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92. Jahrgang   Nr. 11 / 2019 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

DIE STUDIE INTERVIEW UNTERNEHMENSKREDITE DOSSIER


Spielt die Leistung Jungfraubahnen-Chef Bei der MEM-Industrie Arbeitszeit im digitalen
von Bankenchefs beim Urs Kessler über schauen die Banken Zeitalter
Lohn eine Rolle? ­Massentourismus genauer hin 47
27 32 39

FOKUS
Konjunktur: Der Blick
in die Kristallkugel

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Warum geht es nicht schneller?


Die Angst vor einer Rezession geht um: Der Bund prognostiziert für die Schweiz ein
BIP-Wachstum von 0,8 Prozent für 2019. Klarheit über das Wachstum des gesamten
Jahres werden wir erst im März 2020 erhalten – dann stehen die amtlichen Zahlen des
vierten Quartals zur Verfügung. Warum dauert es so lange, bis wir wissen, wie es der
Wirtschaft geht?
Der Grund liegt in der Datenlage. Bis alle Daten zur
­Verfügung stehen, damit das BIP berechnet und veröffent-
licht werden kann, dauert es 60 Tage. Im internationalen
Vergleich ist die Schweiz damit eher langsam: Für den
Euroraum stehen provisorische Zahlen zum BIP-Wachstum
bereits 30 Tage nach Ablauf des Quartals zur Verfügung.
Ausgangspunkt sind häufigere und umfangreichere Daten-
erhebungen in der EU. Während in der Schweiz Zahlen
zu Beschäftigung oder etwa Industrieproduktion nur alle
drei Monate erhoben werden, liegen sie in Deutschland
monatlich vor. Zudem existieren in der EU ­umfangreiche,
­monatliche Erhebungen zu den Umsätzen im immer
wichtigeren Dienstleistungssektor, während dies hierzu-
lande weitgehend fehlt. Ein Gleichziehen der Schweiz wäre nur mit einer zusätzlichen
­administrativen Belastung der Firmen möglich.
Die Verzögerungen in der Schweiz erschweren wiederum die Konjunkturprognosen.
Das sei gewissermassen so, als ob man den Wetterbericht von morgen erstellen ­
müsse, ohne das Wetter von heute zu kennen, schreibt Seco-Konjunkturexperte
­Ronald ­Indergand.
Um diese zeitliche Lücke zu füllen, greifen Konjunkturanalysten auf «Frühindikato-
ren» zurück. Vorlaufende Daten liefern beispielsweise Stimmungsumfragen wie die
Konsumentenstimmung oder der Einkaufsmanager-Index.
Zu einem anderen Thema, dem Massentourismus: Jedes Jahr fahren über eine Million
Menschen auf das Jungfraujoch. Von «Overtourism» könne man in Interlaken aber
nicht sprechen, sagt Jungfraubahnen-Chef Urs Kessler im Interview. Im Gegenteil:
«Qualität ist für uns wichtiger als kurzfristiges Wachstum.»

Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Nicole Tesar, Chefredaktorin «Die Volkswirtschaft»
INHALT

8 15

FOKUS

Konjunktur: Der Blick in die Kristallkugel


4 Frühindikatoren schärfen 8 KOF: Von den Umfragen zum 12 PMI: Wissen am Anfang der
den Blick Indikator ­Wertschöpfungskette
Ronald Indergand Klaus Abberger, Jan-Egbert Sturm Claude Maurer, Tiziana Hunziker
Staatssekretariat für Wirtschaft ETH Zürich Credit Suisse

15 Konsumentenumfrage 19 30 Indikatoren auf einen Schlag 23 Wie Google-Suchen


liefert frühe Hinweise auf Philipp Wegmüller wirtschaftliche Entwicklungen
BIP-Entwicklung Staatssekretariat für Wirtschaft voraussage
Christian Glocker
Felicitas Kemeny, Andreas Bachmann Österreichisches Institut für Thomas Chuffart
Staatssekretariat für Wirtschaft Wirtschaftsforschung Universität Besançon

DOSSIER

Arbeitszeit im digitalen Zeitalter


48 Arbeitszeit in der Schweiz 51 Arbeitszeit bei 53 Vereinfachte
seit 20 Jahren rückläufig Hausangestellten und Arbeitszeiterfassung besser
Rongfang Li ­Homeoffice: Wann ist umsetzen und kontrollieren
Bundesamt für Statistik Feierabend? Jean-Michel Bonvin, Nicola Cianferoni,
Pierre Kempeneers
Karine Lempen
Universität Genf
Universität Genf

56 Arbeit als Veränderungsmotor 59 STANDPUNKT 60 STANDPUNKT


der Schweiz
Jakob Tanner
Wie Autofahren ohne Tacho Es braucht einen weiteren
Universität Zürich Luca Cirigliano Schritt
Schweizerischer Gewerkschaftsbundes
Daniella Lützelschwab Saija
Schweizerischen Arbeitgeberverband
INHALT

39 48 10

THEMEN

Cheflöhne, Massentourismus und Verkehr


rie
27 DIE STUDIE 30 DIE SICHT DER CHEFÖKONOMEN Se
CEO-Löhne im Bankensektor: Problematische Wissenslücken
Die Leistung zählt Adriel Jost
Dragan Ilić Wellershoff &Partners
ETH Zürich
Peter Steffen Schmidt
Universität Genf

37 EINLAGENSICHERUNG 39 UNTERNEHMENSKREDITE
Besserer Einlegerschutz macht Finanzierung in der
Bankensystem stabiler MEM-Industrie: Gut mit
Bruno Dorner, Anne Kathrin Herzog Verbesserungspotenzial
Staatssekretariat für internationale Andreas Schweizer
Finanzfragen ZHAW School of Management and Law
Anne Marie Loch
Gebäudeversicherung Kanton Zürich
Ramona Graf
Neue ­Aargauer Bank AG

32 INTERVIEW
42 VERKEHRSKOSTEN 45 BILDUNG «In Interlaken haben wir
Die volkswirtschaftlichen Harmonisierung der keinen ­Overtourism»
Kosten des Verkehrs Bildungsziele: Ein Startbild
Alexandra Quandt, Christian Gigon Vera Husfeldt, Jeanine Füeg Im Gespräch mit dem Jungfraubahnen-Chef
Bundesamt für Statistik Schweizerische Konferenz der kantonalen Urs ­Kessler
Erziehungsdirektoren

62 INFOGRAFIK 64 VORSCHAU / IMPRESSUM


Die Schulden der Welt
FRÜHINDIKATOREN

Frühindikatoren schärfen den Blick


Wirtschaftsprognosen basieren massgeblich auf Frühindikatoren. Besonders wichtig sind
sie in Wirtschaftskrisen.  Ronald Indergand

Abstract  Eine gute und möglichst umfassende Datengrundlage ist ent- Die Wirtschaftspolitik ist zu Planungs-
scheidend in der Konjunkturanalyse. Allerdings können zahlreiche Wirt- zwecken auf Einschätzungen und Prognosen
schaftsdaten nur mit einigen Monaten Verzögerung publiziert werden. der Konjunkturlage angewiesen. So stützen sich
Deswegen ist die Wirtschaftsentwicklung des laufenden Quartals zum beispielsweise die Budget- und Finanzpläne des
Zeitpunkt, an dem Prognosen veröffentlicht werden, weitgehend unbe-
Bundes auf BIP-Prognosen, weil ein enger Zu-
kannt. Das erschwert die Wirtschaftsprognosen, und hier kommen Früh-
indikatoren ins Spiel: Sie geben frühzeitig Hinweise auf die Entwicklung
sammenhang zwischen den Steuereinnahmen
einer Zielvariable wie zum Beispiel des BIP. Ein Beispiel sind Stimmungs- und dem Wirtschaftswachstum besteht.2 Be-
umfragen, die relativ schnell durchgeführt und aufbereitet werden kön- sonders schwierig sind Konjunkturprognosen bei
nen. Ob sich deren Bewegungen dann effektiv in den tatsächlichen Wirt- konjunkturellen Wendepunkten und in Krisen-
schaftskennzahlen widerspiegeln, bleibt jedoch stets eine offene Frage. situationen – gerade dann sind sie aber besonders
wichtig. Dies zeigte sich während der Wirtschafts-
und Finanzkrise. Um zu entscheiden, ob es kon-

A  b 2009 lagen die Prognosen des Bun-


des für das Bruttoinlandprodukt (BIP)
des laufenden Jahres um rund 0,4 Prozent-
junkturstützende Massnahmen braucht, griff der
Bundesrat auf die Prognosen der Expertengruppe
Konjunkturprognosen zurück. Rückblickend hat
punkte daneben.1 Warum gelingen uns kaum sich dieses Vorgehen bewährt.3
Punktlandungen? Ein weiteres Beispiel ist die Geldpolitik der
Verschiedene Umstände wirken erschwerend: Schweizerischen Nationalbank (SNB): Ohne
Erstens sind politische Entscheidungen oft Konjunktur- und Inflationsprognosen könnte sie
nicht vorhersehbar und deren Folgen kaum ab- ihr Mandat kaum so effektiv erfüllen wie heute.4
schätzbar. Ähnliches gilt für singuläre Ereig- Statt auf Prognosen zu verzichten, sollte
nisse wie das Platzen von Immobilienblasen. man sich deshalb vielmehr der Unsicherheiten
Zweitens stehen Daten zur gegenwärtigen Wirt- bewusst sein. «Prognoserisiken»5 gilt es zu ana-
schaftsentwicklung nur zeitlich verzögert zur lysieren und zu kommunizieren. Gegebenenfalls
Verfügung, denn die Durchführung und Aus- kann mit Szenarien gearbeitet werden, die Hin-
wertung von grossen Datenerhebungen ist weise über alternative Entwicklungen geben.
aufwendig und erst im Nachhinein möglich.
Drittens besteht eine gewisse Unsicherheit über So früh wie möglich
die bereits publizierte Entwicklung, die sich aber
immerhin nach und nach reduziert: Nachträg- Die Grundlage für eine fundierte wirtschaftli-
liche Revisionen der Daten gehören zum Arbeits- che Lagebeurteilung bilden ökonomische Daten.
alltag in der Konjunkturanalyse. Diese müssen eine Volkswirtschaft möglichst
vollständig und zuverlässig abbilden. Dazu soll-
1 A usgewertet mit den
BIP-Prognosen für das
Keine Prognose ist auch ten sie möglichst zeitnah und in möglichst ho-
laufende Jahr ab 2009,
her Frequenz zur Verfügung stehen. Eine zent-
die jeweils im März keine ­Lösung
veröffentlicht wurden. rale Rolle spielen dabei die Volkswirtschaftliche
2 Martinez (2018).
3 Bonanomi (2012) oder Sollten Konjunkturprognosen nicht mehr beach- Gesamtrechnung (VGR) sowie die Daten zum
Brunetti (2009).
4 Lenz und Zanetti (2018).
tet werden, weil sie ungenau sind? Dieses Argu- Arbeitsmarkt. Die zahlreichen Variablen aus der
5 Als Prognoserisiko ment greift zu kurz. Denn das würde der Forde- VGR und den Arbeitsmarktstatistiken ermög-
wird ein Vorkommnis
bezeichnet, dessen rung gleichkommen, auf eine effektive Planung lichen ein umfassendes Bild des Zustandes ein-
Eintreten eine An-
passung der Prognose
in diversen Bereichen zu verzichten, oder zu- zelner Wirtschaftssektoren, der Haushalte und
verursachen würde. mindest würde eine solche massiv erschwert. Arbeitnehmenden.

4  Die Volkswirtschaft  11 / 2019
Wie voll sind die Lager?
­Konjunkturprognosen
­basieren auf ökonomischen
Daten.

KEYSTONE
FRÜHINDIKATOREN

Ein Knackpunkt ist die zeitliche Ver- «Echt» oder «gleichlaufend»?


zögerung: Beispielsweise werden die VGR-
Zahlen in der Schweiz – im Einklang mit den Um zeitliche Verzögerungen zu überbrücken,
EU-Ländern – erst rund zwei Monate nach greift man in der Konjunkturanalyse auf Früh-
Ende eines Quartals veröffentlicht. Der Grund indikatoren zurück. Das sind vorlaufende Daten,
für die Verzögerung sind die relativ spät ver- die frühzeitig Hinweise auf die Entwicklung
fügbaren Basisstatistiken: Beispielsweise der Zielvariablen geben. Dabei gibt es Indikato-
werden die Schweizer Industrieumsätze und ren, die einen «echten» Vorlauf zur Zielvariab-
die Beschäftigungsstatistik erst ungefähr acht le besitzen, und solche, die «gleichlaufend» mit
Wochen nach Quartalsende veröffentlicht und der Zielvariable sind, aber früher veröffentlicht
fliessen ihrerseits in die Berechnung der VGR werden. Ein Beispiel für einen «gleichlaufenden»
ein, die wiederum einige Tage später publiziert Frühindikator ist die Konsumentenstimmung,
wird. welche beispielsweise bereits in der Mitte jedes
Mehrere Länder erstellen eine «Flash-Be- laufenden Quartals veröffentlicht wird: Sie lie-
rechnung» des BIP oder der Beschäftigung fert bereits mehrere Monate vor den amtlichen
rund 30 oder 45 Tage nach Quartalsende. Dies BIP-Zahlen Hinweise über den Konjunkturver-
wäre auch in der Schweiz prinzipiell möglich, lauf. Bei der Konsumentenstimmung betrug die
allerdings sind hierzulande diverse Basisdaten kontemporäre Korrelation mit dem BIP in den
später verfügbar als im Ausland. Diese müssten letzten 20 Jahren 0,5 – wobei 0 keine Korrelation
daher prognostiziert werden, was die Unsicher- und 1 maximale Korrelation bedeutet.
heit eines Flashs wiederum erhöhen würde. Bei «echt» vorlaufenden Indikatoren
Als Konsequenz kann beispielsweise die korrelieren das gegenwärtige Quartal des In-
Entwicklung des Schweizer BIP im dritten dikators und das Folgequartal der Zielvariable
Quartal erst Ende November berechnet und am stärksten. Ein Beispiel hierfür ist die
veröffentlicht werden. Solche Verzögerungen Komponente Auftragseingänge aus der Um-
bei der Publikation vieler ökonomischer Daten frage zur Industrie des Einkaufsmanger-Index
erschweren die Prognosen: Das ist gewisser- (PMI), die im letzten Monat des Vorquartals eine
massen so, als ob man den Wetterbericht von Korrelation von 0,54 zum BIP aufweist.
morgen erstellen muss, ohne das Wetter von Viele gängige Frühindikatoren entstehen aus
heute zu kennen. Stimmungsumfragen, deren Daten schnell er-
hoben und aufbereitet werden können. Beispiele
für solche Indikatoren sind nebst dem PMI und der
Korrelation PMI und BIP sowie Anteil der Industrie am BIP
Konsumentenstimmung die KOF-Umfragen. Bei
(8-Jahres-Schnitt)
der Interpretation dieser Stimmungsindikatoren
1,2    Korrelation in %    20
ist jedoch auch eine gewisse Vorsicht angezeigt,
denn darin können auch Fehleinschätzungen oder
Stimmungsschwankungen, die nicht zwingend
0,9 19,5 der tatsächlichen Wirtschaftsentwicklung ent-
sprechen, enthalten sein. Ob sich die gemessene
CS UND PROCURE.CH, SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Stimmung später tatsächlich in den quantitativen,


0,6 19
«harten» Daten widerspiegelt, ist also stets eine
offene Frage. Stimmungsumfragen zählen unter
0,3 18,5 anderem deswegen zu den sogenannten weichen
Daten (siehe Kasten).
0 18
2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 Psychologische Dimension
  Korrelation PMI und BIP-Wachstum über 8 Jahre (linke Achse) Der Zusammenhang zwischen Stimmungsum-
  Anteil Industrie am BIP (8-Jahres-Schnitt; rechte Achse)
fragen und der Gesamtwirtschaft kann sich
PMI: Quartalsdurchschnitt der Monatswerte; BIP: vierteljährliche Wachstumsrate. über die Zeit ändern. Beispielsweise gilt der PMI

6  Die Volkswirtschaft  11 / 2019
FOKUS

«Weiche Daten» und «harte Daten» kehr, monatliche Erhebungen wie die Detail-
In der Praxis wird oft zwischen sogenannten weichen und har- handelsumsätze oder Finanzmarktvariablen,
ten Daten unterschieden. Weiche Daten basieren auf qualitati- welche oft unmittelbar zur Verfügung stehen,
ven, subjektiven Einschätzungen. Diese werden anschliessend sind Beispiele dafür.
quantifiziert und meist zu einem Index aggregiert. Genaue
Mengenangaben sind damit jedoch nicht möglich. So e­ nthält
beispielsweise die Konsumentenstimmung eine Frage zur Google-Suche auswerten
eigenen finanziellen Lage. Diese kann auf einer diskreten ­Skala
beantwortet werden («wesentlich besser», «etwas besser» Um aus dieser Vielzahl an Stimmungsumfragen
etc.). Obwohl dies die Haushalte sehr verlässlich beantworten
können, lassen sich daraus keine exakten Angaben zur Finanz- und anderen Frühindikatoren ein möglichst ge-
lage der Haushalte gewinnen. Harte Daten sind hingegen als samtheitliches Bild zu erhalten, werden in prak-
konkrete quantitative Angaben zu verstehen, die aus zuverläs- tisch allen entwickelten Ländern breite Sam-
sigen Datenquellen und einer stringenten Erhebungsmethode
entstehen und so im Prinzip verifizierbar sind. Ein Beispiel
melindikatoren erstellt. Diese verdichten mittels
sind die Warenverkehrszahlen der Eidgenössischen Zollver- statistisch ausgeklügelter Methoden die Infor-
waltung: Hierbei handelt es sich faktisch um eine standar- mationen aus sehr vielen Frühindikatoren in
disierte Vollerhebung, aus der man Angaben in Franken und einem Gesamtindex. Prominentestes Beispiel
­Kilogramm zu den gehandelten Gütern machen kann.
hierfür ist das KOF-Konjunkturbarometer.
Schliesslich gewinnen quantitative Daten
I­ ndustrie als verlässlicher Indikator für die Ent- aus dem Internet immer mehr an Bedeutung.
wicklung in der Industrie und aufgrund deren So zeigt beispielsweise eine Studie, dass die Ge-
Bedeutung auch für die Gesamtwirtschaft. Auf- burtenrate in den USA mithilfe von Google-Such-
grund des Strukturwandels geht der Anteil des begriffen wie «Mutterschaft» oder «Schwanger-
Industriesektors an der Gesamtwirtschaft je- schaft» besser vorhergesagt werden kann.7 Mit
doch langsam zurück. Dies könnte mit ein Grund der Datenflut aus dem Internet dürften sich also
dafür sein, warum sich die Korrelation zwischen neue Möglichkeiten eröffnen.
dem PMI Industrie sowie anderen Stimmungsin- Alles in allem sind Frühindikatoren also von
dikatoren6 und dem BIP über die Zeit ebenfalls grossem Wert. Zwar ist bei ihrer Interpretation
abgeschwächt hat (siehe Abbildung). Vorsicht angezeigt, weil stets unsicher bleibt, in-
Gleichzeitig ändert sich die Wahrnehmung wiefern sich deren Entwicklung in den tatsäch-
im Laufe der Zeit: Möglicherweise empfinden lichen Daten widerspiegeln wird. Aber sie ver-
die Befragten heute ein geringeres Wirtschafts- kürzen das Warten auf Informationen, welche
wachstum oder ein anderes Niveau der Ge- für eine fundierte Konjunkturanalyse und
6 G ayer und Marc (2018).
schäftslage als «gut» als beispielsweise in den -prognose zwingend notwendig sind. 7 Billari et al. (2013).
Achtzigerjahren. Allenfalls entspricht heute ein
anderer Umfragewert einer BIP-Wachstums-
rate von 2 Prozent als früher, was bei der Inter-
pretation von Stimmungsumfragen berück-
sichtigt werden muss.
Neben Stimmungsumfragen gibt es ein
ganzes Set an «harten» Daten, welche früh oder
gar unmittelbar zur Verfügung stehen und so als Ronald Indergand
Frühindikatoren dienen können: Administrative Dr. rer. oec., Leiter Ressort Konjunktur, Staatssekretariat
für Wirtschaft (Seco), Bern
Daten wie der monatlich registrierte Warenver-

Literatur
Billari, Francesco, Francesco D’Amuri und Juri Brunetti, Aymo (2009). Das stabilitätspolitische Lenz, Carlos und Attilio Zanetti (2018). Die
Marcucci (2013). Forecasting Births Using Konzept des Bundes. In: Die Volkswirtschaft ­Rolle der BIP-Zahlen in der Geldpolitik. In: Die
Google. Draft Prepared for Presentation at 2009/3:14. Volkswirtschaft 2018/3.
PAA Annual Meeting, New Orleans, 6. April. Gayer, Christian und Betrand Marc (2018). Martínez, Adrian (2018). Eng verbunden:
Bonanomi, Andrea (2012). Die Stabilisierungs- A «New Modesty»? Level Shifts in Survey Budget­planung des Bundes und BIP-­
politik des Bundes 2008–2010: Warum die Data and the Decreasing Trend of «Normal» Prognosen. In: Die Volkswirtschaft 2018/3.
Schweiz die Krise rasch bewältigt. In: Die Growth, Discussion Paper 038, Europäische
Volkswirtschaft 2012/5. Kommission.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  7
FRÜHINDIKATOREN

KOF: Von den Umfragen zum Indikator


Die KOF berechnet verschiedene Indikatoren für die Schweizer Konjunktur. Eine w
­ ichtige
Rolle spielen dabei Unternehmensumfragen.  Klaus Abberger, Jan-Egbert Sturm

Abstract  In welcher Verfassung ist die Schweizer Konjunktur? Konjunk- ausgerichtet sind. Die Unternehmen bewer-
turindikatoren helfen, diese Frage zeitnah zu beantworten. Da das Brutto- ten beispielsweise ihren Auftragsbestand und
inlandprodukt als übliche Referenzgrösse zur Beurteilung der wirtschaft- ihre Lagerbestände an Fertigwaren. Neben die-
lichen Situation nur mit einer Zeitverzögerung veröffentlicht werden sen Einschätzungen zu konkreten Aspekten
kann, sollen Konjunkturindikatoren die zeitliche Lücke schliessen. Zusätz-
der Unternehmenstätigkeit werden auch «wei-
lich können Indikatoren einen Blick in die nahe Zukunft ermöglichen. Ge-
stützt auf ihre monatlichen und quartalsweisen Konjunkturumfragen bei
che» Fragen zur allgemeinen Geschäftslage des
Unternehmen, hat die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich ein Unternehmens gestellt. Ein wesentliches Cha-
Indikatorensystem entwickelt. Dieses umfasst Früh- und Koinzidenzin- rakteristikum von Konjunkturumfragen ist, dass
dikatoren unterschiedlicher Bauart. Mit diesem System kann die KOF ver- in den meisten Fällen um Tendenzantworten ge-
schiedenen Nutzerinteressen gerecht werden. beten wird. Als mögliche Antworten werden drei
Richtungen oder Urteile vorgegeben. So kann
auf die Fragen zur weiteren Produktionstätigkeit

B  efindet sich die Schweizer Wirtschaft im


Aufschwung? Oder hat sie den Höhepunkt
überschritten, und ein Abschwung hat bereits
oder zur Entwicklung der Anzahl Beschäftigten
geantwortet werden: steigend, gleichbleibend,
sinkend. Durch diese Methodik können die Be-
eingesetzt? Als Referenzgrösse zur Beurteilung fragten den Fragebogen in kurzer Zeit ausfüllen.
der wirtschaftlichen Situation eines Landes Somit liegen bereits am Monatsende die Umfra-
wird häufig das Bruttoinlandprodukt (BIP) her- geresultate für den jeweiligen Monat vor.
angezogen. In der Schweiz publiziert das Staats-
sekretariat für Wirtschaft (Seco) die BIP-Daten Zeitbezug und Komplexität
in Quartalsfrequenz. Jahresdaten zum BIP be-
rechnet das Bundesamt für Statistik (BFS). Konjunkturindikatoren ergänzen die Daten
Für die Konjunkturanalyse ist die Betrach- der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen
tung in Quartalsfrequenz oder höher wesent- (VGR) um Informationen, die zur Einschätzung
lich, um Veränderungen des Konjunktur- der aktuellen Wirtschaftslage und für die Kurz-
verlaufs zeitnah zu erkennen. Es ist für eine fristprognose verwendet werden können. Be-
effektive Konjunkturanalyse aber nicht nur züglich der zeitlichen Verbindung zur Zielgrös-
relevant, in welchem zeitlichen Abstand die se aus den VGR können Indikatoren eingeteilt
Wirtschaftsleistung gemessen wird, sondern werden in Früh-, Koinzidenz- und Spätindika-
auch, wie schnell die Messergebnisse jeweils toren. Frühindikatoren geben Hinweise auf die
vorliegen. Genau an dieser Stelle kommen Entwicklung in der (nahen) Zukunft, Koinzi-
Konjunkturindikatoren ins Spiel. Sie ergän- denzindikatoren dagegen zur augenblicklichen
zen die mit einem Zeitverzug publizierten BIP- Wirtschaftslage. Spätindikatoren zeichnen die
Daten um rasch verfügbare Informationen. Entwicklung in der (jüngsten) Vergangenheit
Die KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH nach.
Zürich hat ein System von Konjunkturindika- Die Indikatoren unterscheiden sich auch
toren entwickelt, welches als Basis ihre Kon- hinsichtlich der Komplexität. Komplexe In-
junkturumfrageergebnisse verwendet. dikatoren beziehen sich häufig auf zahlrei-
Die KOF befragt monatlich oder quartals- che Eingangsvariablen und basieren auf aus-
weise mehr als 8000 Unternehmen zu ihrer Ge- geklügelten ökonometrischen Techniken. Die
schäftsentwicklung. So wird etwa erhoben, wie Entwickler von Konjunkturindikatoren erhö-
die Produktions- oder die Personalplanungen hen die Komplexität in der Hoffnung, gewisse

8  Die Volkswirtschaft  11 / 2019
FOKUS

Merkmale der Indikatoren zu verbessern. Da- bereichen gestellt werden, und die Teilneh-
mit gehen aber meist eine geringere Transpa- menden wählen selber die jeweils geeigneten
renz und eine schwierigere Interpretierbarkeit Faktoren. Die Frage kann nach Unterkatego-
der den Indikator treibenden Kräfte einher. rien ausgewertet werden, etwa nach Sektoren,
Branchen, Unternehmensgrössenklassen oder
Wie läuft das Geschäft? Exportanteil, sodass die Bewegung des Ge-
samtindikators auf verschiedene Ebenen her-
Das umfragenbasierte Indikatorensystem der untergebrochen werden kann. Dieser Indikator
KOF besteht aus drei Hauptindikatoren für die erlaubt einen recht differenzierten Blick auf
gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Alle drei die konjunkturelle Entwicklung und kann als
werden jeweils monatlich am Ende des Refe- Koinzidenzindikator angesehen werden (siehe
renzmonats publiziert. Der erste ist ein einfa- Abbildung 1 auf S. 10). Die Korrelation mit den
cher und transparenter Koinzidenzindikator: gewählten BIP-Zeitreihen ist zwar teilweise ge-
die KOF-Geschäftslage. Dieser Indikator ba- ringer als bei den anderen Indikatoren, dafür
siert auf lediglich einer Frage, welche die KOF punktet der Indikator zur Geschäftslage mit
in den Konjunkturumfragen in allen Wirt- seiner einfachen Interpretierbarkeit und den
schaftsbereichen eingefügt hat. Die Teilneh- differenzierten Analysemöglichkeiten. Die KOF befragt
menden werden gefragt, wie sie die momenta- ­monatlich Tau-
ne Geschäftslage des Unternehmens bewerten. Internationaler Vergleich sende Schweizer
Was die Geschäftslage ausmacht, ist dabei Unternehmen zu
ihrer Geschäftsent-
nicht von der KOF vordefiniert. Dadurch kann Der zweite Indikator, der Economic Sentiment wicklung. Sack-
diese «weiche» Frage in allen Wirtschafts- Indicator (ESI), wurde von der ­Europäischen messer-Produktion in
Ibach SZ.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  9
FRÜHINDIKATOREN

Kommission entwickelt.1 Dieser deutlich kom- KOF-Konjunkturumfragen, es fliessen aber auch


plexere Indikator wird von der KOF für die weitere Daten wie Konjunkturumfrageergebnis-
Schweiz berechnet und ermöglicht einen Ver- se aus dem Ausland ein. Jedes Jahr im Septem-
gleich zwischen der Schweiz und den EU-Staa- ber wird der Auswahlprozess ausgeführt und
ten. Zwar werden nur einfache statistische Ver- eine neue Variablenselektion erstellt. Das Motiv,
fahren für die Berechnung verwendet, für jeden diesen Prozess jeweils im September zu starten,
einbezogenen Wirtschaftsbereich werden aber ist, dass das BFS zu dieser Zeit die Jahreswer-
zwei bis vier spezifische Fragen aus dem Pro- te für das BIP des Vorjahres veröffentlicht. Mit
gramm der Konjunkturumfragen ausgewählt. den Jahresdaten des BFS als Anker revidiert das
Eingang in den Indikator finden die Befra- Seco auch die Quartalsschätzungen für das BIP
gungsergebnisse des verarbeitenden Gewer- und andere Komponenten der VGR. Da bei der
bes, des Baugewerbes, des Detailhandels, des Erstellung des Barometers als Zielgrösse monat-
Dienstleistungsbereichs sowie der Konsumen- liche Veränderungsraten verwendet werden, ist
tenbefragung. Aus diesen Variablen resultiert das Barometer ein Frühindikator sowohl für die
ein Gesamtindikator, der für die Schweiz stark Quartalswachstumsraten als auch für die träge
mit dem Geschäftslageindikator korreliert. 2 In reagierenden Vorjahreswachstumsraten. Dieses
der Tendenz handelt es sich beim ESI ebenfalls Vorauseilen des Indikators wird allerdings mit
um einen Koinzidenzindikator. einer hohen Komplexität erkauft. Der Indikator
als solcher kann zwar einfach dargestellt und
Komplexes Barometer interpretiert werden, doch sind die hinter einer
Veränderung stehenden Antriebskräfte für die
Der komplexeste der drei Indikatoren ist das Nutzer schwierig erkennbar.
KOF-Konjunkturbarometer: Die aktuelle Ver- Die Indikatoren können zueinander in Bezie-
1 M ehr Infos auf
www.ec.europa.eu, sion basiert auf 345 Variablen, die ein fest de- hung gebracht werden, um weitere Aussagen zu
Stichwort «Business, finierter Algorithmus auswählt. Bei den meis- machen. Die «Konjunkturuhr» zeigt beispiels-
Economy, Euro».
2 Korrelation = 0,90. ten Variablen handelt es sich um Daten aus den weise, dass sich die Schweizer Konjunktur in

Abb. 1: Kreuzkorrelationen KOF-Indikatoren und BIP-Wachstum

BIP-Wachstum: Vorquartalsvergleich BIP-Wachstum: Vorjahresvergleich


1    Korrelationskoeffizient 1    Korrelationskoeffizient

0,5 0,5

0 0
KOF, SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

-0,5 -0,5

-1 -1
-7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0 1 2 3 4 5 6 7 -7 -6 -5 -4 -3 -2 -1 0 1 2 3 4 5 6 7
Vorlauf/Nachlauf (in Monate) Vorlauf/Nachlauf (in Monate)

  KOF-Konjunkturbarometer            KOF Economic Sentiment Indicator            KOF-Konjunkturbarometer            KOF Economic Sentiment Indicator         
  KOF-Geschäftslage (Niveau)            KOF-Geschäftslage (Vorquartalsveränderung)   KOF-Geschäftslage (Niveau)            KOF-Geschäftslage (Vorjahresveränderung)

Dargestellt sind Kreuzkorrelationen der Indikatoren und Transformationen des realen BIP (saisonbereinigte und geglättete Werte; Stichprobe 2007:9–
2019:7). Dadurch können die Indikatoren besser voneinander abgegrenzt werden. Hier sind lediglich zwei Transformationen der glatten Komponente
des BIP aufgeführt. Die Wendepunkte in diesen beiden Zeitreihen treten in der Regel nicht synchron auf: Ein Wendepunkt tritt zuerst in den Quartals-
wachstumsraten auf und dann in den Vorjahreswachstumsraten. Weitere Informationen zu den Indikatoren finden sich unter www.kof.ethz.ch.

