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12.3.2020 "Sie werden nicht schweigen können!

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"Sie werden nicht schweigen können!"


Ein Briefwechsel
13. September 1974, 8:00 Uhr

AUS DER ZEIT NR. 38/1974

In den letzten Augusttagen richtete die Internationale Hegel-Gesellschaft (nicht


zu verwechseln mit der konkurierenden Hegel-Vereinigung) in der Moskauer
Lomonossow-Universität einen philosophischen Mammutkongreß aus: 725
Philosophen aus Ost und West konferierten über das Thema "Dialektik" (wir
berichteten darüber in unserer letzten Ausgabe). Nicht anwesend war ein
deutscher Philosoph, der in Sachen Dialektik mitzureden befugt gewesen wäre
wie kaum ein anderer: Jürgen Habermas. Er hätte gern teilgenommen. Anfang
Januar ließ er sich durch seine Sekretärin anmelden, hörte dann von dem
Vorsitzenden der Hegel-Gesellschaft, Wilhelm Raimund Beyer, daß er, wenn er
wirklich kommen wolle, einen Vortrag halten müsse, bestand auf simpler
Teilnahme – und stürzte durch diesen Wunsch die Hegel-Gesellschaft offenbar
in tiefes Nachsinnen. Das jedenfalls geht aus den Briefen hervor, die in der
Folgezeit zwischen Habermas und Beyer gewechselt wurden. Bisher hat Jürgen
Habermas die Briefe für sich behalten – "da mir darin das Komische das
Politische zu übfierwiegen schien". Jetzt, da W. R. Beyer für seine liberale
Kongreßleitung belobigt wird, stellte er sie uns zur Verfügung. Wir drucken sie
als Art Satyrspiel: Philosophie und Politik auf Vereinsniveau.

6. 4. 1974

Sehr geehrter Herr Doktor Habermas!

Wie mir Ihre Sekretärin unter dem 1. 2. mitteilt, scheint wegen Ihres
Wunsches, am X. Internationalen Hegel-Kongreß in Moskau teilzunehmen, "ein
Mißverständnis entstanden zu sein". Sie haben mich auf alle Fälle zweimal
wegen dieses Wunsches durch Ihre Sekretärin anschreiben lassen und diesen
Modus selbst dann beibehalten, als ich den ersten Brief persönlich an Sie
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beantwortete.
Webseite, Nun ist bekanntlich
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personalisierter Internationale Hegel-Gesellschaft
und zum eine
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Gesellschaft. [h ps://www.zeit.de/hilfe/datenschutz]
Bei solchen Organisationen ist es üblich, daß erhalten
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Wünsche unter den Philosophen selbst vor- und ausgetragen werden.
Anscheinend verwechseln Sie uns mit der "Internationalen Vereinigung OKzur
Förderung des Studiums der Hegelschen Philosophie", bei der es – laut

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schriftlicher Erklärung des Präsidenten derselben, des Herrn Kollegen Henrich


– üblich ist, daß eine von der erzkapitalistischen Thyssen-Stiftung bezahlte
Sekretärin die schriftlichen Arbeiten erledigt.

Zur Sache aber, wenn es sich tatsächlich um eine Teilnahme am X.


Internationalen Hegel-Kongreß handeln sollte, wäre zu sagen: die nunmehr als
rein passiver Teilnehmer (Zuhörer) in Aussicht gestellte Teilnahme wirft
gleicherweise – bei dem Ansehen, das Sie in wissenschaftlichen Kreisen der
BRD genießen, und bei der Vorliebe der bundesdeutschen Medien, sich mit
Ihrer Person zu beschäftigen – gewichtige Fragen auf, die eben vorher geklärt
werden müssen – und doch wohl von Ihnen persönlich. Falls Sie dies ablehnen,
wird Ihre Teilnahme nicht möglich sein. Bedenken Sie bitte:

1. Sie hatten sich einst zu unserem Prager Hegel-Kongreß fest angemeldet


gehabt. Beim Genfer Kongreß war Ihre Teilnahme nur im ersten Vorprogramm
von Ihnen angekündigt, dann storniert worden. In Prag aber erschienen Sie im
Programm. Wir hatten das alles vorher in Frankfurt am Main eingehend
besprochen. Dann aber kamen Sie ohne Absage einfach nicht. Ich wurde von
Reportern bestürmt, wann Sie kommen, warum Sie nicht kommen und so
weiter. Ich wußte keine Antwort. Ich schätze es nicht, uninformiert
dazustehen. Erst am allerletzten Tage sagte mir ein tschechischer und wahrlich
für die Internationale Hegel-Gesellschaft nicht verantwortlicher Kollege, daß
Sie ihm eine Postkarte geschrieben hätten, Sie würden nicht kommen.

Es dürfte verständlich sein, daß die Internationale Hegel-Gesellschaft aus


diesem Vorgang "lernt". Sie selbst sprechen ja dauernd von "Lernprozessen".
Hier geht es um ein Lernergebnis.

2. Auch wenn Sie weder Referat noch Diskussionsbeiträge (was ich kaum für
möglich halte, da das "Publikum" und die Herren Journalisten Sie einfach
befragen werden, so daß es wie damals bei der Gallushaus-Diskussion in
Frankfurt gehen wird, allwo Sie auch nicht als Redner angekündigt waren!)
halten wollen, Ihre Anwesenheit als solche wird beachtet werden.
Möglicherweise werden Sie nach Kongreßbeendigung dann von Rund- oder
Sehfunk als "Kongreßkritiker" befragt werden. Sie werden nicht schweigen
können, selbst wenn Sie es wollen. Mit Rücksicht auf die ungemein wichtigen
Arbeiten unserer alten Mitglieder und im Hinblick auf gewisse Machenschaften
der Gadamer-Henrich-Gruppe muß solche Möglichkeit überlegt und bedacht
werden. Dies hätte vorher im "herrschaftsfreien Dialog", den Sie anscheinend
ablehnen, geregelt werden müssen.
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3. Mein Freund
Webseite, und Kollege
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Kant-Symposium, daß er[hSieps://www.zeit.de/hilfe/datenschutz]
auf den Moskauer Hegel-Kongreß erhalten
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einer Zeit aufmerksam machte, da er nicht wissen konnte, daß Sie den mit
eigenartigen Implikationen behafteten sogenannten "Hegel-Preis" OK
angenommen haben oder annehmen werden. Dadurch würde nun Ihr

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Auftreten bei der Internationalen Hegel-Gesellschaft, der ältesten und weitaus


größten philosophischen Gesellschaft, die sich dem Thema "Hegel" widmet,
einen Beigeschmack erhalten, der von Dritten weidlich ausgenützt werden
könnte.

Auch sagte mir Kollege Oiserman, daß er nur Ihre "älteren" Werke kennt.
Verständlich. Es dauert in der Regel zwar nicht so lange Zeit, bis ein
bundesdeutsches Buch nach den UdSSR kommt als umgekehrt ein sowjetisches
Buch in die BRD, aber – ihm war damals nur Ihr Buch "Erkenntnis und
Interesse" geläufig. Und gerade aus den Gedankengängen dieses Werkes heraus
wird es fast unverständlich, daß Sie diesen einwandfrei von den Herren
Heimsoeth, Gadamer und Henrich zum Zwecke der Stärkung deren Position im
Philosophie-Betrieb (das sagte Adorno!) der BRD gezeugten "Hegel-Preis"
angenommen haben. Wissen Sie nicht, daß Hegel nun mal Stuttgart so gar
nicht liebte. Und was hat die Hegeische Philosophie mit Stuttgart zu tun? Das
ist doch alles nur arrogante Anmaßung, Mache, Propaganda heutiger
"Großhansen" (Luther).

Das alles wäre zu besprechen gewesen. Vielleicht wäre eine Möglichkeit Ihrer
Teilnahme gefunden worden, um Fehldeutungen a priori vorzubeugen.

