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Westdeutscher Rundfunk Köln Auf der Spur der Neandertaler

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Inhalt Auf der Spur der
Inhalt Neandertaler
Auf der Spur der Neandertaler
4 Alleskleber aus der Steinzeit: das Birkenpech Neben dem homo sapiens, also dem modernen Menschen, ist der Neandertaler die am
besten erforschte Menschenart – auch wenn bislang noch kein komplettes Skelett gefun-
7 Das Gesicht der Neandertaler den wurde, sondern nur Skelettreste an mehr als 300 Fundstellen. Selbst 150 Jahre nach
der ersten Entdeckung hat die Erforschung des homo neanderthalensis, der nach Schät-
9 Klima radikal: die Eiszeit zungen bis zu 300.000 Jahre in Europa herrschte, nichts an Aktualität verloren. Gerade in
den letzten zehn Jahren haben Neufunde und neue Untersuchungsmethoden unsere bis-
12 Die Zähne der Neandertaler herigen Vorstellungen vom Wesen und Leben dieses Eiszeitmenschen stark gewandelt.

14 Das Bild des Neandertalers Der Neandertaler war erfindungsreicher und anpassungsfähiger als die Forschung
lange angenommen hat. Das Bild eines tumben, seine Keule schwingenden Wilden hat
18 Konnte der Neandertaler sprechen? noch nie gestimmt und sagt wohl auch mehr über die ideologischen Scheuklappen seiner
Entdecker und Erforscher in den vergangenen 150 Jahren aus, als über den Neandertaler
selbst. Quarks & Co hat sich auf Spurensuche begeben: wann, wo und wie lebte der
23 Wo sind die Neandertaler geblieben?
Neandertaler? Was konnte er, und wie intelligent war er? Sind sich Neandertaler und
moderner Mensch womöglich begegnet? Wie viel Neandertaler steckt in jedem von uns?
26 Lesetipps

6 - 27 Die Entwicklung der Hominiden

Text: Johanna Bayer, Harald Raabe, Kristin Raabe, Anke Rau, Jo Siegler, Georg
Wieghaus; Kooperation: Die Entwicklung der Hominiden entstand in Kooperation mit
dem Lehrstuhl für Wissenschaftsjournalismus in Dortmund. Autoren: Sophie Stigler,
Sven Schiefelbein und Tim Gabel; Redaktion: Tilman Wolff; Copyright: wdr, Juli
2006; Gestaltung: Designbureau Kremer & Mahler, Köln

Bildnachweis: alle Bilder Freeze wdr 2006 außer: S. 2+7: FAZ; S. 11: Universität
Wien, Prof. Andreas Richter; S. 12: Max-Planck-Gesellschaft; S. 14 rechts: ILNG;
S. 16: Neanderthal Museum; S. 17: W. Schnaubelt/N. Kieser (Wildlife Art); S. 18:
WDR/ Köster; S. 19: BBC; S. 20: James Stroud, Institute of Genomics, UCLA; S. 21: akg Weitere Informationen, Link- und Lesetipps finden Sie unter: www.quarks.de
Links:
Ein unscheinbarer schwarzer Klumpen – der Birken-
pechfund aus Königsau

Mitte und Rechts:


Hatte ein Neandertaler das Stück Birkenpech in
der Hand?

Alleskleber aus der Steinzeit:


Alleskleber aus der
das Birkenpech
Steinzeit
Eine spannende Fundgeschichte auf. Die Forscherin Judith M. Grünberg regt an, durch so genannte Papillarleisten auf der Haut, die bei jedem zu zerlegen, ist nur durch die Analyse in einem
die unauffälligen schwarzen Stücke neu zu Individuum ein einzigartiges Bild abgeben. Der charakteristische Gaschromatographen möglich. Das Ergebnis: den
Mitte der 90er Jahre sorgte ein kleines, unschein- untersuchen. Denn einer der beiden um die zwei Fingerabdruck bildet sich schon beim Fötus und bleibt – bis auf mit Abstand höchsten Anteil im Fundstück macht
bares Fundstück in der Neandertalerforschung für Zentimeter großen Klumpen ist ihr aufgefallen: Spuren von Verletzungen – in seiner Struktur unverändert. Krimi- ein Stoff aus der Birkenrinde aus, das Betulin.
Furore: Die Neandertaler konnten Klebstoff her- auf ihm sind Linien zu sehen. Was bedeuten sie? nalistische Spurenverarbeitung bedeutet aber auch, Abdrücke von
stellen! Das rückte sie von ihren Fähigkeiten und Wo kommen sie her? bestimmten Haut- oder Handpartien zuordnen zu können. Infrarotspektroskopie
ihrer Intelligenz her schlagartig in die Nähe der
modernen Menschen. Doch als die Reste des Stein- Die Urgeschichtler wenden sich an das Kriminal- Die IR-Spektroskopie ist ein physikalisches Analyseverfahren, das
zeitklebers entdeckt wurden, ahnte noch niemand, amt des Landes Sachsen-Anhalt. Dort gibt es eine Erstaunliches Ergebnis mit verschiedenen Spektren von infrarotem Licht arbeitet. Dabei
welche umwälzenden Erkenntnisse für den Blick Abteilung, die sich der Spurensuche widmet. In werden Moleküle mit elektromagnetischen Wellen im Infrarotbe-
auf den Neandertaler daraus resultieren würden. der daktyloskopischen Abteilung versucht man, Radiokarbondatierungen weisen für die schwar- reich bestrahlt. Je nach den Frequenzen des Infrarot-Lichts werden
1963 und 1964 unternehmen zwei Archäologen die Linien näher zu bestimmen. Mit Vergröße- zen Bröckchen ein Alter von etwas über 40.000 die untersuchten Molekülbindungen davon angeregt und beginnen
etwa 30 Kilometer von Halle entfernt auf einem rungen von Handabdrücken moderner Menschen Jahren auf – wozu hat der Neandertaler diese zu schwingen. So können sie identifiziert werden. Allerdings funk-
Gebiet, in dem Braunkohle abgebaut wird, geolo- und Vergleichsserien tasten sich die Kriminologen Stücke in die Hand genommen und woraus be- tioniert das nur bei reinen Substanzen, ein Gemisch verschiedener
gische Untersuchungen. Neben Steinwerkzeugen heran. Jede menschliche Handpartie hat bestimm- stehen sie eigentlich? Den Zweck können die Stoffe kann nicht eindeutig genug identifiziert werden.
und Resten von Rothirschen, Mammut und Rentie- te Muster, Bögen und Schleifen. Einen Finger oder Wissenschaftler am Fundstück selbst erkennen.
ren entdecken Dietrich Mania und Volker Toepfer gar einen Daumenabdruck würde man an seinem Denn auch Abdrücke von Holzmaserung und einer Gaschromatograph
zwei kleine, dunkle Klumpen. Die Fundstücke ord- typischen Fingerbeerenmuster erkennen. Doch die Steinkante lassen sich bei genauem Hinsehen
nen sie Neandertalern zu, denn sie liegen in Boden- Eindrücke in dem schwarzen Klümpchen sind sehr nachweisen. Der Neandertaler könnte es also zur Mit Hilfe von Gas werden Stoffe im Gaschromatographen unter
schichten, die älter als 40.000 Jahre sind. Mania klein – die Kriminaltechniker schließen einen Herstellung von Werkzeug oder Waffen benutzt steigender Temperatur und hohem Druck in ihre organischen
vermutet, dass die beiden Stücke aus schlichtem Fingerabdruck daher aus. Trotzdem kommt ein haben. Also machen sich die Wissenschaftler an Bestandteile getrennt. Durch die Kombination mit einem Massen-
Baumharz bestehen – über zwanzig Jahre lang lie- Hautabdruck in Frage: Die in ihrer Struktur eher die Materialanalyse. Unter dem Rasterelektronen- spektrometer können sehr geringe Substanzmengen nachgewiesen
gen sie verborgen in der Schublade. auslaufenden Linien könnten vom Kleinfinger- mikroskop zeigen sich dunkle Stellen und Blasen werden. Auf einem Chromatogramm ist dann das Ergebnis darge-
ballen, also der Außenkante einer Hand stammen. – der Klumpen muss also Feuer ausgesetzt wor- stellt. Es listet die Stoffe nicht nur auf, sondern zeigt auch durch
den sein. Aus welchem Material der Fund besteht, mehr oder minder hohe Ausschläge an, welche Moleküle in welcher
Der Fingerabdruck eines Neandertalers? Daktyloskopie soll danach mit moderner Technik geklärt werden. Konzentration im Stoffgemisch vorhanden sind. Im Falle der
Eine Infrarotspektroskopie an der Universität Untersuchung der Birkenpechprobe wurden Vergleichsproben he-
Ab 1990 arbeiten die Prähistoriker am Landes- Die Daktyloskopie ist die Lehre von der Identifizierung von Per- Bonn bringt noch kein genaues Ergebnis, der rangezogen, um das Ergebnis eindeutig zu machen. Der Birken-
museum für Vorgeschichte in Halle/Saale die sonen an ihren Haut- und Fingerabdrücken (von griech. dakty- schwarze Stoff stellt sich als Mischmaterial rindenbestandteil Betulin gab dabei bei der Probe aus Königsaue
Sammlungen aus den umliegenden Gebieten los, Finger und skopein, betrachten). Fingerabdrücke entstehen heraus. Dieses in seine organischen Bestandteile den mit Abstand höchsten Ausschlag.

