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Natur und Freiheit

ELEMENTA
Schriften zur Philosophie und
ihrer Problemgeschichte

herausgegeben von

Rudolph Berlinger † und


Wiebke Schrader

Band 78 - 2004

Amsterdam - New York, NY 2004


Natur und Freiheit
Eine Untersuchung zu Kants
Theorie der Urteilskraft

Jyh-Jong Jeng
The paper on which this book is printed meets the requirements of
"ISO 9706:1994, Information and documentation - Paper for documents -
Requirements for permanence".

ISBN: 90-420-1059-2
©Editions Rodopi B.V., Amsterdam - New York, NY 2004
Printed in The Netherlands
Vorbemerkung

Die vorliegende Arbeit wurde im Wintersemester 2002/03 von der


Philosophischen Fakultät III der Julius-Maximilians-Universität
Würzburg als Inaugural-Dissertation angenommen.
Zuerst möchte ich allen danken, die das Entstehen dieser Arbeit
ermöglicht oder daran in irgendeiner Weise mitgewirkt haben. Ganz
besonders danke ich meinen Lehrern, Frau Prof. Dr. Wiebke Schra-
der und Herrn Prof. Dr. Rudolph Berlinger, die mir den Weg euro-
päischen Denkens aufgezeigt, mich unterstützt und gefördert haben.
Herrn Prof. apl. Dr. Peter Prechtl danke ich herzlich für die Über-
nahme des Koreferats. Mein Dank gilt auch denjenigen, die Korrek-
tur gelesen und sprachliche Verbesserung an der Arbeit vorgenom-
men haben: insbesondere Herrn Dr. Michael Leibold, Herrn Priv.-
Doz. Dr. Rolf Elberfeld, Herrn Andreas Schäfer M.A., Frau Dr.
Martina Scherbel und Frau Dr. Dorothea Grund.

Hsin-Chu / Taiwan, im Juli 2003


J.J. Jeng

V
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Inhaltsverzeichnis

Einleitung 1

0.1 Der Transzendenzcharakter der Existenz des


Menschen und die systematische Stellung der
KU in der Kantischen Philosophie ………….. 1
0.2 Methodischer Ansatz und die Fragestellung
der vorliegenden Untersuchung …………….. 9
0.3 Voraussetzungen und Grenzen der vorliegen-
den Untersuchung …………………………... 25
0.4 Überblick und Gliederung ………………….. 30

§ 1 Bestimmende und reflektierende Urteilskraft 34

1.1 Bestimmen bei der transzendentalen und em-


pirischen Urteilskraft ……………………….. 37
1.2 Reflektieren bei der empirischen Kognition ... 53
1.3 Anmerkung zur topologischen Struktur der
Harmonie der Erkenntniskräfte in der Refle-
xion der Urteilskraft ………………………… 62

§ 2 Heautonomie und Vermittlung der Urteilskraft 69

2.1 Übergang von der Denkungsart des Verstan-


des zur Denkungsart der Vernunft ………….. 72
2.1.1 Praktische Forderung der Einheit des Ver-
nunftgebrauchs in der KrV und KpV ………... 84
2.1.2 Von der physischen zur moralischen Teleolo-
gie in der KU ………………………………... 104
2.1.2.1 Bestimmbarkeit des Übersinnlichen durch die
Zweckmäßigkeit der Natur …………………. 117
2.1.2.2 Struktur des moralischen Gottesbeweises ….. 121
2.2 Pragmatischer Übergang in der Weltgestal-
tung unter moralischem Gesetz …………….. 127
2.2.1 Notwendigkeit der Annahme einer Naturte-
leologie in der Naturforschung durch den Or-
ganismus als Naturzweck …………………... 130
2.2.2 Pragmatische Aufgabe der Urteilskraft …….. 141
2.3 Vermittlung der Urteilskraft ………………... 147

§ 3 Reflexion und Darstellung der Urteilskraft 152

3.1 Reflexion bei Kant ………………………….. 163


3.1.1 Transzendentale Apperzeption als konstituie-
rendes Reflexionsbewusstsein ……………… 164
3.1.2 Reflexionsbegriffe ………………………….. 167
3.1.3 Logische und transzendentale Reflexion …… 180
3.2 Urteilskraft als Vermögen der Darstellung …. 201
3.2.1 Schematische Darstellung …………………... 206
3.2.2 Symbolische Darstellung …………………… 212

VIII
§ 4 Ästhetische Darstellung der Zweckmäßigkeit
der Natur 225

4.1 Das freie Spiel der Erkenntniskräfte in § 9


der KU ………………………………………. 234
4.1.1 Die methodische Wende der transzendentalen
Exposition des Geschmacksurteils in § 9 …... 237
4.1.2 Die transzendentale Erörterung der ästheti-
schen Beurteilung in § 9 239
4.1.3 Ästhetische Wahrnehmung …………………. 248
4.2 Form der Zweckmäßigkeit ………………….. 261
4.3 Systematische Bedeutung der ästhetischen
Zweckmäßigkeit ……………………………. 285
4.4 Transzendentale Deduktion der Zweckmä-
ßigkeit der Natur ……………………………. 294

Bibliographie
Abkürzungen ……………………………….. 305
Zitierweise ………………………………….. 308
Kants Werk …………………………………. 309
Ausgewählte Sekundärliteratur ……………... 310

IX
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Einleitung

0.1 Der Transzendenzcharakter der Existenz des Men-


schen und die systematische Stellung der KU in der
Kantischen Philosophie
Kants transzendentaler Denkansatz besteht darin, die Prinzipien a
priori der Vernunft im Rekurs auf die Subjektivität des Subjekts,
nämlich auf die Möglichkeit des menschlichen Erkenntnisvermö-
gens (i.w.S.) selbst zu rechtfertigen, dessen Gebrauch dem Anfang
des Denkens zugrunde liegt (vgl. KU, § 76).1 Die Frage nach der
Bedingung bzw. dem Grund der Möglichkeit der menschlichen
Subjektivität läßt sich aber nicht »dogmatisch« beantworten, weil
die Kritik der menschlichen Vernunft sich sonst in einen Zirkel be-
gibt, oder in einen regressus ad infinitum gerät. Das bedeutet aber
nicht, daß diese »Selbsterkenntnis« der Vernunft nach Kant unmög-
lich oder nur erdichtet ist. Vielmehr kennzeichnet diese »Selbstbe-
trachtung« oder »Selbstbestimmung« der Vernunft eine ausgezeich-
nete »Erkenntnis«, die selbst keine kategoriale Erkenntnis der Ge-
genstände ist, sondern die obersten Prinzipien aller synthetischen
1
Die Hauptaufgabe der KrV, welche von der der allgemeinen Kritik der mensch-
lichen Vernunft unterschieden werden muß, ist die Klärung der theoretisch
»objektiven Gültigkeit« der apriorischen Begriffe des Denkens. Dies setzt aber
die Möglichkeit des Denkens bereits voraus, deren Untersuchung nicht zum
Hauptzweck der KrV gehört (vgl. KrV, AXVI f.). J.-H. Königshausen hat mit
Recht darauf hingewiesen, daß die kritisch selbstexplikative Ergründung des
reinen Denkens weder geltungslogisch noch fundamentalontologisch ist. Die
prinzipielle Vorgängigkeit des Denkens und dessen Handlungscharakter kommt
in der Vorrede zur MAN folgendermaßen zum Ausdruck: »Alle wahre Meta-
physik ist aus dem Wesen des Denkungsvermögens selbst genommen, und kei-
nesweges darum erdichtet, weil sie nicht von der Erfahrung entlehnt ist, son-
dern enthält die reinen Handlungen des Denkens, mithin Begriffe und Grund-
sätze a priori, welche das Mannigfaltige e m p i r i s c h e r V o r s t e l l u n g e n al-
lererst in die gesetzmäßige Verbindung bringt, dadurch es e m p i r i s c h e s E r -
k e n n t n i s , d.i. Erfahrung, werden kann« (MAN, AXIII/IV472). – Die Abkür-
zungen und Zitierweise der Schriften Kants siehe die Bibliographie.
Urteile a priori enthält, die wiederum die Erfahrung, also die »empi-
rische Erkenntnis« ermöglichen (vgl. z.B. Metaphysik Arnoldt,
XXIX970).
Demzufolge unterscheidet Kant zwischen Kritik und Doktrin
(Metaphysik der Natur und der Sitten). Die Kritik macht sich die
Untersuchung der Quellen und des Inhalts des menschlichen Wis-
sens in theoretischem und praktischem Sinne, des Umfangs des
möglichen und nützlichen Gebrauchs desselben und der Grenze der
menschlichen Vernunft zur allgemeinen Aufgabe. Die Kritik setzt
nicht das »Faktum« der Einzelwissenschaft, sondern die »Tat-
sache« der Vernunft voraus, vor deren nicht kategorialer Wirklich-
keit die Vernunft sich im Handeln auszuweisen hat.2 In diesem Zu-
sammenhang bedeutet der Begriff ›Faktum‹ oder ›Tatsache‹ keines-
wegs das Faktum brutum, sondern ursprünglich etwas, was gemacht
wird, und zwar vom Urteilenden selbst. Das Faktum der Vernunft
besagt nach Kant zweierlei: Das höchste Prinzip der Vernunft ist
zum einen philosophisch nicht aus anderen Quellen als der Vernunft
selbst ableitbar, und darum im strengen Sinne unerklärlich. Die letz-
te Begründung der Philosophie kann deshalb zum anderen nur
selbstexplikativ sein. Im Faktum der Vernunft bringt sich nach Kant
eigentlich das zum Ausdruck, was der endlichen menschlichen Ver-
nunft an ihrer Grenze bewußt wird.
Dem Vorrang des Methodenproblems in Kants Philosophieren
entsprechend wird die Kritik vornehmlich als »ein Traktat von der
Methode« (KrV, BXXII) bestimmt, und zwar zuerst in dem »negati-
ven« Sinne, daß die Kritik »nicht zur Erweiterung, sondern nur zur
Läuterung unserer Vernunft« dient und sie von Irrtümern frei hält
(vgl. KrV, A11/B25), indem die Untersuchung sich auf die in der
Vernunft selbst liegenden Prinzipien richtet. Die Erkenntnis der
Grenze, die keine bloße Schranke bedeutet, ist die Selbsteinschrän-
kung, die Disziplin (Zucht) der Vernunft und somit deren Selbster-

2
Vgl. De mundi, A11/II395; KrV, B5; Prol., A38 f./IV274; KU, 457, 467; Entde-
ckung, A124/VIII249 f.; Nachträge zur KrV, XXIII20; Brief an Herz vom
26.05.1789, 397 ff.

2
mächtigung, die keineswegs eine maßlose Selbstverherrlichung ist.3
Gerade in dieser Erkenntnis der Grenze geht die Vernunft zugleich
auch über sich hinaus zu sich selbst (Freiheit) und von da zur Welt-
und Gottesidee. 4 Durch diese apriorische »Selbsterkenntnis« ver-
mag die Vernunft die Rolle der Gesetzgeberin zu leisten.
Die Endlichkeit der menschlichen Vernunft gründet sich nach
Kant in transzendentaler Hinsicht auf die Diskursivität des mensch-
lichen Denkens, aber in ontologischer Hinsicht letztlich auf die
Seinsverfassung des Menschen selbst, nämlich auf dessen sinnlich-
übersinnlichen Natur, aufgrund deren das Denken sich in seinem
Weltentwurf als einen »Schnittpunkt von Immanenz und Transzen-
denz«5 zu erweisen vermag. Daraus ergibt sich, daß der Mensch das
Ganze der Wirklichkeit und somit die Wirklichkeit im Ganzen nur
in der Idee und durch die Idee zu erblicken vermag.
Erst im Opus postumum hebt Kant die Transzendentalität der
Wesensnatur des Menschen hervor. Nach ihm ist der Mensch ei-
gentlich der »Demiurg« (Weltarchitekt) des Übergangs: »Kosmo-
theoros, der die Elemente der Welterkenntnis a priori selbst schafft,
aus welchen er die Weltbeschauung als zugleich Weltbewohner
zimmert in der Idee« (Op. post., XXI31).6 Darüber hinaus erhält die

3
Vgl. KrV, A709/B737; R. Berlinger (1992) S. 11 ff., (1982) S. 45 ff. – Kant
übernimmt hier die ursprüngliche Unterscheidung zwischen »Grenze« und
»Schranke« in der Mathematik (vgl. Prol., A166 ff./IV352 ff., A180 ff./IV360
f.). Dabei ist aber nicht zu verkennen, daß Kant im Kontext der Begrenzung der
menschlichen verstandesmäßigen Erfahrung im Gegensatz zum Dogmatismus
die Idee oder das Noumenon bloß im negativen Sinne verstehen will (vgl. z.B.
KrV, A395 f., B307). Der objektive Gehalt der transzendentalen Idee – nicht als
rein logisches, sondern als »transzendentales« Prinzip, das sich aus der Natur
der Vernunft notwendig ergibt – bleibt im Problemkreis der Kritik in gewissem
Sinne ungelöst. In diesem Sinne kann nun gesagt werden, daß die Vernunft der
Kritik sich bei ihrer Selbstergründung noch nicht im Denkhorizont der reinen
Prinzipienwirklichkeit erhebt, die Kant erst im Opus postumum auf dem
»höchsten Standpunkt der Transzendentalphilosophie« zum Problem macht.
Dazu vgl. folgende Anm. 19 (S. 14).
4
Vgl. hier S. 13 ff.
5
R. Berlinger (1992) S. 30.
6
Die Schreibweise und Zeichensetzung aller in der Einleitung zitierten Texte aus
dem Opus postumum werden von mir sinngemäß ergänzt und modernisiert.

3
Kritik auch einen »positiven Nutzen«, nämlich die transzendentale
Fundierung der Metaphysik der Natur und der Sitten durch die Idee
eines Systems der »Transzendentalphilosophie«, dessen selbstexpli-
kative Ergründung sich von der KrV bis zum Opus postumum er-
streckt aber von Kant nicht zu Ende geführt wird.
Die Kantische Philosophie unterscheidet sich von der traditionel-
len abendländischen Philosophie nicht so sehr dem Inhalt, sondern
der Methode nach. Kant bestimmt seine transzendentale Methode in
Analogie zur methodischen Revolution in der neuzeitlichen Natur-
wissenschaft als eine »Umänderung der Denkart« (KrV, BXVI) der
neuzeitlichen Metaphysik. Diese Umänderung betrifft die Beweisart,
den Beweisgrund, mit einem Wort die transzendentale Begründung
in Sachen der Metaphysik (vgl. KrV, A786 ff./B814 ff.; Prol., § 26).
Unter ›transzendentaler Begründung‹ verstehe ich hierbei im Sinne
Kants den Nachweis der Möglichkeit des menschlichen Wissens
und Glaubens und zwar in der Art, daß die Bedingung der Möglich-
keit des zu Begründenden unabhängig von seiner empirischen Be-
stimmtheit auf das Vermögen des Subjekts Mensch als seinen aprio-
rischen Ermöglichungsgrund zurückgeführt wird. Der letzte für
Menschen erweisbare aber nicht schlechthin absolute Grund des
»transzendentalen Idealismus« beruht also nach Kant auf der Natur
der menschlichen Vernunft selbst. In diesem Sinne bemerkt Knitter-
meyer mit Recht: »Die Kritik zielt auf eine transzendentale Anthro-
pologie. Sie will nicht dem Menschen die Beschäftigung mit dem
Fragen verwehren, die sich aus seiner sinnlich-übersinnlichen Natur
und Bestimmung ergeben«7.
Die drei Kritiken können deshalb als die Grundlegung dieser von
Kant selbst ungeschriebenen Anthropologie angesehen werden. Die
Anthropologie in pragmatischer Hinsicht ist, wie der Titel zeigt, nur
ein Teilaspekt oder besser eine Anwendung der transzendentalen
Anthropologie auf die sich auf die Empirie beziehende Praxis. Die-
ser Sachverhalt bestätigt sich in der Behauptung Kants, daß die drei
ersten Grundfragen der Philosophie sich auf die letzte Gesamtfrage

7
H. Knittermeyer (1941) S. 251; vgl. ders. (1939) S. 151 f.

4
beziehen, nämlich »Was ist der Mensch?«.8 Die drei ersten Grund-
fragen lauten: 1. »Was kann ich wissen?« (Metaphysik); 2. »Was
soll ich tun?« (Moral); 3. »Was darf ich hoffen?« (Religions-, Ge-
schichtsphilosophie). Die dritte Frage ist eine Synthesis der zwei
ersten Fragen (vgl. KrV, A 805 f./B833 f.). Ihre Beantwortung ge-
hört nach der KU zur Instanz der reflektierenden Urteilskraft (vgl.
KU, § 86 ff.).
Kants transzendentaler Methode der Isolierung gemäß ist erst mit
der Beantwortung der drei Teilfragen eine Antwort auf die letzte
Gesamtfrage möglich. Vor diesem Hintergrund stelle ich hier ledig-
lich die These auf, daß Kant in der Ideenlehre des Nachlaßwerks
diese letzte Frage der Menschheit transzendental durch das demiur-
gische, weltseiende Prinzip der Subjektivität des Subjekts Mensch
zu beantworten sucht, und zwar in dem Sinne, daß der Mensch als
selbstbewegende Mitte im Übergehen (Transzendieren), Welt und
Gott subjektinnerlich miteinander zu einem System der theoreti-
schen und praktischen Zwecke verknüpft.9 Der nur in Bruchstücken
nachgelassene Spätentwurf der Ideenlehre kann aus dem transzen-
dentalen Systemgedanken der KU als dessen Weiterführung gedeu-
tet werden, nämlich als Vermittlung von Natur und Freiheit durch
das kritische teleologische Weltprinzip. Dieses Weltprinzip verei-
nigt mittels der Heautonomie (Selbstgesetzlichkeit) der reflek-
tierenden Urteilskraft die Autonomie des Verstandes und der Ver-
nunft in sich. Dies läßt sich in zweifacher Hinsicht verdeutlichen.
Zum einen wird in der KU auf den Transzendenzcharakter des Men-
schen bereits dadurch aufmerksam gemacht, daß der Mensch als
letzter Zweck und Endzweck der Natur das Subjekt des Übergangs
ist (vgl. KU, § 82- § 84). Zum anderen zielt der Übergang der KU
letztendlich in der moralischen Teleologie auf das System des
Übersinnlichen durch die Idee des Endzwecks der praktischen Ver-
nunft, nämlich das höchste durch Freiheit in der Welt mögliche Gut
ab (vgl. KU, § 85 - 91). Im Unterschied zum Übergang von der Na-

8
Vgl. KrV, A804 ff./B832 ff.; Jäsche Logik, A25/IX25; PM5 f.; Brief an C.F.
Stäudlin vom 04.05.1793, 634.
9
Vgl. Op. post., XXI23, 27, 29, 31, 37 f., 70, 78, 84, 100, 106 u.ö.; dazu vgl. KU,
300.

5
tur (dem Sinnlichen) zur Freiheit (dem Übersinnlichen) in der KU
erhebt sich der Mensch, im Opus postumum auf dem Boden der
Kritik, als schöpferisch-geschöpflicher Mittler von Gott und Welt in
die übersinnliche Ideensphäre, deren Wirklichkeit durch das geis-
tige Vermögen der Freiheit als ontologische Selbstbestimmung des
Menschen in der Welt hervorgebracht wird. Die KU verweist bereits
darauf, daß die physische Teleologie sich ihrer Endabsicht nach in
der moralischen Teleologie vollenden muß. Nun geht die Ideenlehre
des Nachlaßwerks direkt von dieser moralischen Teleologie aus.
Während Gott nach Kant ohne Zweifel das »höchste Wesen in mo-
ralischer Bedeutung« (Op. post., XXII127) ist, »ist der Mensch ihm
gegenüber, insoweit doch selbständig, als er sich zu sich selbst, d.h.
in Freiheit zu seinem wahren Selbst bestimmen kann. ›Gott ist der
Heilige, aber kann kein heiliges Wesen machen‹. ›Gott kann einen
Menschen erschaffen als Naturwesen, aber nicht als moralisches
Wesen mit Prinzipien der Gerechtigkeit, Gültigkeit und Heilig-
keit. – Er – nämlich der Mensch! – mu ß e s ur s pr ün g l i c h
s e l b s t s e i n ‹ (XXI, 66)«10.
Mit dem Brückenschlag von der theoretischen zur praktischen
Philosophie nimmt die KU eine ausgezeichnete Stellung im gesam-
ten System der Kritik ein. Diese systematische Problematik der KU
zu verfolgen, ihre Fragestellung zu verdeutlichen, den Kantischen
Lösungsvorschlag zum Natur- und zugleich Selbstverständnis des
Menschen und dessen vernünftiger Einstellung zur Natur im Gan-
zen aufzuspüren, sind die Grundintention der vorliegenden Untersu-
chung.
Die KU eröffnet einen Zugang zum Ganzen der Wirklichkeit, die
uns zwar erscheint, aber selbst keine Erscheinung ist, durch das
kritisch-idealistische Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur für un-
ser Erkenntnisvermögen. Auf die Mehrdimensionalität dieses Prin-
zips der Urteilskraft wird in der vorliegenden Untersuchung aus-
führlich eingegangen. Hier sei nur angedeutet, daß der kritische
Begriff der Naturzweckmäßigkeit ein beachtenswertes Naturkon-
zept in der Naturphilosophie auch für die heutige Umweltdiskussion

10
H. Knittermeyer (1939) S. 152.

6
darstellt. Die Naturphilosophie hat seit der ökologischen Krise in
den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wieder an Aktualität gewon-
nen.11
Die Natur wird in der KU nicht mehr als bloße Natur (rohe Mate-
rie, lebloser Mechanismus), sondern vielmehr in ihrer eigenständi-
gen Produktivität als »ideehafte« Erscheinung betrachtet, in der die
Natur selbst Рdieser Ausdruck verweist bereits auf das ȟbersinnli-
che Substrat der Natur« – uns in ihren schönen Formen »figürlich«
und in ihren organischen Formen »plastisch« (»technisch«) anzu-
sprechen scheint (vgl. KU, 170; EE, XX233 f., 251). Der Begriff
›Scheinen‹ sollte hier eher positiv als negativ verstanden werden,
und zwar gleichsam im Sinne von Lichten als »Deuten«12 und nicht
im Sinne von Schein als Trugbild, wenn die kritische Grenze der
theoretischen Unerkennbarkeit der inneren Natur dabei nicht über-
schritten wird. In diesem Sinne reiht sich die kritische Deutung der
lebendigen Natur an eine lange geistesgeschichtliche Tradition, die
durch den griechischen Begriff ›phýsis‹ (IXYVL) und den christlich-
lateinischen Begriff ›natura naturans‹ dargestellt wird.13 Dieser Na-
turbegriff ist nicht nur kompatibel zu dem Naturverständnis der
modernen Naturwissenschaft, deren Wissen für die technisch-indus-
trielle Gesellschaft unentbehrlich ist, sondern er fordert auch eine
Umänderung der neuzeitlichen »mechanistischen« Einstellung des
Menschen zur Natur, welche unter dem Motto der uneingeschränk-
ten Naturbeherrschung steht, und dadurch eine verheerende Um-
weltzerstörung verursacht hat und somit den Lebensraum des Men-
schen selbst beeinträchtigt. Dem Mensch als vernünftigem Natur-
wesen, das unter dem moralischen Gesetz steht, soll seine Natur-
erkenntnis, die für sich selbst, als Mittel, weder gut noch böse ist,
zum höheren Zweck der Vernunft dienen.

11
Vgl. z.B. Gr. Schiemann (1996), L. Schäfer (1993), und die Aufsätze in den
folgenden Sammelbänden: K. Gloy (1996), G. Böhme (1989), J. Zimmermann
(1982).
12
Zu »scheinen« als »deuten« vgl. G. Prauss (1971) S. 122-138; als »meinen«
oder »vorläufiges urteilen« vgl. z.B. PM147 f.; Jäsche Logik, A100 f./IX66 f.
13
Vgl. K. Gloy (1995) S. 23 ff.; V. Gerhardt/Fr. Kaulbach (1989) S. 121, 124 f.

7
Kant ist kein Natur- oder Tierschützer in dem Sinne, daß er
meint, alle Naturwesen ohne Unterschied seien gleichwertig zu be-
handeln. Seine kritische teleologische Einstellung zur Natur ist
vielmehr ausschließlich von moralischen Aspekten geleitet. Diese
Einstellung beruht letztlich auf dem anthropologischen Grund. Der
Mensch als moralisches Subjekt in der Welt soll und muß, wenn er
moralisch konsequent handelt, Tierquälerei und Zerstörung von
Natur verbieten, weil diese Taten der »Pflicht des Menschen gegen
sich selbst« zuwiderlaufen, und nicht weil die Natur selbst Zweck
an sich ist, was nach Kant a priori nur für Menschen als Person a-
podiktisch gilt. Man muß im folgenden vieldiskutierten Kantzitat, in
dem das Verbot der Tierquälerei und der Naturzerstörung moralisch
begründet ist, insbesondere auf den Begründungskontext von
Pflichten achten, um das Mißverständnis zu vermeiden, daß Tier-
quälerei und Naturzerstörung für Kant nicht an sich verwerflich wä-
ren.14
»In Ansehung des S c h ö n e n obgleich Leblosen in der Natur
ist ein Hang zum bloßen Zerstören (spiritus destructionis) der
Pflicht des Menschen gegen sich selbst zuwider; weil es das-
jenige Gefühl im Menschen schwächt oder vertilgt, was zwar
nicht für sich allein schon moralisch ist, aber doch diejenige
Stimmung der Sinnlichkeit, welche die Moralität sehr be-
fördert, wenigstens dazu vorbereitet, nämlich etwas auch oh-
ne Absicht auf Nutzen zu lieben (z.B. die schöne Kristalli-
sationen, das unbeschreiblich Schöne des Gewächsreichs).
In Ansehung des lebenden, obgleich vernunftlosen Teils der
Geschöpfe ist die Pflicht der Enthaltung von gewaltsamer
und zugleich grausamer Behandlung der Tiere der Pflicht des
Menschen gegen sich selbst weit inniglicher entgegengesetzt,
weil dadurch das Mitgefühl an ihrem Leiden im Menschen
abgestumpft und dadurch eine der Moralität, im Verhältnisse
zu anderen Menschen, sehr diensame natürliche Anlage ge-
schwächt und nach und nach ausgetilgt wird; […] Selbst
Dankbarkeit für lang geleistete Dienste eines alten Pferdes

14
Zur Diskussion des Kantischen teleologischen Naturkonzepts im Rahmen der
ökologischen Ethik vgl. L. Schäfer (1993) S. 192 ff., hier insb. S. 206 ff.

8
oder Hundes (gleich als ob sie Hausgenossen wären) gehört
i n d i r e k t zur Pflicht des Menschen, nämlich i n A n s e h u n g
dieser Tiere, d i r e k t aber betrachtet ist sie immer nur Pflicht
des Menschen g e g e n sich selbst« (MAT, A107 f./VI443).

0.2 Methodischer Ansatz und die Fragestellung der vorlie-


genden Untersuchung
Die kritische Selbstaufklärung der Vernunft setzt subjektiv voraus,
daß die Vernunft als ein teleologisches System und ihr apriorisches
Prinzipiengefüge in sich geschlossen sei, obwohl seine Aus-
wicklung in der Welt ein offenes System ist (vgl. z.B. KrV, BXXII
f.).15 Das System der kritischen Philosophie beruht also letztlich auf
der innersubjektiven Teleologie der Vernunft, welche in der KU
durch das heautonome (selbstgesetzgebende) Prinzip der Zweckmä-
ßigkeit der Natur für die Urteilskraft, als subjektive Bedingung des
zweckmäßigen Gebrauchs der Vernunft, zum Ausdruck kommt.
Aufgrund dieses Prinzips hat man Grund, die zweckmäßige Einheit
der Natur zu erwarten, und die Einheit der Welt zu erhoffen.
Im dritten Abschnitt der Vorrede der KU bestimmt Kant im
Anschluß an die apriorisch konstitutiven Prinzipien des Verstandes
und der Vernunft die Aufgabe der KU, welche durch folgende Fra-
gen dargestellt wird:
1. Hat die Urteilskraft im Erkenntnisvermögen, als Mittelglied
zwischen dem Verstand und der Vernunft, auch für sich Prin-
zipien a priori? Aufgrund der systematischen Dreiteilung des
Erkenntnisvermögens nach dem Prinzip der Synthesis darf
man die Bejahung dieser Frage erwarten, denn nach Kant

15
Kant unterscheidet zwischen apriorischem (bzw. transzendentalem) und empiri-
schem System (vgl. z.B. MAN, AXIII ff./IV472 f.). Das apriorische System er-
hebt den Anspruch auf Vollständigkeit aufgrund des geschlossenen Systems der
Vernunft, nicht jedoch den Anspruch auf eine geschlossene Systematik, die hin-
sichtlich der raum-zeitlichen Artikulation der Vernunft geschichtlich bedingt ist.
Das empirische System hingegen ist offen.

9
muß jedes eigenständige Vermögen zu seinem Gebrauch ei-
gentümliche Prinzipien haben.
2. Sind die Prinzipien nun konstitutiv oder bloß regulativ?
Wenn sie in bezug auf die Objektbestimmung »bloß regulativ
sind (und also kein eigenes Gebiet beweisen)« (KU, V), weil
die reflektierende Urteilskraft »nur zum Verknüpfen dient«
(EE, XX246), fragt man sich dennoch,
3. ob sie bloß in Beziehung auf das Subjekt »dem Gefühle der
Lust und Unlust, als dem Mittelgliede zwischen dem Er-
kenntnisvermögen und Begehrungsvermögen, (ebenso wie
der Verstand dem ersteren, die Vernunft aber dem letzteren a
priori Gesetze vorschreiben,) a priori die Regel gebe« (KU, V
f.)?
Diese sogenannten Sachfragen werden außerdem noch unter ei-
nem systematischen Aspekt gestellt und untersucht, nämlich dem
Übergang von der Gesetzgebung der Natur zur Gesetzgebung der
Freiheit, bzw. dem Problem der Einheit des Vernunftgebrauchs und
somit der Einheit der Welt. Das Streben nach Einheit des Vernunft-
gebrauchs ist die zwingende Konsequenz aus der Struktur der Ver-
nunft selbst und nicht, wie man denkt, »auf einen ungegründeten
Hang Kants zur Architektonik zurückzuführen«.16
Die Verflechtung der sachlichen und systematischen Probleme
der Urteilskraft macht die KU zu einem schwierigen und zugleich
interessanten Werk, dessen geschichtliche Wirkung meistens auf
einem Mißverständnis beruht. Daher macht sich die vorliegende
Untersuchung eine angemessene Auslegung dieses komplexen, das
kritische System schließenden Werkes zur Aufgabe (vgl. KU, X).
Die Schwierigkeiten bestehen in der sachlichen Komplexität und
der begrifflichen Verschiebung in der Ausarbeitung der Kritik der
reinen Vernunft zu einem System.
Ziel dieser Arbeit ist es deshalb die logische Stringenz der Be-
weisstruktur der KU zu prüfen, um Licht in die systematische Trag-

16
M. Horkheimer S. 92; vgl. E. Adickes (1887), R. Odebrecht S. 11 und A. Scho-
penhauer S. 672.

10
weite des Prinzips der Urteilskraft zu bringen, indem der jeweils
sachlich bedingte Perspektivenwechsel aufgezeigt wird und die
Mehrdeutigkeit der Grundbegriffe Kants, und zwar um ihrer Ein-
heitlichkeit (Zusammengehörigkeit) willen, aufzuklären versucht
wird. Insofern ist die Untersuchung Kant-immanent. Auf eine Dar-
stellung der historischen Hintergründe wird verzichtet. Auch han-
delt es sich nicht um eine rezeptionsgeschichtliche Arbeit, wenn-
gleich Sekundärliteratur dort, wo es zur Verdeutlichung der eigenen
Position angemessen oder bedeutsam erscheint, in Fußnoten ange-
führt wird. Es wird ebenfalls nicht versucht, die Entwicklungslinie
der Kantischen Kritiken aufzuzeigen.
Die Kantische Philosophie gilt als einer der größten Systement-
würfe der Neuzeit. Ihr Verdienst und ihre geschichtliche Wirkung
braucht hier nicht thematisiert zu werden. Seltsamerweise läßt sich
dieses System vielfältig und zwar nicht selten gegensätzlich inter-
pretieren. Daher wird in der vorliegenden Abhandlung versucht
Kant textnah auszulegen. Das ergibt sich auch aus der sachlich-
terminologischen Überlegung, daß jeder Begriff systembedingt ist.
Die Auseinandersetzung mit Kants Text wird deshalb soweit wie
möglich in der Kantischen Terminologie geführt, um Mißverständ-
nisse zu vermeiden. Angestrebt wird hierbei durch eine kritische
Strukturanalyse »Kant zu verstehen«. Freilich ist dies nur ein Stand-
punkt unter vielen. Eine exakte und differenzierende Analyse von
Kants Denken, die nicht bereits mit einem vorgefertigten Urteil an
dieses herantritt, um es dann auf einer gänzlich anderen Grundlage
zu dekonstruieren, ist allerdings die methodische Voraussetzung
einer fundierten Kritik. Eine »Kant-Kritik« im strengen Sinne wäre
der nächste Schritt.
Methodisch bedient sich die Interpretation der Maxime, daß die
Werke Kants, zumindest aber die drei Kritiken, selbst organisch
betrachtet werden sollten, um die scheinbar paradoxen Formulierun-
gen nicht voreilig als Beweis der Uneinheitlichkeit der Philosophie
Kants, sondern als Nachweis ihrer Lebendigkeit anzusehen. Diese
Lebendigkeit zeigt sich darin, daß Kant unermüdlich um den Auf-
bau des Systems der »Metaphysik« auf dem festen Boden der Kritik
ringt, die selbst aber wiederum ihren System- bzw. Prinzipien-

11
charakter erweisen muß. Dieser Prinzipiencharakter beruht, dem
transzendentalen Denkansatz Kants gemäß, letztlich auf der We-
sensnatur des Menschen selbst.
Es geht dieser Methode aber nicht um eine Dekonstruktion Kan-
tischen Denkens oder den formalistischen Nachweis terminologi-
scher Inkonsistenz in einem gewachsenen Werk, vielmehr sollen
Kants eigene Methode und sein eigener Ansatz fruchtbar gemacht
werden, um aus der kritischen Distanz der historischen Perspektive
die Konsistenz des Kantischen Systems auch in bezug auf die Frage
nach der Urteilskraft aufzuspüren.
In der KrV wird das Gebiet der Natur (des Sinnlichen) durch die
Gesetzgebung des Verstandes allgemein strukturiert und in der KpV
wird das Gebiet der Freiheit (des Übersinnlichen) durch die Gesetz-
gebung der praktischen Vernunft formal bestimmt. Dies ist nur un-
ter der Vorgabe einer strengen Unterscheidung zwischen der sinnli-
chen und der intelligiblen Welt möglich, welche auf der Diskursi-
vität des menschlichen Verstandes beruht. Ohne diese Unter-
scheidung geriete die menschliche Vernunft in einen Widerstreit
und die Freiheit wäre auch nicht zu retten (vgl. z.B. KrV,
A536/B564). Obwohl in der KrV die Widerspruchsfreiheit von Na-
turnotwendigkeit und Freiheit zumindest in dem denkenden und
handelnden Subjekt festgestellt wird, ist der Regreß vom Sinnlichen
(Bedingten) zum Übersinnlichen (Unbedingten) unter dem Ge-
sichtspunkt der theoretischen Philosophie dennoch unmöglich (vgl.
KU, XIX f.). Andererseits soll nach dem Begriff der Kausalität
durch Freiheit die Verwirklichung des moralisch gesetzten Zwecks
in der Sinnenwelt möglich werden, »und die Natur muß folglich
auch so gedacht werden können, daß die Gesetzmäßigkeit ihrer
Form wenigstens zur Möglichkeit der in ihr zu bewirkenden Zwe-
cke nach Freiheitsgesetzen zusammenstimme« (ebd.). Diese Forde-
rung ist jedoch moralisch-praktischer Natur. Die Autonomie des
Verstandes und der Vernunft machen die Notwendigkeit dieser Ü-
bereinstimmung einerseits aber nicht begreiflich, weil die beiden
»Gebiete« voneinander unabhängig sind, obwohl sie nach Kant für
die menschliche Vernunft nur ein und denselben »Boden« haben,
nämlich die Natur als »Inbegriff aller Gegenstände der Sinne« oder

12
als »Inbegriff der Gegenstände aller möglichen Erfahrung«, auf
welchem Verstand und Vernunft ihr Gebiet errichten und ihre Ge-
setzgebung ausüben (vgl. KU, XVII); aus systematischem Grund
bedarf andererseits die Vermittlung oder die Einheit beider Gebiete
eines Dritten, dessen Prinzip weder zu dem einen noch zu dem an-
deren gehört. Dieses Dritte ist nach Kant nun die reflektierende Ur-
teilskraft. Ihr Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur soll die syste-
matische Aufgabe des Übergangs von der Gesetzgebung der Natur
zur Gesetzgebung der Freiheit möglich machen.
Im Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur wird – im Rekurs auf
den technisch-praktischen Gebrauch der Vernunft und zwar unab-
hängig von der moralischen Forderung – ein kritischer Begriff der
»lebendigen« Natur konzipiert. Die physisch-teleologische Naturbe-
trachtung führt nach der Natur der menschlichen Vernunft unum-
gänglich zur Dimension des Übersinnlichen, dessen Bestimmung
nach Kant für Menschen nur moralisch-praktischer Natur sein kann.
In dieser Dimension werden der Mensch, die Welt und Gott mit
Hilfe der Selbstbetrachtung des moralischen Subjekts als Endzweck
der Natur in Verknüpfung miteinander notwendig zu einem Gedan-
kensystem. Dieser kritische teleologische Natur- oder Weltbegriff
der KU setzt sich auf dem Boden der reflektierenden Urteilskraft im
neuen Entwurf der Ideenlehre in Kants Nachlaßwerk weiter fort.17
Dort ringt Kant um die Definition18 der Transzendentalphiloso-
phie als ideales (subjektiv betrachtet) und zugleich reales (objektiv
betrachtet) »System der Selbsterkenntnis« (Op. post., XXI108) im
Zusammenhang mit der Begründung der Metaphysik der Natur. Die
Transzendentalphilosophie ist nun nach Kant, aus ihrem »höchsten

17
Vgl. das VII. und I. Konvolut im Op. post.; ferner G. Lehmann (1969) S. 258
ff., 284 f., 351 ff.; R. Spemann/R. Löw (1985) S. 139 ff.; H. Knittermeyer
(1941) S. 266 ff., (1939) S. 138 ff.
18
In der KrV hebt Kant den nachträglichen (suchenden) Charakter der Definition
(»Exposition«) der philosophischen Begriffe im Gegensatz zur mathematischen
Konstruktion der Begriffe hervor, mit der ein mathematischer Beweis beginnen
muß (vgl. KrV, A730/B758; A731/B759 Anm.). »In der Mathematik gehört die
Definition ad esse, in der Philosophie ad melius esse. Es ist schön, aber oft sehr
schwer, dazu zu gelangen. Noch suchen die Juristen eine Definition zu ihrem
Begriffe vom Recht« (KrV, A731/B759 Anm.).

13
Standpunkt«19 betrachtet, die »transzendentale« Ideenlehre, die – im
Gegensatz zur Ideenlehre der KrV, welche sich noch im Denkhori-
zont des negativen Nutzens der Kritik als Ȇberwindung des Be-
gründungsdenkens der neuzeitlichen Metaphysik«20 befindet – aus
der reinen »Selbstbestimmung des denkenden Subjekts« (Op. post.,
XXI92) positiv in dem Sinne bestimmt wird, daß die »Autonomie
der Ideen, insofern sie ein selbständiges Ganze[s] im Gegensatz der
Erfahrung ausmachen«21, hinsichtlich der Selbstobjektivierung der
Vernunft heautonom (selbstgesetzgebend) bleibt.22 Dies steht aber
nicht im Widerspruch zu Kants negativer Bestimmung der Trans-
zendentalphilosophie der Vernunft in der KrV (vgl. A246 f./B303;
A845/B873), denn Ideen sind im Opus postumum zum einen als
innerlich »von uns selbst gemacht« und nicht als äußerlich, also
sinnlich gegenständlich »gegeben« betrachtet, und die Transzen-
dentalphilosophie bezieht sich hier zum anderen nicht auf die Onto-

19
Vgl. Op. post., XXI18, 23, 32, 44, 94, 95 u.ö. – In der KrV hingegen ist der
höchste Standpunkt der Transzendentalphilosophie die synthetische Einheit der
Apperzeption, also das Vermögen des reinen Verstandes (vgl. KrV, B134
Anm.). – Kant bestimmt die Transzendentalphilosophie in der KrV lediglich
unter dem theoretischen Aspekt. Die Grundsätze, Grundbegriffe der Moralität
gehören daher nicht zur Transzendentalphilosophie (vgl. KrV, A14 f./B28 f.;
A801/B829 Anm.). In diesem Sinne betrachtet Transzendentalphilosophie »nur
den V e r s t a n d und Vernunft selbst in einem System aller Begriffe und Grund-
sätze, die sich auf Gegenstände überhaupt beziehen, ohne Objekte anzunehmen,
die g e g e b e n w ä r e n (Ontologia)« (KrV, A845/B873). Ontologie heißt dem-
nach Lehre der Wesenheit, der Dinge überhaupt, mit Kants Worten, der Gegen-
ständlichkeit. Dementsprechend wird die Transzendentalphilosophie in der KrV
in ihrem engeren Sinne als Ontologie verstanden, die nach der Natur des
menschlichen Verstandes nur für die Gegenstände der Erfahrung gilt, weil Ge-
genstände uns nur durch Anschauungsformen gegeben werden können (vgl.
Fortschritte, A10 f./XX260).
20
M. Riedel (1989) S. 11.
21
Op. post., XXI81; vgl. XXI79, 92, 93, 101.
22
Autonomie heißt hier »Selbstgeschöpf« (Op. post., XXI84, 100, 118) oder
»Selbstdarstellung« (Op. post., XXI117, 118, 122). Hinsichtlich der Ideen als
Prinzipien der Selbstobjektivierung des Subjekts wird im Opus postumum die
Unterscheidung zwischen der Autonomie und der Heautonomie der KU inso-
fern wegfallen, als im Bereich des Prinzips die reine Innerlichkeit der Subjekti-
vität die Autonomie und die Heautonomie in sich vereint.

14
logie (metaphysica generalis), sondern auf die sogenannte »be-
sondere« Metaphysik (metaphysica specialis). Die Ontologie
(Transzendentalphilosophie in engerem Sinne) als »System aller
Verstandesbegriffe und Grundsätze« ist nach Kant nur ein »Teil der
Metaphysik«. »Sie berührt nicht das Übersinnliche, welches doch
der Endzweck der Metaphysik ist, gehört also zu dieser nur als Pro-
pädeutik […] der eigentlichen Metaphysik« (Fortschritte, A10
f./XX260).
»Transzendentalphilosophie ist die Autonomie der Ideen, in-
sofern sie unabhängig von allem Empirischen ein unbeding-
tes Ganze[s] ausmachen, und die Vernunft sich selbst zu die-
sem als einem absonderlichen System konstituiert« (Op. post.,
XXI79).
Die »Gegenstände« dieser Transzendentalphilosophie sind nach
Kant »Gott, Welt und der dem Pflichtbegriff unterworfene Mensch
in der Welt« (ebd., XXI81). Nach Kant sollen nun in der Transzen-
dentalphilosophie »Gott über mir, die Welt außer mir und der freie
Wille in mir in Einem System vorgestellt« werden (Op. post.,
XXI41). In diesem Sinne sind »[t]ranszendentale Ideen […] von
Idealen unterschieden«, denn Ideen dienen hier nicht heuristisch zur
verstandsgemäßen Objektbestimmung, sondern subjektinnerlich zur
Selbstbestimmung der Vernunft. Der Mensch selbst ist ein geistiges
Weltwesen als Person, »welches sich zu einem Glied konstituiert«
(ebd., XXI81; vgl. XXI18). Die transzendentalen Ideen müssen in
ihrem wahren Sinne deshalb nicht als bloß ideal (gedacht), sondern
als subjektiv real angesehen werden. Die Freiheit wird hier nicht
wie in der Postulatenlehre der KpV (A238 f./V132) auf dem Stand-
punkt der vernunftfähigen Naturwesen nur in bezug auf das morali-
sche Gesetz »postuliert«, sondern sie ist insofern »wirklich«, als der
»innere Lebensgeist des Menschen in der Welt« (Op. post., XXI41)
sich in und durch sich selbst konstituiert. Ein Geist (mens) – nicht
»Seele, denn das setzt einen Körper voraus« (ebd., XXII55) – ist
nach Kant ein »immaterielles und intelligentes Prinzip als Sub-
stanz« (ebd., XXI18). Die »transzendentalen« Ideen sind also nicht
»Begriffe, sondern reine Anschauungen, nicht diskursive, sondern
intuitive Vorstellungen, denn es ist nur Ein solcher Gegenstand,

15
[nämlich] Ein Gott, Eine Welt (universum) und in dem Freiheitsge-
setz nur Ein Prinzip der Verehrung aller Menschenpflichten als
göttlicher Gebote durch Menschen in der Welt« (ebd., XXI79).
Kant schränkt diese geistige Selbstanschauung der Idee seinem Kri-
tizismus gemäß folgendermaßen wieder ein: »Es ist hierbei nicht
tunlich die Existenz einer Substanz von dieser Qualität anzuneh-
men« (ebd.), denn
»Transzendentalphilosophie ist das System des reinen Idea-
lismus der Selbstbestimmung des denkenden Subjekts durch
synthetische Grundsätze a priori aus Begriffen, vermittelst
deren dieses sich selbst zu einem Objekt konstituiert, und die
Form macht hier den ganzen Gegenstand selbst aus« (ebd.,
XXI92).
»Daß ein solches Wesen [Gott] existiere, kann nicht geleug-
net werden, aber [es kann] nicht behauptet werden, daß es au-
ßer dem vernünftig denkenden Menschen existiere. In ihm
(dem moralisch nach Pflichtgeboten unserer selbst denken-
den Menschen) leben (sentimus), weben (agimus) und sind
wir (existimus)« (ebd., XXII55).
Die Selbstanschauung der Idee ist in diesem Sinne keineswegs
ihre Hypostasierung oder Verdinglichung, sondern vielmehr bedeu-
tet die »Autonomie der Idee« hierbei das Selbstprinzip des mensch-
lichen Geistes. Auf dieser Prinzipienebene ist das transzendentale
Selbstbewußtsein (Apperzeption) zugleich die intellektuelle Selbst-
anschauung des menschlichen Geistes, die nach Kant aber keines-
wegs mit der »intellektuellen Anschauung« eines göttlichen Vers-
tandes gleichgesetzt werden darf.
Hier wird der autonome Wesenscharakter des Menschen in sei-
nem ursprünglichen Transzendieren hervorgehoben. Diese Selbster-
mächtigung des Menschen, die als die sich selbst im Übergang voll-
ständig auslegende und in dieser Selbstauslegung sich selbst objek-
tivierende Vernunfteinheit zu bewähren ist,23 läßt sich im Rahmen
der vorliegenden Untersuchung nicht erörtern, da sie sich wesent-
lich auf die drei Kritiken, genauer auf die KU konzentriert. Zu-

23
Vgl. K. W. Zeidler S. 211, H. Knittermeyer (1941) S. 269.

16
sammenfassend sei hier nur auf einige charakteristische Formulie-
rungen Kants für die »Exposition« der Transzendentalphilosophie
im Opus postumum verwiesen:
»Transzendentalphilosophie ist das Bewußtsein des Vermö-
gens vom System seiner Ideen, in theoretischer sowohl als
praktischer Hinsicht Urheber zu sein. I d e e n sind nicht bloße
Begriffe, sondern Gesetze des Denkens, die das Subjekt ihm
selbst vorschreibt. – A u t o n o m i e .
… Transzendentalphilosophie subjektiv ober objektiv be-
trachtet: Im ersteren Fall ist sie das System synthetischer Er-
kenntnis aus Begriffen a priori. Im zweiten ist sie Autonomie
der Ideen und das Prinzip der Formen, denen die Systeme in
theoretisch-spekulativer und moralisch-praktischer Absicht
gemäß sein müssen.
… Transzendentalphilosophie ist nicht ein Aggregat, sondern
ein System, nicht von objektiven Begriffen, sondern von sub-
jektiven Ideen, welche die Vernunft selbst schafft, und zwar
nicht hypothetisch (p r o b l e m a t i s c h oder a s s e r t o r i s c h ),
sondern a p o d i k t i s c h , indem sie sich selbst schafft.
Transzendentalphilosophie ist das Vermögen des sich selbst-
bestimmenden Subjekts durch den systematischen Inbegriff
der Ideen, welche a priori die durchgängige Bestimmung des-
selben als Objekts (die Existenz desselben) zum Problem ma-
chen, sich selbst als in der Anschauung g e g e b e n zu konsti-
tuieren. – Gleichsam s i c h s e l b s t m a c h e n « (Op. post.,
XXI93).
»Transzendentalphilosophie ist nicht der Inbegriff der Objek-
te der Sinne, sondern das Verhältnis der theoretisch-speku-
lativen und moralisch-praktischen Vernunft in Verknüpfung
miteinander in einem System der Selbsterkenntnis nach der
Analogie eines Objekts möglicher Erfahrung; nicht aus Er-
fahrung, sondern a priori aus der Vernunft, was also nicht
empirisch begründet und gegeben in der Erscheinung a s s e r -
t o r i s c h , sondern p r o b l e m a t i s c h nur gedacht wird. – Ens
rationis non ens.

17
… Transzendentalphilosophie ist die Autonomie des Systems
der Ideen, sich selbst a priori in der durchgängigen Bestim-
mung, nicht empirisch, nicht als Aggregat eines Mannigfalti-
gen in der Erscheinung, sondern als absolute Einheit des
Ganzen zu einem Objekt zu konstituieren« (Op. post.,
XXI108).
»Die Autonomie der theoretisch-spekulativen in Verbindung
mit der moralisch-praktischen Vernunft zum Behuf mögli-
cher Erfahrung, [… macht] (als Prinzip) das Ganze der
Transzendentalphilosophie aus[…].
Die Wissenschaft vom All der Wesen (entium, nicht rerum,
[…] worunter man vernunftlose Wesen, Sachen versteht) –
nicht bloß als Inbegriff (complexus), sondern als ein ver-
knüpftes Ganze[s]; nicht bloß g e d a c h t (ideal), sondern auch
als ein solches gegeben (real); non solum cogitabile sed eti-
am dabile – ist Objekt der Transzendentalphilosophie. …
Transzendentalphilosophie ist eine Philosophie, die auf das
G a n z e der synthetischen Erkenntnis aus Begriffen als einem
System a priori gerichtet ist, und so sich selbst der Form der
Zusammensetzung nach zu einem absoluten i d e a l e n oder
r e a l e n Ganzen konstituiert« (Op. post., XXI109).
Kants Ringen um die systematische Einheit seines »transzenden-
talen Idealismus« im Opus postumum ist die konsequente Weiter-
führung seines Denkansatzes der Kritik und keineswegs »Ausdruck
zunehmender Senilität, sondern der unglaublichen Lebendigkeit
dieses kritischen Geistes«24. In diesem Versuch hält Kant den »dua-
len«25 Grundzug seiner Philosophie in dem Sinne konsequent fest,
daß die Unterschiedenheit in der »faktisch unaufhebbare[n] apriori-
sche[n] Struktur des endlichen Wissens überhaupt« 26 nicht vor-
schnell als Verschiedenheit und somit als Unvereinbarkeit der selb-
ständigen Prinzipien der Vernunft angesehen wird. Auch im

24
B. Tuschling (1995) S. 210.
25
Zur Unterscheidung von ›dual‹ und ›dualistisch‹ vgl. H. M. Baumgartner (1991)
S. 214 f. Der Ausdruck ›dualistisch‹ ist stärker als der ›dual‹. Dualismus bedeu-
tet die Unüberbrückbarkeit von zwei selbständigen Prinzipien.
26
H. M. Baumgartner (1991) S. 105.

18
»höchsten Standpunkt« der Transzendentalphilosophie wird die Dif-
ferenz von menschlichem und göttlichem Verstand, von dem Sinnli-
chen (äußere Natur) und Übersinnlichen (innerer Geist), von tech-
nisch-theoretischer und moralisch-praktischer Vernunft und kurz
von Subjekt und Objekt nicht aufgehoben, obwohl die moralisch-
praktische Vernunft hier auch als oberstes Prinzip, im Sinne vom
»Primat des Praktischen«27, die technisch-praktische Vernunft lenkt.
Der transzendentale Idealismus ist gleichsam ein monistisch ori-
entierter Dualismus oder dualistisch orientierter Monismus. Im ei-
gentlichen Sinne ist der kritische Idealismus weder Monismus noch
Dualismus. Darin besteht auch die unauflösliche innere Spannung
der Kantischen Philosophie, welche mit reicher Problemfülle das
Denken anregt. Der göttliche Verstand wird in der KU in bezug auf
die Natur von der theoretisch-reflektierenden Urteilskraft als den
obersten Grund alles Mannigfaltigen angesehen, und er wird im
Verhältnis zur Freiheit von der praktisch-reflektierenden Urteils-
kraft moralisch bestimmt. Die KU weist zwar einen möglichen Weg
von der Natur zur Freiheit, aber dieser Weg bleibt in der Kritik ins-
gesamt äußerlich. Kant unterscheidet drei Ideen des Übersinnlichen
gemäß der Dreiteilung des Erkenntnisvermögens in Verstand, Ur-
teilskraft und Vernunft (vgl. KU, 245). Sie bleiben dort in gewissem
Sinne beigesellt und bilden noch kein System, obwohl Kant in der
moralischen Teleologie schon den Denkversuch des Opus postu-
mum vorwegnimmt.
Im Opus postumum wird der Systemgedanke des Übergangs von
Kant vielfältig bestimmt. Festzustellen ist die Tendenz zur Ver-
innerlichung der Vermittlung der Vernunftprinzipien. In dieser Ver-
innerlichung wird das Verhältnis der Momente im Systemgefüge
hinsichtlich der systematischen Einheit des gesamten Systems an-
gemessener bestimmt als dessen Bestimmung in den drei Kritiken.
Dies betrifft insbesondere die transzendentale Ideenlehre. Das Ver-
hältnis zwischen Verstand und Vernunft wird in der KrV von Kant
unbefriedigend bestimmt. Denn die Funktion von beiden wird dort
zum einen streng auseinandergehalten, aber die Vernunft bestimmt

27
Vgl. § 2, S. 95 ff.

19
zum anderen durch ihre Ideen den empirischen Gebrauch des Vers-
tandes.28 Wie bestimmt denn die Vernunft den Verstand? Wie ge-
winnen Ideen, außer ihrer regulativen Funktion für die Heuristik der
empirischen Erkenntnis, auch konstitutive Bedeutung für mensch-
liches Erkennen überhaupt? Diese Fragen bleiben in der KrV unge-
löst trotz Kants Versuchs der subjektiven bzw. der »transzen-
dentalen Deduktion der Ideen« im Anhang zur transzendentalen
Dialektik (A642/B670-A704/B732). Im Opus postumum wird die
ursprüngliche synthetische Einheit der transzendentalen Apperzep-
tion von vornherein a priori durch drei Ideen: Einheit (Seele, bzw.
Geist), Ganzheit (Welt), Totalität (Gott), nach dem Prinzip einer
Erfahrung innerlich bestimmt. Die Selbstanschauung der transzen-
dentalen Apperzeption vereinigt Anschauung und Idee in sich. Dies
wäre der letzte Versuch Kants, den Systemcharakter der theoreti-
schen Philosophie a priori zu erweisen. Die konstitutive Funktion
der Ideen dient demnach lediglich zur transzendentalen Selbstbe-
stimmung des Menschen und nicht zur Bestimmung von Dingen
außer uns. Die »drei Elemente der Erkenntnisquellen« (KrV,
A702/B730): Anschauung, Begriff, Idee, gehören in der syntheti-
schen Einheit der transzendentalen Apperzeption ursprünglich zu-
sammen. In diesem Zusammenhang gewinnt auch der folgende Satz
Kants neue Bedeutung: »So fängt denn alle menschliche Erkenntnis
mit Anschauungen an, geht von da zu Begriffen, und endigt mit
Ideen« (ebd.; vgl. B1, A298/B355). Es wäre mißverständlich, wenn
diese »natürliche« Reihenfolge der menschlichen Erkenntnis bei
ihrer rein transzendentalen Begründung zeitlich (nacheinander) ver-
standen würde.
Wie ist aber die Vermittlung von Natur und Freiheit zu einem
System der Erfahrung schrittweise durch Akt und Selbstsetzung des
denkenden Subjekts mit Hilfe dessen Leibbewußtseins nach einem
Prinzip der Innerlichkeit der Vernunft vor- und rückwärts möglich?
Auf diese Grundfrage des Opus postumum kann im Rahmen der
vorliegenden Untersuchung nicht näher eingegangen werden. Ihr
Ziel liegt darin, zu zeigen, daß das kritische Prinzip der Naturteleo-
28
Vgl. vgl. KrV, A547/B575, A573/B601, A653 f./B681 f., A657/B685. – Siehe
dazu § 2, Anm. 9 (S. 74 f.).

20
logie keineswegs bloßer erkenntnistheoretischer Natur ist, sondern
vielmehr metaphysischer oder besser transzendentaler (i.w.S.).29 In
diesem Sinne läßt sich die Einheit der KU zugleich begreiflich ma-
chen, auch wenn die KU Kants transzendentaler Methode der Isolie-
rung gemäß in die Teilaspekte zu zerfallen scheint.
Die unmittelbaren Nachfolger Kants haben kaum Probleme mit
der Einheit der KU. Sie konzentrieren sich vielmehr auf das Prob-
lem des Übergangs. Nach der sogenannten »metaphysischen Wen-
de« in der Kantinterpretation im Jahr 1924 bis zur Gegenwart wird
die KU unter Kantinterpreten meistens als eine Einheit gelesen. Der
Meinungsunterschied besteht lediglich in der Interpretation der Art
und Weise dieser inneren Einheit. Die Übergangsproblematik wird
nach wie vor meistens als unlösbar im Begriffsrahmen der Kanti-
schen Philosophie angesehen.30
Der Versuch der Lösung der systematischen Problematik des
Übergangs durchzieht die ganze KU und steht hinter der einzelnen
Fragestellung. Ohne eine angemessene Berücksichtigung und Aus-
legung dieses Grundproblems zerfiele die KU in zwei ganz hetero-
gene Teile. Sie wäre, wie Schopenhauer im Gegensatz zu Goethes
Lob31 klassisch formuliert, »die barocke Vereinigung der Erkennt-
niß des Schönen mit der des Zweckmäßigen der natürlichen Körper,
in E i n Erkenntnisvermögen, U r t e i l s k r a f t genannt, und die Ab-
handlung beider heterogenen Gegenstände in einem Buch« (S. 672).
Auch wenn eine gewisse Spannung zwischen der physischen und
der moralischen Teleologie in der KU aufgrund von Kants trans-
zendentaler Methode der Isolierung besteht und die Verknüpfung
von Natur und Freiheit zu einem System der Transzendentalphiloso-

29
Zu Kants Unterscheidung zwischen metaphysischem und transzendentalem
Prinzip vgl. KU, XXIX.
30
Zur Rezeptionsgeschichte der KU vgl. z.B. V. Gerhardt/Fr. Kaulbach (1989) S.
98 ff., insb. S. 109 ff.
31
Das Erscheinen der KU ist für Goethe ein Glücksfall. So sagt Goethe: »… die-
ser [KU] bin ich eine höchst frohe Lebensepoche schuldig. Hier sah ich meine
disparatesten Beschäftigungen nebeneinandergestellt, Kunst- und Natur-
Erzeugnisse eins behandelt wie das andere, ästhetische und teleologische Ur-
teilskraft erleuchteten sich wechselsweise« (Goethe, 1820a, S. 436). Zur geisti-
gen Beziehungen zwischen Kant und Goethe vgl. z.B. Géza von Molnár.

21
phie nicht ohne weiteres ersichtlich ist, ist die kritisch fundierte
teleologische Weltverfassung jedoch bedeutsam für die pragmati-
sche Weltgestaltung des Menschen unter dem moralischen Gesetz.
Die kritische Naturteleologie zeigt zumindest für den menschlichen
Verstand einen möglichen Weg vom Sinnlichen zum Übersinnli-
chen »ohne einen zu gewaltsamen Sprung« (KU, 260) auf. Sie lie-
fert uns eine vernünftige Weltidee, die nicht nur die Erforschung
der Natur leitet, sondern auch mit der Befolgung der sittlichen Zwe-
cke in der Welt übereinstimmen könnte. Die pragmatische Aufgabe
der Urteilskraft besteht darin, daß sie auf dem »Boden der Erfah-
rung« (KrV, A3/B7; KU, XVIII) im Einklang mit den Gesetzgebun-
gen der theoretischen und der praktischen Vernunft eine vernunft-
gemäße Welt errichten soll. »Die reflektierende Urteilskraft ist also
eigentlich das Grundvermögen, durch das der Mensch sich zum
Reichtum und zur Vielfalt seiner Welt erkennend, handelnd und
betrachtend verhalten kann und sich nicht bei seinen besonderen
Lebensvollzügen in der Zerstreuung an das Einzelne verliert«32.
Kant hebt die systematische Aufgabe der KU erst in den beiden
Einleitungen hervor, in denen die beiden Teile der KU ausschließ-
lich unter den Aspekt der Zweckmäßigkeit der Natur dargestellt
werden. Im Haupttext ist dieser systematische Aspekt mit der sach-
lichen Darstellungen ineinander verwoben. Ziel ist es hier, den ro-
ten Faden der systematischen Funktion der Zweckmäßigkeit der
Natur zu verdeutlichen und die Einheit der KU dadurch verständlich
machen zu können. Insofern wird die Auswahl der sachlichen Ana-
lyse der KU von diesem systematischen Aspekt bestimmt.
In der KU betrachtet Kant die beiden vorangehenden Kritiken
ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der subjektiv und zugleich
objektiv konstitutiven, also autonomen Funktion der Vernunft, die
der Gesetzlichkeit der Natur und der Freiheit zugrunde liegt. Die
Sachphilosophie wird dadurch vollständig in den theoretischen und
den praktischen Teil zerlegt. Unter dieser Voraussetzung wird die
Heautonomie der Urteilskraft hervorgehoben. Die Urteilskraft kann
daher nur bloß subjektive Prinzipien haben, die sie hinsichtlich ihres

32
K. Düsing (1986) S. 11.

22
Gebrauchs für sich selbst a priori zu Gesetzen machen muß. Sie ist
das Grundvermögen, die formalen Prinzipien der Vernunft in conc-
reto auszuüben. In dieser Anwendungsfunktion schließt die Urteils-
kraft in sich die objektiven Prinzipien der Vernunft. Die Kritik der
reinen Vernunft besteht nun »aus drei Teilen: der Kritik des reinen
Verstandes, der reinen Urteilskraft und der reinen Vernunft, welche
Vermögen darum rein genannt werden, weil sie a priori gesetzge-
bend sind« (KU, XXV). Die Ausarbeitung der ersten Kritik durch
die KpV und die KU zu einem System der Kritik der reinen Ver-
nunft erfährt eine konzeptuelle Verschiebung, wodurch gewisse
Unstimmigkeiten in Kants Bestimmung der drei Grundvermögen
der Vernunft entstanden sind.
Festgehalten werden soll Kants Bestimmung derselben in der KU,
um die Struktur und Funktion der Urteilskraft von diesem Stand-
punkt aus zu verdeutlichen. Die bloß reflektierende Urteilskraft mit
ihrem heautonomen Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur ist das
Neue der KU. Die Urteilskraft bringt durch ihren reflektierenden
Wirklichkeitsbezug das dynamische Moment in der transzendenta-
len Denkbewegung der Vernunft ans Licht – im Gegensatz zur bloß
formalen Fundierung der Gesetzlichkeit der Natur und der Freiheit
durch Verstand und Vernunft. In der KU wird das Verhältnis der
Erkenntnisvermögen unter dem Aspekt der Urteilskraft als Instanz
der Ausführung der Prinzipien der Vernunft betrachtet. In diesem
Sinne könnte die Vernunft im allgemeinen auch als reflektierende
Urteilskraft, und zwar in einem weiteren Sinne, angesehen werden.
Um die subjektive Notwendigkeit der Annahme der allgemeinen
Zweckmäßigkeit der Natur für unser Erkenntnisvermögen nachzu-
weisen, greift Kant in beiden Einleitungen auf die allgemeine Auf-
gabe des Verstandes zurück, nämlich die Einheit in die Naturge-
setze hineinzubringen. Dazu bedarf der Verstand aber der Funktion
der Urteilskraft, weil er diskursiv ist.33 Die transzendentale Deduk-
tion der Zweckmäßigkeit der Natur beruht also auf dem objektiven
(logischen) Gebrauch der Urteilskraft. Der Begriff der allgemeinen
Zweckmäßigkeit der Natur wird daher dem Inhalt nach von vorn-

33
Siehe § 1, S. 48 ff.; § 2, S. 133 ff.; § 4.4, S. 294 ff.

23
herein erkenntnistheoretisch in dem Sinne bestimmt, daß die Natur
in ihren empirischen Gesetzen ein faßliches System für die Urteils-
kraft sei.34 Diese epistemische Fundierung verdeckt aber zugleich
die Beziehung der allgemeinen Zweckmäßigkeit der Natur zu der
ästhetischen. Von dieser sogenannten transzendentalen zu der äs-
thetischen Zweckmäßigkeit führt kein direkter Weg, weil die ästhe-
tische Beurteilung der Form des Gegenstandes nach Kant keine ab-
sichtliche Erkenntnistätigkeit ist. Die Einheit von ästhetischer und
logischer Reflexion ist demnach dadurch noch nicht ersichtlich.
Diese Schwierigkeiten werden in der vorliegenden Untersuchung
zu Kants Theorie der Urteilskraft näher untersucht, wenn sie da-
durch auch nicht gänzlich zu beseitigen sind. Die Rückführung des
Geschmacksurteils auf die ästhetische Darstellung eines unbe-
stimmten Begriffs macht die Einheit und Differenz von ästhetischer
und kognitiver Reflexion begreiflich, welche gemeinsam auf dem
allgemeinen Verfahren der Urteilskraft in der Darstellung eines
Begriffs beruhen (vgl. § 3 u. 4). Die Harmonie der Erkenntniskräfte
als subjektive Bedingung der Erkenntnis überhaupt läßt sich nach
Kant auf die innere Reflexionsstruktur der Urteilskraft zurückführen.
Die teleologische Umschreibung des freien Spiels der Erkenntnis-
kräfte an einer anschaulich gegebenen Vorstellung zu einer Er-
kenntnis überhaupt als ästhetische Darstellung der Zweckmäßigkeit
der Natur sollte hinsichtlich der allgemeinen Naturteleologie er-
sichtlich werden (vgl. § 4). Die Begründung dieser kritischen Natur-
teleologie vollzieht sich nach Kant in zwei Schritten, nämlich in der
transzendentalen Deduktion der subjektiven, bloß formalen Zweck-
mäßigkeit der Natur und in der Ausweitung der teleologischen Be-
urteilung der Natureinheiten auf das »Naturganze (die Welt)« (KU,
361) als System nach Zwecken. Letztere bringt die metaphysische
Tragweite der Zweckmäßigkeit der Natur zum Vorschein. Die Na-
turschönheit und der Organismus sind nur zwei ausgezeichnete Be-
spiele dieser allgemeinen Naturteleologie, die aufgrund der Diskur-
sivität des menschlichen Verstandes notwendig in den anschauli-
chen und den begrifflichen Teil zerlegt wird.

34
Siehe § 4.3, S. 285 ff.

24
Weil Kant die Reflexionsstruktur der Urteilskraft zusammen mit
der Deduktion der reinen Geschmacksurteile erörtert, läßt sich der
volle Sinn der transzendentalen Deduktion der Naturzweckmäßig-
keit erst nach der ästhetischen Deduktion begreifen. Die transzen-
dentale Deduktion wird demnach am Ende der vorliegenden Unter-
suchung (§ 4.4) im Zusammenhang mit der systematischen Bedeu-
tung der ästhetischen Zweckmäßigkeit (§ 4.3) kurz dargestellt. Sie
schließt den Anfang der vorliegenden Untersuchung.
Kant gebraucht den Begriff der Urteilskraft nicht einheitlich. Es
ist hier nicht das Ziel, Kants Theorie der Urteilskraft im strengen
Sinne zu rekonstruieren, sondern vielmehr eine Klärung der ›Ur-
teilskraft‹ und des ›Urteils‹ bei ihm zu suchen, welche ausreichend
für die Erfassung der bestimmenden und der reflektierenden Ur-
teilskraft ist. Diese Fragestellung dient der vorliegenden Untersu-
chung als Leitfaden im Hinblick auf die Vermittlung zwischen der
Gesetzgebung der Natur und der Gesetzgebung der Freiheit. Die
Spontaneität des Erkenntnisvermögens, also die Freiheit im weite-
ren Sinne wird insofern in Betracht gezogen, als sie durch die
»Handlung der Urteilskraft« auf unterschiedliche Weise zum Aus-
druck kommt. So wird Kants These des Übergangs von der Gesetz-
gebung der Natur zur Gesetzgebung der Freiheit im Rückgriff der
kritischen Naturteleologie auf die innersubjektive Teleologie der
Vernunft transzendental erwiesen.

0.3 Voraussetzungen und Grenzen der vorliegenden Un-


tersuchung
Die Kantische Philosophie ist ein uneindeutiges und mit reicher
Problemfülle geladenes, unabgeschlossenes Denksystem. 35 Die
nachkantischen deutschen Idealisten versuchen das Kantische duale
System zu überwinden. Sie führen entweder die Natur auf den Geist
oder den Geist auf die Natur zurück. Oder Natur und Geist werden

35
Vgl. Fr. Kaulbach (1969) S. 333, H. Knittermeyer (1939) S. 138 f., A. Dorner S.
284 f.

25
als zwei dialektische Momente in der in sich kreisenden Denkbewe-
gung des absoluten Geistes angesehen. Ob diese Versuche, unab-
hängig von dem sogenannten Zusammenbruch des deutschen Idea-
lismus nach dem Tod Hegels, gelingen, vermag ich hier nicht zu
beurteilen. Grundsätzlich halte ich das Kantische duale System für
angemessen und leistungsfähig, weil der transzendentale Idealismus
die Welt der endlichen menschlichen Vernunft besser beschreibt.
Das Kantische duale System bedeutet nichts anderes als die Be-
trachtung der Welt aus dualer Perspektive. In der vorliegenden Un-
tersuchung des Prinzips der reflektierenden Urteilskraft wird ver-
sucht, diese Art der dualen Weltbetrachtung zu rechtfertigen. Auf-
grund der methodischen Beschränkung der kritischen Strukturana-
lyse des Kantischen Gedankengangs werden die Voraussetzungen
des transzendentalen Idealismus in der vorliegenden Untersuchung
nicht in strengem Sinne geprüft. Geprüft wird ihre logische Strin-
genz. Diese Voraussetzungen beruhen auf einer transzendental-
metaphysischen Seinsverfassung des Menschen. Kants Philosophie
ist keine Philosophie des Absoluten, sondern der endlichen mensch-
lichen Vernunft.
Die vorliegende Untersuchung setzt keineswegs voraus, daß es
keine anderen beachtenswerten Typen des Philosophierens außer
des Kantischen Systems geben kann. Es gibt auch keine philoso-
phisch zwingenden Gründe, daß man die Voraussetzungen der Kan-
tischen Philosophie akzeptieren und in ihrem Begriffsrahmen den-
ken muß. Es wird aber behauptet und zu rechtfertigen versucht, daß
die Kantische Philosophie im Ganzen ein konsistentes Gedanken-
system ist und sie als ein lebendiges Beispiel zum Philosophieren
dienen kann.
Ein wesentliches Moment der dualen Weltbetrachtung Kants be-
steht im Offenhalten des Urgrundes des Phänomens (vgl. KrV,
BXXX; A286 f./B342 f.). Der transzendentale Idealismus sucht,
zwischen Empirismus (Skeptizismus) und Rationalismus (Dogma-
tismus) in der neuzeitlichen Metaphysik durch eine kritische Theo-
rie der Subjektivität zu vermitteln, die aller Subjekt-Objekt-Bezie-

26
hung vorgeht, sie konstituiert und dadurch ermöglicht.36 Der Ur-
grund des Phänomens ist uns zwar theoretisch nicht erkennbar, aber
er muß bei menschlichem Erkennen dennoch angenommen werden
als »unbekanntes Etwas«, das uns erscheint, selbst jedoch nicht als
Erscheinung betrachtet wird.37 Denn der Begriff der Erscheinung,
wenn sie als Erfahrung von »Schein« als Trugbild zu unterscheiden
ist, setzt bereits den Begriff eines Noumenon im negativen Sinne
voraus.
»Der Verstand also, eben dadurch, daß er Erscheinungen an-
nimmt, gesteht auch das Dasein von Dingen an sich selbst zu,
und so fern können wir sagen, daß die Vorstellung solcher
Wesen, die den Erscheinungen zum Grunde liegen, mithin
bloßer Verstandeswesen nicht allein zulässig, sondern auch
unvermeidlich sei« (Prol., A105/IV315).
Abgesehen von der sachlich-terminologischen Schwierigkeit ist
Kants Absicht bei der Unterscheidung zwischen Erscheinung und
Ding an sich insofern eindeutig, als diese Unterscheidung sich not-
wendig aus einer dualen Weltbetrachtung aufgrund der Diskursivi-
tät des menschlichen Verstandes ergibt (vgl. KrV, BXIX Anm.,
A38/B55). Dem endlichen menschlichen Verstand muß bei seiner
Erkenntnis der Gegenstände notwendig etwas Mannigfaltiges gege-
ben werden, wenn er darauf Anspruch erhebt, daß seine Erkenntnis
die Erkenntnis der Natur und keine bloße Phantasie ist. Nach Kant
können wir überhaupt nicht wissen (weder bejahen noch verneinen),
daß die uns mögliche Erkenntnis der Natur mit deren An-sich-Be-
schaffenheit übereinstimme. Dies weiß allein Gott. Das Übersinnli-
che kann nur aufgrund des intelligiblen Vermögens des Menschen,
nämlich der Freiheit seine praktische reale Bedeutung gewinnen.
Die transzendentalen Ideen dienen hier dem Subjekt Mensch nur zu
intellektueller Selbstbestimmung, nicht zu empirischer Bestimmung
seiner selbst. Auf dem Hintergrund der bisherigen Erörterung,

36
In 60er Jahren vertritt Kant selbst eine Position des Skeptizismus, der z.B. in
Träume eines Geistersehers (1766) dargestellt wird.
37
Vgl. KrV, A256/B312, A288/B344; KpV, A9/V6; KU, LVI, 245, 374.

27
möchte ich zwei Thesen aufstellen, die als Resultate der vorliegen-
den Untersuchung angesehen werden können.
Erstens, die KrV ist ein unvollendetes Werk. Die Resultate seiner
Teilstücke sollten unter dem Gesichtspunkt ihrer jeweiligen Zielset-
zung geprüft werden. Zum mindesten werden die Lehre vom Sche-
matismus und die Ideenlehre in der Weiterführung der KrV bis zum
Opus postumum als ergänzungsbedürftig angesehen. Trotz dieses
Sachverhaltes werden die Hauptresultate der KrV von Kant fest-
gehalten (vgl. z.B. KU, Einleitung § 1 – § 3). Sie setzt eine Urteils-
logik voraus, die auf der Aristotelischen Tradition beruht. Kants
Transzendentallogik bedient sich des logisch-ontologischen Denk-
modells, das die Möglichkeit des »vollständigen Begriffs«, also
eines individuellen und nicht-diskursiven Begriffs für Menschen
ausschließt. Die Erkenntnis im eigentlichen Sinne besteht daher
nach Kant im gegenstandsgemäßen Urteil, weil das Erkennen für
den menschlichen Verstand nichts anderes als das Vereinigen von
Anschauung und Begriff ist.
Kant gebraucht den Begriff ›Erfahrung‹ nicht eindeutig. In der
KrV wird die Gesetzlichkeit der Erfahrung überhaupt, also die all-
gemeine Natur thematisiert, welche nicht nur für die wissenschaftli-
che, sondern auch für die alltägliche Erfahrung gilt. Daß Kant in der
KrV den Erfahrungsbegriff im Sinne der Gegenstandserkenntnis
einengt, erweckt den Anschein, als ob die KrV eine bloße Erkennt-
nistheorie ohne ontologische Bedeutung und die Idee eine bloße
»Fiktion« wäre. Die kritische Theorie der Erfahrung ist aber
zugleich eine »Ontologie der Erscheinung«, und die Idee ist nach
Kant auch kein bloßer formaler Methodenbegriff, vielmehr trägt sie
in sich einen bestimmten Gehalt als Prinzip. Die Idee ist das Unbe-
dingte, das Übersinnliche, der notwendige Begriff der Vernunft.38
38
Kants kritische Umwälzung der Platonischen Ideenlehre ist in erster Linie von
moralisch-praktischen Gesichtspunkten geleitet. In diesem Sinne betrachtet sich
Kant selbst als Platoniker (vgl. KrV, A314 ff./B371 ff.; ferner § 2, S. 87 f.).
»P l a t o bemerkte sehr wohl, daß unsere Erkenntniskraft ein weit höheres Be-
dürfnis fühle, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit buchstabieren,
um sie als Erfahrung lesen zu können, und daß unsere Vernunft natürlicher
Weise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, die viel weiter gehen, als daß irgend
ein Gegenstand, den Erfahrung geben kann, jemals mit ihnen kongruieren kön-

28
Sie ist zwar auf dem Weg der Verstandeserkenntnis unerschließbar,
aber die Möglichkeit der Erfahrung setzt bereits die nicht-kategori-
ale Existenz des Übersinnlichen voraus. In diesem Sinne ist bereits
in der KrV eine positivistische Kant-Deutung nicht ohne weiteres
zulässig. Die Einengung des Erfahrungsbegriffs bereitet aber dem
Kantischen System selbst sachlich-terminologische Schwierigkeiten.
Wie ist der systematische Ort einer nicht-gegenständlichen Erfah-
rung in der Welt der Erfahrung denkbar? Wie ist die Lebenswelt
möglich? Ist sie subjektiv gesehen eine mit Gefühl gefärbte und
objektiv betrachtet eine mit Sinn und Bedeutung erfüllte Gegen-
standswelt? Ist die Lebenswelt bloß ein Aggregat und kein System?
Mit solchen Fragen bewegt man sich schon im Denkhorizont der
KU, in der gezeigt werden soll, daß die Urteilskraft ursprünglich
und unabhängig von aller Erfahrung die Welt des erkennenden, füh-
lenden und handelnden Subjekts Mensch durch das kritische teleo-
logische Prinzip gestaltet. Hier wird ersichtlich, daß die theoretische
Fundierung der apriorischen Gesetzlichkeit der Erscheinungswelt in
der KrV nur ein abstrahierender Aspekt der Weltgestaltung des
menschlichen Geistes ist. In der KU legt Kant deshalb großen Wert
auf die apriorisch konstitutive Leistung der Urteilskraft für das
Vermögen der Lust und Unlust, weil ein nicht kategorial objekti-
vierbares, ganzheitliches Gefühl des Lebens die ursprüngliche Ein-
heit der Weltgestaltung deutlich zum Vorschein bringt. In diesem
sogenannten »Weltgefühl« zeigt sich die intellektuelle, innerliche
Vereinigung von Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft durch die
kontemplative, unvoreingenommene Beurteilung der Urteilskraft.
Zweitens, die Natur bzw. Welt wird in der KU auf vielfältige
Weise reflektiert. Die Perspektiven der reflektierenden Urteilskraft,
die hier bloß thematisch nebeneinander ohne Rücksicht auf ihre
Überlagerung dargestellt werden, sind subjektiv-transzendental (er-
fahrungsermöglichend), anthropologisch, empirisch-kognitiv, wis-
senschaftlich-methodologisch, ästhetisch, physisch- und moralisch-
teleologisch, theologisch und religionsphilosophisch. Der Natur-
begriff der KU kann deshalb kaum auf irgendeiner Dimension ein-

ne, die aber nichtsdestoweniger ihre Realität haben und keineswegs bloße
Hirngespinste sind« (KrV, A314/B370 f.).

29
deutig fixiert werden. Anders als die Eindimensionalität der ob-
jektiv-formalen Gesetzlichkeit des Verstandes für die sinnliche Na-
tur und der Vernunft für die übersinnliche Freiheit wird in der KU
die Einheit der dualen Weltbetrachtung in Betracht gezogen. Hier
wird die »ideehafte« Erscheinung ästhetisch und organisch-teleolo-
gisch »erfahren«. Diese Erfahrung der reflektierenden Urteilskraft
ist nach Kant keine bestimmende Erkenntnis. Sie ist nicht begriff-
lich objektivierbar und damit erkennbar. In dieser Erfahrung der
Naturzweckmäßigkeit zeigt sich grundsätzlich die Vereinbarkeit
von Natur und Freiheit. Die KU bewegt sich lediglich im Denkhori-
zont der Kritik. Sie zielt aber letztendlich auf eine transzendentale
Anthropologie, die erst in der Ideenlehre des Opus postumum ihren
höchsten Standpunkt erreicht.

0.4 Überblick und Gliederung


In den beiden Einleitungen spricht Kant vom Vorrang der Ȁsthe-
tik« vor der »Teleologie«. Dieser methodische Vorrang hat hier mit
dem System des Gemüts und mit dem konstitutiven Prinzip der äs-
thetischen Urteilskraft für das Vermögen der Lust und Unlust zu tun.
Aber das ist nur ein Aspekt. Wenn unter Teleologie die allgemeine
Zweckmäßigkeit der Natur für unser Erkenntnisvermögen verstan-
den wird, dann hat diese im weiteren Sinne aufgefaßte »Teleologie«
einen prinzipiellen, systematischen Vorrang vor der »Ästhetik«,
denn die »Ästhetik« wird in der KU unter diesem Aspekt untersucht.
Die ästhetische Zweckmäßigkeit hat eine tiefere Beziehung zum
allgemeinen Prinzip der Urteilskraft als die organisch-teleologische,
weil sie eine reine Anwendung dessen ist. Im reinen Geschmacksur-
teil kommt die bloß reflektierende Urteilskraft am deutlichsten zum
Vorschein.
Vor diesem Hintergrund wird die vorliegende Untersuchung zu
Kants Theorie der Urteilskraft, welche von der Strukturanalyse des
Sach- und Systemproblems der kritischen Teleologie geleitet wird,
folgendermaßen gegliedert.

30
In § 1 wird auf die Unterscheidung von bestimmender und re-
flektierender Urteilskraft eingegangen. Die Hauptfrage ist hierbei,
inwiefern diese wichtige Unterscheidung im Rekurs auf die Dis-
kursivität des menschlichen Verstandes aufrechterhalten wird. Um
die Selbstgesetzlichkeit der Urteilskraft von ihrer Heterogenität her-
vorzuheben, führt Kant eine neue Terminologie, nämlich die der
reflektierenden Urteilskraft in die Philosophie ein. Die reflektie-
rende Urteilskraft erfaßt alle Funktionen unseres Erkenntnisvermö-
gens, die nicht objektiv gesetzgebend sind. Diese Unterscheidung
wird aber in den beiden Einleitungen zur KU ausschließlich unter
dem logischen (kognitiven) Aspekt hinsichtlich der transzendenta-
len Deduktion der Zweckmäßigkeit der Natur getroffen. Sie ist für
die Erfassung der ganzen Breite der Funktion der reflektierenden
Urteilskraft ungenügend. Es fehlt eine umfassende »Definition« der
Urteilskraft, welche ihren reflektierenden und bestimmenden Ge-
brauch erfaßt. Es ist beispielsweise nicht klar, wie die bestimmende
und die reflektierende Urteilskraft beim empirischen Bestimmen
zusammen fungieren. Auf das Problem wird in § 3 (S. 196 ff.) bei
der Heuristik des »vorläufigen Urteilens« noch näher eingegangen.
Dieses Defizit wird durch den Aspekt der Urteilskraft als Instanz
der Ausführung der Vernunftgesetze behoben. Kant zufolge emp-
fiehlt es sich nicht, den Weg der dialektischen Auffassung der re-
flektierenden Urteilskraft zu beschreiten, weil diese die heautonome
Funktion derselben verdecken würde. Ziel ist es, das Hindernis im
Verständnis der transzendentalen Deduktion der Zweckmäßigkeit
der Natur durch die Klärung der Äquivokation des Bestimmens
auszuräumen. Diese Deduktion beruht auf Kants transzendentalem
Idealismus, nach dem das Subjekt selbst Schöpfer der Welt als Er-
scheinung ist, die notwendig auf das Übersinnliche verweist, das
zwar nicht erkannt wird, aber uns immer zum Denken veranlaßt.
Die ontologische Wirklichkeit des Übersinnlichen kann und muß
sich nach Kant durch die Tat der Freiheit in der Welt dartun.
In § 2 werden die Heautonomie der Urteilskraft und ihre Ver-
mittlungsfunktion thematisiert, indem die teleologische Weltverfas-
sung im Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur verdeutlicht wird.
Hier wird argumentiert, daß der Mensch das Subjekt des Übergangs

31
von der Natur zur Freiheit ist. Hervorgehoben werden sein Reflexi-
onsvermögen und seine nicht moralneutrale pragmatische Weltges-
taltung, weil die »Klugheit« nach Kant letztendlich vom moralisch-
teleologischen Weltprinzip geleitet werden soll und muß. Die
Selbstgesetzlichkeit der bloß reflektierenden Urteilskraft charakteri-
siert einen ursprünglichen Aspekt der Kritik als Selbstkritik. Die
Heautonomie der Urteilskraft sollte aber nicht überinterpretiert
werden, weil aus ihr keine objektivierbare Objektbestimmung ent-
springen kann. Die Vermittlungsfunktion der Urteilskraft läßt sich
aus einer Tabelle (S. 149 f.) ersehen, in der der systematische Zu-
sammenhang der drei Erkenntnisvermögen bei Kant ohne weitere
Kommentierung zusammengestellt ist.
In § 3 wird auf die Problematik der umfassenden Bestimmung
der Urteilskraft rekurriert. Erwogen werden drei mögliche Auffas-
sungen: denkende Subsumtion, die Reflexion und die Darstellung.
Kants Bestimmung der Urteilskraft ist an ihrem logisch-gnoseologi-
schen Gebrauch orientiert. Es wird argumentiert, daß der Begriff
der Darstellung umfassender und passender als der Begriff der Sub-
sumtion das Wesen und die Funktion der Urteilskraft erfaßt. Die
Kantische Charakterisierung der Spontaneität des Denkens durch
die Reflexion läßt sich in Verbindung mit der teleologischen Auf-
fassung der Vernunft als subjektive Bedingung des Erkennens ver-
ständlich machen. Herausgehoben wird die heuristische und kriti-
sche Funktion der reflektierenden Urteilskraft beim vorläufigen
Urteilen (vgl. S. 199 ff.). In der Erläuterung des Begriffs ›Darstel-
lung‹ wird das allgemeine Verfahren der ästhetischen Reflexion als
die Darstellung eines unbestimmten Begriffs charakterisiert.
In § 4 wird die transzendentale Deduktion der reinen Ge-
schmacksurteile fokussiert. Kant rechtfertigt die subjektive Allge-
meingültigkeit derselben im Rekurs auf das allgemeine Verfahren
der Urteilskraft. Festgehalten werden soll der Unterschied zwischen
ästhetischer und kognitiver Harmonie der Erkenntniskräfte. Die
Apriorität der reinen Geschmacksurteile beruht auf der Autonomie
der ästhetisch reflektierenden Urteilskraft. Betont wird Kants An-
wendung der transzendentalen Methode auf die Analyse der ästheti-
schen Erfahrung. Die Lust an der »freien Schönheit« ist eine Lust

32
der bloßen Reflexion über die Form eines anschaulich gegebenen
Gegenstandes. Die ästhetische Freiheit zeigt sich darin, daß im Ge-
schmacksurteil alle beteiligten Erkenntniskräfte nicht nur ihre eige-
ne Freiheit (Spontaneität) erhalten, sondern zugleich auch wechsel-
seitig befördern. Es wird versucht, den Sinn der Zweckmäßigkeit
der Natur und ihre systematische Bedeutung herauszukristallisieren.

33
§ 1 Bestimmende und reflektierende Urteilskraft

Kant konzipiert seine Transzendentalphilosophie anhand der Ver-


mögenslehre der Schulphilosophie, die nach ihm bloß als Leitfaden
zur transzendentalen Untersuchung des unterschiedlichen Ge-
brauchs ein und derselben Vernunft und zur Entdeckung seiner apri-
orisch gesetzgebenden Prinzipien dient.1 Kant grenzt die transzen-
dentale Untersuchung, die auf die Frage nach der »Bedingung der
Möglichkeit« der Urteile (quid juris) zielt, streng von der empirisch-
psychologischen (quid facti) ab. Der transzendentalen Untersu-
chung des Erkenntnisvermögens geht es nicht darum, »was ge-
schieht, d.i. nach welcher Regel unsere Erkenntniskräfte ihr Spiel
wirklich treiben, und wie geurteilt wird, sondern wie geurteilt wer-
den soll«2. Dieser transzendentalen Einstellung wird oft Formalis-
mus vorgeworfen. In gewissem Sinne geschieht dies zu Unrecht,
weil eines der Hauptanliegen der Transzendentalphilosophie darin
besteht, die Bedingungen der Anwendung der uns a priori gegebe-
nen Begriffe auf Erscheinungen anzugeben. Das Problem der An-
wendung bzw. der Realisierung gehört zur Hauptaufgabe der Ur-
teilskraft.
Die »Lehre der Urteilskraft« ist, so behauptet J. Meyer (S. 77),
»für das richtige Verständnis des Kerns der Kantischen Gedanken-
gänge« in der KU »entbehrlich«, und darf »nur als scholastisches
Beiwerk ohne wesentliche Bedeutung betrachtet werden«. Es wird
sich aber zeigen, daß eine angemessene Auslegung der Urteilskraft
zum Verständnis des Kerns der Gedankengänge in der KU sehr
wohl etwas beitragen kann.

1
Zur systematischen Funktion der zweifachen Dreiteilung des gesamten Vermö-
gens des Gemüts vgl. Kants Selbstgeständnis in dem berühmten Brief an Rein-
hold vom 28.12.1787, 335; ferner EE, § II f.; KU, § III u. IX.
2
KU, XXXI; vgl. 66, 112 f., 130 f., 143 f.; EE, XX230 ff., 238 ff.; KrV, A84
ff./B116 ff., A840/B869; dazu auch Kants Behandlung von Vermögen in der
Anthropologie A14 f./VII134; A115 ff./VII196 ff., A168 ff./VII230 ff., A184
ff./VII239 ff., A203 ff./VII251 ff.
Im Hinblick auf die Unterscheidung von bestimmender und re-
flektierender Urteilskraft besteht in beiden Einleitungen kein we-
sentlicher Unterschied, außer in der generellen Differenz der Text-
gestaltung. Kants Darstellung dieser wichtigen Unterscheidung ist
nicht ohne weiteres klar, sondern eher irreführend.3 So stellen sich
folgende Fragen: Kann diese Unterscheidung Gültigkeit beanspru-
chen?4 Worin liegt der Unterscheidungsgrund? Wie hängt die re-
flektierende Urteilskraft mit der bestimmenden zusammen?5 Ist die
reflektierende Urteilskraft mit dem hypothetischen Gebrauch der
Vernunft identisch?6 Oder ist sie der Sache nach nicht schon impli-
zit in der transzendentalen Analytik der KrV in Ansehung der empi-
rischen Urteilskraft enthalten?7 Im folgenden werden diese Fragen
untersucht.
Zuerst soll hierzu die entscheidende Stelle zur Definition der Un-
terscheidung von bestimmender und reflektierender Urteilskraft in

3
Vgl. z.B. J. Kulenkampff (1994) S. 45; R. Zocher (1959) S. 75.
4
F. P. van de Pitte und K. Marc-Wogau (S. 11) z.B. verneinen diese Frage. Pitte
verwechselt jedoch die Verfahrensweise mit dem Anwendungsbereich der bei-
den Arten der Urteilskraft (vgl. van de Pitte S. 449 f.). Man kann aber über ei-
nen Gegenstand reflektieren und denselben Gegenstand bestimmen.
5
M. Liedtke (1964, insb. Behauptung 3 u. 4.) versucht ausgehend vom Begriff
der Reflexion (S. 155 f.) den Zusammenhang zwischen den Arten der Urteils-
kraft zu zeigen. K. Marc-Wogau (S. 4 ff., insb. 9 f.) hingegen glaubt ein dialek-
tisches Moment bei Kants Begriffen vom »Bestimmen« und »Reflektieren« zu
entdecken. Ähnlich wie Marc-Wogau meint B. Liebrucks (1966, 309 ff.) im
Hinblick auf die teleologische Antinomie, daß die reflektierende Urteilskraft
die »dialektische Aufhebung« (ebd. S. 265) der bestimmenden sei und folglich
in sich die bestimmende als Moment enthalte. Im Fortgang der Leitfadenfunk-
tion der reflektierenden Urteilskraft zur Entdeckung der Objektbestimmungen
entpuppt sich, glaubt Liebrucks, ein Widerspruch. »Der Kantische Versuch der
Trennung der reflektierenden und der bestimmenden Urteilskraft erwies sich
insofern als mißglückt, als die reflektierende Urteilskraft zwar das ›als ob‹ vor
ihre Sätze setzte, von da ab aber als bestimmende auftrat« (ebd., S. 316).
6
Die meisten Autoren sprechen sich dafür aus, daß sich die reflektierende Ur-
teilskraft aus dem hypothetischen Vernunftgebrauch entwickelt; dem wider-
sprechen z.B. W. Bartuschat (1972, S. 52), H. Mertens (S. 36 f.), R. A. Mak-
kreel (1991 u. 1997, S. 79) u. J. Peter.
7
M. Liedtke (1964) z.B. bejaht dies, W. Bartuschat (1972) verneint es und J.
Peter schließt sich ihm an.

