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Christoph Asmuth

EINE EXPEDITION ZUR WAHRHEIT


Ein Précis zu Heideggers Wahrheitsbegriff in „Sein und Zeit“, das auf einem close reading des Abschnitts „§ 43
Dasein, Erschlossenheit und Wahrheit“ basiert, im Umfang von 12 Seiten zum Erwerb von zwei ECTS im Modul BA-
KulT-FW-(6); verfasst von T h o m a s P a w e l e k , geboren am 22.05.89, Matrikelnummer: 368732; studierend an der
Technischen Universität Berlin, B. A. Kultur und Technik; Interessenprofil: Geschichte der Epistemologie /
Kulturtheorie der Kreativität, Innovation und der Technik / Geschichte und Struktur des Wachstumskapitalismus /
Zukunftsforschung, digitale Transformation und digital business leadership.

Mein Lernziel für diese „kleine Leistung“ liegt in der genauen Lektüre und der präzisen Rekonstruktion des von
Heidegger kleinschrittig entwickelten Wahrheitsproblems; dies soll gleichzeitig mit einer thematischen
Strukturierung und einer möglichen Kürzung der argumentativen Deduktionsfolge einhergehen. Das Format des
Précis eignet sich hierfür besser als die Essayform, da die Pointe des Heideggerschen Gedankens gerade in der
inkrementellen Exposition der Wahrheitsfrage liegt. Ein essayistischer Einhegungsversuch des Wahrheitsproblems
zu Gunsten eines weitläufigeren Interpretationsanspruches scheint mir dagegen weniger angemessen, auch unter
Beachtung des von mir anvisierten Textumfangs. Ich verzichte nach Möglichkeit auf die Verwendung altgriechischer
Begriffe und Schriftzeichen.

HINFÜHRUNG Heideggers Behandlung der Wahrheitsthematik verläuft im Ausgang einer

Exegese bestimmter Textstellen im Werk von Parmenides und Aristoteles. Ferner spricht sich darin
Heideggers Haltung aus, dass die Fundamentalontologie und das ereignisgeschichtliche Denken als das
„Fragen nach dem Wesen des Seins“ [VON HERMANN, 2002, 11] perspektivbildend für die Bearbeitung der
Wahrheitsfrage sind; letztere hat sich historisch zu einem logischen und erkenntnistheoretischen Problem
im Bestand der Wissenschaftstheorie und analytischen Philosophie verstetigt. Heideggers Rückgang zu den
antiken Quellen ist durch die Einsicht beherrscht, dass Logik und Erkenntnistheorie in der Seinsfrage
fundiert sind, doch für sich genommen nur über ein restringiertes Wahrheitsverständnis verfügen, welches
ihnen verunmöglicht, die verschüttete Abkünftigkeit des Wahrheitsphänomens einzusehen. Heidegger ist
hingegen unterwegs zu einem reicheren, ursprünglicheren Wahrheitsphänomen, das erst noch geborgen
werden muss. Der Grundgedanke der Heideggerschen Interpretation der antiken Quellen liegt darin, die
Zusammengestelltsein von Wahrheit und Sein im Rahmen der antiken griechischen Philosophie aufzuzeigen

Heidegger markiert im Zuge der Vorbereitung seiner Wahrheitsexplikation das identifizierende Element im
Denken des Parmenides: „Die erste Entdeckung des Seins des Seienden durch Parmenides ‚identifiziert‘ das
Sein mit dem vernehmenden Verstehen von Sein“ [HEIDEGGER, 2006, 212]. Der Rekurs auf Aristoteles
und dessen Aussage, „die Philosophen vor ihm seien, durch ‚die Sachen selbst‘ geführt, zum Weiterfragen
gezwungen worden“ [ebd., 212 f.] bzw. „er (Parmenides) war gezwungen, dem zu folgen, was sich an ihm
selbst zeigte“ [ebd., 213] dient Heidegger zur weiteren Eingrenzung der Wahrheitsthematik. Philosophie
versteht sich in den durch Heidegger verwendeten antiken Quellen als eine wahrheitsgetriebene Forschung,
wobei sich jenes antike Philosophieren über die Wahrheit als ein Leitenlassen versteht, das von der
Objektseite ausgeht. Die Philosophie, verstanden als Wissenschaft von der Wahrheit gerät in Heideggers

Thomas Pawelek | 368732 | BA-KulT-FW-(6) | kleine Leistung | Précis


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Auslegung auf diese Weise zu einem „aufweisende[n] Sehenlassen mit Rücksicht auf und im Umkreis der
‚Wahrheit‘“ [ebd.], das gleichzeitig charakterisiert ist als „Wissenschaft, die das Seiende betrachtet als
Seiendes, das heißt hinsichtlich seines Seins“ [ebd.]. Heidegger bemüht sich anhand der antiken Skripturen
um den Aufweis eines alternativen Wesens von Wahrheit, das von der verifikationalistischen
Konzeptualisierung der Wahrheit [ELGIN, 2017, 9-32] als aus Aussage und Urteil bestehendes
Richtigkeitsverhältnis differiert.

