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l^DOLF KASSNER

DER TOD
UND DIE MASKE
Zweite Auflage
DER TOD UND
DIE MASKE
VON

RUDOLF KASSNER

ma per sc foro
DANTE „Inferno" III, S9

Leipzig
im Insel-Verlag
1913
G. FRITZ
GEWIDMET
EMPEDOKLES
TV LS die Ältesten und Priester vernahmen, daß
^^-\er, viel wandernd, ihrer Stadt sich nähere,
traten sie vor dem großen Tore ihm entgegen und
priesen ihr Glück und salbten sein Haupt mit Öl
und wanden Efeu und weiße Wolle in sein langes

schwarzes Haar, und geweiht und wie einer, der

Opfer hinnimmt, schritt er im Mantel von der


Farbe des Purpurs und in goldenen Sandalen durchs
große Tor, und staunend drängte in den Straßen
sich das Volk und streute Rosen in den Staub
und breitete bunte Tücher unter seine Schritte,
und die ganze Stadt schien sein Tempel und der
hohe Himmel dieses Tempels Dach. Seine Weis-
heit, hieß es unter den Menschen, sei so groß wie

die Liebe der Götter und das Verderben, das sie

senden, sein Herz sei rein und still wie das Herz
des Siegers der Schlacht, und seine. Augen, hieß
es, Und das
blickten weiter als die Sehnsucht.

Volk harrte seiner Worte und war stumm und


gleich einem Bilde, da einer aus dem Volke, der

arm schien und Lumpen trug, zu dem, der ihm


zunächst stand, leise sprach: ,,Sieh, wahrlich hier
geht einer, der den Tod überwunden hat!" Nie-

mand hatte die Worte gehört, denn das Volk und


die Ältesten und Priester liarrten dessen, was er

ihnen sagen sollte, und waren gleich Bildern. Doch


er hatte die Worte gehört: ,,Sieh, wahrlich hier
geht einer, der den Tod überwunden hat!" Und
ihm war, als hätte durch die nackte Brust eine
fremde Hand ihm nach dem Herzen gegriffen, und
sein Herz schlug jetzt schnell und laut, und Dun-
kelheit lag ihm dicht vor den Blicken, und die

Augen brannten und stachen, und sein Sinn war


verwirrt. Er sah das Volk nicht mehr, und daß
es voll stummer Fragen ihm die Straße ließ, und
er wußte nicht, daß das Tor und die Türme und
weißen Mauern der Stadt weit schon hinter ihm
lagen, und er hörte nicht, wie die goldenen San-
dalen hart an die Steine des steilen und leeren
Weges schlugen und der kalte Wind des Berges
in die vielen Falten des Mantels von der Farbe
des Purpurs fuhr. Er sah nur tief unten durch
die Erde und Felsen das Feuer und oben den
rauchenden Schlund, und ihm war, als führte ihn

jemand, der stark war und schwieg, und brächte


ihn den Berg hinan bis hin vor das dunkle Tor
des großen Feuers. Der heiße Rauch sengte seine

Lider und das lange schwarze Haar, von den Füßen


band er die goldenen Sandalen und strich den
Efeu und die weiße Wolle aus dem gesalbten

8
Haar und warf den Mantel von der Farbe des Pur-
purs ab, und leicht fiel und nackt sein noch junger
Leib in die ewige Glut.
:

DIE SEELE

DA sia
Phrygiens großer König Kandaules Nys-
zur Gattin nahm, gab dieser Gyges, der
ihr Vater und ein Zauberer war, einen Ring mit,

der die Tugend besaß, Nyssia unsichtbar zu


machen, wenn Nyssia ihn so trug, daß der Rubin
nach unten zu Hegen kam.
Noch nie hatte ein Mann sein Weib so sehr ge-
liebt wie Kandaules Nyssia, und wenn Nyssia
nachts wie zum Scherze sich unsichtbar machte,
da pflegte Kandaules zu sagen: ,, Nyssia, du bist
jetzt in mir und wie meine eigene Seele/'
Und alle wußten von der großen Liebe des Königs
zu seinem Weibe, und durch die Stadt ging die
Rede: ,,Noch nie war ein Mann so glücklich, denn
dieses Weib ist ihm wie die eigene Seele/'

Und die Freunde kamen zu Kandaules und sprachen


,,Noch nie war ein Weib einem Manne so treu, denn
Nyssia ist um dich, auch wenn du sie nicht siehst.

Nyssia ist wie deine eigene Seele/' Und immer


wieder kamen die Freunde zu Kandaules und sag-
ten: ,,Wir beneiden dich alle."

Kandaules war stolz aufsein Glück und die Worte


der Freunde, und erzählte alles Nyssia, und Nyssia
war gleich ihm voll Freude. Doch da die Freunde

IG
1

immer wieder kamen und dasselbe sagten, wun-


derte sich Kandaules und zweifelte und wurde
verlegen und wurde mißtrauisch: „Warum benei-

den meine Freunde mich? Nyssia ist schön, das


ist wahr. Aber .... Nyssia kann mich betrügen.
Ja, ja, ich weiß es, Nyssia betrügt mich. Es ist

ihr ein leichtes. Sie lachen schon alle. Ich bin

ein Tor.'' So redete Kandaules zu sich und ging


zu Nyssia und sprach: ,, Nyssia, gib mir den Ring!"

Da Nyssia fragte: ,, Warum willst du den Ring?"


sagte Kandaules weiter: ,,Es ist besser so." Und
da Nyssia sich wehrte, schrie der König: ,,Du bist
mir untreu und eine Dirne, und ich bin ein Tor.
Alle wissen es schon und lachen." Und Kandaules
entriß Nyssia den Ring und lief schnell zum Fluß,
und warf den Ring in den Fluß und dachte also
bei sich: ,, Jetzt bin ich klug, und jetzt werde ich

Herr sein über Nyssia und Nyssia sehen wie mei-


nen eigenen Leib."
Nyssia weinte und wollte Kandaules verlassen und
zu Gyges, ihrem Vater, zurückkehren. Doch Nyssia
schämte sich und sprach: ,,Nein, ich werde mich
rächen. Jetzt will ich Kandaules wirklich betrügen,
und zwar so, daß alle es gleich wissen. Kandaules
mag mich dann töten. Es ist besser so. Ich nehme
den Obersten seiner Leibwache."

1
Und wirklich, in einigen Tagen war der Oberste
derLeibwache des Königs derGeliebte der Königin,
und die ganze Stadt wußte es, und nur der König
sah es nicht, und alle Freunde erzählten einander
und ihren Weibern: ,,Der Oberste der Leibwache
des Königs ist der Geliebte der Königin."
Und die Freunde kamen wieder zu Kandaules und
lachten heimlich und stießen sich, und einer von
ihnen nahm Kandaules, der es noch immer nicht

wußte, beiseite und redete leise zum König: ,,Dein


Weib ist dir untreu. Nyssia liebt den Obersten
deiner Leibwache. Es ist ihr ein leichtes. Sieh
zu!''

Da Kandaules seinen Freund also gehört hatte,


kehrte er sich von ihm weg und lächelte vergnügt
und wissend und still, und sprach leise zu sich:
,, Die Toren, sie glauben, alles zu wissen, sie wissen
aber nicht, wo der Ring ist! Ich weiß es, ich und
sonst niemand."

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DIE MUTTER
einer großen Stadt Indiens lebte vor vielen
IN
Jahren ein reicher Fürst. Er besaß viele Frauen,
und jede seiner Frauen hatte ihm einen Sohn ge-
schenkt. Und die Söhne des reichen Fürsten waren
voll Liebe zueinander und zu ihren Müttern, nur
Mahidasa haßten sie, da Mahidasas Mutter eine
Sklavin des Vaters gewesen war und Mahidasa
seine Mutter nicht kannte. Und die Söhne des
reichen Fürsten nannten Mahidasa, ihren Bruder,
einen Hurensohn und jagten Mahidasa aus des
Vaters Haus.
Mahidasa irrte lange umher und kam endlich zu

einem Weisen, der einsam im Walde lebte und


von dem das Volk sagte, daß er die Wahrheit be-

sitze. Mahidasa sagte dem Weisen, daß seine Mutter


eine Sklavin seines Vaters, der ein reicher Fürst

ist, gewesen sei, und daß er die Mutter nicht


kenne, und daß darum die Brüder ihn aus seines
Vaters Haus gejagt hätten ; und da der Weise Mahi-
dasa liebgewonnen hatte, sprach er zu ihm: ,, Bleibe

bei mir, und ich will dich die Wahrheit lehren,


und wenn du die Wahrheit weißt, wirst du stärker
sein als deine Brüder, und deine Brüder werden
dich nicht mehr aus des Vaters Haus jagen."

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Der Weise lehrte Mahidasa die Wahrheit, und
Mahidasa weilte lange bei ihm; und als Mahidasa
die Wahrheit wußte, verließ er den Weisen und
trat in seines Vaters Haus unter seine Brüder und
redete diese an, daß der Weise, von dem das Volk
sage, daß er die Wahrheit besitze, ihn diese Wahr-
heit gelehrt habe, und daß er jetzt stärker sei als

sie um dieser Wahrheit willen, und daß sie ihn


darum nicht mehr aus des Vaters Haus vertreiben

würden. Als die Brüder Mahidasa also sprechen


hörten, staunten sie zuerst und antworteten nicht,
doch plötzlich sahen sie einander an und lachten
laut und ließen Mahidasa allein. Mahidasa aber
wurde rot vor Scham und verließ seines Vaters

Haus und lief in den Wald zum Weisen, der ihn

die Wahrheit gelehrt hatte, und rief: ,,Ich schäme


mich der Wahrheit, die du mich gelehrt hast. Ich

will nicht mehr deine Wahrheit. Nimmx mir die

Wahrheit ab!" Der Weise lachte und sah dann


lange in Mahidasas Augen und sprach langsam:
„Mahidasa, zeige mir die Wahrheit, die ich dich
gelehrt habe, auf daß ich meine Wahrheit wieder
erkenne! Mahidasa, gib du mir meine Wahrheit
zurück!" Mahidasa wußte nicht, wie ihm sei, und
er verbarg sein Gesicht in den Händen und weinte
lange.