35
der von Kant selbst publizierten Einleitung der KU vorgestellt wer-
den, um anschließend die ausführliche aber nicht immer eindeutige
Darstellung aus der EE zur Erläuterung heranzuziehen.
»Urteilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als
enthalten unter dem Allgemeinen zu denken. Ist das Allge-
meine (die Regel, das Prinzip, das Gesetz) gegeben, so ist die
Urteilskraft, welche das Besondere darunter subsumiert,
(auch, wenn sie als transzendentale Urteilskraft a priori die
Bedingungen angibt, welchen gemäß allein unter jenem All-
gemeinen subsumiert werden kann) b e s t i m m e n d . Ist aber
nur das Besondere gegeben, wozu sie das Allgemeine finden
soll, so ist die Urteilskraft bloß r e f l e k t i e r e n d « (KU, § IV,
XXV f.).
Zur ersten Orientierung mag diese kurze Formulierung dienlich
sein, mehr kann sie aber nicht leisten. Denn das Wesen und die
Funktion der Urteilskraft werden nur unter subjektiven und objekti-
ven Gesichtspunkten vollständig sichtbar. Zuerst wird die Unter-
scheidung von bestimmender und reflektierender Urteilskraft unter
dem objektiven Aspekt getroffen. Die subjektive Seite wird von
Kant gemäß dem Begriff der Reflexion (oder der Darstellung) und
insbesondere in bezug auf die ästhetisch reflektierende Urteilskraft
unter dem Aspekt der subjektiven Bedingung eines Urteils über-
haupt erst exponiert (vgl. KU, § 9, 21, 35, 38). Der wesentliche Un-
terschied zwischen beiden Arten der Urteilskraft liegt in der Be-
stimmtheit (bzw. Unbestimmtheit) der Subsumtion. Die Reihen-
folge, wobei das Allgemeine (bzw. das Besondere) zuerst gegeben
und das Besondere (bzw. das Allgemeine) dann gesucht wird, cha-
rakterisiert nur einen ausgezeichneten Fall, sie ist aber als Kennzei-
chen für die Unterscheidung nicht nur nicht hinreichend, sondern
geradezu irreführend. Der Grund für diese Unterscheidung wird von
Kant auf die Diskursivität des menschlichen Verstandes zurückge-
führt, d.h. er ergibt sich aus dem transzendentalphilosophischen
Grund und nicht aus dem psychologischen.8

8
Zur Zurückweisung der psychologischen Deutung vgl. K. Marc-Wogau S. 13 f.

36
1.1 Bestimmen bei der transzendentalen und empirischen
Urteilskraft
Objektiv betrachtet hat die Urteilskraft die Aufgabe, die Unterord-
nung des Besonderen unter ein Allgemeines zu vollziehen. Mit an-
deren Worten macht die Urteilskraft durch ihren Akt des Urteilens
Begriffe (bzw. Regeln) brauchbar. »In jedem Urteil ist ein Begriff,
der für viele gilt, und unter diesem Vielen auch eine gegebene Vor-
stellung begreift, welche letztere [dann] auf den Gegenstand unmit-
telbar bezogen wird« (KrV, A68/B93). Begriffe als »Prädikate mög-
licher Urteile« (KrV, A69/B94) dienen einerseits als Erkenntnis-
grund, unter dem mehrere Vorstellungen enthalten sind. Unter er-
kenntnistheoretischem Gesichtspunkt sind Begriffe andererseits
Merkmale, d.h. Teilvorstellungen, die in vielen Vorstellungen ge-
mein und enthalten sind.9 Begriffe als Prädikate möglicher Urteile
haben nach Kant die »Funktion«10 eines Urteils, d.h. sie enthalten
Bedingungen zu Regeln (vgl. KrV, A159/B198). Regel11 (bzw. Ur-
teil) heißt »die Vorstellung einer allgemeinen Bedingung, nach wel-
cher ein gewisses Mannigfaltige, (mithin auf einerlei Art) gesetzt

9
Zum Begriff als Merkmal vgl. z.B. Fortschritte, A46 f./XX273 f.; Wiener Logik,
XXIV910 f.; Logik-Dohna, XXIV753 f.; Jäsche Logik, § 7 u. 13; R2279 ff.,
XVI297 ff.; R2877, XVI556; R2902, XVI567; R4634, XVII616 f.
10
»Ein Begrif hat vermöge seiner Gemeingültigkeit die function eines Urtheils.
Er bezieht sich auf andere Begriffe potentialiter. Die [w]irkliche Beziehung ei-
nes Begrifs auf andere als ein Mittel ihrer Erkentnis ist das Urtheil. […] Ein
Urtheil ist die Einheit eines Begrifs aus dem Verhältniß (Verknüpfung) ver-
schiedener Begriffe« (R3045, XVI630).
Es ist aber zwischen Begriff und Urteil zu unterscheiden. Begriffe werden in
Urteilen gebraucht. Begriffe als Prädikate möglicher Urteile sind noch keine
Urteile, sondern enthalten Bedingungen zu Regeln (bzw. Urteilen). Als solche
sind sie Prädikatsvariablen, folglich an sich unbestimmt (vgl. MAN,
A141/IV556). Ihre Anwendbarkeit im Urteil macht ihr Wesen als Begriffe
(Allgemeinheit) aus. »B e g r i f f e gehören zu einem Bewustseyn nur dadurch,
daß sie unter, nicht neben einander (wie E m p f i n d u n g e n ) gedacht werden«
(R3051, XVI633). Begriffe beruhen also auf »Funktionen« (vgl. KrV,
A68/B93). – Zum Begriff der »Funktion« bei Kant vgl. P. Schulthess S. 267-
276 und 217-259.
11
Vgl. Prol., § 23; R5750 f., XVIII343; R3202, XVI710; R4809, XVII735.

37
werden kann« (KrV, A113). Urteil ist eine »Funktion«. Unter
›Funktion‹ versteht Kant in Analogie zur mathematischen Bedeu-
tung des Wortes »die Einheit der Handlung, verschiedene Vorstel-
lungen unter einer gemeinschaftlichen zu ordnen« (KrV, A68/B93).
Urteil wird von Kant in zweifachem Sinne gebraucht, einmal als der
Akt des Urteilens selbst und einmal als das Produkt desselben.
Dementsprechend wird der Begriff ›Funktion‹ einmal als die nach
bestimmten Regeln einheitstiftende Handlung, einmal als Funk-
tionswert gebraucht.12 Funktion ist nicht die Handlung des Unter-
ordnens selbst, sondern die Funktion bringt der Handlung Einheit
nach einer vorgegebenen Anweisung.13 Der Verstand als Vermögen
der Regeln stiftet der Urteilskraft als Vermögen der Subsumtion die
Einheit. Ob die Einheit subjektiv oder objektiv, analytisch oder syn-
thetisch ist, bleibt unausgemacht, denn hier ist von dem »V e r -
s t a n d überhaupt als ein V e r mö g e n z u u r t e i l e n « (KrV,
A69/B94) die Rede.14 Urteilskraft als ein Vermögen der Subsum-
tion ist also ein Moment der »Funktion« zu urteilen überhaupt,
nämlich die »Handlung, verschiedene Vorstellungen unter einer
gemeinschaftlichen zu ordnen«.
Anhand des Begriffs ›Funktion‹ läßt sich die logische bzw. trans-
zendentallogische Struktur eines Urteils überhaupt begreiflich ma-
chen. Die Urteilskraft bedarf einer Regel (Gesetz oder Prinzip), um
die Subsumtion zu vollziehen. Die Urteilsintention besteht dann

12
Funktion als Funktionswert (abhängige Variable) zu gebrauchen, ist zu Kants
Zeit unter Mathematikern und noch bis zu Zeiten Freges üblich. Vgl. dazu P.
Schulthess S. 272, 239. – Die mathematische Funktion wird durch drei Mo-
mente festgelegt: 1. Definitionsbereich (hier: Menge von Vorstellungen, die
sich mittelbar oder unmittelbar auf Gegenstände beziehen), 2. Wertebereich
(hier: Menge von den Urteilen als Funktionswerte, den Ergebnissen des Urtei-
lens) und 3. Funktionsvorschrift (Zuordnungsanweisung, oder unter irgendeiner
Bedingung stehend, wie Kant es formuliert). Funktion ist also die Handlung,
Elemente vom Definitionsbereich nach vorgegebener Zuordnungsvorschrift
eindeutig zu Elementen des Wertebereiches abzubilden.
13
Vgl. P. Schulthess S. 267; K. Düsing (1986) S. 61; B. Longuenesse S. 142.
14
Zum logischen Verstandesgebrauch überhaupt vgl. R. Brandt (1991) S. 46 ff.,
und zum Verhältnis von Verstand und Vernunft unter rein logischem Aspekt
vgl. ebd. S. 50 f. – Zur subjektiven und objektiven Einheit des Bewußtseins vgl.
§ 3, Anm. 10 (S. 156 f.).

38
darin, Wahrheit oder Irrtum eines Urteils festzustellen, nämlich zu
prüfen, ob die Unterordnung im Urteil der gegebenen Regel gemäß
vollzogen wird. In einem kategorischen Urteil ist z.B. die Bedin-
gung so zu urteilen die Bestimmung des Urteilssubjektes.15 »Z.E.
wenn ich sage: ein Mensch ist sträflich, so sehe ich, daß ohne Be-
dingung dieses dem Begriffe des Menschen gar nicht zukommt.
Sage ich aber: ein Mensch, der lasterhaft ist, ist sträflich: so ist das
Lasterhaft[-]seyn die Bestimmung des Subjectes« (Wiener Logik,
XXIV932). Als weiteres Beispiel mag die Teilbarkeit des Körpers
gelten: »ein jeder Körper als ein ausgedehntes Wesen ist teilbar«16.
Die Bedingung der (transzendentalen oder empirischen) Wahrheit
eines Urteils ist nach Kant kein Thema der formalen Logik, sondern
gehört zur transzendentalen Logik. Denn die Wahrheit bzw. die
Falschheit eines Urteils zu entscheiden, bedarf über den Umfang
eines Begriffs und die bloße Form eines Urteils hinaus des Inhalts
der Begriffe und des Wahrheitskriteriums der Unterordnung.17 Laut
der KrV sind alle Urteile nach Kategorien und Grundsätzen des rei-
nen Verstandes wahrheitsdifferent (objektiv gültig), nämlich (trans-
zendental) bestimmend.18 Die Kategorien als formende Formen von

15
»(Jedes Urteil hat die Bedingung der Wahrheit – der Grund, warum man ihm
ein Prädikat beilegt.) In jedem Urteil muß doch im Subjekt was sein, welches
macht, daß ihm das Prädikat beigelegt wird und dieses nennt man die Bedin-
gung« (Logik-Dohna, XXIV764).
16
Logik-Dohna, XXIV764; vgl. dazu KrV, A27/B43.
17
»Die allgemeine Logik abstrahiert, wie wir gewiesen, von allem Inhalt der
Erkenntnis, d. i. von aller Beziehung derselben auf das Objekt, und betrachtet
nur die logische Form im Verhältnisse der Erkenntnisse aufeinander, d.i. die
Form des Denkens überhaupt« (KrV, A55/B79). Ferner vgl. A57/B81 f., A76
f./B102, A132 f./B171 f.
18
»Ein Urteil, welches ausmacht, was wahr oder falsch [ist], heißt bestimmend«
(Logik-Dohna, XXIV772). Andererseits sind Kategorien »Begriffe von einem
Gegenstande überhaupt, dadurch dessen Anschauung in Ansehung einer der
l o g i s c h e n F u n k t i o n e n zu Urteilen als b e s t i m m t angesehen wird« (KrV,
B128, vgl. B143). Nicht alle bestimmenden (objektiv gültigen) Urteile sind
wahr, sondern wahrheitsdifferent (vgl. KrV, A760/B788). Nach G. Prauss
(1971, S. 86 f.) ist die Unterscheidung zwischen objektiver Gültigkeit und
Wahrheit bei Kant durchaus deutlich. In manchen Textstellen, insbesondere
dort, wo von »transzendentaler Wahrheit« der Grundsätze die Rede ist

39
objektiven Inhalten überhaupt bilden ein System der Denkhandlun-
gen des Verstandes, welches apriorische Erkenntnisse von Gegen-
ständen überhaupt (Gegenständlichkeit) ermöglicht. Die Kategorien
als reine Verstandesbegriffe können nicht direkt auf Erscheinungen
angewendet werden, denn sie sind nicht von sinnlichen Vorstellun-
gen abstrahiert, und folglich sind auch keine Merkmale (Teilvorstel-
lungen) in ihnen enthalten. Die Grundsätze des reinen Verstandes
stellen nichts anderes als ein System der schematisierten Kategorien
dar, welches die objektiven Bedingungen der Möglichkeit eines
Urteils beschreibt. Erst in Form der Grundsätze bekommt die trans-
zendentale Urteilskraft von den Kategorien ihre objektiven Anwei-
sungen »zu unterscheiden, ob etwas unter einer gegebenen Regel
(casus datae legis) stehe, oder nicht« (KrV, A132/B171). Die sub-
sumierende Funktion der (bestimmenden19) Urteilskraft läßt sich am
besten durch einen kategorischen Vernunftschluß charakterisieren,
in dem der Urteilskraft die Aufgabe zukommt, zu entscheiden, ob
das Subjekt der Konklusion ein Fall der Bedingung der Regel (ma-

(A146/B186; vgl. A237/B296), fallen beide aber zusammen (vgl. A788/B816,


A125, A202/B247).
Die Unterscheidung der objektiven Gültigkeit und der Wahrheit eines Urteils
betrifft die Funktion des Verstandes und der Urteilskraft beim Urteilen. Die
Grundsätze des reinen Verstandes sind sowohl objektiv gültig als auch trans-
zendental wahr. Die Urteilskraft bildet die objektiv gültigen Erfahrungsurteile
nach den transzendentalen Grundsätzen einerseits und stellt andererseits fest,
ob sie auch empirisch wahr sind. Ein objektiv gültiges Urteil ist empirisch
(wirklich) wahr, wenn es mit wirklichen Zusammenhängen der Erfahrung über-
einstimmt (vgl. KrV, A74 f./B100 f., A218/B266, A255 f./B272 f.).
19
Die Urteilskraft ist in der KrV der Tradition gemäß immer die bestimmende
Urteilskraft als Unterscheidungsvermögen. Der Begriff der reflektierenden Ur-
teilskraft stammt von Kant selbst. Sie wird außer der KU und EE in Kants
Druckschriften (außer § 83, bzw. R3282, XVI757 u. § 84 in Jäsche Logik, wel-
che strenggenommen keine Druckschrift von Kant ist) nicht berücksichtigt. Auf
den Grund für diese Zurückhaltung, sei es, wie A. Model es vermutet (1987, S.
111 f. u. 1991, S. 140 f.), ein Zurückschrecken vor der drohenden Sprengung
des Rahmens der Transzendentalphilosophie durch den Begriff der reflektieren-
den Urteilskraft oder sei es, daß die reflektierende Urteilskraft als Spiegelung
von Leibniz’ Grundbegriff der Monade diese Bedeutung außerhalb der KU (als
»Parallelschrift zur ›Monadologie‹ Leibniz’«) verliert, kann hier nicht näher
eingegangen werden.

40
jor) ist (vgl. KrV, A304/B360 f.). Im Verfahren der bestimmenden
Urteilskraft sind die Regeln der Subsumtion – wie im Vernunft-
schluß – schon als bestimmt vorgegeben.
Nun stellt sich die Frage, wie die Regeln der Subsumtion, wenn
sie empirisch sind, zustande kommen, insbesondere wenn nur das
Besondere gegeben ist. Wie kann ein Allgemeines, unter dem das
Besondere subsumiert werden soll, gefunden werden? Was ist die
Bedingung dieser Subsumtion? Ist sie bloß subjektiv und zufällig
oder folgt sie einer bestimmten Regel oder gar einem besonderen
Naturgesetz? Auf welche Prinzipien gründet sich die Notwendigkeit
dieser empirischen Regeln, die nur durch wirkliche Erfahrung er-
kannt werden können?20
Im anfangs angeführten Zitat werden zwei Verfahrensweisen
beim Vorgang der Begriffs- und Urteilsbildung voneinander ge-
trennt dargestellt. Ähnlich wird diese Formulierung in § IV der EE
bei der Auseinandersetzung mit dem transzendentalen Prinzip der
Urteilskraft vor der Behandlung der reflektierenden Urteilskraft (§
V) eingeführt. Die Urteilskraft, heißt es dort, »ist nicht bloß ein
Vermögen, das Besondere unter dem Allgemeinen (dessen Begriff
gegeben ist) zu subsumieren, sondern auch umgekehrt, zu dem Be-
sonderen das Allgemeine zu finden« (EE, XX209 f.). Die Unter-
scheidung von bestimmender und reflektierender Urteilskraft wird
aber in § V der EE (XX211) speziell anhand zweier Arten der empi-
rischen Subsumtion getroffen: Die Urteilskraft ist bloß reflektierend,
wenn sie sich zu einer gegebenen Vorstellung einen dadurch mögli-
chen (empirischen) Begriff nach einem gewissen Prinzip ausdenkt
(vgl. auch KU, 348 f.). Sie ist bestimmend, wenn sie einen gegebe-
nen Begriff sinnlich (anschaulich) macht, d.h. ihm »eine korrespon-
dierende Anschauung zur Seite« stellt (KU, XLIX).21 Diese Formu-
20
Unter diesem erkenntnistheoretischen Gesichtspunkt wird die Unterscheidung
von bestimmender und reflektierender Urteilskraft in beiden Einleitungen im
allgemeinen getroffen. Die Differenzierung der reflektierenden Urteilskraft in
die ästhetische und teleologische wird erst dann unter dem Gesichtspunkt der
Art der Reflexion derselben über konkrete Dinge eingeführt.
21
»Die Urteilskraft kann entweder als bloßes Vermögen, über eine gegebene
Vorstellung, zum Behuf eines dadurch möglichen Begriffs, nach einem gewis-
sen Prinzip zu r e f l e k t i e r e n , oder als ein Vermögen, einen zum Grunde lie-

41
lierung ist insofern unklar, als man gewöhnlich unter ›empirischem
Bestimmen eines Dinges‹ gerade dasjenige verstehen könnte, was
Kant hier als Vorgang der reflektierenden Urteilskraft bezeichnet.
Wir sehen z.B. einen Gegenstand, suchen ihn zu erfassen: Er ist
vierfüßig, haarig, bellend etc. Wir identifizieren ihn als Hund. Die-
ser Vorgang ist nach Kant kein Werk der reflektierenden Urteils-
kraft, sofern vierfüßig, haarig, bellend etc. als Merkmale eines
Hundes, die hinreichend sind, um einen Gegenstand zu indizieren,
schon vorher bestimmt gegeben sind.22 In der KU, bzw. auch schon
in der EE (z.B. XX212) wird diese Unklarheit gelöst: bei der (trans-
zendentalen) bestimmenden Urteilskraft durch den regelgebenden
Charakter des gegebenen Allgemeinen – bei der bloß reflektieren-
den Urteilskraft durch unbestimmten Charakter des noch zu finden-
den Allgemeinen. Das angeführte Zitat weist bereits darauf hin.
Es gilt hier zu betonen, daß bei Kants Methode des Isolierens im-
mer zu beachten ist, daß sie keine ontologische (sachliche) Abtren-
nung, sondern eine methodische Absonderung ist, wodurch die
Grenze der Erkenntnisse gesichert und ein apriorisches Prinzip der-
selben untersucht werden soll.
»Es ist von der äußersten Erheblichkeit, Erkenntnisse, die ih-
rer Gattung und [ihrem] Ursprunge nach von anderen unter-
schieden sind, zu i s o l i e r e n , und sorgfältig zu verhüten, daß
sie nicht mit anderen, mit welchen sie im Gebrauche ge-
wöhnlich verbunden sind, in ein Gemische zusammenflie-
ßen« (KrV, A842/B870).23

genden Begriff durch eine gegebene empirische Vorstellung zu b e s t i m m e n ,


angesehen werden. Im ersten Falle ist sie die r e f l e k t i e r e n d e , im zweiten die
b e s t i m m e n d e U r t e i l s k r a f t « (EE, XX211). – K. Marc-Wogau (S. 9 ff.;
ähnlich J. Kulenkampff 1994, S. 43) hat m.E. recht, wenn er von der Unklarheit
der Kantischen Darstellung des sachlichen Unterschiedes zwischen bestimmen-
der und reflektierender Urteilskraft an dieser Textstelle spricht.
22
Vgl. G. Schönrich (1997) S. 560 ff.
23
Vgl. dazu Brief an Herz Ende 1773, 113 f.; MAN, AXIII ff./IV472 f. – Zur
methodischen Funktion des Isolierens in der Philosophie nach dem Vorbild der
Chemie vgl. z. B. KrV, BXX Anm., A22/B36, A62/B87, A305/B362; KpV,
A291/V163. Kant warnt in einer Anmerkung der ersten Antinomie (KrV,

42
Man soll diese methodische Trennung immer im Auge behalten,
um bei der begrifflichen (dichotomischen) Unterscheidung von be-
stimmender und reflektierender Urteilskraft das (synthetische) Zu-
sammenspiel der beiden unter dem Gesichtspunkt der empirischen24
Urteilskraft nicht aus dem Blick zu verlieren. Kant bemüht sich
zwar darum, begriffliche Unterscheidungen deutlich zu machen,
versäumt aber in den meisten Fällen ihre Einheit verständlich darzu-
stellen.
Die transzendentale Urteilskraft ist nur bestimmend, während die
empirische Urteilskraft bei der Anwendung der Verstandesregeln
auf Erscheinungen die »Erfahrung zur Lehrerin« (KrV, A222/B269)
annehmen muß. Am Begriff der Urteilskraft in der KrV bleibt un-
klar, wie die Urteilskraft überhaupt unter unterschiedlichen Ge-
sichtspunkten differenziert werden kann und wie sich diese Ge-
sichtspunkte aufeinander beziehen können. Dunkel bleibt insbeson-
dere die hier relevante Unterscheidung von transzendentaler und
empirischer Urteilskraft, die Kant zum Teil unter psychologisch-
anthropologischem Gesichtspunkt als unerlernbares »besonderes
Talent« (KrV, A133/B172) charakterisiert. Die transzendentale Ur-

A429/B457) vor der Verwechselung der methodischen Absonderung mit der


ontologischen Abtrennung.
24
Vgl. KrV, A219/B266; KU, XLV; ferner M. Liedtke (1964) S. 5. – Liedtkes
(ebd., S. 140 ff., 156) Gleichsetzung der empirischen Urteilskraft mit der empi-
risch bestimmenden Urteilskraft führt zu einer terminologischen Unklarheit, zu-
mal er letztere auch als reflektierend bezeichnet. Die empirische Urteilskraft hat
einen bestimmenden und reflektierenden Gebrauch, während die transzenden-
tale Urteilskraft bloß bestimmend ist. Es wird sich noch zeigen, daß die »Refle-
xion« der Urteilskraft überhaupt von der »Reflexion« der reflektierenden Ur-
teilskraft zu unterscheiden ist. Man könnte auch sagen, daß die bestimmende
Urteilskraft auch »reflektiert« (vgl. EE, XX212). Denn im Gegensatz zur Re-
zeptivität der Sinnlichkeit »reflektieren« alle Erkenntnisvermögen. – H. Busche
(S. 4 ff.) setzt die bestimmende Urteilskraft (apodiktischer Vernunftgebrauch)
der transzendentalen Urteilskraft (dem transzendentalen Bestimmen) gleich. Er
erweckt dadurch fälschlich den Eindruck, daß die reflektierende Urteilskraft
(hypothetischer Vernunftgebrauch) mit der empirischen Urteilskraft (dem em-
pirischen Bestimmen) identisch sei. – Ch. Wohlers (S. 199, 20 f.) setzt sogar
Verstand mit der bestimmenden Urteilskraft in Ansehung der Natur und Ver-
nunft mit der reflektierenden Urteilskraft in Ansehung der Welt gleich.

43
teilskraft könnte in Gegenüberstellung zur empirischen Urteilskraft
als empirischer Gebrauch des Verstandes in abstracto angesehen
werden. 25 Sie verwendetet Kategorien vermittels Schemata, also
schematisierte Kategorien auf reine Anschauungen und bildet die
synthetischen Urteile a priori.26 Aber nach Kant kommt der trans-
zendentalen Urteilskraft auch die Aufgabe zu, die Schemata auf
jede empirische Synthesis anzuwenden, welche das Hauptanliegen
des Grundsatzkapitels ist. Es ist das Verfahren systematisch zu zei-
gen, wie die objektiv gültigen Erfahrungsurteile zustande kommen
(vgl. z.B. EE, XX212). Kant scheint zwei inkonsistente Theorien im
Hinblick auf die Beziehung von transzendentalen und empirischen
Gesetzen zu vertreten. Er vermittelt einerseits den Eindruck, eine
starke Trennung von beiden Gesetzen anzunehmen, die einer je
eigenen Gesetzgebung zu folgen scheinen, und zwar dort, wo die
Zufälligkeit der empirischen Gesetze betont wird. 27 Andererseits
müssen die empirischen Gesetze unter transzendentalen Gesetzen
stehen, d.h. empirische Gesetze als solche müssen als Spezifikation
der transzendentalen Gesetze angesehen werden (vgl. KrV, A114,
B163 ff.; KU, § IV f.). Es gibt zwei Möglichkeiten für die Spezifi-
kation: entweder die Notwendigkeit der empirischen Gesetze grün-
det sich auf eine mathematische Konstruktion der den Gesetzen
zugrundeliegenden Begriffe, wobei die Spezifikation folglich kon-
struktiv und apodiktisch gewiß ist, oder die Notwendigkeit dersel-
ben ist bloß induktiv und analogisch, also klassifikatorisch, wobei
die Spezifikation dann nur »distributiv« (KrV, A644/B672) ist und
solche besonderen Gesetze nur empirische Gewißheit haben können
(vgl. MAN, AV ff./IV468 ff.). Die starke Trennung von transzen-
dentalen und empirischen Gesetzen ist nicht kohärent mit Kants
transzendentalem Programm der Begründung der Erfahrungsurteile.
Die transzendentale Urteilskraft spielt bloß die apriorisch gesetzge-
bende Rolle des Verstandes. Die empirische Urteilskraft hingegen
ist ein Vermögen, wirkliche Urteile zu bilden. Sie ist eigentlich das-
jenige, was Kant mit dem Vermögen der Anwendung der Verstan-

25
Vgl. KrV, A219/B266, A148 f./B187 f.; KU, XXVI, XXXII, 311.
26
Vgl. KrV, A135 ff./B174 ff.; EE, XX212.
27
Vgl. z.B. EE, XX208 f., KU, XXXI f.; KrV, A127 f., B165.

44
desgesetze auf Erscheinungen (empirischen Anschauungen) meint
(vgl. Prol., § 22).
Kant beschreibt die Verfahren der bestimmenden und reflektie-
renden Urteilskraft oft in einer Weise, als ob sie gegenläufigen Be-
wegungen folgten.28 Diese Charakterisierung reicht aber nicht aus,
um das Verhältnis von beiden angemessen zu erfassen. Denn nach
dieser Beschreibung fungierten die reflektierende und die bestim-
mende Urteilskraft nicht nur auf ein und derselben Ebene, sondern
auch gegensätzlich zueinander.29 Das ist aber nicht der Fall. Wenn
dem so wäre, bliebe z.B. unverständlich, was für einen Status empi-
rische Urteile (Erfahrungsurteile) haben und wie sie gebildet wer-
den. Mit anderen Worten verfährt die empirische Urteilskraft bei
der konkreten Urteilsbildung, insbesondere bei der Entdeckung der
besonderen Naturgesetze oder bei der Hypothesenbildung, niemals
bloß bestimmend oder reflektierend, sondern umfaßt in ihrem
Gebrauch beide Verfahren. Der richtige (kritische und gereifte)
Gebrauch der Urteilskraft in concreto ist ein Zusammenwirken von
beiden.30 Wie dieses Zusammenwirken möglich ist, bleibt noch zu
untersuchen.31 Die reflektierende Urteilskraft verfährt bei der Syste-

28
Außer den schon zitierten Textstellen vgl. zusätzlich auch in der KU, XVI f.,
311 f.; ferner Anthr., A123/VII201 (Unterscheidung von Urteilskraft und Witz)
oder KrV, A646 f./B 674 f. (Unterscheidung von apodiktischem und hypotheti-
schem Vernunftgebrauch). Kant beschreibt die Schlüsse der Urteilskraft (Ana-
logie und Induktion) im Vergleich mit den Schlüssen der Vernunft (deduktivem
Verfahren) auch in ähnlicher Weise, z.B. KrV, A330 f./B386 f., A429/B 674 f.;
PM160 f.; Logik-Dohna, XXIV771 f., 776 f.; Logik-Busolt, XXIV679 f.; R3200,
XVI709; R3201, XVI710 und Jäsche Logik, § 82-84.
29
F. P. van de Pitte (S. 448) versteht z.B. die Unterscheidung als exklusiv; ihm
widerspricht z.B. P. Guyer (1990, S. 18), J. Floyd (S. 200 f.).
30
Beim konkreten Urteilsvorgang gibt es Grenzfälle, »in denen man nicht mit
Bestimmtheit zu sagen vermag, ob man die Denkhandlung bestimmend oder
reflektierend nennen soll« (W. Frost 1906a, S. 21). Frost ist der Meinung, daß
die Unterscheidung von bestimmender und reflektierender Urteilskraft ein Er-
gebnis der Abstraktion und in manchen Fälle nur eine Frage der Perspektive sei
(vgl. ebd., S. 21 ff.). – Vgl. folgende Anm. 34 (S. 47).
31
Dieses Zusammenwirken ist nicht nur in der alltäglichen und wissenschaftli-
chen Erfahrung, sondern auch in der ästhetischen Erfahrung von Bedeutung,
z.B. in der symbolischen Darstellung eines gegebenen Begriffs durch einen

45
matisierung (Klassifikation) der empirischen Erfahrungserkenntnis-
se nicht nur vom Besonderen (den niederen Arten) zum Allgemei-
nen (den höheren Gattungen) aufsteigend nach dem Prinzip der
Homogenität, sondern auch vom Allgemeinen zum Besonderen
herabsteigend nach dem Prinzip der Spezifikation.32 Sie verbindet
schließlich beide Verfahren nach dem Prinzip der Kontinuität, in
dem alle Arten (Gattungen) als von einer höchsten Gattung abstam-
mend und miteinander verwandt betrachtet werden können.33

ganz anderen Gegenstand der sinnlichen Anschauung (vgl. KU, 256). Zur sym-
bolischen Darstellung vgl. § 3.2.2, S. 212 f.
32
Zur Induktion (nach dem Prinzip der Generalisierung) und Analogie (nach dem
Prinzip der Spezifikation) als Erkenntnismittel der (reflektierenden) Urteilskraft
vgl. § 4, Anm. 53 (S. 284). – Zur Heuristik des »vorläufigen Urteilens« vgl. § 3,
S. 196 ff.
33
Vgl. EE, XX214 f.; KU, XXXV f.; KrV, A657 f./B685 f. An dieser Stelle sei
darauf verwiesen, daß M. Liedtke (1964, S. 151 f.) das Prinzip der Spezifika-
tion das Prinzip der bestimmenden (bzw. unterscheidenden) Urteilskraft und
das Prinzip der Gattungen das Prinzip der reflektierenden (bzw. vergleichenden)
Urteilskraft nennt. Die Verwirrung läßt sich darauf zurückführen, daß er die
Stelle in der KrV A654/B682, in der vom doppelten Interesse der Vernunft
(Scharfsinn und Witz als Denkungsart) die Rede ist, mißdeutet. Die unzutref-
fende Zuordnung der Vernunftprinzipien verwischt die Grenze von konstituti-
vem Verstandesgebrauch und regulativem Vernunftgebrauch, folglich die
Grenze von bestimmender und reflektierender Urteilskraft.
Die Unterscheidung von bestimmender und reflektierender Urteilskraft ist nicht
identisch mit der Unterscheidung von apodiktischem und hypothetischem Ver-
nunftgebrauch (KrV, A646 f./B 674 f.), denn die Unterscheidungen stehen in
völlig verschiedenen Zusammenhängen. Die Vernunft bezieht sich direkt auf
den Verstand. Sie »geht also niemals zunächst auf Erfahrung, oder auf irgend
einen Gegenstand, sondern auf den Verstand, um den mannigfaltigen Erkennt-
nissen desselben Einheit a priori durch Begriffe zu geben« (KrV, A302/B359).
Urteilskraft handelt aber von der wirklichen Erfahrung und geht auf Anschau-
ungen ein. Die Urteilskraft bezieht sich direkt auf die empirische Bestimmung
der Dinge. Darin liegt der wesentliche Unterschied zwischen der reflektieren-
den Urteilskraft und dem hypothetischen Vernunftgebrauch. Der apodiktische
(bzw. hypothetische) Vernunftgebrauch entspricht dem Verfahren der Dedukti-
on (bzw. der Induktion). Im Hinblick auf das induktive Verfahren der Systema-
tisierung der empirischen Erkenntnis übernimmt die reflektierende Urteilskraft
die Funktion des hypothetischen Vernunftgebrauchs.

46
Die Bestimmtheit oder Unbestimmtheit der Subsumtion in einem
Urteil wird nicht im wesentlichen dadurch entschieden, ob im Urteil
das Besondere oder das Allgemeine zuerst gegeben wird,34 sondern
vielmehr dadurch, ob die Subsumtion nach bestimmten (bzw. kon-
stitutiven) oder unbestimmten (bzw. regulativen) Regeln erfolgt.
Allerdings wird dieser Sachverhalt von Kant in beiden Einleitungen
nicht deutlich genug hervorgehoben. Deutlich unterscheidet Kant
die beiden Verfahren der Urteilskraft nur dadurch, daß die Regel
der bestimmenden (bzw. reflektierenden) Subsumtion bestimmt
(bzw. unbestimmt) ist. Die Urteilskraft verfährt bestimmend, wenn
die Regeln der Subsumtion schon als bestimmt gegeben angesehen
werden.
Diese Unterscheidung der Urteilskraft gemäß Bestimmtheit und
Unbestimmtheit der Subsumtion findet sich beispielsweise in der
Auflösung der Antinomie des Geschmacks (KU, § 57). Der Termi-
nus ›Begriff‹, auf den sich die Maximen des Geschmacks beziehen,
wird nicht einheitlich gebraucht. In der Thesis (das Geschmacksur-
teil gründet sich nicht auf Begriffe) wird ›Begriff‹ im Sinne von
Verstandesbegriff genommen, in der Antithesis (das Geschmacksur-
teil gründet sich auf Begriffe) wird er im Sinne der Vernunftidee
verwendet. Der Verstandesbegriff ist bestimmbar, während die Ver-

34
Vgl. hierzu M. Kugelstadt S. 207. Ähnlich ist G. Schönrich der Ansicht anhand
des pragmatischen Modells der Abduktion von Peirce, daß bestimmende und
reflektierende Urteilskraft sich angesichts der Reihenfolge des Allgemeinen
und Besonderen nicht grundlegend unterscheiden. »Die Frage, wie eine Regel
auf einen Fall bezogen wird, ob ausgehend von einer vorgegebenen Regel ein
Fall subsumiert wird, oder ob ausgehend von einem Fall die Regel erst gesucht
werden muß, läßt sich in die andere Frage transformieren, wie die in jedem Ur-
teilen mitlaufenden ›Kennzeichen‹ ins Spiel gelangen. Unter Benutzung der
Terminologie von Eco lassen sich zwei Fälle unterscheiden: der Urteilsvollzug
ist aufgrund der mitlaufenden Kennzeichen c o d i e r t [ ü b e r c o d i e r t ] , dann
ist er b e s t i m m e n d . Oder er ist überhaupt nicht codiert, sondern k r e a t i v , in
Kants Sinne also r e f l e k t i e r e n d « (1991, S. 705 f.; vgl. 1997, S. 560 ff.). Au-
ßerdem hebt Schönrich noch einen dritten Fall hervor: »Der Urteilsvollzug ist
u n t e r c o d i e r t . In Kants Terminologie: die Urteilskraft ist p r o d u k t i v , das
heißt die Codierung durch Kennzeichen ist nicht hinreichend, um jeden Spiel-
raum der Interpretation auszuschließen. Hier muß sich die Urteilskraft mit ei-
nem gewissen Risiko für eine Möglichkeit entscheiden« (1997, S. 562).

47
nunftidee an sich unbestimmt und damit undarstellbar ist. Jener be-
zieht sich auf das Sinnliche, diese auf das Übersinnliche. Die Anti-
nomie ergibt sich daraus, daß das Geschmacksurteil sich zwar nicht
auf bestimmte Begriffe, aber doch auf einen, obzwar unbestimmten
Begriff (nämlich vom übersinnlichen Substrat der Erscheinungen)
gründet (vgl. KU, 237). Dieser zweifache Gesichtspunkt der Be-
urteilung ist für die Urteilskraft35 notwendig, weil der Mensch ein
vernünftiges Sinnenwesen ist. Was die Beurteilungsprinzipien (syn-
thetische Urteile a priori) angeht, ist für die transzendentale Urteils-
kraft »der Schein, in der Vermengung des einen mit dem anderen,
als natürliche Illusion unvermeidlich« (KU, 234). Dieser unver-
meidliche Schein des Widerstreits bei der Beurteilung ist besonders
signifikant für die Antinomie der teleologischen Urteilskraft. Die
mechanistische Maxime erweckt den Anschein eines konstitutiven
Prinzips der Zeugung der Naturdinge, weil sie eine notwendige Be-
ziehung auf unseren diskursiven Verstand hat. Die Erfahrung mit
dem »organisierten und sich selbst organisierenden Wesen« (vgl.
KU, 292), nämlich Organismus veranlaßt zur Annahme des teleolo-
gischen Prinzips, welches der Vernunftkausalität eine theoretische
Objektivität verheißt. Beide Maximen sind aber bloß regulative
Prinzipien für die reflektierende Urteilskraft, »weil wir von der
Möglichkeit der Dinge nach bloß empirischen Gesetzen der Natur
kein bestimmendes Prinzip a priori haben können« (KU, 315).
Im Kontext der Unterscheidung von bestimmender und reflek-
tierender Urteilskraft wird das Allgemeine auf zwei Ebenen ange-
setzt, zum einen als die Regel (Bedingung des Urteils), wonach das
Urteil gebildet wird, und zum anderen als das Allgemeine im Urteil,
welches das Besondere subsumiert oder subsumieren soll. Kant
scheint das Allgemeine im Kontext immer im zweiten Sinne zu ge-
brauchen. Aber wenn vom Allgemeinen bei der Begriffs- bzw. Ur-
teilsbildung in bezug auf »die Regel, das Gesetz, das Prinzip« (KU,
XXVI) die Rede ist, bedeutet es nichts anderes als das Allgemeine
im ersten Sinne. Das Allgemeine kann empirisch oder apriorisch

35
Kant spricht hier eigentlich von der transzendentalen Urteilskraft, weil die
Antinomie in den Prinzipien a priori einerseits besteht und weil Kant die Ur-
teilskraft auf die Antinomie in der KrV andererseits bezieht.

48
sein, während das Besondere immer empirisch gegeben sein muß.36
Die Aufklärung dieser Äquivokationen ist der Schlüssel zur Unter-
scheidung und Einheit von bestimmender und reflektierender Ur-
teilskraft. Am wichtigsten dabei ist es, den Unterschied zwischen
der empirischen und der transzendentalen (apriorischen) Ebene zu
berücksichtigen.
Das transzendentale Bestimmen als apriorisches Konstruieren
von Natur als Erfahrungsobjekt überhaupt durch kategoriale Be-
stimmungen ist notwendig (nomothetisch), während das empirische
Bestimmen als prädikatives Determinieren37 von besonderen Erfah-
rungsobjekten zufällig38 (a priori von uns unbestimmt) ist. Die Ein-
zeldinge haben daher eine andere Gesetzgebung als die unseres
Verstandes und sind niemals durch Prädikation vollständig be-
stimmbar. Das empirische Bestimmen setzt nach Kant das transzen-
dentale voraus, weil Kategorien und Grundsätze notwendige Bedin-

36
H. Busche sieht hier die Äquivokation von Allgemeinem und Besonderem
richtig. Aber das Besondere der reflektierenden Urteilskraft muß nicht nur ein
»Begriff niedrigerer Abstraktionsstufe« (S. 4) sein, sondern kann ebenso die
empirische Anschauung sein. Genauso kann das Besondere der bestimmenden
Urteilskraft auch empirischer Begriff sein.
37
Zum prädikativen Determinieren vgl. Kants Merkmals- bzw. Begriffs- und
Urteilslehre, z. B. in der KrV, B10 ff., A68 ff./B93 ff., A137 f./B176 f., A266
f./B322 f., A571 ff./B599 ff., A598/B626, A655 f./B683 f.; Fortschritte, A46
f./XX273 f.; De mundi, A29 f./II411 f.; Jäsche Logik, § 7 u. 13; R2281,
XVI298; R2877, XVI556; R3738, XVII278; R4634, XVII616 f.; R4676,
XVII657; ferner R. Stuhlmann-Laeisz, 73 ff. – Das prädikative Determinieren
heißt im früheren Sprachgebrauch Kants »so zu setzen, daß jedes Gegenteil
ausgeschlossen ist, und bedeutet daher das, was mit Gewißheit ausreicht, eine
Sache so und nicht anders zu begreifen« (Nova Dilucidatio, WI427/I393; vgl.
ebd., WI423/I391 f.). Dieser Sprachgebrauch wird auch in der KrV z. B. im
»Grundsatz der durchgängigen Bestimmung« alles Existierenden (A571
ff./B599 ff.) beibehalten.
38
»Erfahrungsbegriffe haben also zwar ihren Boden in der Natur, als dem Inbe-
griffe aller Gegenstände der Sinne, aber kein Gebiet (sondern nur ihren Aufent-
halt, domicilium): weil sie zwar gesetzlich erzeugt werden, aber nicht gesetzge-
bend sind, sondern die auf sie gegründeten Regeln empirisch, mithin zufällig
sind« (KU, XVI f.). Vgl. dazu KU, 346 f. Zur Zufälligkeit des Empirischen als
apriorischer Unbestimmtheit der Gesetzgebung unseres Verstandes vgl. KU,
XXVI, XXVII, XXXIII, XXXV.

49
gungen a priori für alle Erkenntnis sind. Mit anderen Worten, das
transzendentale (allgemeine, apriorische) Bestimmen ermöglicht
objektives Urteilen. Das empirische Prädizieren ist sozusagen das
zweite (besondere, aposteriorische) Bestimmen. Das Problem liegt
aber darin, wie das transzendentale Bestimmen im empirischen fun-
gieren kann. Das ist bekanntlich das Problem des Grundsatzkapitels
in der KrV. Wenn man, vereinfacht gesagt, einen empirischen Ge-
genstand prädiziert, wurde bereits das transzendentale System der
Kategorien (Substanz, Größe, Kausalität etc.) verwendet, um ihn als
Gegenstand und seine Zustände als Eigenschaften zu identifizieren.
»Die bestimmende Urteilskraft unter allgemeinen transzen-
dentalen Gesetzen, die der Verstand gibt, ist nur subsumie-
rend; das Gesetz ist ihr a priori vorgezeichnet, und sie hat al-
so nicht nötig, für sich selbst auf ein Gesetz zu denken, um
das Besondere in der Natur dem Allgemeinen unterordnen zu
können« (KU, XXVI; vgl. EE, XX212).
Mehrfach verweist Kant darauf, daß die transzendentale Urteils-
kraft bloß bestimmend und heteronom ist (vgl. KU, XXXI f., 311,
313). Unklar ist, ob das Allgemeine, nach dem das empirische Ur-
teil gebildet wird, bei der bestimmenden Urteilskraft (die transzen-
dentale Urteilskraft ist ein Sonderfall) nur das vorgezeichnete trans-
zendentale Gesetz ist oder ob auch eine empirische Regel (bzw.
Gesetz), die schon gefunden wurde, als solches gelten kann. Nach
Kant machen die transzendentalen Grundsätze allein die Er-
fahrungsurteile objektiv gültig (transzendental bestimmend).39 Die
empirischen Gesetze machen sie aber wahr (empirisch bestim-

39
Vgl. z.B. Prol., A89/IV305 Anm., A100/IV312; KrV, A159/B198, A126 f., 127
f.; dazu Wolfgang Becker S. 79 ff. – Ein Beispiel aus der KU im Kontext der
Analogie der subjektiven Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit der Ge-
schmacksurteile mit der objektiven der Erfahrungsurteile kann hier zur Erläute-
rung dienen: »Ein einzelnes Erfahrungsurteil, z.B. von dem, der in einem Berg-
kristall einen beweglichen Tropfen Wasser wahrnimmt, verlangt mit Recht, daß
ein jeder andere es eben so finden müsse, weil er dieses Urteil nach den allge-
meinen Bedingungen der bestimmenden Urteilskraft unter den Gesetzen einer
möglichen Erfahrung überhaupt gefällt hat« (KU, XLVI).

50
mend).40 Ein wahres, objektiv gültiges Erfahrungsurteil muß beide
Bedingungen erfüllen. Das Wesentliche beim Bestimmen sieht Kant
darin, daß im Bestimmen »der zum Grunde gelegte Begriff vom
Objekte, der Urteilskraft die Regel vorschreibt« (EE, XX211), d.h.
wie die Urteilskraft Anschauungen unter den gegebenen Begriff
subsumieren kann. Somit dient das Allgemeine bei der bestimmen-
den Urteilskraft einerseits als Regel der Urteilsbildung, welche die
Stelle des Prinzips bei der reflektierenden Urteilskraft vertritt, und
andererseits als das Allgemeine (Prädikat) im Urteil.
Die Unklarheit bei der bestimmenden Urteilskraft im Hinblick
auf den Unterschied zwischen empirischem und transzendentalem
Bestimmen liegt darin, daß Kant die Unterscheidung von bestim-
mender und reflektierender Urteilskraft anhand der bloß bestim-
menden (transzendentalen) und bloß reflektierenden Urteilskraft
deutlich machen will. So bedeutet das Allgemeine im Fall des
transzendentalen Bestimmens einerseits das urteilbildende Gesetz
und andererseits das »ontologische« Prädikat im Urteil (KU, XXIX).
Der wesentliche Unterschied zwischen empirischem und transzen-
dentalem Bestimmen besteht darin, daß das Allgemeine beim empi-
rischen Bestimmen a posteriori gegeben sein muß und als Regel
keine »hinreichenden Kennzeichen« (KrV, A136/B175) für die Sub-
sumtion abgeben kann. So gibt z.B. der Begriff Hund keine hinrei-
chenden Merkmale für die Indizierung des Gegenstandes. Das
transzendentale Bestimmen hat hingegen in reinen Begriffen des
Verstandes schon seine hinreichenden Anweisungen (allgemeine
Bedingungen zu Regeln), denn Schemata können a priori den Fall
anzeigen, worauf die Regeln angewandt werden.41 Kant illustriert
das durch den Grundsatz der Kausalität:
»Z.B. der Verstand sagt: Alle Veränderung hat ihre Ursache
(allgemeines Naturgesetz); die transzendentale Urteilskraft

40
In »Betracht der Natur gibt uns Erfahrung die Regel an die Hand und ist der
Quell der Wahrheit« (KrV, A318/B375).
41
Vgl. KrV, A135/B174 f.; EE, XX212; ferner heißt es im anfangs angeführten
Zitat, daß »transzendentale Urteilskraft a priori die Bedingungen angibt, wel-
chen gemäß allein unter jenem Allgemeinen subsumiert werden kann« (KU,
XXVI).

51
hat nun nichts weiter zu tun, als die Bedingung der Subsum-
tion unter dem vorgelegten Verstandesbegriff a priori an-
zugeben; und das ist die Sukzession der Bestimmungen eines
und desselben Dinges« (KU, XXXII).
Die schematisierten Kategorien bzw. transzendentalen Grund-
sätze geben der bestimmenden Urteilskraft apriorische Anweisun-
gen, wie die Vorgänge in der Natur subsumierend verknüpft (bzw.
abgetrennt) werden können. So wird Fensterglas z.B. durch einen
Stein zerbrochen. Der Stein ist die Ursache des Zerbrochenseins des
Fensterglases. Durch den Grundsatz der Kausalität allein (a priori)
kann dieses empirisch bestimmende Urteil nicht erfolgen. Dazu
bedarf es noch empirischer Kenntnis der Eigenschaften von Stein
und Glas sowie von der zufälligen Verbindung beider Ereignisse,
wobei der Grundsatz allein die empirische zufällige Verknüpfung
zum objektiven Erfahrungsurteil macht (vgl. Prol., § 22 Anm.).
Dieser scheinbare Widerspruch ergibt sich durch die äquivoke Ver-
wendung des Ausdrucks »Bestimmen« bei Kant (vgl. Nova Diluci-
datio, WI423 ff./I393). Der Verstand allein bestimmt zwar alle Er-
fahrungsurteile durch transzendentale Gesetze, aber er allein (a pri-
ori) kann besondere Erfahrungsurteile nicht bestimmen. Das trans-
zendentale Bestimmen macht Erfahrungsurteile objektiv gültig, das
empirische Bestimmen determiniert das Besondere (Determination).
Die Differenzierung der bestimmenden Urteilskraft in empirische
und transzendentale ist aufgrund der Diskursivität des menschli-
chen Verstandes notwendig. Denn unser Verstand kann das Dasein
der Dinge nicht in der Anschauung konstruieren, welches immer
nur a posteriori gegeben werden kann und für uns zufällig ist. Die
dynamischen Grundsätze des reinen Verstandes (insbesondere die
Analogien der Erfahrung) sind deswegen nur regulativ für die Er-
scheinungen als Gegenstände der Sinne (Phänomene), obwohl die
Grundsätze insgesamt konstitutiv für alle Erfahrungsurteile (Er-
kenntnisse) sind.42 In der KU heißt es, daß unser Verstand

42
Vgl. KrV, A160 ff./B199 ff., A178 ff./B220 ff., A664 ff./B692 ff. Die Grund-
sätze werden durch ihren Konstitutionscharakter von den regulativen Ideen un-
terschieden.

52
»in seinem Erkenntnisse […] vom A n a l y t i s c h - A l l g e -
m e i n e n (von Begriffen) zum Besonderen (der gegebenen
empirischen Anschauung) gehen muß; wobei er also in An-
sehung der Mannigfaltigkeit des letzteren nichts bestimmt,
sondern diese Bestimmung für die Urteilskraft von der Sub-
sumtion der empirischen Anschauung (wenn der Gegenstand
ein Naturprodukt ist) unter dem Begriff erwarten muß« (KU,
348).
Das heißt aber nicht, daß die allgemeinen Naturgesetze bei empi-
rischen Naturgesetzen nicht fungieren und die empirische Bestim-
mung der Dinge durch unsere Urteilskraft nicht festgestellt werden
kann. Die empirischen Gesetze, sofern sie Gesetze heißen sollen,
müssen die durch allgemeine Naturgesetze festgelegten Rahmen-
bedingungen erfüllen. Die transzendentalen Gesetze sind in allen
besonderen Naturgesetzen enthalten und sind für sie analytisch (vgl.
EE, XX203 Anm.; KrV, A159/B198). Die empirischen Gesetze
können deswegen nicht von allgemeinen Naturgesetzen abgeleitet
werden (vgl. KrV, B165, A126 f.). Das Auffinden der empirischen
Gesetze ist für unsere Urteilskraft zufällig. In Ansehung des Aufsu-
chens derselben hat unsere Urteilskraft kein bestimmendes Prinzip a
priori (vgl. KU, 346 ff.).43
Festzuhalten ist, daß die bestimmende Urteilskraft nach schon
bestimmt gegebenen Regeln verfährt. Dementsprechend wird die
bestimmende Urteilskraft gekennzeichnet durch »das Vermögen
unter Regeln zu subsumieren, d.i. zu unterscheiden, ob etwas unter
einer gegebenen Regel (casus datae legis) stehe, oder nicht« (KrV,
A132/B171).

1.2 Reflektieren bei der empirischen Kognition


Welche Beziehung besteht nun zwischen Allgemeinem und Beson-
derem im Hinblick auf die reflektierende Urteilskraft? Im Fall der
bloß reflektierenden Urteilskraft führt Kant nur aus, daß die Urteils-

43
Vgl. K. Düsing (1986) S. 89 ff.

53
kraft zum gegebenen Besonderen das Allgemeine finden solle, wel-
ches das gegebene Besondere subsumiert. Nach welchen Regeln
aber soll dieses Allgemeine gefunden werden und welchen Status
hat es? Darüber wird nichts im anfangs angeführten Zitat (KU,
XXV f.) gesagt. Festzustellen ist, daß das Allgemeine im reflek-
tierenden Urteil, im Gegensatz zu der bloß bestimmenden Urteils-
kraft, nicht identisch mit seinem unbestimmten Prinzip ist. Im Kon-
text44 sagt Kant nur, daß die bloß45 reflektierende Urteilskraft, wenn
das zu suchende Allgemeine gefunden werden soll, das trans-
zendentale Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur voraussetzen
muß. Wenn man den Ausdruck ›bloß‹ 46 beachtet, kann man den
Status des gefundenen Allgemeinen in der gedachten Subsumtion
bestimmen. Kants Methode des Isolierens zufolge ist diese Subsum-
tion nur hypothetisch und folglich noch unbestimmt. Ob das nur
durch »Reflexion« gefundene Allgemeine als (empirisch) bestimmt
angesehen werden kann, bedarf dann noch der empirischen Über-

44
Die drei regulativen Vernunftprinzipien im Anhang zur transzendentalen Dia-
lektik können auch als die Maximen der reflektierenden Urteilskraft fungieren
(vgl. EE, XX210, 214 f.; KU, XXX f.). Zwei Maximen (Mechanismus und Te-
leologie) der teleologischen Urteilskraft z. B. dienen als Prinzipien der Refle-
xion für die Erforschung der Natur, obwohl sie »nach der Beschaffenheit und
den Schranken unserer Erkenntnisvermögen« dabei unterschiedlich fungieren
müssen (KU, 328).
45
Es sei hier erneut darauf hingewiesen: Die Urteilskraft ist bloß reflektierend,
wenn »nur das Besondere gegeben, wozu sie das Allgemeine finden soll« (KU,
XXVI). Das Besondere ist nur gegeben und wir wissen a priori nicht, was für
ein empirisches Allgemeines zum gegebenen Besonderen paßt. Nur das Aufsu-
chen des empirischen Allgemeinen gehört zur Aufgabe der bloß reflektierenden
Urteilskraft. Nach dem transzendentalen Prinzip der Urteilskraft sollte es ge-
funden werden können, wobei dazu die empirische Urteilskraft des bestimmen-
den Gebrauches bedarf.
46
Zu einer »nicht pejorativ-einschränkenden« Bedeutung von ›bloß‹ bei Kant
siehe M. Kugelstadt S. 4, B. Kaluza S. 98, W. Biemel S. 13. Biemel (S. 16)
sieht bei ›bloß‹ in ›bloß reflektierend‹ zuerst die Bedeutung einer Einschrän-
kung (›nicht bestimmend‹, wie bei J. Kulenkampff 1994, S. 57), nämlich ge-
genüber von ›bestimmend‹. – »Das wort ›lediglich, bloß, allein, nur‹ gegen die
Worte ›überhaupt, schlechthin, schlechterdings‹. Jenes sind wörter nicht der
Schranken, sondern des actus der Einschränkung« (R5107, XVIII90, 1776-78;
vgl. dazu auch H. Graubner S. 100 ff.).

54
prüfung. Kant kennt hierzu vor allem zwei Methoden, Induktion
und Analogie als Erkenntnismittel der (reflektierenden) Urteils-
kraft.47 Das gefundene Allgemeine ist dann nur »e mp i r i s c h e All-
gemeinheit« (Jäsche Logik, § 81; vgl. EE, XX211).
Man könnte, so z.B. Marc-Wogau (S. 9 ff., 21 f.), folgenden Ein-
wand gegen diese Interpretation erheben: Die hypothetische Sub-
sumtion im Gegensatz zum Bestimmen reflektierend zu nennen, sei
ungereimt. Oder um es allgemeiner zu formulieren, die Gegenüber-
stellung von Bestimmen und Reflektieren als zwei Arten der
Subsumtion werde nicht aufrechterhalten, weil das Bestimmen in
der Subsumtion selbst bestehe. Nach Marc-Wogau, sei das Bestim-
men einerseits nichts anderes als Subsumieren; andererseits schließt
das Reflektieren das Bestimmen für Kant auch nicht aus: Die
Urteilskraft ist in bezug auf die allgemeinen Naturbegriffe »in ihrer
Reflexion zugleich bestimmend« (EE, XX212). Wie reimt sich das
zusammen? Es sei an die Äquivokation von ›Bestimmen‹ bei Kant
erinnert. ›Reflektieren‹ oder ›Reflexion‹ wird von ihm auch nicht
univok gebraucht (vgl. § 3). Das Reflektieren kennzeichnet einer-
seits die diskursive Tätigkeit des Verstandes überhaupt, und charak-
terisiert andererseits auch ein spezifisches Verfahren desselben. Im
Sinne des letzteren ist das Reflektieren (Überlegen) ein ver-
gleichender Akt des Bewußtseins. Reflektieren heißt dann »gege-
bene Vorstellungen entweder mit andern, oder mit seinem Erkennt-
nisvermögen, in Beziehung auf einen dadurch möglichen Begriff,
zu vergleichen und zusammen zu halten« (EE, XX211). Die Refle-
xion zielt nicht auf die Gegenstandskonstitution, sondern hat nur
eine heuristische Funktion, um einen dadurch möglichen Begriff zu
erlangen (vgl. KrV, A260/B316). Kant scheint ›Reflexion‹ in
XX212 der EE in beiden Bedeutungen zu gebrauchen. Die Refle-
xion der reflektierenden Urteilskraft ist allerdings von der katego-
rialen Reflexion der transzendentalen zu unterscheiden. Sie ver-
gleicht die Vorstellungen nicht nach bestimmten, sondern nach un-
bestimmten Prinzipien.

47
Zur Induktion und Analogie vgl. § 4, S. 283 f.

55
Wäre das Subsumieren nichts anderes als Bestimmen, so wäre
die reflektierende Urteilskraft zugleich bestimmend. Es ist aber bei
Kant zwischen der denkenden (überlegenden) und erkennenden (be-
stimmenden) Subsumtion zu unterscheiden (vgl. § 3). Letztere ist
das Bestimmen im eigentlichen Sinne. Bei der Unterscheidung von
transzendentalem und empirischem Bestimmen sei auf die Äqui-
vokation von ›Bestimmen‹ bei Kant aufmerksam gemacht. Wir be-
trachten nun diese Äquivokation im Hinblick auf die erkennende
Subsumtion. 48 Urteil heißt die Subsumtion des Besonderen unter
das Allgemeine. In der Subsumtion eines apophantischen Urteils
kann ›Bestimmen‹ in zweifachem Sinne verwendet werden: entwe-
der das Besondere wird durch das Allgemeine bestimmt, oder das
Allgemeine durch das Besondere. Ersteres kommt in gewöhnlichem
Sprachgebrauch der Prädikation zum Ausdruck: das Allgemeine ist
das Bestimmende, das Besondere das zu Bestimmende. Letzteres
wird unter dem Gesichtspunkt der Materie-Form-Beziehung oder
der Spezifikation betrachtet: Die Materie »bedeutet das Bestimm-
bare überhaupt«, die Form »dessen Bestimmung«. »Die Logiker
nannten ehedem das Allgemeine die Materie, den spezifischen Un-
terschied aber die Form« (KrV, A266/B322; vgl. EE, XX215). Die
subtile Differenzierung des Bestimmtseins des Besonderen durch
das Allgemeine bzw. des Allgemeinen durch das Besondere, wie sie
auch Wogau betont, ist aber unwesentlich für die Unterscheidung
von bestimmender und reflektierender Urteilskraft, weil die Sub-
sumtion apophantisch ist. Ob Bestimmen dabei Prädizieren oder
Spezifizieren heißt, ist nur eine Frage der Perspektive, wenn die
Subsumtion schon bestimmt ist oder zumindest als bestimmt ange-
sehen werden kann. Ein Begriff wird einerseits durch seine korres-
pondierende Anschauung näher bestimmt (erhellt), d.h. der Begriff
hat dadurch objektive Realität (Gültigkeit) und ist nicht leer. Ande-
rerseits wird die Erscheinung als der »unbestimmte Gegenstand
einer empirischen Anschauung« durch Begriffe bestimmt (KrV,
A20/B34). Jene betont die Leistung der Sinnlichkeit (Sinn und Ein-
bildungskraft), diese die des Verstandes (vgl. KrV, A50/B74). In der

48
Vgl. K. Marc-Wogau S. 10 f.

56
KrV dient die Sinnlichkeit dem Verstand vermittels der Einbil-
dungskraft durch kategoriale Synthesis der Apperzeption, um Erfah-
rung (Verbindung der Wahrnehmungen) möglich zu machen. Durch
die synthetische Einheit der Apperzeption haben Kategorien ihre
erste Anwendung auf die formale Anschauung, wodurch das Raum-
zeit-Kontinuum ein einheitliches Bezugsystem wird. Mittels der
mathematischen Synthesis bekommt das gegebene Mannigfaltige
eine bestimmte Raumzeitstelle und wird dadurch für uns ein Ge-
genstand (vgl. KrV, B160 f. Anm., A268/B324). Nach dem syste-
matischen Programm der KrV, nämlich der Begründung der Gesetz-
lichkeit der Natur überhaupt durch unseren Verstand steht die The-
matisierung der reflektierenden Urteilskraft gar nicht zur Dis-
kussion.49 Erst durch das Spiel der denkenden Phantasie in der KU
wird die Sinnlichkeit von dem diktierenden Verstand befreit. Die
freie Vereinigung von Einbildungskraft und Verstand bereitet den
Weg für die reflektierende Urteilskraft.
Beim Verfahren der bloß reflektierenden Urteilskraft ist unwe-
sentlich, ob das zum gegebenen Besonderen gefundene Allgemeine
eine bereits bekannte oder eine völlig neu zu entdeckende Regel ist.
Andererseits kann das Allgemeine, z. B. der Begriff des Natur-
zwecks im teleologisch reflektierenden Urteil überhaupt nicht zur
»Bestimmung eines Dinges« (KrV, A598/B626) dienen. Als Bei-
spiel kann die Entdeckung der Gesetze der Planetenlaufbahn die-
nen. 50 Die mathematischen Gesetze einer Ellipse sind seit langer
Zeit bekannt. Ob die Planetenlaufbahn aber als Fall dieser Gesetze
angesehen werden kann, wird zuerst durch systematische Beobach-
tung, Induktion und Analogie hypothetisch angenommen. Um den
Zusammenhang zwischen Planetenlaufbahnen und den mathemati-
schen Gesetzen der Ellipse zu entdecken, zu erforschen und festzu-

49
Vgl. W. Bartuschat (1972) S. 32 ff., M. Horkheimer, S. 102 ff. Ob die Sinnlich-
keit als solche in der KrV überhaupt nicht in den Blick kommen kann, bleibt an
dieser Stelle offen.
50
Vgl. Th. d. Himmels, AI ff./I243 ff.; KrV, BXII ff., BXXII Anm., A662 f./B690
f.; ferner Prol., A115 f./IV321; KU, 273; Allg. Gesch., A388/VIII18; R778,
XV340; R5414, XVIII176; Op. post., XXII518 f., 521, 528 f. u.ö.; E. Cassirer S.
311; H. Heimsoeth (1970) S. 17-21, 39-41, 100-102; K. Düsing (1986) S. 77 f.

57
stellen, kommt der reflektierenden Urteilskraft eine zentrale Rolle
zu, aber sie allein kann keine empirischen Regeln (Gesetze) feststel-
len. Wenn die gefundenen Regeln (bzw. Gesetze) bloß empirische
Gewißheit enthalten, sind sie nach Kant »ein nur uneigentlich so
genanntes Wi s s e n « (MAN, AV/IV468). Sie können dennoch als
Regeln zur empirischen Bestimmung von Dingen dienen, solange
sie durchgängig mit unserer Erfahrung übereinstimmen. Durch das
allgemeine Gesetz der Gravitation als Ursache der Bewegung eines
Himmelskörpers werden die Keplerischen Erfahrungsgesetze erst
als apodiktisch-gewiß erwiesen, weil das System der mathemati-
schen Physik sich auf metaphysische51 Prinzipien der Natur a priori
gründen kann, wie Kant es in der MAN zu zeigen sucht. D.h. die
spezifischen Naturgesetze müssen letztendlich wiederum auf das
System der transzendentalen Gesetze zurückgeführt werden. Diese
Begründung ist nicht im trivialen Sinne als analytisches Zugrunde-
legen zu verstehen, sondern im Sinne von Spezifikation durch ma-
thematische Konstruktion der empirischen Begriffe, wobei voraus-
gesetzt wird, daß empirische Naturgesetze kein »uneigentlich so
genanntes Wi s s e n « sein sollten.52
Kant behauptet nicht, daß empirische Naturgesetze sich auf die
reflektierende Urteilskraft allein gründen, sondern die reflektieren-
de Urteilskraft für die Festlegung der Systematizität der empiri-
schen Gesetze als solcher unentbehrlich ist. Es ist zwar nicht über-
zogen, wenn man die methodologische Rolle der reflektierenden
Urteilskraft für die empirische Erkenntnis betont, aber es wäre zu
wenig, wenn man behauptete, die transzendentalen Grundsätze sei-
en nicht für die Notwendigkeit der empirischen Erkenntnis ver-
antwortlich. Die alltäglichen Erfahrungsurteile sind nach Kant die
Wirkung (erste Anwendung) der transzendentalen Gesetze. 53 Die

51
Ein Prinzip heißt »metaphysisch, wenn es die Bedingung a priori vorstellt,
unter der allein Objekte, deren Begriff empirisch gegeben sein muß, a priori
weiter bestimmt werden können« (KU, XXIX).
52
Zum akromatischen (diskursiven) Beweis der philosophischen Erkenntnis im
Unterschied zur mathematischen Demonstration vgl. KrV, A734 ff./B762 ff.
53
In transzendentaler Hinsicht macht Kant keine deutliche Unterscheidung zwi-
schen alltäglicher und wissenschaftlicher Erfahrung. In letzterer wird nur der

58
Mathematisierbarkeit der empirischen Begriffe ist die notwendige
Bedingung für die »naturwissenschaftliche« Begründung der empi-
rischen Erkenntnis, welche sich auf metaphysische Prinzipien der
Einzelnaturwissenschaft gründet. Die metaphysischen Prinzipien
sind die Spezifikation der transzendentalen Gesetze. Die transzen-
dentalen Gesetze haben also eine zweifache Anwendung auf die
empirische Gesetze.54
Damit ein Fall der Regel unterschieden werden kann, bedarf die
Urteilskraft noch einer weiteren Regel. Dieser Unterscheidungspro-
zeß führt auf empirischer Ebene, objektiv betrachtet, in einen un-
endlichen Regressus, endet aber nach Kant auf transzendentaler
Ebene durch das System der transzendentalen Gesetze.55 Subjektiv
betrachtet, muß die Urteilskraft aber doch auch den unendlichen
Regressus auf empirischer Ebene nach irgendeinem Prinzip been-
den, um überhaupt urteilen zu können. Systematizität und physisch-
mechanische Konstruierbarkeit z.B. sind solche Kriterien, die der
Urteilskraft nur selbst zur Regel dienen, um unterscheiden zu kön-
nen, ob ein Urteil mit gutem Grund gefällt wird, oder ob Erkenntnis
im eigentlichen Sinne Erkenntnis ist.
Dementsprechend teilt Kant die Naturwissenschaft in der MAN
in die »uneigentliche« und »eigentliche« ein.56 Erstere ist nach Kant

architektonische Charakter des Wissens bewußt gemacht und die größte syste-
matische Einheit dient dem Ideal einer Wissenschaft.
54
Zum Problem der starken Trennung von transzendentalen und empirischen
Gesetzen in der englischsprachigen Kantinterpretation vgl. M. Friedman (1992)
S. 161-199.
55
Vgl. KrV, A132 f./B171 f., A135 f./B174 f.; Anthr., A119 f./VII199; KU, VII;
zum empirischen Regressus vgl. z.B. KrV, A517 ff./B545 ff. – Kant benutzt
dieses Argument eigentlich, um zu zeigen, daß die transzendentale Logik von
der allgemeinen (formalen) Logik zu unterscheiden ist, und, daß Urteilskraft
ein »besonderes Talent«, ein sogenannter »Mutterwitz« ist. In der KU (VII)
wird ein ähnliches Argument gebraucht, um die Heautonomie der Urteilskraft
nachzuweisen. Urteilen ist für Kant nach transzendentalen Gesetzen »mecha-
nisch« (schematisch), auf empirischer Ebene aber »technisch«.
56
Vgl. MAN, AV ff./IV468 ff. Zu Kants Zeit gibt es noch keine Unterscheidung
von »Naturwissenschaft« und »Geisteswissenschaft«. Die Naturphilosophie
(bzw. Metaphysik der Natur) ist der sogenannte reine Teil der Naturwissen-
schaft, die empirische Naturwissenschaft ist der angewandte Teil.

59
ein empirisches System von »Erfahrungsgesetzen«, die bloß empiri-
sche Gewißheit enthalten und keine Gründe a priori anführen kön-
nen, wie z.B. die Erfahrungsgesetze in der Chemie zu Kants Zeit.57
Zweitere ist ein System der apodiktisch gewissen Naturerkenntnis,
wie die der mathematischen Physik. Systematische Einheit und ma-
thematische Konstruierbarkeit sind nach Kant zwei unabdingbare
Kriterien für die Wissenschaftlichkeit einer »eigentlichen« Natur-
wissenschaft. Jene ist die notwendige Bedingung für alle Wis-
senschaft, diese das zusätzliche Kriterium für den Ausschluß nicht
streng naturwissenschaftlicher Erkenntnis (vgl. MAN; AIX
f./IV470). Denn jede eigentliche Wissenschaft erfordert »einen rei-
nen Teil, der dem empirischen zum Grunde liegt, und der auf Er-
kenntnis der Naturdinge a priori beruht« (AVI/IV469). Die be-
stimmten Naturdinge a priori zu erkennen, heißt ihren Begriffen
korrespondierende Anschauungen a priori zu geben, d.h. durch ma-
thematische Konstruktion der Begriffe. Die Untersuchung der rei-
nen Philosophie der Natur überhaupt ist auch ohne Mathematik
möglich, aber die apriorische Begründung der spezifischen Natur-
lehre ist nur vermittels der Mathematik möglich. Für die Rolle der
reflektierenden Urteilskraft ist in bezug auf die Entdeckung der »ei-
gentlichen« Naturgesetze besonders signifikant, daß systematische
Einheit allein für die Begründung der empirischen Erkenntnis als
solcher nicht hinreichend ist.58
Die reflektierende Urteilskraft muß sich in ihrer bloßen »Refle-
xion über die Gesetze der Natur« (KU, XXVII) selbst ein Prinzip
als Gesetz geben,59 wofür allerdings kein bestimmendes für die Be-
stimmungen der Objekte von Verstand oder Vernunft hergenommen

57
Vgl. MAN, AX/IV470 f., AV ff./IV468 ff. Kants negative Beurteilung der Che-
mie betrifft in der MAN die traditionelle phlogistische Theorie von G. Stahl (vgl.
KrV, A645 f./B673 f., A652 f./B680 f.), nicht die neue revolutionäre Theorie
von Lavoisier (1789). Die philosophische Auseinandersetzung mit der Theorie
von Lavoisier führt Kant in Opus postumum. Zur positiven Bewertung der Che-
mie nach Lavoisier vgl. Anthr., A323/VII326; MAR, AVII/VI207.
58
Vgl. dazu M. Friedman (1992) S. 188 f.
59
Zur Heautonomie der reflektierenden Urteilskraft vgl. z. B. EE, XX225 und KU,
XXXVII; ferner EE, 204, 210, 214, 216, 234, 236, 241; KU, VII, XXVII f.,
XXXIII, 130, 252 f., 258 f., 269 f., 312, 313 f., 342.

60
werden kann, da sonst die Urteilskraft bestimmend wäre. Die bloß
reflektierende Urteilskraft muß sich selbst bei der Reflexion das
bloße Gesetztsein ihres Gesetzes bewußt machen, während die be-
stimmende bei ihrer Subsumtion das gegebene Gesetz als »schon
a n s i c h g e w i ß « (KrV, A646/B674) setzt.60 Heautonomie (Selbst-
gesetzlichkeit) der reflektierenden Urteilskraft heißt das Bewußtsein
der Subjektivität-Objektivität-Beziehung in der Reflexion über das
empirische Bestimmen der Gegenstände, welche auf subjektive Be-
dingungen dieser Objektbestimmungen eingeht. Denn Urteilskraft
ist für sich kein Vermögen, »Begriffe von Objekten hervorzubrin-
gen, sondern nur mit denen, die ihr anderweitig gegeben sind, vor-
kommende Fälle zu vergleichen und die subjektive Bedingungen der
Möglichkeit dieser Verbindung a priori anzugeben« (EE, XX225).
Dementsprechend verfährt die bestimmende Urteilskraft dogma-
tisch (schematisch, mechanisch), die reflektierende kritisch (tech-
nisch, künstlerisch, symbolisch, analogisch).61
»Wir verfahren mit einem Begriffe (wenn er gleich empirisch
bedingt sein sollte) dogmatisch, wenn wir ihn als unter einem
anderen Begriffe des Objekts, der ein Prinzip der Vernunft
ausmacht, enthalten betrachten und ihn diesem gemäß
bestimmen. Wir verfahren aber mit ihm bloß kritisch, wenn
wir ihn nur in Beziehung auf unser Erkenntnisvermögen,
mithin auf die subjektiven Bedingungen, ihn zu denken, be-
trachten, ohne es zu unternehmen, über sein Objekt etwas zu
entscheiden. Das dogmatische Verfahren mit einem Begriffe
ist also dasjenige, welches für die bestimmende, das kritische
das, welches bloß für die reflektierende Urteilskraft gesetz-
mäßig ist« (KU, 329).
Vorläufig kann festgehalten werden, daß die bestimmende Ur-
teilskraft sich auf Objektbestimmungen bezieht, während die reflek-

60
B. Liebrucks (1966, S. 289) sieht den Unterschied zwischen bestimmender und
reflektierender Urteilskraft in folgendem: »Die bestimmende Urteilskraft sub-
sumiert unter gegebenen Gesetzen oder Begriffen als Prinzipien. Die reflektie-
rende Urteilskraft hat das allgemeine Gesetz nicht. Sie setzt es daher und hebt
dieses Gesetztsein des Gesetzes ins Bewußtsein«.
61
Vgl. EE, XX248, 213 f., 217 f., 204 Anm.; KU, 255, 324 Anm.

61
tierende von der subjektiven Bedingung dieser Objektbestim-
mungen handelt, welche im Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur
für unser Erkenntnisvermögen zum Ausdruck kommt. Sie gehören
nicht zu ein und derselben Ebene des Urteilens. Daher ist jede dia-
lektische Auffassung des Zusammenwirkens reflektierender und
bestimmender Urteilskraft beim konkreten Urteilen über Dinge der
Natur verfehlt, selbst wenn dadurch die Zusammengehörigkeit der
beiden betont werden soll.62

1.3 Anmerkung zur topologischen Struktur der Harmonie


der Erkenntniskräfte in der Reflexion der Urteilskraft
Der Grund der Unterscheidung von bestimmender und reflektieren-
der Urteilskraft wird von Kant letztendlich auf die Diskursivität des
menschlichen Verstandes zurückgeführt. Umgekehrt ist die Urteils-
kraft für die Erfahrung unentbehrlich. Das wesentliche Kriterium
der Unterscheidung der beiden Arten der Urteilskraft liegt in der
Bestimmtheit oder Unbestimmtheit der Subsumtion. Die bestim-
mende Urteilskraft hat nur die Aufgabe, die angegebene Bedingung
der Subsumtion zu vollziehen, während die reflektierende mehrere
Funktionen hat. Sie soll zu »allen Naturdingen empirisch bestimmte
B e g r i f f e « (EE, XX211) nach einem allgemeinen aber zugleich
unbestimmten Reflexionsprinzip der Zweckmäßigkeit der Natur für
unsere Fassungskraft finden, welche einerseits von der Gesetzge-

62
Die reflektierende Urteilskraft geht z.B. nicht bei empirischer Begriffsbildung
»im Aktus ihrer Reflexion s e l b s t in bestimmende über« (M. Kugelstadt S. 3
f.), weil sie überhaupt nichts bestimmen will. Zu entscheiden, ob empirische
Begriffe Bestimmungen der Gegenstände sind, ist vielmehr die Aufgabe der be-
stimmenden Urteilskraft nach kategorialen Gesetzen und vermittels der Erfah-
rung (vgl. z.B. KrV, A764 ff./B792 ff.). Die dialektische Auffassung könnte zu
einem solchen Bild des unkritischen Verfahrens der reflektierenden Urteilskraft
verleiten, wie bei G. Wohlfart, der sich auf Liebrucks (1966, S. 265, s.o. Anm.
5, S. 35) stützt, wenn er formuliert: »… die reflektierende Urteilskraft reflek-
tiert über ein Naturobjekt unter der Voraussetzung von Gesetzen, deren bloßen
Voraussetzungscharakter sie aber zugleich vergessen muß, wenn sie es als re-
flektierende Urteilskraft bestimmen können soll« (Wohlfart 1970, S. 94).

62
bung unseres Verstandes a priori unbestimmt gelassen und anderer-
seits von der Aufgabe desselben notwendig gefordert werden (vgl.
KU, XXXIII; EE, XX214). Im Hinblick auf diese Aufgabe verfährt
die reflektierende Urteilskraft systematisch, um von Wahr-
nehmungen zu einzelnen Erfahrungsurteilen und von niederen Ar-
ten der empirischen Gesetze zu höheren Gattungen derselben zu
gelangen, und schließlich die empirische Erfahrung im Ganzen als
ein System betrachten zu können (vgl. EE, XX210, 220). Die re-
flektierende Urteilskraft hat außer dieser Aufgabe für das Auffinden
des empirischen Allgemeinen als Bestimmung von Naturdingen
noch eine vermittelnde Aufgabe. Durch das Reflexionsprinzip der
»Endursache« (KU, 301) bezieht sie in ihrer Reflexion über Be-
griffe bzw. Gesetze der Naturdinge das Sinnliche auf das Übersinn-
liche als seinen Grund, wodurch zugleich eine »Aussicht in eine te-
leologische Ordnung der Dinge« (KU, 302) für uns eröffnet wird.
Der teleologisch regulative Gebrauch der transzendentalen
Zweckmäßigkeit der Natur in Verbindung mit dem Verstand und
der Vernunft hat aber »keine unmittelbare Beziehung auf das Ge-
fühl der Lust und Unlust, die gerade das Rätselhafte in dem Prinzip
der Urteilskraft ist« (KU, IX). Urteilskraft ist in ihrem ästhetisch
kontemplativen Gebrauch gesetzgebend (konstitutiv) für das Gefühl
der Lust und Unlust, das als Mittelglied zwischen Erkenntnis- und
Begehrungsvermögen angesehen wird (vgl. z.B. EE, XX207). Die
ästhetisch reflektierende Urteilskraft nimmt bei der kontemplativen
Beurteilung von Formen der Dinge der Natur oder Kunst eine merk-
würdige Lust oder Unlust wahr. Die durch ästhetisch »reflektierte
Wahrnehmung« (KU, XLVI; vgl. 8) mit der Vorstellung eines Ge-
genstandes notwendig verbundene Lust wird von Kant auf die inne-
re Struktur der ästhetisch reflektierenden Urteilskraft zurückgeführt,
nämlich die Harmonie des freien Zusammenspiels der daran betei-
ligten Erkenntniskräfte, Einbildungskraft und Verstand, welche von
der subjektiven Bedingung einer Erkenntnis überhaupt als Überein-
stimmung der Erkenntniskräfte zu unterscheiden sein muß, obwohl
Kant selbst die Unterscheidung nicht deutlich macht. 63 Die Aus-

63
Vgl. z.B. EE, 223 ff., 238; KU, XLV ff., § 9, § 21, § 35 u. § 38.

63
gangsbedingungen der subjektiven Einstellung von beiden Akten ist
sehr unterschiedlich. Die ästhetische Kontemplation ist in ihrer Re-
flexion über Formen der Naturdinge nicht durch einen bestimmten
Begriff geleitet, wenngleich die Reflexion unabsichtlich zu einem
Begriff führen und die Lust oder Unlust »wohl die Wirkung irgend
einer Erkenntnis sein kann« (KU, XLIII), während die kognitive
Reflexion von vornherein einen dadurch möglichen Begriff inten-
diert, obwohl dieser mögliche Begriff im Hinblick auf die Be-
stimmung von Dingen vorläufig unbestimmt ist. Die kognitive Lust
ist eher intellektuell, während die ästhetische Lust anschaulich
(sinnlich) ist. Beiden gemeinsam ist ihre Bezogenheit auf (be-
stimmte oder unbestimmte) Begriffe und sie gehören deswegen zur
Wirkung der Reflexion der Urteilskraft. Die Unterscheidung der
kognitiven und ästhetischen Harmonie der Erkenntniskräfte ist inso-
fern wichtig, weil ohne diese Unterscheidung alle Erkenntnisurteile
zugleich Geschmacksurteile sein müßten, oder alle Geschmacksur-
teile zugleich Erkenntnisurteile befördern würden. Das aber steht im
Widerspruch zu Kants strenger Unterscheidung von Geschmacks-
und Erkenntnisurteilen.
Im Hinblick auf die Harmonie der Erkenntniskräfte sind zwei
Aspekte von Bedeutung: Der eine ist, daß durch die gesetzgebende
Funktion der ästhetisch reflektierenden Urteilskraft für das Gefühl
der Lust und Unlust die zweigleisige Trichotomie der Gemüts- und
Erkenntnisvermögen zu einem System wird, welches das kritische
Programm vollendet. In diesem System ist Urteilskraft in zweierlei
Hinsicht Mittelglied. Die ästhetisch reflektierende Urteilskraft bil-
det durch ihre gesetzgebende Verbindung mit dem Vermögen des
Gefühls der Lust und Unlust einen spezifischen (symbolischen)
Übergang von der Gesetzgebung der Natur zur Gesetzgebung der
Freiheit. Das Gefühl des Erhabenen (Geistesgefühl), welches ei-
gentlich die Wirkung des zweckmäßigen Gebrauchs der Vernunft
ist, macht das übersinnliche Vermögen des urteilenden Subjekts
selbst fühlbar (vgl. KU, 78, 132 f.).
»S c h ö n ist das, was in der bloßen Beurteilung (also nicht
vermittelst der Empfindung des Sinnes nach einem Begriffe

64
des Verstandes) gefällt. Hieraus folgt von selbst, daß es ohne
alles Interesse gefallen müsse.
E r h a b e n ist das, was durch seinen Widerstand gegen das
Interesse der Sinne unmittelbar gefällt.
… Das Schöne bereitet uns vor, etwas, selbst die Natur ohne
Interesse zu lieben; das Erhabene, es selbst wider unser (sinn-
liches) Interesse hochzuschätzen« (KU, 115).
Das Erhabene der Natur ist eine sinnliche Darstellung der Ver-
nunftidee (vgl. KU, 75 ff., 94 f.), während das Gefühl des Schönen
»subjektiv mit der Versinnlichung der Verstandesbegriffe durch die
Urteilskraft verbunden ist« (EE, XX223). Das Schöne der Natur
führt direkt bei sich »ein Gefühl der Beförderung des Lebens« (KU,
75; vgl. 4).64 Leben heißt hier nach Kant »das Vermögen eines We-
sens, nach Gesetzen des Begehrungsvermögens zu handeln« (KpV,
A16 Anm.) oder »das Vermögen einer S u b s t a n z , sich aus einem
i n n e r e n Pr i nz i p zum Handeln […] zu bestimmen« (MAN,
A120/IV544). Leben versteht Kant daher nicht im biologischen
Sinne.65 »Leben ist das innere Princip der Selbstthätigkeit. Lebende
Wesen, die nach diesem innern Princip handeln, müssen nach Vor-
stellungen handeln. Nun kann es eine Beförderung, aber auch ein
Hinderniß des Lebens geben. Das Gefühl von der Beförderung des
Lebens ist Lust, und das Gefühl von der Hinderniß des Lebens ist
Unlust« (PM169). 66 So könnte das Schönheitsgefühl als Identität

64
»Lust und Unlust machen allein das absolute aus, weil sie das Leben selbst
sind« (R4857, XVIII11).
65
Nach Kant haben z.B. Tiere Leben, Pflanzen aber nicht. Vgl. K. Düsing (1986)
S. 117, 145 ff. – »Das Leben bei dem Menschen ist z w e i f a c h : das thierische
und das geistige Leben. Das thierische ist das Leben des Menschen, als Mensch;
und hierzu ist der Körper nöthig, daß der Mensch lebe. Das andere Leben ist
das geistige Leben, wo die Seele, unabhängig vom Körper, dieselben Actus des
Lebens auszuüben continuiren muß« (PM235 f.).
66
»Leben ist das Vermögen, sich selbst aus dem innern Princip nach Willkühr zu
bestimmen. Materie aber, als Materie, hat kein inneres Princip der Selbstthätig-
keit, keine Spontaneität, sich selbst zu bewegen; sondern alle Materie, die be-
lebt ist, hat ein inneres Princip, welches abgesondert ist von dem Gegenstande
des äußeren Sinnes, und ein Gegenstand des innern Sinnes ist; es ist in ihr ein
besonderes Princip des innern Sinnes« (PM217). »Vermittelst der Vernunft ist

65
des Selbst- und Weltgefühls interpretiert werden, weil das reine Ge-
schmacksurteil nicht aus einem privaten Standpunkt gefällt wird
und das Gefühl des Schönen eine ästhetische Darstellung (exhibitio)
des Begriffs Zweckmäßigkeit der Natur an Formen der Naturdinge
ist.67 »Das Schöne selbst lädt zum Schmecken (sapor) ein, damit wir
offen (sapiens) werden für die innigste Vereinigung mit dem Ge-
genstand auf der Grundlage des unmittelbaren Genusses« 68 . Das
Schönheitsgefühl ist im Gegensatz zum Gefühl des Erhabenen eine
»positive Lust« (KU, 75 f.). In der Dialektitk der ästhetischen Ur-
teilskraft wird das Gefühl des Schönen von Kant durch eine analoge
Betrachtung mit dem moralischen Gefühl in Zusammenhang ge-
bracht, wobei die Schönheit dadurch als »Symbol der Sittlichkeit«
(KU, § 59) gedeutet werden kann. Der Geschmack wird somit am
Ende der Dialektik der ästhetischen Urteilskraft im Unterschied zur
Analytik derselben als »ein Beurteilungsvermögen der Versinnli-
chung sittlicher Ideen« (KU, 263) bezeichnet.
Der andere Aspekt für die Harmonie der Erkenntniskräfte ist die
Zurückführung der subjektiven Bedingung einer Erkenntnis bzw.
des Urteils überhaupt auf die innere Reflexionsstruktur der Urteils-
kraft. Die notwendige Unterscheidung von kognitiver und ästheti-
scher Reflexion führt zur zweifachen Perspektive der subjektiven
Bedingung der Erkenntnis unter dem Gesichtspunkt der zweifachen
Beziehung einer Erkenntnis.

der Seele des Menschen ein G e i s t (mens, QRX¸¸ ) beigegeben, damit er nicht ein
bloß dem Mechanism der N a t u r und ihren technisch-praktischen, sondern
auch ein der Spontaneität der F r e i h e i t und ihren moralisch-praktischen Ge-
setzen angemessenes Leben führe« (Fried. i. d. Ph., A494 f./VIII417). Vgl. da-
zu H. Heimsoeth (1940) u. (1970) S. 253.
67
Zur Deutung des ästhetischen Schönheitsgefühls als Einheit des Ich- und Welt-
gefühls vgl. KU, § 42; ferner E. Cassirer S. 339 ff., 353 f.; Fr. Kaulbach (1984)
S. 57 ff.; K.-H. Schwabe S. 49 ff.; M. Riedel (1997) S. 521 ff. – Außer der viel
zitierten Notiz R1820a (vgl. § 2, S. 114 f., Anm. 65) ist folgender Gedanke
Kants aufschlußreich für das ästhetische Weltgefühl: »Was mit mir selbst zu-
sammenstimmt, in so fern ich als ein individuum der sinnenwelt mich betrachte,
ist angenehm; was mit mir, als durch das gantze der Sinnenwelt bestimmt, har-
monirt, ist schön; was mit mir als einem Glied der intellectualen Welt zusam-
menstimmt, ist gut« (R712, XV316).
68
M. Riedel (1997) S. 511; vgl. dazu Anthr., A188 f./VII241 f.

66
»Alle unsre Erkenntnis hat eine z w i e f a c h e Beziehung:
e r s t l i c h , eine Beziehung auf das O b j e k t , z w e i t e n s , eine
Beziehung auf das S u b j e k t . In der erstern Rücksicht bezieht
sie sich auf V o r s t e l l u n g ; in der letztern aufs B e w u ß t -
s e i n , die allgemeine Bedingung alles Erkenntnisses über-
haupt« (Jäsche Logik, A40/IX33; vgl. R1693, XVI85; Wiener
Logik, XXIV805).
Die kognitive Reflexion bezieht sich in erster Linie auf das Be-
wußtsein der Vorstellungen untereinander, die ästhetische eher auf
das Bewußtsein der Struktur des Bewußtseins selbst. Beide werden
unter dem subjektiven Aspekt der allgemeinen Bedingung einer
Erkenntnis, mit anderen Worten, unter dem Aspekt der Reflexion
betrachtet. Mit diesen subtilen Unterscheidungen von Reflexion
wird auf zwei Probleme hingewiesen.
Das erste bezieht sich auf die Urteilskraft als Vermögen der Re-
flexion, die im weitesten Sinne nichts als Denken ist. In der schon
zitierten Textstelle in der KU ist Urteilskraft überhaupt »das Ver-
mögen, das Besondere als enthalten unter dem Allgemeinen zu den-
ken« (KU, XXV). Damit wird Urteilskraft in Beziehung auf die
Vorstellung des Objekts als das Vermögen der Reflexion der Vor-
stellungen untereinander bezeichnet. Diese Betrachtung bezieht sich
unmittelbar auf den allgemeinen (logischen69) Gebrauch der Urteils-

69
Vgl. EE, XX214. In der KU wird ›logisch‹ als Gegenbegriff zu ›ästhetisch‹
verwendet. Diese Gegenüberstellung bedeutet etwas ganz anderes als die von
›Logik‹ und ›Ästhetik‹ in der KrV. Dort bedeutet Logik im weitesten Sinne
»Wissenschaft der Verstandesregeln überhaupt«, und Ästhetik »Wissenschaft
der Regeln der Sinnlichkeit überhaupt« (A 52/B 76; vgl. Anthr., A25 f./VII140
f.). Die strenge Unterscheidung von objektiven Erkenntnisurteilen und subjekti-
ven Geschmacksurteilen macht die Gegenüberstellung von ›logisch‹ und ›äs-
thetisch‹ aus. Das Logische bezieht sich auf einen Begriff von Objekt, das Äs-
thetische bloß auf das Gefühl der Lust und Unlust vermittels der reflektierenden
Urteilskraft. Alles, was objektiv als zur Erkenntnis von einem Objekt gehörig in
Betracht gezogen wird, heißt logisch (nach Begriffen), während alles, was in
Gegenüberstellung vom Logischen steht, »sinnlich« (nach dem Gefühl) heißt
(vgl. EE, XX222 f., 227; KU, L, 47 f.). Das Teleologische ist nur eine Unterart
des Logischen, das Ästhetische eine des Sinnlichen (vgl. z.B. EE, XX221 ff.,
247, 235). – Anstatt der kognitiven Reflexion, die vorher in Gegenüberstellung
zur ästhetischen Reflexion verwendet wird, würde der Ausdruck logische Re-

67
kraft. Sie soll die Subsumtion des Besonderen unter das Allgemeine
vollziehen.
Das zweite handelt von der subjektiven Bedingung einer Er-
kenntnis überhaupt, d. i. der Gebrauch der Erkenntniskräfte. Die
Übereinstimmung der Erkenntniskräfte in ihrer Beziehung auf Ob-
jekterkenntnis kann nach Kant wiederum in zweifacher Hinsicht
betrachtet werden (vgl. EE, XX223). Die objektive Seite wird schon
in der KrV (insbesondere im transzendentalen Schematismus der
Urteilskraft) gezeigt. Dort dient die Einbildungskraft dem Verstand
(bzw. der transzendentalen Apperzeption) einseitig unter der Ge-
setzmäßigkeit des Verstandes, während in der ästhetischen Refle-
xion »Verstand und Einbildungskraft wechselseitig zur Beförderung
ihres Geschäfts« (EE, XX221) zusammenstimmen. Die subjektive
Seite handelt von der sogenannten Deduktion der Geschmacksur-
teile. Die transzendentalphilosophische Begründung des reinen Ge-
schmacksurteils geht auf frei spielende Übereinstimmung der Er-
kenntniskräfte zurück. In bezug auf das ästhetisch urteilende Sub-
jekt selbst kann die Harmonie der Erkenntniskräfte als die Subsum-
tion des Vermögens der Anschauungen (Einbildungskraft) unter das
Vermögen der Begriffe (Verstand) in der bloßen Beurteilung der
Formen der Anschauungsgegenstände betrachtet werden (vgl. KU,
146). Mit dieser philosophischen Metakonstruktion ist nichts ande-
res als die Isomorphie von der logischen Struktur des Urteils und
der subjektiven Beziehung der Erkenntniskräfte (in bezug auf die
Objekterkenntnis) gemeint.

flexion besser zur Kantischen Terminologie passen, welche aber leicht mit der
›logischen Reflexion‹ im Amphibolie-Kapitel verwechselt werden kann. – Zu
›logisch‹ und ›real‹ vgl. § 2, Anm. 86 (S. 136).

68
§ 2 Heautonomie und Vermittlung der Urteilskraft

Im vorangehenden Paragraphen wurde die Urteilskraft im Hinblick


auf die Unterscheidung von bestimmender und reflektierender Ur-
teilskraft thematisiert, welche Kant in beiden Einleitungen insbe-
sondere unter dem (logisch) kognitiven Gesichtspunkt trifft. Die
Notwendigkeit dieser Unterscheidung ist in der Diskursivität (Re-
flexivität) des menschlichen Verstandes begründet, der bei der kon-
kreten Begriffs- und Urteilsbildung das empirische und apriorische
Moment der Erkenntnis berücksichtigen muß.
Der diskursive Verstand ist zwar gesetzgebend für die Naturer-
kenntnis, aber er kann sie nicht vollständig bestimmen. Insbeson-
dere ist der menschliche Verstand nach Kant, im Gegensatz zur
selbsttätigen Vernunft 1 , kein rein spontanes Vermögen, sondern
bedarf immer eines Gegebenen, um die a priori in ihm liegenden
Grundbegriffe (Regeln) zu gebrauchen. In bezug auf das Gegebene
leistet die Sinnlichkeit (die Passivität unseres Gemüts) apriorische
Formen der Anschauung (Raum und Zeit), wodurch uns ein Gegen-
stand als Erscheinung gegeben werden kann. Die Unterscheidung
von Verstand als »reiner« Spontaneität und Sinnlichkeit als »reiner«
Passivität im menschlichen Gemüt ist nach Kant eine bloß methodi-
sche Absonderung aufgrund der transzendentalen Tatsache der Dis-
kursivität des menschlichen Verstandes überhaupt. Dies bringt Kant
im Kontext der Theorie der transzendentalen Idealität und der empi-
rischen Realität des Raumes und der Zeit zum Ausdruck. Weil die
menschliche Anschauung, abgesondert betrachtet, keine Selbsttätig-
keit, d.h. nicht »intellektuell« ist, kann der Mensch sich selbst nur
nach der Art anschauen, »wie es von innen affiziert wird, folglich
wie es sich erscheint, nicht wie es ist« (KrV, B69).
»Das Bewußtsein seiner selbst (Apperzeption) ist die einfa-
che Vorstellung des Ich, und, wenn dadurch allein alles Man-
nigfaltige im Subjekt s e l b s t t ä t i g gegeben wäre, so würde
die innere Anschauung intellektuell sein. Im Menschen erfor-

1
Vgl. unten Anm. 40 (S. 92).
dert dieses Bewußtsein innere Wahrnehmung von dem Man-
nigfaltigen, was im Subjekte vorher gegeben wird, und
die Art, wie dieses ohne Spontaneität im Gemüte gegeben
wird, muß, um dieses Unterschiedes willen, Sinnlichkeit hei-
ßen« (KrV, B68; vgl. B130, B134 f.).
Die Grundthese der Kantischen Erkenntnistheorie besteht somit
darin, daß die Formen der Erkenntnis überhaupt a priori von uns
selbst geleistet, und die spezifischen Inhalte derselben a posteriori
gegeben werden müssen, sofern die Erkenntnis im eigentlichen Sin-
ne zustande kommen können soll. Die Erkenntnis ist demnach all-
gemein die Synthesis von sinnlichen Anschauungen und diskursiven
Begriffen. So bleibt das Kardinalproblem des Kantischen trans-
zendentalen Apriorismus die Spezifikation der transzendentalen
Grundsätze zu empirisch besonderen Gesetzen, oder allgemeiner,
das Verhältnis des Besonderen zum Allgemeinen.
Die Unterscheidung von bestimmender und reflektierender Ur-
teilskraft liegt zwar bezüglich der Kantischen Differenzierung zwi-
schen Verstand und Vernunft in der KrV unter theoretischem Ge-
sichtspunkt nahe, aber sie nimmt diese Differenzierung nicht zum
Ausgangspunkt, sondern sie wird vielmehr im Hinblick auf die
Struktur und Funktion der Urteilskraft selbst dargelegt, d.h. auf den
zweckmäßigen Gebrauch unseres Erkenntnisvermögens. 2 Die fol-
genden zwei Gründe mögen genügen, die Richtigkeit der einfachen
Gleichsetzung der bestimmenden Urteilskraft mit dem Verstand,
und der reflektierenden mit der Vernunft zu widerlegen:
Erstens unterscheidet Kant zwischen bestimmender und reflek-
tierender Urteilskraft nicht nur im Hinblick auf den theoretischen,
sondern auch auf den praktischen Gebrauch der Vernunft.3 Demzu-
folge wird die physische Teleologie von der moralischen Teleologie
nach der »Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermögens« subjektiv
»für u n s (Menschen überhaupt)« (KU, 446) unterschieden (vgl. KU,
437, 445 f., 474); diese beruht auf dem moralisch-praktischen Ver-

2
Vgl. § 1, Anm. 24 (S. 43) und Anm. 33 (S. 46).
3
Vgl. KU, § 87 u. § 88. Die Idee des Endzwecks der Natur, oder des moralischen
Welturhebers ist z.B. ein Begriff der praktisch-reflektierenden Urteilskraft (vgl.
KU, 433 ff.).