Im weiteren Textverlauf nähert sich Heidegger der Wahrheitsfrage in didaktischer Weise an, indem einige
wesentliche Fragen zum Bedeutungsgehalt der vorangegangenen Minimalexegese des Wahrheitsphänomens
in der antiken griechischen Philosophie fixiert werden; dazu gehört unter anderem die Frage nach der
Bedeutung des Wahrheitsausdrucks im Kontext einer ontologischen Verwendungsweise: „Was bedeutet dann
aber der Ausdruck ‚Wahrheit‘, wenn er terminologisch als ‚Seiendes‘ und ‚Sein‘ gebraucht werden kann?“
[ebd.]. Jene Frage wird so gleich an die fundamentalontologische Problemstellung in Sein und Zeit
angebunden. Heidegger fragt nach dem ontisch-ontologischen Zusammenhang des Wahrheitsphänomens
angesichts des Daseins und dessen ontischer Bestimmtheit, die bei Heidegger unter dem Begriff
Seinsverständnis firmiert: „In welchem ontisch-ontologischem Zusammenhang steht ‚Wahrheit‘ mit dem
Dasein und dessen ontischer Bestimmtheit, die wir Seinsverständnis nennen? Lässt sich aus diesem Grund
aufzeigen, warum Sein notwendig mit Wahrheit und diese mit jenem zusammengeht?“ [ebd.]. Die Analyse
setzt dazu an, vorläufig einen notwendigen Zusammenhang zwischen Seins- und Wahrheitsfrage zu
akzeptieren und diese Spur weiterzuverfolgen.

Heidegger beansprucht, zusammengefasst, also, vor dem Hintergrund der sich im Verlauf von Sein und Zeit
zuspitzenden Seinsproblematik eine ausdrückliche Umgrenzung des Wahrheitsphänomens zu unternehmen
und die sich darin offenbarenden Probleme festzuhalten; die fundamentalontologische Untersuchung in Sein
und Zeit schlägt in dem Zusammenhang eine neue Richtung ein:

Die ursprünglichere Wiederholung der überlieferten Seinsfrage erfolgt auf dem Weg einer existenzial-
ontologischen Analytik des Da-seins. Der Weg dieser Analytik ist ein Rückgang in jenen Ursprungsbereich,
der für das überlieferte Denken des Wesens des Menschen, des Seins und der Wahrheit verhüllt bliebt. Der
fundamentalontologisch zu enthüllende Ursprungsbereich ist das Da-sein in seinem existierenden
Seinsverständnis und das in diesem verstandene Sein überhaupt oder im Ganzen. In diesem Ursprungsbereich
wird sich auch das ursprünglichere Wesen der Wahrheit zeigen, das ursprünglicher ist als die Wahrheit in der
Bedeutung der Richtigkeit von Aussage, Urteil und Erkenntnis [ebd., 14]

Es lässt sich rekapitulieren, dass Heideggers Untersuchung vom traditionellen Wahrheitsbegriff ausgehend
abhebt und den Versuch einer Freilegung von dessen ontologischer Fundamente startet. Denn letztere
ermöglichen, so Heideggers Vermutung, die Exponierung des originären Wahrheitsphänomens sowie das
Aufzeigen der „Abkünftigkeit des traditionellen Wahrheitsbegriffes“ [ebd., 214]: der traditionelle

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Wahrheitsbegriff ist demnach als abgeleitet zu verstehen. Außerdem beansprucht Heidegger, die Frage nach
dem Wesen der Wahrheit in Verbindung mit der Frage nach der Seinsart der Wahrheit zu untersuchen und
die Notwendigkeit jenes Fragezusammenhangs herauszustellen; im Anschluss daran soll die ontologische
Bedeutung der Aussage, „daß ‚es Wahrheit gibt‘“ [ebd.] geklärt werden, die zudem in den Kontext der Frage
nach der „Art der Notwendigkeit, mit der ‚wir voraussetzen müssen‘, daß es Wahrheit ‚gibt‘“ [ebd.], gestellt
ist.

ONTOLOGISCHER WAHRHEITSBEGRIFF Heidegger definiert den

traditionellen Wahrheitsbegriff wie folgt:

1. Der ‚Ort‘ der Wahrheit ist die Aussage (das Urteil). 2. Das Wesen der Wahrheit liegt in der
‚Übereinstimmung‘ des Urteils mit seinem Gegenstand. 3. Aristoteles, der Vater der Logik, hat sowohl die
Wahrheit dem Urteil als ihrem ursprünglichen Ort zugewiesen, er hat auch die Definition der Wahrheit als
‚Übereinstimmung‘ in Gang gebracht. [ebd., 214]

Heidegger versteht Wahrheit demnach in prozeduraler und prädikativer Hinsicht: Wahrheit vollzieht sich
innerhalb des traditionellen Wahrheitsverständnisses prädikativ in Aussage und Urteil; dieser prädikativen
Wahrheit ist die Richtigkeit eigentümlich, womit die „Übereinstimmung von Aussage und Urteil mit dem
Gegenstand, über den ausgesagt und geurteilt wird“ [VON HERMANN, 2002, 19], gemeint ist. Weiterhin
glaubt Heidegger, dass Aristoteles „als Vater der Logik die Wahrheit dem Urteil als ihrem Wesensort
zugewiesen“ [ebd.] hat und dabei Wahrheit als Übereinstimmung von Erkennen und Gegenstand definiert
worden ist.

Zum Bestand der tradierten Beschreibungsmöglichkeiten des identifizierenden Moments im Rahmen der
traditionellen Wahrheitsauffassung gehören folgende Wendungen: adaequatio intellectus et rei (Angleichung
der seelischen Vorstellungen an die weltlichen Dinge), correspondentia (Entsprechung), convenientia
(Übereinkunft). Heidegger setzt zur Beantwortung der Frage nach den Fundamenten jener prozedural-
prädikativen identifizierenden Wahrheitsbeziehung an: „Was ist in dem Beziehungsganzen – adaequatio
intellectus rei – unausdrücklich mitgesetzt? Welchen ontologischen Charakter hat das Mitgesetzte selbst?“ [ebd.,
215]

Heideggers seziert die Wahrheitsrelation durch die explizite Setzung einer Distinktion zwischen
Übereinstimmung und Beziehung. Formal betrachtet fällt die „Übereinstimmung von etwas mit etwas“
[ebd.] unter die „Beziehung von etwas zu etwas“ [ebd.], so dass festzuhalten ist, dass zwar jegliche
Übereinstimmung eine Beziehung ist, doch dies nicht auch im umgekehrten Fall zutrifft: nicht jede
Beziehung ist eine Übereinstimmung. Heidegger empfiehlt zur Klärung der Wahrheitsbeziehung und ihres
eigentümlichen Übereinstimmungscharakters die Fokussierung auf den Charakter der Relata jener Relation.

