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Lehrstuhl für Hochfrequenztechnik

Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik


Technische Universität München

Prof. Dr.-Ing. Thomas Eibert

Elektromagnetische Feldtheorie

Vorlesungsskript

Wintersemester 2019/2020

Dieses Vorlesungsskript ist weitgehend parallel zu den langjährigen Vorlesungen von


Prof. Dr. Gerhard Wachutka entstanden. Wir danken Professor Wachutka für sein großes
Engagement für die elektromagnetische Feldtheorie und vor allem auch dafür, dass wir
dieses Skript weiter nutzen und auch neuen Begebenheiten anpassen dürfen.
3

Vorwort

Elektromagnetische Phänomene sind die Grundlage der Elektrotechnik und Informa-


tionstechnik. Ihr Verständnis und ihre Beherrschung sind essentiell für die sinnvolle
Nutzung dieser Erscheinungen sowie vor allem auch für die Entwicklung von neuen
technischen Anwendungen. In vielen Fällen nutzen wir in der Elektrotechnik und Infor-
mationstechnik abstrahierte Beschreibungsweisen für elektromagnetische Phänomene in
Form von konzentrierten Bauteilbeschreibungen, in Form von Netzwerken und Leitun-
gen oder sogar in Form von Blockschaltbildern. Um die Anwendbarkeit und auch die
Grenzen solcher Beschreibungsweisen sinnvoll einschätzen zu können, ist es erforderlich,
ihren Bezug zur elektromagnetischen Feldtheorie zu verstehen. Wenn die Abmessungen
von einzelnen Bauteilen und Komponenten im Bereich der Wellenlänge der elektroma-
gnetischen Signale oder darüber liegen, so müssen Wellenausbreitungseffekte in die Be-
trachtungsweise mit aufgenommen werden. Dies kann sogar bei so niedrigen Frequenzen
wie 50 Hz erforderlich sein, wenn z.B. Schaltvorgänge im Energieversorgungsnetz auftre-
ten oder hunderte von Kilometern lange Energieversorgungsleitungssysteme auszulegen
sind. Bei integrierten Schaltkreisen, die bei immer höheren Frequenzen betrieben wer-
den, entscheidet die Berücksichtigung und gewinnbringende Nutzung von Welleneffekten
immer mehr über ein erfolgreiches Design. Um abstrahierte Beschreibungsweisen herlei-
ten zu können, ist es erforderlich, einzelne Komponenten im Detail feldtheoretisch zu
behandeln. Immer mehr wird es dabei auch wichtig, z.B. im Bereich der Erforschung
neuartiger Sensoren, die elektromagnetische Theorie auch mit angrenzenden Diszipli-
nen der Physik, Chemie, Biologie und Medizin zu verknüpfen. Ureigene Domäne der
elektromagnetischen Feldtheorie ist die Wellenausbreitung in Funkanwendungen für die
Kommunikation und die Radartechnik.

Die Grundlage für die Beschreibung von elektromagnetischen Erscheinungen sind die
Maxwellschen Gleichungen. Diese werden im Folgenden — unserer Erfahrung entspre-
chend — axiomatisch an den Anfang gestellt. Darauf aufbauend werden wichtige Eigen-
schaften von elektromagnetischen Feldern und Wellen sowie verschiedene Lösungsver-
fahren für die Maxwellschen Gleichungen und daraus abgeleitete Beschreibungsweisen
eingeführt und diskutiert.
Inhaltsverzeichnis 5

Inhaltsverzeichnis

1 Klassische Kontinuumstheorie des Elektromagnetismus 9


1.1 Maxwellsche Gleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.2 Energie von elektromagnetischen Feldern . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.2.1 Elektrische Energiedichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
1.2.2 Magnetische Energiedichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
1.2.3 Allgemeine Bilanzgleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
1.2.4 Energiebilanz des elektromagnetischen Feldes, Poynting-Vektor . . 21
1.3 Potentialdarstellung des elektromagnetischen Feldes . . . . . . . . . . . . 23
1.3.1 Elektromagnetisches Vektor- und Skalarpotential . . . . . . . . . 23
1.3.2 Maxwellsche Gleichungen in Potentialdarstellung . . . . . . . . . 25
1.4 Feldverhalten an Materialgrenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28
1.4.1 Grenzflächenbedingung für die normalen Feldkomponenten . . . . 28
1.4.2 Grenzflächenbedingungen für die tangentialen Feldkomponenten . 31
1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
1.5.1 Das RWP der Elektrostatik: Rand- und Grenzflächenbedingungen 35
1.5.2 Klassifikation der Potential-Randwertprobleme . . . . . . . . . . . 38
1.5.2.1 Dirichletsches Randwertproblem . . . . . . . . . . . . . 39
1.5.2.2 Neumannsches Randwertproblem . . . . . . . . . . . . . 40
1.5.2.3 Gemischtes Randwertproblem (Randbedingung dritter Art) 42
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung . . . . . . 46
1.5.3.1 Orthogonalreihenentwicklung nach Eigenfunktionen des
Laplace-Operators . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46
1.5.3.2 Lösung mittels Greenfunktion . . . . . . . . . . . . . . . 49
1.5.3.3 Orthogonalreihenentwicklung nach Lösungen der Laplace-
Gleichung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
1.5.3.4 Konstruktion der Greenfunktion mit Hilfe der Spiegel-
ladungsmethode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
1.5.3.5 Multipolentwicklung des Potentials im freien Raum . . . 67
1.5.4 Stationäre elektrische Strömungen und das zugehörige Randwert-
problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
1.5.4.1 Bilanz- und Transportgleichungen für elektrische Strö-
mungsverteilungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
1.5.4.2 Stationäre Strömungsfelder im Drift-Diffusions-Modell . 71
1.5.4.3 Stationäre Strömungsfelder im Ohmschen Transportmodell 71
1.5.4.4 Randwertproblem für stationäre Ohmsche Strömungsfelder 72
1.5.5 Korrespondenz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73
6 Inhaltsverzeichnis

2 Modellierung elektromagnetischer Vorgänge in technischen Systemen mit


Kompaktmodellen 77
2.1 Flusserhaltende Diskretisierung mit Kirchhoffschen Netzwerken . . . . . . 77
2.1.1 Generelle Modellannahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 77
2.1.2 Feldtheoretische Beschreibung der Quasistationarität . . . . . . . 78
2.1.3 Synthese von Netzwerkmodellen aus funktionalen Blöcken . . . . 79
2.1.3.1 Funktionale Blöcke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
2.1.3.2 Erstellung eines Kirchhoffschen Netzwerkes . . . . . . . 81
2.1.3.3 Kirchhoffsche Knotenregel . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
2.1.3.4 Kirchhoffsche Maschenregel . . . . . . . . . . . . . . . . 84
2.2 Kapazitive Speicherelemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.2.1 Mehrelektroden-Kondensatoranordnungen (Geometrie und Rand-
wertproblem) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85
2.2.2 Maxwellsche Kapazitätsmatrix . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
2.2.2.1 Beziehung zwischen Elektrodenladungen und -potentialen 87
2.2.2.2 Darstellung der gespeicherten elektrischen Energie . . . 88
2.2.2.3 Teilkapazitätskoeffizienten . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
2.3 Induktive Speicherelemente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
2.3.1 Spulenanordnungen (Geometrie und Topologie) . . . . . . . . . . 94
2.3.2 Induktionskoeffizienten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
2.3.3 Zusammenhang mit der magnetischen Feldenergie . . . . . . . . . 99
2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.4.1 Grundlegende Begriffe der Wechselstromlehre . . . . . . . . . . . 102
2.4.1.1 Wechselspannungsgenerator . . . . . . . . . . . . . . . . 102
2.4.1.2 Zeigerdarstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen . . . . . . . 109
2.4.2.1 Lineare Wechselstrom-Bauelemente . . . . . . . . . . . . 109
2.4.2.2 Elementare Beispiele für lineare Wechselstrombauelemente111
2.4.2.3 Kirchhoffsche Regeln für Wechselstromschaltungen . . . 114
2.4.2.4 Einfache Grundschaltungen aus R, L, C . . . . . . . . . 116
2.4.2.5 Zusammenfassung zur Wechselstromrechnung . . . . . . 122
2.4.3 Leistung und Effektivwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
2.4.3.1 Momentane Leistung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123
2.4.3.2 Effektivwerte, Wirkleistung . . . . . . . . . . . . . . . . 124
2.4.3.3 Leistungsbilanz bei energiespeichernden Bauelementen . 127
2.4.3.4 Scheinleistung und Blindleistung . . . . . . . . . . . . . 130

3 Elektromagnetische Wellen in homogenen Medien 135


3.1 Grundlegende Aspekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
3.1.1 Modellannahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
3.1.2 Differentialgleichungen für Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136
3.1.3 Wellengleichung für das elektromagnetische Viererpotential . . . . 138
3.1.4 Physikalischer Mechanismus der elektromagnetischen Wellenaus-
breitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
3.2 Homogene Wellengleichung in einer Raumdimension . . . . . . . . . . . . 140
3.2.1 Vereinfachende Modellannahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
3.2.2 Grundlösungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
Inhaltsverzeichnis 7

3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . 144


3.3.1 Grundlösungen der vektoriellen Wellengleichung in R3 . . . . . . . 144
3.3.2 Ebene elektromagnetische Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147
3.3.3 Energiedichte und Leistungsfluss ebener EM-Wellen . . . . . . . . 149
3.3.4 Harmonische ebene elektromagnetische Wellen im 3D-Raum . . . 151
3.3.4.1 Linear polarisierte harmonische elektromagnetische Wellen151
3.3.4.2 Elliptisch polarisierte harmonische elektromagnetische Wel-
len . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 152
3.3.4.3 Komplexe Darstellung harmonischer elektromagnetischer
Wellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 153
3.3.5 Darstellung beliebiger EM-Wellen durch harmonische ebene Wellen 154
3.3.6 Grundgleichungen in Fourierdarstellung . . . . . . . . . . . . . . . 156
3.3.7 Räumlich gedämpfte ebene elektromagnetische Wellen in Leitern . 159
3.4 Einfall ebener elektromagnetischer Wellen auf ebene Materialgrenzschichten162
3.5 Abstrahlung elektromagnetischer Wellen im freien Raum — Antennen . . 167
3.6 Elektromagnetische Wellenleiter und Leitungen . . . . . . . . . . . . . . 171
9

1 Klassische Kontinuumstheorie des


Elektromagnetismus in materiellen
Medien

1.1 Maxwellsche Gleichungen

Die Grundgleichungen des Elektromagnetismus lassen sich in einem konsistenten Sys-


tem partieller Differentialgleichungen zusammenfassen. Diese werden als „Maxwellsche
Gleichungen“ bezeichnet und lauten
~ r, t) =
div D(~ ρ(~r, t) , (1.1)
~ r, t)
∂ B(~
~ r, t) = −
rot E(~ , (1.2)
∂t
~ r, t) = 0 ,
div B(~ (1.3)
~
~ r, t) = ~j(~r, t) + ∂ D(~r, t) .
rot H(~ (1.4)
∂t

D~ ist hierbei die dielektrische Verschiebungsdichte in As/m2 , ρ is die elektrische Raum-


ladungsdichte in As/m3 , E ~ is das elektrische Feld (Feldstärke) in V/m, B
~ ist die magne-
2 ~
tische Flussdichte in Vs/m , H is das magnetische Feld (Feldstärke) in A/m und ~j ist
die elektrische (Volumen-)Stromdichte in A/m2 .

In Integralform lauten die Maxwellschen Gleichungen


ZZ ZZZ
~ r, t) · d~a =
# D(~ ρ(~r, t) dv , (1.5)
∂V V

~ r, t) · d~s = − ∂
Z ZZ
# E(~ ~ r, t) · d~a ,
B(~ (1.6)
∂t
∂A A
ZZ
~ r, t) · d~a = 0 ,
# B(~ (1.7)
∂V

~j(~r, t) · d~a + ∂
Z ZZ ZZ
~ r, t) · d~s =
# H(~ ~ r, t) · d~a ,
D(~ (1.8)
∂t
∂A A A

wobei ∂V die Berandung eines “beliebigen” Volumens V darstellt und ∂A die Berandung
10 1.1 Maxwellsche Gleichungen

einer “beliebigen” Fläche; beliebig insoweit, dass die entsprechenden Integralausdrücke


sauber definiert sind.

Im allgemeinen Fall hängen die eingeführten Feldgrößen von Ort ~r und von Zeit t ab. Im
Folgenden werden die Argumente im Hinblick auf eine bessere Übersichtlichkeit vielfach
weggelassen und nur von Fall zu Fall zur Verdeutlichung hingeschrieben.

Die Maxwellschen Gleichungen beschreiben Naturgesetze, die folgende physikalische


Aussagen beinhalten:

• Elektrische Felder werden erzeugt

– von einer elektrischen Ladungsverteilung ρ


(quasi-statisch, Gl. (1.1))

~
∂B
– oder durch ein schnell zeitveränderliches Magnetfeld
∂t
(magnetische Induktion, Gl. (1.2))

• Magnetische Felder werden erzeugt

– durch eine elektrische Stromverteilung ~j


(quasi-statisch, Gl. (1.4))

~
∂D
– oder durch ein schnell zeitveränderliches elektrisches Feld
∂t
(Verschiebungsstrom =
ˆ „elektrische Induktion“, Gl.(1.4))

• Durch das Faradaysche Induktionsgesetz (1.2) und das Ampère-Maxwellsche Ge-


setz (1.4) werden das elektrische Feld und das magnetische Feld in ihrer Zeit-
und Ortsabhängigkeit eng miteinander verkoppelt. Man fasst daher E ~ und H~ als
~ ~
die beiden Komponenten einer einzigen physikalischen Feldgröße (E, H) auf, die
als „elektromagnetisches Feld“ bezeichnet wird. Nur im Falle rein statischer
~
∂B ∂D~
Felder, wenn = 0 und = 0 gilt, sind die „elektrische Welt“ und die „ma-
∂t ∂t
gnetische Welt“ entkoppelt, und nur dann macht es Sinn, das elektrische und das
magnetische Feld als unabhängige Feldgrößen zu behandeln.

Die Maxwellschen Gleichungen beschreiben elektromagnetische Felder aus makroskopi-


scher Sicht bzw. wir sagen auch, dass es sich dabei um eine Kontinuumstheorie handelt.
Auf atomarer Ebene oder im Bereich der Quantisierung müssen die Maxwellschen Glei-
chungen durch die entsprechende Quantenelektrodynamik ergänzt werden.

Als Naturgesetze oder Erfahrungssätze können die Maxwellschen Gleichungen axioma-


tisch an den Anfang unserer Betrachtungen gestellt werden und sind hier nicht weiter
zu beweisen.

Damit die Maxwellschen Gleichungen ein geschlossenes Differentialgleichungssystem für


11

~ H)
das elektromagnetische Feld (E, ~ ergeben, müssen sie noch um die sogenannten Ma-
terialgleichungen ergänzt werden. In ihrer einfachsten Form (linear, isotrop, zeitun-
abhängig) lauten diese

~ r, t) = ε(~r)E(~
D(~ ~ r, t) , (1.9)
~ r, ) = µ(~r)H(~
B(~ ~ r, t) , (1.10)
~ r, t) .
~j(~r, t) = σ(~r)E(~ (1.11)

Diese Gleichungen sind keine Naturgesetze, sondern phänomenologische Modellglei-


chungen mit einem beschränkten Gültigkeitsbereich, der sich aus den zugrundeliegen-
den Modellannahmen ergibt (elektrisches Polarisationsmodell, Magnetisierungsmodell,
Ohmsches Driftmodell, usw.)

Das System (1.1) bis (1.4) zusammen mit (1.9) bis (1.11) ist auf einem Gebiet Ω ⊂ E3
(E3 : drei-dimensionaler euklidischer Raum) zu lösen. Mit
 entsprechender
 Substitution
~ ~
und Elimination kann z.B. ein geschlossenes System für E, H hergeleitet werden.

Nach Vorgabe von passend gewählten Randwerten auf ∂Ω und Anfangsbedingungen für
t = t0 sind hierdurch alle elektromagnetischen Vorgänge vollständig bestimmt.

1.2 Energie von elektromagnetischen Feldern

1.2.1 Elektrische Energiedichte

Die elektrische Energie Wel , die im elektrischen Feld einer diskreten Ladungsverteilung
(qi , ~ri )i=1, ..., N gespeichert ist, ist gleich der elektrischen Arbeit, die zum Aufbau dieser
Ladungsverteilung geleistet werden muss, indem die Ladungen q1 , q2 , . . . , qN sukzessive
aus dem Unendlichen an ihre Positionen ~r1 , ~r2 , . . . , ~rN gebracht werden. Um die k-te
Ladung qk im elektrischen Feld der bereits in Position gebrachten Ladungen q1 , . . . , qk−1
an die Stelle ~rk zu bewegen, muss die Arbeit

(k) 1 k−1
X qi
∆Wel = qk
4πε i=1 |~rk − ~ri |

geleistet werden.

Für die gesamte Arbeit ergibt sich somit


N N N
X (k) X 1 qk qi 1 1 X qk qi
Wel = ∆Wel = = . (1.12)
k=2 i<k 4πε |~rk − ~ri | 2 4πε i6=k |~rk − ~ri |
i,k=1 i,k=1

Die elektrische Energie, die im elektrischen Feld einer kontinuierlichen Ladungsverteilung


ρ(~r) gespeichert ist, lässt sich aus Gl. (1.12) dadurch ableiten, dass man ρ(~r) durch eine
12 1.2 Energie von elektromagnetischen Feldern

quasikontinuierliche, diskrete Ladungsverteilung (qi , ~ri )i=1, ..., N approximiert, welche für
N → ∞ gegen ρ(~r) konvergiert:

(qi , ~ri )i=1, ..., N → ρ(~r)

Hierbei wird qi um einen Punkt ~ri so „verschmiert“, dass die im Volumen dv um den
Punkt ~ri enthaltene Ladung dQi (~r) gleich qi ist und es gilt

qi = dQi (~ri ) = ρ(~ri ) dv .

Hieraus ergibt sich für N → ∞ die Substitutionsregel


N
X ZZZ
{. . . , ~ri , . . .} qi → {. . . , ~r, . . .} ρ(~r) dv ,
i=1 V

wobei das Gebiet V ⊂ E3 so gewählt wird, dass ρ(~r) außerhalb von V verschwindet.
Angewandt auf die Doppelsumme in Gl. (1.12) ergibt sich damit das Doppelintegral

1 ZZZ ZZZ ρ(~r)ρ(~r 0 )


Wel = 0
dv dv 0 . (1.13)
8πε |~r − ~r |
V V

Mit
1 ZZZ ρ(~r 0 )
Φ(~r) = 0
dv 0 (1.14)
4πε |~r − ~r |
V

können wir auch schreiben

1 ZZZ
Wel = Φ(~r)ρ(~r) dv . (1.15)
2
V

Die elektrische Energie wird nach Gl. (1.13) und oder auch nach Gl. (1.15) als Funktional
(als Integral über die räumliche Verteilung) der Feldquellen ρ(~r) dargestellt, also Wel =
Wel [ρ], wobei jedoch anzumerken ist, dass für die Herleitung der Ausdrücke Vakuum als
Lösungsgebiet angenommen wurde.

Eine Erweiterung der Betrachtungsweise für allgemeinere Potentialprobleme, die auch


Dieletrika enthalten können, gelingt durch eine differentielle Betrachtungsweise, wobei
~ r) und D(~
wir außerdem Wel direkt durch die Feldgrößen E(~ ~ r) selbst ausdrücken wollen.

Bringen wir ein differentielles Ladungselement δρ dv aus dem Unendlichen in ein vor-
handenes Potentialfeld Φ, so ändert sich die Energie gemäß Gl. (1.15) um
1.2.1 Elektrische Energiedichte 13

d(δWel ) = δρ(~r)Φ(~r) dv . (1.16)

Erfolgt die Einbringung einer verteilten — aber nach wie vor differentiellen — Ladungs-
menge δρ in das vorhandene Potentialfeld, so ändert sich die elektrische Energie um

ZZZ
δWel = δρ(~r)Φ(~r) dv . (1.17)
V

~ bzw. D
Nun können wir δWel durch die Feldgrößen E ~ ausdrücken:

~ gemäß
• δρ verursacht nach dem Gaußschen Gesetz eine Änderung δ D
~
div δ D = δρ.

~ genügt E
• E ~ = −∇Φ.

• δρ sei eingeschlossen in einer Kugel K = K(~0, R).

Damit folgt

ZZZ
δWel = ~ r) dv
Φ(~r) div δ D(~
K
ZZZ ZZ
=− grad Φ(~r) · δ D(~ ~ r) · d~a .
~ r) dv + # Φ(~r) δ D(~
| {z } | {z } | {z } |{z}
K
−E(~r) ∂K
1 1 ∼ R2
∼ ∼ 2
R R
Für R → ∞ erhält man damit
ZZZ
δWel = ~ · δD
E ~ dv . (1.18)
R3

Dieses Ergebnis lässt sich folgendermaßen interpretieren:

Wir nehmen an, das elektrische Feld trägt eine Energiedichte wel (~r) mit sich, aus der
sich die gesamte Feldenergie durch Integration berechnen lässt:
ZZZ
Wel = wel (~r) dv .
R3
14 1.2 Energie von elektromagnetischen Feldern

Für die differentielle Änderung der Gesamtenergie folgt dann


ZZZ
δWel = δwel (~r) dv .
R3

~ →
Nehmen wir weiter an, es gebe ein Materialgesetz D ~ D).
7 E( ~

Dann ergibt sich durch Vergleich mit Gl. (1.18)

~ · δD
δwel = E ~. (1.19)

Dies ist die lokale differentielle Änderung der Energiedichte des elektrischen Feldes und
~
ZD
wel = ~ D
E( ~ 0 ) · dD
~0 (1.20)
~0
| {z }
~ D-Raum
Wegintegral im E- ~

ist die (lokale) Energiedichte des elektrischen Feldes.

~ = εE,
Im Falle eines streng linearen Dielektrikums D ~ ε = const., ergibt sich durch
Integration
 
~
ZD ZDx ZDy ZDz
1~0 ~0 1 
wel = D · dD =  Dx0 dDx0 + Dy0 dDy0 + Dz0 dDz0 

ε ε
~0 0 0 0

1
= (D2 + Dy2 + Dz2 )
2ε x
das einfache Ergebnis
1 ~ 2 ε ~2 1 ~ ~
wel = D = E = E ·D (1.21)
2ε 2 2

1.2.2 Magnetische Energiedichte

Die magnetische Energie Wmag , die im Magnetfeld einer Stromverteilung gespeichert ist,
∂D~
kann wegen des Verschiebungsstroms im Ampèreschen Gesetz (1.4) nicht entkoppelt
∂t
~
von der elektrischen Energie im D-Feld betrachtet werden. Wir leiten daher die magne-
tische Energiedichte aus einer Leistungsbilanz für das gekoppelte elektromagnetische
~ H)
Feld (E, ~ her. Ausgangspunkt ist die externe Leistung, die dem elektromagnetischen
System zugeführt werden muss, um eine Stromverteilung aufzubauen und aufrechtzuer-
halten.
1.2.2 Magnetische Energiedichte 15

Wir betrachten zunächst diskrete Ladungen qk , die sich auf Bahnkurven ~rk (t) mit der
Geschwindigkeit ~vk (t) bewegen. Die zugeführte Leistung wird einer mechanischen Ener-
giequelle entnommen, die die Ladungen im elektromagnetischen Feld bewegt.

Die Zufuhr an elektromagnetischer Leistung beträgt


N
F~k (~rk ) · ~vk
X
Pelmag = −
k=1
N  
~ rk )+ ~vk × B(~
~ rk ) · ~vk
X
=− qk E(~
k=1 | {z }
0
N
~ rk ) (= − mechanische Leistung)
X
=− qk ~vk · E(~ (1.22)
k=1

Im Falle einer kontinuierlichen Stromverteilung ~j(~r) = ρ(~r)~v (~r) benutzen wir wieder die
Substitutionsregel

N
X ZZZ
{. . . , ~rk , . . .} qk → {. . . , ~r, . . .} ρ(~r) dv
k=1 V

und erhalten aus Gl. (1.22)

ZZZ
Pelmag = − ~ r) dv ,
ρ(~r)~v (~r) · E(~
V

woraus folgt ZZZ


Pelmag = − ~ r) dv .
~j(~r) · E(~ (1.23)
V

Bemerkung: Ist die Stromverteilung aus verschiedenen Trägersorten zusammengesetzt,


ergibt sich dasselbe Ergebnis.

~
Mit Hilfe des Ampèreschen Gesetzes rot H~ = ~j + ∂ D kann nun ~j aus Gl. (1.23) eliminiert
∂t
werden und Pelmag allein durch die Feldgrößen H/~ B~ und E/
~ D
~ dargestellt werden:

~
~ · ∂ D dv
ZZZ ZZZ
Pelmag = − ~ ·E
rot H ~ dv + E (1.24)
∂t
V V
| {z }
ZZZ
∂wel dWel
dv =
∂t dt
V
16 1.2 Energie von elektromagnetischen Feldern

dWel
ist die Änderung des rein elektrischen Energieinhalts. Demnach muss die zu be-
dt
dWmag
stimmende Änderung des magnetischen Energieinhalts enthalten sein im Term
dt
ZZZ
~ dv =!
~ ·E
ZZZ
∂wmag
− rot H dv + Energiefluss aus dem System durch ∂V
∂t
V V
| {z }
dWmag
dt

Für die weitere Umformung benötigen wir die Beziehung


~ × H)
div(E ~ = ∇ · (E
~ × H)
~

~ ·H
= (∇ × E) ~ − (∇ × H)
~ ·E
~

~
∂B
=− ~ − rot H
·H ~ ·E
~,
∂t
~
~ = − ∂ B benutzt wurde.
wobei das Induktionsgesetz rot E
∂t

Damit folgt unter Verwendung des Gaußschen Integralsatzes


ZZZ ZZZ ~
∂B ZZZ
− ~ ·E
rot H ~ dv = ~ dv +
·H ~ × H)
div(E ~ dv
∂t
V V V

~
~ · ∂ B dv +
ZZZ ZZ  
= H ~ ×H
E ~ · d~a .
∂t
V ∂V

Wählt man für das Gebiet V eine Kugel K(~0, R) um den Ursprung mit Radius R und
lässt R → ∞ gehen, so lässt sich mit Gl. (1.24) die zugeführte elektromagnetische
Leistung Pelmag als Summe von drei Termen darstellen:

ZZZ
∂D~ ZZZ
∂B~ ZZ
Pelmag = ~
E· dv + ~
H· dv + lim ~ × H)
(E ~ · d~a (1.25)
| {z∂t} ∂t R→∞
R3 R3 | {z } |~
r|=R
∂wel ∂wmag
|
∂t
{z } |
∂t
{z }
dWel dWmag
dt dt

dWel
Der erste Term ist nach Gl. (1.18) die Zeitableitung der elektrischen Feldenergie ,
dt
der analog dazu gebildete zweite Term ist als zeitliche Änderung der gesuchten ma-
1.2.2 Magnetische Energiedichte 17

dWmag
gnetischen Feldenergie zu interpretieren, und der dritte Term beschreibt den
dt
Leistungsfluss durch die Kugeloberfläche ∂K(~0, R) nach außen (vgl. Abs. 1.2.4) im Li-
mes R → ∞.

Er lässt sich folgendermaßen abschätzen:

Für lokalisierte Ladungen und Ströme gilt für das asymptotische Verhalten der erzeugten
Felder
~ ∼ 1 und |H|
|E| ~ ∼ 1
R n Rm
mit n = 2 und m = 3 im quasistatischen Fall und n = m = 1 im dynamischen Fall
(Wellenausbreitung, siehe Kap. 3). Die Oberfläche von ∂K(~0, R) wächst mit R2 ; daher
folgt

0 (quasistatischer Fall)




ZZ   

lim ~ ×H
E ~ · d~a =
R→∞ 

|~
r|=R 


 total abgestrahlte Leistung (dynamischer Fall)

Aus Gl. (1.25) lassen sich damit folgende Schlüsse ziehen:

Die differentielle Änderung der gesamten magnetischen Feldenergie beträgt


ZZZ
δWmag = ~ r) · δ B(~
H(~ ~ r) dv . (1.26)
R3

Die differentielle Änderung der Energiedichte des magnetischen Feldes ist


~ · δB
δwmag = H ~ (1.27)

woraus sich die Energiedichte des magnetischen Feldes ergibt als


~
ZB
wmag = ~ B
H( ~ 0 ) · dB
~0 (1.28)
~0
| {z }
~ B-Raum
Wegintegral im H- ~

~ = µH;
Im Falle eines streng linearen magnetisierbaren Materials mit B ~ µ = const.,
ergibt sich durch Integration
~
ZH
wmag = µ H ~2 = 1 H
~0 = µ H
~ 0· dH ~ = 1B
~ ·B ~2 (1.29)
2 2 2µ
~0
18 1.2 Energie von elektromagnetischen Feldern

1.2.3 Allgemeine Bilanzgleichung

Viele Gesetze der Physik lassen sich als Bilanzgleichung für eine extensive physikali-
sche Größe X formulieren. Dies ist eine Größe, die eine Volumendichte x(~r, t) dergestalt
besitzt, dass zu jedem beliebigen räumlichen Gebiet V ⊂ E3 (Kontrollvolumen) der in
V enthaltene Mengeninhalt X(V ) als Integral
ZZZ
X(V ) = x(~r, t) dv
V

bestimmt werden kann.

Beispiele für extensive Größen sind

Größe X Volumendichte x

Ladung Q Ladungsdichte ρel


Masse M Massendichte ρM
Teilchenzahl N Konzentration n
Energie W(el,mag) Energiedichte w(el,mag)

Die extensive Größe X besitze eine Stromdichte J~X (~r, t). Diese hat die Eigenschaft,
~ da das Skalarpro-
dass für eine gegebene differentielle, orientierte Kontrollfläche d~a = N
dukt J~X · d~a diejenige Menge der Größe X angibt, die pro Zeiteinheit die Kontrollfläche
in Normalenrichtung passiert.
Die aus einem Kontrollvolumen V durch seine geschlossene Oberfläche ∂V pro Zeitein-
heit nach außen strömende Menge der Größe X ist dann gegeben durch das Flussintegral
ZZ
J~X · d~a, siehe auch Abbildung 1.1.
∂V

Die extensive Größe X besitze eine Produktionsrate ΠX (~r, t), die angibt, welche Menge
der Größe X pro Volumeneinheit und Zeiteinheit erzeugt oder vernichtet wird. ΠX > 0
bedeutet Erzeugung, ΠX < 0 bedeutet Vernichtung von X.

Die im Volumen V enthaltene Menge X(V ) kann sich nur dadurch ändern, dass entweder
ein Zufluss (oder Abfluss) durch die Hüllfläche ∂V erfolgt, oder dass innerhalb von V
eine Erzeugung (oder Vernichtung) stattfindet.

Damit gilt die Bilanzgleichung in integraler Form

dX(V ) ZZ
~
ZZZ
= − JX · d~a + ΠX dv . (1.30)
dt
∂V V
1.2.3 Allgemeine Bilanzgleichung 19

r
da
V r
JX
r r
da = N da

¶V r
JX

Abbildung 1.1: Fluss der extensiven Größe X durch ein Kontrollvolumen

ZZ
Das negative Vorzeichen beim Flussintegral kommt daher, dass J~X · d~a > 0 einen
∂V
Netto-Abfluss bezeichnet, was einer Abnahme von X(V ) entspricht.

Die zeitliche Änderung von X(V ) lässt sich durch die Volumendichte x(~r, t) ausdrücken:

dX(V ) d ZZZ ZZZ


∂x
= x(~r, t) dv = (~r, t) dv
dt dt ∂t
V V

Eingesetzt in die integrale Bilanzgleichung (1.30) und unter Anwendung das Gaußschen
Integralsatzes auf das Flussintegral ergibt sich
ZZZ
∂x ZZZ
~
ZZZ
(~r, t) dv = − div JX (~r, t) dv + ΠX (~r, t) dv
∂t
V V V

für jedes beliebige Kontrollvolumen V .

Damit folgt die allgemeine Bilanzgleichung in differentieller Form:


∂x
= − div J~X + ΠX (1.31)
∂t

Wichtige Beispiele für Bilanzgleichungen im Bereich der Elektrodynamik sind:

• Ladungserhaltung:
20 1.2 Energie von elektromagnetischen Feldern

Mit (1.1) und (1.4) gilt

∂D~ ∂ρ
~ = div ~j +
0 ≡ div(rot H) div = div ~j + .
| {z∂t} ∂t
∂ ~ = ∂ρ
div D
∂t ∂t

Daraus folgt die Ladungserhaltungsgleichung (oder Ladungskontinuitätsgleichung):

∂ρ
0 = div ~j +
∂t
Die Ladungsgenerationsrate ΠQ verschwindet (ΠQ ≡ 0), weil elektrische Ladungen
weder erzeugt noch vernichtet werden können.

• Teilchenbilanz im Halbleiter:

Bezeichnen n und p die Teilchendichten der beweglichen Elektronen und Löcher


in einem Halbleiter und J~n und J~p die zugehörigen Teilchenstromdichten, so gilt

∂n
Elektronen: = − div J~n + Gn
∂t

∂p
Löcher: = − div J~p + Gp
∂t

Die Teilchen-Generations-Rekombinationsraten Gn und Gp sind im allgemeinen


nicht Null, weil durch Elektron-Loch-Paarbildung bzw. Rekombination die Zahl
der beweglichen Ladungsträger verändert werden kann. Die Ladungserhaltung wird
hierdurch nicht verletzt.

Energiebilanz für das elektromagnetische Feld:

Bezeichnet welmag = wel + wmag die Energiedichte des elektromagnetischen Fel-


des, J~elmag die zugehörige Leistungsflussdichte und Πelmag die dem Feld zugeführte
Leistungsdichte, so gilt
∂welmag
+ div J~elmag = Πelmag (1.32)
∂t
Im nächsten Abschnitt sollen nun die einzelnen Terme dieser Bilanzgleichung kon-
kret identifiziert und durch die Feldgrößen ausgedrückt werden.
1.2.4 Energiebilanz des elektromagnetischen Feldes, Poynting-Vektor 21

1.2.4 Energiebilanz des elektromagnetischen Feldes,


Poynting-Vektor

Die zeitliche Änderung der elektrischen und der magnetischen Energiedichte ist nach
Gl. (1.19) und (1.27) gegeben als

∂wel ~ ~
~ · ∂D
=E und
∂wmag ~ · ∂B .
=H (1.33)
∂t ∂t ∂t ∂t
Damit können wir wegen welmag = wel +wmag den ersten Term in der Energiebilanz (1.32)
~ D
durch E, ~ und H,
~ B~ ausdrücken.

Desweiteren ist nach Gl. (1.23) die dem elektromagnetischen Feld zugeführte Gesamt-
leistung ZZZ
Pelmag = − ~ dv
~j · E
V

woraus sich für die zugeführte Leistungsdichte


~
Πelmag = −~j · E (1.34)

ergibt (meist tatsächlich negativ, wenn das elektromagnetische Feld in einem Leiter die
~ > 0 abgibt).
Verlustleistungsdichte ~j · E

Damit lautet die Energiebilanz des elektromagnetischen Feldes (1.32) nunmehr in kon-
kreter Form
~ ~
E ~ · ∂ B + div J~elmag = −~j · E
~ · ∂D + H ~. (1.35)
∂t
| {z } | {z } ∂t
∂wel ∂wmag
∂t ∂t

Um die Leistungsflussdichte J~elmag zu identifizieren, berechnen wir unter Verwendung


des Induktionsgesetzes (1.2) und des Ampèreschen Gesetzes (1.4) den Ausdruck
 
~ ~
~ ·  ∂ D + ~j  .
~ · ∂B − E
 
~ ×H
div E ~ = rot E
~ ·H
~ −E
~ · rot H
~ = −H
∂t ∂t

Nach Umstellen der Terme erhält man


~ ~
~ · ∂D + H~ · ∂ B + div E
 
E ~ ×H
~ = −~j · E
~ . (1.36)
∂t ∂t | {z }
Πelmag
| {z }
∂welmag
∂t
Der Vergleich mit Gl. (1.35) legt nahe, den Poynting-Vektor

~ := E
S ~ ×H
~ (1.37)
22 1.2 Energie von elektromagnetischen Feldern

mit der elektromagnetischen Leistungsflussdichte zu identifizieren.

Streng genommen kann man aber aus der Gleichheit div J~elmag = div(E ~ × H)
~ nur folgern,
dass J~elmag und S
~ bis auf ein additives quellenfreies Vektorfeld S
~0 übereinstimmen:

J~elmag = E
~ ×H
~ +S
~0 ~0 = 0
mit div S (1.38)

~ =E
Ein illustratives Beispiel liefert der Fall, wenn ein elektrostatisches Feld (z.B. E ~0 =
const.) und ein magnetostatisches Feld (z.B. H ~ = H ~ 0 = const.) von unabhängigen
Quellen (d.h. Ladungen und Strömen) erzeugt werden, also völlig entkoppelt sind. Dann
kann der Poynting-Vektor auf einen beliebigen konstanten Wert S ~ = E ~0 × H~ 0 6= 0
eingestellt werden, obwohl die Leistungsflussdichte J~elmag überall verschwindet.

Für die integrale und differentielle Energiebilanz ist dies allerdings völlig unerheblich,
denn
ZZ ZZZ ZZZ  
~ · d~a =
S ~ dv =
div S ~0 × H
div E ~ 0 dv = 0
∂V V V

für jedes Kontrollvolumen V .

Der Poynting-Vektor S ~=E ~ ×H~ kann dann als Leistungsflussdichte interpretiert werden,
~ ~
wenn E und H die miteinander gekoppelten Komponenten eines dynamischen elektro-
magnetischen Feldes bilden, das von einer dynamischen Quelle (z.B. Sendeantenne) er-
~
zeugt wird, bei der dieselben bewegten Ladungen sowohl das E-Feld ~
als auch das H-Feld
erzeugen. Dies ist typischerweise bei elektromagnetischen Wellen der Fall.
23

1.3 Potentialdarstellung des elektromagnetischen Feldes

1.3.1 Elektromagnetisches Vektor- und Skalarpotential

Definition und Eigenschaften des Vektorpotentials (allgemein)

• Ein auf einem Gebiet Ω ⊂ R3 definiertes Vektorfeld U ~ (~r) besitzt ein Vektorpoten-
tial V~ (~r), wenn es ein auf Ω differenzierbares Vektorfeld V~ (~r) gibt mit

~ (~r) = rot V~ (~r) .


U

• In diesem Falle gilt


~ = div(rot V~ ) = 0 in Ω .
div U
Kurzbeweis mit Nabla-Kalkül: div(rot V~ ) = ∇ · ∇ × V~ = 0.

• In „sternförmigen“ Gebieten Ω ⊂ R3 gilt auch die Umkehrung


(Satz von Poincaré):

U~ (~r) ist stetig differenzierbar in Ω mit ~ = 0 in Ω


div U
⇒ es existiert ein Vektorpotential V~ (~r) auf Ω mit ~ = rot V~ in Ω
U

• Das Vektorpotential ist bis auf ein additives Gradientenfeld eindeutig bestimmt;
denn hat man zwei Vektorpotentiale V~ und V~ 0 zu U
~ , so gilt

~ = rot V~ = rot V~ 0 ⇒ rot(V~ − V~ 0 ) = 0 in Ω .


U

Folglich ist V~ − V~ 0 ein Gradientenfeld, d.h. es existiert ein Skalarfeld χ(~r) auf
Ω mit V~ − V~ 0 = grad χ(~r).
Das heißt, alle Vektorpotentiale zu U~ = rot V~ haben die Form

V~ 0 = V~ − grad χ(~r) . (1.39)

Magnetisches Vektorpotential

Die Maxwellsche Gleichung (1.3) besagt

~ r, t) = 0
div B(~ in R3 × (−∞, ∞) .
24 1.3 Potentialdarstellung des elektromagnetischen Feldes

~ r, t)
Damit existiert nach dem Satz von Poincaré ein überall definiertes Vektorfeld A(~
mit
~ r, t) = rot A(~
B(~ ~ r, t) . (1.40)
~ heißt magnetisches Vektorpotential.
A

NB: A~ ist durch (1.40) nur bis auf ein additives Gradientenfeld eindeutig bestimmt: A
~
und A~ := A
0 ~ − ∇χ
~ liefern dasselbe B-Feld.
~ Diese als “Eichfreiheit” bezeichnete Eigen-
schaft wird benutzt, um das Vektorpotential zusätzliche “Eichbedingungen” erfüllen
zu lassen.