70
nunftgebrauch und gehört der praktisch-reflektierenden Urteilskraft
an; jene resultiert aus dem technisch-praktischen Vernunftgebrauch
und wird der theoretisch-reflektierenden Urteilskraft zugeordnet.4
Zweitens ist das Begriffspaar ›bestimmend/reflektierend‹ nicht
einfach mit dem von ›konstitutiv/regulativ‹ gleichzusetzen, weil die
Unterscheidungen nicht nur aus unterschiedlichen Perspektiven
getroffen werden, sondern sich auch überlagern.5 Die reflektierende
Urteilskraft kennt in ihrer teleologischen Beurteilung des Regelmä-
ßigen der Natur nur regulative Prinzipien, aber in ihrer ästhetischen
Beurteilung des Schönen ein konstitutives Prinzip für das Gefühl
der Lust und Unlust (vgl. KU, LVII; EE, XX229 f.). Das Prinzip der
ästhetischen Urteilskraft ist andererseits nur ein normatives (regula-
tives) Prinzip des Geschmacks für die Feststellung der empirischen
Geschmacksregeln, nach denen ein gegebener Gegenstand in der
Erscheinung schön genannt werden soll, weil der Begriff der ästhe-
tischen Zweckmäßigkeit der Natur unbestimmt ist (vgl. z.B. KU, 62
f., 200, 237 f.). Die Grundsätze des Verstandes sind, wie schon er-
wähnt, zwar konstitutiv für die Erfahrung, aber die dynamischen
Grundsätze sind nur regulativ für die Erscheinungen (Phänomene).
Die Vernunftideen sind in ihrem theoretischen Gebrauch zwar regu-
lativ für den Verstandesgebrauch, aber vor allem die Idee der Frei-
heit ist in ihrem moralisch-praktischen Gebrauch dennoch konstitu-
tiv für die Willensbestimmung. Das moralische Gesetz ist ferner für
die Beurteilung der praktischen Handlung a priori bestimmend (ge-
setzgebend), aber für die Ausführung des Gesetzes nur regulativ,
weil die Befolgung des moralischen Gesetzes, der Eingeschränkt-

4
Zur Unterscheidung von ›technisch-praktisch‹ (Zwecksetzung nach Naturbe-
griffen) und ›moralisch-praktisch‹ (Zwecksetzung nach Freiheitsbegriff) vgl.
EE, XX195-200; KU, XII-XIV; KpV, A46/V26 Anm.; MAR, A12 f./VI217 f.;
MAT, A12 f./VI385; Gemeinspruch, A224 f./VIII285 Anm.; Fried. i. d. Ph.,
A494 ff./VIII417 ff. – Dazu vgl. ferner H. Mertens S.49-51; G. Lehmann (1969)
S. 290 f., 344 f., 349-357. Vor allem geht Lehmann (1969, S. 349 ff.) auf die
Fortführung der ›Technik der Urteilskraft‹ in die ›technisch-praktische Ver-
nunft‹ des Opus postumum ein.
5
Eine gute Darstellung der Unterscheidung vom ›konstitutiv/regulativ‹ gibt M.
Friedman (1991) S. 73-102.

71
heit der menschlichen Vernunft halber, nur nach Maximen ge-
schieht.6 Anders gesagt:
»Die reine Vernunft als praktisches Vermögen, d.i. als Ver-
mögen, den freien Gebrauch unserer Kausalität durch Ideen
(reine Vernunftbegriffe) zu bestimmen, enthält nicht allein
im moralischen Gesetze ein regulatives Prinzip unserer
Handlungen, sondern gibt auch dadurch zugleich ein subjek-
tiv-konstitutives in dem Begriffe eines Objekts [sc. End-
zwecks] an die Hand, welches nur Vernunft denken kann,
und welches durch unsere Handlungen in der Welt nach je-
nem Gesetze wirklich gemacht werden soll« (KU, 429).
»Wenn es aber auf das Praktische ankommt, so ist ein sol-
ches r e g u l a t i v e s Prinzip (für die Klugheit oder Weisheit):
dem, was nach Beschaffenheit unserer Erkenntnisvermögen
von uns auf gewisse Weise allein als möglich gedacht wer-
den kann, als Zwecke gemäß zu handeln, zugleich k o n s t i -
t u t i v , d.i. praktisch bestimmend; indes eben dasselbe, als
Prinzip die objektive Möglichkeit der Dinge zu beurteilen,
keineswegs theoretisch-bestimmend […], sondern ein bloß
r e g u l a t i v e s Prinzip für die reflektierende Urteilskraft ist«
(KU, 437 f.).

2.1 Übergang von der Denkungsart des Verstandes zur


Denkungsart der Vernunft
In einer äußerst komprimierten Weise faßt Kant die Problematik des
Übergangs vom Sinnlichen zum Übersinnlichen7 im letzten Absatz

6
Vgl. KrV, A812/B840; KpV, A141/V79; KU, 342 f.; Religion, A49/VI46 f.
7
Das Übersinnliche als Nichtgegenständliches hat bei Kant nichts mit den mysti-
schen Gedanken vom Übernatürlichen zu tun. Die Vernunft (Freiheit) gehört
noch zur Natur in einem übergreifenden Sinne, also zur »Natur des Übersinnli-
chen« im Unterschied zur »Natur des Sinnlichen« (vgl. KpV, A74/V43). Die
Betrachtung des Übersinnlichen bleibt bei Kant immer innerhalb der Grenze
der bloßen Vernunft.
Kant gebraucht den Begriff ›übersinnlich‹ erst nach der vollen Entwicklung sei-
ner Ethik (etwa 1785), wobei das übersinnliche Prinzip der Freiheit völlig un-

72
des Abschnitts II der zweiten Einleitung zur KU im Kontext der
Zweiteilung der Sachphilosophie vor dem Abschnitt III von der KU
als einem Verbindungsmittel der zwei Teile der Philosophie zu ei-
nem Ganzen folgendermaßen zusammen:
»Ob nun zwar eine unübersehbare Kluft zwischen dem Ge-
biete des Naturbegriffs, als dem Sinnlichen, und dem Gebiete
des Freiheitsbegriffs, als dem Übersinnlichen, befestigt ist, so
daß von dem ersteren zum anderen (also vermittelst des theo-
retischen Gebrauchs der Vernunft) kein Übergang möglich
ist, gleich als ob es soviel verschiedene Welten wären, deren
erste auf die zweite keinen Einfluß haben kann: so soll doch
diese auf jene einen Einfluß haben; nämlich der Freiheitsbe-
griff soll den durch seine Gesetze aufgegebenen Zweck in
der Sinnenwelt wirklich machen, und die Natur muß folglich
auch so gedacht werden können, daß die Gesetzmäßigkeit ih-
rer Form wenigstens zur Möglichkeit der in ihr zu bewirken-
den Zwecke nach Freiheitsgesetzen zusammenstimme. –
Also muß es doch einen Grund der E i n h e i t des Übersinnli-
chen, welches der Natur zum Grunde liegt, mit dem, was der
Freiheitsbegriff praktisch enthält, geben, wovon der Begriff,
wenn er gleich weder theoretisch noch praktisch zu einem
Erkenntnisse desselben gelangt, mithin kein eigentümliches
Gebiet hat, dennoch den Übergang von der Denkungsart
nach den Prinzipien der einen zu der nach Prinzipien der an-

abhängig vom spekulativen Begriff der transzendentalen Freiheit begründet


wird. Dieser Begriff kommt zum ersten Mal (in den gedruckten Schriften) in
dem Aufsatz vor: Was heißt: Sich im Denken orientieren? (1786). Mit ihm wird
diejenige metaphysische Dimension bezeichnet, die Kant zuvor mit Begriffen
wie ›Ding an sich‹, ›Noumenon‹ oder ›intelligibel‹ auszudrücken suchte. Das
Übersinnliche ist bei Kant vom »Nichtsinnlichen« zu unterscheiden, wobei die-
se Unterscheidung die Differenzierung zwischen Verstandesbegriffen und Ver-
nunftideen markiert. Zum Nichtsinnlichen gehören auch Kategorien des Ver-
standes, welche zwar nicht sinnlich sind, aber deren Beispiele sich im Sinn-
lichen befinden. Daher »kann das Nichtsinnliche, z.B. der Begriff der Ursache,
welcher im Verstande seinen Sitz und Ursprung hat, doch, was das Erkenntnis
eines Gegenstandes durch denselben betrifft, noch zum Felde des Sinnlichen,
nämlich der Objekte der Sinnen gehörig genannt werden« (Fortschritte,
A10/XX260). – Über eine begriffsgeschichtliche Untersuchung des Terminus
›übersinnlich‹ siehe A. Model (1987) S. 91-100.

73
deren möglich macht« (KU, XIX f.; vgl. KU, VIII f., XXIV f.,
LIII ff., 260 u.ö.; EE, XX246 f.).
Kant gliedert diesen kompakten Text durch den Gedankenstrich
in zwei Teile, die durch die praktische Notwendigkeit der Einheit
des Übersinnlichen verbunden sind. Im ersten Teil werden die
Grundthesen der KrV und KpV kurz wiedergegeben. Die Einheit der
theoretischen und praktischen Philosophie ist eine notwendige For-
derung der praktischen Vernunft.8 Denn die Vernunft ist »zur Erfah-
rung überhaupt nicht notwendig« (EE, XX233),9 aber die Ausfüh-

8
Vgl. K. Düsing (1986) S. 102-115; K. Marc-Wogau S. 28-34. Die dialektische
Auffassung Marc-Wogaus (S. 31 ff.) halte ich aufgrund seines Mißverständnis-
ses der Heautonomie der reflektierenden Urteilskraft für unangemessen. Die
Notwendigkeit der praktischen Forderung der Einheit des Systems steht nicht in
Widerspruch zur transzendentalen Feststellung der Unbegreiflichkeit dieser
Einheit für die endliche Vernunft (vgl. auch unten Anm. 32, S. 88). Man sieht
diese Einheit zwar nicht ein, aber man darf die Welt so interpretieren, wenn es
gute Gründe für die Urteilskraft, und zwar nur für sie selbst, gibt. – Es ist aber
nicht abwegig, wenn Marc-Wogau meint, daß die »Verbindung des Naturbe-
griffs mit dem Freiheitsbegriff durch die Urteilskraft nicht die geforderte Ver-
bindung derselben« (S. 32) durch die praktische Vernunft ist, wenn letztere
»objektiv gültig« sein soll. Es läßt sich aber fragen, ob Kant, wie Marc-Wogau
meint, die praktisch geforderte Verbindung derselben in Wahrheit für »objektiv
gültig« hielte (vgl. KU, 429). Die Ausführung des moralischen Zwecks ist nach
Kant für uns Menschen nur nach der Maxime möglich, also subjektiv. Die Ver-
folgung des moralischen Gesetzes kann anderseits, der Eingeschränktheit des
menschlichen Verstandes zufolge, ihren Erfolg in der Welt letztlich nicht ga-
rantieren.
9
Es ist umstritten, ob der Verstand ohne Funktion der Vernunft richtig fungieren
kann, da die Vernunft durch ihre Ideen den empirischen Gebrauch des Verstan-
des bestimmt (vgl. KrV, A547/B575, A573/B601, A653 f./B681 f.,
A657/B685). – Kant will hierbei nur sagen, daß die Vernunftidee (als Begriff
des Unbedingten) – insbesondere die moralische Idee – zur bestimmenden Na-
turerkenntnis »völlig entbehrlich« (Prol., A131/IV331; vgl. KrV, A799/B827)
ist, und die Verstandeseinheit von der Vernunfteinheit streng unterschieden
werden muß. Die Vernunfteinheit (systematische oder kollektive Einheit der
Erfahrung) ist keine distributive Einheit der möglichen Erfahrung. Kant er-
wähnt zwar im dritten Postulat des empirischen Denkens schon die Anwendung
der Vernunft auf Erfahrung, aber die Kategorien der Modalität tragen die »Be-
stimmung des Objekts« nicht bei, sondern drücken »nur das Verhältnis zum
Erkenntnisvermögen« aus (vgl. KrV, A219/B266). – Dazu vgl. KrV,

74
rung der Kausalität durch Freiheit bedarf unumgänglich des Ver-
standes, weil die Folge derselben notwendig in der Sinnenwelt
liegt. – Im Zweiten Teil wird die systematische Aufgabe der KU
eingeführt, nämlich einen Begriff zu finden, welcher den Übergang
von der Denkungsart des Sinnlichen zu der des Übersinnlichen
möglich macht, indem der gesuchte Begriff in sich den Grund der
Einheit des Übersinnlichen enthält.
Daß es einen Grund der Einheit des Übersinnlichen geben muß,
hat sich aus der moralisch-praktischen Notwendigkeit erwiesen,
welche Kant in der KrV und KpV durch den Begriff des höchsten in
der Welt abgeleiteten Guts zu zeigen sucht. Mit diesem Begriff soll
sich die dritte große Frage: »Was darf ich hoffen?« beantworten
lassen. Diese Frage ist zwar »praktisch und theoretisch zugleich«
(KrV, A805/B833), aber ihre Beantwortung soll nach Kant unter der
Leitung durch die praktische Vernunft gesucht werden, indem »das
Praktische nur als ein Leitfaden zu Beantwortung der theoretischen,
und, wenn diese hoch geht, spekulativen Frage führt« (ebd.).10 Da-
her lautet die Frage: »Wenn ich nun tue, was ich soll, was darf ich
alsdann hoffen?« (ebd.).
Es ist nicht ganz klar, was Kant hier mit dem Begriff vom
»Grund der Einheit des Übersinnlichen« meint, und wie dieser Be-
griff den Übergang möglich machen soll. Man vermutet, und zwar
mit gutem Grund, daß Kant hierbei einen Gott als moralischen
Welturheber denkt. 11 Denn der Übergang (Überschritt) vollzieht

A302/B359, A307/B363 f., A326/B383, A509/B537, A684/B712 u.ö.; Prol.,


A131 f./IV331 f., A167/IV353, A187/IV364.
10
Das Denken soll sich im Feld des Übersinnlichen nicht nur an der praktischen
Vernunft, sondern vielmehr auch an der gemeinen Menschenvernunft orientie-
ren. »Ein reiner Vernunftglaube ist also der Wegweiser oder Kompaß, wodurch
der spekulative Denker sich auf seinen Vernunftstreifereien im Felde übersinn-
licher Gegenstände orientieren, der Mensch von gemeiner doch (moralisch) ge-
sunder Vernunft aber seinen Weg, so wohl in theoretischer als praktischer Ab-
sicht, dem ganzen Zwecke seiner Bestimmung völlig angemessen vorzeichnen
kann« (S. i. D. orient., A320/VIII142; vgl. KrV, A830 f./B858 f.; Fortschritte,
A122/XX301). – Siehe dazu unten Anm. 95 (S. 144).
11
J. Freudiger sieht z.B. den Brückenschlag der KU im moralischen Gottesbeweis
und hält es durchaus für gelungen. Th. Gfeller (S. 230 f.) ist dazu zwar kritisch,
aber er sieht den teleologischen Brückenschlag wie Freudiger im Gottesbeweis.

75
sich vom Sinnlichen durch den Begriff der formalen Zweckmäßig-
keit der Natur über den Begriff der Zwecke derselben, sowie den
des Endzwecks der Schöpfung12 (oder Natur) und schließlich den
des höchsten durch Freiheit in der Welt möglichen Guts als End-
zweck des praktischen Vernunftgebrauchs zu einem Gott als morali-
schem Welturheber, der nach unseren Begriffen das Zweckmäßige
in der Natur nicht anders als aus moralischen Gründen hervorbringt.
Befriedigend ist diese Interpretation nicht, weil sie nicht zur Grund-
intention der KU paßt, wobei die Urteilskraft durch den Begriff der
Zweckmäßigkeit der Natur, welcher auf einen intuitiven Verstand
als verständige Weltursache verweist, zwar unabhängig vom Mora-
lisch-praktischen, aber mit dem letzten wohl verbunden, den Über-
gang vom Sinnlichen zum Übersinnlichen möglich macht (vgl. KU,
LV). Angemerkt sei hier, daß die Naturteleologie nach Kant allein
ohne praktische Idee des Endzwecks zum bestimmten Begriff des
Übersinnlichen unzulänglich ist. Das besagt aber nicht, daß die Na-
turteleologie schließlich nur durch die Idee des Endzwecks be-
gründet werden kann.13 Das Prinzip der Naturteleologie wäre objek-
tiv, wenn sein Grund im Übersinnlichen (Urgrund der Natur) uns
erkennen ließe. Es wäre dann nicht das Prinzip der reflektierenden
Urteilskraft, sondern der bestimmenden (vgl. z.B. KU, 359 f.).
Worin besteht dann genau der Übergang? Besteht er in der sinn-
lichen Natur des Menschen als vernünftiges Naturwesen, oder all-
gemeiner betrachtet, in der zweckmäßigen Anordnung der Natur-

12
Unter ›Schöpfung‹ versteht Kant hier »die Ursache vom D a s e i n einer W e l t ,
oder der Dinge in ihr (der Substanzen)« (KU, 422 Anm.), und zwar bloß in ih-
rer eigentlichen Bedeutung (actuatio substantiae est creatio). In diesem Sinne
führt der Begriff Schöpfung »nicht schon die Voraussetzung einer freiwirken-
den, folglich verständigen Ursache […] bei sich« (KU, 422 Anm.). Der mit der
»Schöpfung« sinnverwandte Begriff ist die »Technik der Natur«, die natürliche,
unabsichtliche Technik (Forma finalis naturae spontanea, technica naturalis; vgl.
EE, XX235; KU, 321) oder die eigenständige »Ausbildung der Natur« zur Er-
scheinung (Th. d. Himmels, A111/I312). Der Endzweck der Schöpfung ist folg-
lich nichts anderes als Endzweck der Natur.
13
Diese These vertritt z.B. B. Raymaekers (1991, S. 158 f.; 1998, S. 89 ff.). Er
sieht zwar das moralische Motiv im Übergang der KU richtig, aber führt das
Thema aufgrund der Gewichtsverlagerung der moralischen Freiheit zu weit.

76
dinge durch die Maxime der Urteilskraft, oder in der Vereinigung
des Übersinnlichen durch das Prinzip des Endzwecks der prakti-
schen Vernunft? Auf welche Art ist er möglich? Die letzte Frage
kann man leicht beantworten, nämlich durch die ästhetische und
teleologische Beurteilung der Natur. Für die erste gibt es kaum eine
befriedigende Antwort, weil Kant sie nicht genau gibt, oder wohl
auch nicht geben kann. Kant spricht beispielsweise auch vom Ȇ-
bergang unseres Beurteilungsvermögens von dem Sinnengenuß zum
Sittengefühl« (KU, 164) durch Reflexionsgeschmack. Man kann
gleichsam tautologisch sagen, daß der Übergang sich in der Wende
von der physischen zur moralischen Teleologie vollzieht, wenn man
die Naturteleologie im übergreifenden Sinne gebrauchen darf, weil
der ästhetische Übergang nach Kant unbeschadet seiner Eigentüm-
lichkeit mit in den teleologischen (i.w.S.) Denkhorizont einbezogen
werden muß.
Der Übergang der KU sollte nach Kant nicht im ontologisieren-
den Sinne verstanden werden, nämlich als Überschritt von der sinn-
lichen (sensiblen) zu einer intelligiblen Welt, da Kant die Unter-
scheidung vom Sinnlichen der Natur und Übersinnlichen der Frei-
heit nur so betrachten will, »gleich als ob es soviel verschiedene
Welten wären« (KU, XIX). Aber manche Ausdrücke Kants legen
die Vermutung zweier Welten (Sinnen- und Verstandeswelt) nahe.14
Beispielsweise deutet die einzige15 Stelle in der EE, in der unmittel-

14
Vom Denkansatz der KrV her will Kant die zwei Weltentheorie der Disserta-
tion von 1770 vermeiden, aber er kann sie in Wahrheit nicht völlig überwinden
(vgl. A. Baeumler S. 345 f.). Das ist keine Kritik nur an Kant, denn diese
Schwierigkeit ist alle Theorien des Apriorismus gemein. Kant selbst ist diese
Schwierigkeit durchaus bewußt, wenn er von der Schwierigkeit des scheinbaren
doppelten Ichs spricht (vgl. KrV, B68; Anthr., A14 f./VII134 Anm., A27
f./VII141 f.; Fortschritte, A30-38/XX268-271). Die Theorie zweier Perspekti-
ven ein und derselben Sache wäre die befriedigendere Lösung (vgl. KrV, BXIX
Anm., A38/B55). Nach ihr ist die erkenntnistheoretische Unterscheidung nicht
zugleich die ontologische.
15
An einer anderen Stelle der EE deutet Kant den (ästhetischen) Übergang bereits
an: Die Kritik der ästhetischen Urteilskraft eröffnet, »dadurch, daß sie eine Lü-
cke im System unserer Erkenntnisvermögen ausfüllt, eine auffallende und […]
viel verheißende Aussicht in ein vollständiges System aller Gemütskräfte, so
fern sie in ihrer Bestimmung nicht allein aufs Sinnliche, sondern auch aufs Ü-

77
bar vom Übergang die Rede ist, die zwei substanziellen Welten an:
Die Urteilskraft verknüpft die theoretische mit der praktischen Phi-
losophie durch »ein eigentümliches Prinzip«, und macht zugleich
den Übergang »von dem s i n n l i c h e n Substrat der ersteren, zum
i n t e l l i g i be l e n der zweiten Philosophie« möglich (EE, XX246).
Mit dem »sinnlichen Substrat« ist hier wohl die empirische mate-
rielle Substanz (substantia phaenomenon) gemeint, die uns theore-
tisch zulänglich ist und a priori durch Verstandesgesetze allgemein
strukturiert wird.16 Das sinnliche Substrat der Natur, also keine blo-
ße Vorstellung von uns, soll nicht mit dem übersinnlichen Substrat
der Natur verwechselt werden, welches theoretisch gänzlich unbe-
stimmt ist. Zugestanden ist, daß es bei Kant in bezug auf die Unter-
scheidung von Phaenomenon und Noumenon nicht nur termi-
nologische, sondern auch sachliche Schwierigkeit gibt.17 Es ist hier
hauptsächlich zu zeigen, daß der Ausdruck des sinnlichen Substrats
der Natur in bezug auf das Übergangsprogramm der KU zwar im
ersten Augenblick ungewöhnlich, aber der Sache nach wohl ange-
messen ist. Vorausgesetzt ist nur, daß das sinnliche Substrat der
Natur hier eine Bedeutungsverschiebung erhält. Sie wird im Denk-
horizont der KrV hauptsächlich zur Gegenwehr gegen den Verdacht
des subjektiven Idealismus und weiterhin gegen den naiven Realis-
mus gebraucht (vgl. KrV, A45 ff./B62 f.). Daß die Erscheinung als
bloße Vorstellung von uns vom Ding an sich zu unterscheiden sein
muß, ist »transzendental«; die Einteilung der Erscheinung in die
bloß subjektive Vorstellung und in das objektive Phänomen (als
Gegenstand an sich im Raum) ist aber »nur empirisch« (vgl. ebd.).
Die Erscheinung ist kein Schein, sondern sie hat als Phänomen ei-
nen der Anschauung korrespondierenden Gegenstand außerhalb der

bersinnliche bezogen sind, ohne doch die Grenzsteine zu verrücken, welche ei-
ne unnachsichtliche Kritik dem letzteren Gebrauche derselben gelegt hat« (EE,
XX244 f.).
16
Zu Raum-Zeit als »Substrat des Realen«, Materie (dem Beweglichen im Raum)
als »substantia phaenomenon« und Erscheinung (Phänomen) als sinnlicher
Substrat der Natur vgl. KrV, A45 f./B62 f., A182/B224 f., A265/B321; Prol.,
A116 f./IV322; MAN, A42/IV502 f; ferner H. Mertens S. 203 f.
17
Zu verschiedenen Gegenstandsbegriffen bei Kant vgl. § 3, Anm. 39 (S. 173),
und zur Zweideutigkeit von ›außer uns‹ vgl. § 4, Anm. 47 (S. 279 f.).

78
Vorstellung in Raum und Zeit. Das sinnliche Substrat der Natur ist
in der KU der Sache nach nichts anderes als das, was im Begriff des
Sinnlichen enthalten ist. Das Sinnliche bedeutet nun soviel wie das
Besondere der Natur, also die erscheinende Natur oder die »sinnli-
che Natur«, die die Existenz der Dinge unter empirisch bedingten
Gesetzen ist (vgl. KpV, A74/V43), während die »nicht empirisch
erkennbare Natur« (KU, 331) übersinnlich ist. In der KU wird die
Natur in ihrer eigenständigen Produktivität (Selbstorganisiertheit)
betrachtet, während die KrV auf ihre Bestimmbarkeit durch allge-
meine Verstandesgesetze einen besonderen Akzent setzt. Der Aus-
druck des sinnlichen Substrats der Natur ist insofern mißverständ-
lich im Zusammenhang mit dem Übergang von der Gesetzgebung
der Natur zur Gesetzgebung der Freiheit, als er den Eindruck er-
weckt, als ob es zwei (sinnliche und übersinnliche) Substrate der
Natur gäbe. Das ist wohl der Grund dafür, daß Kant den Ausdruck
außer an dieser Stelle der EE nicht mehr in der KU gebraucht. Dort
ist nur vom Sinnlichen (Natur) und Übersinnlichen (Grund der Na-
tur) die Rede.
Wir können uns zwar verschiedene mögliche Welten denken, a-
ber es gibt nach der KrV für uns objektiv nur eine Erscheinungswelt
(die Natur), die wir erkennen können, als »Inbegriff der Gegen-
stände aller möglichen Erfahrung« (KU, XVII). Wir können den
Grund dieser Erscheinungswelt theoretisch nicht erkennen, sondern
nur durch die praktische Vernunft, soviel an ihr liegt, mittels der
freien Handlung moralisch bestimmen, weil die Folge der Kausali-
tät aus Freiheit immer eine Handlung (Begebenheit) in der Sinnen-
welt ist. Bei Menschen fallen aber Sein und Sollen nicht zusammen
(vgl. z.B. KU, 342 ff.; KrV, A807 f./B835 f.). Die praktische Be-
stimmung der Handlung in der Welt ist nicht zugleich die wirkende
Ursache der Natur. Menschen können nur durch ihre freie Handlung
in der Ordnung der Natur mitwirken. Wir haben dementsprechend
eine zweifache »Denkungsart« oder »Gesetzgebung« in bezug auf
ein und dieselbe Erscheinungswelt. »Verstand und Vernunft haben
also zwei verschiedene Gesetzgebungen auf einem und demselben
Boden der Erfahrung« (KU, XVIII), auf welchem Verstand und
Vernunft ihr Gebiet (ditio) errichten und ihre Gesetzgebung aus-

79
üben (vgl. KU, XVII). Ganz in diesem Sinne spricht Kant von der
»E i n h e i t des Übersinnlichen, welches der Natur zum Grunde liegt,
mit dem, was der Freiheitsbegriff praktisch enthält« (KU, XX). Hier
ist von zwei Perspektiven des Grundes der erscheinenden Natur die
Rede, nämlich das theoretisch unbestimmte Übersinnliche und e-
bendasselbe, das durch das übersinnliche Vermögen (die Freiheit)
im Menschen die moralisch-praktische Bestimmung gewinnt (vgl.
KU, LVI).
Verknüpft werden sollen also beide Denkungsarten oder Gesetz-
gebungen durch ein apriorisches Prinzip der Urteilskraft, welches
sich je auf beide Gesetzgebungen subjektiv-notwendig in einer be-
stimmten Weise bezieht. Diese Verknüpfung ist aber nicht im Sinne
einer Vereinigung von beiden Gesetzgebungen durch ein noch hö-
heres Prinzip als das des Verstandes und der Vernunft zu verstehen,
weil ein solches Prinzip nach Kant für uns unzulänglich ist. Genau
in diesem Sinne wird die Metapher des Anbaus eines Übergangs
zwischen zwei »für sich bestehenden« Gebäuden, wobei die zwei
Systeme bloß verknüpft werden, in § 68 der KU im Kontext der
Frage nach der Zugehörigkeit der Teleologie zur Naturwissenschaft
oder zur Metaphysik gebraucht (KU, 305). Die Teleologie gehört
insofern zur Naturlehre, wenn der Zweck in der Selbstorganisation
der Natur bloß formal betrachtet wird, d.h. man läßt dabei die Frage:
ob die Form der Organisation absichtlich oder absichtslos sei, gänz-
lich unbestimmt. Sie ist aber zur Metaphysik gehörig, sofern der
Zweck der Existenz in Betracht gezogen wird, unabhängig davon,
ob diese Betrachtung bejaht oder verneint wird. Denn diese Be-
trachtung setzt den Begriff eines verständigen Wesens voraus, das
die Natur nach Zwecken einrichtet. Dieses Sinnbild sollte man im-
mer bei dem komplexen Gedanken des Kantischen Übergangs vom
Sinnlichen zum Übersinnlichen im Auge behalten. Die Urteilskraft
hat zwar ein eigenständiges Prinzip, aber es dient bloß zur Verknüp-
fung. Die zu verknüpfenden theoretischen und praktischen Teile der
Philosophie bleiben je für sich eigenständige Systeme.
Ich werde im folgenden der Einfachheit halber gelegentlich auch
vom Übergang von der Natur zur Freiheit sprechen, womit der »Ü-
bergang von der Denkungsart nach den Prinzipien der einen zu der

80
nach Prinzipien der anderen« (KU, XX), oder der »Übergang von
der reinen theoretischen zur reinen praktischen, von der Gesetz-
mäßigkeit nach der ersten zum Endzwecke nach dem letzten« (KU,
LV; vgl. 431 f.), gemeint ist.
Es könnte drei Möglichkeiten geben, den zweiten weiter oben zi-
tierten Textteil (KU, XX) zu lesen. Man unterscheidet entweder den
Grund der Einheit des Übersinnlichen von der Zweckmäßigkeit der
Natur; jener wäre dann der moralische Welturheber, diese macht
den Übergang möglich. Diese Möglichkeit paßt zwar zur Grundin-
tention der KU, aber nicht zum Text selbst. Oder man nimmt den
schillernden Begriff des Endzwecks als gesuchten Begriff an. Der
Endzweck spielt zwar eine wesentliche Rolle im Übergang der KU,
aber es läßt sich in der KU keine Textstelle finden, worin ausdrück-
lich gesagt wird, daß der Endzweck den Übergang möglich macht.
Andererseits ist der Endzweck, der in der Natur verwirklicht sein
soll, eine praktische Vernunftidee. Diese Möglichkeit können wir
aber aus der theoretischen Philosophie nicht ableiten. Darin besteht
gerade das Problem des Übergangs von der Natur zur Freiheit. Be-
friedigender wäre, den gesuchten Begriff als Zweckmäßigkeit der
Natur und insbesondere als die mit diesem Begriff unzertrennlich
verbundene verständige Weltursache zu verstehen. Diese Lesart
paßt einerseits zum Grundprogramm der KU, und andererseits wird
die verständige Weltursache mittels des Endzwecks des höchsten
durch uns in der Welt möglichen Guts mit dem moralischen Welt-
urheber verknüpft.
Wenn man aber hier den gesuchten Begriff, wodurch der Über-
gang möglich gemacht wird, als Gott annimmt, gerät man dann
nicht in die Gefahr, den Brückenschlag der KU als die allein aus
dem moralisch-praktischen Interesse entstandene Einheitsforderung
des Vernunftgebrauchs anzusehen, wie in der KrV und KpV? Man
neigte demnach leicht dazu, den Übergang der KU zum Scheitern
zu verurteilen. Denn die Blickrichtung vom moralischen Welturhe-
ber (zugleich als Weltursache) zur sinnlichen Natur wäre dann im-
mer moralisch-praktisch, auch wenn man zugibt, daß Kants Lö-
sungsvorschlag kein Deus ex machina ist. Diese moralische Welt-
verfassung mag nützlich für den praktischen Vernunftgebrauch sein,

81
aber sie ist für die theoretisch-bestimmende Urteilskraft unbefriedi-
gend, weil selbst die bestimmende Urteilskraft in der Naturwissen-
schaft mit der teleologischen »Erklärung der Produkte der Natur
durch Kausalität nach Zwecken lange nicht zufrieden« ist (KU, 350).
Die Aufgabe der Kritik der teleologischen Urteilskraft besteht ge-
rade darin, die notwendige Annahme einer Kausalität der Natur
nach Zwecken für den menschlichen Verstand zu zeigen, um das
Hindernis der bestimmenden Urteilskraft dadurch wegräumen zu
können (vgl. KU, 434). Man muß hierbei zwischen einer Betrach-
tung mit dem moralischen Interesse und einer durch die moralische
Forderung unterscheiden, weil ohne diese Unterscheidung die Auto-
nomie der ästhetischen Freiheit und die Eigentümlichkeit der
Selbstorganisation der Natur verloren gehen würden.
Das Resultat der KU ist, daß der Brückenschlag vom Sinnlichen
zum Übersinnlichen durch das Prinzip der Zweckmäßigkeit der Na-
tur wenigstens für die reflektierende Urteilskraft hinreichend darge-
tan werden kann (vgl. KU, 434 f.), obwohl er für die bestimmende
unbefriedigend ist.
»Dieses ist das Mindeste, was man der spekulativen Philoso-
phie ansinnen kann, die den sittlichen Zweck mit den Natur-
zwecken vermittelst der Idee eines einzigen Zwecks zu ver-
binden sich anheischig macht; aber auch dieses Wenige ist
doch weit mehr, als sie je zu leisten vermag« (KU, 431).
Mit dem einzigen Zweck meint Kant hier wohl das höchste durch
Freiheit zu bewirkende Gut in der Welt als Endzweck der Natur
nach moralischen Begriffen. Dies ist die Kantische Umwandlung
des traditionellen ontologischen Begriffs der Weltvollkommenheit
durch die praktische Vernunft. Dadurch vollzieht Kant eine morali-
sche Wendung in der traditionellen Metaphysik.
Auf dem Hintergrund der bisherigen Erörterung, möchte ich nun
sechs Thesen für meine Interpretation vorstellen. Erstens, das Prob-
lem des Übergangs vom Sinnlichen zum Übersinnlichen ist kein
spezifisches Problem der KU, sondern der kritischen Philosophie
überhaupt. Dieses Problem ist nicht identisch mit dem der Anwen-
dung der Vernunftprinzipien a priori (i.w.S.), welche von der allge-
meinen Kritik der reinen Vernunft zu spezifischen metaphysischen

82
Systemen der Natur und Freiheit, und von da weiter zu den empiri-
schen Lehren führt.18
Zweitens, die moralische Teleologie und der moralische Gottes-
beweis sind in der KpV in ihren Grundzügen bereits hinreichend
erwiesen.19 Das neu in der KU Hinzukommende ist die klare Struk-
turierung der Beweisgründe und die Zugehörigkeit des Endzwecks
der Natur und des moralischen Gottesbegriffs zur praktisch-reflek-
tierenden Urteilskraft. Insbesondere wird die moralische Teleologie
im Zusammenhang mit der physischen Teleologie und Ethikotheo-
logie zum Zweck des Übergangs von der Natur zur Freiheit ausführ-
lich behandelt.
Drittens, der ästhetische und teleologische Übergang sind nicht
identisch. Jener vollzieht sich vor allem durch das Gefühl (Bedeu-
tung der Schönheit); dieser eher durch den Begriff (Naturdeutung).
Beide werden gemeinsam in einen teleologischen (i.w.S.) Denkhori-
zont mit einbezogen, und vollenden sich zuletzt in der Verbindung
mit der moralischen Teleologie.
Viertens, Kants transzendentale Auflösung des Übergangs von
der Natur zur Freiheit durch die Naturteleologie ist, allein aus dem
Gesichtspunkt des Verstandes und der Vernunft betrachtet, unbe-
friedigend. Sie ist nur hinreichend für die theoretisch-reflektierende
Urteilskraft, indem die Naturteleologie zu einer verständigen Welt-
ursache als übersinnlichem Grund der Natur (in uns und außer uns)
führt. Die verständige Weltursache wird dann durch moralische
Teleologie zu einem moralischen Welturheber ergänzt, oder genau-
er gesagt, in praktischer Absicht bestimmt. Die moralische Teleolo-
gie bedarf aber der physischen Teleologie keineswegs, weil sie al-
lein durch Zwecke der Freiheit begründet ist. Kant scheint am Ende
der KU (§ 85 - § 88), die Naturteleologie unter die moralische Te-

18
Dies stelle ich hier nur als These auf. G. Lehmann geht in seinem Aufsatz
›Anwendung und Übergang als Systemprobleme der Kantischen Philosophie‹
ausführlich darauf ein (1969, S. 188-195).
19
In der Religionsschrift wird ein neuer Aspekt des Beweisgrundes für das Dasein
Gottes von Kant berücksichtigt, nämlich Gott als Stifter des ethischen Gemein-
wesens (vgl. Religion, A123 ff./VI96 ff.); dazu vgl. auch H. M. Baumgartner
(1997) und Eck. Förster S. 349 ff.

83
leologie mittels der Ethikotheologie unterzuordnen. In der Tat wer-
den die physische und moralische Teleologie in der KU scharf
voneinander abgegrenzt (vgl. KU, 472 f.). Wie beide dann genau zu
einem System im strengen Sinne vereinigt werden können, ist für
unsere Vernunft schlechterdings unbegreiflich (vgl. Theodizee,
A210 f./VIII263 f.; Fortschritte, A138 ff./XX306 ff.). Der morali-
sche Welturheber als Urgrund der Natur ist bloß für die praktisch-
reflektierende Urteilskraft hinreichend. Bei Kant besteht also eine
Spannung zwischen der physischen und moralischen Teleologie.
Daher wird der Brückenschlag der KU von den meisten Kantinter-
preten als Fehlschlag gesehen.20 Positiv könnte man nur sagen, daß
die Naturteleologie für den menschlichen Verstand einen möglichen
Weg vom Sinnlichen zum Übersinnlichen aufzeigt. Sie liefert uns
eine vernünftige Weltverfassung, die mit der Befolgung der sittli-
chen Zwecke in der Welt übereinstimmen könnte.
Fünftens, das Subjekt des Übergangs ist also nicht Gott als mora-
lischer Welturheber, der zwar nach unseren Begriffen der letzte
Garant der höchsten Einheit sei, sondern der Mensch als vernünfti-
ges Sinnenwesen, weil es bei der moralischen Weltbetrachtung ihrer
Absicht nach um nichts anderes als um die Selbstbestimmung des
Willens geht (vgl. KU, 436); d.h. der Mensch als Subjekt unter mo-
ralischen Gesetzen ist der Endzweck der Natur, worauf auch die
Naturteleologie gerichtet ist (vgl. KU, § 84).
Daher gewinnt der Übergang vom Sinnlichen zum Übersinnli-
chen schließlich eine pragmatische Bedeutung im Kantischen Sinne.

2.1.1 Praktische Forderung der Einheit des Vernunft-


gebrauchs in der KrV und KpV
Die eigentümliche Leistung der Urteilskraft, nämlich der Übergang
vom »Gebiet« der Naturbegriffen zum »Gebiet« des Freiheitsbe-

20
Zur älteren Literatur zu diesem Thema vgl. z.B. K. Düsing (1986) S. 102 Anm.
1; zur neueren vgl. z.B. Th. Gfeller S. 233 f. Anm. 20. – Zur Fortsetzung dieser
Problematik in Op. post. vgl. G. Lehmann (1969) S. 284 f.

84
griffs läßt sich allein unter der Perspektive der Differenzierung zwi-
schen Verstand und Vernunft nicht begreiflich machen, da die bei-
den Gebiete »gegen allen wechselseitigen Einfluß, den sie für sich
(ein jedes nach seinen Grundgesetzen) auf einander haben könnten,
durch die große Kluft, welche das Übersinnliche von den Erschei-
nungen trennt, gänzlich abgesondert« (KU, LIII) sind. Der Verstand
gibt in seiner Gesetzgebung für die Erkenntnis der Erscheinung
zwar »Anzeige auf ein übersinnliches Substrat derselben« (KU,
LVI), aber er »läßt dieses gänzlich u n b e s t i mmt « (ebd.), als ein
unbekanntes Etwas (Noumenon),21 weil uns die intellektuelle An-
schauung dazu fehlt. 22 Die Vernunft bestimmt zwar das Über-
sinnliche in uns durch ihr moralisches Gesetz, aber diese Bestim-
mung hat nur praktische Realität.23 Daher läßt sich keine Objekter-
kenntnis des Übersinnlichen in spekulativer Absicht erreichen. 24
Am Menschen als dem einzigen Naturwesen, »erkennen« wir durch
sein Sittengesetz »ein übersinnliches Vermögen (die Fr e i h e i t )«
(KU, 398),25 aber wir können der Natur selbst, nämlich ihrem »ü-
bersinnlichen Substrat (in uns sowohl als außer uns)« (KU, LVI) ein
solches Vermögen der Freiheit nicht dogmatisch beilegen, weil wir
dann den Fehler des Anthropomorphismus begingen.26

21
Vgl. KrV, A256/B311 f., B306 f., A286 f./B342 f.; Prol., A104 f./IV314 f.
22
Zur Anzeige des Übersinnlichen durch das Sinnliche vgl. KrV, A251 f., BXXV-
XXX; Prol., A169 ff./IV354 f.; GMS, A106/IV451; MAN, A51 f./IV507; Fort-
schritte, A151 f./XX311; KU, 116, 235 ff., 243 f., 341 f., 352, 358 u.ö.
23
Vgl. z.B. KpV, A188 f./V105 f., A288 f./V161 f.
24
Vgl. KpV, A80-A87/V46-50, A95 f./V55, A243 f./V134 f.
25
Kant gelangt erst in der KpV endgültig zu einem klaren, und zwar analytischem
Verhältnis zwischen dem moralischen Gesetz und der Freiheit, d.h. das Sitten-
gesetz ist nichts anderes als Kausalität des freien Willens (vgl. GMS, A104
f./IV450). Die Freiheit ist die »ratio essendi des moralischen Gesetzes«, das
moralische Gesetz aber die »ratio cognoscendi der Freiheit«. (KpV, A5/V4
Anm.; vgl. A52 f./V29) Weder das moralische Gesetz noch die Freiheit läßt
sich durch »Deduktion« im eigentlichen Sinne nachweisen (vgl. KpV, A81
f./V47). Mit dem »Faktum der Vernunft« will Kant bloß die Unableitbarkeit
und Unbegreiflichkeit des Sittengesetzes zum Ausdruck bringen (vgl. KpV,
A55 f./V31, A80-A87/V46-50). – Vgl. dazu folgende Anm. 28 (S. 86).
26
Zu Kants Kritik am Anthropomorphismus vgl. KrV, A692 ff./B720 ff.; Prol.,
A171 ff./IV355 ff.; KpV, A244 ff./V135 ff.; KU, 257 ff., 436 ff., 440 ff.; Ton,

85
Die Unmöglichkeit der Vermittlung zwischen dem Sinnlichen
und Übersinnlichen aus den Gesichtspunkten des Verstandes und
der Vernunft besteht nach Kant darin, daß dem menschlichen
Verstand überhaupt eine intellektuelle Anschauung fehlt.27 Darum
kann die Vernunft (i.w.S.) weder in ihrem theoretischen noch prak-
tischen Gebrauch das Übersinnliche im strengen Sinne erkennen.
Darum »wirkt« das moralische Gesetz als Kausalität durch Freiheit,
deren Folge zur Sinnenwelt (Natur) gehört, auch auf eine »unerklär-
liche Art« (KU, LV Anm.).28
Das Problem des Übergangs bei Kant ist nicht künstlich herbei-
geredet, sondern system-immanent.29 Das Streben nach Einheit des
Vernunftgebrauchs ist in den beiden ersten Kritiken immer schon
wirksam, wenngleich es nicht, wie in der KU (besonders in der

A410 ff./VIII400 f. Anm. – Die Als-ob-Erklärung ist ein, der Transzendental-


philosophie gemäß, erlaubter symbolischer Anthropomorphismus (Prol.,
A175/IV357; vgl. KrV, A697/B725).
27
Vgl. z.B. KrV, B 68, B72, 159; KpV, A56/V31, KU, 348 ff.; dazu auch W.
Bartuschat (1972) S. 257.
28
Zur Unmöglichkeit, Freiheit zu erklären, vgl. insb. GMS, A120 ff./IV458 ff.,
MAT, A2 f./VI379 f. Anm.; und die Unbegreiflichkeit des radikal Bösen in uns
(vgl. Religion, A46/VI44 f., A32 f./VI37); ferner obige Anm. 25 (S. 85). –
Wenn Kant das Gefühl der Achtung fürs Gesetz, welche die »Wirkung« der
freien Willensbestimmung des Sittengesetzes ist, als subjektive Triebfeder sitt-
licher Handlungen bestimmt, wird dadurch das »Wirken« des Sittengesetzes
keineswegs erklärt, sondern bloß analysiert, und zwar unter der Voraussetzung,
daß es die praktische Vernunft gibt und das moralische Gesetz »wirken« muß.
»Also werden wir nicht den Grund, woher das moralische Gesetz in sich eine
Triebfeder abgebe, sondern was, so fern es eine solche ist, sie im Gemüte wirkt
(besser zu sagen, wirken muß), a priori anzuzeigen haben« (KpV, A128/V72). –
Vgl. dazu auch unten Anm. 38 (S. 91 f.).
29
Vgl. M. Horkheimer S. 92, E. Adickes (1887). – A. Stadler verkennt z.B. die
systematische Stelle der Übergangsproblematik in der KU. Er betrachtet vom
erkenntnistheoretischen Standpunkt der KrV aus das Problem der Vermittlung
oder Einheit der theoretischen und praktischen Philosophie für unwesentlich.
Das Übergangsproblem ist nach ihm nur ein »Nebenergebnis«, kein »eigentli-
ches Ziel der Untersuchung« der KU (Stadler S. 26). Für ihn sind die Sachprob-
leme wie die Fragen (vgl. KU, V f.): ob die Urteilskraft eigentümliche Prinzi-
pien enthalte und das Gefühl der Lust oder Unlust a priori bestimme, bedeutsa-
mer als jene Systemfrage.

86
zweiten Einleitung), zum zentralen Gedanken erhoben wird.30 Das
Charakteristische der KU ist die Art und Weise, wie das Prinzip der
Zweckmäßigkeit der Natur für unsere Fassungskraft den Übergang
vom Sinnlichen zum Übersinnlichen leistet. In der KU ist das Prin-
zip der Zweckmäßigkeit der Natur ein eigenständiges transzenden-
tales Prinzip der reflektierenden Urteilskraft, während Kant in der
KrV die teleologische Weltverfassung, nämlich die Natur im Gan-
zen als System der Zwecke, durch die Idee des höchsten Guts zu
begründen suchte, wobei die Ethikotheologie der Physikotheologie
vorausgeht (vgl. KrV, A814 ff./B842 ff.). In der KU hingegen wird
eine scharfe Grenze zwischen der physischen Teleologie, Physiko-
theologie, moralischen Teleologie und Ethikotheologie gezogen.31
Die physische Teleologie kann zwar »als Vorbereitung (Propädeu-
tik) zur Theologie brauchbar« sein (KU, 410), aber nur die morali-
sche Teleologie verdient den »Vorzug« (KU, 460 f., 476; vgl. KrV,
A636 f./B664 f., A640 f./B668 f., A814/B842), eine Theologie (E-
thikotheologie) aufgrund der moralischen Prinzipien zu begründen.
In der KrV sagt Kant im Hinblick auf den regulativen Gebrauch
der transzendentalen Vernunftbegriffe,
»daß sie vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen
einen Übergang möglich machen, und den moralischen Ideen
selbst auf solche Art Haltung und Zusammenhang mit den
spekulativen Erkenntnissen der Vernunft verschaffen
können« (KrV, A329/B386).
Diese Erwartung ist aber von vornherein auf den praktischen
Gebrauch der Vernunftideen gerichtet (vgl. KrV, 328/B384 f.). Die

30
Zur Thematisierung der Einheit des Vernunftgebrauchs anhand der ersten zwei
Kritiken durch die organologische Grundstruktur der Vernunft vgl. vor allem K.
Konhardt; – zur Entwickung des Kantischen Prinzips der Zweckmäßigkeit der
Natur vgl. K. Düsing (1986).
31
Vgl. KU, 420 ff., 432 f., 445 f., 472 f. u.ö.; ferner K. Düsing (1986) S. 48-50,
(1971) S. 37 f. – Kant unterscheidet zwar die Physikotheologie von der physi-
schen Teleologie, aber er hält an diesen Unterscheidungen terminologisch nicht
konsequent fest. Zweimal (KU, 404, 418) steht z.B. in der ersten Auflage »phy-
sische Theologie«, wo später »Teleologie« statt »Theologie« hingesetzt wird;
vgl. dazu J. Freudiger S. 433.

87
Ideen gewinnen erst in ihrem praktischen Gebrauch die eigentliche
Bedeutung (vgl. KrV, A800/B828, BXXI). In diesem Sinne inter-
pretiert Kant bereits bei der Einführung der Idee überhaupt in der
KrV die Platonische Idee als das praktische Ideal (vgl. KrV, A317
ff./B374 f.). Erst im Kanon-Kapitel bringt Kant die praktische Be-
deutung der Ideen in der Endabsicht der ganzen transzendentalen
Dialektik deutlich zum Ausdruck: Der spekulative Gebrauch der
Vernunftideen soll unter der Leitung der praktischen Idee vollzogen
werden. Denn die Bestrebung der Vernunft nach dem Unbedingten
ist »einzig und allein auf ihr praktisches Interesse gegründet« (KrV,
A797/B825; vgl. auch A817/B845).
Bei der Auflösung der dritten Antinomie, welche auf der Unter-
scheidung zwischen Erscheinung und Ding an sich beruht, kann
Kant wenigstens unter theoretischem Gesichtspunkt zeigen, daß
Naturnotwendigkeit und Kausalität durch Freiheit in ein und dem-
selben Subjekt einander nicht widerstreiten.32 Die theoretisch wider-
spruchsfreie Denkbarkeit der transzendentalen Freiheit, als ein ü-
bersinnliches Vermögens, »eine Begebenheit von selbst anzufan-
gen« (Prol., A152/IV344 Anm.; vgl. KrV, A446/B474, A533/B561),
bildet die Voraussetzung für die reine praktische (moralische) Frei-
heit (freien Willen) als Vermögen, unabhängig von allem sinnlichen
Einfluß bloß aufgrund des Sittengesetzes Selbstbestimmung zu leis-
ten (vgl. KrV, A533 f./B561 f.).33 Letztere darf aber nicht mit der

32
Vgl. KrV, A557 f./B585 f., A536/B564, BXXV-XXX; Prol., A150-157/IV343-
346; GMS, 113-119/IV455-458; KpV, A9 ff./V6 f.; A72 f./V42 f., A81-87/V47-
50, A168-175/V94-98, A205 f./V114; KU, XVIII f.; ferner H. Heimsoeth (1970)
S. 248-280.– Darum ist es mißlich, daß Marc-Wogau die Unmöglichkeit der
Einsicht der Vermittlung zwischen Naturbegriffen und Freiheitsbegriff als
»Unvereinbarkeit« (S. 31) der beiden deutet. Siehe auch oben Anm. 8 (S. 74).
33
Transzendentale Freiheit als »Vermögen absoluter Spontaneität« (KpV,
A84/V48) ist eine theoretische Idee. Nur ein heiliger oder göttlicher Wille, als
Ideal für uns, kann nach Kant ein solches Vermögen haben. – Zum kosmotheo-
logischen Ursprung der transzendentalen Freiheit vgl. H. Heimsoeth (1970) S.
248-270. Über die Unlauterkeit der menschlichen Natur siehe z. B. Religion,
A20/VI30, KrV, A800/B828, GMS, A36 f./V412 f. Zur Gleichsetzung der trans-
zendentalen mit der praktischen Freiheit vgl. KpV, A51/V29; zur Unterschei-
dung zwischen beiden vgl. KrV, BXXVIII f., A551 ff./B579 ff., A801 ff./B829
ff.; Prol., A152/IV344, A155 ff./IV345 f.; KpV, A83-87/V48-50; A167 f./V93

88
empirischen Freiheit verwechselt werden, welche die Fähigkeit be-
zeichnet, beliebige Zwecke zu setzen.
Am Ende der Analytik der KpV vergleicht Kant den unbedingten
Prinzipiencharakter der praktischen Vernunft mit dem sinnlich be-
dingten Gebrauch des Verstandes, der von der Sinnlichkeit die Da-
ten erhalten muß. Die praktische Vernunft geht hingegen allein von
dem Sittengesetz aus, wodurch die Vernunft selbst unabhängig von
der bestimmenden Naturursache den Zweck als Objekt des Willens
setzt. Diese Willensbestimmung »bewirkt« zugleich den Gemütszu-
stand, und erweckt subjektiv ein Interesse an der Verwirklichung
dieses Objekts. Das unbedingte Prinzip der Freiheit und das Primat
des Praktischen veranlassen die Erwartung,
»es vielleicht dereinst bis zur Einsicht der Einheit des ganzen
reinen Vernunftvermögens (des theoretischen sowohl als
praktischen) bringen, und alles aus einem Prinzip ableiten zu
können; welches das unvermeidliche Bedürfnis der menschli-
chen Vernunft ist, die nur in einer vollständig systematischen
Einheit ihrer Erkenntnisse völlige Zufriedenheit findet«
(KpV, A162/V91; vgl. auch A218/V121; GMS,
AXIV/IV391).
Dies war schon in der KrV im Begriff des höchsten in der Welt
möglichen Guts zu finden, wobei Natur und Sittlichkeit in einer
zweckmäßigen Proportion zueinander stehen.34 Die Möglichkeit der
Realisierung dieses höchsten in der Welt abgeleiteten Guts führt
nach Kant in praktischer Rücksicht notwendig35 zu einem »Begriff
eines einigen Urwesens als des höchsten Guts« (KrV, A818/B846),
da die Verwirklichung der physischen (gemeinen) Glückseligkeit
nicht in unserer Gewalt liegt. Wir halten, sagt Kant, den

f., A171 ff./V95 ff.; PM158, 204 ff., 286; ferner E. Adickes (1924) S. 51; K.
Konhardt S. 129 f.; K. Düsing (1986) S. 214; M. Rischmüller S. 174 f.
34
Vgl. KrV, A814 f./B842 f.; KpV, A204 ff./V113 ff.; KU, 427 ff.; S. i. D. orient.,
A315 f./VIII139.
35
In der KU sagt Kant ausdrücklich, daß die Annahme eines moralischen Welt-
urhebers nicht so praktisch notwendig wie die Pflicht selbst (der Endzweck) sei,
sondern »nur zum Behuf des praktischen Gebrauchs der Vernunft angenom-
men« werde (KU, 461; vgl. 424 f. Anm.).

89
»Begriff vom göttlichen Wesen […] jetzt für den richtigen
[…], nicht weil uns spekulative Vernunft von dessen Richtig-
keit überzeugt, sondern weil er mit den moralischen Ver-
nunftprinzipien vollkommen zusammenstimmt. Und so hat
am Ende doch immer nur reine Vernunft, aber nur in ihrem
praktischen Gebrauche, das Verdienst, ein Erkenntnis, das
die bloße Spekulation nur wähnen, aber nicht geltend machen
kann, an unser höchstes Interesse zu knüpfen, und dadurch
zwar nicht zu einem demonstrierten Dogma, aber doch zu ei-
ner schlechterdings notwendigen Voraussetzung bei ihren
wesentlichsten Zwecken zu machen« (ebd.).
Kant stellt am Ende der KrV (sowie der KpV und KU, und zwar
in einem wesentlich modifizierten Sinne) aus der moralischen
»Zweckbestimmung« des Menschen fest, daß durch die Idee der
besten Welt der vernünftigen Wesen unter einem moralischen wei-
sen Welturheber der Schlüssel zur Einheit der Vernunft und somit
zur Einheit der Welt zu finden sei. Diese
»systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der Intelli-
genzen, welche, obzwar, als bloße Natur, nur Sinnenwelt, als
ein System der Freiheit aber, intelligibele, d.i. moralische
Welt (regnum gratiae) genannt werden kann, führt unaus-
bleiblich auch auf die zweckmäßige Einheit aller Dinge, die
dieses große Ganze ausmachen, nach allgemeinen Naturge-
setzen, so wie die erstere nach allgemeinen und notwendigen
Sittengesetzen, und vereinigt die praktische Vernunft mit der
spekulativen« (KrV, A815/B843).
Freilich ist diese sittliche »Einsicht der Einheit des ganzen reinen
Vernunftvermögens« (KpV, A162/V91) nach Kant keine Erweite-
rung unserer theoretischen Erkenntnis;36 die Forderung, »alles aus
einem Prinzip ableiten zu können« (ebd.), ist auch für das menschli-
che Vermögen nicht erfüllbar. Was Kant damit meint, ist, die Postu-
late des Daseins Gottes und der Unsterblichkeit der Seele aus der
moralischen Freiheit nach der Idee des höchsten durch Freiheit zu

36
Zur praktischen Anwendung der Kategorie der Kausalität auf Noumena »ohne
diesen Begriff theoretisch im mindesten bestimmen und dadurch ein Erkenntnis
bewirken zu können« (KpV, A95/V54) vgl. KpV, A87 ff./V50 ff., A245 f./V136.

90
bewirkenden Guts in der Welt zu erweisen, um den »letzten Zwecke
des reinen Gebrauchs unserer Vernunft« in praktischer Absicht zu
befördern (KrV, A797/B825; vgl. A798/B826, A800 f./B828 f.,
B425 f.).
»Der Begriff der Freiheit, so fern dessen Realität durch ein
apodiktisches Gesetz der praktischen Vernunft bewiesen ist,
macht nun den S c h l u ß s t e i n von dem ganzen Gebäude ei-
nes Systems der reinen, selbst der spekulativen, Vernunft aus,
und alle andere Begriffe […] schließen sich nun an ihn an,
und bekommen mit ihm und durch ihn Bestand und objektive
Realität« (KpV, A4/V3 f.).
Dadurch wird aber die Differenz der Prinzipien der theoretischen
und praktischen Vernunft nicht aufgehoben, da es hier eigentlich
um das System des Übersinnlichen in praktisch-reflektierender Ab-
sicht geht, also um Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, worauf sich
die Idee des Endzwecks bezieht (vgl. KU, 467), und die Unerkenn-
barkeit des Übersinnlichen in theoretischer und praktischer Absicht
somit unangetastet bleibt.37
An der moralischen Überzeugung der besten Welt hält Kant in
seiner späteren Philosophie fest. In der KpV wird die Auffassung
derselben durch die Theorie der moralischen Freiheit und des Pri-
mats des Praktischen in Anbetracht der teleologischen Auffassung
der Vernunft präzisiert und vertieft.38

37
Vgl. KrV, A800 f./B828 f., A817/B845, B395 Anm., B425 f.; KpV, A238/V132,
A249 ff./V138 f.; KU, 465 ff.; vor allem Fortschritte, A149 ff./XX309 ff.
38
K. Düsing (1971, insb. S. 15-42) versucht zu zeigen, daß Kants Konzeption des
höchsten abgeleiteten Guts in der KrV von seiner späteren Lehre abweiche.
Nach ihm sei das höchste Gut in der KrV, das identisch mit der moralischen (in-
telligiblen) Welt ist (vgl. KrV, A808 f./B836 f. u.ö.), »Grund a priori für die
Ausführung sittlicher Handlungen« (Düsing 1971, S. 15 ff.); dazu vgl. auch
Eck. Förster insb. S. 345 f.
In der KrV ist von einem moralischen Gefühl (Achtung vor dem Gesetz) noch
nicht die Rede. Das moralische Gesetz als unbedingtes Gebot bestimmt zwar a
priori den Gebrauch der Freiheit (vgl. A807/B835), aber es fungiert doch nur
als Beurteilungsprinzip. Die Maxime der sittlichen Handlung ist hingegen das
höchste abgeleitete Gut, weil es den »ganzen« Zweck erfüllt, »der einem jeden
vernünftigen Wesen natürlich und durch eben dieselbe reine Vernunft a priori

91
Die mindeste Bedingung, überhaupt Vernunft zu haben, ist die
Übereinstimmung der Vernunft mit sich selbst; d.h. die Prinzipien
und Behauptungen derselben können einander nicht widerspre-
chen.39 Denn die Vernunft ist nach Kant ein von aller Erfahrung
unabhängiges, autonomes Vermögen (System); sie beschäftigt sich
bloß mit sich selbst.40 Darauf gründet sich Kants Grundansatz der
Kritik der Vernunft, daß alle aus der Vernunft selbst aufgeworfenen
Fragen prinzipiell auflösbar sind, 41 sofern Mißverständnisse der
Vernunft mit sich selbst aufgeklärt werden.42 Die Auflösbarkeit der
Fragen ist dabei in dem Sinne zu verstehen, daß die Fragen oder die
in Fragen enthaltenen Begriffe, der Natur der Vernunft gemäß, »ih-
rer Gültigkeit oder Richtigkeit nach begriffen werden« können (KrV,
A763/B791), weil es hierbei nicht um die »Natur der Dinge«, son-
dern um die »Natur der Vernunft« geht. Man kann nur die Fragen,
sofern sie in bezug auf die menschliche Vernunft gestellt werden,

bestimmt und notwendig ist«; es bedarf also der Idee Gottes und der besten
Welt als notwendiger Triebfeder sittlichen Handelns (vgl. A812 f./B840 f.).
Erst in der GMS (bes. A14 ff./IV400 f.) wird eine theologiefreie, moralische
Triebfedertheorie vorgestellt und in der KpV (A126 ff./V71 ff.) dann voll ent-
wickelt (vgl. dazu R. Brandt 1999, S. 342 f.).
Die »moralische Triebfeder« ist die reine, intellektuelle Bestimmung des freien
Willens durch das Sittengesetz, deren »Wirkung« auf das Gemüt das »Gefühl
der Achtung« bewirkt. Das moralische Gefühl ist eigentlich, wie Kant es später
in der KU (36) feststellt, mit diesem intellektuellen Gemütszustand der freien
Willensbestimmung identisch. Nur als »Wirkung« der Selbstbestimmung des
freien Willens ist das Gefühl der Achtung der subjektive Antrieb zu sittlichen
Handlungen in der Sinnenwelt. Angemerkt sei, daß die Achtung vor dem mora-
lischen Gesetz selbst schon eine moralische Handlung ist. Sie ist wohl die ein-
zige Handlung in der Welt, welche man sicher als moralisch erkennen kann.
39
Vgl. KpV, A216/V120; KrV, AXIII, A669/B697. Aufgrund dieses Prinzips der
Widerspruchsfreiheit der Vernunft mit sich selbst wird z.B. die doppelte Be-
trachtung der Dinge als Erscheinungen und als Dinge an sich gerechtfertigt (vgl.
KrV, BXVIII f. Anm., BXXVII, A38/B55; KpV, A9 f./V6).
40
Vgl. z.B. KrV, AXIII f., AXX, B XXXVII f., B23, B27, A752/B780,
A763/B791; Prol., A125/IV327; GMS, A107 f./IV452; KpV, A30 f./V15 f.; S. i.
D. orient., A326/VIII145.
41
Vgl. KrV, AXIII f., BXXIII f., A763/B791, A477/B505, A613 f./B641 f.,
A695/B723.
42
Vgl. KrV, A308 f./B365 f., A669/B697, A701 f./B729 f.; Prol., A162/IV350.

92
prinzipiell beantworten. Daß alle Fragen durch die Vernunft erklärt
werden können, wäre hingegen vermessen.
Die Vernunft muß Selbstkritik üben, ihre apriorische Untersu-
chungsrichtung zuerst auf sich anwenden, um in transzendentaler
Klärung ihre eigenen Erkenntnismöglichkeiten aufzudecken und
deren Grenzen zu bestimmen. Nun weist die Antinomie die Ver-
nunft auf eine Paradoxie hin, die mit dem Begriff der Vernunft un-
verträglich ist. Daß die Vernunft, ihrer Natur gemäß, die
unerläßliche Frage nach dem Unbedingten aufwirft, die das
menschliche Vermögen übersteigt und deshalb nicht beantwortet
werden kann, bedroht die Vernunft mit dem Scheitern ihres ganzen
Unternehmens und somit ihrer selbst. Diesen aporetischen Zustand
der menschlichen Vernunft beschreibt Kant in der ersten Vorrede
V:43 menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in
zur Kr»Die
einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen beläs-
tigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch
die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch
nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen
der menschlichen Vernunft« (KrV, AVII).
Die Kantische Auflösung der Antinomie ändert diese paradoxe
Lage der Vernunft zwar nicht, weil die Vernunft selbst nach dieser
Lösung ihre (innere) Natur, wie die (innere) Natur anderer Dinge,
theoretisch nicht erkennen kann, aber die Kritik kann zumindest
zeigen, daß der regulative Gebrauch der Vernunftideen mit dem
konstitutiven Gebrauch des Verstandes widerspruchsfrei und
zugleich nützlich für die systematische Einheit der Verstandeser-
kenntnisse ist. Wichtig ist dabei, daß die Antinomien der drei Kriti-
ken die Vernunft »nötigen, über das Sinnliche hinaus zu sehen und
im Übersinnlichen den Vereinigungspunkt aller unserer Vermögen
a priori zu suchen; weil kein anderer Ausweg übrigbleibt, die Ver-
nunft mit sich selbst einstimmig zu machen« (KU, 239; vgl. Fort-
schritte, A152/XX311).

43
Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Denkansatz Kants anhand der
ersten Vorrede zur KrV vgl. W. Schrader (1970) S. 156 ff.; ferner R. Bubner S.
9; H. Vaihinger (Bd. 1) S. 82 ff.

93
Warum ist der transzendentale Schein der Ideen natürlich und
unvermeidlich (vgl. Prol., A128/IV329; KU, 237)? Warum bleibt
der Schein immer da, auch wenn er uns nach der transzendentalen
Klärung nicht mehr täuscht? Warum kann der Gebrauch der Ver-
nunftideen dialektisch sein, wenn sie »nimmermehr an sich selbst
dialektisch sein« können (KrV, A669/B697; vgl. A643/B671)? Wo-
zu sind Ideen da? Warum ist die Natur der menschlichen Vernunft
so und nicht anderes? Insbesondere können die letzten zwei Fragen
nach der Beschaffenheit unserer Vernunft nicht dogmatisch beant-
wortet werden, weil die Vernunft dabei bloß als »Naturanlage«
(ebd.), ein Gegenstand in der Natur, betrachtet wird (vgl. KrV,
A613 f./B641 f.). Höchstens kann man innerhalb der theoretischen
Philosophie nur versuchen, eine teleologische Klärung zu geben.44

44
Kant versucht in seiner Geschichtsphilosophie die Vernunftgenese der Gattung
Mensch naturteleologisch zu interpretieren. Es ist zu betonen, daß das kritische
Prinzip der Naturteleologie dabei keinen erkenntniskonstitutiven Charakter hat,
auch wenn manche Ausdrücke Kants die Vermutung des Rückfalls in dogmati-
sche Teleologie nahelegen. Vernunft als Naturanlage ist von der Natur gleich-
sam im »Keim« angelegt, welcher vollständig entwickelt werden soll (vgl. KrV,
A835/B863; Prol., A168 f./IV353). So lautet der »erste Satz« in der Idee zu ei-
ner allgemeinen Geschichte … (1784): »Alle Naturanlagen eines Geschöpfes
sind bestimmt, sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln« (Allg.
Gesch., A388/VIII18; vgl. KU, 295 f.; Anthr., A328/VII329). Zur Naturanlage
des Menschen gehört aber die Vernunft als ein zwecksetzendes Vermögen. Der
Mensch soll nicht wie das Tier »durch Instinkt geleitet, oder durch anerschaf-
fene Kenntnis versorgt und unterrichtet sein; er sollte vielmehr alles aus sich
selbst herausbringen« (ebd., A390/VIII19; vgl. Anthr., A319/VII323 f.), d.h.
die menschliche Fähigkeit kann nicht allein durch die biologische Entfaltung
ganz bestimmt werden, sondern muß sich vielmehr durch die vernünftige Hand-
lung vervollkommnen.
Der Mensch wird nach Kant dadurch charakterisiert, daß »er vermögend ist,
sich nach seinen von ihm selbst genommenen Zwecken zu perfektionieren; wo-
durch er als mit V e r n u n f t f ä h i g k e i t begabtes Tier (animal rationabile), aus
sich selbst ein v e r n ü n f t i g e s Tier (animal rationale) machen kann« (Anthr.,
A315/VII321, vgl. Prol., A183 ff./IV362 ff., A125 f./IV327 f. Anm.). Dement-
sprechend lautet die Definition der Metaphysik in der Preisschrift von 1791:
»sie ist die Wissenschaft, von der Erkenntnis des Sinnlichen zu der des
Übersinnlichen durch die Vernunft fortzuschreiten« (Fortschritte, A10
f./XX260). – Zur teleologischen Interpretation der Geschichte der menschli-
chen Vernunft bei Kant vgl. L. Landgrebe; zum Beitrag der Kantischen Ge-
schichtsphilosophie für die Ausbildung seiner Teleologiekonzeption und für
94
Die Ideen haben, so sagt Kant, vermutlich »ihre gute und zweckmä-
ßige Bestimmung in der Naturanlage unserer Vernunft« (KrV,
A669/B697), weil die natürliche Vernunft in einer Analogie mit der
praktischen Zweckmäßigkeit als ein teleologisches System (teleolo-
gia rationis humanae) betrachtet werden kann. 45 Diese naturte-
leologische Selbstbetrachtung der Vernunft, welche in der KrV bloß
im Hintergrund steht (vgl. KrV, B128, B425 f., A816 f./B844 f.),
wird erst in der KU zum heautonomen Prinzip der Urteilskraft als
subjektiver Bedingung des zweckmäßigen Gebrauchs der gesamten
Erkenntniskräfte erhoben, aufgrund dessen man Grund hat, die
zweckmäßige Einheit der Natur zu erwarten.
»Alles, was in der Natur unserer Kräfte gegründet ist, muß
zweckmäßig und mit dem richtigen Gebrauche derselben ein-
stimmig sein, wenn wir nur einen gewissen Mißverstand ver-
hüten und die eigentliche Richtung derselben ausfindig ma-
chen können« (KrV, A642 f./B670 f.; vgl. B425 f., A128;
A669/B697).
Die Kritik der Vernunft fordert eine Umwandlung der traditio-
nellen metaphysischen Fragestellung. Auf Begriffe wie Seele, Welt
(Freiheit, Endzweck der Natur) und Gott kann man, der Natur der
menschlichen Vernunft gemäß, nur in praktischer Rücksicht ange-
messen eingehen, welche in der KU durch die Unterscheidung zwi-
schen der technisch- und der moralisch-praktischen Rücksicht wei-
ter differenziert wird (vgl. KU, VII f.). Denn nur die praktische
Vernunft ist nach Kant rein selbsttätig und hat das unbedingte Prin-
zip.

die Ausbildung seiner Teleologiekonzeption und für den Brückenschlag von


der Natur zur Freiheit vgl. K. Düsing (1986, S. 206 ff.), M. Pauen. – Vgl. unten
Anm. 62 (S. 111).
45
Vgl. KrV, A839/B867; zu Kants organologischen Auffassung der Vernunft vgl.
KrV, A833 ff./B861 ff., B425 f., AXIII, BXXII f., BXLIV, A642 f./B670 f.,
A742/B770 u. ö.; Prol., A19 f./IV263, A168/IV353, A183 ff./IV362 ff.;
Gebrauch, A129 ff./VIII181 f.; KU, XXIV Anm.; dazu auch H. Heimsoeth
(1966) S.190 f.; Fr. Kaulbach (1969) S. 265 ff.; G. Lehmann (1969) S. 91 f.; H.
Mertens S. 22 ff.; Cl. Bickmann S. 322 ff.

95
Die metaphysischen Fragen sind aus der Natur der Vernunft
selbst aufgegeben. Die Maxime der Vernunft lautet, zu allen Be-
dingten das Unbedingte zu suchen und zugrunde zu legen. Dieser
subjektive Grundsatz ist »nicht von der Beschaffenheit des Objekts,
sondern dem Interesse der Vernunft, in Ansehung einer gewissen
möglichen Vollkommenheit der Erkenntnis dieses Objekts, herge-
nommen« (KrV, A666/B694). Denn die Vernunft ist ein Vermögen
der Prinzipien (vgl. KrV, A299/B356, A405; KU, 339). Sie hat »nur
ein einiges Interesse« (KrV, A666/B694), worauf die Totalitätsfor-
derung der Vernunft sich gründet.
»Einem jeden Vermögen des Gemüts kann man ein I n t e -
r e s s e beilegen, d.i. ein Prinzip, welches die Bedingung ent-
hält, unter welcher allein die Ausübung desselben befördert
wird. Die Vernunft, als das Vermögen der Prinzipien, be-
stimmt das Interesse aller Gemütskräfte, das ihrige aber
sich selbst. Das Interesse ihres spekulativen Gebrauchs be-
steht in der E r k e n n t n i s des Objekts bis zu den höchsten
Prinzipien a priori, das des praktischen Gebrauchs in der Be-
stimmung des W i l l e n s , in Ansehung des letzten und voll-
ständigen Zwecks« (KpV, A216/V119 f.).
So führt Kant den Widerstreit der Maximen der Vernunft auf die
widerstreitenden Interessen derselben zurück (vgl. auch KrV,
A666/B694). In der Verbindung der spekulativen Vernunft mit der
praktischen zu einer Erkenntnis besitzt die letztere insofern das Pri-
mat, als diese Verbindung auf der Vernunft selbst gegründet ist,
weil ohne diese Unterordnung ein Widerstreit der Vernunft mit sich
selbst entstehen würde, und »weil alles Interesse zuletzt praktisch
ist, und selbst das der spekulativen Vernunft nur bedingt und im
praktischen Gebrauche allein vollständig ist« (KpV, A219/V121).46
Das Primat des Praktischen besagt also nicht den Vorzug der Ge-
setzgebung der praktischen Vernunft vor der der theoretischen, son-
dern die Unterordnung des theoretischen Interesses (Zwecks) unter
das praktische in der apriorischen Verbindung der beiden zu einer
46
Vgl. auch KpV, A263 ff./V146 ff.; KrV, B423 ff., A742/B770, A744 f./B772 f.,
A797 f./B825 f., A800 f./B828, A805/B833, A815 ff./B843 ff., A840/B868;
Prol., A183 ff./IV362 ff.; Metaphysik-Mrongovius, XXIX937.

96
Erkenntnis. Also widerstreiten sich die Prinzipien der Vernunft
nicht, sondern nur ihre Erweiterungen können in einen Widerstreit
geraten.
Das »h ö c h s t e durch Freiheit zu bewirkende G u t in der Welt«
(KU, 457) als Endzweck der praktischen Vernunft, den zu befördern
das moralische Gesetz auferlegt, ist zwar das höchste Objekt der
Pflicht, aber nicht der Grund derselben; »denn dieser liegt im mora-
lischen Gesetze, welches als formales praktisches Prinzip katego-
risch leitet, unangesehen der Objekte des Begehrungsvermögens
(der Materie des Wollens), mithin irgend eines Zweckes« (KU, 461
Anm.). 47 »Diese Ordnung der Begriffe der Willensbestimmung«,
betont Kant, »darf nicht aus den Augen gelassen werden; weil man
sonst sich selbst mißversteht und sich zu widersprechen glaubt, wo
doch alles in der vollkommensten Harmonie neben einander steht«
(KpV, A197/V110; vgl. auch A110 ff./V62 ff., A209 f./V116 f.).
Ein Objekt oder eine Handlung ist gut, nicht weil es uns gefällt,
sondern weil es uns durch moralische Gesetz geboten ist. Umge-
kehrt findet eine moralisch-gute Handlung notwendig allgemeinen
Beifall.
Die moralische Ordnung der Willensbestimmung wird von Kant
durch einen Vernunftschluß dargestellt,
»nämlich vom Allgemeinen im O b e r s a t z e (dem morali-
schen Prinzip), durch eine im U n t e r s a t z e vorgenommene
Subsumtion möglicher Handlungen (als guter oder böser) un-
ter jenen, zu dem S c h l u ß s a t z e , nämlich der subjektiven
Willensbestimmung (einem Interesse an dem praktisch mög-
lichen Guten und der darauf gegründeten Maxime) fortge-
hend« (KpV, A162/V90).
Das höchste durch Freiheit zu bewirkende Gut in der Welt zu be-
fördern und zu befolgen, ist für uns Pflicht, weil es aus der inneren
Zweckbestimmung der endlichen Vernunft unter dem kategorischen
Imperativ unbedingt geboten ist. Auf Kants synthetische Begrün-
dung dieser höchsten moralischen Pflicht in der Struktur des sittli-

47
Vgl. KU, 423; KpV, A196 f./V109 f., A165 ff./V92 f., A60/V34, A63 f./V36,
A112 f./V64 f., A214 f./V119, A233 f./V129f.

97
chen, aber zugleich endlichen Willens als eines zwecksetzenden
Vermögens möchte ich hier kurz nach jener Ordnung der Willens-
bestimmung eingehen.48
Die Autonomie des Willens besagt nur, daß das moralische Ge-
setz der alleinige Bestimmungsgrund des reinen Willens ist (vgl.
KpV, A196 f./V109, A58 ff./V33 ff.). Dieser Bestimmungsgrund ist
für das endliche Vernunftwesen bloß formal, d.h. das moralische
Gesetz kann nur als Form der Maxime allgemein gesetzgebend sein.
Für das endliche Vernunftwesen ist notwendig zwischen dem Sit-
tengesetz als formalem objektivem Prinzip der Beurteilung seiner
Handlung und der Maxime als subjektivem materialem Prinzip der
Durchführung (oder Befolgung) derselben zu differenzieren. Eine
sittliche Handlung besteht lediglich darin, daß ihre Maxime sich
nach nichts anderem als nach den moralischen Gesetzen bemißt.
Ebendies bringt Kant der Sache nach in der berühmten Formel des
kategorischen Imperatives zum Ausdruck: »Handle so, daß die Ma-
xime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen
Gesetzgebung gelten könne« (KpV, A54/V30).
Eine Handlung ist moralisch, wenn ihr subjektiver Grund der
Zweckvorstellung nicht eigennützig, sondern allgemeingültig für
alle Handelnden ist. In diesem strengen Sinne der moralischen Be-
urteilung einer Handlung wird die mögliche Folge derselben in der
Welt nicht in Betracht gezogen. Das bedeutet aber nicht, daß die
subjektive Erwartung eines möglichen Erfolgs der Handlung keinen
Einfluß auf die Willensbestimmung hat. Das moralische Gesetz
macht in seiner negativen Bedeutung nur »die oberste einschrän-
kende Bedingung aller subjektiven Zwecke« aus (GMS,
A70/IV431), welche dadurch zugleich objektiv gemacht werden
sollen. Die reine Vernunft erfährt die Freiheit erst in dieser gesetz-
gebenden Selbsteinschränkung des Willens durch das moralische
Gesetz. Die Sittlichkeit des Menschen ist damit beschrieben, daß
das moralische Gesetz das einzige ist, was der Mensch zu realisie-
ren hat. Zutreffend faßt Kant die Autonomie des Willens und die
praktische Vernunft als Zweck an sich in der Vorrede zur Religion
48
Vgl. dazu D. Lenfers S. 99 ff.; K. Düsing (1971) S. 29 ff.; K. Konhardt S. 200
ff., 257 f.; H.-J. Engfer S. 123 ff., 146 f.; B. Grünewald.

98
innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft im Kontext der Abgren-
zung der Moral von der Religion folgendermaßen zusammen:
»Die Moral, so fern sie auf dem Begriffe des Menschen, als
eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine
Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens, gegrün-
det ist, bedarf weder der Idee eines andern Wesens über ihm,
um seine Pflicht zu erkennen, noch einer andern Triebfeder
als des Gesetzes selbst, um sie zu beobachten« (Religion,
AIII/VI3; vgl. ebd., AXI f./VI7 Anm., KrV, A819/B847; KU,
426).49
Aus den »Natureigenschaften des Menschen« (Religion,
AXII/VI7 Anm.) muß ein endlicher und vernünftiger Wille nach
Maxime der Zwecke in der Welt handeln, da »ohne allen Zweck
kein Wi l l e sein kann«50. Einen Zweck zu setzen und zugleich kein
Interesse an einer Verwirklichung dieses Zwecks zu haben, ist für
uns ein wahrer Widerspruch (vgl. MAT, A30/VI395). Denn
»Z w e c k ist ein G e g e n s t a n d der freien Willkür, dessen Vorstel-
lung diese zu einer Handlung bestimmt, wodurch jener hervorge-
bracht wird« (MAT, A11/VI384). Oder anders gesprochen:
»Z w e c k ist jederzeit der Gegenstand einer Z u n e i g u n g , das ist,
einer unmittelbaren Begierde zum Besitz einer Sache, vermittelst
seiner Handlung; so wie das G e s e t z (das praktisch gebietet) ein
Gegenstand der A c ht un g ist« (Religion, AX/VI6 Anm.). Sowenig
49
Zum Verhältnis von Theologie, Religion und Moral vgl. Kants Bemerkung im
Streit der Fakultäten: »Nicht der Inbegriff gewisser Lehren als göttlicher Of-
fenbarungen (denn der heißt Theologie), sondern der aller unserer Pflichten ü-
berhaupt als göttlicher G e b o t e (und subjektiv der Maxime, sie als solche zu
befolgen) ist Religion. Religion unterscheidet sich nicht der Materie, d.i. dem
Objekt nach in irgend einem Stücke von der Moral, denn sie geht auf Pflichten
überhaupt, sondern ihr Unterschied von dieser ist bloß formal, d.i. eine Gesetz-
gebung der Vernunft, um der Moral durch die aus dieser selbst erzeugten Idee
von Gott auf den menschlichen Willen zu Erfüllung aller seiner Pflichten
Einfluß zu geben. Darum ist sie aber auch nur eine einzige und es gibt nicht
verschiedene Religionen, aber wohl verschiedene Glaubensarten an göttliche
Offenbarung« (Streit, A44 f./VII36).
50
Gemeinspruch, A211/VIII279 Anm.; vgl. auch Religion, AVI/VI4; MAT,
A11//VI385, A19/VI389. – Die Begriffe wie Triebfeder, Interesse und Maxime,
können nur auf endliche Wesen angewendet werden (vgl. KpV, A141/V79).

99
der mögliche Erfolg der Handlung einem endlichen Willen gleich-
gültig sein kann, genauso wenig kann ihm der Zustand der Welt, in
der er lebt, egal sein. Die Handlung hat ja selbst zur Folge, daß sich
die Bedingungen der Realisierung der Moralität dadurch verbessern
oder verschlechtern können. Unsere Vernunft hat demnach auch ein
subjektives unaufgebbares Bedürfnis, die Möglichkeit des zu reali-
sierenden Zwecks einzusehen (vgl. Religion, AV ff./VI4 f.).
Nun ist die Glückseligkeit nach Kant der »Zustand eines ver-
nünftigen Wesens in der Welt, dem es, im Ganzen seiner Existenz,
a l l e s n a c h Wu n s c h u n d Wi l l e n g e h t , und beruht also auf der
Übereinstimmung der Natur zu seinem ganzen Zwecke, imgleichen
zum wesentlichen Bestimmungsgrunde seines Willens« (KpV,
A224/V124). Das Glückseligkeitsstreben ist mit der Struktur der
Zwecksetzung unzertrennlich verbunden.51 Dieses Streben hat seine
naturale Herkunft im menschlichen Bedürfnis in doppelter Hinsicht.
Bei der konkreten Zwecksetzung ist die menschliche Vernunft zum
einen an dem Erfolg ihrer Handlung orientiert.52 Sie verlangt zum
anderen jederzeit ein Maximum.
Ein Tier hat nach Kant kein solches Bedürfnis, nicht nur, weil es
kein zwecksetzendes Vermögen hat, sondern vielmehr auch, weil
Glück in Wahrheit ein Totalitätsbegriff ist.53 Zur »Idee der Glück-
seligkeit« ist »ein absolutes Ganze, ein Maximum des Wohlbefin-

51
»Glücklich zu sein, ist notwendig das Verlangen jedes vernünftigen aber endli-
chen Wesens, und also ein unvermeidlicher Bestimmungsgrund seines Begeh-
rungsvermögens« (KpV, A45/V25).
52
»Nun ist’s aber eine von den unvermeidlichen Einschränkungen des Menschen
und seines (vielleicht auch aller andern Weltwesen) praktischen Vernunftver-
mögens, sich bei allen Handlungen nach dem Erfolg aus denselben umzusehen,
um in diesem etwas aufzufinden, was zum Zweck für ihn dienen und auch die
Reinigkeit der Absicht beweisen könnte, welcher in der Ausübung (nexu effec-
tivo) zwar das letzte, in der Vorstellung aber und der Absicht (nexu finali) das
erste ist« (Religion, AXII/VI7 Anm.).
53
»Glükseeligkeit, wovon die Thiere gar nichts wissen, entspringt nicht aus dem
Hange der Sinnlichkeit, sondern aus Grundsätzen der Vernunft« (R1515,
XV859). »Das Glük und Unglük sind mit dem moralischen Eigenschaften in
natürlichem Zusammenhange« (R1718, XVI92). – Zum historischen Hinter-
grund der These des Glücksverlangens als Wesensbestimmung des Menschen
vgl. N. Hinske (1995) S. 82 ff.

100
dens, in meinem gegenwärtigen und jedem zukünftigen Zustande
erforderlich« (GMS, A46/IV418). Glückseligkeit als solche ist in
der Tat »nicht ein Ideal der Vernunft, sondern der Einbildungskraft«,
weil das Wohlbefinden »bloß auf empirischen Gründen beruht, von
denen man vergeblich erwartet, daß sie eine Handlung bestimmen
sollten, dadurch die Totalität einer in der Tat unendlichen Reihe von
Folgen erreicht würde« (vgl. GMS, A47 f./IV418 f.). Der Begriff
der Glückseligkeit ist also »nicht ein solcher, den der Mensch etwa
von seinen Instinkten abstrahiert und so aus der Tierheit in ihm
selbst hernimmt; sondern ist eine bloße I d e e eines Zustandes, wel-
cher er den letzteren unter bloß empirischen Bedingungen (welches
unmöglich ist) adäquat machen will« (KU, 388 f.).
Der Begriff der Glückseligkeit ist in Wahrheit ein unbestimmter
und schwankender Begriff, den jeder Mensch je nach seinem
Wunsch beliebig bestimmen kann:54
»Worin nämlich jeder seine Glückseligkeit zu setzen habe,
kommt auf jedes sein besonderes Gefühl der Lust und Unlust
an, und selbst in einem und demselben Subjekt auf die Ver-
schiedenheit des Bedürfnisses, nach den Abänderungen
dieses Gefühls, und ein s u b j e k t i v n o t w e n d i g e s Ge-
setz (als Naturgesetz) ist also o b j e k t i v ein gar sehr zufälli-
ges praktisches Prinzip, das in verschiedenen Subjekten sehr
verschieden sein kann und muß, mithin niemals ein Gesetz
abgeben kann« (KpV, A46/V25).
Trotz aller Schwierigkeit der Definition der Glückseligkeit stellt
Kant fest, daß die Glückseligkeit nicht schlicht die Summe der Be-
friedigung sinnlicher Begierden, sondern ein Maximum des Wohl-
befindens des vernünftigen Naturwesens ist. Ein vernünftiges We-
sen kann nicht mit der bloßen »Annehmlichkeit des Lebens« zufrie-

54
Glückseligkeit wird daher von Kant je nach Kontext unterschiedlich bestimmt.
Ihre Bedeutung schwingt zwischen individuellem und gemeinem Wohl, zwi-
schen Schattierungen im Sinne der »Befriedigung aller unserer Neigungen«
(KrV, A806/B834) oder der Idee eines Zustandes »des größten Wohls der ver-
nünftigen Weltwesen « (KU, 429). Letztere weist bereits auf eine wesentliche
Verbindung der (wahren) Glückseligkeit mit dem Willen und der Sittlichkeit
hin.

101
den sein (vgl. KpV, A40/V22; KU, 12 f.), welche zwar eine Bedin-
gung, aber kein eigentlicher Gegenstand der Glückseligkeit ist, son-
dern es kann als vernünftiges Wesen nur unter der Bedingung der
geistigen Zufriedenheit seine Seelenruhe finden (vgl. KpV, A287
f./V161). Diese Bestimmung der wahren Glückseligkeit wird bereits
im oben angeführten Zitat mitformuliert (KpV, A224/V124), wobei
der glückliche Zustand eines vernünftigen Wesens »auf der Über-
einstimmung der Natur zu seinem ganzen Zwecke, imgleichen zum
wesentlichen Bestimmungsgrunde seines Willens« beruhen soll
(ebd.). In diesem Sinne legt die (allgemeine) Glückseligkeit die
Bestimmung des höchsten durch Freiheit möglichen Guts in der
Welt schon nahe.
Wenn die Glückseligkeit als ein Moment im höchsten abgeleite-
ten Gut notwendig enthalten sein soll, muß sie durch eine Ein-
schränkung der ursprünglich in ihr enthaltenen Selbstliebe umge-
formt, auf fremde Glückseligkeit ausgedehnt und dadurch moralisch
notwendig gemacht werden (vgl. KpV, A129 f./V73).
Weil alle Menschen natürlicherweise Glück wollen, ist nicht je-
des Glückseligkeitsstreben zugleich Pflicht, sondern nur dasjenige,
was nicht bloß auf eigene Glückseligkeit eingeschränkt, sondern
zugleich auch auf fremde Glückseligkeit (das Gemeinwohl) erwei-
tert wird, kann Pflicht sein.55 Also kann die Glückseligkeit nur unter
der Bedingung der Sittengesetze als ihre Folge ein Objekt der
Pflicht und folglich mittelbar der (materiale) Bestimmungsgrund
des freien Willens sein. Kant lehnt die Theorie des analytischen
Verhältnisses zwischen Tugend und Glückseligkeit bei Epikureern

55
Zur fremden Glückseligkeit als Tugendpflicht vgl. MAT, A23-34/VI391-398;
Gemeinspruch, A211 ff./VIII279 f.; Religion, AIV/VI3 Anm. In diesem Zu-
sammenhang sei noch anzumerken, daß zur eigenen Vollkommenheit als Tu-
gendpflicht auch die Sorge für den Anderen gehört, weil die Selbstbestimmung
des Menschen als Person, als Glied im Reich der Zwecke, im sittlichen Be-
wußtsein der Freiheit notwendig die Anerkennung der Anderen als Mitglieder
in sich einschließt (vgl. GMS, A66 f./IV428 f., A80 ff./IV436 f.; KrV, A60
f./V34; MAT, A93 f./VI434 f., A126 f./VI450). Die »moralische Welt«, die aus
dem sittlichem Bewußtsein notwendig folgt, enthält die Aufforderung an die
Handelnden, »sowohl mit sich selbst, als mit jedes anderen Freiheit durchgän-
gige systematische Einheit« zustande zu bringen (KrV, A808/B836).

102
und Stoikern ab. Denn Glückseligkeit ist keine notwendige Konse-
quenz des sittlichen Handelns, obwohl es bedingterweise wahr sein
kann, daß die Tugend, sofern es in unserer Gewalt steht, die Glück-
seligkeit bewirke. Es ist umgekehrt nach der Autonomie des Wil-
lens schlechterdings unmöglich, daß die Tugend durch das Streben
nach Glückseligkeit hervorgebracht werden kann. Die Verbindung
der Glückseligkeit mit der Tugend kann also nur synthetisch sein.
Die notwendige Verbindung der beiden im Begriff des höchsten
(abgeleiteten) Guts56 besteht nach Kant im Bewußtsein der Gerech-
tigkeit des Menschen (vgl. KpV, A65 ff./V37 f.; KU, 438), welches
unzertrennlich mit der Sittlichkeit verbunden ist. Wenn der Mensch
alle Pflichten erfüllte, wäre er, so meint der gemeine Menschenver-
stand, auch würdig glücklich zu sein. Die Sittlichkeit ist nach Kant
immer die oberste Bedingung des höchsten (abgeleiteten) Guts,
während »Glückseligkeit immer etwas, was dem, der sie besitzt,
zwar angenehm, aber nicht für sich allein schlechterdings und in
aller Rücksicht gut ist, sondern jederzeit das moralische gesetzmä-
ßige Verhalten als Bedingung voraussetzt« (KpV, A199/V111).
Die Idee der besten Welt der vernünftigen Wesen als Endzweck
dient nur dem übersinnlichen Ziel der praktischen Vernunft (vgl.
Fortschritte, A140/XX307), um »einen besonderen Beziehungs-
punkt der Vereinigung aller Zwecke« zu verschaffen (Religion,
AVIII/VI5). Das höchste abgeleitete Gut zu befördern, ist nicht die-
se oder jene Pflicht, sondern als das Ganze aller Zwecke unter ei-
nem Prinzip eine Pflicht der zweiten Ordnung. »Dieses ist eine Wil-
lensbestimmung von besonderer Art« (Gemeinspruch,
A212/VIII280 Anm.). Dadurch wird kein konkreter Zweck gegeben
und die Zahl der Pflichten wird auch nicht vermehrt (vgl. Religion,
AVIII/VI5).

56
Das höchste Gut wird von Kant in der KpV (A198 f./V110 f., A226/V125)
folgendermaßen differenziert: das oberste Gut (die Sittlichkeit) als die Grund-
bedingung der Glückseligkeit, das höchste abgeleitete Gut (die beste Welt) als
das vollendete Gut (die größte Erweiterung der Sittlichkeit) und das höchste ur-
sprüngliche Gut (Gott) als Garant des höchsten abgeleiteten Guts. Dazu vgl.
auch Fortschritte, A123/XX301.

103
Die Sittlichkeit vollendet sich im höchsten durch Freiheit zu be-
wirkenden Gut in der Welt als ihrem Endzweck, der die größte Er-
weiterung des praktischen Vernunftgebrauchs mittels des theo-
retischen ist, soweit diese Erweiterung in unserer Hand liegt.
Kant will in der Moralphilosophie keine Theorie der reinen Hei-
ligkeit, sondern eine Theorie der endlichen praktischen Vernunft
vertreten, die faktisch letztendlich nach Glück strebt. Eine prakti-
sche Theorie der menschlichen Handlung soll das Element des
Glückseligkeitsstrebens als materialer Bedingung derselben nicht
ausschließen.57
»[Die] U n t e r s c h e i d u n g des Glückseligkeitsprinzips von
dem der Sittlichkeit ist darum nicht sofort E n t g e g e n s e t -
z u n g beider, und die reine praktische Vernunft will nicht,
man solle die Ansprüche auf Glückseligkeit a u f g e b e n , son-
dern nur, so bald von Pflicht die Rede ist, darauf gar n i c h t
R ü c k s i c h t nehmen« (KpV, A166/V93, vgl. auch A60
f./V34 f., A196 f./V109 f.).

2.1.2 Von der physischen zur moralischen Teleologie in


der KU
Ist die Freiheit keine Chimäre, dann soll die Verwirklichung der
sittlichen Zwecke in der Sinnenwelt möglich sein, »und die Natur
muß folglich auch so gedacht werden können, daß die Gesetzmäßig-
keit ihrer Form wenigstens zur Möglichkeit der in ihr zu bewirken-
den Zwecke nach Freiheitsgesetzen zusammenstimme« (KU, XIX f.;
vgl. KpV, A205/V114). Diese notwendige Übereinstimmung von
Gesetzgebungen des Verstandes und der Vernunft ist jedoch nur
eine Forderung der reinen praktischen Vernunft. Weder von der
Gesetzgebung der Vernunft noch von der des Verstandes her kann
diese Übereinstimmung »eingesehen« werden (vgl. KpV, A214

57
Es ist ein Mißverständnis, daß Kant, wie z.B. Heinekamp (S. 392 f.) meint, den
Glücksgedanken aus der Ethik verbannte. Die Moral unterdrückt nach Kant das
subjektive Interesse des Menschen nicht, sondern sie fordert unbedingt dessen
Entfaltung, allerdings geleitet vom Prinzip der Moral.

