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COMPUTERKULTUR

Band I
Andrew Hodges

Alan Turing,
Enigma
Zweite Auflage

SPRINGER-VERLAG
Wien New York
Computerkultur, herausgegeben von Rolf Herken, Band I

Vollstandige Dbersetzung der 1983 bei Burnett Books Ltd., London, in Verbindung
mit Hutchinson Publishing Group erschienenen Originalausgabe
Alan Turing: The Enigma von Andrew Hodges
© 1983 Andrew Hodges
Dbersetzt von Rolf Herken und Eva Lack
Assistenz: Sabine SiiB
Lektorat: Walter Bachauer, Sissi Tax und Beate Ziegs

Das Werk ist urheberrechtlich geschiitzt.


Die dadurch begriindeten Rechte, insbesondere die der Dbersetzung, des Nach-
druckes, der Entnahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe auf
photomechanischem oder ahnlichem Wege und der Speicherung in Datenverarbei-
tungsanlagen, bleiben, auch bei nur auszugsweiser Verwertung, vorbehalten.
Rechte der deutschsprachigen Ausgabe bei: Springer-VerlaglWien
© 1994 Springer-VerlaglWien
1. Auff. © 1989 Verlag Kammerer & Unverzagt, Berlin
Softcover reprint of the hardcover 2nd edition 1994

Satzherstellung mit T}3X: Lewis & Leins, Berlin

Mit 22 Abbildungen

ISSN 0946-9613
ISBN 978-3-7091-5832-6 ISBN 978-3-7091-9381-5 (eBook)
DOl 10.1007/978-3-7091-9381-5
Inhalt

TEIL I: LOGIK

Esprit de Corps 3
bis 13. Februar 1930
2 Geist der Wahrheit 55
bis 14. April 1936
3 Neue Männer 131
bis 3. September 1939
4 Relais-Rennen 187
bis 10. November 1942

ÜBERLEITUNG 281
bis 1. April 1943

TEIL II: NATUR

5 Autholjagd 299
bis 2. September 1945
6 Verzögerung 362
bis 2. Oktober 1948
7 Vogelfrei 450
bis 7. Februar 1952
8 Am Ufer 526
bis 7. Juni 1954

Postskriptum 609
Nachwort 610
Anmerkungen 622
Danksagung 656
Nachwort des Autors zur deutschen Ausgabe 657
Abbildungsverzeichnis 658
Register 659
Ta thee ald cause!
TEIL I: LOGIK
1 Esprit de Corps

Beginning my studies the first step pleas'd me so much,


The mere fact consciousness, these forms, the power of motion,
The least insect or animal, the senses, eyesight, love,
The first step I say awed me and pleas'd me so much,
I have hardly gone and hardly wish'd to go any farther,
But stop and loiter all the time to sing it in ecstatic songs.

Sohn des Britischen Weltreiches, war Alan Turing gesellschaftlich genau an der
Grenzlinie zwischen begütertem Landadel und bürgerlicher Geschäftswelt beheima-
tet. Als Kaufleute, Soldaten und Geistliche waren seine Vorfahren zwar Herren von
Stand gewesen. Aber sie waren nicht seßhaft. Viele von ihnen hatten durch die
Expansion der britischen Herrschaft ihren Weg in alle Welt gefunden.
Die Turings können bis zu den Turins auf Foveran in Aberdeenshire im vier-
zehnten Jahrhundert zurückverfolgt werden. Durch die Ernennung von John Turing,
der Schottland verließ, um nach England zu gehen, gab es etwa 1638 erstmals einen
Baronet in der Familie. Audentes Fortuna Juvat (Den Mutigen hilft das Glück) war
der Wahlspruch der Turings. Aber so tapfer sie auch waren, hatten sie doch niemals
viel Glück. Während Sir John Turing im englischen Bürgerkrieg die Seite der Verlie-
rer unterstützte, wurde Foveran von schottischen Anhängern des National Covenant
geplündert. Da den Turings nach der Restauration Schadenersatz verweigert worden
war, standen sie während des 18. Jahrhunderts gesellschaftlich im Abseits, wie es die
Familiengeschichte, Lay 0/ the Turings (Lied der Turings) 1 ,beschreibt. 1792 brachte
Sir Robert Turing aus Indien ein Vermögen heim und ließ den Titel wieder aufleben.
Doch er und alle älteren Linien der Familie starben, ohne männliche Erben zu hin-
terlassen, und so existierten 1911 auf der Welt nur mehr drei kleine Grüppchen von
Turings. Den Titel hatte der 84jährige achte Baronet inne, der britischer Konsul in
Rotterdam gewesen war. Es gab auch noch einen Bruder und dessen Nachkommen,
die einen holländischen Zweig der Familie bildeten. Die jüngere Linie umfaßte die
Nachkommen ihres Cousins, John Robert Turing, der Alans Großvater war.
John Robert Turing erwarb 1848 am Trinity College, Cambridge, einen aka-
4 Kapitell

demischen Grad in Mathematik und errang den elften Platz. Er opferte aber die
Mathematik der Theologie und einem Hilfspfarramt in Cambridge. 1861 heiratete
er die neunzehnjährige Fanny Boyd und verließ Cambridge wegen einer Pfründe in
Nottinghamshire, wo er zehn Kinder zeugte. Zwei davon starben im Säuglingsalter.
Die überlebenden vier Mädchen und vier Jungen wurden vom kirchlichen Gehalt
des Vaters in ehrbarer Armut erzogen. Bald nach der Geburt seines jüngsten Sohnes
erlitt John Robert einen Schlaganfall und gab seine Pfründe auf. 1883 starb er.
Da seine Witwe kränklich war, fiel die Sorge um die Familie der ältesten Schwe-
ster Jean zu, die mit eiserner Faust regierte. Die Familie war nach Bedford gezogen,
damit die beiden älteren Jungen dort das Gymnasium besuchen konnten. Jean eröff-
nete selbst eine Schule, und auch zwei andere Schwestern wurden Lehrerinnen und
opferten sich weitgehend für die Zukunft ihrer Brüder. Der älteste Sohn, Arthur,
war ein weiterer Turing, dem das Glück nicht half. Er war durch Patent bestall-
ter Offizier in der indischen Armee. Er geriet 1899 an der nordwestlichen Grenze
in einen Hinterhalt und wurde getötet. Der dritte Sohn, Harvey 2, wanderte nach
Kanada aus und wurde Ingenieur, kehrte jedoch im Ersten Weltkrieg zurück und
wandte sich in der Folge dem Journalismus für die gehobenen Klassen zu. Er wurde
Herausgeber des Salmon and Traut Magazine (ein Anglermagazin namens "Lachs
und Forelle") und Redakteur für den Angelsport in der Zeitschrift The Field. Alick,
der vierte Sohn, wurde Anwalt. Von den Töchtern sollte nur Jean heiraten. Ihr Gatte
war Sir Herbert Trustram Eve, Immobilienmakler in Bedford und zu seiner Zeit der
führende Gutachter in Grundstücksangelegenheiten. Die großartige Lady Eve, AI-
ans Tante Jean, wurde zu einer treibenden Kraft des London County Council Parks
Committee. Von den drei unverheirateten Tanten wurde die gütige Sybil Diakonisse
und verkündete den störrischen Untertanen Britisch-Indiens das Evangelium. Und
wie es zu dieser viktorianischen Familiengeschichte paßt, starb Alans Großmutter
Fanny Turing 1902 an der Schwindsucht.
Julius Mathison Turing, Alans Vater, war der zweite Sohn, geboren am 9. No-
vember 1873. Er hatte die mathematischen Fähigkeiten seines Vaters nicht geerbt,
war aber doch ein tüchtiger Student der Literatur und Geschichte und errang ein
Stipendium für das Corpus Christi College in Oxford, das er 1894 als Bakkalau-
reus der philosophischen Fakultät (BA) verließ. Er vergaß nie die frühen Jahre
erzwungener Sparsamkeit und zahlte bezeichnenderweise niemals "die Farce" von
drei Guineen, um sein BA in ein MA (Master of Arts) umzuwandeln. Doch sprach
er nie von der Trübsal seiner Kindheit, zu stolz, um über das zu klagen, was er
hinter sich gelassen hatte und worüber er hinausgewachsen war. Denn sein Leben
als junger Mann war ein beispielhafter Erfolg. Er trat in den Indian Civil Service
ICS* ein, der durch die große liberale Reform von 1853 nun auf dem Wege einer
Ausleseprüfung öffentlich zugänglich war und sich eines Rufes erfreute, der sogar

* A.d.Ü.: die Indische Zivilverwaltung


Esprit de Corps 5

jenen des Außenministeriums übertraf. In der öffentlichen Prüfung im August 1895


errang er unter 154 Bewerbern den siebten Platz3 . Sein Studium der verschiedenen
Zweige des indischen Rechts, der Sprache der Tamilen und der Geschichte Britisch-
Indiens ließ ihn auch bei der Abschlußprüfung des ICS im Jahre 1896 den siebenten
Platz erringen.
Er wurde der Verwaltung der Presidency of Madras zugeteilt, die den größten
Teil von Südindien umfaßte, und meldete sich am 7. Dezember 1896 als ranghöch-
ster von sieben dieser Provinz neu zugeteilten Beamten zum Dienst. Britisch-Indien
hatte sich verändert, seit Sir Robert es im Jahre 1792 verlassen hatte. Das Glück war
nicht länger auf Seiten des Wagemutigen; gefragt war der Beamte, der das Klima
vierzig Jahre lang ertragen konnte. Und während der Distriktsoffizier (wie es ein
zeitgenössischer Schriftsteller ausdrückte) noch froh gewesen war "über jede Gele-
genheit, den Verkehr mit den Eingeborenen zu pflegen", hatten die viktorianischen
Reformen sichergestellt, daß "die fragwürdigen Verbindungen, welche in den alten
Tagen unseren Landsleuten das Erlernen der Sprachen erleichterten, durch die Moral
und die Gesellschaft nicht mehr länger toleriert wurden". Das Empire war ehrbar
geworden.
Bei einem Freund der Familie lieh er sich flOO, kaufte damit ein Pony und
Sattelzeug. Dann wurde er ins Landesinnere geschickt. Zehn Jahre lang leistete er
seinen Dienst in den Distrikten von Bellary, Kurnool und Vizigapatam als Hilfs-
steuereinnehmer und Justizbeamter. Dort ritt er von Dorf zu Dorf, schrieb Berichte
über Landwirtschaft, Gesundheitswesen, Bewässerung, Impfungen, prüfte die Kas-
sen und überwachte die örtliche Magistratur. Er erweiterte sein Repertoire um die
Telugu-Sprache und wurde 1906 Leitender Hilfssteuereinnehmer. 1907 fuhr er erst-
mals wieder nach England. In traditioneller Manier suchte sich der aufstrebende
Mann, nach einem Jahrzehnt einsamer Arbeit, eine Frau. Auf der Reise in die
Heimat traf er Ethel Stoney.

Auch Alans Mutter4 stammte aus einer Familie, die über Generationen am
Aufbau des Britischen Weltreiches mitgewirkt hatte. Ihr Vorfahre Thomas Stoney
(1675-1726) aus Yorkshire hatte als junger Mann, nach der Revolution von 1688,
in Englands ältester Kolonie Land erworben und wurde einer der protestantischen
Grundbesitzer im katholischen Irland. Seine Besitzungen in Tipperary vererbten sich
an seinen Ururenkel Thomas George Stoney (1808-1886), der fünf Söhne hatte, von
denen der älteste die Ländereien erbte, während sich der Rest in verschiedene Teile
des expandierenden Weltreiches verstreute. Der dritte Sohn war Ingenieur für Was-
sertechnik. Er entwarf die Schleusen an der Themse, am Manchester Ship Canal
und am Nil; der fünfte emigrierte nach Neuseeland, und der vierte, Edward Waller
Stoney (1844-1931), Alans Großvater mütterlicherseits, ging als Ingenieur nach In-
dien. Dort häufte er ein beträchtliches Vermögen an und wurde Leitender Ingenieur
der Madras and Southern Mahratta Railway, verantwortlich für die Konstruktion
6 Kapitel J

der Tangabudra-Brücke und die Erfindung von "Stoneys patentiertem geräuschlosen


Fächerrotor" .
Edward Stoney, ein nüchterner, verdrießlicher Mann, heiratete Sarah Crawford
aus einer anderen anglo-irischen Familie. Sie hatten zwei Söhne und zwei Töchter.
Richard folgte seinem Vater als Ingenieur nach Indien; Edward Crawford war Ma-
jor im Royal Army Medical Corps, und Evelyn heiratete den anglo-irischen Major
Kirwan im Dienst der indischen Armee. Alans Mutter, Ethel Sara Stoney, wurde
am 18. November 1881 in Podanur, Madras, geboren.
Obwohl es den Stoneys nicht an finanziellen Mitteln mangelte, war ihre Jugend
ebenso hart wie die von Julius Turing. Die Stoneys schickten alle vier Kinder zur
Erziehung zurück nach Irland. Es war das übliche Schicksal der Kinder Britisch-
Indiens. Ihr Leben ohne Liebe war Teil des Preises für das Britische Weltreich. Sie
wurden ihrem Onkel William Crawford aufgehalst, einem Bankdirektor in County
Clare, der selbst zwei Kinder aus der ersten und vier aus zweiter Ehe hatte. Ein Ort
für Liebe und Zuwendung war dies nicht. 1891 zogen die Crawfords nach Dublin,
wo Ethel pflichtgetreu jeden Tag mit dem Pferdebus zur Schule fuhr, geknickt durch
ein hartes Regiment, das ihr für ein Mittagessen schäbige drei Pence zugestand.
Mit Siebzehn Jahren wurde sie ins Cheltenham Ladies College gebracht, "damit sie
ihren irischen Akzent loswird". Sie litt dort unter den legendären Erzieherinnen Miss
Beale und Miss Buss und ihrer eigenen unwürdigen Stellung als irisches Produkt der
Eisenbahn und der Bank mitten unter den Sprößlingen des niederen Adels von Eng-
land. Doch in Ethel Stoneys Herz flackerte noch ein Traum von Kultur und Freiheit,
und auf ihren Wunsch hin wurde sie für sechs Monate nach Paris geschickt, um
an der Sorbonne Musik und Kunst zu studieren. Dieses kurze Experiment wurde
durch die Entdeckung getrübt, daß Snobismus und Spießbürgertum in Frankreich
auch nicht anders als auf den Britischen Inseln waren. Als Ethel im Jahr 1900 mit
ihrer älteren Schwester Evie ins indische Coonoor und in die Pracht des elterlichen
Bungalows heimkehrte, bedeutete dies zwar das Ende ihrer kleinlichen Entbehrun-
gen, aber auch die Gewißheit, daß es eine Welt des Wissens gab, von der sie für
immer ausgeschlossen war.
Sieben Jahre führten Ethel und Evie das Leben junger Damen in Coonoor -
sie fuhren in der Kutsche aus, um Visitkarten abzugeben, malten Aquarelle, traten
im Amateurtheater auf und besuchten offizielle Diners und Bälle in der zugleich
üppigen und steifen Manier jener Tage. Einmal fuhr der Vater im Urlaub mit der
Familie nach Kaschmir, wo Ethel sich in einen Missionarsarzt verliebte, der ihre
Liebe erwiderte. Doch die Verbindung wurde verboten, der Missionar war mittellos.
Pflicht triumphierte über Liebe, und Ethel blieb auf dem Heiratsmarkt. So war die
Bühne frei für das Zusammentreffen von Julius Turing und Ethel Stoney im Frühjahr
1907 an Bord des heimwärtsfahrenden Schiffes.
Sie fuhren die Pazifik-Route. Ihre Romanze war schon im Gange, bevor sie
Japan erreichten. Julius führte sie zum Diner aus und instruierte unmoralischerweise
Esprit de Corps 7

den japanischen Kellner, "Bier zu bringen und immer wieder Bier zu bringen", bis er
ihm bedeuten würde aufzuhören. Obwohl im allgemeinen abstinent, wußte er doch,
wann man ein bißehen über die Stränge schlagen konnte. Er hielt bei Edward Stoney
offiziell um Ethels Hand an und, da er ein stolzer, beeindruckender junger Mann
im höchst angesehenen ICS war, klappte die Sache diesmal. Die Bier-Geschichte
beeindruckte seinen zukünftigen Schwiegervater zwar nicht sonderlich, doch hielt er
Ethel eine Predigt über die Aussichten eines Lebens mit einem leichtsinnigen Säufer.
Gemeinsam überquerten sie den Pazifik und die Vereinigten Staaten, wo sie einige
Zeit im Yellowstone Nationalpark verbrachten und über die Vertraulichkeiten des
jungen amerikanischen Führers schockiert waren. Die Hochzeit fand am 1. Oktober
1907 in Dublin statt. (Die Beziehung zwischen Mr. Turing und dem kaufmännischen
Mr. Stoney blieb etwas getrübt durch einen jahrelang schwelenden Streit darüber,
wer den Hochzeitsteppich zahlen sollte.) Im Januar 1908 kehrten sie nach Indien
zurück, und ihr erstes Kind John wurde am 1. September im Bungalow der Stoneys
in Coonoor geboren. Mr. Turings Versetzungen führten sie auf lange Reisen durch
die Umgebung von Madras: nach Parvatipuram, Vizigapatam, Anantapur, Bezwada,
Chicacole, Kumool und Chatrapur, wo sie im März 1911 ankamen.
In Chatrapur wurde im Herbst 1911 ihr zweiter Sohn, der zukünftige Alan
Turing, gezeugt. An diesem obskuren Ort des Imperiums, einem Hafen der Ostküste,
teilten sich die ersten Zellen. Doch sollte Alan nicht in Britisch-Indien geboren
werden. Sein Vater nahm 1912 seinen zweiten Heimaturlaub, und die Turings fuhren
en familie per Schiff nach England.
Die Überfahrt von Indien war eine Reise in eine Welt der Krise. Streiks, Suf-
fragetten und fast bürgerkriegsähnliche Zustände in Irland hatten die britische Po-
litik verändert. Der National Insurance Act, der Official Secrets Act und das, was
Churchill "die gigantischen Flotten und Armeen" nannte, "die unsere Zivilisation
prägen und unterdrücken", all das kennzeichnete den Niedergang viktorianischer Si-
cherheit und die erweiterte Rolle des Staates. Die Substanz christlicher Lehre hatte
sich längst verflüchtigt, und die Wissenschaft gewann an Autorität. Doch auch die
Wissenschaft fühlte eine neue Ungewißheit. Und die neue Technologie hatte die Mit-
tel des Ausdrucks und der Kommunikation enorm weiterentwickelt und jene Epoche
eröffnet, die Whitman als die Years of the Modern pries. In ihr wußte keiner, was
als nächstes geschehen würde - ob es zu einem "gottgewollten allgemeinen Krieg"
kam oder zu einem "gewaltigen Aufstand gegen die Idee der Klasse".
Doch die Turings teilten diese Auffassung von der modemen Welt nicht, sie
träumten nicht von der Welt-Stadt. Gut abgeschirmt vom zwanzigsten Jahrhundert
und sogar mit dem modemen Britannien unvertraut, waren sie damit zufrieden, das
Beste aus dem zu machen, was ihnen das neunzehnte geboten hatte. Ihr zweiter Sohn,
hineingeboren in ein Zeitalter von Konflikten, in die er hilflos verstrickt werden
sollte, wurde durch solche Mentalität zwanzig Jahre lang von den Einflüssen der
Weltkrise femgehalten.
8 Kapitell

Er wurde am 23. Juni 1912 in einer Privatklinik in Paddington geboren* und


am 7. Juli auf den Namen Alan Mathison Turing getauft. Sein Vater verlängerte
seine Beurlaubung bis zum März 1913, und die Familie verbrachte den Winter
in Italien. Dann kehrte er zurück, um einen neuen Dienstposten anzutreten, aber
Mrs. Turing blieb mit den beiden Jungen, dem Baby Alan und dem vierjährigen
John, bis September 1913. Dann reiste auch sie ab. Mr. Turing hatte entschieden,
daß seine Söhne in England bleiben sollten, um ihre zarte Gesundheit nicht in der
Hitze von Madras aufs Spiel zu setzen. So sah Alan weder die freundlichen indischen
Dienstboten noch die leuchtenden Farben des Ostens. Er sollte seine Kindheit im
kräftigenden Seewind des Ärmelkanals verbringen, in einem Exil im Exil.
Mr. Turing hatte seine Söhne bei einem Ehepaar in Pflege gegeben, dem pen-
sionierten Oberst Ward und seiner Frau. Sie lebten in St. Leonards-on-Sea, einem
Küstenort nahe Hastings, im "Baston Lodge", einem großen Haus fast direkt am
Meer. Jenseits der Straße befand sich das Haus von Sir Rider Haggard, dem Autor
von King Solomon' s Mines; und einmal, als Alan schon älter war und in seiner übli-
chen Art den Rinnstein entlangmarschierte, fand er einen Ring mit Diamanten und
Saphiren, der Lady Haggard gehörte. Sie belohnte ihn dafür mit zwei Schillingen.
Die Wards gehörten nicht zu jenen Leuten, die auf der Straße Diamantringe fal-
len lassen. Der im Grunde gütige Oberst Ward erschien wie ein Gottvater, distanziert
und mürrisch. Mrs. Ward glaubte an eine Erziehung, die aus den Jungen richtige
Männer machen sollte. Doch sie machte es mit einem Zwinkern in den Augen, und
beide Jungen gewannen "Grannie" lieb. Dazwischen standen Nanny Thompson, die
im Kinderzimmer, dem eigentlichen Bereich der Jungen, regierte, und die Hausleh-
rerin. Es gab noch andere Kinder im Haus, denn die Wards hatten nicht weniger
als vier eigene Töchter sowie einen weiteren Jungen zur Pflege. Später nahmen sie
auch die Cousins der Brüder Turing auf, die drei Kinder des Majors Kirwan. Alan
mochte die zweite Tochter der Wards, Hazel, sehr, aber er haßte die jüngste, Joan,
die altersmäßig zwischen ihm und John stand.
Beide Söhne der Turings enttäuschten Mrs. Ward, denn sie verabscheuten
den Kampf und Spielzeugwaffen, sogar Kriegsschiffmodelle. Tatsächlich schrieb
Mrs. Ward an Mrs. Turing und beklagte sich, daß John ein Bücherwurm sei, wo-
rauf Mrs. Turing loyalerweise an John schrieb und ihn tadelte. Spaziergänge auf
der windgepeitschten Promenade, Picknicks auf dem steinigen Strand, Spiele bei
Kinderfesten und Tee vor dem krachenden Kaminfeuer im Kinderzimmer waren das
Höchste, was der Wardsche Haushalt an Anregung zu bieten hatte.
Es war nicht wie zu Hause, aber es war hinzunehmen. Die Eltern kamen nach
England so oft sie konnten, doch selbst dann war es nicht wie zu Hause. Als Mrs. Tu-
ring im Frühjahr 1915 zurückkehrte, zog sie mit den Jungen in möblierte Zimmer

* Warrington Lodge, heute das Colonnade Hotel, Warrington Avenue, London W9. Getauft wurde er
in der St. Saviours Kirche, direkt auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Esprit de Corps 9

mit Bedienung in St. Leonards - düstere Räume, geschmückt mit Tüchern, auf de-
nen geistliche Hymnen eingestickt waren. Mittlerweile konnte Alan sprechen und
erwies sich als kleiner Junge jener Art, welche die Aufmerksamkeit von Fremden
durch altkluge und mit ziemlich durchdringend hoher Stimme gesprochene Bemer-
kungen auf sich lenken kann. Er war aber auch ungezogen und bockig, und wenn
man ihm etwas nicht durchgehen ließ, konnte sich seine gewinnende Art rasch in
Wutanfälle verkehren. Seine Experimente, wie jenes, bei dem er zerbrochene Spiel-
zeugmatrosen in die Erde pflanzte und hoffte, sie würden wieder wachsen, wurden
leicht mit Unartigkeit verwechselt. Alan begriff nur allmählich die schwer definier-
bare Grenze zwischen Unternehmungsgeist und Ungehorsam, und er sträubte sich
gegen seine kindlichen Pflichten. Er kam zu spät, war unordentlich und frech und
lag deshalb in dauerndem Kampf mit seiner Mutter, der Nanny und Mrs. Ward.
Bevor Mrs. Turing im Herbst 1915 nach Indien zurückkehrte, sagte sie zu Alan:
"Du wirst ein braver Junge sein, nicht wahr?" Und Alan erwiderte darauf: "Ja,
aber manchmal werde ich es vergessen!" Doch diese Trennung dauerte nur sechs
Monate, denn im März 1916 trotzten Sahib und Memsahib* gemeinsam den U-
Booten und fuhren die gesamte Strecke von Suez nach Southampton mit permanent
angelegten Schwimmwesten. Zur Erholung fuhr Mr. Turing mit seiner Familie nach
den Western Highlands, wo sie in einem Hotel in Kimelfort wohnten. Hier fischte
John erstmals Forellen. Am Ende dieses Heimaturlaubs, im August 1916, faßten
sie den Entschluß, keine gemeinsame Reise mehr zu riskieren, sondern sich für die
nächste Dreijahresperiode zu trennen. Alans Vater kehrte nach Indien zurück, und
die Mutter nahm ihr doppeltes Exil in St. Leonards wieder auf.
Der Erste Weltkrieg hatte bemerkenswert wenig direkte Auswirkung auf die
Familie Turing. Das Jahr 1917 - mit seinen mechanisierten Schlachten, dem U-
Boot-Krieg und den Luftkämpfen, der russischen Revolution und dem Kriegseintritt
Amerikas - zeigte bereits die Art von historischem Erbe, das die Generation der
Neugeborenen antreten sollte. Aber es hatte keine private Bedeutung, wenn man
davon absieht, daß es Mrs. Turing in England festhielt. Im Mai jenes Jahres wurde
John in eine private Vorbereitungsschule namens Hazelhurst bei Tunbridge Wells in
Kent verfrachtet, und danach hatte Mrs. Turing nur mehr Alan um sich. Der Kirch-
gang war ihr beliebtester Zeitvertreib. In St. Leonards erwählte sie ein Gotteshaus
der anglikanischen Hochkirche, wohin sie Alan jeden Sonntag zum Kommunions-
gottesdienst mitschleppte. Er mochte den Weihrauch nicht und nannte sie "die
Kirche mit dem schlechten Geruch". Mrs. Turing malte auch weiterhin Aquarelle,
wofür sie zweifellos Talent besaß. Sie nahm Alan auf ihre Zeichenausflüge mit, wo
er mit seinen großen Augen, dem Matrosenhut und seltsamen Ausdrücken eigener
Prägung, wie "quockling" für das Kreischen der Möven, die Kunst studierenden
Damen entzückte.

* A.d.Ü.: "Herr" bzw. ,,Frau" in Indien vor europäischen Namen


10 Kapitel J

Alan brachte sich selbst an Hand des Buches Reading without Tears in etwa
drei Wochen das Lesen bei. Beim Erkennen von Ziffern war er noch schneller,
und er besaß die ärgerliche Gewohnheit, an jedem Laternenpfahl stehenzubleiben,
um dessen Seriennummer zu identifizieren. Er war einer von den Menschen ohne
natürliches Gefühl für links und rechts und machte deshalb einen kleinen roten Punkt
auf seinen linken Daumen, den er den "Wissenspunkt" nannte.
Gewöhnlich erklärte er, später Arzt werden zu wollen - ein Ehrgeiz, der den
Turings gefallen hätte, denn sein Vater wäre mit den Honoraren, und seine Mutter
mit den prominenten Patienten und der tätigen Nächstenliebe einverstanden gewesen.
Aber er konnte sich nicht selbst zu~ Arzt ausbilden. Es war daher Zeit für etwas
schulische Bildung. Und so schickte ihn Mrs. Turing im Sommer 1918 auf die
private Tagesschule St. Michael's, damit er Latein lerne.

George Orwell, der neun Jahre früher geboren worden war, dessen Vater aber
ebenfalls im ICS arbeitete, beschrieb sich selbst5 als Angehörigen dessen, "was man
als den unteren oberen Mittelstand beschreiben könnte." Vor dem Krieg schrieb er:

Man war entweder ein Gentleman oder kein Gentleman, und wenn man ein Gentleman
war, so war man bemüht, sich als solcher zu benehmen, welches Einkommen man auch
immer hatte. ... Wahrscheinlich war es das Merkmal des oberen Mittelstandes, daß seine
Traditionen in keiner Weise kaufmännisch waren, sondern sich hauptsächlich aus dem
Militär, der Beamtenschaft und den höheren Berufsständen herleiteten. Angehörige dieser
Klasse besaßen kein Land, fühlten sich aber vor Gott als Landbesitzer und hielten an einer
halbaristokratischen Einstellung fest, indem sie eher höhere Berufe ergriffen oder zum
Militär gingen als im Handel tätig zu werden. Kleine Jungen pllegten die Pllaumenkerne
auf ihren Tellern abzuzählen und dabei ihr Schicksal vorherzusagen: "Armee, Marine,
Kirche, Medizin, Justiz."

Die Turings befanden sich in dieser Lage. Abgesehen von den wenigen Ferien in
Schottland war das Leben ihrer Söhne nicht üppig. Ihr Luxus war das Kino, die
Eisbahn und das Beobachten eines Stuntmans, wenn er sich auf einem Fahrrad vom
Pier ins Wasser stürzte. Aber im Haushalt der Wards wusch man unablässig Sünden
oder Gerüche weg, um die eigenen von den anderen Kindern der Stadt zu unterschei-
den. "Ich war sehr jung, nicht viel mehr als sechs," erinnerte sich Orwell, "als mir
Klassenunterschiede zum ersten Mal bewußt wurden. Vor diesem Alter waren meine
größten Helden im allgemeinen Angehörige der Arbeiterklasse gewesen, denn sie
schienen immer so interessante Dinge zu tun, sie waren zum Beispiel Fischer oder
Schmiede oder Maurer . .. Aber es dauerte nicht lange, bis es mir verboten wurde,
mit den Kindern des Klempners zu spielen; sie waren ,gewöhnlich' und man sagte
mir, ich sollte mich von ihnen fernhalten. Das war, wenn man so will, versnobt,
aber es war auch notwendig, denn der Mittelstand kann es sich nicht leisten, seine
Kinder mit einem vulgären Akzent aufwachsen zu lassen."
Esprit de Corps 11

Die Turings konnten sich sehr wenig leisten, denn sogar im gut bezahlten ICS
war es immer nötig, für die Zukunft zu sparen. Was sie sich leisten mußten, war
eine Public School. In dieser Hinsicht hatten der Krieg, die Inflation, und das
Gerede von Revolution nichts geändert. Die Söhne der Turings mußten eine solche
Internatsschule besuchen, und dieser Forderung mußte sich alles unterordnen. In der
Tat ließ Mr. Turing seine Söhne niemals vergessen, was sie ihm für die Erziehung
in einer Public School schuldeten. Alans Pflicht war es, die Schule zu durchlaufen,
ohne Ärger zu verursachen. Vor allem mußte er das für die Aufnahme in die Public
School nötige Latein lernen.
So saß Alan, als Deutschland zusammenbrach und der bittere Waffenstillstand
begann, über seinen Schulheften und den ersten Lateinbüchern. Später erzählte
er eine Anekdote von seiner ersten Übung, in der er "der Tisch" als omit mensa
übersetzt hatte, und zwar wegen der kryptischen Fußnote "omit" in Verbindung mit
"the". * Er interessierte sich nicht für Latein, und außerdem hatte er große Schwierig-
keiten beim Schreiben. Sein Gehirn schien kaum mit seinen Händen koordiniert zu
sein. Ein volles Jahrzehnt des Kampfes mit kratzenden Schreibfedern und auslaufen-
den Füllern sollte beginnen, in dem nichts, was er schrieb, frei war von Streichungen
und Tintenflecken, und die Schrift zwischen gestochen und unleserlich hin und her
schwankte.
Aber in diesem Stadium war er immer noch der aufgeweckte, fröhliche kleine
Junge. Wenn sie zu Weihnachten die Trustram Eves in Earls Court besuchten,
machte Onkel Bertie Alan wegen seines unschuldigen Gekichers zur Zielscheibe
seiner Späße. Für John waren diese Gelegenheiten eher eine Plage, denn er wurde
nun als verantwortlich angesehen für Erscheinung und Benehmen seines jüngeren
Bruders - eine Verantwortung, die auf sich zu nehmen keinem Menschen jemals
leicht fiele. Um die Sache - wie John sie sah 6 - noch schlimmer zu machen,

trug er, wie es damals üblich war, Matrosenanzüge (sie standen ihm gut); in der gesam-
ten Bandbreite der Bosheit unbelebter Objekte nimmt es meines Wissens keines mit dem
Matrosenanzug auf. Aus den Schachteln tauchten plötzlich Kragen auf und Krawatten
und Halstücher und Kummerbünde und rechteckige, mit langen Bändern versehene Fla-
nellstücke; aber wie man diese Stücke zusammensetzte und in welcher Reihenfolge, das
überstieg die menschliche Vorstellungskraft. Nicht, daß mein Bruder sich etwas daraus
machte, ihm war es völlig gleich, welcher Schuh auf welchem Fuß war, oder daß es
nur mehr drei Minuten bis zum fatalen Frühstücksgong waren. Irgendwie schaffte ich
es, indem ich nichtssagende Details vernachlässigte, wie Alans Zähne, Ohren etc., aber
diese Kindermädchenpftichten erschöpften mich, und nur wenn wir zur Pantomime**
geführt wurden, konnte ich meine brüderlichen Sorgen vergessen. Sogar dann war Alan
eine ziemliche Plage, laut beklagte er sich über die Szene mit den grünen Drachen und
anderen Ungeheuern in "Wo der Regenbogen aufhört" ...

* A.d.Ü.: Also einer Aufforderung, den bestimmten Artikel in der Übersetzung zu übergehen.
** A.d.Ü.: englisches Weihnachtsspiel
12 Kapitel I

Die Pantomime war der Höhepunkt des Jahres, obwohl sich Alan später in Bezug auf
Weihnachten erinnerte, "daß ich als kleines Kind unfähig war, vorherzusagen, wann
es sein würde, ich erkannte nicht einmal, daß es in regelmäßigen Abständen kam."
Wieder zurück im öden Baston Lodge, vergrub er sich in Landkarten. Er bat um
einen Atlas als Geburtstagsgeschenk und brütete stundenlang darüber. Ebenso liebte
er Rezepte und Formeln und notierte die Zutaten für ein Gebräu aus Ampferblättern
zur Heilung von Nesselstichen. Seine einzigen Bücher waren kleine Notizbücher
für Naturstudien, außerdem las ihm die Mutter laut aus The Pilgrim' s Progress*
vor. Einmal schwindelte sie, indem sie eine lange theologische Abhandlung ausließ,
aber das machte ihn sehr ärgerlich. "Du verdirbst die ganze Sache", rief er und
rannte hinauf in sein Zimmer. Vielleicht nahm er sich den kompromißlosen Ton
von Bunyans "freimütigem Engländer" zum Vorbild. Hatte man sich einmal über die
Regeln geeinigt, so mußte man ihnen bis zum bitteren Ende folgen, ohne Verdrehung
oder Schwindel. Seine Nanny machte dieselbe Erfahrung, wenn sie mit ihm spielte 7 :
Am stärksten treten in meiner Erinnerung seine Integrität und seine Intelligenz hervor,
außerordentlich für ein so kleines Kind, wie er es damals war, und man konnte auch nichts
vor ihm verbergen. Ich erinnere mich an einen Tag, an dem Alan und ich miteinander
spielten. Ich spielte so, daß er gewinnen sollte, aber er bemerkte es. Einige Minuten gab
es einen wilden Aufruhr ...

Im Februar 1919 kehrte Mr. Turing nach dreijähriger Trennung zurück. Es war
nicht einfach für ihn, seine Autorität bei Alan wieder durchzusetzen, der stets eine
passende Antwort bereit hielt. Einmal befahl er Alan, die Zungen seiner Stiefel glatt-
zustreichen. "Sie sollten so flach sein wie ein Pfannkuchen", sagte er. "Pfannkuchen
werden im allgemeinen zusammengerollt", piepste Alan zurück. Wenn Alan eine
Meinung hatte, sagte er, er wisse oder er wisse immer schon; er wußte immer schon,
daß die verbotene Frucht des Gartens Eden nicht ein Apfel, sondern eine Pflaume
gewesen ist. In den Sommerferien fuhr Mr. Turing mit ihnen nach Ullapool, weit
im Nordwesten von Schottland; diesmal war es ein ausgesprochen piekfeiner Urlaub
samt Diener. Während Mr. Turing und John Forellen köderten und Mrs. Turing den
See skizzierte, sprang Alan fröhlich durchs Heidekraut. Er hatte die kluge Idee, den
Honig wilder Bienen für ihren Picknick-Tee zu sammeln. Wenn die Bienen vorbei-
summten, beobachtete er ihre Flugrouten, und als er den Schnittpunkt ermittelt hatte,
konnte er ihr Nest ausfindig machen. Die Turings waren von seiner Suchleistung
lebhafter beeindruckt als von dem trüben Honig, den er herausgeholt hatte.
Aber im darauffolgenden Dezember dampften seine Eltern in die Feme und
ließen Alan wieder bei den Wards, während John nach Hazelhurst zurückkehrte.
Ihr Vater war endlich in die Metropole von Madras versetzt worden, um in der

* A.d.Ü.: The Pilgrim's Progress fram this World to That which is to come: Delivered under the
Similitude of a Dream von lohn Bunyan (1628-88), eines der meistgelesenen Bücher der englischen
Literatur, ist die allegorische Darstellung des menschlichen Lebens in Form einer Reise.
Esprit de Corps 13

Abteilung für öffentliche Einnahmen Dienst zu tun, aber Alan stagnierte in der
tödlichen Langeweile von St. Leonards-on-Sea und dachte sich Rezepte aus. Seine
Entwicklung wurde derart aufgehalten, daß er zum Zeitpunkt der Rückkehr seiner
Mutter im Jahre 1921, als er fast neun war, noch nicht einmal dividieren gelernt
hatte.
Seine Mutter bemerkte seine Veränderung von "extrem lebhaft - sogar queck-
silbrig - mit jedermann Freundschaft schließend" zu "ungesellig und verträumt".
Photographien seines Gesichtes als Zehnjähriger zeigen einen nachdenklichen, in
sich gekehrten Ausdruck. Die Mutter nahm ihn aus St. Leonards, und nach einem
Sommeraufenthalt in der Bretagne, der leicht durch das ständige Zählen der Francs
getrübt war, unterrichtete sie ihn selbst in London. Dort verblüffte er sie, als er
mit einem Magneten Eisenspäne im Rinnstein suchte. Mr. Turing, der 1921 wieder
befördert worden war, nunmehr das Amt eines Sekretärs beim Madras Govemment
Development Department bekleidete und in der gesamten Presidency für Landwirt-
schaft und Wirtschaft verantwortlich war, kehrte im Dezember noch einmal zurück,
und sie fuhren alle nach St. Moritz, wo Alan Ski fahren lernte.
Miss Taylor, die Direktorin von St. Michael's, hatte gesagt, daß Alan "eine ge-
niale Begabung" hätte, aber diese Feststellung durfte das Programm nicht verändern.
Zu Beginn des Jahres 1922 begann für Alan die nächste Etappe seiner Erziehung,
und er wurde, wie sein Bruder, nach Hazelhurst geschickt.

Hazelhurst war eine kleine Schule mit sechsunddreißig Jungen im Alter zwischen
neun und dreizehn, geführt von Mr. Darlington, dem Direktor, einem Mr. Blenkins,
der Mathematik lehrte, Miss Gillett, die Zeichnen und Musik unterrichtete in einer
"Moodey and Sankey"-Art*, und der Hausmutter. John war gerne dort und nun, in
seinem letzten Schuljahr, war er Primus. Sein jüngerer Bruder war ihm ein Dom
im Fleisch, denn Alan empfand das Hazelhurst-Regime als Einschränkung. Wie
seine Mutter es sah, "beraubte es ihn seiner üblichen Beschäftigungen". Nun, da
der ganze Tag in Unterricht, Spiele und Mahlzeiten aufgeteilt war, hatte er nur ein
paar überzählige Minuten, in welchen er sich seinen Interessen widmen konnte.
Als er ankam, hatte er einen Fimmel für Papierfaltarbeiten, und nachdem er den
anderen Jungen gezeigt hatte, wie es gemacht wird, fand sich John allerorten mit
Papierfröschen und Papierbooten konfrontiert. Eine weitere Demütigung folgte, als
Mr. Darlington Alans Leidenschaft für Landkarten entdeckte. Dies inspirierte ihn
dazu, alle Schüler einen Geographie-Test schreiben zu lassen, bei dem Alan den
sechsten Platz erzielte und seinen Bruder schlug, der Geographie sehr langweilig
fand. Einmal saß Alan bei einem Schulkonzert in einer der hinteren Reihen und
erstickte fast vor Lachen, als John solo Land oi Hope and Glory sang.
John verließ Hazelhurst zu Ostern, um nach Marlborough, seiner Public School,

* A.d.Ü.: sentimentale Lieder


14 Kapitell

zu gehen. Im Sommer fuhr Mr. Turing mit der Familie wieder nach Schottland,
diesmal nach Lochinver. Alan übte sich auf den Bergwegen im Landkartenlesen, und
sie fischten im See, wobei Alan nun mit John wetteiferte. Die Brüder verstanden sich
gut auf gewaltlose Rivalität, etwa dann, wenn sie ein Spiel spielten, um Großvater
Stoneys Besuchen etwas von ihrem Schrecken zu nehmen. Man konnte dabei Punkte
gewinnen, wenn man ihn an der Nase herumführte oder ihn von einer seiner oft
wiederholten, anödenden Klubgeschichten ablenkte. Und in Lochinver besiegte Alan
seine Familie in dem - von Mrs. Turing als sehr vulgär beurteilten - Sport, nach
dem Dinner leere Häute von Stachelbeeren so weit wie möglich zu werfen. Er war
so clever, sie aufzublasen, und so flogen sie über die Hecke.
War man frei von Verpflichtungen, so konnte das Leben an diesem frühen Nach-
mittag des Empire sehr angenehm sein. Aber im September brachten die Eltern Alan
nach Hazelhurst zurück, und als sie im Taxi abfuhren, rannte er die Schul auffahrt
hinunter und lief mit ausgebreiteten Armen hinterher. Sie mußten die Lippen zusam-
menbeißen und nach Madras reisen. Alan behielt auch weiterhin seine distanzierte
Haltung zum System von Hazelhurst bei. Er bekam durchschnittliche Noten und be-
urteilte seinerseits den Unterricht sehr unschmeichelhaft. Mr. Blenkins führte seine
Klasse in die grundlegenden Begriffe der Algebra ein, und Alan schrieb an John:
"Er vermittelte einen ziemlich Jalschen Eindruck von dem, was mit x gemeint ist."
Obwohl er die harmlosen kleinen Spiele und Debatten genoß, haßte und fürchtete
er den Turnunterricht und die Nachmittagsspiele. Im Winter spielten die Jungen
Hockey. Alan erklärte später, er habe schnelles Laufen gelernt, um nicht vom Ball
getroffen zu werden. Er war gerne Linienrichter und konnte genau abschätzen,
wo der Ball die Linie gekreuzt hatte. In einem vielstrophigen Lied zu Ende des
Schuljahres beschrieb ihn der folgende Zweizeiler:

Turing' s fond of the football field


For geometric problems the touch-lines yield*

Später hieß es in einem anderen Vers, daß er während des Hockeyspiels "die
Gänseblümchen beim Wachsen beobachte", ein Bild, das seine Mutter zu einer hu-
morvollen Bleistiftskizze anregte. Obwohl es als scherzhafte Spitze gegen seine
verträumte Passivität gedacht war, mag die Beobachtung wahr gewesen sein. Denn
etwas Neues war geschehen.
Gegen Ende 1922 hatte ihm ein unbekannter Wohltäter ein Buch gegeben, ge-
nannt Natural Wonders Every Child Should Know 8 **. Alan erzählte seiner Mut-
ter später, dieses Buch hätte ihm die Augen für die Naturwissenschaften geöffnet.
Tatsächlich wurde ihm damals wohl zum ersten Mal bewußt, daß es so etwas wie
"Naturwissenschaften" gab. Aber mehr als das, es öffnete ihm das Buch des Lebens.

* A.d.Ü.: Turing liebt das Fußballfeld, denn die Seitenlinien bieten geometrische Probleme.
** A.d.Ü.: Wunder der Natur, die jedes Kind kennen sollte.
Esprit de Corps 15

Wenn man überhaupt sagen kann, daß ihn etwas beeinflußt hat, dann war es dieses
Buch, das - wie so viele neue Dinge - aus den Vereinigten Staaten kam.
Das Buch war 1912 erstmals erschienen, und sein Autor, Edwin Tenney Brew-
ster, beschrieb es als

. .. den ersten Versuch, jungen Lesern ein Grundwissen von bestimmten, in loser Be-
ziehung stehenden, aber modernen Themen zu vermitteln, die üblicherweise unter dem
Namen Allgemeine Physiologie zusammengefaßt werden. Es ist kurz gesagt ein Versuch,
Kinder von acht oder zehn dazu zu führen, die folgende Frage erst zu stellen und dann
zu beantworten: Welche Gemeinsamkeit besteht zwischen mir und anderen Lebewesen,
und wie unterscheide ich mich von ihnen? Außerdem habe ich nebenbei versucht, eine
Grundlage zu schaffen für die Antwort verwirrter, aber ernstmeinender Eltern auf einige
verblüffende Fragen, die alle Kinder stellen - besonders auf jene schwierigste von allen:
Durch welchen Entstehungsprozeß bin ich selbst in diese Welt gekommen?

Mit anderen Worten, es handelte von Sex und Naturwissenschaften, beginnend mit
"Wie das Küken ins Ei kam", sich fortwindend durch "Einige andere Arten von Ei-
ern" und schließlich ankommend bei "Woraus kleine Jungen und Mädchen gemacht
sind". Brewster zitierte "den alten Kinderreim"* und sagte:

Soviel ist wahr daran, daß kleine Jungen und kleine Mädchen weit davon entfernt sind,
gleich zu sein, und es lohnt den Versuch nicht, eines in das andere umzuwandeln.

Die genaue Beschaffenheit dieses Unterschiedes wurde nicht verraten, und erst nach
einem geschickten Ablenkungsmanöver, die Eier von Seesternen und Seeigeln be-
treffend, kehrte Brewster schließlich wieder zum menschlichen Körper zurück:

So sind wir also nicht gebaut wie ein Haus aus Zement oder Holz, sondern wie eines aus
Ziegeln. Wir bestehen aus kleinen lebenden Bausteinen. Wachsen wir, so nur deshalb,
weil sich diese kleinen lebenden Bausteine in halbe Bausteine teilen und dann wieder
ein Ganzes werden. Aber, wie sie herausfinden, wann und wo sie schnell wachsen und
wann und wo sie langsam wachsen müssen und wann und wo gar nicht - das ist genau
das, worüber bisher keiner auch nur das Allergeringste herausgefunden hat.

Der Prozeß des biologischen Wachstums war das wissenschaftliche Hauptthema von
E.T. Brewsters Buch. Doch die Naturwissenschaften hatten keine Erklärungen, nur
Beschreibungen. In der Tat erklärte Professor D' Arcy Thompson am 1. Oktober
1911 - als Alan Turings "lebende Bausteine" sich erstmals teilten und wieder teilten -
vor der British Association, daß die "Grundfragen der Biologie so unerforschlich
seien wie ehedem".

* A.d.Ü.: What are little boys made ofl/ Frogs and snails And puppy-dogs' tails/ That's what little
boys are made oU What are little girls made ofl/ Sugar and spiee And all things niee/ That' s what
little girls are made of.
16 Kapitel J

Doch ebenso unerforschlicherweise und geradezu auffällig unterließ es Natural


Wonders, zu beschreiben, wo die erste Zelle im menschlichen Entstehungsprozeß
herkomme. Es wurde nur ausweichend angedeutet, daß "das Ei selbst durch die
Spaltung einer weiteren Zelle entstand, die natürlich Teil des Körpers eines Eltern-
teils war". Es blieb den "verwirrten, aber ernstmeinenden Eltern" überlassen, das
Geheimnis zu erklären. Die Art, wie Mrs. Turing dieses heikle Thema behandelte,
stimmte weitgehend mit Brewsters Methode überein, denn zumindest John empfing
in Hazelhurst einen besonderen Brief, der mit den Vögeln und Bienen begann und
mit der Anweisung endete, "nicht aus der Bahn zu geraten". Vermutlich wurde Alan
auf dieselbe Weise informiert.
In anderer Hinsicht jedoch war Natural Wonders tatsächlich "sehr modem" und
sicherlich kein kleines "Naturbuch". Es vermittelte die Idee, daß es einen Grund
dafür geben müsse, warum die Dinge so seien, wie sie seien, und daß dieser Grund
sich nicht von Gott, sondern von den Naturwissenschaften herleite. Lange TextsteIlen
erklärten, warum kleine Jungen gerne mit Dingen warfen und kleine Mädchen Babies
mochten. Sie leiteten von dem Muster der belebten Welt das Ideal eines Papas ab,
der zur Arbeit ins Büro geht, und einer Mama, die zu Hause bleibt. Dieses Bild
respektablen amerikanischen Lebens lag ziemlich weit entfernt von der Ausbildung
der Söhne eines britischen Beamten in Indien; für Alan hatte ein Bild des Gehirns
größere Relevanz:
Seht ihr nun, warum ihr jeden Tag fünf Stunden zur Schule gehen und auf einem harten
Sitz noch härtere Lektionen lernen müßt, wenn ihr euch viel lieber davonschleichen und
schwimmen gehen würdet? Es muß sein, damit ihr diese Denkpunkte in eurem Gehirn
aufbauen könnt ... Wir beginnen in der Kindheit, während das Gehirn noch wächst.
Durch Jahre und Jahre von Arbeit und Studium bilden wir langsam die Denkpunkte über
unserem linken Ohr aus, welche wir für den Rest unserer Tage benutzen müssen. Wenn
wir erwachsen sind, können wir keine weiteren mehr bilden ...

So wurde sogar die Schule durch die Naturwissenschaften gerechtfertigt. Die alte
Welt göttlicher Autorität wurde auf eine vage Anspielung reduziert, in der Brewster -
nachdem er die Evolution beschrieben hatte - sagte, der Grund "warum und wozu
dies alles geschieht" wäre genau "eines jener Dinge, die niemand herausfinden kann".
Brewsters Lebewesen waren eindeutig Maschinen:
Denn natürlich ist der Körper eine Maschine. Er ist eine unermeßlich komplexe Ma-
schine, viele, viele Male komplizierter als jede irgendwann mit den Händen hergestellte
Maschine; aber dennoch im Endeffekt eine Maschine. Er ist mit einer Dampfmaschine
verglichen worden. Doch das geschah, bevor wir soviel über seine Arbeitsweise wußten
wie heute. Er ist in Wirklichkeit ein Verbrennungsmotor, wie der Motor eines Automo-
bils, eines Motorboots oder einer Flugmaschine.

Menschen waren "intelligenter" als andere Tiere, aber eine "Seele" wurde ihnen
nicht einmal erwähnungsweise zugestanden. Der Vorgang der Zellteilung und Dif-
Esprit de Corps 17

ferenzierung war etwas, was noch keiner zu verstehen begonnen hatte - aber es gab
keinen Hinweis, daß er das Eingreifen von Engeln erforderte. Wenn Alan also in
der Tat "die Gänseblümchen beim Wachsen beobachtete", könnte er gedacht haben,
daß es zwar so aussah, als wüßten die Gänseblümchen, was sie zu tun hätten, daß
aber in Wirklichkeit alles von einem System von Zellen abhing, welches wie eine
Maschine arbeitete. Und wie war es bei ihm selbst? Wie wußte er, was zu tun sei?
Es gab viel, um darüber zu träumen, während die Hockeybälle vorbeisausten.
Neben der Beobachtung von Gänseblümchen, machte es Alan Spaß, Dinge zu
erfinden. Am 11. Februar 1923 schrieb er: 9 *

Liebe Mutter und Daddy,


ich habe ein niedliches kinoartiges Ding bekommen Micheal Sills gab es mir und
man kann neue Filme dafür zeichnen und ich mache eine Kopie davon für euch als
Ostergeschenk ich sende es in einem anderen Kuvert wenn ihr mehr Filme dafür wollt
schreibt darum auf jedem sind 16 Bilder aber ich habe herausgefunden daß ich "Der Junge
stand am Teetisch" zeichnen könnte du kennst den Reim ausgedacht nach casabianca ich
war diese Woche wieder 2ter. Die Hausmutter läßt herzlich grüßen GB sagte da ich
so dick schriebe sollte ich von T. Wells einige neue Schreibfedern bekommen und ich
schreibe nun mit diesen morgen gibt es einen Vortrag Wainwright war Vorletzter diese
Woche das ist meine Patenttinte

In der Aufnahmeprüfung zur Public School, der Common Entrance Examination,


welche die eigentliche raison d' etre von Schulen wie Hazelhurst war, kamen die
Naturwissenschaften, Erfindungen oder die modeme Welt nicht vor. Da traf Casa-
bianca** schon eher ins Schwarze. In den amerikanischen Natural Wonders mußte
alles einen Grund haben. Aber das britische System bildete andere "Denkpunkte" -
die Tugend von Casabianca, dem Jungen auf dem brennenden Deck, war, daß er
alle Befehle buchstabengetreu ausführte und dabei sein Leben verlor.
Die Lehrer taten ihr Bestes, um Alans irrelevantes Interesse an den Naturwis-
senschaften zu entmutigen, aber sie konnten seine Erfindungen nicht stoppen - im
besonderen Maschinen, die ihn bei den immer noch quälenden Schreibproblemen
helfen sollten:

1. April (Narrentag)
Ratet womit ich schreibe. Es ist meine eigene Erfindung es ist eine Füllfeder wie
diese: - [undeutliche Skizze] ihr seht um sie zu füllen drückt man E ["das Saugende der
Füllfeder"] und läßt los und die Tinte wird aufgesaugt und sie ist voll. Ich habe es so
eingerichtet daß ein bißchen Tinte herunterkommt wenn ich drücke aber es verstopft sich
ständig.

* A.d.Ü.: In der englischen Ausgabe werden Alan Turings Rechtschreibung und Interpunktion ori-
ginalgetreu wiedergegeben. Die deutsche Übersetzung versucht nach Möglichkeit, die Eigenheiten
seines Briefstils beizubehalten.
** A.d.Ü.: Gedicht von Felicia Hemans (1793-1835)
18 Kapitell

Ich frage mich ob John schon die Statue der Jeanne d'Arc gesehen hat weil sie doch
in Rouen ist. Am letzten Montag hatten wir Pfadfinder gegen Wölflinge es war ziemlich
aufregend diese Woche gab es keinen Wochenbefehl ich hoffe John mag Rouen ich habe
heute nicht viel Lust viel zu schreiben tut mir leid. Die Hausmutter sagt John habe etwas
geschickt.

Dies führte zu einem weiterem Couplet über eine Füllfeder, die "für vier ausläuft".
Ein anderer Brief im Juli, geschrieben mit grüner Tinte, die (vorhersehbarerweise)
verboten war, beschrieb ein ungemein vereinfachtes Modell einer Schreibmaschine.
Johns Aufenthalt in Rouen war Teil einer allgemeinen Veränderung in den Plänen
der Familie Turing. Bevor er nach Marlborough ging, hatte er seinem Vater gesagt,
er hätte gerne eine Abwechslung von den Wards, und dem wurde zugestimmt. Die
Eltern fanden ein Pfarrhaus in Hertfordshire, das vom Sommer 1923 an ihr Heim
werden sollte. Mittlerweile hatte sich John zu Ostern erstmals von seinem Bruder
getrennt, um sich bei Mme. Godier in Rouen einzuquartieren. Dies ließ sich recht
gut an, und im Sommer fuhr Alan (der sich "einfach danach sehnte, dorthin zu
fahren") mit ihm, um für ein paar Wochen Kultur und Zivilisation Frankreichs in sich
aufzusaugen. Alan machte großen Eindruck auf die kleinbürgerliche Mme. Godier.
Hatte man ihn dazu überredet, sich hinter den Ohren zu waschen, hieß es "comme
il est charmant". Hatte John dies nicht geschafft, wurde er gerügt. John verachtete
Mme. Godier. Ihr Faible für Alan bedeutete indes eine Entlastung - John konnte sich
ins Kino davonstehlen. Die beiden Turings waren ungewöhnlich gutaussehend, mit
einer subtilen, verwundbaren Ausstrahlung; John eher der aufgewecktere und Alan
der verträumtere. Der Aufenthalt war kein großer Erfolg. John hatte sich geweigert,
diesmal sein Fahrrad mitzunehmen. Er fürchtete, den zappeligen Alan durch die
gepflasterten Straßen von Rouen kutschieren zu müssen. So lungerten sie lustlos
im Maison Godier herum oder mußten lange Spaziergänge machen. ,,/l marche
comme un escargot", sagte Mme. Godier von Alan, eine Beobachtung, die wirklich
auf Alans schneckenartige Fortbewegung entlang des Rinnsteins paßte, aber auch
dem Bild der Familie Turing von sich selbst entsprach - dem Bild der langsamen
Turings, der düsteren Turings, die immer auf der Seite des Verlierers kämpften und
als Letzte, wenn nicht als Unbedeutendste ins Ziel kamen.
Viel glücklicher war die neue Heimstätte in Hertfordshire, wohin die Jungen für
den Rest des Sommers fuhren. Es war das georgianische Pfarrhaus aus roten Ziegeln
in Watton-at-Stone, Sitz des alten Erzdiakons Rollo Meyer, eines freundlichen und
milden Mannes, dessen Umfeld eher das Rosenbeet und der Tennisplatz waren als
die gut geschrubbte, flotte Disziplin der Wards. John und Alan reagierten beide mit
Freude, John auf die Mädchen auf dem Tennisplatz (er war fünfzehn und eindeutig
interessiert) und Alan darauf, daß man ihn in Ruhe ließ und ihm erlaubte, mit dem
Fahrrad in die Wälder zu fahren und seine eigene Unordnung zu machen, solange er
den Mindestanforderungen im Haus entsprach. Alan gewann auch in Mrs. Meyers
Esprit de Corps 19

Augen an Ansehen, als beim Kirchenfest eine Zigeunerin vorhersagte, er würde ein
Genie werden.

Die Betreuung durch die Meyers war von kurzer Dauer, denn plötzlich ent-
schloß sich Mr. Turing, aus dem Indian Civil Service auszuscheiden. Er ärgerte
sich darüber, daß sein Rivale, ein gewisser Campbell, der 1896 mit ihm nach Indien
gekommen war und eine niedrigere Bewertung in der Aufnahmeprüfung erhalten
hatte, zum Chefsekretär der Regierung von Madras befördert wurde. So gab er
seine eigene Aussicht auf weitere Beförderung auf. Alans Eltern kehrten zwar nicht
als Sir Julius und Lady Turing* zurück, doch hatten sie den greifbareren Vorteil
einer jährlichen Pension von f1000.
Es war keine Rückkehr nach England, denn Alans Vater schlüpfte in eine neue
Rolle als Steuer-Exilant. Das Finanzamt erlaubte ihm, der Einkommensteuer zu ent-
fliehen, wenn er jedes Jahr nur sechs Wochen im Vereinigten Königreich verbrachte.
So ließen sich die Turings in dem französischen Ferienort Dinard nieder, gegenüber
von St. Malo an der Küste der Bretagne. In der Folge reisten die Jungen zu den
Weihnachts- und Osterferien nach Frankreich, während die Eltern für den Sommer
nach England kamen.
Theoretisch legte Mr. Turing sein Amt nicht vor dem 12. Juli 1926 nieder,
und in der Zwischenzeit war er beurlaubt, während die Entwicklung von Madras
irgendwie ohne ihn weiterging. Aber er verlor keine Zeit und entwickelte einen
neuen Sinn für Sparsamkeit. Mrs. Turing mußte Abrechnungen vorlegen, welche
die Haushaltsausgaben bis auf den Centime genau darlegten. Ferien in St. Moritz
und Schottland kamen von nun an nicht mehr in Frage.
Sein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf war in vieler Hinsicht eine Ka-
tastrophe. Beide Söhne fühlten, daß es ein Fehler war. Alan sollte auf besonders
komische Weise die gekränkten Bemerkungen imitieren, die sein Vater über "XYZ
Campbell" fallen ließ, und sein Bruder schrieb später: 10

Ich bezweifle, ob ich in meinem Vater einen einfachen Vorgesetzten oder Untergebenen
gefunden hätte, denn soweit bekannt, kümmerte er sich nicht um die Hierarchie oder
seine eigene Zukunft im Indian Civil Service und sagte seine Meinung ohne Rücksicht
auf die Folgen. Ein Beispiel wird genügen. Eine zeitlang fungierte er in der Madras
Presidency als Erster Privatsekretär des maßvollen Lord Willingdon, und als zwischen
ihnen eine Meinungsverschiedenheit entstand, bemerkte mein Vater: "Schließlich sind
Sie nicht die Regierung von Indien." Solch kolossale, selbstmörderische Taktlosigkeit
kann man nur aus sicherer Entfernung bewundern.

Dieses spezielle Ereignis wurde Mr. Turing immer von seiner Frau vorgehalten,
um so mehr, da sie besondere Ehrfurcht vor Lady Willingdon hatte. Die Wahrheit

* im Gegensatz zu Sir Archibald Campbell


20 Kapitell

war vielleicht, daß - trotz all des unaufhörlichen Geredes von der Pflicht - die
für einen Distrikt-Offizier erforderlichen Fähigkeiten sehr verschieden waren von
buchhalterischer Beachtung der Vorschriften und Ehrerbietung vor dem Dienstgrad.
Millionen von Menschen, verteilt auf ein Gebiet von der Größe von Wales, zu re-
gieren, erforderte unabhängiges Urteilsvermögen und die Kraft einer Persönlichkeit,
wie sie in den eher höfischen Kreisen der Metropole Madras weniger willkommen
waren. Sicherlich waren derartige Eigenschaften in seinem Ruhestand kaum erfor-
derlich, in dem das lebhafte indische Ränkespiel retrospektiven Reiz annahm. Die
ihm verbliebenen Jahre waren gekennzeichnet von einem Gefühl des Verlusts, der
Enttäuschung und intensiver Langeweile. Auch das Angeln und die Bridgepartien
konnten das nicht mindern. Mr. Turing war zusätzlich verärgert durch die Tatsache,
daß seine jüngere Frau in der Rückkehr nach Europa eine Gelegenheit fand, aus der
einengenden geistigen Atmosphäre von Dublin und Coonoor herauszutreten. Denn
er hatte wenig Achtung für ihre intellektuellen Ambitionen, zumal sie mit einem
ziemlich hektischen häuslichen Leben verbunden waren. Und sie litt ihrerseits unter
seiner zwanghaften Pfennigfuchserei und seinem Gefühl des Betrogenseins. Sie wa-
ren beide emotional anspruchsvoll, aber keiner von ihnen erfüllte die Ansprüche des
anderen, und so blieb ihnen als Kommunikationsebene wenig mehr als die Planung
des Gartens.
Ein Resultat des neuen Arrangements war, daß Alan nun etwas Sinn darin sah,
Französisch zu lernen. In der Schule wurde es sogar zu seinem Lieblingsfach. Aber
es ließ sich auch als eine Art Code gebrauchen. Seiner Mutter schrieb er in aller
Naivität eine Postkarte über "la revolution" in Hazelhurst, in der Annahme, Mr. Dar-
lington würde sie nicht lesen können. (Der Scherz bezog sich auf ihr bretonisches
Hausmädchen in Dinard, das oft von der bevorstehenden sozialistischen Revolution
sprach.)
Als die Eltern zurückkamen und sahen, daß Alan die Natural Wonders nicht
mehr aus der Hand legte, wurde ihnen klar, wie sehr ihn die Naturwissenschaften in
den Bann gezogen hatten. Ihre Reaktion auf diese Entdeckung war immerhin nicht
ganz und gar ablehnend. Und dafür mochte es Gründe geben. Ein Cousin zweiten
Grades von Mrs. Turings Großvater, George Johnstone Stoney (1826-1911), war
ein berühmter irischer Wissenschaftler gewesen, den die junge Mrs. Turing einst
in Dublin kennengelernt hatte. Am bekanntesten war er durch die Erfindung der
Bezeichnung "Elektron", die er 1894 geprägt hatte, bevor die atomare Natur der
elektrischen Ladung erkannt wurde. Mrs. Turing war sehr stolz, ein Mitglied der
Royal Society in ihrer Familie zu haben, denn Rang und Titel machten einen großen
Eindruck auf sie. Sie zeigte Alan auch das Bild von Pasteur auf den französischen
Briefmarken und träumte vielleicht von Alan als zukünftigem Wohltäter der Mensch-
heit. Möglicherweise erinnerte sie sich an jenen Arzt und Missionar in Kaschmir,
vor all den Jahren! Aber da war noch etwas: Mrs. Turing, zwar gewohnt, ihre
Gedanken in angemessen damenhafter Form zu äußern, repräsentierte immer auch
Esprit de Corps 21

noch die Stoneys, einen Familienstamm, der die angewandten Naturwissenschaften


eng mit der Expansion des Empires assoziiert hatte. Alans Vater jedoch hätte gut
darauf hinweisen können, daß ein Wissenschaftler im Staatsdienst nicht mehr als
;(500 im Jahr erwarten könne.
Doch auch er half Alan auf seine Weise, denn als Alan im Mai 1924 wieder in
der Schule war, schrieb dieser:

Du (Daddy) hast mir im Zug von der Landvermessung erzählt, ich habe herausgefunden
oder eher gelesen, wie sie die Höhe von Bäumen, die Breite von Flüssen, Tälern etc.
herausfinden durch eine Kombination von beiden fand ich heraus, wie sie die Höhe von
Bergen feststellen ohne auf sie hinaufzuklettern.

Alan hatte auch darüber gelesen, wie man ein geographisches Profil zeichnet und
hatte diese Fertigkeit hinzugefügt zu "Stammbaum, Schach, Landkarten etc. (im all-
gemeinen meine eigenen Vergnügungen)". Im Sommer 1924 verbrachte die Familie
einige Zeit in Oxford - für Mr. Turing eine nostalgische Übung. Später, im Sep-
tember, machten sie dann Ferien in einer Pension in Nordwales. Die Eltern blieben
noch ein Weilchen, als Alan allein nach Hazelhurst zurückfuhr ("Ich gab dem Träger
das richtige Trinkgeld und dem Taxi auch ... dem Burschen von Frant gab ich kein
Trinkgeld aber das wurde nicht von mir erwartet. Oder doch?"). Dort zeichnete er
nun seine eigenen Landkarten der Berge von Snowdonia. ("Bitte vergleiche meine
Karte mit der Generalstabskarte und schicke sie zurück.")
Landkarten waren immer schon Alans Interessengebiet, aber Familienstamm-
bäume liebte er auch. Die besonders komplizierte Genealogie der Turings - mit der
Vererbung eines Baronet-Titels von Zweig zu Zweig und den vielköpfigen viktoria-
nischen Familien - trainierte seine Findigkeit. Seine geselligste Beschäftigung war
das Schachspiel:

Es sollte kein Schachturnier geben weil Mr. Darlington nicht viele Leute hatte spielen
sehen aber er sagte wenn ich jeden fragte der spielen könnte und eine Liste von allen
machte die in diesem Schuljahr gespielt hatten würde es stattfinden. Es gelang mir genug
Leute zu kriegen und so findet es statt.

Er fand auch, daß die Arbeit in Klasse Ib "viel interessanter" war. Aber all dies
verblaßte vor der Chemie. Alan hatte immer Rezepte gemocht, seltsame Gebräue
und Patenttinten und hatte während seines Aufenthalts bei den Meyers versucht, im
Wald Ton zu brennen. Die Idee chemischer Prozesse war ihm nicht fremd. Und in
den Sommerferien in Oxford hatten ihm seine Eltern erlaubt, zum ersten Mal mit
einer Schachtel Chemikalien zu spielen.
Natural Wonders hatte nicht viel über Chemie zu sagen - mit Ausnahme der
Gifte. Aus Brewsters wissenschaftlicher Feder flossen starke Worte der Verteidigung
der Enthaltsamkeit, um nicht zu sagen der Prohibition:
22 Kapitell

Das Leben jedes Geschöpfes, Mensch, Tier oder Pflanze, ist ein langer Kampf gegen das
Vergiftetwerden. Die Gifte erreichen uns auf vielerlei Wegen ... wie Alkohol, Äther,
Chlorofonn, die verschiedenen Alkaloide, z.B. Strychnin und Atropin und Kokain, die
wir als Medizin verwenden, und Nikotin, welches ein Alkaloid des Tabaks ist, die Gifte
vieler Pilze, Koffein, das in Tee und Kaffee enthalten ist ...

Ein weiterer Abschnitt, mit der Überschrift "Vom Zucker und anderen Giften",
erklärte die Wirkung von Kohlendioxyd im Blut, als Auslöser von Ermüdung und
einer Gehirnaktivität:

Wenn das Nervenzentrum im Nacken ein wenig Kohlendioxyd schmeckt, sagt es nichts.
Aber sobald der Geschmack zu stark zu werden beginnt (was in weniger als einer Vier-
telminute geschieht, wenn man beginnt, rasch zu laufen), telephoniert es über die Nerven
zur Lunge:
"Hallo, hallo, hallo! Was ist los mit euch Burschen. An die Arbeit. Atmet tuchtig.
Dieses Blut kocht beinahe vor verbranntem Zucker!"

All dies war Wasser auf Alans Mühlen; was ihn an diesem Punkt interessierte, war
die nüchternere Behauptung:

Das Kohlendioxyd im Blut wird zu gewöhnlichem Natron; das Blut trägt das Natron zu
den Lungen, und dort verwandelt es sich wieder zu Kohlendioxyd, genauso wie es sich
als Natron oder Backpulver verhält, wenn man es zum Mehl gibt, damit der Kuchen
aufgeht.

In Natural Wonders wurden chemische Namen und Reaktionen nicht erklärt. Doch
Alan muß gewisse Vorstellungen davon anderswo aufgeschnappt haben, denn als
er am 21. September 1924 in die Schule zurückkehrte, erinnerte er seine Eltern in
einem Brief: "Vergeßt das Buch über Naturwissenschaften nicht, das ich statt der
Kinder-Enzyklopädie, bekommen sollte", und außerdem:

In Natural Wonders Every Child Should Know heißt es, daß Kohlendioxyd im Blut zu
Natron verwandelt wird und wieder zurück zu Kohlendioxyd in den Lungen. Wenn ihr
könnt schickt mir bitte den chemischen Namen von Natron oder besser noch die Fonnel
damit ich sehen kann wie es das macht.

Vermutlich hatte er die Children' s Encyclopedia gesehen, wenn auch nur, um sie als
zu kindisch und vage zurückzuweisen. Doch immerhin mag er dank des Buchs die
Grundideen der Chemie verstanden haben. Er beschrieb eine Reihe von "kleinen
Experimenten" mit Haushaltssubstanzen. Als prophetischen Funken einer Fragestel-
lung könnte man auch Alans Versuch interpretieren, die Idee der chemischen Formel
mit einer mechanistischen Beschreibung des menschlichen Körpers zu kombinieren.
Chemie war nicht die Stärke der Eltern Turing, aber im November fand er
eine verläßlichere Informationsquelle: "Ich habe hier großes Glück gehabt: es gibt
hier eine Enzyklopädie, die Eigentum der 1. Klasse ist." Und zu Weihnachten 1924
Esprit de Corps 23

bekam er ein Sortiment von Chemikalien, Tiegeln und Reagenzgläsern und dazu
die Erlaubnis, sie im Keller von Ker Sammy - ihrer Villa in der Rue du Casino -
zu verwenden. Er hievte Algen in großen Mengen vom Strand nach Hause, um
eine kleine Menge Jod zu extrahieren. Dies geschah sehr zum Erstaunen von John,
der Dinard mit anderen Augen sah: als expatriierte englische Kolonie der flotten
zwanziger Jahre. John verbrachte seine Zeit mit Tennis, Golf, Tanzen und Flirts im
Kasino.
Ein englischer Lehrer aus der Nachbarschaft, von Alans Eltern angestellt, um
Alan für die Common Entrance Examination vorzubereiten, fand sich selbst mit
naturwissenschaftlichen Fragen überhäuft. Im März 1925, wieder zurück an der
Schule, schrieb Alan:
Ich erreichte mit 53% Durchschnitt in diesem Schuljahr wieder denselben Platz im Com-
mon Entrance* wie im letzten. In Französisch erhielt ich 69%.

Aber wichtig war einzig die Chemie:


Ich frage mich, ob ich irgendwo eine irdene Retorte bekommen könnte für einige Versuche
bei hoher Temperatur. Ich habe versucht, etwas Organische Chemie zu lernen, wenn ich
anfangs etwas sah wie dieses
H(CH2h 7C02H(CH2hC
versuchte ich es und machte daraus C21H4002 was alles sein könnte es ist eine Art Öl.
Ich finde die graphischen Formeln helfen auch, so ist Alkohol

H H
I I
H - C C - 0 - H
I I
H H

H H
I I
H - C - 0 - C - H
I I
H H

ist, ihr seht sie zeigen die molekulare Anordnung.

Und dann eine Woche später:

* Das waren Prüfungsarbeiten zur Übung gewesen.


24 Kapitell

. .. Die irdene Retorte tritt an Stelle eines Tiegels wenn das eigentliche Produkt ein
Gas ist was bei hohen Temperaturen sehr häufig ist. Ich mache eine Ansammlung von
Experimenten in der Reihenfolge in der ich sie machen will. Ich scheine immer Sachen
aus dem Ding machen zu wollen das in der Natur am häufigsten ist und mit der geringsten
Energieverschwendung.

Alan war sich nun der ihn beherrschenden Passion bewußt. Die Sehnsucht nach dem
Einfachen und Gewöhnlichen, die dann später auf so vielfältige Weise in Erscheinung
treten sollte, war für ihn kein bloßes "Zurück zur Natur"-Spiel oder ein Urlaub
von der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Sie war für ihn das wirkliche Leben, eine
persönliche Vorstellung von Realität, von der alles andere nur ablenkte.
Aus der Perspektive seiner Eltern galten die gegenteiligen Prioritäten. Mr. Tu-
ring war keineswegs ein Mann gekünstelter Umgangsformen. Er bestand eher darauf,
zu Fuß zu gehen als ein Taxi zu nehmen, in seinem Charakter hatte sich ein Zug
von Wüsteninseldenken eingenistet. Doch nichts änderte die Tatsache, daß die Che-
mie bloß eine Unterhaltung war, die Alan in den Ferien zugestanden wurde, und
das, was zählte, war, daß er mit dreizehn in eine Public School eintreten mußte.
Im Herbst 1925 machte Alan die Aufnahmeprüfung für Marlborough und hatte zur
Überraschung aller guten Erfolg. (Er hatte sich nicht um ein Stipendium bewerben
dürfen.) Aber an jenem Punkt spielte John eine entscheidende Rolle im Leben seines
seltsamen Bruders. "Um Gottes Willen schickt ihn nicht hierher", sagte er, "es wird
ihn zermalmen."
Alan stellte ein schwieriges Problem dar. Es stand außer Frage, daß er sich
an das Leben in einer Public School anpassen mußte. Aber welche Public School
würde am besten für einen Jungen sorgen, dessen Hauptinteresse Experimente mit
schlammigen Marmeladegläsern im Kohlenkeller waren? Es war ein Widerspruch
in sich. So sah es auch Mrs. Turing: 11
Obwohl er in dem engeren, vertrauteren Kreis seiner Vorbereitungsschule geliebt und
verstanden worden war, hatte ich, weil ich die möglichen Schwierigkeiten für ihn und
das Lehrerkollegium an einer Public School vorhersah, solche Mühe, die richtige für ihn
zu finden, aus Furcht, er würde, könnte er sich an das Leben in einer Public School nicht
gewöhnen, bloß ein komischer intellektueller Kauz werden.

Ihre Bemühungen dauerten nicht allzulange. Sie hatte eine Freundin namens
Mrs. Gervis, die Ehefrau eines Lehrers für Naturwissenschaften an der Sherborne
School, einer Public School in Dorset. Im Frühjahr 1926 machte Alan nochmals die
Prüfung und wurde in Sherborne aufgenommen.

Sherborne war eine der ersten englischen Public Schools. Sie war aus einer
Abtei 12 hervorgegangen, eine der frühesten Stätten des Christentums in England.
1550 wurde hier die Errichtung einer Schule für die örtliche Bildung beurkundet. Im
Jahre 1869 ordnete sich Sherborne ins Modell der Internatsschulen von Dr. Amold
Esprit de Corps 25

ein. Nach einer Periode schlechten Rufs lebte sie 1909 wieder auf, als Nowell Smith
zum Direktor bestellt wurde. Bis 1926 hatte Nowell Smith die Schülerzahl von
zweihundert auf vierhundert verdoppelt und Sherborne als einigermaßen prominente
Schule etabliert.
Bevor Alan dort eintrat, stattete Mrs. Turing Sherborne einen Besuch ab und
konnte die Frau des Direktors sprechen. Sie machte Mrs. Nowell Smith "einige
Andeutungen darüber, was zu erwarten sei", und Mrs. Nowell Smith "verglich ihre
Beschreibung mit den günstigeren Berichten, die die anderen Eltern von ihren Jun-
gen gaben." Vermutlich auf ihren Vorschlag hin wurde Alan im Westcott House
untergebracht, dessen Vorsteher Geoffrey O'Hanlon war.
Das Sommertrimester sollte am Montag, dem 3. Mai 1926, beginnen. Es hatte
sich ergeben, daß dies der erste Tag des Generalstreiks war. Auf der Fähre von
St. Malo hatte Alan gehört, daß nur die Mi1chzüge fahren würden. Aber er wußte,
er konnte die sechzig Meilen von Southampton westwärts nach Sherborne per Rad
zurücklegen:
So radelte ich wie geplant ließ Gepäck beim Gepäckmeister startete von den Docks gegen
11 Uhr kaufte Landkarte für 3 Schilling die Southampton einschloß aber Sherbome um
etwa 3 Meilen verfehlte. Notierte wo Sherbome gerade außerhalb lag. Mit schrecklicher
Mühe, fand Hauptpostamt, schickte Telegramm O'Hanlon 1 Schilling. Fand Fahrrad-
geschäft, ließ Dinge reparieren 6 Pence. Fuhr um 12 Uhr ab hatte Mittagessen 7 Meilen
außerhalb 3 Schilling 6 Pence fuhr weiter nach Lyndhurst 3 Meilen kaufte Apfel 2 Pence
fuhr weiter nach Beerley 8 Meilen Pedal etwas beschädigt ließ es machen 6 Pence fuhr
weiter nach Ringwood 4 Meilen.
Die Straßen in Southampton waren voll von Menschen die gestreikt hatten. Hatte
eine wunderschöne Fahrt durch den New Forest und dann über eine Art Moor nach
Ringwood und wieder ziemlich flach bis Wimbome.

Alan übernachtete im besten Hotel von Blandford Forum - eine Ausgabe, die sein
Vater kaum gebilligt hätte. (Alan mußte jeden Penny, den er ausgab, abrechnen:
keine bloße Redewendung, denn sein Brief endete: "Schicke n -0-1 in f: Note und
Penny-Briefmarke zurück.") Aber die Besitzer berechneten nur einen symbolischen
Betrag und verabschiedeten ihn noch am Morgen. Dann:
Nahe Blandford einige nette grasbewachsene Hügel und plötzlich nur mehr wellig fast
den ganzen Weg hierher aber die letzte Meile ging ständig bergab.

Von West Hill konnte er seinen Bestimmungsort sehen: die kleine georgianische
Stadt von Sherborne und die Schule selbst bei der Abtei.
Von einem Jungen seiner Gesellschaftsklasse wurde geschicktes und selbst-
verständliches Improvisieren kaum erwartet. Daher löste die Fahrradreise Erstaunen
aus, und in der Lokalzeitung wurde darüber berichtet. 13 Während Winston Churchill
die "bedingungslose Kapitulation" der "feindlichen" Bergleute verlangte, hatte Alan
für sich das Beste aus dem Generalstreik gemacht. Er hatte zwei Tage der Freiheit
26 Kapitell

jenseits des Alltäglichen genossen. Nur waren sie allzu rasch vorübergegangen. Es
gab ein Buch 14 über das Leben in Sherborne, The Loom ofYouth* von Alec Waugh,
das die Gefühle beschreibt:

Die erste Woche des neuen Jungen an einer Public School ist vermutlich die elendste,
die er jemals in seinem Leben verbringt. Nicht, daß er schikaniert würde. .. er ist bloß
völlig einsam, in ständiger Angst, einen Fehler zu machen und schafft sich so selbst
Probleme, die nicht existieren.

Als der Held dieses Buches am Ende des zweiten Tages nach Hause schreibt,
"brauchte es keine sehr kluge Mutter, um zwischen den Zeilen zu lesen und zu
sehen, daß ihr Sohn hoffnungslos unglücklich war". Für Alan war es ärger, denn er
konnte nicht einmal unauffällig in der Menge untertauchen, solange seine Habselig-
keiten durch den Streik in Southampton hängenblieben. Am Ende der ersten Woche
schrieb er:

Es ist sehr ärgerlich hier ohne meine Kleidung oder irgend etwas. ... Es ist ziemlich
schwierig sich einzuleben. Schreibt bald. Am Mittwoch gab es keine Arbeit außer
"Hall"** oder Studium. Und dann ist es eine Beschäftigung die Klassenräume zu finden
die nötigen Bücher zu bekommen aber nach einer Woche oder so werde ich mehr oder
weniger eingerichtet sein ...

Aber eine Woche später ging es Alan nicht viel besser:

Ich gewöhne mich hier mehr und mehr ein. Aber ich werde mich nicht ganz wohl
fühlen bevor meine Sachen kommen. Fagging*** beginnt für uns am nächsten Dienstag.
Es läuft nach demselben Prinzip wie die gallischen Ratsversammlungen die den Mann
folterten und töteten der zuletzt ankam; hier ruft ein Fagmaster und alle seine Fags laufen
wer zuletzt ankommt muß die Arbeit machen. Hier muß man am Morgen kalt duschen in
Marlborough sind es kalte Bäder. Am Mo., Mi., Fr. haben wir um 6.30 Tee. Ich schaffe
es vom Mittagessen bis dahin ohne Essen auszuhalten. ... Der Generalstreik bedingte
auch einen Druckerstreik die Folge davon ist daß die Buchhandlung "Bennetts" keines
der bestellten Bücher hatte und mir eine Menge von ihnen fehlen. Wie in den meisten
Public Schools müssen neue Jungen ein Lied singen. Die Zeit ist noch nicht gekommen.
Ich bin mir nicht sicher was ich singen soll jedenfalls wird es nicht "Butterblume" sein.
. .. Die Menge an Arbeit die wir hier für "Hall" aufhaben ist manchnlal absurd wenig
z.B. Lest Akte Kapitel 3 und 4 und das ist für 3/4 Stunden.
Euer liebender Sohn Alan

Es gab tatsächlich ein Vorsingen und eine andere Zeremonie, bei der er in einem
Papierkorb den Tagesraum hinauf und hinunter geschubst wurde. Wenn seine Mutter

* A.d.Ü.: Der Webstuhl der Jugend


** A.d.Ü.: Hall wird der Studiersaal englischer Internatsschulen genannt.
*** A.d.Ü.: Die Sitte an englischen Internatsschulen, daß jüngere Schüler den älteren Dienste leisten
müssen.
Esprit de Corps 27

auch zwischen den Zeilen las, so ordnete sie ihr Mitgefühl ihrem Pflichtgefühl unter.
Ihr Kommentar zu diesem Brief war, er zeige Alans "launigen Sinn für Humor".
Er wurde nun endlich in Naturwissenschaften unterrichtet und berichtete:

Wir machen 2 Stdn Chemie die Woche. Wir sind nur ungefähr bis zur Stufe der "Ei-
genschaften der Materie", "Physikalische und chemische Veränderung" etc. gelangt. Der
Lehrer fand meine Jodherstellung ziemlich amüsant und ich zeigte ihm einige Proben.
Der Direktor wird "Häuptling" genannt. Ich scheine Griechisch zu machen und nicht
klassisches Griechisch ...

Dem Lehrer Andrews gefiel es zweifellos, daß Alan bereits soviel wußte. Er war
"herrlich unbefangen und unverdorben" angekommen. Und der "Präfekt" von West-
cott House, Arthur Harris, hatte Alans Fahrrad-Initiative damit belohnt, daß er ihn
zu seinem "Fag" oder Diener bestellte. Aber weder auf naturwissenschaftliche Aus-
bildung noch auf eigene Initiative legte Sherborne besonderen Wert.
Der Direktor pflegte die Bedeutung des Schullebens in seinen Ansprachen 15 zu
erläutern. Sherbornes vornehmliche Aufgabe, erklärte er, sei nicht "die Öffnung
des Geistes", obwohl "dies historisch gesehen die ursprüngliche Bedeutung von
Schule war". Tatsächlich, sagte der Direktor, bestünde "konstant die Gefahr, das
ursprüngliche Ziel der Schule zu vergessen". Denn die englische Public School
sei bewußt zu einer "Miniaturnation" entwickelt worden. Mit brutalem Realismus
verzichte sie auf das Lippenbekenntnis zu solchen Ideen wie Redefreiheit, gleiches
Recht und parlamentarische Demokratie und konzentriere sich auf die Tatsache des
Vorrechts und der Macht. Der Direktor stellte es so dar:

Im Klassenraum, in der Aula und im Schlafraum, auf dem Sportfeld und beim Appell,
in eurer Beziehung zu uns Lehrern und in der Rangordnung unter euch selbst seid ihr
vertraut geworden mit den Ideen der Autorität und des Gehorsams, der Zusammenarbeit
und Loyalität und der Idee, das Haus und die Schule über eure persönlichen Wünsche
zu stellen ...

Das große Thema der "Altersrangordnung" war gegeben durch Privilegien und
Pflichten in einem Gleichgewicht, in dem sich die ehrenwertere Seite des briti-
schen Weltreiches widerspiegelte. Aber das war ein Thema, zu dem die "Öffnung
des Geistes" bestenfalls als Belanglosigkeit hinzutrat.
Die viktorianischen Reformen hatten ihre Spuren hinterlassen. Wettbewerbsprü-
fungen spielten nun durchaus eine Rolle im Alltag der Public Schools. Auch hatten
Schüler mit geisteswissenschaftlicher Ambition die Möglichkeit, in der "Miniaturna-
tion" den Part der Intelligentsia zu übernehmen. Sie wurden geduldet, vorausgesetzt,
sie mischten sich in nichts Wesentliches ein. Aber Alan, der nicht zu dieser Gruppe
gehörte, bemerkte bald das "absurd Wenige", das von ihm erwartet wurde. Und
in der Tat waren es die organisierten Teamspiele wie Rugby Football ("Footer")
und Cricket, die für die meisten Jungen die Jahre in Sherborne beherrschten und
28 Kapitell

ihnen die emotionalen Lektionen erteilten. Die sozialen Veränderungen des Ersten
Weltkrieges hatten für das totale, introvertierte und gehemmte System des Hausle-
bens, mit seiner dauernden öffentlichen Überwachung und Kontrolle jedes einzelnen
Jungen, keinerlei Unterschied gebracht. Das waren die wahren Prioritäten.
Nur in einer Hinsicht hatte man der viktorianischen Reform eine nominelle
Konzession gemacht. Es hatte seit 1873 einen Lehrer für Naturwissenschaften in
Sherborne gegeben, aber dies war hauptsächlich dem medizinischen Beruf zuliebe
geschehen. Diese "Werkstatt der Welt" trug den Makel, im Geiste viel zu weltlich-
utilitaristisch zu sein, um die Zeit eines Gentleman in Anspruch zu nehmen. Die
Stoneys mochten die Brücken des Empire bauen, aber es war eine höhergestellte
Schicht, die ihnen die Befehle erteilte. Die Naturwissenschaften genossen keinen
Respekt für ihre Suche nach Wahrheit ohne Rücksicht auf Nützlichkeit. Auch hier
hatte sich die Public School den triumphierenden Ansprüchen der Naturwissenschaf-
ten des neunzehnten Jahrhunderts widersetzt. Nowell Smith teilte die intellektuelle
Welt in Klassik, Modeme und Naturwissenschaften, in dieser Reihenfolge, und ver-
trat die Ansicht:
Nur ein einfaches Gemüt kann annehmen, daß all der Fortschritt der Entdeckung uns
der Lösung der Rätsel des Universums, die den Menschen seit Anbeginn verfolgt haben,
erkennbar näher bringe ...

Von genau dieser Art war das fossile Miniatur-Britannien, in dem Herren und
Diener noch ihren Platz kannten, und wo die Bergarbeiter sich der Schule gegenüber
unloyal verhielten. Die Jungen spielten Diener und luden Milchkannen auf die Züge,
bis der Streik von den Herren des Landes gebrochen war. Dies war die Welt, in der
Alan Turing mit seinem einfachen Denken nun angekommen war, einem Denken,
das kein Interesse hatte an den Problemen der zukünftigen Landbesitzer, Baumeister
des Empire oder Verwalter der Bürde des weißen Mannes; sie alle gehörten zu einem
System, das kein Interesse an ihm hatte.
Überhaupt war das Wort "System" ein beständiger Refrain, und das System
funktionierte fast unabhängig von individuellen Persönlichkeiten. Westcott House,
in dem Alan sich einquartierte, hatte erst 1920 seine ersten Internatsschüler auf-
genommen, und doch existierte es bereits, als ob die traditionellen Präfekten und
"Fags" und Prügelstrafen im Waschraum Naturgesetz wären. Und man nahm es
als gegeben hin, obwohl der Vorsteher des Hauses, Geoffrey O'Hanlon, ein durch-
aus eigenständiger Kopf war. Er war damals ein Junggeselle über vierzig, trug
den (ziemlich versnobten) Spitznamen "Lehrer" und hatte das ursprüngliche Haus
mit eigenen Geldmitteln erweitert, die aus der Baumwollfabrikation in Lancashire
stammten. Er selbst glaubte nicht, daß die Jungen alle in dieselbe Form gepreßt
werden sollten. Es glückte ihm auch nicht, die Religion des "Footer" mit demselben
Enthusiasmus zu verbreiten wie es den Vorstehern der anderen Häuser gelang. Dem-
zufolge genoß sein Haus den vagen Ruf der "Nachlässigkeit". Er förderte Musik
Esprit de Corps 29

und Kunst, hatte eine Abneigung gegen Einschüchterung und Schikanen und machte
dem Vorsingen von Liedern als Initiationsritus kurz nach Alans Ankunft ein Ende.
Als Katholik und Vertreter des klassischen Bildungsideals kam er einer liberalen
Regierung in der "Miniaturnation" noch am nächsten. Doch das System war, von
Details abgesehen, in allem vorherrschend. Man konnte sich anpassen, rebellieren
oder sich zurückziehen - und Alan zog sich zurück.
"Er scheint verschlossen und neigt zum Einzelgänger", war O'Hanlons Kom-
mentar. 16 "Das ist nicht auf ein mürrisches Wesen zurückzuführen, sondern, wie ich
denke, auf eine schüchterne Veranlagung." Alan hatte keinen Freund, und mindestens
einmal in diesem ersten Jahr wurde er von den anderen Jungen unter einigen losen
Bodenbrettern im Tagesraum des Hauses eingesperrt. Er versuchte dort, seine Che-
mieexperimente fortzusetzen, aber das war doppelt verhaßt, da es eine streberische
Gesinnung zeigte und eklige Gerüche produzierte. "Etwas weniger schmutzig und
unordentlich in seinen Gewohnheiten", schrieb O'Hanlon Ende 1926, "eher mehr
einer Verpflichtung bewußt, sich zu ändern. Er muß seine eigene Furche pflügen
und mag nicht auf allgemeine Sympathie stoßen: er scheint heiter, obwohl ich nicht
immer sicher bin, daß er es wirklich ist".
"Seine Art ist manchmal herausfordernd, trotzdem denke ich, daß er nicht
unglücklich ist. Er ist unbestreitbar kein ,normaler' Junge, deshalb nicht schlechter,
aber wahrscheinlich weniger glücklich", schrieb er etwas widersprüchlich am Ende
des Frühjahrstrimesters 1927. Der Schulleiter bemerkte munterer:
Er sollte sich sehr gut machen, wenn er sein Metier findet; aber in der Zwischenzeit
könnte er viel besser sein, wenn er versuchen würde, sein Bestes als Mitglied dieser
Schule zu tun - er sollte mehr Korpsgeist haben.

Alan war nicht, was Brewster einen "richtigen Jungen" nannte, dessen Instinkte,
Erbe tausender Jahre kriegerischen Verhaltens, in ihm den Wunsch weckten, Dinge
nach anderen Leuten zu werfen. In dieser Hinsicht war er mehr wie sein Vater, dem
es als Jungen in Bedford gelungen war, den Spielen zu entkommen. Mr. Turing,
dem es am exzessiven Respekt seiner Frau für Lehrer mangelte, richtete ein be-
sonderes Ansuchen an die Schule, damit Alan vom Cricket entschuldigt würde, und
O'Hanlon erlaubte ihm, statt dessen Golf zu spielen. Aber er machte sich selbst zum
"Trottel", als er die Gruppe seines Hauses beim Turnen aus "Schlaffheit" im Stich
ließ. Man nannte ihn auch schmutzig, wegen seines dunklen, fettigen Teints und
seines fortwährenden "Ausschlags" von Tintenflecken. Füllfedern schienen immer
noch zu spritzen, wann immer seine ungeschickten Hände in ihre Nähe kamen. Sein
Haar, das von Natur aus nach vorne fiel, weigerte sich, in der gewünschten Richtung
liegenzubleiben, sein Hemd schlüpfte aus der Hose, seine Krawatte aus dem steifen
Kragen. Er schien immer noch unfähig herauszufinden, welcher Jackenknopf zu
welchem Knopfloch gehörte. Am Freitagnachmittag, bei der Parade des Offiziers-
trainingskorps, stach er hervor durch seine schiefe Mütze, krummen Schultern und
30 Kapitell

schlecht sitzende Uniform mit Wickelgamaschen wie Lampenschirmen, die sich an


seinen Beinen emporwanden. Alle seine Charakteristika machten ihn leicht zur Ziel-
scheibe des Spotts, besonders seine schüchterne, zögernde und hohe Stimme - die
nicht wirklich stotterte, aber zögerte, als warte sie auf einen mühsamen Prozeß,
durch den seine Gedanken in die Form menschlicher Sprache übersetzt würden.
Mrs. Turing sah ihre ärgste Befürchtung bestätigt, daß Alan sich nicht an das
Leben in einer Public School anpassen würde. Er war auch nicht die Art Junge,
die im Haus unpopulär ist, aber den Lehrern beim Unterricht gefeHlt. Er hatte auch
dort keinen Erfolg. In seinem ersten Trimester war er einer Klasse zugewiesen
worden, genannt "die Muschel", mit Jungen, die ein Jahr älter waren als er, aber
keine guten Schüler. Dann wurde er "befördert", doch nur in die Eingangsklasse
für jene, von denen man annahm, sie seien mittelmäßig begabt. Alan nahm wenig
Notiz. Die Lehrer strömten vorbei - siebzehn in den ersten vier Trimestern - und
keiner verstand den verträumten Jungen in einer Klasse von zweiundzwanzig. Ein
Klassenkamerad aus jener Periode erzählt: 17

Er war grausamerweise die Zielscheibe von mindestens einem Lehrer, denn es gelang
ihm immer, Tinte auf seinen Kragen zu klecksen, so daß der Lehrer leicht die Lacher auf
seiner Seite hatte, wenn er sagte: "Schon wieder Tinte auf deinem Kragen, Turing!" Eine
kleine und geringfügige Sache, aber sie haftete in meiner Erinnerung als ein Beispiel,
wie einem sensiblen, zurückhaltenden Jungen. .. sein Leben in der Public School zur
Hölle gemacht werden kann.

Zweimal im Trimester gab es Schulnachrichten, und die ungeöffneten Kuverts la-


gen anklagend auf dem Frühstückstisch, während Mr. Turing "sich mit einigen Pfei-
fen und The Times stärkte." Alan sagte dann immer, ohne zu überzeugen: "Daddy
erwartet, Schulnachrichten seien wie Reden nach dem Dinner." Oder: "Daddy sollte
die Zeugnisse von einigen anderen Jungen sehen." Aber Daddy zahlte nicht für die
anderen Jungen und sah das hart erworbene Schulgeld ohne erkennbare Wirkung
verschwinden.
Daddy hatte nichts gegen seine Abweichungen vom konventionellen Benehmen
oder betrachtete sie zumindest mit amüsierter Toleranz. Tatsächlich gerieten beide,
John und Alan, nach ihrem Vater. Alle drei glaubten daran, ihre Meinung zu sa-
gen und ihre Ideen mit einer Entschlossenheit umzusetzen, die bisweilen verwegen
war. Innerhalb der Familie steuerte Mama die Stimme der öffentlichen Meinung
bei, die anderen hielten ihren Geschmack und ihr Urteil für abgeschmackt provin-
ziell. Sie war es, nicht ihr Ehemann oder John, die sich berufen fühlte, Alan zu
verändern. Mr. Turings Toleranz erstreckte sich jedoch nicht auf die Vergeudung
einer wertvollen Public School-Erziehung. Seine Finanzen waren besonders knapp
zu diesem Zeitpunkt. Er war schließlich des Exils müde geworden und hatte sich
ein kleines Haus am Rande von Guildford in Surrey genommen. Nun mußte er
Einkommenssteuer zahlen und auch John am Beginn seiner Karriere unterstützen.
Esprit de Corps 31

Er hatte seinem Sohn vom IeS abgeraten, da er vorhersah, daß die Reformen von
1919, die eine indische Teilhabe an der Provinzregierung einführten, den Anfang
vom Ende bedeuteten. John hatte voll Energie daran gedacht, im Verlagswesen tätig
zu werden, und die Lieblingsidee seines Vaters war, er sollte nach Südamerika ge-
hen, um mit Guano Geld zu machen. Aber am Ende setzte sich Mrs. Turing mit
dem sicherheitsbewußten Vorschlag durch, er möge doch Anwalt werden. Mr. Tu-
ring war nun verpflichtet, f450 für die Ausbildung seines Sohnes zu bezahlen und
ihn fünf Jahre zu erhalten.
Aber Alan konnte den Sinn der so teuer für ihn errungenen Schulbildung nicht
erkennen. Sogar über Französisch, das einmal Alans Lieblingsfach gewesen war,
schrieb der Lehrer: "Sein Mangel an Interesse ist sehr deprimierend, außer wenn
ihn etwas amüsiert." Er entwickelte eine besonders ärgerliche Art, den Unterricht
während des Trimesters zu ignorieren und dann bei der Prüfung erster zu sein.
Griechisch jedoch, das er in Sherborne erstmals lernen sollte, ignorierte er komplett.
Drei Trimester lang stand er an allerletzter Stelle, dann gab man in diesem Punkt
nach und gestattete ihm widerwillig, Griechisch aufzugeben. "Nachdem er sich nun
eine privilegierte Sonderstellung gesichert hat", schrieb O'Hanlon, "ist er im Irrtum,
wenn er so handelt, als würden Faulheit und Gleichgültigkeit die Befreiung von
unangenehmen Unterrichtsfächern bewirken."
In Mathematik und Naturwissenschaften schrieben die Lehrer anerkennendere
Beurteilungen, aber es gab immer irgendeinen Grund zur Klage. Im Sommer 1927
zeigte Alan seinem Mathematiklehrer, einem gewissen Randolph, eine Arbeit, die er
alleine gemacht hatte. Er hatte die unendliche Reihe für die "inverse Tangensfunk-
tion" gefunden, beginnend mit der trigonometrischen Formel für tan ~. * Randolph
war dementsprechend verblüfft und erzählte Alans Klassenlehrer, daß er ein "Ge-
nie" wäre. Aber die Nachricht sank wie ein Stein in den Teich von Sherborne. Sie
bewahrte Alan bloß vor einer Zurückversetzung, und sogar Randolph beurteilte ihn
ungünstig:

Nicht sehr gut. Verbringt offensichtlich eine ganze Menge Zeit mit Fragen der höheren
Mathematik und vemachläßigt dabei die grundlegende Arbeit. Ein solides Fundament ist
in jedem Unterrichtsfach essentiell. Seine Arbeiten sind schmutzig.

Der Direktor erteilte eine Warnung:

Ich hoffe, er wird nicht zwischen zwei Stühle fallen. Wenn er an der Public School
bleiben soll, muß er danach trachten, gebildet zu werden. Wenn er einzig ein wissen-
schaftlicher Spezialist werden soll, verschwendet er an der Public School seine Zeit.

*Die
. Reihe
. 1St.
' . tan -1 x _- x - "3
x3 x5
+ ""5 x7
- '7 ...
Es war ein Standardresultat in der Arbeit der sechsten Klasse, aber der springende Punkt ist, daß er
es entdeckte ohne Verwendung der elementaren Differentialrechnung. Am bemerkenswertesten war
vielleicht seine Einsicht, daß eine solche Reihe überhaupt existieren sollte.
32 Kapitell

Diese Anspielung auf einen Ausschluß von der Schule donnerte auf den Frühstück-
stisch, alles gefahrdend, wofür Mr. Turing gearbeitet und Mrs. Turing gebetet hatte.
Aber Alan entdeckte einen Weg, um das System zu schlagen, welches Nowell Smith
"den wesentlichen Glanzpunkt und Zweck der englischen Public School" nannte. Er
verbrachte die zweite Hälfte des Trimesters isoliert im Sanatorium mit Mumps. Als
er wieder zum Vorschein kam, erbrachte er bei den Prüfungen die übliche gute
Leistung und gewann einen Preis. Der Direktor bemerkte dazu:

Er verdankt seinen Platz völlig der Mathematik und den Naturwissenschaften, aber er
zeigte Verbesserung auf der literarischen Seite. Wenn er so weiter macht wie jetzt, sollte
er sehr gut sein.

Die Sommerferien verbrachten die Turings wieder in einer Pension in Wales,


diesmal in Ffestiniog. Alan und seine Mutter marschierten auf die Berggipfel. Da-
heim in der Pension gab es einen Mr. Neild, der sich sehr für Alan interessierte und
ihm ein Buch über Bergsteigen gab, in das er eine lange Widmung schrieb, die von
Alans Bergwanderungen als einem Omen für den künftigen Aufstieg in intellektuelle
Höhen sprach. Für einen kurzen Augenblick hatte ihn ein Mensch ernstgenommen.

Der menschliche Körper war, wie Natural Wonders erklärte, "eine lebende Apo-
theke". So beschrieb Brewster die Wirkungen der erst kurz vorher entdeckten Hor-
mone. Eher durch sie als durch das Nervensystem würden "verschiedene Teile
des Körpers" einander "Signale senden", indem sie "chemische Botschaften aus-
tauschen". Während des Jahres 1927, als er fünfzehn wurde, erreichte Alan seine
Körpergröße, und vermutlich fanden auch die interessanteren und aufregenderen
Veränderungen zur selben Zeit statt.
Es war auch Zeit für das Pubertätsritual der Church of England. Alan wurde am
7. November 1927 konfirmiert. Wie das Offiziertrainingskorps, war die Konfirmation
eine jener Pflichten, für die man sich freiwillig melden mußte. Aber er glaubte daran
oder zumindest an irgend etwas, als er vor dem Bischof von Salisbury kniete und
der Welt, dem Fleisch und dem Teufel widersagte. Jedenfalls nahm Nowell Smith
die Gelegenheit zum Anlaß, um zu bemerken:

Ich hoffe, er nimmt die Konfirmation ernst. Wenn er es tut, wird er nicht bereit sein,
selbstverständliche Pflichten zu vernachlässigen, um eigenen Neigungen zu frönen, wie
gut sie an sich auch immer sein mögen.

Für Alan waren die "Pflichten" - dumme Sätze ins Lateinische zu übersetzen, die
Knöpfe auf seinem Korps-Waffenrock zu polieren und ähnliches - weit entfernt von
"selbstverständlich". Er hatte seine eigene Art von Ernst. -Die Worte des Direktors
hätten wohl besser auf jene äußerliche Konformität gepaßt, von der Alec Waugh
geschrieben hatte:
Esprit de Corps 33

Wie es bei den meisten Jungen der Fall ist, hatte die Konfirmation wenig Auswirkung auf
Gordon. Er war kein Atheist; er akzeptierte das Christentum auf etwa dieselbe Weise wie
er die Konservative Partei akzeptierte. Die besten Leute glaubten alle daran, so mußte
es richtig sein; aber zugleich hatte es nicht den geringsten Einfluß auf seine Handlungen.
Wenn er zu diesem Zeitpunkt irgendeine Religion hatte, so war es Fußball ...

Das waren starke Worte für ein Buch, das 1917 erschienen war, als jede Woche ein
ehemaliger Schüler von Sherborne im Krieg geopfert wurde. Auf Grund solcher
Bemerkungen wurde The Loom 0/ Youth in Sherborne verboten, und jeder Junge,
bei dem das Buch gefunden wurde, erhielt augenblicklich Prügel.
Doch hatte der abtrünnige Autor wenig mehr gesagt, obgleich in anderer Spra-
che, als durch den Direktor enthüllt wurde:

Wohlgemerkt, ich attackiere nicht das System der Public School. Ich glaube an seinen
enormen Wert, vor allem an das Pftichtbewußtsein, die Loyalität und die Ehrfurcht vor
den Gesetzen, die es einschärft. Aber es kann den Gefahren nicht entgehen, die zu
jedem System der Disziplin gehören, den Gefahren, sich reiner Routine zu unterwerfen,
Fertiggefühle aus zweiter Hand zu übernehmen, eines sklavischen, oder vielleicht sollte
ich eher sagen: schafsartigen Mangels an Eigenständigkeit des Charakters.

"Das System kann diesen Gefahren nicht entgehen", fuhr er fort, "aber wir Einzel-
menschen ... können sie überwinden, wenn wir den richtigen Weg dazu einschla-
gen." Es war für den Einzelnen jedoch sehr schwierig, gegen das Wesen der totalen
Organisation anzugehen. Wie Nowell Smith sagte, "sind von allen Gesellschaften
sehr wenige so eindeutig und leicht zu verstehen wie eine derartige Schule ... wir
alle hier leben in einer Gemeinsamkeit, unter einer gemeinsamen Disziplin. Unser
Leben ist mit großer Gründlichkeit organisiert, und die Organisation ist ausgerich-
tet auf ein klares Ziel ... ". Weiterhin bemerkte der Direktor, daß "Schuljungen,
wieviel Originalität sie auch als Individuen besitzen mögen, in ihrem Verhalten im
höchsten Grade konventionell sind". Nowell Smith war kein engstirniger Mann,
und irgendwie gelang es ihm, sein Erziehungssystem mit seiner Liebe zu Gedich-
ten von Wordsworth, deren Herausgeber er war, zu versöhnen. In dem Anhänger
des Klassischen schlug ein romantisches Herz und eines, das ihm vielleicht Sorgen
bereitete.
"Charakterliche Eigenständigkeit" in einem System "reiner Routine" zu fördern,
war indes ein Problem, das nicht so sehr mit den gehobenen Fragen romantischen
Bewußtseins verbunden war als mit dem, was man "schmutzige Reden" nannte. Der
Direktor rief die einzelnen Schüler dazu auf, ihren wahren Patriotismus für Sherborne
zu zeigen, indem sie solchen Unflat vermieden und appellierte an den Jungen von
eigenständigem Charakter, der

in einem zivilisierten Heim erzogen, Flüche, derbe Witze und vulgäre Anzüglichkeiten
instinktiv ablehnt, und der doch aus reiner Feigheit seine Ablehnung verbergen, sich
34 Kapitel J

vielleicht zum Lachen zwingen und sogar beginnen wird, den schmutzigen Jargon zu
lernen!

In einer reinen Jungenschule war nur eine Art "vulgärer Anzüglichkeit" möglich.
Der Kontakt zwischen den Jungen barg sexuelle Spannung, ein Faktum, das sich
in dem effektiven Verbot freundschaftlicher Beziehungen zwischen Jungen aus ver-
schiedenen Häusern oder verschiedenen Alters widerspiegelt. Diese Verbote und
der "Tratsch" oder "Skandal", der mit ihnen in Verbindung stand, waren nicht Teil
des offiziellen Lebens einer Public School, waren aber deshalb nicht weniger real.
Nowell Smith mochte die Tatsache verdammen, daß es "eine Art von geeigneter
Sprache für das Elternhaus oder die Ohren des Lehrers und eine andere Art für den
Studienraum oder den Schlafsaal" gab, aber sie war eine Gegebenheit schulischen
Lebens. Natural Wonders erklärte:

Wir sagen im allgemeinen, daß wir mit unserem Gehirn denken. Das ist wahr, aber es
ist keineswegs die ganze Geschichte. Das Gehirn hat zwei ganz gleiche Hälften, genau
wie der Körper. Tatsächlich sind die beiden Seiten des Gehirns noch präziser gleich als
die beiden Hände. Dennoch erfolgt all unser Denken nur mit einer Seite.

Alec Waugh beschuldigte Sherborne, es biete - bildlich gesprochen - eine Ausbil-


dung in der voneinander unabhängigen Verwendung der beiden Hälften des Gehirns.
"Das Denken", oder eher das offizielle Denken, gehe in der einen Hemisphäre vor
sich und das nonnale Leben in der anderen. Nun, das war durchaus keine satirische
Spitzfindigkeit; ein vernünftiger Mensch hätte die beiden Hemisphären niemals ver-
wechselt. Immerhin funktionierten sie sehr gut, und es ging nur dann etwas schief,
wenn Dinge geschahen, die den Kurzschluß der zwei Welten bewirkten. Dann mußte,
wie Waugh nicht ohne Emotion sagte, das wirkliche Verbrechen aufgedeckt werden.
1927 hatte sich die Schule in ihren inoffiziellen Gepflogenheiten etwas verändert.
Als die Jungen The Loom of Youth lasen (was sie natürlich taten, weil es verboten
war), waren sie von der gezeigten oder zumindest angedeuteten Toleranz gegenüber
sexuellen Freundschaften ziemlich überrascht. Wenn die Sportmannschaften ihre
Gegner von anderen Public Schools trafen, waren sie verblüfft über die große Frei-
heit, die an den Konkurrenzinstitutionen zugestanden wurde. Die Jungen von Sher-
borne standen zu dieser Zeit für eine puritanischere, weniger zynische Orthodoxie
ein als jene von Alec Waugh aus dem Jahre 1914. Nowell Smith appellierte nicht
länger an den eigenständigen Jungen, das auszumerzen, was er "unflätige Sprache"
nannte. Aber er hatte den fluß der chemischen Botschaften in vierhundert spros-
senden "lebenden Apotheken" nicht verhindern können, und nicht einmal die kalten
Bäder hatten den "schmutzigen Reden" ein Ende gemacht.
Alan Turing war ein Junge von eigenständigem Charakter, aber dieses Thema
stellte ihn vor ein Problem, das diametral verschieden von dem des Direktors war.
Für die meisten Jungen wäre "Skandal" ein schnell vergessener Scherz, der die
Esprit de Corps 35

Monotonie des Schulalltags erleichtert. Doch bei ihm berührte dieses Wort das
Zentrum des Lebens selbst. Denn obwohl er mittlerweile gewiß etwas über die
Vögel und Bienen gelernt hatte, sollte sein Herz anderswo sein. Das Geheimnis, wie
Babies geboren werden, war gut verborgen, aber jeder wußte, daß es ein Geheimnis
gab. Ihm jedoch war durch Sherborne ein Geheimnis bewußt geworden, das es in der
Außenwelt nicht einmal geben durfte. Und das war sein Geheimnis. Denn Liebe
und Begehren zogen ihn nicht nur zu dem "Selbstverständlichsten in der Natur",
sondern auch zu seinem eigenen Geschlecht.
Er war eine ernsthafte Persönlichkeit und nicht einer der von Alec Waugh so
genannten "durchschnittlichen Jungen". Er war nicht "im höchsten Grade konven-
tionell" und deshalb litt er. Für ihn mußte alles einen Grund haben; es mußte einen
Sinn ergeben, und zwar einen, nicht zwei. Aber Sherborne sollte ihm in dieser Hin-
sicht nicht helfen, außer daß es ihn seiner selbst bewußt machte. Um unabhängig zu
sein, mußte er sich seinen Weg durch offizielle und inoffizielle Regeln gleichermaßen
bahnen, und es gab sicherlich keine "Fertiggefühle" für ihn. In Sherborne waren
die zwei "Naturwunder" seines Lebens die Naturwissenschaften, von den Schülern
verächtlich "Stinks" genannt, und "filth", das heißt "Schweinskram".

Hatte Nowell Smith manchmal Vorbehalte gegenüber dem System der Public
School, so wurde Alans Klassenlehrer im Herbst 1927, ein gewisser A.H. Trelawny
Ross, nicht von solchen Zweifeln geplagt. Selbst ein in Sherborne geschulter Mann,
war er 1911 unmittelbar von Oxford dorthin zurückgekehrt; er lernte nichts und
vergaß nichts in seinen dreißig Jahren als Vorsteher eines der Internatshäuser. 18 Als
strenger Feind von "Nachlässigkeit" teilte er keinen der Skrupel des Direktors über
sklavisches Wesen. Auch sein sprachlicher Stil stand im Gegensatz zu dem von
Nowell Smith, sein "Hausbrief' von 1928 begann auf diese Weise:

Mit meinem für den Tagesraum zuständigen Vertrauensschüler (Größe 4 Fuß, 11 Zoll)
habe ich ein Hühnchen zu rupfen. Er hat den Leuten erzählt, ich sei ein Frauenhasser.
Diese kleine Lüge wurde vor einigen Jahren von einer Dame in Umlauf gesetzt, die
mich nicht genügend schwärmerisch fand. Meine tatsächliche Meinung ist, daß ein
Frauenhasser einen geistigen Tick hat, genauso wie der weibliche Männerhasser, von
denen es auch eine Menge gibt ...

Als engstirniger Nationalist, der seine Lektion in Loyalität sowohl zur Schule wie
zum Haus nicht ordentlich gelernt hatte, interessierte sich Ross wenig für seine
Klasse. Er ließ ihr jedoch sein Wissen und seine Lebenserfahrung zugute kommen.
Er unterrichtete eine Woche Lateinische Übersetzung, eine Woche Lateinische Prosa
und eine Woche Englisch. Besonderes Gewicht legte er, neben der Rechtschreibung,
auf praktische Themen: "Wie man einen Brief beginnt, schreibt und adressiert",
"Wie man eine Zusammenfassung macht", "Wie ein Sonett aufgebaut ist und wie
man vernünftige, gut komponierte schriftliche Aufsätze schreibt".
36 Kapitell

In dieser Hinsicht vertrat Ross hartnäckig seine vernünftige Meinung, daß "mit
dem Vormarsch der Demokratie Benehmen und Moral zurückweichen" und forderte
die Lehrerschaft auf, The Rising Tide 0/ Colour zu lesen. Auch war er überzeugt,
daß Deutschland im Krieg unterlegen war, "weil es dachte, daß die Naturwissen-
schaften und der Materialismus stärker seien als religiöses Denken und gläubige
Lebensführung." Er nannte die naturwissenschaftlichen Unterrichtsfächer "niedrige
Verschlagenheit" und pflegte zu schnüffeln und zu sagen: "Dieser Raum riecht nach
Mathematik! Geht raus und holt einen Desinfektionsspray!"
Alan verwendete die Zeit für etwas, das er interessanter fand. Ross ertappte ihn,
als er während einer Stunde in "Religiöser Unterweisung" Algebraaufgaben löste,
und schrieb zur Mitte des Trimesters:

Ich kann seine Handschrift verzeihen, obwohl sie die ärgste ist, die ich je gesehen habe,
und ich versuche seine ... Ungenauigkeit tolerant zu betrachten und seine schlampige,
schmutzige Arbeit, obwohl solche Ungenauigkeit bei einem Utilitaristen inkonsequent
ist, aber die Dummheit seiner Haltung gegenüber einer vernünftigen Diskussion über das
Neue Testament kann ich nicht verzeihen.
Er sollte, was die Unterrichtsthemen dieser Klasse anlangt, nicht in dieser Klasse
sein. Er ist lächerlich weit zurück.

