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Melinda Nadj Abonji, 51 Jahre,

Schriftstellerin und Musikerin.

Melinda hat einen hohen Bekanntheitsgrad in


der Schweiz. Vor allem für ihre herausragenden
schriftstellerischen Aktivitäten kennt man sie:
Für ihr Buch «Tauben fliegen auf» hat sie nicht
nur den Schweizer Buchpreis gewonnen, son-
dern als erste Schweizerin auch den Deutschen.

Deutsch ist aber nicht ihre Muttersprache: Mit


ihrem Bruder und ihren zwei Schwestern zu-
sammen hat sie im damaligen Jugoslawien in
einer ungarischen Exklave ihre ersten Lebens-
«Das, was man anfassen kann, das hat alles
überhaupt keine Bedeutung.»

jahre verbracht. Heute liegt ihr Heimatort in


Serbien.
Mit fünf Jahren ist sie in die Schweiz gekommen
und wurde mit der grossen Herausforderung
der Integration konfrontiert. Später hat Me-
linda Germanistik und Geschichte studiert und
ist dort durch ihren besonderen literarischen
Schreibstil aufgefallen, was ihr später den Weg
zu ihrer Profession als Autorin ebnen sollte. Pa-
rallel zu ihrem Studium hat sie begonnen, im-
mer professioneller Musik zu machen, zunächst
als Geigerin und später als Sängerin.
Heute, mit einundfünfzig, ist sie Schriftstellerin
und Musikerin. Sie hat einen elfjährigen Sohn.
Weshalb hat Deine Familie damals den unüblich war. Auch das hat sie vermutlich dazu aus einer Industriellenfamilie wollte den Aus-
Entscheid gefällt, von Jugoslawien in die bewogen, auszuwandern. länderanteil in der Schweiz drastisch beschrän-
Schweiz auszuwandern? Also gibt es einen politischen Hintergrund und ken. Als die Initiative im Juni 1970 in der
«Die Erzählung meiner Eltern ist nicht eindeu- einen sehr persönlichen. Schweiz zur Abstimmung kam, hatten die
tig. Es gibt verschiedene Aspekte, die sehr kom- Frauen noch kein Stimmrecht. Meine Eltern
Als Kind kann man bei der Entscheidung, ob
plex sind. Jugoslawien hat sich extrem verän- hatten Angst, dass sie ausgewiesen werden.
man emigrieren soll oder nicht, natürlich nicht
dert. Es war einmal ein Königreich und wurde Das war eine sehr schwierige Zeit für sie.
mitreden, man wird einfach mitgenommen –
dann 1941 von den Nazis und den Faschisten wobei anzumerken ist, dass meine Eltern drei In der Schweiz war die Lage meiner Eltern
besetzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Jahre warten mussten, bis sie mich und meinen prekär, sie mussten Berufe ausüben, die sehr
das Land zur «Sozialistischen Republik Jugosla- Bruder in die Schweiz holen durften; das nennt anstrengend waren. Mein Vater hat auf dem
wien». Meine Grosseltern wurden enteignet sich «Familiennachzug». Dass man so lange Schlachthof gearbeitet, meine Mutter als Putz-
und mein Grossvater wurde ins Arbeitslager warten muss, bis die eigenen Kinder einreisen frau. Sie haben ein sehr anstrengendes Leben
deportiert. Das hat mein Vater natürlich nie dürfen, ist unmenschlich. Aber ja, die Auslände- geführt, und sie mussten immer wieder mit po-
überwunden, und deshalb hat er wohl sehr früh rinnen und Ausländer können so besser ausge- litischen Unwägbarkeiten leben - ausserdem
mit dem Gedanken gespielt, auszuwandern. beutet werden, da man ohne Kinder flexibler mussten sie das Getrenntsein von ihren Kindern
Wichtig war auch, dass sowohl mein Vater wie arbeiten kann. ertragen. Die Entfremdung, die zwischen Eltern
auch meine Mutter schon einmal verheiratet Erwähnt werden muss ausserdem die und Kindern stattfindet, lässt sich nie mehr
gewesen waren, in einer Zeit, als das noch sehr «Schwarzenbach Initiative». Ein reicher Mann wettmachen. Die Politik, in diesem Fall die
Ausländerpolitik, prägt die Familiengeschichte. interessiert hat. Der universitäre Rahmen hin- Ja, das wird wahrscheinlich sehr schwie-
Das müsste nicht so sein.» gegen passte nicht. rig, denn dann kannst du nicht das ma-
Glücklicherweise wurde ein Professor auf chen, was dich wirklich erfüllt, du kannst
meine Art zu schreiben aufmerksam. Als ich nicht zu dir stehen.