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Seine Explikation verfolgt nämlich den Anspruch, „in den Seinszusammenhang“ [ebd., 216]
zurückzufragen, „der dieses Ganze als solches trägt“ [ebd.], statt die Relationalität bzw. den
Relationscharakter der Wahrheitsbeziehung einfach als gegeben hinzunehmen.

Heidegger macht auf eine Wegscheide aufmerksam, was die Weiterbehandlung der Wahrheitsfrage betrifft
und fragt: ist letztere in den Kontext der Subjekt-Objekt-Beziehung zu stellen und von dort aus weiter zu
bearbeiten, oder besteht die Möglichkeit, auf der Subjektseite zu verbleiben und die Analyse demnach „auf
die Interpretation des ‚immanenten Wahrheitsbewußtseins‘ [zu] beschränken“ [ebd.]? Die
Wahrheitsproblematik unterläuft einer Verlagerung durch Einbezug des Erkenntnisbegriffs. Erkenntnis gilt
als wahr; Erkenntnis vollzieht sich als ein Urteilsprozess, der wiederrum elementar unterteilt werden muss
in den realen psychischen Urteilsvorgang und das Urteilsergebnis in Form des idealen Urteilsgehalts, der wahr
sein kann. Die Existenz der realen psychischen Urteilshandlung scheint für Heidegger problemlos
feststellbar; der ideale Urteilsgehalt dagegen ist Teil der zu explizierenden Übereinstimmungsrelation: „Diese
betrifft sonach einen Zusammenhang zwischen idealem Urteilsgehalt und dem realen Ding als dem, worüber
geurteilt wird“ [ebd.]. Heidegger fragt nun danach, inwiefern sich die Übereinstimmungsbeziehung bzw.
das Übereinstimmen seiner Seinsart nach zu bewerten ist: ist letztere real, ideal oder gar nichts davon? -
Heidegger sieht sich zu einem Weiterfragen genötigt:

Wie soll die Beziehung zwischen ideal Seiendem und real Vorhandenem ontologisch gefaßt werden? Sie besteht
doch und besteht in faktischen Urteilen nicht nur zwischen Urteilsgehalt und realem Objekt, sondern zugleich
zwischen idealem Gehalt und realem Urteilsvollzug; und hier offenbar noch ‚inniger‘? [ebd.].

Heidegger wendet sich im Hinblick auf die Klärung der „Seinsart der adaequatio“ [ebd., 217] von einer
bestimmten Fragerichtung ab, die auf eine analytische Trennung von Urteilsgehalt und Urteilsvollzug abzielt;
vielmehr wird deutlich, dass es einer „Aufklärung der Seinsart des Erkennens“ [ebd.], die das, die Erkenntnis
charakterisierende Wahrheitsphänomen in den Mittelpunkt der Analyse stellt. In der Ausweisung des
„Erkennens als wahres“ [ebd.] drückt sich die Phänomenalität der Wahrheit aus. Das Erkennen versichert
sich seiner Wahrheit demnach durch seine Selbstausweisung: deshalb spekuliert Heidegger auf die
Möglichkeit, die Adäquatheitsrelation im phänomenalen Ausweisezusammenhang zu exponieren.

Heidegger trägt ein Beispiel über ein schief an der Wand hängendes Bild vor und resümiert:

Vielmehr ist das ‚nur vorstellende‘ Aussagen seinem eigensten Sinne nach bezogen auf das reale Bild an der
Wand. Dieses ist gemeint und nichts anderes. Jede Interpretation, die hier irgend etwas anderes einschiebt,
das im nur vorstellenden Aussagen soll gemeint sein, verfälscht den phänomenalen Tatbestand dessen,
worüber ausgesagt wird [ebd., 217 f.].

Die vorstellende Aussage weist sich hinsichtlich ihrer Wahrheit aus, indem der Aussagende das originär nur
vorgestellte vergegenwärtigt hat, nun leiblich wahrnimmt. Die Wahrnehmung dient der vorstellenden

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Aussage als Ausweisungsgrund ihrer Wahrheit; das ursprünglich nur Vorgestellte, verifiziert sich für den
Aussagenden in seiner Wahrnehmung:

Während die Vergegenwärtigung eines Vergangenen ein Eindringen in den Vergangenheitshorizont ist in der
Weise einer Wiedererinnerung, und während die Vergegenwärtigung eines Zukünftigen als Eindringen in den
Zukunftshorizont in der Weise einer Erwartung geschieht, greife ich in der Gegenwartsvergegenwärtigung in
den Gegenwartshorizont außerhalb meines originären Wahrnehmungsfeldes aus. Dort vermeine ich das als
schief an der Wand hängende Bild als ein jetzt mit den wahrgenommenen Dingen gleichzeitig Gegenwärtiges,
das aber, weil es nicht leibhaftig wahrgenommen wird, auch nicht gegenwärtig, sondern ver-gegenwärtigt wird
[VON HERMANN, 2002, 20].

Die phänomenologische Brennlinse lässt ersichtlich werden, „daß auch das nur vorstellende und nicht
wahrnehmende Aussagen seinem intentionalen Wesen und Richtungssinn nach auf das reale Bild an der
Wand selbst bezogen ist, auf die vorgestellte Sache selbst und nicht auf ein Vorstellungsbild von ihr“ [ebd.,
21].