104
f./V119; KU, 461 f. Anm.). Um sie uns wenigstens verständlich
machen zu können, muß es einen Begriff geben, der weder ein Na-
turbegriff des Verstandes noch ein Freiheitsbegriff der Vernunft ist,
und dennoch notwendig der Naturbetrachtung angehört, wobei die
Natur so beurteilt werden muß, daß sie »mit unserer, aber nur auf
Erkenntnis gerichteten Absicht, übereinstimmt« (KU, XXXVIII).
Wir haben dann einen Grund a priori aus unserem Erkenntnisver-
mögen, näherhin der reflektierenden Urteilskraft, eine vernunft-
ähnliche Natur ohne Rücksicht auf die Forderung der praktischen
Vernunft anzunehmen und zu postulieren 58 , welche der Verstand
nach seiner Gesetzgebung für die Erscheinung unbestimmt läßt, und
welche die Vernunft nach ihrem Freiheitsgesetz für die Sitten not-
wendig postuliert, aber nicht einzusehen vermag.
Dies ist genau der Knotenpunkt der Übergangsproblematik der
KU, ein Prinzip zu finden, welches, unabhängig von der Gesetzge-
bung des Verstandes, dennoch für die Naturerkenntnis unentbehr-
lich ist, und zugleich nicht auf die Sinnenwelt eingeschränkt bleibt,
sondern, unabhängig vom moralischen Interesse, zwar wohl mit ihm
verbunden (vgl. KU, 439), subjektiv-notwendig eine Naturordnung
eröffnet, die für den menschlichen Verstand nur in bezug auf das
Übersinnliche verständlich gemacht werden kann.59 Im Begriff der
Zweckmäßigkeit der Natur als subjektiv transzendentales Prinzip
für die theoretisch-reflektierende Urteilskraft liegt nun nach Kant
der Schlüssel zum Übergang vom Sinnlichen zum Übersinnlichen.
Die Naturteleologie soll das Hindernis des dogmatisch mißver-
standenen Verstandes, eine teleologische Naturordnung anzuneh-

58
Das transzendentale, formale Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur für unser
Erkenntnisvermögen ist keine Hypothese im eigentlichen Sinne, sondern die
subjektive, notwendige Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung. Die Zwecke
der Natur kritisch so zu betrachten, als ob sie absichtlich von einem »verständi-
gen Wesen« sei, ist hingegen eine erlaubte hypothetische Erklärungsart der re-
flektierenden Urteilskraft (vgl. KU, 307, 318, 361; EE, XX235, XX251).
59
In diesem Sinne kann man, ähnlich wie Brandt (1989, S. 189 f.), sagen, daß das
Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur nichts mit der Lösung der Antinomie im
Begriff des höchsten Guts in der Dialektik der KpV zu tun hat. Jene gehört zur
Naturteleologie, diese zur moralischen Teleologie.

105
men, wegräumen, und bereitet den kritischen Verstand auf den Weg
zur moralischen Teleologie vor (vgl. KU, 434).
Das Übergangsproblem ist das system-abschließende Hinter-
grundsproblem der KU, welches die ganze KU durchzieht und die
einzelnen Fragen daraufhin leitet. Die Auflösung dieses Problems
wird von Kant durch den Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur
unter vier Perspektiven betrachtet, nämlich subjektiv transzendental,
ästhetisch, physisch- und moralisch-teleologisch. Die moralische
Teleologie kann zwar unmittelbar zur Kantischen Auflösung des
Übergangs von der Natur zur Freiheit in der KU nicht beitragen,
aber die Naturteleologie vollendet sich erst in der Verbindung mit
ihr. Sie ist nach Kant die einzige Art für uns, die zu einer transzen-
dentalphilosophisch fundierten Theologie führen kann. Die subjek-
tiv transzendentale Fundierung des Übergangs vom Sinnlichen zum
Übersinnlichen werden wir nun kurz erörtern, um Aufschluß über
die Heautonomie der Urteilskraft und den systematischen Ort des
Prinzips der Zweckmäßigkeit der Natur zu geben. Auf dieses Prob-
lem wird später noch näher eingegangen.
Durch den Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur kann die Natur
in Analogie mit der Gesetzgebung des Verstandes so vorgestellt
werden, »als ob ein Verstand den Grund der Einheit des Mannigfal-
tigen ihrer empirischen Gesetze enthalte« (KU, XXVIII; vgl. XXVI
f., § 75). Der intuitive Verstand bekommt erst als Idee der reflektie-
renden Urteilskraft und nicht als theoretische Vernunftidee (das
transzendentale Ideal) seine angemessene Stelle im Kantischen Sys-
tem, wobei sein dialektischer Mißbrauch von vornherein durch die
Heautonomie der Urteilskraft verhütet wird. Das besagt aber nicht,
daß die regulative Funktion der theoretischen Vernunftideen für die
Vollständigkeit des Verstandesgebrauchs von Kant aufgegeben wird.
An der Leit- und Grenzfunktion der Vernunftidee für den Verstand
hält Kant in der KU noch fest, welche als »quantitative Vollkom-
menheit« (KU, 45) der Urteilskraft sich selbst zur Orientierung
dient.60

60
In der Vorrede der KU (vgl. § 1 – § 3 der zweiten Einleitung) sichert Kant zu-
erst die Autonomie des Verstandes (der KrV) und der Vernunft (der KpV); dem-
zufolge werden zwei Gebiete der »r e i n e n V e r n u n f t « als »Vermögen der

106
Die eigentliche Bedeutung der Zweckmäßigkeit der Natur für un-
sere Fassungskraft als transzendentales Prinzips der Urteilskraft
liegt aber in der kognitiven Funktion derselben für die Möglichkeit
der Erfahrung. Es bleibt anzumerken, daß in Kants Formulierung
der Zweckmäßigkeit der Natur unterschieden werden muß zwischen
subjektiv transzendentalem Status des Prinzips selbst für die Mög-
lichkeit der Erfahrung, dessen heuristischer Anwendung auf die
Naturforschung, sowie dessen unbestimmtem, normativem Charak-
ter für die Beurteilung der Natur als System nach Regeln der Zwe-
cke und schließlich dessen idealer Verweisung auf den über-
sinnlichen Grund (und Urgrund) der Natur.61
»Dieser transzendentale Begriff einer Zweckmäßigkeit der
Natur ist nun weder ein Naturbegriff noch ein Freiheitsbe-
griff, weil er gar nichts dem Objekte (der Natur) beilegt, son-
dern nur die einzige Art, wie wir in der Reflexion über die
Gegenstände der Natur in Absicht auf eine durchgängig zu-
sammenhängende Erfahrung verfahren müssen, vorstellt,
folglich ein subjektives Prinzip (Maxime) der Urteilskraft«
(KU, XXXIV).

Erkenntnis aus Prinzipien a priori« (KU, III), Natur und Freiheit, gegründet.
Die Ideen oder Vernunftbegriffe dienen als regulative Prinzipien: »teils die be-
sorglichen Anmaßungen des Verstandes, als ob er (indem er a priori die Bedin-
gungen der Möglichkeit aller Dinge, die er erkennen kann, anzugeben vermag)
dadurch auch die Möglichkeit aller Dinge überhaupt in diesen Grenzen be-
schlossen habe, zurückzuhalten, teils um ihn selbst in der Betrachtung der Na-
tur nach einem Prinzip der Vollständigkeit, wiewohl er sie nie erreichen kann,
zu leiten und dadurch die Endabsicht alles Erkenntnisses zu befördern« (KU,
IV f.; vgl. Jäsche Logik, A141 f./IX92 f.; KrV, A562/B590; Prol., A132/IV331
f.; KpV, A244/V135).
61
P. Bommersheim (1927, S. 294 ff.) unterscheidet vier Bedeutungen des Kanti-
schen Begriffs ›innere Zweckmäßigkeit der Natur‹ (Teleologie i.e.S.): 1. Prin-
zip der Beurteilung (Betrachtung, Beschreibung) der Natur, welches als Prinzip
der Urteilskraft nichts über das konkrete Naturobjekt aussagt; 2. Prinzip der
Einheit des Besonderen (Gesetze, Dinge oder Erfahrung); 3. Prinzip der Heuris-
tik, »ohne über die Natur hinaus den Grund der Möglichkeit« der inneren
Zweckmäßigkeit zu suchen (KU, 355); und 4. Prinzip der Endursache als »te-
leologisches Prinzip der Erzeugung« (KU, 375; vgl. 359).

107
Dieser subjektiv transzendentale Begriff ist zweifelsohne kein
Freiheitsbegriff, weil er »a priori und ohne Rücksicht auf das Prak-
tische« (KU, LV; vgl. XXXIX) von unserer Urteilskraft in Anbet-
racht der Möglichkeit der besonderen Naturerkenntnis angenommen
wird. Er ist zwar kein Naturbegriff des Verstandes, sowohl in for-
maler als auch in materialer Hinsicht, da die Natur als Inbegriff aller
gesetzmäßigen Erscheinungen bloß ein Aggregat (Mechanismus)
und kein System ist (obwohl sie als Natur überhaupt ein System
nach transzendentalem Gesetze ist), aber er ist dennoch »zu den
Naturbegriffen gehörig« (KU, LVII; vgl. Fortschritte, A101
f./XX293), weil die Natur dadurch nicht mehr »bloß als Natur« (KU,
248), sondern als ein System der besonderen Gesetze betrachtet
wird. Der Anwendungsbereich des allgemeinen Prinzips der
Zweckmäßigkeit der Natur besteht in der (ästhetischen oder logi-
schen) Beurteilung von Dingen in Raum und Zeit und von ihrer
empirischen Gesetzlichkeit samt einer Reflexion über den über-
sinnlichen Grund der erscheinenden Natur (in uns und außer uns).
Das transzendentale Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur liegt der
kritisch teleologischen Naturbetrachtung zugrunde, indem es
»schon, den Begriff eines Zweckes (wenigstens der Form nach) auf
die Natur anzuwenden, den Verstand vorbereitet hat« (KU, LI; vgl.
267 f.). Der Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur verschafft der
Urteilskraft die Möglichkeit des kompatiblen Gebrauchs des Vers-
tandes und der Vernunft.
Wie dies möglich ist, sucht Kant, und zwar nicht immer deutlich,
im Haupttext der KU auf zwei unterschiedlichen Wegen zu zeigen
(vgl. z.B. EE, XX246 f.): Auf der einen Seite handelt es sich um die
ästhetische Naturbetrachtung des Schönen durch das Gefühl der
Lust aufgrund der inneren Kausalität der Wechselbeziehung der
Erkenntnisvermögen in ihrem freien Spiel, und auf der anderen um
die logische (bzw. teleologische) Beurteilung der Naturdinge als
Naturzwecke und die Ausweitung der teleologischen Beurteilung
auf das »Naturganze (die Welt)« (KU, 361) als System nach (theo-
retischen oder praktischen) Zwecken. Die uninteressierte und freie
Lust befördert »die Empfänglichkeit des Gemüts für das moralische
Gefühl« (KU, LVII), indem das reine Geschmacksurteil (als Hand-

108
lung der Urteilskraft) a priori aufgrund des allgemeinen Verfahrens
der reflektierenden Urteilskraft Anspruch auf Allgemeingültigkeit
und Notwendigkeit seines Urteils erhebt. Dieser Anspruch setzt die
Idee einer allgemeinen Stimme voraus (vgl. KU, § 8), welche auf
»das übersinnliche Substrat der Menschheit« hinweist (KU, 237).
Aufgrund des analogen Verhältnisses von ästhetischer und morali-
scher Freiheit und ihrer analogen »Wirkung« auf den Gemütszu-
stand macht der Geschmack durch seine Reflexion »gleichsam den
Übergang vom Sinnenreiz zum habituellen moralischen Interesse
ohne einen zu gewaltsamen Sprung möglich« (KU, 260).
»Nun sage ich: das Schöne ist das Symbol des Sittlich-guten;
und auch nur in dieser Rücksicht (einer Beziehung, die jeder-
mann natürlich ist, und die auch jedermann anderen als
Pflicht zumutet) gefällt es mit einem Anspruche auf je-
des anderen Beistimmung, wobei sich das Gemüt zugleich
einer gewissen Veredlung und Erhebung über die bloße Emp-
fänglichkeit einer Lust durch Sinneneindrücke bewußt ist und
anderer Wert auch nach einer ähnlichen Maxime ihrer Ur-
teilskraft schätzt« (KU, 258).
Die teleologische Weltverfassung macht die Produktivität in der
Selbstorganisation der Natur deutlich und insbesondere die Mög-
lichkeit der Verwirklichung der Idee des Endzwecks in der Natur
begreiflich, indem die Natur die Möglichkeit der Entwicklung der
Kultur des Menschen zeigt, welche die Moralität desselben be-
fördern kann. Die Kultur macht den Menschen zwar nicht sittlich
besser, aber wohl gesittet (vgl. KU, 395).
Nicht das moralisch-teleologische Prinzip des Endzwecks, son-
dern das physisch-teleologische der Zweckmäßigkeit der Natur leis-
tet eigentlich die Aufgabe des Übergangs, weil das Prinzip des End-
zwecks, unabhängig von den Zwecken der Natur, subjektiv prak-
tisch notwendig ist, d.h. wenn auch die Schöpfung oder das Dasein
der Welt überhaupt keinen Zweck hat, ist die Idee des Endzwecks
durch das moralische Gesetz als Pflicht geboten (vgl. KU, 461 f.
Anm., 424 f. Anm.). Der moralische Gottesbeweis ist »ein besonde-
rer Beweis« (KU, 473), allein aus der moralischen Zweckbestim-

109
mung des Menschen ohne Beimischung der empirischen Beweis-
gründe.
»Der moralische Beweis […] würde daher noch immer in
seiner Kraft bleiben, wenn wir in der Welt gar keinen oder
nur zweideutigen Stoff zur physischen Teleologie anträfen«
(ebd.).
Die Annahme eines moralischen Welturhebers als Urgrunde der
Natur ist zwar subjektiv überzeugend für die moralisch-reflektie-
rende Urteilskraft, aber nicht praktisch notwendig wie die Pflicht
selbst für die moralisch-bestimmende, weil sie nur zum Zweck des
praktischen Gebrauchs der Vernunft hinreichend dargetan ist, »ohne
in Ansehung des Daseins desselben etwas theoretisch zu bestim-
men« (KU, 434). Die moralisch-theologische Vereinigung der Ge-
biete der Natur und Freiheit in Gott als moralischem Welturheber
wird von Kant bloß in praktischer Rücksicht als »Glaubenssache«
(res fidei) bestimmt, und dient nur zum zweckmäßigen Gebrauch
der praktischen Vernunft, aber nicht zum theoretischen Erklärungs-
grunde der Natur (vgl. KU, 453 f., 458 ff.). Zum letzteren ist nur die
hypothetische Erklärungsart des physisch-teleologischen Prinzips
imstande (vgl. KU, 460).
D.h. der Vollzug des Übergangs soll nicht im Endpunkt dessel-
ben, sondern in seinem Wendepunkt, in dem die Naturteleologie
sich vollendet, und von dem die moralische Teleologie ausgeht,
gesucht werden. Denn das System des Übersinnlichen wird in prak-
tischer Absicht bereits durch das moralisch-teleologische Prinzip
des Endzwecks in der Idee eines moralischen Welturhebers für die
moralisch-reflektierende Urteilskraft hinreichend dargetan. Der
Ausgangspunkt der Ethikotheologie ist die Idee des höchsten durch
uns möglichen Guts in der Welt, oder der »Endzweck der Schöp-
fung«, nämlich eine Welt, in der die sittlichen Zwecke mit den
Zwecken der Natur übereinstimmen (vgl. KU, 432). Nun führt die
Naturteleologie nach Kant auf den Weg der Zwecke der Natur zum
Endzweck der Schöpfung mittels der Selbstbetrachtung des Men-

110
schen als Subjekt unter moralischen Gesetzen (vgl. KU, § 84 ff.).62
Der Mensch als Sinnenwesen kann als ein Zweck der Natur betrach-
tet werden, aber er muß als Vernunftwesen nach den moralischen
Gesetzen ein Endzweck (Zweck an sich) sein. Wenn die Existenz
der Welt überhaupt einen Endzweck hat, dann kann er nach unseren
Begriffen nicht anders als im Menschen als moralischem Subjekt
liegen (vgl. KU, 421 f., 384). Denn ohne diesen Endzweck hat das
Dasein der Natur entweder überhaupt keinen Zweck, oder nur be-
dingte Zwecke, wenn es Zwecke der Natur gibt. Ein bedingter
Zweck ohne Endzweck ist aber nach unserem Verständnis soviel
wie zwecklos (vgl. KU, 398 f., 423).63 Denn die Vernunft fordert

62
Der Mensch ist ein endliches Vernunftwesen unter moralischen Gesetzen. Kant
unterscheidet in § 11 (A93 ff./VI434 ff.) der metaphysischen Anfangsgründen
der Tugendlehre zwischen »homo phaenomenon« und »homo noumenon«.
»Allein der Mensch als P e r s o n betrachtet, d.i. als Subjekt einer moralisch-
praktischen Vernunft, ist über allen Preis erhaben; denn als ein solcher (homo
noumenon) ist er nicht bloß als Mittel zu anderer ihren, ja selbst seinen eigenen
Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen, d.i. er besitzt eine
W ü r d e (einen absoluten innern Wert), wodurch er allen andern vernünftigen
Weltwesen A c h t u n g für ihn abnötigt« (MAT, A93/VI434 f.; vgl. KU, 208 f.,
398; GMS, A64 ff./IV428 ff., A82 ff./IV437 ff.). Der Mensch als »Subjekte der
Moralität« (KU, 399) markiert seinen Wesensunterschied von allen anderen
Tieren, aber er als »homo phaenomenon, animal rationale« (MAT, A93/VI434)
hat, wie jedes andere Tier, nur einen Marktwert. Daß der Mensch ein empiri-
sches zwecksetzendes Vermögen hat, reicht nicht aus, das Wesen des Men-
schen von Tieren qualitativ zu trennen (vgl. KU, 382 f.). Die reine praktische
Vernunft ist von allen Naturursachen losgelöst und sie ist, als Vernunftwesen
rein betrachtet, der alleinige Grund der Moral. Der Mensch ist aber kein reines
Vernunftwesen, das dem Menschen bloß zum Ideal dient. Er ist auf der anderen
Seite ein Produkt der Natur. Er ist von Natur ein »ungesellig geselliges« Wesen
(vgl. Allg. Gesch., A392 ff./VIII20 ff.). Die Aufgabe besteht dann für Men-
schen »in pragmatischer Hinsicht« darin, daß »er, als mit V e r n u n f t f ä h i g -
k e i t begabtes Tier (animal rationabile) aus sich selbst ein v e r n ü n f t i g e s Tier
(animal rationale)« (Anthr., A315/VII321) durch die Kultivierung, Zivilisierung
und Moralisierung in der Gesellschaft mit Menschen machen soll und muß (vgl.
Anthr., A321/VII324). – Vgl. oben Anm. 44 (S. 94 f.)
63
So fragt sich Kant in der Idee zu einer allgemeinen Geschichte …: »ob es wohl
vernünftig sei, Z w e c k m ä ß i g k e i t der Naturanstalt in Teilen und doch
Z w e c k l o s i g k e i t im Ganzen anzunehmen?« (Allg. Gesch., A401/VIII25).
Bei der Frage nach der äußeren »Anordnung zu einem zweckmäßigen Ganzen

111
ihrer Natur gemäß unvermeidlich, »die Zwecke, die […] nur be-
dingt sind, einem unbedingten obersten, d.i. einem Endzwecke«
unterzuordnen (KU, 412 f.).
Dieser Schluß von der Natur im Ganzen als Zweckzusammen-
hang auf den Endzweck der Schöpfung ist nicht unproblematisch,
weil der Endzweck der Schöpfung hierbei mit der Ambiquität be-
haftet bleibt.64 Er bezieht sich zum einen auf die Existenz der Welt,
und zum anderen auf die Existenz einer besonderen Gattung
Mensch und drittens auf die Existenz des höchsten durch Freiheit zu
bewirkenden Guts in der Welt. Die drei hängen nach der prakti-
schen Vernunft insofern notwendig zusammen, wenn überhaupt ein
Endzweck der Schöpfung angenommen wird. Denn das Dasein der
Welt kann nach unseren Begriffen nur in Beziehung auf moralische
Subjekte einen absoluten Wert haben (vgl. KU, 411 f.), weil der
Mensch unter moralischen Gesetzen der einzige Endzweck ist, der
»a priori für uns als gewiß gelten« kann (KU, 416).
Mit dem Prinzip des Endzwecks will Kant nur soviel sagen:
Wenn Naturprodukte (einschließlich des Menschen selbst) und die
Welt überhaupt einen Endzweck haben sollen, dann können wir
nach unseren Begriffen nicht umhin, so zu denken, daß der gedachte
Endzweck der Schöpfung mit dem durch moralische Gesetze auf-
erlegten Endzweck übereinstimmen muß. Die Naturteleologie ist
allein ohne Hilfe der moralischen Zweckbestimmung des Menschen
zum Endzweck der Schöpfung unzureichend, weil sie bloß mit be-
dingten Zwecken der Natur zu tun hat (vgl. KU, 299 f., 401 f.).
In der bloßen Naturbetrachtung sind wir berechtigt, Naturpro-
dukte ihrer Form wegen als Zwecke der Natur zu beurteilen, ohne
zu entscheiden, ob die Zwecke absichtlich oder absichtslos seien
(vgl. KU, 307). Wenn wir schon einen Grund haben, Naturdingen
verständige Ursachen unterzulegen, dann können wir auch nach

der Naturwesen« ist Kant nicht blind für das Phänomen der Verwüstungen der
Natur: »Allein eine genauere Kenntnis der Beschaffenheit dieser Grundlage al-
ler organischen Erzeugung gibt auf keine anderen als ganz unabsichtlich wir-
kende, ja eher noch verwüstende als Erzeugung, Ordnung und Zwecke begüns-
tigende Ursachen Anzeige« (KU, 384).
64
Zur Ambiquität des Begriffs Endzweck bei Kant vgl. unten S. 124 f.

112
dem Zweck ihrer Existenz fragen. Wenn der Zweck bedingt ist,
dann kann weiter gefragt werden, wozu er da ist. Wir finden dann
eine befriedigende Antwort, bis ein unbedingter Zweck gefunden
wird, auf dem die ganzen ihm untergeordneten Zwecke gestützt
werden können. Erst in dem Endzweck der Schöpfung vollendet
sich die Naturteleologie. Der Endzweck der Schöpfung kann zwar
»nicht apodiktisch für die bestimmende, doch hinreichend für die
Maximen der theoretisch-reflektierenden Urteilskraft« (KU, 431)
dargetan werden. Die teleologische Weltverfassung kann gut zur
heuristischen Maxime der Naturforschung dienen, indem die Idee
des Naturganzen als System nach Zwecken die Erforschung der
mechanischen Gesetze leitet, welche wahrscheinlich nie entdeckt
würden, wenn die Untersuchung allein nach der Maxime des bloßen
Mechanismus geleitet wird (vgl. KU, 334; KrV, A826/B854). Diese
Idee des Endzwecks der Natur kommt im gemeinen und metaphysi-
schen Weltbegriff folgendermaßen zum Ausdruck: »Alles in der
Welt ist irgend wozu gut, nichts ist in ihr umsonst« (KU, 300 f.; vgl.
296, 402; EE, XX210).
Die physische Teleologie führt zwar zu keinem Begriff von ei-
nem Gott, weil Zwecke der Natur nur durch Erfahrung gegeben
werden können, und der empirische Beweisgrund »keinen […] hin-
reichend bestimmten Begriff von dem Urwesen gibt, noch geben
kann« (KU, 475); aber sie »dient dem moralischen Argument zu
erwünschter Bestätigung, soweit Natur etwas den Vernunftideen
(den moralischen) Analoges aufzustellen vermag« (KU, 474). Sie
macht »das Bedürfnis einer Theologie […] fühlbar« (KU, 482) und
»des moralischen Beweises empfänglicher« (KU, 473), »indem sie
durch die Betrachtung der Naturzwecke, von denen sie reichen Stoff
darbietet, zur Idee eines Endzweckes, den die Natur nicht aufstellen
kann, Anlaß gibt« (KU, 482). Dieses Argument hat Ähnlichkeit mit
der Beziehung des freien und interesselosen Wohlgefallens am
Schönen auf das moralische Gefühl, aber mit dem Unterschied, daß
die teleologische Beurteilung der Natur nichts direkt mit dem Ge-
fühl zu tun hat. Die Rührung der mannigfaltigen Zwecke der Natur
kann nach Kant zustande kommen, nur wenn die Beurteilung der-
selben in Verbindung mit der jedem Menschen beiwohnenden und

113
ihn innigst bewegenden moralischen Bestimmung steht (vgl. KU,
472, 439; MAT, A107 f./VI443). Der Übergang der KU vollzieht
sich nach Kant nicht nur in den Erkenntnisvermögen (i.w.S.), son-
dern auch in dem durch die reflektierende Beurteilung der Natur
resultierenden Gefühl des Gemüts. Die Bewunderung der Natur-
schönheit und die Rührung durch die mannigfaltigen Zwecken der
Natur zeigen eine Ähnlichkeit zum religiösen Gefühl.
»Sie scheinen daher zuerst durch eine der moralischen ana-
loge Beurteilungsart derselben auf das moralische Gefühl
(der Dankbarkeit und der Verehrung gegen die uns unbe-
kannte Ursache) und also durch Erregung moralischer
Ideen auf das Gemüt zu wirken, wenn sie diejenige Be-
wunderung einflößen, die mit weit mehrerem Interesse
verbunden ist, als bloße theoretische Betrachtung wirken
kann« (KU, 478 Anm.; vgl. 439, 170, 172, 416 f., 471 f.; KpV,
A285 f./V160).
Wenn Verstand und Vernunft mit dem Brückenschlag der reflek-
tierenden Urteilskraft auch unzufrieden sind, bleibt die Bewirkung
der Betätigung derselben auf das Gemüt bedeutsam für die Vermitt-
lung zwischen dem Erkenntnisvermögen (i.e.S.) und Begehrungs-
vermögen. Dies könnte ein anderer Grund dafür sein, daß der ästhe-
tische Übergang durch die freie Lust für Kant vielversprechender ist,
als die »Beurteilung durch die kalte Vernunft« (KU, 471).
Soll der Übergang von der Natur zur Freiheit möglich sein, dann
muß die Natur im Sinnlichen wenigstens eine Spur zeigen, oder
einen Wink geben (vgl. KU, 169, 171, 320), daß sie die Realisie-
rung des sittlichen Zwecks zumindest zuläßt. Nach der transzenden-
talen Zweckmäßigkeit der Natur muß die Natur in ihren besonderen
Gesetzen als System für die Urteilskraft zu ihrem empirischen
Gebrauch angesehen werden. Die Naturschönheit zeigt nun die
Tauglichkeit der menschlichen Natur als Sinnenwesen zur Kultur-
entwicklung und zur Empfänglichkeit ihrer moralischen Bestim-
mung.65 Die Erfahrung des Organismus als Naturzweck veranlaßt

65
Dazu vgl. Kants klassische Formulierung: »Annehmlichkeit gilt auch für ver-
nunftlose Tiere; Schönheit nur für Menschen, d.i. tierische, aber doch vernünf-

114
uns eine natürliche Kausalität nach Zwecken in die Naturwissen-
schaft einzuführen.
»Der Begriff eines Dinges, als an sich Naturzwecks, ist also
kein konstitutiver Begriff des Verstandes oder der Vernunft,
kann aber doch ein regulativer Begriff für die reflektierende
Urteilskraft sein, nach einer entfernten Analogie mit unserer
Kausalität nach Zwecken überhaupt die Nachforschung über
Gegenstände dieser Art zu leiten und über ihren obersten
Grund nachzudenken; das letztere zwar nicht zum Behuf der
Kenntnis der Natur oder jenes Urgrundes derselben, sondern
vielmehr eben desselben praktischen Vernunftvermögens in
uns, mit welchem wir die Ursache jener Zweckmäßigkeit in
Analogie betrachteten« (KU, 294 f.).
Nach methodischen und moralischen Gründen muß das naturte-
leologische Prinzip auch auf alle Naturdinge und das Naturganze
selbst erweitert werden, obwohl diese (subjektive) Notwendigkeit
nach Kant durch die Denkungsart des Subjekts bedingt ist (vgl. KU,
301). Wenn also Zwecke der Natur ein System sind, dann müssen
sie sich nach Kant in eine Zweck-Mittel-Kette einordnen, welche
ein letztes Glied haben muß, das einerseits ein Naturzweck (sinnlich
bedingt) und zugleich auch ein Endzweck (unbedingt) ist, weil eine
unendliche Zweck-Mittel-Kette für uns nichts anders als zwecklos
ist. Der letzte Zweck der Natur ist nach Kant die Kultur des Men-
schen, weil der Mensch ein zwecksetzendes Vermögen hat und als
ein moralisches Subjekt ein Endzweck (Zweck an sich selbst) ist.
Wenn das Naturganze (die Welt) existieren soll, muß sein End-
zweck in der Moralität des Menschen liegen und alles, was die Mo-

tige Wesen, aber auch nicht bloß als solche (z.B. Geister), sondern zugleich als
tierische; das Gute aber für jedes vernünftige Wesen überhaupt« (KU, 15); und
ferner die viel zitierte teleologische Implikation der Naturschönheit in R1820a:
»Die [s]chöne[n] Dinge zeigen an, daß der Mensch in die Welt passe und selbst
seine Anschauung der Dinge mit den Gesetzen seiner Anschauung stimme«
(XVI127). Angemerkt sei, daß Kant in den 70er Jahren noch versuchte, die
komparative Allgemeinheit und Objektivität des Geschmacksurteils auf die
Formen der sinnlichen Anschauung und das Objekt zurückzuführen (vgl. R648,
XV284; R672, XV298; R702, XV311; R856, XV378; Logik-Philippi, § 22 u.ö.).

115
ralisierung des Menschen befördert, kann als letzter Zweck der Na-
tur angesehen werden (vgl. KU, 391).
Das Subjekt des Übergangs ist nach Kant keineswegs Gott, son-
dern der Mensch als sinnliches und zugleich moralisches Wesen.
Gott darf zwar aus moralisch-teleologischem Grunde als morali-
scher Welturheber und Urgrund der Natur angesehen und postuliert
werden, aber er ist nur ein Ideal, und kann die Einheit der Welt
nicht dogmatisch garantieren (vgl. KU, 426 f.). Weil am Ende im-
mer die Aufgabe des Menschen bestehen bleibt, sich selbst vom
Sinnlichen zum Übersinnlichen zu erheben, d.h. die theoretische
Zwecksetzung der moralischen unterzuordnen. Der Mensch als er-
kennendes, fühlendes und handelndes Wesen paßt nach Kant nicht
nur in die natürliche Welt, sondern letztere soll auch in die sittliche
Welt passen.
Die innere Teleologie des menschlichen Vermögens veranlaßt
Kant in beiden Einleitungen zur KU (vgl. z.B. KU, XXIV f.; EE,
XX246 f.) zur Betonung des ästhetischen Übergangs von der Natur
zur Freiheit. Im Abschnitt IX der zweiten Einleitung zur KU, wo
der Übergang thematisiert wird, hebt Kant den Geschmack (ästheti-
sche Freiheit) als »intellektuelles Vermögen« (vgl. KU, LVI), das
auf »das Intelligible« (KU, 258), also das Übersinnliche der Natur
in uns verweist, und die Rolle der Zweckmäßigkeit der sinnlichen
Natur des Menschen für den Übergang hervor. In diesem Zusam-
menhang ist auch die klassische Formulierung Kants zu verstehen:
Schönheit gilt nur für Menschen (vgl. KU, 15).66 Zum Beleg werden
zwei bedeutsame Stellen im Abschnitt IX der zweiten Einleitung
zusammengestellt:
»Die Wirkung nach dem Freiheitsbegriffe ist der Endzweck,
der (oder dessen Erscheinung in der Sinnenwelt) existieren
soll, wozu die Bedingung der Möglichkeit desselben in der
Natur (des Subjekts als Sinnenwesen, nämlich als Mensch)
vorausgesetzt wird« (KU, LIV f.).

66
Zur Gewichtigkeit der Rolle des Menschen im Übergang der KU vgl. K. Dü-
sing (1990) S. 88 ff.; J. Kulenkampff (1994) S. 172; B. Raymaekers (1998) S.
87.

116
»Die Spontaneität im Spiele der Erkenntnisvermögen, deren
Zusammenstimmung den Grund dieser [sc. ästhetischen]
Lust enthält, macht den gedachten Begriff [sc. Zweckmäßig-
keit der Natur] zur Vermittlung der Verknüpfung der Gebiete
des Naturbegriffs mit dem Freiheitsbegriffe in ihren Folgen
tauglich, indem diese zugleich die Empfänglichkeit des
Gemüts für das moralische Gefühl befördert« (KU, LVII).

2.1.2.1 Bestimmbarkeit des Übersinnlichen durch die


Zweckmäßigkeit der Natur
Nun können wir die schwierige Passage im Abschnitt IX auf-
schlüsseln:
»Die Urteilskraft verschafft durch ihr Prinzip a priori der Be-
urteilung der Natur, nach möglichen besonderen Gesetzen
derselben, ihrem übersinnlichen Substrat (in uns sowohl als
außer uns) B e s t i m m b a r k e i t d u r c h d a s i n t e l l e k t u -
e l l e V e r m ö g e n « (KU, LVI).
Mit dem intellektuellen Vermögen meint Kant im allgemeinen
das Vermögen der Spontaneität des Denkens im Gegensatz zur Re-
zeptivität der Sinnlichkeit.67 Das Charakteristische des intellektuel-
len Vermögens ist nach Kant die Reflexion.68 Insbesondere ist in
diesem Zusammenhang die »Spontaneität im Spiele der Erkenntnis-
vermögen« (KU, LVII) bei der ästhetischen Reflexion angespro-
chen.69
Zum einen unterscheidet Kant den ästhetischen Übergang als Be-
stimmbarkeit des Übersinnlichen in uns vom teleologischen (i.e.S.)
als Bestimmbarkeit des Übersinnlichen außer uns,70 zum anderen
besteht der Grundgedanke der Zweckmäßigkeit der Natur für unser

67
Vgl. Anthr., A117 ff./VII198 f.; KrV, B423 Anm.; ferner K. Düsing (1986) S.
111 ff., 232 f.
68
Vgl. Anthr., A14/VII134, A21/138, A27/VII141f.; Prol. A62/IV288; und siehe
ferner § 3.
69
Vgl. auch KU, 258 f., XXIV f., 236 ff., 239, 242 f., 245; EE, XX246 f.
70
Vgl. z.B. KU, 237 ff.; ferner K. Düsing (1986) S. 111 ff.

117
Erkenntnisvermögen darin, daß man sich immer des zufälligen Ent-
gegenkommens der Natur in bezug auf das beurteilende Subjekt
bewußt ist (vgl. KU, 35, 167, 236 ff., 258 f.). Dies ist grundlegend
sowohl für die ästhetische Zweckmäßigkeit als auch für die teleolo-
gische. Man soll daher in diesem Zusammenhang die Unterschei-
dung der Natur in uns von der außer uns nicht zu stark gewichten.
Weil Kant das freie Spiel der Erkenntnisvermögen auf dem all-
gemeinen Verfahren der Urteilskraft in ihrem empirischen
Gebrauch zurückführt (vgl. z.B. KU, § 9, § 35), und weil hierbei
von der Verknüpfung der Gesetzgebungen des Verstandes und der
Vernunft durch den Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur die Rede
ist (vgl. KU, LV), kann die teleologische Urteilskraft auch als zum
intellektuellen Vermögen gehörig in Betracht gezogen werden, da
sie »nur die reflektierende Urteilskraft überhaupt« ist (KU, LII; vgl.
EE, XX221, XX234), obwohl die teleologische Beurteilung der
Natur direkt »nichts mit einem Gefühle der Lust an den Dingen,
sondern mit dem Verstande in Beurteilung derselben« mit Hilfe des
Vernunftprinzips der Zwecke zu tun hat (KU, XLIX; vgl. KU, VIII;
EE, XX228, XX250 f.).
Ein anderer Grund besteht darin, daß die ästhetische Reflexion
den Übergang von der Natur zur Freiheit nur möglich machen kann,
indem sie in einen teleologischen (i.w.S.) Denkhorizont mit einbe-
zogen wird. So sagt Kant in § 42 der KU vom unmittelbaren intel-
lektuellen Interesse am Naturschönen: »Daß die Natur jene Schön-
heit hervorgebracht hat: dieser Gedanke muß die Anschauung und
Reflexion begleiten« (KU, 167)71, und führt er in § 67 im Hinblick

71
Die teleologische Interpretation der Naturschönheit mit moralischem Interesse
kommt zum Ausdruck in den klassischen, implizit theologischen Metaphern,
wie »Buch der Natur«, »Sprache der Natur«. In Nähe zur Naturvorstellung von
Jacob Böhme gibt Kant in § 42 der KU im Kontext des intellektuellen Interes-
ses am Schönen eine teleologische »Deutung ästhetischer Urteile auf Ver-
wandtschaft mit dem moralischen Gefühl« als »die wahre Auslegung der Chiff-
reschrift […], wodurch die Natur in ihren schönen Formen figürlich zu uns
spricht« (KU, 170; vgl. 172). – Zum historischen Hintergrund dieser Metaphern
vgl. G. Böhme (1999) S. 44-53.
In der transzendentalen Betrachtung ist das Geschmacksurteil ohne alles Inte-
resse. Das besagt aber nicht, daß es nicht mit dem Interesse verbunden sein

118
auf die »Gunst der Natur« zur Beförderung der Kultur des Men-
schen mittels der Naturschönheit denselben Gedanken fort:
»Schönheit der Natur, d.i. ihre Zusammenstimmung mit dem
freien Spiele unserer Erkenntnisvermögen in der Auffassung
und Beurteilung ihrer Erscheinung kann auf die Art als ob-
jektive Zweckmäßigkeit der Natur in ihrem Ganzen als Sys-
tem, worin der Mensch ein Glied ist, betrachtet werden, wenn
einmal die teleologische Beurteilung derselben durch die
Naturzwecke, welche uns die organisierten Wesen an
die Hand geben, zu der Idee eines großen Systems der
Zwecke der Natur uns berechtigt hat. Wir können es als
eine Gunst, die die Natur für uns gehabt hat, betrachten,
daß sie über das Nützliche noch Schönheit und Reize so
reichlich austeilte, und sie deshalb lieben, sowie ihrer
Unermeßlichkeit wegen mit Achtung betrachten und uns
selbst in dieser Betrachtung veredelt fühlen: gerade als ob die
Natur ganz eigentlich in dieser Absicht ihre herrliche Bühne
aufgeschlagen und ausgeschmückt habe« (KU, 303 f.).
Ohne Bezug auf die teleologische Weltbetrachtung wäre der
ästhetische Brückenschlag vom Sinnlichen zum Übersinnlichen
wenig verständlich. Dies schadet der Eigentümlichkeit der ästheti-
schen Zweckmäßigkeit dennoch nicht. Die ästhetische Reflexion
vollendet sich vielmehr erst in der teleologischen Deutung der
Naturschönheit. Der Übergang von der Natur zur Freiheit kann zwar
durch die Zweckmäßigkeit der Natur verständlich gemacht werden,
indem ein neuer Begriff von der freien und verständigen Natur
hypothetisch angenommen werden darf. Dies gilt aber nur für die
reflektierende Urteilskraft. Der Übergang und die Einheit der Ver-
nunft bleibt aufgrund der Eingeschränktheit der menschlichen Natur
dunkel.

kann (vgl. KU, 7 Anm., 303 Anm.). Dieses Interesse ist empirisch, sofern das
Schöne die Geselligkeit befördert (vgl. KU, § 41); es ist hingegen intellektuell,
sofern das Schöne ein unmittelbares Bewußtsein seiner Verwandtschaft mit
dem moralischen Gefühl erweckt. Auf diesem intellektuellen Interesse am Na-
turschöne beruht auch der Vorzug der Naturschönheit vor der Kunstschönheit,
insbesondere im Hinblick auf den Übergang vom Schönen zum Sittlich-guten.

119
»In diesem Vermögen [sc. dem Geschmack] sieht sich die
Urteilskraft nicht, wie sonst in empirischer Beurteilung, ei-
ner Heteronomie der Erfahrungsgesetze unterworfen:
sie gibt in Ansehung der Gegenstände eines so reinen
Wohlgefallens ihr selbst das Gesetz, so wie die Ver-
nunft es in Ansehung des Begehrungsvermögens tut;
und sieht sich, sowohl wegen dieser innern Möglichkeit im
Subjekte, als wegen der äußern Möglichkeit einer damit ü-
bereinstimmenden Natur, auf etwas im Subjekte selbst und
außer ihm, was nicht Natur, auch nicht Freiheit, doch aber
mit dem Grunde der letzteren, nämlich dem Übersinnli-
chen, verknüpft ist, bezogen, in welchem das theoretische
Vermögen mit dem praktischen auf gemeinschaftliche und
unbekannte Art zur Einheit verbunden wird« (KU, 258 f.).
Urteilskraft macht das Übersinnliche der Natur (sowohl in uns
als außer uns), welches der Verstand bloß als Idee des Noumenon in
negativer Bedeutung gänzlich unbestimmt läßt (vgl. KrV, B307 ff.),
durch die Idee der Zweckmäßigkeit der Natur in der ästhetischen
und teleologischen Reflexion derselben bestimmbar; eben demsel-
ben Übersinnlichen gibt die Vernunft »durch ihr praktisches Gesetz
a priori die B e s t i m m u n g « (KU, LVI), nämlich die praktische
Freiheit, das moralische Wesen als Person, Endzweck usw. Densel-
ben Gedanken führt Kant bei der Zusammenfassung der Antino-
mien der drei Erkenntnisvermögen in der Dialektik der ästhetischen
Urteilskraft an, indem Verstand, Urteilskraft und Vernunft je aus
eigener Perspektive drei Ideen bildet: »e r s t l i c h des Übersinnli-
chen überhaupt, ohne weitere Bestimmung, als Substrats der Natur;
z w e i t e n s eben desselben, als Prinzips der subjektiven Zweckmä-
ßigkeit der Natur für unser Erkenntnisvermögen; d r i t t e ns eben
desselben, als Prinzips der Zwecke der Freiheit und Prinzips der
Übereinstimmung derselben mit jener im Sittlichen« (KU, 245).

120
2.1.2.2 Struktur des moralischen Gottesbeweises
Über das Prinzip des Endzwecks der moralischen Teleologie, der
moralischen Weltvollkommenheit, in der die sittlichen Zwecke mit
den Zwecken der Natur übereinstimmen sollen, wird in der KU
nichts wesentlich Neues im Vergleich zur KpV gesagt. Einen Fort-
schritt macht Kant jedoch im Hinblick auf die Ethikotheologie
durch die klare Strukturierung der Beweisgründe (vgl. KU, 432 f.),
indem die physische und moralische Teleologie einerseits voneinan-
der streng unterschieden, und sie andererseits zum Zweck des Über-
gangs von der Natur zur Freiheit wiederum in einer Verbindung
durch die Bestimmung des Menschen gesetzt werden. Diese Ver-
bindung wird vor allem unter moralischem Aspekt entwickelt. Die
Kultur des Menschen kann als letzter Zweck der Natur angesehen
werden, nur weil sie die Realisierung der Moralität befördern kann.
Kant gliedert den moralischen Gottesbeweis in § 88 (431 ff., 2.
bis 5. Abs.) der KU in zwei Schlußschritte: Der erste Schritt ist bloß
eine Begriffsanalyse des Endzwecks der Natur (oder Schöpfung)
mittels der moralischen Teleologie. Dieser Schritt ist »noch nicht
der Schluß von der moralischen Teleologie auf eine Theologie, d.i.
auf das Dasein eines moralischen Welturhebers, sondern nur auf
einen Endzweck der Schöpfung, der auf diese Art bestimmt wird«
(KU, 433). Der moralische Gottesbeweis vollzieht sich erst im
zweiten als dem einzigen Schluß der praktisch-reflektierenden Ur-
teilskraft.
Die Klärung des Endzwecks der Natur wird hier durch die Frage
geleitet: »ob die objektive Realität des Begriffs von einem End-
zweck der Schöpfung nicht auch für die theoretischen Forderungen
der reinen Vernunft hinreichend, wenn gleich nicht apodiktisch für
die bestimmende, doch hinreichend für die Maximen der theore-
tisch-reflektierenden Urteilskraft könne dargetan werden« (KU,
431). Damit meint Kant, daß die Verbindung der sittlichen Zwecke
mit den Naturzwecken, vermittels des Endzwecks der Schöpfung,
von Seiten der spekulativen Philosophie, zumindest durch die Idee
des Naturganzen als System der Zwecke begreiflich gemacht wer-
den kann. Denn dieser teleologischen Weltverfassung gemäß den-

121
ken wir die Natur nicht nur bloß als zweckmäßiges System ihrer
empirischen Gesetze, sondern auch die Welt (das Naturganze) »als
ein nach Zwecken zusammenhängendes Ganze und als S y s t e m
von Endursachen« (KU, 413).
In der teleologischen Weltverfassung ist die Idee der Welt als
System der Zwecke zwar nur durch eine Analogie mit der prakti-
schen Zweckmäßigkeit möglich, aber dadurch wird diese Idee noch
nicht bestimmt, sondern sie wird lediglich subjektiv zum Zweck des
Verständnisses der Natur, dem Grund ihrer Ursache gemäß, ge-
braucht. Der Endzweck der Natur wird erst auf diese Weise durch
das höchste durch Freiheit zu bewirkende Gut in der Welt als End-
zweck des praktischen Gebrauchs unserer Vernunft moralisch-teleo-
logisch bestimmt.
Es gibt gewisse Unklarheiten, wie schon erwähnt, in der Wende
von der physischen zur moralischen Teleologie, wie hier in § 88 (3.
und 4. Abs.).72 Diese Unklarheiten sollen nun verdeutlicht werden:
(1) Die Vollendung der teleologischen Weltverfassung in der Idee
des Endzwecks der Natur für die theoretisch-reflektierende Ur-
teilskraft (KU, 431 f., § 88, 3. Abs.; vgl. 420 ff.):
Wenn wir Grund haben, bei der bloß formalen Beurteilung der
zweckmäßigen Anordnung der Naturprodukte eine verständige Na-
turursache, die nicht nur ein blinder Naturmechanismus ist, notwen-
dig zu postulieren, dann können wir in einer entfernten Analogie
mit unserer technisch-praktischen Vernunft einen intuitiven
Verstand als oberste verständige Weltursache annehmen. Wir kön-
nen dann nach dem regulativen Prinzip der teleologischen Weltver-
fassung auch so denken, als ob der oberste Verstand nicht nur über-
all der Existenz der Naturdinge Zwecke, sondern auch der Existenz
der Natur im Ganzen einen Endzweck unterlegte (vgl. KU, 431 f.).
Wenn wir aber so denken, dann sind wir schon über den Denkhori-
zont der physischen Teleologie hinaus ins Reich der Zwecke, weil
der Endzweck nicht zum Reich der Natur gehört. Man setzt hierbei
den obersten Verstand als Urgrund der Natur bloß in eine Analogie

72
W. Frost (1906, 306) bemerkt zu Recht, daß Kants Darstellung hier in gewisser
Weise unklar ist.

122
zur moralisch-praktischen Vernunft, um die Natur im Ganzen als
einen systematischen Zweckzusammenhang zu betrachten, damit
wir die äußerste Verbindung der Zwecke in der Natur uns begreif-
lich machen können. Der intuitive Verstand als Grenzbegriff dient
hierbei bloß zur Reflexion der Urteilskraft. Dies nötigt uns noch
nicht, die Existenz eines solchen Verstandes anzunehmen, noch viel
weniger sind wir berechtigt, die Erkenntnis der bestimmten Eigen-
schaft desselben dadurch als erkannt anzunehmen. Die teleologische
Weltverfassung dient nur zur Orientierung des Menschen in bezug
auf die mannigfaltigen Zweckanordnungen der Natur. Wir unterstel-
len hierbei der Natur, daß sie sich nach einer Idee des Ganzen orga-
nisiere. Was diese Idee sein mag, bleibt innerhalb der natur-
teleologischen Betrachtung gänzlich unbestimmt. Die Bestimmung
des Endzwecks der Natur gewinnt man erst in praktischer Absicht
mit Hilfe der moralischen Teleologie (vgl. KU, 413 f.).
Bei der Zweckmäßigkeit der Natur ist »völlig einerlei […] zu sa-
gen: Gott hat es weislich so gewollt, oder die Natur hat es also weis-
lich geordnet« (KrV, A699/B727; vgl. A701/B729). Dennoch hat
die Idee der »Technik der Natur«73 innerhalb der Naturforschung
den Vorteil, einen solchen Begriff, wie den einer unabsichtlichen
Naturtechnik (technica naturalis) einzuschließen, die »mit dem Me-
chanism der Natur im Grunde ganz einerlei sei« (KU, 321). Auf der
anderen Seite ist die Idee der weisen Vorsehung und Vorsorge Got-
tes für die Vernunft zwar leicht »überschwenglich«,74 aber die Re-
flexion über den »Urgrund der Dinge« (KU, 373) oder die »Welt-
ursache« (KU, 329) enthält »ein Beurteilungsprinzip, wodurch wir
in der Erklärung der Naturdinge und ihres Ursprungs zwar um
nichts weiter gebracht werden, das uns aber doch über die Natur
hinaus einige Aussicht eröffnet, um den sonst so unfruchtbaren Be-

73
Die Idee der »Technik der Natur« wird bei Kant bis zum Opus postumum wei-
ter entwickelt. Über diese Gedankenentwicklung vgl. G. Lehmann (1969) S.
289-294, 342 ff.; über die Weltseele, das organische Weltganze und Weltorga-
nisation im Opus postumum vgl. K. Düsing (1986) S. 143 ff.; G. Lehmann
(1969) S. 308, 325 ff, 293 f.
74
Vgl. EE, XX235; XX241; KU, 318, 331, 339 ff., 435 f.

123
griff eines Urwesens vielleicht näher bestimmen zu können« (KU,
401).
(2) Bestimmung des Endzwecks der Natur (oder der Schöpfung)
durch die moralische Teleologie (KU, 432, § 88, 4. Abs.):
Nun fragt Kant, wenn überhaupt das Dasein der Welt einen End-
zweck hat, auf welche Art er dann bestimmt wird. Was heißt also
Endzweck der Natur? Endzweck ist allgemein »derjenige Zweck,
der keines anderen als Bedingung seiner Möglichkeit bedarf« (KU,
396), weil in ihm die Mittel-Zweck-Kette absolut vollendet ist. Der
Endzweck ist selbst, im Unterschied zum letzten Zweck der Natur,
nicht in einer solchen Kette, sondern alle in dieser Kette liegenden
Zwecke sind ihm untergeordnet. Endzweck heißt dann nichts ande-
res als derjenige Zweck, »welcher die unumgängliche und zugleich
zureichende Bedingung aller übrigen Zwecke enthält« (Religion,
AX f./VI6 Anm.). Endzweck ist ein unbedingter Zweck, von dem
nicht weiter gefragt werden kann, wozu er existiere. Denn er ist laut
der Definition keinem anderen Zweck untergeordnet. Die Bestim-
mung des Endzwecks in der KU ist eine allgemeine Umschreibung
vom Zweck an sich, »d e s s e n D a s e i n a n s i c h s e l b s t einen
absoluten Wert hat« (GMS, A64/IV428; vgl. MAT, A93/VI434 f.).
Diese Bestimmung stimmt gerade mit demjenigen überein, was als
»Zweck ohne Bedingung« das moralische Gesetz für die Vernunft
vorschreibt (vgl. KU, 423). Mit dem Zweck an sich selbst ist ur-
sprünglich in Kants Moralphilosophie nur das moralische Subjekt
als Person gemeint, welches in der KU auch als Endzweck bezeich-
net wird.75 Kant nennt das höchste durch uns in der Welt mögliche
Gut auch Zweck an sich selbst (vgl. Gemeinspruch, A213/VIII279
Anm.). – Der Endzweck und der Zweck an sich sind folglich Wech-
selbegriffe, weil sie wechselweise aus ihren Bestimmungen abgelei-
tet werden können. Der Begriff ›Endzweck‹ wird in der KU vor
allem im Sinne vom höchsten durch Freiheit zu bewirkenden Gut in
der Welt gebraucht, und dann auch im Sinne vom Endzweck der
Schöpfung. Beide haben ihre Wurzel in der Zweckbestimmung des

75
Vgl. KU, 381 f.; auch die Andeutungen in der KrV, A840/B868 und GMS, A63
f./IV427 f., A82 f./IV437 f.

124
Menschen. Der Mensch unter moralischen Gesetzen ist Endzweck,
weil er als moralische Person Zweck an sich selbst ist, welcher uns
durch das moralische Gesetz a priori gewiß ist. Das höchste abgelei-
tete Gut in der Welt zum Endzweck zu machen, ist zwar nicht ana-
lytisch aus dem moralischen Gesetz abgeleitet, aber es ist die not-
wendige Erweiterung des moralischen Gesetzes, sofern man mora-
lisch-praktisch konsequent denkt und handelt. Der Begriff des
höchsten abgeleiteten Guts als Endzweck hat, anders als das morali-
sche Subjekt, nur subjektiv-praktische Notwendigkeit. Wie steht es
aber mit dem Endzweck der Natur?
Endzweck ist ursprünglich »bloß ein Begriff unserer praktischen
Vernunft und kann aus keinen Datis der Erfahrung zu theoretischer
Beurteilung der Natur gefolgert noch auf Erkenntnis derselben be-
zogen werden. Es ist kein Gebrauch von diesem Begriffe möglich,
als lediglich für die praktische Vernunft nach moralischen Geset-
zen« (KU, 432). Daher ist der Endzweck der Natur nichts anderes
als »diejenige Beschaffenheit der Welt, die zu dem, was wir allein
nach Gesetzen bestimmt angeben können, nämlich dem Endzwecke
unserer reinen praktischen Vernunft, und zwar so fern sie praktisch
sein soll, übereinstimmt« (ebd.). Kant führt von dort aus weiter zu
der Frage, ob diese praktische Bestimmung des Endzwecks der Na-
tur auch objektive Realität besitzt.
Das Sollen der praktischen Vernunft muß das Können der Natur
implizieren, wenn die Vernunft nicht in reine Sinnlosigkeit geraten
soll, wie bei Sisyphus, der in Ewigkeit seinen Stein weiterrollen
muß.76 Die Vernunft darf nicht das Unmögliche zur Pflicht machen,
um nicht in Unvernunft umzuschlagen. Nun macht die praktische
Vernunft durch das moralische Gesetz das höchste in der Welt mög-
liche Gut zu ihrem Endzweck. So muß die Realisierung dieses End-
zwecks in praktischer Absicht auch möglich sein. Wir haben daher
»einen Grund, die Möglichkeit (Ausführbarkeit) desselben, mithin
auch (weil ohne Beitritt der Natur zu einer in unserer Gewalt nicht
stehenden Bedingung derselben die Bewirkung desselben unmög-
lich sein würde) eine Natur der Dinge, die dazu übereinstimmt, an-
76
Vgl. Fortschritte, A9/XX259 f.; Streit, A137/VII82; Gemeinspruch, A273
ff./VIII308 f.; De mundi, A29/II411.

125
zunehmen. Also haben wir einen moralischen Grund, uns an einer
Welt auch einen Endzweck der Schöpfung zu denken« (KU, 432),
d.h. die Möglichkeit des Endzwecks der Natur als Bedingung zur
Verwirklichung des Endzwecks der praktischen Vernunft muß auch
angenommen werden.
Es ist nochmals zu betonen, daß die Sittlichkeit die oberste Be-
dingung des höchsten Guts ist. Die Unmöglichkeit des letzteren
beeinträchtigt die Verbindlichkeit des moralischen Gesetzes über-
haupt nicht. »Die Erfüllung der Pflicht besteht in der Form des
ernstlichen Willens, nicht in den Mittelursachen des Gelingens«
(KU, 426). Weil wir die Möglichkeit des Endzwecks der Natur nach
der Beschaffenheit unseres Vermögens nicht einsehen können, sei
es eher vernünftig, sie anzunehmen als abzulehnen, weil die endli-
che Vernunft sich im letzteren unvermeidlich entzweit. Es ist durch-
aus die Meinung Kants, daß der kritische Optimismus in jeder Hin-
sicht besser ist als Pessimismus. Die Annahme einer immer besse-
ren Welt kann die Gesinnung zwar nicht begründen, aber wohl auf-
richten und bestärken.
(3) Schluß der moralischen Teleologie auf die Theologie (KU, 433
f., § 88, 5. Abs.; vgl. § 87):
Zu den Dingen als Zwecken der Natur wird ein intuitiver Verstand
als die oberste verständige Weltursache angenommen, damit wir
den Grund ihrer Möglichkeit uns verständlich machen können (vgl.
KU, 413, 434 f.). Zum Endzweck der Natur muß aber ein morali-
scher Welturheber, der die Natur nach moralischen Gesetzen regiert,
angenommen werden, wenn das Weltbeste realisiert werden kann.
Der moralische Gottesbeweis hat nur bedingte Notwendigkeit, und
zwar bloß in subjektiv-praktischer Absicht als Bedingung der Mög-
lichkeit des Endzwecks der Natur. Wenn die Natur auch keinen
Zweck oder keinen Endzweck hätte, bleibt die Beförderung des
Endzwecks des höchsten durch uns möglichen Guts in der Welt als
Pflicht unantastbar, weil letztere nach der Beschaffenheit der
menschlichen Vernunft durch moralische Gesetze unbedingt gebo-
ten ist.

126
Zusammenfassend gesagt, bewahrt die Urteilskraft bei ihrer sys-
tematischen Aufgabe des Übergangs von der Natur zur Freiheit
zwar die Differenzierung von Verstand und Vernunft, aber um diese
Aufgabe bewältigen zu können, muß die Einheit der beiden den-
noch wenigstens von der Urteilskraft selbst her so gedacht werden
können, daß die Natur der Forderung unserer Vernunft (i.w.S.) ent-
gegenkommen kann, und der Grund dieser Einheit im Übersinn-
lichen gesucht werden muß. Obwohl die Urteilskraft das Übersinn-
liche der Natur durch sein Prinzip subjektiv nach unseren Begriffen
bestimmbar zu machen vermag, und die Vernunft selbst die »Ein-
heit des ganzen reinen Vernunftvermögens« (KpV, A162/V91)
durch praktische Freiheit bestimmen muß, bleibt die Art der Einheit
der Verbindung des theoretischen Vermögens mit dem praktischen
im Übersinnlichen für die endliche Vernunft dennoch unbekannt
(vgl. KU, 259). Die Teleologie der Natur gibt uns »wenigstens e i n
P r i nz i p m e h r , die Erscheinungen derselben unter Regeln zu brin-
gen, wo die Gesetze der Kausalität nach dem bloßen Mechanism
derselben nicht zulangen« (KU, 269). Sie eröffnet bloß eine subjek-
tive Einsicht in eine Naturordnung, in der die Unterordnung der
Naturnotwendigkeit unter die Freiheit in der Welt denkmöglich ist.

2.2 Pragmatischer Übergang in der Weltgestaltung unter


moralischem Gesetz
Die Einheit der Welt zu befördern, ist die unumgängliche Forderung
der Vernunft. Der Mensch als ein sinnliches und zugleich ver-
nünftiges Wesen ist verpflichtet, die Welt aus dieser Idee der Ein-
heit nach dem Prinzip des Endzwecks mittels der Naturteleologie,
also nach der Idee des Naturganzen als Systems der Zwecke konkret
zu gestalten, sofern es in seiner Gewalt steht (vgl. KU, 396 ff., 432
f.). Aufgrund der moralischen Überzeugung der Idee des End-
zwecks und der subjektiv notwendigen Annahme des naturteleolo-
gischen Prinzips sind wir berechtigt, die Welt so zu interpretieren,
ihre Einheit auf dieser Weise zu erwarten und eine immer bessere
Welt zu erhoffen, aber nicht weil wir dies erkennen und einsehen

127
können, sondern weil es im Einklang (Analogie) mit den Gesetzge-
bungen des Verstandes und der Vernunft steht, und weil das höchste
Interesse unserer Vernunft nur durch die Idee der Freiheit in einer
einzigen Idee des Endzwecks erfüllbar sein kann.
»Daß die Welt im Ganzen immer zum Bessern fortschreite,
dies anzunehmen berechtiget ihn keine Theorie, aber wohl
die reine praktische Vernunft, welche nach einer solchen
Hypothese zu handeln dogmatisch gebietet, und so nach
diesem Prinzip sich eine Theorie macht, der er zwar in
dieser Absicht nichts weiter, als die Denkbarkeit unter-
legen kann, welches in theoretischer Rücksicht, die ob-
jektive Realität dieses Ideales darzutun, bei weitem
nicht hinreichend ist, in moralisch-praktischer aber der
Vernunft völlig Gnüge tut« (Fortschritte, A140/XX307).
Das moralisch- und physisch-teleologische Prinzip sind in Hin-
sicht ihrer Gesetzgebungen zwar unabhängig, aber sie ergänzen sich,
indem die moralische Teleologie nach der Beschaffenheit unserer
Erkenntnisvermögen die einzige ist, die eine (ethische) Theologie
berechtigtermaßen begründen kann, welche die Physikotheologie,
»eine mißverstandene physische Teleologie« (KU, 410), zu gründen
sucht, aber dazu nicht berechtigt ist, weil ihre Beweisgründe insge-
samt empirisch sind; und andererseits die physische Teleologie eine
verstandsgemäße, teleologische Weltordnung eröffnet, welche die
wissenschaftliche Naturerklärung leitet, und zugleich mit der mora-
lischen Weltordnung im Einklang stehen kann. Diese Idee ist in der
heutigen Diskussion über die Verantwortung der wissenschaftlichen
Forschung für die Gesellschaft, Kultur, Geschichte und Umwelt
immer noch aktuell. Die Grundfrage könnte so lauten: Wie kann,
soll und muß die wissenschaftliche Forschung unbeschadet ihrer
Autonomie dennoch ethische Forderungen erfüllen?
Die durch die Urteilskraft so interpretierte und zu-befördernde
Einheit der Welt ist weder theoretisch noch praktisch begründbar,
weil die Urteilskraft sonst bloß bestimmend wäre, sondern stellt
lediglich ein subjektives, regulatives Prinzip für die Reflexion der
Urteilskraft über einen neuartigen Begriff der Natur dar, wodurch
die objektive mechanische Naturauffassung in die subjektive teleo-

128
logische Weltverfassung (Technik der Natur) wenigstens wider-
spruchsfrei (als Mittel zum Zweck) integriert werden kann. Die
Ausweitung des Prinzips der Teleologie von den Naturzwecken auf
das Naturganze als System nach Zwecken ist nach Kant aus metho-
dischen und moralischen Gründen sogar notwendig:
»Denn wenn wir einmal dergleichen Wirkung i m G a n z e n
auf einen übersinnlichen Bestimmungsgrund über den blin-
den Mechanism der Natur hinaus beziehen, müssen wir sie
auch ganz nach diesem Prinzip beurteilen; und es ist kein
Grund da, die Form eines solchen Dinges noch zum Teil
vom letzteren als abhängig anzunehmen, da alsdann bei der
Vermischung ungleichartiger Prinzipien gar keine sichere
Regel der Beurteilung übrig bleiben würde« (KU, 297; vgl.
304, 300 f., 334, 360 f., 381).
Kant schränkt zugleich diese methodische Notwendigkeit nach
der Beschaffenheit unserer Erkenntnisvermögen ein. Die Idee des
Naturganzen als System der Zwecke ist als heuristische Maxime für
die mechanische Naturforschung zwar nützlich, aber nicht unent-
behrlich, »weil uns die Natur im Ganzen als organisiert […] nicht
gegeben ist« (KU, 334). Wir sind »durch das Beispiel, das die Natur
an ihren organischen Produkten gibt, berechtigt, ja berufen, von ihr
und ihren Gesetzen nichts, als was im Ganzen zweckmäßig ist, zu
erwarten« (KU, 301), und wir bekommen »dadurch nur einen Leit-
faden […], die Naturdinge in Beziehung auf einen Bestimmungs-
grund, der schon gegeben ist, nach einer neuen gesetzlichen Ord-
nung zu betrachten und die Naturkunde nach einem anderen Prinzip,
nämlich dem der Endursachen, doch u n beschadet dem des Mecha-
nisms ihrer Kausalität, zu erweitern« (ebd.). Die teleologische
Weltverfassung ist letztlich eine »erlaubte Hypothese« (KU, 361).

129
2.2.1 Notwendigkeit der Annahme einer Naturteleologie
in der Naturforschung durch den Organismus als
Naturzweck
Die Möglichkeit einer objektiven, inneren Zweckmäßigkeit der Na-
turdinge als Naturzwecke ist nach der transzendentalen Zweck-
mäßigkeit der Natur a priori gar nicht einsehbar, obwohl letztere
unseren Verstand für die Anwendung des Zweckbegriffs auf die
Natur schon vorbereitet. Nun zeigt uns die Erfahrung an einigen
Naturdingen, deren formale »Beschaffenheiten« in der inneren
Selbstorganisation durch »blinden Naturmechanism« (KU, 296) uns
nicht zugänglich sind, daß wir eine formale Technik der Natur an-
nehmen müssen, ohne jedoch die Wirklichkeit einer absichtlichen
Erzeugung als Zweck eines anderen (höheren) Verstandes als des
menschlichen notwendig zu postulieren.77
»Die Erfahrung leitet unsere Urteilskraft auf den Begriff ei-
ner objektiven und materialen Zweckmäßigkeit, d.i. auf den
Begriff eines Zwecks der Natur nur alsdann, wenn ein Ver-
hältnis der Ursache zur Wirkung zu beurteilen ist, welches
wir als gesetzlich einzusehen uns nur dadurch vermögend
finden, daß wir die Idee der Wirkung der Kausalität ihrer Ur-
sache, als die dieser selbst zum Grunde liegende Bedingung
der Möglichkeit der ersteren unterlegen« (KU, 279; vgl. 296).
Selbst das Phänomen der inneren Selbstorganisation oder Selbst-
regulation kann ohne Begriff der verständigen Kausalität nicht ein-
mal beobachtet werden, weil der Gedanke der Selbstorganisation
oder der Begriff des Organismus die Idee eines »Ganzen als
Zweck« (wenigstens der Form nach) bereits enthält (vgl. KU, 284 f.,
334 f., 381). Ganzheit ist eine Idee unserer Vernunft, und nicht das
reale Ganze in Raum und Zeit. Sie charakterisiert nicht nur die
Selbstorganisation des Organismus, sondern auch die Organisation
77
Vgl. KU, 286, 295, 300, 317 f., 319, 334, 346, 348, 351, 353, 359, 360, 366,
381, 387 u.ö. – Daß es für uns keinen »Newton des Grashalms« geben kann,
die Erzeugung desselben nach bloßen mechanischen Gesetzen zu erklären, ge-
hört bereits zur festen Überzeugung des jungen Kants; dazu vgl. z.B. Beweis-
grund, A97/II114; Gebrauch, A126 f./VIII179; KU, 337 f., 353, 362 f.

130
der Kunstprodukte (vgl. KU, 291 f.). Sie ist mehr als die Summe
aller ihrer Teile, genauer, überhaupt nicht summativ, d.h. nicht »me-
chanisch«.
»Wenn wir nun ein Ganzes der Materie seiner Form nach als
ein Produkt der Teile und ihrer Kräfte und Vermögen, sich
von selbst zu verbinden (andere Materien, die diese einander
zuführen, hinzugedacht) betrachten, so stellen wir uns eine
mechanische Erzeugungsart desselben vor. Aber es kommt
auf solche Art kein Begriff von einem Ganzen als Zweck her-
aus, dessen innere Möglichkeit durchaus die Idee von einem
Ganzen voraussetzt, von der selbst die Beschaffenheit und
Wirkungsart der Teile abhängt, wie wir uns doch einen orga-
nisierten Körper vorstellen müssen« (KU, 351).
Der Begriff des Naturzwecks ist also einerseits empirisch bedingt
und andererseits apriorisch (vgl. z.B. KU, 296). Das Prinzip der
formalen Technik der Natur ist nach Kant deshalb kein »transzen-
dentales«, sondern ein »metaphysisches« Prinzip (vgl. KU, XXIX).
Es geht im Begriff des Naturzwecks um ein Naturprodukt, das nur a
posteriori gegeben sein kann; dessen Beurteilung setzt aber ein a-
priorisches Prinzip der Urteilskraft voraus. Organismus heißt eben
ein Ding als Naturzweck. Diese Art des Apriori zeigt Ähnlichkeiten
mit der Beurteilung des Schönen nach dem Prinzip des Geschmacks,
aber mit dem Unterschied, daß das Prinzip der ästhetischen
Zweckmäßigkeit der Natur eine reine Anwendung des allgemeinen
Prinzips der Urteilskraft ist.78
Kant selbst sieht die Schwierigkeit in der Klärung des Natur-
zwecks durch die Analogie mit dem Kunstprodukt sehr deutlich: Es
ist gewiß, daß ein Kunstprodukt durch eine absichtliche Hervorbrin-
gung bestimmt wird. »Um aber etwas, das man als Naturprodukt
erkennt, gleichwohl doch auch als Zweck, mithin als N a t u r z w e c k
zu beurteilen, dazu, wenn nicht etwa hierin gar ein Widerspruch
liegt, wird schon mehr erfordert« (KU, 286; vgl. 331). Zuerst muß
man besonders darauf achten, daß der Organismus als Phänomen
und eben derselbe als Naturzweck bei Kant nicht einerlei ist, ob-

78
Vgl. § 4.3, S. 285 ff.

131
wohl diese Unterscheidung bei ihm nicht immer konsequent durch-
gehalten wird. 79 Denn der Organismus kann nach Kant für den
Menschen nur versuchsweise durch die Vernunftkausalität nach
Zwecken charakterisiert werden, wobei Organismus ein Ding als
Naturzweck heißt. Die innere Zweckmäßigkeit der Natur wird von
Kant in der KU, nach Paul Bommersheim80, unter vier Aspekten
betrachtet, welche auch die unterschiedlichen Definitionen vom
Organismus prägen. Die vielfältigen Definitionsversuche Kants
kann man hier umgehen.81 Wir konzentrieren uns auf die kritisch
erkenntnistheoretische Grundlage des Prinzips der inneren Zweck-
mäßigkeit der Natur.
Kant unterscheidet auf der einen Seite zwischen Beschreibung
und Erklärung (oder Deutung) der Phänomene; er läßt beide auf der
anderen Seite seinem transzendentalen Denkansatz zufolge nicht
isoliert voneinander stehen. 82 Die Möglichkeit der Beschreibung
setzt die transzendentalen Bedingungen der Erkenntnis voraus. Dies
gilt insbesondere im Fall des Organismus, dessen Begriff uns ohne
Begriff der Zweckkausalität unverständlich bleibt. Der Begriff der
Zwecke (der Natur) ist zwar keine Kategorie (vgl. KU, XXVIII; EE,
XX220), aber er ist auch kein von der Erfahrung »zu abstrahieren-
der« Begriff (vgl. KU, 330), sondern wir legen ihn in die Natur
selbst hinein, indem die Erfahrung der Unzulänglichkeit des Mecha-
nismus bei der Naturerklärung für den Menschen uns dazu veran-
laßt hat (vgl. Fortschritte, A103/XX293 f.; EE, XX220 Anm.). Wir
beobachten den Naturzweck eigentlich nicht, sondern denken ihn
hinzu (vgl. KU, 336).
Die Notwendigkeit der teleologischen Beurteilungsart führt Kant
auf die Diskursivität des menschlichen Verstandes zurück:
»[G]ewisse Naturprodukte m ü s s e n , nach der besondern Be-
schaffenheit unseres Verstandes, v o n u n s , ihrer Möglich-
keit nach absichtlich und als Zwecke erzeugt, b e t r a c h t e t

79
Vgl. P. Baumanns (1965) S. 102 ff.; K. Düsing (1986) S. 89 f., 261 ff.; P. Mc-
Laughlin S. 43 f.; M. Frank/V. Zanetti S. 1268 ff., insb. S. 1279.
80
Vgl. oben Anm. 61 (S. 107), ferner M. Frank/V. Zanetti S. 1269 f.
81
Vgl. insb. R. Löw (1980) S. 138-153; M. Frank/V. Zanetti S. 1268 ff.
82
Vgl. P. Baumanns (1965) S. 102 f.

132
w e r d e n , ohne doch darum zu verlangen, daß es wirklich ei-
ne besondere Ursache, welche die Vorstellung eines Zwecks
zu ihrem Bestimmungsgrunde hat, gebe« (KU, 346; nach
Weischedel-Ausgabe).
Das bedeutet zugleich, »daß respektiv auf unser Erkenntnisver-
mögen der bloße Mechanism der Natur für die Erzeugung organi-
sierter Wesen auch keinen Erklärungsgrund abgeben« kann (KU,
317 f.). Hieraus folgt andererseits nicht, »daß die mechanische Er-
zeugung eines solchen Körpers unmöglich sei; denn das würde so
viel sagen als: es sei eine solche Einheit in der Verknüpfung des
Mannigfaltigen f ü r j e d e n V e r s t a n d unmöglich (d.i. widerspre-
chend) sich vorzustellen, ohne daß die Idee derselben zugleich die
erzeugende Ursache derselben sei, d.i. ohne absichtliche Hervor-
bringung« (KU, 351; vgl. 359, 362, 367, 374 f.). Der Grund liegt
darin, daß wir weder die Unendlichkeit der besonderen Naturge-
setze überschauen können noch den ersten inneren Grund des Me-
chanismus selbst einsehen (vgl. KU, 317, 328 f., 338). Letzterer
»liegt im übersinnlichen Substrat der Natur, wovon wir nichts beja-
hend bestimmen können, als daß es das Wesen an sich sei, von wel-
chem wir bloß die Erscheinung kennen« (KU, 374). Daraus ergibt
sich die Unmöglichkeit einer objektiven Begrenzung des Mecha-
nismus für uns, selbst wenn wir auch alle besonderen Naturgesetzen
erkennen könnten:
»Daß dann aber auch in der Natur, wenn wir bis zum Prinzip
derselben in der Spezifikation ihrer allgemeinen uns bekann-
ten Gesetze durchdringen könnten, ein hinreichender Grund
der Möglichkeit organisierter Wesen, ohne ihrer Erzeugung
eine Absicht unterzulegen (also im bloßen Mechanismus
derselben), gar nicht verborgen liegen k ö n n e ; das wäre wie-
derum von uns zu vermessen geurteilt; denn woher wollen
wir das wissen?« (KU, 338).
Unser Verstand muß in seiner Erkenntnis »vom Allgemeinen
zum Besonderen und so zum Einzelnen (durch Begriffe)« (KU, 347),
genauer, »von den Teilen als allgemein gedachten Gründen zu ver-
schiedenen darunter zu subsumierenden möglichen Formen als Fol-
gen fortgehen« (KU, 349), wobei der Verstand in Hinsicht der

133
Mannigfaltigkeit des Besonderen a priori nichts bestimmt, und ins-
besondere seine »Vorstellung des Ganzen die Z u f ä l l i g k e i t der
Verbindung der Teile […] in sich enthält, um eine bestimmte Form
des Ganzen möglich zu machen« (ebd.). Die Vernunft hat ihrer Na-
tur gemäß ein unumgängliches Bedürfnis (Interesse), die Gesetz-
lichkeit in der Zufälligkeit der Form des Besonderen zu erkennen.
Dies ist der subjektive Grund dafür, daß die Urteilskraft, wenn sie
die besondere Naturgesetzlichkeit der Dinge erkennen oder auch die
Möglichkeit der Hervorbringung derselben begreifen will, ein sub-
jektives Prinzip der natürlichen Kausalität nach Zwecken (Technik
der Natur) annehmen muß.83 Daher heißt Zweckmäßigkeit der Na-
tur »Gesetzlichkeit des Zufälligen« (KU, 344) oder »Gesetzmäßig-
keit des Zufälligen als eines solchen« (EE, XX217 f.).84 Dadurch
wird das Besondere der Natur unbeschadet des regulativen Prinzips
der Zufälligkeit rationalisiert (vgl. KrV, A616/B644), wenn man
eine solche Naturtheorie, die auf so etwas wie Zufall rekurriert,
nicht akzeptieren will.
»Diese Z u f ä l l i g k e i t seiner Form bei allen empirischen Na-
turgesetzen in Beziehung auf die Vernunft, da die Vernunft,
welche an einer jeden Form eines Naturprodukts auch die
Notwendigkeit derselben erkennen muß, wenn sie auch nur
die mit seiner Erzeugung verknüpften Bedingungen einse-
hen will, gleichwohl aber an jener gegebenen Form diese
Notwendigkeit nicht annehmen kann, ist selbst ein Grund, die
Kausalität desselben so anzunehmen, als ob sie eben darum
nur durch Vernunft möglich sei; diese aber ist alsdann das
Vermögen, nach Zwecken zu handeln (ein Wille); und das
Objekt, welches nur als aus diesem möglich vorgestellt wird,
würde nur als Zweck für möglich vorgestellt werden«
(KU, 285; vgl. 344, 345 f.; EE, XX234 f.).

83
Ganz in diesem Sinne betont Düsing die Wichtigkeit des Begriffs der Technik
der Natur für den teleologischen Weltbegriff: »Wichtiger als der regulative
Sinn dieses Prinzips für die Gewinnung besonderer Naturerkenntnisse ist je-
doch die Bedeutung dieser Idee für den Weltbegriff selbst, in deren Licht wir
nun überhaupt die Gesetzlichkeit des Besonderen in der Natur sehen« (K. Dü-
sing 1986, S. 126).
84
Vgl. auch EE, XX228, XX240 f., XX243; KU, XXXIII f., 361, 268 f.

134
Wir können ein reales Ganzes der Natur »nur als Wirkung der
konkurrierenden bewegenden Kräfte der Teile« (KU, 349), d.h. me-
chanisch begreifen. Daß ein reales Ganzes seinen Teilen vorhergeht
und sie möglich macht, ist nach der Beschaffenheit unseres Vers-
tandes unmöglich. Das bedeutet aber nicht, daß es für einen intuiti-
ven, »architektonischen« (vgl. KU, 317) Verstand auch unmöglich
sei. Die Idee eines intuitiven Verstandes dient hier bloß als ein Ver-
gleichsbegriff, an dem unser Verstand gemessen und in seiner Be-
schaffenheit und Begrenztheit charakterisiert wird.85 Wie aber ein
intuitiver Verstand einen Organismus möglich macht, kann unser
diskursiver Verstand gar nicht einsehen. Der Grund »der Unmög-
lichkeit, den Begriff einer Technik der Natur dogmatisch zu behan-
deln, ist die Unerklärlichkeit eines Naturzwecks« (KU, § 74).
Ein reales Ganzes als Ursache seiner Teile und der Verbindung
derselben ist für uns unmöglich. Wir können uns die Möglichkeit
der inneren Organisation des Organismus nur durch eine Analogie
mit der Zweckkausalität in der technisch-praktischen Herstellung
widerspruchsfrei denken, ohne jedoch Anspruch auf die objektive
Realität der Idee des Naturzwecks zu machen, indem
»die V o r s t e l l u n g eines Ganzen den Grund der Möglichkeit
der Form desselben und der dazu gehörigen Verknüpfung der
Teile enthalte. Da das Ganze nun aber alsdann eine Wirkung
(P r o d u k t ) sein würde, dessen V o r s t e l l u n g als die U r s a -
c h e seiner Möglichkeit angesehen wird, das Produkt aber ei-
ner Ursache, deren Bestimmungsgrund bloß die Vorstellung
ihrer Wirkung ist, ein Zweck heißt: so folgt daraus, daß
es bloß eine Folge aus der besonderen Beschaffenheit unse-
res Verstandes sei, wenn wir Produkte der Natur nach einer
anderen Art der Kausalität, als der der Naturgesetze der Ma-
terie, nämlich nur nach der der Zwecke und Endursachen,

85
»Es ist hierbei auch gar nicht nötig zu beweisen, daß ein solcher intellectus
archetypus möglich sei, sondern nur, daß wir in der Dagegenhaltung unseres
diskursiven, der Bilder bedürftigen Verstandes (intellectus ectypus) und der Zu-
fälligkeit einer solchen Beschaffenheit auf jene Idee (eines intellectus archety-
pus) geführt werden, diese auch keinen Widerspruch enthalte« (KU, 350 f.; vgl.
auch KU, XXVII f.; KrV, A577 f./B605 f., A579/B607).

135
uns als möglich vorstellen, und daß dieses Prinzip nicht
die Möglichkeit solcher Dinge selbst (selbst als Phänomene
betrachtet) nach dieser Erzeugungsart, sondern nur die un-
serem Verstande mögliche Beurteilung derselben angehe«
(KU, 349 f.; vgl. 269 f., 295, 330 f.).
Dieses komplexe Gedankenkonstrukt der organischen Zweck-
mäßigkeit ohne Rücksicht auf irgendeinen realen (objektbestim-
menden) Zweck enthält vier grundlegende Unterscheidungen Kants,
die auf der Eigentümlichkeit des menschlichen Verstandes beruhen:
Es ist dem Menschen unumgänglich notwendig, erstens Möglich-
keit86 und Wirklichkeit der Dinge sowie zweitens Zufälligkeit und
Notwendigkeit derselben 87 , und drittens Natur- und Vernunft-
kausalität (vgl. KU, 343 f., 424) zu unterscheiden. Daß wir nur zwei
Typen der Kausalität kennen, ist eine der Grundvoraussetzungen
der kritischen Philosophie. Die Urteilskraft verbindet beide in ei-
nem heautonomen Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur durch
eine doppelte Analogie mit der technisch- und moralisch-prakti-
schen Zweckmäßigkeit. Viertens müssen die Teile eines Realen
ihrem zusammengesetzten Ganzen vorhergehen. Wir sehen die Not-
wendigkeit der Zusammensetzung der Teile zu einem Ganzen nur
ein, wenn wir die Vorstellung des Ganzen vor seiner Zusammenset-
zung als Grund der Verknüpfung der Teile begreifen können.
Ohne hier auf die Doppelstruktur 88 des Kantischen Zweckbe-
griffs einzugehen, will ich kurz anhand der Struktur der technischen
Herstellung die Rechtfertigung der Anwendung des Zweckbegriffs
auf die Beurteilung des Organismus als Naturzweck darlegen. Kant
gebraucht hierbei den Zweckbegriff ganz im Sinne der transzenden-
talen Erklärung desselben in § 10 der KU. Dort heißt Zweck der
86
Zur Unterscheidung zwischen der logischen Möglichkeit (der Begriffe) und
realen Möglichkeit (der Dinge), oder zwischen Denken und Erkennen vgl. KrV,
BXXVI Anm.; A596/B624 Anm., A244/B302. Zur letzteren siehe § 3, S. 152 f.
87
Vgl. KU, 340 ff., 331. Siehe auch die regulativen Prinzipien der Notwendigkeit
und Zufälligkeit in der KrV, A616-20/B644-48.
88
Zweck (Ziel) wird einmal als realisierter Gegenstand (Wirkung) angesehen, ein
andermal als Vorstellung oder Begriff (Endursache) des zu-realisierenden Ge-
genstandes, d.h. als Grund der Wirklichkeit desselben (vgl. z.B. KU,
XXVIII). – Zur Doppelstruktur des Zweckbegriffs vgl. § 4, S. 265 f.

136
Gegenstand eines Begriffs, sofern dieser der reale Grund der Mög-
lichkeit seines Gegenstandes ist. Die Kausalität eines Begriffs in
Ansehung seines Gegenstandes ist die Zweckmäßigkeit (forma fina-
lis). Dabei ist die Vorstellung der Wirkung (Gegenstand) der Be-
stimmungsgrund ihrer (wirkenden) Ursache und geht der letzteren
vorher (vgl. KU, 32 f.). Die Wirkursache wird hier als Mittelursache
unter der Leitung der Endursache (Vorstellung des Ganzen) auf die
Wirkung (das Ganze) gerichtet (vgl. KU, 291, 319, 361 f., 374).
»Zweckmäßig […] heißt ein Objekt oder Gemütszustand o-
der eine Handlung auch, wenngleich ihre Möglichkeit die
Vorstellung eines Zwecks nicht notwendig voraussetzt, bloß
darum, weil ihre Möglichkeit von uns nur erklärt und beg-
riffen werden kann, sofern wir eine Kausalität nach
Zwecken, d. i. einen Willen, der sie nach der Vorstel-
lung einer gewissen Regel so angeordnet hätte, zum Grun-
de derselben annehmen« (KU, 33).
Diese allgemeine Bestimmung der subjektiven formalen Zweck-
mäßigkeit der Natur ohne dogmatische Behauptung der objektiven
Realität des Zweckbegriffs ist grundlegend für alle Arten der
Zweckmäßigkeit der Natur in der KU. Die bloß formale, innere Be-
trachtung des Organismus als Naturzweck wird von der Frage nach
dem Zweck seiner Existenz abstrahiert, welcher entweder relativ
(äußerlich) von anderen Naturzwecken abhängig ist oder selbst als
Endzweck angesehen werden muß (vgl. KU, 300). Durch die teleo-
logische Beurteilung »der inneren Möglichkeit gewisser Naturfor-
men wird unbestimmt gelassen, ob die Zweckmäßigkeit derselben
absichtlich, oder unabsichtlich sei« (EE, XX236; vgl. KU, 307 f.).
Der wesentliche Unterschied zwischen Artefakten und zweckmä-
ßigen Naturprodukten besteht darin, daß die »hervorbringende Ur-
sache« der Kunstprodukte »und ihrer Form nicht in der Natur (die-
ser Materie), sondern außer ihr in einem Wesen, welches nach Ideen
eines durch seine Kausalität möglichen Ganzen wirken kann, ent-
halten« ist (KU, 292; vgl. 290). Das Charakteristische in der inneren
Selbstorganisation des Organismus ist das Phänomen der Produkti-
vität, die durch Begriffe der Ganzheit und Selbsterzeugung be-
schrieben werden kann. Beide Begriffe vereinigen sich in dem der

137
Hervorbringung des »Ganzen aus eigener Kausalität« (KU, 291).89
Die Selbsterzeugung, nämlich Fortpflanzung (gattungsmäßig),
Wachstum (Sich-Fortbilden), Sich-Erhalten und Sich-Erneuern,
macht den wesentlichen Unterschied eines organischen vom einem
anorganischen Gebilde (System) aus, welcher allein durch den Be-
griff der Ganzheit unzureichend charakterisiert wird. Beim Organis-
mus wird die Idee des Ganzen »nicht als Ursache – denn da wäre es
ein Kunstprodukt –, sondern als Erkenntnisgrund der systemati-
schen Einheit der Form und Verbindung alles Mannigfaltigen, was
in der gegebenen Materie enthalten ist, für den, der es beurteilt«,
betrachtet (KU, 291). Die erste Beurteilungsart wäre für einen archi-
tektonischen Verstand als Weltursache möglich. Kant wechselt die
Gesichtspunkte hin und her in ein und demselben Kontext, ohne es
zu erwähnen, wie der anschließende Text des Zitats sich zeigt:
»Zu einem Körper also, der an sich und seiner inneren Mög-
lichkeit nach als Naturzweck beurteilt werden soll, wird er-
fordert, daß die Teile desselben einander insgesamt, ihrer
Form sowohl als Verbindung nach, wechselseitig und so
ein Ganzes aus eigener Kausalität hervorbringen, dessen Be-
griff wiederum umgekehrt (in einem Wesen, welches die ei-
nem solchen Produkt angemessene Kausalität nach Begriffen
besäße) Ursache von demselben nach einem Prinzip sein,
folglich die Verknüpfung der w i r k e n d e n U r s a c h e n
zugleich als W i r k u n g d u r c h E n d u r s a c h e n beurteilt
werden könnte« (KU, 291; vgl. 319, 361 f., 374).
Obwohl der Naturzweck »nach einer entfernten Analogie mit un-
serer Kausalität nach Zwecken überhaupt« (KU, 295) konzipiert
wird, kann er eigentlich durch keine Analogie mit irgendeiner Kau-
salität, die wir kennen, adäquat erfaßt werden (vgl. KU, 293 f., 309
f., 329 f., 337 f.). Der Begriff des Naturzwecks ist zwar für uns eine
bloße Idee, welche nur in bezug auf einen intuitiven Verstand als
Weltursache (Urgrund der Natur) uns verständlich wird, »aber die
ihr gemäße Folge (das Produkt selbst) ist doch in der Natur gegeben,
und der Begriff einer Kausalität der letzteren, als eines nach Zwe-

89
Vgl. P. Bommersheim (1927) S. 292.

138
cken handelnden Wesens, scheint die Idee eines Naturzwecks zu
einem konstitutiven Prinzip desselben zu machen, und darin hat sie
etwas von allen anderen Ideen Unterscheidendes« (KU, 345). Der
Begriff des Organismus ist nach Kant zwar nicht identisch mit dem
des Naturzwecks, aber mit ihm jedoch unzertrennlich verbunden.
Dieser Begriff hat »objektive Realität« (KU, 295), weil der mit ihm
korrespondierende Gegenstand in der Natur gegeben ist. Das Urteil
über ihn als Naturzweck kann aber nicht bestimmend sein, sondern
reflektierend, weil »der Gegenstand zwar in der Erfahrung gegeben,
aber darüber der Idee gemäß gar nicht einmal b e s t i m m t (ge-
schweige völlig angemessen) ge u r t e i l t , sondern nur über ihn re-
flektiert werden kann« (KU, 345; vgl. 331, 342). Irreführend sagt
Kant am Ende von § 65 der KU, daß der Organismus als Naturpro-
dukt dem Begriff des Zwecks der Natur »objektive Realität« verleiht,
und »dadurch für die Naturwissenschaft den Grund zu einer Teleo-
logie« verschafft (KU, 295). Außer dieser Stelle unterscheidet Kant
sonst Organismus als Phänomen deutlich von demselben als Natur-
zweck, d.h. als regulativer Idee der reflektierenden Urteilskraft,
welche im allgemeinen, einschließlich des Begriffs der Schönheit
und der ästhetischen Idee (vgl. KU, 193), nur Quasi-Objektivität hat.
Nach Eigentümlichkeiten unseres Erkenntnisvermögens werden wir
leicht verleitet, das Subjektive von uns selbst »als objektive Prädi-
kate auf die Sachen selbst« zu übertragen (KU, 344; vgl. KrV, A297
f./B353 f.). Das kritische Prinzip der Naturteleologie ist eine »bloße
Maxime der Urteilskraft, wobei der Begriff jener Kausalität eine
bloße Idee ist, der man keineswegs Realität zuzugestehen unter-
nimmt, sondern sie nur zum Leitfaden der Reflexion braucht, die
dabei für alle mechanische Erklärungsgründe immer offen bleibt
und sich nicht aus der Sinnenwelt verliert« (KU, 318).
Der Begriff des Naturzwecks ist daher kein Begriff von einem
Objekt, sondern er kann nur kritisch gebraucht werden.90 Er dient
eigentlich für die reflektierende Urteilskraft zur »Naturbeschrei-
bung«, nicht für die bestimmende zur »Naturerklärung«, welche für
uns nur durch Naturmechanismus möglich ist (vgl. KU, 365 f.). Oh-

90
Vgl. EE, XX234 f.; KU, 269 f., 294, 315, 330 f., 332, 341, 356, 368 u.ö.

139
ne Prinzip der Naturkausalität »kann keine Einsicht in die Natur der
Dinge erlangt werden« (KU, 354), kann »es überhaupt keine Natur-
wissenschaft geben« (KU, 368). Dies ergibt sich nach dem neuzeit-
lichen verum-factum-Prinzip, das etwa so lautet: »nur so viel sieht
man vollständig ein, als man nach Begriffen selbst machen und zu
Stande bringen kann« (KU, 309).91 Also müssen wir beim »Studium
der Natur nach ihrem Mechanism an demjenigen festhalten, was wir
unserer Beobachtung oder den Experimenten so unterwerfen kön-
nen, daß wir es gleich der Natur, wenigstens der Ähnlichkeit der
Gesetze nach, selbst hervorbringen könnten« (ebd.).
Der Grundsatz der Kantischen Teleologie (i.w.S.) lautet also:
»alle Produkte und Ereignisse der Natur, selbst die zweckmä-
ßigsten, so weit mechanisch zu erklären, als es immer in un-
serem Vermögen (dessen Schranken wir innerhalb dieser Un-
tersuchungsart nicht angeben können) steht, dabei aber
niemals aus den Augen zu verlieren, daß wir die, welche
wir allein unter dem Begriffe vom Zwecke der Vernunft zur
Untersuchung selbst auch nur aufstellen können, der wesent-
lichen Beschaffenheit unserer Vernunft gemäß, jene me-
chanischen Ursachen ungeachtet, doch zuletzt der Kau-
salität nach Zwecken unterordnen müssen« (KU, 363; vgl.
XXXIV, XXXVIII, 315 f., 318, 360, 367, 374 f. u.ö.).

91
Vgl. die berühmte Stelle in Kants Brief an J. S. Beck vom 01.07.1794, 676:
»Wir können aber nur das verstehen und anderen mitteilen, was wir selbst m a -
c h e n können, vorausgesetzt, daß die Art, wie wir etwas a n s c h a u e n , um dies
oder jenes in eine Vorstellung zu bringen, bei allen als einerlei angenommen
werden kann. Jenes ist nun allein die Vorstellung eines Zusammengesetzten.
Denn: […] Die Zusammensetzung können wir nicht als gegeben wahrnehmen,
sondern wir müssen sie selbst machen: wir müssen z u s a m m e n s e t z e n , wenn
wir uns etwas als zusammengesetzt vorstellen sollen […]. In Ansehung dieser
Zusammensetzung nun können wir uns einander mitteilen«. – Vgl. dazu auch
KrV, BXIII; Anthr., A117/VII197; Ton, A414 f./VIII401 Anm.; Fortschritte,
A40 f./XX271 f., A203 f./XX332; Brief an J. Plückner am 26.01.1796, 714;
Logik-Pölitz, XXIV540; Logik-Dohna, XXIV731; Wiener Logik, XXIV846 f.;
R2394, XVI344 und R2398, XVI345; ferner J. Simon S. 380, 382; M. Baum
(1984) S. 161 ff. – Zum historischen Hintergrund des verum-factum-Prinzips
mit kritischer Bemerkung vgl. R. Brandt (1999) S. 177 f.

140
2.2.2 Pragmatische Aufgabe der Urteilskraft
»Alles in der Welt ist irgend wozu gut, nichts ist in ihr umsonst«
(KU, 300 f.). Diese ausgeweitete naturteleologische Weltbetrach-
tung, nämlich »die Welt, als ein nach Zwecken zusammenhängen-
des Ganze und als S y s t e m von Endursachen anzusehen« (KU, 413)
setzt nach Kant eine Selbstbetrachtung des Menschen voraus, wo-
durch wir den Menschen »als moralisches Wesen für den Zweck der
Schöpfung anerkennen« (ebd.), da der Begriff des Endzwecks der
Natur allein aus dem des Zwecks derselben nicht abgeleitet werden
kann. Die Erfahrung berechtigt uns in der bloß formalen Betrach-
tung der inneren Selbstorganisation der Naturdinge als Naturzwecke,
nur eine idealistische absichtslose Naturtechnik (technica naturalis)
anzunehmen. Der Mensch als vernünftiges Naturwesen ist ver-
pflichtet, die Welt aus seiner inneren Zweckbestimmung von sich
aus zu gestalten, und ist dazu auch vermögend, »sich nach seinen
von ihm selbst genommenen Zwecken zu perfektionieren« (Anthr.,
A315/VII321). 92 Daher erhält das Prinzip der Urteilskraft eine
»pragmatische« Bedeutung im Kantischen Sinne.
»Die physiologische Menschenkenntnis geht auf die Erfor-
schung dessen, was die N a t u r aus dem Menschen macht,
die pragmatische auf das, was e r , als freihandelndes Wesen,
aus sich selber macht, oder machen kann und soll« (Anthr.,
AIV/VII119).
In »pragmatischer« Hinsicht betrachten sich Menschen selbst
nicht mehr bloß als Weltzuschauer, sondern vielmehr als »Weltbür-
ger« (Anthr., AVI/VII120) oder »Weltbewohner« (Op. post., XXI31,
93).93 In diesem Sinne könnte die Welt als »Lebensraum« betrachtet
werden, in dem Menschen ihre Geschicklichkeit entfalten und Kul-
tur entwickeln können.

92
Vgl. oben Anm. 44 (S. 94 f.) und Anm. 62 (S. 111).
93
Vgl. Kants Unterscheidung von »Welt kennen« und »Welt haben« in der Anth-
ropologie (AVII/VII120): »Noch sind die Ausdrücke: die Welt k e n n e n und
Welt h a b e n in ihrer Bedeutung ziemlich weit auseinander; indem der eine
nur das Spiel v e r s t e h t , dem er zugesehen hat, der andere aber m i t g e -
s p i e l t hat«.

