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Teil II: Die Sprachen des Nahen und

Mittleren Ostens in Vergangenheit und


Gegenwart
Modul NMS3: Sprachen, Kulturen und
Religionen des NMO
16.4.2018
Prof. Dr. Stefan Weninger
DIE SPRACHFAMILIEN DES
NMO
2
Sprachfamilien der NMO - Region

• 1. Konzept der Sprachverwandtschaft


• 2. Semitische Sprachen
• 3. Die Afro-Asiatische Makrofamilie
• 4. Indogermanische Sprachen
– Iranische Sprachen
– Armenisch
• 5. Turksprachen
• 6. Kaukasische Sprachen

3
I. Sprachverwandtschaft

• Permanenter Sprachwandel verändert Sprachen.


• Sprachwandel kann zu gegenseitiger Unverständlichkeit führen.
• Aus einer Sprache oder deren Dialekte können so im Verlauf der
Geschichte mehrere Sprachen werden, insbesondere bei der
Ausbreitung in geographischen Raum.
• Sprachwandel zum größten Teil regelmäßig.
• Beispiel: Latein -> romanische Sprachen (Spanisch, Italienisch,
Französisch …)
• Baumartige Struktur, wenn aus einer alten Sprache mehrere neue
werden
• Parallele: Evolution und Biologische Taxonomie (z.B. Wirbeltiere –
Säugetiere – Nagetiere – Biberverwandte – Biber)
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I. Die Feststellung von Sprachverwandtschaft

• Genealogische Klassifikation, z.B.:


– Indogermanische Sprachen
• Germanische Sprachen
• Romanische Sprachen (etc.)
– Kaukasische Sprachen
– Semitische Sprachen
• Urverwandtschaft
– (teilweise) rekonstruierbare Ursprache (Grundsprache,
Protosprache)

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III. Die Feststellung von Sprachverwandtschaft

• Ein Stammbaum der semitischen


Sprachen

• Quelle: Deutscher (2008:208)

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I. Die Feststellung von Sprachverwandtschaft

• Genealogische Klassifikation, z.B.:


– Indogermanische Sprachen
• Germanische Sprachen
• Romanische Sprachen (etc.)
– Kaukasische Sprachen
– Semitische Sprachen
• Urverwandtschaft
– (teilweise) rekonstruierbare Ursprache (Grundsprache,
Protosprache)
– Analogie zur Klassifikation der biologischen Arten gilt nur
bedingt!

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III. Die Feststellung von Sprachverwandtschaft

• Gemeinsame grammatische Elemente


• Gemeinsamer Grundwortschatz

• Wichtig: Es muss sich um systematische Entsprechungen handeln!


– Nicht Entlehnung!
– Nicht zufällige Ähnlichkeit!

• Lautgesetze

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III. Die Feststellung von Sprachverwandtschaft

• Lautgesetz: Zentraler Begriff der historischen Lautlehre der für


phonologische Veränderungen, dem die Annahme zu Grunde liegt,
dass sich in einer bestimmten Sprache bei Vorliegen gleicher
Bedingungen sich bestimmte Laute ausnahmslos in gleicher Weise
verändern.

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I. Die Feststellung von Sprachverwandtschaft

• Beispiel für den gemeinsamen Grundwortschatz im Semitischen:


Körperteil „Kopf“

• ps. *ra’šu ‚Kopf’ (Nom.)


• akkad. rēšu (Nom.; *a’ > ē)
• hebr. rōš (*a’ > ō; Abfall der Kasusendungen)
• syr. rēšā (*a’ > ē; + angehängter det. Artikel -ā)
• arab. ra’sun (Nom.; *š > s; Endung –n für Indetermination)

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I. Die Feststellung von Sprachverwandtschaft

• Beispiel für den gemeinsamen Grundwortschatz im Semitischen:


Körperteil „Kopf“

• ps. *ra’šu ‚Kopf’ (Nom.)


