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92. Jahrgang   Nr. 1 –2 / 2019 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW DIGITALISIERUNG FACHKRÄFTE DOSSIER


China-Experte Ruedi Nützi Sinken die Die Erwerbsbeteiligung Medizinprodukte für
hat Tipps für KMU Steuereinnahmen? steigt Patienten sicherer machen
30 44 46 49

FOKUS
Das asiatische
Zeitalter

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Asien rückt näher


Die Mittelschicht in Asien wächst. In den touristischen Hotspots wie Luzern und
Interlaken begegnen wir Touristengruppen aus China und Indien. Die asiatischen
Länder sind wirtschaftlich auf der Überholspur. In der Region Asien-Pazifik leben
60 Prozent der Weltbevölkerung. Sie produzierten 2017
gut 40 Prozent des weltweiten Bruttoinlandproduktes.
Dieser Anteil steigt von Jahr zu Jahr. Relativ dazu sinkt der
Anteil der USA und Europas.
Der staatliche chinesische Chemiemulti Chem China
übernahm im vergangenen Jahr den Schweizer Agro-
chemiekonzern Syngenta für über 40 Milliarden Dollar.
Asien respektive China hatte die Schweiz erreicht. Dass
die Schweiz und China nicht über gleich lange Spiesse
verfügen – beispielsweise bei den Direktinvestitionen
von Staatsbetrieben –, ist auch im aktuellen Schwerpunkt
«Das asiatische Zeitalter» ein Thema.
China kauft weltweit Firmen, um sich Zugang zu wich-
tigen Technologien zu sichern. Das Land will 2049 zum
100-Jahr-Jubiläum der Volksrepublik China technologisch Weltspitze sein. Ob der
Handelskrieg mit den USA die Volksrepublik in ihrem Bestreben zurückwirft, wird
sich noch weisen.
China-Experte Ruedi Nützi von der Fachhochschule Nordwestschweiz erklärt im
Interview, dass bei einem Unternehmen, das in China tätig sein wolle, der Schweizer
Chef regelmässig vor Ort sein müsse. Geschäftsbeziehungen würden anders gepflegt.
Schnelle Gewinne gebe es in diesem Markt nicht, sagt Nützi.
Welche Beziehung hat die Schweiz mit Asien? Wir möchten Ihnen Asien und insbe-
sondere China näherbringen.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

4 14

FOKUS

Das asiatische Zeitalter


4 Die Schweizer Handels­ 9 Aufstieg Asiens verändert
diplomatie ist in Asien Schweizer Aussenpolitik
gefordert Raphael Nägeli
Eidgenössisches Departement für auswärtige
Christine Büsser Mauron
Angelegenheiten
Staatssekretariat für Wirtschaft

14 Türen zu asiatischen 18 Chinesischer Tourismus


Finanzmärkten öffnen in der Schweiz: Nur wenige
Peter Stutz profitieren
Staatssekretariat für internationale
Jürg Stettler, Lukas Huck
Finanzfragen
Hochschule Luzern

30 INTERVIEW

22 Chinas Ambitionen 26 Renminbi-Hub Schweiz: «Der chinesische Markt


für eine neue Ära Enttäuschte Hoffnungen? ist Chefsache»
Jean-Jacques de Dardel, Dimitri Pittet, Markus Braun, Esther Kessler, Beat Affolter
Im Gespräch mit Ruedi Nützi,
Aurèle Aquillon ZHAW School of Management and Law
Direktor Hochschule für Wirtschaft, FHNW
Eidgenössisches Departement für auswärtige
Angelegenheiten

59 WIRTSCHAFTSZAHLEN  61 VORSCHAU   61 IMPRESSUM


INHALT

38 41 12

THEMEN

Graubünden, Millennials und mehr


36 EINBLICK 38 DIGITALISIERUNG 41 MILLENNIALS
Die Stolperfallen von Digitale Transformation in Vernünftiger als vermutet:
Social Media ­Graubünden Das Sparverhalten der
Reto Hofstetter Patricia Deflorin, Kathrin Dinner, Peter Moser Millennials
Universität Luzern Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW
Alessandra Fiorito
Chur
Zürcher Kantonalbank
Andreas Schweizer
ZHAW School of Management and Law

44 DIGITALISIERUNG 46 FACHKRÄFTEMANGEL 60 INFOGRAFIK


Gefährdet die Digitalisierung Die Erwerbsbeteiligung steigt Grossunternehmen bei
die öffentlichen Finanzen? Daniela Bieri Weiterbildung vorbildlich
Simon Schnyder Staatssekretariat für Wirtschaft
Eidgenössische Steuerverwaltung

DOSSIER

Sichere Medizinprodukte
50 Patienten besser schützen 53 Gesundheitsschutz Die gegenseitige
55 
Urs Spahr und Exportchancen Anerkennung erleichtert
Bundesamt für Gesundheit haben ihren Preis den Zugang zum EU-Markt
Sarah Werner, Ursula Walther Viviane Farré Tiercy
Ecoplan Staatssekretariat für Wirtschaft

57 STANDPUNKT 58 STANDPUNKT
 Auf Swiss Finish verzichten!  Engpässe bei der Versorgung
Peter Studer Reto Bucher
Swiss Medtech Kantonsspital Aarau
ASIEN

Die Schweizer Handelsdiplomatie


ist in Asien gefordert
Neue Allianzen und protektionistische Tendenzen in Asien stellen Unternehmen vor
Herausforderungen. Die Schweizer Aussenwirtschaftspolitik versucht gezielt Gegen-
steuer zu geben.  Christine Büsser Mauron

Abstract    Die wachstumsstarken asiatischen Märkte gewinnen zuneh- wuchsen in Asien zwischen 2007 und 2017 mit
mend an Bedeutung für die Schweizer Wirtschaft. Regionale Mega-Ab- jährlich 12 Prozent stärker als in Nordameri-
kommen wie das Comprehensive and Progressive Agreement for Trans-Pa- ka und Europa, wobei die Schweiz zu den zehn
cific-Partnership (CPTPP) und die geplante Regional Comprehensive grössten Investoren in Asien zählt.3
Economic Partnership (RCEP) könnten die globalen Wertschöpfungsket-
Die asiatischen Märkte, ihre Strukturen so-
ten nachhaltig verändern. Im Spannungsfeld von Globalisierung und Pro-
tektionismus zielt die Schweizer Aussenwirtschaftspolitik darauf ab, den
wie ihr Entwicklungs- und Integrationsstand
Firmen einen rechtlich abgesicherten, vorhersehbaren, möglichst hin- sind äusserst divers. Dies lässt sich am Beispiel
dernis- und diskriminierungsfreien Zugang zu diesen Märkten zu sichern. der Association of Southeast Asian Nations
Dazu gehört einerseits die Schaffung von soliden Rahmenbedingungen, (Asean) aufzeigen (siehe Abbildung 2). Die zehn
zum Beispiel mittels Freihandelsabkommen und Investitionsschutzabkom- Mitgliedsstaaten zählen zusammen fast 650
men, andererseits die Wahrung wirtschaftlicher Interessen im Ausland. Millionen Einwohner und erwirtschafteten
vergangenes Jahr insgesamt ein Bruttoinland-
produkt (BIP) von 2,8 Billionen Dollar. Damit

