter geistiger Fruchtbar- keit geförderten Vorganges in unserer deutschen Volksgeschichte. Wir haben es mit einem einzigartigen Vorgang zu tun, der sich im Laufe unse- rer Geschichte nur noch einmal – im 18. Jahrhundert – wiederholen wird; dem gleichzeitigen Auftreten einer ungewöhnlich hohen Zahl von Genia- len. Die Heraufkunft großer deutscher Geister mit einem Gefolge von Hochbegabten beginnt etwa um 1470 und endet ebenso plötzlich wie ge- kommen um das Jahr 1530.

In der „Deutschen Volksgeschichte“ gibt uns der Volksforscher Adolf HELBOK darüber Aufschluß:

„Wenn man die Höhe dieser Zeit richtig begreifen will, so muß uns der Abstand bewußt werden, in dem unsere heutige Zeit trotz ihrer Atomwunder und Mondraketen zu ihr steht. Dieser Abstand wird uns bewußt, wenn wir einen Blick in den großen Begabungs- unterschied tun, der unsere heutige Menschheit von der damali- gen trennt: die damalige Durchschnittsbegabung entspricht der heutigen Spitzenbegabung. Diese Feststellung der modernen anthropologischen Psychologie von KLAGES, durchgeführt an den Handschriften von drei Jahrhunderten, wirft ein bezeichnendes Licht auf die Kultursituation von damals und heute.“

Diese geniereiche Zeit war das Ergebnis erbzüchterischer Vorgänge eines allgemein im Volke seit dem Germanischen geübten Brauches der Em- porzucht. Wenn wir uns diese Zeitspanne vor Augen führen mit ihrer Entdeckungsfreude und Erfindungsgabe, ihrem geistigen Schaffen, das durch alle Schichten ging, ihrer Ideenfülle im Großen wie im Kleinen, ihrer Gestaltungskraft in allen Künsten, ihren wissenschaftlichen Arbei- ten auf allen Gebieten, dem Aufblühen der Städte und der Hoch-Zeit des Zunftwesens, – und das alles im Raume eines Volkes –, wird uns bewußt, daß der Hochflug der Begabungen auch eine breiteste Begabungsgrund- lage im Volke gehabt haben mußte.

An der Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert steigt das Deutsche Volk auf zur ersten Kulturnation.

Es ist die Zeit HUTTENS.

Wie ein gewaltiger Donnerschlag des menschlichen Geistes steht die Ent- deckung des sonnenzentrischen Systems durch Nikolaus KOPERNIKUS über dieser Geniezeit und hebt das mittelalterliche theokratische Weltbild aus den Angeln. Immer neue Blitze schöpferischen Geistes erhellen die Welt, weiten den Blick in die Unendlichkeit des Raumes und dringen in die verborgene Tiefe der Natur.

Das Genie Albrecht DÜRER (1471–1528), gleichbedeutend für ein neu- es Weltbild der Kunst, überstrahlt diese Epoche einer nicht enden wollen- den schöpferischen Gestaltungslust des deutschen Genius. Gerade an DÜRER wird offenbar, daß diese Zeit nicht eine der Renaissance ist, jedenfalls nicht im italienischen, romanischen Sinne. Dafür ist DÜRER

zu eigenständig, zu volkhaft deutsch. Er repräsentiert den Volksgeist sei- ner Zeit nicht nur in der Kunst. Ein Kranz von genialen Malern, Bildhau- ern, Holzschnitzern, Baumeistern und Kupferstechern ist um ihn versam- melt: Mathis GRÜNEWALD (1470–1528), Lukas KRANACH d. Ä. (1472–1553), Hans HOLBEIN (1465–1524), Tilmann RIEMEN- SCHNEIDER (1460–1531), Adam KRAFT (1460–1509), Veit STOSS (1450–1533), Peter VISCHER (1487–1528), Hans VISCHER (1489– 1524), Albrecht ALTDORFER (1480–1538), Baldung GRIEN (1480– 1545), Hans BRÜGGEMANN (1480–1540), Gregor ERHARD – Hans WITTEN – Hans PÄUERLEIN – Erasmus GRASSER – um nur einige zu nennen, die nun die überragende Geltung der deutschen Kunst begrün- den.

PARACELSUS ragt als eine naturhaft mythische Erscheinung in diese Zeit. In ihm lebt der Heilsgedanke des Germanischen, dem es um das HEIL als Gesamtausdruck der menschlichen Persönlichkeit geht, nicht nur um die Gesundheit des rein Körperlichen. Er erlöst den von der Kir- che verachteten Menschenleib und gibt ihm seine Würde zurück. Jahr- tausendealtes Wissen aus dem gigantischen Kampfe des nordischen Men- schen mit den Gewalten der Natur haben sich in ihm zur hellsichtigen Fähigkeit des Ahnens und Witterns verdichtet. Er wird zum Begründer einer modernen Medizin. Mit dem ärztlichen Genie des PARACELSUS steigt eine uralte diesseits gerichtete Weltanschauung aus ihren archai- schen Tiefen auf und umgibt den großen Mann mit einer Aura des Ge- heimnisvollen.

So ragen die Geistes-Gestirne KOPERNIKUS, DÜRER und PARACEL- SUS als Wegweiser auf in ein neues Zeitalter menschlichen Geistes.

Dieses mit wenigen Strichen entworfene Raum-Zeit-Gerüst gibt uns Auf- schluß über das reiche geniale Schaffen der Zeit Ulrichs von HUTTEN, deren herausragende Säulen Adel und Bürgertum der Städte sind, die von einer breitesten Begabungsgrundlage des gesamten Volkes getragen wer- den.

Die Söhne des Adels und des Patriziertums in den Städten waren die Studenten an den Hohen Schulen. Der frische Geist des jungen Humanis- mus löste die altehrwürdigen Universitäten aus ihrer scholastischen Er- starrung. Neue Zweige der Wissenschaft kamen nun auf, und häufig hall-

ten die Mauern wider von den geistigen Kämpfen der durch die Studien der antiken Welt aufgeweckten Geister.

Kein Wunder, daß der junge HUTTEN weitausholend und tiefgreifend seine Zeit mit dem begeisterten Ausruf an seinen Freund PIRKHEIMER charakterisiert:

„Oh große Zeit der Wissenschaft, noch ist nicht der Augenblick, sich zur Ruhe zu setzen, mein Willibald, die Geister erwachen, die Studien blühen, es ist eine Lust zu leben.“

Sein Bekenntnis hat die hohen Geister kommender Epochen immer wie- der zu größter Bewunderung entfacht.

Diese Zeit schwelgt in einem Geniesturm, und HUTTEN ist ihr größter Dichter

Ein neues Huttenbild

Es muß uns in Erstaunen versetzen, daß HUTTENS große, schon zu seinen Lebzeiten berühmte Persönlichkeit beim Gang durch die Jahrhun- derte so verdunkelt, verzeichnet, verkleinert und verkannt werden konnte, so daß viele auch heute noch in ihm einen Mitstreiter LUTHERS sehen, besonders gekennzeichnet dadurch, daß er dem großen Reformator die Einladung auf die Ebernburg höchst persönlich überbracht haben soll. Das ist eine völlige Entstellung der Bedeutung HUTTENS und der ge- schichtlichen Vorgänge, hinter der die Absicht der späteren lutherischen Kirche steckt, HUTTENS hohes Ansehen im Volke in den Dienst ihrer Reformation zu stellen.

Zu den Verzerrungen seines Bildes aus durchsichtigen theologischen und klerikalen Gründen gesellen sich nun auch die aus völlig anderen geisti- gen Wurzeln abgeleiteten Freiheitsgedanken des 19. Jahrhunderts, um im Huttenbild unserer Zeit die verschiedensten ideologischen Richtungen gegeneinander zu führen. Hier einen radikalen Intellektuellen des 16. Jahr- hunderts im kritischen Licht materialistischer Geschichtsauffassung zu zeigen, dort den Freiheitsgeist HUTTENS im liberalistischen Sinne zu interpretieren und ihn aufs neue als zeitgenössischen Geist der Reforma- tion zu adoptieren.

Dem schwelgerisch-romantischen Bild aus den national-liberalen Tagen des Aufbruches einer neuen Volksidee, von dem auch die große HUT- TEN-Biographie des David Friedrich Strauß in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gekennzeichnet ist, folgte in den zwanziger Jahren unse- res Jahrhunderts ein von krankhaftem Haß diktiertes Machwerk eines gewissen Kalckoff, das auch vor glatten Fälschungen nicht zurück- schreckte.

Das war die Herausforderung, sich erneut der gründlichen Erforschung des Huttenschen Lebens zuzuwenden. Es ist von Bedeutung, daß nun eine sicher von jedem Verdacht nationalistischer Begeisterung freie unab- hängige Huttenforschung die inneren und äußeren Lebenslinien einer ge- schichtlichen Erscheinung nachzeichnet, deren Wille und Schicksal von ehrfurchtgebietender Größe ist.

Wilhelm Dilthey bezeichnet in seinem Buch: „Weltanschauung und Ana- lyse des Menschen seit der Renaissance und Reformation“ Ulrich von HUTTEN als „den ersten modernen Menschen“. In der Tat hebt nun das heraufkommende individualistische Zeitalter den Menschen mehr und mehr heraus aus dem universalistischen Denken des Mittelalters und läßt ihn aus der Gesamtbezogenheit seines Lebensbereiches als Einzel- persönlichkeit hervortreten, geweckt durch die geisterbefreiende allge- meine Bildung, die um sich greift.

Die Erfindung der Buchdruckerkunst durch Johann GUTENBERG (1397– 1468) macht es jetzt möglich, daß jeder an den geistigen Errungenschaf- ten teilhaben kann. Bis 1500 gibt es in Europa über 1000 Druckereien und 35.000 Druckerzeugnisse mit einer Auflage von insgesamt 10 Mil- lionen. (Bis 1945 sind 35 Millionen Buchtitel erschienen.)

Der erkämpfte Freiheitsraum geistigen Schaffens läßt die Persönlichkeits- werte des Einzelnen hervortreten. Diese Wandlung und geistige Entwick- lung des Menschen zum Individuellen erfährt ihre wahrheitsgetreue Ab- bildung im Kunstschaffen der Zeit. Der Mensch wird nun nicht mehr als Typus dargestellt, sondern als charakterlich bestimmte Einzelpersönlich- keit.

Dies trifft in besonderem Maße auf Ulrich von HUTTEN zu, in dessen Wille und Schicksal die denkende und handelnde Einzelpersönlichkeit uns

aus dem Rahmen ihrer Zeit entgegentritt. Schon damals greift er in sei- nem Wollen alle politischen Fragen auf, die sich aus dem Umbau des Volksleibes seit dem abgeschlossenen inneren Landesausbau durch Ro- dung ebenso wie aus dem Wachsen und Blühen der Städte, und vor allem durch den geistigen Aufbruch, ergeben haben.

Lassen Sie uns einen Blick auf die äußeren und inneren Zeichen seines Menschenbildes werfen, um zu erkennen, daß Charakter und Lebensweg bei ihm im inneren Einklang stehen.

HUTTENS Leben durchwaltete ein steter innerer Bezug zwischen persön- lichen Erlebnissen und Erfahrungen zu den Geschehnissen im Ganzen. Sein persönliches Schicksal sah er verbunden mit dem allgemeinen seines Volkes. So setzte er schon als junger Mensch eigene Erlebnisse um in die politische Anschauung und ließ die Ansätze erkennen, die seinen weite- ren Lebensweg als politischer Denker und Führer bestimmen sollten.

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Die Weltregierung

Gibt‘s einen Himmel und weilen dort Götter noch, Schützer der Menschheit? Oder glauben wir ferner nur, daß Götter bestehn? Kümmern wohl einen der Götter die sterblichen Dinge dort oben? Oder ziemt es sich, daß Götter der Leichtsinn erfaßt? Wie sich‘s auch damit verhält, und an welche Gottheit wir glauben, Daß sie hier unten mit Macht noch beherrsche die Welt:

Unstet scheinet sie mir, veränderlich, trughaft und treulos, Denn sie beschützt nur, was schändet, ja die Schandtat wohl selbst.

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In seinen Briefen und Schriften tritt uns immer wieder die große Domi- nante entgegen: echte geistige und politische Reform seines Vaterlandes und über den Bildungsweg eine Neugestaltung des gesamten öffentlichen Lebens. Ulrich von HUTTEN wollte eine tiefgreifende Erneuerung der Kultur, als deren Voraussetzung er die politische Reform des Reiches

durchsetzen wollte. So zielten seine kulturkritischen Schriften, seine geschichtlichen Studien und Abhandlungen über ihren eigentlichen Bil- dungscharakter hinaus auf die politische Gegenwartsfrage.

Ulrich von HUTTEN war eher von kleiner als von mittlerer Größe, doch von drahtiger Statur. Langes, blondes Haar hing ihm in die Stirn, das Barthaar war dunkler. Unter buschigen Brauen lagen hellwache Augen, deren Blick frei in die Weite geworfen war. Die hervorspringende Nase stand über einem ausdrucksvollen Mund mit einem sarkastischen Zug, – unter der vorstehenden Unterlippe ein festes Kinn, das Antlitz von blas- ser Hautfarbe.

Seine Zeitgenossen und Freunde bezeugten sein ernstes und kritisches Wesen, das alle Zweideutigkeiten in seiner Gegenwart abwies. Ulrich hatte einen Hang zur Selbstanalyse, er war Gegner jeder Ungerechtigkeit, be- sonders jeder Unterdrückung. Dieser Charakterzug bestimmte seine Hal- tung in allen ungerechten und unehrenhaften Angriffen gegen seine Per- son, mehr aber noch andere betreffend oder gar die gemeinen deutschen Interessen. Seinen Charakter zeichnete wesentlich eine uneigennützige Treue aus, mit der er für seine Freunde und erst recht für seine Sache und das nationale Reich der Deutschen stand, er war aufrichtig und wahr- haftig.

Auch die Worte Huldreich ZWINGLIS, bei dem der kranke HUTTEN nach SICKINGENS Fall Zuflucht gesucht hatte, kennzeichnen sein We- sen:

„Ist das Euer fürchterlicher HUTTEN?“,

so schrieb er 1523 an PIRKHEIMER,

„das der Zerstörer, der Reihenzerbrecher, der sich mit solchem Lämmersanftmute zum Freunde, zum Kinde, zum gemeinen Man- ne herabläßt? Wer sollt’ es diesem freundlichen Mund anmerken, daß er ein solches Wetter über die Papisten ausgehaucht hätte?“

Auch sein persönliches Geschick, von einer furchtbaren Krankheit ange- steckt worden zu sein, muß uns hier aus zweierlei Gründen beschäftigen:

Sie wird von HUTTENS Feinden benutzt, um ihn herabzusetzen; und selbst bei sachlichen Darstellungen wirft sie ein Unbehagen auf. Die pest-

artige syphilitische Seuche wütete damals verheerend. Eingeschleppt aus den überseeischen Provinzen, verbreitete sie sich auch stark in Bildungs- kreisen, und um 1493 soll sie gegen 1/10 der Bevölkerung der größeren Städte betroffen haben.

„Bei solcher Sachlage allein schon scheidet jede abwertende moralische Beurteilung eines einzelnen Krankheitsfalles aus“,

stellt der Geschichtswissenschafter Heinrich GRIMM in seinen Studien über die damalige Lage fest. Um so schmählicher ist die Ausnutzung der „garstigen Seuche“ in der Haß- und Schmähliteratur gegen HUTTEN, zumal die Ansteckung schon durch Trinkgefäße und Eßgewohnheiten damals ausgelöst werden konnte. Der junge HUTTEN hatte, von dieser chronischen Infektion mit 20 Jahren in Leipzig getroffen, einen schweren Schock erlitten.

„Sie brachte“,

wie wir weiter bei Heinrich GRIMM lesen können,

„seinem ferneren Leben Pein, Qual und Schwäche, wenn auch sein ungewöhnlicher Selbsterhaltungstrieb über das dauernde ,Wetterleuchten’ der ihm ein hinkendes linkes Bein einbringen- den Krankheit von Fall zu Fall Herr wurde!“

Um so bewundernswerter ist, wie Ulrich von HUTTEN in seiner persön- lichen Lebensführung diese Krankheit zu beherrschen und zu überwin- den versuchte und trotz den immer wieder auftretenden Lebensqualen sein Werk mit tapferer Energie aufnahm, bis die fürchterliche Krankheit ihn im letzten höllischen Ansturm niederrang und der Tod ihn am 29. August 1523 erlöste.

Ruhm und Ehre des Dichters

1517 waren HUTTENS Studien, seine Ausbildung zum deutschen Hu- manisten abgeschlossen. Dieses Jahr war zugleich Höhepunkt seines Auf- stieges zum meistgelesenen und meistgedruckten Dichter des deutschen Humanismus. Der Name Ulrich von HUTTEN wurde in allen deutschen Landen mit Hochachtung genannt, sein Ruhm ging weit über die Grenzen Deutschlands hinaus.

Am 12.7.1517 fand die Krönung Ulrichs von HUTTEN am Hofe zu Augsburg durch Kaiser Maximilian I. zum Poeta statt, mit allen Rechten, Würden und Insignien eines Doktoris und Ritters. Der Rang „Poeta“ war damals umfassender, als wir heute unter der Bezeichnung „Dichter“ ver- stehen. Er bezog auch die Anerkennung des in humanistischer Wissen- schaft und Schrift Gebildeten mit ein und bezeichnete die neue Geistes- richtung. Ulrich wurde darüber hinaus mit hohen Privilegien ausgestat- tet. Maximilian ernannte ihn zum kaiserlichen Orator und stellte ihn für Gegenwart und Zukunft unter seinen und des Reiches besonderen Schutz und Schirm mit der Maßgabe, daß für ihn kein anderes Gericht, sondern einzig und allein unmittelbar der Kaiser und das kaiserliche Hofgericht zuständig sein sollten.

HUTTEN war jetzt 29jährig. Die 12 hinter ihm liegenden Jahre, seitdem er das Kloster in Fulda verlassen hat, bezeichnete Hutten selbst als „blo- ßes Vorspiel, als Vorübung zu einer großen Lebensleistung“, in denen er sich ausgebildet und Bildung erlangt hatte.

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Aus der Nachzeile zum Gesprächsbüchlein:

Ich hab euch‘s gesagt, ihr habt‘s gehört Wir sind gewesen lang betört, Bis daß uns doch hat Gott bedacht Und wiederum zu Sinnen bracht.

Ich hab es alles nur getan Dem Vaterland zu Nutz und gut. Die Wahrheit mich bewegen tut. Da kann ich nimmer lassen von, Hab des auch nie empfangen Lohn, Ja mehr zu Schaden kommen bin. Denn Gefahr und Not ist mein Gewinn

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Das Vorspiel

1499 – elfjährig kam HUTTEN an die Reichsabtei nach Fulda, sein Va- ter hatte den etwas schwächlicher scheinenden und hochbegabten Jungen für die klerikale Laufbahn bestimmt. Dort wurde er besonders wegen des Mangels an adligem Nachwuchs willkommen geheißen. Der vom Zölibat angerichtete Schaden machte sich nun auch für die Klöster bemerkbar. Durch die Abgabe der Zweit- und Drittgeborenen des Adels an die Prie- sterschaft wurde der mittelalterliche Hochadel durch die Ehelosigkeit der Konvente förmlich ausgerottet; besonders im Westen und Süden hatte diese Entwicklung verheerende biologische Folgen für unser Volk. Man- che Klöster nahmen nur Hochadel auf! In der „Deutschen Volksgeschich- te“ von Adolf HELBOK finden wir verzeichnet, daß unter 400 Mainzer Domherren 88 dem Hochadel, 28 den Freiherrn, 286 den Rittern und nur 16 dem Bürgertum angehörten. Auch in den nicht hochadligen Stiften bietet sich uns ein gleiches Bild der Ausmerze des Adels als hohen Bega- bungsträger. Dieser Aderlaß machte sich im späteren Zurückdrängen der deutschen Kulturgeltung bemerkbar, so daß französische Bildungsideale stärker eindringen konnten. Freilich hatte die Kirche dadurch kaum über- sehbare Auftriebskräfte erhalten und konnte sich ständig verjüngen. Dies hat wohl auch dazu beigetragen, daß der deutsche Adel im späteren Mit- telalter zum geistigen Träger der deutschen Mystik wurde, mit ihrer christ- lichen Unmittelbarkeit zu Gott und der religiösen Wendung nach innen.

ULRICH lernte in Fulda Latein, und seine musikalische Leidenschaft wurde durch die Kirchenmusik besonders geweckt. Mit 15 Jahren wurde er vom Abt nach Erfurt zum Universitätsbesuch geschickt. In geregeltem Studiengang erwarb nun ULRICH Kenntnisse auf den unterschiedlichsten Stoffgebieten und begab sich hier wie in allen späteren Jahren an den verschiedenen Universitäten mit Eifer an den Erwerb des Wissens.

Es entspricht wohl mehr der Abneigung mancher Geschichtsschreiber gegen Kirche und Mönchskutte, HUTTENS Beendigung seines Fuldaer Aufenthaltes romantisch als „Flucht aus dem Kloster“ darzustellen. Als HUTTEN Fulda verließ, machte er sich keiner Rechtsverpflichtung zur Rückkehr in das Stift schuldig, er hätte auch später nie Rat und Freund des Mainzer Kurfürst-Erzbischofs werden können. Das Stift Fulda muß- te sich schließlich mit HUTTENS Weggang freundlich abfinden.

Es grollte ihm nur sein geschäftlich erfolgreicher Vater, der seine Pläne für den Erstgeborenen durchkreuzt sah und die Mittel für die „Allotria“ seines studierenden Sohnes strich; es kam später wieder zur Versöhnung, und derweilen erhielt Ulrich sein Geld vom Oheim Frowin von HUTTEN und anderen Freunden.

HUTTEN wollte vielmehr aus der Enge der Erfurter Schule hinaus, um sich umfangreicheren Studien zu widmen. Er lehnte für sich die mön- chisch-asketische Lebensform ab und strebte in die Wirklichkeit des Le- bens, wozu ihm die Anlage zum Fernweh hinreichende Antriebe gab. So kam er 1505 nach Mainz.

Ordnungsgemäße Studien des spätmittelalterlichen Lehrstoffes für latei- nische Grammatik, Rhetorik, Logik und Dialektik an den Universitäten Köln, Frankfurt/Oder und Leipzig schlossen sich an, ganz im wissen- schaftlichen Weltbild der Zeit, in dessen Mittelpunkt der griechische Phi- losoph Aristoteles stand. Besonders sein Mentor Crotus Rubeanus, wis- senschaftlich führender Kopf in Erfurt, bildete ihn in lateinischer Aus- drucksweise, im Gefühl für klassische Form aus und führte ihn ein in die antiken Klassiker. Strenge Selbstkritik begleiteten die Studien Ulrichs, der in Mainz Jura und Poetika studierte und mit den antiken Historikern an die erste Lektüre der Geschichte herangeführt wurde.

1508 erwarb er in Frankfurt/Oder den untersten akademischen Grad und setzte seine Studien in Köln fort, nun auch in öffentlichen und privaten Semestern mit viel Talent und Beifall dozierend. Diese Studienjahre ab- wertend als Vagantenjahre zu bezeichnen, ist ebenso hämisch wie geschichtsverdrehend.

Huttens deutscher Humanismus

HUTTENS großer Ernst beim Studium und sein vorwärtsdrängender Geist ergriffen nun auch andere Gebiete der Wissenschaft. Immer mehr neigte er der jungen Geistesströmung sein Interesse zu und wurde in Frankfurt zum Humanisten, ja, der Vorstoß „zu den Quellen“ wie er es nennt, ist besonders gefördert worden durch die „Germania“ des Tacitus, die da- mals in Frankfurt gedruckt wurde.

Schon bald erschien in 146 Hexametern

„Warum die Deutschen gegenüber der Frühzeit noch nicht entar- tet sind“,

worin er die Kontinuität einer einheitlichen deutschen Geschichte, die den Begriff eines einheitlichen Volkscharakters voraussetze, gegenüber der universalen Weltgeschichte herausstellte.

Diese kulturkritische Schrift HUTTENS stellte der spätmittelalterlichen Kultur die Germania des Tacitus als Ideal entgegen, deren Kenntnis den humanistischen Zug zur deutschen Frühgeschichte allgemein eingeleitet hatte. HUTTEN sah jedoch darüber hinaus die politische Gegenwarts- frage. So schrieb er nicht als Historiker, sondern machte sich bereits da- mals als Kulturpolitiker bemerkbar.

Zuvor schrieb er die „Klagen gegen die Lötze“, eine Dichtung von 20 Elegien, mit denen er, eine persönliche Fehde austragend, es glänzend verstand, den darin geschilderten persönlichen Ehrenhandel in den Mit- telpunkt allgemeinen Ehr- und Rechtsempfindens zu stellen. Mit dieser Dichtung erwarb er sich Rang und Heimatrecht in der „Republik der Gelehrten“.

Im Jahre 1511 erschien sein Lehrbüchlein über die lateinische Dichtkunst und wies ihn als einen glänzenden Beherrscher der lateinischen Sprach- formenwelt aus. Diese Schrift erlebte bis 1560 30 Auflagen in Leipzig, Paris, Nürnberg, Straßburg, Basel, Bologna und Lyon. Noch 1746 wird sie von Gottsched abgedruckt.

HUTTEN, der an allen Universitäten adlige und bürgerliche Freunde unter der jungen Humanistenschar sammelte – er studierte auch gemeinsam mit dem späteren Kurmainzer Erzbischof ALBRECHT von Brandenburg – galt nun als der führende Kopf der deutschen Humanisten.

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Du weißt, ohne Gefahr geschieht keine große und denkwürdige Tat.

(Aus: „Vadiskus oder die römische Dreifaltigkeit“.)

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Auseinandersetzung mit dem Römischen Recht

Zur Erweiterung seiner Studien begab er sich nach Italien, wo er, mit dem alten sächsischen Recht vertraut, seine Studien im Römischen Recht ver- vollständigte.

Das Römische Recht, begünstigt durch die Errungenschaften des Huma- nismus, griff um sich und wurde als günstigere rechtliche Grundlage für die eigenen Interessen von Adel, Fürsten, Klerikern und Städten gegen- einander benutzt, um sich auf dem fremden Boden dieser formalen und nicht aus der eigenen Struktur des Volkskörpers kommenden Rechtsfor- men eigensüchtig Vorteile zu verschaffen.

HUTTEN erkannte, daß das Römische Recht das volkstümliche Rechts- wesen unterband und die Lebensordnung des Volkes zerstörte. Seine „Reichsreform“ beinhaltete wesentliche Gedanken zur Reform des Rechts- wesens auf der Grundlage des alten deutschen Rechtes. Durch das Rechts- studium der gebildeten Stände drang das Römische Recht immer mehr ein, besonders zum Nachteil der Landbevölkerung. Die alten Rechtsbräu- che, die auf überkommenem Bodenrecht beruhten und deren Bürgen Wahrheit und Gerechtigkeit waren, unterlagen dem abstrakt-formalen römischen Rechtsdenken und brachten das Bauerntum oft in verzweifelte Lage. Das Lied „Wer jetzig Zeiten leben will“, damals als Volkslied im 16. Jahrhundert gesungen, gibt diese Rechtslage wieder, wie sie im Volke empfunden und erlebt wurde:

„Geld nur regiert die ganze Welt, dazu verhilft Betrügen“,

und weiter heißt es:

„Rechtschaffen hin – Rechtschaffen her, das sind nur alte Gei- gen. Betrug, Gewalt und List viel mehr. Klag Du, man wird Dir‘s zeigen.“

Die späteren Bauernkriege haben hierin ihre Ursache.

In keiner HUTTEN-Schrift fehlen die sogenannten „Dunkelmännerbrie- fe“, die den damaligen, von der Kirche beherrschten scholastischen wis- senschaftlichen Betrieb an den Universitäten mit allen Mitteln schriftstel-

lerischer Bravour aufs Korn genommen haben nach dem Motto „Was fallen soll, muß gestoßen werden!“ An ihnen hat neben anderen Humani- sten auch Ulrich von HUTTEN Anteil gehabt. Sie gelten als die „raffi- nierteste Satire, die deutscher Geist je ersonnen hat.“ Sie wandten sich in oft beißend ironischer Form gegen Juristen und Theologen der Universi- tät Köln, die noch zu diesem Zeitpunkt glaubten, die geistige Freiheit der Bildung durch scholastische Willkür knebeln zu können. Sie kennzeich- nen so recht, wie der weltanschauliche Kampf tobte, dessen Kampfare- nen die damaligen Bildungsstätten waren, vormals uneinnehmbare Fe- stungen mittelalterlich-theokratischen Geistes.

Auch in der bekannten Fehde des gesamten Geschlechtes derer von HUT- TEN und ihres Anhanges gegen den Herzog Ulrich von Württemberg war HUTTEN der „Rufer im Streit“, der diese, das Reich lange Jahre beschäftigende Fehde mit einem grundsätzlichen Angriff gegen das Lan- desfürstentum und dessen Absolutismus führte. Hierbei meisterte Ulrich von HUTTEN zum erstenmal die große Streitrede kommender Jahre, die sich dann gegen einen weitaus größeren Feind richten wird – gegen Rom und den Papst.

Ausplünderung durch Rom

Rom wirkte wie bei anderen großen Deutschen auch bei HUTTEN zu- nächst als Medium der Selbstverwirklichung schöpferisch herausfordernd. HUTTEN fühlte sich darüber hinaus politisch herausgefordert; er blies zum Generalangriff gegen die Ausplünderung Deutschlands durch Rom. Schon der berühmte Erzbischof und Vordenker eines neuen Weltbildes im Spätmittelalter, Nikolaus von KUES, hatte warnend gesagt:

„Die Deutschen bekommen ein Stück Papier dafür, daß sie Gold und Silber nach Rom tragen.“

Die Ausbeute Roms in deutschen Landen war gigantisch. Der deutsche Silberabbau, der damals 80% des gesamten Weltaufkommens ausmach- te, floß neben den geförderten Goldmengen unablässig nach Rom, wie der Edelmetallbestand Deutschlands ebenso begehrliche Beute Roms war.

Das Mönchsunwesen (damals gab es in Deutschland 2.450.000 Mönche, die nicht alle deutscher Abstammung gewesen sein mögen) stellte eine

ungeheure Belastung des Landes und der damaligen Bevölkerung von ca. 15 Millionen dar; Heere von Bettelorden preßten mit Beichte, Fegefeuer, Ablaß und Hexenverfolgung unvorstellbare Mengen an Sach- und Nah- rungsgut heraus aus Deutschland. Als HUTTEN den pompösen und sitt- lich verkommenen Zustand Roms und seiner Kurtisane erlebte, geißelte er in sprachgewaltigen Anklagen die Zustände Roms und erweckte mit seinen meisterlichen und in großer Anschaulichkeit vorgetragenen An- griffen gegen den Papst eine antirömische Stimmung in ganz Deutsch- land, der nun auch bald der Angriff auf die weltliche Macht des Papstes folgte, eine kühne und gefährliche grundsätzliche Herausforderung, über die Hutten an seinen Freund Pirkheimer schrieb:

„Es ist kein Kinderspiel, was wir begonnen haben.“

Am Mainzer Hof

HUTTEN weilte seit dem Einzug des Erzbischofs Albrecht von Branden- burg in Mainz an dessen Hofe und arbeitete als Hofrat entscheidend mit an den damaligen schwierigen Verwaltungsgeschäften. In der Stadt war er der Mittelpunkt der Humanistengesellschaft junger Leute, die geistig vorwärtsdrängten und in HUTTENS Gefolgschaft traten für eine natio- nale, unabhängige deutsche Geschichtsauffassung. HUTTEN schrieb in Mainz ganz im Stil der Renaissance sein „Lob auf Albrecht“ und erwarb sich mit dieser Glanzleistung höfischer Verskunst nicht nur die enthusia- stische Begeisterung der damaligen Humanistengesellschaft. Er wirkte mit einem groß angelegten Bild deutscher Geschichte, umfassend vorge- tragen von Tacitus bis Maximilian, Nord und Süd einbezogen, bis weit auf SCHUBART und keinen geringeren als Friedrich HÖLDERLIN. Die Begeisterung faßte damals der „Fürst der Humanisten“, ERASMUS von Rotterdam, in folgendes Urteil:

„Doch beinahe hätte ich jenes einzigartige Entzücken der Muse übergangen, Ulrich von HUTTEN, den schon durch seine Ahnen bedeutenden Jüngling. Ich frage euch: Wie könnte Attika mehr Witz und Eleganz erzeugen, als dieser eine besitzt? Ist nicht die göttliche Schönheit selbst seine Sprache und die lautere Anmut?“

Hutten und Erasmus

Um so beschämender ist das spätere Verhalten des ERASMUS, der sich distanzierte, als HUTTEN auf seiner Flucht in höchster Bedrängnis nach Basel kam. Er hatte Angst, Geltung und Privilegien zu verlieren. Doch erst, als er unehrenhaft die Wahrheit verdrehte, antwortete ihm HUTTEN in schonungsloser Offenheit. Hier war ERASMUS klein, wie HUTTEN groß war im Maßstab der Geschichte, die nicht nur nach Erfolgen mißt, sondern dort die Tat in ewigem Andenken bewahrt, wo der Charakter im Ansturm der Zeit besteht.

ERASMUS war der führende Kopf der europäischen Humanisten. Ein Gelehrter von hoher Begabung, vielseitig, klug und von hohem Ansehen, dessen Wort unter Forschern, Gelehrten und mächtigen Herren in hoher Geltung stand. Er war Mittelpunkt der gelehrten wissenschaftlichen Welt seiner Zeit.

Der junge HUTTEN hatte in ihm einen Freund und Förderer gefunden. Doch nachdem HUTTEN, in wenigen Jahren gereift, den politischen Kampf gegen Rom führte und die Idee „Nation“ sich fordernd vor ihn gestellt hatte, mußte der Gegensatz dieser beiden Naturen entscheidend sichtbar werden. Das höchste Ideal des ERASMUS von Rotterdam war das Reich der Bildung und es war, wie das große Reich des Papstes und das kleine Reich des Wittenbergers, nicht von dieser Welt. HUTTEN aber hatte sich der politischen Wirklichkeit seines Volkes zugewandt. Das war die Klippe, an der die Freundschaft mit HUTTEN scheiterte.

Beide waren Menschen des heraufgekommenen individualistischen Zeit- alters, beide teilhaftig am Aufblühen der Wissenschaften und an der Be- freiung der Geister von den dogmatischen Zwängen der Hochscholastik. Doch während sich ERASMUS als reiner Bildungsmensch mit der durch Wissen erworbenen geistigen Freiheit auch von allen natürlichen Bindun- gen und Pflichten löste, sah HUTTEN in Bildung und herausragender Begabung die um so größere Pflicht der Persönlichkeit, für die Freiheit der Nation einzutreten. Die in unserer revolutionären Gegenwart mit dem Begriff der Freiheit aufgeworfene Frage: Freiheit wovon oder wozu? war auch damals der Felsen, an dem die Geister sich schieden.

Sprachschöpferische Wirkung

HUTTENS Dichtergenie übte über die Annalen der Literatur seine Wir- kung aus auf alle ferneren Zeiten.

Die Kunstform des Dialogs baute er aus als scharfgeschliffene Waffe im Kampfe der Weltanschauungen, in die er seine Streitgedanken hineingoß. Auch in den „Gesprächen“ wies er der deutschen Literatur neue Wege im Drama, die leider aus späterem Begabungsmangel ungenutzt blieben.

Als er 1520 durch die Begegnung mit SICKINGEN deutsch zu schreiben begann, erhielt die deutsche Prosa schon vor LUTHER sprachliche Mei- sterwerke. Später im Untergrund auf der Burg Diemstein schrieb er die sieben Strophen seines Bekenntnisses in einer Volksweise: „Ich hab’s ge- wagt mit Sinnen und trag des noch kein Reu’“ und schenkte dem Deut- schen Volke das einzige große deutsche Lied zwischen WALTHER von der Vogelweide und KLOPSTOCK.

Der dichterische Hochflug, die kulturpolitische Schriftstellerei mündeten nun gemäß seiner schicksalhaften Bestimmung in die politische Tat.

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Oft große Flamm von Fünklin kam.

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Der politische Durchbruch

Seine 1519 erschienene große Türkenrede „An alle Freien Deutschlands“ bewirkte den politischen Durchbruch HUTTENS. Damit weiteten sich seine kulturpolitischen Bildungspolemiken aus zu wirkungsvoller politi- scher Propaganda.

Auf dem Augsburger Reichstag 1518 hatten die Stände gegen das römi- sche herrschaftliche System und die reichsschädigende Libertät der Lan- desfürsten rebelliert. Der junge Kaiser KARL V., in der Hand der bevor- rechteten Kurfürsten einerseits und der römischen Kurie andererseits,

wurde bedrängt, sich endlich zu ermannen und als Weltkaiser Deutscher Nation Ordnung im Reiche zu schaffen. Und wie einst WALTHER von der Vogelweide dichtete:

„Philipp, setz den Weisen (die Krone des Reiches) uff“,

so mahnte HUTTEN Kaiser KARL an seine reichische Aufgabe:

„Denn Reich und Kron sind Dein!“

– und nicht des Papstes. HUTTENS Kampf erhält seine Hauptstoßrich- tung auf das Papsttum und die Eigensüchtigkeit der Landesfürsten.

Die 1440 vom Humanisten Lorenzo VALLA verfaßte Schrift gegen die Konstantinische Schenkung, die dem Papst die oberste Herrschaft über alle christlichen Provinzen einräumen sollte, und die schon Nikolaus von KUES als Fälschung entlarvt hatte, bringt HUTTEN vertieft und neu kommentiert 1520 gegen Papst und Kirche heraus.

Die Konstantinische Schenkung wurde vom Papsttum im Kampf gegen die germanischen Kaiser und Könige immer wieder ins Feld geführt. Über- dies entdeckte HUTTEN bei seinen Studien in Italien zufällig ein Büch- lein, aus dem hervorging, daß das päpstliche Rom die Verbreitung und Kenntnis der Schrift des Tacitus in Germanien unterbunden hatte. Dies konnte HUTTENS Angriffslust auf Rom nur steigern. 1520 erscheint sein scharfes Manifest gegen Rom „Vadiscus und die römische Drei- faltigkeit“, in dem alle notwendigen reichischen Reformen enthalten sind.

HUTTEN drängte auf eine politische Generalreform des Reiches, doch seine Appelle an den Kaiser blieben unbeantwortet. Der Kaiser war fern den deutschen Dingen; er hatte die Reichspolitik auf die Habsburgischen Hausmachtinteressen verlagert.

Mit seinen „Räubern“ wandte sich HUTTEN an die Städte, um deren Beistand für die Durchsetzung seiner Reichsreform zu erhalten, – wenn notwendig auch gegen den Kaiser. Er war 32 Jahre alt und begab sich nun offen und unabhängig in die praktische Politik.

Die Unruhe im Volke war gewachsen und die politische Atmosphäre la- stete von Tag zu Tag bedrückender, die Mahnungen auf dem Augsburger Reichstag von 1518 waren nahezu wirkungslos verhallt. HUTTEN war

unermüdlich am Werk, seine weitgesteckten Reformziele zu erreichen. Immer noch wollte er den Kaiser gewinnen und nicht in den Verdacht des Aufruhrs geraten.

Nach offenbar genau durchdachter Planung setzte er seine politische Pro- paganda gegen die herrschende kirchliche Gewalt ein, gleichzeitig ließ er aber den Eindruck entstehen, als würde er einem stillen Gelehrtenleben nachstreben. Er war, wie einst ARMIN der Cherusker, unermüdlich un- terwegs, um die junge Mannschaft an den Universitäten aufzurufen, den Adel zu gewinnen und die Äbte der Benediktinerklöster, die weitverzweig- ten Humanistengemeinden zu mobilisieren und die verstreuten Gruppen und Einzelkräfte gleicher Gesinnung zu sammeln und auf das gemeinsa- me Ziel hin zu zentralisieren. Jetzt klingt in seinem „Sendschreiben“ an alle Freien Deutschlands auch sein Glaube durch, sich an die Spitze der nationalen Bewegung in Deutschland setzen zu können.