• akkad. rēšu (Nom.; *a’ > ē)
• hebr. rōš (*a’ > ō; Abfall der Kasusendungen)
• syr. rēšā (*a’ > ē; + angehängter det. Artikel -ā)
• arab. ra’sun (Nom.; *š > s; Endung –n für Indetermination)

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I. Die Feststellung von Sprachverwandtschaft

• Beispiel für den gemeinsamen Grundwortschatz im Semitischen:


Zahlwort „fünf“:

• ps. *ḫamšu ‚fünf’ (Nom.)


• akkad. ḫamšu (Nom.)
• hebr. ḥameš (*ḫ > ḥ; Abfall der Kasusendungen)
• syr. ḥamšā (*ḫ > ḥ; + angehängter det. Artikel -ā)
• arab. ḫamsun (Nom.; *š > s; Endung –n für Indetermination)

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II. Semitisch

• Historisch seit Mitte des 3. Jahrtausends (Akkadisch)


• Moderne Verbreitung von Mauretanien (W) bis W-Iran (O), von SO-
Türkei (N) bis Äthiopien (S)

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II.1. Die semitischen Sprachen im Überblick

• Akkadisch • Moabitisch
• Altäthiopisch • Neusüdarabisch
• Altsüdarabisch • Phönizisch-Punisch
• Amharisch • Tigre
• Arabisch • Tigrinya
• Aramäisch • Ugaritisch
• Eblaitisch
• Gurage
• Hebräisch

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II.1. Die semitischen Sprachen im Überblick

• Akkadisch • Moabitisch
• Altäthiopisch • Neusüdarabisch
• Altsüdarabisch • Phönizisch-Punisch
• Amharisch • Tigre
• Arabisch • Tigrinya
• Aramäisch • Ugaritisch
• Eblaitisch
• Gurage
• Hebräisch

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II.1. Die semitischen Sprachen im Überblick

• Akkadisch – Reichsaramäisch Hebräisch


– Babylonisch – Nabatäisch – Modernhebräisch
– Assyrisch – Palmyrenisch • Moabitisch
• Altäthiopisch – Jüdisch-Palästinisch- • Neusüdarabisch
• Altsüdarabisch Aramäisch – Mehri
– Minäisch – Christlich-Palästinisch- – Soqoṭri
– Hadramautisch Aramäisch – Ǧibbāli
– Qatabanisch – Syrisch – Ḥarsūsi
– Sabäisch – Babylonisch- • Phönizisch-Punisch
Talmudisch
• Amharisch – Mandäisch • Tigre
• Arabisch – Neuwestaramäisch • Tigrinya
– Klassisches Arabisch – Neuostaramäisch • Ugaritisch
– Mittelarabisch – Neumandäisch
– Modernes • Eblaitisch
Hocharabisch
– Dialektarabisch • Gurage
• Aramäisch • Hebräisch
– Altaramäisch – Biblisch-Hebräisch
– Rabbinisches

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II.1. Die semitischen Sprachen im Überblick

• Akkadisch – Reichsaramäisch Hebräisch


– Babylonisch – Nabatäisch – Modernhebräisch
– Assyrisch – Palmyrenisch • Moabitisch
• Altäthiopisch – Jüdisch-Palästinisch- • Neusüdarabisch
• Altsüdarabisch Aramäisch – Mehri
– Minäisch – Christlich-Palästinisch- – Soqoṭri
– Hadramautisch Aramäisch – Ǧibbāli
– Qatabanisch – Syrisch – Ḥarsūsi
– Sabäisch – Babylonisch- • Phönizisch-Punisch
Talmudisch
• Amharisch – Mandäisch • Tigre
• Arabisch – Neuwestaramäisch • Tigrinya
– Klassisches Arabisch – Neuostaramäisch • Ugaritisch
– Mittelarabisch – Neumandäisch
– Modernes • Eblaitisch
Hocharabisch • Oberbegriffe
– Dialektarabisch • Gurage
• Hebräisch • Lebende Sprachen
• Aramäisch • Klassische Sprachen
– Altaramäisch – Biblisch-Hebräisch
– Rabbinisches • Ausgestorbene Sprachen