D  er globale wirtschaftliche Brennpunkt


verschiebt sich von Westen nach Osten.
Entsprechend wird Asien für Schweizer Unter-
bilden die Asean-Staaten den sechstgrössten
Wirtschaftsraum der Welt.
Das Gefälle zwischen den Asean-Staaten
nehmen zusehends wichtiger als Absatzmarkt, ist enorm: Während Singapur 2017 ein durch-
als Investitions- und Produktionsstandort so- schnittliches Pro-Kopf-Einkommen von 57 713
wie als Herkunftsmarkt für industrielle Halb- Dollar aufwies und als 14.-wichtigster Han-
fabrikate zur Weiterverarbeitung. Der Aussen- delspartner der Schweiz weltweit figurierte,
handel zwischen der Schweiz und Asien hat betrug das Pro-Kopf-Einkommen von Myan-
sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt: mar gerade einmal 1278 Dollar, und das Land
Bereits findet knapp ein Viertel des gesamten stand lediglich an 99. Stelle der schweizeri-
Aussenhandels mit asiatischen Staaten statt schen Handelspartner. 4
(siehe Abbildung 1). Ende 2015 lancierte der Staatenverbund of-
Im Jahr 2017 ging knapp ein Fünftel der fiziell die Asean-Wirtschaftsgemeinschaft mit
schweizerischen Exporte im Umfang von 90 der Absicht, die Region als einen einheitlichen,
Milliarden Franken in die Region Asien-Ozea- wettbewerbsfähigen Markt weiter in die Welt-
nien1– das ist ein grösserer Anteil als derje- wirtschaft zu integrieren. Zwischen den sechs
1 Siehe Länder­ nige von Nordamerika.2 Trotz Frankenstärke Asean-Staaten Brunei, Indonesien, Malaysia,
information unter
Seco.admin.ch.
stiegen die Exporte nach Asien-Ozeanien zwi- Philippinen, Singapur und Thailand sind bereits
2 EZV (2018): Aussenhan- schen 2007 und 2017 um gegen 200 Prozent. heute 99 Prozent der Zölle entweder abgeschafft
delsstatistik (2018), ein-
schliesslich Handel mit Besonders hoch war die Zunahme in China, worden oder liegen unter 5 Prozent. Zwischen
Gold und anderen Edel-
metallen.
wo die Exporte im vergangenen Jahr ein Volu- den übrigen vier Mitgliedsstaaten Kambodscha,
3 IWF (2017): Coordina- men von 24 Milliarden Franken erreichten. Da- Laos, Myanmar und Vietnam ist dies noch nicht
ted Direct Investment
­Survey CDIS. mit ist das Land hinter der EU und den USA der der Fall. Wenig überraschend gestalten sich je-
4 IWF (2018): World drittwichtigste Handelspartner der Schweiz. doch der Abbau nicht tarifärer Handelshemm-
­Economic Outlook,
­Oktober. Auch die ausländischen Direktinvestitionen nisse sowie die Harmonisierung von Normen

4  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019
China ist ein wichtiger
­Absatzmarkt für Schweizer
Firmen. Shoppingstrasse in
Schanghai.
KEYSTONE
ASIEN

und Standards im heterogenen Staatenverbund sen Verhandlung seit 2013 läuft: die Regional
schwierig. Trotz der Integrationsbemühungen Comprehensive Economic Partnership (RCEP),
macht der Asean-interne Handel gemäss Welt- welche die Wirtschaftsbeziehungen zwischen
bank nur rund ein Viertel des Gesamthandels Australien, China, Indien, Japan, Neuseeland
aus. Zum Vergleich: In Ostasien, das unter an- und Südkorea und den zehn Asean-­ Staaten
derem die Länder China, Japan und Südkorea konsolidieren soll. Das RCEP-Abkommen wür-
umfasst, beträgt die Quote 35 Prozent. Deut- de knapp 40 Prozent des globalen BIP abdecken
lich tiefer ist sie hingegen in Südasien (Bangla- und 3,4 Milliarden Konsumenten umfassen.
desch, Indien, Pakistan, Sri Lanka etc.), das zu Allerdings ist das Abkommen weniger ambitiös
den wirtschaftlich am wenigsten integrierten ausgestaltet als das CPTPP. So sind im RCEP
Regionen der Welt gehört. Dort macht der intra- unter anderem keine Bestimmungen über das
regionale Handel lediglich 5 Prozent aus. öffentliche Beschaffungswesen, zu Staatsfir-
men oder Arbeits- und Umweltstandards vor-
Regionale Mega-Abkommen gesehen.

Vier Asean-Länder – Brunei, Malaysia, Singa- Schweiz setzt auf Freihandel


pur und Vietnam – haben dieses Jahr gemein-
sam mit Australien, Chile, Japan, Kanada, Me- Mittelfristig werden über zwei Drittel des welt-
xiko, Neuseeland und Peru das Comprehensive weiten Mittelklasse-Wachstums in Asien statt-
and Progressive Agreement for Trans-­Pacific- finden. Entsprechend dürfte die Nachfrage
Partnership (CPTPP) unterzeichnet. Mit dem nach schweizerischen Konsumgütern, Hoch-
erfolgreichen Abschluss haben sie, trotz des qualitäts- und Luxusprodukten weiter steigen.
Rückzugs der USA, ein starkes Zeichen für Bereits 2030 wird die Mittelklasse der Region
den Freihandel gesetzt. Die CPTPP-Partner ge- schätzungsweise fünfmal so gross wie jene
nerieren 14 Prozent des weltweiten BIP und Europas sein. Vor diesem Hintergrund will
schaffen mit dieser Vereinbarung einen integ- die schweizerische Aussenwirtschaftspolitik
rierten asiatisch-pazifischen Wirtschaftsraum möglichst optimale Rahmenbedingungen für
mit einer halben Milliarde Einwohner. Falls Schweizer Unternehmen in Asien schaffen.
weitere Länder zum CPTPP stossen, könnte es Eines der wichtigsten Instrumente sind Frei-
dereinst das weltweit wichtigste plurilatera- handelsabkommen (FHA).
le Handelsabkommen werden und eine Neu- Im Verbund der Europäischen Freihan-
ordnung von globalen Wertschöpfungsketten delsassoziation (Efta) verfügt die Schweiz in
bewirken – mit Konsequenzen auch für die Asien über Freihandelsabkommen mit Singa-
Schweizer Wirtschaft. pur (2003), Südkorea (2006), Hongkong, China
5 W
TO (2018): Tariff
Grosse Aufmerksamkeit zieht zudem ein (2012) sowie den Philippinen (2018). Darüber
­Profile of Indonesia. anderes Wirtschaftsabkommen auf sich, des- hinaus hat sie bilaterale Freihandelsabkom-
men mit Japan (2009) und China (2014) abge-
schlossen. In diesem Jahr ist ein umfassendes
Abb. 1: Entwicklung des Schweizer Aussenhandels Freihandelsabkommen der Efta mit Indonesien
1% 1% hinzugekommen. Das Abkommen mit dem be-
2007 2017
4% 6% völkerungsmässig viertgrössten Land der Welt
11%
14% ist für die Exportwirtschaft von grossem Nut-
11%
zen, insbesondere da die indonesischen Durch-
schnittszölle mit 8 Prozent relativ hoch sind
73% 55%
und die EU noch über kein solches Abkommen
EZV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

24% verfügt.5 Dank dem Abkommen werden mittel-


fristig 98 Prozent der Schweizer Exporte nach
Indonesien von Zöllen befreit. Für dieses Ab-
kommen soll 2019 der parlamentarische Ge-
  Ozeanien           Afrika und Mittlerer Osten           Amerika           Asien           Europa und Zentralasien nehmigungsprozess beginnen.

