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92. Jahrgang Nr. 8 – 9 / 2019 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW DOSSIER EINBLICK HANDELSREGISTER


Politökonom Manfred Elsig Von der linearen zur Politische Entscheide Ab wie viel Umsatz soll sich
zur Blockade in der WTO Kreislaufwirtschaft beeinflussen die eine Firma eintragen müssen?
30 35 Konjunkturprognosen 56
52

FOKUS
Multilateralismus
am Wendepunkt
EDITORIAL

Die Schweiz und der kriselnde


Multilateralismus
Gemeinsam erreicht man mehr als allein: Auf dieser Hypothese basieren der Multila-
teralismus und seine Institutionen. Multilaterale Regeln schaffen Kohärenz zwischen
den Nationalstaaten, reduzieren Transaktionskosten und steigern die Transparenz.
Allerdings sind Regeln nur dann glaubwürdig, wenn sie auch durchgesetzt werden.
Derzeit verstärkt sich die Rivalität zwischen China und
den USA um die wirtschaftliche Vormachtstellung. Der
Handelsstreit dehnt sich aus. Die Erhebung von US-Zöl-
len auf Stahl und Aluminiumprodukten betrifft indirekt
auch Schweizer Exporte, wie Frédéric Payot vom Staats-
sekretariat für Wirtschaft in seinem Beitrag aufzeigt.
Die Aussenwirtschaftsstrategie der Schweiz solle die
geopolitischen Herausforderungen stärker berücksich-
tigen, schlägt Professor Manfred Elsig, Vizedirektor des
WTI in Bern, im Interview vor: «Die Schweiz muss sich
überlegen, wie sie sich gegenüber China positioniert.»
Mit dieser Ausgabe endet nach gut sechs Jahren unser
erfolgreiches Tandem. Susanne Blank wechselt als Ab-
teilungsleiterin ins Bundesamt für Umwelt. Nicole Tesar
bleibt Chefredaktorin. Gemeinsam waren wir bestrebt,
die Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» als qualitativ hochstehende Plattform für die
wirtschaftspolitische Meinungsbildung zu positionieren. Unser Dank gilt unse-
ren Autoren. Wir zählen, liebe Leserin, lieber Leser, weiterhin auf Ihre Treue.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

4 9

FOKUS

Multilateralismus am Wendepunkt
4 Internationaler Handel als 9 Handelsabkommen: Kritik
Rückgrat der Schweizer ernst nehmen
Wirtschaft Ralph Ossa
Larissa Müller Universität Zürich
Staatssekretariat für Wirtschaft

12 Krise und Reform der WTO: 16 Fortschreitende Normierung


Gedanken zum Engagement oder neue Gräben?
der Schweiz Philippe Lionnet
Frédéric Payot Staatssekretariat für Wirtschaft
Staatssekretariat für Wirtschaft

20 Entwicklungsbanken sind ein 24 Wie soll man die globalen


Erfolgsmodell Datenflüsse regulieren?
Joël Farronato, Jürg Schneider Mira Burri
Staatssekretariat für Wirtschaft Universität Luzern

30 INTERVIEW

«De facto hat die


27 Ethische Massstäbe für eine
Ordnung des Welthandels Administration Trump
Johannes Wallacher der WTO bereits den
Hochschule für Philosophie München
Rücken gekehrt»
Im Gespräch mit Manfred Elsig, Vizedirektor des
World Trade Institute

67 WIRTSCHAFTSZAHLEN  69 VORSCHAU   69 IMPRESSUM


INHALT

44 46 10

THEMEN

Vitamin B, Strom und Abfall


52 DIE SICHT DER CHEFÖKONOMEN 54 STUDIE 56 HANDELSREGISTER
Primat der Politik in Bessere Arbeitsmarktchancen Schwellenwert für
Serie
der Konjunktur dank «Vitamin B» Handelsregister­einträge
Martin Eichler Fabienne Liechti erhöhen?
BAK Economics Universität Lausanne Harald Meier B,S,S.
Peter Jung Universität Basel

61 STROMGROSSHANDEL 64 FACHKRÄFTE 68 INFOGRAFIK


Die Schweiz ist keine Generationenmix in Reif für die Tonne
Energieinsel Unternehmen: Was
Alessandra Motz, Rico Maggi Arbeitgeber beachten müssen
Università della Svizzera italiana Anina Hille, Yvonne Seiler Zimmermann,
Gabrielle Wanzenried
Hochschule Luzern

DOSSIER

Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft


36 Eine Wirtschaft ohne Abfälle? 40 Eine nachhaltige 44 Profitable Geschäftsmodelle
Josef Känzig Kreislaufwirtschaft ist für die Kreislaufwirtschaft
Bundesamt für Umwelt mehrdimensional Raphael Fasko, Simone Rieder
Catharina R. Bening, Nicola U. Blum, Rytec AG
Melanie Haupt
ETH Zürich

46 Zirkulärer Schub in der 49 Kunststoffrecycling löst kein 51 STANDPUNKT


Schweizer Wirtschaft Umweltproblem Produktdesign ist der
Rebecca Knoth-Letsch Economiesuisse Rainer Bunge
Schlüssel
Christine Roth Swissmem Hochschule für Technik Rapperswil
Rahel Ostgen
Swiss Recycling
MULTILATERALISMUS

Internationaler Handel als Rückgrat der


Schweizer Wirtschaft
Für die Schweizer Wirtschaft ist der internationale Handel wichtig: Er steuert rund
40 Prozent zum Bruttoinlandprodukt der Schweiz bei.  Larissa Müller

Abstract  Da die Schweiz über keine natürlichen Ressourcen und nur über fungsanteile am Handel: Gemäss diesen Zah-
einen begrenzten Binnenmarkt verfügt, ist die Wirtschaft stark auf den len beinhalteten die Schweizer Exporte im Jahr
internationalen Handel ausgerichtet. Der Aussenhandel trägt rund 40 2015 rund ein Viertel ausländische Wertschöp-
Prozent zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung der Schweiz bei. Die fung, welche zuvor in die Schweiz importiert
Bedeutung des internationalen Handels für die Schweiz heisst im Um-
wurde.2 Dieser Wert liegt zwar leicht über dem
kehrschluss: Die Schweiz wäre stark von protektionistischen Tendenzen
betroffen.
Durchschnitt der Industriestaaten (21%) – doch
angesichts der starken Integration des Landes in

M ehrere Trends führten in den vergange-


nen Jahrzehnten – zumindest bis vor ei-
nigen Jahren – zu einem kräftigen Wachstum
den internationalen Handel ist er tiefer, als man
erwarten würde. Ein Grund dafür ist, dass die
Schweiz auf wertschöpfungsintensive Dienst-
des globalen Handels: Fortschritte in den Trans- leistungen am Anfang und am Ende der Wert-
port- und Kommunikationstechnologien, die schöpfungskette spezialisiert ist. Beispiele sind
zunehmende Liberalisierung des Handels durch Forschung und Entwicklung (am Anfang der
den Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen Wertschöpfungskette) sowie Handel und Mar-
sowie die dadurch wachsende Integration glo- keting (am Ende).
baler Wertschöpfungsketten. Von den gesamten Schweizer Ausfuhren wa-
Im Zuge dieser Entwicklungen stieg die ren im vergangenen Jahr 67 Prozent Güter – allen
«Aussenhandelsquote» der Schweiz – der Anteil voran chemische und pharmazeutische Produk-
der Summe von Exporten und Importen (Güter te, Maschinen, Elektronik, Präzisionsinstrumen-
und Dienstleistungen) am Bruttoinlandprodukt te und Uhren.3 Dienstleistungen (insbesondere
(BIP) – von 96 Prozent im Jahr 1980 auf 119 Pro- Finanzdienstleistungen, Nutzung von Lizenzen,
zent 2018.1 Während das BIP in diesem Zeitraum Tourismus, Transport- und ICT-Dienstleistun-
ein jährliches Wachstum von 1,8 Prozent aufwies, gen) hatten einen Anteil von einem Drittel. Al-
legten die Importe durchschnittlich um 4,1 Pro- lerdings wird in dieser klassischen Darstellung
zent pro Jahr zu; die Exporte wuchsen um 3,7 Pro- die Rolle der Dienstleistungen für den Aussen-
zent. Die Aussenhandelsquote der Schweiz ist handel unterschätzt, denn bei der Herstellung
doppelt so hoch wie der OECD-Durchschnitt (sie- von Gütern geht ein Teil der Wertschöpfung auf
he Abbildung 1 auf Seite 6). diverse Dienstleistungen zurück: beispielsweise
auf Forschung und Entwicklung, Beratung oder
1 Ohne Berücksichtigung
Verflochtene Handelsbeziehungen IT-Dienstleistungen. Berücksichtigt man diese
von nicht monetärem
Gold und Wertsachen Vorleistungen, so gehen in der Schweiz schät-
stieg die Aussenhan-
delsquote der Schweiz
Globale Wertschöpfungsketten, bei denen Pro- zungsweise 60 Prozent der Gesamtexporte auf
von 69 Prozent in 1980 duktionsschritte an unterschiedlichen Stand- Dienstleistungen zurück.
auf 100 Prozent in 2018.
Für diese Zahlen exis- orten und Ländern stattfinden, spielen eine In globalen Wertschöpfungsketten werden
tiert kein internationa-
ler Vergleich. Quelle:
Schlüsselrolle bei der Zunahme des Aussen- zu einem grossen Teil Zwischenprodukte ge-
Seco. handels. In Ergänzung zur klassischen Han- handelt, die nach dem Import oder dem Export
2 WTO (2019): Zahlen
für 2015. delsstatistik schätzen die OECD und die Welt- im Zielland in die weitere Verarbeitung einflies-
3 Seco, ohne nicht mo- handelsorganisation (WTO) deshalb auch die sen. In der Schweiz ist dies bei über der Hälf-
netäres Gold und Wert-
sachen. inländischen und ausländischen Wertschöp- te der gehandelten Güter der Fall. Das ist im

4 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

Die Schweizer Wirtschaft ist stark in den inter-


nationalen Handel eingebunden. Eine weltweite
Zunahme der protektionistischen Massnahmen
könnte beträchtlichen Schaden anrichten.
SHUTTERSTOCK
MULTILATERALISMUS

Abb. 1: Aussenhandelsquote der Schweiz im internationalen Vergleich (2017)


125 % des BIP

100

75

WELTBANK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


50

25

0
Schweiz Österreich Deutschland Frankreich OECD USA

Abb. 2: Ausländische Direktinvestitionen (FDI) der Schweiz, Deutschlands und Österreichs


(Bestände 1990 bis 2016)
200 % des BIP

150

100

UNCTAD / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

50

0
1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016

  FDI in der Schweiz       FDI in Deutschland       FDI in Österreich


    schweizerische FDI im Ausland         deutsche FDI im Ausland         österreichische FDI im Ausland

­ ergleich mit anderen entwickelten Volkswirt-


V gibt es ausländische Direktinvestitionen in der
schaften ein hoher Wert. Bei den Dienstleis- Höhe von 1,1 Billionen Franken in der Schweiz.
tungsimporten beträgt dieser Anteil ebenfalls Die Hauptgründe für die hohen Kapitalbestände
mehr als die Hälfte. Bei den Dienstleistungsex- sind unter anderem die zahlreichen Hauptsitze
porten fliesst rund ein Viertel in weitere Pro- grosser multinationaler Konzerne und die At-
duktionsschritte ein. traktivität der Schweiz als Standort für auslän-
Die internationale Handelsverflechtung wi- disch beherrschte Holdinggesellschaften.
derspiegelt sich auch in den grenzüberschrei-
tenden Direktinvestitionen (FDI). Als FDI gelten Handel vermehrt Wohlstand
Investitionen, die einen Stimmrechtsanteil an
einem Unternehmen von mindestens 10 Prozent Der Beitrag des Aussenhandels an die Wirt- 4 UNCTAD (2018).
5 Ausfuhren von Waren
mit sich bringen. Gemessen am Kapitalbestand schaftsleistung der Schweiz ist eindrücklich: (ohne nicht monetäres
Gold und Wertsachen)
zählt die Schweiz weltweit zu den grössten In- Unter Berücksichtigung der importierten Wert- und Dienstleistungen
vestoren und Empfängern von Direktinvesti- schöpfung tragen die Ausfuhren rund 40 Pro- werden korrigiert um
den Anteil importierter
tionen (siehe Abbildung 2).4 Im Jahr 2017 belie- zent zur gesamtwirtschaftlichen Wertschöp- Wertschöpfung (24,6
Prozent gemäss WTO,
fen sich die Schweizer Direktinvestitionen im fung bei.5 Dies unterstreicht die Bedeutung 2019) und in Relation
Ausland auf 1,2 Billionen Franken – umgekehrt des internationalen Handels für die Schweiz – zum BIP gesetzt.

6  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019
FOKUS

i­nsbesondere weil das Land über keine natürli- Die zentrale Rolle des internationalen Han-
chen Ressourcen verfügt und einen begrenzten dels für die Schweiz bedeutet im Umkehr-
Binnenmarkt hat. schluss, dass die Schweiz deutlich stärker unter
Verschiedene empirische Studien6 belegen Handelshemmnissen oder protektionistischen
die positiven Auswirkungen des Handels auf die Tendenzen im In- und Ausland leiden würde als
Entwicklung von Produktivität und Haushalts- andere Länder.10 Angesichts des aktuellen Han-
einkommen: Auf der Produktionsseite erwei- delskonflikts zwischen den USA und China so-
tern sich die Beschaffungs- und Absatzmöglich- wie der zunehmenden Tendenz von protek-
keiten. Der intensivere Wettbewerb erhöht den tionistischen Handelsmassnahmen sollte die
Innovationsdruck, wodurch Spezialisierung Schweiz deshalb bestrebt sein, Handelshemm-
und Produktivität steigen. Dies wiederum stärkt nisse zu vermeiden.
die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. Unnötige Hemmnisse und zusätzliche Kos-
Auf der Konsumentenseite vergrössert der ten im Handel schaden der Wettbewerbsfä-
Handel das Güterangebot. Der stärkere Wettbe- higkeit der Wirtschaft, führen zu ineffizienter
werb und die tieferen Produktionskosten lassen Ressourcenallokation und schmälern die Ein-
die Preise sinken – wodurch das Realeinkom- kommen der Haushalte. Handelshemmnisse
men der Konsumenten steigt. Eine jüngere Stu- treten im Güterhandel beispielsweise in Form
die zeigt: Am deutlichsten spüren die einkom- von Zöllen, Quoten und produktspezifischen
mensschwachen Haushalte diesen Effekt, da Vorschriften auf. Bei den Dienstleistungen hem-
sie zu einem grösseren Anteil gehandelte Güter men die Anerkennung von Qualifikationen oder
– anstelle von weniger gehandelten Dienstleis- die eingeschränkte Personenfreizügigkeit den
tungen – konsumieren.7 Gemäss dem Globali- grenzüberschreitenden Handel. Weitere Han-
sierungsreport 2018 hat die Schweiz zwischen delshemmnisse können Datenschutz- und Lo-
1990 und 2016 überproportional von der globa- kalisierungsvorschriften oder Investitionskont-
len Handelsintegration profitiert.8 rollen im Namen der nationalen Sicherheit sein.
Wie die Beispiele zeigen, gehen Handelshemm-
Strukturwandel fordert heraus nisse weit über Zölle hinaus und betreffen teil-
weise auch nationale Regulierungsfragen. Hier
Der internationale Handel kann den Struktur- können Zielkonflikte zwischen nationalen Re-
wandel beschleunigen, der als Folge des tech- gulierungszielen und guten Rahmenbedingun-
nologischen Fortschritts auftritt. Einzelne gen für die Aussenwirtschaft entstehen, wobei
Branchen oder Technologien verlieren an Be- die Handelsperspektive immer mit zu berück-
deutung, während andere wichtiger werden. sichtigen ist.
Dies wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus, Wenn unterschiedliche Regulierungsstan-
wo die Anpassungskosten für die Bevölkerung dards den Handel verteuern, kann eine Anglei-
sichtbar werden können. In der Schweiz wa- chung der Standards die Kosten senken. Ein Bei-
ren seit der Jahrtausendwende Lowtech-Bran- spiel ist das Datenschutzrecht, welches für viele
chen im Industriesektor, wie beispielsweise die international aufgestellte Unternehmen in der
Papier- und Textilindustrie, sowie Berufe mit Schweiz relevant ist. Hier sind aus handelspoli-
mittleren Anforderungen  betroffen, deren Be- tischer Sicht  Regelungen anzustreben, welche
schäftigungsanteile im Vergleich zu anderen möglichst gleichwertig sind mit jenen unserer
Kategorien abgenommen haben.9 Haupthandelspartner (insbesondere der EU).
Bisher konnte die Schweizer Wirtschaft den
Strukturwandel relativ gut bewältigen, unter Multilateralismus als Königsweg
anderem aufgrund guter innenpolitischer Rah- 6 IMF, Weltbank und
WTO (2017).
menbedingungen wie eines flexiblen Arbeits- Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Handel 7 Faijgelbaum und Khan-
markts, eines funktionierenden Sozialsystems weltweit liberalisiert. Dabei wurde ein multila- delwal (2016).
8 Bertelsmann-Stiftung
mit Arbeitsanreizen und einer arbeitsmarktna- teraler Weg eingeschlagen, der 1995 zur Schaf- (2018).
9 Seco (2017).
hen, qualitativ hochstehenden Bildungsland- fung der WTO führte. Gemäss dem US-Poli- 10 Guillemette und Turner
schaft. tikwissenschaftler John Ruggie prägen drei (2018).

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  7
MULTILATERALISMUS

Kernelemente multilaterale Regelwerke:11 Das umstritten.13 Die zahlreichen Präferenzabkom-


erste Element ist ein generalisiertes Verhaltens- men verändern natürlich die Ausgangslage für
prinzip – im Fall der WTO das Meistbegünsti- Verhandlungen, weil einzelne Länder unterein-
gungsprinzip. Das zweite Element ist die Un- ander teilweise bereits unterschiedlich intensiv
teilbarkeit der verhandelten Bereiche, welche Handlungshemmnisse abgebaut oder Regulie-
zusammen mit dem ersten Element die Anreize rungen angepasst haben.
zur möglichst umfassenden Beteiligung setzt. Aus pragmatischen Gründen fährt auch die
Das dritte Element ist eine «diffuse» Reziprozi- Schweiz mehrgleisig. Sie unterstützt die WTO
tät, welche multilaterale Verhandlungen natur- und bringt sich auch in den laufenden Reformbe-
gemäss mit sich bringen. Der Gewinn der Teil- mühungen ein. Gleichzeitig hat die Schweiz seit
nehmer ist kaum gegeneinander aufzurechnen, den Neunzigerjahren ein umfassendes Netz von
insbesondere auch, weil der längerfristige, in- Freihandelsabkommen ausgehandelt. Heute be-
stitutionelle Nutzen eine wichtige Rolle spielt. stehen – zusätzlich zu den Abkommen mit der
Dies ist der wichtigste Gegensatz zum bilatera- EU und der Europäischen Freihandelsassoziation
len «Tit for Tat»-Vorgehen in Verhandlungen. (Efta) – rund 30 Abkommen mit 40 Partnerstaa-
Der multilaterale Ansatz erwies sich also ten. Nicht zu vergessen ist zudem der unilatera-
als die effizienteste Lösung, um eine möglichst le Handlungsspielraum der Schweiz in den Berei-
umfassende Beteiligung sicherzustellen, indem chen, wo sie selbst die Regulierung festlegt.
durch das Meistbegünstigungsprinzip der Nut- Nichtsdestotrotz bleibt für kleinere Staaten
zen allen zugutekommt. Gerade beim Abbau von wie die Schweiz der Multilateralismus weiterhin
Zöllen, wo kein neues Recht geschaffen wird, er- eine wichtige Bedingung für eine reibungslose 11 Ruggie (1993).
wies sich das Vorgehen als sehr erfolgreich. Bei Teilnahme am Welthandel. Denn nur er erlaubt 12 WTO: Regional Trade
Agreements Informa-
Regulierungsfragen, wie beispielsweise im Be- die Schaffung eines regelbasierten Welthan- tion System (RTA-IS).
reich des oben erwähnten Datenschutzes, dürf- delssystems, welches an die Stelle des Rechts 13 «Building blocks» und
«stumbling blocks»,
te ein multilateral koordiniertes Vorgehen hin- des Stärkeren tritt. siehe Bhagwati (1991).
gegen schwieriger sein.

Netz an Freihandelsabkommen
In den letzten Jahren ist der multilaterale An-
satz im Rahmen der WTO allerdings ins Stot-
tern geraten. So wurden etwa in der 2001 einbe-
rufenen Doha-Runde bis heute nur in einzelnen
Teilbereichen Abschlüsse erzielt. In der Folge
Larissa Müller
hat der bilaterale Ansatz stark zugelegt. Welt- Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort Wachstum und
weit sind bis 2019 über 470 Freihandelsabkom- Wettbewerbspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern
men (Präferenzabkommen) in Kraft getreten.12
Während bilaterale Freihandelsabkommen
teilweise aufgrund ihrer Nutzungskosten kri- Literatur
Bertelsmann-Stiftung (2018). Globalisierungsreport 2018 – Wer profi-
tisiert werden, bieten grössere regionale Initia- tiert am stärksten von der Globalisierung?
tiven eine etwas effizientere Alternative. Aller- Bhagwati, J. (1991). The World Trading System at Risk, Princeton Uni-
versity Press.
dings führt eine höhere Anzahl von Beteiligten Faijgelbaum, P. und Khandelwal, A. (2016). Measuring the Unequal
Gains from Trade, in: The Quarterly Journal of Economics, 131 (3).
tendenziell zu weniger umfassenden Abkom- Guillemette, Y. und Turner, D. (2018). The Long View: Scenarios for
men. Zu den ambitionierteren regionalen Ab- the World Economy to 2060, OECD Economic Policy Papers, Nr. 22,
Paris.
kommen gehören die Europäische Union, Mer- IMF, Weltbank und WTO (2017). Making Trade an Engine of Growth for
All – The Case for Trade and for Policies to Facilitate Adjustment.
cosur und USMCA (ehemals Nafta) sowie das Ruggie, J. (1993). Multilateralism: The Anatomy of an Institution, in
transpazifische Abkommen CPTPP. Ob die bila- Multilateralism Matters, Columbia University Press.
Seco (2017). Ursachen und Auswirkungen des Strukturwandels im
teralen sowie regionalen Abkommen eher «buil- Schweizer Arbeitsmarkt.
ding blocks» oder «stumbling blocks» für das Unctad (2018), World Investment Report 2018.
WTO (2019). Trade in Value-Added and Global Value Chains – Statisti-
multilaterale System sind, bleibt in der Literatur cal Profiles. 9. Mai 2019.

8 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

Handelsabkommen: Kritik ernst


nehmen
Was haben der amerikanisch-chinesische Handelskrieg und die Globalisierungsskepsis
in Europa gemeinsam? Bei beiden geht es nicht in erster Linie um Zollpolitik, sondern um
das Sicherstellen von Standards.  Ralph Ossa

Abstract    Die USA haben einen Handelskrieg begonnen, obwohl dieser USA der Hauptarchitekt dieses Handelssystems
weltweit bis zu 25 Prozent der Handelsgewinne zerstören könnte. Grün- waren, nun also im Grunde ihr eigenes System
de dafür sind ungünstige Verteilungseffekte von Handelsliberalisierungen, torpedieren.
der ungenügende Schutz des geistigen Eigentums sowie der Irrglauben
der US-Regierung, dass Aussenhandel ein Nullsummenspiel sei. In Europa
stossen umfassende Handelsabkommen auf eine steigende Skepsis. Glo- Handelskrieg trifft Schweiz
balisierungskritik sollte ernst genommen werden, und die Nachteile einer
«Deep Integration» müssen thematisiert werden. Vor diesem Hintergrund stellt sich natürlich die
Frage, welchen volkswirtschaftlichen Schaden
das Zusammenbrechen handelspolitischer Ko-

S eit dem fatalen Handelskrieg der Dreissiger-


jahre, der zu einem beispiellosen Einbruch
des Welthandels führte und damit die Welt-
operation schlimmstenfalls anrichten kann.
Meinen Berechnungen zufolge kann ein Han-
delskrieg schlimmstenfalls rund 25 Prozent
wirtschaftskrise weiter verschärfte, war die der Handelsgewinne zerstören, die wiederum
Notwendigkeit zur internationalen Handelsko- rund 25 Prozent unseres Wohlstandes ausma-
operation Grundkonsens der Handelspolitik. Es chen.1 Als Handelsgewinne bezeichne ich den
bestand Einigkeit, dass der Aussenhandel einen Teil unseres Wohlstandes, der auf den Aussen-
entscheidenden Beitrag zu unserem Wohlstand handel zurückzuführen ist. Sie bilden eine theo-
leistet und letztlich alle Länder von einer ge- retische Obergrenze der Handelskriegskosten,
ordneten Marktöffnung profitieren. Nach dem denn mehr als den Aussenhandel komplett zu
Zweiten Weltkrieg ebnete dies den Weg für eliminieren, kann auch der schlimmste Han-
weitreichende gegenseitige Zollsenkungen, zu- delskrieg nicht.
nächst im Rahmen von multilateralen Gatt-Ab- Diese Zahlen sind als Durchschnittswer-
kommen (ab 1995 WTO) und später auch durch te für die ganze Welt zu interpretieren, und
regionale Partnerschaften wie die EU. die zugrunde liegenden Zahlen variieren stark
Durch die handelspolitische Neuorientie- von Land zu Land. So sind einige Länder na-
rung der USA wird dieser Grundkonsens nun türlich viel stärker vom Aussenhandel abhän-
völlig infrage gestellt. Präsident Donald Trump gig als andere und dementsprechend auch viel
hat als erste Amtshandlung die Transpazifische grösseren Risiken ausgesetzt. Besonders ex-
Partnerschaft (TPP-Abkommen) gekündigt und poniert ist die Schweiz: Bei einem vollständigen
wenig später eine Neuverhandlung des Nord- Zusammenbruch handelspolitischer Koopera-
amerikanischen Freihandelsabkommens (Naf- tion würde das Schweizer Realeinkommen mei-
ta) erzwungen. Zudem hat er einen umfassen- nen Berechnungen zufolge um ganze 14 Prozent
den Handelskrieg mit China begonnen und der einbrechen, das der grossen Wirtschaftsblöcke
EU einen ebensolchen angedroht. Er hat sogar EU, China und USA aber nur um rund 2 Pro-
offen den Austritt seines Landes aus der WTO zent. Länder wie Kanada und Mexiko befänden
angedroht, was fast sicher das Ende unseres sich mittig dazwischen mit Realeinkommens-
multilateralen Handelssystems bedeuten wür- einbussen von etwa 7 Prozent. Mit einem voll-
1 Ossa (2018). de. Dies ist besonders bemerkenswert, da die ständigen Zusammenbruch handelspolitscher

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 9


MULTILATERALISMUS

KEYSTONE
Umfassende Handels-
abkommen wecken
­ ooperation meine ich das «Worst-Case-Szena-
K Ängste in der Bevöl- Nullsummenspiel sei, bei dem die USA entweder
rio» der Handelspolitik, also einen voll eskalier- kerung. Protest gegen gewinnen oder verlieren. Darauf deuten unter
ten Jeder-gegen-jeden-Handelskrieg. das Ceta-­Abkommen anderem die regelmässigen Beschwerden über
zwischen der EU
und Kanada vor dem
das US-Handelsbilanzdefizit hin, das eigentlich
Ursachen des Handelskonflikts EU-Parlament in wenig mit Handelsgewinnen zu tun hat.
Strassburg. Interessanterweise scheint nur der letzte
Ich sehe im Wesentlichen drei Gründe für die Grund spezifisch amerikanisch zu sein; Sorgen
Neuorientierung der amerikanischen Handels- über ungünstige Verteilungseffekte von Han-
politik. Erstens haben bestimmte Bevölkerungs- delsliberalisierungen und Enttäuschung im Zu-
schichten durch den Handel mit China viel ver- sammenhang mit Chinas Schutz von geistigem
loren, wie mein Kollege David Dorn in einem Eigentum sind auch in anderen Ländern weit-
Fachartikel eindrücklich dokumentiert hat.2 verbreitet.
Das schürt natürlich Ressentiments gegenüber
dem Aussenhandel, auch wenn das Land insge- Umfassende Abkommen in Kritik
samt davon profitiert. Zweitens sind US-Unter-
nehmen frustriert über den Schutz ihres geisti- Über die ungünstigen Verteilungseffekte von
gen Eigentums in China sowie über den dortigen Handelsliberalisierungen wurde schon viel ge-
Staatskapitalismus, dem die WTO nur bedingt schrieben, weshalb ich hier nicht weiter darauf
Einhalt gebieten kann. Dieser Punkt ist auch die eingehen möchte.3 Stattdessen scheint mir der
juristische Rechtfertigung für Trumps Straf- zweite Aspekt – der Schutz des geistigen Eigen-
zölle – und nicht etwa Unregelmässigkeiten in tums – als mindestens genauso wichtig, zumin-
Chinas Zollpolitik. Und drittens scheint in der 2 A utor, Dorn und Han- dest wenn man es als Unterthema des Phäno-
Trump-Administration schlicht das Missver- son (2013). mens der «Deep Integration» begreift. «Deep
3 Vgl. Autor, Dorn und
ständnis vorzuliegen, dass Aussenhandel ein Hanson (2013). Integration» beschreibt einen Trend in der

10  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

Handelspolitik, nach dem Handelsabkommen heisst. Hier geht es nämlich nicht um Freihandel
viel mehr sind als nur einfache Zollabkommen. im klassischen Sinne, dem ich natürlich wie fast
Mittlerweile geht es vor allem um die Harmo- alle Handelsökonomen positiv gegenüberstehe.
nisierung von Regulierungen, den Schutz aus- Ich forsche zurzeit intensiv zu diesem Thema,
ländischer Investoren und eben den Schutz von und meine Zwischenergebnisse bestätigen mei-
geistigem Eigentum anstatt um klassische Zoll- ne Vorsicht gegenüber tiefen Handelsabkom-
politik. men. Zusammen mit dem Ökonomen Giovanni
Durch diesen Trend sind moderne Handels- Maggi aus Yale arbeite ich zum Beispiel an einer
abkommen nicht nur komplex geworden, son- Theorie von Handelsabkommen, die den Ein-
dern auch ausserordentlich kontrovers. Ein gu- fluss von Unternehmensinteressen auf die Han-
tes Beispiel dafür sind die Massenproteste in delspolitik untersucht. Im Kern fragen wir uns,
Europa gegen das umfassende Wirtschafts- und welche Lobbys von einem Handelsabkommen
Handelsabkommen (Ceta) zwischen der EU und profitieren und ob damit der Einfluss von Lob-
Kanada sowie gegen das geplante Transatlan- bys insgesamt zunimmt oder abnimmt.
tische Freihandelsabkommen (TTIP) zwischen Bei klassischen Zollverhandlungen neutra-
der EU und den USA. Ein kurzer Blick auf Web- lisieren sich Lobbys weitgehend: Während Ex-
sites wie www.stop-ttip.org macht klar, dass portfirmen besseren Marktzugang wünschen,
sich diese Proteste vor allem gegen die «Deep wollen sich Binnenmarkt-orientierte Unterneh-
Integration» richten: Es geht hier also nicht um men gegen die ausländische Konkurrenz ab-
eine Ablehnung jeglicher Globalisierung, son- schotten. Demgegenüber kann sich das Lobby-
dern vielmehr darum, dass Handelsabkom- ing bei tiefen Handelsabkommen verstärken,
men womöglich Produktstandards verwässern zum Beispiel, wenn es um Konsumentenschutz
(Stichwort: Chlorhühnchen), Regierungen aus geht. Hier haben alle Firmen gleichermassen ein
Angst vor Schadenersatzklagen womöglich auf Interesse daran, bestimmte Produktstandards
sinnvolle Regulierungsmassnahmen verzichten zu senken, um Produkte zu verbilligen und da-
(Stichwort: Investor-State Dispute Settlement) mit den Konsum zu beleben.
oder lebenswichtige Medikamente womöglich
durch starken Patentschutz nur zu Monopol-
preisen in Entwicklungsländern erhältlich sind
(Stichwort: Übereinkommen über handelsbe-
zogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigen-
tums, TRIPS).
Ich halte es in diesem Zusammenhang für
ausserordentlich wichtig, solche Sorgen ernst
zu nehmen und nicht als plumpen Protektionis- Ralph Ossa
mus abzutun. Denn es gibt zu diesen Themen Vorsitzender des Instituts für Volkswirtschaft slehre,
Professor für Internationalen Handel, Universität Zürich
bislang kaum belastbare Forschung, sodass wir
momentan schlicht nicht wissen, ob solch tie-
fe Abkommen die erwünschten Wohlfahrtsge- Literatur
Autor, D., Dorn, D. und Hanson, G. (2013). The China Syndrome: Local
winne erzielen. Wir sollten deswegen mit Vor- Labor Market Effects of Imports Competition in the United States,
sicht und Augenmass vorgehen und nicht blind in: American Economic Review, 103(6), 2121–68.
Ossa, R. (2018). Wie teuer ist ein Handelskrieg? Wirtschaft sdienst,
alles gutheissen, was «Handelsabkommen» Sonderheft.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 11


MULTILATERALISMUS

Krise und Reform der WTO: Gedanken


zum Engagement der Schweiz
Protektionistische Massnahmen gefährden das multilaterale Handelssystem und die
Schweizer Exporte. Die Schweiz setzt sich deshalb für die Reform der WTO ein. Gleich-
zeitig sollte sie ihre Handelspolitik überdenken.  Frédéric Payot

Abstract    Das multilaterale Handelssystem und die Welthandelsorgani- der Handelsstreitigkeiten infrage gestellt. Die
sation (WTO) sind in den letzten Jahren in eine tiefe Krise geraten, die zu Schweiz setzt sich deshalb dafür ein, mit Re-
einer neuen Dynamik in den Handelsbeziehungen zwischen den WTO- formen die Funktionsfähigkeit der Organisa-
Mitgliedern, insbesondere den grossen Wirtschaftsmächten, geführt hat. tion zu erhalten und zu stärken. Parallel dazu
Angesichts dieser Krise sind die Forderungen nach einer Reform der WTO
sollte die Schweiz bestimmte Grundsätze ihrer
gestiegen. Auch die Schweiz setzt sich für die Aufrechterhaltung der Orga-
nisation ein und will deren Funktionsfähigkeit stärken. Gleichzeitig bietet
Handelspolitik überdenken, da die aktuellen
die Krise die Möglichkeit, bestimmte Grundsätze der eigenen Handelspoli- Entwicklungen hin zu einseitigen handelsbe-
tik im Lichte der neuen Herausforderungen neu zu bewerten. schränkenden Massnahmen auf eine markante
Veränderung in den internationalen Handelsbe-
ziehungen hindeuten.