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II.1. Die semitischen Sprachen im Überblick

• Heimat bzw. Verbreitung der


semitischen Sprachen (mit
Einschluss der historischen
Varietäten)

• Quelle: Bennett (1998)

18
II.2. „Semitisch“ – Woher kommt die Bezeichnung?

19
II.2. „Semitisch“ – Woher kommt die Bezeichnung?

• „Semitisch“ zuerst bei Ludwig Schlözer (1735-1809)

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II.2. „Semitisch“ – Woher kommt die Bezeichnung?

• „Völkertafel“ des Alten Testaments (Gen. 10):


• „1Das ist die Geschlechterfolge nach den Söhnen Noachs, Sem,
Ham und Jafet. Ihnen wurden nach der Flut Söhne geboren. ²Die
Söhne Jafets sind (…). 6Die Söhne Hams sind Kusch, Ägypten, Put
und Kanaan. (…) 21 Auch Sem wurden Kinder geboren. Er ist der
Stammvater aller Söhne Ebers, der ältere Bruder Jafets. 22Die
Söhne Sems sind Elam, Assur, Arpachschad, Lud und Aram. (…)
24Arpachschad zeugte Schelach, Schelach zeugte Eber. (…)“

21
II.2. „Semitisch“ – Woher kommt die Bezeichnung?

• „Völkertafel“ des Alten Testaments (Gen. 10):


• „1Das ist die Geschlechterfolge nach den Söhnen Noachs, Sem,
Ham und Jafet. Ihnen wurden nach der Flut Söhne geboren. ²Die
Söhne Jafets sind (…). 6Die Söhne Hams sind Kusch, Ägypten, Put
und Kanaan. (…) 21 Auch Sem wurden Kinder geboren. Er ist der
Stammvater aller Söhne Ebers, der ältere Bruder Jafets. 22Die
Söhne Sems sind Elam, Assur, Arpachschad, Lud und Aram. (…)
24Arpachschad zeugte Schelach, Schelach zeugte Eber. (…)“

– Eber: Hebräer; Aram: Aramäer; Assur: Assyrer


– Israeliten und Araber Nachfahren von Eber (Gen 15-17)

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II.2. „Semitisch“ – Woher kommt die Bezeichnung?

• „Völkertafel“ des Alten Testaments (Gen. 10):


• „1Das ist die Geschlechterfolge nach den Söhnen Noachs, Sem,
Ham und Jafet. Ihnen wurden nach der Flut Söhne geboren. ²Die
Söhne Jafets sind (…). 6Die Söhne Hams sind Kusch, Ägypten, Put
und Kanaan. (…) 21 Auch Sem wurden Kinder geboren. Er ist der
Stammvater aller Söhne Ebers, der ältere Bruder Jafets. 22Die
Söhne Sems sind Elam, Assur, Arpachschad, Lud und Aram. (…)
24Arpachschad zeugte Schelach, Schelach zeugte Eber. (…)“

– Eber: Hebräer; Aram: Aramäer; Assur: Assyrer


– Israeliten und Araber Nachfahren von Eber (Gen 15-17)
• Tribale Auffassung von Ethnogenese

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II.2. „Semitisch“ – Woher kommt die Bezeichnung?

• Biblische Genealogie -> Bezeichnung der Sprachfamilie


• Heute: Als neutrale Bezeichnung der Sprachfamilie verwendet, ohne
Implikation biologischer Abstammung!

