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German Life and Letters 55:1 January 2002

0016–8777

VON DER THEODIZEE-KRISE ZUR ÄSTHETISCHEN


ANTHROPODIZEE: LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN
DER AUFKLÄRUNG

Frank Krause

abstract
Eine Reihe von Romanen der Aufklärung – Johann Gottfried Schnabels Wunder-
liche Fata einiger See-Fahrer, Karl Philipp Moritz’ Anton Reiser und Andreas Hartknopf
sowie Christoph Martin Wielands Geschichte des Agathon – bemüht sich, religiös fun-
dierte Hoffnungen auf diesseitigen Tugendlohn zu verteidigen. Diese Hoffnungen
lassen sich weder im Verweis auf eine vernünftige Ordnung der faktischen Natur
rechtfertigen noch mithilfe religiöser Gründe aufs Jenseits vertrösten: Die litera-
rische Darstellung des empirisch wahrscheinlichen, indessen unverschuldeten
Unglücks der Tugendhaften problematisiert teils implizit, teils explizit den
Glauben an eine metaphysische Rechtfertigung der empirischen Ordnung. Statt
dessen legitimieren die Romane innerweltliche Glücksansprüche der Tugend als
Ausdruck einer rationalen Bedürfnisnatur, der seine Legitimität aus den ästhe-
tischen Qualitäten seiner sinnenfälligen Erscheinungsform bezieht. Das Ästhetis-
che wird damit zu einer eigenständigen – und insofern auf die literarische Mod-
erne vorausweisenden – Autorität der Legitimation zwanglos anerkennungs-
würdigen Sinns, der sich der zureichenden Rechtfertigung durch reflektierende
Vernunft und religiöse Überlieferung entzieht. Dieser Zusammenhang zwischen
der Theodizeekrise und der Autonomie des Ästhetischen in Romanen der Aufklä-
rung ist bislang nicht deutlich genug herausgearbeitet worden – bei allem Inter-
esse der jüngeren Forschung an der Modernität aufgeklärter Literatur und an der
Theodizee-Problematik im Aufklärungsroman.

Der Übergang von der Aufklärung zur literarischen Moderne, welche die
Autonomie der ästhetischen Wahrheit gegenüber der Autorität von
reflektierender Vernunft und religiöser Offenbarung zunehmend präg-
nanter herausarbeitet, ist fließend (I.). Die Forschung zur Rolle, die der
Aufklärung als Wegbereiterin der literarischen Moderne zukommt, hat
über dem Interesse an poetologischen Fragestellungen die ästhetische
Rechtfertigung des guten Lebens in Romanen der Aufklärung bislang ver-
nachlässigt (II.). Im Hintergrund dieser ästhetischen Legitimation von
Glücksansprüchen der rationalen Bedürfnisnatur steht die frühaufkläre-
rische Theodizee-Lehre (III.), mit deren Grundlagenkrise, die aus
säkularisierten Ansprüchen auf Tugendlohn resultiert, sich der Roman
der Aufklärung auseinandersetzt (IV.). Der Versuch einer Reihe dieser
Romane, religiös fundierte Glücksansprüche gegen dissonante Erfah-
rungen zu verteidigen, mündet in eine ästhetische Anthropodizee (1.–
4.), deren grundlegende Idee – die Versöhnung des Menschen mit seiner
Subjektivität – für die literarische Moderne insgesamt maßgebend bleibt
(V.).
 Blackwell Publishers Ltd 2002. Published by Blackwell Publishers, 108 Cowley Road, Oxford OX4 1JF, UK
and 350 Main Street, Malden, MA 02148, USA.
2 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

I. AUFKLÄRUNG UND MODERNE ALS EPOCHENBEGRIFFE

Der literarhistorische Begriff der Moderne ist mehrdeutig; sofern er sich


auf die Strömungen bezieht, die gegen Ende des 18. Jahrhunderts das
Ästhetische aus dem untergeordneten Dienst an der Bestandserhaltung
rationaler Ordnungen herauslösen, lassen sich drei Ansätze zur Periodi-
sierung unterscheiden. Unter Vernachlässigung wichtiger Strömungen wie
der Jakobinerliteratur ergibt sich, folgt man den Epochendarstellungen
der jüngeren Forschung, für die Literatur im letzten Drittel des 18. Jahr-
hunderts das folgende, freilich stilisierte Bild.
Die von etwa 1680 bis ins Ende des 18. Jahrhunderts reichende Epoche
der Aufklärung ermächtigt die menschliche Gattung – in den moralischen
Schranken der vernünftigen Selbstbestimmung – zur Beherrschung der
mithilfe des Verstandes berechenbaren Natur; die Dichtung gilt der Auf-
klärung als Beitrag zur vernünftigen – und damit tugendhaften – Lebens-
führung. Die um die Mitte des 18. Jahrhunderts stärker hervortretende,
empfindsame Strömung der Epoche interessiert sich vor allem für die
affektive Disposition des Menschen in der Erwartung, ‘daß derjenige, der
zu intensivem Gefühlserleben imstande ist, auch über beträchtliche Tu-
gendqualitäten verfüge’.1 Der gegen Ende der 1760er Jahre einsetzende,
Anfang der 1780er Jahre ausklingende Sturm und Drang radikalisiert die
aufgeklärte Ermächtigung des Subjekts zur autonomen Lebensführung,
indem er – im Verweis auf den ästhetischen Eigensinn einzigartiger For-
men – das schöpferische Individuum heiligt; Literatur dient nicht mehr
der Repräsentation transsituativ verbindlicher Inhalte, sondern der Entfal-
tung eines spezifischen Sinns jeweils besonderer Lebensformen und
-lagen.2 Die in den 1780er Jahren entstehende, ungefähr den Zeitraum
von 1790 bis 1805 umspannende Klassik stellt den aus diesem erweiterten
Verständnis von Autonomie resultierenden Dissonanzen von universali-
stischer Vernunft und eigensinniger Individualität ein an ästhetischen For-
men der Antike orientiertes Humanitätsideal entgegen; das aus allen
Zweckbindungen befreite Wohlgefallen am Ästhetischen soll das heilige
Ideal einer – oftmals auf freiwillige Entsagung angewiesenen – Ver-
söhnung von Besonderem und Allgemeinem legitimieren und für die
Schönheit der Harmonie zwischen partikularer Neigung und vernünftiger
Pflicht werben. Die gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Hölderlin und
der Frühromantik vertretenen literarischen Projekte schließlich möchten
die sittliche Gemeinschaft partikularer Lebensformen mit dem Eigensinn
ästhetischer Naturerfahrung versöhnen und so einem naturgemäßen,

1
Peter-André Alt, Aufklärung, Stuttgart/Weimar 1996, S.7.
2
Die aufklärerischen Tragödien Johann Elias Schlegels sind ebenfalls der Exploration charakter-
licher Besonderheiten gewidmet, binden die Vermittlung empirisch-anthropologischen Wissens
aber – bei aller Ablehnung einer lehrsatzorientierten Moraldidaxe – an die Darstellung moralisch
vorbildlicher Heldenfiguren.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 3

sinnstiftenden Urgrund alles Seienden zum Durchbruch verhelfen;


Dichtung übernimmt hier die Aufgabe, den heiligen Eigensinn jener al-
lein mit ästhetischen Mitteln faßbaren Formen der Versöhnung zu offen-
baren bzw. die Gefährdungen des an diesem Anspruch scheiternden Sub-
jekts zu gestalten.
Diese Vielfalt literarischer Strömungen im letzten Drittel des 18. Jahr-
hunderts gibt verschiedenen Ansätzen zur Datierung der literarischen
Moderne Raum. Während das Ästhetische in der Aufklärung seinen Wahr-
heitsanspruch aus dem Dienst an der Vermittlung von Sinn bezieht, der
durch die reflektierende Vernunft legitimiert ist, wird es in der litera-
rischen Moderne zu einer eigenständigen Autorität aufgewertet, die
Sinnzusammenhänge jenseits des begrifflichen Urteilsvermögens recht-
fertigt. Sofern die Forschung die Autonomisierung des Ästhetischen in
dem Verfahren erblickt, die ‘“Wahrheit” des Kunstwerkes’ nicht mehr
durch ‘Vernunft, Philosophie, Glauben oder Theologie’, sondern durch
die ‘Subjektivität des empfindenden Ich’ zu begründen, gilt ihr bereits
der Sturm und Drang als Beginn der literarischen Moderne;3 Hans-Georg
Kemper hat Mitte der 1990er Jahre nachgewiesen, daß der moderne
Ansatz, die Wahrheit der Dichtung in der ‘Authentizität der individuellen
Autorerfahrung’ zu verankern, sich überdies bereits in der Empfind-
samkeit abzeichnet.4 Sofern die Forschung den entfalteten Eigensinn des
Ästhetischen hingegen erst in der Abkehr vom anthropozentrischen Na-
turverständnis der Aufklärung erblickt, stuft sie Sturm und Drang und
Klassik als Vorläufer der literarischen Moderne ein.5 – Das im folgenden
herauszuarbeitende Merkmal literarischer Modernität in Romanen der
Aufklärung, nämlich die Aufwertung des Ästhetischen zu einer eigenstän-
digen Autorität, die innerweltliche Antworten auf Fragen des guten
Lebens rechtfertigt, läßt sich bereits in der frühen Aufklärung beobachten;
vormodern ist diese Autonomisierung des Ästhetischen in ihren früh- und
spätaufklärerischen Varianten insofern, als es durchgängig der Aufgabe
untergeordnet bleibt, begrifflich bestimmbare Ansprüche einer ver-
nünftigen Bedürfnisnatur zu rechtfertigen. Diese Ambiguität des Ästhe-
tischen als einer reflexiv unüberbietbaren Autorität mit diskursiv einhol-
barem Sinngehalt sei im folgenden mit dem Begriff der ‘literarischen
Modernität’ markiert; über die Abgrenzung der Moderne von voran-
gehenden Epochen braucht in diesem Zusammenhang nicht entschieden
zu werden.

