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FACHTHEMA

Erneuerbare Energien
XXX

Optimierung des Holzvergasungs-Heizkraftwerks in Senden

»Leuchtturm« mit neuem Wärter


Deutschlands größte Holzvergasungsanlage ist seit Jahresanfang in neuen Händen: Die Blue Energy
Europe, ein Spezialist für »Upcycling« von Biomasseanlagen, hat das schlecht aus den Startlöchern ge-
kommene Heizkraftwerk in Senden bei Ulm übernommen. Mit mehreren Optimierungsmaßnahmen
soll das Kraftwerk jetzt in die Gewinnzone geführt werden.

Bild 1. Holzvergasungs-Heizkraftwerk in Senden bei Ulm Quelle: SWU

»S
o eine Anlage stilllegen zu werk seien deshalb ein Wärmelie- und sollten möglichst ohne Sub-
müssen und dafür etwas fer- und ein Dienstleistungsvertrag ventionen auskommen. Im Bereich
Neues zu bauen, wäre geschlossen worden. Im Letztge- Biomasse bedeute das oftmals,
eine gigantische Ressourcenver- nannten sei festgehalten, dass die günstige Brennstoffe einzusetzen.
schwendung«, sagt Jochen Sautter, SWU vorerst drei Jahre lang – mit Bei der in Senden angewandten
Geschäftsführer der Blue Energy Eu- Verlängerungsoption – die Anlage Technik hebt Sautter das theoreti-
rope GmbH. Sein Unternehmen, res- weiter betreiben. Der Wärmeliefer- sche Potenzial hervor, »Stoffe ver-
pektive die eigens hierfür gegründe- vertrag laufe 15 Jahre lang. Im Jahr werten zu können, die entsorgt wer-
te Tochterfirma Blue Energy Syngas 2033 endet die EEG-Vergütung des den müssen«. Dabei meint er z. B.
GmbH, hat zum Stichtag 1. Januar eingespeisten Stroms nach Erneuer- Klärschlamm: »Bei der Vergasung
2018 das Holzvergasungs-Heizkraft- bare-Energien-Gesetz (EEG) 2009. wird der darin enthaltene Phosphor
werk(-HKW) in Senden bei Ulm Die Anlage erhält den Technologie- nicht oxidiert und kann rückgewon-
übernommen (Bild 1). Schon bei der bonus von 2,0 Ct/kWh und 4,0 Ct nen werden.«
(verspäteten) Inbetriebnahme im Nawaro-Bonus für den Einsatz von Flexibilität bei den Einsatzstoffen
Jahr 2013 und auch danach, als die Waldrestholz. Anlässlich des Baus ist daher ein großes Ziel für die Sen-
Anlage in den Dauerbetrieb über- des Holzgas-HKW wurde in Senden dener Anlage: »Die Zweibett-Wirbel-
führt werden sollte, hatte diese den ein neues Wärmenetz aufgebaut schicht-Dampfvergasung ist sehr
Stadtwerken Ulm/Neu-Ulm (SWU) und eine 6 km lange Verbindungs- effizient und bietet die Möglich-
als vorherigem Eigentümer mächtig leitung von Senden zum bestehen- keit, alternative, schwierig zu ver-
Probleme bereitet und die Bilanzen den Fernwärmenetz von Neu-Ulm wertende Rohstoffe einzusetzen bis
verhagelt. verlegt. zur Müllvergasung«, erläutert Frank
Wie Sautter schildert, sei es den Blue Energy Europe ist ein Pro-
Stadtwerken wichtig gewesen, dass jektentwicklungs-Unternehmen aus
ein regionaler Investor einsteigt, Ulm. »Wir suchen bewusst Anlagen
die Lieferung von grüner Fernwär- mit Handicap«, sagt Sautter. Solche
me aufrechterhalten und die 14 be- Anlagen mit einem »Upcycling« in
troffenen Mitarbeiter übernommen die Wirtschaftlichkeit zu führen –
werden. Diese Anforderungen habe darauf habe sich das Unternehmen
Blue Energy Europe erfüllen kön- spezialisiert. »Hierfür bringen wir
nen. »Der Betrieb der Anlage erfor- Kapital und Know-how mit«, so
dert ganz spezielles Know-how«, be- der Finanzfachwirt. Die Projekte
tont der Firmenchef (Bild 2). Neben müssten einwandfrei in Bezug auf Christian Dany,
dem Kaufvertrag für das Heizkraft- Umwelt- und Klimaschutz sein Fachjournalist, Buchloe.