6  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019
FOKUS

Mit der Mongolei, Myanmar und Pakistan bestehen beispielsweise Differenzen im Be-
wurden Zusammenarbeitserklärungen abge- reich geistiges Eigentum, die es hinsichtlich
/ in Vorbereitung
schlossen. Diese schaffen einen institutionali- Ea-Zusammenarbeitserklärungen
eines erfolgreichen Verhandlungsabschlusses
sierten Dialog zur Vertiefung der wirtschaftli- zu überbrücken gilt. Mit Thailand sind die Ver-
chen Beziehungen. handlungen seit Längerem unterbrochen. Wei-
Seit Längerem verhandelt die Schweiz im ter prüft die Schweiz momentan, ob die Han-
Efta-Rahmen mit Indien, Malaysia und Viet- delsbeziehungen mit Pakistan gestärkt werden
nam über Freihandelsabkommen. Allerdings können. Auch Taiwan wäre grundsätzlich
gestalten sich diese Verhandlungen aus unter- ein interessanter Freihandelspartner für die
schiedlichen Gründen schwierig. Mit Indien Schweiz.

Abb. 2: Freihandelsabkommen der Schweiz in Asien/Ozeanien

Mongolei

Nordkorea

China Japan
Afghanistan Südkorea
Bhutan
Nepal Hongkong Taiwan

Indien
Laos
Pakistan
Bangladesch
Kambodscha
Myanmar Vietnam Philippinen

Thailand Singapur
Sri Lanka Brunei

Malaysia

Indonesien
Papua-Neuguinea

Australien

  Bestehende Freihandelsabkommen
SECO / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

  Verhandlungen abgeschlossen
  Laufende Verhandlungen
  Zusammenarbeitserklärung
  Asean-Staaten (fette Schrift)

Neuseeland

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  7
ASIEN

Das Spannungsfeld von Globalisierung und vatsektors werden konkrete Anliegen wie Han-
Protektionismus ist heute eine Realität, in wel- dels- und Investitionsprobleme vorgebracht.
cher sich Wirtschaftsakteure zurechtfinden Regelmässig kommen dabei auch nicht tarifäre
müssen. Weltweit versuchen Regierungen zu- Massnahmen zur Sprache, die für die Schweizer
sehends, bestimmte Sektoren der heimischen Wirtschaft im entsprechenden Partnerland eine
Wirtschaft vor ausländischer Konkurrenz zu Herausforderung darstellen.
schützen. In Asien etwa haben China, Indien In Asien sind Schweizer Unternehmen
und Indonesien in den letzten zwei Jahren über- in zunehmendem Mass von Lokalisierungs-
durchschnittlich viele Massnahmen in den für vorschriften betroffen. Das heisst, es wird
die Schweizer Wirtschaft wichtigen Export- ein hoher Anteil lokaler Wertschöpfung ver-
branchen Biotech, Metall-, Elektro- und Ma- langt. Innovative Unternehmen, etwa aus der
schinenindustrie eingeführt. Pharmaindustrie, werden oftmals durch un-
Zur Verunsicherung bei Unternehmen hat genügenden Patentschutz vor Schwierigkei-
auch die Aufkündigung von bilateralen Investi- ten gestellt. Zusätzlich machen den Schwei-
tionsschutzabkommen durch einzelne Schwel- zer Wirtschaftsakteuren in vielen asiatischen
lenländer beigetragen. So hat sowohl Indonesien Ländern die Rechtsunsicherheit, aufwendige
im Jahr 2015 als auch Indien ein Jahr später das und teils intransparente administrative Abläu-
jeweilige Investitionsschutzabkommen mit der fe, Korruption sowie der Fachkräftemangel zu
Schweiz gekündigt. Dadurch sind unerwünsch- schaffen.
te Rechtslücken im bilateralen Vertragsrahmen, Im Rahmen der Wahrung wirtschaftli-
namentlich für neue Investitionen, entstanden. cher Interessen berücksichtigt das Seco nicht
Obwohl inzwischen mit beiden Staaten Neuver- nur sektorielle, sondern auch firmenspezifi-
handlungen aufgenommen worden sind, bleibt sche Anliegen. Dazu berät es gemeinsam mit
ungewiss, ob das vorgängig hohe Schutzniveau der diplomatischen Vertretung vor Ort die be-
auch in Zukunft gewährt werden kann. troffenen Firmen bei Bedarf gezielt. Um diese
Angesichts solcher Herausforderungen wichtige Aufgabe auch in Zukunft kompetent
hat die Schweizer Wirtschafts- und Handels- wahrzunehmen, ist die Schweiz bestrebt, ihr
diplomatie in den letzten Jahren an Bedeu- aussenwirtschaftspolitisches Beziehungsnetz
tung gewonnen. Ein wichtiges Instrument fortlaufend auszubauen.
sind offizielle Wirtschaftsmissionen mit Pri-
vatsektordelegationen, welche Bundesrat Jo-
hann Schneider-Ammann in den letzten Jahren
mehrfach nach Asien führten. Eine wertvolle
Plattform bieten zudem die sogenannten Ge-
mischten Wirtschaftskommissionen, die das
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit di-
versen asiatischen Partnerländern unterhält. In Christine Büsser Mauron
diesen institutionalisierten wirtschaftspoliti- Leiterin, Ressort Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen
Asien/Ozeanien, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco)
schen Dialogen mit formellem Einbezug des Pri-

8  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019
FOKUS

Aufstieg Asiens verändert


Schweizer Aussenpolitik
Das weltpolitische Machtzentrum verschiebt sich nach Osten – dadurch schwindet auch
der Einfluss der Schweiz. Gegensteuer kann der Kleinstaat mit einer stärkeren Präsenz in
Asien und dem Einsatz für das internationale Rechtssystem geben.  Raphael Nägeli

Abstract  Der Aufstieg Chinas zur wirtschaftlichen und politischen Füh- und der New Development Bank (NDB) versucht
rungsmacht und die Dynamik einer Reihe von asiatischen Staaten brin- ­China – in Ergänzung zu etablierten Entwick-
gen wirtschaftliche Chancen, stellen aber nicht nur die Staaten der lungsbanken – die finanzpolitische Organisation
Region, sondern auch die Schweiz und das seit 1945 bestehende multi- in wichtigen Wirtschaftskorridoren zu gestalten.
laterale System vor beträchtliche Herausforderungen. Mit einer koordi-
Dank einer Vernetzung im Rahmen der «Belt and
nierten Politik im Rahmen ihrer Asien-Strategie, basierend auf soliden
bilateralen Beziehungen, verstärkten Engagements in regionalen Orga-
Road Initiative» (BRI) will es allen teilnehmenden
nisationen und gelebter Solidarität, versucht die Schweiz, die Chancen Ländern ein nachhaltiges Wirtschaftswachstum
zu nutzen und ihre Interessen nachhaltig zu wahren. Der stärkere Einbe- garantieren. Ebenso dürfte diese «neue Seiden-
zug aufstrebender asiatischer Staaten in die bestehenden multilatera- strasse» China als Mittel dienen, um seine geo-
len Organisationen, aber wo nötig auch die Verteidigung globaler Werte politischen Ambitionen mit wirtschaftlicher
und Spielregeln sind Teil dieser Politik. Als Kleinstaat mit einer offenen Interdependenz und Soft Power zu untermau-
Volkswirtschaft ist für die Schweiz der Erhalt der liberalen Weltordnung ern. Das Vorhaben bringt zweifellos Chancen
von vitaler Bedeutung.
zur wirtschaftlichen Entwicklung und Stabilisie-
rung fragiler Staaten und Regionen. Gleichzeitig