Es gingen ihm erste Warnungen zu, daß geistliche Gerichte ihm nach- stellten. HUTTEN brachte sich auf der Steckelburg in Sicherheit. Die Kirche war zum Gegenangriff übergegangen. Es bestand eine päpstliche lnquisitionsvollmacht, die HUTTENS Inhaftnahme mit Hilfe der weltli- chen Macht und Übergabe an das geistliche Gericht zur Aburteilung be- inhaltete. Die Kurie wollte ihn auf diesem Wege ausschalten. HUTTEN war schließlich der Rechtsauffassung, daß er nicht gebannt werden kön- ne, weil er keine Häresie begangen habe. Er baute auf den Schutz der Nation und sprach sich deutlich darüber aus, daß er diesen Handel aus- tragen werde, auch wenn er seinen Untergang mit sich brächte, da „er mehr Kräfte der Gesinnung als jene äußere Macht habe.“

Er setzte den von ihm im August 1519 begonnenen und nun weiter ausge- dehnten nationalen Freiheitskampf konsequent bis zum Ende des Worm- ser Reichstages von 1521 fort. LUTHER hatte mit seinem Verhalten nicht das Geringste zu tun.

Hutten und Luther

Zwischen dem religiös kühlen HUTTEN und LUTHER hat es keine engere Beziehungen über den Rahmen der Reformpolitik HUTTENS hinaus ge- geben. Es hat auch niemals eine persönliche Begegnung stattgefunden.

Und HUTTENS Einschätzung geht wohl auch aus dem Wort hervor:

„Von Luther könnte ich vielleicht schweigen, von der Freiheit nicht ein Luthericus bin ich nicht, aber dem gottlosen Rom bin ich noch feindlicher gesinnt als Luther.“

Und an ERASMUS schrieb er, daß LUTHER „weder sein Lehrer noch sein Kampfgenosse gewesen sei“ und daß er „dieses Geschäft für sich allein treibe“.

So atmete der Mönch aus Wittenberg wohl auch die Luft des allgemeinen geistigen Aufbruchs, doch ist seine Tat der Reformierung der Kirche selbst durch das Bekenntnis zur „reinen Lehre“ des Christentums – religiös gese- hen – eher ein Rückschritt zur fremdartigen Welt der mosaischen Glau- benslehre als eine Befreiungstat der deutschen Seele. LUTHER blickte auf die Welt der Kirche, die dem Mönch reformbedürftig erschien und rebellierte gegen sie aus den urwüchsigen Kräften der germanischen See- le, während HUTTEN die politische Kirche Rom bekämpfte, um im deut- schen Wesen selbst den Wandel zum nationalen Denken und Handeln zu entfachen. Als LUTHER später vor den nationalen Konsequenzen seiner Tat zurückschreckte, entsteht eine Zersplitterung der Kraft, die ursprüng- lich, soweit sie dem Geist des deutschen Humanismus entsprungen war und instinktiv vom Volke aufgegriffen wurde, im Geiste eines nationalen Aufbruches stand. HUTTEN bekämpfte die politische Einmischung des Papstes in die Angelegenheiten Deutschlands, er wollte die deutsche Frei- heit gegenüber Rom und allem Romanischen in einem starken und unab- hängigen deutschen Kaisertum, eine kulturelle Erneuerung im alten ger- manischen Geiste und mit der Loslösung von Rom die Schaffung einer eigenen deutschen Nationalkirche.

Die Drohung Roms gegen HUTTEN hatte gerade das Gegenteil erreicht, denn Hutten verstand es meisterhaft, diesen Umstand politisch zu nutzen.

An den Kanzler Capito nach Mainz schrieb er:

„Hab ich deshalb Deutschland durch Wort und Schrift aufgereizt, um selbst beim ersten Ansturm besiegt zu Boden zu sinken? Nein, Capito, nein, und wenn auch ein trauriges Ende meiner harren sollte! Hutten wird eher sterben, als daß er in einer Zeit,

da Kurtisanen in Deutschland herrschen und die römischen Ty- rannen es ständig ausplündern, müßig dastehen, sein Leben in Ruhe hinbringen und Frieden halten könnte.“

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Ich habs gewagt mit Sinnen Und trag des noch kein Reu; Mag ich nit dran gewinnen, Noch muß man spüren Treu. Darmit ich mein:

Nit eim allein, Wenn man es wollt erkennen, Dem Land zu gut, Wiewohl man tut Ein Pfaffenfeind mich nennen.

Da laß ich jeden liegen Und reden, was er will. Hätte Wahrheit ich geschwiegen, Mir wären Hulder viel. Nun hab ichs gsagt, Bin drumb verjagt, Das klag ich allen Frummen. Wiewohl noch ich Nit weiter flich, Vielleicht werd wiederkummen!

Ulrich von Hutten Volkslied Huttens aus dem Jahre 1521 (Zu singen nach der Melodie: „Wer jetzig Zeiten leben will“.)

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Hutten schreibt deutsch

Durch sein Bündnis mit Franz von SICKINGEN setzte er seinen politi-

schen Kampf zwischen Ebernburg und Steckelburg fort und schrieb jetzt seine Schriften in deutscher Sprache; er hatte erkannt, daß seine gerechte Sache auf die Unterstützung der breiten Massen des Volkes angewiesen war. Sie hämmerten auf das Volk ein und bewiesen, daß er auch in Deutsch glänzend und sprachschöpferisch zu schreiben verstand; er schreibt eine glühende deutsche Prosa.

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An Erzherzog Ferdinand von Österreich (1520):

Mein Unternehmen ist (jedoch) auch politisch betrachtet verdienst- voll und wäre des Dankes wohl wert. Denn wenn es Männern zum Ruhme angerechnet wird, wenn sie fremde Völker aus der Tyrannei erlösen, wie hoch müssen dann wohl jene stehen, die ihres eigenen Vaterlandes Freiheit erkämp- fen?

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Seine Klagebriefe richteten sich jetzt an Kaiser KARL, an die deutschen Fürsten und Stände der Nation, an Kardinal ALBRECHT und den Kur- fürsten von SACHSEN. HUTTEN schlug wieder „Generalmarsch“ in ganz Deutschland. Mit seiner Klage an den Kaiser legte er seine Sache bedingungslos in dessen Entscheidung. Er wollte vor dem Reichstag in Worms angehört werden und dort seine Reformideen vor dem Kaiser per- sönlich vortragen. HUTTEN vertrat sein Anliegen unter starker Beto- nung des Rechtsstandpunktes und hob damit die politische Auseinander- setzung auf die höchste Ebene. Er hatte inzwischen systematisch und or- ganisatorisch eine starke Widerstandspartei aller antirömischen Kräfte aufgebaut. Die Zeichen standen bei allen Ständen auf Sturm, und HUT- TEN hat dabei auf die große Wirkung seiner Klageschriften im Volke gesetzt, die er dosiert und überlegen ins Feld zu führen wußte; sie waren seine Großangriffe zur kommenden Entscheidungsschlacht. Und wir le- sen bei Heinrich GRIMM:

„Die Schaffung dieser großen geschlossenen freiheitlichen Op-

position war eine politische Meisterleistung. Wenn er auch selbst nie Realpolitiker, die ihre Handlungen nach dem Erreichbaren abmessen würden, sein wollte, ein Politiker aus Utopien war er keinesfalls. Wo er von Politik sprach, meinte er den Staat und die Nation.“

Es ist noch heute faszinierend, wie damals ein einzelner Mann nicht nur in die Gedanken- und Empfindungswelt seiner Zeitgenossen eindringen konnte, sondern sogar Erregung und Empörung in das Volk getragen hat wie nie zuvor. Das Volk spürte eben seinen großen, von tiefem Ernst erfüllten Glauben an seine gerechte Sache, die das Recht des Volkes war.

An Herzog FRIEDRICH von Sachsen schrieb er 1520:

„Denn ich kann sterben, aber ich kann nicht unehrlich unterworfen und dienstbar sein. Ich will einst aus diesen Winkeln hervorbre- chen und fallen und der Deutschen Treu und Glauben anrufen, und vielleicht an dem Ort, da die allergrößte Versammlung der Leute sein wird, mit lauter Stimme schreien: Nun, wer darf mit- samt und neben dem Hutten um gemeiner Freiheit willen ster- ben?“

Diese Worte und Schriften HUTTENS müssen auf die damalige Zeit hin- reißend gewirkt haben. Sie schlagen uns auch heute noch in ihren Bann und vermögen wohl Aufschluß über die allgemeine kämpferische Stim- mung in Deutschland zu geben.

Worms und die Reichsreform

Der Kirchenbann hatte nicht ausgereicht, HUTTEN auszuschalten. Als maßgebendes und publizistisches Haupt der nationalen Oppositionsbe- wegung stand HUTTEN, der sich auf der nahen Ebernburg befand, dem Wormser Reichstag während dessen ganzer Dauer gegenüber, während LUTHER schon nach einigen Tagen Worms wieder verlassen hatte. Der große Gegner, der in Abwesenheit den Wormser Reichstag überschattete, war HUTTEN. Die Kirche wie auch die kaiserliche Diplomatie waren sich durchaus einig darüber, daß es eine Unternehmung von weltgeschicht- licher Bedeutung war, die HUTTEN mit seinem Angriff auf die päpstli-

che Tyrannei begonnen hatte. HUTTEN hatte Deutschland zum Aufruhr reif gemacht. Rom, das HUTTEN als den weit gefährlicheren Gegner einschätzte als LUTHER, fürchtete den allgemeinen Aufruhr in Deutsch- land, das es als antirömisch ansah. HUTTEN mußte unschädlich gemacht werden.

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An den Kaiser über den Zustand Deutschlands:

Wann doch kommt es dahin, daß Deutschlands Augen sich öffnen Und es erkenne, wie Rom sich‘s zur Beute gemacht? Wann doch kommt es dahin, daß um Gold man bleierne Bullen Anderen Völkern vielleicht, nur nicht dem deutschen verkauft? Oder wird so wie jetzt dein Deutschland, mächtiger Kaiser, Immer ein Spott nur sein für das beraubende Rom? Nein! Das Zepter des Reichs, und seine und der Welt Hauptstadt Rom, Ist (Wahrheit red’ ich, und kann anders nicht reden) dein!

An Herzog Ferdinand von Österreich (1520):

Wenn früher jemand aus aufrichtigem und pflichtgemäßem Eifer für das Beste der Christenheit gegen diese Leute redete oder schrieb, machte man dem Volke glauben, er sei ein Ketzer und betrachtete ihn als einen Exkommunizierten. Diese alberne und unsinnige Meinung, Fürst Ferdinand, gilt es nach Kräften aus allen Köpfen auszutilgen und dabei vor allem Dir und Deinem Bruder als Ratgeber zur Seite stehen, damit uns die Freiheit zu- rückgegeben, jenen aber die Macht, zu wüten, zu verfolgen und zu betrügen, einmal genommen wird. Das wird der nächste und gewiß vorzüglichste Weg sein, das Reich in einen besseren Zu- stand zu versetzen, und es wird der Anfang eines hohen und wah- ren Ruhmes für Euch selbst sein. Was mich angeht, so halte ich es für meine Pflicht, auch in dieser Zeit der Wahrheit und den Be- dürfnissen entsprechend zu reden und zu schreiben, und dies um so mehr, als ich es verstehe, kann und muß

Aus dem Sendschreiben an alle Freien Deutschlands (1520):

Ulrich von Hutten entbietet allen Freien Deutschlands seinen Gruß!

Von dem Tage an, da wir darangingen, die lange in Banden lie- gende und fast erstickte Freiheit dieser Nation zu erlösen und sie wieder in ihre Rechte einzusetzen, haben wir noch keinen geeig- neten Anlaß versäumt, allem was unserem Werke dienlich sein kann, nachzufragen und nachzuforschen, alles, was in alten Zei- ten irgendwo verborgen liegt oder eigens, das ein nur der Wahr- heit lebendes Gemüt nicht länger in sich verschließen kann, ans Licht treten lassen

So reiche ich euch denn, ihr Freiheitsliebenden, eine neue Gabe aus Freundeshand zum Geschenk dar. Denn könnte wohl euern Hutten etwas von Herzen freuen, das er allein genießen und allen Guten nicht alsbald mitteilen sollte? So fände sich etwas dem allgemeinen Besten Deutschlands Nützliches, das er euch vorent- halten könne?

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Da gelang es der kaiserlichen und päpstlichen Diplomatie mit Hilfe der Eigensüchtigkeiten SICKINGENS, HUTTENS Aktivitäten vorläufig auszuschalten. HUTTEN stellte seine Angriffe ein, als er eindeutige Reformzusagen des Kaisers erhalten hatte, so daß er nun sein Ziel er- reicht zu haben glaubte. Er war jedoch einem Täuschungsmanöver zum Opfer gefallen, in das ihn SICKINGENS Eigenmächtigkeiten verstrickt hatten. Die Gegenkräfte hatten nun Spielraum gewonnen, und im berüch- tigten Wormser Edikt wurde LUTHER in die Reichsacht getan und alle politischen und reformerischen Schriften gegen die Kirche unter die Kon- trolle des Klerus gestellt. Die Reformideen konnten nun nur noch mit Waffengewalt erzwungen werden. HUTTEN trennte sich enttäuscht von SICKINGEN, der für alle Hindernisse und Hemmnisse verantwortlich war und begann, auf eigene Faust seine Angriffe um die deutsche Freiheit unerschütterlich weiterzuführen.

„Nur wieder empor nach dem Sturz aus der Höhe! Entweder fällst du dich tot oder es wachsen dir Flügel!“

Mit der Lahmlegung der politischen Opposition HUTTENS hatten sich nun erst recht die Schleusen für die Bewegung LUTHERS geöffnet, denn HUTTEN hatte seine stärkste Waffe, die Publizistik, vorübergehend einge- büßt. Kein Drucker – auch nicht im Geheimen – wagte es, Schriften zu drucken und zu verbreiten.

Aber HUTTEN war nicht zum gekauften Verräter an seiner Sache ge- worden, wie es schien. Er hatte die Mittel gewechselt, aber nicht das Ziel aufgegeben. Er war schwer gekränkt und enttäuscht, aber dennoch zu allem entschlossen, das Äußerste für das Vaterland zu wagen. Das Spiel SICKINGENS um die kaiserliche Gunst hatte indessen zur Trennung geführt, und HUTTEN ließ sich erneut mit ihm ein; er brauchte die Schwerthand des Ritterführers.

Hutten wagt das Äußerste

Durch eine Art von Staatsstreich sollte nun ein tatsächlicher politischer Schritt zur Umgestaltung des Reiches getan werden. HUTTEN rief zum Kampf, und SICKINGEN führte ein starkes Ritterheer gegen das Kurfürstentum Trier als Generalangriff auf die Landesfürsten. Doch die günstige Stunde war durch die Eigenwilligkeit SICKINGENS vertan, zuviel Zeit war verspielt; es war kein Überraschungsangriff mehr mög- lich. Das Heer SICKINGENS verlor die Schlacht. SICKINGEN mußte sich auf seine Veste Landstuhl zurückziehen, bei deren Verteidigung er den Tod fand. HUTTEN war in die Reichsacht gefallen und auf der Flucht über Mühlhausen nach Basel. Selbst in dieser Zeit, als ihn das Schicksal niederschlug, war seine Wortgewalt keineswegs verstummt. Sie erreichte noch Höhen gewaltiger Wirkung. Auf der Insel Ufenau, noch mit der tödlichen Krankheit bis zum letzten Atemzug ringend, fiel er kämpfend, wie er gelebt hatte.

Die Nachricht vom Tode HUTTENS wurde vielerorts nicht geglaubt. Die Anteilnahme war besonders in der akademischen Jugend groß und ging über die Bildungs- und Adelskreise weit in das Volk hinein.

In diesem „Einen“ hatten sich alle geistigen Werke der Zeit versammelt, um in kühnem Anlauf ein neues „Weltreich Deutscher Nation“ zu be- gründen. HUTTEN hatte alle feindlichen Gewalten der damaligen Welt in die politische Kampfarena gefordert. Er hatte schließlich das Äußerste gewagt, die Erneuerung mit dem Schwerte zu erkämpfen.

Welcher Feuergeist und welche Willenskraft mußten diesen Mann besee- len, der, trotz schwersten körperlichen Gebrechen, Herzen begeistern und Schwertfäuste für seine gerechte Sache aufbieten konnte. HUTTEN war die große Hoffnung Deutschlands. Er war der wortgewaltige Große von wahrhaftem Adel des Geblütes und des Geistes, in den die aufgeweckten Volkskräfte ihre Erwartungen auf die Erneuerung aus kulturschöpferi- scher Tat setzten.

HUTTENS großes geschichtliches Wollen blieb unerfüllt. Er scheiterte am Widerlager fürstlicher Libertät und wohl auch daran, daß sein Jahr- hundert noch nicht reif war für eine umfassende Reform des Reiches.

Er hatte alle politischen Fragen aufgegriffen, die sich aus dem geistigen Aufbruch am Horizonte der Zukunft zeigten.

Sein eigenes Schicksal warf ihn schließlich – 35jährig – zu Boden und zog ihn ab von dem weiteren Gang der Geschichte. Die Gegenkräfte er- starkten, und 100 Jahre später brach das Verhängnis über Deutschland herein. HUTTEN hatte es vorausgeahnt und wollte sich ihm mit seiner ganzen kühnen Lebenstat entgegenwerfen. Nun mußte ein Großer kom- men in einer neuen Zeit, die bessere Voraussetzungen für den geistigen Durchbruch bot, um den heroischen Kampf dieses jungen Heros unserer Geschichte auf der Grundlage eines breiten Volkswillens in die Tat umzu- setzen und ein neues Reich der Deutschen zu bauen.

HUTTENS Wort über ARMlNlUS trifft auch auf ihn selbst zu:

„Er war der Deutscheste, Freieste und Treueste.“

Wenn uns ULRICH VON HUTTEN zuruft:

„Ist niemand da, der um der deutschen Freiheit willen streiten will?“,

so antworten wir:

Hier sind starke Herzen, die den Kampf um Deutschland un- beirrt weiterführen, getreu seinem Wahlspruch ‘Ich habs gewagt!’“

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All Ding der Papst hat übermacht. Wer dann darüber nachgedacht, Den hat er mit dem Bann erschreckt. Ich hoff, es seien schon erweckt Viel deutsche Herzen. Werden sich Der Sach annehmen so als ich. Ich habe gut Ermahnung getan. Ich hoff, sie lassen mich nicht stahn. Den stolzen Adel ich beruf. Ihr frommen Städte, werft euch uf, Wir wollen kämpfen insgemein. Laßt doch nicht streiten mich allein. Erbarmt euch übers Vaterland. Ihr werten Deutschen, regt die Hand. Jetzt ist die Zeit zu heben an Um Freiheit kriegen. Gott wills han. Herzu, wer Mannesherzen hat.

(Aus Huttens Klag und Vermahnung gegen die Gewalt des Papstes.)

Wir wollen‘s halten insgeheim Laßt doch nit streiten mich allein! Erbarmet euch übers Vaterland, Ihr werten Deutschen, regt die Hand! Jetzt ist die Zeit, zu heben an, Um Freiheit kriegen, Gott will‘s han. Herzu, wer Mannes Herzen hat! Gebt fürder nit den Lügen statt, Damit sie han verkehrt die Welt!

Denn wem dies nit zu Herzen geht, Der hat nit lieb sein Vaterland, Ihm ist auch Gott nit recht bekannt. Herzu, ihr frommen Deutschen all, Mit Gottes Hilf, der Wahrheit Schall! Ihr Landsknecht und ihr Reiter gut, Und all, die haben freien Mut! Den Aberglauben tilgen wir, Die Wahrheit bringen wir herfür,

Wohlauf, wir haben Gottes Gunst! Wer wollt in solchem bleiben d’heim? Ich hab‘s gewagt! Das ist mein Reim.

Ulrich von Hutten

Nicht auf den einen ist ihr Schwert gezückt, gegen uns alle kehrt sich der Sturm. Sie wollen nicht leiden, daß man über ihre Zwing- herrschaft schreie, sie wollen ihre Machenschaften und Schleich- wege nicht aufgedeckt, ihrem Wahnsinn nicht gesteuert, ihrem Wüten keinen Damm entgegengesetzt wissen. Das ist‘s, was sie so erbittert, was sie mit den Zähnen knirschen läßt, so daß sie nun jede Scham in ihrem Betragen von sich werfen. Ihr aber, die ihr dies klar vor Augen seht, welche Schritte wollt ihr tun, wel- chen Entschluß wollt ihr fassen? Wenn ihr mich hören wollt, so sage ich: Jetzt ist‘s an Euch, Euch daran zu erinnern, daß ihr Deutsche seid!

(Ulrich von Hutten: „An alle Deutschen“.)

Maria Theresia

Die große Kaiserin

Festvortrag zum Gedenken an den 250. Geburtstag der großen Kaiserin am 13. Mai 1967

“Sie hat ihrem Throne Ehre gemacht und ihrem ganzen Geschlech- te. Ich habe mit ihr Krieg geführt, aber ich bin nie ihr Feind gewesen.”

Friedrich der Große

Am 13. Mai 1967 jährte sich der Geburtstag Maria Theresias zum 250. Male. Der großen deutschen Kaiserin zu gedenken, ist gleichbedeutend einer Würdigung der Geschichte Österreichs, die wiederum ihren Kraft- quell im ganzen Deutschen Volke hat. Nicht der von süddeutscher oder norddeutscher Parteilichkeit gedeutete Zweikampf Preußen–Österreich um die Vorherrschaft und Führung in Deutschland kann unserer geschicht- lichen Betrachtung zugrunde gelegt, sondern es muß dabei der Standort einer gesamtdeutschen, volksgeschichtlichen Überschau bezogen werden. Dies ermöglicht Abstand, weil jedes geschichtliche Entfalten und Gestal- ten nach biologischen Gesetzen erkennbar wird, und setzt zugleich Wert- maßstäbe, die dem geschichtlichen Handeln die Wirklichkeit des Volkes und die Idee, nach der dieses Volk gestaltend und ordnend in der Ge- schichte angetreten ist, gegenüberstellen. Unsere deutsche Volksgeschichte ist ein ständiges Ringen zwischen den Polen Idee und Wirklichkeit, zwi- schen der universalen Idee des Reiches als ordnender und schützender Macht Europas und der Wirklichkeit unseres Volkes, der Sicherung und Mehrung seines Volksbodens.

So können wir den großen Kampf zwischen Maria Theresia und Fried- rich, der erst 100 Jahre später mit dem Ausscheiden Österreichs aus dem Reich enden wird, ebenso tragisch empfinden und als notwendig erken-

nen, in dem beide, ohne die Ursachen heraufbeschworen zu haben, als handelnde Werkzeuge geschichtlicher Kräfte ihre Größe im Rahmen ei- nes gesetzmäßigen Ablaufes entfalten.

Als Prinz Eugen von Savoyen, der im nimmermüden Einsatz für das Reich längst zum Deutschen geworden war, starb, fielen die Schatten künftigen Verfalles auf das Reich, seine Weltstellung und seine Einheit. Es war die Tragik seines heldischen Lebens, daß er mitansehen mußte, wie die unter seiner Führung mit großen Opfern noch einmal erkämpfte Größe des Reiches langsam zurückging. Der Kampf um die spanische Erbfolge und damit die Wiederherstellung des universalen Weltreichs Karls V., ein wahres Weltringen, hatte das Haus Deutsch-Habsburg geschwächt. Prinz Eugen sah, wie die Interessen immer mehr von der Obsorge für das Reich abgezogen und der Festigung der habsburgischen Hausmacht zugewandt wurden. Wohl wußte Karl VI. um seine beschworene Kaiserpflicht, des Reiches Wahrer und Mehrer zu sein, der universale Kaisergedanke blieb in ihm allzeit lebendig. War auch sein Wesen deutsch, richtete sich sein Streben doch mehr auf die Erhaltung und Mehrung der romanischen Reichsteile, im Gegensatz zu Leopold I. und Joseph I., die ganz von ih- rem deutschen Königtum durchdrungen waren.

Durch Jahrhunderte hatte Österreich seine Aufgabe als Bollwerk des Reiches gegen den türkischen Erbfeind erfüllt, mit vielen Opfern an Gut und Blut, oft vom Reich im Stich gelassen und auf sich allein gestellt, immer die Hauptlast des Kampfes tragend. Die Steiermark schützte am ,,Hofzaun des Erbfeindes” das Reich.

,,Läßt man die Grenzen schutzlos, geht das Reich in Flammen auf”,

hieß es 1594 in einem Hilfegesuch der österreichischen Stände. Als 1683 Osmanen vor Wien standen und damit das Reich auf das Gefährlichste bedrohten, eilten die bewaffneten Heerbanne aus allen Teilen herbei, kein deutscher Stamm, kein deutscher Fürst fehlte, mit Ausnahme Preußens, das damals grollte. Und unter des Reiches Fahnen kämpften ebenso die nichtdeutschen Fürsten mit um seinen Bestand. Prinz Eugen zieht dann in gewaltigen Schlachten gegen die Türken, – nun ist auch Preußen dabei.

Das Lied vom Prinzen, dem edlen Ritter geht durch das deutsche Land.

Wie ergreift es uns noch heute, wenn wir die Kunde vernehmen, daß in diesem Kampfe wieder das alte Feldzeichen, das deutsche Königsbanner, die blutrote Fahne mit dem weißen Balkenkreuz, voranweht! Welche Sym- bolkraft, welche Hoffnung auf Einheit lag in diesem Zeichen! Es war, als habe sich des alten Reiches Macht und Herrlichkeit unter der heldischen, genialen Führung des Prinzen Eugen noch einmal erhoben, die Expansi- onskraft des großen Türkenreiches, die immerwährende Bedrohung des Abendlandes, endgültig zu zerschmettern und damit auch dem Feind des Reiches im Westen – Frankreich – Einhalt zu gebieten. Frankreich, das seinen eigenen universal-egoistischen Machttraum auf Kosten des Rei- ches und der vom Reich getragenen Schutzherrschaft für das ganze christ- liche Abendland zu verwirklichen trachtet, das raubend und brandschat- zend in die Westmarken einfällt, wenn Türkengefahr und deutsche Liber- tät und Uneinigkeit im Reich dem Erbfeind Vorschub leisten. Und auch hier steht Österreich und die von seinem Hause verkörperte kaiserliche Macht schützend an den Grenzen.

Das staatsmännische Genie des heldenmütigen Prinzen erkannte die aus der Not heraufkommende Sternenstunde des Reiches, allein er fand keine Kongenialität, nicht die ebenbürtige Herrschergröße, die seinem Traum vom Reich die Macht kaiserlichen Willens zur Seite gestellt hätte.

Als er seinem späteren Herrn, Kaiser Karl VI., empfiehlt, Bayern zu er- werben und somit das Haus Habsburg stärker im alten deutschen Volks- boden zu verankern, folgt dieser seinem Plane nicht. Wie anders wäre wohl die deutsche Geschichte verlaufen, wenn seine Tochter Maria The- resia den Wittelsbacher und nicht den Lothringer geheiratet hätte! Oder Friedrich – Friedrich von Preußen!

Die geschichtliche Leistung des edlen Eugen von Savoyen blieb darauf beschränkt, die Voraussetzungen zur Entwicklung der habsburgischen Hausmacht zur deutsch-österreichischen Großmacht europäischen Aus- maßes zu schaffen, fast ein Europa im Kleinen. Die Erneuerung des Rei- ches, größer – kühner –, wie es schon Wallenstein vor Augen sah, von der Adria bis zur Ostsee reichend, Böhmen, Ungarn, den Donauraum um- schließend, gelang nicht.

Das Hauptgewicht des gesamten Staatsgebietes lag im Südosten, dessen weit in den mitteleuropäischen, den unteren Donauraum bis zu den serbi-

schen Bergen vorgeschobene Grenze mit dem Blut aller deutschen Stäm- me errungen worden war.

Der Bau der Großmacht Österreich wäre ohne die Lebenskraft und die Kulturleistung des gesamten Deutschen Volkes unmöglich gewesen.

So sehr auch das Schwergewicht dieser Ländermasse zentrifugal außer- halb Deutschlands lag, – diese gewaltige Staatsschöpfung war eine ganz und gar deutsche Leistung, auf die unser Volk mit Recht stolz sein kann. An ihrer Wiege steht eine einzigartige Frau, deutsch bis auf den Grund ihrer klaren Seele, in Liebe ihrem Deutschen Volke hingegeben: Maria Theresia.

Je mehr wir in das Leben und das Lebenswerk dieser großen Frauenge- stalt eindringen, desto größer wird unsere Bewunderung für ihre unver- gleichliche Persönlichkeit.

Damals bewunderte sie ganz Europa.

Sie wird uns als eine seiner schönsten Fürstinnen geschildert. Blondes, seidiges Haar, zarte, helle Haut und strahlende blaue Augen zieren sie. Herrlich gewachsen, bewegt sie sich anmutig – und würdevoll zugleich. Auch dann, als Herrscheramt und so reich gesegnete Mutterschaft ihre jugendliche Schönheit schon frühzeitig abklingen lassen, beeindruckt sie jeden durch ihre majestätische Erscheinung. Doch der Zauber ihrer Per- sönlichkeit erhält seine tiefste und bleibende Wirkung durch die Schön- heit ihres Herzens. Gottsched, der damals einflußreichste Dichter, huldigt ihr in überschwenglichen Versen.

In ihren Adern fließt das Blut der deutschen Habsburger, ganz besonders scheinen die Anlagen der mütterlichen Seite – ihre Mutter ist die wunder- schöne Fürstin Elisabeth-Christine aus dem Hause Braunschweig-Wolfen- büttel – zum Durchbruch zu kommen. Doch welcher, zu männlicher Tat- kraft, zu heroischer Größe sich entfaltende Charakter in dieser jungen Herzogin wurzelt, erfahren ihre Länder und Europa, als ihr Vater plötz- lich stirbt. Ohne Frist trägt ihr das Schicksal die härteste Prüfung an, die einem Herrscher bei der Thronbesteigung auferlegt werden kann.

Diese lebensfrohe, im Kreise ihrer Familie mit ihrem geliebten Gemahl Franz Stefan von Lothringen/Toskana glücklich lebende junge Frau, sie

ist gerade 23 Jahre alt, wird unerwartet, in die Staatsgeschäfte nicht ein- geweiht, ja – auf ihren Herrscherberuf völlig unvorbereitet, an die Spitze des mächtigsten Herrscherhauses Europas berufen. Ihre eigene Schilde- rung führt uns die ganze Schwere dieses angetretenen Erbes vor Augen:

,,In diesen Umständen fand ich mich ohne Geld, ohne Credit, ohne Armee, ohne eigene Experienz und Wissenschaft und end-

lich auch ohne allen Rath, weilen ein jeder

anforderist sehen

und abnehmen wollte, wohin die Sachen sich wenden Niemand, glaube, werde widersprechen, daß nicht leichthin ein Beispiel in denen Geschichten zu finden, daß ein gecröntes Haubt in schwehrer – und misslicheren Umständen seine Regierung, als Ich, angetreten habe.”

Da greift Friedrich von Preußen an.

Als hätten die europäischen Mächte nur auf die Thronbesteigung der jun- gen Fürstin gewartet, um das große Erbe unter sich aufteilen zu können, sieht sie überall, wenn nicht Feinde, so doch Bedrohung und Unsicher- heit, aber keinen Bundesgenossen. Und was damals die Welt in Erstaunen und schließlich in Bewunderung versetzt, ihr eigenes Land zu größter Hingabe und Liebe begeistert, ist ihre Bewährung in dieser Stunde. Wäh- rend alles um sie erbleicht, von Schreck gelähmt nur an Nachgeben, an Kapitulation vor den Forderungen König Friedrichs denkt, nimmt sie den Kampf im tiefen Vertrauen auf ihr Recht auf. Wie sehr hat sie der König von Preußen in den Grundzügen ihres Wesens gekränkt, ihr Rechtsgefühl verletzt. Dieses Rechtsempfinden, die große sittliche Auffassung ihres Herrschertums, bleibt allezeit einer der stärksten Wesenszüge ihres poli- tischen Handelns. Ihrer Auffassung von Treu und Glauben als sittlicher Maxime der Staatspolitik entzieht sie sich innerlich auch dann nicht, als sie später, den in Aachen geschlossenen Frieden brechend, alle Kräfte ihrer Länder, das Reichsheer, Rußland und sogar den Erbfeind Frank- reich mobilisiert, um vom verhaßten König Friedrich ihr kostbares Schle- sien, das Juwel der Krone Österreichs, wie sie es nennt, zurückzuerobern.

Wie wertvoll Schlesien nicht nur seiner wirtschaftlichen Bedeutung we- gen für das Haus Österreich ist, wird uns mit einem Blick auf Böhmen begreiflich, das, von Schlesien umklammert, dieses mit den Erblanden und den übrigen Reichsteilen fest verbindet. Wäre Schlesien bei Öster-

reich verblieben, wäre die deutsche Besiedlung Böhmens ohne nun offene Flanke weit über das sudetendeutsche Gebiet vorangetrieben worden, und Böhmen hätte sich im weiteren Verlauf der Geschichte nicht als feindli- cher Brückenkopf gegen den deutschen Volkskörper vorschieben können. Der Verlust Schlesiens bedeutete die Schwächung südostdeutscher Kul- turarbeit und volklicher Geschlossenheit in diesem Raume. Aber auch für Preußen war der Besitz Schlesiens von entscheidender lebensnotwen- diger Bedeutung. Mit Schlesien erst konnte Friedrich der Große den Grund- stein zur preußischen Großmacht legen, von deren junger Kraft eine Neu- ordnung des Reiches ausgehen sollte. So fällt in Schlesien die Entschei- dung für die Zukunft Deutschlands. Friedrich tastet die Autorität des kaiserlichen Österreich an, was sein Vater, der Soldatenkönig, trotz man- cher Zurücksetzung und Wortbrüchigkeit des Kaisers aus Ehrfurcht vor der von den Habsburgern getragenen Krone des Reiches niemals gewagt hätte, und greift das alte, ehrwürdige Machtgebäude an. Die Entschei- dung heißt: Festhalten am alten Reich in seiner universalen Stellung, das sich im Kampf um den Schutz des Abendlandes und Reiches unvergäng- lichen Ruhm vor der Geschichte erworben hat, dessen zweigerichtete Aufgabe, Führer, Kaiser und Schutz des Reiches gegen Türkengefahr und französischen Übermut zu sein, die Kaiser des Hauses Habsburg auf das Äußerste anspannte und schließlich überforderte, – oder Bau eines modernen Nationalstaates unter Führung Preußens. Österreich oder Preu- ßen heißt fortan die Auseinandersetzung in der deutschen Geschichte.

Es ist Ruhm, Stolz und Tragik unserer Geschichte zugleich, daß sich Friedrich und Maria Theresia, zwei so hervorragende deutsche Herrscher- gestalten, in beiden höchste Möglichkeiten deutschen Wesens polar verkör- pert, in diesem Kampfe gegenüberstehen und ihn zu einem erbitterten machen. Er ist unabwendbar. Der in die Geschichte getretene Dualismus Preußen–Österreich muß ausgetragen werden, es gibt keinen anderen Weg zur Einheit. Es zeugt von der unserem Volke innewohnenden Kraft, daß sich an diesem Tiefpunkt des Reiches seine staatsschöpferischen Fähigkei- ten in zwei deutschen Staaten zu so großartigen Leistungen entfalten, die Beispiel und Vorbild der ganzen Welt bis in unsere Tage hinein werden.

Als 1757 der Siebenjährige Krieg ausbricht, liegen Jahre aufopferungs- vollster Regierungsarbeit hinter Maria Theresia, in denen ihr hohes Pflicht- gefühl, ihr nimmermüdes Sorgen um die Belange des ausgedehnten Rei-

ches, ihre natürliche Begabung, die Wirklichkeit der Dinge richtig zu erkennen und also danach ihre Entscheidungen zu treffen, sie längst als große Herrscherin bestätigt haben. Wie König Friedrich sich der erste Diener seines Staates nennt, will sie die ,,Allgemeine und erste Mutter ihrer Länder“ sein. Und so unermüdlich und liebevoll, wie sie ihre Kinder umsorgt, ordnet sie mit behutsamer und gefühlssicherer Hand die ihr von dem gewaltigen Staatsgebiet gestellten Aufgaben. Und niemand könnte sagen, daß sie nicht die große Kaiserin und Mutter gewesen wäre. Nie verliert sie bei aller Majestät und männlichen Tatkraft ihre liebenswerte Fraulichkeit, mit der sie manchen Widerstand in hingebungsvolle Treue wandelt, nie stört ihr natürliches, herzenswarmes Wesen die Würde der Kaiserin.

Es sind Jahre, in denen sie aufholt, was in der letzten Phase der Regie- rungszeit ihres Vaters verabsäumt wurde.

Ungeachtet der von Sorge um das Reich erfüllten Mahnung Prinz Eu- gens, ein starkes Heer und geordnete Finanzen zu hinterlassen, waren die Staatskassen leer, das Heer vernachlässigt. Nie war Maria Theresia grös- ser als in dieser verzweiflungsvollen Lage. Sie schreibt selbst später dar- über:

“Nicht mehr als etliche tausend Gulden in den Kassen, der in- und ausländische Kredit lag fast völlig am Boden, wenig Einig-

keit herrschte unter den Ständen und Ministern, das Volk in der

Hauptstadt war so zaumlos als

Alles sah einem all-

gemeinen Zerfall und baldiger Zerrüttung gleich. Ich allein war, ohne eiteln Ruhm zu melden, diejenige, die in diesen Drangsalen noch Mut behielt!”

Und ihren Ministern sagt sie, ihrer Kraft bewußt:

“Ich bin nur eine arme Königin, aber ich habe das Herz eines Königs!”

Und wie versteht es diese liebreizende Erscheinung, ihr königliches Herz in die Waagschale zu werfen, wenn es um den Bestand ihres Landes geht, wenn die Stunde ihr die Entscheidung vor der Geschichte abverlangt. So sendet sie jenen berühmten und rühmenden Brief mit ihrem Bilde, den Thronfolger auf dem Arm, an ihren Feldherrn Graf Khevenhüller, einen

alten, erprobten Reitergeneral, der einst Schüler des großen Eugen war. Den anwesenden Offizieren und Kriegsleuten vorgelesen, reißt er sie zu stürmischen Huldigungen an die Königin fort:

„Lieber und getreuer Khevenhüller! Hier hast Du eine von der ganzen Welt verlassene Königin vor Augen mit ihrem männlichen Erben; was vermeinst Du, will aus diesem Kinde werden? Sieh, Deine gnädige Frau erbietet sich Dir als einem getreuen Minister mit diesem auch ihre ganze Macht, Gewalt und alles, was unser Reich vermag und enthält. Handle, o Held und getreuer Vasall, wie Du es vor Gott und der Welt zu verantworten Dich getraust. Nimm die Gerechtigkeit als ein Schild; Thue, was Du recht zu sein glaubst. Sei blind in der Verurteilung der Meineidigen, folge Deinem in Gott ruhenden Lehrmeister in den unsterblichen Eu- genischen Taten und sei versichert, daß Du und Deine Familie zu jetzigen und ewigen Zeiten von unserer Majestät und allen Nach- kommen alle Gnaden, Gunst und Dank, von der Welt aber einen Ruhm erlangest. Solches schwören wir Dir bei unserer Majestät. Lebe und streite wohl!”

Vom ersten Tage ihrer Regierung übernimmt sie mit Ernst und starkem Willen ihre Aufgabe. Die veralteten, greisenhaften Minister beläßt sie zunächst noch in ihren Ämtern, bis sie, einen Überblick gewinnend, ihre Ratgeber selbst erwählt. In ihr lebt, als dem letzten Reis eines noch ein- mal zur Größe aufblühenden Herrschergeschlechtes die in Generationen geprägte tiefe Überzeugung vom Gottesgnadentum ihrer Herrschaft als Abglanz eines universalen Weltgefühls, als Kaiser und Reich Schutz und Schirm ganz Europas waren.

Der Aufbau ihres Staates beginnt.

Mit ihrem instinktsicheren Urteil findet sie die richtigen Ratgeber, Män- ner von hohen geistigen und charakterlichen Gaben. Ihr Staatsrat ist bald der anerkannt beste unter den europäischen Großmächten. Von herzlich- ster Art sind die menschlichen Beziehungen zu ihren Ministern, immer ist sie es, die vermittelnd eingreift, wo die Charaktere und Anschauungen ihrer Getreuen untereinander keine Brücke zu schlagen wissen. Voll Dank- barkeit lohnt sie jeden aufopfernden Dienst an ihrem Lande. Die Namen ihrer wahrhaft großen Mitarbeiter gehen mit ihr in die Geschichte ein:

Bartenstein, Daun, Haugwitz, Kaunitz, van Swieten. “Die wichtigste Obsorg eines Regentes ist die richtige Wahl seiner Ratgeber”, schreibt sie in ihren Denkschriften.