Skalares elektrisches Potential

Nach (1.2) gilt

~ ~
~ = − ∂ B (1.40)
rot E
∂ ~ = − rot ∂ A
= − rot A
∂t ∂t ∂t
~
~ + ∂A ) = 0 .
⇒ rot(E
∂t

~
~ + ∂ A ein Gradientenfeld; d.h. es existiert ein Skalarfeld Φ(~r, t) mit
Damit ist E
∂t
~
~ + ∂ A = − grad Φ .
E
∂t

Damit erhält man für das elektrische Feld die Darstellung


~
~ r, t) = − grad Φ(~r, t) − ∂ A (~r, t) .
E(~ (1.41)
∂t
Φ heißt elektrisches skalares Potential.
~ = − grad Φ aus der Elektrostatik
NB: (1.41) verallgemeinert die Potentialdarstellung E
auf den zeitabhängigen Fall.

Eichtransformation

Wird das Vektorpotential gemäß A ~ 0 := A


~ − ∇χ
~ „umgeeicht“, so muss auch das skalare
Potential transformiert werden, damit (1.41) gültig bleibt:

~0 ~ ~
!
0 ∂A ∂A ∂ ∂χ ∂A
∇Φ + = ∇Φ0 + − ∇χ = ∇ Φ0 − +
∂t ∂t ∂t ∂t ∂t

!
~
∂A
= ∇Φ + .
∂t
1.3.2 Maxwellsche Gleichungen in Potentialdarstellung 25

Daher muss für Φ0 gelten


∂χ !
Φ0 − = Φ + (const.)
∂t

Wir erhalten damit den folgenden Satz:

Die „umgeeichten“ elektromagnetischen Potentiale

A~ 0 (~r, t) = A(~
~ r, t) − ∇χ(~r, t) (1.42a)
∂χ
Φ0 (~r, t) = Φ(~r, t) + (~r, t) (1.42b)
∂t
liefern für beliebige Eichfunktionen χ(~r, t) dasselbe E- ~ und B-Feld
~ ~ und Φ.
wie A
Beweis: In (1.40) und (1.41) einsetzen.

1.3.2 Maxwellsche Gleichungen in Potentialdarstellung

 
~ sind die homogenen
Durch Einführen der elektromagnetischen Potentiale Φ, A
Maxwellgleichungen
~
~ = 0 und
div B ~ + ∂B = 0
rot E
∂t
identisch erfüllt.
 
Zur Berechnung von Φ, A ~ aus den gegebenen Quellen, der Ladungsverteilung ρ und
der Stromdichte ~j, werden die inhomogenen Maxwellgleichungen (1.1) und (1.4) benutzt.
Setzt man die Gültigkeit der linearen Materialgleichungen (1.9) und (1.10) voraus, so
erhält man durch Einsetzen des Potentialansatzes (1.40) und (1.41) in die inhomogenen
Maxwellgleichungen:

~ = − div (ε∇Φ) − ∂ div εA


   
~ = div εE
ρ = div D ~
∂t
 
~ ~
!
~ − ∂ D = rot 1 rot A
~j = rot H ~ + ∂ (ε∇Φ) + ∂ ε ∂ A 
∂t µ ∂t ∂t ∂t

Man hat nun ein


 4-komponentiges partielles Differentialgleichungssystem für die Unbe-
~
kannten Φ, A bei gegebenen Quellen ρ und ~j:

∂ ~ = −ρ
div(ε∇Φ) + div(εA) (1.43)
∂t
2~
! !
1 ~ + ε ∂ A + ε ∇ ∂Φ
rot rot A = ~j (1.44)
µ ∂t2 ∂t
26 1.3 Potentialdarstellung des elektromagnetischen Feldes

~ und Φ, indem man diese zu-


Ziel ist nun die Entkopplung dieser Gleichungen bezüglich A
sätzlichen „Eichbedingungen“ unterwirft, die durch eine passende Wahl der Eichfunktion
χ erfüllt werden.

Lorenzeichung

• Seien ε und µ (stückweise) räumlich konstant. Mit einer geeigneten Eichfunktion


χ lässt sich die Lorenzeichung

~ + εµ ∂Φ = 0
div A (1.45)
∂t
erfüllen.

~ aus (1.43) eliminieren, und man erhält für das skalare Potential
• Damit lässt sich A
Φ die Wellengleichung
∂ 2Φ ρ
∆Φ − εµ 2 = − . (1.46)
∂t ε

• Um auch Gl. (1.44) zu vereinfachen, berechnen wir


   
~ =∇× ∇×A
rot rot A ~ = ∇(div A)
~ − ∆A
~.

∂Φ
Weiterhin können wir mit Hilfe der Eichbedingung (1.45) die Größe aus (1.44)
∂t
eliminieren; man erhält so
2~
!
∇(div A) ~ + εµ ∂ A + ∇ εµ ∂Φ
~ − ∆A = ~jµ .
∂t2 ∂t
| {z }
~
−∇(div A)

~ die Wellengleichung
Daraus folgt nun auch für das Vektorpotential A
~
∂ 2A
~ − εµ
∆A = −µ~j . (1.47)
∂t2
Man hat somit eine vollständige Entkoppelung
  der Bestimmungsgleichungen für
~
die elektromagnetischen Potentiale Φ, A erreicht, die nun beide der strukturell
gleichen Differentialgleichung genügen. Dies spiegelt sich in folgender Kompakt-
schreibweise wieder:
   
2
∂ Φ ρ/ε
(∆ − εµ 2
) = − (1.48)
∂t
   
| {z } A~ µ~j
Wellenoperator

~ durch
• Drückt man in einem kartesischen Koordinatensystem das Vektorpotential A
1.3.2 Maxwellsche Gleichungen in Potentialdarstellung 27

seine kartesischen Komponenten (A1 , A2 , A3 )T aus, so kann man die vierkompo-



nentige Größe (Φ/c, A1 , A2 , A3 )T (mit c := 1/ εµ) bilden („Viererpotential“).

Zudem kann man ρ und ~j zu einer „Viererstromdichte“ (ρc, j1 , j2 , j3 )T zusammen-


fassen. Alle vier Komponenten des Viererpotentials bzw. Viererstroms haben die-
selbe physikalische Einheit (Vs/m bzw. A/m2 ) und werden in der Wellengleichung
(1.48) gleich behandelt. Jede Komponente des Viererstroms ist Quelle für die ent-
sprechende Komponente des Viererpotentials.

Diese 4-dimensionale Betrachtungsweise entspricht dem Vorgehen in der speziellen


Relativitätstheorie (4-dimensionale Raum-Zeit).

Coulombeichung

Diese Eichung zielt ab auf eine Zerlegung des elektrischen Feldes in eine quasistatische
und eine hochfrequente wellenartige Komponente.

• Seien ε, µ (stückweise) räumlich konstant. Mit einer passend gewählten Eichfunk-


tion χ lässt sich die Coulombeichung (oder optische Eichung)

~=0
div A (1.49)

erfüllen.

• Mit dieser Eichbedingung vereinfacht sich Gl. (1.43) zur Poissongleichung

div(ε∇Φ) = −ρ(~r, t) . (1.50)

Sie ist instantan bezüglich der Zeit t und sieht formal aus wie im elektrostatischen
Fall, obwohl Φ(~r, t) das dynamische elektrische Skalarpotential ist. Dieses folgt
dem zeitlichen Verlauf der felderzeugenden Ladung ρ(~r, t) ohne Verzögerung (ohne
„Retardierung“), kann also keine Wellenausbreitung beschreiben.

~ = 0 vereinfacht sich (1.44) zu


• Mit der Eichbedingung div A
2~
!
~ − εµ ∂ A = −µ ~j − ε ∂ (∇Φ) .
∆A (1.51)
∂t2 ∂t
| {z }
~jt

Dies ist eine Wellengleichung für das Vektorpotential A ~ mit der transversalen

Stromdichte ~jt := ~j − ε (grad Φ).
∂t
Diese ist divergenzfrei (zum Beweis bilde man die Divergenz von Gl. (1.44)). Sie
stellt also ein reines Wirbelfeld dar, zu dem neben der Stromdichte ~j auch die Zeita-
bleitung der Ladungsdichte ρ beiträgt, indem man die Lösung der Poissongleichung
(1.50) auf der rechten Seite von (1.51) einsetzt. Die Lösungen A ~ beschreiben die
wellenartige Ausbreitung des elektromagnetischen Feldes mit Retardierungseffekt.
28 1.4 Feldverhalten an Materialgrenzen

1.4 Feldverhalten an Materialgrenzen

Wir nehmen an, dass zwar in zusammenhängenden räumlichen Gebieten die linearen
Materialgesetze (1.9)-(1.11) stückweise gültig sind, dass aber die Materialkoeffizienten
ε, µ und σ entlang von Grenzflächen zwischen benachbarten Gebieten unstetig ihren
Wert ändern. Das elektrische und das magnetische Feld sind dann an diesen Grenzflä-
chen nicht differenzierbar und einzelne ihrer Komponenten sind nicht einmal mehr stetig.
Stattdessen gelten beim Übergang über eine Materialgrenze für die normalen und die
tangentialen Feldkomponenten gewisse Übergangsbedingungen, die im folgenden disku-
tiert werden.

1.4.1 Grenzflächenbedingung für die normalen Feldkomponenten

~ (~r) erfülle in benachbarten Gebieten Ω1 und Ω2 aus zwei verschiedenen


Das Vektorfeld U
Materialien
1 und 2 die Differentialgleichung
~ =γ
div U (1.52)

mit einer gewissen stetigen und beschränkten Volumendichte γ(~r).

~ = ρ oder div B
Beispiele hierfür sind div D ~ = 0.

An der Grenzfläche Σ zwischen den beiden Gebieten Ω1 und Ω2 existiere eine Grenz-
flächendichte ν(~r) der durch γ(~r) beschriebenen extensiven Größe (ist z.B. γ = ρ =
Raumladungsdichte, so ist ν = σ die Oberflächenladungsdichte). An der Grenzfläche
kann U~ nicht differenziert werden und deshalb kann Gl. (1.52) nicht verwendet werden.
Stattdessen gilt für ein Kontrollvolumen V , welches von der Grenzfläche Σ geschnitten
wird, V ∩ Σ 6= ∅ (vgl. Abb. 1.2), die integrale Beziehung
ZZ ZZZ ZZ
~ · d~a =
U γ dv + ν da . (1.53)
∂V V V ∩Σ

~ (~r0 ) die Oberflächeneinheitsnormale,


Für einen Punkt ~r0 ∈ Σ auf der Grenzfläche sei N
die vom Material 1 zum Material 2 zeigt. Z sei ein kleines zylinderförmiges Kon-
trollvolumen, dessen Stirnflächen A1 und A2 in den Gebieten Ω1 und Ω2 liegen, wobei
A1 und A2 kongruent zur Schnittfläche Σ ∩ Z gewählt sind (vgl. Abb. 1.3). Der Abstand
von A1 und A2 sei ∆h und entspricht der Höhe des Zylindermantels M .

Gl. (1.53) hat nun die spezielle Form


ZZ ZZ ZZ ZZ ZZ
~ · d~a +
U ~ · d~a +
U ~ · d~a =
U γ dv + ν da .
A1 A2 M Z Z∩Σ
1.4.1 Grenzflächenbedingung für die normalen Feldkomponenten 29

¶V

W2

V ÇS

W1

Abbildung 1.2: Grenzfläche Σ zwischen verschiedenen Materialbereichen und Kontroll-


volumen V zur Ableitung der Sprungbedingung

A2

r r
N (r0 )

S W2

Kontrollvolumen Z

A1
Dh

W1 r0 ÎS
r

Abbildung 1.3: Zylindrisches Kontrollvolumen


30 1.4 Feldverhalten an Materialgrenzen

Bezeichnet |A| den Flächeninhalt von Z ∩ Σ, so ist |A1 | = |A2 | = |A|.


ZZ ZZZ
Für ∆h → 0 verschwinden ~ · d~a und
U γ dv.
M Z

Die verbleibenden Integrale ergeben mit Hilfe des Mittelwertsatzes


 
lim ~ (~r) · N
−U ~ (~r0 ) |A| + lim U~ (~r) · N
~ (~r0 )|A| = ν(~r0 )|A|
r →~
~ r0 r →~
~ r 0
r ∈Ω1
~ r ∈Ω2
~

Mit der Definition


~j · N
U ~ (~r0 ) := lim U~ (~r) · N
~ (~r0 )
r →~
~ r0
r ∈Ωj
~

~ erhalten wir die gesuchte


für die einseitigen Grenzwerte der Normalkomponenten von U
Sprungbedingung
~2 · N
U ~ −U~1 · N
~ = ν auf Σ (1.54)
~ zeigt von
(N 1 nach
2 ).

~ an. Mit U
Wir wenden nun die obige Aussage auf die dielektrische Verschiebung D ~ =
~ γ = ρ =Raumladungsdichte, ν = σint = Grenzflächenladungsdichte lautet die Sprung-
D,
bedingung für D~

~2·N
D ~ −D ~1·N~ = σint auf Σ (1.55)
~ weist von
(N 1 nach 2 .)

Der Sprung in der Normalkomponente von D ~ längs Σ ist gleich der Grenzflächenladungs-
dichte σint auf Σ. Speziell gilt bei verschwindender Grenzflächenladungsdichte

Falls ~1·N
σint = 0 ⇒ D ~ =D~2·N ~ auf Σ (1.56)
~ ist stetig.”
“Normalkomponente von D
~ = 0. Es gibt weder eine
Die magnetische Induktion erfüllt überall die Bedingung div B
~ = B,
Volumendichte γ noch eine Grenzflächendichte ν, also U ~ γ = ν = 0.

~
Damit folgt als Sprungbedingung für B
~1 · N
B ~ =B
~2 · N
~ auf Σ (1.57)
~ ist stetig.”
“Normalkomponente von B
1.4.2 Grenzflächenbedingungen für die tangentialen Feldkomponenten 31

1.4.2 Grenzflächenbedingungen für die tangentialen


Feldkomponenten

~ (~r) erfülle in benachbarten Gebieten Ω1 und Ω2 aus verschiedenen


Das Vektorfeld U
Materialien
1 und 2 die Differentialgleichung

~ = J~ + V~
rot U (1.58)

mit einer stetigen Flussdichte J~ und einem beschränkten Vektorfeld V~ (~r).


~ ~
~ = ~j + ∂ D oder rot E
Beispiele hierfür sind rot H ~ = ~0 − ∂ B .
∂t ∂t
Auf der Grenzfläche Σ zwischen den beiden Gebieten Ω1 und Ω2 existiere eine Grenz-
flächenflussdichte ~ν (~r) der durch J~ beschriebenen extensiven Größe (ist z.B. J~ = ~j
die elektrische Stromdichte, so ist ~ν = ~i die elektrische Oberflächenstromdichte).
Diese Grenzflächenflussdichte ist ein Vektorfeld, das stets in der Tangentialebene von Σ
verläuft.

¶A

A r
n
W2

W1

åÇA

å
Abbildung 1.4: Grenzfläche Σ zwischen verschiedenen Materialbereichen und Kontroll-
fläche A zur Ableitung der Sprungbedingung.

An der Grenzfläche kann U ~ nicht differenziert werden und deshalb kann die differentielle
Formulierung (1.58) nicht verwendet werden. Stattdessen gilt für eine Kontrollfläche A
mit positiv orientierter Randkurve C = ∂A, welche die Grenzfläche Σ schneidet (vgl.
Abb. 1.4), die integrale Beziehung
Z ZZ ZZ Z
~ · d~s =
U J~ · d~a + V~ · d~a + ~ν · ~n ds (1.59)
∂A A A A∩Σ
32 1.4 Feldverhalten an Materialgrenzen

wobei ~n die orientierte Oberflächennormale von A bezeichnet ( d~a = ~n da) und ds das
differentielle Linienelement entlang der Schnittlinie von A mit Σ (d.h. der Kurve A ∩ Σ).
Für einen Punkt ~r0 ∈ Σ auf der Grenzfläche sei N ~ die vom Material
~ (~r0 ) = N 1 zum
Material 2 weisende Oberflächennormale und ~t(~r0 ) = ~t ein Tangentialvektor an Σ. Wir
betrachten nun eine kleine rechteckige Kontrollfläche A, die auf der Tangentialebene
senkrecht steht und ~r0 als Mittelpunkt hat (Abb. 1.5). Die beiden Kanten γ1 und γ3
haben die Kantenlänge ∆l und verlaufen parallel zu ~t in den Gebieten Ω2 und Ω1 , die
beiden Kanten γ2 und γ4 haben die Kantenlänge ∆b und verlaufen parallel zu N teilweise
in Ω1 und teilweise in Ω2 . Mit dem in Abb. 1.5 definierten Umlaufsinn hat das Rechteck
A die orientierte Oberflächennormale ~n = N ~ × ~t.

r
g 1 = t Dl
r Db
g 2 = - N Db

r 2
t r
N
r
r0

Dl r
g 4 = N Db
1 S

r
g 3 = -t Dl

Abbildung 1.5: Rechteckige Kontrollfläche senkrecht zur Grenzfläche Σ

Gl. (1.59) hat nun die spezielle Form


4 Z ZZ   Z
~ · d~s = J~ + V~
X
U · ~n da + ~ν · ~n ds .
i=1 γi A Σ∩A

Mit Hilfe des Mittelwertsatzes lassen sich die einzelnen Integrale wie folgt ausdrücken:
~ (~r1 ) · ~t∆l − U
U ~ (~r3 ) · ~t∆l + U~ (~r4 ) · N
~ ∆b − U
~ (~r2 ) · N
~ ∆b
 
= J(~ ~ r ∗ ) + V~ (~r ∗ ) · ~n∆l∆b + ~ν (~r ∗∗ ) · ~n∆l
0 0 0

wobei ~ri Stützpunkte auf γi und ~r ∗0 sowie ~r ∗∗


0 Stützpunkte auf A bzw. Σ ∩ A bezeichnen.
Im Limes ∆b → 0 verschwinden alle Terme proportional zu ∆b; nach Division durch ∆l
und anschließender Grenzwertbildung ∆l → 0 verbleiben die Terme
~ (~r) · ~t(~r0 ) − lim U
lim U ~ (~r) · ~t(~r0 ) = ~ν (~r0 ) · ~n(~r0 )
r →~
~ r0 r →~
~ r 0
r ∈Ω2
~ r ∈Ω1
~
1.4.2 Grenzflächenbedingungen für die tangentialen Feldkomponenten 33

Mit der Definition


~ j · ~t(~r0 ) := lim U
U ~ (~r) · ~t(~r0 )
r →~
~ r0
r ∈Ωj
~

~ erhalten wir schließlich


für die einseitigen Grenzwerte der Tangentialkomponenten von U
die gesuchte Sprungbedingung
~ 2 · ~t − U
U ~ 1 · ~t = ~ν · ~n auf Σ . (1.60)

Wir wollen die rechte Seite von Gl. (1.60) noch etwas vereinfachen.

~ × ~t gilt
Wegen ~n = N
   
~ × ~t = ~ν × N
~ν · ~n = ~ν · N ~ · ~t .

Damit lautet die Sprungbedingung


 
~ 2 · ~t − U
U ~ 1 · ~t = ~ν × N
~ · ~t (1.61)
für jeden Tangentialvektor ~t

Die in dieser Gleichung auszurechnende Projektion auf die Tangentialebene der Grenz-
fläche kann noch eleganter ausgedrückt werden.

Der Projektor auf die Tangentialebene lautet


~ =X
ΠX ~ − (N
~ · X)
~ ·N
~ = −N
~ × (N
~ × X)
~

(siehe Abb. 1.6).

r r rr
N N ( NX )

r
X
r
PX

Abbildung 1.6: Projektor auf die Grenzflächentangentialebene

Es gelten nun folgende Äquivalenzen:


~ · ~t = 0 für alle ~t⊥N
X ~ (d.h. für alle Tangentialvektoren)
 
~ =0 ⇔ N
⇔ ΠX ~ × N
~ ×X
~ =0 ⇔ N
~ ×X
~ = 0.
34 1.4 Feldverhalten an Materialgrenzen

  
~ ×X
Die letzte Äquivalenz gilt wegen −N ~ =N
~ × N
~ × N
~ ×X
~ .

Damit lässt sich Gl. (1.61) folgendermaßen umformen:

~ 2 · ~t − U
U ~ 1 · ~t = (~ν × N
~ ) · ~t ~
für alle ~t ⊥ N ⇔

~ ×U
~2 − N
~ ×U
~1 = N
~ × (~ν × N
~ ) = ~ν (N~ ·N ~ (N
~)−N ~ ν ) = ~ν .
N | {z } | {z· ~
}
1 0
Hierbei wird benutzt, dass die Grenzflächenflussdichte ~ν stets tangential zu Σ verläuft.
Damit erhalten wir nun die Sprungbedingung in der kompakten Formulierung

N~ ×U~2 − N~ ×U~ 1 = ~ν auf Σ (1.62)


(N~ zeigt von
1 nach 2 ).

~
~ = − ∂ B wenden wir nun obige Aussage auf das
Ausgehend vom Induktionsgesetz rot E
∂t
~
elektrische Feld E an.

~
Mit U ~ J~ = 0, V~ = − ∂ B und ~ν = 0 lautet die Sprungbedingung für E
~ = E, ~
∂t
~1 × N
E ~ =E ~2 × N ~ auf Σ (1.63)
~ 1 · ~t = E
bzw. E ~ 2 · ~t auf Σ
“Tangentialkomponente von E ~ ist stetig.”

~
Beim Magnetfeld H ~ = ~j + ∂ D aus und lassen
~ gehen wir vom Ampèreschen Gesetz rot H
∂t
die Existenz einer Grenzflächenstromdichte ~i zu.

~
Mit U ~ J~ = ~j, V~ = ∂ D und ~ν = ~i lautet die Sprungbedingung für H
~ = H, ~ dann
∂t

N~ ×H ~2 − N~ ×H~ 1 = ~i auf Σ (1.64)


(N~ zeigt von 1 nach 2 ).

Speziell gilt bei verschwindender Stromdichte ~i = 0


~1 × N
H ~ =H ~2 × N ~ auf Σ (1.65)
~ 1 · ~t = H
bzw. H ~ 2 · ~t auf Σ
“Tangentialkomponente von H ~ ist stetig.”
35

1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Mit Hilfe des elektrischen Potentials lässt sich die Berechnung elektrostatischer Felder
auf die Berechnung einer skalaren Feldgröße Φ(~r) zurückführen.
Im Falle der Coulomb-Eichung gilt dies sogar für das dynamische elektrische Skalarpo-
tential Φ(~r, t) (vgl. Gl. (1.50)).
Es ist daher zweckmäßig, sich mit einigen Grundtatsachen und Lösungsmethoden der
Potentialtheorie zu beschäftigen. Viele der diskutierten Methoden lassen sich auf die
Berechnung von beliebigen dynamischen Vektorfeldern übertragen bzw. erweitern.

1.5.1 Das Randwertproblem der Elektrostatik: Rand- und


Grenzflächenbedingungen

In einem dielektrischen Medium gelten im elektrostatischen Fall die Beziehungen D ~ =


~ E
εE, ~ = −∇Φ, div D ~ = ρ. Die elektrische Permittivität wird als eine positive (stück-
weise) differenzierbare Ortsfunktion ε(~r) angenommen. Setzt man diese Gleichungen
ineinander ein, so gelangt man zur Poissongleichung

div(ε(~r)∇Φ) = −ρ . (1.66)

Typischerweise ist diese partielle Differentialgleichung in einem Gebiet Ω ⊂ R3 zu lösen.


Für die Eindeutigkeit der Lösung müssen auf dem Rand ∂Ω Rand- bzw. Grenzflächen-
bedingungen formuliert werden.

In elektrisch leitenden Medien gilt bei elektrostatischen Problemstellungen die Forderung


~j = 0, und da bei ohmschen Leitern ~j = −σ∇Φ gilt, folgt hieraus

∇Φ = 0 .

Hieraus können wir schließen

Φ(~r) = const. auf Leitern . (1.67)

Grenzflächenbedingungen für das elektrische Potential an Materialgrenzen


Wenn zwei Gebiete Ω1 und Ω2 mit unterschiedlichen Materialeigenschaften (Permittivi-
tät ε1 6= ε2 bzw. Leitfähigkeit σ1 6= σ2 ) an einer gemeinsamen Grenzfläche Σ miteinander
~
verbunden sind (Abb. 1.7), muss die Tangentialkomponente des E-Feldes längs Σ stetig
sein:

~ 1 · ~t = E
E ~ 2 · ~t für jeden Tangentialvektor ~t (vgl. Gl.(1.63)).

Wegen E ~ = −∇Φ ist dann aber zu fordern, dass die Tangentialkomponente von ∇Φ
längs Σ stetig ist. Durch Integration von ~t · ∇Φ in einem infinitesimalen Abstand „links“
36 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

und „rechts“ von Σ folgt dann

Φ ist längs Materialgrenzen stetig .

r r
t n

.
r
r0 e2 W2
W1 e1 2
1 S
Abbildung 1.7: Tangenten- und Normalenvektor an einer Materialgrenzfläche Σ zwischen
zwei Dielektrika

Grenzflächenbedingungen für die Normalenableitung des Potentials

An einer Materialgrenze mit einem Sprung der Permittivität (ε1 6= ε2 ) gilt nach Gl. (1.55)
für die Normalkomponente der dielektrischen Verschiebung die Sprungbedingung D ~ 2 · ~n−
D~ 1 · ~n = σint , wobei σint eine auf der Grenzfläche Σ lokalisierte Flächenladungsdichte
bezeichnet.

~ = −ε∇Φ führt dies auf eine Sprungbedingung für die Normalenablei-


Wegen D
tung des Potentials:


∂Φ ∂Φ
ε1 − ε2 = σint auf Σ , (1.68)
∂n 1 ∂n 2
wobei
∂Φ
:= lim ~ n(~r0 ) · ∇Φ(~r) (j = 1, 2)
∂n j r →~
~ r0
r ∈Ω
~ j

den jeweils einseitigen Grenzwert der Richtungsableitung von Φ entlang der von Ω1 zu
Ω2 weisenden Grenzflächen-Normalen ~n bezeichnet.

Einen Sonderfall stellt die Situation dar, wenn das Material 1 ein Leiter ist, während
das Material 2 ein dielektrischer Isolator ist (Abb. 1.8). Im Leiter verschwindet das
~
E-Feld, hat also an seinem Rand die Tangentialkomponente E ~ 1 · ~t = 0.

~
Wegen der Stetigkeitsbedingung (1.57) hat dann das E-Feld auch keine Tangentialkom-
ponente im Grenzwert von der Seite des Isolators:

~ 2 · ~t = 0.
E
1.5.1 Das RWP der Elektrostatik: Rand- und Grenzflächenbedingungen 37

r
E Isolator 2
r
E
r
. n
r
. E
1 Leiter r
r0
.
F = const.

Abbildung 1.8: Leiter und Isolator mit gemeinsamer Grenzfläche

Der einseitige Grenzwert des Potentialgradienten hat somit nur eine Normalkomponen-
te
−∇Φ|2 = E ~ 2 ⊥ Leiteroberfläche,

dessen Größe sich aus der Grenzflächenladungsdichte σint auf der Leiteroberfläche Σ
ergibt:

~ 2 · ~n = σint und wegen D


Nach Gl. (1.55) gilt D ~ 2 = − ε2 ∇Φ| schließlich
2

∂Φ
ε2 = −σint auf Σ . (1.69)
∂n 2

Ein zweiter Sonderfall liegt vor, wenn zwei dielektrische Isolatoren


1 und 2 anein-
ander grenzen, ohne dass auf der Grenzfläche Σ eine Oberflächenladung existiert (Abb.
1.9). In dieser Situation sind die Tangentialkomponente von E ~ und die Normalkompo-
nente von D ~ längs Σ stetig:

~ 1 · ~t = E
E ~ 2 · ~t und ~ 1 · ~n = D
D ~ 2 · ~n .

Substituiert man D ~ j = εj E
~ j (j = 1, 2) und dividiert die zweite Gleichung durch die
erste, so erhält man
1 E~ 1 · ~t 1 E~ 2 · ~t
= . (1.70)
~ 1 · ~n
ε1 E ~ 2 · ~n
ε2 E

Bezeichnen α1 und α2 die Winkel, welche die Feldlinien mit der Oberflächennormalen
der Grenzfläche Σ in den Gebieten Ω1 und Ω2 einschließen, so gilt (vgl. Abb. 1.10)

~ j · ~t
E
tan αj = .
~ j · ~n
E
38 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

2 r r
D2 ( E2 )

1 a2
n
r
r
r .
0
a1

r r
D1( E1)
S
Abbildung 1.9: Feldlinienknick an Materialgrenze

Eingesetzt in Gl. (1.70) ergibt sich das „Brechungsgesetz für elektrische Feldlini-
en“
tan α1 ε1
= . (1.71)
tan α2 ε2

E ×t
r r

a
E ×n
r r

Abbildung 1.10: Feldzerlegung an Materialgrenze

1.5.2 Klassifikation der Potential-Randwertprobleme

In elektrotechnischen Problemstellungen sucht man Lösungen Φ der Poissongleichung


(1.66) auf einem beschränkten Gebiet Ω ⊂ R3 , die auf dem Rand ∂Ω bestimmte Vorga-
ben (Randbedingungen) erfüllen. Diese Aufgabenstellung wird als Randwertproblem
bezeichnet. Die Randbedingungen lassen sich in drei Gruppen unterteilen: Vorgabe der
Potentialwerte auf ∂Ω (Dirichlet-Problem), Vorgabe der Normalenableitung ∂Φ/∂n auf
∂Ω (Neumann-Problem) oder Vorgabe einer Linearkombination von beiden (gemischtes
Randwertproblem).
1.5.2 Klassifikation der Potential-Randwertprobleme 39

1.5.2.1 Dirichletsches Randwertproblem

Die mathematische Problemstellung lautet:

Zu lösen ist die Poissongleichung div(ε∇Φ) = −ρ auf einem zusammenhängenden, be-


schränkten Gebiet Ω ⊂ R3 mit glattem (lipschitz-stetigem) Rand ∂Ω, auf dem die Lösung
Φ einen vorgegebenen Verlauf ΦD (~r) annimmt:

Φ(~r) = ΦD (~r) für alle ~r ∈ ∂Ω.

Die Kurzform dieses Dirichletschen Randwertproblems lautet

[Dir-RWP] div(ε∇Φ) = −ρ auf Ω̊ und Φ|∂Ω = ΦD (1.72)

Das so formulierte Randwertproblem ist mathematisch korrekt gestellt. Es gilt der fol-
gende Existenz- und Eindeutigkeitssatz:

Satz: Für ε(~r) ∈ C 1 (Ω) mit 0 < c0 ≤ ε(~r), ρ(~r) ∈ C(Ω) und
ΦD ∈ C(∂Ω) hat [Dir-RWP] eine eindeutig bestimmte klassische
Lösung Φ(~r) ∈ C 2 (Ω) ∩ C 1 (Ω).

Bemerkung: Ein Gebiet Ω mit den beschriebenen Regularitätseigenschaften wird als


„Normalgebiet“ bezeichnet. Es hat die wesentliche Eigenschaft, dass der Integralsatz
von Gauß angewendet werden darf.

Ein typisches Beispiel für ein Dirichlet-RWP ist die Mehrelektroden-Kondensa


-toranordnung.

Hier schließen N + 1 leitende Gebiete Ω0 , Ω1 , . . . , ΩN ein dielektrisches Gebiet Ω ein


(vgl. Abb. 1.11). Nach Gl. (1.67) sind alle ∂Ωj Äquipotentialflächen mit konstantem
Potentialwert Vj .

Das Dielektrikum zwischen den Kondensatorelektroden ∂Ωj sei elektrisch neutral; d.h.
es besitzt keine Raumladung: ρ ≡ 0. Das Randwertproblem besteht darin, zu gegebenen
Potentialwerten (V0 , V1 , . . . , VN ) ∈ RN +1 auf den Elektroden das elektrische Potential
Φ(~r) im Dielektrikum Ω zu bestimmen.

In Kurzform lautet die Problemstellung

[V-RWP] div(ε∇Φ) = 0 in Ω und Φ|∂Ωl = Vl (l = 0, 1, . . . , N ) . (1.73)

Die Lösbarkeit dieses Randwertproblems garantiert der

Satz: [V-RWP] hat eine durch V = (V0 , V1 , . . . , VN ) eindeutig be-


stimmte, klassische Lösung Φ(~r).
40 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

𝜕Ω2
𝜕Ω1
𝑛 Ω2 𝑛
𝑛
Ω1 Ω3 𝜕Ω3

𝜕Ωn

Ω
Ωn 𝜀 𝑟⃗
𝜕Ω0

Abbildung 1.11: Mehrelektroden-Kondensatoranordnung

1.5.2.2 Neumannsches Randwertproblem

Die mathematische Problemstellung lautet:

Zu lösen ist die Poissongleichung div(ε∇Φ) = −ρ auf einem zusammenhängenden, be-


schränkten Gebiet Ω ⊂ R3 mit glattem (lipschitz-stetigem) Rand ∂Ω, auf dem die Nor-
∂Φ ~ r) (mit ~n = äußere Normale auf ∂Ω) einen
malenableitung der Lösung (~r) := ~n · ∇Φ(~
∂n
vorgegebenen Wert FN (~r) annimmt.

Die Kurzform dieses Neumannschen Randwertproblems lautet



∂Φ
[Neu-RWP] div(ε∇Φ) = −ρ auf Ω̊ und = FN . (1.74)
∂n ∂Ω

NB: De facto entspricht die Neumann-Randbedingung der Vorgabe einer Oberflächenla-


~ r) · ~n(~r) = ε ∂Φ (~r) (~r ∈ ∂Ω).
dungsdichte σ(~r) = −D(~
∂n

Diese muss jedoch eine notwendige Voraussetzung erfüllen:


ZZZ ZZZ ZZ ZZ
∂Φ ZZ
− ρ dv = div(ε∇Φ) dv = ε ∇Φ · |{z}
d~a = ε da = εFN da . (1.75)
∂n
Ω Ω ∂Ω ~n da ∂Ω ∂Ω
1.5.2 Klassifikation der Potential-Randwertprobleme 41

Insbesondere ist im Falle verschwindender Raumladung (ρ ≡ 0) die Bedingung


ZZ
!
εFN da = 0
∂Ω

notwendig für die Lösbarkeit des Randwertproblems.

Die Bedingung (1.75) hat eine sehr anschauliche Interpretation:






 Q(Ω) = in Ω befindliche Ladung

∂Φ
ZZZ ZZ ZZ 

ρ dv = − ε da = ~ · d~a =
D
∂n  ZZ
Ω ∂Ω ∂Ω − σ da = gesamte OF-Ladung auf ∂Ω





∂Ω

Die Oberflächenladung auf ∂Ω kompensiert also genau die in Ω eingeschlossene Ladung,


so dass die gesamte Anordnung nach außen elektrisch neutral ist. Die gesamte Feldenergie
ist somit im Inneren von Ω enthalten.

Das so formulierte Randwertproblem ist mathematisch korrekt gestellt. Es gilt der fol-
gende Existenz- und Eindeutigkeitssatz:

Satz: Für ε(~r) ∈ C 1 (Ω) mit


ZZ 0 < c0 ≤ ε(~
r), r) ∈ C(Ω),
ZZZρ(~
FN ∈ C(∂Ω) mit εFN da = − ρ dv hat [Neu-RWP] eine
∂Ω Ω
bis auf eine additive Konstante eindeutig bestimmte klassische
Lösung Φ ∈ C 2 (Ω) ∩ C 1 (Ω).

Ein mit dem Neumannschen-RWP eng verwandtes Problem bietet die in § 1.5.2.1 be-
reits betrachtete Mehrelektroden - Kondensatoranordnung, wobei aber nun die auf den
Elektroden ∂Ωl befindlichen Gesamtladungen Ql vorgegebenen werden. Das Randwert-
problem besteht also darin, zu gegebenen Ladungen (Q0 , Q1 , Q2 , ..., QN ) ∈ RN +1 auf den
Elektroden das elektrische Potential Φ(~r) im Dielektrikum Ω zu bestimmen.

Die Lösbarkeitsbedingung (1.75) lässt sich hierbei als Ladungsneutralitätsbedingung


N
X
Ql = 0 ausdrücken.
l=0

In Kurzform lautet die Problemstellung


ZZ
∂Φ
[Q-RWP] div(ε∇Φ) = 0 in Ω und ε da = Ql für l = 0, 1, ..., N . (1.76)
∂n
∂Ωl

Die Lösbarkeit dieses Randwertproblems gewährleistet der


42 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Satz: [Q-RWP] hat eine durch die Vorgabe von


N
Q = (Q0 , Q1 , ..., QN ) ∈ RN +1 mit
X
Ql = 0 bis auf eine additive
l=0
Konstante eindeutig bestimmte Lösung Φ(~r).

1.5.2.3 Gemischtes Randwertproblem (Randbedingung dritter Art)

Die mathematische Problemstellung lautet:

Zu lösen ist die Poissongleichung div(ε∇Φ) = −ρ auf einem Normalgebiet Ω ⊂ R3 ,


so dass auf dessen Rand ∂Ω für gegebene Koeffizientenfunktionen α(~r) und β(~r) die
∂Φ
Linearkombination α(~r)Φ(~r) + β(~r) (~r) einen vorgegebenen Wert F (~r) annimmt.
∂n
Dabei müssen an α, β und F gewisse Forderungen gestellt werden, damit die Lösbarkeit
gewährleistet ist. Diese sollen anhand der folgenden Beispiele abgeleitet werden.

Ein erstes Beispiel stellt ein realer elektrischer Kontakt mit ohmschem Kontaktwider-
stand dar (Abb. 1.12). Der Kontakt ist eine dünne Schicht der Dicke d und elektrischer
Leitfähigkeit σ∂Ω , welche ein leitendes Gebiet Ω (z.B. Bauelement) der Leitfähigkeit σΩ
mit der Außenfläche des Kontakts (=„Klemme“) verbindet. Beide Seiten der Kontakt-
schicht sind Äquipotentialflächen mit Potentialwerten Φin an der Innenseite und ΦKlemme
an der Außenseite. Innerhalb der Kontaktschicht hat das Potential einen linearen Ver-
lauf; die elektrische Feldstärke hat den konstanten Wert E~ = 1 (Φin − ΦKlemme ) ~n, wobei
d
~n die äußere Normale auf ∂Ω bezeichnet.

sW F(s)
s ¶W
F in
d I Klemme ÑF

W . F Klemme
r
n
n×r = s
r r
F in F Klemme 0 d

Abbildung 1.12: Realer elektrischer Kontakt mit Kontaktwiderstand

Mit dem Ohmschen Gesetz ~j = σ E ~ = −σ∇Φ und der Bedingung, dass die elektri-
sche Stromdichte beim Übergang von Ω in die Kontaktschicht stetig ist, folgt folgende
gemischte Randbedingung für das elektrische Potential:

∂Φ (!) Φin − ΦKlemme
IKlemme = ~j · ~n = − σΩ = σ∂Ω = γel (Φin − ΦKlemme ) , (1.77)
∂n ∂Ω
d
1.5.2 Klassifikation der Potential-Randwertprobleme 43

σ∂Ω
wobei = γel als Übergangsleitwert bezeichnet wird und ΦKlemme einen vorgegebe-
d
nen Wert besitzt. Durch Division mit σΩ erhält man aus (1.77) die übliche Form einer
gemischten Randbedingung für Φ auf der Übergangsfläche ∂Ω
!
γel ∂Φ γel
Φ+ = ΦKlemme auf ∂Ω . (1.78)
σΩ ∂n ∂Ω σΩ
|{z}
hel ≥ 0

γel
Mit dem Übergangskoeffizienten hel := lässt sich diese noch kürzer formulieren:
σΩ
∂Φ
= hel (ΦKlemme − Φ) auf ∂Ω (1.79)
∂n
Man beachte, dass der Übergangskoeffizient hel eine positive Größe ist; dies gewährleis-
tet, dass der Klemmenstrom in Richtung des elektrischen Feldes fließt und stellt eine
Lösbarkeitsbedingung für das gemischte Randwertproblem dar!

Mit Hilfe des Übergangskoeffizienten kann man zwischen Dirichletschen und Neumann-
schen Randbedingungen „interpolieren“:
∂Φ
Für hel = 0 folgt die homogene Neumann-Randbedingung = 0 (isolierender Rand),
∂n
für hel → ∞ folgt die Dirichlet-Randbedingung Φ = ΦKlemme (idealer ohmscher Kon-
takt).