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DER TRÄUMER
A LS Nicolaus, der dritte dieses Namens aus
^/—\^dem starken und wilden Geschlechte der
Markgrafen von Este, Parisina Malatesta als sein

Weib in die Burg von Ferrara führte, ließ er für

diesen Tag, wie die Sitte es wollte, alle Ritter von


beiden Ufern des Po zu einem großen Turnier
rufen. Und die Freunde kamen mit ihren Frauen
und brachten die Pagen und silbergeschirrten Rap-
pen zum Spiele, und viele Falken und gefleckte
Hunde; und da die Dichter Parisina lachend im
grünen Burghofe die Sieger des Spieles krönen
sahen, hatten sie viele Worte für des Markgrafen

Glück und Stolz und seines Weibes lachende Schön-


heit, und doch wußte keiner von allen, die zum
Spiele kamen und vom Spiele schieden, daß Nico-

laus Parisina mehr liebte als sein Glück und sei-

nen Stolz und Parisinas lachende Schönheit.


Wenn zu Parisina ein großer Schmerz gekommen
wäre und ihr vom Mund und aus den Augen und
der Seele das Lachen genommen hätte, Nicolaus
würde gleich den Schmerz gekannt und mit ihm
um Parisinas Lachen gerungen und Parisina das
Lachen zurückgegeben haben, doch so war ihm,
als suchte dieses, Parisinas Lachen, Dinge, die er

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nicht kannte und zu finden vermochte, und als
hätte Parisinas Lachen viele kleine silberne Flügel
und flöge um ihn und flöge an ihm vorbei und
"Wäre dann überall; und Nicolaus haßte seines Wei-
bes Lachen und haßte sich selber, als er fühlte,
daß er nur still und glücklich sei, wenn er nachts
im dunklen Bette Parisina das Lachen von den
Lippen küßte und Tränen in ihren Augen waren
und siestumm vor großer Lust und wie blind in
seinen Armen lag. Nicolaus wußte, daß Parisina
ihn liebe, doch er wußte nicht, ob Parisina ihn so
liebe, wie er sie liebe; und Nicolaus erschien sich

oft wie im Spiegel und ein Fremder, und wußte


nicht, wohin seine Blicke ihn führten, und Nico-
laus erschrak dann. ,,Wenn Parisina allein ist

und nachdenkt und zurückdenkt, gehört sie dann


ebenso mir, wie sie mir gehört, wenn in blinder

Nacht sie unter meinen Lippen die Augen schließt?

Wenn Parisina allein ist, wer ist mit ihr? Wenn


Parisina träumt, bin ich auch dann das Ende ihres
Traumes, so ich des Traumes Anfang war? Woher
kommt Parisinas Lachen, und wohin geht es?
Ich kann Parisinas Lachen nicht greifen. Warum
liebt mich Parisina?" So fragte sich oft Nicolaus;
und da ihm niemand Antwort gab, war er wie
ohne Licht vor den Augen und hörte wieder Pari-

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sinas Lachen, und daß es wie mit vielen kleinen

silbernen Flügeln um ihn flattere und dann vorbei-

fliege und überall draußen sei in blauen und gol-

denen Fernen.
Nicolaus sprach nie zu Parisina von seiner Liebe.
Nicolaus redete zu Parisina von den Rittern, die
kamen, den Falken, die bei der Jagd sich verloren
hatten, und den Spielen der Höfe, und er, der den

Grund von seines Weibes Liebe und Lachen wissen


wollte, beschloß, seines Weibes Treue zu prüfen.
Von seinen beiden treuesten Dienern rief Nicolaus
den, der an Jahren der ältere war; und ohne dem
Diener ins Auge zu blicken, sagte er ihm alles

und mehr, als er wollte, und fuhr dann fort: ,,Ich

will Parisina allein lassen. Habe ein Auge auf


Parisina! Viele Ritter kommen auf meine Burg.
Sage ihnen, daß Parisina allein sei! Parisinas

Vetter Ugo ist seit drei Tagen da. Ugo ist schön
und weiß zu lachen. Sprich zu Ugo von Parisinas
Schönheit, und daß Parisina das Lachen liebt, und
daß ich dumm sei und störrisch und das Lachen
nie verstünde. Fürchte dich nicht! Wenn du alles

weißt, dann komme zu mir! Ich bin in Verona.

Sei schlau und du sollst frei sein!"

Der Diener schwor, zu tun, wie sein Herr ihn ge-


heißen hatte; und Nicolaus nahm Abschied von

^7
Parisina und sagte, er müsse nach Verona, da der
Kaiser über die Alpen komme.
Nicolaus wartete in Verona und mischte sich un-
ter die Ritter, da er fühlte, die vielen Menschen
würden ihn verbergen. Zuerst verfluchte er seinen

Entschluß und schämte sich seines Dieners und


dessen, was er ihm gesagt hatte, und schalt sich
feige. Jeden Tag ließ er sein Pferd satteln und
ritt auf dem Wege nach Ferrara, doch immer kehrte
er wieder zurück. Denn plötzlich sah er sich dann
verraten und verhöhnt und hörte Parisinas Lachen,
und daß dieses wie mit vielen kleinen silbernen
Flügeln in der Sonne fliege und überall sei und
auf einmal verstumme, und Nicolaus sah, wie ein
anderer in seinem Bette mit heißen Lippen das
Lachen von Parisinas Augen und Lippen küsse;
und als der Diener kam, erschrak Nicolaus wie
einer, der bei einer schlechten Tat ertappt würde.
„Kein Weib ist seinem Manne so treu wie Parisina
Nicolaus. Ich habe getan, wie du mich geheißen
hast. Doch bald sahen wir Parisina nicht mehr,

und die Frauen sagten uns, daß Parisina in ihrem


Gemache weile und das Lachen wie vergessen habe,
und wenig und nur von dir spreche! Ugo hat die

Burg verlassen, und wir wissen nicht, wohin er

ritt.'' So redete der Diener und sprach noch mehr,

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und Nicolaus hörte, ohne ihn anzusehen, und hörte
nicht auf alles, was der Diener sagte. Vor seinen
Augen flimmerte es, ihm war, als hätte er alles

gewußt, und noch wollte der Diener etwas sagen,


da zog Nicolaus den Dolch und stach von rück-
wärts den Diener nieder.
Nicolaus war frei und lachte unsinnig, und in

einem Tage ritt er den langen Weg von Verona


bis Ferrara, und ohne ein Wort zu sprechen, fiel

er vor Parisina auf die Knie und verbarg sein


Gesicht in ihrem Schoß und legte ihre Hände auf
seine Schläfen und weinte. Da Parisina erschrocken
fragte, warum er denn weine, rief Nicolaus: ,,Ich
weiß nicht. Du darfst nie fragen! Du sollst

lachen!"
Nicht lange währten Nicolaus' Glück und Ruhe,
und alte Gedanken kamen wieder und zogen Kreise
um Nicolaus' Seele: ,, Warum liebt dich Parisina?''

begannen sie wieder und wurden verwegen und


fragten weiter: ,,Wenn Parisina erführe, daß du
schlecht seist und ein Verräter, würde Parisina
dich dann noch lieben ? Warum liebt dich Parisina ?
Parisinas Liebe ist dein und nicht dein. Würde
Parisina dich lieben, wenn du gestorben wärest?"
fuhren sie fort, und immer enger zogen sie die

Kreise um Nicolaus' Seele und lachten unsinnig

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und hoben die Schleier des Glücks und starrten
toll ihr in die erschrockenen Augen.
Und noch einmal beschloß Nicolaus, seines Weibes
Treue zu prüfen; und er nahm abermals Abschied
von Parisina und sagte, er müsse nach Ravenna
und würde nicht lange bleiben. Der andere der
beiden Diener begleitete ihn. Gegen Abend hatten
sie die Burg verlassen und waren erst eine kurze
Strecke Weges geritten, da hielt Nicolaus sein Pferd
an und faßte den Diener in seine harten Blicke und
sprach langsam: ,,Nimm Schwert und Helm und
Schild vom Boden und bringe alles Parisina und
sage: da die Nacht kam, hätten mich Ritter über-
fallen und getötet und meinen Leichnam mit sich

geschleppt und dir meine Waffen zurückgelassen,


damit du sie seinem Weibe brächtest, wenn Pari-

sina Nicolaus, der ein schwarzer Verräter war,

rächen und seinen Leichnam in seiner Burg be-

statten wolle. Sage Parisina alles Schlechte von


mir, erzähle, was meine Mörder dir über mich ge-
sagt hätten! Sei schlau und erfinde! Beobachte
Parisina! Merke, wie Parisina die Botschaft auf-
nimmt, und ob sie alles glaube oder ihre Trauer
nur zeige. Sei schlau und gehe Parisina nach und
sprich zu ihr und sage ihr, daß sie gut und ich
schlecht gewesen sei! Als Bauer verkleidet, will

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ich hier warten, und wenn du alles weißt, dann
komme wieder und bringe mir Schild und Schwert
und Helm! Vergiß nicht zu sagen, daß es Nacht
gewesen sei, als die Mörder mich überfielen, und
daß sie dich geknebelt und gebunden hätten und
ein Bauer dich erst befreit hätte! Sei schlau und
verstelle dich und erfinde! Bei meinem Leben, ich

will dich zum Freien schlagen!"


Der Diener schwor, zu tun, wie ihn Nicolaus ge-

heißen hatte, und nahm Schwert und Schild und

Helm und ritt gegen Ferrara.