Nur zum Schluß möchte ich noch auf folgendes hinweisen: das Interesse am
Kongreß ist (aus allen fünf Erdteilen) so groß, daß es tatsächlich
Unterbringungsschwierigkeiten geben wird. Wir müssen – und das wird jeder
ernsthafte Philosoph billigen – bei der Unterbringung der Teilnehmer zuerst an
unsere Mitglieder denken. Dann kommen die aktiven Referenten und unser
langjähriger Freundeskreis zum Zuge. Für reine Zuhörer gibt es daher auch
dieses Problem der Quartierbeschaffung. Vielleicht wäre aber auch dieses – ich
betone es – zu überwinden, wenn eben vorher der unter Philosophen übliche
"herrschaftsfreie Dialog" die Bedenken hätte ausräumen können.

Mit kollegialen Grüßen

W. R. Beyer, I. Vorstand, der Internationalen Hegel-Gesellschaft e. V.

8. 4. 1974

Sehr geehrter Herr Beyer,

ich bin gern bereit, die Anmeldung für den X. Internationalen Hegel-Kongreß in
Moskau, die meine Sekretärin in Briefen vom 22. 1. und 1. 2. 1974 in meinem
Auftrag vorgenommen hatte, in einem persönlichen Brief an Sie zu
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wiederholen. unter
Es geht dabei anderemum
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habe die Absicht
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(mit meiner Frau) nach Moskau zu reisen, um an der dortigen Tagung
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teilzunehmen,
Sie das heißtund
weitere Informationen Vorträge zu hören
Möglichkeiten, und,
diese wenn’s
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OK

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anschließend mit zu diskutieren. Einen Vortrag möchte ich nicht halten, weil
ich für dessen Ausarbeitung mehr Zeit brauchen würde, als ich bis dahin noch
zur Verfügung habe.

Sie dürfen diese Anmeldung als verbindlich betrachten. Im übrigen sehe ich
nicht, warum ich von meiner Gewohnheit, keine Interviews zu geben,
abweichen sollte. Schließlich vermag ich keinen Zusammenhang zwischen
dem Hegel-Preis (über dessen Einschätzung ich mich mit Ihnen nicht
auseinandersetzen möchte) und meiner Kongreßteilnahme zu erkennen.

Ein persönliches Zusammentreffen ist mir schon aus terminlichen Gründen


nicht möglich, da ich demnächst nach Kalifornien fahre und erst kurz vor der
Sommerpause wieder zurück sein werde. Falls noch weitere Fragen
auftauchen, können wir sie gewiß auf schriftlichem Wege behandeln. Da Sie
Schwierigkeiten bei der Quartierbeschaffung andeuten, erlaube ich mir, einen
Durchschlag meines Briefes an Herrn Oiserman zu schicken.

Mit der Bitte um Bestätigung meiner Anmeldung und besten Empfehlungen,

Ihr

Jürgen Habermas

14. Mai 1974

Sehr geehrter Herr Habermas!

Auf Ihren Brief vom 8. 4. 1974 hin haben wir ein zweitesmal in großem Kreis,
an dem jedesmal Kollege Oiserman teilnahm, in "herrschaftsfreier Diskussion"
Ihr Anliegen, unbedingt am X. Internationalen Hegel-Kongreß in Moskau
teilzunehmen, erörtert. Ich bedauere Ihnen mitteilen zu müssen, daß wir –
einstimmig – an unserer ablehnenden Haltung festhalten müssen.

Es gilt zu bedenken: die Internationale Hegel-Gesellschaft ist ein Verein. An


Vereinsveranstaltungen nehmen normalerweise nur Vereinsmitglieder teil.
Wenn wir darüber hinaus hie und da auch Gäste zugelassen haben, so setzte
dies jedesmal eine persönliche Einladung voraus. Eine solche ist in Ihrem Falle
nicht ergangen.