141
Dementsprechend muß die ursprüngliche Bestimmung der Ur-
teilskraft erweitert bzw. vertieft werden, um das neuentdeckte re-
flektierende Moment derselben zu umfassen. Das kritische Be-
wußtsein der Heautonomie (Selbstgesetzlichkeit) der reflektieren-
den Urteilskraft verweist schon darauf, daß die vertiefende Auffas-
sung der Urteilskraft ins Zentrum der Spontaneität des Verstandes
überhaupt gerückt werden muß, um von dort her die Urteilskraft, als
Instanz der Ausführung der von Verstand und Vernunft gegebenen
objektiven Gesetze, und ihre heautonome Funktion aufzuklären,
indem die Urteilskraft sich in einer von der Vernunft überhaupt
selbstobjektivierenden Welt nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit
der Natur orientiert.
R. A. Makkreel (1997, S. 211 ff.) verbindet die Funktion der
Reflexion und Orientierung in der reflektierenden Urteilskraft (bzw.
dem reflektierenden Gebrauch der Einbildungskraft), wodurch die
reflektierende Urteilskraft interpretierende Funktion für die Wissen-
schaft und Lebenswelt besitzt. – K. Düsing (1986, 1981) sieht im
Prinzip der reflektierenden Urteilskraft einen teleologischen Welt-
begriff als Orientierungsprinzip für den Menschen in der konkreten
Lebenswelt. Der teleologische Weltbegriff stiftet nicht nur die Ein-
heit der Welt, sondern zeigt zugleich die Möglichkeit des Über-
gangs von der Natur zur Freiheit durch die Kultur des Menschen als
letzten Zweck der Natur (vgl. insb. 1986, S. 206 ff.). – M. Brumlik
verbindet Urteilskraft und Gemeinsinn (Intersubjektivität) und sucht
von daher den »Zusammenhang der drei Kritiken als System« (S. 5,
vgl. 202 ff.) durch das heautonome Prinzip der reflektierenden Ur-
teilskraft zu erklären. – K. W. Zeidler (S. 195 ff., insb. S. 204 ff.)
sucht die Einheit des Vernunftgebrauchs in der Selbstobjektivierung
der Vernunft darzulegen, wodurch die Einheit derselben nicht nach-
träglich hinzukommt, indem das Denken sich in seiner reflexiven
Struktur positiv (ostensiv) äußert. Als Nachweis seiner Interpretati-
on verweist er auf die neu entworfene Ideenlehre im Opus postu-
mum. »›Tr[anszendental] Philosophie] als das Bewußtseyn des
Vermögens vom System seiner Ideen in theoretischer so wohl als
praktischer Hinsicht Urheber zu seyn‹ (Op. post., AA XXI, S. 93),
mithin als ›das System des reinen Idealismus der Selbstbestimmung

142
des denkenden Subjects‹ (ibid., S. 92) zu begreifen, welches die
Kausalität aus Freiheit nicht der vorweg bestimmten Naturnotwen-
digkeit erst entgegensetzt, sondern beide vermittelt weiß im ›Cos-
motheoros der die Elemente der Welterkenntnis a priori selbst
schafft aus welchen er die Weltbeschauung als zugleich Weltbe-
wohner zim[m]ert in der Idee‹ (ibid., S. 31)« (Zeidler, S. 209).
Die Urteilskraft soll und muß in einem »Labyrinth« (EE, XX214)
des Mannigfaltigen der Erscheinungen eine vernunftgemäße Welt
nach dem Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur für unsere Fas-
sungskraft gestalten. Die »gereifte Urteilskraft« (KrV, AXI) urteilt
nicht aus einem privaten, sondern aus einem allgemeinen Stand-
punkt. In diesem Sinne läßt sich die Urteilskraft in der KU als Spon-
taneität der Subjektivität des konkreten Subjekts überhaupt interpre-
tieren, die sich im Denken, Handeln und Fühlen äußert. In der Vor-
rede zur KU (VII; vgl. 111 f., 155, 156 ff.) heißt es, daß der richtige
Gebrauch der Urteilskraft so notwendig und allgemein erforderlich
für den Gebrauch des Verstandes ist, daß man Urteilskraft auch als
gesunden Verstand94 bezeichnen kann, der als Gemeinsinn (sensus

94
»Um die Menschen nach ihrem Erkenntnisvermögen (dem Verstande überhaupt)
zu beurteilen, teilt man sie in diejenigen ein, denen G e m e i n s i n n (sensus
communis), der freilich nicht g e m e i n (sensus vulgaris) ist, zugestanden wer-
den muß, und in Leute von W i s s e n s c h a f t . Die erstern sind der Regeln Kun-
dige in Fällen der Anwendung (in concreto), die andern für sich selbst und vor
ihrer Anwendung (in abstracto). — Man nennt den Verstand, der zu dem erste-
ren Erkenntnisvermögen gehört, den g e s u n d e n Menschenverstand (bon sens),
den zum zweiten den h e l l e n K o p f (ingenium perspicax)« (Anthr.,
A23/VII139; vgl. KU, 156 f.; R430, XV173). – »Der gesunde Verstand aber
kann diese seine Vorzüglichkeit nur in Ansehung eines Gegenstandes der Er-
fahrung beweisen; nicht allein d u r c h diese an Erkenntnis zu wachsen, sondern
sie (die Erfahrung) selbst zu erweitern, aber nicht in spekulativer, sondern bloß
in empirisch-praktischer Rücksicht. Denn in jener bedarf es wissenschaftlicher
Prinzipien a priori; in dieser aber können es auch Erfahrungen, d.i. Urteile sein,
die durch Versuch und Erfolg kontinuierlich bewährt werden« (Anthr.,
A24/VII140).
Zur Gleichsetzung der Urteilskraft mit dem gesunden Verstand vgl. noch KrV,
A132 f./B171 f.; R1861, XVI139, R1575, XVI14 f.; Briefe an Alexander Fürst
von Beloselsky 1792, 575 u. 944 (vgl. A. Gulyga S. 330, 333 f.); ferner A.
Baeumler S. 186 ff, 281 ff., 292 ff. – Zur Unterscheidung von gesundem und
spekulativem Gebrauch des Erkenntnisvermögens vgl. Prol., A196 f./IV369 f.;

143
communis) eine wesentliche Rolle in der KU für die Mitteilbarkeit
(oder Allgemeingültigkeit) des Urteils spielt. Obwohl Kant den
Gemeinsinn aufgrund der praktischen Überlegung, insbesondere der
moralisch-praktischen Beurteilung unserer Handlung zunehmend
positiv bewertet,95 ist das kritische Verfahren der Vernunft über-
haupt mit der Heautonomie der Urteilskraft nicht einfach gleichzu-
setzen. Denn die »Kritik« hat nicht nur einen negativen, sondern
auch einen positiven Nutzen, nämlich eine Metaphysik als Wissen-
schaft auf dem Boden der »Kritik« zu gründen (vgl. z.B. KrV,
AXII). Dies wird im Titel der populären Schrift der Prolegomena
zur Erläuterung der ersten Kritik unmißverständlich ausgedrückt:
»Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, die als Wissen-
schaft wird auftreten können«.
Die Funktion der Urteilskraft sollte nicht überinterpretiert wer-
den,96 auch wenn sie in der KU als »Vermögen zu urteilen selbst«

PM163 f.; Jäsche Logik, A29/IX27; Logik-Pölitz, XXIV503 f.; Logik-Dohna,


XXIV696 f.
95
Zur positiven Bewertung und zugleich kritischen Einschränkung des Gemein-
sinns vgl. obige Anm. 94 (Anthr., A23 f./VII139 f.) – Kant bewertet in den Pro-
legomena (A197 f./IV 369 f.; dazu Logik-Pölitz, XXIV503 f.) den gemeinen
Verstand (Verstandesgebrauch in concreto) in Gegenüberstellung zum spekula-
tiven Verstand (Verstandesgebrauch in abstracto) noch verhältnismäßig negativ.
In der Logik-Dohna drückt sich Kant wie folgt aus: »Der gemeine Verstand ist
das Vermögen nach Regeln in concreto urteilen zu können. (Nicht der schlichte.
Dies Wort ist absurd.) Der gemeine Verstand heißt der gesunde, wenn er richtig
ist. Die Moral muß ganz in concreto erkannt werden, aber Physik hat auch abs-
tracta« (XXIV696 f.). – Zum Einfluß Rousseaus auf Kants Wertschätzung der
Menschheit und ihrer Würde vgl. die Stelle auf Seite XX44 der Bemerkungen
zu den Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, dazu E.
Cassirer S. 251, 94 und M. Rischmüller S. 38, 188 f., 154 f., 174 f., 181 f., 192
f. Was Kant fremd gewesen ist, bis Rousseau ihn »zurechtgebracht« hat, ist das
»Gefühl für die Würde des Menschen« (M. Rischmüller S. 188). – Zur Orientie-
rung des Denkens im Feld des Übersinnlichen an »(moralisch) gesunder Ver-
nunft« (S. i. D. orient., A320/VIII142) siehe oben Anm. 10 (S. 75). – Ferner vgl.
das intellektuelle Interesse der Vernunft an der Verwirklichung ihrer Ideen in
der KU (§ 42) und R1578, XVI16 f.
96
R. Zocher (1959, S. 103 f.) hebt die Heautonomie (Selbstgesetzlichkeit) der
Urteilskraft als »Intrafundierung« der Sachphilosophie (Metaphysik) in Gegen-
überstellung zur Autonomie des Verstandes und der Vernunft als »Extrafun-

144
(145) bezeichnet und ihr eine systematische Funktion für den »Ü-
bergang von der Denkungsart nach den Prinzipien der Natur zu der
nach Prinzipien der Freiheit« (KU, XX) zugesprochen wird. Im
Begriff der Heautonomie der reflektierenden Urteilskraft sammeln
sich zwar wesentliche Momente (Kritik, Urteilen und Reflexion)
der »Kritik« der Vernunft überhaupt, aber sie alle bedeuten bei der
Urteilskraft etwas ganz anderes als bei Verstand und bei Vernunft.
Der Begriff der Kritik wird bei der Urteilskraft seine ursprüngliche
Bedeutung als Sammlung und Vereinigung von empirischen Prinzi-
pien noch beibehalten, während er bei Verstand und Vernunft gänz-
lich auf apriorische Prinzipien geht.97
Die Urteilskraft leistet von sich aus keinen Begriff für die Be-
stimmung des Objekts. Sie verwendet Verstandesbegriffe und Ver-
nunftideen, verbindet sie und gibt sich die durch sie selbst von
Verstand und Vernunft vermittelnden Begriffe als Prinzipien, um
über Naturdinge oder unsere Handlungen zu reflektieren (verglei-
chen), um sie nach dem systematischen Zusammenhang zu beurtei-
len, und schließlich um sie in Beziehung auf ihren von uns unbe-
kannten Grund zu begreifen (interpretieren) (vgl. KU, 387). Die
Urteilskraft als Vermögen zu vergleichen, etwas Passendes auszu-
wählen, zu unterscheiden, anzuwenden ist die Instanz der Ausübung
unseres gesamten Vermögens. Sie ist nicht frei von fremdem
Einfluß (besonders durch die Einbildungskraft), und ein von sich
aus subjektives und fehlbares Vermögen. Für sich irrt Sinnlichkeit

dierung« derselben hervor und verbindet sie mit dem Gedanken einer »Letzt-
fundierung« der kritischen Philosophie. Er sieht im Begriff der Heautonomie
ein ursprüngliches Konzept der Kantischen Transzendentalität, das von Kant
aber nicht zu Ende gebracht werde: »Das Sich-selbst-Gesetz-Sein, zunächst mit
den Ausdrücken Freiheit und Absolutheit paraphrasierbar, kann auch als In-
sich-selbst-gegründet-sein gefaßt werden« (S. 104). Diese Betrachtung gerät
aber dadurch in Gefahr, daß die Sinnlichkeit (das Besondere) als solche, die
sich auf ein dem Subjekt fremdes Moment bezieht, zugunsten des Verstandes
vernachlässigt wird. – Die Autonomie der menschlichen Vernunft ist im Hin-
blick auf die Endlichkeit derselben mit Rücksicht auf die Unerkennbarkeit des
Übersinnlichen im Grunde nichts anderes als Heautonomie, aber in einem ü-
bergreifenden Sinne. – Zur Kritik an Zochers Auffassung vgl. auch W. Bartu-
schat (1972) S. 90 f.
97
Vgl. KU, 144; ferner A. Baeumler S. 283 f., 299 f., 289 f., 271 f.

145
nicht, weil sie nicht urteilt, sondern uns nur den Stoff zu urteilen
liefert (vgl. Anthr., A30 ff./VII143 ff.). Verstand allein irrt nicht,
»weil, wenn er bloß nach seinen Gesetzen handelt, die Wirkung
(das Urteil) mit diesen Gesetzen notwendig übereinstimmen muß«
(KrV, A294/B350). Verstand und Vernunft sind autonom (selbstge-
setzgebend für andere). Urteilskraft ist einerseits heautonom
(selbstgesetzgebend für sich selbst) und andererseits heteronom,
wenn sie objektive Erkenntnis liefern will.
»[A]lle Fehler der Subreption sind jederzeit einem Mangel
der Urteilskraft, niemals aber dem Verstande oder der Ver-
nunft zuzuschreiben« (KrV, A643/B671).
Begriffe und Ideen sind »nimmermehr an sich selbst dialektisch«
(KrV, A669/B697), sondern bloß ihr Gebrauch kann dialektisch sein.
Eine der Hauptaufgaben der Kritik der reinen Vernunft sieht Kant
darin,
»die Urteilskraft im Gebrauch des reinen Verstandes, durch
bestimmte Regeln zu berichtigen und zu sichern, […] die
Fehltritte der Urteilskraft […] zu verhüten« (KrV,
A135/B174).
Die Kritik als »Selbsterkenntnis« ist nach Kant die Wirkung der
»reifen Urteilskraft« (KrV, AXI). »Die Antinomie, die sich in der
Anwendung der Gesetze offenbart, ist bei unserer eingeschränkten
Weisheit der beste Prüfungsversuch der Nomothetik, um die Ver-
nunft, die in abstrakter Spekulation ihre Fehltritte nicht leicht ge-
wahr wird, dadurch auf die Momente in Bestimmung ihrer Grund-
sätze aufmerksam zu machen« (KrV, A424/B452; vgl. A464
f./B492 f., A471/B499). Die kritische Prüfung der Gesetzgebung
der Vernunft benötigt zuerst eine »skeptische Methode« (ebd.; vgl.
A485 ff./B513 ff., A738 ff./B766 ff:), die beweistechnisch indirekt
apagogisch ist, und lediglich »auf Gewißheit geht« (KrV,
A424/B451; vgl. A758 f./B786 f.), um die Grenzlinie unserer Er-
kenntnis zu sichern. Dementsprechend ist die Kritik nur ein »Traktat
von der Methode« (KrV, BXXII), keine Doktrin, sondern die
»P r o p ä d e u t i k zum System der reinen Vernunft« (KrV, A11/B25;

146
vgl. A841/B869, A850/B878).98 Das gibt Anlaß zu fragen, ob der
Titel »Kritik der Urteilskraft« nicht treffender als »Kritik der reinen
Vernunft« das ursprüngliche Konzept der Kritik wiedergebe.99 Dies
kommt auch in Kants eigene Worte zum Ausdruck:
»Die Kritik der Erkenntnisvermögen in Ansehung dessen,
was sie a priori leisten können, hat eigentlich kein Gebiet in
Ansehung der Objekte: weil sie keine Doktrin ist, sondern
nur, ob und wie, nach der Bewandtnis, die es mit unseren
Vermögen hat, eine Doktrin durch sie möglich sei, zu unter-
suchen hat. Ihr Feld erstreckt sich auf alle Anmaßungen der-
selben, um sie in die Grenzen ihrer Rechtmäßigkeit zu setzen.
Was aber nicht in die Einteilung der Philosophie kommen
kann, das kann doch, als ein Hauptteil, in die Kritik des rei-
nen Erkenntnisvermögens überhaupt kommen, wenn es näm-
lich Prinzipien enthält, die für sich weder zum theoretischen
noch praktischen Gebrauche tauglich sind« (KU, XX f.).

2.3 Vermittlung der Urteilskraft


Solange das Wesen und die Funktion der Urteilskraft von Kant je-
doch am Modell des dreigliedrigen Vernunftschlusses als Mittel-
glied von Verstand und Vernunft betrachtet wird, bleibt die Heau-
tonomie der Urteilskraft der Autonomie des Verstandes und der
Vernunft in der Weise untergeordnet, daß Urteilskraft sich immer in

98
Vgl. dazu noch De mundi, A29/II411; KrV, A761/B789, A293 ff/B349 ff.,
A642 f./B670 f., A709 ff./B737 ff., A738/B766, A786 f./B814 f., A795 f./B823
f.; KpV, A28/V14; EE, XX195, 201, 205, 242; KU, VI, XX f.; Wiener Logik,
XXIV832 f., 859 ff.; Logik-Pölitz, XXIV545 f. – Zum Problem der Abgren-
zung zwischen »Kritik« und »System« vgl. V. Gerhardt/Fr. Kaulbach (1989) S.
103 ff.; H. Mertens S. 47 f., 220 f.; N. Hinske (1970) S. 138, 33 f.; G. Lehmann
(1969) S. 93 ff., 122 ff.; R. Zocher (1959) S. 71-75; M. Horkheimer, S. 80 ff.;
H. Vaihinger (Bd. 1) S. 459 ff., 464 ff.
99
Vgl. G. Lehmann (1969) S. 298 f., 302, 294, 355.; A. Model (1987) S. 52; M.
Riedel (1989) S. 7 ff, 13, 16, 23; M. Brumlik S. 164; ferner V. Gerhardt/Fr.
Kaulbach (1989) S. 110 f.; K. Konhardt S. 316 f.; W. Bartuschat (1972) 250 ff.;
A. Baeumler S. 300, 7 f., 13 f., 283 f.; R. Zocher (1959) S. 102-106.

147
bezug auf Prinzipien des Verstandes oder der Vernunft vollzieht.
Bei heautonomen Prinzipien der Urteilskraft wird die Gültigkeit der
Verstandesgesetze und Vernunftprinzipien im allgemeinen schon
vorausgesetzt. In der KU wird nur die Rolle der Urteilskraft als In-
stanz der Ausführung der apriorischen Prinzipien der Vernunft ü-
berhaupt hervorgehoben; die Heautonomie bringt gerade die subjek-
tiven apriorischen Bedingungen des Gebrauchs derselben zum Aus-
druck (vgl. z.B. KU, 342).
Kant betrachtet die Urteilskraft immer als Mittelglied und »Ver-
band« von Verstand und Vernunft. Die Definition der (bestimmen-
den) Urteilskraft überhaupt in der KrV (A132/B171) ist auf die
Funktion der Urteilskraft im Vernunftschluß (A304 f./B360 f.) zu-
geschnitten. Diese Orientierung hat eine erkenntnistheoretische Be-
deutung. Alle Urteile müssen nach Regeln (Begriffen, Gesetzen
oder Prinzipien) gefällt werden. Um über Wahrheit oder Irrtum der
Urteile entscheiden zu können, müssen sie auf ihre Bedingungen
zurückgeführt werden. Daher haben Urteile Anspruch auf Allge-
meingültigkeit und Notwendigkeit.
Kant rechtfertigt die Notwendigkeit der Trichotomie einer Ein-
teilung »aus B e g r i f f e n a priori« (KU, LVII Anm.) durch die tria-
dische Struktur des Begriffs der Synthesis, die zugleich als Syllogis-
mus dargestellt werden kann. Eine philosophische, synthetische
Einteilung a priori »muß nach demjenigen, was zu der synthetischen
Einheit überhaupt erforderlich ist, nämlich 1) Bedingung, 2) ein
Bedingtes, 3) der Begriff, der aus der Vereinigung des Bedingten
mit seiner Bedingung entspringt, […] notwendig Trichotomie sein«
(ebd.).100
Die nachstehende Übersicht, die ohne weitere Kommentierung
zusammengestellt ist, kann neben den »Tafeln« der Dreiteilung der
Vermögen in beiden Einleitungen in die KU (EE, XX246; KU, LVII)
Aufschluß über den systematischen Zusammenhang der drei Er-
kenntnisvermögen geben. Es ist zu beachten, obwohl die Dreitei-
lung bei Kant sich an der formal-logischen orientiert, sie dennoch

100
Vgl. Jäsche Logik, A227 f./IX147; KrV, B111, A138/B177; Brief an Schultz
vom 17.02.1784, 247 f.; R5854, XVIII370.

148
von vornherein unter transzendentallogischem Gesichtspunkt durch
den Begriff der Synthesis geleitet und vorstrukturiert wird.101

Verstand Urteilskraft Vernunft


102
formal-logisch Begriff Urteil Schluß

Subsumtion Prinzip
transzendental- Regel (Orientierung,
(Anwendung,
logisch 103 (Gesetz) Systematisie-
Unterscheidung)
rung)
reflektiert
logische Art der
(diskursiv, allge- deutlich Geschlossen
Vorstellung 104
mein, klar)

Einheit Wahrheit Vollkommenheit


logische Kriterien
(qualitative Ein- (qualitative Viel- (qualitative Voll-
aller Erkenntnis 105
heit) heit) ständigkeit)

Modal 106 Möglichkeit Wirklichkeit Notwendigkeit

101
Vgl. z. B. KrV, A70/B95-A76/B101, A239/B298; Prol., A122 f./IV325 f.
Anm.; Wiener Logik XXIV930; ferner J. Vuillemin S. 310 ff.; B. Longuenesse
S. 132 ff.; M. Steckelmacher S. 10, 27 ff., 85 ff.
102
Vgl. KrV, B169, Logik- Dohna, XXIV703 f.
103
Vgl. KrV, B93 f., B171 f., B359-363, B383 f., B671 ff.; EE, XX201.
104
Vgl. KrV, B366 f.; Anthr., A20 f./VII137 f.; Logik-Dohna (XXIV762); Wie-
ner Logik (XXIV937).
105
Vgl. KrV, B114 ff.; PM42 ff.; R4806, R4807, R4734, R5562, R5735, R5745.
106
Vgl. KrV, B266, B100 Anm; R6361, R1745.

149
Verstand Urteilskraft Vernunft

Anthropologisch 107 Was will ich? Worauf kommt’s Was kommt


an? heraus?
Sich in die Stelle Jederzeit mit sich
Maxime 108 Selbst denken jedes anderen zu selbst einstimmig
denken zu denken
zwangfrei liberal
Denkungsart 109 konsequent
(vorurteilsfrei) (erweitert)

Spontaneität 110 Vermögen zu denken, zu urteilen, zu reflektieren

Die Urteilskraft als Vermögen der Anwendung,


»welches nur auf das geht, was tunlich ist, was sich schickt,
und was sich geziemt (für technische, ästhetische und prakti-
sche Urteilskraft), ist nicht so schimmernd, als dasjenige,
welches erweiternd ist; denn es geht bloß dem gesunden Ver-
stande zur Seite und macht den Verband zwischen diesem
und der Vernunft« (Anthr., A120/VII199; vgl. dazu
A24/VII140, R1861, XVI139).
Darum ist es auch nicht befremdlich, wenn Kant in der EE im
Kontext der Auffindung eines eigentümlichen apriorischen Prinzips
der Urteilskraft ausdrücklich betont, daß
»Urteilskraft […] ein so besonderes, gar nicht selbständiges
Erkenntnisvermögen [ist], daß es weder, wie der Verstand,
Begriffe, noch, wie die Vernunft, Ideen von irgend einem
Gegenstande gibt, weil es ein Vermögen ist, bloß unter an-
derweitig gegebene Begriffe zu subsumieren« (EE, XX202;
vgl. 208).

107
Vgl. Anthr., A165/VII227.
108
Vgl. Anthr., A167/VII228, A122/VII200; KU, 158 ff.; R455, R456, R1486
(XV715 f.), R1508 (XV820); R2273; Jäsche Logik, A84/IX57.
109
Siehe Anm. 108.
110
Vgl. Spitzf., A30 ff./II59 f.; KrV, B94, B106, B366 f.; KU, 145; EE, XX201,
222, Prol., A62/IV288; PM156 ff.; Anthr., A14/VII134 Anm.; R409, XV165 f.;
R425, XV171.

150
Urteilskraft ist kein Vermögen, »Begriffe von Objekten hervor-
zubringen, sondern nur mit denen, die ihr anderweitig gegeben sind,
vorkommende Fälle zu vergleichen und die subjektive Bedingungen
der Möglichkeit dieser Verbindung a priori anzugeben« (EE,
XX225). So bleibt die KU bloß die
»Kritik eines Vermögens […], welches nur zum Verknüpfen
dient und daher für sich […] kein Erkenntnis verschaffen o-
der zur Doktrin irgend einen Beitrag liefern kann« (EE,
XX246; vgl. KU, VI f., X, XXI f., XXIV f.).
Die Urteilskraft ist von sich aus nicht objektiv gesetzgebend, ob-
wohl sie für sich selbst Gesetz geben kann und muß. Diese Bestim-
mung der Urteilskraft muß festgehalten werden. Entspringt ein Be-
griff (z.B. Zweckmäßigkeit der Natur) aus der Urteilskraft durch die
Synthesis von dem Verstandesbegriff und der Vernunftidee, dann
kann die Urteilskraft ihn nur zum Reflektieren, nicht zum Bestim-
men gebrauchen. Wenn ein Begriff, z.B. der Naturzweck bloß in
Beziehung auf Urteilskraft durch das Vergleichen mit dem Vers-
tandesbegriff (Mechanismus der Natur) und der Vernunftidee (Idee
des Systems) Dingen zwar objektiv beigelegt wird, – wenn diese
Form an den Dingen angetroffen wird –, dient der Begriff jedoch
nicht zum Bestimmen, sondern zum Beurteilen (vgl. z.B. EE,
XX221).

151
§ 3 Reflexion und Darstellung der Urteilskraft

Wir wenden uns nun der umfassenden Definition der Urteilskraft zu:
»Urteilskraft überhaupt ist das Vermögen, das Besondere als enthal-
ten unter dem Allgemeinen zu denken« (KU, XXV). Die Betonung
liegt auf dem »als … denken«, nicht auf »enthalten unter«.1 Kant
verwendet nicht Worte wie ›erkennen‹ oder ›bestimmen‹, sonst wä-
re die Urteilskraft im allgemeinen nichts anderes als bestimmende.
Andererseits ist zwischen Denken und Erkennen bei ihm strikt zu
unterscheiden. »Etwas sich durch Begriffe, d.i. im allgemeinen vor-
stellen, heißt d e n k e n « (Fortschritte, A182/XX325). 2 Erkennen
heißt aber etwas durch bestimmte Begriffe in concreto darstellen
(vgl. Prol., A133/IV332), also synthetisch urteilen, folglich Objekte
bestimmen (vgl. Fortschritte, A30/XX268; KrV, B166 Anm.). Er-
kennen setzt mithin das Denken voraus, umgekehrt gilt es aber nicht.
Die Unterscheidung zwischen dem Erkennen durch bestimmte Beg-
riffe und bloßem Denken in reinen (unschematisierten) Kategorien
ist von großer Bedeutung für die Kantische Fundierung der Meta-
physik durch die Kritik der reinen Vernunft.3 Adickes betont mit
Recht die Wichtigkeit dieser Unterscheidung für die praktische Phi-
losophie und die Einheit des Systems. 4 Darüber hinaus bemerkt
Heimsoeth, daß diese Unterscheidung selbst für Kants Transzenden-
talphilosophie höchst bedeutsam ist, und er diese erst in der 2. Auf-
lage besonders hervorgehoben hat.5

1
»Urtheilen ist: sich einen Begrif als unter dem andern enthalten (oder von ihm
ausgeschlossen) vorstellen: 1. subiect unter Prädicat. 2. Folge unter dem Grun-
de. 3. Theil der Sphaere unter der Ganzen« (R3045, 90er, XVI631, vgl. auch
KrV, A73/B98).
2
Vgl. dazu Anthr., A115/VII196; Logik-Dohna, XXIV695; Logik-Mrongovius,
XXIX1047; Jäsche Logik, A139/IX91.
3
Vgl. E. Adickes (1924) S. 63 f.
4
Vgl. E. Adickes (1924) S. 49 ff., insb. S. 52 ff. – Siehe dazu auch H. Heimsoeth
(1970) S. 113.
5
Vgl. H. Heimsoeth (1966) S.165.
»Einen Gegenstand e r k e n n e n , dazu wird erfordert, daß ich
seine Möglichkeit, (es sei nach dem Zeugnis der Erfahrung
aus seiner Wirklichkeit, oder a priori durch Vernunft) bewei-
sen könne. Aber d e n k e n kann ich, was ich will, wenn ich
mir nur nicht selbst widerspreche, d. i. wenn mein Begriff
nur ein möglicher Gedanke ist, ob ich zwar dafür nicht stehen
kann, ob im Inbegriffe aller Möglichkeiten diesem auch ein
Objekt korrespondiere oder nicht. Um einem solchen Be-
griffe aber objektive Gültigkeit (reale Möglichkeit, denn die
erstere war bloß die logische) beizulegen, dazu wird etwas
mehr erfordert. Dieses Mehrere aber braucht eben nicht in
theoretischen Erkenntnisquellen gesucht zu werden, es kann
auch in praktischen liegen« (KrV, BXXVI Anm.; vgl. B146 f.;
B158; B166 Anm., B406, B428 ff., A596/B624 Anm. u.ö.).
Die allgemeine Bestimmung der Urteilskraft als denkende Sub-
sumtion ist insofern geeigneter als die schlichte, gekürzte Bestim-
mung derselben als das »Vermögen der S u b s u mt i o n d e s B e -
s o n d e r n unter das Allgemeine« (EE, XX201), weil in jener der
zugrundeliegende Reflexionsakt der Urteilskraft im Akt des Sub-
sumierens hervorgehoben wird, und weil man unter ›Subsumieren‹
gewöhnlich das Bestimmen versteht.6 Die denkende Subsumtion ist
zwar am logisch-gnoseologischen Gebrauch der Urteilskraft orien-
tiert, aber sie ist dennoch durchaus kompatibel mit der ästhetischen
Reflexion, die sich durch die Darstellung eines unbestimmten Beg-
riffs charakterisieren läßt, obwohl sie nichts mit irgendeinem be-
stimmten Begriff zu tun hat.7 In der ästhetischen Reflexion bezieht
die Urteilskraft eine bestimmte Gegenstandsanschauung auf Begrif-
fe überhaupt, ohne dadurch eine Objekterkenntnis zu geben (vgl.
KU, § 9). Die Urteilskraft paßt die sinnliche Formauffassung der
Einbildungskraft ohne Leitung eines bestimmten Begriffs dennoch
der Gesetzmäßigkeit des Verstandes spontan an, wodurch ein freies,
wechselseitiges Spiel von der Einbildungskraft und dem Verstand in
der gegebenen einzelnen Vorstellung stattfinden kann. Das Mannig-
faltige in der Gegenstandsvorstellung wird dabei zusammengesetzt

6
Vgl. § 1, S. 55 f.
7
Vgl. EE, XX221, 223, 232; KU, 11, 28 f., 45 f., 74 f., 70.

153
und gegliedert; diese Ordnung (Regelmäßigkeit) ist anschaulich,
und bleibt stets in der Bewegung ohne gefesselt zu sein durch ir-
gendeinen bestimmten Begriff, d.h. die ästhetische Form-
anschauung wird zwar auf Begriffe überhaupt, aber nicht unter ei-
nen bestimmten Begriff gebracht.8 Die anschauliche Form wird da-
bei nicht durch Begriffe gedacht, nämlich nicht als eine im Begriff
mitgedachte Form. Die ästhetische Reflexion ist gleichsam ein an-
schauliches »Denken«.
Der Begriff der Darstellung ist demnach umfassender und pas-
sender als der Begriff der Subsumtion, um das Wesen und die Funk-
tion der Urteilskraft zu charakterisieren. Aber Kant gibt das logisch-
gnoseologische Modell nicht auf, weil es nach ihm das einzige ist,
was objektiv zu einem »allgemeinen Beziehungspunkt« (KU, 28)
dienen kann. Er verwendet es als Orientierung, um die Struktur des
Urteils oder der Beurteilung zu erklären, insbesondere dort, wo Ur-
teile sich nicht auf das Objekt, sondern lediglich auf das Subjekt
und dessen Zustand beziehen, denn alle Urteile, sofern sie Urteile
sind, enthalten »immer noch eine Beziehung auf den Verstand« (KU,
4 Anm.), wobei »Verstand« hier im weiteren Sinne gebraucht wird.
In der Kritik der ästhetischen Urteilskraft dient der Begriff der Sub-
sumtion analog sogar zur Erklärung der freien und harmonischen
Beziehung der Einbildungskraft zum Verstand im reinen Ge-
schmacksurteil. Der »Geschmack, als subjektive Urteilskraft, ent-
hält ein Prinzip der Subsumtion, aber nicht der Anschauungen unter
B e g r i f f e , sondern des V e r mö g e n s der Anschauungen oder Dar-
stellungen (d.i. der Einbildungskraft) unter das V e r mö g e n der
Begriffe (d.i. den Verstand)« (KU, 146). Was das eigentlich bedeu-
tet, erläutert Kant anhand der logischen Struktur des Urteils. Im
Geschmacksurteil kennzeichnet das Prädikat ›schön‹ ein Gefühl der
freien Lust des Subjekts. In der logischen Urteilskraft subsumiert
man also »unter Begriffe, in der ästhetischen aber unter ein bloß
empfindbares Verhältnis der an der vorgestellten Form des Objekts

8
Zum Unterschied der Beziehung der Anschauungen mit Begriffen in »An-
schauungen auf Begriffe zu bringen« (Koordination) und »Anschauungen unter
Begriffe zu bringen« (Subordination) vgl. unten Anm. 79 (S. 201 f.).

154
wechselseitig unter einander stimmenden Einbildungskraft und des
Verstandes« (KU, 152).
Trotz dieses Sachverhaltes könnte die kognitive Reflexion in Er-
kenntnisurteilen durch die denkende Subsumtion ohne große
Schwierigkeit aufgeklärt werden. Das Unterordnen ist ein Moment
in der »Funktion« des Urteilens. Die Urteilskraft, sofern sie in der
Objektbestimmung aufgeht, dient dem Verstand oder der Vernunft.
Aus dem Gesichtspunkt der Urteilskraft wird aber das Urteilen
durch den Akt des Unterordnens betätigt. Insbesondere wenn von
der empirischen Urteilskraft die Rede ist, schließt die Urteilshand-
lung in sich die einheitstiftende Funktion der Kategorien und die
Orientierungsfunktion der Vernunftideen ein. Urteilen ist dann als
Denkhandlung der Urteilskraft zu verstehen. Das mittelbare Ver-
hältnis in der Subsumtion eines Urteils wird im allgemeinen zuerst
nur »vorläufig« im Bewußtsein durch eine »Überlegung« in Gedan-
ken gefaßt, wobei die Art der Gültigkeit der Beziehung und das
Was der bezogenen Relata unbestimmt bleiben.
Unter diesem Aspekt lassen sich unterschiedliche Arten des Ur-
teils durch die Denkhandlung der Urteilskraft verständlich machen,
wobei die subjektive und objektive Bedingung des Urteils umfaßt
wird. Die objektive Bedingung wird unter dem Aspekt der Be-
stimmtheit der Subsumtion im Urteil betrachtet. Die Äquivokation
des empirischen Bestimmens macht die Unterscheidung von be-
stimmender und reflektierender Urteilskraft notwendig, weil unser
Verstand nicht anschauend, sondern diskursiv ist. Der sogenannten
»Kopernikanischen Wende« zufolge ist unser Verstand gesetzge-
bend für die Gegenständlichkeit der möglichen Erfahrung in objek-
tiv-formaler Hinsicht. Die empirische Bestimmung von Dingen und
ihre gesetzliche Verbindung bleibt aber auf spezifische Gegebenhei-
ten des Empirischen angewiesen. Die empirische Urteilskraft muß
bei ihrer kognitiven Aufgabe des Bestimmens einerseits Schemata
und Grundsätze des Verstandes gebrauchen, um die Erfahrungsur-
teile objektiv gültig zu machen; sie muß sich anderseits auch auf die
für uns zufälligen Naturgegebenheiten richten, um sie wahr (empi-
risch erfüllt) zu machen. Die empirische Urteilskraft bedarf eines
systematischen Verfahrens, wodurch das im Denken »gemachte«

155
(Jäsche Logik, § 4) Allgemeine (empirische Begriffe, Regeln) und
das in der Wahrnehmung gegebene Besondere (empirische An-
schauungen) durchgängig passen. Das systematische Verfahren der
empirischen Urteilskraft, wie sich noch zeigen wird, setzt ein heau-
tonomes »G e s e t z d e r S p e z i f i k a t i o n d e r N a t u r in Ansehung
ihrer empirischen Gesetze« (KU, XXXVII) voraus, d.h. »die Natur
spezifiziert ihre allgemeinen Gesetze nach dem Prinzip der Zweck-
mäßigkeit für unser Erkenntnisvermögen« (ebd.).
Die subjektive und zugleich objektiv gültige Bedingung der
Möglichkeit des apophantischen Urteils wird von Kant in der trans-
zendentalen Deduktion der Kategorien durch die Einheit des Be-
wußtseins begründet (vgl. KrV, § 17, § 27). Kant ist unzufrieden mit
der formallogischen Urteilsdefinition, weil sie, modern ausgedrückt,
bloß die syntaktische Reglementierung des Satzbaus beschreibt. Das
Wesentliche in einer Urteilserklärung, nämlich die Bedingung der
Möglichkeit der Subsumtion im Urteil wird aber dadurch nicht an-
gegeben. Das Konzept der Einheit der transzendentalen Apperzepti-
on ist in der KrV von vornherein auf die Objektivität der Erkennt-
nisurteile zugeschnitten. Dies wird durch die Urteilsdefinition in §
19 der transzendentalen Deduktion der Kategorien ausgedrückt als
die »Art, gegebene Erkenntnisse zur objektiven Einheit der Apper-
zeption zu bringen« (B141 f.; vgl. B143).9 Daß die Vorstellungen
zur objektiven Einheit des Bewußtseins gehören, bedeutet lediglich,
daß sie nicht nach »Gesetzen der Einbildungskraft«, nämlich Re-
geln der Assoziation, sondern nach den Gesetzen des Verstandes
zueinander gehören, d.h. sie sind »objektiv gültig vor [sc. für] jedes
Wesen, das Verstand hat« (R3051, XVI633).10

9
Ähnlich gibt Kant in einer langen Anmerkung in der Vorrede zur MAN die
transzendentale Definition des Urteilens als »Handlung, durch die gegebene
Vorstellungen zuerst Erkenntnisse eines Objekts werden« (AXIX/IV475) an. –
Zu Kants Urteilserklärung vgl. R. Stuhlmann-Laeisz S. 56, 58, 115; K. Reich
S.40-46, D. Henrich (1976) S. 23-31. Daß Reich (S. 32, 42 f.) die Einheit der
transzendentalen Apperzeption »in sensu logico« versteht und die Urteilsdefini-
tion in § 19 der KrV folglich zur formalen Logik gehört, ist nicht treffend.
10
Vgl. dazu KrV, B134 f.; Prol., A88/IV304; R3045, XVI630; R5927, XVIII388
f.; R5930, XVIII390; ferner Wolfgang Becker S. 79. – Zur subjektiven und ob-

156
Die transzendentale Apperzeption ist kein individuelles Subjekt
an einer bestimmten Raum-Zeitstelle, sondern gleichsam ein allge-
meiner Bezugspunkt (Standpunkt) aller Urteilenden.11 Sie ist etwas
ganz anderes als der Gemeinsinn (sensus communis) in der KU (vgl.
§ 20 ff., § 40), welcher als das konkrete urteilende Subjekt über-
haupt bezeichnet werden könnte.
»Unter dem sensus c o m m u n i s […] muß man die Idee eines
g e m e i n s c h a f t l i c h e n Sinnes, d.i. eines Beurteilungsver-
mögens verstehen, welches in seiner Reflexion auf die Vor-
stellungsart jedes anderen in Gedanken (a priori) Rücksicht
nimmt, um g l e i c h s a m an die gesamte Menschenvernunft
sein Urteil zu halten und dadurch der Illusion zu entgehen,
die aus subjektiven Privatbedingungen, welche leicht für ob-
jektiv gehalten werden könnten, auf das Urteil nachteiligen
Einfluß haben würde. Dieses geschieht nun dadurch, daß man
sein Urteil an anderer nicht sowohl wirkliche, als vielmehr
bloß mögliche Urteile hält und sich in die Stelle jedes andern
versetzt, indem man bloß von den Beschränkungen, die unse-
rer eigenen Beurteilung zufälliger Weise anhängen, abstra-
hiert; welches wiederum dadurch bewirkt wird, daß man das,
was in dem Vorstellungszustande Materie, d.i. Empfindung
ist, soviel möglich wegläßt und lediglich auf die formalen Ei-
gentümlichkeiten seiner Vorstellung oder seines Vorstel-
lungszustandes achthat« (KU, 157).
Der gemeine Menschenverstand (sensus communis logicus) ist
zwar an eine bestimmte Gemeinschaft oder einen Kulturkreis ge-
bunden und dennoch kaum raumzeitlich lokalisierbar. Er ist der
transzendentalen Apperzeption ähnlich, hat aber nur relative (empi-
rische) Objektivität. Der ästhetische Gemeinsinn (sensus communis
aestheticus) – als Geschmack im Sinne von »Beurteilungsvermögen
desjenigen, was unser Gefühl an einer gegebenen Vorstellung ohne
Vermittlung eines Begriffs a l l g e m e i n mi t t e i l b a r macht« (KU,
160) – beansprucht zwar keine Objektivität wie in Erkenntnisurtei-

jektiven Einheit des Bewußtseins vgl. KrV, § 18, B139 f., dazu auch H.F.
Klemme (1996) S. 180 ff., 203.
11
Vgl. z.B. Prol., A136/IV334 Anm.; KrV, B421 f.; ferner R. Brandt (1991) S. 64
Anm. 30, H. Schnädelbach S. 101 f., 131 ff.

157
len, könnte aber »eher als die intellektuelle den Namen eines ge-
meinschaftlichen Sinnes führen […], wenn man ja das Wort Sinn
von einer Wirkung der bloßen Reflexion auf das Gemüt brauchen
will; denn da versteht man unter Sinn das Gefühl der Lust« (ebd.;
vgl. 156). Das ästhetische Gefühl der freien Lust bezeichnet die
Harmonie des gesamten Gemütszustandes des urteilenden Subjekts
in bezug auf seinen ganzen Körper, welche allgemein mitteilbar ist
(vgl. KU, 4 f., 129). Als solche ist dieses Gefühl allgemein gültig
für jedes Urteilende, das Lebensgefühl hat. Das ästhetische Gefühl
macht nach der innerlich »zweckmäßigen Stimmung« der Erkennt-
niskräfte das »übersinnliche Substrat« aller Vermögen des urteilen-
den Subjekts fühlbar (vgl. KU, 242, 268). Letzteres kann als das
transzendentale Ich (Ich der Apperzeption), nämlich das intellektu-
elle Vermögen der Menschheit interpretiert werden. Der ästhetische
Gemeinsinn kann daher als subjektives Gegenstück der transzen-
dentalen Apperzeption im Modus des Lebensgefühls betrachtet
werden.12
Kant nimmt diesen Interpretationsansatz in der KrV und in den
Prolegomena bereits vorweg. Zum transzendentalen Status des
»Ich« im empirischen Satz »Ich denke«, das den Satz »Ich exis-
tiere« in sich enthält, merkt er an, daß die Vorstellung des Ich hier-
zu rein intellektuell ist, »weil sie zum Denken überhaupt gehört«
(vgl. KrV, B422 f. Anm.). Überhaupt bedarf der diskursive Verstand
irgendeiner empirischen Vorstellung, »die den Stoff zum denken
abgibt« (ebd.), indem der Akt, Ich denke, stattfinden kann. Die »E-
xistenz«, die im »Ich denke« enthalten ist, ist noch keine Kategorie,
sondern drückt »eine unbestimmte empirische Anschauung, d.i.
Wahrnehmung, aus« (ebd.). »Eine unbestimmte Wahrnehmung be-
deutet hier nur etwas Reales, das gegeben worden, und zwar nur
zum Denken überhaupt, also nicht als Erscheinung, auch nicht als
Sache an sich selbst (Noumenon), sondern als Etwas, was in der Tat
existiert, und in dem Satze, Ich denke, als ein solches bezeichnet
wird« (ebd.; vgl. KrV, B157 f. Anm.). Diese unbestimmte Wahr-
nehmung des intellektuellen Ich wird in den Prolegomena durch ein

12
Vgl. R. A. Makkreel (1997) S. 138 f.

158
»Gefühl eines Daseins« umschrieben. Die Vorstellung der Apper-
zeption, das Ich, ist »nichts mehr als Gefühl eines Daseins ohne den
mindesten Begriff und nur Vorstellung desjenigen, worauf alles
Denken in Beziehung (relatione accidentis) steht« (Prol.,
A136/IV334 Anm.; vgl. KU, 129).
Die transzendentallogische Urteilserklärung gilt als zu eng gefaßt,
um die anderen Arten des Urteils zu umgreifen, weil sie von vorn-
herein auf die Objektivität der Erkenntnisurteile gerichtet ist. Nach
ihr wird der Urteilsstatus der bloß subjektiv-gültigen Urteile sogar
fraglich, wie z.B. Wahrnehmungsurteile in den Prolegomena (§18 -
§20) oder die »Sinnenurteile« in der KU. Dieser Mangel sollte
durch die Betrachtung der Urteilskraft als Vermögen der Reflexion
oder Darstellung berichtigt (oder erweitert) werden können, indem
die objektive (logische) Struktur der Erkenntnis der Urteilskraft
zwar immer als Richtmaß, aber nicht immer als Grund des Urteils
oder der Beurteilung dient (vgl. KU, § 9; EE, XX223 f.). Vorläufig
könnte das allgemeine Verfahren der Urteilskraft als Darstellung
des Begriffs charakterisiert werden. Als solche schließt die Urteils-
kraft in sich die Einheitsfunktion des Verstandes als »Darstellung
eines Begriffs überhaupt« (EE, XX223) ein. Letztere darf nicht mit
der Darstellung eines unbestimmten Begriffs in der ästhetischen
Reflexion verwechselt werden. Die Darstellung der Urteilskraft
differenziert sich je nach der Art der Darstellung oder nach der Be-
schaffenheit des darzustellenden Begriffs.
Vor der Betrachtung der Funktion der Urteilskraft durch den Be-
griff ›Darstellung‹, dem Kant sich vor allem in der Kritik der ästhe-
tischen Urteilskraft widmet, soll noch, wie bereits erwähnt, eine
Klärung des Begriffs ›Reflexion‹ bei Kant vorangeschickt werden.
Diese Klärung zielt darauf, die Schwierigkeit des Verständnisses
der reflektierenden Urteilskraft in der KU zu erläutern. Es geht vor-
nehmlich um drei Behauptungen Kants in der EE und KU, die ge-
wisse Unklarheit in der Kantischen Konzeption des Begriffs der
»reflektierenden Urteilskraft« hervorrufen können. 13 Man sollte
Kants flexible begriffliche Unterscheidungen berücksichtigen, wo-

13
Vgl. K. Marc-Wogau S. 12; siehe auch § 1, S. 55 f. u. 36.

159
bei die Unterscheidungskriterien abhängig vom Kontext sind und
nicht durchgängig benutzt werden. Auffällig ist darüber hinaus noch
die Verschiebung und Überlagerung der Perspektiven.14
(1) »Die subjektive Bedingung aller Urteile ist das Vermögen zu
urteilen selbst, oder die Urteilskraft« (KU, 145). Im allgemeinen
bestimmt Kant aber den Verstand als »Vermögen zu urteilen« (vgl.
KrV A69/B94, A81/B106). Ganz in diesem Sinne sagt Kant auch in
der EE: »U r t e i l e n gehört schlechterdings nur dem Verstande (in
weiterer Bedeutung genommen) zu, und ästhetisch oder sinnlich
u r t e i l e n , so fern dieses E r k e n n t n i s eines Gegenstandes sein soll,
ist selbst alsdann ein Widerspruch […]; das o bj e kt i v e Urteil wird
vielmehr immer nur durch den Verstand gefällt, und kann so fern
nicht ästhetisch heißen« (XX222). Ein ästhetisches Urteil über ein
Objekt kann nur aufgrund einer subjektiv anschauenden Denkhand-
lung der Urteilskraft zustande kommen, wobei »eine gegebene Vor-
stellung zwar auf ein Objekt bezogen, in dem Urteile aber nicht die
Bestimmung des Objekts, sondern des Subjekts und seines Gefühls
verstanden werde« (EE, XX223). Im reinen Geschmacksurteil ist
die »Urteilskraft in Ansehung der formalen Regeln der Beurteilung,
ohne alle Materie (weder Sinnenempfindung noch Begriff), nur auf
die subjektiven Bedingungen des Gebrauchs der Urteilskraft über-
haupt (die weder auf die besondere Sinnesart, noch einen besonde-
ren Verstandesbegriff eingeschränkt ist) gerichtet« (KU, 150 f.; vgl.
134 f., 180). Wenn also von der Urteilskraft als »Vermögen zu ur-
teilen« die Rede ist, wird die Perspektive von dem bloß objektiv
gesetzgebenden Verstand durch kategoriale Synthesis zur subjekti-
ven Bedingung eines Urteils oder einer Erkenntnis überhaupt
gewechselt, d.h. das Bewußtsein des Verhältnisses der Vor-
stellungen mit den Erkenntnisvermögen, und zwar insbesondere
seitens der Erkenntnisvermögen betrachtet. Dies ist die Überein-
stimmung (Harmonie, Zusammenstimmung oder proportionierte
Stimmung) von Einbildungskraft und Verstand. 15 Diese Überein-
stimmung kann wiederum objektiv oder subjektiv betrachtet werden.
Ein teleologisches Urteil ist beispielsweise zwar ein Erkenntnisur-
14
Zur methodischen Überlegung der systematischen Mehrdeutigkeit der Grund-
begriffe bei Kant vgl. W. Strube (2000) S. 75, 83 f. und 86.
15
Vgl. dazu § 1, S. 64 ff. und § 4, insb. S. 285 ff.

160
sches Urteil ist beispielsweise zwar ein Erkenntnisurteil, weil es
sich lediglich auf das Objekt der Vorstellung bezieht, aber es ist
dennoch ein Reflexionsurteil, weil der Begriff des Zwecks dabei als
Reflexionsbegriff (Vergleichungsbegriff) 16 bloß analog gebraucht
wird und mithin keine konstitutive Funktion hat. Ein teleologisches
Urteil ist die Darstellung der Selbstorganisation der Natur durch den
bloß reflektierenden Gebrauch des Zweckbegriffs. Die Beurteilung
gewisser Naturdinge (z.B. Organismus) als Naturzwecke dient, der
Eingeschränktheit unseres Verstandes gemäß, zum Zweck des Ver-
stehens und der Beschreibung solcher Phänomene. Die Urteilskraft
ist also das Vermögen der Vermittlung oder des zweckmäßigen
Gebrauchs der Erkenntniskräfte.17 In ihr werden Einbildungskraft
und Verstand (oder auch Vernunft) auf einander bezogen und zu-
sammengehalten.
(2) »Das Re f l e k t i e r e n […] bedarf für uns eben so wohl eines
Prinzips, als das Bestimmen, in welchem der zum Grunde gelegte
Begriff vom Objekte, der Urteilskraft die Regel vorschreibt und also
die Stelle des Prinzips vertritt« (EE, XX211). Denn ohne Prinzip
»würde alles Reflektieren bloß aufs Geratewohl und blind, mithin
ohne gegründete Erwartung ihrer Zusammenstimmung mit der Na-
tur, angestellt werden« (EE, XX212; vgl. XX203). Die Urteilskraft
ist in bezug auf die allgemeinen Naturbegriffe »in ihrer Reflexion
zugleich bestimmend« (EE, XX212). Das »Reflektieren« ist daher
nach Kant umfassender als das »Bestimmen«. Die Differenzierung
(bloß) Reflektieren und (bloß) Bestimmen ist also keine logische
Entgegensetzung, weil beide auf unterschiedlicher Ebene fungieren,
sondern eine methodische Trennung, um die objektive Notwendig-
keit der kategorialen Gesetzgebung des Verstandes zu sichern. So
wie das Denken das Erkennen umgreift, genauso umgreift das Re-

16
In der Naturteleologie wird der Begriff ›Zweck‹ (der Natur) von Kant nicht als
Bestimmungsbegriff des Objekts, sondern als Reflexionsbegriff verwendet:
»Hinaufsteigen vom Sinnlichen der Anschauung durch Reflexionsbegriffe (des
Zweks) zum Übersinnlichen« (R6361, 1796-8, XVIII690; vgl. KrV, A316/B374
f.). – Begriff wie ›Groß‹ (nicht ›Größe‹) ist nach Kant ein »Vergleichungsbe-
griff«, der zur Urteilskraft gehört (vgl. KU, 80 f.).
17
Vgl. § 2, S. 95 u. 143 ff.

161
flektieren das Bestimmen. In diesem weiteren Sinne umgreift die
reflektierende Urteilskraft die bestimmende.18 Somit ist nachvoll-
ziehbar, wenn Kant in diesem Zusammenhang sagt:
(3) »R e f l e k t i e r e n (Überlegen) aber ist: gegebene Vorstellun-
gen entweder mit andern, oder mit seinem Erkenntnisvermögen, in
Beziehung auf einen dadurch möglichen Begriff, zu vergleichen
und zusammen zu halten. Die reflektierende Urteilskraft ist dieje-
nige, welche man auch das Beurteilungsvermögen (facultas dijudi-
candi) nennt« (EE, XX212). Daß diese Sätze aber direkt nach der
Unterscheidung zwischen reflektierender und bestimmender Ur-
teilskraft folgen, ist irreführend in dem Sinne, daß der Begriff »re-
flektierende Urteilskraft« einerseits Unterbegriff und zugleich O-
berbegriff der Einteilung ist. Diese Schwierigkeit besteht in der
Konfrontation der eigenen Wortschöpfung Kants mit dem gängigen
Gebrauch des Begriffs. Die reflektierende und die transzendentale
(bloß bestimmende) Urteilskraft sind Kantisch. Letztere paßt nicht
zum sogenannten »Beurteilungsvermögen (facultas dijudicandi)«,
das nach Kant die empirische Urteilskraft heißen sollte.19 Man sieht,
daß zwei Einteilungskriterien: reflektierend/bestimmend und empi-
risch/transzendental sich hier überlagern.20 Die reflektierende Ur-
teilskraft als subjektives Beurteilungsvermögen soll nun nach Kant

18
Vgl. M. Liedtke (1964) S. 82, 150, 155 f.; ferner oben § 1, Anm. 24 (S. 43). – S.
Takeda geht einen Schritt zu weit, wenn er vom Standpunkt der reflektierenden
Urteilskraft aus, die Transzendentalphilosophie Kants teleologisch (i.w.S.) zu
interpretieren versucht. Diese Interpretation bringt die Nomothetik der Kanti-
schen Kategorien in Gefahr. Die objektive Notwendigkeit der Einstimmung der
Erscheinungen zu Kategorien in einem Urteil läßt sich nicht auf die zufällige
Organisation der Erkenntniskräfte im Subjekt oder auf irgendeine Art von Prä-
formationssystem zurückführen (vgl. KrV, B167 f.; MAN, AXIX f./IV476 Anm.;
Brief an Herz vom 21.02.1772, 101 f.).
19
»Das Vermögen zu wählen, was dem Sinne von jedermann gefällt. Facultas
diiudicandi per sensum communem. Das Vermögen, sinnlich und allgemeingül-
tig zu wählen, ist Geschmack. Dieser betrifft mehr die Form als materie der
Sinnlichkeit« (R1872, XVI145). – Vgl. dazu Baumgartens Metaphysica § 606-
609.
20
»Transzendental reflektierend« wäre die Urteilskraft in ihrer bloßen Reflexion
über die Natur in ihren empirischen Gesetzen als zweckmäßiges System für un-
ser Erkenntnisvermögen.

162
die empirische Urteilskraft, oder die Urteilskraft im Sinne des
»Mutterwitzes« (KrV, A133/B172) sein, die sich reflektierend
und/oder bestimmend betätigen kann.21 Die transzendentale Urteils-
kraft zählt dann nach der Auffassung der KU zur Leistung des kate-
gorialen Verstandes. Die ästhetische und die teleologische Urteils-
kraft sind die Urteilskraft, die bloß reflektierend ist.
Weil Kant ›Reflexion‹ und ›Beurteilung‹ in der KU de facto syn-
onym gebraucht, ist die reflektierende Urteilskraft zugleich das Re-
flexionsvermögen überhaupt. 22 Die reflektierende Urteilskraft ist
also in diesem umgreifenden Sinne, wie bereits unter (1) gesagt, das
»Vermögen zu urteilen selbst, oder die Urteilskraft« (KU, 145). In
der KU wird die Urteilskraft nach der subjektiven Seite des Urteils
untersucht, und zwar insbesondere unter dem Aspekt der bloßen
Reflexion oder Beurteilung der Natur im Unterschied zur bloßen
Determination derselben in der KrV.

3.1 Reflexion bei Kant


Die Schwierigkeit, die Urteilskraft durch den Begriff ›Reflexion‹ zu
erhellen, besteht darin, daß Kant diesen Begriff in unterschiedlichen
Zusammenhängen in je differenter Bedeutung gebraucht.23 Außer
der Thematisierung der Reflexion (Überlegung) in der KU wird
dieser Begriff in den Logikvorlesungen24 bei der Erklärung des lo-
gischen Ursprungs der Begriffe verwendet, und in der Anthropolo-

21
Zur geschichtlichen Herkunft der Unterscheidung zwischen dem »Schulwitz«
und »Mutterwitz« vgl. M. Liedtke (1964) S. 82 ff.
22
Vgl. z.B. KU, 149, 134 f., 180, 269 f., 295; dazu siehe auch M. Kugelstadt S.
25.
23
Zum historischen Ursprung Kantischer Auffassung der Reflexion vgl. M.
Liedtke (1966) und (1964) S. 79 f., 140-149; A. Baeumler S. 202 f., 332-346
sowie R. Malter (1981a) S. 288, (1982) 134 f.
24
Vgl. Logik-Pölitz, XXIV566-568; Logik-Busolt, XXIV654-656; Logik-Dohna,
XXIV753 f.; Wiener Logik, XXIV907-910; Jäsche Logik, § 5 f.; R2389,
XVI340 f.; R2851, XVI546; R2854, XVI547; R2865, XVI552; R2868, XVI553;
R2876, XVI555 f.; R2878, XVI556 f.

163
gie 25 bei der Charakterisierung des Verstandes im Gegensatz zur
Sinnlichkeit und bei der Gegenüberstellung des Schönen mit dem
Angenehmen und Guten behandelt, und schließlich im Amphibolie-
Kapitel (KrV, A260 ff./B316 ff.) bei der Darlegung der subjektiven
Bedingungen der Urteilsbildung im Zusammenhang mit der Leib-
niz- und Locke-Kritik kurz erläutert.
Zwei Aspekte des Kantischen Begriffs der Reflexion sind in un-
serem Zusammenhang von Bedeutung: zum einen ist die Reflexion
in allgemein-unspezifischem Sinne die spontane Tätigkeit des Ge-
müts (Verstandestätigkeit), Vorstellungen »zu vergleichen, sie zu
verknüpfen oder zu trennen« (KrV, B1; vgl. Anthr., A25/VII140),
zum anderen wird die Reflexion spezifisch als der bloß verglei-
chende und/oder unterscheidende Akt des Denkens betrachtet.
Wichtig ist dabei, die Kantischen Unterscheidungen von Reflexi-
onsbegriffen (Vergleichungsbegriffen) und Kategorien einerseits,
und von der Überlegung (reflexio) und Untersuchung (examinatio)
anderseits zu berücksichtigen. Das Ziel dieser Betrachtung besteht
darin, die Zusammengehörigkeit der reflektierenden und bestim-
menden Urteilskraft wenigstens unter dem Gesichtspunkt des Re-
flexionsaktes der Urteilskraft verständlich zu machen, auch wenn
der Begriff ›Reflexion‹ bei Kant uneinheitlich und schwankend ist.

3.1.1 Transzendentale Apperzeption als konstituierendes


Reflexionsbewußtsein
Das Bewußtsein (Apperzeption) wird im allgemeinen von Kant
durch die Intentionalität (Gegenstands- und Weltbezogenheit) und
Reflexivität (Selbstbezogenheit) beschrieben. Die beiden Momente
des Bewußtseins charakterisiert die synthetische Einheit der Apper-
zeption, welche der Angelpunkt der B-Deduktion der Kategorien ist.
Im folgenden soll lediglich die Art betrachtet werden, wie Kant
›Reflexion‹ als diejenige spontane reine Verstandeshandlung be-

25
Vgl. Anthr., A14/VII134, A21/VII138, A27/VII141 f.; Prol., A62/IV288; R409,
XV165; R831, XV371; R878, XV385; R989, XV434.

164
zeichnet, die zu allererst Verstandesbegriffe und somit Begriffe
vom Objekt möglich macht (vgl. Anthr., A28/VII142).
Terminologisch unterscheidet Kant nicht deutlich zwischen dem
Bewußtseinsakt, Bewußtseinsinhalt und dem agierenden Subjekt.
»Eigentlich ist das Bewußtsein eine Vorstellung, daß eine andre
Vorstellung in mir ist« (Jäsche Logik, A40/IX33), »ein Wissen des-
sen, was mir zukommt« (PM135) oder »eine Vorstellung von mei-
nen Vorstellungen« (ebd.). Bewußtsein heißt also soviel wie
»Selbstbewußtsein« in unspezifischem Sinne, welches bloß die Re-
flexivität des Bewußt-seins bezeichnet. Daß Vorstellungen zu einem
möglichen Selbstbewußtsein (Apperzeption) gehören müssen, ist
trivial (vgl. KrV, B132 f.). Aus diesem analytischen Zusammenhang
kann weder die Erkenntnis (oder Existenz) meiner selbst noch die
einer Sache geschlossen werden, weil es dazu noch einer Anschau-
ung bedarf (vgl. KrV, B157 f.). Das Bewußtsein als Selbstbe-
wußtsein (Ich bin mir Etwas bewußt) darf nicht mit dem Selbstbe-
wußtsein in sensu strico (Ich bin mir meiner selbst bewußt) ver-
wechselt werden. Die Selbstthematisierung des Bewußtseins ist eine
spezifische, inwendige Selbstanschauung oder Selbstwahrnehmung.
Das Selbstbewußtsein als Selbstanschauung »ist ein auf sich selbst
gekehrtes Beobachten; es ist nicht discursiv, sondern intuitiv«
(PM135). Die Selbstanschauung gehört zum inneren Sinn, der in
der KrV als die empirische Apperzeption im Unterschied zur reinen
(Verstand überhaupt) bezeichnet wird.26 Die reine Apperzeption ist
das Bewußtsein der Reflexion, während die empirische das Bewußt-
sein der Apprehension ist (vgl. Anthr., A14 f./VII134 Anm., A25
ff./VII140 ff.). Diese ist ein Gegenstand der empirischen Psycholo-
gie. Jene ist das »bloß reflektierende Ich« (ebd.) oder das »logische
Ich« (vgl. Fortschritte, A36 ff./XX270 f.), das nie empirisch sein
kann, sondern rein intellektuell ist.
Daß das Selbstbewußtsein (Subjektivität) der höchste Punkt der
theoretischen Philosophie ist, beruht auf seiner ursprünglichen syn-
thetischen Einigung: Die analytische Einheit des Selbstbewußtseins
setzt immer irgendeine synthetische voraus, oder der Akt der Analy-
26
Diese Differenz wird erst in der KrV endgültig erreicht. – Vgl. z.B. KrV, A106
f., A115 ff., B67 f., B132 f., B152 ff.; dazu H.F. Klemme (1996) S. 136-138.

165
sis ist nur aufgrund eines vorausgegangen Aktes der Synthesis mög-
lich (vgl. KrV, B133 ff., A199 f./B244 f.). Denn der menschliche
Verstand ist nicht schöpferisch (anschauend), sondern nichts weiter
als »das Vermögen, a priori zu verbinden, und das Mannigfaltige
gegebener Vorstellungen unter Einheit der Apperzeption zu brin-
gen« (KrV, B135; vgl. B130, B164). Etwas Mannigfaltiges muß
unserem diskursiven Denken (wenigstens im Begriff) vor der Aktu-
alisierung seines Vermögens gegeben werden, indem der Verstand
Stoff zur Verbindung überhaupt haben kann (vgl. KrV, A267/B322
f., B145). »So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit An-
schauungen an, geht von da zu Begriffen, und endigt mit Ideen«
(KrV, A702/B730; vgl. B1, A298 f./B355). Dasselbe meint Kant in
der KU mit der Belebung der Gemütskräfte: Ein gegebener Gegens-
tand bringt »vermittelst der Sinne die Einbildungskraft zur Zusam-
mensetzung des Mannigfaltigen, diese aber den Verstand zur Ein-
heit desselben in Begriffen in Tätigkeit« (KU, 65).
Alle Vorstellungen beziehen sich notwendig auf ein mögliches
empirisches Bewußtsein. Alles empirische Bewußtsein setzt aber
notwendig ein transzendentales voraus (vgl. KrV, A118 Anm.). Die
Gegenstandskonstitution beruht letztlich auf der kategorialen Ein-
heit der transzendentalen Apperzeption (vgl. KrV, A158/B197).
Denn unsere Erkenntnis hat zwar bloß mit der Erscheinung, d.h.
dem Inbegriff der Vorstellungen zu tun, aber die
»Erscheinung, im Gegenverhältnis mit den Vorstellungen der
Apprehension, [könne] nur dadurch als das davon unterschie-
dene Objekt derselben […] vorgestellt werden, wenn sie un-
ter einer Regel steht, welche sie von jeder anderen Apprehen-
sion unterscheidet, und eine Art der Verbindung des Man-
nigfaltigen notwendig macht. Dasjenige an der Erscheinung,
was die Bedingung dieser notwendigen Regel der Apprehen-
sion enthält, ist das Objekt«27.

27
KrV, A191/B236, A104 f.; vgl. Brief an Herz vom 26.05.1789, 397 ff. – Zur
Doppeldeutigkeit des Begriffs ›Erscheinung‹ bei Kant einmal als bloß anschau-
liche Vorstellung (z.B. KrV, A20/B34), einmal als Phänomen (z.B. KrV, A248
f.), vgl. Fortschritte, A30-33/XX268 f.; dazu G. Prauss (1971) S. 19 f., 23 f., 33
f., 51 ff., 127 ff. und § 4, Anm. 47 (S. 279 f.).

166
Objekt »ist das, in dessen Begriff das Mannigfaltige einer gege-
benen Anschauung v e r e i ni gt ist«28. Das »Objekt« oder besser: der
Begriff des Objekts überhaupt bedeutet hier soviel wie Gegenständ-
lichkeit und somit Objektivität:
»Die categorien stellen jene obiective Einheit des Bewust-
seyns als Begriffe von Dingen überhaupt vor, weil wirklich
dadurch allein Dinge als unsern Vorstellungen correspondi-
rende obiecte gedacht werden« (R3054, XVI633 f.).
›Objekt‹ und ›Gegenstand‹ (gelegentlich auch ›Ding‹) sind prak-
tisch für Kant synonym: Ein Gegenstand ist das, von dem wir etwas
anschaulich kennen und durch Begriffe (als Merkmale) wieder er-
kennen können (vgl. R2281, XVI298). Er wird als dasjenige angese-
hen,
»was dawider ist, daß unsere Erkenntnisse nicht aufs Gerate-
wohl, oder beliebig, sondern a priori auf gewisse Weise be-
stimmt sein, weil, indem sie sich auf einen Gegenstand bezie-
hen sollen, sie auch notwendiger Weise in Beziehung auf die-
sen untereinander übereinstimmen, d. i. diejenige Einheit ha-
ben müssen, welche den Begriff von einem Gegenstande aus-
macht« (KrV, A104 f.; vgl. A197/B242 f.).

3.1.2 Reflexionsbegriffe
Obwohl Reflexion die Spontaneität des Denkens im Unterschied zur
Rezeptivität der Sinnlichkeit kennzeichnet, wird der Terminus ›Re-
flexion‹ in der KrV – abgesehen vom Amphibolie-Kapitel, wobei
die Reflexion thematisch ist – nur am Rande gebraucht.29 Dieses
allgemeine Charakteristikum des Verstandes kommt hingegen in
den Prolegomena explizit zum Ausdruck:
»Alles, was uns als Gegenstand gegeben werden soll, muß
uns in der Anschauung gegeben werden. Alle unsere An-

28
KrV, B137; vgl. KrV, B139, B158; R6350, XVIII676 f.; ferner D. Henrich
(1976) S. 17-20, 43-47; S. Takeda S. 74 f.; K. Gloy (1995) S. 202-208.
29
Statt ›Reflexion‹ gebraucht Kant die Leibniz-Wolffsche ›Apperzeption‹.

167
schauung geschieht aber nur vermittelst der Sinne; der Ver-
stand schaut nichts an, sondern reflektiert nur«
(A62/IV288).30
Dementsprechend wird der Begriff von der Anschauung unter-
schieden:
»Die Anschauung ist eine e i n z e l n e Vorstellung (repraesen-
tatio singularis), der Begriff eine a l l g e m e i n e (repraesenta-
tio per notas communes) oder r e f l e k t i e r t e Vorstellung
(repraesentatio discursiva)« (Jäsche Logik, A139/IX91).
In der KrV gebraucht Kant den Begriff ›Reflexion‹ gelegentlich
auch im Sinne der empirischen Reflexion (z.B. KrV, A85/B117).
Die Reflexion in jenem allgemeinen Sinne kommt nur implizit in
der Absetzung der Verstandesbegriffe gegen die Vernunftideen zum
Ausdruck:
»Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner
Vernunft für eine Bewandtnis haben mag: so sind sie doch
nicht bloß reflektierte, sondern geschlossene Begriffe. Ver-
standesbegriffe werden auch a priori, vor der Erfahrung und
zum Behuf derselben gedacht; aber sie enthalten nichts wei-
ter, als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen, in-
sofern sie notwendig zu einem möglichen empirischen Be-
wußtsein gehören sollen. Durch sie allein wird Erkenntnis
und Bestimmung eines Gegenstandes möglich. Sie geben al-
so zuerst Stoff zum Schließen, und vor ihnen gehen keine
Begriffe a priori von Gegenständen vorher, aus denen sie
könnten geschlossen werden. Dagegen gründet sich ihre ob-
jektive Realität doch lediglich darauf: daß, weil sie die intel-
lektuelle Form aller Erfahrung ausmachen, ihre Anwendung
jederzeit in der Erfahrung muß gezeigt werden können« (KrV,
A310/B366 f.; vgl. A567 f./B595 f.; PM273 f.).
Der Grund dieser Zurückhaltung läßt sich wohl auf das kritisch
methodische Bewußtsein der Kritik der reinen Vernunft zurückfüh-
ren. Den Grundfehler in der empiristischen und rationalistischen

30
Vgl. PM102, 156, 158; R409, XV165 f.; R230, XV88; R425, XV171; R2834,
XVI536; R3957 f., XVII365 f.; R4072 f., XVII404; R5051, XVIII73.

168
Auffassung der Reflexion sieht Kant darin, daß dabei der Unter-
schied zwischen Sinnlichkeit und Verstand, und somit zwischen
Erscheinung und Ding an sich bloß graduell verstanden wird. Locke
führt – nach Kants Auffassung – den Akt des Bewußtseins auf die
empirische Reflexion zurück, Leibniz hingegen auf die logische
Reflexion. Letztere ist nach Kant eine bloße Vergleichung der gege-
ben Vorstellungen ohne Rücksicht auf ihren Objektbezug. Sie wird
aber bei Leibniz – nach Kants Auffassung – fälschlicherweise als
»transzendentaler Verstandesgebrauch« (nämlich die bloße Verglei-
chung der Dingvorstellungen untereinander im Verstand unter Ab-
sehen der Sinnlichkeitsbedingtheit der menschlichen Erkenntnis)
verstanden, wonach die synthetischen Urteile a priori von Dinge
selbst aus bloßen Begriffen möglich seien (vgl. KrV, A269 f./B325
f.). Eigentlich ist diese Art der Reflexion keine logische Reflexion
im strengen Sinne, sondern die vermeintliche »objektive Kompara-
tion« ohne die sogenannte »transzendentale Reflexion«, die im
Amphibolie-Kapitel spezifisch als Akt der transzendentalen Ortsbe-
stimmung der gegebenen Vorstellungen, ob sie zur Sinnlichkeit
und/oder zum Verstand gehören, bestimmt wird (vgl. KrV,
A269/B325). Der Mangel an der transzendentalen Reflexion führt
nach Kant zur »Verwechslung des empirischen Verstandes-
gebrauchs mit dem transzendentalen« (KrV, A260/B316) und somit
zur »Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit der Erschei-
nung« (KrV, A270/B326)31:
»Mit einem Worte: Leibniz i n t e l l e k t u i e r t e die Erschei-
nungen, so wie Locke die Verstandesbegriffe […] insgesamt
s e n s i f i z i e r t , d.i. für nichts, als empirische, oder abgeson-
derte Reflexionsbegriffe ausgegeben hatte. Anstatt im Ver-
stande und der Sinnlichkeit zwei ganz verschiedene Quellen
von Vorstellungen zu suchen, die aber nur in V e r k n ü p -
f u n g objektiv gültig von Dingen urteilen könnten, hielt sich
ein jeder dieser großen Männer nur an eine von beiden, die

31
Unmittelbar im Zusammenhang mit der Kantischen Kritik an der traditionellen
Auffassung der Reflexion stehen übrigens in der KrV noch die »Widerlegung
des Idealismus« (KrV, B274; vgl. BXXXIX ff. Anm., A367 ff. und ferner MAN,
AXXII f./IV478) und die »Paralogismen« (KrV, A341 ff./B399 ff.).

169
sich ihrer Meinung nach unmittelbar auf Dinge an sich selbst
bezöge, indessen daß die andere nichts tat, als die Vorstellun-
gen der ersteren zu verwirren oder zu ordnen« (KrV,
A271/B327).
›Reflexionsbegriffe‹ werden an dieser Stelle im Sinne von Lo-
ckes »ideas of reflection«32 gebraucht. Sie bezeichnen alle empiri-
schen oder abgesonderten Begriffe, die bei Gelegenheit der Erfah-
rung »von der Reflexion über die Sinne abgezogen sind« (PM146;
vgl. KrV, A85/B117). Sie sind etwas ganz anderes als die vier Paare
Reflexionsbegriffe (Vergleichungsbegriffe) im Amphibolie-Kapitel.
Darüber hinaus bezeichnet Kant auch alle Begriffe, sofern sie »re-
flektierte Vorstellung« sind, als Reflexionsbegriffe. Ganz in diesem
Sinne nennt Kant Kategorien in der vorkritischen Zeit – im Gegen-
satz zu seiner Abgrenzung von Reflexionsbegriffen als bloßen Ver-
gleichungsbegriffen im Amphibolie-Kapitel – auch Reflexions-
begriffe. So schreibt Kant beispielsweise in einer Notiz womöglich
aus den 70er Jahren: »Unser Verstand ist das Vermögen zu re-
flectiren, und reine Verstandesbegriffe […] sind bloße abstracte[…]
reflexionsbegriffe« (R409, XV165 f.).
Reine Verstandesbegriffe können, wegen ihrer objektiven (in-
haltsbezogenen) Anwendung auf Anschauung (bzw. Erscheinung)
im Gegensatz zu »geschlossenen« (erschlossenen) Vernunftideen,
auch Reflexionsbegriffe genannt werden. Sie werden im Unter-
schied zu empirischen Begriffen ursprünglich nicht von der Erfah-
rung abstrahiert, sondern sie haben – als Erfahrung ermöglichende
Grundregeln – »a priori im reinen Verstande ihren Sitz und Quelle«
(KpV, A254/V141). Als bloße Formen der Verknüpfung des Man-
nigfaltigen in einer Anschauung sind Verstandesbegriffe in aller
Erfahrungserkenntnis enthalten (vgl. Prol., A118/IV322 f.). Kant
unterscheidet in der Dissertation von 1770 zwischen reinen Vers-
tandesbegriffen (conceptus abstrahens) und empirischen Begriffen
(conceptus abstrctus): Der Verstandesbegriff abstrahiert »von al-
lem Sinnlichen« und wird nicht vom Sinnlichen abstrahiert (vgl. De
mundi, A10/II394; Jäsche Logik, A146 f./IX95). Dementsprechend

32
Vgl. J. Locke, Essay II, vi; hier zitiert nach M. Willaschek S. 342.

170
wird zwischen reflektierenden (reinen) und reflektierten (empiri-
schen) Begriffen unterschieden. »Alle Begriffe überhaupt, von wo-
her sie auch ihren Stoff nehmen mögen, sind reflectirte, d. i. in das
logische Verhältnis der Vielgültigkeit [g]ebrachte Vorstellungen.
Allein es giebt Begriffe, deren ganzer Sinn nichts anders ist als eine
oder andre reflexion, welcher vorkommende Vorstellungen können
unterworfen werden; sie können reflexionsbegriffe (conceptus re-
flectentes) heißen, und, weil alle Art der reflexion im Urtheile vor-
kommt, so werden sie die blosse Verstandeshandlung, die im
Urtheile auf das Verhaltnis angewandt wird, absolute in sich fassen
als Gründe der Moglichkeit zu urtheilen« (R5051, XVIII73).33
Hier liegt kein Zirkelproblem vor.34 Ein solches Problem kommt
in diesem Zusammenhang nur zustande, wenn man fordert, daß al-
les aus einem Prinzip abgeleitet und selbst dieses Grundprinzip er-
klärt werden muß. Man stößt nach Kant an die Grenzen der
menschlichen Vernunft, sofern man die Möglichkeit der Grund-
kräfte oder Grundvermögen begreiflich machen will, »denn sie hei-
ßen eben darum Grundkräfte, weil sie von keiner anderen abgeleitet,
d.i. gar nicht begriffen werden können« (MAN, A61/IV513). 35
»Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mi t der Erfahrung anhebt,
so entspringt sie darum doch nicht eben alle a u s der Erfahrung«
(KrV, B1). »Denn wo wollte selbst Erfahrung ihre Gewißheit her-
nehmen, wenn alle Regeln, nach denen sie fortgeht, immer wieder
empirisch, mithin zufällig wären; daher man diese schwerlich für
erste Grundsätze gelten lassen kann. Allein hier können wir uns
damit begnügen, den reinen Gebrauch unseres Erkenntnisvermö-
gens als Tatsache samt den Kennzeichen desselben dargelegt zu

33
»Durch abstraction werden keine Begriffe, sondern durch reflexion: entweder,
wenn der Begrif gegeben ist, [wird] nur die Form [von uns gemacht] und heißt
reflectirter [Begriff], oder selbst der Begrif: reflectirender« (R2865,
XVI552). – Vgl. dazu Jäsche Logik, § 3 ff.; P. Reuter S. 80 f., 229 ff. und A.
Baeumler S. 334 f.
34
Vgl. z.B. KrV, A737/B765; MAN, AXVI ff./IV474 ff. Anm., A113 f./IV540.
35
Vgl. MAN, A104/IV534; De mundi, A35/II416 f.; KpV, A81/V46 f.; Gebrauch,
A129 ff./VIII180 ff.

171
haben« (KrV, B5).36 – Alle Begriffe sind nach Kant »nicht angebo-
ren, sondern erworben« (Entdeckung, A70/VIII223). Die Katego-
rien sind »nicht in den Sinnen zu suchen, sondern in der Natur sel-
ber des reinen Verstandes, nicht als a n g e b o r e n e Begriffe, sondern
als solche, die aus den der Erkenntniskraft eingepflanzten Gesetzen
(dadurch, daß man auf ihre Handlungen bei Gelegenheit der Erfah-
rung achtet) abgezogen und folglich e r w o r b e n sind« (De mundi,
A11/II395).37
Kants Unterscheidung zwischen Anschauung, Verstandes- und
Vernunftbegriff (Idee) wird in diesem Zusammenhang – wie die
Stufenleiter der Vorstellung (repraesentatio) in der KrV
(A320/B376 f.) – unter dem inhaltlichen Aspekt zum Zweck der
Klarstellung des Begriffs der Idee getroffen. 38 Anschauung und
Begriff sind objektive Perzeption, nämlich Erkenntnis (cognition).
Erkenntnisse sind »alle mit Bewußtsein auf ein Objekt bezogene
Vorstellungen« (Jäsche Logik, A139/IX91). Ein Begriff aus reinen
Verstandesbegriffen, »der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt,
ist die I d e e oder der Vernunftbegriff« (KrV, A320/B377). Katego-
rien als reine (unschematisierte) Verstandesbegriffe sind zwar – im
Unterschied zu logischen Urteilsformen – als objektiv inhaltsbezo-
gene »Gedankenformen« zu verstehen, die sich auf Gegenstände
der Anschauung überhaupt beziehen (vgl. KrV, B148 ff.), aber als
solche verschaffen sie ohne Hilfe des Schematismus keine unmittel-
bar sacherschließende Bedeutung (objektive Realität), sondern ent-
halten lediglich die Bedingungen a priori der Möglichkeit eines

36
Vgl. KrV, B145 f., A773 f./B801 f., A613 f./B641 f.; Entdeckung,
A124/VIII249 f.; Brief an Herz vom 26.05.1789, 397 ff.
37
Vgl. De mundi, A23/II406; KrV, A1 f., B1 f., A239 ff./B298 ff.; Prol.,
A129/IV330; KpV, A254/V141; Entdeckung, A68 ff./VIII221 ff.; PM20; Logik-
Philippi, XXIV452; R4172, XVII443.
38
Vgl. R. Malter (1982) S. 129 f.; H. Heimsoeth (1966) S. 27 f. – Das Gefühl und
die Willensbestimmung (Begierde oder Pflicht) werden ebenfalls unter diesem
inhaltsbezogenen Aspekt ausgeschlossen. Die »Empfindung (sensatio)« als
subjektive »Perzeption« gehört hingegen zur subjektiv inhaltsbezogenen Vor-
stellung (vgl. KrV, A320/B376), die in der KU als »eine objektive Vorstellung
der Sinne« im Unterschied zum bloß subjektiven »Gefühl« näher bestimmt
wird (KU, 9; vgl. KU, XLII f.; EE, XX224).

172
Gegenstandes der Erfahrung, unter denen etwas erst als Objekt un-
seres Erkennens gedacht werden kann (vgl. KrV, A93/B125 f.).
Reine Kategorien sind also nach Kant »Begriffe von einem Gegen-
stande überhaupt, dadurch dessen Anschauung in Ansehung einer
der l o g i s c h e n F u n k t i o n e n z u U r t e i l e n als b e s t i m mt ange-
sehen wird« (KrV, B128 f.). Ihr Sinn besteht darin, Begriffe von der
»bloßen Synthesis verschiedener Vorstellungen i n e i ne r A n -
s c h a u u n g « darzustellen (vgl. KrV, A79/B105).
Kant nennt den begrifflichen Gehalt der Kategorien, der unab-
hängig von der Erfahrung ist und dennoch die Erfahrung ermöglicht,
»transzendentalen Inhalt« (ebd.)39, durch den das Mannigfaltige der
Anschauung als eine Einheit synthetisiert ist und somit ein »Ob-
jekt« für uns werden kann. Dadurch wird aber »noch kein bestimm-
ter Gegenstand erkannt« (KrV, B150), wenn die synthetische Ein-
heit der Apperzeption nicht auf »Erscheinungen, d. i. Gegenstände
einer möglichen E r f a h r u n g « angewandt wird (KrV, A238 f./B298;
vgl. A56/B81). Die reinen (unschematisierten) Kategorien beziehen
sich nicht auf den Begriff von einem bestimmten Gegenstand (der
Sinne), sondern auf die allgemeine logische Struktur von Gegens-

39
Kant nennt den begrifflichen Gehalt der Kategorien an einer anderen Stelle
auch »transzendentale Bedeutung« (KrV, A248/B305) oder »transzendentalen
Gegenstand«, der kein Noumenon im positiven, sondern im negativen Sinne ist
(vgl. KrV, A250-253, B305-309). »Das Denken ist die Handlung, gegebene An-
schauung auf einen Gegenstand zu beziehen. Ist die Art dieser Anschauung auf
keinerlei Weise gegeben, so ist der Gegenstand bloß transzendental, und der
Verstandesbegriff hat keinen anderen, als transzendentalen Gebrauch, nämlich
die Einheit des Denkens eines Mannigfaltigen überhaupt« (KrV, A247/B304;
vgl. A248/B305).
Es gibt also bei Kant, vereinfacht gesagt, drei Arten der Gegenstände: (1) Er-
scheinungen (Phänomene), d.h. Gegenstände einer möglichen Erfahrung (Ob-
jekte der Synthesis von sinnlicher Anschauung und diskursivem Begriff), (2)
»transzendentale« Gegenstände (Sie sind wiederum dreierlei: erstens Objekte
überhaupt der unschematisierten Kategorien; zweitens das durch Verstand auf
Erscheinungen bezogene »Etwas = x«, das selbst keine Erscheinung ist; und
schließlich der »uns unbekannte Grund der Erscheinungen«, der auf die Ver-
nunftidee geht) und (3) »transzendente« Gegenstände (Objekte der Ideen, Nou-
mena im positiven Sinne). – Zu verschiedenen Gegenstandsbegriffen bei Kant
vgl. M. Willaschek S. 333 ff.

173
tänden überhaupt oder Gegenständlichkeit (vgl. KrV, A247/B304).
»In der Tat bleibt den reinen Verstandesbegriffen allerdings, auch
nach Absonderung aller sinnlichen Bedingung, eine, aber nur logi-
sche Bedeutung der bloßen Einheit der Vorstellungen, denen aber
kein Gegenstand, mithin auch keine Bedeutung gegeben wird, die
einen Begriff vom Objekt abgeben könnte« (KrV, A147/B186; vgl.
B145 f., A289/B346). Unsere empirische Anschauung kann Katego-
rien allein »Sinn und Bedeutung verschaffen« (KrV, B149; vgl.
B288, A239 ff./B298 ff.). »Also sind die Kategorien, ohne Schema-
te, nur Funktionen des Verstandes zu Begriffen, stellen aber keinen
Gegenstand vor. Diese Bedeutung kommt ihnen von der Sinnlich-
keit, die den Verstand realisiert, indem sie ihn zugleich restrin-
giert« (KrV, A147/B187).
Etwas ganz anderes als reine Verstandesbegriffe sind die Ver-
nunftbegriffe (Ideen). Die Vernunftbegriffe, die, als reine Begriffe
des Unbedingten und der Totalität der Bedingungen, losgelöst von
aller Bindung der Sinnlichkeit sind, bringen keinen »transzenden-
talen Inhalt« bei, d.h. sie haben keine konstituierende Funktion für
die Gegenstände der möglichen Erfahrung. Die Ideen haben deshalb
auch keinen korrespondierenden Gegenstand in der Anschauung.
Sie sind aber dem Verstand dienlich zur regulativen Vereinheitli-
chung der mannigfaltigen Naturerkenntnisse. Die Ideen haben also
in theoretischer Hinsicht keine »objektive Realität« und können
folglich nicht wie die Verstandesbegriffe notwendig in der Erfah-
rung enthalten sein. Sie sind nach Kant, in Analogie zur meta-
physischen Deduktion der Kategorien, in den logischen Funktionen
der Vernunftschlüsse zu suchen, 40 und somit bloß mittelbar »ge-
schlossene« Vorstellungen, deren korrespondierende »Gegen-
stände« zwar in theoretischer Hinsicht für uns problematisch blei-
ben, aber dennoch als notwendige Produkte der Vernunft a priori
anzuerkennen sind.
Kant verleiht den ›Reflexionsbegriffen‹ im Amphibolie-Kapitel
noch eine ganz andere Bedeutung. Dort heißen Reflexionsbegriffe
Vergleichungsbegriffe (conceptus comparationis), weil, vor allen

40
Vgl. KrV, A321 ff./B377 ff., Prol., A126/IV328, A129/IV330.

174
objektiven Urteilen, die gegebenen Vorstellungen (bzw. Begriffe)
am Leitfaden dieser Reflexionsbegriffe bloß miteinander verglichen
werden (vgl. KrV, A262/B317 f.). Von solchen Begriffen nennt
Kant vier Paare, die nach vier Klassen der Kategorien (bzw. Urteils-
formen) geordnet sind (vgl. Prol., A123/IV326): Einerlei-
heit/Verschiedenheit, Einstimmung/Widerstreit, Inneres/Äußeres
und Bestimmbares (Materie)/Bestimmung (Form). Ihre Funktion
besteht darin, das Verhältnis der Vorstellungen in einem Gemütszu-
stande zueinander unter vier möglichen Leitgesichtspunkten zu
bestimmen. Als Leitgesichtspunkte des Vergleichs der gegebenen
Vorstellungen sagen die »Reflexionsbegriffe« nichts über den Ob-
jektbezug derselben. Sie »haben keine Funktion hinsichtlich der
inhaltsbezogenen Vorstellungen – weder einen direkten (dergestalt,
daß durch sie ein Wissensinhalt dargeboten werden würde) noch
einen indirekten (dergestalt, daß sie objektive synthetische Urteile a
priori in ihrer Objektivität ermöglichten oder, wie dies bei den I-
deen der Fall ist, daß sie zu den die Einheit der Erfahrung leistenden
Elementen apriorischer Erkenntnis gehörten)« 41 . Gerade weil die
Reflexionsbegriffe keine inhaltsbezogene Vorstellungen sind, geben
sie von sich aus auch keine Auskunft über ihre richtige Anwendung.
Ihr Gebrauch bei der gegenständlichen (objektiven) Vergleichung
der gegebenen Vorstellungen kann deswegen zweideutig sein. Es ist
daher völlig offen, ob die gegebenen Vorstellungen Dinge an sich
oder Erscheinungen sind. Im folgenden werden ›Reflexionsbegriffe‹
ohne spezielles Kennzeichen nur im Sinne von »Vergleichungs-
begriffen« gemäß dem Amphibolie-Kapitel gebraucht.
Das Amphibolie-Kapitel gehört zu einem der dunkelsten Kapitel
der KrV, nicht weil der Inhalt des Thematischen – wie der des Sche-
matismus – schwierig ist, sondern weil die Hauptbegriffe von Kant
nur andeutungsweise, und zwar unscharf angegeben sind. Es ist z.B.
unklar, wie und aus welchem Prinzip Kant Reflexionsbegriffe
»nach dem Leitfaden der Kategorien in eine Tafel gebracht« hat

41
R. Malter (1982) S. 130 f.; vgl. ebd. S. 141. – Kant schreibt Anfang der 70er
Jahre in einer Notiz zu dem § 572 der Metaphysica Baumgartens: »Die Einer-
leyheit und Verschiedenheit nehmen wir eigentlich nicht wahr, sondern bemer-
ken sie bey der Vergleichung« (R461, XV190).

175
(Prol., A123/IV326), ob die Tafel der Reflexionsbegriffe vollstän-
dig ist, was die Funktion derselben und ihr Zusammenhang mit Ka-
tegorien und Urteilsformen ist, ob Reflexionsbegriffe nicht vielmehr
zur reflektierenden Urteilskraft gehören u.s.w.42
Malter (1982, S. 131 ff.) weist nach, daß das Amphibolie-Kapitel
zurecht ein Anhang zur transzendentalen Analytik und nicht einer
zur transzendentalen Dialektik ist. Denn bei der »transzendentalen
Amphibolie«, nämlich der »Verwechslung des reinen Verstandes-
objekts mit der Erscheinung« (KrV, A270/B326) handelt es sich um
einen vermeidlichen Fehler bei der Bildung der synthetischen Ur-
teile a priori im Gegensatz zum natürlichen, unvermeidlichen, trans-
zendentalen Schein der Ideen, sofern man Kategorien (Verstand)
von Ideen (Vernunft) scharf abgrenzt.
»Der transzendentale Schein […] hört gleichwohl nicht auf,
ob man ihn schon aufgedeckt und seine Nichtigkeit durch die
transzendentale Kritik deutlich eingesehen hat. (z.B. der
Schein in dem Satze: die Welt muß der Zeit nach einen An-
fang haben.) Die Ursache hiervon ist diese, daß in unserer
Vernunft […] Grundregeln und Maximen ihres Gebrauchs
liegen, welche gänzlich das Ansehen objektiver Grundsätze
haben, und wodurch es geschieht, daß die subjektive Not-
wendigkeit einer gewissen Verknüpfung unserer Begriffe,
zugunsten des Verstandes, für eine objektive Notwendigkeit
der Bestimmung der Dinge an sich selbst, gehalten wird«
(KrV, A297/B353).
Die Reflexionsbegriffe sind keine Kategorien und haben somit
keine objektiv konstituierende Funktion. Sie können dem Verstand
nicht zum Organon der Gegenstandserkenntnis dienen. Unser
Verstand hat keinen transzendentalen, sondern nur empirischen
Gebrauch. Dies bringt Kant im Kapitel »Phaenomena und Nou-
mena« bereits als Fazit der transzendentalen Ästhetik und Analytik
zum Ausdruck (vgl. KrV, A248/B305).
Das Amphibolie-Kapitel ist eine nachträgliche Reflexion der kri-
tischen Methode selbst und hat eine denkbiographische Funktion

42
Zur Auseinandersetzung mit der einschlägigen Literatur vgl. P. Reuter und R.
Malter (1982).

176
der Selbstkritik. Kants Kritik am transzendentalen Verstandes-
gebrauch trifft auch seine frühe Auffassung von »usus realis« des
Verstandes in der Dissertation von 1770 (vgl. A8/II393, A28
f./II410 f.).
»[D]ie reinen Kategorien, ohne formale Bedingungen der
Sinnlichkeit, haben bloß transzendentale Bedeutung, sind a-
ber von keinem transzendentalen Gebrauch, weil dieser an
sich selbst unmöglich ist, indem ihnen alle Bedingungen ir-
gend eines Gebrauchs (in Urteilen) abgehen, nämlich die for-
malen Bedingungen der Subsumtion irgendeines angeblichen
Gegenstandes unter diese Begriffe« (KrV, A248/B305).
Kants Zusammenstellung der vier Paare von Reflexionsbegriffen
hat wohl nicht nur mit der Leibniz-Kritik, sondern auch mit der Ent-
stehung der Kategorientafel zu tun. 43 Erstere ist vielleicht ent-
scheidend (vgl. KrV, A270/B326). Es wird dadurch auch verständ-
lich, daß der Sprachgebrauch in diesem Kapitel stark an den der
vorkritischen Zeit erinnert.44 Von einer systematischen Ableitung
oder Deduktion der Reflexionsbegriffe ist bei Kant nirgendwo die
Rede. Die vier Titel der Tafel der Kategorien oder Urteilsformen
dienen dabei nicht zur Ableitung der Reflexionsbegriffe, sondern
bloß als Ordnungsprinzip des Denkens, um die bereits vorliegenden
Reflexionsbegriffe systematisch anzuordnen. Daraus folgt deshalb
nicht, daß zwischen den drei Tafeln irgendein Begründungsverhält-

43
Die Hauptaufgabe der Kategorienlehre ist zuerst, wie A. Baeumler (S. 333 f.)
bereits erwähnt, aus der »Sphäre der bloßen Reflexionsbegriffe« im Sinne der
reflektierten Vorstellung innerhalb der Abstraktionstheorie des Begriffs heraus-
zukommen. H. Heimsoeth (1970, S. 113 ff.) nennt anhand des Inhalts der KrV
fünf Gesichtspunkte der Auswahl der Kategorien, nach denen Kant die vor ihm
liegenden »termini ontologici«, die nicht Kategorien sind, wegläßt. Herausge-
nommen werden 1. Formen der Sinnlichkeit, 2. Prädikabilien, 3. Reflexi-
onsbegriffe, 4. Transzendentalien und 5. Vernunftideen. – Vgl. dazu Prol.,
A123/IV326.
Unbehandelt bleibt hier die Frage: In welchem Verhältnis stehen die Reflexi-
onsbegriffe zu den drei Transzendentalien »als logische Erfordernisse und Kri-
terien aller E r k e n n t n i s der D i n g e überhaupt« (KrV, B114)?
44
E. Zilsel benutzt dagegen dieses Argument als Nachweis der vorkritischen
Relikte des Anhangs.