A  sien ist zu einem Zentrum der globalen Poli-


tik geworden. In der Region Asien-Pazifik,
die sich zwischen Afghanistan, Japan und Aust-
wird Chinas Auftrumpfen zur Herausforderung
für Nachbarstaaten, für das multilaterale System
und für das globale Gleichgewicht.
ralien erstreckt, leben 4,5 Milliarden Menschen. Die Abkehr der USA unter der Administra-
Die 39 Staaten der Region produzierten vergange- tion Trump von ihrer «Re-Balancing»-Strategie
nes Jahr über 42 Prozent des weltweiten Bruttoin- sowie deren Rückzug aus dem geplanten Han-
landproduktes (BIP), wovon ein Grossteil auf die delsabkommen Trans-Pacific-Partner­ship (TPP)
G-20-Staaten China, Japan, Indien, Indonesien, und aus den Pariser Klimaverträgen haben ein
Südkorea und Australien entfiel. Während asia- Vakuum hinterlassen, in das China gestossen
tische Staaten einen immer grösseren Anteil am ist. Die Rivalität zwischen den beiden Gross-
Welt-BIP haben, gehen die Anteile der USA und
der EU zurück (siehe Abbildung). Mittlerweile fin-
den 80 Prozent des Wachstums der globalen Mit- Die offizielle Schweiz im Raum Asien-Pazifik
telklasse in Asien statt. Die Schweiz unterhält mit allen 39 Staaten der Region
Asien-Pazifik diplomatische Beziehungen. Sie ist durch 17 Bot-
Der zunehmende Einfluss Asiens zeigt sich
schaften, 6 Generalkonsulate, 9 Kooperationsbüros der
auch in der Weltpolitik, wo insbesondere China, Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und
Indien, Japan und Indonesien eine immer wichti- des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco), 2 Swissnex-­
gere Rolle spielen. Allen voran baut das ständige Standorte (Netzwerk im Bereich Bildung, Forschung und
Innovation), 6 Wissenschafts- und Technologiebüros sowie
Sicherheitsratsmitglied China systematisch seine 8 Handelsbüros vertreten.
Präsenz in der UNO aus und strebt erklärtermas- Daneben gibt es direkte Kontakte des Parlaments, der Kan-
sen eine Ordnung an, welche mehr seinen eige- tone und Städte, der Wirtschaft, akademischer Institutionen
etc. Im Eidgenössischen Departement für auswärtige An-
nen Bedürfnissen entspricht als das bestehen-
gelegenheiten (EDA) bündelt die Abteilung Asien und Pazifik
de multilaterale System. Mit der Errichtung der (AAP) die schweizerischen Interessen und führt auf politi-
Asian Infrastructure Investment Bank (AIIB) scher Ebene die Fäden zusammen.

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  9
ASIEN

mächten prägt die Weltpolitik des 21. Jahrhun- Die Abwesenheit einer starken regionalen Si-
derts zusehends. Noch ist nicht absehbar, ob cherheitsarchitektur führt dazu, dass Probleme
der Handelskrieg zwischen den zwei grössten oft bilateral gelöst werden. Über die Hälfte der
Volkswirtschaften der Welt zu dauerhaften Ver- Verteidigungsausgaben in der Region entfällt
werfungen führen wird. Bereits heute verändert auf China, dahinter folgen Indien, Südkorea und
sich das Machtgefüge in Asien, da bei den tra- Japan. Gleichzeitig sind Integrationstendenzen
ditionellen US-Allianzpartnern Japan, Südkorea erkennbar, die primär wirtschaftlich motiviert
und Australien, aber auch bei den südostasiati- sind. Das erfolgreichste Beispiel der asiatischen
schen Staaten das Vertrauen in die USA schwin- Integration ist der südostasiatische Staatenver-
det. In diesen Staaten wächst die Erkenntnis, band (Asean), dessen zehn Mitglieder beharrlich
dass sie sich neu und unabhängiger orientieren an einem engeren Wirtschaftsaustausch arbei-
müssen. ten. Auch beim TPP-Abkommen stehen die elf
verbleibenden Pazifikstaaten – trotz des Rück-
Innerasiatische Konfliktlinien zugs der USA – vor einem Abschluss.

Die Liste der innerasiatischen Spannungsfel- Europas Einfluss schwindet


der ist lang: Markante Einkommensunterschie-
de, wachsende Umweltprobleme, schwache In der Schweiz tun wir gut daran, die histo-
Gouvernanz oder instabile politische Verhält- rischen Dimensionen dieser Verschiebungen
nisse bedrohen die Stabilität ebenso wie unge- zu erkennen. Das BIP-Wachstum Chinas ist
löste historische Konflikte in Kaschmir und Af- enorm: Während im Jahr 1980 die chinesische
ghanistan. Auch die Lage auf der Koreanischen Wirtschaftsleistung 40 Prozent derjenigen der
Halbinsel bleibt unberechenbar. Dazu kommen Schweiz betrug, hat China heute ein 20 Mal
neue interne Konflikte mit internationalen Aus- grösseres Bruttoinlandprodukt als die Schweiz.
wirkungen wie die Rohingya-Krise in Myanmar Mit dem relativen Gewichtsverlust Europas und
oder der islamistische Terror in Indonesien, auf des Westens befindet sich die Schweiz in einer
den Philippinen oder in Pakistan. Das steigen- neuen Position, und wir müssen davon ausge-
de Selbstbewusstsein Chinas äussert sich auch hen, dass sich unser Technologievorsprung und
in Friktionen an der indischen Grenze oder im unsere relative Wirtschaftskraft in den kom-
Südchinesischen Meer. menden Jahren weiter reduzieren.

Anteil der Weltregionen am globalen BIP (basierend auf Kaufkraftparität)


50   in %

45

40

35

30

25

20
IWF, EDA (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

15

10

0
16

20
80

84

88

92

96

12
0
0
0

20

20
19
19

19

20
19

19

20
20
20

  Afrika          Asien und Pazifik (39 Länder)         Europäische Union (EU-27)        Lateinamerika und Karibik        Naher Osten        Vereinigte Staaten

10  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

Die Schweiz ist


­Mitglied bei der von
­China initiierten
­Asian ­Infrastructure
Investment Bank.
Wirtschafts­minister
Johann Schneider-­
Ammann und der chi-
nesische Präsident Xi
Jinping während der
Unterzeichnungs­
KEYSTONE

zeremonie im Juni 2015


in Peking.