Die Aussagehandlung vollzieht sich als Relation „zum seienden Ding selbst“ [ebd., 218]. Die Aussage
referiert dabei auf den von ihr ausgesagten Gegenstand, wobei beides zusammengenommen eine Beziehung
darstellt, die sich aus der Aussage und dem von ihr unterschiedenen, ihr gegenüberstehenden Gegenstand
zusammensetzt: „Nichts anderes wird durch die Wahrnehmung ausgewiesen als daß es das Seiende selbst ist,
das in der Aussage gemeint war“ [ebd.]. Zur Bewährung kommt so, „daß das aussagende Sein zum
Ausgesagten ein Aufzeigen des Seienden ist, daß es das Seiende, zu dem es ist, entdeckt. Ausgewiesen wird
das Entdeckend-sein der Aussage. Dabei bleibt das Erkennen im Ausweisungsvollzug einzig auf das Seiende
selbst bezogen“ [ebd.]. Die Aussage-Gegenstand-Beziehung versteht sich demnach als Aufzeigeprozess, in
dem die Entdeckungsfunktion der Aussage ausgewiesen wird, während das Erkennen ausschließlich auf das
Selbstsein des Gegenstands bezogen bleibt. Der referierte Gegenstand als das in der Aussage Gemeinte zeigt
sich von selbst aus in seinem Eigensein, das bedeutet, „daß es in Selbigkeit so ist, als wie seiend es in der
Aussage aufgezeigt, entdeckt wird“ [ebd.]. Das vorläufige Untersuchungsergebnis von Heideggers bisherigen
Gedankengangs lässt sich folgendermaßen abbilden:

Zur Ausweisung steht einzig das Entdeckt-sein des Seienden selbst, es im Wie seiner Entdecktheit. Diese
bewährt sich darin, daß sich das Ausgesagte, das ist das Seiende selbst, als dasselbe zeigt. Bewährung bedeutet:
sich zeigen des Seienden in Selbigkeit. Die Bewährung vollzieht sich auf dem Grunde eines Sichzeigens des
Seienden. Das ist nur so möglich, daß das aussagende und sich bewährende Erkennen seinem ontologischen
Sinne nach ein entdeckendes Sein zum realen Seienden selbst ist [ebd.].

Der Aussage inhäriert eine prozedurale Aufzeigefunktion: aus dem Ist-wahr-sein der Aussage leitet sich ab,
dass sie das „Seiende an ihm selbst“ [ebd.] entdeckt; die Aussage vollzieht sich als ein Sehenlassen des
Seienden in seiner Entdecktheit, während das Wahrsein bzw. die Wahrheit der Aussage als ein „entdeckend-
sein“ [ebd.] zu verstehen ist. Die Vollzugsmöglichkeit der Entdeckungsfunktion von Wahrheit präsupponiert
ontologisch das In-der-Welt-sein, einer „Grundverfassung des Daseins“ [ebd., 219]. Die originäre

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Phänomenalität der Wahrheit leitet sich demnach vom In-der-Welt-sein ab, welches jener als deren
ontologischer Ermöglichungsgrund vorangestellt ist.

ORIGINÄRE PHÄNOMENALITÄT DER WAHRHEIT Heideggers

Minimalbegriff von Wahrheit umfasst „nur die notwendige Interpretation dessen, was die älteste Tradition
der antiken Philosophie ursprünglich ahnte und vorphänomenologisch auch verstand“ [ebd.]. Dem Begriff
des Wahrseins inhäriert ein prozeduraler Charakter, dessen Bedeutung lautet: „Seiendes – aus der
Verborgenheit herausnehmend – in seiner Unverborgenheit (Entdecktheit) sehen lassen“ [ebd.].

Heidegger kritisiert die Übersetzung von Unverborgenheit mit Wahrheit, verdeckt jene „den Sinn dessen,
was die Griechen als vorphilosophisches Verständnis dem terminologischen Gebrauch von [alétheia;
Übersetzung durch mich] ‚selbstverständlich‘ zugrunde legten“ [ebd.]. Er warnt in diesem Zusammenhang
vor der Gefahr wortmystischer Verklärungen hinsichtlich begrifflicher Bedeutungsgehalte: „gleichwohl ist es
am Ende das Geschäft der Philosophie, die Kraft der elementarsten Worte, in denen sich das Dasein
ausspricht, davor zu bewahren, daß sie durch den gemeinen Verstand zur Unverständlichkeit nivelliert
werden, die ihrerseits als Quelle für Scheinprobleme fungiert“ [ebd., 220]

Heidegger versteht seine Wahrheitsinterpretation als eine originäre Aneignung verschütteter oder vergessen
geglaubter begrifflicher Bedeutungsgehalte vor dem Hintergrund eines angestrebten genealogischen
Nachweises, „daß und wie die Theorie auf dem Grunde des ursprünglichen Wahrheitsphänomens zur Idee
der Übereinstimmung kommen mußte“ [ebd.]. Das Wahrsein als entdeckend-sein fällt unter die möglichen
Seinsweisen des Daseins; dem Ermöglichungsgrund jener als Entdecken bezeichneten Entdeckungsfunktion
kommt laut Heidegger ein noch ursprünglicherer, vorprädikativer [vgl. VON HERMANN, 2002, 26-28]
Wahrheitssinn zu: Erst im existenzial-ontologischen Grund des Entdeckens offenbart sich das ursprüngliche
Phänomen der Wahrheit.

