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DER NOMOSBEGRIFF BEI CARL SCHMITT


Author(s): Hermann Schmidt
Source: Der Staat, Vol. 2, No. 1 (1963), pp. 81-108
Published by: Duncker & Humblot GmbH
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/43639292
Accessed: 25-10-2016 08:47 UTC

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BERICHTE UND KRITIK

DER NOMOSBEGRIFF BEI CARL SCHMITT

Von Hermann Schmidt, München

I.

1. Im Rechtsdenken Carl Schmitts nimmt seit dem Ende des 2.


Weltkrieges kein anderer Begriff eine derart zentrale Stellung ein
wie der Begriff des Nomos, zu dessen Klärung und Vertiefung gerade
seine Arbeiten der letzten 10 Jahre im entscheidenden Maße beigetra-
gen haben. Von diesem Begriff her fällt auch auf die anderen Konzep-
tionen seiner staatsrechtlichen Auffassungen ein neues Licht, wie etwa
auf die Frage nach dem Verhältnis von Legalität und Legitimität und
auf die Kritik des Normativismus. Es scheint daher für das Verständnis
der Rechtslehre Schmitts wichtig, sich mit dem Gehalt und den Konse-
quenzen zu beschäftigen, die gerade dieser Begriff des Nomos in sich
schließt. Die vorliegende Untersuchung zielt auf ein Verständnis dieses
einen zentralen Begriffes. Von der Sache her möchte sie die Implika-
tionen philosophisch durchdenken, die sich aus dem Begriff des Nomos
ergeben und die mit ihm verbunden sind. Damit sollen die Grundlagen
bereitet werden, die wesentlich sein können für eine Auseinander-
setzimg mit dem Gesamtwerk Schmitts, mit seiner Lehre in ihrer Ein-
heitlichkeit oder Widersprüchlichkeit. Indem hier nur vom sachlichen
gedanklichen Ansatz her die Bedeutung eines zentralen Begriffes seiner
Rechtslehre verfolgt werden soll, wird die Untersuchung den Streit um
den Zusammenhang der Rechtslehre Schmitts mit dem Nationalsozialis-
mus nicht unmittelbar berühren, sie kann aber eine Auseinandersetzung
mit dieser Frage sachlich vorbereiten helfen. Die Gefahr einer völkisch
romantisierenden Auslegung des Verhältnisses von Raum und Recht
bei Schmitt mag gegeben sein: der Dezisionimus braucht aber nicht das
letzte Wort zu bleiben, um zwischen Raum und Recht zu vermitteln. In
Nomos vielmehr wird jenseits von Dezisionismus (Akt) und Normativis-
mus (Potenz) die wahre Sinnatur des Allgemeinen im Recht angezielt.
Wie: das möchten wir im Folgenden interpretieren1.
1 Mit dem Verhältnis von Dezisionismus und Normativismus bei Carl
Schmitt befaßt sich die Arbeit von Peter Paul Pattloch „Recht als Einheit
von Ordnung und Ortung. Ein Beitrag zum Rechtsbegriff in Carl Schmitts
, Nomos der Erde' Aschaffenburg 1961. Pattloch will die Begründung des
Rechtes im Nomos bei Schmitt verstehen aus dem eigentümlichen Erkennt-
nisbegriff, der bei Schmitt ähnlich wie bei Nietzsche dem Perspektivismus ver-
haftet sei (vgl. S. 10) und keine allgemeine Wesenseinheit und Wahrheit im
Sinne der Metaphysik zulasse. Von der formalen Subjektivität eines Hobbes

6 Der Staat 1/1963

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82 Hermann Schmidt

Nach seinem zentralen Anliegen, so meinen wir, geht es bei Carl


Schmitt um die Erfassung der Bezogenheit von Mensch und Erdraum
und um den Aufweis der juristischen Relevanz solcher Bezogenheit: die
aber liegt in dem Begriff des Nomos beschlossen. Mit dem Nomosbegriff
ergibt sich nun die Möglichkeit einer Entwicklung von systematischen
juristischen Gedankengängen, die nicht abstrakte Konstruktion sind,
sondern sich am Historisch-Tatsächlichen orientieren, ohne sich positivi-
stisch mit dem Nachweis und Aufweis von Fakten rechtlicher Verhält-
nisse zu begnügen. Vielmehr wird jene Frage beschworen, die mit der
Geschichte von Staat und Recht gerichtet ist an die Aufgabe des Rechte
und der Politik in unserer weltgeschichtlichen Situation. Das Recht ist
nicht zu verstehen ohne den Prozeß seines Wachstums in bestimmten
weltgeschichtlichen Epochen, aber gerade wie es darin erwachsen ist,
das ist allgemein begreiflich, und es wird eigentlicher verständlich a
dem Standpunkt und den Fragestellungen der Gegenwart. Wir wollen
in diesem Sinne prüfen, was der Nomosbegriff von Schmitt bedeutet
für ein genaueres Verständnis der Situation unserer Zeit. Die Ge-
schichte des europäischen Staatsrechts stand im Banne des Nomos, ohne
ein volles Selbstverständnis des Nomos zu besitzen; das denkende histo-
rische Bewußtsein jedoch kann den Nomos als Prinzip entdecken, das
seine fortwirkende Relevanz erweist.
Für Hegel gelangt der Geist im Selbstbewußtsein seiner eigenen
Geschichte zu einer Erfüllung, die keinen Raum mehr beläßt für etwas
wirklich Neues. Der Nomos, wie Carl Schmitt ihn als ein Prinzip des
Rechtes in der Geschichte zu entdecken sucht, weist gleichzeitig auf ein
Gesuchtes unserer zukünftigen Existenz im Zeitalter der Technik,
Schmitt benennt es in seinem Vorwort zum „Nomoß der Erde" als das
„Sinnreich der Erde". Wir wollen in einer Erörterung des Nomos-
begriffes klären, was damit gemeint sein kann, und wenn sich auch nur
zeigen läßt, daß gegenüber einem juristischen Normativismus und Posi-
tivismus die Frage nach dem Sinn im Recht ihr Recht weiterhin bean-
sprucht, so wäre dias schon viel. Nicht unbedingt aber braucht mit der
Frage nach dem „Sinnreich der Erde" gedeutet sein auf die kollektiven
Gestaltungs- und Produktionskräfte eines Volkes in seinem ihm zu-
gewachsenen , Lebensraum4, wie sie irrational und ohne den Richtspruch
der Besinnung geschichtsmächtig werden. Der Sinnanspruch von Le-
bensmöglichkeiten, die ein Raum aufschließen läßt, fordert Geltung für
den Einzelnen wie für die Gemeinschaft wie auch vor allem für die
ginge, jedoch in Beibehaltung der Aufhebung der Personalität, Schmitt mit
seinem »konkreten Ordnungsdenken' zurück auf einen kosmischen, irratio-
nalen Nomos der Erde, der, eben im Sinne Nietzsches, nur noch die konkreten
Perspektiven von Willenssetzung zuließe. Pattloch trennt ausdrücklich den
erkenntnistheoretischen Aspekt des Nomosbegriffes von den historischen Im-
plikationen (S. 9). Gerade deshalb aber scheint er uns den Ordnungssinn,
die Bezüglichkeit des Allgemeinen (des Logos) im Nomos zu übersehen:
daß dies Allgemeine im Nomos keinesfalls nur willentlich gefaßte Per-
spektiven sind, sondern der durch Teilung und Bebauung erschließbare
Lebenssinn im Allgemeinen der natürlichen Möglichkeiten des Erdraums,
dies zeigen gerade die historischen Konsequenzen der großen Erdraum-
teilungen, an die wir hier den Nomosbegriff orientieren.

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 83

ständig neu zu lösende Frage, worin der Zusammenhang


Einzelnen und der Gemeinschaft seinen Sinn hat, bedach
entschieden werden kann. Wenn das Recht durch seine Weisung den
Zusammenhang zwischen Person und Gemeinschaft regelt, so folgt es
dabei jenem Raum der Erde, der dem Einzelnen seinen Ort gibt und
ihn gleichzeitig mit der Gemeinschaft verbindet, dabei aber für beide
seine Möglichkeiten erschließt. Solche im Erdraum erschließbaren Mög-
lichkeiten des Zusammenlebens der Bürger in der Gemeinschaft nennt
Schmitt den Nomos : es ist nicht der faktische Raum, es sind ebenso-
wenig die abstrakten Möglichkeiten; Nomos ist vielmehr die Weise, wie
im Raum die Lebensmöglichkeiten durch den Ort des Einzelnen in sei-
ner Gemeinschaft erschließbar sind. Jede allgemeine Geltung von Recht
hat so ihren Sinn im Lebenssinn der Menschen in einer Kultur, mit der
die Menschen ihren Raum zu ihrer Welt gestalten. Aber das Recht ist
nicht identisch mit dem historischen Faktum dieser Kultur, sondern mit
deren Anlage und Möglichkeit in der Erschlossenheit eines Erdraums.
Das Verhältnis des Erdraums zur Möglichkeit einer Kultur ist der
Nomos jenes Erdraums.
2. Zum genaueren Verständnis des Nomosbegriff es sei zunächst auf
die Wortbedeutung eingegangen; wir finden sie bei Carl Schmitt in
seinem Aufsatz „Nomos, Nähme, Name"2. Nomos ist im Griechischen
das Nomen actionis von nemein, das die Bedeutung von , teilen, ver-
teilen' hat. Schmitt ist (nach obg. Aufsatz) der Ansicht, daß auch die
„Wurzelgleichheit" des Wortes mit »nehmen' für seine Bedeutung eine
Rolle spielt. Als 3. Bedeutung kommt dann noch , weiden' hinzu. Ent-
scheidend ist, daß im griechischen Wort alle drei Bedeutungen ver-
schmolzen sind, und gerade diese innere Bedeutungseinheit ist auch für
den Sinn des von nemein gebildeten Nomen actionis , Nomos4 relevant.
Das nemein meint 1. in der Bedeutimg des Nehmens die Ausgrenzimg
eines Gebietes aus dem Erdraum, 2. in der Bedeutung des Teilens und
der Verteilung die Einteilung dieses Gebietes und 3. in der Bedeutung
des Weidens die durch die Teilung erschlossene Weise der Nutzimg.
Nomos in der Bedeutungseinheit von Weide, genommenes Gebiet und
Einteilung des Gebietes findet sich primär in der Kultur der Hirten-
völker. Denn dort wird mit der weidenden Herde das Gebiet genommen
und bearbeitet allein dadurch, daß die Herde von Hirten hineingetrie-
ben wird; e3 besteht eine Einheit der Bearbeitung (bzw. Weide) des
Gebietes mit der Nähme (dem Hineintreiben) und mit der für den
Eintrieb der Herde erspähten und vollzogenen Ausgrenzung (Teilung)3.
Solche Teilung von Gebieten durch die Weide der Nomadenvölker ist
2 Abgedruckt in: Der beständige Aufbruch, Festschrift für Erich Przywara,
Nürnberg 1959, S. 92 - 105.
3 Carl Schmitt weist auf S. 100 des Aufsatzes „Nomos, Nähme, Name" dar-
aufhin, daß nemein im Sinne von Weiden „transitive und intransitive" Be-
deutung annehmen kann: das die Herde Weiden und gleichzeitig das Weiden
der Herde im Land; Objekt und Subjekt, Aktiv und Passiv, sind noch nicht
getrennt. Die Trennung ist aber eine unvermeidliche Konsequenz des
menschlichen Selbstbewußtseins, das sich damit jedoch in neuem Geiste auf
die ursprüngliche Einheit zurückbezogen sieht.

6*

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noch nicht Einteilung, ist noch kei


Bodens und dessen Hegung, sie schafft auch kein Eigentum an Boden.
Der Erdraum behält seine eigene erdgeschichtlich geformte Gestalt, die
Arbeit der Nomadenvölker, das Weiden, vollzieht sich nicht in den
Formen und Eigenschaften des Bodens und seiner Gewächse, sie lotet
nicht die allgemeinen Möglichkeiten des Bodens aus für einen Ertrag;
vielmehr verweilt die Arbeit des Hirten in dem Bezug zwischen Mensch
und Tier, folgt weitgehend den naturgebildeten Lebensgesetzen, den
Instinktformen der Tiere in Anpassung an deren Ernährungsweise und
Herdentrieb. Dies bedingt eine ständige Neuverteilung des Bodens als
Weideplatz, wobei die aus der Erdgeschichte erwachsene Gestalt der
Landschaft nicht wesentlich verändert wird.