177
nis besteht. Die Stelle in A262/B317 f. (auch in A279/B335) dient
bloß zur Beschreibung und Erläuterung der Reflexionsbegriffe als
Vergleichungsbegriffe, die als subjektive Bedingungen der Urteils-
bildung fungieren, und nicht zur Ableitung der Urteilsformen aus
Reflexionsbegriffen, weil die Urteilsformen, vor der Vergleichung
der Vorstellungen am Leitfaden der Reflexionsbegriffe, bereits im
Verstand, als formale Prinzipien, vorliegen. 45 Daher beansprucht
Kant auch keine Vollständigkeit der Tafel der Reflexionsbegriffe.
Er könnte z.B. die Verhältnisbegriffe ›klein/groß‹ zur Tafel zäh-
len. 46 Die Verhältnisbegriffe ›Absolutum‹ und ›Relativum‹ (vgl.
R5099, XVIII87) werden ersetzt durch das ›Innere‹ und ›Äußere‹,
vielleicht aufgrund der Herkunft des Begriffs ›Absolutum‹ aus der
Vernunft.47
Die Leibniz-Kritik, nämlich die Kritik an dem Mißbrauch der
Reflexionsbegriffe, dient nach Kant auch positiv zur Begrenzung
und Sicherung des Verstandesgebrauchs selbst, welche eine der
Hauptaufgaben der transzendentalen Analytik ist:
»Die Begriffe der Reflexion haben […] durch eine gewisse
Mißdeutung einen solchen Einfluß auf den Verstandes-
gebrauch, daß sie sogar einen der scharfsichtigsten unter al-
len Philosophen zu einem vermeinten System Intellektueller
Erkenntnis, welches seine Gegenstände ohne Dazukunft der
Sinne zu bestimmen unternimmt, zu verleiten im Stande ge-
wesen. Eben um deswillen ist die Entwicklung der täuschen-
den Ursache der Amphibolie dieser Begriffe, in Veranlassung
falscher Grundsätze, von großem Nutzen, die Grenzen des
Verstandes zuverlässig zu bestimmen und zu sichern« (KrV,
A280/B336; vgl. A269 f./B325 f.).

45
Vgl. R. Malter (1982) S. 137 f. insb. Anm. 33.
46
Vgl. KU, 80 f. – Siehe dazu obige Anm. 16 (S. 161) und ferner R. Malter (1982)
S. 148 Anm. 54.
47
Vgl. KrV, A324 f./B381, ferner A232/B285: »In der Tat ist aber die absolute
Möglichkeit (die in aller Absicht gültig ist) kein bloßer Verstandesbegriff und
kann auf keinerlei Weise von empirischem Gebrauche sein, sondern er gehört
allein der Vernunft zu, die über allen möglichen empirischen Verstandes-
gebrauch hinausgeht«.

178
Kant hat die Funktion der vier Paare von Reflexionsbegriffen als
Leitgesichtspunkt »aller Vergleichung und Unterscheidung« (KrV,
A269/B325) der gegebenen Vorstellungen bei der Urteilsbildung im
Amphibolie-Kapitel aber nur angedeutet, weil die Untersuchung der
bloß subjektiven Bedingung der Möglichkeit des Urteils nicht zur
Hauptaufgabe der KrV gehört, welche die subjektive aber zugleich
objektiv-gültige Bedingung derselben untersucht. Die Reflexions-
begriffe fungieren als Vorbedingung der Urteilsbildung, denn das
Vergleichen und Unterscheiden der Vorstellungen gehen aller Ur-
teilsbildung insofern vorher, als alles Urteilen im Verbinden und
Trennen derselben besteht. Sie sind die subjektiven Bedingungen
der Anwendung der Urteilsformen und Kategorien auf gegebene
Vorstellungen. »Die Reflexionsbegriffe konstituieren zwar weder
die vier Klassen der Urteilsformen, noch haben sie es mit dem Ob-
jektivwerden des Urteils zu tun (was Aufgabe der Kategorien ist);
aber so wie durch sie in der logischen Reflexion entschieden wird,
welchen Urteilsformen gegebene Vorstellungen unterzuordnen sind,
so entscheiden sie auch darüber, wie die unter materialem Gesichts-
punkt thematischen Vorstellungen zueinander im Verhältnis ste-
hen«48. Letztere bringt Kant insbesondere im Hinblick auf die Bil-
dung des »gültigen« synthetischen Urteils a priori zum Ausdruck:
Die Reflexionsbegriffe unterscheiden sich dadurch von Kategorien,
»daß durch jene nicht der Gegenstand, nach demjenigen, was
seinen Begriff ausmacht (Größe, Realität), sondern nur die
Vergleichung der Vorstellungen, welche vor dem Begriffe
von Dingen vorhergeht, in aller ihrer Mannigfaltigkeit darge-
stellt wird. Diese Vergleichung aber bedarf zuvörderst einer
Überlegung, d.i. einer Bestimmung desjenigen Orts, wo die
Vorstellungen der Dinge, die verglichen werden, hingehören,
ob sie der reine Verstand denkt, oder die Sinnlichkeit in der
Erscheinung gibt« (KrV, A269/B325).
Letztere »Überlegung« nennt Kant die transzendentale Reflexion.
Die Reflexion als »Vergleichung der Vorstellungen« geht vor allen

48
R. Malter (1982) S. 139. – Zur Funktion der Reflexionsbegriffe in der logischen
Reflexion vgl. KrV, A262/B317, A279/B335.

179
objektiven Urteilen, und folglich auch »vor dem Begriffe von Din-
gen«, der erst durch den inhaltsbezogenen Urteilsvollzug bestimmt
wird. Um dies begreiflich zu machen, sollen drei im Amphibolie-
Kapitel thematische Typen der Reflexion: logische, objektive und
transzendentale klar dargestellt werden.

3.1.3 Logische und transzendentale Reflexion


Im Amphibolie-Kapitel hebt Kant die heuristische Funktion der
Reflexion als subjektive Bedingung der Urteilsbildung hervor. Hier
läßt Kant die eigene Stellungnahme seiner transzendentalen Me-
thode innerhalb des neuzeitlichen Paradigmas der Bewußtseinstheo-
rie zum Vorschein kommen, auch wenn der Begriff ›Reflexion‹
unscharf gefaßt ist und die Charakterisierung der transzendental-
philosophischen Methode durch die »transzendentale Reflexion« im
Vorfeld der Leibniz-Kritik unterbestimmt bleibt.49 Das zeigt sich
deutlich im ersten Absatz des Anhangs. Wo Kant die »Reflexion«
allgemein zu klären scheint, bestimmt er aber in Wahrheit dadurch
bloß seinen eigenen Kritizismus – den er als eine »Umänderung der

49
Die Leibnizsche Metaphysik wird im Amphibolie-Kapitel von Kant als Proto-
typ des Dogmatismus betrachtet, und die Leibniz-Kritik dient daher, wie Hess
(S. 222 f.) richtig bemerkt, als Negativ-Beispiel oder Kontraposition, »um an
ihr die eigene philosophische Position um so deutlicher hervortreten zu lassen«
(S. 222). Darum unternimmt Kant hier keine systematische und vollständige
Leibniz-Kritik.
Es wird hier nicht geprüft, ob und inwiefern Kants Leibniz-Kritik treffend ist.
Beide Systeme haben je verschiedene Voraussetzungen. Die Leibnizsche Meta-
physik geht von der unendlichen Vernunft Gottes als höchstem Grund (Ultima
Ratio) alles Möglichen und Wirklichen aus, während Kant die Möglichkeit und
Grenzen des menschlichen Erkennens qua der endlichen Vernunft selbst prüft.
Der Substanzbegriff Leibnizens beruht auf seiner Begriffstheorie des »voll-
ständigen Begriffs«. Ein Begriff ist für Kant hingegen allgemein und diskursiv.
Der »conceptus infimus läst sich nicht bestimmen« (Logik-Pölitz, XXIV569).
Die Kantischen Ideen sind nicht die Ideen Gottes, sondern die notwendigen
Vorstellungen a priori der endlichen menschlichen Vernunft. – Zur Kants Leib-
niz-Kritik siehe z.B. K. Er. Kaehler, H. Herring, G. H. R. Parkinson, H.-J. Hess
und R. Malter (1981a).

180
Denkart« (KrV, BXVI) oder eine »veränderte Methode der Den-
kungsart« (KrV, BXVIII) charakterisiert – selbst als eine Art der
»transzendentalen Reflexion«, die aber im Amphibolie-Kapitel nur
unter einem speziellen Aspekt aufgefaßt wird.
»Die Ü b e r l e g u n g (reflexio) hat es nicht mit den Gegen-
ständen selbst zu tun, um geradezu von ihnen Begriffe zu be-
kommen, sondern ist der Zustand des Gemüts, in welchem
wir uns zuerst dazu anschicken, um die subjektiven Bedin-
gungen ausfindig zu machen, unter denen wir zu Begriffen
gelangen können. Sie ist das Bewußtsein des Verhältnisses
gegebener Vorstellungen zu unseren verschiedenen Erkennt-
nisquellen, durch welches allein ihr Verhältnis untereinander
richtig bestimmt werden kann. […] Die Handlung, dadurch
ich die Vergleichung der Vorstellungen überhaupt mit der Er-
kenntniskraft zusammenhalte, darin sie angestellt wird, und
wodurch ich unterscheide, ob sie als zum reinen Verstande
oder zur sinnlichen Anschauung gehörend untereinander ver-
glichen werden, nenne ich die t r a n s z e n d e n t a l e Ü b e r l e -
g u n g « (KrV, A260/B316).
Die transzendentale Reflexion selbst ist kein Verfahren der ge-
genstandsbezogenen Urteilsbildung, sondern ein besonderer Akt des
Bewußtseins, die Aufmerksamkeit auf die subjektiven Bedingungen
der Möglichkeit der Erkenntnis hinzulenken. Sie hat also die Auf-
gabe, die subjektiven Bedingungen der Möglichkeit der materialen
Urteilsbildung zu klären. Die gegenstandsbezogene Urteilsbildung
ist – wie die transzendentale Analytik zeigt, die die transzendentale
Ästhetik voraussetzt – ein Handlungsvorzug des Verstandes durch
das konstituierende Verfahren der kategorialen Synthesis unter den
Bedingungen der Sinnlichkeit.
Kant scheint bereits im ersten eben zitierten Satz unter dem As-
pekt seiner Transzendentalphilosophie eine Kritik an der Abstrakti-
onstheorie der Schulphilosophie zu üben. 50 Die Reflexion hat im
allgemeinen nicht die Funktion, die »Gegenstände selbst« abzubil-

50
Zu Kants Kritik an § 254, 259 von Meiers Auszug aus der Vernunftlehre vgl.
z.B. Logik-Blomberg, XXIV255; Logik-Philippi, XXIV452 f.; Logik-Dohna,
XXIV753 f.; R2865, XVI552.

181
den, und »geradezu von ihnen Begriffe« durch die Abstraktion zu
erhalten. Die Reflexion charakterisiert nur die spontane Tätigkeit
des Bewußtseins, die keine Materie hervorbringt, sondern das gege-
bene Mannigfaltige miteinander vergleicht und ordnet. Sie ist die
subjektive Bedingung der Möglichkeit aller Erkenntnis, die nur in
bezug auf die Tätigkeit des Bewußtseins Allgemeingültigkeit und
Notwendigkeit haben kann. Die Reflexion spielt somit in Kants
Begriffs- und Urteilsbildungslehre eine positiv-bildende Rolle. In
bezug auf die formallogische Begriffsbildung bringt Kant die Ab-
grenzung der Reflexion von der Abstraktion zum Ausdruck:
»Begriffe entstehen per comparationem, reflexionem et abs-
tractionem. In einem Bewußtseyn fasse ich viele Vorstel-
lungen, in denen ich vergleiche, was nur eine Wiederholung
des Andern ist. Aus der reflexion erkennt man also das, was
viele Dinge gemein haben, hernach nimmt man die abstrac-
tion weg, worin sie nicht überein kommen, und denn bleibt
repraesentatio communis übrig. Kein Begriff wird also ohne
Vergleichung, ohne Wahrnehmung einer Einstimmung und
ohne abstraction […] Z. B. Wenn Jemanden beym Ausdruck
H a u s nur immer der K r u g , den er gesehen, in den Sinn kä-
me, der behielt immer einen intuitus. Man sieht wohl durch
Weglassen und abstrahiren wird kein Begriff, aber es vollen-
det ihn, und macht, daß er kein singularis bleibt. Das p o s i -
t i v e beym Entstehen eines Begriffes ist compariren und re-
flectiren, das n e g a t i v e abstrahiren« (Wiener Logik,
XXIV909).
Die transzendentale Reflexion wird deshalb transzendental ge-
nannt, weil sie genau die Charakteristik der transzendentalen Er-
kenntnis erfüllt: »Ich nenne alle Erkenntnis transzendental, die sich
nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit unserer Erkenntnisart
von Gegenständen, sofern diese a priori möglich sein soll, über-
haupt beschäftigt« (KrV, B25). Nicht eine jede Erkenntnis a priori
heißt nach Kant transzendental, »sondern nur die, dadurch wir er-
kennen, daß und wie gewisse Vorstellungen (Anschauungen oder
Begriffe) lediglich a priori angewandt werden, oder möglich sind«
(KrV, A56/B80). Die transzendentale Erkenntnis ist selbst keine
gegenstandskonstituierende Erkenntnis, sondern die apriorische

182
Klärung der Bedingung der Möglichkeit dieser Erkenntnis von Ge-
genständen, mithin die Darlegung der Möglichkeit der Erkenntnis
oder des Gebrauchs derselben a priori im Rekurs auf die Mög-
lichkeit unserer Erkenntnisvermögen. In diesem Sinne bedeutet das
Wort ›transzendental‹ nach Kants Auffassung »nicht etwas, das
über alle Erfahrung hinausgeht, sondern, was vor ihr (a priori) zwar
vorhergeht, aber doch zu nichts Mehrerem bestimmt ist, als ledig-
lich Erfahrungserkenntnis möglich zu machen« (Prol., Anm.
A204/IV373).51 Dementsprechend und auf den praktischen Bereich
erweiternd faßt Kant in § 91 der KU die ontologische Dimension
der transzendentalen Fragestellung zusammen:
»Wenn wir bloß auf die Art sehen, wie etwas f ü r u n s (nach
der subjektiven Beschaffenheit unserer Vorstellungskräfte)
Objekt der Erkenntnis (res cognoscibilis) sein kann, so wer-
den alsdann die Begriffe nicht mit den Objekten, sondern
bloß mit unseren Erkenntnisvermögen und dem Gebrauche,
den diese von der gegebenen Vorstellung (in theoretischer
oder praktischer Absicht) machen können, zusammengehal-
ten; und die Frage, ob etwas ein erkennbares Wesen sei oder
nicht, ist keine Frage, die die Möglichkeit der Dinge selbst,
sondern unserer Erkenntnis derselben angeht« (KU, 454).
Kant bestimmt aber die »transzendentale Reflexion« im Amphi-
bolie-Kapitel, wie der erste Absatz des Anhangs zeigt, spezifisch als
diejenige Handlung, die gegebene Vorstellungen mit unseren Er-
kenntniskräften vergleicht, um den Ursprungsort der Vorstellungen
auszumachen, d.h. zu entscheiden, ob sie zur Sinnlichkeit und/oder
zum Verstand gehören (vgl. KrV, A269/B325). Diese Bestimmung
der transzendentalen Reflexion steht in engem Zusammenhang mit
dem negativen Nutzen der Kritik als Begrenzung und Sicherung des
Verstandesgebrauchs. Der positive Nutzen besteht in ihrer heuristi-
schen Funktion bei der konkreten Bildung des »bestimmenden«
Urteils, dem immer ein »vorläufiges« Urteil vorhergeht.

51
Vgl. auch KrV, A720 f./B748 f., A342 ff./B400 f., A143/B182, A167/B209. –
Die Mehrdeutigkeit von ›transzendental‹ bei Kant hängt mit der Mehrdeutigkeit
von ›Gegenstand‹ zusammen. – Zu Kants Begriff des Gegenstandes vgl. S. 166
f. und Anm. 39 (S. 173).

183
Die Bestimmung der Reflexion ist im Amphibolie-Kapitel von
vornherein auf die Funktion dieser in engem Sinne gefaßten trans-
zendentalen Reflexion zugeschnitten. Eine umgreifende Beschrei-
bung des Verfahrens der Reflexion findet man erst in der EE: Das
Reflektieren (Überlegen) ist eine Handlung des Bewußtseins, »ge-
gebene Vorstellungen entweder mit andern, oder mit seinem Er-
kenntnisvermögen, in Beziehung auf einen dadurch möglichen Beg-
riff, zu vergleichen und zusammen zu halten« (EE, XX211). Die
Vergleichung der Vorstellungen untereinander ist zweifach: Man
vergleicht entweder bloß die gegebenen Vorstellungen (bzw. Beg-
riffe) miteinander ohne Rücksicht auf ihre referentielle Bedeutung –
mit Kants Worten, ihren Inhalt –, um einen Begriff oder ein Urteil
der Form nach analytisch zu bilden. Diese bloß formale Ver-
gleichung der Vorstellungen untereinander nennt Kant ›logische
Reflexion‹. Oder aber man vergleicht die gegebenen Vorstellungen
mit Rücksicht auf ihren Inhalt, d. h. man vergleicht hier nicht die
bloßen Vorstellungen (bzw. Begriffe), sondern die Gegenstände
oder Dinge dieser Vorstellungen. Diese Vergleichung der Dinge am
Leitfaden der Reflexionsbegriffe nennt Kant ›objektive Kompara-
tion‹, die synthetisch ist.
»Weil aber […] die Dinge ein zwiefaches Verhältnis zu unse-
rer Erkenntniskraft, nämlich zur Sinnlichkeit und zum Ver-
stande haben können […]: so wird die transzendentale Refle-
xion, d.i. das Verhältnis gegebener Vorstellungen zu einer
oder der anderen Erkenntnisart, ihr Verhältnis untereinander
allein bestimmen können; und ob die Dinge einerlei oder ver-
schieden, einstimmig oder widerstreitend sind usw., wird
nicht sofort aus den Begriffen selbst durch bloße Verglei-
chung (comparatio), sondern allererst durch die Unterschei-
dung der Erkenntnisart, wozu sie gehören, vermittelst einer
transzendentalen Überlegung (reflexio) ausgemacht werden
können. Man könnte also zwar sagen: daß die l o g i s c h e
R e f l e x i o n eine bloße Komparation sei, denn bei ihr wird
von der Erkenntniskraft, wozu die gegebenen Vorstellungen
gehören, gänzlich abstrahiert, und sie sind also so fern ihrem
Sitze nach, im Gemüte, als gleichartig zu behandeln, die
t r a n s z e n d e n t a l e R e f l e x i o n aber (welche auf die Ge-

184
genstände selbst geht) enthält den Grund der Möglichkeit der
objektiven Komparation der Vorstellungen untereinander,
und ist also von der letzteren52 gar sehr verschieden, weil die
Erkenntniskraft, dazu sie gehören, nicht eben dieselbe ist«
(KrV, A262 f./B318 f.; vgl. A269 f./B325 f., A279 f./B335 f.).
Die transzendentale Reflexion als »Grund der Möglichkeit der
objektiven Komparation« geht »auf die Gegenstände selbst«. Dies
steht nicht im Widerspruch zu Kants Feststellung in A260/B316,
daß die transzendentale Reflexion nichts »mit den Gegenstände
selbst zu tun« hat. Denn Kant will hier nur sagen, daß die sich rich-
tig vollziehende objektive Komparation keine »bloße Komparation«,
wie die logische Reflexion, sondern eine Vergleichung der Gegen-
stände selbst als Erscheinungen ist. Die transzendentale Reflexion
ist daher die subjektive Bedingung der Möglichkeit der materialen
Urteilsbildung, und zwar insbesondere die der Bildung der »richti-
gen« synthetischen Urteile a priori. Sie fällt beim empirischen Ur-
teil über Dinge nicht auf, da sich die objektive Komparation der Ge-
genstände der Erfahrung spontan »unter Bedingungen der sinnli-
chen Anschauung« (KrV, A279/B335) vollzieht. Man begeht dann
den amphibolischen Fehler des Gebrauchs der Reflexionsbegriffe,
besonders wenn man, ohne die transzendentale Reflexion, »a priori
etwas über Dinge urteilen will« (KrV, A263/B319). Ohne diese
transzendentale Reflexion »entspringen vermeinte synthetische
Grundsätze, welche die kritische Vernunft nicht anerkennen kann,
und die sich lediglich auf einer transzendentalen Amphibolie, d.i.
einer Verwechslung des reinen Verstandesobjekts mit der Erschei-
nung, gründen« (KrV, A269 f./B325 f.).
»Das Urtheil nach Reflexionsbegriffen ist in Ansehung der
Dinge an sich selbst analytisch, blos das Bewustseyn zu
bestimmen, in Erscheinungen synthetisch« (Nachträge zur

52
Sc. objektive Komparation. Statt »letzteren« sollte nach Vaihinger »ersteren«
stehen und sich somit auf die logische Reflexion beziehen. An dieser Stelle ist
die Beziehung zwischen der transzendentalen Reflexion und der objektiven
Komparation nicht ganz klar. Es klingt hier so, als umfasse die transzendentale
Reflexion auch die objektive Komparation. Vgl. dazu M. Willaschek S. 340 f.

185
KrV, A261/B316, XXIII37; vgl. KrV, A77 f./B103, R5554,
XVIII229 f.).
»Wenn man von einem Begriffe synthetisch urteilen soll, so
muß man aus diesem Begriffe hinausgehen, und zwar zur
Anschauung, in welcher er gegeben ist. Denn, bliebe man bei
dem stehen, was im Begriffe enthalten ist, so wäre das Urteil
bloß analytisch, und eine Erklärung des Gedanken, nach
demjenigen, was wirklich in ihm enthalten ist« (KrV,
A721/B749).
Die transzendentale Reflexion ist hierbei erforderlich, weil die
Reflexionsbegriffe zweideutig gebraucht werden können: (1) Was
für den Verstand einerlei ist, kann für die Sinnlichkeit dennoch ver-
schieden sein. Zwei Tropfen Wasser sind, rein begrifflich betrachtet,
immer identisch (innerlich ununterscheidbar), aber in den verschie-
denen Raum-Zeit-Stellen jedoch numerisch verschieden. (2) Reali-
täten, wenn sie nur durch Verstand vorgestellt werden (lautere Be-
jahungen), können einander niemals logisch widerstreiten. Ein »rea-
ler Widerstreit« ist für Reales in der Erscheinung wohl möglich,
wenn dessen Wirkungen sich aufheben. (3) Nur ein Gegenstand des
Verstandes kann innere Bestimmungen haben, die »substantia phae-
nomenon« im Raum läßt sich hingegen nur äußerlich durch Relatio-
nen bestimmen. Der Gegenstand der Erscheinung ist demnach
nichts anderes als »Inbegriff von lauter Relationen« (KrV,
A265/B321), weil wir ihn »nur durch Kräfte« (ebd.), die im Raum
wirksam sind, kennen. Seine innere Bestimmung ist für uns uner-
kennbar. (4) Im Begriff des reinen Verstandes geht die Materie der
Form vor, weil unser Verstand nichts bestimmen kann, wenn etwas
(wenigstens im Begriff) uns nicht vorher gegeben ist. In sinnlichen
Anschauungen geht aber die Form (Raum und Zeit) vor der Materie
(Empfindung), weil uns ohne Formen der Sinnlichkeit nichts gege-
ben sein kann.53
Die transzendentale Reflexion soll die Bildung der synthetischen
Urteile a priori aus bloßen Begriffen verhindern, die lediglich im
Verstand verglichen werden. Die Möglichkeit der Bildung der syn-

53
Vgl. KrV, A263 ff./B319 ff., A271 ff./B327 ff., A281 ff./B337 ff.

186
thetischen Urteile a priori aus Vernunftideen läßt sich hierbei nicht
in Betracht ziehen. Sie wird erst in der transzendentalen Dialektik
untersucht und aufgrund der »i n d e mo n s t r a b e l e n « Begriffe der
Vernunft (KU, 240) negativ beantwortet. Nach dem Resultat der
transzendentalen Ästhetik und Analytik können wir nur Urteile über
Dinge als Erscheinungen bilden, d.h. unsere Begriffe auf sinnliche
Anschauungen anwenden. Die transzendentalen Grundsätze des
reinen Verstandes »enthalten bloß die Regel, nach der eine gewisse
synthetische Einheit desjenigen, was nicht a priori anschaulich vor-
gestellt werden kann (der Wahrnehmungen), empirisch gesucht
werden soll« (KrV, A720 f./B748 f.). Daß unsere Begriffe sich nur
empirisch gebrauchen lassen, wenn sie überhaupt »Sinn und Bedeu-
tung« haben können, ist keine Entscheidung der im Amphibolie-
Kapitel eng gefaßten transzendentalen Reflexion, sondern das Re-
sultat der transzendentalen Untersuchung der Bedingungen der
Möglichkeit unserer Erkenntnis mit Hilfe der am Leitfaden der Re-
flexionsbegriffe operierenden kritischen Reflexion, die von vorn-
herein jene transzendentale Reflexion immer schon vollzieht:
»Wenn wir aber auch v o n D i n g e n a n s i c h s e l b s t etwas
durch den reinen Verstand synthetisch sagen könnten (wel-
ches gleichwohl unmöglich ist), so würde dieses doch gar
nicht auf Erscheinungen, welche nicht Dinge an sich selbst
vorstellen, gezogen werden können. Ich werde also in diesem
letzteren Falle in der transzendentalen Überlegung meine Be-
griffe jederzeit nur unter den Bedingungen der Sinnlichkeit
vergleichen müssen, und so werden Raum und Zeit nicht Be-
stimmungen der Dinge an sich, sondern der Erscheinungen
sein; was die Dinge an sich sein mögen, weiß ich nicht, und
brauche es auch nicht zu wissen, weil mir doch niemals ein
Ding anders, als in der Erscheinung vorkommen kann« (KrV,
A276 f./B332 f.).
Die kritische Methode der Kantischen Transzendentalphiloso-
phie geht nicht nur von der transzendentalen Tatsache der zwei
Quellen des menschlichen Erkennens aus, sondern besagt auch von
vornherein die wechselseitige Bedingtheit von Sinnlichkeit und
Verstand, wenn die menschliche Erkenntnis möglich sein soll. Sie

187
kann nichts anderes als die Synthesis der sinnlichen Anschauung
und des diskursiven Begriffs sein. Dieses Resultat der transzenden-
talen Ästhetik und Analytik faßt Kant am Ende des Amphibolie-
Kapitels noch einmal zusammen (KrV, A286 ff./B342 ff.). »Der
Verstand begrenzt […] die Sinnlichkeit, ohne darum sein eigenes
Feld zu erweitern, und, indem er jene warnt, daß sie sich nicht an-
maße, auf Dinge an sich selbst zu gehen, sondern lediglich auf Er-
scheinungen, so denkt er sich einen Gegenstand an sich selbst, aber
nur als transzendentales Objekt, das die Ursache der Erscheinung
(mithin selbst nicht Erscheinung) ist, und weder als Größe, noch als
Realität, noch als Substanz usw. gedacht werden kann« (KrV,
A288/B344). Umgekehrt bekommen die Begriffe des Verstandes
ihre Bedeutung nur »von der Sinnlichkeit, die den Verstand reali-
siert, indem sie ihn zugleich restringiert« (KrV, A147/B187).
Der Grundfehler des transzendentalen Gebrauchs des Verstandes
liegt nach Kant letztendlich in der fehlenden transzendentalen Re-
flexion nach den modalen Reflexionsbegriffen ›Materie und Form‹.
Der Verstand kann seinen Gebrauch transzendental machen, indem
er, wider seine Bestimmung, die Gegenstände der Begriffe ohne die
sinnlichen Bestimmungen durch bloße Begriffe ausmacht. Anstatt
daß »Begriffe sich nach möglichen Anschauungen (als auf denen
allein ihre objektive Gültigkeit beruht) richten müssen«, richten
»die Gegenstände, d.i. mögliche Anschauungen, sich nach Beg-
riffen« (KrV, A289/B345). Im transzendentalen Verstandesge-
brauch geht fälschlicherweise die Form (Begriff) der Materie (An-
schauung) vorher, indem man meint, daß der Begriff selbst durch
seine Begrifflichkeit ohne die Sinnlichkeit schon bestimmt sei.
»Die Ursache hiervon aber ist wiederum: daß die Apperzep-
tion, und, mit ihr, das Denken vor aller möglichen bestimm-
ten Anordnung der Vorstellungen vorhergeht. Wir denken al-
so Etwas überhaupt, und bestimmen es einerseits sinnlich, al-
lein unterscheiden doch den allgemeinen und in abstracto
vorgestellten Gegenstand von dieser Art ihn anzuschauen; da
bleibt uns nun eine Art, ihn bloß durch Denken zu bestimmen,
übrig, welche zwar eine bloße logische Form ohne Inhalt ist,
uns aber dennoch eine Art zu sein scheint, wie das Objekt an
sich existiere (Noumenon), ohne auf die Anschauung zu se-

188
hen, welche auf unsere Sinne eingeschränkt ist« (KrV,
A289/B345 f.).
Die »Kopernikanische Wende« der kritischen Methode wäre zu
eng gefaßt, wenn man den Gegenstandsbezug der Vorstellungen
einseitig durch Abstraktion bloß auf die sinnliche Gegebenheit oder
auf die begriffliche Bestimmtheit zurückführte.54 Kants Antwort auf
die transzendentale Frage: »Wie lassen sich unsere Vorstellungen a
priori auf Gegenstände beziehen?«, lautet, daß die Gegenstände sich
nach unseren Vorstellungen richten müssen, wenn die synthetischen
Urteile a priori möglich sein sollen. Die objektiv gegenstandsbezo-
genen Vorstellungen sind für uns aber zweierlei: Anschauungen und
Begriffe. Die allgemeine Bestimmung der »Kopernikanischen
Wende« bedeutet nichts anderes als die Rückwendung der Bedin-
gungen der Möglichkeit des Erkennens auf die Subjektivität des
erkennenden Subjekts. Von diesem Standpunkt aus ist der ontologi-
sche Schluß von der logischen Möglichkeit der subjektiven Vorstel-
lung auf die reale Möglichkeit und Wirklichkeit derselben unzuläs-
sig. Es gibt nach Kant keinen wissensinhaltlichen Analogieschluß
zwischen Erscheinungen und Dingen an sich, weil sie wesentlich
unterschieden sind.55 Es ist also, unserem Erkenntnisvermögen ge-
mäß, nicht erlaubt von der subjektiven Vorstellung eines Gegens-
tandes auf die Ansich-Beschaffenheit dieses Gegenstandes selbst zu
schließen.
Die kritische Reflexion ist im Grund eine modale Reflexion, die
die inhaltlich-gegenstandsbezogene Reflexion im Rückgriff dersel-
ben auf die Erkenntniskraft, worin der Begriff eines Dinges ent-
springt und seinen Sitz hat, prüft (vgl. KrV, A233 f./B286). Die mo-
dale Reflexion ist nicht »objektiv synthetisch«, weil sie dem trans-
zendentalen Gegenstandsbegriff kein weiteres objektives Bestim-
mungsmoment hinzusetzt. Sie setzt vielmehr dem Gegenstandsbe-
griff, subjektiv in Rückbeziehung desselben auf die Erkenntniskraft,
die Prädikate der Möglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit

54
Zur Kopernikanischen Wende vgl. § 4, Anm. 52 (S. 283).
55
Vgl. KU, 449 Anm. Zur Unterscheidung der Analogie als »Schlußart« und als
»Denkart« siehe § 4, S. 284.

189
synthetisch hinzu. Die modalen Prädikate drücken nur das »Verhält-
nis zum Erkenntnisvermögen« aus (vgl. KrV, A219/B266). »Die
Grundsätze der Modalität also sagen von einem Begriffe nichts an-
deres, als die Handlung des Erkenntnisvermögens, dadurch er er-
zeugt wird« (KrV, A234/B287). Diese Handlung vollzieht sich nach
den modalen Reflexionsbegriffen, welche die Prototypen aller Re-
flexionsbegriffe sind. Materie und Form sind zwei Begriffe, die
»mit jedem Gebrauch des Verstandes unzertrennlich verbunden«
sind, so, daß sie »aller anderen Reflexion zum Grunde gelegt wer-
den« (KrV, A266/B322). Ganz in diesem Sinne drücken die Refle-
xionsbegriffe nichts anderes als Verstandesgebrauch selbst in
Rückbeziehung desselben auf seinen Handlungsvollzug aus. Man
könnte sagen, daß der operative Charakter der vier Titel der Katego-
rien- und Urteilstafel durch die vier Paare der Reflexionsbegriffe als
»vier Titel aller Vergleichung und Unterscheidung« (KrV,
A269/B325) ursprünglich zum Ausdruck kommt. Die vier Paare der
Reflexionsbegriffe sind sozusagen die Reflexion der zweiten Stufe,
und unter diesem Aspekt umgreifender als die 12 Kategorien und
Urteilsformen. Sie sind Leitgesichtspunkte der Reflexion (Verglei-
chung) und somit die subjektiven Bedingungen des Verstandes-
gebrauchs.
Kant behandelt den Akt der Reflexion in der KrV vorwiegend
unter dem transzendentalen Aspekt, nämlich im Zusammenhang mit
der Klärung der Art, wie die Vorstellungen bzw. Begriffe sich a
priori auf Gegenstände, und zwar auf Gegenstände der Anschauung
beziehen können, »welches die allgemeine Logik nicht leisten
kann« (KrV, A79/B105). Unter diesem transzendentallogischen
Aspekt werden die Kategorien als Ausdrücke der objektiv gegen-
standskonstitutiven Reflexion (Synthesis) am Leitfaden der »logi-
schen Funktionen zu Urteilen« abgeleitet (vgl. KrV, B128 f.). Denn
Begriffe sind nur mögliche Erkenntnisse, nämlich mögliche Prädi-
kate (Merkmale) der Urteile. Erkenntnisse im eigentlichen Sinne
sind die objektiven Urteile, in denen sinnliche Anschauungen und
Begriffe sich vereinigen. Der Gebrauch des Verstandes, d.h. seine
unterschiedlichen Stufen der Reflexion, wird folglich in der KrV
vornehmlich in bezug auf den Akt des Urteilens betrachtet.

190
Die »logische« und »objektive« Reflexion (Komparation) haben
den Zweck, die Vorstellungen anhand der vier Paare der Reflexi-
onsbegriffe miteinander zu vergleichen, um sie danach unterein-
ander zu ordnen. Der Begriff der Reflexion wird im Kontext des
Amphibolie-Kapitels zwar als die subjektive Bedingung der konkre-
ten Urteilsbildung dargestellt, aber diese Bedingung gilt auch für
die Begriffsbildung.56 Weil Begriffe »Prädikate möglicher Urteile«
sind (KrV, A69/B94), ist die Begriffsbildung bereits durch den Akt
des Urteilens bedingt, auch wenn dabei das Urteilen sich nur un-
vollkommen und stillschweigend vollzieht. 57 Durch die materiale
Urteilsbildung entspringen die Erfahrungsbegriffe. »Einen deut-
lichen Begriff machen[,] ist die synthetische Methode, einen Begriff
deutlich machen, ist die analytische« (Wiener Logik, XXIV844).
Die »Deutlichmachung der Objecte geschiehet synthetisch, die
Deutlichmachung der Begriffe analytisch« (ebd., XXIV845).58
Etwas anders als im Amphibolie-Kapitel wird die »Reflexion«
bei der formalen Begriffsbildung betrachtet, die Kant in seinen Vor-
lesungen über Logik anhand der Begriffstheorie der Wolffschen
Schule behandelt. Es geht um die drei logischen Operationen des
Verstandes: komparieren, reflektieren und abstrahieren. Thematisch
ist hierbei der »l o gi s c h e Ursprung der Begriffe – der Ursprung
ihrer bloßen Form nach« (Jäsche Logik, A144 f./IX94). Denn die
»allgemeine Logik hat […] nicht die Q u e l l e der Begriffe zu unter-

56
Vgl. KrV, A260/B316, EE, XX211 und Logik-Dohna, XXIV753 (siehe fol-
gende Anm. 61). – Richtig deutet R. Malter (1981a, S. 288; ferner 1982, S. 131
ff.) die systematische Funktion der »Reflexion« im Amphibolie-Kapitel als die
subjektive Bedingung der konkreten Urteilsbildung, insbesondere die der Bil-
dung der synthetischen Urteile a priori. Darüber hinaus meint er aber, daß die
Reflexion, bzw. die Reflexionsbegriffe dort nichts mit der Begriffsbildung zu
tun haben. »So wenig das Amphiboliekapitel etwas über die begriffsbildende
Funktion aussagt, so wenig sagt es etwas über die Mitwirkung der Reflexions-
begriffe bei der logischen Begriffsbildung aus« (S. 135). Malter schließt ande-
rerseits die mögliche Beteiligung der Reflexionsbegriffe bei der Begriffs-
bildung nicht aus (ebd., Anm. 24, S. 135).
57
Die Begriffsbildung bedarf nach Kant der Reflexion der Urteilskraft, die An-
schauungen auf Begriffe bezieht (vgl. z.B. EE, XX211; KU, XLIII). – Vgl. da-
zu M. Steckelmacher S. 20 ff., insb. S. 22.
58
Vgl. Logik-Busolt, XXIV636; KrV, A199/B244, A92/B125.

191
suchen; nicht wie Begriffe a l s Vo r s t e l l un ge n e nt s pr i n g e n ,
sondern lediglich, w i e g e g e b e n e V o r s t e l l u n g e n i m D e n k e n
z u B e g r i ff e n w e r d e n ; diese Begriffe mögen übrigens etwas
enthalten, was von der Erfahrung hergenommen ist, oder auch et-
was Erdichtetes, oder von der Natur des Verstandes Entlehntes«
(ebd., A144/IX94). Die Klärung der Entstehung der Begriffe, ihrem
Inhalt nach, gehört nach Kant entweder zur Aufgabe der Metaphy-
sik, wenn die Begriffe a priori gegeben sind, oder zur Aufgabe der
empirischen Psychologie, wenn sie a posteriori gegeben sind.
Die formallogische Begriffsbildung ist analytisch. »Analytisch
werden verschiedene Vorstellungen unter einen Begriff gebracht,
(ein Geschäft, wovon die allgemeine Logik handelt)« (KrV,
A78/B104; vgl. A76/B102). Die Vorstellungen werden bereits
durch die (objektiv oder subjektiv) synthetische Reflexion gegeben.
Bei der logischen Begriffsbildung vergleicht man die gegebenen
Vorstellungen bloß nach den Reflexionsbegriffen Einerleiheit und
Verschiedenheit miteinander, und kann sich dadurch einen Begriff
machen, »daß man dasjenige, was sie mit verschiedenen gemein hat,
als ein Merkmal zum allgemeinen Gebrauch herauszieht« (EE,
XX211 Anm.). Kant verdeutlicht den logischen Akt der Reflexion
meistens anhand der empirischen Begriffsbildung: »Ich vergleiche
Dinge, und attendire auf das, was sie gemein haben, und abstrahire
von allen übrigen Dingen: so ist dieses ein conceptus, wodurch alle
diese Dinge können gedacht werden« (Wiener Logik, XXIV907).
Die drei logischen Operationen des Verstandes werden in der
Wolffschen Schule in einer anderen Reihenfolge angeordnet: reflek-
tieren, komparieren und abstrahieren.59 Kant gibt in seinen Vorle-

59
Vgl. dazu M. Liedtke (1966). Nach Liedtke wird die Komparation vor die Re-
flexion in R2876 »aus transzendentalen Gründen« gezogen, aber die logischen
Betrachtungen spielen dabei zugleich eine Rolle (vgl. S. 212 ff.). Diese Ände-
rung hat meines Erachtens vielmehr formallogische Gründe (obwohl Kants Lo-
gik transzendental orientiert ist), weil hier der logische Akt des Analysierens
thematisch ist. Der psychologische und transzendentale Aspekt sind dabei nicht
relevant. Beim Analysieren achtet man zuerst auf die Ähnlichkeit zum Zweck
der Subordination, die Verschiedenheit bleibt im Hintergrund. Ohne Ahnung
des zu bildenden Begriffs weiß man nicht, was und wie man analysieren soll.
»In der Vergleichung gehen wir erst auf die Einerleyheit, denn [sc. dann] die

192
sungen über Logik meistens 60 auch diese Reihenfolge wieder. Er
schreibt z.B. in der Logik-Pölitz: »Ich reflectire über Dinge d.h. ich
werde mir nach und nach verschiedener Vorstellungen bewust, oder
ich vergleiche verschiedene Vorstellungen mit meinem Bewustseyn;
ist das, so vergleiche ich sie untereinander, das ist comparation; wo
ich Identitaet des Bewustseins finde, das separire ich oder abstrahire
vom übrigen; so habe ich einen Begrif« (XXIV566).61 Wie der Ver-
gleich der Erläuterungen der »reflexion« und »comparation« in
R2876 (XVI555 f.) und R2878 (XVI556 f.) zeigt, läßt sich aber kein
deutlicher Unterschied zwischen »reflektieren« und »komparieren«
bei Kant erkennen. Der Grund liegt darin, daß die logische Refle-
xion (Begriffsbildung) eine bloße Komparation ist. Die Kompara-
tion ist nicht auf die Vergleichung der Ähnlichkeit zu beschränken.
Sie schließt den Akt der Unterscheidung in sich ein. Denn das
»komparieren« und »reflektieren« sind im Grunde nur zwei Aspekte
ein und derselben Operation. Man kann keine Vorstellungen mit-
einander vergleichen, wenn man sich dabei nur der Ähnlichkeit der
Vorstellungen bewußt ist, ohne zugleich ihren Unterschied zu be-
merken. So heißt in der Logik-Busolt »Comparation« die »Verglei-
chung der Verschiedenheit und der identitaet« (XXIV654). Die
»Reflexion« wird dort dann im Sinne von dem ersten Akt der

Unterschiede. Je mehr wir Dinge, die wir vor [sc. für] einerley hielten, kennen
lernen, desto mehr verschiedenheiten werden wir gewahr« (R460, XV190; vgl.
folgende Anm. 61). Das »komparieren« und »reflektieren« sind daher im
Grunde nur zwei Aspekte ein und derselben Operation. Vgl. dazu M. Steckel-
macher S. 17 ff.
60
Außer Wiener, Jäsche Logik (R2876) und Logik Dohna-Wundlacken.
61
Etwas anders betrachtet Kant die logische Begriffsbildung in der Logik Dohna-
Wundlacken (vgl. auch R2854, XVI547) unter urteilslogischem Aspekt. Sie
»geschieht 1. dadurch, daß etwas als Teilvorstellung betrachtet wird, die meh-
rern gemein sein kann, z.B. die rote Farbe. 2. wenn ich die Teilvorstellung als
notam, als Erkenntnisgrund einer Sache betrachte, z.B. durch r o t Blut, Rose
usw. erkenne. Die 3te Handlung ist die Abstraktion, diese Teilvorstellung als
Erkenntnisgrund, insofern ich von allen übrigen Teilvorstellungen absehe. Der
Begriff ist also eine Teilvorstellung, sofern ich von allen übrigen dabei abstra-
hiere« (XXIV753).

193
Wolffschen »attentio« als »Aufmerksamkeit auf das Mannigfaltige[,]
was in der Anschauung gedacht wird« (ebd.), genommen.62
Zusammenfassend betrachtet, läßt sich die Kantische Charakteri-
sierung der Spontaneität des Denkens durch das Reflektieren am
besten in Verbindung mit der teleologischen Auffassung der Ver-
nunft verständlich machen, welche als subjektive Bedingung des
Erkennens der Vernunftkritik zugrunde legt.63
Die menschliche Vernunft, als ein teleologisches System be-
trachtet, enthält »einen wahren Gliederbau […], worin alles Organ
ist, nämlich alles um eines willen und ein jedes einzelne um aller
willen« (KrV, BXXXVII f.). Die Vernunft ist so mit pluralen Ge-
mütskräften ausgestattet, die jede nach ihren eigentümlichen Regeln
spontan fungieren und somit je eigene von einander abgegrenzte
Sphäre besitzen. 64 Die Gemütskräfte können nach Kant für uns
nicht auf eine einzige Grundkraft reduziert werden, weil wir diese
Möglichkeit nicht einsehen können. Denn Kraft, die abgeleitet von
der Kategorie der Kausalität wird, ist »bloß das V e r h ä l t n i s der
Substanz zu den Akzidenzen, s o f e r n e sie den Grund ihrer Wirk-
lichkeit enthält« (Gebrauch, A130/VIII181 Anm.). 65 »Von einer
Grundkraft aber (da wir sie nicht anders als durch die Beziehung
einer Ursache auf eine Wirkung kennen) können wir keinen andern
Begriff geben und keinen Namen dafür ausfinden, als der von der

62
Vgl. Chr. Wolff, Psychologia empirica § 257; dazu auch A. Baeumler S. 203,
M. Liedtke (1964) S. 79, 99, 141 ff. – Reflektieren heißt dementsprechend das
sukzessive Richten der Aufmerksamkeit (attentio) auf das Mannigfaltige der
Vorstellung, d.h. »sich nach und nach der Vorstellungen bewust werden, d.i. sie
mit einem Bewustseyn zusammen halten« (R2878, XVI556), oder darauf auf-
merken, »wie sie sich zu einander in einem Bewustseyn verhalten« (R2876,
XVI555).
63
Zur teleologischen Auffassung der Vernunft siehe § 2, S. 94 f.
64
Vgl. KU, VII, XVI ff.; insb. Logik-Mrongovius, XXIX1045-1047. »Alles ge-
schieht nach Regeln sowol in der Körperwelt als auch in der Natur«
(XXIX1045). Vernunft und Natur haben ihr Gemeinsames in der Regelhaftig-
keit. »Regellosigkeit ist zugleich unvernunft« (R3323, XVI780; auch Jäsche
Logik, A215/IX139).
65
Vgl. dazu PM56, 193 und KrV, A204/B249: »Kausalität führt auf den Begriff
der Handlung, diese auf den Begriff der Kraft, und dadurch auf den Begriff der
Substanz«.

194
Wirkung hergenommen ist und gerade nur diese Beziehung aus-
drückt« (ebd., A129 f./VIII180; vgl. MAN, A104/IV534). Einbil-
dungen, Gefühle, Objekts- und Willensbestimmungen sind nach
Kant unterschiedliche Wirkungen unserer Gemütskräfte, welche
nicht auf eine einzige Grundkraft, wie z.B. die Vorstellungskraft
zurückgeführt werden können (vgl. EE, XX206; KU, XXII).
Weil Vernunft ein System sein soll, müssen die Gemütskräfte in
einer zweckmäßigen Verbindung stehen, worin »a l l e s Z w e c k
u n d w e c h s e l s e i t i g a u c h M i t t e l i s t « (KU, 296). Sie operieren
nicht nur spontan nach eigenen Gesetzen, sondern kooperieren auch
miteinander und regulieren sich nach einem gemeinsamen Ziel (vgl.
Wiener Logik, XXIV863). Diese spontane Tätigkeit des Gemüts
nach bestimmten Regeln, auch ohne sich ihrer explizit (unmittelbar)
bewußt zu werden, nennt Kant Reflexion. 66 Die Reflexion ist in
diesem grundlegenden Sinne kein besonderer Akt des Bewußtseins,
wodurch die internen Operationen der Vernunft bewußt ausgeführt
und festgestellt werden, sondern ein permanenter Akt, der die
Selbsttätigkeit des reinen Bewußtseins zum Ausdruck bringt.67 Das

66
Vgl. KrV, B130, A117 Anm., A97, A77/B102 f.; Anthr., A14 f./VII134 Anm.;
M. Steckelmacher S. 25 f.
67
Kant hält die unbewußte Tätigkeit des Verstandes, unter dem Einfluß von Leib-
niz, im Gegensatz zu Lockes Auffassung, für möglich. »Allein wir können uns
doch m i t t e l b a r bewußt sein, eine Vorstellung zu haben, ob wir gleich unmit-
telbar uns ihrer nicht bewußt sind« (Anthr., A15 f./VII135). Die dunkle oder
unbewußte Vorstellung ist für den Menschen von großer Bedeutung. Kant
schreibt in der Metaphysik-Pölitz: »[…] L e i b n i z sagte: der größte Schatz der
Seele besteht in dunklen Vorstellungen, welche nur durch das Bewußtseyn der
Seele deutlich werden [...] Ferner, alles was in der Metaphysik und Moral ge-
lehrt wird, das weiß schon ein jeder Mensch; nur war er sich dessen nicht be-
wußt« (PM135 f.). Zur Leibnizsche Auffassung der unbewußten Tätigkeit des
Verstandes in den Nouveaux Essais vgl. B. Tuschling (2002) insb. S. 113 ff. –
Schon in einer frühen Untersuchung über die Deutlichkeit der Grundsätze in
den 60er Jahren äußert sich Kant über »ein vermutlich großes Geheimnis der
Natur […]: nämlich, daß vielleicht im tiefsten Schlafe die größte Fertigkeit der
Seele im vernünftigen Denken möge ausgeübt werden« (Deutl., A87/II290). In
der KU und Anthropologie werden Träume als eine »weise Veranstaltung der
Natur zur Erregung der Lebenskräfte« (Anthr., A81/VII175) angesehen: »Das
Träumen scheint zum Schlafen so notwendig zu gehören, daß Schlafen und
Sterben einerlei sein würde, wenn der Traum nicht als eine natürliche, obzwar

195
Denken kann sich auch auf sich selbst richten und sich seine Tätig-
keit und Prinzipien mittelbar bewußt machen, d.h. die Regeln des
Denkens können wir prinzipiell durch einen reflexiven Akt des
Denkens »untersuchen«. Dies ist die Reflexion zweiter Stufe, wel-
che dennoch von der Introspektion streng unterschieden werden
muß.68 Reflexion als Akt des Bewußtseins selbst ist also die Quelle.
Sie ist somit die Vorbedingung der Rationalität. Denken ohne Re-
flektieren ist ein wahrer Widerspruch. Daher sagt Kant in einer Lo-
gikvorlesung aus den 70er Jahren auch: »Ohne Ueberlegung reden
wir leere Worte« (Logik-Philippi, XXIV424).69
Das Reflektieren ist seinem Verfahren nach ein vergleichender
Akt, der allem Urteilen vorhergeht. Alle Vergleichungen bedürfen
aber einer »Überlegung«. Wir lassen nun die formale Begriffs- und
Urteilsbildung außer Betracht und achten auf die Funktion der Re-
flexion bei der materialen Begriffs- und Urteilsbildung. Es ist me-
thodologisch zwischen »Überlegung« (reflexio) und »Untersu-
chung« (examinatio) in bezug auf das Problem des Irrtums und der
Wahrheit, bzw. der Gewißheit eines Urteils zu unterscheiden.70 Hier
werden die Gründe des Urteilens thematisiert, wobei die Fragen –
die nicht zur formalen Logik, sondern zur transzendentalen Logik
oder zur Logik der Forschung und Erfindung gehören – in Betracht
gezogen werden.71 Man unterscheidet hierbei drei Arten des »Für-
wahrhaltens«, nämlich Meinen (Vermuten), Glauben (Annehmen)

unwillkürliche Agitation der inneren Lebensorgane durch die Einbildungskraft


hinzukäme« (Anthr., A104 f./VII190; vgl. KU, 302 f.).
68
Vgl. Anthr., A14 ff./VII134 Anm., A27/VII141f., A50 f./VII156.
69
Vgl. D. Henrich (1989) S. 42. Henrich verbindet die Kantische Unterscheidung
von »Reflexion« und »Untersuchung« mit dem Gedanken der »Deduktion«.
Deduktion ist eine Untersuchung (examinatio), deren Quelle die Reflexion ist.
70
Vgl. Logik-Blomberg, XXIV161; Logik-Philippi, XXIV424 ff.; Logik-Pölitz,
XXIV545-547; Logik-Busolt, XXIV641; Logik-Dohna, XXIV737 f.; Wiener
Logik, XXIV862 f.; Enzykl., XXIX22-24; Jäsche Logik, A111 ff./IX73 ff.;
MAT, A165/VI478; KrV, A260 f./B316 f., A786 f./B814 f.
71
Die Logik der Forschung und Erfindung wäre nach Kant eine Lehre, die »auch
Regeln an die Hand gebe, wie man zweckmäßig s u c h e n solle, d.i. nicht im-
mer bloß für b e s t i m m e n d e , sondern auch für v o r l ä u f i g e Urteile (iudicia
praevia), durch die man auf Gedanken gebracht wird« (MAT, A165/VI478).

196
und Wissen (Behaupten).72 Diese Unterscheidung »betrifft nur die
U r t e i l s k r a f t in Ansehung der subjektiven Kriterien der Subsum-
tion eines Urteils unter objektive Regeln« (Jäsche Logik,
A99/IX66). In bezug auf die Reflexion der Urteilskraft ist die Frage
von Bedeutung: »Wie können die vorläufigen zu bestimmten Urtei-
len gemacht werden?« (vgl. Wiener Logik, XXIV861). Man kann
aber »von der Natur[,] Nutzen, Gränzen, Requisiten und Bedingung
der vorläufigen Erkenntniß nicht hinreichend reden«, weil »dazu die
genaueste Kenntniß der Gegenstände selbst« erfordert wird (ebd.).
Diese liegt nach Kant tief in der Natur der Urteilskraft verborgen73,
welche in ihrer Reflexion unsere ganzen Erkenntnisvermögen, bei
Gelegenheit der Erfahrung, nach Prinzipien a priori organisieren
soll.
Um von dem bloßen Meinen (Überredung) zum Wissen (Über-
zeugung, Gewißheit) gelangen zu können, müssen wir »zuvörderst
ü b e r l e g e n , d.h. sehen, zu welcher Erkenntniskraft ein Erkenntnis
gehöre, und sodann u n t e r s u c h e n , d.i. prüfen, ob die Gründe in
Ansehung des Objekts zureichend oder unzureichend sind« (Jäsche
Logik, A111/IX73). »Untersuchen« heißt folglich mittelbares Über-
legen, oder genauer, »mittelbar oder vermittelst anderer Instrumente
der Wahrheit die Ueberlegung« anzustellen (Logik-Philippi,
XXIV424).
Bei allen »Urteilen« geht die »Überlegung« der »Untersuchung«
voraus. Alle Urteile bedürfen einer Überlegung, aber nicht einer
Untersuchung. Zum Beispiel: Die mathematischen Sätze sind intui-
tiv gewiß durch die Konstruktion der Begriffe in der Anschauung.

72
Vgl. R2450, XVI373; KrV, A820 ff./B848 ff.; KpV, A255 f./V142; KU, § 90 f.
u.ö.
73
Siehe z.B. Kants Bestimmung des »Schematismus der Urteilskraft« (vgl. Brief
an Tieftrunk vom 11.12.1797, 758) in der KrV, A141/B180 f.: »Dieser Schema-
tismus unseres Verstandes, in Ansehung der Erscheinungen und ihrer bloßen
Form, ist eine verborgene Kunst in den Tiefen der menschlichen Seele, deren
wahre Handgriffe wir der Natur schwerlich jemals abraten, und sie unverdeckt
vor Augen legen werden«. – Vgl. dazu KU, IX f., 56 f.; MAN, AXIX f./IV476
Anm.; Anthr., A23 f./VII139 f.

197
Nur die diskursiven Urteile bedürfen einer Untersuchung.74 Jedes
Urteil wird zuerst durch die Überlegung probeweise (kritisch) auf
Gedanken gebracht. »Z.E. wenn jemand sagt: zwischen 2 Puncten
ist nur eine gerade Linie möglich; so entsteht eine Operation in mei-
nem Gemüt, wodurch ich dieses mit der Anschauung (d.h. hier mit
der Erkenntnißkraft) vergleiche und zusammenhalte, ich probiere es
also gleichsam in Gedanken, und dies geschieht immer[,] wenn wir
auch das Erkenntniß nicht untersuchen« (Logik-Pölitz, XXIV547).
»Judicium reflectens, wo man ein Urteil gleich als ein Prob-
lem setzt, um die Wahrheit zu untersuchen. Auch zum Su-
chen muß man ein besondres Prinzip haben. Dies aufzusu-
chen, gehört Urteilskraft. […]
Judicia reflectentia sind diejenigen, die die Untersuchung
einleiten, die da zeigen 1. ob eine Sache einer Untersuchung
bedarf, 2. wie ich eine Sache untersuchen soll« (Logik-Dohna,
XXIV737; vgl. Jäsche Logik, A115 f./IX75 u.ö.).
»Es ist wunderbar, wie einem jeden bestimmenden Urteil ein
vorläufiges vorhergeht. Wenn wir lesen, so buchstabiren wir
zuerst. Und so handeln wir überall. Niemals urtheilen wir
sogleich bestimmend, denn dazu gehört ein vollständiger
Begrif von dem Gegenstande[,] wie er ist. Diesen aber haben
wir nicht bey dem ersten Anblick. Ehe wir den erlangen,
müssen wir zuerst den Gegenstand aus allen Ge-
sichts[p]unkten betrachten und dasjenige aussuchen, was für
alle Erscheinungen paßt. […] Vorläufige Urtheile gehören zu
allen unsern Erkenntnißen und sie geschehen auch beständig.
Wenn man sie aber für wahre Gründe eines bestimmenden

74
Vgl. KrV, A732 f./B760 f. – Die philosophische Erkenntnis gründet sich nach
Kant auf den »diskursiven Vernunftgebrauch nach Begriffen«, die mathemati-
sche auf den »intuitiven durch die Konstruktion der Begriffe« (KrV,
A719/B747). »Die philosophische Erkenntnis betrachtet also das Besondere nur
im Allgemeinen, die mathematische das Allgemeine im Besonderen, ja gar im
Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermittelst der Vernunft, so daß, wie
dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der Konstruktion be-
stimmt ist, ebenso der Gegenstand des Begriffs, dem dieses Einzelne nur als
sein Schema korrespondiert, allgemein bestimmt gedacht werden muß« (KrV,
A714/B742).

198
Urtheils hält, so entsteht daraus eine Illusion und das ist der
Irrthum« (Enzykl., XXIX24).
Die Heuristik des vorläufigen Urteilens bei der konkreten Bil-
dung des bestimmenden Urteils gehört zur Teilfunktion der reflek-
tierenden Urteilskraft. Das bestimmende Urteil ist ein Urteil mit
empirischer oder rationaler Gewißheit. Ein solches Urteil wird von
der Urteilskraft so gesetzt, daß sein Gegenteil aus dem Erfahrungs-
oder Vernunftgrund ausgeschlossen ist. »Ein vorläufiges Urteil
[hingegen] ist ein solches, wodurch ich mir vorstelle, daß zwar
mehr Gründe f ü r die Wahrheit einer Sache, als w i d e r dieselbe da
sind, daß aber diese Gründe noch nicht zureichen zu einem b e -
s t i m me n d e n oder d e fi n i t i v e n Urteile, dadurch ich geradezu für
die Wahrheit entscheide. Das vorläufige Urteilen ist also ein mit
Bewußtsein bloß problematisches Urteilen« (Jäsche Logik,
A114/IX74). Dieses Bewußtsein, »daß mein Urteil problematisch
sey, ist suspensio judicii« (Logik-Pölitz, XXIV545). Wir halten un-
ser Urteil zurück, sofern es problematisch ist, »um die Gründe des
bestimmenden Urteils aufzusuchen«. Diese kritische »Aufschie-
bung« oder »Zurückhaltung« des Urteils ist die Maxime der »geüb-
ten Urteilskraft«, die sich nur bei zunehmendem Alter findet (vgl.
ebd., XXIV546). Die Urteilskraft soll nach dieser Maxime »ein bloß
v o r l ä u f i g e s Urteil nicht zu einem b e s t i mme n d e n werden« las-
sen (Jäsche Logik, A113/IX74), subjektive Gründe des Urteils nicht
fälschlich für objektiv halten oder die Sache vorurteilsfrei beurteilen.
Ein vorläufiges Urteil setzt aber schon Wissen voraus, das Wissen
aber erfordert Gesetze des Verstandes. Die Urteilskraft steht somit
in ihrer kognitiven Reflexion zugleich unter bestimmten Gesetzen
des Verstandes.
Die Urteilskraft als Vermögen des Verstandesgebrauchs ist im-
mer reflektierend. Die kognitive Reflexion richtet sich auf das be-
stimmende Urteil. Die Urteilskraft wird meistens auch von Kant
unter diesem erkenntnistheoretischen Aspekt heuristisch als ein ver-
gleichendes, untersuchendes und unterscheidendes Vermögen be-
trachtet, welches dazu eine Übersicht der ganzen Erkenntnis in be-
zug auf den zweckmäßigen Gebrauch unserer Erkenntnisvermögen
erfordert. Die kritische Zurückhaltung des Urteils ist ein spezifi-

199
scher Aspekt der allgemeinen Maxime der Urteilskraft, nämlich
»sich in die Stelle jedes anderen zu denken« (vgl. KU, 157).
Bei der Bildung des bestimmenden Urteils verfährt die Urteils-
kraft zwar systematisch, aber nicht bloß reflektierend. Eine bloß
reflektierende Urteilskraft, und zwar aus Prinzipien a priori, ist das
Neue der KU. Die Reflexion der Urteilskraft wird hierbei bloß unter
subjektivem Aspekt betrachtet. Sie strebt »von empirischen An-
schauungen zu Begriffen überhaupt« (EE, XX249). Dieses Streben
ist im allgemeinen nicht von vornherein ein Richten auf das Bestim-
mende, sondern charakterisiert vielmehr die eigentümliche Hand-
lung der Urteilskraft, die Sache sowenig wie möglich vom privaten,
sondern vom allgemeingültigen Standpunkt aus zu betrachten. Letz-
tere kann bloß subjektiv oder objektiv sein. Das reine Geschmacks-
urteil oder das ästhetische Reflexionsurteil ist z.B. ein bloß subjek-
tiv allgemeingültiges Urteil. Das teleologische Urteil ist zwar auch
ein bloßes Reflexionsurteil, aber es kann zur Leitung der Naturfor-
schung dienen, die die bestimmenden Urteile bezweckt. Das ästheti-
sche und teleologische Urteil können niemals ein bestimmendes
Urteil werden. Sie sind daher keine »vorläufigen Urteile« (Refle-
xionsurteile) in dem Sinne, daß sie durch Untersuchung »nach und
nach eine größere Annäherung zu bestimmten Urtheilen haben«
(Wiener Logik, XXIV861) oder solche werden können.
Die kritische Reflexion ist die Reflexion der Urteilskraft. Diese
Interpretation kann dadurch gerechtfertigt werden, daß Kant der
Urteilskraft die heuristische Funktion der »Überlegung (reflexio)«
zuspricht, die allen Begriffen der Objekte und Urteilen vorangeht.
Die Reflexion der Urteilskraft ist immer mit dem Bewußtsein der
Gründe der Beurteilung verbunden, ob sie zureichend oder unzurei-
chend sind. Die modale Reflexion ist die eigentümliche Handlung
der Urteilskraft, welche nicht auf die gegenstandsbezogene Be-
griffsbestimmung geht. Die Reflexion (Überlegung) wird hierbei
bloß unter subjektivem Aspekt betrachtet. Wir fassen nun Kants
Bestimmung der Reflexion als subjektive Bedingung der Erkenntnis
überhaupt zusammen. »Ueberlegung ist eine Zusammenhaltung des
Erkenntnißes mit der Erkenntnißkraft, woraus sie entspringen soll«
(Logik-Pölitz, XXIV547), d.h. »den Zusammenhang einer Erkennt-

200
niß mit unserer Erkenntnißkraft, aus der sie entspringen soll, aufzu-
suchen« (Wiener Logik, XXIV863). Oder sie »ist das Bewußtsein
des Verhältnisses gegebener Vorstellungen zu unseren verschiede-
nen Erkenntnisquellen, durch welches allein ihr Verhältnis unter-
einander richtig bestimmt werden kann« (KrV, A260/B316). Diese
Art der Reflexion nennt Kant im Amphibolie-Kapitel die transzen-
dentale Reflexion.75

3.2 Urteilskraft als Vermögen der Darstellung


Kant bestimmt die Urteilskraft in der KU nicht nur als Vermögen
des Urteils oder der Reflexion, sondern auch als »Vermögen der
Darstellung« 76 . Das Vermögen der Darstellung bezeichnet Kant
darüber hinaus auch noch als Einbildungskraft 77 und sogar als
Verstand78. Das kann dadurch erklärt werden, daß Kant unter ›Ur-
teilskraft‹ das Vermögen der Reflexion und zugleich das Vermögen
des Urteilens versteht. 79 Anschauungen auf Begriffe zu bringen,

75
In manchen Vorlesungsnachschriften heißt »Überlegung« nur das Vergleichen
der Vorstellungen mit den »Gesetzen des Verstandes und der Vernunft« (Logik-
Philippi, XXIV424; ferner Logik-Blomberg, XXIV161; Logik-Busolt,
XXIV641; Logik-Dohna, XXIV737). Hier ist die »Überlegung« nichts anderes
als kognitive Reflexion.
76
Vgl. EE, XX220, 233; KU, XLIX. – »Zu jedem empirischen Begriffe gehören
nämlich drei Handlungen des selbsttätigen Erkenntnisvermögens: 1. die A u f -
f a s s u n g (apprehensio) des Mannigfaltigen der Anschauung 2. die Z u s a m -
m e n f a s s u n g d.i. die synthetische Einheit des Bewußtseins dieses Mannig-
faltigen in dem Begriffe eines Objekts (apperceptio comprehensiva) 3. die
D a r s t e l l u n g (exhibitio) des diesem Begriff korrespondierenden Gegen-
standes in der Anschauung. Zu der ersten Handlung wird Einbildungskraft, zur
zweiten Verstand, zur dritten Urteilskraft erfordert, welche, wenn es um einen
empirischen Begriff zu tun ist, bestimmende Urteilskraft sein würde« (EE,
XX220).
77
Vgl. KU, 131 f., 55, 74, 146, 278, 192.
78
Vgl. EE, XX223, 224, 221.
79
Mit Reflexion meint Kant in diesem Fall vornehmlich »Anschauungen auf
Begriffe zu bringen« (synthetisch), mit Urteil »Anschauungen unter Begriffe zu
bringen« (analytisch). – Vgl. KrV, A51 f./B75 f., A78 f./B103 ff., B135, B143;

201
bedarf des Aktes der Synthesis der Einbildungskraft mittels der Ein-
heit der Apperzeption; Anschauungen unter Begriffe zu bringen,
also die Subsumtion, ist nach Kant ein Akt der Analysis, der eine
Synthesis vorausgeht.80 Die Synthesis zählt zur Hauptfunktion der
Reflexion, die Analysis zur Hauptfunktion des Urteils; beide kom-
men bei der Begriffs- und Urteilsbildung gemeinsam vor. Wichtig
ist, daß bei Kant generell zwischen dem Gegenstands- und Urteils-
bezug, also zwischen Formen der Anschauungen der Gegenstände
und Gesetzen ihrer Verbindung unterschieden werden muß (vgl.
KrV, § 26). Dies entspricht der Unterscheidung zwischen der An-
schauung (Einbildungskraft) und dem Begriff (Verstand).
Bekanntlich wird die Beziehung der Urteilskraft zur Einbil-
dungskraft einerseits und zum Verstand (bzw. Apperzeption) ande-
rerseits von Kant nicht recht erklärt. Es sei an dieser Stelle nur dar-
auf verwiesen, daß Urteilskraft, in Kants Erkenntnislehre der Syn-
thesis von Anschauung und Begriff, die Vermittlung zwischen Ein-
bildungskraft (als Vermögen der Anschauung) und Verstand (als
Vermögen des Begriffs) leistet.81 Als das vermittelnde Dritte hat

Prol., A89 f./IV305 f.; S. i.D. orient., A309 ff./VIII136 f.; KU, XLIV, 113, 233,
242; dazu ferner M. Steckelmacher S. 1 ff., 11 ff.
80
Vgl. KrV, A77 ff./ B102 ff., B130, B133 f.
81
Transzendentale (oder produktive) Einbildungskraft in der KrV sollte eigentlich
Urteilskraft heißen; zumindest beinhaltet die »Doktrin der Urteilskraft« (KrV,
A132/B171) den Schematismus der Einbildungskraft. – Zur Erläuterung dient
die Betrachtung der Zusammengehörigkeit der Erkenntniskräfte in der objekti-
ven Synthesis: Laut der KrV beruht der objektive uns erweisbare Grund der Ü-
bereinstimmung von Sinnlichkeit und Verstand auf der Spontaneität des Den-
kens, genauer auf der Einheit der transzendentalen Apperzeption in (nicht mit)
der transzendentalen Synthesis der Einbildungskraft (vgl. KrV, B136). Der
Verstand selbst als Handlung vollzieht sich nur durch das Einigen der Apper-
zeption, welches wiederum nur im Zusammensetzen der Einbildungskraft ihren
zweckmäßigen Gebrauch haben kann (vgl. KrV, A147/B187). »D i e E i n h e i t
der Apperzeption in Beziehung auf die Synthesis der Einbil-
d u n g s k r a f t ist der V e r s t a n d , und eben dieselbe Einheit, beziehungsweise
auf die t r a n s z e n d e n t a l e S y n t h e s i s der Einbildungskraft, der r e i n e
V e r s t a n d « (KrV, A119; vgl. B151 f.). Zum gegenseitigen Verhältnis zwi-
schen Einbildungskraft und Apperzeption (vgl. KrV, A118) und ihre Beziehung
zum Verstand sagt Biemel (S. 91) treffend: »Aus dem Zusammen von trans-
zendentaler Apperzeption und transzendentaler Einbildungskraft – aus ihrer ge-

202
Urteilskraft jeweils Gemeinsames (Übereinstimmung, aber nicht
Identität) mit Einbildungskraft und Verstand.82 Die Urteilskraft,
»in Ansehung einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand
gegeben wird, gebraucht, erfordert zweier Vorstellungskräfte
Zusammenstimmung: nämlich der Einbildungskraft (für die
Anschauung und die Zusammensetzung des Mannigfaltigen
derselben) und des Verstandes (für den Begriff der Vorstel-
lung der Einheit dieser Zusammensetzung)« (KU, 145; vgl.
EE, XX223 f.).
Die Urteilskraft hält also im allgemeinen die Einbildungskraft
(als Vermögen der Auffassung) mit dem Verstand (als Vermögen
der Zusammenfassung) in einem Urteil (als Ergebnis der Darstel-
lung) zusammen (vgl. EE, XX223 f.).
Zur Erläuterung dient die »Verbindung des Geschmacks mit Ge-
nie in Produkten der schönen Kunst« (KU, § 50). Auf die Frage, ob
es in der schönen Kunst mehr auf Einbildung (Genie) als auf Ur-
teilskraft (Geschmack) ankomme, antwortet Kant:
»Reich und original an [ästhetischen] Ideen zu sein bedarf es
nicht so notwendig zum Behuf der Schönheit, aber wohl der
Angemessenheit jener Einbildungskraft in ihrer Freiheit zu
der Gesetzmäßigkeit des Verstandes. Denn aller Reichtum
der ersteren bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Un-
sinn hervor; die Urteilskraft ist aber das Vermögen, sie dem
Verstande anzupassen.
Der Geschmack ist, so wie die Urteilskraft überhaupt, die
Disziplin (oder Zucht) des Genies, beschneidet diesem sehr
die Flügel und macht es gesittet oder geschliffen; zugleich
aber gibt er diesem eine Leitung, worüber und bis wie weit es
sich verbreiten soll, um zweckmäßig zu bleiben; und indem er
Klarheit und Ordnung in die Gedankenfülle hineinbringt,
macht er die [ästhetischen] Ideen haltbar, eines dauernden,

genseitigen Implikation [vgl. ebd., S. 90] – entspringt ursprünglich der reine


Verstand«. – Dies ist wiederum ein Beleg für Kants Anwendung der methodi-
schen Absonderung in der transzendentalen Untersuchung.
82
Ibañez’ Kritik an Mörchens Auffassung der Synonymität von Einbildungskraft
und Urteilskraft ist m.E. treffend (vgl. J. Ibañez S. 125 f.; H. Mörchen S. 173 f.).

203
zugleich auch allgemeinen Beifalls, der Nachfolge anderer
und einer immer fortschreitenden Kultur fähig« (KU, 202 f.).
Aufschlußreich ist Kants Anmerkung zum Verhältnis der vier zur
schönen Kunst erforderlichen Vermögen, Einbildungskraft,
Verstand, Geist und Geschmack: »Die drei ersteren Vermögen be-
kommen durch das vierte allererst ihre V e r e i n i g u n g « (KU, 203
Anm.).
In diesem Kontext werden sowohl die Einbildungskraft als auch
der Verstand »Erkenntnisvermögen der Urteilskraft« (EE, XX224)
genannt. Urteilen wäre überhaupt nicht möglich, wenn die dazu
gebrauchten Erkenntniskräfte sich nicht in einer Harmonie befänden.
Das Verhältnis der Harmonie
»kann zwar erstlich objektiv, als zum Erkenntnis gehörig, in
Betracht gezogen werden (wie in dem transzendentalen Sche-
matism der Urteilskraft geschah); aber man kann eben dieses
Verhältnis zweier Erkenntnisvermögen doch auch bloß sub-
jektiv betrachten, so fern eins das andere in eben derselben
Vorstellung befördert oder hindert und dadurch den G e -
m ü t s z u s t a n d affiziert und also als ein Verhältnis, welches
e m p f i n d b a r ist (ein Fall, der bei dem abgesonderten
Gebrauch keines andern Erkenntnisvermögens statt findet)«
(EE, XX223).
Es ist umstritten, ob Kant hierbei die Struktur der Harmonie der
Erkenntnisvermögen in der Reflexion der Urteilskraft bloß topolo-
gisch betrachtet, d.h. ohne auf den Unterschied der subjektiven Ein-
stellungen in der ästhetischen und kognitiven Reflexion zu achten.
Oder betrachtet Kant das freie Spiel der Erkenntniskräfte in der äs-
thetischen Reflexion nicht vielmehr bloß als eine Art der kognitiven
Reflexion, wie die Formulierungen in § 9, 21, 35 und 38 der KU
und in der oben zitierten Textstelle der EE anzudeuten scheinen? Es
ist ratsam vorläufig nur die erste Interpretation zu berücksichtigen.
Bei der zweiten müßte man zusätzlich zwischen dem allgemeinen
Verfahren der reflektierenden Urteilskraft und dem spezifischen der
Begriffs- und Urteilsbildung derselben unterscheiden. Die ästheti-
sche sowie (logisch-)kognitive Reflexion ist eine Spezifikation des
allgemeinen Verfahrens der reflektierenden Urteilskraft. Ob dieses

204
Verfahren im allgemeinen auch kognitive Reflexion genannt wer-
den darf, spielt dabei keine Rolle. Bei der topologischen Betrach-
tung wird der Unterschied zwischen Geschmacksurteil und Erkennt-
nisurteil nicht verwischt. Eine solche Betrachtungsweise ist bei
Kant in der sogenannten »transzendentalen Definition« zu finden,
die seiner transzendentalen Methode entspricht. 83 Diese Methode
besteht »aus der Entfernung aller empirischen Bedingungen […]
und der bloßen Rücksicht auf die Form der allgemeinen Gesetz-
mäßigkeit« (Frieden, A104/VIII386; vgl. KrV, B5 f.; KU, 135, 146).
Wichtig dabei ist die Anwendung der Analogie in der Formbetrach-
tung.
Die Anwendung der transzendentalen Methode auf die Analyse
des Geschmacksurteils ist aber insofern problematisch, weil das
Charakteristische der Apriorität des Geschmacksurteils gegenüber
der Apriorität des objektiven Erkenntnisurteils und des moralischen
Urteils gerade in seiner empirischen Situationsbedingtheit liegt. Das
Geschmacksurteil ist einzeln und empirisch; es ist a priori unmög-
lich zu entscheiden, ob eine gegebene Gegenstandsvorstellung
schön ist oder nicht. Dies folgt unmittelbar aus der Begriffslosigkeit
des Gefühls der Lust und Unlust, genauer aus der begrifflichen Un-
bestimmtheit der ästhetischen Lust und Unlust (vgl. z.B. EE,
XX229 f.). Wie könnte es dann ein apriorisches Prinzip des Ge-
schmacksurteils geben? Den Ausweg findet Kant durch die zweifa-

83
Vgl. EE, XX230 f.; KU, XXII Anm., 32 f., 135 f., 146.; ferner KrV, A266/B322.
Die Kantische transzendentale Methode, beschreibt Fr. Kaulbach (1969, S. 320
f.), »kann man grob so charakterisieren: zunächst ›isoliert‹ Kant die reine Ver-
nunft in verschiedenen Richtungen: als theoretische und als praktische Vernunft.
Er stellt sie auf den Stand ihrer eigenen Spontaneität und reinigt sie von allen
empirischen Beimischungen. Ist dieser Schritt geschehen, welcher etwa der tra-
ditionellen ›analytische Methode‹ entspricht, dann folgt eine Umwendung des
philosophischen Gedankens: die reine Vernunft muß ihren Weg wieder zur
Unmittelbarkeit der Empfindung des Wahrnehmens und sinnlichen Anschauens
zurückfinden. Das ist dem Verfahren der ›synthetischen Methode‹ analog. Auf
diesem Wege begegnet das Denken Problemen der ›Anwendung‹ und der
Durchdringung von empirischer Mannigfaltigkeit durch Vernunftsystematik«. –
Zur transzendentalen Analyse des Geschmacksurteils vgl. auch unten Anm. 102
(S. 219).

205
che Analogie des Geschmacksurteils zum einen mit dem einzelnen
Erfahrungsurteil84 und zum anderen mit dem moralischen Gefühl85.

3.2.1 Schematische Darstellung


Der Begriff der Darstellung gehört zur Begriffsfamilie der Synthesis.
Mittels dieses Begriffs wird das Kardinalproblem des Schema-
tismus verallgemeinert. Durch ihn können der transzendentale und
empirische Schematismus der KrV, die »Typik der reinen prakti-
schen Urteilskraft« der KpV und die Symbol- und Zweckmäßig-
keitslehre der KU systematisch in einer Analogie betrachtet wer-
den.86 Der Schematismus der KrV gehört zur Aufgabe der theore-
tisch-bestimmenden Urteilskraft. Der Typus des moralischen Geset-
zes wird in einer Analogie mit dem Schema der Kategorien gefaßt,
die Form der Naturgesetze, nämlich die Allgemeingültigkeit und
Notwendigkeit derselben dient dabei der praktisch-bestimmenden
Urteilskraft als Norm der Maxime ihrer Handlung (vgl. KpV,
A122/V69). Die Gesetzmäßigkeit der Naturgesetze ist demnach die
analoge Darstellung der Gesetzmäßigkeit des moralischen Gesetzes
(vgl. KpV, A124/V70). In der KU ist hauptsächlich von der Darstel-

84
Vgl. z.B. KU, XLVI, 3 f. Anm., 155 f. Die Analogie zwischen Geschmacksur-
teil und Erkenntnisurteil durchzieht die ganze Analytik der ästhetischen Urteils-
kraft.
85
Vgl. KU, § 12 (35 f.), § 16 (51 f.), § 18 (62 f.), § 21 (65 f.), § 29 (114, 120), §
39 (154 f.), § 41 (164), § 42 (168 f.).
86
Darauf gehen G. Lehmann (1969, S. 162 ff., 190 f.) und J. Ibañez ausführlich
ein. – G. Böhme (1999, S. 73-77) äußert sich in der Auseinandersetzung mit
Lyotards Interpretation des Kantischen Erhabenen treffend über Wesen und
Funktion der Darstellung: »D a r s t e l l u n g ist in der Tat ein Brückenprinzip.
Durch Darstellung wird eine Vorstellung, die in einem bestimmten Erkenntnis-
vermögen ihren Ursprung hat, in einem anderen präsent. Erkenntnis im eigent-
lichen Sinne vollzieht sich durch Verbindung verschiedener Erkenntnis-
vermögen auf dem Wege der Darstellung« (G. Böhme, 1999, S. 74). – Völlig
unabhängig von der Formulierung der »Typik« der praktisch-bestimmenden
Urteilskraft (vgl. KpV, A119 ff./V67 ff.) entwickelt Kant seine Theorie der
symbolischen Darstellung in der KU, welche auch von ihm als »Schematismus
nach der Analogie (symbolisch)« (Fortschritte, A204/XX332) genannt wird.

206
lung der bloß reflektierenden Urteilskraft die Rede. Die Darstellung
eines gegebenen Begriffs durch einen ganz anderen Gegenstand der
sinnlichen Anschauung nennt Kant im allgemeinen symbolisch (in-
direkt) oder analogisch87 (vgl. KU, 256). Das allgemeine Verfahren
der bloß reflektierenden Urteilskraft ist also die Darstellung eines
unbestimmten Begriffs, welche sich in der ästhetischen und kogniti-
ven (logischen) Reflexion spezifiziert.
Die Darstellung des Begriffs differenziert sich entweder nach der
Art der Darstellung oder nach der Beschaffenheit des darzustellen-
den Begriffs. Die Darstellung des Verstandesbegriffs a priori nennt
Kant Schema, das aber keine bestimmte empirische Anschauung,
sondern ein allgemeines Verfahren ist, einem Begriff seine korres-
pondierende Anschauung (Bild) zu verschaffen; das Beispiel als
Darstellung des empirischen Begriffs ist die »Vorzeigung« dessel-
ben in einer empirischen Anschauung (vgl. KU, 241). Das Beispiel
als Beispiel des gegebenen Begriffs muß schon das Schema dessel-
ben voraussetzen, weil man sonst nicht unterscheiden kann, ob die
empirische Anschauung ein Beispiel desselben ist. Diese Art, dem
(empirischen oder apriorischen) Begriff des Verstandes eine korres-
pondierende Anschauung direkt zu unterlegen, nennt Kant schema-
tische Darstellung, wodurch Erkenntnisurteile entstehen.
Darstellung wird von Kant zuerst anhand der bestimmenden Ur-
teilskraft, als Veranschaulichung oder Versinnlichung eines gege-
benen Begriffes aufgefaßt:88
»Wenn der Begriff von einem Gegenstande gegeben ist, so
besteht das Geschäft der Urteilskraft im Gebrauche desselben
zum Erkenntnis in der D a r s t e l l u n g (exhibitio), d. i. darin,
dem Begriffe eine korrespondierende Anschauung zur Seite
zu stellen« (KU, XLIX).
Die epistemische Funktion der Darstellung charakterisiert Kant
zusammenfassend im Rahmen seiner Transzendentalphilosophie
folgendermaßen:

87
Die analogische und symbolische Darstellung decken sich nicht; die symboli-
sche ist ihrer Bedeutung nach spezifischer als die analogische.
88
Vgl. die in Anm. 76 (S. 201) schon zitierte Stelle (EE, XX220).

207
»Durch die Anschauung, die einem Begriffe gemäß ist, wird
der Gegenstand g e g e b e n , ohne dieselbe wird er bloß g e -
d a c h t . Durch diese bloße Anschauung ohne Begriff wird der
Gegenstand zwar gegeben, aber nicht gedacht, durch den Be-
griff ohne korrespondierende Anschauung wird er gedacht,
aber keiner gegeben, in beiden Fällen wird also nicht erkannt.
Wenn einem Begriffe die korrespondierende Anschauung a
priori beigegeben werden kann, so sagt man: dieser Begriff
werde k o n s t r u i e r t ; ist es nur eine empirische Anschauung,
so nennt man das ein bloßes Beispiel zu dem Begriffe; die
Handlung der Hinzufügung der Anschauung zum Begriffe
heißt in beiden Fällen Darstellung (exhibitio) des Objekts,
ohne welche (sie mag nun mittelbar, oder unmittelbar ge-
schehen) es gar kein Erkenntnis geben kann« (Fortschritte,
A183/XX325; vgl. A62/XX279, A204/XX332; KU, 240 f.,
254 ff.; KrV, A139 f./B178 ff., A713 f./B741 f.; Entdeckung,
A12 f./VIII191 f. Anm.).
Die ersten beiden Sätze sind fundamental für die Kantische Er-
kenntnistheorie, die auf der transzendentalen Lehre von den »zwei
Grundquellen des Gemüts« (KrV, A50/B74), nämlich der sinnlichen
Anschauung und dem diskursiven Begriff, beruht.89 Dabei muß man
auf den Unterschied von dem Erkennen durch bestimmte Begriffe
und bloßem Denken in unschematisierten Kategorien achten. Da-
zwischen liegt nach Kant noch die mathematische Erkenntnis, die –
im Unterschied zur philosophischen – die Vernunfterkenntnis durch
Konstruktion der Begriffe in der reinen Anschauung heißt.90 Sie ist
eine bloß formale Erkenntnis der möglichen Gegenstände als Er-
scheinungen, aber keine reale (empirische) Erkenntnis der Natur-
dinge, welche nach Kant die Darstellung der Begriffe in empiri-

89
Diese Unterscheidung ist nach Kant nicht logisch, sondern transzendental.
Nach Kant ist der Grund für uns unbekannt, also gleichsam eine transzenden-
tale Tatsache (vgl. KrV, B5, B145 f.; Entdeckung, A123 f./VIII249 f.; Brief an
Herz vom 26.05.1789, 397 ff.). – Vgl. dazu De mundi, A10/II394 f.; KrV,
A19/B33, A43 ff./B60 ff., A90 f./B122 f.; Prol., A64 ff./IV290 f.; Anthr., A20
ff./VII137 ff.; EE, XX226 f. Anm.; Jäsche Logik, A45/IX35 f.; Brief an Lam-
bert vom 02.09.1770, 71; Brief an Bernoulli vom 16.11.1781, 202 f.; Brief an
Beck vom 20.01.1792, 548 f. u.ö.
90
Vgl. KrV, A723 f./B751 f.; MAN, AVIII f./IV470.

208
schen Anschauungen oder die Darstellung der wahrgenommenen
Anschauungsgegenstände durch Begriffe ist. Diesen Unterschied
hebt Kant in § 22 der KrV besonders hervor, um die Sinnlichkeits-
bedingtheit des menschlichen Erkennens und die Grenzen des
Gebrauchs der reinen Verstandesbegriffe zu bestimmen (vgl. KrV,
B147 f.). Die Erkenntnis im eigentlichen Sinne ist nach Kant die
Anwendung der Verstandesbegriffe auf empirische Anschauungen.
»Durch Bestimmung der ersteren [sc. reinen Anschauung]
können wir Erkenntnisse a priori von Gegenständen (in der
Mathematik) bekommen, aber nur ihrer Form nach, als Er-
scheinungen; ob es Dinge geben könne, die in dieser Form
angeschaut werden müssen, bleibt doch dabei noch unausge-
macht. Folglich sind alle mathematische Begriffe für sich
nicht Erkenntnisse; außer, sofern man voraussetzt, daß es
Dinge gibt, die sich nur der Form jener reinen sinnlichen An-
schauung gemäß uns darstellen lassen. D i n g e im R a u m
und der Z e i t werden aber nur gegeben, sofern sie Wahr-
nehmungen (mit Empfindung begleitete Vorstellungen) sind,
mithin durch empirische Vorstellung. Folglich verschaffen
die reinen Verstandesbegriffe, selbst wenn sie auf Anschau-
ungen a priori (wie in der Mathematik) angewandt werden,
nur sofern Erkenntnis, als diese, mithin auch die Verstandes-
begriffe vermittelst ihrer, auf empirische Anschauungen an-
gewandt werden können« (KrV, B147).
Ein (realer) Gegenstand (der Sinne) kann uns nur durch die »An-
schauung, die einem Begriffe gemäß ist«, gegeben werden, während
ein (logischer) Gegenstand ohne Anschauung uns zwar nicht gege-
ben, aber bloß gedacht werden kann, weil »die Kategorien im D e n -
k e n durch die Bedingungen unserer sinnlichen Anschauung nicht
eingeschränkt sind, sondern ein unbegrenztes Feld haben, und nur
das E r k e nn e n dessen, was wir uns denken, das Bestimmen des
Objekts, Anschauung bedürfe«91. Mit einem Begriff ist also in die-
sem Zusammenhang nicht irgendein bestimmter Begriff gemeint,
sondern vielmehr der Begriff überhaupt als allgemeine Form eines
jeden bestimmten Begriffs oder Gesetzmäßigkeit der »Gegenstände

91
KrV, B166 Anm.; vgl. B148, B428 f., A287/B343; Prol., A177/ IV358.

209
der Anschauung überhaupt« (KrV, B148), also Kategorien, »welche
das Denken eines O b j e k t s ü b e r h a u p t durch Verbindung des
Mannigfaltigen in einer Apperzeption ausmachen« (KrV, B158; vgl.
A51/B75). Die Anschauung kann also nicht chaotisch sein, wenn
sie überhaupt einen Gegenstand (als konstante Größe in Raum und
Zeit) repräsentiert, sondern sie muß der Form eines Begriffs über-
haupt entsprechen, abgesehen davon, ob es absichtlich oder ab-
sichtslos intendiert geschieht. Dies steht aber nicht in Widerspruch
zu Kants These der zwei Stämme der Verstandeserkenntnis. Unbe-
griffene Anschauungen (oder Erscheinungen) gibt es nach Kant
ebenso wie leere Gedanken; »ohne Funktion des Verstandes können
allerdings Erscheinungen in der Anschauung gegeben werden«
(KrV, A90/B122; vgl. KU, 340). Ohne Kategorien kann uns zwar
etwas Diffuses in der zerstreuten Wahrnehmung gegeben werden,
aber nicht als ein Gegenstand.92
Gegenstände werden uns als Gegenstände gegeben, nur wenn sie
überhaupt dargestellt werden können.
»Das sinnliche Anschauungsvermögen ist eigentlich nur eine
Rezeptivität, auf gewisse Weise mit Vorstellungen affiziert
zu werden, deren Verhältnis zueinander eine reine Anschau-
ung des Raumes und der Zeit ist, (lauter Formen unserer
Sinnlichkeit,) und welche, sofern sie in diesem Verhältnisse
(dem Raume und der Zeit) nach Gesetzen der Einheit der Er-
fahrung verknüpft und bestimmbar sind, G e g e n s t ä n d e hei-
ßen« (KrV, A494/B522).
Wir können eigentlich nur das erkennen, was wir anschaulich
schon kannten. Denselben Gedanken bringt Kant in § 27 der KrV
(Resultat der transzendentalen Deduktion der Kategorien) prägnant
zum Ausdruck:
»Wir können uns keinen Gegenstand denken, ohne durch Ka-
tegorien; wir können keinen gedachten Gegenstand e r k e n -
n e n , ohne durch Anschauungen, die jenen Begriffen entspre-
chen« (KrV, B165).

92
Vgl. z.B. KrV, A120, B133, A89 ff./B121 ff. – Zu Kants Begriff des Gegens-
tandes siehe oben S. 166 f. und Anm. 39 (S. 173).

210
Die Darstellbarkeit der gegebenen Gegenstände durch Begriffe
oder die empirische Anwendbarkeit der Kategorien ist die notwen-
dige Bedingung der Möglichkeit der Erkenntnis überhaupt, wobei
sich die Urteilskraft durch die Veranlassung einer Anschauung der
Einbildungskraft dem Verstand spontan anpaßt. Dies zeigt sich in
der formalen Anschauung durch die transzendentale Synthesis der
Einbildungskraft, insbesondere nach Kategorien der Größe. 93 Die
innere Teleologie in der Spontaneität des Denkens bildet gleichsam
eine gemeinsame epistemische Grundlage der KrV und KU. Dabei
liegt der Unterschied nur darin, daß in der KrV die Leistung der
transzendentalen produktiven Einbildungskraft hervorgehoben wird,
während in der KU die Leistung der empirischen produktiven Ein-
bildungskraft betont wird (vgl. KU, 69, 71). Man braucht sich hier-
bei nicht durch Kants Behauptung der Blindheit der Einbildungs-
kraft in der KrV gestört zu fühlen, weil die transzendentale Ap-
perzeption oder die reflektierende Urteilskraft ihr gerne als leitender
»Schäferhund« dienen (vgl. KrV, A78/B103, B151, A124).
Urteilskraft als Vermögen der Darstellung »strebt« spontan »von
empirischen Anschauungen zu Begriffen überhaupt« (EE, XX249).
Dies kann die Urteilskraft leisten, weil sie in sich die Funktion der
transzendentalen Apperzeption immer schon einschließt. Der durch
die Anschauung – die einem Begriffe gemäß ist – gegebene Gegen-
stand ist als bloße Erscheinung jedenfalls noch unbestimmt, wenn er
nicht durch einen bestimmten Begriff unterlegt wird.94 Darum sagt
Kant auch: »Durch diese bloße Anschauung ohne Begriff wird der
Gegenstand zwar gegeben, aber nicht gedacht«, mithin noch nicht

93
Vgl. KrV, B160 ff., A268/B324; Brief an Beck vom 01.07.1794, 676 f.; Brief an
Tieftrunk vom 11.12.1797, 758 ff. – Noch allgemeiner ist Kants Behauptung in
§ 20 f. der KrV, daß alle sinnlichen Anschauungen notwendig unter der Einheit
der transzendentalen Apperzeption stehen, weil alle Vorstellungen meine Vor-
stellungen sind: »Der Beweisgrund beruht auf der vorgestellten E i n h e i t d e r
A n s c h a u u n g , dadurch ein Gegenstand gegeben wird, welche jederzeit eine
Synthesis des mannigfaltigen zu einer Anschauung Gegebenen in sich schließt,
und schon die Beziehung dieses letzteren auf Einheit der Apperzeption enthält«
(KrV, B144 Anm.).
94
»Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen Anschauung heißt E r s c h e i -
n u n g « (KrV, A20/B34).

