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Elektrotechnik & Informationstechnik (2011) 128/9: 315–317. DOI 10.1007/s00502-011-0020-x 49.

OGE-FACHTAGUNG

Neues Konzept einer dezentralen


Pumpspeicherung zur lokalen
Netzstabilisierung1
H. Keck

1. Einleitung 3. Neues Konzept


Die Kernpunkte der laufenden Diskussion über die Veränderungen Wenn man konventionelle, große Pumpspeicheranlagen auf kleine
des Strommarktes und der E-Wirtschaft sind wohlbekannt: Liberali- Leistungen und kleine Fallhöhen herunterskaliert, steigen die Kosten
sierung, Entflechtung Produktion – Transmission – Verteilung, ver- pro KWh bzw. pro kW installierter Leistung stark an. Eine Standar-
mehrter Einsatz von erneuerbaren Energieformen und CO2-freier disierung kleiner Pumpturbinen ist wegen der hydraulischen Anfor-
Technologien, Visionen von Elektromobilität und intelligenten Net- derungen viel komplexer als die Standardisierung von Francis-
zen. Durch die bedauerlichen Ereignisse in Japan hat sich der Druck Turbinen, daher sehr aufwändig und teuer, und somit wegen des
auf Veränderungen noch verstärkt: Es wächst nicht nur die Opposi- noch nicht vorhandenen Marktes auch nicht zu rechtfertigen. Aber
tion gegen Kernenergie, sondern auch diejenige gegen Großbauten der Markt ist nicht vorhanden, weil niemand dieses Produkt anbietet.
generell (Kraftwerke und Übertragungsleitungen), und der Wunsch Neue Technologien ermöglichen jedoch eine flexiblere Ausgestal-
nach möglichst dezentraler Energieproduktion mit stark steigendem tung kleiner Pumpspeicheranlagen, so dass eine Standardisierung
Anteil von Wind- und Solarenergie ist weit verbreitet. Dabei stellen bei gleichzeitiger Anpassung an lokale Bedürfnisse möglich wird.
sich folgende Fragen: Kann das die heutige Netzinfrastruktur ANDRITZ HYDRO hat sich zum Ziel gesetzt, mittels Kombination
verkraften? Welche Stromspeicherung wird in Zukunft benötigt? von eigenen neu entwickelten Pumpturbinen-Designs, angepasst an
Welche Rolle spielt dabei die Wasserkraft, insbesondere die die bewährte Compact Hydro-Serie, mit moderner Umrichter-Tech-
Pumpspeicherung? nologie (variable Drehzahl) ein Produkt für die dezentrale Stromspei-
cherung auf den Markt zu bringen.
Die Idee hinter der dezentralen Stromspeicherung ist die, dass
2. Belastung der Netze, Bedarf an Speicherung
Windfarmen in der Größenordnung von 50 MW (z. B. 25 Wind-
Das Spezielle an den „neuen“ erneuerbaren Technologien (Wind,
turbinen à 2 MW) eine lokale Kompensation der schwankenden
Solar) ist die nicht-kontinuierliche und auch schlecht vorhersehbare
Stromproduktion autonom durchführen können und eine vorher-
Netzeinspeisung („non-dispatchable“) sowie die politisch motivierte
sehbare Strommenge dann ins Netz einspeisen können, wenn der
Einspeise-Bevorzugung. Wenn das Wetter günstig ist, wird produ-
Strom gebraucht wird (und der Tarif hoch ist). Umgekehrt soll
ziert und der Strom ist abzunehmen. Für den Kapazitätsausgleich
überschüssiger Windstrom lokal durch Füllen des Pumpspeichers
