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Feminismus: Was ist eigentlich ...

Differenzfeminismus: Gleichberechtigt,
aber nicht gleich
Differenzfeministinnen betonen Unterschiede zwischen den Geschlechtern – und kämpfen für
eine Gesellschaft, die sich nicht an männlichen Normen orientiert

Brigitte Theißl

11. März 2020, 15:02

Philosoph*innen wie Hélène Cixous widmeten sich dem spezifisch Weiblichen auf einer
symbolischen Ebene.

Foto: Hélène Cixous

In unserer neuen dieStandard-Reihe "Feminismus: Was ist eigentlich ..." stellen wir
unterschiedliche feministische Ansätze, Begriffe und zentrale Figuren der verschiedenen
Denkrichtungen und Aktivismen vor. Von Ökofeminismus bis Queerfeminismus, von Andrea
Dworkin bis Gloria Steinem, von intersektional bis genderfluid – kurz und verständlich.

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Eigenschaften, die als "typisch weiblich gelten", sind in der Wirtschaft plötzlich gefragt:
Unternehmen suchen händeringend nach empathischen und teamfähigen Mitarbeiter*innen,
Frauen würden für Harmonie in der Führungsetage sorgen, zeigen sich Personaler*innen
überzeugt. Ein solch differenztheoretisches Denken, das vormals abgewertete Weiblichkeit
positiv besetzt, war auch für eine Gruppe von Feminist*innen in den 1970er- und 1980er-
Jahren ganz zentral – allerdings fernab kapitalistischer Verwertungslogik.

Differenz denken

Gleichheitsfeminismus versus Differenzfeminismus, von diesem Gegensatz ist in


Einführungstexten zum feministischen Denken häufig zu lesen. Sowohl Gleichheits- als auch
Differenzfeminist*innen kämpfen gegen die Unterdrückung von Frauen, ihre Ideen von
Geschlecht und Gesellschaft unterscheiden sich aber oft deutlich. Während
Gleichheitsfeminist*innen fixe Rollenzuschreibungen an die Geschlechter von sich weisen
und für eine gleichberechtigte Gesellschaft eintreten, kritisieren differenzorientierte
Denker*innen die Orientierung an männlichen Maßstäben. Gleichstellungspolitik etwa, die
sich an der männlichen Normalbiografie orientiere, zwänge Frauen in ein männlich codiertes
System. Statt Frauen in einer konkurrenzorientierten Arbeitswelt gleichzustellen, in der
Kinder und pflegebedürftige Angehörige den Karriereknick bedeuten, sollen "weibliche
Lebenswelten" berücksichtigt werden.

Fürsorgliche Mutter

Auf welche Wurzeln das Frausein zurückzuführen sei, darin sind sich Differenzfeministinnen
keineswegs einig. Während manche Denkerinnen vorrangig auf kulturelles und
gesellschaftliches Werden rekurrieren, verweisen andere auf die Biologie, insbesondere die
Gebärfähigkeit von Frauen. Diese würde ebenso wie das Muttersein einen anderen Zugang
zur Welt bedingen. So entwarf die US-amerikanische Sozialpsychologin Carol Gilligan in den
1980er-Jahren eine "Fürsorge-Ethik", die typisch weiblich sei, und stellte sie einer
männlichen Ethik entgegen, die auf abstrakten Gerechtigkeitsüberlegungen basiere. Auf
solche Überlegungen stützten sich auch Ökofeministinnen und Friedensaktivistinnen, die
Frauen zu friedlicheren und respektvolleren Wesen erklärten: Frauen könnten die Welt vor
Krieg und Umweltzerstörung bewahren.

Französische Denker*innen wie Hélène Cixous und Luce Irigaray widmeten sich dem
Weiblichen hingegen auf einer symbolischen Ebene. Mit ihrer "Écriture féminine" machte
sich die Psychoanalytikerin Irigaray auf die Suche nach einer spezifisch weiblichen Schrift in
einer patriarchalen Gesellschaft, in der das Männliche unentrinnbar als universaler
Bezugspunkt diene. Dem (Wieder-)Entdecken weiblicher Identität verschrieben sich auch
Aktivistinnen der Zweiten Frauenbewegung, die exklusive Frauenräume ebenso wie
Buchläden und Selbsterfahrungsgruppen gründeten.

Frau, dekonstruiert

Während in Italien und Frankreich differenzfeministische Theorie bis heute sehr einflussreich
ist, löste im deutschsprachigen Raum das dekonstruktivistische Denken in den 1990er-Jahren
einen regelrechten Hype aus. Theoretikerinnen wie die US-amerikanische Philosophin Judith
Butler stellten die Zweigeschlechtlichkeit radikal infrage: Männer und Frauen seien keine
bloße biologische Tatsache, die "Natur" selbst sei immer schon kulturell geformt.
Differenzfeminismus entwickelte sich in den 1990er-Jahren somit zu einem Schlagwort, von
dem sich vor allem jüngere Feminist*innen abgrenzten. "Differenz rief gleich die Vorstellung
von Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexualität, Konservativität und so weiter hervor",
formuliert es die Philosophin Silvia Stoller.

Tatsächlich erweist sich Differenzfeminismus als anschlussfähig für konservative und rechte
Denker*innen, die für Gleichberechtigung plädieren, Frauen jedoch auf die Rolle der Mutter
und Fürsorgenden reduzieren. Aber auch schwarze Feminist*innen kritisierten zunehmend ein
feministisches "Wir Frauen", das Unterschiede zwischen Frauen unsichtbar mache – Klasse,
Race und andere Achsen der Differenz müssten ebenso in den Blick genommen werden wie
das Geschlecht.

Differenzfeministische Ideen erweisen sich dennoch bis heute als einflussreich, etwa in der
Diskussion über die unbezahlte Care-Arbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird. So
prangerten Differenzfeministinnen die fehlende Wertschätzung von Haus- und Fürsorgearbeit
an, die selbst von Marxist*innen unsichtbar gemacht wurde. Eine Debatte, in der ganz
unterschiedliche feministische Denker*innen zusammenfinden – um Lösungen wird
produktiv gestritten. (Brigitte Theißl, 11.3.2020)