Die Welt ist nicht nur multipolar, sondern dass nicht einzelne Staaten Macht vor Recht
auch multikonzeptionell geworden. Aufstre- setzen. Das Bekenntnis zum Multilateralismus
bende Mächte in Asien folgen teilweise ande- und zu den internationalen Regeln steht daher
ren politischen Konzepten und gesellschaft- auch im Zentrum einer allfälligen Beteiligung
lichen Werten. Um ihre Interessen in einem der Schweiz an regionalen Initiativen wie der
gewandelten weltweiten Gleichgewicht wah- neuen Seidenstrasse. Die Stärkung der multi-
ren zu können, muss die Schweiz auch mit die- lateralen Organisationen und die Verteidigung
sen Staaten zusammenarbeiten. Dabei kann sie des Völkerrechts, des Rechtsstaates, der fun-
sich aber nur teilweise auf gemeinsame Wert- damentalen Menschenrechte und der liberalen
vorstellungen abstützen. In anderen Fällen wer- Weltordnung liegen im ureigenen Interesse der
den es punktuelle, konvergierende Interessen Schweiz.
sein, welche uns mit neuen Partnern verbinden.
Globale Probleme verlangen globale Antworten: Image der Schweiz ist gut
Die nachhaltigen Entwicklungsziele der UNO
und das Pariser Klimaabkommen sind Beispie- Vor dem Hintergrund dieser Chancen und He-
le solcher Allianzen von Staaten aus West und rausforderungen gilt es, die Interessen der
Ost, Nord und Süd, die sich aus unterschied- Schweiz durch eine kohärente Aussenpoli-
lichen Gründen zu weltweiten Aktionen zu- tik in der Region Asien-Pazifik bestmöglich
sammengerauft haben. Die neue Seidenstrasse zu wahren (siehe auch Kasten). Diese umfasst
könnte ein weiteres Beispiel dafür werden. drei Aktionslinien. Erstens gilt es, die bilate-
Als Kleinstaat mit einer offenen Marktwirt- ralen Beziehung zu stärken. Hilfreich ist, dass
schaft wird die Schweiz immer ein Interesse an die politischen Beziehungen zwischen der
verlässlichen internationalen Spielregeln und Schweiz und den asiatisch-pazifischen Staa-
starken multilateralen Organisationen haben. ten grundsätzlich sehr gut sind, zudem verfügt
So hat die Schweiz Chinas Beitritt zur Welthan- die Schweiz in den meisten Ländern über ein
delsorganisation (WTO) unterstützt und setzt ausgezeichnetes Image. Da das Land gleichzei-
sich für deren Stärkung ein. Nur mit gleich lan- tig als weit entfernt und innerhalb Europas als
gen Spiessen und anerkannten Streitschlich- wenig bedeutend wahrgenommen wird, erfor-
tungsmechanismen können wir sicherstellen, dert es eine besonders intensive Beziehungs-

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  11
ASIEN

pflege, um die Interessen effektiv durchsetzen wie etwa des Klimaschutzes. Schwerpunktländer
zu können und für spezifische Anliegen inter- der wirtschaftlichen Entwicklungszusammen-
essierte Partner zu finden. In den vergangenen arbeit sind Indonesien und Vietnam.
Jahren wurden deshalb mit zahlreichen Staa- Die Humanitäre Hilfe des Bundes hilft bei
ten im Raum Asien-Pazifik regelmässige poli- Katastrophen (jüngst bei Taifunen auf den Phi-
tische Dialoge etabliert. Die globalen Schwer- lippinen und Erdbeben in Indonesien), stärkt
punktländer China, Indien und Japan werden aber auch die Katastrophenvorsorge und leistet
dabei prioritär behandelt. Nahrungshilfe an Kleinkinder in Nordkorea.
Wirtschaftlich gesehen ist es aus Schwei- Auch bei der multilateralen Zusammenarbeit
zer Sicht entscheidend, gute Rahmenbedingun- fokussiert die Schweiz auf menschliche Sicher-
gen für Investitionen und Handel zu sichern so- heit und Friedensförderung, nukleare Abrüstung,
wie das geistige Eigentum zu schützen. Derzeit nachhaltige Umweltpolitik, Klimaschutz. Die re-
bestehen unter anderem mit China, Japan und gelmässigen politischen Dialoge (wie zum Bei-
Südkorea Freihandelsabkommen.1 Im vergange- spiel mit China zu Fragen der UNO) ermöglichen
nen November konnten Verhandlungen mit In- es, Kooperationsmöglichkeiten zu identifizieren.
donesien, das 270 Millionen Einwohner zählt, Sie bieten auch die Gelegenheit, für Unterstützung
abgeschlossen werden. Weitere Abkommen sind schweizerischer Positionen oder Kandidaturen
mit Indien, Thailand und Vietnam geplant. wie auch für das internationale Genf zu werben.
Die zweite Aktionslinie der schweizerischen Schliesslich beteiligt sich die Schweiz in der
Aussenpolitik betrifft die verstärkte Präsenz in Überwachungskommission Neutraler Staaten
regionalen Foren. So ist die Schweiz 2012 dem (NNSC) auf der Koreanischen Halbinsel und ist
Asia-Europe-Meeting (Asem) beigetreten. Die- Teil der Militärbeobachtergruppe der Vereinten
se Plattform von 30 europäischen und 21 asiati- Nationen in Indien und Pakistan (UNMOGIP). In
schen Staaten erlaubt eine effiziente Beziehungs- Nepal, Sri Lanka, Myanmar, Indonesien, Thai-
pflege auf Minister- und Präsidentenstufe. Auch land und den Philippinen unterstützt das Eid-
können dort Themen von übergreifender Re- genössisches Departement für auswärtige An-
levanz wie Freihandel, Klima oder nachhaltige gelegenheiten (EDA) Aktivitäten zur friedlichen
Entwicklung im regionalen Rahmen diskutiert Lösung von Konflikten. Unsere Expertise in die-
werden. Darüber hinaus ist die Schweiz Mitglied sen Bereichen wird sehr geschätzt, wie beispiels-
der regionalen Foren zu Afghanistan und Pakis- weise das Interesse mehrerer Staaten an Fragen
tan. Zudem führt sie seit Juli 2016 eine sektorielle des Föderalismus (Nepal und Myanmar) oder der
Dialogpartnerschaft mit den Asean-Staaten und Konfliktmediation (China und Thailand) zeigt.
prüft eine engere Zusammenarbeit mit der South Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Auf-
Asian Association for Regional Cooperation und stieg Asiens bietet der Schweiz viele Chancen
dem Pacific Island Forum. und etliche Herausforderungen. Mit ihrem kla-
ren Bekenntnis zum Multilateralismus und ihren
Nachhaltigkeit und Menschenrechte breiten Engagements im Rahmen der Asien-Stra-
tegie ist sie gut gerüstet, diese Chancen zu nutzen 1 Vgl. Beitrag von Chris-
tine Büsser Mauron
In einem dritten Schwerpunkt setzt sich die und die Herausforderungen zu bestehen. (Seco) auf Seite 4.
Schweiz für eine nachhaltige Entwicklung, Frie-
den und Menschenrechte in der Region ein. In
den ärmsten Ländern der Region, Afghanistan,
Laos, Kambodscha, Mongolei, Myanmar und Ne-
pal, liegt der Fokus der Entwicklungszusammen-
arbeit auf den Themen Gesundheit, Berufsbil-
dung, Wasser, Umwelt, gute Regierungsführung,
Menschenrechte und Migration. Zunehmend Raphael Nägeli
geht es dabei nicht um einen Wissenstransfer Botschafter, Leiter Abteilung Asien Pazifik, Eidgenössi-
von der Schweiz zu den Empfängerstaaten, son- sches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA),
Bern
dern um die Förderung gegenseitiger Interessen