Als allgemein bekannt darf gelten: nach dem Zweiten Weltkrieg brachte einzig
und allein zunächst ich und dann das kleine Hegelianum in Nürnberg und dann
die Hegel-Gesellschaft das Thema "Hegel" in das moderne philosophische
Gespräch ein. Wir stellen "Hegel" als Podium für eins zeitgerechte
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unter großen Kämpfen gewachsen. Es war Ihnen Jahrzehnte lang möglich, sich
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an weitere
Sie diesen Informationen
Arbeiten zu beteiligen. Wir hatten
und Möglichkeiten, sogar
diese Sie auszuschalten.
Cookies mehrfach dazu
aufgefordert. Sie hatten abgelehnt. Es wäre Ihnen jederzeit der Weg des
Vereinsbeitritts offen gestanden. Heute, da die Internationale Hegel- OK

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Gesellschaft in weltweitem Maßstab als das Zentrum aller Hegel-Deutungen


sick durchgesetzt hat, werfen daher Teilnahmewünsche ohne Vereinsbeitritt
einige Fragen auf. Sie lehnten es ab, diese zu besprechen. Wir würden unser
Gesicht verlieren, wenn wir trotzdem Sie nun zu einem großen, weltweit
beachteten Kongreß unserer Gesellschaft einladen würden. Zudem: Sie haben
ja gar nie darum gebeten und glauben, einfach "so" kommen zu können.

Zu diesen "äußeren Verhältnissen" (so: Hegel) kommt ein tiefer greifender


Gesichtspunkt hinzu: die Annahme einer sich "Hegel-Preis" nennenden
Dotation durch Sie. Anscheinend ist Ihnen nicht bekannt, was wir über das
Zustandekommen dieses "Preises" wissen, seine Vorgeschichte, die
Vergabemethoden mit den zweimaligen Erstkaadidaten und den späteren
Preisträgern. Ich verweise auch auf eine Notiz im "Hegel-Jahrbudi" 1970.

Meine Erwartung, Ihnen könnte auf dem Moskauer Hegel-Kongreß in dieser


Eigenschaft eines "Hegel-Preisträgers" eine Kritiker- oder gar
Schiedsrichterrolle angetragen werden, selbst wenn Sie dies gar nicht wollen,
trat ein. Am 1. 2. 1974 erklärten Sie brieflich, daß Sie auf dem Kongreß "keine
aktive Rolle übernehmen wollten". Am 8. 4. 1974 schreiben Sie nun, daß Sie
"wenn’s sich ergibt, mitdiskutieren wollen". Dieser Widerspruch dürfte kaum
Hegelsche Quamit aufweisen. Die Dialektik der Dinge wird Sie zwingen, nicht
nur gelegentlich, sondern vielfach in die Diskussion einzugreifen. Dritte, zum
mindesten anwesende Journalisten, werden Sie dringen, das Wort zu ergreifen.
Man wird auf den "Hegel-Preisträger" und seine (kritische!) Meinung warten.
Als Philosophen haben wir für solche Preis-Auszeichnungen nichts übrig.

Hegels Philosophie hat bekanntlich vielen und verschiedenen Interpretationen


Raum gelassen. Es kann nicht eine (bestimmte) Organisation sich anmaßen,
den Namen "Hegel" für eine zielgerichtete Preisverleihung im Schaugeschäft zu
okkupieren. Die große, alte und hoch angesehene Internationale Hegel-
Gesellschaft wurde bei der Schaffung des Preises und den Verleihungen nie
befragt. Es ist also Anmaßung, was hier geschieht. Sie haben dabei mitgewirkt.
Im Gegensatz zu Ihrer früheren wissenschaftlich vertretenen Meinung haben
Sie sich auf die Seite einer von zwei ehemaligen nazistischen
Universitätsprofessoren gegründeten Institution gestellt, ohne zu prüfen, ob
nicht die fortschrittlichen Kräfte hier bewußt ausgeschlossen sind.

Ich bedaure, Ihnen keinen besseren Bescheid daher geben zu können.