EuroHeat&Power 47. Jg (2018), Heft 9 31


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aus Bettmaterial und zugeführten


Hackschnitzeln im Schwebezu-
stand (Wirbelschicht) gehalten. Als
Bettmaterial dient Olivinstein in
Sandkorngröße.« Während in der
Vergasungskammer eine stationäre
Wirbelschicht vorherrsche, zirku-
liere eine weitere zwischen Verga-
sungs- und Brennkammer. Es zir-
kuliere aber nur das Bettmaterial/
Brennstoff-Gemisch, die Gase wer-
den separiert in Rauchgas aus der
Brennkammer und Produktgas aus
der Vergasungskammer.
Dort wird der Brennstoff bei rd.
850 °C vergast, wodurch ein stick-
stofffreies, teerarmes Produktgas
mit hohem Heizwert entsteht. Als
Vergasungsmedium wird Wasser-
dampf anstelle von Luft zugeführt.
Bild 2. Im Besprechungsraum des Holzgas-Heizkraftwerks Senden sind ver- Das Gas setzt sich aus folgenden
schiedene Aspekte der Anlage visualisiert. Jochen Sautter, Geschäftsführer brennbaren Bestandteilen zusam-
des neuen Eigentümers Blue Energy Syngas, erläutert die Optimierungs- men: rd. 40 % H2, 19 bis 24 % CO und
maßnahme am Produktgaskühler 9 bis 11 % CH4. Der CO2-Anteil liegt
bei 20 bis 25 %. Im nächsten Schritt
wird das Produktgas in einem Rohr-
bündel-Wärmeübertrager gekühlt.
Es folgt ein Schlauchfiltersystem,
das Flugkoks abscheidet, der in
der Brennkammer verwertet wird.
Nach einer Gaswäsche mit Biodie-
sel (Rapsmethylester) wird das Gas
an die Gasverwertung geleitet. »Der
Biodiesel-Wäscher funktioniert gut«,
sagt Maierhans, »beim Vergasungs-
prozess entstehen sehr wenig Teere,
die in die Waschlösung übergehen.
Diese Emulsion wird vollständig der
Brennkammer zugeführt und mit-
verbrannt.«
Das Rauchgas wird zur Reduzie-
rung des Kohlenstoffgehalts in der
Nachbrennkammer behandelt und
dann zur Wärmeverwertung gekühlt.
Anschließend wird es gereinigt und
Bild 3. Frank Maierhans, Betriebsleiter des Holzgas-Heizkraftwerks Senden,
durch den Kamin abgeleitet. Die
am Leitstand
Aschen aus dem Rauchgasfilter
(Bild 5) und der Brennkammer ge-
Maierhans, der alte und neue Be- Zweibett-Wirbelschicht- hen in ein Silo und werden zur Ent-
triebsleiter (Bild 3). Er betont den Dampfvergasung sorgung abgeholt. »Das macht etwa
Vorteil gegenüber Biomasseheiz- Das Herzstück der Anlage ist das 3 % des Brennstoff-Inputs aus und
kraftwerken mit Dampfturbinenpro- Vergasungssystem mit separaten ist für uns kein großer Kostenfaktor«,
zess: »Bei der Holzvergasung bedeu- Kammern für Verbrennung und Ver- sagt Maierhans. Die Abwärmen aus
tet maximale Stromerzeugung auch gasung (Bild 4). Der Prozess mit zwei Produktgas- und Rauchgaskühlung
maximale Wärmeauskopplung, Wirbelschichtsystemen (Dual-Flu- werden einem Thermoöl-Kreislauf
denn die Wärme entsteht durch id) ist an der TU Wien entwickelt mit 315 °C Vorlauftemperatur zuge-
Kühlprozesse«, sagt der 41-jährige und erstmals im Praxismaßstab führt. Ein Teil der Wärme wird für
Ver- und Entsorgungstechnik-In- in der berühmt gewordenen Anla- den Dampfprozess abgeleitet, ein
genieur. Dagegen sinke bei der ge von Güssing umgesetzt worden Teil zur Wirkungsgradsteigerung
konventionellen, aber bewährten (siehe Kasten S. 34). Maierhans er- in einem Organic-Rankine-Cyc-
Dampfturbinentechnik der elektri- klärt den Prozess so: »In der Verga- le-(ORC-)Prozess verstromt. Die
sche Wirkungsgrad, je mehr Wärme sungskammer wird mit überhitztem hauptsächliche Strom- und Wär-
entnommen werde. Dampf fluidisiert, d. h., ein Gemisch meproduktion obliegt jedoch zwei