D er ehemalige Schweizer Botschafter bei der


Welthandelsorganisation (WTO), Luzius
Wasescha, brachte es 2009 auf den Punkt: «Wir
Der Motor gerät ins Stocken
haben in diesem Haus ein Juwel zu bewahren: Die Krise der WTO und des multilateralen Han-
Es ist der Multilateralismus, der jedes schwa- delssystems dauert nun schon mehrere Jahre.
che Mitglied zu einem starken Mitglied und je- Angesichts der handelspolitischen Spannungen
des starke Mitglied zu einem zivilisierten Wesen – insbesondere zwischen China und den Ver-
macht.» An dieser Vision des Multilateralismus einigten Staaten – hat sich die Krise seit 2018
hat sich seither nichts geändert. Das im Rahmen verschärft. Die Zunahme der handelsbeschrän-
der WTO entwickelte Handelssystem – transpa- kenden Massnahmen und Gegenmassnah-
rent, offen und regelbasiert – gewährleistet vor- men ist besorgniserregend. So erheben die USA
hersehbare und diskriminierungsfreie Handels- unter anderem Zölle auf die Einfuhr von Stahl-
bedingungen für alle Mitglieder. Es ist das beste und Aluminiumprodukten, die sie mit der Ge-
System gegenüber dem Gesetz des Stärkeren. fährdung der nationalen Sicherheit begründen.
Die WTO ist ein unverzichtbares Bollwerk Diese Zölle wirken sich direkt auf die Schwei-
gegen Protektionismus. Sie fördert Werte der zer Exporte aus. Zudem haben die USA weitere
internationalen Zusammenarbeit im weitesten Massnahmen ergriffen, die auf chinesische Ein-
Sinne und geht damit über ihre rein handels- fuhren aus Gründen der Verletzung des geisti-
politische Dimension hinaus. Ihre Ursprünge gen Eigentums abzielen.1
liegen in der Unterzeichnung des Allgemeinen In der WTO wird das Streitbeilegungsver-
Zoll- und Handelsabkommens (Gatt) im Jahr fahren infrage gestellt. Seit Ende 2016 blockie-
1 Als Ergebnis dieser 1947. Dieser Vertrag war eine direkte Antwort ren die USA den Ernennungsprozess für Mit-
sogenannten Sec-
tion-301-Massnahmen auf den Zweiten Weltkrieg und verkörpert den glieder der Berufungsinstanz systematisch.
des Trade Act von 1974
unterliegen nicht we-
Wunsch, ein solches Ereignis nie wieder erleben Wenn diese Situation andauert, wird das Gre-
niger als 360 Milliarden zu müssen. mium Ende dieses Jahres beschlussunfähig.
US-Dollar der jährlichen
bilateralen Handelsflüs- Die Glaubwürdigkeit der WTO und ihre Fä- Doch das ist nicht die einzige Sorge der WTO.
se zwischen den USA
und China Zöllen von
higkeit, die Handelspraktiken ihrer Mitglie- Eine Allianz zwischen den USA, der EU und Ja-
bis zu 25 Prozent. der zu regulieren, werden im derzeitigen Klima pan stellt die Zweckmässigkeit der Institution

12 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

und ihrer Regeln infrage. Nach Ansicht der Ver- Insbesondere die G-20 verlangt, die WTO sei
bündeten sind die WTO-Regeln nicht an die chi- dringend an die aktuellen handelspolitischen
nesischen Herausforderungen wie massive In- Herausforderungen anzupassen. Es gelte, die
dustriesubventionen, staatliche Unternehmen Handelsregeln und die Funktionsweise der Or-
und erzwungenen Technologietransfer ange- ganisation zu modernisieren. Zudem müsse die
passt. Zudem erfordert die Modernisierung der Krise im Zusammenhang mit dem Streitbeile-
WTO nach Ansicht der drei Wirtschaftsmächte gungsmechanismus gelöst werden.
transparentere Handelspraktiken der Mitglie- Die Inhalte der Reform sind noch nicht genau
der sowie eine glaubwürdigere Differenzierung definiert, da diese zwischen allen WTO-Mitglie-
zwischen den Entwicklungsländern. dern ausgehandelt und vereinbart werden muss.
Die aktuelle Krise ist auf die unvorhersehba- Ein künftiges Reformpaket wird jedoch vermut-
re Politik der US-Regierung und die akuten Han- lich diejenigen Punkte beinhalten, die von den
delsturbulenzen zwischen den USA und China grossen Handelsmächten als vorrangig angese-
zurückzuführen. Ironischerweise ist gerade je- hen werden. Für die USA, die EU und Japan sind
nes Land, welches das multilaterale Handelssys- dies insbesondere die oben erwähnten Einwän-
Wie rettet man den
tem seit dem Zweiten Weltkrieg kontinuierlich de gegenüber China. Für Schwellen- und Ent-
Multilateralismus?
geprägt hat, ein Hauptakteur der Krise. Christine Lagarde wicklungsländer stehen Entwicklungsfragen und
(IWF), Jim Yong Kim günstige Handelsbedingungen («besondere und
Reformbedarf bei der WTO (Weltbank), ­Roberto differenzierte Behandlung») im Vordergrund.
Azevêdo (WTO) und Auch Reformen im Landwirtschaftsbereich sind
José Angel Gurría
Als Reaktion auf die Krise in der WTO haben die (OECD), von links,
nicht auszuschliessen – ein Thema, das für viele
Forderungen nach einer Reform zugenommen. an einer Konferenz WTO-Mitglieder von grosser Bedeutung ist.
in Bali.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  13
MULTILATERALISMUS

Subventionen in der
Fischerei tragen zur
Überfischung bei. An
der nächsten WTO-­
Ministerkonferenz in
Kasachstan scheint
ein Verhandlungs-

ALAMY
erfolg möglich.

Die nächste Ministerkonferenz findet im und Glaubwürdigkeit beibehält. Die Schweiz


Juni 2020 in der kasachischen Hauptstadt Nur- unterstützt und beteiligt sich daher aktiv an der
sultan statt. Sie wird eine bessere Einschätzung Reform. Das Endergebnis ist jedoch nach wie vor
der Modernisierungsbestrebungen in der WTO schwer vorherzusagen, sowohl in Bezug auf den
erlauben, denn das «Paket» dieser Konferenz Inhalt als auch auf den Zeitrahmen.
könnte bereits Elemente der Reform enthalten. In jedem Fall werden die künftigen Ent-
So scheint ein positives Verhandlungsergeb- wicklungen als eine Folge der internationalen
nis bei den Fischereisubventionen möglich. Mit Handelskrise zu betrachten sein, die in den
Blick auf die UNO-Nachhaltigkeitsziele (SDG) letzten Jahren durch eine Zunahme der han-
sollen bestimmte Subventionsformen, die zu delsbeschränkenden Massnahmen eskalier-
Flottenüberkapazitäten und Überfischung bei- te. Diese Situation hat Auswirkungen auf die
tragen, eliminiert werden. Gleiches gilt für Sub- Schweiz. In rechtlicher Hinsicht schaffen die
ventionen, die zu einer nicht gemeldeten und US-Massnahmen, welche die USA mit der Ge-
nicht regulierten illegalen Fischerei beitragen. fährdung ihrer nationalen Sicherheit begrün-
Das Ergebnis dieser Verhandlungen wird zeigen, den, neue Unsicherheiten im internationalen
wieweit diese Organisation heute multilaterale Handelsrecht. Sollte sich herausstellen, dass
und moderne Regeln entwickeln kann. diese Massnahmen mit den WTO-Regeln ver-
einbar sind, könnte dies die Tür für weitere
Schweiz direkt betroffen protektionistische Massnahmen öffnen, die
unter dem Deckmantel der nationalen Sicher-
Das multilaterale Handelssystem bildet eine heit verhängt werden.
zentrale Säule der schweizerischen Aussenwirt- Die Schweiz ist direkt von den Handels-
schaftspolitik. Für eine offene und mittelgrosse schutzmassnahmen der USA betroffen: Neben
Wirtschaft wie die Schweiz ist es unerlässlich, den erwähnten Stahl- und Aluminiumzöllen,
dass die WTO angesichts der wirtschaftlichen welche die Schweizer Exporte beeinträchti-
Realitäten des 21. Jahrhunderts ihre Bedeutung gen, führten die Vereinigten Staaten 2018 auch

14  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

einen Antidumpingzoll speziell gegen Schwei- der von einem Ausfuhrland gewährten Subven-
zer Unternehmen ein. tionen ausgleichen.
Ökonomisch gesehen, hat die Schweiz wenig
Handelspolitische Instrumente? Interesse daran, ihre Importe zu begrenzen oder
durch zusätzliche Zölle zu verteuern, denn sie
Scheitert die WTO-Reform, werden die globalen produziert und exportiert Fertigwaren mit hoher
Handelsbeziehungen zunehmend beeinträch- Wertschöpfung, die den Import von Vorproduk-
tigt – wovon auch der Schweizer Aussenhandel ten erfordern. Wenn die Kosten für diese Vorleis-
betroffen wäre. In Anbetracht dieses Szenarios tungen steigen, büssen die Exportunternehmen
muss die Schweiz bestimmte Praktiken ihrer an Wettbewerbsfähigkeit auf dem Schweizer
Handelspolitik neu bewerten. Konkret stellt sich Markt und auf den Auslandsmärkten ein.
die Grundsatzfrage, ob die Schweiz die handels- Aus politischer Sicht stellt sich schliesslich
politischen Instrumente der WTO optimal zur die Frage, ob die Schweiz in einer Welt des inter-
Verteidigung ihrer Interessen nutzt. Tatsäch- nationalen Handels, in der die Zusammenarbeit
lich hat die Schweiz einige dieser Instrumente zunehmend auf Machtverhältnissen basiert, zu-
nie oder nur wenig eingesetzt. Dies gilt sowohl sätzliche Instrumente verfügbar machen sollte,
für den Streitbeilegungsmechanismus als auch um sich gegen einseitige Handelspraktiken zu
für die handelspolitischen Schutzmassnahmen verteidigen. Es lohnt sich, darüber nachzuden-
(Schutz-, Antidumping- oder Ausgleichsmass- ken – sowohl unter Berücksichtigung der tradi-
nahmen). tionellen Handelsoffenheit der Schweiz als auch
Was den Streitbeilegungsmechanismus der der beträchtlichen Ressourcen, die für solche
WTO betrifft, so hat die Schweiz erst in zwei Instrumente erforderlich wären.
Fällen die Einsetzung eines «Panels» beantragt. Obwohl das Ergebnis der WTO-Reform und
Ein Panel ist ein Ausschuss, der feststellt, ob die Entwicklung der globalen Handelsbeziehun-
der Beschwerdegegenstand mit den WTO-Re- gen kaum vorhersehbar sind, muss die Schweiz
geln vereinbar ist. In beiden Fällen ging es um von einer Verschärfung der Spannungen aus-
US-Massnahmen, nämlich 2002 um Stahl- gehen. Es könnte eine tiefe institutionelle Krise
schutzmassnahmen und 2018 ebenfalls um entstehen, in der die Grossmächte entgegen den
Schutzmassnahmen bei Stahl- und Aluminium- Regeln des multilateralen Handelssystems ihre
produkten, die in diesem Fall aus Gründen der eigene Handelspolitik betreiben. Die Schweiz
nationalen Sicherheit ergriffen wurden. muss auch auf diesen Fall vorbereitet sein und
Auch bei den Handelsschutzmassnahmen die notwendigen Konsequenzen ziehen.
übt sich die Schweiz in Zurückhaltung: Sie wen-
det keine Schutz-, Antidumping- oder Aus-
gleichsmassnahmen gegenüber den Einfuhren
von Industrieprodukten an. Diese Bestimmun-
gen, die de facto handelsbeschränkend sind, se-
hen die vorübergehende Anwendung von Zöl-
len vor. Mit Handelsschutzmassnahmen will ein
Staat etwa einen schädlichen Anstieg der Ein-
fuhren in eine bestimmte einheimische Indust- Frédéric Payot
rie abmildern, den Praktiken der Handelsunter- Dr. oec., wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort WTO,
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
bietung entgegenwirken oder die Auswirkungen

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 15


MULTILATERALISMUS

Fortschreitende Normierung oder


neue Gräben?
Angesichts der fortschreitenden Globalisierung und des technologischen Fortschritts
nimmt der Bedarf an internationaler Regulierung zu. Derzeit droht die Gefahr einer
Blockbildung. Organisationen wie die OECD versuchen deshalb, über gemeinsam
erarbeitete Standards den wirtschaftlichen Austausch auch in Zukunft zu gewährleisten.  
Philippe Lionnet

Abstract    Der wirtschaftliche Multilateralismus steckt in der Krise. Eine neues Rechtsgebiet etabliert, welches mit einem
Ursache liegt im rasanten technologischen Fortschritt, welcher den Druck gut ausgebildeten Streitschlichtungsmechanis-
auf die Politik erhöht, immer weitere Wirtschaftsbereiche international zu mus und einem wachsenden Bestand an Recht-
regeln. Da entsprechende Verhandlungen an der WTO bislang kaum voran- sprechung zum wohl robustesten (im Sinne von
kamen, wurde das «klassische» internationale Handelsrecht in den letzten
durchsetzungsstarken) Völkerrecht überhaupt
Jahren vor allem in regionalen Präferenzabkommen vertieft und auf neue
Bereiche wie etwa den «digitalen Handel» ausgedehnt. Darüber hinaus
gehört. Sprich: Es wurde ein von den meisten
spielen auf die Schaffung von Standards ausgerichtete Institutionen wie Ländern akzeptierter Standard für die recht-
die OECD eine zunehmend wichtige Rolle bei der Regulierung der interna- liche Regelung des Handels geschaffen. Ent-
tionalen Wirtschaft, wie sich etwa im Bereich der Unternehmensbesteue- sprechend basieren auch die zahlreichen prä-
rung gezeigt hat. Sie prägen die internationale Regulierungslandschaft zu- ferenziellen Handelsabkommen, welche in den
sehends durch die Schaffung von Grundlagenwissen und «Best Practices». letzten beiden Jahrzehnten von praktisch allen
Damit sollen die Interoperabilität und ein «Level Playing Field» zwischen WTO-Mitgliedsstaaten abgeschlossen wurden –
nationalen und regionalen Regelsystemen ermöglicht werden.
teilweise mit regionalen Spezifitäten –, auf dem
WTO-Recht.

D er internationale wirtschaftliche Aus-


tausch beruht auf zwischenstaatlichen Re-
geln, deren wesentliche Grundlage multilaterale
Die primär auf Handelsliberalisierung ausge-
richteten Regeln des Allgemeinen Abkommens
über Zölle und den Warenhandel (Gatt) sind seit
Vereinbarungen sind. Davon profitieren sowohl der Gründung der WTO im Jahr 1995 um Themen
Unternehmen als auch Konsumenten: So be- wie den Handel mit Dienstleistungen, den Um-
günstigen Handelsliberalisierungen – etwa der gang mit technischen Handelshemmnissen, han-
Abbau tarifärer Handelshemmnisse wie Zölle – delsrelevante Aspekte des geistigen Eigentums
den Handel. Auch Rechtsprinzipien wie die In- und die Vereinfachung administrativer Verfah-
länderbehandlung, die Meistbegünstigung und ren für den Warenhandel ergänzt worden. Die-
die Transparenz fördern die Rechtssicherheit se zusätzlichen Regeln sind teilweise auch nach
und faire Wettbewerbsbedingungen. über 25 Jahren noch im Entstehen begriffen. Be-
Das «klassische» multilaterale Handelssys- achtenswert ist, dass sie vor allem auf die Anwen-
tem auf Grundlage des Rechts der Welthan- dung innerstaatlicher Vorschriften und deren
delsorganisation (WTO) erhöhte weltweit den Auswirkungen auf den internationalen Handel
Lebensstandard: Der Abbau tarifärer Handels- abzielen. Weil die WTO etwa im Gegensatz zur
hemmnisse über mehrere Verhandlungsrunden Europäischen Union keine supranationalen Re-
hat den Konsumenten in den meisten Ländern geln festlegen kann, definiert sie gewisse Min-
den Zugang zu importierten Waren ermöglicht. deststandards. Den Handel beeinträchtigende
Zudem konnten die Länder ihre komparati- Massnahmen müssen beispielsweise zur Errei-
ven Vorteile im Export besser ausspielen, neue chung legitimer innenpolitischer Ziele notwen-
Märkte erschliessen und Skaleneffekte nutzen. dig und objektiv begründbar sein und dürfen
Mit den WTO-Regeln wurde darüber hinaus ein nicht als versteckte Handelshemmnisse wirken.

16 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

Für die Umsetzung solcher Massnahmen schaftsabkommen: die Transpazifische Partner-


sind die nationalen Behörden zuständig – was schaft (CPTPP) und das USA-Mexiko-­Kanada-
eine Herausforderung bei der Verhandlung Handelsabkommen (USMCA). Beide enthalten
und Umsetzung internationaler Regeln ist. So etwa Bestimmungen zur regulatorischen Kohä-
besteht etwa im Dienstleistungsbereich hin- renz und zum digitalen Handel. Damit vertie-
sichtlich der Ausgestaltung der Verhältnismäs- fen sie die Handelsliberalisierung auf Grundla-
sigkeitsüberprüfung gewisser Massnahmen ge des WTO-Rechts auf regionaler Ebene und
«hinter der Grenze» bislang kein Konsens. Dies, streben gleichzeitig neue Minimalstandards für
obwohl ein entsprechendes Verhandlungsman- die innerstaatliche Regulierung und die regula-
dat bereits 1994 im Allgemeinen Abkommen torische Kooperation an, welche auf dem Wege
über den Handel mit Dienstleistungen (Gats) des jeweiligen Streitschlichtungsmechanismus
vereinbart worden ist. teilweise auch rechtlich durchsetzbar sind. Da-
rüber hinaus adressieren sie spezifische Politik-
Mehr als nur Zollabbau bereiche wie etwa die Währungspolitik. Aller-
dings birgt diese Entwicklung das Risiko einer
Während der Erhalt und die Weiterentwick- verschärften Fragmentierung des Welthandels-
lung des WTO-Regelwerks vor grossen Heraus- systems in mehrere Handelsregionen, deren Re-
forderungen stehen, entwickelt sich die Regu- geln sich potenziell gegenseitig behindern. Mit
lierung der internationalen Wirtschaft sowohl anderen Worten: Es droht eine Blockbildung,
innerstaatlich wie auch in präferenziellen Ab- welche die Gräben zwischen den Ländern ver-
kommen weiter und vertieft sich. Dabei fol- tiefen wird.
gen zwischen Regierungen vereinbarte Regeln
zwangsläufig den realwirtschaftlichen Ent- OECD setzt Standards
wicklungen, die etwa durch den beschleunigten
technologischen Fortschritt an Dynamik und Im Prozess der fortschreitenden Normierung
Komplexität zulegen. treten allerdings auch andere Organisationen
Der Fokus verschiebt sich dabei vermehrt zunehmend in den Vordergrund, deren Tätig-
auf die Vermeidung unnötiger nicht tarifärer keitsgebiet nicht die Handelsliberalisierung oder
Handelshemmnisse wie übermässig einschnei- -regulierung im engeren Sinne ist, sondern viel-
dender Produktevorschrif- mehr die gemeinsame Erarbeitung internatio-
ten, Industriestandards und naler Normen und Standards. Ein zentrales Bei-
restriktiver Zulassungsver- Es droht eine Block­ spiel ist die Organisation für wirtschaftliche
fahren. Der Trend hängt zum bildung, welche die Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in
einen mit der fortschreiten- Paris, bei der Regierungsvertreter sowie Wissen-
den Globalisierung zusam-
Gräben zwischen den schaft und wirtschaftliche Praxis zusammen-
men. Diese wird zunehmend Ländern vertiefen wird. kommen, um Lösungen für ökonomische und
durch den grenzüberschrei- gesellschaftliche Herausforderungen zu finden.
tenden Handel mit Dienstleistungen und die Ausgehend von «Good Practices» nationa-
elektronische Datenübermittlung getrieben, ler Regulatoren und teilweise von Unternehmen,
welche weitgehend innerstaatlich reguliert wer- kann die OECD unverbindliche Empfehlungen
den. Zum anderen ist sie den Erfolgen der WTO beschliessen – sie tut dies in diversen Themen-
und der präferenziellen Handelsliberalisierung bereichen wie etwa der Wettbewerbs-, der Bil-
zuzurechnen: Nicht tarifäre Handelshemmnis- dungs-, der Umwelt-, der Innovations-, der Ent-
se und andere Regelungsbereiche wie der Schutz wicklungs- und der Steuerpolitik. Solche werden
des geistigen Eigentums spielen heute eine weit- jeweils von allen OECD-Mitgliedsstaaten ge-
aus wichtigere Rolle als noch vor 30 Jahren.1 meinsam ausgearbeitet mit dem Ziel, unter den
Auch regionale Präferenzabkommen wider- Mitgliedsstaaten gleiche oder zumindest ähn-
spiegeln den Trend hin zu nicht tarifären Han- liche Wettbewerbsbedingungen (ein «Level
delshemmnissen.2 Paradebeispiele sind die 1 2 D Vgl.
ür et al. (2014).
Beitrag von Ralph
Playing Field») zu schaffen. Auch die Schweiz
jüngst abgeschlossenen umfassenden Wirt- Ossa auf S. 9. hat ein ­unmittelbares I­nteresse daran, bei der

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  17
MULTILATERALISMUS

­rarbeitung solcher i­nternationaler Standards


E Innerstaatliche Datenregulierungen (1972 bis 2019)
mitzuwirken – und kann dies als OECD-Mitglied 250

auch tun.

CASALINI UND LÓPEZ GONZÁLEZ (2019), OECD / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Bei einer breiten Trägerschaft können Stan- 200
dards eine verbindliche Wirkung entfalten, in-
dem sie etwa in verbindliche Regeln übergeführt 150
oder von diesen referenziert werden: Beispiels-
weise wurden in den vergangenen zehn Jahren 100
im Bereich der Steuerpolitik auf Grundlage an-
fänglich konzeptioneller nicht verbindlicher 50
Gespräche neue Standards wie der Automati-
sche Informationsaustausch (AIA) geschaffen.
0
Der Trend der internationalen Normierung 19 2
1974
1978
19 9
19 81
1983
1985
19 88
19 0
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07

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11

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17
19
9
7

9
beschränkt sich aber keineswegs auf die Mit-

20

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19

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  Anpassungen       Zahl der Datenregulierungen
gliedsstaaten der OECD. Auch in der chinesi-
schen Belt-and-Road-Initiative (BRI) wird er- Datenregulierungen betreffen beispielsweise grenzüberschreitende Datenüber-
kennbar, dass die «Politikkoordination» ein Ziel tragungen sowie Lokalisierungsanforderungen für die Datenspeicherung. Die
Zahl der Regeln hängt stark von der Struktur der innerstaatlichen Regeln eines
ist: China wolle die multilaterale Kooperation Landes ab: Während gewisse Länder ein Bündel an Massnahmen in einem Rechts-
zwischen den beteiligten Staaten stärken, heisst akt (etwa einem umfassenden Datenschutzgesetz) regeln, verwenden andere
es im chinesischen BRI-Strategiepapier.3 Staaten mehrere spezifische Rechtsakte.

Digitaler Protektionismus?
Divergierende Positionen wichtiger Han-
Insbesondere die schnell voranschreitende Di- delspartner erschweren allerdings bereits die
gitalisierung der Wirtschaft wirft Fragen im Suche nach kleinsten gemeinsamen Nennern,
Bereich der internationalen Wirtschaftsregu- besonders hinsichtlich regulatorischer Fra-
lierung auf.4 Neue potenzielle Handelshemm- gestellungen. Grundlegend unterschiedliche
nisse wie etwa die staatliche Beschränkung Auffassungen finden sich etwa zwischen den
grenzüberschreitender Datenübermittlung, die USA und China, aber auch zwischen den USA
Lokalisierung der Datenspeicherung und -ver- und der EU, wie dies etwa am Beispiel der ge-
arbeitung innerhalb der Landesgrenzen und er- scheiterten Verhandlungen zur Transatlanti-
zwungener Technologietransfer sind erkennba- schen Handels- und Investitionspartnerschaft
re Vorboten eines digitalen Protektionismus.5 (TTIP)7 oder der unterschiedlichen Beurteilung
Die vorhandenen Divergenzen zwischen Regio- wettbewerbsrechtlicher Fragen zutage getre-
nen und Staaten mit unterschiedlicher Regulie- ten ist.
rungstradition zeigen die Notwendigkeit von Diese unterschiedlichen wirtschaftspoliti-
Minimalstandards, welche zum einen das Le- schen Grundhaltungen wirken sich auch auf die
vel Playing Field im digitalen Handel gewähr- Wirtschafts- und Handelsdiplomatie und de-
leisten und zum anderen einer zunehmenden ren Instrumente aus. Neben dem klassischen
Fragmentierung der internationalen Regulie- Handelsrecht sind Ansätze gefragt, welche die
rungslandschaft im Internet mit potenziell ho- Interoperabilität zwischen verschiedenen Re- 3 National Development
and Reform Commis-
hen Anpassungs- und Compliance-Kosten für gulierungsräumen sichern – und dies auch an- sion (2015).
4 Vgl. Beitrag von Mira
Unternehmen vorgreifen. Die potenziellen Aus- gesichts schnell und unvorhersehbar fort- Burri, Universität Lu-
wirkungen auf das freie Internet als Grundlage schreitender technischer und regulatorischer zern, auf S.24.
5 Aaronson (2018).
der globalen digitalen Wirtschaft sind derzeit Entwicklungen. Ein Ansatz besteht darin, dass 6 Vgl. Cumulative Num-
ber of Data Regulations
noch nicht absehbar. Bislang gelang es den mul- vermehrt auf den internationalen Erfahrungs- in: Casalini und Lopez
tilateralen Institutionen jedenfalls nicht, die austausch durch den Dialog zwischen Behör- Gonzalez (2019) sowie
OECD Digital Services
Zunahme an zumindest potenziell einschrän- den gesetzt wird und Plattformen für den Aus- Trade Restrictiveness
kenden innerstaatlichen Massnahmen zu ver- tausch von «Best Practices» geschaffen werden. Index.
7 Europäische Kommis-
hindern (siehe Abbildung).6 Unter dieser Annahme werden Organisationen, sion (2017).

