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Titel

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Pressefreiheit? Wozu? Die Väter der Ver- breiten ist auch hier stets verboten gewesen, der SPIEGEL-
fassung hielten eine solche grundrechtliche Gründervater Rudolf Augstein musste allein den Verdacht mit
Garantie für überflüssig – wenn nicht gar 103 Tagen Untersuchungshaft bezahlen – doch weil die Justiz
für gefährlich. Es gibt Freiheiten, die lässt sich an die Gesetze hielt und die Pressefreiheit letztlich mehr
man sich nicht versprechen, die nimmt galt als die Empörung der Politik über einen SPIEGEL-Titel
man sich. Denn sie sind wie die Luft zum zur Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr, ging es nicht
Atmen in einer Demokratie, deren Staats- der Presse, sondern der Regierung an den Kragen.
gewalt auf der öffentlichen Meinung des Volkes aufgebaut ist. Doch die Verfolger von Assange haben es nicht auf die
Die Demokratie, die auf solchen Einsichten gegründet wurde, Durchsetzung der Strafgesetze abgesehen, diesmal geht es um
ist die amerikanische, und es zeugt von gesundem Misstrauen das Prinzip. Das Großmaul aus Australien bietet willkommenen
der Revolutionäre in der Neuen Welt in Anlass, die alten Ideen von der Presse-
die Kraft dieser Einsicht, dass sie – wenn freiheit als Recht, das man sich nimmt,
auch erst später – die Pressefreiheit doch statt es sich gewähren zu lassen, endgül-
noch in die US-Verfassung hineinge- tig loszuwerden. Sind wir nicht alle im
schrieben haben. Krieg? Müssen in Wahrheit die Bürger
Gut 200 Jahre später erscheint die alte nicht den Staat beschützen, statt ihn aus-
Idee allzu vielen Menschen in den west- zuspionieren?
lichen Republiken naiv. Die US-Adminis- Zur transatlantischen Koalition der
tration hat sich, seit sie in den Krieg ge- Staatsräson gehören so unterschiedliche
gen den Terror verwickelt ist, in eine Mitspieler wie der Vorsitzende des Hei-
große Geheimniskrämerzentrale verwan- matschutzausschusses im US-Senat, Joe
delt. 854 000 Geheimnisträger, fast ein- Lieberman, der als „schlechten Staats-
einhalb mal die Bevölkerung von Wa- bürger“ bezeichnet, wer vertrauliche US-
shington D. C., zählte die „Washington Depeschen weiterträgt, wie auch der
Post“ kürzlich im Umkreis des Präsiden- deutsche Grünen-Chef Cem Özdemir,
ten, der Bürgernähe zum Wahlkampf- der Sätze aufbringt wie: WikiLeaks habe
schlager machte. Geschätzte 16 Millionen „eine Grenze überschritten, die unserer
Regierungsdokumente pro Jahr erhalten Demokratie nicht gut tut“. Besonders
den Stempel „Top secret“, nicht für die heftig hat das Bedürfnis, sich als guter
Augen der Bürger bestimmt. In der Krise Staatsbürger zu profilieren, manchen
igeln sich auch die Staaten des alten Journalisten ergriffen. Selbst die „Süd-
AP

Europa ein. Das Grundgesetz mit seiner Verhafteter Augstein 1963 deutsche Zeitung“, welche die Bürger-
weitreichenden Garantie der Pressefrei- rechte sonst sehr ernst nimmt, mokiert
heit entstand im Auftrag der US-Befreier Zum Schluss ging es nicht sich, die WikiLeaks-Enthüllungen „zer-
und im Geiste der Amerikanischen und der Presse, sondern der stören Politik, gefährden Menschen,
der Französischen Revolution. Doch im Regierung an den Kragen. können Ökonomien beeinflussen“. Der
Jahr zehn nach dem Angriff auf die Twin Amerikaner Steve Coll, wegen seiner
Towers in New York grübelt ein deutscher Unions-Politiker so- Enthüllungen mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet, wütet gegen
gar halblaut darüber nach, ob man den Journalisten nicht ver- drohenden „Vandalismus“ und „Subversion“ der WikiLeaks-
bieten sollte, allzu detailliert über Terror zu berichten. Leute. Die „Washington Post“, deren Reporter Bob Woodward
Im revolutionären Paris hätte man solche Leute geköpft, in und Carl Bernstein einst die Watergate-Affäre bekannt mach-
Philadelphia wahrscheinlich eingesperrt. Als die Bürger Revo- ten, bezeichnet WikiLeaks als „kriminelle Vereinigung“.
lutionäre waren, war die Freiheit des Wortes, die man sich

