Sie sind auf Seite 1von 13

Zusammenfassung zum Tutorium

- Handelsrechtliche Vollmachten und Register -

Nicolai Beying
Fragen gerne jederzeit an nbeying@mail.uni-mannheim.de

Für die nachfolgend bereitgestellten Materialien übernehme ich keine Gewähr auf
Vollständigkeit und Korrektheit. Ich verweise ausdrücklich auf die offiziellen
Unterlagen zur Vorlesung, Übung und auf die ausführliche Musterlösung zum
Tutorium. Kein Lehrender hat mir den Auftrag erteilt, diese Materialien zu erstellen
und den Studierenden zugänglich zu machen.
Erteilung der Prokura § 48 HGB
(1) Die Prokura kann nur von dem Inhaber des Handelsgeschäfts oder
seinem gesetzlichen Vertreter und nur mittels ausdrücklicher Erklärung
erteilt werden.

(2) Die Erteilung kann an mehrere [natürliche] Personen gemeinschaftlich


erfolgen (Gesamtprokura).

→Ausdrückliche Erteilung durch Kaufmann an natürliche Person

→Erteilung und Erlöschen eintragungspflichtig § 53 I, II HGB


(deklaratorisch)

2
Gesetzlicher Mindestumfang der Prokura § 49 HGB
(1) Die Prokura ermächtigt zu allen Arten von gerichtlichen und
außergerichtlichen Geschäften und Rechtshandlungen, die der Betrieb
(irgend-)eines Handelsgewerbes mit sich bringt.

→ Prokurist kann alle Geschäfte tätigen → „Umwandlung“ möglich


Ausnahmen:
1. Geschäft aus der Privatsphäre des Kaufmanns
2. Betrieb „verkleinern“, also schließen, veräußern, verpachten etc.
Ausnahme:
(2) Zur Veräußerung und Belastung von Grundstücken ist der Prokurist
nur ermächtigt, wenn ihm diese Befugnis besonders erteilt ist.
3. Inhabergeschäfte, höchstpersönliche Geschäfte des Kaufmanns
3
Beschränkung der Prokura § 48 ff. HGB
§ 50 I, II HGB: Beschränkung gegenüber Dritten ist unwirksam

Im Außenverhältnis wirksame Beschränkungen, bzw. Ausnahmen:


§ 48 II HGB Gesamtprokura: mehrere Prokuristen müssen gemeinsam
vertreten
§ 49 II HGB Verkauf und Belastung von Grundstücken
§ 50 III HGB Filialprokura: Prokura für eine von mehreren Niederlassungen

Beschränkungen im Innenverhältnis:
Im AV unwirksam, § 50 I, II HGB, aber im Innenverhältnis Pflichtverletzung

→ Unterscheide rechtliches Können (§ 50 I, II HGB, Außenverhältnis) und


rechtliches Dürfen (Innenverhältnis)
4
Definition und Erteilung der Handlungsvollmacht
§ 54 HGB
§ 54 I HGB: „[…] jemand ohne Erteilung der Prokura [...] ermächtigt […]“

→ Handlungsvollmacht: „Jede rechtsgeschäftlich vom Kaufmann erteilte


Vollmacht, die keine Prokura ist“

Erteilung:
1. Vollmachtgeber ist Kaufmann, dessen Organ, dessen gesetzlicher Vertreter,
oder dessen Prokurist, bei besonderer Erlaubnis dessen
Handlungsbevollmächtigter
2. an natürliche oder juristische Person oder Personengesellschaft
3. Durch Erklärung oder durch Duldung

Handlungsvollmacht ist nicht eintragungsfähig und damit nicht


eintragungspflichtig.
5
Die drei Arten der Handlungsvollmacht unterscheiden
sich im Umfang § 54 HGB
§ 54 I HGB:
„[…] zum Betrieb eines Handelsgewerbes = Generalhandlungsvollmacht
oder zur Vornahme einer bestimmten zu einem Handelsgewerbe
gehörigen Art von Geschäften = Arthandlungsvollmacht
oder zur Vornahme einzelner zu einem Handelsgewerbe gehöriger
Geschäfte = Einzelhandlungsvollmacht

ermächtigt, so erstreckt sich die Vollmacht (Handlungsvollmacht) auf alle


Geschäfte und Rechtshandlungen, die der Betrieb eines derartigen
[dieses] Handelsgewerbes oder die Vornahme derartiger Geschäfte
gewöhnlich mit sich bringt.“

→ Handlungsvollmacht berechtigt nur zu Handlungen für dieses, also das


„vorhandene“, Handelsgewerbe → keine „Umwandlung“ möglich 6
Beschränkungen der Handlungsvollmacht § 54 HGB
Ausnahmen und gesetzliche Beschränkungen im Wesentlichen wie bei
Prokura.

§ 54 III HGB:
Sonstige Beschränkungen der Handlungsvollmacht braucht ein Dritter nur
dann gegen sich gelten zu lassen, wenn er sie kannte (= Vorsatz) oder
kennen mußte (= jede Fahrlässigkeit).

