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Beispiel für eine textgebundene Erörterung

(zum Text im Deutschbuch, S. 40)

In einer Gegenüberstellung zweier gegensätzlicher Positionen zum Thema ‚Rauchverbot in


öffentlichen Gebäuden’ im Nachrichtenmagazin „Focus“ aus dem Jahre 1994 begründet die
Diplomvolkswirtin und damalige Senatorin für Gesundheit, Jugend und Soziales in Bremen
Irmgard Gaertner (geb. 1930) ihre Position.

Gaertner fordert in ihren Ausführungen die Verabschiedung eines


Nichtraucherschutzgesetzes, dass das Rauchen in allen öffentlichen Gebäuden untersagt,
bzw. in allen Räumen, in denen sich Nichtraucher aufhalten (Z. 14-19). Sie begründet diese
These damit, dass eine Gesundheitsschädigung für Nichtraucher auch durch das
Passivrauchen ausgehe (Z. 1-7). Als zweites Argument nennt sie „...Dutzende von Studien...“
(Z. 6f), die dieses nachgewiesen hätten. Hieran schließt sie im dritten Argument eine
abgewandelte Form eines Rechtsgrundsatzes an: Die Freiheit der Raucher finde dort seine
Grenzen, wo die Gesundheit anderer gefährdet oder verletzt werde (Z. 11-14). Gaertner
belegt ihre Forderung mit einem Verweis auf die Erfolge im Nichtraucherschutz im
öffentlichen Dienst in Bremen (Z. 24-32).

Dem ersten Argument Gaertners ist sicherlich zuzustimmen. Es ist nicht einzusehen, dass
Nichtraucher ihre Gesundheit ruinieren müssen, nur weil einige Süchtige sich nicht
zusammenreißen können, bis sie sich wieder in Räumen aufhalten, in denen sie rauchen
dürfen. Neben dem Gesundheitsaspekt sollte aber auch die Geruchsbelästigung eine Rolle
spielen. Im weiteren Verlauf benutzt Gaertner zwar ein allgemein anerkanntes
Faktenargument, benennt aber keine einzige Studie, die die Gesundheitsschädigung des
Passivrauchens wirklich nachweist. Nach den Ergebnissen der MAK-Kommission stellt der
Tabakrauch in der Raumluft eben keine Gesundheitsgefährdung dar. Hier hätte sie genauer
argumentieren müssen. Dem letzten Argument Gaertners kann in vollem Umfange
zugestimmt werden. Der Geltungsbereich des Freiheitsbegriffes muss eben auch auf
rauchfreie Räume übertragbar sein, um die Gesundheit der Nichtraucher zu schützen. Hier
wäre insbesondere noch der Schutz von z.B. Kindern, Atemwegserkrankenten und
Schwangeren hervorzuheben. Auch der Beleg für die Untermauerung ihrer Argumentation ist
konkret, stichhaltig und kann überzeugen.

Der Argumentation Gaertners ist – in Anbetracht des eingeschränkten Umfangs - kaum etwas
hinzuzufügen. Lediglich das zweite Argument hätte konkreter ausgestaltet werden müssen,
damit es seine volle Überzeugungskraft entfalten könnte. Möglich ist jedoch, dass sie diese
altbekannten Tatsachen zugunsten der Darstellung ihrer Erfahrungen in Bremen bewusst
kürzer gehalten hat.
Der Forderung Gaertners stimme ich zu, wenngleich auch in öffentlichen Gebäuden dafür
gesorgt werden muss, dass zumindest für die dort beschäftigten Raucher eine Möglichkeit
besteht, ihre Sucht zu befriedigen. Denn auch dieses lässt unser Freiheitsbegriff zu: jeder
kann für sich entscheiden, ob und wie er seine Möglichkeiten ergreift, das „Leben zu
genießen“, mit seiner Gesundheit umzugehen oder sein Leben zu verkürzen – aber bitte nicht
auf Kosten anderer!