Einen grundsätzlichen Wandel des Nomos der Hirtenvölker schafft


nun die divisio primaeva. Sie bedeutet eine wirkliche Landnahme, ein
Seßhaftwerden in einem ständig besetzten Raum. Dadurch aber gerät
die ursprüngliche Einheit des Nomos als Nehmen, Teilen, Weiden, bei
der die Nähme durch die Weide, das Weiden durch die Nähme und das
Ausgrenzen von Weideland durch die Weide geschah, in Bewegung. Ein
Moment gewinnt jetzt den Vorrang: die Nähme. „Aber ebenso unver-
meidlich, wie dem Weiden das Teilen vorgeht, geht dem Teilen das
Nehmen voran, die Aneignung des zu Teilenden. Nicht die Teilung,
nicht die divisio primaeva, sondern die Nähme ist das Erste. Am An-
fang steht nicht eine Grundform, sondern die Grund-Nahme. Kein
Mensch kann geben, teilen und zuteilen, ohne zu nehmen. Nur ein
Gott, der die Welt aus dem Nichts erschafft, kann geben und zuteilen
ohne zu nehmen4." Dieser Vorrang der Nähme in der divisio primaeva
braucht aber keinesfalls zu bedeuten, daß der Nonios als ursprüng-
liche Einheit von „Nehmen, Teilen und Weiden", nunmehr nur mit dem
ersten Moment, mit der Einnahme eines bestimmten Gebietsraumes,
darin man seßhaft wird, identisch ist und mit dem Teilen und Weiden
nichts mehr zu tun hätte. Vielmehr wirkt der Vorrang der Nähme in
der divisio primaeva auf die anderen beiden Momente zurück und zwar
so, daß jetzt durch die Nähme, durch das Seßhaftwerden, eine neue Art
von Teilung und eine andere Art des Weidens beginnt, und das heißt,
daß eine neue Einheit der drei Momente sich anbahnt, ein neuer Nomos,
der sich ja stets aus allen drei Momenten konstituiert. Der Nomos ist
also nicht mit dem bloßen Akt einer Landnahme identisch; er meint die
in diesem Akt beschlossene Potenz, die aber ebenso Potenz der Lebens-
möglichkeiten des besetzten Raumes ist. In dem faktischen Zustand der
Urlandschaft werden allerdings solche Lebensmöglichkeiten, Möglich-
keiten der ständigen Bebauung und Nutzung, erst erweckt durch die
Umgrenzung und Einteilung von Land5.

4 Vgl. Nomos, Nähme, Name, S. 101.


s Carl Schmitt weist hin („Nomos, Nähme, Name", S. 101) auf die Mono-
graphie von Felix Heinimann „Nomos und Physis, Herkunft und Bedeutung
einer Antithese im griechischen Denken des fünften Jahrhunderts" (Basel,
1945, S. 59), wonach eine prinzipielle Verwandtschaft von griech. nemein mit
deutsch „nehmen" besteht.

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Der Nomosbegrifř bei Carl Schmitt 85

Die Nähme eines unberührten erdgeschichtlichen Raumes


den Nomos niemals nur mit der Ausgrenzung dieses Raumes, die Aus-
grenzung bedeutet gleichzeitig und notwendig eine Wandlung der in-
neren Struktur des Raumes unter einem neuen Prinzip der Teilung
und Nutzung. Worin aber ist dieses Prinzip begründet? Betrachten wir
den Gegensatz des seßhaft gewordenen Volkes zum Nomadenvolk:
letzteres darf seine Herde nicht mehr in das fest behauptete und be-
baute Gebiet der anderen eintreiben. Dies aber setzt einen Verteidi-
gungswillen und eine bewaffnete Macht der seßhaften Stämme vora
die ihrerseits nur etwas gilt im Verein mit dem Willen zum Einsatz
Lebens für das behauptete Gebiet. Sein Leben kann nur derjenige für
etwas einsetzen, der sein Leben als Ganzes zu erfassen trachtet, und als
Ganzes ergibt sich das Leben in der Einheit und Vermittlung von innen
und außen, in der Gesamtheit aller möglichen Auswirkung des Han-
delns und deren Zurücknahme auf einen Sinn. Die Selbstbehauptung
des Gebietes nach außen in seiner Umgrenzung meint also auch, daß
der Einsatz des Lebens für das Gebiet nur vollzogen werden kann,
wenn ein Sinn des Lebens im Inneren des Gebietes, in der Auswirkimg
der Arbeit an dem Gebiet, erfaßt ist, ein Sinn, für den der höchste
Einsatz lohnt. Das ständig besetzte Gebiet fordert mit dem Anbau des
Bodens und der Beharrlichkeit der Kultivierung in der Tat ein anderes
Verhältnis zur Zeit als das bloße Erspähen von Gelegenheiten der
Weide. Die Bebauungsmöglichkeiten des umgrenzten Landgebietes
müssen auf ihre ständigen, im Wechsel der Jahreszeiten gelegenen
Ertragsmöglichkeiten angegangen und danach eingeteilt werden. Die
Einteilung aber trägt gleichzeitig den Lebensrhythmus, den Sinnzusam-
menhang des Lebens in jenem Gebiet. Das Seßhaftwerden, die divisio
primaeva, gewinnt den Nomos nicht mit dem Faktum der Nähme des
Gebietes, und ebensowenig ist der neue Nomos beschlossen in dem
Faktum einer neuen Aufteilung zur ständigen Bewirtschaftung des
Gebietes, ja nicht einmal ist er identisch mit der neuen Art dieses
ständigen Bewirtschaftens (Pflügen, Säen und Ernten statt Weiden).
Der neue Nomos der divisio primaeva meint gerade und vor allem die
neue Kultur, den Zusammenhang aller einzelnen Teilungen und Tätig-
keiten in einer neuen Welt der Gehöfte und Felder, die anstelle der
alten Erdnatur tritt und ein neues Leben der Menschen trägt.
Letztlich aber gilt, daß der Nomos einer Landnahme auch nicht mit
der Welt von Nutzungsformen und Zuständen, die auf ihm erwächst,
identisch ist, genauso wenig wie er in dem Akt der Umgrenzung liegt.
Das entscheidende Moment, das den Nomos zum Prinzip macht, liegt
darin, daß die Umgrenzung und Behauptimg von Gebieten wie auch des-
sen Einteilung und Bebauung nur mit einem Blick des Geistes ins Ganze
des Lebens möglich wird, das als Sinn aus der Behauptung und Bebau-
ung erwachsen soll. Solcher Sinn ist angelegt darin, daß mit der Nähme
und dem Einsatz des Lebens für sie statt der faktisch geprägten Erdna-
tur deren Möglichkeiten als allgemeine prägende Kräfte hervortreten. Sie
zeigen sich bereits darin, daß bestimmte Bodenflächen nach ihrer Natur

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86 Hermann Schmidt

besonders für die Feldbestellung ge


für den Bau von Wohnstätten, andere für Verkehrswege, für Weide-
land usw. Daß diese Anlagen und konkreten Möglichkeiten in einem
Erdraum geboten und entfaltbar sind, zeigt erst die Ausgrenzung mit-
tels der Landnahme, zeigt erst die absolute Möglichkeit, sein ganzes
Leben einzusetzen für die Behauptung eines Gebietes. Denn so ist
garantiert, daß nicht jeder Eindringling in diesem Raum alles machen
kann, vielmehr eine Gemeinschaft von Menschen ihre Aufgaben darin
zu teilen bereit ist nach den konkreten erkennbaren Lebensmöglich-
keiten. Diese aber bleiben, auch über die faktisch erwachsene Welt der
Nutzung und ihrer rechtlichen Satzungen hinaus, ständig fordernde
Möglichkeiten des Sinnzusammenhanges der Menschen.6 Carl Schmitt
weist darauf hin, daß das Nehmen , insofern es zu einer neuen Art der
Teilung und Bewirtschaftung des Bodens führt, die anknüpft an die
neu erfaßten Möglichkeiten der Bebauung, auch ein Vernehmen ein-
schließt im Sinne des comprendre7. Solches Vernehmen ist gerade nicht
im Sinne abstrakter Vernunft zu verstehen als bloße Theorie der Mög-
lichkeiten von irgendetwas, das keinen bestimmten Ort hat. Welcher
Boden Ackerland ist, welcher zum Verkehrsweg dient in einem um-
grenzten Gebiet, bestimmt sich zwar auch aus seiner Beschaffenheit,
seinen aufzählbaren, feststellbaren Eigenschaften und deren Gesetz;
aber das Vernehmen dieser Möglichkeiten geschieht primär und ur-
sprünglich, indem sie auf den Lebenssinn in dem behaupteten Gebiet
bezogen sind. Der Boden ist so oder anders geeignet und einteilbar (als
Verkehrsweg oder Ackerland), nicht nur weil er diese oder jene Be-
schaffenheit hat, sondern weil im Ganzen der Nähme des Gebietes und
dem darin eingesetzten Leben sich seine Beschaffenheiten vernehmlich
machen als Dienlichkeit für den Zusammenhang des Lebens und dessen
Sinn8.

« Vgl. Helmut Kuhn , Der Begriff der Prohairesis in der Nikomachischen


Ethik, in: Die Gegenwart der Griechen im neueren Denken, Festschrift für
Hans-Georg Gadamer zum 60. Geburtstag, Tübingen, 1960: die Prohairesis
ist eine Wahl, die nach Aristoteles befaßt ist sowohl mit den konkreten
Anforderungen im Allgemeinen einer Situation wie mit dem Bezug dieser
Anforderungen auf das Ganze des Lebens. Sinnwahl (aus der absoluten
Grenze des Todes) und Vorzugswahl (Wahl der Lebenshaltung im Einzel-
fall und seiner Mittel) konstituieren sich gegenseitig. In Hegels „Phänome-
nologie des Geistes" wird diese gegenseitige Konstitution von Sinn und
Mittel (bei Schmitt entsprechend von Nehmen und Teilen) auseinanderge-
rissen in die Dialektik von Herr und Knecht. Vgl. auch bei Aristoteles die
Herrschertugend der Megalopsychia und ihr Verhältnis zu den Extremen,
nämlich als eine Mitte ohne Namen (Bemerkg. auf S. 93 dieses Aufsatzes
nebst Anm.).
7 In Nomos, Nähme, Name, S. 103/104.
8 Vgl. §22 „Die Räumlichkeit des innerweltlichen Zuhandenen" in Hei-
deggers „Sein und Zeit" (» 1960, S. 102 ff.): hier wird die Zuhandenheit des
Zeugs als zur „Gegend" gehörig ausgewiesen, als die sich, im Unterschied
zur 3-Dimensionalität, die Dinge ursprünglich erschließen, „Das ,Oben' ist
,an der Decke', das »Unten* das ,am Boden! . . ." (S. 103). Aber audi der
„Gegend" und ihrer Erschlossenheit in einer Dienlichkeit des „Zeugs" liegt
der historische Akt der Nähme von Raum für die Gegend und die darin
erschlossene Eigenmächtigkeit der naturhaften Möglichkeiten zugrunde (bei

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 87

3. Es wurde bereits deutlich, daß der Nomos als Einheit der Aus-
grenzung eines Gebietes aus dem Erdraum mit dessen Teilung und mit
der in der Teilung beruhenden Nutzung letztlich auf den Kultursinn,
den Lebenssinn zielt, der hinter allen rechtlichen Zuweisungen und
Einweisungen das wahre Prinzip des Rechtes ist. Der Lebenssinn in der
Kultur als Prinzip des Rechtes meint aber auch nicht den faktisch
erwachsenen Zustand, der sich historisch aus der Nähme ergeben hat.
Woran, angesichts dieses Dilemmas, läßt sich der Nomos als Prinzip
des Rechts erfassen? Wir haben schon darauf hingewiesen, daß die
Nähme (die Ausgrenzung von Gebiet und dessen ständige Behauptung
durch einen Rechtsanspruch) die erdgeschichtlichen Zustände des Ge-
biets, dessen Flora und Fauna, als soviele Ertrags- und Nutzungsmög-
lichkeiten hervortreten läßt, nicht abstrakt als Beschaffenheiten, son-
dern, und das ist für den Nomosbegriff von Carl Schmitt entscheidend,
als Sinnmöglichkeiten im Lebenszusammenhang einer Kultur. Solche
Sinnmöglichkeiten des Erdraums sind aber nie mit einer gewachsenen
Kultur identisch, sie sind in ihr stets nur ausgeprägt. Die Kultur iden-
tifiziert zwar im allgemeinen das Prinzip des Nomos mit dem Nomos,
der durch ihre spezifische Landnahme erwachsen ist. Wo aber jenseits
der geprägten Kultur der freie Erdraum wieder sichtbar wird, da wird
auch im Inneren statt der positiven Satzung des Rechts (Norm) und der
darin begriffenen Zustände (Kultursinn) die Möglichkeit von Sinn in
den Produktionsformen zum Problem. Das aber heißt, daß jeder Aus-
griff in den Erdraum oder auch Weltraum einen neuen Nomos der
bereits umgrenzten und umhegten Gebiete anbahnt9.
Dies war der Fall, als die europäischen Völker, denen aus der Land-
nahme der Völkerwanderung schon eine reiche Kultur erwachsen war,
in den offenen Erdraum vorstießen. Erst jetzt wurden sie fähig, die in
ihrem Inneren beschlossenen Produktivkräfte, die im Chaos der spät-
mittelalterlichen Ständekämpfe unterzugehen drohten, weil sie ihren
alten Nomos und dessen Entfaltungsgesetz nicht reflektierten, neu zu

Heidegger die des „Vorhandenen"), die eben das nicht abstrakte, sondern
zeitliche Vermögen haben, „Gegend" bilden zu können, dienlich zu sein. Der
Nomosbegriff von Schmitt verweist daher auf das konkrete Prinzip der
Einräumung einer Gegend, auf das aber auch Heidegger mit dem existen-
tiellen zeitlichen Sinn seiner existentialen Analysen des Daseins zielt.
• Vgl. Carl Schmitt , Recht und Raum, in: Tymbos für Wilhelm Ahlmann,
Berlin, 1951, S. 241 - 250; dort wird der phonetische Sinn des Wortes Raum
mit seiner Bedeutung (gemäß dem Deutschen Wörterbuch der Brüder Grimm)
verglichen. Eine altnordische Wurzel des gemeingermanischen Wortes ist
,rum' = die gerodete Lichtung inmitten der Wildnis. Die Weise der Einräu-
mung von Raum in einer Rodung (Lichtung) der Wildnis ergibt sich aus der
Grenze zur Wildnis, die aber (wie phonetisch die beiden Liquiden andeuten)
fließend ist, so daß das Verhältnis zum uneingeräumten Zustand der Wildnis
auch die Intensität der in der Rodung (Lichtung) erschließbaren Welt aus-
macht: „Das R bildet vielmehr den aktiven Ansatz, und das M ist ein am
Horizont sich zusammenfügendes, in den Horizont übergehendes Ende. Raum
ist also kein geschlossener Kreis und kein Bezirk, sondern eine Welt, und
diese Welt ist kein leerer Raum und ist auch nicht in einem leerem Raum,
sondern unser Raum ist eine mit Spannung verschiedener Elemente er-
füllte Welt" (S. 243).