24
II.3. Akkadisch

• Wichtigste Sprache des Alten Orients

25
Quelle: v. Soden: Einf. in d. Altorientalistik
II.3. Keilschrift

• Ursprünglich für das Sumerische entwickelt


• Zeichentypen
– Silbenzeichen
– Wortzeichen
– Determinative (Wortklassenzeichen)
– phonetische Komplemente
• Darstellung der Konsonanten oft problematisch (sth./stl./emph.)
• Durchgehende Bezeichnung der Vokale
II.3. Keilschrift

• Verwendet auch für andere (nichtsemitische) Sprachen des Alten


Orients:
– Sumerisch
– Hethitisch
– Hurritisch
– Elamisch
– Altpersisch
II.3. Dialekte des Akkadischen

• Im Norden: Assyrisch
• Im Süden: Babylonisch

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II.3. Perioden des Akkadischen

aAkk 2500 - 1950

• aBab 1950 – 1530 • aAss 1950-1750


• mBab 1530 – 1000 • mAss 1500 – 1000
• nBab 1000 – 625 • nAss 1000 - 600
• spätBab 625 – nCh
II.3. Perioden des Akkadischen

aAkk 2500 - 1950

• aBab 1950 – 1530 • aAss 1950-1750


• mBab 1530 – 1000 • mAss 1500 – 1000
• nBab 1000 – 625 • nAss 1000 - 600
• spätBab 625 – nCh

Im Laufe des 1. Jt. durch das Aramäische


abgelöst.
II.4. Hebräisch

• Biblisches Hebräisch
– Inschriften
– AT bis 2. Jh. v. Chr.
– Zäsur: Babylonisches Exil 597-539
• Mischna-Hebräisch (früher: „Neuhebräisch“);
• rabbinisches Hebräisch
• Neuhebräisch = Modernhebräisch = Israelisches Hebräisch = Ivrith

33
II.4. Hebräisch als Sprache der Judenheit

• Sprache des Königreichs Israels im 10. Jh. v. Chr. (David und


Salomo)
• Größere Teile des Alten Testaments (10.-6. Jh.): Pentateuch (= 5
Bücher Mose) und ‚historische Bücher‘ (Josuah, Richter) betonen
und aktualisieren die enge Verbindung des Volkes Israel mit ihrem
Gott YHWH
• Inschriften

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II.4. Hebräisch als Sprache der Judenheit

• Teilung des Reiches


• Zerstörung des Nordreichs durch die Assyrer 722; Deportationen;
Ausbreitung der aramäischen Sprache; Hebräisch jetzt nur noch im
Südreich (Juda)
• Eroberung Jerusalems und des Südreichs durch Nebuchadnezzar
(Neubabylonisches Reich) 586
• ‚Babylonisches Gefangenschaft‘ (586-538) : Jüdische Eliten nach
Babylonien deportiert; im aramaeophonen Umfeld weitgehender
Verlust des Hebräischen als Umgangssprache

35
II.4. Hebräisch als Sprache der Judenheit

• Nachexilische Situation (Perserzeit; Hellenismus; römische Zeit):


• Hebräisch geht auch im ländlichen Umfeld immer weiter zurück;
Alltagssprache wird immer mehr Aramäisch; Verwaltungssprache
zunächst ebenfalls Aramäisch, später Griechisch
• Hebräisch bleibt Sakralsprache und Literatursprache!
• Weitere Bücher des Alten Testaments auf Hebräisch (mit wenigen
aramäischen Teilen)

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II.4. Hebräisch als Sprache der Judenheit

• Diaspora (wö.: Zerstreuung): Ganzer Naher Osten, Nordafrika,


Europa
– Diaspora-Gemeinden im ganzen Mittelmeergebiet besonders
seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem (70 n.Chr) und
der Vertreibung der Juden aus Jerusalem unter Hadrian (135
n.Chr.)
• Hebräisch weiterhin einigende religiöse Sprache der Judenheit

37
II.4. Neuhebräisch

• Zionismus
• Einwanderung nach Palästina
• Hebr. neben Engl. und Arab. als Sprache des Völkerbundmandats
• Wiederbelebung im 20. Jh.