Als zweites Beispiel betrachten wir den Wärmetransport durch Wärmeleitung in


einem Festkörper. Die Wärmestromdichte J~Q fließt dabei in Richtung des negativen
Gradienten der Temperatur T :
J~Q = −κ∇T , (1.80)
wobei κ die spezifische Wärmeleitfähigkeit bezeichnet. Dieses „ Fouriersche Gesetz der
Wärmeleitung“ ist das thermische Analogon zum Ohmschen Gesetz.

Die thermische Energie gehorcht einer Bilanzgleichung der allgemeinen Form (1.31); bei
stationärem Wärmefluss lautet sie

div J~Q = ΠQ , (1.81)

wobei ΠQ (~r) die lokale Wärmeproduktionsrate („Heizleistungsdichte“) bezeichnet. Mit


J~Q aus Gl. (1.80) ergibt sich eine Poissongleichung für die Temperatur T

div(κ∇T ) = −ΠQ . (1.82)

Diese ist auf einem Gebiet Ω ⊂ R3 zu lösen, über dessen Rand ∂Ω (oder Teile davon)
die Wärme über thermische Kontakte „nach außen“ abfließen kann.

Das thermische Kontaktmodell ist analog zum elektrischen Kontaktmodell (siehe vor-
heriger Abschnitt) gebildet: Der Kontakt ist eine dünne Schicht entlang ∂Ω der Dicke
d und der thermischen Leitfähigkeit κ∂Ω , welche das wärmeleitende Gebiet Ω mit der
44 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Außenfläche des Kontakts verbindet. Beide Seiten der Kontaktschicht sind Isothermen
mit Temperaturwerten Tin an der Innenseite und Text an der Außenseite. Innerhalb der
Kontaktschicht hat das Temperaturprofil einen linearen Verlauf; der negative Tempe-
1
raturgradient hat den konstanten Wert −∇T = (Tin − Text ) ~n, wobei ~n die äußere
d
Normale auf ∂Ω bezeichnet.

Mit dem Fourierschen Gesetz J~Q = −κ∇T und der Bedingung, dass die Wärmestrom-
dichte beim Übergang von Ω in die Kontaktschicht stetig ist, folgt folgende gemischte
Randbedingung für die Temperatur:

∂T (!) Tin − Text
IQ = J~Q · ~n = −κΩ = κ∂Ω = K (Tin − Text ) , (1.83)
∂n ∂Ω
d

wobei κΩ und κ∂Ω die Wärmeleitfähigkeiten im Gebiet Ω und in der Kontaktschicht


κ∂Ω
bezeichnen und K := den Wärmeübergangskoeffizienten („K-Wert“) darstellt. Die
d
Außentemperatur Text hat einen vorgegebenen Wert. Durch Division mit κΩ erhält man
aus (1.83) die übliche Form einer gemischten Randbedingung für die Temperatur T auf
der Übergangsfläche ∂Ω:
!
K ∂T K
T+ = Text auf ∂Ω . (1.84)


κΩ ∂n
∂Ω
κΩ
|{z}
hth = 0

K
Mit dem normierten Wärmeübergangskoeffizienten hth := lässt sich diese Randbe-
κΩ
dingung noch kompakter formulieren:
∂T
= hth (Text − T ) auf ∂Ω . (1.85)
∂n
Man beachte, dass auch in diesem Fall der Übergangskoeffizient hth eine positive Größe
ist; dies gewährleistet, dass der Wärmestrom von der höheren zur niedrigeren Temperatur
fließt und stellt eine Lösbarkeitsbedingung für das gemischte Randwertproblem dar!

Mit Hilfe des Wärmeübergangskoeffizienten kann man auch hier zwischen zwei extremen
Situationen interpolieren:
∂T
Für hth = 0 folgt die homogene Neumann-Randbedingung = 0 (völlige thermische
∂n
Isolation), für hth → ∞ folgt die Dirichlet-Randbedingung T = Text (Anschluss an ein
Wärmereservoir („Wärmesenke“) mit fester Temperatur Text ).

Die generische Kurzform eines gemischten Randwertproblems (oder Randwert-


problems dritter Art) lautet somit

Sei Ω ⊂ R3 ein Normalgebiet (zusammenhängend, beschränkt, mit lipschitz-stetigem


1.5.2 Klassifikation der Potential-Randwertprobleme 45

Rand ∂Ω). Finde eine Lösung Φ des Problems


!
∂Φ
[Mix-RWP] div(σ∇Φ) = −Π auf Ω̊ und + hΦ = F auf ∂Ω . (1.86)


∂n
∂Ω

Aus physikalischen und mathematischen Gründen ist hierbei zu fordern

σ > 0 und h ≥ 0 .

Das oben formulierte Randwertproblem ist mathematisch korrekt gestellt. Es gilt der
folgende Existenz- und Eindeutigkeitssatz:

Satz: Für σ(~r) ∈ C 1 (Ω) mit 0 < c0 ≤ σ(~r), Π(~r) ∈ C(Ω), h ∈ C(∂Ω)
mit h ≥ 0, h 6= 0, und F ∈ C(∂Ω) hat [Mix-RWP] eine eindeutig
bestimmte klassische Lösung Φ ∈ C 2 (Ω) ∩ C 1 (Ω).
46 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung

Um ein auf der Poissongleichung basierendes Randwertproblem konkret zu lösen, gibt es


neben computergestützten numerischen Techniken auch traditionelle analytische Verfah-
ren, die -für hinreichend einfache Geometrien- eine explizite Lösung liefern. Im Folgenden
soll für einige dieser Verfahren ein kurzer Abriss gegeben werden.

1.5.3.1 Orthogonalreihenentwicklung nach Eigenfunktionen des


Laplace-Operators (Spektraldarstellung)

Wir legen (exemplarisch) folgende Problemstellung zugrunde:

Wir betrachten ein Normalgebiet Ω ⊂ R3 , das aus dielektrischem Material der Permit-
tivität ε(~r) ∈ C 1 (Ω) besteht, mit 0 < c0 ≤ ε(~r).

Der Rand ∂Ω besteht aus Teilen ∂Ω(D) , auf denen das Potential vorgegebenen ist (Dirich-
letsche Randbedingung: Φ|∂Ω(D) = ΦD ), und davon disjunkten Teilen ∂Ω(N ) , auf denen
die Oberflächenladungsdichte σN und damit die Normalenableitung
des Potentials vor-
∂Φ
gegeben ist (Neumannsche Randbedingung: ε = σN ).
∂n ∂Ω(N )

Damit die Lösung der Poissongleichung eindeutig ist (vgl. § 1.5.2.2), muss zumindest
auf einem Teil des Randes das Potential gegeben sein, d.h. ∂Ω(D) 6= ∅.

In Kurzform lautet die Problemstellung dieses gemischten Randwertproblems somit

[M-RWP] div(ε∇Φ) = −ρ in Ω̊

∂Φ
mit Φ|∂Ω(D) = ΦD und ε = σN ,
∂n ∂Ω(N )
wobei ∂Ω = ∂Ω(D) ∪ ∂Ω(N) , ∂Ω(D) ∩ ∂Ω(N) = ∅, ∂Ω(D) 6= ∅ .

Um die eindeutige Lösung dieses Randwertproblems zu konstruieren, gehen wir in drei


Schritten vor.

Lösungsschritt 1

Man konstruiere zunächst eine auf Ω definierte, hinreichend glatte Funktion


Φ(0) ∈ C 2 (Ω) ∩ C 1 (Ω), welche die inhomogenen Randbedingungen


(0) ∂Φ(0)
Φ = ΦD und ε = σN
∂Ω(D) ∂n ∂Ω(N )

erfüllt.

Für die Lösung Φ von [M-RWP] macht man dann den Ansatz Φ = Φ(0) +ϕ. Die Funktion
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 47

ϕ ist dann eine Lösung des modifizierten Randwertproblems mit homogenen Randbe-
dingungen


(0)
 ∂ϕ
div (ε∇ϕ) = −ρ − div ε∇Φ =: −f in Ω ϕ|∂Ω(D) = 0, = 0. (1.87)
∂n ∂Ω(N )

Lösungsschritt 2

Die Lösung ϕ des Randwertproblems (1.87) kann man aus den Eigenfunktionen bν (~r)
und Eigenwerten λν ∈ R des Differentialoperators − div(ε∇ . ) aufbauen. Letztere sind
die Lösungen des Eigenwertproblems

∂bν
− div(ε∇bν ) = λν bν in Ω̊ mit bν |∂Ω(D) = 0 und = 0. (1.88)
∂n ∂Ω(N )

Für beschränkte, zusammenhängende Gebiete Ω mit glattem Rand (Normalgebiete) ha-


ben Eigenwerte und Eigenfunktionen folgende Eigenschaften:

(i) Das Spektrum {λν |ν = 1, ..., ∞} ist diskret und alle Eigenwerte sind strikt positiv:
λν > 0. Man kann sie als aufsteigende Folge 0 < λ1 ≤ λ2 ≤ λ3 ≤ . . . anordnen.

(ii) Die Eigenfunktionen {bν }ν∈N können orthonormal im Funktionenraum L2 (Ω)


gewählt werden. Hierbei ist das Skalarprodukt zweier Funktionen f, g ∈ L2 (Ω)
definiert als ZZZ
< f |g >:= f (~r)∗ g(~r) dv . (1.89)

Die orthonormierten Eigenfunktionen bν erfüllen also die Bedingungen


ZZZ
< bµ |bν > = bµ (~r)∗ bν (~r) dv = δµν (1.90)

mit dem Kroneckerschen Deltasymbol δµν .

(iii) Die Eigenfunktionen {bν }ν∈N sind vollständig; d.h., jede Funktion ϕ ∈ L2 (Ω)
lässt sich bezüglich des Skalarproduktes (1.89) nach b1 , b2 , b3 , . . . entwickeln:

X
ϕ(~r) = αν bν (~r) mit αν =< bν (~r)|ϕ(~r) > . (1.91)
ν=1

Diese Beziehung lautet explizit


∞ ZZZ
bν (~r 0 )∗ ϕ(~r 0 ) dv 0
X
∀ ϕ(~r) = bν (~r)
ϕ∈L2 (Ω) ν=1 Ω


ZZZ X
= bν (~r)bν (~r 0 )∗ ϕ(~r 0 ) dv 0 ,
Ω ν=1
| {z }
Dirac-Delta δ(~r − ~r 0 )
48 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

womit man die Vollständigkeitsrelation der Eigenfunktionen angeben kann ge-


mäß ∞
bν (~r)bν (~r 0 )∗ = δ(~r − ~r 0 ) .
X
(1.92)
ν=1

Lösungsschritt 3

Für eine gegebene rechte Seite f des Randwertproblems (1.87) konstruieren wir nun

X
die Lösung ϕ mit dem Ansatz ϕ(~r) = αν bν (~r), wobei die Entwicklungskoeffizienten
ν=1
αν noch zu bestimmen sind. Die homogenen Randbedingungen für ϕ werden identisch
erfüllt, weil sie von allen Basisfunktionen bν erfüllt werden (vgl. (1.88)). Es bleibt also
noch die Poissongleichung zu lösen.

Setzt man in diese den obigen Ansatz ein, so folgt


∞ ∞
! X X
f = − div(ε∇ϕ) = αν [− div(ε∇bν )] = αν λν bν .
ν=1 ν=1
| {z }
λν bν

Das Skalarprodukt dieser Gleichung mit bµ ergibt



X
< bµ |f > = αν λν < bµ |bν > = αµ λµ .
ν=1 | {z }
δµν

Hieraus erhält man die Entwicklungskoeffizienten αµ als

< bµ |f > 1 ZZZ


αµ = = bµ (r)∗ f (~r) dv .
λµ λµ

Damit lautet die Lösung des RWP (1.87)



X < bν (~r)|f (~r) >
ϕ(~r) = bν (~r) . (1.93)
ν=1 λν

Durch Vertauschen von Summation und Integration folgt hieraus die alternative Dar-
stellung

ZZZ X
1
ϕ(~r) = bν (~r) bν (~r 0 )∗ f (~r 0 ) dv 0 . (1.94)
ν=1 λν
Ω | {z }
Greenfunktion G(~r, ~r 0 )
Diese Gleichung kann man als linearen Integraloperator f 7→ ϕ auffassen, der jeder
rechten Seite des RWP (1.87) eine Lösung ϕ zuordnet. Dieser Integraloperator ist also
der Umkehroperator zum Differentialoperator − div(ε∇ . ); sein Integralkern G(~r, ~r 0 )
wird als Greenfunktion des RWP (1.87) bezeichnet.
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 49

Die Spektraldarstellung

1
G(~r, ~r 0 ) = bν (~r 0 )∗
X
bν (~r) (1.95)
ν=1 λν

bietet eine konkrete Möglichkeit, die Greenfunktion zu berechnen. Ihre Eigenschaften


und weitere Möglichkeiten, sie zu bestimmen, werden im Folgenden diskutiert.

1.5.3.2 Lösung mittels Greenfunktion

Die Greenfunktion G(~r, ~r 0 ) für das in (1.87) definierte exemplarische Randwertpro-


blem [M-RWP] ist definiert als die Lösung des reduzierten Randwertproblems (1.87) mit
homogenen Randbedingungen und rechter Seite f (~r) = δ(~r − ~r 0 ) („Einheits - Punktla-
dung“ am Ort ~r 0 ).
Die definierende Beziehung lautet also

div~r (ε(~r)∇~r G(~r, ~r 0 )) = −δ(~r − ~r 0 ) in Ω̊


mit G(~r, ~r 0 ) = 0 für ~r ∈ ∂Ω(D)
∂G(~r, ~r 0 )
und = 0 für ~r ∈ ∂Ω(N ) . (1.96)
∂n
Die Ortsableitungen sind hierbei im Distributionssinn zu verstehen („verallgemeinerte
Ableitung“). Ist ϕ die Lösung des RWP (1.87), so kann diese Lösung dargestellt werden
über (siehe auch Gl. (1.94))
ZZZ
ϕ(~r ) = G(~r, ~r 0 )f (~r 0 ) dv 0 . (1.97)

Einsetzen dieser Darstellung in die Poisson-Gleichung

div (ε∇ϕ(~r)) = −f (~r) (1.98)

ergibt
 
ZZZ
div ε∇ G(~r, ~r 0 )f (~r 0 ) dv 0  = −f (~r)

ZZZ
div (ε∇G(~r, ~r 0 ) f (~r 0 )) dv 0 = −f (~r) (1.99)

und damit die definierende Beziehung für die Greenfunktion

div (ε∇G(~r, ~r 0 )) = −δ(~r − ~r 0 ) . (1.100)

Außerdem kann festgestellt werden, dass die Greenfunktion symmetrisch bezüglich einer
Vertauschung von ~r und ~r 0 ist:

G(~r, ~r 0 ) = G(~r 0 , ~r).


50 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Dies ist auch aus Gl. (1.95) ersichtlich (man beachte, dass G(~r, ~r 0 ) reellwertig ist).

Kennt man die Eigenfunktionen und Eigenwerte von − div(ε∇ . ), so gilt nach (1.94) die
Spektraldarstellung

1
G(~r, ~r 0 ) = bν (~r 0 )∗
X
bν (~r)
ν=1 λν

Für unbeschränkte Gebiete Ω gilt eine analoge Darstellung, aber das Spektrum der
Eigenwerte bildet eine kontinuierliche Menge Σ ⊂ R+ , und deshalb muss die diskrete
Summe durch ein Integral ersetzt werden

X Z
(. . . , bν , λν , . . .) → (. . . , bk , λk , . . .) dµ(k)
ν=1 k∈Σ

Als einfaches Beispiel wollen wir die Spektraldarstellung der Greenfunktion für den
Quader Ω = (0, L1 ) × (0, L2 ) × (0, L3 ) mit homogenen Dirichletbedingungen und kon-
stanter Permittivität ε = const. berechnen.

Das Randwertproblem lautet in diesem Fall


1
−∆ϕ = f =: fe in Ω mit ϕ|δΩ = 0 . (1.101)
ε
Die Geometrie des Problems legt es nahe, die Eigenfunktionen in kartesischen Koordi-
naten ~r = x1~e1 + x2~e2 + x3~e3 zu bestimmen und einen Separationsansatz

b(~r) = b1 (x1 )b2 (x2 )b3 (x3 )

zu verwenden.

∂2 ∂2 ∂2
Wegen ∆ = + + lautet dann das Eigenwertproblem
∂x21 ∂x22 ∂x23
!
−∆b = −b001 b2 b3 − b1 b002 b3 − b1 b2 b003 = λ b1 b2 b3 .

Hieraus folgt durch Division mit b1 b2 b3

b001 (x1 ) b002 (x2 ) b003 (x3 )


− − − = λ ∈ R.
b1 (x1 ) b2 (x2 ) b3 (x3 )

Da jeder der Summanden nur von einer der Koordinaten x1 , x2 , x3 alleine abhängt, muss
er für sich eine Konstante sein:
b001 (x1 ) b00 (x2 ) b00 (x3 )
− = λ1 ; − 2 = λ2 ; − 3 = λ3
b1 (x1 ) b2 (x2 ) b3 (x3 )

Damit genügt jede Funktion bi (xi ) der Differentialgleichung

b00j (xj ) + λj bj (xj ) = 0 (j = 1, 2, 3) .


1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 51

Deren allgemeine Lösung kann angegeben werden zu


q
bj (xj ) = Aj sin(kj xj ) + Bj cos(kj xj ) mit kj = λj .

Um die Randbedingungen auf ∂Ω zu erfüllen, muss gelten

bj (0) = 0 ⇒ Bj = 0

bj (Lj ) = 0 ⇒ kj Lj = nj π mit nj ∈ N .

Damit gilt kj = nj π/Lj (nj ∈ N).

Die Eigenwerte sind dann


2 2 2
n1 π n2 π n3 π
  
λn1 n2 n3 = λ1 + λ2 + λ3 = + + (1.102)
L1 L2 L3
und die Faktoren der Eigenfunktionen lauten
!
π
bj (xj ) = Aj sin nj xj . (1.103)
Lj

Die Normierung der Eigenfunktionen erfolgt faktorweise:

ZLj ZLj !
! 2 π Lj
1= bj (xj ) dxj = A2j sin 2
nj xj dxj = A2j
Lj 2
0 0

woraus s
2
Aj =
Lj
folgt.

Damit lauten die Eigenfunktionen


3 3
!
(2) 2 Y π
bn1 n2 n3 (~r) = √ sin nj xj ; nj ∈ N . (1.104)
L1 L2 L3 j=1 Lj

Die Greenfunktion ist schließlich gegeben als


1
G(~r, ~r0 ) = bn1 n2 n3 (~r0 ) .
X
bn1 n2 n3 (~r) (1.105)
n1 ,n2 ,n3 ∈N λn1 n2 n3

Eingesetzt in Gl. (1.94) erhält man eine Darstellung der Lösung des RWP (1.101) als
diskrete Fourier-Reihe.
52 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

1.5.3.3 Orthogonalreihenentwicklung nach Lösungen der Laplace-Gleichung


(Spektraldarstellung)

Hohlquader mit Dirichlet Randbedingung:

Wir legen (exemplarisch) folgende Problemstellung zugrunde:

Wir betrachten ein quaderförmiges Normalgebiet Ω ⊂ R3 , das aus dielektrischem Ma-


terial der Permittivität ε(~r) ∈ C 1 (Ω) besteht, mit 0 < c0 ≤ ε(~r). Der Rand ∂Ω besteht
aus Teilen ∂Ω(D) , auf denen das Potential zu 0 vorgegebenen ist. Auf der Deckfläche
x3 = L3 ist das Potential zu Φ(x1 , x2 , x3 = L3 ) = V (x1 , x2 ) vorgegeben (Dirichletsche
Randbedingung). Das Innere des quaderförmigen Gebietes ist raumladungsfrei.

In Kurzform lautet die Problemstellung dieses Dirichletschen Randwertproblems für das


quaderförmige Gebiet gemäß Abb. 1.13 somit

[Dir-RWP] div(ε∇Φ) = 0 in Ω̊
mit Φ(x1 , x2 , x3 = L3 ) = V (x1 , x2 ) Φ(x1 , x2 , x3 = 0) = 0
Φ(x1 = 0, x2 , x3 ) = 0 Φ(x1 = L1 , x2 , x3 ) = 0
Φ(x1 , x2 = 0, x3 ) = 0 Φ(x1 , x2 = L2 , x3 ) = 0

x3 x2

L3 L2 x
1
L1
Abbildung 1.13: Quaderförmiger Hohlraum (raumladungsfrei)

Als konkreten Fall betrachten wir die Lösung der Problemstellung für ein homogenes
Dielektrikum mit ε(~r) = constans.
Die Geometrie des Problems legt es nahe, die Lösungen der Laplace-Gleichung in kar-
tesischen Koordinaten ~r = x1~e1 + x2~e2 + x3~e3 zu bestimmen und zwar mit dem gleichen
Separationsansatz
b(~r) = b1 (x1 )b2 (x2 )b3 (x3 )
der auch schon zur Bestimmung der Eigenfunktionen des Laplace-Operators verwendet
wurde.
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 53

∂2 ∂2 ∂2
Wegen ∆ = + + erhalten wir
∂x21 ∂x22 ∂x23
!
−∆b = −b001 b2 b3 − b1 b002 b3 − b1 b2 b003 = 0.

Hieraus folgt durch Division mit b1 b2 b3

b001 (x1 ) b002 (x2 ) b003 (x3 )


− − − = 0.
b1 (x1 ) b2 (x2 ) b3 (x3 )

Da jeder der Summanden nur von einer der Koordinaten x1 , x2 , x3 alleine abhängt, muss
er für sich eine Konstante sein:
b001 (x1 ) b00 (x2 ) b00 (x3 )
− = λ1 ; − 2 = λ2 ; − 3 = λ3
b1 (x1 ) b2 (x2 ) b3 (x3 )

Damit genügt jede Funktion bi (xi ) der Differentialgleichung

b00j (xj ) + λj bj (xj ) = 0 (j = 1, 2, 3)

und für die Separationskonstanten muss zusätzlich die Separationsgleichung

λ1 + λ2 + λ3 = 0 (1.106)

gelten.
Die allgemeine Lösung der drei gewöhnlichen Differentialgleichungen kann für λj 6= 0
angegeben werden zu
q
bj (xj ) = Aj sin(kj xj ) + Bj cos(kj xj ) mit kj = λj .

Um die Randbedingungen für x1 = 0, x2 = 0, x3 = 0, x1 = L1 , x2 = L2 zu erfüllen, muss


gelten

b1 (0) = 0, b2 (0) = 0, b3 (0) = 0 ⇒ B1 = 0, B2 = 0, B3 = 0

b1 (L1 ) = 0, b2 (L2 ) = 0 ⇒ k1 L1 = n1 π, k2 L2 = n2 π mit n1 , n2 ∈ N .

Damit gilt k1 = n1 π/L1 , k2 = n2 π/L2 (n1 , n2 ∈ N) und es wird


π
 
b1 (x1 ) = A1 sin n1 x1 (1.107)
L1
π
 
b2 (x2 ) = A2 sin n2 x2 (1.108)
L2

Für λ3 folgt " 2 2 #


n1 π n2 π

λ3 = −λ1 − λ2 = − + , (1.109)
L1 L2
54 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

womit λ3 negativ werden muss und sich somit


s 2 2
n1 π n2 π

k3 = −jα = j + (1.110)
L1 L2
ergibt.
Das Minuszeichen vor der Wurzel wurde dabei mehr oder weniger willkürlich gewählt
(so, dass ein positives α entsteht).
Mit sin(jx) = jsinh(x) können wir schreiben

b3 (x3 ) = A3 sinh (α x3 ) (1.111)

und eine linear unabhängige Lösung des Potentials für das Innere des Quaders, die die
Randbedingungen überall außer auf der Deckfläche x3 = L3 erfüllt kann, angegeben
werden zu
bn1 n2 (~r) = An1 n2 sin(k1 x1 ) sin(k2 x2 )sinh(αx3 ). (1.112)

Damit liegt es nun nahe, das Potential im Hohlquader über den doppelten Reihenan-
satz
s 
∞ X
∞ 2 2
n1 π n2 π n1 π n2 π
X      
Φ(~r) = An1 n2 sin x1 sin x2 sinh  + x3 
n1 =1 n2 =1 L1 L2 L1 L2
(1.113)
darzustellen, wobei sich das Potential auf der Deckfläche x3 = L3 zu
s 

∞ X 2 2
n1 π n2 π n1 π n2 π
X      
V (x1 , x2 ) = An1 n2 sin x1 sin x2 sinh  + L3 
n1 =1 n2 =1 L1 L2 L1 L2
(1.114)
ergibt (doppelte Fourier-Reihe).

Zur Bestimmung der Entwicklungskoeffizient An1 n2 multiplizieren wir die Gleichung (1.114)
n01 π n02 π
! !
zuerst mit sin x1 sin x2 und erhalten
L1 L2

n01 π n02 π
! !
V (x1 , x2 ) sin x1 sin x2 =
L1 L2
 s 
∞ X
∞  2 2
n1 π n2 π
X  
A sinh  + L3 
 n1 n2 L1 L2
n1 =1 n2 =1

n01 π
!
n1 π
 
sin x1 sin x1
L1 L1
n02 π
!)
n2 π
 
sin x2 sin x2 . (1.115)
L2 L2

Nun integrieren wir die komplette Gleichung bezüglich x1 von 0 bis L1 und bezüglich x2
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 55

von 0 bis L2 und erhalten


ZL1 ZL2
n01 π n02 π
! !
V (x1 , x2 ) sin x1 sin x2 dx2 dx1 =
L1 L2
0 0
 s 
∞ X
∞  2 2
n1 π n2 π
X  
A sinh  + L3 
 n1 n2 L1 L2
n1 =1 n2 =1
ZL1
n01 π
!
n1 π
 
sin x1 sin x1 dx1
L1 L1
0
ZL2

n02 π
!
n2 π
  
sin x2 sin x2 dx2 . (1.116)
L2 L2 
0

Unter Ausnutzung der Orthogonalitätseigenschaft

ZLj
n0j π
! !
nj π Lj
sin xj sin xj dxj = δn n0 (1.117)
Lj Lj 2 j j
0

folgt

ZL1 ZL2
n01 π n02 π
! !
V (x1 , x2 ) sin x1 sin x2 dx2 dx1 =
L1 L2
0 0
v 
!2 !2
0
n02 π
u
L1 L2 t n1 π
u
An1 n2 sinh  + L3  . (1.118)

0 0
2 2 L1 L2

und die Entwicklungskoeffizienten An1 n2 können in der Form


4
An1 n2 = r 2  2
!
n1 π n2 π
L1 L2 sinh L1
+ L2
L3

ZL1 ZL2
n1 π n2 π
   
V (x1 , x2 ) sin x1 sin x2 dx2 dx1 (1.119)
L1 L2
0 0

angegeben werden.
56 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Lösung der Laplace-Gleichung in Kugelkoordinaten mit Azimutalsymme-


trie:

Wir betrachten exemplarisch das Dirichletsche Randwertproblem mit Azimutalsymme-


trie, d.h.
Φ 6= f (ϕ) → Φ = Φ(r, ϑ) mit ∆Φ(r, ϑ) = 0 (1.120)
wie es in Abb. 1.14 dargestellt ist.

D.h., das Potential ist auf der oberen Hälfte der kugelförmigen Berandung konstant
positiv und auf der unteren Hälfte der Berandung konstant negativ mit dem gleichen
Betrag Φ0 .

z 
0 0
r0

 
2
0 0
Abbildung 1.14: Kugelförmiges Potentialproblem (raumladungsfrei) mit Azimuthalsym-
metrie

Die Geometrie des Problems legt es nahe, die Lösungen der Laplace-Gleichung in Kugel-
koordinaten ~r = r~er + ϑ~eϑ + ϕ~eϕ zu bestimmen und zwar mit dem Separationsansatz

Φ(r, ϑ) = U (r)V (ϑ)

der in die Laplace-Gleichung in Kugelkoordinaten gemäß


! !
1 ∂ 2 ∂Φ 1 ∂ ∂Φ 1 ∂ 2Φ
r + sin ϑ + =0 (1.121)
r2 ∂r ∂r r2 sin ϑ ∂ϑ ∂ϑ r2 sin2 ϑ ∂ 2 ϕ

einzusetzen ist.

Der Term mit der Ableitung nach ϕ verschwindet und wir erhalten
! !
V (ϑ) ∂ ∂U (r) U (r) ∂ ∂V (ϑ)
2
r2 + 2 sin ϑ = 0. (1.122)
r ∂r ∂r r sin ϑ ∂ϑ ∂ϑ
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 57

Multiplikation der Gleichung mit r2 /(U (r)V (ϑ)) ergibt


! !
1 ∂ ∂U (r) 1 ∂ ∂V (ϑ)
r2 + sin ϑ = 0. (1.123)
U (r) ∂r ∂r V (θ) sin ϑ ∂ϑ ∂ϑ
| {z } | {z }
=n(n+1) −n(n+1)

Da jeder der zwei Summanden nur von r oder ϑ alleine abhängt, muss er für sich eine
Konstante sein, die zweckmäßig zu n(n + 1) bzw. −n(n + 1) gewählt wird.

Somit erhalten wir zwei gewöhnliche Differentialgleichungen


!
d dU (r)
r2 − n(n + 1)U (r) = 0 , (1.124)
dr dr
!
1 d dV (ϑ)
sin ϑ + n(n + 1)V (ϑ) = 0 . (1.125)
sin ϑ dϑ dϑ

Linear unabhängige Lösungen der Differentialgleichung in r lauten

Un (r) : rn , r−(n+1) n 6= −1/2 0 ≤ r < ∞. (1.126)

Zur Lösung der Differentialgleichung in ϑ im Bereich 0 ≤ ϑ < π setzt man

x = cos ϑ mit 1 ≥ x ≥ −1. (1.127)

Mit
dx d d
= − sin ϑ , = − sin ϑ
dϑ dϑ dx
d d d
→ sin ϑ = − sin2 ϑ = −(1 − x2 ) (1.128)
dϑ dx dx

erhalten wir die Legendresche Differentialgleichung


" #
d dV (x)
(1 − x2 ) + n(n + 1)V (x) = 0 . (1.129)
dx dx

Lösungen für die Legendresche Differentialgleichung können über einen Potenzreihenan-


satz gewonnen werden, über den zwei linear unabhängige Funktionen, die Legendreschen
Funktionen 1. Art und die Legendreschen Funktionen 2. Art, erzeugt werden können.

Um die Rand- bzw. Regularitätsbedingungen erfüllen zu können, muss n dabei ganz-


zahlig gewählt werden. Außerdem ist von den beiden linear unabhängigen Lösungen nur
eine brauchbar.
58 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Bei den brauchbaren Funktionen handelt es sich um die Legendre-Polynome (1. Art),
die folgendermaßen angegeben werden können:

P0 (x) = 1
P1 (x) = x
1 2 
P2 (x) = 3x − 1
2
n
1 dn (x2 − 1)
Pn (x) = n Formel von Rodrigues (1.130)
2 n! dxn
Für die Legendre-Polynome gelten die folgenden Othogonalitätsrelationen:
Z1
2
Pn (x)Pn0 (x) dx = δnn0 (1.131)
2n + 1
−1

2
Pn (cos ϑ)Pn0 (cos ϑ) sin ϑ dϑ = δnn0 (1.132)
2n + 1
0

Linear unabhängige Lösungen für das Potential Φ(r, ϑ) können damit angegeben werden
zu h i
Φn (r, ϑ) = An rn + Bn r−(n+1) Pn (cos ϑ) . (1.133)

Unter der Annahme von Vollständigkeit kann die allgemeine Lösung angegeben werden
zu ∞ Xh i
Φ(r, ϑ) = An rn + Bn r−(n+1) Pn (cos ϑ) . (1.134)
n=0

Die Lösung wird nun getrennt für den Innenraum und den Außenraum aufgebaut:

Φ(1) (r, ϑ) = An rn Pn (cos ϑ)
X
0 ≤ r ≤ r0 :
n=0
(1)
Bn = 0 da Φ endlich bleiben muss für r = 0


Φ(1) (r, ϑ) = Bn r−(n+1) Pn (cos ϑ)
X
r0 ≤ r ≤ ∞ :
n=0
(1)
An = 0 da Φ endlich bleiben muss für r → ∞

Die Bestimmung der Entwicklungskoeffizienten An bzw. Bn kann dann für die beiden
Fälle über die Orthogonalitätsrelation aus der vorgegebenen Randbedingung erfolgen.

Dielektrische Kugel im homogenen elektrischen Feld:

Als nächstes RWP betrachten wir eine dielektrische Kugel mit der konstanten Permitti-
vität εi , die in ein homogenes elektrisches Feld
~ 0 = E0~ez
E
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 59

eingebracht wird. Die Konfiguration ist in Abb. 1.15 veranschaulicht. Die Kugel wird
dadurch polarisiert und das Feld der polarisierten Kugel überlagert sich dem homogenen
Feld.
~ r) für 0 ≤ r < ∞.
Gesucht sind Φ(~r), E(~

 
E0  E0 ez
P

z
i r0
0
Abbildung 1.15: Dielektrische Kugel im konstanten elektrischen Feld.

Zu lösen ist
∆Φ = 0 (1.135)
unter Erfüllung der Rand-(Stetigkeits)-Bedingungen

Φi (r0 , ϑ) = Φa (r0 , ϑ)

∂Φi ∂Φa
− εi = − ε0 .
∂r r=r0 ∂r r=r0

Mit
Φ0 = −E0 z (1.136)
können wir schreiben
Φ0 = −E0 r cos ϑ = −E0 rP1 (cos ϑ)
und es ist offensichtlich, dass das Problem wie im Abschnitt zuvor azimutalsymmetrisch
ist und dass die Lösung über eine Orthogonalreihenentwicklung mit den linear unabhän-
gigen Lösungen h i
Φn (r, ϑ) = An rn + Bn r−(n+1) Pn (cos ϑ) .
aufgebaut werden kann.

Für den Außenraum ergibt sich



Φa (r, ϑ) = Φ0 + Bn r−(n+1) Pn (cos ϑ)
X

n=0

Bn r−(n+1) Pn (cos ϑ) ,
X
= −E0 rP1 (cos ϑ) +
n=0
60 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

wobei ausgenutzt wurde, dass das Feld der polarisierten Kugel im Unendlichen abklingen
muss.

Für den Innenraum erhalten wir



i
An rn Pn (cos ϑ) ,
X
Φ (r, ϑ) =
n=0

wobei ausgenutzt wurde, dass das Feld im Inneren der Kugel regulär (endlich) sein
muss.

Die beiden Randbedingungen werden damit zu


∞ ∞
−(n+1)
An r0n Pn (cos ϑ) = −E0 r0 P1 (cos θ) +
X X
Bn r0 Pn (cos ϑ) ,
n=0 n=0
∞ ∞
−(n+2)
nAn r0n−1 Pn (cos ϑ) = ε0 E0 P1 (cos θ) +
X X
εi ε0 (n + 1)Bn r0 Pn (cos ϑ) .
n=0 n=0

Aufgrund der Orthogonalität der Legendre-Polynome müssen die beiden Gleichungen


gliedweise erfüllt werden, d.h. die Summe aller Koeffizienten vor den Legendre-Polyno-
men jeder einzelnen Ordnung muss verschwinden.

Damit erhalten wir

n=0: A0 = B0 r0−1 , 0 = ε0 B0 r0−2

→ A0 = B0 = 0

n=1: A1 r0 = −E0 r0 + B1 r0−2


−εi A1 = ε0 (E0 + 2B1 r0−3 )
−3ε0 εi − ε0 3
→ A1 = E0 , B1 = r E0
εi + 2ε0 εi + 2ε0 0

−(n+1)
n≥2: An r0n = Bn r0
−(n+2)
−εi nAn r0n−1 = ε0 (n + 1)Bn r0

→ −εi nAn r0n−1 = ε0 (n + 1)An r0n−1


→ An = Bn = 0 .

Zusammengefasst lautet das Ergebnis für das Innere der Kugel


3ε0 3ε0
Φi (r, ϑ) = − E0 cos ϑ = − E0 z
εi + 2ε0 εi + 2ε0
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 61

und
~ i = −∇Φi = 3ε0
E E0~ez .
εi + 2ε0
Für den Außenraum ergibt sich

εi − ε0 r03
Φa (r, ϑ) = −E0 r cos ϑ + E0 cos ϑ
εi + 2ε0 r2
εi − ε0 r03 ~
= −E0 z + E0 · ~r , (1.137)
εi + 2ε0 r3
womit das zusätzliche Feld aufgrund der dielektrischen Kugel dem Feld eines Dipols
entspricht. D.h., es fällt proportional zu r2 ab. Der Faktor
εi − ε0 ~ 3
p~ = 4πε0 E0 r0 (1.138)
εi + 2ε0
ist dabei das Dipolmoment der polarisierten Kugel, das ein Potential
1 p~ · ~r
ΦD (~r) = (1.139)
4πε0 r3
erzeugt.

Dreidimensionale Lösung der Laplace-Gleichung in Kugelkoordinaten:

Bei den bisherigen Lösungen der Laplace-Gleichung wurde Azimuthalsymmetrie ange-


nommen, was bedeutet, dass die Ableitungen nach ϕ im Laplace-Operator verschwinden.
Wird eine ϕ-Abhängigkeit zugelassen und eine entsprechende dreidimensionale Separa-
tion vorgenommen, so können linear unabhängige Lösungen in der Form
h i h i
Φnm (r, ϑ) = An rn + Bn r−(n+1) Pm
n (cos ϑ) Cm e
jmϕ
+ Dm e−jmϕ

oder auch als


h i
Φnm (r, ϑ) = An rn + Bn r−(n+1) Pm
n (cos ϑ) [Cm cos(mϕ) + Dm sin(mϕ)]

angegeben werden.

Die Pm
n sind dabei die zugeordneten Legendre-Funktionen 1. Art.

Mit x = cos ϑ gilt

m dm Pn (x) 2 m dn+m (x2 − 1)n


Pm m 2 2
n (cos ϑ) = (−1) (1 − x ) = (−1) m
(1 − x ) 2 (1.140)
dxm dxn+m
mit der Orthogonalitätsrelation
Z1
2 (n + m)!
Pm m
n (x)Pn0 (x) dx = δnn0 . (1.141)
2n + 1 (n − m)!
−1
62 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Häufig arbeitet man auch mit den sogenannten Kugelflächenfunktionen


v
u 2n + 1 (n + m)! m
u
Ynm (ϑ, ϕ) = t P (cos ϑ)ejmϕ
n (1.142)
4π (n − m)!

mit der Orthogonalitätsrelation


Z2π Zπ
Ynm (ϑ, ϕ)Y∗n0 m0 (ϑ, ϕ) sin ϑ dϑ dϕ = δnn0 δmm0 , −n ≤ m ≤ n. (1.143)
0 0

Eine Orthogonalreihentwicklung für Potentiallösungen der Laplace-Gleichung kann da-


mit angeben werden zu
∞ X
n h i
Anm rn + Bnm r−(n+1) Ynm (ϑ, ϕ) .
X
Φ(r, ϑ, ϕ) = (1.144)
n=0 m=−n

Orthogonalreihenentwicklungen mit Kugelflächenfunktionen werden sehr häufig verwen-


det, um alle möglichen Daten effizient auf kugelförmigen Gebieten darzustellen, z.B. die
Bevölkerungsdichte auf der Erde oder Daten der Atmosphäre.

1.5.3.4 Konstruktion der Greenfunktion mit Hilfe der Spiegelladungsmethode

Eine rein geometrische Konstruktion der Greenfunktion leistet die Spiegelladungsme-


thode, wenn das betrachtete Gebiet Ω von einer oder einigen wenigen ebenen leiten-
den Randflächen begrenzt wird (z.B. Halbraum oder Winkelraum). Ausgangspunkt ist
hierbei die Greenfunktion zur Poissongleichung im unbeschränkten homogenen Raum
Ω = R3 , die sogenannte Vakuum-Greenfunktion.