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Links:
Analyse im Gaschromatographen

Mitte :
Der Experimentalarchäologe versucht, Birkenpech auf
Neandertaler-Art herzustellen – eine unlösbare Aufgabe für
moderne Menschen

Rechts:
Der Neandertaler-Schädel (links) ist eher langgestreckt und
flacher, der Unterkiefer ist deutlich kräftiger als beim Schädel
des modernen Menschen. Die großen Augenbrauenwülste
fallen auf – Resultat der starken Kräfte beim Zubeißen?

Das Gesicht der Neandertaler


Alleskleber aus der Steinzeit Das Gesicht der Neandertaler
Ungelöstes Rätsel: wie haben sie Wie konnten sie das Feuer so kontrollieren, dass Kräftige Kiefer, flache Stirn, Weniger Kraft beim Zubeißen
es gemacht? es nicht zu heiß wurde? Wie haben sie es ge- dicke Augenwülste
schafft, mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung Angeregt durch die vielen Spekulationen über
Anhand der Einzelbestandteile können die Exper- standen – Lehm, Erde, Holz, Stein, Knochen – Ob als haariger Halbaffe oder als unerschrocke- das Aussehen der Neandertaler hat der Anthro-
ten eine Art Rezept für den schwarzen Klumpen Gruben mit Luftabschluss zu bauen, die der Hitze ner Mammutjäger: auf Darstellungen des Nean- pologe Robert Franciscus von der Universität
aufstellen – denn jetzt wissen sie, worum es sich des Feuers standhalten? Der Experimental- dertalers fällt der charakteristische Schädel auf Iowa (USA) die Bisskraft und die Muskel-
dabei handelt: um Birkenpech. Eine Sensation, archäologe Rudolf Walter meint: „Sie müssen – sein Gesicht sah eindeutig anders aus als Leistung am Schädel von Neandertalern mit
denn Birkenpech kommt in der Natur nicht vor, es eine einfache Methode gehabt haben, auf die wir beim modernen Homo sapiens. Die Neander- denen des Homo sapiens verglichen – mit fossi-
ist ein Kunststoff und muss von Menschen herge- noch nicht gekommen sind.“ Die Technik der taler hatten ausgeprägte Augenwülste, eine len Schädeln, die mehr als 15.000 Jahre alt
stellt werden. Funde von Birkenpech kannte man Neandertaler bleibt weiterhin ein weites Feld für länglich nach vorne gezogene Gesichtsform, waren, aber auch mit modernen Menschen, die
bis dahin erst aus der jüngeren Steinzeit, als der Spekulationen. Klar ist nur, dass sie das Feuer eine flache Stirn, ein fliehendes Kinn und einen in unserer Zeit gelebt haben. An einem biome-
moderne Homo sapiens schon lange in Europa hei- virtuos beherrschten und viel über die Bestand- flacheren Schädel. Bei den Schädeln, die man chanischen Modell errechnete er, wie stark die
misch geworden war und sogar schon dazu über- teile und Eigenschaften der Birkenrinde wussten. gefunden hat, waren auch häufig die Schneide- Kräfte waren, die die Neandertaler-Kiefer beim
ging, Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Doch zähne stark abgenutzt. Die starken Muskeln, so Zubeißen entwickeln konnten: Welcher Zug
die unauffälligen schwarzen Klümpchen aus spekulierten Forscher, sollten daran Schuld wirkt auf den Schädel, wie ist der Unterschied
Königsaue zeigen, dass schon die Neandertaler Ardipethicus ramidus sein. Tatsächlich weist der Knochenbau am gan- im Vergleich mit den modernen Menschen? Lage
den Alleskleber herstellen konnten. Experimental- lebte vor ca. 4,4 Millionen Jahren zen Körper auf große Muskelkräfte der Nean- und Dicke der Muskeln konnte Franciscus dabei
archäologen versuchen seitdem immer wieder, Bir- dertaler hin, und das führte zu der Vermutung, anhand der Ansatzstellen an den Knochen
kenpech auf Neandertaler-Art herzustellen. Doch Ardipethicus ramidus ist das älteste bekannte Mitglied der dass auch die Gesichtsform der Neandertaler rekonstruieren. Das Ergebnis: Der Neandertaler
bis heute hat man das nicht geschafft. Denn der Hominiden und gilt als Übergangsform zwischen Affen und den etwas mit seinen starken Muskeln zu tun hätte, hatte nicht mehr, sondern sogar etwas weniger
Kleber entsteht nur unter weitgehendem Sauer- späteren Urmenschen. Sein Name setzt sich aus dem äthio- zumal die Unterkiefer und Kinnbacken sehr Bisskraft als die kleiner proportionierten Kiefer
stoffabschluss und in einem bestimmten Tempe- pischen Wort ardi für Boden und dem griechischen Wort pethi- kräftig waren. Und diese sollten zusammen mit der modernen Menschen!
raturbereich um 400 Grad: Die äußere Rinde der cus für Affe zusammen: Ardipethicus, kurz Bodenaffe. Sein den dazugehörigen Muskeln hohe Kräfte ent-
Birke muss dabei verschwelen, sie darf nicht ver- Gebiss ähnelt auch noch stark dem eines Affen – das zeigen stehen lassen, die am Schädel ziehen und die
brennen. Je länger der Destillationsvorgang dauert, zumindest Skelettteile, die der Paläoanthropologe Tim White besondere Form verursachen. Ein so starker Nur eine Laune der Natur
desto dickflüssiger ist das Resultat. Der Sud kann 1994 in Äthiopien fand. Bein- und Fußknochen von Ardipethicus Biss, so die Folgerung, würde dann auch die
dann noch weiter verarbeitet und eingedickt wer- ramidus deuten aber bereits darauf hin, dass er etwas aufrech- Zahnschäden erklären. Das Ganze passte lange Die Schädelform der Neandertaler ist also mög-
den, je nachdem, wozu er gebraucht wird. Die Nean- ter als ein Affe ging. Zeit gut zum Bild vom primitiven Muskelprotz, licherweise nur eine Variation der Gene inner-
dertaler kannten noch keine feuerfesten Gefäße. der auch öfter mal kräftig zugebissen hat. halb der Gattung Homo, und keineswegs eine

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Die Neandertaler hatten trotz größerer Muskelpakete Vor 120.000 Jahren ist Europa noch von dichtem Laubwald
nicht mehr Bisskraft als die modernen Menschen mit bedeckt. So war es in den Warmzeiten immer wieder – bis
ihren grazileren Schädeln. Die Angabe erfolgt in Newton, die Kälte kam. Die drastischen Wechsel prägten das
der Einheit für Kraft Eiszeitalter

Klima radikal: die Eiszeit


Das Gesicht der Neandertaler Klima radikal: die Eiszeit
besondere Anpassung an Lebensbedingungen. Australopithecus anamensis Die Eiszeit ist nicht vorbei! und offensichtlich lange Zeit gut überstanden,
Auch die abgenutzten Zähne haben nichts mit lebte vor ca. 4,2 bis 3,9 Millionen Jahren möglicherweise auch durch den Rückzug in den
kolossalen Beißkräften der Neandertaler-Kiefer Eiszeit – das ist das Zeitalter der Neandertaler. Süden von Europa. Denn die meisten Nean-
zu tun. Mittlerweile ist klar, dass die abgenutz- In der Nähes des Turkana-Sees im heutigen Kenia wurden viele Die Vorstellung vom Leben der frühen Europäer dertaler-Funde gibt es in Südfrankreich, dazu
ten Zähne nicht auf gewaltig malmende Unter- Überreste verschiedener Urmenschenarten entdeckt – so auch ist verbunden mit einem dauernden Existenz- kommen Fundstellen in Israel, Südspanien und
kiefer zurückgehen, sondern wohl darauf, dass einige von Australopithecus anamensis. Sein Name leitet sich kampf unter widrigen Umständen, in Eis und Marokko – überall dort ist es selbst in den
die Neandertaler ihre Schneidezähne einfach zum einen vom lateinischen Wort australis für Süden und dem alt- Schnee. Doch das stimmt nur bedingt, das kältesten Phasen der Eiszeit noch einigermaßen
als Werkzeuge benutzt haben: Wahrscheinlich griechischen Wort pithekos (Affe) ab, zum anderen vom keniani- Eiszeitalter ist geprägt vom Wechsel zwischen mild gewesen.
haben sie Lederstücke, Fasern, Holz und andere schen Wort anam (See). wärmeren und kälteren Phasen, die zum Teil
Gegenstände zwischen die Zähne genommen, recht drastisch ausfallen können. Und während Der Beginn der Eiszeit liegt aber noch vor dem
um die Hände zum Arbeiten frei zu haben. Ähn- Vier Millionen Jahren zuvor war es in dieser Gegend sehr heiß und die Neandertaler inzwischen aus Europa ver- ersten Auftreten der Neandertaler in Europa:
liches ist auch von Indianervölkern aus heutiger der See war häufig ausgetrocknet. Es gab kaum Vegetation. Nur schwunden sind, gilt das für die Eiszeit keines- Vor etwa zwei Millionen Jahren machte sich in
Zeit bekannt, deren Zähne ebenfalls Abnut- wenige hohe Bäume boten Australopithecus anamensis Schutz wegs – sie dauert noch an. Seit über zwei Millio- den Polargebieten der Erde eine durchgreifende
zungserscheinungen zeigen, zum Teil noch viel vor der Hitze. Darum war es wichtig, dass er die weiten Strecken nen Jahren regiert das Eiszeitalter die Erde. Temperatur-Abkühlung bemerkbar. Davor herrsch-
extremer als bei den Neandertaler-Funden. zwischen vereinzelten Baumgruppen gut zurücklegen konnte – Typisch dafür ist nicht die beständig herrschen- ten in Mitteleuropa fast subtropische Verhält-
und das bereits im aufrechten Gang, mit dem der Südaffe wesent- de Kälte, sondern ein zyklischer Verlauf von nisse mit üppigen Laubwäldern, großen Farnen
lich schneller war als auf allen Vieren. Während sein Körperbau Kaltzeiten, warmen Perioden und gemäßigten und vielen Tieren. Dann fiel die globale Durch-
schon recht modern war, gleicht seine Kopfform noch der seiner Phasen. Nur die Kaltzeiten innerhalb der Eiszeit schnittstemperatur um durchschnittlich 9 Grad,
kletternden Vorfahren. ließen Eiswüsten entstehen und Gletscher wan- was sich auf die Temperaturen im Sommer und
dern. Sie dauern etwa 100.000 Jahre an, die im Winter drastisch auswirkte: Die Winter in
Warmzeiten oder Interglaziale dagegen nur Europa waren bitterkalt, die Temperaturen lagen
10.000 - 15.000 Jahre. Zurzeit befinden wir uns im Januar oft weit unter minus 25 Grad, ein
in einer Warmzeit, die seit etwa 11.000 Jahren eisiger Wind fegte über das Land und in
anhält. Doch die Neandertaler haben in ihrer Deutschland starb der Wald. Dann folgten die
fast 300.000 Jahre währenden Geschichte eine charakteristischen Wechsel zwischen warmen,
ganze Reihe von Klimawechseln mitgemacht gemäßigten und kalten Phasen.