Im Dezember 1927 reihte ihn Ross sowohl in Englisch als auch in Latein an die letzte
Stelle und heftete an seine Schulnachricht eine tintenfleckige Seite, die deutlich die
vernachlässigbar kleine Energiemenge aufzeigte, welche Alan den Taten von Marius
und Sulla zugestanden hatte. Doch sogar Ross schwächte seine Klage mit der Be-
merkung ab: "Ich mag ihn persönlich." Q'Hanlon schrieb, er habe einen "rettenden
Sinn für Humor". Daheim mochten Alans unordentliche Experimente zwar lästig
sein, aber er hatte eine so lustige Art, wissenschaftliche Fakten im Plauderton zu
erzählen und über seine eigene Ungeschicklichkeit Witze zu machen, naiv und ohne
jede Angeberei, daß man ihn gerne haben mußte. Es war sicher dumm von ihm,
sich das Leben nicht einfacher zu machen. Gewiß war er faul und vielleicht arrogant
in seinem Glauben, er wüßte, was gut für ihn sei. An ihn gestellte Forderungen,
die an seinen Interessen vorbeiliefen, machten ihn nicht gerade widerspenstig, doch
irritierten sie ihn. Er klagte auch zu Hause nicht über Sherborne, denn er hatte es
als Fakt des Lebens akzeptiert.
Jeder mochte ihn persönlich gernhaben, aber als Teil eines Systems war sein
Fall eine ganz andere Angelegenheit. Weihnachten 1927 schrieb der Direktor:

Er ist die Art von Junge, die zwangsläufig in jeder Art von Schule oder Gemeinschaft
eher ein Problem darstellt. In mancher Hinsicht ist er eindeutig anti-sozial. Aber ich
denke, in unserer Gemeinschaft hat er eine gute Chance, seine speziellen Talente zu
entwickeln und zugleich etwas von der Kunst des Lebens zu lernen.

Mit dieser Beurteilung trat Nowell Smith plötzlich in den Ruhestand, vielleicht nicht
Esprit de Corps 37

traurig, die Widersprüchlichkeiten seiner Gemeinschaft und das Problem von Alan
Turings eigenständigem Charakter an andere abzutreten.
Der Jahresbeginn 1928 bezeichnete eine Periode der Veränderung für Sherborne.
Nachfolger von Nowell Smith war ein C.L.F. Boughey, der Lehrer in Marlborough
gewesen war. Zufällig war der Abgang des Direktors mit dem Tod von Carey, dem
sportlichen Leiter der Schule, zusammengefallen. Die beiden hatten, als "Häuptling"
und "Bulle", die Welt von Sherborne untereinander in mens und corpus geteilt und
jeder hatte über sein Reich zwanzig Jahre lang geherrscht. Auf Carey folgte in dieser
Rolle die Bulldoggenfigur Ross.
Dies bedeutete auch eine Veränderung für Alan. Sein Hausvorsteher bat Blamey,
einen ernsten und ebenfalls ziemlich isolierten Jungen, der ein Jahr älter war als Alan,
ein Studierzimmer für zwei Jungen mit ihm zu teilen. Blamey sollte versuchen,
Alan ordentlicher zu machen, "ihm helfen sich einzuordnen und versuchen, ihm zu
zeigen, daß es im Leben außer der Mathematik auch noch andere Dinge gibt." Bei
der ersten Aufgabe gab es einen kläglichen Mißerfolg; bei der zweiten stieß er auf
die Schwierigkeit, daß Alan "wunderbare Konzentrationsfähigkeit besitzt und von
einem unverständlichen Problem absorbiert wird." Blamey sah es als seine Pflicht
an, "zu unterbrechen und zu sagen, daß es Zeit sei, in die Kapelle, zu Spielen oder
zum Nachmittagsunterricht zu gehen" oder was eben sonst gerade anstand. Er war
ein wohlmeinender Mensch, der von den Segnungen eines reibungslos laufenden
Systems überzeugt war. 19 O'Hanlon hatte zu Weihnachten geschrieben:

Zweifelsohne ist er sehr irritierend, und er sollte mittlerweile bereits wissen, daß ich
es nicht schätze, wenn ich ihn dabei finde, wie er auf einem Fensterbrett mit Hilfe
zweier tropfender Kerzen der Himmel weiß was für Hexengebräu kocht. Er hat seine
Kümmernisse jedoch sehr heiter ertragen und sich zweifellos mehr Mühe gegeben, zum
Beispiel im Sportunterricht. Ich bin weit davon entfernt, hoffnungslos zu sein.

Alans einziges Bedauern wegen des "Hexengebräus" war, daß O'Hanlon


"versäumt hat, die sehr schönen Farben auf ihrem Höhepunkt zu sehen, erzeugt
durch die Entzündung des Dampfes, produziert durch überhitztes Kerzenfett." Alan
war noch von der Chemie fasziniert, aber nicht daran interessiert, sie auf eine Weise
zu betreiben, die irgend jemand erfreute. Schulnachrichten aus Mathematik und
Naturwissenschaften wie " ... beeinträchtigt durch Ungenauigkeit, Unordentlichkeit
und schlechten Stil ... erschreckend unordentlich sowohl bei schriftlicher als auch
bei experimenteller Arbeit ... " spiegelten weiterhin seine mangelnde Fähigkeit zu
effektiver Kommunikation wider, räumten aber gleichzeitig ein, daß er "vielver-
sprechend" sei. "Seine Art, seine Arbeit zu präsentieren, ist noch immer ekelhaft",
schrieb O'Hanlon, "und nimmt viel von der Freude, die sie geben sollte." "Er ver-
steht nicht, daß schlechte Schrift und unordentliche Ziffern schlechtes Benehmen
bedeuten." Ross hatte ihn an eine andere Klasse abgegeben, aber im Frühling 1928
war er fast immer noch das Schlußlicht. "Derzeit scheint sein Verstand ziemlich
38 Kapitell

chaotisch, und er hat große Schwierigkeiten, sich auszudrücken. Er sollte mehr


lesen", schrieb der Lehrer, vielleicht vorurteilsfreier als Ross.
Es war fraglich, ob er das School Certificate schaffen und in die sechste Klasse
aufsteigen könnte. O'Hanlon und die Naturwissenschaftslehrer wollten, daß er es
versuchte, aber der Rest war dagegen. Die Entscheidung mußte vom neuen Direktor
getroffen werden, der nichts von Alan wußte. Boughey hatte sich als neuer Besen
erwiesen, der geheiligte Traditionen der Schule über den Haufen warf. Der Leiter
der "Classical Sixth" war nicht länger automatisch Leiter der Schule. Die Präfekten
waren befremdet gewesen, als er der ganzen Schule einen Vortrag über "schmut-
zige Reden" hielt. (Sie meinten, er beurteile Sherbome nach den Maßstäben von
Marlborough.) Die Lehrerschaft war entsetzt, als er vor der versammelten Schule
sein Fiat erteilte, daß es in der Kapelle keinen Gedenkstein für Carey geben würde.
Dieser Umstand besiegelte sein Schicksal. Die offizielle Geschichte 20 verzeichnete,
daß

eine natürliche Schüchternheit den Eindruck von Eigendünkel und Gleichgültigkeit ge-
genüber schulischen Angelegenheiten erwecken konnte, ein Urteil, das vielleicht faktisch
wenig begründet war ... er mußte gegen seine schlechte Gesundheit ankämpfen, die
weitgehend eine Folge des Kriegsdienstes war, und fand es zunehmend schwierig, in
der Öffentlichkeit aufzutreten oder auch nur für die ständige private Zugänglichkeit zu
sorgen, die die Position eines Direktors zwangsläufig erfordert.

Ob es Ursache oder Wirkung war, er wurde, wie Brewster es ausgedrückt hätte,


durch Alkohol "vergiftet". Die Schule richtete sich auf einen Machtkampf zwischen
Ross und Boughey ein, und dieser Kampf zwischen alt und neu entschied Alans
Zukunft, denn Boughey gewann grundsätzlich die Oberhand über Ross und ließ
Alan zum School Certificate zu.
Während der Ferien gab Alans Vater ihm Nachhilfeunterricht in Englisch.
Mr. Turing hatte eine große Liebe zur Literatur, obwohl er nicht den Kopf für
abstrakte Ideen hatte. Er konnte aus dem Gedächtnis Seiten aus der Bibel oder aus
Kipling zitieren, aber auch aus Three Men in a Baat. Derlei Mühen waren indes
verschwendet, denn Alans Pflichtlektüre war augenblicklich der Harnlet. Für einen
kurzen Moment erfreute er seinen Vater, indem er erklärte, es gäbe zumindest eine
Zeile, die ihm gefiele. Die Freude verflog, als Alan erklärte, es wäre die letzte Zeile:
"Sie gehen ab, indem sie die Leichen wegtragen ... "
Für das Sommertrimester 1928 wurde Alan wieder in eine andere Klasse ver-
setzt, jene des Reverend W.J. Bensly, um sich auf die Prüfungen vorzubereiten. Er
sah keinen Grund, von seinem üblichen Verhaltensmuster abzuweichen, und wurde
weiterhin als Letzter eingestuft, nun von Bensly, der vorschnell anbot, jeder von
Alan genannten Wohltätigkeits organisation eine Milliarde Pfund zu spenden, sollte
Alan in Latein durchkommen. O'Hanlon hatte scharfsichtiger vorhergesagt:
Esprit de Corps 39

Er hat einen ebenso guten Verstand wie irgendein Junge, der hier gewesen ist. Der müßte
reichen, um auch in "zwecklosen" Schulfächem wie Latein, Französisch und Englisch
durchzukommen.

O'Hanlon sah einige der von Alan abgegebenen Prüfungs arbeiten. Sie waren "er-
staunlich lesbar und ordentlich." Er bestand mit Lob in Englisch, Französisch, Ele-
mentarer Mathematik, Ergänzender Mathematik, Physik, Chemie - und in Latein.
Bensly zahlte niemals, da die Autorität das Privileg hat, die Regeln ändern zu können.
Nachdem er das School Certificate geschafft hatte, gestattete ihm das System,
eine kleine Rolle zu spielen, jene des "Mathe-Hirns". Es gab in Sherborne keine
mathematische Sechste, wie an einigen Schulen, besonders in Winchester. Es gab
eine naturwissenschaftliche Sechste, für die die Mathematik, Alans bestes Unter-
richtsfach, als untergeordnet angesehen wurde. Alan stieg auch nicht unmittelbar
in die Sechste auf; er wurde für den Herbst 1928 in der Fünften zurückgehalten,
durfte aber am Mathematikunterricht der sechsten Klasse teilnehmen. Der wurde
von einem jungen Lehrer, Eperson, gehalten. Er war erst ein Jahr vorher aus Oxford
gekommen, eine liebenswürdige, kultivierte Persönlichkeit, die Art von Lehrer, wel-
che von den Jungen ständig umworben wird. Hier war die Chance für das System,
sich endlich selbst zu erlösen, den Geist den Buchstaben des Gesetzes durchbrechen
zu lassen. Und auf eine passive Weise, indem er ihn in Ruhe ließ, tat Eperson, was
Alan wollte: 21

Alles, was ich in Anspruch nehmen kann, ist, daß meine Vorgehensweise - ihn absichtlich
größtenteils seinen eigenen Einfällen überlassend und nur bereitstehend, um zu helfen,
wenn es nötig war - seinem natürlichen mathematischen Genie erlaubte, sich unbehindert
zu entwickeln ...

Er fand, daß Alan immer seine eigenen Methoden den vom Lehrbuch bereitge-
stellten vorzog, und tatsächlich war Alan die ganze Zeit seinen eigenen Weg gegan-
gen und hatte dem Schulsystem nur wenige Konzessionen gemacht. Während des
Ränkespiels um das School Certificate, oder sogar vorher, hatte er die Relativitäts-
theorie nach Einsteins eigener populärer Darstellung 22 studiert. Diese verwendete
nur elementare Mathematik, ließ aber Ideen freien Lauf, die weit über alles im Lehr-
plan der Schule Gebotene hinausgingen. Hatte Natural Wonders ihn in die Welt nach
Darwin eingeführt, so führte ihn Einstein zur Revolution der Physik im zwanzigsten
Jahrhundert. Alan schrieb Anmerkungen dazu in ein kleines rotes Notizbuch, das er
seiner Mutter gab.
"Hier wirft Einstein Zweifel auf', kommentiert Alan, "ob die Axiome des Euklid
standhalten, wenn sie auf starre Körper angewendet werden ... Er macht sich deshalb
daran, die ... Gesetze oder Axiome Galileis und Newtons zu prüfen." Er hatte den
springenden Punkt erkannt, daß Einstein die Axiome in Frage stellte. Alan lagen die
"selbstverständlichen Pflichten" nicht, denn für ihn war nichts selbstverständlich.
40 Kapitell

Sein Bruder John, der ihn mittlerweile mit ziemlich herablassendem, aber nicht
feindlichem Amüsement betrachtete, meinte:

Man könnte mit Sicherheit wetten, daß Alan, wagte man eine selbstverständliche Behaup-
tung, zum Beispiel, daß die Erde rund sei, eine ganze Menge unbestreitbarer Beweise
vorbringen würde, um nachzuweisen, daß sie mit größter Wahrscheinlichkeit flach oder
eiförmig sei oder die Form einer siamesischen Katze hätte, die bei einer Temperatur von
tausend Grad Celsius fünfzehn Minuten lang gekocht worden ist.

Cartesianischer Zweifel drang unbegreifbar in Alans Familie und schulische Um-


gebung ein, und die Engländer begegneten diesem Eindringen eher mit Gelächter
als mit Verfolgung. Da der Zweifel aber ein sehr schwieriger und seltener Gei-
steszustand ist, hatte die gesamte intellektuelle Welt sehr lange gebraucht, um zu
fragen, ob die offensichtlich "selbstverständlichen Gesetze oder Axiome von Galilei
und Newton" tatsächlich wahr seien. Erst im späten neunzehnten Jahrhundert wurde
erkannt, daß sie mit den bekannten Gesetzen der Elektrizität und des Magnetismus
nicht vereinbar waren. Die Konsequenzen waren erschreckend, und es hatte Ein-
steins bedurft, um den Schritt zu der Aussage zu machen, daß die angenommene
Grundlage der Mechanik in der Tat unrichtig sei - und so die Spezielle Relativitäts-
theorie von 1905 zu postulieren. Sie erwies sich dann als unvereinbar mit Newtons
Gesetzen der Schwerkraft. Um diese Widersprüche zu beseitigen, war Einstein noch
weiter gegangen und hatte 1916 sogar Euklids Axiome des Raums in Frage gestellt,
um die Allgemeine Relativitätstheorie zu schaffen. Das Wesentliche an dem, was
Einstein getan hatte, lag nicht in diesem oder jenem Experiment. Es lag, wie Alan
sah, in der Fähigkeit, zu zweifeln, Ideen ernstzunehmen und sie bis zum logischen,
wenn auch alles über den Haufen werfenden Schluß zu verfolgen. "Nun hat er seine
Axiome", schrieb Alan, "und ist fahig, mit seiner Logik weiterzugehen und die alten
Ideen von Zeit, Raum etc. abzulegen."
Alan sah auch, daß Einstein philosophische Diskussionen darüber vermied, was
Raum und Zeit "wirklich sind", und sich statt dessen auf etwas konzentrierte, das
im Prinzip ausgeführt werden konnte. Einstein legte großen Wert auf "Stäbe" und
"Uhren" als Komponenten einer operationalen Auffassung von Physik, in der zum
Beispiel "Entfernung" nur in Form wohldefinierter Meßoperationen eine Bedeutung
besaß, nicht jedoch als absolute Vorstellung. Alan schrieb:

Es ist bedeutungslos zu fragen, ob die beiden Punkte immer gleich weit voneinander
entfernt sind, da du festlegst, daß diese Distanz deine Einheit ist, und deine Ideen müssen
sich an diese Definition halten ... Diese Meßmethoden sind wirklich Konventionen. Du
modifizierst deine Gesetze, um sie deiner Meßmethode anzupassen.

Ohne Ehrerbietung vor Personen zog er eine selbst erarbeitete Erkenntnis jener
von Einstein bereitgestellten vor, "weil es, wie ich denke, auf diese Weise weni-
ger ,trickreich' scheinen dürfte." Er arbeitete sich bis ans Ende des Buches durch
Esprit de Corps 41

und gab eine meisterhafte Ableitung des Gesetzes*, welches in der Allgemeinen Re-
lativitätstheorie Newtons Axiom ersetzen sollte, nämlich daß ein Körper, der keiner
äußeren Kraft ausgesetzt ist, sich auf einer Geraden mit konstanter Geschwindigkeit
bewegt:

Er muß nun das allgemeine Bewegungsgesetz für Körper finden. Es wird natürlich das
allgemeine Relativitätsprinzip erfüllen müssen. Er gibt das Gesetz nicht tatsächlich an,
was ich schade finde, deshalb werde ich es tun. Es ist: "Der Abstand zwischen je zwei
Ereignissen in der Geschichte eines Teilchens wird maximal oder minimal sein, wenn er
entlang von dessen Weltlinie gemessen wird."
Zum Beweis führt er das Äquivalenzprinzip an, das besagt: ,,Jedes natürliche Schwe-
refeld ist einem künstlichen äquivalent." Nimm nun an, daß wir das natürliche Feld durch
ein künstliches ersetzen. Da es sich jetzt um ein künstliches handelt, gibt es ein System
an diesem Punkt, das galileisch ist, und da es galileisch ist, wird sich das Teilchen relativ
dazu gleichförmig bewegen, d.h. relativ dazu hat es eine gerade Weltlinie. Gerade Linien
im euklidischen Raum haben stets maximale oder minimale Länge zwischen zwei Punk-
ten. Daher erfüllt die Weltlinie die oben angegebenen Bedingungen in einem System,
folglich erfüllt sie sie für alle.

Wie Alan erklärte, hatte Einstein dieses Gesetz der Bewegung in seiner populären
Darstellung nicht angegeben. Alan mag es möglicherweise selbst erraten haben.
Andererseits könnte er es auch sehr gut in einem anderen Werk gefunden haben,
das 1928 publiziert wurde und das er um 1929 las - The Nature 0/ the Physical
World von Sir Arthur Eddington. Als Professor für Astronomie in Cambridge hatte
Eddington über die Physik der Sterne und die Entwicklung der mathematischen
Relativitätstheorie gearbeitet. Dieses einflußreiche Buch war eines seiner populären
Werke. Er versuchte darin, die große Veränderung im wissenschaftlichen Weltbild
seit dem Jahr 1900 zu vermitteln. Seine ziemlich impressionistische Darstellung der
Relativitätstheorie gab das Gesetz der Bewegung an, wenn auch ohne Beweis, und
so mag seine Form an Alan gelangt sein. Sicherlich hatte Alan auf die eine oder
andere Weise mehr getan als nur ein Buch zu studieren, denn er hatte einzelne Ideen
selbst erarbeitet.
Dieses Studium ging auf seine Eigeninitiative zurück, und Eperson wußte nichts
davon. Alan dachte völlig unabhängig von seiner Umgebung, die ihm außer Nörgelei
und Schelte wenig bot. Für ein wenig Ermunterung mußte er sich an seine total
verblüffte Mutter wenden. Aber dann geschah etwas Neues, das ihn in Kontakt mit
der Welt brachte.
Es gab da einen Jungen in einem anderen Haus - dem Haus von Ross -, dessen
Name Morcom war. Bislang war er nichts als "Morcom" für Alan, obwohl er
später 23 "Christopher" wurde. Alan war auf Christopher Morcom zu Beginn des
Jahres 1927 aufmerksam geworden und war von ihm sehr beeindruckt gewesen, zum

* Üblicherweise "Gesetz der geodätischen Bewegung" genannt


42 Kapitell

Teil weil er überraschend klein war für seine Klasse. (Er war blond und schmächtig,
ein Jahr älter als Alan und in der Schule einen Jahrgang weiter.) Es war jedoch
auch, daß Alan "dieses Gesicht noch einmal sehen wollte, da er es so anziehend
fand". Später im Jahr 1927 war Christopher nicht an der Schule gewesen, kam dann
aber zurück und sah, wie Alan bemerkte, im Gesicht sehr dünn aus. Er teilte mit
Alan die Leidenschaft für die Naturwissenschaften, war aber eine sehr andersartige
Persönlichkeit. Die Institutionen, die für Alan solche Hindernisse darstellten, waren
für Christopher Morcom das Instrument nahezu mühelosen Vorankommens gewesen,
die Quelle von Stipendien, Preisen und Lob. Er kehrte im nächsten Trimester wieder
spät zur Schule zurück. Als er ankam, wartete Alan auf ihn.
Seine Einsamkeit war endlich durchbrochen. Es war schwierig, sich mit einem
älteren Jungen aus einem anderen Haus anzufreunden. Auch war Alan nicht gut in
Konversation. Aber er fand einen Ansatzpunkt in der Mathematik. "Während des
Trimesters begannen Chris und ich, einander unsere Lieblingsprobleme zu stellen
und unsere Lieblingsmethoden zu diskutieren." Es war unmöglich, Gedanken und
Gefühle zu trennen, es war die erste Liebe. Alan sollte sie später als die erste von
vielen für andere Vertreter seines eigenen Geschlechts ansehen. Sie umfaßte dieses
Gefühl des Ausgeliefertseins ("ich verehrte den Boden, auf dem er ging") und ein
erhöhtes Bewußtsein, wie von einer strahlenden Farbe, die plötzlich in eine schwarz-
weiße Welt einbricht. ("Neben ihm erschienen alle so gewöhnlich.") Zugleich war
es sehr wichtig, daß Christopher Morcom jemand war, der wissenschaftliche Ideen
ernst nahm. Und nach und nach, obgleich immer mit beträchtlichem Vorbehalt,
nahm er Alan ernst. ("Meine lebhaftesten Erinnerungen an Chris bestehen fast
ganz aus Liebenswürdigkeiten, die er mir manchmal sagte.") All diese Elemente der
Zuneigung gaben Alan reichliche Gründe zum Gespräch.
Vor und nach Epersons Unterrichtsstunden mochte Alan mit Christopher über
die Relativität sprechen oder ihm andere Arbeiten zeigen. Er hatte zum Beispiel
ungefähr um diese Zeit 7r auf sechsunddreißig Dezimalstellen ausgerechnet, wozu er
vielleicht seine eigene ReihendarsteIlung der inversen Tangensfunktion verwendete
und sehr verärgert war, als er in der letzten Dezimalstelle einen Fehler fand. Nach
einiger Zeit fand Alan eine andere Möglichkeit, Christopher zu sehen. Durch Zufall
entdeckte er, daß Chris während eines bestimmten Zeitraums an Mittwochnachmit-
tagen - er war privaten Studien vorbehalten - zur Bibliothek ging und nicht in sein
Haus. (Ross gestattete den Jungen nicht, ohne Aufsicht zu arbeiten, da er das Ausle-
ben sexueller Spannungen verhindern wollte.) "Ich habe die Gesellschaft von Chris
dort so genossen", schrieb Alan, "daß ich seither immer in die Bibliothek statt in
mein Studierzimmer ging."
Durch die Grammophon-Gesellschaft, die der progressive Eperson gestartet
hatte, ergab sich noch eine weitere Gelegenheit. Christopher, ein guter Klavierspie-
ler, war begeistertes Mitglied. Alan hatte wenig Interesse an Musik, aber manchmal
an Sonntagnachmittagen ging er mit Blamey (der auch ein Grammophon und Platten
Esprit de Corps 43

in ihrem gemeinsamen Studierzimmer hatte) in Epersons Wohnung. Dort konnte er


sitzen und verstohlene Blicke auf Christopher werfen, während die Schellackplat-
ten ihre zerteilten Versionen der großen Symphonien herunterspielten. Die Zusam-
menkünfte waren übrigens Teil von Blameys edler Bemühung, Alan zu zeigen, daß
es außer Mathematik auch noch andere Dinge im Leben gab. Er zeigte Alan auch,
wie man aus einfachen Materialien einen Kristallradioempfänger machen kann, denn
er hatte bemerkt, daß Alan für solche Dinge wenig Taschengeld hatte. Alan bestand
darauf, die Spulen für das Variometer selbst zu wickeln, und war entzückt, als er sah,
daß seine ungeschickten Hände etwas zusammengebaut hatten, das tatsächlich funk-
tionierte. Und doch würde er nie mit Christophers Geschicklichkeit konkurrieren
können.
Zu Weihnachten berichtete Eperson:

Dieses Trimester wurde dazu verwendet, und auch die beiden nächsten Trimester werden
dazu verwendet werden müssen, die vielen Lücken in seinem Wissen zu füllen und es
zu organisieren. Er denkt sehr schnell und neigt dazu, brillant, aber in manchen seiner
Arbeiten nicht solide zu sein. Er muß selten vor einem Problem kapitulieren, aber seine
Methoden sind oft unausgefeilt, schwerfällig und unordentlich. Aber Gründlichkeit und
Schliff werden zweifellos mit der Zeit kommen.

Alan hätte das Higher Certificate* für harmloses Zeug gehalten, verglichen mit der
Aufgabe, Einstein in ein System zu bringen. Aber nun, da Christopher bei der
Prüfung am Ende des Trimesters "hoffnungslos besser" abgeschnitten hatte, machte
er sich mehr aus seinem eigenen Unvermögen, den Erwartungen zu entsprechen. Zu
Beginn des Jahres 1929 wurden die Karten wieder neu verteilt, und Alan kam nun
ordnungsgemäß in die sechste Klasse, so daß er alle Unterrichtsstunden mit Christo-
pher gemeinsam hatte. Er bestand darauf, von Anfang an in jeder Unterrichtsstunde
neben ihm zu sitzen. Christopher, schrieb Alan,

machte einige der Bemerkungen - die ich fürchtete (heute weiß ich besser Bescheid) -
über das zufällige Zusammentreffen, schien mich aber auf eine passive Weise willkom-
men zu heißen. Es dauerte nicht lange bis wir begannen, miteinander chemische Ex-
perimente zu machen, und wir veränderten unentwegt unsere Ideen zu allen möglichen
Themen.

Unglücklicherweise fehlte Christopher wegen einer Erkältung den größten Teil


der Monate Januar und Februar im Unterricht, und Alan konnte im Frühjahrstrimester
nur fünf Wochen lang mit ihm arbeiten.

Die Arbeit von Chris war immer besser als meine, weil er, wie ich glaube, sehr gründlich
war. Er war sicherlich sehr gescheit, aber er vernachlässigte nie Details und machte zum
Beispiel sehr selten arithmetische Flüchtigkeitsfehler. Bei praktischer Arbeit war es seine

* A.d.Ü.: Higher Schaal Certificate, vergleichbar dem Abiturzeugnis


44 Kapitell

große Stärke, genau den besten Weg herauszufinden wie etwas zu tun sei. Um ein Beispiel
seiner Fähigkeiten zu geben: Er konnte auf eine halbe Sekunde genau abschätzen, wann
eine Minute vergangen war. Manchmal konnte er die Venus am Tage sehen. Natürlich
war er mit sehr guten Augen geboren worden, aber dennoch denke ich, daß es für ihn
typisch ist. Seine Geschicklichkeit erstreckte sich auch auf alle Arten alltäglicherer Dinge
wie Ballspiele und Billard.
Man kann nicht umhin, solche Fähigkeiten zu bewundern, und ich wollte diese Art
von Dingen sicher auch selbst tun können. Chris war immer ziemlich stolz auf seine
Leistungen, und ich denke, das war es, was den eigenen Wettbewerbs instinkt erregte,
etwas zu tun, das ihn faszinieren und das er bewundern könnte. Dieser Stolz erweiterte
sich zu einem Stolz auf seine Besitztümer. Er pflegte die Vorzüge seiner "Research"-
Füllfeder auf eine Weise zu demonstrieren, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen
ließ, und gab dann zu, er wollte mich eifersüchtig machen.

Leicht widersprüchlich schrieb Alan auch:

Chris schien mir immer sehr bescheiden. Er sagte Mr. Andrews zum Beispiel nie, daß
dessen Ideen nicht folgerichtig waren, obwohl sich die Gelegenheit dazu immer wieder
bot. Genauer gesagt mochte er es überhaupt nicht, irgend jemand auf irgendeine Weise
zu beleidigen und pflegte sich oft zu entschuldigen (zum Beispiel bei Lehrern) in Fällen,
wo der durchschnittliche Junge es nicht im Traum täte.

Der durchschnittliche Junge verachtete, wie alle Schulgeschichten und Magazine


zugaben, die Lehrer - besonders in den Naturwissenschaften. Es war der augen-
scheinlichste Widerspruch im System. Aber Christopher war über all das erhaben:

Etwas meiner Meinung nach sehr Ungewöhnliches an Chris ist, daß er einen sehr be-
stimmten Moralkodex hatte. Eines Tages sprach er über einen Prüfungs aufsatz und wie
er zu dem Thema ,richtig und falsch' geführt habe. "Ich habe einige sehr bestimmte
Ideen über ,richtig und falsch', sagte er. Irgendwie schien ich nie zu bezweifeln, daß
alles, was Chris tun würde, richtig sei, und ich denke, daran war viel mehr als blinde
Bewunderung.
Nimm zum Beispiel schmutzige Reden. Die Idee, daß Chris mit so etwas zu tun
haben könnte, schien einfach lächerlich, und natürlich weiß ich überhaupt nichts über
Chris in seinem Haus. Aber was das angeht, würde ich meinen, er hätte schmutzige Reden
verhindert, indem er die Leute eher dazu gebracht hätte, dergleichen gar nicht sagen zu
wollen, als daß er sie dazu brachte, ihn nicht zu schockieren. Das sagt Dir natürlich
nichts, außer der Art, wie seine Persönlichkeit mich beeindruckt hat. Ich erinnere mich
an eine Gelegenheit, als ich absichtlich eine Bemerkung zu ihm machte, die entschieden
nicht salonHihig war, die in der Schule aber gar nicht aufgefallen wäre, nur um zu sehen,
wie er sie aufnehmen würde. Er machte mich bedauern, daß ich es gesagt hatte, ohne
daß er dabei in irgendeiner Weise dumm oder prüde erschienen wäre.

Trotz all dieser erstaunlichen Tugenden war Christopher Morcom menschlich.


Er hätte fast Schwierigkeiten bekommen, als er von einer Eisenbahnbrücke aus Steine
in die Schornsteine von Zügen warf und dabei einen Eisenbahner traf. Eine andere
Esprit de Corps 45

Heldentat war es, gas gefüllte Ballons über das Feld nach der Mädchenschule von
Sherborne fliegen zu lassen. Auch ihre Zeit in den Laboratorien war nicht allzu
feierlich. Ein anderer Junge, ein kräftiger Athlet namens Mennagen, gesellte sich
für Physik zu ihnen, und die drei mußten sich in einem kleinen Anbau durch die
praktischen Experimente arbeiten, während Gervis seine Klasse unterrichtete. Diese
Unterrichtsstunden wurden belebt durch Gervis' Wurstlampen, bemalte Glühbirnen,
welche er als elektrische Widerstände verwendete. "Nimm noch eine Wurstlampe,
Junge!" war sein Schlagwort, und die drei erarbeiteten einen komischen Sketch über
diese Dinge, den Christopher mit Musik unterlegen wollte.
Im Sommertrimester 1929 beschäftigten sie sich nur mit der langweiligen Re-
visionsarbeit für das Higher School Certificate, aber auch sie war von der Romanze
gefärbt, da "es wie immer mein großer Ehrgeiz war, so gut zu arbeiten wie Chris.
Ich war mit Ideen immer so gut versorgt wie er, aber habe nicht die gleiche Gründ-
lichkeit bei ihrer Ausführung." Niemals zuvor hatte Alan der Nörgelei, doch die
Details und den Stil zu beachten, auch nur die geringste Aufmerksamkeit geschenkt,
da er für sich und ganz allein gearbeitet hatte. Nun aber erkannte er, daß das, was
für Christopher Morcom gut genug war, auch für ihn gut genug war, und daß er
sich darin üben sollte, die korrekten Mitteilungsfonnen des Systems zu gebrauchen.
Noch hatte er nicht die erforderliche Geschicklichkeit erlangt. Andrews bemerkte,
daß er "wenigstens versuchte seinen schriftlichen Stil zu verbessern", aber Eperson,
der zwar schrieb, seine Arbeit für das Higher Certificate sei "deutlich vielverspre-
chend", betonte nochmals die Notwendigkeit, "eine saubere und ordentliche Lösung
zu Papier zu bringen." Der Prüfer in Mathematik für das Higher Certificate24 gab
folgenden Kommentar:

A.M. Turing zeigte eine ungewöhnliche Eignung, auf weniger augenfällige Punkte zu ach-
ten, die bei bestimmten Fragen diskutiert oder vermieden werden mußten, und Methoden
zu entdecken, welche den Weg zu den Lösungen zugleich kürzten und diese einleuchtend
machten. Aber es mangelte ihm augenscheinlich an der nötigen Geduld zur sorgnilti-
gen Berechnung algebraischer Nachprüfung, und seine Handschrift war so schlecht, daß
er häufig Punkte verlor - manchmal, weil seine Arbeit eindeutig unleserlich war, und
manchmal, weil er sich beim Lesen der eigenen Schrift irrte und dadurch Fehler machte.
Seine mathematische Fähigkeit war nicht von solchem Niveau, daß sie die kumulative
Wirkung dieser Fehler völlig kompensiert hätte.

Alan erreichte 1033 Punkte in seiner Mathematikarbeit, verglichen mit Christophers


1436.
Die Morcoms waren eine begüterte, wissenschaftlich und künstlerisch aktive
Familie, mit einer technischen Finna in den Midlands als materieller Basis. Sie hat-
ten einen jakobinischen Wohnsitz nahe Bromsgrove in Worcestershire in ein großes
Landhaus umgewandelt, das Clock House, wo sie recht stilvoll lebten. Christophers
Großvater war Unternehmer in stationären Dampfmaschinen gewesen, und die in
46 Kapitel J

Binningham ansässige Finna Belliss and Morcom, deren Vorsitz sein Vater, Colonel
Reginald Morcom, erst vor kurzem übernommen hatte, baute nun auch Dampfturbi-
nen und Luftverdichter. Christophers Mutter war die Tochter von Sir Joseph Swan,
der, aus sehr kleinen Verhältnissen kommend, 1879 - unabhängig von Edison - das
elektrische Licht erfunden hatte. Colonel Morcom behielt ein aktives Interesse an
wissenschaftlicher Forschung bei, während Mrs. Morcom ihm in ihren Aktivitäten
in nichts nachstand. Auf dem Areal des Clock House betrieb sie eine Ziegenfarm;
sie kaufte und renovierte Bauernhäuser in dem benachbarten Dorf Catshill; jeden
Tag war sie wegen irgendeines Projekts oder einer Verpflichtung in der Grafschaft
unterwegs. Sie hatte in London an der Slade School of Art studiert und kehrte
1928 dorthin zurück, nahm sich eine Wohnung und ein Studio nahe dem Victoria-
Bahnhof und schuf kraft- und stilvolle Skulpturen. Es war typisch für ihr Flair
und ihre Lebenslust, daß sie vorgab, noch "Miss Swan" zu sein, als sie an die
Kunstschule zurückkehrte, dann aber andere Kunststudenten in ihr Heim nach Clock
House einlud und sich auf absurde Verkleidungen einließ, um ihre Doppelrolle als
Mrs. Morcom zu spielen.
Rupert Morcom, der ältere Sohn, war 1920 in Sherborne eingetreten und hatte
ein Stipendium für Naturwissenschaften am Trinity College, Cambridge, errungen;
er war nun an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich in der For-
schung tätig. Wie Alan war er ein begieriger Experimentator, doch mit dem einen
Vorteil, daß seine Eltern in der Lage gewesen waren, ihm daheim ein Laboratorium
aufzubauen. Sein jüngerer Bruder, der das Laboratorium ebenfalls benutzte, erzählte
Alan nun von alledem und erregte großen Neid.
Im besonderen erzählte Christopher Alan über ein Experiment, daß Rupert durch-
geführt hatte, bevor er 1925 nach Cambridge ging. Es ging dabei um eine chemische
Wirkung, die Andrews oft verwendete, um das Interesse der jüngeren Schüler zu
wecken. Zufällig war Alans altes Lieblingselement, Jod, damit verbunden. Lösun-
gen von Jodaten und Sulphiten führen, wenn vennischt, zur Fällung von freiem
Jod, aber auf sehr beeindruckende Weise. Alan erklärte später: "Es ist ein schönes
Experiment. Zwei Lösungen werden in einem Becherglas vennischt, und nach-
dem man eine ganz bestimmte Zeitspanne gewartet hat, wird das Ganze plötzlich
tiefblau. Ich habe erlebt, wie es sich 30 Sekunden Zeit ließ und dann in einer Zehn-
telsekunde oder weniger blau wurde." Rupert hatte nicht das einfache Problem der
Ionen-Rekombination untersucht, vielmehr wollte er die Ursache der Zeitverzöge-
rung erklären. Es erforderte Kenntnisse in physikalischer Chemie und das Verstehen
von' Differentialgleichungen, beide jenseits des Lehrplanes. Alan schrieb:

Chris und ich wollten eine Relation zwischen der Zeit und den Konzentrationen der
Lösung finden und Ruperts Theorien auf diese Weise verifizieren. Chris hatte bereits
einige Experimente in dieser Richtung gemacht. Wir freuten uns schon sehr auf das
Experiment. Die Resultate stimmten unglücklicherweise nicht mit der Theorie überein,
Esprit de Corps 47

und ich machte während der folgenden Feiertage mehr Experimente und stellte eine neue
Theorie auf. Ich schickte ihm die Resultate und so begannen wir, einander in den Ferien
zu schreiben.

Er schrieb Christopher nicht nur, er tat mehr - er lud ihn nach Guildford ein.
Ross, als Hausvorsteher, wäre über diesen gewagten Schritt entsetzt gewesen. 25
Christopher antwortete 26 (nach einiger Verzögerung) am 19. August:

... Bevor ich über die Experimente schreibe, muß ich Dir sehr für Deine Einladung
danken, zu Dir zu kommen und zu bleiben, aber ich fürchte, ich werde nicht kommen
können, weil wir gerade zu dieser Zeit schon anderswohin fahren, wahrscheinlich für
etwa drei Wochen ins Ausland. .. Es tut mir leid, daß ich nicht kommen kann; es war
sehr freundlich von Dir, mich zu fragen.

Was die Jodate anlangt, so waren sie durch neue Unternehmungen im Clock House
eindeutig passe. Es gab Experimente zur Messung von Luftwiderstand, Flüssigkeits-
reibung, ein anderes Problem in physikalischer Chemie mit Rupert ("lch lege das
Integral bei, das Du vielleicht versuchen möchtest".), Pläne für ein zwanzig Fuß
langes Spiegelteleskop und

... alles, was ich bisher getan habe, war die Konstruktion einer Additionsmaschine für
Pfunde und Unzen. Sie arbeitet überraschend gut. Ich denke, ich habe die Mathematik für
diese Ferien aufgegeben, da ich eben ein sehr gutes Buch über die Physik im allgemeinen,
die Relativitätstheorie eingeschlossen, gelesen habe.

Alan kopierte mühevoll das erfinderische Experiment über den Luftwiderstand, das
Christopher erdacht hatte, und füllte seinen Antwortbrief mit weiteren Ideen zur
Chemie und einem Problem der Mechanik - nur um sich von Christopher in einem
Brief vom 3. September für beides eine kalte Dusche einzuhandeln:

Ich habe Dein konisches Pendel nicht sorgfältig studiert, aber bislang kann ich Deine
Methode nicht verstehen. Nebenbei bemerkt glaube ich, daß in Deinen Bewegungsglei-
chungen ein Fehler ist ...
Ich helfe gerade meinem Bruder, amerikanisches Plastilin für einen Künstler zu analysie-
ren . .. Man kocht es mit organischen Lösungsmitteln ... Ich machte ein ziemlich gutes
Plastilin und fast genau das, was wir wollten, indem ich diese Eisenseife mit Schwe-
felblüten vermischte ... und etwas Schafsfett hinzufügte. Hoffe, Du hast gute Ferien;
sehe Dich am 21., Dein C.c. Morcom.

Aber die Chemie machte nun der Astronomie Platz, mit der Christopher Alan
früher im Jahr bekanntgemacht hatte. Alan hatte von seiner Mutter zum siebzehnten
Geburtstag Eddingtons International Constitution 0/ the Stars bekommen und hatte
auch ein 1 112 Zoll-Teleskop erworben. Christopher besaß ein 4-Zo11 Teleskop ("Er
wurde nie müde, von seinem wunderbaren Teleskop zu sprechen, wenn er dachte,
man interessiere sich dafür. ") und hatte zum achtzehnten Geburtstag einen Atlas
48 Kapitell

der Sterne erhalten. Neben der Astronomie vertiefte sich Alan in The Nature 01
the Physical World. In seinem Brief2 7 vom 20. November 1929 findet sich eine
Paraphrase auf einen Ausschnitt aus diesem Buch:

Schrödingers Quantentheorie erfordert 3 Dimensionen für jedes Elektron, das er berück-


sichtigt. Natürlich glaubt er nicht, daß es wirklich ungefähr 1070 Dimensionen gibt, aber
daß diese Theorie das Verhalten eines Elektrons erklären wird. Er denkt an 6 Dimen-
sionen oder 9 oder was immer es sein mag, ohne irgendein geistiges Bild zu formen.
Wenn man will, kann man sagen, daß man für jedes neue Elektron diese neuen Variablen
einführt, analog zu den räumlichen Koordinaten.

Darauf war er durch Eddingtons Beschreibung der Quantentheorie gekommen - jener


anderen Veränderung in den fundamentalen Vorstellungen der Physik, die noch viel
geheimnisvoller war als die Relativitätstheorie. Die Quantentheorie hatte mit dem
Billardkugel-Teilchenbild und den Ätherwellen des neunzehnten Jahrhunderts Schluß
gemacht und sie durch Gebilde ersetzt, die sowohl Charakteristiken von Teilchen als
auch von Wellen hatten: klumpig und nebelhaft zugleich.
Eddington hatte eine Menge zu sagen, denn die zwanziger Jahre waren ein
Jahrzehnt rapiden Fortschritts in der Theoretischen Physik gewesen, Folge der Flut
von Entdeckungen um die Jahrhundertwende. 1929 war Schrödingers Formulierung
der Quantentheorie der Materie gerade drei Jahre alt. Die beiden Jungen lasen auch
Bücher von Sir James Jeans, dem anderen Astronomen aus Cambridge, und auch
hier gab es ganz neue Entwicklungen. Es war eben erst nachgewiesen worden,
daß einige Nebel Wolken von Gas und Sternen an den Rändern der Milchstraße
waren und andere völlig eigenständige Galaxien. Das geistige Bild des Universums
hatte sich millionenfach ausgedehnt. Alan und Christopher diskutierten diese Ideen
und stimmten, wie Alan schrieb, "üblicherweise nicht überein; was die Dinge viel
interessanter machte." Alan verwahrte "einige Blätter mit Chris' Ideen in Bleistift
und meinen in Tinte über alles darübergekritzelt. Wir pflegten dies sogar während
des Französischunterrichts zu tun."
Auf diesen Blättern waren das Datum 28.9.29 und die Klassenarbeit* zu sehen:

Monsieur . .. recevez monsieur mes salutations empresses


Cher monsieur Veuillez . .. agreer I' expression des mes sentiments distingues
Cher ami ... Je vous serre cordialement la main ... mes affectueux souvenirs ...
votre affectione

Aber außerdem gab es da die Felder von Null-und-Kreuz-Spielen, eine Reaktion


mit Jod und Phosphor und ein Diagramm, welches Zweifel am euklidischen Paral-
lelenaxiom zum Ausdruck brachte, demzufolge durch einen außerhalb einer Gerade
liegenden Punkt zu dieser Geraden nur eine Parallele gezogen werden könne.

* Diese Arbeit trug den Vermerk "Neunmal falsches Geschlecht. 5/25. Sehr mangelhaft."
Esprit de Corps 49

Alan behielt diese Blätter als souvenirs affectueux, obwohl er seine sentiments
distingues niemals ausdrücken konnte. Was serrer cordialement La main anlangt
oder mehr, so hatte er dies wohl recht gründlich verdrängt. Doch sollte er bald
schreiben: "Es gab Zeiten, da ich seine Persönlichkeit besonders stark fühlte. Ich
denke jetzt an einen Abend, als er vor den Labors wartete und mich, als ich auch
kam, mit seiner großen Hand faßte und hinausführte, um die Sterne zu sehen."
Alans Vater war entzückt, wenn auch verblüfft, als sich die Schulnachrichten
im Ton zu ändern begannen. Sein Interesse an Mathematik war auf die Kalkulation
der Einkommensteuer beschränkt, aber er war stolz auf Alan, und John war es auch.
John bewunderte Alan, weil er es mit dem System aufgenommen hatte und ungestraft
davongekommen war. Sein Wahnsinn hatte die ganze Zeit Methode gehabt. Anders
als seine Frau behauptete Mr. Turing niemals, auch nur eine Ahnung von dem zu
haben, was sein Sohn tat, und das war das Thema eines wortspielerischen Couplets,
das Alan einmal im Studierzimmer aus einem Brief seines Vaters vorlas:

I don't know what the 'eil' e meant


But that is what 'e said ' e meant! *

Alan schien recht glücklich mit der ehrlich-groben und vertrauensvollen Unwissen-
heit seines Vaters. Mrs. Turing jedoch vertrat nun den Standpunkt des "Ich habe
es Dir ja gesagt" und machte viel Aufhebens davon, daß ihre Wahl der Schule die
richtige gewesen sei. Sie hatte Alan sicher auch etwas Aufmerksamkeit geschenkt,
weil sie nicht nur seine moralische Vervollkommnung im Sinn hatte: Sie empfand
an ihrem Verständnis für seine Liebe zur Naturwissenschaft Genugtuung.
Alan war nun in der Position, an das Erringen eines vollen Universitätsstipen-
diums zu denken. Dies würde nicht nur etwas Verdienstvolles sein, sondern auch
ein vernünftiges Einkommen ergeben, fast genug, um als Student davon zu leben.
Das Teilstipendium, welches zweitrangigen Kandidaten zuerkannt wurde, bedeutete
erheblich weniger. Man erwartete, daß Christopher, nun achtzehnjährig, wie sein
Bruder ein Stipendium für das Trinity College erringen würde. Es war ehrgeizig von
Alan, dasselbe mit siebzehn zu versuchen. In Mathematik und Naturwissenschaften
hatte Trinity den höchsten Ruf unter den Colleges der Universität. Die wiederum
galt nach Göttingen in Deutschland als das naturwissenschaftliche Zentrum der Welt.
Die Public Schools vermochten ihre Kandidaten gut durch die einschüchternde
Prozedur für Eingangsstipendien an den altehrwürdigen Universitäten zu bringen,
und Sherborne gab Alan auch eine jährliche Unterstützung von BO. Aber es wurde
nicht automatisch der rote Teppich ausgerollt. Die Prüfungen zur Erlangung von
Stipendien zeichneten sich durch einfallsreiche, oft bodenlose Fragen aus. Ein pu-
blizierter Prüfungsrahmen existierte nicht. Die Fragen gaben einen Vorgeschmack

* A.d.Ü.: what the hell he meant = was zum Teufel er meinte; zusätzliches Wortspiel mit den Begriffen
,,Element" und "Sediment".
50 Kapitell

auf das zukünftige Leben. Für Alan war dies allein schon aufregend, aber da war
mehr, um seinen Ehrgeiz anzuregen. Da war Christopher, der Sherborne so bald ver-
lassen würde; es war nicht ganz klar, wann es sein würde, aber wahrscheinlich Ostern
1930. Bei der Stipendienprüfung zu versagen würde bedeuten, Christopher für mehr
als ein Jahr zu verlieren. Vielleicht war es diese Ungewißheit, die im November
bei Alan düstere Vorahnungen hervorrief, als er den wiederkehrenden Gedanken
hatte, vor Ostern würde etwas geschehen, um Christopher davon abzuhalten, nach
Cambridge zu gehen.
Die Prüfungen in Cambridge eröffneten die Aussicht auf eine ganze Woche in
Christophers Gesellschaft, unbehelligt vom Haussystem: "Ich freute mich genauso
darauf, eine Woche mit Chris zu verbringen, wie Cambridge zu sehen." Am Freitag,
dem 6. Dezember, sollte Victor Brookes, mit dem Christopher das Studierzimmer
teilte, von London nach Cambridge fahren und hatte angeboten, sowohl Christopher
als auch Alan mitzunehmen. Sie fuhren gemeinsam mit dem Zug nach London,
wo sie kurz haltmachten, um Mrs. Morcom zu besuchen. Sie nahm sie mit in
ihr Studio, erlaubte ihnen, spielerisch Marmorstückehen von einer Büste abzuschla-
gen, an der sie arbeitete, und gab ihnen dann mittags in ihrer Wohnung zu essen.
Christopher neckte Alan gern und oft und machte ständig Späße über "tödliches
Zeug". Der Witz bestand darin vorzugeben, bestimmte harmlose Substanzen seien
wirklich giftig. Er behauptete auch scherzhaft, das Vanadium in den speziellen
Vanadiumstahl-Bestecken der Morcoms sei "absolut tödlich".
In Cambridge konnten sie eine Woche lang das Leben junger Herren leben, mit
eigenen Zimmern und ohne daß ihnen jemand nachts das Licht abdrehte. Beim Diner
im Abendanzug - im Speisesaal des Trinity College - schaute Newtons Portrait auf
sie herab. Es war eine Gelegenheit, Kandidaten von anderen Schulen zu treffen und
sich mit ihnen zu vergleichen. Alan machte eine neue Bekanntschaft, Maurice Pryce,
mit dem er durch ein fast identisches Interesse an Mathematik und Physik rasch gut
harmonierte. Pryce machte die Prüfung zum zweiten Mal. Ein Jahr zuvor hatte er
unter Newtons Bild gesessen und zu sich selbst gesagt, daß nun nichts anderes mehr
genügen würde. Und obwohl Christopher alles eher blasiert betrachtete, hatten alle
drei dasselbe Gefühl: Nichts konnte wieder so sein wie früher.
Es war, schrieb Alan, "ein sehr gutes Essen", und dann

gingen wir mit einigen anderen Schülern aus Sherbome in Trinity Hall Bridge spielen.
Wir sollten ... um 10 Uhr wieder in unseren Colleges sein, aber 4 Minuten vor 10
wollte Chris noch eine Runde spielen. Ich ließ ihn nicht, und so kamen wir gerade
noch zurecht. Am nächsten Tag, dem Samstag, spielten wir wieder Karten, diesmal
Romrne. Nach zehn Uhr spielten Chris und ich noch andere Spiele. Ich erinnere mich
noch ganz klar an das Lächeln von Chris, als er entschied, daß wir jetzt noch nicht zu
Bett gehen wollten. Wir spielten bis 12 Uhr 15. Einige Tage später versuchten wir,
ins Observatorium zu gelangen. Wir waren von einem Freund von Chris, der Astronom
Esprit de Corps 51

war, eingeladen worden, bei schönem Wetter dorthin zu gehen. Unsere Vorstellung von
schönem Wetter stimmte jedoch mit seiner nicht ganz überein.

Christopher "liebte alle Spiele und erfand immer neue (der trivialsten Art)." Er
pflegte zu "versuchen, Leute Dinge glauben zu machen, die glaubwürdig waren, aber
eben nicht wahr", und in Cambridge brachte er Alan dazu, seine Uhr um zwanzig
Minuten vorzustellen. "Es machte ihm riesiges Vergnügen, als ich es herausfand."
Sie gingen auch gemeinsam ins Kino, zusammen mit Norman Heatley, der Christo-
phers Freund in der Vorbereitungsschule gewesen war und nun Student in Cambridge.
Christopher erzählte ihm, daß Alan eigene mathematische Zeichen verwende und bei
den Prüfungen alles erst in Standardformeln übersetzen müsse. Dieser Aspekt von
Alans Eigenständigkeit machte auch Eperson Sorgen, der fand, daß "seine Lösungen
auf dem Papier oft unorthodox sind und der Erläuterung des Verfassers bedürfen."
Er bezweifelte, ob die Prüfer in Cambridge den Verstand erkennen würden, der
dahintersteckte.
Auf dem Heimweg vom Kino blieb Alan zurück und ging mit Heatley, um zu
testen, wie sehr Christopher seine Gesellschaft wünschte. Er wurde belohnt:

Offensichtlich sah ich ziemlich einsam aus, als Chris mir bedeutete (ich denke, hauptsäch-
lich mit seinen Augen), neben ihm zu gehen. Ich glaube, Chris wußte sehr gut, wie sehr
ich ihn mochte, aber haßte es, mir dies zu zeigen.

Alan war sich dessen bewußt, daß er ein Junge in einem anderen Haus war und
daß nun alles dem Kommentar böser Zungen ausgeliefert sein würde. ("Wir unter-
nahmen niemals gemeinsam Radtouren. Ich glaube, Chris war vielleicht in seinem
Haus meinetwegen ziemlich geärgert worden.") Aber das bereitete ihm "riesiges"
Vergnügen.
Nach jener Woche, von der Alan sagte, sie sei die glücklichste seines Lebens
gewesen, fuhren die Jungen am 13. Dezember für die letzten Tage des Trimesters
zur Schule zurück. Im Haus sangen sie über Alan beim Abendessen:

The maths brain lies often awake in his bed


Doing logs to ten places and trig in his head*

Die Resultate wurden am 18. Dezember in The Times veröffentlicht, als das Trimester
eben geendet hatte. Es war ein Schwarzer Freitag. Christopher hatte ein Trinity-
Stipendium errungen und Alan nicht. Als Antwort auf sein Gratulationsschreiben
erhielt Alan einen Brief in besonders freundlichem Ton:

* A.d.Ü.: Das Mathe-Hirn liegt oft wach in seinem Bett, rechnet Logarithmen auf zehn Dezimalstellen
und Trigonometrie in seinem Kopf.
52 Kapitel J

20.12.29
Lieber Turing,
vielen Dank für Deinen Brief. Ich war ebenso traurig, daß Du kein Stipendium bekommen
hast, wie erfreut, daß ich es erhielt. Was Mr. Gow sagt, bedeutet, daß Du sicherlich ein
Teilstipendium bekommen hättest, wenn Du es beantragt hättest ...
Ich hatte zwei der klarsten Nächte, die ich je erlebt habe. Niemals habe ich den
Jupiter besser gesehen, und ich konnte 5 oder 6 Gürtel sehen und sogar ein Detail
auf einem der großen zentralen Gürtel. Letzte Nacht sah ich den Mond Nr. 1 aus der
Eklipse auftauchen. Er erschien ganz plötzlich (während weniger Sekunden) in einiger
Entfernung vom Jupiter und sah sehr schön aus. Es ist das erste Mal, daß ich einen
gesehen habe. Ich sah auch den Andromedanebel sehr klar, aber ich blieb nicht lange
draußen. Sah das Spektrum von Sirius, Pollux und Beteigeuze und auch das helle ...
Spektrum des Orionnebels. Baue im Augenblick einen Spektrographen. Werde später
wieder schreiben. Frohe Weihnachten etc.
Immer Dein C.C.M.

Etwas wie das "Bauen eines Spektrographen" überstieg bei weitem die Mittel,
die Alan in Guildford zur Verfügung standen, aber er verschaffte sich einen alten
Lampenschirm aus kugelförmigen Glas, füllte ihn mit Gips, bedeckte ihn mit Papier
(was ihn über die Beschaffenheit gekrümmter Flächen nachdenken ließ) und begann,
auf ihm die Konstellationen der Fixsterne zu markieren. In typischer Weise bestand
er darauf, dies nach der eigenen Anschauung des Nachthimmels zu machen, obwohl
es leichter und genauer nach einem Atlas zu machen gewesen wäre. Er trainierte sich
dazu, jeden Morgen um vier Uhr aufzuwachen, damit er Sterne einzeichnen konnte,
die im Dezember am Abendhimmel nicht sichtbar sind; auf diese Weise weckte
er seine Mutter, die dachte, sie hätte einen Einbrecher gehört. Nach getaner Arbeit
schrieb er Christopher darüber und fragte ihn auch, ob er meinte, daß es ratsam wäre,
es im nächsten Jahr bei einem anderen College als Trinity zu versuchen. Wenn er
damit seine Zuneigung testen wollte, so wurde er wieder belohnt, denn Christopher
antwortete:

5.1.30
Lieber Turing,
... ich kann Dir wirklich keinerlei Rat über die Prüfungen geben, weil es nichts
mit mir zu tun hat und ich das Gefühl habe, es wäre nicht ganz richtig. John's ist ein
sehr gutes College, aber natürlich würde ich persönlich vorziehen, daß Du nach Trinity
kämest, wo ich Dich häufiger sehen würde.
Es würde mich sehr interessieren, Deine Sternkarte zu sehen, wenn sie fertig ist, aber
ich nehme an, daß es ziemlich unpraktisch wäre, sie in die Schule zu bringen. Ich wollte
schon oft einen Sternglobus machen, habe mich aber nie wirklich darum gekümmert,
besonders jetzt, da ich den Stematlas erhalten habe, der bis zur 6. Größe hinuntergeht ...
Kürzlich habe ich versucht, Nebel zu finden. Vor ein paar Nächten sahen wir einige
ziemlich gute, einen sehr guten planetarischen im Drachenkopf 7. Größe 10". Wir haben
auch versucht, einen Kometen 8. Größe im Delphinus zu finden ... Ob Du vielleicht die
Esprit de Corps 53

Möglichkeit hast, Dir ein Teleskop zu beschaffen, ihn mit Deinem 1 112 Zoll zu suchen,
wird bei einem so kleinen Objekt nutzlos sein. Ich versuchte, seine Bahn zu berech-
nen, versagte aber miserabel mit 11 ungelösten Gleichungen und 10 zu eliminierenden
Unbekannten.
Bin mit dem Plastilin weitergekommen. Rupert hat schrecklich stinkell(~e Seifen und
fettige Säuren aus . .. Rapsöl und Neals Stiefelöl gemacht ...

Dieser Brief wurde in der Wohnung seiner Mutter in London geschrieben, wo er


sich autbielt, "um zum Zahnarzt zu gehen. .. und auch, um einer Tanzveranstaltung
daheim aus dem Wege zu gehen." Am nächsten Tag schrieb er wieder aus dem Clock
House:

... Ich fand den Kometen sofort in seiner angegebenen Position. Er war viel besser zu
sehen und interessanter als ich erwartet hatte ... Ich würde sagen er hat fast Größe
7. Er... sollte mit Deinem Teleskop zu sehen sein. Die beste Methode ist, sich die
Sterne 4. und 5. Größe einzuprägen und sich langsam nach rechts an den richtigen Ort
zu bewegen, ohne alle die bekannten Sterne jemals aus den Augen zu verlieren ... In
etwa einer halben Stunde werde ich wieder schauen, wenn es klar ist (es hat sich eben
bewölkt), und sehen, ob ich seine Bewegung unter den Sternen bemerken kann und wie
er mit dem mächtigen Okular (x 250) aussieht. Die Gruppe von 5 Sternen 4. Größe im
Delphin kommt in Paaren in das Sucherfeld.
Dein c.e. Morcom.

Aber Alan hatte den Kometen bereits gesehen, wenn auch auf zufällige Weise:

10.1.30
Lieber Morcom,
danke sehr für Deine Karte zur Auffindung des Kometen. Ich denke, ich muß ihn am
Sonntag gesehen haben. Ich blickte auf Delphinus und dachte es sei Equuleus und sah
etwas, wie das [winzige Skizze], ziemlich verschwommen und etwa 3' lang. Ich fürchte,
ich habe es nicht sehr genau untersucht. Dann suchte ich den Kometen anderswo, in
Vulpecula, in der Annahme, es sei der Delphinus. Ich wußte aus der Times, daß an jenem
Tag ein Komet im Delphin war ...
Das Wetter ist wirklich ärgerlich für diesen Kometen. Sowohl am Mittwoch als auch
heute habe ich es bis zum Sonnenuntergang ziemlich klar gehabt, und dann kommt eine
Wolkenbank über den Bereich von Aquila. Am Mittwoch klarte es auf, just nachdem
der Komet untergegangen war ...
Dein A.M. Turing

Bitte danke mir nicht immer so gewissenhaft für meine Briefe. Wenn Du möchtest,
werde ich Dir erlauben, mir zu danken, wenn ich sie leserlich schreibe (falls ich das
jemals tue).

Alan zeichnete die Bahn des Kometen auf, als dieser am frostigen Himmel vom
Füllen zum Delphin raste. Er nahm den primitiven Sternglobus mit in die Schule,
um ihn Christopher zu zeigen. Blamey hatte die Schule zu Weihnachten verlassen,
54 Kapitell

und Alan mußte nun ein anderes Studierzimmer teilen, wo der Globus mit den Tinten-
markierungen schwebend aufbewahrt wurde. Es waren nur wenige Konstellationen
eingezeichnet, aber die jüngeren Schüler staunten über Alans Gelehrsamkeit.
Drei Wochen nach Trimesterbeginn, am 6. Februar, kamen Sänger zu Besuch und
gaben ein Konzert mit sentimentalen mehrstimmigen Liedern. Alan und Christopher
waren beide anwesend. Alan beobachtete seinen Freund und versuchte sich dabei
zu sagen: "Nun, das ist nicht das letzte Mal, daß du Morcom sehen wirst." In jener
Nacht erwachte Alan in der Dunkelheit. Die Glocke der Abtei schlug; es war ein
Viertel vor drei. Er stieg aus dem Bett und blickte aus dem Schlafsaalfenster, um
nach den Sternen zu sehen. Er pflegte sein Teleskop oft mit ins Bett zu nehmen, um
am Nachthimmel andere Welten zu bestaunen. Hinter Ross' Haus ging der Mond
unter, und Alan dachte, man könnte dies als ein "Lebewohl für Morcom" ansehen.
In der Nacht, genau um diese Zeit, erkrankte Christopher. Er wurde mit der
Ambulanz nach London gebracht, wo er zweimal operiert wurde. Nach sechs Tagen
Schmerzen starb er am Donnerstag, dem 13. Februar 1930, um die Mittagszeit.
2 Geist der Wahrheit

I sing the body electric,


The armies of those I love engirth me and I engirth them,
They will not let me off till I go with them, respond to them,
And discorrupt them, and charge them fuH with the charge
of the soul.
Was it doubted that those who corrupt their own bodies
conceal themselves?
And if those who defile the living are as bad as they
who defile the dead?
And if the body does not do fuHy as much as the soul?
And if the body were not the soul, what is the soul?

Niemand hatte Alan erzählt, daß Christopher Morcom als kleiner Junge durch das
Trinken infizierter Kuhmilch an Rindertuberkulose erkrankt war; die Krankheit hatte
eine Vielzahl innerer Schädigungen verursacht, und sein Leben war ständig in Gefahr
gewesen. 1927 war die Morcom-Familie nach Yorkshire gefahren, um die totale
Sonnenfinsternis am 29. Juni zu beobachten, und Christopher war bei der Rückfahrt
im Zug schrecklich krank geworden. Er mußte sich einer Operation unterziehen,
und deshalb war Alan sein schmales Gesicht aufgefallen, als er in jenem Herbst spät
zur Schule zurückkehrte:
"Der arme alte Turing ist durch diesen Schock fast zu Boden gegangen", schrieb
ein Freund aus Sherborne am nächsten Tag an Matthew Blamey. "Sie müssen
schrecklich gute Freunde gewesen sein." Es war zugleich mehr und weniger als
das. Christopher seinerseits war zuletzt eher freundschaftlich geworden als nur
höflich. Doch Alan hatte seinen halben Verstand hingegeben, nur um diesen an eine
Leere zu verlieren. Keiner in Sherborne hätte das verstehen können. Aber an dem
Donnerstag, als Christopher starb, schickte "Ben Davis", der zweite Hausvorsteher,
Alan ein Briefchen mit der Mitteilung, er möge sich auf das Schlimmste gefaßt
machen. Alan schrieb l umgehend an seine Mutter mit der Bitte, Blumen zum
Begräbnis zu schicken, das am Samstag im Morgengrauen stattfand. Mrs. Turing
56 Kapitel 2

schrieb sofort zurück und schlug vor, Alan sollte selbst an Mrs. Morcom schreiben.
Das tat er an dem Samstag.

15.2.30
Liebe Mrs. Morcom,
ich möchte Ihnen sagen, wie leid es mir um Chris tut. Während des letzten Jahres
habe ich sehr häufig mit ihm gearbeitet, und ich bin sicher, ich hätte nirgendwo einen so
brillanten und doch so charmanten und uneingebildeten Kameraden finden können. Ich
betrachtete mein Interesse an meiner Arbeit und an solchen Dingen wie Astronomie (mit
der er mich bekannt machte) als etwas, das ich mit ihm teilen wollte, und ich denke, er
empfand mir gegenüber ein wenig ähnlich. Obwohl dieses Interesse zum Teil vorbei ist,
weiß ich, daß ich ebensoviel Energie, wenn auch nicht soviel Interesse, in meine Arbeit
stecken muß, als ob er lebte, weil es das ist, was er von mir würde haben wollen. Ich
bin mir sicher, daß es für Sie einen größeren Verlust nicht hätte geben können.
Ihr ergebener Alan Turing
Ich wäre höchst dankbar, wenn Sie irgendwann einen kleinen Schnappschuß von Chris
für mich finden könnten, um mich an sein Beispiel zu erinnern und seine Bemühungen,
mich achtsam und ordentlich zu machen. Ich werde sein Gesicht so vennissen und die
Art, wie er mir von der Seite zuzulächeln pflegte. Glücklicherweise habe ich alle seine
Briefe aufbewahrt.

Alan war im Morgengrauen, zur Zeit des Begräbnisses, erwacht:

Ich war so froh, daß die Sterne am Samstagmorgen schienen, als zollten sie Chris ihren
Tribut. Mr. O'Hanlon hatte mir gesagt, wann es stattfinden würde, so daß ich ihm mit
meinen Gedanken folgen konnte.

Am nächsten Tag, Sonntag, schrieb er wieder, vielleicht in gefaßterer Form, an seine


Mutter:

16.2.30
Liebe Mutter,
ich schrieb an Mrs. Morcom, wie Du vorgeschlagen hast, und es hat mir eine gewisse
Erleichterung verschafft ...
Ich bin mir sicher, daß ich Morcom irgendwo wieder treffen werde und daß es
Arbeit für uns geben wird, die wir gemeinsam tun können, wie ich glaubte, daß es sie
hier für uns gäbe. Nun, da ich übriggeblieben bin, um sie allein zu tun, darf ich ihn nicht
im Stich lassen, sondern muß ebensoviel Energie hineinstecken, wenn auch nicht soviel
Interesse, wie wenn er noch da wäre. Wenn ich Erfolg habe, werde ich geeigneter sein,
mich seiner Gesellschaft zu erfreuen, als ich es jetzt bin. Ich erinnere mich, was G O'H
einmal zu mir sagte: "Werde nicht müde Gutes zu tun, denn, wenn du nicht ennattest,
wirst du zur rechten Zeit ernten." Und Bennett*, der bei solchen Gelegenheiten sehr nett
ist, sagte: "Das Schwere mag eine Nacht andauern, aber die Freude kommt am Morgen."

* John Bennett war ein Junge im Haus, der seinerseits Ende 1930 auf einer einsamen Winterdurch-
querung der Roclcies starb.
Geist der Wahrheit 57

Vielleicht ziemlich in der Art der Plymouthbrüder. * Es tut mir leid, daß er weggeht. Es
scheint mir niemals in den Sinn gekommen zu sein, zu versuchen, mir außer Morcom
noch andere Freunde zu machen, neben ihm schien jeder so gewöhnlich, so daß ich
fürchte, ich habe zum Beispiel unseren "würdigen" Blamey und seine Mühen mit mir
nicht wirklich gewürdigt ...

Als sie Alans Brief erhielt, schrieb Mrs. Turing an Mrs. Morcom:

17. Feb. 30
Liebe Mrs. Morcom,
unsere Jungen waren so große Freunde, daß ich Ihnen sagen möchte, wie sehr
ich für Sie empfinde, als eine Mutter für die andere. Es muß schrecklich einsam sein
für Sie und so hart, hier nicht die Erfüllung all der Versprechungen von Christophers
außergewöhnlicher Intelligenz und liebenswertem Charakter zu sehen, von der ich sicher
bin, daß es sie geben wird. Alan erzählte mir, man mußte Morcom einfach gemhaben,
und er selbst verehrte ihn so, daß auch ich seine Verehrung und Bewunderung teilte:
während der Prüfungen berichtete er immer von Christophers Erfolgen. Er fühlte sich
sehr trostlos, als er schrieb und mich bat, in seinem Namen Blumen zu schicken, und
falls er sich nicht danach fühlt, Ihnen selbst zu schreiben, weiß ich, er würde wünschen,
daß ich Ihnen gemeinsam mit der meinen auch seine Anteilnahme ausdrücke.
Ihre ergebene Ethel S. Turing

Mrs. Morcom lud Alan sofort ein, in den Osterferien nach Clock House zu kom-
men. Ihre Schwester Mollie Swan schickte Alan eine Photographie von Christopher.
Traurigerweise hatten die Morcoms sehr wenige Bilder von ihm, und dieses war
mit einer automatischen Kamera mit Umkehrbild aufgenommen worden und zeigte
wenig Ähnlichkeit. Alan antwortete:

20.2.30
Liebe Mrs. Morcom,
herzlichen Dank für Ihren Brief. Ich würde mich riesig freuen. nach Clockhouse
zu kommen. Vielen Dank. Wir brechen eigentlich am 1. April auf, aber ich fahre mit
Mr. O'Hanlon, meinem Hausvorsteher, bis zum 11. nach Comwall, so daß ich in der
Zeit danach bis Anfang Mai zu jeder Ihnen passenden Zeit kommen könnte. Ich habe
soviel über Clockhouse gehört - Rupert, das Teleskop, die Ziegen, das Labor und alles.
Bitte, danken Sie Miss Swan sehr für die Photographie. Er ist nun auf meinem Tisch
und ermutigt mich, hart zu arbeiten.

Abgesehen von der Photographie mußte Alan seine Gefühle für sich behalten.
Er erhielt keine Trauerzeit zugestanden, sondern mußte wie jeder andere Korps und
Kapelle absolvieren. Alans Hingabe an Christophers Andenken hatte die Morcoms
überrascht. Christopher war daheim über seine Schulfreunde immer schweigsam
gewesen und hatte eine Art, sich auf eine "Person namens" Soundso zu beziehen,
als ob der Betreffende nie vorher erwähnt worden wäre. "Eine Person namens

* A.d.Ü.: Eine 1826 in Plymouth gegründete Heilsbewegung.


58 Kapitel 2

Turing" war in einigen seiner Bemerkungen über Experimente vorgekommen, aber


nicht mehr als das, und die Eltern Morcom hatten Alan im Dezember nur kurz
getroffen. Sie kannten ihn nur aus seinen Briefen. Anfang März änderten sie ihre
Pläne und entschlossen sich, den Urlaub in Spanien zu machen, der geplant worden
war, bevor Christopher starb. So geschah es auf Grund seiner Briefe, daß sie Alan
am 6. März einluden, Christophers Platz auf der Reise einzunehmen, statt zu ihnen
nach Hause zu kommen. Am nächsten Tag schrieb Alan an seine Mutter:

. .. Ich bin zur Hälfte traurig, daß es nicht nach Clockhouse geht, da ich es sehr gerne
sehen würde und alles dort, worüber mir Morcom erzählt hat - aber ich werde nicht an
jedem Tag der Woche eingeladen, nach Gibraltar zu fahren.

Am 21. März machten die Morcoms ihren Abschiedsbesuch in Sherborne, und


Alan durfte am Abend in Ross' Haus, um sie zu sehen. Eine Woche später endete das
Trimester, und Alan fuhr mit O'Hanlon, dessen Privateinkommen es ihm erlaubte,
Gruppen von Jungen auf diese Weise eine Freude zu bereiten, nach Rock an der
Nordküste Cornwalls. Zur Gruppe gehörten der energische Ben Davis und drei
Jungen aus Westcott Haus, Hogg, Bennett und Carse. Alan schrieb später an Blamey,
daß sie "dort eine sehr gute Zeit hatten - reichlich zu essen und eine Pinte Bier nach
viel sportlicher Betätigung."
Wäh{end er weg war, suchte Mrs. Turing Mrs. Morcom in ihrer Londoner Woh-
nung auf. Mrs. Morcom schrieb in ihr Tagebuch (6. April):

Mrs. Turing suchte mich heute abends in meiner Wohnung auf. Hatte sie vorher nicht
getroffen. Wir sprachen fast die ganze Zeit über Chris, und sie erzählte mir, wie sehr
er Alan beeinfiußt hätte und wie Alan dächte, er arbeite noch mit ihm und helfe ihm.
Sie blieb fast bis um 11 und mußte nach Guildford zurückfahren. Sie war in einem
Bach-Konzert in Queens Hall gewesen.

Nach zehn Tagen in Cornwall machte Alan eine kurze Stippvisite in Guildford, wo
Mrs. Turing hastig versuchte, ihn ordentlich herzurichten (sie zog die übliche Zahl
alter Taschentücher aus dem Futter seines Mantels), und am 11. April kam er in
Tilbury an und gesellte sich zur Gesellschaft der Morcoms auf der Kaisar-i-Hind.
Außer Colonel und Mrs. Morcom und Rupert gehörten dazu ein Direktor der Lloyds
Bank und ein Mr. Evan Williams, Vorsitzender von Powell Dyffryn, der walisischen
Bergwerksgesellschaft. Mrs. Morcom schrieb in ihr Tagebuch:

... Fuhren gegen Mittag los. Wunderbarer Tag mit hellem Sonnenschein bis 3.30, als
wir in den Nebel kamen und langsamer wurden. Vor dem Tee ankerten wir und blieben
bis Mitternacht gerade außerhalb der Themsemündung. Die Schiffe um uns bliesen ihre
Nebelhörner und ließen Glocken ertönen ... Rupert und Alan waren sehr aufgeregt über
den Nebel, und er war wirklich ziemlich beunruhigend.
Geist der Wahrheit 59

Alan teilte eine Kabine mit Rupert, der sein Bestes tat, um über Jeans und
Eddington etwas aus ihm herauszuholen, Alan aber sehr scheu und zögernd fand.
Jede Nacht vor dem Schlafengehen verbrachte Alan eine lange Zeit in Betrachtung
der Photographie. Am ersten Morgen der Schiffsreise begann Alan mit Mrs. Morcom
über Christopher zu reden und befreite dabei seine Gefühle, indem er sie zum ersten
Mal aussprach. Der nächste Tag wurde, nach einer Partie Bordtennis mit Rupert,
ebenso verbracht. Er erzählte ihr, wie er sich von Christopher angezogen gefühlt
hatte, bevor er ihn kennenlernte, über seine Vorahnungen einer Katastrophe und den
Monduntergang. ("Es ist nicht schwierig, diese Dinge vernünftig zu erklären - aber,
ich weiß nicht!") Am Montag, als sie Cape Vincent umrundeten, zeigte Alan ihr die
letzten Briefe, die er von Christopher erhalten hatte.
Sie verbrachten nur vier Tage auf der Halbinsel und fuhren über die Haarnadel-
kurven nach Granada, wo sie, da eben Karwoche war, eine religiöse Prozession bei
Sternenlicht sahen. Am Karfreitag waren sie wieder in Gibraltar und schifften sich
am nächsten Tag auf einem heimwärts fahrenden Linienschiff ein. Alan und Rupert
nahmen an Bord des Schiffes am Ostersonntag an der Frühkommunion teil.
Rupert war mittlerweile beeindruckt von der Originalität von Alans Gedanken,
zählte ihn aber nicht in eine andere Kategorie als die Mathematiker und Naturwis-
senschaftler in Trinity, die er gekannt hatte. Alans Zukunft schien unsicher. Sollte
er in Cambridge Naturwissenschaften oder Mathematik studieren? War er sich über-
haupt eines Stipendiums sicher? Irgendwie im Sinn einer letzten Zuflucht sprach
er mit Evan Williams über wissenschaftliche Karrieren in der Industrie. Williams
erklärte die Probleme der Kohleindustrie, etwa die Analyse von Kohlenstaub auf
seine Giftigkeit, aber Alan betrachtete dies mit Mißtrauen und bemerkte zu Rupert,
dies könnte dazu verwendet werden, die Bergarbeiter zu betrügen, indem man ihnen
ein wissenschaftliches Gutachten vor die Nase halte.
Sie waren sehr vornehm gereist und nur in den besten Hotels abgestiegen, aber
was sich Alan am meisten wünschte, war ein Besuch in Clock House. Mrs. Morcom
fühlte dies und bat ihn taktvoll, ihr zu "helfen", Christophers Papiere durchzusehen
und zu sortieren. So fuhr Alan am Mittwoch in ihr Londoner Atelier und traf sie dann
später, nach einem Besuch des British Museum, am Zug nach Bromsgrove. Zwei
Tage lang sah er das Laboratorium, das nicht fertiggestellte Teleskop, die Ziegen (sie
hatten die schuldige Kuh ersetzt) und alles, wovon ihm Christopher erzählt hatte. Am
Freitag, dem 25. April, mußte er nach Hause fahren, überraschte Mrs. Morcom aber,
indem er am nächsten Tag nach London kam und ihr ein Päckchen von Christophers
Briefen schenkte. Am Montag schrieb er:

28.4.30
Liebe Mrs. Morcom,
ich schreibe nur, um Ihnen dafür zu danken, daß Sie mich auf die Reise mitgenom-
men haben, und um Ihnen zu sagen, wie sehr ich sie genossen habe. Ich glaube wirklich
60 Kapitel 2

nicht, daß ich schon einmal eine so schöne Zeit hatte, abgesehen von jener wunderbaren
Woche mit Chris in Cambridge. Ich muß Ihnen auch für all die kleinen Dinge aus Chri-
stophers Besitz danken, die Sie mir überlassen haben. Es bedeutet mir sehr viel, sie zu
haben ...
Herzlich Ihr Alan
Ich war so froh, daß ich nach Clockhouse kommen durfte. Ich war sehr beeindruckt von
dem Haus und allem, was damit verbunden ist, und sehr erfreut, daß ich Ihnen helfen
konnte, Chris' Dinge in Ordnung zu bringen.

Mrs. Turing hatte auch geschrieben:

27.4.30
Liebe Mrs. Morcom,
als Alan gestern nach Hause kam, sah er so gut und glücklich aus - ihm gefiel diese
Zeit mit Ihnen, aber besonders wertvoll war ihm der Besuch in Clockhouse: er ist heute
in die Stadt gefahren, um jemanden aufzusuchen, sagte jedoch, er werde mir davon ein
andermal erzählen - und ich wußte, er meinte, daß es eine Erfahrung ganz eigener Art
war. Wir hatten noch kein richtiges Gespräch, aber ich bin sicher, es hat ihm geholfen,
mit Ihnen Erinnerungen auszutauschen, und mit der Zärtlichkeit einer Frau hütet er die
Bleistifte, die schöne Sternkarte und andere Souvenirs, die Sie ihm gaben, wie einen
Schatz ....
Ich hoffe, Sie halten es nicht für eine Ungehörigkeit - aber nach unserem Gespräch,
in dem Sie mir erzählten, wie sehr Chris seinem Namen Ehre machte - und, wie ich
glaube, macht - den Schwachen zu helfen - dachte ich, wie schön es wäre, zu seinem
Gedenken in der Schulkapelle ein Tafelbild des Hl. Christophorus zu haben - ein von
Ihnen gestaltetes Tafelbild, und welche Inspiration das für die Jungen wäre, die auf diese
Weise daran erinnert würden, daß es auch heute Jünger des Hl. Christophorus gibt und
daß Genie und demütiger Dienst am Mitmenschen Hand in Hand gehen können, wie bei
Chris ...

Mrs. Morcom hatte eine ähnliche Idee bereits verwirklicht. Sie hatte ein farbiges
Glasfenster mit dem Bild des Hl. Christophorus in Auftrag gegeben - jedoch nicht
für Sherborne, sondern für ihre Pfarrkirche in Catshill. Es sollte auch nicht den
"demütigen Dienst" von Mrs. Turing zum Ausdruck bringen, sondern das weiterge-
hende Leben. Als Alan wieder an der Schule war, schrieb er an Mrs. Morcom:

3.5.30
Ich hoffe, daß ich in diesem Trimester im Higher Certificate so gut abschneide wie
Chris. Ich denke oft darüber nach, wie ähnlich ich Chris in einigen Bereichen bin, durch
die wir wirkliche Freunde wurden, und frage mich, ob ich nun aufgerufen bin, etwas zu
tun, wovon er abberufen worden ist.

Mrs. Morcom hatte Alan auch bei der Auswahl der Bücher um Hilfe gebeten, die
Christopher posthum als Schulpreis erhalten sollte:
Geist der Wahrheit 61

Ich denke, Chris hätte als Digby-Preis fast sicher The Nature 0/ the Physical World
(Eddington) bekommen und The Universe Around Us (Jeans) und möglicherweise ent-
weder The Internal Constitution 0/ the Stars (Eddington) oder Astronomy and Cosmogony
(Jeans). Ich denke, The Nature 0/ the Physical World dürfte Ihnen gefallen.

Die Familie Morcom stiftete für Sherbome einen neuen Preis, einen Preis für Natur-
wissenschaften, der für Arbeiten verliehen werden sollte, die sich durch ein Element
von Originalität auszeichneten. Alan hatte an dem Jodat-Experiment weitergearbei-
tet und bemühte sich nun, es für den Preis in eine schriftliche Form zu bringen.
Christopher war es, der ihn sogar aus dem Grabe veranlaßte, sich mitzuteilen und
am Wettbewerb teilzunehmen. Er schrieb an seine Mutter:

18. Mai 1930


. .. Ich habe eben an einen gewissen Mellor geschrieben, den Autor eines Chemiebuches,
um zu sehen, ob er mir eine Literaturangabe zu dem Experiment geben könnte, das ich im
letzten Sommer gemacht habe. Rupert sagte, wenn ich ihm ein Zitat beschaffen könnte,
würde er es in Zürich nachschlagen. Es ist ärgerlich, daß ich bisher noch nichts finden
konnte.

Alan interessierte sich auch für perspektivisches Zeichnen:

Die zeichnerischen Versuche dieser Woche sind auf keinem besseren Papier ... Ich
halte wirklich nicht viel von Miss Gillets Leistungen. Ich erinnere mich, sie sagte ein-
oder zweimal auf eine vage Weise etwas über parallele Linien, die durch einen Punkt
laufend gezeichnet werden, aber üblicherweise lag ihr der Ausspruch "vertikale Linien
bleiben vertikal" auf der Zunge. Ich frage mich, wie sie es schaffte, die Dinge unter ihr
zu zeichnen. Ich habe nicht viel in der Art von Glockenblumen oder solchen Dingen
gezeichnet, sondern meistens Perspektive.

Mrs. Turing schrieb an Mrs. Morcom:

2l. Mai 1930


... Alan hat nun zu zeichnen begonnen, was ich schon vor langem gerne bei ihm gesehen
hätte: Ich denke, sehr wahrscheinlich eine Anregung von Ihnen. Er ist Ihnen ganz
ergeben, und ich glaube, als er an dem Tag, nachdem er Ihnen ,,Auf Wiedersehen!"
gesagt hatte, nach London fuhr, wünschte er sich nur eine Ausrede, um Ihnen einen
kurzen Besuch abstatten zu können! Sie waren alle schrecklich gut zu ihm und haben
ihm auf vielfache Weise eine neue Welt eröffnet. .. Wann immer wir allein waren, wollte
er nur von Chris und Ihnen und Co!. Morcom und Rupert sprechen.

Alan hoffte, in diesem Sommer im Higher Certificate eine bessere Benotung zu


erzielen. Sein Name wurde für das Pembroke College, Cambridge, notiert, das eine
Reihe von Stipendien nur auf Grund der Noten im Higher Certificate vergab. Halb
hoffte er eigentlich, es nicht zu schaffen, um eine Chance zu haben, sich für Trinity
zu bewerben. Er schaffte es nicht, denn er fand die Prüfungsarbeit in Mathematik
62 Kapitel 2

viel schwieriger als im Vorjahr, und seine Noten zeigten keine Verbesserung. Aber
Eperson berichtete:

. .. Ich denke, es ist ihm gelungen, den Stil seiner schriftlichen Arbeit zu verbessern, er
ist nun überzeugender und weniger skizzenhaft als im letzten Jahr ...

Und Gervis schrieb:

Er arbeitet viel besser als letztes Jahr um dieselbe Zeit, zum Teil weil er mehr weiß, aber
hauptsächlich weil er einen reiferen Stil bekommt.

Alans Arbeit für den neuen Morcom-Preis wurde Andrews unterbreitet, der
später erklärte: 2

Ich erkannte erstmals, was für einen ungewöhnlichen Verstand Alan hatte, als er mir eine
schriftliche Arbeit über die Reaktion zwischen Jodwasserstoffsäure und Schwefeldioxyd
vorlegte. Ich hatte das Experiment als eine "hübsche" Demonstration verwendet - aber
er hatte es mathematisch in einer Weise ausgearbeitet, die mich erstaunte ...

Die Jodate ließen ihn den Preis gewinnen. "Mrs. Morcom ist außergewöhnlich nett,
und die ganze Familie ist äußerst interessant", schrieb Alan an Blamey, "sie haben
einen Preis zum Andenken an Chris gestiftet, den ich sehr passenderweise dieses
Jahr gewann." Er schrieb auch:

Ich habe begonnen, Deutsch zu lernen. Es ist möglich, daß man mich irgendwann
während des nächsten Jahres vielleicht nach Deutschland schicken wird, aber ich habe
keine große Lust. Ich fürchte, ich würde viel lieber in Sherborne bleiben und überwin-
tern. Das Ärgste ist, daß mich die meisten der Leute, die in Gruppe III übriggeblieben
sind, ziemlich anekeln. Seit Februar ist Mermagen darin die einzig respektable Person
gewesen, und er studiert nicht ernsthaft Physik oder überhaupt Chemie.

Der Lehrer, der ihn im Deutschen unterrichtete, schrieb: "Er scheint überhaupt
keine Fähigkeit für Sprachen zu haben." Es war nicht das, worüber er bei seiner
Überwinterung nachdenken wollte.
An einem Sonntag in jenem Sommer fanden die Jungen von Westcott House, als
sie von ihren nachmittäglichen Wanderungen zurückkehrten, Alan bei der Beschäfti-
gung mit einem Experiment. Er hatte im Treppenhaus ein langes Pendel installiert
und beobachtete im Verlauf des Tages, wie dessen Schwingungsebene gleich blieb,
während die Erde darunter rotierte. Es war bloß der elementare Foucaultsche Pen-
delversuch, wie er ihn im Science Museum in London gesehen haben könnte. Aber
er verursachte großes Erstaunen in Sherborne und war fast so eindrucksvoll wie
seine Ankunft auf dem Fahrrad im Jahre 1926. Alan erzählte Peter Hogg auch, daß
es etwas mit der Relativitätstheorie zu tun hätte, was schließlich auch der Fall war:
ein Problem, das Einstein beschäftigte, war, wie das Pendel seinen Ort beibehielt in
Relation zu den entfernten Sternen. Wie wußte das Pendel von den Sternen? Warum
Geist der Wahrheit 63

sollte es einen absoluten Maßstab für Drehung geben, und warum sollte der mit der
Anordnung der Sterne übereinstimmen?
Aber wenn die Sterne noch ihre Anziehungskraft ausübten, mußte Alan doch
auch seine Gedanken über Christopher ausarbeiten. Mrs. Morcom hatte ihn im April
gebeten, seine Erinnerungen an ihren Sohn für eine Anthologie zu schreiben. Alan
fand dies eine schwer zu erfüllende Aufgabe:

Meine Eindrücke von Chris, die ich für Sie geschrieben habe, scheinen mehr eine Be-
schreibung unserer Freundschaft geworden zu sein als irgend etwas anderes, darum dachte
ich, ich würde sie in dieser Art für Sie schreiben und dann etwas, das weniger mit mir
zu tun hat, damit Sie es mit den anderen drucken können.

Am Ende machte er drei Versuche, aber in keinem von ihnen konnte er männliche
Distanziertheit wahren, denn er war zu ehrlich, um seine Gefühle zu verbergen. Die
ersten Seiten wurden am 18. Juni abgeschickt, und er erklärte:

Meine lebhaftesten Erinnerungen an Chris sind fast zur Gänze die liebenswürdigen Dinge,
die er mir manchmal sagte. Natürlich habe ich einfach den Boden angebetet, über den
er schritt - etwas, das ich, wie ich leider sagen muß, kaum zu verbergen versucht habe.

Mrs. Morcom bat um mehr, und Alan versprach, es wieder zu versuchen, wenn er
in den Ferien wäre:

20/6/30
Ich denke ich weiß, was Sie mit den kleinen Punkten meinen, die Sie festgehalten
haben wollen. Ich werde in Irland eine Menge ruhiger Zeit haben, um diese für Sie
auszudenken. Ich konnte es nicht früher tun, weil dieses Trimester nicht mehr lange
dauert und das Lager keine sehr geeignete Atmosphäre bietet. Viele der Dinge, die ich
weggelassen habe, waren Dinge, die für mich typisch für Chris waren, aber als ich sie
später durchlas, erkannte ich, daß sie für jemand, der weder Chris noch mich wenigstens
ein bißchen kannte, nicht viel bedeuten würden. Ich habe versucht, dies zu überwinden,
um bloß ein wenig zu zeigen, was Chris für mich war. Sie wissen es natürlich ...

Das Offizierstrainingslager in der ersten Woche der Sommerferien stand auch der
Einladung zu einem Aufenthalt in Clock House im Wege, die Mrs. Morcom an beide,
Alan und seine Mutter, ausgesprochen hatte. Glücklicherweise brach in Sherborne
eine ansteckende Krankheit aus, und das Lager wurde abgesagt.
Alan kam am Montag, dem 4. August, in Clock House an. Mrs. Morcom schrieb
"War eben da, um ihn ins Bett zu stecken. Er hat mein Zimmer, schläft aber in einem
Schlafsack, wo Chris im letzten Herbst schlief ... " Am nächsten Tag gesellte sich
Mrs. Turing zu ihnen. Colonel Morcom gab Alan die Erlaubnis, im Laboratorium
an einem Experiment zu arbeiten, das er und Chris gemeinsam begonnen hatten.
An einem Tag fuhr man zur County Show und besuchte Christophers Grab. Am
Sonntagabend schrieb Mrs. Morcom:
64 Kapitel 2

Ich fuhr mit Mrs. Turing und Alan nach Lanchester. Sie reisten knapp nach 7 Uhr abends
ab. Blieb bis 7 Uhr im Gespräch mit ihnen ... Alan kam heute morgen herein, um mit
mir zu sprechen, und sagte, wie sehr er es liebe, hier zu sein. Er sagte, hier fühle er
Chris' Segen.

Die Turings fuhren hinüber nach Irland und verbrachten die Ferien in Donegal.
Alan fischte mit John und seinem Vater, kletterte mit seiner Mutter auf die Hügel
und behielt seine Gedanken für sich.

Am Ende des Sommertrimesters hatte O'Hanlon ihm seine Anerkennung ausge-


sprochen: "Ein gutes Trimester. Mit einigen, offensichtlich geringfügigen Versäum-
nissen, er hat Charakter." Alan hatte sich besser darauf eingerichtet, mit dem Sy-
stem auszukommen. Es war nicht so, daß er jemals rebelliert hatte, er hatte sich
einfach nur zurückgezogen; es war auch keine Versöhnung, denn er war der Zurück-
gezogenheit treu geblieben. Aber er nahm die "augenscheinlichen Pflichten" nun
eher als Konventionen denn als Zumutungen auf, solange sie ihn nicht bei etwas
Wichtigem störten. Im Herbsttrimester 1930 wurde sein Altersgenosse Peter Hogg
leitender Schüler des Hauses und Alan, als zweiter Primaner im dritten Jahr, wurde
Schülerpräfekt. O'Hanlon schrieb an Mrs. Turing: "Ich bin ganz sicher, daß er loyal
sein wird: und er hat Verstand, auch Sinn für Humor. Damit sollte er durchkom-
men ... " Er leistete seinen Anteil an der Disziplinierung der jüngeren Knaben des
Hauses. Einer der neuen Jungen war David Harris, Bruder jenes Arthur Harris, der
vier Jahre zuvor leitender Schüler des Hauses gewesen war. Als diensthabender
Präfekt erwischte Alan ihn, als er seine Fußballkleidung zum zweiten Mal nicht an
den Haken gehängt hatte. Alan sagte: "Ich fürchte, ich werde dich schlagen müssen."
Und er tat es und machte damit Harris zu einem Helden unter seinesgleichen, weil
er der erste unter den neuen Jungen war, der auf diese Weise leiden mußte. Harris
hielt sich am Gasbrenner fest, und Alan versetzte ihm die Schläge. Ohne die rich-
tigen Schuhe rutschte er jedoch über den spiegelnden Boden des Waschraums, und
so landete er Zufallstreffer, ein Schlag traf Harris' Wirbelsäule, einer auf ein Bein.
Das war nicht die Art, wie man Respekt gewinnt. Alan Turing war ein freundlicher,
aber "schwacher" Präfekt, einer, den die jüngeren Schüler ärgern konnten, indem sie
seine Kerze im Schlafraum ausbliesen oder Natriumbikarbonat in seinen Nachttopf
taten. (Bei den Schlafräumen in den Häusern gab es keine Toiletten.) Der "alte Tu-
rog", wie er nach dem Turog-Brot benannt wurde, war immer für einen Scherz gut.
Ein ähnlicher Vorfall, der sich während des "Studiums" ereignete, wurde von Knoop
beobachtet3 , einem der älteren Jungen, der von Alan sagte: "Er hatte Verstand, wo
ich Muskeln hatte."

Während dieses Zeitraumes von 1 16 Stunden wurde normalerweise die Bestrafung durch
Schüler vorgenommen. Unsere Studienräume in Westcott House lagen an einem langen
Gang, auf beiden Seiten gab es Studierzimmer, die von 2 bis 4 Jungen gemeinsam
Geist der Wahrheit 65

benutzt wurden. An diesem bestimmten Abend, während der Schweigeperiode, hörten


wir Schritte den Gang entlangkommen, ein Klopfen an der Tür, ein Murmeln, dann zwei
Paar Schritte, die den Gang entlanggingen zum Schrank- und Waschraum, dann hörten wir
das Sausen des Stockes, das Krachen von Geschirr und eine Pause, als der Stock auf das
Hinterteil traf, dies war der erste Schlag, genau dasselbe passierte beim zweiten Schlag,
nun barsten meine Kameraden und ich bereits vor Lachen. Turing hatte bei seinem Schlag
nach hinten einiges Teegeschirr, das den Präfekten gehörte, heruntergeworfen hatte, das
machte er bei zwei aufeinanderfolgenden Schlägen, und aus dem Lärm konnten wir
erkennen, was im Waschraum vor sich ging, der dritte und letzte Schlag berührte kein
Geschirr mehr, da es zu diesem Zeitpunkt bereits zerschmettert am Boden lag.

Noch viel ärgerlicher war, daß sein Tagebuch4 , welches er abgeschlossen verwahrte,
von einem anderen Jungen genommen und beschädigt worden war. Es gab jedoch
eine Grenze für das, was Alan hinzunehmen bereit war: 5

Turing war ein wirklich liebenswertes Geschöpf, aber eher salopp in seiner Erscheinung.
Er war ein Jahr oder mehr älter als ich, aber wir waren ziemlich gute Freunde.
Eines Tages sah ich, wie er sich im Waschraum rasierte, die Ärmel offen, seine
allgemeine Erscheinung eher abscheulich. Ich sagte auf freundliche Weise: "Turing,
du bist ein ekelhafter Anblick." Er schien es nicht übelzunehmen, aber ich sagte es
taktloserweise ein zweites Mal. Nun war er beleidigt und befahl mir, da stehenzubleiben
und auf ihn zu warten. Ich war etwas überrascht, aber da der Waschraum der Ort für
die Schläge war, wußte ich, was ich zu erwarten hatte. Pünktlich erschien er wieder mit
einem Stock, befahl mir, mich vorzubeugen, und gab mir vier Hiebe. Danach stellte er
den Stock zurück und fuhr fort sich zu rasieren. Es wurde nichts mehr gesagt; aber ich
erkannte, daß es mein Fehler war, und wir blieben gute Freunde. Dieses Thema wurde
nie mehr erwähnt.

Aber außer an wichtige Dinge wie "Disziplin, Selbstbeherrschung, Pflichtgefühl und


Verantwortung", war auch an Cambridge zu denken:

2/11/30
Liebe Mrs. Morcom,
ich habe auf eine Nachricht von Pembroke gewartet, um Ihnen zu schreiben. Indirekt
hörte ich vor ein paar Tagen, daß sie nicht in der Lage sein werden, mir ein Stipendium
zu geben. Das habe ich befürchtet; meine Noten waren unter den drei Fächern zu
gleichmäßig verteilt ... Ich bin voller Hoffnung für das Dezember-Examen. Ich mag
die Prüfungsarbeiten, die sie uns da geben, so viellieber als die vom Higher Certificate.
Dennoch scheine ich mich nicht so darauf zu freuen wie im letzten Jahr. Wenn bloß
Chris da wäre und wir noch eine Woche gemeinsam dort oben verbringen könnten.
Zwei meiner Bücher für den "Christopher Morcom"-Preis sind gekommen. Ich
hatte gestern abend großen Spaß mit dem Erlernen von Fadenfiguren aus "Mathematical
Recreations". .. In diesem Trimester hat man mich zu einem der Schulpräfekten gemacht,
zu meiner großen Überraschung, denn im letzten Trimester war ich nicht einmal Hau-
spräfekt. Im letzten Trimester begannen sie damit, mindestens zwei in jedem Haus zu
haben, was es eher erklärt.
66 Kapitel 2

Ich bin hier eben einer Gesellschaft beigetreten, welche "Die Duffers" genannt wird.
Wir gehen (wenn wir uns danach fühlen) jeden zweiten Sonntag in das Haus des einen
oder anderen Lehrers, und nach dem Tee liest jemand eine Arbeit, die er über ein Thema
geschrieben hat. Sie sind immer sehr interessant. Ich habe mich bereit erklärt, eine
Arbeit über "Andere WeIten" vorzutragen. Sie ist nun etwa zur Hälfte geschrieben. Es
macht viel Spaß. Ich weiß nicht, warum Chris nie beigetreten ist.
Mutter ist in Oberammergau gewesen. Ich denke, sie hat es sehr genossen, aber sie
hat mir noch nicht viel darüber erzählt ...
Herzlich Ihr A.M. Turing

Alans Beförderung zum Schulpräfekten war ein großer Trost für seine Mutter. Aber
viel bedeutsamer war eine neue Freundschaft in seinem Leben.
Im Haus war ein Junge, drei Jahre jünger als Alan, Victor Beuttell, auch er
einer, der sich weder anpaßte noch rebellierte, sondern dem System auswich. Wie
Alan litt auch er an einem Schmerz, von dem niemand wußte, denn seine Mutter war
tödlich an Rindertuberkulose erkrankt. Alan sah sie, als sie Victor besuchen kam,
der selbst mit doppelseitiger Lungenentzündung gefährlich erkrankt war, und fragte,
was ihr fehle. Es schlug eine schreckliche Saite der Erinnerung an. Alan erfuhr
auch etwas anderes, das wenige wußten: Victor hatte von einem Präfekten in einem
anderen Haus so starke Stockhiebe erhalten, daß seine Wirbelsäule geschädigt war.
Das ließ ihn zu einem Gegner der Prügelstrafe werden, und er gab Victor (der oft in
Schwierigkeiten geriet) niemals Stockhiebe, sondern schickte ihn zu einem anderen
Präfekten. Das Bindeglied zwischen ihnen war das Mitleid, aber es entwickelte sich
zu einer Freundschaft. Obwohl ihre Freundschaft im Gegensatz zu den Grundsätzen
der Public School stand, die es Jungen verschiedenen Alters normalerweise verboten,
ihre Zeit gemeinsam zu verbringen, gestattete ein spezieller Dispens von O'Hanlon,
der über die Aktivitäten der Jungen eine Kartei führte und sie genau beobachtete,
ihre Fortsetzung.
Sie verbrachten viel Zeit mit dem Spiel mit Codes und Chiffren. Eine Quelle der
Ideen mag das Buch Mathematical Recreations and Essays 6 gewesen sein, das Alan
als Christopher Morcom-Preis ausgewählt hatte, und das in der Tat einer Generation
von Schulpreisgewinnern gedient hatte, seit es 1892 erschienen war. Das letzte
Kapitel behandelte einfache Formen der Geheimschrift. Das Schema, das Alan
gefiel, war kein sehr mathematisches. Er lochte einen Papierstreifen und gab Victor
ein Buch. Der arme Victor mußte die Seiten durcharbeiten, bis er eine fand, wo durch
die Löcher des Streifens Buchstaben erschienen, die eine Botschaft ergaben, wie z.B.
HAT ORION EINEN RING. Zu diesem Zeitpunkt hatte Alan seinen Enthusiasmus für
die Astronomie an Victor weitergereicht und ihm die Konstellationen erklärt. Alan
zeigte ihm auch, wie man magische Quadrate konstruiert (auch aus Mathematical
Recreations), und sie spielten eine Menge Schach.
Wie es sich ergab, war Victors Familie auch mit den Swan-Elektrolichtbetrie-
ben verbunden, denn sein Vater, Alfred Beuttell, hatte durch die Erfindung und
Geist der Wahrheit 67

Patentierung der elektrischen Linolite-Bandreflektorlampe im Jahre 1901 ein kleines


Vermögen gemacht. Die Lampe wurde von Swan und Edison hergestellt, während
Mr. Beuttell, der sich vom väterlichen Teppichgroßhandelsgeschäft losgesagt hatte,
weitere Erfahrung als Elektroingenieur erwarb. Er hatte bis zum Ersten Weltkrieg
ein großartiges Leben geführt, mit Fliegen, Autorennen, Segeln und erfolgreichem
Spiel in Monte Carlo. 7
Alfred Beuttell, mit seiner sehr hochgewachsenen, patriarchalischen Figur, be-
herrschte seine beiden Söhne, von denen Victor der ältere war. In seinem Charakter
kam Victor mehr nach der Mutter, die 1926 ein seltsam pazifistisches, vergeistigtes
Buch publiziert hatte. Er vereinte ihre strahlenden Augen und ihren fast magi-
schen Charme mit dem kräftigen, guten Aussehen seines Vaters. In den zwan-
ziger Jahren war Alfred Beuttell zur Forschung auf dem Gebiet der Beleuchtung
zurückgekehrt und hatte 1927 Patente für eine neue Erfindung angemeldet, das "K-
Strahl-Beleuchtungssystem". Es war dazu entwickelt worden, eine gleichförmige
Beleuchtung von Bildern oder Plakaten zu ermöglichen. Die Idee war, ein Plakat
mit einem Glaskasten zu umrahmen, dessen Vorderfront derart gebogen war, daß sie
das Licht von einem Lichtband am Kopfende gen au gleichmäßig auf das gesamte
Plakat warf. (Ohne eine solche Reflexion wäre das Plakat oben viel heller als un-
ten.) Das Problem war, die richtige Formel für die Krümmung des Glases zu finden.
Alan wurde von Victor mit dem Problem vertraut gemacht und legte plötzlich, ohne
sie erklären zu können, die Formel vor, welche mit Alfred Beuttels Berechnungen
übereinstimmte. Aber Alan ging weiter und zeigte die Schwierigkeit auf, die sich
aus jener Dicke des Glases ergab, die eine zweite Reflexion an der Oberfläche der
Vorderseite ergeben würde. Das machte eine Veränderung in der Krümmung des
K-Strahl Systems erforderlich, das bald für Aushängeschilder im Freien Verwen-
dung fand, wobei der erste Vertrag mit Lyons and Co. Ltd., der Gaststättenkette,
abgeschlossen wurde.
Das war charakteristisch. Wie bei der Jodat- und Sulfit-Berechnung erfreute es
Alan immer, wenn eine mathematische Formel in der physischen Welt tatsächlich
funktionierte. Er hatte praktische Demonstrationen immer gemocht, auch wenn er
dabei nicht gut war, und obgleich er als das intellektuelle "Mathe-Hirn" in die Ecke
gedrängt wurde, machte er nicht den Fehler anzunehmen, das Denken werde durch
eine konkrete Manifestation befleckt oder herabgesetzt.
Dazu gab es eine parallele Entwicklung, insofern als er nicht zuließ, daß die re-
ligiöse Verehrung von "Sport" in Sherborne ihm Verachtung für den Körper einflößte.
Er wäre gerne mit corpus und mens gleich erfolgreich gewesen und fand mit beiden
die gleichen Schwierigkeiten: einen Mangel an Koordination und Leichtigkeit des
Ausdrucks. Aber mittlerweile hatte er entdeckt, daß er ziemlich gut laufen konnte.
Hatte Regenwetter die Absage des alles bedeutenden Fußballs erforderlich gemacht,
errang er den ersten Platz bei den Wettläufen der Jungen im Haus. Victor ging
mit ihm zum Laufen hinaus, aber nach zwei Meilen oder so sagte er: "Es hilft
68 Kapitel 2

nichts, Turing, ich werde umkehren müssen." Und Alan überholte ihn noch auf der
Rückkehr von einer wesentlich längeren Strecke.
Laufen sagte ihm zu, denn es war eine selbstgenügsame körperliche Übung,
ohne Ausrüstung oder soziales Beiwerk. Nicht, daß er die Geschwindigkeit eines
Sprinters gehabt hätte oder besondere Anmut, denn er war ziemlich plattfüßig, aber
er entwickelte große Ausdauer, indem er sich selbst vorwärtstrieb. Für Sherborne
war das nicht wichtig, dort zählte nur, daß er (zu Peter Hoggs Überraschung) ein
"nützlicher Stürmer" im Hausteam wurde. Aber Knoop stellte es mit Bewunderung
fest, und es war sicher wichtig für Alan selbst. Er war nicht der erste Intellektuelle,
der sich diese Art von körperlichem Training auferlegte und aus dem Beweis sei-
nes Durchhaltevermögens beim Laufen, Wandern, Radfahren, Klettern und Ertragen
der Elemente dauerhafte Befriedigung gewann. Es war Teil seiner "Zurück zur Na-
tur" -Sehnsüchte. Aber notwendigerweise spielten auch andere Faktoren eine Rolle
; er betrachtete die Selbstermüdung durch den Lauf als Alternative zur Onanie. Die
Bedeutung der lebenslangen Konflikte, die seine Sexualität von dieser Zeit an um-
gaben, ist wahrscheinlich nur schwer überzubewerten - sowohl in der Kontrolle der
Forderungen seines Körpers als auch im wachsenden Bewußtsein seiner emotionalen
Identität.
Im Dezember gab es dieselbe Ankunft am Waterloo-Bahnhof auf dem Weg
nach Cambridge, aber kein Besuch in Mrs. Morcoms Atelier. Statt dessen waren
seine Mutter und John (nun ein Rechtspraktikant in der City) gekommen, um ihn zu
treffen, und Alan sagte, er wollte sich Howard Hughes' Fliegerfilm Hell' sAngeis
ansehen. In Cambridge gelang es ihm auch diesmal nicht, ein Stipendium für Trinity
zu erlangen. Aber seine größere Selbstsicherheit war nicht völlig unangebracht, denn
er wurde für ein Stipendium am College seiner zweiten Wahl, King's, ausgewählt.
Er erhielt den achten Platz in der Reihe der Hauptstipendiaten mit E80 pro Jahr.*
Jeder gratulierte ihm. Aber er hatte sich entschlossen, etwas zu tun, etwas,
wovon Christopher "abberufen worden war". Für eine Person mit mathematischem
Verstand, der Fähigkeit, mit abstrakten Zusammenhängen und Symbolen umzugehen
wie mit greifbaren alltäglichen Objekten, war ein Stipendium für King's eine eher
mindere Angelegenheit, vergleichbar dem Vom-Blatt-Spielen einer Sonate oder der
Reparatur eines Autos - gescheit und befriedigend, aber nicht mehr. Viele hatten
bessere Stipendien erlangt und in jüngerem Alter. Zutreffender als das Wort "bril-
lant", das man nun von den Lippen der Lehrer hörte, war die Strophe, die Peter
Hogg beim gemeinsamen Abendessen des Hauses sang:

* Zum Vergleich: ein gelernter Arbeiter verdiente etwa U60 pro Jahr; die Arbeitslosenunterstützung
belief sich auf f40 pro Jahr für einen alleinstehenden Mann.
Geist der Wahrheit 69

Our Mathematician comes next in our lines


With his mind deep in Einstein - and study light fines. *

Denn er hatte gründlich über Einstein nachgedacht und dabei die Vorschriften über-
treten.
Alan "überwinterte" noch zwei weitere Trimester - das war so üblich. Unter
den Bedingungen von 1931 gab es kaum temporäre Beschäftigung. Mittlerweile
hatte er sich auf Mathematik als seine zukünftige Studienrichtung in Cambridge
und nicht auf Naturwissenschaft festgelegt. Im Februar 1931 erwarb er G.H. Hardys
Pure Mathematics, das klassische Werk, mit dem die Mathematik an der Universität
begann. Er machte das Higher Certificate zum dritten Mal, diesmal mit Mathematik
als Hauptfach, und erhielt endlich eine Auszeichnung. Er bewarb sich auch wieder
um den Morcom-Preis und gewann ihn. Diesmal erhielt er dazu eine Preisurkunde
in Buchform, die, wie Alan schrieb, "höchst faszinierend gemacht ist, und in ihrer
klaren, leuchtenden Buchmalerei viel von Chris' Geist reflektiert." Die Morcoms
hatten sie in einem zeitgenössischen, neo-mittelalterlichen Stil anfertigen lassen, der
in scharfem Gegensatz zum verstaubten Hintergrund von Sherborne stand.
In den Osterferien, am 25. März, ging er mit Peter Hogg (einem begeisterten
Ornithologen) und einem älteren Jungen, George Madure, auf eine Wander- und
Autostoptour. Auf ihrem Weg von Guildford nach Norfolk verbrachten sie eine
Nacht in einer Arbeiterherberge, die Alan gefiel, gleichgültig wie er war gegenüber
irgend etwas Luxuriöserem (obwohl seine Mutter schockiert war). Eines Tages
marschierte er in typischer Weise zu Fuß weiter, während sich die beiden anderen von
einem Auto mitnehmen ließen. Er verbrachte auch fünf Tage auf einem Offizierstrai-
ningskurs in der Kaserne von Knightsbridge und qualifizierte sich im Exerzieren und
in der Taktik. Das war ziemlich verblüffend für John, der in Alan einen ungewohnten
Enthusiasmus bei der Kostümierung als Soldat entdeckte. Vielleicht fand er diesen
seltenen Kontakt mit Männern von außerhalb des gesellschaftlichen Kokons des
oberen Mittelstands auf eigenartige Weise aufregend.
David Harris wurde sein "Fag" und fand ihn als Meister wohlmeinend, aber
gedankenverloren. Eine von Bougheys revolutionären Neuerungen war, daß es den
Präfekten gestattet wurde, an Sonntagnachmittagen Präfekten von anderen Häusern
zum Tee einzuladen, und gelegentlich mußte Harris gebackene Bohnen kochen, wenn
Alan von diesem Entgegenkommen Gebrauch machte. Alan hatte den Gipfel des
Privilegs erreicht. Er fuhr mit dem perspektivischen Zeichnen fort, angeregt durch
Victors Interesse und beträchtliches künstlerisches Talent. Sie führten viele Diskus-
sionen über Perspektive und Geometrie. Für einen Kunstwettbewerb der Schule im
Juli reichte Alan eine Strichzeichnung der Abtei ein und gab sie Peter Hogg. (Victor
gewann einen Preis für sein Aquarell.) Und dann Valete, A.M. Turing, Schulpräfekt,

* A.d.Ü.: Unser Mathematiker ist der nächste aus uuserer Reihe, mit seinen Gedanken bei Einstein -
bleibt sträflich das Studierlicht an.
70 Kapitel 2

Sergeant im OTC, Mitglied der Duffers! Alan erhielt eine Menge von Preisen und
eine jährliche Cambridge-Beihilfe von f50 aus den Sherborne-Stiftungen. Er wurde
auch mit der König Eduard VI.-Goldmedaille für Mathematik ausgezeichnet. Beim
Stiftergedenkfest empfing er das schwache Lob, das den ihm gebührenden Platz im
System kennzeichnete und während seiner Schulzeit seine einzige Erwähnung im
Sherborne Magazin8 sein sollte. Die Gewinner von Stipendien waren:

G.c. Law, der ihm (dem Schulleiter) eine außergewöhnliche Hilfe gewesen war, eine
wirklich tonangebende Stütze der Schule und ein stets freundlicher und fröhlicher und
durch und durch bester Typus eines "Shirbumian". (Applaus) Das andere offene Sti-
pendium, Mathematik, wurde von A.M. Turing errungen, der in seiner Sphäre einer der
ausgezeichnetsten Schüler war, die sie in letzter Zeit hatten.

O'Hanlon beschrieb dies als "einen sehr erfolgreichen Abschluß" für "eine interes-
sante Karriere mit mannigfaltigen Erfahrungen" und brachte seine Dankbarkeit für
Alans "im wesentlichen loyale Hilfe" zum Ausdruck.
Mrs. Morcom hatte Alan und Mrs. Turing wieder zu einem Aufenthalt im Som-
mer eingeladen. In einem Brief Alans vom 14. August, der einige weitere Fragen
Mrs. Morcoms beantwortete und dem er alle Briefe Christophers beilegte, hieß es,
daß seine Mutter geschrieben haben sollte, um alle Vereinbarungen zu treffen. Aber
aus irgendeinem Grund kam es zu keinem Besuch. Statt dessen fuhr Alan für die
ersten beiden Septemberwochen mit O'Hanlon nach Sark. Peter Hogg, Arthur Har-
ris und zwei alte Freunde von O'Hanlon waren mit von der Partie. Sie wohnten in
einem Bauernhaus aus dem achtzehnten Jahrhundert und verbrachten die Tage an
den felsigen Küsten der Insel, wo Alan nackt badete. Arthur Harris machte eben
Aquarellskizzen, als Alan hinter ihm auftauchte, auf einen Haufen Pferdemist zeigte,
der vor ihnen auf dem Weg lag und sagte: "Ich hoffe, das kommt aufs Bild."