3
Ulrich Karthaus, Sturm und Drang. Epoche – Werke – Wirkung, München 2000, S.228; zu der mit
dieser Autonomisierung einhergehenden Unterscheidung von ästhetischer Maßgeblichkeit und
Schönheit siehe ebd., S.227. – Zu Beziehungen zwischen Aufklärung und Sturm und Drang siehe
ebd., S.149, 171, 175, 207; zum Übergang vom Sturm und Drang zur Klassik ebd., S.138, 167; zu
Bezügen zur Romantik ebd., S.198–9, 216.
4
Hans-Georg Kemper, Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit, Band 6/1: Empfindsamkeit, Tübingen 1997,
S.74; vgl. S.IX–XIII.
5
Silvio Vietta, Die literarische Moderne. Eine problemgeschichtliche Darstellung der deutschsprachigen Litera-
tur von Hölderlin bis Thomas Bernhard, Stuttgart 1992.
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4 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

II. AUFKLÄRUNG ALS WEGBEREITERIN DER MODERNE

Bei aller Betonung der Unterschiede zwischen den Literaturbegriffen der


Aufklärung und der literarischen Moderne hat die jüngere literarhisto-
rische Forschung – im Verweis auf aufklärerische Tendenzen zur Autono-
misierung der ästhetischen Wahrheit und auf aufgeklärte Kritiker überzo-
gener Machtansprüche der Vernunft – die wegbereitende Rolle der
Aufklärung für das moderne Verständnis des Ästhetischen aufgezeigt.
Die Autonomisierung des Ästhetischen im Übergang von der Aufklär-
ung zur literarischen Moderne umfaßt zwei Aspekte: die Ablösung der
ästhetischen Gültigkeit von den Wahrheitsansprüchen des begrifflichen
Urteils sowie die Emanzipation des Schönen von den Imperativen der
menschlichen Zwecktätigkeit. Die Aufklärung entläßt das Schöne zwar
nicht aus der Aufgabe, semantische Gehalte vernünftigen, und das heißt
reflexiv gesicherten Wissens zu vermitteln, gesteht dem Ästhetischen
innerhalb dieser Schranken jedoch zunehmend mehr Eigenständigkeit zu.
Die rationalistische Aufklärungspoetik Gottscheds operiert noch mit
einem moraldidaktischen Begriff von Poesie als der anschaulichen Reprä-
sentation von Erkenntnissen des Verstandes; nicht-empirische, aber
denkmögliche Welten sind zum didaktischen Zweck der anschaulichen
Aufbereitung rationalen Wissens in der Dichtung nur insofern zugelassen,
als die irreale Welt als symbolische Darstellung einer als vernünftig ge-
dachten Naturordnung der empirisch-sichtbaren Welt erkennbar bleibt;
die von Bodmer und Breitinger affektpsychologisch begründete Emanzi-
pation des Ästhetischen von der Nachahmung der empirischen Natur legi-
timiert, wenn auch noch im Dienst an vernünftiger Religion und Moral,
eine von den Wahrheitsansprüchen des Verstandes schon stärker entlas-
tete schöpferische Phantasie. Die sensualistische Aufklärungspoetik wertet
die ästhetische Evidenz zu einer eigenständigen Form der – allerdings
noch als vernunftanalog gedachten – Wahrheit auf; und die Herausbil-
dung einer – im Dienste an der Vermittlung vernünftigen Wissens noch
wirkungspoetisch begründeten – Illusionsästhetik vermittelt Einsichten in
die eigenständige Regelhaftigkeit der poetischen Illusionsbildung. Die
ästhetische Wahrheit wird in der Aufklärung allenfalls zu einer eigenge-
setzlichen Form der Verkörperung von Inhalten vernünftiger Empfin-
dungen oder Gedanken – auch wenn sie von der Aufgabe der Repräsen-
tation des Empirischen mehr oder weniger entlastet wird; andererseits
bereitet die Einsicht in die Eigengesetzlichkeiten ästhetischer Erkenntnis
der späteren Verselbständigung ihres Wahrheitsanspruchs den Boden.6
Das Ästhetische fungiert zudem – bei aller ‘vernünftigen’ Funktionali-
sierung – schon in der empfindsamen Lyrik der Aufklärung als eine eigen-
ständige sakrale Autorität, die spezifische Frömmigkeitsformen allererst

6
Siehe Alt, Aufklärung [Anm. 1], S.68–115; zu aufgeklärten Grundlagen der literarischen Moderne
aus geschichtsphilosophischer Sicht siehe Vietta [Anm. 5], S.21–30, 39–53, 112–13.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 5

legitimiert.7 Sind die Inhalte dieser Lyrik auch noch von den Sinnset-
zungen der Religion abhängig, so ist doch die Autorität der literarisch
gestalteten bzw. evozierten Sinnerfahrung bereits ästhetisch begründet.
Neben solchen poetologischen und gattungsgeschichtlichen Befunden
finden sich in der Spezialforschung zu einzelnen Autoren der Aufklärung
zahlreiche Hinweise auf deren wegbereitende Beiträge zur Herausbildung
eines modernen Literaturverständnisses. So hat schon die ältere, geistesge-
schichtlich ausgerichtete Forschung die Nähe von Moritz’ Ansichten zu
romantischen Denkformen hervorgehoben, dabei die literarisch mo-
dernen Merkmale seiner Dichtungen jedoch oftmals zu Unrecht aus dem
Zusammenhang aufklärerischer Ansichten herausgelöst; und auch Stu-
dien, die diesen Kontext angemessen berücksichtigen, haben die Affini-
täten eines Moritz oder Wieland zur Romantik bzw. Klassik betont.8 – Die
Autonomie des Ästhetischen, die mit der weiter unten herauszuarbei-
tenden Prozedur der ästhetischen Rechtfertigung des guten Lebens im
Aufklärungsroman verbunden ist, hat bislang jedoch keine angemessene
Berücksichtigung gefunden; für das Verständnis dieser funktionalen Auto-
nomie ist, wie sich zeigen wird, die aufklärungsspezifische Problematik
entscheidend, die Theodizee, das heißt die ‘Rechtfertigung Gottes ange-
sichts der Übel in der Welt’, mit der Anthropodizee – nach Karl Barth
‘die Rechtfertigung des Menschen als des mit Vernunft begabten Tieres,
das sich um seiner selbst willen rechtfertigen muß’,9 – zu vereinbaren.

III. SPIELARTEN DER FRÜHAUFKLÄRERISCHEN THEODIZEE

Nach aufgeklärter Vorstellung ist der Mensch von Gott zur Selbstbestim-
mung berechtigt und verpflichtet. War das voraufgeklärte Denken von
einem Weltenlenker ausgegangen, der die göttliche Vernunft prinzipiell
hinter dem Rücken fremdbestimmter Personen durchsetzt, postuliert der
frühaufgeklärte, auf Leibniz zurückgehende Begriff der Vorsehung, der
göttliche Wille verwirkliche sich wesentlich mithilfe menschlicher

7
Hans-Georg Kemper [Anm. 4]; zur ‘“Theologisierung” der ästhetischen Diskussion’ und zur
‘Ästhetisierung der Theologie’ in der Empfindsamkeit siehe ebd., S.216.
8
Siehe Hans Joachim Schrimpf, ‘Nachwort’, in: Karl Philipp Moritz, Andreas Hartknopf. Eine Allegorie
[1786]; Andreas Hartknopfs Predigerjahre [1790]; Fragmente aus dem Tagebuche eines Geistersehers [1787],
hg. v. Hans Joachim Schrimpf, Stuttgart 1968, S.3*–85* (S.16*–24*). – Für Per Øhrgaard steht
Moritz mit seinem Roman Anton Reiser ‘[z]wischen Aufklärung und Romantik’ (Sven Aage
Jørgensen, Klaus Bohnen, Per Øhrgaard, Aufklärung, Sturm und Drang, frühe Klassik (1740–1789),
München 1990, S.487–90 (S.488)). Siehe auch Walter Hinderer, ‘Wielands Beiträge zur deutschen
Klassik’, in: Karl Otto Conrady (Hg.), Deutsche Literatur zur Zeit der Klassik, Stuttgart 1977, S.44–64,
sowie Karl Otto Conrady, ‘Anmerkungen zum Konzept der Klassik’, in: ders. (Hg.), S.7–29 (S.11).
9
Ferdinand Fellmann, ‘Die erotische Rechtfertigung der Welt: Aspekte der Lebensphilosophie
um 1900’, in: Wolfgang Braungart, Gotthard Fuchs, Manfred Koch (Hg.), Ästhetische und religiöse
Erfahrungen der Jahrhundertwenden. II: um 1900, Paderborn/München/Wien/Zürich 1998, S.31–46
(S.32–3). – Zur Verwendung des Begriffs der ‘ästhetischen Anthropodizee’ in der Forschung zur
Literatur der Aufklärung vgl. Hans Joachim Schrimpf, ‘Karl Philipp Moritz’, in: Benno von Wiese
(Hg.), Deutsche Dichter des 18. Jahrhunderts. Ihr Leben und Werk, Berlin 1977, S.881–910 (S.902).
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Selbstbestimmung.10 Entsprechend beschreibt Karl Barth ‘den im Zeitalter


der Aufklärung angestrebten Nachweis einer vernünftigen Übereinstim-
mung zwischen Mensch und Welt als “um der Anthropodizee willen nötige
Theodizee”’.11 Dissonanzen zwischen einzelnen Zuständen und dem allge-
meinen Sinn der Welt – zum Beispiel das ‘im Glück mancher Schlechten
und im Unglück vieler Guten’ sichtbare Mißverhältnis – löst Leibniz auf;
seine Lehre von der Schöpfung als der besten aller denkmöglichen, von
einer vernünftigen Ordnung durchwirkten Welten deutet alles, was empir-
isch kontingent anmutet, als moralisch notwendige Folge von Gottes wei-
sem Ratschluß.12 Auch die scheinbare Sinnwidrigkeit des Einzelfalls
spricht nicht gegen den Providenzgedanken, sondern erweist nur das
beschränkte Erkenntnisvermögen des menschlichen Bewußtseins. Notfalls
bleibt es daher für die Menschen rational denknotwendig, auch gegen den
Augenschein auf die Vorsehung eines weisen, gütigen und allmächtigen
Schöpfers zu vertrauen.
Nach Leibniz ‘lehrt uns’ ‘unser Herr’ ‘das Mittel zur Erlangung von
Zufriedenheit, indem er uns versichert, daß der allgütige und allweise
Gott, der für alles sorgt und nicht ein Haar auf unserem Kopf vernachläs-
sigt, unser volles Vertrauen haben muß’ – und so scheinen ihm denn auch
‘Leute, die von solcher Gemütsart sind, daß sie mit der Natur und dem
Glück zufrieden sind und sich nicht darüber beklagen, selbst wenn ihnen
nicht das Beste zugeteilt worden sein sollte’, ‘vor den anderen den Vorzug
zu verdienen. Denn abgesehen davon, daß diese Klagen schlecht begrün-
det sind, heißt Klagen doch in Wahrheit gegen die Anordnungen der
Vorsehung murren’ (L 17, 227, 229). Entsprechend empfiehlt Leibniz,
sich die oftmals unbemerkt bleibenden Güter im zumeist fraglos hinge-
nommenen Hintergrund der Erfahrung bewußt zu machen und umge-
kehrt den Übeln nicht durch ungebührliche Aufmerksamkeit ein allzug-
roßes Gewicht zu verleihen (L 225–9). Zwar kennt auch die
frühaufklärerische Theodizee einen innerweltlichen Vernunftlohn, näm-
lich die aus dem Gottvertrauen resultierende Zufriedenheit; inner-
weltliche Deprivation indessen spricht nicht gegen den rechten, und das
heißt vernünftigen Glauben, sondern fordert die zufriedenheitsstiftende
Unglücksbewältigung des einzelnen heraus – wobei allerdings auch ver-
nünftige Trostgründe gelegentlich nur im Verweis auf ‘das Heilmittel im
anderen Leben’ wirken mögen (L 231). Anders verhielte es sich, wenn
die innerweltlichen Maßstäbe des guten Lebens zum index veri und falsi
einer dem Schöpfungssinn gemäßen Weltordnung aufgewertet würden:
‘Allerdings kann man sich mögliche Welten ohne Sünde und ohne Elend