18  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

welche diesen Ansatz bereits heute verfolgen, Standards jene Bereiche ergänzen, in denen das
potenziell an Bedeutung gewinnen. «klassische» Handelsrecht noch keine hinrei-
chenden Regeln geschaffen hat. Die Vertiefung
Globale Regeln: Schweiz profitiert der Regeln der Globalisierung birgt indes be-
deutende Herausforderungen: Wie kann etwa
Die offene Schweizer Volkswirtschaft basiert ein gemeinsamer Rahmen für Länder mit einer
auf einer liberalen Rechts- und Regulierungs- unterschiedlichen Regulierungstradition, ja
tradition, welche unter anderem die Anpas- unterschiedlichem Wirtschaftssystem gefun-
sungskosten für Unternehmen gering hält. Um den werden? Es besteht die Gefahr, dass sich die
die Schweiz als internationalen Unternehmens- Gräben zwischen den globalen Wirtschaftsräu-
standort attraktiv zu halten, wird die Kompa- men weiter vertiefen. Im schlimmsten Fall ver-
tibilität der innerstaatlichen Regulierung mit unmöglichen Beschränkungen des Datenver-
international vereinbarten Standards aller- kehrs zwischen Staaten oder Regionen Teile des
dings an Bedeutung gewinnen. Vor diesem Hin- Handels.
tergrund ist es wichtig, die internationalen Ent- Für die vernetzte, offene Schweiz gilt es, zur
wicklungen – insbesondere in der EU und in der Vermeidung von ungerechtfertigten Handels-
OECD – aktiv zu verfolgen und sich für normati- hemmnissen wo möglich aktiv zur internatio-
ve Lösungen einzusetzen, die den wirtschaftli- nalen Erarbeitung von Standards und Regeln
chen Austausch begünstigen und die schweize- beizutragen – sowohl auf multilateraler Ebene
rische Rechtsordnung respektieren. wie auch mit bilateralen Vereinbarungen.
Die Schaffung internationaler Standards
und die staatliche Souveränität bilden ein Span-
nungsfeld: Auch wenn regulatorische Annähe-
rung zwischen Staaten auf der Grundlage eines
grundsätzlichen gegenseitigen Interesses an
wirtschaftlichem Austausch stattfindet, sind
internationale Regeln zu jedem Zeitpunkt auf
innenpolitische Akzeptanz angewiesen.
Klar scheint: Die regulatorische Dimen-
sion der internationalen Wirtschaftsdiploma-
Philippe Lionnet
tie kann das multilaterale Handelssystem auf Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Internationales Wirt-
Grundlage des WTO-Rechts nicht ersetzen. schaft srecht, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco),
Bern
Vielmehr werden internationale Normen und
Literatur
Aaronson, Susan Ariel (2018). Europäische Kommission (2017). National Development and Re- Dür, Andreas, Leonardo Baccini
What Are We Talking about EU und USA veröffentlichen ge- form Commission (2015). Vision und Manfred Elsig (2014). The
When We Talk about Digital Pro- meinsame Erklärung zum Stand and Actions on Jointly Building Design of International Trade
tectionism? in: World Trade der TTIP-Verhandlungen, Silk Road Economic Belt and Agreements: Introducing a New
Review 1–37. Medienmitteilung, 17. Januar. 21st-Century Maritime Silk Road, Database. In: Review of Inter-
Casalini, Francesca und Javier 28. März. national Organizations, 9(3):
López González (2019). Trade 353–375.
and Cross-Border Data Flows,
OECD Trade Policy Papers 220.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 19


MULTILATERALISMUS

Entwicklungsbanken sind ein


Erfolgsmodell
Mit Investitionen in Entwicklungsländern und ihrem vielfältigen Fachwissen tragen die
Entwicklungsbanken zur Armutsbekämpfung und zur wirtschaftlichen Entwicklung bei.
Ihre effektive Koordination bleibt eine Herausforderung.  Joël Farronato, Jürg Schneider

Abstract   Entwicklungsbanken sind ein zentraler Pfeiler des Multilatera- rale Entwicklungsbanken» nennen könnte, ins
lismus. Die global oder regional tätigen Institutionen befinden sich alle im Leben gerufen.2
Besitz ihrer Mitgliedsländer – darunter auch die Schweiz. Dieses Organi- Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion
sationsmodell multilateraler Kooperation hat sich bewährt und trägt zur im Jahr 1991 erschloss sich den Entwicklungs-
Bewältigung globaler Probleme sowie zur Umsetzung der nachhaltigen
banken ein neues Tätigkeitsgebiet: Um den
Entwicklungsziele (SDG) bei.
Transformationsprozess in den ehemaligen
Ostblockstaaten zu fördern, wurde die Europäi-
sche Bank für Wiederaufbau und Entwicklung

D er Ursprung der multilateralen Entwick-


lungsbanken findet sich in den Vierziger-
und Fünfzigerjahren. Damals sahen die Ent-
(EBRD) ins Leben gerufen. Das wirtschaftliche
Wachstum und der politische Bedeutungszu-
wachs der Schwellenländer – insbesondere von
wicklungsökonomen der ersten Generation den China – führten 2015 zur Gründung der Asia-
Mangel an Kapital in den Volkswirtschaften tischen Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB)
der «less-developed economies» als das Haupt- und der New Development Bank. Beide haben
hindernis der wirtschaftlichen Entwicklung.1 ihren Sitz in China. Sie übernehmen das Erfolgs-
An der Bretton-Woods-Konferenz im Jahr 1944 modell der klassischen Entwicklungsbank und
gründeten die alliierten Mächte und weite- geben gleichzeitig den aufstrebenden Volks-
re eingeladene Staaten deshalb die Internatio- wirtschaften des Südens mehr Gewicht.
nale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung Die Schweiz reagierte schnell auf die Öff-
(IBRD), um den wirtschaftlichen Wiederaufbau nung der regionalen Entwicklungsbanken für
in der Nachkriegszeit zu bewältigen. Die IBRD nicht regionale Mitglieder und trat ihnen früh
spielt bis heute eine Vorreiterrolle im System bei, weil dies Chancen für ihre internationale
der multilateralen Entwicklungsbanken (im Fol- Präsenz in einer sich neu konstituierenden Welt
genden «Entwicklungsbanken»). eröffnete. Viel später erst, im Jahr 1992, erfolgte
Allgemein gesprochen, sind Entwicklungs- der Beitritt zur Weltbank. Die Gründe dafür lie-
banken supranationale Organisationen, ge- gen in der Währungspolitik, da der Beitritt zum
gründet durch souveräne Staaten als Aktionäre Internationalen Währungsfonds (IWF) Voraus-
im engeren und als «Stakeholders» der interna- setzung für die Mitgliedschaft in der Weltbank
tionalen Zusammenarbeit im weiteren Sinn. ist.3 Dennoch unterhielt die Schweiz lange vor
Regionale Entwicklungsbanken – so zum 1992 enge entwicklungspolitische Beziehungen
Beispiel die Afrikanische, die Asiatische und die mit der Weltbank – beispielsweise unterstützte
Interamerikanische Bank – entstanden im Kon- sie deren Entwicklungsfonds.
text der Entkolonisierung in den Sechzigerjah- Die Entwicklungsbanken sind ein zentraler
ren. Die regionalen Gründerstaaten sahen diese Pfeiler der Schweizer Entwicklungszusammen-
1 Vgl. Bauer (1984), S. 27. Institutionen als Mittel, um ihre wirtschaftliche arbeit: Sie helfen die international vereinbar-
2 Humphrey (2019).
3 Bundesrat (1991), und soziale Entwicklung zu fördern. Ebenfalls ten Ziele zu erreichen und stellen ein geeignetes
S. 1154.
4 Prizzon und Engen
in den Sechzigerjahren wurde eine Reihe von Instrument für die Umsetzung schweizerischer
(2018). subregionalen Banken, die man auch «minilate- Programme dar.

20 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

DOMINIC CHAVEZ / WORLD BANK


Die Weltbank inves-
tiert in medizinisches
Die multilateralen Entwicklungsbanken bil- Personal. Kurs zu tiv eng gesteuert werden. So nutzt die Schweiz
den ein Subsystem mit zahlreichen Akteuren in- Kindergesundheit in beispielsweise ihre Einflussmöglichkeiten, um
nerhalb der immer komplexeren internationalen Liberia. auf die Einhaltung und die Weiterentwicklung
Finanzarchitektur (siehe Abbildung auf Seite 22). hoher Umwelt-, Sozial- und Gouvernanzstan-
Gemeinsam ist ihnen der Grundauftrag, nach- dards zu achten. Kritiker bemängeln, das Sys-
haltiges Wirtschaftswachstum und globale oder tem der Verwaltungsräte sei aufwendig und
regionale Kooperation zu fördern. Als multila- relativ kostenintensiv. Nur die Asiatische Infra­
terale Kooperationsforen bilden sie zudem ein struktur-Investitionsbank verzichtet auf den
wichtiges Bindeglied zwischen den Staaten.4 permanenten Verwaltungsrat, was grössere Dy-
namik und Flexibilität erlauben soll.
Staaten als Aktionäre Da die Verwaltungsräte bei allen Entwick-
lungsbanken weniger Sitze haben als Mitglie-
Das Aktionariat setzt sich aus Ländern unter- der, müssen Stimmrechtsgruppen gebildet wer-
schiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungs- den. Dies ist der Konsensfindung förderlich
stands zusammen, die auch politisch und kul- – wie sich am Beispiel der Schweiz im Verwal-
turell manche Unterschiede aufweisen. Die tungsrat der Weltbank zeigen lässt: Die Schweiz
finanziellen Beiträge der Mitglieder variieren bildet dort eine Stimmrechtsgruppe mit zent-
stark, und einige Länder sind sowohl Anteils- ralasiatischen Ländern, mit denen sie sich per-
eigner als auch Kunde. Kurz: Die Interessenla- manent im Austausch befindet, um wenn immer
gen der Aktionäre sind unterschiedlich. möglich gemeinsame Positionen zu definie-
Bis heute tagen die Verwaltungsräte quasi ren. Obwohl der Druck zur Kompromissfindung
wöchentlich am Sitz der Banken. Dies erleich- Entscheidungsprozesse verlangsamen und Am-
tert die strategische Leitung, die Aufsicht und bitionen zurückbinden kann, erlaubt er die Bil-
die Kompromissfindung. Das Management der dung einer soliden, von allen getragenen Grund-
Banken kann durch diese Leitungsgremien rela- lage für Entscheidungen.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  21
MULTILATERALISMUS

Entwicklungsbanken weltweit
OFID IIB EDB
Österreich Russland Kasachstan

EIB
Luxemburg

EBRD
Vereinigtes Königreich
IFAD AIIB
Weltbank, IADB Italien BSTDB China
Vereinigte Staaten Griechenland
NDB
China
CABEI ETDB AFESD

PRIZZON UND ENGEN (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Türkei ASDB
Honduras CDB Kuwait
Philippinen
Barbados
ISDB
BOAD, EBID
Saudi-Arabien
AFDB Togo
Elfenbeinküste BADEA
Sudan
CAF
Venezuela EADB
TDB Uganda
Burundi
BDEAC
Kongo-Brazzaville

AFDB Afrikanische Entwicklungsbank CABEI Zentralamerikanische Bank für wirtschaftliche Inte- ETDB ECO-Handels- und -Entwicklungsbank
AFESD Arabischer Fonds für wirtschaftliche und soziale gration IADB Interamerikanische Entwicklungsbank
Entwicklung CAF Andine Finanzkooperation IFAD Internationaler Fonds für landwirtschaftliche
AIIB Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank CDB Karibische Entwicklungsbank Entwicklung
ASDB Asiatische Entwicklungsbank EADB Ostafrikanische Entwicklungsbank IIB Internationale Investitionsbank
BADEA Arabische Bank für wirtschaftliche Entwicklung in EBID Investitions- und Entwicklungsbank des ECOWAS ISDB Islamische Entwicklungsbank
Afrika EBRD Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwick- NDB Neue Entwicklungsbank
BDEAC Entwicklungsbank der Staaten Zentralafrikas lung OFID OPEC-Fonds für internationale Entwicklung
BOAD Westafrikanische Entwicklungsbank EDB Eurasische Entwicklungsbank TDB Handels- und Entwicklungsbank
BSTDB Schwarzmeer-Handels- und Entwicklungsbank EIB Europäische Investitionsbank

Hebelwirkung erzielt zugewiesen. Sie können auch als Zuschüsse an


die ärmsten Mitglieder fl iessen. Anders als bei
Entwicklungsbanken funktionieren grund- Geschäftsbanken erhalten die am wenigsten
sätzlich ähnlich wie Geschäftsbanken: Dank entwickelten Länder die besten Konditionen.
ihrem grossen Kapitalstock und ihrer guten Bo- Statt einer Risikoprämie finden wir hier einen
nität können sie an den Finanzmärkten günstig in der Tarifstruktur eingebauten Solidaritäts-
Geld aufnehmen und damit eine beträchtliche effekt.
Hebelwirkung erzielen. Innerhalb der Weltbank-
Gruppe nutzten die IBRD sowie die Interational Neue Herausforderungen
Finance Corporation (IFC) seit ihrer Gründung
zum Beispiel ein Kapital von insgesamt 19 Mil- Die Entwicklungsbanken haben über die ver-
liarden Dollar für Finanzierungen in der Höhe gangenen 75 Jahre eine bemerkenswerte Anpas-
von über 900 Milliarden Dollar.5 Da sich das Ka- sungsfähigkeit und Beharrungskraft in einer
pital bei allen multilateralen Entwicklungsban- sich rasch wandelnden Welt bewiesen. Sie sind
ken in den Händen souveräner Staaten befindet, ein Schlüssel, um Engpässe bei der Infrastruk-
sind diese zugleich höchste Aufsichtsbehörde tur, den Institutionen oder den Regulierun-
und strategisches Führungsorgan. gen zu beseitigen. Darüber hinaus tragen sie in
Profite werden nicht aufgrund der Kapital- Wirtschaftskrisen antizyklische Massnahmen
anteile ausgeschüttet, sondern den Reserven mit. Sie haben das Vertrauen der Kunden, der

22 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

Finanzmärkte und ihrer Mitgliedsländer. Aus- tionen von Forschung und Beratung. Der Akzent
druck dieses Vertrauens sind die exzellenten verschiebt sich damit stärker auf weiche Fakto-
Noten der Ratingagenturen, die hohen Kofinan- ren wie das Humankapital als Grundlage aller
zierungen durch die Mitgliedsländer und die Entwicklung.7
zahlreichen Kapitalerhöhungen in der Vergan- Abschliessend lässt sich sagen: Mit ihrem
genheit. wirksamen und finanziell nachhaltigen Ge-
Welche Herausforderungen gibt es? Eine schäftsmodell bilden die Entwicklungsban-
permanente Aufgabe ist die Koordination des ken einen wichtigen Pfeiler der multilateralen
gesamten Systems der Entwicklungsbanken, da Zusammenarbeit. Sie haben sich in ihrer Ge-
sowohl die einzelnen Institutionen als auch ihre schichte kontinuierlich entwickelt, leisten einen
Aktionäre spezifische Interessen verfolgen. Die substanziellen Beitrag zur globalen Armutsbe-
Schweiz setzt sich für eine klare Arbeitsteilung kämpfung und spielen mittlerweile auch eine
der Entwicklungsbanken im Rahmen präzis de- wichtige Rolle bei der Umsetzung der nachhal-
finierter Mandate ein und unterstützt seit je tigen Entwicklungsziele (SDG). Damit bleiben
einen systemischen Ansatz, wie ihn gegenwär- sie auch in Zukunft ein bedeutender Partner
tig etwa die G-20 vorantreibt.6 Jede Bank soll der schweizerischen Entwicklungszusammen-
ihre Stärken und komparativen Vorteile aus- arbeit.
spielen können. Die verwendeten Instrumente
gilt es zu harmonisieren und die Transparenz
bei den Projekten und Programmen sicherzu-
stellen.

5 «Sustainable Financing
for Sustainable De-
Fokus auf UNO-Nachhaltigkeitsziele
velopment: World Bank
Group Capital Package Weiter sind die Entwicklungsbanken gefordert,
Proposal» prepared by
the World Bank Group zur Lösung einer wachsenden Zahl von trans-
for the April 21, 2018 nationalen Herausforderungen wie etwa der Joël Farronato Jürg Schneider
Development Commit-
tee Meeting. Verschuldung, der Migration sowie dem Um- Wissenschaftlicher Mit- Dr. phil., wissenschaftli-
6 G20 Eminent Persons arbeiter, Multilaterale cher Mitarbeiter, Multi-
Group on Global Finan- welt- und Klimaschutz beizutragen. Die Ent- Zusammenarbeit, Staats- laterale Zusammenarbeit,
cial Governance (2018).
7 Vgl. «Human Capital
wicklungsbanken sehen sich immer mehr auch sekretariat für Wirtschaft Staatssekretariat für Wirt-
(Seco), Bern schaft (Seco), Bern
Project» der Weltbank. als «Wissensbanken» und verstärken die Funk-
Literatur
Bauer, Peter (1984). Remembran- G20 Eminent Persons Group on Humphrey, Chris (2019). «Minila- Prizzon, Annalisa und Lars Engen
ce of Studies Past: Retracing First Global Financial Governance teral» Development Banks: What (2018). A Guide to Multilateral
Steps. In: Pioneers in Develop- (2018). Making the Global Finan- the Rise of Africa’s Trade and Development Banks, Overseas
ment. Hg. G. M. Meier und D. cial System Work for All, Bericht Development Bank Says about Development Institute London.
Seers, New York. vom Oktober 2018. Multilateral Governance. In: De-
Bundesrat (1991). Botschaft über velopment and Change.
den Beitritt der Schweiz zu den
Institutionen von Bretton Woods
vom 15. Mai 1991, BBl 1991 II 1153.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 23


MULTILATERALISMUS

Wie soll man die globalen Datenflüsse


regulieren?
Für die zunehmenden Datenströme braucht es globale Regeln. Das internationale
Handelsrecht muss dringend angepasst werden.  Mira Burri

Abstract    Die grenzübergreifende Regulierung von Daten schafft ein Di- Handelspolitik gefordert
lemma: Einerseits stellt sie die Souveränität der betroffenen Staaten infra-
ge. Andererseits behindert eine Regulierung den freien Handel und droht Entscheidend ist: Daten müssen grenzüber-
das Wachstum der digitalen Wirtschaft zu verhindern. Das internationa-
schreitend fliessen. Die Lieferung digitaler
le Handelsrecht könnte einen Ausweg aus diesem Dilemma aufzeigen. Al-
Produkte und Dienstleistungen, Cloud-Com-
lerdings ist die Weiterentwicklung des WTO-Rechts schon seit Längerem
blockiert. In der Folge sind viele Staaten auf bilaterale Freihandelsabkom- puting-Anwendungen, das Internet of Things
men ausgewichen, um den grenzüberschreitenden Datenverkehr zu regu- oder künstliche Intelligenz funktionieren bei
lieren. einem eingeschränkten grenzüberschreiten-
den Datenfluss nicht. Diese kritische Abhängig-
keit verlangt von der Handelspolitik rasche und

D igitaler Handel ist nichts Abstraktes, viel-


mehr ist er zu einem wesentlichen Be-
standteil unseres Alltags geworden. Man denke
klare Lösungen. Solche zu finden, stellt jedoch
eine grosse Herausforderung dar: Die Verwen-
dung von Daten wirft Fragen auf betreffend die
nur an die zahlreichen Zalando-Pakete, die per Balance zwischen der Kontrolle von Daten und
Post zugestellt werden, oder die Musik, die wir dem Schutz der Privatsphäre und der nationa-
via Spotify streamen, während wir im Zug sit- len Sicherheit. Darüber hinaus ergeben sich Zu-
zen. Der digitale Handel ist jedoch mehr als das: ständigkeitsprobleme, sobald Daten das Land
Über den Verkauf von Waren und Dienstleis- verlassen und die Staaten sich nicht mehr in der
tungen hinaus umfasst er komplexere Trans- Lage fühlen, einen angemessenen Schutz ihrer
aktionen, bei welchen die Datenströme nicht Bürger zu gewährleisten – wie beispielsweise
zwingend mit einer bestimmten Ware oder wenn Facebook Daten von EU-Bürgern in den
Dienstleistung verbunden sind  – so zum Bei- USA speichert.
spiel bei finanziellen Dienstleistungen oder bei Wie kann dieses Regulierungsdilemma be-
Fitnesstrackern, bei denen Daten hin- und her- hoben werden? Kann das internationale Han-
gesendet werden. delsrecht dazu beitragen, Lösungen zu finden,
Datenströme beeinflussen nicht nur unseren welche die Interessen des souveränen Staa-
Alltag, sondern haben den globalen Handel ra- tes dergestalt in Einklang bringen, dass die-
dikal verändert. Daten gelten als das neue «Öl»: ser sowohl datengesteuerte Innovationen er-
Die moderne Wirtschaftstätigkeit, die Inno- möglichen als auch den Schutz seiner Bürger
vation und das Wachstum basieren zusehends gewährleisten kann? Die Mitglieder der Welt-
auf Daten.1 Aktuelle Studien zeigen, dass grenz- handelsorganisation (WTO) haben frühzeitig
überschreitende Datenflüsse mehr ökonomi- erkannt, dass sich die digitalen Technologien
schen Wert generieren als traditioneller Waren- auf alle Bereiche des Handels – Waren, Dienst-
1 «The Economist»
(2017): The World’s handel. Diese Entwicklung ist bemerkenswert, leistungen und geistiges Eigentum – auswirken,
Most Valuable Resour-
ce Is No Longer Oil, but
wenn man bedenkt, dass grenzüberschreitende und bereits 1998 das Arbeitsprogramm für elek-
Data, 6. Mai 2017. Datenflüsse ein relativ junges Phänomen sind.2 tronischen Handel lanciert. Diese Initiative blieb
2 J. Manyika et al. (2016):
Digital Globalization: Datenflüsse erlauben zudem die Beteiligung von jedoch fruchtlos und mündete nicht in konkrete
The New Era of Global
Flows, McKinsey Global
kleinen und mittleren Unternehmen, auch in Ergebnisse oder Änderungen des WTO-Rechts.
Institute. Entwicklungsländern. Ein marginaler Ausgleich für die veralteten

24 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

Daten fliessen grenzüberschreitend.


Reparatur eines Unterwasserkabels
im Pazifik.

ALAMY
MULTILATERALISMUS

Regeln erfolgte indes durch die Rechtsprechung schutz, kontrovers, und die Positionen der Staa-
des WTO-Streitschlichtungsgremiums und die ten, insbesondere diejenige der USA und der
Erweiterung des Information Technology Ag- EU, können markant voneinander abweichen:
reement (ITA) im Jahr 2015, das Nulltarife für Während in der EU Datenschutz den Wert eines
eine Reihe von IT-Produkten vorschreibt. An- Menschenrechts hat, sind die Datenschutzstan-
gesichts des wachsenden digitalen Handels war dards in den USA tief und nur fragmentarisch
dies aber bei Weitem nicht ausreichend. geregelt.
Schlussendlich ist zu beachten, dass, ob-
Freihandelsabkommen regeln schon die Freihandelsabkommen für viele Prob-
leme des digitalen Handels schnellere Lösungen
Datenflüsse
geliefert haben, das allgemeine regulatorische
Weil auf multilateraler Ebene keine befriedi- Rahmenwerk bei Weitem nicht umfassend ist
genden Lösungen gefunden werden konnten, und daher möglicherweise nicht in der Lage
griffen die Staaten auf bilaterale Freihandels- ist, optimale Bedingungen für die Zukunft der
abkommen zurück, um bessere Bedingungen datengesteuerten Wirtschaft zu schaffen.
für den digitalen Handel zu schaffen und eini- Am diesjährigen Weltwirtschaftsforum in
ge neue Handelshemmnisse wie die Datenloka- Davos haben 76 Staaten – darunter die USA, die
lisierung zu beseitigen. EU-Mitgliedsstaaten, die Schweiz sowie China –
Seit dem Jahr 2000 wurden weltweit mehr ein starkes Zeichen dahin gehend gesetzt, dass
als 300 Freihandelsabkommen bilateral und re- sich dies ändern muss. Sie haben sich verpflich-
gional unterzeichnet, wobei sich immer mehr tet, unter der Schirmherrschaft der WTO kon-
davon explizit mit dem digitalen Handel und zertierte Anstrengungen hin zu einem neuen
insbesondere den grenzüberschreitenden digitalen Handelsabkommen zu unternehmen.
Datenflüssen befassen. Welche Trends lassen Dies ist eine begrüssenswerte Entwicklung,
sich in diesem neuen und dynamischen Feld des welche einen umfassenden und angemesse-
internationalen Wirtschaftsrechts beobachten? nen Rahmen für den globalen digitalen Handel
Erstens ist es offensichtlich, dass die USA ein schaffen könnte. Während die WTO-Mitglieder
Impulsgeber und Strippenzieher waren und die damit beschäftigt sind zu verhandeln und der
Entwicklung des Regelwerks für den digitalen Inhalt sowie die Form des Abkommens noch of-
Handel stark beeinflusst haben. Es wäre jedoch fen sind, scheint zum ersten Mal die reale Chan-
falsch, zu sagen, dass es die USA allein sind, die ce zu bestehen, die globale digitale Agenda vor-
die Verbreitung solcher Regeln vorantreiben; anzubringen.
Singapur, Australien und Japan waren ebenfalls
wichtige Beteiligte – die Europäische Union hin-
gegen war ein eher langsam vorgehender und
bedächtiger Akteur.
Zweitens ist festzustellen, dass der Umfang
der abgedeckten Fragen im Bereich des digita-
len Handels zugenommen hat. Zudem scheint
ein breiter Konsens darüber zu bestehen, dass
Themen wie papierloser Handel, elektronische
Mira Burri
Verträge und Zahlungen wichtig sind und den Dr. iur., Dozentin und Managing Director Internationa-
digitalen Handel fördern können. Im Gegensatz lization, Rechtswissenschaftliche Fakultät, Universität
Luzern
dazu sind einige Fragen, wie etwa der Daten-

26 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

Ethische Massstäbe für eine Ordnung


des Welthandels
Handelsabkommen sind in die Kritik geraten. Ethische Massstäbe helfen, die Verträge
gerecht zu gestalten.  Johannes Wallacher

Abstract    Gegner von Handelsabkommen warnen vor wachsender Un- mehr Wohlstand und Arbeitsplätze sowie eine
gleichheit, geringeren Sozial-, Umwelt- und Verbraucherschutzstandards Minderung von Armut. Denn der Abbau von
oder einer Aushöhlung der Demokratie durch Investitionsschutz oder pri- tarifären wie nicht tarifären Handelsschran-
vate Schiedsgerichte. Mangelnde Transparenz der Verhandlungsprozes- ken und gemeinsame Normen und Standards
se und fehlende Erläuterung der Ziele solcher Abkommen haben das Ihri-
vergrössern die Absatzmärkte, schaffen mehr
ge zum verbreiteten Widerstand beigetragen. Um dem entgegenzuwirken
und für Vorteile, die mit Handelsabkommen verbunden sind, werben zu Wettbewerb, erlauben die Produktion in grös-
können, sind die Wirkungszusammenhänge konkreter Handelsabkommen seren Stückzahlen, was die Produktionskosten
einschliesslich damit verbundener Chancen und Probleme sachlich zu ana- senkt und den Konsumenten ein reichhaltige-
lysieren. Ethische Massstäbe geben Orientierung für die Gestaltung sol- res und günstigeres Angebot ermöglicht. Für
cher Abkommen. Bei der ethischen Abwägung ist jedoch immer auch zu be- ärmere Länder bieten internationale Handels-
rücksichtigen, wie das Ergebnis aussieht, wenn kein Abkommen zustande beziehungen die Möglichkeit, ihre wirtschaftli-
kommt und Handelskonflikte oder gar «Handelskriege» drohen. che Entwicklung durch mehr Exporte, ausländi-
sche Direktinvestitionen und die Nutzung neuer
Technologien aus dem Ausland zu verbessern.

H andelsabkommen werden seit Längerem


von kontroversen, oft emotionalen Debat-
ten und öffentlichen Protesten begleitet. Kri-
Verlierer der Globalisierung
tiker bemängeln, diese Abkommen erhöhten Eine aussenwirtschaftliche Öffnung ist jedoch
die Ungleichheit. Zudem seien die Sozial-, Um- auch mit Risiken verbunden. Offene Volkswirt-
welt- und Verbraucherschutzstandards unge- schaften sind grösseren äusseren Einflüssen –
nügend, und Investitionsabkommen oder priva- wie abrupten Veränderungen von Wechselkur-
te Schiedsgerichte schränkten den nationalen sen und Weltmarktpreisen – ausgesetzt, zudem
Handlungsspielraum ein. Demgegenüber ver- sind Verteilungseffekte zu berücksichtigen, und
weisen die Befürworter von Handelsabkommen zwar sowohl zwischen den beteiligten Ländern
auf die positiven Wachstums- und Beschäfti- wie innerhalb der jeweiligen Länder. Denn offe-
gungseffekte. ne Märkte und mehr Wettbewerb bringen fast
Aus wirtschaftsethischer Sicht ist grenz- zwangsläufig Gewinner ebenso wie Verlierer
überschreitender Handel niemals Selbstzweck im wirtschaftlichen Sinne hervor. Vom Aussen-
– sondern immer im Hinblick auf seine Folgen handel profitieren vor allem diejenigen, die
für allgemeinen Wohlstand, die gesellschaftli- über Fachwissen, Patente oder die notwendigen
che Teilnahme und Teilhabe aller und die Ent- Grundstücke, Maschinen und Vertriebsstruk-
wicklungsperspektiven der Armen zu beurtei- turen verfügen, weil diese Produktionsfaktoren
len. Um Handelsabkommen aus ethischer Sicht durch den Aussenhandel stärker nachgefragt
zu beurteilen, braucht es deshalb eine sachliche werden.
Analyse der konkreten Wirkungszusammen- Mit fortschreitender Integration in den Welt-
hänge. handel beschleunigt sich der Strukturwandel
Wirtschaftstheorien und empirische Stu- – was die Dringlichkeit von Anpassungsmass-
dien zeigen: Handelsbeziehungen bieten für nahmen unterstreicht. Sind bestimmte Produk-
die beteiligten Volkswirtschaften Chancen für tionsfaktoren oder traditionelle Betriebe nicht

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 27


MULTILATERALISMUS

mehr konkurrenzfähig, drohen Betriebsschlies- also entscheidend von den nationalen Rah-
sungen und höhere Arbeitslosigkeit. menbedingungen ab: Insbesondere eine solide
Generell gilt: Selbst wenn Länder ihre Pro- Wirtschafts- und Sozialpolitik verbessert die
duktion vergleichsweise schnell auf neue, inter- Chancen breiter Bevölkerungskreise, vom inter-
national gefragte Sektoren umstellen und so nationalen Handel zu profitieren, und federt die
Wettbewerbsvorteile erzielen können, profitie- Risiken ab, die mit der Integration in den Welt-
ren vor allem besser ausgebildete Arbeitskräfte handel verbunden sind. Zentral sind auch Fra-
von einer Marktöffnung. Folglich gehören Men- gen der politischen Teilhabe und der demokra-
schen mit geringer Qualifikation auch in wirt- tischen Legitimation. Gerade die derzeitigen
schaftlich erfolgreichen Ländern meist zu den Erfolge zweifelhafter Demagogen und popu-
Verlierern, wenn es ihnen nicht gelingt, ihren listischer Bewegungen führen uns vor Augen,
Ausbildungsstand zu verbessern. wie wichtig es ist, dass alle Teile der Bevölke-
Die aussenwirtschaftliche Öffnung in den rung das Gefühl haben, nicht nur wirtschaftlich
westlichen Demokratien wurde daher oft durch «versorgt zu sein», sondern eben auch dazuzu-
sozialstaatliche Massnahmen vorbereitet und gehören und gehört zu werden.
begleitet. Als besonders wichtige «Stabilisato-
ren» haben sich eine Arbeitslosenversicherung Massstäbe der Gerechtigkeit
für alle, öffentlich finanzierte Umschulungs-
programme und allgemein steigende Bildungs- Was ist aus wirtschaftsethischer Sicht zu tun?
ausgaben erwiesen. So gelang es vielen Ländern, Klar scheint: Um die erwähnten Chancen und
weite Teile der Bevölkerung durch ein breiteres Risiken gleichmässiger zu verteilen, sind verall-
Warenangebot, neue Arbeitsplätze und verbes- gemeinerbare Massstäbe der Gerechtigkeit nö-
serte staatliche Leistungen an den Vorteilen des tig. Danach müssen sich die Handelsabkommen
globalen Marktes teilhaben zu lassen. ausrichten.
Die Wirkungen grenzüberschreitender Han- Erstens braucht es eine «Tauschgerechtig-
delsbeziehungen auf die Wirtschaft und die keit». Das heisst, alle Beteiligten nehmen ge-
Lebensbedingungen der Bevölkerung hängen mäss ihrer Leistung an den gesamtwirtschaft-

Handelsabkommen sind
fair, wenn auch
Niedrigqualifizierte
davon profitieren.
Algerischer Bauer mit
Mandarinen.
KEYSTONE