Nicolaus wartete, und obwohl er verkleidet war,
verbarg er sich vor den Blicken der Menschen.
V/ieder verfluchte er zuerst seinen Entschluß und
schämte sich dessen, was er seinem Diener gesagt
hatte, und schalt sich feige. Oft kam es ihm vor,

als sei alles gar nicht wahr, und er lachte über


sich und nannte sich einen Narren, und ihm war
es, als müßte er gleich, so wie er sei, als Bauer
verkleidet, zu Parisina und lachend Parisina alles

sagen. Dann schien es ihm wieder, als dürfte er


gar nicht denken und aufschauen, sondern als

müßte er nur warten, zu Boden blickend auf alles


das Mögliche, das vor ihm war. Oder Nicolaus
. dachte so tief und lange in sich hinein, und alles

mögliche wurde so wirklich, als ob er gar nicht

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mehr lebte, und alles nur mögliche nahm Gestalt
an und war da wie über seinem Grabe; und Nico-
laus dachte sich leer und seine Seele hohl, und er

lag in seiner Seele wie in einem Grabe.

Nur kurze Zeit war vergangen, da kam der Diener


und brachte Helm und Schild und Schwert, und
rief: ,, Giftige Verleumder hat Parisina die Mörder
gescholten und sich und die Burg dem versprochen,
der ihr die Mörder ihres Gatten und dessen Leich-
nam brächte. Wie einst, als sie am Hochzeitstage
zu deinen Spielen kamen, haben jetzt die Ritter

von den beiden Ufern des Po mit vielem Gefolge


ihre Burgen verlassen und suchen die Mörder und
wollen nicht eher heimkehren, bis sie nicht die

Mörder gefangen und deinen Leichnam Parisina


gebracht hätten. Leer ist deine Burg und gleicht

einer Gruft, und einsam weint Parisina am Grabe,


das sie im grünen Burghofe graben ließ, damit es
deinen Leichnam einst berge!"
Wie Flammen war die Freude in Nicolaus' Augen
und spannte seinen Leib; und Nicolaus ließ den
Diener nicht zu Ende sprechen und nahm Schwert
und Helm und Schild und ritt gegen Ferrara. Nico-
laus jagte das Pferd und war wie einer, der alles

vergessen hatte, doch sein Pferd wurde müde, und


Nicolaus erinnerte sich, und da er nur noch eine

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Stunde von seiner Burg entfernt war, ritt er, als

sollte sein müdes Pferd iiin füiiren. Die Flammen


der Freude in seinen Augen waren verlöscht. In

der linken Hand hielt er lose die Zügel, die rechte

hatte er auf den Hals des Rappen gelegt und blickte

sie starr an und sah, daß die Hand bleich sei wie
der Schaum und Schweiß des Rappen. Und vieles

wurde ihm wirklich, was früher nicht war, und


vieles Fremde kannte er jetzt, und Nicolaus sah
das Grab, das Parisina ihm graben ließ, als stünde
er vor dem Grabe. Es war Abend geworden.
Durch die grünen Weiden sah er die große Burg
mit den vier Türmen, und wie geschmolzenes Sil-

ber und Gold lag der Po in den dampfenden Wie-


sen, und wie ein Feuer so rot schien der Löwen-
turm im Scheine der scheidenden Sonne. Nicolaus
sah auf, und sein Herz erschrak, und Nicolaus
war es, als hätte er seine Burg noch niemals ge-

sehen. Vieles Ferne war ihm ganz nahe, und vieles


wurde ihm wirklich, was früher nur wie ein Spiel

war, und Nicolaus sah das Grab, das Parisina ihm


graben ließ. Er hielt das Pferd an und lehnte über
des Pferdes Hals und sah starr nach der großen

Burg. Der Diener ritt jetzt dicht an ihn heran

und sprach: ,,Herr, soll ich vorausreiten und


Parisina sagen, daß du lebst? Parisina ist allein

23
:

und wird erschrecken wie eine, die lange allein

war." Nicolaus blickte den Diener lange an und


sah ihn nicht, und fuhr mit der Hand über die

Augen, als wollte er etwas wegwischen, und Angst


lag auf seinem Gesicht; und Nicolaus riß sein

Pferd hin und her und rief wie mit fremder Stimme
,,Sage Parisina, ich hatte doch einen Feind, und
mein Feind war stärker als ich; sage Parisina,
ich hatte einen Traum, und der Traum wurde mir
wahr und hat mich verraten; sage Parisina, mein
Traum war mein Feind und hat mich an den Tod
verraten sage alles das Parisina und frage Parisina,
;

warum so früh sie das Grab mir grub!" Nicolaus


schrie die Worte und zog wild sein Schwert und
hieb den Diener nieder und jagte seinem müden
Pferde die Sporen in die Flanken, so daß diese
bluteten; und Nicolaus ritt dorthin, woher er ge-

kommen war, und Nicolaus ritt in die Nacht, und


Nicolaus kam nicht mehr aus der Nacht.

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DIE SÜNDE
Eine Moralität
Dramatis Personae:

Die Maske des Königs Arthur,


Die Maske der Königin Ginevra.

(Das Ganze ist als Epilog einer Tragödie, welche den durch die sünd-

hafte Liebe Ginevras und Lancelots bedingten Verfall von König Arthurs
Tafelrunde darstellt, zu denken. Die Szene ist ein Raum im Kloster

von Almesbury, wohin Ginevra, nachdem ihre Schuld offenbar geworden

war, von Camelot, der Königsburg, geflohen ist.)

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, deine


Boten fanden mich am Wege, und ich komme zu
dir, da diese mir verkündeten, es sei dein Wunsch,
mir vieles zu sagen, damit ich deine Sünde dir
vergebe.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,


viele Boten habe ich nach dir ausgesandt, doch
sprich, warum kommst du ohne dein Roß und
ohne deine Diener?
Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, meine
Diener sind aus Camelot geflohen, seitdem die
Mauern von Almesbury dich bergen, und meine
Diener haben mein Roß mir gestohlen.
Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,
viele Boten habe ich nach dir ausgesandt, doch
sprich, warum hast du dein heiliges Schwert nicht

25
um den Leib gegürtet, und sprich, wo hast du die
Krone deiner Siege und den Mantel deiner Opfer
gelassen?
Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, mein hei-
liges Schwert liegt unter nassem Gestein auf dem
Grunde des Meeres, und in Camelot sitzt Dagonet,
mein Narr, und ich ließ dem Narren die Krone
meiner Siege, und der Mantel meiner Opfer wärmt
Dagonets frierende Schultern.
Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,
viele Boten habe ich nach dir ausgesandt, und
zwölf Freunde pflegten dir durch die lachenden
Tage zu folgen, doch sprich, warum bist du ohne
deine zwölf Freunde?
Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, mein Land
ist das Land des Feindes, und die zwölf Freunde,
die ich um Gottes willen liebte, haben Camelot
verlassen und aus Camelot deine Sünde mit sich
genommen, und Camelot ist leer, und Dagonet,
mein Narr, heult in Camelots langen Sälen, und
deine Sünde grünt weit im Lande und lacht nackt
und ohne Scham auf meiner Freunde goldenen
Stirnen.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,


viele Boten habe ich nach dir ausgesandt, doch
sprich, warum folgt dir nicht auch ein einziger

26
von deinen zwölfFreunden, und warum bist du wie
einer, der allein den Weg durch die Nacht sucht?
Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, Lancelot
ist tot, und der Sturm hat die Erde von Lancelots
frischem Grabe ins Land geweht, und die Nacht
ist über Lancelots Grab gegangen.
Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,
wer schlug Lancelot, da Lancelot stärker war als

alle deine Freunde?


Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, deine Liebe
war Sünde, und die Sünde schlug Lancelot,
Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,
ich hatte Furcht vor dem Tode.
Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, die Sünde
war deine Furcht.
Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,
meine Sünde war ohne Furcht. Meine Sünde ist

nicht in mir. König Arthur, ich bin ohne Sünde.


Die Maske des Königs Arthur: Gineyra, was du
sprichst, ist Gottes Spott. Wo ist deine Sünde,

wenn nicht in dir?

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,


da du bei mir bist, weiß ich es. Meine Sünde hat
mich verlassen, und ich bin leer wie Camelot, und
der Tod heult in meinem Herzen, und wohin du
blickst, im Lande deiner Feinde ist meine Sünde

27
und grünt, und von deiner Feinde goldenen Stirnen
lacht nackt und ohne Scham meine Sünde. Warum
kommst du allein, da ich den Tod fürchte? König
Arthur,warum bist du ohne meine Sünde ge-
kommen? Solange als ich lebte, hatte ich Furcht
vor dem Tode, und meine Sünde hat wie ein Man-
tel den Tod mir eingehüllt, und jetzt ist meine
Sünde mir fern, und nichts verhüllt mir den nack-
ten Tod, und mein Herz friert wie Dagonet, dein
Narr. König Arthur, warum bist du ohne meine
Sünde gekommen, da ich den Tod fürchte? König
Arthur, warum bist du allein gekommen, da Gott
dich doch liebt?

Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, mich hat


Gott nicht geliebt. Ginevra, ich habe deine Sünde
geliebt.

Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,


wenn Gott dich nicht liebt, wo war da meine
Sünde?
Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, du warst
ohne Sünde. In mir war deine Sünde.
Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,
gib mir die Sünde zurück, auf daß sie mein sei,

denn ich habe Furcht vor dem Tode.


Die Maske des Königs Arthur (im Wahnsinn):
Ginevra, im ganzen Lande grünt deine Sünde, und

28
von allen goldenen Stirnen lacht und aus allen

hellen Augen lebt deine Sünde, und ich gehe alle

Wege, deine Sünde zu sammeln, und wenn ich


deine Sünde von aller Stirnen und aus aller Augen
genommen habe, dann will ich deine Sünde dir
bringen und den Tod dir in deine Sünde hüllen
wie in einen Mantel, auf daß dein Herz nicht mehr
friere, und laut will ich dann und lachend allen

sagen, daß Gott mich liebt!


Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,
meine Sünde war größer, als du weißt, und die

Grenzen des Landes sind weiter, als du zu schauen


vermagst, und deiner Freunde und Diener waren
mehr, als du kennen darfst; wie willst du, bevor

Gott dich liebt, wissen, daß von allen du meine


Sünde genommen hast?
Die Maske des Königs Arthur: Ginevra, wenn die
Raben Camelot verlassen und Lancelots Leiche
aus der Erde scharren, wenn Dagonet,«mein Narr,
aus Camelots leeren Sälen mir, wo immer ich sei,

froh wie ein Kind die Krone meiner Siege und


den Mantel meiner Opfer bringt, wenn das Meer
endlich mein heiliges Schwert mir ans Ufer speit,

dann werde ich wissen, daß von allen ich die


Sünde genommen habe, dann werde ich wissen,

daß Gott mich liebt.

29
Die Maske der Königin Ginevra: König Arthur,
du fürchtest den Tod, und du wirst meine Sünde
nicht finden. König Arthur, hier sieh meinen Leib
zu deinen Füßen. Mein Leib ist nackt bis auf den
Tod. König Arthur, tritt auf den Tod!

30
DIE GELIEBTE DES DICHTERS

UND ,,Er
die Geliebte des Dichters spracli

nennt mich seine Gehebte, und ich


zu sich:

werde alles töten, dessen er sich erinnert und was


da war, bevor er mich seine Geliebte nannte, und
ich werde prangen und schöner sein, und er wird
alles vergessen, dessen er sich erinnerte und was
da war, bevor er mich seine Geliebte nannte.''
Und die Geliebte des Dichters ging hin und tötete
alles, dessen der Dichter sich erinnerte und was
da war, bevor er sie seine Geliebte nannte; und
kam zum Dichter zurück
die Geliebte des Dichters

und war schöner, und ihr Mund war rot wie vom
Blute alles dessen, was sie getötet hatte. Doch
der Dichter hatte sie vergessen, und ihr war, als

sähe der Dichter ihre Schönheit nicht und den


Mund nicht, der rot war vom Blute alles, dessen
sich der Dichter erinnerte.

Und die Geliebte des Dichters ging hin und tötete

sich selbst.

31
DER MENSCH UND DER SPIEGEL
DER Mensch
,,
trat vor den Spiegel und sprach:
Spiegel, zeige mich so, wie ich bin! Ich

will wissen, wie ich bin."

Wie immer war der Spiegel sehr bereitwillig und

höflich und antwortete mit schmeichelnderStimme:


,,Sieh nur in mich hinein, so wie du bist!"
Der Mensch versuchte so zu sein, wie er ist, nicht

mehr und nicht weniger, dachte er noch schnell


bei sich, und blickte in den Spiegel. Doch der
Mensch war nicht wenig erstaunt, als er hörte,

wie der Spiegel kicherte, und es klang, wie wenn


sich der Spiegel hinter dem Menschen versteckt

hätte.

„Ja Spiegel, wenn du lachst, kann ich mich nicht


so sehen, wie ich bin. Warum lachst du?'' rief

der Mensch und sah sich um.


„Du weißt es nicht, aber du hast ein Gesicht ge-
schnitten, und so mußte ich lachen und mich
hinter dir verstecken, damit du nicht über mich

lachst. Versuch es noch einmal!" antwortete der


Spiegel.

Der Mensch dachte schnell und still bei sich:

,,Ich werde jetzt versuchen, ein wenig ernster aus-


zusehen, als ich gewöhnlich aussehe, damit er

32
nicht lacht und ich zwischendurch mich sehen
kann, so wie ich wirkhch bin!'' und sah in den
Spiegel.

Doch wieder lachte der Spiegel, und diesmal recht


laut, und wieder klang es, wie wenn er sich hinter
dem Menschen versteckt hätte.

,,Du lachst wieder, und ich habe doch absichtlich


ernster hineingeblickt, als ich gewöhnlich aus-
sehe!" rief der Mensch und stampfte mit dem Fuße
auf den Boden.
,,Ja, ich kann nichts dafür. Du hast diesmal ein

gräßliches Gesicht geschnitten. Ich mußte noch


mehr lachen und mich hinter dir verstecken, da-

mit du nicht sagst, ich lüge. Versuch' es ein


drittesmal, vielleicht kann ich dann das Lachen
verhalten!'' antwortete der Spiegel.

Der Mensch sah zum dritten Male in den Spiegel,


blickte aber gleich weg, tat sehr schlau, spitzte

die Ohren, verdrehte die Augen und horchte nach


rückwärts, ob denn der Spiegel sich das Lachen
nur verhalte oder ob er wirklich nicht lache. Der
Mensch hörte nichts. Alles war still. „Nein, jetzt

lacht er wirklich nicht!" dachte der Mensch bei

sich und blinzelte mit den Augen und rieb sich die

Hände und lachte und rief: ,,Nun, Spiegel, sprich,


schneide ich jetzt wieder ein Gesicht?" und sah

33
dabei in den Spiegel. Da lachte der Spiegel laut

auf, und es klang nicht, wie wenn er sich hinter


dem Menschen versteckt hätte, und der Spiegel
rief: „Ja, wenn du lachst und dich umblickst, kann
ich dich nicht sehen. Du mußt so sein, wie du
bist.''

Der Mensch wurde jetzt wütend, nahm den Spiegel


von der Wand und warf ihn auf den Boden, so
daß dieser in tausend Scherben und Splitter zer-
flog; und der Mensch rief: „So bin ich, so, damit

du es weißt!"

34
DAS GLÜCK UND DIE VOLL-
KOMMENHEIT
ZUM Komödianten, der tagsüber im Karren
auf der Landstraße lag, trat aus der Stadt
der Heilige und sprach: ,,Ich war einst wie du
ein Komödiant. Der König liebte mich und gab
mir viele Geschenke, und das Volk jubelte mir zu
und nannte keinen Namen so oft wie den meinen.
Und da ich alles Glück erschöpft hatte, sagte ich

zu mir: ,Du bist jetzt reich und glücklich, warum


willst du noch spielen?' Und ich spielte nicht

mehr und wollte mit meinem Glück allein sein.

Doch als der König und das Volk sahen, daß ich
nicht mehr spiele, wurden sie zornig und nahmen
mir alles und stießen mich vor das Tor der Stadt.

Und ich war nackt und leer und ohne Glück und
irrte wie ein Blinder, und mein Wunsch war, zu
sterben.

,,Da begegnete mir einmal, als ich einen Berg her-


abging, ein Lastträger. Er stieg langsam empor
und keuchte und blieb immer wieder stehen und
blickte ängstlich nach der Höhe und sah wieder
auf den Boden, und ging weiter und sagte kein
Wort. Ich sah ihm lange zu und ging ihm nach.
Mitleid ergriff mich, und mir war, als trüge ich

35
seine Last auf meinen Schultern und als ginge der
Lastträger frei ; und ich sah ihn nicht mehr und
hatte ihn vergessen, und ich liebte seine Last und
wußte nicht, warum dies sei. Ich ging nun weiter,

und am Fuße des Berges kam ich vor das Tor


einer fremden Stadt und sah, wie eine große Menge
Volkes um ein Weib sich geschart hatte und schrie
und auf das Weib, das schön war und Blumen im
Haar und bunte Tücher um den gesalbten Leib
trug, loshieb und das Weib Sünde nannte. Ich

wollte zuerst unter die Menge treten und das Weib


von der Wut des Volkes befreien, doch der Men-
schen waren zu viele, und ich sah deren geballte

Fäuste und tierische Blicke, und sah die zuckende


Schönheit des Weibes und die Blumen im Haar
und die bunten Tücher um dessen gesalbten Leib,
und mir war, als trüge ich des Weibes Schuld und
als deckte des Weibes Sünde meine Scham, und
ich wußte, warum das so sei. Und weiter ging
ich und zog durch die Städte und Dörfer und nahm
die Krankheit der Bettler und die Torheit der Be-
sessenen auf mich, und die Kronen müder Könige
setzte ich mir aufs Haupt, und die Schwermut
derer, die zu viel lieben, legte ich in meine Seele,
und aller Schuld wurde meine Schuld, und das
Volk kam zu mir und nannte mich den Heiligen.

36
Da sprach ich zu mir: ,Du bist wieder glückhch
geworden, und jede Last, die du den Menschen
abnimmst, macht deine Seele leicht, und deine
Seele wird bald so leicht sein, wie dein Leib leicht
war, als du vor dem Könige und dem Volke
spieltest/ Meine Seele wurde mir auch leichter.

Ich war glücklich bis zu dem Tage, da ich dich

traf. Denn du gehst wie einer, der keine Last und


keine Schuld trägt. Das ärgert meine Seele, und
ich beginne zu zweifein an meiner Vollkommen-
heit, und ich fühle, wie eine Last nach der ande-
ren von mir fällt und meine Seele schwer wird,
während ich zweifle. Deine Schuld noch fehlt mir
zur Vollkommenheit. Nenne mir deine Schuld und
wirf deine Schuld auf mich und mache meine Seele
leicht! Dein Glück wird so groß sein, daß du es
mehr lieben wirst als dich selbst. Nenne mir deine
Schuld, auf daß ich vollkommen werde!'' Also
redete der Heilige, und der Komödiant lächelte

und hob sich aus dem Karren und setzte sich auf
einen Meilenstein und sprach : „Auch ich war einst

wie du ein Heiliger und hatte der Menschen Schuld


und Last auf mich geladen. Ich ging wie einer,

dessen Seele leicht war und vollkommen, und das


•Volk schien mir glücklich und nannte mich den
Heiligen und betete in meinem Namen zu den

37
Göttern. Doch bald sollte ich mich täuschen. Das
Volk wurde seines Glückes müde, und einer aus
dem Volke trat hervor und sagte: ,Warum sollen

wir glücklich sein, während er vollkommen ist?.