12  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

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Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  13
ASIEN

Türen zu asiatischen
Finanzmärkten öffnen
Der Schweizer Finanzplatz stösst beim Zugang zu den grossen asiatischen Märkten
­China, Indien und Japan auf Hürden. Auf multilateraler und bilateraler Ebene setzt sich
die Schweiz für eine Öffnung und die Integration dieser Märkte ins globale Finanzsystem
ein.  Peter Stutz

Abstract  Die grossen Schweizer Banken und Versicherungen setzen auf Den Anfang des asiatischen (Wieder-)Aufstiegs
Asien. Mittlerweile verdienen sie dort jeden sechsten Franken. Das er- an die Weltspitze machte Japan mit einem ra-
staunt nicht, denn die Länder Asiens sind seit den Sechzigerjahren im steti- santen Wirtschaftswachstum in den Sechzi-
gen Aufstieg. Japan und die südasiatischen Tigerstaaten machten den An- gerjahren. Damals wurde unter anderem die re-
fang, heute scheint der Weg Chinas zur dominierenden Wirtschaftsmacht
gionale, multilaterale Entwicklungsbank Asian
im 21. Jahrhundert vorgezeichnet. Damit verschiebt sich das Gravitations-
zentrum der globalen Finanzmärkte ostwärts. Der Schweizer Finanzplatz
Development Bank (ADB) gegründet – mit Japan
ist bestrebt, sich am Wachstum dieser Märkte zu beteiligen. Er ist dafür gut als grösstem Eigentümer. Im Internationalen
positioniert. Doch der Marktzugang in China, Japan und Indien ist hürden- Währungsfonds (IWF) wurde Japan bald zum
reich. Die Schweiz setzt sich auf bilateraler und multilateraler Ebene für die zweitgrössten Anteilseigner. Als Ende der Acht-
Interessen der Schweiz und des Schweizer Finanzplatzes ein. zigerjahre die Immobilienfirma der japanischen
Mitsubishi Group das Rockefeller Center in New
York kaufte, schien der Aufstieg zur dominie-

A  uf dem Titelbild des aktuellen Jahresbe-


richts einer Schweizer Grossbank blickt
der Leser vorbei am höchsten Wolkenkratzer
renden Wirtschaftsmacht des 21. Jahrhunderts
unaufhaltsam. Nebst Japan prägten Hongkong,
Südkorea, Singapur und Taiwan das «ostasia-
Hongkongs westwärts auf den Victoria Har- tische Wirtschaftswunder». Die zehn südost-
bour. Durch die Wasserstrasse zwischen der asiatischen Staaten, welche sich zum Verband
Hong Kong Island und dem Festland passiert Südostasiatischer Nationen (Asean) zusammen-
ein Drittel des globalen marinen Güterverkehrs. geschlossen haben, erwirtschaften mittlerweile
Nordwärts gelangt man zur zweit- und zur dritt- 3 Prozent der globalen Wertschöpfung und sind
grössten Volkswirtschaft der Welt, China und bestrebt, die Finanzmärkte der Region enger zu-
Japan; südwärts durch die Strasse von Malak- sammenzuführen.
ka und vorbei an Singapur zur sechstgrössten China, dessen Reform- und Öffnungspolitik
Volkswirtschaft Indien. Dazwischen liegen In- in den Achtzigerjahren begonnen hatte, über-
donesien mit der viertgrössten Bevölkerung und holte Japan im Jahr 2010 und ist hinter den USA
die aufstrebenden Ökonomien Südostasiens. zur zweitgrössten Volkswirtschaft der Welt auf-
Die Bildwahl ist nicht zufällig: Schweizer Ban- gestiegen. Auch im internationalen Finanzbe-
ken und Versicherungen setzen auf Asien. Denn reich strebt China eine Führungsrolle an: Im
der asiatisch-pazifische Raum sorgt im Finanz- IWF ist das Land inzwischen der drittgrösste
bereich für Superlative. So beheimatet die Region Eigentümer, und spätestens seit der G-20-Prä-
unter anderem die fünf grössten Banken der Welt, sidentschaft vor zwei Jahren gehört es zu den
vier der zehn wichtigsten globalen Finanzplät- gewichtigen Mitgliedern des exklusiven Staa-
ze und vier der zehn grössten Börsen und Versi- tenclubs. Weitere Meilensteine setzte China im
cherungsmärkte. Zudem hat die Zahl der Reichen Jahr 2016 mit der Inklusion der chinesischen
stark zugenommen: Mittlerweile lebt jeder vierte Währung in den Weltwährungskorb des IWF
Millionär in Asien. Und: Fintech-­Applikationen und 2018 mit der Aufnahme der chinesischen
sind in Asien am meisten verbreitet. Festlandaktien in den MSCI Emerging Markets

14  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


Oft eine wichtige Zwischen-
station beim Bankengeschäft
zwischen der Schweiz und
­China: Hongkong.