Mit Graf Haugwitz beginnt sie nun das große Reformwerk ihres Staates. Schon Prinz Eugen forderte die Vereinheitlichung und Zentralisation des aus mannigfachen Gegensätzlichkeiten nationaler, kultureller, wirtschaft- licher und verwaltungsmäßiger Art bestehenden, riesenhaften Staatskör- pers. Aus dem Bündel der Personalunion muß eine Realunion geschaffen werden. Die Zentralisation der Verwaltung erfordert die Ausschaltung der Stände, denen es bisher überlassen war, die Steuern einzutreiben. An ihre Stelle wird die zentrale landesfürstliche Verwaltung gesetzt. Mit der Zentralisation fallen die staatsrechtlichen Grenzen zwischen Böhmen und Österreich, Ungarn behält die von der Königin bei ihrer Krönung zuge- sagte Selbständigkeit. Es setzt der lange, zähe, die Königin oft bis an den Rand ihrer seelischen Kraft treibende Kampf mit den Ständen, mit dem auf seinen Privilegien bestehenden Adel ein.

Doch das große Werk gelingt unter der behutsamen, in ihrem Willen nicht erlahmenden Führung Maria Theresias. Mit dem geordneten Verwaltungs- wesen gesunden auch die Staatsfinanzen. Damit schafft sie die Voraus- setzungen zur Reorganisierung des Heeres, der Stütze ihrer Macht, mit dem sie sich durch die schweren Jahre des Ringens um Schlesien beson- ders verbunden weiß und dem schon immer ihre große Vorliebe galt. Feldmarschall Daun baut ein neu organisiertes Heereswesen auf, dessen militärische Schlagkraft sich den preußischen Waffen im Siebenjährigen Krieg gewachsen zeigt.

Aber was vermögen die tapfersten Soldaten, was das taktisch-defensive Können des Feldmarschalls Daun gegen die strategisch-offensive Feld- herrnkunst Friedrichs. Am liebsten ginge sie selbst an die Front, um nach dem Rechten zu sehen, wenn sie nur nicht das dauernde Wochenbett dar- an hinderte. Wie wenig liegt ihr die zaudernde Art ihrer Heerführer, wie bedauert sie in dieser Lage, kein Mann zu sein.

Die im Südosten von Prinz Eugen geschaffene Militärgrenze schützen ins Land geholte Grenzbauern, die sich gleichzeitig zu soldatischem Dienst verpflichten müssen. Pflug und Schwert, ein Wehrbauerntum, schaffen so der Grenze des Reiches Dauer und Schutz.

Die von ihren Vorgängern begonnene Besiedelung der neu erworbenen Gebiete im Südosten wird zu einer Kolonisationstätigkeit größten Aus- maßes und ist in ihrer, ein volles Jahrhundert dauernden Bewegung eine der stolzesten Kulturleistungen unseres Volkes. Sie wird staatlich gelenkt und ist rein bäuerlich. Franken, Lothringer, Schwaben, Sachsen, aus al- len Teilen des alten Reiches und der Erbländer strömen die Bauern ins Land. Siebenbürgen, die Bukowina, Gottschee, Galizien – überall im Südosten entsteht neuer Siedlungsraum, wird deutscher Volksboden gewonnen. Maria Theresia vermerkt mit Stolz, daß Ungarn allein mit deutschem Blute aufgebaut wurde.

Daß sie die Protestanten der Erbländer zwangsweise aussiedelte, wenn sie sich nicht zum katholischen Glauben bekehren wollen, und ihnen in den noch nicht erschlossenen Weiten des Donauraumes Land gibt, wird ihr oft als religiöser Fanatismus verübelt. Gewiß ist sie aus ihrer tiefen religiös-katholischen Überzeugung heraus und als ein Kind der Gegenre- formation untolerant. Ihre Denkungsart entspricht hierbei kaum staats- politischem Interesse als vielmehr seelisch-sittlichen Gründen. Sie ist überzeugt, ihren Landeskindern mit dem katholischen Glauben die beste Lebensgrundlage zu geben. Die Unduldsamkeit in religiös-kirchlicher Beziehung kommt der Geschlossenheit ihres in Bildung begriffenen Ein- heitsstaates zugute. Wie wir auch die Reformation kirchlich beurteilen, historisch gesehen hat sie, da sie in ihrer Zielsetzung auf halbem Wege stecken blieb, dem Reich viel Kraft gekostet und schließlich dem Katho- lizismus genug Spielraum gelassen, zur Gegenreformation anzusetzen und damit das Reich in zwei gegeneinander gerichtete Glaubensblöcke zu tei- len. So sah auch Leibniz in der Einheit des Glaubens die Möglichkeit zur Wiederaufrichtung des universalen Reiches um Deutschlands Einheit willen. Leider wurde Maria Theresia nicht der Rat zuteil, diesen und andere hervorragende deutsche Gelehrte und Künstler an den Wiener Hof zu holen. Lessing, Klopstock, Herder, sie hätten Wien zur strahlenden Mitte deutschen Kultur- und Geisteslebens gemacht. Durch die Gegenre- formation kam dem Souverän Wille und Recht zu, das religiöse Bekennt- nis seiner Untertanen zu bestimmen. Doch weit von Bigotterie entfernt, wußte Maria Theresia die Belange der Kirche von denen des Staates säu- berlich zu trennen. Sie hat auch hier nach dem Rechten gesehen und man- che ergiebige Einnahmequelle der Klöster und Kirchen abgeschnitten.

Obwohl, wie sie selbst zugibt, in wissenschaftlichen Dingen ungebildet und ohne Verständnis, wird unter ihrem Arzt und wissenschaftlichen Rat- geber van Swieten die an den Hochschulen und im Bücherwesen von den Jesuiten ausgeübte Zensur beseitigt, der Grundstein zur berühmten Wie- ner medizinischen Fakultät gelegt und das höhere Bildungswesen, seit dem Mittelalter Stiftung mit “freier Lehrmeinung”, unter staatliche Kon- trolle gebracht. Unter dem Einfluß van Swietens gewinnt auch das janse- nistische Denken immer breiteren Raum und fördert den aufklärerischen Geist ihres Sohnes Joseph, der zu ihrem Leidwesen ein großer Bewun- derer König Friedrichs ist.

So wenig sie die Wissenschaft interessiert, so sehr kümmert sie sich um die elementare Bildung ihrer Untertanen. Sie ist die Begründerin der öster- reichischen Volksschulen. Sie sind ganz ihr Werk, und 1780 gibt es 500 neue Volksschulen in Österreich, eine großartige Leistung, die das preu- ßische Vorbild weit übertrifft. Die deutsche Sprache wird in der gesamten Monarchie eingeführt, in Wien gibt es sogar eine Kanzel für deutsche Beredsamkeit.

Sie denkt nun auch an den Stand, der die schwerste Last des ganzen Landes zu tragen hat und befreit das Bauerntum von der drückenden Fron. Die Robotleistungen werden auf höchstens 3 Tage wöchentlich ein- geschränkt, sie können jetzt auch in geldlicher Form abgegolten werden. Auf ihren eigenen Gütern hebt sie die Leibeigenschaft auf, durch ihr gu- tes Beispiel den Adel zum Nacheifern auffordernd. Wenn auch die Ge- schichte das Werk der großen Bauernbefreiung ihrem Sohne Joseph II. zuschreibt, sie ist es, die seine umfassenden Reformen geistig vorbereitet. Im Gegensatz zu ihrem voranstürmenden Sohn, der 1765 die Mitregent- schaft antritt, handelt sie bedachtsam, die Klugheit ihrem sicheren Ge- fühl unterordnend. Die Kaiserin denkt empirisch, ihr starker Wirklich- keitssinn lenkt die Maßnahmen ihrer Regierung in evolutionäre Bahnen.

Was vor ihr nicht gelang und durch die josephinischen Reformen einer gewaltsam vorgehenden Germanisierung wieder zerstört wurde, glückt ihr: das Vertrauen ihrer volkfremden Untertanen zu gewinnen und ein gemeinsames Staatsgefühl zu schaffen. Es konnte auch nur dieser einzig- artigen Fürstin und Mutter glücken, die nationalen Eigenwilligkeiten in Bann zu schlagen.

In 40jähriger Regentschaft ist die große Kaiserin allmählich müde ge- worden. Nach dem endgültigen Verlust Schlesiens, mit dem sie sich in- nerlich längst abgefunden hat, stiftet sie Frieden im Reich durch den Ver- zicht auf den Kampf um die Bayerische Erbfolge. Die Auseinanderset- zungen mit ihrem Sohn, dem Kaiser Joseph II., mit dem sie zwar grund- sätzlich eins ist, dessen impulsives Wesen und männlich rationaler Geist ihrer ausgeglichenen und gemütstiefen Art fremd sind, schmerzen sie um so mehr, als sie diesen Sohn abgöttisch liebt, und zehren an ihren Kräf- ten. Als sie 1780 im wahrsten Sinne des Wortes aufrecht stirbt, ist Joseph bis ins Innerste erschüttert.

Maria Theresia hat die ihr von der Geschichte auferlegte Prüfung bestan- den wie nur ganz große Persönlichkeiten! Ihr Leben war Opfer und Hin- gabe an ihren Staat, ihr Glück die beständige Liebe zu ihrem Gemahl, Franz Stefan von Lothringen, dessen Krönung zum deutschen Kaiser Franz I. dieser ihrer Bemühungen schönster Lohn war. Ihm hat sie in den 20 Jahren ihrer Ehe 16 Kinder geboren. Als er starb, war das Glück ihres Lebens vorbei, ihr wundervolles Haar schnitt sie ab und erschien niemals anders mehr als in ihrer schwarzen Witwenkleidung. Diese große Frau lebte aus tiefsten sittlichen Bereichen, in der Familie sah sie die Grundla- ge des Lebensglücks und des Staates. So war ihr Familienleben vorbild- lich, ihre Kinder erzog sie zu geraden, rechtlich denkenden Menschen. Doch höher noch stand ihr das Wohl des Staates, dem sie das persönliche Glück ihrer Kinder opferte, die sie auf viele Throne Europas verheiratete, sie immer wieder mahnend, nicht zu vergessen, daß sie als Deutsche ge- boren wurden. Wie aufrecht und ohne Klage stirbt Maria Antoinette auf dem Schafott der Französischen Revolution, ganz die Tochter der großen Maria Theresia!

Wir müssen uns Maria Theresia als herrliche, blutvolle Barockgestalt vorstellen. In ihr ist Musik und um sie lebt Musik, die Musik einer le- bensfrohen Epoche. Haydn und Mozart sind die ungekrönten Könige. In Österreich erlebte das Zeitalter des Barocks noch eine glanzvolle Höhe und Geschlossenheit, als es im übrigen Reich schon neuen Formen weicht. Eigentlich klingen alle Kunstepochen in Österreich in einem eigenen schö- nen Ton nach. Es liegt wohl im Charakter des Grenzlandes. Alle Schwin- gungen der Kunst und Kultur, empfangen aus dem ganzen Volksraum, brechen sich am Grenzwall und kehren so, verdichtet, in einer Gegenwel-

le zurück. Ein Grenzvolk ist konservativ wie der Bauer, der am Lebendi- gen schafft. Alles Neue muß erst sorgsam geprüft sein, bis es als gut befunden, dem eigenen Brauch angepaßt, übernommen werden kann.

So hat zwar Österreich das Tor für fremde Kultureinflüsse offen, aber hängt mit um so größerer Zähigkeit und Liebe am Eigenen. Das Nibelun- genlied blieb in Österreich lebendig, bis es hier endlich im 13. Jahrhun- dert aufgeschrieben und somit als Nationalepos bewahrt werden konnte.

Auch das germanisch-norddeutsche Erbe Maria Theresias hat sich in der Aufgeschlossenheit und Farbigkeit altösterreichischer Lebensart, im froh- sinnigen Rhythmus des Barock besonders schön entfalten können. Den- ken und Handeln fließen so harmonisch aus ihrer gesamten Persönlichkeit, so eins sind Gestalt und Tat, daß sie eigentlich am besten durch ihre Leistungen und ihr Leben selbst beschrieben werden kann. Kein philo- sophisches System, kein doktrinäres Denken belasten diese blanke Selbstverständlichkeit. Sie ist keine Faustnatur wie Friedrich der Große, ihr Biograph Kretschmayr nennt sie eine weibliche Siegfriedgestalt. Sie scheint den altgriechischen Menschen gleich, in denen die Harmonie des Blutes die herrliche Einheit von Körper, Geist und Seele wahrte. Sie hatte auch etwas vom Heil, der Glückskraft germanischer Könige, und ihre Zeit mag dies wohl gefühlt haben.

Doch ist noch ein letztlich Unverlierbares, ewig Gültiges in ihrer Erschei- nung: Wir begegnen in ihr dem ewigen Wesen der deutschen Mutter, wie es uns aus dem Antlitz der Mutter Goethes, der Lieselotte von der Pfalz, der Königin Luise entgegenleuchtet und dem, was Dürers Genius im Bildnis seiner Mutter erschütternd dargestellt hat: dieses Sich-selbst-Verzehren der Mutter im lebenslangen Opfer. Denn Maria Theresia hat sich geop- fert, wie sich eine Mutter nur opfern kann.

Denken wir daran, wie sie in 20 Jahren 16 Kinder geboren und liebevoll erzogen hat und 40 Jahre ohne Unterlaß die Geschicke ihres Landes lenk- te, müssen wir uns fragen, wie ihr ein solches Maß von Arbeit überhaupt möglich war. Es war nur möglich durch das Opfer; durch die Pflicht. Allein diese Größe im Opfer in der selbstverständlichen Pflichterfüllung sollte uns Vorbild sein!

Doch was sie noch über allgemeines Menschenlos, über die schlichte

Mütterlichkeit hinauswachsen ließ, war ihr Schicksal, die Verantwortung für die Zukunft eines gewaltigen Reiches tragen zu müssen. So wurde diese Mutter auf der Waagschale der Geschichte gewogen, und die Ge- schichte neigt sich vor ihrem Heldentum.

Wir bewundern hier ein in Größe gelebtes Leben einer deutschen Frau und Fürstin. Mit ihr können wir all das umgreifen, was wir deutsches Gemüt nennen, denn sie ist seine innige Verkörperung, in ihr finden wir unser sittliches Maß, das sie vorlebte.

Und wir fragen nach Leitbildern? Hier haben wir eines der schönsten, wahrhaftigsten! Es verpflichtet uns, Maria Theresia als ein Heilbild in unsere Zeit zu stellen, das wieder heil macht, weil es selbst heil ist und Heil hat! Wie rein und klar steht es gegen die Entsittlichung dieser Welt, gegen die Verunglimpfung der Mutter, gegen das Herabwürdigen der Frau zur Dirne, – gegen alles, was unser Volk in seinem Innersten treffen und zerstören will!

Und mit ihrem Bilde leuchtet ein Stück deutsch-österreichischer Geschichte auf, das nach ihr benannte theresianische Zeitalter, das gekennzeichnet ist durch seine inneren Reformen, mit denen die Grundlage für ein moder- nes Staatswesen geschaffen wurde, das, wie Preußen im Osten, so im Südosten den deutschen Volksboden erweiterte und die Vormachtstellung deutscher Kultur im Donauraum einleitete. Im Kampf um Deutschland mußte Maria Theresia gegen Preußen unterliegen, der Großmacht Öster- reich verlieh sie Glanz und Festigkeit.

In ihrer urdeutschen Gestalt sind Herkunft und Treue des deutschen Öster- reich symbolisiert, in ihr lieben wir die deutsch-österreichische Art unse- res Volkscharakters. Es ist wohl niemand, der ihr Deutschsein auch nur im Entferntesten in Zweifel ziehen könnte. So schreibt sie an Königin Marie Karoline von Neapel im April 1768:

“Vergiß niemals, daß Du als Deutsche geboren bist, und bemühe

Dich, die guten Eigenschaften zu bewahren, die unser Volk kenn-

zeichnen, die Herzensgüte und die

bleibe stets eine Deutsche durch Deine Geradheit und gib Dich als Neapolitanerin in allen Dingen, die indifferent, aber in kei- nen, die von Übel sind.”

Im Herzen

Und an Erzherzogin Marie Antoinette nach Paris:

“Glaube mir: Der Franzose wird Dich weit höher schätzen und mehr von Dir halten, wenn er bei Dir deutsche Gediegenheit und Freimütigkeit findet. Schäme Dich nicht, eine Deutsche zu sein, selbst in ihrem linkischen Wesen, das muß man mit Güte entschul- digen und nicht dulden, daß man sich darüber lustig macht.”

Nie kann man sie als die Ahnin eines außerdeutsch gedachten Kaisertums betrachten. Ihre tiefste Verachtung wäre jenen gewiß, die heute die staat- liche Eigenständigkeit Österreichs mißbrauchen, um sich aus dem deut- schen Schicksal hinwegzustehlen, und eine eigene Nation ausrufen!

Ihre Mahnung an ihre Töchter: “Vergiß nicht, daß Du eine Deutsche bist”, gilt für uns alle in dieser uns gefährdenden Zeit!

Zurückgedrängt auf unseren volklichen Ursprungsraum im Südosten, an den Volkstumsgrenzen ob staatlicher Ohnmacht bedroht, und im Innern dem Plan der Volkszerstörung durch Unterwanderung ausgesetzt, bestimmt uns das Vermächtnis der großen Kaiserin, heute wie einst Kraft und Lie- be unseres Volkes auf Österreich zu richten, damit dieses Land als Grenz- mark unseres Lebensraumes seine deutsche Aufgabe weiterhin erfüllen kann. Dann bleibt das Bild der größten Frau Österreichs unverlierbar in das Antlitz unseres Volkes geprägt.

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Frauentum gestern und morgen

Vortrag anläßlich der Tage Deutscher Kultur Planegg / München im Oktober 1975

Gewidmet den zwei Millionen unbekannten deutschen Frauen und Mäd- chen, die durch die Hölle der Sieger gegangen sind, und den Zweihun- derttausend, die in ihr umkamen.

Zum Thema Frauentum und seine Sendung und Aufgabe im Volke nur von der Frau und nur zu ihr sprechen zu wollen, hieße, am Wesentlichen ihrer Sendung und an der Wirklichkeit ihrer Aufgabe vorbeizureden, denn diese können nur aus dem Ganzen und für das Ganze ihres Volkes verstan- den werden. Frauentum ist ebensowenig wie Männertum als ein Selb- ständiges vom Menschen und vom Volklichen zu denken. Es sind die bei- den Pole eines Lebensganzen, die, sich abgrenzend und sich anziehend, ineinandergreifend ergänzen zur Einheit des Menschen, der Familie und des Volkes. Eines ist ohne das andere undenkbar, eines so gewichtig wie das andere, weil nur beide nach dem Gesetz der Polarität das Leben erst bewirken.

Schon unserem natürlichem Empfinden widerstrebt die Zergliederung in Mann und Frau, ein Abwägen nach Gleichwertigkeit oder gar Gleichar- tigkeit, weil unser anlagemäßiges Denken sie schon aus Urwissen als ein polares Ganzes begriffen hat. Erst recht ergibt sich aus biologischer Sicht die Unsinnigkeit der Frage nach der Gleichwertigkeit der Frau. Hans F. K. Günther sagt dazu in seinem Buch „Formen und Urgeschichte der Ehe“:

„In Wirklichkeit kommt beiden Geschlechtern gleich großes Ge- wicht zu. Der sittlichen Haltung der Frau ein größeres Gewicht.“

Nur eine fremde Ideenwelt vermochte es, die wesengebundene Anschau- ung natürlicher Verschiedenheit und natürlicher Beziehungen der Ge- schlechter als Glieder einer organischen Gemeinschaft zu stören und die Frage nach der Gleichwertigkeit der Frau aufzuwerfen. Sie ist ebenso unsinnig wie etwa die Frage, ob positive oder negative Elektrizität wich- tiger und wertvoller sei. Die Frau und der Mann können nur eine Teilver- körperung eines gesamtgeistigen und biologischen Begriffes vom Men- schen sein.

So vermögen wir Sendung und Aufgabe der Frau nicht aus dem Zusam- menhang des Ganzen zu lösen, um sie zu betrachten und ihre Gesetzmäs- sigkeiten zu erkennen.

Eine Stellungnahme in der Gegenwart muß, um ein Bild für die Zukunft zu gewinnen, der Frau zunächst wieder den Platz einräumen, der ihr ge- bührt: nämlich den Platz in der Gesamtgeschichte und Kulturgeschichte unseres Volkes.

In der gegenwärtigen Unsicherheit ist es wohl notwendig, den schwan- kenden Boden einer ständig veränderten Umwelt zu verlassen, um aus der Geschichte und ihren biologischen Antrieben ein klares Bild vom Frau- entum und von seiner Sendung im Volksganzen zu gewinnen. Alle Ge- schichte aber ist Blick in die Zukunft. Wo sie diese Aufgabe nicht erfüllt, ist sie nur musealer Staub. So wollen wir die Quellen zurückverfolgen und die Gesetze aufsuchen, die ihnen zugrunde liegen.

Wenn unser Volk im Laufe seiner Geschichte trotz aller fremden Einflüs- se unvergleichliche Leistungen vollbracht hat, so hat es diese Höhe seiner Entfaltung nicht zuletzt auch seiner Kinderstube zu verdanken, in der mit Hingabe und Opfermut, über schwerste Zeiten der Not und Verwirrung die Frauen unermüdlich mit milder und sicherer Hand gewirkt haben. Dieses Urteil kann einer geschichtlichen Betrachtung über die Sendung der Frau in unserem Volke vorangestellt werden.

In der Bedrängnis der Gegenwart vermögen die hohen Frauengestalten der Vergangenheit unsere Mädchen und Frauen auf den Weg zu führen,

der ihnen durch Wesen und Art ihres Menschentums und die ihnen zufal- lende Stellung als Frau und Mutter bestimmt ist. Des Lebens Sinn kann sich doch nur erfüllen, indem wir uns in seinen naturgegebenen Grenzen zur höchsten Möglichkeit entfalten. Wieviel wahrhafte Glückseligkeit aber hält das Leben für uns bereit, wenn wir ihm dienend begegnen.

Natur- und Kulturwesen

Durch die modernen Naturwissenschaften der Lehre von den Genen, der Biochemie und Biophysik und nicht zuletzt durch die Verhaltensforschung wachsen uns neue Erkenntnisse zu. Der Mensch ist ebenso Natur- wie Kulturwesen. Ehe, Familie und Gesellschaft sind keine Errungenschaften der Kultur, sondern bestehen bereits im vormenschlichen Bereich. Sie sind wichtige Einrichtungen des Lebens zur Brutpflege und Aufzucht und damit zur Erhaltung der Art.

Je höher die tierischen Lebewesen entwickelt sind, desto mehr treten Bin- dungen zwischen Männchen und Weibchen auf, die dann schließlich mehr aus Seelischem als aus Leiblichem erklärbar sind. Ihr Familienverband ist über die Dauer der Geschlechtsreife der Jungen hinaus der Urgrund allen Gruppenlebens. Schon Herder erkannte, daß der Mensch genauso wie der Menschenaffe kein Herdentier ist, sondern ein Familientier. Die von den vernünftelnden Ideologien des 19. Jahrhunderts vertretene Theo- rie, derzufolge sich die menschliche Gesellschaft von der Urhorde mit ihrem ungeregelten Geschlechtsleben langsam zu höheren Formen der Einehe und Familie entwickelt haben soll, gehört in das Reich der Phan- tasie, wie das von Hans F. K. Günther in dem vorerwähnten Buch und anderen Wissenschaftern nachgewiesen worden ist. Die Natur hat wohl den menschlichen Lebensformen von Ehe und Familie auch vorgebaut:

Es läßt sich streng beweisen, daß beim gleichen Vorgang der Chromoso- menteilung gemäß den Mendelschen Gesetzen auch die geschlechtsbe- stimmenden Anlagen verteilt werden, so daß auf jeweils 106 Knaben 100 Mädchen geboren werden (Alfred Kühne, „Die Geschlechtsbestimmung als Vererbungserscheinung“). Man kann auch an dieser Stelle sagen, daß sich der Mensch der Weisheit der Natur noch immer vergebens widersetzt hat; zur Erhaltung des Lebens auf jeder Stufe, auch der unserer Kultur,

gehören gleicherweise die beiden Hälften eines Ganzen, das Männliche wie das Weibliche mit ihren biologisch verschiedenen Aufgaben.

Fest steht, daß die artgemäße Lebensform der weißen Völker die Einehe ist.

Über gewaltige Zeiträume werden die erblichen Anlagen durch die Ei- gentümlichkeit des Raumes im Kosmischen wie im Parakosmischen aus- differenziert und bedingen die Geltung einer bestimmten Sittlichkeit. Ge- meinsam ist den Völkern mit gesunder Gesittung der Wille zu einer festen und jeden einzelnen verpflichtenden Ordnung eigener Art.

Germanische Ehe

Im Germanischen ist das Recht nicht jeweiliger Vertrag, sondern göttli- che Ordnung. Der hohen Begabung des nordischen Menschen, aus Leben und Natur den ewigen Rhythmus ihrer Gesetze zu erkennen, folgen die ungeschriebenen Gesetze der Familie und Sippe, des Stammes und Vol- kes. Und wie die Gesetze der Natur, so sind auch die Gesetze der Sippe ewig, aus denen das Recht kommt. So ist die Ehe Schicksalswahl und Schicksalsschritt zweier Sippen, deren Blutströme nun ineinanderkrei- sen. Die germanische Ehe ist Schicksalsgemeinschaft in vollem Sinne, es ist die Verbundenheit selbständiger Persönlichkeiten in der Einmütigkeit des Wollens. Sie ist ewiges Gesetz.

Aus dem Gemeinschaftsleben der Germanen erwuchs der Frau weniger Recht als Geltung; denn nirgendwo und auch später nicht hatte die Frau eine so hohe Stellung wie im germanischen Bereich. Der berühmteste Zeuge dafür ist der Römer Tacitus. Mit römischen Augen vermag er den- noch die edle Gesittung zu beobachten, die das germanische Leben kenn- zeichnet, und die schönste Rede führt er über die natürliche Anmut, Wür- de und Schönheit der Germanin und ihre herrschende Stellung in Haus und Hof. Der germanische Mann legte wichtigste Entscheidung über Krieg und Frieden, über Leben und Tod in die Hände der Frau. Und jene stolzen und klaren, heldentümlichen und mütterlichen Gestalten stehen vor uns, wenn wir das eddische Lied von Goa hören, die ihren Sohn stärkt mit den tapferen Worten:

„Das sing ich dir zum ersten, das man allkräftig nennt – es sang Rinda dem Ran – daß von der Schulter du schleuderst, was schlimm dich dünkt; führe selber dich selbst!“

Der Einbruch der fremden Welt des Christentums hat die Quellen unseres Wissens verschüttet, getrübt oder gefälscht. Aber uns blieben die Zeug- nisse germanischen Wesens und Lebens in der Edda und den Islandsagas. Island als das Rückzugsgebiet der nordischen Menschen war der For- schung späterer Zeiten zugänglich, weil es erst um das Jahr 1000 chri- stianisiert worden ist.

Es ergibt sich als Folge des eindringenden Christentums ein Ringen durch die Jahrhunderte, das die germanisch-deutsche Seele nicht zur Ruhe kom- men läßt. Grundlegend verschiedenes Wissen verschiedener Räume trifft aufeinander.

Überfremdung

Aus orientalischem Blute kommt die Mythe von der sekundären Erschaf- fung des Weibes und seinem primären Sündenfall. So heißt es in der christ- lichen Schöpfungsgeschichte, das Weib entstammt dem Manne und ist um seinetwillen geschaffen. Er ist des Weibes Ursprung und Zweck.

Im Erberinnern des Nordmenschen stehen die „schicksallosen“ Bäume Ask und Embla am Gestade des Meeres, die die Gottheit zu Menschen erweckt, auf daß sie ihre Lebenskronen gemeinsam ins Licht tragen.

Diesen beiden unvereinbaren Lebensanschauungen werden wir auf dem Kampffeld unserer Geschichte immer wieder begegnen. Und es ist letzten Endes die Frau das Angriffsziel der erobernden Kirche, die im tief veran- kerten Sippengedanken den eigentlichen Antipoden ihrer Weltanschau- ung sieht.

Der Gedanke der Sünde tritt nun zwischen die Geschlechter. Das Weib als Urheberin und Gefäß der Sünde ist den Einflüsterungen der Schlange hörig und verführt den Mann. Ja, in den Synoden von Masson (585) und

Tyrnau (611) wird allen Ernstes die Frage aufgeworfen, ob man das Weib als Menschen ansprechen soll. In Tyrnau heißt es:

„Von den Kleidern kommt die Motte und von den Weibern die Gottlosigkeit der Männer. Alle Bosheit ist klein gegen die Bosheit des Weibes. Ein Jagdfallstrick ist das Weib, ein Netz sein Herz und seine Hände Fesseln.“

Dieser mittelmeerische Geist läßt sich nicht zuletzt auch als Ausfluß des widernatürlichen Zölibates erkennen.

Der innere Kampf zwischen der Kraft der ererbten Lebensart und dem christlichen Glauben bewegt die Geistesströmungen unserer Geschichte bis in unsere Tage. Er steigert sich zeitweise zur Tragödie, besonders für die Frau.

Daß es dennoch gelingt, dem übernommenen Glauben die Züge eigenen Erlebens zu geben, beweist die unaustilgbare Kraft der hohen Seelenwer- te eines Volkes.

Das untrüglichste Zeichen für die Bewährung der deutschen Frau und Mutter liegt schlechthin in den Zeugnissen der Kunst. Der engelgleiche Leib des Weibes, an dem das Schlangengezücht emporzüngelt, weicht dem Madonnenantlitz der deutschen Kindesmutter. Aus den biblischen Darstellungen und im Marienkult blickt uns das Angesicht schlichter und inniger Mütterlichkeit deutscher Art entgegen. Die Künstler konnten die- ses Bild zur ewig gültigen Gestalt erheben, weil sie ihm in der eigenen Mutter und der Frau ihrer Tage begegnet sind. Das Ideal weiblicher Schön- heit unserer Art, dessen Linien von innen nach außen führen, weist keine Bruchlinien auf. So empfinden wir Thusnelda, deren stolzes und keu- sches Germanentum die Römer bezwingt, ebenso uns zugehörig wie das Inbild deutschen edlen Frauentums in der Gestalt der Uta von Naumburg. In den Domen von Magdeburg und Bamberg erschauen wir die großen Frauengestalten des mittelalterlichen Königtums, der Mathilde und Ku- nigunde als Gemahlinnen Ottos I. und Heinrichs II. Sie gehören genauso zum Gesamtbild wie das Antlitz der unbekannten deutschen Mutter, de- ren Opferleben Albrecht Dürer im erschütternden Bildnis der eigenen Mutter ein unvergängliches Denkmal gesetzt hat.

Über dem Lauf der Zeiten und ihrer geistigen Auswüchse mag manches

im Bild der deutschen Frau auch andere Züge angenommen haben; es wird immer durchströmt und durchleuchtet von den Eigenschaften der Opferfähigkeit an der Seite des Mannes, der täglichen Pflichterfüllung als Gefährtin und Kameradin und der unermüdlichen Hausfrau und Be- treuerin der Familie. Wenn auch über das stille Leben der einzelnen die Geschichte mit mächtigen Schritten hinweggeht, so bleiben uns doch ge- schlossene Bilder der einzelnen Landschaften und Epochen über die Lei- stungen der Frau im bäuerlichen Alltag, der dem heutigen sicher nicht unähnlich war, im vielseitigen Aufgabenbereich der mittelalterlichen Hand- werkerfamilie, im Zunftleben der Städte und im Leben des aufsteigenden Bürgertums.

Aus dem allgemeinen Geschick erheben sich Frauengestalten, deren Cha- rakter, Leben und Leistungen ebenbürtig an die Seite großer Männer zu stellen sind. Unser Volk ist reich an überragendem Frauentum, das, zeit- gebunden, dennoch als gültiges Vorbild in unsere Tage und die Zukunft unseres Volkes hineinwirken kann. Sie uns wieder zugänglich zu machen als Leitbilder deutscher Wirklichkeit und Wahrheit sollte auch eine Auf- gabe deutscher Jugenderziehung sein.

Verweilen wir noch in jener Zeit, in der wir das ungestörte deutsche Frau- entum aus germanischem Geiste auffinden. Hier begegnen uns Gudrun und Kriemhild als die herausragenden Beispiele germanischen Frauen- tums, das wie in der Edda als das Hohelied der Sippentreue besungen wird. Im Nibelungenlied scheint die in sich ruhende Einheit germanischen Lebens und germanischer Sippenehre im Bilde der Kriemhild schon et- was verzeichnet. Während es dem Dichter Gerhard Schumann gelungen ist, dem Gudrunlied wieder den unausweichlichen heroischen Charakter der großen germanischen Tragödie zu geben in der Sippentreue bis zum Letzten, auch über einen ans Leben greifenden Kummer hinweg. Über dem Schmerz um den geliebten Mann steht die Verpflichtung für die Ge- meinschaft des Blutes.

Von der Art germanischer Mütter schwerttragender Söhne, die lieber ih- ren Sohn sterben sehen, als daß Unehre ihn trifft, treten jene Gestalten in unser Bild, die als mittelalterliche Kaiserinnen und Königinnen unserem Geschichtsgedächtnis eingeprägt sind. Consors regni, Genossinnen des Reiches, wurden sie genannt und waren als Gemahlinnen der herrschen-

den Kaiser und Könige die zuverlässigen Stützen der Reichsgewalt. In Abwesenheit des Gemahls waren sie die treuen Wahrerinnen der reichi- schen Aufgaben und Interessen. Aber auch als Fürsprecherinnen und Stif- terinnen der Bauten des Reiches traten sie hervor. Nur zwei überragende Frauen seien hier nochmals genannt: Mathilde, die Gemahlin Ottos I., und Kunigunde, die Gemahlin Heinrichs II.

Es wird oft davon gesprochen, wieviel wertvolles Erbgut unserem Volke durch den Zölibat der Mönche und Priester verlorengegangen ist. Der Erbverlust durch die Frauen, die den Schleier nahmen, ist nicht minder groß. Gerade wertvollste Frauen aus dem Kreise edler Adelsgeschlechter stellten sich in den Dienst des christlichen Glaubens als Äbtissinnen und Stiftsfräulein. So war auch der Anteil der fraulichen Leistungen in den Klöstern als Ausstrahlungszentren der Kultur beachtlich. Eine Frau ragt besonders durch ihre hohe Begabung heraus: die Äbtissin Hildegard von Bingen, die sich dichterisch und vor allem schriftstellerisch als Ärztin betätigte. Sie war die letzte Ärztin germanischen Stils einer naturverbun- denen Heilweise vor dem Abgrund von Aberglauben und Torheit, der das Mittelalter heimsuchte. Frische Luft und regelmäßige Zahnpflege emp- fiehlt sie, in ihren Klöstern gibt es fließendes Wasser. Ihre Verbindungen gingen über ganz Europa. Mit Kaiser Friedrich Barbarossa verband sie eine hochherzige Freundschaft. Auch ihm gegenüber findet sie ernste und mahnende Worte:

„Du hast einen ruhmreichen Namen, sieh also zu, wenn der höchste König dich betrachtet, daß du nicht beschuldigt werdest du ha- best dein Amt nicht recht verwaltet, und daß du dann nicht zu erröten brauchst.“

Die Erfindung der Seife schreibt man übrigens der germanischen Frau zu, wie die Erfindung des Puders der Französin.

Wie bewundern wir heute die kunstvollen Bildteppiche und kostbaren Stickereien an Gewändern und Schmuck, die im Frauengemach der ade- ligen Damen entstanden sind! Sie waren neben dem geistlichen Stande in hervorragendem Maße Trägerinnen der Kultur. Ein Wolfram von Eschen- bach konnte nicht schreiben, aber sie waren der Kunst der Buchstaben und Schrift mächtig. Trotz der streng getrennten Stände finden wir die Frauen der Adelsgeschlechter auch in sozialen Diensten als Hebammen

und opferbereite Helferinnen und Pflegerinnen bei Seuchen und Pest. Wieviel Leid und Selbstaufopferung werden gerade die Frauen durch die- se Geißel durchlebt haben; 71 Jahre wütete die Pest in der Zeit vom 15. bis zum 17. Jahrhundert.

Vom Minnesang zum Hexenwahn

Ein heller und gläubiger Ton erklingt im Mittelalter im deutschen Minne- sang. Walther von der Vogelweide gibt ihm jene deutsche Tiefe, mit der er den wahren Adel der Frau preist, den er über alle Standesunterschiede hinweg gefunden hat:

Von der Elbe bis zum Rheine Und zurück in das Ungarland Sind die besten Fraun alleine, Die ich auf der weiten Erde fand. Weiß ich recht zu schauen Wackern Sinn und Leib, Helf mir Gott – ich schwöre, Daß das deutsche Weib Besser ist als andre Frauen.“

Es ist erschütternd, daß dieser kurzen und diesseits-frohen Stimme des deutschen Minnesanges die schaurige Tragödie des deutschen Frauen- geschlechtes durch den Hexenwahn folgt. Während noch die letzten Min- nelieder deutscher Sänger erklingen, lodern schon die ersten Scheiterhau- fen. Bis ins 18. Jahrhundert sollte die Verfolgung der Frau dauern, die Millionen von bestem Blut gekostet hat. Hier erging sich eine fremde Welt in Exzessen, die dem deutschen Gemüt stets unbegreiflich bleiben werden.

Die beiden Bürgertöchter Agnes Bernauerin und Philippine Welser wa- ren Märtyrerinnen und Streiterinnen in einem gigantischen Kampf, den das gesamte Mittelalter um die Ehre und Lauterkeit der deutschen Frau und Familie zu kämpfen hatte.

Unter den Frauen des aufsteigenden Bürgertums finden sich Namen wie Barbara Fugger aus Augsburg und Barbara Uttmann aus Nürnberger

Geschlecht, die Erfinderin des Klöppelns, mit dem sie den Frauen des Erzgebirges eine Erwerbsmöglichkeit gegeben hat.

Neues Vorbild

Bauernkriege und Reformation erschüttern die Zeit. Da wird der deut- schen Familie ein neues Vorbild gesetzt. Martin Luther bricht mit dem Zölibat und begründet mit der Nonne Katharina von Bora das deutsche Pfarrhaus. Überspitzt ist gesagt worden, daß dies Luthers beste Tat ge- wesen sei. Fest steht, daß damit der deutschen Familie und der deutschen Kultur ein gar nicht hoch genug einzuschätzender Dienst erwiesen wor- den ist. Für Katharina von Bora erfordert der Schritt in die Ehe gleichen Mut. So verdanken wir das Geschenk des deutschen Pfarrhauses dem Reformator und der Katharina von Bora. Die Briefe Luthers an seine Hausfrau lassen wohl verspüren, daß er sie höher wertete „denn das Kö- nigreich Frankreich und der Venetier Herrschaft“. Wenn er an seinen „freundlichen lieben Herrn, Frau Katharina von Bora, Dr. Lutherin zu Wittenberg“ schreibt oder „seiner lieben Hausfrau K. v. B., Predigerin, Brauerin, Gärtnerin und was sie mehr sein kann“, so ist der daraus klin- gende Eindruck der Harmonie der Lutherschen Ehe Beweis und Siegel für den gemeinsam geführten Lebenskampf, daran die Frau ihr gut Teil getragen hat.

Der ungeheure Aderlaß des verheerenden Dreißigjährigen Krieges mit dem Verlust von zwei Dritteln der deutschen Bevölkerung, namentlich zu Lasten der nördlichen Reichshälfte, stellt der deutschen Familie die be- sondere Aufgabe, das verödete Land durch Kinderreichtum wieder zum Leben zu erwecken. Von der 1650 erlaubten Doppelehe wird kaum Ge- brauch gemacht; es bleibt bei der Einehe mit dem reichen Segen von oft 10 bis 20 Kindern. Welch große Begabungsvielfalt damit dem Volke zu- fließt, macht sich in den folgenden Jahrhunderten bemerkbar. Tapfere Menschenschicksale im gesamten Volke sind es, die den Weg aus dem verhängnisvollen Abgrund empor zu neuem kraftvollen und schöpferi- schen Leben ermöglichen.