28  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

lichen Wohlfahrtseffekten teil. Dazu muss die Spielraum ausloten


Wettbewerbskontrolle gestärkt werden, und
Subventionszahlungen sind einzuschränken. Diese Massstäbe bieten zunächst nur eine
Die «Verfahrensgerechtigkeit» verlangt Grundorientierung. Für eine konkrete Umset-
zweitens eine grösstmögliche Transparenz und zung bedürfen sie einer umfassenden Prob-
eine angemessene Beteiligung der jeweiligen lemanalyse. Sonst besteht die Gefahr, dass die
Länder wie der betroffenen Bevölkerung. Denn Bezugnahme auf solche Massstäbe sich in un-
faire Handelsbeziehungen hängen in hohem verbindlichen moralischen Appellen erschöpft
Masse davon ab, wie Regeln zustande kommen oder vorschnell zu falschen Schuldzuweisun-
und wer entscheidet, welche Regeln wann gel- gen führt.
ten beziehungsweise ausser Kraft gesetzt wer- Die Ergebnisse solcher – auch gründlichen –
den. Analysen sind jedoch selten eindeutig, sondern
Drittens sind die Regeln von Handelsabkom- es kann zu in der Sache begründeten und darum
men darauf hin zu prüfen, ob sie den nationalen legitimen Meinungsunterschieden kommen.
Gestaltungsspielraum für soziale Sicherungs- Dies gilt gerade auch im Hinblick auf die Hand-
systeme erhalten und eine flächendeckende lungsebene, denn aus ein und derselben Analy-
Grundversorgung gewährleisten. Prioritär sind se lassen sich oft verschiedene politische Optio-
dabei die Ernährungssicherheit sowie der Zu- nen ableiten. Wenn überhaupt keine Einigung
gang zu Bildung und Gesundheitswesen für alle. möglich ist, sollte man auch bedenken, was die
Hier geht es um die sogenannte Bedarfsgerech- Folgen von andauernden Handelskonflikten
tigkeit, welche die Befriedigung von Grundbe- sind oder wie das Ergebnis ohne die Berücksich-
dürfnissen anstrebt. In Handelsvereinbarun- tigung der erwähnten Massstäbe aussehen wür-
gen kann dies zum Beispiel durch angemessene de. Für ein begründetes Urteil sind daher nicht
Bestimmungen zum Schutz des Lebens, der Ge- nur mögliche negative Folgen des Abkommens
sundheit und anderer Grundbedürfnisse er- zu berücksichtigen, sondern auch die Konse-
reicht werden. quenzen von Handelsbeziehungen ohne Ord-
Die «Chancengerechtigkeit» rechtfertigt vier- nungsrahmen abzuwägen.
tens eine zeitlich begrenzte Vorzugsbehandlung
ärmerer Länder bei Agrarprodukten oder ande-
ren Gütern, die für die Grundversorgung wich-
tig sind, also eine «positive Diskriminierung»
bei einzelnen Regeln, um fairen Wettbewerb bei
ungleichen Ausgangschancen zu gewährleis-
ten. Der Massstab der Generationengerechtig-
keit verweist schliesslich darauf, dass Handels-
abkommen auch ökologische Anliegen stärken
sollen, indem man etwa ihre Regeln kohärent auf Johannes Wallacher
international verbindliche Ziele, wie die Globa- Präsident der Hochschule für Philosophie München,
Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaft sethik
len Nachhaltigkeitsziele 2030, abstimmt.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 29


MULTILATERALISMUS

MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

«Im Prinzip fordern die USA eine


Rückkehr zum alten Gatt-System»:
Politökonom Manfred Elsig.
FOKUS

«De facto hat die Administration Trump


der WTO bereits den Rücken gekehrt»
Die Blockade in der WTO verstärkt sich: «Die Rivalität zwischen den USA und China
lähmt die WTO», sagt Manfred Elsig, Vizedirektor des World Trade Institute. Ein Rück-
zug der USA zeichnet sich ab.  Susanne Blank

Die USA befeuern mit Strafzöllen den Handels- Verhandlungstisch zu bringen. China scheint
konflikt. Haben sie sich verabschiedet vom derzeit aber nicht bereit zu sein, auf die Kritik-
multilateralen System? punkte einzugehen.
Die jetzige US-Administration scheint gegen-
über dem multilateralen System tatsächlich Die USA begründen die Strafzölle gegen China
sehr skeptisch eingestellt zu sein. mit dem Schutz der nationalen Sicherheit.
Ist das gemäss der Welthandelsorganisation
Kam das früher auch schon vor? (WTO) überhaupt zulässig?
Ja. In den Achtzigerjahren haben die USA bei- Das ist umstritten. Die USA jedenfalls sind
spielsweise mit einer unilateralen Politik ver- der Auffassung, dass jedes WTO-Mitglied sel-
sucht, Druck auf die Konkurrenten Deutschland ber entscheiden könne, was im nationalen Si-
und Japan auszuüben. Dabei foutierten sie sich cherheitsinteresse sei. Die WTO habe hier
um internationale Regeln. keine Befugnisse. Inzwischen haben aber WTO-­
Experten – sogenannte Panelisten – in einem
Woher stammt die aktuelle Skepsis? WTO-Streitfall zwischen der Ukraine und
Einerseits sind es ideologische Gründe. Präsident Russland argumentiert, dass sich die Streit-
Donald Trump betreibt eine merkantilistische schlichtungsinstitutionen sehr wohl eine eigene
Handelspolitik: Exporte fördert er, und Importe Meinung bilden können. Sprich: Die WTO ent-
beschränkt er, Handelsbilanzdefizite sollen ab- scheidet, ob es sich um protektionistische Mass-
gebaut und internationale Wertschöpfungsket- nahmen handelt oder ob es um den Schutz der
ten in die USA zurückgeholt werden. Anderseits nationalen Sicherheit geht. Das sind keine guten
muss man die amerikanische Handelspolitik Neuigkeiten für die USA.
auch vor dem Hintergrund einer neuen Rivalität
mit China sehen. Bereits in zehn Jahren könnte Die USA befinden sich also auf dünnem Eis.
China die USA wirtschaftlich überholen. Ja. Beim Stahl haben die USA zwar zum Teil
einen Punkt, und nebst der nationalen Sicher-
Trotz allem Gepolter: Hat die Administration heit argumentieren sie auch mit ungerechtfer-
Trump nicht auch recht mit der Kritik an China? tigten staatlichen Subventionen und dem Dieb-
Ist das geistige Eigentum in China genügend stahl von Firmengeheimnissen seitens Chinas.
geschützt?
Diese Kritik ist nicht neu. Auch Barack Obama
Manfred Elsig
hat dieses Problem gesehen. Im Gegensatz zu
Der 49-jährige Politökonom Manfred Elsig ist Vizedirektor des
Trump arbeitete er aber hinter den Kulissen – World Trade Institute (WTI) und Professor für i­ nternationale
beispielsweise lancierte er die Transpazifische Beziehungen an der Universität Bern. Der gebürtige Ober-
Partnerschaft: eine riesige Freihandelszone, walliser leitet die Forschungsabteilung des WTI. Von 2013 bis
2017 war er Direktor des Nationalen Forschungsschwerpunkts
welche unter anderem den Schutz des geistigen
(NFS) «Trade Regulation». Im Jahr 2002 doktorierte er an der
Eigentums weiter ausbaut. Sein Amtsnachfolger Universität Zürich mit einer Arbeit zur Europäischen Handels-
versucht nun mit Drohgebärden China an den politik.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  31
MULTILATERALISMUS

Trotzdem: Mögliche Massnahmen wie Autozöl- Präsidentschaft von Barack Obama. WTO-Rich-
le riechen stark nach Protektionismus. ter hatten wiederholt amerikanische Anti-Dum-
ping-Massnahmen kritisiert. In der Folge ver-
Besteht die Gefahr, dass die USA der WTO ganz weigerten die USA, als Zeichen des Protests,
den Rücken kehren? die Wiederwahl ihrer eigenen Richterinnen für
Die Gefahr besteht schon lange. Wenn das eine zweite Amtszeit. Die Trump-Administra-
WTO-Gericht in wichtigen Fällen weiterhin tion geht noch weiter und blockiert das ganze
gegen die Amerikaner entscheidet, werden die Nominationsverfahren. Im Prinzip fordern die
USA die WTO womöglich USA eine Rückkehr zum alten Gatt-System – hin
verlassen. Dessen ist man zu einem politisch-diplomatischen Streitbei-
«Massnahmen wie sich am WTO-Sitz in Genf legungsverfahren. Für die anderen WTO-Mit-
Autozölle riechen stark sehr bewusst. De facto hat glieder ist dies jedoch nicht akzeptabel. Es gibt
die Administration Trump Ideen, ein System ohne die USA aufzubauen.
nach Protektionismus»
der WTO bereits den Rücken Das ist aber noch vage formuliert und nicht
gekehrt: Sie blockiert die Er- rasch umsetzbar.
nennung neuer Richterinnen und Richter für
die WTO-Berufungsinstanz und geht nicht auf Auch die Weiterentwicklung der WTO-Verträge
Reformvorschläge anderer WTO- Staaten ein. ist seit Jahren blockiert.
Auf der Verhandlungsebene gibt es kaum Fort-
Die WTO wurde erst Mitte der Neunzigerjahre schritte. Die Regeln für den Welthandel wur-
gegründet: Eine Errungenschaft war damals die den nicht angepasst und modernisiert. Und die
Weiterentwicklung des Streitbeilegungsver- WTO funktioniert nach dem Konsensprinzip:
fahrens. Warum? Jedes Mitglied kann einen Entscheid blockieren.
Im Gatt-System, dem Vorläufer der WTO, leg- Da die WTO inzwischen mehr Mitglieder zählt
te man Handelsstreitigkeiten in Expertengre- und die Interessenvielfalt zunimmt, ist eine Ei-
mien – den Panels – bei. Die Streitbeilegung war nigung schwieriger geworden.
politisch-diplomatischer Natur. Im Zuge der
Uruguay-Runde verrechtlichte man das Streit- China ist der WTO im Jahr 2001 beigetreten. Ist es
beilegungsverfahren dann überraschend. Man ein Zufall, dass genau seit damals eine Blockade
erleichterte den Zugang zu den Panels, und de- herrscht?
ren Beschlüsse konnten nicht mehr blockiert Das ist mit ein Grund. Die Chinesen waren nach
werden. Zudem wurde eine Berufungsinstanz dem Beitritt nicht zu weiteren Zugeständnissen
– der Appellate Body –hinzugefügt. Viele die- bereit, da sie den anderen Mitgliedern bereits im
ser Ideen kamen ursprünglich von den Ameri- Zuge des Beitritts stark entgegengekommen wa-
kanern. Niemand hätte jedoch zu Beginn der ren – nicht zuletzt bei den Zöllen.
Verhandlungen gedacht, dass es jemals so weit
kommen würde. China betreibt mit der Belt-and-Road-Initiative
Industriepolitik: Inwiefern ist das kritisch aus
Im Moment herrscht in der WTO S ­ tillstand. Sicht der WTO?
Die Berufungsinstanz zählt nicht mehr In der WTO prallen zwei verschiedene Markt-
genügend Mitglieder. Wird sie bald systeme aufeinander: Während im Westen In-
ent­scheidung­sunfähig? dustrieunternehmen weitgehend in Privat-
Wenn bis im Dezember keine Lösung gefunden besitz sind, betreibt der chinesische Staat
wird, funktioniert die Berufungsinstanz nicht weiterhin eine aktive Industriepolitik, indem
mehr. Die Mindestzahl von drei Richtern wäre er etwa Unternehmensentscheidungen beein-
dann nicht mehr gegeben. flusst. So trimmt der chinesische Staat die Fir-
men darauf, bei Zukunftstechnologien welt-
Was ist passiert? weit führend zu werden. Auch die chinesischen
Die USA blockieren das Gremium. Die Kritik an Staatsbanken sind Teil dieses Systems: Mit bil-
der Berufungsinstanz begann bereits unter der ligen Darlehen verschaffen sie den Firmen

32  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FOKUS

­ ettbewerbsvorteile. Die WTO-Regeln sind


W
in diesen Bereichen etwas löchrig. Um die Fra-
ge der versteckten Staatssubventionen zu klä-
ren, haben die USA, die EU und Japan nun eine
Arbeitsgruppe gebildet. Das ist ganz klar eine
Ansage an China.

Ist die WTO fähig, sich zu wandeln? Sie bildet


schliesslich vor allem transatlantische Werte
ab.
Das stimmt. Aber die WTO hat auch die Anlie-
gen der Entwicklungsländer aufgenommen. Bei-
spielsweise profitieren die am wenigsten ent-
wickelten Länder von Ausnahmeregelungen.
Hingegen lähmt die Rivalität zwischen den USA
und China die WTO, denn die Trump-Adminis-
tration betrachtet alles durch diese Rivalitäts-
brille.

In welchen Bereichen müssen die WTO-Regeln


modernisiert werden?
Knackpunkte sind vor allem die Wettbewerbs-
regeln, der Schutz des geistigen Eigentums Die Schweiz als offene Volkswirtschaft wäre
und Anti-Dumping-Massnahmen. Weiter müs- besonders stark von einem weltweiten
sen die Regeln zum elektronischen Handel und Handelskrieg betroffen. Welche Folgen sind
Datenverkehr an die Realität der Weltwirtschaft absehbar?
angepasst werden. Um diese Reformen anzu- Zurzeit ist der Handelskrieg noch begrenzt.
packen, muss die WTO wieder beschlussfähig Einerseits ist die Schweizer Industrie indirekt
werden. Einen Ausweg bieten sogenannte plu- als Zulieferin des nordamerikanischen Marktes
rilaterale Abkommen – das ist eine Art Club- betroffen. Andererseits besteht die Gefahr, dass
mitgliedschaft: Reformwillige Staaten könnten Handelsgüter wegen der Strafzölle nun zu Dum-
weitere Liberalisierungsschritte beschliessen. pingpreisen nach Europa gelangen. Denn die
Wer im Club dabei ist, hat gegenüber Nichtmit- Chinesen wollen ihren Stahl natürlich weiterhin
gliedern gewisse Vorteile. So wird der Druck auf exportieren und die USA ihre Landwirtschafts-
Aussenstehende verstärkt, ebenfalls solchen produkte. Europäische Produzenten werden
Abkommen beizutreten. rasch nach Anti-Dumping-Massnahmen rufen.

Freihandelszonen wie die EU oder die Trans- Die Schweiz hat bisher keine Anti-Dumping-
pazifische Partnerschaft bilden derzeit riesige Gesetzgebung. Drängt sich eine solche nun
Wirtschaftsräume: Besteht aus Schweizer Sicht auf?
die Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten? Bisher bestand ein liberaler Konsens darüber,
Das Blockdenken könnte eine Herausforderung dass man keine Anti-Dumping-Gesetzgebung
für die Schweiz werden. Die USA haben bei- möchte.
spielsweise im Nafta-Nachfolgeabkommen mit
Mexiko und Kanada eine Art China-Klausel ein- Sollte die Schweiz der EU beitreten, um sich
gefügt: Wenn einer der Partner mit China einen besser zu schützen?
Handelsvertrag abschliessen will, muss er vor- De facto ist die Schweiz ja Teil des europäischen
her mit den USA Rücksprache halten. Es besteht Marktes: Die EU ist der mit Abstand wichtigste
die Gefahr, dass China ähnliche subtile Deals Handelspartner. Wenn es aber zu einer Block-
mit seinen Partnern macht. bildung kommt, dann wäre die Schweiz in einer

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  33
MULTILATERALISMUS

schwierigen Situation. Der Druck der USA dürf- muss auf der Hut sein, bei den Zukunftstechno-
te zunehmen. logien nicht ins Hintertreffen zu geraten. Künf-
tige chinesische Investitionen sollten auf jeden
Sind die Vorgespräche für ein Freihandels­ Fall genauer unter die Lupe genommen werden.
abkommen mit den USA vor diesem Hinter- Hier ist die Naivität, dass sich darin nur wirt-
grund zu interpretieren? schaftliche Interessen widerspiegeln, fehl am
In erster Linie wollen die USA das Handelsbi- Platz.
lanzdefizit gegenüber der Schweiz abbauen und
sind daher an einem Abkommen interessiert. Zurück zu Ihrer Aussenwirtschaftsstrategie...
Sie suchen nach neuen Absatzmärkten – ins- Ja. Ich habe noch drei Punkte: Strategisch gese-
besondere für ihre Landwirtschaftsprodukte. hen, ist uns die Europäische Union am nächsten.
Der Bundesrat hat daher kaum ein grosses In- Wir haben ein Interesse daran, dass es unse-
teresse, ein solches Freihandelsabkommen mit rem grössten Handelspartner wirtschaftlich
der Administration Trump rasch abzuschlies- und politisch gut geht. Diese Beziehung müssen
sen. Denn für Industrieprodukte sind die Han- wir gut managen. Ein wei-
delsbarrieren zwischen den beiden Ländern terer Aspekt sind Zukunfts-
bereits tief. Hingegen wären die Zugeständnis- technologien wie Robotik, Big «Die Schweiz muss auf
se in der Schweizer Landwirtschaft innenpoli- Data und Umwelttechnolo- der Hut sein, bei den
tisch schwierig zu verkaufen. Es handelt sich gien: Hier muss die Schweiz
Zukunftstechnologien
deshalb aus Schweizer Sicht eher um ein diplo- zusätzlich in Forschung und
matisch-politisches Projekt. Der Schweiz bleibt Bildung investieren. Wir kön- nicht ins Hintertreffen
nicht viel anderes übrig, als da mitzumachen. nen es uns nicht leisten ab- zu geraten»
zuwarten. Eine Aussenwirt-
Die Schweiz hat in den vergangenen Jahren schaftsstrategie sollte schliesslich auch die
über 30 Freihandelsabkommen mit Partner- globalen Herausforderungen Klimawandel und
staaten abgeschlossen. Soll sie auf diesem Weg Migration stärker berücksichtigen.
weiterfahren?
Ja, die Schweiz sollte ihr Netz an präferenziellen Gibt es noch Hoffnung für den Multilateralis-
Abkommen weiter ausbauen und modernisieren. mus? Immerhin wurden im Jahr 2015 das Pariser
Gleichzeitig gilt es auch die multilaterale Schiene Abkommen und die nachhaltige Entwicklungs-
so weit wie möglich zu stärken – als Sitzstaat der agenda der UNO beschlossen.
WTO sollte sie hier Einfluss ausüben. Ich bin froh über jede positive Meldung. Das darf
aber nicht darüber hinwegtäuschen: Der Mul-
Wenn Sie eine Aussenwirtschaftsstrategie tilateralismus durchlebt die schwierigste Krise
2030 für die Schweiz erstellen würden: Wie seit dem Ende des Kalten Krieges. Die Adminis-
sähe diese aus? tration Trump hat mit ihrer Rückzugsdoktrin
Eine Aussenwirtschaftsstrategie muss die geo- einen grossen Schaden angerichtet. Es wird Jahre
politischen Herausforderungen stärker berück- brauchen, um das Vertrauen in die Institutionen
sichtigen. Sprich: Wie findet die Machtablösung wieder aufzubauen. Denn der heutige Multilate-
zwischen den USA und China statt? Kommt es ralismus beruht stark auf liberalen Werten der
zu einem Konflikt oder zu einer kooperativen Amerikaner: Wenn sich der Hauptsponsor plötz-
Lösung? Hier muss sich die Schweiz überlegen, lich zurückzieht, wird das ganze Gebilde instabil.
wie man sich gegenüber China positioniert. Obwohl die Chinesen am World Economic Forum
vor zwei Jahren sagten, sie würden die Leader-
Sprechen Sie damit Investitionskontrollen an? ship übernehmen, hat man relativ rasch gemerkt,
Es gibt ja schon gewisse Tendenzen in diese dass dies keine wirkliche Option ist.
Richtung. So befürwortet der Ständerat bei-
spielsweise einen solchen Ansatz. Die Schweiz Interview: Susanne Blank, Co-Chefredaktorin.

34  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


KEYSTONE

Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft


Herstellen, nutzen, wegwerfen: Kaum ein Land produziert so viel Abfall pro Kopf wie
die Schweiz. Umweltfachleute fordern deshalb den Übergang zu einer nachhaltigen
Kreislaufwirtschaft. Ressourceneffizienz ist gefragt: Wie das geht, zeigt das Beispiel
einer Teppichvermietung. Doch wo liegen die Grenzen eines solchen Systems?
KREISLAUFWIRTSCHAFT

Eine Wirtschaft ohne Abfälle?


Trotz hoher Recyclingquoten wird in der Schweiz so viel Abfall pro Person produziert wie
fast nirgendwo sonst. Für ein nachhaltiges Wirtschaftssystem braucht es deshalb mehr als
nur Recycling: eine wirkliche Kreislaufwirtschaft und einen massvollen Konsum.  Josef Känzig

Abstract  Die industrielle Produktion folgte in den letzten Jahrzehnten mehrheitlich mikalien und aus möglichst kreislauffähigen
einem linearen Ablauf: Primärrohstoffe werden gewonnen, zu Produkten verarbeitet, Materialien bestehen, wie beispielsweise na-
die dann verwendet und schliesslich entsorgt werden. Das Konzept der Kreislaufwirt- turbelassenem Holz, Alu oder Glas.
schaft – auch bekannt als «Circular Economy» – beschreibt eine Wirtschaftsweise, Ausserdem gibt es einige Ansatzpunkte,
in der Produkte und Rohstoffe nach dem Vorbild der Natur zirkulieren – im Idealfall die in einer funktionierenden Kreislaufwirt-
endlos. Schadstoffe werden ausgekoppelt, und Produkte sowie Geschäftsprozesse schaft von zentraler Bedeutung sind. Sie zei-
sind darauf ausgerichtet, die Produkt- und Materialkreisläufe zu schliessen. Der Bei- gen auf, wie Produkte und Produktteile län-
trag zeigt die Merkmale einer kreislauffähigen Produktions- und Konsumweise auf ger im Kreislauf verbleiben, das heisst, wie
und beleuchtet die Chancen und Hindernisse. Zudem nennt er konkrete Beispiele von man sie länger nutzen kann und nicht direkt
Massnahmen, die im In- und Ausland ergriffen werden, um die Kreislaufwirtschaft zu in den Müll werfen muss.
fördern. Erstens müssen sowohl Konsumenten als
auch Produzenten ihren Bedarf an Material,
natürlichen Ressourcen und Produkten über-

N  ehmen, herstellen, nutzen, wegwerfen:


Nach diesem Motto funktioniert unser
noch stark linear geprägtes Wirtschaftssys-
natürlichen Ressourcen werden übernutzt.
Die Weiterentwicklung in Richtung einer so-
genannten Kreislaufwirtschaft wäre deshalb
denken und reduzieren. Denn durch Effizienz-
steigerungen, durch optimiertes Design oder
durch bedürfnisorientierte Dienstleistung
tem. Am Anfang der Wertschöpfungskette ein wichtiger Schritt. Sie ist einer von mehre- wie etwa das bedarfsgerechte Mieten anstatt
werden Rohstoffe verbraucht, am Ende blei- ren Ansätzen, um unsere natürlichen Lebens- Kaufen eines Fahrzeuges können bereits vie-
ben Schadstoffe und Abfälle zurück. Zwar hat grundlagen zu schonen. Und sie bietet nicht le Materialien eingespart werden, ohne dass
diese Art des Wirtschaftens den Menschen in nur der Umwelt, sondern auch der Wirtschaft auf die Funktion, die das Produkt erbringt, an
der westlichen Welt seit der industriellen Re- neue Chancen. sich verzichtet werden muss. Zweitens soll-
volution eine nie gekannte Fülle von Konsum- ten Produkte, wenn möglich, geteilt werden.
gütern beschert, doch die Ineffizienz und der Kreislaufwirtschaft: Was ist das? Dadurch wird die Nutzungsintensität erhöht.
Überfluss in diesem System haben ihren Preis. Denn oft können mehrere Nutzer von ein und
Wie hoch der Preis ist, zeigte sich in die- Der Grundgedanke der Kreislaufwirtschaft ist demselben Produkt profitieren. Dafür gibt es
sem Jahr bereits am 7. Mai, dem sogenann- der Natur entlehnt: Nichts soll verloren ge- unzählige Beispiele: etwa Bibliotheken, land-
ten Overshoot Day. Zu Deutsch: dem Tag der hen. Und fast nichts wird zu wertlosem, wo- wirtschaftliche Geräte, die gemeinsam von
Überschreitung. An diesem Tag hatten die möglich giftigem Abfall. Möglichst alles be- mehreren Landwirtschaftsbetrieben genutzt
Schweizer bereits mehr natürliche Ressour- findet sich in einem grossen Kreislauf von werden, oder Onlineplattformen, die das Tei-
cen verbraucht, als im ganzen Jahr 2019 pro Rohstoffgewinnung, Produktion, möglichst len von Produkten ermöglichen.
Erdbewohner nachwachsen oder nachhaltig langer Nutzung und nötigenfalls Recycling zu Ein dritter Ansatz ist es, die Produk-
genutzt werden können. Mit anderen Wor- Sekundärrohstoffen, die wiederum für neue te in einem zweiten Leben weiterzuverwen-
ten: Um unseren Lebensstil beizubehalten, Produkte eingesetzt werden. In einer Kreis- den: Gebrauchte Güter sollten seltener in der
wären wir im Prinzip auf drei Planeten in der laufwirtschaft werden die Produkte und Ma- Mülltonne landen. Falls sie noch funktionsfä-
Grösse unserer Erde angewiesen. terialien so lange wie möglich wiederverwen- hig sind, können sie auch an einen anderen
Berücksichtigt man externe Kosten wie det, und ihr Wert wird erhalten. Das soll die Nutzer weitergegeben werden. Beispielswei-
den Klimawandel oder den Verlust an Biodi- Nutzungsintensität und die Einsatzdauer der se über Brockenstuben, Kleidertauschbörsen
versität, sind wir mit diesem linearen System Produkte und der eingesetzten Materialien oder online über Verkaufsplattformen wie Ri-
volkswirtschaftlich gesehen weit von einem steigern. Im Grunde geht es darum, Mate- cardo und Tutti.ch.
optimalen System entfernt. Doch wie konn- rial- und Produktkreisläufe zu schliessen (sie- Und auch wenn ein Produkt nicht mehr
te es überhaupt so weit kommen? Ein Grund he Abbildung auf Seite 38). funktionieren sollte, muss das noch nicht
sind die im Vergleich zu den Lohnkosten sehr In der Kreislaufwirtschaft zirkulieren idea- zwingend das Ende sein. In vielen Fällen kann
tiefen Rohstoff-, Transport- und Produktprei- lerweise ganze Produkte oder Produktbe- es repariert werden, und das macht meistens
se. Ausserdem werden die aus unserem Kon- standteile. Deshalb ist es entscheidend, dass auch aus Umweltsicht viel Sinn. Denn die
sum resultierenden Umwelt- und Gesund- alle Akteure den gesamten Kreislauf berück- Nutzungsdauer eines Produkts wird dadurch
heitskosten immer noch zum grossen Teil sichtigen. Das fängt schon beim Design an: verlängert.
von der Öffentlichkeit und nicht direkt von Das Produkt sollte möglichst langlebig, re- Die fünfte und letzte Möglichkeit beinhal-
den Verursachern getragen. paraturfähig und zerlegbar gestaltet sein. Es tet die Wiederaufbereitung. Denn letztlich
Kurzum: Unser heutiges Produktions- und sollte zudem sparsam sein beim Einsatz von erhalten viele veraltete und abgenutzte Pro-
Konsumsystem ist nicht nachhaltig, und die umwelt- und gesundheitsgefährdenden Che- dukte damit wieder einen Wert und ­werden

36  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


DOSSIER

Wiederverwerten statt wegwerfen: Beim


Abbruch von Häusern gelangen in der Schweiz
jährlich rund 12 Millionen Tonnen Beton, Kies,
Sand und Asphalt zurück in den Kreislauf.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  37
KREISLAUFWIRTSCHAFT

weiter genutzt, so zum Beispiel ein alter


Kreislaufwirtschaft: Vom Ökodesign bis zur Rohstoffaufbereitung
Lehnstuhl, der abgeschliffen und neu be-
spannt wurde.

Nur erneuerbare Energien erlaubt


ie
erg Tra
En
Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist ein ns
po
rt
ganzheitlicher Ansatz, der den gesamten Produktion
und Distribution
Kreislauf von der Rohstoffgewinnung über
das Design, die Produktion, die Distribution
und eine möglichst lange Produktnutzung en, Reparieren
end ,W
bis hin zum Recycling betrachtet. Es um- erw i
Öko-Design v

ed
fasst weit mehr als nur Abfallmanagement,

er
(Produktedesign, das

era
ied
Umweltbelastungen
separates Sammeln von Abfällen und Recyc-

ue
Teilen, W
vermindert)
ling. Zwar schliesst sich der Rohstoffkreislauf

reiten
über das Recycling, doch nicht alle Materia-
Konsum und Nutzung
lien sind dazu geeignet, rezykliert und zu Se- Nicht er

Ern eue
kundärrohstoffen verarbeitet zu werden. Aus
rbar
neue

Umweltsicht ist das Recycling mit der heu-


eR
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tigen Technologie nicht in jedem Fall ange-
re R

ou
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rce
zeigt. Denn es ist zum Teil mit grossem Ener- n
ou
rce

gieeinsatz verbunden und verbraucht Wasser


n

oder Chemikalien. Rohstoff-


Auereitung
Was ökologisch tatsächlich Sinn macht, Abfall

BASIERT AUF EUROPEAN ENVIRONMENT AGENCY (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Recycling
kann in der Kreislaufwirtschaft bei allen

Emissionen
Schritten in den Produkt- und Rohstoffkreis-
läufen mittels Ökobilanzen evaluiert werden.
Diese Bilanzen berücksichtigen alle relevan-
ten Umweltauswirkungen über den ganzen
Lebenszyklus von Produkten. Dazu gehört Möglichst vermeiden:
auch die Energie: In der Kreislaufwirtschaft
werden ausschliesslich erneuerbare Energien
verwendet. Die Ökobilanzen stellen also si-
cher, dass Kreislaufwirtschaftsprojekte und
-massnahmen unter dem Strich die Umwelt- Abbau und Import von Rohstoffen, inkl. Energie Verbrennung oder Deponie
belastung reduzieren.