und die Stabilität der Netze haben andere zu sorgen. Einen großen
quasi zwischengelagert werden. Dadurch erübrigt sich das Herun-
Beitrag dazu leisten bereits heute die Wasserkraftwerke. Die tradi-
terfahren thermischer Kraftwerke im Fall von großräumigen Wind-
tionellen Pumpspeicheranlagen sind eher zentrale Anlagen mit gro-
stromüberschüssen, und das fallweise zu beobachtende Absinken
ßer Leistung (mehrere 100 MW), meist in Gebirgsregionen mit
des Strompreises auf Null oder sogar unter Null kann verhindert
größeren Fallhöhen (mehrere 100 m), angeschlossen an das Hoch-
werden.
spannungs-Übertragungsnetz (380 kV).
Andererseits kann die Windfarm durch Turbinieren des gespei-
Speziell in Deutschland findet man die Situation vor, dass im
cherten Wassers auch Strom ins Netz liefern, wenn mehrere Stunden
Süden die großen Pumpspeicherwerke vorhanden sind (bzw. mit
oder Tage kein Wind bläst. Für die oben erwähnte Windfarm von
Atdorf geplant sind), aber der Schwerpunkt der Windenergie im
50 MW käme z. B. ein kleines Pumpspeicherwerk mit 2 mal 25 MW
Norden erzeugt wird. Dazwischen liegt ein Übertragungsnetz, das
in Frage, eine vergleichsweise sehr kompakte Anlage. Die Kom-
bereits heute überlastet ist.
bination von Windfarm plus lokales Pumpspeicherwerk kann als
Der geplante Ausstieg aus der Kernenergie und der Wunsch,
„virtuelles Kraftwerk“ bezeichnet werden, das den Strom viel gleich-
möglichst viel davon durch erneuerbare Energien zu ersetzen, wird
mäßiger und vor allem berechenbarer ins Netz einspeisen kann als
die Auswirkungen auf den Netzbetrieb weiter verschärfen. Im Mo-
eine reine Windfarm ohne Pumpspeicher. Dies sollte sich in höheren
ment sind der europäische Systemoperator (entso-e) und der euro-
Tarifen und/oder besseren Förderungskonditionen niederschlagen.
päische Regulator (ACER) bereits dabei, die regulatorischen
Zu beachten ist auch, dass der Pumpstrom vollständig aus umwelt-
Grundlagen zu schaffen, um noch stärker als bisher auf die Erzeuger
freundlicher Windkraft stammt, was für beschleunigte Bewilligungs-
zugreifen zu können (re-dispatching). Nur so kann in Zukunft ein
verfahren solcher Projekte von Vorteil sein kann.
stabiler Netzbetrieb ermöglicht werden.
Für ein immer dichter werdendes Netz an nicht-regulierbaren
Kleinkraftwerken, typischerweise weit weg von Hochgebirgsregio-
1
nen, die im Mittel- und Niederspannungsbereich (20 bzw. 110 kV) Kurzfassung eines Vortrags der 49. Fachtagung der Österreichischen Gesellschaft
operieren, benötigt es auch lokale, dezentrale Speichermöglichkei- für Energietechnik (OGE) im OVE, die am 20. und 21. Oktober 2011 in Innsbruck
ten auf dieser Spannungsebene. Viele Technologien, z. B. große stattfindet.
Batterien und Schwungräder, werden diskutiert. Aber warum nicht Keck, Helmut, Dr., Vize-Direktor, Leiter Globale Forschung und Entwicklung,
auch kleine, dezentrale Pumpspeicheranlagen? ANDRITZ HYDRO AG, 8021 Zürich, Schweiz (E-Mail: Helmut.keck@andritz.com)