Als Gemahlinnen der preußischen Fürsten begegnen wir großgearteten Frauenpersönlichkeiten. Luise von Preußen, eine überaus tapfere und

geistig aufgeschlossene Frau, in der das Blut des Anführers der französi- schen Protestanten und das des protestantischen Fürsten Wilhelm von Oranien, des von Rom bestgehaßten Mannes, fließt, ist unter ihnen.

Wer kennt nicht die Lieselotte von der Pfalz, die durch ihre fast nur in deutscher Sprache geschriebenen 3000 Briefe berühmt geworden ist! Sie ist trotz ihrer Heirat an den französischen Hof immer eine bewußte Deut- sche geblieben. So schreibt sie an die Raugräfin Luise:

„ Daß Euch das Teutschland noch über andere Länder geht,

liebe Louisse, ist gar natürlich; Waß man gewohnt, gefelt einem

immer besser, alß waß frembt ist, und daß Vatterlandt steht unß “

Bevor über der aufkommenden Barockzeit die Umrisse der überragenden kaiserlichen Maria Theresia sichtbar werden, treten uns zwei Frauenge- stalten als Verkörperung künstlerisch-schöpferischer Leistung der Frau entgegen. Ein Zeitgenosse nennt Karoline Neuber, die „Neuberin“, „eine Frau von männlichen Einsichten und einer vollkommenen Kenntnis der Kunst“. Ihr ist die Reformation des Theaters von der Posse zum ernsten Theater als Bildungsstätte von Geist und Charakter zuzuschreiben. Les- sing empfing durch sie nachhaltige Eindrücke und Anregungen. Sie ist aus der Geschichte des Theaters nicht wegzudenken.

Duftige Blätter mit greifbar schönen Blumen und Insekten fallen uns in die Hände. Sie stammen von Maria Sybilla Merian aus der Familie der Frankfurter Kupferstecher und Topographen. Sie ist die Trägerin reich- sten Erbes ihrer Vorfahren. Ihre Leistungen als Zeichnerin von Insekten und Blumen sind selbst für das 17. Jahrhundert ungewöhnlich. Von einer Seereise zu den südlichen Meeren kehrt sie mit ergiebigen Studienerfol- gen zurück und gibt ein bedeutendes Werk über Insekten heraus mit 60 Kupferstichplatten. Ihr Werk blieb uns erhalten. Tausende Frauen mit ähnlich kraftvollem Sinn und gleicher Verantwortungsfreude schieden aus dem Kreis ihres Wirkens, ohne daß die Nachwelt sich ihrer erinnert.

Bekannt unter ihnen wurde an der Seite jenes Genies, das am Anfang der Weltgeltung deutscher Musik steht, Frau Anna Magdalena Bach. Ihr klei- nes Notenbüchlein bezeugt die innige Anteilnahme am Schaffen des Ge- waltigen. Ihr Haus machte Kulturgeschichte als Geburtsstätte der deut-

Teutschen allezeit ahm besten ahn

schen Kantorei. Und wie das Pfarrhaus zum Vorbild deutscher Familien wurde, so war das deutsche Kantorhaus eine Pflegestätte deutscher Mu- sik und Erziehungsstätte der Schüler durch die Hausfrau. Siebzehn Kin- der waren der Anna Magdalena anvertraut, davon hatte sie dreizehn selbst geboren. Ihr Leben voll edelster Aufopferung endete nach dem Tode des Gatten Johann Sebastian Bach in einem Armenhaus.

Maria Theresia

Zum erstenmal wird in der deutschen Geschichte eine Frau zur Herrsche- rin eines großen Reiches erhoben, Kaiserin Maria Theresia. Und es ist ein überaus groß geglücktes Leben dieser genialischen Frau. Die Wir- kungen ihrer Staatskunst erstrecken sich bis in die moderne Zeit. Auch in ihr begegnen wir dem ewigen Wesen der deutschen Mutter. Sie hat sech- zehn Kinder geboren. Doch was sie noch über allgemeines Menschenlos hinaushebt, war ihr Schicksal, die Verantwortung für die Zukunft eines gewaltigen Staatsgefüges tragen zu müssen. So wurde diese Frau auf der Waagschale der Geschichte gewogen; und die Geschichte neigt sich vor ihrem Heldentum. Mit ihrem Bilde leuchtet ein Stück deutsch-österrei- chischer Geschichte auf, das nach ihr benannte theresianische Zeitalter, das gekennzeichnet ist durch seine inneren Reformen, mit denen die Grund- lage für ein modernes Staatswesen geschaffen wurde, das, wie Preußen im Osten, so im Südosten den deutschen Volksboden erweiterte und die Vormachtstellung deutscher Kultur im Donauraum einleitete. Im Kampf um Deutschland mußte Maria Theresia gegen Friedrich den Großen un- terliegen, der Großmacht Österreich verlieh sie Glanz und Festigkeit. In Maria Theresia haben wir eines der schönsten und wahrhaftigsten Leit- bilder deutscher Frauengröße.

In Preußen wird zwei Generationen später ein Frauenschicksal gelebt, dem wir gleich große Verehrung entgegenbringen. Es ist für den Ge- schichtsbetrachter beglückend, daß eine zarte Gestalt von Schönheit und Güte im Mittelpunkt der deutschen Erhebung steht, Königin Luise. Diese vollendete Gattin und Mutter ist mehr als eine Königin zwischen Heiter- keit der Jugend und Tragik der Stellung an der Seite eines schwachen und entschlußlosen Königs. Sie ist eine Persönlichkeit großen Stiles, mit Klug-

heit begabt. Auf dem zerreibenden Posten zwischen Pflicht und Liebe zum Gemahl und den Aufgaben der Landesmutter Preußens in seiner tief- sten Erniedrigung hat sie die hinreißende Kraft, die Partei des Widerstan- des gegen Napoleon um sich zu scharen.

Ihre berühmte Begegnung mit dem Kaiser der Franzosen bringt zwar nicht die Rettung für das Land, aber sie geht als stille Siegerin hervor. Vorbild- lich ist sie als Mutter und Erzieherin ihrer Kinder und Landeskinder. Sie ist es auch, die für eine staatsbürgerliche Erziehung der Mädchen eintritt. Allein ihr zarter Körper erlebt die Erhebung Deutschlands nicht mehr. Doch das Zeichen der Tapferkeit, das Eiserne Kreuz, wird in ihrem Na- men gestiftet.

Deutsche Erhebung und deutscher Idealismus sind die Antworten auf den westlichen Geist der Französischen Revolution, der nun mit der Parole „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ über Europa eine Zeit neuer Gei- stesverwirrung einleiten wird.

Weimar

In Weimar geht indessen der Stern einer neuen schöpferischen Blüte deut- schen Geistes auf. An der Seite großer Männer steht nun ein neuer Frau- entyp der verständnisvollen Freundin des Mannes, dessen Züge uns schon näher und vertrauter sind. Von der Herzogin Anna Amalia, der Förderin und Schirmherrin der weimarischen Geistesmetropole, angefangen, se- hen wir im Geiste die verschiedensten Frauenpersönlichkeiten der Char- lotte von Stein, Christiane Vulpius, der Schwestern Lengefeld, der Betti- na von Arnim, der Susette Gontard – Hölderlins Diotima – und der Ange- lika Kauffmann, der begabten Malerin. Doch so unterschiedlich die ein- zelnen Frauen sind, sie alle verbindet die vorzügliche geistige Anteilnah- me am Schaffen des Mannes. Unter ihnen erscheint Frau Aja, Goethes Mutter, als eine Inkarnation der in sich ruhenden, heiteren, klugen und opfervollen Mütterlichkeit.

Ist es verwunderlich, daß den begeisterten Aufrufen zur Erhebung Deutsch- lands, Fichtes Reden vom Volksgedanken als religiös-sittlicher Verpflich- tung auch Frauen folgen, kämpfend an der Seite der Männer? Eleonore

Prochaska, Johanna Stegen und Friederike Krüger waren keine vermänn- lichten Frauen, die es dem Kriegshandwerk des Mannes gleichtun woll- ten. Sie waren erfüllt vom glühenden Willen, ihr Opfer für die Freiheit ihres Volkes zu bringen. Sie waren die Heldinnen der ungezählten Frau- en, die nun ihren Schmuck auf dem Altar des Vaterlandes opferten.

Aber das innere deutsche Schicksal war noch nicht ausgekämpft, der Baumeister des neuen Reiches noch fern.

Zwei bedeutungsvolle Frauen dieser Zeit müssen noch hervorgehoben werden: Karoline von Humboldt, die Gemahlin des großen Sprachfor- schers Wilhelm von Humboldt, und Marie von Clausewitz. Beide sind geistige Gefährtinnen des Werkes ihrer Gatten. Ein inniger Briefwechsel der Humboldts mit dem starken Ineinanderschwingen der Liebenden und Eheleute bereichert unsere Kulturgeschichte ebenso wie die ideale Le- bensgemeinschaft der Marie von Clausewitz mit dem berühmten Kriegs- philosophen.

Die Flucht in die Romantik und die Individualität als Früchte der Franzö- sischen Revolution verändern auch das Idealbild der deutschen Frau zum Klärchen und Gretchen. Umsichtige Hausfraulichkeit und opfervolle Mütterlichkeit sind dem Wehrwillen des Mannes gleichgelagert. Versagt er, verblaßt auch das Bild der Frau zum heimeligen begrenzten Hausmüt- terchen. Es ist bezeichnend, daß die Salons der Romantik weitgehend auf die starke deutsche Frauenpersönlichkeit verzichtet haben. Über die Sa- lons der Jüdinnen mischt sich nun fremder Einfluß in die Schichten der deutschen Gesellschaft.

Auf unserem weiteren Weg durch die Geschichte begegnen uns die Künst- lerin Klara Schumann-Wieck, die ihr gefeiertes Künstlertum ganz in den Dienst des geliebten Mannes stellt, und zum ersten Mal eine Frau, die in die Walhalla der Großen der Dichtkunst eingegangen ist: Annette von Droste-Hülshoff.

„Und kann ich denn kein Leben bluten, so blut ich Funken wie ein Stein“,

sind Verse aus ihrem Munde, die zum Wahrspruch ihres Lebensschick- sals werden. Auch die österreichische Dichterin Marie von Ebner- Eschenbach wäre hier zu nennen, und Agnes Miegel, die große Tochter

Ostpreußens, die ein Jahrhundert später das weibliche Dreigestirn am Dichterhimmel vollendet.

Das Zeitalter der technischen Revolution bricht in die bürgerliche Welt ein. Die Industrialisierung wirft gesellschaftspolitische Fragen bisher nicht dagewesenen Ausmaßes auf. Die soziale Frage des neu sich bildenden vierten Standes der Arbeiter wird zum politischen Zündstoff der neuen Zeit. Mit der fortschreitenden Technisierung des Lebens verändert sich allmählich die Familie, die als Erzeugergemeinschaft noch handwerkliche Heimarbeit betrieben hat, zur Verbrauchergemeinschaft. Damit schrumpft auch der frauliche Wirkungskreis beträchtlich. Der Mensch wird zum Knecht der alles beherrschenden Maschine.

Die soziale Einordnung des Arbeiterstandes drängt nach einer gerechten Lösung. Marx und Engels fordern die Herrschaft des Proletariats und entfesseln den Klassenkampf. Tiefe Gräben werden im Volke aufgeris- sen. Die Frauenfrage tritt jetzt als soziales Problem auf. Denn ist schon der Arbeiter sozial benachteiligt, der arbeitenden Frau fehlt jeder Schutz. Der Marxismus bemächtigt sich der Frauenfrage und leitet sie von den evolutionistischen Theorien ab, die im 19. Jahrhundert besonders von Bachofen und Morgan vertreten werden. Karl Marx wollte noch die Ent- wicklungslehre Morgans mit der Darstellung seines „Kapital“ verbinden, hinterließ diese Aufgabe aber seinem Freund Friedrich Engels. Ebenso greift Bebel die Entwicklungslehre Morgans auf und preist sie der Arbei- terschaft an. Die Morgansche Entwicklungstheorie nimmt drei Stufen an, durch die alle Völker aufgestiegen seien oder noch aufsteigen würden: die Wildheit, das Barbarentum und die Zivilisation. Der menschliche Geist zeige sich bei allen Völkern als gleich und einheitlich, und es habe sich bei allen heute höherstehenden Völkern die gleiche Folge von Fa- milienformen ergeben über das anfänglich wilde und ungeregelte Ge- schlechtsleben zur Gruppenehe, von dort zur mutterrechtlichen Familie, die dann vom Vaterrecht zur Einehe führte. Diese Auffassung von einer „evolutionistischen Theorie der Kulturentwicklung“ wurde schließlich von einer ganzen Reihe gesellschaftswissenschaftlicher und völkerkundlicher Schulen auf alle Gebiete des menschlichen Lebens übertragen: auf Stamm und Staat, Gesellschaft, Wirtschaft, Sitte und Glauben und auch auf Ehe- formen und -ordnungen und die gegenseitigen Rechte von Mann und Frau. Und immer hätte die Entwicklung ihren Anfang in höchst wilden und

sogar blutigen Formen genommen bis zur Höhe der europäischen Zivili- sation im 19. Jahrhundert. Natürlich müßte sich auch die Entwicklung des weiblichen Geschlechtes von der absoluten Rechtlosigkeit über Frau- enraub und Magdtum allmählich aus der Unterdrückung durch den Man- ne zur höheren Gesittung vollzogen und endlich zur Gleichberechtigung als Genossin in der marxistischen Gesellschaft geführt haben.

Diese Darstellungen haben die Frauenrechtlerinnen Europas und Nord- amerikas auf den Plan gerufen. Obwohl längst von der Völkerkunde wi- derlegt, sind sie auch heute noch ein beliebtes Thema marxistischer Ge- sellschaftslehre. So schrieb Bebel: „Die Eheform wird durch unsere Wirt- schaftsform bestimmt. Die heutige Eheform ist eine historische Katego- rie, die erst mit dem Entstehen des Privateigentums an Grund und Boden und an den Arbeitsmitteln in Erscheinung getreten ist.“

Die „Befreiung“ der Frau in der kommunistischen Gesellschaftsordnung sieht schließlich ihr Ideal in der „freien Liebe“.

Hier liegen im Verein mit der liberalistischen Auffassung von der schran- kenlosen Freiheit des Individuums die ideologischen Wurzeln heutiger Gesellschaftspolitik, die nach wie vor die Frau als bloßes Geschlechts- wesen wertet.

Die deutsche Frauenbewegung

Die deutsche Frauenbewegung entstand aus der Sicht sozialer Mißver- hältnisse. Es muß zu ihrer Ehre gesagt werden, daß es nicht Frauenrecht- lerinnentum war, das sie bewegte, sondern das Wissen um die volksmüt- terliche Verantwortung der Frau.

Außergewöhnlich tüchtige frauliche Persönlichkeiten wie Henriette Schra- der, Hedwig Heyl und Helene Lange haben theoretisch und praktisch dar- an gearbeitet, die soziale Lage und Bildung der Frau zu verbessern. He- lene Lange schreibt 1903 in der von ihr herausgegebenen Zeitschrift „Die Frau“:

„Neben dem starken Mann soll die starke Frau stehen, stark durch alle Mittel menschlicher Bildung, stark in der Behauptung ihrer innersten Natur, deren springender Punkt die Mütterlichkeit ist.“

Es geht ihr um das Aufgreifen und Ausweiten fraulicher Aufgaben im Bereich des Volkes. Von jenen Frauen wollen wir nicht sprechen, die persönlicher Ehrgeiz und Egoismus angefeuert haben, jene unangenehme Note frauenrechtlerischer Forderungen zu verkörpern, und die mit Recht als das Schreckbild der emanzipierten Frau vom männlichen und weibli- chen Geschlecht abgelehnt werden.

Die Leistungen der deutschen Frau im Ersten Weltkrieg bezeugen erneut die in ihr schlummernden Kräfte nationaler Opferfähigkeit. In der furcht- baren Notzeit, die nun für die Heimat anbrach, erfüllte sie unbekannt wie der Soldat an der Front ihre Pflicht als Arbeiterin in den Munitionsfabri- ken, als Bäuerin vor dem Pflug – denn das Gespann war dem Bauern ins Feld gefolgt –, als Fürsorgerin, in den Verkehrsmitteln und an den Ma- schinen, als von Sorge getriebene Mutter und nicht zuletzt als Schwester des Roten Kreuzes. Die Behauptung, die deutsche Frau habe im Ersten Weltkrieg versagt, kommt der Behauptung gleich, der deutsche Frontsol- dat hätte den Krieg verloren. Es waren andere Kräfte am Werke, die den Widerstand der Heimat zermürbten.

Das Erlebnis des Krieges hat die Frauen aufgeschlossener und hellhöri- ger für die Schicksalsfragen des Volkes gemacht. Mit dem Stimmzettel in der Hand schenken sie ihr Vertrauen dem Mann, der ihnen soziale Ge- rechtigkeit und den Frieden einer wahren Volksgemeinschaft ohne zerset- zenden Klassenkampf verheißt.

Und ich weigere mich, um eines korrupten Zeitgeistes willen die Wahr- heit dessen zu verhehlen, was ich mit Hunderttausenden anderen Frauen in dieser Zeit als Idealbild empfangen habe: die Erziehung des deutschen Mädchens zur selbständigen fraulichen Persönlichkeit an der Seite des Mannes. Es war das Bild der Frau und Mutter, deren Ehre in hoher Gesit- tung liegt, die sie in der Treue zu ihrem Volke lebt. Zum ersten Mal in einer tausendjährigen Geschichte wird die Brücke dorthin geschlagen, wo das deutsche Frauentum rein und unversehrt aus der Prägung des angestammten Raumes hervorgegangen ist. Mehr noch als körperliche Merkmale sind die geistigen und seelischen Linien eines Menschentypus unauslöschlich vom Erbgut eingeprägt. Wenn wir uns ein Bild der Frau für die Zukunft vorstellen, so kann es nur jenes sein, das in tiefem Ein- klang zur eigengearteten Wesenheit unseres Volkes steht. Nicht die Wie-

derholung der Formen, sondern jenes innere Gesetz muß uns der untrüg- liche Leitstern der Gestaltung kommender Zeit sein. Die Familie wird im Mittelpunkt stehen, denn es gibt keine anderen Formen der menschlichen Gemeinschaft, die Gesittung und Ordnung einer lebensnotwendigen Kul- tur verbürgen. Das erweiterte Blickfeld einer um die Gesetze des Lebens wissenden und an der Gestaltung des volklichen Lebens teilnehmenden Frau wird sie zu erhöhten Leistungsmöglichkeiten und weitgestecktem Wirkungskreis führen.

Bewährung im Kriege

Im Zweiten Weltkrieg wird eine in der Geschichte beispiellose Bewäh- rung der Frauen eines ganzen Volkes vorgelebt. Das Heldenlied der unbe- kannten Frau und Mutter des großen Krieges ist noch nicht geschrieben. Sie war für Front und Heimat eine Quelle der Kraft. Wer wollte das Op- fer eines unermüdlichen Einsatzes, der dauernden Sorge um den Sohn und Gatten ganz ermessen können und ihre gläubige Standfestigkeit und Härte, mit der sie den gegen die Heimat geführten Bombenkrieg durch- kämpft und durchlitten haben? Die Tragödie der deutschen Austreibung aus der Heimat lastete auf ihren Schultern, und noch heute gellen uns die Haßworte Ilja Ehrenburgs in den Ohren:

„Tötet sie, schändet sie, die deutschen Frauen, wo ihr sie trefft, “

Wir bauen Denkmäler unseren heldenhaften Soldaten. Wann setzen wir dem Heldentum der unbekannten deutschen Frau und Mutter ein Mahn- mal? Vielleicht findet sich ein Meister, der jenes Bild ins künstlerische Maß hebt, das Männer fanden, als sie in einen verschütteten Keller ein- drangen: wie eine Vision stand vor ihnen eine Mutter, über dem Haupte mit gestreckten Armen ein Kind haltend. Klirrend brach das Skelett in sich zusammen, als das Vakuum des Raumes mit Luft gefüllt wurde. Vor den eindringenden Wassermassen hatte der todesbereite Opfermut der Frau vermocht, das Kind noch über ihr Sterben hinaus dem Leben entgegenzu- strecken.

Ein geschlagenes und gedemütigtes Volk, pausenlos von den Propagan-

und zerbrecht ihren germanischen Hochmut

dalügen seiner Feinde verwirrt, lebt seinen Alltag nun in geschichtlicher Kraftlosigkeit. Und dennoch setzt es Zeichen, die in seine dunkle Zeit leuchten.

Als die Wunden noch offen bluten und viele versuchen, die heile Haut zu retten, auch unter Aufgabe von Ehre und Würde, bricht in die Tage der Verzweiflung das Licht der genialen großen Künstlerpersönlichkeit Elly Ney. Wie vielen mag sie mit ihrer begnadeten Kunst wieder den Lebens- mut aufgerichtet haben! Wer kann ermessen, was diese Stunden deut- scher Musik für die Landsberger Todgeweihten bedeutet haben, die ihnen diese Frau aus der hochherzigen Gesinnung ihrer Mütterlichkeit furcht- los darbrachte?

Denken wir an das Schicksal der Ilse Heß, so will uns scheinen, eine der Treuegestalten aus den alten Sagas sei aufgestanden, um vor dem chaoti- schen Abgrund unserer Tage das Bild edelsten Frauentums aufzurichten und die Fratze von Würdelosigkeit und Genußsucht zu überstrahlen.

Und wie vermag es unsere Hochachtung zu erringen, daß die Hüterin des Wagnerschen Erbes und würdige Nachfolgerin einer Cosima Wagner die erlebte Wahrheit vor aller Welt bezeugt! Frau Winifred wird ihren Rang in der Kulturgeschichte behaupten, wenn jene bezahlten Kreaturen, die ihr Frauentum in den Morast ihrer niedrigen Gesinnung ziehen wollten, längst der allgemeinen Verachtung preisgegeben sind.

Unter allen diesen Frauenschicksalen darf ein Name nicht unausgespro- chen bleiben: Flugkapitän Hanna Reitsch. Sie war eine außergewöhnli- che Frau von zierlicher Gestalt, aber ausgestattet mit einer seltenen Mi- schung aus männlicher Tatkraft und fraulicher Seelenstärke. Einer gro- ßen Leidenschaft für das Fliegen gesellten sich Charakterfestigkeit und eine tiefe Liebe zu ihrem Volk und Vaterland. Noch lange nach dem Krie- ge bis kurz vor ihrem Tod feiert ihr fliegerisches Können weltweite Tri- umphe. Als Testpilotin der Deutschen Luftwaffe vollbringt sie mit hohem Einsatz und zähem Willen unglaubliche fliegerische Leistungen, beseelt vom unbändigen Glauben an den gerechten Kampf ihres Volkes. „Fliegen – mein Leben“ ist ihr bekanntestes Buch; sie schreibt so echt und wahr, wie sie gelebt und gedacht hat. So hat sie sich einen bleibenden Platz in den Herzen des Volkes erobert, aber auch in der Hochachtung anderer Völker. Ihr letztes Buch, das sie als unbestechliche Zeugin ihrer Zeit sich

zu schreiben verpflichtet fühlte, ist seitdem verschollen; sie starb plötz- lich und unerwartet

Entwürdigung

Noch nie wurden die Frauen in ihrem Werte und in ihrer Würde so getrof- fen und herabgesetzt, wie dies heute im Namen von Freiheit, Wohlstand und verlogener individualistischer Glückserfüllung geschieht.

Ich kann nicht glauben, daß der Masse deutscher Frauen und Mädchen das natürliche Gefühl verlorenging, das ihnen den Willen zum Kind und zur Erfüllung ihrer Mütterlichkeit gibt. Aber Reizüberflutung und Be- quemlichkeit, materielle Gewinnsucht und schließlich die Schädigungen einer naturgegebenen Fruchtbarkeit verrichten ihr verheerendes Werk. Der Plan ist wahrhaft teuflisch. Die Zahlen des Geburtenrückganges sind alar- mierend, doch kennzeichnen sie allein das ganze Ausmaß des Unglückes nicht. Sie schließen unwiederbringlich verlorene gute und beste Erbanla- gen unseres Volkes ein, weil ganze Familien durch Bequemlichkeit und falsche Vorstellungen vom Lebensglück ausgerottet werden.

Wir sind darum weit davon entfernt, dem sogenannten Jahr der Frau, das besser „Jahr der größten Erniedrigung der Frau“ heißen müßte, unseren Beifall zu zollen. Der Anlaß zum Thema Frauentum liegt für uns in dem geschichtlich beispiellosen Angriff auf die naturgegebene Ordnung von Ehe und Familie als den Grundlagen unserer Kultur!

Wir erkennen im Liberalismus mit seinem Ideal von der schrankenlosen Freiheit der Geschlechter und dem aus gleicher Wurzel stammenden Mar- xismus mit seiner Entwicklungstheorie die geistigen Väter. Nicht um- sonst bezeichnet Adolf Helbok in seinem Werk „Deutsche Volksgeschichte“ den Liberalismus als den verheerenden Feind unseres Volkes und seiner gewachsenen Ordnung. Auch wenn die Naturwissenschaft schon gegen ihn ihren tödlichen Stoß geführt hat, – wir erleben noch immer seine krank- machenden Auswirkungen. Seit fast zwei Jahrhunderten wirft uns sein verzerrender Spiegel ein falsches Bild der Wirklichkeit zurück, wirken seine auflösenden Thesen jeder Bindung und Opferfähigkeit entgegen. Sein Weg führt von der Gleichheit zur angeblichen Gleichberechtigung

und von dort über die Entwürdigung der Frau zum Weibchen.

Wie Hohn wirkt daher jener Versuch der internationalen Demokratie, als Zeichen der „Gleichberechtigung“ und „Freiheit“ jene gesellschaftspoli- tischen Modelle zu verwirklichen, die sie zum bloßen Geschlechtswesen stempelt, das nach dem Motto „mein Bauch gehört mir“ sich ungehemmt der Pille und der Abtreibung bedienen kann.

Damit wird die Frau aus dem Bereich ihrer von Natur und Kultur zuge- wiesenen Aufgaben als Erzieherin und Kulturträgerin vertrieben. Die hohe und verantwortungsvolle Sendung der Frau ist aber allein schon dadurch gekennzeichnet, daß das „Abreißen der Tradition“ vielfach durch die Ent- fremdung der Frau von ihren familiären und erzieherischen Aufgaben bedingt ist. Wenn die Kulturentfremdung der nachwachsenden Generati- on noch weiter fortgeschritten ist, wird es offensichtlich sein, wie sehr die Frau als Kulturträgerin unterschätzt worden ist. Hans F. K. Günther stellt fest:

„Ein Staat kann geraume Zeit nach Lockerung der sittlichen An- schauungen der Männer bestehen; bei Lockerung der sittlichen Anschauungen der Frauen stürzt er rasch zusammen.“

Kulturelle Aufgabe

Der Kulturhistoriker und Genealoge Adolf Helbok sagt:

„Das wahre Bild der Kultur gewinnt man nur an den alltäglichen Erscheinungen, nicht an den Schaustellungen der Festtage.“

Die Gestaltung des Alltags liegt jedoch zu einem erheblichen Teil in den Händen der Frauen. Die Weitergabe des Kulturgutes bei der Bildung des aufwachsenden Kindes, die Weckung der Kräfte des Gemütes durch die Sprache, durch Kinderlied, Märchen und Brauchtum, die Erziehung in überlieferten Formen der Gesittung, all dem kommt eine überragende Bedeutung zu für die weitere Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit als Kulturwesen. Und hier vermag vor allem die hautnahe Wärme der mütterlichen Fürsorge die seelischen und geistigen Anlagen ungestört zu entwickeln. Nur das Fehlen der mütterlichen Hand und der Hege einer

gesunden Familie kann jene kulturentfremdeten Wesen hervorbringen, wie sie uns heute schon vielfach auf dem seelenentkräftenden Pflaster der Großstadt begegnen.

Die totale Verwirklichung der liberalistisch-rnarxistischen Gesellschafts- politik hätte einen verheerenden Niedergang unserer Kultur zur Folge. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die Zerstörung der lebener- haltenden und kulturtragenden Zellen des Organismus von Volk und Staat.

Deshalb kommt der Frau und Mutter heute eine tragende Rolle in der Abwehr der zersetzenden Erscheinungen unserer Zeit und in der Bewah- rung dessen zu, was Jahrtausende vorher an Schätzen von Sitte und Brauch, von Artwissen und Gefühlsreichtum angehäuft haben. Es wird ihr trotz aller Anfechtungen gelingen, mit wesenssicherer Hand und stiller Selbst- verständlichkeit, die keines lauten Beifalls bedarf, was Generationen von Frauen opferbereit vorgelebt haben: die Familie als einen Hort unseres Menschentums zu bewahren. Sie in einem Zeitabschnitt zu bewahren, der voller Gärung die Grundfesten unserer Kultur ebenso bedroht, wie er das Tor aufzustoßen vermag in die Erkenntniswelt eines neuen Jahr- hunderts. Der Mann wird ihr dabei als wachsames Haupt und Erhalter der Familie zur Seite stehen, wie er das geschichtliche Maß setzen muß, das unser aller Leben bestimmt.

Solange jedoch die Kriegsdienstverweigerung des Mannes keine Schande ist, wird auch der Gebärstreik der Frau nicht als unsittliche Handlung verurteilt werden können. Solange das Leben Selbstzweck ist mit den Pseudo-Idealen von Genuß und Bequemlichkeit, wird auch das Mutter- tum als unbequem abgelehnt werden. Fehlender Opfermut in Wehrhaftig- keit und Fruchtbarkeit aber führen zum Untergang eines Volkes.

Nicht der geschirrwaschende Pantoffelheld, sondern der verantwortungs- bewußte, leistungswillige und mutige Mann ist das Idealbild einer gesun- den und selbstbewußten deutschen Frau. Nur am Bilde des Mannes wird sich das Bild der Frau wiederaufrichten lassen. In seinem Schutz wird sie sich voll entfalten können zu seinem Idealbild von Schönheit und Güte und in der Liebe und Treue zu ihrem Volk.

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Otto von Bismarck

(August 1998)

“Bismarcks umstrittene Politik”. Diese Abwertung des Reichsgründers Otto von Bismarck anläßlich seines 100. Todestages am 30. Juli 1998 durch die international gelenkte Presse enthüllt eine reichsfeindliche Ein- stellung, die von damals bis heute ihre insgesamt antinational orientierte historische Ansicht politisch vertritt. Dazu gehört durchaus auch die Rom- kirche.

Das Reich wurde von den deutschen Fürsten gegründet; der Wille zum Reich, zu einem einheitlichen deutschen Nationalstaat, war im gesamten Volke – oftmals enttäuscht – übermächtig geworden. Rom kam der deut- schen Reichsgründung, dem Werke Bismarcks, nur um Stunden mit der Errichtung des Unfehlbarkeitsdogmas des Papstes zuvor. Das war im Bunde mit der Politik Frankreichs eine Kampfansage gegen das eben erst erstandene Reich. Die Folge war der sogenannte Kulturkampf, unter dem die geschichtliche Auseinandersetzung Rom–Reich fortgesetzt werden sollte. Im ideologischen und auch handfesten politischen Angriff traten die verschiedensten Kräfte an:

Die liberalistische Partei = Freimaurertum – die Zentrumspartei = Rom- kirche – der Marxismus = SPD – und die soeben 1848 gegründete Inter- nationale unter Führung der Kommunisten; dazu die magische Größe, mit dem Wort “Bleichröder” benannt. Alle diese Kräfte hatten sich gegen das junge Reich verschworen, um es im Auftrage internationaler Gegner ringsherum wieder zu Fall zu bringen. Es kann vor der Geschichte nicht bestritten werden, daß nur die überragende titanische Persönlichkeit ei- nes Otto von Bismarck verhinderte, daß das Reich wiederum ein Spiel- ball entgegengesetzter Interessen wurde.

Anläßlich der Wiederkehr des 175. Geburtstages Bismarcks am 1. April 1990 fand im Park von Schönhausen eine Gedenkfeier vor 1000 Besu-

chern aus allen deutschen Gauen, darunter vielen Einwohnern von Schön- hausen und Umgebung, einige Monate vor der Teilwiedervereinigung noch auf dem Boden der DDR statt.

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Auszug aus der Festrede

Schönhausen stand 1885, vor 105 Jahren, im Mittelpunkt der ganzen Nation. Es war der 70. Geburtstag Otto von Bismarcks, der als ein Na- tionalfeiertag von Millionen Deutschen begangen wurde. Der Kaiser war gekommen, um ihm das Gemälde von Anton von Werner von der Kaiser- proklamation in Versailles 1871 überreichen zu lassen. Kaiser Wilhelm richtete an Bismarck folgende Glückwunschadresse:

“Mein lieber Fürst, wenn sich in dem deutschen Volke und Lande das warme Verlangen zeigt, Ihnen bei der Feier Ihres 70. Ge- burtstages zu bestätigen, daß die Erinnerung an alles, was Sie für die Größe des Vaterlandes getan haben, in so vielen Dankba- ren lebt, so ist es mir ein tiefgefühltes Bedürfnis, Ihnen heute aus- zusprechen, wie hoch es mich freut, daß ein solcher Zug des Dan- kes und der Verehrung für Sie durch die Nation geht. Es freut mich das für Sie, als eine wahrlich in höchstem Maße verdiente Anerkennung und es erwärmt mir das Herz, daß sich solche Ge- sinnung in so großer Verbreitung kundtut. Denn es ziert die Nati- on in der Gegenwart und es stärkt die Hoffnung auf ihre Zukunft, wenn sie Erkenntnis für das Wahre und Große zeigt und wenn sie ihre hochverdienten Männer feiert und ehrt. An einer solchen Feier teilzunehmen, ist mir und meinem Hause eine besondere Freude. Sie mein lieber Fürst wissen, wie in mir jederzeit das vollste Ver- trauen, die aufrichtigste Zuneigung und das wärmste Dankgefühl für Sie leben wird. Mit diesen Gefühlen endige ich diese Zeilen als über das Grab hinaus dauernd Ihr dankbarer und treuergebe- ner Kaiser und König Wilhelm”.

Damals, vor 105 Jahren stand das Reich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Heute steht es wieder als Aufgabe vor uns, wieder ein einiges Reich, einen Staat für das Deutsche Volk zu schaffen. In die Geschichte zu se- hen, ist eines Volkes nicht nur würdig, es ist eine Notwendigkeit. Wer wollte denn von sich selbst nicht wissen, woher er kommt, um daraus entwickeln zu können, wohin er geht? So muß auch ein Volk über sein Leben, über das Leben der Nation Bescheid wissen. Wir müssen in Jahr- hunderten denken können, ja Goethe sagte:

“Wer sich nicht von 3000 Jahren weiß Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln, unerfahren. Er mag von Tag zu Tage leben.”

Uns Deutschen steht es am allerwenigsten an, von Tag zu Tage zu leben, denn wir, das größte Kulturvolk Europas in seiner Mitte, stehen in be- ständiger Gefahr. Nicht nur, daß wir um diese Gefahren wissen und sie heute erleben – Bismarck hat sie uns immer wieder vor Augen gehalten. Die Geschichte ist gezeichnet durch ein Auf und Ab ihrer Ideen. Nur Raum und Volk sind die Konstanten dieser Geschichte und wirken von Jahrhundert zu Jahrhundert fort. Das Reich, das 1871 erstand, nachdem das erste 1805/1806 zu Grunde gegangen war, dieses Zweite Reich war das alleinige Werk Otto von Bismarcks.

Otto von Bismarck steht am Anfang einer Entwicklung, die weiterführt zur Bewußtwerdung des Volkes als Nation. Er ist nicht Ende, sondern Anfang, nicht reaktionärer Beschließer einer vergangenen Zeit, sondern der Eröffner großer Dinge und Verantworter großer Fragen, die damals wie für die Zukunft in der Politik anstanden. Aus der Geschichte, von Dynastien angeführt, sollte nun bald, im zwanzigsten Jahrhundert, Ge- schichte werden, die von Völkern angeführt wird.

Doch bevor wir uns dem eigentlichen Werk Bismarcks und seiner Politik zuwenden, sei seine Persönlichkeit etwas näher betrachtet.

Mensch und Persönlichkeit

Bismarck siedelte bald vom Geburtsort Schönhausen zum Kniephof nach Pommern über. Er stammte aus dem Landedelmanngeschlecht der Bis- marcks. Seine Mutter war eine Menking und kam aus einem bürgerlichen

Gelehrtengeschlecht. Auch das ist wichtig zu wissen, weil hier die Erb- ströme gewisser Anlagen in Bismarck zusammentrafen. Bismarck wollte nicht die Offizierslaufbahn einschlagen, er wollte in den Staatsdienst. So nahm er das Studium der Rechtswissenschaften auf. Er war ein Knabe wie jeder andere auch, voller Streiche und voller Übermut. Als er nach Stettin ging, wurde er Corpsstudent. Das etwas lockere Leben des Herrn Corpsstudenten drängte natürlich die Gründlichkeit der Studien zurück. Und da auch der väterliche Wechsel nicht allzu hoch war, hatte der Herr Studiosus Otto von Bismarck bald auch einige Schulden, und der Vater war nicht bereit, die Schulden zu übernehmen. Da stand er nun, der junge Bismarck, – er schildert es selbst –, eine Art von menschenpeinlicher Stimmung griff in ihm Platz, so ähnlich meint er, muß es dem Karl Moor einst ergangen sein, bevor er Räuberhauptmann wurde. Oder vielleicht auch jenem Schusterjungen, der da sagt: “Es ist mein Vater schon z’recht, dat ick friere, warum koft er mir keene Handschuh”.

Bismarck war eine Vollnatur, voller Kraft, und seine Erscheinung drück- te dies schon körperlich aus. Ein wesentlicher Zug seines Wesens waren Humor und Heiterkeit. Die haben ihn während seines ganzen Lebens ei- gentlich nie verlassen. Einige Stücke dieser Bismarckischen Heiterkeit, seines Humors, seien hier gern erzählt: Er kam als junger Rechtsreferen- dar von Potsdam nach Berlin. Da hatte er einmal einen Berliner zu Proto- koll zu vernehmen. Und der Berliner gab sich recht berlinerisch frech und übermütig, so daß dem jungen Referendar die Zornesader schwoll und er sagte: “Mein Herr, menagieren sie sich, sonst werfe ich Sie hinaus.” Dar- aufhin sagte der im Zimmer ebenfalls anwesende Stadtgerichtsrat: “Herr Auskultator” und klopfte damit dem jungen Bismarck auf die Schulter, “das Hinauswerfen ist meine Sache.” Nun, Bismarck fuhr mit der Ver- nehmung fort, und der Berliner wollte und wollte sich nicht mäßigen. Da Bismarck zum zweitenmal: “Herr, wenn Sie sich nicht endlich menagie- ren, lasse ich Sie durch den Herrn Stadtgerichtsrat hinauswerfen.”

Das war Bismarckischer Humor und das war seine Adresse an die Büro- kratie. Er wäre lieber aufs Land gegangen, auf sein Gut als Landedel- mann, hätte sich lieber an der Natur ergötzt bei der Jagd und seine Güter verwaltet. Bismarck rettete auch eines Tages einem Pferdeknecht das Leben. Er holte ihn aus dem Wasser heraus; das Pferd war in eine Untiefe geraten, und Bismarck zog den Burschen an Land. Dafür bekam er die

Lebensrettungsmedaille und trug sie als Orden auf der Brust. In Frank- furt beim Bundestag kam ein sehr kavaliersmäßiger Herr auf ihn zu, tipp- te mit seiner Zigarre auf Bismarcks Brust und fragte: “Was ist denn das?” “Ja”, sagte Bismarck, “mein Herr, ich habe zuweilen die Gewohnheit, einem Menschen das Leben zu retten.”

Bismarck bereitet sich auf den Staatsdienst vor, wird zum Weltmann, bildet sich kavaliersmäßig aus, auf dem glatten Parkett der Diplomatie bald zu Hause und Mittelpunkt der großen und galanten Gesellschaft, besonders auch der Damen, er verliebt sich einige Male, kurz und gut, er erlebt die Zeit des Sturmes und Dranges wie jeder junge Mann, bevor er das Gleichgewicht in sich selber findet. Das fand Bismarck auch bald, als er dann aufs Land zog zu seinem geliebten Kniephof und in die Gesell- schaft jener Frau geriet, die 1847 seine Frau werden sollte – Johanna von Putkammer. 1845 war er wieder in Schönhausen, war der Gutsherr, ließ sich als Deichhauptmann einsetzen und betreute den unteren Magdebur- ger Deichbezirk.