Und wie bist Du dazu gekommen, Musi- mein Lizentiat an der Uni geschrieben habe,
kerin und Autorin zu werden? Beides «Genau. Natürlich habe ich es auch versucht,
war er der Meinung, das sei keine wissenschaft- habe mir schöne Schuhe gekauft, Schmuck. Ich
sind Künstlerberufe, zu welchen man liche, sondern eine literarische Arbeit. Ich kann habe aber einfach gemerkt, dass mich das nicht
nicht so einfach kommt und die immer nicht sagen, dass mein Professor es initiiert hat, erfüllt, dass es leer bleibt. Das Materielle hat mir
auch mit Risiken verbunden sind. denn ich habe damals schon insgeheim ver- nichts gegeben.
«Ich habe mich einfach entschieden, dass Geld sucht zu schreiben, aber ganz ohne Ansprüche
mich nicht interessiert; mit achtzehn habe ich und ohne den Traum oder den Mit zweiundzwanzig
beschlossen, dass ich kein Auto will. Das Mate- Wunsch, Schriftstellerin zu werden. Ich hatte ich eine grosse
rielle bedeutet mir einfach nichts. Schon als hatte eher den Drang, mich sprachlich «Das Materielle bedeutet Krise, eine Lebens-
Kind war ich anders als die anderen. Ich musste zu äussern, weil ein grosser Leidens- mir einfach nichts.» krise. Ich konnte
meinen eigenen Weg finden, das war nicht im- druck da war. Wenn es also nicht um nichts mehr tun. Das
mer so einfach. Ich habe begonnen zu studie- materiellen Wohlstand geht, dann war sehr einschnei-
ren, Literatur und Geschichte, doch ich war muss man etwas Grundsätzliches herausfinden, dend. Damals ist mir nochmals sehr viel klarer
nicht zufrieden damit, obwohl mich die Materie ansonsten wird es sehr schwierig, glaube ich.» geworden, dass ein Neuanfang notwendig ist.
Das hat dann aber Jahre gedauert. Ich war Sprachraum zurechtfinden, mich neu definie- Während dieser Krise habe ich angefangen,
knapp dreissig, als ich mein erstes Buch zu ren... Musik zu machen. Mit sieben haben mich
schreiben anfing. Ich sagte mir, das probierst meine Eltern sozusagen gezwungen, Geige zu
Ich war sehr lange nicht funktionsfähig und
du jetzt einfach.» spielen, da eine Musiklehrerin auf mich auf-
habe gemerkt, wie schmerzhaft es ist, wenn du
merksam geworden ist und gesagt hat, ich
nicht mehr regulär arbeiten kannst. Neben dem
hätte ein überdurchschnittlich gutes Gehör.
Deine Lebenskrise war das Resultat da- Studium habe ich in einem Bioladen gearbeitet,
Leider war meine Geigenlehrerin nicht gut, sie
von, dass Du nicht im Reinen warst mir der mir sehr entsprochen hat. Ich hatte das
hat mich nur gedrillt. Als ich dann ins Gymna-
Dir selber und sich diese Disharmonie Glück, dass ich dort während meiner Krise flexi-
sium kam, habe ich meine Eltern überzeugen
bel arbeiten konnte; wenn ich also nach zwei
aufgestaut hat? können, dass ich mich aufs Lernen konzentrie-
Stunden erschöpft war, konnte ich wieder ge-
«Nein, eigentlich ging es um Leben und Tod. ren müsse.
hen.