Lasset uns alle Heilige werden wie er!' Und alle,

die seine Worte gehört hatten, riefen: , Lasset


uns Heilige werden wie er und aller Schuld und
Last auf uns nehmen! Warum soll er allein der
Heilige heißen und von vollkommner Seele sein?
Unser Glück ist ein Affe.' Und sie kamen zu mir
und riefen: ,Gib uns unsere Schuld und unsere
Last, auf daß wir alle Heilige werden und von
vollkommener Seele seien wie du, denn unser
Glück ist uns zum Affen geworden!' Als ich sie
also hörte, mußte ich lachen, es war das erstemal
in meinem Leben, daß ich lachte, und ich sprach:

,Ihr seid Kinder!' Noch wollte ich etwas sagen,


da murrten sie laut und schrieen: ,Gib uns unsere
Schuld und unsere Last! Du hast kein Recht auf
unsere Schuld und Last, gib unsere Schuld und
Last uns zurück! Wir wollen alle Heilige hejßen
und von vollkommener Seele sein. Es gibt kein

anderes Glück für uns, denn alles andere Glück


ist ein Affe!' Da ich nun wieder lachte und sie

Kinder hieß, fielen sie über mich her und rissen mir
alle Schuld und alle Last aus der Seele und stießen

58
mich nackt vor das Tor der Stadt und riefen mir
nach: ,Das noch für dein Lachen. Das magst du
behalten/ Seitdem bin ich allein, nackt und allein
mit meinem Lachen. Um nicht zu verhungern,

wurde ich Komödiant. Wie man Masken nimmt,


das wußte ich bald, da ich das Lachen kannte.
Am Tage nun liege ich hier, und abends nehme
ich mir meine Masken und gehe in die Stadt. Ohne
Maske würden sie mich nicht einlassen; und da
unter ihnen über ihre Schuld und Last ein heftiger
Streit tobt, so lieben sie mich, denn wenn sie meine
Masken sehen, so sind sie glücklich und still und
ohne Streit. Doch du willst meine Schuld ?''
So
redete der Komödiant und ging vom Meilenstein
zum Karren zurück und kramte lange im Karren
und holte endlich einen Sack heraus. Der Sack
war groß, aber sehr leicht. Der Komödiant brachte
ihn vor den Heiligen und schüttete den ganzen
Inhalt vor dessen Füßen aus. Da sah nun der
Heilige Kronen, Schwerter, bunte Mäntel, Blumen,

Kelche, Barte, alles aus Goldpapier oder Holz


oder schlechtem Stoff, bunt durcheinander.
Der Komödiant sprach: ,,Es ist nicht schwer.

Man muß es nur zu ordnen wissen. Wenn du


das willst?''
Der Heilige antwortete nichts und ward traurig

39
und verließ den Komödianten. Und lange sah die-

sem der Komödiant nach und sah, daß der Heilige

an dem Tore der Stadt, aus der er gekommen war,


vorbeiging.

40
DAS ÄRGERNIS
Come il demonio in forma di Crocifisso appan'e p'm volte a frate

Ruffino, dicendogü che perJea il bene che facea, perocch'egli non era

dein eletti di vita eterna. Di che san Francesco per rivelazione di

Dio il Seppe e fece riconoscere a frate Ruffino il suo errore, ch'egli

avea creduto.
l Fioretti di San Francesco Cap. XXIX.

DIE Brüder waren schon zu


Gängen
in den kahlen
Bett gegangen, und
des Klosters war es stille

geworden. Nur noch Bruder Ruffino wachte und


kniete auf den kalten Ziegeln seiner kleinen Zelle

und hielt die Hände vor die Augen und betete

laut. Doch kaum hatte er die ersten Worte des


Gebetes gesprochen, da sah er wieder, wie der
Engel von rückwärts vor ihn hintrat und ihn
lange und traurig ansah, und Bruder Ruffino hörte,
wie der Engel sprach: ,, Warum betest du, Bruder
Ruffino? Du bist doch verurteilt!'' Bruder Ruffino
schrie auf wie ein Kind, da er den Engel also ver-

nahm, und schlug mit den Händen Stirn und Augen


und raufte sein Haar und konnte nicht mehr beten.

Sachte verließ er die Zelle, in der Kirche vor dem


großen Altare wollte er sich auf die Marmorstufen
werfen und allein vor Gott im Dunkeln wachen,
•während die andern schliefen. Schon schlich er

im Gange, alles war dunkel, nur vor dem Bilde


des Gekreuzigten brannte ein Ollicht; Ruffmo
tastete an der Wand, da griff eine fremde Hand
nach seiner Hand und drückte seine Hand, und
Bruder Ruffino wußte, daß es Bruder Francesco
sei; und Bruder Francesco sprach: ,, Bruder Ruffino,
wir alle sind Sünder vor ihm! Warum ist deine
Seele traurig?'' Bruder Ruffino erschrak und sah
weg und machte seine Hand los und eilte davon.
Am nächsten Tage sammelte Bruder Ruffino Nägel
und Dornen, und nahm, soviel er nur finden
konnte, und tat sehr heimlich, damit ihn Bruder
Francesco nicht sähe, und versteckte sie in seinem
Bette. Nachts nun nahm er die Nägel und Dornen
heraus und breitete sie auf den Ziegeln aus und
kniete mit nackten Knien auf sie nieder und schlug

mit der Stirn auf den Boden. Blut floß ihm aus
der Stirn über die Augen und aus den Knien und
färbte den Boden, und Bruder Ruffmo betete.

Doch kaum hatte er die ersten Worte des Gebetes

gesprochen, da sah er wieder, wie der Engel von


rückwärts vor ihn hintrat und ihn lange und trau-
rig anblickte, und Bruder Ruffino hörte, wie der
Engel sprach: ,, Bruder Ruffino, warum kniest du

auf Dornen und Nägeln? Du bist doch verurteilt!"


Bruder Ruffino zitterte wie ein getroffenes Tier,
und seine Augen blickten voll Angst durch das

42
kleine Fenster nach dem dunklen Himmel, und
er sah das Dunkel sich teilen und sah die glühen-

den Tore der Hölle. Bruder Ruffino wollte aus


der Zelle und wußte nicht wohin; schon hatte er
die Hand an der Tür, da öffnete sich die Tür, und
Bruder Francesco stand vor Bruder Ruffino und
trug ein Licht und sprach : ,, Bruder Ruffino glaube
mir, ich habe mehr Sünden als du! Warum weichst
du mir aus? Sage, was liegt dir so schwer auf der
Seele?" Doch Bruder Ruffino hielt die Hände vor
die blutende Stirn und die blutenden Augen und
schlich durch die Tür an Bruder Francesco vorbei
und eilte zum See und nahm das Boot und fuhr
hin nach der Insel, die einsam im See lag. Wie
der Herr in der Wüste, so wollte auch er vierzig
Tage und vierzig Nächte ohne Nahrung bleiben
und beten.

Bruder Ruffmo wußte nicht, wie lange er schon


auf der Insel ohne Nahrung lebte, immer aber,

da er betete, sah er den Engel vor sich, und immer


hörte er den Engel sagen: „Bruder Ruffino! Dein
Gebet dringt nicht bis in den Himmel."' Und
Bruder Ruffino betete nicht mehr, und Bruder
Ruffino dachte lange nach und sprach zu sich:
• ,,Ich muß zu ihm, und ich will ihm alles sagen."
Schon ging Bruder Ruffino auf dem Wege nach

43
dem Kloster, sein Leib glich dem Leib eines Toten,

und ein Frieden, der ihm fremd war, kam in seine

Seele, als er sah, wie Bruder Francesco eilend auf


ihn zukam. Ein überirdischer Glanz lag auf Bru-
der Francescos Gesicht, von weitem schon hatte
er Bruder Ruffmo erkannt und ihm Zeichen ge-

macht; und da er vor Bruder Ruffmo stand, um-


armte er ihn und küßte ihn, und laut und herrlich
wie einer, durch den Gott spricht, rief er: ,, Bruder
Ruffmo, preise laut Gott und preise laut Gottes
Wunder! Ich weiß jetzt, was dich drückt. Die
ganze Zeit, da du fern warst, habe ich gefastet
und gebetet, und heute ist von Gott mir großem
Sünder eine Gnade widerfahren. Frohlocke, Bru-
der Ruffmo, und singe laut den Ruhm der Himmel!

Denn wisse, ein Engel erschien mir, während ich

betete, und sprach mir von dir und sagte mir


alles! Bruder Ruffmo, der Teufel ist es, der
dich versucht, glaube ihm nicht und bete! Wir
alle sind Sünder, und mir ist, als sei ich der größte
Sünder unter den Menschen!" Bruder Ruffmo riß

sich aus den Armen des Bruder Francesco und


stieß ihn von sich, und in seinen Augen flammte
die Flamme des Bösen, und Bruder Ruffmo eilte
davon und wußte nicht wohin, und die Brüder
sahen Bruder Ruffmo nicht mehr.

44
Doch Bruder Francesco betete zu Gott und rief:

,,Gott, ich danke dir, daß durch Engel du mir die


Wahrheit verkündest, doch bhcke nieder auf meine
vielen Sünden und versuche mich nicht eitlem
Ruhme!"