B
nahm, ein revolutionärer Akt. Heute, die Zeiten sind friedlicher, esonders bedrohlich an den „kriminellen“ Aktivitäten
würde man vom freien Wort als Bürgertugend sprechen. von WikiLeaks muss den Kritikern erscheinen, dass bis-
Doch dann kommt einer, der mimt immer noch den Revo- her noch kein Strafgesetz gefunden ist, gegen das die
lutionär. Julian Assange, der Mann von WikiLeaks, spielt mit Störer der staatlichen Geheimnistuerei verstoßen haben. Wie
dem Feuer der Anarchie. Er droht mit immer neuen, gefähr- ratlos die Bewahrer der Staatsräson in ihren Folianten blättern,
licheren Veröffentlichungen, die den Betroffenen tatsächlich zeigt der Versuch der US-Justiz, nun ein stets umstrittenes
Sorge bereiten müssen. Doch der Hass, den er erntet, ist aller Anti-Spionage-Gesetz aus dem Jahr 1917 heranzuziehen. Die
Demokratien unwürdig. Zeit des Ersten Weltkriegs: Das war eine dunkle Zeit für Ame-
Bislang galt es in Staaten, die das Recht der freien Rede in rikas Rechtsstaat, in geradezu hysterischer Furcht vor Kommu-
ihren Verfassungen verbürgt haben, als selbstverständlich, Ver- nisten und allen anderen Kritikern verfolgte die Justiz sogar
öffentlichungen aus dem Inneren des Staates gerichtlich an der Flugblätter gegen den Militärdienst ohne Rücksicht auf jede
Elle der Gesetze zu messen. Richtige Staatsgeheimnisse zu ver- Verfassungsgarantie.
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So schlimm wie damals war es nicht mal nach dem 11. Sep- von Fall zu Fall aufzupassen. Dies ist umso wichtiger, als der
tember 2001. Als 2005 die „New York Times“ ein weltweites Staat sich eben nicht darauf verlassen kann, im rechtlich ge-
illegales Abhörprogramm des US-Geheimdienstes NSA bekannt schützten Dunkeln zu arbeiten. Die Intimsphäre des Staates
machen wollte, wurde die Chefredaktion ins Weiße Haus be- als solche ist rechtlich nicht geschützt, der Staat hat, anders
stellt und von Condoleezza Rice freundlich mit Kaffee bewirtet. als seine Bürger, kein Privatleben. Die Rechte der Bürger ver-
Die mächtigste Regierung der Welt verlegte sich auf moralischen dienen Schutz, die Interna des Staates nicht.
Druck. Ein rechtliches Druckmittel sah offenbar niemand. Na-

E
türlich publizierte die Zeitung ihr Wissen schließlich trotzdem in einziger Politiker in Berlin, der rechtspolitische Spre-
– und natürlich ging Amerika trotzdem nicht unter. cher der FDP-Fraktion Christian Ahrendt, hatte den Mut,
Oder vielleicht deshalb? die unpopuläre Wahrheit in Worte zu fassen: „Wenn die
Kongress-Juristen haben in einem Blitzgutachten vor wenigen Behörden nicht auf ihre Daten aufpassen, können sie nicht
Tagen jedenfalls davor gewarnt, den „Espionage Act“ aus der hinterher die Presse dafür verantwortlich machen.“
Kiste zu holen: So einfach lasse sich das Verbot, Regierungs-In- Dies ist die Antwort auf die zweite Frage: Ebenso, wie es
terna an feindliche Mächte weiterzugeben, nicht auf Pressepu- für den Staat legitim ist, Informationen unter dem Deckel zu
blikationen anwenden. Denn die Presse … Wir wissen es jetzt. halten, ist es legitim für die Presse, Informationen, die sie
So bleibt nur, dem dubiosen Assange und seiner gefürchteten gleichwohl aus dem Bauch des Staates bekommen hat, öffent-
Firma die Ehre streitig zu machen, sich als Presse unter den lich zu machen.
Schutz der Verfassung zu stellen. Soll denn tatsächlich jede Da- Sogar für Innenminister ist das schwer zu begreifen, und
tenschleuder politisch auf gleicher Höhe mit der „New York darum bedurfte es in Deutschland abermals eines Urteils des
Times“ oder dem SPIEGEL stehen? Legitimiert nicht erst der Bundesverfassungsgerichts, den Unterschied zwischen Geheim-
verantwortungsbewusste Umgang mit der Datenflut, das Ab- nisbruch und Veröffentlichung zu erklären. Als mit Billigung
wägen der Folgen, Gewichten, Erklären die Arbeit der Presse? des SPD-Innenministers Otto Schily 2005 die Redaktion der
Es sollte so sein. Und die journalistische Ethik ist es erst, die
Zeitschrift „Cicero“ durchsucht wurde, weil das Blatt über ein
Presseprodukte bei den Lesern glaubwürdig macht. Das gilt vertrauliches Dossier des Bundeskriminalamts berichtet hatte,
für den SPIEGEL nicht anders als für die rechtfertigten die Ermittler ihren Vor-
Kollegen in New York und Washington. wurf gegen den verantwortlichen Redak-
Es sollte für jeden gelten, der mit sensi- teur mit einer komplizierten Konstrukti-
blen Daten umgeht. Aber der Blick an on: Es gebe zwar kein ausdrückliches
den Beginn der Geschichte zeigt, dass Gesetz gegen die Veröffentlichung ver-
niemand als die Bürger selbst – also die traulicher Amtspapiere, aber den BKA-
Leser – über die Frage entscheiden kön- Beamten, die auf solche Papiere aufpas-
nen, ob die Standards eingehalten sind. sen müssen, sei es bei Strafe verboten,
Die schlimmste Strafe, die sie verhängen sie herauszugeben. Zu diesem Amtsde-
können: ein Blatt, eine Datensammlung likt habe der Journalist „Beihilfe“ geleis-
im Internet einfach nicht zu lesen. tet – schon dadurch, dass er sich die Pa-
piere geben ließ. Und Beihilfe zu einer