Wenn man das so jung erlebt, verändert sich Als ich dann aber mit zweiundzwanzig in dieser
alles. Diese Krise hing ziemlich sicher auch mit Das war eine schwierige Situation. Ich glaube,
meiner Familiengeschichte zusammen. Ich dass ich – wenn wir vom Glück sprechen – das
«Als ich dann aber mit zwei-
hatte beispielsweise von einem Tag auf den an- Glück hatte, auf die richtigen Menschen zu tref- undzwanzig in dieser Krise war,
dern meine Grossmutter verloren, als ich in die fen; ich bekam Hilfe von Menschen, die mich hatte ich plötzlich wieder Lust,
Schweiz kam. Ich musste mich in einem neuen während eines langen Prozesses unterstützten.
Musik zu machen.»
Krise war, hatte ich plötzlich wieder Lust, Musik nicht schreiben ohne zu lesen. Und ja, die Liebe besonders. Es hat etwas Gewaltsames, 'Aus-
zu machen. Nicht nach Vorgaben, sondern ich zur Sprache war schon sehr früh da. Vor allem DRUCK'. Aber ich weiss, was du meinst, es ist ja
habe versucht, selber einen Weg zu finden, also zum Hochdeutschen. Zuhause haben wir Unga- das geläufige Wort dafür. Ich glaube, es war
herauszufinden, was Musik mir bedeutet. Und risch gesprochen, in der Schule den Dialekt, mehr eine Metamorphose, eine Verwandlung:
dann habe ich mit meiner Schwester eine Band und die Bücher waren dann auf Hochdeutsch. Du merkst, von aussen wird viel an dich her-
gegründet, und wir haben begonnen, selber zu Das war die Sprache der Literatur, und diese angetragen von den Eltern, den Freunden und
spielen. Das war schön und wichtig für meinen Sprache war es, die ich für mich entdeckt habe. Freundinnen. Wir sind in diesem schrecklich
Lebensweg. In einem Essay, den ich geschrieben habe, habe reichen Küsnacht grossgeworden, und wenn ei-
Die künstlerische Tätigkeit fing also mit der ich Hochdeutsch als 'Glückssprache' bezeich- nem das nicht entspricht, dann ist das äusserst
Musik an. Ich spiele heute noch Geige, arbeite net.» unangenehm. Und es muss einen Bruch geben.
mit verschiedenen Musikerinnen zusammen. In Das ist schmerzhaft, auf der anderen Seite
den letzten Jahren ist die Arbeit an der Stimme habe ich aber das Gefühl, mein Leben ist durch
immer wichtiger geworden. Also, habe ich das richtig verstanden: diesen Bruch viel intensiver geworden als das
Aus Deinem Leiden bist Du hauptsäch- vieler anderer Menschen. Für mich ist jeder Tag
lich herausgekommen, weil Du Dich mit kostbar, ich kann immer etwas entdecken, je-
Wie gesagt war ich fast schon dreissig, als ich
Musik und Sprache auszudrücken be- den Tag will ich den Himmel anschauen und
anfing zu schreiben. Zuhause hatten wir keine
gonnen hast? das Licht sehen. Wenn man sich für die nicht-
Bücher, und ich war ständig in der Bibliothek,
«Ja, 'ausdrücken' mag ich aber als Wort nicht materielle
weil ich sehr gerne gelesen habe. Man kann
Welt entscheidet, ist das sehr grundsätzlich, da Lücke ist eben auch eine Öffnung; es fehlt nicht Und zu Deiner Aussage bezüglich des
wir in einer kapitalistischen Welt leben. Es ist einfach etwas, sondern eine Lücke oder ein Materiellen kommt mir dazu eine Theo-
wichtig darauf aufmerksam zu machen, dass es Loch bietet die Möglichkeit etwas zu sehen, rie in den Sinn, dass sich inneres von
noch ganz andere Welten gibt, die eine eigene was man zuvor noch nicht gesehen hat. äusserem Glück unterscheiden lässt.