10
Peter-André Alt, Tragödie der Aufklärung, Tübingen/Basel 1994, S.58–60; Alt, Aufklärung, [Anm.
1], S.11–14; Werner Frick, Providenz und Kontingenz. Untersuchungen zur Schicksalssemantik im deut-
schen und europäischen Roman des 17. und 18. Jahrhunderts, Tübingen 1988, S.44–9.
11
Fellmann [Anm. 9], S.33.
12
Gottfried Wilhelm Leibniz, Philosophische Schriften, Bd. 2.1, hg. v. Herbert Herring, Frankfurt a.M.
1996, S.229; vgl. S.217–33; alle folgenden Zitate werden im laufenden Text unter der Sigle L mit
Angabe der Seitenzahl nachgewiesen.
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vorstellen und könnte daraus etwas schaffen, was Romanen, Utopien und
Sevaramben gleicht, aber diese Welten würden im übrigen der unseren
bedeutend nachstehen’ (L 221, 223).
Die frühaufklärerische Literatur bemüht sich im Rahmen dieses
Weltbildes, einen Sinn für Angemessenheit zu vermitteln. Die Lyrik von
Barthold Heinrich Brockes sucht den Menschen vor der Blindheit ge-
genüber den innerweltlichen Glücksgütern zu bewahren, weist das kleine
Übel als Bedingung der Wertschätzung des Guten aus und löst die Trauer
über die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit alles Irdischen im opti-
mistischen Gottvertrauen auf.13 Johann Christoph Gottscheds Stücke
schwören die Rezipienten auf ein vernünftiges, und das heißt im Zwei-
felsfall bescheidenes Anspruchsniveau ein. Im Schäferspiel stellt Gottsched
einem ridikülen Providenzglauben, der versucht, das Sinnenfällige als
Anzeichen der Erfüllung eigener, oftmals unvernünftiger Wünsche zu
entziffern, die Vernunft entgegen, die sich auf verschlungenen Wegen
gegebenenfalls auch ohne Wissen der Beteiligten durchsetzt: ‘Wie seltsam
hat es doch des Himmels Schluß gefügt!’14 Seine Tragödien hingegen
werben für eine christlich-neostoizistische Beständigkeit, die die Zu-
schauer auf die Bewältigung ihrer zukünftigen Trübsal vorbereitet. In der
Parisischen Bluthochzeit leiden gerade die Unschuldigen; ohne daß sie sich
einer moralischen Verfehlung schuldig gemacht hätten, werden die Hu-
genotten in der Bartholomäusnacht des Jahres 1572 ermordet. Das Stück
führt jedoch vor, wie noch in höchster Not der Glaube an eine allmächtige
und gütige Providenz überzeugend gewahrt werden kann; und auch der
Sterbende Cato, Gottscheds bekannteste Tragödie, bestätigt das – hier aller-
dings vom Helden verfehlte – Gebot, scheinbar ausweglose Situationen im
Vertrauen auf die Vorsehung durchzustehen.15
Der empfindsame Aufklärer Christian Fürchtegott Gellert hingegen
konzediert, daß der Anspruch der Tugendhaften, im extremen Ent-
täuschungsfall mithilfe eines vernunftgemäßen Fideismus ‘Ruhe und Zu-
friedenheit’ zu erlangen, gelegentlich am Eigensinn des Gefühls scheitern
kann. Die Zielsetzung seiner Tugendlehre, ‘uns zu der gesetzten Erwar-
tung unvermeidlicher Uebel gefaßt, wenn sie kommen, zur männlichen
Ertragung derselben geschickt, und wenn sie lange und heftig anhalten,
zu einer heroischen Geduld bewehrt zu machen’,16 ist dadurch jedoch
nicht gefährdet. Für Gellert entwertet der Einspruch des Gefühls gegen
fideistischen Trost nämlich nicht den Providenzgedanken, sondern

13
Barthold Heinrich Brockes, Irdisches Vergnügen in Gott. Gedichte, Stuttgart 1982, S.5–6, 25–7, 72–3.
14
Johann Christoph Gottsched, Atalanta, oder Die bezwungene Sprödigkeit, in: Joachim Birke (Hg.),
Johann Christoph Gottsched. Ausgewählte Werke, Zweiter Band, Berlin 1970, S.355–448 (S.447); vgl.
S.378, 386, 388, 442.
15
Johann Christoph Gottsched, Die parisische Bluthochzeit König Heinrichs von Navarra, in: Joachim
Birke (Hg.) [Anm. 14], S.199–279 (S.234, 236, 239, 275); vgl. 217–18, 225–6, 228, 265–6, 269–70;
Frank Krause, ‘Stoische Ungeduld. Johann Christoph Gottsched: Der sterbende Cato [1732]’, in: GLL,
54:3 (2001), 191–209.
16
Zitiert nach Frick [Anm. 10], S.266, Fußnote 38; S.226.
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8 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

erweist sich oftmals als Auslöser psychischer, von der Vorsehung final aus-
gerichteter Prozesse, die teils okkasionell die Verstandeswahrheit
entmachten, teils das Anspruchsniveau des Wunsches situationsspezifisch
senken – und so die Einheit des Bewußtseins im Krisenfall ermöglichen.17
Gellert deutet diese psychische Selbsterhaltung der zwischen dem Eigen-
sinn des Gefühls und dem Glauben an die Vorsehung hin- und hergeris-
senen Person als Anzeichen einer providentiell garantierten
Erfüllungsteleologie der Schöpfung, auch wenn dieser psychische Prozeß,
wie die Mariane-Episode seines Romans Leben der schwedischen Gräfin von
G*** belegt, aus – allerdings psychologisch erklärbaren – Gründen den
Betroffenen nicht immer zur Hilfe kommt.18 Der ‘Lobpreis angstreduzier-
ender Wahrnehmungsverzerrungen’19 in Gellerts Roman fügt sich aus
dieser Sicht bruchlos in die aufgeklärte Religiosität des Verfassers. Sein
fideistischer Ansatz ist aber zweideutig, weil er die im durchsichtigen Regel-
fall legitimen, wenn auch auf langen Atem angewiesenen Ansprüche auf
Rationalität und Zufriedenheit im unübersichtlichen Ausnahmefall
relativiert.

IV. ÄSTHETISCHE ANTHROPODIZEE IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

Der optimale Charakter des Universums läßt sich im Rahmen der frühauf-
klärerischen Theodizee-Lehre lediglich in Grenzen an empirisch mani-
festen Teleologien ablesen; oftmals stützt sich der rational denknotwen-
dige Glaube an die Vorsehung eines weisen, gütigen und allmächtigen
Schöpfers allein auf das Vertrauen in den providentiellen Hintersinn einer
für den Menschen nicht faßbaren Empirie. Der Roman der Aufklärung
etabliert sich demgegenüber ‘im Schatten der Theodizeekrise’,20 das heißt
er setzt sich mit dem Plausibilitätsverlust auseinander, welcher dem
Glauben an eine providentiell verbürgte Perfektibilität des Menschen-
geschlechts aus der Erfahrung erwächst, daß der innerweltliche Erfolg des
Autonomieanspruchs von empirisch kontingenten und oftmals

17
Christian Fürchtegott Gellert, Leben der schwedischen Gräfin von G*** [1750], hg. v. Jörg-Ulrich
Fechner, Stuttgart 1982, S.74–5, 88; vgl. S.58–9, 137. – Die philosophische Problematik des von
Katastrophen geprägten Schicksals der Hauptfiguren verliert an Schärfe, wenn man dessen Bezug
zur Erzähltradition des galanten Romans berücksichtigt; diese Gattung, auf die Gellerts Roman in
der ersten Fassung noch ironisierend Bezug nimmt (ebd., S.156, Fußnote 10), erzählt von verwir-
renden Glückswechseln in der höfischen Welt, die bei Gellert nun als Quelle des Unglücks er-
scheint (vgl. Arnold Hirsch, ‘Barockroman und Aufklärungsroman’, in: Peter Pütz (Hg.), Erfor-
schung der deutschen Aufklärung, Königstein/Ts. 1980, S.208–17). Aus dieser Sicht verwiese das
Schicksal der positiven Hauptfiguren Gellerts nicht auf die Gesamtordnung der Schöpfung, sond-
ern auf Erfahrungen im Machtbereich der höfischen Gesellschaft, die durch ein literarisches Ver-
wirrungsschema stilisierend überzeichnet sind.
18
Zur psychologischen Erklärung des Versagens natürlicher Mechanismen siehe Gellert [Anm.
17], S.46–7.
19
Frick [Anm. 10], S.268–9, Fußnote 43.
20
Alt, Aufklärung [Anm. 1], S.308.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 9