Wenige neue Studenten überschritten die Schwelle von King's College, ohne daß
seine Großartigkeit sie ein wenig zum Zittern gebracht hätte. Doch die Versetzung
nach Cambridge bedeutete keineswegs den Sprung in eine völlig neue Umgebung,
denn in vieler Hinsicht ähnelte die Universität einer sehr großen Public School -
ohne deren Gewalttätigkeit, aber mit vielen vererbten Attitüden. Jeder, der mit
dem subtilen Verhältnis von Loyalitäten zu Haus und Schule vertraut war, fand
im System von College und Universität nichts Verblüffendes. Der Ausgangsschluß
um 11 Uhr, die Verpflichtung, nach Sonnenuntergang einen Talar zu tragen, das
Verbot von Besuchen des anderen Geschlechts ohne Anstandsdame wurden von der
großen Mehrheit jener in statu pupillari leichtgenommen. Sie empfanden es als neue
Freiheit, zu trinken und zu rauchen und den Tag so zu verbringen, wie sie wollten.
Cambridge war in seinen Einrichtungen ausgesprochen feudal. Die Mehrheit der
Studenten kam aus Public Schools, und die Minderheit, die aus einem unteren Mittel-
standsmilieu kam und nach dem Gymnasium Stipendien errungen hatte, mußte sich
Geist der Wahrheit 71

an das eigenartige Verhältnis zwischen "Herren" und "Dienern" anpassen. Was die
Damen anlangte, so nahm man an, sie müßten mit ihren beiden Colleges zufrieden
sem.
Wie bei den Public Schools gab es auch bei den alten Universitäten vieles, das
weniger mit dem Lernen als mit dem Sozialstatus zu tun hatte, mit Lehrgängen in
Geographie und Gutsverwaltung für jene mit geringerer akademischer Denkweise.
Aber die tollen Streiche, die "Debaggings", bei denen mancher seine Hosen einbüßte
und ins Brunnenbecken geworfen wurde, und die Verwüstung der Räume von ernst-
haften Studenten waren mit den zwanziger Jahren zu Ende gegangen. Mit der
Wirtschaftskrise hatten die dreißiger Jahre begonnen, streng und ernst. Und nichts
durfte in die so wertvolle Freiheit eines eigenen Zimmers eingreifen. Die Räume
in Cambridge hatten Doppeltüren, und es war Konvention, daß der Bewohner, der
die Tür geschlossen hielt, indem er die äußere Tür versperrte, nicht zu Hause war.
Endlich konnte Alan arbeiten oder denken oder einfach unglücklich sein - denn er
war weit davon entfernt, glücklich zu sein -, wie immer und wann immer es ihm
beliebte. Sein Zimmer konnte so durcheinander und unordentlich sein, wie er wollte,
solange er mit dem Dienstpersonal des College seinen Frieden hielt. Er mochte von
Mrs. Turing gestört werden, die ihn wegen der gefährlichen Art schalt, wie er sein
Frühstück auf dem Gasbrenner bereitete. Aber das waren nur sehr gelegentliche Un-
terbrechungen, und nach seinem ersten Jahr sah Alan seine Eltern bloß bei flüchtigen
Besuchen in Guildford. Er hatte seine Unabhängigkeit erlangt und wurde endlich in
Ruhe gelassen.
Aber es gab auch die Universitätsvorlesungen, die im großen und ganzen einen
hohen Standard hatten; es war Tradition in Cambridge, den gesamten Lehrgang der
Mathematik in Vorlesungen durchzuführen, die zu definitiven Lehrbüchern wurden,
von Vortragenden, die ihrerseits weltweite Autoritäten waren. Einer von diesen war
G.H. Hardy, der renommierteste britische Mathematiker seiner Zeit, der 1931 aus
Oxford zurückkehrte, um den Sadleirian Chair* einzunehmen.
Alan war nun im Zentrum des wissenschaftlichen Lebens, wo es Leute wie
Hardy und Eddington gab, die an der Schule bloße Namen gewesen waren. Außer
ihm selbst begannen 1931 noch fünfundachtzig Studenten den Lehrgang zur Erlan-
gung eines akademischen Grades in der Mathematik - "Tripos", wie er in Cambridge
genannt wurde. Aber diese gliederten sich in zwei klar unterschiedene Gruppen:
jene, die sich für Lehrplan A bereit erklärten, und jene, die Lehrplan B noch zusätz-
lich machten. Die Ersteren errangen den Standard Honours Degree, der wie alle
Grade in Cambridge über zwei Teilprüfungen erlangt wurde, Teil I nach einem Jahr
und Teil 11 zwei Jahre später. Die Lehrplan B-Kandidaten machten dasselbe, aber im
letzten Jahr belegten sie zur Prüfung noch eine zusätzliche Anzahl von fortgeschrit-
teneren Kursen - bis zu fünf oder sechs. Es war ein beschwerliches System, das

* A.d.Ü.: Traditioneller Lehrstuhl der Universität Cambridge


72 Kapitel 2

im folgenden Jahr abgeändert wurde, Lehrplan B wurde nun Teil III. Aber für Alan
Turings Jahrgang bedeutete es die Vernachlässigung des Studiums für Teil I, der eine
Art historisches Relikt war, mit harten Fragen über Schulmathematik. Anstatt sofort
mit den Kursen von Teil 11 zu beginnen, wurde das dritte Jahr für das Studium der
fortgeschrittenen Vorlesungen des Lehrplans B freigehalten.
Von den Stipendiaten wurde erwartet, daß sie nach dem Lehrplan B zur Prüfung
antraten, und Alan war par excellence unter ihnen einer von jenen, die das Gefühl
haben konnten, in ein anderes Land einzutreten, in welchem sozialer Rang, Geld
und Politik bedeutungslos waren, und in welchem die größten Persönlichkeiten,
Gauß und Newton, als Bauernjungen geboren worden waren. David Hilbert, der
überragende mathematische Geist der vorangegangenen dreißig Jahre, hatte es so
formuliert: 9 "Die Mathematik kennt keine Rassen ... für die Mathematik ist die
gesamte Kulturwelt ein einziges Land." Und er meinte es nicht als hohle Platitüde,
denn er sprach als Leiter der deutschen Delegation auf dem internationalen Kongreß
von 1928. Die Deutschen waren 1924 ausgeschlossen worden, und 1928 weigerten
sich viele teilzunehmen.
Alan reagierte mit Freude auf die Absolutheit der Mathematik, ihre augenschein-
liche Unabhängigkeit von den Belangen der Menschen, was G.H. Hardy auf andere
Weise ausdrückte: 10
317 ist eine Primzahl, nicht weil wir das glauben oder weil unser Verstand eher in die
eine als in die andere Richtung geformt ist, sondern weil es so ist, weil die mathematische
Realität derart beschaffen ist.

Hardy war selbst ein "reiner" Mathematiker, was bedeutet, daß er in jenen Zweigen
des Fachgebietes arbeitete, die nicht nur vom menschlichen Leben, sondern auch von
der physikalischen Welt selbst unabhängig sind. Insbesondere hatten die Primzahlen
diesen immateriellen Charakter. Die Betonung der reinen Mathematik lag auch auf
der absolut logischen Deduktion.
Andererseits legte Cambridge auch Betonung auf das, was es "angewandte" Ma-
thematik nannte. Das bedeutete nicht die Anwendung der Mathematik auf Industrie,
Wirtschaft oder die nützlichen Künste; es gab auf englischen Universitäten keine
Tradition der Verbindung des hohen akademischen Status mit praktischem Nutzen.
Es bezog sich statt dessen auf das Grenzgebiet von Mathematik und Physik, Physik
im allgemeinen von der fundamentalsten und theoretischsten Art. Newton hatte die
Differentialrechnung und die Gravitationstheorie zusammen entwickelt, und in den
zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts gab es eine ähnlich fruchtbare Periode, als man
entdeckte, daß die Quantentheorie Methoden erforderte, die wie durch ein Wunder
in einigen neueren Entwicklungen der reinen Mathematik gefunden werden konnten.
Auf diesem Gebiet hatten die Arbeiten von Eddington und von anderen - darunter
P.A.M. Dirac - Cambridge gleich an die zweite Stelle hinter Göuingen gebracht, wo
soviel von der neuen Theorie der Quantenmechanik entwickelt worden war.
Geist der Wahrheit 73

Alan war ein Interesse an der physikalischen Welt nicht fremd. Aber was er
an diesem Punkt am meisten brauchte, war ein fester Halt an der Exaktheit, an der
intellektuellen Härte, an etwas, das absolut richtig war. Während das Cambridge
Tripos - halb "rein" und halb "angewandt" - dafür sorgte, daß er mit der Natur-
wissenschaft in Verbindung blieb, war es die reine Mathematik, der Alan sich wie
einem Freund zuwandte, als Schutzwall gegen die Enttäuschungen der Welt.
Alan hatte nicht viele andere Freunde - besonders in diesem ersten Jahr, in
dem er geistig noch zu Sherborne gehörte. Die Stipendiaten von King's bilde-
ten zumeist eine in ihrem elitären Status befangene Gruppe, aber er war eine der
Ausnahmen. Er war ein scheuer Junge von neunzehn, dessen Erziehung mehr mit
dem Auswendiglernen von dummen Gedichten oder dem Schreiben formeller Briefe
zu tun gehabt hatte als mit Ideen oder dem Ausdruck der eigenen Persönlichkeit.
Sein erster Freund, ein Bindeglied auch zu den anderen der Gruppe, war David
Champernowne, einer der beiden weiteren Mathematikstipendiaten. Er kam aus der
mathematischen Prima von Winchester College, wo er Stipendiat gewesen war, und
hatte in sozialen Belangen mehr Selbstvertrauen als Alan. Doch teilten sie einen
ähnlichen "Sinn für Humor", indem sie von Institutionen oder Traditionen in gleicher
Weise unbeeindruckt waren. Sie hatten auch die stockende Sprechweise gemeinsam,
obwohl sie bei David Champernowne weniger ausgeprägt war als bei Alan. Es war
und blieb eine ziemlich distanzierte Freundschaft wie an der Public School, aber für
Alan war es wichtig, daß "Champ" nicht durch Unkonventionelles schockiert wurde.
Alan erzählte ihm von Christopher und zeigte ihm ein Tagebuch, das er über seine
Gefühle seit des sem Tod geführt hatte.
Sie gingen gemeinsam zu den Tutorenkursen des College. Am Anfang war
es an Alan aufzuholen, denn David Champernowne hatte viel besseren Unterricht
erhalten, und Alans Arbeit war immer noch schwach im Ausdruck und unordent-
lich. Sein Freund "Champ" hatte sich, noch vor dem ersten Teilexamen, durch
die Publikation einer Arbeit l l ausgezeichnet, was mehr war als Alan getan hatte.
Die beiden Fachbetreuer für Mathematik am King's waren A.E.Ingham, ernst, aber
mit ironischem Humor, die Verkörperung mathematischer Strenge, und Philip Hall,
erst kurz vorher zum Fellow gewählt, unter dessen Schüchternheit eine besonders
freundliche Wesensart verborgen lag. Philip Hall übernahm Alan gerne und fand
ihn voll von Ideen. Alan sprach immer seltsam aufgeregt, seine Stimme wechselte
stets die Tonhöhe, aber dieses Auf und Ab folgte nicht der normalen Betonung. Im
Januar 1932 konnte Alan bereits auf eindrucksvoll beiläufige Art schreiben:
Vor kurzem habe ich einen meiner Vortragenden ziemlich erfreut, indem ich ein Theorem
aufstellte, welches, wie er herausfand, bisher nur von Sierpinski bewiesen worden war,
unter Verwendung einer sehr schwierigen Methode. Mein Beweis ist ganz einfach, so
habe ich Sierpinski* eins ausgewischt.

* W. Sierpinski, ein prominenter polnischer reiner Mathematiker des zwanzigsten Jahrhunderts.


74 Kapitel 2

Aber es gab nicht nur Arbeit. Alan trat dem Bootsklub des College bei. Das
war ungewöhnlich für einen Stipendiaten, denn die Universität steckte fest in dem
Polarisierungseffekt der Public Schools, es wurde angenommen, daß die Studenten
entweder "Athleten" oder "Ästheten" seien. Alan paßte in keine der beiden Ka-
tegorien. Es stellte sich auch das andere Problem des geistigen und körperlichen
Gleichgewichts, denn er verliebte sich wieder, diesmal in Kenneth Harrison, einen
weiteren King's Stipendiaten seines Jahrgangs, der das Naturwissenschaften-Tripos
belegt hatte. Alan sprach mit ihm viel über Christopher, und es wurde klar, daß Ken-
neth, der auch blonde Haare und blaue Augen hatte und ebenfalls Naturwissenschaft-
ler war, eine Art Reinkarnation seiner ersten großen Flamme war. Ein Unterschied
jedoch war, daß Alan diesmal seine Gefühle aussprach, wie er es mit Christopher nie
gewagt hätte. Sie fanden keine Erwiderung, aber Kenneth bewunderte die Offenheit
seiner Vorgehenssweise, und ließ nicht zu, daß ihre wissenschaftlichen Gespräche
dadurch beendet wurden.
Ende Januar 1932 schickte Mrs. Morcom Alan all die Briefe zwischen ihm
und Christopher zurück, welche er ihr 1931 ausgehändigt hatte. Sie hatte sie -
ganz wörtlich - in Faksimile kopiert. Es war der zweite Jahrestag seines Todes.
Mrs. Morcom schickte eine Karte und bat ihn am 19. Februar in Cambridge zum
Abendessen, und er seinerseits arrangierte ihre Unterbringung. Es war nicht das
günstigste Wochenende. Da er bei den Bootsrennen zu Pfingsten mitmachen sollte,
mußte er sich beim Essen und Trinken sehr zurückhalten. Aber Alan fand Zeit,
sie herumzuführen: Mrs. Morcom stellte fest, daß seine Räume "sehr unordent-
lich" waren, und sie gingen weiter, um zu sehen, wo Alan und Christopher in
Trinity anläßlich der Stipendien-Prüfung gewohnt hatten und wo Christopher nach
Mrs. Morcoms Vorstellung in der Kapelle von Trinity gesessen hatte.
In der ersten Aprilwoche fuhr Alan wieder zu einem Aufenthalt nach Clock
House, diesmal mit seinem Vater. Alan schlief in Christophers Schlafsack. Alle ge-
meinsam gingen sie, um das Glasfenster des Hl.Christopherus zu sehen, das nun in
der Gemeindekirche von Catshill installiert war, und Alan sagte, er hätte sich nichts
Schöneres in dieser Art vorstellen können. Christophers Gesicht war in das Fenster
integriert worden - nicht als der robuste Hl.Christopherus, der den Strom durchwa-
tet, sondern als der verborgene Christus. Am Sonntag ging er dort zur Kommunion,
und im Haus veranstalteten sie am Abend ein Grammophonkonzert. Mr. Turing las
und spielte Billard mit Colonel Moream, während Alan mit Mrs. Morcom Gesell-
schaftsspiele spielte. An einem Tag machte Alan eine lange Wanderung mit seinem
Vater, und einen anderen Tag verbrachten sie in Stratford-upon-Avon. Am letzten
Abend bat Alan Mrs. Morcom, zu kommen und ihm Gute Nacht zu sagen, als er an
Christophers Stelle im Bett lag.
Clock House schloß immer noch den Geist von Christopher Morcom in sich.
Aber wie konnte das sein? Konnten die Atome von Alans Gehirn durch einen
unkörperlichen "Geist" erregt werden, wie ein Radiogerät, das von einem Signal aus
Geist der Wahrheit 75

der unsichtbaren Welt in Schwingungen versetzt wird? Es war wahrscheinlich bei


diesem Besuch 12 , daß Alan für Mrs. Morcom die folgende Erklärung schrieb:

NATUR DES GEISTES

Die Naturwissenschaft pflegte anzunehmen, wenn zu irgendeinem bestimmten Moment


alles über das Universum bekannt wäre, könnten wir auch vorhersagen, wie es durch
alle Zukunft sein wird. Diese Idee war wirklich auf den großen Erfolg der astronomi-
schen Vorhersage zurückzuführen. Modernere Wissenschaft jedoch ist zu dem Schluß
gekommen, daß wir bei der Beschäftigung mit Atomen und Elektronen ganz unfähig sind,
ihren genauen Zustand zu kennen, da unsere Instrumente selber aus Atomen und Elek-
tronen bestehen. Also muß die Vorstellung, den exakten Zustand des Universums kennen
zu können, in jenem kleinen Maßstab zusammenbrechen. Das bedeutet daher, daß die
Theorie, die besagte, daß - wie Eklipsen und dergleichen - auch alle unsere Handlun-
gen vorherbestimmt sind, ebenfalls zusammenbricht. Wir haben einen Willen, der das
Verhalten der Atome wahrscheinlich in einem kleinen Teil des Gehirns bestimmen kann
oder möglicherweise im ganzen. Der Rest des Körpers handelt, um dies zu verstärken.
Da ist nun die Frage zu beantworten, wie die Aktion der anderen Atome des Universums
reguliert wird. Wahrscheinlich durch dasselbe Gesetz und einfach durch die Fernwirkun-
gen des Geistes, aber da sie keinen Apparat zur Verstärkung haben, scheinen sie durch
den reinen Zufall reguliert zu werden. Die augenscheinliche Nichtvorherbestimmung der
Physik ist fast eine Kombination von Zufällen.
Wie McTaggart zeigt, ist die Materie ohne Geist bedeutungslos (durchgehend meine
ich mit Materie nicht so sehr das, was fest, flüssig oder gasförmig sein kann, als das,
womit sich die Physik beschäftigt, also etwa Licht oder auch Schwerkraft, das heißt das,
was das Universum formt). Persönlich denke ich, daß der Geist wirklich ewig mit der
Materie verbunden ist, aber sicher nicht immer durch dieselbe Art von Körper. Ich habe
geglaubt, daß es für den Geist beim Tod möglich sei, in ein Universum zu gehen, daß
von dem unseren völlig getrennt ist, aber nun nehme ich an, daß Materie und Geist
so miteinander verbunden sind, daß dies ein Widerspruch in sich wäre. Es ist jedoch
möglich, aber unwahrscheinlich, daß solche Universa existieren mögen.
Was die tatsächliche Verbindung zwischen Geist und Körper anlangt, meine ich, daß
der Körper, weil er ein lebender Körper ist, einen "Geist" anziehen und an ihm festhalten
kann. Solange der Körper am Leben und wach ist, sind die beiden eng verbunden. Was
geschieht, wenn der Körper schläft, darüber habe ich keine Vermutung, aber wenn der
Körper stirbt, ist der "Mechanismus" des Körpers, der den Geist hält, verschwunden und
der Geist findet früher oder später einen neuen Körper, vielleicht sofort.
Was nun die Frage anlangt, warum wir überhaupt Körper haben; warum wir nicht
frei als Geister leben oder leben können und als solche kommunizieren - wir könnten es
wahrscheinlich tun, aber es gäbe dann überhaupt nichts zu tun. Der Körper verschafft
dem Geist etwas, wofür er sorgen und was er benützen kann.

Alan konnte viele dieser Ideen in seiner Lektüre von Eddington gefunden haben,
als er noch auf der Schule war. Er hatte Mrs. Morcom gesagt, daß sie The Nature
of the Physical World mögen würde, und zwar wegen des Ölzweigs, den Eddington
vom Thron der Wissenschaft aus den Forderungen der Religion entgegenstreckte.
76 Kapitel 2

Er hatte in der neuen Quantenmechanik eine Lösung des klassischen Problems von
Determinismus und Willensfreiheit, von Geist und Materie gefunden.
Die Idee, von der Alan sagte, "daß sie die Naturwissenschaft anzunehmen
pflegte", war jedem vertraut, der angewandte Mathematik studierte. In jedem an
der Schule oder an der Universität gestellten Problem war immer gerade genügend
Information über ein physikalisches System bereitgestellt, um seine gesamte Zukunft
zu bestimmen. In der Praxis konnten keine Vorhersagen durchgeführt werden, außer
in den einfachsten Fällen, aber im Prinzip gab es keine Trennlinie zwischen diesen
und beliebig komplexen Systemen. Es war ebenso wahr, daß einige Wissenschaften,
Thermodynamik und Chemie zum Beispiel, nur gemittelte Größen in Betracht zo-
gen, und in jenen Theorien konnte Information erscheinen und verschwinden. Hat
sich der Zucker im Tee aufgelöst, bleibt auf der Ebene der Mittelwerte kein Beweis
zurück, daß er sich je in Würfelform befand. Aber im Prinzip bliebe der Beweis,
bei einem ausreichend detaillierten Stand der Beschreibung, in der Bewegung der
Atome erhalten. Das war die Ansicht, wie sie 1795 von Laplace 13 zusammengefaßt
worden war:

Gäbe es für einen Moment einen Geist, der alle Kräfte, durch die die Welt belebt wird,
und die entsprechende Anordnung aller sie zusammensetzenden Gebilde erfassen könnte -
einen Geist umfassend genug, um diese Gegebenheiten zu analysieren -, er beschriebe
mit ein und derselben Formel die Bewegungen der größten Körper wie die der leichtesten
Atome; für ihn wäre nichts ungewiß, und die Zukunft wie auch die Vergangenheit läge
ihm vor Augen.

So gesehen gab es, was auch immer auf anderen Stufen der Beschreibung (ob auf
jener der Chemie oder Biologie oder Psychologie oder irgendeiner anderen) über die
Welt gesagt werden mochte, eine Stufe der Beschreibung, jene des mikroskopischen
physikalischen Details, auf welcher jedes Ereignis vollkommen von der Vergan-
genheit determiniert war. Aus der Sicht von Laplace gab es keine Möglichkeit
für nicht determinierte Ereignisse. Sie mochten nicht determiniert erscheinen, aber
nur deshalb, weil man in der Praxis die nötigen Messungen und Vorhersagen nicht
durchführen konnte.
Die Schwierigkeit bestand darin, daß es eine Art der Beschreibung der Welt gab,
der die Menschen stark verbunden waren, nämlich jene der gewöhnlichen Sprache,
mit Entscheidung und Auswahl, Gerechtigkeit und Verantwortung. Das Problem lag
in dem Mangel jeder Verbindung zwischen den beiden Arten der Beschreibung. Das
physikalische "Muß" hatte keine Verbindung mit dem psychologischen "Muß", denn
niemand würde sich wegen physikalischer Gesetze wie eine von Fäden gezogene
Marionette fühlen. So erklärte Eddington:

Ich habe eine Ahnung, viel unmittelbarer als jede, die sich auf die Gegenstände der
physikalischen Welt bezieht; sie sagt mir, daß es derzeit nirgendwo in der Welt auch nur
die Spur eines Faktors gibt, der darüber entscheidet, ob ich meine rechte Hand heben
Geist der Wahrheit 77

werde oder meine linke. Es hängt von dem ungehinderten Akt der Willensentscheidung
ab, der bis jetzt noch nicht durchgeführt ist oder seinen Schatten voraus wirft. Ich ahne,
daß die Zukunft fähig ist, Entscheidungsfaktoren hervorzubringen, die nicht heimlich in
der Vergangenheit verborgen worden sind.

Aber er war nicht damit zufrieden, "Naturwissenschaft und Religion in wasserdich-


ten Abteilen" zu halten, wie er es nannte. Denn es gab keinen einleuchtenden
Weg, auf welchem der Körper vom Gehorsam gegenüber den Gesetzen der Materie
befreit wäre. Es mußte eine Verbindung bestehen zwischen den Beschreibungen -
eine Einheit, eine Integrität des Vorstellungsvermögens. Eddington war kein dogma-
tischer Christ, sondern ein Quäker, der wünschte, eine Idee des freien Bewußtseins
zu erhalten und eine Fähigkeit, eine "spirituelle" oder "mystische" Wahrheit direkt
wahrzunehmen. Er mußte dies mit der wissenschaftlichen Auffassung der physika-
lischen Gesetze in Einklang bringen. Und wie, fragte er, konnte "diese Sammlung
gewöhnlicher Atome eine denkende Maschine sein?" Alan dachte an dasselbe Pro-
blem, nur mit der Intensität der Jugend. Denn er glaubte, daß Christopher ihm noch
half - vielleicht durch "eine Ahnung, viel unmittelbarer als jede, die sich auf die
Gegenstände der physikalischen Welt bezieht." Aber wenn es keinen immateriellen
Geist gab, unabhängig von der physischen Beschaffenheit des Gehirns, dann gab es
nichts, was überleben würde, noch irgendeinen Weg, auf dem ein überlebender Geist
Einfluß auf sein Gehirn nehmen könnte.
Die neue Quantenphysik bot eine solche Versöhnung, weil es schien, daß be-
stimmte Phänomene absolut undeterminiert waren. Wenn ein Elektronenstrahl auf
eine Platte mit zwei Löchern gerichtet wurde, dann teilten sich die Elektronen zwi-
schen den beiden, aber es schien keine Möglichkeit der Vorhersage zu geben, wel-
chem Weg irgendein bestimmtes Elektron folgen würde, nicht einmal im Prinzip.
Einstein, der 1905 mit einer Beschreibung des verwandten photoelektrischen Ef-
fekts einen sehr wichtigen Beitrag zur frühen Quantentheorie leistete, war niemals
überzeugt, daß es wirklich so war. Aber Eddington war leichter dafür zu haben
und scheute nicht davor zurück, in seinem ausdrucksvollen Stil dem allgemeinen
Publikum zu erklären, daß der Determinismus passe sei. Schrödingers Theorie mit
ihren Wellenfunktionen und die Heisenbergsche Unschärferelation (welche sich, un-
abhängig formuliert, als Äquivalent zu Schrödingers Ideen erwies) legten ihm nahe,
daß der Geist auf die Materie wirken könne, ohne in irgendeiner Weise die physika-
lischen Gesetze zu brechen. Vielleicht könnte er auf das Ergebnis ansonsten nicht
determinierter Geschehen selektiv wirken.
So einfach war es nicht. Nachdem Eddington das Bild gemalt hatte vom Geist,
der die Materie des Gehirns auf diese Weise kontrolliert, gab er zu, er finde es
unmöglich zu glauben, die Manipulation der Wellenfunktion von nur einem Atom
könne möglicherweise einen geistigen Akt der Entscheidung hervorrufen. "Es
scheint, daß wir dem Geist die Kraft zuschreiben müssen, nicht nur das Verhal-
78 Kapitel 2

ten der Atome individuell zu bestimmen, sondern systematisch auf große Gruppen
einzuwirken - tatsächlich in die Wahrscheinlichkeit atomaren Verhaltens einzugrei-
fen." Aber in der Quantenmechanik gab es keine Erklärung, wie das geschehen
sollte. An diesem Punkt bekam seine Argumentation einen eher suggestiven als
präzisen Charakter - und Eddington tendierte dazu, sich an der Unzugänglichkeit
der neuen Theorien zu ergötzen. Im Laufe seiner Ausführungen wurde das Kon-
zept der Physik immer nebulöser, bis er die quantenmechanische Beschreibung des
Elektrons mit dem "Jabberwocky"* aus Through the Looking Glass verglich:

Etwas Unbekanntes geht vor, wir wissen nicht was - das ist es, worauf unsere Theorie
hinausläuft. Das klingt nicht gerade nach einer besonders erhellenden Theorie. Etwas
Ähnliches habe ich schon an anderer Stelle gelesen:

The slithy toves


Did gyre and gimble in the wabe.

Eddington war bedacht zu sagen, daß die Theorie in gewissem Sinn tatsächlich funk-
tionierte, denn sie lieferte Zahlen, die mit dem Ergebnis von Experimenten über-
einstimmten. Alan hatte diesen Punkt schon 1929 verstanden: "Natürlich glaubt er
nicht, daß es wirklich 1070 Dimensionen gibt, aber daß diese Theorie das Verhal-
ten eines Elektrons erklären wird. Er denkt an 6 Dimensionen oder 9 oder was es
auch sein mag, ohne ein geistiges Bild zu formen." Jedoch schien es nicht länger
möglich zu fragen, was Wellen oder Teilchen wirklich waren, denn ihre harte kon-
krete Billardkugelform aus dem neunzehnten Jahrhundert hatte sich verflüchtigt.
Die Physik war zu weiter nichts als einer symbolischen Darstellung der Welt gewor-
den, so argumentierte Eddington, und bewegte sich langsam in die Richtung eines
philosophischen Idealismus (im formalen Sinn), in dem alles im Geist zu suchen
war.
Das war der Hintergrund von Alans Feststellung: "Wir haben einen Willen,
der das Verhalten der Atome wahrscheinlich in einem kleinen Teil des Gehirns be-
stimmen kann oder möglicherweise im ganzen." Eddingtons Ideen hatten die Lücke
überbrückt zwischen dem "Mechanismus" des Körpers, den Alan in Natural Wonders
kennengelernt hatte, und dem "Geist", an den er glauben wollte. Eine andere Quelle
der Unterstützung hatte er in dem idealistischen Philosophen McTaggert gefunden
und Ideen über die Reinkarnation hinzugefügt. Aber er war in keiner Weise über
Eddingtons Ansicht hinaus fortgeschritten und hatte auch nicht zu ihrer Klärung bei-
getragen, indem er die Schwierigkeiten ignorierte, die Eddington in der Diskussion

* A.d.Ü.: Fabelmonster aus dem gleichnamigen Nonsens-Gedicht in Through the Lookin[? Glass
(dt. Alice hinter den Spiegeln 13a ) des englischen Schriftstellers und Mathematikers Lewis Carroll,
aus dem Eddington hier zitiert.
Geist der Wahrheit 79

der Wirkung des "Willens" aufgezeigt hatte. Statt dessen hatte er eine etwas andere
Richtung eingeschlagen, die geprägt war von der Idee, der Körper verstärke die Wil-
lenshandlung, eine Richtung, die sich eher allgemein mit der Natur der Verbindung
zwischen Geist und Körper im Leben und im Tod befaßte.
Diese Ideen zeigten tatsächlich die Form der Dinge, die da kommen sollten,
obwohl es 1932 wenig äußerlich erkennbare Hinweise auf die folgende Entwicklung
gab. Im Juni war er in der ersten Teilprüfung des Tripos in die zweite Klasse plaziert
worden. "Danach kann ich kaum jemandem ins Gesicht sehen. Ich werde gar nicht
versuchen, eine Erklärung anzubieten, ich muß einfach in den Mays* einen ersten
Platz bekommen, um zu zeigen, daß ich nicht wirklich so schlecht bin", schrieb
er an Mrs. Morcom. Aber in Wirklichkeit war die Tatsache bedeutsamer, daß er
als letzten Preis von Sherbome ein Buch bestellt hatte, das eine seriöse Darstellung
der Interpretation der Quantenmechanik versprach. Es war Mathematische Grundla-
gen der Quantenmechanik von dem jungen ungarischen Mathematiker Johann von
Neumann.
Am 23. Juni war sein zwanzigster Geburtstag, und dann, am 13. Juli, wäre
Christophers einundzwanzigster gewesen. Mrs. Morcom schickte Alan eine "Rese-
arch"-Füllfeder, so wie die, mit der Christopher geprahlt hatte, als Geschenk. Alan
schrieb aus Cambridge, wo er "das Trimester mit den großen Ferien" verbrachte:

14.7.32
Meine liebe Mrs. Morcom,
. .. Ich erinnerte mich an Chris' Geburtstag und hätte Ihnen geschrieben, wenn ich nicht
ganz unfähig gewesen wäre, das auszudrücken, was ich sagen wollte. Gestern hätte, so
nehme ich an, einer der glücklichsten Tage Ihres Lebens sein sollen.
Wie überaus gütig war es doch von Ihnen, daran zu denken, mir eine "Research"-
Füllfeder zu schicken. Ich glaube nicht, daß irgendetwas (von dieser Art) mich besser
an Chris erinnern könnte; seine wissenschaftliche Wertschätzung und seinen geschickten
Umgang damit. Ich kann mich so gut erinnern, wie er sie verwendete.

Wenn er auch zwanzig war und sich zur Konfrontation mit dem Werk der eu-
ropäischen Mathematiker vorbereitete, war er doch noch ein Junge, weg von zu
Hause und weg von Sherbome. Die Sommerferien wurden sehr ähnlich verbracht
wie die im Vorjahr:

Daddy und ich sind eben etwas mehr als vierzehn Tage in Deutschland gewesen. Die mei-
ste Zeit haben wir auf Wanderungen im Schwarzwald verbracht, obwohl Daddy natürlich
nicht viel mehr als 10 Meilen pro Tag schaffte. Meine Kenntnis der Sprache war über-
haupt nicht von der gewünschten Art. Ich habe fast all mein Deutsch durch das Lesen

* "Mays" waren die halb-offiziellen Prüfungen im zweiten Studienjahr.


80 Kapitel 2

der Hälfte eines deutschen Mathematikbuches gelernt. ** Irgendwie bin ich doch nach
Hause gekommen ...
Herzlich Ihr Alan M. Turing

Alan verbrachte mit John weitere Ferientage mit dem Zelt in Irland, wo er
seine Familie dadurch erstaunte, daß er in Cork in einem Schweinetransportschiff
auftauchte. Dann fuhr er für die ersten zwei Septemberwochen zum zweiten und
letzten Mal zu O'Hanlon nach Sark. Alan war "ein lebhafter Begleiter, was so-
gar bis zu einem gemischten Bad um Mitternacht reichte", schrieb 0 'Hanlon14, der
sich modern gegeben hatte, als er zwei Mädchen gestattete, mit von der Partie zu
sein. Alan hatte einige Fruchtfliegen mitgenommen, da er so ziemlich aufs Gera-
tewohl Genetik studierte. Wieder daheim in Guildford, entkamen die Fruchtfliegen
und suchten wochenlang das Haus der Turings heim, keineswegs zur Freude von
Mrs. Turing. O'Hanlon hatte genügend Abstand zur "Miniatur-Nation" gewonnen,
um von Alan als "menschlich und liebenswert" zu schreiben: 15

In meiner Erinnerung gehören die Ferien in Cornwall und Sark zu den großen Freuden
meines Lebens: mit all seiner Kameradschaft und seinem kauzigen Humor, dem schüch-
ternen Kopfschütteln und der ziemlich hohen Stimme, wenn er eine Frage oder einen
Einwand vorbrachte oder verriet, daß er die Postulate des Euklid bewiesen hatte oder
Fruchtfliegen studierte - man wußte niemals, was kommen würde.

Das allumfassende System ließ ihm noch einige Momente der Freiheit. Und von
Sherborne hatte sich Alan auch noch eine dauerhafte Freundschaft bewahrt - mit
Victor. Alans jüngerer Freund hatte die Schule zur selben Zeit verlassen müssen,
weil sein Vater auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise finanzielle Einbußen
erlitt. Er hatte sein School Certificate nicht geschafft (Alan erzählte er, er habe
zuviel Zeit mit Schach und Codes verbracht), holte aber schnell dank einer Lon-
doner Paukschule auf, wo er die Prüfungen dann auch bestand. Und nun begann er,
was Alan "sein grimmiges Leben als Wirtschaftsprüfer" nannte. Weihnachten 1932
verbrachte Alan zwei Wochen bei den Beuttells und arbeitete in Alfred Beuttells
Büro nahe Victoria. Der Besuch war überschattet durch den Tod von Victors Mutter
am 5. November. Der tiefe Schatten verband Alan und Victor, denn beide waren
nun mit der Unabänderlichkeit solch frühen Todes konfrontiert. Die Verbindung war
so eng, daß Alan sein reserviertes Schweigen über die Grundsätze seines Glaubens
durchbrach - wie er es auch schon gegenüber Mrs. Morcom getan hatte. Immer
noch etwas widerwillig diskutierte er nun seine Vorstellungen von Religion und ei-
nem Weiterleben. Victor seinerseits hatte einen starken Glauben, der sich nicht nur
an die wesentlichen christlichen Ideen hielt, sondern außersinnliche Wahrnehmung
und Wiedergeburt einschloß. Ihm erschien Alan als einer, der allzu gerne glauben
wollte, dessen wissenschaftlicher Verstand ihn aber zu einem Agnostiker wider Wil-

** Jedoch nicht des Buches von von Neumann, das er erst im Oktober 1932 erhielt.
Geist der Wahrheit 81

len machte, und der demzufolge unter großer Spannung stand. Victor sah sich selbst
als einen "Kreuzritter", der versuchte, Alan auf dem richtigen und rechtschaffenen
Weg zu halten, und sie hatten heftige Streitgespräche. Sie fielen um so heftiger
aus, weil Alan sich von einem siebzehnjährigen Jungen herausgefordert fühlte. Sie
sprachen darüber, wer den Stein weggerollt hatte und wie die Fünftausend wirklich
gespeist worden waren. Was war Mythos und was Tatsache? Sie argumentierten
über das Leben. Sie diskutierten über das Leben nach dem Tod und auch über frühere
Leben. Victor sagte dann zu Alan: "Schau, keiner konnte dich jemals in Mathematik
unterrichten - vielleicht erinnerst du dich aus einem früheren Leben daran." Aber
wie Victor es sah, konnte Alan an so etwas nicht "ohne eine mathematische Formel"
glauben.
In der Zwischenzeit hatte sich Victors Vater in die Forschung und in die Ar-
beit gestürzt, um über den Tod seiner Frau hinwegzukommen. Alans Arbeit im
Büro betraf Berechnungen, die er für seinen Auftrag als Beleuchtungsberater für
das neue Hauptquartier der Freimaurer in der Great Queen Street benötigte. Alfred
Beuttell war ein Pionier der wissenschaftlichen Messung von Beleuchtung und der
Entwicklung eines Beleuchtungs-Codes 16 , basierend auf "Grundprinzipien" als Teil
der "Reduktion der Physiologie des Sehvermögens auf eine wissenschaftliche und
mathematische Grundlage". Seine Arbeit für die Freimaurer umfaßte ausgeklügelte
Berechnungen, um die HeIligkeit auf der Ebene des Fußbodens in Abhängigkeit von
der Leuchtstärke der eingebauten Lichter und dem Reftexionsvermögens der Wände
abzuschätzen. Alan, der das Gebäude der Freimaurer nicht betreten durfte, mußte
mit seiner Vorstellungskraft arbeiten, um Mr. Beuttells Zahlen zu überprüfen.
Alan befreundete sich mit Mr. Beuttell, der ihm von seinem Erfolg als junger
Mann in Monte Carlo erzählte, wo es ihm gelungen war, einen Monat lang von seinen
Gewinnen zu leben. Er zeigte Alan sein Spielsystem, das dieser nach Cambridge
mitnahm und studierte. Am 2. Februar 1933 schrieb Alan zurück, seine Analyse
ergäbe, daß das System einen zu erwartenden Gewinn von genau Null ergäbe und
daß Mr. Beuttells Gewinne zur Gänze dem Glück und nicht der Geschicklichkeit zu
verdanken seien. Er übersandte auch eine Formel, die er für die Berechnung der
Beleuchtung des Bodens eines von der Mitte erleuchteten hemisphärischen Raumes
ausgearbeitet hatte - zugegebenermaßen kein unmittelbar nützliches Resultat, aber
ein sehr ordentliches.
Sich Mr. Beuttells Vorstellungen von seinem Spielsystem entgegenzustellen, er-
forderte einigen Mut. Mr. Beuttell war ein beeindruckender Mann mit sehr dezi-
dierten Ansichten über vielerlei Themen. Sein Herz aus Gold lag tief verborgen.
Er war ein zur Theosophie tendierender christlicher Eklektiker mit großem Glau-
ben an die unsichtbare Welt, und er erzählte Alan, daß ihm seine Erfindung der
elektrischen Linolite-Lampe aus dem Jenseits geschickt worden war. Das war nun
doch für Alan ein zu harter Brocken. Damit nicht genug, hatte Mr. Beuttell - schon
seit der Jahrhundertwende - über das Gehirn nachgedacht. Er stellte sich vor, es
82 Kapitel 2

funktioniere auf der Basis von Elektrizität, Potentialdifferenzen seien verantwortlich


für wechselnde Stimmungen. Ein elektrisches Gehirn! Darin lag eine Überlegung,
die der Wissenschaft schon wesentlich näher kam. Und sie führten darüber lange
Diskussionen.
Alan und Victor fuhren auch gemeinsam nach Sherborne zum House Supper.
Nach Weihnachten schrieb Alan an Blamey und berichtete:

Ich habe mich immer noch nicht ganz entschlossen, was ich tun werde, wenn ich er-
wachsen werde. Mein Ehrgeiz ist, Don* am King's zu werden. Doch fürchte ich, daß
es mehr ein Ehrgeiz als ein Beruf ist. Ich meine, es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß
ich jemals einer werde.
Es freut mich, daß Du zu Deiner Volljährigkeit ein schönes Freudenfest hattest.
Wenn für mich persönlich die Zeit kommt, werde ich mich in einen Winkel Englands
zurückziehen, weit von zu Hause entfernt, und werde schmollen. Mit anderen Worten,
ich will nicht großjährig werden. (Glücklichste Tage meines Lebens an der Schule etc.)

Sherborne war ein Teil von ihm, und da er der Vergangenheit gegenüber im
wesentlichen loyal war, machte er nicht den Fehler, sie zu verstoßen. Obwohl ihn
die offiziellen Reden über Ausbildung, Führerschaft und die Zukunft des Empire in
der Tat fast unberührt gelassen hatten, gab es Aspekte der charakteristischen engli-
schen Kultur der Public Schools, an denen er aufrichtig hing. Ihre etwas nachlässige,
spartanische Amateurhaftigkeit, in der Besitz und Konsum wenig bedeuteten, war
ein Teil von ihm selbst. Dies betraf auch ihre Kombination von konventionel-
lem und verrückt exzentrischem Benehmen und, nicht zuletzt, ihre anti intellektuelle
Einstellung. Alan Turing glaubte ja nicht, er sei dank seines brillanten Kopfes in
höhere Sphären erhoben worden. Er bestand lediglich auf seiner besonderen Rolle
im Spiel. Die Public School war auf Entbehrung und Unterdrückung gegründet.
Doch die besondere Art dieser Härte verlieh ihren Zöglingen später das Privileg und
das Selbstbewußtsein, ihren Handlungen und Gedanken würde allemal Bedeutsam-
keit zugestanden. Als nun Alan daranging, im Leben ernsthaft etwas zu tun, folgte
er letztendlich den missionarischen Moralgrundsätzen, die einst die Schulleiter so
mühsam gepredigt hatten.
Aber er konnte nicht mit einem Fuß im neunzehnten Jahrhundert stehenbleiben;
Cambridge hatte ihn ins zwanzigste eingeführt. Es war noch im Jahr 1932, als Alan
nach einem Fest im College ziemlich betrunken in David Champernownes Zimmer
kam, nur um sich sagen lassen zu müssen, "er solle sich in den Griff kriegen". "Ich
muß mich in den Griff kriegen, ich muß mich in den Griff kriegen", wiederholte
Alan auf sehr drollige Weise. Champ glaubte später, dies hätte einen Wendepunkt
markiert. Wie auch immer, erst das Jahr 1933 brachte Alan die Probleme der
modemen Welt so nahe, daß er sich mit ihnen auseinandersetzte.

* A.d.Ü.: Fellow oder Tutor


Geist der Wahrheit 83

Am 12. Februar 1933 vermerkte Alan die dritte Wiederkehr von Christophers
Todestag:

Liebe Mrs. Morcom,


ich nehme an, Sie werden an Chris denken, wenn Sie dies erreicht. Ich werde es
auch tun, und dieser Brief soll Ihnen nur sagen, daß ich morgen an Chris und Sie denken
werde. Ich bin sicher, daß er jetzt ebenso glücklich ist wie er es hier war.
Herzlich Ihr Alan.

Andere sollten sich an diese Woche aus einem anderen Grund erinnern: am 9. Fe-
bruar beschloß die Oxford Union*, daß sie unter keinen Umständen für "König und
Vaterland" kämpfen würde. Ähnliche, aber durchaus nicht so radikal pazifistische
Sentiments gab es auch in Cambridge. Immerhin lehnte man dort einen um der-
lei Slogans geführten Krieg ab. An sich hatte es nach dem Ersten Weltkrieg nicht
einmal genügt, bloß patriotisch zu sein; nun aber fand man zwar die Verteidigung
"kollektiver Sicherheit" legitim, nicht aber einen "Nationaleli Krieg". Zeitungen
und Politiker spielten sich auf, als hätte es die Aufklärung nie gegeben. Der Skep-
tizismus der Aufklärung aber lebte besonders am King's fort, und Alan begann zu
verstehen, daß dieses College mehr war als ein großes, ehrfurchtgebietendes Haus
in einer riesigen Public School.
King's genoß besondere Privilegien innerhalb des Universitätssy~tems und war
durch seinen Reichtum ausgezeichnet, dank des von John Maynard Keynes angehäuf-
ten Vermögens. Aber es schätzte auch eine moralische Autonomie, die in den ersten
Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, wie es Keynes beschrieb 17 , am intensivsten
ausgeprägt war:

Wir negierten jede persönliche Verpflichtung auf allgemeine Regeln. Wir bean-
spruchten das Recht, jeden einzelnen Fall nach seinen eigenen Maßstäben zu beurteilen,
und vertrauten dabei auf unsere Kenntnis, unsere Erfahrung und Selbstdisziplin. Es war
dies ein wichtiger Teil unserer Identität, an der wir heftig, ja aggressiv festhielten, und
die Außenwelt vermerkte es als unsere sichtbarste und durchaus gefährliche Eigenschaft.
Gewöhnliche Moral und konventionelle Weisheiten wiesen wir ganz und gar zurück.
Strenggenommen waren wir unmoralisch. Aber es mußte zugleich auch immer bedacht
werden, ob es die Konsequenzen wert war, im Fall, daß man uns durchschaute. Eine
moralische Pflicht zu Anpassung und Gehorsam akzeptierten wir jedenfalls nicht.

E.M. Forster hatte vorsichtiger, zugleich jedoch umfassender, den Vorrang der
persönlichen Beziehung vor allerart Institutionen beschrieben. 1927 notierte Lo-
wes Dickinson, Historiker am King's und erster Verfechter eines "Völkerbundes",
in seiner Autobiographie: 18

* A.d.Ü.: bekannter Debattierclub in Oxford


84 Kapitel 2

Ich habe nichts Lieblicheres gesehen als Cambridge zu dieser Jahreszeit. Aber Cambridge
ist ein freundliches, stilles Gewässer. Der Hauptstrom, das sind Jix* und Churchill, die
Kommunisten und die Faschisten, die gräßlichen Vergnügungsviertel in den Städten, die
Politik und das schreckliche Ding mit dem Namen "Empire", wofür offenbar jedermann
sein Leben und alle Schönheit und überhaupt alles Wertvolle hingeben würde. Aber-
hat es wirklich einen Wert? Es ist eine reine Machtmaschine.

Sie alle sprachen von der reinen Macht, das war der springende Punkt. Selbst
Keynes, in Staats angelegenheiten verwickelt und der Wirtschaft verschrieben, tat es
in dem Glauben, wenn erst diese hochgespielten Probleme gelöst wären, könnten
die Leute über das eigentlich Wichtige nachdenken. Solche Haltung unterschied
sich von jenem Kult der Pflichten, der es zur Tugend machte, die erwartete Rolle in
der Machtstruktur zu spielen. King's College war ganz verschieden von Sherborne
School.
Es war auch Teil der Haltung von King's dem Leben gegenüber, daß es Spiele,
Parties und Tratsch als natürliche Vergnügungen ansah und annahm, kluge Leute
würden sich immer noch an einfachen Dingen erfreuen. Obwohl King's sich nur
allmählich von seiner ursprünglichen Rolle als Schwestergründung zu Eton entfernt
hatte, bemühten sich manche seiner Dons, Kandidaten zu ermuntern, die nicht von
den Public Schools kamen und ihnen das Gefühl eines Zuhauses zu geben. Auf den
gesellschaftlichen Verkehr von Dons und Studenten wurde großer Wert gelegt. Es
war ein kleines College, mit weniger als sechzig Studenten pro Jahr. Kein anderes
College war wie dieses, und so erkannte Alan Turing allmählich, daß er durch
Zufall in einem einzigartigen Milieu gelandet war und daß er hier so sehr in seinem
Element sein würde wie nur überhaupt in irgendeiner Institution. Und er fand sich
bestätigt in seinem Bewußtsein, daß er die Pflicht habe, selbständig zu denken. Die
Übereinstimmung mit King' s war aus verschiedenen Gründen nicht vollkommen,
doch konnte man insgesamt von einem Glückstreffer sprechen. Am Trinity wäre er
eine einsamere Gestalt gewesen; auch Trinity erbte die moralische Autonomie, aber
ohne die persönliche Vertrautheit, die das King's förderte.
Das Jahr 1933 brachte nur Ideen an die Oberfläche, die am King's eine lange
Geschichte hatten. Alan beteiligte sich an diesem Klima der oppositionellen Mei-
nung:

26.5.33
Liebe Mutter,
danke für die Socken etc. ... Denke daran, in den Ferien einige Zeit nach Rußland
zu reisen, habe mich aber noch nicht ganz entschlossen.
Ich bin einer Organisation beigetreten genannt "Anti-War Council". Politisch ziem-
lich kommunistisch. Ihr Programm ist hauptsächlich die Organisation von Streiks unter

* Joynson Hicks, der reaktionäre Innenminister


Geist der Wahrheit 85

den Munitions- und Chemiearbeitern, wenn die Regierung beabsichtigt, in den Krieg zu
ziehen. Sie richtet einen Kautionsfonds ein, um die streikenden Arbeiter zu unterstützen .
. .. Hier wurde ein sehr gutes Stück von Bernard Shaw gegeben mit dem Titel "Back
to Methuselah".
Dein Alan

Eine kurze Zeit lang kamen überall in Britannien Anti-Kriegsräte auf. Sie vereinig-
ten Pazifisten, Kommunisten und Internationalisten gegen einen "nationalen" Krieg.
Selektive Streiks hatten 1920 die britische Regierung tatsächlich davon abgehalten,
auf der Seite der Polen gegen die Sowjetunion zu intervenieren. Für Alan jedoch
lag der entscheidende Reiz nicht im politischen Engagement schlechthin, sondern
darin, daß die staatliche Autorität in Zweifel gezogen wurde. Seit 1917 hatte man
Britannien mit der Propaganda überschwemmt, das bolschewistische Rußland sei
ein Königreich des Teufels. Doch nun, 1933, war für jedermann offenkundig, daß
das westliche Wirtschafts- und Handelssystem selbst in ernsthafte Schwierigkeiten
geraten war. Es gab keinen Präzedenzfall für eine "bestürzende" Situation, in der
zwei Millionen Menschen ohne Arbeit waren und in der niemand wußte, was tun.
Sowjetrußland hatte nach seiner zweiten Revolution von 1929 eine Antwort in Form
staatlicher Planung und Kontrolle gegeben. In intellektuellen Kreisen interessierte
man sich sehr dafür, wie sie wohl funktionieren würde. Es war das Prüffeld der Mo-
deme. Alan genoß es wahrscheinlich, seine Mutter mit dem nonchalanten "ziemlich
kommunistisch" zu ärgern: das Wesentliche lag nicht in diesem oder jenem Etikett,
sondern in der Tatsache, daß seine Generation in Zukunft selbständig denken würde.
Sie würde die Welt aus einer weiteren Perspektive sehen als die Elterngeneration,
und große Worte würden ihr keinen Schreck einjagen.
Tatsächlich fuhr Alan nicht selbst, um Rußland zu sehen. Aber auch wenn er
es getan hätte, wäre er nicht der Mann gewesen, sich für das sowjetische System
zu begeistern. Er wurde auch nicht zu einer "politischen" Person im Cambridge
der dreißiger Jahre. Er interessierte sich nicht genügend für "bloße Macht". Das
Kommunistische Manifest enthielt die Erklärung, es sei das endgültige Ziel, aus der
Gesellschaft "eine Allianz" zu machen, "in der die freie Entwicklung jedes einzel-
nen die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist." Aber in den dreißiger Jahren
bedeutete Kommunist zu sein Identifikation mit dem Sowjetregime, was eine ganz
andere Sache war. Jene in Cambridge, die sich als eine verantwortliche britische
Präfektenklasse verstanden, mochten sich wohl mit den russischen Herrschern iden-
tifizieren, wie mit einer Art besserem britischen Indien, das die Bauern zu ihrem
eigenen Wohl kollektivierte und rationalisierte. Für Absolventen der englischen Pub-
lic School - sie neigten ohnehin dazu, den Handel zu verachten - war es nur ein
kleiner Schritt, den Kapitalismus abzulehnen und an größere staatliche Kontrolle
zu glauben. In vielfacher Hinsicht war der Rote ein Spiegelbild des Reaktionärs.
Alan Turing jedenfalls war nicht daran interessiert, irgend jemanden zu organisieren,
86 Kapitel 2

und wünschte nicht, von jemandem organisiert zu werden. Er war einem totalitären
System entkommen und sehnte sich nicht nach einem anderen.
Der Marxismus erhob den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit und sprach das
modeme Bedürfnis nach einem Grundprinzip historischer Veränderung an, das durch
die Wissenschaft gerechtfertigt werden könnte. Wie die Rote Königin zu Alice sagte:
"Du magst es ,Unsinn' nennen, wenn du willst, aber ich habe Unsinn gehört, ver-
glichen mit dem dieser ,Unsinn' so vernünftig ist wie ein Wörterbuch." Doch Alan
interessierte sich nicht für die Probleme der Geschichte, und die marxistischen Ver-
suche, die exakten Wissenschaften im Sinn "vorherrschender Produktionsmethoden"
zu erklären, waren von seinen Erfahrungen und Ansichten sehr entfernt. Die Sowjet-
union beurteilte Relativitätstheorie und Quantenmechanik nach politischen Kriterien,
während der englische Theoretiker Lancelot Hogben die Entwicklungen der Mathe-
matik aus ökonomischen Faktoren ableiten wollte, um den Preis allerdings, daß er
nur ihre elementarsten Anwendungen in Betracht zog. Wertbegriffe wie "Schönheit"
und "Wahrheit", die Alan Turing inspirierten - und Generationen von Mathematikern
und Naturwissenschaftlern vor ihm -, kamen in derlei Theorie nicht vor. Die Kom-
munisten in Cambridge glichen einer fundamentalistischen Sekte - sie fühlten sich
als "Errettete" -, und dieses Element von "Bekehrtsein" traf bei Alan Turing auf die-
selbe Skepsis, die er bereits christlichen Glaubensgrundsätzen gegenüber einnahm.
Mit dem ebenfalls skeptischen Kenneth Harrison spottete er über die kommunistische
Linie.
In wirtschaftswissenschaftlichen Fragen schätzte Alan nun vor allem Arthur Pi-
gou. Etwas früher als Keynes hatte Pigou, Ökonom des King's, am liberalen Kapi-
talismus des neunzehnten Jahrhunderts Schönheitsreparaturen vorgenommen. Pigou
behauptete, daß eine gleichmäßigere Verteilung des Einkommens das wirtschaftli-
che Wohlergehen voraussichtlich erhöhen würde und war ein früher Verfechter des
Wohlfahrtsstaates. In ihrer Betrachtungsweise weitgehend ähnlich, riefen beide, Pi-
gou und Keynes, während der dreißiger Jahre nach höheren Staatsausgaben. Alan
begann auch den New Statesman zu lesen, der sich weithin mit dem Meinungsspek-
trum des progressiven Mittelstands identifizierte, dem auch Alan nahestand. Alan
teilte die Sorge um die individuelle Freiheit und wünschte zugleich ein rationaler
organisiertes Sozialsystem. Es wurde viel von den Vorteilen wissenschaftlicher Pla-
nung gesprochen (so daß Aldous Huxley in seiner Satire Brave New World von 1932
sie bereits als überholtes orthodoxes Denken der Intellektuellen behandeln konnte),
und Alan ging zu Diskussionen über progressive Vorhaben, wie etwa das Leeds
Housing Scheme. * Aber er hätte sich selbst nicht als einen der wissenschaftlichen
Organisatoren und Planer gesehen.

* Hier könnte man eine schwache Verbindung zu Alans Mutter sehen, die Anteile einer Siedlungsge-
sellschaft in Bethnal Green besaß. Alan fand es zudem positiv, daß man hier Wohnungen nach den
Bedürfnissen von Familien plante, die sie tatsächlich bezogen.
Geist der Wahrheit 87

Seine Idee von der Gesellschaft war in der Tat die eines Aggregats von In-
dividuen, viel näher den Ansichten des demokratischen Individualismus, vertreten
von J.S. Mill, als jenen des Sozialismus. Sein Ideal war es, ein intaktes individu-
elles Selbst zu bewahren, autark und immun gegen Komprorniß oder Heuchelei. *
Dieses Ideal war deutlich stärker an Moral orientiert als an Wirtschaft oder Poli-
tik und befand sich näher an den traditionellen Werten des King's als an den sich
entwickelnden Strömungen der dreißiger Jahre.
Wie viele Leute (darunter E.M. Forster), fand Alan ein besonderes Vergnügen
an der Entdeckung von Samuel Butlers Erewhon **. Hier war ein viktorianischer
Schriftsteller, der die moralischen Axiome angezweifelt hatte. Er spielte mit ihnen
in der Manier von Looking Glass, rückte sexuelle Tabus in die Nähe des Fleisches-
sens, beschrieb die anglikanische Religion als handle es sich um Transaktionen mit
Phantasiegeld und ersetzte "Sünde" durch "Krankheit". Alan bewunderte auch But-
lers Nachfolger Bernard Shaw sehr und genoß sein leichtes Spiel mit ernsten Ideen.
Für den belesenen Intellektuellen der dreißiger Jahre waren Butler und Shaw bereits
veraltete Klassiker, aber für einen aus der Schule von Sherborne besaßen sie noch
befreiende Magie. Shaw hatte aufgenommen, was Ibsen*** "die Revolution des Gei-
stes" genannt hatte. Er wollte echte Charaktere auf die Bühne bringen, solche, die
nicht nach "gebräuchlichen Moralvorstellungen" , sondern nach innerer Überzeugung
lebten. Aber Shaw stellte auch harte Fragen darüber, welche Gesellschaft Raum hätte
für solche wahren Individuen: Fragen, die großen Bezug hatten zu dem jungen Alan
Turing. Back to Methuselah, ein Stück, das Alan im Mai 1933 für "sehr gut" hielt,
war ein - wie Shaw es ausdrückte - Versuch in "Politik sub specie aeternitatis".
Mit seiner Science Fiction-Auffassung von den Ideen der Fabian Society****, die die
schmutzigen Realitäten von Asquith und Lloyd George mit Verachtung behandelte,
paßte es zu Alans idealistischer Stimmung.
Ein Thema jedoch wurde in Bernard Shaws Stücken nicht aufgegriffen und nur
sehr selten im New Statesman 19 . 1933 beschrieb dessen Theaterkritiker The Green
Bay Tree. Es handelte von "einem Jungen ... adoptiert in unmoralischer Absicht von
einem reichen Degenerierten." Der Kritiker sagte, es wäre "für jeden sehenswert,
der findet, daß ein Perverser ein weniger langweiliges Sujet für ein Drama ist als
ein Leberkranker". In dieser Hinsicht war King's einzigartig. Hier konnte man ein
Axiom anzweifeln, das von Shaw nicht in Frage gestellt und von Butler schnell
übergangen wurde.

* ,.Was Tante 1's Begräbnis angeht". schrieb Alan im Januar 1934 an seine Mutter, ,.bin ich nicht
sehr erpicht hinzugehen, und ich denke, es wäre reine Heuchelei, wenn ich es täte. Aber, wenn Du
meinst, daß irgendwer etwas von meiner Teilnahme hat, werde ich sehen, ob es sich machen läßt."
** A.d.Ü.: Erewhon, or Over the Range von Samuel Butler (1835-1902), heftige Satire über das modeme
Nirgendwo (Erewhon = Nowhere).
*** Alan fand auch Ibsens Stücke ,.bemerkenswert gut".
**** A.d.Ü.: 1884 gegründete Gesellschaft von Sozialisten
88 Kapitel 2

Die verborgene erotische Liberalität des King's konnte nur bestehen, weil nie-
mand die Grenze zwischen offiziellem und privatem Leben verletzte. Wurde man
ertappt, waren die Konsequenzen dieselben wie anderswo auch. Die Außenwelt
zwang sexuell Andersdenkenden ein Doppelleben auf. Sie befanden sich in einem
Ghetto, mit all dessen Vor- und Nachteilen. Die interne Freiheit, ketzerische Gedan-
ken und Gefühle ausdrücken zu dürfen, kam Alan gewiß entgegen. So etwa hatte
Kenneth Harrison von seinem Vater - selbst Absolvent des King's - die liberale
Einstellung gegenüber der Homosexualität anderer übernommen. Aber die Welt von
Keynes und Forster, die Parties und das Kommen und Gehen der Bloomsbury-Leute,
lagen hoch über Alans gesellschaftlichem Horizont. Ein Gutteil des äußeren Glanzes
bezog King's aus seinem Engagement für die Künste, besonders für das Schauspiel.
Daran hatte Alan keinerlei Anteil. Die theatralischen Elemente im Ausdruck der
eigenen Homosexualität würden ihn davon abgehalten haben, ja, sie hätten ihm
Schrecken eingeflößt. In Sherborne hatte man für seine Sexualität Ausdrücke wie
"Schmutz" und "Skandal". Doch jetzt mußte er mit einer anderen Kennzeichnung
zurechtkommen, die die Welt so wichtig fand: er war ein "Homo", der lebende
Affront gegen die Vorherrschaft des Mannes, ein Verräter an ihr. Mit derlei Eti-
kett konnte er sich nicht identifizieren. Und die Ästheten am King's - eine Clique,
die in ihrer geschützten Ecke gedieh - reichten einem schüchternen Mathematiker
nicht die Hand. Wie in so vieler Hinsicht war Alan der Gefangene seiner eigenen
Unabhängigkeit. King's konnte ihn nur beschützen, während er selbst an seinen
Problemen arbeitete.
Ähnlich verhielt es sich mit seinen religiösen Anschauungen. Agnostizismus
war zwar am King's nahezu de rigeur. Alan jedoch gehörte nicht zu denen, die
sich eines liberalen Trends wegen zu verbotenen Fragen hinreißen lassen. Seine
intellektuelle Entwicklung stand auch im Kontrast zu seiner Fähigkeit, gesellschaft-
liche Beziehungen anzubahnen. Ein weniger schüchterner Mensch hätte hier mehr
zustande gebracht. Anders als die meisten seiner engen Bekannten war Alan weder
Mitglied des "Ten Club" noch der "Massinger Society", zwei Studentenvereinen am
King's, von denen der eine Lesungen von Theaterstücken pflegte, der andere die
Kritik von Schriften über Ethik und Kultur. Bei viel heißer Schokolade redete man
bis tief in die Nacht. Alan war zu linkisch, wohl auch zu ungeschliffen, um in jene
gemütlichen Zirkel zu passen. Man wählte ihn auch nicht in den exklusiven Uni-
versitätskreis "The Apostles", dessen Mitglieder großenteils von King's und Trinity
kamen. In vielerlei Weise war Alan für das King's einfach zu gewöhnlich.
In dieser Hinsicht hatte er etwas mit James Atkins, einem seiner neuen Freunde,
gemeinsam, der der dritte Student der Mathematik in Alans Jahrgang war. James
und Alan kamen gut miteinander aus, in einer freundschaftlichen Manier, die je-
des tiefergehende Gespräch, etwa über Christopher oder die Wissenschaft, vermied.
James war es, den Alan bat, ihn ein paar Tage beim Wandern im Lake District zu
begleiten.
Geist der Wahrheit 89

Sie blieben vom 21. bis zum 30. Juni, und Alan erfüllte sich den Wunsch, am
23. Juni, dem Tag seiner "Volljährigkeit", von zu Hause fort zu sein. An jenem Tag
wanderten sie von der Jugendherberge in Mardale über High Street nach Patterdale.
Das Wetter war ungewöhnlich warm und sonnig. Es ermunterte Alan zu einem nack-
ten Sonnenbad. Nach ein paar Tagen, als sie an einem Berghang rasteten, fand er den
Mut zu sanfter sexueller Annäherung. Für Alan war dieser erregende, wenn auch fast
zufällige Augenblick weniger bedeutsam als für James, der an seiner Public School
schweren Repressionen ausgesetzt gewesen war und der nun Jahre des Sichfindens
nachholte, geistig wie körperlich. In diesen Ferien kam es zu keiner Wiederholung,
James aber sinnierte darüber nach. In den nachfolgenden zwei Wochen wurde ihm
klar, daß Alan in ihm Gefühle der Zuneigung und auch des Verlangens ausgelöst
hatte. Er hoffte, ihn bei seiner Rückkehr nach Cambridge am 12. Juli zu sehen,
dem Beginn des Trimesters mit den großen Ferien. James kam nach Cambridge
nicht so sehr wegen des Mathematikstudiums zurück, ihn interessierten vor allem
die Konzerte während eines Internationalen Kongresses der Musikforschung. James
fühlte in der Musik jenes Absolute, dem Alan in der reinen Mathematik nachspürte.
James wußte nicht, daß Alan an genau diesem Tag nach Clock House gefahren
war, um Christophers zu gedenken. Auch zu Ostern war er wieder dort gewesen,
hatte das Abendmahl an seiner Gedenkstätte empfangen und geschrieben:

20.4.33
Meine liebe Mrs. Morcom,
es hat mir so gefallen, zu Ostern in Clockhouse zu sein. Ich denke immer sehr
daran, besonders im Zusammenhang mit Chris. Clockhouse gemahnt uns, daß Chris jetzt
auf irgendeine Weise lebendig ist. Man neigt vielleicht zu sehr dazu, ihn nur zu einem
zukünftigen Zeitpunkt für lebendig zu halten, an dem wir ihn wiedersehen werden; aber
es ist wirklich so viel hilfreicher, ihn sich als bloß für den jetzigen Moment von uns
getrennt vorzustellen.

Alans Besuch traf auf die Einweihung des Kirchenfensters. Man feierte sie am
13. Juli, dem Datum der zweiundzwanzigsten Wiederkehr von Christophers Ge-
burtstag. Die Kinder der Umgebung hatten an dem Tag schulfrei und legten unter-
halb des Glasfensters Blumen hin. Ein Freund der Familie predigte zum Andenken
Christophers über "Güte", und alle sangen Christophers Lieblingslied:

Gracious Spirit, Holy Ghost


Taught by Thee we covet most
Of thy gifts at Pentecost
Holy heavenly Love

In einem Zelt neben dem Clock House unterhielt ein Zauberkünstler die Kinder bei
Kuchen und Limonade; Rupert führte Christophers Experiment mit den Jodaten und
90 Kapitel 2

Sulfiten vor, und sein Onkel erklärte es ihnen. Sie bliesen Seifenblasen und ließen
Ballons steigen.
Alan kehrte zwei oder drei Wochen nach dieser bittersüßen Zeremonie nach
Cambridge zurück. Es dauerte nicht lange bis James andeutete, daß er den sexuellen
Kontakt wieder aufnehmen wolle. Gleichwohl war stets auch das Gefühl präsent,
nur die Sommersonne habe in Alan derartige Initiative entfesselt und derlei würde
nicht wiederkehren. Dahinter stand etwas, das für James für immer verschleiert
sein würde, eine Komplexität der Gefühle, teils wohl genährt durch die Erinnerung
an Christopher, die James ja nicht teilte. Möglicherweise hatte Alans Besuch im
Clock House jene romantische Liebe erneuert, an deren Reinheit und Intensität die
Beziehung zu James nicht heranreichte. Den beiden genügte eine lockere sexuelle
Freundschaft, in der man sich nicht den Anschein gab, verliebt zu sein. Aber
immerhin wußte Alan, daß er nicht allein war.
Manchmal schien er aus der Fassung gebracht. Beim Stiftungsfest im Dezember
1933 gab es einen Zwischenfall, bei dem ein Student von James' alter Schule auf
abfallige Weise zu Alan sagte: "Sieh mich nicht so an, ich bin kein Homosexueller."
Verärgert über diesen Angriff sagte Alan zu James: "Falls du mit mir ins Bett gehen
willst, rechne nicht mit einer Erwiderung." Aber das war die Ausnahmesituation in
einer Beziehung, die - mit abnehmender Intensität - über mehrere Jahre anhielt.
Kein anderer wußte davon, obwohl Alan im übrigen kein großes Geheimnis
aus seiner sexuellen Einstellung machte, wie es der Zwischenfall bei der Feier illu-
strierte. Es gab noch einen anderen Studenten, für den Alan (wie er James erzählte)
Gefühle hegte, und ihre Namen wurden durch skurrile Hinweise wie "Sieh unter 2
senkrecht" für ein Kreuzworträtsel in einem erfolglosen Schundmagazin vom King's
miteinander in Verbindung gebracht. Im Herbst 1933 gewann Alan einen weiteren
Freund, mit dem ihn in erster Linie das Gespräch über Geschlechtliches verband.
Das war Fred Clayton, ein grundverschiedener Charakter. Während Alan und Ja-
mes zurückhaltend waren, aber ohne viel Aufhebens zur Sache kamen, war es bei
Fred genau umgekehrt. Sein Vater war Direktor einer kleinen Dorfschule bei Liver-
pool, und er hatte nicht die Public School-Ausbildung durchlaufen. Der sehr kleine,
ziemlich junge Student klassischer Sprachen war Steuermann des Bootes gewesen,
in dem Alan ruderte, aber ihre Bekanntschaft entwickelte sich, als Fred in Alan einen
Mann kennenlernte, aus dessen Neigung weder er selbst noch andere ein Geheimnis
zu machen schienen.
Im Gespräch mit ehemaligen Zöglingen der Public School, die sich homosexuel-
ler Attraktion eher bewußt waren, tauschte Fred, den der Gedanke an Sex verwirrte,
Meinungen und emotionale Erfahrungen aus. Er hatte von der Möglichkeit freier
Rede am King's Gebrauch gemacht, mit dem Resultat, daß ein Fellow ihm sagte, er
sei ein "ziemlich normaler, bisexueller Mann". Aber ganz so einfach war es nicht,
und für Fred Clayton war nie etwas einfach.
Alan erzählte seinem Freund, wie sehr er es übelnehme, beschnitten worden zu
Geist der Wahrheit 91

sein, und auch von seinen frühesten Erinnerungen an Spiele mit dem Gärtnerjungen
(vermutlich als er bei den Wards war), die seiner Ansicht nach vielleicht für sein
sexuelles Verhaltensmuster entscheidend gewesen waren. Zu Recht oder Unrecht
vermittelte er Fred und auch anderen den Eindruck, daß man sich, was sexuelle
Erlebnisse betraf, auf die Public School verlassen konnte. Für ihn selbst jeden-
falls blieb das Bewußtsein von Sexualität stets noch mit den Tagen in der Schule
verknüpft. Fred las Havelock Ellis und Freud und machte Entdeckungen bei klas-
sischen Autoren, die er seinem, sonst nicht gerade für sein Interesse an Latein und
Griechisch bekannten, Mathematiker-Freund übermittelte.
Verwirrung war eine völlig verständliche Reaktion unter den Bedingungen des
Jahres 1933, als selbst am King's kaum noch jemand sich hervorwagte, der nicht
zu den allerfeinsten Kreisen zählte. Diese Gespräche waren Flüstertöne in einer
erdrückenden, betäubenden Stille. Es lag nicht unmittelbar an der Wirkung des
Gesetzes, dessen Verbot jeglicher homosexueller Aktivität nur eine ganz geringe
Rolle im Britannien der dreißiger Jahre spielte. Es verhielt sich eher so, wie J.S. Mill
es in Bezug auf Häresie beschrieben hatte: 2o

. .. das Hauptunheil der gesetzlichen Strafen liegt darin, daß sie das soziale Stigma
verstärken. Dieses Stigma ist es, das tatsächlich wirkungsvoll ist, und es ist so wir-
kungsvoll, daß die Äußerung von Meinungen, die von der Gesellschaft geächtet sind,
in England viel ungewöhnlicher ist als in vielen anderen Ländern das Bekenntnis jener,
welche Gefahr laufen, gerichtlich bestraft zu werden.

Die modeme Psychologie hatte im 20. Jahrhundert zu einer Änderung geführt.


In den zwanziger Jahren war der Name Freud in Kreisen der Avantgarde zur Be-
schwörungsformel geworden. In der Praxis wurden seine Ideen jedoch dazu verwen-
det, zu erörtern, was bei Homosexuellen "schiefgegangen" war. Schwerer als solch
intellektuelle Öffnung gegenüber der Homosexualität wog indes die beständige An-
strengung, sie aus dem offiziellen Blickfeld verschwinden zu lassen - ein Prozeß, in
dem die akademische Welt neben gerichtlichen Verfolgungen und Zensur ihre Rolle
spielte. Der solide Standpunkt der Mittelklasse wurde durch den Sunday Express
vertreten, in dem 1928 The Weil 01 Loneliness mit den Worten kritisiert wurde: "Ich
würde einem gesunden Jungen oder einem gesunden Mädchen lieber ein Fläschchen
Blausäure geben als diesen Roman". Die Unzulässigkeit jeglicher Erwähnung blieb
die vorrangige Grundregel, so daß selbst den gebildeten Homosexuellen nichts Er-
mutigenderes blieb als die schwachen Signale aus der Antike, die Trümmer der
Prozesse gegen Wilde und die seltenen Ausnahmen von den Regeln, die mit den
Schriften von Havelock Ellis und Edward Carpenter gegeben waren.
In einer besonderen Umgebung wie Cambridge mochte man homosexuelle Er-
fahrung als durchaus positiv einschätzen, wenn auch einfach nur als eine Möglich-
keit zu körperlicher Befreiung. Die eigentliche Erniedrigung war ja nicht rechtlicher,
sondern seelischer Natur - jener Zwang zur Verleugnung der Identität. Heterose-
92 Kapitel 2

xuelles Begehren, heterosexuelle Liebe und Ehe waren kaum frei von Hindernissen
und Schmerz, doch alle jemals geschriebenen Romane und Gedichte bezogen daraus
ihren Stoff. Die homosexuellen Pendants wurden - wenn sie überhaupt Erwähnung
fanden - in den Bereich des Komischen, des Kriminellen, des Pathologischen oder
des Ekelerregenden verwiesen. Sein Ich vor diesen Beschreibungen zu schützen
war schwierig genug. Die Sprache selbst bot offenkundig keine anderen Auskünfte.
Das Ich unversehrt und als in sich geschlossenes Ganzes zu erhalten, anstatt es in
eine Fassade der Angepaßtheit und eine geheime innere Wahrheit aufzuspalten, kam
schon einem Wunder gleich. Fähig zu sein, das Ich zu entwickeln, seine inneren
Zusammenhänge zu vermehren und mit anderen zu kommunizieren - das war so gut
wie ausgeschlossen.
Alan befand sich an dem einen Ort, der diese Entwicklung unterstützen konnte.
Schließlich existierte hier ein Kreis von Leuten, unter denen Forster sein Romanma-
nuskript Maurice zirkulieren lassen konnte, das davon handelte, "ein Unaussprechli-
cher von der Art Oscar Wildes" zu sein. Wie das Werk zu Ende geschrieben werden
sollte, war ein Problem. Es sollte eine ihm eigene Integrität der Gefühle vermit-
teln und dennoch glaubwürdig sein als eine Beschreibung wirklicher Gegebenheiten.
Darin lag ein grundlegender Widerspruch, der nicht dadurch aufgehoben wurde, daß
Forster seinen Helden in die Idylle eines glücklichen Schlusses entkommen ließ.
Ein anderes Problem ist, daß Forsters Versuch einer Verständigung für fünfzig
Jahre in die Schublade verbannt sein sollte 21 • Doch King's war wenigstens der Ort,
an dem die Widersprüche verstanden wurden. Ein wenig blieb Alan hier vor der
Härte der Außenwelt verschont, obwohl ihn seine selbstverliebte Art eher an den
Rand der King' s-Gesellschaft drängte.

Alans Gefallen an Back to Methuselah dürfte auch an Shaws Dramatisierung sei-


ner Theorie der "Lebenskraft" gelegen haben, durch die dieselben Fragen aufgewor-
fen wurden wie durch den "Geist". Einer von Shaws Charakteren sagte: "Solange
dieses verwelkte Ding Religion und dieses trockene Ding Wissenschaft nicht in un-
seren Händen lebendig werden, lebendig und tief bewegend, können wir ebensogut
hinausgehen und den Garten umgraben, bis es Zeit ist, unser Grab zu graben." Das
machte Alan 1933 zu schaffen, obwohl er Shaws einfache Lösung nicht akzeptieren
konnte. Bernard Shaw hatte keine Bedenken, wissenschaftliche Ansichten über den
Haufen zu werfen, wenn sie nicht mit seinen Ideen übereinstimmten; Determinismus
mußte weichen, wenn er mit einer "Lebenskraft" in Konflikt geriet. Shaw richtete
sein Augenmerk auf Darwins Evolutionstheorie, die er diskutierte, als wäre sie ein
Rechenschaftsbericht jeder Art von Veränderung, soziale und psychologische mit
eingeschlossen, und verwarf sie als ein "Glaubensbekenntnis". Er schrieb: 22

Das Darwinsche Prinzip der Natürlichen Auslese ist als Glaubensbekenntnis zu verwer-
fen, denn es nimmt die Hoffnung aus der Evolution und setzt dafür einen lähmenden,
Geist der Wahrheit 93

äußerst entmutigenden Fatalismus ein. Butler sagte dazu, es "verbannt den Verstand
aus dem Universum." Die Generation, die nichts außer einer ungeheuren Erleichterung
verspürte, als sie von der Tyrannei eines Allmächtigen Wichtigtuers durch einen seelen-
losen Determinismus erlöst wurde, ist nahezu ausgestorben und hinterläßt ein Vakuum,
das die Natur verabscheut.

Für Shaw war die Wissenschaft dazu da, ein hoffnungsvolles "Glaubensbekenntnis"
zu liefern, wozu religiöse Offenbarung nicht länger imstande war. Es mußte eine
"Lebenskraft" geben, von der das superintelligente Orakel des Jahres 3000 sagen
könnte: "Unsere Physiker beschäftigen sich damit. Unsere Mathematiker drücken
ihre Größe in algebraischen Gleichungen aus."
Für Alan jedoch mußte Wissenschaft eher wahr sein als tröstlich. Auch hatte
der Mathematiker und Physiker Johannes von Neumann nichts zu sagen, das eine
Lebenskraft glaubwürdig erscheinen ließ. Sein Buch Mathematische Grundlagen
der Quantenmechanik war im Oktober 1932 eingetroffen, aber Alan hatte mögli-
cherweise dessen Studium bis zum Sommer verschoben, als er auch die Bücher von
Schrödinger und Heisenberg über Quantenmechanik erhielt. Am 16. Oktober 1933
schrieb er:

Mein Preisbuch von Sherbome stellt sich als höchst interessant heraus, und ist keineswegs
schwer zu lesen, obwohl die angewandten Mathematiker es anscheinend ziemlich stark
finden.

Von Neumanns Darstellung unterschied sich erheblich von der Eddingtons. In sei-
ner Formulierung entwickelte sich der Zustand eines physikalischen Systems völlig
deterministisch; es war dessen Beobachtung, die ein Element absoluter Zufällig-
keit ins Spiel brachte. Wurde jedoch dieser Beobachtungsprozeß seinerseits von
außerhalb beobachtet, so konnte er als deterministisch angesehen werden. Es gab
keine Möglichkeit auszudrücken, wo sich die Unbestimmtheit befand; sie war nicht
an irgendeiner bestimmten Stelle lokalisiert. Von Neumann konnte zeigen, daß diese
seltsame Logik der Beobachtungen - ganz im Gegensatz zu jeglicher Erfahrung mit
alltäglichen Gegenständen - in sich konsistent war und mit bekannten Experimen-
ten übereinstimmte. Sie rief bei Alan Skepsis hinsichtlich der Interpretation der
Quantenmechanik hervor, unterstützte aber sicherlich nicht die Vorstellung, daß der
Verstand die Wellenfunktionen des Gehirns manipuliere.
Alan hätte von Neumanns Buch nicht nur deswegen "höchst interessant" gefun-
den, weil es ein Thema von solch philosophischer Bedeutung für ihn behandelte,
sondern auch, weil sich von Neumann dem Gegenstand seiner Untersuchung so
weit als möglich durch logisches Denken näherte. Denn Wissenschaft war für Alan
Turing selbständiges Denken und Sehen und nicht eine Ansammlung von Fakten.
Wissenschaft war das Zweifeln an Axiomen. Sein Zugang zum Thema war der
des reinen Mathematikers, der dem Denken frei die Zügel schießen läßt und erst
94 Kapitel 2

nachträglich sieht, ob es zu einer Anwendung auf die physikalische Welt führt oder
nicht. Häufig diskutierte er über diese Ansichten mit Kenneth Harrison, der die
traditionellere wissenschaftliche Auffassung von Experimenten, Theorien und Veri-
fikationen vertrat.
Die "angewandten Mathematiker" dürften von Neumanns Untersuchung der
Quantenmechanik "ziemlich stark" gefunden haben, weil sie große Kenntnis in jüng-
sten Entwicklungen der reinen Mathematik voraussetzte. Er hatte die Äquivalenz der
dem Anschein nach unterschiedlichen Quantentheorien von Schrödinger und Heisen-
berg dadurch gezeigt, daß er deren wesentliche Ideen in einer weitaus abstrakteren
mathematischen Form dargestellt hatte. Es war die logische Folgerichtigkeit der
Theorie, nicht die experimentellen Ergebnisse, die in von Neumanns Werk behan-
delt wurde. Das gefiel Alan, der diese Art von Unnachgiebigkeit zu erlangen suchte,
und es war ein prächtiges Beispiel dafür, wie die Erweiterung der reinen Mathematik
um ihrer selbst willen unerwartete Früchte in der Physik getragen hatte.
Vor dem Krieg hatte Hilbert eine gewisse Verallgemeinerung der euklidischen
Geometrie entwickelt, die mit der Untersuchung eines Raumes unendlich vieler Di-
mensionen zu tun hatte. Dieser "Raum" hatte nichts mit dem physikalischen Raum
zu tun. Er entsprach eher einer imaginären geographischen Darstellung, auf der
alle musikalischen Klänge aufgezeichnet werden konnten. Dazu stellte man sich
einen Flöten-, Geigen- oder Klavierton aus jeweils verschieden großen Anteilen der
Grundtonschwingung, der ersten Obertonschwingung, der zweiten und der folgen-
den zusammengesetzt vor, wobei für jede Klangart (im Prinzip) die genaue Angabe
von unendlich vielen Komponenten erforderlich war. * Ein "Punkt" in einem derarti-
gen "Raum", einem "Hilbert-Raum", entspräche einem derartigen Ton; zwei Punkte
könnten daher (entsprechend der Überlagerung zweier Töne) addiert werden, und
ein Punkt könnte (der Verstärkung eines Tones entsprechend) mit einem Faktor
multipliziert werden.
Von Neumann war es aufgefallen, daß der "Hilbert-Raum" genau das Erforder-
liche war, um den Begriff des "Zustandes" eines quantenmechanischen Systems -
wie den eines Elektrons in einem Wasserstoffatom - zu präzisieren. Ein Charakte-
ristikum dieser "Zustände" bestand darin, daß sie addiert werden konnten (so wie
Töne sich überlagern ließen), ein anderes darin, daß es im allgemeinen unendlich
viele mögliche Zustände geben mußte, genau wie bei der unendlichen Reihe von
Obertonschwingungen über einem Grundton. Der Begriff des Hilbert-Raums konnte

* Die Analogie ist nicht exakt; Hilbert-Raum und quantenmechanische ,,zustände" unterscheiden sich
in wesentlicher Hinsicht von den Gegenständen der alltäglichen Erfahrung. [A.d.Ü.: Die beschriebene
sogenannte Fourierzerlegung eines Tones in Grundkomponenten führt durchaus zu einer unendlichen
Reihe, deren Koeffizienten als Koordinaten des Tones in einem unendlichdimensionalen, von den
Grundkomponenten aufgespannten Raum verstanden werden können. Im Hilbert-Raum sind die
Koeffizienten jedoch keine reellen, sondern komplexe Zahlen.]
Geist der Wahrheit 95

dazu verwendet werden, eine strenge Theorie der Quantenmechanik als logische
Konsequenz klar umrissener Axiome zu entwickeln.
Die unvorhergesehene Anwendung des "Hilbert-Raums" war genau die Art von
Beleg, die Alan vorlegen würde, um seine Forderung nach reiner Mathematik zu
bekräftigen. 1932 hatte er in der Entdeckung des Positrons eine weitere Rechtferti-
gung dafür gesehen. Denn Dirac hatte es aufgrund einer abstrakten mathematischen
Theorie vorhergesagt, die auf der Kombination der Axiome der Quantenmechanik
mit denen der Speziellen Relativitätstheorie beruhte. In der Beschäftigung mit der
Beziehung zwischen Mathematik und Naturwissenschaft begann Alan Turing, sich
mit einem verwirrenden, schwierigen und für ihn persönlich bedeutsamen Aspekt
des neuen Denkens auseinanderzusetzen.
Zu einer Klärung des Unterschieds zwischen Naturwissenschaft und Mathematik
war es erst gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gekommen. Bis dahin konnte
davon ausgegangen werden, daß Mathematik notwendigerweise die Relationen von
Zahlen und Größen behandelte, die in der physikalischen Welt tatsächlich in Er-
scheinung treten - obwohl diese Auffassung tatsächlich schon mit der Entwicklung
solcher Begriffe wie der "negativen Zahlen" haltlos geworden war. Im neunzehnten
Jahrhundert hatte es jedoch in vielen Zweigen der Mathematik Entwicklungen zu
einer abstrakten Sehweise hin gegeben. Mathematische Symbole wurden mehr und
mehr davon befreit, physikalischen Entitäten entsprechen zu müssen.
Im Schulunterricht in Algebra - effektiv Algebra des 18. Jahrhunderts - wurden
Buchstaben als Symbole für numerische Größen verwendet. Die Regeln für ihre
Addition und Multiplikation gründeten sich auf der Annahme, daß sie "wirklich"
Zahlen waren. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts jedoch hatte man diese Be-
trachtungsweise aufgegeben. Eine Regel von der Art "x + y = y + x" konnte als
Regel für ein Spiel, etwa wie beim Schachspiel, aufgefaßt werden, die festlegte,
welche Verschiebungen und Kombinationen der Symbole zulässig waren. Eine In-
terpretation der Regel im Sinn einer Aussage über Zahlen mochte möglich sein,
aber sie war nicht notwendig und tatsächlich keinesfalls immer angemessen.
Das Entscheidende an dieser Abstraktion war die Befreiung der Algebra und
tatsächlich der gesamten Mathematik aus dem traditionellen Bereich des Zählens
und Messens. In der modemen Mathematik durften Symbole gemäß völlig beliebi-
ger Regeln verwendet werden und durften weitaus allgemeiner als stellvertretend für
numerische Größen interpretiert werden, falls sie tatsächlich überhaupt irgendeine
Interpretation aufzuweisen hatten. Die Quantenmechanik war ein schönes Beispiel
dafür, wie sich die Erweiterung und Befreiung der Mathematik um ihrer selbst wil-
len für die Physik bezahlt gemacht hatte. Es hatte sich als notwendig herausgestellt,
eine Theorie von "Zuständen" und nicht von Zahlen und Meßgrößen zu entwerfen -
und der "Hilbert-Raum" bot für diese genau den richtigen Symbolismus. Eine wei-
tere verwandte Entwicklung der reinen Mathematik, die sich die Quantenphysiker
mittlerweile weithin zunutze machten, war jene der "abstrakten Gruppe". Dieser
96 Kapitel 2

Begriff war von Mathematikern entwickelt worden, die die Idee der "Operation"
in eine symbolische Form gebracht hatten und das Resultat als abstrakte Übung
behandelten. * Die Wirkung der Abstraktion waren Verallgemeinerungen,. Vereinheit-
lichungen und Möglichkeiten zu neuen Analogieschlüssen. Sie hatte eine kreative
und konstruktive Bewegung hervorgebracht, denn durch Veränderung der Regeln die-
ser abstrakten Systeme waren neue Kalküle mit unvorhergesehenen Anwendungen
erfunden worden.
Die Bewegung in Richtung Abstraktion hatte andererseits so etwas wie eine
Krise innerhalb der reinen Mathematik hervorgerufen. Wenn man sie sich als ein
Spiel vorzustellen hatte, das beliebigen Regeln folgte, um das Spiel der Symbole
zu lenken, was war dabei mit der Auffassung von absoluter Wahrheit geschehen?
Im März 1933 erwarb Alan Bertrand Russells Buch Introduction to Mathematical
Philosophy, das dieser zentralen Fragestellung gewidmet war.
Die Krise 23 war zuerst in der Geometrie sichtbar geworden. Im achtzehnten
Jahrhundert konnte die Geometrie für einen Zweig der Naturwissenschaft gehal-
ten werden, ein System von die Welt betreffenden Tatsachen, das die Euklidischen
Axiome als seinen wesentlichen Kern enthielt. Das neunzehnte Jahrhundert jedoch
sah die Entwicklung geometrischer Systeme, die sich von dem Euklids unterschie-
den. Es wurde auch bezweifelt, daß das Universum tatsächlich euklidisch war.
Im Rahmen der modemen Trennung von Mathematik und Naturwissenschaft wurde
es notwendig zu fragen, ob die euklidische Geometrie, als abstrakte Konstruktion
betrachtet, ein vollständiges und widerspruchsfreies Ganzes bildete.

* Das Wort "Gruppe" hat in der Mathematik eine technische Bedeutung, die sich ganz klar von der
Bedeutung des Wortes in der Alltagssprache unterscheidet. Es bezieht sich auf die Vorstellung von
einer Menge von Operationen, wobei diese Menge jedoch bestimmten, präzise definierten Bedingun-
gen zu genügen hat. Sie können durch die Betrachtung der Drehungen einer Kugel veranschaulicht
werden. Wenn A, Bund C drei verschiedene Drehungen sind, dann gilt offensichtlich:
(i) Es gibt eine Drehung, die die Wirkung von A genau wieder rückgängig macht.
(ii) Es gibt eine Drehung, die genau dieselbe Wirkung hat, wie die Ausführung von A gefolgt von
der von B.
Diese Drehung möge ,,AB" genannt werden. Dann gilt:
(iii) AB, gefolgt von C, hat dieselbe Wirkung wie A, gefolgt von Be.
Das sind im wesentlichen die Bedingungen, die von den Drehungen erfüllt werden müssen, damit sie
eine "Gruppe" bilden. Die abstrakte Gruppentheorie entstand dadurch, daß diese Bedingungen über-
nommen und in geeigneter Weise durch Symbole dargestellt wurden, wobei dann deren ursprünglich
konkrete Bedeutung keine Rolle mehr spielte. Die sich daraus ergebende Theorie ließ sich mit Ge-
winn auf Drehungen anwenden, so wie es auch tatsächlich in der Quantenmechanik der Fall war.
Sie konnte auch auf das scheinbar damit unzusammenhängende Gebiet der Chiffrierung angewen-
det werden. (Verschlüsselungen haben die Eigenschaften einer "Gruppe": Zu einer Verschlüsselung
muß es eine genau definierte Entschlüsselungsoperation geben, die die Verschlüsselung wieder auf-
hebt, und wenn zwei Verschlüsselungsoperationen nacheinander ausgeführt werden, ist das Ergebnis
eine weitere Verschlüsselung.) In den dreißiger Jahren war es jedenfalls allgemein anerkannt, daß
"Gruppen" abstrakt erforscht werden konnten, ohne dabei irgendeine konkrete Darstellung oder
Anwendung im Sinn zu haben.
Geist der Wahrheit 97

Es war nicht klar, daß Euklids Axiome wirklich eine vollständige Theorie der
Geometrie definierten. Es konnte sich ja irgendeine zusätzliche Annahme in die
Beweise eingeschlichen haben, die von intuitiven, implizit gemachten Annahmen
über Punkte und Geraden herrührten. Vom modemen mathematischen Standpunkt
aus gesehen war es notwendig, die logischen Zusammenhänge von Punkten und
Geraden zu abstrahieren, sie allein als symbolische Regeln zu formulieren, ihre
"Bedeutung" im Zusammenhang mit dem physikalischen Raum zu vergessen und
schließlich zu zeigen, daß das resultierende abstrakte Spiel für sich betrachtet einen
Sinn ergab. Hilbert, der niemals unnötig kompliziert zu sein pflegte, drückte es gerne
so aus: "Anstelle von ,Punkten, Geraden, Ebenen' muß man stets von ,Tischen,
Stühlen, Bierkrügen' sprechen können."
1899 gelang es Hilbert, ein System von Axiomen zu finden, von dem er be-
weisen konnte, daß es - ohne irgendeine Bezugnahme auf die Beschaffenheit der
physikalischen Welt - zu allen Sätzen der euklidischen Geometrie führen würde.
Sein Beweis erforderte jedoch die Annahme, daß die Theorie der "reellen Zahlen"*
in sich stimmig war. "Reelle Zahlen" entsprachen dem, was für die griechischen
Mathematiker Messungen von unendlich oft unterteilbaren Längen waren, und für
die meisten Zwecke konnte man davon ausgehen, daß die Verwendung "reeller Zah-
len" eine solide Grundlage in der Natur des physikalischen Raumes hatte. Aber in
Hilberts Betrachtungsweise war das nicht gut genug.
Zum Glück war es möglich, "reelle Zahlen" ganz unterschiedlich darzustellen.
Schon zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war es hinreichend bekannt, daß
sich "reelle Zahlen" als unendliche Dezimalzahlen darstellen ließen, etwa die Zahl
7r als 3.14159265358979 ... , und man hatte der Vorstellung, daß eine "reelle Zahl"
durch eine solche Dezimalzahl, eine infinite Folge ganzer Zahlen, beliebig genau
beschrieben werden konnte, eine präzise Bedeutung gegeben. Aber erst 1872 gelang
es dem deutschen Mathematiker Dedekind, exakt zu zeigen, wie "reelle Zahlen" mit
Hilfe der ganzen Zahlen definiert werden konnten, ohne dabei auf den Begriff der
Messung zurückgreifen zu müssen. Dieser Schritt vereinheitlichte die Begriffe Zahl
und Länge und hatte gleichzeitig den Effekt, Hilberts die Geometrie betreffenden
Fragestellungen in den Bereich der ganzen Zahlen zu verlagern - im technisch
mathematischen Sinn also in die "Arithmetik". Daher konnte Hilbert von sich sagen,
er habe nichts weiter getan, als "alles auf die Frage nach der Widerspruchsfreiheit
der arithmetischen Axiome zu reduzieren, die unbeantwortet geblieben ist."
An diesem Punkt begannen verschiedene Mathematiker unterschiedliche Hal-
tungen einzunehmen. Da gab es die Ansicht, daß es absurd sei, von den Axiomen

* Es gibt nichts "Reelles" an den "reellen Zahlen". Der Ausdruck ist ein historisches Mißgeschick, das
sich den ebenfalls irreführenden Ausdrücken ,,komplexe Zahlen" und "imaginäre Zahlen" verdankt.
Leser, denen diese Ausdrücke nicht vertraut sind, sollten sich ,,reelle Zahlen" als "hypothetisch mit
unendlicher Genauigkeit gemessene Längen" vorstellen.
98 Kapitel 2

der Arithmetik zu sprechen, denn nichts konnte noch einfacher sein als die ganzen
Zahlen. Andererseits ließ sich gewiß die Frage stellen, ob ein Kern fundamentaler
Eigenschaften der ganzen Zahlen existierte, aus dem alle anderen Eigenschaften ab-
geleitet werden konnten. Dedekind wurde auch mit dieser Frage fertig und zeigte
1888, daß die gesamte Arithmetik aus drei Annahmen abzuleiten war: der An-
nahme, daß es eine Zahl 1 gibt; der, daß es zu jeder Zahl eine nachfolgende gibt;
und der Annahme, daß ein Induktionsprinzip die Formulierung von Aussagen über
alle Zahlen ermöglicht. Diese Annahmen ließen sich, wenn man so wollte, als ab-
strakte Axiome im Sinn der "Tische, Stühle und Bierkrüge" ausschreiben, und es sei
möglich, daraus die gesamte Zahlentheorie zu konstruieren, ohne dabei nach einer
Bedeutung solcher Symbole wie ,,1" und ,,+" fragen zu müssen. Ein Jahr später,
1889, gab der italienische Mathematiker Guiseppe Peano die Axiome in der Form
an, die zum Standard wurde.
Hilbert begrüßte das neue Jahrhundert, indem er der mathematischen Welt drei-
undzwanzig ungelöste Probleme stellte. * 23a Das zweite davon betraf den Beweis
der Widerspruchsfreiheit der "Peano-Axiome", von dem, wie er gezeigt hatte, die
Exaktheit und Strenge der Mathematik abhing. "Widerspruchsfreiheit" war das ent-
scheidende Wort. Es gab Theoreme der Arithmetik, für deren Beweis Tausende von
Schritten erforderlich waren - solche wie beispielsweise das Theorem von Gauß,
nach dem sich jede ganze Zahl als Summe von vier Quadratzahlen darstellen ließ.
Wie konnte irgend jemand mit Sicherheit wissen, daß es nicht eine ebenso lange
Folge von Ableitungsschritten gab, die zu einem widersprüchlichen Ergebnis führte?
Was an den abstrakten Regeln von Peanos Spiel, worin ,,+" und"l" als Symbole ohne
Bedeutung behandelt wurden, garantierte das Freisein von solchen Widersprüchen?
Einstein stellte die Bewegungsgesetze in Frage. Hilbert bezweifelte sogar, daß zwei
und zwei vier ergibt - jedenfalls meinte er, daß es auch dafür Gründe zu geben habe.
Ein Versuch der Behandlung dieser Fragestellung war bereits von Gottlob Frege
unternommen worden, beginnend mit seinem Buch Die Grundlagen der Arithme-
tik, eine logisch-mathematische Untersuchung über den Begriff der Zahl von 1884.
Dabei handelte es sich um die logizistische Auffassung von Mathematik, nach der
die Arithmetik von den logischen Beziehungen der Entitäten der Welt herrührte
und ihre Widerspruchsfreiheit durch eine Verankerung in der Realität garantiert war.
Für Frege bedeutete die Zahl ,,1" ganz gewiß etwas, und zwar die Eigenschaft,
die "ein Tisch", "ein Stuhl", "ein Bierkrug" gemeinsam hatten. Die Behauptung
,,2 + 2 = 4" mußte der Tatsache entsprechen, daß irgend zwei Dinge mit irgend zwei
anderen Dingen zusammengebracht vier Dinge ergaben. Freges Ziel bestand darin,
den abstrakten Kern aus "irgendein", "Ding", "anderes" und so weiter herauszudes-
tillieren, um damit eine Theorie zu entwickeln, in der sich die Arithmetik aus den
allereinfachsten, die Existenz betreffenden Begriffen herleiten ließe.

* A.d.Ü.: 1900 auf dem internationalen Kongreß der Mathematiker in Paris.


Geist der Wahrheit 99

Freges Arbeiten wurden allerdings von Bertrand Russell überholt, dessen Theo-
rie ähnlich geartet war. Russell hatte Freges Ideen durch die Einführung des Begriffs
der "Menge" konkretisiert. Er schlug vor, daß eine Menge, die genau ein Element
enthielt, dadurch charakterisiert werden könne, daß ein aus dieser Menge heraus-
genommenes Objekt immer genau dasselbe Objekt sei. Diese Idee ermöglichte
die Definition von "Eins-artigkeit" mit Hilfe von "Gleich-artigkeit" oder Gleichheit.
Gleichheit konnte dann wiederum als Ausdruck der Erfüllung einer übereinstimmen-
den Reihe von Prädikaten definiert werden. Auf diese Weise schien es möglich zu
sein, den Zahl begriff und die Axiome der Arithmetik mit größter Strenge aus den
primitivsten Vorstellungen von Dingen, Eigenschaften und Aussagen herzuleiten.
Es war leider nicht so einfach. Russell wollte durch den Begriff der Gleichheit
eine Menge-mit-einem-Element definieren, ohne dabei auf den Begriff des Zählens
zurückzugreifen. Die Zahl "Eins" wäre dann dadurch zu definieren, daß sie "die
Menge aller Mengen-mit-einem-Element" sei. Doch 1901 bemerkte Russell, daß es
zu logischen Widersprüchen kam, sobald man versuchte den Begriff "die Menge
aller Mengen" zu verwenden.
Die Schwierigkeit entstand aus der Möglichkeit auf sich selbst Bezug nehmen-
der, sich selbst widersprechender Behauptungen (wie zum Beispiel: "Dieser Satz ist
nicht wahr."). Ein Problem dieser Art war bereits in der von dem deutschen Mathe-
matiker Georg Cantor entwickelten Theorie des Unendlichen aufgetaucht. Russell
entdeckte, daß Cantors Paradox ein Gegenstück in der Mengenlehre hatte. Dazu un-
terschied er zwei Arten von Mengen, solche, die sich selbst enthielten, und solche,
die sich nicht enthielten. "Normalerweise ist eine Klasse nicht Element ihrer selbst.
Die Menschheit zum Beispiel ist kein Mensch", schrieb Russell. Aber die Menge
abstrakter Begriffe oder die Menge aller Mengen enthielten sich selbst. Russell
erklärte das sich daraus ergebende Paradox wie folgt:

Bilde nun die Vereinigung aller Klassen, die nicht Elemente ihrer selbst sind. Das ist
selbst eine Klasse. Ist sie nun ein Element ihrer selbst oder nicht? Wenn sie es ist, ist
sie eine der Klassen, die nicht Elemente ihrer selbst sind, das heißt, sie ist nicht Element
ihrer selbst. Wenn sie es nicht ist, ist sie nicht eine der Klassen, die nicht Elemente ihrer
selbst sind, das heißt, sie ist ein Element ihrer selbst. Somit impliziert jede der beiden
Hypothesen - daß sie ein Element ihrer selbst ist und daß sie es nicht ist - etwas mit ihr
Unvereinbares. Das ist ein Widerspruch.

Dieses Paradox konnte nicht durch die Frage, was es - wenn überhaupt etwas -
wirklich bedeutete, zum Verschwinden gebracht werden. Philosophen mochten sich
darüber nach Belieben streiten, aber für das, was Frege und Russell zu tun versuch-
ten, war es irrelevant. Der ganze Witz dieser Theorie bestand darin, die Arithmetik
aus den elementarsten logischen Begriffen auf automatische, unanfechtbare und de-
personalisierte Weise abzuleiten, ohne jegliche Argumente en route. Unabhängig
davon, was Russells Paradox bedeutete, war es eine Kette von Symbolen, die - nach
100 Kapitel 2

den Regeln des Spieles behandelt - unerbittlich zu ihrer eigenen Widerlegung führen
würde. Das bedeutete Katastrophe. In keinem rein logischen System gab es Platz
für eine einzige Widersprüchlichkeit. Wenn es jemals möglich wäre, bei ,,2 + 2 = 5"
anzugelangen, dann folgte ,,4 = 5" und ,,0 = 1". Jede Zahl wäre dann gleich 0 und
jede beliebige Aussage somit äquivalent zu ,,0 = 0" und daher wahr. Mathematik,
als derartiges Spiel betrachtet, mußte entweder vollkommen widerspruchsfrei sein
oder sie war wertlos.
Russell und Alfred North Whitehead arbeiteten zehn Jahre daran, diesen Defekt
zu beseitigen. Die entscheidende Schwierigkeit bestand darin, daß sich die An-
nahme als in sich widersprüchlich herausgestellt hatte, jede Art Ansammlung von
Objekten könnte eine "Menge" genannt werden. Irgendeine verfeinertere Definition
war erforderlich. Russells Paradox war keinesfalls das einzige Hindernis für die
Mengenlehre, aber es nahm allein einen weiten Teil der Principia Mathematica ein,
jener schwergewichtigen Bände von 1910, die Russells und Whiteheads Herleitung
der Mathematik aus der elementaren Logik in aller Ausführlichkeit darboten. Die
von ihnen gefundene Lösung war die Aufstellung einer Hierarchie verschiedener
Arten von Mengen, die sie "Typen" nannten. Es mußte elementare Objekte geben,
dann Mengen von Objekten, dann Mengen von Mengen, dann Mengen von Mengen
von Mengen und so weiter. Durch die Trennung der verschiedenen "Typen" von
Mengen wurde es für eine Menge unmöglich gemacht, sich selbst zu enthalten. Aber
es machte die Theorie sehr kompliziert und weitaus schwieriger als das System der
Zahlen, das sie rechtfertigen sollte. Es war nicht klar, daß dies der einzig mögliche
Weg war, um über Mengen und Zahlen nachzudenken. Bis zum Jahre 1930 waren
unterschiedliche Alternativen entwickelt worden, darunter eine durch von Neumann.
Die harmlos klingende Forderung nach einem Nachweis dafür, daß die Mathe-
matik ein vollständiges und widerspruchsfreies Ganzes bildet, hatte eine Büchse der
Pandora an Problemen geöffnet. Mathematische Aussagen schienen einerseits noch
immer so wahr zu sein, wie nur irgend etwas sein konnte; andererseits stellten sie
sich nun als bloße Zeichen auf Papier dar, die zu verwirrenden Paradoxen führten,
sobald man zu klären versuchte, was sie bedeuteten.
Wie im "Looking-Glass"-Garten mußte damit gerechnet werden, daß eine
Annäherung an das Herz der Mathematik in ein Dickicht verwickelter technischer
Einzelheiten wegführte. Dieses Fehlen jedes einfachen Zusammenhangs zwischen
mathematischen Symbolen und der Welt wirklicher Gegenstände faszinierte Alan.
Russells Buch Introduction to Mathematical Philosophy endete mit der Bemerkung:
"Wie der obige flüchtige Überblick deutlich gemacht haben müßte, gibt es unzählige
ungelöste Probleme auf diesem Gebiet, und es muß noch viel Arbeit geleistet wer-
den. Wenn dieses kleine Buch irgendeinen Studenten zu ernsthaftem Studium der
mathematischen Logik angeregt hat, hat es den Hauptzweck, zu dem es geschrieben
worden ist, erfüllt." Das Buch erfüllte also seinen Zweck, denn Alan dachte emst-
Geist der Wahrheit 101

haft über das Problem der "Typen" nach - und stellte sich allgemeiner die Frage des
Pilatus: Was ist Wahrheit?
Kenneth Harrison war ebenfalls mit einigen von Russells Ideen vertraut, und er
und Alan verbrachten Stunden mit deren Diskussion. Sehr zu Alans Verärgerung
konnte er allerdings fragen: "Aber wozu ist das gut?", was Alan ziemlich passend
damit beantwortet haben dürfte, daß es natürlich völlig nutzlos sei. Er muß aber auch
interessiertere Zuhörer gehabt haben, denn im Herbst 1933 war er dazu eingeladen,
dem Moral Science Club eine seiner Arbeiten vorzutragen. Das war eine seltene
Ehre für einen Studenten und besonders für einen, der nicht der Fakultät für Moral
Science angehörte, wie die Philosophie und die mit ihr verbundenen Disziplinen in
Cambridge genannt wurden. Ein Vortrag vor professionellen Philosophen dürfte eine
ziemlich enervierende Erfahrung gewesen sein, aber seiner Mutter schrieb Alan mit
gewohnter Kaltblütigkeit:

26.11.33
Ich trage am Freitag dem Moral Science Club eine Arbeit vor. So etwas Ähnliches
wie mathematische Philosophie. Ich hoffe, sie kennen es nicht schon alles.

In den Protokollen 24 des Moral Science Clubs gibt es für Freitag, den 1. Dezember
1933, folgende Eintragung:

Das sechste Treffen des Herbsttrimesters fand in den Räumen von Mr. Turing im King's
College statt. A.M. Turing trug eine Arbeit über "Mathematik und Logik" vor. Er machte
geltend, daß eine rein logizistische Betrachtungsweise der Mathematik unangemessen sei;
und daß mathematische Aussagen eine Fülle von Interpretationsmöglichkeiten besäßen,
von denen die logizistische lediglich eine sei. Anschließend fand eine Diskussion statt.
R.B. Braithwaite (Signatur).

Der Wissenschaftsphilosoph Richard Braithwaite war ein junger Fellow am King's;


und es ist gut möglich, daß die Einladung durch ihn erfolgt war. Ende 1933 hatte
Alan Turing mit Sicherheit gleich zwei fundamentale Probleme in Angriff genom-
men. Sowohl in der Quantenphysik als auch in der reinen Mathematik bestand
die Aufgabe darin, das Abstrakte und das Physikalische, das Symbolische und das
Wirkliche in Bezug zu setzen.

Im Zentrum dieser Forschung hatten stets deutsche Mathematiker gestanden, wie


überhaupt im Zentrum der gesamten Mathematik und Naturwissenschaft. Aber Ende
1933 klaffte hier ein Loch - Hilberts Göttingen war vernichtet. Johannes von Neu-
mann, fortan John von Neumann, war nach Amerika gegangen, um niemals zurück-
zukehren, und andere waren in Cambridge eingetroffen. "Es werden in diesem Jahr
mehrere bedeutende deutsche Juden nach Cambridge kommen", schrieb Alan am 16.
Oktober. "Wenigstens zwei davon an die mathematische Fakultät, und zwar Born
und Courant." Er könnte also durchaus Borns Vorlesungen über Quantenmechanik
102 Kapitel 2

in diesem Trimester oder jene von Courant* über Differentialgleichungen im Trime-


ster darauf gehört haben. Born ging weiter nach Edinburgh und Schrödinger nach
Oxford, aber die meisten exilierten Wissenschaftler fanden Amerika entgegenkom-
mender als Großbritannien. Das Institute for Advanced Study in Princeton wuchs
besonders schnell. Als Einstein sich 1933 dort niederließ, kommentierte der Physiker
Langevin: "Das ist ein ebenso bedeutsames Ereignis, wie es die Übersiedlung des
Vatikan von Rom in die Neue Welt wäre. Der Papst der Physik ist umgezogen, und
die Vereinigten Staaten werden zum Zentrum der Naturwissenschaften aufsteigen."
Es war nicht allein die jüdische Herkunft, die das Einschreiten des Nazi-Bürokra-
tismus hervorrief, sondern wissenschaftliche Ideen selbst, sogar in der Philosophie
der Mathematik: 25

Vor kurzem ist an der Berliner Universität eine Gruppe von Mathematikern zusammenge-
kommen, um die Rolle ihrer Wissenschaft im Dritten Reich zu erörtern. Es wurde erklärt,
daß Deutsche Mathematik jene des "Faustsehen Mannes" bliebe, daß Logik allein für sie
kein ausreichendes Fundament sei und daß die germanische Intuition, welche die Begriffe
des Unendlichen hervorgebracht hatte, dem logischen Rüstzeug überlegen sei, mit dem
die Franzosen und Italiener Druck auf das Fach ausgeübt hätten. Mathematik sei eine
heroische Wissenschaft, die Chaos in Ordnung verwandle. Der Nationalsozialismus habe
dasselbe Ziel und erfordere dieselben Eigenschaften. So wurde der "geistige Zusammen-
hang" zwischen ihnen und der Neuen Ordnung hergestellt - durch eine Mischung von
Logik und Intuition ...

Für einen englischen Verstand bestand das Wunder darin, daß sich überhaupt irgend-
ein Staat oder eine Partei für abstrakte Begriffe interessieren konnte.
Inzwischen bestätigte für den New Statesman Hitlers Groll gegen den Vertrag
von Versailles lediglich, was Keynes und Lowes Dickinson schon immer gesagt
hatten. Die Schwierigkeit bestand darin, daß Deutschland gegenüber fair zu sein
inzwischen bedeutete, einem barbarischen Regime Zugeständnissse zu machen. Die
konservative Auffassung sah jedoch das neue Deutschland unter dem Blickwinkel
eines Gleichgewichts der Nationalstaaten, in dem es eine erneute potentielle Bedro-
hung für Großbritannien, aber auch ein starkes "Bollwerk" gegen die Sowjetunion
darstellte. Vor diesem Hintergrund erfuhr im November 1933 die Cambridger Anti-
Kriegs-Bewegung Wiederbelebung. Alan schrieb:

12.11.33
Es ist eine Menge passiert in dieser Woche. Das Tivoli-Kino hatte geplant, einen Film
vorzuführen, der "Unsere kämpferische Marine" hieß und reißerische militaristische Pro-
paganda war. Die Anti-Kriegs-Bewegung organisierte einen Protest. Die Organisation
war nicht allzu gut, und wir bekamen nur 400 Unterschriften, von denen 60 oder mehr
vom King's waren. Der Film wurde schließlich zurückgezogen, aber das lag an dem

* Alan erwarb ein Exemplar von Hilbert und Courants Methoden der Mathematischen Physik im Juli
1933, das bald eine Fülle von Randbemerkungen aufwies.
Geist der Wahrheit 103

Krawall, den die Militaristen vor dem Kino veranstalteten, als sie von unserem Protest
gehört und es sich in den Kopf gesetzt hatten, daß wir das Kino stürmen wollten.

Die sich anschließende Bemerkung: "Gestern gab es eine sehr erfolgreiche Anti-
Kriegs-Demonstration", bezog sich auf die Kranzniederlegung anläßlich des Jah-
restages des Waffenstillstandes vom 11. November 1918, die in diesem Jahr eher
den Charakter einer politischen Willenskundgebung hatte, mit nicht ausschließlich
pazifistischer Tendenz. Alans Freund James Atkins hatte sich entschieden, daß er
Pazifist war, und Alan, daß er keiner war. Die These, der Erste Weltkrieg sei durch
das Eigeninteresse der Waffenhersteller verursacht worden, hatte allgemein großen
Einfluß. Es gab die weitverbreitete, vermutlich auch von Alan geteilte Ansicht, man
dürfe nicht zulassen, daß die Verherrlichung von Waffen einen zweiten großen Krieg
wahrscheinlicher mache.
Eddington, der als Quäker ein Pazifist und Internationalist war, gab die Anre-
gung zu dem nächsten äußerlichen und erkennbaren Schritt in Alans Entwicklung.
Diesmal nicht im Zusammenhang mit dem "Jabberwocky" der Quantenmechanik,
sondern durch seine Vorlesungsreihe über Methodenlehre der Naturwissenschaften 26 ,
die Alan im Herbst 1933 besuchte. Eddington kam auf die Tendenz zu sprechen,
daß wissenschaftliche Meßwerte, wenn sie in ein Diagramm eingetragen wurden,
das jedem Meßwert die Häufigkeit seines Auftretens zuordnet, erfahrungsgemäß
eine sogenannte "Normalverteilung" aufwiesen, das heißt, die sich ergebende Ver-
teilungsdichtefunktion stellt stets eine glockenförmige Kurve dar, deren Maximum
den Mittelwert der Meßwerte markiert und die nach beiden Seiten hin in typischer
Weise abfällt. Ob es sich um die Spannweiten der Drosophilae oder Alfred Beuttells
Gewinne in Monte Carlo handelte, die gemessenen Werte ergaben stets das gleiche
Kurvenbild. Eine Erklärung für diese Tatsache zu finden war ein Problem von fun-
damentaler Bedeutung in der Wahrscheinlichkeitstheorie und Statistik. Eddington
stellte in groben Zügen dar, warum dieses Verhalten zu erwarten war, aber dies be-
friedigte Alan nicht, der, skeptisch wie immer, ein exaktes Resultat nach strengen,
rein-mathematischen Maßstäben beweisen wollte.
Ende Februar 1934 war es ihm gelungen. Es erforderte kein begriffliches Vor-
anschreiten, war aber dennoch sein erstes wesentliches eigenständiges Resultat. Es
verband - bezeichnend für ihn - reine Mathematik mit der physikalischen Welt. Aber
als er jemandem seine Arbeit zeigte, erfuhr er, daß der "Zentrale Grenzwertsatz",
wie das Resultat genannt wurde, schon 1922 von dem Mathematiker Lindeberg be-
wiesen worden war 27 . Bei seiner eigenständigen, unabhängigen Arbeitsweise hatte
er nicht daran gedacht, zuerst einmal herauszufinden, ob sein Ziel schon erreicht
worden war. Er wurde aber auch darauf hingewiesen, daß es dennoch mit einer ent-
sprechenden Erklärung als eigenständige Arbeit für ein King's Fellowship akzeptiert
werden könnte.
Vom 16. März bis zum 3. April 1934 fuhr Alan mit einer Gruppe aus Cambridge
104 Kapitel 2

zum Skifahren in die österreichischen Alpen. Sie unterhielt vage, internationalisti-


sche Quäker-Beziehungen zur Frankfurter Universität, deren Skihütte in der Nähe
von Lech sie benutzte. Der Beigeschmack von Kooperation wurde verstärkt durch
die Tatsache, daß der deutsche Skilehrer ein glühender Nazi war. Nach seiner
Rückkehr schrieb Alan:

29.4.34
Wir bekamen einen sehr amüsanten Brief von Micha, dem deutschen Führer der
Skigruppe ... Er sagte: " ... aber in Gedanken bin ich in eurer Mitte." ...
Ich schicke einige meiner Forschungsergebnisse aus dem letzten Jahr an Czüber*
in Wien, da ich in Cambridge keinen gefunden habe, der sich dafür interessiert. Ich
befürchte allerdings, daß er tot sein dürfte, da einige seiner Bücher von 1891 datieren.