10  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


FOKUS

Abb. 2: Die KOF-Konjunkturuhr

115 Erholung Konjunkturhoch

110

Januar 2018

Januar 2017

105
KOF-Konjunkturbarometer (Index)

100
Juli 2019
Januar 2016

95
Januar 2019

Januar 2015

KOF / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


90

85 Konjunkturtief Abkühlung
-15 -10 -5 0 5 10 15
KOF-Geschäftslage (Salden, mittelbereinigt)

Die Konjunkturuhr stellt einen Zusammenhang zwischen der KOF-Geschäftslage und dem KOF-Konjunkturbarometer
her. Die Uhr ist in Quadranten eingeteilt: In der Erholungsphase ist die Geschäftslage unterdurchschnittlich, aber die
Wachstumsperspektiven sind überdurchschnittlich. Im Konjunkturhoch (zum Beispiel Januar 2018) sind die Lage und die
Perspektiven überdurchschnittlich. In der Abkühlungsphase ist die Lage über dem Durchschnitt und die ­Perspektiven
­darunter. Im Konjunkturtief sind Lage und Perspektiven unterdurchschnittlich. Idealtypisch durchläuft der Graph die
Quadranten im Uhrzeigersinn.

den bisherigen Monaten des Jahres 2019 abge-


kühlt hat (siehe Abbildung 2). Ergänzt wird das
Indikatorensystem der KOF um weitere Indika-
toren, etwa den Beschäftigungsindikator, der
einfach konzipiert ist und die Beschäftigungs-
entwicklung frühzeitig anzeigt. Hinzu kommt
ein Bündel an Indikatoren, das die Unsicher-
heit bzw. die Uneinigkeit oder die Überraschung Klaus Abberger Jan-Egbert Sturm
Leiter Konjunktur­­um­ Direktor KOF Konjunktur­
über die Wirtschaftsentwicklung widerspiegelt. fragen, KOF Konjunktur­ forschungsstelle,
Gerade im momentanen internationalen Um- forschungsstelle, ETH ­Professor für ­Angewandte
feld ist es wichtig, zu wissen, wie sich die Unsi- Zürich Makro­ökonomie,
ETH Zürich
cherheit auf die I­ nvestitionstätigkeit auswirkt.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  11
FRÜHINDIKATOREN

PMI: Wissen am Anfang der


­Wertschöpfungskette
Ein Blick in die Auftragsbücher der Industrieunternehmen ist aufschlussreich für Kon-
junkturanalysten: Der Einkaufsmanager-Index (PMI) liefert zuverlässige Frühprognosen.
Doch in den letzten Jahren hat die Treffgenauigkeit etwas abgenommen.  
Claude Maurer, Tiziana Hunziker

Abstract  Der Purchasing Managers’ Index (PMI) ist ein international weit- fragt. Diese Subindizes ermöglichen bereits
verbreiteter Frühindikator der Konjunktur. Der PMI nutzt das Wissen von erste Analysen. Längere Lieferfristen deuten
Einkaufsmanagern, die ganz am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, etwa auf Kapazitätsengpässe hin, und die Lager-
zur Prognose der Konjunktur. Seit 1995 erstellen Procure.ch und die Credit komponenten geben Aufschlüsse darüber, ob
Suisse zusammen einen PMI für die Schweizer Industrie. Weil der Dienst-
die Unternehmen von einer Veränderung der
leistungssektor an Bedeutung gewonnen hat, kam 2014 ein Dienstleis-
tungs-PMI dazu. Das Credit-Suisse-Exportbarometer wiederum trägt der
Nachfrage überrascht worden sind.
internationalen Verflechtung der Schweizer Wirtschaft Rechnung, indem Aus den verschiedenen Subindizes erstellen
es die PMI der wichtigsten Handelspartner der hiesigen Exportwirtschaft wir in wenigen Rechnungsschritten den PMI-In-
anschaulich zusammenfasst. dex. Dessen Wert liegt definitionsgemäss zwi-
schen 0 und 100, wobei ein Wert über 50 eine
expandierende Aktivität im Vergleich zum

I  n Industrieunternehmen stehen die Einkaufs-


abteilungen am Anfang des Produktionspro-
zesses. Entsprechend spüren Einkaufsmanager
Vormonat bedeutet. Weist also zum Beispiel
der PMI im Juni einen Wert von 60 und im Juli
einen Wert von 55 auf, bedeutet das, dass die
Nachfrageschwankungen, bevor diese in den Industrieaktivität im Juli weiter expandiert
Produktions- oder Umsatzzahlen sichtbar wer- hat, jedoch mit einer geringeren Dynamik (be-
den. Der Einkaufsmanager-Index (Purchasing ziehungsweise ist die Aktivität weniger ver-
Managers’ Index; PMI) nutzt diesen Vorlauf zur breitet) als noch im Vormonat.
Prognose der Konjunktur. Das Konzept wurde
1948 in den USA entwickelt und Mitte der Neun- Zuverlässiger Frühindikator
zigerjahre auch in Europa eingeführt. Mittler-
weile ist für beinahe 30 Länder ein PMI erhält- In seiner mittlerweile fast 25-jährigen Exis-
lich. In der Schweiz publiziert die Grossbank tenz hat sich der Industrie-PMI als Frühindika-
Credit Suisse in Zusammenarbeit mit Procu- tor nicht nur für die Industriekonjunktur, son-
re.ch, dem Schweizer Fachverband für Einkauf dern auch für die Schweizer Gesamtwirtschaft
und Supply Management, seit 1995 einen PMI etabliert. Zwar macht die Industrie nur etwa
für die Industrie. ein Viertel der gesamten Bruttowertschöpfung
Im Gegensatz zu Konjunkturindikatoren, aus, doch ist der Industriesektor stark mit dem
die sich mit Erwartungen beschäftigen und als Dienstleistungssektor verflochten. So konsu-
komplexe Konstrukte schwer zu verstehen sind, miert der Industriesektor wichtige Dienstleis-
beschränkt sich das Erhebungsverfahren des tungen wie zum Beispiel Unternehmensbera-
PMI auf tatsächliche wirtschaftliche Aktivi- tung oder Finanzierungslösungen, wodurch ein
täten und eine einfache Erstellung. So werden Anstieg der Industrieaktivität sich auch positiv
in der Schweiz jeden Monat rund 300 Industrie- auf den Dienstleistungssektor auswirkt. Umge-
unternehmen über die Geschäftsentwicklung kehrt stellt der Industriesektor zahlreiche Güter
von Produktion, Auftragsbeständen, Liefer- für den Dienstleistungssektor her. Empirische
fristen, Einkaufslager und Beschäftigung be- Untersuchungen zeigen allerdings, dass erst

12  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


KEYSTONE
Der Dienstleistungs-
sektor ist auf
bei einem PMI-Wert von weniger als 44,9 Punk- dem Vormarsch. des Euromindestkurses durch die Schweizeri-
ten mit einer gesamtwirtschaftlichen Rezes- Entwicklungs­ sche Nationalbank (SNB) prognostiziert, dass
sion zu rechnen ist und nicht, wie zu erwarten zentrum von Google die Abschwächung in der Industrie nicht aus-
in Zürich.
wäre, bereits beim Unterschreiten der Wachs- reicht, um die Gesamtwirtschaft in eine Rezes-
tumsschwelle von 50 Punkten. Offensichtlich sion abgleiten zu lassen.
braucht es für ein schrumpfendes Bruttoinland-
produkt (BIP) eine deutlich rückläufigere Indus- Blick auf Dienstleistungen
trieaktivität.
Um Aussagen über die Prognosegüte des PMI Insgesamt prognostizierte der PMI die Dynamik
zu machen, haben wir den PMI seit 1995 mit den des BIP in rund zwei Dritteln aller Fälle richtig,
Quartalswachstumsraten des realen BIP ver- wobei die Prognosefähigkeit aber tendenziell
glichen. Negative Wachstumsraten, die nur ein abgenommen hat. Zwar war der durchschnitt-
Quartal lang anhielten, zeigte der PMI dabei liche Prognosefehler in den vergangenen zehn
nicht an. Ausgeschlagen hat er hingegen jeweils Jahren geringer als zuvor, doch bei den jünge-
bei den Rezessionen, die auf die Asien-Krise, das ren Werten häufen sich die Fehler (siehe Abbil-
Platzen der Dotcom-Blase und den Ausbruch dung 1 auf S. 14).
der Finanzkrise folgten. Erstere konnte man be- Um die Prognosegüte des PMI zu ver-
reits drei Monate vor Quartalsbeginn aus dem bessern, erstellen wir deshalb seit fast sechs
Frühindikator «lesen», die anderen zwei waren Jahren auch für die Dienstleistungsbranche
erst Anfang beziehungsweise mitten im Quartal einen PMI. Die Daten des Dienstleistungs-PMI
in der tatsächlichen Deutlichkeit sichtbar. Dies stammen von Firmen, die mindestens die Hälf-
ist aber immer noch über ein Quartal vor der te ihres Umsatzes mit Dienstleistungen erwirt-
Veröffentlichung der BIP-Daten. Im Mai 2003 schaften. Die Wahl der Subkomponenten unter-
wiederum rutschte der PMI für zwei Mona- scheidet sich dabei von jener des Industrie-PMI.
te unter die empirisch ermittelte «Rezessions- So wird beispielsweise nicht gefragt, wie sich
schwelle», ohne dass aber eine Kontraktion der die Lieferfristen verändert haben. Dafür wird
Gesamtwirtschaft folgte. Demgegenüber hat registriert, ob mehr oder weniger neue Auf-
der PMI korrekterweise nach der Aufhebung träge eingegangen sind. Und anstelle von

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  13
FRÜHINDIKATOREN

«­Produktion» enthält der Dienstleistungs-PMI reinigung der saisonalen Effekte, ab 2020 wird
die Variable «Geschäftstätigkeit». das gleiche Verfahren wie beim Industrie-PMI
Bislang war die Zeitreihe beim Dienstleis- zur Anwendung kommen. Die bis dato grössere
tungs-PMI noch zu kurz für eine standardi- Sprunghaftigkeit des Dienstleistungs-PMI ist
sierte Saisonbereinigung. Derzeit verwenden jedoch teils auch auf dessen unterschiedliche
wir noch eine einfache Regression zur Be- Zusammensetzung zurückzuführen. Eine sehr
volatile Grösse ist namentlich die Veränderung
von Neuaufträgen.
Abb. 1: BIP-Wachstumsveränderung gegenüber Vorjahr geschätzt
und effektiv (1995 bis 2019)
3    Tatsächliche Veränderung des BIP-Wachstums, in %
Barometer für Exporte
1. Quadrant
Ein weiterer Frühindikator, den wir auf Ba-
2
sis von Einkaufsmanagerbefragungen erstel-
len, fokussiert auf der künftigen Nachfrage der
1
bedeutendsten Handelspartner der Schweiz:
Das Credit-Suisse-Exportbarometer hat die 28
0
SECO, CREDIT SUISSE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

3. Quadrant
wichtigsten ausländischen Exportmärkte der
Schweiz im Blick und gewichtet diese nach
–1
dem entsprechenden Exportanteil. Die Daten-
–2
grundlage bilden die jeweiligen monatlichen
PMI-Umfragen in den Ländern, die Schwei-
–3
zer Waren und Güter abnehmen. Da es sich um
–3 –2 –1 0 1 2 3 standardisierte Werte handelt, wird das Ex-
Modellprognosen basierend auf dem PMI-Industrie-Indikator, in % portbarometer in Standardabweichungen an-
gegeben, wobei Werte über null darauf deuten,
Dargestellt sind die Modellprognosen basierend auf dem PMI-Industrie-­Indikator dass die Exporte tendenziell wachsen dürften.
(x-Achse) und die tatsächliche Veränderung des Wirtschaftswachstums
(y-Achse). Die Punkte, die im ersten oder im dritten Quadranten liegen, weisen
Das langfristige Durchschnittswachstum der
darauf hin, dass die Schätzung der Wendepunkte korrekt war. Die in den beiden Schweizer Exporte von knapp 5 Prozent liegt
restlichen Quadranten liegenden Punkte betreffen hingegen Schätzungen, bei im Exportbarometer etwa bei einem Punkt (sie-
welchen die Wachstumsdynamik falsch ermittelt wurde. he Abbildung 2).
Die beste Vorhersagekraft weist das Export-
barometer für einen Prognosehorizont von rund
Abb. 2: Credit-Suisse-Exportbarometer (2007–2019)
einem halben Jahr aus, wobei die Korrelation in
4   In Standardabweichungen Zeiten starker und unerwarteter Ausschläge des
Wechselkurses etwas geringer ist.
Insgesamt zeigt sich somit: Einkaufs-
BLOOMBERG, DATASTREAM, PMIPREMIUM, CREDIT SUISSE / IDC / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

managerbefragungen liefern wertvolle Beiträge


2
für zahlreiche Analysen und Prognosen der
Schweizer Volkswirtschaft.

–2

Claude Maurer Tiziana Hunziker


–4 Leiter Konjunktur­analyse Ökonomin, Konjunktur­
2008 2010 2012 2014 2016 2018 Schweiz, Credit Suisse, analyse Schweiz, Credit
Zürich Suisse, Zürich
  Wachstumsschwelle         Exportbarometer         Exporte Trendwachstum

14  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


FOKUS

Konsumentenumfrage liefert frühe


­Hinweise auf BIP-Entwicklung
Seit August 2019 wird der Schweizer Konsumentenstimmungsindex neu berechnet. Die
neue Zusammensetzung verbessert die Korrelation zwischen Konsumentenstimmung
und zukünftiger BIP-Entwicklung.  Felicitas Kemeny, Andreas Bachmann

Abstract  Die Schweiz hat die Berechnungsgrundlage des Konsumenten- Im August 2019 wurde der Index an die neue
stimmungsindex in Anlehnung an die geänderte Berechnung der EU an- harmonisierte Berechnungsweise der EU an-
gepasst. Im neuen Index erhält die ökonomische Situation der Haushalte gepasst. Während die Fragen zur Einschätzung
mehr Gewicht. Die neue Zusammensetzung des Index führt zu besseren der künftigen allgemeinen Wirtschaftslage
Vorlaufeigenschaften und erhöht damit dessen Eignung als Frühindika-
sowie zur künftigen finanziellen Lage der Haus-
tor für die BIP-Entwicklung. Da der neu berechnete Index ein saisonales
Muster aufweist, werden dieser und die Teilindizes neu auch saisonbe-
halte unverändert im Index bleiben, fliessen
reinigt. neu folgende zwei Fragen in die Berechnung
ein:
1. «Wie hat sich Ihrer Ansicht nach die finan-

S  eit 1972 gibt die Umfrage zur Konsu-


mentenstimmung zuverlässig Auskunft
über die wirtschaftliche Stimmungslage der
zielle Lage Ihres Haushalts in den letzten
zwölf Monaten entwickelt?»
2. «Glauben Sie, dass jetzt eine gute Zeit ist,
Schweizer Bevölkerung. Viermal im Jahr führt grössere Anschaffungen (z. B. grössere Haus-
ein Marktforschungsinstitut im Auftrag des haltgeräte, Möbel, Unterhaltungselektronik,
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) eine usw.) zu tätigen?»
telefonische Befragung der Bevölkerung durch.
Anhand von elf Fragen wird eruiert, wie die Be- Im Gegenzug entfallen die bisherigen Fragen
fragten ihre eigene Wirtschaftslage sowie die zur künftigen Entwicklung der Arbeitslosigkeit
gesamtwirtschaftliche Entwicklung einschät- und zu den erwarteten Sparmöglichkeiten als
zen. So lautet beispielsweise eine Frage: «Wie Berechnungsbasis.
wird sich Ihrer Ansicht nach die ’allgemeine Die Anpassung will erstens die «Vorlauf-
Wirtschaftslage’ in den kommenden zwölf Mo- eigenschaften» des Index verbessern, was bes-
naten entwickeln?» sere Prognosen des Bruttoinlandprodukts (BIP)
Die Umfrage dient unter anderem dazu, den ermöglicht. Zweitens soll die Vergleichbarkeit
«Konsumentenstimmungsindex» zu erstellen. mit den europäischen Indizes weiterhin sicher-
Dieser gehört zu den ältesten hierzulande ver- gestellt werden, deren Berechnungsweise eben-
fügbaren Frühindikatoren und gibt jedes Quar- falls 2019 umgestellt wurde.1 Infolge der neuen
tal Hinweise für die Analyse der Konjunktur. In Berechnungsgrundlage weist der Index ein aus-
den Index fliessen vier der elf Fragen ein. geprägtes Saisonmuster auf (siehe Kasten). Um

Saisonale Schwankungen im Index


Der neue Konsumentenstimmungsin- diese Fragen ein höheres Gewicht: Neu zahlungen), die typischerweise Ende Jahr
dex weist ein saisonales Muster auf. In beziehen sich drei von vier Fragen auf die ausbezahlt werden. Die finanzielle Lage
den letzten Jahren war die Stimmung ty- Lage bzw. die Absichten des Haushalts, präsentiert sich für die Haushalte im Janu-
pischerweise in der Januarumfrage am während nur noch eine Frage die Gesamt- ar also tendenziell etwas besser, was auch
besten und verschlechterte sich im Jah- wirtschaft betrifft. Eine Erklärung für die die höhere Kaufneigung erklären dürfte.
resverlauf. Dieses oder ein ähnliches Mus- saisonalen Schwankungen sind zusätz-
1 E uropäische Kommis- ter findet sich bei allen haushaltsspezi- liche Lohnbestandteile (etwa der 13. Mo-
sion (2018). fischen Fragen. Im neuen Index erhalten natslohn, Leistungsprämien oder Bonus-

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  15
FRÜHINDIKATOREN

Abb. 1: Reales BIP und Konsumentenstimmung (saisonbereinigt) dieses für die Konjunkturbeobachtung auszu-
2    BIP-Wachstum, in % Indexpunkte    40
klammern, wird der Index deshalb neu saison-
bereinigt veröffentlicht und kommentiert.

1 20
Konjunkturentwicklung früh
0 0
­erkennen
Der bisherige und der neue Index vermitteln ein
-1 -20 ähnliches Gesamtbild der Konjunkturentwick-
lung in den vergangenen Jahrzehnten (siehe

SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Abbildung 1). Beispielsweise widerspiegeln bei-
-2 -40
de den drastischen Einbruch der Konjunktur in
der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009.
-3 -60 Auch der Frankenschock von Anfang 2015, als
2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020
  BIP-Wachstum gegenüber Vorquartal (linke Skala)       Neuer Index (rechte Skala)    
die Schweizerische Nationalbank den Euromin-
  Früherer Index (rechte Skala) destkurs aufhob, und die anschliessende Erho-
lung manifestieren sich unabhängig der Berech-
Abb. 2: Korrelationen zwischen BIP und Konsumentenstimmung nungsweise. Im Detail finden sich jedoch einige
(saisonbereinigt; BIP: real; Wachstum gegenüber dem Vorquartal) Unterschiede.
0,8    Korrelation
So schwankt der neue Index verglichen mit
dem bisherigen weniger. Zudem zeigt der neue
0,6
Index die BIP-Entwicklung in der Tendenz früher
0,4 an. Beides wird während der Wirtschaftskrise
vor zehn Jahren besonders deutlich: Auf dem
Höhepunkt der Krise geht der neue Index zwar
WIFO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

0,2
stark, aber doch weniger ausgeprägt zurück als
0
der alte. Zudem zeigt der neue Index sowohl den
Einbruch der Wirtschaft Ende 2008 als auch die
-0,2
Kontemporär Vorlauf von einem Quartal Vorlauf von zwei Quartalen Erholung im Folgejahr früher an – ein erstes Indiz
  Früherer Index       Neuer Index dafür, dass die neue Berechnungsweise zu einem
Dargestellt ist die Korrelation zwischen dem Konsumentenstimmungsindex und
stärkeren Vorlauf gegenüber dem BIP führt.
dem BIP-Wachstum im gleichen Quartal (kontemporär) beziehungsweise mit dem Der neue Index eignet sich besser2 als Früh-
BIP-Wachstum ein Quartal sowie zwei Quartale später. indikator für das BIP-Wachstum, wie die stärke-
re kontemporäre Korrelation des Index mit dem
Abb. 3: Beiträge der Teilindizes zur Konsumentenstimmung BIP-Wachstum im gleichen Quartal zeigt (siehe
(saisonbereinigt, Abweichung vom langjährigen Mittelwert) Abbildung 2). Dies ist ein Vorteil, da die Konsu-
15    Indexpunkte mentenstimmung jeweils zu Quartalsbeginn er-
hoben wird, während das BIP-Wachstum rund
10 zwei Monate nach Quartalsende veröffent-
licht wird. Damit liefert die Konsumenten-
5 stimmung rund vier Monate vor den offiziellen
BIP-Daten Informationen zur Konjunkturlage
0 im betreffenden Quartal. Zudem erhöht sich
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

die Korrelation zwischen dem Konsumenten-


-5 stimmungsindex eines Quartals und dem
BIP-Wachstum im darauffolgenden Quartal.
-10 Schliesslich ergibt sich neu eine positive Korre-
2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 lation zwischen dem Index und dem BIP-Wachs-
  Erwartete Wirtschaftsentwicklung       Erwartete finanzielle Lage       Vergangene finanzielle Lage     tum zwei Quartale später.3 Dies bedeutet, dass
  Anschaffungsneigung       Konsumentenstimmungsindex sich der Vorlauf des Index stark erhöht und sich

16  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


FOKUS

seine Eigenschaften als Frühindikator für den künftigen Entwicklung der gesamtwirtschaft-
BIP-Verlauf verbessern. lichen Arbeitslosigkeit. Wenn man beide Fragen
Formale Tests zur Prognosegüte bestätigen als Teilindizes abbildet, zeigt sich, dass die Aus-
diese Befunde in der Tendenz. Anhand eines sage zur künftigen Entwicklung der Arbeits-
einfachen Prognosemodells lässt sich das losigkeit kaum einen Vorlauf zur Konjunkturent-
BIP-Wachstum gegenüber dem Vorquartal ein- wicklung aufweist. Zwar können die Haushalte
mal ohne und einmal mit Index der Konsu- die künftige Entwicklung der Arbeitslosigkeit
mentenstimmung vorhersagen.4 Die Resultate durchaus zuverlässig einschätzen. Allerdings
zeigen, dass sowohl der bisherige als auch der folgt die Arbeitslosigkeit der allgemeinen Kon-
neue Gesamtindex nützlich für die BIP-Progno- junkturentwicklung mit einem Nachlauf. So
se sind. steigt die Arbeitslosigkeit oft erst dann, wenn
eine Konjunkturverlangsamung oder eine Re-
Blick in den Rückspiegel zession bereits mehrere Quartale andauert, und
steigt oft auch dann noch etwas weiter, wenn die
Auf den ersten Blick mag erstaunen, dass die Erholung gemessen am BIP bereits eingesetzt hat.
beiden neu in den Index aufgenommenen Fra- Der Informationsgehalt dieses Teilindex im Hin-
gen die Vergangenheit und die Gegenwart be- blick auf BIP-Prognosen ist daher begrenzt. Dem-
leuchten. Prognosen betreffen ja schliesslich die gegenüber hat die Entwicklung der finanziellen
Zukunft, ist man geneigt zu denken. Bei genau- Lage der Haushalte in den vergangenen Monaten
erer Betrachtung wird aber deutlich, dass die durchaus eine gewisse Aussagekraft für die nahe
neu gewählten Fragen sowohl aus theoretischer Zukunft: Hat sich die finanzielle Lage, beispiels-
als auch aus empirischer Sicht die günstigeren weise aufgrund vergangener Lohnerhöhungen,
Eigenschaften besitzen. verbessert, steigen unter Umständen auch die
Erstens ersetzt die Frage zur vergangenen fi- Wie gut ist die Kauf-
Konsumausgaben in den kommenden Monaten,
nanziellen Lage des eigenen Haushalts jene zur laune? Ein Kunde mit womit die Konjunktur gestützt wird.
zwei Smartphones.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  17
FRÜHINDIKATOREN

Als zweite Änderung ersetzt die Frage zur die Wirtschaft eine positive Entwicklung pro-
gegenwärtigen Kaufneigung jene zu den künfti- gnostiziert, andererseits werden die eigene fi-
gen Sparmöglichkeiten. Die Gründe sind hierbei nanzielle Lage und die Neigung zu grösseren
konzeptioneller Natur: Erhöhte Sparabsichten Anschaffungen klar unterdurchschnittlich be-
können einerseits aus positiven Entwicklungen wertet. In der Tat zeigen in dieser Phase auch
resultieren, wie zum Beispiel einem höheren die Daten zu den Reallöhnen eine schwache
Gehalt, andererseits aber auch aufgrund von Entwicklung an, während das BIP überdurch-
negativen Gegebenheiten wie etwa schlechte- schnittlich stark wachsen konnte.
ren Beschäftigungsaussichten. Der Zusammen- Im August musste sich der Index erstmals
hang dieses Teilindex mit der Konjunkturent- in der Praxis bewähren. Die Eigenschaften als 2 W ifo (2019).
3 Korrelation:
wicklung ist daher aus theoretischer Sicht nicht «Vorlaufindikator» scheinen intakt: Eine Pro- ­kontemporär von 0,54
eindeutig. Demgegenüber zielt die Frage zur Nei- gnose basierend auf der Juliumfrage des neuen auf 0,62; mit dem
BIP-Wachstum im da-
gung, grössere Anschaffungen zu tätigen, direk- Konsumentenstimmungsindex ergab ein rauffolgenden Quar-
ter auf das Konsumverhalten der Haushalte und BIP-Wachstum von 0,3 Prozent für das 2. Quar- tal: von 0,31 auf 0,6;
mit dem BIP-Wachs-
damit auf die Konjunktur in naher Zukunft ab. tal – was mit der amtlichen Schätzung, die tum zwei Quarta-
le später: 0,3; vorher:
im September veröffentlicht wurde, überein- –0,02 (Daten Q2:2007–

Der Praxistest läuft stimmt.5 Ob der Index auch in Zukunft so treff- Q4:2018).
4 Siehe Wifo (2019).
sicher ist, bleibt abzuwarten. 5 Seco.admin.ch/bip.
Um ein differenzierteres Bild zu erhalten, wie
stark die vier Teilindizes den Gesamtindex beein-
flussen, haben wir die Teilindizes für die vergan-
genen acht Jahre dargestellt (siehe Abbildung  3
auf S. 16). Dabei fällt auf: Die Konsumenten be-
urteilen das wirtschaftliche Geschehen durchaus
differenziert, was am Beispiel der Frankenstärke
2011 deutlich wird. So trübten sich die Erwartun-
gen für die allgemeine Wirtschaftsentwicklung,
wohl auch vor dem Hintergrund der Eurokrise, Felicitas Kemeny Andreas Bachmann
Stv. Leiterin Ressort Kon­ Wissenschaftlicher Mit­
ein. Hingegen stieg die Neigung zu grösseren An- junktur, Staatssekretariat arbeiter, Ressort Konjunk­
schaffungen zumindest temporär an, da der star- für Wirtschaft (Seco), Bern tur, Staatssekretariat für
Wirtschaft (Seco), Bern
ke Franken die Kaufkraft der privaten Haushal-
te stützte. Eine vergleichbare Situation lässt sich
auch im Jahr 2015 beobachten, als sich der Fran- Literatur
ken aufwertete und die Weltkonjunktur vorüber- Europäische Kommission (2018). A Revised Consumer Confidence
­Indicator, 21. Dezember
gehend nachliess. Seco (2019). Konsumentenstimmungsindex – Methodik, 5. August.
In den Jahren 2017 und 2018 präsentiert Wifo (2019). An Evaluation of the European Commission’s Concept
of the Consumer Confidence Index for Switzerland, Studie im Auf-
sich die Lage umgekehrt: Einerseits wird für trag des Seco.

18  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


FOKUS

30 Indikatoren auf einen Schlag


Ein neuer Sammelindikator ermöglicht eine frühzeitige Erkennung von Wendepunkten
im Schweizer Konjunkturzyklus. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) setzt diesen
ab sofort in der Konjunkturanalyse ein.  Philipp Wegmüller, Christian Glocker

Abstract    In der Schweiz gibt es diverse Stimmungsindikatoren, die den spiel eines harten Frühindikators sind die
gegenwärtigen Konjunkturverlauf abbilden. Basierend auf einer Studie Baubewilligungen, welche etwa sechs Monate
des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) haben wir Vorlauf zu den Bauinvestitionen haben. Wei-
einen Sammelindikator erstellt, der sich aus 30 Indikatoren mit guten Vor‑ che Stimmungsindikatoren basieren auf um-
laufeigenschaften zusammensetzt. Der Sammelindikator ist einfach zu be‑
fragebasierten, diskreten Daten. Beispiele hier-
rechnen, gibt ein zuverlässiges Bild über die Stimmungslage in der Schwei‑
zer Wirtschaft und liefert nützliche Signale über die BIP‑Entwicklung. für sind der Konsumentenstimmungsindex des
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) oder
die verschiedenen Indikatoren aus den Um-

W  ie geht es der Schweizer Wirtschaft? Um


diese Schlüsselfrage der Konjunkturana-
lyse zu beantworten, sind zeitnahe Daten nö-
fragen der Konjunkturforschungsstelle KOF.