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88 Hermann Schmidt

ordnen im Geiste des europäischen


diese Ordnung rational im Sinne ei
das Privateigentum, die auch völke
konkrete Entfaltungsgesetz des Eigentums, seinen Kultursinn beach-
tete, sondern nur den Nutzen und die Expansion des Kapitals absolut
setzte. Dennoch galt, wenn auch zu ihrer Zeit unbemerkt, daß der neue
Nomos der Landnahme des gesamten Erdballs, wie überhaupt jeder
neue Nomos, der mit einer neuen Ausgrenzung von Raum herauf-
kommt, darin liegt, daß die Bebauungsmöglichkeiten> die bereits im
Land erschlossen sind, nun in der größeren Raumgestalt, die hinzu-
kommt, einen neuen Sinnaspekt zeigen, zu dem sie in Entfaltung einer
größeren Kultureinheit angelegt sind. Es ist etwas anderes, ob ein
Boden für die Kultur einer Talschaft die Eigenschaft des Ackerbodens
zeigt oder ob in einem Großraum, etwa auf dem nordamerikanischen
Kontinent die weiten Ebenen Dakotas ihre Bebaubarkeit für Trak-
torenwirtschaft zeigen. Die vorhandenen Beschaffenheiten (Bestellb
keit) mögen in beiden Fällen naturgesetzlich sehr verwandt sein. A
erst der wirklich ausgegrenzte Raum, darin die Gemeinschaft der
Menschen verbunden ist, entscheidet über den Stil der Bebauung und
damit auch über die Rechtsform der Arbeit und des Eigentums, nach
deren Einteilung die Bebauung durchgeführt wird und sich der Einheit
der neuen Kultur zuordnet gemäß dem neuen Nomos.
Wir können also den Nomosbegriff Carl Schmitts dahin interpretie-
ren, daß er den Sinnaspekt meint, den eine allgemeine Beschaffenheit
und Bebauungsmöglichkeit des Bodens durch eine Landnahme gewinnt.
Die allgemeine Möglichkeit des Bodens (wie Fruchtbarkeit usw.) ist
naturgewachsen; ihren Nomos aber gewinnt sie erst durch die Nähme.
Erst durch die jeweils unterschiedliche Sicherung und Ausgrenzung von
Raum für das Leben der Menschen in einer Gemeinschaft und durch
die Zuteilung von Aufgaben und die Regelung von Bezügen in der
Gemeinschaft zeigt die an sich abstrakte Beschaffenheit des Bodens
ihre Entfaltungskraft, ihre neue Einordnung in eine Landschaft der
Kultur. Das Recht, statt nur formal einzelne Rechte abzugrenzen und
Bezüge zu regeln, sollte das Leben der Bürger als den vollen und er-
füllbaren Nomos dieser Bezüge und rechtlichen Regelungen beachten,
der angelegt ist im Allgemeinen der Natur und der seinen Sinnaspekt
gewinnt in der Kultur, wie sie in einem Landraum und dessen Bebau-
ung möglich ist. Zwischen beiden, dem Allgemeinen der Natur und den
Produktivkräften der Kultur, hat das Recht die Aufgabe, im Geiste des
Nomos zu vermitteln.

Diese Leistung des Nomos hat das Recht im Grunde stets schon voll-
bringen müssen, aber es ist dabei bisher nicht zum Bewußtsein seines
wahren Ursprungs im Nomos gekommen. Es blieb befaßt mit der kon-
kreten Aufgabe der Teilung nach innen und der Wahrung der Inte-
grität und Freiheit nach außen. Die divisio primaeva, die machtmäßige
Behauptung eines Gebietes für die Kultivierung, vollzog zwar das
Recht als Nomos, aber in ihrem Selbstbewußtsein verstand sie das

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Der Nomosbegrifï bei Carl Schmitt 89

Recht als das, als was es zunächst geübt wurde, als Akt eines Subjekts,
als Akt eines Trägers der Herrschaft. Das hingegen, worauf das Recht
bezogen war, das meum und das tuum, die Teilungen, die Eigentums-
verhältnisse, die konkreten Bezüge wurden als Objekt der Herrschaft
ausgelegt, als etwas, dem, im rechtlichen Sinne jedenfalls, kein Eigen-
leben innewohnt, das vielmehr durch das Recht so oder anders, mit
mehr oder weniger Gerechtigkeit einzuordnen, hinzuordnen war, um
in diesem geordneten Zustand zu verharren (justitia distributiva), wo-
bei es Aufgabe der Rechtspflege blieb, diesen Zustand gegen Rechts-
brüche und Schwankungen auszugleichen und auf das Maß seines Aus-
gleichs der Güter zurückzuführen (justitia commutativa). Die wahre
Natur des Allgemeinen im Recht war verkannt, verkannt war der
Nomoschar akter des Rechts, der Sinnaspekt, den jede Einteilung von
Eigentum in der Nutzung dieses Eigentums gewinnt, indem das All-
gemeine der Beschaffenheit des Bodens dadurch, daß es für die Nutzung
rechtlich gesichert ist, eine neue Perspektive zeigt im Ganzen eines
Kulturraums, darin es erwächst. Wo aber Physis und Nomos getrennt
werden, wo das Recht Satzung eines Subjekts der Herrschaft wird,
bleibt das wahre Objekt des Rechts problematisch. So war das rechts-
philosophische Denken befaßt mit der Frage, worin die Objektivität des
Rechtes besteht und wie sich wahres Recht bestimmen läßt10.

Die philosophische Reflexion auf das Recht ging zunächst über den
Nomos einer bestimmten Landnahme hinaus, sie interpretierte unter
dem Aspekt der Physis, die alle Völker (etwa des Mittelmeerraumes)
umschloß, den Nomos als spezifische Satzimg; so unterschieden die Vor-
sokratiker das Physei und Nomo Dikeion. Das von Natur Rechte aber
war das, was jenseits oder auch inmitten der rechtlichen Satzungen als
deren Prinzip dem denkenden Geist aufgegeben war, zu finden. Dies
war die allgemeine Weise, wie die unterschiedlichen Satzungen des
positiven Rechts ihre Verbindlichkeit gewinnen konnten. Solche Ver-
bindlichkeit war garantiert durch die Herrschaft, die Fähigkeit, den
Satzungen Nachdruck zu verleihen durch einen Machthaber, der die
öffentliche Gewalt zu ihrer Durchführung in der Hand hatte. Die Frage
nach dem Recht wurde zur Frage, welche Form der öffentlichen Gewalt,
welche Herrschaftsform durch ihre Natur so beschaffen war, daß sie der
allgemeinen Natur des Rechtes entsprach. Die allgemeine Natur des
Redites erschien aber als das Regelhafte am Recht, als die Norm im
Unterschied zur Willkür, zur Ausnahme und Entscheidung. Im Grunde
nämlich ist kein Recht je absolut allgemein, so daß man nur „im
Namen des Gesetzes" spräche11, und ebenso ist keine Herrschaft je

10 Vgl. Nomos, Nähme, Name, S. 97: „Die Epoche der Konstituierung ist
schnell vergessen oder vielmehr ins Halbbewußte abgedrängt. Die Situation
établie des Konstituierten beherrscht alle Gewohnheiten, auch die Denk-
und Sprachgewohnheiten". - „Nomos wird zum Ersatzwort für Thesmos
(Ernst Risch, in seiner Besprechung des Buches von Laroche , Gnomon, 24,
1952, S. 83)".
11 Vgl. Nomos, Nähme. Name, S. 104.

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90 Hermann Schmidt

absolut willkürlich, da sich schon eine bewaffnete Macht nur nach


Regeln lenken läßt. Das Problem wäre also das der Vermittlung zwi-
schen Norm und Ausnahme gewesen, wofür allerdings ein allgemeines
Verfahren eines Subjekts der Herrschaft erforderlich ist, wenn auch
die Allgemeinheit des Verfahrens noch nicht unbedingt den Kultursinn
der Vermittlung garantiert. Das Verhältnis von Legislative und Exe-
kutive wäre unter diesem Aspekt neu zu durchdenken.
Die rechtsphilosophische Tradition suchte aber zunächst einen Träger
der Herrschaft, der, statt durch das Verfahren seiner Machtübung,
bereits durch seine Artung und Beschaffenheit der allgemeinen Natur
des Rechtes, der Normhaftigkeit des Rechtes, d. h. seiner stets allge-
meinen und nicht willkürlichen Geltung gerecht wurde. Die allgemeine
Verbindlichkeit des Rechtes sollte durch den Träger der Herrschaft
garantiert sein. Als Arete des Fürsten charakterisiert Aristoteles die
Magnanimitas; sie ist das Vergnügen, die Angelegenheiten des endlichen
Daseins im Banne des Ewigen zu sehen, und so stets erneut, auf Grund
eines Prinzips, das im höheren Geiste auch zeitlich gewagt wird und
eine Macht verleiht, die über zugeteiltes Recht hinausreicht, den klein-
lichen Streit der Parteien in ihren konkreten Verhältnissen zu ordnen
und zu beschwichtigen. Der Sinn für Herrschaft als Magnanimitas gi
damit über die bloße Allgemeinheit von Rechtsformen hinaus und
betraf das Problem der Vermittlung der Rechtsnorm mit dem Zustand
auf Grund einer prinzipiellen Bindimg jedes zeitlichen Geschehens an
einen ewigen Sinn12.
Worin aber dieser Sinn konkret, außer in der Gesinnung des
Herrschenden, zu finden war, blieb ein Problem. Die allgemeine Ver-
bindlichkeit des Rechtes war angesichts ständiger Rechtskonflikte in
der konkreten Situation nur durch die Beständigkeit der Herrschaft zu
garantieren, diese aber konnte durch die Zahl der Herrschenden ge-
sichert werden. Entweder garantierte einer, im Gegensatz zur schwan-
kenden Meinimg der Vielen, die Allgemeingültigkeit der Normen
(Monarchie), oder aber gerade die Vielen, da sie die Normen zu voll-
ziehen hatten, wußten, welche Satzungen sich am besten aufstellen und
mit allgemeiner Geltung (bei allen und zum Wohle aller) durchführen
ließen (Demokratie). Wenn dann drittens die Unterschiedlichkeit der
Leistung in verschiedenen Bereichen in Betracht gezogen wurde und
eine gestufte Ständeordnung, mit mehr oder weniger umfänglichen
Aufgaben der einzelnen Berufe, durch die Allgemeinheit der Satzungen

12 Vgl. oben Anm. 6; und Aristoteles, Eth. Nie., 4. Buch, 1122 a ff., bes.
auch 1125 a : die Abrückung der Haltung des Großgesinnten von Kleinlichkeit
und Nachträglichkeit, d.h. von einer ängstlichen Bindung an den nur zeit-
lichen Ausgleich menschlicher Bezüge (im Sinne zeitlicher Erstreckung); das
eigentliche Zeitverhältnis des Großgesinnten ist nicht mehr am Aufholen
oder Zurückbleiben in der Zeit orientiert, sondern, zeigt sich als langsame
gestaltende Gebärde; meldet sich hier nicht ein Widerspruch der Groß-
gesinntheit zu der Tugend der nur zuteilenden Gerechtigkeit (der Groß-
gesinnte teilt ,sich selbst' seinen Freunden zu jenseits der Einteilung von
Besitz)?