KEYSTONE
ASIEN

Index. Die Integration der regionalen Finanz- Diese Zahlen zeigen: Insbesondere für die
märkte treibt China mit der «Belt and Road Ini- Schweizer Banken ist es schwierig, für Kunden
tiative» voran. Zu diesem Zweck gründete China aus Japan, China und Indien Dienstleistungen
im Jahr 2015 unter anderem die regionale, multi- zu erbringen. Während im Fall von China und
laterale Entwicklungsbank Asian Infrastructure Indien Kapitalverkehrskontrollen die grenz-
Investment Bank (AIIB). Weitere regionale Gre- überschreitende Geschäftstätigkeit erschwe-
mien und Organisationen unter chinesischer ren, ist die Bedienung japanischer Kunden von
Führung zur Entwicklung von Standards im Fi- der Schweiz aus zu einem grossen Teil durch das
nanzbereich zeichnen sich ab. japanische Finanzmarktrecht eingeschränkt.
Indien schiebt bis heute sein Potenzial vor Schweizer Banken und Versicherungen haben
sich her. Nichtsdestotrotz ist das mehr als daher relativ früh begonnen, eine physische Prä-
1,3  Milliarden Einwohner zählende Land ein senz in Asien zu etablieren. Allerdings bestehen
wichtiger Akteur auf der internationalen Ebene auch vor Ort Restriktionen. So können Banken
und verfügt über einen Markt mit hohen Wachs- in China und Indien nur mit der Beteiligung lo-
tumsraten. kaler Eigentümer gegründet werden. Zudem wer-
Interessant aus Schweizer Perspektive ist den Banken mit ausländischer Beteiligung bei der
insbesondere auch der Aufstieg von Hongkong Vergabe von Lizenzen und Bewilligungen teil-
und Singapur zu internationalen Finanzzent- weise schlechtergestellt als ihre lokale Konkur-
ren. Während die Grösse der Finanzkennzah- renz. Entsprechend ist der Marktanteil auslän-
len von China, Indien und Japan angesichts der discher Banken beispielsweise in China bei unter
Bevölkerungszahl, der Wirtschaftsleistung und 1 Prozent und seit Jahren sinkend. Im Versiche-
der Marktkonzentration nicht erstaunt, stechen rungsbereich liegt der Anteil seit Längerem kon-
Hongkong und Singapur durch ihre hohe Spe- stant bei rund 4,5 Prozent. Kommt hinzu: Nur 2
zialisierung auf Finanzdienstleistungen hervor. Prozent der chinesischen Aktien sind im Besitz
Beide liegen auf internationalen Handelsrouten, ausländischer Investoren. Bei den Obligationen
bieten Stabilität, verfügen über starke Institu- ist der Wert sogar noch tiefer.
tionen und Rechtssysteme sowie über gut qua-
lifizierte Arbeitskräfte – und sind damit der Diplomatie als Werkzeug
Schweiz nicht unähnlich.
Trotz alledem: Die grossen Schweizer Banken
Hohe Hürden und Versicherungen erwirtschaften mittler-
weile jeden sechsten Franken in Asien, und sie
Der Schweizer Finanzplatz beteiligt sich am beschäftigen 15 Prozent ihrer Mitarbeiter dort.
Wachstum der grossen asiatischen Volkswirt- Als Sprungbrett zu den grossen Volkswirtschaf-
schaften. Doch der Zugang ist hürdenreich. ten der Region dienen ihnen dabei Singapur und
So machten die Einnahmen aus Finanzdienst- Hongkong.
leistungen (ohne Versicherungen) gegenüber Umgekehrt bauen auch die asiatischen Fi-
Asien letztes Jahr nur rund 3 Prozent aller nanzinstitute Brücken in die Schweiz, wo insge-
ausländischen Einnahmen in der Schweizer samt 16 Banken aus Asien präsent sind. Seit der
Zahlungsbilanz aus.1 Rund 70 Prozent dieser Eröffnung einer Präsenz der China Construc-
Einnahmen stammen aus Hongkong und Sin- tion Bank (CCB) in Zürich im Jahr 2016 können
gapur, während China und Japan nur je rund 8 in der Schweiz Zahlungen in der chinesischen
Prozent beisteuern, Indien lediglich 2 Prozent. Währung abgewickelt werden. Als zweites chi-
Die Versicherungen in der Schweiz generierten nesisches Institut hat die Industrial and Cons-
2017 rund 10 Prozent ihrer ausländischen Ein- truction Bank (ICBC) dieses Jahr eine Filiale in
nahmen in Asien. Davon kommen je rund 30 der Limmatstadt eröffnet.
Prozent aus China und Japan, 12 Prozent stam- Das Staatssekretariat für internationale Fi-
men aus Singapur und 3 Prozent aus Hong- nanzfragen (SIF) setzt sich für die Interessen
1 S NB (2017), Zahlungs­ kong. Indien bildet auch hier mit 2 Prozent das der Schweiz und des Schweizer Finanzplatzes
bilanz der Schweiz –
Leistungsbilanz. Schlusslicht. in Asien ein. Im Fokus stehen dabei die Berück-

16  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

sichtigung internationaler Standards bei der Finanzsystem, die Finanzmarktpolitik und Re-
regionalen Integration der Finanzmärkte, die gulierungsfragen sowie die Positionierung in
Sicherung der Finanzstabilität angesichts der internationalen Finanzforen. Die bilateralen
steigenden Bedeutung der asiatischen Märk- Kontakte bieten auch die Gelegenheit, die An-
te für das globale Finanzsystem sowie die Ver- liegen der Finanzbranche einzubringen, ins-
besserung der Rahmenbedingungen für den besondere in Bezug auf den Marktzugang und
Marktzugang. die rechtlichen Rahmenbedingungen in Asien.
Auf multilateraler Ebene leitet die Schweiz So reiste der Vorsteher des Eidgenössischen Fi-
eine Stimmrechtsgruppe des IWF, der unter an- nanzdepartements (EFD), Ueli Maurer, im April
derem die zentralasiatischen Staaten Aserbai- 2017 zusammen mit hochrangigen Vertretern
dschan, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, des Finanzplatzes nach Asien, um die konkre-
Turkmenistan und Usbekistan angehören. Wei- te Zusammenarbeit auf staatlicher und privat-
ter ist die Schweiz Mitglied der Asian Develop- wirtschaftlicher Ebene zu fördern.
ment Bank (ADB) und der Asian Infrastructure Die Schweiz unterstützt und beteiligt sich an
Investment Bank (AIIB). Vergangenes Jahr nahm der Öffnung und der Integration der asiatischen
sie zudem auf höchster Stufe am ersten «Belt Finanzmärkte in das globale Finanzsystem.
and Road Forum» in Peking teil. Sowohl in den Trotz des Aufflammens protektionistischer
etablierten Finanzinstitutionen IWF und Welt- Tendenzen in jüngster Zeit sind die asiatischen
bank als auch in den regional ausgerichteten In- Märkte bestrebt, ihre Öffnungspolitik weiter-
stitutionen ADB und AIIB setzt sich die Schweiz zuverfolgen und die Früchte der Globalisierung
dafür ein, dass die Integration der asiatischen zu ernten. Die Schweiz wird sich auch in Zu-
Wachstumsmärkte geordnet erfolgt und sich kunft dafür einsetzen, dass die Schweiz und
diese an hohen Standards ausrichtet. Weil die der Schweizer Finanzplatz die Chancen nutzen
Schweiz an keinen geopolitischen Block gebun- können, die sich daraus ergeben.
den ist, kann sie dabei effektiv und glaubwürdig
vorgehen.
Auf bilateraler Ebene pflegt die Schweiz re-
gelmässige Finanzdialoge mit den Partnerbe-
hörden in China, Hongkong, Indien, Japan und
Singapur. Im Rahmen solcher Dialoge findet
ein regelmässiger Meinungs- und Erfahrungs-
austausch statt, bei dem auch die Zusammen-
arbeit in Bereichen von gegenseitigem Inter- Peter Stutz
esse vertieft wird. Die Gespräche fokussieren Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Staatssekretariat für
internationale Finanzfragen (SIF), Bern
sich auf die Entwicklungen im internationalen

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  17
ASIEN

Chinesischer Tourismus in der Schweiz:


Nur wenige profitieren
Gruppenreisende aus China geben in der Schweiz an einzelnen Destinationen viel Geld
aus. Allerdings profitieren davon nur wenige lokale Anbieter.  Jürg Stettler, Lukas Huck

Abstract    Die globale Tourismusindustrie boomt. Insbesondere in China rund 1,4 Milliarden chinesischen Einwohner
hat die Nachfrage nach internationalen Reisen überdurchschnittlich stark einen Reisepass besitzen. Ein Grossteil der 135
zugenommen. Von diesem Wachstum profitiert auch die Schweizer Tou- Millionen Auslandreisen, welche die chinesi-
rismusindustrie. Gäste aus China sind mittlerweile die fünftgrösste Gäste-
sche Bevölkerung 2017 unternahm, fanden in-
gruppe im Land. Das ist einerseits erfreulich, denn die chinesischen Gäs-
te zählen zu den ausgabefreudigsten Reisenden in der Schweiz. Anderseits
nerhalb des asiatischen Kontinents statt – mit
führt die Vorliebe von Chinesen, in Gruppen zu reisen, zu örtlich und zeit- den Sonderverwaltungszonen Hongkong und
lich konzentrierten Touristenströmen und in der Folge zu Kapazitätseng- Macau sowie südostasiatischen Staaten wie
pässen und möglichen Verdrängungseffekten. Dies kann zu Akzeptanzpro- Thailand oder Indonesien als beliebtesten Des-
blemen in der lokalen Bevölkerung führen. Eine differenzierte Betrachtung tinationen. Jede zehnte Auslandreise führt nach
des Gästeverhaltens ist zwingend für die Entwicklung nachhaltiger Ge- Europa.3 Auf die Schweiz entfällt knapp  1 Pro-
schäftsmodelle. Damit wird die Wertschöpfung breiter verteilt, sodass zent der chinesischen Auslandreisen – was etwa
mehr Anbieter vom Nachfragewachstum in Asien und vor allem in China
970 000 Ankünften pro Jahr entspricht.
profitieren und die negativen Folgen minimiert werden können.
Gemessen an den Logiernächten ist China
für den Schweizer Tourismus mittlerweile hin-