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Im letzten Kältehoch gab es in Deutschland nur noch die Tundra. In den Kaltphasen waren die Sommer so kalt wie heute in
Bäume konnten sich nicht mehr halten. In der Kältehochphase vor Sibirien, und ganz ähnlich war die Landschaft: Gräser oder
65.000 Jahren kamen die Gletscher bis an die Elbe und bis zum niedrige Sträucher wuchsen, hohe Bäume konnten keine
heutigen München Wurzeln schlagen. Trotzdem nährte die Tundra viele Tiere –
ein Paradies für Jäger wie den Neandertaler.
Bild: Universität Wien

Klima radikal: die Eiszeit


Subtropische Zeiten in Europa: Die Neandertaler als Meister der 90 Prozent vom Fleisch großer Tiere. Das haben Die Wechsel zeichneten das Land: mal wuchsen
die Eem-Warmzeit Anpassung Forscher herausgefunden, indem sie die Knochen- nur noch Heidekraut oder Gras in Mitteleuropa,
substanz von Neandertalern untersuchten. mal konnten sich Birken und Haselbüsche ansie-
Vor ungefähr 300.000 Jahren, mitten in einer Nur 10.000 Jahre später, vor etwa 115.000 Jahren, deln, gar ein Wald heranwachsen, bevor die Kälte
Kältephase, löste der Neandertaler seinen schlug das Klima wieder um. Jetzt schoben sich wieder alles zur Steppe machte. Im Kältehoch ab
Vorgänger, den Homo erectus, ab. So hatten die die Gletscher aus Skandinavien von Norden und Radikale Wechsel lassen die Neandertaler 54.000 v. Chr. gefror in Mitteleuropa die Erde bis
Neandertaler schon mindestens eine halbe den Alpen von Süden über das Land. Der nach Süden fliehen in 140 Meter Tiefe. In diesem Permafrost tauten
Eiszeit hinter sich, als sich vor etwa 125.000 Meeresspiegel sank bis zu 100 Meter ab und die nur die obersten Schichten im Sommer etwas auf.
Jahren das Klima wendete: die so genannte durchschnittlichen Sommertemperaturen fielen Doch auch innerhalb der Kaltzeiten war das Das große skandinavische Inlandeis rückte weit
Eem-Warmzeit, benannt nach einem Fluss in den wieder auf das sibirische Mittel von unter 10 Klima keineswegs konstant. Im Gegenteil, hefti- nach Deutschland vor und erreichte schließlich
Niederlanden, begann. Im Vergleich zur voran- Grad im Juli. Durch den abgesunkenen Meeres- ge Temperaturschwankungen waren sogar die fast die Elbe. Von den Alpen her schoben sich die
gegangenen Kaltzeit bot diese Wärmeperiode spiegel verschoben sich die Küstenlinien, die Regel. Mitunter änderte sich die durchschnitt- Gletscher bis in die Gegend der heutigen Stadt
geradezu paradiesische Lebensbedingungen. Es Straße von Dover war trockenen Fußes passier- liche Jahrestemperatur innerhalb weniger Jahr- München. Exakt in dieser Zeit der großen Kälte
war durchschnittlich 2 bis 3 Grad wärmer als bar. Wieder veränderte sich die Vegetation dras- zehnte um 5 bis 7 Grad. Kältezeiten, so genann- trat auch der moderne Mensch in Europa auf – der
heute, und das stark vom Atlantik bestimmte tisch: Der Laubwald wich Nadelwäldern und die te Stadiale, wechselten sich mit gemäßigten Homo sapiens sapiens, ein Einwanderer aus wär-
Klima sorgte für feuchte Sommer und milde Nadelwälder schließlich einer baumlosen Tun- Perioden, so genannten Interstadialen, ab. Die meren Gefilden. Die Neandertaler verschwanden
Winter. Die Flüsse froren nur selten zu, und es dra, ähnlich wie heute in Sibirien. Neandertaler mussten also nicht nur mit der dagegen vor 28.000 Jahren ganz. Einige Experten
herrschten ideale Bedingungen für Tiere wie Kälte zurechtkommen, sondern auch mit radika- vermuten daher, dass die radikalen Schwan-
Flusspferd, Waldelefant oder Wasserbüffel. Vor etwa 70.000 Jahren, kurz vor dem ersten len Klimawechseln. kungen dieser letzten Kältephase der zahlenmä-
Dichter Laubwald bedeckte die Landschaft Höhepunkt der so genannten Weichsel-Eiszeit, ßig geringen Neandertaler-Population stark zu-
Mitteleuropas. Größere Grasfluren gab es nur war Mitteleuropa von einer baumlosen Steppe In Zeiten der letzten großen Kälte, vor 65.000 bis setzten. Schätzungen zufolge haben in ganz
an Flüssen, an denen die Neandertaler vermut- bedeckt. Der etwa 20 Zentimeter hohe Bewuchs 20.000 Jahren v. Chr., war das Klima in Mittel- Europa bis zum Jahr 40.000 v. Chr. nie mehr als
lich bevorzugt siedelten. war jedoch üppig und nährte große Herden von europa so lebensfeindlich, dass sich die letzten höchstens 30.000 Menschen gleichzeitig gelebt.
Tieren: Rentiere, Wildpferde und Mammuts, Neandertaler wie wohl auch die großen Tier- Die beweglichen, erfinderischen Neulinge aus
Wollnashörner und Riesenhirsche. Die Neander- herden vermutlich in wärmere Gebiete südlich dem Süden aber kamen wohl in größerer Zahl und
taler wussten das zu nutzen: In dieser kalten Zeit der Alpen zurückzogen. setzten sich durch.
war für sie offensichtlich der Tisch besonders
reich gedeckt, denn sie ernährten sich zu über

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Links:
Zähne sind eine wahre Fundgrube für die Wissenschaft