Welches ist der beste Indikator?


tig. Eine Herausforderung ist, dass die amtli-
chen Quartalsschätzungen des schweizerischen Eine Studie des Österreichischen Instituts für
Bruttoinlandprodukts (BIP) jeweils erst mit Wirtschaftsforschung (Wifo) hat im Auftrag des
einer Verzögerung von rund 60 Tagen verfügbar Seco die Vorlaufeigenschaften von Stimmungs-
sind. Während zweier Monate gibt die Volks- indikatoren für die Schweiz analysiert.1 Sie kon-
wirtschaftliche Gesamtrechnung somit keinen zentrierte sich auf eine Auswahl inländischer
Hinweis zur Lage der Wirtschaft im abgelaufe- Indikatoren, die im Rahmen der Konjunktur-
nen Quartal. Was tun? analyse wiederholt Verwendung finden.
In der Regel greifen Konjunkturanalysten Die Bewertung der Stimmungsindikatoren
auf Indikatoren mit guten «Vorlaufeigen- erfolgte zum einen mit verschiedenen statisti-
schaften» zurück (Frühindikatoren). Damit sind schen Ansätzen. Zum anderen setzte das Wifo
wirtschaftliche Kennzahlen gemeint, die der die Stimmungsindikatoren mit unterschied-
konjunkturellen Entwicklung vorlaufen und lichen Referenzreihen in Bezug. Beispiele für
damit Trendänderungen frühzeitig zu erkennen solche Referenzreihen sind das reale BIP sowie
geben. Eine Grundvoraussetzung ist, dass ein die Wertschöpfung des verarbeitenden Gewer-
1 G
locker, C. und S. Indikator bereits deutlich vor der Bekanntgabe bes, der Dienstleistungsbranche oder des ge-
­Kaniovski (2019), Eva-
luating Leading Indica-
der BIP-Zahlen verfügbar ist. samten Privatsektors.
tors for the Swiss Busi- Grundsätzlich unterscheidet man zwischen Wie sich zeigte, gibt es einige Stimmungs-
ness C­ ycle, Studie im
Auftrag des Seco, «harten» und «weichen» Indikatoren. Harte In- indikatoren, die stark mit dem realen BIP oder
wird demnächst auf
www.seco.admin.ch
dikatoren basieren auf messbaren, kontinuier- der Wertschöpfung des verarbeitenden Gewer-
aufgeschaltet. lichen Wirtschaftsdaten. Ein typisches Bei- bes korrelieren – wobei keiner qualitativ klar

Der Sammelindikator
Unser Sammelindikator setzt sich aus 30 zum BIP mit einem Quartal Vorlauf mindes- parente Methode, da der Mehrwert von
Stimmungsindikatoren zusammen. Jeder tens 0,2. Drittens muss der Indikator seit komplizierteren Methoden zumindest hier
Indikator erfüllt dabei vier Auswahlkrite- mindestens zehn Jahren verfügbar sein und eher bescheiden scheint. Konkret berech-
rien: Erstens weist er kontemporär eine viertens ist er spätestens 30 Tage nach Ab- neten wir den arithmetischen Durchschnitt
Korrelation von mindestens 0,4 mit dem lauf des Quartals verfügbar. Für die Berech- der 30 standardisierten Stimmungsindika-
BIP auf. Zweitens beträgt die Korrelation nung wählten wir eine einfache und trans- toren und erstellten Konfidenzintervalle.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  19
FRÜHINDIKATOREN

hervorsticht. Vergleichsweise schlecht schneiden dass wir insgesamt mehr als 200 verschiedene
­hingegen die speziell für den Dienstleistungs- inländische Stimmungsindikatoren zur Aus-
sektor entwickelten Stimmungsindikatoren ab. wahl hatten. Daraus filterten wir diejenigen In-
Dies stellt in der Konjunkturanalyse zunehmend dikatoren, die zur frühzeitigen Erkennung zy-
eine Herausforderung dar, da der Dienstleistungs- klischer Schwankungen der schweizerischen
sektor mit fortschreitendem Strukturwandel Volkswirtschaft infrage kommen (siehe Kasten
stetig an volkswirtschaftlicher Bedeutung ge- auf S. 19). Insgesamt resultiert dies in einer Aus-
winnt. Zudem sind Stimmungsindikatoren eher wahl von 30 Datenreihen, wobei 20 auf monat-
«gleichlaufend» als «vorlaufend» bezüglich der licher Frequenz und 10 auf Quartalsfrequenz
Referenzgrösse. Mit anderen Worten: Die Korre- verfügbar sind (vgl. Tabelle auf S. 22).
lationen sind gering, wenn noch gar keine Daten Der Sammelindikator bietet den Vorteil,
des laufenden Quartals vorhanden sind. dass nicht 30 separate Analysen gemacht wer-
den müssen. Weiter vermag er indikatorspezi-
Neuer Sammelindikator fische Schwächen wie beispielsweise starke
Schwankungen oder unregelmässige Rücklauf-
Die Wifo-Studie war Anlass für uns, die einzel- quoten bei der Erhebung auszublenden. Gleich-
nen Indikatoren in einem neuen «Sammel- zeitig weist er aber gegenüber der individuellen
indikator» zusammenzufassen. Zwar gibt es für Betrachtung auch Nachteile auf. Weil nicht alle
die Schweiz bereits einige Sammelindikatoren Indikatoren gleichzeitig publiziert werden, ver-
wie beispielsweise das KOF-Konjunkturbarome- vollständigt sich das Informationsset beispiels-
ter der SNB BCI oder das vom Seco betriebene weise jeden Monat sequenziell. Der Sammel-
Faktormodell zur Früherkennung von Rezes- indikator ist für das abgelaufene Quartal somit
sionen. Diese mischen jedoch harte und weiche jeweils erst am siebten Werktag des Folge-
Konjunkturindikatoren. Der Mehrwert des hier monats vollständig: So war der Datensatz für
präsentierten Sammelindikators liegt darin, dass das dritte Quartal 2019 (Juli bis September) am
dieser nur auf weichen Stimmungsindikatoren 7. Oktober 2019 komplett.
basiert. Dadurch vermag er die Stimmungslage Da nicht alle Stimmungsindikatoren gleich-
akkurater abzubilden. zeitig veröffentlicht werden, kann dies mit
Wie ist unser Sammelindikator aufgebaut? fortlaufender Verfügbarkeit der Indikatoren
In einem ersten Schritt ergänzten wir den zu leichten Revisionen im Sammelindikator
Datensatz der Studie mit weiteren verfügbaren f ühren. Dies betrifft insbesondere jene
­
Stimmungsindikatoren für die Schweiz, so- ­Monate, wo durch die Veröffentlichung eines

Sammelindikator für die Stimmungslage in der Schweizer Wirtschaft (BIP real und saisonbereinigt)
3    Abweichung vom langfristigen Mittelwert, in % Veränderung gegenüber Vorquartal, in %    2.4

2 1,6

1 0,8
WEGMÜLLER UND GLOCKER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

0 0

-1 -0,8

-2 -1,6

-3 -2,4
1995 2000 2005 2010 2015

  Sammelindikator (linke Achse)       BIP (rechte Achse)

20  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


Die Anzahl Baubewilligungen ermöglicht
Prognosen zur Bautätigkeit.
Profile in Küssnacht am Rigi SZ.
KEYSTONE
FRÜHINDIKATOREN

Top-10-Stimmungsindikatoren (Teilindizes) auf S.  20). Das pessimistischste Stimmungs-


bild zeichnet er während der Finanzkrise von
1 PMI Industrie: Im Vergleich zum Vormonat,
Auftragsbestand monatlich; Korrelation: 0,62
2008. Aber auch während der Dotcom-Krise
von 2002 und der europäischen Schulden-
2 KOF Industrie: Erwartete Veränderung in den
Auftragseingang nächsten 3 Monaten, monat­ krise 2012 herrschte eine schlechte Stimmung.
lich; 0,62 Interessanterweise fiel die Stimmung auch
3 PMI Industrie: Im Vergleich zum Vormonat, nach Aufhebung des Mindestkurses zu Beginn
Einkaufsmenge monatlich; 0,61 von 2015 signifikant unter den langfristigen
4 KOF Industrie: Erwartete Veränderung in den Mittelwert, und es dauerte mehr als ein Jahr,
Einkauf von kommenden 3 Monaten, mo­
Vorleistungs­gütern natlich; 0,61 bis sie sich wieder erholte. Der BIP-Verlauf
war in diesem Zusammenhang vor allem in
5 CS & CFA: Mittelfristige Erwartungen zur
Inflationsrate Inflationsrate, monatlich; 0,59 der ersten Jahreshälfte 2015 im Einklang
6 PMI Industrie: Im Vergleich zum Vormonat, mit dem Sammelindikator, danach hingegen
Produktion monatlich; 0,58 scheint sich die Realwirtschaft besser ent-
7 KOF Industrie: Erwartete Veränderung in den wickelt zu haben, als es der Sammelindikator
Produktion nächsten 3 Monaten, monat­ angedeutet hat. Dies bedeutet, dass Stimmung
WEGMÜLLER UND GLOCKER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

lich; 0,56
und BIP-Entwicklung sich nicht immer parallel
8 KOF Industrie: Erwartete Veränderung in den
Geschäftslage nächsten 6 Monaten, quartals­
entwickeln müssen. Während die Stimmung
weise; 0,55 bei Haushalten und Unternehmen noch unter-
9 KOF Industrie: Veränderung gegenüber dem durchschnittlich sein kann, kann die Wert-
Auftragsbestand Vor­monat, monatlich; 0,54 schöpfung bereits wieder angezogen haben,
10 CS & CFA: Mittelfristige Erwartungen, und umgekehrt.
Kurzfrist­zinsen monatlich; 0,54 Wir haben unseren Sammelindikator mit
anderen gängigen Stimmungs- und Sammel-
Gemäss unserer Analyse haben diese 10 Stimmungsin-
dikatoren aktuell mit dem realen BIP die höchste Korre- indikatoren verglichen. Konkret haben wir be-
lation. Lesebeispiel: Der PMI-Industrie-Subindex «Pro- trachtet, wie die verschiedenen Indikatoren
duktion» wird monatlich veröffentlicht und hat aktuell mit dem Quartalswachstum des realen BIP kor-
mit dem BIP eine Korrelation von 0,62. Die Korrelation relieren. Der Informationsgehalt des Sammel-
entspricht dem Mittelwert aus dem letzten Monat des
Vorquartals, den drei Monaten des Referenzquartals
indikators erweist sich dabei bereits zu Beginn
sowie dem ersten Monat des Folgequartals. Eine kom- von jedem Quartal als vergleichsweise hoch und
plette Liste der verwendeten Stimmungsindikatoren nimmt in den Folgemonaten noch weiter zu. Aus
kann auf Anfrage bei conjoncture@seco.admin.ch be- diesem Grund verwendet das Seco ab sofort den
zogen werden.
neuen Sammelindikator zur Stimmungslage in
der Schweizer Wirtschaft in seiner Konjunktur-
analyse und -prognose.
neuen Datenpunktes Informationen dazu-
kommen. Zudem kann sich der Informations-
gehalt eines Stimmungsindikators im Laufe
der Zeit ändern. Deshalb sollte die Auswahl
der Indikatoren periodisch überprüft und an-
gepasst werden.

Rezessionen früh erkannt


Philipp Wegmüller Christian Glocker
Wir haben den Sammelindikator rückwirkend Dr. rer. oec., wissen­ Dr. rer. pol., wissenschaft­
schaftlicher Mitarbeiter, licher Mitarbeiter, Fachbe­
auf die letzten Jahrzehnte berechnet. Dabei
­Ressort Konjunktur, Staats­ reich für Makroökonomie,
zeigte sich: Der Indikator bildet den Kon- sekretariat für Wirtschaft Österreichisches Institut
junkturverlauf der Schweiz seit Mitte der (Seco), Bern für Wirtschaftsforschung
(Wifo), Wien
Neunzigerjahre sehr gut ab (siehe Abbildung

22  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


FOKUS

Wie Google-Suchen wirtschaftliche


Entwicklungen voraussagen
Aussagen wirtschaftlicher Entscheidungsträger und Anfragen bei Suchmaschinen ge-
ben Hinweise auf Tendenzen und auf die gesellschaftliche Stimmungslage. Mithilfe die-
ser neuen Daten lassen sich genauere Konjunkturprognosen erstellen.  Thomas Chuffart

Abstract  Ökonomen stehen immer mehr Daten zur Verfügung. Seit 2006 politische Entscheide, die im Anschluss an Er-
kann etwa auf die Daten von Google-Suchergebnissen zugegriffen werden. klärungen und Massnahmen von Zentralbank-
Und auch die Zentralbanken halten ihre Erklärungen und Entscheidungen verantwortlichen getroffen werden.1 Solche
schriftlich fest. Um alle diese Informationen zu analysieren, wurden ver- nicht direkt beobachtbaren Grössen bezeichnet
schiedene Tools entwickelt. Sie dienen insbesondere dazu, Echtzeit-Pro-
man als «latente Variablen». Die Volatilität von
gnosen zu erstellen oder die Rolle der Medien bei der Preisbildung von Fi-
nanzanlagen zu untersuchen. Für Ökonomen, die Prognosen zu BIP und
finanziellen Renditen gehört zu den bekann-
Arbeitslosigkeit erstellen, sind diese neuen Techniken ein Glücksfall. Doch testen latenten Variablen in der Wirtschaft und
angesichts der immer unterschiedlicheren Daten ist es nicht einfach, diese kann mithilfe von Zeitreihen modellhaft darge-
Verfahren zu beherrschen. stellt werden. Um sie zu messen, benötigt man
eine sogenannte Proxy-Variable. Denn eine Ren-
dite wird zwar täglich verzeichnet, aber nicht

U  ngewissheit, Angst und Misstrauen: Gefüh-


le dieser Art wirken sich ungünstig auf die
Wirtschaft aus, da mit ihnen die Investitionen
ihre inhärente Volatilität. Und um diese zu er-
mitteln, können mehrere Proxy-Variablen hilf-
reich sein: etwa das Quadrat der Renditen oder
und der Konsum zurückgehen und die Arbeits- ein statistisches Modell, aus dem sich diese la-
losigkeit zunimmt. Zwar werden solche Stim- tente Variable ergibt.
mungsvariablen erst seit Kurzem gemessen,
aber immer mehr Ökonometriker befassen sich Das Internet spiegelt unsere Sorgen
damit, um ökonomische Theorien zu unterstüt-
zen. Dank des Zugriffs auf grosse Datenmengen Ökonomen verwenden in der Regel quantitative
und auf leistungsfähigere IT-­Ressourcen konn- Variablen. Doch die Wirtschaftswissenschaft
ten so neue Forschungsansätze entwickelt wer- ist eine Sozialwissenschaft und als solche auch
den. Ein Beispiel: Im Finanzsektor etwa wer- an qualitativen Variablen interessiert. In der
den Finanznachrichten und Texte aus sozialen Vergangenheit wurden in erster Linie Fragebö-
Netzwerken über ein Unternehmen analysiert, gen verwendet, um diese Variablen zu quan-
um Schwankungen der Preise von Vermögens- tifizieren. Auch der «Consumer Sentiment In-
werten zu prognostizieren und zu untersuchen, dex» der Universität Michigan wird so ermittelt.
wie sich neue Informationen auf die Preisent- Mittels dieser telefonischen Umfrage werden
wicklung auswirken. Auch in der Makroöko- jeden Monat die qualitativen Antworten von
nomie werden Textanalysen verwendet, um rund 500 Haushalten untersucht. Gefragt wird
Veränderungen der Inflation und der Arbeits- dabei nach ihrer jeweiligen finanziellen Lage,
losigkeit vorherzusagen und die Auswirkungen nach den in einem Jahr erwarteten finanziel-
politischer Ungewissheit abzuschätzen. len Bedingungen oder nach den erwarteten all-
Gefühle und Stimmungen sind in den Wirt- gemeinen wirtschaftlichen Bedingungen in den
schaftswissenschaften etwas anders definiert. nächsten zwölf Monaten. Der dadurch erhobene
So dient beispielsweise an den Finanzmärkten Konsumentenstimmungsindex zum US-Konsu-
die Volatilität als Massstab für Ungewissheit. mentenvertrauen entspricht dann dem Durch-
1 Baker et al. (2016). Diese Ungewissheit entsteht durch wirtschafts- schnitt der Antworten.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  23
FRÜHINDIKATOREN

Seit einigen Jahren wird jedoch zunehmend sung latenter Stimmungsvariablen dienen, las-
auch die inhärente «Stimmung» von Textdaten sen sich die Prognosen in vielen Wirtschafts-
analysiert. Solche Textdaten sind durch die Di- bereichen verbessern. So etwa Vorhersagen
gitalisierung der Kommunikationsträger in darüber, wie sich die Kommunikation von Zent-
grossen Mengen verfügbar geworden. So hat ralbanken auf die Finanzmärkte auswirkt. Eine
sich ein neuer Bereich der ökonometrischen Studie5 nutzte etwa die Mitteilungen des Offen-
Forschung entwickelt, der untersucht, wie gros- marktausschusses der US-amerikanischen No-
se Mengen qualitativer Daten, die solche Stim- tenbank (FOMC), um Schwankungen bei den
mungshinweise enthalten, am besten in quan- US-Staatsanleihen zu prognostizieren. Es stell-
titative Variablen umgewandelt werden.2 Die te sich heraus, dass inhaltliche Änderungen der
dadurch entwickelten Methoden ermöglichen Aussagen in den Berichten des FOMC der Haupt-
es beispielsweise, in Erklärungen von Zentral- faktor für Veränderungen der Zinssätze sind –
bankchefs oder in Artikeln von Fachzeitschrif- mehr noch als unerwartete Abweichungen vom
ten über Geldpolitik Trends besser zu erkennen. Leitzins.
Das dabei berücksichtigte Textvolumen kann Eine andere Studie6 erweiterte diese Idee
von nur 20 Dokumenten bis zu Tausenden von und untersuchte den Einfluss, den die kommu-
Artikeln reichen. nizierte Stimmung in den Mitteilungen der Zen-
In der Ökonometrie gibt es zahlreiche An- tralbanken auf die Renditen und die Volatilität
sätze, wie man solche Textdaten verwenden der Finanzmärkte hatte. Mittels Berichten über
kann.3 Mithilfe linguistischer Tools, wie etwa die Finanzstabilität und Erklärungen der Zen-
der automatischen Verarbeitung natürlicher tralbankpräsidenten wurde ein Stimmungsin-
Sprache, werden die qualitativen Daten in Zah- dex für Finanzstabilität entwickelt. Dabei zeigte
len umgewandelt. Mit anderen Worten: Die «Ge- sich, dass optimistische Berichte im darauffol-
fühle» werden quantifiziert. Dafür gibt es zwei genden Monat tendenziell höhere Aktienkurse
Möglichkeiten: entweder mittels Algorithmen und eine tiefere Marktvolatilität zur Folge hat-
für maschinelles Lernen oder mit Methoden, ten.
die auf dem Wortschatz beruhen. Das Ergebnis
hängt jedoch nach wie vor weitgehend von der Echtzeit-Schätzungen ­möglich
Wahl der Methode ab. Je nach Zweck muss man
deshalb sorgfältig prüfen, welche die passende Die Analyse verfügbarer Daten aus dem Internet
Methode ist. erlaubt auch bessere Prognosen zu den Preisen
von Vermögenswerten. Mittels spezieller Wör-
Effekt negativer K
­ ommunikation terbücher, die Textdateien auf optimistische
und pessimistische Begriffe absuchen, konn-
Auch Umfragen oder Proxy-Variablen4 können te beispielsweise gezeigt werden, dass bei pes-
verwendet werden. Ein Beispiel dafür sind Daten simistischen Presseartikeln negative Renditen
von Internet-Suchanfragen, die auf der Website prognostiziert wurden. Dieser Effekt ist aller-
Google Trends aufgeführt sind. Gerade Daten dings nur vorübergehend, denn Presseartikel
von Google Trends sind im Gegensatz zu teuren liefern keine grundlegenden Informationen und
und schwer reproduzierbaren Erhebungen öf- ihre Wirkung auf die Preise gleicht sich nach ei-
2 F ür weitere Einzelheiten fentlich verfügbar. Auch wenn jede Google-Su- nigen Tagen wieder aus. Insgesamt eignet sich
siehe Algaba et al.
(2019). che aus einem bestimmten Grund durchgeführt für die Prognose von Aktienkursen maschinel-
3 Für eine detaillierte
Übersicht siehe ins-
wurde, können mithilfe von vielen aggregierten les Lernen besser als wörterbuchbasierte Indi-
besondere Gentzkow Suchdaten interessante Forschungsfragen be- zes.7
et al. (2018).
4 Überprüfbare Variable, antwortet werden. Denn aus den Suchanfragen Wichtige Kennzahlen wie die Arbeitslosig-
die eine nicht überprüf- der Internetnutzer lassen sich Schlussfolgerun- keit und das Bruttoinlandprodukt (BIP) werden
bare oder nicht mess-
bare Variable ersetzt. gen zu den Interessen, Bedenken oder Absichten nicht sehr häufig gemessen. Und die betreffen-
5 Lucca und Trebbi
(2009). der Öffentlichkeit ziehen. den Schätzungen werden erst mit erheblicher
6 Baker et al. (2014).
7 Jegadeesh und Wu
Mit der Quantifizierung von Suchdaten über Verzögerung veröffentlicht. In Frankreich pu-
(2013). Google Trends und von Textdaten, die zur Mes- bliziert das Nationale Institut für Statistik und

24  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


Die Websuche spiegelt gesellschaftliche
Trends: Wenn plötzlich viele Menschen
den Begriff «Grippe» googeln, deutet
dies auf eine Epidemie hin.
ISTOCK
FRÜHINDIKATOREN

Wirtschaftsstudien (Insee) beispielsweise den Auto- und Hausverkäufen sowie zur touris-
monatlich ermittelten Konsumentenpreisindex tischen Nachfrage und zur Arbeitslosigkeit.
innerhalb eines Monats. Andere Variablen, wie Ausserdem können Suchanfragen erklären, wel-
rassistische Vorurteile oder die Korruption lo- che Rolle die Korruption in einem Land spielt. In
kaler Behörden, werden bei den Standardmes- Russland beispielsweise dient die Anzahl der
sungen überhaupt nicht berücksichtigt. Online Suchanfragen mit dem Stichwort ­ «Nawalny»
produzierte Texte wie Google-Suchen, Veröf- dazu, Verbesserungen bei der Führung korrup-
fentlichungen in sozialen Netzwerken, Listen ter Unternehmen zu beschreiben.10 Alexei Na-
auf Job-Websites usw. können helfen, alterna- walny ist ein Mitglied der russischen Opposi-
tive Echtzeit-Schätzungen dieser Variablen zu tionspartei Jabloko und Autor eines Blogs über
erhalten. Im Gegensatz zu standardmässigen Korruption.
Prognosen werden mehrere Datenquellen ver- Die neuen Techniken sind ein Segen für Öko-
wendet, um die aktuellen Werte zu schätzen. nomen, die Prognosen zu bestimmten Wirt-
Ein herausragendes Beispiel dafür ist das schaftsaggregaten erarbeiten. Doch grosse
Projekt «Google Flu Trends». Anhand der Inter- Möglichkeiten bedeuten auch grosse Verant-
netsuchanfragen prognostiziert es den Verlauf wortung. Es ist nicht einfach, diese Tools im im-
einer Grippewelle. Im Gesundheitssektor kön- mer dichteren Datendschungel zu beherrschen.
nen viele Suchanfragen zu einer Krankheit ein Denn eine individuelle Google-Suche wird mög-
aussagekräftiger Prädiktor für ihre Ausbrei- licherweise von einer Person durchgeführt,
tung sein.8 Im Wirtschaftsbereich werden Inter- die nur die korrekte Schreibweise des Begriffs
8 S iehe insbesondere
net-Suchanfragen hingegen hauptsächlich zur «Arbeitslosigkeit» nachprüfen möchte, oder von Zeng und Wagner
Vorhersage der Arbeitslosenquote verwendet, einem Medizinstudenten, der sein Wissen über (2002).
9 Choi und Varian (2012).
und zwar anhand von Suchbegriffen, die im Zu- die Grippe testen möchte. 10 Enikolopov et al (2018).
sammenhang mit der Stellensuche stehen. Die
Daten von Google Trends können für die unver-
Thomas Chuffart
zügliche Prognose sozioökonomischer Variab- Dozent für Ökonometrie, Forschungszentrum für Wirt­
len genutzt werden.9 Bestimmte Google-Such- schaftsstrategien (Crese), Universität Franche-Comté,
Besançon (Frankreich)
kategorien eignen sich auch für Prognosen zu

Literatur
Algaba A., Ardia D., Bluteau K., Borms S. Enikolopov R., Petrova M. und Sonin K. (2018). Lucca D. O. und Trebbi F. (2009). Measuring
und Boudt K. (2019). Econometrics Meets Social Media and Corruption. In: American Central Bank Communication: An Automa-
­Sentiment: An Overview of Methodology and Economic Journal: Applied Economics, 10 (1): ted Approach with Application to FOMC
Applications. 150–74. Statements. NBER Working Paper, Nr. 15367,
Baker S. R., Bloom N. und Davis S. J. (2016). Gentzkow M., Kelly B.T. und Taddy M. (2017). ­September.
Measuring Economic Policy Uncertainty. Text as Data. NBER Working Paper, Nr. 23276, Zeng X. und Wagner M. (2002). Modeling the
In: The Quarterly Journal of Economics, 131, März. Effects of Epidemics on Routinely Collected
1593–1636. Jegadeesh Narasimhan und Wu Di (2013). Data» In: Journal of the American Medical In-
Born B., Ehrmann M. und Fratzscher M. (2014). Word Power: A New Approach for Content formatics Association, Bd. 9 (Supplement_6),
Central Bank Communication on Financial ­Analysis. In: Journal of Financial Economics, S. 17–22.
Stability. In: The Economic Journal, 124(577), 110, 712–729.
701–734.
Choi H. und Varian H. (2012). Predicting the
­Present with Google Trends. In: Economic
­Record, 88, 2–9.

26  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


DIE STUDIE

CEO-Löhne im Bankensektor:
Die Leistung zählt
Nach der Kritik an überhöhten Salären von Bankenchefs geloben viele Geldinstitute, dass
sich die Löhne an der Leistung ausrichten. Ob das stimmt, hat nun eine Studie untersucht.
Die Schwierigkeit dabei: Wie misst man Leistung überhaupt?  Dragan Ilić,
Peter Steffen Schmidt

Abstract  Hohe Saläre von Chief Executive Officers (CEOs) erhitzen in regelmässigen Unternehmens) zu leisten? Wenn ein direkter
Abständen die Gemüter. Dabei steht auch die Frage im Raum, ob die CEOs tatsächlich und unverfälschter Zusammenhang zwischen
entsprechend der Performance ihres Unternehmens entlöhnt werden, wie das viele Engagement und Resultat bestünde, wäre das
Unternehmen behaupten. Der empirische Nachweis dafür ist wichtig für die Eigentü- einfach – man schliesst vom Resultat auf das
mer der Unternehmen, er hat aber seine Tücken. Es zeigt sich, dass bei der Evaluation Engagement und entlöhnt entsprechend. Ein
der Performance sorgfältig über die richtige Vergleichsgruppe nachgedacht werden entsprechender Vertrag kann den CEO dahin
muss. Eine neue Studie untersuchte bei 46 Grossbanken, ob ihre CEOs nach der relati- gehend lenken, dass er im Interesse des Eigen-
ven Aktienperformance entlöhnt werden. Die Studienresultate stützen die Aussagen tümers handelt und seinen Spielraum nicht für
der Banken: Die leistungsbezogene Entlöhnung geht tendenziell mit der relativen Per- seine eigenen Ziele ausnutzt.
formance einher. Bei Banken, welche sich diesen relativen Entlöhnungsmechanismus Schwieriger wird es, wenn das Resultat
auf die Fahne geschrieben haben, ist dieser Zusammenhang noch deutlicher. Diese Er- nicht nur vom Engagement des CEO, sondern
kenntnis dürfte die Eigentümer freuen, denn der Mechanismus diszipliniert die CEOs. auch von weiteren, von ihm nicht kontrollier-
baren Faktoren wie dem Konjunkturverlauf
oder dem Wetter beeinflusst wird. Dann kann

H  ohe Löhne von CEOs sorgen immer


wieder für hitzige Diskussionen. Und
das nicht erst, seit die 1:12-Initiative im Jahr
weise verfügt der Agent über einen Wissens-
vorsprung, denn der Prinzipal kann das ge-
wünschte Engagement des Agenten kaum
die Höhe des Engagements nicht schlüssig aus
dem Resultat abgeleitet werden. Tatsächlich
ist es in der Arbeitswelt üblich, dass der Ge-
2013 das Verhältnis zwischen Höchst- und exakt kontrollieren. schäftsgang auch von nicht kontrollierbaren
Tiefstlöhnen in einem Unternehmen regu- Dieses Problem besteht auch bei Unter- Zufällen mitbestimmt wird. Dieser Umstand
lieren wollte. Ein Anstieg der Management- nehmen. Wie bringt man also einen Agenten
vergütungen in den letzten Jahrzehnten ist (hier CEO) dazu, bestmöglichen Einsatz im Stand wegen seines hohen Lohns immer wieder
empirisch nicht von der Hand zu weisen. Für Interesse des Prinzipals (hier Eigentümer des in der Kritik: Brady Dougan, der ehemalige CEO
Unmut gesorgt haben insbesondere die Löh- der Credit Suisse.
ne bei Banken wie Lehman Brothers und Bear
Stearns, deren Insolvenz den Höhepunkt
der Finanzkrise markiert hat. Fast schon zy-
nisch mutet da manchen die Behauptung von
Unternehmen an, dass CEO-Löhne leistungs-
bezogen seien. Sind sie das tatsächlich? Und:
Was ist überhaupt mit «Leistung» gemeint?
Woran wird sie gemessen? Unsere Studie hat
diese Behauptung mit neuen Daten am Bei-
spiel von internationalen Banken untersucht.
Zunächst müssen wir jedoch kurz theoretisch
ausholen.

Theorie des optimalen Lohns


Ökonomen interessiert bei Managementver-
gütungen in erster Linie der zugrunde liegen-
de Entlöhnungsmechanismus. Management-
vergütungen sind nämlich ein Paradebeispiel
des sogenannten Prinzipal-Agent-Problems,
welches die Anreizproblematik zwischen
einem Auftraggeber (Prinzipal) und seinem
KEYSTONE

Beauftragten (Agent) beschreibt. Typischer-

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  27
DIE STUDIE

erschwert die optimale vertragliche Lohnver- sollte. Solche Informationen umfassen auch den, sonst ist die Eigenleistung nicht schlüs-
einbarung. Antworten hierzu liefert die Ver- zufällige Marktbewegungen, die ausserhalb sig identifizierbar. Denn allgemeine Marktbe-
tragstheorie, deren Begründer Oliver Hart und der Kontrolle des CEO liegen. Eine solche Aus- wegungen können verzerrend wirken. Wenn
Bengt Holmström 2016 den Alfred-Nobel-Ge- gestaltung des Vertrags hat zur Folge, dass der zum Beispiel der Ölpreis steigt, operieren alle
dächtnispreis erhalten haben. CEO weniger für Fremdverschuldetes haften Öl produzierenden Unternehmen profitab-
Verträge schaffen Sicherheit und tragen muss, sich aber auch seltener mit fremden Fe- ler, und auch wenig Einsatz leistende CEOs
zu Kooperation bei. Wie aber sollten Ver- dern schmücken kann. Fehlzuschreibungen in erscheinen in gutem Licht. Umgekehrt lies-
träge in Situationen, in denen Unsicher- Bezug auf das tatsächliche Engagement wer- se ein fallender Ölpreis auch vergleichsweise
heit vorherrscht, gestaltet werden? Die Ver- den so vermindert. gut waltende CEOs schlecht aussehen. Kon-
tragsökonomie besagt mit dem Prinzip des kret findet sich das Prinzip des Informations-
Informationsgehalts, dass jegliche Informa- Relative Performance ­massgebend gehalts in der von Holmström entwickelten
tion, welche für den Eigentümer die Unsicher- relativen Performanceevaluation (RPE) wie-
heit über das vom CEO tatsächlich geleistete Auch bei CEO-Verträgen sollte das Prinzip der. Sie formuliert den «optimalen» Vertrag
Engagement reduziert, Teil des Vertrags sein des Informationsgehalts Anwendung fin- für den CEO.