Aber erst mußte die erste der abschließenden Prüfungen für das Tripos durch-
gestanden werden; Teil 11 vom 28. bis 30. Mai und danach die Arbeiten für den
Studiengang B 28 vom 4. bis 6. Juni. Zwischen den Prüfungen mußte er eilends nach
Guildford, um seinen Vater zu besuchen. Der nun sechzig Jahre alte Mr. Turing
unterzog sich einer Prostataoperation, nach der er sich nie wieder seiner vorherigen
guten Gesundheit erfreuen sollte.
Alan bestand mit Auszeichnung, was ihm zusammen mit acht anderen die Be-
zeichnung "B-star Wrangler" eintrug. Es war nur eine Prüfung, und Alan ver-
abscheute den Wirbel, den seine Mutter mit dem Versenden von Telegrammen
veranstaltete. Auch versuchte er, sie davon abzubringen, zu den Degree Day-
Feierlichkeiten am 19. Juni anzureisen. Die Auszeichnung hatte allerdings zur Folge,
daß ihm vom King's ein Forschungsstipendium in Höhe von f200 pro Jahr zuerkannt
wurde. Es ermöglichte ihm, zu bleiben und auf ein Fellowship an der Universität
hinzuarbeiten - ein ehrgeiziges Ziel, das er jetzt mit größerer Zuversicht ansteuern
konnte als 1932. Einige andere seines Jahrgangs blieben, darunter Fred Clayton und
Kenneth Harrison. David Champernowne war zu den Wirtschaftswissenschaften
übergewechselt und hatte noch nicht seinen Abschlußgrad erworben. James hatte
der abstrakte Charakter des Teils 11 des Studiums irritiert, und er war nur auf den
zweiten Rang plaziert worden. Er war unschlüssig darüber, wie er seine Laufbahn
beginnen sollte, und gab zunächst einige Monate lang Privatunterricht. Während
dieser Zeit besuchte er Alan einige Male.
Mit dem Ende von Alans Studienzeit verflüchtigte sich seine Depression. Neuer
Arbeitseifer kam auf, genau wie in der Welt draußen. Er hatte begonnen, feste
Wurzeln in Cambridge zu schlagen und eine weniger unterjochte und eher zu Witz
und guter Laune aufgelegte Figur abzugeben. Noch immer gehörte er weder zu
einer "ästhetischen" noch zu einer "athletischen" Abteilung. Er ruderte weiterhin
im Bootsclub und verstand es, sich freundlich zu den Mitgliedern zu verhalten -

* Der Autor eines der Bücher über den Zentralen Grenzwertsatz.


Geist der Wahrheit 105

einmal leerte er eine Pinte Bier in einem Zug. Er spielte Bridge mit anderen aus
seinem Jahrgang, obwohl er, mit der üblichen Schwäche ernsthafter Mathematiker,
die Punkte nicht verläßlich addieren konnte. Wer sein Zimmer betrat, stieß auf
ein Durcheinander von Büchern, Aufzeichnungen und unbeantworteten, Socken und
Unterhosen betreffenden Briefen von Mrs. Turing. An die Wände waren rundum
allerlei Erinnerungsstücke gepinnt, Christophers Foto zum Beispiel, aber auch - für
kundige Blicke - Bilder aus Illustrierten mit männlichem Sex-Appeal. Er stöberte
auch gern bei Ausverkäufen und auf Straßenmärkten herum und kaufte sich in Lon-
don, in der Farringdon-Road, eine Geige und nahm einige Unterrichtsstunden. Dies
führte zwar nicht zu sehr erfreulichen Ergebnissen, aber auch er hatte einen gewissen
Hang zum "Ästhetischen", insofern es wichtigtuerischen und verklemmten Verhal-
tensweisen den Nimbus nahm. Es war alles etwas rätselhaft für Mrs. Turing, als
sich Alan 1934 einen Teddybären zu Weihnachten wünschte und sagte, er hätte als
kleiner Junge nie einen besessen. Üblicherweise tauschten die Turings pflichtschul-
dig nützlichere und förderlichere Geschenke aus. Aber er bekam seinen Willen und
Porgy der Bär einen Platz.
Die Graduierung bedeutete wenig Veränderungen für seine allgemeine Lebens-
weise, außer daß er das Rudern aufgab und das Laufen wieder aufnahm. Nach dem
Tag der Verleihung des akademischen Grades ging er auf eine Fahrradtour nach
Deutschland und bat Denis Williarns, einen Bekannten, ihn zu begleiten. Denis,
ein Student im ersten Jahr des geisteswissenschaftlichen Tripos, kannte Alan aus
dem Moral Science Club, dem Bootsclub vom King's und von der Skireise. Sie
nahmen ihre Fahrräder im Zug bis nach Köln mit und fuhren dann so etwa dreißig
Meilen arn Tag. Ein Zweck der Reise war ein Abstecher nach Göttingen, wo Alan
irgendeine Autorität konsultierte, vermutlich im Zusammenhang mit dem Zentralen
Grenzwertsatz.
In Berlin mochte es ein noch so absonderliches Verbrecherregime geben,
Deutschland war doch noch immer das beste Land für Studentenreisen, mit billi-
gen Fahrpreisen und Jugendherbergen. Sie konnten es kaum vermeiden, die überall
angebrachten Hakenkreuzfahnen zu sehen, aber auf englische Betrachter wirkten sie
weniger finster als lächerlich. Einmal hielten sie in einem Bergbaudorf an, wo sie
die Bergarbeiter auf ihrem Weg zur Arbeit singen hörten - ein erfreulicher Gegensatz
zu den verordneten Nazidarbietungen. In der Jugendherberge unterhielt sich Denis
mit einem deutschen Reisenden und verabschiedete sich freundlich mit einem ,Jleil
Hitter", wie es ausländische Studenten aus Gründen der höflichen Anpassung an die
ortsüblichen Gebräuche meistens zu tun pflegten. (Es hatte auch Fälle von tätlichen
Angriffen gegeben, weil sie verabsäumt hatten, es zu tun.) Alan kam herein und
wurde Zeuge dieser Szene. Er sagte zu Denis: "Du hättest das nicht sagen sollen, er
war ein Sozialist." Er mußte sich schon vorher mit dem Deutschen unterhalten ha-
ben, und Denis war von der Tatsache beeindruckt, daß sich jemand Alan gegenüber
als ein Gegner des Regimes zu erkennen gegeben hatte. Alan reagierte allerdings
106 Kapitel 2

nicht als verschworener Antifaschist, sondern weil er keinem Ritual folgen konnte,
mit dem er nicht einverstanden war. Für Denis kam es mehr einem weiteren Zwi-
schenfall auf ihrer Reise gleich, als zwei aus proletarischen Verhältnissen stammende
Engländer sie zufällig eingeholt hatten und er zu Denis sagte, es wäre höflich, sie zu
einem Getränk einzuladen. ,,Noblesse oblige", meinte Alan, woraufhin sich Denis
ganz unbedeutend und unaufrichtig vorkam.
Sie waren zufällig einen oder zwei Tage nach dem 30. Juni 1934 in Hanno-
ver, dem Tag, an dem die SA entmachtet wurde. Alans Deutschkenntnisse waren
trotz ihrer Herkunft aus mathematischen Lehrbüchern besser als die von Denis, und
er übersetzte aus der Zeitung eine Schilderung davon, wie Röhm zuerst die Gele-
genheit gegeben worden war, Selbstmord zu begehen, und wie er dann erschossen
wurde. Sie waren ziemlich erstaunt über die große Aufmerksamkeit, die seinem
Tod in der englischen Presse gezollt worden war. Aber andererseits war dies ein
symbolisches Ereignis, dessen Folgen weit über die nackte Tatsache hinausreichten,
daß Hitler dadurch die oberste Macht erhielt. Es beseitigte einen Hauptwiderspruch
innerhalb der Nazipartei und signalisierte deren Absicht, Deutschland in eine gigan-
tische Zuchtfarm zu verwandeln. Für erleichterte Konservative war es das Ende der
"Dekadenz" in Deutschland. Später dann, als Hitler sich gründlich unbeliebt ge-
macht hatte, konnte der entgegengesetzte Schluß gezogen werden und das Nazitum
als seinerseits "dekadent" und "pervers" hingestellt werden. Dahinter erklang das
mächtige Leitmotiv, das Hitler so kunstvoll instrumentierte: jenes des homosexuellen
Verräters.
Bei manchen Studenten aus Cambridge mochte ein Blick auf das neue Deutsch-
land und eine Berührung mit seinen Rohheiten ein großes antifaschistisches Engage-
ment hervorrufen. Dieser Schritt kam für Alan Turing nicht in Frage. Er betrachtete
die antifaschistische Sache immer mit Sympathie, aber nichts konnte ihn zu einem
"politischen" Menschen machen. Er hatte einen anderen Weg in die Freiheit gewählt;
jenen der Hingabe an sein Handwerk. Sollten andere tun, was sie konnten; er würde
etwas Richtiges, etwas Wahres erreichen. Er würde die Kultur fortführen, welche
die Antifaschisten verteidigten.

Im Sommer und Herbst 1934 arbeitete er an seiner Fellowship-Dissertation 29 •


Der späteste Abgabetermin war der 6. Dezember, aber Alan legte sie einen Monat
früher vor und war für den nächsten Schritt bereit. Das Thema seiner Fellowship-
Dissertation hatte ihm Eddington vorgeschlagen, der eine so wichtige Rolle in den
AnHingen seiner Entwicklung gespielt hatte. Der nächste Vorschlag kam von Hilbert,
wenn auch nicht so direkt. Im Frühjahr 1935, während seine Arbeit bei den Fellows
vom King's die Runde machte, besuchte Alan eine Teil III-Vorlesungsreihe über
Grundlagen der Mathematik. Sie wurde von M.H.A. Newman gehalten.
Der damals knapp vierzigjährige Newman war zusammen mit J.W.C. Whitehead
der führende britische Vertreter der Topologie. Dieser Zweig der Mathematik könnte
Geist der Wahrheit 107

als ein Gebiet von der Geometrie abstrahierter Begriffe beschrieben werden - also
etwa "zusammenhängend", "Kante" und "benachbart" -, die nicht von Messungen
abhingen. * In den dreißiger Jahren wurden weite Teile der reinen Mathematik durch
sie vereinheitlicht und verallgemeinert. Newman war eine fortschrittliche Erschei-
nung in Cambridge. Denn hier regierte noch weithin die klassische Geometrie.
Die Topologie beruhte auf der Mengenlehre, und so war Newman in die Grund-
lagen der Mengenlehre hineingezogen worden. Er hatte auch an dem internationa-
len Kongreß von 1928 teilgenommen, auf dem Hilbert das 1924 ausgeschlossene
Deutschland repräsentierte. Hilbert hatte seine Forderung nach einer Untersuchung
der Grundlagen der Mathematik wieder aufgegriffen. Und Newmans Vorlesungen
waren eher im Sinn Hilberts zu verstehen, denn als eine Fortsetzung von Russells
"logizistischem" Programm. Die Russellsche Schule hatte ohnehin an Einfluß ver-
loren, da Russell Cambridge verlassen hatte, nachdem er zuvor in einem Prozeß für
schuldig befunden und ihm die Venia Legendi am Trinity College entzogen wor-
den war. Von seinen Zeitgenossen hatte Wittgenstein sich einer anderen Richtung
zugewandt, Harry Norton war verrückt geworden, und Frank Ramsey war 1930 ge-
storben. Newman war daher als einziger in Cambridge übriggeblieben, der über eine
profunde Kenntnis der modemen mathematischen Logik verfügte, auch wenn es an-
dere gab, darunter Braithwaite und Hardy, die sich für die verschiedenen Methoden
und Programme interessierten.
Das Hilbertsche Programm war im wesentlichen eine Fortführung der Arbeiten,
mit denen er im letzten Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts begonnen hatte. Er
versuchte nicht, eine Antwort auf die von Frege und Russell untersuchte Frage zu
geben, was Mathematik wirklich war. In jener Hinsicht war sein Vorhaben weniger
philosophisch und ehrgeizig. Andererseits war es insofern weitreichender, als es tief-
gehende und schwierige Fragen über solche Systeme wie die von Russell hervorge-
brachten stellte. Tatsächlich fragte Hilbert, was denn im Prinzip die Beschränkungen
von Systemen wie dessen der Principia Mathematica waren. Gab es eine Möglich-
keit herauszufinden, was sich innerhalb einer solchen Theorie beweisen ließ und was
nicht? Hilberts Ansatz zur Beantwortung dieser Fragen wurde formalistisch genannt,
da er die Mathematik als eine Art Spiel, eine Angelegenheit der Form behandelte.
Die erlaubten Schritte eines Beweises sollten wie erlaubte Züge in einer Schach-
partie betrachtet werden, wobei die Axiome die Ausgangsstellung des Spiels bilde-
ten. In dieser Analogie entsprach "Schachspielen" "Mathematik machen", während
Behauptungen über das Schachspiel (wie "zwei Springer können kein Schachmatt

* Ein einfaches Beispiel für ein topologisches Problem ist der "Vierfarbensatz". Er besagt, daß eine
Karte, wie etwa die der englischen Grafschaften, stets so mit lediglich vier Farben eingefärbt werden
kann, daß keine zwei aneinanderliegenden Grafschaften dieselbe Farbe erhalten. Alan beschäftigte
sich auch gelegentlich mit diesem Problem, der Satz blieb jedoch eine unbewiesene Annahmc bis
1976.
108 Kapitel 2

erzwingen") Behauptungen über die Mathematik und ihre Reichweite entsprachen.


In Hilberts Programm ging es um genau diese meta-mathematischen Behauptungen.
Auf dem Kongreß von 1928 stellte Hilbert seine Fragen in sehr präziser Form.
Erstens: War die Mathematik vollständig in dem technischen Sinn, daß jede Behaup-
tung (von der Art ,jede positive ganze Zahl ist die Summe von vier Quadratzahlen")
entweder bewiesen oder widerlegt werden konnte? Zweitens: War die Mathematik
widerspruchsfrei in dem Sinn, daß die Behauptung ,,2+2 = 5" durch keine Folge von
zulässigen Beweisschritten abgeleitet werden konnte? Und drittens: War die Ma-
thematik entscheidbar? Damit meinte er, ob es ein bestimmtes Verfahren gab, das
im Prinzip auf jede beliebige Behauptung angewendet werden konnte und das mit
Sicherheit zu einer richtigen Entscheidung hinsichtlich der Wahrheit der Behauptung
führte.
Im Jahr 1928 war die Antwort auf keine dieser Fragen bekannt. Hilbert war
jedoch der Ansicht, daß die Antwort in jedem der Fälle "ja" lauten würde. Hilbert
hatte 1900 verkündet, "daß jede wohldefinierte mathematische Fragestellung not-
wendigerweise eine exakte Lösung besitzen muß . .. in der Mathematik gibt es kein
ignorabimus", und als er sich 1930 zur Ruhe setzte, ging er noch weiter: 30

Als Versuch, ein Beispiel für ein unlösbares Problem zu geben, behauptete der Philosoph
Comte einmal, daß es der Wissenschaft niemals gelingen werde, das Geheimnis der
chemischen Zusammensetzung der Himmelskörper herauszufinden. Einige Jahre darauf
war dieses Problem gelöst. .. Der wirkliche Grund dafür, daß Comte kein unlösbares
Problem finden konnte, liegt meiner Ansicht nach in der Tatsache, daß es so etwas wie
ein unlösbares Problem nicht gibt.

Diese Ansicht war positiver als die der Positivisten. Aber in genau derselben Sitzung
kündigte Kurt Gödel, ein junger, in Brünn geborener Mathematiker, Resultate an,
die dieser Auffassung einen ernsten Schlag versetzten.
Gödel gelang es zu beweisen 31 , daß die Arithmetik unvollständig sein mußte:
es gab zahlentheoretische Aussagen, die weder bewiesen noch widerlegt werden
konnten. Er ging von Peanos Axiomen für die ganzen Zahlen aus, erweitert um
eine einfache Typentheorie, so daß sich in dem System Mengen von ganzen Zahlen,
Mengen von Mengen von ganzen Zahlen usw. darstellen ließen. Die Aussage
seines Beweises traf sogar auf jedes beliebige formale mathematische System zu,
das umfassend genug war, um die Zahlentheorie zu enthalten, und die Einzelheiten
der Axiome waren nicht entscheidend.
Er zeigte dann, daß all die Operationen des "Beweises", diese "schachspiel-
artigen" Regeln des logischen Schließens, ihrerseits arithmetischer Natur waren.
Das hieß, sie verwendeten lediglich solche Operationen wie die des Zählens und
Vergleichens, um zu überprüfen, ob ein Ausdruck in zulässiger Weise durch einen
anderen ersetzt worden war - so wie die Feststellung, ob ein Schachzug zulässig
war oder nicht, allein durch Zählen und Vergleichen zu treffen war. Gödel zeigte
Geist der Wahrheit 109

tatsächlich, daß die Formeln seines Systems durch ganze Zahlen verschlüsselt werden
konnten, so daß er ganze Zahlen erhielt, die Aussagen über ganze Zahlen darstellten.
Das war die Schlüsselidee.
Gödel zeigte weiterhin, wie Beweise durch ganze Zahlen zu verschlüsseln waren,
so daß er zu einer vollständigen Theorie der Arithmetik gelangte, die innerhalb der
Arithmetik verschlüsselt war. Es beruhte auf der Ausnutzung der Tatsache, daß eine
ausschließlich als Spiel mit Symbolen betrachtete Mathematik ebensogut numerische
Symbole verwenden konnte wie irgendwelche anderen. Er konnte zeigen, daß die
Eigenschaften "ein Beweis sein" oder "beweisbar" nicht mehr und nicht weniger
arithmetischer Natur waren als die Eigenschaften "eine Quadratzahl sein" oder "eine
Primzahl sein".
Eine Folge dieses Verschlüsselungsverfahrens war die Möglichkeit, zahlentheo-
retische Aussagen hinzuschreiben, die auf sich selbst Bezug nahmen, wie jemand,
der "Ich lüge in diesem Moment" sagt. Gödel konstruierte in der Tat eine be-
stimmte Behauptung mit genau dieser Eigenschaft, da sie praktisch besagte: "Diese
Aussage ist nicht beweisbar." Daraus folgte, daß deren Wahrheit nicht bewiesen
werden konnte, da das zu einem Widerspruch führte. Aus demselben Grunde war es
auch nicht möglich, ihre Falschheit zu beweisen. Es handelte sich um eine Behaup-
tung, die nicht, von den Axiomen ausgehend, durch logische Deduktion bewiesen
oder widerlegt werden konnte. Damit hatte Gödel bewiesen, daß die Arithmetik, in
Hilberts technischer Bedeutung des Begriffs, unvollständig war.
Die Situation konnte nur so verstanden werden, daß Wahrheit und Beweisbarkeit
bei zahlentheoretischen Sätzen nicht übereinzustimmen brauchten, denn ein bemer-
kenswerter Aspekt an GödeIs spezieller Behauptung war, daß sie, obgleich nicht
beweisbar, in einem Sinn wahr war. Aber um zu sagen, sie sei "wahr", bedurfte
es eines Beobachters, der, wie die Dinge lagen, das System von außen betrach-
ten konnte. Durch Arbeiten innerhalb des axiomatischen Systems konnte das nicht
gezeigt werden.
Ein weiterer Punkt war, daß in der Argumentation angenommen wurde, daß
die Arithmetik widerspruchsfrei war. Wäre das nicht der Fall, dann wäre jede zah-
lentheoretisch formulierte Behauptung beweisbar. Genauer genommen hatte Gödel
somit gezeigt, daß die formalisierte Arithmetik entweder widerspruchsfrei oder un-
vollständig sein mußte. Er konnte auch zeigen, daß die Widerspruchsfreiheit der
Arithmetik nicht innerhalb ihres eigenen axiomatischen Systems bewiesen werden
konnte. Um das zu zeigen, fehlte lediglich ein Beweis dafür, daß es eine ein-
zige zahlentheoretische Aussage gab, deren Wahrheit nicht bewiesen werden konnte
(etwa 2 + 2 = 5). Aber Gödel konnte zeigen, daß eine solche Existenzbehauptung
von genau derselben Art war wie der Satz, der seine eigene Unbeweisbarkeit be-
hauptete. Gödel hatte somit die ersten zwei der drei Fragen Hilberts erledigt. Die
Widerspruchsfreiheit der Arithmetik ließ sich nicht beweisen, und sie war mit Si-
cherheit nicht widerspruchsfrei und vollständig. Damit hatte die Untersuchung eine
110 Kapitel 2

erstaunliche Wende genommen, denn Hilbert hatte sein Programm eher als eine sau-
bere Verschmelzung lose gebliebener Enden verstanden. Für diejenigen, die in der
Mathematik etwas absolut Perfektes und Unanfechtbares zu finden hofften, war es
verheerend; und es bedeutete, daß völlig neue Fragen auftauchten.
Newmans Vorlesungsreihe schloß mit dem Beweis des Gödelschen Satzes und
brachte Alan bis an die Grenzen des Wissens. Die dritte von Hilberts Fragen blieb
noch unbeantwortet, auch wenn sie inzwischen im Hinblick auf "Beweisbarkeit" und
nicht auf "Wahrheit" gestellt werden mußte. Gödeis Resultate schlossen nicht aus,
daß es ein Verfahren zur Unterscheidung der beweisbaren von den nichtbeweisbaren
Aussagen geben konnte. Vielleicht war es möglich, die recht eigenartigen Gödel-
schen Behauptungen irgendwie gesondert zu behandeln. Gab es eine wohldefinierte
Methode, oder wie Newman es ausdrückte, ein mechanisches Veifahren, das auf
eine mathematische Behauptung angewendet werden konnte und die Anwort auf die
Frage nach deren Beweisbarkeit lieferte?
Einerseits bestand die Ansicht, das sei eine starke Zumutung, durch die sämtli-
che Vorstellungen von kreativer Mathematik in Frage gestellt würden. Hardy zum
Beispiel hatte sich 1928 ziemlich ungehalten dazu geäußert: 32
Es gibt natürlich kein derartiges Theorem, und das ist sehr vorteilhaft, denn wenn es das
gäbe, müßten wir eine mechanische Menge von Regeln für die Lösung aller mathemati-
schen Probleme haben, und unsere Tätigkeiten als Mathematiker fänden ihr Ende.

Es gab eine Fülle von Aussagen über Zahlen, welche jahrhundertelange Bemühungen
weder beweisen noch widerlegen konnten. Da gab es den sogenannten letzten Satz
von Fermat, demzufolge keine dritte Potenz einer natürlichen Zahl sich als Summe
zweier solcher Potenzen schreiben ließ, keine vierte Potenz einer natürlichen Zahl
als Summe zweier vierter Potenzen und so weiter. Eine andere war die Vermutung
von Goldbach, nach der jede gerade Zahl die Summe zweier Primzahlen war. Es fiel
schwer zu glauben, daß Behauptungen, die so lange der Attacke widerstanden hat-
ten, tatsächlich auf automatische Weise durch eine Menge von Regeln entschieden
werden könnten. Dazu kam noch, daß die schwierigen Probleme, die gelöst worden
waren, wie zum Beispiel das Vier-Quadrate-Theorem von Gauß, kaum durch etwas
wie eine "mechanische Menge von Regeln" bewiesen worden waren, sondern durch
den Gebrauch schöpferischer Phantasie für die Konstruktion neuer abstrakter alge-
braischer Begriffe. Wie Hardy es ausdrückte: "Nur der ungebildetste Außenseiter
glaubt, daß Mathematiker Entdeckungen durch das Drehen der Kurbel irgendeiner
wundersamen Maschine machen."
Andererseits hatte der Fortschritt der Mathematik sicherlich immer mehr Pro-
bleme in die Reichweite eines ,,mechanischen" Zugangs gebracht. Hardy mochte
dazu einwenden, daß die Entwicklung "natürlich" niemals die gesamte Mathema-
tik umfassen könne, aber nach GödeIs Theorem war nichts mehr "natürlich". Die
Fragestellung erforderte eine eindringlichere Untersuchung.
Geist der Wahrheit 111

Newmans prägnanter Ausdruck "durch ein mechanisches Verfahren" ging Alan


nicht aus dem Kopf. Unterdessen machte er im Frühjahr 1935 zwei weitere Schritte
nach vom. Die Fellowship-Wahl fand am 16. März statt. Philip Hall war gerade
Wahlmann geworden und stimmte für Alan, wobei er erklärte, daß seine volle Stärke
in seiner Wiederentdeckung des Zentralen Grenzwertsatzes nicht zur Geltung gekom-
men sei. Aber sein Eintreten für Alan war gar nicht erforderlich. Keynes, Pigou
und der Provost* John Sheppard hatten sich alle schon selbst ein Urteil über ihn
gebildet. Er wurde als erster seines Jahrgangs gewählt, als einer der sechsundvier-
zig Fellows. Die Jungen der Sherborne School kamen in den Genuß eines halben
schulfreien Tages, und ein Vierzeiler machte die Runde:
Turing
Must have been alluring
To get made a don
So early on. **

Er war immer noch lediglich zweiundzwanzig Jahre alt. Fellow zu sein brachte
BOO pro Jahr mit sich für einen Zeitraum von drei Jahren, der normalerweise auf
sechs Jahre verlängert wurde, und es gab keine ausdrücklichen Verpflichtungen. Er
hatte ein Anrecht auf Unterkunft und Verpflegung, wenn er sich in Cambridge auf-
halten wollte, und darauf, am Dozententisch zu speisen. An seinem ersten Abend
im Gemeinschaftsraum für die Lehrenden spielte er Romme und gewann ein paar
Schillinge von dem Provost. Aber er neigte dazu, beim Abendessen die Gesell-
schaft seiner Freunde David Champernowne, Fred Clayton und Kenneth Harrison
zu bevorzugen. Sein Lebensstil änderte sich nicht, aber es machte ihn doch für drei
Jahre frei, seine Gedanken auf welche Weise auch immer zu verfolgen - so frei, wie
es irgend wer ohne privates Einkommen sein konnte. Er ergänzte sein Stipendium
durch die Betreuung von Studenten gleich nebenan in Trinity Hall. Wenn sie in der
Hoffnung darauf, einen Schimmer von der Exzentrizität des King's mitzubekom-
men, in seine Zimmer kamen, wurden sie gelegentlich belohnt, etwa wenn Alan den
Teddybären Porgy vor ein von einem Lineal gestütztes Buch an den Kamin setzte
und sie mit "Porgy ist sehr fleißig heute morgen" begrüßte.
Die Wahl fiel zeitlich mit einer, von Alan so genannten "Entdeckung kleineren
Maßstabs" zusammen, die seine erste veröffentlichungswürdige Arbeit bildete. Es
handelte sich dabei um ein ordentliches Resultat in der Gruppentheorie, das er Philip
Hall (dessen eigene Forschungen auf diesem Gebiet lagen) am 4. April mit der
Bemerkung zeigte, er denke daran, "sich ernstlich mit so etwas zu beschäftigen." Die
Arbeit wurde eingereicht und später im seI ben Monat von der London Mathematical
Society publiziert. 33

* A.d.Ü.: Leiter eines College


** A.d.Ü.: Turing muß betörend gewesen sein, um schon so früh zum Don gemacht zu werden.
112 Kapitel 2

Das Resultat war eine kleine Verbesserung einer Arbeit von Neumanns 34 , die
die Theorie der "fast periodischen Funktionen"* durch deren Definition mit Bezug
auf "Gruppen" entwickelte. Wie es der Zufall wollte, kam von Neumann im Ver-
lauf dieses Monats nach Cambridge. Er verbrachte einen Sommer außerhalb von
Princeton und hielt eine Vorlesungsreihe in Cambridge über das Thema der "fast
periodischen Funktionen". Alan traf ihn mit Sicherheit während dieses Trimesters,
höchstwahrscheinlich infolge seiner Teilnahme an dem Kurs.
Sie unterschieden sich sehr voneinander. Als Alan Turing geboren wurde, war
von Neumann Janos, Sohn eines vermögenden ungarischen Bankiers, acht Jahre
alt. 35 Er brauchte keine Ausbildung in der Public School, und spätestens 1922, noch
bevor Alan seine Papierschiffchen in Hazelhurst zu Wasser ließ, hatte der acht-
zehnjährige von Neumann seine erste Arbeit veröffentlicht. Aus dem Budapester
Janos wurde der Göttinger Johann, einer von Hilberts Schülern, und 1933 dann der
Johnny von Princeton, der mit dem Englischen seine vierte Sprache annahm. Die
Arbeit über "fast periodische Funktionen" war seine zweiundfünfzigste, Teil eines
immensen Ausstoßes, der sich von den Axiomen der Mengenlehre und der Quanten-
mechanik zu den topologischen Gruppen, die das rein-mathematische Stützwerk der
Quantenmechanik bildeten, verlagert hatte und der noch zahlreiche weitere Themen
beiläufig mit einbezog.
John von Neumann war einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahr-
hunderts. Er war ein Mann, der intellektuellen mit finanziellem Erfolg ergänzte.
Sein Auftreten war gebieterisch, er hatte einen pikanten Humor, eine Ausbildung
als Ingenieur, umfassende Kenntnisse der Geschichte - und ein Gehalt von mehr
als $10.000, zusätzlich zu seinen beträchtlichen privaten Einkünften. Er war eine
völlig andere Erscheinung als der zweiundzwanzigjährige Turing in seinem schäbi-
gen Sportsakko, bei dem die Schärfe des Verstandes mit Schüchternheit und einer
stockenden Sprechweise einherging, die schon mit einer Sprache Schwierigkeiten
hatte - ganz zu schweigen von deren vier. Aber für die Mathematik spielte das
keine Rolle, und es könnte durchaus das Resultat eines Treffens verwandter Geister
gewesen sein, daß Alan am 24. Mai nach Hause schrieb: " ... ich habe mich für das
nächste Jahr um ein Gaststipendium für Princeton beworben."**
Darüberhinaus könnte es auch daran gelegen haben, daß Alans Freund Maurice
Price, den er 1929 bei den Prüfungen für das Stipendium kennengelernt hatte und mit
dem er seither in Verbindung geblieben war, im September nach Princeton zu gehen
vorhatte, weil er sich dort ein Gaststipendium gesichert hatte. Es zeichnete sich
jedenfalls immer deutlicher ab, daß Princeton das neue Göttingen war; ein Strom
erstklassiger Mathematiker und Physiker floß hin und her über den Atlantik. Es war

* Eine neuere Entwicklung in der reinen Mathematik, eine Erweiterung und Verallgemeinerung des
Begriffs ,,Periodizität".
** Aus dem Zusammenhang geht nicht hervor, ob "nächstes Jahr" hier 1935/6 oder 1936n bedeutet.
Geist der Wahrheit 113

ein Aspekt der anhaltenden Verlagerung der Macht von Europa und insbesondere
von Deutschland nach Amerika. Keiner, der wie Alan etwas tun wollte, konnte in
Zukunft die Vereinigten Staaten ignorieren.
Alan setzte während des Jahres 1935 seine Arbeit in der Gruppentheorie fort 36 •
Er dachte auch daran, über Quantenmechanik zu arbeiten, und wandte sich an den
Professor für Mathematische Physik R.H. Fowler, um eine geeignete Fragestellung zu
erfahren. Fowler schlug vor, eine Erklärung der Dielektrizitätskonstante von Wasser
zu versuchen, eines seiner bevorzugten Forschungsthemen. Aber Alan kam nicht
voran damit, und so wurde dieses Problem beiseite gelegt, und damit das gesamte
Gebiet der mathematischen Physik, das den ehrgeizigen, jungen Mathematikern der
dreißiger Jahre so viel Anziehendes zu bieten hatte. Alan hatte nämlich etwas Neues
entdeckt, etwas, das im Zentrum der Mathematik lag, etwas in seinem eigenen
Zentrum. Es verdankte seinem Studiengang, dem Tripos, so gut wie gar nichts und
beruhte lediglich auf dem, was überall zu finden war. Es war von vollkommener
Alltäglichkeit und führte doch zu einer spektakulären Idee.
Er hatte es sich angewöhnt, an den Nachmittagen weite Strecken zu laufen,
entlang des Flusses zum Beispiel oder sogar bis nach Ely. Später erzählte er, es
sei ihm auf einer Wiese bei Grantchester liegend klar geworden, wie Hilberts dritte
Frage zu beantworten sei. Es muß im Frühsommer des Jahres 1935 gewesen sein.
"Durch ein mechanisches Verfahren", hatte Newman gesagt, und so träumte Alan
Turing von Maschinen.

"Denn natürlich ist der Körper eine Maschine. Er ist eine ungeheuer komplexe
Maschine, viele viele Male komplizierter als jede jemals von Händen gebaute Ma-
schine; aber dennoch, trotz alledem, eine Maschine." So lautete Brewsters paradoxe
Feststellung. Auf einer Stufe war der Körper lebendig, keine Maschine. Aber auf ei-
ner anderen, detaillierteren Beschreibungsstufe, der der "Lebenden Bausteine", war
alles determiniert. Der springende Punkt der Bemerkung war nicht die Kraft der
Maschine, es war der ihr fehlende Wille.
Hilberts Frage nach der Entscheidbarkeit hatte nichts mit dem Determinismus
der Physik, der Chemie oder dem der biologischen Zellen zu tun. Es ging dabei
um etwas Abstrakteres, nämlich um die Eigenschaft, im voraus derart festgelegt zu
sein, daß es zu nichts Neuem kommen konnte. Außerdem sollten die Operationen
auf Symbole und nicht auf Dinge mit einer bestimmten Masse oder chemischen
Zusammensetzung anzuwendende Operationen sein.
Alan mußte diese Eigenschaft der Vorherbestimmtheit abstrahieren und auf die
Manipulation von Symbolen anwenden. Leute wie Hardy hatten von "mechanischen
Regeln" für Mathematik, vom "Drehen der Kurbel" einer wundersamen Maschine
gesprochen, aber keiner hatte sich tatsächlich daran gemacht, eine zu entwerfen. Das
war es, was er sich zum Ziel setzte. Denn obwohl er nicht wirklich "der völlig unge-
bildete Außenseiter" war, von dem Hardy sprach, ging er auf eigenartig naive Weise
114 Kapitel 2

an das Problem heran, ohne Furcht vor der Unermeßlichkeit und Kompliziertheit der
Mathematik. Er fing ganz von vorne an und versuchte sich eine Maschine vorzustel-
len, die Hilberts Frage nach der Beweisbarkeit jeder ihr vorgelegten mathematischen
Behauptung entscheiden konnte.
Es gab natürlich schon Maschinen, die mit Symbolen umgingen. Die Schreib-
maschine war eine davon. Alan hatte als Kind davon geträumt, Schreibmaschinen
zu erfinden; Mrs. Turing besaß eine, und er könnte durchaus damit begonnen ha-
ben, sich zu fragen, was gemeint war, wenn man eine Schreibmaschine "mechanisch"
nannte. Es bedeutete, daß ihre Reaktion auf jede einzelne Einwirkung des Benutzers
genau bestimmt war. Man konnte im voraus genau beschreiben, wie sich die Ma-
schine in jeder möglichen Situation verhalten würde. Aber selbst über eine einfache
Schreibmaschine ließ sich noch mehr als das sagen. Die Reaktion hing von dem
momentanen Zustand der Maschine ab, den Alan die momentane "Konfiguration"
nannte. Insbesondere gab es bei einer Schreibmaschine eine "Großbuchstaben"-
Konfiguration und eine "Kleinbuchstaben"-Konfiguration. Von dieser Vorstellung
entwickelte Alan eine allgemeinere und abstrakte Form. Dazu betrachtete er Ma-
schinen, die zu jeder Zeit in genau einer aus einer endlichen Zahl möglicher "Kon-
figurationen" waren. Wenn es dann, wie bei der Schreibmaschinentastatur, nur eine
endliche Zahl von Möglichkeiten, auf die Maschine einzuwirken, gäbe, könnte ein
für allemal eine vollständige Beschreibung des Verhaltens der Maschine in endlicher
Form angegeben werden.
Die Schreibmaschine wies allerdings noch ein anderes, für ihre Funktionsweise
wesentliches Merkmal auf. Der Anschlagspunkt konnte relativ zum Blatt bewegt
werden. Der Druckvorgang selbst war von der Position dieses Punktes auf dem
Blatt unabhängig. Alan fügte auch dies in sein Bild einer allgemeineren Maschine
ein. Es mußte innere "Konfigurationen" sowie eine veränderliche Position auf ei-
ner Druckzeile geben. Die Operation der Maschine wäre dabei von ihrer Position
unabhängig.
Ließe man Details wie Schreibränder, Zeilenabstand und ähnliches unbeachtet,
so genügten diese Ideen für eine vollständige Beschreibung der Natur der Schreibma-
schine. Eine genaue Darstellung der möglichen Konfigurationen und Positionen und
davon, wie die Buchstabentasten die gedruckten Zeichen bestimmten, die Umschalt-
taste die Veränderung der Konfiguration von "groß" zu "klein" sowie Leertaste und
Rücktaste die Druckposition, würde die für ihre Funktion entscheidendsten Merk-
male herausbringen. Wenn ein Ingenieur anhand dieser Darstellung wirklich eine
Maschine entwickelte, welche diesen Angaben entsprach, dann wäre das Ergebnis,
ungeachtet der Farbe, des Gewichts oder anderer Eigenschaften, eine Schreibma-
schine.
Aber die Schreibmaschine war zu beschränkt, um als Vorbild zu dienen. Sie
arbeitete mit Symbolen, aber sie konnte sie nur schreiben, und sie erforderte einen
menschlichen Operator, um die Symbole, Veränderungen der Konfigurationen und
Geist der Wahrheit 115

Positionen, nur immer eines auf einmal, zu wählen. Was wäre die allgemeinste
Maschine für den Umgang mit Symbolen? fragte sich Alan Turing. Um eine
"Maschine" zu sein, müßte sie die Eigenschaft der Schreibmaschine beibehalten,
eine endliche Zahl von Konfigurationen und in jeder ein exakt bestimmtes Verhalten
zu haben. Aber sie müßte sehr viel mehr können. So kam es, daß er sich Maschinen
ausdachte, die praktisch Super-Schreibmaschinen waren.
Zur Vereinfachung der Beschreibung sollten seine Maschinen mit einer einzi-
gen Schreibzeile arbeiten. Das war nur eine technische Besonderheit, die es er-
laubte, Schreibränder und Zeilenschaltung außer acht zu lassen. Aber es war wich-
tig, den Papiemachschub als unbegrenzt anzunehmen. In seinem Bild konnte der
Anschlagspunkt seiner Super-Schreibmaschine unbeschränkt weit nach links oder
rechts vorrücken. Der Klarheit halber stellte er sich das Papier in Form eines Ban-
des vor, das in einheitliche, rechteckige Felder unterteilt war, so daß jeweils nur ein
Zeichen auf jedes einzelne Feld geschrieben werden konnte. Damit ließen sich seine
Maschinen auf endliche Weise definieren, hatten aber ein im Prinzip unbegrenztes
räumliches Arbeitsgebiet zur Verfügung.
Die Maschine würde weiter in der Lage sein, zu lesen oder, um seinen Ausdruck
zu verwenden, das Feld des Bandes, über dem sie jeweils verharrte, "abzutasten"
(eng!. "scan"). Natürlich sollte sie weiterhin Zeichen schreiben, sie jetzt aber auch
löschen können. Aber sie würde immer nur einen Schritt nach rechts oder links
auf einmal machen können. Welche Rolle blieb für den menschlichen Bediener
der Schreibmaschine? Alan Turing erwähnte zwar die Möglichkeit von, wie er sie
nannte, "Auswahl-Maschinen", bei denen ein außerhalb der Maschine befindlicher
Bediener die Aufgabe hätte, an bestimmten Punkten Entscheidungen zu treffen. Aber
in erster Linie ging es ihm bei seinem Argument um von ihm "automatisch" ge-
nannte Maschinen, bei denen dem menschlichen Eingriff keine Rolle zukam. Denn
der Zweck seiner Entwicklung war die Diskussion dessen, was Hardy "eine wunder-
same Maschine" genannt hatte - ein mechanischer Prozeß, der an Hilberts Entschei-
dungsproblem arbeiten, eine ihm vorgelegte mathematische Behauptung lesen und
schließlich ein Urteil darüber schreiben konnte, ob sie beweisbar war oder nicht. Das
Entscheidende daran war, daß sie dies ohne das Einwirken menschlicher Beurteilung,
Vorstellungskraft oder Intelligenz tun sollte.
Jede "automatische Maschine" würde ganz von allein arbeiten, lesend und schrei-
bend, sich hin und her bewegend, alles in Übereinstimmung mit der Art, in der sie
konstruiert war. Bei jedem Schritt wäre ihr Verhalten vollständig durch die Kon-
figuration, in der sie sich befände, und durch das Zeichen, das sie gerade gelesen
hätte, festgelegt. Genauer gesagt, legte die Konstruktion der Maschine für jede
Kombination von Konfiguration und gelesenem Zeichen fest:

ob ein neues (spezifiziertes) Zeichen in ein freies Feld zu schreiben, das existierende
unverändert zu belassen oder unter Zurücklassung eines freien Feldes zu löschen ist
116 Kapitel 2

ob in derselben Konfiguration geblieben oder in eine andere (spezifizierte) Konfiguration


übergegangen wird
ob ein Schritt zu dem Feld zur Linken oder zu dem zur Rechten gemacht oder in derselben
Stellung geblieben wird.

Wenn alle diese Angaben, die eine automatische Maschine definierten, aufge-
schrieben wären, bildeten sie eine "Verhaltenstabelle" endlicher Größe. Sie würde
die Maschine vollständig in dem Sinn definieren, daß die Tabelle die gesamte ent-
scheidende Information über sie enthielte, ob sie nun tatsächlich konstruiert wurde
oder nicht. Von diesem abstrakten Gesichtspunkt aus betrachtet, war die Tabelle die
Maschine.
Jede von den anderen verschiedene, mögliche Tabelle würde eine Maschine
mit einer verschiedenen Verhaltensweise definieren. Es gäbe somit unendlich viele
mögliche, unendlich vielen möglichen Maschinen entsprechende Tabellen. Damit
hatte Alan aus der vagen Idee einer "bestimmten Methode" oder eines "mechani-
sehen Prozesses" etwas sehr Präzises gemacht: eine "Verhaltenstabelle". Und jetzt
konnte er sich eine sehr präzise Frage stellen: Gab es eine von diesen Maschinen,
eine von diesen Maschinentabellen oder nicht, die zu der von Hilbert geforderten
Entscheidung gelangen könnte?

Ein Beispiel für eine Maschine: Die folgende "Verhaltenstabelle" definiert vollständig
eine Maschine mit den Eigenschaften einer Addiermaschine. Befindet sich der "Schreib- und
Lesekopf' ("scanner") auf irgendeinem Feld links von den zwei Gruppen von Einsen, die
durch ein einzelnes leeres Feld voneinander getrennt sind, dann wird die Maschine die zwei
Gruppen addieren und stehenbleiben. Sie wird also zunächst das folgende Bild bieten

scanner

und zuletzt dieses Bild

scanner

Die Aufgabe der Maschine besteht darin, das leere Feld mit einer ,,1" zu beschriften und
die letzte ,,1" zu löschen. Es wird daher genügen, vier "Konfigurationen" für die Maschine
Geist der Wahrheit 117

vorzusehen. Befindet sie sich in der ersten, bewegt sie sich entlang des leeren Bandes und
sucht die erste Gruppe von Einsen. Wenn sie in der ersten angekommen ist, geht sie in die
zweite Konfiguration über. Das Auftauchen des leeren Trennungsfeldes führt dazu, daß sie
in die dritte Konfiguration übergeht, in der sie sich entlang der zweiten Gruppe bewegt, bis
sie auf ein weiteres leeres Feld trifft. Dieses wirkt als Umkehrsignal und bringt die Maschine
dazu, in die vierte und letzte Konfiguration überzugehen, in der sie die letzte ,,1" löscht, um
danach für immer stillzustehen.
Die vollständige Tabelle sieht so aus:

gelesenes Zeichen

leer

Konfig. 1 gehe nach rechts; gehe nach rechts;


Konfig. 1 Konfig.2

Konfig. 2 gehe nach rechts


Konfig. 2

Konfig. 3 gehe nach rechts


Konfig.3

Konfig.4 keine Bewegung: lösche


Konfig.4 keine Bewegung;
Konfig. 4

Selbst eine so einfache wie die im Beispiel gezeigte Maschine würde mehr tun,
als lediglich Summen zu bilden. Sie müßte Akte des Erkennens wie das "Finden
des ersten Zeichens zur Rechten" ausführen. Eine weitaus kompliziertere Maschine
könnte multiplizieren, indem sie wiederholt eine gegebene Gruppe von Einsen auf
einen anderen Teil des Bandes hintereinander kopierte und dabei jedesmal eine Eins
einer anderen Gruppe löschte, bis keine davon mehr übrig war. Eine derartige
Maschine könnte auch Akte der Entscheidung herbeiführen, beispielsweise indem
sie entschied, ob eine Zahl durch eine andere teilbar war oder ob eine gegebene
Zahl eine Primzahl war oder nicht. Die Anwendung dieses Prinzips ermöglichte
ganz offensichtlich die Mechanisierung eines weiten Bereichs "genau festgelegter
Verfahren" * , aber es war unklar, ob es denn eine Maschine gäbe, die Hilberts Frage
nach der Beweisbarkeit entscheiden könnte.
Das war ein viel zu schwieriges Problem, als daß der Versuch, eine "Maschi-
nentabelle" für dessen Lösung aufzustellen, erfolgversprechend war. Aber es gab

* A.d.Ü.: Der von Hodges verwendete Ausdruck "definite method" wird im Folgenden stets mit "genau
festgelegtes Verfahren" übersetzt.
118 Kapitel 2

einen Zugang, der zu der Antwort führte, wenn auch durch eine Hintertür. Alan
stieß auf die Idee der "berechenbaren Zahlen". Der entscheidende Gedanke war,
daß jede "reelle Zahl", die durch eine genau bestimmte Regel definiert war, durch
eine seiner Maschinen berechnet werden könnte. Zum Beispiel gäbe es eine Ma-
schine, die die Dezimaldarstellung von 7l" berechnete, ganz so, wie er es in der Schule
getan hatte, denn dafür wären nicht mehr als eine Menge von Regeln für Addition,
Multiplikation, Kopieren und so weiter erforderlich. Da 7l" eine unendlich lange De-
zimaldarstellung hat, käme die Maschine nie zu einem Ende ihrer Berechnung und
verbräuchte eine unbegrenzte Menge von Arbeitsplatz auf ihrem "Band". Sie käme
jedoch bei jeder Dezimalstelle nach irgendeiner endlichen Zeit an, wobei sie nur
einen endlichen Bereich des Bandes benutzt hätte. Der gesamte Prozeß ließe sich
durch eine endliche Maschinentabelle definieren, ausgehend von einem ursprünglich
leeren Band.
Das bedeutete, daß er einen Weg gefunden hatte, um eine unendliche Dezi-
malzahl, wie zum Beispiel 7l", durch eine endliche Maschinentabelle darzustellen.
Dasselbe gälte für die Quadratwurzel von drei oder den Logarithmus von sieben -
oder für jede andere durch eine Regel definierte Zahl. Solche Zahlen nannte er die
"berechenbaren Zahlen".
Die Maschine selbst wüßte genaugenommen gar nichts von Dezimalzahlen oder
Dezimalstellen. Sie produzierte lediglich eine Folge von Ziffern. Eine solche Folge,
die von einer seiner Maschinen, gestartet mit einem leeren Band, erzeugt werden
konnte, nannte er eine "berechenbare Folge". Eine unendliche, berechenbare Folge,
angeführt von einem Dezimalpunkt, definierte dann eine "berechenbare Zahl" zwi-
schen 0 und 1. Es war in diesem strengeren Sinn zu verstehen, daß jede berechen-
bare Zahl zwischen 0 und 1 durch eine endliche Maschinentabelle definiert werden
konnte. Und es war entscheidend für seine Überlegung, daß sich die berechenbaren
Zahlen daher immer als unendliche Folgen von Ziffern ausdrücken ließen, selbst
wenn diese von einer gewissen Stelle an alle 0 wären.
Diese endlichen Maschinentabellen ließen sich nun wiederum in so etwas wie
eine alphabetische Reihenfolge bringen, beginnend mit der allereinfachsten, gefolgt
von einer Anordnung immer größer werdender Tabellen. Sie könnten in eine Liste
geschrieben oder gezählt werden; und das bedeutete, daß alle berechenbaren Zahlen
in eine Liste eingetragen werden könnten. Es war nicht gerade ein zweckmäßiger
Vorschlag, tatsächlich so zu verfahren, doch im Prinzip war es eine ganz genau um-
rissene Vorstellung, derzufolge die Quadratwurzel von drei zum Beispiel den 678ten
Platz in der Reihenfolge einnehmen könnte oder der Logarithmus von 7l" den 9369ten.
Es war ein umwerfender Gedanke, denn diese Liste enthielte jede durch arithmetische
Operationen zu erhaltende Zahl, ob es sich nun dabei um das Lösen von Gleichun-
gen oder die Verwendung mathematischer Funktionen wie Sinus und Logarithmus
handelte - sie enthielte jede Zahl, die überhaupt in einer auf Berechnungsverfahren
gegründeten Mathematik auftauchen könnte. Und im selben Moment, in dem ihm
Geist der Wahrheit 119

das klar geworden war, wußte er die Antwort auf Hilberts Frage. Vielleicht war es
das, was ihm auf den Wiesen von Grantchester plötzlich einfiel. Und er dürfte die
Antwort gesehen haben, weil es schon ein wunderschönes mathematisches Verfahren
gab, das sozusagen darauf wartete, hier eingesetzt zu werden.
Schon fünfzig Jahre zuvor hatte Cantor bemerkt, daß er alle ganzzahligen
Brüche, das heißt alle rationalen Zahlen, in eine Liste eintragen konnte. Naiver-
weise ließe sich denken, daß es viel mehr Brüche als ganze Zahlen gäbe. Cantor
zeigte jedoch, daß dem, in einem wohldefinierten Sinn, nicht so war, da sie ab-
gezählt und in eine Art von alphabetischer Reihenfolge gebracht werden konnten.
Unter Auslassung der Brüche, die sich kürzen lassen, las sich der Anfang der Liste
aller rationalen Zahlen zwischen 0 und 1 so:

1/2 1/3 1/4 2/3 1/5 1/6 2/5 3/4 1/7 3/5 1/8 2/7 4/5 1/9 3/7 1/10 ...

Cantor erfand dann ein bestimmtes Verfahren, das Cantorsche Diagonalverfah-


ren, das als Beweis für die Existenz irrationaler Zahlen zu verwenden war. Dazu
mußten die rationalen Zahlen als unendliche Dezimalzahlen dargestellt werden, so
daß die Liste aller derartiger Zahlen zwischen 0 und 1 folgendermaßen anfing:

.5000000000000000000....
2 .3333333333333333333 ....
3 .2500000000000000000....
4 .6666666666666666666 ....
5 .2000000000000000000....
6 .1666666666666666666 ....
7 .4000000000000000000....
8 .7500000000000000000....
9 .1428571428571428571 ....
10 .6000000000000000000....
11 .1250000000000000000....
12 .2857142857142857142 ....
13 .8000000000000000000....
14 .1111111111111111111 ....
15 .4285714285714285714 ....
16 .1000000000000000000....

Der Trick bei dem Verfahren bestand darin, die Diagonalzahl zu betrachten, die
mit
120 Kapitel 2

.5306060020040180....

anfing, und dann jede Ziffer darin zu verändern, so zum Beispiel durch das Hin-
zuzählen einer 1 zu jeder der Ziffern, wobei jede 9 in eine 0 zu verwandeln ist. Das
ergab eine unendliche Dezimalzahl, die mit

.6417171131151291.. ..

beginnt, eine Zahl, die unmöglich rational sein konnte, da sie sich von der ersten
aufgezählten Rationalzahl in der ersten Dezimalstelle unterschied, von der 694ten
Rationalzahl in 'der 694ten Dezimalstelle und so weiter. Daher konnte sie gar nicht
in der Liste stehen. Da aber die Liste alle rationalen Zahlen enthielt, konnte die
Diagonalzahl nicht rational sein.
Es war schon lange wohlbekannt - Pythagoras wußte es -, daß es irrationale
Zahlen gab. In Cantors Konstruktion ging es tatsächlich um etwas davon ziemlich
Verschiedenes. Sie sollte zeigen, daß keine Liste alle "reellen Zahlen", das heißt,
alle unendlichen Dezimalzahlen enthalten konnte, da jede vorgeschlagene Liste sich
dazu verwenden ließ, eine weitere unendliche Dezimalzahl zu definieren, die nicht in
ihr enthalten war. Cantors Beweis zeigte in diesem präzisen Sinn, daß es mehr reelle
Zahlen gab als ganze Zahlen. Es war der Beginn einer präzisen Theorie dessen, was
mit "unendlich" gemeint war.
Für Alan Turings Problem jedoch war daran das Entscheidende, daß gezeigt
wurde, wie das Rationale das Irrationale entstehen lassen konnte. Denn in genau
derselben Art konnte daher das Berechenbare das Unberechenbare mittels eines Dia-
gonalverfahrens entstehen lassen. Sobald er diese Einsicht gewonnen hatte, konnte
Alan sehen, daß die Antwort auf Hilberts Frage "Nein" lautete. Es konnte kein "ge-
nau festgelegtes Verfahren" geben, um alle mathematischen Fragen zu beantworten,
denn eine unberechenbare Zahl wäre ein Beispiel für ein unlösbares Problem.

Es blieb noch viel Arbeit zu leisten, bevor sein Ergebnis klar wurde. Zum einen
war da etwas Paradoxes in der Schlußweise. Der Cantorsche Trick selbst könnte
doch als ein "genau festgelegtes Verfahren" angesehen werden. Die Diagonalzahl
war doch, wie es schien, klar genug definiert - warum sollte sie also nicht berechnet
werden können? Wie könnte etwas nichtberechenbar sein, das auf diese mechanische
Weise konstruiert war? Was ginge schief, wenn es versucht werden würde?
Angenommen, man versuchte eine "Cantor- Maschine" zu entwickeln, um diese
nichtberechenbare Diagonalzahl zu erzeugen. Sie funktionierte ungefähr so: Sie
startete mit einem unbeschriebenen Band und schriebe die erste Zahl. Sie müßte
dann die erste Maschinentabelle erzeugen und diese ausführen, indem sie an der
ersten Ziffer, die sie geschrieben hatte, hielte und Eins dazuzählte. Danach müßte
sie erneut beginnen und mit der zweiten Zahl die zweite Tabelle erzeugen, diese
bis zum Erhalt der zweiten Ziffer durchführen und sie unter Hinzuzählung von Eins
Geist der Wahrheit 121

niederschreiben. Sie müßte damit für immer fortfahren, so daß sie bei der Stellung
,,1000" ihres Zählwerks die tausendste Maschinentabelle produzierte, die tausendste
Ziffer ermittelte und sie um Eins erhöht niederschriebe.
Ein Teil dieses Vorgangs konnte sicherlich von einer seiner Maschinen aus-
geführt werden, denn der Vorgang des "Nachschlagens von Eintragungen" in einer
gegebenen Tabelle und die Ermittlung dessen, was die entsprechende Maschine täte,
war selbst ein "mechanischer Vorgang". Eine Maschine konnte ihn ausführen. Eine
Schwierigkeit lag darin, daß man bei Tabellen gewöhnlich an eine zweidimensionale
Form dachte, aber es war dann doch nur eine technische Angelegenheit, sie in eine
Form zu verschlüsseln, in der sie auf ein "Band" gebracht werden konnten. Tatsäch-
lich ließen sie sich als ganze Zahlen verschlüsseln, ebenso wie Gödel Formeln und
Beweise als ganze Zahlen dargestellt hatte. Alan nannte sie "Beschreibungszahlen" ,
wobei jeder Maschinentabelle eine solche sie beschreibende Zahl entsprach. Einer-
seits war dies lediglich ein technischer Trick, eine Methode, Tabellen auf das Band
zu schreiben und sie in "alphabetischer Reihenfolge" anzuordnen. Doch darunter
verbarg sich dieselbe mächtige Idee, die Gödel verwandt hatte: daß es keinen we-
sentlichen Unterschied zwischen "Zahlen" und Operationen mit Zahlen gibt. Von
einem modernen mathematischen Standpunkt aus betrachtet, waren sie alle in glei-
cher Weise Symbole.
War dies einmal getan, so folgte daraus, daß eine besondere Maschine die Ar-
beitsweise jeder beliebigen Maschine simulieren konnte. Er nannte sie die univer-
selle Maschine. Sie müßte Beschreibungszahlen lesen, sie als Tabellen entschlüsseln
und sie ausführen. Sie könnte jede beliebige andere Maschine imitieren, sofern sich
die Beschreibungszahl (der Tabelle) jener Maschine auf ihrem Band befande. Sie
wäre eine Maschine, die alles tun könnte, genug also, um jedermann einen Moment
lang zum Nachdenken zu bringen. Sie war darüberhinaus eine Maschine mit ganz
genau bestimmter Form. Alan erarbeitete eine exakte Tabelle für die Universalma-
schine.
Dies war nicht die Schwierigkeit bei der Mechanisierung des Cantorschen Ver-
fahrens. Sie bestand in einem anderen Erfordernis, nämlich dem, die Tabellen für
die berechenbaren Zahlen in ihrer "alphabetischen Reihenfolge" zu erzeugen. Ange-
nommen, die Tabellen wären durch Beschreibungszahlen verschlüsselt worden. In
der Praxis würden sie nicht alle ganzen Zahlen benötigen. Tatsächlich würde das
von Alan dafür entworfenen System selbst die einfachsten Tabellen als enorm große
Zahlen verschlüsseln. Aber das sollte nichts ausmachen. Es wäre ja im wesentlichen
eine "mechanische" Angelegenheit, sich der Reihe nach durch alle ganzen Zahlen
zu arbeiten und dabei diejenigen außer Betracht zu lassen, die keinen eigentlichen
Tabellen entsprachen. Das war eine technische Angelegenheit, fast nur eine der
Notation. Das wirkliche Problem war viel subtiler. Die Frage war: Wie konnte man
vorhersagen, daß zum Beispiel die 4589te ordentlich definierte Tabelle eine 4589te
Ziffer hervorbringen würde? Oder sogar, ob sie überhaupt irgendwelche Ziffern
122 Kapitel 2

hervorbringen würde? Die Maschine könnte in einem sich wiederholenden Zyklus


von Operationen für immer hin- und herlaufen, ohne dabei jemals weitere Zahlen zu
produzieren. Wenn dieser Fall einträte, wäre die Cantor-Maschine steckengeblieben
und könnte ihre Aufgabe niemals zu Ende bringen.
Die Antwort darauf war, daß man es nicht vorhersagen konnte. Es gab keine
Möglichkeit der vorherigen Überprüfung, ob eine Tabelle zu einer unendlichen Folge
von Schritten führte. Zwar könnte es eine Methode für jeweils eine bestimmte Ta-
belle geben, aber es gab kein mechanisches Verfahren - keine Maschine -, das für
alle Befehlstabellen funktionieren konnte. Es gab nichts Besseres als das Rezept:
"Nimm die Tabelle und probiere sie aus." Aber dieses Verfahren nähme unendlich
viel Zeit in Anspruch, um herauszufinden, ob unendlich viele Ziffern zum Vorschein
kämen. Es gab keine Regel, die auf jede beliebige Tabelle angewandt werden konnte
und die mit Sicherheit die Antwort in endlicher Zeit erbrachte, wie es für das Aus-
drucken der Diagonalzahl erforderlich war. Das Cantor-Verfahren konnte daher nicht
mechanisiert und die nichtberechenbare Diagonalzahl nicht berechnet werden. Es
gab schließlich doch kein Paradox.
Alan nannte die Beschreibungszahlen, die zu unendlichen Dezimalzahlen führ-
ten, "zufriedenstellende Zahlen". Somit hatte er gezeigt, daß es keine wohlbestimmte
Methode gab, um eine "unzufriedenstellende Zahl" zu identifizieren. Er hatte ein ge-
nau spezifiziertes Beispiel von etwas festgenagelt, dessen Existenz Hilbert bestritten
hatte - ein unlösbares Problem.
Es gab andere Methoden für die Demonstration dessen, daß kein "mechanischer
Prozeß" die unzufriedenstellenden Zahlen eliminieren konnte. Die von ihm bevor-
zugte Methode war eine, die in der Frage den Zusammenhang mit Selbstbezüglich-
keit herausstellte. Denn angenommen, daß eine derartige "Überprüfungsmaschine"
existierte, die in der Lage wäre, die unzufriedenstellenden Zahlen zu ermitteln, so
könnte sie auf sich selbst angewandt werden. Aber wie er gezeigt hatte, führte das
zu einem glatten Widerspruch. Eine solche Überprüfungsmaschine konnte es also
nicht geben.
Welchen Weg er auch wählte, er hatte ein unlösbares Problem gefunden, und es
bedurfte nur einer technischen Ausformulierung, um zu zeigen, daß damit Hilberts
die Mathematik betreffende Frage in genau der Form beantwortet wurde, in der
sie gestellt worden war. Alan Turing hatte Hilberts Programm den Todesstreich
versetzt. Er hatte gezeigt, daß Mathematik niemals durch irgendeine endliche Menge
von Verfahrensvorschriften erschöpfend erfaßt werden konnte. Er war zum Kern des
Problems vorgedrungen und löste es mit einer einfachen und eleganten Beobachtung.

Was er vollbracht hatte, war jedoch mehr als die Anwendung eines mathema-
tischen Tricks oder logischer Spitzfindigkeit. Er hatte etwas Neues geschaffen -
die Idee seiner Maschinen. Und entsprechend blieb die Frage zu beantworten, ob
seine Definition von Maschine tatsächlich alles umfaßte, das möglicherweise als ein
Geist der Wahrheit 123

"genau festgelegtes Verfahren" gezählt werden konnte. War dieses Repertoire von
Lesen, Schreiben, Löschen, Hin- und Herlaufen und Anhalten dafür ausreichend?
Es war entscheidend wichtig, daß es so war, denn anderenfalls lauerte immer der
Verdacht, daß irgendwe1che Erweiterungen der Fähigkeiten der Maschine es ihr
erlaubten, einen größeren Problembereich zu lösen. Ein Angriff auf diese Fragestel-
lung brachte ihn dazu, zu zeigen, daß seine Maschinen mit Sicherheit jede der für
gewöhnlich in der Mathematik angetroffenen Zahlen berechnen konnten. Er zeigte
ferner, daß sich eine Maschine so einrichten ließe, daß sie jede innerhalb von Hil-
berts Formulierung der Mathematik beweisbare Behauptung in Folge hervorbrächte.
Aber er fügte auch einige Seiten der Diskussion hinzu 37 , die zu dem Ungewöhn-
lichsten zählten, das jemals in einer mathematischen Arbeit vorgelegt worden ist.
Darin rechtfertigte er seine Definition durch die Betrachtung dessen, was Menschen
überhaupt tun konnten, wenn sie eine Zahl durch Nachdenken und die Niederschrift
von Notizen "berechneten":

Rechnen wird für gewöhnlich durch das Aufschreiben gewisser Zeichen auf Papier be-
werkstelligt. Wir dürfen annehmen, daß dieses Papier in Quadrate aufgeteilt ist, so wie
das Rechenheft eines Schulkindes. In der elementaren Arithmetik wird gelegentlich von
der zweidimensionalen Natur des Papiers Gebrauch gemacht. Ein solcher Gebrauch ist
jedoch immer vermeidbar, und ich denke, daß Übereinkunft darüber erzielt werden kann,
daß die zweidimensionale Natur des Papiers für das Rechnen unwesentlich ist. Ich setze
daher voraus, daß die Berechnung auf eindimensionalem Papier durchgeführt wird, das
heißt auf einem in quadratische Felder unterteiltem Band. Ich werde ferner vorausset-
zen, daß die Zahl der Zeichen*, die gedruckt werden dürfen, endlich ist. Wenn wir
eine unendliche Menge von Zeichen zuließen, dann gäbe es in beliebig geringem Maße
differierende Zeichen.

Eine "unendliche Menge von Zeichen", wollte er damit sagen, entspreche nichts
wirklich Existierendem. Man könnte einwenden, daß es eine unendliche Menge von
Zeichen gäbe, da man ja

eine arabische Zahl wie z.B. 17 oder 999999999999999 für gewöhnlich als ein einziges
Zeichen behandelt. In ähnlicher Weise werden in jeder europäischen Sprache die Wörter
als einzelne Zeichen behandelt (das Chinesische versucht allerdings, abzählbar unendlich
viele Zeichen zu bilden).

Diesem Einwand begegnete er jedoch mit der Beobachtung:

In unserer Betrachtungsweise besteht der Unterschied zwischen einzelnen und zusam-


mengesetzten Zeichen darin, daß die letzteren, wenn sie zu umfangreich sind, nicht mit
einem Blick erfaßt werden können. Das stimmt mit der Erfahrung überein. Wir können
nicht auf einen Blick hin entscheiden, ob 9999999999999999 und 999999999999999
identisch sind.

* A.d.Ü.: gemeint sind verschiedene Zeichen


124 Kapitel 2

Dementsprechend sah er sich darin gerechtfertigt, eine Maschine auf ein endliches
Repertoire von Zeichen zu beschränken. Als nächstes kam eine außerordentlich
bedeutsame Idee:

Das Verhalten des Rechners ist zu jedem Zeitpunkt durch die Zeichen, die er gerade
beobachtet, und durch seinen "Denkzustand" zu jenem Zeitpunkt festgelegt. Wir dürfen
annehmen, daß es eine Schranke B für die Anzahl der Zeichen oder Felder gibt, die der
Rechner zu einem Zeitpunkt beobachten kann. Falls er mehr zu betrachten wünscht, muß
er sukzessive Beobachtungen verwenden. Wir werden außerdem annehmen, daß die Zahl
der Denkzustände, die in Betracht gezogen werden müssen, endlich ist. Die Grunde dafür
sind von derselben Natur, wie jene, welche die Zahl der Zeichen beschränken. Wenn wir
eine unendliche Menge dieser Zustände zuließen, so werden einige von ihnen "beliebig
nah" beisammen sein und verwechselt werden. Diese Einschränkung stellt wiederum
keine ernsthafte Beeinflussung der Berechnung dar, da die Verwendung komplizierterer
Denkzustände durch das Schreiben zusätzlicher Zeichen auf das Band vermieden werden
kann.

Das Wort "Rechner" (engl. "computer") stand hier nur für das, was das Wort 1936
bedeutete: eine Person, die Berechnungen ausführt. An einer anderen Stelle in der
Arbeit spielte er auf die Überlegung an, daß "das menschliche Gedächtnis notwen-
digerweise beschränkt ist." Aber weiter ging er in der Diskussion der Natur des
menschlichen Verstandes nicht. Es war ein kühner Akt der Vorstellungskraft, ein
trotziger Vorschlag, daß die "Denkzustände" gezählt werden konnten, auf dem seine
Beweisführung schließlich beruhte. Das war um so bemerkenswerter, weil in der
Quantenmechanik physikalische Zustände "beliebig nahe" sein konnten. In seiner
Betrachtung des menschlichen Rechners fuhr er wie folgt fort:

Stellen wir uns die von dem Rechner durchgeführten Operationen in "einfache Ope-
rationen" zerlegt vor, die so elementar sind, daß ihre weitere Zerlegung kaum noch
vorstellbar ist. Jede derartige Operation besteht aus einer bestimmten Veränderung in
dem aus dem Rechner und seinem Band bestehenden physikalischen System. Wir ken-
nen den Zustand des Systems, wenn uns die Folge der Zeichen auf dem Band bekannt
ist, wir wissen, welche davon vom Rechner beachtet werden (möglicherweise in einer
speziellen Reihenfolge), und wir kennen den Denkzustand des Rechners. Wir dürfen
annehmen, daß im Zuge einer einfachen Operation nicht mehr als ein Zeichen geändert
wird. Alle anderen Veränderungen können in einfache Änderungen dieser Art zerlegt
werden. Hinsichtlich der Felder, deren Zeichen auf diese Weise geändert werden dürfen,
ist die Situation dieselbe wie in Bezug auf die beachteten Felder. Wir dürfen daher, ohne
Verlust der Allgemeinheit, annehmen, daß die Felder, deren Zeichen geändert werden,
immer "beachtete" Felder sind.
Neben diesen Änderungen von Zeichen müssen die einfachen Operationen Verände-
rungen der Verteilung der beachteten Felder mit einschließen. Die neuen beachteten
Felder müssen für den Rechner unmittelbar erkennbar sein. Ich halte die Annahme für
sinnvoll, daß es sich dabei nur um Felder handeln kann, deren Abstand vom nächst-
liegenden der unmittelbar zuvor beachteten Felder eine bestimmte festgelegte Menge
Geist der Wahrheit 125

nicht übersteigt. Sagen wir, daß jedes der neuen beachteten Felder sich innerhalb von L
Feldern von einem unmittelbar zuvor beachteten Feld befindet.
Im Zusammenhang mit der "unmittelbaren Erkennbarkeit" könnte in Betracht ge-
zogen werden, daß es andere Arten von Feldern, die unmittelbar erkennbar sind, gibt.
Insbesondere könnten durch spezielle Zeichen markierte Felder als unmittelbar erkenn-
bar angesehen werden. Wenn nun diese Felder nur durch einzelne Zeichen markiert
sind, kann es lediglich eine endliche Anzahl von ihnen geben, und wir sollten unsere
Theorie nicht durch die Hinzufügung dieser markierten Felder zu den beachteten Feldern
umstürzen. Sind sie jedoch durch eine Folge von Zeichen markiert worden, so können
wir den Erkennungsvorgang nicht mehr als einen einfachen Vorgang betrachten. Das ist
ein grundlegender Punkt, der erläutert werden sollte. In den meisten mathematischen
Arbeiten sind die Gleichungen und Theoreme numeriert. Für gewöhnlich gehen die Zah-
len nicht weiter als (z.B.) 1000. Es ist daher möglich, ein Theorem auf einen Blick
durch seine Nummer zu erkennen. Aber wenn die Arbeit sehr lang wäre, könnten wir
zum Theorem 157767733443477 gelangen; dann, weiter hinten in der Arbeit, könnten
wir finden" ... somit erhalten wir (unter Anwendung von Theorem 157767734443477)
das Folgende ... ". Um sicherzugehen, welches das entscheidende Theorem war, hätten
wir die zwei Zahlen Ziffer für Ziffer zu vergleichen, wobei die Ziffern möglicherweise
mit Bleistift weggestrichen würden, um sicherzustellen, daß sie nicht zweimal gezählt
würden. Falls dessen ungeachtet noch immer daran gedacht wird, daß es andere "un-
mittelbar erkennbare" Felder gibt, so bringt das meine Behauptung nicht zu Fall, so
lange diese Felder durch einen der Prozesse, zu denen meine Maschine in der Lage ist,
gefunden werden können ...
Die einfachen Operationen müssen daher einschließen:

(a) Änderungen des Zeichens auf einem der beachteten Felder;


(b) Übergänge von einem der beachteten Felder auf ein anderes, innerhalb von L Feldern
von einem der zuvor beachteten Felder.

Es kann sein, daß einige dieser Änderungen notwendigerweise eine Veränderung


des Denkzustands involvieren. Die allgemeinste einzelne Operation muß daher eine der
beiden folgenden sein:

(A) Eine mögliche Änderung (a) eines Zeichens, zusammen mit einer möglichen Ände-
rung des Denkzustands;
(B) Eine mögliche Änderung (b) beachteter Felder, zusammen mit einer möglichen
Änderung des Denkzustands.

Die tatsächlich durchgeführte Operation wird, wie bereits [weiter oben] dargelegt
wurde, durch den Denkzustand des Rechners und die beachteten Zeichen bestimmt. Ins-
besondere bestimmen sie den Denkzustand des Rechners nach Durchführung der Opera-
tion.

"Wir können nun eine Maschine konstruieren, die die Arbeit dieses Rechners tun
soll", schrieb Alan. Der Verlauf seiner Argumentation war nun offensichtlich, wo-
126 Kapitel 2

bei jeder "Denkzustand" des menschlichen Rechners durch eine Konfiguration der
entsprechenden Maschine darzustellen war.
Da diese "Denkzustände" eine Schwachstelle der Beweisführung waren, fügte
er eine alternative Rechtfertigung der Idee hinzu, daß seine Maschinen jedes "genau
festgelegte Verfahren" durchführen konnten, die sie nicht benötigte:

Wir nehmen [weiter] an, daß die Berechnung auf einem Band durchgeführt wird, vermei-
den aber die Einführung des "Denkzustandes" durch die Betrachtung eines physikalische-
ren und präzise beschreibbaren Gegenstücks dazu. Dem Rechner ist es jederzeit möglich,
seine Arbeit zu unterbrechen, wegzugehen und alles darüber zu vergessen und später
zurückzukommen und sie wieder aufzunehmen. Wenn er dies tut, muß er eine Notiz mit
Anweisungen (geschrieben in irgendeiner Standardform) hinterlassen, in der er erklärt,
wie die Arbeit fortzusetzen sei. Diese Notiz ist das Gegenstück zu einem "Denkzustand".
Nehmen wir einmal an, daß der Rechner in einer so sprunghaften Weise arbeitet, daß er
nie mehr als einen Schritt hintereinander ausführt. Die Notiz mit Anweisungen muß es
ihm ermöglichen, einen Schritt auszuführen und die nächste Notiz aufzuschreiben. Damit
ist das weitere Fortschreiten der Berechnung an jedem Punkt vollständig durch die Notiz
mit Anweisungen und die Zeichen auf dem Band festgelegt ...

Aber diese Gedankengänge waren ganz verschieden. Tatsächlich waren sie sogar
komplementär. Der erste legte das Schwergewicht auf die mögliche Spannweite des
Denkens innerhalb des Individuums - die Zahl der "Denkzustände". Der zweite
sah das Individuum als einen verstandlosen Ausführenden gegebener Anweisungen.
Beide Gedankengänge näherten sich dem Widerspruch zwischen freiem Willen und
Determinismus, doch der eine tat es von der Seite des inneren Willens her, der
andere von der Seite der äußeren Zwänge. Diese Aspekte wurden in der Arbeit
nicht weiter erforscht, aber als Keime zukünftiger Erweiterungen darin belassen. *

Alan war von Hilberts Entscheidungsproblem** angeregt worden. Er hatte es


nicht nur gelöst, sondern noch viel mehr erreicht. Tatsächlich betitelte er seine Ar-
beit "On Computable Numbers, with an application to the Entscheidungsproblem".

* Die Argumente implizierten auch zwei sehr verschiedene Interpretationen der "Konfiguration" der
Maschine. In der ersten Betrachtungsweise war es natürlich, die Konfiguration als den inneren Zu-
stand der Maschine anzusehen - etwas, was aus ihren verschiedenen Reaktionen auf verschiedene
Reize abzuleiten war, ganz so wie in der behavioristischen Psychologie. Der zweiten Auffassungs-
weise zufolge war es jedoch natürlich, sich die Konfiguration als eine geschriebene Anweisung
vorzustellen, die der Maschine sagte, was sie zu tun habe. Die Maschine konnte man sich dem-
zufolge als jeweils einer Anweisung gehorchende Maschine vorstellen, die dann zu einer anderen
Anweisung weiterging. Die universelle Maschine konnte dann als eine Maschine betrachtet werden,
welche die auf das Band geschriebenen Anweisungen liest und entschlüsselt. Alan Turing hielt sich
selbst nicht an seinen ursprünglichen abstrakten Ausdruck "Konfiguration", sondern beschrieb später
Maschinen recht frei durch ,,Zustände" und "Anweisungen", je nachdem an welcher Interpretation
ihm gerade gelegen war. Dieser freie Gebrauch wird dementsprechend auch im folgenden auftreten.
** A.d.Ü.: Im Original und in der englischsprachigen Fachliteratur wird der deutsche Fachausdruck
häufig unübersetzt verwendet.
Geist der Wahrheit 127

Es war, als ob Newmans Vorlesungen einen Strom von Gedanken angezapft hat-
ten, der schon immer geflossen war und der in dieser Fragestellung eine Gelegenheit
gefunden hatte, hervorzubrechen. Er hatte etwas getan, denn er hatte eine die Mathe-
matik betreffende Schlüsselfrage gelöst, und es war ihm obendrein als Außenseiter
gelungen, der unbekannt und ungehobelt hereinplatzte. Doch es handelte sich dabei
nicht nur um abstrakte Mathematik, nicht bloß um ein Spiel mit Symbolen, denn
es schloß ein Nachdenken über die Tätigkeiten von Menschen in der physikalischen
Welt ein. Es war nicht exakt dasselbe wie Naturwissenschaft im Sinn von Beob-
achtung und Vorhersage. Er hatte nur ein neues Modell, einen neuen Denkrahmen
aufgestellt. Es war ein Spiel der Vorstellungskraft wie das von Einstein oder von
von Neumann, eher ein Infragestellen von Axiomen als ein Messen von Effekten.
Selbst sein Modell war nicht völlig neuartig, gab es doch eine Fülle von Ideen, sogar
in Natural Wonders, über das Gehirn als eine Maschine, eine Telefonzentrale oder
eine Büroorganisation. Was er vollbracht hatte, war eine Verbindung einer derart
naiven mechanistischen Vorstellung vom Denken mit der präzisen Logik der reinen
Mathematik. Seine Maschinen - die bald darauf Turing-Maschinen genannt werden
sollten - lieferten eine Brücke zwischen abstrakten Symbolen und der physikali-
schen Welt. Und in der Tat war seine Vorstellungsweise für Cambridge beinahe
schockierend industriell.
Es gab offensichtlich einen Zusammenhang zwischen der Turing-Maschine und
seiner früheren Beschäftigung mit dem Problem des Laplaceschen Determinismus.
Der Zusammenhang war indirekter Natur. Zum einen könnte bestritten werden, daß
der "Geist", über den er nachgedacht hatte, dasselbe war wie der "Verstand", der
intellektuelle Aufgaben bewältigt. Zum andern ließe sich einwenden, daß die Be-
schreibung der Turing-Maschine nichts mit Physik zu tun habe. Dennoch hatte er den
ungewöhnlichen Weg gewählt, eine These von "endlich vielen mentalen Zuständen"
aufzustellen, eine These, die eine materielle Grundlage des Denkens implizierte, und
hatte sich nicht an die sicherere Argumentationsweise mit den "Anweisungsnotizen"
gehalten. Und wie es aussah, hatte er mit dem Jahr 1936 tatsächlich aufgehört, an
jene Idee zu glauben, die er noch 1933 Mrs. Morcom als "hilfreich" beschrieben
hatte - Vorstellungen von einem Weiterleben und der Möglichkeit zu Kommuni-
kation. Er sollte bald als vehementer Verfechter der materialistischen Auffassung
hervortreten und sich selbst als einen Atheisten bezeichnen. Christopher Morcom
hatte einen zweiten Tod erlitten, und die Arbeit On Computable Numbers bezeichnete
sein Ableben.
Unter der Veränderung lagen eine tiefere Beständigkeit und Stetigkeit. Er hatte
sich genau deswegen Sorgen darüber gemacht, wie die Vorstellungen von Wille und
Geist mit der wissenschaftlichen Beschreibung von Materie zu vereinbaren seien,
weil er so scharf die Macht der materialistischen Betrachtungsweise gespürt hatte,
doch ebenso scharf das Wunder des individuellen Verstandes. Das Puzzle blieb
dasselbe, aber nun ging er es von der anderen Seite her an. Anstelle des Versuchs,
128 Kapitel 2

den Detenninismus zu Fall zu bringen, sollte er nun versuchen, Erklärungen für das
Auftreten von Freiheit zu finden. Es mußte einen Grund dafür geben. Christopher
hatte ihn von der Betrachtungsweise von Natural Wonders abgelenkt, doch jetzt war
er wieder darauf zurückgekommen.
Eine andere Konstante war, daß er noch immer nach einer festumrissenen, auf
dem Boden der Realität stehenden Auflösung des Paradoxes von Detenninismus
und freiem Willen suchte, nicht nach einer wortreichen philosophischen Antwort.
In einem früheren Stadium seiner Suche hatte er Eddingtons Idee über die Atome
im Gehirn bevorzugt. Er sollte auch weiterhin sehr an der Quantenmechanik und
ihrer Interpretation interessiert bleiben - ein Problem, das von Neumann keineswegs
gelöst hatte -, doch sein Problem sollte der Jabberwocky nicht werden. Denn er
hatte jetzt durch die Fonnulierung einer neuen Denkweise über die Welt sein eige-
nes Metier gefunden. Im Prinzip könnte die Quantenphysik alles beinhalten, aber
in der Praxis erforderte es viele verschiedene Beschreibungsstufen, um irgend et-
was über die Welt auszusagen. Der Darwinsche "Detenninismus" der natürlichen
Auslese hing von der "zufälligen" Mutation individueller Gene ab; der Detenni-
nismus der Chemie wurde in einem Rahmen zum Ausdruck gebracht, in dem die
Bewegung der einzelnen Moleküle "zufällig" war. Der Zentrale Grenzwertsatz war
ein Beispiel dafür, wie Ordnung aus der allgemeinsten Art von Unordnung entste-
hen konnte. Ein Verschlüsselungssystem wäre ein Beispiel dafür, wie Unordnung
vennittels eines detenninierten Systems zustande kommen könnte. Eddington legte
Wert darauf, zu betonen, daß die Naturwissenschaft viele verschiedene Detenninis-
men, viele verschiedene Freiheiten anerkannte. Entscheidend war, daß Alan mit
der Turing-Maschine seinen eigenen Detenninismus der automatischen Maschine
erfunden hatte, der sich innerhalb des logischen Rahmens abspielte, den er für die
Untersuchung des Denkens als geeignet erachtete.
Er hatte ganz für sich allein gearbeitet und nicht ein einziges Mal die Konstruk-
tion seiner "Maschine" mit Newman diskutiert. Er hatte eines Tages mit Richard
Braithwaite am "Dozententisch" ein paar Worte über das Thema "Gödeis Theorem"
gesprochen. Ein andennal stellte er Alister Watson eine Frage über das Cantor-
Verfahren. Watson war ein junger King's Fellow (und, wie es sich ergab, Kommu-
nist), der sich von der Mathematik her der Philosophie zugewandt hatte. Er beschrieb
seine Ideen David Champemowne, der das Wesentliche von der universellen Ma-
schine mitbekam und ziemlich spöttisch sagte, daß für ihren Aufbau die Albert Hall
erforderlich wäre. Gegenüber Alans Entwurf in On Computable Numbers war dieser
Kommentar gerechtfertigt, denn selbst wenn er irgendwelche Vorstellungen von ih-
rer praktischen Verwirklichung gehabt haben sollte, so haben sie in der Arbeit keine
Spuren hinterlassen38 . Etwas südlich der Albert Hall, im Science Museum, waren
die Überreste der "Analytical Engine" des Charles Babbage verborgen, des schon
hundert Jahre alten Projekts einer universellen Maschine. Sehr wahrscheinlich hatte
Alan sie gesehen, doch auch wenn das der Fall gewesen ist, haben sie keinen ent-
Geist der Wahrheit 129

deckbaren Einfluß auf seine Ideen oder seine Ausdrucksweise ausgeübt. Für seine
"Maschine" konnte nichts, das es 1936 gab, das offensichtliche Vorbild gewesen
sein, außer, ganz allgemein, Hervorbringungen der neuen Elektroindustriezweige
mit ihren Fernschreibern, Fernseh-"Abtastern" und ihrer automatischen Telefonver-
mittlung. Sie war seine eigene Erfindung.
Als eine umfangreiche Veröffentlichung, voll von Ideen, mit einer Fülle tech-
nischer Arbeit und Hinweisen auf weitere, unveröffentlicht gebliebene, muß On
Computable Numbers Alans Leben vom Frühling 1935 an ein ganzes Jahr lang be-
herrscht haben. Mitte April 1936, nach seiner Rückkehr von den Osterfeiertagen
in Guildford, meldete er sich bei Newman und gab ihm den mit Schreibmaschine
geschriebenen Entwurf.
Es gab viele Fragen zu stellen über die Entdeckungen, die Gödel und er gemacht
hatten. Was bedeuteten sie für die Beschreibung des Denkens? Es lag eine profunde
Doppelsinnigkeit in dieser endgültigen Erledigung von Hilberts Programm, auch
wenn dadurch der Hoffnung eines allzu naiven Rationalismus, jedes Problem durch
ein gegebenes Kalkül lösen zu können, mit Sicherheit ein Ende bereitet worden war.
Einige, darunter auch Gödel selbst, sahen in der Unmöglichkeit, die Widerspruchs-
freiheit und Vollständigkeit zu beweisen, eine neue Demonstration der Überlegenheit
des Geistes über das Mechanische. Andererseits aber öffnete die Turing-Maschine
die Tür zu einem neuen Zweig deterministischer Wissenschaft. Sie war ein Modell,
in dem die komplexesten Vorgänge aus den elementaren Bausteinen von Zuständen
und Positionen, Lesen und Schreiben, aufgebaut werden konnten. Sie ließ an ein
wundervolles mathematisches Spiel denken: die Darstellung jedes beliebigen "gen au
festgelegten Verfahrens" in einer Standardform.
Alan hatte bewiesen, daß es keine "wundersame Maschine" gab, die alle ma-
thematischen Probleme lösen konnte, aber während seiner Arbeit hatte er etwas fast
ebenso Wundersames entdeckt: die Idee einer universellen Maschine, die die Ar-
beitsweise jeder Maschine übernehmen konnte. Und er hatte behauptet, daß alles,
was von einem menschlichen "Rechner" durchgeführt werden konnte, von einer Ma-
schine erledigt werden konnte. Somit konnte es eine einzelne Maschine geben, die
durch das Lesen der auf ihr "Band" gebrachten Beschreibungen anderer Maschinen
das Äquivalent zu menschlicher Gedankentätigkeit leisten könnte. Eine einzelne
Maschine als Ersatz für den menschlichen Rechner! Ein elektrisches Gehirn!
Der Tod Georg V. bezeichnete unterdessen einen Übergang vom Protest ge-
gen die alte Ordnung zur Furcht vor dem, was die neue mit sich bringen könnte.
Deutschland hatte bereits die neue Aufklärung besiegt, hatte bereits Eisen in die
idealistische Seele gesenkt. März 1936 fand die Wiederbesetzung des Rheinlands
statt: sie bedeutete, daß die Zukunft im Militarismus lag. Wer hätte damals den
Zusammenhang mit dem Schicksal eines obskuren Mathematikers in Cambridge se-
hen können? Doch es gab einen Zusammenhang. Denn eines Tages sollte Hitler
das Rheinland verlieren, und es sollte dann, und nur dann, geschehen, daß die uni-
130 Kapitel 2

verselle Maschine in der Welt praktischen Handeins auftauchte. Die Idee dazu war
aus Alan Turings persönlichem Verlust entstanden. Aber zwischen der Idee und
ihrer Verwirklichung mußte das Opfer von Millionen stehen. Und es sollte nicht mit
Hitler enden. Für das Entscheidungsproblem der Welt gab es keine Lösung.
3 Neue Männer

I hear it was charged against me that I sought to


destroy institutions,
But really I am neither for nor against institutions,
(What indeed have I in common with them? or what with
the destruction of them?)
Only I will establish in the Mannahatta and in every city
of these States inland and seabord,
And in the fields and woods, and above every keel
little or large that dents the water,
Without edifices or rules or trustees or any argument,
The institution of the dear love of cornrades.

Fast an demselben Tag, an dem Alan seine Entdeckung Newman verkündete, führte
ein anderer den Nachweis zu Ende, daß das Hilbertsche Entscheidungsproblem
unlösbar war. Das geschah in Princeton, wo der amerikanische Logiker Alonzo
Church seinen Beweis am 15. April 1936 zur Publikation druckfertig gemacht hatte!.
Churchs entscheidende Idee, die Existenz eines "unlösbaren Problems" nachzuwei-
sen, war schon ein Jahr zuvor verkündet worden, aber erst zu diesem Zeitpunkt
brachte er sie genau in die Form einer Antwort auf Hilberts Frage.
Zwei Menschen waren gleichzeitig und unabhängig voneinander auf eine neue
Idee gekommen. Zunächst war dies in Cambridge nicht bekannt, und Alan schrieb
seiner Mutter am 4. Mai:

Ich traf MT. Newman vier oder fünf Tage nachdem ich heraufgekommen bin. Er ist zur
Zeit sehr mit anderen Dingen beschäftigt und sagt, daß er noch für eine Woche oder
so nicht dazu in der Lage sein wird, seine gesamte Aufmerksamkeit meiner Theorie zu
widmen. Er studierte jedoch meine Notiz für C.R. * und war nach einigen Änderungen
damit einverstanden. Ich ließ sie auch von einem französischen Experten gründlich prüfen
und habe sie abgeschickt. Ich habe keine Bestätigung dafür erhalten, was ziemlich
ärgerlich ist. Ich glaube nicht, daß der vollständige Text in zwei Wochen oder mehr

* Eine Zusammenfassung auf französisch für die wissenschaftliche Zeitschrift Cornptes Rendus.
Mrs. Turing half bei der Übersetzung ins Französische und beim Tippen.
132 Kapitel 3

fertig sein wird. Er wird wahrscheinlich so um die fünfzig Seiten lang sein. Es ist sehr
schwierig zu entscheiden, was jetzt in die Arbeit hinein soll und was draußen gelassen
werden soll für eine spätere Gelegenheit.

Als Newman die Arbeit Mitte Mai endlich las, konnte er kaum glauben, daß eine so
einfache und geradlinige Idee wie die der Turing-Maschine das Hilbertsche Problem
lösen sollte, an dem viele während der fünf Jahre gearbeitet hatten, die seit Gödeis
Erledigung der anderen Fragen Hilberts vergangen waren. Sein erster Eindruck war
der, daß sie falsch sein mußte, denn eine raffiniertere Maschine würde schon in der
Lage sein, das "unlösbare Problem" zu lösen, und man würde dann so weiter und
weiter fortfahren. Aber schließlich überzeugte er sich selbst davon, daß es keiner
endlich definierten Maschine möglich wäre, mehr zu tun als das, was durch Turings
Konstruktion zuwege zu bringen war.
Dann kam Churchs Arbeit von der anderen Seite des Atlantiks an. Sie erhob
alleinigen Anspruch auf jene Erkenntnis und stellte die Veröffentlichung von Alans
Arbeit in Frage, da in wissenschaftlichen Arbeiten das Wiederholen oder Kopieren
anderer Arbeiten nicht zulässig war. Doch was Church getan hatte, war etwas
ganz anderes und in einem gewissen Sinn schwächer. Er hatte einen Formalismus
entwickelt, der Lambda-Kalkül* genannt wurde, und hatte - zusammen mit dem
Logiker Stephen Kleene - entdeckt, daß dieser Formalismus dazu verwendet werden
konnte, alle Formeln der Arithmetik in eine Standardform zu bringen. In dieser Form
bestand das Beweisen von Theoremen darin, eine Kette von Symbolen des Lambda-
Kalküls in eine andere entsprechend gewisser sehr einfacher Regeln umzuwandeln.
Church war es dann gelungen zu zeigen, daß das Problem, zu entscheiden, ob eine
Kette in eine andere umgewandelt werden konnte, unlösbar war in dem Sinn, daß
keine entsprechende Formel des Lambda-Kalküls existierte. Nachdem ein derartiges
unlösbares Problem gefunden war, war es möglich geworden, zu zeigen, daß exakt
die von Hilbert gestellte Frage ebenfalls ein unlösbares Problem darstellte. Es war
aber nicht offensichtlich, daß "eine Formel des Lambda-Kalküls" dem Begriff eines
"genau festgelegten Verfahrens" entsprach. Church lieferte verbale Argumente für
die Behauptung, daß jedes "effektive" Berechnungsverfahren als eine Formel des
Lambda-Kalküls dargestellt werden könnte. Turings Konstruktion hingegen war
direkter und lieferte eine von Grundprinzipien ausgehende Begründung, wodurch
die Lücke in Churchs Darlegung geschlossen wurde.
Alan konnte daher seine Arbeit am 28. Mai 1936 bei der London Mathematical
Society zur Veröffentlichung in deren Proceedings einreichen, und Newman schrieb
an Church:

* Der Lambda-Kalkül stellte einen eleganten und mächtigen Symbolismus für mathematische Prozesse
der Abstraktion und Verallgemeinerung dar.
Neue Männer 133

31. Mai 1936


Sehr geehrter Professor Church,
ein Separatdruck, den Sie mir freundlicherweise unlängst von Ihrer Arbeit sandten,
in der Sie "rechenbare Zahlen"* definieren und zeigten, daß das Entscheidungsproblem
für Hilbertsche Logik unlösbar ist, war von besonders schmerzlichem Interesse für einen
jungen Mann hier, A.M. Turing, der gerade zu diesem Zeitpunkt davorstand, eine Arbeit
zur Veröffentlichung einzureichen, in der er eine Definition von "berechenbaren Zahlen"
für denselben Zweck verwendet hatte. Seine Vorgehensweise - die darin besteht, eine
Maschine zu beschreiben, die jede berechenbare Folge hervorbringen kann - unterscheidet
sich sehr von der Ihren, scheint aber große Vorzüge zu besitzen, und ich halte es für
außerordentlich wichtig, daß er kommen und mit Ihnen im nächsten Jahr arbeiten sollte,
wenn dies überhaupt möglich ist. Er wird Ihnen das Typoskript seiner Arbeit zu Ihrer
Begutachtung schicken.
Falls Sie diese für richtig und verdienstvoll halten, wäre ich Ihnen außerordentlich
verbunden, wenn Sie Turing dabei helfen könnten, im nächsten Jahr nach Princeton
zu gehen, indem Sie an den Vizekanzler, Clare College, Cambridge, eine Empfehlung
schrieben zur Unterstützung von Turings Antrag auf das Procter-Stipendium. Wenn er es
nicht erhalten sollte, könnte er es immer noch irgendwie arrangieren zu kommen, denke
ich, denn er ist ein Fellow am King's College, aber das würde nur sehr knapp ausgehen.
Gibt es irgendeine Möglichkeit für einen geringen zusätzlichen Zuschuß von Princeton
aus? ... Ich sollte erwähnen, daß Turings Arbeit völlig unabhängig ist: er hat ohne
jegliche Überwachung oder Kritik von irgend jemandem daran gearbeitet. Das macht es
ja noch viel wichtiger, daß er so schnell wie möglich mit den führenden Persönlichkei-
ten auf diesem Gebiet in Kontakt kommt, damit er sich nicht zu einem eingefleischten
Einzelgänger entwickelt.

Es gab niemanden in England, der die Arbeit zum Zwecke der Veröffentlichung in
den Proceedings der London Mathematical Society begutachten konnte, und tatsäch-
lich war Church selbst die einzige Person, die es sinnvollerweise hätte überneh-
men können. Newman schrieb an den Sekretär der London Mathematical Society,
F.P. White, und erklärte die Lage:

31. Mai. 1936


Lieber White,
ich denke, Du kennst die Geschichte von Turings Arbeit über Berechenbare Zahlen.
Gerade als sie ihren Endzustand zu erreichen begann, kam ein Separatdruck von Alonzo
Church aus Princeton an, mit einer Arbeit, die Turings Ergebnisse zu einem großen Teil
vorwegnimmt.
Ich hoffe, es wird dennoch möglich sein, die Arbeit zu veröffentlichen. Die Me-
thoden sind weitgehend verschieden, und das Ergebnis ist so wichtig, daß verschiedene
Behandlungen davon von Interesse sein sollten. Das Hauptergebnis von beiden, Turing
und Church, ist, daß das Entscheidungsproblem, an dem Hilberts Schüler nun schon
einige Jahre gearbeitet haben - das heißt das Problem, eine mechanische Entscheidungs-
methode dafür zu finden, ob eine gegebene Zeichenreihe einen Ausdruck für ein aus

* A.d.Ü.: Church verwendete in seiner Arbeit die Bezeichnung "calculable numbers".


134 Kapitel 3

Hilberts Axiomen ableitbares Theorem darstellt -, in seiner allgemeinen Fonn unlösbar


ist ...

Alan berichtete seiner Mutter am 29. Mai:

Ich habe gerade meine Hauptarbeit fertig und sie eingereicht. Ich nehme an, sie wird
im Oktober oder November erscheinen. In Bezug auf die Notiz für Comptes Rendus war
die Lage nicht so gut. Es scheint, daß der Mann, an den ich schrieb und den ich darum
bat, meine Arbeit vorzuschlagen, nach China gegangen ist, und obendrein scheint der
Brief in der Post verlorengegangen zu sein, denn ein zweiter Brief erreichte seine Tochter.
Inzwischen ist in Amerika eine Arbeit erschienen, von Alonzo Church verlaßt, in der
dieselben Dinge auf andere Art behandelt werden. Mr. Newman und ich haben jedoch
gefunden, daß die Methode hinreichend verschieden ist, um auch die Veröffentlichung
meiner Arbeit zu garantieren. Alonzo Church ist in Princeton, und ich habe den ziemlich
sicheren Entschluß gefaßt, dorthin zu gehen.

Er hatte sich um ein Procter-Stipendium beworben. Princeton bot drei davon an,
eines zu Gunsten von Cambridge, eines für Oxford und eines für das College de
France. Er sollte keinen Erfolg damit haben, da das für Cambridge in jenem Jahr
an den Mathematiker und Astronomen R.A. Lyttleton ging. Aber er muß wohl der
Ansicht gewesen sein, daß sein King's-Stipendium gerade ausreichend Geldmittel
bereitstellte.
Inzwischen war für die Veröffentlichung der Arbeit die Einfügung eines Nach-
weises notwendig geworden, daß seine Definition von "berechenbar" - "alles, was
von einer Turing-Maschine berechnet werden konnte" - genau äquivalent zu dem
war, was Church "effektiv rechenbar" genannt hatte und was "durch eine Formel
im Lambda-Kalkül beschreibbar" bedeutete. So studierte er Churchs Ergebnisse an-
hand der Arbeiten, die dieser und S.C. Kleene 1933 und 1935 geschrieben hatten,
und skizzierte den geforderten Nachweis in einem Appendix zu der Arbeit, der am
28. August fertig war. Die Entsprechung der Ideen war leicht herauszuarbeiten,
da Church eine Definition (die "Normalform", in die eine Formel gebracht werden
konnte) verwendet hatte, die Turings Definition von "zufriedenstelIenden" Maschi-
nen entsprach, und er dann ein Cantorsches Diagonalverfahren verwendet hatte, um
ein unlösbares Problem aufzustellen.
Wenn er konventioneller gearbeitet hätte, hätte er sich nicht an das Hilbertsche
Problem herangewagt, ohne vorher die gesamte vorhandene Literatur dazu gele-
sen zu haben, einschließlich der Arbeiten von Church. Dann wäre ihm vielleicht
niemand zuvorgekommen - aber dann hätte er vielleicht auch nie die neue Idee
von der logischen Maschine mit ihrer Simulation von "Denkzuständen" kreiert, die
nicht nur das Hilbertsche Problem zum Abschluß brachte, sondern völlig neue Fra-
gestellungen eröffnete. Das waren die Vor- und Nachteile des Arbeitens als ein
"eingefleischter Einzelgänger", wie Newman es nannte. Sowohl im Fall des Zentra-
len Grenzwertsatzes, als auch beim Entscheidungsproblem war er der Kapitän Scott
Neue Männer 135

der Mathematik gewesen, der an großartiger zweiter Stelle lag. Und obwohl er
selbst Mathematik und Wissenschaft sicher nicht als eine Art Spiel mit Gewinnern
und Verlierern betrachtete, so war dies doch offensichtlich eine Enttäuschung. Es
bedeutete Monate der Verzögerung und verschleierte die Originalität seiner eigenen
Vorgehensweise. Es beeinträchtigte den Moment seines ersten Auftretens in der
Welt.
Was den Zentralen Grenzwertsatz betraf, so war seine Fellowship Dissertation
für den Cambridger Wettbewerb für mathematische Aufsätze, den Smith-Preis, in
jenem Sommer eingereicht worden. Das rief helle Aufregung in Guildford hervor,
wo Mrs. Turing und John eine hektische halbe Stunde auf Händen und Knien mit der
Fertigstellung des Päckchens verbrachten, mit dessen Absendung Alan sich bis zur
letzten Minute Zeit gelassen hatte. John hatte im August 1934 geheiratet, und Alan
war inzwischen Onkel geworden. Weder sein Bruder noch seine Eltern hatten die
leiseste Ahnung von den philosophischen Problemen, die in seiner Arbeit verborgen
waren, noch von denen, die für sein Leben bedeutsam waren. Die Nachrichten von
Alans Erfolgen kamen in Form von glühenden Berichten von einer immer höheren
Abschlußklasse. Mrs. Turing mit ihrem Interesse an der spirituellen Welt wäre
wohl die für Alans Beschäftigung mit dem freien Willen aufgeschlossenste Person
gewesen, aber selbst sie sah nie diesen grundlegenden Zusammenhang. Denn Alan
ließ sich niemals über seine inneren Probleme aus und nur gelegentlich kamen höchst
kryptische Hinweise darauf zum Vorschein.
Die Universität, wie auch King's College, betrachteten Alans Wiederentdeckung
des Theorems mit Wohlwollen, was ihm den Preis und damit BI eintrug. Er hatte
inzwischen das Segeln zu einer Freizeitbeschäftigung gemacht und dachte daran,
das Geld zum Kauf eines Bootes zu verwenden. Doch er entschied sich dagegen,
vielleicht weil er es für das Jahr in Amerika brauchte.
Victor Beuttell kam im Frühsommer nach Cambridge und blieb bei Alan. Alan
erwiderte die Gastfreundschaft, die die Beuttells ihm erwiesen hatten, doch ein ande-
rer Grund für Victors Besuch lag darin, daß er inzwischen in die Firma der Familie
eingetreten war und mit der Arbeit an der Entwicklung des K-Strahl-Systems be-
auftragt worden war. Die Geometrie, die er mit Alan in der Schule diskutiert hatte,
half ihm, aber er hoffte, Alans Rat für das neue Problem zu erhalten, das darin
bestand, ein doppelseitiges System herzustellen, so daß beide Seiten eines Plakates
gleichmäßig von einer einzigen Lichtquelle beleuchtet werden konnten. (Es war von
einer Brauerei-Kette in Auftrag gegeben worden). Alan sagte jedoch, daß er zu sehr
mit seiner eigenen Arbeit beschäftigt sei, und so gingen sie statt dessen los, um sich
die May Bumps-Bootrennen anzusehen.
Einmal unterhielten sie sich über Kunst und Bildhauerei, und in diesem Zu-
sammenhang setzte Alan Victor plötzlich in Erstaunen, als er sagte, er fände die
männliche Form schön und die weibliche unattraktiv. Victor empfand sich nun als
doppelter Kreuzfahrer und versuchte Alan davon zu überzeugen, daß Jesus den rech-
136 Kapitel 3

ten Weg angezeigt hatte, indem er sich Maria Magdalenas annahm. Alan wußte keine
Antwort darauf, aber es war auch kein Problem der Vernunft. Alles, was er versu-
chen konnte, war das Gefühl zum Ausdruck zu bringen, sich in einer Spiegel-Welt
zu befinden, in der von seinem Blickpunkt aus die konventionellen Vorstellungen
andersherum waren. Es war dies vermutlich zum ersten Mal, daß er das Thema
außerhalb der Welt des King's erörterte.
Victor, ein nicht gerade weit entwickelter Einundzwanzigjähriger, wußte kaum,
wie er darauf reagieren sollte. Ein Element des Vertrauens war nun mit seinem
Verbleiben in Alans Zimmer verbunden, auch wenn Alan "ein perfekter Gentleman"
blieb. Aber Victor wies Alans Freundschaft nicht zurück. Statt dessen blieben sie
sich über ihre Uneinigkeit in Bezug auf dieses Thema wie auch in Bezug auf die
Religion einig. Sie erörterten, welche erblichen oder umgebungs bedingten Einflüsse
über die Erotik eines Menschen entscheiden können. Doch welche auch immer es
waren, es war offensichtlich, daß es etwas an Alan gab, das so war; dieser Teil
seiner Wirklichkeit hatte eben solche Form angenommen. Für ihn, ohne einen Gott,
gab es nichts, an das man sich halten konnte, außer einer gewissen inneren Wi-
derspruchsfreiheit. Wie in der Mathematik konnte auch diese Widerspruchsfreiheit
nicht mit einem Regelbuch bewiesen werden, und es gab keinen deus ex machina,
der entschied, was richtig und was falsch war. Die Axiome seines Lebens begannen
sich jetzt deutlich abzuzeichnen, obwohl es eine ganz andere Sache war, sie ins Le-
ben umzusetzen. Er hatte das Einfachste in der Natur gewollt; er mochte alltägliche
Dinge. Aber er fand sich selbst als einen gewöhnlichen, englischen, homosexuellen,
atheistischen Mathematiker. Es würde nicht einfach sein.
Alan stattete auch einen Besuch in Clock House ab, den ersten nach drei Jahren-
bevor er sich nach Westen aufmachte. Mrs. Morcom war jetzt halb invalid, aber
geistig immer noch so lebhaft wie stets. Sie notierte in ihrem Tagebuch:

9. September (Mittwoch) ... Alan Turing kam ... Er ist zu einem Abschiedsbesuch
gekommen vor seinem Weggang nach Amerika für 9 Monate (Princetown), um bei 2
großen Autoritäten auf seinem Gebiet zu studieren: Gödel (Warschau), Alonzo Church
und Kleene. Wir sprachen miteinander vor dem Abendessen und erneut später, um uns
auf den letzten Stand zu bringen, was unsere Neuigkeiten angeht. ... Er und Edwin
spielten Billard.

10. September: ... Alan und Veronica auf die Bauernhöfe und nach Dingleside. ... V
und Alan zum Tee hier oben bei mir. Langes Gespräch mit Alan über seine Arbeit und
ob man auf seinem Gebiet (irgendein abstruser Zweig der Logik) in eine "Sackgasse"
kommen würde etc.

11. September: Alan ging allein zur Kirche hinunter, um das Fenster von Chris und den
kleinen Garten anzusehen, den er zuvor noch nicht gesehen hatte, da er gerade erst an
dem Tag fertiggeworden war, an dem er zur Einweihung des Fensters gekommen war.
. .. Alan lehrte mich ein "Go" genanntes Spiel - Peggity recht ähnlich.
Neue Männer 137

12. September: ... Rupert und Alan kamen zum Tee auf mein Zimmer und dann über-
raschte ich sie alle, indem ich zum Abendessen herunterkam. Wir waren insgesamt 10 -
eine fröhliche Runde. Grammophonkonzert. ... Männer Billard.

13. September ... Alan löste Aufgaben mit R[eginald] ... Alan, Rup[ert] und 2 Mädchen
badeten in Cadburys Schwimmbecken ... Rup[ert] und Alan zum Tee bei mir ... Alan
versuchte zu erklären, woran er gerade arbeitet ... Sie gingen fort, um den Zug 7 Uhr
45 New Street zu erreichen.

Rupert konnte Alan nicht mehr folgen, als es um die zufrieden stellenden und unzu-
friedenstellenden Beschreibungszahlen ging. Es wäre Mrs. Morcom schwer möglich
gewesen, zu erahnen, daß dieser "abstruse Zweig der Logik" irgend etwas mit den
wissenschaftlichen Phantasien ihres verlorenen Sohnes zu tun hatte und daß Alan
daher etwas getan hatte, von dem Christopher abberufen worden war.

Mrs. Turing verabschiedete Alan in Southampton am 23. September, als er sich


auf dem Cunard-Linienschiff, der Berengaria, einschiffte. Er hatte sich einen Sextan-
ten auf dem Farrington Road Market gekauft, um sich damit auf der Überfahrt die
Zeit zu vertreiben. Er war außerdem ausgerüstet mit all den Standardvorurteilen der
britischen oberen Mittelschicht Amerika und den Amerikanern gegenüber, und die
fünf Tage auf dem Atlantik trugen wenig dazu bei, ihn eines Besseren zu belehren.
Von ,,41 ° 20' N, 62° W" aus beschwerte er sich: 2

Es erscheint mir, daß die Amerikaner die unerträglichsten und unsensibelsten Geschöpfe
sein können, die man sich wünschen kann. Eines von ihnen hat gerade mit mir gesprochen
und mir von sämtlichen der übelsten Seiten Amerikas mit offensichtlichem Stolz erzählt.
Jedoch mögen sie nicht alle so sein.

Am nächsten Morgen, dem 29. September, kamen die Türme der Skyline von Man-
hattan in Sicht, und Alan betrat die Neue Welt:

Wir waren praktisch um 11 Uhr vormittags am Dienstag in New York, aber mit dem
Durchlaufen der Quarantäne und der Abfertigung durch die Einwanderungsbeamten ka-
men wir bis 5 Uhr 30 nachmittags nicht vom Schiff. Die Abfertigung durch die Ein-
wanderungsbeamten bedingte ein mehr als zweistündiges Warten in einer Schlange mit
schreienden Kindern um mich herum. Dann, nachdem ich durch den Zoll war, mußte
ich noch den Initiationsritus in die U.S.A. über mich ergehen lassen, der darin besteht,
von einem Taxifahrer beschwindelt zu werden. Ich hielt seinen Tarif für absolut unver-
schämt, aber da man mir zuvor schon mehr als das Doppelte der englischen Preise für das
Schicken meines Gepäcks berechnet hatte, dachte ich, daß es möglicherweise stimmte.

Alan ererbte den Glauben seines Vaters, daß ein Taxi zu nehmen der Gipfel der
Extravaganz sei. Aber Amerika mit seiner unendlichen Vielfalt war nicht in allem
"so", und Princeton, wo er spät an jenem Abend mit dem Zug eintraf, hatte wenig
gemein mit "der Canaille" der billigsten Touristenklasse. Denn wenn Cambridge
138 Kapitel 3

Klasse verkörperte, dann bedeutete Princeton Reichtum. Von allen amerikanischen


Eliteuniversitäten war Princeton vielleicht die in sich abgeschlossenste, abgeschirmt
von den Auswirkungen der Depression. Man konnte sich umsehen und niemals
erfahren, daß sich Amerika in Schwierigkeiten befand. Tatsächlich sah es überhaupt
kaum wie Amerika aus, denn mit seiner imitierten gotischen Architektur, seiner
Beschränkung auf männliche Studenten und seinem Rudern auf dem künstlichen
Carnegie See versuchte Princeton, die Distanziertheit von Oxford und Cambridge zu
übertreffen. Es war die Smaragdstadt im Lande von Oz. Und als wäre die Isolation
vom gewöhnlichen Amerika nicht schon ausreichend, war das Graduate College vom
Studentenleben abgetrennt. Es stand auf einer sanften Erhebung, man überblickte
hier ein Areal von Wäldern und Feldern. Der Turm des Graduate College war eine
exakte Replik des Turms des Magdalen College in Oxford. Er wurde allgemein
der Elfenbeinturm genannt, nach dem Wohltäter von Princeton, Procter, der die
"Elfenbeinseife" herstellte.
Die Abteilung Mathematik in Princeton war stark vergrößert worden durch die
Stiftung von fünf Millionen Dollar für die Gründung des Institute for Advanced
Study (lAS) im Jahre 1932. Noch bis 1940 hatte dieses Institut kein eigenes
Gebäude. Diejenigen, die es förderte - alle Mathematiker und Theoretische Physi-
ker -, teilten sich den Raum von Fine Hall, wo die reguläre mathematische Fakultät
von Princeton beheimatet war. Obwohl für technische Zwecke eine Trennlinie ge-
zogen werden mußte, wußte in der Praxis niemand zu sagen - noch interessierte
man sich dafür -, wer von der Universität Princeton und wer vom lAS war. Die
so verdoppelte Abteilung hatte einige der größten Namen in der Welt der Mathe-
matik angezogen und besonders die Exilanten aus Deutschland. Es war in gewisser
Hinsicht eine all-amerikanische Gründung, in anderer Sicht jedoch so etwas wie ein
Einwandererschiff, das noch den Atlantik überquerte. Die reich ausgestatteten Sti-
pendien für Princeton zogen auch Forschungsstudenten von Weltklasse an, darunter
allerdings mehr aus England als aus irgend einem anderen Land. Es gab keine von
King's, aber Alans Freund Maurice Pryce vom Trinity wohnte schon ein zweites Jahr
auf dem Campus. Hier, inmitten der zusammengedrängten Elite der europäischen
Intelligentsia im Exil, lag die Chance für Alan Turing, sein bedeutendes Resultat
weiter zu verfolgen. Sein erster Bericht nach Hause, am 6. Oktober, verriet keinen
Mangel an Selbstvertrauen:

Die mathematische Abteilung hier erfüllt voll die Erwartungen. Eine große Zahl der
bedeutendsten Mathematiker ist hier. J.v. Neumann, Weyl, Courant, Hardy, Einstein,
Lefschetz sowie Schwärme kleinerer Fische. Unglücklicherweise sind nicht annähernd
so viele Leute aus der Logik hier wie im letzten Jahr. Church ist natürlich hier, aber
Gödel, Kleene, Rosser und Bernays, die im letzten Jahr hier waren, sind weggegangen.
Ich glaube nicht, daß es mir sehr viel ausmacht, irgendeinen davon verfehlt zu haben,
mit Ausnahme von Gödel. Kleene und Rosser sind, stelle ich mir vor, lediglich Schüler
von Church und haben nicht viel zu bieten, das ich nicht von Church bekommen könnte.
Neue Männer 139

Bemays scheint mir eher "vieux jeu" zu werden, das ist der Eindruck, den ich von seinen
Schriften bekomme, aber wenn ich ihn treffen sollte, könnte ich einen anderen Eindruck
erhalten.