Mitte:
An einem Querschnitt durch den Zahn kann man die innere
Struktur erkennen

Rechts:
Unter dem Mikroskop zeigen sich die Wachstumslinien

Die Zähne der


Die Zähne der Neandertaler
Neandertaler
Wertvolle Funde Zähnen spezialisiert. In ihrem Labor für Hart- Die Kindheit der Neandertaler Australopithecus afarensis
substanzen fertigt sie aus uralten menschlichen lebte vor ca. 3,9 bis 2,9 Millionen Jahren
Von den Neandertalern ist nicht viel übrig geblie- Zähnen, aber auch Zähnen von Affen und 2005 veröffentlichte die amerikanische Anthro-
ben: Noch nie haben Forscher ein ganzes, vollstän- modernen Menschen so genannte Dünnschliffe pologin Debbie Guatelli-Steinberg mit ihrer Wahrscheinlich starben sie bei einer Überschwemmung: 13
diges Skelett gefunden. In den meisten Fällen gru- her – hauchdünne Scheiben, die weniger als Arbeitsgruppe eine großangelegte Untersuchung Mitglieder einer Gruppe von Australopithecus afarensis, deren
ben sie bestenfalls ein paar Knochen und Zähne 1 Millimeter stark sind. Damit lässt sich der an einer Vielzahl von Neandertalerzähnen. Die Überreste Forscher Mitte der 1970er Jahre entdeckten. Die
aus. Doch was auf den ersten Blick als äußerst Aufbau eines Zahns genau untersuchen. Smith Forscherin der Ohio State University hatte die Knochenfunde zeigen, dass diese Urmenschen wohl bereits in
spärlich aussieht, gerät bei näherer Betrachtung legt die Dünnschliffe unter das Mikroskop, unter Wachstumslinien der Neandertalerzähne mit Familien zusammen lebten. Von dieser Spezies wurden sogar
zu einem regelrechten Glücksfall, denn gerade die dem mit Hilfe von polarisiertem Licht feine denen auf Zähnen von unterschiedlichen Grup- Fußabdrücke in Vulkanasche freigelegt.
Zähne sind wahre Fundgruben für die Forscher – Linien erkennbar werden. Diese Linien sind pen moderner Menschen verglichen. Darunter
vor allem liefern sie Informationen über die Kind- während des Wachstums der Zähne entstanden waren Zähne von Inuit/Eskimos, von modernen Insgesamt fanden Wissenschaftler mehrere Hundert Knochen-
heit. Denn die Zähne der Menschen entwickeln und zeigen an, wie viele Tage und Wochen der Menschen aus Südafrika und Newcastle, England. fragmente von Australopithecus afarensis in Tansania, Kenia und
sich langsam während der Kindheit und Jugend, Zahn für sein Wachstum gebraucht hat. Bei Das Ergebnis der Untersuchung verblüffte die Äthiopien. Der bekannteste von ihnen ist unter einem ungewöhn-
das war auch schon bei den Neandertalern so. modernen Menschen finden sich rund 960 Experten: verglichen mit der Gruppe der moder- lichen Spitznamen bekannt geworden: Lucy, benannt nach dem
Nach dem Auswachsen verändern sie sich nicht Wochenlinien, was einer Wachstumszeit von nen Inuit waren die Zähne der Neandertaler etwas Beatles-Song Lucy in the sky with diamonds, den die Forscher bei
mehr; die Zähne der Neandertaler bilden also ab, etwa achtzehn Jahren entspricht. Schimpansen früher ausgewachsen, verglichen mit den Grup- ihren Ausgrabungen im Radio gehört haben sollen. Als sie bei die-
wie lange die frühen Europäer herangewachsen hingegen werden innerhalb von nur etwa zwölf pen der Engländer gab es keinen Unterschied sem Lied auf ein Skelett stießen, nannten sie es kurzerhand Lucy.
sind. Forscher schließen aus der Dauer der Ent- Jahren erwachsen, auch das ist sichtbar an ihren und im Vergleich mit der Gruppe der Südafrikaner Einige Paläoanthropologen sind der Meinung, Australopithecus
wicklungsphasen unter anderem auf die Ent- Zähnen. zeigte sich sogar, daß die Neandertalerzähne län- afarensis sei der gemeinsame Vorfahre von allen späteren
wicklung des Gehirns und damit auf die kognitiven ger brauchten um auszuwachsen. Hominidenarten. Lucy ist daher auch unter dem Namen Mutter der
Fähigkeiten der Neandertaler – das macht die Polarisiertes Licht Menschheit oder afrikanische Eva bekannt geworden. Das war
Untersuchung an den Zähnen so spannend. Also auch in ihrer Entwicklungsdauer unter- allerdings eine vorschnelle Taufe: Heute vermuten viele Forscher,
Licht mit unterschiedlichen Wellenlängen wird mit Hilfe von spe- schieden sich die Neandertaler nicht so sehr dass Lucy ein männliches Exemplar seiner Gattung war.
ziellen Filterfolien in Licht umgewandelt, das in derselben Schwin- von uns modernen Menschen. Ihre Kindheit und
Zähne haben Wachstumslinien gungsebene schwingt. Wenn dieses Licht nun ein bestimmtes licht- das Erwachsenwerden scheint genauso lange Insgesamt wurden 40 Prozent von Lucys Skelett entdeckt. Somit
durchlässiges Material durchdringt - etwa den Dünnschliff eines gedauert zu haben wie bei uns. ist Lucy – egal ob nun männlich oder weiblich – eines der vollstän-
Die Anthropologin Dr. Tanya Smith vom Max- Zahns - so wird die Schwingungsebene durch die Kristalle des digsten Skelette eines Australopethicus (übersetzt etwa Südaffe),
Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie Zahnschmelzes noch einmal verändert und die Strukturen des die je gefunden wurden.
in Leipzig hat sich auf die Untersuchung von durchleuchteten Materials werden damit sichtbar.

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Links:
Das erste Bild des Neandertalers

Mitte:
Der Neandertaler 1909: mehr Affe als Mensch

Rechts:
Noch bis in die 60er Jahre hält sich die Mär von der
Keule

Das Bild des Neandertalers


Primitivling oder einer von uns?
Das Bild des Neandertalers
Ein ganz normaler Tag im Steinbruch ... „Man darf den Ausdruck einen thierischen Augenbrauengegend“ müsse „dem mensch- mit ihrem eleganteren Körper, steilerer Stirn ...
nennen.“ lichen Antlitz einen ungemein wilden Ausdruck“ manueller Geschicklichkeit ... Erfindungskraft ...
Bis zum Jahr 1856 war das romantische Nean- gegeben haben, meint er. Man dürfe, folgert er, Kunst und Religion (und) der Fähigkeit, abstrakt
dertal bei Düsseldorf mit seinen Höhlen und Schon bald nachdem der spektakuläre Fund „diesen Ausdruck einen thierischen nennen“. zu denken, die ersten waren, die den Ehrentitel
Grotten berühmt für seinen idyllischen Anblick. bekannt wird, fragt sich die Fachwelt, wie der Schon im Fundjahr entsteht die erste Zeichnung Homo sapiens verdienten!“
Doch Mitte des 19. Jahrhunderts hatte die frühe Mensch in natura ausgesehen haben mag. vom Neandertaler, ein Bonner Maler fertigt sie
Industrie Einzug gehalten – im Neandertal wurde Hatte dieser Vorzeitmensch, den man nach hefti- nach den wissenschaftlichen Angaben von Hohe Stirn
Kalk abgebaut. Im August des Jahres 1856 gen wissenschaftlichen Diskussionen nach sei- Schaafhausen an.
stoßen die Arbeiter im Steinbruch bei ihrer nem Fundort Homo sapiens neanderthalensis In früheren Jahrhunderten glaubte man, den Charakter eines
Arbeit auf etwas Ungewöhnliches: sie sprengen tauft, eher tierische oder eher menschliche Menschen aus seinem Äußerlichen heraus erkennen und Schädel-
Stein ab und finden darin beim Aufsammeln Züge? Das Schädeldach ist zum Beispiel flacher, Gefletsche Zähne und krummer Rücken? formen Intelligenz und Charaktereigenschaften zuordnen zu können.
Reste von seltsamen Knochen. Ob diese von als man es von Schädeln moderner Menschen Eigene Lehren dazu waren die im 18. Jahrhundert entstandene
Menschen oder von Tieren abstammen, ist ihnen kennt. Ein Reporter des Barmer Bürgerblattes, Anfang des 20. Jahrhunderts stellt man sich den Phrenologie (Schädelkunde) und die Physiognomik (Lehre von der
unklar. Sie halten die Knochen zunächst für der im September 1856 über den Fund berichtet, Neandertaler noch als wilden, unzivilisierten Bedeutung der körperlichen Erscheinung). Eine hohe Stirn sollte zum
Reste eines Höhlenbären. Der Steinbruch- schließt daher, der Mensch aus dem Neandertal Genossen vor. Mittlerweile sind weitere Nean- Beispiel auf eine höhere Intelligenz hinweisen als eine niedrige Stirn.
besitzer Wilhelm Beckershoff gibt die Ent- sei „zum Geschlecht der Flachköpfe“ zu zählen. dertaler-Knochen in Frankreich und Belgien Zwar wurde die Phrenologie bald als Pseudowissenschaft entlarvt.
deckung jedoch weiter an den Elberfelder Lehrer gefunden und ausgewertet worden. Und immer Doch in der Zeit des neuzeitlichen Kolonialismus und der Debatten
und Naturforscher Johann Carl Fuhlrott. Der ver- Anatom Schaafhausen beurteilt die Physiogno- klarer ist, dass der Neandertaler aus Deutsch- über primitive und höher entwickelte Volkskulturen flammte die
mutet, dass es sich um menschliche Knochen mie des Urmenschen ganz nach den Ansichten land keine Einzelerscheinung ist. Diskussion wieder auf. Sie wirkte Mitte des 19. Jahrhunderts daher
„aus der vorhistorischen Zeit“ handelt. Er wen- seiner Zeit: In einem Beitrag Zur Kenntnis der auch auf die Einschätzung des Neandertalers, und so stempelte man
det sich an den Bonner Anatom und Urge- ältesten Rasseschädel schreibt er, dass die 1868 wird in der Dordogne der erste Cro- ihn ob seiner flachen Stirn als Dummkopf ab.
schichtsprofessor Hermann Schaafhausen. Auch Andeutungen „dieser auffallenden und thieri- Magnon-Mensch gefunden. Mit seiner hohen
der tippt darauf und beschreibt den Fund vor- schen Stirnbildung“ – gemeint ist die etwas flie- Stirn erscheint dieser Typus der Fachwelt Auf Boules Untersuchung eines 1908 gefunde-
sichtig als „menschlichen Typus auf einer tiefen hende Stirn des Neandertaler-Schädels – nicht menschlicher als der Neandertaler. Der franzö- nen, fast vollständigen Neandertalerskeletts
Stufe der Entwicklung“. Drei Jahre bevor 1859 selten auch an „Köpfen wilder Völker“ vorkä- sische Paläontologe Marcellin Boule vergleicht aus La Chapelle-aux-Saints in Südfrankreich
Charles Darwin übrigens seine erste Abhandlung men. Auch die Augenbrauenwülste fallen beide Typen und kommt zu folgendem Schluss: basiert auch ein folgenschweres Fehlurteil, das
zur Evolutionstheorie veröffentlicht. Schaafhausen auf: Das „starke Vortreten der „Welch’ Unterschied zu den Cro-Magnon, (die) über Jahrzehnte das Bild vom Neandertaler