Konstruktion der Vergleichsgruppen («Peergruppen»)


Wie identifiziert man Unternehmen, die gleichen taugt, zeigen die Beispiele der Schweizer Grossban- Bei der Industriegruppe der CS, den Effekten­
Marktrisiken ausgesetzt sind? Die Wirtschaftswis- ken UBS und Credit Suisse (CS). maklern und -händlern, ist es umgekehrt: Dort wei-
senschaftlerin Ana Albuquerque (2009) weist dar- Bei den inländischen Handelsbanken, der Indus- sen grössere Banken im Mittel höhere Renditen auf
auf hin, dass Marktrisiken und die Flexibilität, auf triegruppe, der die UBS angehört, wird ersichtlich, als kleinere Banken (siehe Abbildung 2). Mit der RPE
diese Risiken zu reagieren, nebst der Industriezuge- dass grössere Banken im Mittel geringere Renditen muss sich die Credit Suisse, die in ihrer Industrie-
hörigkeit auch von einer Vielzahl anderer Variablen aufweisen als kleinere Banken und ihre Renditen gruppe ebenfalls zu den grössten Banken gehört, mit
abhängen. Darunter fallen etwa die Technologie eine geringere Streuung aufweisen (siehe Abbil- ebendieser Gruppe IV messen lassen. Diese Gruppe
des Unternehmens, die Komplexität der Organisa- dung 1). Mit anderen Worten: Grösse scheint also weist eine Rendite von 33 Prozent auf. Die Credit
tionsstruktur und die Möglichkeit, sich extern zu wie erwartet mit Marktrisiken verknüpft zu sein. Suisse liegt mit 30 Prozent nur leicht darunter. Die
finanzieren. Wie lässt sich das messen? Albuquer- Die Gruppe IV mit den 25 Prozent grössten Banken, Rendite über alle Grössenklassen in der Industrie-
que weist nach, dass der Marktwert eines Unter- zu welchen auch die UBS gehört, weist eine durch- gruppe beträgt bloss 26 Prozent. Würde man die
nehmens (die «Grösse») diese komplexen Variablen schnittliche jährliche Aktienrendite von 39 Prozent Performance der CS also mit dem Durchschnitt aller
aussagekräftig repräsentiert. Sie zeigt weiter, dass auf. Die UBS kann allerdings lediglich eine Rendite Grössenklassen vergleichen, würde man dem dama-
innerhalb der Industrien die Aufteilung von Unter- von 23 Prozent vorweisen. Für den CEO der UBS, ligen CEO der Credit Suisse, Brady Dougan, irrtüm-
nehmen in vier Grössengruppen ein starker Ansatz Sergio Ermotti, bedeutet dies, dass seine Perfor- licherweise eine überdurchschnittliche Rendite in
ist, um Unternehmen nach gemeinsamen Marktri- mance im Jahr 2013, gemessen an seiner Peergruppe seiner Industriegruppe zuschreiben. Er könnte sich
siken zu bündeln. So wird jedem Unternehmen, das IV, nur unterdurchschnittlich war. Würde man die somit mit fremden Federn schmücken.
zur Gruppe der 25 Prozent kleinsten Unternehmen Performance der UBS mit allen Grössenklassen ver- Die Peergruppen in der vorliegenden Studie wur-
gehört (Gruppe I), ebendiese Gruppe I als Peergrup- gleichen, würde die Performance aber noch un- den deshalb ebenfalls nach Industriegruppe und
pe zugeordnet usw. vorteilhafter ausfallen. Denn die durchschnittliche Grösse gebildet.
Dass die Grösse tatsächlich massgebend ist Rendite liegt dort bei 42 Prozent. Mit dem Gesamt-
und die Industrie als Vergleichsgruppe allein nicht vergleich würde Sergio Ermotti also unrecht getan.

Abb. 1: Einteilung der Peergruppen (I bis IV) bei inländischen Abb. 2: Einteilung der Peergruppen (I bis IV) bei Effekten­
Handelsbanken maklern und -händlern
Jährliche Aktienrendite Jährliche Aktienrendite
400% 400%
I II III IV I II III IV

300 300

200 200
ILIĆ, PISAROV, SCHMIDT (2019) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

100 100
CS
CS

0 0
UBS
UBS
–100 –100

–200 –200
0 2 4 6 8 10 12 0 2 4 6 8 10
Marktwert (logarithmiert) Marktwert (logarithmiert)

Die beiden Abbildungen illustrieren den Zusammenhang zwischen Marktwert und der jährlichen Aktienrendite. Die Daten beziehen sich jeweils auf den Januar 2014.

28  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


DIE STUDIE

Die RPE besagt, dass das Engagement nationale Bankenwesen bietet sich als Test- Was bedeuten diese Erkenntnisse? Die
eines CEO mithilfe eines relativen Leistungs- gelände geradezu an. Denn die RPE ist, wie Aussagen zur Offenlegung der RPE scheinen
indikators eruiert und entlöhnt werden sollte. oben erwähnt, besonders dann sinnvoll, offenbar zu stimmen; zumindest bei inter-
Das heisst: Die Performance des betreffenden wenn Unternehmen gemeinsamen Markt- national handelnden Banken. Deren Ver-
Unternehmens (meist gemessen in Aktien- risiken ausgesetzt sind. Auf international kündungen der RPE spiegeln glaubwürdig
renditen) ist in Relation zu Peerunterneh- agierende Banken trifft dies in hohem Masse eine gute Unternehmenspraxis wider und sind
men zu setzen, die ähnlichen Marktrisiken zu. nicht nur leere Worte. Für die Eigentümer ist
ausgesetzt sind. Ein darauf basierender Ent- diese Einsicht von grundlegender Bedeutung.
löhnungsmechanismus filtert somit die Vergleiche im Bankenwesen Denn ohne Leitplanken sind Agenten in erster
Marktrisiken, welche ausserhalb des Einfluss- Linie auf ihren eigenen Vorteil bedacht. Die
bereichs eines CEO wirken und alle Unter- Für unseren Datensatz haben wir jährli- RPE hilft, geeignete Anreize zu setzen, damit
nehmen in seiner Peergruppe gleichermassen che CEO-Vergütungen, Aktienrenditen und sich die Interessen der Eigentümer im Han-
erfassen. Entscheidend dabei ist, dass man Marktwerte von 46 grossen Banken aus 16 deln der CEOs widerspiegeln.
für die RPE den «richtigen» Vergleichsmarkt Ländern zusammengetragen. Die Quellen
eruiert. Dabei gilt es, Unternehmen zu identi- für die Finanzdaten der Jahre 2003–2014 sind
fizieren und zu bündeln, die ähnlichen Markt- Thomson Reuters Datastream und Thomson
risiken ausgesetzt sind (siehe Kasten). Reuters Worldscope. Die Auswahl der Ban-
ken basiert auf dem Financial Times Stock Ex-
Wasser predigen und Wein change All-World Index. Für die Vergütungen
haben wir uns auf die in den Jahresberichten
­trinken? angegebenen totalen Lohnsummen gestützt.
So viel zur Theorie. Der Vorteil der RPE für Diese beinhalten fixe und variable Lohnantei-
die Eigentümer scheint offenkundig. Stu- le. Für jede Bank und jedes Jahr wurde unter Dragan Ilić
dien weisen denn auch darauf hin, dass die anderem auch notiert, ob die Jahresberichte Dr. rer. pol., Wissenschaftlicher ­Mitarbeiter
und Lehrbeauftragter, Center of ­Economic
RPE weitverbreitet ist. Viele und zunehmend die Nutzung der RPE explizit offenlegen oder Research (CER), ETH Zürich und Wirt­
mehr Unternehmen rühmen sich sogar ak- darauf schliessen lassen und in welchem Sub- schaftswissenschaftliche Fakultät (WWZ),
tiv, die RPE zu nutzen, weil es gegen aussen sektor die Bank primär tätig ist. Weiter bil- Universität Basel
als Signal guter Unternehmenspraxis gilt. Das den über 1500 Unternehmen aus der Ban-
könnte jedoch Augenwischerei sein. Denn kenindustrie den Pool für die Konstruktion
jeder CEO hat ein Interesse daran, sich hin- der Peergruppe (des «richtigen» Vergleichs-
ter vorgehaltener Hand einen falschen Ver- markts) für jede der 46 Banken. Natürlich sind
gleichsmarkt zurechtzuschustern, sprich, auch die 46 Banken Teil dieses Pools.
sich mit einer besonders schlecht performen- Unsere statistischen Analysen auf der
den Peergruppe zu vergleichen. Das wird er- Basis dieser Peergruppenvergleiche weisen
möglicht, weil die effektive Zusammenset- darauf hin, dass die internationalen Banken
zung der Peergruppe oft aus vorgeblich stra- die RPE verwenden. Denn die Vergütungen
tegischen Gründen ein Geschäftsgeheimnis der CEOs korrelieren in unserem Sample mit Peter Steffen Schmidt
bleibt. Damit besteht also für die Eigentümer ihren Performances relativ zur jeweiligen Ver- Dr. oec., Postdoktorand, Universität Genf
das Risiko, dass die Peergruppe die relative gleichsgruppe. Die Richtung der leistungs-
Leistung des CEO überschätzt und der CEO bezogenen Entlöhnung stimmt also mit der
Literatur
zu hoch entlöhnt wird. relativen Performance überein. Die statisti-
Albuquerque, Ana M. (2009). Peer Firms in Relative Per-
Wir wollen diese Hypothese testen. Ver- sche Evidenz wird noch ausgeprägter, wenn formance Evaluation. In: Journal of Accounting and
güten international handelnde Banken ihre wir uns auf jene Banken konzentrieren, die Economics, 48(1), 69–89.
Ilić, Dragan, Sonja Pisarov und Peter S. Schmidt (2019).
CEOs gemäss der RPE? Und ist die weitver- eine Nutzung der RPE offenlegen. Die Re- Preaching Water But Drinking Wine? Relative Perfor-
breitete und für Eigentümer vorteilhaft er- sultate lassen zudem darauf schliessen, dass mance Evaluation in International Banking. In: Swiss
Journal of Economics and Statistics, 155:6.
scheinende Behauptung von vielen die- grössere Banken stärker dazu tendieren, die
ser Banken, die RPE zu betreiben, bloss ein RPE zu nutzen. Das überrascht nicht. Seit den
Lippenbekenntnis? Wir sind diesen Fragen eingangs erwähnten Lohnskandalen in der
empirisch nachgegangen und haben den Finanzkrise steht das internationale Banken- Schweizerische
aus der «Schweizerischen Zeit-
Gesellsc
Aktuelle wissenschaftliche Studien

internationalen Bankensektor auf die RPE wesen unter scharfer Beobachtung. Dieser Société suisse und
schrift für Volkswirtschaft d’économ
Sta-
tistik» mit einem starken Bezug zur
getestet. Ein besonderes Augenmerk haben Druck dürfte insbesondere dem RPE-Engage-
wir dabei auf jene Banken gerichtet, welche ment der grossen, im Licht der Öffentlichkeit
Società
schweizerischen svizzera di econ
Wirtschaftspoli-
tik erscheinen in einer Kurzfassung
die RPE öffentlich propagieren. Das inter- stehenden Banken zuträglich gewesen sein. Swiss Society of Econom
in der «Volkswirtschaft».

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  29
ISTOCK
Serie DIE SICHT DER CHEFÖKONOMEN

EINBLICK VON ADRIEL JOST

Problematische Wissenslücken
Um mein technisches Wissen ist es nicht zum Altersvorsorge und der Geld- und Währungs-
Besten bestellt. Jedes Mal, wenn ich in ein politik müssen regelmässig Entscheide ge-
Flugzeug steige, frage ich mich, wieso genau troffen werden, die grosse Auswirkungen
ein Flugzeug in der Luft bleibt. Fachkundige auf alle haben. Gerade in der Schweiz mit
Mitreisende haben mir die Zusammen- ihrer direkten Demokratie können die Bür-
hänge erklärt, mehrmals. Richtig verstanden ger bei all diesen Themen mitbestimmen.
habe ich es aber nicht, sonst könnte ich Unwissenheit in ökonomischen Fragen
das Wissen beim nächsten Flug abrufen. wirkt sich somit über die persönliche Be-
Ist mein fehlendes Wissen darüber, wie Flug- troffenheit hinaus aus. Ökonomisches Wis-
zeuge funktionieren, ein Problem? Kaum. In sen der Bevölkerung zu aktuellen Fragen ist
einer arbeitsteiligen Wirtschaft ist es nicht dementsprechend wichtig. Und hier sind
notwendig, sich um alle Fragen zu kümmern. die volkswirtschaftlichen Experten ge-
Ingenieure entwerfen das Flugzeug, staat- fragt. Es gilt, komplexe Dinge gegenüber
liche Kontrolleure prüfen die Sicherheit, und Kunden und der Öffentlichkeit so zu ver-
im Cockpit sitzen ausgebildete Piloten. mitteln, dass auch Leute, die sich weniger
Auch in ökonomischen Fragen klafft eine Lücke Zeit nehmen können, die Zusammenhänge
zwischen dem Wissen von Experten und der verstehen. Die Herausforderung dabei ist,
breiten Bevölkerung. Experten verstehen per keine wichtigen Informationen auszulassen
Definition mehr von einem Thema. Es über- und trotzdem kurz und knapp zu bleiben.
rascht darum nicht, dass in Umfragen zum Es stehen dabei immer wieder volkswirt-
ökonomischen Wissen der breiten Bevölkerung schaftliche Fragen zur Debatte, bei denen
grosse Wissenslücken zum Vorschein kommen. verschiedene Experten zu unterschiedlichen
Ist dieses fehlende Wissen ein Problem? Schlussfolgerungen kommen. Umso wichti-
Auch hier gilt zunächst: Jede Person ent- ger ist ein öffentlicher Diskurs. Hier stellt sich
scheidet selbst, ob sie ihre Zeit nutzen will, die Herausforderung, in den Äusserungen
um sich Wissen in einem bestimmten Gebiet ein Gleichgewicht zwischen pointiert und
anzueignen. So kümmern sich nicht alle in ausgewogen zu finden. Die Entwicklung der
gleichem Masse um die ökonomischen Zu- Medienlandschaft und der Gesellschaft geht
sammenhänge, welche beispielsweise für dabei in die Richtung, dass pointierte Aussagen
die Verwaltung des Vermögens oder den höher gewichtet werden als ausgewogene.
Abschluss einer Hypothek wichtig sind. Sie Entscheidend ist darum, die beruflichen,
überlassen diese Fragen lieber den Experten. finanziellen oder institutionellen Abhängig-
keiten der am Diskurs teilnehmenden Exper-
Wes Brot ich ess, des Lied ich sing ten zu beachten. Und umso wertvoller ist die
Im Unterschied zu anderen Fachgebieten Meinung derjenigen, die an diesem Diskurs als
sind volkswirtschaftliche Zusammenhänge unabhängige Stimme teilnehmen können.
aber nicht nur die Grundlage für persönliche
Entscheide, sondern auch für jene der gesam-
ten Bevölkerung. In der Steuerpolitik, der Adriel Jost ist Chefökonom bei Wellershoff &Partners, Zürich

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  31
MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

«Wer nach Paris fährt, soll auch zu


uns kommen»: Jungfraubahnen-Chef
Urs Kessler in Interlaken.
ÜBERTOURISMUS

«In Interlaken haben wir keinen


­Overtourism»
Das Jungfraujoch ist ein Marketingerfolg. Dass jährlich über 700 000 Asiaten auf ihrer Europa­
reise halt auf dem Joch machen, ist das Verdienst von Jungfraubahnen-Chef Urs ­Kessler. Das
«Top of Europe» steht dabei in Konkurrenz zu Städten wie Paris und Venedig. Ein Gespräch
über Massentourismus.  Nicole Tesar

Herr Kessler, wie oft fahren Sie aufs Jungfraubahnen und Interlaken das tieren wir jedem Gast einen Sitzplatz in der
­Jungfraujoch im Jahr? Phänomen «Overtourism», also den Jungfraubahn.
Etwa 30 Mal. Ich begleite meist Touristen- Konflikt zwischen den Einheimischen
gruppen aus Asien. Und einmal jährlich und den Gästen? Die Grenze scheint flexibel. Vor zehn
schaue ich die Infrastruktur genauer an. In Städten wie Barcelona und Venedig ist Jahren war sie noch bei 5000 Gästen. Wie
Massentourismus ein Problem. Der Grund geht das weiter?
Wie empfinden Sie die Platzverhältnisse sind die Kreuzfahrtschiffe: Innerhalb kürzes- Wir wollen nicht kurzfristiges Wachstum,
bei über einer Million Besuchern pro Jahr? ter Zeit strömen Massen von Touristen in die sondern Vorteile langfristig mit einer global
Ich habe auf dem Jungfraujoch immer ge- Städte. In Interlaken jedoch haben wir kei- starken Marke. Daher halten wir an unserer
nügend Platz. Ich kenne ja jede Ecke. Wegen nen Overtourism. Limitierung fest.
der vielen Attraktionen verteilen sich die
Gäste gut. Sie sind im Vorstand der Tourismus-­ Wie oft im Jahr ziehen Sie die Notbremse
Organisation Interlaken, die aktiv den bei den Besucherzahlen?
Über 70 Prozent der Besucher sind Asiaten. Kontakt zur Bevölkerung sucht. Also Insgesamt sind wir etwa an 30 Tagen im Jahr
Sie haben mit sehr viel Engagement den brauchte es dieses Engagement gar nicht? ausverkauft. Dank der Sitzplatzreservation
asiatischen Markt aufgebaut. Man könnte In der Region Interlaken sind sich die meis- auf den Zügen verteilen sich unsere Gäste
sagen: Sie sind schuld am Massentouris- ten bewusst: Der Tourismus sichert Arbeits- besser über den Tag.
mus in der Schweiz.
Das sind die Früchte einer langen Aufbau- Welche Monate sind davon betroffen?
arbeit. Ende der Neunzigerjahre bauten Unsere Hochsaison dauert von Mitte Juni
wir als erstes Schweizer Tourismusunter- «Es ist ein Balanceakt bis Mitte August. Wir wollen jedoch auch in
nehmen in China, Japan, Indien, Korea und zwischen den Extremen der Nebensaison ausverkauft sein. Deshalb
Südostasien ein Vertreternetz auf. Unse- ist Indien ein wichtiger Markt, weil dort die
re Leute vor Ort sind tagtäglich nur für die
Disneyland und Natur» Hauptreisezeit in die Monate April, Mai und
Jungfraubahnen unterwegs. Das kommt Juni fällt.
auch dem Tourismusland Schweiz zugute. plätze. Gleichzeitig ist es wichtig, die Be-
Wenn wir einen neuen Markt erschliessen, völkerung für kulturelle Unterschiede zu Wie erreichen Sie dieses Ziel?
machen wir zuerst Werbung für Europa, sensibilisieren. Wenn indische Touristen an Eine Schlüsselrolle spielt für Inder das Essen:
dann für die Schweiz und erst an dritter Stel- den Bahnschalter gehen und sagen: «I want Ende der Neunzigerjahre reisten die indi-
le für das eigene Produkt. Denn wir sind uns a better price», sorgt dies für Unverständnis.
bewusst: Ohne dass ein Gast in der Schweiz Deshalb bringen wir in Workshops der loka-
übernachtet, kann er das Jungfraujoch nicht len Bevölkerung die kulturellen Eigenheiten Urs Kessler
besuchen. näher. Das haben wir aber schon immer ge- Der 57-jährige «Bähnler», wie sich Urs ­Kessler
macht. Overtourism ist für mich ein Mode- gerne bezeichnet, ist seit 2008 Konzernchef
Viele Asiaten besuchen das Jungfraujoch wort – zumindest, was die Schweiz betrifft. der Jungfraubahn Holding. Drei Jahre lang war
als Etappe auf einer Europareise. Wie er im Doppelmandat CEO und Marketingchef.
Begonnen hat seine Karriere beim Bahnunter-
locken Sie diese nach Interlaken? Was tun die Jungfraubahnen, um den nehmen 1987, als er von der BLS kommend als
Zu fast jeder Europareise gehört ein Aufent- Gästen trotz Grossandrang ein positives Leiter Verkaufsförderung engagiert wurde. Der
halt in Paris mit dem Eiffelturm. Unser Motto Erlebnis zu bieten? gelernte Betriebsdisponent wuchs in Gsteig­
wiler bei Interlaken auf. Die Destination Jung-
lautet daher: Kein Paris-Besuch ohne das Qualität ist für uns wichtiger als kurz-
fraujoch trägt zusammen mit der Restauration
Jungfraujoch. Wer nach Paris fährt, soll auch fristiges Wachstum. Vor fünf Jahren limitier- auf dem Joch ein Drittel zum Gruppenumsatz bei.
zu uns kommen. Aber logischerweise ist der ten wir die Zahl der Jungfraujoch-Besucher Die Zahnradbahn verkehrt seit 1912 zwischen der
asiatische Markt hart umkämpft. deshalb auf 5250 Personen pro Tag. Durch Talstation Kleine Scheidegg und dem Jungfrau-
joch. Zu den Jungfraubahnen gehören weitere
diese Lenkungsmassnahme gewinnt die
Bergbahnen wie die Firstbahn, die Harderbahn,
Mit der V-Bahn wird man noch schnel- Marke «Jungfrau – Top of Europe» an Pres- die Berner-Oberland-Bahn und die Schynige-­
ler auf dem Berg sein. Kennen die tige und Exklusivität. Mittlerweile garan- Platte-Bahn.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  33
ÜBERTOURISMUS

schen Gäste mit einem Bus und einem Koch


nach Lauterbrunnen. Gegessen wurde dann
direkt im Zug, welcher dann sofort in die
Reinigung musste. Im Jahr 2000 eröffneten
wir auf dem Jungfraujoch das Restaurant
Bollywood mit zwei indischen Köchen.
Heute essen dort während der Hochsaison
bis zu 1800 Gäste pro Tag. Die koreanischen
Individualtouristen wiederum erhalten
bei uns seit 1998 gratis eine Nudelsuppe,
wenn sie über unsere Kanäle buchen – das
hat unseren Bekanntheitsgrad in Südkorea
enorm erhöht. Bis heute macht der koreani-
sche Suppenhersteller mit dem Jungfraujoch
Werbung.

Wie lenken Sie die Besucherströme?


Die einzig wirksame Lenkungsmassnahme
ist der Preis. Eine Fahrt auf das Jungfrau-
joch ist deshalb im Sommer teurer als in der
Nebensaison. Das muss man dann natürlich
auch kommunizieren. Mit schönen Worten
und Informationstafeln allein lenken Sie hin-
gegen keinen Touristen.

Was kann eine Stadt wie Luzern tun, die


mit Massentourismus kämpft?
Die Massen beschränken sich in Luzern
auf den Schwanenplatz und die Kappel-
brücke. Diese Konzentration löst die nega-
tiven Kommentare aus. Dort braucht es des-
halb Lenkungsmassnahmen wie etwa Ge-
bühren für Reisecars. Ein weiterer Grund ist

«Der Schweizer ÖV-­


Benutzer darf nicht
gegenüber dem ­Touristen
benachteiligt sein»

die dortige Preispolitik: Mit dem Swiss Tra-


vel Pass kann man gratis auf die Rigi, aufs
Stanserhorn oder kostenlos Schiff fahren.
Das ist eine gefährliche Entwicklung: Mit
dem Pauschalfahrausweis sinken die Er-
träge, gleichzeitig kommen mehr Touris-
ten – wie bei einer Billigairline. Das ist nicht
nachhaltig, denn der öffentliche Verkehr hat
auch einen Wert. Die Schweiz wird im globa-
len Reisemarkt als Billigdestination nie eine
Chance haben. Es kann nicht sein, dass der
ausländische Tourist für einen Spottpreis
den öffentlichen Verkehr benutzen darf. Da
ist auch die Politik gefordert.

Was kann die Politik tun?


Der Schweizer ÖV-Benutzer darf nicht gegen-
über dem Touristen benachteiligt sein.

34  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


ÜBERTOURISMUS

Landschaftsschützer Raimund Rodewald touristen besuchen nicht mehr sieben Län- Vermarkten Sie nun den schmelzenden
kritisiert, der Bergtourismus sei zum der in zwölf Tagen, sondern beschränken Gletscher?
Erlebnistourismus verkommen. Es gehe sich auf zwei. Zum Beispiel die Schweiz und Schnee und Eis haben wir immer vermarktet.
nur noch darum, möglichst viele Leute auf Italien.
den Berg zu bringen. Sie haben Tennisprofi Roger Federer
Da hat er teilweise recht: Wir müssen unse- Hat der Trend zum Individualtourismus mit und Basketballstar Tony Parker aufs
re Angebote vermehrt der Natur anpassen. steigenden Einkommen zu tun? Jungfraujoch geholt. Sind Sie auf solche
Früher haben die Leute auf der Sphinx-Ter- Ja, das ist sicher ein Grund. Ein anderer ist: PR-­Aktionen angewiesen?
rasse 20 Minuten lang die Berg- und Dank dem Internet können sich die Reisen- Mit diesen Events laden wir die Marke
den die Routen selber zusammenstellen. «Jungfrau – Top of Europe» emotional auf.
Zudem können immer mehr Chinesen Eng- Erlebnisse wie der Tennismatch von Roger
«Der Werbeeffekt der lisch und bewegen sich in der Welt selbst- Federer oder der Kick-off der Euro 2008
geposteten Fotos ist ständiger. hinterlassen einen bleibenden und nach-
haltigen Eindruck.
enorm» Verändert die Klimadebatte das Reise­
verhalten? Wie wichtig sind Schnappschüsse auf den
Gletscherwelt bestaunt. Der heutige Tou- Heute ist noch nichts spürbar. Die Sensibili- sozialen Netzwerken?
rist hat das Auge für diese Naturschön- tät steigt jedoch, und langsam wird dieser Der Werbeeffekt der geposteten Fotos ist
heiten nicht mehr. Wir wollen die Gäste Prozess das Reiseverhalten beeinflussen. Der enorm. Mit über 1,5 Millionen Likes auf Face-
deshalb mit konkreten Angeboten direkt Billigflugverkehr ist ein globales Problem – book sind wir die Nummer 1 im Schweizer
auf den Gletscher führen. Unser Trumpf ist dafür braucht es auch eine globale Lösung. Tourismus. Nun wollen wir auch auf Instag-
das Unesco-Weltkulturerbe, zu welchem ram Marktführer werden. Zu diesem Zweck
wir seit 2001 gehören. Was machen die Jungfraubahnen im Kampf haben wir auf dem Jungfraujoch Fotopoints
gegen den Klimawandel? mit Gratis-WLAN eingerichtet. So können
Kritisiert wird doch, der Besuch verkomme Wir haben ein eigenes Wasserkraftwerk die Gäste ihre Fotos unmittelbar teilen. Ein
zu einem Shoppingerlebnis. Chinesische und gewinnen Energie aus den Zügen, anderes Erfolgsbeispiel: Vor vier Jahren be-
Touristen fahren auf das Jungfraujoch und die vom Jungfraujoch hinunterfahren. suchte die chinesische Sängerin G.E.M. das
kaufen dort eine Uhr. Den Gletscherschwund verzögern wir mit Jungfraujoch. Auf den chinesischen Social-­
Es ist ein Balanceakt zwischen den Ex- Schnee, den wir mit Pistenfahrzeugen auf Media-Kanälen erzielten die Videos rund
tremen Disneyland und Natur. Mit dem den Gletscher bringen. Zudem planen wir, 250 Millionen Views.
Shoppingangeboten entsprechen wir einem die Leute mit Infotafeln für den Klima-
Bedürfnis der Gruppenreisenden. Zudem wandel zu sensibilisieren. Wir arbeiten an In der Jungfraubahn, die die 9,3 Kilometer
wollen wir eben nicht noch mehr Gäste be- einem Angebot, bei dem das Naturerlebnis lange Zahnradbahnstrecke aufs Joch
fördern, sondern wir möchten den Durch- im Zentrum steht. Mehr verrate ich aber absolviert, haben Sie aber kein WLAN?
schnittsertrag auf 120 Franken pro Person noch nicht. Nein, noch nicht. Der neue Eiger-Express
steigern. Das erreichen wir mit den Shops. wird Ende 2020 eröffnet und wird über
Asiaten sind sehr markenaffin. Für Marken- Steigt das Bewusstsein der Gäste für das WLAN verfügen. Die Gäste können dann
uhren sind sie auch bereit, mehr Geld auszu- Thema? ihre Bilder noch auf der Fahrt in die Welt ver-
geben. Gerade chinesische Touristen haben Das ist ganz nach Markt verschieden. Grund- breiten.
immer mehr Zeit zur Verfügung: In China sätzlich gilt: Es gibt nicht den Asiaten. Wäh-
findet derzeit eine starke Verlagerung von rend in Japan das Umweltschutzbewusst-
Gruppenreisen hin zu Einzelreisen statt. Für sein stark ausgeprägt ist, hat es in China
uns ist das eine Chance, denn Individual- noch einen relativ kleinen Stellenwert. Interview: Nicole Tesar, Chefredaktorin.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  35
EINLAGENSICHERUNG

Besserer Einlegerschutz macht


Bankensystem stabiler
Das Bankengesetz wird zurzeit einer Revision unterzogen. Durch die Gesetzesänderung wird
der Einleger- und Kundenschutz gestärkt und die Systemstabilität gefördert.  Bruno Dorner,
Anne Kathrin Herzog

Abstract  In der jüngsten Revision des Bankengesetzes werden die Insolvenzbestim- weiter abgeklärt werden muss, wie Holding-
mungen für Banken überarbeitet, die Sicherung der Bankkundeneinlagen gestärkt forderungen im Konkursverfahren einer Bank
und neu eine vollständige Segregierung von Bucheffekten in der Verwahrungskette behandelt werden.
gewährleistet. Im Juni endete die Vernehmlassung zu den entsprechenden Bestim-
mungen. Das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) wertet derzeit Bank-Run verhindern
die Eingaben aus Branche und Politik aus. Bis die neuen gesetzlichen Regelungen in
Kraft treten, dürfte es 2021 werden. Der Schutz der Bankeinleger wurde zuletzt
auf dem Höhepunkt der Finanzkrise in Form
einer Sofortmassnahme gestärkt und 2011 ins