Heidegger fixiert das Entdecken als Seinsweise des In-der-Welt-seins: „Das umsichtige oder auch das
verweilend hinsehende Besorgen entdecken innerweltliches Seiendes“ [ebd.] begreift Heidegger als das
Entdeckte, das er als wahr in einem sekundären Sinne versteht – nur dem Dasein und seiner aktiven
Entdeckungsfunktion kommt der Primärsinn von Wahrheit zu. Heidegger unterscheidet demnach zwischen
einem passiven und einem aktiven Sinn von Wahrheit: zwischen Entdeckt-sein respektive Entdecktheit und
Entdeckend-sein respektive Entdeckung. Im Rekurs auf seine Ausführungen zum Begriff der Erschlossenheit
stellt Heidegger die in der Erschlossenheit des Daseins als Bedingungsstruktur für die Entdecktheit heraus:
zum einen gründet die Entdecktheit des innerweltlich Seienden in der Erschlossenheit von Welt, zum
anderen begreift sich die Erschlossenheit als Grundart von Dasein, durch die sich Dasein vollzieht. Die
Erschlossenheit konstituiert sich durch „Befindlichkeit, Verstehen und Rede“ [ebd.] und steht

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gleichursprünglich in Beziehung zu Welt, In-Sein und Selbst. Die Erschlossenheit wiederrum operiert aus
der Sorgenstruktur heraus, die Heidegger als „Sein bei innerweltlichem Seienden“ [ebd.] begreift. Es lässt
sich also festhalten, dass Dasein sich wesentlich in Form von Erschlossenheit vollzieht und dabei seiner
Erschließungs- und Entdeckungsfunktion nachkommt; dem Dasein kommt so ein wesenhaftes Wahrsein
zu: „Dasein ‚ist in der Wahrheit‘“ [ebd., 221], was so viel bedeutet wie, dass „zu seiner existenzialen Verfassung
Erschlossenheit seines eigensten Seins gehört“ [ebd.].

Das bisher Gesagte lässt sich auf folgende Weise zuschnüren:

(a) der Seinsverfassung des Daseins ist Erschlossenheit überhaupt wesentlich, während das Sein des
Daseins und sein Erschlossenheitscharakter mit der Entdecktheit des innweltlichen Seienden
zusammenfallen;

(b) der Begriff der Geworfenheit ist konstitutiv für die Erschlossenheitsform des Daseins, da jener Term
bei Heidegger offenbart, dass „Dasein je schon als meines und dieses in einer bestimmten Welt und bei
einem bestimmten Umkreis von bestimmten innerweltlichen Seienden ist“ [ebd.]

(c) der Seinsverfassung des Daseins ist der Entwurf zugehörig, „das erschließende Sein zu seinem
Seinskönnen“ [ebd.], wobei nur die eigentliche Erschlossenheit die Phänomenalität der originärsten
Wahrheit im Vollzugsmodus der Eigentlichkeit beherbergt

(d) der Seinsverfassung des Daseins kommt das Verfallen zu Teil, dass sich als Verlorenheit an Welt
äußert; der wesenhafte Verfallenheitscharakter des Daseins ist der Grund dafür, das sich Dasein seiner
Seinsverfassung nach in der Unwahrheit befindet: „Das Entdeckte und Erschlossene steht im Modus der
Verstelltheit und Verschlossenheit durch das Gerede, die Neugier und die Zweideutigkeit. [...] Das Seiende
ist nicht völlig verborgen, sondern gerade entdeckt, aber zugleich verstellt; es zeigt sich – aber im Modus des
Scheins“ [ebd.], so dass mit Heidegger zu schlussfolgern ist, dass die Kategorien der Verschlossenheit und
Verdecktheit zur Faktizität des Daseins gehören. Heidegger weist die Ambivalenz des Daseins auf: die
Erschlossenheit des Daseins ist die ermöglichende Bedingung seines Verschlossenseins, während die
Entdeckungsfunktion des Daseins hinsichtlich des innerweltlich Seienden der Ermöglichungsgrund für die
Verdeckt-, Verborgen- oder Verstelltheit des letzteren in Form des innerweltlich Begegnenden ist.

Dem Dasein kommt so die wesenhafte Aufgabe zu, das bereits Entdeckte gegen dessen mögliche Verstellung
durch ausdrückliche Zueignung zu verteidigen und dessen Entdecktheitsstatus durch stetige
Selbstversicherung zu aktualisieren. Heidegger bezeichnet die jeweilige faktische Entdecktheit als „Raub“
[ebd., 222], weil die als Wahrheit fungierende Entdecktheit dem Seienden immer erst abgerungen werden
muss, was gleichzeitig bedeutet, dass das Seiende der Verborgenheit entrissen wird. Heidegger vermutet, dass
sich in jener Selbstartikulation des Daseins ein „ursprüngliches Seinsverständnis seiner selbst“ [ebd.]

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ankündigt, das sich in vorontologischer Weise darauf verständigt, das In-der-Welt-Sein wesentlich durch das
„In-der-Unwahrheit-sein“ bestimmt zu sehen. Das Dasein, folgt man Heideggers Interpretation hinsichtlich
der Bedeutung der Parmeneidischen Wahrheitsgöttin, befindet sich immer schon in der Wahrheit und
Unwahrheit zugleich, während der Weg des Entdeckens nur dann erfolgreich zu seinem Ziel führt, sofern er
im „verstehenden Unterscheiden beider und Sichentscheiden für den einen“ [ebd., 223] beschritten wird.

Heideggers existenzial-ontologische Interpretation des Wahrheitsphänomens kommt zu dem


Zwischenergebnis, dass Wahrheit zum einen im ursprünglichsten Sinne die Erschlossenheit des Daseins ist,
zu der die Entdecktheit des innerweltlichen Seienden gehört, während zum anderen der ambivalente
Charakter der Seinsverfassung des Daseins festzuhalten ist, da letzteres sich gleichursprünglich in der
Wahrheit wie auch Unwahrheit befindet. Diese volle Einsichtigkeit dieser Sätze im Rahmen der
traditionellen Wahrheitsauffassung hängt davon ab, dass aufgezeigt wird, dass (I) die als Wahrheit
bezeichnete Übereinstimmungsbeziehung aus der Erschlossenheit herrührt und dabei einer „bestimmten
Modifizierung“ [ebd.] unterzogen ist, und dass (II) es die Seinsart der Erschlossenheit selbst ist, die zunächst
ihre derivative Modifikation in den Vordergrund rücken lässt und dadurch die „theoretische Explikation der
Wahrheitsstruktur leitet“ [ebd.].