Von den Genannten war Hardy lediglich für die Dauer eines Trimesters auf Besuch
von Cambridge:

Zuerst war er sehr zurückhaltend oder möglicherweise schüchtern. Ich traf ihn in Maurice
Pryces Räumen am Tag meiner Ankunft, und er sagte nicht ein Wort zu mir. Aber er
wird inzwischen sehr viel freundlicher.

Hardy war so etwas wie ein Turing einer früheren Generation; er war ebenfalls
ein gewöhnlicher, englischer, homosexueller Atheist, der zufälligerweise auch noch
einer der besten Mathematiker in der Welt war. Er hatte mehr Glück als Alan,
insofern als sein Hauptarbeitsgebiet, die Zahlentheorie, ganz exakt in das klassi-
sche Gerüst der reinen Mathematik fiel. Er teilte nicht Alans Problem, sein eigenes
Arbeitsgebiet schaffen zu müssen. Und seine Arbeit war viel geordneter, viel pro-
fessioneller, als Alans überhaupt je war. Doch beide waren Flüchtlinge aus dem
System, für die das Keynessche Cambridge die einzig mögliche Heimstätte war,
auch wenn keiner von ihnen zu den illustreren Kreisen gehörte. Beide leisteten
passiven Widerstand. Hardy war etwas weniger passiv. Er war aus Überzeugung
Präsident der Association of Scientific Workers gewesen und hatte Lenins Bild in
seinen Räumen. Als der Ältere hatte er entsprechend viel festgelegtere Ansich-
ten. Bertrand Russell unterschied einmal geistreich katholische von protestantischen
Skeptikern nach der Tradition, die sie abgelehnt hatten, und in diesem Modell war
Alan, in diesem Stadium, eher ein Church of England-Atheist. Hardy hingegen
spielte mit der englischen Weigerung, Ideen ernst zunehmen, indem er ein atheisti-
scher Evangelist wurde. Zur gleichen Zeit fand er die Freuden des Rituals in seiner
Hingabe an das Cricketspiel. Es gab keinen, der mehr darüber wußte, auch wenn
er während seines Aufenthalts in Amerika seine Loyalität auf Baseball übertrug.
Er organisierte Cricketspiele in Trinity, bei denen Unglaube gegen Glaube spielte
und der Allmächtige herausgefordert wurde, die Ungläubigen "auszuregnen". Hardy
vergnügte sich damit, aus allem ein Spiel zu machen, besonders aus dem Atheismus.
Alan hatte an seinen Vorlesungen für Fortgeschrittene und an Klassen in Cam-
bridge teilgenommen und fühlte sich daher gekränkt, weil Hardy ihn anfänglich
ignorierte. Obwohl "freundlich", war ihre Beziehung zueinander nicht von der Art,
die eine Generation und verschiedene Schutzschichten der Zurückhaltung überwand.
Und wenn dies für seine Bekanntschaft mit Hardy zutraf, der die Welt doch mit so
ähnlichen Augen sah, so galt dies um so mehr für Alans andere berufliche Kon-
takte mit Älteren. Obwohl er als eine Persönlichkeit der seriösen akademischen
Welt hervortrat, fand er es schwer, das Aussehen und das Betragen eines Studenten
abzuschütteln.
140 Kapitel 3

Die Liste von Namen in Alans Brief bedeutete wenig, außer daß er ihre jeweili-
gen Vorlesungen und Seminare vielleicht besuchen würde. Einstein wurde gelegent-
lich auf den Gängen gesichtet, war aber beinahe unansprechbar. Solomon Lefschetz
war ein Pionier der Topologie, die das Zentrum der Mathematik in Princeton dar-
stellte und in der Tat ein Hauptansatzpunkt für die Entwicklung der modemen Ma-
thematik war. Aber Alans persönlicher Kontakt mit ihm wurde wahrscheinlich durch
eine Gelegenheit charakterisiert, bei der Lefschetz ihn fragte, ob er L.P. Eisenharts
Vorlesungsreihe über Riemannsche Geometrie verstünde, eine Frage, die Alan als
Beleidigung betrachtete. Courant und Weyl deckten mit von Neumann die gesamten
Hauptströmungen der reinen und angewandten Mathematik ab und brachten etwas
von Hilberts Göttingen auf dem westlichen Ufer wieder zum Leben. Doch von ih-
nen hatte vermutlich nur von Neumann Kontakt mit Alan, auf Grund gemeinsamer
Interessen an der Gruppentheorie.
Was die Logiker betraf, so war Gödel in die Tschechoslowakei zurückgekehrt.
Kleene und Rosser hatten bedeutendere Beiträge zur Logik geliefert als Alans Brief
vermuten ließ, hatten aber anderswo Stellen angetreten, und er sollte mit keinem
der beiden jemals zusammentreffen. Der Schweizer Logiker P. Bemays, ein enger
Mitarbeiter von Hilbert und ein weiterer Exilant aus Göttingen, war nach Zürich
zurückgekehrt. Daher war der Eindruck, den Alan Mrs. Morcom vermittelt hatte,
nämlich mit zwei oder drei Autoritäten zusammenzuarbeiten, falsch. Es ging darum,
mit Church allein zusammenzuarbeiten, davon einmal abgesehen, daß es Graduierte
gab, die Logik auf einer niedrigeren Stufe studierten. Und Church selbst war ein
Mann, der sich zurückzog und für ein Übermaß an Diskussion nicht zu haben war.
Kurz gesagt, Princeton heilte Alan nicht davon, ein "eingefleischter Einzelgänger"
zu sein. Er schrieb:

Ich habe Church zwei- oder dreimal gesehen und ich komme mit ihm sehr gut aus. Er
scheint von meiner Arbeit recht angetan zu sein und glaubt, daß sie ihm helfen wird,
ein Arbeitsprogramm durchzuführen, an das er zur Zeit denkt. Ich weiß nicht, wieviel
ich mit diesem Programm von ihm zu tun haben werde, da ich die Sache in einer etwas
anderen Richtung weiterentwickle und wahrscheinlich mit dem Schreiben einer Arbeit
darüber in ein oder zwei Monaten beginnen werde. Danach schreibe ich vielleicht ein
Buch.

Was auch immer diese Pläne gewesen sein mögen, sie konnten nicht ausreifen; es
gab weder eine Arbeit, auf die diese Beschreibung zutraf, noch ein Buch.
Er besuchte gewissenhaft Churchs Vorlesungen, die eher von schwerfälliger und
mühsamer Art waren. Insbesondere machte er sich Notizen von Churchs Typen-
theorie, was sein anhaltendes Interesse an diesem Aspekt der Mathematischen Logik
widerspiegelte. Es waren in etwa zehn Studenten anwesend, darunter ein jüngerer
Amerikaner, Venable Martin, mit dem sich Alan anfreundete und dem er dabei half,
den Kurs zu verstehen. Alan bemerkte:
Neue Männer 141

Unter den graduierten Studenten gibt es eine große Zahl, die in Mathematik arbeiten
und keinem von ihnen sind Fachgespräche unangenehm. In der Hinsicht ist es sehr
verschieden von Cambridge.

In Cambridge hielt man es für sehr schlechten Geschmack, wenn jemand am Do-
zententisch oder irgendwo sonst nur von seinem Spezialgebiet sprach. Aber das war
keine der Eigenarten der englischen Universitäten, die Princeton zusammen mit der
Architektur importiert hatte. Die englischen Studenten, alle von Oxford oder Cam-
bridge, amüsierten sich über solche amerikanischen Begrüßungen wie: "Hi, schön
Dich zu sehen, welche Kurse besuchst du?" Englisches Arbeiten wurde unter ei-
ner dezenten Show von wohlerzogener Amateurhaftigkeit verborgen. Die solcherart
vorgegebene Nachlässigkeit erstaunte die ernsten Anbeter der Arbeitsethik. Aber
für Alan, der auf Grund mangelnder Verfeinerung aus den schickeren Kreisen der
Cambridger Gesellschaft ausgeschlossen war, stellte das eher geradlinige Herange-
hen eine Attraktion dar. In dieser Hinsicht gefiel ihm Amerika - nicht aber in einer
anderen. Am 14. Oktober schrieb er seiner Mutter:

Church nahm mich letzte Woche zum Abendessen mit. Wenn ich bedenke, daß die Gäste
alle Leute von der Universität waren, fand ich die Unterhaltung ziemlich enttäuschend.
Soweit ich mich daran erinnern kann, scheinen sie sich über nichts anderes unterhalten
zu haben als über die verschiedenen Staaten, aus denen sie stammten. Beschreibungen
von Reisen und Orten langweilen mich immer intensiv.

Er genoß das Spiel mit Ideen, und in demselben Brief ließ er einen Hinweis auf
Ideen fallen, aus denen Bernard Shaw selbst eine ganze Geschichte gemacht haben
könnte:

Du hast mich oft nach möglichen Anwendungen verschiedener Zweige der Mathematik
gefragt. Ich habe soeben eine mögliche Anwendung der Sache entdeckt, an der ich zur
Zeit arbeite. Sie beantwortet die Frage: "Was ist die allgemeinste mögliche Art von
Code oder Schlüssel?" und erlaubt mir gleichzeitig (auf ziemlich natürliche Weise), viele
besondere und interessante Codes zu konstruieren. Einer davon dürfte wohl überhaupt
kaum ohne den Schlüssel zu entschlüsseln sein, und die Verschlüsselung geht sehr schnell.
Ich denke, ich könnte sie an die Regierung (Seiner Majestät) für eine recht beträchtliche
Summe verkaufen, habe aber so meine Zweifel, was die Moral solcher Dinge angeht.
Was denkst Du?

Verschlüsselung wäre ein sehr gutes Beispiel für eine auf Zeichen angewandtes "ge-
nau festgelegtes Verfahren", etwas, das von einer Turing-Maschine gemacht wer-
den könnte. Es wäre für die Natur einer Verschlüsselung essentiell, daß der Ver-
schlüsselnde sich wie eine Maschine verhielte, in Übereinstimmung mit den jeweils
im voraus mit dem Empfanger der Nachricht vereinbarten Regeln.
Was eine "mögliche allgemeinste Art von Code oder Verschlüsselung" betraf, so
konnte gewissermaßen jede Turing-Maschine so betrachtet werden, daß sie das, was
142 Kapitel 3

sie auf ihrem Band las, in das, was sie auf das Band schrieb, verschlüsselte. Doch
um nützlich zu sein, müßte es eine inverse Maschine geben, die das ursprüngliche
Band rekonstruieren könnte. Sein Ergebnis, was auch immer es war, muß von diesen
Grundzügen ausgegangen sein. In Bezug auf "besondere und interessante Codes"
gab er aber keinen weiteren Hinweis.
Auch auf den durch das Wort "Moral" angedeuteten Konflikt kam er nicht mehr
zurück: Was sollte er tun? Mrs. Turing war natürlich eine Stoney. Sie nahm an,
daß Wissenschaft zum Zweck brauchbarer Anwendung da war, und sie war nicht
die Person, an der moralischen Autorität der Regierung Seiner Majestät zu zweifeln.
Aber die intellektuelle Tradition, zu der Alan gehörte, war eine ganz andere. Es ging
nicht nur um die Distanziertheit von Cambridge, sondern um einen sehr signifikanten
Bereich moderner mathematischer Meinung, die G.H. Hardy zum Ausdruck brachte,
als er schrieb: 3

Die "wirkliche" Mathematik der "wirklichen" Mathematiker, die Mathematik von Fermat
und Euler und Gauß und Abel und Riemann ist fast gänzlich "nutzlos" (und dies gilt für
"angewandte" wie für "reine" Mathematik). Es ist nicht möglich, das Leben irgendeines
Mathematikers von Profession auf der Basis der "Nützlichkeit" seiner Arbeit zu rechtfer-
tigen. ... Die großen modemen Errungenschaften der angewandten Mathematik hat es
in der Relativitätstheorie und in der Quantenmechanik gegeben, und diese Gebiete sind,
jedenfalls derzeit, fast ebenso "nutzlos" wie die Zahlentheorie. Es sind die langweiligen
und elementaren Teile der angewandten Mathematik, so wie es auch die langweiligen
und elementaren Teile der reinen Mathematik sind, die für Gut oder Böse arbeiten.

Indem er seine Reaktion auf die wachsende Trennung der Mathematik von der
angewandten Wissenschaft deutlich machte, attackierte Hardy die Oberflächlichkeit
der damals geläufigen "linken" Interpretation von Mathematik a la Lancelot Hogben
im Sinn sozialer und ökonomischer Nützlichkeit, eine Interpretation, die auf den
"langweiligen und elementaren" Aspekten des Fachs beruhte. Hardy sprach aller-
dings mehr für sich selbst, wenn er behauptete, daß "nützliche" Mathematik auf
jeden Fall eher für das Böse denn für das Gute gearbeitet habe, da ihre Anwendung
in erster Linie militärischer Natur gewesen sei. Er hielt die absolute Nutzlosig-
keit seiner eigenen Arbeit auf dem Gebiet der Zahlentheorie eher für eine positive
Tugend als für etwas, wofür er sich zu entschuldigen hätte:

Niemand hat bisher entdeckt, daß irgendeinem kriegsartigen Zweck durch die Zahlen-
theorie oder die Relativitätstheorie gedient werde, und es scheint noch für viele Jahre
sehr unwahrscheinlich, daß es jemandem gelingen wird.

Hardys eigene nahezu pazifistische Ansichten stammten aus der Zeit vor dem Ersten
Weltkrieg, aber keinem, der mit den Antikriegsbewegungen der dreißiger Jahre in
Berührung gekommen war, konnte der Eindruck verborgen bleiben, daß militäri-
sche Anwendungen gemieden werden sollten. Wenn Alan nun so etwas wie einen
Neue Männer 143

"kriegsartigen Zweck" im Spiel der Zeichen entdeckt hatte, dann sah er sich, zu-
mindest in Ansätzen, mit dem Dilemma des Mathematikers konfrontiert. Hinter den
beiläufigen, scherzhaften Zeilen an seine Mutter lag eine ernste Frage.

Inzwischen begannen die englischen Studenten, das Leben am Graduate College


mit Unterhaltungen nach ihrem Geschmack zu bereichern:

Einer der Commonwealth-Stipendiaten, Francis Price (nicht mit Maurice Pryce zu ver-
wechseln ... ), arrangierte unlängst ein Hockeyspiel zwischen dem Graduate College und
Vassar, einem College (amer.) bzw. einer Universität (eng!.) für Frauen, etwa 130
Meilen entfernt. Er bekam eine Mannschaft zusammen, von der nur die Hälfte jemals
zuvor gespielt hatte. Wir hatten eine Reihe von Vorbereitungsspielen und fuhren am
Sonntag in Autos nach Vassar. Es regnete etwas, als wir ankamen, und wir waren ent-
setzt, als man uns sagte, der Boden sei nicht bespielbar. Wir überredeten sie jedoch, uns
ein Pseudo-Hockeyspiel in ihrer Turnhalle spielen zu lassen, indem wir sie 11:3 besieg-
ten. Francis versucht gerade ein Revanchespiel zu arrangieren, das bestimmt auf einem
Spielfeld stattfinden wird.

Das Amateurhafte war trügerisch, denn Shaun Wylie, der Topologe, und Francis
Price, der Physiker, beide vom New College in Oxford, waren Spieler von nationa-
lem Rang. Alan war wohl kaum von derselben Spielstärke (selbst wenn er diesmal
nicht "den Gänseblümchen beim Wachsen zusah"), genoß aber die Spiele. Sie spiel-
ten bald dreimal in der Woche untereinander und manchmal gegen Mädchenschulen
aus der Umgebung.
Die schwächlichen Engländer, die ein Frauenspiel spielten, dürften die orts-
ansässigen Studenten wohl erstaunt haben, aber in den gehobeneren Kreisen gab
es eine etwas peinliche Anglophilie, in der all die muffigsten und manieriertesten
Aspekte des englischen Systems bewundert wurden. Im Sommer 1936 war die Ka-
pelle von Princeton überfüllt gewesen bei einem Gedächtnisgottesdienst für Georg V.
Da gab es einen Professor im Graduate College, der auf seiner Bewunderung für das
Königtum so herumritt, daß es gebildeten englischen Zuhörern nur vulgär erschien.
Was den Nachfolger Georg V. betraf, so schufen die Enthüllungen über die Mit-
telmeerkreuzfahrt von Edward VIII. und Mrs. Simpson in Princeton eine besondere
Sensation. Alan schrieb am 22. November an seine Mutter:

Ich schicke dir einige Zeitungsausschnitte über Mrs. Simpson als repräsentatives Muster
dessen, was wir hier zu diesem Thema erfahren. Ich nehme nicht an, daß Du überhaupt
von ihr gehört hast, aber für einige Tage war es hier "Stoff für die Titelseite".

In der Tat bewahrten die britischen Zeitungen ihr Stillschweigen bis zum 1. Dezem-
ber, an dem der Bischof von Bradford äußerte, der König bedürfe der Gnade Gottes,
und Baldwin seine Hand hob. Am 3. Dezember schrieb Alan:
144 Kapitel 3

Ich bin entsetzt über die Art, in der Leute versuchen, sich in die Heirat des Königs
einzumischen. Es mag sein, daß der König Mrs. Simpson nicht heiraten sollte, aber
es ist seine private Angelegenheit. Ich würde selbst keine Einmischung von Bischöfen
dulden, und ich sehe ebenso nicht ein, warum der König es müßte.

Aber die Heirat des Königs war keine Privatangelegenheit, sondern eine, die auf
den britischen Staat zurückwirkte. Es war eine prophetische Episode für Alan, der
"entsetzt" war über die Einmischung des Staates in das Leben eines Einzelnen.
Für seine gesellschaftliche Klasse lag das Entsetzen eher darin, daß der König selbst
König und Vaterland verraten hatte - ein viel beunruhigenderes logisches Paradoxon
als irgendeines, das Russell oder Gödel gefunden hatten.
Am 11. Dezember begannen die Windsors ihr schmetterlingshaftes Leben im
Exil, und die Herrschaft Georg VI. begann. Alan schrieb an jenem Tag:

Ich vermute, diese Sache mit der Abdankung des Königs hat eher wie ein Schock auf Dich
gewirkt. Ich nehme an, daß bis vor etwa zehn Tagen praktisch nichts über Mrs. Simpson
in England bekannt war. Ich bin ziemlich gespalten in meiner Meinung über die ganze
Angelegenheit. Zuerst war ich voll und ganz dafür, daß der König den Thron beibehält
und Mrs. Simpson heiratet, und wenn es nur darum ginge, wäre ich auch noch immer
dieser Ansicht. Ich habe allerdings in letzter Zeit Geschichten gehört, die es ziemlich
anders erscheinen erlassen. Wie es scheint, ging der König außerordentlich sorglos mit
Staatsdokumenten um, ließ sie herumliegen und ließ Mrs. Simpson und Freunde sie
sehen. Es war erschütternd viel durchgesickert. Auch noch ein oder zwei andere Dinge
dieser Art; aber dies ist es, worüber ich am meisten besorgt bin. Allerdings respektiere
ich David Windsor wegen seiner Haltung.

Alans Respekt erstreckte sich sogar auf den Erwerb einer Schallplatte mit der Ab-
dankungsrede. Er schrieb ferner am 1. Januar:

Es tut mir leid, daß Edward VIII. zur Abdankung gezwungen worden ist. Ich glaube, die
Regierung wollte ihn loswerden und fand in Mrs. Simpson eine gute Gelegenheit dazu.
Ob sie mit dem Versuch, ihn loszuwerden, klug gehandelt haben, ist eine andere Sache.
Ich respektiere Edward wegen seiner Courage. Was den Erzbischof von Canterbury
angeht, finde ich sein Verhalten schändlich. Er wartete ab, bis Edward sicher kaltgestellt
war und lud dann eine ganze Menge gänzlich unverlangter Beschimpfungen ab. Das
wagte er nicht zu tun, als Edward noch König war. Er hatte außerdem keine Einwände
gegen Mrs. Simpson als Geliebte des Königs, nur sie zu heiraten, das kam überhaupt
nicht in Frage. Ich sehe nicht, wie Du sagen kannst, daß Edward sich der Verschwendung
von Zeit und Intelligenz seiner Minister in einem kritischen Augenblick schuldig gemacht
habe. Es war Baldwin, der dieses Thema anschnitt.

Die Rundfunkrede des Erzbischofs vom 13. Dezember hatte den König denunziert,
seine Pflichten für nichts als "die Begierde nach privatem Glück" im Stich gelassen
zu haben. Der Verfolgung persönlichen Glücks war bei den britischen Herrschenden
niemals eine hohe Priorität zugestanden worden. Alans Ansichten über Heirat und
Neue Männer 145

Moral waren die eines Modemisten; in einer Diskussion im King's mit dem Theo-
logiestudenten und Altersgenossen Christopher Stead hatte er gesagt, daß Menschen
ihren natürlichen Gefühlen freien Lauf lassen sollten - und was Bischöfe anlangt,
eine von Mrs. Turing besonders geschätzte Personengruppe, verkörperten sie für ihn
das ancien regime. Er sprach mit Venable Martin, seinem amerikanischen Freund
aus Churchs Logikklasse, über die "sehr schäbige Art", in der der König behandelt
worden war.
Über die Arbeit schrieb er am 22. November an Philip Hall:

Ich habe hier drüben keine besonders aufregenden Entdeckungen gemacht, aber ich werde
wahrscheinlich zwei oder drei kleine Arbeiten veröffentlichen: nur Kleinkram. Eine da-
von wird ein Beweis der Hilbertungleichung sein, wenn er sich tatsächlich als neu her-
ausstellen sollte, und eine andere über Gruppen, die ich vor ungefähr einem Jahr gemacht
habe und die Baer für veröffentlichenswert hält. Ich werde diese Sache aufschreiben und
mich dann erneut an der Mathematischen Logik versuchen.
Ich finde, daß "Go" hier zur Zeit nur sehr wenig gespielt wird, aber ich hatte zwei
oder drei Spiele.
Princeton paßt mir sehr gut. Außer ihrer Sprechweise gibt es nur einen - nein zwei! -
Aspekte des amerikanischen Lebens, die ich wirklich lästig finde, die Unmöglichkeit, ein
Bad im üblichen Sinn zu nehmen, und ihre Vorstellungen von Zimmertemperatur.

Mit "ihrer Sprechweise" bezog sich Alan zum Beispiel auf folgende Beschwerde4 :

Diese Amerikaner haben verschiedene Eigenheiten der Konversation, die irgendwie auf-
horchen lassen. Wann immer du ihnen für irgend etwas dankst, sagen sie: "You're
welcome." Zuerst mochte ich es eher, weil ich dachte, ich sei willkommen, doch jetzt
finde ich, daß es zurückkommt wie ein an eine Wand geworfener Ball, und werde ziem-
lich mißmutig. Eine andere Angewohnheit, die sie haben, ist, das von Autoren als "Aha"
beschriebene Geräusch zu machen. Sie verwenden es, wenn sie keine passende Antwort
auf eine Bemerkung haben, aber glauben, daß Schweigen unhöflich sein könnte.

Die Druckfahnen von On Computable Numbers waren ihm sofort nach seiner An-
kunft nach Princeton geschickt worden. Die Veröffentlichung der Arbeit stand un-
mittelbar bevor. Alonzo Church hatte mittlerweile vorgeschlagen, daß Alan eines
der regulären Seminare abhalten könne, um seine Entdeckung in den Hauptstrom
der Mathematik in Princeton einzubringen. Am 3. November hatte er nach Hause
geschrieben:

Church hat mir gerade vorgeschlagen, daß ich einen Vortrag über meine Berechenbaren
Zahlen für den Mathematischen Klub hier halten soll. Ich hoffe, ich werde eine Möglich-
keit dazu erhalten können, da es der Sache zu ein wenig Aufmerksamkeit bei den Leuten
verhelfen wird. Ich erwarte, daß der Vortrag nicht so bald stattfinden wird.

Tatsächlich mußte er lediglich einen Monat warten, aber dann gab es da eine
Enttäuschung:
146 Kapitel 3

Mein Vortrag im Maths Club am 2. Dez. war ziemlich schlecht besucht. Man sollte
einen Ruf haben, wenn man hofft, angehört zu werden. In der auf meinen Vortrag
folgenden Woche kam G.D. Birkhoff herunter. Er hat einen sehr guten Ruf, und der
Raum war proppenvoll. Aber sein Vortrag entsprach ganz und gar nicht den Ansprüchen.
Tatsächlich lachte jeder nachher darüber.

Es war ebenfalls enttäuschend, daß es, als On Computable Numbers im Januar 1937
endlich im Druck erschien, so wenig Reaktion gab. Church rezensierte die Arbeit
für das Journal 0/ Symbolic Logic und brachte damit die Bezeichnung "Turing-
Maschine" in eine veröffentlichte Form. Aber nur zwei Personen baten um Separata:
Richard Braithwaite daheim am King's und Heinrich Scholz5 , der nahezu einzige
in Deutschland verbliebene Repräsentant der Logik. Er schrieb zurück, er habe
in Münster ein Seminar darüber abgehalten und bat fast klagend um zwei Kopien
jedweder zukünftiger Arbeiten, wobei er erklärte, wie schwierig es im übrigen für
ihn sei, sonst mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Die Welt war jetzt für die
Mathematik kaum noch ein einziges Land. Alan schrieb am 22. Februar nach Hause:

Ich habe zwei Briefe mit der Bitte um Separatdrucke bekommen. ... Sie schienen sehr
an der Arbeit interessiert. Ich denke, sie macht möglicherweise einen gewissen Eindruck.
Ich war enttäuscht von ihrer Aufnahme hier. Ich erwartete, daß Weyl, der vor einigen
Jahren an etwas ziemlich eng damit Zusammenhängendem gearbeitet hatte, wenigstens
ein paar Bemerkungen gemacht hätte.

Er hätte ebenso von John von Neumann ein paar Bemerkungen darüber erwarten
können. Hier war ein wirklich mächtiger Zauberer, der gegen Alans Version der
unschuldigen Dorothy spielte. Wie Weyl hatte auch er sich sehr für Hilberts Pro-
gramm interessiert und einmal die Hoffnung gehegt, es zu vollenden, obwohl sein
aktives Interesse an Mathematischer Logik mit Gödeis Theorem geendet hatte. Er
behauptete einmal6 , daß er nach 1931 keine weitere Arbeit über Logik gelesen habe.
Aber das war bestenfalls eine Halbwahrheit, denn er war ein ungeheurer Leser, der
arbeitete, lange bevor irgend jemand am Morgen aufstand, und der die ganze Skala
mathematischer Literatur überblickte. Doch es fand sich kein Wort über ihn in Alans
Briefen an seine Mutter oder an Philip Hall.
Was die allgemeine Leserschaft der Proceedings der LMS anlangt, so gab es eine
Reihe von Gründen, die es unwahrscheinlich machten, daß Alans Arbeit Eindruck
auf sie machen würde. Mathematische Logik schien ein marginales Forschungsge-
biet zu sein, das in den Augen vieler Mathematiker entweder sorgfaltig ausführte,
was ohnedies offensichtlich war, oder Schwierigkeiten erzeugte, wo in Wirklichkeit
gar keine existierten. Der Text fing interessant an, verlief sich aber bald (in typi-
scher Turing-Manier) in einem Dickicht obskurer deutscher gotischer Lettern, wenn
es darum ging, seine Instruktionstabellen für die universelle Maschine zu entwickeln.
Die letzten, die sich das angeschaut hätten, waren die angewandten Mathematiker,
die in einigen Gebieten, wie zum Beispiel der Astrophysik oder der Strömungs-
Neue Männer 147

dynamik, auf praktische Berechnung angewiesen waren, in denen die Gleichungen


keine explizite Lösung zuließen. Sie wurden auch nicht gerade dazu ermuntert, denn
On Computable Numbers machte keine Zugeständnisse an die Durchführbarkeit des
Entwurfs, nicht einmal für den beschränkten Bereich logischer Probleme, auf die
die Maschinen in der Arbeit selbst angewandt wurden. So hatte er zum Beispiel
die Konvention aufgestellt, daß die Maschinen die "berechenbaren Zahlen" auf al-
ternierende Felder des Bandes drucken und die jeweils dazwischenliegenden Felder
als Arbeitsbereich verwenden sollten. Aber es wäre viel einfacher gewesen, wenn
er für den Arbeitsbereich mehr Raum gelassen hätte. Es gab also wenig an seiner
Arbeit, um irgend jemanden außerhalb des engen Zirkels der Mathematischen Logik
anzuziehen - mit der möglichen Ausnahme reiner Mathematiker, die sich für die
Unterscheidung zwischen den berechenbaren Zahlen und den reellen Zahlen inter-
essierten. Sie hatte offensichtlich nichts mit dem zu tun, was Lancelot Hogben "die
Arbeit der Weit" nannte.
Es gab eine Person, eine von den wenigen, die ein professionelles Interesse
an Mathematischer Logik hatten, die die Arbeit mit sehr beträchtlicher persönlicher
Anteilnahme las. Es war Emil Post, ein polnisch-amerikanischer Mathematiker, der
am City College von New York lehrte und der seit Beginn der zwanziger Jahre
einige von Gödeis und Turings Ideen in unveröffentlichter Form vorweggenommen
hatte 7 . Im Oktober 1936 hatte er eine Arbeit bei Churchs Journal 0/ Symbolic
Logic eingereicht8 , in der er eine Methode zur Präzisierung dessen vorschlug, was
es hieß, "ein allgemeines Problem zu lösen". Die Arbeit bezog sich insbesondere auf
diejenige von Church, in der er das Hilbertsche Entscheidungsproblem löste, aber die
Annahme benötigte, daß jedes "genau festgelegte Verfahren" sich als eine Formel
in seinem Lambda-Kalkül darstellen ließ. Post schlug vor, daß unter einem "genau
festgelegten Verfahren" eines zu verstehen sei, das in Form von Anweisungen für
einen verstandlosen "Arbeiter" geschrieben werden könnte, der an einer unendlichen
Reihe von "Boxen" arbeitete und der dazu in der Lage wäre, die Anweisungen zu
lesen, sowie

(a) die Box, in der er sich befindet, zu markieren (als leer angenommen),
(b) die Markierung der Box, in der er sich befindet, zu entfernen (als markiert ange-
nommen),
(c) sich zu der Box zu seiner Rechten zu begeben,
(d) sich zu der Box zu seiner Linken zu begeben
(e) festzustellen, ob die Box, in der er sich befindet, markiert ist oder nicht.

Es war eine sehr bemerkenswerte Tatsache, daß Posts "Arbeiter" genau dieselbe
Reihe von Aufgaben auszuführen hatte wie die Turing-"Maschine". Ferner stimmte
die Ausdrucksweise mit der "Anweisungs"-Interpretation von Alan überein. Die
bildliche Vorstellung rührte offensichtlich vom Fließband her. Posts Arbeit war weit
weniger ehrgeizig als On Computable Numbers. Er entwickelte weder einen "uni-
148 Kapitel 3

versellen Arbeiter", noch ging er selbst auf das Hilbertsche Entscheidungsproblem


ein. Auch fanden sich nirgendwo Überlegungen über "Denkzustände". Aber er ver-
mutete richtig, daß seine Formulierung die konzeptuelle Lücke schließen würde, die
Church offen gelassen hatte. Das wurde ihm lediglich um ein paar Monate von der
Turing-Maschine vorweggenommen und Church mußte bestätigen, daß die Arbeit
völlig unabhängig zustande gekommen war. Selbst wenn es Alan Turing also nicht
gegeben hätte, seine Idee wäre bald in der einen oder anderen Form aufgetaucht.
Das mußte so sein. Es war die notwendige Brücke zwischen der Welt der Logik
und der Welt, in der Menschen handelten.

Anders betrachtet war es genau diese Brücke zwischen der Welt der Logik und
der Welt menschlichen Handeins, die Alan Turing so viel zu schaffen machte. Ideen
zu haben war eine Sache, aber eine ganz andere war es, diese der Welt nahe zu
bringen. Die jeweiligen Vorgänge waren völlig verschieden. Ob es Alan gefiel oder
nicht, sein Gehirn war in ein spezifisches akademisches System eingegliedert, das,
wie jede menschliche Organisationsform, am besten auf diejenigen reagierte, die die
Fäden zogen und Verbindungen schufen. Aber wie seine Zeitgenossen ihn sahen,
war er in dieser Hinsicht die am wenigsten "politische" Person. Er erwartete viel-
mehr, daß die Wahrheit sich durch Zauberei durchsetzte und hielt Eigenpropaganda
durch Zurschaustellung seiner "Waren" im Schaufenster für ein zu schmutziges und
belangloses Geschäft, um sich darum zu kümmern. Eines seiner Lieblingsworte war
"phoney", das er auf jeden anwandte, der irgendeine Position oder Stellung aufgrund
von etwas erlangt hatte, das Alan für eine unangemessene Grundlage intellektueller
Autorität hielt. Es war ein Wort, das er auf den Gutachter für eine der gruppentheo-
retischen Arbeiten, die er im Frühjahr einreichte, anwandte. Dessen Kritik hatte aus
einem Mißverständnis bestanden.
Er wußte, daß er sich mehr für seine eigenen Angelegenheiten einsetzen sollte,
und er konnte nicht umhin festzustellen, daß sein. Freund Maurice Pryce jemand war,
der intellektuelle Fähigkeiten besaß und sich auch darauf verstand, daß sie auf das
Vorteilhafteste zur Geltung kamen.
Beide hatten viel hinter sich gebracht seit jener Woche im Trinity im Dezember
1929. Alan war der erste von ihnen, der zum Fellow gewählt worden war (dank
des King's großzügiger Beurteilung seines Dissertationsthemas). Aber Maurice war
soeben zum Fellow of Trinity ernannt worden, was um das i-Tüpfelchen beein-
druckender war. Und jeder konnte sehen, daß er der aufsteigende Stern war. Ihre
Interessen hatten sich in komplementärer Weise entwickelt, denn Maurice hatte die
Quantenelektrodynamik gewählt und gleichzeitig ein Interesse an reiner Mathematik
aufrechterhalten. Aber beide waren gleichermaßen an Grundlagenfragen interessiert.
Sie hatten sich recht häufig in Vorlesungen in Cambridge getroffen und gelegent-
lich beim Tee Aufzeichnungen ausgetauscht. Es war durchgedrungen, daß die Pryces
ebenfalls in Guildford lebten, und Maurice war einmal zum Tee in 8 Ennismore Ave-
Neue Männer 149

nue eingeladen worden, wo ihn Mrs. Turing als einen der Hilfe würdigen Annen
von der Grammar School willkommen geheißen hatte. Alan hatte das Laboratorium
besucht und bewundert, das Maurice in der Garage der Pryces aufgebaut hatte.
In Princeton war Maurice in seinem ersten Jahr von Wolfgang Pauli, dem öster-
reichischen Quantenphysiker, betreut worden, aber in diesem Jahr befand er sich
in kaum merklicher Weise unter den Fittichen von Neumanns. Maurice kannte
jeden, und jeder kannte ihn. Man sah ihn bei den verschwenderischen Parties der
von Neumanns, Spektakeln "wie Opern des 18. Jahrhunderts" - wenn es auch in
diesem Jahr weniger davon gab, weil die Ehe der von Neumanns in Schwierigkeiten
war. Und wenn irgendeiner der englischen Graduate Students John von Neumann
kennenlernen und in ihm einen geselligen, freizügigen Mann, ja einen vorgeblichen
Playboy mit enzyklopädischem Wissen sehen sollte, dann war es Maurice Pryce -
und gewiß nicht Alan Turing. Aber am anderen Ende der Skala war es wiederum
Maurice, der es verstand, den einsiedlerischen Hardy in ein Gespräch zu verwickeln.
Er konnte mit jedennann zurechtkommen, und tatsächlich war er es, der selbst Alan
das Gefühl vennittelte, in der Neuen Welt willkommen zu sein.
Das King's hatte Alan von den unangenehmeren Ellbogentechniken des aka-
demischen Daseins abgeschinnt, die in Amerika stärker zum Vorschein kamen. Er
paßte nicht besser in den amerikanischen Traum vom Gewinnen durch Wettbewerb
als in das konservative britische Bild vom Leben, das darin bestand, eine vorge-
schriebene Rolle im System zu spielen.
Das King's hatte ihn aber auch auf andere Weise vor der harten Wirklichkeit
abgeschinnt. In Cambridge konnte er darüber Witze machen. Als Victor im Mai
1936 zu Besuch war, hatte es einen kleinen Skandal gegeben. Ein gewisser alter
Shirburnianer war mit "einer Dame" in seinem Zimmer erwischt worden und mußte
die Universität verlassen. Alan bemerkte dazu trocken, daß es keine Sünde sei, der
er sich schuldig machen würde. Alan war kein Jammerer und versuchte immer Sinn
für Humor zu zeigen, aber es war nichts besonders Komisches an dem Problem, das
ihm bei seinem Debut in der Welt bevorstand.
In Back to Methusaleh stellte sich Bernard Shaw superintelligente Wesen des
Jahres 31.920 nach Christus vor, die den Beschäftigungen mit Kunst, Wissenschaft
und Sex ("diese kindischen Spiele - dieses Tanzen und Singen und sich Paaren")
entwachsen und sich abwenden, um über Mathematik nachzudenken. ("Sie ist faszi-
nierend, einfach faszinierend. Ich möchte von unserem ewigen Tanzen und der Mu-
sik loskommen und nur noch allein für mich dasitzen und über Zahlen nachdenken.")
Das war alles schön und gut für Shaw, für den Mathematik intellektuelle Fragen jen-
seits seiner Reichweite symbolisieren konnte. Aber Alan mußte mit vierundzwanzig
über Mathematik nachdenken, als er noch ganz und gar nicht der "kindischen Spiele"
überdrüssig geworden war. Er teilte sein Denken nicht in starr separierte Abteilun-
gen und sagte einmal, daß er sexuelles Vergnügen aus der Mathematik gewinne. Mit
seinem neuen Freund Venable Martin besuchte er H.P. Robertsons Vorlesungen über
150 Kapitel 3

Relativitätstheorie Anfang 1937 und ging auch Kanufahren, möglicherweise auf dem
Fluß, der den Carnegie Lake speiste. An einem Punkt "deutete er indirekt" Interesse
daran an, eine homosexuelle Beziehung zu haben, aber sein Freund machte deutlich,
daß er daran nicht interessiert war9 . Alan schnitt das Thema nie wieder an und es
berührte ihr Verhältnis in anderen Dingen nicht.
Der Dichter aus New Jersey hätte verstanden. Aber A1an sah nicht das Ame-
rika von Walt Whitman, er sah nur das Land sexueller Prohibition. Das Land von
Daddy und Mama hatte Homosexualität zu einer zutiefst un-amerikanischen Aktivität
erklärt, besonders seit Beginn des großen Reinemachens im zwanzigsten Jahrhun-
dert. In Princeton gab es keinen, der von einem "ziemlich normalen, bisexuellen
Mann" sprach. A1an hatte Glück, von einem so toleranten Menschen wie Venable
Martin abgewiesen worden zu sein.
Er sah sich der Schwierigkeit gegenübergestellt, mit der jede homosexuelle Per-
son konfrontiert war, die erfolgreich die inneren psychologischen Konflikte gelöst
hatte, wie sie das Aufwachen in einer Spiegel-Welt begleiteten. Das individuelle
Denken war nicht die ganze Geschichte; es gab da auch noch eine soziale Wirklich-
keit, die ganz und gar nicht das Spiegelbild heterosexueller Institutionen war. Die
ausgehenden dreißiger Jahre boten ihm keine Hilfe an, damit zurechtzukommen. Mit
Ausnahme einiger, die Augen dafür hatten, die stilisierte Heterosexualität von Fred
Astaire und Busby Berkeley zu durchschauen, bevorzugte jene Zeit immer starrere
Modelle von "männlich" und "weiblich". Es gab zwar all die Zeit auch ein ganz
anderes Amerika des "Cruising" um Häuserblocks und in Dampfbädern und Nacht-
bars, aber für einen Alan Turing hätte dies ebensogut auf einem anderen Planeten
sein können. Er war nicht bereit zu der sozialen Anpassung, die seine Sexualität,
wenigstens außerhalb von Cambridge, erforderte.
Er könnte durchaus gespürt haben, daß es keine akzeptable Anpassung gab;
daß dieses spezielle Leib-Seele-Problem keine Lösung hatte. Zunächst einmal be-
wahrte ihn seine Schüchternheit vor der Konfrontation mit dieser sozialen Realität,
und er versuchte, auf einer individuellen Ebene zurechtzukommen, mit dezenten
Annäherungsversuchen bei einigen derer, die er durch seine Arbeit traf. Es war kein
großer Erfolg.
Alan verbrachte allerdings eine gewisse Zeit um "Thanksgiving" in New York.
Doch war dies darauf zurückzuführen, daß er pflichtgemäß die Einladung eines
rechtsgerichteten Kirchenmannes annahm, der ein Freund von Vater Underhill*
war, Mrs. Turings Lieblingspriester. ("Er ist eine Art von amerikanisehern Anglo-
Katholiken. Ich mochte ihn, fand ihn aber ein wenig zu reaktionär. Er schien nicht
allzuviel für Präsident Roosevelt übrig zu haben.") Alan verbrachte seine Zeit da-
mit, "in Manhattan herumzuspazieren", sich "an dessen Verkehr und die Subways
(Underground) gewöhnend", und ging ins Planetarium. Von größerer Bedeutung für

* Er wurde 1937 Bischof von Bath und WeHs.


Neue Männer 151

Alans emotionalen Zustand war vielleicht der Weihnachts urlaub, als Maurice Pryce
ihn für zwei Wochen auf eine Skireise in New Hampshire mitnahm:

Er schlug vor, am 16. zu fahren, und am 18. reisten wir ab. Ein Mann, der Wannier
hieß, gesellte sich im letzten Moment zu der Gruppe hinzu. Wahrscheinlich gerade
recht; ich streite immer, wenn ich mit einem Begleiter in die Ferien fahre. Es war
sehr nett von Maurice, mich darum zu bitten, ihn zu begleiten. Er ist sehr freundlich
zu mir gewesen, solange ich hier war. Wir verbrachten die ersten paar Tage in einer
Hütte, in der wir die einzigen Gäste waren. Danach fuhren wir an einen Ort, wo schon
mehrere Commonwealth Fellows waren und andere verschiedener Nationalität. Warum
wir umzogen, weiß ich nicht, aber ich denke, Maurice wollte mehr Gesellschaft.

Vielleicht wollte Alan Maurice mehr für sich allein, denn sein Freund war so
etwas wie ein erwachsener Christopher Morcom. Sie fuhren zurück durch Boston,
wo ihr Auto eine Panne hatte, und kehrten schließlich heim:

Maurice und Francis Price arrangierten am letzten Sonntag eine Party mit einer Schatz-
suche. Es gab 13 Hinweise der verschiedensten Art, Kryptogramme, Anagramme und
anderes, mir völlig Unbekanntes. Es war alles sehr raffiniert durchdacht, aber ich tauge
nicht viel dafür.

Ein Hinweis war "Rolle des verschmitzten Franziskaners", der die Leute witziger-
weise in das Badezimmer, das Francis Price und Shaun Wylie sich teilten, lockte, da-
mit sie dort den nächsten Hinweis im Toilettenpapier fänden. Shaun Wylie selbst war
verblüffend gut mit Anagrammen. Die Schatzsuche erheiterte die ernsteren Ameri-
kaner durch ihren "Studentenhumor" und ihre "typisch englische Schrulligkeit". Es
gab Scharaden und Lesungen mit verteilten Rollen, an denen Alan teilnahm. Über
Mittag spielten sie Schach und Go und ein weiteres, "Psychologie" genanntes Spiel.
Tennis begann, als der Schnee schmolz, und das Hockeyspiel wurde energisch wei-
terverfolgt. "Virago Delenda Est", schrieb Francis Price auf das Anschlagsbrett, als
sie zu einem Auswärtsspiel aufbrachen, und ein kühnerer Geist strich das erste "a"
weg. Auf den Spielfeldern von Princeton, von denen aus sie im Mai 1937 zusehen
konnten, wie die Flammen der Hindenburg den Horizont erleuchteten, probten die
neuen Männer eine anglo-amerikanische Allianz.
Alan genoß dies alles, aber sein gesellschaftliches Verhalten war eine Scha-
rade. Wie jeder homosexuelle Mann lebte er ein Imitationsspiel, nicht im Sinn
von bewußtem Rollenspiel, sondern weil er als eine Person akzeptiert wurde, die
er nicht war. Die anderen dachten ihn gut zu kennen, was in konventioneller Hin-
sicht auch der Fall war; aber sie nahmen die Schwierigkeit nicht wahr, mit der er
als Individualist im Widerstreit mit den Gegebenheiten der Welt konfrontiert war.
Er mußte sich selbst als Homosexueller in einer Cesellschaft wiederfinden, die ihr
bestes tat, die Existenz der Homosexualität zu zermalmen. Und, weniger akut, doch
als Problem in seinem Leben ebenso dauerhaft: Er mußte sich einem akademischen
152 Kapitel 3

System anpassen, das nicht auf seine besondere Art zu denken zugeschnitten war.
In beiden Fällen mußte sein autonomes Ich bloßgestellt und verletzt werden. Das
waren keine Probleme, die sich durch Verstand allein lösen ließen, denn sie erwuch-
sen infolge seiner physischen Verankerung in der sozialen Welt. Tatsächlich gab es
keine Lösungen, nur Wirrwarr und Zufälle.
Anfang Februar 1937 kamen die Separatdrucke von On Computable Numbers
an, und einige davon schickte er an gute Freunde. Einer ging an Eperson (der
inzwischen Sherbome mit der passenderen Kirche von England vertauscht hatte)
und einer an James Atkins, der inzwischen die Laufbahn eines Lehrers ergriffen
hatte und Mathematik an der Walsall Grammar School unterrichtete. James bekam
auch einen Brief10 von Alan, der auf ziemlich distanzierte Weise schilderte, daß er
sich niedergeschlagen gefühlt habe und der erwähnte, daß er sogar an einen Plan
gedacht habe, um seinem Leben ein Ende zu setzen. Darin spielten ein Apfel und
elektrische Kabel eine Rolle.
Vielleicht war das ein Fall von Depression nach dem Triumph; die Arbeit an
On Computable Numbers wäre wie eine Liebesaffare gewesen, die jetzt bis auf das
Wegkehren der Scherben vorbei war. Er stand nun vor dem Problem weiterzu-
machen. Hatte er den Geist getötet? War seine Arbeit eine "Sackgasse"? Er hatte
etwas getan, aber wozu war es gut? Es war recht gut und schön für Bemard Shaws
utopische Figuren, allein von der Wahrheit zu leben, aber das hieß, eine Menge von
Alan zu verlangen. Es war wirklich nicht sein Ideal. "Was nun die Frage anlangt,
warum wir überhaupt Körper haben; warum wir nicht frei als Geister leben oder
leben können und als solche kommunizieren; wir könnten es wahrscheinlich tun,
aber es gäbe dann überhaupt nichts zu tun. Der Körper verschafft dem Geist etwas,
wofür er sorgen und was er behüten kann." Aber was sollte sein Körper tun, ohne
den Verlust der Unschuld oder die Gefährdung der Wahrheit?

Die Monate Januar bis April 1937 wurden ausschließlich mit der Fertigstellung
einer Arbeit über den Lambda-Kalkül und von zwei Arbeiten über Gruppentheorie
verbracht 11 . Davon stellte die Logikarbeit eine kleine Weiterentwicklung von Klee-
nes Ideen dar. Die erste gruppentheoretische Arbeit schloß Ergebnisse ein, die mit
dem Arbeitsgebiet Reinhold Baers zu tun hatten, des deutschen Algebraikers, der
jetzt am lAS war. Das meiste davon hatte Alan schon 1935 gemacht. Aber die
zweite Arbeit war ein neuer Ansatz, der durch den Kontakt mit von Neumann ent-
stand. Es ging dabei um eine von dem emigrierten polnischen Mathematiker S. Ulam
aufgestellte Frage, ob kontinuierliche Gruppen durch endliche Gruppen approximiert
werden konnten, etwa so wie die Approximation einer Kugel durch Polyeder. Von
Neumann hatte das Problem an Alan weitergegeben, der bis April zu einer Lösung
kam und diese dann einreichte. Das war schnelle Arbeit, wenn auch mit einem
negativen Resultat. Alan hatte gezeigt, daß kontinuierliche Gruppen im allgemeinen
Neue Männer 153

nicht auf diese Weise approximiert werden konnten. Noch nahm er, wie er schrieb,
"diese Sachen so ernst wie die Logik."
Währenddessen hatte sich die Möglichkeit ergeben, für ein weiteres Jahr in
Princeton zu bleiben. Alan schrieb am 22. Februar nach Hause:

Ich ging gestern zum üblichen Sonntags tee der Eisenharts, und sie redeten nachein-
ander auf mich ein und versuchten mich zu überreden, noch ein weiteres Jahr zu blei-
ben. Mrs. Eisenhart führte hauptsächlich soziale oder halb moralische, halb soziologische
Gründe dafür an, warum es eine gute Sache wäre, ein zweites Jahr zu absolvieren. Der
Dekan machte Andeutungen, daß ich das Procter-Stipendium nur zu beantragen brauchte,
um es zu erhalten (das sind $2.000 p.a.). Ich sagte, ich glaubte das King's würde es
wahrscheinlich vorziehen, daß ich zurückkehre, gab aber ein loses Versprechen ab, daß
ich dort in der Angelegenheit sondieren würde. Die Leute, die ich hier kenne, werden alle
weggehen und mir behagt die Idee, einen langen Sommer in diesem Land zu verbringen,
nicht besonders. Ich würde gerne wissen, ob ihr irgendeine Meinung zu dem Thema habt.
Ich denke, es ist höchst wahrscheinlich, daß ich nach England zurückkommen werde.

Dekan Eisenhart war ein altmodischer Herr, der sich in seinen Vorlesungen dafür ent-
schuldigte, daß er von der modernen abstrakten Gruppentheorie Gebrauch machte.
Und er war sehr gütig. Er und seine Frau unternahmen edle Anstrengungen, die
Studenten bei ihren Teeparties zu unterhalten. Was auch immer seine Eltern mein-
ten, Philipp Hall hatte Alan jedenfalls die Stellenausschreibungen für Cambridge-
Dozenturen geschickt, und Alan hätte eine solche Stelle sicher vorgezogen, wenn er
eine davon hätte bekommen können. Eine Dozentur bedeutete effektiv eine permante
Unterkunft in Cambridge. Dies war die einzige mögliche Lösung seiner Lebenspro-
bleme und außerdem die fällige Anerkennung seiner Leistungen. Alan schrieb ihm
am 4. April zurück:

Ich bewerbe mich darum, setze aber ziemlich viel dagegen, daß ich sie bekomme.

Er schrieb auch an seine Mutter, die gerade dabei war, eine Pilgerfahrt nach Palästina
anzutreten:

Maurice und ich bewerben uns beide, aber ich nehme nicht an, daß irgendeiner von uns
sie bekommen wird: Ich glaube, es ist gut, früh damit anzufangen, sich um diese Dinge
zu bewerben, sozusagen um seine Existenz anerkannt zu bekommen. Es ist etwas, das
ich eher zu vernachlässigen neige. Maurice ist sich viel mehr dessen bewußt, was richti-
gerweise zu tun ist, um seine Karriere zu fördern. Er unternimmt große gesellschaftliche
Anstrengungen bei den mathematischen Oberhäuptlingen.

Wie er es vorausgesagt hatte, erhielt er keine Berufung nach Cambridge. Ingham


schrieb vom King's und ermutigte ihn, noch ein weiteres Jahr zu bleiben, und das
führte zu seinem Entschluß. Alan schrieb am 19. Mai:
154 Kapitel 3

Ich habe mich gerade dazu entschlossen, noch ein weiteres Jahr hier zu verbringen, aber
ich werde für den größten Teil des Sommers nach England zurückgehen, in Übereinstim-
mung mit dem ursprünglichen Programm. Vielen Dank für Dein Angebot, mir dabei zu
helfen: Ich werde es nicht annehmen müssen, da ich ein reicher Mann sein werde, wenn
ich dieses Procter bekomme, wie der Dekan andeutete. Und andernfalls gehe ich nach
Cambridge zurück. Ein weiteres Jahr hier unter denselben Bedingungen wäre wohl eher
eine Extravaganz ....
Mein Schiff geht am 23. Juni. Ich könnte möglicherweise noch ein wenig hier
herumreisen bevor das Schiff fährt, da sich hier während des nächsten Monats sehr
wenig abspielen wird und es nicht gerade eine fürchterlich gute Zeit des Jahres zum
Arbeiten ist. Wahrscheinlicher ist, daß ich es nicht tue, da ich für gewöhnlich nicht um
des Reisens willen reise.
Ich bedaure es, daß Maurice im nächsten Jahr nicht hier sein wird. Es war sehr gut
auszukommen mit ihm.
Ich bin froh darüber, daß sich die Königliche Familie dem Kabinett bei dessen
Versuch, die Heirat Edward VIII. mit Stillschweigen zu behandeln, widersetzt.

Da er ein weiteres Jahr blieb, beschloß er, den Doktorgrad (PhD) zu erwerben, wie
Maurice es getan hatte. Für seine Dissertation hatte Church ein Thema vorgeschla-
gen, das in seinem Vorlesungskurs zur Sprache gekommen war und in Bezug zu
den Implikationen von Gödeis Theorem stand. Alan hatte im März geschrieben, er
arbeite "einige neue Ideen in Logik aus. Nicht so gut wie die berechenbaren Zahlen,
aber ziemlich vielversprechend." Diese Ideen sollten ihn weiterbringen.
Was das Procter-Stipendium anlangt, so fiel es ihm tatsächlich in den Schoß. Da
es die Sache des Vizekanzlers der Universität Cambridge war, den Stipendiaten zu
benennen, wurden Empfehlungsschreiben an ihn geschickt. Eines davon war vom
Zauberer persönlich, der schrieb: 12

1. Juni 1937
Sir,
Mr. A.M. Turing hat mich davon in Kenntnis gesetzt, daß er sich in Cambridge
um ein Procter-Gaststipendium an der Universität Princeton für das akademische Jahr
1937-1938 bewirbt. Ich möchte seine Bewerbung unterstützen und sie darüber infor-
mieren, daß ich Mr. Turing sehr gut aus vorangegangenen Jahren kenne: während des
letzten Trimesters von 1935, als ich Gastprofessor in Cambridge war, und während 1936-
1937, dem Jahr, das Mr. Turing in Princeton verbracht hat, hatte ich Gelegenheit, seine
wissenschaftliche Arbeit zu beobachten. Er hat gute Arbeit geleistet in Gebieten der
Mathematik, für die ich mich interessiere, als da wären: Theorie der fastperiodischen
Funktionen und Theorie der Kontinuierlichen Gruppen.
Ich denke, daß er ein höchst würdiger Kandidat für das Procter-Stipendium ist, und
ich wäre sehr froh, wenn es Ihnen möglich sein sollte, eines an ihn zu vergeben.
Hochachtungsvoll, John von Neumann

Von Neumann dürfte darum gebeten worden sein, den Brief zu schreiben, da sein
Name so großes Gewicht hatte. 'Aber warum erwähnte er On Computable Numbers
Neue Männer 155

mit keiner Silbe, eine weitaus substantiellere Arbeit als die Arbeiten, auf die er sich
bezog? Hatte Alan es versäumt, ihn darauf aufmerksam zu machen, selbst als die
Arbeit schon gedruckt vorlag und Separatdrucke verschickt worden waren? Wenn
Alan ein entree bei lohn von Neumann gehabt hatte, war das erste, was er hätte
tun sollen, es dazu zu nutzen, die Aufmerksamkeit auf On Computable Numbers
zu lenken. Es wäre typisch für das, was als sein Mangel an praktischer Vernunft
angesehen wurde, wenn er zu schüchtern gewesen sein sollte, dem "mathematischen
Oberhäuptling" seine Arbeit aufzudrängen.

Entgegen Alans Vorhersage und vielleicht zu seinem leichten Kummer hatte der
tapfere Maurice Pryce eine Dozentur in Cambridge erhalten, so wie auch Ray Lyttle-
ton, der derzeitige Procter-Stipendiat. Schließlich machte Alan doch einige Reisen,
denn Maurice Pryce verkaufte ihm seinen Wagen, einen 1931er Ford V8, mit dem
er den gesamten Kontinent auf der Fahrt im Sommer 1936 bereist hatte, die zu un-
ternehmen er als Commonwealth Fellow verpflichtet gewesen war. Maurice brachte
ihm das Fahren bei, was keine leichte Aufgabe war, da Alan manuell ungeschickt
war und nicht gut mit Maschinen umgehen konnte. Einmal wäre er fast rückwärts
in den Camegie Lake gefahren und hätte sie beide ertränkt. Etwa am 10. luni bra-
chen sie dann gemeinsam zu einem Besuch der Verwandten der Familie Turing auf.
Mrs. Turing hatte Alan zweifellos seit langem dazu gedrängt. Es handelte sich um
einen Cousin mütterlicherseits von ihr, der aus Irland emigriert war. lack Crawford,
inzwischen nahezu siebzig, war Rektor im Ruhestand von Wakefield, Rhode Island.
Der Besuch stellte sich gar nicht als die erwartete grimmige Plage konventio-
neller Höflichkeit heraus, denn Alan mochte lack Crawford, der in seiner lugend
am damals königlichen College of Science in Dublin studiert hatte:

Ich habe die Zeit bei Cousin Jack genossen. Er ist ein energiegeladener alter Kauz. Er hat
ein kleines Observatorium mit einem von ihm selbst gebauten Teleskop. Er erzählte mir
alles über das Schleifen von Spiegeln ... Ich denke, er macht Tante Sybil Konkurrenz
für das Verwandtschaftsverdienstdiplom. Cousine Mary ist ein kleines Ding, das man
nehmen und in die Tasche stecken könnte. Sie ist sehr gastfreundlich und ziemlich
furchtsam: sie verehrt Cousin Jack.

Sie waren gewöhnliche Leute, bei denen sich Alan mehr zu Hause fühlte als bei den
großen Figuren in Princeton. In ihrer altmodischen ländlichen Art brachten sie Alan
und Maurice im selben Doppelbett unter.
Alan durchbrach in dieser Nacht den bislang zu Maurice gewahrten Abstand.
Maurice war erstaunt - er hatte nicht den geringsten Verdacht gehabt. Alan ent-
schuldigte sich und zog sich sofort zurück. Ohne eine Spur von Scham, ja mit Zorn
platzte er dann mit der Geschichte heraus, wie es gewesen war, als seine Eltern so
lange fort waren in Indien, und von seinen lahren in Internaten. Es war alles schon
vorher gesagt worden, in The Loom 01 Youth:
156 Kapitel 3

Dann brach Jeffries wilder Zorn hervor, der Zorn, der ihn zu einem so brillanten Sportler
gemacht hatte: "Unfair? Ja, das ist das richtige Wort; es ist unfair. Wer hat mich zu dem
gemacht, was ich bin, wenn nicht Femhurst? ... Und jetzt wendet sich Femhurst, das
mich zu dem, was ich bin, gemacht hat, gegen mich und sagt: ,Du bist nicht geeignet,
ein Mitglied dieser großartigen Schule zu sein', und ich muß gehen ... "

Der außerordentlich peinliche Moment brachte ein Selbstmitleid ans Licht, das er
sonst nie zeigte, sowie eine Analyse, von der er selbst gewußt haben muß, daß sie
zu einfach war. So ging es nicht. Es war Zeit, nach vorne zu blicken, nicht zurück -
aber auf was? Wie sollte er weitermachen? Maurice akzeptierte die Erklärung, und
sie sprachen nie wieder davon. Alan ging an Bord der Queen Mary an seinem
25. Geburtstag und ging am 28. Juni in Southampton von Bord. Er versäumte das
Softball-Match am 4. Juli im Graduate College zwischen dem Britischen Empire
und den Revoltierenden Kolonien.

Zurückgekehrt nach Cambridge für drei Monate im milden Sommer des Jahres
1937, lagen für ihn drei größere Projekte auf der Hand. Das erste war eine gewisse
Verbesserung von On Computable Numbers. In Zürich hatte Bemays ärgerlicherweise
einige Fehler in Alans Beweis entdeckt, daß das Hilbertsche Entscheidungsproblem
in seiner präzisen Form unlösbar war. Sie mußten durch eine ergänzende Notiz in
den Proceedings der LMS berichtigt werden 13 . Er vollendete auch einen formalen
Beweis der Tatsache, daß seine eigene "Berechenbarkeit" genau mit Churchs "ef-
fektiver Rechenbarkeit" übereinstimmte 14 . Zu diesem Zeitpunkt gab es aber noch
eine dritte Definition derselben Art von Idee. Es war die der "rekursiven Funk-
tion", wodurch eine vollständige Präzisierung des Konzepts der Definition einer
mathematischen Funktion mittels anderer elementarer Funktionen erreicht wurde.
Die Idee ging von Gödel aus und war von Kleene weitergeführt worden. Sie war
implizit in Gödels Beweis der Unvollständigkeit der Arithmetik enthalten. Denn in-
dem Gödel zeigte, daß der Begriff des Beweises durch schachspielartige Regeln ein
"arithmetischer" Begriff war, so "arithmetisch" wie die Bestimmung eines größten
gemeinsamen Faktors oder etwas von der Art, brachte er ja zum Ausdruck, daß
der Beweis mit einem "genau festgelegten Verfahren" durchgeführt werden konnte.
Diese Idee führte, wenn sie formalisiert und etwas erweitert wurde, zur Definition
der "rekursiven Funktion". Und jetzt hatte sich herausgestellt, daß die allgemeine
rekursive Funktion der berechenbaren Funktion genau entsprach. Damit stellten sich
Churchs Lambda-Kalkül und Gödeis Methode der Definition arithmetischer Funk-
tionen beide als gegenüber der Turing-Maschine gleichwertig heraus. Gödel selbst
bestätigte später, daß das Konzept der Turing-Maschine die befriedigendste Defini-
tion eines "mechanischen Verfahrens" sei 15. Zu der Zeit war es eine sehr erstaunliche
und überraschende Tatsache, daß drei unabhängige Auffassungen von der Idee, etwas
auf genau festgelegte Weise zu tun, in äquivalenten Begriffen konvergiert waren 15a .
Neue Männer 157

Das zweite Projekt betraf die "neuen Ideen in Logik" für eine Doktorarbeit. Der
zugrunde liegende Gedanke war, zu sehen, ob es irgendeinen Weg gab, der Kraft von
GödeIs Ergebnis zu entkommen, wonach es innerhalb der Arithmetik immer wahre,
aber unbeweisbare Aussagen geben würde. Das war keine neue Frage, denn Rosser,
der jetzt in Cornell war, hatte im März 1937 eine Arbeit veröffentlicht 16 , die sie
aufgriff. Doch Alan plante einen sehr viel allgemeineren Angriff auf die Frage.
Sein drittes Projekt war ein sehr ehrgeiziges, denn er hatte beschlossen, seine
Stärke an dem Schlüsselproblem der Zahlentheorie zu erproben. Es war kein neu
erwachtes Interesse, hatte er doch Inghams Buch über das Thema schon seit 1933
besessen. Aber 1937 schickte ihm Ingham einige neuere Arbeiten 17 als er erfuhr,
daß Alan selbst einen Angriff machen wollte. Es war ehrgeizig, weil die Frage, die
er sich aussuchte, eine war, der sich seit langer Zeit die größten unter den reinen
Mathematikern gewidmet hatten, ohne dabei zu einer Lösung zu gelangen.
Obwohl die Primzahlen etwas so Vertrautes waren, war es einfach, in ein paar
Worten verblüffende Fragen über sie zu stellen. Eine dieser Fragen war schon
sehr früh gelöst worden. Euklid war in der Lage gewesen zu zeigen, daß es un-
endlich viele Primzahlen gab, so daß - obgleich im Jahr 1937 die Zahl 2 127 - 1 =
170141183460469231731687303715884105727 die größte bekannte Primzahl war-
es auch bekannt war, daß es immer größere geben mußte. Eine andere leicht zu ver-
mutende, aber sehr schwer zu beweisende Eigenschaft war die ständig zunehmende
Ausdünnung der Primzahlen. Während zunächst beinahe jede zweite Zahl Primzahl
ist, ist es nahe 100 nur noch eine von vieren, nahe 1000 eine von sieben und nahe
10.000.000.000 nur noch eine von 23. Dafür mußte es einen Grund geben. 18
Um 1793 hatte der fünfzehnjährige Gauß eine Regelhaftigkeit in dem Aus-
dünnung sverhalten bemerkt. Die Abstände der Primzahlen um eine Zahl n herum
waren proportional zu der Anzahl von Stellen in der Zahl n; genauer, sie wuch-
sen wie der natürliche Logarithmus von n. Sein ganzes Leben lang verwendete
Gauß, der anscheinend großen Gefallen an solchen Tätigkeiten fand, unausgefüllte
Mußestunden zur Identifizierung aller Primzahlen, die kleiner als drei Millionen
waren, und bestätigte seine Beobachtung soweit er kommen konnte.
Es gab dann wenig Fortschritt bis 1859, als Riemann einen neuen theoretischen
Rahmen entwickelte, in dem die Frage studiert werden konnte. Es war seine Ent-
deckung, daß das Rechnen mit komplexen Zahlenkomplexe Zahlen* als Brücke ein-

* Das Kalkül der "komplexen" Zahlen war beispielhaft für die Entwicklung der mathematischen Ab-
straktion. Ursprünglich waren komplexe Zahlen eingeführt worden, um ,,reelle" Zahlen mit der
"imaginären" Wurzel von minus eins zu kombinieren, und Mathematiker hatten sich den Kopf über
die Frage zerbrochen, ob solche Dinge wirklich "existierten". Jedoch vom modernen Standpunkt
betrachtet, waren komplexe Zahlen einfach abstrakt als Paare von Zahlen definiert und als Punkte
in einer Ebene dargestellI. Eine einfache Regel für die Definition der "Multiplikation" zweier solcher
Paare war dann ausreichend, um eine enorme Theorie zu erzeugen. Riemanns Arbeit im neunzehn-
ten Jahrhundert hatte großen Anteil an der Entwicklung ihrer "reinen" Form; sie erwies sich aber
auch von großem Nutzen bei der Entwicklung physikalischer Theorien. Die Fourier-Analyse, die
158 Kapitel 3

gesetzt werden konnte zwischen den fixierten, diskreten, determinierten Primzahlen


auf der einen Seite und glatten Funktionen wie dem Logarithmus - stetigen, gleich-
verteilten Größen - auf der anderen Seite. Er gelangte dadurch zu einer bestimmten
Formel für die Dichte der Primzahlen, einer Verbesserung des von Gauß entdeckten
logarithmischen Gesetzes. Dennoch war seine Formel weder völlig exakt, noch war
sie bewiesen.
Riemanns Formel ignorierte gewisse Terme, die abzuschätzen er nicht in der
Lage gewesen war. Von diesen Fehlertermen wurde erst 1896 gezeigt, daß sie
klein genug waren, um das Hauptergebnis nicht in Frage zu stellen, das von nun
an Primzahltheorem hieß und auf genaue Weise festhielt, daß die Primzahlen sich
logarithmisch verdünnten - nicht bloß, weil man es so beobachtet hatte, sondern als
für allemal bewiesene Tatsache. Da endete die Geschichte aber nicht. Soweit die
Tabellen gingen, war ersichtlich, daß die Primzahlen diesem logarithmischen Gesetz
erstaunlich genau folgten. Die Fehlerterme waren nicht bloß klein im Vergleich
mit dem allgemeinen logarithmischen Verhalten; sie waren sehr klein. Aber galt
dies auch für den gesamten, unendlichen Bereich der Zahlen jenseits der durch
Berechnung erreichbaren? - und wenn, was war der Grund dafür?
Riemanns Untersuchungen hatten diese Frage in eine sehr verschiedene Form
gebracht. Er hatte eine bestimmte Funktion auf den komplexen Zahlen definiert,
die "Zeta-Funktion". Es konnte gezeigt werden, daß die Behauptung, die Fehlert-
erme blieben so sehr klein, im wesentlichen äquivalent zu der Behauptung war, daß
diese Riemannsche Zeta-Funktion den Wert Null nur an Punkten annahm, die alle
auf einer bestimmten Geraden in der Ebene [der komplexen Zahlen] lagen. Diese
Behauptung war als Riemann-Hypothese bekannt geworden. Riemann hatte sie für
"sehr wahrscheinlich" wahr gehalten, und viele andere ebenso, doch es war kein
Beweis dafür entdeckt worden. Hilbert hatte es 1900 zu seinem Vierten Problem
für die Mathematik des 20. Jahrhunderts gemacht und es bei anderer Gelegenheit
"das Wichtigste in der Mathematik, das absolut Wichtigste" genannt. Hardy hatte
sich damit dreißig Jahre lang erfolglos herumgeschlagen.
Dies war das Schlüsselproblem der Zahlentheorie, aber es gab einen Komplex
verwandter Fragen, von denen Alan eine für seine eigene Untersuchung herausgriff.
Die einfache Annahme, daß die Primzahlhäufigkeit logarithmisch abnahm, ohne
Berücksichtigung von Riemanns Verfeinerung der Formel, schien stets die tatsäch-
liche Anzahl von Primzahlen um einen bestimmten Betrag zu überschätzen. Der
gewöhnliche Menschenverstand oder "wissenschaftliche Induktion" würden, basie-
rend auf Millionen von Beispielen, nahelegen, daß dies immer so bliebe, für immer

die Theorie der Schwingungen behandelte, war ein Beispiel dafür. Die seit den zwanziger Jah-
ren entwickelte Quantentheorie ging sogar noch weiter, indem sie komplexen Zahlen einen Platz
in grundlegenden physikalischen Konzepten gewährte. Keine dieser mathematischen Ideen ist we-
sentlich für das Folgende, obwohl derartige Zusammenhänge zwischen "rein" und "angewandt"
sicherlich für eine Anzahl von Aspekten in Alan Turings späterer Arbeit von Belang waren.
Neue Männer 159

größer werdende Zahlen. Aber 1914 hatte Hardys Mitarbeiter J.E. Littlewood ge-
zeigt, daß dies nicht der Fall war, denn es existierte ein Punkt, an dem die einfache
Annahme die Gesamtzahl aller Primzahlen bis dahin unterschätzen würde. 1933
hatte dann ein Mathematiker in Cambridge, S. Skewes, gezeigt 19 , daß, unter der
Annahme der Wahrheit der Riemann-Hypothese, ein solcher Überschneidungspunkt
vor der Zahl

auftreten müßte, die - so Hardys Kommentar - wahrscheinlich die größte Zahl war,
die jemals irgendeinem wohlbestimmten Zweck in der Mathematik dienen dürfte. *
Man konnte sich fragen, ob sich diese enorme Schranke vielleicht reduzieren ließ
oder ob eine zu finden wäre, die nicht von der Wahrheit der Riemann-Hypothese
abhing. Und dies waren die Probleme, an die Alan nun heranging.
Etwas Neues in Cambridge war seine Bekanntschaft mit Ludwig Wittgenstein,
dem Philosophen. Er dürfte Wittgenstein schon zuvor im Moral Science Club ge-
sehen haben, und Wittgenstein (wie auch Bertrand Russell) hatte eine Kopie von
On Computable Numbers erhalten. Es geschah in diesem Sommer 1937, daß Alis-
ter Watson, der King's Fellow, sie miteinander bekanntmachte und sie sich hin
und wieder im Botanischen Garten trafen. Watson hatte einen Aufsatz 20 über die
Grundlagen der Mathematik für den Moral Science Club verfaßt, in dem er von der
Turing-Maschine Gebrauch machte. Wittgenstein, der zuerst als Ingenieur gearbei-
tet hatte, bevorzugte immer praktische, einfache Konstruktionen und müßte die Art
geschätzt haben, in der Alan eine vage Idee so genau präzisiert hatte. Im übrigen
hatte das Fehlschlagen des Hilbertschen Programms auch ähnliche Folgen für die von
Wittgenstein in seiner ersten Phase, im Tractatus logico-philosophicus, entwickelte
Ansicht, nach der jedes richtig gestellte Problem gelöst werden konnte.
Alan machte wahrscheinlich Bootsferien - entweder an den NOrfolk Broads oder
in Bosham bei Chichester Harbour. Er blieb auch eine Weile bei den Beuttells in

* 1034 ist 10.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000.000 - eine Zahl, die mit der Zahl der Ele-
mentarteilchen in einem großen Gebäude vergleichbar ist. Aber 101034 ist weitaus größer: als eine 1
gefolgt von 1034 Nullen, würde sie Bücher von der Masse des Jupiter erfordern, um sie in Dezimal-
darstellung zu drucken. Man könnte sie sich als die Zahl aller möglichen von Menschen erzeugbaren
10 34
Gegenstände vorstellen. Skewes' Zahl war noch viel größer, eine I gefolgt von 1010 Nullen!
Natürlich hatten Mathematiker über weitaus größere Zahlen als diese hier nachgedacht. Wir sind hier
ja nur durch drei Wachstumsstufen hindurchgegangen; aber es ist nicht schwierig, eine neue Notation
zu entwerfen, um die Vorstellung des Durchlaufens zehn solcher Stufen auszudrücken, oder 1010
oder 101010 ; oder davon, sogar diese bloß als den ersten Schritt in einem Super-Wachstumsprozeß
zu betrachten und dann Super-Super-Wachstum zu definieren und dann .... Solche Definitionen hat-
ten tatsächlich schon eine Rolle in der Theorie der ,,rekursiven Funktionen" gespielt. Aber Skewes'
Zahl war gewiß bemerkenswert groß für ein Problem, das sich auf so einfache Weise definieren ließ.
160 Kapitel 3

London. Obwohl Mr. Beuttell sich im Prinzip liberaler Forderungen wie Feminis-
mus und Gewinnbeteiligung annahm, wurde seine eigene Firma streng autokratisch
geführt und so auch seine Familie. Victors jüngerer Bruder Gerard studierte Physik
am Imperial College, aber sein Vater war außerordentlich verärgert darüber, daß er
seine Zeit damit verbrachte, Modellflugzeuge fliegen zu lassen, um Windströmungen
zu untersuchen und machte seinen Studien ein Ende. Alan war wütend, als er dies
hörte und sagte, daß Gerard einen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten vermochte 21 .
Die Sache ärgerte ihn um so mehr, als er Respekt vor dessen Vater hatte. Er war
auch sehr begeistert, als er hörte, daß Gerard seinem Vater in Zusammenhang mit
seiner Verletzung irgendeiner kleinlichen Regel der Familienfirma gesagt hatte, er
würde nur "sinnvollen Regeln" gehorchen.
Es geschah auch in London, daß Alan James für ein Wochenende wiedertraf.
Sie wohnten in einer sehr schmierigen Frühstückspension nahe Russell Square. Sie
sahen sich einen oder zwei Filme an und Eimer Rices Stück Judgement Day über
den Reichstagsbrand-Prozeß. Für Alan muß es eine Erleichterung gewesen sein,
mit jemandem zusammenzusein, der seine sexuellen Annäherungsversuche nicht
zurückwies, obwohl stets klar war, daß James in ihm weder tiefe Gefühle noch
eine besondere physische Anziehung auslöste. Die Beziehung konnte sich nicht
über diesen Punkt hinaus entwickeln. Nach diesem Wochenende hatte James un-
gefähr zwölf Jahre lang so gut wie keine weiteren Erlebnisse dieser Art. Auch wenn
Alan mehr danach suchte, sollte dies auch auf ihn zutreffen. Sein Leben sollte sich
nicht verändern, ehe nicht viel Wasser unter der Brücke durchgeflossen war.
Am 22. September traf sich Alan in Southampton mit einem amerikanischen
Freund vom Graduate College, Will Jones. Sie hatten vereinbart, zusammen zurück-
zureisen, und bestiegen ein deutsches Linienschiff, die Europa. Will Jones hatte den
Sommer in Oxford verbracht, und er war es, der das deutsche Schiff wählte, einfach
weil es schneller war. Ein strengerer Anti-Faschist als Alan hätte es nicht benutzt;
dafür hätte aber eine konventionellere Person die Reise nicht damit verbracht, Rus-
sisch zu lernen und die schockierten deutschen Gesichter zu genießen, wenn er ein
mit Hammer und Sichel geschmücktes Lehrbuch mit sich führte.
Auf dem Schiff war er, wie er bei seiner Ankunft schrieb,

sehr froh über Will Jones als Reisebegleiter. An Bord schien keiner besonders interessant
zu sein, und so vertrieben Will und ich uns die Zeit mit philosophischen Diskussionen
und verbrachten einen halben Nachmittag damit, die Geschwindigkeit des Schiffs her-
auszufinden.

Zurück in Princeton, verbrachten Alan und Will Jones viel Zeit mit gemein-
samen Gesprächen. Will Jones stammte aus dem alten, weißen Süden des tiefsten
Mississippi und hatte Philosophie in Oxford studiert. Es war also nicht das ste-
reotype Treffen von Yankee-Ungezwungenheit und Eleganz der Alten Welt, weit
gefehlt. Will Jones kam aus einem ganz anderen Amerika, so wie Alan ein un-
Neue Männer 161

verblümtes, pragmatisches, liberales England repräsentierte. Als Philosoph mit ei-


nem ernstzunehmenden Interesse an Naturwissenschaft wuchs Will Jones auch über
die üblichen Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft hinaus. Er war gerade da-
bei, eine Dissertation über die Behauptung Kants zu schreiben, nach der moralische
Kategorien auch dann gerechtfertigt werden könnten, wenn menschliches Handeln
so vorherbestimmt wäre wie die Bewegungen der Planeten. Er erörterte Alans Mei-
nung darüber, ob die Quantenmechanik solche Argumentation beeinträchtigt hatte -
genau das Problem, mit dem sich Alan selbst schon vor etwa fünf Jahren beschäftigt
hatte! Jetzt allerdings vermittelte er den Eindruck, schon lange mit der Russellschen
Ansicht glücklich gewesen zu sein, derzufolge die Welt auf irgendeiner Stufe auf
mechanische Weise ablaufen muß. Er war jetzt nicht sehr an philosophischen - im
Gegensatz zu wissenschaftlichen - Diskussionen des Problems des freien Willens in-
teressiert. Vielleicht lag eine Spur seines früheren Konflikts gerade in der Vehemenz,
mit der er die materialistische Richtung einschlug. "Ich betrachte die Menschen als
rosa-farbene Ansammlungen von Sinnes-Daten", scherzte er einmal. Wenn es doch
nur so einfach wäre! Symbolischerweise ging der Research Füllfederhalter, den
Mrs. Morcom ihm 1932 geschenkt hatte, auf der Reise verloren.
Will Jones ließ sich von Alan auch etwas von der Zahlentheorie erklären und
genoß die Art, in der Alan es ihm zeigte, wie, ausgehend von den einfachsten Axio-
men, alle Eigenschaften genauestens abgeleitet werden konnten - ein vom Auswen-
diglernen im Schulmathematikunterricht völlig verschiedener Zugang. Alan sprach
mit Will nie über seine emotionalen Schwierigkeiten, aber es ist gut möglich, daß
er auf viel allgemeinere Weise moralische Unterstützung fand, da Will in ihm die
Verkörperung der Moralphilosophie von G.E. Moore und Keynes schätzte.
Alan und Will waren miteinander bekannt geworden, da sie im Vorjahr Mitglie-
der desselben Freundeskreises gewesen waren, und ein weiterer aus diesem Kreis
war ebenfalls nach Princeton zurückgekehrt. Dies war Malcolm MacPhail, ein ka-
nadischer Physiker, der in ein Nebenprojekt involviert wurde, mit dem Alan sich zu
beschäftigen begann. 22

Es war wahrscheinlich im Herbst 1937, daß Turing sich zum ersten Mal über einen mögli-
chen Krieg mit Deutschland beunruhigt zeigte. Zu jener Zeit arbeitete er vermutlich hart
an seiner berühmten Dissertation, fand aber dennoch Zeit, sich mit charakteristischer In-
tensität in das Gebiet der Kryptoanalyse einzuarbeiten .... über dieses Thema hatten wir
viele Diskussionen. Er nahm an, daß Worte durch Zahlen aus einem offiziellen Code-
buch ersetzt werden und Botschaften als binäre Zahlen übermittelt werden würden. Um
jedoch die Entschlüsselung aufgefangener Nachrichten durch den Feind selbst dann zu
verhindern, wenn dieser das Codebuch kannte, würde er die einer bestimmten Nachricht
entsprechende Zahl mit einer horrend langen, aber geheimen Zahl multiplizieren, und das
Produkt übermitteln. Die Länge der Geheimzahl sollte durch die Erfordernis bestimmt
sein, daß es 100 Deutsche, die acht Stunden am Tag an Tischrechnern arbeiteten, 100
Jahre kosten sollte, den geheimen Faktor durch routinemäßige Suche zu finden!
162 Kapitel 3

Turing entwarf tatsächlich einen elektrischen Multiplizierer und baute die ersten drei
oder vier Stufen, um zu sehen, ob er zum Laufen gebracht werden konnte. Zu diesem
Zweck benötigte er relaisbetriebene Schalter, die er selbst baute. Sie waren zu jener
Zeit nicht im Handel erhältlich. Die physikalische Abteilung von Princeton hatte eine
kleine, aber gut ausgestattete Werkstatt für ihre graduierten Studenten eingerichtet, und
mein bescheidener Beitrag zu dem Projekt bestand darin, Turing meinen Schlüssel für
die Werkstatt zu leihen (was wahrscheinlich gegen alle Bestimmungen verstieß) und ihm
zu zeigen, wie Drehbank, Bohrer, Stanze, Presse etc. zu bedienen waren, ohne dabei
seine Finger abzuhacken. Und so fräste und wickelte er die Relais; und zu unserer
Überraschung und Freude arbeitete die Rechenmaschine.

Mathematisch betrachtet war es kein fortgeschrittenes Projekt, da nur Multiplika-


tion verwendet wurde. Aber obwohl es keine hochentwickelte Theorie voraussetzte,
enthielt es Anwendungen von "langweiliger und elementarer" Mathematik, die 1937
keinesfalls Standard waren.
Zum einen wäre jedem, der damals mit praktischen Berechnungen zu tun hatte,
die binäre Darstellung von Zahlen als Neuigkeit erschienen. Alan hatte Binärzahlen
in On Computable Numbers verwendet. Für die Prinzipien der Arbeit waren sie
nicht von Bedeutung, erlaubten aber die Darstellung aller berechenbaren Zahlen als
unendliche Folgen einzig der Zeichen 0 und 1. Für die Realisierung einer Multipli-
ziermaschine hingegen war der Vorteil binärer Zahlen konkreter. Er lag darin, daß
sich die Multiplikationstabelle dann auf die folgende reduzierte:

x 0 I

0 0 0

1 0 I

Die Einfachheit der binären Multiplikationstabelle reduzierte die Arbeit der Mul-
tipliziermaschine auf Übertrags- und Addieroperationen.
Ein zweiter Aspekt seines Projekts war dessen Zusammenhang mit der elemen-
taren Logik. Die arithmetischen Operationen mit 0 und 1 ließen sich auch im Sinn
der Aussagenlogik interpretieren. Die einfache Multiplikationstabelle zum Beispiel
könnte so als Äquivalent zu der Rolle des Wortes UND in der Logik aufgefaßt
werden. Denn wenn p und q Aussagen wären, dann zeigte die folgende "Wahrheit-
stabelle", unter welchen Umständen "p UND q" wahr ist:
Neue Männer 163

UND falsch wahr

falsch falsch falsch


q
wahr falsch wahr

Es war dasselbe Spiel, bloß mit einer anderen Interpretation. Alan mußte das alles
völlig vertraut gewesen sein, taucht doch der Aussagenkalkül auf der ersten Seite
von jedem Text über Logik auf. Er wurde gelegentlich "Boole'sche Algebra" nach
George Boole genannt, der 1854 das formalisiert hatte, was er optimistischerweise
"die Gesetze des Denkens" nannte. Binäre Arithmetik konnte vollständig im Sinn der
Booleschen Algebra durch die Verwendung von UND, ODER und NICHT ausgedrückt
werden. Das Problem, das sich ihm beim Entwurf der Multiplizierer stellte, war die
Verwendung der Booleschen Algebra zur Minimierung der erforderlichen Anzahl
derartiger Elementaroperationen.
Als Übung auf dem Papier hätte das große Ähnlichkeit mit dem Entwurf einer
"Turing-Maschine" für dasselbe Problem gehabt. Aber um es in einer funktionie-
renden Maschinerie zu realisieren, bedurfte es einiger Mittel zur Einstellung ver-
schiedener physischer "Konfigurationen". Dies wurde durch Schalter erreicht, denn
das entscheidende an einem Schalter war ja, daß er in einem von zwei Zuständen
sein konnte, "Ein" oder "Aus", ,,0" oder ,,1", "wahr" oder "falsch". Die von ihm
verwendeten Schalter wurden von Relais betrieben; und damit spielte zum ersten
Mal Elektrizität eine direkte Rolle bei seinem Drang nach der Verbindung logischer
Ideen mit etwas, das physikalisch funktionierte. Am elektromagnetischen Relais
war nichts Neues, der amerikanische Physiker Henry hatte es schon hundert Jahre
früher erfunden. Sein physikalisches Prinzip war dasselbe wie das des Elektromo-
tors: durch eine Spule laufender Strom bewirkt, daß sich ein Magnetkopf bewegt.
Jedoch der springende Punkt am Relais war, daß der Magnetkopf einen weiteren
elektrischen Stromkreis entweder öffnen oder schließen würde. Es würde als ein
Schalter fungieren. Der Name "Relais" rührte von seiner Verwendung in frühen
Telegrafensystemen her, in denen Relais es einem abgeschwächten elektrischen Sig-
nal ermöglichten, wieder ein neues, deutliches Signal hervorzurufen. Es war diese
logische "Alles-oder-Nichts"-Funktionsweise von Relais, die Millionen von ihnen in
den automatischen Telefonvermittlungsanlagen erforderlich machte, die sich in den
Vereinigten Staaten ebenso wie in Großbritannien ausbreiteten.
164 Kapitel 3

Es war 1937 nicht geläufig, daß sich die logischen Eigenschaften von Kom-
binationen von Schaltern durch Boolesche Algebra oder durch binäre Arithmetik
darstellen ließen, aber für einen Logiker war es nicht schwer, das zu sehen. Alans
Aufgabe war es, den logischen Entwurf einer Turing-Maschine in einer Vernetzung
von relaisbetriebenen Schaltern zu verkörpern. Die Idee war: wenn der Maschine
eine Zahl eingegeben wurde - angenommen durch das Anlegen von Spannung an
einer Reihe von Eingabekontakten -, sollten die Relais sich öffnen und Ströme
fließen, die an Ausgabekontakten registriert werden konnten und somit im Endef-
fekt die verschlüsselte Nummer "schrieben". Die Maschine würde nicht wirklich
"Bänder" benutzen, aber von einem logischen Standpunkt aus gesehen, lief es auf
dasselbe hinaus. Turing-Maschinen erwachten zum Leben, denn die ersten Stufen
seiner Relaismultipliziermaschine funktionierten tatsächlich. Alans eher erschliche-
ner Zugang zur Physikwerkstatt war aber auch symbolisch für das Problem, dem
er sich auch im übrigen Leben bei der Überwindung der zwischen Mathematik
und Technik, zwischen dem Logischen und dem Physischen gezogenen Grenzlinie
gegenübergestellt sah.
Als Chiffre war die Idee überraschend schwach, vor allem, wenn man sie mit
seiner Behauptung vom Vorjahr verglich. Meinte er nicht, die Deutschen könnten
den größten gemeinsamen Teiler von zwei oder mehr Zahlen finden, um die als
Schlüssel verwendete "Geheimzahl" zu finden? Selbst wenn die Erweiterung um
einige Spitzfindigkeiten dieses Schlupfloch beseitigte, würde die Methode immer
noch an dem lähmenden praktischen Nachteil leiden, daß eine einzige inkorrekt
übermittelte Ziffer die gesamte Nachricht unentschlüsselbar machen würde.
Es könnte sein, daß Verschlüsselung niemals sehr ernstlich beabsichtigt war.
Alan war möglicherweise vom Thema abgekommen, um statt dessen der Heraus-
forderung, eine binäre Multipliziermaschine zu entwickeln, zu begegnen. Aber als
Leser des N ew Statesman *, der ihm aus England geschickt wurde, hatte er kei-
nen besonderen Grund dazu, in scherzhafter Weise von Deutschland zu sprechen.
Jede Woche gab es erschreckende Artikel über die deutsche Politik innerhalb und
außerhalb des neuen "Reichs". Selbst wenn die Aussicht auf Krieg mehr als Vor-
wand gedient hätte, lieber eine "langweilige und elementare" (aber faszinierende)
Nebenlinie aufzugreifen als irgendeinem Ruf der Pflicht zu folgen, so war er nicht al-

* Gewiß dürfte für Alan eine der Attraktionen des New Statesman dessen exzeptionell schwierige
Puzzle-Kolumne gewesen sein. Im Januar 1937 war er hocherfreut, als sein Freund David Champer-
nowne solche Konkurrenten wie M.H.A. Newman und J.D. Bemal mit einer witzigen, in Carrollscher
Sprache formulierten Lösung einer von Eddington gestellten Aufgabe, genannt "Looking Glass Zoo",
besiegte. (Die Aufgabe erforderte die Kenntnis der von Dirac in seiner Theorie des Elektrons ver-
wendeten Matrizen.) Aber Alans Kommentare zur Abdankung, vielleicht naiv in ihrem Idealismus,
doch bestimmt nicht fehlinformiert, zeigen sehr deutlich, daß sein Interesse an der Zeitschrift nicht
auf diese Besonderheit beschränkt gewesen sein dürfte.
Neue Männer 165

lein, wenn er fand, daß Nazi-Deutschland seine Bedenken über "Moralität" zerstreut
hatte.
Es gab noch eine andere Maschine, über die er nachdachte, aber diese hatte -
davon abgesehen, daß sie von Riemann herrührte - nichts mit Deutschland zu tun.
Ihr Zweck war die Berechnung der Riemannschen Zeta-Funktion. Wie es schien,
ging er davon aus, daß die Riemann-Hypothese wahrscheinlich falsch war, und wenn
auch nur deswegen, weil so gewaltige Anstrengungen sie nicht bewiesen hatten. Es
würde bedeuten, daß die Zeta-Funktion doch den Wert Null an einem Punkt abseits
der besagten Geraden annahm. In diesem Fall könnte dieser Punkt auch durch ein
stumpfsinniges Verfahren, nämlich einfach durch Berechnung genügend vieler Werte
der Zeta-Funtion, gefunden werden.
Dieses Programm hatte bereits seinen Anfang genommen; tatsächlich hatte Rie-
mann selbst die ersten paar Nullstellen gefunden und festgestellt, daß sie alle auf
der speziellen Geraden lagen. 1935-1936 hatte der Mathematiker E.C. Titchmarsh
in Oxford die Lochkartenapparatur, die damals für die Berechnung astronomischer
Vorhersagen eingesetzt wurde, dazu verwendet, zu zeigen, daß (in einem bestimmten
präzisen Sinn) die ersten 104 Nullstellen der Zeta-Funktion in der Tat alle auf der
speziellen Linie lagen. Alans Idee war im wesentlichen, die nächsten paar Tausend
in der Hoffnung darauf zu untersuchen, eine neben der Linie zu finden.
Es gab zwei Aspekte des Problems. Riemanns Zeta-Funktion war als Summe
einer unendlichen Anzahl von Tennen definiert, und obwohl diese Summe auf viele
verschiedene Arten umgeschrieben werden konnte, würde jeder Versuch ihrer Aus-
wertung in irgendeiner Weise eine Approximation bedingen. Es war Sache des
Mathematikers, eine gute Approximation zu finden und zu beweisen, daß sie gut
war, das heißt, daß der auftretende Fehler genügend klein war. Bei dieser Tätigkeit
ging es nicht um das Rechnen mit Zahlen, sie erforderte vielmehr höchst technische
Arbeit mit dem Kalkül der komplexen Zahlen. Titchmarsh hatte eine bestimmte Ap-
proximation verwendet, die - romantischerweise - aus Riemanns eigenen Aufzeich-
nungen in Göttingen ausgegraben worden war, wo sie siebzig Jahre lang gelegen
hatte. Aber für eine Entwicklung der Rechnung auf Tausende von neuen Nullstellen
war eine frische Approximation erforderlich, und Alan machte sich daran, sie zu
finden und zu rechtfertigen.
Das zweite, ganz verschiedene Problem war das "Langweilige und Elementare"
der tatsächlichen Durchführung der Berechnung, das Einsetzen der Zahlen in die
Näherungsfonnel und die Ausrechnung für Tausende von verschiedenen Werten.
Es ergab sich, daß die Fonnel den Fonneln ziemlich ähnlich war, die beim Er-
mitteln der Positionen der Planeten auftraten, weil sie die Fonn einer Summe von
Kreisfunktionen mit verschiedenen Frequenzen hatte. Deshalb war Titchmarsh auf
die Idee gekommen, die eintönige, repetitive Arbeit von Addition, Multiplikation
und dem Nachschlagen von Werten in Kosinustabellen mittels derselben Lochkar-
tenmethoden erledigen zu lassen, die in der planetarischen Astronomie verwendet
166 Kapitel 3

wurden. Aber Alan fiel auf, daß das Problem einer anderen Art von Berechnung sehr
ähnlich war, die ebenfalls praktisch und in großem Maßstab durchgeführt wurde -
jener der Gezeitenvorhersage. Gezeiten konnten auch als Summe einer Zahl von
Wellen mit verschiedenen Perioden betrachtet werden: tägliche, monatliche, jähr-
liche Schwankungen von Ebbe und Flut. Es gab in Liverpool eine Maschine 23 ,
die die Summation automatisch ausführte, indem sie kreisfönnige Bewegungen mit
den richtigen Frequenzen erzeugte und diese addierte. Es war eine einfache Ana-
logmaschine, das heißt sie bildete ein physikalisches Analogon zu der zu berech-
nenden mathematischen Funktion, völlig anders als eine Turing-Maschine, die mit
einer endlichen, diskreten Menge von Zeichen arbeiten sollte. Diese Gezeitenvor-
hersagemaschine beruhte, wie ein Rechenschieber, nicht auf Zeichen, sondern auf
der Messung von Längen. Alan erkannte, daß eine solche Maschine für die Zeta-
Funktions-Berechnung eingesetzt werden konnte.
Alan muß Titchmarsh seine Idee beschrieben haben, denn ein Brief24 von ihm,
datiert auf den 1. Dezember 1937, hieß dieses Programm der Weiterführung der Be-
rechnung gut und erwähnte: "lch habe die Gezeitenvorhersagemaschine in Liverpool
gesehen, aber es kam mir nicht in den Sinn, sie auf diese Weise zu verwenden."
Es gab einige Ablenkungen. Das Hockeyspielen wurde fortgesetzt, obwohl die
Mannschaft ohne Francis Price und Shaun Wylie ihren Glanz verloren hatte. Alan
fand sich für die Vorbereitungen in Anspruch genommen. Er spielte auch recht viel
Squash. Am Erntedanktag fuhr er nach Norden, um Jack und Mary Crawford ein
zweites Mal zu besuchen. ("lch komme schon besser mit dem Auto zurecht.") Vor
Weihnachten griff Alan eine Einladung seines Freundes Venable Martin auf, mit ihm
zu kommen und bei ihm zu bleiben. Er stammte aus einer kleinen Stadt in South
Carolina.

Wir fuhren von hier in zwei Tagen runter, und dann blieb ich dort zwei oder drei Tage,
bevor ich nach Virginia zurückkam, um bei Mrs. Welbourne zu bleiben. Es war fast so
weit südlich, wie ich je gewesen bin - etwa 34 Grad. Die Leute scheinen dort unten noch
immer alle sehr arm zu sein, auch wenn es schon so lange her ist seit dem Bürgerkrieg.

Mrs. Welbourne war "eine mysteriöse Frau in Virginia", die die Angewohnheit hatte,
englische Studenten des Graduate College zu Weihnachten einzuladen. "lch habe mit
keinem von ihnen viel Fortschritt bei der Konversation gemacht", mußte Alan von
ihrer Familie gestehen. Alan und Will Jones organisierten eine weitere Schatzsuche,
der es aber am Elan der des Vorjahres mangelte. Einer der Hinweise befand sich
in seiner Gesamtausgabe von Shaw. Und im April unternahmen er und Will eine
Fahrt zum St.John's College in Annapolis sowie nach Washington. "Wir gingen
auch hin und hörten für eine Weile dem Senat zu. Sie schienen sehr infonnell. Es
waren nur sechs oder acht von ihnen anwesend, und nur wenige davon schienen
bei der Sache zu sein." Sie schauten von der Galerie herab und sahen Jim Farley,
Roosevelts Parteiführer. Es war eine andere Welt.
Neue Männer 167

Die wichtigste Angelegenheit in diesem Jahr war die Fertigstellung seiner


Dissertation25 , in der untersucht wurde, ob es irgendeinen Weg dafür gab, der Wir-
kung von GödeIs Theorem zu entfliehen. Die grundlegende Idee bestand darin,
dem System weitere Axiome hinzuzufügen, so daß dadurch die "wahren, aber un-
beweisbaren" Aussagen bewiesen werden konnten. Aber die Arithmetik war, wenn
man sie so betrachtete, von eindeutig hydra-artiger Natur. Es war einfach genug,
ein Axiom hinzuzufügen, so daß eine von GödeIs sonderbaren Aussagen bewiesen
werden konnte. Aber dann konnte GödeIs Theorem auf die erweiterte Menge von
Axiomen angewandt werden, nur um erneut eine "wahre, aber unbeweisbare" Aus-
sage zu erzeugen. Es konnte nicht genug sein, eine endliche Zahl von Axiomen
hinzuzufügen; es war notwendig, die Hinzufügung unendlich vieler zu diskutieren.
Dies war bloß der Anfang, denn wie es Mathematikern wohlbekannt war, gab
es viele mögliche Wege, um "unendlich viele" Dinge der Reihe nach zu tun. Cantor
hatte dies gesehen, als er den Begriff der Ordnung der ganzen Zahlen untersucht
hatte. Nehmen wir zum Beispiel an, daß die ganzen Zahlen auf folgende Weise
angeordnet sind: zuerst alle geraden Zahlen, in aufsteigender Reihenfolge, und dann
alle ungeraden Zahlen. Genau betrachtet wäre diese Aufreihung der ganzen Zahlen
"zweimal so lang" wie die übliche. Sie könnte auch dreimal so lang oder tatsächlich
unendlich mal so lang gemacht werden, indem zuerst die geraden Zahlen, dann
die übrigbleibenden Vielfachen von 3, dann übrigbleibende Vielfache von 5, dann
von 7 usw. genommen werden. In der Tat gab es kein Limit für die "Länge"
solcher Listen. Ebenso konnte die Erweiterung der Axiome der Arithmetik durch
eine unendliche Liste von Axiomen oder durch zwei oder durch unendlich viele
infinite Listen vorgenommen werden - es gab wiederum keine Begrenzung. Die
Frage war, ob irgendeine dieser Erweiterungen den Gödeleffekt überwinden konnte.
Cantor hatte seine verschiedenen Anordnungen der ganzen Zahlen durch "Ordi-
nalzahlen" beschrieben, und Alan beschrieb seine diversen Erweiterungen der
Axiome der Arithmetik als "Ordinallogiken". In einem Sinn war klar, daß keine "Or-
dinallogik" in Hilberts technischer Bedeutung des Wortes "vollständig" sein konnte.
Denn wenn es unendlich viele Axiome gäbe, könnten sie nicht alle aufgeschrieben
werden. Es müßte ja sonst irgendeine endliche Regel geben, um sie zu erzeugen.
Aber in dem Fall würde das gesamte System immer noch auf einer endlichen Zahl
von Regeln beruhen und GödeIs Theorem fände immer noch Anwendung, um zu
zeigen, daß es weiterhin unbeweisbare Behauptungen gab.
Es gab allerdings eine subtilere Frage. In Alans "Ordinallogiken" war die Regel
für die Erzeugung der Axiome in Form von Einsetzungen einer "Ordinalform" in
einen gewissen Ausdruck gegeben. Das war seinerseits ein "mechanisches Verfah-
ren". Aber es war kein "mechanisches Verfahren", zu entscheiden, ob eine gegebene
Formel eine "Ordinalformel" war. Wonach er fragte war, ob sich die gesamte Un-
vollständigkeit der Arithmetik an einer Stelle konzentrieren ließ, nämlich in dem
unlösbaren Problem der Entscheidung, welche Formeln "Ordinalformeln" waren.
168 Kapitel 3

Wenn dies erreicht werden könnte, dann gäbe es einen Sinn, in dem Arithmetik
vollständig wäre: alles könnte von den Axiomen ausgehend bewiesen werden, ob-
wohl es kein mechanisches Verfahren gäbe, um zu sagen, was die Axiome sind.
Er setzte die Aufgabe, zu entscheiden, ob eine Formel eine "Ordinalformel" war,
mit "Intuition" gleich. In einer "vollständigen Ordinallogik" konnte jedes Theo-
rem der Arithmetik durch eine Mischung aus mechanischem Folgern und Schritten
der "Intuition" bewiesen werden. Auf diese Weise hoffte er die Gödelsehe Un-
vollständigkeit irgendwie unter Kontrolle zu bekommen. Aber er hielt seine Ergeb-
nisse für enttäuschend negativ. "Vollständige Logiken" existierten, litten aber an
dem Defekt, daß man die Zahl der "intuitiven" Schritte, die zum Beweis irgendei-
nes Theorems notwendig waren, nicht zählen konnte. Es gab keine Methode, um
zu messen, wie "tief' ein Theorem in seinem Sinn war, keine Methode, um exakt
festzustellen, was vorging.
Ein schönes Nebenergebnis war seine Idee einer "Orakel"-Turing-Maschine,
welche die Fähigkeit hätte, ein bestimmtes unlösbares Problem (wie das der Er-
kennung einer "Ordinalformel") zu beantworten. Dadurch wurde der Begriff der
relativen Berechenbarkeit oder der relativen Unlösbarkeit eingeführt, der ein neues
Untersuchungs gebiet der Mathematischen Logik erschloß. Alan mochte dabei an
das "Orakel" in Back to Methusaleh gedacht haben, durch dessen Mund Bernard
Shaw die unlösbaren Probleme der Politiker mit "Geh nach Hause, armer Narr!"
beantwortet hatte.
Weniger klar ging aus seinen Bemerkungen in der Arbeit hervor, inwieweit
er diese "Intuition", also die Fähigkeit, eine wahre, aber unbeweisbare Aussage zu
erkennen, als etwas betrachtete, für das es irgendeine Entsprechung im menschlichen
Geist gab. Er schrieb:

Das mathematische Denken kann ziemlich schematisch als die Ausübung einer Kom-
bination zweier Fähigkeiten gesehen werden, die wir Intuition und Ingenuität nennen
können. (Wir lassen hier jene höchst wichtige Fähigkeit außer acht, welche interessante
Themen von anderen unterscheidet; wir sehen in der Tat die Funktion des Mathematikers
lediglich darin, die Wahrheit oder Falschheit von Aussagen zu ermitteln.) Die Aktivität
der Intuition besteht darin, spontane Urteile zu fällen, die nicht das Ergebnis bewußter
Überiegungsabläufe sind.

Und er behauptete, daß seine Ideen über "Ordinallogiken" eine Art der Formalisie-
rung dieser Unterscheidung darstellten. Aber es war nicht erwiesen, daß "Intuition"
irgend etwas mit der Unvollständigkeit finit definierter formaler Systeme zu tun hatte.
Schließlich wußte bis 1931 keiner von dieser Unvollständigkeit, während Intuition
ein gutes Stück älter war. Es war dieselbe Doppeldeutigkeit wie in seiner Arbeit On
Computable Numbers, die das Denken mechanisierte und doch auf etwas jenseits der
Mechanisierung hinwies. Hatte dies eine Bedeutung für das menschliche Denken?
Seine Ansichten dazu waren in diesem Stadium noch unklar.
Neue Männer 169

Was die Zukunft anlangte, war es seine Absicht, ans King's zurückzukehren,
vorausgesetzt, daß sie, wie erwartet, sein Fellowship erneuerten, nachdem im März
1938 die ersten drei Jahre abgelaufen waren. Andererseits empfahl ihm sein Vater
(vielleicht nicht besonders patriotisch) brieflich, sich eine Stelle in den Vereinigten
Staaten zu suchen. Aus irgendwelchen Gründen ließ sich das King's College Zeit
damit, ihn davon in Kenntnis zu setzen, daß die Fortsetzung seines Fellowship
bewilligt worden war. Alan schrieb am 30. März an Philip Hall:

Ich bin gerade dabei, eine Dissertation für den Ph.D zu schreiben, die sich als ziemlich
undurchführbar erweist, so daß ich ständig Teile davon neu schreibe ....
Ich bin recht besorgt über die Tatsache, daß ich nichts über die Wiederwahl zu
meinem Fellowship gehört habe. Die plausibelste Erklärung ist einfach die, daß es gar
keine Wiederwahl gegeben hat, aber ich ziehe es vor zu denken, daß es einen anderen
Grund gibt. Wenn Du einige vorsichtige Erkundigungen einholen könntest und mir eine
Postkarte schicktest, wäre ich sehr dankbar.
Ich hoffe, Hitler wird nicht vor meiner Rückkehr in England einmarschiert sein.

Nach der Vereinnahmung Österreichs am 13. März begannen alle, Deutschland


ernstzunehmen. Inzwischen ging Alan wirklich pflichtschuldig zu Eisenhart und
fragte ihn "nach möglichen Stellen hier drüben; hauptsächlich zu Daddys Informa-
tion, da ich es für unwahrscheinlich halte, daß ich eine annehmen werde, es sei denn,
Ihr seid tatsächlich vor Juli im Kriegszustand. Er wußte gegenwärtig von keiner,
sagte aber, daß er sich das merken würde." Doch dann ergab sich eine Stelle. Von
Neumann persönlich bot ihm eine ForschungsassistentensteIle am lAS an.
Das hätte bedeuten können, den Forschungsgebieten von Neumanns eine ge-
wisse Priorität einzuräumen, die zu jener Zeit die mit der Quantenmechanik und
anderen Teilen der Theoretischen Physik zusammenhängende Mathematik um faßten
und Logik oder Zahlentheorie nicht einschlossen. Andererseits wäre eine Stelle bei
von Neumann der ideale Start für die amerikanische akademische Laufbahn, die
Alans Vater vermutlich für weise hielt. Der Wettbewerb war intensiv, und der be-
reits in der Depression befindliche Stellenmarkt wurde von europäischen Exilanten
überflutet. Das Gütesiegel eines von Neumann würde großes Gewicht haben.
Beruflich gesehen war dies eine große Entscheidung. Aber alles, was Alan
über diese Gelegenheit an Philip Hall schrieb, war: "Tatsächlich hat sich, ~ier die
Möglichkeit einer Stelle ergeben." Und an Mrs. Turing am 17. Mai: "Ich bekam
hier eine Stelle angeboten als von Neumanns Assistent mit $1500 pro Jahr, entschied
mich aber, sie nicht zu nehmen." Er hatte nämlich mit dem King's telegraphiert, um
festzustellen, ob das Fellowship erneuert worden war, und da dies der Fall war, war
seine Entscheidung klar.
Trotz allem hatte er sich einen Namen in der "Emerald City" gemacht. Es
war nicht absolut notwendig, einen Ruf zu besitzen, damit einem zugehört wurde.
Diesmal wußte von Neumann von On Computable Numbers, auch wenn es ein Jahr
170 Kapitel 3

zuvor nicht der Fall gewesen war. Denn als er in diesem Sommer von 1938 mit
Ulam nach England reiste, schlug er ein Spiel vor, das, wie Ulam schreibt, darin
bestand, "auf einem Stück Papier eine so große Zahl wie wir konnten aufzuschreiben
und sie durch eine Methode zu definieren, die tatsächlich etwas mit einigen von
Turings Schemata zu tun hat.,,26* Doch was die Attraktionen, Belohnungen und
Komplimente auch immer waren, war das wirklich Wichtige für Alan viel einfacher.
Er wollte nach Hause gehen ans King's.
Die Dissertation, von der er im Oktober gehofft hatte, sie zu Weihnachten zu
beenden, verzögerte sich. "Church machte eine Menge von Vorschlägen, mit der
Folge, daß die Arbeit auf eine abschreckende Länge ausgedehnt wurde." Da er
selbst an der Schreibmaschine ungeschickt war, engagierte er eine professionelle
Schreibkraft, die ihrerseits ein fürchterliches Durcheinander anrichtete. Die Arbeit
wurde dann schließlich am 17. Mai eingereicht. Es gab eine mündliche Prüfung
am 31. Mai, die von Church, Lefschetz und H.F. Bohnenblust durchgeführt wurde.
"Der Kandidat bestand eine exzellente Prüfung, nicht nur auf dem Spezialgebiet
der Mathematischen Logik, sondern auch auf anderen Gebieten." Es gab auch einen
kurzen Test in wissenschaftlichem Französisch und Deutsch. Es lag eine gewisse
Absurdität darin, auf diese Weise geprüft zu werden, während er zur sei ben Zeit
die Doktorarbeit eines Cambridger Kandidaten begutachtete. Diese mußte er, wie
sich herausstellte, zurückweisen. (An Philip Hall am 26. April: "lch hoffe, meine
Bemerkungen ermutigen den Mann nicht dazu, sich daranzusetzen und das Ding neu
zu schreiben. Die Schwierigkeit bei diesen Leuten ist, eine wirklich gute Art der
Direktheit zu finden. Ich denke jedoch, ich habe ihm etwas gegeben, das ihn für
eine ganze Weile ruhigstellen wird, falls er sich wirklich daranmachen sollte, sie
neu zu schreiben.") Der Doktorgrad (PhD) wurde ihm am 21. Juni zuerkannt. Er
machte wenig Gebrauch von dem Titel, für den es in Cambridge keine Anwendung
gab und der anderswo dafür verantwortlich war, daß die Leute ihm haarklein von
ihren Leiden berichteten.
Seine Abreise aus dem Lande von Oz war ziemlich anders als jene in der Fabel.
Der Zauberer war gar kein Schwindler und hatte ihn zu bleiben gebeten. Während
Dorothy sich der "Wicked Witch of the West" entledigt hatte, war es in seinem
Fall eher umgekehrt. Obwohl Princeton von der orthodoxen, teutonischen Seite
Amerikas einigermaßen abgeschirmt war, hatte es an einer Art Konformität Anteil,
bei der er sich nicht wohlfühlte. Und seine Probleme blieben ungelöst. Er war
innerlich zuversichtlich - aber wie in dem Stück The Murder in the Cathedral, das
er im März sah ("sehr beeindruckt"), lebte er und lebte auch wieder nur teilweise.

* Ulam schreibt ferner: "von Neumann hatte große Bewunderung für ihn und erwähnte seinen Namen
und seine ,brillanten Ideen' mir gegenüber schon, glaube ich, Anfang 1939 ... Auf jeden Fall
erwähnte von Neumann mir gegenüber Turings Namen mehrere Male 1939 in Gesprächen, die
mechanische Verfahren zur Entwicklung formaler mathematischer Systeme betrafen."
Neue Männer 171

Auf eine Art ähnelte er allerdings Dorothy. Die ganze Zeit lang schon gab es
da etwas, das er tun konnte und das nur darauf wartete, daß sich die Gelegenheit
ergab. Am 18. Juli entstieg Alan in Southampton der Normandie, den elektrischen
Multiplizierer auf einem Brotbrett befestigt und sicher in braunes Papier einge-
wickelt. "Werde Dich Mitte Juli sehen?", hatte er an Philip Hall geschrieben, "ich
erwarte außerdem, den rückseitigen Rasen von 8 Fuß tiefen Schützengräben durch-
zogen vorzufinden." Es war noch nicht dazu gekommen, aber es gab heimlichere
Vorbereitungen, an denen er selbst beteiligt sein sollte.

Alan ging recht in der Annahme, daß die Regierung Seiner Majestät mit Codes
und Chiffren zu tun hatte. * Für die Durchführung der technischen Arbeit unterhielt
sie eine besondere Abteilung. 1938 war deren Struktur noch immer ein Vermächtnis
des Großen Krieges, eine Weiterführung der insgeheim als Room 40 bekannten
Organisation, welche die Admiralität damals aufgebaut hatte.
Nach der ersten Entschlüsselung eines erbeuteten deutschen Codebuchs, das
der Admiralität 1914 von Rußland zugespielt worden war, war eine Vielzahl ver-
schiedenartigster drahtloser und kabelgebundener Signale von einer in erster Linie
zivilen Belegschaft entschlüsselt worden, die aus Universitäten und Schulen rekru-
tiert worden war. Das Arrangement hatte das merkwürdige Charakteristikum, daß
der Direktor, Admiral Hall, Kontrolle über diplomatische Nachrichten (zum Bei-
spiel das berühmte Zimmermann-Telegramm) besaß. Hall war die Ausübung von
Macht nicht fremd. 27 Er war es, der der Presse Casements Tagebuch zeigte, und es
gab noch wichtigere Beispiele für sein 28 "Tätigwerden auf Grund von Geheimdien-
stinformation, unabhängig von anderen Abteilungen, in taktischen Angelegenheiten,
die außerhalb der Belange der Admiralität lagen." Die Organisation überlebte den
Waffenstillstand, aber 1922 gelang es dem Foreign Office, sie von der Admiralität
abzukoppeln. Zu dem Zeitpunkt war sie in "Government Code and Cypher SchooI",
kurz "GC and CS", umbenannt worden und war dafür vorgesehen, "die Metho-
den der von fremden Mächten eingesetzten chiffrierten Nachrichtenübermittlung" zu
studieren 29 und "in Sachen Sicherheit britischer Codes und Chiffren technisch zu
beraten." Sie kam nun unter die Kontrolle durch den Leiter des Secret Service**,
der seinerseits nominell dem Außenminister unterstand.
Dem Direktor der GC and CS, Commander Alistair Denniston, war vom Schatz-

* Im folgenden bezieht sich Code auf jedes gewöhnliche Verfahren der Textübermittlung, sei es geheim
oder nicht. Chiffre wird verwendet für Nachrichten in einer Übermittlungsform, die sie für dritte
unverständlich machen soll. Kryptographie ist die Kunst des Schreibens in Chiffren; Kryptoanalyse
jene der Entzifferung dessen, was in Chiffren verborgen wurde. Kryptologie umfaßt sowohl das
Aufstellen als auch das Entschlüsseln von Chiffren. Zu jener Zeit wurden diese Unterscheidungen
nicht gemacht, und Alan Turing sprach von "Kryptographie" anstelle von "Kryptoanalyse".
** Die britische Spionageorganisation, verschiedentlich SIS oder MI 6 genannt. Von dieser administra-
tiven Überlappung auf der obersten Ebene abgesehen, war und blieb sie im wesentlichen verschieden
von der kryptoanalytischen Abteilung.
172 Kapitel 3

amt die Genehmigung erteilt worden, dreißig zivile Assistenten 30 - wie die gehobe-
nen Angestellten genannt wurden - und etwa 50 Büroangestellte und Schreibkräfte
einzustellen. Aus verwaltungstechnischen Gründen gab es fünfzehn "Senior-" und
fünfzehn "Junior-Assistants". Die ersteren hatten alle in Room 40 gedient, ver-
mutlich mit Ausnahme von Feterlain, einem Exilanten aus Rußland, der Leiter der
russischen Sektion wurde. Da gab es Oliver Strachey, Bruder von Lytton Strachey
und Ehemann von Ray Strachey, der bekannten Feministin, und es gab Dillwyn
Knox, den Altphilologen und Fellow am King's bis zum Ersten Weltkrieg. Strachey
und Knox waren beide Mitglieder des Kreises um Keynes auf dem Höhepunkt sei-
ner Entwicklung zur Zeit Edwards gewesen. Die Juniorassistenten waren eingestellt
worden, als die Abteilung in den zwanziger Jahren ein wenig zu wachsen begann;
der unter ihnen zuletzt eingestellte, A.M. Kendrick, war 1932 dazugekommen.
Die Arbeit der GC and CS hatte eine wichtige Rolle in der Politik der zwanziger
Jahre gespielt. Abgehörte russische Meldungen, die der Presse zugespielt worden
waren, hatten 1924 bei dem Sturz der Labour-Regierung geholfen. Aber was den
Schutz des Britischen Empire vor einem wiedererstarkten Deutschland anging, war
die Code and Cypher School weniger tatkräftig. Es gab recht gute Erfolge beim Ent-
schlüsseln der Nachrichtenverbindungen der Italiener und Japaner, aber die offizielle
Geschichtsschreibung31 sollte es als "unglücklich" bezeichnen, daß "ungeachtet der
zunehmenden Bemühungen, die die GC and CS nach 1936 auf militärische Arbeit
verwendete, dem deutschen Problem so wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde."
Eine der Ursachen war ökonomischer Natur. Denniston mußte für eine
Vergrößerung der Belegschaft plädieren, um den militärischen Aktivitäten im Mit-
telmeerraum gerecht zu werden. Im August 1935 genehmigte das Schatzamt eine
Erhöhung um dreizehn Büroangestellte, jedoch nur auf einer zeitlich befristeten Ba-
sis von jeweils sechs Monaten. Es war eine typische Mitteilung 32 von Denniston an
das Schatzamt im Januar 1937:

Die Situation in Spanien ... bleibt so unsicher, daß es seit dem Höhepunkt der Äthiopi-
enkrise ein ständiges Anwachsen des zu bearbeitenden Verkehrs gibt, wobei die Zahlen
für bearbeitete Telegramme während der letzten drei Monate von 1934, 1935 und 1936
lauten
1934 10,638
1935 12,696
1936 13,990
Während des letzten Monats ist die derzeitige Belegschaft lediglich durch Überstunden
dazu in der Lage gewesen, mit dem Zuwachs an Verkehr zurechtzukommen.