Ein Brief an seine spätere Frau Johanna sei hier wiedergegeben, um nicht nur vor Augen zu führen, über welche wunderbare Prosa Otto von Bis- marck verfügte, sondern auch mit welcher Liebenswürdigkeit er mit sei- ner Frau verkehrte. Diese Liebenswürdigkeit, die große Liebe, hat Zeit seines Lebens bis zum Tode seiner Frau angehalten. Bismarck schildert hier 1847 seine Tätigkeit als Deichhauptmann:

“ daß es nicht bis zum 11. April Schnee gibt und minus 10 Grad

bleibt, zeigt der Augenschein, und vermutlich vom Freitag an kannst Du, wenn Du abends warm im Sofa sitzt, oder des Nachts durch Mama erweckt wirst daran denken, wie das zerfetzte Fähn- lein Deines Ritters und Knechtes im nächtlichen Sturm und Re- gen am Rande der aufrührerischen Fluten flattert, auf einem brau- nen Pferde, das Ohr spitzend und schnarchend, seinen Schrecken über den donnernden Lärm der Schlacht zu erkennen gibt, die sich die riesigen Eisfelder untereinander liefern, wenn sie sich in Zwietracht gelöst haben und ihre mächtigen Trümmer sich im Strudel auftürmen und zersplittern. Hast Du nie den Eisgang ei- nes großen Stromes gesehen? Es ist eins der imposantesten Schau- spiele in der Natur. Leb wohl, die Eisschollen spielen mir den

Pappenheimer Marsch zum Ruf und der Chor der berittenen Bau- ern singt: Steht auf Kameraden, warum tun sie es in Kürze denn nicht wirklich.”

Soweit Bismarck in der Schilderung seiner Erlebnisse beim Eisgang der Elbe.

Bismarck vertieft sich nun auch unter dem Einfluß der Kreise um seine Braut auf dem Kniephof in die deutsche Geschichte, in die Philosophie, er ist ein großer Freund Goethes und Schillers und liest und studiert ande- re Große, auch seine Liebe zur Musik ist unbedingt zu erwähnen. Bis- marck liebt ganz besonders Beethoven; bei den Beethovenschen Sonaten hat man ihn schon auf die tiefste Art erschüttert gesehen. Damit werfen wir einen Blick auf Bismarcks Wesen. Er war eine Kampfnatur von tapferer und ritterlicher Haltung. Die hat er allzeit bewiesen, auch dem Gegner gegenüber, ja sein eiserner Wille, er heißt ja nicht umsonst der “Eiserne Kanzler”, lag begründet in seiner Unbeugsamkeit, mit der er seine Politik verfolgt hat. Nicht Widersprüche in seiner Politik, sondern das unbeirr- bar, ohne sich ablenken zu lassen, fest ins Auge gefaßte Ziel seiner Poli- tik, das war es, das ihn immer die notwendigen Mittel einsetzen ließ.

Bismarck war von einer urwüchsigen Kraft, die auch besonders in jungen Jahren zum Übermut neigte. Er war nicht nur ein Meister des Prosastils. Er war auch der größte Stegreifredner seiner Zeit im preußischen Parla- ment wie auch im Reichstag und von sprachlicher Gewandtheit auf dem diplomatischen Parkett. Heiterkeit und Humor immer mit sich führend, war er ein Mensch von großer Liebenswürdigkeit im persönlichen und privaten Umgang. Alle von Rang und Namen, die über ihn berichten, schildern Bismarck als den großen liebenswürdigen Menschen mit dem weiten Herzen, Standesdünkel war ihm völlig fremd. Er liebte die Natur und die Jagd, und wir können uns vorstellen, wie er hier in Schönhausen sein Regiment als Rittergutsherr geführt, wie er sich auch um jeden Tage- löhner, um jeden kleinen Bauern, um alle Angehörigen seiner ihm anver- trauten Lande gekümmert hat.

Diplomat und Staatsmann

Auf der anderen Seite war er ein Weltmann von elegantesten Manieren,

ein Diplomat, wie er sicherlich von dieser Güte und Klasse auch auf den europäischen, diplomatischen Bühnen bisher nicht gesehen ward. Aber mit dem Unterschied – und da war er ganz deutsch –: seine Diplomatie war stets redlich und klug. Das war es letzten Endes, was seine Stellung in Europa als Staatsmann begründete. Man konnte auf Bismarck bauen, er war zwar unberechenbar in bezug auf seine Schritte, die er morgen setzen würde, aber er war einkalkulierbar als ein offener, mutiger Cha- rakter. Es war eben seine alles überragende Staatskunst, die jeden ande- ren, ob nun Kaiser, König oder Minister, in die Defensive brachte. Als Abgeordneter und dann als Abgesandter Preußens auf dem Bundestag in Frankfurt erwirbt er sich Lorbeeren auf dem diplomatischen Parkett. Er ist dann Gesandter in Petersburg und Paris (das ist sehr wichtig zu wis- sen), lernt dort die Gewohnheiten kennen, erwirbt eine große Menschen- kenntnis, die ihn befähigt, die Menschen sofort richtig einzuschätzen, denen er gegenübertritt.

Das war für ihn später, als er die Außenpolitik nicht nur Preußens, son- dern des Reiches führen mußte, eine große Hilfe. Bald war es überall bekannt: Bismarck ist ein aufsteigender Stern, Bismarck ist der beste Mann, den Preußen in die Arena der Politik schicken kann. Aber es dau- erte lange, bis er geholt wurde, bis ein König ihn brauchte. Wie oft hat der Kriegsminister Roon einen Vorstoß gemacht. Aber erst, als der König Wilhelm I. mit seiner eigenen Politik gescheitert war, rief er Bismarck. Es ging um die Heeresreform des preußischen Staates, und da hatte er in Bismarck gerade den richtigen Mann, der sie durchzusetzen bereit und in der Lage war. Die Heeresreform, so hören wir später von Bismarck, war ganz und gar das Werk des Königs Wilhelm I. von Preußen. Aber Bis- marck bekannte sich dazu. Wilhelm wollte bereits abdanken, weil das Parlament ihm die Heeresvorlage und die nötigen Mittel dazu nicht ge- währen wollte. Da trat Bismarck an seine Seite und es begann die große Auseinandersetzung, als er am 18.9.1862 Ministerpräsident Preußens wurde. Es beginnt der Kampf mit dem Parlament, und Bismarck war bereit, die Alternative zu stellen: Krone oder Parlament. Er wählte die Krone. Genauso wie er 1848, als die sehr vom Westen her bestimmte Revolution Einzug hielt, ein Reaktionär war, der sich auf die Seite des Fürsten und der Krone gestellt hat.

Sein Kampf um die Deutsche Einheit beginnt.

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“ Ich habe von Anfang meiner Karriere an nur den einen Leit-

stern gehabt: Durch welche Mittel und auf welchem Weg kann ich Deutschland zu einer Einigung bringen und, so weit dies erreicht ist, wie kann ich diese Einigung befestigen, fördern und so gestal- ten, daß sie aus freiem Willen aller Mitwirkenden dauernd erhal- ten wird.”

Fürst Bismarck, am 9.7.1879

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Wie sah es im damaligen Deutschland aus? 1789 ging die Französische Revolution in Paris über die Bühne und griff auch weit nach Osten in das Deutsche Volk hinein, das ihr zunächst nichts Eigenes entgegenzusetzen hatte. Erst der Befreiungskampf war die deutsche Antwort auf die Fran- zösische Revolution und die Napoleonischen Kriege. Ein nationales Frei- heitsbegehren ging durch die ganze Nation, herbeigeführt durch Arndt, Stein und all die Großen, die wir aus der Geschichte kennen. Der große Staatsmann Freiherr vom und zum Stein sagte damals:

“Ich habe jetzt nur ein Vaterland, und das heißt Deutschland.”

Aber bevor das eine Vaterland Deutschland verwirklicht werden konnte, mußten noch vier Generationen vergehen. Das tiefe Sehnen nach Kaiser und Reich, das das Deutsche Volk während seines Befreiungskampfes gegen Napoleon ergriffen hatte, wurde betrogen und tief enttäuscht, denn der Friede von 1815, im Wiener Kongreß niedergelegt, brachte den Deut- schen Bund hervor, dessen Bundesakten, die unmittelbar nach der Geburt Otto von Bismarcks, nämlich am 8.6.1815 ausgerufen wurden, zum Tra- gen kamen. Diese Bundesakten bezeichnet Bismarck später als die arm- seligste Verfassung, die Deutschland bis dahin je gehabt hat. Die armse- lige Verfassung, der Deutsche Bund, beinhaltete 34 souveräne Fürsten und vier reichsfreie Städte, immerhin nach dem Westfälischen Frieden

schon vermindert von 365 Staaten und tausenden Einzelgebilden auf 38 souveräne Staaten, die eine eigene Außenpolitik und eigenen Zollverein betrieben. Zwischen Pforzheim und Ulm gab es damals drei Briefmar- ken! So sah es im deutschen Vaterlande aus. Der Deutsche Bund aber, in dem die beiden Großmächte Preußen und Österreich nun rivalisierend auftraten, (Österreich hatte durch seinen Kanzler Metternich dafür ge- sorgt, daß Preußen niedergehalten wurde; die preußischen Ostprovinzen durften diesem Deutschen Bund nicht angehören.), dieser Deutsche Bund war natürlich kein Instrument, das zu einer Deutschen Einheit hätte füh- ren können. Er wurde beherrscht von dem Dualismus Österreich und Preu- ßen. Damals hat die Sehnsucht der Deutschen nach Kaiser und Reich, nach der großen Einigung, die besten Geister der Nation aufgeboten. “Die Ritter des Geistes”, die in der Paulskirche zusammenkamen,

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“Wenn es wirklich gelingt, auf dem neuen Wege, der jetzt einge- schlagen ist, ein einiges deutsches Vaterland, einen glücklichen oder auch gesetzmäßig geordneten Zustand zu erlangen, dann wird der Augenblick gekommen sein, wo ich dem Urheber der neuen Ordnung der Dinge meinen Dank aussprechen kann; jetzt aber ist es mir nicht möglich.”

Bismarck im Landtag am 2.4.1848

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versuchten eine neue volksnahe Verfassung hervorzubringen. Aber sie waren ohne Macht und ohne exekutive Gewalt. Liberalistisches Denken durchsetzte ihre nationalen Willenskundgebungen. Ein Staat läßt sich eben nicht durch Reden und Parlamentsbeschlüsse bilden, sondern durch Macht werden die großen Fragen der Zeit entschieden. Das hat Bismarck deut- lich in seiner Auseinandersetzung mit dem Parlament 1862 mit den be- rühmten Worten “durch Blut und Eisen” ausgesprochen.

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“Sympathien und Antipathien in betreff auswärtiger Mächte und Personen vermag ich vor meinem Pflichtgefühl im auswärtigen Dienst meines Landes nicht zu rechtfertigen, weder an mir, noch an anderen; es ist darin der Embryo der Untreue gegen den Herrn oder das Land, dem man dient.“

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Bismarck 1882

Bismarck und das Parlament

Es war ein ständiger, aufreibender Kampf Bismarcks mit dem Parlament. Bei allem guten Willen verstand man nicht, daß das Reich, ein deutscher Staat nur geschaffen werden konnte durch Macht. Bismarck hoffte und hat dafür gesorgt, daß die Macht Preußens – und Macht heißt natürlich auch militärische Macht – so groß wurde, daß sich Deutschland auf diese Macht verlassen konnte. Aber es konnte auch kein einiges Deutschland werden, um das zwei gemeinsam buhlten, nämlich Österreich und Preu- ßen. Bismarck war durchaus kein Feind Österreichs, im Gegenteil. Aber er wurde gewahr, daß Österreich, um sich im deutschen Raum durchzu- setzen, bereit war, auch Bündnisse mit den Feinden, also mit den umlie- genden nichtdeutschen Staaten einzugehen. Und das war nicht nach Bis- marcks Art, denn Bismarck wollte nicht, daß die Deutsche Einheit durch fremde Einflüsse und durch fremdes Eintreten geschaffen werden könnte. So war also die Auseinandersetzung im deutschen Raume zwischen Preu- ßen und Österreich unvermeidlich geworden.

Die weitsichtige Politik Bismarcks

Was hat man Bismarck doch alles vorgeworfen – große Leute wie der berühmte Professor Virchow, Mommsen und Gustav Freytag nannten ihn sogar Verräter an der Deutschen Einheit, er schlüge alles was da ist, ent-

zwei. Doch für Bismarck gab es nur eines: das Reich zu bauen. Dieses Ziel hatte er unverrückbar vor Augen. Österreich tat den ersten Schritt, um dieses Duell, wie es Bismarck nannte, auszufechten. Für Bismarck war es ein Rivalitätskampf, den er streng unterschied etwa von einem Krieg mit Frankreich. Es war die Auseinandersetzung im eigenen Hause. Du oder ich, einer nur kann regieren, einer nur die Deutsche Einheit schaf- fen. Inzwischen waren ja auch die Verträge von 1815 mehr oder weniger de facto aufgelöst, der Frankfurter Fürstentag kam nicht zustande. 1864 brach der Krieg mit Dänemark aus, in dem Preußen und Österreich ge- meinsam in der Frage Schleswig-Holstein vorgingen, dann aber dieses Schleswig-Holstein zum Zankapfel wurde. Noch einmal einigte man sich in Gastein, aber der Zeitpunkt des Krieges war gekommen. Preußen war darauf vorbereitet, und der preußische Feldmarschall Helmut von Moltke trat mit dem preußischer Heere an. Nun sollte es sich erweisen, daß die Heeresreform des Königs Wilhelm I. den österreichischen Truppen über- legen war; die preußischen Truppen trugen schließlich bei Königgrätz 1866 den Sieg davon. Der Krieg mit Österreich war kein Eroberungs- krieg, noch ein Krieg, der Gebietsansprüche nach sich ziehen würde, noch eine Bestrafung Österreichs. Bismarck wollte ganz und gar keine Demü- tigung. Im Gegenteil: am 23.8.1866 wurde Friede zwischen Preußen und Osterreich geschlossen. Es war klar: Preußen war nun mehr der Herr im deutschen Raum. In dieser geschichtlichen Stunde zeigte sich die ganze Größe Bismarcks, zeigte sich das Genie, denn König Wilhelm wollte nun als der Sieger, der er doch war, weitermarschieren, nach Wien, das wollte er sich nicht entgehen lassen. Es gab einen gigantischen Kampf zwischen dem König und seinem Ministerpräsidenten Bismarck. Bismarck war drauf und dran, sein Amt zur Verfügung zu stellen: Entweder ein Friede mit Österreich ohne irgendeine Forderung, oder Bismarck scheidet aus dem Amt. Der König begriff endlich, was Bismarck längst klar war; es durf- ten keine Gefühlsrückstände negativer Art aus diesem Kriege hervorge- hen; Bismarck dachte an das Ganze. Oft ist zu lesen und zu hören, Bis- marck sei 1866 nach dem Sieg über Österreich vom Preußen zum Deut- schen geworden. Es ist schlichtweg falsch. Bismarck fühlte sich schon lange vordem als Deutscher, sonst hätte er sein Ziel nicht so klar vor Auge haben können. Schon in jungen Jahren machte er eine Wette mit einem seiner amerikanischen Freunde während des Studiums. Gewettet wurde, es war um 1835, um 10 Flaschen Sekt. Bismarck wettete dafür,

daß in 25 Jahren die Deutsche Einheit vollzogen sei, der Amerikaner da- gegen. Der Verlierer sollte dann übers Meer kommen. Der Verlierer war leider Bismarck, denn es sollte noch 36 Jahre dauern.

Bismarck ging nicht übers Meer, sondern blieb in Preußen. Es wurde nach dem Sieg über Österreich nun der Norddeutsche Bund gegründet als Vorläufer des Deutschen Reiches mit einem Bundesrat als Zentralbehör- de der Fürsten und dem Reichstag, in dem die Nation versammelt war mit ihren Abgeordneten. Ein Reichstag, der also nun den Willen der Nation verkünden sollte. Der König von Preußen hatte sich den Oberbefehl über die Armee, über die Flotte und die Außenpolitik vorbehalten und auch die Einsetzung der Bundesbeamten. Diese Verfassung des Norddeutschen Bun- des wurde schließlich auch zur Grundlage der Verfassung des Deutschen Reiches. Sie war Bismarcks Werk. Diese Verfassung gab dem Bundesrat und den Ministern sehr viel Macht, auch dem König und später dem Kai- ser. Die Macht lag weniger beim Parlament, das nehmen Bismarck auch heute noch einige sehr übel und verstehen nicht, daß er die Macht noch nicht dem Volke, also dem Parlament überantworten konnte. Doch wen- den wir uns nun seiner Außenpolitik zu.

Bismarcks Frankreichpolitik

Bismarck hat zwei große Aufgaben ganz klar und unfehlbar ins Auge gefaßt: das war auf der einen Seite der Kampf um die Herrschaft in Deutschland selbst, also das Duell zwischen Preußen und Österreich. Er hat es auch seinen Preußen ganz klar gesagt, daß es nur zwei Möglichkei- ten gibt, das Reich zu bauen: entweder gemeinsam, oder Österreich müs- se aus dem Reich ausscheiden. Das war sein ganz klares Konzept zur Innenpolitik. Gleichzeitig aber mußte er die Aufgabe lösen, das neue Reich in die Mitte der bereits bestehenden Mächte einzubauen und man kann ruhig sagen, in die feindliche Welt. Denn alle europäischen Mächte, ob es nun Frankreich, England oder Rußland waren, wachten eifersüchtig dar- über, die Mitte Europas nicht erstarken zu lassen. Das war ihre Politik:

Rußland, das sehr stark in die europäischen Verhältnisse eingegriffen hat, aber besonders Frankreich, das immer der Erzfeind war und von dem Bismarck, als der Krieg gegen Frankreich lief und die Friedensver-

handlungen mit Frankreich zu besprechen waren, sagte:

“Dieses Frankreich hat uns während der letzten 200 Jahre 20- mal den Krieg erklärt, ohne Ursache, ohne daß Deutschland pro- voziert hätte.”

Dieses Frankreich also stillzuhalten, immer im Auge zu haben, das war seine große außenpolitische Aufgabe. Rußland hat er sich gleich versi- chert, mit Österreich ging er einen Freundschaftsvertrag ein nach dem Sieg von Königgrätz. Aber Frankreich, – Frankreich war der Feind der Deutschen Einheit seit dem Westfälischen Frieden –, die Sache mit Frank- reich mußte so oder so ausgetragen werden.

Da Frankreich immer Händel suchte, hatten sich diese Händel auch sehr schnell gefunden. Damals sollte ein Hohenzollernprinz in Spanien auf den Thron. Frankreich wehrte sich dagegen, stellte unverschämte For- derungen an Preußen und an den Norddeutschen Bund, und es kam schließ- lich zur Kriegserklärung Frankreichs. Und nun zeigte sich die große Vor- arbeit Bismarcks. Mittlerweile hatten auch andere begriffen, sogar die deutschen Fürsten, welchen Weg Bismarck einzuschlagen bereit war. Nun stand ganz Deutschland, standen alle Fürsten hinter Preußen und dem Norddeutschen Bund. Der Krieg mit Frankreich wurde siegreich ausge- tragen. Im Gegensatz zu Österreich war nun Bismarck durchaus nicht bereit, die Franzosen billig wegkommen zu lassen. Die Franzosen haben fest zahlen müssen, und zwar in barer Münze, 5 Milliarden Goldfranken, das waren damals 5 Milliarden Deutschmark, und außerdem mußte Frank- reich Elsaß-Lothringen, das es vor 200 Jahren geraubt hatte, wieder her- ausrücken.

Der Weg war nun frei zur Deutschen Einheit, zum Reich der Deutschen. In Versailles wurde 1871 König Wilhelm von Preußen zum deutschen Kaiser gewählt, und ein Hoch aller deutschen Fürsten einigte diese Stun- de und war das Band, das sich nun um alle Dynastien und um das Deut- sche Volk schlang, leider nicht um das gesamte.

Bismarck war von der Notwendigkeit einer einheitlichen deutschen Staats- gründung überzeugt. Aber es gab da auch andere Stimmen, Parteien im Parlament, die durchaus nicht diese einheitliche Staatsmacht sehen woll- ten, sie huldigten dem föderativen Prinzip. Die deutsche Fliehkraft, die-

ses deutsche Gegeneinander, wie das nun einmal aus dem Überschuß un- serer Kraft kommt, – häufig genug an den Tag gelegt, heute im Parlament wie damals zu Bismarcks Zeiten –, wo lieber die Interessen all derer eher und besser vertreten werden, die feindselig die Deutsche Einheit betrach- ten, als die Lebensinteressen des eigenen Volkes und Reiches wahrzuneh- men. Bismarck baute daher seine notwendige Staatsrechtsform in diese Zeit.

Bismarck und die Romkirche

Gleich stellten sich auch die großen Gegner ein. Während in Frankreich noch gekämpft wurde und bevor die Kaiserproklamation in Versailles erfolgte, hatten die katholische Kirche, der Papst in Rom, seine Gegenmi- nen gelegt: Beim Vatikanischen Konzil 1870 wurde das Unfehlbarkeits- dogma des Papstes verkündet, also eine absolutistische Herrschaft der katholischen Kirche proklamiert, die nun versuchte, über die Zentrums- partei in Deutschland auf die deutsche Politik Einfluß zu nehmen, eine Art Staat im Staate zu errichten. Der Kulturkampf war kein Glaubens- kampf, es war die uralte Auseinandersetzung zwischen Königtum und Priestertum, wie sie durch unsere ganze Geschichte geht. Das Unfehlbar- keitsdogma des Papstes, der als Gottes Stellvertreter auf Erden die Macht erheischte, war die Neuauflage bzw. Fortsetzung des päpstlichen Macht- anspruches im Mittelalter, der mit der Lüge von der sogenannten “Kon- stantinischen Schenkung” versucht hatte, sich ins Recht zu setzen. Es war der Zusammenstoß mit der internationalen Weltkirche, dem sich Bis- marck nun, eben erst das Reich gegründet, als seinem größten Feind ge- genübersah. (Ein kleines Beispiel für den Machtvorstoß Roms: Die An- zahl der katholischen Klöster – 1898 waren es noch 992 – war bis zum Jahre 1908 auf 5211 angewachsen.) Der Parteigänger Roms im deut- schen Reichstag war die Zentrumspartei, so mußte sich Bismarck auf die Liberalisten stützen, um seine Politik durchzusetzen, denn auch die kon- servative Partei war unzuverlässig geworden. Das waren die Wechsel- wirkungen in der Politik, die er taktisch benutzen mußte. Trotz des dau- ernden Kampfes im Parlament, wo oft eine Welt von Haß der Bismarcki- schen Politik gegenübertrat, ist es ihm gelungen, das Reich der Deut- schen nach innen zu bauen und die notwendigen Antworten zu geben auf die Fragen der Zeit. Das war eine gigantische Leistung, denn heute sehen

wir ganz klar, daß hier internationale Strömungen von außen versuchten einzuwirken, um die Stärke des Reiches zu unterminieren.

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“Bismarck ist die Schlange im Paradies der Menschheit. Durch diese Schlange wird das deutsche Volk verführt, mehr sein zu wollen als Gott selbst; und dieser Selbstüberhebung wird eine Er- niedrigung folgen, wie noch kein Volk sie hat kosten müssen bis dieses Reich zur Verherrlichung Gottes vergehen wird.”

Papst Pius IX. vor deutschen Pilgern

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Bismarcks Sozialgesetzgebung

Das 19. Jahrhundert ist gekennzeichnet von großen Veränderungen. Durch die wissenschaftlichen Leistungen des Deutschen Volkes im 18. Jahrhun- dert wird ein neues wissenschaftliches Zeitalter begründet. Der Aufstieg der deutschen Industrie bewirkt einen Umbruch der sozialen Schichtun- gen im Volke. Die zahlreichen Entdeckungen, wie z. B. Aluminium und Anilin, und der Siegeszug der Elektrizität führen eine weitgehende Indu- strialisierung der Wirtschaft herbei und greifen tief in die gesellschaftli- chen Verhältnisse ein. Die Großfamilie als bisherige Erwerbsquelle wird aufgelöst. Es beginnt das biologische Zeitalter der Naturwissenschaft mit höheren Erträgnissen der Landwirtschaft und Bevölkerungswachstum. Das Land (Landflucht) wandert ab in die Stadt, wir haben es in Deutsch- land mit einer starken Bevölkerungsbewegung von Ost nach West zu tun.

Der mit der Industrialisierung aufkommende neue Stand der Arbeiter wirft für den Staat Probleme auf, die einer Lösung harrten.

Der Sozialistenführer Ferdinand Lassalle suchte noch nach Wegen, die Arbeiterschaft in den Staat einzubinden und machte seine Vorschläge für Mindest- und Höchstlöhne der Arbeiter. Als Marx 1848 das kommunisti-

sche Manifest ausruft, gerät der Arbeiter in die Gefolgschaft internatio- naler Ideen. Der Marxismus verkündet den Klassenkampf aller gegen alle mit den Parolen: Vaterland und Vaterlandsliebe ist Heuchelei und Religion Humbug, und reißt tiefe Klüfte im Volke auf.

Der Staat hatte die sozialen Fragen des Arbeiterstandes, der sich nicht betreut und vom Volke aufgenommen fühlte, noch nicht aufgegriffen.

Bismarck erkannte sehr bald, daß gehandelt werden mußte. Wenn ihm dann in der weiteren Folge vom Parlament vorgeworfen wurde, er huldi- ge dem Sozialismus, weil er jetzt seine Sozialgesetze durchbrachte, dann muß mit Bismarck geantwortet werden:

“Mit dem Sozialismus, diesen Begriff habe ich längst überwun- den, damit bin ich nicht mehr zu schrecken. Es ist eine Aufgabe des Staates, den Arbeiter und diesen Stand in den Staat, in das Reich zu integrieren.”

Mit diesem Programm bezog er die Arbeiterschaft in die Gemeinschaft, zwar noch nicht in die des Volkes, aber in die Gemeinschaft des Staates ein. 1883 wurde das Krankenversicherungsgesetz durchgebracht, 1884 das Unfallversicherungsgesetz, dann 5 Jahre später das Alters- und Inva- lidenversicherungsgesetz und 1891 das von Bismarck bereits vorbereite- te Arbeiterschutzgesetz. Diese staatsmännische Leistung stand vorbild- lich in der ganzen Welt, denn vor Bismarck gab es in keinem Staate eine moderne Sozialgesetzgebung. Bismarck hatte mit seinen Sozialgesetzen einen neuen Weg zur Lösung der für die Arbeiterschaft anstehenden so- zialen Fragen eingeleitet. Der moderne Sozialstaat ist durch ihn geschaf- fen worden.

Die Arbeiter haben es später gedankt, daß sie nun ihren Platz im Staats- wesen hatten. 1914 hat der deutsche Arbeiter die Muskete übergeschwun- gen und ist mit der gleichen Bereitschaft wie alle deutschen Soldaten in den Krieg gezogen, um das Reich Bismarcks zu verteidigen.

Der Virus der marxistischen Klassenkampftheorie verursachte damals die internationale Marschrichtung der Arbeiterschaft. In diesem Jahrhun- dert erlebten wir das Scheitern der Internationale des Proletariats. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion greift die Erkenntnis um sich, daß die Lösung und Betreuung der sozialen Dinge eine nationale Aufgabe ist.

Bismarcks Außenpolitik

Welche gigantische staatsmännische Arbeitsleistung Bismarck vollbracht hat in den 32 Jahren seiner Tätigkeit als Ministerpräsident und Reichs- kanzler, ist in ihrem ganzen Umfang, vor allem in dieser kurzen Darstel- lung, gar nicht faßbar: So war er nicht nur Abgeordneter im Herrenhaus, nicht nur Außenminister, er war auch zeitweilig Handels- und Zollmini- ster. Der dauernde Kampf mit dem Parlament zur Durchsetzung seiner Politik brachte ihn oft an den Rand seiner physischen und psychischen Leistungskraft.

Seine größte Aufgabe lag jedoch darin, das Reich nach außen zu sichern. Er wußte genau, daß Frankreich seine Niederlage niemals verzeihen wür- de: es suchte nach Rache für Verdun. Das Reich nach außen zu sichern, nannte er “das Spiel mit den fünf Bällen”. So schloß er 1873 das Drei- Kaiser-Abkommen: Österreich, Rußland und Deutschland. 1879 kam das geheime Verteidigungsbündnis mit Österreich und Rußland zustande, 1881 das geheime Neutralitätsabkommen mit Österreich und Rußland und 1881 der Dreibund Deutschland–Österreich–Italien. Der geheime Rückversi- cherungsvertrag mit Rußland war die Krone seiner genialen Außenpoli- tik; es war eine zweite Sicherung gegenüber Frankreich. Wenn es also zwischen den beiden Rivalen Österreich und Rußland zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommen sollte, so konnte sich jeweils der eine oder andere rückversichern; damit hielt Bismarck Frankreich in Schach. Denn würde sich Rußland verunsichert fühlen, würde es sofort ein Bündnis mit Frankreich suchen, und das wäre tödlich für das Reich.

Diesen Zweifrontenkrieg hat Bismarck immer gefürchtet. Als es schließ- lich zwischen ihm und dem jungen Kaiser Wilhelm II. zum Bruche kam und 1890 Bismarcks Entlassung folgte, erneuerten jene, die nun an Bis- marcks Stelle in Berlin saßen, den Rückversicherungsvertrag nicht. Da- mit nahm das Unheil seinen Weg; ein Jahr später gab es schon ein Mili- tärbündnis Rußlands mit Frankreich, zwei Jahre später dann das eigent- liche Bündnis. Damit waren die Weichen zum Ersten Weltkrieg gestellt. Bismarcks Politik war darauf gerichtet, uns Frankreich vom Leibe zu halten, und je länger dies nicht gelänge, desto katastrophaler würde die Auseinandersetzung einstens sein.

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“Wir verfolgen keine Macht-, sondern Sicherheitspolitik Wir ha- ben den Ernst und die Leiden jedes Krieges, auch eines siegrei- chen, würdigen gelernt und sind entschlossen, denselben zu ver- meiden, solange sich uns nicht die Überzeugung aufdrängt, daß er unvermeidlich ist.”

Bismarck vor dem Reichstag

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Bismarck mußte seine Politik gegen eine Welt des Hasses machen. Im Volke war Bismarck der Große, der Genius, den das Volk tief verehrte. Und es ist faszinierend, daß Bismarck in dem Augenblick, als er entlas- sen wurde, in seinem Volk noch inniger verankert war, daß er noch nach seiner Entlassung einen weiteren Aufstieg erlebte. Denn das Volk wußte sehr wohl, wen es verloren hatte, wußte um die Größe dieses Staatsman- nes. Haß schlug ihm entgegen von den umliegenden Staaten, Völkerhaß und Parteienhaß, Priesterhaß und Frauenhaß, Dynastienhaß und Klas- senhaß, damit hat er sich zeitlebens auseinandersetzen müssen. 40 Jahre lang hat er mit seiner Politik dem Reiche und seinem Volke gedient. Eine lange Zeit. In seinen “Gedanken und Erinnerungen” schreibt er:

“Den Söhnen und Enkeln zum Verständnis der Vergangenheit und zur Lehre für die Zukunft.”

Sie enthalten viele Lehren, die auch heute noch und für die Zukunft gültig sind, denn an der Tatsache, daß wir in der Mitte Europas leben, daß ringsum andere große Staaten und Völker sind, hat sich nichts geändert. Es ist nur noch etwas Schlimmeres hinzugetreten, daß außereuropäische Mächte in den europäischen Kampf eingegriffen haben, zum Unglück nicht nur unseres eigenen Volkes, sondern ganz Europas. Bismarck sagte deshalb am Schluß seines 3. Bandes:

“Ich sehe schwere Gefahren für Deutschland, doch auch für Eu- ropa aufsteigen. Denn je später sie eintreten wird, um so furcht- barer wird sie sein.”

Und er ruft noch einmal den Abgeordneten in einer seiner letzten Reden zu:

“Die Einheit ist die Vorbedingung unserer nationalen Unabhän- gigkeit. Seien Sie einig und lassen Sie den nationalen Gedanken vor Europa leuchten. Er ist augenblicklich in der Verfinsterung begriffen.”

Dieser Augenblick ist uns in diesen Jahren und Zeiten wieder höchst ge- genwärtig. Während wir uns mit Otto von Bismarck zum einigen Reich der Deutschen bekennen, verkauft man es in Bonn. Dieses Reich wollen sie nicht mehr, sie wollen nur noch einen föderativen Staat, dessen Auflö- sung in überstaatliche Regionen in der öffentlichen Propaganda bereits betrieben wird.

Das deutsche Haus zu bauen gelang erst zu einem Zeitpunkt, als die an- deren größeren Völker Europas ihren Nationalstaat längst errichtet und gefestigt hatten.

Das Volk der Mitte wurde, geschwächt nach dem verheerenden 30jähri- gen Krieg, durch den Westfälischen Frieden und die Richelieu-Politik Frankreichs über 200 Jahre daran gehindert.

Bismarcks Politik war die grandiose Leistung, das neue Reich der Deut- schen “maßgeschneidert” in die Machtkonstellation der europäischen Staa- tenwelt zu setzen.

Das geeinte Reich nahm seinen Aufstieg zu Stärke und wirtschaftlicher Macht. Bismarcks überragende Staatskunst konnte ihm 40 Jahre des Frie- dens sichern, bis sie sich in diesem Jahrhundert zusammengerottet haben, die alten und die neuen Feinde: sie mußten die ganze Welt mobilisieren mit Geld, Bodenschätzen, Wirtschaftskraft und Rüstungsmacht, mit Trup- pen, Waffen, Schiffen und Flugzeugen, um das Reich in zwei Waf- fengängen von brutalsten Ausmaßen zu zerstören, – und haben doch nicht gesiegt. Das Antlitz des wahren Siegers sieht anders aus als ihre von Haß erfüllte Macht, die heute über das Deutsche Volk zu Gericht sitzt.

Die größte Torheit, zu der Menschen überredet werden können, ist, zu glauben, daß nun ein für allemal die Geschichte abgeschlossen sei und wir uns mit der Rolle des Übeltäters, des Schuldigen abzufinden haben, daß die Vergangenheit, also die Politik von gestern, keine Wirkung auf

Gegenwart und Zukunft habe, daß ein großes Volk ewig in Unfreiheit verharren und geschichtslos werden könne.

Ein Genius hat das Zweite Reich geschaffen, hat es gefestigt und uns sein Vermächtnis für die Zukunft übertragen. Das Reich ist die Lebensform der Deutschen, das Reich nicht nur in seiner äußeren Gestalt, sondern auch in seinem inneren Gewicht. Das dürfen wir nie vergessen.

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1000 Jahre Österreich

(März 1996)

1976 feierte Österreich zum erstenmal seine tausendjährige Geschichte. Daß 1996 zum zweitenmal tausend Jahre der Geschichte Österreichs ins Bewußtsein gerufen werden sollen, entspringt dem Bemühen, eine Ur- kunde aus schriftlichem Quellenmaterial an den Anfang des geschichtli- chen Weges zu setzen. Hierbei tauchen die ersten Schwierigkeiten gegen- wärtiger politischer Doktrin auf, für das Land Österreich einen tausend- jährigen geschichtlichen Sonderweg zu konstruieren. Denn die Erneue- rung der alten Ostmark Karls des Großen durch den großen deutschen König Otto I. als Grenzmark des Reiches, nunmehr Ostarrichi genannt, war die Fortsetzung reichischer Politik zur Sicherung des im Südosten erworbenen Siedlungslandes. Die Geschichtsunkundigen von heute glau- ben machen zu wollen, es habe eine eigene “österreichische Geschichte“ unabhängig von der Reichsgeschichte stattgefunden, kommt aus der volks- feindlichen Absicht, eine bis in die heutige Gegenwart dauernde Konti- nuität Österreichs mit der deutschen Volksgeschichte in Frage zu stellen.

Die Eigenstaatlichkeit Österreichs ist seit 1945 bei einigen Außenseitern, die das politische Klima in Österreich bestimmend beeinflussen, von antideutschen Zwangsvorstellungen begleitet. Ihr neurotisches Mißver- hältnis zum Deutschen Volk und der mangelnde Mut zur geschichtlichen Wahrheit wollen nicht zur Kenntnis nehmen, daß für den deutschen Öster- reicher das deutsche Volksbekenntnis und das österreichische Staatsbe- wußtsein keine Gegensätze bilden.

Aus diesem Gefühl heraus mußte aber der Wiener Bürgermeister Zilk gehandelt haben, als er anläßlich der deutschen Teilwiedervereinigung auf dem Wiener Rathaus die deutsche Fahne hissen ließ. Es war eben nicht der Bürgermeister von Paris, den die Freude übermannt haben könnte, darob die deutsche Fahne auf dem Eiffelturm aufzuziehen. Die spontane Handlung des Bürgermeisters von Wien war keine politische; sie war der Ausdruck deutschen Volksgefühles, dem Gedankengang des Landeshaupt-

mannes Josef Krainer entsprechend, der sich in der Sitzung des steiri- schen Landtages am 7. April 1965 folgendermaßen äußerte:

“Hüten wir uns, aus dem Wort ‚deutsch‘ ein politisches Bekennt- nis vergangener Zeiten herauszulesen. Wir sind Österreicher und sprechen die deutsche Sprache. Viele verwandtschaftliche und menschliche Beziehungen verbinden uns mit deutschen Volkszu- gehörigen in der ganzen Welt. Das Wort ‚deutsch‘ ist keine poli- tische Aussage, sondern ein Bekenntnis zu einer großen Volks- tums- und Sprachgemeinschaft.”

Das Volksbewußtsein und das Volksbekenntnis deutscher Österreicher zu diskriminieren oder gar unter Strafe stellen zu wollen, wäre ein Bruch der immer noch gültigen Verfassung vom 21.10.1919. Obgleich der Name Deutsch-Österreich und das von der Nationalversammlung am 12.3.1919 beschlossene Gesetz, Deutschösterreich zum Bestandteil des Deutschen Reiches zu erklären, durch das Diktat von St. Germain untersagt wurde, ist mit dem Gesetz über die Staatsform die deutsche Sprache zur Staats- sprache bestimmt worden. Rund 99% des Staatsvolkes in Österreich sind Deutsche. Wie der Völker- und Staatsrechtler Univ.-Prof. Dr. Helfried Pfeifer in der Schlußbetrachtung seiner Schrift: “Werden und Wesen der Republik Österreich” ausführt, haben sie als solche seit dem Bestehen des Staates Österreich bis 1938 und dann wieder ab 1945 “nach dem unberührt gebliebenen Hauptgrundsatz des Art. 19 StGG (Staatsgrund- gesetz) das unverletzliche Recht auf Wahrung und Pflege ihrer Nationa- lität und Sprache. Dieses Recht steht der überwältigenden ethnischen Mehrheit des Landes selbstverständlich ebenso zu wie den kleinen ethni- schen Minderheiten. Es gilt nicht nur für die einzelnen Staatsbürger, son- dern auch für die Völker, das staatstragende Volk der Deutschen und die kleinen ethnischen Minderheiten der Kroaten und Magyaren im Burgen- land, der Tschechen in Wien, der Slowenen und Windischen in Kärnten, die nach der Volkszählung von 1961 alle zusammen nicht einmal 1% des Staatsvolkes ausmachen! Nur der deutsche Charakter der Republik Öster- reich gibt ihr das natürliche Recht und legt ihr die Pflicht auf, für die Deutschen Südtirols mannhaft einzutreten.”

(Univ.-Prof. Dr. Helfried Pfeifer, “Vom Werden und Wesen der Republik Österreich”, 1966, „Eckartschrift“, Heft 21.)

Pfeifer stellt in diesem Zusammenhang klar, was er in der ergänzenden Schrift “Volk, Staat und Nation” von der Entstehung des Deutschen Vol- kes, dem Verhältnis Stamm, Volk und Staat zueinander und die verschie- dene Bedeutung des Wortes Nation in der westlichen Staatenwelt und in Mittel- und Osteuropa andererseits, durch bedeutende Gelehrte belegt, erläutert. Während im Westen seit der Französischen Revolution der Be- griff der Staatsnation sich mit sprachvergewaltigender Härte durchsetzte (siehe Iren, Waliser, Bretonen und Basken), ist für die Deutschen der Begriff der Nation an das Volk gebunden. Im alten Österreich, im Viel- völkerstaat, hat man deshalb zwischen Staatsbewußtsein und National- bewußtsein unterschieden, während im Westen beide Begriffe identisch waren.