Herleitung der Vakuum-Greenfunktion:

Eine Punktladung Q bei ~r0 erzeugt im unbeschränkten Raum mit konstanter Permitti-
vität ε0 das Potential
Q 1 1
ϕ(~r) = . (1.145)
ε0 4π |~r − ~r0 |

Dieses erfüllt im Unendlichen die homogene Dirichlet-Randbedingung

lim ϕ(~r) = 0 . (1.146)


|~
r|→∞

Dies bedeutet, dass das Coulomb-Potential (1.145) die Poissongleichung (im Distributi-
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 63

onssinn) löst:
!
1 1
− div(ε0 ∇ϕ) = −Q ∆r = Q δ(~r − ~r0 ) . (1.147)
4π |~r − ~r0 | | {z }
Punktladungsdichte

Durch Vergleich mit (1.96) erkennt man, dass


1 1
GVac (~r, ~r 0 ) = (1.148)
4πε0 |~r − ~r 0 |

die Greenfunktion zur Poissongleichung in Ω = R3 mit der Randbedingung (1.146)


darstellt. Das heißt, dass (im Sinne einer Distributionsableitung) gilt
!
1 1
∆r = −δ(~r − ~r 0 ) . (1.149)
4π |~r − ~r 0 |

ρ
In der Tat wird die Poissongleichung ∆ϕ = − im gesamten R3 gelöst durch das
ε0
Coulomb-Integral
ZZZ
0 0 1 ZZZ ρ(~r 0 )
0
ϕ(~r) = GVac (~r, ~r )ρ(~r ) dv = 0
dv 0 . (1.150)
4πε0 3 |~r − ~r |
R3 R

Aus der Vakuum-Greenfunktion (1.148) lässt sich die Greenfunktion für den Halbraum
mit ideal leitendem Rand konstruieren (siehe Abb. 1.16).

r Q r Q
rQ rQ
r 0x r xr
n n rQ*
e
e
r r
H rP Ebene ¶H rP
H
M H*
metallischer Halbraum
e
F = const. = 0

Reales Problem Ersatzproblem -Q

Abbildung 1.16: Punktladung vor metallischem Halbraum

Das dielektrische Gebiet ist der Halbraum

Ω = H := {~r = ~r|| + z~n | ~r|| · ~n = 0; z > 0},


64 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

dessen Rand von der Ebene

∂H = {~r = ~r|| | ~r|| · ~n = 0; z = 0}

gebildet wird.

Hierbei ist ~n der Normalenvektor der Ebene ∂H. Die Permittivität ε sei im Halbraum H
konstant. Der unterhalb der Randfläche liegende Halbraum z ≤ 0 sei ein (idealer) metal-
lischer Leiter, der zusammen mit der Ebene ∂H ein Äquipotentialgebiet mit konstantem
Potential bildet, das auf den Wert Φ(~r) = 0 gesetzt werden kann. Um die Greenfunktion
für den Halbraum H zu bestimmen, wird eine Punktladung Q an den Ort ~rQ ∈ H gesetzt
und das von Q erzeugte Potential bestimmt.

Statt dieses reale Problem zu lösen, betrachten wir aber ein Ersatzproblem, indem wir
das Dielektrikum über ∂H hinaus nach unten fortsetzen (mit gleicher Permittivität ε
wie in H).

In dieses virtuelle Dielektrikum wird am Punkt ~r ∗Q , der durch Spiegelung des Punktes
~rQ an der Ebene ∂H entsteht, eine virtuelle Gegenladung −Q platziert. Ladung und
Gegenladung erzeugen im Halbraum H das elektrische Potential
" #
Q 1 1
ΦH (~r) = − für ~r ∈ H . (1.151)
4πε |~r − ~rQ | |~r − ~r ∗Q |

Dieses Potential zum Ersatzproblem stimmt im Halbraum H mit dem Potential des
realen Problems überein.

Zum einen erfüllt es die Poissongleichung in H mit der Ladung Q am Ort ~rQ als Quelle,
da mit (1.149) gilt
! !
1 1 1 1
div(ε ∇ΦH ) = Q∆~r − Q∆~r
4π |~r − ~rQ | 4π |~r − ~r ∗Q |

= −Q δ(~r − ~rQ ) + Q δ(~r − ~r ∗Q ) .


| {z }
= 0 für ~r ∈ H
(Man beachte: Da für ~r ∈ H stets ~r 6= ~r ∗Q gilt, liefert die zweite Deltafunktion in H
keinen Beitrag.)

Zum anderen erfüllt ΦH auch die Randbedingung auf ∂H:

Für ~r ∈ ∂H gilt |~r − ~rQ | = |~r − ~r ∗Q |, und damit ist ΦH (~r) = 0 für ~r ∈ ∂H.

Die Greenfunktion für den Halbraum GH (~r, ~r 0 ) erhalten wir aus Gl. (1.151), indem
wir Q = 1 und ~rQ = ~r 0 setzen.
1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 65

Bezeichnen wir die Spiegelung an der Ebene ∂H mit S gemäß

~r = ~r|| + z~n 7→ ~r ∗ = S~r := ~r|| − z~n ,

so lautet die Greenfunktion


" #
0 1 1 1
GH (~r, ~r ) = − . (1.152)
4πε |~r − ~r | |~r − S~r 0 |
0

Für beliebige Ladungsverteilungen ρ(~r), ~r ∈ H ist


ZZZ
Φ(~r) = GH (~r, ~r 0 )ρ(~r 0 ) dv 0 (1.153)
H

die Lösung des Potentialproblems in H.

Explizit lautet dieses Integral


 
1  ZZZ ρ(~r 0 ) 0
ZZZ
ρ(~r 0 )
Φ(~r) = dv − dv 0 
4πε |~r − ~r 0 | |~r − S~r 0 |
H H

(siehe Abb. 1.17).

In analoger Weise lässt sich die Spiegelladungsmethode auf einen Viertelraum (90◦ - Win-
kelraum) mit metallischer Begrenzung anwenden (Abb. 1.18).

Der Viertelraum W habe eine konstante Permittivität ε. Zwei Halbebenen bilden den
Rand ∂W , auf dem das Potential der Randbedingung Φ∂W = 0 genügen muss. Um diese
zu erfüllen, wird die reale Punktladung Q am Ort ~rQ dreimal gespiegelt an die Punkte
S1~rQ , S2~rQ und S3~rQ mit der Ladung −Q, +Q und −Q (siehe Abb. 1.18).

Das Potential zum Ersatzproblem lautet dann


"
Q 1 1
ΦW (~r) = −
4πε |~r − ~rQ | |~r − S1~rQ |
#
1 1
+ − für ~r ∈ W . (1.154)
|~r − S2~rQ | |~r − S3~rQ |

Es stimmt im Winkelraum W mit dem Potential des realen Problems überein, wie man
analog zum Halbraumproblem beweisen kann. Insbesondere erfüllt ΦW die Randbedin-
gung ΦW (~r) = 0 für ~r ∈ ∂W , weil sich für ~r ∈ ∂W jeweils zwei der vier Terme in Gl.
(1.154) paarweise kompensieren.

Die Greenfunktion für den Winkelraum GW (~r, ~r 0 ) erhält man aus Gl. (1.154),
indem man Q = 1 und ~rQ = ~r 0 setzt.
66 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Reales Problem Ersatzproblem

H
r (r )
r
r (r )
r

gespiegelt

F=0
Metall

- r (r * )
r

Abbildung 1.17: Ladungsspiegelungsprinzip beim Halbraum-Problem

Sie lautet
3
1 X (−1)n
GW (~r, ~r 0 ) = (1.155)
4πε n=0 |~r − Sn~r 0 |
wobei S0~r = ~r die identische Abbildung bezeichnet.

Reales Problem Ersatzproblem


¶W
y
W

S1rQ
r
Q rQ
r -Q Q rQ
r

O O

x
S2rQ
r
F(r ) = const.= 0
S3rQ
r

+Q -Q

Abbildung 1.18: Punktladung vor metallischem 90◦ - Winkelraum


1.5.3 Analytische Lösungsverfahren für die Poissongleichung 67

1.5.3.5 Multipolentwicklung des Potentials im freien Raum

Wir betrachten das Coulomb-Integral


ZZZ
1 ZZZ ρ(~r 0 )
Φ(~r) = GVac (~r, ~r 0 )ρ(~r 0 ) dv 0 = dv 0 (1.156)
4πε0 3 |~r − ~r 0 |
R3 R

für das Potential im freien Raum aufgrund einer räumlichen Ladungsverteilung ρ(~r).

Im Hinblick auf eine Vereinfachung der Integraldarstellung führen wir eine Taylorent-
1
wicklung des Integralkerns unter der Annahme |~r 0 | < |~r| durch.
|~r − ~r 0 |

Eine Erweiterung der eindimensionalen Taylor-Reihe


! !2
0 1 d 1 d
f (x + x ) = f (x) + x0 f (x) + x0 f (x) + ... (1.157)
1! dx 2! dx

auf eine räumliche Ableitung im dreidimensionalen Raum kann angegeben werden als
1 0 1 2
f (~r + ~r 0 ) = f (~r) + (~r · ∇) f (~r) + (~r 0 · ∇) f (~r) + ... , (1.158)
1! 2!
mit
∂ ∂ ∂
(~r 0 · ∇) = x0 + y0 + z0
∂x ∂y ∂z
h i
n (n−1)
(~r 0 · ∇) g(~r) = (~r 0 · ∇) (~r 0 · ∇) g(~r) . (1.159)

Damit wird
1 1 1 1 1 2 1
0
= − (~r 0 · ∇) + (~r 0 · ∇) ± ... . (1.160)
|~r − ~r | |~r| 1! |~r| 2! |~r|
Mit r = |~r| und
1 1 ~r ~r 0 · ~r
(~r 0 · ∇) = ~r 0 · ∇ = −~r 0 · 3 = − 3 (1.161)
r r r r
folgt
1 1 ~r 0 · ~r
= + 3 ± ... . (1.162)
|~r − ~r 0 | r r
und schließlich für das Coulomb-Integral

1 ZZZ ρ(~r 0 ) 1 ~r 0 · ~r
" #
0 1 ZZZ 0
Φ(~r) = dv = ρ(~r ) + 3 ± ... dv 0
4πε0 3 |~r − ~r 0 | 4πε0 3 r r
R R
1 1 ZZZ
1 ~r ZZZ
= ρ(~r 0 ) dv 0 + · ρ(~r 0 )~r 0 dv 0 ∓...
4πε0 r 4πε0 r3
R3 R3
| {z } | {z }
Q p~
1 1 1 ~r · p~
= Q+ ± ... . (1.163)
4πε0 r 4πε0 r3
68 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Dabei hat die Taylor-Reihenentwicklung der Greenfunktion ganz offensichtlich auf eine
exakte Lösung der Poisson bzw. Laplace Gleichung (außerhalb der Quellen) geführt, da
die einzelnen Taylor-Terme, wie z.B. das Dipol-Potential mit den exakten Potentialen
aus der Separation der Laplace-Gleichung (siehe Gleichungen (1.137),(1.139)) überein-
stimmen. Die exakte Lösung der Laplace-Gleichung kann auch für die höheren Multipol-
Terme überprüft werden.

Durch die Separation der Quell- und Beobachtungskoordinaten bietet die Multipoldar-
stellung des Potentials insbesondere bei der numerischen Auswertung der Integrale viel-
fach erhebliche Vorteile im Hinblick auf die erzielbare Berechnungsgeschwindigkeit. Ins-
besondere bietet eine Multipol-Darstellung auch die Möglichkeit zur Konstruktion von
hierarchischen Multi-level-Algorithmen, die in vielen numerischen Berechnungsverfahren
zur Effizienzsteigerung eingesetzt werden und die häufig die Behandlung von sehr großen
Problemen überhaupt erst möglich machen.

Viele dieser Vorgehensweisen sind dabei nicht auf statische Potentialprobleme beschränkt,
sonder können auch auf hochfrequente dynamische Feldprobleme übertragen werden.
1.5.4 Stationäre elektrische Strömungen und das zugehörige Randwertproblem 69

1.5.4 Stationäre elektrische Strömungen und das zugehörige


Randwertproblem

Auf ein Potentialproblem führt auch die Berechnung stationärer Stromverteilungen in


leitenden Materialien. Die bereits dargestellten theoretischen Aussagen und Lösungsme-
thoden der Potentialtheorie können hierauf in analoger Weise übertragen werden.

1.5.4.1 Bilanz- und Transportgleichungen für elektrische Strömungsverteilungen

Ladungsbilanz

Wie bereits in § 1.2.3 diskutiert wurde, erhält man aus (1.1) und (1.4) die Beziehung
 
~
∂ div D ∂ρ
~ = div ~j +
0 = div(rot H) = div ~j + .
∂t ∂t
Die Ladungserhaltungsgleichung
∂ρ
div ~j + =0 (1.164)
∂t
bildet die Grundlage für die Theorie elektrischer Strömungen.

Transportmodell für die beweglichen Ladungsträger

Um ein geschlossenes Gleichungssystem zu erhalten, muss die Stromdichte ~j durch die


sie treibenden Kräfte ausgedrückt werden. In einem Leiter oder Halbleiter kann man
zumeist in guter Näherung vom Drift-Diffusions-Modell ausgehen.

Wir nehmen an, dass das elektrische Strömungsfeld aus K verschiedenen Sorten von
Ladungsträgern zusammengesetzt ist, welche die spezifische Ladung qα , Beweglichkeit
µα und Teilchendichte nα besitzen. Die Trägersorte α trägt dann mit der Partialstrom-
dichte
~ − qα Dα ∇nα
~jα = |qα |nα µα E (1.165)
zum gesamten Stromfluss bei.

~ (vgl. Vorlesung Elek-


Der erste Term bezeichnet den Driftstrom im elektrischen Feld E
trizität und Magnetismus §2.2.2) und führt zum Ohmschen Gesetz. Dieser Transport-
mechanismus ist in Metallen dominant.

Der zweite Term bezeichnet den Diffusionsstrom. Dieser fließt immer in Richtung des
negativen Konzentrationsgradienten −∇nα . Seine Intensität ist durch den Diffusionsko-
effizienten Dα > 0 gegeben; dieser Zusammenhang wird auch als Ficksches Diffusi-
onsgesetz bezeichnet. Der Diffusionsstrom ist insbesondere in Halbleiterbauelementen
wie Dioden und Bipolartransistoren relevant. In diesem Fall hat man zwei Trägersorten,
nämlich die Leitungselektronen (α = n) und die Defektelektronen (Löcher, α = p).
70 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Wir nehmen weiterhin an, dass das elektrische Feld keine durch das Induktionsgesetz
~ = − ∂ B~ induzierten Wirbelfelder enthält und damit keine Wirbelströme vorhanden
rot E ∂t
~ ~ = 0, und damit ist das E-Feld
~
sind. Für ∂∂tB = 0 folgt rot E ein reines Gradientenfeld in
der Form
~ = −∇Φ .
E
Damit kann man die Partialstromdichte ~jα als Summe zweier Gradienten gemäß
~jα = − (|qα |nα µα ∇Φ + qα Dα ∇nα ) (1.166)

darstellen.

Der Diffusionskoeffizient Dα und die Beweglichkeit µα sind über die „Einsteinrelation“


Dα = |qkTα | µα miteinander verknüpft.

Mit Hilfe des elektrochemischen Potentials (oder Quasiferminiveaus)

kT nα
Φα := Φ + ln (1.167)
qα n0

lässt sich daher die Partialstromdichte ~jα in kompakter Form darstellen als
~jα = −σα ∇Φα , (1.168)

wobei σα := |qα |µα nα die spezifische elektrische Leitfähigkeit der Trägersorte α bezeich-
net.
Die Gesamtstromdichte ergibt sich schließlich als
K
~j = ~jα
X
(1.169)
α=1

und die zugehörige Raumladungsdichte ist


K
X
ρ= q α nα . (1.170)
α=1

Detaillierte Bilanzgleichungen

Wie im Abschnitt 1.2.3 diskutiert wurde, genügen die Teilchen jeder Trägersorte α einer
Teilchenbilanzgleichung (vgl. (1.31))

∂nα 1
= − div ~jα + Gα (α = 1, ..., K) , (1.171)
∂t qα
wobei Gα die Generations-Rekombinationsrate der Spezies α bezeichnet. Man beachte,
1
dass ~jα die Teilchenstromdichte der Spezies α ist.

Damit die detaillierten Bilanzen (1.171) mit der Ladungserhaltungsgleichung (1.164)


1.5.4 Stationäre elektrische Strömungen und das zugehörige Randwertproblem 71

verträglich sind, muss wegen (1.169) und (1.170) gelten


K K
!
∂ρ X ∂nα
0 = div ~j + div ~jα + qα
X
= = qα Gα , also
∂t α=1 ∂t α=1

K
X
qα Gα = 0 . (1.172)
α=1

1.5.4.2 Stationäre Strömungsfelder im Drift-Diffusions-Modell

∂nα
Bei stationären Strömungen gilt = 0. Mit der Stromrelation (1.168) eingesetzt in
∂t
(1.171) erhalten wir ein System partieller Differentialgleichungen für die elektrochemi-
schen Potentiale Φα
div (σα ∇Φα ) = −qα Gα , (1.173)
das zusammen mit der Poissongleichung für das elektrische Potential Φ
K
X
div (ε∇Φ) = −ρ = − q α nα (1.174)
α=1

zu lösen ist. Die Trägerkonzentrationen nα werden hierbei mit Hilfe von (1.167) aus
Φα und Φ berechnet, die gesuchten Stromdichten mit Hilfe von (1.168). Das gekoppelte
System von Differentialgleichungen (1.173) und (1.174) ist auf einem Gebiet Ω ⊂ R3
(=Bauelement) mit geeignet gewählten (gemischten) Randbedingungen zu lösen.

1.5.4.3 Stationäre Strömungsfelder im Ohmschen Transportmodell

Dielektrische Relaxation

Den einfachsten Fall stellt ein metallischer Leiter dar, in dem ein rein Ohmscher La-
dungstransport mit nur einer einzigen Trägersorte (Elektronen) erfolgt. Es gilt also das
einfache Ohmsche Gesetz
~ = −σ∇Φ.
~j = σ E (1.175)
~ = εE,
Gleichzeitig gelten natürlich die Materialgleichung D ~ das Gaußsche Gesetz div D
~ =
ρ, sowie die Ladungserhaltungsgleichung (1.164).

Ineinander eingesetzt ergibt sich bei konstant angenommener Leitfähigkeit σ und Per-
mittivität ε die Beziehung
∂ρ σ~ σ ~ = − σ ρ,
 
= − div ~j = − div D = − div D
∂t ε ε ε
also
∂ρ σ σ
=− ρ mit = constans (1.176)
∂t ε ε
72 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Wird der elektrisch neutrale stationäre Gleichgewichtszustand durch eine lokale La-
dungsfluktuation ∆ρ(t, ~r) gestört, so folgt durch zeitliche Integration von (1.176)
t − t0
 
∆ρ(t, ~r) = ∆ρ(t0 , ~r) exp − , (1.177)
τR
wobei
ε
τR := (1.178)
σ
als dielektrische Relaxationszeit bezeichnet wird.

Typische Werte für τR sind

• Metall: τR ≈ 10−15 s = 1 fs

• Halbleiter: τR ≈ 10−12 . . . 10−4 s

• Isolator: τR = 104 . . . 106 s ≈ 10 Tage

Quasistationäre Näherung

In einem Metall ist die Relaxationszeit so kurz, dass alle zeitlichen Vorgänge, die für die
technische Anwendung von Interesse sind (Schalten, Ladungsverschiebung etc.), langsam
ablaufen im Vergleich zu τR . Deshalb kann man auf der technisch relevanten Zeitskala
( µs, ns) die Ausbildung einer Raumladung meistens vernachlässigen, d.h.

∂ρ
≈ 0. (1.179)
∂t

Dies nennt man quasistationäre Näherung.

1.5.4.4 Randwertproblem für stationäre Ohmsche Strömungsfelder

Gemäß der Ladungserhaltungsgleichung (1.164) bleibt in der quasistationären Näherung


nur noch das stationäre Strömungsproblem

div ~j = 0 (1.180)

zu lösen. Mit dem Ansatz (1.175) einer Potentialströmung gelangen wir so zu einer
homogenen Poissongleichung für das elektrische Potential in der Form

div(σ(~r)∇Φ) = 0 . (1.181)

Diese ist auf einem Gebiet Ω ⊂ R3 zu lösen, auf dessen Rand ∂Ω folgende Randbedin-
gungen gestellt werden:
1.5.5 Korrespondenz 73

Kontakt
n
r
¶W1 ¶Wn

r r
j = -s E
r
div j = 0
W
s (r )
r

¶W2

Abbildung 1.19: Stromführendes Gebiet begrenzt von elektrischen Kontakten und


isolierenden Randstücken

Der Rand ∂Ω enthält potentialgesteuerte Kontakte (Klemmen) ∂Ω1 , ∂Ω2 , ..., ∂ΩN , auf
denen die Potentialwerte
Φ|∂Ωj = Vj (j = 1, ..., N )
vorgegeben sind.

Die übrigen Randflächenstücke sind elektrisch isolierend,


∂Φ
d.h. ~j · ~n = −σ = 0, wobei ~n die äußere Normale auf ∂Ω bezeichnet. Dies führt auf
∂n
die homogene Neumannsche Randbedingung
 
N
∂Φ [
=0 auf ∂Ω\  ∂Ωj 
∂n j=1

Insgesamt ist also ein gemischtes Randwertproblem zu lösen, wie es bereits im Abschnitt
1.5.2 behandelt wurde (vgl. Gl. (1.86)).

1.5.5 Korrespondenz zwischen Elektrostatik, stationären


elektrischen Strömen, Magnetostatik und stationärem
Wärmefluss

Die feldtheoretische Beschreibung von Problemstellungen in der Elektrostatik, bei statio-


närem elektrischem Stromfluss, in der Magnetostatik und bei stationärem Wärmefluss
folgt völlig analogen Grundgleichungen (Bilanzgleichungen und gradientengetriebenen
Flussgrößen). Diese Korrespondenzen sind in folgender Tabelle zusammengestellt. Sie
erlauben es, generische mathematische Lösungsmethoden (wie z.B. Lösen der Poisson-
gleichung) auf jedes der vier genannten Problemfelder in analoger Weise anzuwenden.
74 1.5 Das Randwertproblem der Potentialtheorie

Aus der mathematischen Struktur der feldtheoretischen Beschreibung lässt sich eine
Netzwerkbeschreibung mit konzentrierten Netzwerkelementen ableiten. Das Ergebnis ist
ein Kirchhoffsches Netzwerk mit geeignet gewählten „Across-Größen“ (Knoten-Potentialen)
und „Through-Größen“ (Zweigströmen), die den Kirchhoffschen Gesetzen (Knoten- und
Maschenregel) genügen. Die in der folgenden Tabelle aufgelisteten Korrespondenzen er-
möglichen es, elektrische Netzwerke auf magnetische Kreise, dielektrische Netzwerke oder
thermische Netzwerke in analoger Weise abzubilden und damit die Methoden der Netz-
werktheorie gleichermaßen anzuwenden.
Elektrostatik stationäre elekt. Strömungen Magnetostatik stationärer Wärmefluss

Kontinuumsdarstellung

Korrespond. Feldgrößen (D, ~


~ ε, E) ~
(~j, σ, E) (B, ~
~ µ, H) (J~Q , κ, −∇T )
1.5.5 Korrespondenz

(Cont) div D
~ =ρ div ~j = 0 div B
~ =0 div J~Q = ΠQ

(Pot) rot E
~ =0 rot E
~ =0 rot H
~ = ~j (= 0) rot ∇T = 0

treibende Kraft E
~ = −∇Φel E
~ = −∇Φel H
~ = −∇Φmag −∇T

Flussgröße D
~ = −ε∇Φel ~j = −σ∇Φel B
~ = −µ∇Φ
~ mag J~Q = −κ∇T

(Pot) in (Cont) div(ε∇Φel ) = −ρ div(σ∇Φel ) = 0 div(µ∇Φmag ) = 0 div(κ∇T ) = −ΠQ

Netzwerkdarstellung

„Across“-Größe elektrische elektrische magnetische Temperaturgefälle ∆T


Spannung U Spannung U Spannung Vm
− − −
U = Φ+
el − Φel U = Φ+
el − Φel Vm = Φ+
mag − Φmag ∆T = Theiss − Tkalt

„Through“-Größe dielektrischer elektrischer magnetischer Wärmestrom


Fluss Strom Fluss
ZZ ZZ ZZ ZZ
ΦD = D
~ · d~a I= ~j · d~a ΦB = B
~ · d~a Q̇ = J~Q · d~a
A A A A

lineares Materialgesetz U = RD ΦD U = Rel I Vm = Rm ΦB ∆T = Rth Q̇

Kirchhoffsches dielektrisches elektrisches magnetischer thermisches


Netzwerk Netzwerk Netzwerk Kreis Netzwerk
75
77

2 Modellierung elektromagnetischer
Vorgänge in technischen Systemen
mit Kompaktmodellen

2.1 Flusserhaltende Diskretisierung mit Kirchhoffschen


Netzwerken

Für viele technische Anwendungen (Geräte, Schaltungen, ...) ist eine kontinuumstheo-
retische Beschreibung mit Hilfe der Maxwellschen Feldtheorie viel zu aufwendig, um
ihre Funktion praxisrelevant darzustellen. Stattdessen genügt eine vereinfachte Model-
lierung mit sehr viel weniger Zustandsvariablen (typischerweise Klemmenspannungen
und Strömen in äquivalenten Netzwerken). Durch eine derartige „Ordnungsreduktion“
dürfen aber die zugrundeliegenden physikalischen Prinzipien und Gesetze nicht ver-
letzt werden. So muss beispielsweise eine Netzwerkdarstellung mit Kompaktmodellen
für die Netzwerkelemente die Erhaltungssätze für Ladung und Energie exakt erfüllen;
man spricht dann von einer flusserhaltenden Diskretisierung.

2.1.1 Generelle Modellannahmen

Damit eine Systembeschreibung mit Hilfe von Kompaktmodellen in einem äquivalenten


Netzwerk eine physikalische Grundlage hat, müssen einige Voraussetzungen gegeben
sein:

(i) Das technische System besteht aus räumlich begrenzten Funktionsblöcken,


die über wohldefinierte lokalisierte Schnittstellen (z.B. leitende Verbindungen
oder geführte elektromagnetische Felder) miteinander wechselwirken.

(ii) Die elektrischen und magnetischen Felder sind nur quasistationär zeitveränder-
lich, d.h. sie werden ohne Retardierungseffekt von Klemmenströmen und -span-
nungen zeitgleich gesteuert. Dies impliziert, dass keine elektromagnetische Wellen-
ausbreitung in und zwischen den Funktionsblöcken stattfindet (Konzentriertheits-
hypothese). Eine hinreichende Bedingung hierfür ist (vgl. 3. Kapitel)

Wellenlänge der EM-Welle λ  Abmessung des Systems d


78 2.1 Flusserhaltende Diskretisierung mit Kirchhoffschen Netzwerken

Rechnet man diese Bedingung mit Hilfe der Beziehung c = λν (Lichtgeschwindig-


keit c ≈ 3.0 × 108 m
s ) auf die Frequenz ν der Welle um, so findet man die folgenden
Werte:

Frequenz ν 50 Hz 300 kHz 100 MHz 1 GHz 1 THz


Wellenlänge λ 6000 km 1 km 3m 30 cm 0,3 mm

Damit ist offensichtlich, dass selbst in Energieversorgungsnetzen mit Welleneffek-


ten zu rechnen ist, wenn wir daran denken, dass Energnieversorgungsleitungen
leicht viele hundert oder auch tausende von Kilometern lang sein können.

Bei Frequenzen um einige GHz oder mehr werden Welleneffekte auch im Bereich
von integrierten Schaltungen bemerkbar und es ist erforderlich, die Schaltungen
so auszulegen, dass die Welleneffekte die Funktionalität der Schaltungen nicht
gefährden. Im Idealfall werden Schaltungen dann so ausgelegt, dass Welleneffekte
gewinnbringend genutzt werden können.

2.1.2 Feldtheoretische Beschreibung der Quasistationarität

Wir nehmen vereinfachend ein Medium mit konstanter Permittivität ε und Permeabilität
µ an. Das elektromagnetische Feld wird in Potentialdarstellung
~ = −∇Φ −
E ∂ ~
A
∂t

und
~ = rot A
B ~
~ = 0 dargestellt (vgl. Abs. 1.3.2).
mit Coulombeichung div A

Dann gilt (vgl. (1.50) und (1.51))

~ =ρ ρ
div D ⇒ ∆Φ = − (2.1)
ε
~ ~
!
~ = ~j + ∂ D ~ ∂ 2A ∂
rot H ⇒ ∆A − εµ 2 = −µ ~j − ε (∇Φ) (2.2)
∂t ∂t ∂t

Die Ausbildung elektromagnetischer Wellen wird unterdrückt, indem in Gl. (2.2) der
∂2 ~
Term εµ ∂t 2 A = 0 gesetzt wird.

Dies entspricht einer Näherung des Verschiebungsstromes


 
~
∂D ∂ ~
∂ 2A ∂
= −ε  (∇Φ) + 2  ≈ −ε (∇Φ) (2.3)
∂t ∂t ∂t ∂t

d.h. der magnetisch induzierte Anteil wird vernachlässigt!


2.1.3 Synthese von Netzwerkmodellen aus funktionalen Blöcken 79

~ nunmehr den Bestim-


Als Konsequenz dieser Näherung genügen die Potentiale (Φ, A)
mungsgleichungen
1
∆Φ(~r, t) = − ρ(~r, t) (2.4)
ε" #
~ r, t) = −µ ~j(~r, t) − ε ∂ (∇Φ(~r, t))
∆A(~ (2.5)
∂t

Dies bedeutet:
~ und damit (E,
(Φ, A) ~ B)~ sind nur noch vom momentanen zeitlichen Wert
der Quellgrößen ρ(~r, t) und ~j(~r, t) (sowie der Randwerte) abhängig
⇒ alle Feldgrößen sind quasistationär!

Die quasistationäre Näherung (2.4)/(2.5) ist verträglich mit dem Ladungserhaltungssatz.


Denn wegen der Coulomb-Eichung div A ~ = 0 gilt
! !
~ = −µ div ~j − ε ∂ (∆Φ) = −µ div ~j + ∂ρ ,
~ = div(∆A)
0 = ∆(div A)
∂t ∂t

also
∂ρ
div ~j + = 0. (2.6)
∂t

2.1.3 Synthese von Netzwerkmodellen aus funktionalen Blöcken

Ziel der Kompaktmodellierung (oder Makromodellierung) ist es, eine feldtheoretisch


beschriebene Struktur mit realer dreidimensionaler Geometrie durch ein äquivalentes
Kirchhoffsches Netzwerk so darzustellen, dass die Funktion der Struktur in ihrem Klem-
menverhalten realitätsgetreu wiedergegeben wird.

Reale 3D Kompakt-
Struktur Modellierung

Kontinuums-
modelle

Kirchhoffsches Netzwerk
Abbildung 2.1: Kompaktmodellierung

Hierzu sind die im Folgenden beschriebenen Voraussetzungen nötig.


80 2.1 Flusserhaltende Diskretisierung mit Kirchhoffschen Netzwerken

2.1.3.1 Funktionale Blöcke

Wir nehmen an, dass sich das zu modellierende System aus räumlich begrenzten funk-
tionalen Blöcken aufbauen lässt, die als mehrpolige elektrische Bauelemente dar-
gestellt werden können.

Das bedeutet:

• Ladungsaustausch (Stromfluss) mit anderen Bauelementen erfolgt über disjunkte,


lokalisierte Randflächen A1 , .., AN (N ≥ 2) (= Kontakte oder Klemmen)

• Kontakte sind Äquipotentialflächen (-gebiete). Daher ist es sinnvoll, Klemmen-


potentiale Φk = Φ|Ak (k = 1, ..., N ) zu definieren.

• Das Bauelement als Ganzes ist elektrisch neutral (d.h. Gesamtladung Q = 0).
Hieraus folgt
N Z
dQ ZZZ ∂ρ ZZZ
~
ZZ
~
X
~j · d~a
0= = dv = − div j dv = − j · d~a = −
dt ∂t k=1
B B ∂B Ak

Die (auslaufend gerichteten) Klemmenströme


ZZ
Ik := ~j · d~a (2.7)
Ak

erfüllen daher die integrale Stromerhaltungsgleichung


N
X
Ik = 0 (2.8)
k=1

• Das Klemmenverhalten der Bauelemente ist darstellbar in Form eines differential-


algebraischen Gleichungssystems („Kompaktmodell“)
˙ =0
F (U , I, U̇ , I) (2.9)

Hierbei bedeuten

U = (Φ1 − Φ0 , Φ2 − Φ0 , ..., ΦN − Φ0 ) Klemmenspannungen


Φ0 = Bezugspotential („Nullpunkt“)
I = (I1 , I2 , ...IN ) Klemmenströme

Derartige Kompaktmodelle sind prinzipiell aus einem Kontinuumsmodell ableitbar.

Typische Beispiele sind:


2.1.3 Synthese von Netzwerkmodellen aus funktionalen Blöcken 81

– Resistiver Zweipol (Eintor):

Kennlinie I1 = f (U12 ) mit U12 = Φ1 − Φ2

– Kapazitives Eintor:
dU12
I1 = C(U12 ) (nichtlinearer Kondensator)
dt

– Induktives Eintor:
dI1
U12 = L(I1 ) (nichtlineare Induktivität)
dt

2.1.3.2 Erstellung eines Kirchhoffschen Netzwerkes

Die elektrische Verknüpfung der Kompaktmodelle der Bauelemente zu einem System-


modell (Schaltung bzw. Netzwerk) geschieht über Knoten und Zweige.

F (r ) = F K 2 F (r ) = F K F (r ) = F K1
r r r

F K2 FK F K1
K2
ÑF ÑF
r K K1
j
I (K 2 , K ) I (K , K1 )
A B IK
A B
ÑF

Knoten K
Abbildung 2.2: Übergang vom Kontinuumsmodell zu einer diskreten Netzwerk- beschrei-
bung

Auch hierfür müssen gewisse Voraussetzungen in der realen Bauelementstruktur erfüllt


sein.

Erforderliche Eigenschaften von (physikalischen) Knoten

• Ein Knoten ist eine ideal leitende Verbindung zwischen M Kontakten. Für einen
„echten“ Knoten mit Stromverzweigung gilt M ≥ 3. Ein Knoten ist ein Äquipo-
tentialgebiet; daher kann ihm ein definierter Potentialwert ΦK zugeordnet werden.
Notation: K := Menge aller Knoten im Netzwerk
82 2.1 Flusserhaltende Diskretisierung mit Kirchhoffschen Netzwerken

• Knoten sind zumeist ladungsneutral. Für die auf einem Knoten gespeicherte La-
dung QK gilt: QK = 0 für K ∈ K

• Eine Ausnahme bilden „speichernde Knoten“ (= Elektroden) in mehrpoligen kapa-


zitiven Speicherelementen. Diese können eine Ladung QK 6= 0 tragen (vgl. Abs. 2.2),
wenn gleichzeitig andere Elektroden die Gegenladung tragen:
X
QK = 0 (2.10)
K∈K

Erforderliche Eigenschaften von Zweigen

• Gerichtete Zweige (K1 , K2 ) ∈ K × K bezeichnen einen möglichen Strompfad vom


Knoten K1 zum Knoten K2 .
Notation: Z := Menge aller Zweige im Netzwerk ⊂ K × K

• Der in Bauelementen und Verdrahtung räumlich verteilt fließende Strom ~j(~r, t)


wird als linienförmig konzentrierter, gerichteter Zweigstrom I(K1 , K2 ) flusser-
haltend zwischen den Knoten K1 und K2 transportiert. Dies ist eine Konsequenz
des Klemmenstrom-Erhaltungssatzes (2.8) und der Kirchhoffschen Knotenregel.

• Jedem Zweig (K1 , K2 ) ∈ Z muss man eine am Zweig anliegende gerichtete Zweig-
spannung
ZK2
U (K1 , K2 ) := ~ · d~s
E (2.11)
K1

~ = −∇Φ− ∂ A
zuordnen können. Da das elektrische Feld E ~ neben dem Gradienten-
∂t
~ ind = − ∂ A
feld −∇Φ auch das magnetisch induzierte Wirbelfel E ~ enthält, hängt
∂t
die induzierte Spannung

ZK2 ZK2 ~
~ ind · d~s = − ∂A
Uind (K1 , K2 ) := E · d~s (2.12)
∂t
K1 K1

von der Wahl des physikalischen Integrationsweges von K1 nach K2 ab


(= Strompfad des Zweigstromes). Nur wenn dieser eindeutig festliegt (z.B. lini-
enförmige Leiterschleife von K1 nach K2 ), ist Uind (K1 , K2 ) eindeutig definiert und
ein Netzwerk-Ansatz zulässig.

In diesem Fall gilt

ZK2 ZK2 ~
∂A
U (K1 , K2 ) = − ∇Φ · d~s − · d~s
∂t
K1 K1
= ΦK1 − ΦK2 + Uind (K1 , K2 ) (2.13)
2.1.3 Synthese von Netzwerkmodellen aus funktionalen Blöcken 83

Ohne Induktionseffekt gilt die vereinfachte Darstellung

U (K1 , K2 ) = ΦK1 − ΦK2 . (2.14)

2.1.3.3 Kirchhoffsche Knotenregel

Für einen Knoten K ∈ K sei N (K) = {K 0 ∈ K | (K, K 0 ) ∈ Z} die Menge seiner


Nachbarknoten im Netzwerk.

A (K , K1 )

I (K , K 2 )
I (K , K1 )

K A (K , K 2 )

A (K , K N ) I (K , K 3 )
I (K , K N ) A (K , K 3 )

Abbildung 2.3: Realer physikalischer Knoten in einem Netzwerk

Wird der reale physikalische Knoten K in ein Kontrollvolumen V eingeschlossen, so


strömen durch dessen Hüllfläche ∂V die Zweigströme I(K, K 0 ) zu den Nachbarknoten
K 0 ∈ N (K) durch disjunkte Teilflächenstücke A(K, K 0 ) ⊂ ∂V gemäß
Z Z
I(K, K ) = 0 ~j · ~n da (~n = äußere Normale) . (2.15)
A(K,K 0 )

Bei ladungsspeichernden Knoten ist


ZZZ
QK (t) = ρ (~r, t) dv
V

die im Knoten befindliche elektrische Ladung.

∂ρ
Wegen des Ladungserhaltungssatzes div ~j + = 0 folgt
∂t
dQK ZZZ
∂ρ ZZZ ZZ
= dv = − div j dv = − ~j · d~a
~
dt ∂t
V V ∂V
Z Z
~j · d~a = − I(K, K 0 ),
X X
= −
K 0 ∈N (K)A(K,K 0 ) K 0 ∈N (K)
84 2.1 Flusserhaltende Diskretisierung mit Kirchhoffschen Netzwerken

also
dQK
I(K, K 0 ) = −
X
. (2.16)
K 0 ∈N (K)
dt

(Kirchhoffsche Knotenregel für speichernde Knoten)

Bei nichtspeichernden Knoten gilt die vereinfachte Version

I(K, K 0 ) = 0 .
X
(2.17)
K 0 ∈N (K)

(Kirchhoffsche Knotenregel für nichtspeichernde Knoten)

2.1.3.4 Kirchhoffsche Maschenregel

Eine Masche (oder Schleife) M ist eine geschlossene Knotenfolge längs Zweigen im
Netzwerk (Abb. 2.4):

M = {(K0 , K1 ), (K1 , K2 ), ..., (KN −1 , KN ), (KN , K0 )}

K2
X K1
X

U (K 2 K 3 )
M
X K 0 º K N +1
X X
K3 KN
Abbildung 2.4: Masche in einem Kirchhoffschen Netzwerk

Im realen physikalischen System entspricht einer Masche eine geschlossene Kurve, die
längs physikalischer Strompfade (=Zweige) über die physikalischen Knoten führt. Zum
elektrischen Feld entlang der Masche E ~ = −∇Φ − ∂ A ~ trägt gegebenenfalls auch das
∂t
~ ind = − ∂ A
magnetisch induzierte Wirbelfeld E ~ bei.
∂t

~ entlang der physikalischen Masche ergibt abstrakt im Netz-


Das Linienintegral über E
werk
K
Z N Zj+1 N
~ · d~s = ~ · d~s =
X X
E E U (Kj , Kj+1 ),
M j=0 K j=0
j
85

wobei KN +1 := K0 gesetzt wird.