Ökologie gepaart mit ökonomi-


schen Chancen Auf die wirtschaftlichen Chancen weist den. Eine davon besteht darin, dass einige
Charakteristisch für die Kreislaufwirtschaft denn auch der Aktionsplan für die Kreislauf- Primärrohstoffe günstiger sind als die ent-
sind auch Geschäftsmodelle, bei denen eine wirtschaft1 hin, den die EU-Kommission 2015 sprechenden Sekundärrohstoffe. Das kann
möglichst kundengerechte ressourcenscho- verabschiedet hat. Die für die Kreislaufwirt- Unternehmen davon abhalten, auf Kreis-
nende Dienstleistung und nicht der Verkauf schaft relevanten Sektoren beschäftigten in lauf-Geschäftsmodelle umzustellen. Der
von möglichst vielen physischen Produk- der EU 2016 über vier Millionen Arbeitneh- Grund für den Preisunterschied ist, dass die
ten im Vordergrund steht. So lassen sich zum mende. Kreislaufaktivitäten wie Reparatu- externen Kosten nicht im Preis der Primär-
Beispiel dank der effizienteren Nutzung von ren, Wiederverwendung und Recycling ha- rohstoffe enthalten sind. Wegen dieser feh-
Primärrohstoffen in der Regel die Produk- ben im selben Jahr eine Wertschöpfung von lenden Internalisierung können Kreislauf-Ge-
tionskosten senken. Und dadurch kann die gegen 147 Mrd. Euro erzielt und Investitio- schäftsmodelle ihre Vorteile nicht in Wert
Schweizer Wirtschaft ihre Wettbewerbsfä- nen von rund 17,5 Mrd. Euro ausgelöst. Der setzen. In diesen Fällen fehlt aus betriebs-
higkeit steigern. Zudem wird in einer Kreis- weltweite Markt für Kreislaufwirtschaft und wirtschaftlicher Sicht oft der finanzielle An-
laufwirtschaft mehr repariert, wiederaufbe- Material- und Ressourceneffizienz ist in den reiz für eine Umstellung. Eine weitere Schwie-
reitet und recycelt, und es werden mehr er- letzten fünf Jahren um über zehn Prozent ge- rigkeit ist, dass bei der Entwicklung und der
neuerbare Energien verwendet. Das wirkt wachsen.2 Damit wächst er schneller als der Herstellung von kreislauffähigen Produkten
sich nicht zuletzt auch auf die Arbeitsplätze Weltmarkt als Ganzes. die Zusammenarbeit innerhalb und zwischen
positiv aus. Ein Beispiel ist die Reparatur eines Doch auf dem Weg zur Konkretisierung den Wertschöpfungsketten unabdingbar ist:
Produktes in der Schweiz: Dabei werden im der Kreislaufwirtschaft existieren auch Hür- So haben etwa Designentscheidungen einen
Inland Stellen geschaffen, die es nicht gäbe, bedeutenden Einfluss auf die späteren Stufen
1 Mehr Informationen unter Ec.europa.eu.
wenn stattdessen nicht kreislauffähige Pro- 2 Siehe Roland Berger Strategy Consultants (2012, 2014).
der Wertschöpfungskette. Beispielsweise da-
dukte importiert würden. Greentech-atlas 3.0 und 4.0. rauf, wie langlebig ein Produkt ist und ob sich

38 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


DOSSIER

fälle. Der Weg zu einer Kreislaufwirtschaft ist


Kasten: Beispiele von Regulierungsmassnahmen mit Einfluss auf die Kreislauf-
also noch weit, es bleibt einiges zu tun.
wirtschaft, die die Schweiz umgesetzt hat
– Verwertbare Anteile von – Phosphor muss ab 2026 aus – Obligatorische vorgezogene
Siedlungsabfällen wie Glas, phosphorreichen Abfällen Entsorgungsgebühren für Ausländische Regulierungen
Papier, Karton, Metallen, (bspw. Klärschlamm, Tier- Batterien und Glasflaschen
Grünabfällen und Textilien und Knochenmehl) zurück- – Freiwilliges Finanzierungs- Zur Förderung der Kreislaufwirtschaft gibt es
müssen so weit wie möglich gewonnen und stofflich system mit vorgezogenen viele mögliche Massnahmen. Diese reichen
getrennt gesammelt und verwertet werden. Recyclingbeiträgen für Elek-
von direkter Innovationsförderung über die
stofflich verwertet werden. – Bauabfälle müssen auf der tronikschrott, Aludosen und
– Biogene Abfälle müssen Baustelle getrennt und je PET-Getränkeflaschen Unterstützung von Plattformen, die das Tei-
in der Regel stofflich oder nach Art des Bauabfalles ver- len und Verkaufen von gebrauchten Produk-
zumindest energetisch ver- wertet oder entsorgt werden. ten erleichtern, bis hin zu einer Reduktion
wertet werden.
der Mehrwertsteuer bei Reparaturen. Eini-
ge Massnahmen hat die Schweiz bereits mit
Tabelle: Beispiele von ausländischen Regulierungsmassnahmen mit Einfluss auf dem Umweltschutzgesetz umgesetzt (siehe
die Kreislaufwirtschaft Kasten). Der Vergleich mit anderen Ländern
Regulierungsmassnahme Wo? zeigt, dass es noch weitere Möglichkeiten
Anforderungen an energierelevante Produkte EU (Ecodesign-Richtlinie 2009/125/EG)
gibt (siehe Tabelle). Die EU-Ecodesign-Richt-
(bspw. Energieverbrauch von Haushaltsgeräten) linie etwa ist eine wichtige Grundlage für die
Produktdeklarationen (bspw. Energieetikette) Bspw. EU (Ecodesign-Richtlinie 2009/125/EG)
Kreislaufwirtschaft in der EU. Sie ist beispiels-
weise die rechtliche Grundlage für Mindest-
Vorschriften zur Verfügbarkeit von Ersatzteilen EU (Ecodesign-Richtlinie 2009/125/EG,
und zum Zugang zu Reparaturanleitungen Entscheid der EU voraussichtlich im Sommer anforderungen an Haushaltgeräte bezüglich
2019); Frankreich des Energieverbrauchs.
Informationen zur Verfügbarkeit von Ersatz- Frankreich Allerdings: Nicht alle Massnahmen aus
teilen bereitstellen anderen Staaten sind auch für die Schweiz
Schutz der Konsumenten vor falschen Umwelt- EU (Richtlinie 2005/29/EC) zielführend. Denn die organisatorische und
aussagen und Massnahmen gegen den Miss- rechtliche Ausgangslage unterscheidet sich
brauch von Umweltlabelling je nach Land stark. So hätte beispielswei-
Mehrwertsteuer-Reduktion für kleinere Repara- Schweden, Belgien, Irland, Luxemburg, Malta, se eine Reduktion der vergleichsweise tiefen
turen von Fahrrädern, Schuhen, Lederwaren, Niederlande, Polen, Portugal, Slowenien Mehrwertsteuer in der Schweiz nicht diesel-
Bekleidung und Haushaltswäsche
be Wirkung wie in Ländern mit deutlich hö-
Abzüge von der Einkommenssteuer für Repara- Finnland herer Mehrwertsteuer.
turarbeiten
Bei all den dargelegten Überlegungen
Subventionen für Reparaturinstitute, die auch Belgien gilt es eines zu bedenken: Die Kreislaufwirt-
soziale Funktionen haben
schaft und die mit ihr verbundenen Massnah-
Geplante Beschränkung der Lebensdauer eines Frankreich men sind an und für sich noch nicht das Ziel.
Produkts (geplante Obsoleszenz) strafbar
Sie sind nur die Mittel, um die übergeordneten
Ziele zu erreichen: Rohstoffe einsparen und die
Umweltbelastung reduzieren. Die damit ver-
bundenen Kosteneinsparungen sind sowohl
das Material wieder rückgewinnen lässt. Die zigerjahre, und es ist ihr gelungen, gewis- auf betriebs- als auch auf volkswirtschaftli-
dazu erforderliche Zusammenarbeit erhöht se Kreisläufe zumindest teilweise zu schlies- cher Ebene Beweggründe, um Massnahmen
die Such- und Transaktionskosten gegen- sen. So werden beispielsweise jedes Jahr rund für eine Kreislaufwirtschaft zu ergreifen. 
über einem linearen Geschäftsmodell. Zu- 12 Millionen Tonnen Rückbaumaterial wie Be-
dem können bestehende Regulierungen den ton, Kies, Sand, Asphalt und Mauerwerk wie-
Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft be- derverwertet. Allerdings befinden sich auch
hindern. So zum Beispiel der Umstand, dass mehr als 5 Millionen Tonnen Mischabbruch,
Arbeit viel stärker besteuert wird als Rohstof- Holz und Beton noch nicht in einem Kreislauf.
fe, Produkte, Finanzkapital und natürliche Bei den Siedlungsabfällen wird etwas mehr als
Ressourcen. Für eine Reduktion der Arbeits- die Hälfte der Abfälle separat gesammelt. Aber
besteuerung spricht zudem, dass sie gleich- die hohe Recyclingquote der Schweiz ist nur
zeitig auch die Attraktivität des Arbeitsmark- die eine Seite der Medaille. Fakt ist: In kaum
tes Schweiz erhöhen würde. einem anderen Land fällt gemessen an der Josef Känzig
Die Schweiz ist ein rohstoffarmes Land. Wohnbevölkerung so viel Abfall an wie hier- Dr. oec. HSG, Leiter Sektion Konsum und
Deshalb verfolgt sie Ansätze zu einer Kreis- zulande. Herr und Frau Schweizer produzieren Produkte, Bundesamt für Umwelt (Bafu),
Ittigen
laufwirtschaft bereits seit Mitte der Acht- jährlich mehr als 700 Kilogramm Siedlungsab-

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 39


KREISLAUFWIRTSCHAFT

Eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft ist


mehrdimensional
Nicht jede Massnahme zum Rezyklieren von Materialien ist sinnvoll. Eine Kreislaufwirtschaft
muss sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich und sozial nachhaltig sein. Ein Vorschlag für
eine umfassende Evaluation von Massnahmen.  Catharina R. Bening, Nicola U. Blum,
Melanie Haupt
Abstract  Die Kreislaufwirtschaft verspricht positive Auswirkungen auf unsere Um- z­ ugrunde. China hat das Konzept der Kreis-
welt, ohne wirtschaftliche Nachteile hinnehmen zu müssen. Dieses Versprechen hat laufwirtschaft sogar schon im Jahr 2002 in
dem Kreislaufwirtschaftsgedanken rasch Akzeptanz bei vielen Akteuren verschafft. seinen nationalen Entwicklungsplan aufge-
So werden entsprechende regulatorische Anreize gesetzt und verschiedene neue nommen.4 Und auch auf Firmenebene exis-
Kreisläufe auch tatsächlich geschlossen. Die Tatsache, dass Materialien im Kreis ge- tieren verschiedene Ansätze für zirkuläre Pro-
führt werden, bringt allerdings nicht notwendigerweise eine übergreifende Verbes- dukte und Dienstleistungen sowie entspre-
serung der Nachhaltigkeit mit sich, denn die vollumfängliche Umsetzung des Kreis- chende Geschäftsmodelle dafür.5
laufgedankens – eine Welt ohne Abfall und ohne negative Externalitäten – ist komplex
und mit Trade-offs und Rebound-Effekten verbunden. Dieser Artikel zeigt, dass mate- Ein Vorschlag zur ganzheitlichen
rielle Zirkularität nicht automatisch mit Nachhaltigkeit einhergeht, und macht einen
Vorschlag, wie mittels dreier Indikatoren eine Massnahme auf ihre Nachhaltigkeit ge-
Messung
prüft werden kann. Ansätze gibt es also zuhauf. Und auch die
Messung und Bewertung von Kreislauf-
schlüssen entwickelt sich schnell. Aller-

D  ie Umwelt schützen und gleichzeitig


am Paradigma des Wirtschaftswachs-
tums festhalten: Das ist die Vision hinter
nomische Dimension der Nachhaltigkeit be-
inhalten.
dings ist bislang noch keine Konvergenz hin
zu einem Indikator auszumachen. Die meis-
ten Ansätze fokussieren heute noch immer
dem Konzept der Kreislaufwirtschaft. Dazu Eigenwillige Definitionen auf Massenbilanzen, das heisst, es wird le-
soll das Wirtschaftswachstum vom Res- diglich das Gewicht von wiederverwerteten
sourcenverbrauch entkoppelt werden1, bei- Das Konzept der Kreislaufwirtschaft ist noch Materialien mit der konsumierten Masse ver-
spielsweise indem industrielle Prozesse neu im Entstehungsprozess. Wissenschaft sowie glichen. Solche Bilanzen bewerten aber bei-
organisiert werden und Produkte und Ma- öffentlicher und privater Sektor definieren die spielsweise nicht den Wasser- oder den Ener-
terial auf verschiedenen Wegen zirkulieren, Kreislaufwirtschaft bisher noch sehr unter- gieverbrauch. Ebenso vernachlässigt werden
etwa durch Wiederverwendung, Reparatur schiedlich und eigenwillig. Die drei Dimensio- Umweltemissionen sowie ökonomische und
oder Recycling. Im Idealfall sollen so weniger nen von Nachhaltigkeit – Wirtschaft, Ökolo- soziale Konsequenzen. Das heisst, dass Lö-
Ressourcen verbraucht und weniger Abfälle gie und Gesellschaft – sind dabei nur selten sungsansätze kaum hinsichtlich ihrer Nach-
produziert werden. Aber die Tatsache, dass ganzheitlich abgebildet. Die prominentes- haltigkeit getestet werden.
Kreisläufe geschlossen werden, muss nicht te Definition stammt von der britischen El- Wir argumentieren deshalb: Will man das
zwangsläufig zu einer verbesserten Umwelt- len-MacArthur-Stiftung, die sich weltweit für Konzept der Kreislaufwirtschaft relevanter
bilanz führen oder sich positiv auf die Wirt- eine zirkuläre Wirtschaft einsetzt. Ihre Defi- machen, muss man drei zentrale Punkte be-
schaft auswirken. Ein Beispiel hierfür ist die nition betont vor allem den wirtschaftlichen rücksichtigen. Erstens müssen Definitionen
Verwendung gebrauchter Glasflaschen: Das Aspekt: «Die Kreislaufwirtschaft zeigt entwi- von Kreislaufwirtschaft alle drei Dimensionen
Altglas zu rezyklieren und erneut zu Flaschen ckelten Volkswirtschaften einen Weg zu sta- der Nachhaltigkeit – Ökologie, Gesellschaft
zu verarbeiten, ist nicht unbedingt die beste bilem Wachstum auf und macht sie weniger und Wirtschaft – explizit beinhalten. Zwei-
Lösung. Denn aus ökologischer Perspektive abhängig von den Rohstoffmärkten. Sie redu- tens sollen Rebound-Effekte beachtet wer-
kann es vorteilhafter sein, das Altglas statt- ziert sowohl die negativen Folgen von Preis- den. Solche Effekte ergeben sich, wenn eine
dessen als Isolationsmaterial zu verwenden schocks als auch von externen, gesellschaft- ökologische Verbesserung eines Produkts
und dadurch ölbasierte Isolationsmaterialien lichen und ökologischen Kosten, für welche zu einer höheren Nachfrage danach oder
zu vermeiden.2 Material oder Produkte im Unternehmen bisher nicht aufkommen.»3 zu mehr Konsum in einem anderen Bereich
Kreis zu führen, ist also kein eigenständiges Erste politische Erfolge konnte die Kreis- führt, sodass schliesslich eine schlechtere
Ziel. Damit die Kreislaufwirtschaft ihrer Vi- laufwirtschaft bisher in der Europäischen Umweltbilanz resultiert als vorher. Und drit-
sion gerecht werden kann, braucht es kon- Union und in China verzeichnen. Dem «Cir- tens müssen auch Zielkonflikte – sogenannte
krete und messbare Ziele, welche sowohl die cular Economy Action Plan» der EU liegen Trade-offs – zwischen der Zirkularität an sich
ökologische und die soziale als auch die öko- insbesondere ökologische Überlegungen und den drei Nachhaltigkeitsdimensionen
im Bereich Abfallwirtschaft und Kunststoff
1 Ellen MacArthur Foundation (2018); Kirchherr et al.
(2017). 4 McDowall et al. (2017); Mathews und Tan (2016).
2 Haupt et al. (2018a). 3 Ellen MacArthur Foundation (2013), S. 10. 5 Stahel (2016); Kiser (2016).

40  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


DOSSIER

Recycling macht nicht in jedem Fall Sinn.


Flaschenproduktion aus Altglas.
KEYSTONE
KREISLAUFWIRTSCHAFT

gener Recyclingbeiträge stark von den Fla-


schenproduzenten vorfinanziert und mittels
Flaschenpreis auf die Konsumenten abge-
wälzt. Doch ökologisch betrachtet, ist in die-
ser Phase jede gesammelte Flasche ein Schritt
in die richtige Richtung.
Im Jahr 2000 hat eine neue Technolo-
gie den PET-Flaschen-Markt revolutioniert.
Dank ihr konnten zum ersten Mal dünne
Flaschen aus hundertprozentigem PET-Re-
zyklat (rPET) hergestellt werden. Gleich-
zeitig entwickelten sich Märkte für rPET,
welche die Realisierung von Skaleneffek-
ten erlaubten. PET Recycling Schweiz or-
chestriert den rPET-Markt, organisiert die
PET-Sammlung und -Sortierung und den
Absatz des rPET (siehe Abbildung). 2017 ist
die PET-Sammelrate in der Schweiz auf 83
Prozent gestiegen7, wovon 66 Prozent wie-
der für PET-Flaschen im In- und Ausland ver-
wendet werden. Damit stieg der Indikator
der materiellen Zirkularität zwischen 2000
und heute etwas langsamer als in der vor-

KEYSTONE
angegangenen Phase. Ökonomisch ist diese
Ab 2025 müssen in der EU Getränkeflaschen Phase aber geprägt von der Professionalisie-
aus mindestens 35 Prozent rezykliertem PET rung von PRS, die zu einem kosteneffizien-
­bestehen. Das könnte die Nachfrage nach PET Die ökonomische Nachhaltigkeit defi- teren Gesamtsystem führte. Dies widerspie-
aus der Schweiz steigern.
nieren wir als Summe des ökonomischen gelt sich auch in den immer tieferen vorge-
Werts, der über die ganze, im Kreis geschlos- zogenen Recyclingbeiträgen, die heute noch
berücksichtigt werden, wie das Beispiel mit sene Wertschöpfungskette gemessen wer- rund 2 Rappen pro Flasche betragen. Le-
den Glasflaschen gezeigt hat. Es sollte daher den kann. Die ökonomische Nachhaltigkeit benszyklusanalysen zeigen, dass die ökolo-
nicht das Ziel sein, möglichst viele Produk- steigt, wenn durch die Zirkularität die kumu- gische Dimension auch von der Reinheit des
te im Kreis zu führen – ergo ausschliesslich lierten Kosten sinken oder mehr Ertrag gene- gesammelten Materials abhängt: So führte
auf die materielle Zirkularität zu fokussieren riert wird. die steigende Sammelrate in der Vergangen-
–, sondern sicherzustellen, dass ökologische Die ökologische Nachhaltigkeit schliess- heit leider auch zu leichten Qualitätseinbus-
Ziele auf ökonomisch und sozial sinnvol- lich kann mit einer Ökobilanz (Life Cycle As- sen beim gesammelten PET-Material.8 Die
le Weise erreicht werden. Dies steht im Kern sessment) gemessen werden, die eine ganze steigenden Sammel- und Recyclingraten ha-
einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft. Bandbreite von verschiedenen Öko-Kennzah- ben jedoch die ökologische Nachhaltigkeit
Um dieses Ziel zu erreichen, schlagen wir len berücksichtigt. Solche Kennzahlen sind des Gesamtsystems weiter verbessert.
vor, mittels folgender drei Indikatoren die Di- zum Beispiel der Einfluss auf den Klimawan-
mensionen der Nachhaltigkeit abzubilden del, die Ökotoxizität oder die Humantoxizität. Rezykliertes PET für die EU?
und idealerweise im Zeitverlauf  zu messen: Die ökologische Nachhaltigkeit umfasst defi-
die materielle, die ökonomische und die öko- nitionsgemäss ebenfalls die gesamte Wert- Wie wird sich das PET-Recycling in Zu-
logische Zirkularität.6 Die materielle Zirku- schöpfungskette. kunft entwickeln? Seit 2018 zeichnet sich
larität ist definiert als der Anteil der ursprüng- eine mögliche Internationalisierung ab. So
lichen Menge Rohmaterial in einem Produkt, Zum Beispiel PET-Recycling hat etwa die EU-Gesetzgebung einen spür-
der zirkuliert wird. Diese rein beschreibende, baren Einfluss auf das PET-Recycling in der
massenbasierte Kennzahl berücksichtigt kei- Die drei Indikatoren zur Messung der Nach- Schweiz. Da die Kapazitäten in der EU nicht
ne ökonomischen oder ökologischen Auswir- haltigkeit lassen sich exemplarisch am Bei- ausreichen, um die Zielvorgaben von 35 Pro-
kungen. Sie bildet aber die Grundlage zur Be- spiel des PET-Flaschen-Recyclings in der zent Rezyklatanteil in PET-Flaschen bis 20259
rechnung der ökonomischen und ökologi- Schweiz illustrieren. Der Verein PET Recycling zu erreichen, steigt die Nachfrage nach rPET
schen Zirkularität. Sie wird hier gesondert Schweiz (PRS) wurde 1991 gegründet. Das Ziel aus der Schweiz. Dies kann längerfristig zu
herausgestellt, weil sie oft als alleiniges Mass war damals der Aufbau eines freiwilligen Fir- höheren Preisen von rPET führen. Das wie-
für Kreislaufwirtschaft und damit für die mit mennetzwerks. Der Indikator der materiellen derum könnte dazu führen, dass die Recyc-
diesem Konzept verbundenen Ziele, etwa Re- Nachhaltigkeit zeigt, dass sich die Sammelra- lingkapazität ausgebaut wird, die Sammel-
cyclingquoten, angewandt wird. te zwischen 1990 und 1993 von 0 auf 60 Pro- rate weiter steigt und sich möglicherwei-
zent gesteigert hat. Ökonomisch ist diese se sogar die Technologie ­weiterentwickelt.
6 Natürlich ist auch die soziale Nachhaltigkeit zu berück- erste Phase zwischen 1991 und 2000 wenig
sichtigen. Da es hierzu aber noch wenig Indikatoren 7 Bafu (2018).
gibt, haben wir vorerst in unserer Darstellung darauf
lukrativ. Denn der Recyclingprozess wur- 8 Haupt et al. (2018b).
verzichtet. de mittels relativ hoher, freiwilliger vorgezo- 9 European Commission (2019).

42  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


DOSSIER

Dies hätte sowohl positive Auswirkungen


PET-Recycling in der Schweiz (2018)
auf die ökonomische als auch auf die öko-
logische Nachhaltigkeit. Eine Sammelra-
te von 100 Prozent ist allerdings aus ökono-
mischer Sicht nicht unbedingt wünschens-
wert. Denn das würde zwar die materielle
Zirkularität und die ökologische Nachhaltig-
Sammlung
50 000 Sammelstellen
keit erhöhen10, aber unter dem Strich würde
47 336 t eine so hohe Sammelrate wohl mehr Logis- Catharina R. Bening
Dr. oec. HSG, Forscherin, Departement
tikkosten verursachen als zusätzliches Ein- Management, Technologie und Ökonomie,
kommen aus dem Verkauf von rPET gene- Gruppe für Nachhaltigkeit und Technologie,
rieren. Für die weitere Zukunft rechnen wir ETH Zürich
damit, dass ab 2025 die EU ihre Kapazitäten
so weit ausgebaut hat, dass der Preis in der
Schweiz wieder fällt. Dabei bleibt offen, was
ein solcher kompetitiver rPET-Markt für das
Rücktransport schweizerische PET-Recycling-System be-
deutet, das bislang auf Kollaboration statt
Wettbewerb basierte.
Die Idee einer Kreislaufwirtschaft ent-
wickelt sich zu einem ernst zu nehmenden
PP/PE/Alu etc. Paradigma mit noblen Absichten. Wollen
5016 t wir unsere Wirtschaft sweise so anpassen,
dass wir innerhalb der ökologischen Gren-
zen bleiben, die für die Erde tragbar sind, Nicola U. Blum
so ist der Gedanke der Kreislaufwirtschaft Dr. sc., Forscherin, Departement Manage-
Sortierung
47 336 t Abfallsortierung ment, Technologie und Ökonomie, Gruppe
3645 t ein Schritt in die richtige Richtung. Klar: Die für Nachhaltigkeit und Technologie,
materielle Zirkularität steht im Zentrum des ETH Zürich
Konzepts, aber sie allein führt nicht zwangs-
läufig zu einer nachhaltigen Verbesserung
rPET
transparent: 16959 t
der Welt, wie unsere Analyse gezeigt hat.
hellblau: 7217 t Trade-offs und Rebound-Effekte müssen
im Auge behalten und der tatsächliche Zu-
gewinn aus einer ganzheitlichen Perspekti-
Sekundärprodukte ve bewertet werden. Dafür bedarf es separa-
SHUTTERSTOCK / PETRECYCLING.CH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

rPET bunt
10 825 t ter Nachhaltigkeitsindikatoren wie der zwei
von uns präsentierten Kennzahlen zur öko-
logischen und ökonomischen Nachhaltig-
Verwertung
38 675 t keit. Doch diese müssen in einem nächs-
Wertstoffe PE/PP etc.
2498 t ten Schritt noch genauer definiert und mit
einem Indikator zur sozialen Nachhaltigkeit Melanie Haupt
ergänzt werden. Dr. sc., Forscherin, Departement Bau,
Umwelt und Geomatik, Gruppe für Ökologi-
Abfallverwertung sches Systemdesign, ETH Zürich
1176 t 10 Haupt et al. (2018b).

Literatur
Ellen MacArthur Foundation (2013). To- Haupt, M.; T. Kägi, und S. Hellweg (2018a). Kirchherr, J., D. Reike und M. Hekkert McDowall, W.; Y. Geng; B. Huang; E.
wards the Circular Economy: Economic Modular Life Cycle Assessment of (2017). Conceptualizing the Circular Bartekova; R. Bleischwitz; S. Türkeli; R.
and Business Rationale for Accelerated Municipal Solid Waste Management. In: Economy: An Analysis of 114 Definitions. Kemp und T. Doménech (2017). Circular
Transition. Vol. 1. Ellen MacArthur Waste Management 79: 815–827. In: Resources, Conservation and Recyc- Economy Policies in China and Europe.
Foundation. Haupt, M., E. Waser, J.-C. Würmli und ling 127: 221–232. In: Journal of Industrial Ecology 21(3):
Ellen MacArthur Foundation (2018). What S. Hellweg (2018b). Is There an Environ- Kiser, B. (2016). Circular Economy: 651–611.
is a Circular Economy? Accessed August mentally Optimal Separate Collection Getting the Circulation Going. In: Nature Stahel, W.R. (2016). The Circular Economy.
24, 2018. Rate? In: Waste Management 77: 531(7595): 443–446. In: Nature 531(7595): 435–438.
European Commission (2019). Circular 220–224. Mathews, J.A. und H. Tan (2016). Circular
Economy – Implementation of the Economy: Lessons from China. In: Nature
Circular Economy Action Plan. Accessed 531(7595): 440–442.
March 12, 2019.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 43


KREISLAUFWIRTSCHAFT

Profitable Geschäftsmodelle für die


Kreislaufwirtschaft
Nachhaltigkeit muss sich lohnen. Ein Widerspruch? Von wegen. Erfolgreiche Geschäfts­
modelle gibt es bereits, wie eine Teppichvermietung aus den Niederlanden zeigt.  Raphael
Fasko, Simone Rieder

Abstract  Möglichst langlebige Produkte, die einfach zu reparieren sind, widerspre- Wartung und die Reparierbarkeit einfach sein.
chen der Logik einer auf den Verkauf fokussierten Wirtschaft. Doch damit die Kreis- Diese Designprinzipien sind zwar schon seit
laufwirtschaft Auftrieb erhält, braucht auch sie wirtschaftliche Geschäftsmodelle. Jahrzehnten als Ökodesign bekannt. Aber wie
Beispiele aus den Niederlanden zeigen, dass Unternehmen erfolgreich sein können, lässt sich damit jenseits der «Öko-Nische»
welche auf das Vermieten von Teppichen setzen oder ganze Beleuchtungskonzepte Geld verdienen? Wie fördert man geschlosse-
vermieten. Der Grund: Mit solchen Modellen können die Unternehmen auch von den ne Produktkreisläufe? Dafür gibt es viele An-
Wertschöpfungsschritten profitieren, die dem Verkauf nachgelagert sind: der Repara- satzpunkte, und die gehen weit über das Re-
tur, der Wiederaufbereitung, dem Recycling und den Secondhand-Märkten. cycling hinaus.

Teppich zu vermieten
I  n einer linearen Wirtschaft basiert der
Umsatz eines Unternehmens darauf, mög-
lichst viele Produkte zu verkaufen. Langlebige
Die Schliessung der Produktkreisläu-
fe ist bei der Kreislaufwirtschaft ein zentra-
ler Pfeiler mit hohem Wertschöpfungspoten-
Ohne das richtige Geschäftsmodell geht
nichts. Investiert eine Herstellerin nur in
Produkte sind da für die Herstellerin oft nach- zial. Denn durch die verlängerte Nutzung Kreislaufdesign, wird ein Mehrwert geschaf-
teilig. Ebenso ist es bei Produkten mit einer der Produkte wird auch die Ressourcenef- fen, der meist erst später in der Wertschöp-
hohen Rezyklier- oder Reparierbarkeit: Sie ha- fizienz gesteigert. Dazu braucht es aber ein fungskette anfällt. Die Herstellerin selber
ben für die Produzentinnen nur wenig direkte Produktdesign für eine lange Lebensdauer kann durch den Produktverkauf nicht direkt
ökonomische Vorteile. Die Rohstoffkreisläufe sowie eine modulare Bauweise, welche Up- davon profitieren, sondern erst ein späterer
zu schliessen, ist für viele Unternehmer we- grades und das Aufbereiten (Remanufactu- Recycler. Auch über die einfache Reparierbar-
nig attraktiv oder sogar mit negativen Folgen ring) der Produkte und Komponenten er- keit eines Produktes freuen sich nur die Be-
verbunden. Deshalb finden viele noch ver- laubt. So können zum Beispiel Motorblöcke sitzer und die Servicetechniker, nicht aber die
wertbare Restwerte ihr vorzeitiges Ende in von Caterpillar-Baumaschinen aufbereitet Produzentin selber. Das hat Folgen: Weil Her-
der Abfallwirtschaft. Dabei ist eine Kreislauf- und für mindestens zwei weitere Nutzungs- stellende, welche auf ein Verkaufsmodell set-
wirtschaft durchaus möglich und auch wirt- dauern eingesetzt werden. Zudem sollten die zen, nicht über direkte Preissignale von ihrem
schaftlich interessant.

Weit mehr als nur Recycling Direkte Wertschöpfungsmöglichkeiten in einem Kreislaufgeschäftsmodell

Unter Kreislaufwirtschaft verstehen viele


Rohstoffbereitstellung
ein ausgebautes Recyclingsystem. Doch das
greift zu kurz. Denn das Recycling deckt nur
den Materialkreislauf ab und beinhaltet nur
einen Bruchteil der Möglichkeiten, die eine Produktherstellung
Kreislaufwirtschaft bietet. In einer Kreislauf- (Designentscheidung)
wirtschaft werden nämlich bereits bei der Wartung / Reparatur
Produktion Materialien verwendet, die ohne Reparierbarkeit*
Qualitätsverlust wiederverwertet werden
Produktanwendung
können. Das heisst, es wird kein sogenanntes
Downcycling betrieben, bei dem die Qualität Secondhand-Markt Wiederaufbereitung
der wiederverwerteten Materialien stetig ab- Langlebigkeit* Modularität*
nimmt. Stattdessen müssen in der Kreislauf- Recycling /
Stoffliche Aufbereitung
wirtschaft die Produkte zerlegbar sein und
RYTEC AG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Kreislaufmaterialien*
die Materialien trennbar aufgebaut werden.
Zudem sollte bereits zu Beginn des Produk-   Direkte Wertschöpfung des Herstellers im Verkaufsmodell    
tionsprozesses eine Logistik angedacht sein,   Direkte Wertschöpfung des Herstellers im Dienstleistungs- oder Mietmodell
wie die Materialien wiederverwertet werden *  Durch diese Eigenschaften des Kreislaufdesigns können Hersteller im Dienstleistungs- oder Mietmodell direkt Mehr-
könnten. wert generieren.

