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Hektisch elektrisch

Zero SR/S: Sportliches E-Motorrad – nicht


nur den Nachbarn zuliebe
E-Motorräder waren bis jetzt keine echte Konkurrenz für konventionelle Maschinen. Das
ändert sich gerade. Zumindest was das Fahrkapitel angeht

Guido Gluschitsch

4. März 2020, 08:00

Die Reichweite war ja lange Zeit keines der wichtigen Themen bei Motorrädern mit E-
Antrieb. Die Dinger waren in der Regel so hässlich, die Sitzposition derartig räudig, das
Fahrverhalten so mies, dass man über jeden Meter, nach welchem dem Ding eher der Saft
ausging, dankbar sein musste. Das ändert sich jetzt gerade dramatisch. Den Anfang machen
Zero und seltsamerweise Harley-Davidson. Wieder einmal sind es also die Amerigganer, die
uns die E-Mobilität schmackhaft machen.

Zero gehört zu den Pionieren der fahrbaren E-Mobilität auf zwei Rädern. Foto: Zero
Motorcycle
Wirklich angefangen hat alles erst 2019 mit der Zero SR/F. Das war schon ein überraschend
gutes Motorrad. Und jetzt legen die Kalifornier mit der SR/S eine verkleidete Version nach.
Das S steht übrigens wenig überraschend für Sport, obwohl das Fahrgeräusch der Maschine
kaum anders klingt. Sagen wir, wenn Tiroler ein knochentrockenes S spricht. Also schon mit
ein bisserl Kratzen im Hals. Denn ganz lautlos ist die Zero nicht. Man hört den Motor recht
gut beim Arbeiten. Und gleichzeitig ist der Antrieb so leise, dass sie auch am Sonntag um
fünf Uhr früh vorm Schlafzimmer ihres Nachbarn Vollgas geben können, und es wird ihn
nicht stören. Vorausgesetzt sie knallen ihm dann nicht völlig unkontrolliert in seinen neuen
Wagen.

190 Nm Drehmoment

Denn ein bisserl vorsichtig muss man schon sein mit der Bedienung des rechten Drehgriffs
am Lenker. Vor allem im Sportmodus. Da liegt dann das volle Drehmoment von 190 Nm
quasi sofort an. Und wenn man darauf nicht gefasst ist, könnten die folgenden Sekunden recht
hektisch ablaufen.

Die Zero SR/S gibt es in Blau und Grau. Obwohl, es reicht zu wissen, dass es sie in Grau gibt.
Foto: Zero Motorcycle

Nähert man sich der SR/S aber mit ein wenig Respekt und beginnt einmal im Street-Modus,
braucht man sich nicht zu fürchten. Die Beschleunigung ist dann immer noch sehr fein und
die Traktionskontrolle wacht sorgsam über das Geschehen. Wer mit den gesammelten
Werken von italienischen Heldensagen sozialisiert wurde, kann aber auch im Regen-Modus
loslegen. Dann kommt dem Hinterradl nicht einmal der kleinste Rutscher aus und die
Beschleunigung ist auch für Nichtprofis leicht zu beherrschen. Neben den zehn selbst zu
definierenden Fahrmodi gibt es auch noch einen Eco-Modus. Wie sich der anfühlt, wird mir
aber ewig ein Geheimnis bleiben. Dafür macht der Sport-Modus zu viel Spaß. Und auch die
etwas ökologischere Art auf zwei Rädern zu fahren darf nun durchaus sportlich sein.

Vorbei sind die Zeiten, wo man die Kraft eines Ringers brauchte, um ein E-Motorrad in
Schräglage zu bekommen. Die SR/S darf man sogar als kurvengierig bezeichnen. Zum Hang-
off verleitet sie trotzdem nicht. Foto: Zero Motorcycle

Obwohl, so auf den ersten Blick, da kam schon so etwas wie Ernüchterung auf, wenn nicht
gar die Frage, ob das S nicht für Senioren stehen könnte. Denn wenn man genau schaut, dann
ist die Verkleidung gar nicht so wild gezeichnet. Der Windshield ist groß und ragt weit nach
oben. Der Lenker ist höher positioniert, die Rasten niedriger, man sitzt also aufrechter und
geschützter als auf anderen Vollverkleideten. Aber ja doch, es ist eine S wie Sport und keine
R wie Racing oder Rundrücken.
Der Windshield ragt weit und recht flach nach oben. Doch das hat einen guten Grund. Foto:
Zero Motorcycle

Durch die aufrechtere Sitzposition ist man nicht nur entspannter unterwegs, man kann sich
auch besser auf dem Bock bewegen. Und der etwas große Windshield hat einen ganz eigenen
Nutzen. Macht man sich hinter diesem klein, etwa auf Autobahnetappen, dann ergibt sich eine
erhöhte Reichweite von 13 Prozent. Auf einmal ist die Reichweite also doch ein Thema.