32 EuroHeat&Power 47. Jg (2018), Heft 9


Produktgaskühler als
Flaschenhals
Produktgas Abgas Gegen Ende 2014 konnten die SWU
(H2, CO, CO2, CH4) (CO2, N2, H2O, O2) vermelden, mit dem Holverga-
sungs-HKW den Regelbetrieb er-
Kondensat reicht zu haben. In den Jahren 2015
(H2O) und 2016 schaffte die Anlage jährlich
Wärme
rd. 6 000 Betriebsstunden (Bild 6).
Im Vorjahr stand sie jedoch ein hal-
Vergasung Bettmaterial- Verbrennung
zirkulation bes Jahr still. Zum einen wurde eine
800 – 850 °C 880 – 920 °C
Generalreinigung für die Übernah-
Koks
me vorgenommen, zum anderen die
Revisionszeit für Optimierungsmaß-
Wasser- nahmen genutzt: »Lange Zeit war
dampf
der Produktgaskühler der Engpass
Brennstoff Luft
der Anlage«, erzählt Maierhans. Der
(Biomasse, Reststoffe, Abfälle) dreistufige Rohrbündel-Wärme-
übertrager, mit dem die Wärme in
den Thermoöl-Kreislauf übergeht,
verschmutzte schnell. Um die Re-
Bild 4. Verfahrensprinzip der Zweibett-Wirbelschicht-Dampfvergasung dundanz zu verbessern, wurde in
Quelle: TU Wien der dritten Stufe, in der die stärkste
Verschmutzung auftrat, ein Bypass
Gasmotor-Blockheizkraftwerken me 2012 für die Ertüchtigung und mit einem zusätzlichen Rohr einge-
mit jeweils 2 274 kW(el), die strom- Optimierung aufwenden musste, baut. Die Maßnahme verdoppelt die
geführt betrieben werden. dürfte die Summe beträchtlich hö- Betriebszeit bis zur nächsten Reini-
Mit dem Bau von Deutschlands her geworden sein. Ein Indiz hier- gung mit Hochdruck-Heißwasser-
größter Holzvergasungsanlage be- für sind die Wertberichtigung 2014 spülung.
gonnen worden war in der zweiten und die Sonderabschreibung 2015 Eine bedeutende Maßnahme, die
Jahreshälfte 2009. Bis Ende 2010 war von in der Summe 19 Mio. €, die schon vorher umgesetzt wurde, sei
das Gebäude fertiggestellt und im die SWU für die Sendener Anlage in der Einbau zusätzlicher Dampf-
Folgejahr wurde die Maschinen- ihren Bilanzen ausgewiesen hat. Das düsen in den Vergasungsreaktor.
technik eingebaut. Im September Bundeslandwirtschaftsministerium Somit hätten sich homogenere
2012 konnte erstmals Strom einge- steuerte eine Anschubfinanzierung Temperaturverhältnisse und eine
speist werden, doch dann tauchten von 6,6 Mio. € für das Leuchtturm- gleichmäßigere Brennstoffvertei-
immer neue Probleme auf – auch projekt bei. Die hohe Fördersumme lung eingestellt. »Unsere Anlage ist
bei »konventionellen« Komponen- rechtfertigte das Ministerium mit doppelt so groß wie die in Güssing«,
ten wie der Brennstoffeinbringung dem Pilotcharakter der großmaß- gibt Maierhans zu denken, »es war
in den Vergaser mit einem Schne- stäblichen Anlage und dem hohen deshalb eine Herausforderung, den
cken- und Schleusensystem. Beim Stellenwert einer effizienten Holz- Vergasungsprozess zu homogenisie-
Bau des Vergasers gab es einen Scha- vergasungstechnologie. ren.« Schließlich sei es gelungen, die
den an der Schamott-Ausmauerung,
der repariert werden musste. »Das
kostete ein Vierteljahr«, sagt Maier-
hans. Der Holzvergaser selbst ist ein
Stahlbehälter von etwa 3 m Durch-
messer und 11 m Höhe. Nachdem
der Vertrag mit der Anlagenbaufir-
ma aufgelöst wurde, führte die SWU
die Inbetriebsetzung der Anlage in
Eigenregie fort. Außerdem musste
für 0,5 Mio. € ein SCR-Katalysator
(SCR = selective catalytic reduction)
für die Gasmotoren nachgerüstet
werden. »Insgesamt gab es 16 Pro-
blemfelder, die wir zum Großteil in
Eigenregie gelöst haben. Dazu war
viel Entwicklungsarbeit nötig«, er-
klärt der Anlagenleiter.
Die Investition in das Holzverga-
sungs-HKW belief sich auf 33 Mio. €.
Zusammen mit den Mitteln, die die
SWU nach der Erstinbetriebnah- Bild 5. Rauchgasfilter mit einem Schlauchfilter-System