Mit besten Empfehlungen

Diese
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ich bin wirklich erstaunt: einmal über die Bedeutung, die Sie meiner Teilnahme
beimessen, zum anderen über die Vorwände für Ihre Ablehnung.

Ich habe seinerzeit an dem 57. oder 58. von der Hegel-Gesellschaft
veranstalteten Kongreß in Frankfurt teilgenommen; für spätere Tagungen hatte
ich mich angemeldet, war dann aber an einer Teilnahme verhindert (aus
schlechterdings trivialen Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnere).
Niemals war die Rede davon, daß nur Mitglieder teilnahmeberechtigt sind. Falls
das so ist, zögere ich nicht, mich nunmehr als Mitglied anzumelden und
meinen Beitrag zu entrichten.

Befürchtungen, die Sie im Hinblick auf meine potentielle Rolle hegen, finde ich,
mit Verlaub, lächerlich und, wenn sie wirklich ernsthaft sein sollten, eines
Wissenschaftlers unwürdig. Ich wiederhole meinen Wunsch, an dem Moskauer
Kongreß teilzunehmen. Da ich Ihr Angebot, einen Vortrag zu halten, aus
zeitlichen Gründen ablehnen mußte, glaubte ich, versichern zu sollen, daß ich
an der einen oder anderen Diskussion, soweit ich von der Sache etwas
verstehe, durchaus teilzunehmen willens bin. Ich sehe darin keine
Widersprüche.

Was schließlich den Hegel-Preis anbetrifft, so kann ich darüber mit Ihnen nicht
diskutieren, da ich Ihre Andeutungen nicht verstehe. Ich habe in der ersten
Jury gesessen und habe nichts Ungewöhnliches bemerken können. Das Hegel-
Jahrbuch, auf das Sie mich verweisen, kann ich hier nicht auftreiben. Sie
können sicher sein, daß ich mich zur Politik der Hegel-Gesellschaften nicht
äußern werde, weil ich mich dazu nicht äußern kann: ich weiß davon nichts.

Im übrigen erwähnen Sie wiederum meine Weigerung, mich mit Ihnen zum
Zwecke irgendwelcher Vorabsprachen zu treffen: lieber Herr Beyer, in welchem
Lande leben wir eigentlich? Ich habe eine ganz schlicht motivierte Abneigung,
mit einem Kollegen mehr Umgang als eben nötig zu haben, wenn dieser
Kollege mich ansonsten nur unter Klassenkampfkategorien wahrzunehmen
vermag.

Kurzum: ich möchte meine Bitte, an dem Moskauer Hegel-Kongreß


teilzunehmen, aufrechterhalten. Sofern als Bedingung ein Vereinsbeitritt
zwingend vorgeschrieben und auch bei allen anderen Teilnehmern eingehalten
wird, möchte ich diese Bedingung erfüllen.

Mit besten Empfehlungen

Jürgen Habermas
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Herr Kollege!
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Nach der höflichen, aber deutlichen Ablehnung Ihres "Wunsches", am X.


Internationalen Hegel-Kongreß in Moskau teilnehmen zu dürfen, hatte ich
eigentlich keine Nachricht von Ihnen mehr erwartet. Die Hartnäckigkeit, mit
der Sie Ihr Anliegen verfechten, fällt auf und läßt andere Gründe vermuten.

Es könnte jeder Satz Ihres erneuten Schreibens widerlegt werden. Auch


belegen alle Kommentare zu § 38 BGB, daß keine "Aufnahmepflicht" für einen
Verein besteht. Zu Ihren Gedanken über den Klassenkampf und dessen
Ausdruck in der Philosophie werde ich bei Gelegenheit Stellung nehmen, falls
sich philosophische Erörterungen diesem Thema aktuell zuwenden.

Erneut muß ich bestätigen, daß zur Sache selbst Ihnen keine bessere Auskunft
gegeben werden kann. Die Internationale Hegel-Gesellschaft will in ihren
Reihen keinen "Hegel-Preisträger"; sie bleibt eine philosophische Gesellschaft.

Mit besten Empfehlungen

Ihr

W. R. Beyer

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