44  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


DOSSIER

KEYSTONE
Einen Teppich mieten? Die Kreislaufwirtschaft
experimentiert mit neuen, nachhaltigen
Geschäftsmodellen. herstellers Philips war, bietet ein Dienstleis- Miet- und Dienstleistungsmodelle den wirt-
tungsmodell namens «Circular Lighting» an schaftlichen Erfolg mit dem Kreislaufdesign
Kreislaufdesign profitieren, lassen sich ent- (siehe Abbildung). Dabei wählt die Kundin die verknüpfen. Aus diesem Grund bietet auch
sprechende Investitionen ökonomisch nur benötigte Helligkeit und die zu beleuchten- das vom Bund finanzierte Beratungsange-
schwer rechtfertigen. Für den wirtschaftli- den Quadratmeter. Die Leuchte, ihre Anord- bot Reffnet Schweizer Unternehmen eine
chen Erfolg von Kreislaufprodukten braucht nung, die Montage, die Wartung sowie die kostenlose Potenzialanalyse zu Kreislaufge-
es deshalb ökonomische Anreize und eine anfallenden Stromkosten werden von Signify schäftsmodellen an.1
neue Denkweise. Kreislaufgeschäftsmodelle übernommen. Durch eine optimale Beleuch- 1 Mehr Informationen auf Reffnet.ch oder bei den
können beides bieten. tungsplanung, die Wahl eines effizienten Reffnet-Experten der Rytec.
Das niederländische Unternehmen Des- Leuchtmittels und den Einbau von Präsenz-
so/Tarkett macht es vor. Die Firma hat die in sensoren kann Signify den Stromverbrauch
seinen Teppichen verwendeten Materialien um bis zu 70 Prozent reduzieren. Diese Opti-
kreislauffähig und trennbar aufgebaut und mierung kommt Signify direkt und der Kun-
den Recyclingprozess vorausschauend mit- din indirekt zugute. Denn für die Kundin ist
entwickelt. So können die Materialien für die das Angebot im Vollkostenvergleich günsti-
Produktion des nächsten Teppichs wieder ger, als wenn sie die Leuchten selber kaufen
eingesetzt werden. Die Firma setzt zudem auf und betreiben würde.
ein Mietmodell (siehe Abbildung). Das heisst, Die beiden Beispiele zeigen: Kreislauffä- Raphael Fasko
die Teppiche werden nicht verkauft, sondern hige Produkte sind für die Hersteller vor al- Leiter Kreislaufwirtschaft, Rytec AG Abfall-
vermietet und nach einem fünf- bis sieben- lem dann wirtschaftlich interessant, wenn technologie und Energiekonzepte,
Münsingen
jährigen Vertrag zurückgeholt und recycelt. das Geschäftsmodell auf die Kreislaufeigen-
Desso gibt also das Eigentum am Teppich schaften und Restwerte ausgerichtet wird.
nicht ab und verfügt damit über ein ständiges Wer zum Beispiel ein Produkt vermietet, ist
Rohstofflager beim Kunden. Durch die Wie- zwingend an dessen Langlebigkeit und Repa-
deraufbereitung der eigenen Teppiche kann rierbarkeit interessiert. Die Hersteller inves-
das Unternehmen zudem Rohstoffkosten tieren also aus der unternehmerischen Logik
sparen, ist unabhängiger von volatilen Roh- heraus in Kreislaufdesign. Und folglich kom-
stoffpreisen und profitiert von besser planba- men neue, ressourceneffizientere Produk-
ren Materialkosten. te auf den Markt. Das stimuliert den weite-
Ein anderes Beispiel ist Signify. Das Unter- ren Einsatz von Kreislaufdesign und die Ent- Simone Rieder
nehmen, das unter dem Namen Philips Light- wicklung der Kreislaufwirtschaft als Ganzes. Projektleiterin, Rytec AG Abfalltechnologie
und Energiekonzepte, Münsingen
ing ursprünglich eine Sparte des Elektronik- Warum? Der Grund ist ganz einfach: weil

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 45


KREISLAUFWIRTSCHAFT

Zirkulärer Schub in der Schweizer


Wirtschaft
Die Wirtschaftsdachverbände Economiesuisse und Swissmem begrüssen die Fortschritte hin
zu einer nachhaltigeren Wirtschaft. Das zeigt auch die Vielzahl der Initiativen aus der Privat-
wirtschaft. Der Staat ist gleichzeitig für die geeigneten Rahmenbedingungen verantwortlich. 
Rebecca Knoth-Letsch, Christine Roth

Abstract    Immer mehr Schweizer Akteure und Hersteller etablieren kreislauffähige Dazu wird das Prinzip der nachhaltigen
Prozesse. Dabei sollen Produkte entweder in geschlossenen Kreisläufen über viele Le- Ressourcenwirtschaft idealerweise im Busi-
benszyklen immer wieder genutzt oder biologisch rückstandslos abgebaut werden. nessmodell integriert. Aussichtsreiche An-
Solche Prozesse bergen grosses Potenzial, um sich gegen begrenzte Ressourcen ab- satzpunkte für Unternehmen sind der Ausbau
zusichern und ein wirtschaftliches Wachstum ohne Übernutzung der Natur zu garan- des Geschäftes mit Reparaturen und Unter-
tieren. Eine Umstellung des Geschäftsmodells ist jedoch auch mit Risiken und Investi- halt sowie das Anbieten von Leasingmodel-
tionen verbunden. len. Auch die Digitalisierung dürfte ein wich-
tiges Element bei der Umsetzung der Kreis-
laufwirtschaft sein. Die digitale Vernetzung

D  ie Schweiz hat aufgrund des hohen


Wohlstandsniveaus einen überdurch-
schnittlichen Ressourcenverbrauch.1 Das
von Maschinen soll den Unterhalt und die Re-
paraturen vereinfachen.
Für eine vernetzte und weltweit agieren-
von Maschinen und deren Überwachung er-
lauben beispielsweise eine vorausschauende
Wartung. Damit werden unnötiger Material-
stellt sie vor Herausforderungen, wenn sie de Branche wie die MEM-Industrie haben verlust und Produktionsausfälle verhindert.
negative Auswirkungen auf Umwelt und Ge- solche nachhaltigen Aktivitäten auch globale Aber eine Umstellung des Geschäftsmo-
sellschaft vermeiden und Versorgungsrisiken Auswirkungen. Die Schweiz ist innovations- dells ist mit Risiken verbunden und benötigt
minimieren will. Obwohl noch Steigerungs- stark5 und gilt als Technologielieferantin, zusätzliche Investitionen. Ausserdem müssen
potenzial besteht, ist die Schweiz auf gutem welche Verfahren und Anlagen für die Res- Fragen geklärt werden, wie zum Beispiel: Was
Weg: Bei der Ressourcenproduktivität, die sourcennutzung bereitstellt. So können Ein- sind die Bedürfnisse der Kunden? Und wel-
den ökonomischen Output pro Einheit ver- sparungen, Effizienzfortschritte oder höhe- che Technologien sind überhaupt verfügbar?
arbeitetem Material misst, gehört sie zu den re Produktionsstandards auch bei Schwes- Ausserdem müssen die Firmen eruieren, wel-
Spitzenreiterinnen.2 Und es ist ihr gelungen, terwerken in Drittländern Realität werden. che alternativen Materialien sich eignen, wie
das Wirtschaftswachstum vom Ressourcen- Beispielsweise hat der Schweizer Kabel- und sie die Finanzierung sicherstellen können und
verbrauch zu entkoppeln.3 Weil die Schweiz Elektrotechnikspezialist Huber + Suhner in wer Eigentümer der zu vermietenden Pro-
ihren Ressourcenverbrauch allerdings teil- China ein Werk nach Schweizer Standard dukte ist. Um diese Hürden zu meistern, kön-
weise auch ins Ausland verlagert, rückt die erstellt, welches die Ansprüche bezüglich nen neue Formen der Zusammenarbeit inner-
Nachhaltigkeit der Lieferketten ins Zentrum Nachhaltigkeit erfüllt.6 und ausserhalb der Branche sowie der Aufbau
der Aufmerksamkeit. Auch beim Recycling neuer Kompetenzen hilfreich sein.
geniesst die Schweiz international einen sehr Neue Businessmodelle Als Lohn für die Mühen winkt den Unter-
guten Ruf4, und aus der ursprünglichen Ab- nehmen eine zunehmende Eigenständigkeit:
fallentsorgung entwickelte sich ein bedeu- Nachhaltiger Ressourcengebrauch ist dar- Sie sind weniger abhängig von der Verfüg-
tender Wirtschaftszweig. auf ausgerichtet, die Energie und den Mate- barkeit der Ressourcen und von den Liefer-
rialeinsatz bei der Herstellung von Produkten ländern. Ausserdem versprechen Ökodesign
Nachhaltigkeit als Chance und Dienstleistungen zu minimieren. Gleich- und die Wiederverwertung der Rohstoffe
zeitig soll die Lebensdauer der Erzeugnis- Kosteneinsparungen. Das Modell der Kreis-
Die Maschinen-, Elektro- und Metallindust- se optimiert und Abfälle möglichst vermie- laufwirtschaft steigert die Kundenbindun-
rie (MEM-Industrie) hat ein Interesse an die- den werden. Durch Sammlung, Trennung, Be- gen und zudem werden durch Leasing- oder
sen Entwicklungen und setzt zunehmend handlung und Verwertung der verbleibenden Mietmodelle neue Marktsegmente erschlos-
darauf, dass Materialkreisläufe geschlossen Abfälle werden Sekundärrohstoffe hergestellt sen. Makroökonomisch verspricht eine res-
und möglichst nachhaltige Produkte entwi- und in die Wirtschaft eingespeist. Dass diese sourceneffiziente Produktion aufgrund redu-
ckelt werden. Ausschuss soll intern wieder- Sekundärmaterialien von guter Qualität sind, zierter Materialkosten und geringerer Volati-
verwendet werden, und der modulare Aufbau ist heute oft noch ein Knackpunkt. Ausser- lität der Rohstoffpreise Vorteile.
dem muss sich die Rückgewinnung sowohl Auch der Staat kann seinen Beitrag leis-
1 Siehe Bfs.admin.chund Bafu.admin.ch. ökologisch als auch wirtschaftlich lohnen. ten, indem er liberale Rahmenbedingungen
2 Siehe Eea.europa.eu. für ein innovationsfreundliches Umfeld ge-
3 Siehe OECD (2017). OECD-Umweltprüfbericht Schweiz
2017 (Kurzfassung), Paris. 5 Siehe Globalinnovationindex.org.
währleistet. Konkrete Massnahmen müss-
4 Siehe Swissrecycling.ch. 6 Siehe Hubersuhner.com. ten wohlüberlegt und ausgewogen sein und

46  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


DOSSIER

Dank wiederverwertbarer Materialien wie


Aluminium sind Unternehmen unabhängiger von
Rohstoffen und haben tiefere Materialkosten.
KEYSTONE
KREISLAUFWIRTSCHAFT

könnten beispielsweise aus der Schaffung den von Abfällen und die optimale Zirkula- liegt beim schonenden und kreislauforien-
von geeigneten Anreizen und der Reduktion tion von Rohstoffen. Generell werden nach- tierten Umgang mit unseren natürlichen
von regulatorischen Hindernissen bestehen. haltig bewirtschaftete Primär- und Sekundär- Ressourcen und Rohstoffen noch ein gros-
rohstoffe in der Schweiz angestrebt. ses Potenzial brach. Um dieses zu erschlies-
Zahlreiche neue Initiativen Weitere Initiativen und Aktivitäten aus sen und den Wandel der Geschäftsmodelle in
der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft diese Richtung zu ermöglichen, ist ein inno-
In den letzten Jahren hat sich viel bewegt in sind etwa die «Bewegung für eine Kreislauf- vationsfreundliches Umfeld unerlässlich.
der Schweizer Abfall- und Ressourcenwirt- wirtschaft» (Circular Economy Switzerland7),
schaft. Der 2018 gegründete Verein Go for die Veranstaltungsreihe «Fokuskreislaufwirt-
Impact etwa steht für eine Kooperation von schaft»8 der Verbände Öbu und Swissclean-
Wirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und tech oder der «Circular Economy Incubator»9
öffentlicher Hand. Inhaltlich legt der Verein des Impact Hub Zürich.
den Fokus auf Rohstoffe und Materialien. Die
neue Initiative will die Schweizer Wirtschaft Wirtschaft begrüsst Schliessung
dabei unterstützen, die negativen Umwelt-
auswirkungen zu reduzieren und die positi-
der Kreisläufe
Rebecca Knoth-Letsch
ven Umweltimpacts im In- und Ausland zu Die Wirtschaftsdachverbände Economiesuis- Verantwortliche Umweltpolitik, Dachver-
steigern. se und Swissmem engagieren sich für einen band der Schweizer Wirtschaft (Economie-
Ein weiteres Beispiel ist der sogenann- effizienten Schutz der Umwelt und für eine suisse), Zürich
te Ressourcen-Trialog. Dieser führte zusam- Wirtschaft, die Umweltschäden vermeidet
men mit betroffenen Wirtschaftsverbänden, und natürliche Ressourcen schonend ein-
Umweltorganisationen und staatlichen In- setzt. Beide Verbände begrüssen die Stär-
stitutionen einen Dialogprozess zur Abfall- kung der Ressourceneffizienz, die Schlies-
und Ressourcenwirtschaft – unter anderem sung der Stoffkreisläufe, die Steigerung der
mit dem Bundesamt für Umwelt, dem Wirt- Energieeffizienz und das nachhaltige Wirt-
schaftsdachverband Economiesuisse und schaften.
dem Verband der Schweizerischen Zement- Trotz dem hohen Umweltbewusstsein von
industrie Cemsuisse. Daraus entstand der Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz Christine Roth
Plan «Ressourcenwirtschaft 2030» mit ge- Dr. sc. nat., Ressortleiterin Umwelt, Ver-
7 Siehe Circular-economy.ch. band der Schweizer Maschinen-, Elektro-
meinsamem Leitbild. Die darin formulierten 8 Siehe Oebu.ch. und Metallindustrie (Swissmem), Zürich
wichtigsten Zielsetzungen sind das Vermei- 9 Siehe Zurich.impacthub.ch.

48 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


DOSSIER

Kunststoffrecycling löst kein


Umweltproblem
Kunststoffabfälle, die in unseren Kehrichtverbrennungsanlagen zu Strom und Fernwärme
verwertet werden, verursachen kein Umweltproblem. Die kleine Menge, die dennoch in die
Umwelt gelangt, würde auch bei einem forcierten Kunststoffrecycling dort landen. 
Rainer Bunge

Abstract  Kunststoffe stiften während ihrer Gebrauchsphase einen ökologischen Nut- sammen mit dem Kompost in die Umwelt aus-
zen. So schützen sie zum Beispiel als Verpackungen Lebensmittel vor dem frühzeitigen getragen. Ökologisch sinnvoller wäre es, das
Verfall und reduzieren Food-Waste. In der Entsorgungsphase sind sie allerdings öko- Grüngut in Verbrennungsanlagen zu entsor-
logisch problematisch, wenn sie in die Umwelt gelangen. So werden in Ländern mit gen (siehe Abbildung auf Seite 50). Doch poli-
einer ungeordneten Abfallwirtschaft Kunststoffabfälle häufig über die Flüsse ins Meer tisch wäre das natürlich kaum durchsetzbar.
gespült. Aber sogar in einer geordneten Abfallwirtschaft, wie in der Schweiz, gibt es
kleine Leckagen, durch die Kunststoffabfälle in die Umwelt gelangen können. Bei- Recycling wird überschätzt
spiele sind: Littering, kunststoffverunreinigtes Grüngut oder der Export von separat
gesammelten Kunststoffabfällen in Schwellenländer. Harte Strafen für Littering und Werden Kunststoffabfälle allerdings ord-
die konsequente Verbrennung von Kunststoffabfällen und Grüngut sind sinnvollere nungsgemäss entsorgt, dann gelangen sie
Lösungen als Verbote von Plastik oder die Einführung eines forcierten Recyclings. entweder ins Recycling oder in die Verbren-
nung. Ökologisch gesehen ist das Kunst-
stoffrecycling im besten Fall marginal besser

K  aum ein Umweltthema ist so öffent-


lichkeitspräsent wie die Umweltver-
schmutzung durch Kunststoffe, beispiels-
Verbrennung teilweise besser
Wohin aber mit unserem Verpackungsmüll?
als die Verbrennung. Auf jeden Fall ist es aber
teurer. Rechtfertigt dieser marginale ökolo-
gische Mehrwert die signifikanten Mehrkos-
weise die «Müllinseln» im Pazifik. Oft gibt es Vor allem in unseren Innenstädten ist das ten? Die Antwort ist Nein. Denn was viele Kon-
zwei schnelle Antworten auf dieses Problem: achtlose Wegwerfen von Abfällen wie Ziga- sumenten nicht wissen: Unsere Kehrichtver-
die Forderung nach einem Verbot von Kunst- rettenfiltern, Kunststoffverpackungen und brennungsanlagen dienen längst nicht mehr
stoffverpackungen oder der Ruf nach einem Plastikbechern ein offenkundiges Problem. nur der Abfallvernichtung, sondern produzie-
forcierten Kunststoffrecycling. Doch wie so Diese illegale oder fahrlässige Entsorgung ren aus den verbrannten Abfällen Strom und
häufig sind schnelle Antworten nicht unbe- nennt man «Littering». Was unseren Stadtrei- Fernwärme. Zum Vergleich: Der Beitrag der
dingt die richtigen Lösungen für diese kom- nigungen davon durch die Maschen schlüpft, Schweizer Kehrichtverbrennungsanlagen an
plexe Problematik. gerät in die Umwelt und schädigt diese in ver- die Produktion von erneuerbarer Energie ist
Kunststoffe werden in zahlreichen An- schiedener Weise direkt und indirekt. Auch in etwa gleich hoch wie der von Sonnenener-
wendungen eingesetzt. Insbesondere in diesem Zusammenhang wird immer wieder gie, Windenergie, Erdwärmenutzung und Bio-
Verpackungen haben sie einerseits einen ein Verbot von kurzlebigen Kunststoffpro- gas zusammen. Will heissen: Auch die Verbren-
dekorativen, andererseits einen funktionel- dukten gefordert. Allerdings ist Littering ein nung von Kunststoff hat einen ökologischen
len Zweck. Der dekorative Einsatz ist ökolo- gesellschaftliches Problem. Anstatt Kunst- Nutzen. Und dieser ist nur wenig geringer als
gisch unsinnig und sollte minimiert werden. stoffprodukte deswegen zu verbieten, weil der des Recyclings.
In der Regel hat die Kunststoffverpackung sie möglicherweise illegal entsorgt werden Umgekehrt geht der Konsument beim Re-
aber einen funktionellen Zweck und dient könnten, wäre die angemessenere Lösung für cycling davon aus, dass alle gesammelten
beispielsweise der längeren Haltbarkeit von das Litteringproblem, widerhandelnde Kon- Kunststoffe auch tatsächlich recycelt werden.
Lebensmitteln. Denn ein Stück Fleisch hält sumenten mit hohen Bussen zu bestrafen. Doch so ist es nicht. Wie viel tatsächlich recy-
sich in einer Kunststoffverpackung fünf Mal Ein weiteres Problem ist, dass Kunststoff- celt wird, hängt von der Qualität des gesam-
länger als in Papier eingeschlagen. Die Öko- abfälle durch das Grüngutrecycling in die melten Materials ab. Ein Vorzeigebeispiel ist
bilanz eines Lebensmittels wird durch die Umwelt geraten. Denn Grüngut, wie etwa die PET-Flaschensammlung in der Schweiz.
Kunststoffverpackung also erheblich ver- der Schnitt von Strassenböschungen oder Die Sammelquote für PET-Flaschen beträgt
bessert – sogar dann, wenn die Verpackung Essensabfälle aus Privathaushalten, ent- rund 90 Prozent. Und die Sammelware ist von
hinterher im Müll landet. Deshalb: Verbo- hält erhebliche Mengen an Plastikabfällen. so guter Qualität, dass mehr als 80 Prozent da-
te von funktionell eingesetzten Kunststoff- Beim privaten Grüngut sind das etwa kunst- von wieder als PET eingesetzt werden können.
verpackungen würden zwar das sehr kleine stoffverpackte Lebensmittelabfälle, Kunst- Anders ist es bei Gemischtsammlungen von
Problem der Plastikentsorgung lösen, aber stoff-Blumentöpfe oder «biologisch abbau- anderen Kunststoffen. Dort wird im besten Fall
das viel grössere ökologische Problem der bare» Plastiksäcke, die unter Realbedingun- rund die Hälfte der Sammelware recycelt und
Lebensmittelverschwendung deutlich ver- gen nicht wirklich abbaubar sind. Nach der der Rest verbrannt. Zudem sind bei Gemischt-
schärfen. Kompostierung des Grünguts werden sie zu- sammlungen selbst die recycelten ­Kunststoffe

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  49
KREISLAUFWIRTSCHAFT

zum Teil von so schlechter ­Qualität, dass sie


Nutzen und Schaden von Kunststoffabfällen in der Schweiz
nur für minderwertige Produkte wie Euro-
paletten, Sitzbänke oder Zaunpfähle infrage
kommen. Dabei ersetzen sie nicht etwa fri-
schen Kunststoff, sondern Holz, also einen Verbrennung
nachwachsenden Rohstoff, was sich negativ
Kunststoffabfälle
auf die Ökobilanz des Kunststoffrecyclings
auswirkt.
Will man wissen, ob der ökologische Mehr-
wert des Kunststoffrecyclings die Mehrkos- Recycling
ten gegenüber der Verbrennung rechtfertigt,
kann man sogenannte Ökoeffizienz-Indikato-
ren verwenden. Sie stellen den ökologischen Littering
Nutzen einer Umweltmassnahme in Relation
zu den Mehrkosten. Das Ergebnis ist enttäu-

UMTEC / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Export in Schwellenländer
schend: Die Ökoeffizienz von Recyclingsys-
Grüngutverwertung
temen, wie der Sammlung von Elektro- und
Elektronikabfällen oder von Aludosen, ist
etwa zehnmal so hoch wie die von Kunst-
stoff-Gemischtsammlungen. Beim PET-Recy-
cling ist die Ökoeffizienz immerhin dreimal so Umweltschaden Umweltnutzen
(Mensch, Tier, (Recyclingkunststoff,
hoch. Durch Kunststoff-Gemischtsammlun- Ökosysteme …) Strom, Fernwärme …)
gen würde also ein marginaler Umweltnutzen
  geordnete Entsorgung          «Leckagen» in die Umwelt
mit hohen Kosten erkauft. Oder umgekehrt
formuliert: An anderer Stelle eingesetzt, hät-
ten die finanziellen Mittel einen viel höheren 30 Prozent hochwertig recycelt werden. Be- dern, wo Kunststoffabfälle ungeordnet ab-
Nutzen für die Umwelt. sonders pikant dabei: Ein Teil dieser separat gelagert und schliesslich über die Flüsse ins
gesammelten Kunststoffe wird in fernöstli- Meer gelangen, sind Kunststoffabfälle ein
Geringer Effekt von Kunststoff- che Schwellenländer exportiert und dort nach- gravierendes Problem. Hier muss der Fokus
sortiert. Mangels geordneter Abfallwirtschaft darauf gerichtet sein, erstens die Abfälle ge-
sammlungen können die entstehenden Sortierreste dort ordnet zu deponieren, zweitens den Einsatz
Nicht nur die Ökoeffizienz gemischter Kunst- aber nicht ordnungsgemäss entsorgt werden, von Kunststoffen zu minimieren und drit-
stoffsammlungen ist niedrig, sondern auch und ein Teil davon wird über die Flüsse ins Meer tens die Kunststoffabfälle möglichst weitge-
ihr Nutzeffekt insgesamt, das heisst ihre Ef- gespült. Konkret: Wenn Sie eine Kunststoffver- hend zu recyceln. In der Schweiz hingegen
fektivität. Durch die Einführung der Kunst- packung aus der Schweiz aus dem Indischen sind ordnungsgemäss entsorgte Kunst-
stoffsammlung würde pro Bürger ungefähr Ozean fischen, dann kann diese nur über das stoffabfälle kein Problem, denn in unseren
der gleiche Nutzen für die Umwelt erzielt wie Kunststoffrecycling via Export von Schweizer modernen Kehrichtverbrennungsanlagen
durch den Verzicht auf 30 Kilometer Auto- Kunststoffabfällen in deutsche Sortieranlagen werden sie zu Strom und Fernwärme umge-
fahrt oder den Verzicht auf ein einziges Grill- dorthin gelangt sein. Nachdem 2018 China und wandelt. Dass in der Schweiz dennoch im-
steak – pro Jahr. neu auch Malaysia die Importe von Plastikmüll mer wieder ein Verbot von Kunststoffen und
Da die Kunststoffsammlung wenig Nutzen abgeklemmt hat, geht die Ware nun nach Indo- ein forciertes Recycling gefordert werden,
bringt und ausserdem sehr teuer ist, haben nesien, Indien und in die Türkei. Die Wirkung ist entweder durch Unkenntnis der Zusam-
sich die Schweizer Umweltbehörden dafür des im Mai verabschiedeten UNO-Beschlus- menhänge oder durch politischen Aktionis-
ausgesprochen, Kunststoff-Gemischtsamm- ses zum Basler Abkommen auf die Plastikmüll- mus motiviert.
lungen in der Schweiz zwar unterschwellig zu exporte bleibt abzuwarten. Der Beschluss sieht
fördern, sie aber nicht durch gesetzliche Vor- vor, dass beim Plastikmüll Exportländer künftig
gaben zu erzwingen. Anders in Deutschland, das Einverständnis der Regierungen in den Im- Rainer Bunge
wo infolge politisch motivierter, überrissener portländern einholen müssen. Professor für Umwelttechnik, Institut für
Recyclingvorgaben zwar grosse Kunststoff- Für das Kunststoffproblem ist also eine dif- Umwelt- und Verfahrenstechnik UMTEC,
Hochschule für Technik Rapperswil
mengen gesammelt, davon aber nur knapp ferenzierte Beurteilung erforderlich. In Län-

50  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


DOSSIER

STANDPUNKT VON RAHEL OSTGEN

Produktdesign ist der Schlüssel


Kreislauff ähige Produkte sind der Schlüssel für mehr Kreislaufwirtschaft.
Nicht weniger, sondern das richtige Material ist entscheidend.
Re-think, Re-duce, Re-use, Re-cycle: Kreislaufwirtschaft der Technik, die Einsatzmöglichkeiten des wiederver-
ist ein neues Denkmodell, das weit über Recycling hin- werteten Materials und die Information und die Sen-
ausgeht. Ein optimiertes Design der Materialien sowie sibilisierung bis hin zum Konsumenten berücksichtigt.
neue Geschäftsmodelle sollen Abfälle eliminieren und so Der Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung ist die
die Nachfrage nach Primärrohstoffen minimieren. Zudem Kooperation über die gesamte Wertschöpfungskette.
sollen Kernthemen aus Ökologie, Ökonomie und Gesell- Um die Kreislaufwirtschaft zu stärken und den
schaft aufgegriffen und in eine nachhaltige Entwicklung Umweltnutzen des Recyclings weiter zu optimieren,
übergeführt werden. In der Schweiz bietet dabei der Res- hat Swiss Recycling,
sourcentrialog mit seinen Leitsätzen für die Abfall- und der Dachverband der
Ressourcenwirtschaft 2030 eine fundierte Grundlage. Schweizer Recycling- Für die Kreislaufwirt-
Der Klimawandel, die allgegenwärtige Plastik- systeme, zusammen
schaft ist nicht immer
Thematik wie auch der weltweite Ressourcenverbrauch mit Partnern die Dreh-
verdeutlichen die Notwendigkeit der Umstellung von scheibe Kreislaufwirt- weniger, sondern das
einer linearen zu einer zirkulären Wirtschaft. Für einen schaft Schweiz ins Leben richtige Material ent-
Wandel begünstigend ist das Engagement der Industrie, gerufen. Die Dreh-
beispielsweise das Ziel führender Unternehmen, bis 2025 scheibe greift die vier scheidend.
100-prozentig rezyklierfähig zu sein. Es gibt aber auch Schwerpunktthemen
Barrieren: So sind Produkte und Verpackungen heute oft Indikatoren, Rezyklierbarkeit, Sensibilisierung und Digi-
noch nicht zirkulär, und immer komplexere Produkte mit talisierung auf, die übergreifend und in Zusammenarbeit
unzähligen Materialien erschweren die Rezyklierbarkeit. mit den beteiligten Akteuren bearbeitet und umgesetzt
Ausserdem gibt es Zielkonflikte zwischen Materialeffi- werden.
zienz und Kreislauffähigkeit, denn für die Kreislaufwirt- Rezyklierbarkeit als Grundstein der Kreislaufwirt-
schaft ist nicht immer weniger, sondern das richtige Ma- schaft ist heute ein «Muss». Für eine erfolgreiche
terial entscheidend. Umsetzung und einen Wandel hin zu mehr Kreislauf-
Für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft braucht wirtschaft müssen die Akteure der Wertschöpfungskette
es wiederverwendbare und wiederverwertbare Produk- zusammenarbeiten. Die Wirtschaft erkennt vermehrt den
te. Das Produktdesign ist deshalb ein Schlüsselwerkzeug: Nutzen und die Chancen der zirkulären Wirtschaft, und
Für eine zirkuläre Produktgestaltung müssen Produkte die Bevölkerung fordert eine nachhaltige Entwicklung.
rezyklierbar sein. Dabei ist der Einsatz von erneuerbaren Lösungsansätze und innovative Ideen sind vorhanden
Ressourcen oder permanenten Materialien, wie Glas oder – der Zeitpunkt, die Schweizer Wirtschaft zirkulärer zu
Metall, entscheidend. So kann der Wertstoff Aluminium gestalten, ist heute und jetzt!
beispielsweise als Aluminiumdose immer wieder einge-
schmolzen und wiederverwertet werden, ohne seine in-
härenten Eigenschaften zu verlieren.
Rahel Ostgen ist Mitarbeiterin Marketing und Kommunika-
Es braucht eine ganzheitliche Sichtweise, welche tion bei Swiss Recycling, dem Dachverband der Schweizer
die konkreten Verwertungsmöglichkeiten nach Stand Recyclingsysteme, in Zürich

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 51


KEYSTONE
Serie DIE SICHT DER CHEFÖKONOMEN

EINBLICK VON MARTIN EICHLER

Primat der Politik in der Konjunktur


«Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Entwicklung die Schwerpunkte der
Zukunft betreffen» – dieses berühmte Bonmot täglichen Arbeit als Chefökonom verschoben.
hat zuletzt noch besser auf die Konjunkturprog- Die Vorhersehbarkeit der politischen Ent-
nosen gepasst als meistens während meiner lang- wicklungen hat klar abgenommen.
jährigen Beschäftigung mit der Schweizer Kon- So nehmen heute Analyse und Diskussion
junktur. Denn nicht nur die Konjunktur selbst, der politischen Rahmenbedingungen bedeutend
auch die Konjunkturprognose kennt einen Wech- mehr Raum ein. Eine wesentliche Aufgabe von
sel von einfacheren und schwierigeren Zeiten. mir als Chefökonom ist es, abzuwägen, welche
Herausfordernde Zeiten für die Prognosen politischen Entwicklungen als am wahrschein-
gab es immer wieder. Beispielsweise mit der lichsten anzusehen sind und somit die Grundlage
Finanzkrise 2008/2009, in der die toxischen für die Prognose bilden. Hierzu gehört auch, dass
Verflechtungen der Finanzmärkte, auch mit zusammen mit der Prognose immer die zugrunde
der Realwirtschaft, sträflich unterschätzt liegenden Annahmen für die politischen Entwick-
wurden. Daraus haben die Ökonomen jedoch lungen intensiver kommuniziert werden müssen.
gelernt: Auch bei BAK Economics haben wir Noch bedeutender ist die zweite Veränderung:
die Prognosemodelle weiterentwickelt. die Entwicklung hin zum vermehrten
Die aktuelle Herausforderung kommt jedoch Denken in Szenarien. So müssen stets auch
von anderer Seite: Es ist die in den letzten Jah- alternative Entwicklungspfade im Auge behal-
ren ausgesprochen unstetig und sprunghaft ge- ten werden. De facto gibt es heute ein ganzes
wordene Politik. Natürlich hat es immer schon Bündel an Prognosen. Mit dem Denken in Szena-
überraschende Entscheidungen in der Politik rien berücksichtigt man bereits vorab die Sprung-
gegeben. Die Vorhersehbarkeit der politischen haftigkeit politischer Entscheide und bereitet
Entwicklungen hat jedoch klar abgenommen. sich auf die verschiedenen Eventualitäten vor.
Hinzu kommt, dass wirtschaftspolitische Mass- Die Prognosetätigkeit hat sich an diese neuen
nahmen zunehmend als Druckmittel für andere Gegebenheiten angepasst. Dennoch bleibt die
Politikfelder eingesetzt werden. Das Paradebei- Hoffnung, dass die Politik wieder in ruhigere
spiel hierfür ist US-Präsident Donald Trump, Fahrwasser kommt. Denn – auch dies zeigt die
welcher zuverlässig entsprechende Beispiele lie- regelmässige Konjunkturanalyse – die Sprung-
fert. Mit dem Brexit oder der Dauerfehde in der haftigkeit der Politik bleibt nicht ohne Folgen: Die
italienischen Politik gibt es aber auch diesseits damit verbundene Unsicherheit bremst die wirt-
des Atlantiks reichlich Anschauungsmaterial. schaftliche Dynamik aus. Zwar gilt auch hier ein
Für die Schweiz ist der lange Weg von der Unter- «Primat der Politik»: Politische Entscheide sollen
nehmenssteuerreform III über die Steuervor- nicht nur der Ökonomie untergeordnet werden.
lage 17 und die AHV-Steuer-Vorlage (Staf) bis in Dennoch sind die ökonomischen Konsequen-
die kantonalen Umsetzungen exemplarisch. zen immer zu berücksichtigen. «Unnötig» sollten
Mit dem «Primat der Politik in der Konjunktur» ökonomische Chancen nicht verbaut werden.
– politische Entscheidungen haben einen erhebli-
chen Einfluss auf den Konjunkturgang – hat diese Martin Eichler ist Chefökonom von BAK Economics, Basel.