Heidegger trifft drei Unterscheidungen und setzt sie in eine hierarchische Beziehung zueinander: er
differenziert zwischen der Aussagestruktur, dem „apophantische[n] Als“ [ebd.], und der Auslegungsstruktur,
dem „hermeneutischen Als“ [ebd.], wobei die Aussagestruktur in der Auslegungsstruktur gründet und ferner
in der Erschlossenheit des Daseins, dem Verstehen, fundiert ist. Da Wahrheit als auszeichnende Bestimmung
der so abkünftigen Aussage gilt, reichen die „Wurzeln der Aussagewahrheit in die Erschlossenheit des
Verstehens zurück“ [ebd.]. Es gilt nun, über jene Anzeige der Herkunft der Aussagewahrheit den derivativen
Status des Phänomens der Übereinstimmung ausdrücklich herauszustellen.

Das Besorgen als Sein bei innerweltlich Seiendem vollzieht sich in der Operationsweise des Entdeckens;
letztere formiert sich als Rede, durch die sich das Dasein artikuliert und sich als entdeckendes Sein zu
Seiendem ausspricht. Jene Selbstartikulation des Daseins hinsichtlich seines entdeckten Seienden spielt sich
in der Aussageform ab, welche das Seiende „im Wie seiner Entdecktheit“ [ebd., 224] mitteilt. Die Rede
gestaltet sich wesentlich als selbstreferentieller Vorgang, in dessen Zuge sich das Dasein durch das Vernehmen
seiner eigenen Mitteilung in das „entdeckende Sein zum besprochenen Seienden“ [ebd.] überführt; dies
impliziert, dass die geäußerte Aussage inhaltlich auf die „Entdecktheit des Seienden“ [ebd.] referiert. Der
Aussageausspruch nimmt so den Status eines „innerweltlich Zuhandenen“ [ebd.] ein, das einer erneuten
Aufnahme in die Rede offensteht, so dass „weitergesprochen werden kann“ [ebd.]. Die zwischenzeitliche
Speicherung des Entdecktheitsstatus ermöglicht dem ins Zuhandensein überführte Ausgesprochene die
Aufrechterhaltung eines Seinsbezugs, „worüber das Ausgesprochene jeweils Aussage ist“ [ebd.]. Jene

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Prozeduralität und Selbstreferenzialität der Rede begründet für Heidegger den Umstand, dass Entdecktheit
„je Entdecktheit von . . .“ [ebd.] ist.

Das Aufgehen der Entdecktheit im „Hörensagen des Gesagten“ [ebd.] gehört für Heidegger zur „Seinsart
des Man“ [ebd.]. „Das Ausgesprochene als solches übernimmt das Sein zu dem in der Aussage entdeckten
Seienden“ [ebd.]; die ausdrückliche Zueignung des letzteren im Hinblick auf dessen Entdecktheit besagt
dagegen: „die Aussage soll als entdeckende ausgewiesen werden“ [ebd.]. In der Zuhandenheit der
ausgesprochenen Aussage begründet sich, dass letztere als Fixierung des Entdecktheitsstatus selbst eine
Beziehung zum entdeckten Seienden unterhält. Die Ausweisung der entdeckenden Operationsweise der
ausgesprochenen Aussage vollzieht sich nun als „Ausweisung des Bezugs der die Entdecktheit verwahrenden
Aussage zum Seienden“ [ebd.]. Der Ausweisungsschwerpunkt in Heideggers phänomenologischer
Betrachtung verlagert sich demnach zur entdeckenden Aussage mit ihrem Vermögen zur Speicherung des
Entdecktheitsstatus in ihrer Beziehung zum Seienden. Diese Relation gibt sich als vorhandene, da das
Seiende, zu dem die Aussage einen entdeckenden Bezug unterhält, ein innerweltlich Zuhandenes darstellt;
der Entdecktheitsbezug der Aussage äußert sich darin, „daß die in der Aussage verwahrte Entdecktheit je
Entdecktheit von . . . ist“ [ebd.]. Lassen wir Heidegger selbst zu Wort kommen:

Entdecktheit von . . . wird zur vorhandenen Gemäßheit eines Vorhandenen, der ausgesprochenen Aussage, zu
Vorhandenem, dem besprochenen Seienden. Und wir die Gemäßheit nur mehr noch als Beziehung zwischen
Vorhandenem gesehen, das heißt wird die Seinsart der Beziehungsglieder unterschiedslos als nur Vorhandenes
verstanden, dann zeigt sich der Bezug als vorhandenes Übereinstimmen zweier Vorhandener. [ebd.]

Heideggers resümiert wie folgt:

Die Entdecktheit des Seienden rückt mit der Ausgesprochenheit der Aussage in die Seinsart des innerweltlich
Zuhandenen. Sofern sich nun aber in ihr a ls En tde ck the it von . . . ein Bezug zu Vorhandenem durchhält,
wird die Entdecktheit (Wahrheit) ihrerseits zu einer vorhandenen Beziehung zwischen Vorhandenen (intellectus
und res). [ebd., 225]

Das Phänomen der Wahrheit macht in Heideggers analytisch zerlegenden Phänomenologie eine
Transformation durch, indem die Übereinstimmungsbeziehung in ihre elementaren Gehalte
auseinandergebrochen und in ihrer gegenseitigen Relationalität untersucht wird. Die als Erschlossenheit
begriffene Wahrheit, die als Beziehung zwischen entdeckendem Sein und entdecktem Sein zu verstehen ist,
wechselt nach Heideggers Analyse ihr Erscheinungsbild und wird auf diese Weise zur
Übereinstimmungsbeziehung zwischen innerweltlich Vorhandenem.