Schönheit haben, die mit Geld nichts zu tun ha- Oft denkt man bei Glück nur an ein Glückslos,
Würdest Du dem zustimmen?
ben. also an etwas Materielles. Mir gefällt aber, wie
«Wir Menschen sind auch soziale Wesen. Es
erwähnt, dass etwas Freies in diesem Wort
Zum Wort 'Glück' gibt es natürlich viel zu sa- wäre einfach, wenn man sich hinsetzen und fra-
steckt, eine Öffnung. Wenn man als Mensch frei
gen. Etymologisch, also sprachgeschichtlich, ist gen könnte: wer bin ich wirklich? Man ist immer
ist, ist das für mich das Gegenteil von Undurch-
das Wort sehr schön. Das mittelhochdeutsche auch das, was von einem verlangt wird, was die
lässigkeit. Menschen, die mir wichtig sind, ha-
«g(e)lücke» bedeutet «Geschick», «Schicksals- anderen von einem wollen. Wenn man merkt,
ben etwas Durchlässiges. Sie sind nicht wie in
macht», «günstiger Ausgang» und ist direkt dass man im Leben nicht definiert wird von den
Plastik verpackt. Abgeschirmt. Glück hat auch
verbunden mit dem englischen «luck». Ausser- Ansprüchen, die an einen gestellt werden –
etwas mit einer Bewegung zu tun, mit Zulassen.
dem ist die Luke mit dem Glück verbunden. In
Mit Aufnehmen, aber auch mit Sehen, Spü-
meinem Buch «Schildkrötensoldat» steht fol-
ren, also mit ganz verschiedenen Aspekten.» «Wenn man merkt, dass man im Leben
gende Passage: «Das Glück -G-L-Ü-C-K- ist
eine Luke, aus der man an einem warmen Tag nicht definiert wird von den Ansprüchen,
den Kopf hinausstreckt, oder nicht?» Ich finde es sehr interessant, wie Du die an einen gestellt werden, dann ge-
Lücke steckt auch in diesem Wort, und eine Glück siehst. schieht eine Transformation.»
denn das passiert ja schon von klein auf – dann machen, das von der Allgemeinheit nicht ak- Schönes. So gesehen haben für mich Glück und
geschieht eine Transformation. Diese Verwand- zeptiert wird? Damit kann ich mittlerweile sehr Schönheit viel miteinander zu tun. Diese
lung kann auch geschehen, wenn wir ein gutes gut leben. Aber zwischendurch war es schon Schönheit zu erfahren, zu sehen, zu empfinden,
Buch lesen; du liest und bist danach nicht mehr hart.» das verändert mich und übt eine grosse Wir-
derselbe Mensch. Das ist das grosse Geheimnis kung auf mich aus.
und die Kraft der Literatur. Wir lernen die Welt
Demzufolge hat das Lebensglück wirk- Liebe würde ich nicht mehr erleben können.
neu kennen und damit auch uns selbst.
lich sehr viel damit zu tun, dass man Die tiefe Liebe zu einem Menschen, dieses Ge-
Ein Prozess, der meiner Meinung nach nicht
lernt, mit dem Leben mitzufliessen. fühl würde ich vermissen. In diesem Sinn gehört
aufhört. Ich bin jetzt fünfzig und entdecke im-
«Ich habe mir mal überlegt, was mir am meisten das für mich auch zum Glück. Und natürlich ge-
mer wieder etwas an mir, das ich nicht kannte.
fehlen würde, wenn ich sterben würde. Wo- hört mein Sohn dazu, weil ich nicht mehr erle-
Ich glaube also, das Glück immer mit (innerer)
rüber wäre ich unglücklich? Und ich habe ge- ben könnte, wie es ihm geht; ich würde die tiefe
Transformation, mit Verwandlung zu tun hat.
merkt – das hat mich eigentlich sehr überrascht Verbundenheit mit ihm vermissen.