211
erkannt. Ohne durch einen bestimmten Begriff wird der Gegenstand
bloß angeschaut; Denken kann man auch ohne sich auf irgendeine
bestimmte Anschauung zu beziehen (vgl. KrV, A253 f./B309). Er-
kenntnis entsteht allerdings nur dann, wenn dem Begriff eine ihm
korrespondierende Anschauung unterlegt wird; dies geschieht ent-
weder durch die mathematische Konstruktion des Begriffs mittels
der Anschauung a priori oder durch das Anführen eines Beispiels
per empirischer Anschauung.95

3.2.2 Symbolische Darstellung


Eine andere Art, einem gegebenen Begriff (Verstandes- oder Ver-
nunftbegriff) eine Anschauung durch eine Analogie indirekt beizu-
legen, nennt Kant die symbolische Darstellung. Beispielsweise wird
eine Vernunftidee, der
»keine sinnliche Anschauung angemessen sein kann, eine
solche untergelegt […], mit welcher das Verfahren der Ur-
teilskraft demjenigen, was sie im Schematisieren beobachtet,
bloß analogisch ist, d. i. mit ihm bloß der Regel dieses Ver-
fahrens, nicht der Anschauung selbst, mithin bloß der Form
der Reflexion, nicht dem Inhalte nach übereinkommt« (KU,
255).
Die symbolische Darstellung und der symbolische Ausdruck für
Begriffe erfolgt »nicht vermittelst einer direkten Anschauung, son-
dern nur nach einer Analogie mit derselben, d.i. der Übertragung
der Reflexion über einen Gegenstand der Anschauung auf einen
ganz anderen Begriff, dem vielleicht nie eine Anschauung direkt
korrespondieren kann« (KU, 257).
Sehr anschaulich erläutert die folgende Stelle die Symbolisierung
eines gegebenen Begriffs durch einem ganz anderen Gegenstand der
sinnlichen Anschauung:
»Alle Anschauungen, die man Begriffen a priori unterlegt,
sind also entweder S c h e m a t e oder S y m b o l e , wovon die

95
Vgl. KrV, A712 ff./B740 ff., A837/B865.

212
ersteren direkte, die zweiten indirekte Darstellungen des Be-
griffs enthalten. Die ersteren tun dieses demonstrativ, die
zweiten vermittelst einer Analogie (zu welcher man sich auch
empirischer Anschauungen bedient), in welcher die Urteils-
kraft ein doppeltes Geschäft verrichtet, erstlich den Begriff
auf den Gegenstand einer sinnlichen Anschauung, und dann
zweitens die bloße Regel der Reflexion über jene Anschau-
ung auf einen ganz andern Gegenstand, von dem der erstere
nur das Symbol ist, anzuwenden. So wird ein monarchischer
Staat durch einen beseelten Körper, wenn er nach inneren
Volksgesetzen, durch eine bloße Maschine aber (wie etwa
eine Handmühle), wenn er durch einen einzelnen absoluten
Willen beherrscht wird, in beiden Fällen aber nur s y m b o -
l i s c h vorgestellt. Denn zwischen einem despotischen Staate
und einer Handmühle ist zwar keine Ähnlichkeit, wohl aber
zwischen den Regeln, über beide und ihre Kausalität zu re-
flektieren« (KU, 256).
Es sei angemerkt, daß die Symbolisierung eines gegebenen Be-
griffs ein weiteres Beispiel für die Zusammenarbeit der bestimmen-
den und reflektierenden Urteilskraft gibt.
Mit der symbolischen Darstellung bezweckt Kant Schönheit als
Symbol der Sittlichkeit zu interpretieren. Mittels des analogen Ver-
hältnisses des ästhetischen Gefühls mit dem moralischen entsteht
eine wechselseitige Beförderung beider ungleichartiger Gemütszu-
stände. Durch die ästhetische Symbolisierung des sittlich Guten
wird das sittliche Bewußtsein belebt, und das Gemüt ist sich
»zugleich einer gewissen Veredlung und Erhebung über bloße Emp-
fänglichkeit einer Lust durch Sinneneindrücke bewußt« (KU, 258;
vgl. 194 ff.). Nur wenn die Sinnlichkeit mit dem moralischen Ge-
fühl in Einstimmung gebracht wird, kann das ästhetische Gefühl das
Gemüt für die sittliche Idee einerseits empfänglich machen, und der
Geschmack andererseits eine bestimmte unveränderliche Form an-
nehmen (vgl. KU, 264, 242 f.). Denn es handelt sich in der ästheti-
schen Reflexion um die Darstellung eines unbestimmten Begriffs.
Die Einbildungskraft »schematisiert« dabei »ohne Begriff« (KU,
146). Sie kann mit bestimmten Begriffen (Vorstellungsinhalten) in
der Anschauung spielen, ohne selbst dadurch fixiert zu werden;

213
oder sie kann die unbestimmte Vernunftidee als Richtmaß nehmen,
um ein Ideal des Geschmacks zu schaffen. Bei letzterem handelt es
sich nicht mehr um das reine Geschmacksurteil der freien Schönheit,
sondern um ein »angewandtes Geschmacksurteil« der anhängenden
Schönheit (vgl. KU, 51 f., 54 ff.).
Es ist im Fall des Geschmacksurteils unvermeidlich, Begriffe
oder Vernunftideen mitspielen zu lassen. Die »Verbindung des äs-
thetischen Wohlgefallens mit dem intellektuellen« (KU, 51) kann
dem Geschmack insofern nicht schaden, als man ihm dadurch keine
objektiven Regeln vorschreiben will. Diese Verbindung zeigt bloß
die »Vereinbarung des Geschmacks mit der Vernunft« (ebd.).
»Eigentlich aber gewinnt weder die Vollkommenheit durch
die Schönheit, noch die Schönheit durch die Vollkommenheit;
sondern weil es nicht vermieden werden kann, wenn wir die
Vorstellung, wodurch uns ein Gegenstand gegeben wird, mit
dem Objekte (in Ansehung dessen, was es sein soll) durch ei-
nen Begriff vergleichen, sie zugleich mit der Empfindung im
Subjekte zusammen zu halten, so gewinnt das g e s a m t e
V e r m ö g e n der Vorstellungskraft, wenn beide Gemütszu-
stände zusammenstimmen« (KU, 51 f.).
Mit der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit steht die Kantische
ästhetische Theorie nicht nur jenseits der Alternative von Naturalis-
mus und Moralismus in der Ästhetik des 18. Jahrhunderts, sondern
leistet dadurch auch eine Vermittlung zwischen beiden.
Bereits in der Schönheit als »Ausdruck der ästhetischen Idee«
(KU, 204) verweist Kant auf ihre Wesensverwandtschaft mit der
Vernunftidee. Die ästhetische Idee ist eine Anschauung ohne pas-
senden Begriff, die Vernunftidee, ein Begriff ohne korrespondie-
rende Anschauung (vgl. KU, 239 ff.). Die ästhetische Idee ist eine
sinnreiche Anschauung der Einbildungskraft,
»die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgend ein
bestimmter Gedanke, d.i. B e g r i f f , adäquat sein kann, die
folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich ma-
chen kann« (KU, 192 f.; vgl. 242).
Man nennt die ästhetischen Ideen gerade deshalb Ideen,

214
»einesteils darum, weil sie zu etwas über die Erfahrungs-
grenze hinaus Liegendem wenigstens streben und so einer
Darstellung der Vernunftbegriffe (der intellektuellen Ideen)
nahe zu kommen suchen, welches ihnen den Anschein einer
objektiven Realität gibt; andrerseits und zwar hauptsächlich,
weil ihnen als inneren Anschauungen kein Begriff völlig adä-
quat sein kann« (KU, 193).
Kant macht offensichtlich hierbei eine Anspielung auf die sensu-
alistische Auffassung der Idee, etwa die »Vorstellung der roten Far-
be« (KrV, A320/B377), an der er in der KrV bei der Einführung der
Vernunftidee schon Kritik übte.
Kant beabsichtigt mit dem Konzept der Schönheit als Ausdruck
der ästhetischen Idee zweierlei: erstens will er auf die Verwandt-
schaft der Schönheit mit der Sittlichkeit verweisen; zweitens will er
die Natur- und Kunstschönheit, abgesehen von all ihrer Unterschie-
denheit, auf eine gemeinsame Basis bringen, nämlich auf die äs-
thetische Darstellung eines unbestimmten Begriffs aufgrund der
»ungesuchte[n], unabsichtliche[n], subjektive[n] Zweckmäßigkeit in
der freien Übereinstimmung der Einbildungskraft zur Gesetzlichkeit
des Verstandes« (KU, 200). »Man kann überhaupt Schönheit (sie
mag Natur- oder Kunstschönheit sein) den A u s d r u c k ästhetischer
Ideen nennen« (KU, 204). Dabei liegt der Unterschied nur darin,
daß die ästhetische Idee in der schönen Natur durch eine Anschau-
ung ohne einen Begriff von dem, was der Gegenstand sein soll, er-
weckt wird, während sie in der schönen Kunst durch einen Begriff
vom Objekt, oder Vorstellungsinhalt veranlaßt wird (vgl. KU, 204,
199 f.). Die Naturschönheit ist darum »ein s c h ö n e s D i n g ; die
Kunstschönheit ist eine s c h ö n e V o r s t e l l u n g von einem Din-
ge« (KU, 188). Das »Kunsttalent« (KU, 199), eine ästhetische Idee
hervorzubringen, ist, für sich betrachtet, eigentlich das Vermögen
der empirischen produktiven Einbildungskraft, die der Materie eine
neue Form verleihe und sie dadurch gleichsam belebe. Dadurch ist
das Gemüt selbst belebt und das Gefühl der Lust läßt sich gleichsam
durch die Einfühlung des Subjekts auf den Gegenstand selbst über-
tragen. Der Gegenstand wird dann schön genannt, wenn die bloße
Betrachtung seiner Form die freie und dauernde Lust erweckt. Im

215
Fall der ästhetischen Darstellung der Vernunftidee verleiht die äs-
thetische Idee der ansonsten blassen begrifflichen Zergliederung
derselben eine lebhafte Gestalt.96 Die Belebung der Vernunft durch
die ästhetische Idee bringt Kant folgendermaßen zum Ausdruck:
»Wenn nun einem Begriffe eine Vorstellung der Einbil-
dungskraft untergelegt wird, die zu seiner Darstellung gehört,
aber für sich allein so viel zu denken veranlaßt, als sich nie-
mals in einem bestimmten Begriff zusammenfassen läßt, mit-
hin den Begriff selbst auf unbegrenzte Art ästhetisch erwei-
tert, so ist die Einbildungskraft hierbei schöpferisch und
bringt das Vermögen intellektueller Ideen (die Vernunft) in
Bewegung, mehr nämlich bei Veranlassung einer Vorstellung
zu denken (was zwar zu dem Begriffe des Gegenstandes ge-
hört), als in ihr aufgefaßt und deutlich gemacht werden kann«
(KU, 194 f.).
Die transzendentale Begründung des reinen Geschmacksurteils
wertet nicht zwischen Natur- und Kunstschönheit.97 Der Vorrang
der Naturschönheit vor der Kunstschönheit ist lediglich durch die
mit dem moralischen Interesse verbundene ästhetisch-teleologische
Naturdeutung begründet.98 Daß die Naturschönheit »allein ein un-
mittelbares Interesse« erweckt, »stimmt mit der […] Denkungsart
aller Menschen überein, die ihr sittliches Gefühl kultiviert haben«
(KU, 168). Die unmittelbare Verwandtschaft der Liebe und Bewun-
derung der Natur mit dem Respekt (Achtung) vor der Natur kulmi-
niert in der Schönheit als Symbol der Sittlichkeit, als ästhetisch-
transzendentaler Übergang von der Natur zur Freiheit (vgl. KU, 115,
§ 42, § 57, § 59), während der ästhetisch-pragmatische Übergang,
der mittelbar durch den Geschmack in seiner gemeinschaftlichen
Bedeutung als Beförderung der Kultur zum Ausdruck kommt, von
Kant nur angedeutet wird. Denn das empirische Interesse am Schö-

96
Beim Schönen handelt es sich um die positive Darstellung der Vernunftidee;
beim Erhabenen, aber um die »negative Darstellung« derselben (KU, 124; vgl.
75 f.).
97
Vgl. KU, 168 f., dazu auch § 48, § 58; ferner K. Kuypers S. 130 f., 31, 125, 145
f. und vor allem J. Kulenkampff (1994) S. 161 ff.
98
Vgl. KU, § 17, 22, 42, 67, 83; ferner § 2, Anm. 71 (S. 118 f.).

216
nen ist für die transzendentale Untersuchung »von keiner Wichtig-
keit« (KU, 164; vgl. 30), und zwar hauptsächlich, weil das Interesse
am Schönen, wenn es auf Neigungen und Leidenschaften gegründet
ist, »einen nur sehr zweideutigen Übergang vom Angenehmen zum
Guten abgeben könne« (KU, 165; vgl. § 60, § 83).
Wir finden einen Gegenstand schön, wenn wir bei der bloßen
Auffassung der Form desselben eine »unmittelbare« Lust an ihm
wahrnehmen. Die Analogie der Natur mit der Kunst in der Schön-
heitserfahrung bietet Kant eine phänomenale Basis für die trans-
zendentale Untersuchung des Schönen (vgl. KU, 77 f., 267, 293 f.).
Wir finden einen Gegenstand der Natur schön, wenn er uns kunst-
voll erscheint; ein Kunstwerk empfinden wir dann als schön, wenn
es natürlich aussieht. Mit Kants Worten:
»Die Natur war schön, wenn sie zugleich als Kunst aussah;
und die Kunst kann nur schön genannt werden, wenn wir uns
bewußt sind, sie sei Kunst, und sie uns doch als Natur aus-
sieht« (KU, 179).
In diesem Zusammenhang ist es für das Verständnis von Natür-
lichkeit und Künstlichkeit in der Organisation des schönen Gegen-
standes aufschlußreich, die Naturschönheit im Vergleich mit dem
Naturzweck zu betrachten.99 Die Selbstorganisiertheit des lebendi-
gen Organismus ist ausgezeichnet gegenüber allen Arten der äußer-
lichen (relativen) Organisation der Natur, z.B. die Nutzbarkeit oder
Zuträglichkeit, welche in einer Analogie mit der technisch-
praktischen Herstellung des Menschen begreiflich gemacht werden
kann. Man könnte diese formale Eigenschaft des Organismus ana-
log zur menschlichen Intelligenz sehen, also als »A n a l o go n d e s
L e b e n s « (KU, 293). Allerdings muß man sich dabei bewußt sein,
daß die Selbstorganisation der Materie oder im allgemeinen die
»Organisation der Natur nichts Analogisches mit irgend einer Kau-
salität, die wir kennen«, hat (KU, 294), weil »Materie« und »Seele«
nach Kant schlechthin »fremdartig« (KU, 293) sind. Dabei stößt
man an die Grenzen der Begreiflichkeit der »inneren Naturvollkom-
menheit« (vgl. KU, 294). Bei den schönen Naturformen verhält sich

99
Vgl. z.B. EE, XX232 f., 249 f., KU, 267 ff., 293 f., 303 f.

217
die Sache ganz anderes, weil es ihnen nicht um die innere Eigen-
schaft der Dinge geht.
»Schönheit der Natur, weil sie den Gegenständen nur in Be-
ziehung auf die Reflexion über die ä u ß e r e Anschauung der-
selben, mithin nur der Form der Oberfläche wegen beigelegt
wird, kann mit Recht ein Analogon der Kunst genannt wer-
den« (KU, 294).
Damit will Kant sagen, daß es bei der bloßen Beurteilung des
Schönen keine Rolle spielt, ob der Gegenstand ein Naturprodukt
oder Artefakt ist. Wichtig ist, daß die anschauliche Gegenstandsvor-
stellung uns in die ästhetische Reflexion versetzt.
Schönheit überhaupt soll natürlich und zugleich kunstvoll sein.
Natürlich sei sie, da ihre Form nicht nach einer bestimmten Regel
aufgefaßt werden kann, weil ihre Lebhaftigkeit und Leichtigkeit
sich durch keine Begriffe umfassen lassen;100 kunstvoll sei sie, weil
die Zusammensetzung ihrer Form so angemessen erscheint, als ob
die Form absichtlich erzeugt worden wäre. Schönheitserfahrung
besteht nicht einfach in der alltäglichen, gewöhnlichen oder wissen-
schaftlichen Betrachtung der Dinge. Die Erfahrung des Schönen
enthält immer eine überraschende Anmutung, die mit keiner Spra-
che adäquat beschrieben werden kann, also ein »je ne sais quoi«101.
Nicht konditioniert zu sein, ist gerade eine unentbehrliche Bedin-
gung für die ästhetische Einstellung zum (schönen) Gegenstand.
Kant betreibt in der KU keine psychologisch-phänomenale, son-
dern eine transzendentale Analyse des Schönen bzw. des Ge-
schmacks, und zwar in einer lockeren Anlehnung an die urteilslogi-

100
»Als Natur aber erscheint ein Produkt der Kunst dadurch, daß zwar alle
P ü n k t l i c h k e i t in der Übereinkunft mit Regeln, nach denen allein das Pro-
dukt das werden kann, was es sein soll, angetroffen wird; aber ohne P e i n -
l i c h k e i t , ohne daß die Schulform durchblickt, d.i. ohne eine Spur zu zeigen,
daß die Regel dem Künstler vor Augen geschwebt und seinen Gemütskräften
Fesseln angelegt habe« (KU, 180).
101
Zum historischen Hintergrund dieser Formel der Empfindsamkeit (des Ange-
rührtseins) vgl. A. Baeumler S. 20 ff., 192; G. Böhme (1999) S. 28 f.; R.
Brandt (1999) S. 327 ff.; Ch. Fricke (2000) S. 55. – Dazu vgl. auch Kants Cha-
rakterisierung der ästhetischen Idee (KU, 192 f., 242).

218
sche Analyse des Geschmacksurteils, wobei die in der KrV entwi-
ckelte Urteilstafel bloß zur Orientierung dient.102 ›Schön‹ ist kein
Prädikat des Objekts, sondern kennzeichnet vielmehr ein interesse-
loses, freies und zugleich sich selbst stärkendes und reproduzie-
rendes, also dauerndes Wohlgefallen am Gegenstand (vgl. KU, 37),
dessen transzendentaler Bestimmungsgrund auf dem freien Spiel
der Erkenntniskräfte in der bloßen Beurteilung (Reflexion) der
Form des Anschauungsgegenstandes beruht. Die innere zweckmä-
ßige Zusammenstimmung der Erkenntnisvermögen in ihrem Spiel,
das durch die bloße Vorstellung der Gegenstandsform erweckt wird,
ist der Grund a priori für das Schönheitsgefühl, während der Gegen-
stand oder seine Form (Gestalt), transzendental betrachtet, bloß eine
äußerliche empirische Veranlassung ist. Der Gegenstand ist schön
nur durch eine ästhetische Subreption, wobei das Schöne eigentlich
eine Darstellung der »Lust an der Harmonie der Erkenntnisvermö-
gen« ist (KU, 29; vgl. 30, 18). Damit will Kant sagen, daß Schön-
heit »kein Begriff vom Objekt« (KU, 152) oder keine Eigenschaft
des Gegenstandes ist, und ›schön‹ kein objektives Prädikat ist. Das
Geschmacksurteil betrifft also, transzendental betrachtet, »bloß das
Verhältnis der Vorstellungskräfte zueinander, sofern sie durch eine
Vorstellung bestimmt werden« (KU, 34). Der einschränkende Nach-
satz ›sofern …‹ ist insoweit wichtig, als er einen gewissen Gegen-
standsbezug im Geschmacksurteil als eine Art der Gegenstandsbe-
urteilung zum Ausdruck bringt. Das Spiel der Erkenntniskräfte im
Geschmacksurteil ist daher keine bloße Phantasie (vgl. KU, 73).
Das Verhältnis der Vorstellungskräfte, auf denen das Schönheitsge-
fühl beruht, wird weder durch die »Eindrücke der Sinne« noch
durch »Grundsätze der Vernunft«, sondern durch »bloße reflektierte
Formen der Anschauung« bestimmt (KU, 8), »wodurch der Gegen-
stand gegeben (nicht wodurch er gedacht) wird« (KU, 51).
Kants transzendentale Begründung des Geschmacksurteils ist
weder subjektivistisch noch objektivistisch, sondern »kritisch« in
dem Sinne, daß die Urteilskraft im reinen Urteil des Geschmacks,
wenn es denn ein solches Urteil gibt, »sich selbst, subjektiv, Gegen-
102
Vgl. z.B. EE, XX237 ff.; KU, IX, XXXI, 66, 112 f., 128 ff., 144, 146. – Zur
transzendentalen Methode vgl. auch oben Anm. 83 (S. 205).

219
stand sowohl als Gesetz ist« (KU, 148). Das Urteil des Geschmacks
ist ein Urteil über den (schönen) Gegenstand durch Geschmack
(genetivus subjectivus)103 und zugleich ein Urteil über Geschmack
selbst (genetivus objectivus)104. Die reflexive Urteilsstruktur macht
das Geschmacksurteil als eine besondere Art des Reflexionsurteils
und den Geschmack des Schönen als Reflexionsgeschmack aus, d.h.
das reine Geschmacksurteil als mentale Operation der Reflexion ist
weder eine bloße Aussage über die Schönheit des Gegenstandes
noch ein bloßes »Urteil über die Einstimmung oder den Widerstreit
der Freiheit im Spiele der Einbildungskraft und der Gesetzmäßig-
keit des Verstandes« (Anthr., A187/VII241), sondern beide spielen
als zwei Pole der Reflexion im reinen Geschmacksurteil einander zu.
Das Resultat des ganzen Reflexionsvorgangs ist die Feststellung, ob
der Gegenstand schön ist oder nicht.
Die reinen Geschmacksurteile sagen nichts über die Annehm-
lichkeit (das Privatgefühl) des Beurteilenden aus, wie in ästheti-
schen Sinnenurteilen, sondern geben Auskunft über die »Schönheit
von einem Gegenstand oder von der Vorstellungsart desselben«
(KU, 39); sie haben die logische Aussageform: ›Dies x ist schön‹,
›Dies ist schön‹105 oder ›Dies da ist schön‹106. Die erste Form be-
schreibt die oberflächliche (objektsprachliche) Struktur des Ge-
schmacksurteils. Die beiden anderen charakterisieren die (meta-
sprachliche) Tiefenstruktur desselben. Sie geben den normativen
Charakter des reinen Geschmacksurteils wieder. Es ist ausreichend
für das reine Geschmacksurteil durch ›Dies‹ oder ›Dies da‹, auf die
Situations- und Anschauungsbedingtheit desselben zu verweisen.
Dabei ist der Gehalt des Gegebenen unwesentlich (aber nicht ausge-
schlossen).107 Ob das Schöne eine Tulpe oder eine Kirche ist, spielt
hierbei keine Rolle. Entscheidend ist die Tatsache, daß die anschau-
liche Vorstellung des Gegenstandes vorkommt, deren Beurteilung
die Erkenntniskräfte in ein freies Spiel versetzt. Der begriffliche

103
Vgl. z.B. EE, 223; KU, L, LII, 49, 54, 69; Anthr., A186 f./VII241.
104
Vgl. z.B. EE, XX220 f.; KU, 54; Anthr., A186 f./VII241.
105
Vgl. Chr. Fricke S. 7; Ev. Schaper S. 16.; R. Brandt (1998) S. 229.
106
Vgl. J. Kulenkampff (2000) S. 29 f.
107
Vgl. ebd.

220
Gehalt des Gegenstandes, welcher durch Kennzeichnung des Ge-
genstandes in der ersten Form bei der Beurteilung leicht ins Spiel
kommt, tut »dem Geschmacksurteil Abbruch« (KU, 41).
Man darf keinesfalls die Struktur eines (reinen) Geschmacksur-
teils wie z.B. ›Diese Tulpe ist schön‹ in Analogie mit der Struktur
des Erkenntnisurteils wie ›Diese Tulpe ist rot‹ als ›Dies ist eine
Tulpe und ist schön‹ analysieren, wie Prauss es unternimmt und
dadurch behauptet, daß das Geschmacksurteil immer schon ein Er-
kenntnisurteil wie ›Dies ist eine Tulpe‹ enthält, um den Objektbe-
zug des Geschmacksurteils aufzuklären.108 Das so verstandene Ge-
schmacksurteil ist nicht mehr rein, es kann nach Kant höchstens als
ein Urteil über die anhängende Schönheit angesehen werden. Prauss
will aber damit eigentlich das Gegenteil erreichen, indem er zu zei-
gen sucht, daß das Wesentliche in Kants Theorie der ästhetischen
Einstellung zu einem Gegenstand gerade darin besteht, diese Posi-
tion zu überwinden und zu überbieten, und zwar durch die ästheti-
sche »Freiheit, uns selbst irgend woraus einen Gegenstand der Lust
zu machen« (KU, 15).109
Die folgende Analyse beschränkt sich auf das positive, reine und
freie Geschmacksurteil, so wie Kant dies in der KU hauptsächlich
unternimmt. Nach Kant gilt das apriorische Prinzip des Ge-
schmacksurteils nicht nur für das positive, sondern auch für das

108
Vgl. Prauss (1981) S. 275, ferner H. F. Klemme (2001) S. XL f. – In der Anth-
ropologie sagt Kant, daß das Geschmacksurteil ein Urteil durch das Gefühl mit
Anspruch auf Allgemeingültigkeit ist. »Also ist das Geschmacksurteil so wohl
ein ästhetisches, als ein Verstandesurteil, aber in beider Vereinigung (mithin
das letztere nicht als rein) gedacht« (Anthr., A187/VII241). Damit meint Kant
nicht, daß im Geschmacksurteil ein Erkenntnisurteil enthalten ist, sondern er
betont dort lediglich die Abgrenzung des Geschmacksurteils vom Sinnenurteil.
Mit anderen Worten ist das Geschmacksurteil zwar ein Urteil »durch Verstand
und Sinne« (KU, 32), aber es ist weder ein Erkenntnisurteil noch ein Sinnenur-
teil. In einem Geschmacksurteil wie ›Diese Tulpe ist schön‹ ist das Urteilssub-
jekt ›diese Tulpe‹ eine einzelne Anschauung, die sich lediglich auf ein Indivi-
duum bezieht, das zufällig Tulpe heißt. In einem Erkenntnisurteil ›Dies ist eine
Tulpe‹ bezeichnet hingegen das Prädikat ›Tulpe‹ einen Begriff, der die Be-
schaffenheit dieses Dinges darstellt. ›Diese Tulpe‹ und ›Dies ist eine Tulpe‹
sind folglich nicht dasselbe.
109
Vgl. Prauss (1981), S. 276 ff.

221
negative Geschmacksurteil (›Dies ist nicht schön‹).110 Ein Gegen-
stand oder seine Vorstellungsart ist für uns nicht schön, wenn die
bloße Vorstellung des Gegenstandes das freie, harmonische Spiel
der Erkenntniskräfte nicht erleichtert und fördert, sondern vielmehr
hindert, was ein Mißfallen am Gegenstand ohne Vermittlung des
Begriffs unmittelbar zur Folge hat. Das interesselose Mißfallen am
Gegenstand soll auch für alle Urteilenden gelten, sofern die Beurtei-
lung rein ist. Das freie Spiel der Erkenntniskräfte in der Vorstellung
eines Gegenstandes kann insofern das epistemische Fundament der
negativen Geschmacksurteile bilden, als das Hindernis oder die Dis-
harmonie der Erkenntniskräfte in ihrem Spiel am Nichtschönen
selbst ein »freies Spiel« ist. In letzterem Sinne ist das freie Spiel der
Erkenntniskräfte etwas anderes als das am Schönen. Dies mag dia-
lektisch klingen, weil beide Begriffe des freien Spiels hierbei auf
unterschiedlicher Ebene fungieren. Auf der metasprachlichen Ebene
bedeutet das freie Spiel der Erkenntniskräfte nicht die Harmonie
derselben, sondern deren Spontaneität, auf die sich letztendlich die
allgemeine Mitteilbarkeit der Geschmacksurteile gründet.
Kant hebt den Unterschied von der subjektiven Allgemeingültig-
keit des Urteils oder des Gefühls für alle Urteilenden von der all-
gemeinen Mitteilbarkeit (Kommunizierbarkeit oder Geselligkeit)
desselben nicht deutlich hervor (vgl. z.B. KU, § 9).111 Bei der Beur-
teilung über die Köstlichkeit eines roten Weins machen wir zwar
keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit der-
selben, aber wir teilen diese Erfahrung anderen gerne mit. Das
Schöne und das Nicht-Schöne gründen sich zwar auf das allgemeine
Prinzip des Geschmacks, aber sie haben sehr unterschiedliche Be-
deutung unter dem gesellschaftlichen und anthropologischen Aspekt.
»Wir w e i l e n bei der Betrachtung des Schönen, weil diese Betrach-

110
R. Brandt hingegen vertritt die These, »daß nur die Lust in die ästhetische
Urteilsbildung eingehen kann, nicht aber die Unlust – einem negativen ästheti-
schen Urteil fehlt das epistemische Fundament und damit die Mitteilbarkeit«
(1998, S. 231, vgl. S. 237 ff.). Diese These betrifft – allgemeiner betrachtet –
das elementare Problem der logischen Grundlage der negativen Urteile. – Sie-
he dazu D. Lohmar S. 505 ff.
111
Siehe auch § 4, S. 241 f.

222
tung sich selbst stärkt und reproduziert« (KU, 37); wir teilen an-
deren diesen selbsterhaltenden Zustand der Lust gerne mit und wol-
len die anderen auch gerne teilnehmen lassen. Ganz anders ist das
bei der Betrachtung des Nicht-Schönen: wir wollen dabei den Blick
einfach abwenden und den Zustand der Unlust wegschaffen. Wir
sprechen in der Regel nicht gerne darüber, geschweige denn das wir
jemand daran teilnehmen lassen wollen. Das besagt aber nicht, daß
wir dabei keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Notwen-
digkeit haben. Beim negativen wie beim positiven Ge-
schmacksurteil lassen wir kein anderes Urteil als unser eigenes zu.
Wir würden sogar wütend werden, wenn jemand uns mitteilte, daß
der Gegenstand, den wir nicht schön nennen, schön sei. Wir tadeln
ihn, und sprechen ihm den Geschmack ab (vgl. KU, 20).
In der Tat gibt es einen unendlichen Grad oder eine unterschied-
liche Intensität des Gefühls der Lust beim Geschmacksurteil. Zwi-
schen dem negativen und positiven Gemütszustand gibt es z.B.
noch einen Zustand der Gleichgültigkeit, in dem man nicht sagen
kann, ob der Gegenstand schön oder nicht schön ist. Es sei noch-
mals betont, daß Kant in der KU keine psychologische Erklärung,
sondern den Grund für das Geschmacksurteil in transzendentaler
Absicht sucht. Ob dieser Grund dem Beurteilenden bei der Beurtei-
lung tatsächlich bewußt ist, spielt in der transzendentalen Klärung
keine Rolle. Der Grundansatz der transzendentalen Begründung der
apriorischen Prinzipien des Urteilens besteht in der Einsicht, daß
jeder Urteilende prinzipiell den Grund a priori so zu urteilen wissen
kann, auch wenn er dem Urteilenden meistens unbewußt oder nur
dunkel (halb bewußt) bleibt.112
Das Prädikat ›häßlich‹ gehört zu einer anderen ästhetischen »Ka-
tegorie« und nicht zu derselben »Kategorie« wie ›schön‹ oder
›nicht-schön‹, obwohl es, logisch sprachlich betrachtet, konträr zum
Prädikat ›schön‹ steht. Das Nicht-Schöne darf nicht mit dem Häßli-
chen gleichgesetzt werden. Die ästhetische Beurteilung des Häßli-
chen ist nicht rein und frei wie die Beurteilung des Schönen und
Nicht-Schönen im reinen Geschmacksurteil, weil sie nicht unmittel-
112
Zum mittelbaren Bewußtsein einer dunklen Vorstellung vgl. oben Anm. 67 (S.
195 f.).

223
bar von der Formauffassung in der Gegenstandsvorstellung be-
stimmt wird, sondern vielmehr von der Nebenvorstellung (Zweck
oder Sinnenempfindung) bestimmt wird, die z.B. von der Neigung
oder von der moralischen Vorstellung beeinflußt wird. Das Prinzip
des Geschmacks kann also nicht unmittelbar auf das Phänomen des
Häßlichen, sondern nur vermittels der Kunst angewendet werden.
Durch die künstlerische Darstellung kann z.B. das Häßliche interes-
sant und schön sein, wenn seine Vorstellung in der Darstellung
nicht Ekel bewirkt.
»Die schöne Kunst zeigt darin eben ihre Vorzüglichkeit, daß
sie Dinge, die in der Natur häßlich oder mißfällig sein wür-
den, schön beschreibt. Die Furien, Krankheiten, Verwüstun-
gen des Krieges u. dgl. Können, als Schädlichkeiten, sehr
schön beschrieben, ja sogar im Gemälde vorgestellt werden;
nur eine Art Häßlichkeit kann nicht der Natur gemäß vorge-
stellt werden, ohne alles ästhetische Wohlgefallen, mithin die
Kunstschönheit zugrunde zu richten: nämlich diejenige, wel-
che E k e l erweckt« (KU, 189; vgl. Anthr., A187 f./VII241).

224
§ 4 Ästhetische Darstellung der Zweckmäßigkeit der Na-
tur

Im Vorangegangenen wurde die Funktion der Urteilskraft anhand


des Begriffs der Darstellung erläutert. Die Darlegung ging von der
Darstellung eines gegebenen Begriffs aus, führte dann über die
symbolische Darstellung desselben, speziell über die künstlerische
Darstellung der ästhetischen Idee, zur ästhetischen Darstellung ei-
nes unbestimmten Begriffs. Letztere charakterisiert das allgemeine
Verfahren der ästhetischen Reflexion.
Subjektiv betrachtet, hält die Urteilskraft in ihrer Reflexion über
gegebene Vorstellungen zu empirisch möglichen Erkenntnissen die
Einbildungskraft mit dem Verstand zusammen und nimmt »ein Ver-
hältnis beider Erkenntnisvermögen« wahr (EE, XX223). Sie bezieht,
objektiv betrachtet, »Anschauungen auf Begriffe« (KU, XLIV), um
daraus Erkenntnis zu gewinnen. Die »geübte« Urteilskraft soll sich
»vorurteilsfrei« und »liberal« vollziehen, sie strebt ihrer allgemei-
nen Maxime gemäß von den Privaturteilen zu den allgemeingülti-
gen Urteilen.
In der symbolischen Darstellung eines gegebenen Begriffs ver-
fährt die Urteilskraft in Absicht der Erweckung einer ästhetischen
Idee sowohl bestimmend als auch reflektierend, also bloß analo-
gisch, d.h. die bestimmende Funktion des gegebenen Begriffs wird
dabei nicht in ihrem vollen Sinn gebraucht, sondern sie fungiert als
Bezugspunkt zur Vergleichung und Sinngebung der Vorstellung
unter der Leitung der bloß reflektierenden Urteilskraft (vgl. KU,
256).
Die künstlerische Darstellung ist eine Art der symbolischen Dar-
stellung. Man könnte sie als Spiel mit dem Begriff (Vorstellungsin-
halt) bezeichnen, der gewöhnlich mit der Wahrnehmung eines Ge-
genstandes mitgedacht wird, oder auch als Spiel mit der Gestalt im
Raum oder mit der Empfindung in der Zeit, wobei ein Sinnganzes
anschaulich präsentiert ist (vgl. KU, 42 f., 211 f., 223 ff.). Allgemei-
ner betrachtet ist die künstlerische Darstellung ein Spiel mit der
Vorstellung (Anschauung oder/und Begriff), wobei das Motiv oder
das Thema bedeutend aber nicht notwendig ist, welches durch einen
Begriff (Vorstellungsinhalt), der bloß zur Orientierung dient, vor-
gezeichnet werden kann. Nur in der Kunstschönheit wird der Be-
griff nicht schematisch dargestellt, sondern er spielt vielmehr eine
symbolische Rolle in der ästhetischen Idee. Der so in der Anschau-
ung mitspielende Begriff kennzeichnet eine spezifische, ästhetische
Art des nicht gegenstandsbestimmenden Begriffsgebrauchs, wo-
durch die Gegenstandsvorstellung sich sinnreich machen läßt.
Auf solche Weise ist die Kunstschönheit eine Anwendung des
Prinzips des reinen Geschmacks, auf welchem sowohl das Hervor-
bringen der Kunstschönheit als auch deren Beurteilen beruhen müs-
sen, da »die aufbrausende Lebhaftigkeit« des Genies der Mäßigung
und Einschränkung »durch die Sittsamkeit des Geschmacks« bedarf
(Anthr., A187/VII241; vgl. KU, 203). So wird Kants Rede von der
Kunstschönheit als Zusammenarbeit der bestimmenden und reflek-
tierenden Urteilskraft verständlich: Die bestimmende Urteilskraft
liegt »allen menschlichen Kunstwerken zum Grunde« (EE, XX251),
»weil Kunst immer einen Zweck in der Ursache (und deren Kausali-
tät) voraussetzt« (KU, 188). Aber die Beurteilung der Kunstschön-
heit muß dennoch zugleich »als bloße Folgerung aus denselbigen
Prinzipien, welche dem Urteile über Naturschönheit zum Grunde
liegen, betrachtet werden« (EE, XX251), sofern ein Gegenstand für
schön erklärt werden soll. Die Kunstschönheit ist nach Kant keine
reine Schönheit, weil in der Beurteilung der Kunstschönheit
zugleich die Vollkommenheit des Dinges als dessen Zweck in An-
schlag gebracht werden muß, bloß darum, weil der Gegenstand da-
bei als ein Produkt der Kunst gegeben ist (vgl. KU, 188 f., 61 Anm.).
Wenn man die ästhetischen Urteile über die »anhängende Schön-
heit« (KU, § 16), über das »Ideal der Schönheit« (KU, §17) oder
über die Kunstschönheit (vgl. KU, § 43-§ 54) richtig als die Anwen-
dung des apriorischen Geschmacksprinzips versteht, – sofern sie
alle eine Art der ästhetischen Urteile über die Schönheit sind –,
dann kann man ohne Mißverständnis auf Kants transzendentale Be-
gründung des (reinen) Geschmacksurteils selbst eingehen. Diese
Bemerkung ist nicht trivial, weil immer wieder versucht wird, Kants
Theorie des Geschmacks oder Geschmacksurteils aus dem Ge-

226
sichtspunkt der Kunstschönheit zu kritisieren, und sie als Kunst-
theorie umzudeuten. Freilich ist in Kants Theorie des Geschmacks
eine Kunsttheorie enthalten, und zwar so, daß der Begriff der äs-
thetischen Idee, aufgrund der subjektiven Zweckmäßigkeit des Er-
kenntnisvermögens in einer gegebenen Vorstellung, zwischen der
bloßen Beurteilung (Geschmack) und der künstlerischen Hervor-
bringung (Genie) vermittelt.
Der Ausgangspunkt der transzendentalen Analyse des Ge-
schmacksurteils sind die zwei aus seinem faktischen Gebrauch re-
sultierenden Eigentümlichkeiten, deren Verbindung ein Dilemma
bildet, dessen Auflösung sich die Kritik der ästhetischen Urteils-
kraft zur Aufgabe macht (vgl. KU, § 34): Zum einen erhebt man mit
dem Geschmacksurteil, aufgrund seiner urteilslogischen Struktur,
Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit, »als ob es
objektiv wäre« (KU, § 32), nämlich als ob sein Bestimmungsgrund
auf bestimmten Begriffen als Eigenschaften des Gegenstandes be-
ruhte (vgl. KU, § 56). Zum anderen wird das Geschmacksurteil
durch Gefühl der Lust oder Unlust bestimmt, und »ist gar nicht
durch Beweisgründe bestimmbar, gleich als ob es bloß s u b j e k t i v
wäre« (KU, § 33).
Durch die Anwendung der transzendentalen Methode auf das
Gefühl der Lust und Unlust findet Kant einen Ausweg aus diesem
Dilemma und dadurch wird zugleich auch ein apriorisches Prinzip
des Geschmacks gerechtfertigt, welches sich auf das allgemeine
Prinzip der Urteilskraft gründet.
Das Prinzip des Geschmacks ist nicht objektiv, d.h. keine Eigen-
schaft des Gegenstandes wird daraus abgeleitet, und die Schönheit
desselben läßt sich durch keinen Schluß herausbringen (vgl. KU,
143), sondern es ist bloß subjektiv und formal. Subjektiv ist es, weil
dadurch nur der Gemütszustand des Subjekts im Modus einer »kon-
templativen« Lust bestimmt wird. Formal ist es deshalb – wie alle
anderen Prinzipien a priori –, weil in ihm nur die allgemeinen und
notwendigen Bedingungen a priori enthalten sind, unter denen die
kontemplative Lust den Bestimmungsgrund des Urteils über die
Schönheit eines gegebenen Gegenstandes ausmachen kann, und nur

227
unter diesen Bedingungen sein Anspruch auf Allgemeingültigkeit
und Notwendigkeit gerechtfertigt wird.
Es ist von großer Bedeutung, die transzendentale Begründung
des Prinzips selbst von dessen empirischen zufälligen Anwendungs-
bedingungen (dem tatsächlichen Vorgang) zu unterscheiden. Sowe-
nig wie die Beschreibung der logischen Begriffsbildung dem tat-
sächlichen Vorgang der Begriffsbildung entspricht, genauso wenig
entspricht die transzendentale Klärung des Geschmacksurteils dem
tatsächlichen Urteilen des Geschmacks über die Schönheit. Freilich
ist nach Kant das ästhetische Wohlgefallen am Gegenstand – ein
äußerst komplexes Phänomen – die »Empfindung der Wirkung« des
freien Spiels der Erkenntniskräfte in der bloßen Reflexion (Beurtei-
lung) über anschauliche Form des Gegenstandes. 1 Die Überein-
stimmung der Erkenntniskräfte an einer gegebenen Vorstellung zu
einer Erkenntnis überhaupt »geschieht auch wirklich jederzeit« (KU,
65), wenn die Erkenntnis sich vollzieht, »weil ohne diese, als sub-
jektive Bedingung des Erkennens, das Erkenntnis als Wirkung nicht
entspringen könnte« (ebd.). Es geht aber bei der transzendentalen
Begründung nicht um eine empirische psychologische Erklärung.
Wenn Kant in der KU den Reflexionsprozeß der ästhetischen Beur-
teilung beschreibt, betrachtet er diesen Prozeß zugleich auch unter
dem transzendentalen Aspekt, d.h. die Beschreibung dient als idea-
les Modell für die Klärung der Gesetzlichkeit des tatsächlichen Ur-
teilsvorgangs. Diese transzendentale Methode steht in Analogie zur
wissenschaftlichen Erklärung des Phänomens. »Man gesteht: daß
sich schwerlich r e i ne E r d e , r e i ne s Wa s s e r , r e i n e L uf t usw.
finde« (KrV, A646/B674); sie dienen dennoch, »nach der Idee eines
Mechanismus die chemischen Wirkungen der Materien untereinan-
der zu erklären« (ebd.). Oder beim physikalischen Fallgesetz wird
die Existenz der Luft im Raum von der Gesetzgebung abstrahiert.
Es ist aber schwierig bei der transzendentalen Analyse des Ge-
schmacksurteils, wegen seines begriffs- und kriterienlosen Gefühls-
moments, die psychologisch-phänomenale und die transzendentale
Ebene voneinander abzusondern.2 Das Geschmacksurteil ist auf der
1
Vgl. KU, 31, 37, 64; EE, XX223 f.
2
Vgl. Th. Baumeister S. 158 ff.

228
einen Seite insofern ein einzelnes und empirisches Urteil, als man a
priori nicht bestimmen kann, welcher gegebene Gegenstand schön
sei, weil die Lust am Schönen durch keinen Begriff des Objekts
bestimmt wird. Man muß aber auf der anderen Seite, aufgrund der
Heautonomie des Geschmacks, den gegebenen Gegenstand jeder-
zeit a priori, nämlich »ohne fremde Beistimmung abwarten zu dür-
fen« (KU, 148), beurteilen, um ihn schön nennen zu können und zu
dürfen. Kant bringt die Konfrontation der empirischen Situationsbe-
dingtheit der Lust am Schönen mit deren apriorischen Bestim-
mungsgrund folgendermaßen klar zum Ausdruck:
»Die Lust ist also im Geschmacksurteile zwar von einer em-
pirischen Vorstellung abhängig, und kann a priori mit kei-
nem Begriffe verbunden werden (man kann a priori nicht
bestimmen, welcher Gegenstand dem Geschmacke gemäß
sein werde oder nicht, man muß ihn versuchen); aber sie ist
doch der Bestimmungsgrund dieses Urteils nur dadurch, daß
man sich bewußt ist, sie beruhe bloß auf der Reflexion und
den allgemeinen, obwohl nur subjektiven Bedingungen der
Übereinstimmung derselben zum Erkenntnis der Objekte ü-
berhaupt, für welche die Form des Objekts zweckmäßig ist«
(KU, XLVII; vgl. KU, 29, 35 ff., 150; EE, XX225, 248 f.).
Man sollte sich von Kants psychologisierender Redeweise bei
der transzendentalen Begründung nicht beirren lassen, weil man
sich, wie gesagt, bei der ästhetischen Beurteilung eines Gegenstan-
des, der apriorischen Gründe der Lust nur selten oder dunkel be-
wußt ist. Selbst Kant hielt vor seiner Entdeckung der ästhetischen
Zweckmäßigkeit die Möglichkeit eines apriorischen Prinzips des
Geschmacksurteils für unmöglich.3 Das bedeutet freilich nicht, daß

3
Vgl. Brief an Reinhold vom 28.12.1787, 335 und die viel zitierte Stelle in der
KrV, A21/B35 f. Anm. Die wesentlichen Momente des Geschmacksurteils wur-
den bei Kant in der zweiten Hälfte der 70er Jahre schon entwickelt. Das Ent-
scheidende in der KU ist die Anwendung der transzendentalen Methode auf das
Phänomen des Geschmacks und die dadurch entdeckte neue Art der Prinzipien
a priori. Die drei Veränderungen in der B-Auflage der KrV (B35 Anm.) zeigen,
daß Kants Auffassung sich durch die erweiterte Anwendung der transzendenta-
len Methode auf andere Bereiche (insb. die Moralphilosophie) allmählich ver-
ändert hat. Man vergleiche nur die Stelle über die interesselose Betrachtung der

229
Kant zuvor unfähig war, das Schöne zu beurteilen. Die Aufklärung
dieser Gründe a priori ist die Aufgabe der transzendentalen Unter-
suchung. Was Kant hierbei mit dem Bewußtsein des Urteilsprinzips
im Geschmacksurteil eigentlich meint, ist wohl das Begründungs-
verhältnis zwischen der Lust am Schönen und deren apriorischem
Bestimmungsgrund.
Eine transzendental aufgeklärte und geübte Urteilskraft sollte
sich nach Kant im reinen Geschmacksurteil folgendermaßen bewußt
sein: Bewußt sind wir uns beim Geschmacksurteil erstens des Vor-
liegens der interesselosen und freien Lust, die uns phänomenal un-
mittelbar zugänglich ist. Bewußt sind wir uns dabei auch, daß die
Sache nicht für das Beurteilende allein schön ist, sondern die Be-
urteilung des Schönen für alle Urteilenden, die fähig sind, ästhetisch
rein (formal) zu urteilen, gelten soll. Bewußt sind wir uns drittens,
daß wir Freude an unserem harmonischen Gemütszustand in der
bloßen Betrachtung eines gegebenen Gegenstandes und weiterhin
auch Freude an der zufälligen Übereinstimmung dessen Form mit
unseren Auffassungskräften haben, »wodurch der Gegenstand für
unsere Urteilskraft gleichsam vorherbestimmt zu sein scheint« (KU,
76). Bewußt sind wir uns schließlich der Überzeugung, die das Ge-
schmacksurteil innerlich begleitet, daß das Urteil subjektiv notwen-
dig gelten soll, wenn wir nur sicher sind, daß es allein aus dem Ge-
schmacksprinzip ohne Beimischung von Reiz und Rührung a priori
gefällt wird.
Diese vier Momente des Geschmacksurteils sind vier Perspekti-
ven ein und derselben komplexen Beurteilung eines Anschauungs-
gegenstandes durch die ästhetisch reflektierende Urteilskraft. Sie

Naturschönheit als Propädeutik der moralischen Erziehung in der KpV, A285


f./V160, wobei die allgemeine Mitteilbarkeit des Schönheitsgefühls durch das
harmonische Spiel der Erkenntniskräfte aufgeklärt wird. »Es muss also ein,
wenn auch nur äusserst geringes Maass von Apriorität in dem ästhetischen Ver-
halten zu dieser Zeit von Kant wenigstens nicht mehr ganz für unmöglich
gehalten worden sein« (W. Windelband S. 515; vgl. A. Tumarkin S. 351 f.;
Frank/Zanetti S. 1213). P. Giordanetti glaubt sogar, die Entdeckung der Mög-
lichkeit einer apriorischen Begründung des Geschmacksurteils um 1783-1784
datieren zu können, indem er das entscheidende Dokument in R988 (XV432 f.)
sieht, in der die Argumentation von § 9 der KU im Rohbau vorliegt.

230
sind zwar in der Sache zugleich gesetzt, aber sie werden in der Un-
tersuchung (Analyse) erst nacheinander entfaltet. 4 Das Cha-
rakteristische der ästhetischen Einstellung zu einem Gegenstand ist
nach Kant die »freie und unbestimmt-zweckmäßige Unterhaltung
der Gemütskräfte mit dem, was wir schön nennen« (KU, 71). Dieser
uninteressierte, freie Zustand des Subjekts in der bloßen Betrach-
tung eines Gegenstandes bezeichnet Kant auch als »Gefühl der Be-
förderung des Lebens«, welches ein Gefühl des Menschen selbst in
der harmonischen Verbindung des Geistes mit dem ganzen Körper
ist.5
Das Wohlgefallen am Schönen als Lust der »bloßen Reflexion«
(KU, 155; vgl. EE, XX249) scheint – ähnlich wie Kant zu dem Ge-
schmack als ästhetischem Gemeinsinn sagt – »vielleicht allzu künst-
lich zu sein […]; allein sie sieht auch nur so aus, wenn man sie in
abstrakten Formeln ausdrückt; an sich ist nichts natürlicher, als von
Reiz und Rührung zu abstrahieren, wenn man ein Urteil sucht, wel-
ches zur allgemeinen Regel dienen soll« (KU, 157). Wenn also die
Lust am Schönen von anderen Arten der Lust unterschieden werden
soll, sowie wenn das Geschmacksurteil nicht als bloße Äußerung
des eigenen Gemütszustandes, sondern als ästhetische Beurteilung
eines einzelnen gegebenen Gegenstandes oder seiner Vorstellungs-
art mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit ange-
sehen werden soll, und schließlich wenn ein apriorisches Beurtei-
lungsprinzip der Geschmacksurteile gerechtfertigt werden soll, dann
müssen die apriorischen Gründe der Lust am Schönen auf das all-
gemeine »Verfahren der Urteilskraft« (KU, 155) zurückgeführt
werden. Zu diesem Zweck muß das reine Geschmacksurteil zum
idealen Modell der transzendentalen Analyse des Geschmacks-
urteils dienen.
Kants Strategie der Deduktion der reinen Geschmacksurteile
kann man daher so skizzieren: Unter der Voraussetzung, daß es

4
Vgl. W. Henckmann S. 342. J. Kulenkampff (1994) bezeichnet Kants trans-
zendentale Exposition des Geschmacksurteils als »entdeckende Analyse«; man
kann diese Exposition auch als eine Art der »fortschreitenden Präzisierung« (G.
Wolters, S. 215) des Geschmacks- und Schönheitsbegriffs charakterisieren.
5
Vgl. KU, 4, 75, 129. Zum Lebensgefühl vgl. § 1, S. 65 f.

231
reine Geschmacksurteile gibt, werden die Bedingungen der Mög-
lichkeit derselben im Rekurs auf das allgemeine Verfahren der Ur-
teilskraft analysiert, welches die subjektive Bedingung des Erken-
nens ist. Die Deduktion »behauptet nur, daß wir berechtigt sind,
dieselben subjektiven Bedingungen der Urteilskraft allgemein bei
jedem Menschen vorauszusetzen, die wir in uns antreffen; und nur
noch, daß wir unter diese Bedingungen das gegebene Objekt richtig
subsumiert haben« 6 . Der Nachweis der Allgemeingültigkeit der
Lust am Schönen hat Ähnlichkeit mit der regressiven Klärung des
moralischen Gefühls, als Bewußtsein der Willensbestimmung durch
das moralische Gesetz. Die Lust am Schönen ist das Bewußtsein
des freien und unbestimmt-zweckmäßigen Spiels der Erkenntnis-
kräfte an einer einzelnen gegebenen Vorstellung zu einer Erkenntnis
überhaupt. In dieser Vergleichung betont Kant zugleich auch die
Unableitbarkeit (Irrationalität) der Lust. Die Lust als Gemütszu-
stand des Subjekts kann eigentlich nicht gesucht werden, sondern
man findet sie, wenn sie bei einer Tätigkeit des Subjekts da ist. Das
moralische Gefühl wird in Wirklichkeit nicht vom Gesetz der Frei-
heit abgeleitet, sondern die Willensbestimmung wird dadurch be-
stimmt. Dieser intellektuelle Gemütszustand »ist an sich schon ein
Gefühl der Lust und mit ihm identisch« (KU, 36; vgl. EE, XX229
f.). Auf ähnliche Weise sind die Lust am Schönen und der Gemüts-
zustand der zuträglichsten Proportion der Erkenntniskräfte in ihrem
freien Spiel einerlei, sofern dieser dem Beurteilenden bewußt ist.
Etwas anderes ist die sinnliche Lustempfindung durch die Sinnesor-
gane. Hier wird die unmittelbare Wirkung der Sinnesempfindung
auf den Gemütszustand betont. Die Lust am Schönen wird im Ver-
gleich zu der sinnlichen Lustempfindung mittelbar durch die Refle-
xion, im Vergleich zu dem moralischen Gefühl aber unmittelbar
bestimmt, nämlich nicht auf Grund der Vernunftprinzipien, sondern
vor allen Begriffen unmittelbar an der bloßen Betrachtung der Form.
Hierbei ist von dem Unterschied der Veranlassung (oder der Be-
stimmungsgründe) des Gemütszustandes, folglich der Lust die Rede,
aber nicht von dem der Verknüpfung der Lust mit dem Ge-

6
KU, 152; vgl. auch 151, 134, 67, 63 f., 23, XLIV.

232
mütszustand. Die Rede von der Mittelbar- oder Unmittelbarkeit der
Verknüpfung beider ist sinnlos, weil Lust an sich ein Gemütszu-
stand ist, sofern wir uns seiner bewußt sind.
Die transzendentale Exposition des Geschmacksurteils ist eine
»kritische« Analyse der ästhetischen Erfahrung, welche aber von
vornherein auf die transzendentale Deduktion gerichtet ist. Diese
Methode hat wiederum Ähnlichkeit mit der metaphysischen und der
transzendentalen Deduktion der Kategorien, aber mit dem Unter-
schied, daß die Deduktion der Geschmacksurteile »darum so leicht
[ist], weil sie keine objektive Realität eines Begriffs zu rechtfertigen
nötig hat« (KU, 152). – Daher unternimmt Kant hierbei auch nicht,
die »Objektivität« des Geschmacksurteils zu »deduzieren«, welche
unter Voraussetzung eines Gemeinsinns nur bedingt vorgestellt
werden kann (vgl. KU, § 21 f.). Ob Kant in der Dialektik vorhat,
dies in bezug auf »das übersinnliche Substrat der Menschheit« (KU,
237) und auf die Schönheit als Symbol des Sittlichen zu unterneh-
men, ist eine Frage der Interpretation.7 Die Interpretation hängt da-
von ab, was man unter ›Deduktion der Geschmacksurteile‹ versteht.
Die Analytik hat nach Kant bloß die Aufgabe, das apriorische Prin-
zip des Geschmacks allein aus diesem Vermögen selbst zu rechtfer-
tigen, und zwar als ein natürliches, mithin sinnliches Vermögen
ohne Rücksicht auf dessen notwendige Beziehung auf die Vernunft
und auf das moralische Gefühl. Allerdings kann ein Geschmacksur-
teil berechtigterweise nur Quasi-Objektivität haben, und es kann
auch nur in Verbindung mit der moralischen Idee die ideale Norm

7
Kant schreibt im Brief an Reichardt vom 15.10.1790 (490), daß der Geschmack
ein »so schwer« zu erforschendes Vermögen ist. Er hat sich »damit begnügt, zu
zeigen, daß ohne sittliches Gefühl es für uns nichts Schönes oder Erhabenes ge-
ben würde, daß sich eben darauf der gleichsam gesetzmäßige Anspruch auf
Beifall bei allem, was diesen Namen führen soll, gründe und daß das Subjek-
tive der Moralität in unserem Wesen, welches unter dem Namen des sittlichen
Gefühls unerforschlich ist, dasjenige sei, worauf, mithin nicht auf objektive
Vernunftbegriffe, dergleichen die Beurteilung nach moralischen Gesetzen er-
fordert, in Beziehung, urteilen zu können, Geschmack sei, der also keinesweges
das Zufällige der Empfindung, sondern ein (obzwar nicht diskursives, sondern
intuitives) Prinzip a priori zum Grunde hat«. – Siehe auch unten S. 259 f., insb.
Anm. 28 (S. 260).

233
erhalten. Der »ideale Geschmack« hat zwar »eine Tendenz zur äu-
ßeren Beförderung der Moralität« (Anthr., A191/VII244), aber er ist
nach Kant kein reiner, formaler Geschmack. – Das bedeutet aber
nicht, daß die Deduktion der Geschmacksurteile selbst leicht ist.
Umgekehrt wird die Deduktion durch eine komplizierte Theorie der
ästhetischen Beurteilung eines Gegenstandes bewerkstelligt, und
zwar schon in der Exposition der Geschmacksurteile. Darum wird in
der Deduktion das wiederholt, was eigentlich in der Exposition be-
reits gesagt wurde. Umgekehrt ist aber auch möglich, daß die Expo-
sition (insbes. § 9) etwas enthielt, was zur Deduktion gehören sollte.

4.1 Das freie Spiel der Erkenntniskräfte in § 9 der KU


In § 9 der KU sagt Kant, daß die Auflösung der Aufgabe, nämlich
»Untersuchung der Frage: ob im Geschmacksurteile das Gefühl der
Lust vor der Beurteilung des Gegenstandes, oder diese vor jener
vorhergehe«, »der Schlüssel zur Kritik des Geschmacks und daher
aller Aufmerksamkeit würdig« ist (KU, 27). Inwiefern sie der
Schlüssel ist, verrät Kant nicht. Dies ist erst noch aufzuschlüsseln.
Dazu sollte gezeigt werden: (1) Auf welche Weise schließt § 9 die
vorangehenden Paragraphen ab? (2) Worin besteht sein eigenes Ziel?
(3) Worauf will § 9 hinaus? Das Ganze dreht sich um einen der
wichtigsten Begriffe der Kritik der ästhetischen Urteilskraft, näm-
lich um den Begriff des freien Spiels der Erkenntniskräfte, das dem
Geschmacksurteil »transzendental« zugrunde liegt.
Zuerst sei daran erinnert, daß das Wort ›Urteil‹ von Kant mehr-
deutig gebraucht wird. Es kann damit eine Proposition oder der Satz
gemeint sein. Oder es bezeichnet einen Akt der Urteilskraft, in dem
die bestimmten mentalen Operationen durchgeführt werden. Im
letzteren Sinne wird auch das Wort ›Geschmacksurteil‹ in jener
Schlüsselfrage gebraucht.8 Dementsprechend ist das Geschmacksur-

8
Vgl. W. Henckmann S. 330 f., D. Teichert S. 28 f., J. Kulenkampff (2000) S.
29 f., H. F. Klemme (2001) S. XXXIX.

234
teil ein ästhetisches Urteilen über einen Anschauungsgegenstand
durch die »reflektierte Wahrnehmung« von dessen Form.9
Was ein ästhetisches Urteilen sei, erfährt man am klarsten bei
Kants Klärung der Zweideutigkeit des Ausdrucks ›ästhetisch‹. Im
Fall des ästhetischen Urteils wird der »Ausdruck ästhetisch weder
von der Anschauung, noch weniger aber von Vorstellungen des
Verstandes, sondern allein von den Handlungen der Ur t e i l s -
k r a f t « gebraucht (EE, XX222). Das ästhetische Urteilen 10 , oder
hierbei das Urteilen des Geschmacks ist ein besonderer Akt der Ur-
teilskraft, die Sache, genauer ihre Form durch das Gefühl der Lust
zwar »nach einer Regel, aber nicht nach Begriffen, zu beurteilen«
(KU, LII). »Durch die Benennung eines ästhetischen Urteils über
ein Objekt wird also sofort angezeigt, daß eine gegebene Vorstel-
lung zwar auf ein Objekt bezogen, in dem Urteile aber nicht die
Bestimmung des Objekts, sondern des Subjekts und seines Gefühls
verstanden werde« (EE, XX223). Dementsprechend wird die Ur-
teilskraft ästhetisch genannt, »weil sie die Vorstellung eines Objekts
nicht auf Begriffe und das Urteil also nicht aufs Erkenntnis bezieht
(garnicht bestimmend, sondern nur reflektierend ist), das läßt keine
Mißdeutung besorgen; denn für die logische Urteilskraft müssen
Anschauungen, ob sie gleich sinnlich (ästhetisch) sind, dennoch
zuvor zu Begriffen erhoben werden, um zum Erkenntnisse des Ob-
jekts zu dienen, welches bei der ästhetischen Urteilskraft nicht der
Fall ist« (EE, XX247).

9
Zur reflektierten Wahrnehmung (Anschauung oder Empfindung) der ästheti-
schen Beurteilung vgl. KU, XLVI, 8, 31, 40, 259; Anthr., A184/VII239; R282,
XV106.
10
Das Geschmacksurteil und das ästhetische Urteil sind nicht bedeutungsgleich.
Letzteres umfaßt jedes Urteil durch das Gefühl der Lust oder Unlust, z.B. die
Beurteilung des Erhabenen (durch die Vernunft), die der Sinnenempfindung
(durch den Sinn) und die des Schönen (durch die Urteilskraft). In der EE will
Kant aber das ›ästhetische Urteil‹ nur für das ›ästhetische Reflexionsurteil‹
gebrauchen (vgl. EE, XX225). – Der Geschmacksbegriff ist enger als der Be-
griff der ästhetischen Urteilskraft. Letzterer ist wiederum enger als der Begriff
der reflektierenden Urteilskraft. – Es sei anzumerken, daß die Terminologien in
der KU uneinheitlich sind. Siehe dazu G. Tonelli und ferner W. Henckmann S.
329.

235
Die folgenden Zitate zeigen, daß der Begriff des freien Spiels der
Erkenntniskräfte bereits im Begriff des Geschmacksurteils enthalten
ist, wenngleich er vor § 9 noch nicht explizit zum Ausdruck kommt.
Im Geschmacksurteil »beziehen wir die Vorstellung nicht durch den
Verstand auf das Objekt zum Erkenntnisse, sondern durch die Ein-
bildungskraft (vielleicht mit dem Verstande verbunden) auf das Sub-
jekt und das Gefühl der Lust oder Unlust desselben« (KU, § 1, 3 f.).
Wir halten im Geschmacksurteil »die gegebene Vorstellung im Sub-
jekte gegen das ganze Vermögen der Vorstellungen […], dessen
sich das Gemüt im Gefühl seines Zustandes bewußt wird« (KU, § 1,
5). 11 Das Geschmacksurteil ist »einig in seiner Art« und gibt
»schlechterdings kein Erkenntnis […] vom Objekt«, weil es »die
Vorstellung, wodurch ein Objekt gegeben wird, lediglich auf das
Subjekt bezieht und keine Beschaffenheit des Gegenstandes, son-
dern nur die zweckmäßige Form in der Bestimmung der Vorstel-
lungskräfte, die sich mit jenem beschäftigen, zu bemerken gibt«
(KU, § 15, 47). Das Wohlgefallen am Schönen muß alsdann – im
Gegensatz zum Angenehmen – »von der Reflexion über einen Ge-
genstand, die zu irgend einem Begriffe (unbestimmt welchem) führt,
anhängen« (KU, § 4, 11, vgl. § 23, 74).

11
Die Formulierungen in den beiden Zitaten aus § 1 zeigen schon Kants Un-
sicherheit. Bei ihm gibt es zwei Tendenzen im Hinblick auf die Beziehung der
Einbildungskraft auf den Verstand im Geschmacksurteil. Zum einen wird die
apperzeptive Formauffassung des Gegenstandes allein durch »Einbildungs-
kraft« (in welchem Sinne?) geleistet, dann wird sie mit den allgemeinen Geset-
zen des Verstandes (?) verglichen (vgl. KU, XLIV, 31; EE, XX220). Wenn in
dieser Vergleichung eine freie, harmonische Zusammenstimmung stattfindet,
wird die freie Lust wahrgenommen. Diese Tendenz beherrscht die »Kritik des
Geschmacks«. Oder das freie Spiel der Erkenntniskräfte wird von vornherein
unter dem Aspekt der reflektierenden Urteilskraft (bzw. des Geschmacks) be-
trachtet. Ohne die Reflexion der Urteilskraft wäre die Zusammenfassung der
schönen Form durch die Einbildungskraft (?) allein unmöglich. – Siehe unten S.
250 ff.

236
4.1.1 Die methodische Wende der transzendentalen Expo-
sition des Geschmacksurteils in § 9
In den Paragraphen 1 bis 8 werden zwei Momente im Geschmacks-
urteil analysiert, nämlich die Interesselosigkeit des Wohlgefallens
am Schönen und seine subjektive Allgemeingültigkeit (oder ästheti-
sche Allgemeinheit), wodurch die zwei Eigentümlichkeiten des Ge-
schmacksurteils exponiert werden. Dabei wird die Exposition noch
auf die phänomenale Analyse des Schönen anhand der urteilslogi-
schen Struktur des Geschmacksurteils beschränkt, obwohl diese
phänomenale Analyse von vornherein unter dem transzendentalen
Aspekt geleitet wird.
Das Geschmacksurteil ist ästhetisch, d.h. die Beurteilung eines
Gegenstandes oder einer Vorstellungsart desselben nicht durch Be-
griffe, sondern durch ein Wohlgefallen am Gegenstand. Rein ist ein
ästhetisches Urteil, wenn das Wohlgefallen am Gegenstand ohne
alles Interesse empfunden wird (vgl. KU, 3, 16, 39). Das Ge-
schmacksurteil ist nach Kant also streng vom Erkenntnisurteil zu
unterscheiden, obwohl beide auch Ähnlichkeit haben, nämlich ihren
Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit. 12 Es gibt
aber einen wesentlichen Unterschied zwischen der »subjektiven
Allgemeingültigkeit« des ästhetischen Urteils und der subjektiven
Allgemeingültigkeit (Überzeugung) des Erkenntnisurteils (vgl. KU,
23 f.). Beim letzteren wird seine subjektive Allgemeingültigkeit für
alle Urteilenden unmittelbar aus seiner objektiven »Allgemeinheit«
(bzw. Allgemeingültigkeit) abgeleitet und wird so ein »äußerliches«
Begleitphänomen desselben (vgl. KrV, A820/B848), während beim
ästhetischen Urteil seine »Gemeingültigkeit« kein Begleitphänomen,
sondern konstitutiv für das Wohlgefallen und mithin für das Urteil
selbst ist.

12
Vgl. KU, 18, 135, 145 – Kant unterscheidet in der KU terminologisch zwischen
»Allgemeingültigkeit« und »Allgemeinheit« nicht, obwohl ihm diese Unter-
scheidung bewußt ist. »Allgemeingültige Gesetze sind nicht allgemein, sondern
es wird gefragt, wie sie gelten. Der Verstand urteilt nach allgemeinen Gesetzen,
d. i. nach Begriffen« (R1872, XVI145).

237
Die Interesselosigkeit des Wohlgefallens macht den Unterschied
des Geschmacksurteils vom ästhetischen Sinnenurteil (als bloß sub-
jektbezogenem Empfindungsurteil) deutlich, das lediglich auf den
»Privatbedingungen« beruht (KU, 17). Sie besagt zwar zuerst nur
etwas Negatives, nämlich von allem (subjektiven oder objektiven)
Interesse (Zweck) abgesondert zu urteilen. Sie bedeutet aber
zugleich auch etwas Positives, und zwar zuvörderst in dem Sinne,
daß »gemeingültige (publike)« (KU, 22) Urteile gefällt werden kön-
nen, wenn keine Privatbedingungen als Gründe der Urteile vorhan-
den sind. Das eigentliche Positive der Interesselosigkeit der Lust am
Schönen besteht in der Freiheit (Heautonomie) der Vorstellungs-
tätigkeit des Geschmacks.
»Man sieht leicht, daß es auf das, was ich aus dieser Vorstel-
lung in mir selbst mache, nicht auf das, worin ich von der E-
xistenz des Gegenstandes abhänge, ankomme, um zu sagen,
er sei s c h ö n , und zu beweisen, ich habe Geschmack« (KU, 6;
vgl. 15, 53, 137).
Daraus wird das Schöne in § 6 unmittelbar abgeleitet als dasje-
nige, »was ohne Begriffe als Objekt eines allgemeinen Wohlgefal-
lens vorgestellt wird« (KU, 17), d.h. das Schöne kann als ein sol-
ches angesehen werden, ohne jedoch dadurch schon transzendental
nachgewiesen zu werden.
Vom Schönen spricht man nicht, daß es für mich schön ist, son-
dern daß, es schön ist. Der Urteilende »wird daher vom Schönen so
sprechen, als ob Schönheit eine Beschaffenheit des Gegenstandes
und das Urteil logisch (durch Begriffe vom Objekte eine Erkenntnis
desselben ausmachend) wäre; ob es gleich nur ästhetisch ist und
bloß eine Beziehung der Vorstellung des Gegenstandes auf das Sub-
jekt enthält« (KU, 17 f.; vgl. 19 f., 30).
In § 9 wird die Allgemeingültigkeit der Lust, worauf man im Ge-
schmacksurteil Anspruch erhebt, im Rekurs auf die subjektive Be-
dingung einer Erkenntnis überhaupt »transzendental« gerechtfertigt.
Die interesselose und mithin allgemeingültige Lust am Schönen ist
die Folge des freien Spiels der Erkenntniskräfte, welches der allge-
meinen Mitteilbarkeit des Gemütszustandes in einer subjektiven
formalen Gegenstandsvorstellung zugrunde liegt. Schön ist dem-

238
nach das, »was ohne Begriff allgemein gefällt« (KU, 32). Im Ge-
schmacksurteil wird die »Allgemeinheit« der Beurteilung nicht ob-
jektiv auf den Gegenstandsbereich bezogen, sondern subjektiv auf
die »ganze Sphäre d e r U r t e i l e n de n « (KU, 24; vgl. 142).
Der § 9 kennzeichnet eine methodische Wende in der Analytik
der ästhetischen Urteilskraft, nämlich den Übergang von der phäno-
menalen Exposition des Schönen zur transzendentalen Erörterung
der ästhetischen Beurteilung des Gegenstandes durch den Reflexi-
onsgeschmack.
Obwohl das Wesentliche der phänomenalen Erklärung des Schö-
nen aus der Interesselosigkeit des Wohlgefallens abgeleitet werden
kann, bleiben die folgenden Fragen jedoch noch unklar: Was heißt
eigentlich die (reine) Lust am Schönen? Wie vollzieht sich diese
Lust? Wie fungiert der Reflexionsgeschmack? Gibt es ein apriori-
sches Prinzip des Geschmacksurteils? usw.
Dies thematisiert Kant nun in § 9, betitelt mit der eben zitierten
Schlüsselfrage: Untersuchung der Frage: ob im Geschmacksurteile
das Gefühl der Lust vor der Beurteilung des Gegenstandes, oder
diese vor jener vorhergehe.

4.1.2 Die transzendentale Erörterung der ästhetischen Be-


urteilung in § 9
Kants Antwort auf diese Schlüsselfrage ist wegen der komprimier-
ten Argumentation nicht leicht nachvollziehbar. Dies liegt wo-
möglich daran, daß die endgültige Beantwortung, der Architektonik
der Kritik gemäß, nicht zur Exposition, sondern zur Deduktion der
ästhetischen Urteile a priori, nämlich zur Deduktion der reinen Ge-
schmacksurteile gehört (vgl. KU, 30), welche »die Möglichkeit ei-
ner solchen Beurteilung von der Natur dieser Vermögen [nämlich
des Verstandes und der Einbildungskraft] als Erkenntnisvermögen
überhaupt ableitet« (KU, 144). In § 9 wird der Plan dieser Deduk-
tion (§ 30 bis § 40) vorgezeichnet und die weiteren Untersuchungen
von § 10 bis § 22 werden dadurch geleitet. Wichtig ist dann zu er-
fahren, wie die innere Zweckmäßigkeit der Erkenntniskräfte in ih-

239
rem freien Spiel an einer anschaulich gegebenen Vorstellung zu
einer Erkenntnis überhaupt – »eine Eigenschaft unseres Erkenntnis-
vermögens« (KU, 21) – die Schlüsselfunktion zur ästhetischen
Zweckmäßigkeit der schönen Form leistet, wodurch der systema-
tische Ort der ästhetischen Beurteilung erhellt wird.
Der § 9 besteht aus 9 Absätzen, die in zwei Gruppen eingeteilt
werden. Zum einen wird der Begriff des freien Spiels der Erkennt-
niskräfte als transzendentaler Grund der allgemeingültigen Lust am
Schönen eingeführt (vom 2. bis 6. Absatz). Zum anderen wird die
Art der »reflektierten Wahrnehmung« in der ästhetischen Beurtei-
lung erörtert (vom 8. bis 9. Absatz). Hierdurch geht die innere
Zweckmäßigkeit der Erkenntniskräfte in der ästhetischen Formbe-
trachtung zur subjektiven, bloß formalen Zweckmäßigkeit der Natur
über.
In der ersten Gruppe sucht Kant die Schlüsselfrage zu beantwor-
ten. Die Beantwortung dieser Frage ist aber nicht das eigentliche
Ziel von § 9, welches sich erst in der Deduktion der reinen ästheti-
schen Urteile vollendet (7. Absatz). Denn diese Schlüsselfrage läßt
sich unmittelbar aus dem Ergebnis von § 1 bis § 8 beantworten (vgl.
insb. § 6), auch ohne Rekurs auf eine Erkenntnis überhaupt und auf
die Harmonie im freien Spiel der Erkenntniskräfte. Im 2. Absatz
könnte Kant diese Frage schon direkt beantworten, und zwar so:
Daß die Lust am Gegenstand im Geschmacksurteil nicht der »Beur-
teilung« des Gegenstandes vorgehen kann, wird unmittelbar aus der
Definition des Geschmacksurteils abgeleitet (vgl. KU, § 1 ff.). Gin-
ge die Lust der Beurteilung des Gegenstandes vorher, dann wäre sie
nicht die Lust durch Reflexions-, sondern durch »Sinnenge-
schmack« (vgl. KU, § 8). Denn nicht die ästhetisch reflektierende
Lust, sondern die Annehmlichkeit in der (subjektbezogenen) Sin-
nenempfindung hängt unmittelbar von der Gegenstandsvorstellung
ohne Bezug auf die Urteilskraft ab (vgl. KU, 27, 6 f.; EE, XX224 f.).
Die Lust am Schönen ist subjektiv allgemeingültig, während die
Lust am Angenehmen bloß privatgültig ist. Mit der Privatgültigkeit,
mithin der nicht allgemeinen Mitteilbarkeit einer subjektbezogenen
Empfindung meint Kant zweierlei: Erstens beabsichtigt der Urtei-
lende selbst nicht, die eigene Empfindung als allgemein gültig an-

240
zusehen; zweitens erhebt der Urteilende deswegen keinen Anspruch
auf ihre Allgemeingültigkeit, weil sicher zu vermuten ist, »daß je-
mand etwas nicht so wie ein anderer empfindet«, und weil es unge-
wiß ist, »ob wir einerley Empfindung haben« (Anthr.-Pillau
68/XXV785). Die interesselose und freie Lust kann nichts anderes
sein als die Folge der Beurteilung der Gegenstandsvorstellung,
wenn das Geschmacksurteil vom ästhetischen Sinnenurteil unter-
schieden werden muß.
Dadurch erfährt man aber den transzendentalen Grund der Lust
noch nicht, der aufklären soll, daß die subjektive Allgemeingültig-
keit des Wohlgefallens sich allein auf die »Allgemeinheit« der sub-
jektiven Bedingungen der Beurteilung der Gegenstände gründet.
Die Aufgabe von § 9 besteht folglich genau darin, die Lust am
Schönen als »Lust an der Harmonie der Erkenntnisvermögen« (6.
Absatz) zu identifizieren. Die ästhetische Beurteilung der Gegen-
standsvorstellung wird somit als Darstellung eines unbestimmten
Begriffs im Modus eines Gefühls der Lust am freien Spiel der Er-
kenntniskräfte präzisiert.
Diese Überlegung bestätigt sich im 6. Absatz, wo das Resultat
der Deduktion der subjektiven Allgemeingültigkeit der Lust am
Schönen zum Ausdruck kommt:
»[Die] bloß subjektive (ästhetische) Beurteilung des Gegen-
standes […] geht […] vor der Lust an demselben vorher und
ist der Grund dieser Lust an der Harmonie der Erkenntnis-
vermögen; auf jener Allgemeinheit […] der subjektiven Be-
dingungen der Beurteilung der Gegenstände gründet sich al-
lein diese allgemeine subjektive Gültigkeit des Wohlgefallens,
welches wir mit der Vorstellung des Gegenstandes, den wir
schön nennen, verbinden« (6. Absatz).
Kant gelangt zu diesem Resultat anhand von zwei Hilfsbegriffen,
nämlich der allgemeinen »Mitteilungsfähigkeit des Gemütszustan-
des in der gegebenen Vorstellung« und der »Erkenntnis überhaupt«
(3. Absatz).13 Die »allgemeine Mitteilbarkeit der Lust« am Gegen-
13
Von dem Unterschied zwischen der Mitteilbarkeit (bzw. Kommunizierbarkeit)
und Allgemeingültigkeit (bzw. Allgemeinheit) sehen wir hierbei ab. Die privat-
gültige Gefühlsäußerung läßt sich anderen, trotz ihrer Kriterienlosigkeit, auf der

241
stand ist konstitutiv für die Lust am Schönen, da die Lust am Schö-
nen nach der Definition des Geschmacksurteils allgemeingültig sein
muß (2. Absatz). Nun fragt sich, wie ein bloß subjektiver Gemüts-
zustand ohne Bezug auf irgendeinen bestimmten Begriff vom Ge-
genstand »mitteilungsfähig« sein kann. Also muß dieser Gemüts-
zustand – wenn er allgemein mitteilbar sein kann – irgend etwas
Objektives enthalten.
»Es kann aber nichts allgemein mitgeteilt werden als Er-
kenntnis und Vorstellung, sofern sie zum Erkenntnis gehört.
[…] Soll nun der Bestimmungsgrund des Urteils über diese
allgemeine Mitteilbarkeit der Vorstellung bloß subjektiv,
nämlich ohne einen Begriff vom Gegenstande gedacht wer-
den, so kann er kein anderer als der Gemütszustand sein, der
im Verhältnisse der Vorstellungskräfte zu einander angetrof-
fen wird, sofern sie eine gegebene Vorstellung auf E r -
k e n n t n i s ü b e r h a u p t beziehen« (3. Absatz).
Die in der ästhetischen Beurteilung beteiligten Erkenntniskräfte
sind nun in einem freien, harmonischen Spiel, »weil kein bestimm-
ter Begriff sie auf eine besondere Erkenntnisregel einschränkt« (4.
Absatz) und weil sie nicht »auf die besondere Sinnesart […] einge-
richtet ist« (KU, § 38).
»Also muß der Gemütszustand in dieser Vorstellung der ei-
nes Gefühls des freien Spiels der Vorstellungskräfte an einer
gegebenen Vorstellung zu einem Erkenntnisse überhaupt
sein« (4. Absatz).
Wie ein freies Spiel der Erkenntniskräfte bei einer anschaulich
gegebenen Vorstellung stattfinden kann, erfährt man an dieser Stel-
le noch nicht. Hierbei bleibt die Argumentation bloß auf der trans-
zendentalen Ebene. Nun ist die subjektive Bedingung einer Er-
kenntnis überhaupt das freie (spontane) Spiel von Einbildungskraft
und Verstand, »sofern sie unter einander, wie es zu einem E r -
k e n n t n i s ü b e r h a u p t erforderlich ist, zusammenstimmen« (5.

sprachlichen Ebene mitteilen. Wir können verstehen, wenn jemand sagt, daß er
Schmerzen habe, obwohl wir nicht feststellen können, ob er wirklich Schmer-
zen hat. – Vgl. dazu R. Brandt (1998) S. 234.

242
Absatz). Dieser Zustand eines freien Spiels der Erkenntniskräfte
muß sich somit allgemein mitteilen lassen, »weil Erkenntnis als
Bestimmung des Objekts, womit gegebene Vorstellungen […] zu-
sammenstimmen sollen, die einzige Vorstellungsart ist, die für je-
dermann gilt« (4. Absatz), sofern man keinen Skeptizismus vertre-
ten will, wonach alle Erkenntnisse nichts anderes als »ein bloß sub-
jektives Spiel der Vorstellungskräfte« seien (vgl. KU, § 21). D.h.
wir dürfen annehmen, daß unsere Vorstellungstätigkeit bei einer
formalen Gegenstandsanschauung kein bloßes Dichten sei.
So wird die subjektiv allgemeine Mitteilbarkeit der Lust am
Schönen auf die Allgemeinheit der subjektiven Bedingung der äs-
thetischen Beurteilung des Gegenstandes zurückgeführt. Diese All-
gemeinheit der subjektiven Bedingung der ästhetischen Reflexion
wird letztendlich im Rekurs auf das allgemeine Verfahren der re-
flektierenden Urteilskraft als subjektiv formale Bedingung einer
Erkenntnis überhaupt gerechtfertigt. Dies bringt Kant in § 9 (4. und
5. Absatz) nur implizit und erst in § 21, § 35 und § 38 explizit zum
Ausdruck. Die Quasi-Objektivität des Geschmacksurteils wird da-
durch geklärt, und auch das Etappenziel von § 9 wird erreicht. In §
22 der KU sagt Kant, daß die subjektive Notwendigkeit der allge-
meinen »Beistimmung«, die in einem Geschmacksurteil gedacht
wird, unter der Voraussetzung eines Gemeinsinns als objektiv vor-
gestellt wird. Die subjektive Allgemeingültigkeit und Notwendig-
keit der freien Lust ist nach Kant also nur bedingt (KU, § 19). D.h.
das ästhetische Sollen ist heautonom. Darauf erhebt man deshalb
auch nur Anspruch, weil man in der ästhetischen Beurteilung nicht
immer sicher ist, ob das Geschmacksurteil rein ist. Man kann sich
leicht täuschen, ein ästhetisches Sinnenurteil oder ein nicht reines
Geschmacksurteil als ein reines anzugeben.
Die transzendentale Argumentation des freien Spiels der Er-
kenntniskräfte an einer gegebenen Vorstellung zu einer Erkenntnis
überhaupt wird erst in der Deduktion der reinen Geschmacksurteile
ersichtlich. In der Deduktion soll die apriorische Gesetzmäßigkeit
der Geschmacksurteile gerechtfertigt werden, welche in deren All-
gemeingültigkeits- und Notwendigkeitsanspruch besteht. Zum Leit-
faden dieser Deduktion dient zuerst die Abstraktion von allem In-

243
halte der Geschmacksurteile, »nämlich dem Gefühle der Lust« (KU,
135), um »an ihnen bloß die logische Form« zu betrachten (KU,
146). Die Leitfrage lautet demnach: Auf welche Weise wird das
Prädikat ›schön‹ mit der Vorstellung des Gegenstandes in Ge-
schmacksurteilen verbunden? Aus dieser formalen Betrachtung,
aufgrund der Heautonomie des Geschmacks, ergibt sich, daß in Ge-
schmacksurteilen eigentlich nicht die Wirklichkeit der eigenen, be-
stimmten Lust, sondern die Allgemeingültigkeit dieser Lust a priori
behauptet wird (vgl. KU, 149 f., 26, 67). Die allgemeingültige, näm-
lich interesselose und freie Lust dient in Geschmacksurteilen gleich-
sam als apriorisches Prädikat wie die Kategorien in Erfahrungsurtei-
len (vgl. KU, XLVI, § 36). In der logischen Urteilskraft subsumiert
man unter Begriffe, in der ästhetischen aber unter eine allgemein-
gültige Lust (vgl. KU, 152).14
Durch die Autonomie (eigentlich Heautonomie genannt) des Ge-
schmacks, darauf der Geschmack Anspruch macht, vollzieht sich
eine Art »Kopernikanischer Wende« im ästhetischen Urteilen. Das
Geschmacksurteil besteht darin, »daß es eine Sache nur nach der-
jenigen Beschaffenheit schön nennt, in welcher sie sich nach unse-
rer Art sie aufzunehmen richtet« (KU, 136; vgl. 252). D.h. es ist
kein objektives Prinzip des Geschmacks möglich, weil ich selbst an
der Vorstellung des Gegenstandes die Lust empfinden muß, »und
sie kann mir durch keine Beweisgründe angeschwatzt werden« (KU,
143).
»Man will das Objekt seinen eignen Augen unterwerfen,
gleich als ob sein Wohlgefallen von der Empfindung abhinge;
und dennoch, wenn man den Gegenstand alsdann schön
nennt, glaubt man eine allgemeine Stimme für sich zu haben,
und macht Anspruch auf den Beitritt von jedermann« (KU,
25).
Die Schönheit ist also eine besondere Art der Selbsterfahrung,
und das reine Geschmacksurteil gestattet keine Fremderfahrung, die
freilich als »Exemplar« (Beispiel) nicht für die Nachahmung, son-
dern für das Schärfen der noch ungeübten Urteilskraft dienen kann

14
Siehe dazu § 3, S. 154 f.

244
(vgl. KU, 53 f., 137 ff.). Auf die Heautonomie des Geschmacks
gründet sich die Apriorität der reinen Geschmacksurteile. Das äs-
thetische Apriori bedeutet »ohne fremde Beistimmung abwarten zu
dürfen« (KU, 148; vgl. 137; EE, XX225). Der Geschmack muß ein
»selbsteigenes« Vermögen sein (KU, 53). Man muß folglich das
Richtmaß der Schönheit überhaupt a priori in uns selbst suchen (vgl.
KU, 252).
»Der Geschmack ist also das Vermögen, die Mitteilbarkeit
der Gefühle, welche mit gegebener Vorstellung (ohne Ver-
mittlung eines Begriffs) verbunden sind, a priori zu beurtei-
len« (KU, 161; vgl. Anthr., A186/VII241).
Das apriorische Moment in der ästhetischen Beurteilung ist keine
nachträgliche Reflexion (Beurteilung) über die allgemeine Gültig-
keit der Lust, sondern konstitutiv für die ästhetische Beurteilung
(Reflexion) und folglich für die Lust am Schönen selbst (vgl. z.B.
KU, 21 f., 26).15 In der ästhetischen Beurteilung kann keine allge-
15
P. Guyer (1997, S. 7 f., 97 ff.; ähnlich bereits A. Tumarkin, S. 373 ff., 377) und
daran anschließend G. Seel (S. 327 f., 334 f., 342 f., 350) sind der Meinung,
daß Kant zwei Stufen (Akte) der Beurteilung oder Reflexion im Geschmacksur-
teil unterscheide, nämlich die Beurteilung der Lust am Schönen und demnach
die Beurteilung der Mitteilbarkeit dieser Lust. Guyer sucht die Beziehung bei-
der Akte kausal zu erklären und glaubt, daß ein Widerspruch oder ein Zirkel in
Kants Argumentation aufgedeckt werden kann. Die Lust am Gegenstand sei
nach ihm die kausale Wirkung des freien Spiels der Erkenntniskräfte in der Re-
flexion (Beurteilung) über den Gegenstand. Die Beurteilung der allgemeinen
Mitteilbarkeit der Lust sei die nachträgliche Reflexion (Feststellung) über diese
bereits schon vorhandene Lust. Also gehe die Beurteilung des Gegenstandes
zwar vor der Lust am Schönen, diese Lust jedoch gehe dem Urteil über ihre
Mitteilbarkeit voraus. – Zur Kritik an Guyers Auffassung vgl. z.B. Chr. H.
Wenzel S. 33 ff., 176 ff. und M. Baum (1991) S. 277 ff.
Guyers Argumentation ist nur scheinbar plausibel. Zwar leistet Kant selbst die-
ser Interpretation durch eine unscharfe Terminologie der Lust Vorschub, wenn
er an manchen Stellen (z.B. EE, XX229) ›Lust‹ ohne Unterschied ihrer Typen
schlicht im Sinne einer subjektiven »Empfindung« gebraucht, aber die Lust am
Schönen und die notwendige Allgemeingültigkeit dieser Lust werden, nur zum
Zweck der transzendentalen Fundierung der Geschmacksurteile, abgesondert
dargestellt, um zu zeigen, daß die Lust am Schönen die einzige, freie und all-
gemeingültige Lust ist. Diese Überlegung bestätigt sich an folgender Stelle der
EE, XX229: »Das ästhetische Reflexionsvermögen urteilt […] nur über subjek-

245
meingültige Lust stattfinden, wenn die Erkenntniskräfte nicht in
einem freien Spiel bestehen und diese Harmonie empfunden wird
(vgl. KU, 35). Eine Lust am Gegenstand kann eine Lust am Schö-
nen genannt werden, nur wenn sie als allgemeingültig angesehen
wird. Wird ein ästhetisches Urteil bloß aus der Wirklichkeit der ei-
genen Wahrnehmung gefällt, so ist es ein Urteil a posteriori. Da-
durch gibt es auch keinen wesentlichen Unterschied mehr zwischen
Geschmacks- und Sinnenurteil. Das ist beim Geschmacksurteil aber
nicht der Fall, weil es nach dem allgemeinen Reflexionsprinzip der
Urteilskraft a priori gefällt wird.
Das reine Geschmacksurteil ist daher ein nicht-reines syntheti-
sches Urteil a priori, das zugleich auf empirische Vorstellung bezo-
gen und folglich kontingent ist (vgl. KU, 148 f.).16 Ohne Anspruch

tive Zweckmäßigkeit […] des Gegenstandes: und es frägt sich da, ob nur v e r -
m i t t e l s t der dabei empfundenen Lust oder Unlust, oder so gar ü b e r dieselbe,
so daß das Urteil zugleich bestimme, daß mit der Vorstellung des Gegenstandes
Lust oder Unlust verbunden sein m ü s s e « (EE, XX229). Im Fall des Ge-
schmacksurteils – führt Kant weiter – bestimmt »das Urteil zwar vermittelst
der Empfindung der Lust oder Unlust, aber doch auch zugleich über die Allge-
meinheit der Regel, sie mit einer gegebenen Vorstellung zu verbinden, durch
das Erkenntnisvermögen (namentlich die Urteilskraft) a priori etwas« (ebd.; vgl.
KU, § 12, § 35).
16
J. Kulenkampff (1994, S. 113 f.) und L. Wh. Beck (1975, S. 370 f.) halten z.B.
die Apriorität des ästhetischen Urteils für einen Irrtum; M. Baum (1991, 282 f.)
sucht hingegen Becks Vorwurf gegen Kant zu entkräften. Kulenkampffs Haupt-
argument besteht darin, daß Kant in der urteilslogischen Analyse des reinen
Geschmacksurteils zwei logische (objekt- und metasprachliche) Ebenen ver-
wechsele (S. 117 ff.; vgl. auch A. Tumarkin, S. 373 ff., 377). Kulenkampff ü-
bersieht den eigentümlichen Charakter der Kantisch transzendentalen Reflexion,
die weder zur objektsprachlichen Ebene noch zur metasprachlichen gehört. Die
transzendentale Untersuchung zielt auf die apriorische Gesetzlichkeit des Ob-
jektbezugs im Rekurs auf die Denkleistung des Subjekts. – Man geriete wegen
des Sonderstatus des (reinen) Geschmacksurteils in eine Aporie, wenn man die
ästhetische Reflexion empirisch kausal auffaßte. Das Geschmacksurteil ist zwar
empirisch bedingt (anläßlich einer Gegenstandsvorstellung), aber das Ge-
schmacksurteil selbst ist nicht kausal bestimmbar durch bestimmte »Eigen-
schaften« des Gegenstandes, wenngleich zwischen dem schönen Gegenstand
und dessen Vorstellung ein bestimmtes Kausalverhältnis besteht. Dieser Ge-
genstandsbezug läßt sich jedoch nicht durch bestimmte Begriffen (Regeln) fi-
xieren. Das Geschmacksurteil besteht nach Kant in einer »inneren zweckmä-

246
auf Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit der Lust fällt das Cha-
rakteristische des Geschmacksurteils vom ästhetischen Sinnenurteil
weg (vgl. EE, XX229). Dies
»besteht in dem Anspruche des Urteils auf allgemeine Gül-
tigkeit und Notwendigkeit; denn wenn das ästhetische Urteil
dergleichen bei sich führt, so macht es auch Anspruch darauf,
daß sein Bestimmungsgrund n i c h t b l o ß i m G e f ü h l e
der Lust und Unlust für sich allein, sondern z u g l e i c h i n
e i n e r R e g e l der oberen Erkenntnisvermögen, und na-
mentlich hier in der der Urteilskraft, liegen müsse, die also in
Ansehung der Bedingungen der Reflexion a priori gesetzge-
bend ist und A u t o n o m i e beweiset« (EE, XX225).
Bei der transzendentalen Untersuchung des Geschmacksurteils
erfährt man wenig Konkretes über den Vorgang der ästhetischen
Beurteilung. Am Ende von § 9 stellt Kant noch die Frage nach der
Vorgehensweise der ästhetisch reflektierten Wahrnehmung, nämlich
»auf welche Art wir uns einer wechselseitigen subjektiven Überein-
stimmung der Erkenntniskräfte unter einander im Geschmacksur-
teile bewußt werden« (KU, 30, § 9, 8. Absatz). Diese Frage hält
Kant im Vergleich zu der Deduktion der Geschmacksurteile für
minder wichtig. Die Antwort auf dieser Frage kann nur so lauten,
daß das freie Spiel der Erkenntniskräfte allein durch die »reflek-
tierte Wahrnehmung« anläßlich der Vorstellung der Form eines
einzelnen gegebenen Gegenstandes empfunden wird. Diese Sonder-
art der »Lustempfindung« beruht auf einem allgemeinen Verfahren
der Urteilskraft, nämlich der (subjektiven) Darstellung eines Be-
griffs überhaupt, der die Vorstellung vereinigt und somit die Regel-
mäßigkeit der Anschauung leistet. Die Lust am Schönen ist eine
Lust der bloßen Reflexion über die Form eines einzelnen Gegen-
standes.

ßigen Kausalität« in der Tätigkeit der Vorstellungskräfte (vgl. KU, 37). Das Ur-
teilen des Geschmacks muß sich allein nach dem Prinzip der subjektiven, bloß
formalen Zweckmäßigkeit vollziehen, um ein Geschmacksurteil sein zu können
(vgl. z.B. KU, 21 f.). Die kausale Erklärung des Schönen ist allerdings irrele-
vant im Hinblick auf die ästhetische Beurteilung.

247
Die Antwort auf diese »mindere« Frage führt zu einer konkreten
Darlegung der ästhetischen Beurteilung, wenngleich diese Beschrei-
bung in transzendentaler Absicht durchgeführt wird. D.h. sie macht
nur die wesentlichen formalen Bedingungen der ästhetischen Beur-
teilung deutlich, unter denen eine Vorstellung die Erkenntnisver-
mögen in ein freies Spiel bringen kann. Diese transzendental orien-
tierte Beschreibung der ästhetischen Wahrnehmung führt zugleich
zu Kants Theorie der schönen Form, die sich auf das Prinzip der
ästhetischen Zweckmäßigkeit der Natur gründet. Man erfährt da-
durch zugleich auch, daß das ästhetisch freie Spiel der Erkenntnis-
kräfte nur eine spezifische Art jenes allgemeinen Verfahrens der
Urteilskraft ist. Nicht alle empirisch möglich faßbaren Formen sind
nach Kant »schön«, sondern nur diejenige, die die Erkenntniskräfte
in ein »wechselseitiges«, »belebendes«, »förderndes« und zugleich
»erleichtertes« Spiel versetzen (vgl. KU, 31, § 9, 9. Absatz). Die
»zuträglichste« Proportion der Erkenntniskräfte an einer Gegens-
tandsvorstellung hat die ästhetisch reflektierende Lust zur Folge
(vgl. KU, § 21, 65 f.). Man nennt diesen Gegenstand alsdann schön,
sofern jene Harmonie empfunden wird.

4.1.3 Ästhetische Wahrnehmung


Wie ist die Lust am Schönen möglich, nämlich die »Empfindung
der Wirkung, die im erleichterten Spiele beider durch wechselsei-
tige Zusammenstimmung belebten Gemütskräfte (der Einbildungs-
kraft und des Verstandes) besteht« (KU, 31, § 9, 9. Abs.)? Wie kann
also ein ohne auf eine bestimmte (objekt- oder subjektbezogene)
Sinnenempfindung eingerichtetes, ganzheitliches Gefühl, »vor al-
lem Begriffe« (KU, 149), unmittelbar wahrgenommen werden? Die
Frage nach der Möglichkeit der ästhetischen Wahrnehmung führt
direkt zur Frage, ob es überhaupt eine ästhetische Vorstellung der
Zweckmäßigkeit der Natur gebe (vgl. KU, XLIV; EE, XX219 ff.).
Hier kommt die reflektierende Urteilskraft ins Spiel.
In der bloßen Betrachtung (Anschauung oder Reflexion) eines
einzelnen gegebenen Gegenstandes vergleicht die reflektierende

248
Urteilskraft die Vorstellung desselben nicht mit Vorstellungen an-
derer Gegenstände, um sie zu Begriffen zu erheben,17 sondern
»mit ihrem Vermögen, Anschauungen auf Begriffe zu bezie-
hen […]. Wenn nun in dieser Vergleichung die Einbildungs-
kraft […] zum Verstande […] durch eine gegebene Vorstel-
lung unabsichtlich in Einstimmung versetzt und dadurch ein
Gefühl der Lust erweckt wird, so muß der Gegenstand als-
dann als zweckmäßig für die reflektierende Urteilskraft ange-
sehen werden« (KU, XLIV; vgl. XLVII, XLVIII).
Was dabei verglichen wird, erläutert Kant an einer anderen Stelle
derart,
»daß in einem bloß reflektierenden Urteile Einbildungskraft
und Verstand in dem Verhältnisse, in welchem sie in der Ur-
teilskraft überhaupt gegen einander stehen müssen, mit dem
Verhältnisse, in welchem sie bei einer gegebenen Wahrneh-
mung wirklich stehen, verglichen, betrachtet werden« (EE,
XX220).
Diese Vergleichung vollzieht sich nach Kant »unabsichtlich«,
nämlich spontan und unbewußt (vgl. KU, 200). An der Auffassung
der schönen Form stimmen »Einbildungskraft und Verstand wech-
selseitig miteinander zur Möglichkeit eines Begriffs von selbst« (EE,
XX232) zusammen. Was diese Vergleichung bedeutet, wird später
bei der Erörterung des Zusammenspiels von der Freiheit der Einbil-
dungskraft und der Gesetzmäßigkeit des Verstandes im Ge-
schmacksurteil ersichtlich.
Die Selbsttätigkeit der Erkenntnisvermögen in der ästhetischen
Wahrnehmung hat nichts mit der Willenstätigkeit zu tun, ge-
schweige denn, daß die ästhetische Kontemplation als Willenlosig-
keit betrachtet werden darf. Denn die Vorstellung eines einzelnen
gegebenen Gegenstandes ist ohne irgendein anderes Zutun des Sub-
jekts mit dem Gefühl der Lust verbunden, sofern sie die Erkenntnis-
kräfte in ein freies, harmonisches Spiel bringt. Diesen Sachverhalt
bringt Kant deutlich in der Erklärung des Schönen als »Zweck-

17
Vgl. EE, XX220 f., 223, 247; KU, XLIII, 24 (§ 8), 31 (§ 9), 71 (Allgemeine
Anm.), 142 (§ 33), 145 f. (§ 35), 149 (§ 37), 160 f. (§ 40), 235 (§ 57).