Das ursprüngliche Wahrheitsphänomen ist demnach nicht in der Aussage zu lokalisieren, da letztere als
„Aneignungsmodus der Entdecktheit“ [ebd., 226] und als Weise des In-der-Welt-seins im Entdecken, das
heißt in der Erschlossenheit des Daseins gründet. Es verhält sich ganz umgekehrt: die prädikative Aussage
wird vom vorprädikativen Ort ursprünglichster Wahrheit beherbergt, welcher die ontologische

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Ermöglichungsbedingung für die potenzielle entdeckende Wahrheit oder verdeckende Falschheit von
Aussagen abgibt.

SEINSART UND PRÄSUPPOSITION DER WAHRHEIT Die Wahrheit

gründet im Dasein; weil sich dieses durch die Erschlossenheit konstituiert, fungiert die Wahrheit als eine
wesentliche Seinsart des Daseins. Heidegger sagt: „Wahrheit ‚gibt es‘ nur, sofern und solange Dasein ist.
Seiendes ist nur dann entdeckt und nur solange erschlossen, als überhaupt Dasein ist“ [ebd.]. Die
ontologische Geltung der Wahrheit leitet sich für Heidegger demnach von ihrer diskursiven Herstellung,
Prozeduralisierung und Aktualisierung im Daseinsvollzug ab:

Die Gesetze Newtons, der Satz vom Widerspruch, jede Wahrheit überhaupt sind nur solange wahr, als Dasein
ist. Vor dem Dasein überhaupt nicht war, und nachdem Dasein überhaupt nicht mehr sein wird, war keine
Wahrheit und wird keine sein, weil sie als Erschlossenheit, Entdeckung und Entdecktheit dann nicht sein
kann [ebd.].

In Zuspitzung Heideggers bedeutet dies, dass sich der Geltungsanspruch ewiger Wahrheiten nur dadurch
erfüllen lässt, wenn bewiesen werden kann, „daß in alle Ewigkeit Dasein war und sein wird“ [ebd., 227].
„Alle Wahrheit ist gemäß deren wesenhaften daseinsmäßigen Seinsart relativ auf das Sein des Daseins“ [ebd.],
woraus sich schließen lässt, dass Heidegger einen bedingten ontologischen Wahrheitsrelativismus zu
vertreten scheint, der die ontologische Möglichkeit der Wahrheit von der ontischen, diskursiven
Prozeduralisierung eines Wahrheitsgeschehens abhängig macht, das sich in der daseinsinhärenten
Entdeckungsfunktion zur Geltung bringt. Die Anerkennung der ontologischen Relativität der Wahrheit darf
jedoch nicht als ein ontischer Wahrheitsrelativismus missverstanden werden. Vielmehr ermöglicht gerade der
Erschlossenheitscharakter des Daseins, der sich in der diskursiven Prozeduralisierung des Entdeckens
vollzieht, die temporale Geltung diskursiver Wahrheitsprozeduren. Letztere fallen als ontisches
Wahrheitssubstrat wiederrum unter den ontologisch situierten Begriff der Wahrheit als eines
Entdeckensvorgangs. Die Geltung des Ontologicums Wahrheit als Entdeckungsvorgang rührt demnach aus dem
selbstreferentiellen Erschlossenheitscharakter des Daseins und dessen dazugehöriger Prozeduralisierung der
Entdeckungsfunktion, wobei die individuellen materialen Inhalte der jeweiligen ontischen
Wahrheitsprozeduren unerheblich für die Erfüllung des ontologischen Geltungsanspruchs der existenzial
begriffenen Seinsart der Wahrheit sind.

Zur Allgemeingültigkeit von Wahrheit heißt es in diesem Zusammenhang: „Auch die ‚Allgemeingültigkeit‘
der Wahrheit ist lediglich darin verwurzelt, daß das Dasein Seiendes an ihm selbst entdecken und freigeben
kann. Nur so vermag an ihm selbst jede mögliche Aussage, das heißt Aufzeigung seiner, zu binden“ [ebd.].
Die Voraussetzung von Wahrheit nimmt ihren Ausgang in uns, genauer: in unserem Umschlossensein vom
Wahren, welches uns – wir als seiend in der Seinsart des Daseins – in der Wahrheit beherbergt. So setzen
nicht etwa wir die Wahrheit voraus, vielmehr ermöglicht letztere auf ontologischer Ebene erst unser
grundsätzliches Voraussetzungsvermögen: Wahrheit bedingt demnach unser Können zur Voraussetzung.

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Heideggers Wendung Wahrheit voraussetzen dient zur Präzisierung der Wahrheit als eines Bezugspunktes für
die Vollzugsweise des Daseins, also als etwas, „worumwillen das Dasein ist“ [ebd., 228]. Voraussetzen bedeutet
bei Heidegger nämlich „[e]twas verstehen als den Grund des Seins eines anderen Seienden“ [ebd.]; jenes
Verstehen von Seiendem in seiner Seinskohärenz präsupponiert wiederrum die Erschlossenheit und hat
damit das Entdeckendsein des Daseins zum Ermöglichungsgrund. Dasein vollzieht sich als „In-der-Welt-
sein-können“ [ebd.] und damit als „umsichtig entdeckende[s] Besorgen des innerweltlich Seienden“ [ebd.],
wobei das ursprünglichste Voraussetzen in der besorgenden Seinskonstitution des Daseins als sorgendem
Sichvorwegsein liegt: „Weil zum Sein des Daseins dieses Sichvoraussetzen gehört, müssen ‚wir‘ auch ‚uns‘, als
durch Erschlossenheit bestimmt, voraussetzen“ [ebd.]. Dies bedeutet zusammengefasst, dass die Seinsart bzw.
der Seinssinn des Daseins mit der Voraussetzung von Wahrheit in eins fällt, da letztere vom Dasein
produziert bzw. aktualisiert wird, also „mit dem Sein des ‚wir‘ schon ‚gemacht‘ ist“ [ebd.].