Der Prozess der Veränderung, die Suche, der – dass mir als Erstes das Licht eingefallen ist. Ich Und die Literatur. Die Kunst. Die Kunst, die
Zweifel – das hört nie auf, sondern geht immer empfinde es als grosses Glück, das Licht zu se- mir so viel gibt. Das, was man anfassen kann
weiter. Das ist riskant, ja, es ist ein Risiko, aber hen. Beispielsweise das Licht auf den Bäumen. (das heisst, die materielle Welt), hat eine be-
zugleich muss ich sagen – was genau ist das Ri- Das Lichtspiel am Himmel, das Licht auf dem grenzte Bedeutung. Wenn du ein Buch auf-
siko? Mit viel weniger Geld zu leben? Etwas zu Wasser. Das ist für mich etwas unglaublich machst, was ja etwas ganz Simples ist – Papier,
bedruckt, mit Buchstaben – kann das so viel Ich denke, es ist von extrem grosser Be- das Gefühl, dass diese Verletzungen Teil des
verändern, wie so vieles andere nicht. deutung, dass man solche Dinge an sich Lebens sind. Wir sind nicht davor gefeit.»

Das sind die drei wesentlichen Punkte für mich. ranlässt und sie wirklich reflektiert, wie
Licht, Luft, Schönheit – Liebe, das Liebesgefühl Du sagst. Es ist auf Dauer ungesund, Was man verlieren würde beim Nachge-
– und Kunst. Das hat für mich alles mit Glück zu Empfindungen, die wir als negativ ein- ben, ist die Treue zu sich selbst und sei-
tun, mit Erfüllung. Das alles spürst du in dir. stufen, einfach nicht zu beachten. Und nen Prinzipien. Das wäre eine sehr starke
Und wenn du von 'Fluss' sprichst, finde ich was mir auch noch dazu einfällt ist, dass Einbusse für das Wohlfühlen mit sich
das schön, weil ich immer wieder feststelle, ich es sehr wichtig finde, sich dem Leben selbst und die Selbstverwirklichung.
dass es diesen Lebensfluss gibt und dass ich in verletzlich zu zeigen: Sich nicht von sei- «Beim Begriff 'verwirklichen' habe ich auch Vor-
diesem Lebensfluss bin und sich alles stetig ner Angst, zu scheitern oder abgewiesen behalte. Das suggeriert, dass es irgendwann so
verändert. Ich bin beispielsweise in letzter Zeit
zu werden, von dem abbringen lässt, ist, dass man irgendwann 'verwirklicht' ist. Ich
immer mal wieder traurig gewesen, dass ich
was man leben will. glaube nicht an diesen Endzustand. Es ist im-
kein Kind mehr bekommen kann. Das ist jetzt
«Ja, denn so oder so geschehen Dinge, die man mer eine Suche und der Versuch, offen zu blei-
vorbei. Jedes Lebensalter bringt eine neue Be-
gar nicht steuern kann. Und wenn man kräftiger ben, durchlässig. Ich finde die Bäume im Winter
fragung mit sich, es hört nie auf. Sobald etwas
ist, weil man auch mehr spürt, wer man ist, oder unglaublich, wenn du sie ohne Blätter siehst
zu Ende ist, kann man vielleicht gar kein Glück
sich mehr im Lebensfluss spürt, dann habe ich und du siehst, wie sie ihre Äste in Richtung Licht
mehr empfinden. Ich weiss aber nicht, ob das
strecken. Ich habe das Gefühl, das macht auch
stimmt.»