Andererseits gilt in der realen Struktur:


Z Z Z
~ · d~s = −
E ∇Φ · d~s + ~ ind · d~s = 0 + Uind (M)
E
M M M

mit der in der Masche induzierten Spannung


 
~ ind · d~s = − d  A
Z Z
Uind (M) = E ~ · d~s . (2.18)
dt
M M

Damit gilt
N
X
U (Kj , Kj+1 ) = Uind (M) . (2.19)
j=0

(Kirchhoffsche Maschenregel mit eingeprägter (induktiver) Spannungsquelle)

NB! (2.19) ist nur dann sinnvoll in einem Netzwerk anwendbar, wenn Uind (M) durch kon-
zentrierte Bauelemente (wie z.B. Spulen) erzeugt wird, deren Verhalten allein durch die
Zweigströme I(K, K 0 ) und Zweigspannungen U (K, K 0 ) im Netzwerk modelliert werden
kann (vgl. Abs. 2.3).

2.2 Kapazitive Speicherelemente

Das Konzept der Kompaktmodellierung soll im Folgenden an energiespeichernden Bau-


elementen wie Kondensator- oder Spulenanordnungen konkret angewandt werden.

2.2.1 Mehrelektroden-Kondensatoranordnungen (Geometrie und


Randwertproblem)

Randwertproblem

Wir betrachten eine Mehrelektroden-Kondensatoranordnung wie in §1.5.2.1 dargestellt:


Leitende Gebiete Ωl (l = 0, . . . , N ) schließen ein dielektrisches Gebiet Ω ein. ∂Ωl sind
Äquipotentialflächen mit den Potentialwerten Vl .

Das Dielektrikum zwischen den Elektroden ∂Ωl sei elektrisch neutral, d.h. es trägt
keine Raumladung: ρ = 0. Die Aufgabe besteht darin, zu gegebenen Potentialwerten
(V0 , V1 , . . . , VN ) ∈ RN +1 auf den Elektroden zunächst das elektrische Potential Φ(~r)
und hieraus das elektrische Feld E ~ = −∇Φ im Dielektrikum Ω zu bestimmen, um dann
die auf den Elektroden befindlichen Ladungen (Q0 , Q1 , . . . , QN ) zu berechnen.
86 2.2 Kapazitive Speicherelemente

r
n W2
e
r
n
W1 ¶W N ¶W2
WN

¶W1 r
n r
n

Abbildung 2.5: Mehrelektroden-Kondensatoranordnung

Als erster Schritt ist also das bereits in (1.73) formulierte Randwertproblem zu lösen:

[V-RWP] div(ε∇Φ) = 0 in Ω und Φ|∂Ωl = Vl (l = 0, 1, . . . , N ) (vgl. (1.73))

Konstruktion des Potentials aus Grundlösungen

Die Lösung zu [V-RWP] lässt sich als Linearkombination von N + 1 Grundlösungen


Φ0 (~r), Φ1 (~r), . . . , ΦN (~r) darstellen, die folgendermaßen definiert sind:

1 k=l
div(ε∇Φk ) = 0 in Ω und Φk |∂Ωl = δkl = (2.20)
0 k 6= l

Die Lösung Φ(~r) zu [V-RWP] mit der Potentialvorgabe (V0 , V1 , . . . , VN ) hat dann die
Form
N
X
Φ(~r) = Vk Φk (~r) . (2.21)
k=0

N N
!!
X X
Beweis: div(ε∇Φ) = div ε ∇ Vk Φk = Vk div (ε ∇Φk ) = 0
k=0 k=0
| {z }
0
N
X
Φ|∂Ωl = Vk Φk |∂Ωl = Vl
k=0
| {z }
δkl
2.2.2 Maxwellsche Kapazitätsmatrix 87

2.2.2 Maxwellsche Kapazitätsmatrix

2.2.2.1 Beziehung zwischen Elektrodenladungen und -potentialen

Die auf der Elektrode ∂Ωk befindliche Ladung Qk lässt sich mit dem Gaußschen Satz
folgendermaßen aus Φ(~r) berechnen:
ZZ ZZ N ZZ N
~ · ~n da = −
X X
Qk = D ε ~n · ∇Φ da = − Vl ε ~n · ∇Φl da = Ckl Vl
∂Ωk ∂Ωk l=0 ∂Ωk l=0
| {z }
=: −Ckl

Man beachte, dass ~n hierbei die von Ωk ins Innere von Ω weisende Oberflächennormale
auf ∂Ωk bezeichnet (vgl. Abb. 2.5). Wir erhalten somit eine lineare Beziehung zwischen
den Elektrodenladungen und -potentialen
N
X
Qk = Ckl Vl , (2.22)
l=0

wobei Z
Ckl := − ε ~n · ∇Φl da (k, l = 0, . . . , N ) (2.23)
∂Ωk

als Maxwellsche Kapazitätskoeffizienten bezeichnet werden. Diese hängen offen-


kundig nur von der Permittivität ε und der Geometrie der Elektrodenanordnung ab.

Die Kapazitätskoeffizienten Ckl lassen sich auf eine einfachere, symmetrische Form brin-
gen:
ZZ N ZZ
X ZZ
Ckl = − ε∇Φl · ~n da = Φk |∂Ωj ε ∇Φl · (−~n) da = Φk ε ∇Φl · d~a
j=0 ∂Ω
| {z }
∂Ωk ∂Ω
| {z }
j
δkj d~a
ZZZ ZZZ ZZZ
= div(Φk ε ∇Φl ) dv = ∇Φk ε · ∇Φl dv + Φk div(ε ∇Φl ) dv ,
| {z }
Ω Ω Ω
=0
wobei hier d~a = −~n da das nach außen orientierte Oberflächenelement des Gebietes Ω
darstellt.

Wir erhalten also ZZZ


Ckl = ∇Φk ε · ∇Φl dv . (2.24)

Offenkundig ist die Matrix Ckl symmetrisch mit

Ckl = Clk . (2.25)


88 2.2 Kapazitive Speicherelemente

2.2.2.2 Darstellung der gespeicherten elektrischen Energie

Mit Hilfe der Kapazitätskoeffizienten Ckl lässt sich die in einer Kondensatoranordnung
gespeicherte elektrische Energie Wel durch die Klemmenpotentiale Vl ausdrücken.

Nach (1.21) gilt


N N ZZZ
1 ZZZ ~ ~ dv = 1
ZZZ
(2.21) 1 X X
Wel = E ε ·E ∇Φ ε · ∇Φ dv = Vk ∇Φk ε · ∇Φl Vl dv
2 2 2 k=0 l=0
Ω Ω Ω
N X
N N X
N
1 X ZZZ
1 X
= Vk ∇Φk ε · ∇Φl dv Vl = Vk Ckl Vl .
2 k=0 l=0 2 k=0 l=0

Die gespeicherte Energie ist somit ein quadratischer Ausdruck der Klemmenpotentiale
gemäß
N
1 X 1
Wel = Vl Clk Vk = V T C V (2.26)
2 k,l=0 2
mit der Maxwellschen Kapazitätsmatrix
 
 C00 C01 ··· C0N 
 
 C10

C11 ··· C1N 

C = (Ckl ) =  .

.. ... .. 

 .. . . 
 
 
CN 0 CN 1 · · · CN N

und dem Vektor der Klemmenpotentiale


 
 V0 
 
 V1 
 
V :=  . 
  .
 .. 
 
 
VN

Die Energie Wel ist stets positiv: Wel ≥ 0.

Daher ist die (wegen (2.25) symmetrische) Kapazitätsmatrix C positiv semi-definit:

C = C T und V T C V ≥ 0 ∀ V ∈ RN +1 .

Fasst man Wel als Funktion der unabhängigen Variablen V = (V0 , V1 , . . . , VN )T auf, so
2.2.2 Maxwellsche Kapazitätsmatrix 89

folgt aus (2.26)


N N N
!
∂Wel 1 X X (2.25) X (2.22)
= Ckl Vl + Vl Clk = Ckl Vl = Qk
∂Vk 2 l=0 l=0 l=0

∂Wel ∂Wel
= Qk bzw. =Q (2.27)
∂Vk ∂V
mit dem Vektor der Elektrodenladungen
 
 Q0 
 
 Q1 
 
Q :=  . 
  .
 .. 
 
 
QN

Die lineare Beziehung zwischen Q und V (2.22) lautet dann in Matrixschreibweise

Q=CV . (2.28)

Differenziert man (2.27) ein weiteres Mal nach V , so erhält man

∂ 2 Wel ∂ 2 Wel
= Ckl bzw. =C. (2.29)
∂Vk ∂Vl ∂V ∂V
Ist die Funktion Wel = Wel (V ) bekannt, so kann man also aus (2.29) die Maxwellsche
Kapazitätsmatrix durch zweimaliges Differenzieren nach V bestimmen.

Da für ein gegebenes elektrisches Feld E(~~ r) das dazugehörige elektrische Potential Φ(~r)
nur bis auf eine Konstante c ∈ R eindeutig bestimmt ist, erzeugen die Potentialvorgaben
~
V und V + c e mit e := (1, 1, . . . , 1)T ∈ RN +1 dasselbe E-Feld im Dielektrikum Ω und
damit dieselben Elektrodenladungen Q.

Es muss also gelten

Q = C V = C(V + c e) = C V + c C e .

Hieraus folgt
N
X
Ce=0 bzw. Ckl = 0 (2.30)
l=0

(d.h. alle Zeilensummen von C sind Null).

Wegen der Symmetrie C = C T gilt dann auch


N
T
X
e C=0 bzw. Ckl = 0 (2.31)
k=0
90 2.2 Kapazitive Speicherelemente

(d.h. alle Spaltensummen von C sind Null).


N
X
Hieraus ergibt sich als wichtige Konsequenz für die Gesamtladung Qtot = Qk der
k=0
Kondensatoranordnung
N
Qk = eT Q = eT C V = 0
X
Qtot =
k=0 | {z }
=0
also
N
X
Qk = 0 . (2.32)
k=0

Dies ist die Lösbarkeitsvoraussetzung des zum Randwertproblem [V-RWP] dualen Rand-
wertproblems [Q-RWP] (vgl. (1.76)), bei dem die Elektrodenladungen Q statt V als
unabhängige Daten vorgegeben werden.

Es ist instruktiv, den einfachsten Fall eines Kondensators mit zwei Elektroden (N = 1) zu
betrachten. Wegen (2.30) und (2.31) hat die Maxwellsche Kapazitätsmatrix die Gestalt
 
 C −C 
C=  mit C = C00 > 0 . (2.33)
−C C

Die gespeicherte Energie ergibt sich zu


1
Wel = (V0 CV0 + V1 CV1 − V1 CV0 − V0 CV1 )
2
1 1
= (V0 − V1 )C(V0 − V1 ) = CU 2 ,
2 2
wobei U := V0 − V1 die elektrische Spannung zwischen den zwei Elektroden
bezeichnet. Dies ist die üblicherweise verwendete Darstellung.

Für die Elektrodenladungen gilt

Q0 = C(V0 − V1 ) = CU
Q1 = C(V1 − V0 ) = −CU .

Die Grundlösungen Φ0 (~r), Φ1 (~r), . . . , ΦN (~r) sind nicht linear unabhängig. Vielmehr er-
füllen sie die Summenregel:

Das [V-RWP] mit V = e hat die Lösung Φ(~r) ≡ 1.


Hieraus folgt
N
X N
X
1 = Φ(~r) = Vk Φk (~r) = Φk (~r) .
|{z}
k=0 k=0
1
2.2.2 Maxwellsche Kapazitätsmatrix 91

Also gilt mit (2.21)


N
X N
X
Φk (~r) = 1 bzw. Φ0 (~r) = 1 − Φk (~r) . (2.34)
k=0 k=1

Die Funktionen Φ1 (~r), Φ2 (~r), . . . , ΦN (~r) bilden hingegen eine Basis des (affinen) Lö-
sungsraumes.

Für die Potentialvorgabe V ∈ RN +1 lautet das zugehörige Potential


N
X
Φ(~r) = V0 + (Vk − V0 )Φk (~r) . (2.35)
k=1

Dabei ist Uk,0 = Vk − V0 die Spannung zwischen ∂Ωk und ∂Ω0 , und V0 kann als Refe-
renzwert für das Potential betrachtet werden.

Wie Gl.(2.30) und (2.31) zeigen, ist die Kapazitätsmatrix C nicht invertierbar (d.h.
man kann aus den Ladungen Q nicht die Elektrodenpotentiale V eindeutig bestimmen).
Diese Unbestimmtheit lässt sich aber beseitigen, indem man in Übereinstimmung mit
Gl. (2.35) die Spannungen Ul,0 = Vl − V0 als vorgegebene Klemmengrößen betrachtet
(bei festgehaltenem Referenzwert V0 ). Für die Ladungsberechnung erhält man so die
Beziehung
N
X
Q = C(V − V0 e) ⇒ Qk = Ckl (Vl − V0 )
l=0
| {z }
= 0 für l = 0
und damit
N
X
Qk = Ckl Ul,0 (k = 1, . . . , N ) . (2.36)
l=1

Führt man die um die nullte Zeile und Spalte abgeschnittene “reduzierte Kapazitätsma-
trix”  
C
 11 C 12 . . . C 1N 
 
 C21 C22 C2N 


Ce =  .

... .. 
 (2.37)
 .. . 
 
 
CN 1 CN 2 . . . CN N
sowie die reduzierten Ladungs- und Spannungsvektoren
     
 Q1   U1,0   V1 − V0 
 ..   ..  ..
     
e =
Q  .  und U 0 =  .  = (2.38)
.
 
 
     
     
QN UN,0 VN − V0

ein, so lautet (2.36) nun


e =C
Q eU (2.39)
0

mit der invertierbaren Matrix C.


e
92 2.2 Kapazitive Speicherelemente

Die gespeicherte Energie Wel lässt sich ebenfalls durch die reduzierte Kapazitätsmatrix
Ce und die Klemmenspannung U 0 ausdrücken:

1 T 1 1
Wel = V C V = (V − V0 e)T C V = (V − V0 e)T Q
2 2 2
N N
1 1 1 e = 1 UT C
Ul,0 Ql = U T0 Q
X X
= (Vl − V0 ) Ql = eU
0
2 l=0 2 l=1 2 2 0

Also gilt
N
1 Te 1 X
Wel = U C U0 = Uk,0 Ckl Ul,0 (2.40)
2 0 2 k,l=1
und
N
1 Te 1 X
Wel = U0 Q = Uk,0 Qk . (2.41)
2 2 k=1

2.2.2.3 Teilkapazitätskoeffizienten

Eine Mehrelektroden-Kondensatoranordnung kann auch als Netzwerk von kapazitiven


Zweipolen (Eintoren) dargestellt werden (Abb. 2.6). Hierzu führt man die elektrischen
Spannungen Ukl := Vk − Vl zwischen den Elektroden ∂Ωk und ∂Ωl ein.

Abbildung 2.6: Teilkapazitätskoeffizienten

Es gilt dann
N
X N
X N
X
Ckl Ukl = Ckl Vk − Ckl Vl = −Qk .
l=0 l=0 l=0
| {z }
=0

Man definiert nun die Teilkapazitätskoeffizienten als

Kkl := −Ckl (k, l = 0, . . . , N ; nur k 6= l wird benötigt) (2.42)


2.2.2 Maxwellsche Kapazitätsmatrix 93

und erhält
N
X
Qk = Kkl Ukl . (2.43)
l=0
l6=k

Anschaulich bedeutet diese Gleichung, dass die auf dem Netzwerkknoten k befindliche
Ladung Qk in N additive Teilladungen Qkl = Kkl Ukl (l = 0, . . . , N ; l 6= k) aufgespal-
ten wird; jede Teilladung Qkl wird einem zweipoligen Kondensator mit der Kapazität
Kkl = −Ckl zugeordnet, der zwischen die Knoten k und l als Zweigelement platziert
wird.
94 2.3 Induktive Speicherelemente

2.3 Induktive Speicherelemente

2.3.1 Spulenanordnungen (Geometrie und Topologie)

Grundkonfiguration

Induktive Bauelemente bestehen typischerweise aus fast geschlossenen stromdurchflos-


senen Leiterschleifen, die ein zeitveränderliches Magnetfeld erzeugen. Dieses wirkt über
das Induktionsgesetz auf die Leiterschleifen zurück, in denen es eine elektrische Span-
nung induziert, die wiederum einen induzierten Strom treiben kann. Um die magnetische
Feldenergie zu konzentrieren, platziert man im Inneren der Leiterschleife (meist Spulen
mit vielen Windungen) ein magnetisierbares Material mit großer Permeabilität.

r
da1 C2 = ¶S 2 CN = ¶S N
C1 = ¶S1
S1 ..
r
r1 ( s )
i1 (t )
r
t1 ...
-u 1(t ) i2 (t )
r
r
dr1 -u N (t )
t1 ( s ) = i N (t )
ds -u 2(t )

Abbildung 2.7: Spulenanordnungen

Im Folgenden betrachten wir daher N ruhende, drahtförmige Leiterschleifen


Ck (k = 1, 2, ..., N ), welche orientierte Flächen Sk einschließen (Ck = ∂Sk ) und durch die
ein zeitveränderlicher Strom ik (t) fließt. Dieser wird einerseits von der Speisespannung
uk (t) an den Klemmen der Schleife Ck getrieben, andererseits aber von der induzierten
Spannung uind,k (t). Hat die Schleife Ck den ohmschen Innenwiderstand rk , so gilt

uk (t) = −uind,k (t) + rk ik (t) . (2.44)

Um die Orientierung der Zählpfeile von uk (t) und uind,k (t) zu verstehen, betrachten wir
zwei spezielle Situationen.

Spule als Generator

Wir betrachten eine ideale (d.h. widerstandslose) Spule mit w Windungen, deren Inneres
von einem homogenen zeitveränderlichen Magnetfeld
~
B(t) = B(t)~ez

erfüllt ist. Die Spule stellt eine orientierte Leiterschleife C dar, die eine orientierte “wen-
deltreppenförmige” Fläche S einschließt, welche durch “Verkettung” von w gleichartigen
Flächenstücken S0 entsteht, die jeweils einer einfachen Spulenwindung entsprechen. Wir
2.3.1 Spulenanordnungen (Geometrie und Topologie) 95

nehmen an, dass die orientierte Flächennormale von S0 und B~ in dieselbe Richtung
weisen; dann wird jede Windungsfläche S0 vom magnetischen Fluss
ZZ
Φ(S0 ) = ~ · d~a = |S0 |B(t)
B
S0

durchsetzt, wobei |S0 | den Flächeninhalt von S0 bezeichnet.


r
B

i i
w Windungen
RL uind RL uind G

Abbildung 2.8: Spule als Generator

Nach dem Induktionsgesetz wird in der Spule eine elektrische Spannung uind (t) gemäß

d d dB
uind (t) = − Φ(S) = −w Φ(S0 ) = −w|S0 | (2.45)
dt dt dt
induziert. Hierbei ist der Zählpfeil der induzierten Spannung an den Klemmen der Spu-
le gleichorientiert mit dem Umlaufsinn der Leiterschleife C und damit auch mit dem
Zählpfeil des Spulenstroms I, der fließt, wenn die Spule als Generator zum Betreiben
einer äußeren Last RL verwendet wird. Die Spule fungiert in dieser Situation als (ideale)
Spannungsquelle mit der Ausgangsspannung uind (t) (siehe Abb. 2.8).

Spule als Verbraucher

Schließt man an die Klemmen der oben betrachteten (widerstandslosen) Spule eine äuße-
re Spannungsquelle mit zeitveränderlicher Spannung u(t) an, so fließt durch die Spule ein
Strom i(t). Behält man die Zählrichtung des Stromes i(t) in der Spule bei, so muss der
Zählpfeil von u(t) gegengleich zu dem von uind (t) sein, weil die Spule nun als Verbraucher
fungiert (siehe Abb. 2.9): u(t) = −uind (t).

Der Spulenstrom i(t) erzeugt nach dem Ampèreschen Gesetz (1.4) im Spuleninneren ein
Magnetfeld B(t) proportional zu i(t) gemäß

B(t) = c i(t) mit c = constant ,

wobei i(t) von u(t) getrieben wird. Eingesetzt in die Beziehung (2.45) erhalten wir

d dB(t) di(t)
u(t) = −uind (t) = Φ(S) = w|S0 | = w|S0 |c
dt dt | {z } dt
=: L
96 2.3 Induktive Speicherelemente

r
B

i i
u
u u L
ind

Abbildung 2.9: Spule als Verbraucher

oder in Kurzform
di(t)
u(t) = L . (2.46)
dt
Die Größe L heißt (Eigen-)Induktivität der Spule und charakterisiert ihr Klemmenver-
halten im Sinne eines Kompaktmodells.

2.3.2 Induktionskoeffizienten

Um das Klemmenverhalten einer Spulenanordnung zu beschreiben, machen wir folgende


vereinfachende Modellannahmen:

(i) Alle Spulen sind ortsfest, der geometrische Aufbau ist starr und zeitunabhängig.
Die induzierten Spannungen werden in diesem Fall allein von der Zeitableitung des
~
B-Feldes verursacht (Ruheinduktion).

(ii) Die Spulenströme ik (t) ändern sich mit der Zeit so langsam (d.h. niederfrequent),
dass die quasistationäre Näherung angewendet werden darf (vgl. Abs. 2.1.2).
Die Antennenwirkung von Spulen und Wellenausbreitung werden vernachlässigt.
Die in den Spulen Ck fließenden Stromdichten ~jk (~r, t) erzeugen magnetische Fel-
der H~ k (~r, t), die unter Vernachlässigung des Verschiebungsstroms Lösungen der
stationären Ampèreschen Beziehung
~ k (~r, t) = ~jk (~r, t)
rot H (2.47)

sind. Damit sind das Magnetfeld und die hiervon induzierten Spannungen zeitgleich
mit den erzeugenden Strömen verknüpft (keine Retardierungseffekte).

Stellt man das von der Spulenstromdichte ~jk (~r, t) erzeugte Magnetfeld H ~ k (~r, t) über
ein Vektorpotential A ~ k = 1 rot A
~ k (~r, t) dar gemäß H ~ k , so genügt (in Coulomb-Eichung
µ
~ k = 0) das Vektorpotential der (vektoriellen) Poissongleichung
div A

~ k (~r, t) = −µ ~jk (~r, t) .


∆A (2.48)
2.3.2 Induktionskoeffizienten 97

Diese Gleichung entspricht Gl. (2.5), wenn Raumladungseffekte vernachlässigt werden.


Falls sich die Spulenanordnung (näherungsweise) in einem unendlich ausgedehnten Me-
dium mit Permeabilität µ befindet, kann man die Poissongleichung (2.48) mit Hilfe der
Vakuum-Greenfunktion (vgl. Abs. 1.5.3, Gl. (1.148))
1 1
G(~r, ~r 0 ) =
4π |~r − ~r 0 |

lösen und erhält


~ µ ZZZ ~jk (~r 0 , t) 0
Ak (~r, t) = dv . (2.49)
4π 3 |~r − ~r 0 |
R

Die dreidimensionalen Stromdichten ~jk (~r, t) müssen nun durch die Spulenströme ik (t)
und die Geometrie der Leiterschleifen Ck ausgedrückt werden. Hierzu stellen wir den
linienförmigen Leiter Ck (“Draht”) durch eine Ortskurve mit Parametrisierung s 7→
~rk (s) dar, wobei s die Bogenlänge ist. Senkrecht zum Einheitstangentenvektor ~tk (s) :=
d~rk
habe der Draht eine überall konstante Querschnittsfläche ak , die vom Strom ik (t)
ds
homogen durchflossen wird; der Stromdichtevektor ~jk weise hierbei in die Richtung des
Tangentialvektors ~tk (siehe Abb. 2.10).

r drk
r
tk =
ds

r r
jk (r )

Segment von Ck

Abbildung 2.10: Liniensegment eines drahtförmigen Leiters

Die Stromdichte ~jk lässt sich dann als Linienstromdichte auf Ck darstellen in der Form

~jk (~rk (s), t) = ~tk (s) ik (t) .


ak
Die Volumenintegration in (2.49) führen wir so aus, dass wir bei festem ~r(s) erst über den
Drahtquerschnitt (mit differentiellem Flächenelement da) integrieren und anschließend
über die Kurve Ck , d.h.

~jk (~r, t) dv = ~jk (~r, t) da ds = ik (t) da ~tk ds . (2.50)


ak

Da ~tk ds = d~sk das vektorielle Linienelement entlang der Kurve Ck ist, erhalten wir aus
98 2.3 Induktive Speicherelemente

(2.49) die Beziehung


~ k (~r, t) = µ
Z
d~s 0
A ik (t). (2.51)
4π Ck |~r − ~r 0 (s)|
Man beachte, dass somit das von der Spule Ck erzeugte Magnetfeld als Produkt einer
Ortsfunktion und des Spulenstroms dargestellt werden kann. Hierauf basiert das nun
folgende Konzept der Induktivitätskoeffizienten.
Das von allen Spulen insgesamt erzeugte Vektorpotential ergibt sich aus dem Superpo-
sitionsprinzip gemäß
N N
~ r, t) =
X
~ k (~r, t) =
X µ Z d~s 0
A(~ A ik (t) . (2.52)
k=1 k=1 4π |~r − ~r 0 (s)|
Ck

Die in der Leiterschleife Ck induzierte Spannung ist nach dem Induktionsgesetz


d d ZZ ~ d Z ~
uind,k (t) = − Φ(Sk ) = − B(~r, t) · d~a = − A(~r, t) · d~s
dt dt | {z } dt
Sk Ck
rot A~

Z ~
∂A (2.52) XN
µ Z Z d~s 0 · d~s d
=− (~r, t) · d~s = − il (t) ,
∂t l=1 4π |~r − ~r 0 (s)| dt
Ck Ck Cl
| {z }
=: Lkl

wobei die Größen


µ Z Z d~s 0 · d~s
Lkl := (“Neumannsche Formel”) (2.53)
4π |~r − ~r 0 (s)|
Ck Cl

als Induktionskoeffizienten bezeichnet werden. Eingesetzt in Gl. (2.44) erhält man


somit als Kompaktmodell für die Spulenanordnung die Transformatorgleichungen
N
X dil
uk (t) = rk ik (t) + Lkl . (2.54)
l=1 dt

Hierbei ist rk der ohmsche Innenwiderstand der Leiterschleife Ck . Die Koeffizienten Lkk
heißen Selbstinduktionskoeffizienten, Lkl mit k 6= l heißen Gegeninduktionskoef-
fizienten.

Offenkundig gilt
Lkl = Llk (k, l = 1, .., N ) . (2.55)
Die Induktivitätsmatrix
 
 L11 L12 ··· L1N 
 
 L21

L22 ··· L2N 

L = (Lkl ) =  .

.. ... .. 
 (2.56)
 .. . . 
 
 
LN 1 LN 2 · · · LN N
2.3.3 Zusammenhang mit der magnetischen Feldenergie 99

ist daher symmetrisch und sogar positiv definit (siehe nächster Abschnitt).

2.3.3 Zusammenhang mit der magnetischen Feldenergie

Mit Hilfe der Induktivitätskoeffizienten Lkl lässt sich die in einer Spulenanordnung ge-
speicherte magnetische Energie Wmag als Funktion der Spulenströme il ausdrücken.

~ = µH)
Nach (1.23) gilt für lineare Medien (B ~
ZZZ
1 ~ ~ 1 ZZZ ~ ~ dv
Wmag = H · B dv = H · rot A
2 2
Ω Ω

1 ZZZ ~ ~ 1 ZZ ~ ~ · d~a ,
=
2 | {zH} · A dv − 2
rot (H × A)
Ω ~j ∂Ω

~ × A)
wobei div(H ~ = rot H
~ ·A
~−H
~ · rot A
~ und der Gaußsche Integralsatz verwendet
wurden.

~ = ~j. Wählt man für Ω eine Kugel K(O,


In quasistationärer Näherung gilt rot H ~ R),
die die Spulenanordnung einschließt, und lässt R → ∞ gehen, so verschwindet das
~ × A|
Oberflächenintegral (wegen |H ~ ∼ 1/R5 für quasistationäres Magnetfeld).

Wir erhalten somit


1 ZZZ ~ ~
Wmag = j · A dv . (2.57)
2 3
R

Das Integral (2.57) ist nur über solche Raumbereiche zu erstrecken, auf denen die Strom-
dichte ~j nicht verschwindet, d.h. über die Leiterschleifen Ck .

Wegen (2.50) folgt


N Z
1 X ~ r, t) · d~s ik (t) .
Wmag = A(~ (2.58)
2 k=1
Ck

Nun ist Z ZZ ZZ
~ r, t) · d~s =
A(~ ~ · d~a =
rot A ~ · d~a = Φ(Sk )
B (2.59)
Ck =∂Sk
Sk Sk

der magnetische Fluss durch die von Ck begrenzte Fläche Sk , sodass wir das interessante
Ergebnis
N
1 X
Wmag = Φ(Sk ) ik (2.60)
2 k=1
erhalten.
100 2.3 Induktive Speicherelemente

Setzen wir schließlich die Felddarstellung (2.52) in (2.58) ein, so folgt


N
1 X µ Z Z d~s 0 · d~s
Wmag = ik il .
2 k,l=1 4π |~r − ~r 0 (s)|
Ck Cl
| {z }
Lkl

Damit ist die magnetische Feldenergie mit Hilfe der Induktivitätsmatrix als Funktion
der Spulenströme il ausgedrückt gemäß
N
1 X 1
Wmag = ik Lkl il = I T L I (2.61)
2 k,l=1 2

mit dem Vektor der Spulenströme I := (i1 , i2 , ..., iN )T .

Da die magnetische Energie stets positiv ist, muss die Induktivitätsmatrix positiv definit
sein.
Durch Einsetzen von (2.52) in (2.59) erhalten wir schließlich noch die wichtige Bezie-
hung
N
X
Φ(Sk ) = Lkl il . (2.62)
l=1

Verallgemeinerung auf dreidimensionale stromführende Schleifen

Die Beziehung (2.61) gilt auch für nicht-drahtförmige Schleifen, also dreidimensionale
stromführende Gebiete Ωl mit ausgedehntem Querschnitt, die aber topologisch einen
induktiven Zweipol (Eintor) darstellen.

Al(ein) Wl
il
uind
il
Al(aus)

Abbildung 2.11: Räumlich ausgedehnte Leiterschleife

In diesem Fall wird Gl. (2.61) zur allgemeinen Definition der Induktivitätskoeffizienten
2.3.3 Zusammenhang mit der magnetischen Feldenergie 101

für induktiv gekoppelte Eintore verwendet und wir erhalten


N
∂Wmag X
= Lkl il , (2.63)
∂ik l=1

∂ 2 Wmag
= Lkl . (2.64)
∂ik ∂il

Allgemeine Neumannsche Formel

Im Falle räumlich ausgedehnter Leiterschleifen (Abb. 2.11) kann die Stromverteilung in


jeder Schleife Ωl als Produkt
~jl (~r, t) = ~sl (~r) il (t)
angesetzt werden.

Dabei ist die “Formfunktion” ~sl (~r) die Lösung des stationären Strömungsproblems (vgl.
Abs. 1.5.4.4)
div ~sl = 0 in Ωl
(ein) (aus)
mit der Randbedingung, dass durch die beiden Klemmen Al und Al der Einheits-
strom fließt, d.h. ZZ ZZ
~sl · d~a = −1 und ~sl · d~a = +1 .
(ein) (aus)
Al Al

Die magnetische Feldenergie kann dann mit Gl. (2.57) und Gl. (2.49) berechnet werden
zu
1 ZZZ ~ ~
Wmag = j · A dv
2 3
R

1 XN ZZZ
~jk (~r)
N
µ ZZZ ~jl (~r 0 (s))
dv dv 0
X
= 0 (s)|
2 k=1 l=1 4π |~
r − ~
r
Ωk Ωl

N
1 X µ ZZZ ZZZ ~sk (~r) · ~sl (~r 0 (s))
= dv dv 0 il (t) ik (t)
2 k,l=1 4π |~r − ~r 0 (s)|
Ωk Ωl
| {z }
Lkl

Hieraus leiten sich dann mit Hilfe von (2.64) die Neumannschen Induktivitätskoef-
fizienten
∂ 2 Wmag µ ZZZ ZZZ ~sk (~r) · ~sl (~r 0 (s))
Lkl = = dv dv 0 (2.65)
∂ik ∂il 4π |~r − ~r 0 (s)|
Ωk Ωl

ab.
102 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Wechselstromnetzwerke sind der klassische Ansatz zur Beschreibung der Funktion von
Wechselstromgeräten und -anlagen auf der Makromodellebene. In der Wechselstromtech-
nik werden zeitlich periodische, insbesondere sinusförmige (harmonische) Strom- und
Spanungsverläufe benutzt, weil diese auf der einen Seite eine Reihe von technisch sehr
wichtigen Anwendungen ermöglichen und weil diese insbesondere auch deutlich einfacher
handhabbar sind als Darstellungen für beliebige Zeitabhängigkeiten.

Wesentliche Vorteile sind

• Transformierbarkeit (→ Energieversorgung),

• Modulierbarkeit (→ Informationsübertragung),

• Anpassung an Generatoren und Motoren.

Im Sinne der Fouriertransformation können beliebige Zeitsignale als Überlagerung von


harmonischen Signalen beschrieben werden und somit ist die Beschreibung über Wech-
selstromnetzwerke auch für breitbandige Anwendungen der Kommunikations- und Sen-
sortechnik üblich und sinnvoll bis hin zum Bereich der Hochfrequenztechnik, solange die
entsprechenden Näherungen (wie fehlende Berücksichtigung von Wellenausbreitungsef-
fekten tolerierbar sind).
Im folgenden Abschnitt betrachten wir einfache niederfrequente Wechselstromnetzwerke
aus einfachen linearen resistiven, kapazitiven und induktiven Zweipolen (Eintoren), also
Widerständen, Kondensatoren und Spulen, für die die quasistationäre Näherung und die
Konzentriertheitshypothese gelten.

2.4.1 Grundlegende Begriffe der Wechselstromlehre

2.4.1.1 Wechselspannungsgenerator

Die klassischen und weithin eingesetzten Erzeugungsprinzipien für Wechselstrom (AC =


alternating current) sind

• im Magnetfeld rotierende Leiter (bei kleinen Frequenzen und hoher Leistung),

• Schwingkreis (bei höheren Frequenzen und kleiner bis mittlerer Leistung).

Als idealisiertes Beispiel für einen Wechselspannungsgenerator betrachten wir eine ro-
tierende Leiterschleife, welche durch Bewegungsinduktion eine Wechselspannung u(t)
erzeugt (Abb. 2.12).

Die Flächennormale der Leiterschleife A bildet mit einer raumfesten Richtung (= kon-
2.4.1 Grundlegende Begriffe der Wechselstromlehre 103

r Achse
B

r
da
r
ez j

A
u (t )

Drehwinkel j (t )

w Lager

Abbildung 2.12: Rotierende Leiterschleife als Wechselstrom-Generator

~ den Drehwinkel ϕ(t), der sich mit konstanter Winkelgeschwin-


stantes Magnetfeld B)

digkeit (= Kreisfrequenz) = ω = const. zeitlich verändert gemäß
dt
ϕ(t) = ωt + ϕ0 . (2.66)

Der magnetische Fluss durch die Leiterschleife beträgt


ZZ
Φ(t) = ~ · d~a = A|B|
B ~ cos ϕ(t) = AB0 cos(ωt + ϕ0 ) .
A(t)

Hieraus ergibt sich die induzierte Spannung



u(t) = − = ωAB0 sin(ωt + ϕ0 ) .
dt

Die Generatorspannung hat damit -bauartbedingt- den Verlauf

u(t) = Û sin(ωt + ϕ0 ) mit Û := ωAB0 . (2.67)

Für sinusförmige Wechselspannungen und -ströme sind folgende Bezeichnungen bzw.


Kenngrößen eingeführt:

• u(t): Momentanwert
104 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

u (t ) = Uˆ sin (wt + j0 )

Uˆ sin j0

-t 0 = - j 0 w t

Abbildung 2.13: Sinusförmige Wechselspannung

• Û : Scheitelwert

• ϕ(t) = ωt + ϕ0 : Momentane Phase

• ϕ0 = ωt0 : Anfangsphase (Phase bei t = 0)

• T : Periodendauer, definiert als kleinstes T ∈ R mit: ∀ u(t) = u(t + k T )


k∈Z

1 1
• f := : Frequenz (Einheit = Hz (Hertz))
T s

2π 1
• ω= = 2πf : Kreisfrequenz (Einheit )
T s

2.4.1.2 Zeigerdarstellung

Eine praktische und elegante Methode, sinusförmige Spannungs- und Stromverläufe gra-
phisch darzustellen und damit auch analytisch zu rechnen, ist die Zeigerdarstellung.
Hierzu stellt man eine Größe mit sinusförmigem Zeitverlauf — hier exemplarisch die
Wechselspannung u(t) in Gl. (2.67) — durch einen zweidimensionalen Vektor der Länge
Û in einer U1 -U2 -Ebene dar, der ausgehend von der U1 -Achse in Richtung des Polarwin-
kels ϕ(t) weist (Abb. 2.14).

Der Vektor    
Û cos ϕ(t) U1 (t)
  := U (t) =   (2.68)
Û sin ϕ(t) U2 (t)
ist ein rotierender Zeiger (englisch: Phasor), dessen Spitze auf einem Kreis mit Radius
Û in einer U1 -U2 -Ebene (= R2 ) mit dem Phasen-(Dreh-)winkel ϕ(t) umläuft, wobei
ϕ(t) = ωt + ϕ0 gilt.
2.4.1 Grundlegende Begriffe der Wechselstromlehre 105

Die Projektion von U (t) auf die U2 -Achse

U2 (t) = Û sin(ϕ(t)) = Û sin(ωt + ϕ0 ) = u(t)

beschreibt dann den tatsächlich auftretenden zeitlichen Spannungsverlauf u(t).

U2

Uˆ = U (t = t0 )

U (t )
j0

U1
j (t ) = wt + j0

Abbildung 2.14: Zeigerdarstellung für eine sinusförmige Wechselspannung

Da der Zeiger U (t) mit konstanter Winkelgeschwindigkeit ω im Gegenzeigersinn läuft,


kann man seine momentane Richtung ϕ(t) zu jedem Zeitpunkt aus seiner Anfangspo-
sition U (t = 0) zum Zeitpunkt t = 0 dadurch konstruieren, dass man diesen um den
Drehwinkel ωt weiterdreht. Daher genügt die Kenntnis von U (t = 0), um den realen
Spannungsverlauf u(t) zu reproduzieren.

Es gilt also der

Satz: Der Zeiger Û = U (t = 0) mit Länge Û und Polarwinkel ϕ0 charak-


terisiert (bei fester Kreisfrequenz ω) den realen Spannungsverlauf
u(t) eineindeutig.

Um mit Zeigern algebraisch rechnen zu können, ist es zweckmäßig, diese als komplexe
Zahlen aufzufassen. Wir fassen also die U1 -U2 -Ebene als komplexe Zahlenebene auf,
deren Elemente den Zahlenkörper der komplexen Zahlen C = (R2 , +, · ) bilden. Die
kartesischen Einheitsvektoren e1 und√ e2 identifizieren wir mit dem Einselement in C
und mit der imaginären Einheit j = −1 gemäß

e1 = 1 und e2 = j = −1 . (2.69)

Einen Zeiger U schreiben wir dann in der für komplexe Zahlen üblichen Notation

U = U1 e1 + U2 e2 = U1 1 + U2 j = U1 + jU2 .

Es gilt also

U = U1 + jU2 mit U1 = Re U (Realteil) und U2 = Im U (Imaginärteil) . (2.70)


106 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Will man einen Zeiger U durch seine Länge Û und seinen Polarwinkel ϕ ausdrücken,
erweist sich die Darstellung in Polarkoordinaten (2.68)

U = Û (cos ϕ + j sin ϕ) (2.71)

als zweckmäßig, wobei gilt


q
Û = |U | = U12 + U22 (2.72)
U2
ϕ = arctan =: arg U (2.73)
U1
mit ϕ ∈ [0, 2π) .