(Univ.-Prof. Dr. Helfried Pfeifer, “Volk, Staat und Nation”, 1967, „Aula“-Schriften.)

Am Schluß seiner wissenschaftlichen Arbeit über Werden und Wesen der Republik Österreich schreibt Helfried Pfeifer sein Bekenntnis:

“Gebe Gott, daß dieser Raum nach dem furchtbaren Geschehen der Massenaustreibung und Massenermordung von rund 15 Mil- lionen Deutschen aus Ostmitteleuropa nicht weiter eingeengt wird, sondern erhalten bleibt und daß Österreich, getreu seiner Ge- schichte, seine Aufgabe und Sendung als deutsches Kulturland und sturmerprobte Grenzmark des Deutschtums und der freien Welt erfüllt! In diesem Sinne möge die altehrwürdige rot-weiß- rote Fahne als Wahrzeichen des deutschen Landes Österreich stolz von ihren Masten wehen.”

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Österreich in der deutschen Geschichte

(März 1996)

Ostarrichi – Bollwerk des Reiches

Ostarrichi ist – so vielgestaltige Variationen es auch im Laufe der Ge- schichte erfahren hat – auf einen Grundton zu bringen; ob damals in seinen geschichtlichen Anfängen, ob in der heroisch-glanzvollen Zeit des Prinzen Eugen oder unter der großen Maria-Theresia: ein Verteidigungs- raum deutschen Volksbodens und ein Bewahrungsraum deutscher Kultur zu sein, der im geistigen Ausgriff wie in der Vermittlung fremden Kul- turgutes Großartiges geleistet hat. So war dieses Ostarrichi durch mehr als ein Jahrtausend geopolitisch wie geistig-kulturell ein Bollwerk des Reiches und des Lebensraumes unseres gesamten Volkes, getreulich dem Gesetz, nach dem es in der Geschichte angetreten ist.

Geben und Empfangen war die blutmäßige und geistig-seelische Wech- selbeziehung zwischen dem Reich und seiner südlichen und südöstlichen Grenzmark. Es ist eindeutig aus der Geschichte erkennbar, daß die ge- waltige Aufgabe Österreichs als Vorwerk des Reiches und Gesamtvolkes nur von einer stärksten Auffassung der Reichsidee und einem tief ein- gewurzelten Nationalbewußtsein getragen werden konnte. Weit vorge- schoben in unerschlossene und durch andere Völkerschaften gefährdete Räume, oft einsam auf sich gestellt, konnte es sich nur in unwandelbarer Treue zum Ganzen bewähren. Der Kraftquell dieser Stärke und der be- wundernswerten Leistung des Südostdeutschtums war blutmäßig und geistig-seelisch das gesamte Volk. Es tritt vor der Geschichte klar hervor, daß ohne den Rückhalt des gesamten Volkes und Reiches die geschicht- liche Leistung Österreichs nicht möglich gewesen wäre, an welche Ent- wicklungsphase des Ganges der Geschichte wir auch denken mögen. Des Reiches Ohnmacht war auch das Unglück seiner Grenzmark, und die endgültige Zerreißung der staatlichen Bande bedeutete schließlich den Untergang des im Laufe seiner Geschichte zu einer gewaltigen Groß- macht europäischen Ausmaßes aufgestiegenen Ostarrichis.

Es liegt nicht in der Absicht dieser Ausführungen, ein Geschichtsbild Österreichs in seinem chronologischen staatsrechtlichen Ablauf zu ge- ben. Es sollen vielmehr in großen Zügen die vielgestaltigen Zeugnisse volksgeschichtlicher Entfaltung Österreichs mit seinem wechselseitigen Verwobensein in den Gesamtablauf deutscher Geschichte dargestellt wer- den. Neben der volkstumsmäßigen Betrachtung gehören dazu ebenso die kulturellen Leistungen und künstlerischen Errungenschaften wie die ge- schichtlichen Stunden seiner Triumphe und seiner Niederlagen. Unsere Darstellung soll also nicht auf das Territorium Österreichs und seine rechts- und verfassungsgeschichtlichen Zusammenhänge gerichtet sein, als viel- mehr auf die deutsche geschichtliche Landschaft dieses Raumes als ein Glied des gesamten deutschen Volks- und Kulturbodens. Nur so werden wir in sein Gesetz, seine innerste Kraft und Stärke und damit zur Wahr- heit der Geschichte vordringen. Die Wahrheit der Geschichte aber soll uns Zeuge seines deutschen Charakters und das Vermächtnis zur Erhal- tung dieses deutschen Charakters sein.

Im Vorhof der Geschichte

Im Vorhof der Geschichte des österreichischen Raumes begegnen wir den indogermanischen Illyrern und Kelten; die Illyrer mehr im westlichen, die Kelten im östlichen Teile siedelnd. Es handelt sich dabei um die beiden Vorvölker, die wir im gesamten deutschen Raum vorgeschichtlich fest- stellen können. Siedlungsgeschichtlich erfährt Österreich im weiteren Verlauf seines Werdens die gleichen stammesmäßigen und blutsmäßigen Grundlagen wie der ganze deutsche Volksraum, so daß Adolf Helbok in seiner “Deutschen Volksgeschichte” von “einem Deutschland im Klei- nen” spricht.

Über die mährische Senke dringen eine Vielzahl germanischer Stämme in das Land – Goten, Rugier, Heruler, Langobarden, Semnonen, Quaden und Markomannen. Eine “Musterkarte verschiedenster germanischer Stämme” geben dem Land schon im 5. und 6. Jahrhundert eine germani- sche Grundlegung im westlichen wie im östlichen Teile. Unter den germani- schen Stammesbereichen ist das Reich der Rugier im nördlichen Nieder- österreich das bedeutendste. Sein Name Rugiland ist bis ins 10. Jahrhun-

dert lebendig geblieben. Bis 555 besteht in Osttirol und Kärnten, im da- maligen Binnennoricum und in Mittel- und Westtirol sowie in der östli- chen Schweiz eine ostgotische Oberhoheit.

Neben die völkisch-rassische Unterscheidung zu den romanischen Sied- lungen tritt auch die religiöse. Die germanischen Völkerschaften waren überwiegend Arianer, so die Goten, die Rugier, Heruler, Langobarden und Markomannen. Germanische Kulturüberwölbung und romanische Kulturdecke mit Mittelmeercharakter hatten am Limes eine Scheidung gehabt. Nun wird das romanische Element mit dem Rückzug der römi- schen Provinzialherrschaft aus dem Raum südlich der Donau auf friedli- chem Wege immer mehr in die Rückzugstäler und in die entlegenen Gebirgssiedlungen verdrängt. Der Sturm auf den Limes bringt immer neue germanische Siedler ins Land.

Um diese Zeit ist das gesamte Land Österreich bereits Glied einer ge- schlossenen germanischen Einheit, die vom hohen Norden bis in die ober- italienische Tiefebene reicht.

Immer mehr dringt nun auch der Stamm der von den Markomannen ab- stammenden Baiern ins Land und holt den durch die Awareneinbrüche im 6. Jahrhundert leer gewordenen Raum als germanisch-deutsches Sied- lungsland zurück. Die Awaren, ein ural-altaiisches Reitervolk, waren bis zur Enns, den Ostausläufern der Alpen und bis zur Adria, bis zu den Ursprüngen von Mur und Drau, vorgedrungen und hatten die langobar- dischen Nordmarken vernichtet.

Die Gewinnung des deutschen Volksbodens

Mit zäher bodengewinnender Energie, seiner politischen Fähigkeit und kulturellen Überlegenheit gewinnt der Baiernstamm diesen Raum für den deutschen Volksboden. Ende des 6. Jahrhunderts ist das dichter besiedel- te bairische Gebiet bis an die Melk und den Wienerwald vorgeschoben. Im 7. Jahrhundert berührt ihre Siedlungstätigkeit Böhmen und Mähren und stärkt die ursprüngliche germanische Besiedlung des marko- mannischen Raumes.

Der Baiernstamm dringt in seiner Kolonisation mit eindeutiger Südost- richtung weiter vor. Seine bäuerlich urwüchsige und zähe Art, seine Ge-

meinschaftsfähigkeit und seine Führungsbegabung lassen ihn die größte Siedlungsleistung des deutschen Raumes vollbringen. Systematisch setzt die Südostpolitik des Herzogsgeschlechtes der Agilolfinger ein. Weltliche und geistliche Grundherrschaften und freie Bauernsiedlungen dringen wetteifernd vor, schieben sich bis zum südlichen Vorlande der Alpen und rücken raumbedingt weiter in den pannonischen Osten. Die Awaren wer- den hinausgedrängt.

Im 8. Jahrhundert strömt bereits ein starker Siedlerstrom ins Land, das karantanische Herzogtum, etwa das heutige Kärnten, wird an Bayern angegliedert. 778 wird Bayern Lehensvasall des fränkischen Reiches. Noch vor Karl dem Großen geht eine Kolonisierung und Missionierung im Auftrage des Hauses der Bayern vor sich und erwirbt sich unsterbliche Verdienste für die Besiedlung und kulturelle Aufschließung der Alpen- länder. 796 besiegt und zerstört Karl der Große das Awarenreich – es ist der erste gemeinsame Feldzug der altdeutschen Stämme.

Mit der Gründung der ersten Ostmark wird die bayrische Kolonisations- politik zur Reichspolitik, und damit erst wird die Bedingung zur deut- schen Geschichte Österreichs geschaffen.

Die Ostmark und das Herzogtum Karantanien, umkränzt von einer Kette von Marken, sind die vorgeschobenen Posten des Reiches. Es beginnt der deutsche Weg in den Südosten. Die Ostmark wird zum erstenmal Schirm und Schutz Gesamtdeutschlands zur Erhaltung seines Bodens und zur Ausbreitung deutscher Sitte und Kultur.

Doch der Verfall des Reiches bedeutet für seine Ostmark schwerstes Un- glück. Der sich 907 den einbrechenden Ungarn stellende bayrische Heer- bann wird vernichtet, und 50 Jahre lang verheert das magyarische Reiter- volk das Land und hemmt das kulturelle Leben, ohne allerdings die Grund- verhältnisse zu ändern. Schwer leiden die vorgeschobenen Siedlungen, besonders auch in der Oststeiermark.

Das Reich erhebt sich unter seinem großen König Otto I. zu geeinter Kraft, und 955 siegt Otto in der Lechfeldschlacht über die Ungarn, die nach Pannonien verwiesen dort seßhaft werden. An der deutschen Siedlungsgrenze gegen Ungarn wird ein Gürtel von Burgen angelegt, de- nen Grenzwächtersiedlungen vorgelagert sind. Wir haben es hier zum

erstenmal mit einer Art Wehrbauerntum zu tun. Im Zuge der planmäßi- gen Besiedlung und ihres wehrhaften Schutzes ist Anfang des 13. Jahr- hunderts auch die Riegersburg der östlichen Steiermark als eines der stärk- sten Bollwerke gegen den Osten erbaut worden.

Die Erneuerung der Ostmark: Ostarrichi

976 wird das ostfränkische Geschlecht der Babenberger mit dem Herzog- tum Bayern belehnt. 996, zwanzig Jahre später, wird die Reichsmark, das Land an der Donau, als Ostmark erneuert und erhält den Namen Ostarrichi

Wenn sich im ostfränkischen Reich langsam aus dem altgermanischen Stammesgefühl ein deutsches Volksbewußtsein bildet, so wächst es unter dem König- und Kaisertum Ottos I. und seiner Nachfolger mächtig her- an, so daß wir bereits im 11. Jahrhundert einem geschlossenen deutschen Nationalgefühl begegnen, das auch den verschiedenartigen Teilen der nördlichen, östlichen, südlichen und südöstlichen Kolonisation durchaus den Charakter einer nationalen Einheit gibt. Denn wie im Süden die Bai- ern, waren im Norden die Sachsen Träger des markgräflichen Gedan- kens, das Reich zu sichern und zu mehren. Zur deutschen Königsidee tritt nun der Weltordnungsanspruch des Kaisers als Schutz- und Schirmherr der Christenheit, die reale Kraft des Reiches und des Deutschen Volkes wird zum Träger der metaphysisch-christlichen Idee des Imperiums. Raum- ordnungswille und Heidenbekehrung finden ihre in universale Größe hin- einwachsende Verwirklichung in der Idee des Reiches, Ordner der Welt zu sein. Von dieser großen Reichsidee wird das ganze Mittelalter be- herrscht: sie ist Ausdruck mittelalterlichen deutschen Geistes. Und wie das Wachsen und Erstarken der Ostmark allein durch die Südostpolitik von Kaiser und Reich ermöglicht wird, so ist auch die Süd- und ltalienpo- litik ein Teil der universalen Ordnungsaufgabe des Reiches, dessen Stär- ke auf dem deutschen Königtum und deutschen Volkstum beruht.

Fast 300 Jahre führt das Herzogsgeschlecht der Babenberger die südost- deutsche Kolonisationsarbeit. Sie erwerben die Steiermark, Besitz in Kärn- ten, das inzwischen zum selbständigen Herzogtum erhoben wurde, in Krain und Trient. Dabei ist es unrichtig, im rodungs- und besitzrechtlichen Sin-

ne von einer babenbergischen Kolonisation zu sprechen. Die neuere besitzgeschichtliche und genealogische Methode der historischen For- schung ermöglicht erst einen Überblick über die wirkliche Siedlungsge- schichte. Demnach waren es vor allem eine Reihe bayrischer Geschlech- ter, die das Land gerodet und erschlossen haben, verwandt und vereint mit vielen Grafen- und Fürstenhäusern aus dem ganzen Reiche. Es waren Alemannen und Franken, nicht zuletzt auch Sachsen, deren Namen im- mer wieder auftauchen, wie denn besitzrechtlich z. B. auch die Hohen- zollern bis in die Neuzeit hinein aufscheinen.

So können wir immer wieder feststellen, daß die Kolonisation blutsmäßig von allen deutschen Stämmen geleistet wurde. Es waren auch nicht nur der Adel und Großgrundbesitz beteiligt; in deren Gefolge zogen freie Bau- ern aus dem ganzen Reich ins Land. Die innere Kolonisation und Er- schließung des Landes wird im 11. und 12. Jahrhundert abgeschlossen. Sie bringt eine blühende Entwicklung mit sich. In stiller Arbeit wird die völlige Eindeutschung der mit dem Pflug eroberten Gebiete vollzogen, Bauerntum, Handelsleben, Kunst und Geisteskultur erreichen eine hohe Blüte, Wien entwickelt sich langsam zum Mittelpunkt geistigen und künst- lerischen Lebens. Die Ostmark ist bald bekannt als die bestverwaltete Mark des Reiches. Um das neu erworbene Land zieht sich eine Kette von wehrhaften Burgen und vorgelagerten Wehrbauernsiedlungen. Salzburg wird gleichzeitig mit Köln zum Erzbistum erhoben und ist neben dem Bistum Passau Schwerpunkt der missionarischen Tätigkeit, aber auch des deutschen geistigen und kulturellen Lebens, wie die Klöster und Or- den starke Ausstrahlungspunkte im Kunstleben der Gesamtnation sind.

Ein Einschnitt in der Entwicklung Österreichs bedeutet das Jahr 1156, als Kaiser Friedrich I. dem Welfen Heinrich dem Löwen Bayern zurück- gibt und die Ostmark zum selbständigen Herzogtum und Reichsfürsten- tum mit Sonderrechten in der Verwaltung erhebt. Diese Entscheidung Friedrichs ist schicksalhaft, denn hiermit wird die Ostmark durch die Trennung von Bayern aus dem inneren Reichsverband gedrängt und um so stärker auf eine Politik im Süden und Südosten verwiesen. Das edle Geschlecht der Babenberger hatte sich in fast drei Jahrhunderten unsterb- liche Verdienste um das deutsche Grenzland erworben. Der letzte Baben- berger fällt im Kampfe mit Ungarn. In der Verteidigung deutschen Lan- des erlischt dieses tapfere Fürstengeschlecht.

Lebendiges Kulturerbe

Wie stark mußte das germanisch-deutsche Erbe im Volke der Ostmark lebendig sein, wenn die von altersher gesungenen Heldenlieder noch im 12. und 13. Jahrhundert aufgezeichnet werden konnten. Im Raum der Ostmark wurde das Nibelungenlied im ungestörten Gedächtnis des Vol- kes bewahrt, konnte aufgeschrieben werden und ist dem Deutschen Volke als Nationalepos erhalten geblieben, als im Westen des Reiches die Erin- nerung an die alte Heldenzeit längst verblaßt war. Das Kudrunlied, die Heldenlieder von Biterolf, Dietleib, Walter und Hildegunde, von Ortmut, Wolfdietrich und Dietrich von Bern werden vom Volke wie vom Adel mit gleicher Begeisterung gehört und gesungen. Es bildet sich in Österreich geradezu ein besonderer Stil des Heldenliedes heraus und es bleibt leben- diges Kulturgut noch bis ins 14. und 15. Jahrhundert hinein. In der Begei- sterung für Dietrich von Bern wird die Erinnerung an den großen Goten- könig Theoderich mit der Heldengestalt Siegfrieds verknüpft.

Ist es nicht auch ein Beweis eines nie unterbrochenen germanisch-deut- schen Zusammenhanges, daß germanisches Geschichts- und Sagengut in diesem Raum so unaustilgbar im Gedächtnis blieb? So stark, daß die Kirche für ihren Nachwuchs den Namen „Dietrich“ verbot?

Der Hof der Babenberger war Mittelpunkt des kulturellen Lebens. Und Träger der Dichtung im Herzogtum Österreich war der Spielmann. Daß die Spielleute geradezu einen eigenen Stand bilden konnten, zeigt ihre im Kunstleben der Zeit bedeutende Rolle. Die Namen der größten Spielleute des Mittelalters sind als große Dichter in die Walhall unserer Nation ein- gezogen:

Walther von der Vogelweide und Neidhardt von Reuenthal, beide auch politisch-lyrische Dichter. Walther singt von deutscher Art und Minne, der reinen Sitte deutscher Frauen, vom deutschen Lande vom Rhein bis zur Etsch und bis zum Ungarnlande. Er stellt sich schützend vor Kaiser und Reich gegen päpstliche Anmaßung und den Übermut der Pfaffen. Wie deutsch in Herz und Geist mußte Österreich sein, daß das Lebensge- fühl seines großen Sängers ganz reichisch sein konnte und seine Lieder das allgemeine seelische Erlebnis der eigenen Art im Deutschen Volke widerspiegelten. Er schenkte dem Deutschen Volke das erste große vater- ländische Lied.

Auch im Minnesang stehen Österreich und Tirol an der Spitze des Rei- ches. Hier wird seine innige deutsche Ausdrucksweise besonders gepflegt.

So dringt die deutsche Kultur einerseits mit dem Siedlungs- und Verteidi- gungswerk in immer stärkerem Ausgriff vor in den Südostraum, andere Völkerschaften in ihren Bann ziehend. Andererseits übernimmt sie be- sonders nach dem Süden hin eine Vermittlerrolle. Diese vermittelnde Stel- lung war so glückhaft, daß sich unser Volk wahrhaft nicht darüber bekla- gen kann. Denn es war für die ganze Nation ein Segen, daß im Grenz- landdeutschtum stets eine urwüchsige Liebe und Treue zum gesamten Volkstum lebte, das Althergebrachte treu bewahrt und mit schöpferisch- artsicherer Kulturkraft das andere, Neue, geprüft, gewogen und der eige- nen Art gemäß umgewandelt wurde.

Das geschichtliche Zwischenspiel Ottokars II. von Böhmen, ermöglicht durch des Reiches Ohnmacht in der kaiserlosen Zeit, macht erneut deut- lich, daß das Bestehen und Erstarken der Ostmark nur vom deutschen Mutterboden aus möglich war. Ottokar wird vom deutschen Heerbann, dem Ritterheer des staufischen Schwabens und Frankens unter Rudolf I. 1278 auf dem Marchfeld geschlagen. Damit fallen Böhmen und Öster- reich, Steiermark, Kärnten und Krain den Habsburgern zu. Rudolf I. strebt als deutscher Kaiser nach Erweiterung seines territorialen Besitzes und legt damit den Grundstein zur Hausmacht Habsburg, deren er als Führer des Reiches bedurfte, um seine beschworene Kaiserpflicht, allezeit Wah- rer und Mehrer des Reiches zu sein, erfüllen zu können.

Reichsverbundenheit und Eigenstaatlichkeit

Wir treten nun in einen neuen Abschnitt der Geschichte Österreichs ein. Das Hausmachtstreben der Habsburger führt zum Aufstieg zur kaiserli- chen Weltmacht, einem wahrhaft weltumspannenden Reich. Doch je stär- ker die dynastische Lösung innerhalb des Reiches hin zur staatlichen und verwaltungsmäßigen Verselbständigung wurde, desto größer war die Bin- dung zum Gesamten. Die kaiserliche Aufgabe, Schutz und Schirm zu sein, war auf das Ganze gerichtet, und Werden und Aufstieg Österreichs ist nur vom gesamten Reich her möglich gewesen.

In einem jahrhundertelangen Entwicklungsprozeß ist die Reichsverbun- denheit und die Eigenstaatlichkeit im deutschen Südosten zu einer dop-

pelten Zielsetzung geworden, die, wie gegensätzlich die Richtungen auch waren, sich dennoch unlösbar miteinander verknüpften. Auch die dyna- stische Sonderentwicklung hatte ihre zwei Richtungen, nach dem deut- schen Westen, dem italienischen Süden und nach dem Südosten, wo sie eine übernationale Bindung der deutschen Lande mit den Kronen Un- garns und Böhmens einging.

Alle auseinanderstrebenden Zielrichtungen finden sich wieder zu einer Einheit versammelt in der Gestalt des großen Kaisers Maximilian I., der an der Zeitwende zur Neuzeit steht. Der christliche und universale Kai- sergedanke und das blutgebundene Königtum des deutschen Herrschers entfalten sich in ihm zu neuer Größe. Dem Erneuerer der Reichsidee im Zeichen des Humanismus ist ein Erstarken des deutschen Nationalgefüh- les zu danken. Das Reichsbewußtsein erlebt mit Stolz die nationale Herr- schaft über Italien. Wie artbewußt stellt doch Albrecht Dürer seine deut- sche Malerei gegen die italienischen Meister! Wien wird zum Hauptquar- tier als Hort des deutschen Humanismus, dessen geistiger Führer der jun- ge Ritter und preisgekrönte Dichter Ulrich von Hutten ist.

Leider wird die eingeleitete deutsche Kaiserpolitik Maximilians durch die spanischen Blutsbande seines Hauses nicht fortgesetzt. Das Haus Habs- burg erreicht zwar die Ausdehnung eines wahren Weltreiches, aber die deutschen Interessen werden von Karl V. kaum wahrgenommen. Das Reich ist sich selbst überlassen.

Des Reiches Bollwerk

Da taucht die vierte Bedrohung nach Hunnen, Awaren und Ungarn aus den Weiten des Ostens auf. Das Osmanenreich bricht in Europa ein, und 1529 stehen die Türken vor Wien. Heldenhaft wehrt sich die Stadt, so daß der Türkensultan die Belagerung vor dem Winter abbrechen muß. Wieder einmal ist das Abendland gerettet. Aber die Türken werden nun zu einer ständigen Bedrohung des Reiches. Schon Ende des 15. Jahrhun- derts erlebt die Steiermark einen verheerenden Türkenzug, bei dem die Oststeiermark verwüstet wird. In dem folgenden Jahrhundert erleiden die deutschen Grenzlande dauernd Türkeneinfälle. Die Steiermark schützt am “Hofzaun des Erbfeindes” das Reich.

Gut und Blut werden von den Grenzbewohnern immer wieder geopfert,

die Grenze des Reiches wird zur blutenden Grenze; ohnmächtig ist das Reich. Hilferufe richten sich in höchster Bedrängnis bis hinauf nach Ham- burg. “Läßt man die Grenzen schutzlos, geht das Reich in Flammen auf”, hieß es 1594 in einem Hilfegesuch der österreichischen Stände.

1664 werden die Türken in der Schlacht bei St. Gotthard/Mogersdorf im südlichen Burgenland an der Grenze der Steiermark durch das Reichs- heer geschlagen und ihr weiterer Vorstoß nach Norden abgewehrt. Aber die Expansionskraft des Türkenreiches ist damit nicht gebrochen. 20 Jah- re später steht es zum zweiten Mal vor den Toren Wiens. Das Reich, das ganze Abendland sind in höchster Gefahr. Die Stadt Hamburg richtet einen flehentlichen Appell an Wien und das Reich, in dem es heißt: Wien, Straßburg und Hamburg sind die drei Säulen des Reiches; wenn Wien fällt, fällt das Reich.

Dem Reich wird die Gefahr bewußt und aus allen Teilen eilen die Heer- banne herbei, das sich tapfer verteidigende Wien zu entsetzen. Am 12.9.1683 werden die Türken geschlagen, das Reich ist gerettet.

Unter der Fahne des deutschen Königs, dem weißen Kreuz im roten Feld, erlebt nun das Reich seinen heroischen Aufstieg zu neuer Größe unter Prinz Eugen. In einem fast vier Jahrzehnte währenden Feldzug, an dem sich alle deutschen Fürsten und Stämme beteiligen, wird der Türke end- gültig geschlagen und aus dem mitteleuropäischen Raum geworfen. Im Liede vom Prinzen Eugen, dem edlen Ritter, drücken sich Erneuerung und Auftrieb des deutschen Nationalgefühles und eine Geschlossenheit des Reiches wie einst unter der mächtigen Kaiserherrlichkeit des Mittel- alters aus.

Der Sieg im Osten ist zugleich auch ein Sieg gegen Frankreich, das in seinem universal-egoistischen Streben dem Reich in seiner Beschützer- rolle für das christliche Abendland immer dann in den Rücken fällt, wenn die Türkengefahr die Verteidigungskraft des Heiligen Reiches Deutscher Nation schwächt. So raubt Ludwig XIV. 1681 Straßburg mitten im Frie- den. Das Haus Österreich und das österreichische Heer haben eine Zwei- frontenstellung. Die Erfolge der dynastischen Kraft Habsburgs im Spani- schen Erbfolgekrieg, einem Krieg, der ganz Europa entzündet, kommen somit auch dem Reiche als Absicherung gegen französisches Machtstreben zugute.

Reichsstil im Barock

Nun wäre die Stunde gekommen, einen Reichstraum zu verwirklichen, wie ihn schon Wallenstein vor Augen hatte, ein Reich von der Adria bis an die Nordsee zu bauen. Das Reich besitzt in Prinz Eugen den helden- mütigen Feldherrn und genialen Staatsmann, solches zu vollbringen. Doch ist Karl VI. nicht wie seine Vorgänger Leopold I. und Joseph I. von der deutschen Reichsidee durchdrungen, und es fehlt ihm die geniale Kraft zu dieser gewaltigen Schöpfung. Die Sternstunde des Reiches, vom deut- schen Österreich in seinem heroischen Daseinskampf heraufgeführt, geht ungenützt vorüber.

Von der immerwährenden Bedrohung aus dem Osten befreit, greift ein neues Lebensgefühl im Deutschen Volke und besonders in Österreich um sich und lebt sich in den großartigen Kulturleistungen des Barockzeital- ters aus. Der Kunststil des Barock wird in Österreich zur deutschen Form durchgestaltet und zu höchster Blüte unter dem Baumeister des Kaisers, Fischer von Erlach, geführt. Germanisch-deutsche Formkraft, begeistert angeregt durch die geschichtliche Größe der Zeit und die mitreißende Idee des Reiches, haben das deutsche Barock geschaffen, dessen alles erfassende künstlerische Kraft erst in vollem Ausmaß ausgedrückt ist, wenn wir von einem Reichsstil sprechen.

Es ist die Zeit, da das große Dreigestirn der Musik aufgeht, Haydn, Mo- zart und Beethoven. Wien ist strahlende Mitte eines unerhört reichen Kul- turlebens. Kein Geringerer als Leibniz ist es, der in Geistesfreundschaft mit dem Prinzen Eugen den leider nicht verwirklichten Plan faßt, Wien zum Mittelpunkt deutscher Kultur und deutschen Geisteslebens durch die Berufung einer Akademie der Wissenschaften zu machen. Das geistig- kulturelle Leben Österreichs strahlt in das ganze Reich aus, und das Ba- rockleben ist noch in Blüte, als im übrigen Reich schon andere Formen gelten.

Österreich erweist sich in seiner Kulturgeschichte als ein Bewahrungs- raum deutscher Kultur. Hier schlägt das Herz tiefer noch und bewußter für die deutschen Dinge. Denn es ist auch ein immer gefährdeter Ver- teidigungsraum. Nicht nur der hart erworbene Boden, auch die Kultur als Ganzes, als geistige und künstlerische Ausprägung der eigenen Art will verteidigt sein.

Deutsche Kulturleistung im Südosten

Das Reich wird nun geschützt durch die weit in den Donauraum vorge- schobene Militärgrenze und ein stehendes Heer. Bis 1715 war die Auf- stellung regelmäßiger Truppen auf die deutschen Provinzen beschränkt. Als Hofkriegsratspräsident verfügte Prinz Eugen noch im Jahr 1715, daß Welsche: Franzosen, Italiener, Polen, Ungarn und Kroaten, als verbotene Nationalisten nicht geworben werden durften; der Einfluß von außerhalb Deutschlands Geborenen war nicht erwünscht. Ganze fürstliche Hausre- gimenter aus dem Reiche standen in deutschem Sold. Maria Theresia ist es zuzuschreiben, die deutsche Sprache als alleinige Kommando- und Dienstsprache im deutschen Heere bestimmt zu haben.

Im Schutze des Grenzwalles beginnt das große Siedlungswerk im Süd- osten, eine gigantische Leistung. Deutsche Siedler aus allen Teilen des Reiches ziehen herbei. Maria Theresia baut Ungarn mit deutschem Blute auf. Österreich fällt damit der Ruhm zu, eine großartige und vorbildliche Siedlungs- und Kulturarbeit im mitteleuropäischen Donauraum geleistet zu haben. Damit aber verlagert sich das Schwergewicht Österreichs im- mer mehr in den Südosten. Der deutsche Dualismus mit Preussen und die Zentrifugalkraft des Donauraumes verweisen Österreich noch stärker auf seine dynastischen Sonderinteressen. Maria Theresia baut, gestützt auf die Volkskraft aller deutschen Stämme, die Großmacht Österreich. Und doch, je stärker die selbständige Politik Österreich von den Interessen des Reiches löst, desto mehr wird die Bindung zum Deutschtum betont. Ma- ria Theresia war in Gesinnung und Charakter so selbstverständlich deutsch, wie sie es blutsmäßig war, und ihren Sohn Joseph II. nennen wir den Deutschen.

Das begeisterte Heldentum eines Erzherzogs Karl, eines Andreas Hofer wäre ohne die Reichsgesinnung Österreichs und ohne das starke Natio- nalgefühl des deutschen Österreichers nicht denkbar. Österreichs Heer gibt 1813 den Ausschlag in der Schlacht gegen den französischen Erobe- rer Napoleon.

Ungebrochenes Volksbewußtsein

Als sich der deutsche Dualismus zwischen Preußen und Österreich schließ-

lich 1866 in der Schlacht bei Königgrätz auskämpft und Österreich aus- geschlossen bleibt, als das Reich in seiner zweiten Schöpfung ersteht, sind es die Besten der deutschen Österreicher, die dem allgemeinen Weh- gefühl des Volkes Ausdruck geben. Seitdem haben die Treuebekenntnisse Deutschösterreichs zum ganzen deutschen Vaterland, zum ganzen Deutsch- land nie aufgehört. Sie finden ihre edelste Bestätigung im gemeinsamen Opfergang des Ersten Weltkrieges, als die deutschen Soldaten Österreichs und des Deutschen Reiches Schulter an Schulter ihren Heldenkampf kämp- fen. Mitgerissen von dieser Treue und der prägenden Kraft im Ordnungs- und Kulturwillen der Deutschen halten sogar die bereits zu eigenem star- ken Nationalgefühl erwachten Völker des Vielvölkerstaates stand.

Das Diktat der Feinde trifft das ganze Deutsche Volk mit aller Härte. Das vor der Welt vom amerikanischen Präsidenten Wilson feierlich verkünde- te Selbstbestimmungsrecht der Völker wird in der Hand der Siegermächte zur üblen Phrase, die den bösen Keim zum Zweiten Weltkrieg in sich trägt. Die gewaltige geschichtliche Leistung des Deutschtums im Süd- osten ist nunmehr auf die Republik Österreich eingeschränkt, dem ge- schlossenen Siedlungsraum von 6 1/2 Millionen Deutschen.

Wem die Geschichte mehr ist als ein mit Jahreszahlen angefülltes Buch, wer sie als die lebendige gestaltende Kraft der Völker erkennt, dem ist es klar, daß die dritte Schöpfung des Reiches mit aller Kraft eines geeinten Volkes die Vereinigung mit Österreich zum Großdeutschen Reiche an- strebte, wie es schon Walther von der Vogelweide einst besungen hat.

Noch einmal erleben wir einen gemeinsamen Opfergang des ganzen Vol- kes. Der in einem Jahrtausend gehärtete und heroisierte Geist des Grenz- volkes stellt sich heldenmütig in Wien und an der Grenze der Steiermark zum letzten Gefecht. Und wie mit einem Blitz wird uns die ganze ge- schichtliche Landschaft erhellt in der Erinnerung an die Nacht, als deut- sche Jungen aus Graz in den festen Mauern der unbesiegten Riegersburg dort in Stellung gegangene russische Panzer vernichten.

Wir haben unsere Blicke auf die eineinhalbtausendjährige germanisch- deutsche Vergangenheit Österreichs gerichtet, die kein Geschehen auslö- schen kann. Es bedeutet daher Verrat an der Geschichte der Heimat und Verhöhnung der Opfer Österreichs für das gemeinsame Volk, als ein öster-

reichischer Politiker des Jahres 1946 zur 950-Jahrfeier Ostarrichis er- klärte:

Bundeskanzler Figl am 27.10.1946:

“Jahrhunderte sind über dieses Österreich hinweggegangen, aus Vermischung der keltischen Urbevölkerung mit Bajuwaren und Franken, von dem hundertfältigen Völkerkonglomerat der römi- schen Legionen genau so wie später von asiatischen Er- oberervölkern, den Magyaren, Hunnen usw. überschattet bis zu den Türkeneinfällen und schließlich tiefgehend vermischt mit jun- gem slawischen Blut von Norden und Süden, von magyarischen und romanischen Elementen, entstand hier von unten herauf ein Volk, das etwas eigenes darstellt in Europa, kein zweiter deut- scher Staat und auch kein zweites deutsches Volk, sondern ein neues, das österreichische Volk.”

Diese Worte spiegeln die geistige Verfassung einer politisch herrschen- den Minderheit wider, die unter dem Eindruck feindlicher Bajonette und im Interesse fremder Mächte Österreich zu einem eigenen Volk umer- ziehen wollen. Welch ein armseliger und kleingeistiger Versuch gegen- über einem stammesmäßig und geschichtlich festgelegten Tatbestand; als ob nur ein anderes Schild genügte, ein Jahrtausend zu verfälschen.

Die Frage der Gegenwart lautet daher nicht: wie deutsch ist Österreich, sondern wie deutsch bleibt Osterreich, wie weit bleibt Österreich seiner geschichtlichen Aufgabenstellung nach deutsch? Geschichte wiederholt sich nicht in ihren Ereignissen oder Formen. Sie schöpft aber immer wie- der aus ihren Grundelementen Volk und dem Raum, in dem dieses Volk geschlossen siedelt.

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Literaturverzeichnis:

Bornstedt: Die österreichische Ostmark in der deutschen Geschichte. Dehio, Georg: Geschichte der deutschen Kunst. Glaise-Horstenau: Österreichs Wehrmacht im deutschen Schicksal. Grolitsch, Lisbeth: Die Kaiserin Maria Theresia. Helbok, Adolf: Grundlagen der Volksgeschichte Deutschlands und Frankreichs; Deut- scher Volkskundeatlas; Deutsche Siedlungsgeschichte; Deutsche Volksgeschichte, Band I und II. Hofheimer, Paul: Das deutsche Gesellschaftslied. Lechner, Karl: Besiedlung und Volkstum der österreichischen Länder. Lyriker, politische: Walter von der Vogelweide, Kümberger, Neidhart von Reuenthal. Nadler, Josef: Die deutsche Dichtung Österreichs. Pfeiffer, Helfried: Vom Werden und Wesen der Republik Österreich. Pinder, Wilhelm: Deutscher Barock. Nowak, Leopold: Die Musik in Österreich. Schüßler, Wilhelm: Die geschichtliche Leistung des Deutschtums im alten Österreich. Sedlmayr, Hans: Österreichs bildende Kunst. Srbik, Heinrich Ritter von: Österreich in der deutschen Geschichte. Wagner von Wagenfels, Hans Jakob: “Ehren-Ruff Teutschlands, der Teutschen und ihres Reiches”, 1691 in Wien (Geschichtslehrer Josef I.).

Moltke:

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“In Wien hat sich das Schicksal der Welt entschieden.”

Benediktinermönch in Kremsmünster:

“Deutsches Volk sei einig, und dulde nimmer Schmach und Schan- de! Während Dich drängt der Osten, droht der West, die mächti- gen Adlerschwingen Dir zu zerzausen.”

Heinrich Ritter von Srbik:

“Als deutscher Held wurde Eugen gefeiert, deutsch war der Cha- rakter des kaiserlichen Heeres trotz der Fremdvölker, die in ihm kämpften, das Reichsgefühl lebte in seinem deutschen Kern und ein Bayer sang zuerst das Lied vom Prinzen Eugen, dem edlen Ritter.”

Erzherzog Karl: “Der beharrliche Streiter für Deutschlands Ehre”.

Andreas Hofer: “Ganz Deutschland, ach, in Schmach und Schmerz”.

Österreich hat 23 Jahre lang hindurch 264 Schlachten, Treffen und Bela- gerungen im Dienste der deutschen Nation durchgeführt, davon 168 sieg- reiche. Das sind 200 Kriegsjahre in 400 Jahren altösterreichischer Kriegs- geschichte, vor 1914 kamen 90 auf das Konto Frankreichs. (Auch die oberitalienischen Kampfstätten zählen dazu.)

Feldmarschall Radetzky:

“Auch in unserer Brust schlägt ein stolzes deutsches Herz, und niemandem räumen wir das Vorrecht ein, deutscher zu empfinden als wir.”

Feldmarschall Radetzky (Brief an einen österreichischen Abgeordneten der Paulskirche):

“Fragen Sie doch die gelehrten Herren in Frankfurt, ob sie in Deutschland eine Quadratmeile finden werden, auf der nicht Öster- reichs Heere ihr Blut für Deutschlands Ehre verspritzten?”

Hans Sedlmayr:

“Man kann sagen, diese neue Architektur (Barock, Reichsstil) sei für die Franzosen in genau dem gleichen Sinn unverständlich gewesen wie die Idee des ‚Reiches‘.”

Hans Sedlmayr:

“Die ganze Größe der österreichischen Kunst, ihre bedeutungs- volle Eigenart, zeigt sich erst, wenn man sie als Stimme in der ‚Gesamtsymphonie‘ der deutschen Kunst zu hören vermag, aus der sie nur gewaltsam herausgelöst werden kann.”

“Wer die Betrachtung der österreichischen Kunst von der Be- trachtung der gesamtdeutschen sondert, dem zerfällt entgegen seiner Absicht sein Gegenstand in Stücke.”