D  ie Finanzkrise von 2007 bis 2009 hat


gezeigt, dass in der Schweiz kein ange-
messenes Regelwerk zur Sanierung und zur
ordnen kann, wenn begründete Besorgnis be-
steht, dass eine Bank ernsthafte Liquiditäts-
probleme hat oder überschuldet ist. Ob eine
ordentliche Gesetzesrecht übergeführt. Im
heutigen System werden Einlagen bis maxi-
mal 100 000 Franken pro Kunde privilegiert
Abwicklung von Finanzinstituten im Liquida- Sanierung durchgeführt werden kann oder behandelt.1 Das gilt im Konkursfall oder wenn
tionsfall besteht. Die Eidgenössische Finanz- nicht, hängt davon ab, ob es wahrscheinlich die Finma gegenüber einer Bank Schutzmass-
marktaufsicht (Finma) überarbeitete deshalb ist, dass eine Sanierung das Fortbestehen der nahmen ergreift. Dadurch sollen einerseits die
die Bankeninsolvenzverordnung (BIV-Finma) Bank sichern kann oder zumindest einzelne Ersparnisse der Kunden gesichert und ande-
und setzte die umfassende Änderung im No- Bankdienstleistungen weitergeführt werden rerseits das Vertrauen in die Banken verbes-
vember 2012 in Kraft. Schon bald wurde je- können. sert werden, was letztlich einen sogenannten
doch klar, dass diese Verordnung möglicher- Das heutige Bankengesetz sieht im Bank-Run – also einen ansturmartigen Abzug
weise keine genügende rechtliche Grundlage Sanierungsfall unter anderem vor, dass die der Kundengelder – verhindern soll.
darstellt, um im Falle einer Bankensanierung Aktiven und Passiven auf eine Übergangs- Aus welchen Mitteln die Kunden im
in verfassungsmässige Rechtspositionen, bank transferiert werden. Neu kommen Krisenfall entschädigt werden, hängt davon
beispielsweise in Eigentumsrechte, von Eig- auch Eingriffe in die Rechte der Eigner (in ab, ob die insolvente Bank über genügend
nern und Gläubigern der Bank einzugreifen. der Regel der Aktionäre) und der Gläubi- liquide Mittel verfügt oder nicht. Verfügt
ger der Bank hinzu. Beispielsweise kann im sie über solche Mittel, so erfolgt die Ent-
Regelwerk zur Bankensanierung von der Finma genehmigten Sanierungsplan schädigung bis zum genannten Maximal-
nun angeordnet werden, dass das bisherige betrag sofort und ausserhalb des ordent-
Aus diesem Grund schlug der Bundesrat in Eigenkapital einer Bank reduziert oder neues lichen Konkursverfahrens. Reichen die Mittel
seiner Botschaft zum Finanzdienstleistungs- Eigenkapital geschaffen wird. Zudem kann nicht aus, so kommt für Kundeneinlagen bei
und zum Finanzinstitutsgesetz vom 4. No- sie darauf bestehen, dass Fremd- in Eigen- Schweizer Geschäftsstellen bis zur Maximal-
vember 2015 vor, auch Änderungen der In- kapital umgewandelt wird oder dass die Ver- höhe die Einlagensicherung zum Tragen. Sie
solvenzbestimmungen im Bankengesetz vor- pflichtungen der Bank gegenüber den Gläubi- wird durch den Verein Esisuisse getragen und
zunehmen. Insbesondere sollten dadurch gern reduziert werden (sogenannter Bail-in). durch die Banken mittels Beiträgen finanziert,
Eingriffe in verfassungsmässige Rechtsposi- Die Gesetzesvorlage sieht zudem einen Wert- die im Ereignisfall gemäss den Bestimmungen
tionen nunmehr eine Grundlage auf Stufe ausgleich bei solchen Kapitalmassnahmen der Selbstregulierung erhoben werden. Die-
eines formellen Gesetzes erhalten. Die Än- sowie ein überarbeitetes und ausgeweitetes ses System sorgt dafür, dass die gesicherten
derung des Bankengesetzes wurde durch das Beschwerderecht gegen den Sanierungsplan Einlagen den Kunden möglichst rasch aus-
Parlament indes zurückgewiesen. Das Par- vor. bezahlt werden können. Der Mechanismus
lament forderte, dass vorgängig eine Ver- Die Anpassungen des Sanierungsrechts der Einlagensicherung hat sich grundsätz-
nehmlassung durchgeführt werden solle. In wurden in der Vernehmlassung im Grund- lich bewährt und wird im revidierten Banken-
der Folge integrierte der Bundesrat die Insol- satz begrüsst. Kritisiert wurde allerdings, gesetz nicht infrage gestellt. Indessen wurde
venzbestimmungen in die bereits laufende dass die vorgeschlagenen Änderungen zu Handlungsbedarf in drei Teilbereichen fest-
Revision des Bankengesetzes zur Sicherung sehr auf Banken mit der Rechtsform einer gestellt; dem soll die Revisionsvorlage Rech-
der Bankeinlagen. Die Vernehmlassung dazu Aktiengesellschaft ausgerichtet seien und nung tragen.
endete im Juni. deshalb nur bedingt oder gar nicht auf Ban-
1 Die Vorsorgeeinlagen werden gesondert bis zu 100 000
Schon heute wird im Gesetz festgehalten, ken mit anderen Rechtsformen anwendbar Franken privilegiert im Konkursverfahren behandelt
dass die Finma Sanierungsmassnahmen an- seien. Zudem hat sich gezeigt, dass noch und sind nicht von der Einlagensicherung erfasst.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  37
EINLAGENSICHERUNG

Erstens sollen zwei neue Fristen für die über der Einlagensicherung auf 1,6 Prozent marktinfrastrukturgesetz verankert. Doch
Auszahlung aus der Einlagensicherung gel- der Gesamtsumme der gesicherten Einlagen die Segregierung ist nicht in der ganzen Ver-
ten, welche die Einlagensicherung glaub- festgesetzt. Heute beträgt dieser Betrag fix wahrungskette und auch nicht bei einer Ver-
würdiger machen: Die Auszahlung der Gelder 6 Milliarden Franken. In Zukunft wird der Be- wahrungskette, die ins Ausland führt, ge-
aus der Einlagensicherung an den Konkurs- trag damit etwas höher, nämlich rund 7,2 Mil- währleistet. Eine Aussonderung von Wert-
liquidator soll neu innert sieben (statt wie bis- liarden Franken sein (Stand heute) und sich schriften an die Kunden im Rahmen eines
her zwanzig) Tagen nach der Anordnung des abhängig von der Höhe der gesicherten Ein- Konkursverfahrens wird damit erschwert
Konkurses oder von Schutzmassnahmen er- lagen entwickeln. oder gar verunmöglicht. Diese rechtliche
folgen. Danach soll innerhalb von weiteren Die Vernehmlassung hat gezeigt, dass Lücke wird nun geschlossen. Zudem werden
sieben Tagen die Auszahlung an die Bank- die Änderungen im Bereich der Einlagen- den Verwahrstellen zusätzliche Informations-
kunden erfolgen.2 Damit diese Frist ein- sicherung begrüsst werden. Die Branche pflichten auferlegt, um die Kunden auf die Ri-
gehalten werden kann, sind die Bankinstitute wünscht sich aber, dass die Anpassungen siken bei der Verwahrung hinzuweisen. Der
angehalten, entsprechende Vorbereitungs- keine höheren Eigenmittel- und Liquiditäts- Zusatzaufwand für die Institute kann zum
massnahmen zu treffen. anforderungen nach sich ziehen. Ausserdem jetzigen Zeitpunkt nicht quantifiziert werden.
besteht bei systemrelevanten Banken noch Mit Blick auf einen verstärkten Kundenschutz
Banken sollen Einlegerschutz ein Bedarf an Abstimmung zwischen der ist er jedoch vertretbar.
Notfallplanung und den gesetzlich neu ver- In der Vernehmlassung wurde auch diese
vorgängig finanzieren langten Vorbereitungsmassnahmen. Segregierungspflicht begrüsst. Sie sei praxis-
Eine weitere Anpassung betrifft die Finan- Neben den Änderungen zur Banken- konform und im Einklang mit dem inter-
zierungsart der Einlagensicherung. Die Ban- insolvenz und der Einlagensicherung sieht die nationalen Standard. Der Hauptkritikpunkt
ken sind heute lediglich verpflichtet, die Hälf- Revision des Bankengesetzes auch strenge- an der Anpassung ist die Informationspflicht.
te ihrer anteilsmässigen Beitragsverpflich- re Vorgaben bei der Segregierung von Wert- Das Staatssekretariat für internationale
tungen gegenüber der Einlagensicherung papieren vor. Verwahrungsinstitute sollen Finanzfragen (SIF) wertet momentan die
als zusätzliche Liquidität zu halten. Das Pro- künftig strengere Vorgaben einhalten müs- Rückmeldungen zur Vernehmlassung aus
blem: Die Mittel zur Auszahlung der Einla- sen, um Kunden bei einer allfälligen Liquidie- und wird die Gesetzesbestimmungen ent-
gen werden von den Banken erst im Anwen- rung den Zugriff auf ihre Wertschriften zu ge- sprechend überarbeiten. Der Bundesrat
dungsfall bereitgestellt. Es handelt sich also währleisten. wird die Botschaft zur Revision des Banken-
um eine Ex-post-Finanzierung, die das Risiko gesetzes voraussichtlich im Frühjahr 2020
einer prozyklischen Wirkung birgt, weil sich Wertschriften klar trennen verabschieden.
durch die ausgelösten Beitragsverpflichtun-
gen auch die finanzielle Situation der Geber- Wenn ein Anleger heute Wertpapiere kauft,
banken verschärfen kann. Insbesondere bei so werden diese in der Regel nicht mehr
einer Systemkrise kann das zu zusätzlichen selbst, sondern in Form von Bucheffekten
Problemen führen. Daher soll die jetzige Re- übertragen und verwahrt. Die Wertpapie-
gelung der zusätzlichen Liquiditätshaltung re werden also nicht mehr physisch ausge-
abgelöst werden. Neu sollen die Banken die tauscht, sondern elektronisch auf die Effek-
Hälfte ihrer Beitragsverpflichtungen in Form tenkonten eines sogenannten Verwahrers
leicht verwertbarer Wertschriften von hoher umgebucht. In der Schweiz werden für in-
Qualität oder in Schweizer Franken bar bei ländisch gehandelte Wertpapiere im Normal-
einer Drittverwahrungsstelle dauernd und si- fall zwei oder drei solche Verwahrungsstel-
Bruno Dorner
cher hinterlegen. Alternativ besteht die Mög- len zwischengeschaltet. Die Effekten bleiben Fürsprecher, Leiter Rechtsdienst, Staats­
lichkeit, der Einlagensicherung Bardarlehen also nicht beim Erstverwahrer (beispielswei- sekretariat für internationale Finanzfragen
zu gewähren, wovon insbesondere kleinere se bei einer Bank), sondern werden an weitere (SIF), Bern
Institute Gebrauch machen dürften. Ziel die- Verwahrungsstellen weitergegeben. Bis an-
ser Neuerungen ist es, das System durch eine hin fehlt es an einer allgemeinen rechtlichen
Ex-ante-Komponente zu stärken. Ein positi- Verpflichtung der Verwahrer, eine Trennung
ver Nebeneffekt davon ist, dass mit diesem (Segregierung) zwischen ihren Eigenbestän-
Mechanismus eine später einmal zu retten- den und den Beständen ihrer Kunden vorzu-
de Bank bereits vorgängig selber einen Teil an nehmen.
die Einlagensicherung geleistet hat. Das führt Viele Erstverwahrungsstellen nehmen
zu mehr Gerechtigkeit unter den Banken. die Segregierung zwar heute schon frei-
Als dritte Neuerung wird die Maximal- willig vor. Und auch für Zentralverwahrer3 ist
verpflichtung des Bankensystems gegen- die Segregierungspflicht bereits im Finanz- Anne Kathrin Herzog
Rechtsanwältin, Rechtsdienst, Staats­
2 Gerechnet ab dem Zeitpunkt, an dem die Bankkunden sekretariat für internationale Finanzfragen
dem Konkursliquidator ihre Zahlungsinstruktionen ge- 3 In der Schweiz wird diese Aufgabe durch die SIX SIS AG (SIF), Bern
meldet haben. übernommen.

38  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


UNTERNEHMENSKREDITE

Finanzierung in der MEM-Industrie:


Gut mit Verbesserungspotenzial
Haben es KMU in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie schwerer, an Bankkredite
zu kommen? Eine Studie sagt: Der Zugang sei gewährleistet, doch die Bonitätsprüfung aus­
geprägter. Mit spezifischeren Strategien könnten die Firmen ihre Finanzierungssituation aber
noch verbessern.  Andreas Schweizer, Anne Marie Loch, Ramona Graf

Abstract  Die Versorgung von kleinen und mittleren Unternehmen mit Bankkrediten ist Monaten analysierte: Dort wurden 76 Pro-
eine vielfach – oft auch emotional – diskutierte Thematik. Vertreter der M
­ aschinen-­, zent vollständig und 12 Prozent teilweise
Elektro- und Metallindustrie (MEM-Industrie) stellen den Zugang zu Bankkrediten bewilligt. 6 Prozent der Anträge wurden ab-
immer wieder infrage. Die ZHAW hat gemeinsam mit Swissmem die Kreditversorgung gelehnt, und bei weiteren 6 Prozent war die
von KMU der MEM-Industrie untersucht und kommt zum Schluss, dass diese ge- Antwort bei der Befragung noch ausstehend.
geben ist. Gleichzeitig werden für KMU und Banken wertstiftende Themenfelder Die MEM-Unternehmen haben also keinen
identifiziert. schlechteren Zugang zu Bankkrediten als an-
dere KMU der Industrie. Allerdings ist mehr
als der Hälfte der MEM-Firmen, welche über

V  iele KMU sind auf externe Finan­


zierungs­quellen angewiesen. Sei es um
Liquiditätsschwankungen zu überbrücken
eingenommen.2 Im Zeitraum des 4. Quartals
2018 wurde eigens der Zugang von KMU
der MEM-Industrie zu Bankfinanzierungen
eine Bankfinanzierung verfügen, ihr Kredit-
rating durch die Banken bekannt. Gemäss
der branchenübergreifenden Seco-Studie ist
oder um in die eigene Wettbewerbsfähigkeit untersucht. Die Studie beinhaltet insgesamt dies nur bei 29 Prozent der Unternehmen der
zu investieren. Doch anders als international 145 KMU unterschiedlicher Grösse, wovon Fall. Daraus lässt sich schliessen: Bonitätsdis-
tätige Grosskonzerne haben Schweizer KMU 20 aus der französischsprachigen Schweiz kussionen mit Banken finden bei den KMU
keinen Zugang zum Kapitalmarkt. Für sie ist stammen. Die befragten Unternehmen sind der MEM-Industrie offenbar wesentlich aus-
deshalb der Zugang zu Bankkrediten zentral. für die Mitgliederstruktur von Swissmem geprägter statt.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) (KMU-Segment; Firmen mit bis zu 250 Mit- Von den 58 Prozent MEM-Unternehmen,
untersucht in regelmässigen Abständen die arbeitenden) repräsentativ. welche während der letzten drei Jahre keinen
Finanzierungs­situation von Schweizer KMU. Kreditantrag gestellt hatten, verfügt jedes
Die letzte Seco-Studie wurde im Frühling Kreditversorgung ­gewährleistet fünfte Unternehmen bereits über eine aus-
2017 publiziert.1 Durchgeführt hat sie die reichend hohe Bankfinanzierung. Mehr als
Hochschule Luzern. In dieser Untersuchung Unsere Studie zeigt, dass von den befragten die Hälfte dieser Unternehmen nutzt zudem
wurden branchenübergreifend knapp 2000 Unternehmen aktuell 76 KMU eine Bankfi- andere Finanzierungsquellen. Und 13 Pro-
Schweizer KMU zu ihren Finanzierungs- nanzierung (Kredit und/oder Hypothek) nut- zent wünschen grundsätzlich keine Bank-
bedürfnissen und -bedingungen befragt. zen. Das entspricht einer knappen Mehrheit finanzierung. Als Grund für diese H ­ altung
Fazit der Analyse: Der Zugang zu Bank- von 52 Prozent. In der Seco-Studie der Hoch-
krediten für KMU ist gewährleistet. Gegen- schule Luzern lag dieser Wert für den brei-
über der Vorgängerbefragung im Jahr 2012 ter definierten Wirtschaftszweig Industrie Abb. 1: Kreditanträge in der MEM-­
wurde keine Verschlechterung festgestellt. bei lediglich 43 Prozent. Offensichtlich ist die Industrie (2016–2018)
Doch nach der Veröffentlichung der Resul- Bedeutung von Bankfinanzierungen für die
tate regte sich Widerstand. In verschiedenen KMU der MEM-Industrie noch wichtiger. 5%
Medien wurden Stimmen von Unternehmern Während der letzten drei Jahre haben 61 8%
laut, welche ihre eigene Situation nicht in der 145 befragten MEM-Unternehmen, oder
dieser Studie widerspiegelt sahen. Darunter 42 Prozent, einen Antrag für einen Bank-
waren auch Angehörige der Maschinen-, kredit gestellt. 87 Prozent dieser Anfragen
ZHAW (2019) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

58% 29%
Elektro- und Metallindustrie (MEM-Indus- wurden bewilligt; in 42 Fällen vollständig, in
trie). Sie bezeichneten die Schlussfolgerung 11 Fällen nur teilweise. Lediglich bei 8 Unter-
als unzutreffend und bemängelten den feh- nehmen (13 Prozent) wurde die Anfrage ab-
lenden Branchenfokus der Untersuchung. gelehnt (siehe Abbildung 1). Damit entspricht
Einen solchen Fokus hat nun eine die Situation in der MEM-Industrie in etwa
Forschungsarbeit der ZHAW School of Ma- dem Resultat der Seco-Studie, welche die   Kreditantrag wurde gestellt und abgelehnt    
nagement and Law (ZHAW) in Zusammen- Kreditanträge in den vergangenen zwölf   Kreditantrag wurde gestellt und teilweise gewährt    
  Kreditantrag wurde gestellt und vollständig gewährt    
arbeit mit dem Branchenverband Swissmem
  Kein Kreditantrag wurde gestellt
2 Weiterführende Resultate der Studie online unter
1 Die Studie ist online verfügbar auf Seco.admin.ch. Zhaw.ch. Anzahl befragte Unternehmen: 145

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  39
UNTERNEHMENSKREDITE

KEYSTONE
Für Fremdfinanzierungen sind kleine und mittlere
Unternehmen der Maschinen-, Elektro- und
Metallindustrie häufig auf Banken angewiesen.
nennen die Unternehmen die hohen Kredit- Unterschiedlich genutzte
kosten, zu viele geforderte Sicherheiten, ­Finanzierungsinstrumente
schlechte Erfahrungen bezüglich der Boni-
tätsdiskussionen oder dass sie den Be- Für die Fremdfinanzierung nutzen die ten. Ausserhalb dieser konsolidierten Sicht
willigungsprozess als kompliziert erlebt MEM-Firmen am häufigsten die klassischen auf Bankkredite ist die Leasingfinanzierung,
haben. Darüber hinaus wünschen sich einige Bankfinanzierungen. Konkret: 66 Unter- die mehr als jedes dritte Unternehmen be-
KMU von den Banken mehr technisches Ver- nehmen, oder rund 45 Prozent der Befrag- ansprucht, das populärste Finanzierungsins-
ständnis, um die Markt- und Produktchancen ten, nutzen einen kurz- und/oder langfris- trument. Die wichtigsten Finanzierungsinst-
korrekt zu beurteilen. tigen Bankkredit mit oder ohne Sicherhei- rumente für MEM-Unternehmen sind jedoch
die Innenfinanzierung sowie die Finanzierung
durch den Eigentümer – sei es in Form nicht
Abb. 2: Finanzierungsinstrumente von KMU der MEM-Industrie nach Wichtigkeit ausbezahlter Gewinne oder von Eigentümer-
Finanzierung aus Betriebstätigkeit darlehen (siehe Abbildung 2).
Einbehaltene Gewinne Wenngleich mit 15 Nennungen nur rund
Darlehen von Eigentümern 10 Prozent der Unternehmen Trade- und Ex-
Leasing portfinanzierungen nutzen, so verdient diese
Hypothekarkredit Zahl dennoch Beachtung. Denn gemäss Se-
Langfristiger Kredit (mit hinterlegten Sicherheiten) co-Studie wird dieses Instrument nur von 1
Kurzfristiger Kredit (ohne hinterlegte Sicherheiten)
Prozent der Schweizer KMU eingesetzt. Der
Kurzfristiger Kredit (mit hinterlegten Sicherheiten)
Grund: In der Seco-Studie haben zwei Drit-
Erhöhung Eigenkapital
tel der Unternehmen keine Exporttätigkeit.
ZHAW (2019) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Trade- und Exportfinanzierungen


Langfristiger Kredit (ohne hinterlegte Sicherheiten)
Bei den befragten MEM-KMU beträgt dieser
Venture Capital / Private Equity
Anteil allerdings nur 12 Prozent. Gut die Hälf-
Darlehen von Freunden / Verwandten te der Unternehmen erwirtschaftet mehr als
Mezzanine-Finanzierung 50 Prozent des Umsatzes im Ausland. Export-
Factoring finanzierungen stellen ein hilfreiches Instru-
0 % 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 ment für den Verkauf von Gütern dar. Schwei-
* Insgesamt 66 Unternehmen nutzen einen kurz- oder langfristigen Kredit mit oder ohne Sicherheiten. zer KMU können ihren Kunden mit einer sol-
Mehrfachnennungen sind möglich. Anzahl befragte Unternehmen: 145. chen Lösung einen Mehrwert bieten, welcher

40  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


UNTERNEHMENSKREDITE

den Nachteil des vergleichsweise hohen Ver- 37 Firmen auf Bankkredite. Die restlichen
kaufspreises wieder wettmacht. Unternehmen finanzieren Digitalisierungs-
projekte entweder vollständig mit selbst er-
Mehrheit ohne spezifische wirtschafteten Mitteln oder durch Darlehen
der Eigentümer.
­Finanzierungsstrategie
Unterscheiden die Unternehmen bei der Mit- Mehr Exportfinanzierungen
telbeschaffung auch zwischen verschiede-
nen Finanzierungszwecken wie der Finan-
­wünschenswert Andreas Schweizer
Dozent für Corporate Finance & Corporate
zierung von Betriebsmitteln, von Wachstum Indem die Unternehmen die Digitalisierungs- Banking, Institut für Financial M
­ anagement,
oder von Digitalisierungsprojekten? Und set- projekte mit eigenen Mitteln finanzieren, tra- ZHAW School of Management and Law,
zen sie dafür gezielt unterschiedliche Finan- gen sie korrekterweise den erhöhten Risiken Winterthur
zierungsinstrumente ein? Zwei Drittel der dieser Projekte Rechnung. Es ist jedoch zu
Unternehmen verneinen diese Frage, wobei beachten, dass nur eines von drei Unterneh-
kein Einfluss der Unternehmensgrösse auf men überhaupt eine Unterscheidung nach Fi-
diese Antwort nachgewiesen werden konnte. nanzierungszweck vornimmt. Die anderen
Das übrige Drittel der Unternehmen ver- Unternehmen mögen sich auf den Stand-
folgt für die Finanzierung der Betriebstätig- punkt stellen, wonach der Finanzierungsmix
keit eine spezifische Finanzierungsstrategie. ganzheitlich stimmen muss. Damit bleibt der
Rund 30 Prozent dieser KMU finanzieren die Fokus jedoch auf der Passivseite der Bilanz.
Betriebstätigkeit vollständig aus dem opera- Eine Verbindung mit der Aktivseite wäre da-
tiven Cashflow. Weitere 30 Prozent nutzen hin gehend ratsam, um die Risiken der Ver-
einen Bankkredit. Und die restlichen Unter- wendung schon bei der Mittelbeschaffung
Anne Marie Loch
nehmen stützen sich auf Privatdarlehen oder zu reflektieren. Das könnte hilfreich sein,
Controllerin Finanzen, Gebäudever­
haben ihr Eigenkapital erhöht. um brachliegendes externes Finanzierungs- sicherung Kanton Zürich (GVZ), Zürich
Von dem Drittel, das eine Strategie zur potenzial zu identifizieren und so eine nach-
Finanzierung der Betriebstätigkeit verfolgt, haltige Finanzierung sicherzustellen. Banken
haben aber nicht alle Unternehmen auch können so ihre Kunden gezielter begleiten,
spezifische Finanzierungsstrategien für sodass die Bonitätsdiskussion für beide Par-
Wachstums- oder Digitalisierungsprojekte. teien zu einem Mehrwert wird.
Die Zahl der Unternehmen, die über eine sol- Die Untersuchung der ZHAW zeigt ins-
che Strategie verfügen, liegt dort bei 42 res- gesamt, dass die Kreditversorgung von KMU
pektive 37. Die Wachstumsprojekte finanziert der MEM-Industrie grundsätzlich gegeben
nur gut jedes fünfte Unternehmen vollständig ist. Gleichzeitig ist es wünschenswert, dass
aus selbst erwirtschafteten Mitteln. In diesem Unternehmen in der MEM-Industrie ver-
Bereich ist die Abhängigkeit von externen mehrt Exportfinanzierungen in Betracht zie-
Kapitalgebern am grössten. Für die Finanzie- hen. Den Banken wird deshalb empfohlen, Ramona Graf
rung von Digitalisierungsprojekten stützen dieses Instrument mit exportorientierten Kreditanalystin Firmenkunden, Neue
­Aargauer Bank AG, Aarau
sich hingegen nur 16 Prozent der insgesamt KMU gezielt zu diskutieren.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  41
VERKEHRSKOSTEN

Die volkswirtschaftlichen Kosten


des Verkehrs
Die Teilnehmer des motorisierten Verkehrs zahlen den grössten Anteil der von ihnen
­verursachten Verkehrskosten selber. Aber: Die negativen Auswirkungen auf die Umwelt und
die Gesundheit von Dritten werden heute eher selten berücksichtigt. Dabei gibt es bereits
funktionierende Instrumente.  Alexandra Quandt, Christian Gigon

Abstract  Der Verkehr erzeugt vielfältige Nutzen für unsere Volkswirtschaft – aber Im Vergleich zu 2010 lagen die Gesamt-
auch hohe Kosten. Zu den volkswirtschaftlichen Kosten zählen neben den Ausgaben kosten des Verkehrs 2015 um 4 Prozent hö-
für Infrastrukturen und Verkehrsmittel auch die Kosten, die durch Luftverschmut- her (ohne Schifffahrt). Während die Kosten
zung, Lärm, Unfälle oder Treibhausgas-Emissionen entstehen. Das Bundesamt für des motorisierten Strassenverkehrs nur mo-
Statistik (BFS) quantifiziert diese Kosten jeweils mittels eines Vollkostenansatzes in derat zunahmen (+2%), fiel der Anstieg bei
der «Statistik der Kosten und der Finanzierung des Verkehrs». Gemäss dieser belie- der Luftfahrt (+14%) und beim Schienenver-
fen sich die Gesamtkosten des motorisierten Strassen-, Schienen-, Luft- und Schiffs- kehr (+12%) markanter aus. Hauptgrund für
verkehrs 2015 auf knapp 90 Milliarden Franken. Die Statistik zeigt auch, von wem die die starke Steigerung beim Luftverkehr war
Verkehrskosten getragen werden und in welchem Masse es durch die bestehenden der grosse Passagierzuwachs in der betrach-
politischen Massnahmen gelingt, die externen Kosten des Verkehrs zu internalisieren, teten Periode (+27%). Im Schienenverkehr
wobei die leistungsabhängige Schwerverkehrsabgabe gegenwärtig das effektivste hingegen war die Kostenzunahme nicht nur
Instrument ­darstellt. auf die gestiegenen Fahrgastzahlen und die
damit verbundenen Fahrplanverdichtungen
zurückzuführen. Auch Eisenbahngrosspro-

D  er Personen- und Güterverkehr bildet


eine unverzichtbare Grundlage für das
Funktionieren unserer Volkswirtschaft. Sein
zeigt, dass das Gros der Kosten, nämlich 80
Prozent bzw. 72 Milliarden Franken, durch
den motorisierten Strassenverkehr entsteht.
jekte wie der Gotthard-Basistunnel und In-
vestitionen in modernes Rollmaterial fielen
ins Gewicht. Beim Strassenverkehr dämpften
Nutzen ist zweifellos gross.1 Zugleich verur- Der Anteil des Schienenverkehrs beträgt 12 tiefere Unfall- und Treibstoffkosten den Kos-
sacht er aber auch hohe Kosten. Das Bundes- Prozent (11,0 Milliarden), jener des Luftver- tenanstieg. Gesamthaft stiegen die Verkehrs-
amt für Statistik (BFS) präsentiert in seiner kehrs 7 Prozent (6,4 Milliarden). Ungleich klei- leistungen beim Personenverkehr um 7 Pro-
«Statistik der Kosten und der Finanzierung ner sind mit einem Anteil von 0,4 Prozent (344 zent und beim Güterverkehr um 6 Prozent an.
des Verkehrs» (KFV-Statistik) eine Gesamt- Millionen Franken) die Kosten der Schifffahrt, Doch wer trägt diese Kosten? Hierzu
schau der volkswirtschaftlichen Kosten des zu der die öffentliche Personenschifffahrt auf unterscheidet die KFV-Statistik zwischen
Verkehrs in der Schweiz. 2015 beliefen sich den Seen und Flüssen sowie der Güterverkehr vier Kostenträgern: den Verkehrsnutzenden,
diese für die Verkehrsträger Strasse, Schie- auf dem Rhein gezählt werden. den Transportunternehmen, der öffentli-
ne, Luft und Wasser auf insgesamt 89,7 Mil- chen Hand (Bund, Kantone, Gemeinden) so-
liarden Franken. Darin inbegriffen sind neben Starkes Kostenwachstum wie der Allgemeinheit (siehe Abbildung 4).
den privaten Ausgaben für die Verkehrsmit- Als Allgemeinheit werden Drittpersonen be-
tel und die Verkehrsinfrastrukturen auch die
bei Zug und Flugzeug zeichnet, die von den negativen Folgen des
grösstenteils externen Kosten der Unfälle so- Die gesamthaft knapp 90 Milliarden Franken Verkehrs betroffen sind, ohne direkt an des-
wie der verkehrsbedingten Umwelt- und Ge- hohen Kosten des Verkehrs entstehen gröss- sen Nutzen teilzuhaben. Die Unterschei-
sundheitsschäden. tenteils durch die Anschaffung, den Betrieb dung zwischen öffentlicher Hand und All-
und den Unterhalt der Verkehrsmittel (59%). gemeinheit ist deshalb wichtig, weil die öf-
Hauptverursacher: Danach folgen die Ausgaben für die Verkehrs- fentliche Hand Kosten in der Regel bewusst
infrastrukturen (17%), die verkehrsbedingten übernimmt, während die Allgemeinheit un-
Personen­verkehr auf Strasse Schäden an Umwelt und menschlicher Ge- freiwillig belastet wird.
Die Gesamtkosten des motorisierten Ver- sundheit (13%) sowie die Unfallkosten (12%) Die Kosten des motorisierten Strassen-
kehrs werden zu gut drei Vierteln vom Perso- (siehe Abbildung 2). Zu den Umwelt- und verkehrs wurden 2015 zu 86 Prozent von den
nenverkehr und zu knapp einem Viertel vom Gesundheitsschäden zählen beispielswei- Verkehrsteilnehmenden selbst getragen. Jene
Güterverkehr verursacht (siehe Abbildung 1). se Erkrankungen infolge von Luftverschmut- des Luftverkehrs zu 81 Prozent. Dabei fällt
Die Aufschlüsselung nach Verkehrsträgern zung und Lärm, Klimaschäden aufgrund von auf, dass der private Verkehr stärker durch die
Treibhausgas-Emissionen, Landschaftsschä- Verkehrsteilnehmenden selbst finanziert wird
1 Eine Studie des Bundesamts für Raumentwicklung
(ARE) und des Bundesamts für Strassen (Astra) konnte den durch den Bau von Strassen und Bahnli- als der öffentliche Verkehr: So konnten im
aufzeigen, dass der Nutzen des Verkehrs dessen Kosten nien oder Externalitäten bei der Herstellung Schienenverkehr lediglich 46 Prozent der Ge-
deutlich überwiegt. Siehe: Bundesamt für Raument-
wicklung und Bundesamt für Strassen (2006). Die Nut-
und der Entsorgung von Fahrzeugen und Ver- samtkosten durch den Verkauf von Billetten
zen des Verkehrs. Synthese der Teilprojekte 1–4, Bern. kehrsinfrastrukturen (siehe Abbildung 3). und Abonnementen gedeckt werden. Hier

42  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


Abb. 1  Wo fallen die Kosten an? (2015)

89,7 Mrd. Franken


Gesamtkosten des motorisierten Verkehrs

Nach Verkehrsmittel Nach Verkehrsart

77%
Personenverkehr

80% 12% 7% 0,4% 23%


Güterverkehr
motorisierter Strassenverkehr Schienenverkehr Luftverkehr Schiffsverkehr

Abb. 2  Wofür fallen die Kosten an? (2015) Abb. 3  Soziale Umwelt- und Gesundheitskosten,
in Mrd. Franken (2015)
10
9,5
13% 12%
8

6
17%

59% 2

1,0 1,2
0,1
0
e

ft

r
se
en
ss

Lu

as
ra

hi

W
St

Sc

  Verkehrsmittel              Infrastruktur             Umwelt und Gesundheit             Unfälle   Luftverschmutzung              Lärm             Klima             übrige          

BFS, STATISTIK DER KOSTEN UND DER FINANZIERUNG DES VERKEHRS (KFV) / ARE, EXTERNE EFFEKTE DES VERKEHRS / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Abb. 4  Wer trägt die Kosten im Schienen- und im motorisierten Abb. 5  Private und externe Unfall-, Umwelt-, Gesundheits­
Strassenverkehr? (2015) kosten (2015)

Motorisierter Strassenverkehr Schienenverkehr Strasse


(Total: 72 Mrd. Franken) (Total: 11 Mrd. Franken) privater Personenverkehr
öffentlicher Personenverkehr
2% 2%
12% schwere Güterfahrzeuge
leichte Güterfahrzeuge
46%
43% Schiene
Personenverkehr
Güterverkehr
10%
Luft
Linien- und Charterflüge
(ohne allgemeine Luftfahrt)
0 20 40 60 80 100
Anteile, in %
86%
  direkt von den Verursachenden getragene Kosten              Internalisierungsbeiträge          
  externe Kosten