Die Volkswirtschaft  8– 9 / 2019 53


STUDIE

Bessere Arbeitsmarktchancen dank


«Vitamin B»
Fast die Hälfte aller Stellen wird über Beziehungen vergeben. Vielen Stellensuchenden fehlen
solche Kontakte. Doch wie eine Studie der Universität Lausanne zeigt, haben Empfehlungen
von RAV-Mitarbeitenden einen ähnlichen Effekt.  Fabienne Liechti

Abstract    Soziale Kontakte sind wichtig für eine erfolgreiche Stellensuche. Perso- einer Empfehlung über einen sozialen Kon-
nen mit einem schwachen sozialen Netzwerk sind deshalb benachteiligt. Eine Studie takt verglichen.
der Universität Lausanne hat nun untersucht, ob die öffentliche Arbeitsvermittlung Um den Einfluss von unterschiedlichen
der Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) den positiven Effekt von sozialen Empfehlungen auf den Bewerbungsprozess
Kontakten in Form von Empfehlungen substituieren kann. Die Resultate zeigen, dass zu untersuchen, wurde ein sogenanntes fak-
Arbeitgeber die Empfehlungen von RAV-Beratenden wertschätzen und dadurch Be- torielles Umfrageexperiment (siehe Kasten)
werber positiver bewerten. Die Kontakte von RAV-Mitarbeitenden zu den Arbeitge- mit Personalverantwortlichen in der Schweiz
bern sind daher ein wichtiges Mittel, um Arbeitssuchende erfolgreich in den Arbeits- durchgeführt. Dabei haben 720 Teilnehmen-
markt zu integrieren. de die Profile von über 5000 fiktiven Bewer-
bern bewertet. Nebst anderen Merkmalen
wurde auch der Bewerbungskanal der fiktiven

S  oziale Netzwerke spielen auf dem


Arbeitsmarkt eine wichtige Rolle. Fast
die Hälfte aller Stellen wird durch informelle
Arbeitsvermittlung. In der Schweiz nehmen
die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren
(RAV) eine wichtige Rolle bei der Vermitt-
Bewerber systematisch variiert und die Pro-
file der Bewerber zufällig an die teilnehmen-
den Personalverantwortlichen verteilt. Einige
Kontakte vermittelt.1 Personen, welche über lung und der Beratung von arbeitssuchenden Profile enthielten die Information, dass sich
ein starkes soziales Netzwerk verfügen, fin- Personen ein. Für die Personalberatenden in der Bewerber via E-Mail auf die ausgeschrie-
den daher schneller eine neue Anstellung. den RAV sind Kontakte mit lokalen Arbeitge- bene Stelle beworben hat, in anderen Profi-
Dafür gibt es unterschiedliche Gründe: Einer- bern wichtig, um arbeitssuchende Personen len stand, dass die Bewerberin durch einen
seits können informelle Kontakte Informa- erfolgreich zu vermitteln. Denn durch sol- aktuellen Mitarbeitenden (sozialer Kontakt)
tionen über freie Stellen weitergeben, ande- che Kontakte erfahren die Personalberater, oder durch einen Beratenden des lokalen RAV
rerseits können sie die Unsicherheit darüber ob ein Unternehmen offene Stellen hat, und empfohlen wurde.
reduzieren, ob sich ein Bewerber tatsäch- können so gegebenenfalls geeignete Kandi-
lich für die Stelle eignet. Einige Personen auf daten empfehlen. Diese Empfehlungen sind Empfehlungen haben einen
Stellensuche haben allerdings nur ein schwa- insbesondere für Arbeitssuchende mit einem
ches soziales Netzwerk. Das heisst, sie haben schwachen sozialen Netzwerk wertvoll, da
­positiven Effekt
hauptsächlich Kontakt zu Leuten, die eben- sie sich nicht auf ihre eigenen Kontakte ver- Die Auswertungen der Daten zeigen, dass der
falls nicht am Arbeitsmarkt teilnehmen. Für lassen können. Bewerbungskanal – das heisst, ob der Bewer-
diese Personen ist das ein gewichtiger Nach- Wie aber nehmen Arbeitgeber solche ber sich per E-Mail beworben hat oder emp-
teil. Davon betroffen sind häufig Migranten, Empfehlungen von RAV-Mitarbeitenden fohlen wurde – eine bedeutende Rolle spielt.
da deren soziales Netzwerk oft aus Perso- wahr? Werden sie von den Arbeitgebern ge- Konkret heisst das: Bewerbende, die von
nen besteht, welche eine geringere Arbeits- schätzt, und sind sie mit dem positiven Ef- einem aktuellen Mitarbeiter des Arbeitgebers
marktpartizipation aufweisen. fekt eines sozialen Netzwerks vergleich- empfohlen worden sind, wurden signifikant
Eine Studie der Universität Lausanne2 bar? Grundsätzlich sollten die Empfehlungen besser bewertet als Bewerbende, die sich via
hat nun untersucht, ob Massnahmen der einen positiven Einfluss auf die Evaluation E-Mail – und somit ohne Empfehlung – be-
Arbeitsmarktpolitik diesen Nachteil ausglei- von Bewerbern haben, da diese die Unsicher- worben haben (siehe Abbildung). Erstere er-
chen und Personen mit einem schwachen so- heit bezüglich der Eignung des Bewerbers hielten im Durchschnitt eine Bewertung von
zialen Netzwerk so eine Alternative zu infor- verringern. Ergebnisse früherer Studien wei- 7 Punkten, während letztere durchschnittlich
mellen Kontakten bieten können. sen allerdings darauf hin, dass Arbeitgeber mit 6,75 Punkten bewertet wurden. Die Ana-
solche Bewerber, die durch die öffentliche lyse zeigt ausserdem, dass auch jene Kandi-
Passende Kandidaten empfehlen Arbeitsvermittlung vermittelt werden, nega- daten, die durch das RAV empfohlen worden
tiv wahrnehmen3. Die vorliegende Studie hat sind, eine höhere Bewertung erhielten als Be-
Eine Institution, die potenziell die Funk- nun untersucht, wie sich eine konkrete Emp- werber ohne Empfehlung. Ein negativer, stig-
tion von sozialen Kontakten im Arbeits- fehlung eines RAV-Beraters auf die Evalua- matisierender Effekt wie in früheren Studien
markt übernehmen könnte, ist die öffentliche tion eines Bewerbers durch den Arbeitgeber lässt sich nicht ausmachen. Im Gegenteil: Ob-
auswirkt. Dieser Effekt wird mit demjenigen wohl der positive Effekt einer RAV-Empfeh-
1 Siehe Oesch und von Ow (2017).
2 Der folgende Text ist eine Kurzfassung von Liechti
lung etwas kleiner ausfällt als der Effekt einer
(2019). 3 Larsen und Vesan (2012). Empfehlung durch einen sozialen Kontakt,

54  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


STUDIE

werber mit Migrationshintergrund etwas


Effekt von Empfehlungen auf die Bewertung der Stellensuchenden
mehr profitieren als Schweizer. Für Schwei-
0,4 Unterschied in der Bewertung zu Bewerber ohne Empfehlung
zer Bewerber haben die Empfehlungen von
RAV-Mitarbeitenden nämlich keinen signifi-
0,3 kanten Effekt. Trotzdem reicht es nicht aus,
die Distanz zwischen den beiden Gruppen er-
heblich zu verkleinern.

LIECHTI (2019) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


0,2
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass
Empfehlungen durch RAV-Beratende zwar
0,1 nicht ganz an den positiven Effekt von Emp-
fehlungen durch soziale Kontakte heran-
0 kommen. Dennoch haben sie einen durch-
Alle Schweizer* Personen mit Migrationshintergrund aus positiven Einfluss auf die Bewertung von
  Empfehlung durch sozialen Kontakt       Empfehlung durch RAV-Berater Stellensuchenden. Für diese zahlt es sich
deshalb aus, wenn RAV-Beratende in per-
Lesebeispiel: Für Personen mit Migrationshintergrund steigt die Bewertung des Bewerbungsschreibens
im Schnitt um 0,1 Punkte auf einer Skala von 0 bis 10, wenn sie von einem RAV-Berater empfohlen worden
sönliche Kontakte mit Arbeitgebern inves-
sind. tieren und diese pflegen. Gleichzeitig ist
* Der Effekt von RAV-Beratern ist für Schweizer Bewerber nicht signifikant von 0 verschieden. es wichtig, dass die Empfehlungen selektiv
ausgesprochen und nur geeignete Bewerber
Faktorielle Umfrageexperimente empfohlen werden, damit Arbeitgeber die-
Faktorielle Umfrageexperi- ieren zufällig in verschiedenen an acht fiktiven Bewerbern zu sen Empfehlungen vertrauen können. Dies
mente eignen sich gut, um das Merkmalen, wie zum Beispiel bewerten. Dabei wurden die limitiert natürlich das Ausmass, inwieweit
Verhalten von Arbeitgebern Geschlecht, Ausbildung, Mi- Teilnehmenden gefragt, wie RAV-Beratende Empfehlungen dazu einset-
zu untersuchen, welches sich grationshintergrund oder Be- wahrscheinlich es sei, dass sie
zen können, Nachteile von Bewerbern mit
sonst nur schwer beobachten werbungskanal (per E-Mail oder den Bewerber zu einem Vor-
lässt. In der aktuellen Studie der per Empfehlung eines sozialen stellungsgespräch für eine be- einem schwachen sozialen Netzwerk auszu-
Universität Lausanne wurden Kontakts oder eines RAV-Mit- stimmte Stelle einladen würden. gleichen. Bewerber, welche eine grosse Dis-
die teilnehmenden Personal- arbeitenden). Aus all den mög- Dieses Vorgehen ermöglicht es, tanz zum Arbeitsmarkt aufweisen, weil sie
verantwortlichen gebeten, die lichen Kombinationen dieser mittels Regressionsanalyse den
Merkmale wurden die Studien- Einfluss der einzelnen Merkmale
beispielsweise nicht über die geeignete Aus-
Bewerbungen von fiktionalen
Stellensuchenden zu bewerten. teilnehmenden gebeten, jeweils auf die Bewertung der fiktiven bildung oder Motivation verfügen, werden
Diese Stellensuchenden vari- ein zufällig ausgewähltes Set Bewerber zu ermitteln. eher nicht empfohlen. Sie sollten in erster
Linie durch andere arbeitsmarktliche Mass-
nahmen auf die Stellensuche vorbereitet
sind beide Effekte signifikant positiv. Dieses Um zu testen, ob Empfehlungen – von RAV- werden. Das kann im Anschluss dazu immer
Resultat lässt darauf schliessen, dass Emp- Mitarbeitenden oder sozialen Kontakten – noch zu einer Empfehlung führen.
fehlungen durch RAV-Beratende als Ersatz für diesen Nachteil ausgleichen können, wurde
soziale Kontakte dienen können – wenngleich der Effekt für Schweizer und Bewerber mit
sie diese nicht vollständig ersetzen können. Migrationshintergrund verglichen. Die Er-
Die Analyse zeigt aber noch etwas ande- gebnisse zeigen, dass Empfehlungen die Be-
res: Bewerber mit Migrationshintergrund, die wertung von Bewerbern mit Migrationshin-
keinen typisch schweizerischen Namen tra- tergrund zwar verbessern können, aber den
gen, sind generell schlechter bewertet wor- Nachteil, den diese Bewerber sowieso erfah-
den als Bewerber mit Schweizer Namen.4 ren, können sie nicht ausgleichen. Im Gegen-
teil: Empfehlungen durch aktuelle Mitarbei-
4 Um die Herkunft der Bewerber zu signalisieren, wurden ter (soziale Kontakte) haben einen grösseren
typisch spanische, polnische und türkische Namen ge-
wählt. Es wurde jedoch erwähnt, dass die Person die Nutzen für Schweizer Bewerber und vergrös- Fabienne Liechti
gesamte Ausbildung in der Schweiz absolviert hat, wo- sern somit die Distanz zwischen den beiden Dr. rer. publ., Wissenschaftliche Mitarbeite-
mit davon ausgegangen werden konnte, dass die Per- rin, Hochschulinstitut für öffentliche
son mindestens einen Ausweis C oder die Schweizer
Gruppen. Umgekehrt ist es bei Empfehlun-
Verwaltung (Idheap), Universität Lausanne
Staatsbürgerschaft hat. gen durch das RAV. Hier zeigt sich, dass Be-

Literatur
Larsen, C. A. und Vesan, P. (2012). Why Public Employ- Liechti, F. (2019). Connecting Employers and Workers: Oesch, D. und von Ow, A. (2017). Social Networks and
ment Services Always Fail. Double-Sided Asymmetric Can Recommendations from the Public Employment Job Access for the Unemployed: Work Ties for the Up-
Information and the Placement of Low-Skilled Workers Service Act as a Substitute for Social Contacts? In: Work, per-Middle Class, Communal Ties for the Working Class.
in Six European Countries. In: Public Administration 90: Employment and Society, online first. In: European Sociological Review 33: 275–291.
466–479.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 55


HANDELSREGISTER

Schwellenwert für Handelsregister­


einträge erhöhen?
100 000 Franken Umsatz pro Jahr: Erwirtschaftet ein Einzelunternehmen so viel oder mehr,
muss es sich im Handelsregister eintragen. Zu tief sei diese Schwelle, sagen Kritiker, mit
einer Erhöhung liessen sich administrative Kosten einsparen. Eine Analyse.  Harald Meier,
Peter Jung

Abstract  Im Rahmen der Revision des Handelsregisterrechts stellte sich die Frage, 500 000 Franken (Variante 2) sowie eine Va-
ob der Umsatzschwellenwert für den Eintrag ins Handelsregister noch zeitgemäss riante mit einer Reduktion des Schwellen-
ist. Momentan liegt dieser bei 100 000 Franken Umsatz. Eine Studie des Basler Be- werts auf 0 Franken (Variante 3).2
ratungsunternehmens B,S,S. zeigt: Eine Erhöhung des Umsatzschwellenwerts wür-
de nur zu einer geringen administrativen Entlastung führen, während eine Reduk- Geringes Potenzial für administ-
tion deutliche Kosten für die betroffenen Unternehmen zur Folge hätte. Insgesamt
ist indes von keinen gesamtwirtschaftlich substanziellen Auswirkungen auf Märkte,
rative Entlastung
Wachstum, Wettbewerb oder Standort auszugehen. Die Studie skizziert allerdings al- Von einer Änderung betroffen wären zu-
ternative Vorschläge zur administrativen Entlastung. nächst nur Einzelunternehmen.3 Bei einer Er-
höhung der Umsatzschwelle könnten sich in
Variante 1 rund 18 000 Einzelunternehmen

W  er nach kaufmännischer Art ein Ge-


werbe führt und Umsatzerlöse von
mindestens 100 000 Franken pro Jahr erzielt,
folgenabschätzung (RFA) beauftragt. Das Ziel
der RFA war vorrangig, die zu erwartenden
volkswirtschaftlichen Auswirkungen einer
und in Variante 2 rund 29 000 Einzelunter-
2 Variante 1 entspricht dem ursprünglich eingeführten
Wert unter Berücksichtigung der Inflation; Variante 2
ist verpflichtet, sein Einzelunternehmen in Schwellenwertänderung aufzuzeigen und entspricht der Harmonisierung mit dem per 2013 revi-
dierten Rechnungslegungsrecht.
das Handelsregister eintragen zu lassen. Das eine Kosten-Nutzen-Bilanz zu erstellen. Ins- 3 Mehr Informationen zu weiteren direkt betroffenen
Handelsregister ist ein amtlich geführtes und gesamt sollten drei Varianten geprüft wer- Akteuren finden sich in der vollständigen Studie «Regu-
lierungsfolgenabschätzung zum Umsatzschwellenwert
öffentlich zugängliches Register, das vor al- den: zwei Varianten mit einer Erhöhung des für die Eintragungspflicht in das Handelsregister. Ana-
lem der Information und dem Vertrauens- Schwellenwerts auf 250 000 (Variante 1) resp. lyse der volkswirtschaftlichen Auswirkungen».
schutz Dritter dient. Durch den Firmenschutz
kommt es aber auch den Eintragungspflichti-
gen selbst und der Rechtssicherheit zugute. Die Berechnung der Kosten
Denn beispielsweise durch die Handelsregis- Den Berechnungen liegen typische Fallkosten betriebswirtschaftlicher Analysen. Durch die
terpublizität sinken für alle an einem Geschäft zugrunde: Neueintragung: 260 Franken; Ände- Multiplikation der Kosten pro Fall mit den Fallzah-
Beteiligten die Transaktionskosten. rung einer Eintragung (Mutation): 90 Franken; len ergeben sich die initialen resp. jährlichen M
­ ehr-
­Löschung: 60 Franken. Diese Fallkosten basieren und Minderaufwände.
Allerdings: Die Höhe des Umsatzschwel-
auf Schätzungen und sind nicht Ergebnis genauer
lenwerts ist seit 1972 unverändert. Sie ist
gleich hoch wie die Umsatzschwelle der
Mehrwertsteuerpflicht, obwohl diese nichts Abb. 1: Im Handelsregister eingetragene Einzelunternehmen nach Schwellen-
mit handelsrechtlichen Fragen zu tun hat. wertvarianten
Inhaltlich näher verwandt wäre der Schwel- 250 000    Anzahl Unternehmen im Handelsregister
lenwert der ordentlichen Buchführung und
Rechnungslegung, mit 500 000 Franken ist 200 000
dieser allerdings viel höher.
In den Diskussionen zur Revision des Han- 150 000
delsregisterrechts wurde der Bundesrat be-
BFS / B,S,S. / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

auftragt, zu prüfen, ob der aktuelle Umsatz- 100 000


schwellenwert noch zeitgemäss ist.1 Das Bun-
desamt für Justiz und das Staatssekretariat 50 000

für Wirtschaft haben deshalb das volkswirt-


schaftliche Beratungsunternehmen B,S,S. 0

mit der Durchführung einer Regulierungs­ bisher Variante 1 Variante 2 Variante 3


(≥100 000 Fr.) (≥250 000 Fr.) (≥500 000 Fr.) (≥0 Fr.)

1 Siehe Postulat 17.3115, «Massgebender Umsatzschwel-   Unternehmen mit Jahresumsatz kleiner als 100 000 Franken    
lenwert bei einem Einzelunternehmen für die Begrün-   Unternehmen mit Jahresumsatz zwischen 100 000 und 249 999 Franken   
dung der Pflicht zur Eintragung in das Handelsregister»   Unternehmen mit Jahresumsatz zwischen 250 000 und 499 999 Franken    
auf Parlament.ch.   Unternehmen mit Jahresumsatz von mind. 500 000 Franken       Unternehmen mit unbekanntem Jahresumsatz

56  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


HANDELSREGISTER

KEYSTONE
Ein Bratwurststand auf dem Gotthardpass. Ab
wie viel Umsatz soll sich ein Unternehmen ins
Handelsregister eintragen müssen? Bei einer Erhöhung des Schwellenwerts Mehraufwand von geschätzten 24 Millionen
entsteht ein initialer Mehraufwand für die- Franken. Hinzu kommen laufende Mehr-
nehmen aus dem Handelsregister austragen jenigen Unternehmen, die sich aus dem Re- belastungen. Denn auch diese Unterneh-
lassen, weil ihre Umsatzerlöse dann unterhalb gister austragen. Die kumulierten Kosten men werden in Zukunft Mutationen vorneh-
des Schwellenwerts lägen. Vermutlich wird des Registeraustritts für alle diese Unterneh- men müssen. Dazu kommen neu gegründete
das jedoch nur ein kleiner Teil auch tatsäch- men betragen je nach Variante 50 000 bis Unternehmen, die sich in Zukunft eintragen
lich tun. Denn zu den Vorteilen eines Han- 80 000 Franken (siehe Kasten). müssen. Zwar kostet ein einzelner Handelsre-
delsregistereintrags gehören beispielsweise Andererseits profitieren diese Firmen aber gistereintrag nur 260 Franken und eine Mu-
auch Erleichterungen im Geschäftsverkehr – auch von laufenden Entlastungen. Denn sie tation nur 90 Franken, doch insgesamt liegt
und dieser Nutzen ist für die entsprechenden werden in Zukunft keine Änderungen ihrer der administrative Mehraufwand für alle die-
Unternehmen höher als die damit verbunde- Eintragungen (Mutationen) mehr vornehmen se Unternehmen bei rund 3 Millionen Franken
nen Kosten.4 Entsprechend kann man davon müssen. Ebenso müssten sich künftig weni- pro Jahr.
ausgehen, dass sich in Variante 1 nur schät- ger neu gegründete Einzelunternehmen ein-
zungsweise 900 Einzelunternehmen und in tragen lassen. Diese administrativen Ent- Höherer Aufwand für indirekt
Variante 2 nur etwa 1500 Einzelunternehmen lastungen liegen insgesamt bei 40 000 bis
austragen würden. Bei einer Senkung der 60 000 Franken pro Jahr. Unter dem Strich ist
Betroffene möglich
Umsatzschwelle auf 0 wären demgegenüber das Potenzial für Entlastungen also gering. Neben den direkt betroffenen Einzelunter-
92 000 Einzelunternehmen neu eintragungs- Bei einer Senkung des Schwellenwerts nehmen sind grundsätzlich auch ihre Ge-
pflichtig (siehe Abbildung 1). würde sich der Mehraufwand demgegenüber schäftspartner sowie weitere Akteure, die
deutlich erhöhen: Da sich ein Teil der Einzel- das Handelsregister nutzen, potenziell be-
4 Der Umstand, dass sich bereits aktuell über 80 000 unternehmen neu ins Handelsregister ein- troffen. Dazu gehören etwa Banken, Aus-
Einzelunternehmen freiwillig im Handelsregister ein-
tragen liessen, stützt diese Annahme.
tragen lassen müsste, entstünde ein initialer kunftsdienstleister sowie Akteure der

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  57
HANDELSREGISTER

Abb. 2: Weitere Auswirkungen einer höheren Umsatzschwelle auf Private und staatliche Stellen

Erhöhung Umsatzschwelle für Handelsregistereinträge

Primärer Zweck: Information, Vertrauensschutz,


Weitere Auswirkungen auf Private / Rechtswirkungen Weitere Auswirkungen auf staatliche Stellen
Reduktion von Transaktionskosten

Einzelunternehmen Steuerverwaltungen / Mehrwertsteuer


Banken
Wahlfreiheit steigt; freiwillige Eintragung weiterhin geringere Datengrundlage und höherer Aufwand;
möglicherweise Anpassung von Kreditkonditionen
möglich Ausfall von Steuererträgen möglich

Gläubiger
Geschäft spartner Konkurs- und Betreibungsämter
geringerer Gläubigerschutz bei nicht eingetragenen
Transaktionskosten steigen; Rechtssicherheit sinkt geringere Datengrundlage und höherer Aufwand
Unternehmen

Auskunft sdienstleister Ausgleichskassen


höherer Beschaffungsaufwand, aber auch neues geringere Datengrundlage und höherer Aufwand;
Geschäft sfeld evtl. Zunahme Schwarzarbeit

Polizei
geringere Datengrundlage und höherer Aufwand;
Strafuntersuchungen erschwert

Eidg. Institut für Geistiges Eigentum


Markenverletzungen aufzudecken erschwert

B,S,S. / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Bundesamt für Statistik
geringere Datengrundlage und höherer Aufwand;
Datenverfügbarkeit nimmt evtl. ab

öffentlichen Hand wie Steuerverwaltun- alternative Vorschläge zur administrativen


gen, Konkurs- und Betreibungsämter sowie Entlastung der Unternehmen beim Handels-
Ausgleichskassen (siehe Abbildung 2). Die in register. Diese schliessen teils an bereits an-
der Studie befragten Fachpersonen erwar- gegangene Massnahmen an: Digitalisierung,
ten bei einer Erhöhung des Schwellenwerts Prozessoptimierung, Harmonisierung und
eine negative Wirkung für diese Institutio- Vereinfachung sind auch hier die Schlüssel zu
nen. Denn sie führt zu höheren Transak- weniger administrativem Aufwand. Zwei Bei-
tionskosten bei der Beschaffung von Infor- spiele: So könnte einerseits etwa die öffentli-
mationen, weil die bislang durch das Han- che Beglaubigung der Unterschrift von nicht Harald Meier
delsregister beschafften Informationen persönlich anwesenden Personen durch ein Jurist, Senior Berater, B,S,S. Volkswirt-
schaftliche Beratung, Basel
durch andere Informationsquellen erhoben digitales Identifikationsverfahren ersetzt wer-
werden müssten. Und das ist voraussicht- den. Denn das Ziel der Digitalisierung sollte
lich mit höherem Aufwand verbunden. Zu eine durchgängig elektronische Anmeldung
diesem Aufwand zählen einerseits tatsäch- und Registerführung sein. Zu dieser Prozess-
liche finanzielle Kosten, da es sich um priva- optimierung zählt deshalb andererseits auch
te Dienstleistungen handelt. Andererseits die gemeinsame Bewirtschaftung und Nut-
kommt der Aufwand hinzu, die Verlässlich- zung von unternehmerischen Stammdaten,
keit der so bezogenen Informationen abzu- sodass Unternehmen ihre Daten der Verwal-
klären. Eine Quantifizierung dieser Auswir- tung nur einmal bekannt geben müssen. Die-
kungen ist schwierig. sen Massnahmen ist – im Unterschied zu einer
Ein Handlungsbedarf beim Umsatzschwel- Änderung des Schwellenwerts – gemein, dass Peter Jung
lenwert drängt sich mit den Ergebnissen der die Verbesserungen allen Unternehmen im Professor für Privatrecht, Juristische
Fakultät, Universität Basel
Studie also nicht auf. Die RFA skizziert jedoch Handelsregister zugutekommen würden.

58 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


STROMGROSSHANDEL

Die Schweiz ist keine Energieinsel


Die europäischen Grosshandelspreise beeinflussen den Schweizer Strommarkt massgeblich.
Das Stromabkommen mit der EU brächte beiden Seiten Effizienzgewinne.  Alessandra Motz,
Rico Maggi

Abstract  Auch wenn der Grosshandelsmarkt für Strom dem Normalbürger wenig sagt, päischen Energiebinnenmarkt (IEM) zu schaf-
bestimmt er einen wesentlichen Teil des Elektrizitätspreises. Der Schweizer Markt fen, der unter anderem den wachsenden
profitiert von der Verflechtung mit den Nachbarländern, da der grenzüberschreitende Beitrag der stark schwankenden erneuerba-
Elektrizitätshandel die Minimierung der Angebotskosten erleichtert. Gleichzeitig ist ren Energien effizient ins System einbindet.
die Schweiz aber stärker von Preistrends abhängig, auf welche die lokalen Marktteil- Bereits sind erste Effizienzgewinne erzielt
nehmer und Behörden nur bedingt Einfluss haben. In der näheren Zukunft beeinflus- worden: Elektrizität und Übertragungskapa-
sen drei Unsicherheitsquellen die Grosshandelspreise in der Schweiz: der geplante Zu- zität können nun simultan gehandelt wer-
gang zum Energiebinnenmarkt der EU, die Auswirkungen eines allfälligen Brexit sowie den. Positiv ins Gewicht fällt auch die effizi-
der russisch-ukrainische Gasstreit. entere Nutzung der Übertragungsleitungen.
Als Folge sinken die Strompreise für den End-
verbraucher.