38
II.4. Hebräische Schrift(en)

• Althebr. (später als Samaritanische Schrift)


• Aramäische Schrift in nachexilischer Zeit
– Später als „Quadratschrift“
– Auch verwendet für Judäo-Arabisch, Judäo-Persisch, Ladino,
Jiddisch
• 22 (bzw. 23) Konsonantenzeichen; Punktation

39
II.4. Siloah-Inschrift in Jerusalem (ca. 700 v.Chr.)

40
41
Nachexilische
Hebräische Schrift

Fragment aus den Höhlen am


Toten Meer (Qumran)
Ca. 2. Jh. v. Chr.
Text: 1Sam 23, 9-13

Quelle: Ernst Würthwein: Der Text


des Alten Testaments. Eine
Einführung in die Biblia Hebraica

42
Codex Petropolitanus
Älteste vollständige AT-Hs.
Vollendet 1008 n.Chr. in Kairo

Textausschnitt: Gen 28,18 – 29,22

Quelle: Ernst Würthwein: Der Text


des Alten Testaments. Eine
Einführung in die Biblia Hebraica

43
Neuhebräisch

44
Neuhebräisch

45
Neuhebräisch

46
II.4. Literatur

• Angel Sáenz-Badillos: A history of the Hebrew language.


Cambridge: Univ. Press, 1993.
• Encyclopedia of Hebrew language and linguistics. – 4 Bde. Leiden:
Brill, 2013.

47
II.5. Aramäisch

• Seit 10. Jh. V. Ch. - jetzt


• 3000 Jahre kontinuierliche, dokumentierte Sprachgeschichte!
• Zahlreiche Varietäten
• Seit 8. Jh. v.Chr. Zurückdrängen des Kanaanäischen (incl. Hebr.)
und des Akkadischen
• Ab 5. Jh. v. Chr. dominante Sprache in der Levante und dem
fruchtbaren Halbmond
• Kontinuierlicher Rückgang zugunsten des Arabischen nach der
islamischen Eroberung im 7./.8. Jh.

48
II.5. Neuaramäisch

• Neuaramäisch:
– Neuwestaramäisch (Syrien)
– Turoyo (Türkei)
– Nordost-Neuaramäisch (Türkei, Irak, Iran)
– Neumandäisch (Irak, Iran)
• Mehrheitlich im Exil (Christen, Juden, Mandäer)

49
Klassifikation des
Aramäischen

50
II.5. Syrisch

• Auch Syrisch-Aramäisch (wg. Verwechslungsgefahr)


• Edessa / Orhay / Urfa
• Inschriften ab 6 n.Chr.
• Frühe Christianisierung der Osrhoene
• Bibelübersetzungen; theologische Literatur (christologischer Streit);
Profanwissenschaften (Übb. aus d. Griech.);
• Größte semitische Literatursprache nach dem Arabischen
• Größte Sprache des Christlichen Orients (Weite Missionstätigkeit
der Syrer)
• Westsyrische vs. ostsyrischer Tradition
• Syr. Lit. bis 13. Jh. („Syrische Renaissance“)
• in den syrischen Kirchen bis heute verwendet
51
II.5. Syrisches Christentum

52
Ostsyrische Schrift
Gen. 1,1 – 2,14

53
Westsyrische Schrift
Lk 1,72 – 2,10

54
II.5. Nachschlagewerk zur syr. Kultur

• Gorgias Encyclopedic Dictionary of the Syriac Heritage, edd.