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Würde ein Neandertaler im Anzug auffallen? Wissenschaftliche Rekonstruktion des Australopithecus boisei:
W.Schnaubelt/N.Kieser (Wildlife Art) für Hessisches Landesmuseum
Darmstadt

Das Bild des Neandertalers


prägt. Weil das Skelett aus La Chapelle verformt vom Wilden oder Primitiven – noch in den 60er Australopithecus africanus primitiven Eigenschaften wie das sehr kleine Gehirn (ca. 410
war, schloss Boule, dass die Neandertaler allge- Jahren entstanden Bilder des Zeichners Zdenek lebte vor ca. 3 bis 2,5 Millionen Jahren Kubikzentimeter) und einem eher fortschrittlichen Körperbau wie
mein eine gekrümmte Körperhaltung hatten und Burian, in denen Neandertaler mit Holzknüppeln die Form seiner Bein- und Beckenknochen.
sich in gebückter Haltung fortbewegten. Eine unterwegs sind, obwohl durch Funde längst klar Australopethicus africanus hatte im Vergleich zu seinen Vor-
unzulässige Verallgemeinerung, denn heute weiß war, dass die Urmenschen Holzspeere mit Stein- fahren einen gewaltigen Kiefer mit viel kleineren Reißzähnen,
man, dass der alte Mann von La Chapelle eine spitzen, Schaber und andere Werkzeuge her- dafür jedoch großen Backenzähnen. Mit diesem Gebiss konnte Australopithecus boisei
chronische Knochenkrankheit hatte: Er litt unter stellten. er sich fast ausschließlich von Pflanzen ernähren. Er ging auf- lebte vor ca. 2,4 bis 1,1 Millionen Jahren
starker Arthritis. Die Krankheit verändert die recht und lebte in kleinen Gruppen. Sein Gehirn war allerdings
Körperhaltung – erst 1957 wurde Boules Irrtum noch viel kleiner als das eines heutigen Menschen: Es hatte ein Mit seinen Backenzähnen, die viermal größer waren als die des
durch eine neue Untersuchung aufgedeckt. Noch Jeder ist einzigartig Volumen von ca. 500 Kubikzentimeter, vergleichbar mit der heutigen Menschen, zermalmte Australopithecus boisei harte
die berühmte Zeichnung, die Franticek Kupka Gehirngröße eines heutigen Schimpansen. Pflanzenfasern und Nüsse mitsamt der Schale. Das Gebiss des
1909 vom Neandertaler aus La Chapelle anfertigt, Erst nach und nach wird im 20. Jahrhundert aus Nussknackermenschen – wie ihn Forscher nennen – war damit her-
basiert auf den falschen Annahmen von Boule. dem gekrümmten, tumben Wesen ein Mensch. In vorragend an die kargen Mahlzeiten der trockenen Steppe ange-
Dort ist der Neandertaler als wilder Affenmensch den 1980er Jahren steckt man ihn sogar in einen Australopithecus aethopicus passt. Sein Gehirn war jedoch alles andere als riesig: Mit einem
dargestellt: behaart, mit gefletschten Zähnen und Anzug um zu zeigen, wie wenig der Neandertaler lebte vor ca. 2,5 bis 2,3 Millionen Jahren Volumen von etwa 500 Kubikzentimetern maß es nur ein Viertel
krummem Rücken. Und er ist bewaffnet mit einer den Affen ähnelt und wie nah er dem Menschen des Gehirns eines durchschnittlichen Erwachsenen heute.
Keule, die sich selbst ein halbes Jahrhundert spä- des Informationszeitalters ist. Inzwischen beto- Sein Spitzname lautet The black skull – schwarzer Schädel. Das
ter noch in Zeichnungen findet. nen Fachleute besonders die Individualität jedes bedeutet aber nicht, dass Australopithecus aethopicus zu Lebzei- Gegen seinen Konkurrenten Homo rudolfensis konnte sich
Fundes: Auch Neandertaler sind, wie moderne ten eine besonders dunkle Kopfbehaarung trug – vielmehr hatten Australopithecus boisei damit nicht durchsetzen. Beide Gattungen
Menschen, in ihrem Aussehen unterschiedlich. sich die Knochenfragmente, die später von ihm gefunden wur- lebten teilweise zur selben Zeit und sogar in derselben Gegend um
Ein Primitivling mit Keule Und weil sie wohl nicht viel anders gelebt haben den, erst im Laufe der Zeit durch manganhaltige Mineralien dun- den Turkana-See im Norden Kenias, wo auch Überreste anderer
als die frühen Homo-Sapiens-Gruppen, geben kel gefärbt. Auf seinem Schädel hatte Australopithecus aethopi- Urmenschen, die vor ihnen gelebt hatten (wie zum Beispiel
Bis in die 60er Jahre legt der Neandertaler auf vie- Rekonstrukteure den Gesichtern in jüngeren cus den größten Knochenkamm aller bekannten Hominiden, an Australopithecus anamensis), entdeckt wurden.
len Darstellungen die Keule nicht aus der Hand. Neandertaler-Nachbildungen auch menschliche dem seine Kaumuskeln befestigt waren. Mit seinem riesigen
Doch gerade das ist nichts als wilde Spekulation – Regungen: In neueren Rekonstruktionen ist man Kiefer konnte er große Mengen an Nüssen, Blättern und Wurzeln Der Nussknackermensch starb schließlich aus, ohne Stammvater
für die Annahme, dass Neandertaler Keulen als dazu übergegangen, Neandertaler zwar als eige- essen. Ansonsten gilt er als eine – mit Blick auf andere einer neuen Menschenlinie geworden zu sein. Seinen Namen ver-
Waffen benutzt haben, gibt es keinen wissen- nen Menschentypus, aber nicht mehr statisch, Urmenschen-Arten – vergleichsweise kurze Zwischenstufe in der dankt er dem Londoner Geschäftsmann Charles Boise, dem
schaftlichen Beleg. Die Keule gehörte in den sondern mit Emotionen und Gesichtsausdruck Entwicklung. Zudem vereinigte er eine verwirrende Mischung aus Hauptfinanzier der Grabungen, die den ersten Fund von Austra-
Köpfen der Zeitgenossen einfach zur Vorstellung darzustellen. lopithecus boisei zu Tage förderten.

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Links:
Der Fund von Kebara in Israel – hier entdeckte man das einzige
Zungenbein, das von den Neandertalern bislang gefunden wurde

Mitte:
Das Zungenbein ist ein kleiner, hufeisenfömiger Knochen über
dem Kehlkopf. Es ist nicht mit der Wirbelsäule verbunden, sondern
hängt nur an Bändern und Muskelnn

Rechts:
Robert Franciscus mit den Modellen der beiden Atemtrakte in
der Hand. Der Anthropologe beschäftigt sich vor allem mit der
Anatomie der frühen Menschen

Konnte der Neandertaler sprechen?