unwahrscheinlichen Bedingungen abhängt.21 Wenn sich der Glaube an


eine final auf die Verwirklichung der Vernunft ausgerichtete Ordnung des
Innerweltlichen am empirischen Wissen muß bewähren können, wider-
spricht die empirische Unwahrscheinlichkeit des Tugenderfolgs dem
Glauben an die Perfektibilität der menschlichen Gattung. Gellert hatte
diese Problematik um den Preis verdeckter Widersprüche fideistisch neu-
tralisiert; werden solche Widersprüche hingegen offen ausgetragen, wird
der Glaube an die Providenz grundlegend problematisiert.22 In diesem
Falle tritt an die Stelle der providentiell garantierten, vernünftigen Teleo-
logie der Schöpfung der Auftrag an den Menschen, eine rationale, dem
göttlichen Willen entsprechende Ordnung allererst herbeizuführen.23 Da
Prozesse, die final auf die Durchsetzung vernünftiger Verhältnisse gerich-
tet sind, in der offenen Geschichte nun durch selbstverantwortliches Han-
deln allererst herbeigeführt werden müssen, wird die Frage nach Lernpro-
zessen und psychischen Dispositionen aktuell, die der Realisierung dieses
Projekts entgegenkommen. Sofern der Roman der Aufklärung die Disso-
nanz von Providenzglauben und Kontingenzerfahrung bewußt austrägt,
befördert er entwicklungsgeschichtliche und psychologische Fragen nach
allgemeinen Prinzipien menschlicher Erfahrungen; damit befindet sich,
so scheint es, der aufgeklärte Roman auf dem Weg ins nachmetaphys-
ische Zeitalter.24
Dieser Befund blendet jedoch aus, daß auch die leitenden Ideale eines
göttlichen Gestaltungsauftrags der religiösen Absicherung bedürfen. In
einer Welt, in der das unverschuldete Unglück der Tugendhaften
wahrscheinlich ist, lassen sich Ansprüche auf ein gutes Leben als inner-
weltlichen Tugendlohn aber nicht ohne weiteres religiös legitimieren: ist
das empirische Sein metaphysisch gerechtfertigt, so muß der Anspruch
auf weltliche Zufriedenheit gesenkt werden; und umgekehrt ist ein
unveräußerlicher Anspruch auf innerweltliche Zufriedenheit, wie
bescheiden er auch immer angelegt ist, religiös untröstlich – und stellt
damit die metaphysische Rechtfertigung der empirischen Ordnung in
Frage. Vereinbar sind Anspruch und Wirklichkeit in dieser Situation ledig-
lich in einem diesseitigen kontrafaktischen Ideal, dessen Sinn nur dann
religiös abgesichert ist, wenn er zugleich einen sakralen Auftrag zu er-
kennen gibt. Da dieser Sinn weder in der Ordnung des Empirischen ver-
körpert ist noch einen moralischen Grundsatz darstellt und daher mit den
Mitteln des reflexiven Denkens allein nicht zu rechtfertigen ist, kommt

21
Zur Perfektibilität des Menschen siehe Alt [Anm. 1], Aufklärung, S.14–18, und Karthaus [Anm.
3], S.21–2; zur Frage der fortschreitenden Verbesserung des Universums vgl. jedoch Leibniz [Anm.
12], S.561.
22
Vgl. Frick [Anm. 10], S.196, Fußnote 248; S.272–9, 382, 497–505.
23
Alt, Tragödie der Aufklärung [Anm. 10], S.281.
24
Alt, Aufklärung [Anm. 1], S.302; vgl. Frick [Anm. 10], S.498. – Freilich ist die Theodizee-Frage
auch noch im Sturm und Drang aktuell (siehe z.B. Heinrich Wilhelm von Gerstenberg, Ugolino,
in: Karl Freye (Hg.), Sturm und Drang. Dichtungen aus der Geniezeit, 1. Teil, Leipzig o.J., S.3–51 (S.21,
23, 29–30, 41); vgl. S.25, 28).
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10 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

als Mittel der Erkenntnis eines solchen Auftrags nur eine vorausdrückliche
Geltungserfahrung in Frage: die sakralisierte ästhetische Evidenz (1.–3.);
und sofern auch die entprovidentialisierte empirische Ordnung dem
göttlichen Gestaltungsauftrag nicht nur widerstrebt, sondern prinzipiell
widerspricht, läßt sich dieser nur noch als ästhetische Vorstellung ver-
teidigen (4.).

1. Schnabel: Wunderliche Fata einiger See-Fahrer


Schnabels Wunderliche Fata einiger See-Fahrer zeichnet eine Welt, in welcher
die Tugendhaften durch moralische und physische Bedrohungen dauer-
haft dem Unglück ausgesetzt sind; der Judith van Manders etwa bleibt in
höchster Not nur noch die Hoffnung auf den ‘höchstgewünschten Tod’,
ohne daß sie oder ihre Gefährtinnen sich ‘erkühneten’, ‘über die Straff-
Gerichte des Allerhöchsten Beschwerde zu führen’.25 Dieser – durchaus
als vorbildlich thematisierte – Fideismus kontrastiert allerdings auffällig
mit dem vom Roman verfochtenen Ideal diesseitigen Tugendglücks:
Schnabel entwirft die – ausdrücklich als Fiktion ausgewiesene – Utopie
der innerweltlichen Erlösung einer Anzahl von Tugendhaften, die in
höchster Not durch den providentiellen Hintersinn des scheinbaren
Zufalls zu einem innerweltlichen Paradies finden. Dieser Umschlag des
Schicksals zum Guten setzt ein mit der Bevölkerung und Urbarmachung
einer Insel, auf der das ‘schönste Land’ durch eine ‘grausame Klippe’
gegen böse Einflüsse aus der alten und neuen Welt geschützt ist (WF 3).
Markiert wird der Beginn dieses neuen Abschnitts durch die Hochzeit
der Gründer dieser erlösten Gemeinschaft, Albertus Julius und Concordia
van Leuven.
Albertus, Concordia und ihr damaliger Gatte Carl Franz van Leuven
sowie der gottlose und schändliche Kapitän Lemelie waren als einzige
Überlebende nach einem Schiffbruch an der Felsenküste jener Insel ge-
strandet. Bei ihrer Erkundung des Landesinneren finden die drei Männer
in einer unterirdischen, zur Wohnung ausgebauten Höhle den Körper des
Don Cyrillo de Valaro; Albertus und Carl Franz erfüllen den in einem
schriftlichen Testament festgehaltenen letzten Willen des Don Cyrillo,
christlich bestattet zu werden. Lemelie, der sich vom Anblick des verfal-
lenen Körpers entsetzt abwendet, wird für diesen Frevel vom Geist des
Don Cyrillo heimgesucht und so ‘erbärmlich zugerichtet’, daß er kurz
darauf ‘todtkranck’ wird (WF 175). Tage später werden Concordia, Carl
Franz und Albertus um Mitternacht durch einen großen Knall geweckt
und verlassen erschreckt ihre unterirdische Schlafstätte:

Ich kan nicht läugnen, daß Mons. van Leuven, Concordia und ich vor
Furcht, Schrecken und Zittern, kein Glied stille halten konten, unsere

25
Johann Gottfried Schnabel, Insel Felsenburg [1731], hg. v. Volker Meid und Ingeborg Springer-
Strand, Stuttgart 1982, S.291, 297–8; alle folgenden Zitate werden im laufenden Text unter der
Sigle WF mit Angabe der Seitenzahl nachgewiesen.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 11

Furcht aber wurde noch um ein grosses vermehrt, da sich, gegen Süden zu,
eine weisse lichte Flamme sehen ließ, welche immer gantz sachte fort zohe,
und endlich um die Gegend, wo wir des Don Cyrillo Cörper begraben
hatten, verschwand. (WF 181)

Carl Franz erklärt diesen Vorfall, von dem Lemelie nichts mitbekommen
hat, mit einem Erdbeben; Concordia hingegen befürchtet, er sei die ‘Vor-
bedeutung eines besondern Unglücks’, da ‘dergleichen lichte Flamme’ in
ihrer Schlafkammer ‘die sonst alle Nacht hindurch brennende grosse
Lampe auslöschte, worauf sogleich der grausame Knall und die hefftige
Erschütterung zu empfinden war’ (WF 182). Es finden sich denn auch
keine Spuren eines Bebens auf der Insel, und das Unglück läßt nicht lange
auf sich warten: Lemelie stürzt Carl Franz auf der Insel heimlich von einer
Klippe, um später seine ‘ausschweiffende Wollust’ (WF 196) an dessen
schöner Frau stillen zu können, rennt aber bei dem Versuch, die schwan-
gere Concordia zu vergewaltigen, dem zu Hilfe geeilten Albertus ins
offene Messer und bringt sich später mit etlichen Stichen ins Herz selbst
ums Leben. Dem kurze Zeit darauf erkrankenden Albertus kommt ein
‘Göttliches Gesichte’ zur Hilfe (WF 212); ihm erscheint im Traum Don
Cyrillo und macht ihn auf Schriften über heilende Kräuter und Wurzeln
aufmerksam, die Albertus auch findet und zur Genesung nutzen kann.
Als sich gut ein Jahr später die eheliche Verbindung zwischen Albertus
und Concordia anbahnt, fängt seine Zukünftige ‘einen gantz besonders
schönen Fisch’. ‘Es war würcklich ein gantz besonders rarer Fisch, den sie
selbigen Mittag in ihren ausgesteckten Angeln gefangen hatte’ (WF 234–
5); während ihrer Hochzeits-Zeremonie lesen Albertus und Concordia 1.
Mose 1–3 und Tobias 8, 7–9, wobei Albertus in letzterem Buch ‘etliche
Worte nach’ ihrem ‘Zustande veränderte, auch so viel zusetzte als’ ihm
seines ‘Hertzens heilige Andacht eingab’ (WF 241).