Sebastian P. Brock et al. (Piscataway: Gorgias 2011),

55
II.5. Ankündigung

• Der nächste Syrisch-Kurs, der am CNMS / FG Semitistik angeboten


wird, startet im WS 2018/2019

56
II.5. Mandäisch

• Mandäer: Letzte noch existierende gnostische Gemeinde;


Kontinuität seit der Antike
– jüd., christl., gnostische Elemente
– Taufe
• Aram. Manda ‚Wissen‘ = gr. Gnosis ‚id.‘
• Heute weltweit 60.000, etwa 30.000 Irak, 10.000 Iran, Diaspora in
Europa, Nordamerika und Australien (Information lt. GBV)
• Mandäische Literatur: Religiöse Texte, schwer zu datieren, z.T. wohl
sehr alt
• Mandäische Sprache: Ostaramäische Varietät

57
Mandäische Schrift

58
II.6. Arabisch

• Klassisches Arabisch
• Modernes Hocharabisch
• Moderne Dialekte
• Mittelarabisch

59
Inschrift von an-
Namara
Schrift: Nabatäisch
Sprache: Arabisch
Datum: 328 n. Chr.
Typ: Grabinschrift

60
Entstehung der arabischen Schrift aus der
nabatäischen

Quelle: B. Gruendler:
The Development of
the Arabic Scripts
(1993)

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II.6. Klassisches Arabisch

• Dichtung
• Koran
• Prophetische Überlieferung
• Verwaltungssprache des Kalifenreiches seit ca. 700
• Prosaliteratur seit 8. Jh.
• Übersetzungen aus dem Griechischen, Syrischen, Mittelpersischen
...
• Geschichtsschreibung; Theologie; Mystik; Profanwissenschaften
• Großer Einfluss auf andere Islamsprachen (Persisch, Osmanisch-
Türkisch, Urdu ...)

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II.6. Klassisches Arabisch

• Phonologie: Konservativ (28 Konsonantenphoneme; 3 Vokale, je


kurz und lang)
– *s1, *s3 > s; s2> š
– *g > ğ
• Morphologie: Sehr systematisch
– Auslautende Kurzvokale erhalten: Kasusendungen;
Modusendungen
– Innere Plurale (malik, Pl. mulūk; ḥağar, Pl. ʾaḥğār)
• Syntax: VSO

63
Sure 1

64
II.6. Modernes Hocharabisch

• In Schrift, Phonologie & Morphologie weitgehend identisch mit


Klassisch-Arabisch
• I.d.r. ohne Endungen gesprochen
• Zahlreiche neue Lexeme

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II.6. Arabisch

• Arabisch
– Gesprochen in den Ländern der arabischen Liga (Ausnahmen:
Djibouti, Somalia und Komoren), sowie S-Türkei, Israel, SW-
Iran und im subsaharischen Afrika (Tschad, Niger, Nigeria)
– Als Bildungs- und religiöse Sprache in zahlreichen islamischen
Ländern von Bedeutung

66
Quelle: Watson 2011
67
II.6. Arabische Dialekte

• Sehr häufige Entwicklungen in der Phonologie:


• Abfall der auslautenden Kurzvokale und Kürzung auslautender
Längen
– Wegfall der Kasusflexion
– Wegfall der Modusdistinktionen
• Zusammenfall von ẓ und ḍ
• Verlust von des glottalen Verschlusslautes (hamza)

68
II.6. Arabische Dialekte

• Sehr häufige Erscheinungen in der Morphologie:


• -i- statt –a- in den Präfixen der PK
• ‚Verlust‘ des Duals beim Verb und beim Pronomen
• Zusammenfall der Femininendungen –ah, –ā, -āʾ in -a

69
II.6. Arabische Dialektregionen

• Irakisch-Arabisch
• Arabische Halbinsel
• Levante
• Ägypten (+Sudan)
• Maghrib

70
II.6. Verstreute Arabophonie

• Juba-Arabisch (Süd-Sudan)
• Kreol-Arabisch in Kenya (Ki-Nubi)
• Bagara-Arabisch (Tschad)
• Arabisch in Khuzistan
• Usbekistan-Arabisch
• usw.