Im Laufe des Jahres 1937 stimmte das Schatzamt einer Vergrößerung der perma-
nenten Belegschaft zu. Doch diese Maßnahme wurde einer derartigen Lage nicht
gerecht: 33
Neue Männer 173

Der Umfang des deutschen Funkverkehrs ... nahm zu; es wurde nach und nach ein-
facher, ihn in britischen Stationen aufzufangen; doch selbst 1939 wurden aus Mangel
an Geräten und Bedienungspersonal keineswegs alle Nachrichtenverbindungen der deut-
schen Streitkräfte abgehört, noch wurde der abgehörte Funkverkehr analysiert. Bis 1937-
38 gab es keinen Zuwachs bei der zivilen Belegschaft im Gegensatz zum militärischen
Personal an der GC and CS; und wegen des anhaltenden Mangels an aufgefangenen
deutschen Funksprüchen waren die zu der Zeit angestellten acht Akademiker in erster
Linie von der ebenso anwachsenden Last japanischer und italienischer Arbeit in Anspruch
genommen, die zur Erweiterung der Geheimdienstsektionen geführt hatten.

Es war jedoch nicht bloß eine Angelegenheit von Zahlen und Budgets. Diese al-
tertümliche Abteilung war nicht dazu in der Lage, der mechanischen Herausfor-
derung der späten dreißiger Jahre gerecht zu werden. Die Jahre nach dem ersten
Weltkrieg waren die "goldene Ära des modemen diplomatischen Codebrechens" ge-
nannt worden 34 . Aber jetzt stellte die deutsche Nachrichtenübermittlung die GC and
CS vor ein Problem, das ihre Möglichkeiten überstieg - die Enigma-Maschine 35 :

Anfang 1937 war es erwiesen, daß - im Gegensatz zu ihren japanischen und italienischen
Entsprechungen - die deutsche Armee, die deutsche Marine und wahrscheinlich die Luft-
waffe, zusammen mit anderen staatlichen Organisationen wie den Eisenbahnen und der
SS, für ihren gesamten Nachrichtenverkehr, mit Ausnahme des taktischen, verschiedene
Versionen desselben Chiffriersystems verwendeten - der Enigma-Maschine, die schon in
den zwanziger Jahren auf den Markt gebracht worden, aber von den Deutschen durch
fortschreitende Veränderungen sicherer gemacht worden war. 1937 gelang es der GC
and CS, den von dem weniger modifizierten und weniger sicheren Typ dieser Maschine
erzeugten Code zu brechen, von dem die Deutschen, die Italiener und die nationalisti-
schen spanischen Streitkräfte Gebrauch machten. Doch davon abgesehen, widerstand die
Enigma noch allen Angriffen, und es schien wahrscheinlich, daß es so bleiben würde.

Die Enigma-Maschine war das zentrale Problem, mit dem sich der britische Ge-
heimdienst 1938 konfrontiert sah. Doch er hielt es für unlösbar. Innerhalb des
existierenden Systems war es das vielleicht tatsächlich. Denn in dieser Abteilung
von Altphilologen - einer Art geheimer Schatten des King's unten in den Broadway
Buildings - gab es keinen Mathematiker.
1938 gab es keine Erweiterung der permanenten Belegschaft, um diesem be-
merkenswerten Mangel abzuhelfen. Aber "es wurden Pläne gemacht, im Kriegsfall
etwa 60 weitere Kryptoanalytiker einzustellen."36 Und hier kam auch Alan Turing
in die Geschichte, denn er war einer der dafür Rekrutierten. Er könnte möglicher-
weise schon seit 1936 mit der Regierung in Verbindung gestanden haben oder aber
mit der Absicht von Bord der Normandie gegangen sein, seine Multipliziermaschine
vorzuführen. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß er Denniston von einem seiner älteren
Dons, der während des ersten Weltkriegs in Room 40 gearbeitet hatte, empfohlen
worden war. Einer von ihnen war Professor Adcock, Fellow am King' s seit 1911.
Wenn Alan jemals am Dozententisch des King's von Codes und Chiffren gespro-
174 Kapitel 3

chen hatte, hätte sein Enthusiasmus der GC and CS schnellstens mitgeteilt werden
können. Wie dem auch gewesen sein mag, er bot sich als Kandidat von Natur aus an.
Unmittelbar nach seiner Rückkehr im Sommer 1938 wurde er zu einem Lehrgang
in das Hauptquartier der GC and CS mitgenommen.
Alan und seine Freunde konnten sehen, daß es, ungeachtet all der Hoffnungen
von 1933, wahrscheinlich Krieg geben würde, und sie fanden es wichtig, dafür
Sorge zu tragen, daß sie eher auf irgendeine sinnvolle Weise Einsatz fänden, anstatt
Kanonenfutter in den Tod zu schicken. Es war schwer, dieses Gefühl von dem
Wunsch zu trennen, Schaden zu vermeiden. Die Politik der Regierung, geistiges
Potential zurückzubehalten, stellte eine Art Erleichterung dar und entließ sie aus
der Schuld. In diesem Sinn traf Alan Turing seine schicksalhafte Entscheidung und
entschloß sich zum Beginn seiner langwährenden Zusammenarbeit mit der britischen
Regierung. Bei allem Mißtrauen gegen die "Regierung SM" muß es aufregend
gewesen sein, hinter die Kulissen sehen zu dürfen. Aber es bedeutete, daß er mit
dem Versprechen, die Geheimnisse der Regierung zu wahren, zum ersten Mal einen
Teil seines Denkens preisgegeben hatte.
Der Regierungsapparat, zu dem er nun gehörte, war zwar streng und anspruchs-
voll, aber wie die Weiße Königin, die Alice auf ihre Reise mitnahm, befand er sich
in einem Zustand der Verwirrung, im Kampf mit Sicherheitsnadeln und Bindfaden.
Das Versäumnis, eine größere Anstrengung der Enigma-Maschine wegen zu unter-
nehmen, war nur ein Aspekt einer unzusammenhängenden Strategie, welche alle
Welt im September 1938 sehen konnte. Bis zu jenem Monat konnten die Briten
sich selbst noch davon überzeugen, daß es innerhalb des existierenden Rahmens
logische "Lösungen" für deutsche "Übelstände" gab. Nach jenem Monat hatten die
moralischen Debatten über Fairneß und Selbstbestimmung endgültig aufgehört, die
wirklichen Machtverhältnisse zu verhüllen. Das Völkchen von Cambridge fand sich
wieder zusammen für das, was nach den Worten von Frank Lucas, eines Dons am
King's, "das Jahr unter dem Terror" sein sollte. Die Weiße Königin hatte geschrien,
bevor die Nadel wirklich stach. Londoner Kinder waren nach Newnham College
evakuiert worden, und die männlichen Studenten hatten gespürt, daß sie am Rande
der Rekrutierung standen. Nichts war klar, außer daß sich etwas Schreckliches an-
bahnte. Die radikale Propaganda betonte die zu erwartende verheerende Wirkung
des modemen Luftangriffs, während die Regierung an nichts anderes zu denken
schien als an den Bau von Bombern, um einen Gegenschlag zu führen.
Die alte Welt mochte sich ihrem Ende nähern, aber die neue offerierte eine kleine
Fluchtmöglichkeit in die Phantasie. Schneewittchen und die sieben Zwerge kam im
Oktober nach Cambridge, und Alan spielte genau die Rolle, die man in Cambridge
von Dons des King's erwartete: er sah sich zusammen mit David Champernowne
den Film an. Er war sehr von der Szene angetan, in der die böse Hexe einen an
einem Faden baumelnden Apfel in ein kochendes Giftgebräu tauchte und murmelte:
Neue Männer 175

Dip the apple in the brew


Let the Sleeping Death seep through*

Es gefiel ihm, das prophetische Verspaar wieder und immer wieder zu singen.
Alan lud auch Shaun Wylie aus Oxford als Gast zum College-Fest ein. Shaun
Wylie und David Champernowne waren Schulkameraden in Winchester gewesen.
Alan hatte die Idee von der Multiplikationschiffre Champ gegenüber erwähnt, aber
Shaun erzählte er von dem Sommerlehrgang und sprach davon, daß er den Behörden
seinen Namen zu einer möglichen Rekrutierung gemeldet hatte. Die Princetoner
Schatzsuchen hatten daher ein ernstes Nachspiel. Er sagte auch, daß er Wahrschein-
lichkeitstheorie studiert habe und gerne mit dem Werfen von Münzen experimen-
tieren wolle, sich aber blöd vorkommen würde, wenn jemand hereinkäme, obwohl
er im King's kaum befürchtet haben müßte, exzentrisch zu erscheinen. Sie spiel-
ten auch Kriegsspiele. David Champernowne besaß "Denis Wheatleys spannendes
neues Kriegsspiel - Invasion", für das sie neue Regeln erfanden, um es zu einem
besseren Spiel zu machen. Maurice Pryce, damals in seinem zweiten Jahr als Univer-
sitätsdozent, hatte ein Gespräch mit Alan über die neue Idee der Kernspaltung, und
Maurice fand eine Gleichung für Bedingungen, die für den Start einer Kettenreaktion
erforderlich waren**.
Wahrscheinlich hatte sich Alan erneut um eine Dozentur beworben, doch wenn
es der Fall war, war er wieder enttäuscht worden. Er hatte der Fakultät jedoch auch
eine Vorlesung über "Grundlagen der Mathematik" angeboten. (Newman hielt in
diesem Jahr keine). Diese akzeptierten sie 37 und gestanden ihm dafür ein eher sym-
bolisches Honorar von flO zu, wie es der Brauch vorsah für mathematisch bedeut-
same, aber nicht offiziell in Auftrag gegebene Vorlesungen der dritten Studienstufe.
Man bat ihn auch um eine Bewertung der Ansprüche Friedrich Waismanns, des nach
England ins Exil gegangenen Philosophen aus dem Wiener Kreis, der aus Wittgen-
steins Gefolge ausgeschlossen worden war und eine Vorlesung über Grundlagen der
Mathematik halten wollte. Alan hatte somit eine kleine Nische für sich geschaffen.
Am 13. November 1938 besuchte Neville Chamberlain den Armistice Day***-
Gottesdienst in der Universitätskirche, und ein Bischof wies mit Genugtuung auf
"den Mut, das Einfühlungsvermögen und die Standhaftigkeit des Premierministers
in seinen Gesprächen mit Hitler" hin, "wodurch vor sechs Wochen der europäische
Friede gerettet wurde." Aber in Cambridge gab es eine andere Auffassung, die näher
an der Realität war. Im King's leitete Professor Clapham ein Komitee zum Empfang
jüdischer Flüchtlinge, welche die Regierung nach der Welle der Gewalt in Deutsch-

* A.d.Ü.: Tauch' den Apfel ins Gebräu / laß' den Schlaftod einziehen.
** David Champemowne diskutierte ebenfalls das Prinzip der Kettenreaktion mit Alan, nachdem er
einen Artikel von J.B.S. Haldane darüber im Daily Worker gelesen hatte.
*** A.d.Ü.: Feiertag in Großbritannien (11. November in den U.S.A. und Kanada) zur Erinnerung an
den Waffenstillstand im Jahre 1918
176 Kapitel 3

land im November ins Land gelassen hatte. Diese Ereignisse hatten für Alans Freund
Fred Clayton eine besondere Bedeutung, der zwischen 1935 und 1937 eine zeitlang
zunächst in Wien und dann in Dresden studiert und dabei Erfahrungen gemacht hatte,
die sich sehr von den fröhlichen Hockeyspielen in Princeton unterschieden.
Sie bedeuteten zwei sehr schwierige und schmerzliche Dinge. Zum einen war er
sich der Implikationen der Naziherrschaft im höchsten Maße bewußt, zum anderen
gab es da zwei Jungen - den jüngeren Sohn einer jüdischen Witwe, der in demselben
Haus in Wien lebte, und einen Jungen, der auf die Schule ging, an der Fred in
Dresden gelehrt hatte. Die Ereignisse im November 1938 hatten die Wiener Familie
in große Gefahr gebracht, und Frau S. wandte sich mit der Bitte um Hilfe an ihn.
Er versuchte ihr zu helfen, ihre Söhne nach England zu schaffen, und es gelang ihm
kurz vor Weihnachten mit Hilfe der "Quakers' Relief Action" * . Sie fanden sich in
einem Flüchtlingslager an der Küste bei Harwich wieder und schrieben an Fred, der
sie bald darauf besuchte. In der feuchten, eiskalten Sklavenmarktatmosphäre trugen
einige andere junge Flüchtlinge ein paar deutsche und englische Lieder vor und die
Passage aus Schillers Don Car/os über Elisabeth, wie sie die Flüchtlinge aus den
Niederlanden empfängt. Fred hatte Karl bereits sehr gern, eine Empfindung, die der
vaterlose Karl erwiderte, und er fuhr weg, um zu helfen, einen Pftegeplatz für ihn
zu finden.
Als er diese Geschichte hörte, reagierte Alan ohne Wenn und Aber. An einem
regnerischen Sonntag im Februar 1939 radelte er mit Fred zu dem Lager bei Har-
wich. Er hatte die Idee entwickelt, einen Jungen zu unterstützen, der zur Schule
und auf die Universität gehen wollte. Die meisten der Jungen waren nur zu froh
darüber, die Schule für immer los zu sein. Unter den wenigen Ausnahmen war
Robert Augenfeld - "Bob" vom Moment seiner Ankunft in England an -, der mit
zehn Jahren beschlossen hatte, einmal Chemiker zu werden. Er stammte aus einer
Wiener Familie von beträchtlichem Ansehen, und sein Vater, der im Ersten Welt-
krieg Flügeladjutant gewesen war, hatte ihn angewiesen, auf der Fortsetzung seiner
Ausbildung zu bestehen. Er besaß keine wie immer geartete Unterstützung in Eng-
land, und Alan willigte ein, ihn zu fördern. Es war unrealistisch, da Alans Gehalt
als Fellow nicht dafür ausreichte, obwohl er wahrscheinlich etwas von Procters Geld
gespart hatte. Sein Vater schrieb: "Ist das klug, werden die Leute es mißverstehen?",
was Alan ärgerte, auch wenn David Champernowne sagte, daß sein Vater gar nicht
so unrecht habe.
Aber die unmittelbaren praktischen Probleme waren bald gelöst. Rossall, eine
Public School an der Küste von Lancashire, hatte angeboten, einige Flüchtlings-
jungen ohne Schulgeld aufzunehmen. Freds Schützling Karl sollte dort einen Platz
erhalten und dasselbe wurde auch für Bob arrangiert. Bob mußte zu einem Vorstel-
lungsgespräch nach Norden reisen, wo Rossall ihn unter der Voraussetzung akzep-

* A.d.Ü.: Hilfsorganisation der Quäker


Neue Männer 177

tierte, daß er zunächst sein Englisch in einer Vorbereitungs schule verbesserte. Auf
der Fahrt hatten sich die Quäker in Manchester um ihn gekümmert, die wiederum
eine wohlhabende, methodistische Mühlenbesitzerfamilie darauf angesprochen hat-
ten, ihn aufzunehmen. (Karl wurde auf dieselbe Art untergebracht.) Damit war seine
Zukunft gesichert, und obwohl letztlich Alan für ihn verantwortlich war und Bob
sich immer sehr in seiner Schuld fühlte, mußte er für nicht mehr als ein paar Ge-
schenke aufkommen und für die Schulausrüstung, damit der Junge anfangen konnte.
Seine spontane Handlungsweise war gerechtfertigt gewesen, und es hatte Alan si-
cher geholfen, daß Bob in geistiger Hinsicht ebenso zäh war wie Alan, denn er hatte
den Verlust von allem, an das er sich erinnern konnte, überlebt und war fest dazu
entschlossen, für seine eigene zukünftige Ausbildung zu kämpfen.
Inzwischen hatte Alan mehr mit den Problemen der GC and CS zu tun bekom-
men. Zu Weihnachten fand eine weitere Ausbildungsveranstaltung im Hauptquartier
in Broadway statt. Alan ging hin und übernachtete in einem Hotel in St. J ames' s
Square mit Patrick Wilkinson, dem etwas älteren Don für klassische Literatur und
Sprachen am King's, der ebenfalls eingezogen worden war. Danach machte er alle
zwei oder drei Wochen einen Besuch, um bei der Arbeit zu helfen. Er fand sich
Dillwyn Knox, dem Senior Assistant, und dem jungen Peter Twinn zugeteilt, einem
Doktoranden in Physik aus Oxford, der als neuer, fest angestellter Junior Assistant
hinzukam, als im Februar eine freie Stelle ausgeschrieben worden war. Alan durfte
etwas von der Arbeit an der Enigma ans King's mitnehmen. Er sagte, daß er seine
Türe - so gut er es vermochte - verschloß, wenn er daran arbeitete. Es war klug
von Denniston gewesen, nicht erst auf den Beginn der Feindseligkeiten zu warten,
bevor er seine Reservetruppen die Probleme sehen ließ. Aber sie kamen nicht voran.
Allgemeine Kenntnisse über die Enigma-Maschine waren nicht genug, um darauf
einen Angriff aufzubauen.
Mrs. Turing wäre erstaunt gewesen, hätte sie gewußt, daß ihrem jüngeren Sohn
Staatsgeheimnisse anvertraut wurden. Alan hatte zu jener Zeit bereits eine ausge-
feilte Technik für den Umgang mit seiner Familie und besonders für den mit seiner
Mutter entwickelt. Sie alle hielten ihn für bar jedes gesunden Menschenverstan-
des, während er sich seinerseits die Rolle des geistesabwesenden Professors zulegte.
"Brillant, aber nicht ganz zurechnungsfahig", so stellte sich Alan seiner Mutter dar,
die es unternahm, ihn an alle wichtigen Angelegenheiten der Erscheinung und des
Auftretens zu erinnern, so zum Beispiel daran, jedes Jahr einen neuen Anzug zu kau-
fen (den er nie trug), an Weihnachtsgeschenke, Geburtstage von Tanten und daran,
sich die Haare schneiden zu lassen. Besonders schnell war sie darin, alles, was nach
Manieren der "lower middle dass" schmeckte, zu bemerken und zu kommentieren.
Daheim ertrug Alan dies unter Ausnutzung seiner Rolle als jugendliches Genie. Er
vermied Konfrontation - im Falle religiöser Observanz durch das Singen von Weih-
nachtsliedern, während er über Ostern arbeitete - und umgekehrt - oder indem er im
Gespräch mit völlig ernstem Gesicht auf "Unsern Herrn" Bezug nahm. Er erzählte
178 Kapitel 3

nicht gerade Lügen, doch durch Täuschung vermied er es erfolgreich, zu verletzen.


Das hätte er für sonst niemand getan, aber für ihn, wie für die meisten Menschen,
war die Familie die letzte Bastion der vorsätzlichen Täuschung.
Es gab jedoch auch einen anderen Aspekt in dieser Beziehung: Mrs. Turing
spürte, daß er etwas über alle Maßen Wichtiges vollbracht hatte, und war höchst be-
eindruckt von dem Interesse, das seiner Arbeit im Ausland entgegengebracht wurde.
Einmal kam ein Brief aus Japan! Aus unerfindlichen Gründen war sie besonders von
der Tatsache ergriffen, daß Scholz beabsichtigte, Alans Arbeit in der für 1939 vor-
gesehenen Revision der deutschen Enzyklopädie der mathematischen Wissenschaften
zu erwähnen. 38 Es bedurfte derartigen offiziell klingenden Widerhalls für sie, um zu
fühlen, daß etwas geschehen war. Alan wiederum scheute sich nicht, seine Mutter
als Sekretärin zu beschäftigen. Sie verschickte einige der Separatdrucke von On
Computable Numbers, während er in Amerika war. Er unternahm auch einen Ver-
such, ihr mathematische Logik und die komplexen Zahlen zu erklären - wenn auch
ohne die geringste Spur von Erfolg.
Im Frühling 1939 hielt er seine erste Vorlesungsreihe in Cambridge. Er begann
mit vierzehn Studenten im dritten Studienabschnitt, schrieb aber nach Hause: "Es
besteht kein Zweifel, daß der Besuch im Laufe des Semesters nachlassen wird". Er
muß wenigstens einen behalten haben, denn er mußte Fragen zu seinem Kurs für die
Prüfung im Juni aufsetzen. Eine davon fragte nach einem Beweis des Ergebnisses
von On Computable Numbers. Es muß ein großes Vergnügen gewesen sein, 1939
als Prüfungsaufgabe die Frage stellen zu können, die Newman nur vier Jahre zuvor
als unbeantwortet gestellt hatte.
Zur gleichen Zeit nahm Alan an Wittgensteins Klasse über Grundlagen der Ma-
thematik teil, und obwohl diese denselben Titel wie Alans Kurs trug, war sie doch
davon völlig verschieden. Turings Kurs handelte von dem Schachspiel der ma-
thematischen Logik, dem Auswählen der übersichtlichsten und minimalsten Menge
von Axiomen, von denen auszugehen war, und davon, sie - gemäß dem exakten
System von Regeln - zur Entfaltung in die Strukturen der Mathematik zu bringen
und die technischen Beschränkungen dieses Verfahrens zu entdecken. Wittgensteins
Kurs dagegen war über die Philosophie der Mathematik, darüber, was Mathematik
wirklich war.
Wittgensteins Klassen waren anders als alle anderen. So mußten sich die Teil-
nehmer zum Beispiel dazu verpflichten, an jeder Sitzung teilzunehmen. Alan verstieß
gegen die Regel und erhielt dafür einen mündlichen Schlag auf die Fingerknöchel.
Er versäumte die siebente Lektion, höchstwahrscheinlich wegen seiner Reise zum
Clock House, wo am 13. Februar eine ganze Seitenkapelle der Gemeindekirche Chri-
stopher an dessen neunten Todestag geweiht wurde. Dieser besondere Kurs umfasste
einunddreißig Stunden. Er fand zweimal in der Woche statt und erstreckte sich über
zwei Trimester. Es gab etwa fünfzehn Teilnehmer, darunter Alister Watson, und
jeder mußte zuerst zu einem privaten Vorstellungsgespräch zu Wittgenstein in sein
Neue Männer 179

nüchtern-strenges Zimmer im Trinity College gehen. Diese Gespräche waren für ihre
langen und eindrucksvollen Schweigepausen berühmt, denn Wittgenstein verachtete
es in weitaus umfassenderem Maße als Alan, höfliche Konversation zu betreiben. In
Princeton hatte Alan Venable Martin davon erzählt, was für "ein sehr sonderbarer
Mann" Wittgenstein sei, denn nachdem sie etwas über Logik gesprochen hatten,
hatte Wittgenstein gesagt, daß er in ein naheliegendes Zimmer gehen müsse, um
das, was gesagt worden war, zu überdenken.
Beide waren schroff und leger in ihrer spartanischen und krawattenlosen Erschei-
nung (obwohl Alan seinen Sportjacketts treu blieb, im Gegensatz zu den Lederjacken,
die von dem Philosophen getragen wurden), und sie waren einander ziemlich ähn-
lich in ihrer Intensität und Ernsthaftigkeit. Keiner von bei den ließ sich durch seine
offizielle Stellung definieren. (Wittgenstein, der damals fünfzig war, war gerade
zum Professor der Philosophie in der Nachfolge von G.E. Moore ernannt worden.)
Sie waren einzigartige Individuen, die sich ihre eigenen geistigen Welten schufen.
Sie interessierten sich beide nur für grundlegende Fragen, auch wenn sie dabei ver-
schiedene Richtungen einschlugen. Aber Wittgenstein war die weit dramatischere
Gestalt. Aufgewachsen als Sohn des österreichischen Äquivalents der Camegies,
hatte er auf das Familienvermögen verzichtet, jahrelang in einer Dorfschule unter-
richtet und sich in Norwegen eine Hütte bauen lassen. Und auch wenn Alan ein
Sohn des Empire war, so hatte doch der Haushalt der Turings wohl kaum etwas mit
dem Palais Wittgenstein gemein.
Wittgenstein bemühte sich, Fragen über die Beziehung von Mathematik zu den
"Wörtern der gewöhnlichen Alltagssprache" zu stellen. 39 Was, zum Beispiel, hatten
die schachartigen "Beweise" der reinen Mathematik mit "Beweis" zu tun, wie etwa
in dem Satz: "Der Beweis für Lewys Schuld ist darin zu sehen, daß er mit einer
Pistole in der Hand am Ort seines Verbrechens war. "? Wittgenstein betonte stets,
daß der Zusammenhang nie klar war. Die Principia Mathematica stellten lediglich
eine Verlagerung des Problems dar: sie hatten immer noch eine Übereinstimmung
darüber zur Voraussetzung, was es hieß, "einen Beweis" zu haben; vorausgesetzt
wurde eine Übereinkunft hinsichtlich dessen, was Zählen, Wiedererkennen und Zei-
chen bedeuteten. Wenn Hardy sagte, daß 317 eine Primzahl war, weil es so war, was
bedeutete das? Bedeutete es lediglich, daß Menschen stets einer Meinung waren,
wenn sie richtig addierten? Wie wußten sie, welche Regeln die "richtigen" waren?
Wittgensteins Technik bestand darin, Worte wie Beweis, unendlich, Zahl, Regel in
Fragen über alltägliche Gegebenheiten einzubinden und zu zeigen, daß sie Unsinn
ergeben konnten. Als der einzige aktive Mathematiker des Seminars wurde Alan
in der Regel für alles, was Mathematiker jemals gesagt oder getan hatten, verant-
wortlich gemacht, und er versuchte tapfer, sein Bestes zu geben, um die abstrakten
Konstruktionen der reinen Mathematik gegen Wittgensteins Angriff zu verteidigen.
Insbesondere kam es zu einem ausgedehnten Disput zwischen ihnen über die
gesamte Struktur der mathematischen Logik. Wittgenstein bemühte sich, darzulegen,
180 Kapitel 3

daß der Versuch, ein "wasserdichtes", automatisches logisches System zu schaffen,


nichts mit dem zu tun habe, was für gewöhnlich unter Wahrheit verstanden wurde. Er
zielte dabei auf die Eigenschaft jedes logischen Systems ab, gemäß der ein einziger
Widerspruch, und insbesondere ein Selbst-Widerspruch, den Beweis jeder beliebigen
Behauptung zuließ:

WITTGENSTEIN: ... Denken wir etwa an das Beispiel des Lügners. In gewisser Weise
ist es sehr merkwürdig, daß sich jemals einer den Kopf darüber zerbrochen hat. Es
ist viel ungewöhnlicher, als man vielleicht glaubt, daß sich die Menschen über so
etwas bekümmern, denn die Sache funktioniert so: Wenn jemand sagt "Ich lüge",
so erwidern wir, daß er nicht lügt, woraus folgt, daß er wohl lügt, und so fort. Na
und? Man kann auf diese Weise fortfahren, bis man schwarz wird. Und warum auch
nicht? Es macht doch nichts. ... Dies ist nur ein nutzloses Sprachspiel, und warum
sollte sich irgend jemand darüber aufregen?
TURING: Rätselhaft ist folgendes. Gewöhnlich verwendet man den Widerspruch als ein
Kriterium dafür, daß man einen Fehler begangen hat, während man in diesem Fall
keinen Fehler finden kann.
WITTGENSTEIN: Das stimmt, aber darüber hinaus gilt, daß auch gar kein Fehler begangen
worden ist. Aber was bedarf hier denn eigentlich einer Erklärung?
TURING: Hier wird kein wirklicher Schaden angerichtet, es sei denn, es gibt eine An-
wendung, so daß vielleicht eine Brücke zusammenbricht, oder etwas dergleichen.
WITTGENSTEIN: Unsere Frage lautet: Weshalb haben die Leute Angst vor Wider-
sprüchen? Es ist leicht zu verstehen, weshalb sie sich vor Widersprüchen in Befehlen,
Beschreibungen etc., also vor Widersprüchen außerhalb der Mathematik fürchten.
Die Frage zielt aber darauf ab, weshalb sie sich vor Widersprüchen innerhalb der
Mathematik fürchten sollten, und Turing behauptet: "Weil bei der Anwendung et-
was schiefgehen kann." Es braucht aber nichts schiefzugehen, und wenn es doch
geschieht - wenn also die Brücke einstürzt -, so liegt der Fehler etwa darin, daß man
das falsche Naturgesetz verwendet hat.
TURING: Solange man nicht weiß, daß kein verborgener Widerspruch im Kalkül steckt,
kann man sich nicht auf seine Anwendung verlassen.
WITTGENSTEIN: Mir scheint, hier steckt ein ungeheurer Fehler.... Nehmen wir an, ich
überzeuge Rhees vom Lügnerparadox, und er sagt: "Ich lüge, also lüge ich nicht,
also lüge ich und lüge nicht, also besteht hier ein Widerspruch, also ist 2 x 2 = 369."
Nun, das würden wir eben keine Multiplikation nennen, und das ist alles ....
TURING: Man weiß zwar nicht, daß die Brücke einstürzt, wenn es keinen Widerspruch
gibt, aber es ist doch beinahe gewiß, daß etwas schiefgehen wird, falls tatsächlich
Widersprüche bestehen.
WITTGENSTEIN: Aber bis jetzt ist doch noch nie etwas auf diese Weise schiefgegan-
gen ....

Aber Alan war nicht zu überzeugen. Für jeden reinen Mathematiker bestand die
Schönheit seines Gebiets ja gerade darin, daß das System erhaben, widerspruchsfrei
und abgeschlossen dastand, wie auch immer man über seine Bedeutung debattieren
mochte. Teure Liebe zur Mathematik! Sichere, geschützte Welt, in der nichts schief-
Neue Männer 181

gehen konnte, keine Schwierigkeiten auftauchten, keine Brücken zusammenbrachen!


So ganz anders als die Welt von 1939.

Er beendete seine Untersuchung des Problems von Skewes nicht, die in Form
eines fehlerübersäten Manuskripts 40 liegen blieb und von ihm nie wieder aufgegrif-
fen wurde. Aber er verfolgte weiterhin das zentralere Problem der Untersuchung der
Nullstellen der Riemannschen Zeta-Funktion. Der theoretische Teil, der die gefun-
dene neue Methode für die Berechnung der Zeta-Funktion und ihre Rechtfertigung
enthielt, war Anfang März fertiggestellt und zur Veröffentlichung eingereicht41 . Da-
mit mußte nur noch die eigentliche Berechnung selbst durchgeführt werden. Im Hin-
blick darauf hatte es einen Fortschritt gegeben. Maleolm MacPhail hatte bezüglich
der elektrischen Multipliziermaschine geschrieben 42 :

Wie gut ist Deine Universität mit Speicherbatterien, Drehbänken und so weiter ausgestat-
tet, die Du für Deine Maschine verwenden kannst? Es ist ausgesprochen schade, daß Du
sie wirst ändern müssen. Hoffentlich stellt sie sich nicht als zu sehr zusammengedrängt
heraus, so daß kaum damit zu arbeiten ist. Übrigens, falls Du in diesem Herbst Zeit
haben solltest, um daran zu arbeiten und Du Hilfe dabei benötigst, zögere nicht, mei-
nen Bruder darum zu bitten. Ich habe ihm von der Maschine und ihrer Funktionsweise
erzählt. Er ist sehr begeistert von Deiner Methode, Schaltpläne zu zeichnen, worüber ich
ziemlich erstaunt war. Du weißt ja, wie konservativ und altmodisch Ingenieure zu sein
pflegen.

Der Zufall wollte es, daß Donald MacPhail ein King's zugeordneter Forschungsstu-
dent war, der Maschinenbau studierte. Die Multipliziermaschine machte keine Fort-
schritte, aber Donald MacPhail beteiligte sich nun an dem Zeta-Funktions-Projekt.
Alan war nicht die einzige Person, die 1939 über mechanisches Rechnen nach-
denken sollte. Es gab in dieser Hinsicht eine ganze Menge von Ideen und Initiativen,
die das Wachstum der Elektroindustrie widerspiegelten. Mehrere Projekte davon lie-
fen in den Vereinigten Staaten. Eines davon war der "Differentialanalysator", den der
amerikanische Ingenieur Vannevar Bush 1930 am Massachusetts Institute of Techno-
logy Massachusetts Institute of Technology ff. entworfen hatte. Damit konnten phy-
sikalische Analoga gewisser Differentialgleichungen realisiert werden - die Klasse
von Problemen von größtem Interesse für die Physik und die Ingenieurswissenschaf-
ten. Eine ähnliche Maschine war von dem britischen Physiker D.R. Hartree an der
Universität Manchester aus Stabilbaukastenteilen gebaut worden. Das wiederum
hatte die Auftragserteilung für einen weiteren Differentialanalysator in Cambridge
zur Folge gehabt, wo 1937 die mathematische Fakultät ein neues Mathematisches
Laboratorium zu seiner Unterbringung genehmigt hatte. Einer, der wie Alan 1934
"B-star" gewesen war, der angewandte Mathematiker M.V. Wilkes, war zum Juni-
ormitglied des wissenschaftlichen Stabes ernannt worden.
Der Einsatz einer derartigen Maschine für das Zeta-Funktions-Problem wäre je-
182 Kapitel 3

doch nutzlos gewesen. Mit Differentialanalysatoren ließ sich nur eine besondere
Klasse mathematischer Systeme simulieren und das nur in einem beschränkten und
sehr ungenauen Maße. Ebenso wäre auch die Turingsche Zeta-Funktions-Maschine
ausschließlich für das gegebene, noch speziellere Problem zu verwenden gewe-
sen. Es gab keinen wie auch immer gearteten Zusammenhang mit der Universellen
Turing-Maschine. Sie hätte schwerlich weniger universell sein können. Am 24. März
beantragte Alan 43 bei der Royal Society die Mittel zur Deckung der Kosten zu ihrer
Konstruktion und schrieb auf deren Fragebogen:

Der Apparat hätte geringen bleibenden Wert. Er ließe sich dazu verwenden, ähnliche
Untersuchungen für einen größeren Bereich von t durchzuführen*, sowie für einige an-
dere Untersuchungen im Zusammenhang mit der Zeta-Funktion. Ich kann mir keine
Anwendungen vorstellen, die nicht mit der Zeta-Funktion zu tun hätten.

Hardy und Titchmarsh waren als Gutachter für den Antrag genannt, der die
gewünschten f40 erbrachte. Zugrunde lag die Idee, daß die Maschine, obwohl sie
die erforderliche Berechnung nicht exakt durchführen konnte, die Stellen ermitteln
konnte, an denen die Zeta-Funktion einen nahe bei Null gelegenen Wert annahm.
Diese Stellen konnten dann durch eine exaktere Berechnung von Hand weiter un-
tersucht werden. Alan errechnete einen Faktor von fünfzig für die Reduktion des
Arbeitsaufwandes. Vielleicht ebenso wichtig war, daß es wesentlich mehr Spaß
machen würde.
Die Liverpooler Maschine zur Gezeitenvorhersage beruhte auf einem System
von Riemen und Laufrädern als Analogon des mathematischen Problems der Addi-
tion einer Reihe von Wellen. Dabei wurde die Länge des Riemens, während er sich
um die Laufräder wickelte, gemessen, um die benötigte Gesamtsumme zu erhalten.
Für die Zeta-Funktions-Summation gingen sie von derselben Idee aus, entschieden
sich aber dann für eine andere Konstruktion. In dieser rotierte eine Anordnung in-
einander verzahnter Zahnräder, welche die erforderliche Kreisfrequenzen simulierte.
Die Addition sollte nicht durch Längen-, sondern durch Gewichtsmessung erfolgen.
Es waren genaugenommen dreißig wellenartige Beiträge zu addieren, wobei jeder
durch die Rotation eines Zahnrades simuliert wurde. Dreißig Gewichte mußten auf
den entsprechenden Rädern in gewissem Abstand von deren Achse befestigt wer-
den. Das hatte zur Folge, daß das Drehmoment der Gewichte wellenartig während
der Rotation der Räder variierte. Die Summation erfolgte durch Ausbalancieren der
kombinierten Wirkung der Gewichte durch ein einzelnes Gegengewicht.
Die Frequenzen der dreißig erforderlichen Schwingungen durchliefen die Loga-
rithmen der ganzen Zahlen bis 30. Um diese irrationalen Größen durch Zahnräder
darzustellen, mußten sie durch Brüche approximiert werden. So wurde zum Bei-
spiel die durch den Logarithmus von 3 bestimmte Frequenz in der Maschine durch

* das heißt dafür, noch mehr Nullstellen der Zeta-Funktion zu betrachten


Neue Männer 183

Zahnräder dargestellt, die ein Verhältnis von 34 x 31 zu 57 x 35 aufwiesen**. Dazu


waren vier Zahnräder erforderlich, mit je 34, 31, 57 und 35 Zähnen, die einander so
bewegten, daß eines von ihnen als Erzeuger der "Welle" wirken konnte. Einige der
Räder ließen sich zwei- oder dreifach verwenden, so daß insgesamt 80 und nicht
120 Zahnräder benötigt wurden. Diese waren auf ingeniöse Weise in verzahnten
Gruppen angeordnet und so auf eine zentrale Achse montiert, daß die Drehung einer
großen Kurbel sie sämtlich zu gleicher Zeit in Bewegung setzen sollte. Um das zu
ermöglichen, waren für die Konstruktion der Maschine umfangreiche Fräsarbeiten
höchster Präzision bei der Herstellung der Zahnräder erforderlich.
Donald MacPhail zeichnete die Vorlagen für den Entwurf44 , datiert auf den
17. Juli 1939. Doch die Ingenieurarbeit überließ ihm Alan nicht. Tatsächlich konnte
man sein Zimmer in diesem Sommer des Jahres 1939 in der Regel mit einer Art
von Puzzle aus auf dem Fußboden verteilten Zahnrädern antreffen. Kenneth Harri-
son, mittlerweile Fellow, wurde zu einem Drink eingeladen und fand es in diesem
Zustand. Alan versuchte sein Bestes und scheiterte kläglich bei dem Versuch einer
Erklärung des Verwendungszwecks. Es war sicher alles andere als offensichtlich, daß
die Bewegung dieser Zahnräder irgend etwas mit der Regelmäßigkeit zu tun haben
könnte, mit der das Auftreten der Milliarden von Milliarden Primzahlen in Rich-
tung Unendlichkeit abnahm. Alan machte auch einen Versuch, selbst das Fräsen der
Zahnräder zu übernehmen, wobei er die unbearbeiteten Werkstücke im Rucksack
schulterte und zur ingenieurwissenschaftlichen Abteilung beförderte, das Hilfsan-
gebot eines Forschungsstudenten verschmähend. Champ half bei der Bearbeitung
einiger der Räder, die in einem Koffer in Alans Zimmer aufbewahrt wurden - sehr
beeindruckend für Bob, als er im August von seiner Schule in HaIe herüberkam.
Kenneth Harrison war ziemlich verblüfft gewesen, wußte er doch sehr gut aus
Gesprächen mit Alan, daß ein reiner Mathematiker in einer Welt der Zeichen und
nicht mit Gegenständen operierte. Die Maschine schien ein Widerspruch in sich zu
sein. Es war um so bemerkenswerter in England, wo es keine Tradition hochan-
gesehenen akademischen Ingenieurwesens gab, wie es in Frankreich, Deutschland
und (zum Beispiel mit Vannevar Bush) in den Vereinigten Staaten der Fall war.
Ein derartiger räuberischer Vorstoß in die praktische Welt lief Gefahr, zum Gegen-
stand gönnerhafter Witze innerhalb der akademischen Kreise zu werden. Für Alan
Turing selbst war die Maschine Symptom für etwas, das nicht durch Mathematik
allein zu beantworten war. Er arbeitete an den zentralen Fragestellungen der klas-
sischen Zahlentheorie und leistete einen Beitrag dazu, aber das war nicht genug.
Die Turing-Maschine, die Ordinallogiken, die Formalisierung von Denkvorgängen,
Wittgensteins Untersuchungen, die elektrische Multipliziermaschine und nun diese
Aneinanderreihung von Zahnrädern - all das wies auf einen herzustellenden Zu-
sammenhang zwischen dem Abstrakten und dem Physischen hin. Es war nicht

** Er verwendete Logarithmen zur Basis 8, das heißt dieser Bruch approximierte 10gB 3.
184 Kapitel 3

Naturwissenschaft, nicht "angewandte Mathematik", sondern eine Art angewandter


Logik, etwas, das keinen Namen hatte.
Inzwischen hatte er sich ein wenig die Leiter in Cambridge hinaufbewegt, denn
im Juli bat ihn die Fakultät, im Frühjahr 1940 seine Vorlesungen über die Grundla-
gen der Mathematik wieder zu halten, diesmal für das volle Honorar von f50. Beim
nonnalen Lauf der Dinge hätte er erwarten können, recht rasch auf eine Universitäts-
dozentur berufen zu werden und höchstwahrscheinlich für immer in Cambridge zu
bleiben, als einer der kreativen Arbeiter in Logik, Zahlentheorie und anderen Zwei-
gen der reinen Mathematik. Aber dies war nicht die Richtung, in die sein Denken
ging.
Noch war es die Richtung der Geschichte. Denn es sollte keinen nonnalen Lauf
der Dinge geben. Im März gerieten die Restgebiete der Tschechoslowakei unter
deutsche Kontrolle. * Am 31. März gab die britische Regierung Polen ihre Garantie
und verpflichtete sich, osteuropäische Grenzen zu verteidigen, während sie sich der
Sowjetunion, der damals bereits zweiten Industriemacht der Welt, entfremdete. Es
war ein Kniff, um die Deutschen abzuschrecken, nicht um Polen zu helfen, da es
keinen Weg gab, auf dem Britannien seinem neuen Verbündeten Beistand leisten
konnte.
Es mochte den Anschein erweckt haben, daß es für Polen ebenso keinen Weg
gab, dem Vereinigten Königreich zu helfen. Doch ein Weg war da. 1938 hatte
der polnische Nachrichtendienst eine Andeutung gemacht, daß er Infonnation über
Enigma habe. Dillwyn Knox war hingefahren, um darüber zu verhandeln, kam aber
mit leeren Händen zurück und klagte, daß die Polen dumm seien und nichts wüßten.
Die Allianz mit Britannien und Frankreich hatte die Lage verändert. Am 24. Juli
nahmen britische und französische Vertreter an einer Konferenz in Warschau teil,
und diesmal brachten die Polen das Gewünschte mit.
Ein Monat später veränderte sich wieder alles, und die anglo-polnische Allianz
wurde dadurch noch unpraktikabler als zuvor. Was den Nachrichtendienst anlangte,
hatte das Jahr wenig Gewinn für Britannien gebracht. Es gab nun eine neue Fun-
kabhörstation in St. Albans, welche das alte Übereinkommen ersetzte, nach dem
die Metropolitan Police die Arbeit in Grove Park machte. Aber es gab immer
noch 45 "einen hoffnungslosen Mangel an Empfängern für das Abfangen von Funk-
sprüchen", trotz der Bitten der GC and CS seit 1932. Die große Ausnahme war
der Glückstreffer, der ihnen von den Polen auf einem silbernen Tablett überreicht
wurde.
Als Alan Cambridge zu einem einwöchigen Segelurlaub zusammen mit Fred
Clayton und den Flüchtlingsjungen verließ, wurde an den Zeitungskiosken der
Rihbentrop-Molotow Pakt verkündet. Sie fuhren nach Bosham, seinem üblichen
Ferienort, wo er ein Boot gemietet hatte. Unter der ruhigen Oberfläche lagen meh-

* A.d.Ü.: Am 15.3.1939 zwang Hitler den Reststaat zum Abschluß eines Protektoratsvertrages.
Neue Männer 185

rere Besorgnisse. Die Jungen, die vorher nicht gesegelt waren, hielten die beiden
Männer für inkompetent und verstellten ihre Uhren, damit sie rechtzeitig zurückkeh-
ren würden. "Der Lahme führt die Blinden", dachte Bob. Fred jedoch war besorgter
über die emotionalen Untertöne des Urlaubs. Alan neckte ihn ziemlich damit und
machte sich über die Idee lustig, daß ein Junge nach einigen Trimestern in Rossall
noch keine sexuellen Erfahrungen gemacht haben sollte. *
An einem Tag segelten sie hinüber nach Hayling Island und gingen an Land, um
die RAF Flugzeuge anzusehen, die auf dem Flugfeld aufgereiht waren. Die Jungen
waren nicht sehr beeindruckt von dem, was sie sahen. Die Sonne ging unter, die Flut
ging zurück, und das Boot steckte im Schlamm. Sie mußten es verlassen und über
die Insel waten, um mit dem Bus zurückzufahren, ihre Beine verkrustet von dickem
schwarzem Schlamm. Karl sagte, sie sähen aus wie Soldaten in langen schwarzen
Stiefeln.
In Bosham hatte König Knut** seinen Ratgebern gezeigt, daß seine Kräfte nicht
soweit reichten, gegen die Flut anzukämpfen. Die schmale Reihe von Flugzeugen,
deren Auftrag es war, die Bomber zurückzuschlagen, erweckte an jenem August-
abend nicht viel größeres Vertrauen. Und wer hätte erraten können, daß dieser
watschelnde, ungrazile Segler, der barfuß im Schlamm platschte und die verwirrten
österreichischen Jungen verlegen angrinste, Britannien helfen sollte, die Meere zu
beherrschen? ***
Denn jetzt würde er 1940 keine Vorlesungen halten. Noch würde er tatsächlich je
wieder in die sichere Welt der reinen Mathematik zurückkehren. Donald MacPhails
Entwurf würde nie realisiert werden, und die Zahnräder aus Messing lagen wegge-
packt in ihrem Kasten. Denn andere, viel mächtigere Räder drehten sich: nicht nur
Enigma-Räder, sondern Panzerräder. Die Karten mußten aufgedeckt werden, das
Abschreckungsmittel hatte nicht funktioniert. Doch Hitler hatte sich verkalkuliert,
denn diesmal würde die britische Pflicht erfüllt werden. Das Parlament nahm die
Regierung beim Wort, es würde ehrenvollen Krieg geben.
Es war in vielem wie Back to Methuselah es 1920 prophezeit hatte:

Und nun warten wir, mit gigantischen Kanonen auf jede Stadt und jeden Seehafen ge-
richtet und mit riesigen Flugzeugen, bereit, sich in die Luft zu erheben und Bomben zu
werfen, deren jede einen ganzen Straßenzug auslöschen wird, bis einer von euch ehren-
werten Herren sich erhebt, um in seiner Hilflosigkeit uns, die wir ebenso hilflos sind wie
er, zu sagen, daß wir uns erneut im Kriegszustand befinden.

Dennoch waren sie nicht ganz so hilflos wie es schien. Am 3. September um 11 Uhr

* Hier irrte Alan.


** A.d.Ü.: Knut (Kanut) der Große, König von Dänemark (1018-35), zugleich König von England
(seit 1017) und Norwegen (seit 1028).
*** A.d.Ü.: Im englischen Text wird hier auf das bekannte Lied "Rule Britannia, Britannia role the
waves" angespielt.
186 Kapitel 3

war Alan zurück in Cambridge und saß mit Bob in seinem Zimmer, als im Radio
Chamberlains Stimme ertönte. Sein Freund Maurice Pryce würde bald ernsthaft über
die praktische Physik von Kettemeaktionen nachdenken. Aber Alan hatte sich dem
anderen, dem logischen Geheimnis verpflichtet. Es würde Polen nicht helfen. Aber
es würde ihn in einem Grade mit der Welt verbinden, der die wildesten Träume
überstieg.
4 Relais-Rennen

Gliding 0' er all, through all,


Through Nature, Time, and Space,
As a ship on the waters advancing,
The voyage of the soul - not life alone,
Death, many deaths 1'11 sing.

Am nächsten Tag, dem 4. September, meldete sich Alan bei der Government Code
and Cypher School, die im August in das viktorianische Landhaus Bletchley Park
evakuiert worden war. Bletchley selbst war eine Kleinstadt von der gewöhnlichen
Langweiligkeit, ein aus Ziegeln gebauter Stadtbezirk im Ziegeleigebiet von Bucking-
hamshire. Aber es lag im geometrischen Zentrum des intellektuellen England, am
Schnittpunkt der Haupteisenbahnlinie von London in den Norden mit der Zweigbahn
von Oxford nach Cambridge. Genau nordwestlich des Eisenbahnknotens, auf einem
leichten Hügel, den eine alte Kirche zierte, und mit dem Blick auf die Lehmgruben
des Tales, stand Bletchley Park.
Die Züge waren mit der Evakuation von 17000 Londoner Kindern nach
Buckinghamshire beschäftigt, wodurch die Bevölkerung von Bletchley um 25% an-
schwoll. Unter diesen Umständen dürfte die Ankunft einiger ausgewählter Herren
für die Government Code and Cypher School wenig Aufsehen verursacht haben,
doch man erzählte sich, daß bei Professor Adcocks erster Ankunft am Bahnhof
ein kleiner Junge auf höchst beunruhigende Weise geschrien habe: "Ich werde Ihre
geheime Schrift lesen, Mister!". Später beschwerten sich Einwohner über die Nichts-
tuer in Bletchley Park. Und es hieß, der zuständige Parlaments abgeordnete mußte
davon abgehalten werden, im Parlament eine Anfrage zu stellen. Sie hatten die
erste Wahl bei der Unterbringung: die wenigen Gasthäuser im mittleren Bucking-
hamshire. Alan wurde im Crown Inn einquartiert, in Shenley Brook End, einem
winzigen Weiler drei Meilen nördlich von Bletchley Park, wohin er jeden Tag mit
dem Fahrrad fuhr. Seine Wirtin, Mrs. Ramshaw, war eine von jenen, die darüber
klagten, daß ein wehrfähiger junger Mann nicht seine Pflicht tue. Manchmal half er
in der Bar aus.
188 Kapitel 4

Die frühen Tage in Bletchley hatten Ähnlichkeit mit den Vorkehrungen der
Benutzer eines ausquartierten Gemeinschaftsraumes für höhere Semester, die zwar
durch eine häusliche Katastrophe gezwungen sind, mit einem anderen College ge-
meinsam zu speisen, aber auf noble Weise ihr Bestes tun, um nicht zu klagen. Es
gab hier ein besonders starkes "King's Aroma" mit den Oldtimern Knox, Adcock
und Birch und den Jüngeren Frank Lucas und Patrick Wilkinson sowie Alan. Die
Gemeinsamkeit ihrer Herkunft aus Keynes' Cambridge half Alan wahrscheinlich.
Insbesondere diente sie als Verbindungsglied zu Dillwyn Knox, einer Figur, die bei
Alans Zeitgenossen nicht allgemein für Freundlichkeit oder Zugänglichkeit bekannt
war. Die GC and CS war keineswegs eine riesige Einrichtung. Am 3. Dezember
schrieb Denniston 1 an das Schatzamt:

Lieber Wilson,
einige Tage lang mußten wir nun von unserer Liste für den Notfall Männer vom Typ
Professor rekrutieren, welchen das Schatzamt ;(600 pro Jahr zahlen will. Ich füge hier-
mit eine Liste dieser bereits einberufenen Herren bei, zusammen mit dem Datum ihres
Dienstantritts.

Alan war nicht ganz der erste, denn laut Dennistons Liste befanden sich zum Zeit-
punkt seiner Ankunft neun dieser "Männer vom Typ Professor" in Bletchley, und
sieben weitere folgten am nächsten Tag. Das folgende Jahr über wurden ungefähr
sechzig weitere Außenseiter hereingebracht.
Die "Notaufnahme vervierfachte den kryptoanalytischen Mitarbeiterstab der
Wehrdienstsektionen und verdoppelte fast den gesamten kryptoanalytischen Mitar-
beiterstab." Aber nur drei dieser ersten Rekruten kamen aus dem Wissenschaftsbe-
reich. Außer Alan waren es nur W.G. Welchman und John Jeffries*. Gordon Welch-
man war die Hauptfigur, seit 1929 Vortragender für Mathematik in Cambridge und
sechs Jahre älter als Alan. Sein Gebiet war algebraische Geometrie, ein Zweig der
Mathematik, der damals in Cambridge stark vertreten war, für den sich Alan jedoch
nie interessierte; ihre Wege hatten sich vorher nicht gekreuzt.
Welchman hatte nicht, wie Alan, schon vor Kriegsausbruch Kontakt zur GC and
CS gehabt, und so wurde ihm als Neuankömmling von Knox die Aufgabe zuge-
wiesen, das Muster deutscher Rufzeichen, Frequenzen und so weiter zu analysieren.
Wie sich herausstellte, war dies ein Job von immenser Bedeutung, und seine Arbeit
brachte sehr schnell "Funkverkehrs-Analyse" dieser Art auf ein ganz neues Niveau.
Sie ermöglichte die Identifikation der verschiedenen Enigma-Schlüsselsysteme, was
sich bald als außerordentlich wichtig erweisen sollte, und öffnete der GC and CS
die Augen für eine viel weiter reichende Vorstellung von dem, was getan werden
könnte. Aber niemand konnte die Nachrichten selbst dechiffrieren. Es gab nur eine

* J.R.F. Jeffries, Research Fellow für Mathematik am Downing College, Cambridge, erkrankte in den
ersten Monaten des Jahres 1941 an Tuberkulose und starb.
Relais-Rennen 189

"kleine Gruppe, die mit Enigma kämpfte, sie wurde von Zivilisten geleitet und ar-
beitete im Auftrag aller drei Waffengattungen." Diese Gruppe bestand zunächst aus
Knox, Jeffries, Peter Twinn und Alan. Sie richteten sich im Stallgebäude des Her-
renhauses ein, das bald "the Cottage" genannt wurde, und entwickelten die Ideen
weiter, welche die Polen fünf Minuten vor zwölf geliefert hatten.
Den Chiffriermethoden haftete kein Ruhm an. 1939 war der Job jedes beliebi-
gen Chiffreurs, obgleich er Geschick erforderte, langweilig und monoton. Aber das
Chiffrieren war die notwendige Konsequenz der Radiokommunikation* . Funktech-
nik wurde in der Kriegsführung zu Wasser, zu Land und in der Luft gebraucht, und
ein Funkspruch an einen war eine Botschaft an alle. Deshalb mußten die Meldungen
getarnt werden, und nicht nur diese oder jene "Geheimbotschaft" , wie bei Spionen
oder Schmugglern, sondern das gesamte Kommunikationssystem. Das bedeutete
Fehler, Einschränkungen und stundenlange mühsame Arbeit an jeder Meldung, aber
es gab keine andere Wahl.
Die in den dreißiger Jahren verwendeten Chiffren beruhten nicht auf aus-
geklügelten mathematischen Systemen, sondern auf den einfachen Ideen des Addie-
rens und des Substituierens. Die Idee des Addierens war kaum neu; Julius Caesar
hatte seine Mitteilungen vor den Galliern verborgen, indem er zu jedem Buchstaben
drei dazuzählte, so daß aus einem A ein D wurde, aus einem Bein E und so weiter.
Genauer gesagt, war diese Art des Addierens das, was die Mathematiker "modulare"
Addition nannten oder Addition ohne Übertrag, denn es bedeutete, daß Y zu B, Z
zu C wurde, als wären die Buchstaben um einen Kreis angeordnet.
Zweitausend Jahre später war die Idee der modularen Addition mit einer gleich-
bleibenden Zahl kaum adäquat, aber im allgemeinen war die zugrunde liegende
Idee nicht veraltet. Eine wichtige Chiffrierungsart beruhte auf der modularen Addi-
tion, aber statt einer gleichbleibenden Zahl wurde zu der Mitteilung eine variierende
Zahlenfolge addiert, die einen Schlüssel bildete.
In der Praxis wurden die Worte der Mitteilung zuerst mit Hilfe eines Standard-
code-Verzeichnisses in Ziffern verschlüsselt. Die Aufgabe des Chiffreurs war es
dann, diesen "Klartext" zu nehmen, sagen wir

6728 5630 8923, und den "Schlüssel" zu nehmen, z.B.


962067452397, und den chiffrierten Text
5348 1375 0210 durch modulare Addition zu bilden.

* Im [englischen) Text wird der Einheitlichkeit wegen im Folgenden das Wort "radio" verwendet,
obwohl es damals die amerikanische Bezeichnung war, die Engländer nannten es "wireless" oder
färmlicher "wireless telegraph" . 1936, zur Zeit von Roosevelts Wiederwahl, schrieb Alan aus Prince-
ton: "Alle Resultate werden über das, wireless '" (,radio' sagen sie in ihrer Muttersprache) verlautbart.
Meine Methode, an die Resultate zu kommen, ist, ins Bett zu gehen und sie am nächsten Morgen
in der Zeitung zu lesen."
190 Kapitel 4

Sollte dies irgendeinen Nutzen bringen, mußte der legitime Empflinger jedoch
den Schlüssel kennen, damit er subtrahiert und der "Klartext" wiederhergestellt
werden konnte. Es mußte ein System geben, durch welches sich Absender und
Empfänger im vorhinein auf einen "Schlüssel" einigten.
Einen Weg, dies zu tun, bildete das Prinzip der einmaligen Verwendung. Das
war eine der wenigen brauchbaren Ideen der Kryptographie in den dreißiger Jahren
und auch die einfachste. Es war erforderlich, den Schlüssel zweimal explizit auszu-
schreiben sowie eine Kopie dem Absender und eine dem Empfänger der Mitteilung
zu geben. Das Argument für die Sicherheit dieses Systems bestand darin, daß der
feindliche Kryptoanalytiker keinen Ansatzpunkt habe - vorausgesetzt, der Schlüssel
war durch einen vollkommen reinen Zufallsprozeß entstanden, wie etwa Kartenmi-
schen oder Würfeln. Nimmt man zum Beispiel den chiffrierten Text ,,5673", so
könnte der Analytiker vermuten, der Klartext wäre ,,6743" und der Schlüssel dem-
nach ,,9930". Oder er könnte denken, der Klartext wäre ,,8442" und der Schlüssel
,,7231", aber es gäbe keinen Weg zur Verifizierung einer solchen Vermutung oder ei-
nen Grund, die eine Vermutung der anderen vorzuziehen. Das Argument hing davon
ab, daß der Schlüssel vollkommen ohne Muster und gleichmäßig über die möglichen
Ziffern verteilt war, denn andernfalls hätte der Analytiker Grund, einer Vermutung
den Vorzug vor der anderen zu geben. Tatsächlich war die Arbeit eines Kryptoana-
lytikers, wie die eines Naturwissenschaftlers, im wesentlichen das Erkennen einer
Regel in der scheinbaren Regellosigkeit.
Im britischen System wurden Einmalschlüssel-Blöcke hergestellt und jeweils
ein Zettel verwendet. Vorausgesetzt, daß der Schlüssel ein Zufallsprodukt war, kein
Zettel zweimal verwendet wurde und an den Blöcken nie etwas geändert wurde,
war das System narrensicher. Aber es bedingte die Herstellung einer kolossalen
Menge von Chiffrierungsschlüsseln, im Volumen gleich dem Maximum, welches
die spezielle Kommunikationsverbindung erfordern mochte. Vermutlich wurde diese
undankbare Aufgabe von den Damen der Construction Section des GC and CS
übernommen, die bei Ausbruch des Krieges nicht nach Bletchley, sondern nach
Mansfield College, Oxford, evakuiert worden war. Was das verwendete System
anlangt, so war es auch keine Freude. Malcolm Muggeridge, der im Geheimdienst
beschäftigt war, fand es 2

ein mühsames Geschäft und von der Art, die mir nie lag. Zuerst mußte man von den
Zahlengruppen im Telegramm korrespondierende Gruppen von einem sogenannten Ein-
malschlüssel-Block subtrahieren, dann mußte man nachschlagen, was die resultierenden
Gruppen im Codebuch bedeuteten. Jeder Fehler in der Subtraktion oder noch schlimmer
in den subtrahierten Gruppen warf alles über den Haufen. Ich mühte mich damit ab,
geriet in schreckliches Durcheinander und mußte nochmals beginnen ...

Alternativ dazu konnte ein Chiffriersystem auf der "Substitutionsmethode" basie-


ren. In seiner einfachsten Form wurde es für Rätselseiten-Kryptogramme verwendet,
Relais-Rennen 191

wie sie sie auf den Schatzsuchen von Princeton gelöst hatten. Es bedeutete, daß ein
Buchstabe des Alphabets durch einen anderen ersetzt wurde, und zwar nach einer
festgelegten Regel wie:

ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ
KSGJTDAYOBXHEPWMIQCVNRFZUL

so daß TU R I N G zu V N Q 0 P A wurde. Solch eine einfache oder "monoalphabe-


tische" Chiffriermethode konnte leicht aufgelöst werden, indem man auf Buchsta-
benhäufigkeiten, häufig verwendete Wörter und so weiter achtete, und tatsächlich war
an Rätselseitenproblemen nur interessant, daß ihr Schöpfer einige seltsame Wörter
wie XERXES einbezog, um sie schwierig zu machen. Solch ein System wäre
zu einfältig für militärische Verwendung. Aber 1939 waren Systeme in Gebrauch,
die nicht viel weiter fortgeschritten waren. Eine Verfeinerung lag in der Verwen-
dung von einigen alphabetischen Ersetzungen, die im Rotationsverfahren oder nach
einem anderen einfachen Schema verwendet wurden. Die wenigen existierenden
Handbücher und Lehrbücher3 der Kryptologie widmeten sich hauptsächlich solchen
"poly-alphabetischen" Chiffren.
Etwas komplexer war die Verwendung eines Systems, das nicht einzelne Buch-
staben substituierte, sondern die 676 möglichen Buchstabenpaare. Ein britisches
Chiffriersystem der Zeit war von dieser Art, es kombinierte die Idee mit der Ver-
wendung eines Codebuches und. wurde von der Handelsmarine verwendet4 .
Der Chiffreur mußte zuerst die Mitteilung in den Code der Handelsmarine um-
wandeln, und zwar so:

Text kodiert
Erwartete Ankunft ist um VQUW
14 CFUD
40 UQTL

Der nächste Schritt erforderte eine gerade Anzahl von Zeilen, daher mußte der
Chiffreur irgendein Nonsens-Wort hinzufügen, um das auszugleichen:

Ballon ZJVY

Dann erfolgte die Chiffrierung. Der Chiffreur nahm das erste vertikale Buchsta-
benpaar, hier VC, und schlug es in einer Tabelle von Buchstabenpaaren nach. Die
Tabelle gab ein anderes Paar an, sagen wir XX. Er fuhr fort die Botschaft zu ver-
schlüsseln, indem er jedes Buchstabenpaar auf diese Weise substituierte.
Viel mehr war es nicht, außer daß, wie bei der Chiffriermethode des "Addierens",
der Vorgang vergeblich war, wenn der legitime Empfänger nicht wußte, welche
Substitutionstabelle verwendet wurde. Der Mitteilung zum Beispiel "Tabelle Nr. 8"
192 Kapitel 4

voranzustellen, hätte dem feindlichen Analytiker jedoch gestattet, die nach derselben
Tabelle chiffrierten Mitteilungen zu sammeln, zu vergleichen und einen Angriff zu
unternehmen. Es mußte auch hier ein Element der Tarnung einbezogen werden. So
wurde mit der Tabelle eine weitere Liste mit Folgen von acht Buchstaben gedruckt,
zum Beispiel "B MT V K Z M D". Der Chiffreur suchte eine der Folgen aus und fügte
sie am Anfang der eigentlichen Botschaft ein. Der mit derselben Liste versehene
Empfänger konnte dann sehen, welche Tabelle verwendet wurde.
Diese einfache Regel illustrierte eine grundlegende Idee. In der praktischen
Kryptographie wurde, im Gegensatz zur Aufstellung isolierter Rätselfragen, für
gewöhnlich ein Teil der Botschaft gesendet, der nicht den Text selbst übermittelte,
sondern Instruktionen zu seiner Dechiffrierung enthielt. Solche Elemente der Mit-
teilung, welche getarnt und in ihr verborgen waren, wurden "Indikatoren" genannt.
Sogar ein System mit Einmalschlüssel-Block konnte Indikatoren verwenden, um an-
zuzeigen, welches Blatt verwendet wurde. Tatsächlich mußte es irgendeine Form
von Indikator geben, es sei denn, alles wäre schon im vorhinein komplett, exakt und
im Detail dargelegt, ohne jede Möglichkeit einer Mehrdeutigkeit oder eines Fehlers.
Es muß Alan, der mindestens seit 1936 über· "die allgemeinste Art von Code
oder Chiffre" nachgedacht hatte, sicherlich aufgefallen sein, daß diese Mischung von
Instruktionen und Daten in einer Mitteilung an seine "Universalmaschine" erinnerte,
die zuerst die "Beschreibungsnummer" in eine Instruktion dechiffrierte und dann die
Instruktion auf den Inhalt ihres Bandes anwendete. In der Tat könnte jedes belie-
bige Chiffriersystem als komplizierter "mechanischer Prozeß" oder Turing-Maschine
angesehen werden, wobei nicht nur die Regeln des Addierens oder Substituierens
Anwendung finden, sondern auch die Regeln, wie man die- Chiffriermethode selbst
findet, anwendet und mitteilt. Gute Kryptographie lag in der Schaffung eines Ge-
samtkorpus von Regeln, nicht in dieser oder jener Meldung. Und seriöse Krypto-
analyse bestand in der Arbeit, diese Regeln wieder aufzufinden und durch eine
Analyse der Gesamtmasse von Signalen den vollständigen mechanischen Prozess zu
rekonstruieren, den die Chiffreure durchgeführt hatten.
Vielleicht war das Chiffriersystem der Handelsmarine nicht das großartigste
bezüglich verblüffender Komplexität, aber für die Anwendung im Einsatz auf
normalen Schiffen lag es nahe der Grenze der praktischen Anwendbarkeit nicht-
maschineller Methoden. Jeder konnte sich sicherere Systeme erträumen, aber wenn
ein Chiffriervorgang zu lang und zu kompliziert wurde, führte er nur zu weiteren
Verzögerungen und Fehlern. Übernahmen jedoch Chiffriermaschinen den "mecha-
nischen Prozess" von den Chiffreuren, konnte die Situation sehr verschieden sein.
In dieser Hinsicht führten Britannien und Deutschland einen symmetrischen
Krieg, indem sie sehr ähnliche Maschinen verwendeten. Praktisch jeder offizielle
deutsche Funkspruch wurde auf der Enigma-Maschine chiffriert. Der britische Staat
verließ sich - weniger vollständig - auf die Typex. Diese Maschine wurde überall
in der Armee verwendet und in den meisten Bereichen der Royal Air Force (RAF);
Relais-Rennen 193

das Foreign Office und die Admiralität behielten ihre eigenen, nicht-maschinellen
Systeme bei, die von Büchern abhingen. Enigma und Typex mechanisierten beide
die grundlegenden Vorgänge des Ersetzens und Addierens auf solche Weise, daß ein
komplexeres System praktisch in Griffweite rückte. Sie taten nichts, was nicht durch
das Nachschlagen von Tabellen in Büchern hätte getan werden können, ermöglichten
aber, daß die Arbeit schneller und genauer getan werden konnte.
Die Existenz solcher Maschinen war kein Geheimnis. Jeder wußte davon - zu-
mindest jeder, der eine 1938er Ausgabe von Rouse Balls Mathematical Recreations
and Essays als Schulpreis erhalten hatte. Ein überarbeitetes, von Abraham Sinkov,
einem Kryptoanalytiker der V.S. Army, geschriebenes Kapitel spulte alle veralteten
Deckschablonen, die Playfair-Chiffriermethoden usw. ab, erwähnte aber auch, daß

in jüngster Zeit beträchtliche Forschung getrieben wurde, um Chiffriermaschinen für die


automatische Chiffrierung und Dechiffrierung von Botschaften zu erfinden. Die meisten
von ihnen verwenden periodische polyalphabetische Systeme.

Eine "periodische" polyalphabetische Chiffriermethode durchlief eine Folge von al-


phabetischen Ersetzungen und wiederholte dann diese Folge.

Die jüngsten Maschinen werden elektrisch betrieben, und in vielen Fällen ist die Peri-
ode eine ungeheuer große Zahl. .. Diese Maschinensysteme sind viel schneller und viel
genauer als nicht-maschinelle Methoden. Sie können sogar mit Druck- und Sendeappara-
ten verbunden sein, so daß beim Chiffrieren die Meldung aufgezeichnet und übermittelt
wird; beim Dechiffrieren wird die Geheimbotschaft empfangen und übersetzt, alles auto-
matisch. Was derzeitige kryptoanalytische Methoden anlangt, sind die von einigen dieser
Maschinen stammenden Chiffriersysteme der praktischen Unlösbarkeit sehr nahe.

Das Basismodell der Enigma-Maschine war auch in keiner Weise geheim. Sie war
1923, bald nach ihrer Erfindung, auf dem Kongreß der Internationalen Postunion
ausgestellt worden. Sie wurde im Handel verkauft und von Banken verwendet. 1935
hatten die Briten Typex geschaffen, indem sie an der Enigma-Maschine gewisse
Zusätze anbrachten, während die deutschen kryptographischen Stellen sie einige
Jahre früher auf eine andersartige Weise modifiziert hatten, um eine Maschine zu
schaffen, die zwar den ursprünglichen Namen Enigma trug, aber viel effektiver als
das im Handel erhältliche Gerät war.
Das bedeutete nicht, daß die deutsche Enigma, mit der Alan sich nun herum-
schlagen mußte, seiner Zeit voraus oder gar etwa das Beste gewesen wäre, das die
Technologie der späten dreißiger Jahre hätte hervorbringen können. Das einzige
Merkmal der Enigma, das sie dem zwanzigsten oder zumindest dem späten neun-
zehnten Jahrhundert zuordnete, war, daß sie in der Tat "elektrisch betrieben" wurde.
Wie die erste Skizze zeigt, führte sie mit Hilfe elektrischer Verdrahtung automatisch
eine Serie alphabetischer Ersetzungen durch. Aber eine Enigma wurde in einem fi-
xierten Zustand nur zur Chiffrierung eines Buchstabens verwendet, und dann drehte
194 Kapitel 4

sich der äußerste Rotor einen Schritt weiter und schuf auf diese Weise eine neue
Reihe von Verbindungen zwischen Eingabe und Ausgabe, wie die zweite Skizze
zeigt.
Für die 26-Buchstaben-Enigma gab es 26 x 26 x 26 = 17576 mögliche RotorsteI-
lungen. Sie waren im wesentlichen geschaltet* wie jede Art von Additionsmaschine
oder Komptometer, so daß sich der mittlere Rotor einen Schritt weiterbewegte, wenn
der erste eine komplette Umdrehung gemacht hatte und der innerste sich einen Schritt
bewegte, wenn der mittlere eine vollständige Drehung gemacht hatte. Der "Reflek-
tor" jedoch, eine fixe Anordnung von Drähten, welche die Ausgänge des innersten
Rotors verbanden, bewegte sich nicht.
So war die Enigma polyalphabetisch, mit einer Periode von 17576. Aber das
war keine "ungeheuer große Zahl". Tatsächlich bedurfte es nur eines Buches in der
Größe einer Rechentabelle, um alle Alphabete auszuschreiben. Dieser Mechanismus
war an sich kein Sprung in einen neuen Grad von "Verfeinerung". In der von Alan
in der Schule studierten alten Ausgabe seines Buches von 1922 hatte Rouse Ball
auch eine Warnung ausgesprochen:

Die Verwendung von Instrumenten zur Erstellung eines Chiffriersystems, das dauernd und
automatisch verändert wird oder verändert werden kann, ist oft empfohlen worden ...
aber das Risiko, daß ein Instrument . .. in unbefugte Hände gerät, muß bedacht werden.
Da gleich gute Chiffriersysteme ohne die Verwendung mechanischer Geräte konstruiert
werden können, denke ich nicht, daß ihre Verwendung empfohlen werden kann.

Denn was eine Maschine tat, konnte um so leichter von einer Maschine zunichte
gemacht werden. Die innere Komplexität der Enigma - wie durchdacht auch im-
mer - war wertlos, konnte sie nicht ein Chiffriersystem hervorbringen, das nicht
entschlüsselt werden konnte - nicht einmal von einem Feind im Besitz einer Nach-
bildung der Maschine. Das ganze System würde nur dazu dienen, ein falsches
Gefühl von Sicherheit zu vermitteln.
Auch war die technische Konstruktion der Enigma nicht so fortgeschritten, wie
Sinkovs Beschreibung zeitgenössischer Entwicklungen es vermuten ließ. Der Chif-
freur, der sie verwendete, hatte immer noch die lästige und zeitraubende Aufgabe,
darauf zu achten, welcher Buchstabe aufgeleuchtet hatte, und ihn aufzuschreiben. Es
gab keinen automatischen Druck- oder Übermittlungsvorgang. Der mußte mühevoll
im Morse-Code erledigt werden. Weit davon entfernt, eine Waffe des modemen
Blitzkrieges zu sein, war dieses schwerfällige Hilfsmittel technologisch nicht fort-
schrittlicher als eine elektrische Glühbirne.
Aus der Sicht der Kryptoanalytiker jedoch waren die physischen Mühen des
Chiffreurs und die physikalische Konstruktion der Maschine irrelevant. Was zählte,
war die logische Beschreibung - genau wie bei einer Turing-Maschine. Alles, was

* Es gab Komplikationen, die aber für die folgende Darstellung nicht von Belang sind.
Relais-Rennen 195

Rotor Rotor Rotor


Reflektor

A-----I
B---1~-n

c------t
O--+---l
E------t'1I
F------r
G------I

H------I

Das Enigma-Basismodell
Der Einfachkeit halber wurde das Diagramm nur für ein Alphabet von 8 Buchstaben gezeich-
net, obwohl Enigma in Wirklichkeit mit dem normalen 26-Buchstaben-Alphabet arbeitete. Es
zeigt den Zustand der Maschine in einem bestimmten Augenblick ihrer Verwendung. Die
hervorgehobenen Linien entsprechen stromführenden Drähten. Ein einfaches Schaltsystem
an der Eingabe bewirkt, daß beim Drücken einer Taste (sagen wir Taste B) Strom fließt
(im Diagramm durch fette Linien gekennzeichnet) und eine Lampe auf der Anzeigetafel für
die Ausgabe aufleuchtet (in diesem Fall unter dem Buchstaben 0). Für die hypothetische
8-Buchstaben-Enigma wäre die nächste Stellung der Maschine:

Rotor Rotor Rotor


Reflektor

A-----t
B -.....- - i \
c--'-----{
o ------t~}II
E------r
F--f---f
G-----{
H-----{

(1 Schritt gedreht) (unverändert) (unverändert)


196 Kapitel 4

für Enigma Bedeutung hatte, war in ihrer "Tabelle" enthalten, einer Liste ihrer
Einstellungen und dessen, was sie in der jeweiligen Einstellung tat. Und logisch
betrachtet, besaß der Arbeitsvorgang der Enigma in jeder gegebenen, fixen Stellung
eine besondere Eigenschaft. Es war eine symmetrische Eigenschaft, inhärent in
der "reflektierenden" Beschaffenheit der Maschine. Für jede Enigma-Maschine in
irgendeiner Stellung galt: wenn A zu E chiffriert wurde, dann mußte in derselben
Stellung E zu A dechiffriert werden. Die Substitutions-Alphabete, die aus einer
Enigma-Stellung resultierten, bestanden immer aus Austauschpaaren.

Für die hypothetische 8-Buchstaben-Maschine, in der im ersten Diagramm gezeigten Stellung,


ergäbe sich die Ersetzung:

Klartext ABCDEFGH
Chiffre EDGBAHCF

Für die Maschine in dem im zweiten Diagramm gezeigten Zustand wäre es:

Klartext ABCDEFGH
Chiffre EFGHABCD

Diese könnten als Austauschpaare geschrieben werden: (AE) (BD) (CG) (FH) im ersten Fall
und (AE) (BF) (CG) (DH) im zweiten.

Diese Enigma-Eigenart hatte einen praktischen Vorteil. Es bedeutete, daß der


Dechiffrierungs- mit dem Chiffrierungsvorgang identisch war. (In der Terminolo-
gie der Gruppentheorie war die Chiffre autoinvers.) Der Empninger der Meldung
mußte nur die Maschine in genau derselben Weise einstellen wie der Sender und den
chiffrierten Text eingeben, um den Klartext zu erhalten. Es bestand keine Notwen-
digkeit, Chiffrier- und Dechiffriermodi in die Enigma-Maschine zu inkorporieren,
wodurch ihre Arbeit so viel weniger anfällig war für Fehler und Verwirrung. Aber
das war mit einer schwerwiegenden Schwäche verbunden, insofern als die auf diese
Weise durchgeführten Substitutionen immer von dieser ganz bestimmten Art waren,
mit dem besonderen Merkmal, daß kein Buchstabe je in sich selbst chiffriert werden
konnte.
Das war die Grundstruktur der Enigma. Aber die tatsächlich in militärischer
Verwendung befindliche Maschine bot noch viel mehr. Zum einen waren die drei
Rotoren nicht am Ort fixiert, sondern konnten entfernt und in jeder beliebigen Ord-
nung wieder eingesetzt werden. Bis gegen Ende 1938 waren nur drei Rotoren
auf Lager. Sie erlaubten insgesamt sechs Anordnungen. Auf diese Weise bot die
Maschine 6 x 17576 = 105456 verschiedene alphabetische Substitutionen.
Es lag auf der Hand, daß die Rotoren auf der Außenseite irgendwie gekenn-
zeichnet werden mußten, so daß die verschiedenen Positionen identifiziert werden
konnten. Hier kam jedoch noch ein weiteres Element der Komplexität hinzu. Jeder
Rotor war von einem Ring umgeben, der 26 Buchstaben trug. War dieser Ring in ei-
Relais-Rennen 197

ner Stellung fixiert, zeigte jeder Buchstabe eine Rotor-Position an*. (Tatsächlich sah
man den Buchstaben durch ein Fenster in der Oberseite der Maschine.) Die Position
des Ringes in Relation zu den Schaltungen wurde allerdings jeden Tag verändert.
Man stelle sich die Schaltungen mit Nummern von 1-26 gekennzeichnet vor und die
Position des Ringes durch die im Fenster aufscheinenden Buchstaben von Abis Z.
So bestimmte eine Ring-Einstellung, wo der Ring auf dem Rotor saß, zum Beispiel
mit dem Buchstaben G auf Position 1, H auf Position 2 und so weiter.
Teil der Aufgabe des Chiffreurs war die Ring-Einstellung, und danach verwen-
dete er die Buchstaben auf dem Ring zur Bestimmung der Rotor-Einstellungen. Aus
der Sicht des Kryptoanalytikers bedeutete dies, daß sogar die öffentliche Ankündi-
gung der Verwendung der Rotor-Einstellung "K" nicht das preisgeben würde, was
sie in Bletchley die Kern-Position nannten - die tatsächliche gegebene Position der
Schaltung. Sie konnte nur abgeleitet werden, wenn auch die Ring-Einstellung be-
kannt war. Der Analytiker könnte jedoch die relativen Kern-Positionen kennen; so
korrespondierten die Einstellungen Kund M notwendigerweise mit Kern-Positionen,
die zwei Plätze auseinanderlagen. So wußte man, wenn K auf Position 9 war, dann
mußte M auf Position 11 sein.
Die wichtigere, zur Erschwernis beitragende Besonderheit war jedoch der Ein-
bau eines "Steckfeldes". Es war das, was die militärische von der kommerziellen
Enigma unterschied und was sie zum Enigma** gemacht hatte, das die britischen
Analytiker zur Verzweiflung brachte. Es bewirkte, daß automatisch eine zusätzliche
Vertauschung von Buchstaben erfolgte, sowohl am Eingang als auch am Ausgang
der Rotoren. Technisch wurde dies durch den Anschluß von Kabeln, die an jedem
Ende einen Stecker hatten, an ein Steckfeld mit 26 Löchern erreicht - ähnlich dem
Herstellen von Verbindungen auf einem Telephon-Schaltbrett. Es erforderte raffi-
nierte elektrische Verbindungen und die Verwendung von Doppelkabeln, damit die
gewünschte Wirkung erzielt wurde. Bis spät im Jahre 1938 war es bei den Deut-
schen üblich, die Maschine mit nur sechs oder sieben auf diese Weise verbundenen
Buchstabenpaaren zu verwenden.
Befanden sich die Rotoren und der Reflektor des Grundmodells in einem, die
folgende Substitution bewirkenden Zustand:

* Die durch das Aufsetzen des Ringes eingeführte, ziemlich lästige Komplikation ist leider unumgäng-
lich, damit das, was die Polen erreicht haben, verständlich wird. Im Folgenden wird sie keine Rolle
mehr spielen.
** A.d. Ü.: Im englischen Original wird im Folgenden mit "the Enigma" häufig nicht nur - oder auch gar
nicht - auf die Enigma-Maschine selbst Bezug genommen, sondern in einem umfassenderen Sinn auf
das vor einer Entschlüsselung rätselhaft und undurchdringlich, das heißt enigmatisch erscheinende,
deutsche Kommunikations-, Kontroll- und Kommandosystem. In der deutschen Übersetzung wird
dies so gut wie möglich durch die Verwendung von "das Enigma" wiedergegegeben. Dagegen wird
"die Enigma" verwendet, wenn von der Enigma-Maschine die Rede ist.
198 Kapitel 4

ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ
COAIGZEVDSWXUPBNYTJRMHKLQF

und waren die Drähte des Steckfeldes so montiert, daß sie die Paare

(AP) (KO) (MZ) (U) (CG) (WY) (NQ)

verbanden, so bewirkte das Drücken der Taste A, daß Strom durch das Steckfeld-
Kabel nach P lief, dann durch die Rotoren und wieder hinaus zu N, dann durch das
Steckfeld-Kabel zu Q.
Wegen der symmetrischen Verwendung des Steckfeldes sowohl vor als auch
nach dem Durchgang des Stroms durch die Rotoren wurde der autoinverse Charakter
des Enigma-Basismodells bewahrt sowie das Merkmal, daß kein Buchstabe in sich
selbst verschlüsselt werden konnte. Wurde also A zu Q verschlüsselt, so wurde bei
derselben Einstellung der Maschine Q zu A verschlüsselt.
So wirkte sich das Steckfeld auf diesen nützlichen - aber gefährlichen - Aspekt
des Basis-Enigmas nicht aus. Aber es vergrößerte die bloße Zahl der Zustände der
Enigma-Maschine enorm. Es gab 1.305.093.289.500 Arten*, sieben Buchstaben-
paare auf dem Steckfeld zu verbinden, für jede der 6 x 17576 Rotor-Stellungen.
Vermutlich glaubten die offiziellen deutschen Stellen, diese Abänderungen an der
kommerziellen Enigma hätten sie "der praktischen Unlösbarkeit sehr nahe" gebracht.
Und doch fand Alan, als er sich am 4. September in Bletchley zum Dienst meldete,
daß es dort von den Enthüllungen der polnischen Kryptoanalytiker5 nur so summte.
Es war alles noch frisch und neu, denn das technische Material hatte London erst
am 16. August erreicht. Es enthüllte die Methoden, durch welche die Polen sieben
Jahre lang Enigma-Meldungen dechiffriert hatten.

Das erste und sine qua non war, daß die Polen die Schaltungen der drei Rotoren
hatten finden können. Es war eine Sache, zu wissen, daß eine Enigma-Maschine
verwendet wurde, aber eine ganz andere - doch absolut essentielle -, die dabei
verwendeten speziellen Schaltungen zu kennen. Schon allein, daß dies unter den
Friedensbedingungen von 1932 geschehen war, mußte als Leistung gelten. Sie war
durch den französischen Geheimdienst ermöglicht worden, der sich im September
und Oktober 1932 durch Spionage eine Kopie der Bedienungsanleitung für die Ma-
schine verschafft hatte. Die Franzosen hatten sie an die Polen weitergegeben. Sie
hatten sie auch an die Briten weitergegeben. Der Unterschied war, daß die polni-
sche Dienststelle drei energische Mathematiker beschäftigte, die fähig waren, unter
Verwendung der Unterlagen die Schaltungen abzuleiten.
Höchst scharfsinnige Überlegungen, gutes Erraten und die Verwendung elemen-
tarer Gruppentheorie lieferten die Schaltungen der Rotoren und die Struktur des

* Das 1st
. ( 7!l212
26'
7)
Relais-Rennen 199

Reflektors. Wie es sich ergab, war Raten nötig, um festzustellen, wie die Buchsta-
ben auf der Tastatur mit dem Chiffrier-Mechanismus zusammenhingen. Sie hätten
in einer wahllosen Anordnung verbunden sein können, um ein weiteres Element der
Komplexität in die Maschine einzuführen. Aber die Polen vermuteten und wiesen
nach, daß die Konstruktion der Enigma diese potentielle Freiheit nicht nutzte. Die
Buchstaben waren in alphabetischer Ordnung um den Rotor angebracht. Das Resul-
tat war, daß sie auf logische, wenn auch nicht auf physische Weise ein Modell der
Maschine erbeutet hatten und nun daran gehen konnten, diese Tatsache auszunutzen.
Zu diesen Beobachtungen waren sie nur auf Grund der sehr speziellen Ver-
wendungsweise der Maschine fähig. Und Fortschritte in Richtung einer regulären
Dechiffrierung des Enigma-Materials konnten sie nur machen, indem sie diese Ver-
wendungsmethode ausnutzten. Sie hatten nicht die Maschine überwunden, sie hatten
das System geschlagen.
Das Grundprinzip der Verwendung einer Enigma-Maschine war, daß ihre Ro-
toren, Ringe und das Steckfeld in einer bestimmten Weise montiert wurden und
daß dann die Botschaft verschlüsselt wurde, wobei sich die Rotoren automatisch
schrittweise weiterbewegten. Doch damit dies in einem praktischen Kommunika-
tionssystem von Nutzen sein konnte, mußte der Empfänger der Botschaft auch die
Ausgangsstellung der Maschine kennen. Es war das Grundproblem jedes Chiffrier-
systems. Die Maschine war nicht genug, es mußte auch ein vereinbartes "genau fest-
gelegtes Verfahren" der Verwendung geben. Nach dem von den Deutschen tatsäch-
lich verwendeten Verfahren wurde die Ausgangstellung der Maschine zum Teil vom
Chiffreur zum Zeitpunkt ihrer Verwendung entschieden. Es mußten daher unver-
meidlicherweise Indikatoren verwendet werden, und dank des Indikator-Systems
konnten die Polen ihren Erfolg erzielen.
Um es klar auszudrücken: Die Reihenfolge der drei Rotoren war in schriftli-
chen Instruktionen festgelegt, ebenso Steckfeld- und Ring-Einstellung. Aufgabe des
Chiffreurs war es, das verbleibende Element auszuwählen, nämlich die Ausgangs-
stellungen für die drei Rotoren. Das bedeutete die Auswahl einer Dreiergruppe von
Buchstaben, sagen wir "W H 1". Das naivste Indikatorsystem wäre gewesen, ein-
fach "W H 1" zu übermitteln und die chiffrierte Botschaft darauf folgenzulassen. Es
wurde jedoch komplizierter gemacht. Das "W H 1" selbst wurde auf der Maschine
verschlüsselt. Zu diesem Zweck wurde in den Instruktionen für den Tag auch eine
sogenannte GrundeinsteIlung festgelegt. Diese war, wie die Reihenfolge der Ro-
toren, das Steckfeld und die Ring-Einstellung, für alle Benutzer im Netz gleich.
Angenommen, die Grundeinstellung war "R TY". Dann stellte der Chiffreur seine
Enigma mit der festgelegten Rotor-Reihenfolge, Steckfeld- und Ring-Einstellung ein.
Er drehte die Rotoren, so daß sie "R T Y" zeigten. Dann war es seine Arbeit, seine
eigene Wahl der Rotor-Einstellung zweimal zu chiffrieren. Er verschlüsselte etwa
"WHJWH1" zu "ERIONM". Er übermittelte "ERIONM", drehte dann die Ro-
toren auf "WH1", chiffrierte die Meldung und übermittelte sie. Die Stärke lag darin,
200 Kapitel 4

daß jede Meldung nach den ersten sechs Buchstaben in einer anderen Einstellung
chiffriert wurde. Die Schwäche war, daß an einem Tag alle Chiffreure im Sende-
netz genau denselben Zustand der Maschine für die ersten sechs Buchstaben ihrer
Meldungen verwendeten. Noch schlimmer, jene sechs Buchstaben stellten immer
die Verschlüsselung einer wiederholten Dreiergruppe dar. Es war dieses Element
der Wiederholung, das die polnischen Kryptoanalytiker ausnutzen konnten.
Ihre Methode war es, jeden Tag aus ihren aufgefangenen Funkmeldungen eine
Liste dieser einleitenden Folgen von sechs Buchstaben zu sammeln. Sie wußten, daß
in dieser Liste ein Muster war. Denn wenn in einer Meldung der erste Buchstabe
A war und der vierte Buchstabe R, dann würde in jeder anderen Meldung, wo der
erste Buchstabe A war, der vierte Buchstabe wieder R sein. Mit einer ausreichenden
Anzahl an Meldungen konnten sie eine komplette Tabelle aufbauen, zum Beispiel:

Erster Buchstabe: ABC D E F G H I J K L MN 0 P Q R S TU V W X Y Z


Vierter Buchstabe: R G Z L Y QM J D X A 0 W V H N F B P C K I T S E U

Es gab zwei weitere Tabellen, welche die zweiten und fünften Buchstaben verbanden
und die dritten und sechsten. Es gab einige Wege, diese Information zu verwen-
den, um daraus den Zustand der Enigma-Maschine abzuleiten, von der all diese
Sechs-Buchstaben-Folgen ausgegangen waren. Aber besonders signifikant war eine
Methode, die auf die mechanische Arbeit des Chiffreurs mit einer mechanisierten
Form der Analyse antwortete.
Sie schrieben diese Tabellen von Buchstabenverbindungen in der Form von Zy-
klen. Die Bezeichnung Zyklus war ein gebräuchlicher Ausdruck in der elementaren
Gruppentheorie. Um die obige Buchstabenverbindung in "Zyklus"-Form zu brin-
gen, begann man mit dem Buchstaben A und hielt fest, daß A mit R verbunden
war. Dann war R mit B verbunden, B mit G, G mit M, M mit W, W mit T, T
mit C, C mit Z, Z mit U, U mit Kund K mit A - wodurch sich der Kreis schloß:
(A R B GM W T C Z U K). Die komplette Verbindung konnte als das Produkt von
vier Zyklen geschrieben werden:

(A R B G M W T C Z U K) (D LOH J X S P N V I) (E Y) (F Q)

Der Grund für diese Vorgehensweise war, daß die Analytiker bemerkt hatten, daß die
Längen dieser Zyklen (in diesem Beispiel 11, 11, 2, 2) vom Steckfeld unabhängig
waren. Sie waren nur abhängig von der Position der Rotoren. Das Steckfeld hatte
zwar Einfluß darauf, welche Buchstaben in den Zyklen erschienen, aber nicht darauf,
wieviele. Diese Beobachtung zeigte, daß die Rotor-Positionen auf geradezu schöne
Weise ihre "Fingerabdrücke" auf dem Chiffrier-Text hinterließen, wenn man den
Funkverkehr als Ganzes betrachtete. Tatsächlich hinterließen sie nur genau drei
Fingerabdrücke: die Zyklus-Längen jeder der drei Buchstabenverbindungs-Tabellen.
Daraus folgte: wären die Polen im Besitz einer kompletten Kartei der Zyklus-
Relais-Rennen 201

Länge-Fingerabdrücke gewesen, drei für jede Rotor-Position, hätten sie - um zu be-


stimmen, welche Rotor-Position für die ersten sechs Buchstaben verwendet wurde-
nur ihre Kartei durchsuchen müssen. Der Haken war, daß es 6 x 17576 mögli-
che Rotor-Positionen zu katalogisieren gab. Dessen ungeachtet taten sie es. Dazu
entwickelten die polnischen Mathematiker eine kleine elektrische Maschine, in die
Enigma-Rotoren eingebaut waren und die automatisch die erforderlichen Zahlen-
reihen produzierte. Sie brauchten ein Jahr für diese Arbeit, deren Resultate auf
Karteikarten eingetragen wurden. Aber dann war die Detektivarbeit auf effektive
Weise mechanisiert. Nur zwanzig Minuten waren erforderlich, um beim Durch-
suchen der Kartei die Kombination der Zyklus-Längen zu identifizieren, die der im
Chiffrier-Verkehr des Tages verwendeten entsprach. Diese Kombination enthüllte
die Rotor-Positionen während der Chiffrierung der sechs Indikator-Buchstaben, und
aus dieser Information konnte der Rest erarbeitet und der Funkverkehr des Tages
gelesen werden.
Es war eine elegante Methode, doch sie hatte den Nachteil, völlig vom spezi-
fischen Indikatorsystem abhängig zu sein. Sie war nicht von Dauer. Die Marine-
Enigma ging als erstes verloren, und 6

nach Ende April 1937, als die Deutschen ihre Marine-Indikatoren veränderten, hatten
sie den Nachrichtenverkehr der Marine nur für die Zeit vom 30. April bis zum 8. Mai
1937 lesen können, und auch das nur retrospektiv. Zudem ließ sie dieser geringe Erfolg
nicht im Zweifel darüber, daß das neue Indikatorsystem der Enigma-Maschine einen viel
höheren Sicherheitsgrad gegeben hatte ...

Dann, am 15. September 1938, als Chamberlain nach München flog, trat eine größere
Katastrophe ein. Alle anderen deutschen Systeme wurden verändert. Es war nur
eine geringfügige Abänderung, aber sie bedeutete, daß über Nacht alle katalogisierten
Zyklus-Längen komplett wertlos geworden waren.
In dem neuen System wurde die Grundeinstellung nicht länger im voraus fest-
gelegt. Statt dessen wurde sie vom Chiffreur ausgewählt, der sie deshalb dem
Empfanger mitteilen mußte. Das wurde auf die einfachste mögliche Weise ge-
tan, indem sie so übermittelt wurde, wie sie stand. So mochte der Chiffreur
etwa AG H wählen und dann die Rotoren so einstellen, daß sich diese Buchsta-
benabfolge ergab. Hierauf wählte er eine andere Einstellung, sagen wir TU I. Er
chiffrierte TU I T U I was zum Beispiel R Y N F Y P ergab. Dann übermittelte er
AG H R Y N F Y P als Indikator-Buchstaben, gefolgt von der eigentlichen Meldung,
chiffriert von der Rotoren-Ausgangsposition TU I.
Die Sicherheit dieser Methode hing von der Tatsache ab, daß die Ring-
Einstellung jeden Tag variierte, denn sonst hätten die ersten drei Buchstaben (wie
AG H in dem Beispiel) alles verraten. Demgemäß war es die Aufgabe des Analy-
tikers, die gemeinsame Ring-Einstellung für den Verkehr im Sendenetz festzustellen.
Und erstaunlicherweise konnten die polnischen Analytiker mit einer neuen Art von
202 Kapitel 4

Fingerabdruck aufwarten, der bewirkte, daß diese Ring-Einstellung oder, was dem
gleichkommt, die Kern-Position gefunden wurde, die mit der offen angekündigten
Rotor-Einstellung, wie AG H im Beispiel, korrespondierte.
Wie bei der älteren Methode konnte man den Fingerabdruck nur erkennen, wenn
man den gesamten Verkehr beobachtete und das Element der Wiederholung in den
letzten sechs der neun Indikator-Buchstaben ausnützte. Ohne eine gemeinsame
GrundeinsteIlung gab es keine festgelegte Übereinstimmung zwischen den ersten
und vierten, den zweiten und fünften und den dritten und sechsten Buchstaben zu
analysieren. Aber ein kleiner Rest der Idee überlebte, wie das Grinsen der Cheshire
Katze. Manchmal geschah es, daß die ersten und vierten Buchstaben gleich wa-
ren - oder die zweiten und fünften, oder die dritten und sechsten. Dieses Phänomen
wurde, aus keinem ersichtlichen Grund, "ein Weibchen" genannt. Angenommen,
daß TU I T U I tatsächlich als R Y N F Y P chiffriert wurde, so war das wiederholte
Y "ein Weibchen". Dieses Faktum gab dann ein Bruchstück an Information über
die Stellung der Rotoren zum Zeitpunkt der Chiffrierung der Buchstaben TU I T U I.
Die Methode beruhte darauf, ausreichend Hinweise zusammenzusetzen, um jenen
Zustand abzuleiten.
Genauer genommen sagte man von einer Kern-Position, sie habe einen "weib-
lichen Buchstaben", wenn die Chiffrierung dieses Buchstabens drei Schritte später
dieselbe war. Das war kein seltenes Phänomen, sondern kam im Durchschnitt ein-
mal unter fünfundzwanzig vor. Einige Kern-Positionen (ungefähr vierzig Prozent)
hatten die Eigenart, mindestens einen weiblichen Buchstaben zu besitzen, und der
Rest nicht. Die Eigenart, ein Weibchen zu haben oder nicht, war unabhängig vom
Steckfeld, obwohl die Identität des weiblichen Buchstabens vom Steckfeld abhing.
Die Analytiker konnten leicht alle im Nachrichtenverkehr des Tages beobach-
teten Weibchen lokalisieren. Sie kannten nicht die Kern-Positionen, aus denen sie
hervorgegangen waren, aber aus den offen verkündeten Rotor-Einstellungen, wie
AG H in dem Beispiel, kannten sie die relativen Kern-Positionen. Diese Information
ergab ein Muster der Weibchen. Weil nur etwa vierzig Prozent der Kern-Positionen
Weibchen hatten, mochte es nur einen Weg geben, auf dem dieses Muster mit ihrer
bekannten Verteilung in Übereinstimmung gebracht werden konnte. Daher war hier
der neue Fingerabdruck - ein Muster der Weibchen.
Aber es war nicht möglich, im voraus alle möglichen Muster zu katalogisieren,
wie sie es bei den Zyklus-Längen hatten tun können. Es mußte andere, raffiniertere
Mittel geben, eine Übereinstimmung herzustellen. Bei der von ihnen angewende-
ten Methode wurden gelochte Blätter verwendet. Das waren einfach Tabellen aller
Kern-Positionen, in die statt des Aufdrucks ,,hat ein Weibchen" oder "hat kein Weib-
chen" ein Loch gestanzt wurde oder nicht. Im Prinzip hätten sie zuerst eine solche
riesige Tabelle aufstellen und dann jeden Tag eine Schablone machen können mit
dem im Funkverkehr des Tages beobachteten Muster der Weibchen. Wenn sie nun
mit der Schablone über die Tabelle gegangen wären, hätten sie schließlich eine
Relais-Rennen 203

Position gefunden, wo die Löcher übereinstimmten. Aber das wäre eine viel zu
ineffiziente Methode gewesen. Statt dessen hatten sie eine Methode, Teile der Kern-
Positionstabellen in einer Weise versetzt angeordnet aufeinanderzuhäufen, die den
beobachteten relativen Positionen der Weibchen entsprach. Eine "Entsprechung"
des Musters zeigte sich dann als eine Stelle, an der Licht durch alle Papierblätter
drang. Der Vorteil dieses versetzten Systems war, daß 676 Möglichkeiten simultan
überprüft werden konnten. Es war immer noch eine langwierige Arbeit, die für
eine vollständige Suche 6 x 26 Arbeitsvorgänge erforderlich machte. Es erforderte
auch die Herstellung gelochter Blätter, auf denen die 6 x 17576 Kern-Positionen
aufgelistet waren. Dennoch schafften sie es in wenigen Monaten.
Das war nicht die einzige Methode, die sie erfanden. Das System gelochter
Karten erforderte das Lokalisieren von etwa zehn Weibchen im Funkverkehr. Ein
zweites System erforderte nur drei, doch es machte sich nicht nur die bloße Existenz
eines Weibchens zunutze, sondern den bestimmten Buchstaben, der als Weibchen im
Chiffrier-Text erschien. Für das Prinzip der Methode war es wesentlich, daß diese
Buchstaben unter jenen waren, auf die sich das Steckfeld nicht auswirkte. Da 1938
das Steckfeld mit nur sechs oder sieben verbundenen Paaren verwendet wurde, war
dies keine allzu starke Forderung.
Prinzip dieser Methode war es, das beobachtete Muster von drei bestimmten
weiblichen Buchstaben mit den Merkmalen der Kern-Positionen zu vergleichen.
Aber es war unmöglich, im voraus alle weiblichen Buchstaben von 6 x 17576 Posi-
tionen zu katalogisieren und dann eine Suche durchzuführen - sogar mit versetzten
Blättern. Es gab viel zu viele mögliche Fälle. Statt dessen machten sie einen radikal
neuen Schritt. Sie durchsuchten jedes Mal von neuem die Merkmale der Rotor-
Positionen und katalogisierten nicht im voraus. Aber das war keine menschliche
Suche. Sie wurde von einer Maschine gemacht. Bis zum November 1938 hatten sie
tatsächlich solche Maschinen gebaut - und zwar sechs, eine für jede mögliche Rotor-
Anordnung. Sie produzierten ein laut tickendes Geräusch und wurden demgemäß
die Bomben genannt.
Die Bomben nützten den elektrischen Schaltplan der Enigma-Maschine aus,
indem sie eine elektrische Methode des Erkennens auftretender "Entsprechungen"
verwendeten. Allein die Tatsache, daß sich hinter dem Enigma "eine Maschine" ver-
barg, machte die mechanische Kryptoanalyse möglich. Die wesentliche Idee war,
sechs Kopien des Enigma-Grundmodells auf solche Weise zu verkabeln, daß sich ein
Stromkreis schloß, wenn die drei bestimmten "Weibchen" auftraten. Die relativen
Kern-Positionen dieser sechs Enigmas wurden durch die bekannten relativen Ein-
stellungen der "Weibchen" fixiert - genau wie bei der "versetzten" Anordnung der
Blätter. Während diese relativen Positionen konstant gehalten wurden, trieb man
die Enigmas durch jede mögliche Position. Die komplette Suche konnte in zwei
Stunden erfolgen, was bedeutete, daß mehrere Positionen in jeder Sekunde getestet
werden konnten. Es war eine Gewaltmethode, denn sie tat nichts anderes als naiv
204 Kapitel 4

alle Möglichkeiten zu versuchen, eine nach der anderen. Sie hatte keine algebraische
Feinheit. Dennoch brachte sie die Kryptoanalyse ins zwanzigste Jahrhundert.
Zum Unglück für die polnischen Analytiker waren die Deutschen etwas weiter
im zwanzigsten Jahrhundert vorangekommen; kaum war dieses elektromechanische
Gerät so weit gebracht, daß es gegen Enigma wirksam wurde, ließ eine neue Kom-
plikation es wieder machtlos werden. Im Dezember 1938 wurde der Grundstock
aller deutschen Systeme von drei Rotoren auf ein Repertoire von fünf erweitert.
Statt sechs Möglichkeiten bei der Anordnung der Rotoren, gab es nun sechzig. Den
polnischen Analytikern mangelte es nicht an Unternehmungsgeist, und dank krypto-
graphischer Fehler des deutschen "Sicherheitsdienstes", des SD, gelang es ihnen,
die neuen Kabelführungen herauszufinden. Aber die Rechnung war einfach: statt
sechs Bomben erforderte die Methode nun sechzig. Statt sechs Sätzen gelochter
Karten erforderte sie nun sechzig. Sie waren verloren. Und das war die Lage, als
die britischen und französischen Delegationen im Juli 1939 nach Warschau gingen.
Die Polen hatten nicht die technischen Hilfsmittel für eine weitere Entwicklung.
Das war die Geschichte, die Alan hörte. Es war eine Geschichte, die zum
Stillstand gekommen war. Aber auch so waren die Polen den Briten um Jahre
voraus, die immer noch da waren, wo sie 1932 stehengeblieben waren. Die Bri-
ten waren nicht fähig gewesen, die Kabelführungen herauszuarbeiten, noch hatten
sie die Tatsache festgestellt, daß die Tastatur mit dem ersten Rotor in einer ein-
fachen Ordnung verbunden war. Wie die polnischen Kryptoanalytiker nahmen sie
an, daß der Konstruktionsplan an diesem Punkt einen weiteren Schritt des Durch-
einanderwürfelns enthalten würde. Und sie waren überrascht zu erfahren, daß dies
nicht der Fall war. Auch hatte die GC and CS niemals an "die Möglichkeit eines
Hochgeschwindigkeitsmaschinen-Einsatzes gegen das Enigma vor dem Treffen vom
Juli 1939" gedacht. Auf einer gewissen Ebene hatte es am Willen gefehlt. Sie hatten
nicht wirklich denken wollen, hatten nicht wirklich wissen wollen. Nun hatten sie
diese bestimmte Hürde überwunden, nur um sich mit einem Problem konfrontiert
zu sehen, das die Polen unlösbar gefunden hatten: 7

Als die verschiedenen Aufzeichnungen der Polen - und im besonderen die Schaltungen
der Räder - die GC and CS erreichten, war es bald möglich, die alten Meldungen zu
dechiffrieren, deren Schlüssel die Polen herausgefunden hatten, aber neuere Meldungen
blieben unlesbar.

Sie waren aus demselben Grund unlesbar, aus dem sie auch die Polen unlesbar
fanden. Sie hatten nicht genug Bomben oder gelochte Karten für die Fünf-Rotoren-
Enigma. Es gab noch eine andere Schwierigkeit: seit dem 1. Januar 1939 hatten die
deutschen Systeme auf dem Steckfeld zehn Paare verwendet, was ein Funktionieren
der polnischen Bomben-Methode unwahrscheinlich machte. Hinter all dem lag als
tieferes Problem, daß die wichtigsten polnischen Methoden vollkommen auf dem
Relais-Rennen 205

spezifischen Indikatorsystem, das verwendet wurde, beruhten. Etwas ganz Neues


war erforderlich. Und hier spielte Alan seine erste entscheidende Rolle.

Die britischen Analytiker machten sich sofort daran, die sechzig Sätze von
gelochten Karten herzustellen, die für die erste "Weibchen"-Methode erforder-
lich waren - nun angeschwollen auf die riesenhafte Aufgabe, eine Million Rotor-
Einstellungen zu prüfen. Aber sie wußten, daß die Karten auch bei nur geringfügiger
Veränderung des Neun-Buchstaben-Indikator-Systems nutzlos würden. Sie brauch-
ten etwas Allgemeineres, etwas, das nicht von spezifischen Indikatorsystemen ab-
hing.
Solche Methoden existierten für Enigma-Maschinen ohne Steckfeld. Das war
zum Beispiel bei der italienischen Enigma der Fall und auch bei der, die die
Streitkräfte Francos im Spanischen Bürgerkrieg verwendeten, und deren System im
April 1937 von der GC and CS entschlüsselt worden war. Eine bestimmte Attacke
beruhte auf dem, was Sinkovals die "intuitive" oder "Wahrscheinliches Wort"- Me-
thode beschrieb. Dabei mußte der Analytiker ein in der Meldung vorkommendes
Wort und seine exakte Position erraten. Das war bei der stereotypen Art vieler mi-
litärischer Mitteilungen nicht unmöglich und wurde durch die Eigenheit der Enigma
unterstützt, daß kein Buchstabe in sich selbst chiffriert werden konnte. Unter der
Annahme, daß die Enigma-Rotor-Schaltungen bekannt waren, konnte ein korrekt er-
ratenes Wort den Kryptoanalytiker ganz einfach zur Identität des ersten Rotors und
seiner Startposition führen.
Eine solche Analyse wurde mit nicht-maschinellen Methoden durchgeführt.
Aber im Prinzip konnte man viel mechanischer an die Dinge herangehen, unter
Ausnützung der Tatsache, daß sogar eine Million möglicher Rotor-Positionen keine
"ungeheuer große Zahl" darstellte. Wie die polnische Bombe, konnte sich eine Ma-
schine einfach, eine nach der anderen, durch die möglichen Positionen durcharbeiten,
bis sie eine fand, die den chiffrierten Text in den bekannten Klartext umwandelte.

In den folgenden Diagrammen vergessen wir die internen Details des Enigma-Grundmodells
und denken daran nur wie an eine Schachtel, die einen eingegebenen Buchstaben in einen
ausgegebenen Buchstaben verwandelt. Der Zustand der Maschine wird durch drei Zahlen
dargestellt, die die Rotor-Positionen angeben. (Wir lassen auch das Problem beiseite, daß
sich der mittlere und der innere Rotor bewegen können, und nehmen an, sie seien statisch; in
der Praxis würde sich das bei der Anwendung der Methode als wichtige Erwägung erweisen,
sich aber nicht auf das Prinzip auswirken.)
206 Kapitel 4

input

6,16,11

output

Nehmen wir als sicher gegeben an, daß U I L K N T N die Chiffrierung des Wortes GEN E-
RAL durch ein Enigma ohne Steckfeld ist. Das bedeutet, daß eine Rotor-Position existiert,
die U in G umwandelt, eine nächste Position, die I zu E umwandelt, eine nächste, die
L zu N macht usw. Im Prinzip steht einer Suche durch alle Rotor-Positionen, bis diese
bestimmte Position gefunden ist, nichts im Wege. Der effizienteste Weg wäre, alle sieben
Buchstaben simultan zu betrachten. Das könnte erreicht werden, indem man sieben Enigmas
in einer Reihe aufstellt, deren Rotoren sich in aufeinanderfolgenden Positionen befinden.
Man würde die Buchstaben U I L K N T N in dieser Reihenfolge eingeben und sehen, ob die
Buchstaben GEN E R A L herauskämen. Wenn nicht, würden alle Enigmas sich um einen
Schritt weiterbewegen, und der Vorgang würde wiederholt. Schließlich fände man die richtige
Rotor-Position, der Zustand der Maschinen würde dann beispielsweise so aussehen:

u L K N T N

G E N R A

All das würde keine über die polnische Bombe hinausgehenden technischen Fortschritte er-
fordern; es wäre leicht, Kabel so anzubringen, daß Strom fließen würde, wenn und nur wenn
alle sieben Buchstaben mit GEN E R A L übereinstimmten und die Maschine zum Stillstand
käme.

Sogar in den frühen Tagen war diese Idee nicht besonders weit hergeholt. Alans
Altersgenosse, der Physiker R.V. Jones aus Oxford, der wissenschaftlicher Berater
des Seeret Service geworden war, wurde gegen Ende des Jahres 1939 in Bletchley
Relais-Rennen 207

einquartiert. Er unterhielt sich mit Edward Travis, Dennistons Vertreter, über die
laufenden kryptoanalytischen Probleme. Travis stellte die viel ehrgeizigere Aufgabe
des automatischen Erkennens deutscher Sprache im allgemeinen, das heißt, nicht
lediglich eines festgelegten Textes. Erfinderisch schlug Jones mehrere Lösungen
vor, eine von ihnen war8 ,

Papier oder Film in einer von 26 Positionen zu markieren oder zu lochen entsprechend
dem aus der Maschine kommenden Buchstaben ... und die daraus resultierende Auf-
zeichnung an einer Batterie von Photozellen vorbeilaufen zu lassen, so daß jede die
Häufigkeit des Auftretens des von ihr gesuchten Buchstabens zählen könnte. Nach Er-
reichung einer bestimmten Gesamtanzahl könnte die Häufigkeitsverteilung zwischen den
Buchstaben mit der der Sprache entsprechenden verglichen werden, die auf einer Art
Schablone festgehalten worden sein könnte.

Travis machte Jones mit Alan bekannt, der "die Idee mochte". Aber zumindest beim
Enigma verfolgte die zentrale Methode völlig andere Linien. Sie hielt sich an die
Idee, ein bekanntes Stück Klartext auszuwerten. Die Schwierigkeit war natürlich,
daß das militärische Enigma ein Steckfeld verwendete, welches einen derartigen
naiven Suchprozeß unmöglich machte, da es 150.738.274.937.250 mögliche Arten*
der Verbindung von zehn Buchstabenpaaren gibt. Auf gar keinen Fall konnte eine
Maschine sie alle durchlaufen.
Dennoch ließ sich kein seriöser Analytiker durch diese furchterregende Zahl
entmutigen. Große Zahlen garantierten an sich keine Immunität vor einem Angriff.
Jedem, der ein Kryptogramm auf der Rätselseite gelöst hatte, war es gelungen,
alle außer einer der 403.291.461.126.605.635.584.000.000 verschiedenen alphabe-
tischen Substitutionen zu eliminieren**. Es konnte geschehen, weil jede Tatsache,
wie die Häufigkeit von E, die Seltenheit von AO usw., dazu diente, ungeheuer viele
Möglichkeiten auf einmal zu eliminieren:

Man kann sehen, daß die bloße Anzahl von Steckfeldem nicht in sich selbst das Problem ist,
wenn man sich eine vollkommen hypothetische Maschine vorstellt, bei der eine Steckfeld-
Veränderung nur vor der Chiffrierung durch ein Enigma-Grundmodell angewendet wird.
Angenommen, für eine solche Maschine ist mit Sicherheit bekannt, daß der Chiffriertext
FHOPQBZ die Verschlüsselung von GENERAL ist.

