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09.07.

2010 / Schwerpunkt / Seite 3Inhalt

»Israel soll Völkerrecht einhalten«


Palästinenser bekommen Unterstützung aus Südafrika.
Ein Gespräch mit Hazem Jamjoun
Interview: Karin Leukefeld

Der Palästinenser Hazem Jamjoun (28) studierte in Kanada Internationale Beziehungen und Völkerrecht.
Heute arbeitet er im Badil-Forschungszentrum in Bethlehem für die Rechte palästinensischer Flüchtlinge
(www.badil.org). Das Instititut gehörte zu den Gründungsorganisationen der BDS-Kampagne »Boykott,
Entzug von Investitionen und Sanktionen« gegen Israel

Seit fünf Jahren läuft die sogenannte BDS-Kampagne. Gibt es Erfolge?

Für so eine junge und kleine Kampagne, die viele verschiedene Hindernisse überwinden muß,
ist sie sehr erfolgreich. Der Aufruf der palästinensischen Zivilgesellschaft will Unterstützung
bei der Isolierung des israelischen Apartheidregimes, bis es das Völkerrecht einhält.

Welche Maßstäbe werden dafür genannt?

Erstens muß Israel die Besatzung der Westbank, der Golan-Höhen und des südlichen Libanon
beenden. Zweitens muß es den palästinensischen Bürgern Israels Gleichberechtigung geben,
und drittens muß es die Rechte der palästinensischen Flüchtlinge einhalten, insbesondere ihr
Recht auf Rückkehr.

Die Kampagne richtet sich gegen Israel als »Apartheidregime«. Inwiefern ist Israel mit
Südafrika zu vergleichen?

Natürlich ist die Situation in Palästina heute und Südafrika damals nicht identisch, aber es gibt
starke Parallelen. Südafrika und Israel waren strategische Partner. Sie haben sich gegenseitig
beim Ausbau ihres Atomprogramms geholfen, und Israel hat Südafrika geholfen, den Boykott
damals zu umgehen. Südafrika konnte seine Produkte nach Israel exportieren, von wo sie
wiederum als »israelische« Produkte weiter exportiert wurden. Die strategische Partnerschaft
setzt sich leider fort, zum Beispiel im Diamantenhandel.

Südafrikanische Aktivisten, die uns besucht haben, sagen, daß die Situation in Palästina heute
schlimmer sei als bei ihnen damals. Nicht, um die Apartheid in Südafrika herunterzuspielen,
sondern weil sie Apartheid kennen und sich persönlich verpflichtet fühlen, sie auch bei uns zu
beenden.

Der südafrikanische Gewerkschaftsdachverband COSATU hat unsere Kampagne von Anfang


an unterstützt. Das ist eine sehr wichtige moralische Hilfe, die sich auf allen
gesellschaftlichen Ebenen fortsetzt.

Inzwischen gibt es international viel Unterstützung für die BDS-Kampagne, nur in


Deutschland tut man sich schwer.
Es ist ganz klar historisch begründet. Die Angriffe der Nazis gegen Juden in Deutschland
begannen mit dem Boykott ihrer Geschäfte und Unternehmen. Es ist also einfach, Parallelen
zwischen dem, was damals in Deutschland geschah und einem Boykott von Israel zu ziehen.
Die Gründung des Staates Israel bedeutet für die Deutschen eine Art Wiedergutmachung für
das jüdische Volk. Und mit der Begründung wird auch der ständige Bruch des Völkerrechts
scheinbar akzeptiert. Das Dumme ist nur, daß die Geschichte damit auf den Kopf gestellt
wird. Nach dem Holocaust hieß es »Nie wieder«. Doch wenn Deutschland Israel weiter
unterstützt, gilt dieses »Nie wieder« nur für Juden und nicht für Palästinenser oder andere, die
der Brutalität Israels ausgesetzt sind.

Wie reagiert Israel auf die Kampagne?

In der englischsprachigen Presse versuchen sie, die Erfolge herunterzuspielen, um Investoren


und Handelspartner nicht zu verlieren. Die hebräischsprachige Presse ist da viel ehrlicher.
Inzwischen geht Israel immer gewalttätiger gegen den unbewaffneten Volkswiderstand vor.
Sie verhaften Aktivisten, bedrohen und foltern sie. Jetzt wird ein neues Gesetz vorbereitet, mit
dem Israel gezielt gegen BDS-Unterstützer vorgehen kann, egal ob sie aus den besetzten
Gebieten kommen, aus Israel oder aus dem Ausland.

Quelle:

http://www.jungewelt.de/2010/07-09/020.php