249
mäßigkeit ohne Zweck« (KU, 69) zum Ausdruck: »S c hö nh e i t ist
F o r m d e r Z w e c k m ä ß i g k e i t eines Gegenstandes, sofern sie
o h n e V o r s t e l l u n g e i n e s Z we c k s an ihm wahrgenommen
wird« (KU, 61). Überhaupt liegt der ästhetischen Wahrnehmung
kein Begriff zugrunde. Reine Schönheit hat folglich gar nichts mit
dem Begriff der Vollkommenheit zu tun, und somit nicht das Min-
deste mit der (theoretischen oder praktischen) Zwecksetzung des
Menschen (vgl. EE, XX226 ff; KU, § 15).
»Die Zweckmäßigkeit also, die vor dem Erkenntnisse eines
Objekts vorhergeht, ja sogar, ohne die Vorstellung desselben
zu einem Erkenntnis brauchen zu wollen, gleichwohl mit ihr
unmittelbar verbunden wird, ist das Subjektive derselben,
was gar kein Erkenntnisstück werden kann« (KU, XLIII; vgl.
XLIX).
Nun betrachten wir die Wechselwirkung der Erkenntnisvermö-
gen in ihrem freien Spiel, bevor wir auf die subjektive, formale
Zweckmäßigkeit eingehen. Zunächst sei anzumerken, daß der Ak-
zent im Begriff des freien Spiels der Erkenntniskräfte in § 9 der KU
auf den Begriff ihres selbsttätigen Zusammenspiels in der Formauf-
fassung des Gegenstandes gesetzt ist.18 An vielen anderen Stellen in
der KU und auch in der Anthropologie werden hingegen die »Frei-
heit im Spiele der Einbildungskraft« und die »Gesetzmäßigkeit des
Verstandes« getrennt dargestellt, und sie sollen sich dann im Ge-
schmacksurteil vereinigen, und zwar derart, daß »die ästhetische
Urteilskraft in Beurteilung des Schönen die Einbildungskraft in ih-
rem freien Spiele auf den V e r s t a n d bezieht, um mit dessen B e g -
r i f f e n überhaupt (ohne Bestimmung derselben) zusammenzustim-
men« (KU, 94), wodurch »Einbildungskraft in ihrer Freiheit den
Verstand erweckt, und dieser ohne Begriffe die Einbildungskraft in
ein regelmäßiges Spiel versetzt« (KU, 161).19 Ganz in diesem Sinne
wird das freie Spiel der Erkenntniskräfte in der ästhetischen Beur-
teilung in der Allgemeinen Anmerkung zum ersten Abschnitte der

18
Vgl. z.B. auch KU, 64 f., 116, 119, 155, 179; EE, XX223.
19
Vgl. Anthr., A187/VII241; KU, 50, 69, 71, 73, 116 f., 146, 198, 200, 202 f., 205
f., 252, 259; und ferner R1923, XVI158; R1935, XVI161 f.

250
Analytik als »Gesetzmäßigkeit ohne Gesetz« oder »Zweckmäßigkeit
ohne Zweck« (KU, 69) bezeichnet.
Diese scheinbar paradoxen Formulierungen dienen nach Kant in
einer doppelten Absicht zur Abgrenzung der Eigentümlichkeit der
ästhetischen Freiheit von der Spontaneität der Erkenntnisvermögen
in anderen Urteilstypen. Das Geschmacksurteil ist einerseits streng
von dem Erkenntnisurteil (einschließlich des objektbezogenen Emp-
findungsurteils, nämlich Wahrnehmungsurteils) und dem bloß sub-
jektbezogenen Sinnenurteil zu unterscheiden. Die Lust am Schönen
hat somit nicht das Mindeste mit der Lust am Angenehmen, am
Guten und am Wahren zu tun. Die ästhetische Freiheit im wechsel-
seitigen Zusammenspiel der Erkenntniskräfte gründet sich anderer-
seits allein auf den heautonomen Akt der reflektierenden Urteils-
kraft, die im Geschmacksurteil die Einbildungskraft (Anschau-
ung) – ohne Rücksicht auf alles Interesse (den Zweck), das jederzeit
mit dem Begehrungsvermögen verbunden ist, sowie ohne Rücksicht
auf jeglichen empirisch bestimmten Begriff (Regel, Gesetz), worun-
ter die Vorstellungen subsumiert werden – mit dem Verstand (Re-
gelmäßigkeit) zusammenhält. Denn die Auffassung der schönen
Form »in die Einbildungskraft kann niemals geschehen, ohne daß
die reflektierende Urteilskraft, auch unabsichtlich, sie wenigstens
mit ihrem Vermögen, Anschauungen auf Begriffe zu beziehen, ver-
gliche« (KU, XLIV). Ohne diese Vergleichung kann die freie und
allgemeingültige Lust am Schönen nicht stattfinden. Dieser Sach-
verhalt veranlaßt Kant, die Freiheit der Einbildungskraft und die
Gesetzmäßigkeit des Verstandes zwar abgesondert, aber doch
zugleich unter Berücksichtigung ihres Zusammenspiels im Ge-
schmacksurteil darzustellen, um den Begriff des Geschmacks klar-
zumachen.
Laut der ästhetischen Erfahrung des 18. Jahrhunderts soll eine
schöne Form (Gestalt) frei vom Zwang, reich an Varietäten und
doch zugleich regelmäßig sein. Mannigfaltigkeit und Abwechslung
auf der einen Seite und Durchsichtigkeit und Verständlichkeit auf
der anderen Seite sind zwei Momente, die sich in der ästhetischen

251
Wahrnehmung irgendwie vereinigen sollen.20 Das ist die ästhetische
Variante des Einigungsproblems der Sinnlichkeit mit dem Verstand.
Dementsprechend ist nach Kant nur der Mensch der ästhetischen
Beurteilung eines Gegenstandes fähig, weil nur der Mensch allein
über beide Vermögen verfügt. Diese Vereinigung wird von Kant
»transzendental« durch das freie Spiel von Einbildungskraft und
Verstand im Geschmacksurteil beschrieben. »Alles Steif-regelmä-
ßige […] hat das Geschmackswidrige an sich: daß es keine lange
Unterhaltung mit der Betrachtung desselben gewährt, sondern […]
lange Weile macht. Dagegen ist das, womit Einbildungskraft unge-
sucht und zweckmäßig spielen kann, uns jederzeit neu, und man
wird seines Anblicks nicht überdrüssig« (KU, 72; vgl. R1855,
XVI138). Andererseits bringt aller Reichtum der ästhetischen Ideen
der Einbildungskraft »in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn
hervor« (KU, 203).
In bezug auf die Darstellung des freien Spiels der Einbildungs-
kraft und des Verstandes gibt es gewisse Unklarheiten und Schwie-
rigkeiten im ersten Absatz der Allgemeinen Anmerkung zum ersten
Abschnitte der Analytik (KU, 68 f.), in dem die Funktion der Einbil-
dungskraft im Geschmacksurteil und deren notwendigen Bezug auf
den Verstand geklärt werden sollen. Eine von den Schwierigkeiten
könnte in der konzeptuellen Verschiebung der KU liegen.21 Von der

20
Vgl. J. Kulenkampff (2000) S. 41; Th. Baumeister S. 158 f.
21
Kant wollte ursprünglich eine »Grundlegung zur Kritik des Geschmacks«
(Brief von Bering vom 28.05.1787, 318) oder »Grundlage der Kritik des Ge-
schmacks« (Brief an Schütz vom 25.06.1787, 320) schreiben, und zwar in trans-
zendentaler Absicht. Sie sollte eine »Wissenschaft« sein, d.h. sie sollte die
Möglichkeit der ästhetisch reflektierenden Beurteilung von der Natur der Er-
kenntnisvermögen ableiten. Sie ist daher keine empirische Kritik, nämlich eine
»Kunst« in dem Sinne, daß sie die Regeln des Geschmacks »nur an Beispiel
zeigt« (vgl. KU, § 34, 144). Erst im Brief an Reinhold vom 12.05.1789, 385
nennt Kant zum ersten Mal die geplante dritte Kritik die ›Kritik der Urteils-
kraft‹, von der die ursprüngliche »Kritik des Geschmacks« nur ein Teil ist. Die
Änderung der systematischen Begriffe beeinträchtigt auch das Verständnis der
KU. Der spät entwickelte Begriff der reflektierenden Urteilskraft, der zwar
schon im Begriff des Reflexionsgeschmacks enthalten ist, wird erst in der De-
duktion, Analytik des Erhabenen und vor allem in den beiden Einleitungen ein-
gefügt. Die Wechselwirkung im erleichterten Spiel der Erkenntniskräfte unter-

252
(reflektierenden) Urteilskraft ist in der Allgemeinen Anmerkung
noch nicht die Rede.22 Als Instanz des Zusammenspiels von Einbil-
dungskraft und Verstand spielt die reflektierende Urteilskraft insbe-
sondere in beiden Einleitungen, in der Analytik des Erhabenen und
in der Deduktion eine wichtige Rolle. Kant scheint in der Allgemei-
nen Anmerkung, wie in der Analytik des Schönen, zumindest dem
Verstand die Teilfunktion der Urteilskraft im freien Spiel der Er-
kenntniskräfte zuzuweisen. Zuerst wurde der Geschmack dort vor-
läufig als »Beurteilungsvermögen eines Gegenstandes in Beziehung
auf die f r e i e G e s e t z mä ß i g k e i t der Einbildungskraft« bezeich-
net (KU, 68 f.). Die »freie Gesetzmäßigkeit« kommt nach Kant aber
besser dem Verstand als der Einbildungskraft zu, nachdem die Frei-
heit der Einbildungskraft im Geschmacksurteil geklärt wurde. Nun
wird die »freie Gesetzmäßigkeit des Verstandes […] auch Zweck-
mäßigkeit ohne Zweck« genannt (vgl. KU, 69), die jedoch zur re-
flektierenden Urteilskraft gehören soll (vgl. z.B. KU, 247). Dement-
sprechend bestimmt Kant die Funktion des Verstandes im Ge-
schmacksurteil in § 15 folgendermaßen:
»Das Vermögen der Begriffe, sie mögen verworren oder
deutlich sein, ist der Verstand; und obgleich zum Ge-
schmacksurteil, als ästhetischem Urteile, auch (wie zu allen
Urteilen) Verstand gehört, so gehört er zu demselben doch
nicht als Vermögen der Erkenntnis eines Gegenstandes, son-

einander bei der bloßen Reflexion über eine einzelne Anschauungsform ist ein
Werk der reflektierenden Urteilskraft, oder genauer der ästhetischen Urteils-
kraft, oder noch genauer des Reflexionsgeschmacks.
22
Nach G. Tonelli (S. 155) sind die Textteile der KU in folgender Reihenfolge
entstanden: 1. Analytik des Schönen; 2. Deduktion der reinen ästhetischen Ur-
teile; 3. Dialektik der ästhetischen Urteilskraft; 4. Erste Einleitung; 5. Analytik
des Erhabenen; 6. Kritik der teleologischen Urteilskraft; 7. [Zweite] Einleitung
und Vorrede. – Siehe dazu H. Mertens S. 237 ff., und ferner G. Tonelli: La
formazione del testo della Kritik der Urteilskraft, in: Revue internationale de
philosophie 8, 1954, S. 423-448.
Nach W. Henckmann ist die Allgemeine Anmerkung eine »nachträgliche Ergän-
zung«, »die die Ergebnisse der Dialektik bereits als Resultate der Analytik her-
ausstellen sollte« (S. 356). Daher müßte die Allgemeine Anmerkung nach der
Dialektik und vor der EE aufgefaßt werden (vgl. ebd., Anm. 60). Diese Mei-
nung ist m.E. nicht richtig.

253
dern als Vermögen der Bestimmung des Urteils und seiner
Vorstellung (ohne Begriff) nach dem Verhältnis derselben
auf das Subjekt und dessen inneres Gefühl, und zwar sofern
dieses Urteil nach einer allgemeinen Regel möglich ist« (KU,
48).
Diese Regel ist das objektiv unbestimmte Prinzip der subjektiven,
bloß formalen Zweckmäßigkeit der Natur. Was der Verstand im
Geschmacksurteil positiv leistet, ist seine allgemeinen Funktionen
zu Urteilen. Dem Verstand allein kommt nach Kant die (objektive)
Gesetzmäßigkeit zu. Die anschauliche Einheit der schönen Form
läßt sich in der Strukturierung des Mannigfaltigen im Wahrneh-
mungsfeld ohne Funktion des Urteilens nicht stattfinden, und zwar
hierbei vermittels der bloßen Reflexion (Betrachtung, Beurteilung)
der Urteilskraft. Denn jede Strukturierung des Mannigfaltigen zu
einer anschaulichen Einheit ist an sich schon »urteilhaft«. Nach der
Einfügung des Begriffs der Urteilskraft in die »Kritik des Ge-
schmacks« gehört der Urteilskraft allein die »freie Gesetzmäßig-
keit« (oder auch die »Gesetzmäßigkeit des Zufälligen«) zu. Dies
bringt Kant in der Allgemeinen Anmerkung zur Exposition der äs-
thetischen reflektierenden Urteile folgendermaßen zum Ausdruck:
»Die ästhetische Zweckmäßigkeit ist die Gesetzmäßigkeit der
Urteilskraft in ihrer F r e i h e i t . Das Wohlgefallen an dem
Gegenstande hängt von der Beziehung ab, in welcher wir die
Einbildungskraft setzen wollen; nur daß sie für sich selbst
das Gemüt in freier Beschäftigung unterhalte. Wenn dagegen
etwas anderes, es sei Sinnenempfindung oder Verstandesbe-
griff, das Urteil bestimmt, so ist es zwar gesetzmäßig, aber
nicht das Urteil einer f r e i e n Urteilskraft« (KU, 119).
Die Einbildungskraft hat die Funktion, das Mannigfaltige der
Anschauung zu strukturieren. Weil die Einbildungskraft im Ge-
schmacksurteil das Mannigfaltige ohne jeglichen Begriff in ein Bild
auffaßt, ist sie frei von allen empirisch möglichen Begriffen (Regeln
oder Gesetzen). Diese Freiheit der Einbildungskraft bedarf aber der
Erläuterung. Zunächst kann die Einbildungskraft hier nicht trans-
zendental sein, weil die transzendentale Einbildungskraft notwendig
nach Verstandesgesetzen verfährt und folglich »unfrei« ist. Ande-

254
rerseits spielt die transzendentale Einbildungskraft im Ge-
schmacksurteil keine Rolle, weil das Geschmacksurteil nichts mit
der Erkenntnis des Gegenstandes zu tun hat, und weil hierbei »die
Einbildungskraft ohne Begriff schematisiert, die Freiheit derselben
besteht« (KU, 146). Zweitens kann die Einbildungskraft auch nicht
reproduktiv sein, da die reproduktive Einbildungskraft »den Assozi-
ationsgesetzen unterworfen ist« (KU, 69; vgl. KrV, B152). Also
muß die Einbildungskraft im Geschmacksurteil nur als empirisch
»produktiv und selbsttätig (als Urheberin willkürlicher Formen
möglicher Anschauungen) angenommen« (ebd.) werden, wenn
hierbei die Einbildungskraft in ihrer Freiheit betrachtet werden
muß.23 Das Wort ›willkürlich‹ hat in diesem Zusammenhang nichts
mit der willensmäßigen Handlung zu tun, sondern bloß mit der frei-
en Bildung (Organisation) der Sache und folglich mit der Vor-
stellungstätigkeit des Verstandes (i.w.S.). ›Willkürlich‹ bedeutet
demnach ›frei vom Zwang‹, ›nach freier Selbstbestimmung täti-
gend‹ oder ›natürlich‹.24 In diesem Sinne legt die Einbildungskraft
die »Abbildungskraft« (PM149 f.) der gegenwärtigen Anschauung,
oder das »sinnliche Dichtungsvermögen« (Anthr., A79 ff./VII174
ff.) schon nahe.
Was bedeutet dann die Freiheit im Spiele der Einbildungskraft?
Auch wenn Kants Rede davon nicht in allen Stücken verständlich
ist, ist es jedoch ganz klar, daß die Einbildungskraft allein ohne Be-
zug auf den Verstand die »freie Gesetzmäßigkeit« oder »Gesetz-
mäßigkeit ohne Gesetz« im Geschmacksurteil nicht leisten kann.
»Allein daß die E i n b i l d u n g s k r a ft f r e i und doch v o n s e l b s t

23
Vgl. H. W. Cassirer S. 216 ff.
24
In der Metaphysik-Pölitz unterscheidet Kant zwischen »willkürlich« und »un-
willkürlich« nach dem Kriterium der Spontaneität/Rezeptivität: »Alle […] Ac-
tus der bildenden Kraft können w i l l k ü h r l i c h und auch u n w i l l k ü h r l i c h
geschehen. Sofern sie u n w i l l k ü h r l i c h geschehen, gehören sie gänzlich zur
Sinnlichkeit: so fern sie aber w i l l k ü h r l i c h geschehen, gehören sie zum o-
bern Erkenntnißvermögen« (PM153). – Die »willkürlichen Formen möglicher
Anschauungen« sollten in diesem Zusammenhang von der »unwillkürliche«
Phantasie des sinnlichen Dichtungsvermögens (wie etwa im Traum) zum einen
und von der »willkürlichen« Komposition, Erfindung desselben zum anderen
unterschieden werden (Anthr., A80/VII175).

255
g e s e t z mä ß i g sei, d. i. daß sie eine Autonomie bei sich führe, ist
ein Widerspruch« (KU, 69). Die Einbildungskraft ist im Ge-
schmacksurteil zwar frei von allen empirisch möglichen Gesetzen,
aber das bedeutet nicht, daß sie gesetzlos (regellos) oder frei von
empirischen Bedingungen ist. Die »Freiheit« der Einbildungskraft
ist hierbei nicht schlechthin. Die Einbildungskraft ist einerseits »bei
der Auffassung eines gegebenen Gegenstandes der Sinne an eine
bestimmte Form dieses Objekts gebunden« und hat insofern »kein
freies Spiel (wie im Dichten)« (ebd.; vgl. KU, 73). Anderseits be-
zieht die Urteilskraft im Geschmacksurteil die Einbildungskraft auf
den Verstand. Die Einbildungskraft muß dem Verstand in seiner
Gesetzmäßigkeit angepaßt werden, und zwar in einer derartigen
Beziehung, »daß sie für sich selbst das Gemüt in freier Beschäfti-
gung unterhalte« (KU, 119), sofern das Geschmacksurteil möglich
sein soll. Wenn die »Freiheit« der Einbildungskraft vom freien und
unbestimmt-zweckmäßigen Zusammenspiel der Erkenntniskräfte
am Schönen aus betrachtet wird, »so läßt sich doch noch wohl be-
greifen, daß der Gegenstand ihr gerade eine solche Form an die
Hand geben könne, die eine Zusammensetzung des Mannigfaltigen
enthält, wie sie die Einbildungskraft, wenn sie sich selbst frei über-
lassen wäre, in Einstimmung mit der V e r s t a n d e s g e s e t z mä ß i g -
k e i t überhaupt entwerfen würde« (KU, 69; vgl. 76).
Diese »Als-Ob«-Betrachtung der ästhetischen Zweckmäßigkeit
der Natur ist eine transzendentale Interpretation des Gefühls der
ästhetischen Freiheit an einem einzelnen gegebenen Gegenstand in
der bloßen Reflexion über dessen Form. Diese Interpretation ist in
Wahrheit eine Umschreibung der inneren Harmonie der Erkennt-
nisvermögen in ihrer Vorstellungstätigkeit. Durch den Begriff der
Zweckmäßigkeit der Natur erhält der Begriff des freien Spiels der
Erkenntniskräfte im Geschmacksurteil eine höchst systematische
Bedeutung. Diese systematische Deutung der Schönheit hat doch
ihre phänomenale Basis in der ästhetischen Betrachtung der Natur
als Kunst (»Technik«) und in der ästhetischen Erfahrung vom »je ne
sais quoi«. Die schönen Formen der Natur erwecken den Anschein

256
eines Kunstwerks.25 Außer der teleologischen Implikation der Na-
turschönheit lassen sich reiche Folgerungen des Geschmacksurteils
aus dem Begriff der subjektiven, bloß formalen Zweckmäßigkeit
ziehen. Das Geschmacksprinzip ist durch diesen beziehungsreichen
Begriff der Zweckmäßigkeit zugleich auch anwendbar auf weitere
Bereiche.
Entscheidend ist, daß im Geschmacksurteil die Erkenntniskräfte
ihre eigene Freiheit (Spontaneität) erhalten und zugleich auch
wechselseitig befördern können. Alle beteiligten Erkenntniskräfte
tragen zum freien Spiel im Geschmacksurteil je auf ihre eigne Art
bei, aber ihre Mitwirkung ist nicht von der gleichen Bedeutung. Die
Einbildungskraft spielt hierbei eine größere Rolle als der Verstand,
da im Geschmacksurteil der Verstand nicht in seinem eigentümli-
chen Sinne als objektbestimmend fungiert. Wenngleich die gesetz-
lose, unkontrollierte Phantasie wie das Steif-regelmäßige an sich
geschmackswidrig sind, so werden Mannigfaltigkeit und Abwechs-
lung in der Vorstellung für Kant vor deren Durchsichtigkeit und
Verständlichkeit bevorzugt.
»[W]o nur ein freies Spiel der Vorstellungskräfte (doch unter
der Bedingung, daß der Verstand dabei keinen Anstoß leide)
unterhalten werden soll, in Lustgärten, Stubenverzierung, al-
lerlei geschmackvollem Geräte u. dergl., wird die Regel-
mäßigkeit, die sich als Zwang ankündigt, so viel möglich ver-
mieden; daher der englische Geschmack in Gärten, der Ba-
rockgeschmack an Möbeln die Freiheit der Einbildungskraft
wohl eher bis zur Annäherung zum Grotesken treibt, und in
dieser Absonderung von allem Zwange der Regel eben den
Fall setzt, wo der Geschmack in Entwürfen der Einbil-
dungskraft seine größte Vollkommenheit zeigen kann« (KU,
71 f.).
Die Freiheit der Einbildungskraft ist daher im Geschmacksurteil
mehr oder minder gewichtiger als die Gesetzmäßigkeit des Verstan-
des, sofern beide Momente in ihrem harmonischen Zusammenspiel
abgesondert betrachtet werden, da die ästhetische Beurteilung eines
gegebenen Gegenstandes letztlich eine nicht auf bestimmten Begrif-
25
Vgl. § 3, S. 217 f.

257
fen erhobene, mithin bloß anschauliche Zusammenfassung des
Mannigfaltigen in ein individuelles, strukturiertes Ganzes betrifft,
das der unvoreingenommene Beurteilende immer wieder auf eine
unerklärliche, neue und unerwartete Weise beeindrucken kann. In
diesem Zusammenhang sollte aber die Funktion des Verstandes
(oder auch der Vernunft) in der ästhetischen Idee nicht vernachläs-
sigt werden, die hierbei zwar außer Acht bleibt, aber in einer kon-
kreten ästhetischen Beurteilung eine zentrale Rolle spielt. Ohne den
mit der Anschauung assoziierten, unbestimmten Gebrauch der Be-
griffe (Ausdrücke) kann der expressive Eindruck der Bereicherung
des anschaulichen Ganzen nicht entspringen.
Das Wohlgefallen des Geschmacks am Schönen ist »einzig und
allein ein uninteressiertes und f r e i e s Wohlgefallen« (KU, 15), das
»durch das Geschmacksurteil zugleich als für jedermann gültig er-
klärt wird« (KU, § 11, 35). Dieser im Geschmacksurteil mitge-
dachte Anspruch kann sich nur »transzendental« auf das freie Spiel
der Erkenntniskräfte zu einer Erkenntnis überhaupt in der bloßen
Beurteilung eines gegebenen Gegenstandes gründen. Allein auf
diesem Grund können wir das Wohlgefallen am Schönen mit Recht,
»ohne Begriff, als allgemein mitteilbar beurteilen« (KU, § 11, 35),
und mithin kann dieses als für jedermann gültig gehaltene Wohl-
gefallen den Bestimmungsgrund des Urteils über die Schönheit aus-
machen. Diese Deduktion setzt aber voraus, daß es einen ästheti-
schen Gemeinsinn gebe, der nichts anderes als die unmittelbare
Wirkung des freien Spiels der Erkenntniskräfte auf unser Gemüt ist,
die bei allen Menschen einerlei sei (vgl. KU, § 20, 64 f.). Die De-
duktion hat bloß gezeigt, daß wir einen solchen Gemeinsinn mit
guten Gründen annehmen dürfen und müssen, wenn wir keinen
Skeptizismus akzeptieren wollen.
Bei der Betrachtung des Geschmacksurteils unter dem Aspekt ei-
nes Gemeinsinns wird eigentlich nichts Neues gewonnen gegenüber
dem Ergebnis des freien Spiels der Erkenntniskräfte. Bedeutsam ist,
daß der Begriff des Gemeinsinns auf die Verwandtschaft zwischen
dem ästhetischen Sollen und der moralischen Verbindlichkeit ver-
weist. In der notwendigen Verbindung des Geschmacks mit dem

258
moralischen Gefühl vollzieht sich der ästhetische Übergang von der
Natur zur Freiheit.26
»Wenn man annehmen dürfte, daß die bloße allgemeine Mit-
teilbarkeit seines Gefühls an sich schon ein Interesse für uns
bei sich führen müsse (welches man aber aus der Beschaffen-
heit einer bloß reflektierenden Urteilskraft zu schließen nicht
berechtigt ist), so würde man sich erklären können, woher
das Gefühl im Geschmacksurteile gleichsam als Pflicht je-
dermann zugemutet werde« (KU, § 40, 161).27
In der Logik der (reinen) Geschmacksurteile wird der Ge-
schmack allein in seinem Verhältnis zum Verstand und zur sinnli-
chen Natur (als Erscheinung), zumindest in der Analytik ohne Rück-
sicht auf die Vernunft und das übersinnliche Substrat der Natur (in
uns und außer uns) betrachtet, obwohl die Beziehung des Ge-
schmacks zur Vernunft schon in der ästhetischen Darstellung eines
unbestimmten Begriffs (auch in dem Ideal der Schönheit und in der
Idee eines Gemeinsinns) mitformuliert ist (vgl. z.B. KU, 11, 26).
D.h. die ästhetische Darstellung der Naturbegriffe läßt immer schon
freien Raum für die symbolische Darstellung der Vernunftidee. Der
(reine) Geschmack wird als ein »ursprüngliches und natürliches«
(KU, 68) Vermögen bestimmt. Sein Prinzip der subjektiven, bloß
formalen Zweckmäßigkeit der Natur ist a priori gesetzgebend für
das Vermögen des Gefühls der Lust und Unlust. Später in der Dia-
lektik (KU, § 57, § 59) und Methodenlehre wird der (ideale) Ge-
schmack im Hinblick auf »das Intelligible unserer Natur« (KU, 242;
vgl. 258) als »Beurteilungsvermögen der Versinnlichung sittlicher
Ideen« (KU, 263) vorgestellt. Als solches ist der (ideale) Ge-
schmack im Grunde doch »nur die Idee von einem noch zu erwer-
benden und künstlichen Vermögen« (KU, 68), und das Ge-
schmacksurteil sollte aus der Anwendung dieses Vermögens das
Beispiel für die objektiven, notwendigen Normen aufstellen (vgl.

26
Siehe auch § 2, S. 108 f. und S. 117 ff.
27
Vgl. KU, 26 (§ 8), 68 (§ 22), 258 (§ 59); Anthr., A191/VII244; Brief an Rei-
chardt vom 15.10.1790, 490.

259
KU, 161, 253, 264).28 Kant unterscheidet einerseits den reinen Ge-
schmack von dem idealen, und allein im reinen Geschmack ist ein
apriorisches Prinzip der ästhetischen Urteilskraft enthalten. Er neigt
andererseits zu der Ansicht, daß der Geschmack sich erst im idealen
Geschmack vollendet.
Wenn es nur um die Deduktion der Geschmacksurteile ginge,
könnte man ohne den Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur allein
mit dem freien Spiel der Erkenntniskräfte auskommen. Das bedeu-
tet freilich nicht, daß im Geschmacksurteil der Begriff der Zweck-
mäßigkeit, der Sache nach, redundant ist. Ganz im Gegenteil vollen-
det sich die transzendentale Exposition des Geschmacksurteils erst
in der erweiternden Umschreibung des freien Spiels der Erkenntnis-
kräfte in der bloßen Betrachtung des Gegenstandes als subjektive,
bloß formale Zweckmäßigkeit des Gegenstandes oder29 dessen Vor-
stellungsart für die Urteilskraft.
Wenn Kants transzendentale Fundierung der allgemeingültigen
Lust durch das freie Spiel der Erkenntniskräfte zu einer Erkenntnis
überhaupt auch unplausibel und irrelevant zu sein scheint, dann
scheint der Begriff der ästhetischen Zweckmäßigkeit der Natur äs-
thetisch noch unzutreffender und an sich widerspruchsvoller zu sein.

28
Man spricht deswegen von der »zweiten Deduktion« des Prinzips des Ge-
schmacks in der Dialektik der ästhetischen Urteilskraft und sieht erst darin die
Vollendung der Deduktion desselben. Das Prinzip des Geschmacks ist bei Kant
allerdings zweideutig. Zum einen bedeutet es die ästhetische Zweckmäßigkeit
der Natur, zum anderen kann der ästhetische Gemeinsinn gemeint sein. Wenn
aber von der Deduktion der reinen Geschmacksurteile die Rede ist, endet die
Deduktion bereits in § 38, weil das Ideal der Schönheit keine reine Schönheit
ist. In der Dialektik wird der ästhetische Gemeinsinn in bezug auf das Intelli-
gible in uns, und das Ideal des Geschmacks wird in bezug auf die Vernunft
»deduziert«, aber nicht die ästhetische Zweckmäßigkeit der Natur wird dadurch
gerechtfertigt. Im Fall der letzteren wäre das Geschmacksurteil nichts anderes
als ein verstecktes teleologisches Urteil. – Dazu vgl. z.B. R. Brandt (1989) S.
188 f., (1989a) S. 179 ff., 189 ff., (1998) S. 241 ff.; W. Henckmann S. 355 f.; H.
F. Klemme (2001) S. LIV; Cl. MacMillan. – Siehe oben Anm. 7 (S. 233).
29
J. Stolzenberg (S. 17) sieht richtig, daß das Wort ›oder‹ in diesem Zusammen-
hang bei Kant nicht in einem alternativen, sondern explikativen Sinne ge-
braucht wird. – Vgl. dazu folgende Anm. 47 (S. 279 f.) und ferner W. Henck-
mann S. 328 Anm. 18.

260
Daher werden wir jetzt Kants Argumentation dieses mißverständli-
chen Begriffs einer »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« rekonstruieren,
welcher auch für die allgemeine Zweckmäßigkeit der Natur gilt (vgl.
KU, § 10).

4.2 Form der Zweckmäßigkeit


Kant betrachtet das dritte Moment der Geschmacksurteile, »nach
der Relation der Zwecke, welche in ihnen in Betrachtung gezogen
wird« (KU, 32). Diese Formulierung ist irreführend und scheint im
Widerspruch zu stehen mit der ästhetischen Zweckmäßigkeit der
Natur als »Zweckmäßigkeit ohne Zweck«. Man stellt sich natürlich
die Frage: Was haben die Geschmacksurteile mit »Zwecken« zu tun?
Ist im Begriff einer »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« nicht ein Wi-
derspruch enthalten, weil selbst der Begriff der Zweckmäßigkeit
von dem Begriff des Zwecks abgeleitet ist?
Auch wenn man annimmt, daß der Begriff der »Zweckmäßigkeit
ohne Zweck« kein Widerspruch sei, muß man dennoch zwischen
folgenden Denkebenen unterscheiden, um Mißverständnisse zu
vermeiden. Dem Urteilen des Geschmacks über die Schönheit eines
Gegenstandes liegt zwar keine Vorstellung irgendeines »bestimm-
ten Zwecks« des Subjekts zugrunde, aber das schließt zum einen
nicht aus, daß das Geschmacksurteil mit einem »unbestimmten
Zweck« des Subjekts oder mit einem uns »unbekannten Zweck«
einer höheren Vernunft verbunden sein könnte, sowie das zum an-
deren auch nicht ausschließt, daß man die Relation der Elemente im
Geschmacksurteil nach dem begrifflichen Schema des Zwecks oder
dessen derivativen Zweckmäßigkeit analysieren kann.
Zwischen beiden Ebenen scheint Kant selbst aber nicht deutlich
zu unterscheiden. Dies liegt wohl an seinem Grundansatz der trans-
zendentalen Begründung der apriorischen Gesetzlichkeit der empiri-
schen Urteile. Der scheinbar widerspruchsvolle Begriff einer
»Zweckmäßigkeit ohne Zweck« ist ein begriffliches Konstrukt, das
die teleologische (i.w.S.) Deutung der Naturschönheit mit der trans-
zendentalen Fundierung der Geschmacksurteile verbindet. Der

261
Grundlage dieser Betrachtung besteht in der inneren, formalen
Zweckmäßigkeit des Erkenntnisvermögens des Subjekts.
Es gibt nach Kant, wie gesagt, sachliche und systematische
Gründe für die Betrachtung der Geschmacksurteile unter dem As-
pekt der Zweckmäßigkeit der Natur. Beide Gründe hebt Kant aber
niemals deutlich hervor. Das liegt möglicherweise in Kants Selbst-
verständlichkeit der teleologischen Deutung der Schönheit, welche
der ästhetischen Erfahrung des 18. Jahrhunderts vertraut ist. Das
Schöne wird z.B. als sinnliche Darstellung der Idee oder Vollkom-
menheit in der Erscheinung angesehen. Die Architektonik der KU
erschwert auch das Verständnis der ästhetischen Zweckmäßigkeit
der Natur. Die sachlichen Gründe erfährt man einerseits erst später
in der Unterscheidung zwischen Natur- und Kunstschönheit und in
der symbolischen Darstellung des Gegenstandes. In beiden Einlei-
tungen und in § 10 - § 17 der KU, in denen der Begriff der Zweck-
mäßigkeit der Natur eingeführt wird, scheint andererseits der Ak-
zent auf der transzendentalen Fundierung der Geschmacksurteile
und deren systematischen Zusammenhang gesetzt zu sein. Noch
mehr erschwert Kant das Verständnis der ästhetischen Zweckmä-
ßigkeit durch unklare Klassifizierung der Typen der Zweckmä-
ßigkeit der Natur. Die Einbettung der ästhetischen Beurteilung in
einen teleologischen Denkhorizont wirkt gelegentlich angestrengt
und scheint somit der Sache nach erzwungen zu sein.
Kants Argumentation im dritten Moment der Geschmacksurteile
ist im großen und ganzen klar. Ihre Struktur spiegelt auch die Archi-
tektonik der Kritik der ästhetischen Urteilskraft. Die Argumentation
läßt sich leicht folgendermaßen skizzieren: 1. Einführung des Be-
griffs einer allgemeinen Zweckmäßigkeit der Natur und Lust über-
haupt als Bewußtsein der Selbsterhaltung des Gemütszustandes in
einer Vorstellung (§ 10); 2. Bestimmung der ästhetischen Zweck-
mäßigkeit als Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes oder
dessen Vorstellungsart und Lust am Schönen als Bewußtsein dieser
subjektiven, bloß formalen Zweckmäßigkeit (§ 11); 3. Transzenden-
tale Fundierung der Geschmacksurteile durch das Prinzip der ästhe-
tischen Zweckmäßigkeit und Präzisierung der Lust am Schönen als
Bewußtsein der dynamischen Selbsterhaltung des Gemütszustandes

262
in der freien harmonischen Vorstellungstätigkeit des Subjekts, folg-
lich Zweckmäßigkeit ohne Vorstellung irgendeines bestimmten
Zwecks als ästhetischer »Selbstzweck« (§ 12); 4. Theorie der schö-
nen Form als Folgerung der ästhetischen Zweckmäßigkeit (§ 13 - §
14); 5. Abgrenzung der ästhetischen von der objektiven Zweckmä-
ßigkeit, nämlich Nützlichkeit oder Vollkommenheit (§ 15); 6. Un-
terscheidung zwischen freier und anhängender Schönheit (§ 16); 7.
Vom Ideale der Schönheit (§ 17). Im folgenden beschränken wir
uns auf die ersten drei Themen, die mit der transzendentalen Fun-
dierung der Geschmacksurteile unmittelbar zusammenhängen.
In § 10 bezweckt Kant zweierlei: erstens eine »transzendentale
Definition« des Zwecks und der Zweckmäßigkeit und zweitens eine
allgemeine Betrachtung der Zweckmäßigkeit ohne realen Zweck,
welche der kritischen Teleologie zugrunde liegt.
Die Begriffe ›Zweck‹ und ›Zweckmäßigkeit‹ haben ihre Her-
kunft in der Lebenspraxis. »Z w e c k e haben eine gerade Beziehung
auf die V e r n u n f t , sie mag nun fremde, oder unsere eigene sein«30.
An »P r o d u k t e n d e r K u n s t können wir uns der Kausalität der
Vernunft von Objekten, die darum zweckmäßig oder Zwecke heißen,
bewußt werden« (EE, XX234).31 Dementsprechend heißt Zweck in
Kants praktischer Philosophie auch »Objekt des Willens«32. Zweck
als ein gesetztes, vorstellungshaftes Handlungsobjekt läßt sich im
heutigen Sprachgebrauch durch die äußere Mittel-Zweck-Bezie-
hung leicht verständlich machen. Es ist aber verfehlt, wenn man den
vollen Sinn der Kantischen Bestimmung des Zwecks allein von der
Mittel-Zweck-Beziehung aufzufassen versucht, welche zur Realisie-
rung des Zwecks, aber nicht zu dessen objektivem Bestimmungs-
grund gehört. Denn der Grundgedanke der Kantischen Moral-
philosophie liegt im Begriff vom Zweck an sich (Selbstzweck), der
30
Gebrauch, A132/VIII182; vgl. EE, XX234 (§ IX), KU, 285 (§ 64), 289 f. (§
65). – Vgl. § 2, S. 99 f.
31
Unter ›Kunst‹ versteht Kant hierbei »Technik« (WHYFQK, ars) in einem allgemei-
nen Sinne, und zwar bloß im Gegensatz zur »Natur« (IXYVL). Zur Herkunft und
geschichtlichen Entwicklung dieses Begriffs vgl. K. Kuypers S. 22 ff.; K. Gloy
(1995) S. 226, S. 23 ff.; Br. Scheer S. 20 ff.
32
Vgl. z. B. KpV, A241/V134; MAT, A4/VI381; A67/VI419; Religion, X f./VI6
Anm.; Frieden, B88/VIII377.

263
selbst nicht in der Mittel-Zweck-Beziehung steht und folglich unbe-
dingt ist.33
Der Zweck an sich ist nichts anderes als der reine Wille, die
praktische Vernunft, die moralische Person, weil er von Kant ganz
formal als Akt der Freiheit selbst gefaßt wird (vgl. GMS,
A80/IV436; A82/IV437), und folglich gehört er wesentlich zur
Spontaneität der praktischen Vernunft selbst als zwecksetzendes
Vermögen. Ganz in diesem Sinne deutet Kant in der EE die objek-
tive, bloß formale praktische Zweckmäßigkeit der Vernunft als
»Form der Z w e c k m ä ß i g k e i t , die sich zum allgemeinen Gesetze
qualifiziert, als einem Bestimmungsgrunde der V e r n u n f t in Anse-
hung des B e g e h r u n g s v e r mö g e n s « (EE, XX246). Dementspre-
chend könnte man die These aufstellen, daß deren subjektives Ge-
genstück die »Form der Zweckmäßigkeit« der reflektierenden Ur-
teilskraft in der Darstellung eines unbestimmten Begriffs als subjek-
tive, bloß formale Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes oder dessen
Vorstellungsart sei (vgl. KU, § 11). Letztere ist nach Kant a priori
gesetzgebend für das Gefühl der Lust und Unlust. Die ästhetische
Zweckmäßigkeit ist zwar nicht identisch mit der allgemeinen
Zweckmäßigkeit der Natur, ist aber doch eine reine Anwendung
dieses Prinzips selbst im Modus des Lebensgefühls.34
Der Begriff des Selbstzwecks wird von Kant bei der »transzen-
dentalen« Erörterung des Begriffs des Zwecks und der Zweckmä-
ßigkeit in § 10 der KU außer Acht gelassen. Durch die abstrahieren-
de Analyse der formalen Zweckmäßigkeit gelangt Kant aber zu dem
Ergebnis einer Zweckmäßigkeit ohne realen Zweck, welche sich
allein auf die Heautonomie der reflektierenden Urteilskraft gründet.
Die finale Struktur der Zwecktätigkeit der Vernunft läßt sich, ab-
gesehen von dem »Selbstzweck«, generell durch die Mittel-Zweck-
Beziehung verständlich machen. Man kann dadurch die Kausalver-
bindung der wirkenden Ursachen als Mittelursachen in einen teleo-
logischen Verstehenshorizont des erkennenden und handelnden
Subjekts einordnen.35 Die praktische, herstellende Handlung kann

33
Siehe § 2, S. 124 f.
34
Siehe unten S. 288 ff.
35
§ 2, S. 136 f.

264
daher durch drei Teilhandlungen charakterisiert werden, nämlich
die Zwecksetzung, die Auswahl der geeigneten Mittel zum Errei-
chen des vorgestellten Zwecks und schließlich den Realisati-
onsprozeß, wobei die Mittel in Ansehung des Erfolgs der Handlung
gelegentlich auch der Korrektur bedürfen.36 Der Zweck als inten-
dierter vorstellungshafter Gegenstand ist unabhängig von Erfolg
oder Mißerfolg der Handlung. Denn der gesetzte Zweck bleibt im-
mer Zweck der Handlung – sofern er gewollt wird –, auch wenn die
Handlung mißglückt ist. Im Fall des Erfolgs der Handlung kann ihre
Wirkung (oder Produkt) insofern Zweck genannt werden, als der
Vorstellungsinhalt dieser Wirkung mit dem Vorstellungsinhalt des
gesetzten Zwecks übereinkommt und diese Wirkung intendiert wird.
Kant bezeichnet den Zweck einmal als Gegenstand einer Vor-
stellung, ein andermal als Vorstellung (oder Begriff) des Gegenstan-
des.37 Diese doppelte Bestimmung des Zwecks läßt sich auf zweier-
lei Perspektiven einer Handlung zurückführen. Vom Endpunkt der
Handlung rückblickend ist Zweck »der Gegenstand eines Begriffs,
sofern dieser als die Ursache von jenem (der reale Grund seiner
Möglichkeit) angesehen wird« (KU, § 10, 32)38, und zwar unter der
Voraussetzung, daß die Handlung erfolgreich ist. Der Begriff des
Gegenstandes, oder dessen Vorstellungsinhalt, sofern er gewollt
wird, ist der Bestimmungsgrund der »verständigenden wirkenden
Ursache« (KU, 381), den Gegenstand als Wirkung hervorzubrin-
gen. – Wenn man nun vom Anfangspunkt der Handlung ausgeht,
dann ist Zweck »der Begriff von einem Objekt, sofern er zugleich
den Grund der Wirklichkeit dieses Objekts enthält« (KU, XXVIII)39.
Also ist Zweck nun der Begriff von einem Objekt, der bestimmt,
was es sein soll, folglich der »Vorstellungsinhalt, der eine Ursache

36
Vgl. N. Hartmann S. 69; R. Spaemann/R. Löw (1985) S. 261; K. Düsing (1981)
S. 33 f.
37
Die doppelte Bestimmung des Zwecks ist nach H. Mertens (S. 157 f.) unein-
heitlich und sie ist nach K. Marc-Wogau (S. 56 f., 222 ff.) inkompatibel. K.
Düsing (1986, S. 95 ff.; 1981, S. 33 f.) hält sie hingegen für vereinbar. Die fol-
gende Darlegung verdankt sich Düsings Analyse.
38
Vgl. KU, 45 (§ 15), 285 (§ 64), 289 f. (§ 65), 346 (§ 77), 349 f. (§ 77); EE,
XX234 f. – Vgl. Religion, AXII/VI7 Anm., dazu auch § 2, Anm. 52 (S. 100).
39
Vgl. KU, 173 f. (§ 43), 381 (§ 82); EE, XX232; XX235 f.

265
veranlaßt, den ihm entsprechenden Gegenstand oder auch Zustand
zu erwirken«40. Diese Definition entspricht dem natürlichen Hand-
lungsablauf. Sie setzt keinen Erfolg der Handlung voraus. Ihr An-
wendungsbereich ist somit breiter als die Betrachtung des Zwecks
als Gegenstand (Wirkung). Letztere ist aber geeignet für die Be-
trachtung der Fremdhandlung oder des handlungsanalogen Vor-
gangs. Denn wir können dabei nur von der »zweckhaften« Wirkung
durch eine Analogie zu unserer Kausalität nach Zwecken auf die
verständige wirkende Ursache schließen (vgl. Gebrauch,
A129/VIII180). In diesem Fall nennen wir dasjenige »zweckmäßig«,
»dessen Dasein eine Vorstellung desselben Dinges vorauszusetzen
scheint« (EE, XX216).
Man sieht nun, daß es zwischen beiden Definitionen keinen er-
heblichen Unterschied gibt. Ihre Struktur ist auch dieselbe. Zweck
ist in der praktischen, herstellenden Handlung eigentlich nichts an-
deres als ein intendiertes, vorstellungshaftes Handlungsobjekt, das
realisiert werden soll. Der Gegenstand, der seinem vorweggenom-
menen Vorstellungsinhalt entspricht, heißt dann in diesem Zusam-
menhang »zweckmäßig«. Oder diese erfolgreiche Handlung kann
auch »zweckmäßig« heißen. Daher nennt Kant die Zweckmäßigkeit
im allgemeinen die »Kausalität eines B e g r i f f s in Ansehung seines
O b j e k t s « (KU, § 10, 32), oder genauer die Kausalität einer Vor-
stellung (Empfindung, Anschauung oder Begriff) in Ansehung ihrer
Wirkung (Gegenstand oder Gemütszustand). Weil diese »zielge-
richtete« Kausalität nicht immer erfolgreich ist, ist die Zufälligkeit
im Begriff der Zweckmäßigkeit wesentlich enthalten. Zweckmäßig-
keit der Natur heißt deshalb nach Kant »Gesetzlichkeit des Zufälli-
gen« (KU, 344). Weil die zufällige Erreichung jeder Absicht »mit
dem Gefühle der Lust« verbunden ist (vgl. KU, XXXIX), kann der
Gemütszustand des Subjekts bei seiner »zweckmäßigen« Vorstel-
lungstätigkeit in einem übertragenden Sinne auch »zweckmäßig«
genannt werden.
Die Lust als Begleitphänomen der Erfüllung einer »Absicht« ist
etwas anderes als Bewußtsein der Selbsterhaltung eines Gemütszu-

40
K. Düsing (1981) S. 34.

266
standes des Subjekts in § 10 der KU, weil sie noch unmittelbar an
das Schema der praktischen Zweckmäßigkeit anschließt. In § 10
wird die Lust von vornherein durch eine innere Dynamik des
Gleichgewichtes des Gemütszustandes selbst charakterisiert. Hier-
bei wird das Bewußtsein der inneren Kausalität des stimmigen Zu-
standes, nämlich die Lust in einer Analogie zu der Selbstorganisa-
tion des Organismus betrachtet. In diesem Sinne bezeichnet Kant
Lust auch im allgemeinen als »Bewußtsein der Kausalität einer
Vorstellung in Absicht auf den Zustand des Subjekts, es in demsel-
ben z u e r h a l t e n « (KU, § 10, 33). Eine andere Erklärung des Ge-
fühls der Lust findet man in § VIII der EE. Dort gibt Kant der Lust
eine »transzendentale Definition«, nämlich eine Klärung der Lust
abgesehen von dem Unterschied ihrer Herkunft, ob sie die Sinnen-
empfindung, oder die Reflexion, oder die Willensbestimmung be-
gleitet.
»L u s t ist ein Z u s t a n d des Gemüts, in welchem eine Vor-
stellung mit sich selbst zusammenstimmt, als Grund, entwe-
der diesen bloß selbst zu erhalten […], oder ihr Objekt her-
vorzubringen« (EE, XX230 f.).
Hier wird die Lust im allgemeinen schlicht durch einen harmoni-
schen Zustand des Subjekts beschrieben. Diese Lustdefinition ist im
Vergleich zu derjenigen in § 10 bloß statisch. Der Unterschied der
Lusttypen besteht hierbei lediglich in ihrem Beweggrund. Die sinn-
liche Lustempfindung wird durch die Befriedigung der Sinnesor-
gane veranlaßt. Die praktische Lust findet durch die Hervorbrin-
gung des gewollten Gegenstandes statt. Die freie Lust der »vagen«
Schönheit besteht allein in der freien und unbestimmt-zweckmäßi-
gen Unterhaltung der Gemütskräfte mit dem Schönen (vgl. KU, 71).
Sie enthält im Gegensatz zu anderen eine Kausalität in sich, diesen
Zustand bloß sich selbst zu erhalten, »denn der Zustand einander
wechselseitig befördernder Gemütskräfte in einer Vorstellung erhält
sich selbst« (EE, XX230 f.; vgl. KU, § 12, 37). Diese ästhetische
Selbstgenügsamkeit am Schönen bezeichnet Kant deshalb als
»Zweckmäßigkeit ohne Vorstellung eines Zwecks«. Die kognitive
Lust als Begleitphänomen der Erfüllung einer Erkenntnisabsicht
dient Kant in § VI der zweiten Einleitung explizit zur Klärung der

267
notwendigen Verbindung der (kognitiven) Lust mit der (transzen-
dentalen) Zweckmäßigkeit der Natur, welche auch eine Art der sub-
jektiven, bloß formalen Zweckmäßigkeit der Natur ist.
Die Erläuterung der »transzendentalen Definition« des Zwecks
und der Zweckmäßigkeit durch technisch praktische Handlung dient
hierbei bloß zur Klärung der Doppelstruktur des Zwecks und zur
begrifflichen Orientierung der Zweckmäßigkeit der Natur. Denn die
Kantische Lehre der Zweckmäßigkeit der Natur wird nur in einer
entfernten Analogie zur Zwecktätigkeit der Vernunft konzipiert.41
Von der Intentionalität eines zwecksetzenden Bewußtseins der
praktischen Zweckmäßigkeit wird dabei im allgemeinen abgesehen,
und folglich auch von der objektiven Realität des Zwecks. Übrig
bleibt hierbei nur die Form (Struktur) der kausalen Verknüpfung
des Gegenstandes oder dessen Vorstellungsart. Die Bedeutung die-
ser »Form« ist aber abhängig von ihrem Kontext und somit ändert
sich auch die Bedeutung der Zweckmäßigkeit. Man muß innewer-
den, daß es in der KU kein einheitliches Einteilungsschema für den
bedeutungsreichen Begriff der Zweckmäßigkeit geben kann. Die
Unterscheidungskriterien, subjektiv/objektiv, formal/material, in-
nere/äußere werden von Kant auch nicht einheitlich gebraucht. Man
muß vielfältige Bedeutungen der ›Zweckmäßigkeit‹ kontextuell
unterscheiden. Sie weichen mehr oder minder vom Schema der
technisch praktischen Zweckmäßigkeit ab. Im extremen Falle ist die
ästhetische Freiheit ein Analogon der moralischen Freiheit; der Or-
ganismus ein »Analogon des Lebens«. Die Zweckmäßigkeit betrifft
hierbei in erster Linie nur die »zielgerichtete« Wechselwirkung der
inneren Kausalität abgesehen von ihrem äußeren Verhältnis. Frei-
lich werden alle Arten der Zweckmäßigkeit der Natur bloß in bezug
auf die reflektierende Urteilskraft betrachtet.
Also kann ein »Objekt oder Gemütszustand oder eine Handlung«
(KU, § 10, 33) nach Kant in bezug auf die reflektierende Urteils-

41
Die begriffliche Schwierigkeit des Konzepts einer Zweckmäßigkeit der Natur
besteht gerade in der Analogie zur praktischen Zweckmäßigkeit. Es ist in der
KU nicht immer klar, ob das Wort ›Zweckmäßigkeit‹ in allgemeinem oder in
praktischem Sinne oder nur im Sinne der »Zweckmäßigkeit der Natur« ge-
braucht wird.

268
kraft »zweckmäßig«, »stimmig«, »harmonisch«, »passend«, »taug-
lich«, »angemessen« und wie auch immer genannt werden, wenn
gleich ihre Möglichkeit die Zweck- oder Endursache nicht notwen-
dig voraussetzt, »bloß darum, weil ihre Möglichkeit von uns nur
erklärt und begriffen werden kann, sofern wir eine Kausalität nach
Zwecken […] zum Grunde derselben annehmen« (ebd.). Daraus
folgt unmittelbar die allgemeine Definition der »Zweckmäßigkeit
ohne Zweck«.
»Die Zweckmäßigkeit kann also ohne Zweck sein, sofern wir
die Ursachen dieser Form nicht in einem Willen setzen, aber
doch die Erklärung ihrer Möglichkeit nur, indem wir sie von
einem Willen ableiten, uns begreiflich machen können. Nun
haben wir das, was wir beobachten, nicht immer nötig durch
Vernunft (seiner Möglichkeit nach) einzusehen. Also können
wir eine Zweckmäßigkeit der Form nach, auch ohne daß wir
ihr einen Zweck (als die Materie des nexus finalis) zum
Grunde legen, wenigstens beobachten und an Gegenständen,
wiewohl nicht anders als durch Reflexion, bemerken« (KU, §
10, 33 f.; vgl. XLIX f.).
Die allgemeine Zweckmäßigkeit der Natur ist die Zweckmäßig-
keit ohne realen Zweck. Nach diesem Prinzip können wir die innere
Organisation der Natur am Phänomen der Produktivität des Orga-
nismus (wenigstens der Form nach) beobachten, ohne ihm einen
realen Zweck zu unterlegen. Diese Beobachtung selbst setzt jedoch
schon, im Gegensatz zur ästhetischen Zweckmäßigkeit, einen be-
stimmten Begriff von dem Gegenstand voraus, um dessen zweck-
mäßige Einheit beschreiben zu können. Die Beurteilung des Orga-
nismus als Naturzweck ist weiterhin nicht mehr die reine Anwen-
dung der allgemeinen unbestimmten Zweckmäßigkeit der Natur,
sondern sie steht notwendig mit dem Vernunftprinzip der Kausalität
nach Zwecken in Verbindung, um uns die Möglichkeit des Organis-
mus verständlich zu machen.42 Nun fragt sich: Inwiefern kann eine
schöne Form »zweckmäßig« für die ästhetische Urteilskraft genannt

42
Siehe § 2.2.1, S. 130 ff.

269
werden? Was haben Geschmacksurteile mit der »Zweckmäßigkeit
der Natur« zu tun?
An dieser Stelle sei angemerkt, daß Kant in § 10 - § 12 zwischen
der allgemeinen und der ästhetischen Zweckmäßigkeit der Natur
nicht deutlich differenziert. Hierbei scheint bloß von der ästheti-
schen Zweckmäßigkeit die Rede zu sein. In Wahrheit ist die ästheti-
sche Zweckmäßigkeit nur eine, und zwar reine Anwendung der
allgemeinen Zweckmäßigkeit der Natur auf die anschauliche Form-
auffassung eines einzelnen gegebenen Gegenstandes.
Zuvor sollten noch einige begriffliche Schwierigkeiten in bezug
auf den Begriff der Zweckmäßigkeit geklärt werden. Ausdrücke wie
›Zweckmäßigkeit der Form nach‹, ›Form der Zweckmäßigkeit‹,
›Zweckmäßigkeit der Form‹ und ›formale Zweckmäßigkeit‹ sind
nicht bedeutungsgleich. Es sei nochmals betont, daß ihre Bedeutung
abhängig vom Kontext ist. Die ›Zweckmäßigkeit der Form nach‹
kennzeichnet einen allgemeinen Aspekt der »zweckmäßigen« Ver-
knüpfung, welcher im Gegensatz zur »Zweckmäßigkeit der Materie
nach« steht. Letztere bedeutet die Kausalität nach Zwecken, nämlich
die praktische Zweckmäßigkeit. Sie ist konstitutiv für das Artefakt.
Oder der Organismus wird in einer entfernten Analogie mit ihr als
Naturzweck betrachtet. Die »materiale Zweckmäßigkeit« ist nach
Kant nichts anderes als »Zweck« (vgl. KU, 188, 275). In dieser Un-
terscheidung besteht die generelle begriffliche Schwierigkeit des
Kantischen Konzepts einer subjektiven, bloß formalen Zweck-
mäßigkeit der Natur. Der Begriff der Zweckmäßigkeit wird im all-
gemeinen von dem des Zwecks (also der praktischen Zweckmä-
ßigkeit oder der Kausalität nach Zwecken) abgeleitet. Darüber hin-
aus betrachtet Kant diesen Begriff selbst in gewissem Sinne aber
wiederum unabhängig vom Begriff des Zwecks, der hierbei mit der
materialen Zweckmäßigkeit gleichgesetzt ist. D.h. der Begriff der
Zweckmäßigkeit ist nun der Oberbegriff. Beide Perspektiven verei-
nigen sich im Begriff der »Zweckmäßigkeit ohne Zweck«.
Der Begriff einer »Zweckmäßigkeit ohne Zweck« bedeutet im
allgemeinen die Zweckmäßigkeit ohne dogmatische Behauptung
der Realität des Zwecks. Der Ausdruck ›ohne Zweck‹ kann hier
generell unter zwei Aspekten betrachtet werden: Zum einen bedeu-

270
tet das Wort ›ohne‹ die kritische »Abgrenzung« oder »Ausschlie-
ßung« von der objektiven Teleologie, unter der die Natur als wirkli-
ches Produkt eines Schöpfers verstanden wird. Die Zweckmäßigkeit
der Natur oder »Technik der Natur« wird hierbei noch unmittelbar
durch das Schema der praktischen Zweckmäßigkeit betrachtet. Zum
anderen bedeutet das Wort ›ohne‹ nur die »Absonderung« von der
materialen Zweckmäßigkeit der Natur, folglich Zweck der Natur,
oder »Absehen« von allen möglichen (äußeren) Zwecken des Sub-
jekts. In diesem Sinne wird die Zweckmäßigkeit der Natur bloß
formal und »subjektiv« betrachtet (z.B. Naturschönheit). Im Fall der
Naturschönheit wird die Perspektive gewechselt und zwar in die
innere Sphäre des Subjekts selbst. Diese Schwerpunktverschiebung
geschieht insbesondere in der transzendentalen Fundierung der Ge-
schmacksurteile. Hier betont Kant in der EE die »Technik der Ur-
teilskraft«, auf die sich die »Technik der Natur« gründet. 43 Das

43
Obwohl ›Technik der Urteilskraft‹ nur als Titel von § VII der EE und ›techni-
sche Urteilskraft‹ als Titel von § X der EE gebraucht wird, spiegeln diesen
wichtigen Gedanken das »technische« Verfahren der reflektierenden Urteils-
kraft und deren Heautonomie wieder. Die reflektierende Urteilskraft ist »tech-
nisch« (vgl. EE, XX220). In der Anthropologie (A120/VII199) ist mit der
»technischen« Urteilskraft im Unterschied zu der ästhetischen und der prakti-
schen die »theoretische« Urteilskraft gemeint. Ganz in diesem Sinne hat Kant
die »technische« Urteilskraft in beiden Einleitungen bei der Einführung der all-
gemeinen Zweckmäßigkeit der Natur vor Augen. Diese begriffliche Verschie-
bung entspricht der generellen, undeutlichen Differenzierung Kants zwischen
der allgemeinen, der transzendentalen und der ästhetischen Zweckmäßigkeit in
der EE und KU. Im Konzept der reflektierenden Urteilskraft orientiert sich
Kant in erster Linie an dem objektiven Gebrauch der Urteilskraft, nämlich an
der »Technik« derselben. Das Geschmacksurteil betrifft nur »die subjektive
bloß empfindbare Bedingung des objektiven Gebrauchs der Urteilskraft (näm-
lich die Zusammenstimmung jener beiden Vermögen unter einander) über-
haupt« (EE, XX223 f.).
Statt der »Technik der Natur« in der EE (XX214) bezeichnet Kant in der KU
ausschließlich die »Zweckmäßigkeit der Natur« als allgemeines Prinzip der Ur-
teilskraft. Die »Technik der Natur« bleibt in der KU nur noch für die »objek-
tive« Zweckmäßigkeit der Natur reserviert, welche in Wahrheit ein »kritisches
Prinzip der Vernunft für die reflektierende Urteilskraft« ist (KU, § 75). Im Be-
griff der »Zweckmäßigkeit der Natur« wird der Bezug der Natur auf die Ur-
teilskraft betont, während der Ausdruck ›Technik der Natur‹ suggeriert, daß die

271
schließt freilich nicht aus, daß durch die ästhetische Zweckmäßig-
keit eines Gegenstandes auch zugleich ein zweckmäßiges Verhält-
nis von dessen Form zum Erkenntnisvermögen mitformuliert ist,
weil der Begriff der Zweckmäßigkeit der Natur immer das Bewußt-
sein einer zufälligen Übereinstimmung von Natur und Subjekt imp-
liziert. Der Wechsel zwischen der inneren und der äußeren Perspek-
tive ist in Kants Theorie der schönen Form äußerst umstritten.
Die »Zweckmäßigkeit der Form nach« kann daher gleichsam als
ein Synonym für die »formale Zweckmäßigkeit« gelten. Die
Schwierigkeit besteht nun darin, daß die organische Zweckmäßig-
keit (Naturzweck) keine bloß formale Zweckmäßigkeit, sondern
eine analoge materiale Zweckmäßigkeit ist. Aber wenn hierbei
noch von der Zweckmäßigkeit der Natur für die Urteilskraft die
Rede ist, ist der »Naturzweck« immerhin »formal«. – Die »Zweck-
mäßigkeit der Form« ist etwas anderes als »Zweckmäßigkeit der
Form nach«. Hierbei wird die Zweckmäßigkeit einer bestimmten
Form des Gegenstandes in Betracht gezogen. Dies besagt noch nicht,
daß diese Zweckmäßigkeit »formal« oder »material« ist. Die Natur-
schönheit ist z.B. nach Kant »formal«; der Naturzweck »materi-
al«. – Die (bloße) »Form der Zweckmäßigkeit« ist im Zu-
sammenhang mit der ästhetischen Zweckmäßigkeit nichts anderes
als bloß formale Zweckmäßigkeit, folglich nicht identisch mit der
»Zweckmäßigkeit der Form nach«. Kurzum ist die ästhetische
Zweckmäßigkeit der Natur eine reine Anwendung der allgemeinen
Zweckmäßigkeit der Natur auf eine bestimmte gegebene Anschau-
ungsform der Natur.44

Natur aus sich selbst »technisch« sei, mithin Intelligenz habe (vgl. KU, 56 f., 77,
270). Diese Konnotation will Kant gerade in seinem kritischen Konzept der all-
gemeinen Zweckmäßigkeit der Natur vermeiden (vgl. EE, XX241, dazu KU, §
58 und § 72 - § 74).
44
Schöne Kunstwerke können nach Kant zur Zweckmäßigkeit der Natur gehören
nur durch das besondere Argument, daß schöne Kunst Kunst des Genies ist und
»G e n i e […] das Talent (Naturgabe) [ist], welches der Kunst die Regel gibt.
Da das Talent, als angeborenes produktives Vermögen des Künstlers, selbst zur
Natur gehört, so könnte man sich auch so ausdrücken: G e n i e ist die angebo-
rene Gemütsanlage (ingenium), d u r c h w e l c h e die Natur der Kunst die Re-
gel gibt« (KU, § 46, 181; vgl. § 49, 200). In Produkten des Genies gibt also

272
Ganz in diesem Sinne stellt Kant seine These in § 11 auf: »Das
Geschmacksurteil hat nichts als die F o r m d e r Z w e c k mä ß i g -
k e i t eines Gegenstandes (oder der Vorstellungsart desselben) zum
Grunde«. Der Nachweis dieser These ist in § 11 apagogisch und
folglich überflüssig nach der Untersuchung von § 9. Kant hätte hier
direkt am Konzept des freien Spiels der Erkenntniskräfte als apriori-
sche Gründe der Lust am Schönen anschließen und die ästhetische
Zweckmäßigkeit eines Gegenstand für die Urteilskraft verständlich
machen können. Letzteres unternimmt Kant in der zweiten Einlei-
tung. Ersteres wird erst in § 12 thematisiert. Stattdessen greift Kant
in § 11 zuerst auf die strikte Unterscheidung zwischen Geschmacks-
urteilen, Sinnenurteilen und (theoretischen, praktischen) Erkennt-
nisurteilen zurück, um die »subjektive Zweckmäßigkeit«, »bloße
Form der Zweckmäßigkeit« oder kurzum die ästhetische Zweckmä-
ßigkeit als »Zweckmäßigkeit ohne allen […] Zweck« einzuführen.
Der § 11 ist sozusagen eine terminologische Erklärung, die an § 10
anschließt.
Weil die Lust am Schönen interesselose ist, kann deren Bestim-
mungsgrund kein Zweck sein, weder subjektiver wie ein Gegen-
stand des Genusses noch objektiver wie das Gute. Denn aller
»Zweck, wenn er als Grund des Wohlgefallens angesehen wird,
führt immer ein Interesse als Bestimmungsgrund des Urteils über
den Gegenstand der Lust bei sich« (KU, § 11, 34). Mit anderen
Worten ist Zweck »jederzeit der Gegenstand einer Z u n e i g u n g ,
das ist, einer unmittelbaren Begierde zum Besitz einer Sache ver-
mittelst seiner Handlung« (Religion, AX/VI6 Anm.). Das Ge-
schmacksurteil ist nicht logisch, sondern ästhetisch. D.h. es betrifft
»keinen B e g r i f f von der Beschaffenheit und inneren oder äußeren
Möglichkeit des Gegenstandes durch diese oder jene Ursache, son-
dern bloß das Verhältnis der Vorstellungskräfte zueinander, sofern
sie durch eine Vorstellung bestimmt werden« (KU, § 11, 34). Kür-
zer gesagt, im Geschmacksurteil spielt der Begriff des Gegenstan-
des überhaupt keine Rolle, und das Dasein des Gegenstandes selbst
ist folglich irrelevant. Mithin bleibt – laut der Definition des

»die Natur (des Subjekts), nicht ein überlegter Zweck der Kunst (der Hervor-
bringung des Schönen) die Regel« (KU, § 57, 242).

273
Zwecks – der »Zweck« oder die »materiale Zweckmäßigkeit« im
Geschmacksurteil außer Acht. Der apriorische Bestimmungsgrund
der Lust am Schönen ist nach § 9 allein das harmonische Spiel der
Erkenntniskräfte. Nun zieht Kant daraus in § 11 ohne weiteres fol-
gende Schlußfolgerung:
»Also kann nichts anders als die subjektive Zweckmäßigkeit
in der Vorstellung eines Gegenstandes, ohne allen (weder ob-
jektiven noch subjektiven) Zweck, folglich die bloße Form
der Zweckmäßigkeit in der Vorstellung, wodurch uns ein Ge-
genstand g e g e b e n wird, sofern wir uns ihrer bewußt sind,
das Wohlgefallen […] ausmachen« (KU, § 11, 35; vgl. 52).
Die ästhetische Zweckmäßigkeit ist »subjektiv«, weil das reine
Geschmacksurteil bloß das freie Spiel der Erkenntniskräfte betrifft.
Weil in der Beurteilung des Geschmacks über den Gegenstand der
Lust keine Vorstellung irgendeines (bestimmten) Zwecks als Be-
stimmungsgrund enthalten ist, ist die ästhetische Zweckmäßigkeit
die Zweckmäßigkeit »ohne allen Zweck«. Dieser Ausdruck sollte
aber immer mit Rücksicht auf seinen Kontext gebraucht werden.
Das Geschmacksurteil schließt zumindest eine innere, subjektive,
spontane »Absicht« des Erkenntnisvermögens nicht aus. Nur wird
diese Absicht in der Beurteilung des Geschmacks über einen Ge-
genstand der Lust nicht berücksichtigt, weil dabei die Erkennt-
niskräfte sich spontan, unabsichtlich (»ohne Rücksicht auf den
Gebrauch oder einen Zweck«) vollziehen (vgl. KU, XLIII, XLIX,
70 ff., 200). Im freien, harmonischen Spiel der Erkenntniskräfte am
Schönen wird zwar eine allgemeine unbestimmte »Absicht« der
reflektierenden Urteilskraft »auf Erkenntnis (gegebener Gegen-
stände) überhaupt« (KU, 66) erreicht, und die schöne Form kann
auch darum zweckmäßig für die reflektierende Urteilskraft genannt
werden (vgl. KU, XLIV, XLVII, XLVIII; EE, XX220 f.). Es fragt
sich aber, ob eine unabsichtliche, unbestimmte, ungesuchte »Ab-
sicht« (Intention)45 nach Kants Definition in § 10 noch »Zweck«
genannt werden darf.

45
Kant unterscheidet, dem landläufigen Sprachgebrauch seiner Zeit gemäß, zwi-
schen dem »Zweck« und der »Absicht« nicht deutlich. Vgl. dazu Religion,

274
Die ästhetische Zweckmäßigkeit kann daher nichts anderes sein
als »bloße Form der Zweckmäßigkeit in der Vorstellung, wodurch
uns ein Gegenstand g e g e b e n wird«. Was heißt aber diese »Form
der Zweckmäßigkeit« der »Vorstellungsart des Gegenstandes«? Um
dies zu klären, greift Kant in § 12 auf die Harmonie oder Überein-
stimmung der Erkenntniskräfte in der bloßen Reflexion über einen
gegebenen Anschauungsgegenstand zurück. Die »Form« betrifft
hierbei in erster Linie die »proportionierte Stimmung« der Erkennt-
niskräfte in ihrem freien Spiel, denn es geht in § 12 um die trans-
zendentale Fundierung der Lust am Schönen. Die (schöne) Form
des Gegenstandes bleibt hierbei als äußerliche Veranlassung außer
Acht. Daher schreibt Kant in § 15, daß das Geschmacksurteil »keine
Beschaffenheit des Gegenstandes, sondern nur die zweckmäßige
Form in der Bestimmung der Vorstellungskräfte, die sich mit jenem
[Gegenstand] beschäftigen, zu bemerken gibt« (KU, 47). Aber die
Bedeutung der ästhetischen Zweckmäßigkeit erschöpft sich nicht in
der transzendentalen Fundierung der Geschmacksurteile, sondern in
der konkreten Beurteilung eines schönen Gegenstandes, der vor uns
liegt in Raum und Zeit. Die ästhetische Wahrnehmung ist keine
bloße Phantasie, sondern eine bloße Formbetrachtung eines be-
stimmten, gegebenen Gegenstandes, dessen »Form« die Erkennt-
niskräfte in jene proportionierte Stimmung bringt. Was diese
»Form« bedeuten mag, ist umstritten. Die ästhetische Zweckmäßig-
keit eines Gegenstandes für die Urteilskraft besteht in der zufälligen
Zusammenstimmung beider »Formen«, und zwar in einer bloß sub-
jektiven Absicht. Die ästhetische Zweckmäßigkeit betrifft auch die
»Form« des Gegenstandes, aber nicht um sie zu erkennen, sondern
um sie zu fühlen.
Die ästhetische Zweckmäßigkeit der Natur kann daher als
»Zweckmäßigkeit ohne Zweck« interpretiert werden, und zwar in
einem weiteren Sinne der allgemeinen Zweckmäßigkeit der Natur,
wodurch sie nicht

AXII/VI7 Anm.; Gebrauch, A131/VIII181 f.; KU, 61 Anm. (§ 17); GMS, A13
f./IV399 f.; KrV, A698 ff./B726 ff. – Zur Unterscheidung zwischen beiden vgl.
z.B. EE, XX234 ff.

275
»als wirklicher (absichtlicher) Z w e c k der Natur (oder der
Kunst) mit unserer Urteilskraft übereinzustimmen, [son-
dern …] nur als eine, ohne Zweck, von selbst und zufälliger
Weise sich hervortuende zweckmäßige Übereinstimmung zu
dem Bedürfnis der Urteilskraft, in Ansehung der Natur und
ihrer nach besonderen Gesetzen erzeugten Formen angenom-
men werde« (KU, 247; vgl. 236 f., 242).
Vergegenwärtigen wir uns nochmals, was ein Geschmacksurteil
nach Kant heißt. »Um zu unterscheiden, ob etwas schön sei oder
nicht, beziehen wir die Vorstellung nicht durch den Verstand auf
das Objekt zum Erkenntnisse, sondern durch die Einbildungskraft
(vielleicht mit dem Verstande verbunden) auf das Subjekt und das
Gefühl der Lust oder Unlust desselben« (KU, 3 f.). Wir halten im
Geschmacksurteil »die gegebene Vorstellung im Subjekte gegen
das ganze Vermögen der Vorstellungen […], dessen sich das Gemüt
im Gefühl seines Zustandes bewußt wird« (KU, 5). Im Ge-
schmacksurteil wird eine gegebene Vorstellung zwar auf ein Objekt
bezogen, aber in dem Urteil selbst bezieht sie sich im Unterschied
zum Wahrnehmungs- oder Erkenntnisurteil nicht auf die Bestim-
mung des Objekts, sondern auf die des Subjekts und seines Gefühls
(vgl. EE, XX223). Ein Geschmacksurteil ist daher ein Urteil des
Geschmacks über einen Gegenstand der Lust, die nichts anderes als
das freie, harmonische Spiel der Erkenntniskräfte in einer gegebe-
nen Vorstellung zu einer Erkenntnis überhaupt zum Bestimmungs-
grund hat, sofern wir uns des Gemütszustandes dieses freien Spiels
bewußt sind. Kant betont deshalb wiederholend, daß das Bewußt-
sein dieses freien, harmonischen Gemütszustandes mit der Lust am
Schönen im Grunde einerlei ist.46 Es sei betont, daß die ästhetische
Formauffassung eines Gegenstandes nicht abstrakt (begrifflich),
sondern konkret (anschaulich) und höchst individuell ist, obwohl
die Vorstellung im Geschmacksurteil auf ein unbestimmtes Objekt
(Begriff überhaupt) bezogen wird. D.h. die ästhetische Formauffas-
sung gründet sich zwar auf eine allgemeine Regel der Wahrneh-

46
Vgl. KU, XLIV, 35 (§ 11), 36 f. (§ 12), 47 f. (§ 15), 150, 151, (beide in § 38),
155 f. (§ 39); EE, XX228, 230, 249.

276
mung (oder Anschauung), aber sie läßt sich nicht durch eine be-
stimmte Regel derselben fixieren.
Daher lassen sich die Beziehungsgefüge im Geschmacksurteil
folgendermaßen zerlegen: Verbunden ist ein gegebener Gegenstand
mit dem Beurteilenden oder genauer die Vorstellung des Gegen-
standes mit dem Gemütszustand des Subjekts (Lust) mittels der
inneren Kausalität der Vorstellungstätigkeit zu einer Erkenntnis
überhaupt. Welche Beziehung ist nun nach Kant ästhetisch zweck-
mäßig? Wofür ist sie zweckmäßig? Wir betrachten zuerst Kants
Argumentation in § 12 und dann die in der zweiten Einleitung (KU,
XLIV ff.), in der gegenüber dem Resultat von § 12 die »Form des
Gegenstandes für die Reflexion überhaupt« als Grund der Lust am
Schönen betont wird (vgl. KU, XLV).
Nach § 11 kann man in Anlehnung an das Ergebnis von § 9 er-
warten, daß der Gegenstand für die ästhetische Urteilskraft darum
zweckmäßig ist, weil dessen Vorstellung die Erkenntniskräfte in ein
freies, harmonisches Spiel bringt und das Bewußtsein dieser wech-
selseitigen, belebenden Zusammenstimmung der Erkenntniskräfte
das »Gefühl des Lebens« erweckt. Hier findet man einen anderen
Aspekt der inneren Verbindung der beiden Teile der KU. Dieser
besteht darin, die Lebendigkeit der Natur (in uns und außer uns) auf
ästhetische und teleologische (i.e.S.) Weise zu betrachten.
Das Argument in § 12 ist wie das im ersten Teil von § 9 bloß
»transzendental« in dem Sinne, daß die Lust am Schönen sich »a
priori« auf das allgemeine Verfahren der reflektierenden Urteils-
kraft gründet. Die empirische Bedingtheit dieser Lust, folglich die
äußere »Veranlassung« einer bestimmten Form des Gegenstandes
bleibt dabei außer Acht (vgl. KpV, A286/V160). Von dieser empiri-
schen Bedingtheit bleibt folglich nur ein allgemeines, vages Be-
wußtsein der Tauglichkeit des Erkenntnisvermögens des Subjekts
für die Anschauung des Gegenstandes übrig. Der Betrachtungsge-
genstand von § 12 ist die Lust am Schönen selbst. Diese Sonderart
der Lust wird nicht durch eine bestimmte Sinnesempfindung und
einen bestimmten Begriff des Gegenstandes ausgemacht. Das äu-
ßerliche Kausalverhältnis einer Vorstellung (Empfindung oder Beg-
riff) ist nicht der Bestimmungsgrund der Lust am Schönen, d.h. die

277
freie Lust ist keine Wirkung von etwas, sondern sie wird lediglich
durch eine bestimmte Harmonie der Erkenntniskräfte ausgemacht.
Dieser Bestimmungsgrund der Lust ist darum »a priori«, weil er ein
bloß formales Verhältnis der inneren Kausalität des Erkenntnisver-
mögens betrifft. In Analogie zum apriorischen Bestimmungsgrund
des moralischen Gefühls durch das moralische Gesetz ist nun die
Lust am Schönen identisch mit dem »Bewußtsein der bloß formalen
Zweckmäßigkeit im Spiele der Erkenntniskräfte des Subjekts bei
einer Vorstellung, wodurch ein Gegenstand gegeben wird« (KU, §
12, 36 f.). Dies wird von Kant durch eine dreifache Begründung, die
dem dreifachen Verhältnis im Geschmacksurteil entspricht, gerecht-
fertigt, nämlich
»weil es [1.] einen Bestimmungsgrund der Tätigkeit des Sub-
jekts in Ansehung der Belebung der Erkenntniskräfte dessel-
ben, [2.] also eine innere Kausalität (welche zweckmäßig ist)
in Ansehung der Erkenntnis überhaupt, aber ohne auf eine
bestimmte Erkenntnis eingeschränkt zu sein, [3.] mithin eine
bloße Form der subjektiven Zweckmäßigkeit einer Vorstel-
lung, in einem ästhetischen Urteile enthält« (KU, § 12, 37).
Erstens ist die Lust am Schönen nichts anderes als die unmittel-
bare Folge des freien Spiels der Erkenntniskräfte, das die Erkennt-
niskräfte des Subjekts wechselseitig belebt und folglich ein Lebens-
gefühl erweckt. Zweitens ist die innere Kausalität der Erkenntnis-
kräfte in ihrem freien Spiel darum »zweckmäßig«, weil sie die not-
wendige Aufgabe der reflektierenden Urteilskraft spontan ohne Lei-
tung eines bestimmten Begriffs, ohne Vorstellung eines bestimmten
Zwecks auf eine wunderbare Weise erfüllt. Daraus folgt unmittelbar
die dritte Klärung der ästhetischen Zweckmäßigkeit als die bloße
Form der subjektiven Zweckmäßigkeit der Vorstellungsart eines
Gegenstandes. Diese dreifache Begründung der ästhetischen
Zweckmäßigkeit wiederholt eigentlich nur die Argumente in § 11,
die im Vergleich zu dem Ergebnis von § 9 nichts Neues außer der
Umschreibung der inneren Kausalität im freien Spiel der Erkennt-
niskräfte durch die »Form der subjektiven Zweckmäßigkeit einer
Vorstellung« bringen.

278
Soweit scheint die transzendentale Klärung der Geschmacksur-
teile rein subjektivistisch zu sein. Das Geschmacksurteil beträfe
demnach lediglich die innere Sphäre der Erkenntnistätigkeit des
Subjekts. Das will Kant aber nicht behaupten, weil es sich beim
Geschmacksurteil immerhin um eine »bestimmte« anschauliche
Formauffassung eines gegebenen einzelnen Gegenstandes handelt.
Wir sind uns dabei von vornherein bewußt, daß die Einbildungs-
kraft »bei der Auffassung eines gegebenen Gegenstandes der Sinne
an eine bestimmte Form dieses Objekts gebunden ist und sofern
kein freies Spiel (wie im Dichten) hat« (KU, 69). Aber die Form des
Gegenstandes, nämlich seine bestimmte raumzeitliche Konfigura-
tion kann die Lust am Schönen nicht unmittelbar bewirken, weil
sonst die letztere eine »Empfindung« wäre, die ein »E r ke nn t ni s -
s t ü c k w e r d e n k a n n « (KU, XLIII). Das Geschmacksurteil wäre
dann ein verstecktes Erkenntnis- oder Wahrnehmungsurteil. Die
Form des Gegenstandes wird im Geschmacksurteil durch die Refle-
xion über sie auf das Subjekt und dessen Gemütszustand bezogen.
Die ästhetische Zweckmäßigkeit betrifft also ein äußeres, zweck-
mäßiges Verhältnis des Gegenstandes zu dem Erkenntnisvermögen
des Subjekts, welches sich »transzendental« auf die innere, zweck-
mäßige Kausalität der Erkenntniskräfte gründet.47 Der Gegenstand

47
Der Ausdruck ›äußere‹ wird hier Kant zufolge im empirischen Sinne gebraucht,
nämlich »von empirischen Subjekten unterschieden«. Der Ausdruck ›außer
uns‹ ist nach Kant unvermeidlich mit einer Äquivokation behaftet, die das Ver-
stehen seines transzendentalen Idealismus auch erschwert (vgl. Brief von Jakob
vom 28.7.1787, 323). Er bedeutet bald etwas, »was als Ding an sich selbst von
uns unterschieden existiert, bald was bloß zur äußeren Erscheinung gehört«
(KrV, A373; vgl. A22 f./B37 f., A27/B43). Grundsätzlich bedeutet ›außer mir‹
entweder etwas von mir räumlich Verschiedenes (extra me), oder etwas vom
Subjekt Gedachtes von mir Unterschiedenes, aber nicht schon räumlich Ver-
schiedenes (praeter me). Die Unterscheidung zwischen transzendentalem und
empirischem Subjekt, und somit die Unterscheidung zwischen Ding an sich und
Erscheinung komplizieren noch die ganze Sache. Das Ding an sich ist gedacht
von der allgemeinen Subjektivität schlechthin unabhängig (transzendent äußer-
lich). Die äußere Erscheinung ist, transzendental betrachtet, bloß in uns (als
bloße Erscheinung, also praeter me); sie kann auch ein vom empirischen Sub-
jekt verschiedenes Phänomen im Raum (extra me) sein, welches Kant als sub-
stantia phaenomenon (das beharrliche Reale in Raum und Zeit, als die Materie)

279
wird also darum ästhetisch zweckmäßig für die reflektierende Ur-
teilskraft genannt, weil die Reflexion über dessen Form die Einbil-
dungskraft und den Verstand in eine freie, harmonische Überein-
stimmung bringt und ein Gefühl der Lust dadurch erweckt wird.
Kant betont in der zweiten Einleitung die Rolle der bestimmten
Form des Gegenstandes und die Zufälligkeit der Übereinstimmung
der Erkenntnisvermögen in der bloßen Reflexion über diese Form
für die ästhetische Vorstellung der Zweckmäßigkeit der Natur ge-
genüber der Argumentation in § 12, die sich hauptsächlich auf der
transzendentalen Ebene bewegt.
»Denn da der Grund der Lust bloß in der Form des Gegens-
tandes für die Reflexion überhaupt, mithin in keiner Emp-
findung des Gegenstandes und auch ohne Beziehung auf ei-
nen Begriff, der irgend eine Absicht enthielte, gesetzt wird:
so ist es allein die Gesetzmäßigkeit im empirischen Gebrau-
che der Urteilskraft überhaupt (Einheit der Einbildungskraft
mit dem Verstande) in dem Subjekte, mit der die Vorstellung
des Objekts in der Reflexion, deren Bedingungen a priori all-
gemein gelten, zusammenstimmt; und da diese Zusammen-
stimmung des Gegenstandes mit den Vermögen des Subjekts
zufällig ist, so bewirkt sie die Vorstellung einer Zweckmä-
ßigkeit desselben in Ansehung der Erkenntnisvermögen des
Subjekts« (KU, XLV).
Kants Theorie der schönen Form ist eine Folgerung der transzen-
dentalen Fundierung der Geschmacksurteile, weil die bloße Be-
trachtung der Form des Gegenstandes die einzige Art der Beur-
teilung desselben ist, welche die Erkenntniskräfte in ein freies, har-
monisches Spiel bringen kann. Nicht alle faßbaren Formen der Ge-
genstände sind nach Kant schön, und auch nicht alle proportionier-
ten Gemütsstimmungen zur Belebung der Gemütskräfte werden als
Lust am Schönen angesehen. Schön ist nur diejenige Form des Ge-
genstandes, welche die Erkenntniskräfte in eine »zuträglichste«

bezeichnet (vgl. MAN, A42 f./IV502 f.; KrV, A168/B209, A188/B231, A204
ff./B249 ff., A211 ff./B256 ff., A265/B321; Fortschritte, A54 f./XX276 f.). Das
empirisch Äußere kann also praeter me oder extra me sein. – Vgl. dazu H.
Graubner S. 105 ff.; P. Baumanns (1997) 176 ff.; R. Brandt (1998a) S. 87, 92 ff.

280
Proportion bringt, in der der Gemütszustand »sich selbst stärkt und
reproduziert« (KU, 37).
»[Die] Stimmung der Erkenntniskräfte hat, nach Verschie-
denheit der Objekte, die gegeben werden, eine verschiedene
Proportion. Gleichwohl aber muß es eine geben, in welcher
dieses innere Verhältnis zur Belebung (einer durch die andere)
die zuträglichste für beide Gemütskräfte in Absicht auf Er-
kenntnis (gegebener Gegenstände) überhaupt ist« (KU, 65 f.;
vgl. 267).
Die Harmonie der Erkenntniskräfte in der Vorstellung eines Ge-
genstandes hat nach Kant doch einen Grad. Nicht jede Form des
Gegenstandes, welche sich als solche dem transzendentalen Ansatz
gemäß schon der Harmonie der Erkenntniskräfte verdankt, ist für
uns schön, sondern jene zuträglichste Form, die die optimale Pro-
portion derselben bestimmt. Kant selbst hebt diesen Gedanke aber
nicht deutlich hervor. Seine wiederholende Formulierung, daß die
Lust am Schönen auf der Harmonie der Erkenntniskräfte in der blo-
ßen Reflexion über die Form des Gegenstandes beruht, verleitet zu
dem Scheinproblem, als ob alle Dinge, die wir auffassen und dar-
stellen können, schön wären.48
Das Geschmacksurteil betrifft also ein »Wohlgefallen oder Miß-
fallen an der F o r m d e s O b j e kt s « (KU, 131), während das ästhe-
tische Urteil über das Erhabene am Formlosen der Natur bloß auf
der Natur des Subjekts im zweckmäßigen Gebrauch seiner Erkennt-
nisvermögen beruht (vgl. KU, XLVIII, 78, 115, 132 f.). Die ästheti-
sche Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes hat »alsdann doch im
Objekte und seiner Gestalt ihren Grund, wenn sie gleich […] bloß
die Auffassung dieser Form, sofern sie dem Vermögen […] im Ge-
müt sich gemäß zeigt, überhaupt betrifft« (KU, 131). »Zum Schö-
nen der Natur müssen wir einen Grund außer uns suchen, zum Er-
habenen aber bloß in uns und der Denkungsart, die in die Vorstel-
lung der ersteren Erhabenheit hineinbringt« (KU, 78). Man kann
sich daher im Hinblick auf die schönen Formen der Natur auch die

48
Vgl. H.E. Allison (1998) S. 478; K. Ameriks S. 442 f.; M. Baum (1991) S. 273
ff.

281
Fragen nach der Ursache (oder dem Grund) ihrer zweckmäßigen
Formen stellen: wie z.B. »Wozu sind die schönen Formen der Natur
da?«, oder »Welche Eigenschaften der Formen sind im Verhältnis
zu uns schön?« usw. Solche Fragen haben aber nichts mit dem Ge-
schmacksurteil zu tun, sondern sie sind entweder teleologisch-
reflektierend (vgl. z.B. KU, 152 f.), oder empirisch-bestimmend
(vgl. z.B. KU, 142, 24, 35 f.). Das reine Geschmacksurteil hat zwar
seinen Grund in der Form des Gegenstandes, aber es gibt nach Kant
keine bestimmten Regeln, die die schönen Formen bestimmen kön-
nen. Kants Theorie der Geschmacksurteile ist weder Regel- noch
Gefühlsästhetik, sondern eine subjektive Formästhetik, die sich
»transzendental«, epistemisch auf subjektive Bedingungen der Re-
flexion überhaupt gründet. Das Schön-sein ist keine objektive Ei-
genschaft der Form eines Gegenstandes, sondern gründet sich auf
die aktive (reflektierende) Reaktion des Betrachters. 49 Das Ge-
schmacksurteil ist »ein Urteil, welches, indifferent in Ansehung des
Daseins eines Gegenstandes, nur seine Beschaffenheit mit dem Ge-
fühl der Lust und Unlust zusammenhält« (KU, 14; vgl. 36 f., 47 f.).
Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Form des Gegenstandes,
Form der Vorstellung, Form der Erkenntniskräfte oder Form des
Gemütszustandes nach Kant im Geschmacksurteil strukturell einer-
lei sind. Dies könnte als notwendige Folge seiner transzendentalen
Erkenntnistheorie angesehen werden, nach der die Auf- und Zu-
sammenfassung der »Form« die transzendentale Leistung des Sub-
jekts unter den empirischen Bedingungen der gegeben Materie ist.
Grundsätzlich bedeutet die »Form« nach Kant, im Gegensatz zur
»Materie«, die Art der Ordnung oder der Verknüpfung des man-
nigfaltigen Gegebenen. 50 Nach Kant kann die »Form« uns nicht
»affizieren«, sondern sie muß jederzeit vom Subjekt »gemacht«
werden.51 Das bedeutet nicht, daß die »Form« bloß subjektiv ist, da

49
Vgl. R. Brandt (1998) S. 233.
50
Vgl. z.B. KrV, A20/B34, B151 f., B160 f. Anm.; Prol., A52/IV282; Anthr.,
A27/VII141.
51
Zu Kants Formbegriff vgl. R. Odebrecht (bes. S. 95 ff.), K. Marc-Wogau (S.
106 ff., 119 ff.), W. Biemel (S. 55 ff.), H. Mörchen (S. 161 ff.), H. Graubner,

282
Kants transzendentaler Idealismus zugleich empirischer Realismus
ist. Die empirischen »Formen« der Natur müssen aber in gewissem
Sinne vor uns in der Natur liegen, weil sie a priori durch Verstand
nicht bestimmt sind, und weil sie nicht beliebig von uns gedichtet
sind. Also müssen die empirischen »Formen« uns doch irgendwie
»gegeben« sein. Die Auffassung der empirischen »Formen« voll-
zieht sich schon in der anschaulichen Gestaltwahrnehmung. Hier
sollte die reflektierende Urteilskraft ins Spiel kommen. Ohne auf
die Schwierigkeit der Kantischen Affektionstheorie einzugehen, sei
hier nur angemerkt, daß Kant hierbei weder die Korrespondenz-
noch die Kohärenztheorie vertritt. Kant selbst hat das Problem der
Gestaltwahrnehmung nicht zu Ende geführt. Man könnte hinzufü-
gen, daß in der Gestaltwahrnehmung eine strukturelle Entsprechung
von Natur (als Erscheinung) und Vernunft mittels einer (subjektiven
und objektiven) transzendentalen Analogie besteht.52 Diese zufäl-
lige, gesetzmäßige Übereinstimmung bringt Kant durch das subjek-
tiv transzendentale Prinzip der Zweckmäßigkeit der Natur für die

K.-H. Schwabe (S. 52 ff.), J. Kulenkampff (1994, S. 127 ff.), R. Brandt (1998,
S. 236 ff.; 1998a, S. 89; 1999, S. 357).
52
Die Kantische sogenannte »Kopernikanische Wende«, ein Perspektivenwechsel
der apriorischen Begründung der objektiven Erkenntnis ist insgesamt eine
transzendentale Anwendung der Analogie auf das Verhältnis der Erfahrung zur
Natur als Erscheinung. Die einzige mögliche Art für uns, die apriorischen Prin-
zipien der Erkenntnis nachzuweisen, »bedingt die Annahme, daß alle zwischen
den Dingen aufgefundenen Beziehungen Konstrukte eines Bewußtseins und als
solche Entsprechungen – Analoga – von Denkverhältnissen sind« (A. Pieper, S.
96; vgl. dazu KrV, BXVI-XX, A179 f./B221 ff; Prol., A94 f./IV310,
A176/IV357 f.). Der Schematismus konkretisiert nichts anderes als diese trans-
zendentale Analogie, indem die transzendentalen Schemata das allgemeine
Verfahren der Strukturierung des durch die Anschauung gegebenen sinnlichen
Materials durch kategoriale Begriffe herstellen. Die Rechtfertigung dieser Ana-
logie besteht in der kritischen Restriktion der Anwendung der Kategorien auf
die Erscheinung, deren Form der Gesetzmäßigkeit, also die schematisierte Ka-
tegorie, das Gemeinsame (Analogon) von Anschauung und Begriff bildet.
Durch Schemata wird das Anschaungsmaterial zum einen begriffsähnlich (be-
stimmt) und der kategoriale Begriff zum anderen veranschaulicht (darge-
stellt). – Zur systematischen Stelle der Analogie in Kantischer Transzendental-
philosophie vgl. S. Takeda S. 175 ff., A. Pieper S. 95 ff., H. Heimsoeth (1970)
S. 21, 41, 101. – Zur Kopernikanischen Wende vgl. auch § 3, S. 189.

283
Urteilskraft zum Ausdruck. Das Problem der ästhetischen Reflexion
über die Form des Gegenstandes läßt sich aber nicht einfach auf die
Gestaltwahrnehmung zurückführen, insofern als letztere ein Wahr-
nehmungsurteil (ein objektbezogenes Empfindungsurteil) und kein
ästhetisches Urteil betrifft.
Zusammenfassend ist die schematische Darstellung objektiv un-
ter der diktierenden Leitung des Verstandes, während in der symbo-
lischen (oder analogischen) Darstellung die kreative Leistung der
Einbildungskraft unter der reflektierenden Leitung der Urteilskraft
betont wird. Die Analogie als eine »Denkart«, also die Symbolisie-
rung, ist nicht nur wirksam für die ästhetische und teleologische
Reflexion, sondern als eine »Schlußart« der reflektierenden Urteils-
kraft, welche oft mit der Induktion zusammenarbeitet, erweist sie
sich auch als unentbehrlich zum Zweck der Erweiterung unserer
Erfahrungserkenntnis (vgl. Jäsche Logik, § 84).53 Die (qualitative)
Analogie bedeutet im allgemeinen »eine vollkommene Ähnlichkeit
zweier Verhältnisse zwischen ganz unähnlichen Dingen« (Prol.,
A176/IV357; vgl. KU, 256 f., 448 ff.) Die Anwendung der Analo-
gie – als eine wissenschaftliche Methode – hat einen Erkenntniswert
nur unter der Voraussetzung, daß die im Verhältnis stehenden Din-
ge zu einerlei Gattung zählen (vgl. KU, 449 Anm.).

53
Die Analogie als »Schlußart« der reflektierenden Urteilskraft vollzieht sich
nach dem Prinzip der Spezifikation, während die Induktion sich nach dem Prin-
zip der Generalisierung vollzieht. »Die A n a l o g i e schließt von p a r t i