71
II.6. Diglossie

• Wö.: Zweisprachigkeit
• Konzept ursprünglich für das Neugriechische entwickelt
• Von Ch. Ferguson (1959) auf die arabische Situation angewandt
• Sehr ausgeprägter Unterschied zwischen Dialekt und Hochsprache;
keine (oder kaum eine) mittlere Varietät
• Arabische Diglossie teilweise überholt (‚Multiglossia‘; Educated
Arabic ...)

72
II.6. Mittelarabisch

• Keine Epochenbezeichnung!
• Christlich-Arabisch
• Judäo-Arabisch
• Muslimisches MArab.:
– Briefe
– 1001 Nacht

• Moderne Zwischen-Register: Educated Arabic (o.ä.)

73
II.6. Literatur zur arabischen Sprachwissenschaft

• Grundriß der arabischen Philologie, I-III, edd. Wolfdietrich Fischer,


Helmut Gätje (Wiesbaden: Reichert, 1982-1992).
• Encyclopedia of Arabic Language and Linguistics, edd. Kees
Versteegh et al. (Leiden: Brill, 2006-2009).
• The Oxford handbook of Arabic linguistics, ed. Jonathan Owens
(Oxford: Univ. Press, 2013).

74
II.7. Semitische Sprachen in Äthiopien

75
II.7. Altäthiopisch

• Reich von Aksum (seit 1. Jh.)


• äthiopische Schrift aus der sabäischen (i.e. altsüdarabischen) Schrift
entstanden
• Inschriften
• Syllabar
• Literatur seit der Christianisierung im 4. Jh.
– Bibel, Apokryphen, altchristliche Texte
• Sehr umfangreiches nachklassisches Schrifttum 13.-19. Jh.
– Theologie, Liturgie, Heiligenviten, Königschroniken, Magie ...
• Kirchensprache der äthiopisch-orthodoxen Kirche bis heute
Das äthiopische
Syllabar
Die Vokalbezeichnung
der äthiopischen
Schrift
Beispiele h, l, ḥ
Vokale: a, u, i, ā, ǝ, o
II.7. Moderne Semitische Sprachen in Äthiopien

• Tigrinya
• Tigre
• Amharisch (20 Mio. Sprecher!)
• Gurage
• Harari

80
II.7. Literatur

• Encyclopedia Aethiopica I-V. Wiesbaden: Harrassowitz, 2003-2014.


II.8. Besonderes typologisches Merkmal der
semitischen Sprachen

• Wurzel-Schema-Prinzip
• 3- oder 4-konsonantige Wurzel: lexikalische Bedeutung
• Vokalschema + Prä- und Suffixe (Schema): Wortbildung und
grammatische Funktion
• z.B. arab. Wurzel k-t-b ‚schreiben‘
• Schema _a_a_a Perfekt 3. Person Sg. mask. -> ‫ب‬ َ ‫ َك َت‬kataba ‚er
schrieb‘
• Schema ya_ _u_u Gegenwart 3. Person Sg. mask. -> ُ‫ َي ْك ُتب‬yaktubu
‚er schreibt‘
• Schema ma_ _a_ Ort, an dem die Verbalhandlung stattfindet -> ‫َم ْك َتب‬
maktab ‚Büro‘

82
III. Die afroasiatische Makrofamilie

83
III. Andere Bezeichnungen für Afroasiatisch

• Hamito-Semitisch
– Völkertafel!
– Problem: ‚Hamitisch‘ nicht mehr haltbar; historisch diskreditiert
(Hamitentheorie)
• Semito-Hamitisch
– dto.
• Afro-Asiatisch (Afroasiatisch)
– Vorteil: Neutrale Bezeichnung
• Weitere Namensvorschläge:
– Lisramic (C. Hodge)
– Afrasian
III. Familien des Afroasiatischen

• Semitisch
• Ägyptisch (extinkt)
• Berberisch (N-Afrika)
• Tschadisch (Tschad, Niger, Nigeria)
• Kuschitisch (Äthiopien, Kenia, Somalia, Djibouti, Tansania)
• (Omotisch) (S-Äthiopien; Beziehung zum Afroasiatischen umstritten)
Verbreitung der
afroasitischen
Sprachen
Darstellung ohne Tschadisch!
Weitere Probleme: „Südarabisch“,
frühes Äthiosemitisch
Quelle: D. Cohen
III.2. Ägyptisch

• Hieroglyphen seit 3. Jt. v. Chr.