Konnte der Neandertaler sprechen?
Mensch und Sprache sind untrennbar nen Knochen setzen viele Bänder und Muskeln tomografen. Die Resultate verwendete er, um aus trainerin Patsy Rodenburg sollte die Stimme des
an, die der Zunge ihre enorme Beweglichkeit Neandertaler-Funden zu rekonstruieren, wie Atem- Neandertalers mit Hilfe eines Schauspielers
Neben dem aufrechten Gang ist die Sprache das verleihen – und die braucht sie vor allem zum und Stimmtrakt ausgesehen haben könnte. Da ihm simulieren. Die Stimmtrainerin wählte bewusst
auffälligste Merkmal, das den Menschen von sei- Sprechen. von den Neandertalern nur Reste von Knochen zur einen Schauspieler mit Neandertal-Statur aus –
nen nächsten Verwandten im Tierreich unterschei- Verfügung standen – es gibt kein einziges vollstän- stark, kompakt gebaut und mit großem Kopf. Sie
det. Sprechen ist die wichtigste Kommunikations- Tatsächlich ist die Zunge das wichtigste Artiku- diges Skelett – beruht sein Ergebnis stark auf den ließ ihn die Muskeln anspannen, mit voller Kraft
form der Gattung Homo – galt das auch schon für lationsorgan, und das Zungenbein von Kebara, Daten der modernen Menschen. Denn nur an der laut schreien und dabei die Stimme nach oben
den Neandertaler? Viele Forscher sind davon über- sagen Paläoanthropologen, ist von dem eines Form ihrer Weichteile in Rachen und Kehle lässt modulieren. Schließlich hatte der Anthropologe
zeugt, schon deshalb, weil das Überleben im eis- modernen Menschen praktisch nicht zu unter- sich erahnen, wie es beim Neandertaler gewesen Franciscus ja vermutet, dass die Stimme des
zeitlichen Europa gar nicht anders möglich gewe- scheiden. Daher ist es unter Wissenschaftlern sein könnte. Das Ergebnis der Studie ist einigerma- Neandertalers eher hoch war. Das ist auch für
sen wäre. Jagen, Herstellen von Werkzeugen oder mittlerweile unbestritten, dass der Neandertaler ßen erstaunlich: Luftröhre, Kehle und Stimmtrakt moderne Männer nicht so ungewöhnlich und
Behausungen – ohne differenzierte und reibungs- über eine Lautsprache verfügt haben muss. Wie waren bei dem Neandertaler, den Franciscus als kann großartige Tenorstimmen ergeben – in
lose Verständigung ist das alles nicht vorstellbar. hoch entwickelt diese war und wie der Stimm- und Hauptfund verwendet hat, ebenso geformt wie bei Patsy Rodenburgs Versuch kam eine hoher,
Doch nur ein einziger Fund belegt diese Annahme: Sprechtrakt des Neandertalers ausgesehen haben modernen Menschen. Allerdings gibt es doch einen schriller, gepresst klingender und extrem lauter
das Zungenbein von Kebara. Der unscheinbare klei- mag, darüber geben die Funde keine weiteren Unterschied, denn das in Iowa verwendete Skelett Schrei heraus: „Bestimmt gut für die Verstän-
ne Knochen wurde 1983 in einer Höhle in Israel ge- Informationen. Kehlkopf, Luftröhre und Gaumen, gehörte einem Mann. Und der dazugehörige digung im Freien“, spekulierte die Sprachtrai-
funden. Dort entdeckten Forscher ein Neanderta- die eine Rolle für Stimme und Artikulation spielen, Stimmtrakt ist laut Franciscus kürzer, breiter und nerin.
ler-Grab mit dem Skelett eines Mannes. Die Knochen bestehen aus Knorpel und Weichteilen und sind gestauchter als üblicherweise bei modernen
sind etwa 60.000 Jahre alt, Brustkorb, Wirbelsäule, nicht erhalten. Männern: „Irgendwie mehr so, wie man es heute
Arme und Hände sind erhalten – und eben die klei- bei einer Frau erwarten würde“, so Franciscus. Die Anatomie stimmt
ne, hufeisenförmige Struktur, die etwas über die
Sprachfähigkeit der Neandertaler verrät. Breiter und kompakter als beim Ob die Stimme des Neandertalers wirklich so
Homo sapiens Schrille Schreie auf freiem Feld? geklungen hat, will Forscher Franciscus nicht
bestätigen: er fand das Experiment des BBC-
Ein unscheinbarer kleiner Knochen Robert Franciscus, Anthropologe an der Universi- Wie nun die Stimme dieses Neandertalers ge- Teams spaßig, hält es aber für Spekulation:
tät von Iowa, hat untersucht, wie der Atem- und klungen haben könnte, wollte ein Team des bri- „Wie die Stimme wirklich geklungen haben
Das Zungenbein sitzt beim modernen Menschen Stimmtrakt des Neandertalers von Kebara ausge- tischen Fernsehsenders BBC wissen – es hatte könnte, können wir gar nicht beurteilen“, so
knapp unter dem Kinn über dem Kehlkopf, auf sehen haben könnte. In seinem Projekt vermaß er Franciscus in den USA interviewt und ein unge- Franciscus. „Fest steht meiner Meinung nach
der Höhe des dritten Halswirbels. An dem dün- Hals und Rachen von Probanden im Computer- wöhnliches Experiment unternommen: die Sprach- nur, dass der Neandertaler die anatomischen

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Diese spezielle Variante des FOXP2-Gens ist eine recht Der moderne Homo sapiens, hier gezeichnet als mutiger
späte Mutation und wird auch das Sprach-Gen genannt – Mammut-Jäger, trat vor etwa 40.000 Jahren in Europa auf –
nur der moderne Mensch verfügt über sie und innerhalb der nächsten 12.000 Jahren gab es keine
Neandertaler mehr. Liegt es an der Sprache?

Konnte der Neandertaler sprechen?


Voraussetzungen für das Sprechen hatte“. Ganz genen Gruppe der Einwanderer? Oder Resultat Affenmenschen und nicht mehr zu den Menschenaffen. Zum wahrscheinlich Steinsplitter, um mit ihnen Aas zu zerlegen.
abgeschlossen ist die Diskussion über die einer Unterlegenheit, die vor allem auf einer nur ersten Vertreter der Gattung Homo qualifizierte ihn jedoch Untersuchungen seines Schädels lassen zudem vermuten, dass er
Sprache der Neandertaler damit nicht, zumal primitiven Sprache beruhte, im Gegensatz zum hauptsächlich sein Gehirn, das mit 600 bis 800 Kubikzentime- eine einfache Sprache beherrschte, jenseits des Schreiens und
einige Wissenschaftler noch auf die Rolle der eloquenten Homo sapiens aus Afrika? Das mögen tern deutlich größer war als das der Australopithecinen. Grunzens von Affen. Eine Reihe späterer Funde belegt zudem,
Gene hinweisen. Seit einigen Jahren kennt man die meisten Neandertaler-Experten nicht glau- Forscher vermuten, dass Homo rudolfensis tatsächlich auch cle- dass seine durchschnittliche Gehirngröße doch größer war, als
die Mutation eines bestimmten Gens, die so ben, denn es steht für sie außer Frage, dass sich verer war als seine Zeitgenossen: Mit spitzen und scharfen Stei- es beim ersten Fund den Anschein hatte.
genannte FOXP2-Variante, die offensichtlich die Neandertaler in ihren kognitiven und sprach- nen knackte er die härteste Pflanzenschale. Gelegentlich zerleg-
wichtig für die Sprachfähigkeit und auch das lichen Fähigkeiten nicht wesentlich vom moder- te er damit Fleisch oder öffnete Knochen, deren nahrhaftes Mark
Verstehen gesprochener Sprache ist. Analysen nen Menschen unterschieden. Das beweist nicht anderen Tieren – und Hominiden – verborgen blieb. Ein Jäger war Australopithecus robustus
haben ergeben, dass diese bestimmte Mutation nur das Zungenbein von Kebara. Auch Befunde Homo rudolfensis jedoch nicht: er gab sich mit Aas zufrieden, lebte vor ca. 2,0 bis 1,0 Millionen Jahren
erstmals vor etwa 40.000 Jahren aufgetreten aus Schädeluntersuchungen und Werkzeuge, die das Raubtiere übrig gelassen hatten.
sein soll – das passt zum Zeitpunkt der Ausbrei- eine ausgefeilte Technik und viele Kenntnisse Auf dem Speiseplan von Australopithecus robustus standen vor
tung des Homo sapiens über den ganzen voraussetzen, zeigen das. Über die Natur ihrer allem Pflanzen, die er mit seinem mächtigen Kiefer zermahlen
Globus. Für einige Forscher ist damit klar, dass Sprache wird sich bis auf weiteres aber nicht viel Homo habilis konnte – dies verrät ein Gebiss, das 1938 im südafrikanischen
nur der moderne Mensch eine wirklich ausge- mehr sagen lassen – die Stimme der lebte vor ca. 2,1 bis 1,6 Millionen Jahren Kromdraai gefunden wurde. Diese Art von Gebiss mit den verhält-
formte, leistungsfähige Sprache hatte. Denn Neandertaler ist für immer verklungen. nismäßig kleinen Schneide- und Eckzähnen und den riesigen
wenn auch das FOXP-Gen bei vielen Tieren und Die Olduvai-Schlucht in Tansania, 1960: Grabungen förderten ein Backenzähnen sicherte das Überleben von Australopithecus
auch Menschenaffen nachweisbar ist, verfügen ganz besonderes Skelett zu Tage. Seine Arme waren im Vergleich robustus in den trockenen Savannen, wo sein Speiseplan zumeist
ausnahmslos moderne Menschen über die spe- Homo rudolfensis zu den Beinen sehr lang, eher affenähnlich. Und auch das aus harten Früchten und Nüssen bestand. Mit Werkzeugen aus
zielle Mutation dieses Gens. lebte vor ca. 2,4 bis 1,8 Millionen Jahren Hirnvolumen schien unter der Grenze für einen Schädel der gesammelten Knochen grub er vermutlich nach Knollen und
Gattung Homo zu liegen. Doch wurde kurzerhand die Untergrenze Wurzeln. Groß war Australopithecus robustus übrigens nicht: Mit
Mensch vom Rudolfsee wird Homo rudolfensis genannt – nach sei- geändert – und der Fund auf den Namen Homo habilis getauft. einer Größe von rund 1,10 bis 1,30 Meter hatte er etwa die Statur
Für immer verklungen nem Fundort, hinter dem sich einmal mehr bei solchen Funden der Grund dafür war eine andere Entdeckung, die die Forscher mach- eines heutigen Zehnjährigen.
heutige Turkana-See in Kenia verbirgt. Dieser See wurde um 1887 ten: Offenbar stellte Homo habilis als erster Hominide Werkzeuge
Ungefähr als die Genmutation zum ersten Mal auf- von seinen Entdeckern aus Österreich-Ungarn nach dem österrei- aus Stein her.
getreten sein soll, erschien auch der Cro-Magnon- chischen Kronprinzen Rudolf benannt.
Mensch in Europa – und die Neandertaler waren Zwar gehen auch heutige Schimpansen geschickt mit Steinen und
innerhalb von rund 10.000 Jahren ausgestorben. Mit seinem flachen, breiten Gesicht und den menschenähnlichen Stöcken um, doch wurde noch kein wilder Schimpanse gesichtet,
Zufall? Vermischung mit der zahlenmäßig überle- Oberschenkel- und Fußknochen zählt Homo rudolfensis zu den der selbst Werkzeug anfertigt. Homo habilis hingegen bearbeitete