45
DER BAJAZZO
VOR dem Eingange ins Theater sind zwei
Fackeln an Pfähle gebunden, und das Licht
der Fackeln leckt im Abendwinde wie zwei große
blutige Zungen und liegt wie roter Staub auf dem
Boden und den Flachten, die den Zuschauerraum
decken, und fällt auf die Gesichter der Menschen,
die sich stoßen und drücken, um heute das neue
Stück zu sehen. Am Vormittage schon hatten die
Komödianten dieses den Bürgern der kleinen Stadt
angekündigt, indem sie den Esel mit Papierblumen
schmückten und mit Musik durch die Straßen
zogen. Der Bajazzo schrie an allen wichtigen

Plätzen den Titel und Inhalt des neuen Stückes


aus, das war immer so. Jetzt will jeder zuerst an

den Tisch heran, vor dem sehr ernst ein Mitglied


der Truppe sitzt, die hingeworfenen Kupfermünzen
in die Lade streichend und abgegriffene Billetts

aus dicker Pappe mit großen Nummern darauf


verteilend. An der Tür, die in den Zuschauerraum
führt, steht ein Frauenzimmer und weist die Sitz-

reihen an. Draußen gaffen und lachen die Kinder,


und die Mütter tragen ihre Säuglinge und halten
sie hoch in das Licht und den Lärm. Ein feuchter
Herbstwind weht. Am Tage hatte es viel geregnet.
46
Dort, wohin das Licht der beiden Fackeln nicht
mehr fällt, hinter dem Halbkreis, den die Kinder

bilden, geht der auf und ab, den alle Bajazzo nennen
und der heute den Titel und Inhalt des neuen Stückes
ausgerufen hat. Niemand scheint ihn zu bemerken.
Er ist schon im Kostüm. Auf dem Kopfe trägt er
die weiße Mütze mit der roten Quaste, um die

Schultern hat er seinen alten rotbraunen Mantel


gehängt, und im Winde blähen sich weit seine

weißen Hosen. Er macht große Schritte und sieht


dabei auf die Fußspitzen, als ob er die Schritte
zählen wollte. Er ist erregt und hat die Hände in

den Hosentaschen und spricht und flucht in sich

hinein. Plötzlich bleibt er stehn und fährt mit der


Hand über sein dickes Gesicht und verwischt den
Puder und sieht über die Kinder hinweg nach dem
Tisch und dem Schauspieler, der die Billetts verteilt.

Er beißt an der Unterlippe. Als sei ihm etwas ein-

gefallen und müßte er zu etwas sich gleich ent-

schließen. Doch er schüttelt den Kopf und geht


wieder weiter auf und ab und spricht zu sich : ,,Ich

werde noch spielen ... Ich muß noch spielen . . .

Nach dem Spiele wird es besser sein . . . Erst nach


dem Spiele . . . Und beide auf einmal . . . Wenn
ich sie nur ertappen könnte, so wie ich es wollte

. . . Aber Nedda ist schlau . . . Wie soll ich es nur

47
..

machen . . . Wenn ich sie im Bette träfe . . . Das


wäre etwas ... Ja . . . Ich müßte mich recht-

zeitig unten verstecken . . . Nedda schließt immer


ab . . . Ob sie wieder zuerst beten wird, die ver-
fluchte Heuchlerin . . . Das würde ich noch ab-
warten . . . Nedda hat vorige Woche ein großes

Küchenmesser gekauft . . . Wenn es nur scharf ge-


nug ist .Wer weiß, ob sie es schon bezahlt hat
. . . .

Gott, Gott, wie dumm ich bin, ich vergesse alles,


ich rede ganz irre . . . Nedda schläft ja mit mir . .

Jetzt stecken sie zusammen und kichern vor Lust,


und ich laufe hier herum und schwatze blödes
Zeug . . . Jetzt, jetzt . . . Wenn ich sie suchte . . .

Doch das Spiel fängt gleich an, und ich muß mit-

spielen ... Ist das dort nicht Filippo? Nein, nein,

Filippo ist größer und hat mehr Bart . . . Nedda


spielt heute nicht mit . . . Natürlich, jetzt, gerade

jetzt, in diesem Augenblick werden sie Zusammen-


sein ... Ich weiß alles . . . Doch ich muß mitspielen . .

Das neue Stück ... Ich kann gar nichts aus meiner
Rolle machen ... Ich habe es allen gleich gesagt,
aber nein, nein, ich bin ja nur der Bajazzo und
kann ausschreien und zusehen! Diese Gauner, alle

haben heute gute Rollen . . . Immer haben sie gute


Rollen . . . Doch mir ist alles gleich . . . Wenn ich

sie nur zusammen treffen könnte . . . Mit Nedda

48
.

allein werde ich schnell fertig ... Da habe ich

keine Angst . . . Aber Filippo, Filippo ist stark,

und ich bin schrecklich ungeschickt ... Ich zünde


sein Haus an und seine Scheune und alles . . .

Der Kerl ist reich ... Er ist stärker als ich . .

Ich bin fett und alt geworden . . . Fett, Fett,

dahier Fett und überall Fett! Ekelhaft! Mein


Gesicht ... Bin ich feige . . . ? Ach ich weiß,

was ich bin: ein Narr bin ich, ein dummer,


alter, fetter, ekelhafter Narr . . . Doch ich muß
sie zusammen treffen ... Ich muß und muß und
muß...'^
So spricht der Bajazzo und geht weiter auf und ab
und macht große Schritte und sieht dabei auf die

Fußspitzen, als ob er die Schritte zählen wollte.


Im Winde blähen sich weit seine weißen Hosen,
und Tränen der Wut fließen ihm über die dicken

Wangen und verschmieren den Puder.


,,Pst! Pst! Bajazzo! Bajazzo!'' ruft plötzlich eine
Stimme hinter ihm, und eine fremde Hand legt sich

auf seine Schulter.


Der Bajazzo erschrickt und dreht sich um.
Es ist Antonio, derselbe Antonio, der ihm das Ver-
hältnis Neddas mit Filippo, dem jungen Bauern,
.verraten hat. Der Bajazzo haßt ihn darum, er haßt

Antonio mehr als alle andern Menschen.

49
„Bajazzo! Bajazzo! Weißt du es noch nicht? Fi-
Hppo ist tot!'' ruft Antonio leise.

,,Was? Wer? Was? Sprich keinen Unsinn! Was


sagst du? Wer ist tot?" schreit der Bajazzo und
wird so bleich, daß man es noch durch den ver-
schmierten Puder sieht.
„Er! Filippo! Filippo ist tot! Schrei nicht so!"
spricht wieder leise Antonio.

„Filippo ist tot? Das ist nicht wahr! Du lügst!

Wer hat ihn getötet?" schreit der Bajazzo und sieht


sich dabei nach allen Seiten um, und seine kleinen,
verklebten Augen zittern.

„Komm beiseite! Du machst zu viel Lärm, die

Kinder sehen schon her. Ich will dir alles er-

zählen!" spricht Antonio und zieht den Bajazzo


mit sich fort, und erzählt dann: ,,Es ist wahr. Ich

habe ihn im eigenen Blute liegen gesehen. Er


wollte wieder zu ihr, — er wußte, daß du spielen

wirst — , da sieht er, wie jemand aus Neddas


Zimmer schleicht, sich zuerst an der Wand fort-

drückt und, da er fühlt, daß er gesehen werde,


schnell weg will. Filippo springt auf ihn los, sie
ringen und ziehen das Messer, doch der andere
ist schneller, und Filippo fällt. Der andere — ich

weiß nicht, wie er heißt, er ist ein dicker, häßlicher

Kerl und älter als Filippo — hat alles gestanden.

50
Sie haben ihn festgenommen. Willst du ihn sehen?

Doch du, was hast du? Du denkst an Nedda. Laß


sie! Sie ist seit jeher eine Dirne gewesen. Ich

hätte dir das schon längst sagen können. Was


hast du?"
,, Sprich nicht! Was weißt du? Was hättest du
sagen können? Nichts hättest du sagen können!"
stottert der Bajazzo, und als träumte er, blicken

seine Augen in die Ferne. ,,Ist Filippo wirklich

tot oder ist er nur verwundet?" fragt er weiter.


„Ja, ja, er ist tot! Um ihn ist ein schrecklicher

Blutlachen. Alle wissen es. Nedda auch!" ant-

wortet Antonio.
„Nedda auch!? Natürlich! Was sagte sie? Wie war
sie!" ruft der Bajazzo und sieht Antonio starr und
voll Angst ins Gesicht!

,, Gräßlich und vor allen Leuten hat sie geschrien:

, Filippo! Filippo! Mein einziger Filippo!' O, sie

ist eine Dirne! Doch was hast du? Wohin blickst

du? Ich würde alles jetzt so schnell wie möglich


vergessen. Auf jeden Finger bekommst du zehn
solche wie Nedda und bessere. Jage sie auf die
Straße und wirf ihr den Binkel mit ihren paar
Fetzen nach! Ihr hat überhaupt nie etwas gehört.
Alles hast du ihr gekauft, unlängst noch das rote

Kleid mit den weißen Blumen. Heute trug sie es.

51
Es wird jetzt voll Blut sein. Sie soll auf die Straße
gehen, dorthin gehört sie . . . Doch was hast du?
Komm, komm, es fängt gleich an! Sie wissen es

noch nicht, wir dürfen das Spiel nicht stören. Du


bist schon im ersten Akt. Pudere dich noch ein
wenig! Das Kostüm hast du ja schon an. Komm,
komm!'' So spricht Antonio und will den Bajazzo

mit sich ziehen.