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 91

zu garantieren war, schienen die Stände mit größerem Herrschafts-


bereich am ehesten geeignet, auch Träger des Staates zu sein (Oligar-
chie). Bei Carl Schmitt ist darauf hingewiesen18, daß die Bezeichnungen
der Herrschaftsfarmen im Griechischen einen Unterschied zwischen
Archien und Kratien machen. Der Inhaber der Herrschaft einer Mo-
narchie oder Oligarchie steht näher zum Ursprung der Macht, der im
„Geheimen" liegt, ein Ursprung, der aber „mit platonischer Notwen-
digkeit" zur öffentlichen Form der Herrschaft drängt (an diesen Ge-
danken von Erich Przywara in dessen Werk „Humanitas", 1952, knüpft
Schmitts Aufsatz „Nomos, Nähme, Name" die nähere Erläuterung des
Nomos). Das Geheime der Macht ist offensichtlich ihr Ursprung aus der
Frage der Vermittlung zwischen Norm und Ausnahme, eine Frage, die
sich stets, in jedem Zustand der Kultur, angelegt findet. Die Herr-
schaften der Archien haben noch einen Sinn für diese Frage der Ver-
mittlung; der Herrscher sieht, daß nicht nur er selbst, sondern alle
Bürger des Gemeinwesens unter dem Recht in konkreten Bezügen
stehen zu Sitte und Kultur. Die Herrschaft der Archien gründet sich
nicht aus einem erdenkbaren Prinzip, sondern theologisch (wie ja auch
die Magnanimitas des Aristoteles durch ihr Verhältnis zum Theion
begründet ist, das allerdings ohne Namen bleibt)14. Es muß aber zwi-
schen einer am Logos des Theion orientierten Begründung der Herr-
schaft und einer mythischen Begründung unterschieden werden. Wenn
das Christentum kein Mythos ist, so ist gerade in ihm die Aufgabe
gegeben, die Vermittlung auch zu durchdenken, und die Konzeption
des Nomos bei Schmitt ist hierfür - nach Hegel - ein erster großer
und neuer Schritt des Geistes.

Der Inhaber der Kratie (Demokratie, Aristokratie) versteht hingegen


seine Macht anthropologisch, d. h. aus dem Akt der Aneignung, aus
dem Akt der Machtnahme. Als Prinzip der Vermittlung zwischen All-
gemeinheit des Rechts und seiner Anwendung durch den Inhaber der
öffentlichen Gewalt tritt hier, statt des Gottes, der Mensch auf in sei-
nem wahren Wesen, d. h. wie er sein soll und sein kann. Es gibt aber
kein festes umreißbares Wesensgesetz des menschlichen Verhaltens, das
Wesen des Menschen liegt gerade in der Fähigkeit, das Allgemeine der
Natur und deren Gesetze zu erfassen und zu einer Kultur und deren
bebautem Raum in Bezug zu setzen. Dieser Bezug ist für den
Menschen die stets erneute Frage an sein Wesen, er muß es finden im
Verhältnis zu sich selbst, zur Welt und zum Sein.
Hier nun kann Carl Schmitt mit Recht betonen, daß der Nomos durch
Archien und Kratien hindurchgeht. Dies berührt nicht die Möglichkeit
einer letztlich theologischen, bzw. christologischen Begründung des

18 In Nomos, Nähme, Name, S. 93.


14 Vgl. Aristoteles , Eth. Nie., 1125 b 25: die Megalopsychia als Mitte ohne
Namen folgt aus dem unmittelbaren Vernehmen des Anspruchs der Ehre
(d. h. des göttlichen Nous) in den Extremen von Ehrgeiz (Herr) und Ehrgeiz-
losigkeit (Knecht). Dies ist eine Mitte, die zwar keinen Namen hat, gerade
deshalb aber allererst die Namen gibt.

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92 Heimarin Schmidt

Nomos als Prinzip der Vermittlung. Wir haben gesehen, daß in der
divisio primaeva und so bei jeder weiteren Landnahme der Nomos
zwar zur Wirksamkeit gelangte in der Einteilung des Bodens nach den
Möglichkeiten seiner Bebauung und in seiner Anverwandlung zu einer
Welt der Lebensbezüge zwischen den Menschen. Das Bewußtsein des
Rechtes konzentrierte sich aber zunächst auf die Allgemeinheit der
Herrschaft, auf die Gründung und Festigkeit der öffentlichen Gewalt,
mit der ein Landraum zu behaupten war. Problematisch war der
Träger dieser Gewalt und die Frage, wie die öffentliche Gewalt
objektiv auf die Allgemeinheit des Rechtes bezogen war, die sich ja
stets in der Beilegung von Rechtskonflikten zu erweisen hatte. Der
eigentliche Ursprung der Macht eines Machthabers im Konkreten einer
Situation und in der Meisterung der Situation war nie ein bewußtes,
aber stets ein unausdrückliches Problem. Auch eine demokratische
Macht, wo sie wirklich gegründet ist in der Überzeugung des
und seiner Gesinnung und nicht nur äußere Verfassungsform ble
besitzt das Wesen der Demokratie an ihrem Ursprung in der gemein-
samen Meisterung einer kritischen Situation durch vermittelnde Ent-
scheidungen. Solche Entscheidungen müssen allerdings der freien
Einsicht der einzelnen Bürger entspringen und dann im Rahmen der
bestehenden Rechtsinstitutionen geklärt und vollzogen werden.
Demokratie im ursprünglichen Sinn beginnt ja nicht mit der Mehrheit
der gezählten Stimmen, sondern in der Diskussion und dem gemein-
samen Bemühen, eine kritische Situation darauf zu befragen, wie sie
zugleich den Einzelnen und alle angeht; jeden an seinem ,Orť und alle
im gemeinsamen Raum ihres Lebens und ihrer Kultur.
Wo jedoch allein die Allgemeinheit der Herrschaft Problem ist bei
der Frage nach der Artung ihres Trägers und seinem Verhältnis zum
Ganzen (Monarchie, Oligarchie, Demokratie), da wird die Theorie des
Staates und seines Rechtes der Praxis der Politik entgegengestellt, und
das Problem des wahren Ursprungs der Macht im Nomos, im Sinn der
Kultur, kann nicht geklärt werden. Das heißt natürlich nicht, daß mit
der Allgemeinheit jeden Rechtsverfahrens nicht ein wesentlicher Teil-
aspekt richtig erfaßt ist. In der Frage, die zum modernen Verfassungs-
staat führte, nämlich in der Frage nach der angemessenen Sicherung
dieser Allgemeinheit des Rechtsverfahrens gegenüber der konkreten
Situation meldet sich indirekt bereits das Problem des Nomos. Alles
Ringen der abendländischen Rechtsgeschichte um die angemessene
Form der Herrschaft stand stets im Banne der Frage nach dem rechten
Nomos, nach dem Verhältnis von allgemeiner Macht und konkretem
Ort des Menschen in einem Raum. Dabei aber wurde die Spannung
zwischen dem subjektiven Träger der öffentlichen Gewalt und ihrem
objektiven Ursprung und Anwendungsbereich nicht mit jenem Prinzip
erfaßt, das jenseits der Allgemeinheit der Rechtsnormen auf das Pro-
blem der Vermittlung weist. Ein solches Prinzip aber ist im Begriff des.
Nomos bei Schmitt entdeckt und angelegt.

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 93

II.

1. Das Rechtsdenken war in der Geschichte konzentriert auf das Pro-


blem des Trägers der Herrschaft, seine objektive Bindung an eine
Norm und auf die Frage nach dem objektiven Ursprung der Norm im
Wesen des Menschen und seinem Vermögen zur Herrschaft. Die Philo-
sophie des Rechtes blieb gebunden an die Frage nach dem Ursprung des
Rechtes in einer natürlichen Bestimmung des Menschen. Die natürliche
Bestimmung des Menschen vollzieht sich aber in seiner Geschichte. Mit
der Unterscheidung des von Natur Gerechten von dem Prozeß des
Wachstums und der konkreten Ausgestaltung des Rechts in den Satzun-
gen war jedoch das wahre Prinzip, das diese Unterscheidung erst
ermöglicht, verdeckt; es ist gelegen in dem Verhältnis des Menschen zu
einem von seiner allgemeinen Herrschaft umgriffenen konkreten Raum
und dessen Möglichkeiten, wie sie zur konkreten Ausgestaltung des
Rechtes führen. Indirekt, ohne volles Selbstbewußtsein, vollzog sich die
Entfaltung des Rechtes als Nomos. Diese Entfaltung hat Carl Schmitt
in seinem „Nomos der Erde" nachzuzeichnen gesucht15. Er hat darin
den Nomos der verschiedenen Land- und Raumnahmen der europä-
ischen Geschichte gerade auch an dem Verfahren der juristischen
Praxis, vor allem des Völkerrechts, in dessen Satzungen und Wand-
lungen, aufzuweisen gesucht. Dabei geht es Schmitt im Unter-
schied zu einer positivistischen Geschichte des Rechts stets um die Ent-
deckung des Nomos als vermittelndes Prinzip.
Für das Rechtsbewußtsein der europäischen Völker war der Unter-
schied vo il privatem und öffentlichem Recht entscheidend; beide aber
finden ihre unausdrückliche Bezogenheit im Nomos eines vom Recht
und seiner Kultur geordneten Raums. Diese unausdrückliche Bezogen-
heit von öffentlichem und privatem Recht im Nomos läßt sich in einer
rechtsphilosophischen Interpretation der europäischen Rechtsgeschichte
deutlich machen. Daß dies gelang, darin liegt die eigentliche Leistung
des „Nomos der Erde". Wir wollen nun die wesentlichen Gedanken-
linien dieses Werkes nachzeichnen; dabei müssen wir natürlich vieles
von dem Reichtum und der Gründlichkeit der Darstellung unberück-
sichtigt lassen. Zunächst aber wollen wir noch einmal die prinzipielle
Frage stellen, wie inmitten des Unterschiedes von privatem und öffent-
lichem Recht der wahre Nomos zu entdecken ist. Wir werfen dazu,
bevor wir auf die Darstellung des europäischen Völkerrechts bei
Schmitt eingehen, einen Blick auf die Sphäre des Privatrechts.
Vom Nomos her gesehen ist der tragende Tatbestand des Privat-
rechts nicht das Eigentum, sondern der Oikos, die in sich geschlossene
private Hauswirtschaft. Auch das Eigentum ist ja, prinzipiell betrach-
tet, beherrscht von seiner Ökonomie (wo als Prinzip des Eigentums die
Arbeit behauptet wird, kommt es doch gerade wieder darauf an, die
Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus publicum Europaeum,
Köln 1950 (jetzt bei Duncker und Humblot, Berlin); im folgenden zitiert als
„Nomos".
18 Nomos, Nähme, Name, S. 94.

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94 Hermann Schmidt

Ökonomie der Arbeit, ihre Teilun


Schmitt vergleicht die Wortzusam
reits behandelten Zusammensetzun
in der Monarchie oder Demokratie
blematisch und bewußt ist nur das
Die Herrschaft selbst, die Archie o
Subjekts, nämlich des Trägers der H
Demos; die Herrschaft ist das von einem Subjekt zu Leistende und
erhebt nicht ihrerseits einen Anspruch. Anders verhält es sich bei den
Wortzusammensetzungen mit Nomos, wie eben in Oikonomia. Der
Oikos kann nicht (wie etwa der Demos), ein Subjekt sein, das aus sich
den Nomos leistet. Eher verhält es sich umgekehrt: der Nomos be-
stimmt den Oikos, d. h. die Einteilung und Verhältnisse des Hauses.
Betrachten wir dies eigenartige Verhältnis des Nomos zum Oikos
noch etwas näher. Mit dem Nomos im Verhältnis zum Oikos ist konkret
die Einteilung der Felder und deren einzubringender Ertrag gemeint
Die Art des Bodens bestimmt die Art der Einteilung, die Einteilung die
Arbeitsweise und Ertragsweise und diese wiederum die Bauten und
öffentlichen Verhältnisse der Menschen: „So ist die Erde in dreifacher
Weise mit dem Recht verbunden. Sie birgt es in sich, als Lohn der
Arbeit; sie zeigt es an sich, als feste Grenze; und sie trägt es auf sich,
als öffentliches Mal der Ordnung. Das Recht ist erdhaft und auf die
Erde bezogen. Das meint der Dichter, wenn er von der allgerechten
Erde spricht und sagt: justíssima tellus17." In der ständig bebauten
Erde ist das Verhältnis von Mühe und Ertrag zeitlich zu ergründen,
die aufgewandte Mühe zeigt sich nicht sogleich am Ertrag, die Mühe
legt sich in die allgemeinen Bebauungsmöglichkeiten der Erde, diese
werden abgegrenzt und in fester, aber zeitlich entfaltbarer Weise auf
den Ertrag gerichtet. Die Weise, wie auf Grund des Bodens die Mühe
auf den Ertrag gerichtet ist, ist der Nomos, der seinen konkreten
Ausdruck im Oikos, im Anwesen findet. Die Arten des Bodens und
seine Ertragsweise bestimmen den zeitlichen Rhythmus des Anbaus,
dieser die angelegten Scheuern, Ställe usw. des Anwesens, die Wege,
die Wohnplätze und das Recht, das heißt die Einweisung der Men-
schen in die Bereiche der Arbeit und des Wohnens. Der Nomos
geht von der für den Anbau nötigen Teilung des Bodens aus; er
ist aber ausgedrückt auch in der Arbeits- und Wohnweise der Men-
schen und in deren Lebensweise. Der Nomos ist also außer in den
Bebauungsmöglichkeiten, die durch eine Gebietsausgrenzung, d. h.
dem öffentlichen Recht hervortreten (vgl. den Abschnitt I, 1) nich
vor dem Oikos da, sowenig wie der Oikos vor dem Nomos.
Beide treten miteinander hervor in einer bestimmten Teilung
der Arbeiten und Erträge, d. h. aber auch in einer je verschiedenen
Weise der Menschen, die Lebenszeit auf bestimmte Aufgaben zu wen-
den; der Tagelöhner ist dem Nomos anders verbunden als der Grund-
herr, die Hintersassen anders als die Knechte und Mägde oder die

17 Nomos, S. 13.

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 95

Handwerker im Dorf (ob dieser berufsständischen Weise


denheit durch den Nomos ein allgemeines Wesen des Talentes ent-
spricht, das dem Einzelnen verliehen ist und ob die Talente durch die
Geschichte und ihren jeweiligen Nomos ermittelt werden, diese Frage,
die schließlich die theologische Frage nach der Prädestination ist
[vgl. oben], wollen wir jetzt nicht erörtern). Wo aber mit einer neuen
Landnahme und Ausgrenzung von Gebiet im öffentlichen Recht die
Zuweisungen und Einweisungen und das heißt die Teilungen für die
Privatsphäre andere werden, da werden auch die Ertragsmöglichkeiten
verändert, und mit ihnen wandelt sich die Lebensordnung der Men-
schen: der Oikos bestimmt sich jetzt aus einem neuen Nomos; das
öffentliche Recht, die neue Landnahme, erfüllt sich in einer neuen
Weise der Oikonomia.