Mit der komplexen Exponentialfunktion

ejϕ := cos ϕ + j sin ϕ (2.74)

lässt sich dann ein Zeiger ganz kompakt schreiben als

U = Û ejϕ (2.75)
bzw. U = |U | ej arg U . (2.76)

Für den komplexen Wechselstrom-Kalkül sind folgende Aussagen wichtig:

• Für α, β ∈ R gilt
ejα ejβ = ej(α+β) (2.77)

• Es gilt: Alle komplexen Zeiger der Länge 1 haben die Form

d(ϕ) = ejϕ mit ϕ ∈ [0, 2π). (2.78)

• Für ϕ ∈ R (mod 2π) beschreibt die lineare Abbildung

C 3 V 7→ V 0 = d(ϕ)V = ejϕ V (2.79)

die Drehung in R2 um den Drehwinkel ϕ (mod 2π) im Gegenuhrzeigersinn, denn

V 0 = ejϕ V = ejϕ |{z}


ejα |V | = |V |ej(α+ϕ)
α = arg(V )

Also

arg(V 0 ) = ϕ + α
|V 0 | = |V |
2.4.1 Grundlegende Begriffe der Wechselstromlehre 107

Im(V )

V'
V =|V | e ja
|V |
j
a
Re(V )

Abbildung 2.15: Drehung um Winkel ϕ in R2 (≡ C)

• Drehungen im R2 (≡ C) sind additiv und kommutativ.

Wegen ejϕ ejψ = ej(ϕ+ψ) = ejψ ejϕ gilt

d(ϕ)d(ψ) = d(ϕ + ψ) = d(ψ)d(ϕ) (2.80)

Für Z ∈ C, Z = |Z|ejψ mit ψ = arg Z, beschreibt die lineare Abbildung

C→C: V 7→ V 0 = ZV (2.81)

eine Drehstreckung mit dem Drehwinkel ψ = arg Z und dem Streckungsfaktor


r = |Z|.

Begründung:
V 0 = ZV = |Z|ejψ |V |ejα = |Z||V |ej(ψ+α)

Im (V )

V ¢ = r × V e j (a +y )

y
V = V e ja
a
Re (V )

Abbildung 2.16: Drehstreckung in R2 (≡ C)


108 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Jede komplexe Zahl Z ∈ C lässt sich somit als Drehstreckung in R2 (≡ C) auffassen


Drehung ≡ Multiplikation mit ejψ
und umgekehrt: Streckung ≡ Multiplikation mit r ∈ R+
Drehstreckung ≡ Multiplikation mit rejψ =: Z ∈ C

Allgemeine Zeigerdarstellung von Wechselspannung und -strom

Wir können der realen Wechselspannung

u(t) = Û sin(ωt + ϕu ) (2.82)

und dem realen Wechselstrom

i(t) = Iˆ sin(ωt + ϕi ) (2.83)

in eineindeutiger Weise die komplexen Zeiger

Û = Û ejϕu und Iˆ = Ie
ˆ jϕi

zuordnen.

Ist Û bzw. Iˆ bekannt, so erhält man den realen Zeitverlauf von u(t) bzw. i(t), indem man
Û bzw. Iˆ mit der Kreisfrequenz ω in der komplexen U1 -U2 - (bzw. I1 -I2 )-Ebene rotieren
lässt und die umlaufenden Zeiger

U (t) = ejωt Û ejϕu = Û ej(ωt+ϕu ) (2.84)


ˆ jϕi = Ie
I(t) = ejωt Ie ˆ j(ωt+ϕi ) (2.85)
auf die imaginäre Achse (U2 -Achse, I2 -Achse) projiziert gemäß
 
Im U (t) = Im Û ej(ωt+ϕu ) = Û sin(ωt + ϕu ) = u(t) ,
 
ˆ j(ωt+ϕi ) = Iˆ sin(ωt + ϕi ) = i(t) .
Im I(t) = Im Ie

Bemerkung: Dass man u(t) mit Im U (t) identifiziert, ist reine Konvention; man kann
ebenso gut mit Re U (t) operieren.

Strom-Spannungs-Zeigerdiagramm

Es ist zweckmäßig, Û und Iˆ in ein gemeinsames Achsensystem einzutragen, insbeson-


dere wenn mehrere Wechselspannungen und -ströme in ihrer gegenseitigen Beziehung
diskutiert werden sollen.

Man muss aber beachten, dass Û und Iˆ unterschiedliche physikalische Einheiten besitzen
und daher in der komplexen Ebene verschiedene Skalen (Maßstäbe) anzuwenden sind.

Will man aus einem Zeigerdiagramm den tatsächlichen Zeitverlauf der Ströme und Span-
2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen 109

Im

Û Û
Iˆ ji
ju

Re

Abbildung 2.17: Zeigerdiagramm für Wechselspannung und -strom.

nungen ableiten, so lässt man das ganze Diagramm starr mit der Drehung ejωt rotieren
und projiziert die rotierenden Zeiger auf die imaginäre Achse.

2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen

2.4.2.1 Lineare Wechselstrom-Bauelemente

Definition: Unter einem linearen Wechselstrombauelement wollen wir im folgenden


einen stromerhaltenden Zweipol (d.h. Eintor) verstehen, bei dem die anliegende Span-
nung u(t) und der durchlaufende Klemmenstrom i(t) eine zeitunabhängige und arbeits-
punktunabhängige Beziehung zwischen den Scheitelwerten Û und Iˆ sowie den Phasen
ϕu und ϕi aufweisen.

Abbildung 2.18: Schaltungssymbol für ein lineares Bauelement

Das heißt, dass die rotierenden Spannungs- und Stromzeiger U (t) und I(t) über eine
konstante Drehstreckung Z ∈ C starr miteinander verknüpft sind in der Form

∃ U (t) = ZI(t) ⇔ e Û = Ze Iˆ .
jωt jωt
Z∈C

Hieraus folgt die zeitunabhängige Beziehung

Û = Z Iˆ komplexes ohmsches Gesetz. (2.86)


110 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Die Größe Z ∈ C heißt Impedanz (oder komplexer Scheinwiderstand) und charakteri-


siert das lineare Bauelement.

Ausgedrückt durch Scheitelwerte und Phasenwinkel lautet (2.86)


ˆ jϕi .
Û ejϕu = |Z|ej arg(Z) Ie

Dies ist äquivalent zu den beiden reellen Beziehungen

Û = |Z|Iˆ (2.87)
arg(Z) = ϕu − ϕi =: ∆ϕ

|Z| heißt (reeller) Scheinwiderstand und ∆ϕ := ϕu − ϕi = arg Z heißt Phasenver-


schiebung.

Die Impedanz lässt sich aus diesen beiden Größen darstellen als

Z = |Z|ej∆ϕ . (2.88)

Die Umkehroperation zu (2.86) lautet


1
Iˆ = Û =: Y Û . (2.89)
Z
1
Die Größe Y := wird als Admittanz (oder komplexer Scheinleitwert) bezeichnet. Ihr
Z
Betrag |Y | heißt (reeller) Scheinleitwert.

Wegen
 −1 1 −j arg Z
Y = |Z|ej arg Z = e (2.90)
|Z|
besteht zwischen Betrag und Phase von Admittanz und Impedanz der Zusammenhang
1
|Y | = (2.91)
|Z|
arg Y = − arg Z = −∆ϕ (2.92)
2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen 111

2.4.2.2 Elementare Beispiele für lineare Wechselstrombauelemente

Ohmscher Widerstand

Für „nicht zu hohe Frequenzen“ (=


ˆ quasistationäre Näherung) gilt

u(t) = R i(t) ⇔ ∀ Û sin(ωt + ϕu ) = RIˆ sin(ωt + ϕi ) .


t∈R

Hieraus schließen wir

Û = RIˆ (2.93)
ϕu = ϕi mod 2π, d.h. ∆ϕ = 0 .

Damit ergibt sich mit (2.88) für die Impedanz

Z = R e(j0) = R . (2.94)

Das komplexe ohmsche Gesetz lautet dann

Û = RIˆ . (2.95)

Dies bedeutet geometrisch, dass der Strom- und der Spannungszeiger gleichsinnig parallel
gerichtet sind.

Das Zeigerdiagramm und das Schaltsymbol für eine Widerstand sind in den Abb. 2.19
und 2.20 dargestellt.

Im


ju
ji
Re

Abbildung 2.19: Zeigerdiagramm für einen ohmschen Widerstand

R

Abbildung 2.20: Schaltsymbol für einen ohmschen Widerstand


112 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Induktivität

di(t)
Es gilt u(t) = L (vgl. Gl. (2.46)).
dt

Setzen wir die realen Zeitverläufe (2.82) und (2.83) ein, erhalten wir
π
∀ Û sin(ωt + ϕu ) = ωLIˆ cos(ωt + ϕi ) = ωLIˆ sin(ωt + ϕi + ) .
t∈R 2
Vergleich von Amplitude und Phase ergibt

Û = ωLIˆ (2.96)
π
∆ϕ = ϕu − ϕi = mod 2π .
2
Mit (2.88) folgt für die Impedanz
π
Z = ωLej 2 = jωL . (2.97)

Die Impedanz ist also in diesem Fall rein imaginär mit positivem Imaginärteil.

Die Größe Im Z = ωL heißt Blindwiderstand (Reaktanz). Das komplexe ohmsche


Gesetz hat die Form
Û = jωLIˆ . (2.98)
π
Der Spannungszeiger eilt im Zeigerdiagramm dem Stromzeiger um 90◦ = voraus.
2
Das Zeigerdiagramm und das Schaltsymbol für eine Induktivität sind in den Abb. 2.21
und 2.22 dargestellt.

Im Spule L

ju Iˆ
Û p
Dj Dj = ju - ji =
2
ji
Re

Abbildung 2.21: Zeigerdiagramm für eine Induktivität (ideale Spule)


L

Abbildung 2.22: Schaltsymbol für eine Induktivität (ideale Spule)


2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen 113

Kapazität

q(t)
In quasistationärer Näherung gilt C = , wobei q(t) die auf der positiven Elektrode
u(t)
gespeicherte Ladung ist und u(t) die anliegende Klemmenspannung. Daher fließt beim
Laden oder Entladen des Kondensators der Klemmenstrom
du(t)
i(t) = C . (2.99)
dt
Mit den realen Zeitverläufen (2.82) und (2.83) ergibt sich
π
∀ Iˆ sin(ωt + ϕi ) = ω C Û cos(ωt + ϕu ) = ω C Û sin(ωt + ϕu + ) .
t∈R 2
Vergleich von Amplitude und Phase ergibt

Iˆ = ωC Û (2.100)
π
∆ϕ = ϕu − ϕi = − mod 2π .
2
Mit (2.88) folgt für die Impedanz
1 −j π 1
Z= e 2 = . (2.101)
ωC jωC
Die Admittanz ist der Kehrwert
1
Y = = jωC . (2.102)
Z
Die Impedanz ist rein imaginär mit negativem Imaginärteil.

Die Größe Im Y = ωC heißt Blindleitwert (Suszeptanz).

Das komplexe ohmsche Gesetz hat die spezielle Form

Iˆ = jωC Û (2.103)

bzw.
1 ˆ
Û = I. (2.104)
jωC
π
Der Spannungszeiger läuft im Zeigerdiagramm dem Stromzeiger um ∆ϕ = −90◦ = −
2
hinterher.

Das Zeigerdiagramm und das Schaltsymbol für eine Kapazität sind in den Abb. 2.23
und 2.24 dargestellt.
114 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Im Kondensator C

ji
Iˆ Û p
Dj Dj = ju - ji = -
ju 2
Re
Abbildung 2.23: Zeigerdiagramm für eine Kapazität (idealer Kondensator)


C

Abbildung 2.24: Schaltsymbol für eine Kapazität (idealer Kondensator)

2.4.2.3 Kirchhoffsche Regeln für Wechselstromschaltungen

An den Knoten eines Wechselstrom-Netzwerks gilt die Kirchhoffsche Knotenregel


(2.17): Sind ik (t) (k ∈ K) die von einem Knoten auslaufenden Zweigströme, so gilt
X
∀ ik (t) = 0 . (2.105)
t∈R k∈K

Weiterhin gilt für jede Masche die Kirchhoffsche Maschenregel (2.19).

Sind ul (t) (l ∈ M ) die längs einer Masche auftretenden Zweigspannungen und ue (t) die
in der Masche eingeprägte(n) Spannungsquelle(n), so gilt
X
∀ ul (t) = ue (t) . (2.106)
t∈R l∈M

Um diese beiden Gleichungen in die komplexe Zeigerdarstellung zu übersetzen, benutzen


wir die rotierenden Spannungs- und Stromzeiger (2.84) und (2.85) und erhalten

an Knoten:
      

(Iˆk ejωt ) = Im  Iˆk  ejωt  = 0


X X X X
∀ Im I k (t) = Im  I k (t) = Im 
t∈R k∈K k∈K k∈K k∈K
2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen 115

längs Maschen:
      

(Û l ejωt ) = Im  Û l  ejωt 


X X X X
∀ Im U l (t) = Im  U l (t) = Im 
t∈R l∈M l∈M l∈M l∈M

 
= Im U e (t) = Im Û e ejωt

π
Werten wir diese Gleichungen aus für t = 0 und ωt = , so erhalten wir die
2
Kirchhoffschen Regeln in komplexer Darstellung

Iˆk ejϕi,k = Iˆk = 0 .


X X
(2.107)
k∈K k∈K

Ûl ejϕu,l = Û l = Û e = Ûe ejϕe .


X X
(2.108)
l∈M l∈M
116 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

2.4.2.4 Einfache Grundschaltungen aus R, L, C

Im Folgenden sollen einige aus komplexen Impedanzen aufgebaute elementare Schaltun-


gen betrachtet werden.

Serienschaltung von Impedanzen

Die an den in Reihe geschalteten Impedanzen Z 1 und Z 2 (siehe Abb. 2.25) abfallen-
den Zweigspannungen Û 1 und Û 2 werden addiert, um die an der Ersatzimpedanz Z S
abfallende Spannung

Û = Û 1 + Û 2 = Z 1 Iˆ + Z 2 Iˆ = (Z 1 + Z 2 )Iˆ

zu erhalten.
Die Ersatzimpedanz ist folglich
ZS = Z1 + Z2 . (2.109)

Abbildung 2.25: Serienschaltung aus komplexen Impedanzen

Parallelschaltung von Impedanzen

Die durch die parallel geschalteten Impedanzen Z 1 und Z 2 (siehe Abb. 2.26) laufenden
Zweigströme Iˆ1 und Iˆ2 werden addiert, um den effektiven Zweigstrom
!
Û Û 1 1
Iˆ = Iˆ1 + Iˆ2 = + = + Û
Z1 Z2 Z1 Z1

durch die Ersatzimpedanz Z P zu erhalten.


Für die Ersatzimpedanz bzw. Ersatzadmittanz gilt folglich
1 1 1
= + , (2.110)
ZP Z1 Z2

YP = Y1+Y2. (2.111)
2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen 117

Abbildung 2.26: Parallelschaltung aus komplexen Impedanzen

RL-Serienschaltung (RL-Glied)

Ein ohmscher Widerstand R wird mit einer Induktivität L in Reihe geschaltet (siehe
Abb. 2.27).

Uˆ R Uˆ L

Û R L

Abbildung 2.27: RL-Glied.

ˆ wobei
Diese Anordnung (RL-Glied) genügt dem komplexen Ohmschen Gesetz Û = Z I,
sich seine Impedanz aus Gl. (2.109) ergibt zu

Z = R + jωL . (2.112)

Hieraus erhält man den reellen Scheinwiderstand |Z| und die Phasenverschiebung ∆ϕ

|Z| = R2 + ω 2 L2 (2.113)

ωL
∆ϕ = ϕu − ϕi = arg Z = arctan . (2.114)
R

Der Scheinwiderstand |Z(ω)| zeigt als Funktion der Kreisfrequenz ω ein Tiefpass-
verhalten (Abb. 2.28). Die Phasenverschiebung ∆ϕ liegt immer im 1. Quadranten
π
0 ≤ ∆ϕ ≤ .
2
118 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Um das Zeigerdiagramm des RL-Glieds (siehe Abb. 2.29) zu konstruieren, zerlegt man
die Gesamtspannung Û in die am Widerstand und an der Induktivität abfallenden Teil-
spannungen
Û = Û R + Û L = RIˆ + jωLI,
ˆ

wobei Iˆ ∈ R+ gewählt werden kann.

Tiefpass
2R

R L R L

Abbildung 2.28: Scheinwiderstand und Phase des RL-Glieds.

Im Uˆ R = R Iˆ
Uˆ = jw L Iˆ
L

Uˆ L wL
tan Dj =
R
Dj
Uˆ R Re

Abbildung 2.29: Zeigerdiagramm des RL-Glieds.

RC-Parallelschaltung (RC-Glied):

Ein ohmscher Widerstand R wird mit einer Kapazität C parallel geschaltet (siehe
Abb. 2.30).

Dieses „RC-Glied“ genügt dem komplexen ohmschen Gesetz Iˆ = Y Û , wobei sich die
komplexe Admittanz aus Gl. (2.111) zu
1
Y = + jωC = G + jωC (2.115)
R
ergibt.
2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen 119

Abbildung 2.30: RC-Glied.

Hieraus erhält man den Scheinleitwert |Y | und den Scheinwiderstand |Z| gemäß

|Y | = G2 + ω 2 C 2 , (2.116)

R
|Z| = √ . (2.117)
1 + ω 2 R2 C 2

Die Phasenverschiebung ergibt sich aus


ωC
∆ϕ = arg Z = − arg Y = − arctan ,
G
das heißt
∆ϕ = − arctan (ωRC) . (2.118)
Die Phasenverschiebung ∆ϕ liegt in diesem Fall immer im 4. Quadranten
π
− ≤ ∆ϕ ≤ 0.
2

Der Scheinwiderstand |Z(ω)| zeigt als Funktion der Kreisfrequenz ω ein Hochpassver-
halten (Abb. 2.31)

Hochpass
R 2

Abbildung 2.31: Scheinwiderstand und Phase des RC-Glieds.

Um das Zeigerdiagramm des RC-Glieds (sieh Abb. 2.32) zu konstruieren, zerlegt man
den Gesamtstrom in die durch den Widerstand und den Kondensator fließenden Teil-
ströme

Iˆ = IˆR + IˆC = + jωC Û ,
R
120 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

wobei Û ∈ R+ gewählt werden kann.

Im
Iˆ C = jw CUˆ

Iˆ R = GUˆ
Iˆ C
-Dj tan (-Dj ) =w RC

IˆR Û Re

Abbildung 2.32: Zeigerdiagramm des RC-Glieds.

Gedämpftes LC-Glied

Bei dieser Schaltung bilden eine Kapazität C und eine Induktivität L einen paralle-
len LC-Schwingkreis, der durch einen ohmschen Widerstand R gedämpft wird (siehe
Abb. 2.33).

Abbildung 2.33: Gedämpftes LC-Glied.

Die Admittanz Y der Anordnung ergibt sich durch Anwendung von Gl. (2.109) und
(2.111):

Die Impedanz des RL-Gliedes ist

Z RL = R + jωL ,

woraus sich für die Admittanz der gesamten Schaltung


1 1
Y = = jωC +
Z Z RL
ergibt.
2.4.2 Wechselstromschaltungen mit linearen Bauelementen 121

Wir erhalten schließlich


1 1 + jωCZ RL 1 − ω 2 LC + jωRC
=Y = = (2.119)
Z Z RL R + jωL
R − jωL + jωC (R + ω 2 L2 )
2
Y = . (2.120)
R 2 + ω 2 L2
Der Scheinleitwert beträgt
s
1 + ω 2 (R2 C 2 − 2LC) + ω 4 L2 C 2
|Y | = (2.121)
R 2 + ω 2 L2
und die Phase der Impedanz ist
1    
∆ϕ = − arg Y = − arctan ωC R2 + ω 2 L2 − ωL . (2.122)
R

Um das Zeigerdiagramm (siehe Abb. 2.34) zu konstruieren, wählen wir Û ∈ R+ und


zerlegen den Gesamtstrom Iˆ in die Zweigströme

Iˆ = IˆC + IˆRL

mit
1
IˆC = jωC Û und IˆRL = Û ,
R + jωL
wobei sich die Richtung ϕRL von IˆRL aus
ωL
tan ϕRL = −
R
ergibt.

Abbildung 2.34: Gedämpftes LC-Glied.


122 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

2.4.2.5 Zusammenfassung zur Wechselstromrechnung

Die modellhafte Beschreibung von Wechselstromschaltungen mit Hilfe komplexer Netz-


werke lässt sich folgendermaßen zusammenfassen:

(i) Zweigspannungen und -ströme werden durch komplexe Zeiger dargestellt:


Reale Wechselspannung u(t) Spannungszeiger Û ∈ C
Realer Wechselstrom i(t) Stromzeiger Iˆ ∈ C

(ii) Linearen Bauelementen (R, L, C) wird eine Impedanz Z ∈ C zugeordnet, so


dass ihr Klemmenverhalten durch das verallgemeinerte ohmsche Gesetz Û = Z Iˆ
beschrieben werden kann. Geometrisch lässt sich die Impedanz hierbei als Dreh-
streckung Z = |Z|ej∆ϕ im Zeigerraum R2 (≡ C) interpretieren, die den Stromzeiger
Iˆ auf den Spannungszeiger Û abbildet.

Elementare Beispiele sind:


Bauelement ohmscher Widerstand Spule Kondensator
1
|Z| R ωL
ωC
π π
∆ϕ 0 −
2 2
1
Z R jωL
jωC
1 1
Y G= jωC
R jωL

(iii) Eine Wechselstromschaltung entspricht einem komplexen Kirchhoffschen Netzwerk.


Dessen Topologie wird genauso beschrieben wie im Gleichstromfall (Knoten, ge-
richtete Zweige, Maschen, lineare Bauelemente, Strom- und Spannungsquellen).
Um die Netzwerkgleichungen zur Netzwerkanalyse aufzustellen, stützt man sich
auf die

Knotenregel

Iˆk = 0
X X
ik (t) = 0
k∈K k∈K

und die Maschenregel

X X
ul (t) = ue (t) Û l = Û e
l∈M l∈M
2.4.3 Leistung und Effektivwerte 123

2.4.3 Leistung und Effektivwerte

Wichtige Anwendungen von Wechselstrom-Netzwerken finden sich u.a. in der Energie-


technik, insbesondere im Bereich der Energieversorgung, in der Nachrichtentechnik und
in der Hochfrequenztechnik. In der Energietechnik spielen Probleme der Energieübertra-
gung und der Leistungsbilanz eine große Rolle, bei deren Analyse sich der Wechselstrom-
Kalkül als sehr hilfreich erweist. In der Nachrichten- und Hochfrequenztechnik geht es
meist um die frequenzabhängigen Übertragungseigenschaften von Wechselstromnetzwer-
ken.

2.4.3.1 Momentane Leistung

Elektrische Anlagen und Geräte (oder Teile davon) können sehr oft als lineares Wechsel-
strom-Netzwerk dargestellt werden, das elektrische Leistung verbraucht oder liefert. In
seiner einfachsten Form ist es ein stromerhaltender Zweipol (Eintor), an dem eine Klem-
menspannung
u(t) = Û sin(ωt + ϕu )
anliegt, die den Klemmenstrom

i(t) = Iˆ sin(ωt + ϕi )

antreibt.

i(t ) Iˆ

u(t ) lineares Gesamtimpedanz


Netzwerk Û Z

Abbildung 2.35: Darstellung eines linearen Wechselstromnetzwerks als komplexe


Impedanz

Die dem Netzwerk momentan zugeführte Leistung beträgt

p(t) = u(t)i(t) = Û Iˆ sin(ωt + ϕu ) sin(ωt + ϕi ) .

Dieser Ausdruck lässt sich umformen zu


1 ˆ 1
p(t) = Û I cos(ϕu − ϕi ) − Û Iˆ cos(2ωt + ϕu + ϕi ) . (2.123)
|2 {z } |2 {z }
zeitl. Mittelwert Pm zeitlicher Mittelwert 0

Die Momentanleistung p(t) pendelt also mit der doppelten Netzfrequenz 2ω um ihren
124 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

zeitlichen Mittelwert (Abb. 2.36)


1 ˆ
Pm = Û I cos ∆ϕ . (2.124)
2
Dabei ist ∆ϕ := ϕu − ϕi die bereits bekannte Phasenverschiebung (relativer Phasenwin-
kel) zwischen Spannung und Strom. Ist ∆ϕ 6= 0, so enthält das Netzwerk energiespei-
chernde Bauelemente (Kapazitäten oder Induktivitäten, vgl. Abschnitt 2.4.2). In diesem
Fall ist cos ∆ϕ < 1; dies bedeutet, dass während einer Periode in einem Zeitabschnitt
dem Netzwerk Energie zugeführt wird (p(t) > 0), während in einem anderen Zeitab-
schnitt das Netzwerk Energie abgibt (p(t) < 0) (vgl. Abb 2.36). Damit dies geschehen
kann, muss das Netzwerk Energie kapazitiv oder induktiv “zwischenspeichern“ können.

p (t )

1 ˆˆ
UI
2
PPMm

t
1 ˆˆ
U I cos Dj
2

Abbildung 2.36: Einem Wechselstromnetzwerk momentan zugeführte Leistung

2.4.3.2 Effektivwerte, Wirkleistung

Stellt das Netzwerk einen Einergieverbraucher dar, so interessiert man sich für die
im zeitlichen Mittel während einer Periode T aufgenommene Leistung, die sogenann-
te Wirkleistung PW .

Sie ist für allgemeine zeitperiodische Momentanleistungen p(t) definiert als


T
1 Z
PW = p(t) dt . (2.125)
T
0

Für den sinusförmigen Zeitverlauf (2.123) gilt


1 ˆ
PW = Pm = Û I cos ∆ϕ . (2.126)
2
2.4.3 Leistung und Effektivwerte 125

Um die Größe eines zeitperiodischen Spannung- oder Stromverlaufs betragsmäßig zu


quantifizieren, definiert man dessen Effektivwert als
v
ZT
u
u1
u
Ueff = t u(t)2 dt (2.127)
T
0

bzw. v
ZT
u
u1
u
Ieff := t i(t)2 dt . (2.128)
T
0

Die Effektivwerte bieten ein vernünftiges Maß für die Größe von u(t) und i(t) auch dann,
wenn deren zeitlicher Mittelwert Null ist.

Im Falle sinusförmiger Spannungs- oder Stromverläufe gilt


T 2π
2 1 Z 2 2 1 Z 2 2 1
Ueff = Û sin(ωt + ϕu ) dt = Û sin ϕ dϕ = Û 2
T ωT 2
0 0

mit der Substitution ϕ = ωt + ϕu .

Also folgt
1
Ueff = √ Û . (2.129)
2
In analoger Weise erhalten wir für den Strom
1
Ieff = √ Iˆ . (2.130)
2
Damit gilt für die Wirkleistung

PW = Ueff Ieff cos ∆ϕ . (2.131)

NB: Bei der Bezeichnung der Effektivwerte wird sehr oft der Index „eff“ weggelassen;
man schreibt dann einfach
1 1
U = √ Û ; I = √ Iˆ .
2 2

Im komplexen Wechselstrom-Kalkül definiert man konsistent mit (2.129) und (2.130) die
Effektivwert-Zeiger
1 1
U = √ Û ; I = √ Î . (2.132)
2 2

Es gilt dann
|U | = Ueff und |I| = Ieff .
126 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Die für die Leistungsbilanz zentrale Größe ist der komplexe Leistungszeiger (oder
kurz: komplexe Leistung)
1
P := Û Iˆ∗ = U I ∗ . (2.133)
2
(Schreibweise: für z = x + jy ∈ C bezeichnet z ∗ = x − jy die konjugiert komplexe
Größe.)

ˆ jϕi folgt
Mit Û = Û ejϕu und Î = Ie
1
P = Û Iˆ ej(ϕu −ϕi ) = Ueff Ieff ej∆ϕ (2.134)
2
bzw. P = Ueff Ieff (cos ∆ϕ +j sin ∆ϕ) . (2.135)
| {z }
PW = Wirkleistung

Die Wirkleistung lässt sich somit als Realteil der komplexen Leistung berechnen zu

PW = Re P . (2.136)

Wir wollen den Begriff der Wirkleistung an drei typischen Beispielen verdeutlichen:

• Ohmscher Widerstand: Es gilt

Û = R Î (d.h. ∆ϕ = 0)

Der Leistungszeiger
1 ∗ 1 ∗ 1
P = Û Î = RÎ Iˆ = RIˆ2 = RIeff
2
2 2 2
ist rein reell.
Daher ist die Wirkleistung gegeben durch
2
PW = Re P = R Ieff = Ueff Ieff

in Übereinstimmung mit (2.131) für ∆ϕ = 0.

• Spule: Es gilt
π
Û = jωLÎ (d.h. ∆ϕ = )
2
Der Leistungszeiger
1 ∗ 1 ∗ 1
P = Û Î = jωLÎ Iˆ = jωLIˆ2
2 2 2
ist rein imaginär.
Die Wirkleistung ist daher
PW = Re P = 0
π
in Übereinstimmung mit (2.131) für ∆ϕ = . Es wird zeitperiodisch Energie
2
induktiv gespeichert und wieder abgegeben, aber keine Leistung verbraucht.
2.4.3 Leistung und Effektivwerte 127

• Kondensator: Es gilt
1 π
Û = Î (d.h. ∆ϕ = − )
jωC 2
Der Leistungszeiger
1 ∗ 1 1 ∗ j 1 ˆ2
P = Û Î = Î Iˆ = − I
2 2 jωC 2 ωC
ist rein imaginär.
Die Wirkleistung ist daher
PW = Re P = 0
π
in Übereinstimmung mit (2.131) für ∆ϕ = − . Es wird zeitperiodisch Energie
2
kapazitiv gespeichert und wieder abgegeben, aber keine Leistung verbraucht.

2.4.3.3 Leistungsbilanz bei energiespeichernden Bauelementen

Wir wollen den Energiefluss bei rein induktiven und rein kapazitiven Bauelementen noch
etwas genauer analysieren.

(i) Spule: Die im Magnetfeld einer Spule momentan gespeicherte Energie beträgt

(2.61) 1
Wmag (t) = L i(t)2 .
2
Ihre Zeitableitung

dWmag (t) di(t)


= L i(t) = u(t)i(t) = p(t)
dt dt
ist die momentan zu- oder abgeführte Leistung.

Für einen sinusförmigen Stromverlauf

i(t) = Iˆ sin(ωt)

ergibt sich explizit


1 ˆ2 2 1
Wmag (t) = LI sin (ωt) = LIˆ2 (1 − cos(2ωt))
2 4
und hieraus die Momentanleistung (vgl. Abb. 2.37)

dWmag (t) 1
p(t) = = ωLIˆ2 sin(2ωt) . (2.137)
dt 2
128 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

Wmag (t ) 1 ˆ2
LI
2

1
w LIˆ 2
2

Abbildung 2.37: Zur Leistungsbilanz bei der Spule

Die Wirkleistung
T
1 Z
PW = p(t) dt = 0
T
0

verschwindet; es wird pro Periode T (sogar pro Halbperiode T /2) genau so viel
Energie zugeführt wie abgegeben.
2.4.3 Leistung und Effektivwerte 129

(ii) Kondensator: Die im elektrischen Feld im Kondensator momentan gespeicherte


Energie beträgt
(2.40) 1
Wel (t) = Cu(t)2
2
Ihre Zeitableitung

dWel (t) du(t)


= Cu(t) = u(t)i(t) = p(t)
dt dt
ist die momentan zu- oder abgeführte Leistung.
Für einen sinusförmigen Spannungsverlauf

u(t) = Û sin(ωt)

ergibt sich explizit


1 1
Wel (t) = C Û 2 sin2 (ωt) = C Û 2 (1 − cos(2ωt))
2 4
und hieraus die Momentanleistung (vgl. Abb. 2.38)

dWel (t) 1
p(t) = = ωC Û 2 sin(2ωt) . (2.138)
dt 2

Wel (t ) 1 ˆ2
CU
2

1
wCUˆ 2
2

u (t )

Abbildung 2.38: Zur Leistungsbilanz beim Kondensator

Die Wirkleistung
T
1 Z
PW = p(t) dt = 0
T
0

verschwindet; es wird pro Periode T (sogar pro Halbperiode T /2) genau so viel
Energie zugeführt wie abgegeben.
130 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

2.4.3.4 Scheinleistung und Blindleistung

Die vom Verbrauchernetzwerk über die äußeren Klemmen zeitperiodisch aufgenommene


und wieder abgegebene Energie verursacht einen Stromanteil, der die Zuleitung (= Ener-
gieübertragungsstrecke) genau so belastet wie der zur Wirkleistung beitragende Strom.
Um diesen Leistungsanteil quantifizieren zu können, führt man den Begriff der Blindleis-
tung ein. Zu dessen Herleitung ist die folgende Leistungsbilanzbetrachtung hilfreich.

Leistungsbilanz bei einem allgemeinen linearen Wechselstrom-Netzwerk

Wir betrachten einen linearen Wechselstrom-Zweipol mit Klemmenspannung u(t) und


Klemmenstrom i(t), der durch eine komplexe Impedanz Z charakterisiert wird. Die kom-
plexen Spannungs- und Stromzeiger genügen also dem komplexen Ohmschen Gesetz
Û = Z Î. Ohne Beschränkung der Allgemeinheit können wir den Phasenwinkel ϕi des
Stromes i(t) zu Null setzen, also ϕi = 0.

Dann gilt

i(t) = Iˆ sin(ωt)

und der Stromzeiger ist rein reell: Iˆ = Iˆ ∈ R+ .


Der reale Spannungsverlauf lautet dann
ˆ jωt ) = Re(Z) Iˆ sin(ωt) +Im(Z) Iˆ cos(ωt) .
u(t) = Im(Û ejωt ) = Im(Z Ie
| {z }
i(t)

Die dem Verbrauchersystem zugeführte Momentanleistung beträgt

p(t) = u(t)i(t) = Re(Z) i(t)2 + Im(Z) Iˆ2 sin(ωt) cos(ωt) .


| {z }
1
sin(2ωt)
2
Nach Umformung erhalten wir

p(t) = Re(Z) i(t)2 + Im(Z) Ieff


2
sin(2ωt) . (2.139)

Für dissipative Verbraucher (dies ist der Regelfall) ist Re(Z) ≥ 0. Daher ist der erste
Term auf der rechten Seite stets positiv und trägt zur im System verbrauchten Wirkleis-
tung PW bei. Der zweite Term ist zu gleichen Zeitanteilen positiv und negativ (d.h. sein
zeitlicher Mittelwert ist Null) und beschreibt die Aufnahme oder Abgabe von induktiv
und/oder kapazitiv gespeicherter Energie W (t).

Präzise formuliert gilt für die Wirkleistung


T T
1Z 1Z
PW = p(t) dt = Re(Z) i(t)2 dt = Re(Z) Ieff
2
. (2.140)
T T
0 0
2.4.3 Leistung und Effektivwerte 131

Daher wird
RW := Re Z (2.141)
auch als Wirkwiderstand bezeichnet.

Für die zeitliche Änderung der gespeicherten Energie W (t) folgt aus Gl. (2.139)

dW (t) 2
= Im(Z) Ieff sin(2ωt) , (2.142)
dt
so dass wir Gl. (2.139) nun in der Tat als Leistungsbilanzgleichung interpretieren
können in der Form
dW
p(t) = RW i(t)2 + (t) . (2.143)
dt

Als konkrete Beispiele haben wir bereits den Fall der Spule (Gl. (2.137)) und den Fall
des Kondensators (Gl. (2.138)) diskutiert.

Blindleistung

Setzt man i(t) = 2Ieff sin(ωt) in die Bilanzgleichung (2.139) ein, so erhält man die
Darstellung
2
p(t) = Re(Z) Ieff 2 sin2 (ωt) + 2
Im(Z) Ieff sin(2ωt) (2.144)
| {z } | {z } | {z } | {z }
PW Mittelwert = 1 PB Mittelwert = 0

Der zweite Summand auf der rechten Seite drückt quantitativ die in der Übertragungs-
strecke und im Verbrauchernetz hin und her oszillierende Leistung aus, die meist nur
als unerwünschte Leitungsbelastung wahrgenommen wird. Ihr Gewicht im Vergleich zur
Wirkleistung PW wird quantitativ durch die Größe
2
PB := Im(Z) Ieff (2.145)

ausgedrückt, die man als Blindleistung bezeichnet. In Analogie zu Gl. (2.140) und Gl.
(2.141) wird dann
RB := Im Z (2.146)
als Blindwiderstand bezeichnet. Die Leistungsbilanzgleichung (2.144) bzw. (2.139)
kann damit in der anschaulich interpretierbaren Form

p(t) = PW (1 − cos(2ωt)) + PB sin(2ωt) (2.147)

geschrieben werden.

Vereinheitlichte Darstellung als komplexe Leistung

Wirk- und Blindleistung lassen sich elegant mit Hilfe der komplexen Leistung

P = U I∗
132 2.4 Niederfrequente Wechselstromnetzwerke

bestimmen. Mit U = Z I folgt

P = Z (I I ∗ ) = ZIeff
2
. (2.148)

Das bedeutet, dass die komplexe Leistung P und die Impedanz Z gleichsinnig parallel
(kollinear) zueinander sind. Weiterhin gilt
2 2
P = Re(Z) Ieff + j Im(Z) Ieff .

Mit (2.140) und (2.145) folgt


P = PW + jPB , (2.149)
d.h. in der komplexen Leistung sind Wirk- und Blindleistung kompakt zusammengefasst,
wobei der Wirkwiderstand RW = Re Z die Wirkleistung und der Blindwiderstand RB =
Im Z die Blindleistung verursacht.

Bisweilen ist auch folgende alternative Darstellung nützlich:

P = U I ∗ = U Y ∗ U ∗ = Y ∗ Ueff
2
. (2.150)

Die Scheinleistung ist ein Maß für die von Wirk- und Blindleistung gemeinsam verur-
sachte Leitungsbelastung. Sie ist definiert als Betrag der komplexen Leistung
q
2
PS = |P | = PW + PB2 . (2.151)

Die Scheinleistung lässt sich wegen

PS = |P | = |U I ∗ | = |U | |I| = Ueff Ieff (2.152)

auch direkt aus den Effektivwerten von Spannung und Strom bestimmen.

Da die Zeiger der Impedanz Z und der komplexen Leistung P kollinear sind (vgl. 2.148),
folgt weiterhin
2
PS = |P | = |Z| Ief f (2.153)
d.h. der Scheinwiderstand verursacht die Scheinleistung (siehe Abb. 2.39).

Die Kollinearität von P und Z hat überdies die Konsequenz, dass die Phasenwinkel von
P und Z übereinstimmen, d.h.

arg P = arg Z = ∆ϕ .

Daher hat P auch die Darstellung

P = PS ej∆ϕ = PS (cos ∆ϕ + j sin ∆ϕ) (2.154)

mit
Im (Z)
tan ∆ϕ = .
Re (Z)
2.4.3 Leistung und Effektivwerte 133

Hieraus ergeben sich dann Wirk- und Blindleistung gemäß

PW = PS cos ∆ϕ , (2.155)

PB = PS sin ∆ϕ . (2.156)

Im

P =U × I*
PS
PB = PS sin Dj
Dj
PW = PS cos Dj Re

Abbildung 2.39: Wirk-, Blind- und Scheinleistung im Zeigerdiagramm


135

3 Elektromagnetische Wellen in
homogenen Medien

3.1 Grundlegende Aspekte

Die Theorie der elektromagnetischen Wellen basiert unmittelbar auf den Maxwellschen
Gleichungen. Der wesentliche Aspekt hierbei ist, dass der physikalische Raum selbst als
Träger einer physikalischen Größe, nämlich einer elektromagnetischen Welle, fungiert,
die sich prinzipiell unbeschränkt in Raum und Zeit ausbreiten kann und hierbei auch
elektromagnetische Feldenergie mit sich führen und über große Distanzen transportieren
kann. Dies kann im materiefreien Raum (= Vakuum) geschehen; in den meisten techni-
schen Anwendungen geschieht die Wellenausbreitung aber in materiellen Medien, sodass
eine Wechselwirkung zwischen elektromagnetischem Feld und dem Ausbreitungsmedium
stattfindet. Wir wollen uns im Folgenden auf den einfachsten Fall beschränken, indem wir
annehmen, dass das elektromagnetische Feld über drei physikalische Mechanismen mit
dem Ausbreitungsmedium wechselwirkt: die elektrische Polarisation, die Magnetisierung
und den vom elektrischen Feld getriebenen Stromtransport in leitenden Medien.