Anläßlich des 100. Todestages Goethes sprach Bundespräsident Miklas am 22. März 1932 bei der Goethefeier im Wiener Musikvereinssaal. Er sagte u. a.:

“Daß er unser war, ein Sohn unseres deutschen Volkes, mag uns im Bewußtsein seiner Größe und Bedeutung für die Geltung des Deutschtums in der Welt mit gerechtem Stolz erfüllen, ja heute vielleicht um so mehr, da so viel Dunkles und Schlimmes den Weg des deutschen Volkes beschattet. In besonderem Maße gilt es für unser Österreich, dessen Deutsche heute, aller Bitterkeit zum Trotz, die unsere Tage erfüllt, und über alle Gemarkungen hinweg in untrennbarer Einheit mit den Deutschen im Reiche und auf dem ganzen Erdenrund dem Genius Goethes huldigen. Was rechtfertigt unser stolzes Bewußtsein? Was verband Goethe mit Österreich? Als Franz Grillparzer im Jahre 1826 dem Altmeister Goethe ge- genüberstand und die Hände der beiden ineinander ruhten, da ward der jüngere Dichter, der Österreicher, in seinem Innersten so tief bewegt, daß er in Tränen ausbrach. Und zehn Jahre später, als Goethe bereits in der Fürstengruft zu Weimar ruhte, da schrieb derselbe Grillparzer das überschwengliche, begeisterte Wort, das kühnste, dem deutschen Volk ins Stammbuch: ‚Wer kein Verehrer Goethes ist, für den sollte kein Raum sein auf der deutschen Erde!‘ Vaterland und Welt! Wer ahnt wohl mehr als der Österreicher die Spannung dieser Begriffe und Werte in der Seele Goethes? So wie Selbstachtung die Grundlage jeglicher Persönlichkeit ist, so wohnt auch aller Vaterlandsliebe der durch nichts zu erschüttern- de und unbeirrbare Wille nach Selbstbehauptung inne. ,Auf frei- em Grund mit freiem Volke stehen‘ (Faust II, 5. Akt, großer Vor- hof des Palastes), ist auch Goethes klassische Parole, und in die- ser weiß sich auch Österreich einig mit ihm und mit allen Stäm- men des ganzen deutschen Volkes.”

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Von der Notwendigkeit einer Neuordnung unseres Denkens

„Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brüder: und aller Dinge Wert werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr Kämpfende sein! Darum sollt ihr Schaffende sein!“

Friedrich Nietzsche

Das geistige Spannungsfeld im letzten Abschnitt unseres Jahrtausends ist durch die Gefahr der Zerstörung aller gewachsenen Ordnungen und einen schwellenzeitlichen Aufbruch zu einer Neuordnung des Denkens ge- kennzeichnet.

Wir Menschen dieses Jahrhunderts sind Zeugen wie Mitstreiter in der Endphase eines Ringens, das sich auf verschiedenen Ebenen biologisch, geistig und politisch zwischen zwei miteinander unvereinbaren Weltsich- ten vollzieht. Es steht eine dualistische Weltauffassung mit der Vernei- nung der Weltwirklichkeit und den daraus abgeleiteten Antithesen zum Leben, zur Geschichte und zur Kultur gegen die arische Welterklärung einer kosmischen Ordnung, in deren Lebenswirklichkeit sich das Schick- sal von Menschen und Völkern in Geschichte und Kultur erfüllt.

Am Ende dieser Auseinandersetzung ist Europa als geistig-schöpferisches Weltzentrum entweder ausgelöscht, oder es führt ein neues Jahrtausend der Gattung Mensch herauf zu noch ungeahnten Höhen schöpferischer Gestaltung des Lebens.

Als Ausformung dieser grundverschiedenen Welt-Anschauung stehen anonyme internationale Machtgruppen den gewachsenen arischen Völ- kern gegenüber. Die sich mit orthodoxem Fanatismus offenbarende Ge-

genwelt beherrscht mittels eines ausgeklügelten materialistisch-kapitali- stischen Systems seit ihrem siegreich geführten 1. und 2. Weltkrieg die Machtpositionen moderner hochtechnisierter Staaten über Banken, Wirt- schaft und Medien. Die Folgen dauernder Einwirkung ihres dualistischen Weltbildes auf das europäische Denken leiteten schon im 19. Jahrhundert pessimistische Strömungen der von einer unbehinderten Betätigung ihres inneren genetisch bedingten Lebensgesetzes immer mehr abgedrängten weißen Völker ein, so daß deren seelische Anpassungsleistung an das Tempo ihrer industriellen Entwicklung und die damit aufkommenden kulturpolitischen Probleme auf das Äußerste herausgefordert wurde. Seit- dem ringt die europäische Welt um ihre seelische Gleichgewichtslage. Die Not geistig-seelischer Des-Orientierung kennzeichnet den europäi- schen Lebensstil, der sich sinnentleert in einem religiösen Vakuum be- wegt und seinen biologischen Ausdruck in der Fortpflanzungsverweige- rung findet.

Menschen und Völker als Erscheinungen kosmisch-irdischen Werdens sind wie alles Leben Anpassungszwängen ausgesetzt, die für die Siche- rung ihres Bestandes ebenso notwendig wie förderlich sind. Die biologi- sche Frage ist, ob die weißen Völker in einer durch ihre Kulturleistungen sich ständig ändernden Umwelt eine geistig-seelische Neuorientierung gewinnen und daraus die Ordnung ihrer Wertwelt wiederaufzurichten anpassungsfähig genug sind.

Diese Anpassungsnotwendigkeit ist eine Herausforderung an den mensch- lichen Geist, die Frage nach der Existenz des Menschen als bewußtseins- begabtes Wesen innerhalb der Weltordnung mit der Erkenntnis seiner Ver- antwortung für das Leben zu beantworten und es damit zu bejahen.

Wenn wir den Erkenntnistrieb als Voraussetzung jeder Ein-Sicht und Neuorientierung menschlichen Lebens werten, müssen wir zu dem Schluß kommen, daß dieser Anpassungsprozeß geistig in vollem Gange ist. Nicht nur die Physik, auch alle biologischen Teildisziplinen haben uns ein weit- gehend wissenschaftlich abgesichertes Weltbild erschlossen. Den kosmi- schen Weiten, von der Physik erforscht, stehen die Erkenntnisse über die zerebralen Dimensionen des menschlichen Geistes nicht nach.

Die einstige mythische Vorstellung arischer Völker von der Harmonie einer polar angelegten Weltordnung ewig wiederkehrenden Wandels im

Werden mündet in die naturwissenschaftliche Weltwirklichkeit als einer Einheit in der Vielfalt der Erscheinungen bruchlos ein. In dieser Erkennt- nis liegt das eigentlich Umstürzlerische unseres Jahrhunderts: Die duali- stische Gegenwelt, mit ihrem außerweltlichen Jenseits, ihrem Körper-Geist- Gegensatz und ihren lebenswidrigen Utopien der Gleichheit aller als Auf- lösungsmittel gegen eine natürliche Ordnung und kulturelle Eigenart der Völker, bricht zusammen.

Der grundlegend wissenschaftlich-weltbildlichen Ausrichtung des Den- kens wird nun eine Bestandsaufnahme und Neusetzung der Werte folgen müssen. Die Sinnfrage wird einer neuen Sinnerfahrung weichen, wenn der Mensch seine metaphysische Einordnung in den Kosmos auf einer erweiterten Wissensgrundlage seelisch vollzieht. Damit werden die Einstiegsmöglichkeiten lebensfeindlich-fremden Denkens in die Vorstel- lungs- und Gefühlswelt europäisch-arischer Völker abgebaut.

Schließlich ist das Chaos gegenwärtiger Richtungslosigkeit, begleitet von den Gefühlen der Sinnentleerung des Daseins, Zeichen der sich auf ihrem Höhepunkt befindlichen gigantischen Auseinandersetzung, in der die Ansätze des Neubestandes bereits sichtbar werden, die jedoch bedroht sind von einer zerstörerischen Andersartigkeit.

Geistige Speerspitze des Aufbruches zu neuem Denken ist das Deutsche Volk. Es steht im Mittelpunkt des Ringens, als besiegte Nation durch den Verlust der Freiheit seines Handelns schwer betroffen. Gerade deshalb wird der Boden seines geistigen Bestandes am tiefsten durchfurcht. Der Umbruch wirft die Scholle aus unberührten Daseinsschichten auf, um notgeboren die Kräfte neuer Ordnung zu tragen. Über die Meisterung seiner eigenen Not hinaus ist ihm die Aufgabe gestellt, eine neue, auf natürlichen Ordnungen beruhende höhere geistige Daseinsstufe des Men- schen einzuleiten. Das ist der ihm aus seiner geschichtlichen Leistung zufallende Auftrag als schöpferisches Herzstück Europas. Es ist auch der Anruf des Lebens selbst.

Wer sich diese tieferen Zusammenhänge denkerisch einsichtig ins Be- wußtsein ruft, dem entgeht nicht die anwachsende Bewegung biologi- schen Forschens und Denkens. Auf ihrem Rücken mögen ideologische Abwehrkämpfe ausgetragen und galileische Kompromisse ausgesprochen werden. Ihre Erkenntnisse sind nicht umzubringende Wahrheit in der Hand

dessen, der sie zur geistigen Waffe schmiedet. Dem politisch erzwunge- nen Abbau der Tradition steht eine wissenschaftlich entdeckte Welt bio- logischer Wahrheiten gegenüber, die dem Wertbeständigen neue Funda- mente des Denkens und Handelns gibt.

Diese Zukunftsaufgabe ist nicht von den ideologischen Verneinern einer gewachsenen Ordnung des Lebens, der Völker und Kulturen zu lösen, auch nicht von jenen, die aus ideologisch gefärbter Wissenschaft und politischer Doktrinierung die weltanschaulichen und praktischen Schluß- folgerungen verweigern. Dies war auch niemals die Aufgabe der Wissen- schaft. Sie liegt bei jenen, denen die Lebenswirklichkeit ihres Volkes Leit- bild, Auftrag und Verpflichtung ist.

Es geht um eine Neuordnung aus Not-Wendigkeit für alle europäischen Völker.

Begriffe und Werte in der Neuordnung

Die geistige Auseinandersetzung um die weltanschaulichen und politi- schen Folgerungen aus naturwissenschaftlicher Sicht zieht immer weite- re Kreise. Sie ist unausweichlich. Die Evolutionslehre, Grundlage mo- dernen Wissens vom Werdegang des Lebens, kann von keinem unterrich- teten und intelligenten Zeitgenossen mehr angezweifelt werden. Im Grun- de genommen geht es darum, die neuen Informationen über das gesamte kosmische und irdische Leben durch die Tätigkeit unseres Geistes ord- nend zu verarbeiten. Mit dieser ordnenden Funktion des menschlichen Bewußtseins werden in kleinen und großen Schritten Anpassungsleistun- gen an neue Erkenntnisse und veränderte Umweltbedingungen vollbracht und finden ihren Ausdruck in der Kultur. So ist die ökologische Bewe- gung unserer Tage eine solche Anpassungsleistung, hergeleitet aus dem Wissensstand über die Lebenseinheit aller physikalischen, chemischen und biologischen Vorgänge in Raum und Zeit. Sie erfaßt immer mehr Menschen, die ihr Wissen umsichtig in ein richtiges Verhalten gegenüber der Ordnung der Natur umgesetzt sehen wollen.

Der Mensch unserer Zeit muß den großen Anpassungsschritt vollenden, zu dem seine Vorfahren mit der Entdeckung des heliozentrischen Weltbil- des den Aufbruch in die neue Zeit eingeleitet haben.

Große Anpassungsschritte setzen Grundbegriffe und Grundwerte in Be- wegung, indem diese auf ihre inhaltliche Gültigkeit und ihre Folgerichtig- keit überprüft werden. Die anpassende Ordnungsleistung vollzieht sich daher zunächst in einem inhaltlichen Wandel der Begriffe als Folge neuer Erkenntnis und veränderter Umwelt. Hier ergeben sich Überschneidun- gen im Niederreißen des nicht mehr geglaubten Alten und der neuen auf- bauenden Anschauung. Das eine führt ins Chaos, das andere in die Zu- kunft. Beide Funktionen sind notwendig; das Alte muß fallen, damit das Neue Platz gewinnt. Jedoch können die chaotischen Kräfte niemals die aufbauenden sein.

Die Umwälzung trifft die christliche Weltanschauung ebenso wie die mar- xistische Ideologie in ihren Grundfesten. Der Abbröckelungsprozeß ist unaufhaltsam. Die Umwelttheorie des Marxismus ist gefallen. Die an- schwellenden Zahlen der Kirchenaustritte sind nur äußeres Zeichen der inneren Katastrophe eines sich ausbreitenden religiösen Vakuums. Der Liberalismus, entbunden von allem und jedem, ist zwar willkommener Zechkumpan der Wohlstandsgesellschaft, aber wie lange noch kann er von dieser ausgehalten werden? Geistig ist er doch längst überholt. Es ist verständlich, daß sowohl die christliche Kirche wie auch die marxistische Ideologie versuchen, den Anpassungskurs in die Richtung ihrer Glau- benslehren zu lenken und damit die Wissenschaft der Ideologie wiederum dienstbar zu machen.

Vor Jahren schrieb eine große Wiener Tageszeitung, die sich mit den ein- schneidenden Ergebnissen naturwissenschaftlicher Forschung befaßte, daß eigentlich nur die nationale Anschauung nicht betroffen wäre, im Gegen- teil davon bestätigt würde. Der Verfasser des Artikels warf die Frage auf, was die Nationalen daraus machen werden.

Dem Zeitungsschreiber kann nicht widersprochen werden. Die nationale, oder genauer gesagt, jene Geisteshaltung, die sich an der Grundtatsache gewachsener Völker orientiert, wird in einzigartiger, bisher nicht mögli- cher Weise von der biologischen Forschung bestätigt.

Eine Weltanschauung, deren Grundlagen an der Wirklichkeit der gesetz- mäßigen Ordnung des gesamten Lebens ausgerichtet ist, kennt kein Dog- ma. Mit jeder neuen Erkenntnis der Wissenschaft werden ihre Funda- mente desto tragfähiger. So sind besonders volktreue Kreise von dem

Drang nach tieferer Erkenntnis und Überprüfung des Wertbeständigen ergriffen.

Es geht hierbei um die richtige Einordnung von Mensch, Volk und Kultur in das nachkopernikanische Weltbild. Die Grundlagen werden somit tie- fer, bei der Evolution des gesamten Lebens angesetzt. Mit der sich daraus ergebenden Wertsetzung ist eine notwendige inhaltliche Klärung der Grund- begriffe unserer Kultur verbunden.

Die Kernfrage nach dem Phänomen des menschlichen Geistes, die noch heute den Widerstreit zwischen geistes- und naturwissenschaftlichen Dis- ziplinen nährt, muß dabei gestellt und beantwortet werden. Erst wer den menschlichen Geist als das Ergebnis äonenlangen Werdens in der Evolu- tion erkennt, wird begreifen, daß er dem Menschen als Organ seiner Le- bensbehauptung zugewachsen ist. In der überpersönlichen Gemeinschaft des Volkes wirkt er in einem System höherer Ordnung und Leistung, das als Überlebensgruppe bejaht, geschützt und verteidigt werden muß. Räu- me, Völker und Rassen sind nicht isoliert, Nachrichten und Verkehr über- winden jede natürliche Schranke. Um so mehr muß das Bewußtsein wach- gerufen werden, daß die Höhe menschlicher Leistungen und die Vielfalt gewachsener Kulturen nur aufrechterhalten und weiterentwickelt werden können, wenn jedes Volk seine Eigenart bewahren kann. Wer die Vielfalt der Kulturen bejaht, muß sich zur Ordnung der Völker als den Trägern dieser Kulturen bekennen.

Mit der Widerlegung des transzendenten “Geistes an sich” durch die na- turwissenschaftliche Forschung ist auch die religiöse Frage unabweislich aufgeworfen.

Alle Erkenntnis drängt zu einem neuen metaphysischen Bewußtsein über die Ordnung der Welt, in die auch der Mensch sinnvoll eingebettet ist. Gerade das Bewußtwerden dieser kosmischen Ordnung erweckt im Men- schen das Gefühl der Geborgenheit im Gesetz und die Ehrfurcht vor dem Leben. Gegenüber einer auf den Menschen bezogenen Religion, die ihn als Krone der Schöpfung eingesetzt und ihn damit außerhalb der Natur gestellt hat, ja, die Welt der Wirklichkeit durch die Verheißung einer “bes- seren” jenseitigen Welt entwertete, ist eine Religion im Kommen, die sich auf das ganze Leben bezieht und im Menschen den seelischen Bezug her- stellt, sich als Teil ewiger Ordnung im All zu fühlen. Von der Verlorenheit

des “Staubkörnchens” Mensch auf einem einsamen Planeten mündet das neue Weltbild seit der Entgötterung der Welt in die Geborgenheit einer lebensreligiösen Anschauung. Der Mensch ist aus dem Zeitalter der My- thologie und der Selbstüberhebung entlassen und handelt auf sich selbst gestellt in Verantwortung vor dem Kommenden. Aus dem “Macht euch die Erde untertan” wird ein “Dienet der Erde”.

Eine Neuordnung des Denkens ist notwendig geworden. Sie bedeutet letzt- lich, die Politik als Instrument der Daseinsgestaltung mit der Vermittlung biologischer Grunderkenntnisse zu befähigen, das Volksleben fördern und lebensrichtige Entscheidungen treffen zu können.

KULTUR – Anpassungsleistung zu höherer Lebensordnung

Die Umwälzungen unseres Jahrhunderts, durch biologische Anpassungs- stürme und weltanschauliche Gestaltungskämpfe gekennzeichnet, machen es notwendig, Vorstellungen und Begriffe des Wertbeständigen neu zu untersuchen, um sie den veränderten Bedingungen der Außenwelt und Umwelt anzupassen. Nichts anderes ist die Tätigkeit des Geistes, der Kultur, in dauernder Auseinandersetzung mit der gesamten Lebenswelt eine Anpassungsleistung zu vollbringen, die eine bessere und höhere Le- bensordnung gewährleistet.

Die Schwellenzeit, in der wir leben, stellt mit der Eroberung des Kosmos und der Entdeckung der feinsten Lebensvorgänge im atomaren wie im zellularen Bereich unsere weltbildliche Orientierungsfunktion vor eine neue Jahrtausendaufgabe.

Der Ordnungsstand unserer Kultur reicht nicht mehr aus, um eine Erhal- tung und angepaßte Lebensbehauptung unseres Volkes und der arischen Völker, ja, der Menschheit überhaupt, zu sichern.

Es wäre aber völlig unbiologisch gedacht, die hervorbrechenden Erkennt- nisse der Naturwissenschaft und besonders den Aufstieg der Technik als materialistische Fehlentwicklung im Gegensatz zu einer idealistischen Weltauffassung zu bewerten. Für ihr teilweises Überschießen in abiolo- gische Vorgänge sind Wertvorstellungen verantwortlich zu machen, die

ihre Wurzeln in den Ideen des 19. Jahrhunderts haben. Sie sind der ger- manisch bestimmten Weltauffassung, die eine organisch-ganzheitliche ist, von Grund auf fremd. Der Volksforscher Adolf Helbok machte die ab- strakte Fächertrennung und Spezialisierung der Wissenschaft im Gefolge der Französischen Revolution für den Verlust der Ganzheit in der Be- trachtung aller Lebensvorgänge verantwortlich.

Mit der die Gefahren durchdringenden Geistesmacht des Genies hat sich auch Goethe kraft seiner germanisch bestimmten Persönlichkeit den Pa- rolen von “Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit” entgegengestellt wie kein anderer deutscher Geist seiner Zeit.

“Denn der Mensch, der zur schwankenden Zeit auch schwankend gesinnt ist, Der vermehret das Übel und breitet es weiter und weiter; Aber wer fest auf dem Sinn beharrt, der bildet die Welt sich. Nicht den Deutschen geziemt es, die fürchterliche Bewegung Fortzuleiten und auch zu wanken hierhin und dorthin. Dies ist unser! so laßt uns sagen und so es behaupten! Denn es werden noch stets die entschlossenen Völker gepriesen, Die für Gott und Gesetz, für Eltern, Weiber und Kinder Stritten und gegen den Feind zusammenstehend erlagen.”

Goethe war nicht das letzte Glied der idealistischen Zeitepoche, der ihr den Glanz seiner titanenen Geisteskraft verlieh, sondern steht am Anfang einer naturalistischen Weltanschauung. Goethe hat den Sprung “über die Mauer” getan, er hat es als Denker getan und als Naturwissenschafter und damit eine Anpassungsleistung eingeleitet, die, wäre sie damals fort- gesetzt worden, der wissenschaftlichen Entwicklung wahrscheinlich vie- le geistige Fehlinvestitionen erspart hätte.

Der vorläufige Sieg der Französischen Revolution gegenüber der germa- nisch-deutschen Volksidee stellte die industrielle Revolution ganz in den Geist der lebensfremden Ideologie einer liberalistisch-materialistischen Weltauffassung und verselbständigte sie.

Es bleibt nun dem 20. und 21. Jahrhundert die Aufgabe, die Technik als Anpassungsleistung des Menschen sinnvoll in eine neue Kulturordnung einzubauen.

Erkenntnistrieb als zentrale Lebenssteuerung

Der in den Naturwissenschaften mit wachsendem Tempo und Erfolg täti- ge Erkenntnistrieb ist jene besondere Triebrichtung des menschlichen Gehirns, die eine Ordnungstätigkeit zur zentralen Lebenssteuerung aus- übt und daher immer in die SINNFRAGE einmündet.

Wissenschaft geht daher jeder Überprüfung des Wertbeständigen und je- der neuen Wertsetzung voraus. Erst dann kann die bildnerische Tat fol- gen und Sitte und Recht sie zum allgemeinen Bilde der Kultur eines Vol- kes erheben.

Bei der Überprüfung des Wertbeständigen handelt es sich nicht um eine Umwertung der Werte, sondern, mit Kolbenheyer gesprochen, geht es “darum, zu sehen und zu wissen, wo aus der Umwälzung die Keime des Neubestandes durchbrechen. Es wäre eine Schwelle der Menschheitsent- wicklung zu überschreiten.”

Der Widerstand überlebter und lebensfeindlicher Ideologien entwickelt sich proportional zum Erkenntnisstand der Wissenschaft. Die Dogmati- sierung ihrer politischen und kulturellen Scheinwelt weist bereits eine Erstarrung auf, die den Anpassungsstürmen unserer Zeit auf die Dauer nicht standhalten kann. Ein echter Rückkoppelungseffekt des Energiege- winns durch Widerstand ergibt sich daher:

Die Naturwissenschaft und besonders die Genetik und ihre ableitenden Systemtheorien müssen unter dem Zwang einer ideologisch feindlich ein- gestellten Zeit desto klarere und unwiderlegbare Beweise liefern.

Die Lage der deutschen Kultur

Wenn wir nun den gegenwärtigen Zustand der deutschen Kultur betrach- ten, müssen wir von einem nationalen Notstand sprechen. Nichts kann die Lage Deutschlands als vom Feind besetztes Land deutlicher kenn- zeichnen als das völlige Darniederliegen kultureller Ordnungsfunktionen, zu deren Betätigung jedes Volk eines bestimmten Freiheitsraumes bedarf.

Die Menschheitsgeschichte verfügt über mindestens 5.000 Jahre alte Er- fahrungen, wie der Feind auch ohne militärische Mittel die Lebenskraft eines Volkes lähmen kann.

Die Morgenthauschen Kontrollratsgesetze haben nicht nur Presse, Poli- tik und Geldwirtschaft unter Lizenz gestellt, sondern auch das gesamte Kulturleben des besiegten Deutschen Volkes.

Die kulturellen Wirkungsbahnen, über die das Volksleben schöpferisch und prägend durchdrungen wird, sind besetzt und der internationalen Kontrolle unterworfen.

Die Kreuzzugsidee ist bekannt: den Rückfall des Deutschen Volkes in die Barbarei zu verhindern und es zur Höhe westlicher (amerikanischer) Zi- vilisation zu führen.

Die Umerziehung ist denn auch über den gigantischen Apparat von Schule, Fernsehen und Rundfunk, über Presse, Theater, Kunstbetrieb, Verlags- und Sortimentswesen, über Vortragswesen und Film in vollem Gange. Gigantisch, weil immer mehr Mittel für ständig wachsendes Desinteresse aufgebracht werden müssen, ja, die Anstrengungen dürfen nicht eine Stun- de still stehen, es könnten sonst aus genetisch tieferen und nicht beein- flußbaren Bahnen Verhaltensweisen durchdringen, die das manipulierte Großhirn wieder in den Dienst der artspezifischen geistigen Funktion zurückführen.

Die Kommunikationswege werden durch die Auflösung der soziologi- schen Strukturen und der sozialen Ordnung umgebaut, die überpersönli- chen Gemeinschaften von Heimat und Volk zerstört. Der isolierte Einzel- mensch ist ein willfähriges Opfer für sinnentleerte Triebbefriedigungen einer Ersatzkultur, die nicht mehr ist als eine Bettelsuppe, die ihm noch höhnend im Schmutzkübel gereicht wird.

Das Gefühlsleben ist davon am meisten betroffen, die Kunst droht unter Schlammfluten zu ersticken.

So zeigen sich mitunter typische Leerlaufreaktionen, wie z. B. in freneti- schen Kundgebungen bei Fußballspielen oder für Massenidole mit unter- schwellig nationalen, volkstümlichen oder moralischen Beweggründen.

Das genetisch bedingte Kulturvermögen ist damit nicht vernichtet, aber es unterliegt einer Lähmung.

Das erbbedingte Ethos eines Volkes bedarf zur Betätigung und Steige- rung seiner wesenseigenen Kulturentwicklung der freien Mittlerbahnen.

Es liegt eine tröstliche Hoffnung in der Zeit, in der es uns gelingen muß, unser Artbild durchzutragen.

Jedoch dürfen die Wirkungen fremdartiger und zersetzender Einflüsse nicht unterschätzt werden, denn sie führen über das Großhirn und lösen assoziative Reaktionen aus. Ja, wir wissen sogar von Einflüssen perfek- ter Manipulation, teuflisch ausgeklügelt, mit dem unmittelbaren Einstieg in das Stammhirn: Die epileptisch zuckenden Bewegungsabläufe und hy- sterischen Gefühlsausbrüche junger Leute reichen bis zur seelischen Ver- stümmelung und sind zu einer Frage der Medizin geworden; das Rausch- gift der Seele von Rock bis Pop kann verheerende Folgen zeitigen. Aber auch das allgemeine Triebverhalten kann pathologischen Veränderungen unterworfen sein.

Hören wir dazu die Stimme eines Arztes und Biologen, Dr. Kretschmer:

“Die Meinung, daß nur der positive Trieb ,Natur‘, die entspre- chende Triebhemmung dagegen eine oberflächliche und künstli- che Gesellschaftskonvention wäre, ist für ärztliche wie für ethi- sche Probleme ein verhängnisvoller Irrtum, der auch streng for- schungsmäßig heute widerlegt ist.”

“Man trifft sexuelle Schamlosigkeit nicht sowohl bei natürlich erzogenen, gesunden Menschen, als vielmehr schwer Degenerier- ten und Geisteskranken.”

Dieser gesamte, einem Krankheitsbild gleichende Zustand des deutschen Volkslebens wird von pathologischen Umerziehern und deren Nutznießern und nützlichen Idioten als kulturelle Befreiung von allen Zwängen ge- priesen!!

Das ist die wahre Lage der deutschen Kultur!

Die Spenglersche Theorie biologisch widerlegt

Nun könnten wir von der Theorie ausgehen, die Oswald Spengler in sei- nem Buch “Der Untergang des Abendlandes” vertreten hat, daß die Zei- chen von Krankheit und Verfall der europäischen Kultur insgesamt einem unaufhaltsamen Alterungsprozeß zuzuschreiben seien, dem alle Hoch- kulturen ausgesetzt wären.

Dem ist zunächst entgegenzuhalten, daß die deutsche Kultur aus ihrem tiefen Depressionszustand nach dem 1. Weltkrieg einen Aufbruch in allen ihren Äußerungsmöglichkeiten erlebte und eine noch höhere Blüte schöp- ferischer Entfaltung für die Zukunft verhieß.

Besonders die deutsche Wissenschaft erweiterte ihre Führungsrolle in der Welt. Schiffladungsweise schleppten die Amerikaner 1945 die Beute der deutschen Patente samt ihren potentiellen schöpferischen Trägern hin- weg und mußten mit unverhohlenem Erstaunen wahrnehmen, daß ihnen die deutsche Wissenschaft um Jahrzehnte voraus war.

Den Arbeiten und Erkenntnissen deutscher Wissenschaft auf dem Gebiet der Erblehre, besonders der Eugenik, folgte als bedeutendste Leistung menschlichen Geistes in diesem Jahrhundert neben der Eroberung des Kosmos die Entdeckung der Gene. Diese Tat steht im Rang einer bahn- brechenden Orientierungsleistung, um Völker und Kulturen wieder in die Ordnungen anpassenden Verhaltens zur Sicherung ihres Bestandes zu führen.

Es liegt sicher ein ideologisch krankhaftes Verhalten darin, die Gesetze der Genetik zu leeren Formeln degradieren zu wollen. Die Rassenfrage als Schlüssel der Weltgeschichte kann nicht jener Menschengruppe auf ewig vorbehalten bleiben, die sie zuerst als solche erkannt und zur Erhal- tung der eigenen Art zum Gesetz erhoben hat

Die Kenntnisse über die biologischen Grundlagen der Geschichte der Völker und Kulturen widerlegen heute eindeutig die Spenglersche Theo- rie von dem zwangsläufigen Untergang jeder Hochkultur als Folge einer “unentrinnbaren Logik der Zeit”.

Der Volksforscher Helbok nennt sie “kindhafte Phantasterei”, die von einem falschen Volksbegriff ausgeht und keine Ahnung hat vom Aufbau einer Hochkultur auf dem tiefschichtigen Gefüge aller Volkskultur. Auch die Vorstellung von einem alternden Volk ist unrichtig. Sie bezieht sich auf den Ablauf des Einzellebens zwischen Geburt und Tod, das genetisch vorgegeben und unveränderbar ist. Das Volk ist ein “offenes System” mit eigenen Systemeigenschaften, das sich ständig über seine Einzelwesen erneuert, – und nur der Verlust oder die Auflösung seines genetischen Bestandes durch Vermischung seiner Blutsanteile von außen kann seinen

biologischen Volkstod und damit den Untergang seiner Kultur herbeifüh- ren.

Nichts anderes geschah bei allen Hochkulturen, deren Niedergang Spengler zu seiner Theorie Anlaß gaben.

Die Ursachen waren biologische: Die auf fremdem Wuchsgrund aufge- pfropften Reise konnten zwar üppig emporschießen und vor der Zeit ih- rer raumgebundenen Reife zu jener herrlichen Blüte gelangen, die die europäische Kultur befruchtete. Aber das fremde Raumgesetz besiegte ihre Keimkraft.

Alle alten Hochkulturen waren letzten Endes das Opfer unumstößlicher biologischer Gesetze! Ein fremder Raum mit raumgebunden andersarti- gem biologischen Wuchs brachte sie zum Erliegen.

Auch die Annahme, daß Zeiten politischer Machtentfaltung und Größe die Gleichzeitigkeit schöpferischer Taten der Kunst ausschlössen, kann geschichtlich nicht abgestützt werden.

Es gibt in der deutschen Geschichte allein drei sogenannte Hoch-Zeiten der Kultur, in denen die Hochblüte des geistigen Lebens auf gleicher Höhe mit der politischen Macht und wirtschaftlicher Fruchtbarkeit standen:

Die Bronzezeit und die Zeit Ottos des Großen gehören dazu. Eher ließe sich sagen, daß die im Kampf um die Freiheit und Sicherheit des Landes gebundene und erschöpfte Volkskraft nach dem Sieg über den Feind ihren Energiestrom für die Neugestaltung des geistigen Lebens einsetzen kann. Das treffendste Beispiel hierfür ist die Reichsblüte im Barock.

Eine schicksalhafte Verknüpfung des Aufstieges und Unterganges von Kulturen, die gleichsam von außen her nach undurchschaubaren Regeln abläuft, hält einer Untersuchung nach biologischen Kriterien nicht stand. Die gewissen Krankheitssymptome der europäischen Kultur müssen an- dere Gründe haben.

Wir haben anfangs festgestellt, daß der Ordnungsstand unserer Kultur nicht mehr ausreicht, um eine notwendige Anpassung an die sich schnell verändernden Umweltbedingungen zu vollziehen.

Das industrielle Zeitalter mit seinem gigantischen Macht- und Wissens- gewinn hatte einen Energiezuwachs zur Folge, der zunächst gewachsene

Gemeinschafts- und Gesellschaftsformen zerstörte, eine Überbevölkerung unseres Erdteiles herbeiführte und ihn in zwei Kriege stürzte. Die euro- päischen Völker erlangten ihre nationale Einheit bis auf das deutsche, das man daran gehindert hat.

Nun bleibt uns die Aufgabe, den Schwellenschritt in ein neues Zeital- ter der Menschengeschichte geistig-seelisch zu vollziehen, um das neu gewonnene Abbild der Welt mit der wertenden Tätigkeit unseres Be- wußtseins in Übereinstimmung zu bringen.

Einige Anzeichen für Schwellenangst dürfen uns nicht darüber täuschen, daß wir den Fuß bereits darüber gesetzt haben.

Wem klar geworden ist, daß der Erkenntnistrieb der Wissenschaft eine Ordnungstätigkeit im Sinne einer zentralen Lebenssteuerung ist, der kann verstehen, daß sich die Naturwissenschaft immer häufiger mit den Fra- gen der menschlichen Kultur befaßt. Dies bedeutet, den menschlichen Geist zum Gegenstand naturwissenschaftlicher Betrachtungen zu machen.

Kultur als Gegenstand naturwissenschaftlicher Untersuchung

Wer allerdings im mittelalterlichen Dualismus des Leib-Seele-Denkens verharrt mit der Vorstellung eines über dem Körper schwebenden Gei- stes, der den Körper nur als Werkzeug benütze und frei über die von den Sinnesorganen und Nervenleitungen gelieferten Nachrichten verfügen könne, wird darin eine Fachüberschreitung in geisteswissenschaftliche Kompetenz erblicken oder es als Biologismus abzuwerten suchen.

Daß sich die spezifisch menschlichen Eigenschaften und Leistungen, mit den Augen des Naturforschers betrachtet, erst in vollem Umfange als einzigartig erkennen lassen, ja der äonenlange Werdegang des Lebens bis zur menschlichen Kultur als ein Prozeß sichtbar wird, der höchster reli- giöser Andacht wert ist, müßte auch mit dem Sturz der “Seele als des lebendigen Körpers alleinige Ursache und Grund” (Aristoteles) versöhnen können.

Es ergibt sich ein echtes Problem, die menschliche Kultur und den Geist mit Fragestellung und Methodik der Naturwissenschaft zu untersuchen.

Es liegt in der Unzulänglichkeit des Vokabulars; der bisherige Wortschatz der Kultursprache ist nicht ausreichend. Hier bedarf es sicher der wort- schöpferischen Leistung des Genies. Doch muß ihm der Prozeß des Wis- sensgewinnes vorausgehen. Dies war das Problem Kolbenheyers (Bau- hütte). Es war auch die Fragestellung von Konrad Lorenz in seinem Buch “Die Rückseite des Spiegels”.

Bisher war nur das Werden des Einzelwesens Gegenstand der Untersuchun- gen, weil nur seine Entwicklung die einzige Art war, die man kannte.

Inzwischen haben wir den milliardenjahrelangen Werdegang des Lebens nicht als eine lineare Entwicklung kennengelernt, sondern als eine der Ausbildung lebender Systeme im atomaren, im molekular-chemischen, im zellular-organischen und im Nerven- und zerebralen Bereich. Am Anfang im Urbaustein, im Ur als der Anlage des Vollkommenen im noch nicht Vollkommenen.

Ein System ist eine Ganzheit aus einer Vielheit von verschiedenen Teilen. Der Vorgang der Ganzheitseingliederung der einzelnen Funktion, des ein- zelnen Organismus, der einzelnen Gestalt, in die höhere Ganzheit ist das wichtigste Prinzip der Evolution. Mit der neuen Ganzheit wird jeweils ein leistungshöherer Organismus möglich.

Die Ordnungen der Untersysteme bleiben in der höheren Ganzheit auf- recht und werden nicht durchbrochen. Das lebende System besitzt alle Eigenschaften seiner Glieder, umgekehrt besitzt keines der vielen Unter- systeme die Eigenschaften der höheren Einheit. Man kann die den höhe- ren Schichten allein eigenen Ordnungen und Vorgänge nicht mit den Ge- schehenskategorien der tieferen erfassen.

Aber auch die höhere Einheit ist und bleibt ein lebendes System!

“Auf unvorstellbar wunderbaren Komplexen und Strukturen, die offenen Programmen zugrundeliegen und die Möglichkeit zum Lernen offenhalten”,

(Lorenz) beruht ihre Anpassungsfähigkeit. Allem Anpassungsgeschehen liegt eine gewaltige Anzahl stammesgeschichtlich erworbener und im Gen gespeicherter Informationen zugrunde, bevor das individuelle Gewinnen von Erfahrung in einem sogenannten offenen Programm durch Lernen

und Gedächtnis erst möglich ist. Der Mensch ist ebenso wenig wie das Tier eine tabula rasa, ein unbeschriebenes Blatt. Das ist einer der größten Irrtümer der menschlichen Geistesgeschichte. Gleich groß ist der Irrtum und nur scheinbar im Gegensatz zum ersten stehend, daß bei allen noch so kleinen Vorgängen tierischen und menschlichen Verhaltens das Lernen beteiligt sei.

Sie verhüllen beide das zentrale Problem allen Lernens. So stellt Lorenz die Frage:

“Wie kommt es, daß Lernen die arterhaltende Wirkung des Ver- haltens verbessert?”

Das Lebewesen ist in ständiger Auseinandersetzung durch Energie- und Informationsgewinn das gengebundene Abbild der Wirklichkeit. Arterhaltend sinnvolles Verhalten ist nur möglich durch die Ausbildung realer Strukturen, also dem wahren Sein angepaßten Formen und Vor- gängen seiner Sinnesorgane und des Nervensystems.

Es tritt nun Ende des Tertiärs ein völlig anders geartetes System auf den Plan der Geschichte des Lebens, das das gleiche wie bisher zu leisten imstande ist, nur schneller und besser!

Die folgerichtige Fortsetzung der Evolution war die Ausbildung der zen- tralen Funktion des Gehirnes und die daraus entstehende Entwicklung des Ich-Bewußtseins zur gesteigerten Kommunikation im Wir.

Damit wird die Evolution unabhängig vom Objekt und macht alles Er- lernte mittels der Tradition zum Besitz aller. Der Mensch ist damit nicht nur die Ausformung eines äonenlangen Werdens, sondern wird zum Erben seiner KULTUR!

Kultur ist das höchste lebende System auf unserer Erde, von den Völkern jeweils artbedingt ausgeformt.

Konrad Lorenz sagt dazu:

“Die individuelle konkrete Verwirklichung eines überindividuel- len Systems bestimmter sozialer und ethischer Grundhaltungen und deren traditionelle Festigung in der Angleichung aller Mit- glieder der Gemeinschaft nennen wir eine Kultur. Es ist müßig,

zwischen kulturellem und geistigem Leben unterscheiden zu wollen.”

Ein von Lorenz in “Die Rückseite des Spiegels” häufig zitierter Aus- spruch Gehlens lautet: “Der Mensch ist von Natur aus ein Kulturwesen.“ Um jedem Irrtum zu begegnen, müssen wir hinzusetzen: Und Kultur ist eine biologisch notwendige Leistung!

Der Mensch ist durch ein typisch stammesgeschichtliches Werden zu dem Kulturwesen geworden, das er heute ist.

Die Stammesentwicklung ist nicht das Ergebnis eines blinden, reinen Zufalls, sondern sie ergreift jeweils dort die günstige Gelegenheit einer Verbesserung, wo sie sich anbietet: in einer Mutation oder einer Neukombi- nation von Erbanlagen, um ihre ökonomische Ausnutzung zum Ausgangs- punkt weiterer selektiver Vorteile zu machen. Ökonomischer Vorteil be- steht im Gewinnen und Speichern von Energie, die wiederum die mit die- ser Verbesserung begabten Wesen und ihre Nachkommen im Lebenskampf begünstigt. Das Gewinnen und Speichern von arterhaltender Information ist ein ebenso anpassender Vorgang. Beide, Energie- und Informationsge- winn, sind anpassende Leistungen alles Lebendigen.

Hieraus erklären sich Geschwindigkeit und Richtung der Evolution.

Konrad Lorenz:

“Das Leben betreibt höchst aktiv ein Unternehmen, das gleich- zeitig auf den Gewinn eines Kapitals von Energie und auf den eines Schatzes von Wissen abzielt, wobei jeweils der Besitz des einen den Erwerb des anderen fördert.”