Bremserei

Kein Thema waren bis vor kurzem auf E-Motorrädern halbwegs vernünftige Bremsen. Die
meisten Einscheibenlösungen hätten besser auf ein offenes Pedelec gepasst als auf ein
Motorrad. Zero macht damit jetzt Schluss und montiert vorn zwei Scheiben, die mit einer
Vehemenz zupacken, dass dieser Tage beim Anbremsen gleich einmal die Rotzglocke am
Visier anläutet. Weniger packend und weit weniger gut dosierbar ist, zumindest auf dem
Testbike, die Hinterbremse. Doch das kann mehrere Gründe haben. Fahrwerksspezialisten
werden da über die Abstimmungsfeinheiten eines E-Bikes philosophieren und Rekuperation
mal Fußbremse rechnen und dann die Wurzel aus der Traktionskontrolle ins Spiel bringen.
Wer weniger kompliziert an die Sache herangeht, wird merken, dass diese Testmotorrad noch
fast keine Kilometer auf der Uhr hat, es also auch gut sein kann, dass die hintere Scheibe noch
so gut wie jungfräulich ist, und sich nach ein paar Manövern schon einschleifen wird.
Zero verbaut auf der SR/S eine konzentrische Schwinge, wodurch die Kraft des Motors in
jeder Situation gleichmäßig übertragen wird. Die Dosierbarkeit der Hinterradbremse
überzeugte bei der ersten Testfahrt nicht wirklich. Foto: Zero Motorcycle

Ein wildes Manöver ist es auch, von einem Fahrmodus in den anderen zu wechseln. Dazu
muss der Gasgriff nämlich geschlossen sein. Dann drückt man gefühlte zwei Sekunden auf
den Menü-Knopf am Lenkrad, im Display beginnt der Fahrmodus zu blinken, dann wählt man
aus, bestätigt, und weiter geht es. Klingt jetzt einmal harmlos. Ist es aber nicht. Etwa wenn
man gerade mit seiner Bande unterwegs ist, sagen wir im Street-Modus, und kaum fängt das
Kurvengeschlängel an, sticht den vor dir der Hafer und er dreht seinen Gasgriff einmal um die
eigene Achse. Bis du da im Sportmodus bist, um nicht hinten abzureißen, bist du Letzter in
der Partie und kannst den Rossi zu seinen Glanzzeiten nachmachen.
Neben den Fahrmodi kann man auch die Traktionskontrolle in verschiedenen Stufen arbeiten
lassen. Sport ist dabei schon was für Personen mit Motorraderfahrung. Foto: Zero Motorcycle

Obwohl, das hat dann irgendwie eh auch wieder sein Gutes. Du duckst dich hinter dem
Windshield, hebst die Ellenbogen und schießt mit einem Dreh am Gasgriff los. Sogar die 234
Kilogramm schwere Premiumversion – die Griffheizung, Schnellader und Alu-Lenkerenden
hat – fühlt sich viel leichter an. Das liegt vermutlich am tiefen Schwerpunkt. Der kommt
einem auch in der Kurve zugute. Die SR/S lässt sich so einfach auch durch depperte Kurven
zirkeln, wie kein anderes aktuelles E-Motorrad. Und weil das alles so kinderleicht geht, bist
auch wieder extrem früh am Gas. Was heißt, du musst beim Einlenken lange draußen bleiben,
weil am Kurvenausgang wirst du vermutlich schon beim Ersten wieder innen durchwollen.
Wenn man auf den Schnelllader verzichtet, hat man dort, wo konventionelle Bikes einen Tank
haben, genug Stauraum für Telefon, Geldbörsel und Verbandspackerl. Oder ein Ladekabel.
Greift man zum Schnelllader, kriegt man hier gerade noch die Papiere und eine leere
Brieftasche unter. Foto: Zero Motorcycle

Sie merken es vielleicht schon, es ist ein richtiger Spaß, dieses Motorrad sportlich zu fahren,
eben weil es so präzis ist. Das hat übrigens auch Bosch ziemlich überrascht. Die haben einiges
an Elektronik beigesteuert und sind eher das Arbeiten mit Einspritzzeiten und Drosselklappen
gewohnt, was ein bisserl Verzögerung bedeutet, bis diese befohlene Kraft am Hinterrad
ankommt. Da reagiert der E-Motor viel, viel schneller, was eben wieder diese Präzision
zugutekommt. Was auch zu diesem Kapitel hier gehört, das ist die konzentrische Schwinge,
die dafür sorgt, dass der Antriebsriemen konstant auf Spannung ist.
Im Vergleich zur SR/F wurden die Sitzplätze ein wenig größer dimensioniert. Foto: Zero
Motorcycle