  Verkehrsnutzende              Allgemeinheit             Staat             Transportunternehmen


VERKEHRSKOSTEN

steuerte die öffentliche Hand mit 43 ­Prozent Schwerverkehrsabgabe (LSVA) eingeführt.2 beiträge. Mit den durch die private Stiftung
einen fast ebenso grossen Teil zur Deckung Seither müssen die Betreiber von Güterfahr- Klik verwalteten Mitteln werden lediglich 2
der Kosten bei wie die Verkehrsnutzenden. zeugen über 3,5 Tonnen eine distanz-, ge- Prozent der externen Kosten des motorisier-
Insgesamt investierten Bund, Kantone und wichts- und emissionsabhängige Gebühr ten Individualverkehrs internalisiert.
Gemeinden 2015 rund 4,7 Milliarden Franken entrichten. Die LSVA bietet damit einen fi- Für weitere Kostenbereiche, wie zum Bei-
in den Schienen- und weitere 1,9 Milliarden in nanziellen Anreiz, die negativen externen Ef- spiel Lärm oder lokale Luftverschmutzung
den öffentlichen Strassenverkehr. Sie taten fekte des schweren Strassengüterverkehrs zu durch Stickoxide und Feinstaub, sind bisher
dies, um die Grundversorgung im öffentli- minimieren. 2015 leisteten die Camionneu- nur im Flugverkehr Massnahmen umgesetzt
chen Verkehr sicherzustellen und um die Ver- re LSVA-Beiträge in Höhe von gesamthaft worden. Mit den emissionsabhängigen Start-
lagerung des Güterverkehrs auf die Schiene 1,4 Milliarden Franken (Reinertrag) und inter- und Landegebühren konnten 2015 ebenfalls
voranzutreiben. nalisierten damit Teile der vom Schwerver- 2 Prozent der externen Kosten des Flugver-
Gegenwärtig vermag also kein Verkehrs- kehr verursachten Unfall-, Umwelt- und Ge- kehrs internalisiert werden. Diese Beispiele
träger die von ihm verursachten Kosten voll- sundheitskosten sowie der Strassenschäden, zeigen, dass die KFV-Statistik wichtige Infor-
ständig selbst zu decken. Die externen Un- die aufgrund der grossen Fahrzeuggewichte mationen für die politische Meinungsbildung,
fall-, Umwelt- und Gesundheitsschäden be- im Schwerverkehr entstehen. die Wissenschaft und Forschung liefert. Sie
lasteten die Allgemeinheit (und in geringem Zwei Drittel des Reinertrages der LSVA ge- dient damit als Entscheidungsgrundlage für
Masse auch die öffentliche Hand) 2015 mit hen an den Bund, der dieses Geld vor allem die Verkehrspolitik und die Raumplanung in
insgesamt 11,3 Milliarden Franken. Diese Kos- zur Kofinanzierung von Eisenbahngrosspro- der Schweiz.
ten werden aufgrund fehlender Internalisie- jekten – wie etwa der Neat – einsetzt, um
rungsbeiträge nur teilweise von den Verursa- so die nötige Bahninfrastruktur für die Ver-
chenden gedeckt. Insbesondere im privaten lagerung des Strassengüterverkehrs auf die
motorisierten Personenverkehr auf der Stras- Schiene bereitzustellen. Das verbleiben-
se resultierten 7,2 Milliarden Franken an un- de Drittel erhalten die Kantone für den Aus-
gedeckten externen Kosten (entspricht 15% gleich der ungedeckten Kosten des Strassen-
der Gesamtkosten). Dies ist aus ökonomi- verkehrs.
scher Sicht problematisch, da die externen Die LSVA ist aktuell das einzige Politikins-
Kosten nicht in die private Konsumentschei- trument, das die externen Kosten des Ver- Alexandra Quandt
dung mit einbezogen werden und so mehr kehrs substanziell internalisiert und das da- Dr., Wissenschaftliche Mitarbeiterin,
Verkehrsleistungen nachgefragt werden, raus resultierende Marktversagen korrigiert. Sektion Mobilität, Bundesamt für Statistik
(BFS), Neuenburg
als gesamtgesellschaftlich gesehen optimal So werden die vom Schwerverkehr verur-
wäre. Gemäss volkswirtschaftlicher Theorie sachten externen Unfall-, Umwelt- und Ge-
entstehen dadurch Marktversagen und somit sundheitskosten zur Hälfte durch die LSVA
Ineffizienzen. internalisiert (siehe Abbildung 5 auf S. 43).3
Weitere Instrumente zur Internalisierung der
Externe Kosten internalisieren externen Effekte des Verkehrs, wie zum Bei-
spiel die Kompensationsleistungen der Mine-
Dieses Marktversagen kann mittels geeig- ralölimporteure, generieren mit 0,1 Milliarden
neter wirtschaftspolitischer Instrumen- Franken deutlich geringere Internalisierungs-
te korrigiert werden. Ein Beispiel dafür sind Christian Gigon
die Internalisierungsbeiträge im Strassen- 2 Siehe Schwerverkehrsabgabeverordnung (SR 641.811). Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sektion
3 Für weitere Informationen zur Berechnung der externen Mobilität, Bundesamt für Statistik (BFS),
güterverkehr: Im Jahr 2001 wurde infolge Kosten und der leistungsabhängigen Schwerverkehrs- Neuenburg
der Alpeninitiative die leistungsabhängige abgabe siehe Bundesamt für Raumentwicklung (ARE).

44  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


BILDUNG

Harmonisierung der Bildungsziele:


Ein Startbild
Verfügen Schüler in der Schweiz über die Grundkompetenzen, die mit der Harmonisierung
der Bildungsziele definiert wurden? Erste Erhebungen zeigen eine bereits recht hohe Überein­
stimmung zwischen den Kantonen bei den Sprachen und eine weniger harmonisierte Situation
in Mathematik.  Vera Husfeldt, Jeanine Füeg

Abstract  Die Bildungsziele in der obligatorischen Schule sollen zwischen den Kanto- Die Schweiz nimmt seit dem Jahr 2000 am
nen angeglichen werden. Ein wichtiger Schritt dahin war die Festlegung von nationa- «Programme for International Student Assess-
len Bildungszielen (Grundkompetenzen) für vier Fachbereiche durch die Schweizeri- ment» – kurz: Pisa-Studie – teil und erhält da-
sche Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) im Jahr 2011. Im Auftrag durch regelmässig wichtige Informationen zu
der EDK wurde 2016 und 2017 in zwei schweizweiten Erhebungen erstmals unter- den Leistungen der Schülerinnen und Schüler
sucht, wie gross der Anteil der Schülerinnen und Schüler ist, die einen Ausschnitt der im internationalen Vergleich. Doch weder die
2011 definierten Grundkompetenzen erreichen, und wie gross die Übereinstimmung Pisa-Studie noch irgendeine andere interna-
zwischen den Kantonen ist. Diese Untersuchungen fanden am Ausgangspunkt der tionale Studie sagen etwas aus über die Ziel-
Harmonisierung statt und zeichnen ein Startbild. Dabei zeigte sich, dass die Überein- harmonisierung der Kantone in der obligatori-
stimmung zwischen den Kantonen in den Sprachen grösser ist als in der Mathematik. schen Schule. Dazu braucht es eigene Instru-
mente, die sich auf die nationalen Bildungsziele
stützen. Die vielfältigen Kontextmerkmale, die

D  as Schweizer Stimmvolk hat sich 2006


deutlich für die neuen Bildungsartikel in
der Bundesverfassung ausgesprochen. Seit-
Gleichzeitig gehen die Lehrpläne aber über
die Grundkompetenzen hinaus und umfassen
auch alle anderen Fachbereiche und betreffen
in den beiden Studien erhoben wurden (sozia-
ler Hintergrund, Migrationsstatus, motivatio-
nale Aspekte etc.), erlauben vertiefte Analysen
her sind die Kantone unter anderem dazu alle Schuljahre. auf kantonaler Ebene. Mögliche Einflussfak-
verpflichtet, die Ziele der obligatorischen toren in Bezug auf die Schülerleistung lassen
Schule zu harmonisieren. Um dieser Ver- Drei Fächer analysiert sich damit nicht nur auf nationaler, sondern
pflichtung nachzukommen, haben sie bereits auch auf kantonaler Ebene besser beschrei-
verschiedene Massnahmen ergriffen. So hat Wie viele Schülerinnen und Schüler verfügen ben. Zusammen mit den Ergebnissen aus der
die Schweizerische Konferenz der kantonalen über die von der EDK definierten Grund- internationalen Pisa-Studie ergibt sich so ein
Erziehungsdirektoren (EDK) 2011 in den vier kompetenzen? Und wie gross ist die Überein- recht umfassendes Bild der erreichten Kompe-
Fächern Mathematik, Naturwissenschaften, stimmung bei den Bildungszielen zwischen tenzen im interkantonalen und im internatio-
Schulsprache und Fremdsprache nationale den Kantonen? Um diese Fragen zu be- nalen Vergleich.
Bildungsziele formuliert. Diese beschreiben, antworten, hat die EDK zwei Erhebungen
welche Grundkompetenzen die Schülerinnen durchgeführt. Ein erster Eindruck
und Schüler in den jeweiligen Fachbereichen Im Mai 2019 wurden die Ergebnisse ver-
an drei wichtigen Schnittstellen der obligato- öffentlicht. Sie haben schweizweit für eini- Die ersten Erhebungen im Auftrag der EDK
rischen Schule erwerben sollen.1 Grundkom- ges Aufsehen gesorgt. Erstmals liegen damit zur Überprüfung der Grundkompetenzen
petenzen umfassen grundlegende Fähigkei- nämlich Ergebnisse aus einer Leistungsmes- fanden 2016 und 2017 statt. 2016 wurde am
ten und Fertigkeiten sowie grundlegendes sung vor, die – anders als die internationa- Ende der obligatorischen Schule das Fach
Wissen in diesen Fächern. Im Grunde handelt le Pisa-Studie – rein schweizerische Instru- Mathematik geprüft und 2017 am Ende der
es sich also um den «Kern» der schulischen mente verwendet und detaillierte Aussagen Primarstufe die Schulsprache und die erste
Bildung. zu den einzelnen Kantonen ermöglicht. Da- Fremdsprache.
Mit den Grundkompetenzen haben sich bei beschränkten sich die Erhebungen auf Je nach Sprachregion und Kanton waren
die Kantone erstmals über die Sprachregio- drei Fachbereiche (Mathematik, Schulspra- die neuen Lehrpläne damals noch nicht oder
nen hinweg auf wichtige Ziele für die ob- che und Fremdsprachen) und auf zwei Jahr- noch nicht lange eingeführt. Auch die Anpas-
ligatorische Schule verständigt. Die nach gangsstufen (ca. 12- und 15-jährige Schülerin- sung der Lehrmittel und die entsprechen-
2011 entwickelten sprachregionalen Lehrplä- nen und Schüler, die sich jeweils am Ende der de Aus- und Weiterbildung der Lehrperso-
ne basieren auf diesen Grundkompetenzen. Primarschule resp. der Sekundarstufe I be- nen sind noch ein laufender Prozess. Folglich
finden). Die Ergebnisse dieser Leistungsmes- erlauben die Ergebnisse dieser ersten Erhe-
1 Die EDK hat Grundkompetenzen für die vier genannten sung dienen unter anderem als Indikator für bungen zwar Aussagen zur Zielharmonisie-
Bereiche festgelegt, die bis am Ende des 4., des 8. und
des 11. Schuljahres der obligatorischen Schule erwor- den Grad der Harmonisierung zwischen den rung, jedoch geben sie nur ein erstes Bild da-
ben werden sollen. Da der Fremdsprachenunterricht in Kantonen. Mit diesen Resultaten kann auch von. Dieses kann sich im Zuge der weiteren
der Regel erst nach dem 4. Schuljahr beginnt, sind für
die Fremdsprachen nur Grundkompetenzen am Ende
Rechenschaft gegenüber dem Verfassungs- Entwicklungen und bei späteren Erhebungen
des 8. und des 11. Schuljahres festgelegt worden. auftrag abgelegt werden. noch verändern.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  45
BILDUNG

ton und Fach sind die Unterschiede zwischen


zwei Schülergruppen (z. B. Schülerinnen mit
und ohne Migrationshintergrund) statistisch
signifikant oder nicht signifikant.
Die ersten Erhebungen konnten ein Start-
bild der Situation zu Beginn des Harmonisie-
rungsprozesses vermitteln. Weitere Überprü-
fungen der Grundkompetenzen werden die-
ses Bild ergänzen. Solche sind für 2020 und
2022 geplant: 2020 im Bereich Sprachen am
Ende der obligatorischen Schule und 2022
im 4. Schuljahr, wobei noch nicht entschie-
den wurde, in welchen Fachbereichen. Die-
se Überprüfungen geben kontinuierlich Aus-
kunft über den Stand der Harmonisierung,
indem sie messen, ob die Grundkompeten-
zen erreicht werden und ob es dabei kanto-
nale Unterschiede gibt. Auf diese Weise kann

KEYSTONE
regelmässig bilanziert werden, inwieweit der
Verfassungsauftrag zur Harmonisierung der
Rund zwei Drittel der Primarschüler erreichen
beim Leseverständnis im Französischunter- Bildungsziele erreicht wird.
Zu Beginn des Harmonisierungsprozesses richt die angestrebten Grundkompetenzen. Die Resultate aus den Erhebungen flies-
bewertet die EDK den Harmonisierungsgrad sen zusammen mit den Erkenntnissen aus
zwischen den Kantonen im Bereich Sprachen vielen anderen Studien ins Bildungsmonito-
als recht hoch. Auch der Anteil der Schülerin- und teilweise noch gültigen kantonalen Lehr- ring ein. Das Bildungsmonitoring Schweiz ist
nen und Schüler, welche die Grundkompe- pläne der obligatorischen Schule erklärt wer- die systematische und auf Dauer angelegte
tenzen erreichen, ist mehrheitlich hoch: Im den. Diese sind (resp. waren) bei den Spra- Beschaffung und Aufbereitung von Informa-
schweizerischen Mittel erreichen 88 Prozent chen stärker harmonisiert als in der Mathe- tionen über das Schweizer Bildungssystem
der Schülerinnen und Schüler am Ende der matik. und dessen Umfeld. Das Bildungsmonitoring
Primarstufe die Grundkompetenzen im Be- Schweiz wird von der EDK und dem Eidge-
reich Lesen in der Schulsprache. Bei der Or- Weitere Überprüfungen geplant nössischen Departement für Wirtschaft, Bil-
thografie in der Schulsprache sind es je nach dung und Forschung (WBF) verantwortet. Die
Sprachregion zwischen 80 und 89 Prozent. In Es ist davon auszugehen, dass die zu- von der EDK in Auftrag gegebenen Erhebun-
der ersten Fremdsprache (Deutsch, Franzö- nehmende Anwendung von gemeinsamen gen zu den Grundkompetenzen stellen einen
sisch oder Englisch) erreichen rund 90 Pro- Lehrplänen oder weiterentwickelten Lehr- Beitrag zum Bildungsmonitoring dar. Sowohl
zent die Grundkompetenzen im Hörverste- mitteln das Erreichen der Bildungsziele wei- die Erkenntnisse aus der Überprüfung des Er-
hen, während der Anteil beim Leseverste- ter harmonisieren wird. Noch nicht ab- reichens der Grundkompetenzen als auch
hen etwas niedriger ist (Französisch 65%, schliessend geklärt ist jedoch die Frage des jene aus zusätzlichen vertiefenden Analysen
Deutsch 72% und Englisch 86%). Anspruchsniveaus in der Mathematik. Eine und Studien werden erstmals 2022 in den
Einschätzung von Fachpersonen nach der Bildungsbericht aufgenommen. Sie ergän-
Harmonisierung voranschreiten Testdurchführung hatte ergeben, dass die zen damit das Wissen über das gesamte Bil-
Grundkompetenzen – bzw. die daraus ab- dungssystem und dienen dessen Weiterent-
Grösser sind die Unterschiede zwischen den geleiteten Aufgaben zur Überprüfung der wicklung.
Kantonen im Fach Mathematik am Ende der Grundkompetenzen in Mathematik – recht
obligatorischen Schule: Der Anteil der Schü- anspruchsvoll sind. Eine Kommission der EDK Vera Husfeldt
lerinnen und Schüler, die in diesem Fach die wird dieser Frage nachgehen. Dr., Beauftragte für Qualitätsentwicklung
(bis September 2019) und Projektleiterin
Grundkompetenzen erreichen, schwankt je In den wissenschaftlichen Berichten zu
der Erhebungen 2016 und 2017, General­
nach Kanton zwischen 43 und 83 Prozent. Der den Erhebungen wurde auch untersucht, ob sekretariat der Schweizerischen Konfe­
gesamtschweizerische Anteil liegt bei 62 Pro- individuelle Merkmale der Schülerinnen und renz der kantonalen Erziehungsdirektoren
zent. Im Vergleich zu den anderen Fächern Schüler – wie Geschlecht, soziale Herkunft, (EDK), Bern
erreichen in der Mathematik also weniger Migrationsstatus und zu Hause gesproche-
Schülerinnen und Schüler die angestrebten ne Sprache – einen Effekt auf die Ergebnisse Jeanine Füeg
Grundkompetenzen. haben könnten. Die Autorengruppe kommt Wissenschaftliche Mitarbeiterin, General­
Die Unterschiede in den Ergebnissen zwi- zum Schluss, dass ein solcher Effekt zwar sekretariat der Schweizerischen Konfe­
schen Mathematik und Sprachen können zu existiert, dass die Merkmale aber nicht über- renz der kantonalen Erziehungsdirektoren
(EDK), Bern
einem gewissen Grad durch die bisherigen all gleich wirken. Anders gesagt: Je nach Kan-

46  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


KEYSTONE

Arbeitszeit im digitalen Zeitalter


Homeoffice, Teilzeit und Vertrauensarbeitszeit: Die Digitalisierung hebelt den klassi­
schen Arbeitsbegriff aus. Die Grenzen zwischen Beruf und Freizeit verschwimmen. Einige
erhoffen sich davon eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, andere beklagen
zunehmende Burn-outs und Überstunden. Was stimmt? Arbeiten wir immer mehr?
ARBEITSZEITEN

Arbeitszeit in der Schweiz


seit 20 Jahren rückläufig
Pro Arbeitsstelle ist die Arbeitszeit in der Schweiz in den letzten 20 Jahren stark zurück­
gegangen. Der Hauptgrund ist die Zunahme der Teilzeitarbeit – auch bei den Männern. 
Rongfang Li

Abstract    Teilzeitarbeit und Ferientage haben zu einem Rückgang der Arbeitszeit che Unternehmen und Gesamtarbeitsverträ-
geführt: Im Jahr 2018 wurden pro Arbeitsstelle 18 Tage weniger gearbeitet als 1998. ge den Arbeitnehmenden ab 50 Jahren min-
Hauptverantwortlich dafür sind Teilzeitarbeit, die besonders bei Frauen stark verbrei- destens fünf Wochen Ferien gewähren. Bei
tet ist, sowie mehr Ferientage. Teilzeitarbeit und flexible Arbeitszeitmodelle sorgen den 15- bis 19-Jährigen beträgt die Feriendau-
für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Allerdings ist der Anteil der er 5,4 Wochen. Gemäss Obligationenrecht
Arbeitnehmenden mit flexiblen Arbeitszeitmodellen je nach Geschlecht und Natio- haben Arbeitnehmende bis zum 20. Alters-
nalität, Beruf oder Wirtschaftsbranche sehr unterschiedlich. Arbeitnehmende in Be- jahr das Recht auf mindestens fünf und da-
rufen mit hohen Qualifikationsanforderungen und mit flexiblen Arbeitszeiten leisten nach auf vier Wochen Ferien.
überdurchschnittlich viele Überstunden.
Flexible Arbeitszeiten nehmen zu

I  n den letzten 20 Jahren ist die jährliche


Arbeitszeit pro Beschäftigung wie in den
meisten europäischen Ländern auch in der
Freiwilligenarbeit, Weiterbildung, Freizeit-
aktivitäten zur Verfügung. Zudem kann
eine Teilzeitstelle den Wiedereinstieg in den
Parallel zur Teilzeitarbeit sind auch flexible
Arbeitszeitmodelle in der Schweiz seit eini-
gen Jahren im Trend. Dank flexibler Arbeits-
Schweiz merklich zurückgegangen (siehe Ab- Arbeitsmarkt nach einer Familienpause er- zeitmodelle lassen sich Beruf und Privatle-
bildung 1 auf S. 50). Sie hat sich um 150 Stunden leichtern. ben besser vereinbaren sowie Arbeitszeitre-
beziehungsweise 18 Arbeitstage verringert. Im Verlauf der vergangenen 20 Jahre ist duktionen und Stellenwechsel vermeiden. Sie
Diese Abnahme ist auf den konstanten An- der Anteil der Frauen auf dem Arbeitsmarkt können den Unternehmen zudem die Rekru-
stieg der Teilzeitarbeit sowie mehr Ferientage gestiegen, und der Unterschied zwischen tierung erleichtern.
zurückzuführen (siehe Abbildung 2 auf S. 50). den Geschlechtern, was das Stellenpensum Im Jahr 2018 verfügten 45 Prozent der
Zwischen 1998 und 2018 nahm Teilzeit- betrifft, hat sich reduziert. Allerdings bleibt Arbeitnehmenden über flexible Arbeitszei-
arbeit bei beiden Geschlechtern zu: Bei den ein gewisses Arbeitskräftepotenzial unge- ten: Das sind 3 Prozentpunkte mehr als 20
erwerbstätigen Frauen stieg der Anteil um nutzt: Im vergangenen Jahr waren 356 000 Jahre zuvor. Als «flexibel» gelten alle Modelle,
5 Prozentpunkte auf 59 Prozent, bei den er- Teilzeiterwerbstätige «unterbeschäftigt». bei denen der Arbeitsbeginn und das Arbeits-
werbstätigen Männern verdoppelte er sich Damit sind Teilzeiterwerbstätige gemeint, die ende nicht festgelegt sind. Beispiele sind Wo-
innerhalb von 20 Jahren von 9 Prozent auf mehr arbeiten möchten und kurzfristig ver- chen-, Monats- und Jahresarbeitszeit mit
18 Prozent. Weiterhin ist Teilzeitarbeit bei den fügbar sind. Insgesamt waren 7,3 Prozent der oder ohne Blockzeiten.
Frauen somit dreimal häufiger verbreitet als Erwerbsbevölkerung unterbeschäftigt, das Am stärksten verbreitet sind flexible
bei den Männern.1 sind 1,5 Prozentpunkte mehr als 15 Jahre zu- Arbeitszeiten bei Berufen mit den höchsten
Im europäischen Vergleich ist Teilzeit- vor. Qualifikationsanforderungen (Führungskräf-
arbeit in der Schweiz überdurchschnittlich te: 77%), am geringsten bei Berufen mit den
verbreitet. Wenn man die durchschnittliche Mehr Ferien als früher niedrigsten Anforderungen (Hilfsarbeitskräf-
wöchentliche Arbeitszeit für Vollzeit- und te: 23%). Dieser Anteil steigt mit der Unter-
Teilzeiterwerbstätige berechnet, sind die wö- Der zweite Grund für den Arbeitszeitrück- nehmensgrösse: Während er bei den Mik-
chentlichen Arbeitszeiten in der Schweiz ge- gang pro Beschäftigten in den vergangenen rounternehmen 39 Prozent beträgt, liegt er
ringer als im Durchschnitt der EU. Setzt man 20 Jahren ist die Zunahme der Zahl der Fe- bei kleinen und mittleren Unternehmen bei
hingegen das Gesamtvolumen der geleisteten rientage: Im Vergleich zu 1998 können die Er- 44 Prozent und bei Grossunternehmen bei
Arbeitsstunden ins Verhältnis zur Gesamtbe- werbstätigen heute im Durchschnitt 2,5 Fe- 48 Prozent.2 Unterschiede gibt es auch zwi-
völkerung ab 15 Jahren, liegt die Schweiz auf- rientage mehr pro Jahr beziehen. Während schen den Wirtschaftsbranchen. Im Gastge-
grund der hohen Erwerbstätigenquote – hin- Arbeitnehmenden im vergangenen Jahr 5,2 werbe verfügt lediglich jeder sechste Arbeit-
ter Island – europaweit an der Spitze. Wochen pro Jahr zur Verfügung standen, wa- nehmende über flexible Arbeitszeiten. Der-
Was sind die Gründe für die wachsende ren es bei den Selbstständigerwerbenden 3,6 weil ist der Anteil an flexiblen Arbeitszeiten
Beliebtheit von Teilzeitarbeit? Teilzeitarbei- Wochen. mit jeweils über 70 Prozent in den Bran-
tenden steht mehr Zeit für nicht berufliche Die Feriendauer ist altersabhängig. Die chen «Kredit- und Versicherungsgewerbe»,
Tätigkeiten wie Haus- und Familienarbeit, 20- bis 49-Jährigen haben 4,9 Wochen Ferien
pro Jahr. Am meisten Ferien stehen den 50- 2 Mikrounternehmen: <10 Beschäftigte; kleine und
1 Sake, siehe BFS (2019): Teilzeiterwerbstätigkeit in der mittlere Unternehmen: 10 bis 249 Beschäftigte;
Schweiz, BFS Aktuell vom 17. Januar 2019.
bis 64-Jährigen (5,7 Wochen) zu, da zahlrei- ­Grossunternehmen: ≥ 250 Beschäftigte.

48  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


Mehr Zeit für Hobbys: Der Anteil
Teilzeitarbeitender steigt seit Jahren.

KEYSTONE
ARBEITSZEITEN

Die tatsächliche wöchentliche Arbeits-


Abb. 1: Entwicklung der tatsächlichen jährlichen Arbeitszeit pro Beschäftigung
zeit der Vollzeitarbeitnehmenden lag in der
(1998–2018)
Schweiz im vergangenen Jahr bei 41,1 Stun-
1650   Stunden pro Jahr den. Im Unterschied zu den oben erwähnten
Werten wird hier die tatsächliche Arbeitszeit
1600
anhand der einzelnen Komponenten ausge-
wiesen (vertraglich festgelegte Arbeitsstun-
den, Überstunden und Absenzen). Klammert
1550
man den Primärsektor aus, in dem die Arbeit-

BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


nehmenden mit 45,8 Stunden am längsten
1500 arbeiten, belegen die Branchen «Gastgewer-
be» (42,1 Stunden), «Freiberufliche, wissen-
schaftliche und technische Dienstleistun-
1450
1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018
gen» (41,9 Stunden) sowie «Kredit- und Versi-
cherungsgewerbe» (41,6 Stunden) die ersten
  Unbereinigte Zeitreihe           Kalenderbereinigte Zeitreihe drei Plätze.
Auch in Bezug auf die Altersklasse und
die berufliche Stellung bestehen Unterschie-
Abb. 2: Ferienwochen und Teilzeitarbeit (1998–2018) de. So weisen die 45- bis 54-Jährigen bei den
Vollzeitarbeitenden die höchste tatsächli-
5,76    Wochen pro Jahr In %   38
che Arbeitszeit auf. Sie arbeiten im Durch-
schnitt rund 2 Stunden mehr pro Woche als
5,52 36
die 15- bis 24-Jährigen (ohne Lernende), bei
denen die niedrigste Arbeitszeit verzeich-
5,28 34 net wird. Aufgeschlüsselt nach beruflicher
Stellung, ist die durchschnittliche Arbeits-
5,04 32 zeit bei den Selbstständigerwerbenden am
BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

höchsten (49,5 Stunden). Dahinter folgen die


4,8 30 Arbeitnehmenden in der Unternehmenslei-
tung (44,0 Stunden), jene mit einer leitenden
4,56 28 Funktion (41,5 Stunden) und solche ohne lei-
tende Funktion (40,5 Stunden).
0

6
4

8
02

10

16
98

14

18
12
0
0

0
0

Teilzeitarbeit, flexiblere Arbeitszeiten und


20

20
20

20
20
20

20
20

20
20
19

  Anzahl Ferienwochen von Vollzeitarbeitnehmenden (linke Skala)           Anteil Teilzeiterwerbstätige (rechte Skala) mehr Ferientage steigern die bessere Ver-
einbarkeit von Privat- und Berufsleben. Al-
lerdings gibt es bei der Teilzeitarbeit grosse
«­Information und Kommunikation» sowie Stunden. Demgegenüber wirken sich flexible Unterschiede nach Geschlecht, Familiensitu-
«Freiberufliche, wissenschaftliche und tech- Arbeitszeiten bei den Berufen mit den nied- ation, Altersgruppe oder Beruf. Zudem gelten
nische Dienstleistungen» am höchsten. Bei rigsten Qualifikationsanforderungen kaum flexible Arbeitszeiten nicht für alle Berufs-
Männern, insbesondere bei Schweizern, sind auf die Zahl der Überstunden aus. gruppen und Wirtschaftsbranchen im glei-
flexible Arbeitszeiten stärker verbreitet (55% chen Masse. Auch führen flexible Arbeits-
gegenüber 39% bei Ausländern) als bei Frau- Mehr als 41 Stunden pro Woche zeiten zu einem Anstieg der Überstunden
en (42% bei Schweizerinnen, 33% bei Auslän- bei Hochqualifizierten. Gleichzeitig steht die
derinnen). Betrachtet man nur die Arbeitnehmenden, Schweiz bei den wöchentlichen Arbeitsstun-
Die Arbeitszeitmodelle beeinflussen die die 100 Prozent arbeiten, steht die Schweiz den der Vollzeitbeschäftigten europaweit an
Zahl der Überstunden, die jedoch je nach zusammen mit Island europaweit an der Spit- der Spitze.
beruflicher Stellung unterschiedlich hoch ze: Im Jahr 2018 betrug die wöchentliche
ausfällt. Bei den Berufen mit den höchs- Arbeitszeit 42,5 Stunden.4 Am wenigsten lang
ten Qualifikationsanforderungen leisten arbeiten Vollzeitarbeitnehmende mit 37,6
Arbeitnehmende mit flexiblen Arbeitszei- Stunden in Frankreich; der Durchschnitt der
ten systematisch mehr Überstunden3 als sol- EU-28-Staaten liegt bei 39,3 Stunden. Diese
che mit festen Arbeitszeiten. So weisen Füh- Werte beruhen auf von Eurostat publizierten
rungskräfte mit flexiblen Arbeitszeiten 1,25 Daten, die im Rahmen der Arbeitskräfteerhe-
Überstunden pro Woche mehr auf als diejeni- bungen erfasst wurden. Als Basis dienen da-
gen mit festen Arbeitszeiten. Bei den akade- bei die in der Referenzwoche tatsächlich ge-
mischen Berufen beträgt der Unterschied 0,5 leisteten Arbeitsstunden. Rongfang Li
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Sektion
3 Als Überstunden gelten hier die während des Jahres 4 Eurostat und Sake, siehe BFS (2019): Rund 7,9 Milliarden Arbeit und Erwerbsleben, Bundesamt für
nicht durch Ferien oder Gleitzeit kompensierten (be- Arbeitsstunden im Jahr 2018, Medienmitteilung vom Statistik (BFS), Neuenburg
zahlten oder unbezahlten) Überstunden. 23. Mai 2019.