SKEPTIKER, SUBJEKT UND IDEALITÄT Heidegger fragt, dabei mögliche

skeptizistische Einwände vorwegnehmend, nach der Autonomie des Daseins, frei darüber zu entscheiden
bzw. entscheiden zu können, „ob es ins ‚Dasein‘ kommen will oder nicht“ [ebd.]: „‘An sich‘ ist gar nicht
einzusehen, warum Seiendes entdeckt sein soll, warum Wahrheit und Dasein sein muß“ [ebd.]. Heidegger
kritisiert einen Skeptizismus, der das Sein bzw. die Erkennbarkeit der Wahrheit leugnet, da jener lediglich
auf formale Weise die Präsupponiertheit von Wahrheit im Rahmen des Urteiles zeige: dies wiederrum deutet
Heidegger als Hinweis darauf, „daß zur Aussage ‚Wahrheit‘ gehört, daß Aufzeigen seinem Sinne nach ein
Entdecken ist“ [ebd.]. Heidegger fixiert ausgehend davon folgende Unklarheiten: ungeklärt bleibt die
ontologische Fundierung dieses notwendigen Seinszusammenhangs von Aussage und Wahrheit; ferner
verbleibt die Seinsart von Wahrheit und der Sinn des Voraussetzens und seiner ontologischen Grundlage im
Dasein im Dunklen; zuletzt wird nicht gesehen, dass Wahrheit, sofern sich Dasein schon vollzieht, auch
dann präsupponiert bleibt, „wenn niemand urteilt“ [ebd., 229].

Trotzdem negiert Heidegger das skeptische Begehren nach der Beweisbarkeit der Wahrheit, indem er klar-
stellt, dass sich Wahrheit in ihrer Notwendigkeit nicht beweisen lässt, weil ihr Ermöglichungsgrund – das
Dasein – seinerseits nicht erst unter Beweis gestellt werden kann:

So wenig erwiesen ist, daß es ‚ewige Wahrheiten‘ gibt, so wenig ist es erwiesen, daß es je – was die
Widerlegungen des Skeptizismus trotz ihres Unternehmens im Grunde glauben – einen ‚wirklichen‘ Skeptiker
‚gegeben‘ hat. Vielleicht öfter, als die Harmlosigkeit der formal-dialektischen Überrumpelungsversuche
gegenüber dem ‚Skeptizismus‘ wahr haben möchte [ebd.].

Heidegger begründet die Hinfälligkeit nach der Beweisbarkeit von Wahrheit damit, dass bei der „Frage nach
dem Sein der Wahrheit und der Notwendigkeit ihrer Voraussetzungen ebenso wie bei der nach dem Wesen
der Erkenntnis ein ‚ideales Subjekt‘ angesetzt“ [ebd.] wird. Motiviert wird die Setzung dieser Idealität bzw.

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dieses Abstraktums durch die legitime, doch gleichermaßen ontologisch zu fundierenden Forderung, „daß
die Philosophie das ‚Apriori‘ und nicht ‚empiristische Tatsachen‘ als solche zum Thema hat“ [ebd.]. Der
Status jenes Idealsubjekts bleibt für Heidegger unbestimmt; möglicherweise handelt es sich gar um ein
„phantastisch idealisiertes Subjekt“ [ebd.]:

Die Ideen eines ‚reinen Ich‘ und eines ‚Bewußtseins überhaupt‘ enthalten so wenig das Apriori der ‚wirklichen‘
Subjektivität, daß sie die ontologischen Charaktere der Faktizität und der Seinsverfassung des Daseins
überspringen, bzw. überhaupt nicht sehen [ebd.]

Heidegger weißt die „Behauptungen ‚ewiger Wahrheiten‘“ und die „Vermengung der phänomenal
gegründeten ‚Idealität‘ des Daseins mit einem idealisierten absoluten Subjekt“ als Residuen christlicher
Theologie zurück, deren Ausmerzung im Rahmen der Philosophie noch aussteht.

Den Grundgedanken Heideggers zusammenfassend lässt sich resümieren, dass Sein und Wahrheit
gleichursprünglich sind. Die Konstituiertheit des Daseins durch Erschlossenheit – dem Verstehen – fundiert
das Verständnis von Sein: „Sein ‚ist‘, wo es doch von allem Seienden unterschieden sein soll, kann erst
konkret gefragt werden, wenn der Sinn von Sein und die Tragweite von Seinsverständnis überhaupt
aufgeklärt sind“ [ebd., 230]. Erst dies macht uns frei für eine ursprüngliche Explikation der Frage nach dem
begrifflichen Umfang einer Wissenschaft vom Sein als solchem; in Abgrenzung, doch komplementär dazu tut
sich außerdem die ontologische Bestimmungsaufgabe eines Vorhabens auf, das vorläufig als Entdeckung von
Seiendem und deren Wahrheit zu fixieren ist.

LITERATURVERZEICHNIS
ELGIN, CATHERINE Z.: True Enough, Cambridge: MIT Press: 2017.
HEIDEGGER, MARTIN: Sein und Zeit, Tübingen: Niemeyer: 2006.

VON HERMANN, FRIEDRICH WILHELM: Wahrheit - Freiheit - Geschichte. Eine systematische Untersuchung
zu Heideggers Schrift "Vom Wesen der Wahrheit", Frankfurt am Main: Klostermann: 2002.

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