Offensichtlich hängen die Teilungen und Planungen ständiger Er-


tragsmöglichkeiten des Bodens ab von der Landschaft und dem in
einer Landschaft getätigten und effektiv gewordenen Rechtsschutz
durch eine öffentliche Gewalt. Die öffentliche Gewalt aber muß sich
ihrerseits in bestimmter Weise aus den Mitteln der Wirtschaft unter-
halten, sie muß von den Bürgern in ihrer ordnenden und einteilende
Funktion anerkannt sein. Wo nun die öffentliche Gewalt neuen Raum
ergreift, d. h. nicht nur ein Stück Gebiet aneignet, sondern eine ne
Raumeinheit unter ihren Schutz stellt, wird sie auch ihre Funktion
nach innen ändern. Sie wird die Ertragsmöglichkeiten des neuen, er-
weiterten Gebietes in irgendeiner Form, die sich in einem neuen Nomos
bestimmt, an die erwachsenen Ertragsmöglichkeiten, die bereits im
Nomos eines alten Privatrechts, einer Oikonomia, beschlossen sind,
herantragen; eine neue Teilung auch des inneren Gebietes und seines
alten Nomos wird sich anbahnen. Nie aber wird der Nomos der Oiko-
nomia plötzlich und mit einem Schlag (dialektisch) geändert, vielmeh
wird mit der neuen Land- oder Raumnahme die Stufung des alten
Nomos der Oikonomia zum Problem . Diesem Problem und nicht dem
nur dialektischen Gegensatz von neuem und altem Raum (See- und
Landraum) ist das Denken von Carl Schmitt zugewandt, und nicht
zufällig wird bei ihm der Nomos als Sinnreich ausdrücklich entdeckt
im Zeitalter einer universellen Nähme des Weltraums18. Die neuen
universellen Möglichkeiten zwingen zur Frage nach dem Sinn. Nic
gedankenlose, unterschiedslose Einheit des Produzierens und Verbrau-
chens entscheidet, sondern eine neue Art, die Stufung der Produktions-
bereiche, die stets und auch heute nötig wird, zu durchdenken. Die
öffentliche Gewalt, so sehr sie auf den Nomos der Oikonomia bezogen
ist, hat in den erwachsenen Lebensordnungen des Oikos keinesfalls ihre
positive Bestimmung: gerade im Falle einer neuen Raumnahme muß
sie das Prinzip des Nomos im Privatrecht beachten, d. h. die Möglich-
keiten der Eigentumsbildung in den Ertragsmöglichkeiten des Bodens.

18 Vgl. Carl Schmitt , Die geschichtliche Struktur des heutigen Weltgegen-


satzes von Ost und West, in: Festschrift für Ernst Jünger zum 60. Geburts-
tag, Frankfurt 1955.

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96 Hermann Schmidt

2. Die konkreteste Bestimmung des Völkerrechts findet sich nach


Carl Schmitt19 bei Isidor von Sevilla in dessen Etymologia. Demnach
ist Völkerrecht vor allem Landnahme, Städtebau, Befestigung und die
festgelegte Kampfesweise einer Kriegführung. Ein völkerrechtlicher
Krieg ist nicht hinterhältig und mit allen Mitteln zu führen, sondern
mit Kriegserklärung und Gefangennahme, und das bedingt vorher-
gehenden Austausch von Gesandtschaften usw. Die konkrete Bedingung
des Völkerrechts liegt darin, daß die Mittel der öffentlichen Gewalt in
der Oikonomia beschlossen sind. Um die Macht aufrechtzuerhalten, muß
die öffentliche Gewalt der bestehenden Oikonomia folgen und sich von
ihr einen Teil des Ertrages in bestimmter Weise sichern. Wo mit einer
anderen anerkannten öffentlichen Gewalt völkerrechtlich Krieg geführt
wird, stellt man deren einzelne Gebietsansprüche, nicht aber deren
Oikonomia in Frage. Denn der Oikos bestimmt prinzipiell, in welcher
Weise eine öffentliche Gewalt aufrechterhalten werden kann: eine
andere öffentliche Gewalt durch die totale Art der Kriegführung in
Frage stellen, würde einen totalen Anspruch an die eigene Oikonomia
erfordern und diese in Frage stellen. Nichtdesto weniger erfolgt auch
die Einteilung und Zuweisung von Eigentum im Inneren eines Gebietes
durch die öffentliche Macht und durch das Ausmaß ihrer Landnahme.
So kann eine öffentliche Gewalt sich jählings, wie in der Völkerwande-
rung die Macht der wandernden Stämme, über weite Gebiete erstrec
und darin Möglichkeiten neuer Einteilung anbahnen, ohne wirklich s
gleich dem Gebiet einen neuen Nomos zu verleihen, da ein weiträumi-
ger Anbau und Austausch der Leistungen noch gar nicht möglich ist. Au-
ßer einzelnen weitreichenden Verkehrswegen bestand im Mittelalter kei-
ne universelle Verkehrsmöglichkeit aller Menschen. Universalität der
öffentlichen Gewalt in der durch die Völkerwanderung erfolgenden
Landnahme und P artikular ität des einzelnen Oikos mußten also in
ein gestuftes Verhältnis treten: es erfolgte eine universelle Teilung in
einem Großreich, dies aber mit den Mitteln des Feudalsystems, d.h.
mit vielen Zwischenstufen, denen je ein besonderer Oikos, mit beson-
derer Eigentumsform eignete, und die bestimmte sich aus der Artung
der Landschaft, der Anbauform in Privat- oder Sippeneigentum oder
dem Eigentum einer Körperschaft (Klöster, Universitäten usw.). Mit
jeder Eigentumsform war ein eigener Nomos verbunden, das öffent-
liche Recht bestand nicht in einem allgemeinen Strafrecht wie im
modernen Staat, sondern war gestuft nach den verschiedenen Hoheiten
der Grundherren . Wo kein allgemeines Strafrecht ist, gibt es aber auch
kein allgemeines Eigentum, auch nicht als freie Verfügung über die
Arbeitskraft. Arbeit und Eigentum bleiben mit dem Nomos eines An-
wesens verbunden, mit dessen bestimmter Ertragsweise, die sich von
anderen Anwesen unterscheiden konnte, wie etwa die Wirtschaft eines
Bauernhofes von der größeren eines Klostergutes usw. Alle diese pri-
va trechtlichen Verhältnisse waren aber dennoch nicht gegeneinander
abgeschlossen, sondern durch Stufungen von Ober- und Untereigentum

19 Nomos, S. 15.

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 97

einander mit ganz bestimmten Leistungen (Abgaben) zug


noch nicht durch den universellen Austausch des Handels.

Soweit nun die spezifischen Grundhoheiten, die Dominia des Feudal-


systems, trotz ihrer relativen Abgeschlossenheit in Relation traten auf
Grund der universellen Landnahme der Völkerwanderung, die aber
keine absolute öffentliche Gewalt schaffen konnte in dem großen von
ihr ergriffenen Raum, wurde die Frage des Ausgleichs problematisch.
Hier nun ergab sich die Aufgabe der universellen Mächte, des Kaiser-
tums und des Papsttums. Auch sie waren nicht primär absolute Eigen-
tümer kraft einer öffentlichen Gewalt, sondern hatten ihren Ort in der
allgemeinen Stufung der Dominia nach Ober- und Untereigentum. Erst
zusätzlich kam mit der Übernahme des hohen Amtes ihnen die Aufgabe
zu, den allgemeinen Ausgleich zu wahren. In dieser Aufgabe aber
blieben sie gebunden an die Lehnstreue der Vasallen, an deren gemein-
same Glaubensüberzeugung vom Sinn der gestuften Ordnung und der
ausgleichenden Aufgabe der Universalmächte in ihr. Nur die Vasallen-
treue konnte dem Kaisertum die Gewähr geben, sein Amt wirklich zu
erfüllen und bei einer Auseinandersetzung der Dominia den Ausgleich
zu erhalten. Solche Auseinandersetzungen waren zunächst nicht ein
prinzipielles Ringen um die Macht wie später in den Ständekämpfen,
als die volle Entfaltung der Kräfte erreicht war, die durch die Land-
nahme der Völkerwanderung geweckt wurden: da nämlich erforderte
die verfeinerte und produktivere Ertragsweise, die sich allmählich er-
geben hatte, einen neuen Nomos. Vorher aber waren alle Auseinander-
setzungen in den Dominia Fehden. Stets ging es um konkrete Rechts-
ansprüche von einzelnem Gebiet, nicht aber um die Auslöschung des
anderen Oikos (so etwa wenn eine Stadt mit dem Kloster oder einem
Grafen sich um bestimmte Anrechte stritt). Dem Kaiser fiel die Auf-
gabe einer Umhegung der inneren Auseinandersetzung zu, er mußte
darauf achten, daß solche Fehden in einem bestimmten Raum nicht
zum universellen Streit ausarteten, nicht zum Bruch des Stadtfriedes
oder Landfriedens führten, sondern mit einer konkreten Regelung
abschlössen. Wo aber die Produktivkräfte eines Oikos den umhegten
Nomos sprengen und eine prinzipielle Kraft entwickeln, ist ein Aus-
gleich im Sinne einer Zuordnung von Ober- und Untereigentum nicht
mehr möglich, denn gerade für den Ausgleich war der Kaiser ja auf
eben dieselbe Zuordnung, die er schützte, d. h. auf die Lehnspflicht der
Vasallen angewiesen. So mußte das Kaisertum mit fortschreitender
Entwicklung des mittelalterlichen Nomos danach streben, seine Macht-
mittel, statt in der Lehnsordnung, in den neuen Produktivkräften von
Handel und Gewerbe zu suchen; im wachsenden Maße beherrschte
daher das Streben nach dem Besitz der oberitalienischen Städte die
Politik der universellen Mächte.