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Der rekonstruierte Schädel des Kindes von Lagar Velho weist nach
der Meinung Prof. Zollikofers nirgendwo eindeutig Merkmale auf,
die an vergleichbare Neandertaler-Schädel erinnern

Wo sind die Neandertaler geblieben?


Wo sind die Neandertaler geblieben?
Homo ergaster Und diese Hände waren nicht nur zum Jagen gut: Homo erectus Rendezvous in Portugal Auffällige Kombination von Merkmalen
lebte vor ca. 1,8 bis 1,5 Millionen Jahren baute vereinzelt einfache Hütten und lernte, Feuer gezielt zu nut-
zen. Nur so war es ihm möglich, seine Heimat zu verlassen und Die Neandertaler sind verschwunden. Doch wie Als moderne Menschen und Neandertaler aufein-
Er war ein schneller Läufer, ging aufrecht, verbrauchte kaum sich von Afrika bis nach Asien auszubreiten. und warum, und ob ganz spurlos oder nicht, das ander trafen, haben sich die Populationen der
Energie und benötigte deshalb nicht viel Nahrung, um große beschäftigt die Urmenschenforscher immer beiden Menschenarten miteinander vermischt –
Strecken zu überwinden. Mit jeder Generation breitete sich Homo noch. Die Diskussion darüber ist nicht entschie- also auch gemeinsame Nachkommen gezeugt,
ergaster (und der nachfolgende Homo erectus) weiter von Afrika Homo heidelbergensis den und besonders an einem etwa 25.000 Jahre glaubt Professor Zilhao. Ob dies auf friedliche
in Richtung Asien und Europa aus. Dabei nutzte er vor allem die lebte vor ca. 600.000 bis 200.000 Jahren alten Kinderskelett scheiden sich zurzeit die wis- oder feindselige Weise geschah, kann man nicht
Wege, die die Eiszeitgletscher geschaffen haben. Forscher gehen senschaftlichen Geister: Sind bei diesem Kind, belegen, so der Archäologe. Alle Annahmen dar-
davon aus, dass Homo ergaster ein Bewusstsein dafür entwickel- Im Oktober 1907 wird in einer Kiesgrube bei Mauer in der Nähe von das ganz sicher ein Homo sapiens ist, wieder über sind Spekulation. Dass die Verbindungen
te, dass er Teil einer Gruppe war. Aufgrund des Klimas war Homo Heidelberg ein Unterkiefer gefunden. Dieser Nähe zu Heidelberg Gene des Neandertalers ans Tageslicht gekom- aber fruchtbar waren, glaubt Zilhao anhand auf-
ergaster größer als seine mutmaßlichen Nachfahren, der europäi- verdankt Homo heidelbergensis seinen Namen. Skelettfunde zei- men? Und ist dies ein Beweis dafür, dass die fälliger Merkmale des Kinderskeletts nachweisen
sche Homo heidelbergensis und der asiatische Homo erectus. gen, dass er in Europa und in Teilen von Afrika gelebt hat. Auch er Neandertaler gar nicht ausgestorben, sondern zu können: Das Kind, das 1998 an einem über-
Dies belegt zumindest ein Fund aus dem Jahr 1984: Auf der war ein erfolgreicher Jäger und ernährte sich vor allem von einfach in uns aufgegangen sind? Das glaubt hängenden Felsvorsprung namens Abrigo do
Westseite des Turkana-Sees im heutigen Kenia wurde das nahezu Großwild. Für die Jagd fertigte er mehr als zwei Meter lange Speere Professor Joao Zilhao von der Universität Bristol, Lagar Velho gefunden wurde, hat kürzere Schien-
vollständig erhaltene Skelett eines zwölfjährigen Jungen gefun- an. Um das Fleisch von den Knochen abzuschaben, setzte er der vor acht Jahren beteiligt war, als das Kin- beine als Oberschenkelknochen, genau wie die
den, der zu Lebzeiten ca. 1,70 Meter groß gewesen sein muss. Steinwerkzeuge ein. Da er in Gruppen jagte, vermuten Forscher, derskelett in Portugal ausgegraben wurde. Etwa Neandertaler. Außerdem zeigt der Unterkiefer
dass Homo heidelbergensis schon über eine einfache Sprache ver- 5.000 Jahre trennen es von den jüngsten eine weitere Auffälligkeit: eine nach hinten zum
fügte, mit deren Hilfe er sich mit seinen Artgenossen verständigte. Neandertalerresten, die belegen, dass diese Gaumen hin abfallende Zahnreihe des Unter-
Homo erectus Auffällig ist außerdem sein schlanker Körperbau. noch vor etwas über 30.000 Jahren auf der iberi- kiefers. Diese Merkmale des modernen Men-
lebte vor ca.1,8 Millionen bis 400.000 Jahren schen Halbinsel lebten. In jener Zeit wanderten schenkindes seien so untypisch für unsere eige-
moderne Menschen – also die Vorfahren des nen Vorfahren, aber so charakteristisch für Nean-
Trotz seines flachen Schädels mit ausgeprägten Wülsten über den etwa vier bis fünfjährigen Kindes – in diesen Teil dertaler, dass deren Gene wohl im portugie-
Augen war Homo erectus schon sehr modern: Weil er aufrecht Europas ein. Dort trafen sie auf die angestamm- sischen Kind wieder zum Vorschein kamen.
ging, konnte er seine beiden Hände frei benutzen – was ihn unter ten alten Europäer, die Neandertaler. Mög- Zilhao ist sicher, dass er noch weitere frühe Euro-
anderem zu einem erfolgreichen Jäger machte. Homo erectus ent- licherweise – spekulieren die Forscher – kam es päer aus demselben Zeitraum finden wird, die
wickelte starke Sehnen in den Händen und einen flexibleren auch zu sexuellen Kontakten. irgendwo an ihrem Skelett eindeutige Neander-
Daumen. talermerkmale vorweisen.

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In einer Höhle haben einige der letzten Neandertaler Europas Schienbein und Oberschenkel des Kindes von Lagar Velho – das
gelebt. Joao Zilhao und sein Grabungsteam suchen dort nach Schienbein ist eindeutig kürzer, genau wie bei Neandertalern
weiteren Beweisen dafür, dass sich Neandertaler und einge-
wanderte moderne Menschen miteinander vermischt haben.
Neben vielen Besiedlungsbeweisen haben sie dort schon drei
Knochenstücke von Neandertalern ausgegraben

Wo sind die Neandertaler geblieben?