O  bwohl Elektrizität aus unserem All-


tag nicht wegzudenken ist, wissen die
meisten wenig über die Dynamik, welche die
Deutschland und in Italien somit das Preis-
niveau in der Schweiz. Trotz der bemerkens-
werten Steigerung der Stromgeneration aus
Das schweizerische Elektrizitätssystem
kann allerdings nicht vollständig von diesen
Verbesserungen profitieren. Obwohl das na-
Elektrizitätspreise im Grosshandel und da- erneuerbaren Quellen in Deutschland und tionale Übertragungsnetz für die Integra-
mit auch den Detailhandelspreis für die Kon- Italien beeinflussen dort Kohle- und Gas- tion bereit wäre, ist die Schweiz wegen eines
sumenten bestimmt. Angesichts der poli- kraftwerke nach wie vor die Strompreise, da fehlenden bilateralen Stromabkommens seit
tischen Diskussionen über die Zukunft des sie Volatilitäten auszugleichen vermögen. Vo- 2014 vom Energiebinnenmarkt ausgeschlos-
Elektrizitätssektors – sowohl im Hinblick auf latilitäten entstehen beispielsweise, wenn die sen. Als Folge davon kumulieren sich gemäss
die 2018 lancierte Energiestrategie als auch Nachfrage schwankt oder wenn kein Wind einer Analyse der EU-Agentur für die Zusam-
auf die steigenden Nachhaltigkeitsbedenken weht und die Sonne nicht scheint: Dann kön- menarbeit der Energieregulierungsbehörden
– besteht Aufklärungsbedarf bei der Preisge- nen die Wind-  und Solaranlagen nämlich kei- (Acer) beidseits der Grenze jährliche Verluste
staltung im Strommarkt: Welche Trends und nen Strom produzieren. in der Höhe eines zweistelligen Millionenbe-
Treiber beeinflussen die Elektrizitätsgross- Als Folge davon hängen die schweize- trags. Die Unterzeichnung des Stromabkom-
handelspreise in der Schweiz? Welche Rolle rischen Elektrizitätspreise direkt von den mens ist derzeit blockiert, da die EU das Ab-
spielen politische Entscheidungen und geo- Trends auf den Märkten für fossile Energie, kommen an das institutionelle Rahmenab-
politische Strömungen? speziell Gas und Kohle, ab. Politische Mass- kommen koppelt.
Bereits heute ist der schweizerische Elek- nahmen und geopolitische Spannungen, wel- Aus ökonomischer Sicht ist klar: Eine effi-
trizitätsmarkt eng mit den benachbarten che diese Variablen auf europäischer Ebene zientere Nutzung der Übertragungsleitungen
Märkten verbunden – was zu substanziellen beeinflussen, haben damit auch einen Ein- verringert den Investitionsbedarf für neue
Import- und Exportströmen führt. Im Som- fluss auf die Dynamik der schweizerischen Kraftwerke und Stromleitungen. Die voll-
merhalbjahr, wenn dank der Schneeschmel- Grosshandelspreise und beschränken den ständige Marktöffnung würde die Integra-
ze die Stromproduktion aus Wasserkraft auf Spielraum für die Politik und die Schweizer tion neuer Solar- und Windanlagen im In- und
Hochtouren läuft, dominieren die Nettoex- Elektrizitätsunternehmen. Ausland erleichtern und zudem eine profi-
porte. Demgegenüber importiert die Schweiz table Absatzmöglichkeit für Wasserkraftwer-
im Winter netto mehr Strom, da weniger Wichtiges Stromabkommen ke bieten. Weil sich die Grosshandelsprei-
Wasser verfügbar ist. se den effizientesten Produktionskosten an-
Abgesehen von der üblichen Volatilität, die gleichen, verringern sich die Gesamtkosten
Kohle und Gas bestimmen Preis vom Wetter und den Rohölpreisen verur- der Elektrizitätsproduktion. Davon profitie-
sacht wird, gilt es vor allem drei Quellen der ren auch die Konsumenten.
Die Schweizer Grosshandelspreise entstehen Unsicherheit zu beachten, welche in der na-
an den europäischen Strombörsen. Die Prei- hen Zukunft einen Einfluss auf die Entwick- Brexit als Risiko
se variieren in einem Korridor zwischen einer lung der Grosshandelspreise in Europa und
Untergrenze repräsentiert durch die deut- damit in der Schweiz ausüben werden. Eine Eine zweite Quelle der Unsicherheit, wel-
schen und einer Obergrenze in Form der italie- erste Unsicherheit betrifft die Beziehungen che den schweizerischen Elektrizitäts-
nischen Grosshandelspreise (siehe Abbildung 1 zwischen der Schweiz und der Europäischen markt, wenn auch in geringerem Ausmass,
auf Seite 63). Sie bewegen sich in etwa paral- Union. Seit der Unterzeichnung des Dritten beeinflussen könnte, ist der Brexit. Eine
lel zu den französischen Grosshandelspreisen. Energiepakets 2009 verfolgt die EU eine Stra- Studie im Auftrag des Europäischen Par-
Ökonomisch gesprochen, beeinflussen tegie der allmählichen Integration der natio- laments aus dem Jahr 2017 argumentiert,
die Grenzkosten der Stromproduktion in nalen Energiemärkte. Ziel ist es, einen euro- dass sich Grossbritannien in Bezug auf den

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  61
STROMGROSSHANDEL

KEYSTONE
Erdgas ist in Europa nach wie vor wichtig für
die Stromproduktion. Bau einer Pipeline in
­Mecklenburg-Vorpommern. Elektrizitätssektors wäre jedoch stark ein- muss. Durch die russische Annektierung der
geschränkt. Halbinsel Krim im Jahr 2014 wurde der Kon-
E­ lektrizitätsmarkt zwischen zwei Varianten Ein harter Brexit trifft auch die EU-Län- flikt verschärft.
entscheiden muss. Gemäss der ersten Va- der: Aufgrund der reduzierten Marktliquidi- Die EU wandte verschiedene Strategien
riante behält es die Kontrolle über die Re- tät entstünden auf den europäischen Elekt- an, um eine Eskalation des Konflikts und wei-
gulierung des eigenen Elektrizitätsmarktes rizitätsmärkten – wenn auch deutlich kleine- tere Zufuhrunterbrechungen zu vermeiden.
bei, verliert aber den Zugang zum EU-Ener- re – Effizienzverluste. Am stärksten betroffen So diversifizierte sie die Zahl der Zulieferer
giebinnenmarkt. Ein solcher «harter Brexit» wäre Irland: Weil die Stromverbindung zum und der Transportwege. Weiter investier-
für den britischen Elektrizitätssektor würde Kontinent durch Grossbritannien verläuft, te sie in die existierenden Gasnetze, um so-
zu einem signifikanten Effizienzverlust füh- riskiert Irland, zu einer Energieinsel mit be- genannte Reverse Flows, das heisst Gasliefe-
ren. Ohne Zugang zum EU-Energiebinnen- trächtlichem Verlust von Effizienz und Ver- rungen von Westen nach Osteuropa inklusive
markt müsste Grossbritannien Effizienzver- sorgungssicherheit zu werden. der Ukraine, zu ermöglichen. Sie verbesserte
luste in Kauf nehmen, da erstens der Zugang die Gastransport-Regulierung, um einen ef-
zu günstigeren Ressourcen verloren ginge Ungelöster Gasstreit fizienten Netzzugang zu ermöglichen, und
und zweitens höhere Investitionen in Ener- schliesslich vermittelte sie diplomatisch zwi-
gieproduktion und Verteilungsnetze not- Die dritte Risikoquelle ist der Gasstreit zwi- schen den zwei Ländern.
wendig wären, um die Versorgungssicher- schen Russland und der Ukraine. Russland Trotz diesen Anstrengungen stagnie-
heit zu gewährleisten. ist der grösste Gaslieferant der EU; es lie- ren die Verhandlungen zur Erneuerung des
Die zweite Möglichkeit für Grossbritan- fert rund ein Drittel aller kontinentalen Pipe- Transitabkommens zwischen Russland und
nien ist es, den Zugang zum EU-Energiebin- lineimporte. Die Ukraine spielt dabei eine der Ukraine, welches Ende 2019 ausläuft.
nenmarkt beizubehalten – verbunden mit Schlüsselrolle als Transitland für russisches Während die Ukraine höhere Transitgebüh-
einer passiven Übernahme der EU-Regulie- Gas. Die angespannten Beziehungen zwi- ren zur Finanzierung dringender Renovatio-
rung des Elektrizitätsmarktes ohne Mög- schen Russland und der Ukraine während nen der Pipelines verlangt, strebt Russland
lichkeit einer Einflussnahme. Bei diesem der letzten fünfzehn Jahre haben verschie- ein Abkommen mit geringeren Mengen und
Szenario würden Effizienzverlust und Inves- dentlich zu Unterbrechungen der Zufuhr mit einer geringeren Laufzeit an. Russland
titionsbedarf vermieden, die Selbstbestim- geführt; Streitpunkte sind die Transitkosten hofft, die Ukraine umgehen zu können, wenn
mung bei der Regulierung des nationalen und der Gaspreis, den die Ukraine bezahlen die neue Nord-Stream-2-Pipeline durch die

62  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


STROMGROSSHANDEL

zität zu vermeiden. Zudem können Schweizer


Abb. 1: Grosshandelspreise und durchschnittliche Kosten der Stromproduktion
Wasserkraftwerke ihre Vorteile europaweit
durch Kohle und Erdgas
besser ausspielen.
100 Euro / Megawatt stunde
Die Teilnahme an einem grösseren Markt

IRE; EPEX, GME, ECB, FRAUNHOFER ISE, ARERA, ISPRA, UBA,


ermöglicht eine Senkung der Elektrizitäts-
80
kosten, bringt aber erhöhte Variabilität der

ÖKOINSTITUT, DESTATIS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


60
Preise mit sich, da der nationale Markt stär-
ker von Schwankungen auf kontinentaler
40 und globaler Ebene abhängt. Auch Schweizer
Elektrizitätsunternehmen könnten von der
20 Teilnahme an einem grösseren Markt profitie-
ren. Investitionen in ICT und intelligente Net-
0 ze erlauben ein effizientes Management von
Nachfrage und Angebot: Dadurch können die
20 –2

20 –4

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20 12
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20

Zukäufe zu Spitzenzeiten minimiert werden,


Strompreise:       Italien       Deutschland       Schweiz       Frankreich und die Verkäufe können gesteigert werden,
Durchschnitt skosten:         Italien         Deutschland wenn die Preise hoch sind.
Ein grösserer Markt und intelligente Net-
Abb. 2: Woher stammt das Erdgas in den Nachbarstaaten der Schweiz? ze schaffen auch Vorteile für die Konsumen-
100 % ten, die saubereren Strom zu tieferen Preisen
erhalten.

IRE; BP STATISTICAL REVIEW OF WORLD ENERGY 2019 /


75

50

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
25

0
Österreich Deutschland Italien Frankreich
  Russland       Norwegen       Niederlande       Algerien       Katar       Libyen       Andere
Alessandra Motz
Doktorandin in Wirtschaft swissenschaften,
Ostsee fertig gebaut ist. Schon nächstes Jahr Gas beruht und das mehr als ein Drittel seines Institut für Wirtschaft sforschung,
Università della Svizzera italiana, Lugano
soll Gas nach Deutschland fliessen. Allerdings Gases aus Russland über die Ukraine bezieht
ist unklar, ob die existierenden und neuen Al- (siehe Abbildung 2). Aus Schweizer Sicht sind
ternativrouten die gesamte von westeuropäi- Preisspitzen vor allem während der Winter-
schen Käufern bestellte Gasmenge aufneh- monate zu erwarten, da dann Storm impor-
men können. tiert werden muss.
Die Unsicherheiten rund um die Erneue-
rung des Transitabkommens könnten die Volatilität nimmt zu
Gas-Grosshandelspreise bereits in der zwei-
ten Jahreshälfte 2019 in die Höhe treiben. Die- Unabhängig von diesen politischen Heraus-
ser Trend würde sich höchstwahrscheinlich forderungen gilt für die Schweiz: Ein Elektri- Rico Maggi
in eine Erhöhung der Grosshandelspreise für zitätsmarkt, der mit jenen der Nachbarländer Professor für Volkswirtschaft slehre, Leiter
Elektrizität übersetzen. Besonders exponiert verbunden ist, erlaubt es, Überinvestitionen Institut für Wirtschaft sforschung,
Università della Svizzera italiana, Lugano
ist Italien, dessen Stromproduktion stark auf in Produktion und Übertragung von Elektri-

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 63


FACHKRÄFTE

Generationenmix in Unternehmen:
Was Arbeitgeber beachten müssen
Alte und junge Arbeitnehmende haben teilweise ganz unterschiedliche Ansprüche, wie eine
Studie zeigt. Will ein Unternehmen allen Generationen gerecht werden, muss es mit einem
wirkungsvollen Generationenmanagement diesen spezifischen Bedürfnissen entgegen­
kommen.  Anina Hille, Yvonne Seiler Zimmermann, Gabrielle Wanzenried

Abstract    Ein wirkungsvolles Generationenmanagement wird vor dem Hintergrund chenden Arbeitsmodellen niederschlagen.
der demografischen Entwicklung und des damit drohenden Fachkräftemangels immer Ein effektives Generationenmanagement er-
wichtiger. Eine Studie der Hochschule Luzern zeigt, dass die Notwendigkeit und der kennt diesen Bedarf und setzt ihn in einem
Nutzen eines effektiven Generationenmanagements von den Unternehmen erkannt Unternehmen erfolgreich um.
werden. Dennoch besteht Handlungsbedarf bei der erfolgreichen Implementierung. Eine Studie der Hochschule Luzern1 zeigt
So müssen etwa Klischees gegenüber den verschiedenen Generationen überwunden den aktuellen Stand beim Generationenma-
werden. Erfreulich ist jedoch: Sowohl Arbeitgebende als auch Arbeitnehmende sind nagement in Schweizer Unternehmen sowie
einer Zusammenarbeit unterschiedlicher Generationen gegenüber offen eingestellt. die Massnahmen, Präferenzen und Erwar-
tungen, welche mit diesem Thema verbun-
den sind. Dazu wurden 2018 in einer Online­

D  ie demografische Entwicklung und die


steigende Nachfrage nach gut ausgebil-
detem Personal erhöhen den Fachkräfteman-
weise aus den unterschiedlichen Wertevor-
stellungen der verschiedenen Generationen.
So kann vermutet werden, dass die Babyboo-
umfrage Arbeitgebende und Arbeitnehmen-
de in der Schweiz befragt. Die Stichprobe
enthält 93 Arbeitgebende und 967 Arbeit-
gel bei immer mehr Unternehmen. Ein effek- mer – das heisst die Jahrgänge 1946 bis 1964 nehmende von Grossunternehmen und 323
tives Generationenmanagement kann dabei – ihre Arbeit mit einem anderen Stellenwert Arbeitgebende und 212 Arbeitnehmende von
helfen, diesen Mangel zu entschärfen. Dazu verbinden als jüngere Generationen. Umge- kleinen und mittleren Unternehmen (KMU).
muss es aber den unterschiedlichen Bedürf- kehrt sind für die Generation Y, die zwischen 1 Hille et al. (2019a) und Hille et al. (2019b). Vollständige
nissen und den sich daraus ergebenden An- 1981 und 1995 Geborenen, möglicherweise Studie verfügbar auf Hslu.ch.
forderungen an die Arbeitssituation der ver- Freizeit und Hobbys wichtiger als für die äl-
schiedenen Generationen Rechnung tragen. teren Generationen. Diese unterschiedlichen Junge Arbeitnehmende wollen das Leben
Diese Anforderungen ergeben sich beispiels- Wertevorstellungen müssen sich in entspre- ­geniessen, für ältere hat Arbeit einen höheren
Stellenwert.

KEYSTONE

64  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


FACHKRÄFTE

Wie die Befragung der Arbeitnehmenden


Abb. 1: Diese Werte sind den Arbeitnehmenden in Grossunternehmen am
zeigt, ist die finanzielle Sicherheit der dritt-
­wichtigsten (2019)
wichtigste Grundwert – und zwar unabhän-

HILLE, SEILER ZIMMERMANN, WANZENRIED (2019A) / DIE VOLKS-


Familie/Kinder +*
Finanzielle Sicherheit
gig vom Alter der Befragten. Auch diesem
Lebensgenuss/Spass -*** Umstand trägt mehr als die Hälfte der befrag-
Zeit für Hobby -** ten Unternehmungen Rechnung: Etwas mehr
Neues Lernen -***
Harmonie
als die Hälfte der Unternehmen bezeichnet
Technischer Fortschritt -** ihr Vergütungssystem als übersichtlich und
Zeit, Familienmitglieder zu betreuen transparent (Grossunternehmen: 54%; KMU
Selbstverwirklichung -***
Soziale Verantwortung +***
53%). Dennoch finden 5 Prozent der Arbeit-
Finanzielle und andere Entschädigung gebenden in Grossunternehmen und 7 Pro-

WIRTSCHAFT
Arbeit +*** zent der Arbeitgebenden in KMU, dass ihr
Eigentum +**
Vergütungssystem nicht übersichtlich und
0% 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
  sehr wichtig       wichtig       eher unwichtig       unwichtig       weiss nicht       keine Antwort
transparent sei. 2
+/-: Je älter, desto wichtiger/unwichtiger; Signifikanzniveau: *** (1%), **(5%), *(10%). Die konkrete Frage
lautete: «Geben Sie an, wie wichtig Ihnen folgende Werte sind.» Anzahl befragte Arbeitnehmende = 827. Altersbedingte Vorurteile
Viele Unternehmen tragen den individuel-
Erfolg dank Generationenmix gegen sind ihnen die Grundwerte Lebensge- len Bedürfnissen der Arbeitnehmenden also
nuss/Spass und Selbstverwirklichung weni- bereits Rechnung und versuchen, die op-
Die Erhebung zeigt: Generationenmanage- ger wichtig. Unterschiede gibt es auch beim timale Zusammenarbeit der Generationen
ment ist für die überwiegende Mehrheit der Arbeitspensum: So sind etwa Vollzeitarbei- zu ermöglichen. Dennoch besteht Hand-
befragten Unternehmen wichtig oder sehr tende eher bereit, Neues zu lernen, und sie lungsbedarf: So schätzen bei den befragten
wichtig (Grossunternehmen: 75%; KMU: schätzen den Stellenwert der Arbeit höher ein Grossunternehmen nur gerade 26 Prozent
69%). Aus Sicht der Arbeitgebenden hilft ein als Teilzeitarbeitende. Interessant ist, dass das die Attraktivität ihrer Unternehmung für jun-
effektives Generationenmanagement vor al- Bildungsniveau nur gerade auf den Grundwert ge Ausbildungsabsolventen als sehr hoch ein;
lem gegen den Fachkräftemangel und gegen Neues Lernen einen Einfluss hat: Für Personen bei den KMU sind es sogar nur 12 Prozent. Die
den Wissensverlust durch das Ausscheiden mit einem Tertiärabschluss ist dieser Grund- Attraktivität ihres Unternehmens für ältere
älterer Mitarbeitender aus dem Unterneh- wert wichtiger als für Personen mit einem tie- Arbeitnehmende schätzen sie noch tiefer ein:
men. Sowohl bei den Grossunternehmen feren Ausbildungsniveau. Ansonsten hat das Bei den Grossunternehmen bezeichnen sie
als auch bei den KMU ist die überwiegende Bildungsniveau keinen Einfluss auf die ver- nur gerade 14 Prozent der Arbeitgebenden
Mehrheit der Arbeitgebenden der Ansicht, schiedenen Grundwerte. Insgesamt zeigt als sehr hoch. Bei den KMU sind es 7 Prozent.
dass ein effektives Generationenmanage- sich, dass für die Mehrheit der Befragten der Noch tiefer liegt der Anteil der Arbeitgeben-
ment zu Wettbewerbsvorteilen führt. Von Grundwert Familie/Kinder am wichtigsten ist. den, welche die Attraktivität ihres Unterneh-
denjenigen Unternehmen, welche das Gene- Gefolgt wird er von den Werten Finanzielle Si- mens für Personen über dem Pensionierungs-
rationenmanagement als wichtig erachten, cherheit und Lebensgenuss/Spass. alter als sehr hoch einschätzen: Bei den Gross-
finden denn auch 88 Prozent der Grossunter- unternehmen liegt dieser Anteil bei 7 und bei
nehmen und 83 Prozent der KMU, dass Beleg- KMU bei Arbeitszeitgestaltung den KMU bei 4 Prozent.
schaften mit unterschiedlichen Generationen Weiter zeigt die Erhebung, dass seitens
einen eher positiven Effekt auf den Unterneh-
fortschrittlicher der Unternehmen Altersklischees bestehen.
menserfolg haben. Verschiedene Unternehmen haben bereits Von den Grossunternehmen, welche ein Ge-
Dass ein Generationenmanagement nötig auf diese unterschiedlichen Wertevorstellun- nerationenmanagement als wichtig betrach-
ist, zeigt sich auch dadurch, dass die Arbeit- gen und Bedürfnisse der Arbeitnehmenden ten, wird die Fähigkeit zum Umgang mit mo-
nehmenden unterschiedliche Grundwerte als reagiert. So bietet etwas mehr als die Hälf- dernen Informationstechnologien und Kom-
wichtig einstufen. Je nach Alter gibt es statis- te jener Grossunternehmen, die das Genera- munikationsmedien ganz klar den jüngeren
tisch hoch signifikante Unterschiede bei den tionenmanagement als wichtig erachten, die Mitarbeitenden zugeordnet. Nur gerade 20
Grundwerten Lebensgenuss/Spass, Neues Möglichkeit für Homeoffice an (53%). Bei den Prozent assoziieren diese Fähigkeiten glei-
Lernen und Selbstverwirklichung (siehe Ab- KMU ist es rund ein Drittel (32%). Bei jedem chermassen mit jüngeren und älteren Perso-
bildung 1). Diese Grundwerte sind für jünge- dritten befragten KMU können die Angestell- nen (siehe Abbildung 2 auf Seite 66). Auch
re Personen tendenziell wichtiger als für äl- ten zudem ihre Arbeitszeit vollumfänglich in- eine hohe Lernbereitschaft und Flexibilität
tere. Dagegen sind die Grundwerte Soziale dividuell und nach ihren Bedürfnissen gestal- bezüglich Neuem wird ganz klar den jünge-
Verantwortung, Arbeit und Eigentum für äl- ten (34%). Interessant ist, dass die KMU dabei ren Personen zugeordnet. Nur gerade 3 Pro-
tere wichtiger als für jüngere. fortschrittlicher sind als die Grossunterneh- zent der befragten Grossunternehmen as-
Gibt es neben dem Alter weitere soziode- men. Von Letzteren bietet nämlich nur jedes soziieren diese Eigenschaften mit eher älte-
mografische Unterschiede, welche die Wich- vierte Unternehmen eine flexible Arbeitszeit- ren Personen. Interessant ist auch, dass rund
tigkeit der Grundwerte beeinflussen? Ja, die gestaltung an. Hingegen sind die Grossunter- ein Viertel der Unternehmen einen ­hohen
gibt es. Entscheidend ist auch, ob jemand Kin- nehmen häufiger darauf bedacht, auf die fa-
der hat oder nicht. Für Personen mit Kindern miliäre Situation und die Bedürfnisse der 2 Der Rest der befragten Arbeitgebenden antwortet auf
die Fragen mit «teilweise zutreffend», mit «trifft teil-
ist erwartungsgemäss der Grundwert Familie/ Arbeitnehmenden einzugehen (Grossunter- weise nicht zu», oder sie können bzw. wollen die Fragen
Kinder wichtiger als für jene ohne Kinder. Da- nehmen: 46%; KMU 39%). nicht beantworten.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019  65
FACHKRÄFTE

Abb. 2: Diese Kompetenzen verbinden Grossunternehmen mit den hinaus zu beschäftigen: Mehr als die Hälfte al-
verschiedenen Altersgruppen ler befragten Grossunternehmen und knapp
die Hälfte der KMU beschäftigen bereits heu-
Fähig im Umgang mit modernen te Personen über dem ordentlichen Pensio-
IT- und Kommunikationsmedien
nierungsalter. Wo das noch nicht gemacht
Resigniert rasch, wenn nicht gefördert
wird, kann es sich aber eine überwiegende
Hohe Lernbereitschaft, Flexibilität
bezüglich Neuem Mehrheit vorstellen.
Ausgeprägtes Interesse, eigenes Fazit: Sowohl Grossunternehmen wie auch
Wissen aufzufrischen
KMU haben die Wichtigkeit und den Nutzen
Ideenreichtum
eines effektiven Generationenmanagements
Guter Umgang mit unvorher-
gesehenen Situationen
erkannt und haben teilweise ein solches auch
Hohe Motivation
in ihrer Unternehmung implementiert. Der
Weg zu einer systematischen Umsetzung ist
Hohes Engagement
jedoch noch lange nicht abgeschlossen und
Gut gepflegte Netzwerke erfordert insbesondere den Abbau bestehen-
Hohe Bereitschaft, Verantwortung zu der generationentypischer Vorurteile.

HILLE, SEILER ZIMMERMANN, WANZENRIED (2019A) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


übernehmen
Weniger zumutbar
Überdurchschnittlich viel krankheits-
bedingte Fehlzeiten
Hohe Leistungsbereitschaft

Hohe Disziplin

Seitens der Kunden vermehrt gefragt

Hohe Kosten für das Unternehmen


Hohe Mitarbeiterbindung / Loyalität
zum Unternehmen
Hohe Sozialkompetenz und guter Anina Hille
Umgang mit Menschen Dr. rer. pol, Dozentin, Institut für Finanz-
0% 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
dienstleistungen (IFZ), Hochschule Luzern
  Jüngere       eher Jüngere       sowohl als auch       eher Ältere       Ältere       weder noch        weiss nicht       keine Antwort

Die konkrete Frage lautete: «Bitte geben Sie an, inwieweit Sie folgende Aussagen eher mit jüngeren bzw.
älteren Mitarbeitenden assoziieren.» Befragt wurden nur Unternehmen, welche ein Generationenma-
nagement als wichtig erachten. Anzahl befragter Unternehmen = 67.

Ideenreichtum eher mit jüngeren Perso- (Grossunternehmen: 72%; KMU: 62%) oder
nen assoziiert als mit älteren (4%). Hingegen immerhin offen (GU: 25%; KMU: 34%).
wird eine hohe Disziplin deutlich den älte-
ren Personen zugeschrieben (48%). Nur ge- Unternehmen haben den Nutzen Yvonne Seiler Zimmermann
rade 5 Prozent assoziieren diese Eigenschaft Professorin für Banking und Finance,
mit jüngeren Personen. Ebenfalls eher älteren
erkannt Institut für Finanzdienstleistungen (IFZ),
Hochschule Luzern
Mitarbeitenden zugeordnet werden: hohe Das Generationenmanagement gewinnt
Bindung der Mitarbeitenden, Loyalität zum mit der Beschäftigung der Arbeitnehmen-
Unternehmen, soziale Kompetenz und guter den über das Rentenalter hinaus an Bedeu-
Umgang mit Menschen. tung. Aber besteht auch ein Bedürfnis dafür?
Vorurteile und Klischees bezüglich unter- Fragt man die Angestellten, ob sie sich prin-
schiedlicher Generationen seitens der Arbeit- zipiell vorstellen könnten, während des Ren-
gebenden können eine optimale Durchmi- tenalters weiter berufstätig zu sein, antwor-
schung der Generationen in der Belegschaft ten bei den Grossunternehmen 43 Prozent
behindern. Sie sollten daher abgebaut wer- mit Ja, 36 Prozent mit Nein, und 21 Prozent
den, sodass einer erfolgreichen Implementie- wissen es nicht. Bei den Arbeitnehmenden Gabrielle Wanzenried
rung des Generationenmanagements mög- von KMU ist die Zustimmung ähnlich hoch: Professorin für Banking und Finance,
lichst nichts im Wege steht. Wie die Umfra- 44 Prozent antworten mit Ja, 24 Prozent mit Institut für Finanzdienstleistungen (IFZ),
Hochschule Luzern
ge zeigt, ist die Mehrheit der Arbeitgebenden Nein, und 29 Prozent wissen es nicht. Dabei
überzeugt, dass es in der Belegschaft solche fällt auf, dass Vollzeitbeschäftigte und Perso- Literatur
Vorurteile gegenüber älteren Mitarbeitenden nen mit einer Tertiärbildung einer Weiterbe- Hille, Anina Cristina; Seiler Zimmermann, Yvonne &
gibt. Die Befragung zeigt jedoch, dass die- schäftigung im Rentenalter offener gegen- Wanzenried, Gabrielle (2019a). Generationenma-
nagement Studie – Grossunternehmen. Verlag IFZ
se Vermutung relativiert werden muss: Die überstehen als Personen mit einem tieferen – Hochschule Luzern, (Band 44).
überwiegende Mehrheit der Mitarbeiten- Ausbildungsniveau oder Teilzeitbeschäftigte. Hille, Anina Cristina; Seiler Zimmermann, Yvonne &
Wanzenried, Gabrielle (2019b). Generationenma-
den ist nämlich sehr offen gegenüber der Zu- Auch bei den Arbeitgebenden ist die Of- nagement Studie – KMU. Verlag IFZ – Hochschule
sammenarbeit mit deutlich älteren Personen fenheit gross, Personen über das Rentenalter Luzern, (Band 44).

66 Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaft szahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2018 1/2019 4/2018 3/2018 2/2018
Schweiz 2,5 Schweiz 0,6 0,2 –0,2 0,7
Deutschland 1,4 Deutschland 0,4 0,0 –0,2 0,5
Frankreich 1,6 Frankreich 0,3 0,3 0,4 0,2
Italien 0,9 Italien 0,1 –0,1 0,0 0,2
Grossbritannien 1,4 Grossbritannien 0,5 0,2 0,6 0,4
EU 1,9 EU 0,5 0,3 0,3 0,4
USA 2,7 USA 0,8 0,5 0,9 1,0
Japan 0,8 Japan 0,5 0,5 –0,3 0,7
China 6,6 China 1,4 1,5 1,6 1,8
OECD 2,3 OECD 0,6 0,3 0,5 0,7

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2018 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2018 2018 1/2019
Schweiz 68 972 Schweiz 4,7 Schweiz 4,9
Deutschland 54 355 Deutschland 3,4 Deutschland 3,2
Frankreich 45 804 Frankreich 9,1 Frankreich 8,8
Italien 42 076 Italien 10,6 Italien 10,4
Grossbritannien 46 256 Grossbritannien 4,0 Grossbritannien –
EU 44 134 EU 6,8 EU 6,5
USA 62 480 USA 3,9 USA 3,9
Japan 43 379 Japan 2,4 Japan 2,4
China – China – China –
OECD 46 027 OECD 5,3 OECD 5,3

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr Vorjahresmonat
2018 Mai 2019
Schweiz 0,9 Schweiz 0,6
Deutschland 1,7 Deutschland 1,4
Frankreich 1,9 Frankreich 0,9
Italien 1,1 Italien 0,8
Grossbritannien 2,3 Grossbritannien 1,9
EU 1,9 EU 1,6
SECO, BFS, OECD

USA 2,4 USA 1,8


Japan 1,0 Japan 0,7
China – China 2,7
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,6 OECD 2,3
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2019 67


Reif für die Tonne
Die Lebensmittelabfälle in der Schweiz betragen jährlich 2,6 Millionen Tonnen. Davon könnten
rund zwei Drittel eingespart werden. Das Problem ist: Lebensmittel, die produziert, aber
nicht konsumiert werden, führen zu unnötigen CO2-Emissionen, Biodiversitätsverlusten sowie
Land- und Wasserverbrauch. Und sie kosten: Im Haushalt landen so jährlich rund
500 Franken pro Einwohner im Müll.

Was passiert
Wussten Sie schon? 2,6 Mio. t mit diesen Abfällen:

Food-Waste

⅔ 21%
aller Lebensmittel- aller Lebensmittelabfälle
abfälle in der Schweiz werden im Kehricht
gelten als vermeidbar. entsorgt.

Hier fallen die Lebensmittelabfälle an:

39% 30%
Haushalte der Lebensmittelabfälle
werden zu Tierfutter
verarbeitet.
Rindfleisch, Kaffee, Kakao
und Butter
Bei tierischen und mit dem Flug-
zeug importierten Produkten
sollte man Abfälle aus Umwelt-
gründen am dringendsten
vermeiden. 37%
Lebensmittelindustrie 48%
der Lebensmittelabfälle
werden in Biogasanlagen
oder auf dem Kompost
verwertet.
BUNDESAMT FÜR UMWELT / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

11% Gastronomie

9% Landwirtschaft
500 Franken 4% Detailhandel
Rund so viel kosten die im
Haushalt weggeworfenen
Lebensmittel jeden Ein- 1%
wohner der Schweiz pro der Lebensmittelabfälle wird
Jahr. an gemeinnützige Organisa-
tionen wie «Tischlein deck
dich» gespendet.
VORSCHAU

Ausgabe
Die nächste 4. September
m2
erscheint a

IM NÄCHSTEN FOKUS

Wie messen wir politische


Entscheide?
Im Oktober gehen die eidgenössischen Wahlen über die Bühne. Der Zeitpunkt ist günstig,
um einen Blick auf die Politikevaluation zu werfen: Das Parlament ist die gesetzgebende
Gewalt in der Schweiz. Wie und wo werden die Massnahmen des Bundes auf ihre Wirk-
samkeit überprüft? Wie prägt die Wissenschaft die Evaluation? Und nach welchen
Kriterien entscheiden die Wähler, wen sie wählen? Lesen Sie mehr dazu in der nächsten
Ausgabe.

Internationaler Fokus auf die Politikevaluation Viele Vorstösse, wenig Wirkung? Parlamentari-
Professorin Dina Pomeranz, Universität Zürich sche Instrumente in der Bundesversammlung
Professor Adrian Vatter, Jonas Brüschweiler, Universität Bern
Datenbasierte Politikevaluation in der Schweiz
Professor Martin Huber, Universität Freiburg Welche Gesetze der letzten zwei Jahre haben den
Wettbewerb geschwächt?
Wirkungsevaluation in der Bundesverwaltung: Simon Jäggi, Staatssekretariat für Wirtschaft,
Die Player Professor Nicolas Diebold, Universität Luzern
Bertrand Bise, Bundesamt für Justiz
Politische Kommunikation – wie funktioniert
Wie die Regulierungsfolgenabschätzung sie? Wie misst man sie?
funktioniert Urs Bieri, GFS Bern
Uschi Anthamatten, Staatssekretariat für Wirtschaft
Alle vier Jahre beteiligt sich der Wähler an der
Konkrete Wirkungsmessung bei Projekten der wichtigsten «Evaluation»
Neuen Regionalentwicklung Professor Georg Lutz, Direktor Fors, Universität Lausanne
Ueli Ramseier, Staatssekretariat für Wirtschaft

Die Evaluation als Instrument der parlamentari-


schen Oberaufsicht
Simone Ledermann, Felix Strebel, Parlamentarische
Verwaltungskontrolle

IMPRESSUM
Herausgeber Abonnementpreise Druck
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Wirtschaft SECO, Bern
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Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Jessica Alvarez, Matthias Hausherr, Illustrationen
Thomas Nussbaum, Stefan Sonderegger Cover: Claudine Etter, atelier-c.ch Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö-
sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
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