Wie Carl Schmitt hervorhebt, ist aber vor allem auch zu sehen, daß
die Aufgabe des Ausgleichs durch die Universalmächte im theologischen
Geist verstanden wurde, nämlich im Sinne der christlichen Eschatologie
als Kat-echon, als Aufhalt des Chaos, das am Weltende, am Ende aller

7 Der Staat 1/1963

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98 Hermann Schmidt

Zeiten droht. Das Chaos geht hervor aus den Geschichtskräften, aus
der Geschichtsmächtigkeit des Menschen selbst, denn notwendig und
auch ohne ausdrückliches Bewußtsein strebt er danach, einen ihm zu-
gewiesenen Bereich und Raum der Erde nach dessen Möglichkeiten zu
einer eigenen, nur ihm gehörigen Welt umzuformen, und dabei ist es
ganz unvermeidlich, daß der umgrenzte Raum mit anderen Lebens-
kreisen in Berührung und Konflikt gerät. Die gestufte Ordnung des
Mittelalters wies so in eigener, aber im höheren Sinne auch in allge-
mein gültiger Weise auf das grundsätzliche Problem der Menschheit,
eine vorgegebene Einheit und eine sich darin erschließende Mannig-
faltigkeit von Gemeinschaften aufeinander zu beziehen und mitein-
ander auszugleichen. Die Formen des Ausgleichs mögen verschieden
sein in den Epochen, sie haben je einen anderen Nomos des beherrsch-
ten, gesicherten und bebauten Raumes: wo immer aber die Bebauungs-
möglichkeiten eines Raumes erweitert werden und intensiver und tie-
fer erschlossen sind, stellt sich erneut die Frage nach dem Verhältnis
zwischen Einheit und Besonderheit. Der Ausgleich der mittelalterlichen
Universalmächte war darauf gerichtet, nicht den Teil für das Ganze zu
setzen und die geschichtlichen Entfaltungskräfte im Oikos eines Domi-
niums in dessen Lebenskreis einzubehalten. Der Sinn für das zu neh-
mende Maß des Einzelnen an sich selbst und seiner Bestimmung in der
Geschichte und ihren größeren Einheiten ruht letztlich in der Gnade,
d. h. in Glaube und Hoffnung auf eine überzeitliche ewige Bestimmung
des Menschen für die verheißene Auferstehung im Namen Christi. Nur
so konnte auch der mächtigste Obereigentümer seine weltliche Aufgabe
im Oikos nicht als absolute Nähme eines zeitlichen Wirkungskreises
verstehen, aus dem heraus er die Geschichte der Welt zu lenken be-
stimmt war kraft der darin beschlossenen historischen Entfaltungsmög-
lichkeiten20. Dennoch kann Schmitt mit Recht betonen, daß gerade der
christliche Gedanke des Kat-echon, des Aufhalts der zerstörerischen
Gewalt absoluter Geschichtskräfte, seinerseits eine eigene sinnträchtige
Geschichtskraft entwickelt hat in der gestuften Ordnung des Mittel-
alters mit ihrer Einheit in der Mannigfaltigkeit21. Das Prinzip dieser
Stufung im Nomos, in der gewachsenen Lebenseinheit eines Oikos und
seiner Landnahme, ist jedoch erst heute ein Problem; heute aber nicht
mehr als statische Zuordnung verschiedener, in sich beschlossener
Lebenskreise und Wirtschaftsweisen; heute vielmehr als der dynamische
Ausgleich in einem Großraum, ein Ausgleich, der nur möglich wird,
wenn die allgemeinen Entfaltungskräfte und Ertragsmöglichkeiten in-
nerhalb eines Oikos auf den Nomos, d. h. auf den in einem Räume
möglichen Kultursinn des Lebens bezogen sind.
Voraussetzimg für die theologische Deutung des Ausgleichs der Do-
minia durch das Imperium im Mittelalter war die Annahme, daß die
zeitliche Lebenserfüllung in der Welt, d. h. im Berufsstand und seinem
Recht im Oikos, verstehbar zu beziehen ist auf die ewige Erfüllung in

20 Vgl. Nomos, S. 32.


si Vgl. Nomos, S. 29.

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Der Nomosbegrifï bei Carl Schmitt 99

der Verheißung durch die Gnade. Gerade aber die neuen, in den
Dominia (vor allem in den Städten) erwachsenen Produktivkräfte stell-
ten in Frage, ob jemand für einen Beruf geboren, d. h. durch die Tat-
sache seines Daseins für einen umgrenzten Ort des Oikos bestimmt ist
Im Ausgang des Mittelalters wollte der Mensch sein Schicksal nicht
mehr aus einem gewachsenen Nomos empfangen, sondern selbst in die
Hand nehmen. Zunächst geschieht dies vor allem seitens der magni
homines, der neuen emporkommenden Fürsten der Renaissance, die
vom Kleinadel in den Hochadel aufsteigen und in die wandelbaren
Verhältnisse der aufblühenden Stadtkultur Oberitaliens eingreifen in
rücksichtsloser Betonung des Prinzips des historischen Ruhms und der
persönlichen Geschicklichkeit gegenüber den wechselnden Umständen
(vgl. Macchiavellis Unterscheidung von virtù und fortuna). Während
die Weltlichkeit der Renaissance die Frage nach der transzendenten
Bestimmung des Menschen negiert zugunsten seiner Schöpferkraft in
der Zeit, erfolgt in der Theologie der Reformation eine scharfe Tren-
nung zwischen innerweltlicher und ewiger Bestimmung. Die Standes-
kämpfe, erwachsen aus dem Aufbruch neuer Produktivkräfte in den
Dominia des Mittelalters und ihrem Oikos, sind gleichzeitig ein kon-
fessioneller Bürgerkrieg. Die Relation der theologischen Lehre zu dem
problematisch gewordenen Nomos des Mittelalters wird deutlich an der
Beziehung der Gnade auf den Einzelnen, es gibt mit Bezug auf ihn
keine rationale Einsicht in die göttliche Prädestination, es gibt kein
äußeres, allgemein bestimmbares Verhältnis der Gnade zur Welt und
ihren Ordnungen. Die Gnade und ihre Bedeutung für den Einzelnen in
seiner ewigen Bestimmung läßt sich nicht auch weltlich beziehen auf
die Stufung der Dominia in einer Ständeordnung. Das braucht natür-
lich nicht zu heißen, daß nicht auch in den Auseinandersetzungen der
Reformation Glaube und Welt ein neues Verhältnis suchen. Wichtig ist
zunächst, daß das Problem neu gestellt wurde, und gerade die
Dynamik der Neuzeit hätte zeigen können, daß die ewige Bestim-
mung des Menschen ihren Anfang bereits nimmt im geschichtlichen
Sinn menschlichen Lebens und seiner Möglichkeit im Nomos eines
Erdraums.

3. Die Überwindung der Ständekämpfe und des mit ihnen verbun-


denen konfessionellen Bürgerkriegs führt zu einer neuen Epoche des
europäischen Völkerrechts. Diese Überwindung ist nicht zu verstehen,
ohne jene große Landnahme, die erstmals ausgriff in die globale Ein-
heit des Erdraums und der Weltmeere. An ihr wird, wie Carl Schmitt
überzeugend zeigen kann, erneut und eindrucksvoll ersichtlich, daß
Landnahme und Nomos in einem eigenen, einander strukturierenden
Verhältnis stehen. Wir erinnern uns der oben (vgl. oben I, 2) interpre-
tierten inneren Einheit der 3 Momente des Nehmens, Teilens und Wei-
dens im Nomos. Wenn jetzt aus den großen Dominia, den westlichen
Königreichen des mittelalterlichen Imperiums heraus eine Landnahme
den gesamten Erdball ergreift, so muß sich auch im Innern der gestuf-
tenten Ordnung des Feudalsystems, die aber schon durch die Stände-
7*

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100 Hermann Schmidt

kämpfe zersetzt ist, ein neuer Nomos


des anbahnen. Eben dieser Nomos führt aber zur Beseitigung der
Ständekämpfe: 1. ergibt sich ein neues Rechtsverhältnis der größeren
Dominia zueinander, sie werden zu uneingeschränkten Trägern des
öffentlichen Rechts, zu Staaten; dabei übernehmen sie weitgehend die
Funktion des Ausgleichs, die sonst bei den Universalmächten lag;
2. ergibt sich ein neuer Rechtszustand des Untereigentums; nach Ver-
lust der an den Oikos gebundenen Hoheitsgewalt erlangt es mehr und
mehr absoluten Privatcharakter, d. h. das Recht zu freier Verfügimg
und Veräußerung seiner Mittel; 3. ist damit auch eine neue Produk-
tionsform verbunden, zwar zunächst noch nicht bedingt durch freien
Austausch der Arbeitskraft, aber doch durch eine weiträumige Ver-
fügung über die für die Produktion einzuholenden Rohstoffe und Mittel
im Handel der Städte, der letztlich nur wirkungsvoll unter dem Schutz
einer öffentlichen Gewalt gedeihen kann, die ständig besteht und nicht
auf die zeitweilige Heranziehung von Lehnsträgern angewiesen ist.
Dies also kennzeichnet die neue Situation im Innern Europas, sie
bleibt gebunden an die Landnahme des gesamten Erdballs. Wir fragen
jetzt, wie es zu der neuen Landnahme kommt, die ja auch gleichzeitig
eine Seenahme, eine Nähme der freien Weltmeere ist. Mit besonderer
Eindringlichkeit vermag Carl Schmitt zu entwickeln, daß nun auch das
offene Meer, die Möglichkeit, es zu befahren und als Handelsweg zu
benutzen, einen eigenen Rechtscharakter erhält. Der Grund für den
Ausgriff in den freien Erdraum liegt aber offensichtlich in der Dynamik
der spätmittelalterlichen Entwicklungs- und Produktivkräfte, die in der
statisch gestuften Ordnung nicht mehr zu bannen sind, die den Oikos
der geschlossenen Hauswirtschaft durchbrochen haben und einen neuen
Nomos suchen. Der Oikos des Mittelalters war eine relativ geschlossene
Lebenswelt, der Aufwand für einen Boden und der Ertrag des Bodens
standen in einem festgefügten Verhältnis, das sich als Nomos eines
engeren Raums, einer Talschaft, Stadt usw. zu erkennen gab. Durch die
Landnahme der Völkerwanderung jedoch wurde zusätzlich ein großer
Landraum von einer öffentlichen Gewalt übergriffen, die sich zunächst
in Kaisertum und Papsttum darauf richtete, in der Einheit die Vielheit
festzuhalten. Mit den Jahrhunderten waren darüber durch die Zu-
nahme des Handels und Verkehrs Kräfte freigesetzt, für die schließ-
lich kein Oikos, keine geschlossene Lebenswelt mehr bestand. Ein
Nomos, der ihnen entsprach, war erst zu finden, ein Nomos, der nicht
mehr der einer begrenzten Hauswirtschaft, eines Oikos, war, sondern
der Nomos oder, wie Schmitt es auch benennt, „das Sinnreich" eines
großen Raumes der Erde samt seiner universellen Produktivkraft.
Wir haben (oben II, 2) gezeigt, wie der Nomos im Bezug zum Oikos
die sinnhafte Welt meint, die das Leben der Menschen gewinnt. Eine
solche ,Welť des gemeinsamen Lebens ist, der Möglichkeit nach, auch
in den Produktivkräften größerer Räume angelegt; zunächst aber
traten diese Kräfte nur in ihrer Fähigkeit zu allgemeinem Austausch
in Erscheinimg; der aus ihnen hervorgehende Nomos wurde als Sinn-
reich nicht reflektiert. Statt dessen sah sich der einzelne denkende Geist

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 101

auf die Ortlosigkeit seines erkennenden Bewußtseins gewiesen; im


Chaos der Entwicklungskräfte und Standeskämpfe, das nicht mehr von
den Universalmächten aufgehalten wurde, sah er sich allein vor Gott
gestellt und war der gestuften Ordnung der Wesenheiten enthoben.
Schon Nicolaus von Kues vergleicht Gott und sein Verhältnis zur Welt
mit einer unendlichen Peripherie, deren Mittelpunkt an keinem be-
stimmten Ort, sondern überall ist. Gerade ein solches ortloses Subjekt-
sein jedes Dinges bedingt zugleich eine rationale Ortung des gesamten
Raumes der Subjektivität als Prinzip der Dinge in der reinen Aus-
dehnung ohne Rücksicht auf gewachsene konkrete Gestaltungen. Dies
wieder führt dazu, jenseits des gewachsenen Nomos der alten Welt die
freien Räume vorgeschichtlicher Erdnatur zu entdecken. Zunächst
erfolgt, wie Schmitt darlegt, der physische Ausgriff in den Erdraum
in Zusammenhang mit dessen linearer Einteilung nach dem Prinzip
der dreidimensionalen Ausdehnung22. Die Nähme des Erdraums suchte
dabei auch rechtlich sich zuerst mit bloßen Flâcheneinteálungen zu
bestimmen23. Solche Einteilungen aber konnten angesichts der konkre-
ten Gestalt der Meere und Kontinente nicht genügen. Die an der Erd-
nahme beteiligten Mächte mußten das Verhältnis ihrer inneren Macht-
mittel und ihrer äußeren Gewalt zu den großen neuen Räumen
anders, nämlich konkret, bestimmen und entwickeln. Darüber erwuchs
ein neuer Nomos der Erde, der durch den Gegensatz zwischen dem
Nomos des freien Erdraums und dem der Flächenstaaten bestimmt war.

Wodurch ist dieser neue Nomos gekennzeichnet? Betrachten wir zu-


nächst die Verhältnisse außerhalb Europas. Hier setzt sich die Freiheit
der Meere durch. Dies bedeutet vorerst, daß auf dem Meer die Gren-
zen von Krieg und Frieden verwischt sind, und das heißt, daß es dort
nicht einerseits einen geschützten Oikos privatrechtlicher Nutzimg gibt
und andererseits eine nach außen abschirmende öffentliche Gewalt.
Staat und Individuum sind auf dem Meer nicht scharf unterschieden,
auch die privaten Handelsschiffe einer kriegführenden Macht unter-
liegen dem Beute-, dem Prisenrecht, und anfangs brauchte, wie vor
allem im Falle des Gegensatzes England - Spanien für die englischen
Freibeuter (Drake, Raleigh usw.) nicht einmal ausdrücklich in Europa
ein Krieg erklärt sein, um auf dem freien Weltmeer fremde Schiffe zu
kapern und in den Heimathafen zu bringen. - Der Grund für diese
neue Rechtslage im Raum der Weltmeere besteht nun offenbar darin,
daß das weite Meer keine festumgrenzte Einteilung von Bereichen der
Nutzimg zuläßt. Die Wasserwüsten können ja nicht angebaut werden,
sondern nur als Handelsweg oder zum Fischfang dienen. Dennoch
wird eine bewußte Ausgrenzung des Raumes der Meere notwendig,
schon zum Zwecke der Unterscheidung von der bebauten Fläche des
alten Kulturraums; schließlich führt dann diese Abgrenzimg des Meer-
raums von jenen Räumen des Landes, die der öffentlichen Gewalt
unterworfen sind, zu einem neuen Nomos.