Genügen kurze Beine als Beweis? fach Merkmale von älteren modernen Menschen treten? Also doch kein Mischlingskind? Die Homo sapiens
sind, deren Funktion man noch nicht kennt. Es Mehrheit der Urmenschenforscher glaubt noch lebt seit ca. 160.000 Jahren, seit ca. 65.000 in Europa
Glück und Unglück der Archäologen liegen häu- könnten vielleicht auch Zeichen der Anpassung nicht daran, dass in Lagar Velho der Beweis für
fig eng beieinander: Als das sehr zerbrechliche an das kältere Klima sein, das damals in Europa ein Rendezvous zwischen Neandertalern und Mit seinen immer feineren Werkzeugen – zum Beispiel aus
Kinderskelett 1998 bei Bauarbeiten zufällig ent- herrschte. Auch der nach hinten abfallende modernen Menschen gefunden wurde. Aber Knochen und Elfenbein – beginnt der Siegeszug des Homo
deckt wurde, beschädigte ein Bagger den Unterkiefer ist für Zollikofer kein typisches Joao Zilhao gibt nicht auf und sucht weiter nach sapiens. Der gängigen Theorie nach brach Homo sapiens vor
Schädel so sehr, dass dieser nur noch in Frag- Neandertalermerkmal. Diese Form liegt im Beweisen, die seine Theorie von der Vermi- 100.000 Jahren von Ostafrika in den nahen Osten sowie in andere
menten geborgen werden konnte. Die Teile wur- Bereich der Variationsbreite von Kiefermerkma- schung der Neandertaler mit modernen Men- Richtungen Afrikas auf. 40.000 Jahre später sind erste Homo
den etwas später in einem Krankenhaus in len eines modernen Menschenkindes, so der schen stützen. sapiens im Osten und in Europa zu finden. In vielen Teilen der Erde
Lissabon in einen Medizinscanner eingelesen, Schweizer Experte für virtuelle Archäologie. verdrängt er ältere Menschenformen und schafft es, auch in unbe-
um das Skelett in modernen Rechnern drei- siedelte Gebiete, wie etwa Amerika oder Australien, vorzustoßen.
dimensional zusammenfügen zu können. Diese Homo neanderthalensis Homo sapiens ist feingliedriger und größer als alle seine
Methode der virtuellen Archäologie macht es Alles ganz modern lebte in Europa seit ca. 220.000 bis vor ca. 30.000 Jahren Vorgänger. Die Wülste über seinen Augen sind stark zurückgebil-
möglich, auch stark beschädigte Knochen neu det, die Stirn ist höher geworden.
anzuordnen und genau zu vermessen – eine Die mit Spannung erwartete Untersuchung der Im August 1856 fanden Kalkarbeiter im Neandertal bei
Arbeit, der sich Christoph Zollikofer von der Schädelteile und die virtuelle Rekonstruktion in Düsseldorf Knochen. Zuerst vermutete man, dass es sich dabei Er ist zudem äußerst intelligent und organisiert – meistens jeden-
Universität Zürich widmet. Doch seine Ergeb- Zürich ergaben nach Zollikofer, dass auch das um Reste eines Bären handelte. Allerdings ließen sich die falls. Vielleicht ist das ein Rezept für seinen Erfolg, denn Homo
nisse über das Kind von Lagar Velho lassen ihn Gehirnvolumen des Kindes dem eines Homo Knochen keiner bekannten Bärenart zuordnen. Stattdessen sapiens ist die einzige Menschenform, die sich durchsetzte und
der Theorie Zilhaos eher skeptisch gegenüber- sapiens gleicht. Es liegt noch nicht einmal in stellte sich heraus: es waren Knochen einer alten menschlichen bis heute überlebt hat. Den Beweis dafür können Sie selbst antre-
stehen: „Kurze Beine und gedrungene Gestalten dem Bereich, in dem man von einer Überschnei- Gattung: die von Homo neanderthalensis – des Neandertalers. ten: Schauen Sie in den Spiegel!
sind keinesfalls nur typisch für die Nean- dung sprechen könnte: „Der Schädel weist über- Mit einer Körpergröße von rund 1,65 Meter und seinen robusten
dertaler. Die gibt es auch heute noch bei moder- all eindeutig Merkmale auf, die mit denen Knochen war er im Vergleich zum heutigen Menschen recht
nen Menschen, ohne dass es Anzeichen für moderner Menschenkinder übereinstimmen und schwer gebaut: Er brachte fast 80 Kilogramm auf die Waage.
Gene der Neandertaler sein müssen. Dafür sind nicht mit denen von Neandertalerkindern“, stellt Der stark gebaute Hominid lebte hauptsächlich in Europa und
viel zu viele Generationen vergangen, seit sich Zollikofer fest. Warum sollte aber ein Nean- Vorderasien, teilweise parallel zum Homo sapiens. Der stark
die beiden Menschenarten begegnet sind.“ dertaler-Gen nur in den langen Röhrenknochen gebaute Hominide ernährte sich hauptsächlich von Fleisch und
Zollikofer glaubt, dass die kurzen Waden ein- und so gar nicht im Schädel in Erscheinung war wohl die erste Menschengattung, die Kleider fertigte.

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Lesetipps
Lesetipps
Der Neandertaler – Auf den Spuren des ersten Europäers Die Neandertaler – Eine Spurensuche Projekt Menschwerdung. Streifzüge durch die Bücher für Kinder:
Autor: Martin Kuckenburg Autoren: Bärbel Auffermann, Jörg Orschiedt Geschichte der Menschheit
Verlagsangaben: Klett-Cotta, Stuttgart 2005 Verlagsangaben: Theiss Verlag, Stuttgart 2002 Autor: Gerd-Christian Weniger Am Anfang…
Verlagsangaben: Spektrum der Wissenschaft, Autorin: Regine Maraszek
Eingängig geschriebenes Werk über alle wichtigen Details Das Buch ist und bleibt ein Standardwerk für alle Inter- Heidelberg/Berlin 2003 Verlagsangaben: Herausgegeben vom Landesamt
zum Neandertaler. essierten. Anschaulich illustriert und verständlich ge- Sonstiges: Taschenbuch für Archäologie Sachsen-Anhalt /
schrieben beschreibt es die Fundgeschichte des ersten Landesmuseum für Vorgeschichte,
Neandertalers, die wichtigsten Fundorte, evolutionsbio- Spannend, informativ, gelegentlich anspruchsvoll. Gerd Halle 2003
Die Neandertaler: Genies der Eiszeit logische, anatomische und soziologische Zusammen- Christian Weniger ist Direktor des Neanderthal-Museums
Autor: Dirk Husemann hänge, Übersichtskarten zur Illustration, Glossar mit in Mettmann und versteht außerdem noch etwas von Das reich illustrierte und einfallsreich getextete
Verlagsangaben: Campus Verlag Frankfurt, Main / Erklärungen der wichtigsten Fachbegriffe im Anhang. Zoologie und Völkerkunde. Sein Buch gewährt einen aus- Kinderbuch ist nicht nur ein Führer durch die Ausstel-
New York, 2005 gezeichneten Überblick über Entstehung und Zusammen- lung zur Alt- und Mittelsteinzeit des Landesmuseums
leben der frühen Menschen, über Ernährung und kulturel- für Vorgeschichte, sondern auch ein nützliches Hand-
Schon die Überschriften machen Lust aufs Lesen. Vom Warum verschwanden die Neandertaler? Die le Leistungen bis zur sozialen Gliederung und dem buch für Kinder, die den schweren Tag im Leben eines
Mann, der aus dem Kalkstein kam bis hin zum Lügen- Geschichte der Urmenschen Verhältnis von Mann und Frau. Unbedingt lesenswert, weil Neandertalermädchens interessiert, und die wissen
detektor im Genlabor behandelt der Autor die Forschungs- Autor: Tom Appleton es auch zahlreiche Mythen und Vorurteile bereinigt. wollen, wie es mit den Abenteuern der Menschheit
geschichte zum Neandertaler. Verlagsangaben: Heyne Verlag München 1999 begann.

Die Einführungskapitel beleuchten das Image des Die Frühzeit des Menschen. Der Weg zum Homo
Die Neandertaler Neandertalers und ordnen Vorurteile und Missver- sapiens. Die Menschen damals – von der Steinzeit zur Bronzezeit
Autoren: Friedemann Schrenk, Stephanie Müller ständnisse, die sich seit dem ersten Fund im Nean- Beck’sche Reihe Autorin: Ursula Langsert
Verlagsangaben: C.H. Beck Verlag, München 2005, dertal im Laufe der Jahre durch neue Erkenntnisse erge- Autoren: Friedemann Schrenk, Steffi Müller Verlagsangaben: Auer Verlag 2003
Reihe Wissen ben haben, ein. Verlagsangaben: Verlag CH Beck 2003
Sonstiges: 7,90 Euro. Ein Mitmachbuch für Kinder vom 3. bis zum 6. Jahrgang.
Kompaktes Standardwerk im Taschenbuchformat. Die Von Erklärungen zu Alltagsfragen rund um die Vorzeit bis
Autoren haben mit Witz interessante Details zur Rezep- Neandertal, eine kulturelle Herausforderung Dieses Buch enthält – in aller Kürze – das, was man hin zu Experimenten zum Selbermachen reicht das Buch.
tionsgeschichte und zur Wissenschaftsgeschichte des Autor: Gert Kaiser über das Werden der Menschheit wissen muss.
Neandertalers zusammengefügt. Verlagsangaben: Droste Verlag, 1992
Steinzeit nachbauen: Steinzeit selbst erleben
Gert Kaiser ordnet den Fund im Neandertal im Hinblick auf Autor: Friedrich Seeberger
Vom Neandertaler zum modernen Menschen seine Brisanz, die Debatte um die Evolutionsthesen Verlagsangaben: Theiss Verlag 2002
Herausgeber: Nicolas Conard, Stefanie Kölbl, Charles Darwins und seinen Wert für unser heutiges
Wolfgang Schürle Verständnis vom Menschen und von der Menschwerdung Gelebte Steinzeit nicht nur für Kinder und Jugendliche,
Verlagsangaben: Thorbecke Ostfildern, 2005 ein. Das Neandertal, so ist seine Meinung, bleibt eine kul- sondern auch für findige Erwachsene. Der Autor animiert
turelle Herausforderung. dazu, Schmuck, Waffen und Instrumente der Steinzeit
Die Herausgeber und Autoren beschäftigt die Frage der selbst nachzubauen und auszuprobieren.
Gleichzeitigkeit von modernem Menschen und Nean-
dertaler. Was lässt sich anhand neuester Funde und neue-
ster Untersuchungsmethoden dazu sagen?

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