EuroHeat&Power 47. Jg (2018), Heft 9 33


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in einem Silo satzweise getrocknet.


Drei weitere Silos mit 13 m Höhe
Betriebsstunden elektrische durch-
schnittliche Leistung
tatsächliche ausgespeiste
thermische Leistung
stehen als Brennstofflager zur Ver-
9000 fügung. Eingesetzt werden haupt-
5,75 MW
5,52 MW
5,66 MW sächlich Waldrestholz und Holz aus
h 5,21 MW der Landschaftspflege. Rund 45 000 t
Prognose
4,85 MW
2018 mit Frischmasse im Jahr braucht die An-
Stand zum
7000 1.7.2018 lage. Täglich werden im Schnitt zehn
4,50 MW
Lkw-Ladungen mit Hackschnitzeln,
4,10 MW
6000
3,95 MW i. d. R. erntefrisch mit rd. 40 % Was-
3,74 MW
sergehalt, angeliefert. »Wir können
3,42 MW
naturbelassenes Waldrestholz von
5000 Stillstandzeit aufgrund
Optimierungsmaßnahmen minderer Qualität, also mit hohem
und Vorbereitungen für
2,95 MW Anlagenverkauf an Feinanteil, vergasen. Das können
4000 Blue Energy Syngas GmbH
andere nicht«, ergänzt Maierhans.
Während in Senden als Reststoffe
3000
1,59 MW
2,06 MW nur Abgase und unkritische Asche
1,32 MW verbleiben würden, hätten andere
2000
Anlagen mit unliebsamen Reststof-
fen, vor allem Teeren, zu kämpfen.
1000
5906 h

5669 h
1200 h

2203 h

6500 h
3753 h

3110 h

»Die SWU hat vieles vorbereitet


und einen guten Weg eingeschlagen,
0
2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 auf dem wir weitergehen wollen«,
sagt Sautter. Die Optimierungsmaß-
nahmen würden nun sukzessive
umgesetzt und evaluiert. Hinsicht-
Bild 6. Betriebsstunden und Erzeugung des Holzgas-Heizkraftwerks Senden lich eventuell weiterer Maßnahmen
Quelle: SWU Netze bestehe Kontakt mit der TU Wien.
Nach einem halben Jahr Betriebs-
Gasqualität zu verbessern, doch in mierung einhergehe, laufe zurzeit zeit ist der Finanzfachmann recht
Zukunft soll auch die verwertbare ein Genehmigungsverfahren. zufrieden: »Die Anlage läuft weniger
Gasmenge gesteigert werden: Für Schließlich soll auch noch die schlecht als gedacht«, meint er mit
die interne Wärmebereitstellung sol- Brennstoffaufbereitung mit einer einem verhaltenen Grinsen. Im ers-
len 10 % weniger Produktgas abge- kontinuierlichen Trocknung ver- ten Halbjahr 2018 habe sie 3 320 Be-
zweigt werden müssen. Bisher wird bessert werden. »Wir haben einen triebsstunden erreicht (Bild 6). Das
das Produktgas im Notfall einem Bandtrockner angeschafft, der lasse andeuten, dass die Zahl von
Hilfskessel zugeleitet. Maierhans: demnächst aufgebaut wird«, sagt 2016 deutlich übertroffen werde. Bis
»Wir wollen den Hilfskessel, der nur Sautter. Der neue Anlagenteil soll Ende 2019 will Sautter die »schwarze
durch ständige Wärmezufuhr be- für eine gleichmäßigere Restfeuch- Null« geschafft haben. j
triebsbereit gehalten werden kann, te der Hackschnitzel von rd. 20 %
durch eine Notfackel ersetzen.« Für Wassergehalt sorgen und damit christian.dany@web.de
die Notfackel-Nachrüstung, die mit zur Stabilität der Anlage beitragen.
einer regelungstechnischen Opti- Bisher werden die Hackschnitzel www.blue-energy-europe.com