50  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


DOSSIER

Arbeitszeit bei Hausangestellten und


­Homeoffice: Wann ist Feierabend?
Die Grenze zwischen Arbeitszeit und Privatleben verschwimmt zunehmend, vor allem wenn
die Arbeit zu Hause verrichtet wird. Zum Schutz von Hausangestellten, die in privaten Haus­
halten arbeiten, gibt es zwar Lösungen. Doch bei der Telearbeit ist man noch weit von einem
Konsens entfernt.  Karine Lempen

Abstract  Arbeitszeit oder Ruhezeit? Diese brennende Frage stellt sich für zwei sehr gesetzes ausgenommen. Die Regeln für die
unterschiedliche Arbeitsformen immer häufiger: für die Hausarbeit, die von einer im von Hausangestellten geleistete Arbeitszeit
Haushalt des Arbeitgebers lebenden Person verrichtet wird (Live-in), und für die Tele- sind somit in den kantonalen Normalarbeits-
arbeit, bei der mithilfe digitaler Hilfsmittel von zu Hause aus gearbeitet wird (Home­ verträgen (NAV) zu finden, von denen aller-
office). In beiden Fällen verschwimmt die Grenze zwischen Berufs- und Privatleben zu- dings abgewichen werden kann. Wer einen
nehmend. Um Hauspersonal besser vor dem Risiko eines berufsbedingten Burn-outs Einzelarbeitsvertrag unterzeichnet, darf bei-
zu schützen, hat die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) vor Kurzem Regeln ver- spielsweise eine längere Arbeitszeit verein-
abschiedet. Bei den Vorschlägen zur besseren Regelung von Telearbeit gehen die Mei- baren, als dies im NAV vorgesehen ist.
nungen hingegen weit auseinander. Gleichzeitig werden in allen politischen Lagern Das Staatssekretariat für Wirtschaft
Stimmen laut, die sich für die Verringerung von arbeitsbedingtem Stress und für eine (Seco) hat kürzlich zuhanden der Kanto-
bessere Work-Life-Balance starkmachen. ne einen Modell-NAV für die 24-Stunden-­
Betreuung erarbeitet. Dieser Modell-NAV
ergänzt die kantonalen Normalarbeitsver-

W  as soll bei Arbeitnehmern, die einen


Teil oder ihre gesamte Tätigkeit
in einem privaten Haushalt ausüben, als
ihre Gesundheit. Zudem besteht das Risi-
ko der sozialen Isolation, was auch für das
Privatleben negative Folgen hat.2 Angesichts
träge für Arbeitnehmer im Haushaltsdienst
gemäss Artikel 359 Obligationenrecht. Er
legt fest, dass die Arbeitnehmer für die
Arbeitszeit gelten?1 Diese Frage stellt sich dessen hat sich die Internationale Arbeits- Zeit, in der sie sich im Wohnhaus der zu be-
vor allem für zwei moderne Arbeitsformen: organisation (IAO) mit einem ihrer jüngsten treuenden Person aufhalten, «ohne dass
für die Hausarbeit, die von einer im Haushalt Übereinkommen der Arbeitsbedingungen ein aktiver Arbeitseinsatz erfolgt, während
des Arbeitgebers lebenden Person verrichtet beim Haushaltsdienst angenommen. der sie sich aber der zu betreuenden Person
wird (Live-in), und für die Telearbeit, bei der Das 2011 verabschiedete IAO-Überein- zur Verfügung halten müssen», Anspruch
mithilfe digitaler Hilfsmittel von zu Hause aus kommen Nr. 189 über menschenwürdige auf eine gemäss Betreuungsintensität ab-
gearbeitet wird (Homeoffice). Arbeit für Hausangestellte präzisiert ins- gestufte Entlöhnung haben.
In beiden Fällen kann die unscharfe Ab- besondere den Begriff der Arbeitszeit. Dem- Weiter legt der Modell-NAV des Seco auch
grenzung zwischen Arbeits- und Ruhezeit zufolge gehören auch Zeiten dazu, in denen neue Standards für die Arbeitszeiterfassung
dazu führen, dass die Angestellten sich ver- Hausangestellte zwar keine konkrete Leis- fest. So sieht er etwa vor, dass wöchentlich
pflichtet fühlen, ständig verfügbar zu sein. tung erbringen, aber auch nicht frei über eine detaillierte Arbeitszeitdokumentation
Teilweise sind sie bereit, einer allfälligen ihre Zeit verfügen können, weil sie sich dem durch alle Vertragsparteien zu visieren ist.
Aufforderung des Arbeitgebers rund um die Arbeitgeber zur Verfügung halten müssen.3 Die Kantone Genf, Waadt und Wallis haben in
Uhr nachzukommen, was auf Kosten ihrer Die IAO-Empfehlung 201 rät den Staaten, die ihren Normalarbeitsverträgen für den Haus-
Gesundheit und ihres Privatlebens geht. Höchstzahl der Stunden, während derer von haltsdienst beispielsweise bereits eine Pflicht
Hausangestellten Bereitschaftszeiten ver- zur Arbeitszeiterfassung eingeführt. Eine
Rahmen für H
­ ausarbeit langt werden können, festzulegen. Zudem solche Pflicht entspricht der IAO-Empfeh-
sollen sie auch die Art und Weise, wie diese lung 201 und erleichtert den Nachweis der
Deshalb wurden vor Kurzem Regeln ver- gemessen werden könnten, definieren.4 Die Arbeitsstunden.
abschiedet, um das Hauspersonal bes- Arbeitszeiten, einschliesslich der Bereit-
ser vor dem Risiko einer berufsbedingten schaftszeiten, sollten genau aufgezeichnet Schwierige Abgrenzung
Erschöpfung zu schützen. Die Hausan- werden.5
gestellten, die im Haushalt des Arbeitgebers Die Schweiz hat das Übereinkommen Die Arbeitsinspektorate sind nicht befugt,
leben, gehören weltweit zu den Arbeit- Nr. 189 im Jahr 2014 ratifiziert. Hierzulande hat private Haushalte zu betreten, um die korrek-
nehmern mit den längsten und unberechen- der Gesetzgeber die privaten Haushaltungen te Anwendung des NAV für das Hauspersonal
barsten Arbeitszeiten. Der dadurch ent- jedoch vom Geltungsbereich des Arbeits- zu kontrollieren. Das Gleiche gilt für die Tele-
stehende Schlafmangel verschlechtert klar arbeitenden. Trotzdem: Die zwingenden Vor-
2 IAO (2014), S. 4–5. schriften des Arbeitsgesetzes zur Dauer und
3 Art. 10 Abs. 3 Ü189.
1 Für eine detaillierte Analyse siehe Lempen und Major 4 Ziff. 9 Abs. 1 E201.
Erfassung der Arbeitszeit sind grundsätzlich
(2019). 5 Ziff. 8 Abs. 1 E201. auch auf die Telearbeit anwendbar.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  51
ARBEITSZEITEN

Die Europäische Stiftung zur Verbesserung an, unter anderem jenes des Gesundheits- der Mangel an Betreuungsstrukturen und
der Lebens- und Arbeitsbedingungen (Eu- schutzes: Einige sind der Ansicht, mehr deren Kosten sorgen dafür, dass eine be-
rofound) und das Internationale Arbeits- Autonomie würde zur Stressreduktion bei- zahlte Beschäftigung immer häufiger auch
amt (IAA) weisen darauf hin, dass Telearbeit tragen; für andere wiederum würde eine De- mit unentgeltlicher Betreuungsarbeit für
häufig zu längeren Arbeitszeiten führt.6 Das regulierung der unbegrenzten Verfügbarkeit Angehörige kombiniert werden muss. Vor
scheint durchaus logisch, vor allem wenn die Tür und Tor öffnen und so zwangsläufig zu diesem Hintergrund werden nicht nur in
Telearbeit zur vereinbarten Arbeitszeit hinzu- Burn-outs führen. der Schweiz die Arbeitszeitstandards neu
kommt. In der Praxis ist die Grenze zwischen Auch das Argument der Vereinbarkeit von definiert.
formeller Telearbeit (anstelle der Arbeit im Beruf und Privatleben wird von beiden Lagern In Bezug auf den Gesundheitsschutz
Büro) und informeller Telearbeit (die zusätz- bemüht. Die einen betonen, wie wertvoll es und die Gleichstellung von Mann und Frau
lich geleistet wird) nicht einfach zu ziehen. sei, auch sonntags an einem Dossier weiter- macht die IAO die Regierungen vor allem auf
Vor allem wenn die vereinbarte Arbeitszeit arbeiten zu können und trotzdem zu Hause eines aufmerksam: Lösungen, die auf tripar-
nicht ausreicht, um die vom Unternehmen präsent zu sein. Doch die Gegenseite kontert, titer Ebene – also unter Einbezug der Sozial-
definierten Ziele zu erreichen, ist es häufig dass es dem Familienleben nicht gerade zu- partner – auszuhandeln sind, sollten es den
schwierig, zu sagen, ob die von zu Hause aus träglich sei, wenn eine Person zwar zu Hause Arbeitnehmenden erlauben, ihre Arbeits-
geleisteten Stunden angeordnet sind, tole- ist, aber bei ihrer am Sonntag verrichteten zeiten unter Berücksichtigung der Bedürf-
riert oder heimlich verrichtet werden. Arbeit nicht gestört werden möchte. nisse nachhaltiger Unternehmen stärker mit-
Anders als bei den Regeln, die für einen bes- zubestimmen.10
seren Schutz von Hauspersonal verabschiedet Mehr Zeitsouveränität
wurden, herrscht bei den Vorschlägen für eine 10 IAO (2018) Ziff. 927.
bessere Regelung der Telearbeit mit digitalen Die von der Stiftung Eurofound analysierten
Hilfsmitteln von zu Hause aus alles andere als Studien zeigen, dass die Beziehung zwischen
Einigkeit. Auf der einen Seite fordern einige Telearbeit und Work-Life-Balance komplex
Parteien vom Parlament die Einführung eines ist. Je nach Form der Telearbeit fallen die Er-
Rechts zum Abschalten von Kommunikations- kenntnisse unterschiedlich aus. So kann
geräten7 nach französischem oder belgischem Telearbeit einerseits die Arbeit im Büro ganz
Vorbild sowie eine systematische Dokumen- oder teilweise ersetzen. Andererseits kann
tation von Telearbeit, die mit digitalen Hilfs- es sich dabei auch um informelle Telearbeit
mitteln geleistet wurde. Auf der anderen Seite handeln, die oft unentgeltlich und zusätz-
befürworten verschiedene Parteien mehr Ge- lich zu den vereinbarten Stunden geleistet Karine Lempen
staltungsfreiheit bei den Standards für die wird. Die Verbesserung der Work-Life-Balan- Professorin für Arbeitsrecht, Universität
Genf
Arbeit im Homeoffice.8 ce wird regelmässig als einer der Hauptvor-
teile dieser Arbeitsform genannt. Angesichts
der schwierigen Abgrenzung kann sie aber Literatur
Sehr unterschiedliche Ansichten Eurofound und IAO (2017). Working Anytime, Anywhere:
auch dazu führen, dass Haushaltsaufgaben
The Effects on the World of Work.
Die verschiedenen Vorschläge der Partei- vernachlässigt werden und es zu Konflikten Eurofound (2019). Digital Age. Further Exploring the
en führen teilweise die gleichen Argumente in der Familie kommt. Das Risiko von Span- Working Conditions of ICT-Based Mobile Workers and
Home-Based Teleworkers.
nungen ist besonders hoch, wenn die arbeit- Internationale Arbeitsorganisation IAO (2014). Temps de
6 Eurofound und IAO (2017), S. 21–22; Eurofound (2019), nehmende Person in ihrer Freizeit für das travail des travailleurs domestiques logés chez l’employ-
S. 31–32. eur, Informationsnotiz Nr. 7.
7 Siehe z. B. Motion 17.3201 Mazzone (Grüne Fraktion), Unternehmen arbeitet.9 Internationale Arbeitsorganisation IAO (2018). Garantir un
«Abschalten ausserhalb der Arbeitszeit. Den recht- Die höhere Beteiligung von Frauen im temps de travail décent pour l’avenir.
lichen Rahmen für die technologischen Veränderungen Lempen, Karine und Major Marie (2019). Les normes de
am Arbeitsplatz festlegen», erledigt. Arbeitsmarkt, die Überalterung sowie l’OIT et les discours sur le temps de travail en Suisse,
8 Siehe insbesondere die parlamentarische Initiati- erschienen in: Stéphanie Dagron, Anne-Sylvie Dupont
ve 16.484 Burkart (FDP-Liberale Fraktion), «Mehr und Karine Lempen (Hrsg.), L’OIT et le droit social en
Gestaltungsfreiheit bei Arbeit im Homeoffice», im 9 Eurofound und IAO (2017), S. 28–31; Eurofound (2019), Suisse: 100 ans et après ? Éditions juridiques libres, Genf,
Nationalrat noch nicht behandelt. S. 34–35. S. 81–135.

Gesetzesvorlage zu flexibleren Arbeitszeiten


Das Parlament befasst sich mit mehrmals wöchentlich auf 9 Stunden Sutter, welche die «Ausnahme von
Vorstössen zu flexibleren Arbeits- verkürzt und freiwillig unterbrochen der Arbeitszeiterfassung für leitende
modellen. Im März 2016 reichte der werden. Zudem ist die Sonntagsarbeit Angestellte und Fachspezialisten»
Luzerner CVP-Ständerat Konrad bewilligungsbefreit, wenn sie nach verlangte, hat der Ständerat im Sep-
Graber eine parlamentarische Initiati- eigenem, freiem Ermessen und ausser- tember abgeschrieben. Die Ratsmehr-
ve ein, welche die «Teilflexibilisierung halb des Betriebs stattfindet. Dies ist heit will sich auf die erstgenannte
des Arbeitsgesetzes und den Erhalt etwa bei Homeoffice oder auf Dienst- Initiative konzentrieren. Die externe
bewährter Arbeitszeitmodelle» reisen der Fall. Das Modell steht Vor- Vernehmlassung lief bis Ende 2018.
fordert. Sie schlägt ein neues gesetzten und Fachpersonen offen mit Die Behandlungsfrist wurde bis zur
Jahresarbeitszeitmodell vor, um die einem Jahresbruttolohn von mehr als Frühjahressession 2021 verlängert. b­ eispielsweise in Form von Sach- und
wöchentliche Höchstarbeitszeit fle- 120 000 Franken oder einem höheren Zuständig für die Ausarbeitung der Rechtsauskünften. Anschliessend
xibler zu gestalten. Unter Einhaltung Bildungsabschluss, die bei ihrer Arbeit Vorlage ist die Wirtschaftskommission überweist die federführende Kom-
der gesetzlich vorgeschriebenen über eine grosse Autonomie verfügen des Ständerats. mission die Vorlage an ihren Rat und
Pausen soll der individuelle Arbeitstag und ihre Arbeitszeiten mehrheitlich Bei einer parlamentarischen Initiati- unterbreitet sie gleichzeitig dem
neu 15 Stunden (statt 14 Stunden) be- selber festsetzen können. ve entwirft das Parlament den Erlass- Bundesrat zur Stellungnahme.
tragen können. Die tägliche Ruhezeit Eine parlamentarische Initiative entwurf selber. Die Verwaltung leistet
kann
52   dabei laut dem aktuellen Entwurf
Die Volkswirtschaft  11  / 2019 von Alt-Ständerätin Karin Keller-­ dabei technische Unterstützung – Die Volkswirtschaft
DOSSIER

Vereinfachte Arbeitszeiterfassung besser


umsetzen und kontrollieren
Für gewisse Erwerbstätige gilt bei der Arbeitszeiterfassung eine Ausnahmeregelung. Eine
Studie zeigt, dass solche Beschäftigte oftmals längere und unübliche Arbeitszeiten haben.
Das erschwert die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.  Jean-Michel Bonvin, Nicola Cianferoni,
Pierre Kempeneers

Abstract  Bei der systematischen Arbeitszeiterfassung existiert seit 2016 eine Aus- Arbeitszeit nicht erfassen. 60 Prozent die-
nahmeregelung. Gemäss einer Studie sind Erwerbstätige, die dieser Regelung unter- ser Angestellten leisten mindestens ein-
stehen, häufiger von langen und ungewöhnlichen Arbeitszeiten betroffen. Daher mal pro Monat zwei Stunden Abendarbeit
ist es für diese Beschäftigten schwierig, Beruf und Familie in Einklang zu bringen. zwischen 20 und 23 Uhr. Zum Vergleich: Im
Begleitmassnahmen und die Zufriedenheit von Angestellten mit dem angewandten Durchschnitt aller Beschäftigten sind es nur
Zeiterfassungssystem scheinen eine wesentliche Rolle zu spielen, insbesondere bei 35,2 Prozent. Ähnlich ist es bei der Wochen-
der Stressprävention. Mechanismen zur Kontrolle der üblichen Arbeitszeiten könnten endarbeit: 80 Prozent der Befragten ohne
helfen. Ausserdem sollte sichergestellt werden, dass die Beschäftigten gut informiert Arbeitszeiterfassung müssen mindestens
werden und mit dem eingesetzten Zeiterfassungssystem einverstanden sind. Die Ver- einmal jährlich Samstagsarbeit leisten, der
ordnung 1 zum Arbeitsgesetz könnte überarbeitet werden, indem festgelegt wird, Durchschnitt aller Beschäftigten liegt bei 59.
dass die ausdrückliche Zustimmung der Arbeitnehmenden erforderlich ist. Ausserdem arbeiten 60 Prozent der Erwerbs-
tätigen ohne Arbeitszeiterfassung mindes-
tens einmal pro Jahr auch sonntags. Der Ge-

S  eit 2016 besteht ein flexiblerer gesetz-


licher Rahmen für die Arbeitszeiterfas-
sung. Bei der Revision der Verordnung 1 zum
rücksichtigt man nur die Vollzeitstellen, be-
trägt die durchschnittliche Wochenarbeits-
zeit bei Arbeitnehmenden, die ihre Arbeits-
samtdurchschnitt aller Beschäftigten liegt bei
38,9 Prozent.

Arbeitsgesetz (ArGV 1) hat der Bundesrat im zeit nicht erfassen (Art. 73a), 46,5 Stunden. Begleitmassnahmen reduzieren
Einvernehmen mit den Sozialpartnern be- Bei Beschäftigten, die nur die gesamte tägli-
schlossen, eine Ausnahmeregelung mit zwei che Arbeitszeit registrieren (Art. 73b), sind es
Stressrisiko
neuen Bestimmungen einzuführen. 43,9 Stunden und bei systematischer Arbeits- Hingegen weichen die betreffenden Werte
Zum einen ist in Artikel 73a nun die Mög- zeiterfassung 42,3 Stunden. Betrachtet man nicht wesentlich von den Durchschnittswer-
lichkeit vorgesehen, auf die Arbeitszeiterfas- auch die Teilzeitstellen, arbeiten die Befrag- ten ab, wenn Arbeitnehmende alle Arbeits-
sung zu verzichten, sofern die betroffenen ten, die unter die Regelung von Artikel 73a stunden oder nur die gesamte tägliche
Arbeitnehmenden ein Bruttojahreseinkom- fallen, durchschnittlich 3,9 Stunden mehr pro Arbeitszeit erfassen. Eine mögliche Erklärung
men von mehr als 120 000 Franken beziehen Woche als diejenigen, die alle ihre Arbeits- sind der Druck und die Produktivitätsziele,
und bei ihrer Arbeit über grosse Autonomie stunden erfassen. Die Befragten, für wel- die Angestellten ohne ­Arbeitszeiterfassung
verfügen, einschliesslich bei der Festlegung che die Regelung in Artikel 73b gilt, arbeiten
ihrer Arbeitszeiten. Zum anderen kann ge- 1,9 Stunden mehr.
mäss Artikel 73b für Arbeitnehmende, die ihre
Arbeitszeiten zu einem erheblichen Teil sel- Methodik der Befragung
Mehr unübliche Arbeitszeiten
ber festlegen können, ausschliesslich die ge- Für die Umfrage wurde ein elektronischer
leistete tägliche Arbeitszeit erfasst werden. Einige Befragte haben angegeben, dass sie Fragebogen in deutscher und französischer
Sprache an Mitarbeitende von acht Unterneh-
Dabei gilt jedoch: Der Gesundheitsschutz der auch schon mehr als 55 Stunden pro Woche men verteilt aus der Versicherungsbranche,
Beschäftigten muss dem Sinn und Geist des gearbeitet haben, was sie einem erheblichen der Tele­kommunikation, der Industrie und dem
Arbeitsgesetzes (ArG) Rechnung tragen. Gesundheitsrisiko aussetzt.2 Bei den Arbeit- Detailhandel. Die meisten Fragen stammen aus
nehmenden, die ihre Arbeitszeit gar nicht er- der Europäischen Erhebung über die Arbeits-
bedingungen (EWCS). Der Fragebogen wurde
Tendenziell mehr Arbeitsstunden fassen, ist dieser Anteil höher (11,7%) als bei zwischen September 2018 und Januar 2019 an
Beschäftigten, die nur ihre gesamte tägliche 3907 zufällig ausgewählte Arbeitnehmende ver-
Mit einer Umfrage1 bei rund 3900 Erwerbs- Arbeitszeit festhalten (3,4%). Von den Be- teilt. Die Analysen beruhen auf einer Stichprobe
von 2013 ausgefüllten Fragebögen, was einer
tätigen wurden diese neuen Bestimmungen schäftigten, die alle Arbeitsstunden erfassen,
Rücklaufquote von 51,5 Prozent entspricht. Bei
nun erstmals untersucht (zur Methodik siehe haben hingegen nur 1,3 Prozent schon mehr 47,9 Prozent der 2013 berücksichtigten Befrag-
Kasten). Fazit: Die Zahl der üblicherweise ge- als 55 Stunden pro Woche gearbeitet. ten wird die Arbeitszeit systematisch erfasst.
leisteten Wochenarbeitsstunden hängt stark Von unüblichen Arbeitszeiten sind vor Bei 34,1 Prozent gilt die vereinfachte Arbeitszeit-
erfassung (Art. 73b), und bei 18 Prozent wird die
von der Art der Arbeitszeiterfassung ab. Be- allem Arbeitnehmende betroffen, die ihre
Arbeitszeit nicht erfasst (Art. 73a). Für die Ge-
samtsituation auf dem Schweizer Arbeitsmarkt
1 Siehe Bonvin, Cianferoni und Kempeneers (2019). 2 Kivimäki et al. (2015). ist dieser Fragebogen nicht repräsentativ.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  53
ARBEITSZEITEN

auferlegt werden: Diese haben nämlich häu- Tatsache, dass für Angestellte, die lieber alle wenn für sie eine Ausnahmeregelung gilt,
figer angegeben, ihre Arbeitszeit hänge sehr Arbeitsstunden erfassen würden, eine Aus- obwohl sie eigentlich alle ihre Arbeitsstun-
stark von ihren Aufgaben oder von den zu nahmeregelung gilt. den erfassen möchten (siehe Abbildung 1). Sie
erreichenden Zielen ab (47,5 % gegenüber Bestehen keine solchen Begleitmassnah- fühlen sich häufiger gestresst als der Durch-
durchschnittlich 31,3 %). men, ist das Risiko von grossem Stress doppelt schnitt der Angestellten. Konkret empfin-
Der Anteil der Arbeitnehmenden, die so hoch (15,6% gegenüber durchschnittlich den 15,5 Prozent dieser Arbeitnehmenden
einem hohen Stressrisiko ausgesetzt sind, 7,4%).3 Auch für den subjektiv empfundenen sehr oft Stress, und 30,7 Prozent sind oft ge-
hängt nicht wesentlich von der Art der Stress ist dieser Faktor bedeutend. Denn ohne stresst. Über alle Beschäftigten hinweg sind
Arbeitszeiterfassung ab. Doch beim Stressri- Begleitmassnahmen fühlt sich jeder Fünfte es durchschnittlich 11,6  bzw. 25,3 Prozent.
siko von Beschäftigten, die unter die Ausnah- sehr oft gestresst, während dieser Anteil mit Für dieses Phänomen gibt es zwei mögliche
meregelung fallen (Art. 73a und 73b), spielen Begleitmassnahmen bei 7,1 Prozent liegt. Erklärungen: Zum einen möchten Erwerbs-
zwei andere Faktoren eine Rolle: Zum einen Was den zweiten Faktor betrifft, empfin- tätige möglicherweise alle ihre Arbeitsstun-
sind das Begleitmassnahmen wie Informa- den Beschäftigte subjektiv häufiger Stress, den erfassen, weil sie in Stresssituationen
tion, Sensibilisierung, Massnahmen zum Ge- tendenziell länger arbeiten; zum anderen löst
3 Mit einer Fehlermarge von 5 Prozent wird dieses Er-
sundheitsschutz und zur Einhaltung der ge- gebnis vom ökonometrischen Modell nicht bestätigt,
die Tatsache, dass sie entgegen ihren Vorstel-
setzlichen Ruhezeiten und zum anderen die hingegen mit einer Fehlermarge von 10 Prozent. lungen nicht alle ihre Arbeitsstunden erfas-
sen können, bei ihnen gegebenenfalls eine
Stressreaktion aus.
Abb. 1: Stress und Zufriedenheit mit der Art der Arbeitszeiterfassung (AZE)
60    In % Work-Life-Balance teilweise
schwierig

BONVIN, CIANFERONI UND KEMPENEERS (2019) /


40 Was die Work-Life-Balance betrifft, haben
rund 90 Prozent der befragten Beschäftig-
ten angegeben, dass sich ihre Arbeitszeiten
DIE VOLKSWIRTSCHAFT
20 gut oder sehr gut mit ihren ausserberuflichen
sozialen und familiären Verpflichtungen in
0
Einklang bringen lassen. Da sie bei der Fest-
Zufrieden: Unzufrieden: Unzufrieden: Unzufrieden:
legung ihrer Arbeitszeiten über eine gewis-
gut angepasste AZE* Ausnahmeregelung Rückkehr zu einer andere Ausnahme­ se Autonomie verfügen, haben sie genügend
gewünscht** systematischen AZE regelung Spielraum, um die Bedürfnisse der Familie zu
gewünscht*** gewünscht****
berücksichtigen.
Häufigkeit von Stress in den letzten 12 Monaten
Paradoxerweise ist es für mehr als ein Drit-
  Nie (Ø = 7,2%)          Manchmal (Ø = 55,8%)          Oft (Ø = 25,3%)          Sehr oft (Ø = 11,6%) tel der Befragten schwierig, Beruf und Privat-
* Die Arbeitnehmenden sind mit der Art der Arbeitszeiterfassung bzw. mit der Nichterfassung der Arbeitszeit
leben zu vereinbaren. Etwa die Hälfte von ih-
zufrieden. nen kann sich nur schwer von der Arbeit
** Die Arbeitnehmenden erfassen alle Arbeitsstunden, doch sie würden eine Ausnahmeregelung bevorzugen.
*** Für die Arbeitnehmenden gilt eine Ausnahmeregelung, doch sie möchten lieber alle ihre Arbeitsstunden erfassen.
lösen. Eine Mehrheit der befragten Beschäf-
**** Für die Arbeitnehmenden gilt nicht die von ihnen gewünschte Ausnahmeregelung. Sie unterstehen beispielsweise tigten verzichtet zuweilen wegen arbeitsbe-
der Regelung in Artikel 73a, doch sie würden die Regelung in Artikel 73b bevorzugen oder umgekehrt. dingter Übermüdung auf Freizeitaktivitäten
oder macht sich während der Freizeit Sorgen
wegen ihrer beruflichen Tätigkeit. So wird die
Abb. 2: Zusammengesetzter Index zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie nach Work-Life-Balance anscheinend uneinheit-
Art der Arbeitszeiterfassung lich beurteilt.
10    Antwortrate, in % Wird ein zusammengesetzter Index ver-
wendet, der diese verschiedenen Parame-
ter berücksichtigt, zeigt sich, dass die Ver-
BONVIN, CIANFERONI UND KEMPENEERS (2019) /

7.5
einbarkeit von Beruf und Familie wesentlich
durch die Art der Arbeitszeiterfassung be-
5
einflusst wird (siehe Abbildung 2). Der Index
zeigt: Personen mit systematischer Arbeits-
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

2.5 zeiterfassung sind in den Kategorien, die


eine gute Vereinbarkeit signalisieren (0 bis 2),
0 proportional am stärksten vertreten. Perso-
0 1 2 3 4 5 6 7 8 nen, die ihre Arbeitszeit nicht erfassen, fin-
Index den sich hingegen öfter in den Kategorien,
  Systematische Arbeitszeiterfassung          Vereinfachte Arbeitszeiterfassung (Art. 73b)        welche auf eine problematischere Vereinbar-
  Keine Arbeitszeiterfassung (Art. 73a)         Weiss nicht
keit hindeuten (4 und 5). Aus der statistischen
Ein Indexwert von 0 bedeutet eine sehr gute Vereinbarkeit, ein Wert von 8 eine sehr schlechte Verein- Analyse dieser Ergebnisse geht hervor, dass
barkeit. Für den zusammengesetzten Index wurden 2013 Befragte berücksichtigt. Das Total der Balken eine sehr gute Vereinbarkeit (Index = 0) eher
entspricht 100 Prozent der Befragten. bei Arbeitnehmenden mit ­ systematischer

54  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


DOSSIER

­ rbeitszeiterfassung (18,4%) als bei Beschäf-


A te Mitarbeitende. Der positive Zusammen- Zustimmung der Beschäftigten einzufüh-
tigten besteht, die nur die gesamte tägliche hang zwischen Bildung und Gesundheit ist ren – statt nur der Möglichkeit, die Ausnah-
Arbeitszeit festhalten (12,6%) oder ganz auf empirisch dokumentiert.4 Die Tatsache, dass meregelung auf Wunsch abzulehnen. Denn
die Arbeitszeiterfassung verzichten (7,9%). diese Unterschiede nicht signifikant sind, be- die Unzufriedenheit der Arbeitnehmenden
Problematisch (Index ab 5) ist die Verein- deutet allerdings nicht, dass kein Zusammen- mit der Art der Arbeitszeiterfassung scheint
barkeit umgekehrt in erster Linie für Ange- hang zwischen der Art der Arbeitszeiterfas- ein wesentlicher Stressfaktor zu sein, der
stellte, die ihre Arbeitsstunden nicht erfas- sung und der Gesundheit besteht. Da sich die mehr Beachtung verdient.
sen (21,8%), und in geringerem Masse für Erwerbstätigkeit langfristig auf die Gesund-
Erwerbstätige mit vereinfachter Arbeitszeit- heit auswirkt, wäre eine mehrjährige Längs-
erfassung (15,8%). schnittstudie erforderlich, um die Auswirkun-
Aus den ökonometrischen Analysen ist er- gen zu beobachten. Da die Gesetzesänderun-
sichtlich, dass die Vereinbarkeit auch für die gen und ihre Umsetzung noch zu wenig weit
Befragten schwieriger ist, die mit der syste- zurückliegen, konnte für diese Analyse noch
matischen Arbeitszeiterfassung unzufrieden keine solche Studie durchgeführt werden.
sind und der Ausnahmeregelung unterstellt
werden möchten. Beschäftigte gut informieren
Jean-Michel Bonvin
Langfristige Gesundheitsfolgen Wie unsere Studie zeigte, sind Arbeitneh- Professor für Sozioökonomie und Sozio­
mende, die der Ausnahmeregelung unter- logie, Institut für Demografie und
Die verschiedenen Arten der Arbeitszeit- stehen, häufiger von langen und unüblichen ­Sozioökonomie (Ideso), Universität Genf
erfassung scheinen auch einen Einfluss auf Arbeitszeiten betroffen. Auch haben sie öf-
die Gesundheit der Arbeitnehmenden zu ha- ter Probleme bei der Vereinbarkeit von Be-
ben. 80 Prozent der Befragten haben ihren ruf und Familie. Begleitmassnahmen könnten
Gesundheitszustand als gut oder sehr gut wesentlich dazu beitragen, die Risiken für die
beurteilt. Wird der Fokus indessen auf den Beschäftigten zu mindern. Die Sozialpartner
Anteil der Angestellten gerichtet, die ihren stehen in der Verantwortung, solche Mass-
Gesundheitszustand als durchschnittlich, nahmen umzusetzen.
schlecht oder sehr schlecht einschätzen, er- Je nach Art der Arbeitszeiterfassung resul-
gibt sich ein Zusammenhang mit der Art der tieren zudem unterschiedlich lange Arbeitszei-
Arbeitszeiterfassung: 20,1 Prozent der Arbeit- ten. Deshalb stellt sich die Frage, ob es Mecha- Nicola Cianferoni
nehmenden mit systematischer Arbeitszeit- nismen zur Kontrolle der üblichen Arbeitszeit Postdoktorand, Institut für Soziologie
der Universität Neuenburg und Institut
erfassung beschreiben ihren Gesundheitszu- braucht, um Situationen mit übermässiger Be- für soziologische Forschung (IRS) der
stand als durchschnittlich bis schlecht. Dieser lastung (ab 55 Arbeitsstunden pro Woche) zu ­Universität Genf
Anteil ist bei den Beschäftigten mit verein- vermeiden. Schliesslich sollen die von den Ar-
fachter Arbeitszeiterfassung (17,6%) und den tikeln 73a (keine Arbeitszeiterfassung) und 73b
Angestellten ohne Arbeitszeiterfassung (12%) (vereinfachte Arbeitszeiterfassung) betroffe-
tiefer. nen Arbeitnehmenden diesen Zeiterfassungs-
Die Analysen zeigen jedoch, dass dieser methoden ausdrücklich zustimmen können.
Unterschied nicht mit der Art der Arbeitszeit- Und sie sollten auch darüber informiert wer-
erfassung zusammenhängt. Vielmehr han- den, dass sie ihre Arbeitszeit systematisch er-
delt es sich dabei um einen Selektionsef- fassen können, ohne dass sie mit negativen
fekt, der in Verbindung mit dem höheren Bil- Konsequenzen rechnen müssen.
dungsstand der Arbeitnehmenden steht, für Artikel 73b könnte sogar überarbeitet wer- Pierre Kempeneers
welche die flexiblere Regelung gilt. Denn die den, um das Erfordernis einer ausdrücklichen Wissenschaftlicher Assistent, Institut für
Ausnahmeregelung richtet sich hauptsäch- Demografie und Sozioökonomie (Ideso),
Universität Genf
lich an Führungskräfte und hoch qualifizier- 4 Marmot et al. (1991).