„Ja, ja,komme gleich," ruft der Bajazzo schnell
ich

und erregt, ,,ich komme gleich. Laß mich los, laß


mich los! Ich werde schon noch spielen. Laß mich,
sage ich dir! Kümmere dich überhaupt nicht um
mich! Das Ganze geht dich gar nichts an, damit
du es weißt. Laß mich los, sonst ...!'' Antonio
will ihn halten, doch der Bajazzo reißt sich los, und
schon ist er im Dunkel verschwunden.
Der Bajazzo läuft und läuft und weiß nicht wohin.
Über den Marktplatz, bei der Post und beim großen
Brunnen vorbei in die Vorstadt durch viele enge
und schmutzige Gassen. In den Geschäften und
Cafes und Schnapsläden ist Licht. Die Leute bleiben

stehen und sehen ihm nach; alle kennen ihn ja

an den weiten weißen Hosen, die sich im Winde


blähen, und an der weißen Mütze mit der roten
Quaste. Doch der Bajazzo läuft und weiß nicht
wohin und hält krampfhaft den alten rotbraunen

52
Mantel, den er um die Schulter gehängt hat. Er
läuft durch viele enge und schmutzige Gassen, an
den beleuchteten Geschäften und Schnapsläden und
Laternen vorbei. Sein Schatten fällt riesengroß auf
die Straße und das Trottoir und steigt die Mauern
der kleinen Häuser empor und verschwindet und
ist wieder da, bald vor ihm, bald hinter ihm,
bald rechts, bald links. Jetzt hat er zwei Schatten,

und dann drei, und nun wieder einen. Das dicke,

breite, aschgraue Gesicht erscheint, wenn das Licht


einer Laterne darauf fällt, wie eine große, abge-
griffene Gipsmaske, durch die zwei kleine, dunkle
Augen starren. Jetzt ist er am Stadttor und bleibt
stehn. Er sieht sich um und hört einen Steuer-
beamten mit einem Kutscher sprechen. Er läuft

durchs Stadttor und ist im Freien. Alles ist dunkel


und der Bajazzo ohne Schatten. Traumhaft zittert

im Winde das Laub der Bäume. Die Luft ist wunder-


sam klar, und die Sterne scheinen hoch, und der
Himmel gleicht einem dunklen See. Die Wiesen
duften. In der Ferne schimmern die vielen Lichter
des Bahnhofs, und es ist, als bewegten sie sich.

Ein Zug pfeift, und Waggons werden hin und her


geschoben. Aus dem Stadttor fährt schnell ein
.Omnibus und biegt nach rechts auf den Bahnhof
zu ab. Aus den Pfützen spritzt das Wasser um

53
die Räder und Laternen. Der Bajazzo sieht ihm
nach und sieht, wie der Kot um die Räder und
Laternen spritzt. Ihn friert, und erzieht den Mantel
fest an die Schultern. Er denkt noch einmal an
alles. Er kann es nicht zusammenbringen. Als
ob alles gar nicht wahr wäre. Wo ist er, und wo
sind die andern?! Filippo und Nedda und der
andere und ... Es ist aber doch wahr! Tränen
kommen ihm in die Augen. Seine Beine zittern, er

findet eine Bank und setzt sich nieder. Es ist doch


wahr Er ! hält die weiße Mütze mit der roten Quaste
vor sein Gesicht und schluchzt auf und beißt in die
Mütze und ruft in sich hinein: „Gott, Gott, ein
Narr, ein Narr bin ich, ein Narr!" Er schluchzt,
das Schluchzen stößt gleichsam seinen fetten Leib,
er wirft die Mütze weg und schreit auf, und wirft
seinen fetten Leib ins nasse Gras des Grabens und
weint lange, und weint wie ein Kind . . .

54
DER GAUKLER
UND wenn ich das schönste Weib gewänne,
fürwahr, ich würde dem Tode mein Leben
lassen! Ich schwör 's!" riefFortunatus und machte
viele Gebärden.
Fortunatus gewann das schönste Weib, und For-
tunatus wunderte sich und ward ganz still und
wartete auf den Tod.
Doch der Tod kam nicht, und Fortunatus wurde
wieder laut und machte viele Gebärden und rief:

,,Und wenn ich so viel Geld gewänne, daß die


Menschen zu meinen Dienern würden und sich

verbeugten, so ich vorbeiginge, fürwahr, ich würde


dem Tod mein Leben lassen. Ich schwöre wieder."
Fortunatus gewann so viel Geld, daß die Menschen
seine Diener wurden und sich verbeugten, so er

vorbeiging, und Fortunatus wunderte sich und


wurde ganz still und wartete auf den Tod.
Doch der Tod kam nicht, und Fortunatus wurde
zum drittenmal laut und machte viele Gebärden
und rief: ,,Und wenn ich solchen Ruhm gewänne,
daß die Menschen zu mir kämen und sagten, sie

wollten ewig sich meiner erinnern, fürwahr, ich


würde dem Tod mein Leben lassen. Ich schwöre

zum drittenmal."

55
Fortunatus gewann solchen Ruhm, daß alle Men-
schen zu ihm kamen und sagten, sie wollten ewig
sich seiner erinnern, und Fortunatus wunderte
sich und ward ganz still und wartete auf den
Tod.
Doch der Tod kam, und Fortunatus erkannte gleich

den Tod und warf sich vor dem Tode nieder in

den Staub und krallte seine Finger an die ehernen


Füße des Todes und blickte erschrocken in des

Todes lichtlose Augen und wollte lachen und zuckte


mit dem Leibe und lachte und sprach leise und
mit schlauem zitterndem Munde zum Tode: ,,Es

war nur ein Spiel. Nimm es mir wieder!''


Da trat der Tod Fortunatus' krallende Finger von
seinen ehernen Füßen ab und trat auf Fortunatus'

Nacken und scharrte Fortunatus' toten Leib weg


vom Wege der Menschen, gleich wie man einen
häßlichen Wurm mit dem Fuße aus dem Wege
scharrt.

56
MARIA UND MARTHA
Eine Allegorie
Es geschah aber, als sie dahinzogen,

daß er in einen Flecken kam. Da nahm


ihn ein Weib mit Namen Martha auf —
und sie hatte eine Schwester, die Maria
hieß. Lucas X, ^8, }C).

ES sind viele Jahre dahingangen, seitdem die


beiden Prinzessinnen, von denen ich erzählen
v;^ill, im alten Schloß lebten und starben. Das alte

Schloß liegt heute noch am See, und v^enn der


Sturm in die Wellen des Sees fährt, dann heult
dieser auf und ruft laut Worte aus, die niemand
versteht, und immer dieselben, und schließt die

Augen wie ein Mensch, der ins Wasser taucht;


und erst wenn der Sturm fortgeflogen und weit
weg in einem anderen Lande ist, dann lacht der
See und öffnet die Augen und sieht den ganzen
Himmel oben und die Weiden am Ufer und die

Schwalben und Adler, die über ihm kreisen.


Die beiden Prinzessinnen waren Zwillinge, und da
ihre Mutter sie gebar, an diesem Tage hatten Boten
ihr die Kunde gebracht, daß der Herzog, ihr Ge-
mahl und der Vater der neugebornen Zwillinge,
im Kampfe gegen Klingsor, den bösen Zauberer,
gefallen sei. Denn damals gab es noch Zauberer,

57
die das Glück der Menschen und den Wunsch
Gottes zu stören suchten, und von Klingsor er-

zählten die Leute, er verstünde Wasser in das


Feuer zu gießen, ohne dieses zu löschen, und von
Klingsor hatte auch der Herzog gehört, er wüßte
die Wahrheit und den Irrtum so zu mischen, daß
nur, wer ihn tötet, den Irrtum wieder von der Wahr-
heit trenne. Und darum war der Herzog ausge-
zogen, den Zauberer zu töten. Er hatte es Gott
versprochen, denn sonst würde ewig die Wahrheit
im Irrtum und der Irrtum in der Wahrheit sein,

und kein Sterblicher vermöchte fürderhin beide


voneinander zu lösen.
Das große Leid hatte die Seele der Herzogin ver-

wirrt und ihr alles Licht genommen. Die Herzogin


sprach von jetzt an Worte, deren Sinn ihre Diener
nicht verstanden, und sie irrte im alten Schloß von
Zimmer zu Zimmer, und öffnete und schloß wieder
die vielen Fenster, und niemand konnte begreifen
warum. Oder sie lief um den See, wenn der Sturm
in den Wellen lag und der See aufstöhnte. Sooft
die Ammen auf die Herzogin zukamen und ihr die
beiden kleinen Prinzessinnen zeigten, erschrak sie
und erkannte ihre eigenen Kinder nicht und eilte

davon. Nur ganz selten hielt sie still und griff nach

den Kindern und fragte nach deren Namen, doch

58
dann verwechselte sie diese und nannte die eine

Prinzessin mit dem Namen der anderen und lachte


laut auf.

So hatten denn die beiden Prinzessinnen ihren


Vater nie gesehen und wurden von ihrer Mutter
nicht erkannt. Und darum waren sie auch immer
allein und spielten im Park und jagten die Rehe
aus den Gebüschen auf oder schreckten die kleinen
Eichhörnchen auf den Bäumen. Die Diener und
Mägde ließen sie ohne Aufsicht und hatten ihnen
nur strenge verboten, hinunter an den See zu gehen.
Sie sagten, im See lebe eine böse Frau und sie

komme aus dem See heraus und hole sich die Kinder,
wenn diese an das Ufer treten. Aber trotzdem
führte die Neugier die beiden Prinzessinnen oft,

wenn die Diener es nicht sahen, ganz heimlich hin-


unter, und dann lachte der See und hatte die Augen
offen und sah den ganzen Himmel oben und die

Weiden am Ufer und die Schwalben und die Adler

über sich und auch die beiden Prinzessinnen, wenn


sie ganz nahe herantraten und über sein Ufer die
kleinen Köpfe neigten.
Die Namen der beiden Prinzessinnen waren Maria
und Martha. Obwohl die Mutter sie zur selben
Stunde geboren hatte, so war dennoch Maria schön
und Martha garstig. Und beide wußten es ganz

59
gut: Maria wußte, daß sie schön, und Martha, daß
sie garstig sei; denn sie hatten beide an hellen
Tagen oft ihr Bild im See gesehen. Aber Maria
und Martha sprachen nie davon, was sie im See
gesehen hatten, und liebten einander. Ja, Maria
und Martha liebten einander nicht nur deshalb,
weil sie Schwestern und immer allein waren und
ihren Vater nie gesehen hatten und von der eigenen
Mutter nicht erkannt wurden, sondern Maria liebte

Martha, weil Martha garstig, und Martha liebte


Maria, weil Maria schön war. Und niemals haben
die Diener im Schlosse oder die Gärtner im Park
oder die Fischer am See Maria ohne Martha und
Martha ohne Maria gesehen. Und wer Gott hätte
verstehen können, der würde gewußt haben, wie
gerade Gott es so wollte, daß Maria in Martha
und Martha in Maria sei, und wie Gottes Wunsch
Maria und Martha nie trennen würde. Nur der
Zauberer Klingsor wollte beide trennen, denn er
haßte Gott, und wartete nur auf den Augenblick,
und der Augenblick sollte für seine Bosheit bald
kommen, denn ohne den Augenblick konnte auch
Klingsor nichts machen.
Jahre sind dahingegangen, die Herzogin war, ohne
ihre beiden Kinder erkannt zu haben, gestorben,

und Maria und Martha waren groß geworden; da

60
kamen eines Tages aus der Stadt des Königs Boten
und verkündeten: der Augenblick sei da, daß der
Königssohn um eine Prinzessin werbe. Alle Prin-

zessinnen aus dem ganzen Lande des Königs sollten


sich mit Rosen wie Bräute schmücken und zu dem
Feste kommen, auf dem der König die Hochzeit
seines Sohnes feiere. Und der Prinzessin, die er

unter vielen wähle, werde der Königssohn den


Schleier seiner Mutter reichen, und sie werde fortan
die Gemahlin des Königssohnes und nach dem
Tode des Königs dem ganzen Lande Königin sein.