September 2011 | 128. Jahrgang © Springer-Verlag heft 9.2011 315


49. OGE-FACHTAGUNG H. Keck Neues Konzept einer dezentralen Pumpspeicherung

Was bislang für die Kompensation von Windkraft erläutert wurde, 1,05
gilt sinngemäß auch für größere Solaranlagen, wobei hier nur die 1,00
Tag-Nacht-Schwankung auszugleichen wäre. Neben dem Kapazi-

Wirkungsgrad
0,95
tätsausgleich soll aber auch auf die Netzregelungsmöglichkeiten
hingewiesen werden. Während Wind- und Solarkraftwerke keinen 0,90
Beitrag zur Netzregelung leisten (bzw. diese sogar erschweren), 0,85
Fixe Drehzahl
Variable Drehzahl
können Pumpspeicheranlagen mit variabler Drehzahl permanent,
0,80
d. h. im Turbinen- wie im Pumpbetrieb, Netzregelungsaufgaben
wahrnehmen. Durch die Möglichkeiten für diese Netzdienstleistun- 0,75
gen (ancillary services) wird das Ertragspotenzial der Kombination 0,70
Windfarm plus Pumpspeicheranlage vergrößert. Derzeit sind solche 40 50 60 70 80 90 100 110
Netzdienstleistungen speziell im Bereich größerer Leistungsklassen Turbinenleistung [%]
gefragt. In Zukunft, bei der Ausgestaltung intelligenter Netze und
einer Optimierung von Produktion und Verbrauch auf der Mittel- Abb. 2. Turbinenbetrieb bei konstanter Fallhöhe mit fixer und vari-
abler Drehzahl
spannungsebene, werden Netzdienstleistungen auch im Bereich un-
ter 100 MW von Interesse sein.
unter 100 m ist die Variation von H naturgemäß eher groß, so dass
4. Technische Merkmale solche Projekte nur dank variabler Drehzahl realisierbar sind.
Bei Pumpen und Pumpturbinen mit konstanter Drehzahl ist die " Durch die Variabilität der Drehzahl ergibt sich auch im Turbinen-
Aufnahmeleistung nicht regelbar, d. h. für jede Förderhöhe gibt es betrieb eine flachere Wirkungsgrad-Charakteristik, siehe Abb. 2.
nur EINE Leistung. Zur Kompensation von stark schwankendem In Teillast kann der Vorteil gegenüber fixer Drehzahl durchaus
Windstrom ist das schlecht geeignet. Daher sieht das ANDRITZ 10 % oder mehr betragen.
HYDRO-Konzept vor, die volle Leistung der Pumpturbine via Leis- " Sowohl beim Pumpen als auch beim Turbinieren entstehen natür-
tungselektronik (Vollumrichter) zu regeln. Dadurch ergeben sich lich Verluste, und der Umwälzwirkungsgrad kann mit ca. 80 %
folgende technischen Vorteile: angesetzt werden. Dies ist im Vergleich zu anderen Speichertech-
" Bei gegebener Förderhöhe kann die Leistung im Pumpbetrieb nologien durchaus sehr attraktiv. Wichtiger als ein Top-Wirkungs-
zwischen 100 % und ca. 60 % geregelt werden (Leistungsunter- grad sind aber eine möglichst große Flexibilität im Betrieb und
grenze von der Kavitationsreserve und dem zugelassenen Wir- eine hohe Reguliergeschwindigkeit in der Leistung in beide Rich-
kungsgradabfall abhängig), siehe Abb. 1. tungen, was einen besonderen Vorteil von Pumpturbinen mit
" Die zulässige Variation der Förderhöhe wird wesentlich ver- Drehzahlregelung darstellt.
größert. Bei konstanter Drehzahl kann das Verhältnis Hmax zu Hmin " Schlussendlich ermöglicht eine variable Drehzahl auch das Abde-
kaum den Wert 1,4 übersteigen, bei variabler Drehzahl sind Werte cken eines großen Einsatzbereichs für ein- und dieselbe Maschine.
2,0 oder darüber hinaus durchaus realisierbar. Für Förderhöhen Für unterschiedliche Projekte muss das Design (Schnellläufigkeit,
Durchmesser) nicht mehr maßgeschneidert werden. Abbildung 3
zeigt eine Auswahl von drei hydraulischen Pumpturbinen-Model-
len (A, B, C), wobei jeder Typ mit einem bestimmten Durchmesser
betrachtet wird. Man sieht, welch großen Leistungs- und Fall-
höhenbereich man mit lediglich drei verschiedenen Maschinen
abdecken kann. Dies ist für die Standardisierung und den Effekt
n = 100% des „economy of scale“ von großer Bedeutung.

n = 95% 140

120
Förderhöhe [m]

n = 90% 100 A
Pumpleistung [%]

B
80 C
n = 130%
60

n = 80% 40 n = 100%
20
n = 60%
0
n = 66% 0 20 40 60 80 100 120
Pumpleistung [%]

Abb. 3. Pump-Betriebsbereiche von drei typischen Maschinen mit


variabler Drehzahl

5. Ausblick
Auch wenn die vorgestellte Technologie von der Maschinenseite her
überzeugt, so hängt die Realisierbarkeit stark von den benötigten
Förderhöhe [m]
Baukosten und den ökonomischen Randbedingungen (Vergütung
Abb. 1. Pumpbetrieb mit variabler Drehzahl für Netzdienstleistungen etc.) ab.

316 heft 9.2011 © Springer-Verlag e&i elektrotechnik und informationstechnik