Indem aber die Zeit zum Schlaffen-gehen herbey kam, sagte meine Braut
mit liebreichen Gebärden zu mir: Mein allerliebster Ehe-Schatz, ich habe
heute mit Vergnügen wahrgenommen, daß ihr in vielen Stücken des jungen
Tobiä Sitten nachgefolget seyd, derowegen halte vor löblich, züchtig und
andächtig, daß wir diesen jungen Ehe-Leuten noch in dem Stücke nach-
ahmen, und die 3. ersten Nachte mit Beten zubringen, ehe wir uns ehelich
zusammen halten. Ich glaube gantz gewiß, daß GOTT unsern Ehestand um
so viel desto mehr segnen und beglückt machen wird.
Ihr redet, mein Engel, gab ich zur Antwort, als eine vollkommen tugend-
haffte, gottesfürchtige und keusche Frau, und ich bin eurer Meinung voll-
kommen, derowegen geschehe, was euch und mir gefällig ist. Solchergestalt
sassen wir alle drey Nachte beysammen, und vertrieben dieselben mit an-
dächtigem Beten, Singen und Bibel-Lesen, schlieffen auch nur des Morgens
einige Stunden, in der vierdten Nacht aber opfferte ich meiner
rechtmäßigen Ehe-Liebste die erste Krafft meiner Jugend, und fand in ihren
Liebesvollen Umarmungen ein solches entzückendes Vergnügen, dessen
unvergleichliche Vollkommenheit ich mir vor der Zeit nimmermehr vor-
stellen können. (WF 241–2)
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12 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

Die Lektüre von 1. Mose 1–3 hebt Schöpfung, Paradies und Sündenfall ins
Bewußtsein und konnotiert im Zusammenhang mit der bevorstehenden
Hochzeitsnacht den Übergang vom Stand der Unschuld zur Scham vor
der Nacktheit; allerdings steht die Keuschheit einem zugleich gottgefäl-
ligen und beglückenden Zeugungsakt nicht im Wege. Der Verweis auf das
Buch Tobias dient in erster Linie der Beglaubigung, daß das Vergnügen
des Albertus an der auch naturrechtlich legitimen Betätigung seiner
‘Krafft’ in den Schranken der Religion gerechtfertigt ist:26 ‘Und nun,
Herr, du weißt, daß ich nicht böser Lust halben diese meine Schwester
zum Weibe genommen, sondern daß ich möge Kinder zeugen, dadurch
dein heiliger Name ewiglich gepriesen und gelobt werde’ (Tobias 8, 9).
Die im Roman erwähnten Bibelstellen sind jedoch, wie die Gebete des
später zur Inselgemeinschaft stoßenden Mag. Schmeltzer zeigen, oftmals
bewußt gewählt, um das Leben auf der Felseninsel als Vorhof des Reiches
Gottes und damit als sakralen Bezirk erscheinen zu lassen (WF 98 [Ps.
84]; WF 416 [Ps. 116]). So liegt es nahe, auch die Ereignisse am Wende-
punkt des Schicksals der Hauptfiguren auf sakralisierende Anspielungen
hin zu untersuchen – zumal Albertus selbst die durchs heilige Herz inspi-
rierte, kreative Applikation apokrypher Texte befürwortet.
Das Leben im fiktiven Inselparadies läßt sich als Erfüllung des biblisch
überlieferten Auftrags interpretieren, den Gott den Menschen im Paradies
erteilt hatte (vgl. 1. Mose 1, 28). Vor allem jedoch finden sich Anspie-
lungen auf das Buch Tobias: Wie der Vater des jungen Tobias im Namen
Gottes und gegen den Willen des Königs die Leichname der Israeliten
begräbt, so begraben die tugendhaften Männer auf der Insel den unbestat-
tet gebliebenen Don Cyrillo (Tobias 1, 20; 2, 2–10); der junge Tobias sowie
Concordia fangen vor ihrer Hochzeit einen außergewöhnlichen Fisch
(Tobias 6, 2–5); die sieben früheren Ehemänner der Sara, die schließlich
den jungen Tobias heiratet, mußten auf Gottes Ratschluß hin ebenso
sterben wie der erste Mann der Concordia (Tobias 7, 11–12); sowohl in
Schnabels Roman als auch im Buch Tobias werden wunderbare Heilkräfte
unter dem Beistand der Erscheinung einer guten Macht genutzt, und in
beiden Geschichten wird das Böse schließlich gebändigt (Tobias 6, 6–10
u. 18–20; 8, 2–3); und Tobias 12, 10 – ‘Die Gottlosen aber bringen sich
selber um ihr Leben’ – paßt auf den Tod Lemelies. Diese Anspielungen
verweisen zwar nicht auf analoge Handlungen, aber Schnabels Roman und
das Buch Tobias preisen beide den wundertätigen Gott, der die auch im
Unglück standhaften Gläubigen schließlich erlöst, und stellen den Auser-
wählten Tröstung in Aussicht (Tobias 13).
Der Erzähler rückt also den Wendepunkt des Schöpfungsverlaufs, wie
auch die zahlreichen Hinweise auf das Eingreifen der göttlichen Vor-
sehung im Roman zeigen, in die Nähe eines Wunders der biblischen Über-
lieferung. Jedoch läßt Schnabel den fiktiven Herausgeber seines Romans

26
Zum ‘Triebe der Natur’ als Grundlage der Liebe zum anderen Geschlecht siehe Schnabel [Anm.
25], S.225–6, 236.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 13

die Erzählung mit solchen biblischen Schriften vergleichen, die auch nach
theologischer Meinung nicht im wörtlichen Sinn als Wiedergabe tatsäch-
licher Sachverhalte zu verstehen seien, und aus dieser Perspektive wäre
die Darstellung als symbolischer Vorschein jenseitigen Heils zu lesen.
Überdies hatte Luther die Apokryphen, darunter das Buch Tobias, aus-
drücklich auf eine Stufe mit der poetischen Dichtung gestellt und von
heiligen Geschichten abgegrenzt,27 und in dieser Tradition ist, so scheint
es, das Ästhetische auch bei Schnabel desakralisiert. Indessen steht die
naturrechtliche Legitimität des geheiligten innerweltlichen Glücks im
Roman seiner Auslegung als bloßem Symbol jenseitigen Heils im Wege, und
die in der Erzählung ernstzunehmende Heiligung der herzensinspirierten
Bibeltransformation unterminiert die scheinbare Gleichwertigkeit der Fik-
tion mit den eindeutig nicht-sakralen Apokryphen. Indem der Roman in
der Vorrede die Fiktionalität seiner Darstellung bewußt macht und das
Ausmaß des Realitätsgehalts dieser ‘geschickte[n] Fiction’ gezielt in der
Schwebe hält (WF 7), bleibt zwar unbestimmt, inwieweit die literarische
Ästhetisierung der religiösen Erlösungsidee mit der Vorverlegung ihres
Heilsversprechens ins Diesseits einhergeht. Gleichwohl ermächtigt Schna-
bel die innerweltliche Einbildungskraft, ohne Beistand der göttlichen Ver-
balinspiration das sakrale innerweltliche Glück der Tugendhaften gegen
die empirische Ordnung der Natur zu verteidigen.28
Nun läßt sich die utopische Gemeinschaft auf der Felseninsel auch als
symbolische Darstellung einer idealisierten bürgerlichen Welt inter-
pretieren; der intrafiktionale Gegensatz von positiver und negativer Welt
könnte aus dieser Perspektive als stilisierte Überhöhung des faktischen
Geschichtsverlaufs verstanden werden. Doch die damit verbundene theo-
logische Problematik, warum in der Vorgeschichte des innerweltlichen
Erfüllungsgeschehens empirisches Sein und naturrechtlich legitimes
Sollen auseinanderklaffen, kann im Rahmen von Schnabels Konzept der
Vorsehung nicht beantwortet werden.29 Sein Modell einer im Regelfall
unerforschlichen, gelegentlich aber transparenten Providenz weicht dieser
für die Theodizee-Problematik zentralen Frage aus und bezieht seine
Überzeugungskraft in letzter Instanz aus dem ästhetischen Wohlgefallen
an einer imaginären Wunscherfüllung.
Der mit Schnabels Darstellung verbundene Glücksanspruch überschrei-
tet in jedem Fall mit ästhetischen Mitteln die Horizonte einer zugleich
theologisch legitimierbaren und diskursiv einholbaren Rationalität: Wird
die Insel als Symbol eines mit der faktischen Schöpfung kontrastierenden,
kontrafaktischen Ideals interpretiert, so überschreitet der Glücksanspruch
die Grenzen des ontologisch Verbürgten; wird sie hingegen als Symbol

27
Christian Erich Rochow, Das bürgerliche Trauerspiel, Stuttgart 1999, S.15–16.
28
Vgl. Alt, Aufklärung [Anm. 1], S.282.
29
Zum bürgerlichen Charakter der Utopie siehe Arnold Hirsch [Anm. 17], S.213, 217; zu ihren
pietistischen Zügen ebd., S.211; zu unaufgelösten theologischen Widersprüchen siehe Frick [Anm.
10], S.196, Fußnote 248.
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14 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

einer zur innerweltlichen Ermächtigung des Subjekts fortgeschrittenen


bürgerlichen Realität gedeutet, so mündet jener Anspruch in eine Ästheti-
sierung der Geschichtsteleologie. In Schnabels frühaufklärerischem
Roman befindet sich die Hoffnung auf diesseitigen Tugendlohn ge-
genüber der Theodizee-Lehre allerdings noch in der Defensive; Schnabel
muß den innerweltlichen, in seiner Reichweite noch unterbestimmten
Glücksanspruch der Tugendhaften gegenüber dem Gebot der fidei-
stischen Standhaftigkeit allererst ins Recht setzen. Anders verhält es sich,
wie sich zeigen wird, bei Moritz und Wieland; hier droht dem Glücksan-
spruch nicht die Entwertung durch intakte religiös-metaphysische Lehren,
sondern der Entzug einer plausiblen religiösen Deckungsgrundlage für
zumindest in Kernbereichen bereits als unveräußerlich geltende Wertvor-
stellungen.
Ludwig Tieck würdigt 1828 in seiner Vorrede zur Neuausgabe von
Schnabels Wunderlicher Fata einiger See-Fahrer den Roman als Beispiel für
eine ‘naive’, von Phantasie und Eingebung geleitete Dichtung.30 Der
Gehalt des durch Schiller geprägten Begriffs des Naiven als des Natur-
nahen erfährt dabei eine entscheidende Verschiebung, denn als ‘natür-
lich’ erweist sich Schnabels Darstellung erst im Kontext eines Begriffs der
Natur, die sich auch im Eigensinn der schöpferisch-idealisierenden Phan-
tasietätigkeit manifestiert. Wenn Schiller Natur in der ‘fröhlichen Ein-
bildungskraft’ aufspürt, wie sie etwa der griechischen Götterlehre
zugrundeliegt, so bezieht er sich auf eine Phantasie, die ‘geschäftig’ ist,
‘die menschliche Natur schon in der unbeseelten Welt anzufangen’.31 Im
Unterschied dazu überschreitet Schnabels Fiktion auch den Horizont der
phantasiegeleiteten Naturerfahrung und erwiese sich so als idealische –
und im Sinne Schillers gerade nicht naive, sondern sentimentalische –
Dichtung. Tieck indessen würdigt mit seinem Begriff des Naiven die eigen-
sinnige Phantasietätigkeit Schnabels als eine natürliche Kraft – und
bescheinigt dessen Roman damit Affinitäten zur literarischen Moderne.32

2. Moritz: Anton Reiser


In seinem Roman Anton Reiser entwertet Moritz den Glauben an ‘Ent-
schädigung für erlittenen Kummer, die notwendig noch auf Erden
stattfinden müsse’,33 ebenso wie die fraglose Unterstellung einer ver-
nünftigen Teleologie des individuellen Daseins, und er entlarvt die
Hoffnung auf den erlösenden Durchbruch göttlicher Gnade durch indivi-