Auch Maria und Martha sollten sich wie Bräute


mit Rosen schmücken und am Tage der Hochzeit
vor den Königssohn treten.
Dieselbe Botschaft ward in allen Schlössern und
Burgen der Herzoge und Prinzen des ganzen
Reiches verkündet, und sie kam auch zu Klingsor,
der alles hört. Da lachte der Zauberer laut auf,

jetzt war der Augenblick da, auf den seine Bosheit


seit dem Tode des Herzogs gewartet hatte. Ich

habe euch schon gesagt, daß die Leute von Klingsor


erzählten, er verstünde Wasser in das Feuer zu
gießen, ohne dieses zu löschen, und er wüßte die

Wahrheit und den Irrtum so zu mischen, daß nur,


wer Klingsor tötet, den Irrtum wieder von der
Wahrheit trenne. Und so mischte er auch diesmal

6i
die Wahrheit und den Irrtum und nahm Feuer
und Wasser und machte aus beiden zwei Spiegel
der Wahrheit und des Irrtums, und beide Spiegel
hatten die Tugend, jedem, der in sie blicke, das
zu zeigen, was er nicht ist, und also den Guten
böse und den Bösen gut zu machen. Und an dem
Tage, bevor Maria und Martha, wie Bräute mit
Rosen geschmückt, zur Hochzeit des Königssohnes
ziehen sollten, ließ durch zwei seiner vielen un-
sichtbaren Diener, welche durch die Fenster, ohne
sie zu öffnen, wie Licht und Finsternis dringen
und scheiden, Klingsor die zwei Spiegel der Wahr-
heit und des Irrtums, den einen in die Schlaf-

kammer Marias und den anderen in die Schlaf-


kammer Marthas tragen. Als nun Maria am Morgen
des Festes, als Braut geschmückt, vor den Spiegel

der Wahrheit und des Irrtums trat, da sah sie, die

schön war, daß sie garstig sei; und als im selben


Augenblicke Martha, als Braut geschmückt, vor den
Spiegel der Wahrheit und des Irrtums trat, da sah
sie, die garstig war, daß sie schön sei. Und Maria
und Martha erschraken und wollten den Spiegeln
nicht glauben und die Spiegel zerschlagen, und
Maria wollte es Martha und Martha wollte es Maria
sagen, daß sie dem Spiegel nicht glauben und den
Spiegel zerschlagen werde. Doch da Maria zu

62
Martha redete: „Was hast du Heimhches vor mir,
Martha?" da antwortete Martha ganz schnell: ,,Ich

habe nichts Heimhches vor dir, Maria!" und sah zu


Boden. Und da Martha zu Maria redete: ,, Was ver-
birgst du vor mir, Maria?" da sah Maria zu Boden
und antwortete: ,,Ich verberge nichts vor dir,

Martha!" Denn ohne daß Maria sie sah, war die

Scham zu ihr gekommen und bheb bei ihr Tag und


Nacht; und ohne daß Martha ihn sah, war der Neid
zu ihr gekommen und bheb bei ihr Tag und Nacht.
Und während viele Prinzessinnen des ganzen König-
reiches, wie Bräute mit Rosen geschmückt, vor den
Königssohn traten und der Königssohn der Braut,
die er unter vielen gewählt hatte, vor allem Volk
den Schleier seiner Mutter reichte, saßen Maria
und Martha vergessen in ihren Schlaf kammern vor
den Spiegeln der Wahrheit und des Irrtums; und
neben Maria stand unsichtbar die Scham, und Maria
sah im Spiegel der Wahrheit und des Irrtums, daß
sie garstig war; und neben Martha stand unsicht-
bar der Neid, und Martha sah im Spiegel der Wahr-
heit und des Irrtums, daß sie schön war. Und
Maria und Martha sprachen nie zueinander da-
von, was sie im Spiegel sahen, und Maria und
Martha versteckten voreinander die Spiegel, und
ihre Blicke mieden einander. Es kamen wohl noch

63
Tage, da beide sich ihrer jungen Jahre erinnerten
und einander dann die Hand gaben, weil sie es
als Kinder getan hatten. Doch immer mischten
sich auch dann die Scham Marias und der Neid
Marthas, und wenn beide Schwestern zusammen
im Park gingen, so schritt jetzt ganz leise zwischen
Maria und Martha die Lüge, und die Lüge hielt

die Hand Marias in der Hand Marthas und sprach


kein Wort. Denn wie der Spiegel der Wahr-
heit und des Irrtums aus Feuer und Wasser, so
war auch die Lüge aus der Scham Marias und
dem Neid Marthas gemischt. Und so Maria und
Martha sich wieder trennten, da teilte sich auch
lautlos die Lüge und; die Scham führte Maria heim-

lich herunter zum See und sprach in sie viele

Worte hinein, wie der Sturm in den See spricht,


und Maria sah im See nicht, daß sie schön sei;

und der Neid führte heimlich Martha herunter


zum See und sprach in Martha viele Worte hin-
ein, wie der Sturm in den See spricht, und Martha
sah im See nicht, daß sie garstig sei. Und so

ließ die Scham nicht mehr von Maria und schlief

mit Maria, und der Neid ließ nicht mehr von Martha
und wachte mit Martha; und Maria und Martha
lebten noch lange, bevor sie einander sagen konn-
ten, was jede im Spiegel der Wahrheit und des

64
Irrtums gesehen hatte; denn die Lüge lebte ja mit

ihnen und wachte, und wenn Maria und Martha


die Wahrheit sagen sollten, so nahm die Lüge ihnen

die Worte weg und warf diese in den Wind.

Erst als viele Jahre, eines nach dem andern, und


viele Stunden, eine nach der andern, weg waren,

wie große und kleine Vögel über den See und die

großen Wälder weggeflogen waren dorthin, wohin


Maria und Martha nicht mehr blickten, und Maria
und Martha beiden nur mehr noch die letzte kleine

Stunde zurückblieb und auch diese letzte kleine

Stunde weg wollte, da trat vor Maria und Martha


ein Jüngling, der schön und stark war und einen
Mantel von Gold und Purpur hatte, wie ein Königs-
sohn, und Maria und Martha erkannten gleich den
Tod. Und Maria und Martha errieten auch, daß

Gott den Tod wie ein König seinen Sohn zu ihnen


gesandt hätte. Und der Tod sagte leise zu Maria,
was Martha im Spiegel der Wahrheit und des
Irrtums gesehen hatte; und der Tod sagte leise zu
Martha, was Maria im Spiegel der Wahrheit und
des Irrtums gesehen hatte; und Maria und Martha
verstanden den Tod und vergaßen die Scham und
den Neid, und umarmten stumm einander und waren
wie zwei Kinder und wußten alles. Und der Tod
hob Maria und Martha in seine Arme und küßte

65
sie, die Flügel des Todes flammten durch die blaue
Nacht wie ein großes Feuer, und der Tod trug
Maria und Martha durch die blaue Nacht hinauf,
an den großen und kleinen Sternen vorbei, zu Gott;
denn Gott wollte Maria und Martha nicht trennen,
denn Gott hatte Maria und Martha nie getrennt.
Jetzt blieben die Scham Marias und der Neid Marthas

allein im Schloß zurück, und die Scham und der


Neid mischten sich zur Lüge, und die Lüge ging
aus dem Schlosse heraus durch den Park hinunter
zum See und warf sich in den See. Obwohl die
ganze Nacht still war und kein Sturm wehte — denn
im Sturm kann ja die Lüge nicht gehen — , so
fuhren doch alle Wellen, eine nach der andern,
erschrocken auf, da die Lüge sich in den See warf;
und eine Welle stritt mit der anderen um den Leib
der Lüge, und eine Welle wollte der anderen den
Leib der Lüge rauben, und die Wellen rissen den
Leib der Lüge in Stücke, und jede Welle schluckte
und fraß ein Stück vom Leib der Lüge. Die Fischer
in ihren Hütten wunderten sich, da sie den See so
toben hörten; denn es blies kein Sturm, und die
Nacht war still, und alle großen und kleinen Sterne
waren am Himmel. Erst als am Morgen die Sonne
über den See kam, da war die Lüge ganz von den
Wellen zerrissen, und der See war satt und still

66
und lachte und sah den ganzen Himmel oben und
die Weiden und die Schwalben und die Adler, die

über ihm kreisten.

67
INHALT
Empedokles 5

Die Seele 10
Die Mutter 13
Der Träumer 15
Die Sünde (Eine Moralität) 25
Die Geliebte des Dichters 31
Der Mensch und der Spiegel 32
Das Glück und die Vollkommenheit ... 3 5

Das Ärgernis 41
Der Bajazzo 46
Der Gaukler 55
Maria und Martha (Eine Allegorie) .... 57
Druck von Fr. Richter in Leipzig.
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