22 Vgl. Nomos, S. 54 ff.


23 Vgl. Nomos, S. 55.

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102 Hermann Schmidt

Carl Schmitt unterscheidet für den Verlauf der Seenahme und der
Nähme des Erdraums drei Arten von Teilungslinien, deren zeitliche
Folge kennzeichnend ist für die Entwicklung eines neuen Nomos24.
1. gab es zunächst Distributionslinien, die Rayas, sie sind rein geome-
trische Flächenaufteilungen (wie im Vertrag von Tordesillas) ohne
Berücksichtigung der konkreten Gestalt von Meeren und Kontinenten,
ihnen fehlt das Prinzip des Nomos. 2. gibt es die Amity-Lines, diese
Freundschaftslinien sind agonal gemeint, außerhalb der Linie herrscht
auch bei Staaten, die in Europa befreundet sind, keine Freundschaft
mehr, sondern das Recht des Stärkeren, und das heißt, daß demjenigen
ein Landstrich der neuen Welt gehört, der darin seine Okkupation
durch Kampf und Befestigung behaupten kann. Die ständig nach außen
erkämpfte Behauptung entscheidet dann, ob überhaupt im Bereich des
okkupierten Landstrichs eine koloniale Kultur sich entwickeln kann,
die natürlich ihrerseits die Fähigkeit zur ständigen Behauptung stärkt.
3. schließlich ergibt sich eine Grenzlinie der westlichen Hemisphäre,
die ein weiteres Kolonisierungsverbot europäischer Mächte ausspricht;
sie findet ihre klassische Formulierung in der Monroedoktrin; in ihr
drückt sich aus, daß im neuen Raum unterdessen aus der Nähme eine
eigene Kultur mit eigenem Nomos gewachsen ist, so daß weitere Tei-
lungen durch fremde öffentliche Gewalten ausgeschlossen sind. Die
Gegenlinie setzt den Erwerb der Unabhängigkeit eines Teils der ehe-
maligen Kolonien voraus und damit die erwiesene Unmöglichkeit, den
neuen Erdraum in seiner kulturellen Entfaltung mit dem Nomos des
Mutterlandes gleichzusetzen. Bei der Unabhängigkeitserklärung der
USA spielte das föderative Prinzip, spielte die eigene Entscheidungs-
macht der kolonialen Repräsentation gegenüber dem Unitarismus des
englischen Parlaments eine große Rolle, ja, erst auf amerikanischem
Boden wurde das Prinzip des Föderalismus als Verfassungsform einer
Einheit in der Mannigfaltigkeit wieder neu entdeckt. Die Kolonie hatte
gegenüber der Einheit des Mutterlandes und auf Grund der anderen
Lage und Gestalt des neuen Erdraums einen eigenen Nomos und
Kultursinn des Rechts entfaltet, der sich nicht unitarisch einordnen
ließ.
Wir haben schon begründet, warum auf dem Meer der Unterschied
von privatem und öffentlichem Recht nicht aufrechtzuerhalten war: das
Meer ist nicht zu bebauen. Zunächst wurde auch der offene Erdraum
dem Meere gleichgesetzt, durch die Nähme zeigte er nur die reine
Möglichkeit für einen Nomos, für ein neues Verhältnis der Einteilung
und Nutzimg unter dem Redit. Die Nähme der divisio primaeva be-
deutete zugleich eine Teilung nach innen für die Arbeitsbereiche und
die Weisen des Anbaus. Hier aber war das Gebiet des Erdraums vorerst
auch wieder (wie bei der Völkerwanderung) zu groß, um sogleich be-
stimmte Anbauweisen erschließen zu lassen. Die Nähme mußte gerade,
statt in konkreter Weise zu teilen, den Möglichkeiten der Nutzung
einen sehr großen Spielraum lassen und so anstelle der konkreten

24 Vgl. Nomos, S. 69.

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Der Nomosbegrifî bei Carl Schmitt 103

Teilung zunächst das Recht der Freiheit behaupten wie auf dem Meer.
Das aber heißt hier auf dem Land, daß die öffentliche Gewalt nicht
entschied, ob ein Gebiet als Weideland, als Ackerboden oder zu Plan-
tagenbau mit Sklavenhaltung zu benutzen war (vgl. die Auseinander-
setzung vor dem Sezessionskrieg über den Charakter der in die Bun-
desverfassung einzugliedernden Territorien). Der neu erwachsende
Nomos der kolonialen Siedlungen war nicht als Kultursinn Problem,
die Nähme des Erdraums identifizierte sich mit der Seenahme und
deren Wirtschafts- und Handelsfreiheit und ließ zunächst den Unter-
schied zwischen privatem und öffentlichem Recht nicht zur Geltung
kommen, wie z. B. die East-India-Company im Mutterland zwar Privat-
charakter hatte, in Indien aber quasi-staatliche Rechte besaß, oder wie
auch an der Frontier der USA die Siedler selbst über die Einteilung
und den Charakter der Bebauung entschieden. In der Problematik des
föderativen Zusammenhaltes des neu entwickelten Landes mit dem
Ursprungsland war aber doch die Frage nach dem Nomos als dem
eigenen entfaltbaren Kultursinn eines bestimmten Erdraumes beschlos-
sen: nicht auf einen formalrechtlichen Anschluß der Kolonie, sondern
auf eine eigenrechtliche Zuordnung kam es an, sowohl bei den späteren
Dominien im Verhältnis zu England wie auch bei der Staatswerdung
der Territorien des Westens in den USA, die als Ganzes allerdings kein
Dominium Englands geworden sind (Burke hat als konservativer Den-
ker die Ansprüche der amerikanischen Siedler im Sinne der föderativen
Unterscheidung billigen können, den demokratischen Unitarismus der
französischen Revolution aber abgelehnt). Im Endresultat hat sich die
Unmöglichkeit erwiesen, den Kolonialboden nur als Lager für vor-
handene Rohstoffe zu betrachten, d. h. für die rational eingerichtete
Exploitation seitens eines alten Kulturstaates, der nicht einsieht, daß
auch draußen aus der neuen Nähme eine eigene Welt, ein eigener
Kultursinn, ein Nomos der öffentlichen Gewalt und ihrer wie immer
gearteten Teilung entsteht.
Die Nähme des Erdraums verwandelte aber auch die alte Ordnung
Europas und seiner Dominia mit ihrem Ober- und Untereigentum.
Waren dort bisher die Weisen des öffentlichen Schutzes als Grund-
hoheit an den Nomos eines Oikos gebunden und war es daher fraglich,
woher die universale Macht des Kaisers die Mittel zu ihrer Aufrecht-
erhaltung nehmen sollte (er mußte auf die Vasallen im Oikos zurück-
kommen), so konnten jetzt die Herrscher der Königreiche des Westens,
England, Spanien, Frankreich, ihre Macht festigen durch die Mittel
und Einnahmen, die ihnen aus der Nähme des neuen Erdraums zu-
flössen. Durch Konzentration der Macht im Söldnerheer des Fürsten
ließ sich der Ständekrieg überwinden; die öffentliche Gewalt konnte
ausschließlich auf eine große Fläche konzentriert werden, und dies
gelang mit den wachsenden Möglichkeiten des Handelns auch jenen
Fürsten, die nicht unmittelbar an der Landnahme beteiligt waren (die
noch ständisch organisierte Hanse ging in der Konkurrenz mit den
besser, d. h. staatlich geschützten Möglichkeiten des westlichen Handels
und seines Zugangs zum Erdraum unter: nur die ausgesprochenen See-

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104 Hermann Schmidt

städte Bremen, Hamburg und Lübeck k


Bundesverfassung behaupten). Innerhalb der neuen Flächenstaaten
setzte sich mehr und mehr anstelle geschlossener Wirtschaftsformen
das universelle Privateigentum durch, das dem freien Austausch der
Produktivkräfte zugänglich war und dadurch schließlich zu einer neuen
Nähme führte, der „Industrienahme". Welche Probleme des Nomos, und
das heißt des Rechtsverhältnisses von Produktivkraft und Boden, mit
dem Aufkommen der Industrie verbunden sind, werden wir abschlie-
ßend kurz zu erwägen haben. Auch im „Nomos" von Schmitt ist
diese Frage nicht mehr ausdrücklich ausgeführt, vielmehr dargelegt in
einer Betrachtung der Probleme, die sich aus der neuen Form des
totalen Krieges im Unterschied zum Krieg der Flächenstaaten ergeben.
Die entscheidende Wirkung nun, die zunächst von dem neuen Nomos
der Erdnahme ausging war neben der Aufhebung des Ober- und Unter-
eigentums im Flächenstaat die völkerrechtliche Ordnung der einzelnen
souveränen Flächenstaaten zueinander. Der neue Nomos war also vor
allem auch im Völkerrecht Europas, im Jus Publicum Europaeum, aus-
gedrückt (dies besagt ja auch der volle Titel des „Nomos der Erde").
Die juristischen Tatbestände des europäischen Völkerrechts werden von
Carl Schmitt einer umfassenden Analyse unterworfen, die Gedanken-
gänge der großen Juristen werden interpretiert und in einer durch-
dringenden Schau unter den einen systematischen und doch historisch-
konkreten Gedanken ihrer Bindung an den Nomos gerückt. Die große
Leistung des neuen Völkerrechtes ist die Hegung des Krieges . Die
Hegung des Krieges aber gelingt nicht aus der Wesensbestimmung
seines gerechten Grundes, also durch das, was die öffentliche Gewalt
beanspruchen kann, etwa ein Gebiet auf Grund der Nationalität seiner
Bewohner oder deren Wirtschaftsform (wie heute im ideologischen
Krieg). Die Hegung des Krieges gelingt dem Jus Publicum Europaeum
durch Einhalten der gerechten Verfahrensform25. Die gerechte Ver-
fahrensform des Krieges aber bestimmt sich aus der beiderseitigen
Anerkennung der unter der jeweiligen öffentlichen Gewalt begriffenen
Eigentumsverhältnisse und deren Rechtsform im Nomos, d. h. in einer
früheren ursprünglichen Nähme, die sich bereits im Eigentum des
Privatrechts erfüllt. Der Staatenkrieg will nur über einen Gebiets-
wechsel zugunsten des einen oder anderen Staates entscheiden; den
Nomos, den Kultursinn des Eigentums innerhalb des eroberten Ge-
bietes, will er nicht beeinflussen. Daraus folgen die kriegsrechtlichen
Formen des europäischen Völkerrechts: die ausdrückliche Kriegserklä-
rung, die Führung des Krieges mittels regulärer Armeen (unter Dis-
kriminierung von Partisanen), die Beschränkung des Beuterechts auf
ein Minimum, das in der Lage der kriegführenden Armeen begründet
ist bei grundsätzlicher Unantastbarkeit der Zivilpersonen und des
Privateigentums in dem besetzten Gebiet, der Rechtsschutz der Kriegs-
gefangenen und deren vertraglich regelbare Rückgabe, die Beendigung
des Krieges durch einen regulären Friedensvertrag. Schmitt verweist

25 Vgl. Nomos, S. 137.

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 105

auf Rousseaus treffliche Definition des Krieges als einen b


Zustand (l'état, kleingeschrieben) der Beziehung von Staat zu Staat
(une relation l'État à l'État, diesmal großgeschrieben)26. Die Art der
Beziehung des Krieges ergibt sich aus der Anerkennung des Zustandes
der Staaten in ihrer Eigentumsordnung: letztere ist allgemeiner Natur
und wird darin, wie sie die Persönlichkeit des Einzelnen bewahrt,
nicht angegriffen, so daß der Krieg nicht auf die einzelne Person zielt,
sondern stets auf Angehörige einer Armee, die den allgemeinen Zu-
stand des Staates schützen.