Es wäre wiederum möglich, die Buchstaben F H 0 P Q B Z in sieben aufeinanderfolgende


Enigmas einzugeben und das Resultat zu prüfen. Aber diesmal könnte man nicht erwar-
ten, daß die Buchstaben GENERAL auftauchen, denn es wäre an diesen Buchstaben eine
unbekannte Steckfeld-Veränderung vorgenommen worden. Nichtsdestoweniger könnte noch

* das heißt )
(10!~~;10 Tatsächlich geben ll Paare geringfügig mehr Möglichkeiten - nicht, daß es
irgendeinen Unterschied ausmacht; 12 oder 13 Paare eher weniger.
** das heißt 26! Dies ist auch die Anzahl möglicher Kabelführungen für jeden Rotor eines Enigmas.
208 Kapitel 4

etwas getan werden. Angenommen, daß an einem Punkt im Prozeß des Durchlaufens aller
Rotor-Positionen der Zustand folgender wäre:

F H o p Q B z

G G c o R L

Dann könnte man fragen, ob man durch die Wirkung des Steckfeld-Austausches die Buchsta-
ben G F G C 0 R Laus GEN E R A L erhalten könnte oder nicht. In diesem Beispiel ist die
Antwort "nein", da kein Austausch das erste G unverändert lassen, aber das zweite G in ein
N verwandeln könnte; kein Austausch könnte das erste E von GEN E R A L in ein F verwan-
deln und das zweite in ein C. Des weiteren könnte kein Austausch das R von GEN E R A L
zu einem 0, aber dann das A zu einem R verändern. Jede einzelne dieser Beobachtungen
genügt, um diese bestimmte Rotor-Position auszuschließen.
Ein Weg, diese Frage zu überdenken, ist der mit Hilfe des Begriffs der Konsistenz. Hat
man den Chiffrier-Text in die Enigmas eingegeben, ist der Output dann mit dem bekannten
Klartext so konsistent, daß er sich nur auf Grund der Veränderung unterscheidet? Von diesem
Gesichtspunkt aus betrachtet sind die Entsprechungen (OR) und (RA) oder (EF) und (EC)
Widersprüche. Ein einziger Widerspruch reicht aus, um all die Billionen möglicher Steckfelder
auf dieser hypothetischen Maschine zu eliminieren. Deshalb kann numerische Größe allein
ohne Bedeutung sein, verglichen mit den logischen Eigenschaften des Chiffriersystems.

Die entscheidende Entdeckung war, daß etwas Derartiges für das tatsächliche
militärische Enigma getan werden konnte, bei dem die Steckfeld-Veränderung so-
wohl vor als auch nach dem Eintreten in die Rotoren des Enigma-Grundmodells
stattfindet. Aber die Entdeckung geschah weder sofort, noch war sie das Produkt
eines einzigen Gehirns. Sie erforderte einige Monate, und zwei Persönlichkeiten
waren vorrangig damit beschäftigt. Denn während Jeffries sich um die Herstel-
lung der neuen gelochten Karten kümmerte, waren die beiden anderen rekrutierten
Mathematiker, Alan Turing und Gordon Welchman, für die Entwicklung dessen
verantwortlich, was die britische "Bombe" werden sollte. 9
Alan hatte die Sache zuerst in Angriff genommen, da Welchman der Analyse
des Funkverkehrs zugeteilt worden war, und so war er es, der das Prinzip der Me-
Relais-Rennen 209

chanisierung einer Suche nach logischer Konsistenz - basierend auf einem "wahr-
scheinlichen Wort" - als erster formulierte. Die Polen hatten eine einfache Form
der Erkennung mechanisiert, beschränkt auf das damals verwendete Indikatorsystem;
eine Maschine, so wie Alan sie sich vorstellte, würde beträchtlich anspruchsvoller
sein und einen Schaltplan für die Simulation der sich aus einer Steckfeld-Hypothese
ergebenden "Implikationen" erfordern sowie Mittel zur Erkennung nicht nur einer
einfachen Entsprechung, sondern auch des Auftretens eines Widerspruchs.

Die Turing-Bombe
Angenommen, es wäre nun bekannt, daß die Buchstaben LA K N Q K R die Verschlüsselung
von GEN E R A L auf einer vollständigen Enigma mit Steckfeld seien. Diesmal ist es sinn-
los LA K N Q K R auf den Enigma-Grundmodellen auszuprobieren, um zu sehen, was dabei
herauskommt, denn eine unbekannte Steckfeld-Veränderung muß mit LA K N Q K R vorge-
nommen werden, bevor es in die Enigma-Rotoren eingeht. Dennoch ist die Suche nicht
hoffnungslos. Betrachten wir nur einen Buchstaben, das A. Es gibt bloß 26 Möglichkeiten
der Wirkung des Steckfeldes auf das A, und so können wir daran denken, sie auszuprobie-
ren. Beginnen wir mit der Hypothese (AA), das heißt der Annahme, das Steckfeld lasse den
Buchstaben A unberührt.
Was folgt, ist eine Ausnutzung der Tatsache, daß es nur ein Steckfeld gibt, das mit den
Buchstaben, die in die Rotoren hineingehen, denselben Austauschprozeß vornimmt wie mit
jenen, die herauskommen. (Hätte Enigma über zwei verschiedene Steckfelder verfügt, über
eines, das die eingehenden und eines, das die herauskommenden Buchstaben austauscht, wäre
es eine ganz andere Geschichte gewesen.) Es wird auch die Tatsache ausgenutzt, daß dieses
bestimmte Beispiels-"Crib"* ein besonderes Merkmal enthält - eine geschlossene Schleife.
Das ist am einfachsten zu sehen, wenn man die Schlüsse ableitet, die aus (AA) gezogen
werden können.
Wir betrachten den zweiten Buchstaben der Folge, geben A in die Enigma-Rotoren ein
und erhalten ein Resultat, sagen wir O. Das bedeutet, das Steckfeld muß das Austauschpaar
(EO) enthalten.

* A.d.Ü.: Crib heißt u.a. die wörtliche Übersetzung eines fremdsprachlichen Textes, die von einem
Schüler oder Studenten als Spickzettel verwendet wird; davon abgeleitet bezeichnet es ein Wort oder
einen Satz von wahrscheinlichen Wörtern, die zur Bestimmung eines Chiffrier-Schlüssels beitragen.
210 Kapitel 4

L A K N Q K R

6 6 c::::b d b c=b
D DDDDD 0

~ G E
~~9FTN E R A L

Betrachten wir nun den vierten Buchstaben, so wird die Behauptung (EO) eine Impli-
kation für N haben, sagen wir (NQ); nun wird der dritte Buchstabe eine Implikation für K
ergeben, zum Beispiel (KG).

L A
r ~N .. Q IK R

eS Ö Ö

D D D
A IG Q G

\ .,. ?•

er
o Q 0 A

~ G E N
r

1
7'

9 R A
I

l'-------II.__)
Schließlich betrachten wir den sechsten Buchstaben: hier schließt sich die Schleife und es
ergibt sich nun entweder Konsistenz oder Kontradiktion zwischen (K G) und der ursprüng-
lichen Hypothese (A A). Wenn es ein Widerspruch ist, dann muß die Hypothese falsch sein
und kann eliminiert werden.

Diese Methode war weit davon entfernt, ideal zu sein. Denn sie hing völlig
vom Auffinden geschlossener Schleifen im "Crib" ab, und nicht alle Cribs zeigten
dieses Phänomen*. Aber es war eine Methode, die tatsächlich funktionierte, denn

* Fragen über die Chance, Schleifen zu erhalten, konnten in der Sprache der Wahrscheinlichkeitstheorie
und der mathematischen Kombinationslehre gestellt und beantwortet werden - ziemlich genau das
Problem. zu dessen Bewältigung Alan, oder tatsächlich jeder beliebige Cambridge Mathematiker,
geeignet war. Man hatte Glück, wenn man eine Schleife innerhalb eines Wortes erhielt, wie das
künstliche Beispiel zeigt; in der Praxis mußten die Analytiker Buchstaben aus einem längeren Crib-
Relais-Rennen 211

die Idee, einen geschlossenen Kreislauf zu vollenden, konnte man natürlich in eine
elektrische Form übertragen. Es zeigte sich, daß die bloße Anzahl von Steckfeldern
an sich keine unüberwindliche Barriere war.
Es war ein Anfang und Alans erster Erfolg. Wie die meiste wissenschaftliche
Arbeit in Kriegszeiten, verlangte sie kaum nach dem allerletzten Wissensstand des
Tages. Es war eher so, daß sie dasselbe Können erforderte, das in der fortgeschritte-
nen Forschung Verwendung fand, aber angewandt auf elementarere Probleme. Die
Idee, Prozesse zu automatisieren, war dem zwanzigsten Jahrhundert vertraut genug,
dazu brauchte es nicht des Autors von On Computable Numbers. Aber sein ernst-
haftes Interesse an mathematischen Maschinen, seine Faszination von der Idee, wie
eine Maschine zu arbeiten, waren außergewöhnlich relevant*. Wieder waren die
"Kontradiktions-" und "Konsistenz"-Bedingungen des Steckfeldes nur mit einem
grundSätzlich endlichen Problem befaßt und nicht mit irgendetwas in der Art von
GödeIs Theorem, das die unendliche Vielfalt der Zahlentheorie betraf. Aber die Ana-
logie mit der formalistischen Konzeption der Mathematik, in welcher Implikationen
mechanisch durchlaufen werden sollten, war doch verblüffend.
Alan konnte dieser Idee Anfang des Jahres 1940 im Entwurf einer neuen Art von
Bombe Form verleihen. Die praktische Herstellung begann unter der Leitung von
Harold "Doc" Keen in der Fabrik von British Tabulating Machinery in Letchworth
und wurde mit einer in Friedenszeiten unvorstellbaren Geschwindigkeit vorange-
trieben. Man war hier daran gewöhnt, Rechenmaschinen für Büros zu bauen und
Sortierer, in denen Relais einfache logische Funktionen wie Addieren und Erkennen
ausführten. Nun war es ihre Aufgabe, Relais herzustellen, die die für die Bombe
erforderliche Schaltaufgabe ausführen konnten, die Positionen zu "erkennen", in de-
nen Konsistenz auftrat, und zu stoppen. Hier war Alan wieder die richtige Person,
um zu sehen, was gebraucht wurde. Denn seine ungewöhnliche Erfahrung mit dem
Relais-Multiplizierer hatte ihm Einsicht gegeben in das Problem, logischen Mani-
pulationen in dieser Art von Maschinerie eine Form zu geben. Vielleicht war 1940
niemand besser geeignet, diese Arbeit zu beaufsichtigen, als er.

Noch hatte Alan nicht gesehen, daß an seinem Entwurf eine dramatische Ver-
besserung gemacht werden konnte. Hier war es Gordon Welchman, der die ent-
scheidende Rolle spielte. Als er in die kryptoanalytische Enigma-Gruppe eintrat,
konnte er sich eine bemerkenswerte Leistung als sein Verdienst anrechnen: er hatte
die Methode mit den gelochten Karten ganz allein wiedererfunden, ohne jedes Wis-

Satz herauspicken. Zudem war eine Schleife nicht genug - viel zu viele Rotor-Positionen erfüllten
die Konsistenzbedingung per Zufall. Drei Schleifen waren erforderlich - eine höhere Anforderung.
* Nichtsdestoweniger hatte die Bombe überhaupt nichts mit der "Universellen Turingmachine" zu tun.
Sie war allgemeiner als die polnische Bombe, die auf der Basis eines spezifischen Indikatorsystems
arbeitete; aber im übrigen hätte sie kaum weniger universell sein können, da sie für die Enigma-
Schaltungen bestimmt war und ein absolut genaues Crib erforderte.
212 Kapitel 4

sen um die Tatsache, daß die Polen sie ausgearbeitet hatten und Jeffries bereits die
Produktion in der Hand hatte. Als er dann den Entwurf der Turing-Bombe studierte,
sah er, daß es dabei nicht gelungen war, die Schwäche der Enigma voll auszunutzen.

Wenn wir zur Abbildung der Turing-Bombe zurückkehren, bemerken wir, daß es - wie
die kräftigeren Linien zeigen - andere Implikationen gibt, die nicht weiter verfolgt wurden:

L ,...,A
~
~ "...---..... N ..... Q K R

b 1 -I

TG ~
?D
1 I I I I I / I 1/

,.
A Q IN

\ \
G;..,...--,

~
K 10 Q 0 A
r

lJG
7 1 r

E
/ 1 r 1

N~
r 71

E
9 R
I

A
T
L

\.

Diese unterscheiden sich dadurch, daß sie nicht vorhersehbare Implikationen sind. Sie erge-
ben sich, weil (K G) auch (G K) bedeutet und so in Position 1 eine Implikation für L hat.
Gleichermaßen bedeutet (N Q) auch (Q N) und hat so in Position 5 eine Implikation durch R.
Das ergibt eine weitere Implikation für L in Position 7. Klarerweise gibt es die Möglichkeit,
daß sich zwischen diesen weiteren Implikationen eine Kontradiktion ergibt, zusätzlich zu der
Frage der sich in Position 6 schließenden Schleife. In der Tat ist es jetzt für die Texte nicht
nötig, eine Schleife aufzuzeigen, damit auf diese allgemeinere Weise eine Kontradiktion ent-
steht. Aber diese größere Kraft der Deduktion hängt von der Existenz eines automatischen
Wegs ab, um von (K G) nach (G K) zu gehen und in gleicher Weise für jede andere erreichte
Implikation, ohne im voraus zu wissen, wann und wo dies erforderlich sein mag.

Welchman sah nicht nur eine Möglichkeit der Verbesserung, sondern löste auch
schnell das Problem, wie weitere Implikationen in einen mechanischen Prozeß zu
inkorporieren seien. Es erforderte nur eine einfache elektrische Schaltung - die
bald die "Diagonalplatine" genannt werden sollte. Der Name bezog sich auf die
Anordnung von 676 elektrischen Polen in einem Quadrat von 26 x 26, von denen
jeder einer Behauptung, wie etwa (KG), entsprach und an dem diagonal zu anderen
Polen verlaufende Drähte angebracht waren, so daß zum Beispiel (KG) permanent
mit (GK) verbunden war. Die Diagonalplatine konnte auf solche Weise mit der
Bombe verbunden werden, daß sie genau die erforderliche Wirkung hatte. Dafür
Relais-Rennen 213

waren keine Schaltvorgänge notwendig; das Verfolgen von Implikationen konnte


immer noch durch den augenblicklich erfolgenden Fluß der Elektrizität in einem
einmal geschlossenen Stromkreis erreicht werden.
We1chman konnte kaum glauben, daß er das Problem gelöst hatte, aber er zeich-
nete ein ungefähres Schaltdiagramm und überzeugte sich selbst, daß es funktionierte.
Er eilte ins "Cottage" und zeigte es Alan, der zunächst auch ungläubig war, aber
schnell ebenso in Aufregung geriet über die sich eröffnenden Möglichkeiten. Es
war eine spektakuläre Verbesserung; sie brauchten nicht länger nach Schleifen aus-
zuschauen und konnten sich so mit weniger und kürzeren Cribs begnügen.
Durch Hinzufügen der Diagonalplatine besaß die Bombe nun fast unheimliche
Eleganz und Kraft. Jede erreichte Behauptung, zum Beispiel (B L), wirkte zurück auf
jedes entweder im Klar- oder im Chiffre-Text erscheinende B und jedes L. Mit die-
ser vierfachen Vermehrung von Implikationen in jedem Stadium wurde es möglich,
die Bombe für jedes Crib von drei oder vier Worten zu verwenden. Der Analyti-
ker konnte ein "Menü" von etwa zehn Buchstaben aus dem Crib auswählen - der
nicht notwendigerweise eine "Schleife" enthielt, aber doch so reich wie möglich an
Buchstaben war, die zwangsläufig zu Implikationen für andere Buchstaben führten.
Das sorgte für eine sehr strenge Konsistenzbedingung, wodurch Milliarden falscher
Hypothesen mit Lichtgeschwindigkeit hinweggefegt wurden.
Das Prinzip war dem der mathematischen Logik verblüffend ähnlich, in wel-
cher man versuchte, so viele Schlußfolgerungen wie möglich aus einer Reihe in-
teressanter Axiome zu ziehen. Es gab auch eine besondere logische Subtilität bei
dem Deduktions-Prozeß. Wie bisher beschrieben, erforderte der Vorgang die Erpro-
bung immer nur einer Steckfeld-Hypothese in einem Arbeitsgang. Kam (AA) durch
seine eigenen Kontradiktionen zu Fall, dann wurde (A B) versucht usw., bis alle
26 Möglichkeiten erschöpft waren. Erst dann bewegten sich die Rotoren um einen
Schritt weiter und die nächste Position konnte auf dieselbe Weise überprüft werden.
Aber Alan machte nun die wunderbare Entdeckung, daß dies unnötig war.
War (AA) inkonsistent, dann führte es im allgemeinen zu (AB), (AC) usw. im
Prozeß der Verfolgung aller Implikationen. Das bedeutete, daß diese alle auch in
sich selbst widersprüchlich waren und keine Notwendigkeit bestand, sie auszupro-
bieren. Eine Ausnahme trat auf, wenn die Rotor-Position tatsächlich korrekt war.
In diesem Fall war entweder auch die Steckfeld-Hypothese korrekt und führte nicht
zu Kontradiktionen oder sie war inkorrekt und führte zu jeder außer der korrekten
Steckfeldstellung. Das bedeutete, die Bombe mußte stoppen, wenn der elektrische
Strom entweder nur einen oder eben fünfundzwanzig der sechsundzwanzig Pole
erreicht hatte. Diese ziemlich komplizierte Bedingung mußten die Relaisschaltun-
gen testen. Das lag keinesfalls offen auf der Hand, doch es zu erkennen machte
den Vorgang sechsundzwanzigmal schneller. Alan kommentierte die Ähnlichkeit
zur mathematischen Logik, in der ein einziger Widerspruch die Gültigkeit eines
jeden Satzes implizierte. In seiner Erörterung dieses Punktes hatte Wittgenstein ge-
214 Kapitel 4

sagt, daß Kontradiktionen niemals jemandem Schwierigkeiten bereiteten. Aber diese


Kontradiktionen sollten schreckliche Konsequenzen für Deutschland haben.
So war das logische Prinzip der Bombe das wunderbar einfache, die Proli-
feration der Implikationen bis ans bittere Ende zu verfolgen. Aber an dem Bau
einer solchen Maschine war nichts einfach. Um von praktischem Nutzen zu sein,
mußte sich eine Bombe im Schnitt durch eine halbe Million Rotorpositionen eher
in Stunden als in Tagen durcharbeiten, was bedeutete, daß der logische Prozeß jede
Sekunde auf mindestens zwanzig Positionen angewendet werden mußte. Das lag
im Bereich der automatischen Telephonvermittlungsanlagen, die Schaltoperationen
in einer Tausendstelsekunde durchführen konnten. Aber im Gegensatz zu den Relais
der Telephonvermittlung mußten die Bombenbestandteile stundenlang unaufhörlich
und aufeinander abgestimmt arbeiten, wobei sich die Rotoren perfekt synchron be-
wegten. Ohne die Lösung dieser Konstruktionsprobleme innerhalb einer Zeitspanne,
die normalerweise nur für die Vorbereitung eines ungefähren Entwurfs ausreichte,
wären all die logischen Ideen nur müßige Träume gewesen.
Sogar als die Bomben entworfen waren und in Serie gebaut wurden, war das
Problem des Enigmas weit davon entfernt, gelöst zu sein. Eine Bombe übernahm
nicht alle Arbeit der "Wahrscheinliches Wort"-Methode. Wenn die Konsistenzbe-
dingungen erfüllt waren und die Bombe zum Stillstand kam, bedeutete dies nicht
notwendigerweise das Erreichen der korrekten Rotor-Position. Solch ein "Stop", wie
er genannt wurde, konnte durch Zufall entstehen. (Die Berechnung, wie oft solche
Zufallsstops zu erwarten waren, war eine gute Anwendung der Wahrscheinlichkeits-
theorie.) Jeder "Stop" mußte an einem Enigma getestet wurden, um zu sehen, ob der
Rest des Textes ins Deutsche umgewandelt wurde, bis die korrekte Rotor-Position
entdeckt war.
Es war auch weder eine triviale Angelegenheit, das wahrscheinliche Wort zu
erraten, noch seine Übereinstimmung mit dem verschlüsselten Text herauszufinden.
Ein guter Chiffreur konnte diese Operationen nämlich zu einer Unmöglichkeit ma-
chen. Die richtige Art der Verwendung der Enigma, wie jeder Chiffriermaschine,
war, sich gegen die Attacke durch ein wahrscheinliches Wort mit solch naheliegen-
den Hilfsmitteln zu schützen wie etwa einem Vorwort aus einer variablen Anzahl
von zufälligen Nonsens-Wörtern vor der eigentlichen Botschaft; oder durch das Ein-
setzen von mehreren x in lange Wörter oder durch die Methode des "Vergrabens"
stereotyper oder sich wiederholender Teile der Meldung; und allgemein dadurch,
daß man das System so unvorhersagbar, so unmechanisch wie nur möglich machte,
ohne Verständlichkeitsverlust für den legitimen Empfänger. Wenn dies gründlich
getan wurde, konnten akkurate Cribs, wie sie für die Bombe erforderlich waren, nie
gefunden werden. Aber vielleicht war es für den Benutzer der Enigma zu verlockend
einfach, sich vorzustellen, die kluge Maschine würde schon auf sich selbst achtge-
ben, und so erschienen oft Regelmäßigkeiten, die die britischen Kryptoanalytiker
ausnutzen konnten.
Relais-Rennen 215

Sogar als sie Subtilitäten dieser Art überwunden und gelernt hatten, wie man
Worte mit perfekter Genauigkeit errät, war die Geschichte noch lange nicht vor-
bei. Eine Meldung zu entziffern, würde nicht helfen, den Krieg zu führen. Das
Problem war, jede Meldung zu lösen, von denen es jeden Tag tausende in jedem
Nachrichtennetz gab. Die Lösung dieses Problems würde vom Chiffriersystem als
Ganzem abhängen. In einem System, das so einfach war wie die Vorkriegsver-
wendung von wiederholten Dreiergruppen von Indikator-Buchstaben, konnte eine
einzige gelöste Meldung verwendet werden, um den gesamten Prozeß aufzulösen,
die "Grund-Einstellung" zu finden und auf diese Weise den gesamten Nachrich-
tenverkehr zu enthüllen. Aber der Feind war nicht immer so entgegenkommend.
Außerdem gab es eine Art "double bind", da der Prozeß des Worterratens mit
annähernder Sicherheit nur möglich wurde, wenn man mit dem Funkverkehr als
ganzem gut vertraut war. Die Bombe war von geringem Nutzen, wenn nicht zuerst
auf eine andere Weise ein Eindringen in den Nachrichtenverkehr gelungen war.
Für die Signale der Luftwaffe hatten sie eine andere Methode - jene der ge-
lochten Karten, die für das Neun-Buchstaben-Indikator-System angewendet werden
konnte. Im Herbst 1939 war die Herstellung der sechzig Sätze von Karten abge-
schlossen und eine Kopie zu den französischen Kryptoanalytikern nach Vignolles
gebracht worden. Das war ein Akt der Hoffnung. Seit Dezember 1938 waren keine
Enigma-Meldungen gelöst worden. So gab es keine Sicherheit, daß die Karten
nach ihrer Fertigstellung überhaupt nützlich sein würden. Aber die Hoffnung war
berechtigt, denn 10
"Am Ende des Jahres", berichtet Ge and es, "kehrte unser Emissär mit der großen
Neuigkeit zurück, daß ein Schlüssel geknackt worden war (28. Oktober, Grün)* mit den
. .. Karten, die er mit sich genommen hatte. Sofort begannen wir, an einem anderen
Schlüssel zu arbeiten (25. Oktober, Grün) ... , dieser, der erste Enigma-Schlüssel, der
in diesem Land im Krieg herauskam, wurde Anfang Januar 1940 gebrochen." Der Ge
and es Bericht fährt fort: "Hatten die Deutschen zu Neujahr eine Veränderung in der
Maschine gemacht? Während wir warteten ... wurden einige andere 193ger Schlüssel
gebrochen. Endlich kam ein günstiger Tag ... Die Karten wurden aufgelegt ... und
[das] Rot vom 6. Januar war enthüllt. Andere Schlüssel folgten bald ... "

Ihr Glück hatte vorgehalten, und die gelochten Karten ermöglichten den ersten
Einstieg in das System. Es war wie die Schatzsuche in Princeton, insofern, da jeder
Erfolg einen Anhaltspunkt für das nächste Ziel gab, die schnellere und umfassendere
Dechiffrierung. Spezielle Methoden, wie jene mit den Blättern - und es gab viele
andere algebraische, linguistische und psychologische Tricks -, konnten den Weg für

* Welchman, dessen erste Arbeit die Identifikation der verschiedenen Schlüssel-Systeme behandelt
hatte, hatte sich einfallen lassen, sie nach Farben zu benennen. "Rot" war das System der Luftwaffe
für allgemeine Zwecke; "Grün" war die innere Verwaltung der Wehrmacht. Trotz dieser frühen
Einbrüche erwies sich "Grün" als ein Beispiel dafür, daß ein Enigma-System fast total undurch-
dringlich war, weil es ordentlich verwendet wurde.
216 Kapitel 4

etwas Besseres eröffnen. Aber es war niemals einfach, denn die Regeln veränderten
sich ständig, und sie mußten laufen so schnell sie konnten, um Schritt zu halten. Sie
waren gerade noch im Zeitplan, und wären sie einige Monate zurückgefallen, hätten
sie vielleicht niemals aufholen können. Im Frühling 1940 war es besonders prekär,
als sie mit einer Mischung aus Genialität und Intuition beharrlich aushielten - oder,
wie das Militär es wahrscheinlich nannte, mit bloßer, verdammter Raterei.

Raten und Hoffen waren völlig charakteristisch für die laufenden britischen
Operationen. Die Regierung hatte wenig mehr Vorstellung davon, wie ein Krieg
gewonnen werden könnte oder was überhaupt geschah, als die Öffentlichkeit. Es
schien, daß die britischen und deutschen Streitkräfte sich letztlich doch wieder auf
einen Kampf geeinigt hatten, aber der britische "Tweedledee" zögerte entschieden,
der zu sein, der anfängt, und der deutsche "Tweedledum"* erwartete, daß alles
um sechs Uhr vorbei wäre. Tweedledees Waffen waren noch hinter Chamberlains
Regenschirm verborgen. Der Rote König schnarchte auf dem Feld im Osten und nie-
mand (nicht einmal in Bletchley) wußte, wovon er träumte. Die Blockade sollte ein
bereits "angespanntes" Deutschland von innen her zerbrechen, wenn die Briten nur
"durchhalten" konnten. Halb erwünscht, halb gefürchtet von der britischen Führung
war das Wiederauftauchen der "Monstrous Crow", die derzeit auf der anderen Seite
des Atlantiks vieldeutig mit den Flügeln schlug.
Passenderweise stellte sich heraus, daß die Meldungen der Luftwaffe, die im
März 1940 in Bletchley so mühsam und teuer dechiffriert wurden, hauptsächlich
aus Kinderreimen bestanden, die zur Übung gesendet worden waren. Sogar dort,
wo sie wenigstens mit sehr aufregender Arbeit beschäftigt waren, empfanden sie oft
ein Gefühl der Unwirklichkeit und des Nachlassens. So war es auch in Cambridge.
Alan kehrte an freien Tagen gelegentlich dorthin zurück, um an Mathematik zu
arbeiten und Freunde zu sehen. Am King's waren sie alle pflichtgemäß in die
Luftschutzkeller hinuntermarschiert (alle außer Pigou, der sich weigerte, mit der
Luftwaffe Kompromisse zu schließen), aber das versprochene Bombardement war
nicht gekommen. Dreiviertel der nach Cambridge evakuierten Kinder waren bis zur
Mitte des Jahres 1940 nach Hause zurückgekehrt.
Doch der Krieg war zu Weihnachten noch nicht zu Ende gegangen; Alan hatte
am 2. Oktober 1939 von seinem Recht Gebrauch gemacht, sich für die Dauer des
Krieges von seinem Fellowship suspendieren zu lassen, und obwohl seine Lehrveran-
staltung über die Grundlagen der Mathematik im Vorlesungsverzeichnis angekündigt
worden war, wurde sie nicht gehalten. Einmal während dieser Zeit gab es eine Party
im Zimmer von Patrick Wilkinson, wo Alan einen Mathematikstudenten im dritten
Studienjahr, Robert Gandy, traf, der ziemlich gewissenhaft versuchte, die kommuni-

* A.d.Ü.: Tweedledee und Tweedledum, zwei Personen (bei Carroll), die sich nur oberflächlich und
unbedeutend unterscheiden.
Relais-Rennen 217

stische Parteilinie zu verteidigen. "Hände weg von Finnland!" war doppelzüngiges


Gerede, wie Alan es verabscheute, aber er mochte Robert Gandy, und statt angewi-
dert davonzumarschieren, führte er ihn mit sokratischen Fragen sanft weiter, um an
einen Widerspruch zu gelangen.
Und eine Sache, die wirklich existierte, sogar in diesem "unechten" Krieg, war
der Konflikt auf See. Genau wie im ersten Weltkrieg war es die Stärke und Schwäche
der vor der Küste Europas gelegenen Insel, daß ein Krieg mit Britannien einen
Angriff auf den Welthandel bedeutete. Ein Drittel aller Handelsschiffe war britisch,
und außer Kohle und Ziegelsteinen gab es kaum eine Ware, mit der sich die Insel
selbst versorgen konnte. Trotz der Blockade konnte Deutschland überleben, indem
es die Ressourcen und die Arbeitskraft Europas in seinen Dienst zwang. Aber das
Überleben Britanniens hing von den Schiffahrtswegen ab. Hier lag die kritische
größte Ungleichheit.
Es war der Seekrieg, der zu Alans besonderem Gebiet werden sollte. Zu Be-
ginn des Jahres 1940 wurden die verschiedenen Enigma-Systeme unter den leitenden
Kryptoanalytikern aufgeteilt, denen außerhalb des Herrenhauses von Bletchley Ba-
racken angewiesen wurden. Welchman übernahm die Enigma-Systeme der Armee
und der Luftwaffe in Baracke 6, gemeinsam mit einer Anzahl neuer Rekruten. Dill-
wyn Knox übernahm, ebenfalls mit neuen Rekruten, das italienische Enigma* und
das vom Deutschen Sicherheitsdienst verwendete. Diese Systeme, die keine Steck-
felder verwendeten, waren für seine psychologischen Methoden geeignet. Und Alan
wurde Baracke 8 zugewiesen, wo er die Arbeit an den Funksignalen des Marine-
Enigmas leiten sollte. In anderen Baracken waren Abteilungen untergebracht, welche
die Ergebnisse übersetzen und interpretieren sollten; so befaßte sich Baracke 3 mit
dem Armee- und Luftwaffenmaterial, das aus Baracke 6 kam, während die Marine-
signale, wenn irgendwelche gesendet wurden, von Baracke 4 interpretiert wurden,
deren Leiter Frank Birch war.
Alan wußte wahrscheinlich wenig von dem Kontext, in dem er arbeitete, abge-
sehen von der allgemeinen Atmosphäre der Dringlichkeit, die aus Baracke 4 drang.
Das war wahrscheinlich nur gut, denn der Kontext war nicht gerade ermutigend. Er
arbeitete für die Admiralität, welche nur grollend die Marine-Kryptoanalyse an die
GC and CS abgetreten hatte. Traditionellerweise erwartete die Royal Navy Autono-
mie. Man hätte von der Admiralität, der Besitzerin der größten Flotte der Welt, die
Fähigkeit erwarten können, ihre Kriegsführung allein zu organisieren. Doch sie hatte
gründlich dabei versagt, die Tatsache zu erkennen, daß Seestreitkräfte nicht nur von
ihrer Kampfkraft abhingen, sondern von Information. Kanonen und Torpedos waren
machtlos, wenn sie nicht zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Wie der riesige
Zyklop war "Our Fighting Navy" entschieden einäugig. Der Marine-Geheimdienst

* Die Arbeit von Knox machte sich sehr direkt bezahlt in der Schlacht von Matapan, im März 1941.
218 Kapitel 4

war in eine Organisation inkorporiert, die jeder aus der neuen Generation für absurd
viktorianisch, wenn nicht für in kriminellem Maße inkompetent hielt.
Erst im Ersten Weltkrieg war überhaupt eine Naval Intelligence Division aufge-
stellt worden, und diese war in Friedenszeiten zu einem kafkaesken Phantasie gebilde
heruntergekommen. 1937 war die NID l l " ... weder an Information interessiert noch
dazu ausgegerüstet, Informationen über die Organisation, die Aufstellung und die
Bewegungen fremder Flotten zu sammeln oder zu verbreiten ... die Situation war
sehr wenig besser als sie es 1892 gewesen war ... Große altmodische Hauptbücher
wurden verwendet, um in Schreibschrift die zuletzt bekannten Standorte der japa-
nischen, italienischen und deutschen Kriegsschiffe einzutragen ... Diese Berichte
waren oft Monate alt, und nur einmal im Quartal wurden die vermeintlichen Aufstel-
lungen ausländischer Marinestreitkräfte . .. der Flotte bekanntgegeben. " Die Move-
ments Seetion des NID (bestehend aus einem einzigen, halbtags arbeitenden Offizier)
"abonnierte nicht einmal Lloyds Liste, die wenigstens einen täglichen und sehr ge-
nauen Bericht von allen Handelsschiffen der Welt lieferte. Berichte des Secret Ser-
vice über die Bewegung von Kriegsschiffen waren praktisch nicht existent ... Die
Möglichkeit, Schiffe auf See zu lokalisieren, war ... sogar noch entfernter als jene,
aktuelle Information über sie zu erhalten, wenn sie im Hafen lagen." Die Admirale
wollten nicht wirklich Bescheid wissen.
Bis zum September 1939 hatte Norman Denning, ein neuer Mann, die Posi-
tion etwas verbessert. Statt der Hauptbücher gab es nun eine Kartei, eine direkte
Telephonverbindung mit Lloyds und einen Suchraum, in dem man einen Plan von
Handelsschiffspositionen auf den aktuellen Stand bringen konnte. Die Verbindungen
mit der GC and CS waren nicht so erfolgreich. Tatsächlich tendierte man dazu, die
kryptoanalytische Organisation, die vom Foreign Office nach dem Ersten Weltkrieg
in Beschlag genommen worden war, als Feind zu behandeln. Denning fuhr bis
Februar 1941 fort, ihre Rückeroberung durch die Admiralität zu planen.
Aber der vorausschauende Denning war auch imstande gewesen, das Prinzip
einzuführen, daß eine neue Unterabteilung der NID - das Operational Intelligence
Centre, das die alte Movements Section ersetzte - Informationen aus allen Quellen
erhalten und koordinieren sollte. Das war im Ersten Weltkrieg unmöglich gewesen
und stellte einen revolutionären Fortschritt dar. Am Vorabend des Krieges stand das
OIe mit einem Stab von 36 Mitarbeitern bereit. Sie mußten viele Probleme über-
winden, aber das Hauptproblern von 1939 war, daß sie praktisch keine Information
zu koordinieren hatten. Wie Tweedledee konnte die Admiralität mit der Faust mutig
nach allem schlagen, was sie sah, aber sie konnte sehr wenig sehen.
Gelegentlich sichteten Flugzeuge des Küstenkommandos U-Boote, und die RAF
war überredet worden, die Admiralität zu informieren, wenn dies geschah. Die
Luftaufklärung beschränkte sich auf das Anheuern eines Berufspiloten, der Photos
der deutschen Küstenlinie machen sollte. Information von Agenten in Europa war
"spärlich. Die beste ... kam von einem Schwarzmarkthändler in Seidenstrümpfen
Relais-Rennen 219

mit einem Kontakt im Deutschen Marinepostamt, der von Zeit zu Zeit die Posta-
dresse für bestimmte Schiffe angeben konnte, und solcherart einige bruchstückhafte
Hinweise auf ihre Aufenthaltsorte lieferte." Als die Rawalpindi im November 1939
versenkt wurde, war die Admiralität nicht einmal fähig, die Klasse des dafür ver-
antwortlichen Schiffes herauszufinden. Und was die Funksignale anlangt, waren
nicht nur die durch Enigma verschlüssselten Meldungen unentzifferbar, sondern die
deutsche Marine 12

ging kurz vor dem Angriff auf Polen auf Funkerverfahren für die Kriegszeit über und
setzte damit der Möglichkeit ein Ende, ihre Bewegungen durch die Korrelation der Ruf-
zeichen mit den Resultaten der Richtungspeilung zu verfolgen, und es sollte Monate
dauern, bevor die Arbeit der GC and CS und des OIC an deutschen Marinesignalen ...
es ermöglichte, auf der Basis von Funkverkehrsanalyse auch nur provisorische Schlüsse
zu liefern. Der erste Schritt war, zwischen dem Funkverkehr der U-Boote und anderer
deutscher Marinekommunikation zu unterscheiden, und es gibt einen gewissen Hinweis
auf das Ausmaß des "black-out", daß dieser elementare Fortschritt nicht vor Ende 1939
gemacht wurde.

Bis zum Ausbruch des Krieges hatte "die Marinesubsektion der Deutschen Sektion"
der Ge and CS, "die mit einem Offizier und einem Angestellten erst im Mai 1938
begonnen hatte, immer noch keine Kryptoanalytiker." Es war nur ein Aspekt des
Versagens, es nicht einmal zu versuchen, der deutschen Herausforderung entgegen-
zutreten. Die Aussichten waren nun besser, mit Hilfe der Polen und mit den im
Entstehen begriffenen "Bomben", aber das Gesamtbild war schlimm: 13

Seit Kriegsausbruch hatte die GC and CS auch weiterhin der Arbeit an der Enigma-
Variante der Deutschen Luftwaffe den Vorrang vor ihrer Attacke auf den Marineverkehr
eingeräumt. Sie hatte das aus zwei guten Gründen getan. Der deutsche Luftwaffenver-
kehr hatte ein größeres Volumen. Darüber hinaus waren jene, die am Marine-Enigma
arbeiteten, zuerst dadurch aufgehalten worden, daß die Deutsche Marine die Maschine
viel vorsichtiger verwendete als die Deutsche Luftwaffe, so daß die GC and CS mit
Beginn des Jahres 1940 nicht imstande gewesen war, die Einstellungen für mehr als 5
Tage von 1938 zu knacken; und dann durch die Entdeckung, daß - irgendwann um den
Kriegsausbruch - die Maschine der Marine einer radikaleren Abänderung unterzogen
worden war als die der Deutschen Luftwaffe. Während des Jahres 1940 hatten geringe
Mengen von erbeutetem Marine-Chiffriermaterial bestätigt, daß, während beide immer
noch nur drei Räder auf einmal verwendeten, die Räder des Marine-Enigmas aus 8 anstatt
aus 5 ausgewählt wurden.

Um irgendwie voranzukommen, brauchte Alan etwas mehr, womit er weiter-


machen konnte. "Vom Dezember 1939 an hatte die Ge and es die Admiralität
nicht im Zweifel gelassen über die Dringlichkeit dieser ... Forderung, doch die
Admiralität hatte wenig Möglichkeit gehabt, sie zu erfüllen." Aber man befand sich
im Kriegszustand (zumindest auf See), was bedeutete, daß die leitenden Stellen in
Deutschland unter der Annahme arbeiten mußten, daß die Enigma-Maschine selbst
220 Kapite/4

erbeutet werden würde. Tatsächlich war es so; die polnischen Enthüllungen hatten
der Ge and es in dieser Hinsicht nur sieben Monate Zeitgewinn gebracht, denn "im
Februar 1940 hatte man von der Besatzung eines U-33 drei Enigma-Räder eingezo-
gen." Aber dies "lieferte keine ausreichende Basis für einen weiteren Fortschritt."
Der Besitz der Marine-Maschine wäre, wenn auch nötig, so doch weit davon ent-
fernt gewesen, ausreichend zu sein. Wenn die deutsche Marine die Maschine "viel
vorsichtiger" verwendete, dann waren vielleicht ihre Schlüsselsysteme viel weniger
transparent als die so dumm wiederholten Dreiergruppen, die die Polen ausgewertet
hatten. Und wenige Tage spärlichen Funkverkehrs in Friedenszeiten boten nur eine
magere Grundlage, um darauf einen Angriff aufzubauen.
Dann griff der Seekrieg aufs Land über, wobei der deutsche Angriff auf Nor-
wegen britischen Plänen zuvorkam. Die anglo-französische Erwiderung wurde nicht
durch die Tatsache erleichtert, daß die deutsche kryptoanalytische Abteilung, der
"B.Dienst"*, eine Anzahl ihrer Meldungen lesen konnte - wie er es tatsächlich die
ganze Zeit seit 1938 getan hatte - und daß diese Informationen mit großer Wirkung
verwendet wurden. Am Ende des Feldzugs beklagte sich der Oberbefehlshaber der
Horne Fleet, daß "es höchst ärgerlich ist, daß der Feind immer schon weiß, wo
unsere Schiffe ... sind, während wir im allgemeinen erfahren, wo seine Haupt-
streitkräfte sind, wenn sie eines oder mehrere unserer Schiffe versenken." Beim
endgültigen Rückzug aus Narvik, am 8. Juni, wurde der Flugzeugträger Glorious
von der Scharnhorst und der Gneisenau versenkt. Das OIe kannte die Position der
Glorious nicht, ganz zu schweigen von der der deutschen Kriegsschiffe, und erfuhr
von der Versenkung durch eine offene Siegesmeldung.
Durch Norwegen wurde Bletchley Park in den Krieg einbezogen, insofern als der
Hauptschlüssel der Luftwaffe und ein dienstinterner Schlüssel während des gesam-
ten Feldzuges durch "nicht-maschinelle Methoden" entschlüsselt wurden und eine
ganze Menge über die Bewegungen der Deutschen verrieten. Auch was die Marine
anlangte, war Baracke 4 in der Lage, Arbeit in der Analyse des Funkverkehrs zu
leisten, die der Glorious hätte helfen können. Aber es gab keine Vereinbarungen
über die praktische Anwendung der Information. Auch die Bedingungen in Norwe-
gen selbst waren nicht so, daß man großen Vorteil daraus hätte ziehen können. Eine
negative Errungenschaft war, daß das OIe nun verpflichtet war, von Bletchley etwas
Notiz zu nehmen. Das verzweifelte Bedürfnis nach einem besseren Marinenachrich-
tendienst war nun klar. "Zu Beginn des Feldzuges war die eigene Unwissenheit
der Admiralität komplett. Als sie intervenierte, um die Befehle zu geben, die am
9. April zur ersten Schlacht von Narvik führten, tat sie es in dem auf Presseberich-
ten beruhenden Glauben, ein deutsches Schiff wäre dort angekommen, während die
Deutschen den Hafen von Narvik mit zehn Zerstörern erreicht hatten."

* A.d.Ü.: Abkürzung für "Beobachtungs-" oder "Beobachter-Dienst"


Relais-Rennen 221

In diesem Zusammenhang geschah es, daß eine fast wunderbare Chance zur
Unterstützung von Alans Arbeit am Marine-Enigma verpaßt wurde. Denn 14

am 26. April brachte die Navy das deutsche Patrouillenboot VP 2623 während sei-
ner Fahrt von Deutschland nach Narvik auf und nahm einige Papiere mit ... Es hätte
mehr erreicht werden können, wenn das VP 2623 nicht von seinen Erbeutem geplündert
worden wäre, bevor es sorgfältig durchsucht werden konnte; und die Admiralität gab
sofort Instruktionen heraus mit dem Ziel, solch verheerende Achtlosigkeit in Zukunft
zu verhüten. Wie es nun einmal stand, waren die dechiffrierten Texte, abgesehen von
einiger Information über das Ausmaß des von den deutschen Haupteinheiten während
des Norwegenfeldzuges erlittenen Verlustes, ohne Nutzen für den Einsatz.

Mit der Erbeutung von Chiffrier-Hardware mußte man rechnen und sie in die Pla-
nung einkalkulieren. Eine ganz andere Sache war die Verwendung von dünnen, was-
serlöslichen Blättern* für die in Geltung befindlichen Instruktionen zur Benutzung
der Maschine.
Während die Umwälzung im Parlament bedeutete, daß Winston Churchill nun
aufgehört hatte, für diese und andere Schlampereien verantwortlich zu sein und statt
dessen ein viel größeres Durcheinander übernahm, das "war effort" genannt wurde,
waren die "Instruktionen mit dem Ziel, solch verheerende Achtlosigkeit in Zukunft
zu verhüten" symbolisch für eine gleichermaßen signifikante Veränderung. Diesmal
konnte es nicht ausreichen, wenn sich die Militärs benahmen wie bei einem besseren
Fußballspiel, bei dem die alten Lehrer von der Seitenlinie ernsthaft anfeuerten und
Jungen aus dem "back room" gehorsam Botengänge machten. Die Lektion der Public
Schools war veraltet, denn Patriotismus reichte nicht aus. Sie mußten Intelligenz **
anwenden, auf allen Ebenen, sonst waren sie verloren. Das war der Konflikt, der in
der britischen Kriegsführung dominieren sollte.
Mittlerweile machte die Arbeit am Luftwaffen-Enigma, der Bletchley-Erfolg
vom Beginn des Jahres 1940, erste Schritte in Richtung militärischer Brauchbar-
keit. Die Schritte waren schwankend, denn am 1. Mai 1940 "führten die deutschen
Militärbehörden bei allen Enigma-Schlüsseln neue Indikatoren ein, außer beim Gel-
ben***". Die gelochten Karten waren gerade rechtzeitig zum Anfang der Schatzsu-
che gekommen, nun waren sie fast nutzlos. Aber es gab "deutsche Fehler in den
wenigen Tagen nach der Veränderung am 1. Mai", sehr wahrscheinlich die klassi-
schen, Meldungen sowohl im alten als auch im neuen System zu senden. So war
Baracke 6 am 22. Mai in der Lage, das neue ("Rot") System für die Hauptsignale
der Luftwaffe herauszufinden und es von diesem Tag an praktisch jeden Tag zu
durchbrechen. Zu dieser Zeit jedoch waren die deutschen Truppen an der Somme
und gerade dabei, Dünkirchen einzuschließen. Der Erfolg von Bletchley kam nicht

* Im zukünftigen Sprachgebrauch buchstäblich Software.


** A.d.Ü.: Im Englischen steht "Intelligence" auch für "Geheimdienst"
*** Der Gelbe war das vorübergehende innerdienstliche, in Norwegen verwendete System.
222 Kapite/4

früh genug, um die deutschen Absichten während der ersten Phase des Angriffs
im Westen zu enthüllen. "Zwei Wochen lang war die Unkenntnis dessen, was der
Feind zu tun beabsichtigte, so groß, daß in den Aufzeichnungen des Kabinetts und
der Oberbefehlshaber Diskussionen über den Kampfeinsatz weiter unter der Über-
schrift ,Die Niederlande und Belgien' liefen." Als sie dahinterkamen, machte es auch
keinen Unterschied mehr.
Doch nun traten die ersten "Bomben" in Aktion - wahrscheinlich ein Turing-
Prototyp im Mai 1940 und dann, nach dem August, weitere mit der Diagonalplatine.
Natürlich "erhöhten die Maschinen die Geschwindigkeit und Regelmäßigkeit, mit de-
nen die GC and CS die täglich wechselnden Enigma-Schlüssel knackte". Die "Bom-
ben" waren nicht in Bletchley installiert, sondern in verschiedenen Außen stationen,
wie etwa Gayhurst Manor in einer entlegenen Ecke von Buckinghamshire. Sie wur-
den betreut von Damen des Women's Royal Naval Service, den Wrens, die - ohne
zu wissen, was sie taten und ohne nach dem Grund zu fragen - die Rotoren luden
und die Analytiker anriefen, um mitzuteilen, wenn eine Maschine gestoppt hatte.
Es waren beeindruckende und ziemlich schöne Maschinen, die einen Lärm machten
wie von tausend Stricknadeln, wenn die Relais-Schalter klickend ihren Weg durch
die proliferierenden Implikationen nahmen.
In Bletchley eingesetzte Offiziere waren von den arbeitenden "Bomben" leb-
haft beeindruckt. Der Geheimdienstoffizier F.W. Winterbotham sprach 15 von der
"Bombe" wie von einer "östlichen Göttin, bestimmt, das Orakel von Bletchley zu
werden", und auch beim OIC sprachen sie vom "Orakel". Das war eine Aus-
drucksweise, die Alan amüsiert hätte, denn auch er hatte sich ein Orakel vorge-
stellt, das Antworten zu unlösbaren Problemen liefern würde. Was sie jedoch zu
entdecken begannen war, daß die Interpretation der Worte selbst ein größeres Un-
terfangen darstellte. Hatten Chiffriermaschinen das militärische Nachrichtenwesen
in das edwardianische Zeitalter gebracht, dann war es die Wirkung der "Bomben",
den militärischen Nachrichtendienst ruckartig in die Ära der Massenproduktion zu
versetzen.
Im Ersten Weltkrieg hatte Room 40 irgendwo ganz versteckt in der Admiralität
gearbeitet, und seine Ergebnisse hatten niemals zu Resultaten der Sichtungen und
Befragungen mit beigetragen. Nur im Herbst 1917, als die U-Bootoffensive auf
ihrem Höhepunkt war, hatte der Offizier, der für die Ortung der U-Boote verant-
wortlich war, Zugang zu dieser Information. Die linke Hand wußte nicht, was die
rechte tat. Und obwohl die kryptoanalytische Arbeit der Navy 16 "unvergleichlich
besser gewesen war als die irgendeiner anderen Macht oder des British War Office",
hatte Room 40 auf solche Weise gearbeitet, daß es ,,keine Aufzeichnungen gab,
keine Kreuzverweise, und daß das, was nicht von unmittelbarem Interesse für den
Einsatz war, im Papierkorb landete".
Erst nach dem Fall von Frankreich, als der Krieg aufhörte, ein Wiederaufguß von
1915 zu sein, begann sich die Atmosphäre von Room 40 zu verflüchtigen. Die Polen,
Relais-Rennen 223

Welchman und Alan Turing hatten eine Bombe unter das britische Establishment ge-
legt, und nichts konnte je wieder so sein wie zuvor. 17 "Auf einer Maschine basierend
und durch eine Maschine entschlüsselt, wurden die chiffrierten Enigma-Meldungen
mechanisch direkt in normale Sprache verwandelt, so daß sie ein Endprodukt von
füllhornartigem Überftuß erbrachten, sobald einmal die tägliche Einstellung gelöst
war." Hier war die Gelegenheit, nicht nur Meldungen, sondern das gesamte System
der Kommunikation des Feindes zu erbeuten. Dies war in der Tat von essentiel-
ler Bedeutung, denn der "füllhornartige Überftuß" erforderte eine zweite Ebene der
Decodierung, um ihn zu interpretieren: 18

Abgesehen von ihrem bloßen Umfang, wimmelten diese Texte von obskuren Dingen -
von Abkürzungen für Einheiten und Ausrüstung, Hinweisen auf Karten und Gitternetze,
geographischen und persönlichen Code-Namen, Pro-Formas, Militärjargon und anderen
verborgenen Hinweisen. Zum Beispiel verwendeten die Deutschen häufig Landkarten-
verweise, die sich auf die CSGS 1:50.000 Karte von Frankreich bezogen. Diese Serie
war in der britischen Armee aus dem Gebrauch gezogen worden. Da die GC and CS
nicht in der Lage war, sich ein Exemplar davon zu verschaffen, mußte sie die Karte aus
den diesbezüglichen deutschen Verweisen rekonstruieren.

Die Aktensysteme in Baracke 3 mußten daher das deutsche System zur Gänze wi-
derspiegeln, um dem Chiffrierverkehr als Ganzem eine Bedeutung zu geben. Nur
wenn das getan war, konnten die Enigma-Dechiffrierungen ihren wirklichen Wert
ergeben - nicht so sehr in schwerwiegenden Geheimbotschaften, sondern in der
Vermittlung eines allgemeinen Wissens um die Absicht des Feindes. Ohne sie war
Europa ein fast gänzlich unbeschriebenes Blatt, aus dem nichts hervorgehen konnte.
Durch sie hatte man etwas Einsicht in das, was möglich war.
Es existierte kein Präzedenzfall für den "füllhornartigen Überftuß" und keine
Mittel, um ihn zu nutzen. 1940 war es das unmittelbare Problem, irgend jemand
von der dadurch gewonnenen Information zu überzeugen, ohne ihren Ursprung zu
erklären. Zuerst wurde sie als das Resultat von Spionage ausgegeben. Die Folge
war, daß kein Militärkommandeur sie ernst nehmen konnte, weil das, was der Secret
Service zu bieten hatte, als zu ,,80% ungenau" angesehen wurde. Sie hatten eben erst
damit begonnen, befriedigendere Übereinkünfte über die Verwendung von dechif-
frierten Luftwaffe-Texten in Frankreich in Erwägung zu ziehen, als die Ereignisse
das Orakel irrelevant machten.
Mit der gewohnten britischen Kaltblütigkeit spielten die Dienstfreien in Blet-
chley Park am Nachmittag "Rounders"*, als die Nachricht vom Waffenstillstand
durchkam **. Unnachgiebige Reden und eine ebensolche Einstellung waren nicht

* A.d.Ü.: Eine Variante von Schlagball.


** Sie hätten sich wohl Sorgen machen können, daß die deutschen Besetzer nun aus einer französi-
schen Quelle von dem erfolgreichen Start der Enigma-Dechiffrierung erfahren würden. Aber es kam
niemals zu einer solchen Enthüllung oder Entdeckung.
224 Kapitel 4

von großer Hilfe. Auf jeden Fall wurden die Augen und Ohren der Briten in den
kommenden Monaten vom Radar beherrscht, obwohl später im Jahr die Glanzstücke
der Enigma-Infonnation Schlüssel zu den Navigations-Leitstrahlen der deutschen
Luftwaffe lieferten. Radar war, sowohl in seiner technischen Entwicklung als auch
in dem Nachrichtensendenetz, das es der RAF aufgezwungen hatte, Bletchley drei
Jahre voraus - einer inkohärenten Organisation, deren Zeit noch nicht gekommen
war.
In der Bletchley-Gruppe gab man auch überhaupt nicht vor, heldenhaft zu sein.
Es war nicht allein die Tatsache, daß der Nachrichtendienst traditionellerweise die
am ehesten eines Gentlemans würdige Arbeit im Kriege war; und auch nicht, daß
es unausgesprochene Übereinkunft war, mit so wenig Aufsehen wie möglich seine
Pflicht zu erfüllen. Denn auf höheren Ebenen war die kryptoanalytische Arbeit
höchst erfreulich. Bezahlt oder auf andere Weise belohnt zu werden, schien fast
eine Kuriosität. Auch war es eine Art Urlaub, sogar von der professionellen Mathe-
matik, denn die hier geforderte Arbeit lag mehr auf der Linie genialer Anwendung
elementarer Ideen als in einem Zurückdrängen der Grenzen wissenschaftlicher Er-
kenntnis. Es war wie eine kräftige Kost aus den schwierigen Rätseln des New
Statesman, mit dem Unterschied, daß keiner wußte, ob Lösungen existierten.
Es war auch nichts Heldenhaftes an dem Plan zum Schutz seiner Ersparnisse
vor einer unmittelbar drohenden Katastrophe, den Alan 1940 entworfen hatte. David
Champernowne hatte beobachtet, daß Silber eines der Dinge war, die während des
Ersten Weltkrieges an realem Wert gewonnen hatten. Beide, er und Alan, investierten
dementsprechend in Silberbarren, aber während "Champ" die seinen klug in der Bank
aufbewahrte, entschied sich Alan typischerweise, aufs Ganze zu gehen und sie zu
vergraben.
Anscheinend stellte er sich vor, daß er die Silberbarren, wenn er sie vergrub,
wieder bergen könnte, wenn eine Invasion zurückgeschlagen worden sei, oder daß
er zumindest einer Kapitalabgabe nach dem Kriege entgehen könnte. (1920 hatten
sowohl Churchill als auch die Labour Party eine solche Politik favorisiert.) Es
war eine seltsame Idee. Es war durchaus logisch, über den Ausgang des Krieges
pessimistisch zu sein, aber wenn es eine Invasion gegeben hätte, dann hätte sicher
irgendeine Evakuierung der "Code-Brecher" über den Atlantik stattgefunden (so wie
die Polen nach Frankreich geflohen waren). In diesem Fall wäre Alan mit seinen
Ersparnissen in einer für den Transport geeigneteren Fonn besser darangewesen. Er
kaufte zwei Barren im Wert von etwa f250 und fuhr sie in einem alten Kinderwagen
hinaus in die Wälder nahe Shenley. Einer wurde unter dem Waldboden vergraben,
der andere unter einer Brücke in einem Flußbett. Er verfaßte Instruktionen für die
Bergung des vergrabenen Schatzes und chiffrierte sie. Dann steckte er die Hinweise
in einen alten Benzedrin-Inhalator und hinterließ ihn unter einer anderen Brücke. Er
sprach gerne von findigen Plänen, wie man den Krieg meistem könnte, und einmal
schlug er Peter Twinn als alternativen Plan den Kauf eines Koffers voll Rasierklingen
Relais-Rennen 225

vor. Dies ließ an ein eigenartiges, aber nicht völlig unmögliches Bild von Alan als
Hausierer an einer Straßenecke in einem heruntergekommenen Britannien denken.
Im August oder September 1940 hatte Alan eine Woche Urlaub und verbrachte
ihn mit Bob, wobei er sich Mühe gab, dem Jungen ein besonderes Vergnügen zu
bereiten. Er hatte es so arrangiert, daß sie in etwas abstiegen, was für Alans Begriffe
ein elegantes Hotel war, eine renovierte Burg nahe Pandy in Wales. Für Bob war
das erste Trimester wie üblich die Hölle gewesen, aber wie Alan hatte er das Jahr
überlebt und war zumindest nicht auf den an Public Schools üblichen Antisemitismus
gestoßen. Alan erkundigte sich ein wenig über die Vergangenheit und seine Familie,
aber es war unmöglich zu plaudern, denn Bob hatte seine Vergangenheit so gut
er konnte aus seinem Leben gestrichen, und Alan hatte nicht die Fähigkeit, solche
Wunden zu heilen. Tatsächlich erfuhr er wohl nie von den Szenen, die in Manchester
stattgefunden hatten, als Bob die Familie H. erfolglos bat, seine Mutter aus Wien
herauszuholen.
Sie gingen fischen und machten lange Wanderungen über die Hügel. Alan wagte
eine sanfte sexuelle Annäherung, aber Bob wies sie zurück. Alan fragte nicht noch
einmal. Es wirkte sich nicht auf den Urlaub aus. Bob erkannte, daß die Möglichkeit
schon von Anfang an im Hintergrund von Alans Gedanken gestanden hatte, aber er
hatte nicht das Gefühl, Alan habe ihn ausgenützt. Er war einfach nicht interessiert.
Nichts von dem war so ganz das, woran Churchill gedacht hatte, als er die
Briten aufrief, all ihre Kräfte für ihre Pflichten einzusetzen, oder als er vom Empire
sprach, das tausend Jahre dauern mochte. Aber die Pflicht und das Empire lösten
keine Chiffren, und Churchill rechnete niemals mit einem Alan Turing.

Wenn sich auch die Gefahr direkter Invasion verringerte, war der Angriff auf
die Schiffahrt selbst ein Eindringen in den britischen "Stoffwechsel". Im ersten Jahr
des Krieges war die Versenkung durch U-Boote nicht das vorherrschende Problem
gewesen. Bedeutsamer waren die Verfügung über die Handelsflotten vor kurzem
okkupierter und neutraler Länder, die Schließung sowohl des Ärmelkanals als auch
des Mittelmeeres für den Handel und die reduzierte Kapazität britischer Häfen und
des Binnentransports zur Aufnahme dessen, was auch immer angekommen war.
Jedoch von Ende 1940 an begann sich die Position zu klären. Die unter bri-
tischer Kontrolle stehende Handelsflotte mußte eine Insel versorgen, die nur durch
zwanzig Meilen von einem feindlichen Kontinent getrennt war, und das noch dazu
von Stützpunkten aus, die tausende Meilen U-Boot-verseuchter Meere entfernt la-
gen. Britannien mußte auch das wirtschaftliche System weiterführen, von dem große
Volksgruppen rund um den Globus abhingen. Und um überhaupt im Krieg zu ver-
bleiben, mußte es Italien in einem Mittleren Osten angreifen, der nun von Britannien
so entfernt war wie Neuseeland. Die Lektionen von 1917 waren angewendet und
seit dem Kriegsausbruch war ein Konvoi-System eingeführt worden. Aber die hart
bedrängte Marine konnte die Konvois nicht sehr weit in den Atlantik hinaus be-
226 Kapitel 4

gleiten. Und diesmal hatten die Deutschen in wenigen Wochen erreicht, was vier
Jahre Maschinengewehr- und Senfgaseinsatz zu verhindern gesucht hatten. Es gab
U-Bootstützpunkte an der französischen Atlantikküste.
Ein einziger Faktor sprach gegen die Wahrscheinlichkeit eines deutschen Sieges
im Marinekrieg. Die U-Bootstreitmacht, die 1917 so phänomenal erfolgreich gewe-
sen war, war nicht rechtzeitig für 1939 aufgebaut worden. Der Bluff mit Danzig
hatte bewirkt, daß Hitler in einen Krieg hineinpolterte, während Dönitz weniger als
sechzig Unterseeboote kommandierte. Eine kurzsichtige Strategie beließ die Zahlen
auf diesem Niveau bis spät im Jahre 1941. Obwohl die plötzliche Zunahme an
U-Booterfolgen nach dem Zusammenbruch Frankreichs alarmierend war, war sie an
sich keine britische Katastrophe.
Um weiterhin zu einer Kriegspolitik fähig zu sein, benötigte Britannien Importe
von dreißig Millionen Tonnen im Jahr. Zu diesem Zweck stand ein Grundstock von
dreizehn Millionen Tonnen Gesamtschiffsraum zur Verfügung. Während des Jahres
nach dem Juni 1940 wurde dieser Vorrat durch U-Bootversenkungen pro Monat
durchschnittlich um 200 000 Tonnen verringert. Dieser Kapazitätsverlust konnte
gerade in etwa ersetzt werden. Doch jeder konnte sehen, daß eine genau dreimal
so große U-Bootftotte, die sich eines entsprechenden Erfolgsgrades erfreute, eine
verheerende Wirkung sowohl auf das Niveau der laufenden Versorgung als auch
auf die Gesamttonnage an Schiffen haben würde. Jedes U-Boot versenkte in seiner
Lebenszeit mehr als zwanzig Schiffe, und es gab keine Gegenstrategie, solange das
U-Boot unsichtbar blieb. Die logische eher als die physische Kraft machte die Stärke
des U-Bootes aus. Es war das Versäumnis der Deutschen, diesen enormen Vorteil
gegenüber ihrem einzigen verbleibenden Feind nicht zu nützen. Es gewährte eine
Gnadenfrist, um dieser logischen Macht mit neuen Waffen der Information und der
Kommunikation zu begegnen. Funkpeilung und Radar hatten bereits gemeinsam mit
dem Sonar die Admiralität ein wenig über die Hilfsmittel Nelsons hinausgeführt. Die
Arbeit von Baracke 8 war immer noch weit zurück.
Alan hatte seine Untersuchung der Marine-Enigma-Meldungen allein begonnen,
dann aber gesellten sich (eine zeitlang) Peter Twinn und Kendrick zu ihm. Die
Büroarbeit wurde von Frauen gemacht, die "big room girls" genannt wurden. Dann,
im Juni 1940, gab es einen neuen mathematischen Rekruten, einen von mehreren
"Männern vom Typ Professor", die Frauen waren: Joan Clarke. Da sich der Civil
Service dem Prinzip gleicher Bezahlung und gleichen Ranges zäh widersetzte, mußte
sie zum bescheidenen Rang einer "Linguistin" befördert werden, den das Vorkriegs-
Establishment für Frauen reserviert hatte. Travis sprach davon, daß man sie zu einem
WRNS-Offizier machen würde, damit sie besser bezahlt werden könnte. Aber in der
Baracke selbst herrschte eine progressivere Cambridge-Atmosphäre vor. Joan hatte
sich eben im Studium auf Teil III vorbereitet und wurde für Bletchley von Gordon
Welchman rekrutiert, der sie im Teil 11 in projektiver Geometrie betreut hatte. Da
ihr Bruder ein Fellow am King's war, hatte sie Alan einmal in Cambridge getroffen.
Relais-Rennen 227

So fand sich Alan im Sommer 1940 zum ersten Mal seit der Schule in der Po-
sition, anderen Leuten zu sagen, was sie zu tun hatten. Es war ähnlich wie in der
Schule, insofern als der WRNS und die "big room girls" die Rolle der "fags" spiel-
ten, und weil es bedeutete, Angehörige der Streitkräfte zu treffen oder zu meiden.
Alans Methoden, mit den Bürohilfskräften und anderen administrativen Problemen
umzugehen - deren Zahl nach und nach anwuchs -, waren jene eines scheuen Schul-
intellektuellen, der zum Präfekten gemacht wurde, weil er ein Stipendium gewonnen
hatte. Andererseits war ein beachtenswerter Unterschied zur Schule der, daß ihn
seine Tätigkeit zum ersten Mal in Kontakt mit Frauen brachte.
Der Rest des Jahres 1940 zeitigte kaum Fortschritt mit dem Marine-Enigma.
Das Aufbringen eines U-Bootes im April hatte ihnen - wenn seine Wirkung auch
großteils vergeudet worden war - etwas gegeben, woran sie arbeiten konnten 19 -
und aus diesem Grund war Joan Clarke Baracke 8 zugewiesen worden.
Es hatte der GC and CS ermöglicht, während des Monats Mai 1940 den Marine-Enigma-
Verkehr von sechs Tagen des vorangegangenen Monats zu lesen und auf diese Weise
beträchtlich zu ihrer Kenntnis des deutschen Marinefunks und der Chiffrierorganisation
beigetragen. Die GC and CS war in der Lage zu bestätigen, daß - obwohl die Deutschen
für Dinge wie Leuchtschiffe, Werften und Handelsschiffe auf ziemlich einfache, nicht
maschinelle Codes und Chiffren zurückgriffen - die Marineeinheiten, bis hinunter zur
kleinsten, sich völlig auf die Enigma-Maschine verließen. Noch wichtiger war, daß die
GC and CS feststellte, daß sie nur zwei Enigma-Schlüssel verwendeten - einen für die
Heimat und einen für das Ausland - und daß die U-Boote und Überwassereinheiten
dieselben Schlüssel hatten und nur für Operationen in entfernten Gewässern auf den
Auslandsschlüssel übergingen.

Aber nur weitere fünf Tage Funkverkehr, in den Monaten April und Mai, wurden
im Rest des Jahres 1940 entschlüsselt, und "der Fortschritt an Wissen bestätigte die
ärgsten Befürchtungen der GC and CS über die Schwierigkeit, auch nur den Heimat-
Code zu knacken, in dem 95 Prozent des deutschen Marine-Verkehrs verschlüsselt
waren." Alans Arbeit zeigte, daß sie ohne weitere Kaperungen von Schiffen nicht
auf Fortschritt hoffen konnten. Aber während sie warteten, war er nicht untätig. Er
entwickelte die mathematische Theorie, die erforderlich war, um sie auszuwerten.
Es ging dabei um sehr viel mehr als nur um den Bau von "Bomben".
Bei der Betrachtung des chiffrierten Funkverkehrs konnte ein erfahrener Fach-
mann sagen, daß diese oder jene Sache "wahrscheinlich erschien", aber nun, da
Massenproduktion das Ziel war, war es nötig, aus vagen, intuitiven Einschätzungen
etwas Explizites und Mechanisches zu machen. Viel von dem dazu erforderlichen
gedanklichen Apparat war schon im achtzehnten Jahrhundert entwickelt worden,
auch wenn er für die GC and CS neu war. Der englische Mathematiker Thomas
Bayes hatte erkannt, wie man dem Konzept der "inversen Wahrscheinlichkeit" eine
FOffil gibt - wobei dies allerdings der technische Ausdruck für die wahrscheinliche
Ursache einer Wirkung ist und nicht für die wahrscheinliche Wirkung einer Ursache.
228 Kapitel 4

Die Grundidee war nichts als eine Kalkulation der "Wahrscheinlichkeit" einer
Ursache mit dem gesunden Menschenverstand, so wie es die Leute immer tun, ohne
höheres Nachdenken. Ihre klassische Darstellung war ungefähr so: angenommen, es
gibt zwei identische Schachteln, eine enthält zwei weiße Bälle und einen schwarzen
Ball, die andere enthält einen weißen Ball und zwei schwarze Bälle. Jemand muß
nun raten, welche Schachtel welche ist und darf ein Experiment machen, und zwar
entnimmt er jeder Schachtel nur einen Ball (natürlich ohne hineinzuschauen). Ist
dieser weiß, so wäre das Urteil des gesunden Menschenverstandes, daß es zweimal so
wahrscheinlich ist, daß er aus der zwei weiße Bälle enthaltenden Schachtel kommt
als aus der anderen. Bayes' Theorie gab eine exakte Darstellung dieser Idee.
Ein Merkmal einer solchen Theorie war, daß sie nicht auf sich ereignende
Geschehnisse Bezug nahm, sondern auf die Veränderungen eines Denkzustandes.
Tatsächlich war es sehr wichtig, immer daran zu denken, daß Experimente nur re-
lative Veränderungen der Wahrscheinlichkeit erzeugen konnten und niemals einen
absoluten Wert. Die daraus gezogene Schlußfolgerung würde immer von der apriori
Wahrscheinlichkeit abhängen, die der Experimentator zu Beginn im Sinn hat.
Um mit der Theorie etwas Konkretes zu verbinden, dachte Alan dabei gerne
an eine vollkommen vernunftbestimmte Person, die auf Hypothesen wetten muß.
Die Idee des Wettens gefiel ihm, und er formulierte die Theorie in Form von Ge-
winnchancen. So wäre etwa in dem Beispiel die Wirkung des Experiments eine
Verdoppelung der Gewinnchancen, auf die eine oder andere Art. Wären weitere
Experimente erlaubt, würden die Gewinnchancen schließlich zu sehr großen Zahlen
anwachsen, obwohl im Prinzip niemals Gewißheit erreicht würde. Wahlweise könnte
man sich den Prozeß auch als eine Akkumulierung von mehr und mehr Evidenz den-
ken. Aus diesem Blickpunkt wäre es natürlicher, nach jedem Experiment etwas zu
addieren, als die laufenden Gewinnchancen zu multiplizieren. Dies könnte durch
die Verwendung von Logarithmen erreicht werden. Der amerikanische Philosoph
Charles S. Peirce hatte 1878 eine verwandte Idee beschrieben, der er den Namen
"Evidenzgewicht"* gegeben hatte. Das Prinzip war, daß ein wissenschaftliches Ex-
periment ein numerisches "Evidenzgewicht" ergebe, welches zur Wahrscheinlichkeit
einer Hypothese addiert oder subtrahiert werden müsse. In dem Beispiel würde die
Entdeckung eines weißen Balles ein Gewicht von log 2 zur Hypothese addieren, daß
die Schachtel, aus der er kam, jene mit den beiden weißen Bällen gewesen sei. Es
war keine neue Idee, aber20

Turing war der erste, dem ein Vorteil der Benennung von Einheiten, die als Maß für
das Evidenzgewicht verwendet wurden, auffiel. Wenn die Basis der Logarithmen e war,
nannte er die Einheit ein "natürliches Ban" oder einfach "Ban", wenn die Basis 10 war.
... Turing führte den Namen "Deziban" mit der naheliegenden Bedeutung von einem
Zehntel eines Bans ein, in Analogie zu Dezibel. Der Grund für den Namen Ban waren

* A.d.Ü.: Im englischen Original "weight of evidence"


Relais-Rennen 229

zehntausende in der Stadt Banbury gedruckte Papierbögen, auf denen "Evidenzgewichte"


in Deziban für die Durchführung eines wichtigen, Banburismus genannten Prozesses
eingetragen waren.

Ein "Ban" von Evidenz war somit etwas, das eine Hypothese zehnmal wahrschein-
licher machte als sie zuvor gewesen war. Ebenso wie ein Dezibel wäre ein Deziban
"in etwa die geringste Veränderung des Evidenzgewichts, die der menschlichen Ein-
sicht noch zugänglich ist". Er hatte das Raten mechanisiert und war bereit, es auf
Maschinen zu bringen, die Dezibans aufsummieren würden, um zu einer rationalen
Entscheidung zu gelangen.
Alan entwickelte die Theorie in verschiedener Hinsicht. Die bedeutsamste An-
wendung lag in einem neuen Verfahren für die Durchführung von Experimenten,
das später "sequentielle Analyse" genannt werden sollte. Seine Idee bestand darin,
eine Zielvorgabe für das auf die eine oder andere Weise geforderte Evidenzgewicht
zu setzen und mit den Beobachtungen bzw. Messungen solange fortzufahren, bis
diese Vorgabe erreicht war. Es war eine weitaus effizientere Vorgehensweise als im
voraus die Zahl der Experimente festzulegen.
Aber er führte auch das Prinzip der Bewertung eines Experiments auf der Grund-
lage der Menge des jeweils dadurch durchschnittlich erzeugten Evidenzgewichts ein,
und er ging sogar soweit, die "Streuung" des von einem Experiment herrührenden
Evidenzgewichts als ein Maß dafür anzusehen, wie unregelmäßig es sich wahrschein-
lich verhalten dürfte. Durch die Verknüpfung dieser Ideen brachte er die Kunst des
Ratens, wie sie in der Kryptoanalyse eingesetzt wurde, in die vierziger Jahre voran.
Typischerweise hatte er wieder alles selbst ausgearbeitet, entweder in Unkenntnis
vorangegangener Entwicklungen (wie im Falle des von Peirce definierten "Evidenz-
gewichts") oder weil er seine eigene Theorie den statistischen Methoden vorzog, die
auf Pionierarbeiten R.A. Fishers in den dreißiger Jahren zurückgingen.
Wenn sie nun also ein "Crib" für "wahrscheinlich" korrekt hielten oder dachten,
daß eine Nachricht "wahrscheinlich" doppelt gesendet, dieselbe Einstellung "wahr-
scheinlich" zweimal verwendet worden war oder ein bestimmter Rotor "wahrschein-
lich" der außen liegende war, bestand hier die Möglichkeit, das Evidenzgewicht der
leisesten Andeutungen auf systematische rationale Weise zu summieren und ihre
Verfahren so zu gestalten, daß sie aus dem Vorhandenen das Beste herauszuholen
vermochten. Eine dadurch eingesparte Stunde bedeutete den Gewinn einer Stunde,
in der ein U-Boot sechs Meilen näher an einen Konvoi herankam.
Unmittelbar nach Ende 1940 begann sich die Theorie in Praxis umzuwandeln.
Etwa im Dezember schrieb Alan an Shaun Wylie, der damals am Wellington College
unterrichtete, und lud ihn ein mitzumachen. Er kam ungefähr im Februar 1941 an.
Später wurde Hugh Alexander, der britische Schach-Champion, von anderswo in
Bletchley nach Baracke 8 verlegt. Alexander war auch ein "Kingsman", einer, der
1931 promoviert hatte und meinte, es sei ihm nicht gelungen, Dozent für Mathematik
230 Kapitel 4

zu werden, weil er zuviel Schach gespielt habe. Statt dessen hatte er in Winchester
unterrichtet und war dann Forschungsdirektor bei der John Lewis Partnership, der
führenden Kaufhausgruppe, geworden. Bei Kriegsausbruch waren er und die an-
deren britischen Schachmeister bei der Schach-Olympiade von 1939 in Argentinien
gefangen genommen worden. Es bereitete einige Befriedigung, daß es dem briti-
schen Team gelungen war zurückzukehren, während die Deutschen es nicht konnten.
Die nächste Verstärkung in Baracke 8 kam, als der junge Mathematiker I.J. Good
von seiner Forschungsarbeit mit Hardy in Cambridge abgelöst wurde, um sich ihnen
im Mai 1941 anzuschließen. Zu dieser Zeit sollte sich schon alles verändert haben. 21

Als ich in Bletchley ankam, holte mich Hugh Alexander, der britische Schach-Champion,
von der Bahnstation ab. Auf dem Weg zum Büro enthüllte er mir eine Anzahl von
Geheimnissen über Enigma. Natürlich sollten wir wirklich nicht außerhalb des Büroareals
über solche Dinge sprechen. Ich werde jenes sensationelle Gespräch niemals vergessen.

Denn Alan Turings Ideen waren in ein funktionierendes System inkorporiert. Die
"Bombe" war im Zentrum, aber es gab eine Lochkartenmaschinerie, und die "big
room girls" arbeiteten am Fließband, um das Ratespiel so schnell und effektiv zu
machen wie es die improvisierten Bedingungen zuließen. Sie fingen an, etwas für
den Krieg zu tun.

Die erste geplante Aufbringung fand am 23. Februar 1941, während eines An-
griffs auf die Lofoten an der norwegischen Küste, statt. Es bedeutete, daß jemand
für die Enigma-Instruktionen starb, die Alan benötigte22 : "Der bewaffnete deut-
sche Trawler Krebs wurde kampfunfähig gemacht, sein kommandierender Offizier
getötet, bevor er die Zerstörung seiner geheimen Papiere beenden konnte und das
Schiff wurde von den Überlebenden aufgegeben." Es wurde genug mitgenommen,
um es Baracke 8 zu ermöglichen, den gesamten Marinefunkverkehr für Februar 1941
zu verschiedenen Zeitpunkten vom 10. März an zu lesen.
Die zeitliche Verzögerung war für jene, die die Mitteilungen interpretierten,
eine schwerwiegende Enttäuschung. Die Marinemitteilungen mußten, anders als die
Masse derer, die von den anderen Streitkräften ausgingen, höchstrangige Information
enthalten. Eine der ersten dechiffrierten lautete: 23

Marineattache Washington berichtet Geleitzug Rendezvous 25. Februar 200 Seemeilen


östlich von Sable Island. 13 Frachter, 4 Tanker 100000 Tonnen. Ladung: Flugzeugteile,
Maschinenteile, Lastkraftwagen, Munition, Chemikalien. Die Nummer des Geleitzuges
ist wahrscheinlich HX 114.

Aber am 12. März, als ihre Dechiffrierung gelungen war, war es drei Wochen zu
spät, um irgendetwas anderes zu tun als sich zu wundem, wie der MarineattacM
soviel herausgefunden hatte. Zwei Tage später lasen sie eine Nachricht von Dönitz:
Relais-Rennen 231

Von: Kommandierender Admiral U-Boote


Begleitschutz der U-Boote
für U69 und U107 wird am 1. März um 8.00 Uhr an Punkt 2 sein.

Zwei Wochen früher wäre diese Nachricht genau das gewesen, was der Suchraum
wollte - wenn man nur gewußt hätte, wo Punkt 2 war. Es war notwendig, den Funk-
verkehr zu sammeln, um solche Probleme der Interpretation in Angriff zu nehmen.
So sollte die Meldung:

Englisches Schiff Anchises liegt in AM 4538, beschädigt durch Luftangriffe.

den Standort des Koordinatennetzverweises AM 4538 enthüllen, vorausgesetzt man


warf sie nicht in den Papierkorb, wie in den Tagen von Room 40.
Es gelang kein Einbruch in den Funkverkehr vom März 1941. Aber dann kam
ein Triumph für Baracke 8: die Dechiffrierung des April-Verkehrs ohne den Vorteil
irgend welcher weiterer Aufbringungen. Die Meldungen von April und Mai wurden
"mit Hilfe kryptoanalytischer Methoden" gelesen. Endlich fingen sie an, das System
zu schlagen. Baracke 4 war nun fähig, dem Feind direkt ins Auge zu sehen, mit
Meldungen wie:

Von: NOIC Stavanger


An: Admiral Westküste [24. April; dechiffriert 18. Mai]

Feindbericht Offizier G und W


Marineoberkommando (Erste Einsatzdivision) funkt Nr. 8231/41 betr. aufgebrachte
schwedische Fischereischiffe:
1) Einsatzdivision glaubt, daß es Aufgabe der schwedischen Fischereischiffe war, im
Interesse Britanniens Infonnation über Minen zu erhalten.
2) Stellen Sie sicher, daß weder die Schweden noch der Feind über ihre Autbringung
hören. Für den Augenblick sollte der Eindruck entstehen dürfen, daß die Schiffe durch
Minen versenkt wurden.
3) Mannschaften sind bis auf weiteres festzuhalten. Übennittein Sie einen detaillierten
Bericht von ihrem Verhör.

Einige waren sogar noch ironischer:

[22. April; dechiffriert 19. Mai]

Von: C in C Marine
Die U-Bootkampagne macht es erforderlich, das Lesen von Signalen durch nicht auto-
risierte Personen streng einzuschränken. Nochmals verbiete ich allen leitenden Stellen,
die keine ausdrücklichen Befehle von der Einsatzdivision oder dem kommandierenden
U-Bootgeneral haben, die U-Booteinsatzwelle einzuschalten. In Zukunft werde ich alle
232 Kapitel 4

Übertretungen dieses Befehls als einen kriminellen Akt betrachten, der die nationale
Sicherheit gefährdet.

Wochen altes Material hatte immer noch Wert beim Aufbau des Wissens über das Sy-
stem, aber natürlich war es von schwerwiegender Bedeutung, daß der Zeitrückstand
reduziert wurde. Ende Mai 1941 konnten sie die Zeit auf nur einen Tag verringern.
Eine Meldung, die innerhalb einer Woche dechiffriert wurde, lautete:

[19.Mai; dechiffriert 25. Mai]


Von: Kommandierender Admiral V-Boote
An: V 94 und V 556

Der Führer hat beide Kapitäne mit dem Ritterkreuz zum Eisernen Kreuz dekoriert.
Ich möchte Ihnen anläßlich der Anerkennung der Leistungen und Erfolge der Boote und
ihrer Mannschaften meine aufrichtigen Glückwünsche übermitteln. Glück und Erfolg
auch in der Zukunft. Besiegt England.

Dieses Besiegen würde nun schwieriger sein als sie es sich vorgestellt hatten.
Denn auch alte Meldungen gefährdeten die Pläne der Deutschen. Als die Bismarck
am 19. Mai in Kiel auslief, machte die Verzögerung der Dechiffrierung von drei Ta-
gen oder mehr die Baracke 8 machtlos, die Geheimnisse ihres Kurses aufzudecken.
Aber am Morgen des 21. Mai tauchten einige April-Meldungen auf, die außer Zwei-
fel stellten, daß sie auf die Handelsrouten zusteuerte. Danach blieb es der Admiralität
überlassen, Nachrichtenmaterial auf ihre eher traditionelle Weise zu erlangen. Dazu
gehörte etwa, daß man eine Funkpeilung auf der falschen Art von Kartenprojektion
absteckte, auch wenn deren letztendlich gute Schätzung durch eine Enigma-Meldung
der Luftwaffe am 25. Mai bestätigt wurde. Die Abfolge der Ereignisse war extrem
kompliziert, und das Marine-Enigma spielte darin nur eine geringere Rolle. Aber
wäre die Bismarck bloß eine Woche später ausgelaufen, wäre die Geschichte sehr
anders gewesen. Neue Entwicklungen in Baracke 8 veränderten das Bild.
Dies geschah deshalb, weil man entdeckte, daß das ältere Material mächtige
Implikationen hatte: 24

Nach dem Studium des dechiffrierten Funkverkehrs von Februar und April konnte die GC
and CS schlüssig zeigen, daß die Deutschen in zwei Gebieten Wetterschiffe stationiert
hatten, eines nördlich von Island und das andere im mittleren Atlantik, und daß die
Schiffe, obwohl ihre Routineberichte in der Wetterchiffre übermittelt wurden und sich im
äußeren Erscheinungsbild von den Enigma-Signalen unterschieden, das Marine-Enigma
trugen.

Diese kluge Analyse von im wesentlichen langweiligem Material stellte einen Sieg
für die neuen Männer und die neuen Methoden dar, an dem Alan persönlichen
Anteil hatte. Die Admiralität hätte niemals die Zeit oder die Findigkeit gehabt, die
erstaunliche Entdeckung zu machen, daß diese verletzlichen kleinen Wetterschiffe
Relais-Rennen 233

mit den Schlüsseln zum "Reich" ausgestattet waren. Aber sie waren nun bereit -
auf das Soufflieren einer zivilen Abteilung hin -, zu handeln und planten, eine Reihe
von Schiffen aufzubringen.
Die München wurde am 7. Mai 1941 gefunden und aufgebracht, und mit den auf
diese Weise erhaltenen Einstellungen wurden sie befähigt, den Juni-Verkehr "prak-
tisch laufend" zu lesen. Endlich konnten sie die tagtägliche Taktik verfolgen. Die
Juli-Einstellungen wurden von einem anderen über das Wetter berichtenden Trawler,
der Lauenburg, am 28. Juni erbeutet. Mittlerweile hatte am 9. Mai eine zufällige,
aber brillant durchgeführte Operation stattgefunden. Ein Geleitzugsbegleitschiff ent-
deckte V-lW, das den Geleitzug angegriffen hatte, und setzte es außer Gefecht. In
einem Manöver von Sekundenbruchteilen auf hoher See gingen sie an Bord des V-
Bootes und nahmen sein Chiffriermaterial intakt an sich. Die Lektionen von 1940
waren gelernt worden. Das Material füllte einige besonders wichtige Lücken, denn
es enthielt "das von den V-Booten verwendete Code-Buch für Kurzsignalzielbe-
richte" und "die besonderen Einstellungen, die in der Marine für ,nur Offizieren'
vorbehaltene Signale verwendet wurden". Diese "offizierten" Signale wurden dop-
pelt verschlüsselt, für zusätzliche Sicherheit innerhalb des V-Bootes selbst. Vom
Standpunkt der Baracke 8 aus waren dies Signale, die, sogar nachdem die Ein-
stellungen des Tages gefunden und dem Dechiffrierungsprozeß unterzogen worden
waren, Kauderwelsch blieben, während die anderen Meldungen zu Deutsch wur-
den. Vm diese innersten Geheimnisse der V-Bootoperationen wiederzugewinnen,
war eine zweite Angriffsstufe erforderlich. Nun hatten sie, was sie dafür brauchten.
Das wachsende Wissen wurde von der Admiralität schnell angewendet. Als der
Juni 1941 begann und der Marinefunkverkehr laufend gelesen wurde, konnte sie mit
den Versorgungschiffen, die der Bismarck in den Atlantik vorausgeschickt wurden,
fast reinen Tisch machen und sieben von den acht erledigen. Diese Bulldoggen-
Aktion provozierte jedoch eine beunruhigende Frage. Wenn sie in Baracke 8 Mel-
dungen über V-Boot-Treffpunkte usw. lasen, nahmen sie recht naiv an, daß die
V-Boote mit Hilfe dieser wunderbaren Information prompt beseitigt werden konn-
ten. Im Juni schloß sich vermutlich auch die Admiralität dieser simplen Meinung
an. Erst nachher brachte irgend jemand die Besorgnis zum Ausdruck, die sukzessi-
ven Versenkungen, die auf den Verlust der Bismarck folgten, könnten die leitenden
deutschen Stellen über die Möglichkeit der Gefährdung ihrer Chiffre alarmieren.
Tatsächlich hatte die Aktion Alans Erfolg verraten, denn die leitenden deutschen
Stellen entschieden, daß die Positionen der Versorgungs schiffe irgend wie preisge-
geben worden waren, und leiteten eine Vntersuchung ein. Ihre Fachleute schlos-
sen jedoch die Möglichkeit aus, daß die Enigma-Chiffre entschlüsselt worden sei.
Statt dessen gaben sie dem britischen Geheimdienst die Schuld, der in führenden
deutschen Kreisen einen hohen Ruf genoß. Es war eine Diagnose, die weit von
der Wirklichkeit entfernt war. Sie hatten der Enigma-Dechiffrierung apriori eine
234 Kapitel 4

Wahrscheinlichkeit von Null zugewiesen, und keine Beweislast war ausreichend, um


sie zu vergrößern.
Es war ein Schnitzer, aber einer, der leicht geschehen konnte, da die Implika-
tionen so niederschmetternd waren. In Bletchley, wo man der Baracke 8 erklärte,
daß Dechiffrierungen in Zukunft nicht so leicht ausgenützt werden könnten, konnte
man nichts anderes tun als die Daumen halten. Die für das System entscheidende
Bomben-Methode hing an einem einzigen Faden. Wären die Deutschen, um si-
cherzugehen, zu einer doppelten Chiffrierung jeder Meldung übergegangen, hätte es
keine Cribs mehr gegeben, und alles wäre verloren gewesen. Jederzeit mochte der
bloße Verdacht, daß etwas schiefgegangen sei, eine solche Veränderung stimulieren.
Sie wandelten auf Messers Schneide.
Von Mitte Juni 1941 an hielt die Admiralität an der Idee fest, daß Meldungen,
die ausschließlich aus Enigma-Dechiffrierungen stammende Information enthielten
(bis dahin normalerweise Luftwaffen-Enigma), als ULTRA GEHEIM auf speziellen
Einmalschlüssel-Blöcken hinausgehen sollten. Die anderen Streitkräfte begannen
sich auch anzugleichen, indem sie spezielle Verbindungseinheiten aufstellten, die den
Hauptquartieren im Feld und rundum im Empire attachiert waren und den Auftrag
hatten, die Bletchley-Information zu empfangen und zu kontrollieren.
Aber in der Integration von Hirn und Muskelkraft war noch ein weiter Weg
zu gehen. Die Admiralität war in dieser Hinsicht am flexibelsten, mühte sich aber
mit der Schwierigkeit ab, daß sie, während es ein Jahr vorher zu wenig Information
gegeben hatte, Mitte 1941 durch deren Überfiuß überschwemmt wurde. Das OIC
konnte mit der neuen Ära nicht fertigwerden, in der einem riesigen deutschen System
spiegelbildlich ein britisches gegenüberstehen mußte.
Es war eine revolutionäre Neuerung gewesen, Ende 1940 einem Zivilisten, einem
Anwalt namens Rodger Winn, die Leitung über den OIC Suchraum zu übergeben,
an Stelle eines altertümlichen Marinezahlmeisters. Durch Winns Geist mußten die
Ergebnisse von Baracke 8 in Aktion umgesetzt werden. Glücklicherweise war es ein
phantasievoller Geist, der vorschlug, vorauszusagen, wo die U-Boote sein würden,
damit die Geleitzüge ihnen rechtzeitig auswichen. Trotz großen anfanglichen Wi-
derstandes konnte diese völlig neue Idee gegen das Frühjahr 1941 hin "beginnen,
akzeptiert zu werden". Winn überlegte 25 , daß

es sich auszahlte, "es zu probieren". Wenn man, wie er in der Folge sagte, das Gesetz
der Wahrscheinlichkeit schlug und nur in 51 % der Fälle recht hatte, so wäre dieses
eine Prozent, hinsichtlich der geretteten Leben und Schiffe oder versenkten U-Boote, die
Mühe sicher wert.

Wie neu sie auch immer für die Marine war, dies war kaum eine Idee, welche der
Finesse der "Sequenzanalyse" gleichkam. Und wenn die übersetzten dechiffrierten
Meldungen über die Teleprinter-Verbindung an das OIC gingen, so reisten sie fünfzig
Jahre zurück in der Zeit. Sogar nach großen Verbesserungen
Relais-Rennen 235

... hatte Winn immer noch weniger als ein halbes Dutzend Assistenten. Sie mußten einen
Atlantikplan auf dem laufenden halten, auf dem nicht nur die letzten geschätzten Posi-
tionen aller V-Boote gezeigt wurden, sondern auch die Positionen und Routen britischer
Kriegsschiffe, Geleitzüge und unabhängig geleiteter Schiffe. Das kam natürlich zusätz-
lich zu ihren übrigen Aufgaben hinzu, Minute für Minute und Stunde für Stunde den
Fluß der hereinkommenden Funkssprüche zu bearbeiten, die Angriffe, Sichtungen, D/F
Positionsbestimmungen und die Anfragen von den Operations-, Planungs- und Handels-
abteilungen in der Admiralität, vom Küstenkommando und von den Hauptquartieren in
Ottawa, Neufundland, Island, Freetown, Gibraltar und Kapstadt betrafen. Die Situation
begann jener in Room 40 im Jahr 1916 zu ähneln, als nur die dringendsten Angelegen-
heiten Beachtung finden konnten. Als der Strom der dechiffrierten Meldungen begann,
mußte Winn sie zum Teil aus Sicherheitsgründen, zum Teil aus Personalmangel selbst
bearbeiten und ablegen. Er hatte keine Stenotypistin, nicht einmal einen Beamten zum
Ablegen geheimer Akten.

Wie auch immer die Leistungsfähigkeit und Hingabe der Einzelpersonen war, das
System hatte sich nicht dem Umfang und der Bedeutung der von ihm bearbeiteten
Information angepaßt. Wenn Bletchley seine Erfolge durch traditionelle britische Tu-
genden wie Teamwork und das Voranbringen der Arbeit ohne Aufhebens errungen
hatte, so litt es doch auch unter den Einschränkungen, die sich von der gleicherweise
traditionellen britischen Schäbigkeit und Dürftigkeit herleiteten. In Baracke 4 hat-
ten sie ihre eigenen Suchkarten, um die Bedeutung von Koordinatennetzverweisen.
abzuleiten, und es muß den Anschein erweckt haben, daß sie leicht die ganze Arbeit
des Planens und Führens der Geleitzüge effektiver erledigen konnten als das OIe.
Aber dies war ein allgemeines Problem der höheren Stellen in der Kriegsführung,
so wie schon junge Wissenschaftler und Akademiker sich mit dem Establishment
der Friedenszeit konfrontiert fanden. In vieler Hinsicht war der Krieg für Alan
Turings Generation die Fortsetzung der 1933 in einer anderen Sprache ausgedrückten
Konflikte.
Sie nahmen keine Befehle von hirnlosen Stabsoffizieren entgegen. Und was noch
besser war: die Regierung war gezwungen, sich die zentralen Planungsmethoden, die
wissenschaftlichen Verfahren und die Gegenmittel gegen Wirtschaftsdepression zu
eigen zu machen, für die man in den dreißiger Jahren argumentiert hatte. Bletchley
war im Zentrum dieses Kampfes. Es war 1941, als 26

der Mitarbeiterstab an der GC and CS, der keine Grenzen in der Forschung anerkannte,
keine Arbeitsteilung bei nachrichtendienstlicher Arbeit, in das Feld der Anerkennung
einmarschierte.

Es gab "unvermeidbare Zusammenstöße von Priorität und Persönlichkeit", als die


Trennwände durchbrochen wurden. Und solche Zusammenstöße waren symptoma-
tisch für die Schwierigkeit, der sich die Streitkräfte gegenübersahen - Rat von einer
eigenartigen zivilen Abteilung ohne Namen oder Tradition zu akzeptieren:
236 Kapitel 4

Die Ge and es hatte ihre Größe in den ersten sechzehn Monaten des Krieges vervierfacht.
Zu Beginn des Jahres 1941 war sie nach Whitehall-Maßstäben kümmerlich organisiert.
Dies zum Teil, weil das Anwachsen ihrer Größe und der Komplexität ihrer Aktivitäten
die Erfahrung jener, die sie verwalteten, bei weitem übertroffen hatte ...

Es war keine einzelne, ordentliche Organisation, sondern "eine lose Sammlung von
Gruppen", von der jede die Dinge improvisiert vorantrieb und sich aufs Beste
bemühte, den relevanten militärischen Köpfen etwas Vernunft einzubleuen, bevor
es zu spät war. Die Intellektuellen, die sich in einer noch nie dagewesenen Situation
befanden, ignorierten praktisch die aus den Tagen der Friedenszeit übriggebliebene
formale Struktur und organisierten eine für sich selbst. Diesmal war der Krieg zu
wichtig, um den Generälen oder Politikern überlassen zu bleiben. Sie

gründeten die verschiedenartigen Zellen, die innerhalb und an den Rändern der ursprüng-
lichen Sektionen gewachsen waren, und heuerten dafür Personal. Dessen Vielseitigkeit
und Individualität schloß nahezu aus, daß hier Uniformität aufkam. Kein Zweifel, daß
dies zu ihrem Erfolg beitrug, ebenso wie das Fehlen jeder Betonung des Ranges oder
jedes Bestehens auf Hierachie in der Ge and es.

Die obersten Führer der Streitkräfte waren höchst indigniert über

den Zustand kreativer Anarchie zwischen und innerhalb der Sektionen, der die tagtägli-
che Arbeit der Ge and es auszeichnete und die Besten aus ihrem unorthodoxen und
"undisziplinierten" Kriegszeitmitarbeiterstab nach vorne brachte.

Alan wurde durch Baracke 4 vor dem direkten Kontakt mit der Dienstmentalität
geschützt. Aber es war seine Arbeit, welche die Schwierigkeiten verursachte, und
er war die "undisziplinierte" Person par excellence, die durch den "Mangel an Uni-
formität" und das "Fehlen jeder Betonung des Ranges gedieh" - ein militärischer
Alptraum.
Genauer gesagt, es war die Irrelevanz des offiziellen Ranges, was so auffallend
war. Die Kryptoanalytiker waren sich der Unterschiede des Talents und der Schnel-
ligkeit untereinander sehr bewußt. Wenn es eine Demokratie war (oder "Anarchie",
wie es einem militärischen Geist erscheinen würde), war sie von der griechischen
Art, in welcher die Sklaven nicht zählten. Baracke 8 war eine Aristokratie der
Intelligenz, ein Freiraum, der Alan perfekt paßte. So sah es Hugh Alexander27 :

Er war immer ungehalten über Wichtigtuerei und jede Art von Beamtenturn - sie waren
ihm in der Tat unbegreiflich; Autorität beruhte für ihn einzig auf Vernunft und die allei-
nige Begründung für eine leitende Position lag darin, daß man das betreffende Fachgebiet
besser im Griff hatte als irgendein anderer. Er kam sehr schwer zurecht mit der Unver-
nunft anderer Menschen, weil es ihm schwer fiel, zu glauben, daß nicht alle anderen
Menschen bereit waren, auf die Vernunft zu hören; so war es seine praktische Schwäche
im Dienst, daß er Narren oder Aufschneider nicht so fröhlich ertragen konnte, wie man
es manchmal tun muß.
Relais-Rennen 237

Die Probleme ergaben sich im Umgang mit dem Rest der Welt. Die Zivilisten
tendierten dazu, naiverweise anzunehmen, die Streitkräfte existierten, um im Krieg
zu kämpfen, und erkannten nicht, daß sie, wie fast alle Organisationen, viel von
ihrer Energie darauf verwendeten, sich Veränderungen zu widersetzen und gegen-
seitige schleichende Übergriffe abzuwehren. Alan hatte wenig Zeit für Denniston,
der die Veränderung im Maßstab und im Vorstellungsvermögen, die unter seiner
Leitung stattgefunden hatte, niemals einholte. Travis, der die Aufsicht über die
Marine-Arbeit und die Verantwortung für die Maschinen hatte, war eine Persönlich-
keit mehr in der Art von Churchill, die den neuen Ideen etwas Antrieb gab; und ein
anderer Mann, Brigadier J.H. Tiltman, erwarb sich hohen Respekt bei den Analyti-
kern. Aber die Verwaltung hatte eine träge, widerwillige Eigenart, die den neuen
Rekruten einfach unbegreiflich war. Es war einleuchtend klar, wie wichtig diese
wunderbare Information war, und sie konnten nicht verstehen (Alan am wenigsten
von allen), warum das System sich nicht sofort daran anpassen konnte. So blieb die
Bereitstellung von sechs "Bomben" Mitte 1941 weit hinter dem Maßstab zurück,
den er ins Auge gefaßt hatte; und Knauserigkeit jeder Art schien absurd, da krampf-
hafte Anstrengungen unternommen wurden, Bomber zu produzieren, als ob alles von
ihnen abhinge, und weil Ströme von Ermahnungen auf die Öffentlichkeit niedergin-
gen, die Angelegenheiten von unendlich geringerer Bedeutung für den Kriegseinsatz
betrafen.
In der Bewältigung solcher Probleme erwies sich Hugh Alexander bald als der
Allround-Organisator und Diplomat, der Alan niemals sein konnte. In der Zwi-
schenzeit übernahm Jack Good die statistische Theorie, für die er sich zunehmend
interessierte. Auf Shaun Wylie und die anderen konnte man sich verlassen, wenn
sich irgendeine Frage der reinen Mathematik stellte. Beim tagtäglichen Einsatz wa-
ren sie alle besser als Alan. Doch das Marine-Enigma war fraglos sein Bereich,
und er beherrschte es wie nur irgendeiner. Er hatte von Anfang bis Ende damit
gelebt und engagierte sich selbst in allen Teilen des Prozesses. An der Schichtarbeit
mit den hereinkommenden Meldungen fand er ebensoviel Geschmack wie an jeder
anderen. Das war Schneewittchens kleine Hütte im Wald, wo sie alle mit einem ge-
meinsamen Ziel und einem Lied auf den Lippen arbeiteten. Zum Teil erklärte sich
seine Führungsposition, wie bei R.V. Jones, weil er einer "der Männer" war, "die
vorangingen". Er war eben im richtigen Moment dabei. Aber es gab auch eine Ana-
logie zu seinem Angriff auf das Hilbert-Problem. Die Turing-Maschine hatte dem
mathematischen Tripos nichts verdankt, und ebenso stürmten seine kryptoanalyti-
schen Ideen nun voran, ohne den Vorteil, auf Büchern oder Abhandlungen aufbauen
zu können, denn es gab keine. In der britischen Amateur-Tradition nahm er sein
Schreibzeug heraus, setzte sich in seiner Baracke hin und fing an zu arbeiten.
In dieser Hinsicht hatte der Krieg einige seiner Konflikte gelöst. Zum Kern von
etwas zu gelangen, seine Bedeutung zu abstrahieren und mit etwas zu verbinden,
das in der physischen Welt funktionierte, war genau die Sache, die er vor dem
238 Kapitel 4

Krieg gesucht hatte. Es war menschliches Schicksal, daß er seine Nische und ein
Äquivalent zu seinem Intellekt dort entdeckte, wo andere eine Lücke hinterlassen
hatten.
Wenn auch die kämpfenden Truppen langsam im Erfassen der Bedeutung der
dechiffrierten Enigma-Texte waren, Churchill war es nicht. Er liebte sie als einer,
der schon seit 1914 von der Kryptoanalyse fasziniert gewesen war, und sah sie
als äußerst wichtig an. Zuerst hatte er jede Enigma-Meldung lesen wollen, schloß
aber einen Komprorniß, indem er jeden Tag eine spezielle Schachtel mit den aufre-
gendsten Enthüllungen erhielt - in der eine Zusammenfassung des Marine-Enigmas
ihren Platz hatte. Da die GC and CS offiziell in der Verantwortung des Chefs
des Geheimdienstes verblieb, war das wiederhergestellte Prestige, das der britischen
Spionageorganisation dadurch erwuchs, eine Nebenwirkung von Alans Arbeit.
Sie stärkte auch die Position des Premierministers in der Regierung. Churchill
allein war im Genuß dieses Gesamtüberblicks über den Nachrichtendienst. In diesem
Stadium gab es keine Integration des Materials, außer in seinem Kopf. Es war ein
Zustand, welcher den militärischen Abteilungen des Foreign Office nicht gefiel, be-
sonders wenn der Premierminister28 "dazu neigte, sie mit unverdauten Bruchstücken
von Informationen zu konfrontieren, von denen sie nichts gehört hatten" und "nach
einer Aktion oder einem Kommentar der Stabschefs oder des Foreign Office zu rufen
und Funksprüche direkt an die Kriegsschauplätze und einzelnen Kommandeure zu
senden."
Der Krieg, so hatte Churchill1930 geschrieben, war ,,komplett verdorben. Es ist
alles die Schuld der Demokratie und der"Wissenschaft." Aber dennoch verwendete er
die Demokratie und die Wissenschaft, wenn es nötig war, und übersah jene nicht, die
die Dechiffrierungen machten. Im Sommer 1941 stattete er Bletchley einen Besuch
ab und hielt vor den Kryptoanalytikern, die sich auf dem Gras um ihn versammelt
hatten, eine anfeuernde Rede. In Baracke 8 wurde ihm ein sehr nervöser Alan
Turing vorgestellt. Der Premierminister pflegte von den Mitarbeitern in Bletchley zu
sagen 29 , sie seien "die Gänse, die die goldenen Eier legen und niemals schnattern."
Alan war die Preisgans.
Am 23. Juni 1941 war das letzte der deutschen Versorgungsschiffe versenkt wor-
den. Aber an jenem Tag gab es anderes zu denken. Tweedledum hatte den schlum-
mernden Roten König angegriffen. Nicht nur Stalin wurde im Schlaf überrascht.
Das Beweismaterial des Luftwaffen-Enigmas, das auf einen drohenden deutschen
Einmarsch hingewiesen hatte, war Gegenstand eines weiteren Kampfes zwischen
der GC and CS auf der einen und den obersten Stabschefs auf der anderen Seite.
Sie hatten ihren Ohren nicht trauen können. Aber nun hatte der Weltkrieg begonnen.
Von nun an lag der Atlantik im Rücken Deutschlands, und das Mittelmeer war ein
Nebenschauplatz. Das Spiel hatte sich verändert, und die Periode der Anarchie war
vorbei.
Relais-Rennen 239

Im Frühjahr 1941 hatte Alan eine neue Freundschaft entwickelt, und zwar zu
Joan Clarke. Diese Tatsache stellte ihn vor eine sehr schwierige Entscheidung.
Zunächst waren sie ein paarmal gemeinsam ins Kino gegangen und hatten einige
freie Tage gemeinsam verbracht. Bald wies alles in eine Richtung. Er machte ihr
einen Heiratsantrag, und Joan nahm ihn mit Freude an.
1941 hätten es viele Leute nicht für wichtig gehalten, daß die Ehe nicht mit
seinem sexuellen Verlangen in Einklang stand; die Idee, daß eine Ehe mit sexueller
Befriedigung zu tun haben sollte, war immer noch zu modem, um die ältere Vor-
stellung von der Ehe als sozialer Pflicht abgelöst zu haben. Etwas, das Alan nie in
Frage stellte, war die Form der ehelichen Beziehung - mit der Ehefrau als Hüterin
des Hauses. Aber in anderer Hinsicht vertrat er eine modeme Anschauung, und vor
allem war er allzu ehrlich. So sagte er ihr ein paar Tage später, es würde nicht
unbedingt bei ihnen klappen, weil er "homosexuelle Neigungen" habe.
Er hatte erwartet, daß dies die Angelegenheit beenden würde und war überrascht,
daß es nicht so war. Er unterschätzte sie, denn Joan war nicht die Person, die sich
vor einem Reizwort fürchtete. Die Verlobung ging weiter. Er gab ihr einen Ring
und sie machten zur formellen Vorstellung bei der Familie Turing einen Besuch in
Guildford, der ganz gut verlief. Auf dem Weg hatten sie auch ein Essen mit den
Clarkes - Joans Vater war ein Londoner Pfarrer.
Alan muß schon seine eigenen Gedanken gehabt haben, als zum Beispiel Joan
mit seiner Mutter in Guildford zur Kommunion ging. Er mochte wohl die Heftigkeit
seiner Ansichten in einer Art gemildert haben, die auf Dauer nicht möglich gewesen
wäre. Wieder blieb das nebulose Wort "Neigungen" hinter der Ehrlichkeit zurück,
mit der er zu nahen männlichen Freunden sprach. Hätte er tatsächlich angedeutet,
daß mehr daran war als das, wäre sie verletzt und schockiert gewesen. Er erzählte
Joan von Bob und erklärte ihr, daß er derzeit eine dauernde finanzielle Verpflichtung
sei, daß es aber keine sexuelle Angelegenheit sei - wiederum wahr, aber nicht die
ganze Wahrheit. Aber sie waren Kameraden in der Aristokratie der Begabung, auch
wenn er bei der Arbeit ihr Vorgesetzter war, und er sagte ihr ausdrücklich, daß er froh
sei, mit ihr "wie mit einem Mann" sprechen zu können. Alan war oft im Umgang
mit den "Mädchen" der Baracke 8 auf verlorenem Posten, nicht zuletzt, weil er mit
der von ihm erwarteten "sprachlichen Anpassung" nicht zurechtkam. Joans Stellung
als Kryptoanalytikerin gab ihr den Status eines männlichen Wesens ehrenhalber.
Alan teilte die Schicht so ein, daß sie zusammen arbeiten konnten. In der
Baracke trug Joan ihren Ring nicht, und nur Shaun Wylie erfuhr, daß es tatsächlich
eine Verlobung gegeben hatte. Aber die anderen konnten sehen, daß etwas im
Busch war, und Alan hatte es geschafft, ein paar Flaschen raren Sherrys zu finden,
die er für eine Party im Büro aufhob, wenn die Zeit gekommen wäre, die Verlobung
offiziell zu verkünden. Wenn sie dienstfrei hatten, sprachen sie ein bißehen über die
Zukunft. Alan sagte, er hätte gerne Kinder, aber natürlich könne man keinesfalls
erwarten, daß Joan in einer solchen Zeit eine derart wichtige Arbeit aufgeben würde.
240 Kapitel 4

Außerdem war der Ausgang des Krieges im Sommer 1941 bei weitem nicht klar,
und er tendierte immer noch zum Pessimismus. Für die Achsenmächte schien es in
Rußland und im Südosten kein Halten zu geben.
Aber als Alan sagte, er könne mit ihr wie mit einem Mann sprechen, bedeu-
tete dies sicher nicht, daß er ernst sein mußte. Es war genau umgekehrt: er war
frei, er selbst zu sein und nicht konventionell höflich. Wenn er sich einen Plan
oder eine Vergnügung ausdachte, dann hatten sie beide ihren Spaß daran. Er hatte
stricken gelernt und war bis zur Anfertigung eines Paars Handschuhe fortgeschrit-
ten, ausgenommen das Vernähen der Enden. Joan konnte ihm erklären, wie man sie
fertigstellte.
Die Freude - oder das Problem - lag darin, daß sie eine so mühelose Freund-
schaft genossen. Beide spielten sehr gerne Schach und waren ziemlich ebenbürtige
Spielpartner, wenn auch Joan eine Novizin war, deren Interesse erst durch den Be-
such von Hugh Alexanders Anfängerkurs geweckt worden war. Alan pflegte ihre
Bemühungen "schläfriges Schach" zu nennen, da sie in der Tat nach der neunstündi-
gen Nachtschicht stattfanden. Joan besaß nur ein Taschenspiel aus Pappe, und rich-
tige Schachfiguren waren unter den Kriegsbedingungen nicht zu bekommen. So
improvisierten sie ihre eigene Lösung. Alan holte etwas Lehm aus einer der örtli-
chen Gruben, und sie modellierten gemeinsam die Figuren. Alan brannte sie dann
auf dem Kaminaufsatz des Kohlenfeuers in seinem Zimmer im Crown Inn. Die
entstandenen Figuren waren ganz brauchbar, wenn auch etwas zerbrechlich. Er ver-
suchte auch, ein Radio mit einer Röhre zu machen und erzählte ihr von dem einen,
das er in der Schule gebastelt hatte, aber dieses gelang nicht so gut.
Sie waren während ihres Londoner Besuches in der Matinee eines Stückes von
Bernard Shaw gewesen, und außer von Shaw war Alan momentan von Thomas
Hardy begeistert und borgte Joan Tess 0/ the d' Urbervilles. Das waren schließlich,
mit Samuel Butler, die Schriftsteller, welche die viktorianischen Moralvorstellungen
attackiert hatten. Aber mehr Zeit verbrachten sie auf langen Fahrradfahrten über
Land. Und weil sie in der Schule Botanik gelernt hatte, konnte sie einen Enthusias-
mus von Alan teilen, der bis zu den Natural Wonders zurückreichte. Er interessierte
sich besonders für das Wachstum und die Form von Pflanzen.
Vor dem Krieg hatte er das klassische Werk On Growth and Form des Biologen
D'Arcy Thompson gelesen, das 1917 erschienen, aber immer noch die einzige ma-
thematische Erörterung biologischer Strukturen war. 29a Er war besonders fasziniert
vom Auftreten der Fibonacci-Zahlen in der Natur - der Folge von Zahlen, die mit

1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34, 55, 89 ...

beginnt, und in der jedes Glied die Summe der beiden vorangegangenen ist. Sie
kommen in der Blattstellung und der Blütenanordnung vieler weitverbreiteter Pftan-
Relais-Rennen 241

zen vor, eine Verbindung zwischen Natur und Mathematik, die den anderen lediglich
kurios erschien, die bei ihm jedoch höchste Begeisterung auslöste.
Eines Tages lagen er und Joan auf dem Rasen von Bletchley Park - viel-
leicht nach einem Tennisspiel - und betrachteten die Gänseblümchen. Sie begannen
darüber zu sprechen, und Joan erklärte, wie man sie gelehrt hatte, die BlattsteI-
lung an der Pflanze zu registrieren und zu klassifizieren, indem man sie rund um
den Stamm aufwärts verfolgte und dabei die Anzahl der Blätter und der Drehungen
zählte, bevor man wieder zu einem Blatt direkt über dem Ausgangspunkt zurück-
kehrte. Diese Zahlen erschienen üblicherweise in der Fibonacci-Folge. Einmal zog
Alan einen Fichtenzapfen aus der Tasche, auf welchem man die Fibonacci-Zahlen
ziemlich klar verfolgen konnte, aber dieselbe Idee konnte man auch auf die Blüten
der Gänseblümchen anwenden. In diesem Fall war es eher schwieriger zu sehen, wie
man die Kronblätter* abzählen sollte, und Joan überlegte, ob die Zahlen dann nicht
bloß als Konsequenz der Methode, mit der man sie verfolgte, anzusehen seien. Das
war ziemlich genau die Ansicht von D' Arcy Thompson, der die Idee herunterspielte,
daß die Zahlen in der Natur irgendeine wirkliche Signifikanz hätten. Sie machten
eine Reihe von Diagrammen, um diese Hypothese zu testen, die Alan nicht befrie-
digten, und er fuhr fort, über die Beobachtung der Gänseblümchen beim Wachsen
nachzudenken.
1941 mußte jeder stricken und kleben und seine eigene Unterhaltung machen.
In Clock House, wo Mrs. Morcom in diesem Jahr starb, aßen sie die jungen Ziegen,
und in Bletchley spiegelte sich die Schiffahrtskrise nicht nur in der Arbeit von Ba-
racke 8, sondern auch in der miserablen Kost des Kantinenessens wider. Abgesehen
vom Essen, paßte Alan die Belagerungsmentalität ganz gut, denn Angelegenheiten
des gesellschaftlichen Protokolls, die in den dreißiger Jahren so wichtig erschienen
waren, wurden nun suspendiert. Er hatte immer gerne Dinge für sich selbst ge-
macht, waren es Handschuhe, Radiogeräte oder Wahrscheinlichkeits-Theoreme. In
Cambridge konnte er die Zeit nach den Sternen angeben. Nun war der Krieg auf
seiner Seite. In einem mehr auf sich gestellten England mußte jeder auf eine eher
turingeske Weise leben, mit weniger Energieverschwendung.
In den höheren Sphären von Bletchley wurde dies gut verstanden - es war in
vieler Hinsicht eine Institution von Lesern des New Statesman. Es rekrutierte aus den
altehrwürdigen Universitäten die kreativeren Elemente, die die Oberschichtsmenta-
lität der Privatschulen zusammen mit ihrer frauenfeindlichen Haltung hinter sich
ließen. Zu dieser Zeit waren aus der Institution bereits Amateurtheater-Clubs und
dergleichen mehr hervorgesprossen. Alan war solchen Dingen gegenüber so scheu
wie eh und je und wurde niemals Teil der gesellschaftlichen Welt von Bletchley. In
einem gewissen Ausmaß war er ein "Original", aber ohne den dominierenden Ego-
ismus des viel älteren Dillwyn Knox. Er behielt sein schüchternes Benehmen eines

* A.d.Ü.: Gemeint sind die Zungenblüten


242 Kapitel 4

Jungen von nebenan bei, und dies ließ seine Loslösung von der Konvention weniger
in Erscheinung treten. Unter den Leuten in Baracke 8 war seine Rolle "der Prof';
denn obwohl alle neuen Männer "Männer vom Typ Professor" waren, paßte das Wort
besonders gut zu ihm. Es erleichterte den Leuten die Schwierigkeit mit den Formen
der Anrede, besonders den Frauen, und war ein Zeichen des Respekts, obwohl es
immer noch die Amateur-Eigenschaft seines Benehmens zum Ausdruck brachte -
mehr der Professor der Karikatur als eine berühmte Autorität. Wenn sie arbeiteten,
nannte auch Joan ihn "Prof'. Obwohl Alan es in der dienstfreien Zeit kommentierte,
protestierte er nicht wirklich, ließ sie aber versprechen, daß sie es niemals tun würde,
wenn er wirklich Professor oder ins akademische Leben zurückgekehrt wäre. Es lag
tatsächlich ein Anflug von Gewöhnlichkeit in dieser Verwendung, worauf Mrs. Tu-
ring ihn sofort hingewiesen hatte, indem sie es mit der Gewohnheit von Ehefrauen
aus der unteren Mittelschicht verglich, die von ihren Männern eher per Titel als mit
dem Namen sprachen. Auch wollte er nicht, daß es sich so anhörte, als ob er sich
den Status eines Professors anmaßte.
Pigou war auch allen am King' s aus ähnlichen Gründen als "Prof' bekannt.
Sie waren tatsächlich einander ziemlich ähnlich. David Champernowne hatte sie
vor dem Krieg miteinander bekanntgemacht, und Pigou wurde vielleicht der einzige
der älteren Dons am King's (oder "old fogies"*, wie Alan sie zu nennen pflegte),
der ihn gut kannte und mit dem ihn auf Gegenseitigkeit beruhende Bewunderung
verband. Pigou besaß eine 30 "sichere Auffassungsgabe für logische Relationen und
. .. fanatische intellektuelle Integrität." Er hatte "eine erstaunliche Fähigkeit, das
Leben und all seine wichtigen Fragen zu vereinfachen. Er verzichtete völlig auf
den äußeren Schein als Waffe." Und sein "Blick für das Schöne galt Bergen und
Männern" - Worte, die auch auf Alan gepaßt hätten.
In Alans Fall war in dem Spitznamen eine Andeutung seiner Rolle an der Schule
als das tolerierte "Mathe-Hirn" mit seinem Stern-Globus und dem Pendel, und daß
er die tolle Leistung erbracht hatte, von Southampton mit dem Rad zu fahren. Wie
an der Schule zirkulierten auch in den Kreisen von Bletchley triviale Beispiele von
"Exzentrizität". Gegen Beginn des Monats Juni litt er an Heuschnupfen, so daß er,
wenn er zur Arbeit fuhr, nicht aus den Augen schauen konnte. Darum benützte er
eine Gasmaske, um die Pollen abzuhalten, ohne Rücksicht darauf, wie er aussah.
Das Fahrrad selbst war einmalig, denn es machte das Zählen der Umdrehungen erfor-
derlich, bis eine bestimmte verbogene Speiche ein bestimmtes Kettenglied berührte
(ganz ähnlich einer Chiffriermaschine). Dann mußten Maßnahmen ergriffen werden,
um zu verhüten, daß die Kette abging. Alan war entzückt gewesen, den Fehler im
Mechanismus sozusagen dechiffriert zu haben, was bedeutete, daß er sich Wochen
des Wartens auf die Reparatur ersparte, zu einer Zeit, als das Fahrrad wieder das
geworden war, was es bei seiner Erfindung war - das Mittel zur Freiheit. Es be-

* A.d.Ü.: komische alte Käuze


Relais-Rennen 243

deutete auch, daß kein anderer es fahren konnte. Nachdrücklich verteidigte er seine
Henkeltasse für den Tee (auch diese in Kriegszeiten unersetzbar), indem er sie mit
einem Kombinationsschloß an einem Heizrohr in Baracke 8 festmachte. Aber sie
wurde geklaut, um ihn zu necken.
Die Hosen mit einer Schnur hochgehalten, die Pyjamajacke unter seinem Sport-
sakko - die Geschichten, ob wahr oder nicht, machten die Runde. Und nun, da er
sich in einer Position der Autorität befand, war die Nervosität seines Benehmens
den Kommentaren offener ausgesetzt. Da war seine Stimme, die dazu neigte, in der
Mitte eines Satzes steckenzubleiben mit einem gespannten, hohen "Ah-ah-ah-ah-ah",
das in der Zwischenzeit eine Unterbrechung verhütete, während sein Gehirn mit fast
sichtbarer Anstrengung nach dem richtigen Ausdruck angelte. Das Wort, wenn es
kam, mochte ein unerwartetes sein, simple Analogie, Slang-Ausdruck, Wortspiel
oder wilde Assoziation oder eine unhöfliche Aufforderung, begleitet von seinem
maschinenartigen Lachen; kühn, aber nicht mit der Grobheit von einem, der schon
alles gesehen hat und desillusioniert ist, sondern mit der Schärfe von einem, der
alles durch seltsam frische Augen sieht. "Schuljungenhaft" war das einzige Wort,
das sie dafür hatten. Einmal ging ein Personalformular durch die Baracken, und ein
Spaßvogel füllte für ihn aus, "Turing A.M., Alter 21 ", aber andere, inklusive Joan,
sagten, es solle "Alter 16" heißen.
Er machte sich wenig aus äußerer Erscheinung, am wenigsten aus seiner eigenen,
und sah im allgemeinen aus, als wäre er eben erst aufgestanden. Er rasierte sich nicht
gerne mit einer Rasierklinge und verwendete statt dessen einen alten Elektrorasierer -
wahrscheinlich, weil er durch den Anblick von Blut beim Schneiden in Ohnmacht
fallen konnte. Er sah permanent unrasiert aus, wodurch sein dunkler und rauher
Teint noch betont wurde, der mehr brauchte als die flüchtige Pflege, die er erhielt.
Seine Zähne waren merklich gelb, obwohl er nicht rauchte. Aber was den Leuten
am meisten auffiel, waren seine Hände, die ohnedies seltsam waren, mit eigenartigen
Rillen auf seinen Fingernägeln. Die aber waren niemals sauber oder geschnitten,
und schon lange vor dem Krieg hatte er sie durch die nervöse Angewohnheit, an
den Seiten zu zupfen, noch ärger gemacht und eine unangenehme, nicht verheilende
Narbe entstehen lassen.
In einem gewissen Maße war sein mangelndes Interesse an der äußeren Erschei-
nung, wie seine Lebensweise mit geringem Budget, eine Intensivierung dessen, was
die Leute mit "donnish" meinten, und als solches fiel es Leuten außerhalb der Uni-
versitätskreise bei weitem mehr auf als jenen, die schon seit langem vertraut waren
mit radfahrenden Dons, die sich mit ihrem Gehalt kümmerlich durchschlugen. In
der ihm eigenen Jugendlichkeit seines Benehmens wich er von der Don-Typologie
ab, aber dennoch vermittelte Alan Turing der Welt außerhalb von Oxford und Cam-
bridge einen Schnellkurs in den Wertvorstellungen des Kings's College, und die
Reaktion auf seine Sonderbarkeit war meist die konzentrierte Form jener Mischung
aus verblüfftem Respekt und kopfschüttelndem Mißtrauen, mit der englische Intel-
244 Kapitel 4

lektuelle traditionellerweise betrachtet wurden. Das traf besonders für Guildford


zu, wo die Verlobung in Klischees gesehen wurde: er als der Frauen gegenüber
schüchterne Don und sie als die "Tochter des Landvikars"* - "weiblicher Mathema-
tiker" und Blaustrumpf. Es war erniedrigend, aber die Wiederholung oberflächlicher
Anekdoten über seine üblicherweise ganz vernünftigen Lösungen für die kleinen
Herausforderungen des Lebens dienten dem nützlichen Zweck, die Aufmerksamkeit
von den gefährlicheren und schwierigeren Fragen darüber abzulenken, was ein Alan
Turing über die Welt, in der er lebte, denken mochte. Die englische "Exzentrizität"
diente als Sicherheitsventil für jene, welche die allgemeinen Regeln der Gesellschaft
in Zweifel zogen. Sensiblere Leute in Bletchley waren sich der Schichten der inne-
ren Einsicht und der Subtilität des Benehmens bewußt, die unter den gelegentlichen
lustigen Geschichten lagen. Doch vielleicht war ihm selbst das gackernde Gelächter
über seine Gewohnheiten willkommen, das ihm ohne Integritätsverlust eine Verteidi-
gungslinie schuf. Er, dieser ungekünstelte Außenseiter im Zentrum, konnte an dem
Punkt in Ruhe gelassen werden, wo es darauf ankam.