Beschränkungen im Innenverhältnis gelten für das Außenverhältnis,


wenn Dritter sie kennt oder kennen muss

→ Vergleiche rechtliches Können und rechtliches Dürfen


7
Stellvertretung bei Gesellschaften im Obersatz
angeben

Bei Personen, die nicht selbst rechtlich tätig werden können, muss im
Obersatz die z.B. organschaftliche Vertretung angegeben werden.

Für die wesentlichen Kapitalgesellschaften heißt das:


AG: § 78 I AktG
GmbH: § 35 GmbHG

Für die wesentlichen Personengesellschaften heißt das:


oHG: § 125 I HGB
KG: §§ 125 I, 161 II HGB

(siehe VL Gesellschaftsrecht und Tutorium)


8
Negative Publizität nach § 15 I HGB
(1) Solange eine in das Handelsregister einzutragende Tatsache [war wahr]
nicht eingetragen und bekanntgemacht ist, kann sie von demjenigen, in dessen
Angelegenheiten sie [Gegenteil] einzutragen war, einem Dritten nicht
entgegengesetzt werden, es sei denn, daß sie diesem [nicht] bekannt war.

§ 15 I enthält Fälle der sogenannten negativen Publizität.

Der Rechtsverkehr soll auf Registereintragungen vertrauen können, bis das


Gegenteil im Handelsregister eingetragen und bekanntgemacht wird.

Denn es ist ja gerade Aufgabe des Handelsregisters, ehemals wahre (nun


„falsche“) Tatsachen durch Eintragung / Bekanntmachung des Gegenteils aus
der Welt zu schaffen.

9
Negative Publizität nach § 15 I HGB
Negative Publizität und Rechtsfolge § 15 I HGB:
Beispiel aus Fall 4:
Der (ehemalige) Kaufmann (hier B)
kann einem gutgläubigen Dritten (hier G)
die „verschwiegene Tatsache“ (Erlöschen der Kaufmannseigenschaft)
nicht entgegenhalten

und umgekehrt kann G sich somit weiter auf den Fortbestand der ehemals
wahren Tatsache oder Rechtslage berufen. G hat ein Wahlrecht.

Somit ist B zum Zeitpunkt der Willenserklärung als Kaufmann zu behandeln.

[ Vergleiche mit Positiver Publizität zugunsten des Kaufmanns:


→ „wenn etwas eingetragen ist, dann gilt das“ vs. „wenn das Gegenteil
passiert, aber nicht eingetragen ist, gilt die ursprüngliche Tatsache“ ]
10
Positive Publizität zugunsten des Kaufmanns
nach § 15 II HGB
(2) Ist die Tatsache eingetragen und bekanntgemacht worden, so muß ein Dritter sie
gegen sich gelten lassen. Dies gilt nicht bei Rechtshandlungen, die innerhalb von
fünfzehn Tagen nach der Bekanntmachung vorgenommen werden, sofern der Dritte
beweist, daß er die Tatsache weder kannte noch kennen mußte.

1. Eine eintragungspflichtige Tatsache


2. ist eingetragen
3. und bekannt gemacht.

Dann muss ein Dritter diese Tatsache gegen sich gelten lassen und umgekehrt kann
sich der Kaufmann darauf berufen.
Sogenannte Positive Publizität zugunsten des Kaufmanns: Eingetragene und
bekanntgemacht Tatsache kann jedem Dritten entgegengehalten werden.

4. Gilt nicht, wenn Rechtshandlung innerhalb von 15 Tagen nach Bekanntmachung


5. vom Dritten ohne Vorsatz / Fahrlässigkeit vorgenommen wurde.
11
Rechtsscheinvollmacht nicht-bevollmächtigter
Ladenangestellter § 56 HGB
§ 56 HGB

Wer in einem Laden oder in einem offenen Warenlager angestellt ist, gilt als
ermächtigt zu Verkäufen und Empfangnahmen, die in einem derartigen Laden
oder Warenlager gewöhnlich geschehen. [Dritter gutgläubig]
[keine Vollmacht]

Denn auf „echtes“ Verkaufspersonal ist § 56 HGB gerade nicht anwendbar. Da


dieses Personal bereits Vollmacht hat, ist ein Rückgriff auf die
Rechtsscheinvollmacht des § 56 HGB nicht notwendig.
„Echte“ Verkäufer sind rechtsgeschäftlich bevollmächtigt (Prokura oder
Handlungsvollmacht) und brauchen nicht nur als bevollmächtigt zu gelten.
Hier: siehe oben: A hat keine ppa. und keine Handlungsvollmacht.

12
Missbrauch der Vertretungsmacht
a) Kollusion
1. Vertreter und Dritter wirken bewusst zusammen
2. um den Kaufmann vorsätzlich (also mit Absicht!) zu schädigen.

Rechtsfolge: Nichtig wegen Sittenwidrigkeit § 138 I BGB

b) Objektiv-evidenter (= offenkundiger) Missbrauch der Vertretungsmacht


1. Vertreter überschreitet Beschränkung der Vollmacht
2. Zwei Möglichkeiten:
• Vertragspartner weiß das = Vorsatz
• Oder es hätte ihm objektiv-evident sein müssen = grobe
Fahrlässigkeit (vgl. einfache Fahrlässigkeit bei Handlungsvollmacht)

Rechtsfolge: Nichtig (unwirksam?) nach § 242 BGB (rechtsmissbräuchliches


Verhalten) 13