Literatur
Bonvin, Jean-Michel; Cianferoni; Nicola, Kempeneers, Kivimäki M. et al. (2015). Long Working Hours and Risk of Marmot M. G.; Smith G. D.; Stansfeld S.; Patel C.; North F.;
Pierre (2019). Evaluation der Auswirkungen der am Coronary Heart Disease and Stroke: a Systematic Review Head J.; White I.; Brunner E. und Feeney A. (1991). Health
1.1.2016 in Kraft getretenen Änderungen der Vorschrif- and Meta-analysis of Published and Unpublished Data Inequalities Among British Civil Servants: The Whitehall
ten zur Arbeitszeiterfassung (Art. 73a und 73b ArGV 1). for 603 838 Individuals. In: The Lancet, 386(10005), II study. In: The Lancet, 337(8754), 1387–1393.
Institut de démographie et de socioéconomie, Faculté 1739–1746.
des sciences de la société, Université de Genève.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  55
ARBEITSZEITEN

Arbeit als Veränderungsmotor


der Schweiz
Ein Blick auf die Geschichte zeigt: Arbeit ist mehr als Ökonomie, da sie eine soziale und eine
politische Komponente aufweist und das Selbstwertgefühl von Menschen beeinflusst. 
Jakob Tanner

Abstract  Die Schweiz ist ein wirtschaftlich und kulturell stark verflochtenes Land. tag» geschaffen und die unternehmerische
Seit Beginn des 19. Jahrhunderts verlief der Industrialisierungsprozess in europäi- Willkür eingeschränkt. Doch die Arbeits-
schen und globalen Kraftfeldern. Nicht nur in der Fabrikindustrie wurde die Arbeit bedingungen blieben prekär. So betrug die
durch Mechanisierung und wirtschaftliche Austauschprozesse geprägt. Zugleich war tägliche Arbeitszeit noch immer elf Stun-
sie selbst ein wichtiger Veränderungsfaktor. Weit über ihre volkswirtschaftliche Be- den, die Löhne waren niedrig, die Luft in den
deutung hinaus beeinflusst sie das Selbstverständnis und die Fremdwahrnehmung Arbeitsräumen schlecht, die Beleuchtung un-
von Menschen. Und die sozialen Konflikte um die Arbeitsbedingungen und -entloh- genügend, Temperatur, Lärm und Gestank
nung bestimmen massgeblich die Sozialstruktur. Heute steht die Wirtschaftspolitik oft unerträglich. Und die Unternehmer unter-
vor der Aufgabe, nachhaltige Perspektiven eines Wandels der Arbeit aufzuzeigen, liefen die neu geschaffene obligatorische
welche die Interessen von Lohnabhängigen berücksichtigen. So kann die Angst vor Haftpflichtversicherung bei Arbeitsunfällen
der Digitalisierung abgebaut und so können Menschen dazu motiviert werden, die systematisch. Die «soziale Frage», die damals
neuen Chancen zu packen, welche die revolutionären Umwälzungen der Arbeitswelt intensiv diskutiert wurde, war zu einem Gut-
bieten. teil eine Frage der Arbeitsbedingungen. Ver-
besserungen brachten kollektive Arbeits-
verträge, die ab 1911 Gesamtarbeitsverträge

E  ine Geschichte der Arbeit lässt sich nur


als transnationale Verflechtungsge-
schichte schreiben. So machte die industriel-
Aus dem Zusammenwirken von Agrar-
modernisierung, Fabrikindustrialisierung
und Weltmarktkonkurrenz resultierten in der
(GAV) genannt wurden und die ab 1941 für all-
gemeinverbindlich erklärt werden konnten.
Diese GAV stellen bis heute das Rückgrat der
le Revolution nicht an der Schweizer Gren- Folge einerseits neue Erwerbsmöglichkeiten, schweizerischen Sozialpartnerschaft dar.
ze halt. Auch die grossen Wirtschaftskrisen, andererseits eine breite Verarmung, die als Um die Jahrhundertwende verschoben
verbunden mit gravierender Arbeitslosigkeit, «Massenarmut» auch zum politischen Prob- sich die Geschlechterbeziehungen in der
waren stets grenzüberschreitende Phäno- lem wurde. In den neu gegründeten Fabriken Arbeitswelt. Stellten Frauen in der Textil-
mene. Das gilt ebenso für Innovationsschü- herrschte eine Herr-im-Haus-Mentalität: Die industrie oft den grössten Teil der Arbeits-
be, Technologietransfers, Arbeitskämpfe und Patrons «regierten» mit Zuckerbrot (Unter- kräfte, so wurden sie nun in den neuen
den Wandel der sozialpartnerschaftlichen Be- stützungskassen, Arbeiterwohnungen) und wirtschaftlichen Leitsektoren – Chemie,
ziehungen zwischen Unternehmern und Be- Peitsche (Fabrikordnungen mit drakonischen Elektroindustrie, Maschinenbau – durch
legschaften. Alle diese Vorgänge wirkten sich Strafandrohungen). Zudem bekämpften sie Männer zurückgedrängt. In den Bereichen
auf das breite Spektrum von Arbeitsformen konsequent die gewerkschaftliche Organisa- Gastgewerbe, Büro, Verkauf und Körper-
und -bedingungen innerhalb der Schweiz tion der Arbeiterinnen und Arbeiter. pflege entstanden typisch weibliche Berufs-
aus. Gleichzeitig ist die Arbeit selbst ein Ver- gruppen, die lohnmässig schlechter ein-
änderungsfaktor, ohne den dieses Land nicht Maschinen geben Takt an gestuft wurden als die Männerberufe und die
das geworden wäre, was es heute ist. auch vonseiten der Gewerkschaften wenig
Die Alte Eidgenossenschaft des aus- Im ausgehenden 19. Jahrhundert weiteten Unterstützung fanden.
gehenden 18. Jahrhunderts war noch stark sich die industrielle Produktionsbasis und Seit dem Ersten Weltkrieg bildete sich
ländlich-bäuerlich geprägt; gleichzeitig ge- das Spektrum an Dienstleistungsberufen (in die Frauenerwerbsquote zurück. Einer ähn-
hörten einige Regionen wie das Zürcher Verkehr, Kommunikation, Handel, Touris- lichen Logik folgte die «Unterschichtung»
Oberland oder das Appenzellerland, wo das mus, Ausbildung, Gesundheitswesen und des schweizerischen Arbeitsmarktes durch
Textilgewerbe florierte, zu den weltweit am Verwaltung) aus. Nicht nur in Grossunter- Arbeitsmigranten, die mehrheitlich in wenig
stärksten industrialisierten Wachstums- nehmen erhielt die «Herrschaft der Me- attraktiven Branchen tätig waren. Ihre Zahl
zentren. Im «Verlagssystem» produzierten chanisierung» (Sigfried Giedion), die sich nahm ab den 1880er-Jahren beträchtlich zu,
Heimarbeiterhaushalte unter stetem Kosten- schon in den protoindustriellen Familien- ging ab 1914 zurück und verzeichnete 1941
druck und trugen das volle Risiko einer vola- betrieben gezeigt hatte, eine neue Qualität. einen historischen Tiefstand, um nach 1945
tilen Wirtschaftskonjunktur. Immerhin konn- Die Arbeit der Menschen unterlag mehr denn wiederum signifikant anzusteigen.
ten sie Arbeitsrhythmus und -intensität auto- je dem Maschinentakt. Mit dem ersten Eid- In den 1920er-Jahren wurde die Schweiz
nom bestimmen – was jedoch nur allzu häufig genössischen Fabrikgesetz von 1877 (das vom als ein typisches Industrieland wahr-
mit familiärer Selbstausbeutung einherging. pionierhaften Glarner Fabrikgesetz von 1864 genommen: Die Landwirtschaft umfasste
Meist mussten auch die Kinder arbeiten. inspiriert war) wurde der «Normalarbeits- kaum noch ein Viertel der Erwerbstätigen.

56  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


DOSSIER

Mehr als ein Drittel der Arbeitenden fand in


verschiedenen Dienstleistungen ihr Aus-
kommen – wo sie sich als Angestellte über die
«Kragenlinie» abgrenzten von den Arbeitern.
Der grosse Rest arbeitete in Industrie und Ge-
werbe. Im Industriesektor brach sich ein ame-
rikanisierter «efficiency craze» Bahn: Tay-
lorisierung und wissenschaftliche Betriebs-
führung stiegen zu neuen Leitbildern auf. Die
durchrationalisierte Fliessbandproduktion
setzte sich allerdings erst in der lang an-
haltenden Prosperitätsphase der Nachkriegs-
zeit durch, nun unter dem neuen Schlagwort
«Produktivitätspolitik».
Auch der beschäftigungsmässig schrump-
fende Agrarsektor hing trotz der hoch-
gehaltenen folkloristischen Bauerntradition
immer stärker von Chemie- und Maschinen-
einsatz ab. In Haushalt und Küche revolutio-
nierten neue elektrische Geräte wie Wasch-
maschine, Kühlschrank, Staubsauger, elek-
trisches Bügeleisen, Mixer, später auch
Geschirrspülautomaten die unbezahlten
Tätigkeiten. Diese «Reproduktionsarbeit»
wurde vor allem von Frauen geleistet, die
sich ausserdem mit gehobenen hygienischen
und neuen ästhetisch-emotionalen Stan-
dards konfrontiert sahen. In dieser Phase des
Wirtschaftswunders kam auch der Computer
auf und löste seit den 1960er-Jahren in ver-
schiedenen Bereichen der Volkswirtschaft
produktivitätstreibende Automatisierungs-
und Digitalisierungsprozesse aus.

«Syt dihr öpper?»


Diese Veränderungen der Arbeitswelt gingen
einher mit markanten Verschiebungen der Be-

KEYSTONE
deutung und der Bewertung verschiedener
Formen des Tätigseins. Im Mittelalter und «Syt dihr öpper, oder nämet dihr Lohn?» Die Ber-
in der Frühen Neuzeit setzte man Arbeit mit ner Patrizierin Madame de Meuron (1882–1980)
Mühe, Last und Armut gleich. Dabei be- Dieses Verständnis von Lohnarbeit, wie es äusserte sich abschätzig zu Lohnarbeit.
trachteten arme Leute ihren fleissigen Einsatz die anachronistische «Madame de Meuron»
nach dem Motto «ora et labora» als frommen äusserte, war im demokratisch organisier-
«Gottesdienst», der ihnen einen privilegier- ten Bundesstaat von 1848 längst obsolet ge- zum Arbeit-Lohn-Nexus – bahnbrechend war
ten Start ins Jenseits ermöglichen sollte. Be- worden. Der staatstragende Freisinn ­wertete die katholische Sozialenzyklika «Rerum No-
güterte und Mächtige verzichteten hingegen die Arbeit seiner Bürger auf; für die erste varum» des «Arbeiterpapstes» Leo XIII. (1893).
demonstrativ auf harte körperliche Tätig- Landesausstellung von 1883 dichtete Gott-
keiten. Im Sinne ausgleichender Gerechtigkeit fried Keller eine regelrechte Ode an die Arbeit Digitalisierung als Risiko
mussten sie dann in der Bibel nachlesen, dass («Vaterland, (…) nur durch Arbeit wirst du
eher ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe als ein reich!»). Sinnsprüche wie «Arbeit ist des Bür- Heute befinden wir uns erneut in einer Phase
Reicher in den Himmel. Bis ins 20. Jahrhundert gers Zier» machten die Runde. Die im Fin de verschärfter Definitions- und Deutungs-
hinein blieben solche religiösen Deutungs- Siècle aufstrebende Arbeiterbewegung stell- konflikte um die Arbeit. Löste die Flucht-
muster virulent. Sie überlagerten sich mit te die Lage als fundamental ambivalent dar: perspektive einer «menschenleeren Fabrik»
aristokratisch-elitären Abgrenzungsbedürf- Arbeiter könnten alles sein, doch im Kapitalis- in den 1960er-Jahren noch positive Gefühle
nissen nach unten. Legendär war etwa die Ber- mus zählen sie nichts. Die Arbeit produziert einer Befreiung von physischer Plackerei aus,
ner Patrizierin Louise Elisabeth de Meuron-von alle wirtschaftlichen Werte, wird aber durch so werden heute mit Big Data und dem «Inter-
Tscharner (1882–1980), die ihr Unbekannte mit das Kapital ausgebeutet. Auf den sich ver- net der Dinge» Ängste vor Arbeitsplatzver-
dem Satz anzusprechen pflegte: «Syt dihr schärfenden Klassenkampf reagierten auch lusten verbunden. Einige Forscher warnen vor
öpper, oder nämet dihr Lohn?» die Landeskirchen mit neuen Vorschlägen einer Vollbeschäftigung mittels Bullshit-Jobs

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  57
ARBEITSZEITEN

(David Graeber); andere stellen aufgrund der aus. Am unteren Ende der Verteilungsskala sozialen und politischen Kern auf. Deshalb las-
forcierten Digitalisierung ein massives Weg- ist das Phänomen der Working Poor akut: sen sie sich nicht einfach mit ökonomischen
schrumpfen ganzer Beschäftigungsfelder in Es gibt Menschen, die Vollzeit arbeiten und Argumenten klären. Die Notwendigkeit, den
Aussicht, verbunden mit Prekarisierung und doch nicht so viel verdienen, um auf einen aktuellen Beschäftigungswandel auf öko-
Arbeitslosigkeit. Wiederum andere gehen op- grünen Zweig zu kommen. In all diesen logische Erfordernisse abzustimmen und in
timistischerweise davon aus, dass diese Prob- Entwicklungen steckt ein hohes Konflikt- eine nachhaltige Entwicklung überzuführen,
leme mit einer intensivierten Ausbildung und potenzial. Bei der zweiten Frage geht es steigert die Komplexität dieser Probleme zu-
Qualifikation von Arbeitskräften gemeistert grundsätzlicher um das, was in einer Ge- sätzlich. Um die Arbeit werden somit auch
werden können. So hat die deutsche Bundes- sellschaft als Arbeit gilt und entsprechend in der Schweiz weiterhin zentrale Selbstver-
regierung die inzwischen auch in anderen wertgeschätzt wird. Mit dem Aufstieg des ständigungsdebatten der modernen Gesell-
Ländern breiter diskutierte «Plattform In- «Normalarbeitstages» hat sich über das ver- schaft kreisen.
dustrie 4.0» aufgegleist. Mit dieser wird ver- gangene Jahrhundert hinweg der Arbeits-
sucht, widersprüchliche Trends zu bündeln begriff verengt, was faktisch weitgehend auf
und in eine positive Vision zu übersetzen. Kosten der Frauen ging. Auch heute sind viele
Ähnliche Initiativen finden sich in Frankreich Verrichtungen, die für ein gutes Funktionie-
(«industrie du futur») oder in Japan (Industrial ren der Gesellschaft unverzichtbar sind –
Value-Chain Initiative). vom sogenannten Care-Bereich über sozia-
Künftig werden sich die Debatten um die le Dienstleistungen bis hin zur Haus- und
Arbeit vor allem an zwei Streitfragen kris- Familienarbeit –, aus dem Wahrnehmungs-
tallisieren. Die erste betrifft die soziale Un- feld ausgegrenzt. Sie werden nicht als wert-
gleichheit: Während die Cheflöhne in den schöpfende Arbeit akzeptiert, geschweige Jakob Tanner
letzten Jahrzehnten geradezu explodiert denn vergütet. Emeritierter Professor für Allgemeine
sind, breiteten sich im Mittelfeld der Berufs- Alle Kontroversen um die Definition und und Schweizer Geschichte der Neuzeit,
Universität Zürich
tätigen Unsicherheit und Abstiegsängste die Zukunftschancen der Arbeit weisen einen

Literatur
Bernet, Brigitta und Jakob Tanner (2015). Graeber, David (2018). Bullshit Jobs, New Jäger, Reto, Max Lemmenmeier, August Schürpf, Markus et al. (2015). Arbeit:
Ausser Betrieb: Metamorphosen der York: Simon & Schuster. Rohr und Peter Wiher (1986). Baumwoll- Fotografien aus der Schweiz 1860–2015,
Arbeit in der Schweiz, Zürich: Lim- Gruner, Erich (1968). Die Arbeiter in garn als Schicksalsfaden. Wirtschaftliche Zürich: Limmat-Verlag.
mat-Verlag. der Schweiz im 19. Jahrhundert, Bern: und gesellschaftliche Entwicklungen Schweizerisches Sozialarchiv (Hg.) (1982).
Boillat, Valérie et al. (Hg.) (2006). Vom Francke. in einem ländlichen Industriegebiet Arbeitsalltag und Betriebsleben: zur
Wert der Arbeit: Schweizer Gewerk- Halbeisen, Patrick, Margrit Müller (Zürcher Oberland) 1750–1850, Zürich: Geschichte industrieller Arbeits- und
schaften – Geschichte und Geschichten, und B­ éatrice Veyrassat (Hg.) (2012). Chronos. Lebensverhältnisse in der Schweiz,
Zürich: Rotpunkt-Verlag. Wirtschaftsgeschichte der Schweiz im Leonhard, Jörn und Willibald Steinmetz Diessenhofen: Rüegger.
Giedion, Sigfried (1982). Die Herrschaft 20. Jahrhundert, Basel: Schwabe-Verlag. (Hg.) (2016). Semantiken von Arbeit:
der Mechanisierung.  Ein Beitrag zur diachrone und vergleichende
anonymen Geschichte, Frankfurt a. M.: ­Perspektiven, Köln: Böhlau-Verlag.
Europäische Verlagsanstalt.

58  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


DOSSIER

STANDPUNKT VON LUCA CIRIGLIANO

Wie Autofahren ohne Tacho


Geregelte Arbeitszeiten und die Arbeitszeiterfassung sind wichtig – ohne
diesen Schutz werden wir krank und leisten Gratisarbeit.

Eines der Paradigmen des Arbeitsrechts lautet: Zeit wird Arbeitsgesetzes basieren auf arbeitsmedizinischen Er-
entgeltet, nicht das Resultat. Deshalb redet man von kenntnissen zu maximalen wöchentlichen Arbeitszeiten,
einem Arbeitsvertrag, nicht von einem Werkvertrag. Der nötiger täglicher Nachtruhe sowie sozialem Austausch
Arbeitsvertrag definiert und grenzt sich von anderen Ver- mit Familie und Freunden, der an Wochenenden mit der
trägen wie etwa dem Werkvertrag dadurch ab, dass die Sonntagsruhe synchronisiert wird.
Arbeitszeit – und nicht die Schaffung eines Produkts oder Wissenschaftliche Studien zeigen, dass in der Schweiz
eines Resultats – zu entlöhnen ist. Das ist gerade auch in zu lange gearbeitet wird: Besonders die Gesundheit von
Zeiten der Digitalisierung von grösster Aktualität. Denn Frauen mit Care-Aufgaben beeinträchtigen Arbeits-
mit Smartphones, Plattformen und Homeoffice ist die wochen von mehr als 40 Stunden. Zur Erinnerung: Die
Vermischung von Arbeit und Freizeit immer wahrschein- Höchstarbeitszeiten betragen in der Schweiz rekordver-
licher. Damit keine Gratisarbeit geleistet wird, Teilzeit- dächtige 45 Stunden; im Gesundheitswesen sind sogar
pensen respektiert werden und überhaupt Zeit für Schlaf, 50 Stunden pro Woche erlaubt. Kein Wunder, dass die
Familie, Freunde und Care-Arbeit bleibt, wird die Arbeits- Schweizerische Gesundheitsbefragung sowie der Job-
zeiterfassung immer wichtiger. Man kann bequem mit Stress-Index der Gesundheitsförderung Schweiz eine
Smartphone oder Software die geleistete Arbeit – etwa Tendenz zu immer mehr psychosozialen Risiken und Burn-
beim Beantworten von Mails im Zug oder in einem Café – outs wegen Stress am Arbeitsplatz ausweisen.
erfassen und der Arbeitszeit anrechnen. Das Arbeitsgesetz schützt die Gesundheit der Arbeit-
Auch die psychosozialen Risiken, die zu Stress, Burn- nehmenden also, was die wöchentlichen Arbeitszeiten
out und Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen, können nur angeht, nur zum Teil. Gerade im Zeitalter der Digitalisie-
anhand der Arbeitszeiterfassung gemessen und in Schach rung, wo die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit ver-
gehalten werden. Arbeiten ohne Arbeitszeiterfassung ist schwimmen, und angesichts der Forderung nach einer
wie Auto fahren ohne Tacho: Früher oder später fährt man besseren Verteilung von Care-Arbeit und Beruf wären
zu schnell, und es kommt der Crash. kürzere wöchentliche Arbeitszeiten sowie eine bessere
Planbarkeit von Arbeitseinsätzen, Bereitschaftsdienst-
Gesundheit schützen enten und Piketts essenziell.
Deshalb lautet eine Forderung des Frauenstreiktags
Wenn Arbeitszeiterfassung also zu vergleichen ist mit dem vom Juni: Auf jegliche Deregulierung des Arbeitsgesetzes
Geschwindigkeitsmesser eines Autos, sind die materiellen ist zu verzichten.
Bestimmungen des Arbeitsgesetzes die Tempo-Höchst-
limiten im Strassenverkehr: Je nachdem, wo man fährt, Luca Cirigliano ist Zentralsekretär des Schweizerischen
gelten unterschiedliche Limiten. Die Regelungen des ­Gewerkschaftsbundes (SGB), Bern.

Die Volkswirtschaft  11 / 2019  59
ARBEITSZEITEN

STANDPUNKT VON DANIELLA LÜTZELSCHWAB SAIJA

Es braucht einen weiteren Schritt


Arbeitgeber und -nehmer haben in der Debatte um moderne Arbeits­
bedingungen einen gemeinsamen Nenner: Flexibilität. Die Zeiterfassung
muss deshalb vereinfacht werden.

Das digitale Zeitalter und eine global vernetzte Welt- und Beruf leichterfällt. Entscheidend ist auch, dass es
wirtschaft ermöglichen flexiblere Arbeitsformen. Dieser keine eindeutigen Hinweise gibt, dass Vertrauensarbeits-
neuen Realität muss sich auch der Schweizer Arbeits- zeit die Gesundheit der Mitarbeiter beeinträchtigt.
markt stellen. Doch nicht allein die unter Wettbewerbs-
druck stehende Wirtschaft gibt den Takt und die Art Kein GAV und keine Lohngrenze
der Arbeitserbringung vor. Auch die Arbeitnehmer in-
formieren sich über individuelle Lösungen in anderen Einzelne Bestimmungen des aus dem Jahr 1964 stammen-
Unternehmen. Unternehmer machen ihrerseits diesen den Arbeitsgesetzes werden den Erfordernissen der mo-
Vergleich und können sich durch moderne Anstellungs- dernen Arbeitswelt nicht mehr gerecht. Deshalb wurde
bedingungen als attraktive Arbeitgeber positionieren. Anfang 2016 auf Empfehlung der Arbeitgeber- und Arbeit-
Die Digitalisierung und Vernetzung verändert al- nehmer-Dachorganisationen die Pflicht zur minutiösen
lerdings auch die Beschäftigungsstruktur. Vor allem Arbeitszeiterfassung in einer Verordnung gelockert. Seit-
wissensintensive Tätigkeiten des Dienstleistungssektors her dürfen Arbeitnehmer auf eine Erfassung verzichten,
werden mobil erbracht, sei es im Aussendienst, im Home­ wenn sie ein Bruttojahreseinkommen inklusive Boni von
office oder in Co-Working-Spaces. Das Arbeiten an be- mindestens 120 000 Franken erzielen und weitgehend
stimmten Orten und zu fixen Zeiten wandelt sich zum selbst über ihre Zeiteinteilung entscheiden. Diese Be-
eigenverantwortlichen Arbeiten, bei dem sich Arbeit und freiung muss aber in einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV)
Freizeit in Intervallen abwechseln. Längst hat deswegen vorgesehen sein.
in vielen Branchen und Unternehmen eine von Vertrauen Die Verordnung hat Rechtssicherheit gebracht und
geprägte Arbeitskultur die detaillierte Zeiterfassung ab- die Unternehmen administrativ entlastet. Inzwischen
gelöst, wie sie ursprünglich für die Fabrikarbeit eingeführt ist aber deutlich geworden, dass nicht überall repräsen-
worden war. tative Arbeitnehmerverbände bestehen. Ausserdem ist
Zur Wahrung des Gesundheitsschutzes der Arbeit- die Lohngrenze – besonders in Branchen mit geringer
nehmer setzen die gesetzlichen Bestimmungen über die Wertschöpfung – sogar für das oberste Kader zu hoch an-
Arbeits- und Ruhezeiten den Flexibilisierungswünschen gesetzt. Diesem ersten breit abgestützten Schritt zur Lo-
von Arbeitgebern und Arbeitnehmern wichtige Grenzen: ckerung der Pflicht zur detaillierten Arbeitszeiterfassung
Die Arbeitszeiten der Angestellten sind so zu organisie- muss ein zweiter Schritt mit Augenmass folgen.
ren, dass keine qualitative und quantitative Überbean- Der Schweizerische Arbeitgeberverband befürwortete
spruchung der Mitarbeiter resultiert. Dies gilt unabhängig deshalb den vom Ständerat im September abrupt ab-
von der Frage, ob die Arbeitszeit erfasst wird. geschriebenen Vorentwurf zur parlamentarischen Initiati-
Interessanterweise zeigen Studien eine starke Ver- ve der heutigen Bundesrätin Karin Keller-Sutter. Mit dieser
bindung von selbstbestimmter Arbeitszeit – die oft mit hätte die Lücke bei der Arbeitszeiterfassung geschlossen
dem Wegfall der Arbeitszeiterfassung verbunden ist – werden können.
und der Motivation und der Produktivität der Mitarbeiter.
Daniella Lützelschwab Saija leitet das Ressort Arbeitsmarkt
Es wird geltend gemacht, dass die Arbeitszeit effizienter und Arbeitsrecht. Sie ist Mitglied der Geschäftsleitung beim
genutzt werden kann und die Vereinbarkeit von Familie Schweizerischen Arbeitgeberverband, Zürich.

60  Die Volkswirtschaft  11 / 2019


Die Schulden der Welt
Die Staatsverschuldung hat in vielen Industriestaaten ein rekordhohes Ausmass
erreicht. In Griechenland, den USA und Japan sind die Schulden beispielsweise
höher als das Bruttoinlandprodukt (BIP). Die Schweiz steht mit einer Schulden­
quote von 40,5 Prozent im Jahr 2018 relativ gut da.

105,8%
USA
In absoluten Zahlen sind die USA mit
20,5 Billionen Dollar das am stärksten ver-
schuldete Land. Seit der Jahrtausendwende
hat sich die Schuldenlast fast vervierfacht.

Staatsschuldenquote (2018)
  100% oder mehr        75% – 100%        50% – 75%        25% – 50%        Weniger als 25%        Keine Daten
Die Staatsschuldenquote drückt das Verhältnis zwischen der öffentlichen Verschuldung und dem Bruttoinlandprodukt aus.
40,5% 132,1%
Schweiz Italien
Die Staatsschuldenquote der Schweiz Wenn der Zinssatz für italienische Staats-
ist vergleichsweise tief. Betrachtet man anleihen ansteigt, bringt dies den Staats-
aber auch die Privatverschuldung, dann haushalt rasch in Schieflage. Bereits heute
liegt die Quote bei über 250 Prozent des bezahlt Italien einen deutlich höheren
BIP – was im internationalen Vergleich ein Risikoaufschlag («Spread») als Deutschland.
sehr hoher Wert ist.
IMF WORLD ECONOMIC OUTLOOK (2019)/DIE VOLKSWIRTSCHAFT

183,3% 237,1%
Griechenland Japan
Seit der Wirtschaftskrise ist die griechi- Trotz rekordhoher Staatsverschuldung
sche Staatsverschuldung weiter gewach- droht Japan derzeit keine Insolvenz. Unter
sen. Im Jahr 2010 betrug die öffentliche anderem dank hoher Devisenreserven ist
­Schuldenquote noch 146,2 Prozent. die S­ chuldentragfähigkeit gewährleistet.
VORSCHAU

Ausgabe
Die nächste 8. November
m2
IM NÄCHSTEN FOKUS erscheint a

Künstliche Intelligenz auf


dem Vormarsch
Bilderkennung, Sprachübersetzung, Diagnostik und selbstfahrende Autos: Die künstliche
Intelligenz (KI) dringt in immer mehr Wirtschaftsfelder vor. Laut dem Bundesrat ist der
Forschungs- und Innovationsstandort Schweiz bei dieser Technologie gut positioniert.
Genügt der bestehende Rechtsrahmen? Lesen Sie mehr im kommenden Fokus.

Überblick über die KI-Forschung in der Schweiz Anwendungsbeispiele: Entdeckung neuer


Professor Andreas Krause, ETH Zürich ­Materialien
Dorothea Wiesmann, IBM
Auslegeordnung und Handlungsfelder
für den Bund Anwendungsbeispiele: Versicherungen
Christian Busch, SBFI Jeffrey Bohn, Direktor, Swiss Re Institute

Künstliche Intelligenz und die Zukunft der Arbeit Anwendungsbeispiele: Autonome Fahrzeuge
Professor Rafael Lalive, Universität Lausanne, Professor Amit Raphael Gindrat, Bestmile
Joshi, Maude Lavanchy, IMD Business School
Warum befasst sich der Bundesrat mit
Ethische Aspekte bei der künstlichen Intelligenz künstlicher Intelligenz?
Markus Christen, Digital Society Initiative, Universität Zürich Interview mit Bundesrat Guy Parmelin

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