Im Sommer 1941 hatte ein weltoffenerer Beobachter, Malcolm Muggeridge,


einen Grund, Bletchley aufzusuchen, und er bemerkte31 :
Jeden Tag nach dem Mittagessen, wenn das Wetter günstig war, spielten die Chiffre-
Knacker auf dem Rasen des Herrenhauses Rounders. Sie nahmen dabei das quasi-seriöse
Benehmen an, das Dons an den Tag legen, wenn sie mit Aktivitäten beschäftigt sind, die
im Vergleich zu ihren gewichtigeren Studien wahrscheinlich als frivol oder insignifikant
angesehen werden könnten. So pflegten sie einen Punkt im Spiel mit demselben Eifer zu
diskutieren, wie sie es etwa bei der Frage freier Wille oder Determinismus getan hätten
... Zwischen den Worten - "Ich dachte, meiner war der sicherere Schlag" oder "Ich kann
ohne Widerspruch versichern, daß mein rechter Fuß bereits ... " - schüttelten sie gewichtig
ihre Köpfe und zogen laut die Luft in ihre Nasen.

Alan hatte tatsächlich diese Gewohnheit, seinen Atem vor dem Sprechen einzusau-
gen, während sie in Baracke 8, wenn sie dienstfrei hatten, über Spiele, den freien
Willen und den Determinismus sprachen.
Er war gerade dabei, ein neues Buch von Dorothy Sayers zu lesen, The Mind 01
the Maker 32 . Es entsprach nicht seinem gewohnten Lesegeschmack, denn es han-
delte sich hierbei um Sayers Versuch, die christliche Lehre der göttlichen Schöpfung
mit Hilfe ihrer eigenen Erfahrung als Schriftstellerin zu interpretieren. Doch dürfte
ihm die Provokation ihrer scharfsinnigen Einstellung zum freien Willen gefallen
haben, den sie vom Standpunkt Gottes aus im Licht ihrer Erkenntnis betrachtete,
daß fiktive Charaktere ihre eigene Integrität und Unvorhersagbarkeit finden mußten
und nicht von Anbeginn durch einen Plan in jeder Hinsicht festgelegt waren. Ein
Bild, das sich Alan besonders einprägte, war das eines Laplaceschen Determinis-

* Sie war nicht die Tochter eines Landvikars, aber das dachten sie.
Relais-Rennen 245

mus, worin "Gott, nachdem er Sein Universum geschaffen hatte, nun die Kappe auf
Seinen Füllfederhalter geschraubt, Seinen Fuß auf den Kaminsims gelegt und die
Arbeit sich selbst überlassen hat".
Das war nicht besonders neu, aber es muß eine verblüffende Lektüre gewesen
sein, als zur gleichen Zeit die Bomben vor sich hin tickten und ihre Arbeit von
sich aus verrichteten - und während die Wrens ihre vorgeschriebenen Aufgaben
verrichteten, ohne dabei zu wissen, was damit beabsichtigt war. Alan faszinierte
es, daß Menschen an etwas sehr Geistreichem auf ganz gedankenlose Art teilhaben
konnten.
Maschinen und als Maschinen agierende Menschen hatten einen beträchtlichen
Teil menschlichen Denkens, Urteilens und Wahrnehmungsvermögens ersetzt. Nur
wenige wußten, wie das System funktionierte, während es für jeden anderen ein
mystisches Orakel war, das eine unvorhersagbare Einsicht hervorbrachte. Mecha-
nische, determinierte Vorgänge fällten kluge, erstaunliche Entscheidungen. Es gab
hier einen Zusammenhang mit den Grundgedanken, die zu On Computable Numbers
geführt hatten, der stets gegenwärtig war. Alan erklärte Joan die Idee der Turing-
Maschine und gab ihr einen Separatdruck einer von Churchs Arbeiten, auch wenn
sie ihn vielleicht in ihrer Reaktion enttäuscht haben dürfte. Er hielt auch einen Vor-
trag über seine Entdeckung. Währenddessen hatten Turing-Maschinen lesend und
schreibend eine äußerst praktische Lebensform angenommen und produzierten eine
Art von Intelligenz.
Ein der Kryptoanalyse sehr nahe verwandtes Thema, über das außer Dienst
gesprochen werden konnte, war das Schachspiel. Alans Interesse beschränkte sich
nicht auf Schach als Entspannung; er bemühte sich darum, eine prinzipielle Einsicht
aus seinen Bemühungen mit dem Spiel zu abstrahieren. Er begann sich sehr für die
Frage zu interessieren, ob es ein "genau festgelegts Verfahren" für das Schachspiel
gäbe - und zwar eine maschinelle Methode, obwohl diese nicht notwendigerweise
den Bau einer physikalischen Maschine bedeutete, sondern nur ein Buch von Regeln,
denen ein verstandloser Spieler folgen konnte - so wie die "Bedienungsanweisung" -
Formulierung des Begriffs der Berechenbarkeit. In solchen Diskussionen pflegte
Alan häufig scherzhaft von einem "Sklaven"-Spieler zu sprechen.
Die Analogie von Schach und Mathematik war schon zuvor verwendet worden,
denn jedesmal tauchte dieselbe Frage auf, nämlich, wie der richtige Zug zur Errei-
chung eines gegebenen Ziels zu wählen war - im Fall von Schach ging es darum,
das Schachmatt herbeizuführen. Gödel hatte gezeigt, daß es in der Mathematik zur
Erreichung einiger Ziele überhaupt keinen Weg gab, und Alan hatte gezeigt, daß es
kein mechanisches Verfahren gab, um zu entscheiden, ob es für ein vorgegebenes
Ziel einen Weg gab oder nicht. Doch es konnte weiterhin die Frage gestellt werden,
wie Mathematiker, Schachspieler oder Code-Brecher diese "intelligenten" Schritte in
der Praxis vollzogen und in welchem Ausmaß sie von Maschinen simuliert werden
konnten.
246 Kapitel 4

Obwohl seine Lösung des Entscheidungsproblems und seine Arbeit über Ordi-
nalzahllogiken die Aufmerksamkeit auf die Beschränkungen mechanischer Prozesse
gelenkt hatte, begann jetzt die zugrundeliegende materialistische Denkweise klarer
zu werden. Sie war weniger daran interessiert, was nicht von Maschinen zu leisten
war, als vielmehr an der Entdeckung dessen, was sie konnten. Er hatte Hilberts Pro-
gramm zum Einsturz gebracht, zeichnete sich jedoch im Herangehen an ungelöste
Probleme noch immer durch Hilbertsche Denkungsart aus und war sich dabei sehr
sicher, daß sich einer rationalen Betrachtungsweise nichts entzog - einschließlich
des rationalen Denkens selbst.
Jack Good war ebenso wie Alan ein Bletchley-Kopf, also nicht bloß "ein Ma-
thematiker", sondern einer, dem es Spaß machte, die Zusammenhänge zwischen
logischen Fähigkeiten und der physischen Welt zu untersuchen. Schach interessierte
ihn ebenfalls und, anders als Alan, war er ein Landesspieler von Cambridgeshire.
Bereits 1938 hatte er einen unbeschwerten Artikel über mechanisches Schachspielen
in der ersten Ausgabe von Eureka veröffentlicht, der Hauszeitschrift der Mathema-
tikstudenten von Cambridge. Zum Schachspielen kam hinzu, daß Alan Jack Good
Go beibrachte und sich kurz darauf auch in diesem Spiel geschlagen geben mußte.
Beim Essen während der Nachtschicht sprachen sie über das Problem der Me-
chanisierung von Schach. Beide verfielen auf eine grundlegende Idee, die sie übe-
reinstimmend für leicht einsehbar hielten. Es ging darum, daß ein Schachspieler
zwar häufig großartige Züge sah, die gemacht werden konnten, wenn der Gegner
sich soundso verhielte, daß Weiß in einer Wettbewerbssituation jedoch stets annahm,
daß Schwarz aus der Situation den größtmöglichen Vorteil zöge. Die Strategie von
Weiß bestand daher darin, den für Schwarz am wenigsten vorteilhaften Zug zu ma-
chen, den, der den besten Zug von Schwarz zum am wenigsten erfolgreichen unter
allen möglichen guten Zügen machte - das heißt zum minimalen Maximum.
Es war keine neue Idee. Die Spieltheorie war seit den zwanziger Jahren ma-
thematisch untersucht worden, und dieses Grundprinzip, Schachspielern wie ange-
boren*, war auf modeme mathematische Weise abstrahiert und formalisiert worden.
Das Wort "Minimax" war für den Begriff des am wenigsten ungünstigen Verlaufs
einer Handlung geprägt worden. Es hatte nicht nur für Spiele wie Schach Bedeu-
tung, sondern auch für solche, die mit Raten und Täuschen zu tun hatten. Ein
Großteil der mathematischen Arbeit war von von Neumann geleistet worden, auf-
bauend auf Ideen, die zuerst von dem französischen Mathematiker E. Borel im Jahre
1921 veröffentlicht worden waren. Borel hatte "reine" und "gemischte" Spielstra-
tegien definiert. Reine Strategien waren festgelegte Regeln, die die angemessene
Vorgehensweise in jeder Eventualität zwingend vorschrieben; eine gemischte Stra-
tegie bestand aus zwei oder mehreren reinen Strategien, die zufällig auszuwählen

* Obwohl jeder Spieler - bis auf ganz naive - mehr als das erreichen kann, indem er die besonderen
Schwächen des Gegners ausnutzt.
Relais-Rennen 247

waren, aber mit für jede Strategie in Abhängigkeit von der Spiellage festgelegten
Wahrscheinlichkeiten.
Von Neumann war es zu zeigen gelungen, daß es für jedes beliebige Spiel mit
zwei Spielern und mit festen Regeln für jeden Spieler optimale, für gewöhnlich
gemischte Strategien gab. Alan wird wahrscheinlich seinen 1937 in Princeton ge-
haltenen Vortrag über das Pokerspiel besucht haben, anhand dessen er das Resultat
vorführte. 33 Es war von Neumanns großartiges, wenn auch betrübliches Theorem,
demzufolge injedem Zweipersonenspiel* beide Spieler in ihre "Minimax"-Strategien
eingezwängt waren und sich beide in einer Situation befanden, in der ihnen nichts
anderes übrig blieb, als das Beste aus einer schlechten Lage zu machen und dem
Gegner den schlechtesten aller guten Dienste zu erweisen, und daß diese beiden
Ziele immer übereinstimmten.
Poker war mit seinen Täuschungsmanövern und Vermutungen eine bessere Il-
lustration für von Neumanns Theorie als Schach**. Ein Spiel ohne verdeckte In-
formation, wie zum Beispiel Schach, nannte von Neumann ein Spiel mit "perfekter
Information", und er bewies, daß jedes derartige Spiel immer eine optimale "reine
Strategie" besaß. Im Fall von Schach war dies ein vollständiger Satz von Regeln, die
angaben, was in jeder Lage zu tun war. Da es bei weitem mehr mögliche Stellungen
im Schachspiel als SteckfeldsteIlungen für die Enigma gaQ, war die allgemeine Theo-
rie von Neumanns jedoch ohne praktischen Wert für das Spiel. Sie war ein Beispiel
dafür, daß ein hochfliegender, abstrakter Ansatz sich als unbrauchbar herausstellte.
Alans und Jack Goods Vorgehensweise war von völlig anderer Natur, zumal es ihnen
nicht so sehr um eine Theorie des Spiels als um eine Untersuchung menschlicher
Denkprozesse ging. Die Untersuchung war ad hoc "langweilig und elementar" aus
rein mathematischer Sicht, und sie wurde ziemlich unabhängig von der vorhandenen
Spieltheorie geführt. Sie hätten sie in der Schule durchführen können.
Ihre Analyse ging zunächst von der Annahme aus, daß es ein sinnvolles Be-
wertungsystem gab, wonach den verschiedenen möglichen zukünftigen Stellungen
ein numerischer Wert zugeordnet wurde, der von der Zahl der vorhandenen Figuren,
der bedrohten Figuren, der beherrschten Felder und so weiter abhing. Unter dieser
Voraussetzung bestand das gröbste "genau festgelegte Verfahren" einfach darin, den
die Bewertung maximierenden Zug zu tun. Die nächste Stufe der Verfeinerung zog
dann den Gegenzug des Gegners in Betracht, wobei vom "Minimax" Prinzip für die
Wahl des "am wenigsten ungünstigen" Zuges Gebrauch gemacht wurde. Im Schach-

* Genauer, in jedem ,,Nullsummenspiel", das heißt in einem, in dem der Verlust des einen immer dem
Gewinn des anderen Spielers entspricht.
** Das weniger komplizierte Spiel "Stein, Papier, Schere" veranschaulicht die Idee. (Poker selbst ist
viel zu komplex für eine vollständige mathematische Analyse). In diesem Spiel ist für beide Spieler
die optimale Strategie eine "gemischte", bei der drei Optionen zufällig und mit gleicher Wahrschein-
lichkeit gewählt werden. Sobald einer der Spieler von der Zufälligkeit abweicht, kann klarerweise
der andere diese Abweichung zu seinem Vorteil ausnutzen.
248 Kapitel 4

spiel gab es für gewöhnlich etwa dreißig mögliche Züge für jeden Spieler, so daß
selbst dieses grobe System etwa eintausend verschiedene Bewertungen erforderte.
Ein weiterer Schritt voraus erforderte dreißigtausend.

Reduziert man die Zahl Dreißig auf lediglich Zwei, um ein Diagramm zeichnen zu können, so
hat es der Spieler (Weiß), der eine Vorausplanung von drei Zügen macht, mit einem "Baum"
wie diesem zu tun:
Gegenwärtige Stellung, Weiß
am Zug

Aus den zwei möglichen Zügen


von Weiß resultierende Stel-
lung

Aus den möglichen Gegenzü-


gen von Schwarz resultierende
Stellung

Aus den möglichen Gegenzü-


27 16 39 45 57 81 16 10 gen von Weiß resultierende Stel-
lung. Diese Stellungen werden
durch Bewertungen analysiert.

Ein Weiß Spielender könnte zu dem Schluß kommen, daß es gut wäre, die Stellung E zu
erreichen, doch wird Schwarz sich dem nicht fügen und auf den Zug B mit Fantworten.
Eine zweitbeste Wahl für Weiß wäre die Stellung D, doch auch hier muß davon ausgegangen
werden, daß Schwarz C spielen wird, um dies zu verhindern. Von den zwei Übeln, den
Stellungen C und F, ist C das geringere, da es Weiß wenigstens eine Stellung mit dem Wert
27 garantiert. Weiß wählt daher den Zug A.
Eine "Maschine" kann diesen Gedankengang durch eine Methode des "ZufÜckverfolgens"
des Baumes simulieren. Nach der Ermittlung aller Bewertungen für drei Züge vorausliegende
Stellungen müßte sie dann die Zwischenstellungen auf einer Minimax-Basis markieren. Sie
ordnete also C den Wert 27, D den Wert 45, E den Wert 81 und F den Wert 16 (als den
jeweils besten) zu, dann A den Wert 27 und B den Wert 16 (als den jeweils schlechtesten)
und wählte schließlich den Zug A für Weiß.

Diese grundlegende Idee führte zu einer "Maschine", die ein Entscheidungsver-


fahren durchführen konnte, das nicht ohne Bezug zu menschlicher Intelligenz zu
sehen war. Es war belanglos im Vergleich mit Hilberts Problem, das Nachdenken
über Entscheidungsverfahren für die Gesamtheit der Mathematik erforderlich ge-
macht hatte. Andererseits war hier etwas, das tatsächlich funktionieren konnte. Als
praktisches Beispiel für mechanisches "Denken" lag für Alan darin eine Faszination,
die an Besessenheit grenzte.
Relais-Rennen 249

Eine derartige dreizügige Analyse war für das richtige Schachspiel hoffnungs-
los ineffektiv, denn dabei dachten die Spieler nicht auf der Grundlage von Zügen,
sondern von Folgen von Zügen, zum Beispiel wenn eine Folge obligatorischer Züge
zum Figurengewinn in Gang gesetzt wurde. Alan und Jack Good sahen dies und be-
schlossen, daß die "Vorausberechnungstiefe" variabel sein sollte. Sie mußte soweit
reichen, wie noch überhaupt ein Figurengewinn möglich war, so daß Bewertungen
nur für "ruhende" Stellungen gemacht wurden. Auch in dieser Form konnte ein
solches Schema nicht mit einer subtileren Spielweise zurechtkommen, bei der Fal-
len in Sackgassen oder Verzweigungen führten, eine Tatsache, die sie diskutierten.
Es war ein grober, mit roher Gewalt vorgetragener Angriff auf das Schachspiel,
aber es stellte einen ersten Schritt zur Mechanisierung eines ziemlich komplexen
Denkvorganges dar - oder wenigstens einen ersten nicht geheimen Schritt.
Sie hielten diese Idee für zu trivial, um einer Veröffentlichung wert zu sein.
Alan fuhr allerdings fort, seine eigene mathematische Arbeit zu verfolgen und zur
Veröffentlichung in Amerika einzureichen. Als wahrer Intellektueller hätte er sich
geschämt, wenn er sich von Verbrechen und Verrücktheiten der Menschen hätte
unterkriegen lassen. "Vor dem Krieg arbeitete ich auf dem Gebiet der Logik und
mein Hobby war Kryptoanalyse", sagte er einmal, "und heute ist es umgekehrt".
Er war Newman zu Dank dafür verpflichtet, daß dieser das "Hobby" der mathe-
matischen Logik betreffende Gedanken anregte, denn sie korrespondierten 34 in den
Jahren 1940 und 1941. 1941 hielt Newman wieder Vorlesungen in Cambridge über
die Grundlagen der Mathematik.
Alans Anstrengungen galten in erster Linie einer neuen Formulierung der Ty-
pentheorie. Russell hatte Typen eher als Ärgernis betrachtet, auf das er sich in
Ermangelung eines Besseren eingelassen hatte, um Freges Mengenlehre zu retten.
Andere Logiker hatten den Eindruck, daß es sich bei einer Hierarchie logischer Kate-
gorien in Wirklichkeit um eine sehr natürliche Idee handelte, daß jedoch der Versuch,
alle vorstellbaren Entitäten in "Mengen" zusammenzupacken, eigenartig war. Alan
neigte der letzteren Auffassung zu. Er zog eine Theorie vor, die mit der Art, wie
Mathematiker tatsächlich dachten, übereinstimmte und von praktischem Nutzen war.
Auch wollte er mathematische Logik dafür eingesetzt sehen, der Arbeit von Mathe-
matikern zu einem strengeren Charakter zu verhelfen. In einem weniger technischen
Essay aus dieser Zeit35 über "Die Reform der Mathematischen Notation" erklärte
er, daß ungeachtet aller Anstrengungen Freges, Russells und Hilberts

. .. die Mathematik nur sehr wenig von den Forschungen in der symbolischen Logik
profitiert hat. Der Hauptgrund dafür scheint ein Mangel an Verbindung zwischen dem
Logiker und dem gewöhnlichen Mathematiker zu sein. Symbolische Logik ist für die
meisten Mathematiker ein höchst beängstigender Brocken, und die Logiker sind nicht
besonders daran interessiert, ihn schmackhafter zu machen.
250 Kapitel 4

Seine eigene Bemühung darum, die Kluft zu überbrücken, begann mit einem Ver-
such,

... die Typentheorie in eine Form zu bringen, in der sie von dem gewöhnlichen Mathema-
tiker gebraucht werden kann, ohne daß dieser symbolische Logik studieren, geschweige
denn verwenden muß. Die folgende Formulierung des Typenprinzips wurde durch Vor-
lesungen Wittgensteins nahegelegt, doch sollten ihre Unzulänglichkeiten nicht ihm in die
Schuhe geschoben werden.
Dem Typenprinzip wird in der Umgangssprache sehr gut durch die Tatsache Rech-
nung getragen, daß es sowohl Substantive als auch Adjektive gibt. Wir können die
Aussage treffen "Alle Pferde sind vierbeinig", die durch Untersuchung eines jeden Pfer-
des verifiziert werden kann, jedenfalls wenn es nur eine endliche Anzahl von ihnen gibt.
Wenn wir jedoch Wörter wie "Ding" oder "welches Ding auch immer" zu verwenden
versuchen, beginnen die Schwierigkeiten. Angenommen wir verstehen "Ding" so, daß
es überhaupt alles umfaßt, Bücher, Katzen, Männer, Frauen, Gedanken, Funktionen von
Männem mit Katzen als Werten, Zahlen, Matrizen, Klassen von Klassen, Verfahren,
Aussagen . .. Was sollen wir unter diesen Umständen von der Behauptung ,,Alle Dinge
sind nicht Primvielfache von 6" halten ...Was meinen wir damit? Auf gar keinen Fall ist
die Zahl der zu untersuchenden Dinge endlich. Vielleicht kann Behauptungen dieser Art
irgendeine Bedeutung gegeben werden, aber zur Zeit kennen wir keine davon. Tatsäch-
lich nötigt uns die Typentheorie, von dem Gebrauch solcher Substantive wie "Ding",
"Objekt" etc. Abstand zu nehmen, die dafür vorgesehen sind, die Idee "welches Ding
auch immer" zu vermitteln.

Die technische Bewerkstelligung der Trennung mathematischer "Substantive"


von "Adjektiven" beruhte auf der Arbeit von Church, dessen Vorlesungen er in
Princeton verfolgt und der 1940 eine Beschreibung seiner Typentheorie veröffentlicht
hatte. Ein Teil von Alans Arbeit geschah in Zusammenarbeit mit Newman auf dem
Weg der Korrespondenz; ihre gemeinsam verfaßte Arbeit 36 traf am 9. Mai 1941 in
Princeton ein. Sie muß den Atlantik genau zu der Zeit überquert haben, als die
München aufgebracht wurde. Alan verfaßte eine weitere Arbeit, The Use of Dots as
Brackets in Church' s System 37 , die von sehr technischer Natur war, und reichte sie
genau ein Jahr darauf ein. Darin wurden zwei weitere in Vorbereitung befindliche
Arbeiten angekündigt, die jedoch nie herauskamen.
Er ließ nicht zu, daß der Krieg die Idee auslöschte, für die Mathematik sei die
Welt ein einziges Land. In einem Brief an Newman vom Herbst 1941, der sich mit
den Arrangements für die Versendung von Sonderdrucken ihrer Arbeit beschäftigte,
bemerkte er: "Erwarte auch, sie könnten ein Exemplar an Scholz schicken, aber ich
nehme an, das wird dann schon unmöglich sein."
Das war nicht die einzige Sache, die im Laufe des Jahres 1941 unmöglich
wurde. Die Verlobung hatte über den Sommer gedauert, aber auf Alans Seite hatte es
Anzeichen eines inneren Konflikts gegeben. Einmal verbrachten sie ein Wochenende
gemeinsam in Oxford, wo sie Joans Bruder besuchten; Alan absentierte sich eine
Weile, und offensichtlich überdachte er alles nochmals, entschied sich aber doch
Relais-Rennen 251

weiterzumachen. Dann, in der letzten Augustwoche, konnten sie eine ganze Woche
zusammen verbringen. (Sie bekamen jedes Quartal eine Woche frei.) Sie machten
Ferien in North Wales, fuhren mit dem Zug von Bletchley ab, nahmen Fahrräder
und Rucksäcke mit und erreichten Portmadoc, als es bereits dunkel war. Alan hatte
für sie Quartier im Hotel vorbestellt, aber die Direktion hatte ein Durcheinander
angerichtet und doppelt vermietet; nur weil sie viel Aufhebens machten, konnten
sie für die Nacht untergebracht werden, und sie verloren am nächsten Morgen einen
wertvollen halben Tag auf der Suche nach einem anderen Quartier. Auch das Essen
war ein Problem, da Alan keine temporäre Lebensmittelkarte hatte. Aber sie hatten
etwas Margarine mitgebracht und schlugen sich mit Brot und einem Zufallsfund
von unrationierter Fleischpaste durch. Sie wanderten über die niedrigeren Berge,
dieselben, die er als Junge bestiegen hatte - Moelwyn Bach, Cnicht und andere -
und litten nur unter den üblichen Unannehmlichkeiten wie Reifenpannen und Regen.
Bald nach ihrer Rückkehr faßte Alan einen Entschluß und brach die Brücken
hinter sich ab. Es war weder eine glückliche noch eine leichte Entscheidung. Er
zitierte ihr die Worte Oscar Wildes, die Schlußzeilen aus The Ballad 0/ Reading Gaol,
die sowohl eine unmittelbare als auch eine prophetische Interpretation zuließen:
Yet each man kiUs the thing he loves,
By each let this be heard,
Some do it with a bitter look,
Some with a ftattering word,
The coward does it with a kiss,
The brave man with a sword!*

Er hatte schon mehrmals ein "Ich liebe dich" hervorgebracht. Mangel an Liebe war
nicht Alans Problem. Der Bruch schuf eine schwierige Situation in der Baracke.
Alan erzählte Shaun Wylie, daß die Verlobung gelöst worden sei, aber nicht den
wahren Grund. Tatsächlich verwendete er einen Traum, um sich eine Erklärung
zurechtzulegen. Er sagte, er habe geträumt, sie wären gemeinsam nach Guildford
gefahren, und Joan wäre von seiner Familie nicht akzeptiert worden. Alan verließ
die Schichtarbeit, so daß er und Joan zunächst nicht öfter als nötig zusammentreffen
mußten. Es war für sie beide sehr belastend, aber er hatte sich so verhalten, daß
sie wußte, sie war nicht als Person zurückgewiesen worden. Der Bruch war eine
Barriere, aber das Verständnis für seine Hintergründe blieb als Bindeglied.

Während sie in Bletchley über Spiele sprachen, entwickelte sich etwas von der
Art dieser eingefahrenen Minimax-Gefechtslogik draußen auf dem Atlantik. Strate-
gie erzwang Gegenstrategie, Waffen erzwangen Gegenwaffen, Aufklärung erzwang

* A.d. Ü.: Doch ein Mann tötet, was er liebt,! dessen sei sich jeder klar.! Manche tun es mit einem
bösen Blick,! manche mit einem schmeichelhaften Wort.! Der Feigling tut es mit einem Kuß,! der
mutige mit dem Schwert!
252 Kapitel 4

Gegenaufklärung. Weniger sauber als Poker oder Schach, brachten diese realen Kon-
flikte Regeln mit sich, die sich ständig veränderten, Strategien, deren Folgen nicht
vorhersehbar waren und Verluste, die mehr waren als Zeichen auf dem Papier. Wie
Poker war der U-Bootkrieg ein Spiel der unvollkommenen Information, mit Bluffen
und Raten. Es war auch ein Spiel, bei dem die Briten seit August 1941 einen Spie-
gel hinter dem Rücken des Feindes plaziert hatten und schwindeln konnten, weil sie
in fast alle deutschen Karten sahen*. Für den Rest des Jahres 1941 bestand keine
Notwendigkeit für weitere Aufbringungen, und Baracke 8 führte die Dechiffrierung
in einem Zeitraum von sechsunddreißig Stunden durch - dies trotz der Tatsache,
daß die acht Rotoren des Marine-Enigmas 336 mögliche Anordnungen hatten, im
Vergleich mit den 60 der Maschinen der anderen Waffengattungen.
Aber diese Perfektion der Methoden war nicht allein auf Baracke 8 zurück-
zuführen. Sie hatte die Wirksamkeit von ganz Bletchley ins Spiel gebracht und
attackierte das deutsche Nachrichtensystem als Ganzes 38 :

Ab Frühling 1941, zunächst mit Hilfe eines erbeuteten Dokuments, und dann durch die
Entdeckung, daß einige der Signale Wiederholungen dechiffrierter Enigma-Botschaften
waren, entschlüsselte sie eine Handchiffrierungs-Methode für Werften und Fahrrinnen
("Werft"). Auf Grund der Tatsache, daß einige ihrer Signale im Enigma nochmals ver-
schlüsselt und wieder gesendet wurden, und dank der Fähigkeit der GC and CS, diese
Signale zu isolieren, ergaben die dechiffrierten Texte von "Werft" seit August 1941
wiederum einen unschätzbaren Beitrag zum täglichen kryptoanalytischen Angriff auf die
Einstellungen des Marine-Enigmas. Zugleich konnte die GC and CS als Resultat des
Einbrechens ins Enigma die Werft-Chiffre vollständig meistern ...

Und neben diesem Stein von Rosette "erwies sich die Marine-Chiffrierung für Me-
teorologie als besonders wichtig".
Sie wurde im Februar 1941 erstmals entschlüsselt, und im Mai jenes Jahres entdeckte die
Meteorologische Sektion an der GC and CS, daß sie Wetterberichte von U-Booten im
Atlantik enthielt, die ursprünglich im Marine-Enigma übermittelt worden waren. Danach
waren diese Dechiffrierungen als Hilfe beim Brechen der Enigma-Schlüssel nicht weniger,
nützlich als jene des Werft-Schlüssels.

Während diese Entwicklungen für Bletchley einen Triumph bedeuteten, waren sie
für Alan so etwas wie ein persönlicher Schlag. Anfang des Jahres hatte er sub-
tile mathematische Methoden für die kryptoanalytische Attacke ausgearbeitet, nur
um durch die Werft- und Wetter-Cribs mit einer fast beleidigend direkten Methode
konfrontiert zu werden. Aber er mußte den Umständen weichen, die seine eigene
Pionierarbeit ermöglicht hatten.

* Das "Ausland"-Schlüsselsystem, das die Deutschen in Gewässern wie etwa dem Indischen Ozean
verwendeten, wurde niemals entschlüsselt. Weiterhin deckte das "Heimat" -Schlüsselsystem nicht
mehr länger die Kommunikation der Überwasserfahrzeuge im Mittelmeer. Diese waren seit April
1941 auf ein neues System übergegangen, das für ein weiteres Jahr für Dechiffrierung immun blieb.
Relais-Rennen 253

Der Schlüssel zur Entwicklung der Ge and es lag nun eher in der Integra-
tion ihrer Arbeit als in individueller Brillanz. Diese neuen Entdeckungen waren die
endgültige Rechtfertigung für alles, wofür die neuen Männer gekämpft hatten. Die
Werft-Nachrichten enthielten nichts von strategischer Bedeutung und wären nach den
Standards von Room 40 niemals angerührt worden. Aber an der Ge and es hatten
sie es sich zum Prinzip gemacht, alles zu attackieren, wie unwesentlich es auch im-
mer scheinen mochte, und dieses Denken im großen Maßstab hatte sich nun bezahlt
gemacht. Es war auch von entscheidender Bedeutung, daß eine einzige Organisation
alle Dechiffrierungen durchführte und sie nach ihrem Gutdünken verwenden durfte.
Hätte man es der Admiralität gestattet, die Marine-Kryptoanalyse zurückzuerobern,
wäre das vielleicht niemals möglich gewesen. Aber das waren Überlegungen einer
Art, die nicht Alan Turings Fachwissen erforderten, sondern administratives und po-
litisches Talent. Er konnte gut würdigen, was getan wurde, aber seine eigene Stärke
lag in den mehr in sich geschlossenen Problemen.
Auch in einem weiteren Sinn erlangte die kryptoanalytische Arbeit nur Be-
deutung durch die Koordinierung vieler verschiedener Arten von Aktivitäten, von
denen das Rätsellösen zwar die entscheidende, aber nur eine war. Die verwege-
nen U-Bootaufbringungen, die mühselige Arbeit an den langweiligen Werftlisten,
die Vergleiche mit der Luftaufklärung und laufenden Vorfällen, die Karteisysteme,
durch welche wiederholt vorkommendes Material ausgewertet werden konnte, die
Technik der neuen Maschinen - alles mußte zusammengefaßt werden, und alles
stützte sich auch auf die zermürbende Transkription schwacher, schwindender, kei-
nen Sinn ergebender Morse-Signale, die einen verwirrenden Monat nach dem an-
deren von jenen unsichtbaren, hingebungsvoll ihren Dienst tuenden Mitarbeitern an
den Funkempfängern skrupdhaft genau durchgeführt wurde.
Wieder war das Erkennen deutscher Funksignale nur einer der vielen Faktoren
in dem atlantischen Spiel, die sich um die Mitte des Jahres 1941 veränderten. Der
Angriff auf Rußland zog die Luftwaffe ab, und die britischen Luftstreitkräfte waren
nun besser in der Lage, die westlichen Zufahrtswege zu kontrollieren. Die U-Boote
zogen hinaus zu einem neuen Schlachtfeld in der Mitte des Atlantiks. Sowohl
Begleitschiffe als auch Flugzeuge wurden mit Radar zur Kurzstreckenortung von
U-Booten innerhalb eines engeren Bereiches ausgerüstet. Das Huff-Duff-System für
automatisierte, genaue Peilung nahm seine Arbeit auf. Und was noch signifikanter
war: Wie im Ersten Weltkrieg führten die Handelsverbindungen zu einem nicht
erklärten amerikanischen Krieg. Die US Navy begleitete Konvois über den halben
Atlantik, und ihre offizielle Neutralität war von Vorteil für die Briten, weil die
U-Boote instruiert waren, amerikanische Schiffe nicht anzugreifen.
Aber das Enigma war der wesentliche Grund für das britische Wiedererstarken
im Sommer 1941; nicht nur in der taktischen Festlegung der Konvoi-Routen, sondern
in der Ermöglichung von Aktionen gegen U-Boote, besonders gegen ihr Nachschub-
system. Vor allem hatten die Briten nun ein klares und praktisch vollständiges
254 Kapitel 4

Bild des Geschehens. Es war Alan Turings Arbeit zuzuschreiben, daß "im Juli und
August, als Winn richtig in Schwung gekommen war", die Verluste unter 100000
Tonnen im Monat fielen. Insgesamt reduzierten sich in der zweiten Jahreshälfte 1941
die deutschen Erfolge auf die Hälfte, obwohl die Anzahl der U-Boote im Oktober
auf 80 angewachsen war. Zum Jahresende wurde behauptet, daß das Problem des
Schiffsbestandes gelöst war.
Doch der Kampf war noch lange nicht vorüber. Die britischen Verbesserungen
hielten gerade nur Schritt mit der stetig anwachsenden U-Bootstärke, und sie waren
dem Enigma-Chiffrierungssystem auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Besonders
im September 1941 gab es eine dramatische Zunahme an Versenkungen in den weni-
gen Wochen, nachdem eine kleine Verfeinerung bei den U-Boot signalen eingeführt
worden war. Bisher hatten sie die ganze Zeit die Positionen durch Verweise auf das
Gitternetz ihrer Landkarten angezeigt und 39

... nicht durch Länge und Breite. So zeigte die Position AB 1234 sagen wir einen Punkt in
55 Grad 30 Minuten Nord, 25 Grad 40 Minuten West an. Das bereitete uns natürlich kein
Problem, nachdem ein Stück einer Karte mit Gitternetz erbeutet und das Ganze rekon-
struiert worden war. Aber im September 1941 begannen die Deutschen diese Buchstaben
zu transponieren, Quadrat AB wurde zum Beispiel XY, während eine Zahl von der Zif-
femkombination abgezogen oder dazugegeben werden mußte, so daß 1234 im Text des
Signals als, sagen wir, 2345 erschien. Diese Transpositionen wurden in gleichmäßigen
Intervallen geändert.

Doch entweder wurde das Enigma gelesen, in welchem Fall diese Vorsichtsmaß-
nahmen eine schwache Reaktion waren, oder nicht, in diesem Fall waren sie eine
Zeitverschwendung. Das Grundprinzip lag nicht darin, die Arbeit der britischen
Kryptoanalytiker zu durchkreuzen, sondern eine Verteidigung gegen angenommene
Spionage und Verrat zu schaffen. Die beschwerliche Tarnung schaffte es, ihre eige-
nen Offiziere zu verwirren:

Bei einer Gelegenheit lösten wir erfolgreich einen getarnten Gitternetzverweis und leiteten
einen Konvoi klar an einer wartenden Patrouillenlinie vorbei, nur um herauszufinden, daß
der kommandierende Offizier eines der beteiligten U-Boote nicht so klug gewesen war
wie wir, den getarnten Gitternetzverweis in seinen Befehlen falsch interpretiert hatte und
in der Folge zufallig auf den Konvoi gestoßen war.

Im November 1941 wurde das System sogar noch komplizierter gemacht und rief
lange Zeitabschnitte der Ungewißheit in Bletchley hervor. Sie waren immer noch
auf des Messers Schneide, und sie durften das niemals vergessen.
Im Herbst 1941 rebellierten die Kryptoanalytiker endgültig gegen das Verwal-
tungssystem. Als einem der wenigen, die den Weitblick hatten, fiel Alan Turing die
Aufgabe zu, die britische Regierung in die modeme Welt zu katapultieren. Er und
die anderen brachen alle Regeln, indem sie direkt an einen anderen Mann schrie-
Relais-Rennen 255

ben, der wußte, WIe man alle Regeln bricht, und der nun die Macht hatte, sie zu
verändem: 4o

Geheim und vertraulich


Nur an den Herrn Premierminister Baracke 6 und Baracke 8,
(Bletchley Park)
21. Oktober 1941
Sehr geehrter Herr Premierminister,
vor einigen Wochen machten Sie uns die Ehre eines Besuches, und wir glauben, daß Sie
unsere Arbeit für wichtig halten. Sie werden gesehen haben, daß wir, weitgehend dank
der Energie und Vorausschau von Commander Travis, mit "Bomben" zum Entschlüsseln
der deutschen Enigma-Codes gut versorgt sind. Wir denken jedoch, daß Sie wissen
sollten, daß diese Arbeit aufgehalten und in manchen Fällen überhaupt nicht getan wird,
im Prinzip weil wir keinen ausreichenden Mitarbeiterstab bekommen können, der sich
damit befaßt. Unser Grund, direkt an Sie zu schreiben, ist, daß wir seit Monaten alles
getan haben, was uns über die normalen Kanäle überhaupt möglich ist, und daß wir ohne
Ihre Intervention die Hoffnung auf irgendeine baldige Verbesserung aufgeben müssen.
Zweifellos werden auf lange Sicht diese besonderen Erfordernisse erfüllt werden, aber
in der Zwischenzeit werden noch mehr wertvolle Monate vergeudet worden sein, und
da unser Bedarf ständig zunimmt, sehen wir wenig Hoffnung, jemals einen adäquaten
Mitarbeiterstab zu haben.
Wir erkennen klar, daß es eine ungeheure Nachfrage nach Arbeitskräften aller Ar-
ten gibt und daß ihre Zuteilung eine Angelegenheit der Prioritäten ist. Unserer Mei-
nung nach besteht das Problem darin, daß es, da wir eine sehr kleine Sektion mit zah-
lenmäßig geringfügigen Befürfnissen sind, sehr schwierig ist, den staatlichen Stellen, die
die endgültige Verantwortung tragen, sowohl die Bedeutung dessen, was hier getan wird,
als auch die dringende Notwendigkeit, unsere Forderungen prompt zu erledigen, klarzu-
machen. Zugleich fällt es uns schwer zu glauben, daß es wirklich unmöglich ist, rasch
das von uns benötigte zusätzliche Personal bereitzustellen, auch wenn dies ein Eingreifen
in die normale Maschinerie der Zuteilungen bedeuten würde.
Wir möchten Sie nicht mit einer detaillierten Liste unserer Schwierigkeiten belasten,
aber die folgenden sind die Engpässe, welche uns die akuteste Sorge bereiten.
I. Entschlüsseln des Marine-Enigmas (Baracke 8)
Auf Grund der Personalknappheit und der Arbeitsüberlastung ihres derzeitigen Teams
mußte die hiesige Hollerith-Abteilung* unter Mr. Freeborn aufhören, in Nachtschichten
zu arbeiten. Der Erfolg davon ist, daß die Auffindung der Marine-Schlüssel jeden Tag
mindestens zwölf Stunden verzögert wird. Damit Freeborn wieder mit Nachtschichten
beginnen kann, braucht er sofort ungefähr zwanzig weitere ungeschulte weibliche Ar-
beitskräfte der Klasse III. Um ihn wirklich in eine Lage zu versetzen, in der er den
wahrscheinlichen Anforderungen adäquat begegnen kann, wird er viel mehr brauchen.
Eine weitere ernste Gefahr, die uns nun bedroht, ist, daß einige fachlich ausgebildete
männliche Mitarbeiter, sowohl bei der British Tabulating Company in Letchworth als

* Ein Hinweis auf die Arbeit mit Lochkartenmaschinen, die in anderen Stadien des Prozesses verwen-
det wurden.
256 Kapite/4

auch hier in Freeborns Abteilung, die bisher vom Militärdienst befreit waren, in Gefahr
sind, einberufen zu werden.
2. Militär- und Luftwaffen-Enigma (Baracke 6)
Wir hören einen ganz wesentlichen Anteil des Funkverkehrs im Mittleren Osten ab, der
von unseren Abhörstationen hier nicht aufgefangen werden kann. Dieser enthält unter
anderem eine ganze Menge an neuem "Hellblau"-Nachrichtenmaterial* Nachrichtenma-
terial. Wegen des Mangels an geschulten Stenotypistinnen und der Erschöpfung unseres
derzeitigen Decodierungsstabes, können wir nicht all diesen Verkehr decodieren. Das ist
seit Mai der Stand der Dinge gewesen. Doch alles, was wir brauchen, um die Sache in
Ordnung zu bringen, sind ungefähr zwanzig geschulte Schreibkräfte.
3. Testen der Bombe, Baracke 6 und Baracke 8
Im Juli versprach man uns, das Testen der von den Bomben** produzierten "Geschichten"
werde von den WRNS in der Bombenbaracke übernommen und zu diesem Zweck würden
genügend WRNS zur Verfügung gestellt werden. Es ist nun schon fast Ende Oktober
und nichts ist getan worden. Wir wollen dies nicht so stark hervorheben wie die beiden
vorhergehenden Punkte, weil es uns eigentlich beim Liefern der Ware nicht aufgehalten
hat. Es hat jedoch bedeutet, daß die Mitarbeiter in den Baracken 6 und 8, die für andere
Arbeiten gebraucht werden, die Tests selbst machen mußten. Wir glauben einfach, daß es
in einer Dienstangelegenheit dieser Art möglich gewesen sein müßte, eine Abteilung von
WRNS für diesen Zweck abzukommandieren, wenn ausreichend dringliche Instruktionen
an die richtigen Stellen geschickt worden wären.
4. Völlig getrennt von den Personalangelegenheiten gibt es eine Anzahl anderer Richtun-
gen, in denen wir, wie uns scheint, auf unnötige Hindernisse gestoßen sind. Es würde zu
lange dauern, diese zur Gänze darzulegen, und wir erkennen an, daß einige der betroffe-
nen Angelegenheiten umstritten sind. Es war jedoch ihre kumulative Wirkung, die uns
zur Überzeugung brachte, daß die Bedeutung der Arbeit jenen außenstehenden Stellen,
mit denen wir verhandeln müssen, nicht mit ausreichender Kraft eingeschärft wird.
Wir haben diesen Brief völlig aus eigener Initiative geschrieben. Wir wissen nicht,
wer oder was für unsere Schwierigkeiten verantwortlich ist, und betonen nachdrücklichst,
daß wir nicht als Kritiker an Commander Travis gelten wollen, der stets sein Äußerstes
getan hat, um uns in jeder möglichen Weise zu helfen. Aber wenn wir unsere Arbeit
so gut tun wollen, wie sie getan werden könnte und sollte, ist es von absolut entschei-
dender Bedeutung, daß unsere Wünsche, so gering sie sind, prompt erfüllt werden. Es
war unsere Empfindung, daß wir unsere Pflicht vernachlässigen würden, lenkten wir
Ihre Aufmerksamkeit nicht auf die Tatsachen und die Auswirkungen, die diese jetzt ha-
ben und fortgesetzt auf unsere Arbeit werden haben müssen, wenn nicht augenblicklich
Maßnahmen ergriffen werden.
Wir sind, Sir, Ihre gehorsamen Diener,
A.M. Turing
W.G. Welchman

* In Afrika verwendetes Luftwaffen-Schlüssel-System.


** Ein Verweis auf das Problem der Untersuchung der Positionen, in welchen die Bomben stehenblie-
ben, um jene zu eliminieren, die durch Zufall entstanden waren.
Relais-Rennen 257

C.H.O'D. Alexander
P.S. Milner-Barry

Dieser Brief hatte eine elektrisierende Wirkung. Sofort nach Erhalt notierte 41
Winston Churchill an General Ismay, seinen ersten Stabsoffizier, den knappen Be-
fehl:

HEUTIGE AKTION
Stellen Sie sicher, daß sie mit extremer Dringlichkeit alles bekommen, was sie wollen,
und melden Sie mir, daß dies getan worden ist.

Am 18. November berichtete der Chef des Geheimdienstes, daß jede mögliche
Maßnahme ergriffen worden war; obwohl die Vorkehrungen damals noch nicht ganz
vollständig waren, war Bletchleys Bedarf gedeckt worden.
Mittlerweile begann sich eine andere tiefgreifende Veränderung auf ihre Arbeit
auszuwirken. Amerikas Krieg, der einer offiziellen Erklärung eher vorausging als
folgte, spiegelte sich nicht nur in den vernünftigen Bestrebungen der Atlantic Char-
ter* wider, sondern auch in den substantielleren Verhandlungen mit Britannien über
die gemeinsame Verwendung des Nachrichtenmaterials. Bereits 1940 hatte man den
kryptoanalytischen Erfolg in beschränktem Maße enthüllt. Damit war Arbeit für
Alan verbunden gewesen, der sich sehr bemüht hatte, Methoden zu ersinnen, die
dazu verwendet werden konnten, ihre Dechiffrierung von Enigma-Funksprüchen zu
einer Zeit zu erklären, da die Bombe als britisches Geheimnis zurückgehalten wurde.
Die Briten bezweifelten die Fähigkeit der Amerikaner, Geheimnisse zu bewahren -
und wie auch immer Churchill von der amerikanischen Republik als von einem eher
größeren und besseren "Dominion" sprach, Tatsache war, daß es ein gänzlich ver-
schiedenes Land war, eines, dem offensichtlich die Gewohnheiten der Ehrerbietung,
der Geheimnistuerei und der Verschlagenheit fehlten - und mit mächtigen, den bri-
tischen Interessen feindlichen Elementen. Aber im Laufe des Jahres 1941 wurden
Vorkehrungen getroffen, Verbindungsoffiziere in Bletchley zu attachieren, und die
Masken fielen. Die "goldenen Eier" waren nun für den Export bestimmt.
Deutschland erklärte den Vereinigten Staaten am 11. Dezember 1941 den Krieg,
vier Tage nach dem Angriff auf Pearl Harbour. "So hatten wir doch gewonnen! ...
England würde leben, Britannien würde leben; das Commonwealth of Nations und
das Empire würden leben ... ", überlegte Churchill. Aber die ersten Auswirkungen
waren für Britannien katastrophal. Der Krieg im Pazifik zog die amerikanischen
Marineschiffe ab, welche die Konvois beschützt hatten. Und es erwies sich als noch
härtere Aufgabe, der US Navy Nachrichtenmaterial zu verkaufen als der britischen
Admiralität. Marine-Enigma-Information hatte zum Zeitpunkt der Kriegserklärung

* A.d.Ü.: Am 14.8.1941 auf einem amerikanischen Kriegsschiff im Nordatlantik zwischen Roose-


velt und Churchill vereinbarte Erklärung der U.S.A. und Großbritanniens über die Grundlagen der
künftigen Weltordnung; am 24.9.1941 schloß sich die Sowjetunion an, später die anderen Alliierten.
258 Kapitel 4

auf den Einsatz von fünfzehn U-Booten vor der amerikanischen Küste hingewiesen,
aber die Warnung war in den Wind geschlagen und keine Vorsichtsmaßnahmen
ergriffen worden. Enorme Verluste an Schiffen kennzeichneten einen unglücklichen
Beginn der Grand Alliance. Dann, am 1. Februar 1942, erfolgte ein noch größerer
Schlag. Die U-Boote wechselten auf ein neues Enigma über. Die "Bomben" konnten
nicht mehr ihre Voraussagen liefern. Es gab kein ULTRA * mehr.

Der "black-out" vom Februar 1942 bedeutete, daß die U-Boot-Enigma-Analyse


nochmals von vorne beginnen mußte, mit den vergangenen beiden Jahren als
Aufwärmetraining. Es war symbolisch für den gesamten Kriegseinsatz, wobei die
britische Situation so war, daß sie 1939 als unvorstellbar katastrophal angesehen
worden wäre. Der Verlust aller europäischen Alliierten, die Umkehr früher, auf
Kosten Italiens gemachter Gewinne, die Kapitulation von Singapur - für diese und
andere Schläge gab es zum Ausgleich nur das Hilfsangebot von einem schlecht
vorbereiteten, unerfahrenen Amerika. Wenn es auch nicht sehr viel bedeutete, so
begann die RAF die deutsche Luftwaffe doch an reiner Bombardierungskapazität
zu übertreffen. Doch dies hielt die Scharnhorst und die Gneisenau nicht davon
ab, bei hellem Tageslicht an Dover vorbeizufahren. In der Zwischenzeit begann
die Wirtschaft des deutschen Europas, bisher in selbstgefälliger Weise als "straff'
eingeschätzt, sich in Wirklichkeit erst an eine Kriegsproduktion in vollem Maßstab
anzupassen. Und ihr Hauptfeind hatte die Niederlage gerade noch an den Toren
Moskaus abwenden können.
Unmögliche Dinge mußten erdacht werden, und das mußte noch vor dem
Frühstück geschehen. Fast aus dem Nichts mußte eine amerikanische Armee ge-
schaffen und über den Atlantik befördert werden, um einen schwer befestigten
Kontinent anzugreifen, der von einer nicht weniger fortgeschrittenen Industriernacht
beherrscht wurde. Aber allein die Vorbereitungen für diese Invasion, vom Erfolg
ganz zu schweigen, waren unmöglich, solange die atlantische U-Bootflotte operieren
durfte. Da Hitler den Krieg nun ernst nahm, war die U-Bootmacht bis Januar 1942
auf eine Flotte von hundert größeren Booten angeschwollen und wurde jede Wo-
che größer. Nach Februar, als die Unsichtbarkeit wiederhergestellt war, konnten sie
Schaden anrichten, der sich Katastrophenniveau näherte - eine halbe Million Ton-
nen im Monat; dies überstieg die gemeinsame Schiffbaurate der neuen Alliierten. Es
war schwer, auch nur den Stand zu halten, geschweige denn die Möglichkeit eines
Sieges aufzubauen.
Alles hatte sich verändert. In Britannien gab es keine Arbeitslosigkeit, wie es
1940 der Fall gewesen war, und nun wurde alles geplant. Tatsächlich fanden sich
Britannien und die Vereinigten Staaten in der Situation, den gesamten Welthandel

* A.d.Ü.: ULTRA - für ultrageheim - war die Bezeichnung für die Arbeit der Kryptoanalytiker in
Bletchley.
Relais-Rennen 259

außerhalb der Jurisdiktion der Achse und der Sowjetunion zu planen. In Bletchley
war die Stimmung einer Landhausparty verschwunden, ersetzt durch eine Einberu-
fung der Intelligentsia, die mit Flotten von Bussen in Buckinghamshire hin- und
herbefördert wurde. Das Chaos von 1940 und das Herumtappen von 1941 waren
gerade noch rechtzeitig gestoppt worden, um nun des "füllhornartigen Überflusses"
Herr zu werden. Nun waren die militärischen Abteilungen gezwungen worden,
ihren Stolz hinunterzuschlucken und sich an den Output von Bletchley anzupassen:
keine sporadischen "goldenen Eier", sondern die Produktion einer intelligenten, inte-
grierten Organisation, die jede Ebene des feindlichen Systems widerspiegelte. 1941
wurde die Bereitstellung von Ressourcen für Bletchley immer noch als Zugeständ-
nis angesehen, als etwas, was dem Krieg der richtigen Männer mit Flugzeugen und
Kanonen entzogen wurde. Sogar am Ende des Jahres waren die Kryptoanalytiker
gezwungen gewesen, mit nicht mehr als sechzehn "Bomben" auszukommen - und
dies, als der Einbruch in eine Anzahl deutscher Armee-Schlüssel-Systeme ihre Er-
fordernisse rapide erhöht hatte. Aber ihr verzweifelter Brief an Churchill hatte eine
Änderung der Einstellung bewirkt. Travis übernahm die Leitung von Denniston
und stand an der Spitze einer Verwaltungsrevolution, welche endlich das Managa-
ment des Nachrichtenmaterials in Einklang mit seiner Herstellungsweise brachte.
Mittlerweile begannen die einzelnen Waffengattungen - in Anerkennung der harten
Tatsache, daß das Nachrichtenwesen vorrangig für Churchills Kontrolle über den
Krieg war -, in ihrem Widerstand gegen Bletchleys Forderungen nachzulassen.
Aber wie wunderbar sich ihr Verstand auch immer konzentrierte, die Tatsache
blieb bestehen, daß das Problem des V-Boot-Enigmas nun ihre Mittel überstieg.
1941 hatte Baracke 8 den Blinden das Sehvermögen gegeben, und wenn diese Er-
fahrung traumatisch gewesen war, so war es ein noch grausamerer Schlag, ihnen
das Sehvermögen wieder zu nehmen. Präziser gesagt, die Admiralität wurde wie-
der, wie Nelson, einäugig. Denn nur die Hochsee-V-Boote hatten das neue System
angenommen. Überwasserfahrzeuge und V-Boote in Küstengewässern verwendeten
weiter einen "Heimat"-Schlüssel, der noch durchbrochen werden konnte. Sie hat-
ten daher Information über die Ausfahrten der V-Boote aus dem Hafen und wußten,
wieviele V-Boote frei herumschwammen - Daten, die mit Sichtungen und Huff-Duff-
Ortungen korreliert werden konnten. Aber das war ziemlich belanglos, verglichen
mit den Einsatzbefehlen und Standortberichten, an die sie sich mittlerweile gewöhnt
hatten.
In Baracke 8 hatte der "black-out" eine andere Bedeutung. Das Spiel war sehr
vergnüglich vor sich gegangen, und nun hatten es die Deutschen zerstört, indem sie
die Regeln veränderten. Die Versuchung bestand, das atlantische Problem als eine
lästige Vnterbrechung anzusehen und mit der faszinierenden Arbeit des Dechiffrie-
rens der Signale aus europäischen Gewässern weiterzumachen. Aber als sie über
die Versenkungen lasen und die düsteren, bedrückenden Seekarten sahen, drang die
Wirklichkeit in das mathematische Spiel ein. Vnd viel von dem Spaß ging verloren.
260 Kapite/4

Was geschehen war, war nicht lediglich eine Änderung des Verfahrens für den
Gebrauch der Enigma-Maschine. Es war eine Änderung in der Maschine selbst. Sie
war in der Weise modifiziert worden, daß sie nun Raum für einen vierten Rotor
besaß. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten die Einstellungen der Marine-Enigma noch
immer mit der Wahl dreier von acht Rotoren zu tun, für die es 336 Möglichkeiten
gab. Wäre die Maschine so modifiziert worden, daß sie die freie Wahl von vier
von neun Rotoren erlaubte, wäre diese Zahl auf 3024 angewachsen (eine neunfa-
che Vergrößerung) und die Stellungen des neuen Rotors hätten obendrein noch eine
weitere sechsundzwanzigfache Vergrößerung mit sich gebracht. Doch dazu kam es
nicht. Es gab in der Tat einen neuen - neunten - Rotor, doch hatte der an sei-
nem Platz zu bleiben. Es war nur die alte Maschine, an deren Ende ein neuer
Rotor angebracht worden war, der sechsundzwanzig verschiedene Stellungen ein-
nehmen konnte. Das entsprach einer Situation mit sechsundzwanzig verschiedenen
Reftektorverdrahtungen. Infolgedessen war das Problem nicht 234 mal, sondern nur
sechsundzwanzigmal schwieriger geworden.
Es war eine halbherzige Maßnahme, so wie die Verschlüsselung der Kartenver-
weise, und war infolge derselben Fehlüberlegung durchgeführt worden: des internen
Schutzes der U-Boot-Nachrichten. Es war nicht britische Kryptoanalyse, vor der die
Deutschen Angst hatten. Doch auch wenn es eine halbherzige Maßnahme war, war
es eine Änderung, die Baracke 8 von des Messers Schneide in eine fast totale Blind-
heit stürzte. Es war schon ein Glücksfall, daß sich die Zahlen überhaupt als richtig
erwiesen und Bomben ermöglichten, die Stunden statt Wochen benötigten. Die
Marine-Enigma hatte bereits jeden Nerv zum Zerreißen gespannt, wenn es darum
ging, die Entschlüsselung in den ein oder zwei Tagen zu erreichen, die notwendig
waren, damit die Umleitung von Konvois möglich wurde. Die sechsundzwanzigfa-
che Steigerung verwandelte nun jede Stunde in einen Tag oder erforderte den Einsatz
von sechsundzwanzig Bomben anstelle jeder einzelnen, die sie 1941 benutzt hatten -
sofern nicht der Erfindungsgeist einen anderen Weg fand.
Einen Punkt auf dem Weg zum Erfolg hatten sie bereits: sie kannten die Ver-
drahtung des neuen, vierten Rades. Das lag daran, daß die neuen vier-rotorigen
Enigmas keine neuen Maschinen waren, sondern modifizierte Versionen der alten.
Das vierte Rad hatte sich Ende 1941 in den U-Boot-Maschinen in einer "neutralen"
Stellung befunden, und eines Tages hatte es ein U-Boot-Chiffreur unachtsamerweise
aus dieser Stellung herausgedreht, während er eine Nachricht verschlüsselte; Ba-
racke 8 bemerkte das resultierende Kauderwelsch und registrierte auch die erneute
Übertragung der Nachricht bei der korrekten Einstellung. Dieser elementare Fehler
der Wiederholung, der so leicht geschehen konnte, solange die Deutschen völlig auf
ihre Maschinen vertrauten, hatte es den britischen Analytikern ermöglicht, auf die
Verdrahtung des Rades zu schließen. Mit dieser Information versehen, gelang es ih-
nen tatsächlich, den Funkverkehr vom 23. und 24. Februar sowie den des 14. März
zu entschlüsseln - Tage, für die sie besonders gute "Cribs" aus Nachrichten hatten,
Relais-Rennen 261

die ebenfalls verschlüsselt worden waren, jedoch mit anderen, entschlüsselbaren


Systemen. * Es dauerte jedoch sechsundzwanzigmal zu lange: sechs Bomben, die
siebzehn Tage lang liefen, wurden benötigt. Diese Entwicklung veranschaulichte
gut die Zufallsabhängigkeit des gesamten Unternehmens. Wäre diese vergrößerte
Enigma von Anfang an zum Einsatz gekommen, hätte die Schatzsuche vielleicht
niemals polnischen Boden verlassen.
"Schneller, schneller!" rief jetzt die Weiße Königin, aber nichts konnte Bomben
über Nacht sechsundzwanzigmal schneller machen. Es hätte allerdings eine Gele-
genheit dazu gegeben, sich auf den schrecklichen Tag vorzubereiten, da es schon seit
Frühjahr 1941 in den entschlüsselten Nachrichten Hinweise auf die Hinzufügung ei-
nes vierten Rotors gegeben hatte. Die Analytiker von Baracke 8 machten sich später
Vorwürfe, daß sie diese Tatsache nicht mit größerem Nachdruck der Verwaltung ge-
genüber zum Ausdruck gebracht hatten. Doch unter den Umständen des Jahres 1941
war es völlig unrealistisch, an die Bereitstellung von Ressourcen für größere und
bessere Bomben zu denken, um einer möglichen, zukünftigen Entwicklung vorzu-
beugen, während sie dafür kämpfen mußten, überhaupt genügend Bomben dafür
zu bekommen, daß sie mit dem vorhandenen Funkverkehr Schritt halten konnten.
Die Behörden hatten diesen Vorteil des Vorherwissens vergeben. Aber das Durch-
einander von Ende 1941 hatte eine flexiblere Haltung zur Folge, und als ein sehr
wichtiges Ergebnis der drohenden Marine-Enigma-Krise konnte zum Jahreswechsel
neue Verstärkung auf der technischen Seite verzeichnet werden.
Eine offensichtliche Lösung bestand in der Erweiterung der Bombe, so daß sie
den neuen vierten Rotor enthielt, der seine sechsundzwanzig Stellungen mit ex-
trem hoher Geschwindigkeit durchlief. Die Aufgabe, ein solches Hochgeschwin-
digkeitsrotorsystem zu entwerfen, wurde dem erfinderischen Physiker aus Cam-
bridge, c.E. Wynn-Williams, übertragen, der 1941 für das Radarforschungslabo-
ratorium arbeitete, das später Telecommunications Research Establishment (TRE)
genannt wurde, als es im Mai 1942 nach Malvern umzog.
Ein Aspekt dieser Zuordnung bestand darin, daß sich, auf Grund der vorge-
sehenen hohen Geschwindigkeiten, das logische System für das Durchlaufen der
unterschiedlichen Implikationen jeder hypothetischen Rotorposition nicht länger als
Schaltung von elektromagnetischen Relais realisieren ließ. Sie waren zu langsam.
Statt dessen wurde ein elektronisches System erforderlich. So kam es zu den ersten
Vorschlägen für den Einsatz der neuen und geheimnisvoll-unbekannten elektroni-
schen Technik in Bletchley.
Es dürfte Alan gefallen haben, daß der Name "Elektronik" von dem Wort "Elek-
tron" herrührte, das sein entfernter Verwandter George Johnstone Stoney geprägt

* Der "Crib" für den 14. März rührte von einer speziellen Nachricht her, die sowohl im (entschlüssel-
ten) Heimat-Schlüsselsystem als auch im V-Boot-System gesendet worden war, die die sicher sehr
wichtige Neuigkeit enthielt, daß Dönitz zum Admiral befördert worden war.
262 Kapite/4

hatte. (Er pflegte sich verächtlich zu der Tatsache zu äußern, daß Stoney lediglich
für die Erfindung eine Namens berühmt war.) Elektronenröhren konnten in einer
Millionstelsekunde reagieren, da es darin mit Ausnahme der Elektronen selbst keine
beweglichen Teile gab, während das elektromagnetische Relais mechanische Teile
besaß. Hierin lag die Möglichkeit einer tausendfachen Geschwindigkeitssteigerung,
zu einer Zeit, als sie unter besonderem Druck standen. Aber Elektronenröhren wa-
ren für ihre Störanfalligkeit berüchtigt und abgesehen davon heiß, umständlich und
teuer. Es gab nur wenige, die die Kenntnisse und Fähigkeiten besaßen, die für ihren
Einsatz benötigt wurden.
Genauer gesagt erforderten Lösungen für die Probleme Bletchleys den Einsatz
elektronischer Bauteile in logischen Systemen als Schalter anstelle von Relais. Doch
die vorherrschende Verwendung der Elektronenröhre bestand weiterhin in ihrem
Einsatz als Verstärker für den Radioempfang. Es war eine völlig andere Sache, sich
elektronische Bauteile als Ein-oder-Aus-Schalter vorzustellen, obwohl das Prinzip
schon 1919 vorgeführt worden war. Was dies betraf, hatte Wynn-Williams den
Vorteil, Pionier der Entwicklung elektronischer Geiger-Zähler gewesen zu sein und
war somit einer von der noch geringeren Zahl von Menschen, denen klar war, daß
sich Elektronik auf ein diskretes Problem anwenden ließ.
Obwohl die Radarforschung einen Fundus außergewöhnlichen elektronischen
Fachwissens geschaffen hatte, war das TRE nicht die einzige Einrichtung, die über
Elektronikingenieure verfügte. Es gab auch noch die im Londoner Vorort Dollis
Hill gelegene Post Office Research Station. Sie war gegründet worden, um das
Post Office bei der Einführung eines modemen Telephonsystems vor den mono-
polistischen Praktiken der Gerätehersteller zu schützen. Sie stellte die Vorhut des
einzigen staatseigenen Industriezweiges während der dreißiger Jahre dar und hatte
ungeachtet der Tatsache, daß kaum Geld zur Verfügung stand, ein hohes Niveau in
der Forschung aufrechterhalten. Ihre jungen, in hartem Wettbewerb ausgelesenen
Ingenieure hatten Ambitionen und Fähigkeiten, die bei weitem die sich auf Grund
der Wirtschafts lage in den dreißiger Jahren bietenden Möglichkeiten überstiegen.
Ihr Dienstältester, T.H. Flowers, war42

... 1930 probeweise als Ingenieur bei der Research Station angestellt worden, nachdem er
seine Lehrzeit am Woolwich Arsenal absolviert hatte. Seine Hauptforschungsinteressen
sind während der Jahre langreichweitige Nachrichtenübermittlung und insbesondere das
Problem der Übermittlung von Steuerungssignalen gewesen, die die Ersetzung mensch-
licher Operatoren durch automatische Schaltanlagen ermöglichten. Schon zu diesem
frühen Zeitpunkt besaß er umfangreiche Kenntnisse der Elektronik und hatte schon 1931
mit Untersuchungen über den Einsatz von Elektronenröhren für telephonische Schal-
tungen begonnen. Diese Arbeit hatte zu einem experimentellen Selbstwählnetz mit
Gebührenzählung geführt, das mit Sicherheit schon 1935 betriebsbereit war ...

Auf dem Gebiet elektronischer Schaltungen war man also weltweit führend.
Relais-Rennen 263

Die Tatsache, daß ein TRE-Experte bei einem GC and CS-Projekt mitwirken
konnte, spiegelte bereits die durch die Bedingungen des Jahres 1942 hervorgeru-
fene Aufhebung von Grenzen wider. Es war um so bemerkenswerter, daß auch
noch eine dritte Institution, die Post Office Research Station, hinzugezogen wer-
den konnte. Ihre Ingenieure übernahmen in der Tat zwei verschiedene Projekte, die
von der Krise um die Marine-Enigma herrührten. Bei der Entwicklung der Hoch-
geschwindigkeitsversion des vierten Rotors erhielt Wynn-Williams Unterstützung
durch W.W. Chandler, einem jungen, 1936 vom Post Office eingestellten Mann,
der sich Kenntnisse in der neuartigen Verwendung von Elektronenröhren für Fern-
leitungsschaltungen angeeignet hatte. Währenddessen erhielt Flowers selbst Un-
terstützung von S.W. Broadhurst, einem Elektromechanikingenieur, der während des
Wirtschaftstiefs der zwanziger Jahre nur als "Arbeiter" hatte eingestellt werden
können, der jedoch durch seine Kenntnisse automatischer Telephonschaltanlagen
seinen Weg nach oben in diese führende Stellung in Dollis Hill gemacht hatte. In
Bletchley arbeiteten sie an einer gänzlich anderen Maschine, mit der das Testen
von "Stops" automatisiert werden sollte. Beabsichtigt wurde damit, die große Zahl
falscher "Stops" (die mit der erhöhten Zahl von Rotorpositionen zu erwarten waren)
weitaus schneller zu eliminieren als dies möglich gewesen wäre, wenn sie wie bisher
jede Position von Hand auf einer Enigma ausprobiert hätten.
Mit diesen Entwicklungen war im Frühjahr 1942 begonnen worden, aber ihre
Ergebnisse waren enttäuschend. Wynn-Williams schien häufig kurz vor dem Erfolg
mit seinem Hochgeschwindigkeitsrotor zu stehen, schaffte es aber in jenem Jahr nie.
Die auf die Entwicklung eines zugeordneten elektronischen Schaltnetzes verwandten
Anstrengungen zielten daher ins Leere. Die Stop-Test-Maschine andererseits wurde
entwickelt, gebaut und lief schon im Sommer 1942. Aber es stellte sich heraus, daß
es schließlich für sie keine praktische Einsatzmöglichkeit gab. Inzwischen hatten
Flowers und seine Kollegen Keen Vorschläge für die Verbesserung der Bomben vor-
gelegt, die den Einbau einiger elektronischer Bauteile vorsahen, doch diese wurden
abgelehnt.
Der Sommer 1942 brachte daher keine sehr glückliche Lage mit sich und dafür
um so enttäuschtere junge Ingenieure. Ihre Elektronik war zur Nutzlosigkeit ver-
dammt, und auch Alan, der ihnen sagte, was benötigt wurde, war nicht vorange-
kommen. Es war ein Schritt in die richtige Richtung, aber der Atlantik blieb so
undurchlässig, wie er es im Februar gewesen war.
Baracke 8 hatte unterdessen weiteres kryptoanalytisches Personal bekommen,
aber insgesamt waren sie fast nie mehr als sieben. Ende 1941 hatte Hugh Alexan-
der den Schachmeister Harry Golombek hinzu geholt, der ebenfalls aus Argentinien
zurückgekehrt war, aber zu zwei Jahren Dienst in der Infanterie verpflichtet worden
war. Dann kam im Januar 1942 Peter Hilton, der gerade eben ein Trimester Mathe-
matik in Oxford studiert hatte und nur achtzehn Jahre alt war. Er beschrieb seine
Einführung wie folgt: 43
264 Kapitel 4

. .. dieser Mann kam herüber, um mit mir zu sprechen, und sagte: "Mein Name ist
Alan Turing. Sind Sie an Schach interessiert?" Ich dachte natürlich: "Jetzt werde ich
herausfinden, worum es hier eigentlich geht!" Ich sagte also: ,,Ja, das bin ich allerdings."
Er sagte: "Oh, das ist sehr gut, denn ich habe hier ein Schachproblem, das ich nicht
lösen kann."

Ein ganzer Tag verging, bevor Peter Hilton herausfand, was er dort zu tun hatte.
Doch während das Jahr 1942 seinen bitteren Lauf nahm, nahm dieser abnormale
Organisationsstil einen glatteren, eher geschäftlichen Charakter an. Alan blieb "der
Prof', aber sanft und leise wurde Hugh Alexander mehr und mehr zum de facto
Leiter. So nett wie möglich wurde Alan der Teppich unter den Füßen weggezogen.
Er hatte dem Marine-Enigma zum Leben verholfen, aber es bedurfte einer geschick-
teren Person, um dessen Entwicklung zu beschleunigen. Ihm fehlten der Sinn fürs
Detail wie auch andere Fähigkeiten in der Menschenführung. Hugh Alexander war
zum Beispiel jemand, der einen perfekt formulierten Bericht aufsetzen und schreiben
konnte, ohne eine einzige Stelle darin auszustreichen - ganz und gar keine Stärke
Turings. Es war unvermeidlich, daß Alan den Verlust spürte, wie jemand, dem sein
Baby weggenommen worden war. Aber er konnte nicht bestreiten, daß Alexander
der bessere Organisator war, auch wenn dadurch die annehmlicheren Arrangements
von 1941 durcheinandergebracht wurden. Jack Good bemerkte44

. .. ein Beispiel für Hugh Alexanders Technik als Organisator. Da die Einheit 24 Stun-
den am Tag arbeitete, hatten wir ein Drei-Schicht-System, und es gab daher bei den
"Mädchen" drei Schichtführerinnen. Eine von ihnen machte sich unbeliebt, da sie stets
in Panik geriet, obwohl sie ansonsten ein völlig normales soziales Verhalten an den Tag
legte. Hugh sagte, er wolle ein Experiment mit einem komplizierten Fünf-Schicht-System
machen, also wurden zwei neue Schichtführerinnen benötigt. Nach einigen Wochen war
er zu der Ansieht gekommen, daß das Experiment fehlgeschlagen war, und er kehrte
zum Drei-Schieht-System zurück. Zwei der Schiehtführerinnen mußten fallengelassen
werden, und Sie werden erraten, wer die eine von ihnen war.

Alan hätte sich nicht im Traum eine so verschlagene List einfallen lassen, wenn
er auch laut genug gelacht haben soll, als sie ihm erklärt wurde. Er hatte sich
tatsächlich in den vergangenen Tagen von 1940 den "Mädchen" gegenüber sehr
hilfsbereit verhalten, wenn es um die Regelung von Abwesenheit und Arbeitsstunden
ging. Aber jetzt war eine professionellere Auffassung von Management vonnöten.
Mehr und mehr wurde er von den unmittelbar anstehenden Problemen fortgelotst,
hinein in längerfristige Forschungsprojekte. Es war eine persönliche Enttäuschung
für ihn, denn ihm hatte die Schichtarbeit so sehr wie allen anderen gefallen, und er
brauchte das Gespür für das Ganze von Anfang bis Ende des Vorgangs. Aber es ging
um eine rationale Art, von seinem abstrakten Denkvermögen Gebrauch zu machen.
Obwohl er in technischer Hinsicht noch immer Baracke 8 zugeordnet war, arbeitete
er jetzt in einem eigenen Büro und wurde gewissermaßen Hauptberater der GC and
Relais-Rennen 265

CS. Während die anderen nach dem System des "jeweils benötigten Wissens" ar-
beiteten und nichts außerhalb des spezifischen Gebiets, mit dem sie zu tun hatten,
wissen durften, wurde seine Rolle nicht mehr eingeschränkt. Der "Prof' wurde zu
allem hingeführt und tiefer und tiefer in den ungeheuer erweiterten Nachrichtenver-
kehr hineingezogen, der inzwischen eine Welt in totalem Krieg widerspiegelte. Es
war nicht mehr wie früher, aber er konnte nicht klagen. Es war Krieg, und er besaß
eine einzigartige Fähigkeit, seinem Land ein Bild von der Lage zu geben.
Es gab ein anderes Bild, das sich bruchstückhaft zusammenzusetzen begann
und das fast ebenso aufregend wie das der V-Boote im Atlantik war. Die Ana-
lytiker hatten damit begonnen, eine seltene Art von Funkverkehr abzuhören. Er
unterschied sich im Charakter grundlegend von den Enigma-Signalen. Der Funk-
verkehr war nicht in Morsecode, sondern wies Ähnlichkeiten zu Fernschreibersigna-
len auf. Fernschreiberübertragungen, die während der dreißiger Jahre eine schnelle
Entwicklung durchlaufen hatten, verwendeten den Baudot-Murray-Code - nicht den
Morsecode - da dies ein System war, dessen Betrieb automatisiert werden konnte.
Der Baudot-Murray-Code stellte die Buchstaben des Alphabets mittels der zweiund-
dreißig verschiedenen Möglichkeiten dar, die ein fünftöchriges Papierband bot. Ein
Fernschreiber konnte das sich ergebende Lochmuster direkt in Impulse umwandeln;
auf der Empfangerseite ließen sich die Impulse ohne menschliches Eingreifen in eine
geschriebene Nachricht zurückübersetzen. Die Idee war in Deutschland in der Ab-
sicht entwickelt worden, maschinelle Verschlüsselungssysteme zu bauen, in denen
Verschlüsselung, Übertragung und Entschlüsselung automatisiert waren - Systeme,
die bequemer waren und die einen viel effektiveren Gebrauch von aktueller Technik
machten als die Enigma.
Von einem logischen Standpunkt aus betrachtet, konnte ein "Loch" in dem Band
ebensogut eine 1 sein und das "Nicht-Loch" eine O. Die Übertragungen hatten daher
die Form von fünf Folgen von Binärziffern, 0 und 1. Es war den Kryptographen
schon vor langer Zeit klargeworden, daß der Baudot-Murray-Code als Grundlage
für einen "additiven" Typ von Chiffre verwendet werden konnte. Das Prinzip war
mit dem Namen des amerikanischen Erfinders G.S. Vernam geschmückt worden.
Eine Vernam-Chiffre beruhte auf der einfachsten möglichen Art von Addition, da
"modulare" Addition mit binären Ziffern nur auf den in der Abbildung angegebenen
Regeln beruhte.

~.
Klar.
0 1

0 0 1

1 1
266 Kapitel 4

Das heißt, es konnte ein Fernschreiberband mit Klartext zu einem Band, das den
Schlüssel enthielt, gemäß der Regel "addiert" werden, derzufolge ein "Loch" im
Band mit dem Schlüssel das Klartextband veränderte (von "Loch" zu "kein Loch"
und umgekehrt), während ,,kein Loch" den Klartext unverändert ließ:*

•• • • •• •• • • ••
•••• ••• •
Klartext

••••• ••
• •• • • • • •• • •
+ Schlüssel
• • •• • • •• •• •
• • • •
• •• • • •• • ••• •• •
= Chiffre
~ • • • • •• • • •
{

Wenn die Schlüssel völlig zufällig generiert und nur ein einziges Mal verwen-
det wurden, war ein derartiges System sicher, sowohl für Binärziffern als auch
für Dezimalziffern. Wenn alle Schlüssel gleich wahrscheinlich waren, dann konnte
kein Evidenzgewicht für irgendeinen speziellen möglichen Klartext ermittelt wer-
den. Doch das war nicht der Fall bei diesen Übertragungen der Deutschen .. Der
Schlüssel wurde durch die Operation einer Maschine erzeugt. Es waren zwar einige

* Sie sahen das Band wie abgebildet als von links nach rechts zu lesen an. so daß es fünf "Zeilen"
zu haben schien. Die Bezeichnung entspricht nicht der üblichen Terminologie, sie wird aber in der
Folge aus Konsistenzgründen verwendet werden.
Relais-Rennen 267

unterschiedliche Arten von Fernschreiberverschlüsselungsmaschinen in Gebrauch,


doch trugen sie gemeinsame Merkmale. Der Schlüssel kam stets durch die irre-
guläre Bewegung von etwa zehn Rädern zustande. 45 Diese Maschinen erzeugten
nicht tatsächlich ein Papierband mit dem Schlüssel, doch lief das vom Standpunkt
eines Kryptoanalytikers aus betrachtet auf dasselbe hinaus.
Wie auch bei der Enigma gab es immer die Möglichkeit der tatsächlichen Er-
beutung der Geräte, und die deutschen Kryptographen hätten mit dieser Situation
rechnen sollen. Doch wie sich herausstellte, kam der wichtige Einbruch in diesen
Typ von Funkverkehr nicht auf diese Weise zustande. 1941 sprach jemand in Blet-
chley die Vermutung aus, daß eine gewisse Nachricht zweimal ausgesendet worden
war, und das auf eine sehr spezielle Weise. Eine Lücke in den Bedienungsvor-
schriften der Maschine hatte einen elementaren Fehler ermöglicht. Die Nachricht
war jedesmal mit demselben Schlüssel verschlüsselt worden, wobei der Schlüssel
in einer Übertragung um einen Buchstaben nach vorne gerückt war. Sobald ein-
mal diese Vermutung gemacht worden war, war die Rückgewinnung des Schlüssels
sowie auch des Klartextes ein einfacher Schritt.
Bei einer auf völlige Sicherheit ausgelegten Maschine hätte jegliches weitere
Vorankommen sich als unmöglich herausstellen sollen. Die auf diese Weise auf-
gedeckte Folge von Schlüsseln hätte zufällig, das heißt frei von irgendwelchen er-
kennbaren Mustern aussehen müssen. Aber sie war es nicht. Die entscheidende Be-
obachtung wurde von W.T. Tutte gemacht, einem jungen Chemiker aus Cambridge,
der Mathematiker geworden war. Das war der Durchbruch, der dem entsprach, was
die Polen 1932 mit der Enigma erreicht hatten. Wie jene Arbeit, stellte auch diese
eher eine logische als eine physische Erbeutung der Maschine dar, und auch diesmal
war es nur der allererste, unabdingbare Schritt. Im Unterschied zu damals hatte
die deutsche Industrie diesmal eine größere Anstrengung unternommen. Hier han-
delte es sich nicht mehr um eine aufgerüstete Version eines kommerziellen Gerätes,
wie es die Enigma war. Ein weiterer Unterschied lag in seiner Rolle im deutschen
Militärsystem. Dieser Nachrichtenverkehr war selten, aber signifikant und übertrug
ranghohe Berichte und Einschätzungen. Er brachte Bletchley viel näher an Berlin
heran, als Hitler gerade die persönliche Lenkung des Krieges übernahm.
Selbst bei einer tatsächlichen Erbeutung der Maschine hätte weitere Kryptoana-
lyse unmöglich sein müssen: so lautete die Grundregel guter Kryptographie. Und die
"Periode" des Verschlüsselungsmechanismus war nicht 17576, sondern eine wahrlich
"ungeheuer große Zahl". Aber diese Probleme stellten sich als nicht gänzlich unüber-
windbar heraus, und schon 1942 fingen die Analytiker langsam damit an, Verfahren
zur Ausnutzung ihrer inzwischen erreichten Kenntnisse zu entwickeln. Die Arbeit
an diesem speziellen Typ* von maschinell verschlüsselten Nachrichtenverkehr wurde
bekannt unter dem Namen "Fisch". Eine der wichtigsten und allgemeinsten Metho-

* Andere Typen von Femschreiberverschlüsselungsmaschinen blieben unzugänglich.


268 Kapitel 4

den wurde von Alan, auf Tuttes Arbeit aufbauend, im Verlauf seiner monatelangen
Beschäftigung mit "Fisch" im Jahre 1942 entwickelt. Sie wurde als "Turingismus"
bekannt.
Ein neuer Industriezweig schoß in Bletchley hervor. Auch so gesehen bedeutete
das Jahr 1942, daß wieder mit allem von vorne begonnen werden mußte. Aber
es sollte sich nicht zu einer Angelegenheit Alan Turings entwickeln, wie es die
Marine-Enigma gewesen war. Zum einen war nicht er es gewesen, der die Sache
in Gang gebracht hatte, zum anderen war es jemand anders, der hier den Schritt zur
Mechanisierung der Analyse unternahm. Dabei handelte es sich um Newman, der
im Sommer 1942 ankam.
Newman war durch seinen Freund P.M.S. Blackett, Physiker in Cambridge und
Fellow am King's College, angeworben worden. Seit 1937 war er Professor der
Physik in Manchester und beschäftigte sich gerade mit der Anwendung statistischer
Analyse auf das Problem der Konvoi-Organisation. (Denn zu guter Letzt erlaubte
die Admiralität ebenso wissenschaftlichen Einfluß auf ihre Operationen wie auf ihren
Geheimdienst. )
Newman wurde der Forschungsabteilung zugewiesen, um sich den "Fisch"-
Signalen zu widmen, doch konnte er sich mit den auf Handbetrieb beruhenden
Verfahren nicht gerade anfreunden. Er dachte schon daran, nach Cambridge zurück-
zugehen, als ihm die Entdeckung eines Verfahrens gelang, das automatisiert werden
konnte. Der theoretische Ansatz beruhte auf den statistischen Methoden, die Alan
während der Jahre 1940 und 1941 entwickelt hatte. Diese Überlegungen waren in
der Tat für Newmans Pläne von entscheidender Bedeutung. Aber ihre Durchführung
machte den Bau völlig neuartiger Maschinen zur Ausführung sehr schneller Zähl-
operationen erforderlich. Newman überredete Travis dazu, diese Entwicklung zu
genehmigen, und bereits im Herbst 1942 wurden die existierenden Verbindungen zur
Post Office Research Station ins Spiel gebracht. Diese Anerkennung ihrer brachlie-
genden Fähigkeiten hatte zur Folge, daß die Elektronikingenieure doch noch einen
wichtigen Beitrag liefern konnten. Den Rest des Jahres 1942 hatte das Projekt mit
Schwierigkeiten auf der technischen Seite zu kämpfen, doch hatte das weniger mit
der Elektronik zu tun, als vielmehr mit mechanischen Problemen, die auftraten, wenn
Papierband sehr schnell durch ein Lesegerät geführt wurde.
Alan war völlig mit diesem Projekt vertraut, doch seine aktive Rolle bei der
"Fisch"-Analyse war auf "Turingismus" beschränkt. Dieser wurde im Herbst 1942
von der Testery* genannten Abteilung übernommen, in der sie sich im Handbetrieb
an den "Fisch"-Nachrichten versuchten - ebenso wie Jahre zuvor mit der Enigma-
Entschlüsselung auf mühselige Weise begonnen worden war. Peter Hilton war von
Baracke 8 dorthin versetzt worden, und im Herbst 1942 gab es einen weiteren
Neuankömmling, einen sogar noch jüngeren Mann, direkt von Rugby School. Es

* Der Name rührte nicht vom Testen, sondern von deren Leiter, einem Major Tester, her.
Relais-Rennen 269

war Donald Michie, der ein Stipendium für klassische Sprachen in Oxford gewonnen
hatte und der, während er auf den Beginn eines Japanisch-Kurses wartete, an der
elementaren kryptologischen Ausbildung teilgenommen hatte. Sobald sein Talent
erkannt worden war, befand er sich auch schon im Zentrum der Aktivität in Blet-
chley. Er und Peter Hilton entwickelten den Turingismus gemeinsam weiter und
erstatteten seinem Erfinder Bericht über ihre Ideen.
Obwohl die Neuigkeiten so unaufhörlich düster und die Aussichten so unsicher
waren, konnte 1942 ein wunderbares, befreiendes Jahr für die Jüngeren sein, zieht
man die Gelegenheiten und Ideen in Betracht, die im Frieden niemals möglich gewe-
sen wären. Alans eigene Jugendlichkeit machte ihn bei den jüngeren Rekruten sehr
beliebt. Es war in der Tat sein dreißigster Geburtstag, als der Fall von Tobruk als
letzte in einer Serie von Katastrophen kam, aber für jene, die frisch von der Schule
kamen, war es schwierig zu entscheiden, ob einer, der selbst so "schuljungenhaft"
war, schon dreißig sein konnte, oder ob jemand von so hohem intellektuellem Rang
noch so jung sein konnte. Ein Gespräch mit ihm war, als sei man in das Studierzim-
mer eines älteren Schülers eingeladen, wo "House Colours" und "Chapel Parade"*
verbotenem Jazz und den Romanen von D.H. Lawrence Platz machten, wo aber der
Hausvorstand ein Auge zudrücken mußte, weil ein wertvolles Stipendium errungen
worden war.
Peter Hilton war ein spritziger Erzähler, und seine liebste Turing-Geschichte
betraf die Horne Guard**. Kurioserweise bestanden die Behörden darauf, daß sich
die Bletchley-Analytiker in ihrer Freizeit soldatisch betätigten. Die Abteilungslei-
ter waren ausgenommen, aber Alan erfaßte die Leidenschaft, den fachmännischen
Umgang mit einem Gewehr zu erlernen, was Harry Golombek erstaunte, der nach
zwei Jahren in der Armee keinen solchen Enthusiasmus hatte. Alan ließ sich für die
Infanterieabteilung der Horne Guard anwerben, und um dies zu tun 46

mußte er ein Formular ausfüllen, und eine der Fragen auf diesem Formular war: "Ver-
stehen Sie, daß Sie sich durch den Eintritt in die Horne Guard der Militärgerichtsbarkeit
unterstellen'!" "Nun", sagte Turing, absolut charakteristisch: "Es kann kein denkbarer
Vorteil damit verbunden sein, diese Frage mit ,ja' zu beantworten", und deshalb beant-
wortete er sie mit "nein". Und natürlich wurde er ordnungsgemäß aufgenommen, denn
die Leute schauen nur nach, ob diese Dinger am Fuß der Seite unterschrieben sind. Und
so ... durchlief er das Training und wurde ein erstklassiger Schütze. Nachdem er ein
erstklassiger Schütze geworden war, hatte er keine weitere Verwendung für die Horne
Guard. So hörte er auf, zum Appell zu kommen. Und dann näherten wir uns eigentlich
einer Zeit, als die Gefahr einer deutschen Invasion zurückging, und so wollte Turing mit
anderen und besseren Dingen weitermachen. Aber natürlich wurden die Berichte, daß er
beim Appell fehlte, ständig ans Hauptquartier weitergegeben, und der die Horne Guard
befehligende Offizier zitierte Turing schließlich herbei, damit er sein wiederholtes Fehlen

* A.d.Ü.: Fahnenparade und Appell


** A.d.Ü.: Bürgerwehr
270 Kapitel 4

erkläre. Es war ein Colonel Fillingham, ich erinnere mich sehr gut an ihn, weil er in
derartigen Situationen absolut apoplektisch wurde.
Diese war vielleicht die ärgste, mit der er zu tun hatte, denn Turing kam, und als er
gefragte wurde, warum er nicht an den Appellen teilgenommen habe, erklärte er, er sei
nun ein ausgezeichneter Schütze, und das sei der Grund seines Beitritts gewesen. Und
Fillingham sagte: "Aber es ist nicht Ihre Entscheidung, ob sie an den Appellen teilnehmen
oder nicht. Wenn Sie zum Appell gerufen werden, ist es ihre Pflicht als Soldat daran
teilzunehmen". Und Turing sagte: "Aber ich bin kein Soldat". Fillingham: "Was soll das
heißen, Sie sind kein Soldat! Sie unterstehen der Militärgerichtsbarkeit!" Und Turing:
"Wissen Sie, ich habe mir doch gedacht, daß eine solche Situation eintreten könnte",
und zu Fillingham sagte er: "Ich weiß nicht, daß ich dem Militärrecht unterstehe." Und
überhaupt, um die Geschichte kurz zu machen, sagte Turing: "Wenn Sie mein Formular
anschauen, werden Sie sehen, daß ich mich gegen diese Situation geschützt habe." Und
so holten sie natürlich das Formular; sie konnten ihm nichts anhaben; er war nicht
ordnungsgemäß angeworben worden. So konnten sie nichts anderes tun, als zu erklären,
daß er kein Angehöriger der Horne Guard sei. Natürlich paßte ihm das vollkommen. Es
war ganz charakteristisch für ihn. Es ging auch nicht darum, besonders clever zu sein.
Es war einfach nur, daß er dieses Formular für bare Münze nahm und entschied, was
die optimale Strategie beim Ausfüllen eines solchen Formulars sei. Das sah ihm ganz
ähnlich, so war er durch und durch.

Dieses "Looking Glass"-Spiel, Anweisungen wörtlich zu nehmen, rief einen ähnli-


chen Wirbel hervor als man herausfand, daß sein Personalausweis nicht unterschrie-
ben war, weil man ihm gesagt hatte, er solle nichts darauf schreiben. Es trat zutage,
als er bei einem Spaziergang auf dem Lande von zwei Polizisten angehalten und
verhört wurde. Sein ungeschicktes Auftreten und seine Gewohnheit, wilde Blu-
men in den Hecken zu untersuchen, hatten die Phantasie eines Spione witternden
Bürgers47 erregt.
Außer der Beteiligung an solchen Siegen über Spießer und Bürokraten gab es
das Erlebnis des freien Umgangs mit Leuten, die zu den besten britischen Mathe-
matikern gehörten, in einer Art geheimer Universität, einer, in der Tradition und
Form, zusammen mit Rang, Alter, Titeln und all solchen Oberftächlichkeiten igno-
riert wurden. Worauf es ankam, war die Fähigkeit zu denken. Und sie hatten einen
mathematischen Flash Gordon, einen logischen Superboy, um ihnen Mut zu geben-
einen, der sich weigerte, sich eine Niederlage einzugestehen oder irgendwelche
Beschränkungen ihrer Fähigkeit zum Erfolg. Für Peter Hilton war Alan 48

... ein sehr leicht zugänglicher Mann - obwohl man immer fühlte, daß da viel mehr war,
von dem man überhaupt nichts wußte. Da war immer ein Gefühl dieser immensen Kraft
und seiner Fähigkeit, jedes Problem zu bewältigen, und immer von den Grundprinzipien
her. Ich meine, er machte nicht nur ... eine Menge theoretischer Arbeit, sondern er
entwarf tatsächlich Maschinen, die bei der Lösung der Probleme helfen sollten - auch
mit allen dafür erforderlichen elektrischen Schaltungen.

Er entwarf zum Beispiel eine spezielle Maschine, um Harry Golombek bei der Ana-
Relais-Rennen 271

lyse des besonderen Enigma-Systems zu helfen, welches von den deutschen Motor-
torpedobooten verwendet wurde. Eine andere entwarf er, um sie für das Hauptpro-
blem des Marine-Enigmas zu verwenden; es ging um viel mehr als die Bombe. Die
Technologie war nicht immer neu; so erforderte der Banburismus-Prozeß die Ver-
wendung von Papierblättern, auf denen chiffrierte Texte durch Löcher repräsentiert
waren. Diese mußten gegeneinander bewegt und deckungsgleiche Löcher mühsam
gezählt werden, bevor die verfeinerten statistischen Methoden angewendet werden
konnten. Es lag eine Andeutung von Ironie in der von Alan gewählten Bezeichnung
für diesen Vorgang, ROMSing - eine Anspielung auf den fortschrittlichen Slogan
"The Resources of Modem Science". Aber sie führte auch die wesentliche Eigenheit
der Arbeit in Bletchley vor Augen. Alan war mittendrin und niemals zu stolz, sich
mit dem "Langweiligen und Elementaren" die Hände schmutzig zu machen:

Auf all diese Arten löste er immer das ganze Problem und drückte sich nie vor einer
Berechnung. Wenn es um die Frage ging, wie sich etwas tatsächlich in der Praxis
verhalten würde, machte er auch alle numerischen Berechnungen selbst.
Wir waren alle sehr von ihm inspiriert, seinem Interesse an der Arbeit, aber zugleich
seinem Interesse an fast allem anderen ... Und es war ein Vergnügen, mit ihm zu arbeiten.
Er hatte große Geduld mit jenen, die nicht so begabt waren wie er. Ich erinnere mich,
daß er mich immer enorm ermutigte, wenn ich etwas tat, was überhaupt beachtenswert
war. Und wir hatten ihn sehr, sehr gern.

Alans "große Geduld" war üblicherweise nicht sein auffälligster Charakterzug,


auch seine Zugänglichkeit war es nicht. Aber Peter Hilton war in der Tat der
schnellste Denker der neuen "Fisch"-Gruppe, und er holte sich die lohnendsten
Aspekte aus der "kreativen Anarchie", die Alan Turing verkörperte. Es war die
reine Freude, etwas Neues fertigzubringen und es ihm zu zeigen, worauf er grunzte,
keuchte, heftig sein Haar zurückstrich, mit seinen seltsamen Fingern in die Luft
stach und ausrief: "Ich sehe! Ich sehe!" Doch dann war alles wieder nüchterne
Realität mit Regeln und Vorschriften:

Aber hier begann er wieder von den Bürokraten bedrängt zu werden, die wollten, daß er
zu einer bestimmten Zeit kam, bis fünf Uhr arbeitete und ging. Seine Vorgehensweise
und die vieler anderer von uns - lassen Sie mich das sagen, es war nicht nur er-,
die von der Arbeit wirklich fasziniert waren, war vielleicht, am Mittag zu kommen
und bis Mitternacht des nächsten Tages zu arbeiten. Und dann, wenn das Problem im
wesentlichen gelöst war, wegzugehen, sich auszuruhen und vielleicht 24 Stunden nicht
zurückzukommen ... auf diese Weise leistete Alan Turing viel mehr Arbeit für sie. Aber,
wie gesagt, die Bürokraten kamen daher und wollten, daß Formulare ausgefüllt wurden,
und sie wollten, daß wir durch Stechuhren kontrolliert werden sollten usw ....

Einmal bestellte er ein Faß Bier für das Büro, aber es wurde "nicht zugelassen".
Solche Fragen waren trivial, aber hinter ihnen lagen ernstere Konfrontationen mit
der alten Mentalität, die nach und nach - und fast zu spät - gezwungen worden war,
272 Kapite/4

der Intelligenz nachzugeben. Alans Rolle in diesem Prozeß, wie sehr sie auch die
Autorität verärgerte, blieb nicht ganz ohne Belohnung. 1942 wurden eines Tages
plötzlich er, Gordon Welchman und Hugh Alexander ins Foreign Office gerufen
und jeder mit f200 ausgezeichnet. Alan erzählte Joan, daß man ihnen keine Orden
geben konnte und sie statt dessen Geld erhalten hatten. Er fand es wahrscheinlich
nützlicher.
Im September 1942 war die britische Lage ein bißchen weniger hoffnungslos,
aber nur insofern, als es keine ernsthafte Niederlage seit jener von Tobruk gegeben
hatte. Rommels östlicher Vorstoß in Richtung Ägypten war im Juli von Auchin-
leck und im August von Montgomery in Schach gehalten worden, wobei letzterer
besondere Hilfe durch entschlüsselte Funksprüche erhielt. Der Wüstenkrieg war
eher wie ein Seekrieg als eine herkömmliche Front und besonders abhängig von
Information. Er stellte die verzweifelte Forderung nach wirksamer Integration der
drei Waffengattungen, die in der Tat gezwungen worden waren, eine bittere Pille zu
schlucken, indem man gestattete, daß Information und Interpretation aus Bletchley,
über die Köpfe der führenden Militärs in London hinweg, direkt an ein Nachrichten-
dienstzentrum in Kairo übermittelt wurden. Aber durch das "Füllhorn" im nördlichen
Buckinghamshire wurde ihnen ein zentralisierteres System aufgezwungen. Ab Mai
1942 brachen sie jedes Enigma-Schlüsselsystem auf dem afrikanischen Kriegsschau-
platz. Im August gesellte sich ein weiterer Erfolg von Baracke 8 dazu, sie hatten das
von den Überwasserschiffen im Mittelmeer verwendete System geknackt. Rommel
verlor nun ein Viertel seines Nachschubs durch britische Angriffe, die fast zur Gänze
von detaillierter Enigma-Information abhängig waren - manchmal konnten sie da-
durch gezielt die wichtigeren Ladungen zur Zerstörung auswählen. Die Nachrichten
von diesem Triumph wurden an Baracke 8 zurückgemeldet, um die Analytiker bei
ihrer Arbeit zu ermutigen.
Aber das Mittelmeer war letztlich ein englisch-deutscher Zeitvertreib. Im welt-
weiten Kampf hatte es für Japan in der Schlacht von Midway einen größeren Rück-
schlag gegeben, wo die US-Marine bewies, daß sie mit ihrem eigenen Nachrichten-
dienst eine verheerende Wirkung erzielen konnte. In Europa gab es dagegen kei-
nen solchen Hinweis auf eine Wende. Der Angriff der Achsenmächte auf Rußland
hatte Stalingrad erreicht, und der fehlgeschlagene Landungsversuch von Dieppe hatte
die übriggebliebenen Phantasien von einem leichten Sieg im Westen beendet. Für
Churchill und jeden anderen war jedoch der Zustand der zerbrechlichen Atlantik-
Brücke beängstigender als jede dieser Entwicklungen. Ohne sie konnte Britannien
nicht existieren.
Obwohl die ersten amerikanischen Truppen Britannien bereits zu Beginn des
Jahres 1942 erreicht hatten, war es der Strom des Kriegsmaterials, besonders der
Panzer und Flugzeuge, der die Rückeroberung Westeuropas allein denkbar machte.
Dieser Strom sah sich der U-Bootftotte gegenüber, die sich im Oktober auf 196
Boote belief. Seit 1940 hatte sich die Zahl verdreifacht, und so hatten sich die Ver-
Relais-Rennen 273

senkungen auch verdreifacht. Bis Mitte 1942 hatte die amerikanische Abneigung,
Küstenkonvois bereitzustellen, die V-Boote zu leichten Fängen vor der Ostküste
geführt, aber im August hatten die Gegenmaßnahmen diese Lücke in der Verteidi-
gung behoben. Dementsprechend hatten sich die U-Boote wieder den atlantischen
Konvois zugewandt und beuteten nun das Gebiet in der Mitte des Ozeans aus - wo
es keine Luftsicherung gab -, und mehr als die Hälfte der Handelsflotte, die nötig
war, um Britannien innerhalb eines Jahres zu versorgen, ging nun auf ihr Konto.
Die wiederbelebten amerikanischen Werften produzierten mit Höchstgeschwindigkeit
Schiffe, bloß damit jedes von ihnen nach etwa drei Ozeanfahrten versenkt wurde.
Und nun hatten die Vereinigten Staaten ihren eigenen dringlichen Bedarf im Pazifik.
Der gesamte alliierte Schiffs bestand nahm tatsächlich ab, während die Anzahl der
U-Boote zunahm: Ende 1942 gab es 212, und 181 andere wurden erprobt.
Die Krise des Krieges im Westen näherte sich schnell. Das Jahr 1943 würde
Britannien entweder mit Vorräten versorgt als vorgeschobene Basis einer unbezwing-
lichen amerikanischen Industrie sehen oder es langsam untergehen sehen. Obwohl
es eine diffusere Krise war als jene des Luftkriegs vom September 1940, stand
sie ebenfalls vor einer alles entscheidenden Lösung. Zehn Jahre früher hatte sich
Alan ein Aktionsmodell ausgedacht: "Wir haben einen Willen, der das Verhalten
der Atome wahrscheinlich in einem kleinen Teil des Gehirns bestimmen kann '"
Der Rest des Körpers handelt, um dies zu verstärken." Nun war er eine der zusam-
mengedrängten Nervenzellen, und rund um ihn war ein kolossales System, das seine
Ideen in eine konkrete Form übertragen hatte: ein britisches Gehirn, ein elektrisches
Gehirn von Relais, die sich tickend durch die Widersprüche arbeiteten, vielleicht
das komplizierteste logische System, das je konstruiert wurde. In der Zwischenzeit
hatten die zwei Jahre Aufschub bewirkt, daß der Rest des Körpers vorbereiteter und
koordinierter war, um seine Intelligenz anzuwenden. Im Mittleren Osten verstärkte
sie die schwachen Morsesignale zum Untergang von Rommels Armee. Aber der
Atlantik war anders; hier konnten Eisenhower und Marshall in einem weit größeren
Maßstab abgeschnitten werden als Rommel, wenn das Gehirn nicht wieder zum
Leben erwachen konnte.
Jene beiden Jahre hatten eine weitere folgenschwere Veränderung gesehen. Die
zehnfache Zunahme an Rotor-Positionen hatte Polen gezwungen, sich an den tech-
nisch überlegenen Westen zu wenden. Und nun hatte die sechsundzwanzigfache Zu-
nahme die Vereinigten Staaten in das elektromagnetische Relais-Rennen* gebracht.
Ihr Admiral King, der hartnäckiger gewesen war als die britische Admiralität, wi-
dersetzte sich der Einrichtung eines Suchraumes bis Mitte 1942. Aber die Kryp-
toanalytiker der US Navy waren schnell gestartet, um zu sehen, was erforderlich
war. Ihre Abteilung hatte seit 1935 modeme Maschinen verwendet, und als 1942
der "black-out" kam, waren sie nicht damit zufrieden, stehenzubleiben und zu war-

* A.d.Ü.: Wortspiel mit "relay race" = Staffellauf


274 Kapitel 4

ten, bis die Briten aufholten: sie konnten es selbst tun. Das stimmte überhaupt
nicht mit der britischen Ansicht überein, daß die Amerikaner sich auf die japani-
schen Chiffriersysteme konzentrieren und nicht die Arbeit wiederholen sollten, die
in Bletchley getan wurde. Doch die US Navy war besonders beharrlich. Bereits im
Juni waren ihre Beziehungen zur GC and CS "angespannt" durch die Klagen über
die Verzögerung, die sie beim Erhalt einer versprochenen Bombe erlebt hatten, und
dann 49

verkündete im Septenber das Navy Department, daß es eine eigene, weiter fortgeschrittene
Maschine entwickelt hatte, von der bis zum Ende des Jahres 360 Kopien gebaut sein
würden, und beabsichtigte, unverzüglich die U-Boot-Enigma-Einstellungen in Angriff zu
nehmen.

Das waren Zahlen, die die Köpfe in Bletchley in Erregung versetzten. Die ge-
samte Enigma-Arbeit der GC and CS im Sommer 1942 war davon abhängig, daß sie
es mit bloß dreißig Bomben schafften, obwohl bereits weitere zwanzig in Vorberei-
tung waren. Die Amerikaner schlugen ein Übemahmeangebot für die Atlantik-Arbeit
vor, durch das brutale Hilfsmittel, sechsundzwanzigmal so viele Bomben zu bauen
wie die Briten zur Verfügung hatten und sie parallel zu benützen.

Aber im Oktober handelte eine zweite Abordnung der Ge and es in Washington einen
weiteren Komprorniß aus. Die Ge and es "stimmte den Wünschen der Vereinigten
Staaten zu, die deutschen Marine- und Unterseebootprobleme in Angriff zu nehmen"
und erklärte sich bereit, das Navy Department mit den aufgefangenen Meldungen und
technischer Hilfe zu unterstützen. Als Gegenleistung nahm es das Navy Department auf
sich. .. nur 100 Bomben zu bauen, unter der Voraussetzung, daß die Ge and es für die
Koordination der Arbeit der amerikanischen und der britischen Maschinen verantwort-
lich sein sollte und einem kompletten und sofortigen Austausch der kryptoanalytischen
Resultate zustimmte.

Es gab nur eine Person, die alles über die Methoden und die Maschinen wußte und
von der Routine-Verantwortung frei war. Die Verantwortung für die auf diese Weise
versprochene Koordination fiel nun an den "Prof'. Die Spannungen zwischen ame-
rikanischem Prahlen und britischer Arroganz auszugleichen, war ganz und gar nicht
die Art von Arbeit, die ihm Spaß machte, aber die anglo-amerikanische Verbindung
mußte konkretisiert werden. Sie waren im Krieg. Akkreditiert als Beamter bei der
British Joint Staff Mission in Washington, erhielt er am 19. Oktober50 ein Visum.
Zu Joan sagte er: "Als erstes kaufe ich mir einen Hershey-Schokoriegel."
Das war nicht der einzige Zweck seiner Reise. Nun, da man ein gemeinsames
Vorgehen plante, brauchten die alliierten Dienststellen eine neue Technologie, um
die subtileren Aspekte der Grand Alliance zu übermitteln. Kommunikation per Te-
legraph war nicht genug. Sie benötigten geeignete Mittel für Sprechsignale. Da es
unter dem Atlantik keine Telephonkabel gab, mußte jeder Sprechfunk über Kurz-
Relais-Rennen 275

wellenradio erfolgen. Aber wie ein Memorandum des Foreign Office im Juni 1942
festgestellt hatte: 51

Die Sicherheitseinrichtung ist noch nicht erfunden, die irgendeinen, wie immer gearteten
Schutz bietet gegen geschulte Techniker, die der Feind anstellt, um jedes Wort eines
jeden Gesprächs aufzuzeichnen.

Keiner konnte sprechen, außer wenn er es inkaufnahm, daß alles, was er sagte, in
Berlin abgehört wurde. Im September 1942 gab es einen Krach, als man Prinz Olaf
von Norwegen die Erlaubnis