3.1.1 Modellannahmen

Die genannten Wechselwirkungsmechanismen wollen wir noch weiter präzisieren. Wir


nehmen an, dass das Ausbreitungsgebiet Ω ⊂ R3 der Welle stückweise homogen ist
und aus Teilgebieten Ωi ⊂ R3 zusammengesetzt ist, in denen lineare Materialgesetze mit
konstanten Materialparametern vorausgesetzt werden dürfen. Das Ausbreitungsbebiet Ω
ist also die disjunkte Vereinigung Ω = ]Ni=1 Ωi von Teilgebieten Ωi , die alle eine konstante
Permittivität εi , konstante Permeabilität µi und (gegebenenfalls) konstante elektrische
Leitfähigkeit σi besitzen. In jedem Teilgebiet Ωi gelten somit lineare Materialgesetze in
der Form
~ r, t) = ε E(~
D(~ ~ r, t) (3.1)
~ r, t) = µ H(~
B(~ ~ r, t) (3.2)
~ + ~j0 (~r, t)
~j = σ E . (3.3)
| {z }
externe Quelle
136 3.1 Grundlegende Aspekte

Wir werden später auch Materialgesetze zulassen, bei denen die Materialparameter
(ε,µ,σ) bei einer sinusförmigen Zeitabhängigkeit der Feldgrößen von der Kreisfrequenz
ω der Sinus-Schwingung abhängen können, d.h. ε = ε(ω), µ = µ(ω), σ = σ(ω).

Zwischen benachbarten Teilgebieten Ωk und Ωl sollen gemeinsame zweidimensionale


Grenzflächen Σkl = Ω̄k ∩ Ω̄l existieren, auf denen die in Abschnitt 1.4 hergeleiteten
Übergangs-Randbedingungen für die Feldgrößen (E, ~ D)
~ und (H,~ B)
~ gelten.

Weitere Modellannahmen sind schließlich:

• keine Raumladung im Inneren von Ωi außer durch äußere (vorgegebene) Quel-


len (z.B. Antennen) mit Stromdichte ~j0 ; in diesem Fall muss dann aber gelten
∂ρ0
ρ = ρ0 mit div ~j0 + =0
∂t

• Ausbreitungsmedium befindet sich in Ruhe

• keine Beeinflussung des Stromflusses durch Magnetfelder (Hall-Effekt, Lorentz-Ab-


lenkung)

• kein Stromfluss durch Teilchendiffusion

• kein Stromfluss durch thermische Diffusion

3.1.2 Differentialgleichungen für propagierende elektromagnetische


Felder (Wellen)

Den Ausgangspunkt für die theoretische Beschreibung elektromagnetischer Wellen bil-


den die Maxwellschen Gleichungen Gl. (1.1) - (1.4), wobei die Materialgleichungen
Gl. (3.1) - (3.3) benutzt werden, um die Feldgrößen D ~ und B
~ zu eliminieren. Man erhält
so ein geschlossenes System partieller Differentialgleichungen für die sechs Komponenten
des elektromagnetischen Feldes (E,~ H):
~

~ ~
~ = − ∂ B = −µ ∂ H
rot E (3.4)
∂t ∂t
~ ~
~ = ~j + ∂ D = σ E
rot H ~ + ε ∂ E + ~j0 (3.5)
∂t ∂t
~ = 1 ~ = ρ 0
div E div D (3.6)
ε ε
~ = 1 ~ = 0
div H div B (3.7)
µ
∂ρ0
wobei für die externen Quellterme ~j0 und ρ0 Ladungserhaltung, d.h. div ~j0 + =0
∂t
gilt.
3.1.2 Differentialgleichungen für Wellen 137

~ H)
Um eine Wellengleichung für die sechs Komponenten von (E, ~ zu erhalten, bilden wir
zunächst die Rotation von (3.4) gemäß

  (3.4) ~ (3.5)
∂H ~
∂E ~
∂ 2E ˙
~
rot rot E = −µ rot = −µσ − εµ − µ~j0
∂t ∂t ∂t 2

˙ ∂~j0
wobei ~j0 := gesetzt wird.
∂t

Andererseits ist

~ = ∇ ρ0 − ∆E
     
~ = ∇ × (∇ × E)
rot rot E ~ = ∇ ∇·E
~ − ∆E ~.
ε
~
Durch Gleichsetzen beider Ausdrücke ergibt sich die Wellengleichung für E
~
∂ 2E ~
∂E ~ = −∇ ρ0 − µ~j˙ 0 .
 
εµ 2
+ µσ − ∆E (3.8)
∂t ∂t ε
In analoger Weise bilden wir die Rotation von Gl.(3.5) gemäß

~ ~
∂ 2H
~ + ε ∂ rot E ∂H
 (3.5)
~ + rot ~j0 (3.4)

~
rot rot H = σ rot E = −σµ − εµ + rot ~j0 .
∂t ∂t ∂t2
Andererseits ist
 
 
~ = −∆H
~ + ∇
∇ ·H~ ~
rot rot H | {z } = −∆H
0
~
Durch Gleichsetzen beider Ausdrücke erhalten wir die Wellengleichung für H
~
∂ 2H ~
∂H
εµ + µσ ~ = rot ~j0 .
− ∆H (3.9)
∂t2 ∂t
Beide Wellengleichungen lassen sich kompakt zusammenfassen in einer Wellengleichung
~ H):
für die Feldgröße (E, ~

ρ0
 
˙
  
"
2 −∇
#
~
− µ~j
∂ ∂ ε E  0
εµ 2 + µσ −∆  = (3.10)
 
∂t ∂t

~
H rot ~j0
| {z }
(gedämpfter) Wellenoperator
(falls σ > 0)

~ H)
In dieser Formulierung sind (E, ~ völlig gleichberechtigte Komponenten eines sechs-
komponentigen elektromagnetischen Wellenfeldes.

Man muss allerdings beachten, dass die Wellengleichung (3.10) eine notwendige, aber
keine hinreichende Bedingung für die Maxwellschen Gleichungen (3.4) - (3.7) dar-
stellt.
138 3.1 Grundlegende Aspekte

~ = ρ0 und div H
Zum Beispiel muss div E ~ = 0 als Nebenbedingung zusätzlich erfüllt
ε
sein.

An einer Materialgrenze Σkl zwischen benachbarten Teilgebieten Ωk und Ωl gelten die


in Abschnitt 1.4 hergeleiteten Grenzflächenbedingungen, nun aber formuliert für die
~ und H:
Feldgrößen E ~

• Normalkomponenten von εE ~ und µH ~ sind stetig


(falls keine Grenzflächenladung σint existiert: σint ≡ 0)

• Tangentialkomonenten von E ~ und H


~ sind stetig
(falls keine Grenzflächenstromdichte ~i existiert: ~i ≡ 0)

3.1.3 Wellengleichung für das elektromagnetische Viererpotential


 
~ B
In Abschnitt 1.3 wurde die Darstellung des elektromagnetischen Feldes E, ~ durch
 
~ ausführlich erörtert.
ein Viererpotential Φ, A

Demzufolge lassen sich mit dem Ansatz


~
~ = −∇Φ − ∂ A
E ~ = rot A
und B ~
∂t
   
die sechs Komponenten von E, ~ B~ durch die vier Komponenten von Φ, A ~ darstellen.
In einem (Teil-)Gebiet Ωi mit konstanter Permittivität ε und Permebilität µ kann man
~ + εµ ∂Φ = 0 als Nebenbedingung unterwerfen.
 
~ überdies der Lorenzeichung div A
Φ, A
∂t
Aus den inhomogenen Maxwellschen Gleichungen Gl. (3.5) und (3.6) folgt dann unter
der Annahme, dass das Ausbreitungsmedium elektrisch nichtleitend ist (σ = 0), die
folgende inhomogene Wellengleichung für das Viererpotential (vgl. Gl. (1.48)):
   
" #
2 Φ ρ0 /ε

εµ 2
−∆ 
 = (3.11)
∂t

~
A µ~j0

Hierbei bezeichnet ~j0 eine im ansonsten isolierenden Gebiet Ωi eingeprägte Stromquelle


∂ρ0
(Antenne) mit zugehöriger Ladungsdichte ρ0 derart, dass div ~j0 + = 0 gilt.
∂t

~ mit c := 1/√εµ sind gleichberechtigte Komponenten eines vierkomponentigen


 
Φ/c, A
elektromagnetischen Potentialwellenfeldes in einer vierdimensionalen Raum-Zeit
mit Koordinaten (ct, x, y, z) (⇒ Relativitätstheorie, vgl. Abs. 1.3.2).

Man beachte, dass die Nebenbedingungen div E ~ = ρ und div H


~ = 0 für E
~ und H
~ durch
ε
den Potentialansatz identisch erfüllt werden:
3.1.4 Physikalischer Mechanismus der elektromagnetischen Wellenausbreitung 139

~ = 1 div rot A
 
• div H ~ ≡0
µ

~ = −∆Φ − ∂ ~ (Eichung) ∂2 ρ
• div E div A = −∆Φ + εµ 2 Φ =
∂t ∂t ε

Es müssen
 daher — außer der Eichbedingung selbst — keine weiteren Nebenbedingungen
von Φ, A~ erfüllt werden.

3.1.4 Physikalischer Mechanismus der elektromagnetischen


Wellenausbreitung

Die selbstkonsistente Existenz und Fortpflanzung dynamischer elektromagnetischer Fel-


der lässt sich mit Hilfe der Maxwellschen Gleichungen (1.1) - (1.4) und den Material-
gleichungen (3.1) - (3.3) recht anschaulich verstehen:

~
(i) ~ = − ∂B
rot E ~
besagt, dass ein zeitabhängiges B-Feld ein elektrisches
∂t ~ induziert. Wegen div E~ = 0 ist dieses quellenfrei,
Feld E
d.h. es ist ein reines Wirbelfeld.
(ii) α) ~ = εE
D ~ besagt: Das elektrische Feld verursacht im dielektrischen
Medium eine (dynamische) elektrische Polarisierung, die
sich dem elektrischen Feld überlagert.
β) ~
~j = σ E besagt: Das elektrische Feld erzeugt in einem elek-
trisch leitenden Medium einen ladungsneutralen Teil-
chenstrom. Wegen div ~j = 0 ist dieser quellenfrei, d.h.
~j ist ein Wirbelstrom. Dieser entzieht dem elektroma-
gnetischen Feld durch Reibungsverluste Energie mit der
~ = σ|E|
Verlustleistungsdichte pVerlust = ~j · E ~ 2 > 0, wo-
durch das elektromagnetische Feld gedämpft wird.
~
(iii) ~ = ~j + ∂ D
rot H ~
besagt: Das zeitabhängige D-Feld und ggf. der Wirbel-
∂t ~ ~ ~ =0
strom j erzeugen ein Magnetfeld H. Wegen div H
ist dieses quellenfrei, d.h. es ist ein reines Wirbelfeld.
(iv) ~ = µH
B ~ besagt: Das Magnetfeld H ~ verursacht im Medium ei-
~
ne Magnetisierung, die sich dem H-Feld überlagert. Das
~
resultierende B-Feld wiederum geht in das Induktions-
gesetz (i) ein, wodurch die Schleife der felderzeugenden
Elementarprozesse selbstkonsistent geschlossen wird.

Man beachte, dass der beschriebene Wirkungsmechanismus nicht an das Vorhandensein


eines materiellen Ausbreitungsmediums (“Äther”) gebunden ist. Er funktioniert genau
~
so gut im leeren Raum (mit ε = ε0 , µ = µ0 und σ = 0), im dem sich das E-Feld und das
140 3.2 Homogene Wellengleichung in einer Raumdimension

~
H-Feld gegenseitig erzeugen:
~ ~
rot E ~ = ε0 ∂ E
~ = −µ0 ∂ H und rot H (3.12)
∂t ∂t

3.2 Homogene Wellengleichung in einer Raumdimension

3.2.1 Vereinfachende Modellannahmen

Bevor wir die vektorielle Wellengleichung (3.10) bzw (3.11) näher betrachten, wollen wir
einige grundlegende Eigenschaften wellenförmiger Lösungen diskutieren, die unabhängig
von deren Vektorcharakter sind. Wir machen daher folgende vereinfachende Annah-
men:

∂2
• Nur eine Raumdimension: ~r = x~ex mit x ∈ R, ∆= .
∂x2

• Das Wellenfeld u(x, t) sei ein Skalar oder eine der kartesischen Komponenten eines
Vektorfeldes.

• keine Dämpfung: σ = 0

• keine äußeren Quellen: ~j0 = 0, ρ0 = 0

Die Wellengleichung lautet dann in vereinfachter Form

∂ 2u ∂ 2u
εµ 2 − 2 = 0 . (3.13)
∂t ∂x

3.2.2 Grundlösungen

Ausbreitungsgeschwindigkeit

Wir definieren zunächst die Größe


1
c := √ Merkregel: εµc2 = 1. (3.14)
εµ

c hat die physikalische Einheit einer Geschwindigkeit [m/s].

Es wird sich im Folgenden zeigen, dass c die Geschwindigkeit ist, mit der sich wellenför-
mige Lösungen u(x, t) von (3.13) im Raum ausbreiten; daher heißt sie Ausbreitungs-
geschwindigkeit oder auch Phasengeschwindigkeit.
3.2.2 Grundlösungen 141

m km
Ihr Vakuumwert ist c = 2, 997 × 108 ≈ 300.000 .
s s

D’Alembertsche Lösung

Die homogene Wellengleichung (3.13) hat nun die Form


!
1 ∂2 ∂2
− u(t, x) = 0 . (3.15)
c2 ∂t2 ∂x2

Um sie zu lösen, führen wir neue unabhängige Variablen

ξ(t, x) := ct − x; η(t, x) := ct + x

im (t, x)-Raum (= R2 ) ein.

Die Umkehrtransformation

R2 3 (ξ, η) 7→ (x(ξ, η), t(ξ, η)) ∈ R2

definiert also Koordinaten (ξ, η) im (t, x)-Raum.

In diesen Koordinaten hat die Lösung u die Form

ue(ξ, η) := u(x(ξ, η), t(ξ, η))

Die Umrechnung des Wellenoperators geschieht folgendermaßen:


∂ ∂ξ ∂ ∂η ∂ ∂ ∂
= + =− +
∂x ∂x ∂ξ ∂x ∂η ∂ξ ∂η
1∂ 1 ∂ξ ∂ 1 ∂η ∂ ∂ ∂
= + = +
c ∂t c ∂t ∂ξ c ∂t ∂η ∂ξ ∂η
1 ∂2 ∂2 ∂ 2
∂ 2
∂ 2
∂2 ∂2 ∂2 ∂2
⇒ 2 2− 2 = + + 2 − − + 2 = 4
c ∂t ∂x ∂η 2 ∂ξ 2 ∂ξ∂η ∂η 2 ∂ξ 2 ∂ξ∂η ∂ξ∂η

Damit bekommt die Wellengleichung (3.15) die Form

∂ ∂ ∂ ∂
ue(ξ, η) = ue(ξ, η) = 0
∂ξ ∂η ∂η ∂ξ

Die allgemeine Lösung lautet

ue(ξ, η) = f1 (ξ) + f2 (η)

mit beliebigen zweimal differenzierbaren Funktionen f1 : R → R und f2 : R → R.


142 3.2 Homogene Wellengleichung in einer Raumdimension

Umgerechnet in die (t, x)-Koordinaten erhält man so

u(x, t) = f1 (ct − x) + f2 (ct + x) D’Alembertsche Lösung. (3.16)

Man kann diese Lösung leicht verifizieren durch

∂ 2u 00 00

2
= f1 (ct − x) + f2 (ct + x)
∂x

1 ∂ 2u 1 h 00 2 00 2
i
= f 1 (ct − x)c + f 2 (ct + x)c
c2 ∂t2 c2

∂ 2u
= .
∂x2
Eine Veranschaulichung der D’Alembertschen Lösung ist in Abb. 3.1 zu finden.

Abbildung 3.1: Zeitliche Entwicklung der D’Alembertschen Lösung im Ortsraum.

Diskussion

• Für t = 0 gilt u(t = 0, x) = f1 (−x) + f2 (x).

Zu einer Zeit t > 0 ist f1 (x) um ∆x = ct nach +~ex und f2 (x) um ∆x = −ct nach
−~ex parallel verschoben: u(t, x) = f1 (ct − x) + f2 (ct + x)
3.2.2 Grundlösungen 143

• Hieraus ergibt sich die Ausbreitungsgeschwindigkeit beider Teillösungen als v =


∆x
= ±c.
t
• Offenkundig können sich die Teillösungen ungestört durchdringen, wenn sie auf-
einander zulaufen, sich “treffen” und wieder auseinander laufen.

• Auf den Geraden im (t, x)-Raum ct − x = const. bzw. ct + x = const. (den so-
genannten Charakteristiken) (siehe Abb. 3.2) haben f1 bzw. f2 immer denselben
Wert.

Abbildung 3.2: Charakteristiken der eindimensionalen Wellengleichung


144 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

3.3.1 Grundlösungen der vektoriellen Wellengleichung in R3

Wir wollen nun das Konstruktionsprinzip der D’Alembertschen Lösung (3.16) auf den
dreidimensionalen Raum übertragen. Überdies betrachten wir nun vektorwertige Lösun-
~ (also Gl. (3.8)).
gen, zunächst exemplarisch das elektrische Feld E

Zur Vereinfachung nehmen wir aber weiterhin an:

• keine Dämpfung: σ = 0

• keine Quellen: ρ0 = 0, ~j0 = 0

Daher muss wegen Gl. (3.6) das elektrische Feld die Nebenbedingung

~ =0
• div E

erfüllen.

Die Verallgemeinerung der D’Alembertschen Lösung auf drei Raumdimensio-


nen geschieht folgendermaßen:

Statt ~ex betrachten wir nun eine beliebige Ausbreitungsrichtung ~n ∈ R3 , |~n| = 1, und
die Gerade durch den Ursprung

G = {~r = α~n|α ∈ R} .

Die Ebenen senkrecht zu G haben die Darstellung

E(d) = {~r ∈ R3 |~n · ~r = d} ,

wobei d den Abstand zum Ursprung bezeichnet.

~ ~r) soll auf jeder Ebene E(d) konstant sein;


Die gesuchte Lösung der Wellengleichung E(t,
~ ~r) darf bezüglich ~r nur vom Ebenenabstand d(~r) = ~n · ~r abhängen.
das heißt, E(t,

~ = 0, ~r) (“Startlösung”) also schreiben als


Zum Zeitpunkt t = 0 kann man E(t

~ = 0, ~r) = E
E(t ~ 0 (d(~r)) = E
~ 0 (~n · ~r) ,

wobei E~ 0 (.) : R → R3 eine beliebige zweimal differenzierbare Funktion einer reellen


Variablen bezeichnet.

Der Schnittpunkt der Geraden G mit der Ebene E(d) ist ~r = d~n. Durchläuft man G,
~ = 0, ~r) gemäß E
ändert sich E(t ~ =E
~ 0 (d); dies entspricht der Funktion f1 (−x) der ein-
3.3.1 Grundlösungen der vektoriellen Wellengleichung in R3 145

~ ~r)
dimensionalen D’Alembertschen Lösung in (3.16). Den weiteren Zeitverlauf von E(t,
~ 0 (d) um die Länge ct in Richtung von +~n parallel verschiebt,
erhält man, indem man E
also
~ ~r) = E
E(t, ~ 0 (ct − d(~r)) = E
~ 0 (ct − ~n · ~r) . (3.17)
Diese Konstruktion lässt sich für jeden Einheitsvektor ~n ∈ R3 , |~n| = 1, durchführen.
Insbesondere erhält man die der zweiten Funktion f2 (x) in Gl. (3.16) entsprechende
dreidimensionale Funktion, indem man die Richtung von ~n umkehrt.

Nun ist zu verifizieren, dass der Ansatz (3.17) tatsächlich eine Lösung der homogenen
Wellengleichung (3.8) (mit σ = 0) darstellt.

Hierzu ist folgende Rechenregel nützlich:

Sind (n1 , n2 , n3 ) und (E01 (.), E02 (.), E03 (.)) die kartesischen Komponenten von ~n und
~ 0 (.), so gilt
E
∂ 0
E0k (ct − ~n · ~r) = −nj E0k (ct − ~n · ~r) , (3.18)
∂xj
0
wobei E0k (.) die (gewöhnliche) Ableitung von E0k (.) nach seinem skalaren Argument
bezeichnet.

Analog dazu gilt für die Zeitableitung


∂ 0
E0k (ct − ~n · ~r) = c E0k (ct − ~n · ~r) . (3.19)
∂t

Damit erhalten wir


3 3
~ 0 (ct − ~n · ~r) = ∂2 ~ ~ 000 (ct − ~n · ~r)
(−nj )2 E
X X
∆E E (ct − ~n · ~r) =
2 0
j=1 ∂xj j=1

~ 000 (ct − ~n · ~r) = E


= ~n2 E ~ 000 (ct − ~n · ~r)

und
∂2 ~ ~ 00 (ct − ~n · ~r)
2
E0 (ct − ~n · ~r) = c2 E 0
∂t
also " #
∂2 ~ 0 (ct − ~n · ~r) = (εµc2 − 1)E
~ 000 (ct − ~n · ~r) = 0
εµ 2 − ∆ E
∂t
wegen εµc2 = 1 (vgl. Def. (3.14)).

~ ~r) = E
Damit der Ansatz E(t, ~ 0 (ct − ~n · ~r) die Nebenbedingung div E
~ = 0 erfüllt, muss
zusätzlich gelten:
3 3
~ ~r) =
X ∂ X
0 ~ 0 (ct − ~n · ~r) =! 0
div E(t, E0j (ct − ~n · ~r) = (−nj )E0j (ct − ~n · ~r) = −~n · E 0
j=1 ∂x j j=1
146 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

~ 0 (.) eine Konstante 6= 0 (d.h. ein statisches Feld, also für die
Also ist entweder ~n · E
Wellenausbreitung irrelevant) oder ~n · E~ 0 (.) = 0, d.h. E
~ 0 (.) steht stets senkrecht zu ~n.
Wir müssen also fordern
~ 0 (.) · ~n = 0 ,
E ~ 0 (.) ⊥ ~n .
d.h. E (3.20)

~ 0 (.) senkrecht auf der Ausbreitungsrichtung ~n steht, spricht man von einer “trans-
Da E
versalen ebenen Welle”.

Allgemeine Darstellung transversaler ebener Wellen

Man erhält aus dem Ansatz (3.17) dieselbe Lösungsmenge, wenn man das Argument
~n · ~r − ct mit einem konstanten Faktor k > 0 multipliziert:

k(ct − ~n · ~r) = (ωt − ~k · ~r)


mit ~k := k~n und ω := kc

Stets muss hierbei gelten


ω 1
=c= √ . (3.21)
|~k| εµ

~k heißt Ausbreitungsvektor oder Wellenvektor, weil er in die Richtung ~n weist, in


die die Welle sich bewegt.

Die allgemeinere Form einer ebenen transversalen Welle lautet nunmehr

E(t, ~ 0 (ωt − ~k · ~r)


~ ~r) = E (3.22)

wobei
~k · E
~ 0 (.) = 0 (3.23)
gelten muss.

Bewegt man die senkrecht zur Ausbreitungsrichtung ~n bzw. ~k stehenden Ebenen

E(d) = {~r ∈ R3 |~n · ~r = d}

mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit c in die +~n-Richtung, so nennt man sie Phasen-


ebenen Φ(t):

Φ(t) = E(d0 + ct) = {~r ∈ R3 | ct − ~n · ~r = d0 } (3.24)


= {~r ∈ R3 | ωt − ~k · ~r = kd0 }

~ 0 (t, ~r) auf einer Phasenebene konstant:


Offenkundig ist das Wellenfeld E

E(t, ~ 0 (ωt − ~k · ~r) = E


~ ~r) = E ~ 0 (kd0 ) = constans für ~r ∈ Φ(t)
3.3.2 Ebene elektromagnetische Wellen 147

r
k

F (t + Dt )

Ds Ds
=c
Dt
.
Phasenebene F (t )
r
E0

Abbildung 3.3: Wellenvektor und Phasenebenen

3.3.2 Ebene elektromagnetische Wellen

~ ~r) des elektromagnetischen Feldes


Bislang haben wir nur die elektrische Komponente E(t,
betrachtet. Da die magnetische Komponente H(t, ~ ~r) dieselbe homogene Wellengleichung
~ ~r) erfüllt (vgl. Gl. (3.10) mit σ = 0) und auch dieselbe Nebenbedingung div H
wie E(t, ~ =
0, können wir einen analogen Ansatz machen.

Dann gilt

E(t, ~ 0 (ωt − ~k · ~r) mit ~k · E


~ ~r) = E ~ 0 (.) = 0
H(t, ~ 0 (ωt − ~k · ~r) mit ~k · H
~ ~r) = H ~ 0 (.) = 0

lösen die homogene Wellengleichung (3.10) für σ = 0 mit den Nebenbedingungen


~ = div H
div E ~ = 0.

Zusätzlich muss aber gelten, dass


~
~ = −µ ∂ H
rot E
∂t
~
~ = ε ∂E .
rot H
∂t

Mit Hilfe der Rechenregeln (3.18) und (3.19) lässt sich folgern, dass

−~k × E
~ 00 (.) = −µω H
~ 00 (.)
−~k × H
~ 00 (.) = +εω E
~ 00 (.) .
148 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

Hierbei bezeichnet E~ 00 (.) bzw. H~ 00 (.) die (gewöhnliche) Ableitung der vektorwertigen
~ 0 (.) bzw. H
Funktion E ~ 0 (.) nach ihrem skalaren Argument.

Integriert man diese beiden Gleichungen, so ergibt sich bis auf eine Integrationskonstan-
te

~ 0 (.) = 1 ~ ~
H k × E0 (.) (3.25)
µω
~ 0 (.) = − 1 ~k × H
E ~ 0 (.) , (3.26)
εω
siehe auch Abb. 3.4.
r
E0
r
k

r
H0

~ und H-Feld
Abbildung 3.4: Beziehung zwischen E- ~ bei einer ebenen elektro-
magnetischen Welle

Die Integrationskonstanten sind statische Felder, die für die Wellenausbreitung irrelevant
sind und deshalb zu Null gesetzt werden. Man erkennt, dass durch die Wahl der Funktion
~ 0 (.) auch das Magnetfeld H
E ~ 0 (.) festgelegt wird und umgekehrt. Die Frage ist jedoch,
ob das homogene lineare Gleichungssystem für (E ~ 0, H
~ 0 ), das die Gleichungen (3.25) und
(3.26) bilden, überhaupt eine von Null verschiedene Lösung besitzt. Statt (mühsam)
dessen Determinante auszurechnen ist es einfacher, (3.26) in (3.25) einzusetzen und
hierbei E ~ 0 zu eliminieren:

~ 0 = 1 ~k × − 1 ~k × H
~ 0 = 1 ~k × E ~ 0 = 1 ~k 2 H
 
H ~0
µω µω εω εµω 2
~ 0 6= 0 genau dann, wenn die Bedingung
Diese Gleichung besitzt eine Lösung H
~k 2 1
=1
ω 2 εµ

erfüllt ist. Dies ist aber der Fall (siehe Gl. (3.21), denn es gilt
ω 1
=c= √ .
|~k| εµ

Hätten wir diese Bedingung nicht schon im Ansatz berücksichtigt, würde sie als Lös-
barkeitsbedingung für das Gleichungssystem (3.25)/(3.26) nun erzwungen werden und
3.3.3 Energiedichte und Leistungsfluss ebener EM-Wellen 149

lauten
1
ω(~k) = √ |~k| . (3.27)
εµ
Es handelt sich dabei um die Dispersionsrelation eines homogenen linearen Medi-
ums.

~ 0 (.) und H
Die in Gl. (3.25) und (3.26) beschriebene starre Kopplung zwischen E ~ 0 (.)
lässt sich mit Hilfe des Wellenwiderstandes
µ
r
Z := (3.28)
ε
noch klarer formulieren.

Es gilt nämlich
~k √ s
1 εµ ε 1
= ~n = ~n = ~n = ~n
µω µc µ µ Z
~k √
1 εµ µ
r
= ~n = ~n = ~n = Z ~n .
εω εc ε ε
~ und H-Feld
Damit lautet der Zusammenhang zwischen E- ~ nunmehr

~ 0 (.) = 1 ~ 0 (.)
H ~n × E (3.29)
Z
~ 0 (.) = −Z~n × H
E ~ 0 (.) . (3.30)

Der Wellenwiderstand drückt also das Verhältnis der Feldamplituden ~ 0 |/|H


Z = |E ~ 0 | aus.
s
µ0
Der Vakuumwert des Wellenwiderstandes beträgt Z0 = = 376, 73 Ω.
ε0

3.3.3 Energiedichte und Leistungsfluss ebener EM-Wellen

Wir wollen die in Abschnitt 1.2.4 diskutierte Energiebilanz des elektromagnetischen


Feldes auf den Fall einer ebenen Welle spezialisieren.

Die elektrische Energiedichte ist nach Gl. (1.21)


1 ~ ~ ε ~ 2
wel (t, ~r) = E ·D = E0 (ωt − ~k · ~r) (3.31)
2 2
und die magnetische Energiedichte beträgt nach Gl. (1.29)
1 ~ ~ µ ~ 2
wmag (t, ~r) = H ·B = H0 (ωt − ~k · ~r) . (3.32)
2 2
Aus Gl. (3.29) folgt
µ~2 µ 1 ~ 0 |2 = ε E
~2 ,
H0 = |~n × E (3.33)
2 2Z 2 2 0
150 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

d.h. die elektrische und die magnetische Energiedichte sind gleich groß:

wel = wmag

Deshalb ergibt sich für die gesamte elektromagnetische Energiedichte


 2  2
~ 0 (ωt − ~k · ~r)
welmag (t, ~r) = wel + wmag = ε E ~ 0 (ωt − ~k · ~r)
=µ H . (3.34)

Die Leistungsflussdichte ist durch den Poyntingvektor gegeben (vgl. Abs. 1.2.4):

~ (1.37) ~ = 1 E
 
S = E ~ ×H ~ 0 × ~n × E
~0
Z
1 ~2  
~0 E~0 = 1 E

~ 02 · ~n
= E0 · ~n − ~n · E
Z Z
oder ausführlich geschrieben

~ ~r) = 1 |E
S(t, ~ 0 (ωt − ~k · ~r)|2 ~n . (3.35)
Z
Dieser Ausdruck hat eine sehr anschauliche Interpretation:

Der Leistungsfluss erfolgt in +~n-Richtung mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit ~u = c ~n,


wobei die Energiedichte welmag transportiert wird.

Entsprechend ist s
~= ε 1 ~ 2
S ε|E0 | ~n = welmag c ~n . (3.36)
µε

Wir wollen schließlich noch die allgemeine Energiebilanz (1.36) für den Fall einer elek-
tromagnetischen ebenen Welle verifizieren.

Mit Hilfe der Rechenregeln



F (ωt − ~k · ~r) = −kj F 0 (ωt − ~k · ~r) (3.37)
∂xj

F (ωt − ~k · ~r) = ωF 0 (ωt − ~k · ~r) (3.38)
∂t
folgt

1 ~ ~0 2|~k| ~ ~ 0
~ ~r) = −
div S(t, 2E0 · E0 (ωt − ~k · ~r) ~k · ~n = E0 · E0 (ωt − ~k · ~r)
Z Z
∂welmag ~ 0 (ωt − ~k · ~r) .
~0 · E
(t, ~r) = 2 ε ω E 0
∂t
3.3.4 Harmonische ebene elektromagnetische Wellen im 3D-Raum 151


|~k| ω 1 ω εµ
Wegen = = q µ = ωε folgt schließlich
Z c Z
ε

∂welmag ~ = 0.
+ div S (3.39)
∂t

3.3.4 Harmonische ebene elektromagnetische Wellen im 3D-Raum

3.3.4.1 Linear polarisierte harmonische elektromagnetische Wellen

In technischen Anwendungen spielen solche elektromagnetische Wellen eine wichtige Rol-


le, bei denen die Formfunktion E ~ 0 (.) im D’Alembertschen Ansatz (3.22) (und wegen
(3.30) auch H~ 0 (.)) eine sinusförmige Gestalt haben (sogenannte “harmonische” ebe-
ne Wellen).

Für einen vorgegebenen Ausbreitungsvektor ~k = k ~n wählt man einen konstanten Am-


~ 0 senkrecht zu ~k (also ~k · E
plitudenvektor E ~ 0 = 0) und bildet

~ ~r)
E(t, = ~ 0 cos(ωt − ~k · ~r + ϕ)
E (3.40)
~ ~r)
H(t, = ~ 0 cos(ωt − ~k · ~r + ϕ)
H (3.41)
mit ~ 0 := 1 ~n × E
H ~0 (3.42)
Z
und ω = c |~k| = c k vgl. (3.27).

~ 0 und H
Man beachte, dass E ~ 0 nunmehr konstante Vektoren sind.

Wegen ~k · E
~ 0 = 0 und ~k · H
~ 0 = 0 sind die Transversalitätsbedingungen div E ~ = div H
~ =0
identisch erfüllt, und ω = c k trägt der Lösbarkeitsbedingung (3.27) (Dispersionsrelation)
Rechnung. H ~ 0 ist so gewählt, dass (E ~ 0, H
~ 0 ) das Gleichungssystem (3.29/3.30) erfüllen.
Die Phase ϕ ∈ R ist frei wählbar.

Eine derart konstruierte EM-Welle wird als linear polarisierte harmonische ebene
Welle bezeichnet (siehe Abb. 3.5).

Für harmonische ebene Wellen sind folgende Bezeichnungen bzw. Kenngrößen einge-
führt:
!
• Wellenlänge λ: Für ∆~r = λ~n muss ~k · ∆~r = |~k|λ = 2π gelten ⇒
2π 2π
λ= bzw. ~k = ~n . (3.43)
|~k| λ

• Kreiswellenzahl k:

k = |~k| = . (3.44)
λ
152 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

r
l
r
E0 E

n
r
r
r H
H0
k = 2p n
r r
l
Abbildung 3.5: Harmonische ebene elektromagnetische Welle

!
• Schwingungsdauer (Periode) T : ωT = 2π
2π 2π
T = bzw. ω = . (3.45)
ω T

• Frequenz ν:
1
ν := ⇒ ω = 2πν (3.46)
T

• Kreisfrequenz ω: Durch Dispersionsrelation festgelegt gemäß

ω(~k) = c k ⇔ λν = c ⇔ λ = cT . (3.47)

• “Inverse” Dispersionsrelation

~k(ω) = ω ~n = ω √εµ ~n . (3.48)


c

3.3.4.2 Elliptisch polarisierte harmonische elektromagnetische Wellen

Der Ansatz (3.40) - (3.42) lässt sich dahingehend erweitern, dass man zulässt, dass sich
die Richtung der Feldvektoren E(~~ r, t) und H(~
~ r, t) in den Ebenen E(d) senkrecht zur
Ausbreitungsrichtung ~n zeitperiodisch ändert. Die Spitzen der Feldvektoren bewegen
sich hierbei — starr gekoppelt über Gl. (3.29) und Gl. (3.30) — auf Ellipsen; man
spricht daher von “elliptischer Polarisation”.

Zur mathematischen Beschreibung solcher Wellen wählt man zwei orthonormierte Vek-
toren ~e1 und ~e2 senkrecht zu ~n derart, dass (~e1 , ~e2 , ~n) ein orthonormiertes Rechtssystem
in R3 bilden. ~e1 und ~e2 spannen also die Ebenen senkrecht zu ~n auf, und deshalb kann
~ r, t) und H(~
man E(~ ~ r, t) in dieser Basis darstellen.

Eine elliptisch polarisierte Welle erhält man als Linearkombination (Superposition) zwei-
er linear in ~e1 - Richtung bzw. ~e2 - Richtung polarisierter ebener Wellen gemäß Gl. (3.40)
3.3.4 Harmonische ebene elektromagnetische Wellen im 3D-Raum 153

- (3.42), deren Phasenwinkel ϕ1 und ϕ2 eine Phasendifferenz ϕ2 − ϕ1 6= 0 aufweisen:

~ ~r) =
E(t, E01 ~e1 cos(ωt − ~k · ~r + ϕ1 ) (3.49)
+ E02 ~e2 cos(ωt − ~k · ~r + ϕ2 )

~ ~r) = 1 ~ ~r) .
H(t, ~n × E(t, (3.50)
Z
Die Amplituden E01 und E02 können o.B.d.A. positiv gewählt werden:
E01 ≥ 0 und E02 ≥ 0.

Spezialfälle sind

• ϕ1 = ϕ2 = ϕ:
Man erhält eine linear polarisierte Welle mit raumfestem Amplitudenvektor
~ 0 = E01 ~e1 + E02 ~e2 .
E
Die Ellipse entartet zu einer geraden Strecke (Abb. 3.6).
π
• ϕ1 = ϕ2 ± und E01 = E02 = E0 :
2
Die Ellipse wird ein Kreis mit Radius E0 (Abb. 3.6); man erhält eine zirkular
polarisierte Welle:
 
~ ~r) = E0 cos(ωt − ~k · ~r)~e1 ± sin(ωt − ~k · ~r)~e2
E(t,
r
e1 r r
e1
E
w r
E
r
e2 r
e2

zirkular (linksdrehend) polarisiert linear polarisiert

Abbildung 3.6: Zur Polarisation von Wellen

Mit Blickrichtung entlang des Ausbreitungsvektors ~k = k ~n spricht man von “links-


drehender” oder “rechtsdrehender” zirkularer Polarisation.

3.3.4.3 Komplexe Darstellung harmonischer elektromagnetischer Wellen

Unabhängige Freiheitsgrade einer harmonischen EM-Welle:

Um eine elektromagnetische harmonische ebene Welle zu beschreiben, sind folgende Pa-


rameter erforderlich:
154 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

• Ausbreitungsrichtung: ~n ∈ R3 , |~n| = 1 (2 Parameter)

2π ω
• Wellenlänge oder Frequenz: |~k| = k = oder |~k| = (1 Parameter)
λ c

Beide Größen lassen sich gemeinsam durch den Ausbreitungsvektor ~k ∈ R3 spezifizie-


ren:

~k = k ~n (3 Parameter)

• Amplituden E01 und E02 der elektrischen Feldkomponente (vgl. (3.49)) oder alter-
nativ die Amplituden H01 und H02 der magnetischen Feldkomponente
(2 Parameter)

• Phasenwinkel ϕ1 und ϕ2 (2 Parameter)

Insgesamt sind also sieben reelle Parameter erforderlich, um eine harmonische EM-Welle
zu beschreiben.

Diese sieben Parameter lassen sich sehr elegant in eine komplexe Schreibweise kleiden.

Die elliptisch polarisierte Welle in Gl. (3.49) kann man darstellen als

~ ~r) = Re {( E01 ejϕ1 ~e1 + E02 ejϕ2 ~e2 ) ej(ωt−~k · ~r) }


E(t, (3.51)
| {z } | {z }
Ê01 ∈ C Ê02 ∈ C
| {z }
~ˆ0 ∈ C3 mit ~k · E
E ~ˆ0 = 0

Die sieben reellen Parameter sind hier in die Größen ~k ∈ R3 und Ê01 , Ê02 ∈ C “ver-
packt”.

~ˆ 0 := 1 ~n × E
Mit H ~ˆ0 folgt dann die äußerst kompakte Darstellung
Z

E(t, ~ˆ0 ej(ωt−~k · ~r) } ,


~ ~r) = Re {E (3.52)
H(t, ~ˆ 0 ej(ωt−~k · ~r) } .
~ ~r) = Re {H (3.53)

3.3.5 Darstellung beliebiger elektromagnetischer Wellen durch


harmonische ebene Wellen

Die in komplexer Darstellung ausgedrückten ebenen Wellen (3.52)/(3.53) können als


Basis zur Darstellung beliebiger elektromagnetischer Wellen benutzt werden, indem man
(kontinuierliche) Linearkombinationen davon bildet. Der “Summationsindex” ist hierbei
3.3.5 Darstellung beliebiger EM-Wellen durch harmonische ebene Wellen 155

der Wellenvektor ~k ∈ R3 , der als unabhängige Variable betrachtet wird. Hierzu passend
werden “Entwicklungskoeffizienten” E( ~ˆ ~k) ∈ C3 gewählt, die der Nebenbedingung

~ˆ ~k) = 0
~k · E( (3.54)

genügen müssen. Außerdem wird

~ˆ ~k) = 1 ~n × E(
H( ~ˆ ~k) (3.55)
Z
gesetzt. Schließlich muss noch wegen der Lösbarkeitsbedingung (3.27)

ω = ω(~k) = c |~k| (3.56)

gesetzt werden.

Es lässt sich mathematisch begründen, dass jede “vernünftige” elektromagnetische Welle


als “kontinuierliche Linearkombination”

~ˆ ~k)
   
~ r) E(
 E(t, ~
ZZZ
 j(ω(~k)t−~k · ~r) 3


 = Re 
1 ˆ e dk (3.57)
~ ~r)
H(t, ~n × E(~ ~k)
R3 Z
dargestellt werden kann.