W
ikiLeaks ist ebenso ein Mittler Straftat ist auch eine Straftat.
von Öffentlichkeit wie jede Zei- Das Verfassungsgericht verwarf diese
tung, wie jedes Internetportal. Argumentation mit dem erneuten Ver-
Für den Berliner Staatsrechtler Dieter weis auf die „schlechthin konstituierende
Grimm fällt die Verrat-Anstalt „selbstver- Bedeutung“ der Pressefreiheit für die De-
ständlich unter den Schutz der Medienfrei- mokratie. Was die Presse hat, darf sie
heit im Grundgesetz“. Als Verfassungs- auch drucken: Diese Regel im Umgang
NEWSWEEK

richter in Karlsruhe hat Grimm die heute mit Geheimnissen des Staates muss gel-
in Deutschland maßgebliche Interpretati- ten – mit ganz engen Ausnahmen im Be-
on der Meinungs- und Pressefreiheit ganz Enthüller Woodward, Bernstein 1975 reich des Landesverrats. Dass sie auch
wesentlich geprägt. Und das Verfassungs- in Amerika zum eisernen Bestand ge-
gericht hat stets betont, dass die Aufgabe Die Intimsphäre hört, zeigt der Fall der amerikanischen
des ungestörten Verbreitens von Informa- des Staates ist rechtlich Diplomaten-Ehefrau Valerie Plame, die
tionen „schlechthin konstituierend“ für nicht geschützt. von der „Chicago Sun Times“ als CIA-
das Funktionieren einer Demokratie ist. Agentin enttarnt wurde. In den USA –
Es gibt keine gute und keine böse Öffentlichkeit, so wenig wie in Deutschland – ist es strafbar, einen Agenten des eigenen
wie es ein bisschen Öffentlichkeit gibt. Nur das vollständige Staates zu enttarnen. Doch die verantwortlichen Reporter muss-
Wissen-Können aller Bürger über im Prinzip alles – sagt jeden- ten nur als Zeugen vor Gericht: Nicht sie, sondern ihre Quellen
falls das Bundesverfassungsgericht – ermöglicht die Bildung in der Regierung wurden verfolgt. In Haft kam eine Journalistin
einer öffentlichen Meinung. Und die ungehinderte Bildung ei- allerdings dennoch, weil sie sich weigerte, ihre Informanten
ner öffentlichen Meinung erlaubt es, das Ergebnis von Wahlen zu verraten. Selbst diese Sanktion wäre in Deutschland, wo
als repräsentativ für den Willen des Volkes zu betrachten. Journalisten ein Zeugnisverweigerungsrecht haben, nicht denk-
Darf der Staat Geheimnisse vor seinen Bürgern haben? Dür- bar. Um der freien Veröffentlichung von Geheimnissen willen,
fen die Bürger solche Geheimnisse ausplaudern? so sieht es das Grundgesetz, müssen die Journalisten sogar be-
Die Antwort ist nach alledem ganz einfach. Sie lautet: ja. rechtigt sein, die Informanten in den Behörden zu schützen.
Natürlich darf der Staat Geheimnisse haben. Es gehört zum In Deutschland war es der Verfassungsrichter Grimm, der
umsichtigen Handeln jedes Staatsdieners, Entscheidungen im die Freiheit der umfassend informierenden Presse zur „dienen-
Stillen vorzubereiten, so dass die gewünschten Ergebnisse nicht den Freiheit“ erklärt hat, und dies ist nicht einschränkend ge-
von Unbefugten vorab vereitelt werden können. Das gilt für meint, sondern ganz im Sinne der amerikanischen Verfassungs-
die Planung von Außenministerkonferenzen nicht anders als väter. Wenn der Staat seine demokratische Legitimation aus
für den geplanten Zugriff auf Terroristen. der umfassenden Information der Bürger bezieht, dann wird
Zum verantwortungsvollen Handeln aller Politiker, Beamten Information zur Bürgerpflicht. Und der Geheimnisverrat zum
und Richter gehört es darum auch, auf sensible Informationen Ausweis der Qualität einer Demokratie. �
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