30
Ludwig Tieck, ‘Vorrede zur Ausgabe von 1828’, in: Schnabel [Anm. 25], S.533–64 (S.562–3).
31
Friedrich Schiller, ‘Über naive und sentimentalische Dichtung’, in: Schillers Werke, Vierter Band:
Schriften, Frankfurt a.M. 1966, S.287–368 (S.303, 302).
32
Zur Wiederentdeckung von Schnabels Roman bei weiteren Autoren des 19. Jahrhunderts siehe
‘Nachwort’, in: Schnabel [Anm. 25], S.593–606 (S.598).
33
Karl Philipp Moritz, Anton Reiser. Ein psychologischer Roman [1785–90], hg. v. Wolfgang Martens,
Stuttgart 1980, S.464; vgl. S.90, 277; alle folgenden Zitate werden im laufenden Text unter der
Sigle AR mit Angabe der Seitenzahl nachgewiesen.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 15

duelle Erweckung im Diesseits als eine Projektion, die zur Hypochondrie


und Melancholie führt, das Selbstwertgefühl destabilisiert und die
Bedürfnisinterpretation verzerrt; den Providenzgedanken, der außerhalb
blasphemischer Deutungen keinen Raum mehr hat (AR 90), gibt Moritz
preis. Zwar lassen sich in der Natur der menschlichen Psyche selbstge-
steuerte finale Prozesse beobachten; aber die Finalität solcher vorbewußter
Abläufe, die die Kontinuität des realitätsbezogenen Bewußtseins wahren
und – mithilfe wunderbar anmutender Kräfte – auf die Selbsterhaltung
des einzelnen gerichtet sind (AR 236, 387), garantiert nicht, daß der Sinn,
der im ‘wahren’ Trieb, der substantiellen ‘Strebekraft’, der finalen
‘Grundlage’ des ‘Charakters’ wurzelt, auch zum innerweltlichen Ausdruck
kommt (AR 382, 218, 205; vgl. 413–14). Vielmehr führt Moritz eine Reali-
tät vor, die die spezifische Finalität der Einzelseele durch Kränkungen und
Beschädigungen des Selbstwerts entmachtet und die Bewußtseinskräfte in
kompensatorische Phantasietätigkeit abdrängt, welche das Selbstver-
ständnis verzerrt und die Entfremdung perpetuiert.
Dieser biographischen Darstellung einer beschädigten Identität, deren
Heilung empirisch unwahrscheinlich ist, hält Moritz die offene Möglich-
keit entgegen, daß finale, auf die vernünftige Entfaltung individueller Sub-
stanz gerichtete Kräfte sich endlich durchsetzen könnten, in deren Lichte
sich die Biographie als sinnbezogenes Entwicklungsgeschehen zu er-
kennen gäbe. Der Roman läßt offen, ob diese Erfahrung der Hauptfigur
Anton Reiser je zuteil wird, und gegen den unverzerrten Durchbruch
dieser Substanz spricht die Wahrscheinlichkeit; damit, so scheint es, er-
weist sich das Konzept der selbstbelohnenden, zu bescheidenem Glück
führenden Tugend als eine Illusion, die den Blick auf die empirischen
Bedingungen vernünftiger Identität verstellt. Doch obwohl weder die
empirische noch die metaphysische Ordnung jene Glückserwartung stützt,
gelingt es Moritz, ein bescheidenes Ideal innerweltlichen Tugendlohns
religiös abzusichern, indem er ästhetischen Erfahrungen, die den verdeckt
bleibenden Sinnzusammenhang des fragmentierten individuellen Daseins
als Idee symbolisieren, eine eigenständige sakrale Autorität zuweist.
Im Rahmen des Versuchs, ‘etwas Metaphysisches über Ichheit und
Selbstbewußtsein’ zu schreiben und so ‘mit sich selbst gleichsam in Richtig-
keit’ zu sein, veredelt Anton, wie der Erzähler als Sprachrohr des Autors
bezeugt, seine ‘Begriffe von der Gottheit’:

Nun fing er an, den Begriff des Individuums zu verfolgen, der ihm schon
seit einigen Jahren, da er zuerst etwas von Logik gehört hatte, vorzüglich
wichtig geworden war, – und da er nun endlich auf den höchsten Grad
des Bestimmtseins von allen Seiten, und des Vollkommen-sich-selbst-gleich-Seins
stieß – so war es ihm nach einigem Nachdenken, als ob er sich selbst
entschwunden wäre – und sich erst in der Reihe seiner Erinnerungen an das
Vergangene wieder suchen müßte. – Er fühlte, daß sich das Dasein nur an der
Kette dieser ununterbrochnen Erinnerungen festhielt. – (AR 269)
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16 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

Anton möchte den qualitativen Begriff der Individualität als der einzig-
artigen Bestimmtheit des Einzelnen auf sein empirisches Dasein
anwenden, das er sich indessen nur in der numerischen Singularität des
von ihm durchlaufenen Erfahrungszusammenhangs vergegenwärtigen
kann. Da ihm seine Individualität als metaphysische Substanz gilt, die aus
der kontextuell beschränkten Perspektive seines Bewußtseins uneinholbar
bleibt und in den Kontingenzen seiner Existenz keine Gestalt annimmt,
erscheint ihm das faktische Dasein als entwirklicht: ‘Die wahre Existenz
schien ihm nur auf das eigentliche Individuum begrenzt zu sein – und
außer einem ewig unveränderlichen, alles mit einem Blick umfassenden Wesen,
konnte er sich kein wahres Individuum denken’ (ebd.). Diesen Verlust
substantieller Bestimmungen seiner Identität gleicht Anton durch den
religiösen Glauben aus, der seinem Dasein einen Bezug zu meta-
physischem Sinn verleiht, der im Empirischen sich nicht zu erkennen gibt:
Am Ende seiner Untersuchungen dünkte ihm sein eignes Dasein, eine bloße
Täuschung, eine abstrakte Idee – ein Zusammenfassen der Ähnlichkeiten, die
jeder folgende Moment in seinem Leben mit dem entschwundenen hatte. –
Durch diese Begriffe von seiner eignen Eingeschränktheit, veredelten sich
seine Begriffe von der Gottheit – er fing an, nun in diesem großen Begriffe,
sein eignes Dasein zu fühlen, das ihm ohnedem unter den Händen zu
verschwinden, ohne Zweck, abgerissen, und zerstückt zu sein schien. – –
(ebd.)

Der Roman bestätigt diese metaphysischen Annahmen der Hauptfigur,


erklärt deren Entstehung aber psychologisch; denn hätte Anton das
Gefühl, ein sinnhaftes Dasein zu führen oder auf die Freisetzung einer
solchen Lebensform hinzuarbeiten, könnte er Spuren eines unverwechsel-
baren Sinnganzen auch empirisch erkennen – ungeachtet des Umstands,
daß sich die Individualität als metaphysische Substanz der gänzlichen
Bestimmung entzieht.
Aus der Perspektive solcher Reflexionen bleibt die gesuchte Substanz
des Charakters jenseits der Erfahrung; die Gültigkeit des Anspruchs auf
das Glück einer tugendhaften und damit vernünftigen individuellen Da-
seinsform bleibt, da sich der Glaube in der Praxis nicht bestätigt, ungesi-
chert. Bei Moritz übernimmt nun die ästhetische Erfahrung die Mittler-
funktion zwischen Faktizität und Geltung. Anton erfährt gelegentlich ein
‘bedeutendes Bild’, ‘wo Zeichen und Sache eines’ werden (AR 465). Ent-
sprechend kann die in der konkreten sinnlichen Wahrnehmung ausge-
drückte Idee eines – wenn auch verdeckten – inneren Sinnzusammen-
hangs der eigenen Biographie das Gefühl für die Würde des Charakters
zum Ausdruck bringen und verstärken. Eine solche ästhetische Evidenz
wurzelt in psychologischen Prozessen, die den Mangel an reflexiven
Bestimmungen durch vorbewußte Verknüpfungen von Vorstellungen in
der sinnlichen Wahrnehmung ausgleichen:
So mächtig wirkt die Vorstellung des Orts, woran wir alle unsre übrige Vorstel-
lungen knüpfen. – Die einzelnen Straßen und Häuser, die Anton täglich
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 17

wiedersahe, waren das Bleibende in seinen Vorstellungen, woran sich das


immer Abwechselnde in seinem Leben anschloß, wodurch es Zusammen-
hang und Wahrheit erhielt, wodurch er das Wachen vom Träumen unter-
schied. – –
In der Kindheit ist es insbesondre nötig, daß alle übrigen Ideen sich an die
Ideen des Orts anschließen, weil sie gleichsam in sich noch zu wenig Konsis-
tenz haben, und sich an sich selber noch nicht festhalten können. (AR 91)

Insbesondere die Klangerfahrung spielt bei der Vereinigung von Erin-


nerung und Wahrnehmung zur symbolischen Repräsentation der Idee
übersituativer Kontinuität eine wichtige Rolle:

Wenn er auf den Wällen von Erfurt um die Stadt spazierenging, so fühlte
er lebhaft, daß er durch eigne Anstrengung sich aus seinem unerträglichen
Zustande gerissen, und seinen Standpunkt in der Welt aus eigner Kraft ver-
ändert hatte. Wenn er dann die Glocken von Erfurt läuten hörte, so wurden
allmählich alle seine Erinnerungen an das Vergangene rege – der gegen-
wärtige Moment beschränkte sein Dasein nicht – sondern er faßte das alles
wieder mit, was schon entschwunden war.
Und dies waren die glücklichsten Momente seines Lebens, wo sein eigenes
Dasein erst anfing ihn zu interessieren, weil er es in einem gewissen Zusam-
menhange, und nicht einzeln und zerstückt betrachtete.
Das Einzelne, Abgerissene und Zerstückte in seinem Dasein, war es immer,
was ihm Verdruß und Ekel erweckte. [%] – Dann war alles so unbedeutend,
so leer und trocken, und nicht der Mühe des Denkens wert. –
Dieser Zustand ließ ihn immer die Ankunft der Nacht, einen tiefen
Schlummer, ein gänzliches Vergessen seiner selbst wünschen – ihm kroch
die Zeit mit Schneckenschritten, fort – und er konnte sich nie erklären,
warum er in diesem Augenblicke lebte.
Im Anfange seines Aufenthalts in Erfurt waren dieser Augenblicke nur
wenige – er übersah das Leben immer mehr im Ganzen – die Ortverän-
derung war noch neu – seine Einbildungskraft war durch das Immerwieder-
kehrende noch nicht gefesselt. – (AR 448–9)

In solchen außerordentlichen Erfahrungen, welche die Routinen der


Alltagswahrnehmung überschreiten, bricht die metaphysisch begründete
Finalität des Ästhetischen durch, das im Einklang mit der Teleologie der
menschlichen Psyche die Würde der versehrten Individualität gegen ihre
regelhafte Beschädigung verteidigt und, bescheidener als die trügerische
Hoffnung auf Vergeltung für erlittene Qual (AR 413), zukünftige Erfül-
lung denkmöglich werden läßt.