Der gehegte Krieg ist unzweifelhaft ein bedeutendes Charakteristi-


kum der modernen Staatengeschichte. Dabei ist zu sehen, daß auch er
noch in Zusammenhang steht mit der mittelalterlichen Ordnung der
Dominia; deren interne Auseinandersetzungen waren ja ebenfalls (als
Fehden) gehegt durch die Universalmächte. Die moderne Staaten-
geschichte beginnt aber mit der Auseinandersetzung zwischen Habsburg
und Bourbon um die Vorherrschaft über Italien und um die Nachfolge
in der Universalität des Kaisertums unter den neuen Voraussetzungen
der Söldnerheere. Der Staatenkrieg ist dann im weiteren bestimmt
durch das Ringen um die Vorherrschaft, die an die Stelle der alten
Universalität tritt und nicht absolut, sondern im Geiste einer Fehde
unter den Dominia angestrebt wird (vgl. die ritterliche Haltung Karls V.
gegenüber dem gefangenen Franz I.). Erst aus dem Ringen um die
Vorherrschaft, das keine endgültige Entscheidung bringt, gehen die
einzelnen Großmächte hervor samt jenem berühmten Gleichgewichts -
prinzip, das wohl einzelne Gebietsveränderungen, aber kein Über-
gewicht einer Macht zuläßt. Mit großer Eindringlichkeit weist Carl
Schmitt darauf hin27, daß das Gleichgewicht der Mächte in Europa, das
ja das alte universalistische Prinzip und seiner Einheit in der Mannig-
faltigkeit des Feudalsystems ablöste, von England (im Mittelalter
ein Lehen des Papstes) abhängig war. Kraft seiner Lage zum freien
Erdraum hatte England eine universelle Beziehung des Handels
mit allen europäischen Staaten, es konnte „mit dem privaten, staatsfreien
Bestandteil jedes europäischen Staates in unmittelbare Verbindung
treten" (ibd.). Das Verhältnis Englands zum Kontinent zeigt so in ekla-
tanter Weise, daß das Völkerrecht der europäischen Staaten und das
Gleichgewicht der Großmächte in einem neuen Nomos begründet war,
der sich, anstelle der mittelalterlichen Einheit in der Mannigfaltigkeit,
als scharfe Unterscheidung von öffentlichem Recht und Privatrecht
ausdrückte. Diese Unterscheidung innerhalb der Flächenstaaten hing
aber ab von der Ununterschiedenheit des privaten und öffentlichen
Bereichs im neuen Erdraum, wo noch keine Entfaltung eines macht-
mäßig eroberten Gebietes nach seinen Ertragsmöglichkeiten voll-
zogen war.
Der Nomos im europäischen Völkerrecht hatte mit der Unterschei
dung des privaten und des öffentlichen Bereiches nicht erkannt, da
26 Vgl. Nomos, S. 122.
27 Vgl. Nomos, S. 185.

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106 Hermann Schmidt

im universellen Nomos der Erdnahme und seiner Probleme verwurzelt


war. Einerseits gab es die Großmächte mit ihrem Streben nach politi-
scher Vorherrschaft, andererseits breitete sich weiter ein universeller
Handel aus, der mit den Produktionsmöglichkeiten auch die Erkennt-
niskräfte anregte, die ihrerseits wieder neue technische Produktions-
möglichkeiten entwickelten, die sich im Maschinenwesen der Industrie
organisierten, demgegenüber die gewachsene erdgeschichtliche und
historische Landschaft zur Kraft- und Rohstoffquelle der modernen
Chemie und Physik wurde. Angesichts dieser Entfaltung von Kräften,
die im modernen Staat gehegt waren, hielt die bloße Unterscheidung
von privatem und öffentlichem Recht, an die der völkerrechtliche Krieg
seine Hegung fand, nicht mehr stich. Die Frage nach einer Begründung
der Unterscheidung von privatem und öffentlichem Recht trat in wach-
sendem Maße hervor. Eine Lösung konnte nur gelegen sein im vollen
Begriff des Nomos im Unterschied zu seiner indirekten Wirkung in
formalen Rechtsunterscheidungen wie »privat und öffentlich*. Erstmalig
sah Rousseau den Unterschied zwischen der formalen Einheit einer
Staatsmacht und ihrer inneren Gestalt mitsamt den historischen Le-
bensäußerungen und zukünftigen Entwicklungskräften eines Volke
seinem Raum. Wie die beiden letzten Momente, der historische Zustan
einer Gemeinschaft in ihren privatrechtlichen Verhältnissen und d
Entfaltungskräfte, die es mit der Gemeinschaft anderer Völker ver
binden, aufeinander beziehen sind durch einen Staatsbegriff und ein
Völkerrecht, das sie in ihrer inneren Einheit erkennt, diese Frage hat
auch Rousseau nicht gelöst. Er hat sie vielmehr mit dem Dezisions-
charakter der volonté générale beiseite geschoben zugunsten eines
irrationalen Geschichts- und Zukunftsglaubens.
Carl Schmitts Nomosbegriff entwickelt demgegenüber, wie wir ein-
gangs zu zeigen suchten, in sinnfälliger Unterscheidung das Verhältnis
einer bloßen Machtnahme zur Bodengestalt und zu den Entwicklungs-
kräften der Bebauung, die in der Bodengestalt beschlossen sind. Der
Nomos in seinem voll entwickelten Begriff meint aber auch hier nicht
nur die Unterscheidung dieser 3 Momente (Nehmen, Teilen, Weiden),
sondern ihre Sinneinheit in der Möglichkeit zu einer Kultur. Bisher
haben die historischen Kulturen diese Sinnednheit ohne volles Bewußt-
sein des Nomos entwickelt, aber nicht sie allein zeigen den Nomos in
ihren gewachsenen Lebenswelten (wie etwa für Hegels Selbstbewußt-
sein des Geistes). Wo also liegt die neue Sinneinheit unserer modernen-
technischen Zivilisation von Produktivkräften, die der alte europäische
Flächenstaat mit seinem Völkerrecht und der formalen Unterscheidung
von privater und öffentlicher Sphäre nicht mehr bannen konnte?
Carl Schmitt hat auf diese Frage, die er sich selbst in aller Aus-
drücklichkeit stellt, zunächst noch historisch geantwortet mit einer
Darstellung der Auflösung des europäischen Völkerrechts durch die
Entwicklung von Großraummächten im 20. Jh. Diese Entwicklung,
deren Schilderung den „Nomos der Erde" beschließt, hängt schon
ab von einer neuen „Raumnahme", die über den Erdraum und seine

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Der Nomosbegriff bei Carl Schmitt 107

Bodengestalt hinausgreift in den Luft- und Weltraum. Das p


Verfahren einer Großraummacht tritt bereits hervor mit d
rialismus des späten 19. Jh.s, da die europäischen Staaten die Handels-
interessen der Kolonisierung auch politisch und ideologisch (vgl. ,the
white man's burden') vertreten. Die Großraummächte müssen, ob sie
wollen oder nicht, sich zu der inneren, staatlichen, wirtschaftlichen und
völkischkulturellen Struktur anderer Großräume in ein Verhältnis
setzen. So müssen die Vereinigten Staaten zwangsläufig im 1. Welt-
krieg die anfängliche Neutralität aufgeben, und auch in den 20er
Jahren und bei den völkerrechtlichen Fragen im Völkerbund sind sie,
wie Schmitt genauer analysiert, formal zwar abwesend, aber faktisch
anwesend28. Dies beweist besonders die Ergänzung des Völkerbunds-
statuts durch den Briand-Kellogg-Pakt, durch den die USA. sich ein
Interventionsrecht im Falle eines Gebietsstreites und einen darüber
ausbrechenden Krieg im europäischen Raum sichern. Allerdings, so ist
hinzuzufügen, kam es dann in Europa zu solchen Gebietsstreitigkeiten
im Banne des Nationalismus und der Frage nach der Bildung eines
europäischen Großraums unter der Vorherrschaft eines Volkes, das
dafür durch seine völkischen Wesenskräfte angeblich erkennbar be-
stimmt sein sollte (die Einschränkung des Kriegsrechtes auf das Ver-
fahren, vgl. oben, war aber im Jus Publicum Europaeum gerade ge-
lungen durch ein Absehen von der Wesenseinsicht in die justa causa)29.
Natürlich kann letztlich die Frage der Bildung, der Abgrenzung wie
auch des Verhältnisses der Großräume zueinander weder mit einer
Intervention zugunsten des status quo, noch mit dem Primat einer
völkisch bedingten irrationalen Geschichtskraft gelöst werden, die den
Großraum für sich beansprucht. Entscheidend ist, wie die Produktiv-
kräfte der modernen Industrie, die ja in der Technik der modernen
Waffen auch die staatsrechtliche Abgrenzung von Großräumen bedingen,
als Sinnmächte einer entfaltenden Kultur den Nomos tragen, das heißt
sowohl die gewachsene Lebenswelt wie die neuen Möglichkeiten einer
neuen gemeinsamen Landsschaft der Zivilisation.
Die produktiven Möglichkeiten der modernen Technik entwickeln
einerseits derartige Waffen und Mittel, daß, wie Carl Schmitt darlegt,
ihre kriegsmäßige Anwendung keine Beute eines ertragreichen Ge-
bietes mehr zuläßt, sondern reine Vernichtung der Produktivkräfte

28 Vgl. Nomos, S. 270 ff.


29 Der Großraumanspruch im Sinne einer völkisch irrationalen Gesichts-
macht ist dabei radikaler und entsprechend rücksichtsloser in seinem Ver-
hältnis zum gewachsenen Nomos der Völker als die Intervention , die zwar
von außen aus der westlichen Hemisphäre erfolgt, doch zunächst die Be-
wahrung des Gleichgewichts im Inneren zum Ziel hat unter Berücksich-
tigung der Eigeninteressen der Völker, die befriedet bleiben sollen zugunsten
der Förderung des wirtschaftlichen Einflusses auf alle. Die nationalsozia-
listische Hegemonie hingegen setzte von vornherein ein rassisch allgemeines
Vorrecht, das direkt den Krieg implizierte, wo es als bloßer Anspruch auf
Raum ohne Rücksicht auf den einsehbaren Gestaltungssinn auftrat, der
immer auch im Ausgleich von Interessen liegt.

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108 Hermann Schmidt

bedeutet30. Demgegenüber käme es in


Verhältnis der Großräume zueinander darauf an, die verschiedenen
Zivilisationsformen und Eigentumsformen der Produktivkräfte auf-
einander abzustimmen. Wenn daher in unserer Zeit die Großräume
der modernen Industrieentwicklung ein Verhältnis zueinander suchen
innerhalb der globalen Einheit des Erdraums, so gilt es, zunächst zu
erfassen, wie der neue Nomos der Erde sich an den Großräumen zeigt.
Hier ebenfalls zeigt er sich als Frage nach dem Ausgleich zwischen
Mannigfaltigkeit und Einheit und nicht als die bloß machtmäßige Ver-
einheitlichung im Banne einer Wesensdoktrin (wie die Doktrin von
bestimmten, angeblich durch das Wesen einer Rasse bedingten Vor-
zügen). Den Ausgleich aber (etwa zwischen den europäischen und den
amerikanischen Nationalstaaten und ihrer Einheit im atlantischen
Raum oder auch zwischen den ostasiatischen, bzw. sowjetischen Sta
und ihrer Einheit in ihrem eigenen Raum) den Ausgleich tragen die
sinnhaft zu bedenkenden Produktionsformen der Technik, nach denen
nicht nur machtmäßig und verkehrsmäßig die Einheit der Großräume
erschlossen wird, sondern ebenso in ihrem Inneren die bestehende
Mannigfaltigkeit zu neuem politischen und kulturellen Wirken und
Wachsen angeregt wird, das sich aber jetzt bewußt in die größere
Einheit finden muß.

Entscheidend ist dabei, daß die Zuordnung der Einheit zur Mannig-
faltigkeit nie allein machtmäßig (durch Vorherrschaft der Waffen,
durch reine Energieentfaltung, Volkswille usw.) geschehen kann, son-
dern stets nur in der Reflexion der Sinnfrage, nach der sich eine be-
herrschte Raumeinheit ausbildet zur eigenen Welt der Menschen in
ihrer Kultur. Solche Reflexion aber zeigt sich gerade an der Weise, wie
das förderative Prinzip den Ausgleich zwischen Einheit und Mannigfal-
tigkeit zu erwirken strebt. Dies geschieht im gemeinsamen Gespräch, in
der politischen Erörterung über den in der Mannigfaltigkeit bereits
erschlossenen und in der Einheit neu erschließbaren Raum nach seinen
Sinnmöglichkeiten. Das föderative Prinzip beruht ja nicht in der fak-
tischen Übertragung von Hoheitsrechten auf eine größere politische
Einheit, sondern auf der Begründung dieser Übertragung in jenen
Kräften, aus denen die Teile und die Einheit zueinander hinstreben,
ohne identisch zu werden. Dies aber sind die Sinnmächte einer neuen
Welt unserer technischen Zivilisation, sie gründen in den Produktiv-
kräften des Raums, die sich einen neuen Nomos erschließen.

so Vgl. Nomos, S. 294. Vgl. ebenso „Die Tyrannei der Werte, Überlegungen
eines Juristen zur Wertphilosophie, den Ebrachern des Jahres 1959 gewidmet
von Carl Schmitt", Privatdruck, 1960. Das Problem des Nihilismus ist ge-
stellt mit der Vernichtung aus dem ideologischen Geltungsanspruch von »Wer-
ten4 (auch rassischer , Werte*), es steht in direkter Relation zur , Wertfreiheit4
als höchstem Wert reiner Naturgesetzlichkeit. Daß gerade die Naturgesetzlich-
keit im Verhältnis zum Erdraum auch Sinn und Vermittlung in der Kultur
bedeutet, darauf weist der Begriff des Nomos.

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