Und Lorenz meint, daß die Attribute “niedriger” und “höher” in gleichem Sinne auf Lebewesen wie auf Kulturen anwendbar sind. Die berechtigte Wertung beziehe sich unmittelbar auf den Gehalt unbewußten oder be- wußten Wissens, der den lebenden Systemen eignet, und er fährt fort:

“ gleichgültig, ob er durch Selektion, Lernen oder Forschung

erworben wurde und ob er im Genom, im Gedächtnis des Einzel- wesens oder in der Tradition einer Kultur aufbewahrt wird.”

Die Voraussetzung dazu ist die Leistung des begrifflichen Denkens, des- sen Entstehung die Menschwerdung bedeutet.

Begriffliches Denken ist ohne Sprache unmöglich. Wir denken in der Spra- che. Die Sprache ist ohne gegenständliche Vorstellung nicht möglich. Sie ist wie das Denken raumgebunden. Die Sprache veranschaulicht alle unan- schaulichen Vorgänge durch räumliche Vorstellungen, z.B. vor und nach Ostern, über die Schwelle, hintergründig, vordergründig, tief und hoch usw.

Räumliche Vorstellung erwirbt das Leben bereits in frühesten Anfängen auf der Erde. Es entstehen die ersten Orientierungsmechanismen durch Versuch und Erfolg raumbedingter Bewegungen. Allein der wunderbare Vorgang vom Entstehen der Sprache über die begriffliche Vorstellung bis zum artikulierten Wort wäre eine Werdensgeschichte des Lebens bis zur Kulturfähigkeit.

Die biologische Geschichte der Sprache spiegelt aber nicht nur die Stam- mesgeschichte wider, sie ist ebenso äußeres wie inneres Bild der letzten Ausdifferenzierungen der Völker und Kulturen So liegt in ihr Ur-Teil des Volkes. Sie ordnet den Informationsgewinn durch die Arbeit des Geistes, indem sie das Wort zum Ausdruck des Gedankens fähig macht.

Information heißt wörtlich: Einprägung.

So ist die Sprache das Medium, mit dem ein Volk seinen kulturellen Prä- gewillen betätigt. Sie ist Mittlerin des Gesamtwissens der Kultur, begin- nend bei Ackerbau, Sitte, Gebräuchen, Wissenschaft und Recht und er- hebt sich in der Sprache der Dichtung, der Kunst und Musik zu schöpfe- risch höchster Dichte. Sie ist Abbild eines Volkes, seines Fühlens und Wollens, wie es reiner und genauer durch nichts wiedergegeben werden könnte. Sie ist innig eins mit ihm (Humboldt).

Wenn wir von dem sich ständig steigernden Tempo der Evolution durch Energie- und Informationszuwachs im Bereich der geistigen Arbeit des Menschen sprechen, müssen wir demgegenüber feststellen, daß sämtli- che, in der Erbmasse verankerten Verhaltensprogramme resistent sind gegenüber den verändernden Einflüssen, die von der menschlichen Kul- tur ausgehen.

Die Stammesgeschichte steht zwar keineswegs still, aber sie bewegt sich weiter im Bereiche der Keimzellen. Man berechnet die Zahl der Mutatio- nen beim Menschen ziemlich hoch mit 10–40 %.

Gerade die kulturelle Entwicklung schafft mit der Tätigkeit des Verstan- des scharfe Auslesebedingungen durch die sich ständig verändernde Um- welt; es kann also auch beim Menschen keine Rede sein von konstanten Lebensbedingungen und es würde verwundern, wenn dies keine weitere Auslesewirkung haben sollte. Von den vielen auftretenden Erbänderun- gen werden daher sicher die günstigsten mehr Aussicht auf Überleben haben und ihrer Gruppe entsprechend Lebensvorteile verschaffen.

Eine naturwissenschaftliche, entwicklungsgedankliche Betrachtung der Kultur kann in diesem kurzen Rahmen nicht annähernd umfassend dar- gestellt werden. Es galt, mit den Augen der naturwissenschaftlichen For- schung die wesentlichen Merkmale der Kultur im Hinblick auf unser Thema: „Kultur – Anpassungsleistung zu höherer Lebensordnung“ zu untersuchen.

Damit bin ich bei deren Zusammenfassung angelangt:

1. Die Entwicklung der menschlichen Kultur ebenso wie die Stammes-

entwicklung dürfen keineswegs als eine einheitliche angesehen werden. Jede wächst in ihre eigene Richtung, von Raum, Klima und sonstigen Umweltbedingungen geprägt und differenziert. Jeder Mensch kann zwar jeder Errungenschaft der Weltkultur teilhaftig sein, der Begriff einer internationalen Kultur ist ein ideologischer Unsinn. Jede Kultur wächst aus dem eigenen Boden ihres Volkes empor.

2. Die Kulturen sind nicht verstandesmäßig gesteuert, sondern kommen

aus dem Unbewußten. Sie sind Unternehmungen mit gekoppeltem Macht- und Wissensgewinn.

3. Jeder einzelne Träger der Kultur eines Volkes ist Erbe ihres gesamten

Schatzes an Sprache, an Kunst und Wissen, an Sitte und Recht.

4. Wie die Stammesgeschichte auf der einen und die Entwicklung der

Kultur auf der anderen Seite zeigen, ist Erhaltung des Lebens gleichbedeu-

tend mit Steigerung und Höherführung. Also können wir die höhere Le- bensordnung als das letzte gemeinsame Ziel allen Verhaltens betrachten.

Albert Schweitzer:

“Alle materiellen und geistigen Werte sind Werte nur insofern,

als sie der höchsten Erhaltung und Förderung des Lebens die- nen.”

5. Wie alle lebenden Systeme können auch Geist und Kultur des Men- schen Störungen unterworfen sein, sie können krank werden. Wir haben eingangs die Störungen der deutschen und europäischen Kultur festgestellt und untersucht.

Maßstäbe neuer Kulturpolitik

Die Kulturpolitik hat die Aufgabe, alle Schäden abzuwehren und zu be- seitigen, um der strömenden Wirksamkeit des geistigen Lebens die Bah- nen zur vollen Entfaltung seiner Kulturmächtigkeit zu öffnen.

Unsere Untersuchungen nach naturwissenschaftlichen Gesichtspunkten haben uns zur Erkenntnis eines neuen Kulturbegriffes geführt. Geist und Kultur sind von dem äonenlangen Werdeprozeß des Lebens nicht zu trennen, sie sind das letzte erkennbar Vollkommene des noch nicht voll- kommenen Ur.

Was ist dagegen jene Auffassung vom “Mängelwesen” Mensch, das, durch die Rätsel des Kosmos aus der Bahn geworfen, in der Nacht seiner Exi- stenz den Halt verliert und ins Unermeßliche, ins Nichts abstürzt?

Gewiß, unsere Zeit fördert solche Philosophien, – das Gleichgewicht zwischen dem Ererbten und Erlebten ist ins Wanken geraten und muß wiederhergestellt werden. Wir müssen, wenn wir “Kosmos” sagen, wie einst die Griechen wieder an Maß, Ordnung und Gesetz, an Schönheit und Harmonie denken lernen.

Ist unser Geist nicht selbst ein Kosmos von Maß und Ordnung, wohl imstande, ein Bild der Schönheit und Harmonie zu empfangen und es in der Kunst zur zeitlos gültigen Form zu erheben? Ist Prometheus nun ge- reift, seine Erde in Ehrfurcht vor allem Werden zu gestalten, nicht Geist wider Kosmos, sondern Geist im Kosmos zu sein?

Der Schwellenschritt führt uns in den Raum eines neuen Jahrtau- sends. Im revolutionären Abbau der Tradition stürzen vergangene Jahrtausendideen, während sich die Quadersteine des Wertbeständi- gen zum neuen Fundament fügen müssen.

Am Anfang unseres politischen Wollens steht ein freies deutsches Volk in einem freien Staat, der wieder Hoheitsträger seiner Kultur ist.

1. Die erste kulturpolitische Tat eines deutschen Staates wird die Wir-

kungsbahnen kultureller Kommunikation von allen fremden Einflüssen freimachen müssen, um den geistigen Eigenwuchs des Deutschen Volkes wiederherzustellen.

Presse, Fernsehen und Rundfunk, die als Instrumente ausgeklügelter Um- erziehungspsychologie mißbraucht wurden, werden ihre aufbauende Lei- stung im Dienste einer freien Entwicklung geistigen Volkslebens erwei- sen.

2. Biologischer Sozialismus, d.h. eine Funktionsteilung der Arbeit inner-

halb eines Volkes zum Nutzen des Einzelnen wie der Ganzheit ist die

Voraussetzung für eine aufsteigende Kultur und Wirtschaft.

3. Die Wirtschaft bedarf als Sicherstellung der äußeren Lebensbedürfnis-

se des Volkes jeder staatlichen Unterstützung. Gleiche Förderung sollte der Kultur auf allen Gebieten zukommen. Erst die dienende Funktion der Wirtschaft im Wechselspiel mit dem geistigen Schaffen verbürgt eine ge- sunde Lebensordnung.

4. Wissenschaft und Forschung haben zuerst dem eigenen Volke zu die-

nen und damit dienen sie auch den übrigen Völkern.

5. Die natürlichen, lebensgesetzlich in Rasse und Volk gewachsenen sitt-

lichen Verhaltensweisen müssen Grundlage auch für eine geistig ausge- richtete Sozialordnung sein.

Ebenso sind die gewachsenen Strukturen in Siedlung und Lebensform innere Leitlinien des Volkes und bestimmen das soziale Gefüge.

6. Der durch Arbeit und Wirtschaft und den Wissenszuwachs der For-

schung entstehende Freizeitgewinn muß sinnvoll zu einer besseren und höheren Lebensgestaltung führen, die sich nur in einem Gemein- schaftsverhalten verwirklichen läßt, das Körper- und Charakterbildung in den Mittelpunkt stellt. Arbeit und Freizeit werden sich darum in einem ständigen Rückkoppelungsprozeß des Energie- und Informationsgewinns bewegen, der durch ein entsprechend hohes Leistungsethos geregelt wer- den muß.

7.

Die Sprache als seelischer und geistiger Ausdruck des Volkes ist höch-

stes Kulturgut. Ihre Orientierungstätigkeit und Ordnungsfunktion im Dien- ste einer höheren Lebensordnung kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. In freiem Volke mit geistiger Lebensmächtigkeit wird sie gewal- tig fortwirken und den ihr angediehenen Schutz mit fruchtbaren Werken bedanken.

8. Der genetische Bestand eines Volkes ist sein innerster Quell, der unbe-

dingt rein erhalten werden muß. Aus ihm schichtet sich der Begabungs- stand einer Kultur auf bis zum Genie. Ohne ständig aufsteigende Bega- bungen aus dem Erbgut der Ganzheit Volk kann eine Kultur sich weder erhalten noch steigern. Sie bedarf des Genies.

Deshalb ist nicht nur der einsatzfähigen Ausbildung der begabten Anla- gen größte Aufmerksamkeit zu widmen, sondern vor allem den genealo- gischen Bahnen zu ihrem Begabungsaufstieg, d. h. nicht nur Begabten- förderung im sozialen, sondern auch im erblichen Sinne durch entspre- chende Leitbilder und Zusammenführung der Menschen mit besonderen Erbanlagen.

9. Die Architektur als Ausdruck eines neuen Weltgefühles wird wie alle

Kunst die Aufgabe der metaphysischen Einordnung des Menschen in sei- nen Kosmos über sich sehen, wobei dem Bildnerischen der Dienst am arterhaltenden Schönheitsideal zufällt.

Das sind jene kulturpolitischen Maßnahmen, die sich aus der Kenntnis der biologischen Grundlagen jeder Kultur und der Erhaltung ihrer Funk- tionstüchtigkeit von selbst ergeben.

Ihre Wirkungen in Erziehung und Bildung finden in den nachfolgenden Worten eines Großen unseres Volkes ihre höchste Zielsetzung:

“Höchstes Ideal ist uns der Menschentyp der Zukunft, in dem strahlender Geist sich findet im herrlichen Körper.” (A.H.)

Dieses Ideal, das einst im Griechentum seine zeitlose Verwirklichung im Schönheitsbild der Kunst fand, war in unserem Volke wiederauferstan- den und erfuhr seine heroische Gestaltwerdung im Soldaten des II. Welt- krieges.

Wir versündigten uns an der Zukunft unseres Volkes, würden wir aus

dem gegenwärtigen Zustand seiner unfreiwilligen Lähmung den Glauben an die Größe seines Wiederaufstiegs verlieren. Das neue Jahrtausend hat schon begonnen, und wir betreten furchtlos seinen Boden als erste!

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Wesenszüge und Leistungen des Deutschen Volkes

Ganzheitliche Geschichtsforschung auf biologischer Grundlage

1998

Zum 30. Todesjahr des Volksforschers Univ.-Prof. Dr. Adolf Helbok

Einleitung

Es ist für den Stand der Dinge unseres Volkes bezeichnend, daß jene Ge- lehrtenpersönlichkeit, die ein ganzes Forscherleben darauf richtete, die Geschichte seines Volkstums wissenschaftlich zu erarbeiten und damit eine völlig neue Grundlage einer modernen Geschichtsschreibung zu schaf- fen, in der Öffentlichkeit lautlos übergangen wird, von einer Öffentlich- keit zumal, die sich in Lobhudeleien von Epigonen aller Art, von Frevlern an unserem Volkskörper und schmarotzenden Fremdlingen ergeht und somit die Würde und Höhe einstigen deutschen Geisteslebens auf ein arm- seliges Niveau herabdrückt. Auch darin zeigen sich die Wirkungen der 1945 von den Siegern und ihren Hilfswilligen erzwungenen Katastrophe der deutschen Wissenschaft: Mit der Entfernung von 5.000 Gelehrten von den deutschen Hochschulen wurde eine ganze Generation von For- schern ausgeschaltet und nur zu einem geringen Teil in den Hochschul- dienst zurückgerufen. Die verheerenden Auswirkungen dieser Barbarei nicht nur auf die deutsche Wissenschaft, deren Weltruf sich in der Zeit nach 1933 noch gesteigert hatte, samt ihren menschheitsfördernden Lei- stungen, sondern auf ganz Europa, ist noch auf Generationen hinaus nicht absehbar.

Damit wurde auch der deutschen Volksforschung, die vor allem durch das unermüdliche Forscherstreben Adolf Helboks tief in die Erschauung

des volklichen Lebensprozesses eingedrungen war, jäh ein Ende gesetzt. Eine Gelehrtenpersönlichkeit wurde in die wissenschaftliche Verbannung geschickt, die in ihrem Format dazu berufen war, einer künftigen Volks- politik aus der Volksforschung die Grundlagen und Entscheidungshilfen für einen gesetzgeberischen Dienst am Volksleben und damit am Volks- schicksal zu geben.

Heute kann man es wagen, in einem Lexikon zu schreiben, daß im natio- nalsozialistischen Deutschland wegen der Politisierung der Wissenschaf- ten die Volkskunde beinahe ganz zerbrach. Diese Behauptung als objek- tive Wahrheit auszugeben angesichts der Leistungen der deutschen Wis- senschaft allgemein und der volkskundlichen Forschung besonders, die nicht zuletzt durch die hervorragende Persönlichkeit Adolf Helboks zu richtungsweisendem internationalen Ansehen aufstieg, ist auch eine jener Entstellungen, die wir als Geschichtsfälschung zu vermerken haben.

Im Gegenteil erfuhr die Volkskunde nach 1945 eine starke Abneigung, weil im 3. Reich so viel für sie getan worden ist. An allen Universitäten wurden damals Lehrstühle eingerichtet und reiche Mittel bereitgestellt. Ein gleiches Schicksal war nach dem Krieg auch der ähnlich geförderten Vorgeschichtsforschung beschieden. (Siehe Spanuth: “Atlantis” usw.)

Die Ergebnisse jenes internationalen Kongresses für Volksforschung in Paris (1937), auf dem die hervorragend zusammengesetzte deutsche De- legation unter Führung von Prof. Helbok größte Aufmerksamkeit und wissenschaftliches Interesse fand, konnte Helbok “als verheißungsvollen Anfang eines neuen europäischen Zustandes” bezeichnen, bei dem die beiden Völker, Deutschland und Frankreich, an der Pflege des Volks- tumsgedankens, jeder in seiner eigenen Art und zu seinem eigenen Nut- zen, einem gemeinsamen Ziele entgegenstrebten.

Und im Jahre darauf, 1938, auf dem Anthropologenkongreß in Kopenha- gen hat Helbok die deutschen volkskundlichen Belange als Führer der deutschen Volksforscher ebenfalls vertreten. Auch hier gewann man den Eindruck, daß die geistige Führung durchaus bei den Deutschen war. Es zeigte sich auch, daß

“über die deutschen Maßnahmen in volks- und rassenpolitischer Hinsicht vollste Zustimmung der Fachleute aller Welt vorhanden

war, ja, daß man die Deutschen beneidete, daß ihre Regierung zum Schutze des Volkserbes so rüstig auf dem Weg war. So urtei- len damals die allein zuständigen Männer der Wissenschaft in Europa.”

Es ist eine der ehrenvollsten Aufgaben des Deutschen Kulturwerkes, als dessen erster Präsident in Österreich sich Univ.-Prof. Dr. Adolf Helbok mit dem Ansehen seiner wissenschaftlichen Persönlichkeit zur Verfügung stellte, seine hohen Verdienste um die Erforschung des deutschen Volks- lebens in die gebührende Rangordnung zu setzen.

Wir können uns glücklich schätzen, daß seine rastlose Schaffenskraft trotz größter persönlicher Opfer es dennoch erreichte, den Ertrag seines For- scherlebens mit der “Deutschen Volksgeschichte” zu krönen. Die “Deut- sche Volksgeschichte” erschien erst 1964, 4 Jahre vor seinem Tode am 29.5.1968 im 85. Lebensjahr. Die Herausgabe des 2. Bandes verzögerte sich bis zum Jahr 1967, weil die finanzielle Frage noch nicht gelöst war. Das Deutsche Kulturwerk Österreich beschaffte die Mittel der geldlichen Vorsorge für die Herausgabe des 2. Bandes.

Die in der Öffentlichkeit um das Forschungswerk von Adolf Helbok er- richtete Schweigezone wurde auch beim Erscheinen der “Volksgeschich- te” nicht unterbrochen. Dies kann nur als Eingeständnis der Furcht vor seinem Werk gewertet werden. Wenn die “Deutsche Volksgeschichte“ seit ihrem Erscheinen auch in volktreuen Kreisen nicht jene Beachtung ge- funden hat, die ihr dem Inhalt und Rang nach zukommt, dann mag dies an dem überreichen Angebot volktreuen Schrifttums liegen, mit dem sich unser Volk gegen die gewalttätigen Eingriffe in seinen Leib und damit auch seine Seele zur Wehr setzt. Die ins Volksmark einschneidenden po- litischen Ereignisse der Gegenwart erzeugen brennenderes Interesse als die tiefen inneren Ursachenherde aller großen schicksalhaften Vorgänge. Daraus wächst dem Deutschen Kulturwerk um so mehr die Pflicht zu, die auch einem Vermächtnis Adolf Helboks gleichkommt: sich des Werkes der “Deutschen Volksgeschichte” anzunehmen und für seine Verbreitung im Deutschen Volke zu sorgen. Dieses Werk eines schöpferischen Gei- stes, der in einer volksbewußten Zeit einmal in der Reihe großer Ge- schichtsschreiber aufscheinen wird, gehört neben die Chroniken unserer Geschichte in jeden deutschen Bücherschrank!

Hierzu sei das Urteil des größten deutschen Gelehrten seiner Zeit, des mit dem “Adlerschild des Großdeutschen Reiches” bedachten bahnbrechen- den Rassenforschers und Eugenikers Eugen Fischer über die “Deutsche Volksgeschichte” angeführt:

“Man kann dieses Werk nicht einfach überlesen, man muß es stu- dieren. Ich kann Ihnen nur meine ungeheure Bewunderung über die Vielseitigkeit und die glänzende Darstellung des Inhaltes aussprechen. Was für eine unglaubliche Belesenheit und was für eine, offensichtlich über viele Jahre gehende Gedankenarbeit zu Ihrer Beherrschung des Stoffes, besser gesagt, aller miteinander verflochtener Stoffgebiete wird hier dem Leser dargeboten. Ich bewundere die Leistung restlos. Bitte nehmen Sie meinen herzli- chen Dank für den Genuß und die Bereicherung meines Wissens entgegen, die mir Ihr großes Werk geschenkt hat.”

Wer in die Vielseitigkeit seines Schaffens Einblick erhält, ist fasziniert von der universal angelegten Persönlichkeit Adolf Helboks. Ein Forscher- drang, der wie der Baum im Wuchs sich neue Jahresringe erwirbt, so nacheinander die verschiedensten Gebiete wissenschaftlicher Arbeit an sich zieht, und eine dynamische Tatenfreude zeichnen seine Persönlich- keit aus. Er ist auch ein hervorragender Lehrer. Seine Schüler lieben und verehren ihn, die Hörsäle sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Wenn er vorträgt, herrscht gebannte Aufmerksamkeit. Es ist überall das gleiche:

in Innsbruck, in Berlin und in Leipzig, wo er Ordinarius für Landes- und Volksgeschichte ist und Direkter des berühmten Institutes für Kultur- und Universalgeschichte. Er ist Mitglied der internationalen Volkskunstkom- mission und hat eine Ratsstellung im ebenfalls berühmten Kaiser-Wil- helm-Institut inne, das der Neid der Alliierten 1945 geplündert und ver- drängt hat.

Trotz der Fülle des wissenschaftlichen Nachlasses soll der Versuch un- ternommen werden, seine methodisch neuen Forschungsformen und neu- en Forschungsgebiete als Hilfswissenschaften der Geschichtsforschung wenigstens in ihren Grundzügen kurz darzulegen. Dies erscheint deshalb von wesentlicher Bedeutung,

weil seine Grundlagen und Methoden der Erforschung des Volksle- bens einen Umbau der politischen Geschichte auf biologischer Grund-

lage eingeleitet haben und deshalb für die künftige Forschung und Geschichtsschreibung von weittragender Bedeutung sind,

weil die Kenntnis seiner wissenschaftlichen Forschung und deren Er- gebnisse sich vertiefend auf das Verständnis der Deutschen Volksge- schichte auswirken,

und weil seine auf wissenschaftlicher Grundlage gewonnenen Vor- stellungen vom Volks- und Kulturbegriff einen elementaren Beitrag zum Verständnis des Volkes als höchster organischer Ganzheit zu geben vermögen.

Kaum einer ist so tief wie er in die Geschichte des Wesens und Werdens unseres Volkes eingedrungen, kaum einer hat es mit solcher wissenschaft- lichen Gründlichkeit und Redlichkeit getan wie er. Überall ist seine Liebe zu seinem Volke spürbar. Sein Forscherethos ist durch die Worte gekenn- zeichnet:

“Als Glieder des Volkes haben die Forscher zuallererst die Pflicht, für das Volk zu arbeiten und damit erfüllen sie ihre große Aufga- be für die Menschheit.”

Das ist eine Abkehr vom liberalistischen Forschungsideal des 19. Jahr- hunderts. Adolf Helbok beklagt es, daß die Welt so sehr in die Gefolg- schaft der Französischen Revolution getreten ist, deren gleichmacheri- sche, umweltlerische Anschauung die unselige abstrakte Fächertrennung in der Wissenschaft bewirkt hat. Die Folge ist, daß es uns so schwer fällt, Verständnis für die Art der inneren Bindungen, die wir gerade im Falle der Rasse haben, zu gewinnen. Obwohl die deutsche Wissenschaft immer versucht habe, einen Weg vom ganzheitlichen Standpunkt aus zu gehen, besonders die deutsche Philosophie seit dem 20. Jahrhundert. Der Libe- ralismus

“führte zum Verlust des organischen Denkens, das allein das wahre Denken ist, denn das Leben ist organisch und ganzartig. Und das Volksleben ist als biologische Angelegenheit zu verstehen.”

Helbok ist bereit, die abstrakte Fächertrennung zu überwinden, wenn dies im Sinne einer ganzheitlichen Schau notwendig ist, im Gegensatz zu je- nen Fachexperten, die jedes Überschreiten ihres akademischen Fachge-

bietes als Sakrileg empfinden, was immer weiter in die Spezialisierung führt und auch einen akademischen Dünkel züchtet. Die Sprache folgt hier fein abgestimmt, indem sie vom alten Wort “Gelehrter” abweicht und vom Wissenschafter spricht. Und beinahe verächtlich nennt er sie “akademische Handwerker”.

Die immer enger werdende Spezialisierung aufgrund einer abstrakten Fächertrennung führe schließlich zur Atomisierung des Weltbildes und verschulde damit die heutige Kulturkrise, weil das Ganze in seine Teile geteilt wurde. Die Wissenschaft habe aber die Pflicht, das Leben, das immer nur ein Ganzes ist, zu erforschen. Sie feiere dort heute ihre Trium- phe, wo sie den kleinlichen Fachgeist überwinde und aufs Ganze gehe.

Ein neues Weltbild

Nun aber steige über der alten kirchlichen Wunderwelt die neue kosmi- sche der Wissenschaft empor. Es herrschen nicht die Gegenpole Himmel und Hölle, Materie und Geist, sondern die harmonische Einheit, die Ganz- heit des Kosmos, und diese knüpfe wieder an unsere größten Geister von Otto dem Großen bis Goethe an. Man lese dazu mit größtem Genuß in der “Deutschen Volksgeschichte” das 35 Seiten lange Kapitel über Goe- the und dessen Weltsicht als Antipode zur Französischen Revolution und deren formalistischem Denken.

Das neue Wissen vom Menschen, dessen Leib in kleinsten Bausteinen aus Atomen gebildet ist, in deren Kernen Elektronen kreisen, vergleicht er mit dem Universum, in dem, relativ gesehen, die Abstände zwischen den Sternen genau so riesig sind wie im Leib zwischen den kleinsten Bau- steinen. Hier beginne sich von der Wissenschaft aus eine lebensnahe Wunderwelt aufzubauen, der die naturverbunden beobachtenden Germa- nen einmal nahe waren, die aber dann

“durch die kindhaft begrenzte Weltsicht des Mittelmeeres überschattet wurde.”

Können jetzt nicht lebensgesetzliche Zusammenhänge aufgespürt wer- den, weisen nicht wunderbare Dinge auf die Ganzheit des Lebens, wenn die Bienenkönigin ihr Eistäbchen genau parallel zur Erdachse in die Wa-

benzelle setzt oder die Bodenmikroben eine Stunde nach der winterlichen Sonnenwende noch im gefrorenen Boden (!) ihre Tätigkeit aufnehmen und die Erdhöhlen zu leuchten beginnen, in derselben astronomischen Stunde, in der der alte Bauer nach germanischem Brauche die Bäume aus dem Winterschlafe symbolisch weckte? Reift hier nicht, da wir erkennen lernen, was wir einst instinktiv wußten, eine Lösung unserer Kulturkrise heran, die auch eine Lebenskrise ist? Und Helbok verweist im Zusam- menhang mit dieser durch die Wissenschaft erschlossenen ganzheitlichen Welt auf die ganzheitliche der Heimatkunde als täglich zu erlebenden Bildungsmikrokosmos.

So reift das Weltbild eines genialen Forschers, dessen anfänglich hier und dort ganz zufällig angesetzte Arbeiten zu bedeutenden Ergebnissen gelan- gen und die nun durch systematische Unternehmungen auf eine völlig neuartige Weise in lebensgeschichtliche Erscheinungen eindringen soll- ten.

Auch die Geschichtswissenschaft war ein Opfer der abstrakten Fächer- trennung im Zeitalter des Liberalismus geworden und blieb, facheinge- engt, hinter der Naturwissenschaft zurück. Es wurden zwar ihre eigenen historischen Hilfswissenschaften ausgebaut, die historische Methode der Quellenkritik entwickelt, aber Biologie und Vorgeschichte warfen neue Probleme auf.

Es mußte die Welt der Nordvölker als Ausgangsbasis einer Geschichts- forschung von unten hinauf (nicht von oben herunter) beschrieben wer- den. Die rassischen Grundlagen, weniger im engeren Sinne der Menschen- rassen, als vielmehr die ganze Breite der Sozialanthropologie, Sozialbio- logie, Erblehre und Eugenik mußten untersucht werden.

“Die Geschichtswissenschaft muß die Beurteilungsmaßstäbe neu ansetzen. Sie muß völlig umdenken. Die Geschichte auf rassi- scher Grundlage wird also den völligen Umbau besorgen müs- sen.”

Die Wissenschaft befand sich gleichsam in einem

“kindhaften Zustand der Forschung. Von den alten brauchtümli- chen und züchterischen Ordnungen hat die Geschichtsforschung und Sozialwissenschaft keine Ahnung.”

Mit mannigfachen Studien und Forschungsarbeiten widmete sich Helbok zunächst der Heimatforschung im Lande Vorarlberg. Bald erkannte er beim Gang durch die verstandesharte Schule der Urkundenforschung, daß die schriftliche Quelle allein als Grundlage der Geschichtsforschung nicht genügt. Mehrdeutigkeit und daher subjektive Auslegungsmöglich- keiten müßten vermieden werden, das Bild von mehreren Seiten plastisch erfaßbar sein, wodurch eine schiefe oder flache Darstellung ausgeschal- tet würde.

Neue Maßstäbe der Heimatforschung

Schon bei seinen ersten Arbeiten über das Verwaltungswerk der Stadt Bregenz stellte er sich die Aufgabe, tiefer in die sozialen Wandlungen im Auf und Ab seiner Einwohnerzahl vom 14.–18. Jahrhundert hineinzuleuch- ten. Dazu bot ihm die Teilungsurkunde der Stadt 1409 unter zwei Monta- foner Grafen eine außergewöhnliche Gelegenheit.Alle Einwohner mit ihren Häusern, Weibern, Kindern und Berufen waren festgehalten.

“Ich hatte die alten Bregenzer in einem bezaubernden Vollbilde vor mir, und ihre Schicksale als Lebenskörper durch alle kom- menden Zeiten, Kriege und Krankheiten zu verfolgen, war mir eine köstliche Aufgabe. Und allzeit drängte es mich, Methoden zu finden, so lebensnahe in alle Volksdinge zu schauen, wie damals.”

Es war schicksalhaft für ihn, daß er gleich zu Beginn seiner Forschungs- arbeiten ein Kernproblem der Volksgeschichte kennenlernte, das ihn nicht mehr loslassen sollte. So ging er ins Gelände, um Flurforschung zu be- treiben und die Siedlungsgeschichte vom Dorf aus zu erleben. Wie wurde nun die Geschichte des Dorfes in seinen einzelnen Siedlungsschichten lebendig, der Kirchenbau, die überlieferten Formen des Brauchtums, die Veränderung der Besitzverhältnisse, ein vielseitiges Flechtwerk von äu- ßeren und inneren Formen und Zusammenhängen. Es war alles in die Fluren gegraben. Nun fingen auch die schriftlichen Quellen zu reden an, die Urkunden und Kirchenbücher, die jetzt mit dem Geiste und aus der Anschauung der Zeit und ihrer Verhältnisse zu verstehen waren. Und hierin lag das Entscheidende! Die Quellen mußten aus der Vorstellung der jeweiligen Zeit gedeutet werden und nicht nach gegenwärtigen Maß-

stäben. So nur konnte ein wirklichkeitsgetreuer Beitrag zur Geschichts- schreibung geleistet werden.

Auf das vorwärtsdrängend begeisterte Schaffen Helboks setzte eine Art Volksbewegung zur Erforschung der Heimatgeschichte ein, die, vom Lan- desmuseum geführt, sich auch der regionalen Sammelwerte der einzelnen Kreismuseen bediente, die wiederum ihre landschaftlichen und geschicht- lichen Besonderheiten zu sammeln und darzustellen hatten.

“Grundsätzlich sollte dies in Natur und Kultur geschehen, d.h. die Heimatmuseen sollten den natürlichen Aufbau ihrer Land- schaft als Teil des Landes in seiner geologischen, morphologi- schen, pflanzen- und tierkundlichen Art einschließlich der mensch- lichen Siedlung zeigen und daraus das Bild ihrer Volkskultur auf- bauen, sie sollten ihre Volksart pflegen in Sitte und Brauch. Hei- mattage sollten die Gipfelpunkte sein.”

Nicht jene Heimatpflege war gemeint, die in sektiererischer Enge allmäh- lich muffig wird, sondern die hinauswies in die großen Zusammenhänge des ganzen Volkes. Es stieg das Heimaterleben aus den Tälern und Land- schaften in die Werkstätten der Forschung, um als ganzheitliches Hei- matwissen, als Bildung in das Land zurückzufließen. Ganzheitliche Bil- dung also sollte aus der Heimatbewegung hervorwachsen mit dem idea- len Ziel, über alle Dinge seiner Heimat aus der Wissenschaft und aus der Lebenserfahrung Bescheid zu wissen.

Als wissenschaftliches Ziel setzte sich Helbok, die nicht schriftlichen Quellen systematisch und methodisch in die Quellenkunde der Geschichts- wissenschaft einzubauen. Dies wuchs zu seiner Lebensaufgabe natürlich aus ihm hervor. Der begeisterten Liebe zur Volksforschung war ihm als Erbe seines verstandesbegabten alemannischen Stammes auch eine na- turwissenschaftliche Begabung beigegeben.

So wuchs Helbok von der Heimatforschung hinein in die Volksforschung.

Von der Heimatforschung zur Volksforschung

Schon 1936 in seiner Schrift “Biologische Volkstumsgeschichte” umreißt

Helbok die Aufgaben und Forderungen einer deutschen Volksforschung. Wir folgen hier im großen seinen Ausführungen:

Die Erforschung des Volkslebens war bisher Gegenstand der Volkskun- de, die die Volkstumsformen der Gegenwart umfaßte oder der Kulturge- schichte, die die äußeren Lebensformen der breiten Kreise des Volkes darzustellen versuchte. Während die sogenannte politische Geschichte als Geschichte des politischen Lebens der Nation der eigentliche und würdigste Gegenstand der Forschung war.

Das Volksleben in Vergangenheit und Gegenwart ist aber nicht nur eine Sache der äußeren Erscheinungsformen, sondern

“ein historisches Problem von ganz gewaltiger Tiefe”.

Auch beim Einzelmenschen sind die Dinge der äußeren Gegebenheiten verschwindend gering im Vergleiche zu dem schicksalhaften Ablauf der inneren Lebensvorgänge seines Körpers als Lebewesen. Einzelmensch und Volk sind Organismen, die an biologisch-konstitutionelle Vorausset- zungen gebunden sind. Allerdings darf hier das Wort Konstitution des Volksleibes nicht so genommen werden wie im Falle des Einzelmenschen. Denn während heim Einzelmenschen das Erbgut ein in jeder Hinsicht abgeschlossenes und unveräußerliches ist, können sich die rassischen Verhältnisse bei einem Volke wandeln, und damit wäre auch seine Kon- stitution wandelbar.

Umwelttheorie bestimmt Geschichtswissenschaft des 19. Jahrhunderts

Der geschilderte Stand der Geschichtswissenschaft ergab sich aus den Ideenkreisen der Französischen Revolution, die von der Umwelttheorie ausging und das Volk nur als eine Summe von Menschen auffaßte, wobei die Frage der Rasse, wenn überhaupt, nur theoretische Bedeutung hatte, die mehr auf naturwissenschaftlichem Boden lag. So wurde alles aus der Wandlung der Umwelt und ihrer wirtschaftlichen und politischen Ver- hältnisse begriffen. Wo sich Teile eines Volkes in einem Staat abschlos- sen, wurden sie einer gesonderten Betrachtung unterzogen. Dies haben wir alle in unserem Geschichtsunterricht erlebt, Preußen, Österreich, von

der heutigen Art der Geschichtslehre ganz zu schweigen, die, sofern sie nicht überhaupt im Dienste der Umerziehung unseres Volkes steht oder ganze Geschichtsabschnitte unterschlägt, die alte liberale Auffassung wieder aus der Einmottung hervorgeholt hat.

Doch zurück zu den Ausführungen Helboks. Das ganze Deutsche Volk als geschlossener Volkskörper in Europa und auch in seinen geschlossen siedelnden Einzelteilen galt es zu untersuchen und die Gemeinschaft als solche, die der Herd nicht nur der äußeren Erscheinungsformen ist, son- dern in welcher das organisch Schicksalhafte der Erscheinungsformen begründet liegt. Auch die Frage, ob der einzelne Geschichte mache oder nicht, würde hierdurch aus neuer Sicht beantwortet werden können. In den Mittelpunkt der politischen Geschichte sollte die Geschichte des Volks- lebens treten, die zunächst noch als Hilfswissenschaft tätig war.

Volkstumsgeschichte will also nicht Bevölkerungsgeschichte im alten Sinne sein, sondern die Geschichte des Volksleibes und seiner Seele, also der tiefen inneren Ursachen aller großen politischen Geschichte. Das Bio- logische mußte dabei der Zentralgedanke sein.

“Die Zeit ist vorüber, da wir in Rasse etwas Naturhaftes sahen, das abseits der Betrachtungsweise des Historikers liegt. Wir er- kennen in der Rasse nicht nur die Ursache der äußeren Erschei- nungsbilder eines Volkes, sondern den kausalen Grund seiner Seelenhaftigkeit.”

Der Reichtum eines Volkes ist durch die Grundphysiognomie der ver- schiedenen Unterrassen gegeben, jedoch ist das gegenseitige Verhältnis der Unterrassen in einem Volke für seine Physiognomie bestimmend.

Siedlungsgeschichte

Nach vielen Teilarbeiten reift in Leipzig der Plan einer gesamtdeutschen Siedlungsgeschichte. Sie soll das Fundament zu einer Volksleibgeschich- te werden.

“Nur in der vollen Ausschöpfung der Lebensformen des Volkes in der Siedlung war die Möglichkeit zu gewinnen, ein Ganzes zu schaffen. Alles andere wäre Stückwerk gewesen.”

Wie die Siedlungsarchäologie die Grundlage der Vorgeschichte ist, so ist die Siedlungsgeschichte die Grundlage der Volksgeschichte. Die Siedlungs- form ist als Ausdruck des Gemeinschaftslebens bedeutungsvoll, weil sie die Gemeinschaftsbildungen des Volkskörpers bedingt. Erst von dorther wird auch die Wesensart höherer Gemeinschaftsbildungen in Wirtschaft, Verwaltung und Brauchtum besser erfaßbar. So wird gerade die Sied- lungsgeschichte viel Licht in noch offene Fragen bringen können, die bis- her nur aus schriftlichen Quellen beantwortet werden konnten, ohne daß die Substanz des Volkes zur Erörterung stand. So ist der Ertrag der deut- schen Siedlungsforschung auf biologischer Grundlage beachtlich.

Durch das von Helbok entwickelte und angewandte kartographische Sy- stem ergibt sich ein umfassendes und anschauliches Bild deutscher Land- nahme, über die Methode der Großraumforschung bis zur Darstellung der kleinräumigen Siedlungsgeschichte aus der Flurnamenforschung und der Geschichte des Dorfes. Dabei ist nicht nur die Geschichte der Land- nahme und die Bevölkerung germanischer und nichtgermanischer Vorbe- siedlung klarzustellen, auch bei der Bearbeitung der Haus- und Sied- lungsformen wird das Rassenproblem in den Mittelpunkt treten müssen. Wie wertvoll diese Untersuchungen auch für den Fragenkomplex Kunst und Rasse sind, geht aus der Entdeckung hervor, daß das germanische Bauernhaus von seiner Dachkonstruktion aus in kulturgeschichtlichem Zusammenhang mit der Gotik steht. So konnte auch die Gotik als Men- generscheinung nur auf ehemals germanischem Boden, der über keltischem gelagert war, von Helbok festgestellt werden. (Siehe Helbok: “Grund- lagen zur Volksgeschichte Deutschlands und Frankreichs”, “Vergleichende Studien zur deutschen Rassen-, Kultur- und Staatsgeschichte”.) Das Her- vorgehen der Gotik aus dem germanischen Bauernhaus beweist aber noch anderes: daß Kultur aus dem Unbewußten geschöpft wird.

Durch den Bau des Limes wurde die gen Süden flutende Welle ger- manischer Wanderungen gestoppt und der weitere Siedlungsausbau des heutigen deutschen Kernlandes bewirkt und damit die Voraus- setzung zur Bildung des Deutschen Volkes geschaffen.