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Migration: Wer sind die Kinder, die nach Deutschland

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Der Beschluss des Koalitionsausschusses in Berlin, besonders schutzbedürftige


minderjährige Migranten aus griechischen Lagern aufnehmen zu wollen, hinterlässt viele
Fragen. „Es handelt sich dabei um Kinder, die entweder wegen einer schweren
Erkrankung dringend behandlungsbedürftig oder aber unbegleitet und jünger als 14
Jahre alt sind“, heißt es in dem Papier von CDU, CSU und SPD. „Die meisten davon sind
Mädchen.“

Wer auf den griechischen Inseln unterwegs gewesen ist, berichtet, dass auch Jungen
unter der schwierigen humanitären Lage leiden. Im Papier des Koalitionsausschusses
aber tauchen sie nicht auf – ganz so, als seien männliche Migranten per se nicht von der
Not betroffen.
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Es ist nicht die einzige Ungereimtheit im offenbar schnell zusammengezimmerten
Beschluss. Zwar haben sich die Koalitionsspitzen grundsätzlich darauf geeinigt,
Griechenland „bei der schwierigen humanitären Lage von etwa 1000 bis 1500 Kindern“
zu unterstützen.

Auf europäischer Ebene solle in den nächsten Tagen eine „Koalition der Willigen“
zusammentreten, um die Übernahme dieser Kinder zu organisieren. Deutschland sei „in
diesem Rahmen“ bereit, „einen angemessenen Anteil“ zu übernehmen.

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Entsprechend fielen die Reaktionen aus. Sie sei „froh, dass Deutschland sich nun an
einer EU-Koalition der Willigen, die in diesen Tagen geschlossen wird, angemessen
beteiligen und besonders schutzbedürftige Kinder aus Griechenland aufnehmen wird“,
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twitterte die SPD-Vorsitzende Saskia Esken im Anschluss.

Auch der Bundesinnenminister, der die Umsiedlung koordinieren soll, begrüßte den
Beschluss. „Es geht hier um die Schwächsten, die sich zum Teil seit Monaten in einer
prekären Lage befinden“, sagte Horst Seehofer (CSU). Er wolle sich weiter dafür
einsetzen, „dass wir hier gemeinsam mit anderen EU-Staaten schnell zu einer
tragfähigen europäischen Lösung kommen“.

Allerdings ist bislang nicht geklärt, welche weiteren Staaten sich definitiv an einem
solchen Programm beteiligen werden. Auch sind Fragen zur konkreten Umsetzung des
Programms offen.

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Dann doch eine Festung Europa
So ist bislang weitgehend unklar, wer den von den Koalitionsspitzen definierten Kriterien
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überhaupt entspricht. Nach Angaben von UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der
Vereinten Nationen, hielten sich Ende Februar rund 42.000 Flüchtlinge und Asylsuchende
auf den griechischen Inseln auf. Die Zahlen stammen von den griechischen Behörden,
eigene Erhebungen macht das UNHCR nicht.

Demnach sind rund 44 Prozent der Personen Männer, 22 Prozent Frauen, 20 Prozent
Jungen unter 18 Jahren und 14 Prozent Mädchen unter 18 Jahren. Rund 14 Prozent aller
Minderjährigen seien unbegleitet oder von ihren Familien getrennt – also etwa 2000
Personen. Daten zu Krankheit oder besonderer Schutzbedürftigkeit werden allerdings
nicht gesondert erhoben.

Die Altersfeststellung stellt Behörden – auch in Deutschland – immer wieder vor


Probleme: So machen Asylsuchende mitunter falsche Altersangaben, und medizinische
Untersuchungen zur genauen Bestimmung sind umstritten. Möglicherweise haben
Union und SPD im Koalitionsbeschluss auch deswegen das Alter auf 14 Jahre beschränkt,
um strittige Fälle um die Volljährigkeit zu vermeiden.

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Ebenso unklar ist, wer diese Auswertung in Zukunft übernehmen könnte. Zwar hat es
ähnliche Umsiedlungsprogramme in der Vergangenheit bereits gegeben, sie taugen aber
nur bedingt als Modell.

So hat die EU in den vergangenen Jahren zwar bereits Migranten aus Italien und
Griechenland im Rahmen von sogenannten Relocation-Programmen auf andere
Mitgliedstaaten verteilt. Weil aber sowohl die überlasteten Staaten wie die
aufnehmenden Staaten als auch EU-Agenturen bei der Auswahl und Verteilung
eingebunden waren, war das Verfahren zeitaufwendig.

Für eine schnelle Entspannung der Lage in Griechenland, wie sie von der
Bundesregierung ja gefordert wird, wäre ein solches Prozedere nicht geeignet.

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Auch der sogenannte temporäre Notfall-Mechanismus für Bootsmigranten, auf den sich
einige EU-Staaten im vergangenen Jahr einigten, lässt sich nicht einfach auf die Situation
in Griechenland anwenden. Im Rahmen der Vereinbarung werden die in Italien oder
Malta ankommenden Migranten zwar schnell auf andere Mitgliedstaaten verteilt.
Allerdings findet auch keine zeitaufwendige Prüfung der besonderen Schutzbedürftigkeit
statt.

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Die SPD sieht die Verantwortung beim Bundesinnenministerium. „Der
Bundesinnenminister muss den Beschluss jetzt umgehend umsetzen“, sagt der
migrationspolitische Sprecher Lars Castellucci WELT. „Die Aufnahmebereitschaft in
Ländern und Gemeinden in Deutschland ist gegeben.“
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Zugleich plädiert Castellucci dafür, die Verantwortung für die griechischen Lager auf das
UN-Flüchtlingshilfswerk zu übertragen. „Die Lager auf den Inseln müssen kurzfristig vom
UNHCR übernommen und perspektivisch zu europäisch getragenen Asylzentren
werden“, sagt er. „Diese benötigen klare Höchstbelegungszahlen und Aufenthaltsdauern
und wenn diese überschritten werden, muss verlässlich weiterverteilt werden.“

Weitergehende Forderungen stellt die Linksfraktion. „Die Massenlager auf den


griechischen Inseln müssen vollständig aufgelöst werden“, sagt die innenpolitische
Sprecherin Ulla Jelpke. Auch den Menschen, „die an der türkisch-griechischen Grenze
gefangen sind“, müsse die Einreise in die EU ermöglicht werden.

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Auch die Grünen kritisieren den Koalitionsbeschluss wegen der engen Kriterien als
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unzureichend. „Die Abstufung im Koalitionsbeschluss, Jungen und Mädchen
unterschiedlich zu behandeln, ist vor dem Hintergrund, dass es sich um Kinder handelt,
nicht nachvollziehbar“, sagt die flüchtlingspolitische Sprecherin Luise Amtsberg WELT.

Ihre Fraktion habe vor Kurzem in einem Antrag dafür plädiert, „5000 besonders
schutzbedürftige Menschen aus den griechischen Lagern aufzunehmen – und zwar
unabhängig von ihrem Alter oder Geschlecht“.

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