– Altägyptisch
– Mittelägyptisch
– Neuägyptisch
– Demotisch
• Koptisch seit 2. Jh. n. Chr. (Christliche Literatur)
– Geschrieben mit griechischen Buchstaben
• Im MA (nach arab. Eroberung) ausgestorben
• Auffällige Übereinstimmungen mit dem Semitischen, z.B. im
Pronominalsystem
III.3. Berberisch

• Genealogische Zuordnung des Berberischen: Sprachfamilie des


Afro-Asiatischen (neben Semitisch, Ägyptisch, Kuschitisch …)
• Interne Gliederung des Berberischen: Unklar; wohl ehemaliges
dialektales Kontinuum, das von der arabischen Besiedelung
zerschnitten wurde
• Historisch: Autochthone Sprache / Dialektkontinuum des westlichen
Nordafrika in vorarabischer Zeit

88
III.3. Berberisch

• Heutiges Berber (Überblick):


• Zenaga (Mauretanien)
• Tamazight; Shilh; Tarifit (Rif-Berber) (Marokko)
• Kabylisch, Schawia, Mozabitisch, Tamasheq (=Tuareg) (Algerien)
• Dscherba-Berberisch (fast ausgestorben, Tunesien)
• Ghadamsi (Libyen)
• Siwi (Ägypten)

89
III.3. Die Verteilung der Berbersprachen

Quelle: Guth 2012


90
III.3. Berberisch

• Soziologisch:
– Ca. 10 Mio. Sprecher; z.B. 1/3 der Bevölkerung in Marokko
– I.d.R. illiterate Sprachen (Ausnahme: Tuareg-Schrift / Tifinagh)

91
Tifinagh – Graffiti in
Algerien
Quelle:
Werner Pichler: Origin and
Development of the Libyco-Berber
Script (=Berber Studies 15) Köln:
Köppe, 2007.

92
III.3. Berberisch

• Soziologisch:
– Ca. 10 Mio. Sprecher; z.B. 1/3 in Marokko
– I.d.R. illiterate Sprachen (Ausnahme: Tuareg-Schrift /
Tamazight)
– Neo-Tifinagh seit etwa 1960; heute in Marokko amtlich
anerkannt

93
Verwendung der
Tifinagh in der
Gegenwart

94
III.3. Berberisch

• Soziologisch:
– Ca. 10 Mio. Sprecher; z.B. 1/3 in Marokko
– I.d.R. illiterate Sprachen (Ausnahme: Tuareg-Schrift /
Tamazight)
– Neo-Tamazight seit etwa 1960; heute in Marokko amtlich
anerkannt
– z.T. Rückzugsgebiete; z.T. früher Verbote; nur sehr
eingeschränkt in der Schule verwendet
– Hohe Anzahl von zweisprachigen Individuen (insb. Männer);
Mehrheit der Berber können auch Arabisch

95
III.3. Berberisch

• Merkmale des Berberischen:


– Großer Bestand an Konsonanten
– Vokalarmut
– Auch interne Flexion (ähnlich wie in semitischen Sprachen)

96
Literatur

• H. Glück (ed.): Metzler Lexikon Sprache (11993 – 52010)


• H. Bußmann: Lexikon der Sprachwissenschaft (11983 - 42008)
– Insbesondere für sprachwissenschaftliche Begrifflichkeit, aber
auch Angaben zu Einzelsprachen
• S. Guth: Die Hauptsprachen der Islamischen Welt (2012)

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Danke für die Aufmerksamkeit!

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