Historie der Zweibett-Wirbelschicht-Dampfvergasung


Für Begeisterung hat anfangs die Zweibett-Wirbelschicht- Nach einem Sanierungsverfahren besteht das Ingenieurbüro
Dampfvergasung gesorgt. Nach rund 17 Jahren, in denen aber fort und war zuletzt an Projekten in Ostasien beteiligt.
sich die Technologie in der Praxis hätte bewähren können,
fällt eine Bilanz aber ernüchternd aus – auch wenn beteiligte An das Güssinger Biomassekraftwerk ist ein Blockheizkraft-
Wissenschaftler das etwas anders sehen. Entwickelt wurde werk (BHKW) mit 2 MW(el) und 4,5 MW(th) angeschlossen.
die »Dual-Fluid«-Holzvergasungstechnologie seit Anfang der Damit gelang das Upscaling von der Technikumsanlage zu
1990er-Jahre unter der Leitung von Prof. Hermann Hofbauer einer kommerziellen Anlage – was von einer großen Werbe-
an der TU Wien. Schon 1995 gab es den 100-kW(th)-Pilotver- kampagne begleitet wurde: Ein Technologie- und ein Weiter-
gaser. Im Jahr 2001 wurde aus dem Umfeld der TU heraus bildungszentrum wurden errichtet. Das Europäische Zentrum
die Repotec GmbH & Co KG gegründet, die im selben Jahr die für erneuerbare Energien gab es schon in Güssing. Tausende
Dual-Fluid-Vergasungsanlage in Güssing in Betrieb nahm. Das Besucher im Jahr wurden empfangen und Millionen an
dort ansässige Engineering-Unternehmen zeichnete auch für EU- Geldern ausgegeben. Das kleine Burgenland-Städtchen
die Planung der meisten der folgenden Anlagen verantwort- begab sich auf den Weg, Europas Ökoenergie-Mekka zu
lich. Im Jahr 2016 wurde Repotec zahlungsunfähig. werden.

34 EuroHeat&Power 47. Jg (2018), Heft 9


Die Holzvergasungsanlage diente neben der Strom- und Fern- Verwirbelung. Der Brennstoffeintrag wird jetzt oberhalb der
wärmeerzeugung auch der Forschung. Phasenweise wurden Wirbelschicht angeordnet. Bei der Brennkammer wurde die
die Methanisierung, also die Produktion von Bio-SNG (synthe- Luftzuführung verfeinert. Das neue Design soll auch zu einer
tic natural gas), und die Erzeugung von Fischer-Tropsch-Diesel besseren Regelung der Vergasungstemperatur führen.
erprobt. Im Jahr 2013 musste die Biomasseheizkraftwerk
Güssing GmbH & Co KG aber Insolvenz anmelden. Seit Ende Kuba von Bioenergy 2020+ sieht die Entwicklung der Dual-
2016 die Ökostromförderung auslief, steht die Anlage still. Fluid-Technologie an einem Wendepunkt: Die Pionierphase,
Der Inhaber des stillgelegten Kraftwerks, die Güssing Renew- Strom und Wärme aus Holz zu produzieren, sei nun zu Ende.
able Energy GmbH, bereitet nun die Planung einer komplett »Der grundsätzliche Schritt ist getan«, meint Kuba. In der
neuen Anlage vor. »Die Güssinger Anlage hatte in 15 Jahren zweiten Phase werde sowohl die Frage nach den Einsatz-
über 100 000 Betriebsstunden erreicht. Das ist eine Seltenheit stoffen, als auch die nach den Endprodukten neu gestellt.
für eine Demoanlage. Heute ist die Anlage nicht mehr Stand Ziel sei es, aus dem Synthesegas mit CO, H2 und CH4 Chemi-
der Technik. Deshalb ist es angemessen, einen Schlussstrich kalien oder Treibstoffe zu entwickeln. »In den nächsten fünf
zu ziehen«, sagt Dr. Matthias Kuba vom Forschungsnetzwerk bis zehn Jahren könnten solche Produkte marktreif sein«,
Bioenergy 2020+. lautet seine Einschätzung. Eine Alternative sei die direkte
Nutzung als klimaschonendes, hochwertiges Brenngas.
Im nahen Oberwart wurde 2007 eine Vergasungsanlage glei- Kuba hat auch eine Erklärung für die gescheiterten Projekte:
cher Größe gebaut; allerdings mit zusätzlicher ORC-Anlage zur »Jedes Mal war ein anderer Anlagenbauer tätig. Es fehlte die
Wirkungsgradsteigerung. Die Anlage lief zwar im Regelbetrieb. Kommunikation, um von den Erfahrungen der anderen zu
Nach 40 000 Betriebsstunden wurde sie aber aus wirtschaft- profitieren.« Die Anlagen hätten einfach zu lange gebraucht,
lichen Gründen außer Betrieb gesetzt. Sie ist inzwischen vom um auf Volllast zu kommen. Aus finanziellen Gründen sei es
Baustoffkonzern Wopfinger (Marke Baumit) gekauft worden. dann oft schon zu spät gewesen.
Der Konzern möchte das Gas direkt für Produktionszwecke
nutzen und hat hierfür eine neue Betriebsgenehmigung Abgas
beantragt. Eine doppelt so große Anlage wurde 2010 in
Villach errichtet: Die Anlage mit 3,9 MW(el) und 15 MW(th)
Zyklon
Produktgas
hatte jedoch von Anfang an wirtschaftliche Schwierigkeiten
Zyklon