Spannend wurde es auch nach rund hundert Kilometern, sagen wir, recht ambitionierter Fahrt.
Da nahm die Leistung der SR/S nämlich merkbar ab. Plötzlich fehlte ein Alzerl der
Spritzigkeit. Ein Blick auf den Tacho, der natürlich bei der Zero ein Display ist, das sich an
eine App koppeln lässt und so zu allem möglichen Schmafu fähig ist, offenbarte, dass die
Reichweite nun auf einmal doch zum Thema wird. Die Reichweitenangaben im Prospekt
erreicht man wohl am ehesten im Eco-Modus: Das sind mit dem normalen Akku 175
Kilometer, 219 sind es mit dem Power Tank. Betrachtet man nur die Fahrten in der Stadt,
reicht eine Ladung laut Zyklusmessung für 259 Kilometer, mit dem Power Tank 323
Kilometer. Wer statt zu rekuperieren lieber die Bremse fordert, wird dabei – wenig
überraschend – Abstriche machen müssen. Aber die Pause kommt nicht ungelegen. Und sie
muss mit dem optionalen Rapid Charger auch nicht länger als eine Stunde dauern. Dann ist
der 14,4-kWh-Akku wieder voll.
Innovativ ist die Position der Spiegel, die unter dem Lenker direkt an der Verkleidung
befestigt sind. Damit sieht man deutlich besser, was hinter einem passiert, nur den Helm kann
man in Fahrpausen darauf nicht gescheit aufhängen. Foto: Zero Motorcycle

Und noch etwas wird auf einmal zum Thema. Der Preis nämlich. Der ist nicht angelehnt an
die Preisgestaltung mancher Billig-Fernost-E-Roller, sondern liegt bei mindestens 21.720
Euro respektive 23.940 Euro für die Premium-Version. Um das Geld überlegt man sich
natürlich schon gut, ob man sich die Zero daheim in die Garage stellt, wo sie übrigens an der
normalen Schukodose in rund vier Stunden voll geladen ist. Wer gern ausgedehnte
Motorradreisen unternimmt, wird da nicht einmal mit der Wimper zucken, bevor er den Kopf
zu beuteln beginnt. Wer aber gern einem flotten Sonntagsrunderl frönt, der ist hier gut
beraten. Die Runde kann sogar tagesfüllend sein, wenn man Schnellladestationen mit
angeschlossenem Kaffeehaus auf dem Weg hat. Ideal ist diese Zero sicher für Pendler, die
gern mit dem Motorrad fahren. Die werden sich nach ein paar Jahren sogar ziemlich ins
Fäustchen lachen. Denn je länger und je mehr man die Zero fährt, desto günstiger wird sie im
Vergleich zu konventionellen Motorrädern. Aber diese Rechnung kennen wir eh auch schon
von den E-Autos, bei denen es auch gerade zwei beherrschende Themen gibt. Den
Anschaffungspreis und die Reichweite. Endlich sind die Motorräder auch so weit. (Guido
Gluschitsch, 4.3.2020)
Ein gemütliches Sonntagsrunderl ist schon drinnen, wenn man nicht dauernd im Sportmodus
schwer am Gas hängt. Tut man es doch, reicht unterwegs eine Ladestation mit angebautem
Kaffeehaus. Foto: Zero Motorcycle

Technische Daten
Zero SR/S

Preis: ab 21.720 Euro (Premium ab 23.940 Euro)

Reichweite: Stadt: 259 km / 323 km mit Power Tank


Autobahn: 132 km / 166 km
Kombiniert: 175 km / 219 km

Drehmoment: 190 Nm
Leistung: 82 kW
Top-Speed: 200 km/h

Batteriekapazität: 14,4 kWh


Ladedauer 95%: 4 Stunden / 2 Stunden (Premium)
Schnellladung 6 kW: 1,3 Stunden / 1 Stunde
Batterie-Garantie: 5 Jahre, unbegrenzte Kilometer

Gewicht: 229 kg / 234 kg (Premium)


Sitzhöhe: 787 mm
Weiterlesen:

Harley-Davidson LiveWire: Das Herz in der Hose

Zero SR/F: Verdammt nah an der Zukunft dran

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Zero

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und
Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder
Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.