3. Moritz: Andreas Hartknopf


Auch in seinem zeitgleich mit dem Anton Reiser entstandenen Roman
Andreas Hartknopf arbeitet Moritz heraus, daß das Ausmaß der regelhaften
Enttäuschung noch der bescheidensten Hoffnung auf weltliche Seelen-
ruhe eine in letzter Instanz aus ästhetischen Quellen schöpfende Reli-
giosität erforderlich macht. In der Welt des Romanhelden Andreas Hart-
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18 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

knopf ist es um die sinnenfällige Übereinstimmung der kontingent


erscheinenden innerweltlichen Ereignisse mit dem auf die Verwirklichung
von Menschenliebe gerichteten Schöpfungsplan Gottes so schlecht
bestellt, daß ihm ausgerechnet der Hinrichtungsplatz seiner Heimatstadt
als ‘Altar’ erscheint, wo er ‘zu dem Erhalter des Weltalls’ betet;34 und
entsprechend ist seine Lehre auf die eine Weisheit gegründet, die ‘einzig,
fest, und unerschütterlich’ ist; ‘sie heißt: Resignation’ (AH 161). Diese
Lehre schließt allerdings die Auffassung von der resignierten Duldung als
dem Quell eines harmonisch, sanft und friedlich verlaufenden Lebens
ein – ‘Mein Leben sey ein steter sanfter Friede’ (ebd.) –, während der
Held einer satanisch-brutalen Umwelt ausgeliefert ist, welche die Suche
nach innerweltlicher Fülle im sakralen Sinn beständig durchkreuzt.
Entsprechend gestaltet der Roman diese Fülle als ein diskursiv nicht
einholbares, letztlich ästhetisch beglaubigtes Wunder. Dem Gastwirt
Knapp etwa, einem Freunde Hartknopfs, der an den ‘Herzen’ seiner
‘unheilbarscheinenden’ Mitmenschen ‘gleichsam eine Art von Wunder-
kur’ verrichten kann, indem er den ‘eingewurzelte[n] Eigennutz’ als den
‘Flecken’ in der ‘schöne[n] Schöpfung Gottes’ tilgt und so ‘in den Plan
der ewigwürkenden Liebe harmonisch einstimmt’ (AH 91, 93, 95), war
‘das Wort’ ‘so heilig, wie es Hartknopfen nur immer seyn konnte, ob er
es gleich nicht’ wie Hartknopf ‘als die vierte Person in der Gottheit
verehrte – darum war’ Knapp ‘so sparsam mit seinen Worten, um sich
gleichsam alle Kraft und allen Nachdruck der Rede zu dem Augenblicke
aufzusparen, wo er in der Seele eines Menschen gleichsam eine neue
Schöpfung bewirken, und das Licht von der Finsternis scheiden wollte’
(AH 90).
Um eine solche heilende Wirkung durch das Wort ist auch Hartknopf
bemüht, für den die Musikalität der Sprache von zentraler Bedeutung ist:

Viere sind, die da zeugen im Himmel: der Vater, der Sohn, der Geist, und
das Wort, und diese viere sind eins – Das Wort aber ist Fleisch geworden,
und hat unter uns gewohnet [%] – Die Worte des Lebens aber tönen sanft
und voll, und wer sie einmal gehört und sein Ohr daran gewöhnet hat,
dem tönen sie sein ganzes Leben hindurch in einem fort, und sind der
harmonische Takt zu allem, was er denkt, und spricht, und thut. – – Wer
auf diesen Takt horcht, dessen Blut fließt leicht in seinen Adern, seine Seel’
ist immer heiter, sein Auge beständig offen für den Lichtstrom, der sich aus
Gottes Schöpfung hinein ergießt; [%] Vetter, wir sind ist das höchste, was
wir sagen können – (AH 41–2)

Der im Sprachklang evidente, sakrale Sinn des Lebens ermöglicht Hart-


knopf das ‘Wiederfinden desselben Geistes, der ihn durchwehte, in an-
dern’ und überwindet so den Solipsismus (AH 143; vgl. 141). Der Erzähler
betont, daß der innerweltliche Durchbruch sakralen Sinns, der den Riß

34
Moritz, Andreas Hartknopf [Anm. 8], S.62; alle folgenden Zitate werden im laufenden Text unter
der Sigle AH mit Angabe der Seitenzahl nachgewiesen.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 19

zwischen profanem Jammer und Anspruch auf Tugendlohn heilt, seine


Überzeugungskraft aus ästhetischen Qualitäten bezieht:

Die erhabne Melodie zu diesem Gesange scheint wie das Feuer des
Prometheus einer andern höhern Sphäre entwandt zu seyn, mit solchen
unbekannten Empfindungen füllt sie die Seele, und macht das Herz zer-
schmelzen. –
Erst hebt sie sich sanft und stufenweise, bis sie sich bald in höhern Regionen
zu verlieren scheint, aus denen sie nun beruhigt, gestärkt, und getröstet mit
festem Tritt wieder herabsteigt, um sich aufs neue im höhern Fluge mit
Jauchzen emporzuschwingen – sanft hinwegzugleiten über diese niedre
Welt – mit Lächeln herabzuschauen auf die Sorgen und mühevollen
Arbeiten der Bewohner dieser Erde – und dann in einem einzigen großen
Gefühl der erweiterten Ichheit allen Kummer des Lebens mit einemmal
zu versenken.
O es liegt ein großes Geheimnis in dem Fall dieser melodischen Töne, die,
so wie sie auf und absteigen, die Sprache der Empfindungen reden, welche
Worte nicht auszudrücken vermögen – Welch ein weitläuftiges Gebiet von
Ideen liegt hier außer den Grenzen der Sprache: wo ist der neue Kolumbus,
der diesen bisher noch leeren und unbeschriebnen Raum auf der großen
Charte der menschlichen Kenntnisse, durch neue Entdeckungen aus-
füllt? – – (AH 72–3)

Die fideistisch-quietistische Selbstbescheidung und selbstbelohnende Dul-


dung, die am Ende des Romans verteidigt wird, verbindet sich – auf der
Grundlage der Heiligung von Sprache und Musik – mit einem gegenüber
der christlichen Orthodoxie geradezu häretischen Verständnis der Schrift
(vgl. die Anspielungen des folgenden Abschnitts auf 2. Kor. 3, 6); indem
die Heilkraft des sakralen, musikalisierten Sprachklangs das Walten eines
heiligen Geistes im Ich verbürgt, überbietet das Ästhetische die Autorität
sakraler Schriften:

Der Buchstabe tödtet, aber der Geist macht lebendig. [%] Sein Studium
aber ging darauf, die Musik zur eigentlichen Sprache der Empfindungen zu
machen, wozu sich die artikulirten Töne nicht so wohl schicken, als die
unartikulirten, die das Ganze nicht erst zerstücken, um es dann wieder zu-
sammenzufassen, sondern die es gleich, so wie es ist, ganz und in seiner
Fülle zu lassen. [%] Mit der Musik verband er aber auch die Dichtkunst im
hohen Grade – und nahm seine Zuflucht oft zu ihr, wenn er kranke Seelen
heilte. O dann flossen die Worte im metrischen Silbenfall, wie Balsam von
seinen Lippen – (AH 133–4, 137)

Diese Heilkraft wird im Roman aus der Perspektive des Erzählers bestätigt,
der den wunderbaren Einfluß des Hartknopf an sich selbst erfahren hat,
und zwar unter dem Einfluß der Musik und des Gesangs (AH 126–32,
157–9).
Diese Hinweise mögen genügen, um zu zeigen, daß Moritz mit weit-
gehend autonomisierten ästhetischen Mitteln den durch Erfahrung und
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20 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

Reflexion nicht mehr gestützten Restanspruch der enttäuschten


Bedürfnisnatur auf Glück in der Resignation sakralisiert. Zu Recht spricht
Schrimpf von Moritz’ ästhetischer Anthropodizee, ohne Paines Befund
einer ästhetischen Theodizee bei Moritz die Berechtigung abzusprech-
en.35
Die Annahme, Moritz’ Anton Reiser stelle eine Vorstufe auf dem Weg
zur ‘Vorwegnahme späterer romantischer Lösungen’ im Andreas Hartknopf
dar – die ‘starke Wirkung, die gerade “Andreas Hartknopf” auf den frühen
Jean Paul ausgeübt hat, scheint eine solche Interpretation nahezulegen’ –,
läßt sich, da beide Romane ‘Parallelwerke’ sind, so nicht aufrechterhal-
ten.36 Und wenn die Forschung der 1930er Jahre Moritz als ‘frühsten Rom-
antiker’ bezeichnet,37 so löst sie zu Unrecht die Gestaltung ästhetisch-reli-
giöser Erfahrung als Wesen seiner Dichtung von der aufklärerischen
Position als dem Merkmal einer scheinbar akzidentiellen Übergangsphase
ab. Gleichwohl kommen Moritz’ Romane solchen Interpretationen inso-
fern entgegen, als zwischen der psychologisch-rationalistischen Analyse
und der ästhetisch-religiösen Symbolik tatsächlich ein Spannungsver-
hältnis besteht – nur eben nicht in dem Sinne, daß sich diese von jener als
‘eigentlicher’ Gehalt ablösen ließe; psychologische Analyse und religiöse
Auslegung symbolischer Erfahrungen bilden vielmehr in beiden Romanen
eine unauflösbare Einheit.38

4. Wieland: Geschichte des Agathon


Wieland führt in seiner Geschichte des Agathon einen Helden vor, dessen
Streben nach selbstbelohnender Tugend am Ende derart umfassend
enttäuscht wird, daß für ihn alle glücksteleologischen Postulate unplausi-
bel werden; seine Ideale fielen nur dann nicht der Enttäuschung zum
Opfer, wenn er einer Gesellschaft zugeführt würde, in der er den Sinn
dieses Strebens rekonstruieren könnte. Dazu aber bedürfte es ironischer-
weise eben desjenigen providentiellen Beistands, der sich in der entprovid-
entialisierten Welt als Illusion erwiesen hat; und eben diesen theoretisch
diskreditierten Beistand gewährt der Verfasser seinem Helden. Im offenen
Widerspruch zur Ausrichtung der Fiktion am Maßstab empirischer
Wahrscheinlichkeit verteidigt Wieland mit ästhetischen Mitteln das Ideal
diesseitigen Tugendlohns notfalls auch gegen den herzlosen Verstand. So
konstatiert der fiktive Herausgeber der überlieferten Geschichte des Aga-
thon:

Bis hieher scheint die Geschichte unsers Helden, wenigstens in den haupt-
sächlichsten Stücken, dem ordentlichen Lauf der Natur, und den streng-
esten Gesetzen der Wahrscheinlichkeit so gemäß zu sein, daß wir keinen

35
Hans Joachim Schrimpf, ‘Karl Philipp Moritz’ [Anm. 9], S. 902.
36
Schrimpf, ‘Nachwort’ [Anm. 8], S.29*.
37
Ebd., S.16*.
38
Ebd., S.23*–4*.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 21

Grund sehen, an der Wahrheit derselben zu zweifeln. Aber in diesem eilften


Buch, wir müssen es gestehen, scheint der Autor aus dieser unsrer Welt,
welche, unparteiisch von der Sache reden, zu allen Zeiten nichts bessers als
eine Werkel-Tags-Welt (wie Shakespear sie irgendwo nennt) gewesen ist, ein
wenig in das Land der Ideen, der Wunder, der Begebenheiten, welche ge-
rade so ausfallen, wie man sie hätte wünschen können, und um alles auf
einmal zu sagen, in das Land der schönen Seelen, und der utopischen Repu-
bliken verirret zu sein.39

Da nun der Verfasser dieses Buches die Absicht gehegt habe, das in seinem
Helden angelegte Potential zur Entfaltung zu bringen,

so blieb ihm freilich kein andrer Weg übrig, als seinen Helden in diesen
Zusammenhang glücklicher Umstände zu setzen, in welchen er sich nun
bald, zu seinem eigenen Erstaunen, befinden wird. Freilich ist ein solcher
Zusammenfluß glücklicher Umstände allzuselten, um wahrscheinlich zu
sein. Aber wie soll sich ein armer Autor helfen, der (alles wohl überlegt)
nur ein einziges Mittel vor sich sieht, aus der Sache zu kommen, und dieses
ein gewagtes? Man hilft sich wie man kann, und wenn es auch durch einen
Sprung aus dem Fenster sein sollte. (GdA 556–7)

Das säkularisierte Wunder wird bei Wieland als durchsichtige Fiktion


inszeniert. Die ironische Inanspruchnahme providentiellen Beistands
dient in erster Linie dem Versuch, den Glücksanspruch der Tugend mit
ästhetischen Mitteln gegen die Unwahrscheinlichkeit des innerweltlichen
Tugendlohns zu verteidigen, ohne eine reflexiv gesicherte Grundlage
dieser ethischen Sollgeltung angeben zu müssen. Aus der Perspektive von
Wielands Romanschluß, der den Widerspruch zwischen idealer Gültigkeit
und empirischer Möglichkeit von Agathons ethischem Bewußtsein offen-
läßt, bleibt die Frage, wie sich die ästhetische Parteinahme des Verfassers
legitimieren ließe, unbeantwortbar. Aber auch als ungesicherte Fiktion
beansprucht der Schluß des Romans ästhetische Wahrheit.
Aus empirischer Sicht bleiben die Substantialität des ästhetisch ver-
teidigten Tugendideals und der Glaube an seine religiös-metaphysische
Grundlage fragwürdig; aus der Sicht des moralischen Gefühls hingegen
erweist sich das – dem Anspruch nach auf einer religiös-metaphysischen
Grundlage aufsitzende – Ideal als gültiger Maßstab eines gerechten Ge-
schichtsverlaufs. Indem Wieland in diesem Widerspruch ausharrt, bewahrt
er die ästhetische Idee eines religiös fundierten Glücksanspruchs der Tug-
end noch dort, wo er sie grundlegend problematisiert. Die Gültigkeit der
Implikationen einer solchen ästhetischen Stellungnahme steht und fällt
freilich mit der in diesem Widerspruch jeweils eingenommenen Perspek-
tive; von einem gesicherten sakralen Sinn der ästhetischen Verteidigung

39
Christoph Martin Wieland, Geschichte des Agathon [1766–7], hg. v. Fritz Martini, Stuttgart 1981,
S.552; alle folgenden Zitate werden im laufenden Text unter der Sigle GdA mit Angabe der Seiten-
zahl nachgewiesen; vgl. ebd., S.575, sowie Frick [Anm. 10], S.493.
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22 LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG

von Agathons Schicksals kann nicht die Rede sein. Ästhetisch gerecht-
fertigt ist lediglich die fortdauernde Geltung eines in seiner Gültigkeit
grundlegend fragwürdig gewordenen Ethos. Daß Wieland mit diesem
Ansatz zu den Wegbereitern der Moderne gehört, zeigt sich unter ande-
rem in der positiven Aufnahme, welche seine Offenheit gegenüber der
Spannung von parteilichem Enthusiasmus und desillusionierter Reflexion
etwa bei Germaine de Staël gefunden hat, für die sich gerade im wider-
sprüchlichen Ausscheren aus philosophisch gedeckten Positionen das
attraktive Genie Wielands zu erkennen gibt.40

V. ÄSTHETISCHE ANTHROPODIZEE UND LITERARISCHE MODERNE

‘Modern’ ist die ästhetische Anthropodizee der Aufklärung insofern, als


sie das Ästhetische zu einer Autorität der Bewahrung innerweltlicher
Ansprüche aufwertet, deren Legitimität reflexiv uneinholbar ist. Aller-
dings variiert das Verhältnis der einzelnen Romane zu den Vor- bzw. Früh-
formen der literarischen Moderne erheblich. Schnabels Roman gehört
zur Frühaufklärung, weist mit seiner Ästhetisierung religiöser Gehalte im
Rahmen einer gefühlsbetont-verinnerlichten Frömmigkeit aber schon auf
die modernen Züge der Empfindsamkeit voraus. Moritz’ spätaufkläre-
rische Romane hingegen behandeln die Problematik von Leben-
sentwürfen, die durch Pietismus, Empfindsamkeit und Sturm und Drang
beeinflußt sind. Wenn im Anton Reiser die Unempfindlichkeit der Zeit-
genossen für die lebensgeschichtliche Bedeutung charakterlicher Besond-
erheiten kritisiert wird, so verdankt sich die Modernität der Romanthema-
tik auch solchen Einflüssen, die über die Aufklärung im engeren Sinne
bereits hinausweisen. Indessen behandelt der Roman die über den Sturm
und Drang vermittelte Individualitätsthematik aus entwicklungs-
psychologischem Blickwinkel und holt sie in den Horizont einer im
engeren Sinne aufklärerischen Frage nach den empirischen Bedingungen
vernünftiger Bedürfnisinterpretation ein. Und wenn in Andreas Hartknopf
die sakrale Schönheit des musikalischen Klangs die Versöhnung von
Bedürfnis und Realität ermöglicht, so behandelt der Roman – bei aller
Ähnlichkeit seines Ansatzes mit Ideen der Klassik – mit dem Konflikt von
empfindsamer Vernunft und irrationaler Faktizität eine aufklärerische
Problematik. Wielands Roman schließlich stellt zwar einen wichtigen
‘Schritt zur Lösung vom Prinzip der Nachahmungsästhetik’ auf dem Weg
zur Moderne dar, enthält jedoch ‘philosophische Auseinandersetzungen
mit den wichtigsten Gedankenströmungen der Aufklärung und’ bleibt
‘auf diese Weise durchaus mimetisch auf jene bezogen’.41
Mit der Abstraktion von solchen strömungsspezifischen Unterschieden
40
Mme de Staël, De l’Allemagne, hg. v. André Monchoux, Paris 1956, S.111–12; ähnlich urteilt Goe-
the in Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit, in: Goethes Werke. Hamburger Ausgabe in 14 Bänden,
Band IX (Autobiographische Schriften: Erster Band), Hamburg 1964, S.270–1.
41
Vietta [Anm. 5], S.40–1.
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LITERARISCHE MODERNITÄT IN ROMANEN DER AUFKLÄRUNG 23

verbindet sich indessen auch ein Erkenntnisgewinn. Aufklärerische


Anthropodizee und die Utopien der frühen literarischen Moderne stützen
sich nämlich – bei aller inhaltlichen Divergenz – auf eine gemeinsame
Prozedur: die ästhetische Legitimation eines als natürlich interpretierten
Eigensinns der menschlichen Subjektivität. In der ästhetischen Anthropo-
dizee der Aufklärung ist die Verwirklichung dieses Sinns noch auf die
Selbstbehauptung vernünftiger Bedürfnisse der menschlichen Gattung
beschränkt; der Sturm und Drang ist indessen an der Selbstverwirklichung
individueller Formen interessiert und zentriert die menschliche Bedürfnis-
natur um den heiligen Selbstzweck schöpferischer Subjektivität in einem
ethisch verantworteten Leben je eigener Art. Die Klassik ist demgegenüber
für Probleme der Harmonie von Selbstverwirklichung und Selbstgesetzgebung
empfindlich und erblickt in der Schönheit der sinnenfälligen Versöhnung
von Neigung und Pflicht den Eigensinn des menschlichen Gattungs-
wesens; Hölderlin sowie die Frühromantik schließlich sind darum bemüht,
das ästhetische Wohlgefallen an partikularen Formen des sozialen Lebens
freizusetzen, in denen ethisch verantwortete Lebensentwürfe mit dem
ästhetischen Eigensinn der Naturerfahrung harmonieren – und erhoffen
sich davon auch die Selbstversöhnung naturverbundener Subjektivität, die auf
die intrasubjektive Stimme der transsubjektiven Natur hört. Modernes li-
terarisches Bewußtsein kann sich nicht zuletzt deshalb im Spiegel mancher
seiner Vorstufen erkennen, weil es die aufgeklärte Utopie der Versöhnung
des Menschen mit seiner Subjektivität nicht schlechthin überwindet, son-
dern in zunehmend differenzierteren, von den Imperativen der
Selbstbehauptung schließlich entkoppelten Spielarten weiterführt. Erst
wenn die Projekte der literarischen Moderne zu sakralen Gegenspielern
aufgeklärter Autonomie stilisiert werden, gerät dieser historische Zusam-
menhang aus dem Blick.

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