Grobabscheider abgasseitig

und erreichte keinen Dauerbetrieb. Im Mai 2013 wurde das


Konkursverfahren über die Betreiberfirma Biomasse-Energie Grobabscheider
produktgasseitig
eröffnet.

Im Jahr 2012 wurde die Anlage in Senden bei Ulm in Betrieb


genommen. Nach einigen Verzögerungen und technischen
Schwierigkeiten wurde Ende 2014 der Normalbetrieb erreicht.
Vergasungsreaktor oben

Gigantische Pläne entstanden parallel in Schweden: Göteborg


Energi wollte mit dem Go-Bi-Gas-Projekt (Goeteborg Biomass
Gasification) die weltgrößte Biomasse-Vergasungsanlage
Siphon oben

mit 160 MW Gasleistung bauen und Biomethan (Bio-SNG)


erzeugen. Bis Ende 2014 wurde eine Demoanlage mit
Verbrennungsreaktor

Wasser-
20 MW(th) SNG-Produktion errichtet. Die Anlage erwies sich dampf
Siphon intern

als finanzielles Fiasko. Laut dem »Expressen« hat sie umge-


rechnet rd. 170 Mio. € Verlust gemacht. Nachdem Göteborg
Energi vergeblich einen externen Investor oder Käufer der
Anlage gesucht hat, wurde die Anlage im Frühjahr stillgelegt.
Wasser-
Ein französisches Konsortium, das vom Engie-Konzern ko- dampf Tertiär-
Feinpartikel-
ordiniert wird, produziert mittlerweile Bio-SNG nahe Lyon. rückführungen luft

Die 600-kW(th)-Demoanlage im Rahmen des »Gaya«-Projekts Feinpartikel-


wurde 2017 in Betrieb genommen. Ebenfalls seit letztem Jahr austrag

läuft eine weitere Demoanlage mit 4 MW Brennstoffwärme- Sekundär-


reaktor unten

Feinpartikel-
Vergasungs-

luft
leistung in Nongbua/Thailand. austrag
Brennstoff-
eintrag
Primär-
In der Zwischenzeit wurde an der TU Wien eine neue, 7 m luft
hohe Versuchsanlage errichtet. »Durch eine neuartige Reak- Wasserdampf

torkonstruktion kommt der Brennstoff und dessen Produktgas


Siphon
unten

viel intensiver in Kontakt mit dem wirbelnden heißen Sand,


daher funktioniert die Vergasung nun auch mit schwieri- Wasser-
Grobasche- dampf
gen, alternativen Brennstoffen besser«, erklärt Dr. Johannes austrag

Schmid, Projektgruppenleiter am Institut für Verfahrenstech-


nik der TU. Auch Biokohle und Klärschlamm lägen im Fokus.
Die Vergasungskammer der 100-kW(th)-Anlage wurde durch Neues System mit Rezirkulationsmöglichkeiten durch
eine Teilung in einen unteren und oberen Bereich modifi- Querrippen, was den Gas-Feststoff-Kontakt verbessert
ziert. Im oberen Bereich sorgen Querrippen für eine bessere Quelle: TU Wien

EuroHeat&Power 47. Jg (2018), Heft 9 35

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