Die Begründung liefert die Theorie der Fouriertransformation, derzufolge jede “glatte”
Funktion f : R → R durch ihre Fouriertransformierte fˆ : R → C dargestellt werden
kann gemäß Z
f (x) = fˆ(k) ejkx dk . (3.58)
R

Die vierdimensionale Verallgemeinerung für die Variablen (x1 , x2 , x3 , t) lautet dann, dass
f : R4 → R durch fˆ : R4 → C dargestellt werden kann als
ZZZZ
f (x1 , x2 , x3 , t) = fˆ(k1 , k2 , k3 , ω) ej(ωt−k1 x1 −k2 x2 −k3 x3 ) dk1 dk2 dk3 dω (3.59)
R4

~ H).
Dies gilt für jede der sechs Komponenten von (E, ~

Außerdem ist bei der Integration über (~k, ω) die Dispersionsrelation ω = ω(~k) = c |~k|
zu beachten (man darf also nur über die 3-dimensionale Kegelfläche ω = c |~k| im R4
integrieren). Dies wird durch eine Deltafunktion δ(ω − ω(~k)) bei der (~k, ω)-Integration
sichergestellt.

Damit ergibt sich

~ˆ ~
   
~ r)
 E(t, ~  E(ω, k)  j(ωt−~k · ~r)
ZZZZ
= Re e δ((ω − ω(~k)) dω d3 k (3.60)


~ ~r)
 
~ˆ ~
H(t, R4 H(ω, k)
156 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

Nach Ausführen der Integration über ω ergibt sich die Fourierdarstellung (3.57), d.h. eine
Integration über den dreidimensionale k-Raum.

Für monofrequente (zeitharmonische Wellen) mit der Kreisfrequenz ω0 reduziert sich das
k-Raum-Integral auf die Integration über eine Kugelschale mit der Wellenzahl k0 = ω0 /c
(die sogenannte Ewald-Kugel)

3.3.6 Grundgleichungen in Fourierdarstellung

Die Darstellung von E(~ ~ r, t) und H(~


~ r, t) im Orts-Zeit-Bereich durch ihre Fourierkoeffi-
~ˆ ~k, ω) und H(
zienten E( ~ˆ ~k, ω) im Ortsfrequenz-Zeitfrequenz-Bereich (~k-ω-Bereich) gemäß
Gl. (3.60) lässt sich in analoger Weise auf alle anderen Feldgrößen übertragen, und
dies grundsätzlich auch im Falle der inhomogenen Maxwellgleichungen (3.4) - (3.7) mit
vorgegebenen Quellen ρ0 (~r, t) und ~j0 (~r, t), sodass die Lösbarkeitsbedingung (=Dispersi-
onsrelation) ω = ω(~k) = c |~k| für freie Wellen nicht erfüllt sein muss. Wir interessieren
uns hier aber für die Ausbreitungsbedingungen im quellfreien Ausbreitungsmedium, also
ρ0 = 0 und ~j0 = 0, wobei wir nun aber eine endliche Leitfähigkeit σ ≥ 0 zulassen.
Dies führt zu einer Modifikation der Dispersionsrelation ω = ω(~k), die noch selbstkon-
sistent zu bestimmen sein wird. Wir können aber weiterhin die Fourierdarstellung (3.57)
benutzen und die hierzu analoge Darstellung

~ˆ ~
   
~ r)
D(t, ~ D(k) j(ω(~k)t−~k · ~r) 3
ZZZ
= Re  e d k. (3.61)

~ˆ ~k)
  
~ ~r)
B(t, B(
R3

Die Materialgleichungen (3.1) und (3.2) übertragen sich auf die Fourierkoeffizienten ge-
mäß
~ˆ ~k) = εE(
D( ~ˆ ~k) und B(
~ˆ ~k) = µH(
~ˆ ~k) . (3.62)

Erweiterung der Materialgleichungen für dispersive Medien

In vielen Materialien sind die Materialparameter ε, µ und σ frequenzabhängig:

ε = ε(ω), µ = µ(ω), σ = σ(ω) .

Dies bedeutet, dass für eine “monochromatische” ebene Welle (3.52) / (3.53) die Feldam-
plituden den erweiterten linearen Bedingungen

~ˆ ~k) = ε(ω(~k))E(
D( ~ˆ ~k) (3.63)
~ˆ ~k) = µ(ω(~k))H(
B( ~ˆ ~k) (3.64)
~ˆ ~k)
~ˆj(~k) = σ(ω(~k))E( (3.65)
3.3.6 Grundgleichungen in Fourierdarstellung 157

ˆ
genügen, wobei die Fourierkoeffizienten der Stromverteilung ~j(~k) durch
 
ZZZ
~ˆj(~k) e[j (ω(~k)t−~k · ~r)] d3 k

~j(t, ~r) = Re
 
R3

definiert sind.

Wie schon erwähnt, muss die Dispersionsrelation ω = ω(~k) noch selbstkonsistent be-
stimmt werden.

Homogene Maxwellsche Gleichungen in Fourierdarstellung

Bei der Fourierdarstellung (3.59) gelten für die Funktion f (~r, t) und deren Fouriertrans-
formierte fˆ(~k, ω) die Korrespondenzen


f (t, ~r)
−jkl fˆ(ω, ~k) (3.66)
∂xl

f (t, ~r)
jω fˆ(ω, ~k) . (3.67)
∂t

Im Nabla-Kalkül korrespondiert daher eine algebraische Produkt-Verknüpfung der Form


∇◦U~ im Ortsraum mit der Fouriertransformierten −j~k ◦ U~ˆ im ~k-Raum, insbesondere

~ (~r) = ∇ × U
rot U ~ˆ (~k)
~ (~r)
−j~k × U (3.68)

~ (~r) = ∇ · U
div U ~ˆ (~k) .
~ (~r)
−j~k · U (3.69)

Mit diesen Rechenregeln kann man die Maxwellschen Gleichungen für die Fourierkoeffi-
zienten der Feldgrößen formulieren gemäß

~
~ = − ∂B
• rot E
~ˆ ~k) = −jωµ(ω)H(
−j~k × E( ~ˆ ~k), also
∂t

~ˆ ~k) = ω(~k)µ(ω(~k))H(
~k × E( ~ˆ ~k) . (3.70)

~ =0
• div D
~ˆ ~k) = 0, also
−j~k · ε(ω)E(

~ˆ ~k) = 0
~k · E( (3.71)
158 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

~
~ = ~j + ∂ D
• rot H

∂t

~ˆ ~k) = σ(ω)E(
−j~k × H( ~ˆ ~k) + jωε(ω)E(
~ˆ ~k)
" #
σ(ω) ~ˆ ~
= jω ε(ω) − j E(k)
ω
| {z }
=: εe(ω)

Mit der Definition der komplexen Permittivität

σ(ω)
εe(ω) := ε(ω) − j (3.72)
ω
folgt
~ˆ ~k) = ω(~k)εe(ω(~k))E(
−~k × H( ~ˆ ~k) . (3.73)

~ =0
• div B
~ˆ ~k) = 0, also:
j~k · µ(ω)H(

~ˆ ~k) = 0 .
~k · H( (3.74)

Dispersionsrelation

Das aus Gl. (3.70) und (3.73) gebildete homogene lineare Gleichungssystem für E( ~ˆ ~k)
und H(~ˆ ~k) sieht formal genauso aus wie das für nicht-dispersive Medien (vgl. (3.25) und
(3.26)) mit dem Unterschied, dass die Materialparameter nun frequenzabhängig sind und
die konstante reelle Permittivität ε durch die komplexe Permittivität εe(ω) zu ersetzen
ist. Die Frage, unter welcher Bedingung dieses homogene Gleichungssystem eine von Null
verschiedene Lösung besitzt, lässt sich also in analoger Weise beantworten.

Aus
~ˆ = ~k (~k · H)
~k × (~k × H) ~ˆ = −~k 2 H
~ˆ −~k 2 · H ~ˆ
| {z }
0
und
~ˆ (3.73)
~k × (~k × H) ~ˆ (3.70)
= −ω εe(ω)~k × E ~ˆ
= −ω 2 εe(ω)µ(ω)H
folgt
~ˆ ~k) = 0 .
h i
~k 2 − ω 2 εe(ω)µ(ω) H(

~ˆ ~k) 6= 0 ist also nur möglich für ω 2 εe(ω)µ(ω) =! ~k 2 . Dies führt auf die
Eine Lösung H(
komplexe Dispersionsrelation
1
ω(~k)2 = ~k 2 (3.75)
~ ~
εe(ω(k))µ(ω(k))
3.3.7 Räumlich gedämpfte ebene elektromagnetische Wellen in Leitern 159

Diese Beziehung verallgemeinert Gl. (3.27) auf den Fall dispersiver und, falls σ 6= 0
gilt, dissipativer Medien. Für einen gegebenen Ausbreitungsvektor ~k stellt die komplexe
Dispersionsrelation eine implizite Gleichung für ω(~k) dar, aus der dann die explizite
Beziehung ω = ω(~k) abzuleiten ist.

Ist das Medium ein Isolator (σ = 0), so erhält man für einen reellen Ausbreitungsvektor
~k = k~n ∈ R3 eine (oder mehrere) reelle Lösungen ω(~k), also räumlich wie zeitlich
ungedämpfte Wellen.

Ist das Medium elektrisch leitend, hat εe(ω) einen von Null verschiedenen Imaginärteil.
Für einen reellen Ausbreitungsvektor ~k ∈ R3 muss ω(~k) komplex sein, also ω(~k) ∈ C
mit Im (ω(~k)) 6= 0. Dies beschreibt eine zeitlich gedämpfte Welle, die mit der inversen
Zeitkonstanten τ −1 = −Im (ω(~k)) abklingt.

Will man zeitlich ungedämpfte Wellen erhalten, also ω(~k) ∈ R, so muss der Wellenvektor
~k komplex gewählt werden. Für eine reelle Ausbreitungsrichtung ~n ∈ R3 , |~n| = 1 führt
der Ansatz ~k = ke ~n mit ke ∈ C durch Auflösen von (3.75) nach ke 2 = ~k 2 auf die “inverse
Dispersionsrelation“ q
k(ω) = εe(ω)µ(ω) ω .
e (3.76)

Dies ist die Verallgemeinerung von Gl. (3.48) für dispersive und dissipative Medien. Für
σ > 0 erhält man eine räumlich gedämpfte Welle, die nachfolgend diskutiert wird.

3.3.7 Räumlich gedämpfte ebene elektromagnetische Wellen in


Leitern

Wir betrachten in einem leitenden Ausbreitungsmedium mit σ(ω) > 0 eine ebene EM-
Welle mit einem komplexen Wellenvektor
~k = k(ω)~
e n; ~n ∈ R3 , |~n| = 1, k(ω)
e ∈ C, (3.77)

wobei k(ω)
e gemäß Gl. (3.76) bestimmt wird.

Diese Größe zerlegen wir nach Real- und Imaginärteil


 
k(ω)
e = Re k(ω)
e −j −Im k(ω)
e = β(ω) − jα(ω) (3.78)
| {z } | {z }
=: β(ω) =: α(ω)

α heißt Dämpfungsmaß, β heißt Phasenmaß.


160 3.3 Ebene Wellen im dreidimensionalen Raum

Bei der gewählten Kreisfrequenz ω ∈ R hat das elektromagnetische Feld die Form

E(t, ~ˆ0 ej (ωt−ek~n · ~r) }


~ ~r) = Re {E (3.79)
~ˆ0 e−α(ω)~n · ~r ej(ωt−β(ω)~n · ~r) }
= Re {E
H(t, ~ˆ e−α(ω)~n · ~r ej(ωt−β(ω)~n · ~r) }
~ ~r) = Re {H 0 (3.80)

~ˆ 0 als unabhängige Amplitude gewählt wird mit


wobei H

~ˆ 0 = 0 (vgl. (3.74))
~k · H

und
~ˆ0 = − 1 ~ˆ 0 (vgl. (3.73)) .
E n×H
k(ω)~
e
ω εe(ω)

Führt man den komplexen Wellenwiderstand Z(ω)


e analog zu Gl. (3.28) ein
v v
u µ(ω) µ(ω) k(ω)
u u
(3.76)
u e
Z(ω)
e := t = t = (3.81)
εe(ω) ε(ω) + j σ(ω)
ω
ω εe(ω)

so erhält man aus (3.73) und (3.70) die komplexe Verallgemeinerung von (3.29)/(3.30)
gemäß

E~ˆ0 = −Ze ~n × H~ˆ 0 , (3.82)


~ˆ 0 = 1 ~n × E
H ~ˆ0 . (3.83)
Z
e

Räumliches Dämpfungsverhalten

Die Felddarstellung (3.79)/(3.80) zeigt, dass die EM-Welle in der Ausbreitungsrichtung


~n räumlich exponentiell gedämpft wird. Ursache hierfür ist das Auftreten des Dämp-
fungsmaßes α(ω) = Im k(ω),
e was nach der Dispersionsrelation (3.76) seine Ursache im
Vorhandensein der elektrischen Leitfähigkeit σ > 0 hat.

Die Dämpfung des elektromagnetischen Feldes findet auch in einem räumlich gedämpften
~=E
Leistungsfluss S ~ ×H~ seinen Ausdruck; die der elektromagnetischen Welle entzogene
~ = σE
Energie wird gemäß der Energiebilanzgleichung (1.36) als Joulesche Wärme ~j · E ~2
im Ausbreitungsmedium dissipiert.

Um das Abklingverhalten quantitativ als Funktion der Leitfähigkeit σ darzustellen, wol-


len wir die Dämpfungskonstante α(ω) in der Näherung kleiner Frequenzen oder sehr
guter Leitfähigkeit
ω ε(ω) << σ(ω) (3.84)
berechnen.
3.3.7 Räumlich gedämpfte ebene elektromagnetische Wellen in Leitern 161

ε
Die dielektrische Relaxationszeit (vgl. Abschnitt 1.5.4.3) beträgt τR = ; daher bedeutet
σ
diese Näherung, dass die Schwingungsdauer T der Welle viel länger als τR ist:
ε 1 T
τR = << = (3.85)
σ ω 2π
Wegen (3.84) gilt mit (3.72)
σ(ω)
εe(ω) ≈ −j .
ω

Damit gilt gemäß der komplexen Dispersionsrelation (3.76)

2 (3.78)
k(ω)
e = εe(ω)µ ω 2 ≈ −jωσ(ω)µ = β 2 − α2 − 2jαβ
1
⇒ α = β und α2 = σ(ω)µ ω
2

Damit erhalten wir als Dämpfungsmaß


s
σ(ω)µ ω
α(ω) = . (3.86)
2
1 1
Nach einer Länge ∆z = ist das EM-Feld um den Faktor = 37% abgeklungen
α e
(”Eindringtiefe“).

Sie beträgt s
2
∆z(ω) = . (3.87)
σ(ω)µ ω

Das Phasenmaß läßt sich durch die Wellenlänge ausdrücken als



= Re ke = β = α .
λ

Das Abklingverhältnis nach Durchlaufen einer Wellenlänge beträgt daher

e−λα = e−2π ≈ 2 · 10−3 .

Dieses ausgeprägte Abschirmverhalten von leitenden Medien gegen das Eindringen elek-
tromagnetischer Wellen wird als ”Skin-Effekt“ bezeichnet.
162 3.4 Einfall ebener elektromagnetischer Wellen auf ebene Materialgrenzschichten

3.4 Einfall ebener elektromagnetischer Wellen auf


ebene Materialgrenzschichten

Wir betrachten zeitharmonische Felder mit einer Zeitabhängigkeit ejωt und die komplexe
Darstellung ebener Wellen. Wer nehmen an, dass wir einen Materialhalbraum 1 mit den
(komplexen) Materialgrößen ε1 , µ1 und einen disjunkten Materialhalbraum 2 mit den
Materialgrößen ε2 , µ2 haben, wobei sich die ebene Grenzfläche zwischen den beiden Ma-
terialhalbräumen in der Ebene z = 0 befindet. Im Halbraum 1 existiert eine einfallende
ebene Welle mit den Feldern

H ~ˆ h0 e−j~kh · ~r ,
~ h (~r) = H ~ h = Z1 H
E ~ h × ~ekh (3.88)
s
√ µ1
und ~kh = kh~ekh , kh = ω ε1 µ1 sowie Z1 = . Der Index h zeigt an, dass es sich dabei
ε1
um eine zur Materialgrenzschicht hinlaufende Welle handelt.
Diese Welle erfüllt die Maxwellschen Gleichungen im Halbraum 1, jedoch nicht die Ste-
tigkeitsbedingungen für die Felder an der Materialgrenzfläche zum Halbraum 2. Um die
Stetigkeitsbedingungen an der Materialgrenzfläche zu erfüllen, machen wir einen Ansatz
für eine reflektierte Welle im Halbraum 1 und für eine transmittierte (durchgehende)
Welle im Halbraum 2 gemäß

H ~ˆ r0 e−j~kr · ~r ,
~ r (~r) = H ~ r = Z1 H
E ~ r × ~ekh (3.89)

und
H ~ˆ D0 e−j~kD · ~r ,
~ D (~r) = H ~ D = Z2 H
E ~ D × ~ekD . (3.90)
Die reflektierte Welle erfüllt dabei die Maxwellschen Gleichungen im Halbraum 1 und

die transmittierte Welle im Halbraum 2.sEntsprechend ist ~kr = kr~ekr , kr = ω ε1 µ1 ,
~kD = kD~ekD , kD = ω √ε2 µ2 sowie Z2 = µ2 . Offensichtlich existieren die hinlaufende
ε2
und die reflektierte Welle ausschließlich im Halbraum 1 und die transmittierte Welle
existiert ausschließlich im Halbraum 2.

Eine Lösung für das gesamte Feldproblem, die also die Maxwellschen Gleichungen in
beiden Halbräumen sowie an der Materialgrenzschicht erfüllt, erhalten wir, indem wir
die freien Parameter (Ausbreitungsvektor und Feldamplituden) der reflektierten und der
transmittierten Welle so bestimmen, dass die Stetigkeitsbedingungen an der Material-
grenzschicht erfüllt werden.

Die Amplituden der Ausbreitungsvektoren sind offensichtlich über die Materialparame-


ter festgelegt. Die Richtung der Ausbreitungsvektoren muss so bestimmt werden, dass die
Phasenverläufe der Felder unmittelbar oberhalb und unmittelbar unterhalb der Materi-
algrenzschicht identisch sind. Dies wird erreicht, indem die Tangentialprojektionen der
Ausbreitungsvektoren in die Materialgrenzschicht im Halbraum 1 und im Halbraum 2
identisch sind, d.h.
~n × ~kh = ~n × kr = ~n × ~kD . (3.91)
163

Als Ergebnis liegen alle Ausbreitungsvektoren (falls sie denn reel sind) in einer Ebene,
der sogenannten Einfallsebene, wie sie in Abb. 3.7 veranschaulicht ist.

 
kh kr
 h r
n
1 , 1  Z1 , k1
z0
D  2 , 2  Z 2 , k2
kD
z

Abbildung 3.7: Einfallsebene einer ebenen Welle an einer ebenen Materialgrenzschicht.

Wiederum für reelle Ausbreitungsvektoren kann damit unmittelbar das bekannte Refle-
xionsgesetz Reflexionswinkel ist gleich Einfallswinkel, d.h.

αh = αr (3.92)

angeben werden. Für den Transmissionswinkel in den Halbraum 2 ergibt sich das Bre-
chungsgesetz nach Snellius in der Form

k1 sin αh = k2 sin αD . (3.93)

Als Stetigkeitsbedingungen in der Materialgrenzschicht sind zu erfüllen:


 
~h + H
H ~ D × ~n
~ r × ~n = H (3.94)
 
~h + E
E ~ r × ~n = E
~ D × ~n (3.95)

Zur Erfüllung der Stetigkeitsbedingungen erweist es sich als zweckmäßig zwei Fälle zu
unterscheiden:

Fall 1: Das elektrische Feld liegt parallel zur Einfallsebene, wie veranschaulicht in
Abb. 3.8. Entsprechend hat das Magnetfeld dann nur eine Komponente senkrecht zur
Einfallsebene und die einfallende Welle wird in diesem Fall auch gelegentlich eine TM-
Welle (in Bezug auf die Flächennormale ~n) genannt, da sie nur eine magnetische Feld-
komponente senkrecht zu ~n hat.

Fall 2: Das elektrische Feld liegt senkrecht zur Einfallsebene, wie veranschaulicht in
Abb. 3.9. Entsprechend hat das elektrische Feld dann nur eine Komponente senkrecht
zur Einfallsebene und die einfallende Welle wird in diesem Fall auch gelegentlich eine
TE-Welle (in Bezug auf die Flächennormale ~n) genannt, da sie nur eine elektrische
Feldkomponente senkrecht zu ~n hat.
164 3.4 Einfall ebener elektromagnetischer Wellen auf ebene Materialgrenzschichten

Für den Fall, dass eine ebene Welle auf die Materialgrenzschicht einfällt, bei der das Feld
eine Kombination der beiden Spezialfälle darstellt, sind die Wellen gemäß der beiden
Fälle getrennt zu behandeln.
 
Eh n
 
Hr kr
 h r
Hh 
 Er
kh
x

HD 
ED
D

z kD

~ k zur Einfallsebene.
Abbildung 3.8: Parameter der einzelnen Wellen für den Fall E


n
  
Eh Er kr
 h r
Hh 
 Hr
kh
x


D ED
 
z H D kD

~ ⊥ zur Einfallsebene.
Abbildung 3.9: Parameter der einzelnen Wellen für den Fall E

Für die Berechnung der Feldamplituden bzw. der entsprechenden Reflexions- und
~ k zur Einfallsebene) ohne
Transmissionskoeffizienten nehmen wir für den Fall 1 (E
Beschränkung der Allgemeinheit an:

H~ˆ 0h = Ĥh~ey

H~ˆ 0r = Ĥr~ey
~ˆ 0D = ĤD~ey
H

Unter Beachtung der Zählpfeilrichungen in Abb. 3.8 ergibt sich damit für die Stetigkeits-
165

bedingunen in der Ebene z = 0:

Ĥh − Ĥr = ĤD


Z1 (Ĥh cos αh + Ĥr cos αr ) = Z2 ĤD cos αD

Für den Reflexionskoeffizienten folgt

Ĥr Z2 cos αD − Z1 cos αh Êr


= = = rk . (3.96)
Ĥh Z2 cos αD + Z1 cos αh Êh
Mit
ĤD = Ĥr (1 − rk ) (3.97)
wird der Transmissionskoeffizient für das magnetische Feld zu

ĤD 2Z1 cos αh


= = tHk (3.98)
Ĥh Z2 cos αD + Z1 cos αh

und für das elektrische Feld folgt

ÊD Z2
= tEk = tHk . (3.99)
Êh Z1

~ ⊥ Einfallsebene)
Die Herleitung der Reflexions- und Transmissionsfaktoren für Fall 2 (E
kann unter Beachtung der Zählpfeilrichtungen in Abb. 3.9 und Vertauschung der Rollen
~ und H
von E ~ in analoger Weise erfolgen. Es ergibt sich

Êr Z2 cos αh − Z1 cos αD Ĥr


= = = r⊥ (3.100)
Êh Z2 cos αh + Z1 cos αD Ĥh

ÊD = Êr (1 + r⊥ ) (3.101)


ÊD 2Z2 cos αh
= = tE⊥ (3.102)
Êh Z2 cos αh + Z1 cos αD
ĤD Z1
= tH⊥ = tE⊥ . (3.103)
Ĥh Z2
In Abb. 3.10 und Abb. 3.11 sind beispielhaft einige Reflexionsfaktoren für die beiden
Fälle abhängig vom Einfallswinkel aufgetragen, wobei eine homogene ebene Welle aus
einem Halbraum mit ε1 auf einen Halbraum mit ε2 für den Fall ε2 > ε1 einfällt (µ1 =
µ2 = µ0 ).
166 3.4 Einfall ebener elektromagnetischer Wellen auf ebene Materialgrenzschichten

1
0.8 2
0.6 1
0.4
0.2
r|| 0 2
-0.2
5
-0.4
12
-0.6
-0.8
81
-1 Metall

0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
Einfallswinkel in Grad

~ parallel zur Einfall-


Abbildung 3.10: Exemplarische Reflexionsfaktoren für den Fall E
sebene.

0 2
2 1
-0.2
5
-0.4
r 12
-0.6
81
-0.8

Metall
-1

0 10 20 30 40 50 60 70 80 90
Einfallswinkel in Grad

~ senkrecht zur Einfall-


Abbildung 3.11: Exemplarische Reflexionsfaktoren für den Fall E
sebene.
167

3.5 Abstrahlung elektromagnetischer Wellen im freien


Raum — Antennen

Im folgenden betrachten wir zeitharmonische Felder mit einer Zeitabhängigkeit ejωt und
eine komplexe Darstellung der Feldgrößen, wobei wir die Kennzeichnung komplexer Grö-
ßen weglassen. Damit werden die Maxwellschen Gleichungen zu
~ = −jω B
rot E ~ = −jωµ0 H~ (3.104)
~ = +jω D
rot H ~ + ~j0 = jωε0 E
~ + ~j0 (3.105)
~ = 1 div D
div E ~ = ρ0 (3.106)
ε0 ε0
~ = 1 ~ = 0
div H div B (3.107)
µ0

wobei für die externen Quellterme ~j0 und ρ0 Ladungserhaltung, d.h. div ~j0 + jωρ0 = 0
gilt.

Lösungen für diese Gleichungen können mit dem magnetischen Vektorpotential und dem
elektrischen Skalarpotential gemäß der Gleichungen (1.40) und (1.41) angegeben werden
zu

~ = 1 ~,
H rot A (3.108)
µ0
~ = −jω A
E ~ − grad Φ , (3.109)

wobei wir die Lorenz-Eichung gemäß Gleichung (1.45)

div A + jωε0 µ0 Φ = 0 (3.110)

zugrunde legen wollen.

Einsetzen der Lorenz-Eichung in Gleichung (3.109) führt auf


!
E ~ + 1 grad div A
~ = −jω A ~ , (3.111)
k02

wobei k02 = ω 2 ε0 µ0 ist.

Mit Gleichung (3.105) gilt


~ = 1 ~ − 1 ~j0
E rot H (3.112)
jωε0 jωε0
und somit können wir auch schreiben

~ = 1 ~ − 1 ~j0 .
E rot rot A (3.113)
jωε0 µ0 jωε0
168 3.5 Abstrahlung elektromagnetischer Wellen im freien Raum — Antennen

Das bedeutet, dass wir Lösungen ausschließlich über das magnetische Vektorpotential
als Lösungen der inhomogenen Helmholtz-Gleichung (siehe die entsprechende Wel-
lengleichung in Gleichung (1.51))

~ + k2A
∆A ~ = −µ0~j0 (3.114)
0

konstruieren können.

Die Lösung der inhomogenen Helmholtz-Gleichung für den freien Raum kann angegeben
werden in der Form (vergleiche das Coulomb-Integral für Lösungen der inhomogenen
Poisson-Gleichung)
ZZZ −jk0 |~r−~r 0 |
~ r) = µ0 e ~j (~r 0 ) dv 0 .
A(~ 0| 0
(3.115)
3
4π|~
r − ~
r
R

Beliebige Antennenstrukturen können im Sendefall über äquivalente eingeprägte Volu-


menstromdichten ~j0 dargestellt werden, deren Bestimmung häufig durch vereinfachende
Modellannahmen oder über eine numerische Simulation der eigentlichen Antennenstruk-
tur erfolgen kann.

Als einfachster Fall soll angenommen werden, dass die Abstrahlung einer Antenne durch
eine eingeprägte Dirac-Impuls Stromdichte der Form
~j0D (~r) = Iˆ0 ∆l~ez δ(~r) (3.116)

dargestellt werden kann.

Es handelt sich dabei um einen Hertzschen Dipol mit dem Dipolmoment I0 ∆l, für
den das Strahlungsintegral analytisch ausgewertet werden kann zu
−jk0 r
~ r) = Iˆ0 ∆lµ0 e
A(~ ~ez . (3.117)
4πr

Für die elektrischen und magnetischen Feldkomponenten in Kugelkoordinaten ergibt sich


daraus

Iˆ0 ∆l
!
1
Er = Z0 2
cos ϑ 1 + e−jk0 r , (3.118)
2πr jk0 r
k0 Iˆ0 ∆l
!
1 1
Eϑ = jZ0 sin ϑ 1 + + e−jk0 r , (3.119)
4πr jk0 r (k0 r)2
k0 Iˆ0 ∆l
!
1
Hϕ = j sin ϑ 1 + e−jk0 r , (3.120)
4πr jk0 r

wobei s
µ0
Z0 = (3.121)
ε0
169

analog zu Gleichung (3.28) der Wellenwiderstand oder auch Feldwellenwiderstand des


freien Raumes ist, mit einem Wert von etwa Z0 ≈ 376.73 Ω.

In großer Entfernung des Quellstromes im Ursprung — im sogenannten Fernfeld der


Antenne — können die Terme, die mit höheren Potenzen in r abfallen, vernachlässigt
werden und es ergibt sich

Er ≈ 0 , (3.122)
−jk0 r
e
Eϑ ≈ jZ0 k0 Iˆ0 ∆l sin ϑ , (3.123)
4πr
−jk0 r
e
Hϕ ≈ jk0 Iˆ0 ∆l sin ϑ , (3.124)
4πr
womit offensichtlich Eϑ und Hϕ in Phase sind (reiner Wirkleistungstransport) und


= Z0 (3.125)

gilt.

Der Term
C(ϑ, ϕ) = sin ϑ (3.126)
ergibt sich, wenn die Feldkomponenten auf ihr Maximum normiert werden.

Er beschreibt die Richtungsabhängigkeit der Abstrahlung und wird Richtcharakteris-


tik der Antenne, hier des Hertzschen Dipols genannt. Eine Veranschaulichung dieser
Richtcharakteristik ist in Abb. 3.12 zu finden. Außerdem ist in der Abbildung noch die
Richtcharakteristik eines λ/2-Dipols zu sehen, bei dem eine cos-förmige Linienstromver-
teilung mit der Länge eine halben Wellenlänge (eine Halbwelle) zugrunde liegt und die
damit ein wenig stärker gerichtet (d.h. mit einer schmaleren Charakteristik) strahlt.

z sin 
Hertzscher Dipol
 sin 

-Dipol
2

j0

Abbildung 3.12: Richtcharakteristiken des Hertzschen und des λ/2-Dipols.

Beim Hertzschen Dipol handelt es sich um eine idealisierte Antenne, bei der keinerlei
Speisung vorgesehen ist. Realistische Antennen werden in der Regel über einen Wellen-
leiter mit der abzustrahlenden Leistung versorgt und beim Design von Antennen geht es
darum, eine Antennenstruktur zu finden, die die Feldverteilung in der gewünschten Weise
formt (Vorgabe Richtcharakteristik), so dass möglichst die gesamte verfügbare Leistung
bei den gewünschten Frequenzen abgestrahlt wird. Ein Beispiel für eine hornartige An-
170 3.5 Abstrahlung elektromagnetischer Wellen im freien Raum — Antennen

tenne ist in Abb. 3.13 zu sehen und Abb. 3.14 zeigt einen breitbandigen Monopol über
metallischem Grund.

Abbildung 3.13: Abstrahlung von einer hornartigen Antenne (elektrische Feldlinien).

Abbildung 3.14: Abstrahlung von einem Monopol über Grund (elektrische Feldlinien).
171

3.6 Elektromagnetische Wellenleiter und Leitungen

Neben elektromagnetischen Funkverbindungen hat die Übertragung von elektromagne-


tischer Energie sowie von elektromagnetischen Signalen über Wellenleiter eine enorme
Bedeutung in der Elektrotechnik. Im Grunde sind alle Verbindungen zwischen elek-
trischen und elektronischen Bauteilen und Komponenten oder Systemen Wellenleiter,
jedoch kann man die Verbindungen bei niedrigen Frequenzen bzw. bei elektrisch kurzen
Verbindungen meist vernachlässigen. Werden die Verbindungen länger als etwa ein Zehn-
tel der Wellenlänge, so spielen Wellenausbreitungseffekte mehr und mehr eine Rolle und
in solchen Fällen kann eine gute Beherrschung der Schaltungen und Systeme nur gewähr-
leistet werden, wenn die Wellenausbreitungseffekte auf den Wellenleitern und Leitungen
sauber beschrieben werden. Wichtig werden hierbei Dinge wie die Frequenzabhängigkeit
der Ausbreitungsgeschwindigkeit, die Dämpfung, aber vor allem auch die Vermeidung
von Reflexionen und von Mehrwegeausbreitungseffekten (Stichwort Anpassung z.B. in
Form von Wellenwiderstandsanpassung oder in Form von Leistungsanpassung).

Wellenleiter und Leitungen werden elektromagnetisch behandelt, in dem man eine


zylindrische Wellenleiterstruktur, wie in Abb. 3.15, zugrunde legt. Der Begriff Wellenlei-
ter ist dabei etwas allgemeiner zu sehen, unter einer Leitung versteht man in der Regel
ein Zweileitersystem wie eine Zweidrahtleitung oder eine Koaxialleitung.

Wir betrachten wiederum zeitharmonische Felder mit einer Zeitabhängigkeit ejωt . Auf-
grund der Translationsinvarianz des Wellenleiters in z-Richtung können auf dem
Wellenleiter Feldtypen (Moden) der Form

~
E(x, ~ 0 (x, y)e±γ
y, z) = E ~
H(x, ~ 0 (x, y)e±γ
y, z) = H (3.127)

(Produktansatz) existieren.

,

z Querschnitt eines allgemeinen Wellenleiters. Annahmen:


stückweise homogenes Dielektrikum oder Metall

Abbildung 3.15: Illustration eines zylindrischen Wellenleiters.


172 3.6 Elektromagnetische Wellenleiter und Leitungen

Die Anzahl der möglichen Feldtypen (mit unterschiedlichen Transversalfeldverteilungen


E0 (x, y), H0 (x, y)) ist dabei unendlich.

Man unterscheidet (sich ausbreitende) Wellentypen mit einer rein imaginären Aus-
breitungskonstante (verlustloser Wellenleiter)

γ = jβ (3.128)

sowie Dämpfungstypen (evaneszente Moden) mit einer reellen Ausbreitungskon-


stante
γ = α. (3.129)
Bei Verlusten (oder auch bei Abstrahlung) können auch allgemein komplexe Ausbrei-
tungskonstanten auftreten.

Wellentypen können eine untere Grenzfrequenz aufweisen, ab der sie ausbreitungsfä-


hig sind. Ein Beispiel für einen Wellentyp ohne untere Grenzfrequenz ist die sogenann-
te TEM-Welle auf Leitungen (Zwei-Leiter-Systeme wie die Zweidrahtleitung oder die
Koaxialleitung). Bei diesem Wellentyp existieren nur transversal elektrische und magne-
tische Feldkomponenten (TEM: Transversal elektromagnetisch) und wir verwenden in
der Regel eine einfache Beschreibung über Spannung und Strom entlang der Leitung.

Existiert unterhalb einer bestimmten Grenzfrequenz nur noch ein einziger Wellentyp, so
nennt man diesen Wellentyp die Grundmode oder Fundamentalmode des Wellenlei-
ters (bei Leitungen ist dies in der Regel die TEM-Welle).

Die Anzahl der möglichen Wellentypen eines zylindrischen Wellenleiters ist immer end-
lich, die Anzahl der Dämpfungstypen ist dagegen unendlich.

Die Feldlösungen von Wellenleitern werden in der Regel über einen Ansatz in der Form
h i
~
E(u, v, z) = ~ t (u, v) + ~ez Ez e−γz ,
E (3.130)
h i
~
H(u, v, z) = ~ t (u, v) + ~ez Hz e−γz
H (3.131)

gewonnen, der die quellenfreien Maxwellschen Gleichungen zu erfüllen hat. u, v sind


dabei beliebige Transversalkoordinaten, die der Lösungsgeometrie angemessen sind und
durch e−γz werden nur Feldtypen zugelassen, die sich in positive z-Richtung ausbreiten
oder gedämpft sind.

Für den schon erwähnten TEM-Feldtyp müssen die beiden z-Komponenten Ez , Hz ver-
schwinden. Ein Beispiel für einen TEM-Feld- oder Wellentyp ist in Abb. 3.16 dargestellt.
Zu sehen ist in der Abbildung die Feldverteilung im Querschnitt einer Koaxialleitung und
die dazu gehörigen Oberflächenstromdichte auf dem Innenleiter und dem Außenleiter.

Die Felder im Dielektrikum zwischen Innenleiter und Außenleiter können formelmäßig


173

 
H i


E

Abbildung 3.16: Illustration der Feldverteilung sowie der Oberflächenstromdichte einer


Koaxialleitung im fundamentalen TEM-Mode.

angegeben werden zu

~ r) = Û0 1
E(~ ~er e−jkz , (3.132)
ln Dd r
ˆ
~ r) = I0 1 ~eϕ e−jkz
H(~ (3.133)
ln Dd r

mit s
Û0 µr D
= ZL = 60 Ω ln (3.134)
Iˆ0 εr d
als Leitunsgwellenwiderstand der Koaxialleitung und

k = ω µε (3.135)

als Ausbreitungskonstante, wobei angenommen wird, dass die z-Achse in der Mitte des
Innenleiters verläuft. Dabei ist D der Innendurchmesser des Außenleiters und d der Au-
ßendurchmesser des Innenleiters. Die Welle breitet sich offensichtlich unabhängig von
der Frequenz mit der Ausbreitungsgeschwindigkeit ω/k in positive z-Richtung aus. Au-
ßerdem kann festgestellt werden, dass die elektrische Feldverteilung — abgesehen vom
Ausbreitungsterm — mit der entsprechenden statischen Feldverteilung im Koaxialkon-
densator und die magnetische Feldverteilung mit der entsprechenden Feldverteilung von
stationären Strömen im Innen- und Außenleiter übereinstimmt.

Offensichtlich hängt der Leitungswellenwiderstand von der Geometrie und dem Ma-
terial (Dielektrikum) der Leitung ab.

Beim Aufbau von Schaltungen oder Systemen sollte in der Regel darauf geachtet
174 3.6 Elektromagnetische Wellenleiter und Leitungen

werden, dass die Leitungswellenwiderstände der eingesetzten Leitungen zusammen-


passen (gleich sind).

Im Hinblick auf die Wellenausbreitung ist es in Regel ebenso empfehlenswert, dass die
Lastwiderstände, die an Leitungen angeschlossen werden, dem Leitungswellenwider-
stand entsprechen.

Ein Beispiel für einen Wellentyp, bei dem eine Hz -Komponente vorhanden ist, ist in
Abb. 3.17 zu finden. Es handelt sich dabei um die sogenannte H10 - oder T E10 -Welle in
einem metallischen Rechteckhohlleiter. Der Wellenleiter ist hier einfach ein metalli-
sches Rohr mit rechteckförmigem Querschnitt. Eine TEM-Welle kann in einem solchen
Wellenleiter nicht existieren und auch die gezeigte H10 -Welle kann sich erst für Fre-
quenzen ausbreiten, bei denen die halbe Wellenlänge kürzer ist als die längere Seite des
Innenquerschnitts.

Abbildung 3.17: Illustration der Feldverteilung sowie der Oberflächenstromdichte eines


metallischen Rechteckhohlleiters im fundamentalen H10 -Mode.

Die Feldverteilung für die H10 -Welle kann formelmäßig angegeben werden zu
π
 
Hz (~r) = −Ĥ0 cos x e−jβz , (3.136)
a
β π π
 
Hx (~r) = −j Ĥ0 sin x e−jβz , (3.137)
βc a a
Hy (~r) = 0, (3.138)
Ex (~r) = 0, (3.139)
ωµ π π
 
Ey (~r) = j Ĥ0 sin x e−jβz , (3.140)
βc a a
wobei die Geometrieparameter a und b in Abb. 3.17 zu sehen sind.

βc = ωc εµ = 2π/λc ist hier die sogenannte “Cut-off”-Wellenzahl, ωc die “Cut-off”-
Kreisfrequenz und λc = 2a die “Cut-off”-Wellenlänge.
175

Ausbreitungsfähig ist diese Welle für Kreisfrequenzen oberhalb der Cut-off-Kreisfre-


quenz mit der Ausbreitungskonstante
q
β= ω 2 εµ − βc2 , (3.141)

wodurch sich in diesem Fall eine frequenzabhängige Ausbreitungsgeschwindigkeit für die


Welle im Hohlleiter ergibt.