uns Menschen aus, nur vergessen wir das je- keine Lichtgestalten sind. Ich denke da an Sal- Und dieser Grundton ist nicht etwa ein fixer
weils. Wir wollen eigentlich zum Licht, zu etwas, vini, Orbán, Trump, Bolsonaro. Und ich frage Ton, sondern es sind Töne, die um einen Ton
das uns Kraft gibt mich natürlich: Was machst du? Was ist dein schwingen. Das ist der Kern und diesen Kern
Teil, um etwas Positives zu bewirken?» gilt es aufzufinden. Mein Kern ist die Kunst, das
– es ist immer ein Streben, eine Bewegung, die
ist ganz klar. Nicht Kunst in dem Sinne: 'Ha, ich
nicht aufhört und zum Lebenskreislauf gehört.
bin Künstlerin!', sondern ich muss etwas aus
Immer wenn ich das Gefühl habe, dass ich ver- Und was würdest Du jemandem raten, dem Nichts erschaffen können. Ich muss ein
steife, verzweifle – denn es gibt ja Grund genug der auf der Suche nach seinem Glück ist Blatt Papier haben und etwas schreiben kön-
zum Verzweifeln – dann versuche ich, wieder in und nicht weiss, wie er weiterkommen nen, oder ich möchte Töne hören und singen.
Bewegung zu kommen oder besser: die Bewe-
kann? Das also würde ich einem Menschen raten: es
gung wieder zu empfinden. Jetzt gerade ge-
«Vielleicht kann ich das geht darum, den eigenen Grundton zu finden.
schieht Bewegendes in
der Welt, junge Men- «Wir wollen eigentlich zum Licht, über die Stimme am bes- Und zwar unabhängig von Eltern, Grosseltern,
ten formulieren. Ich bin Lehrern, Lehrerinnen, von allen Autoritätsper-
schen formieren sich, zu etwas, das uns Kraft gibt – es ein Ohrenmensch. Ich sonen. Und dieser Ton ist nicht fix, wie gesagt.
machen auf ihre Stim-
ist immer ein Streben, eine Bewe- habe von einer Lehrerin Die Frage ist also unausweichlich: welche As-
men aufmerksam. Sie
gung, die nicht aufhört und zum gelernt: Jeder Mensch pekte machen grundsätzlich dein Leben aus?
sind ein Gegenbild zu
hat einen Grundton, ei- Willst du einen Beruf lernen, viel Geld verdie-
den politischen Macht- Lebenskreislauf gehört.» nen Ton, der in dir ist. nen, um die Welt reisen? Das ist ja alles möglich
habern, die wahrlich
(bei uns). Oder führt dein Weg in die Welt der «Es gibt Wörter, deren Präsenz mich glücklich
Imagination, in eine Welt, die unsere soge- macht. Wenn ich ein schönes Wort lese, bin ich
nannte Wirklichkeit in Frage stellt? richtig dankbar. Bei Leuten, die eindrücklich
und eigenwillig schreiben, denke ich immer
Mir geht es also darum hinzuhören und
wieder: Danke, danke für diese unvergesslichen
(auch) im Gespräch mit sich selbst zu sein. Dann
Wörter!» •
gibt es klare Anzeichen dafür, in welche Rich-
tung man sich bewegt. Man muss immer mit
sich selbst leben, man kann eben nicht aus der «Sich selbst kennenzulernen ist eine
eigenen Haut fahren. Sich selbst kennenzuler-
grosse, wichtige und mitunter schmerz-
nen ist eine grosse, wichtige und mitunter
schmerzhafte Aufgabe, aber eben unumgäng- hafte Aufgabe, aber eben unumgäng-
lich. Deshalb ist das Gespräch mit sich selbst so lich. Deshalb ist das Gespräch mit sich
elementar. Das habe ich von Hannah Arendt
gelernt, einer wunderbaren Philosophin.
selbst so elementar.»

Möchtest Du noch irgendetwas hinzufü-


gen zum Lebensglück?