D  er internationale Tourismus hat in den


vergangenen Jahrzehnten ein beeindru-
ckendes Wachstum verzeichnet. Während im
ter dem heimischen Markt, Deutschland, den
USA und Grossbritannien das fünftwichtigste
Herkunftsland. In den letzten zehn Jahren ver-
Jahr 1950 weltweit 25 Millionen Ankünfte von zeichneten die Schweizer Hotels jährlich zwei-
ausländischen Reisenden verzeichnet wurden, stellige Wachstumsraten bei den chinesischen
waren es vergangenes Jahr rund 1,3 Milliarden. Gästen (siehe Abbildung 2). Diese Entwicklung
Laut Hochrechnungen wird diese Zahl bis 2030 ist erfreulich, da Chinesen vergleichsweise sehr
auf 1,8 Milliarden steigen.1 ausgabefreudig sind. Einzig Gäste aus den Golf-
In Asien, wo die Einkommen angestiegen staaten geben noch mehr Geld aus.
sind, nahm die Nachfrage nach internationalen
Reisen besonders stark zu. Diese Entwicklung Beliebte Pauschalangebote
zeigt sich anschaulich am Herkunftsmarkt Chi-
na: Hier haben die internationale Marktöffnung, Im Gegensatz zu den traditionellen Herkunfts-
das Wirtschaftswachstum und die verbesser- märkten, wie Deutschland oder den USA, be-
te finanzielle Situation der Bevölkerung seit der sucht die Mehrheit der chinesischen Reisenden
Jahrtausendwende zu einer stark steigenden die Schweiz als Teil einer pauschalgebuchten
Reisetätigkeit geführt (siehe Abbildung 1). Gruppenreise quer durch Europa. Die Gründe
Seit 2012 steht das asiatische Land bei den für die Beliebtheit von solchen Pauschalreisen
touristischen Ausgaben weltweit an der Spitze: sind vielseitig. Einerseits spielen Visumbestim-
Inzwischen wird rund jeder fünfte Franken auf mungen und wirtschaftliche Überlegungen eine
dem globalen Tourismusmarkt von einem chi- Rolle: So ist eine Pauschalreise oftmals preis-
nesischen Reisenden ausgegeben.2 Die Nach- werter als eine selbstständig organisierte Reise.
frage aus China dürfte in naher Zukunft weiter Andererseits haben die meisten chinesischen
1 UNWTO (2011). steigen – insbesondere unter Berücksichtigung Touristen keine oder nur wenig Reiseerfahrung
2 UNWTO (2017).
3 ETC (2016). der Tatsache, dass bisher erst  10  Prozent der und nur geringe Fremdsprachenkenntnisse.

18  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

KEYSTONE
Beliebter Souvenir­
stopp: Schwanen-
Da viele der angebotenen Reisen dieselben 1,4 Millionen Reisende im Jahr 2017.4 Uhrenkäu- platz in Luzern.
Attraktionen ansteuern, konzentrieren sich fe sind ein wichtiger Grund für die hohen Ta-
die Touristenströme an einzelnen Destinatio- gesausgaben von chinesischen Reisenden. Nicht
nen. In der Schweiz übernachten drei Viertel zuletzt deshalb sind deren durchschnittliche
aller chinesischen Gäste in den Tourismusre- Tagesausgaben relativ hoch (siehe Abbildung 3).5
gionen Luzern, Zürich und Bern. Fast ein Drit- Aus wirtschaftlicher Sicht geben die chinesi-
tel der Übernachtungen fällt auf die Touris- schen Gruppen- und Pauschalreisenden positive
musregion Luzern. Schätzungen gehen davon Wachstums- und Beschäftigungsimpulse. Allei-
aus, dass rund 70 bis 80 Prozent aller Gruppen- ne am Schwanenplatz generierte der Gruppen-
reisen durch Zentraleuropa in der Stadt Luzern tourismus vergangenes Jahr eine Wertschöpfung
haltmachen. Gerade bei chinesischen Gästen von insgesamt 224 Millionen Franken, und rund
scheint die Kombination von See, Ausflugsber- 455 Beschäftigte können auf dieses Segment zu-
gen und Einkaufsmöglichkeiten beliebt. rückgeführt werden. Hinzu kommen 179 Mil-
Am Schwanenplatz in Luzern, wo sich meh- lionen Franken, welche in der Zentralschweiz
rere Uhrengeschäfte befinden und viele Reise- (Tourismusregion Luzern-Vierwaldstättersee)
cars anhalten, hat die Zahl der Gruppenreisen- erwirtschaftet werden. Daraus resultiert eine 4 Hanser Consulting
den besonders stark zugenommen. Innerhalb vom Gruppentourismus ausgehende Wertschöp- (2018).
5 Schweiz Tourismus
von sechs Jahren wuchs sie um 0,6 Millionen auf fung in der Region von 403 Millionen Franken. (2018).

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  19
ASIEN

Akzeptanzprobleme in der ken, die am Schwanenplatz erwirtschaftet


Bevölkerung werden, 196 Millionen auf den Detailhandel
mit Uhren und Schmuck. Demgegenüber wird
Die Zunahme der Gruppenreisen hat auch von der Gastronomie nur 1 Million Franken er-
Schattenseiten: Ausgelöst durch die örtliche arbeitet.
und zeitliche Konzentration der Tourismus- Wie kann die Tourismusindustrie mit sol-
ströme rund um den Schwanenplatz, sind Ka- chen Herausforderungen umgehen? Eine Mög-
pazitätsengpässe und damit verbundene Ak- lichkeit ist es, in Asien gezielt Personen anzu-
zeptanzprobleme in der lokalen Bevölkerung sprechen, die allein oder in kleinen Gruppen
die Folge. Unter genauerer Betrachtung zeigt reisen möchten. Die Annahme ist: Individual-
sich zudem, dass die vom Gruppentourismus reisende halten sich weniger an fixe Vorgaben
generierte Wertschöpfung stark konzentriert eines Veranstalters, verweilen länger an einem
ist. So entfallen von den 224 Millionen Fran- Ort und interessieren sich für Attraktionen ab-

Abb. 1: Auslandreisen der chinesischen Bevölkerung (2007–2016)


140   Anzahl Reisen (in Mio.)

NATIONAL BUREAU OF STATISTICS OF CHINA (2017) /


120

100

80

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
60

40

20
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016

Abb. 2: Logiernächte von asiatischen Reisenden in der Schweiz (2017)


1,5   in Mio. in %    480

1,2 400

0,9 320

BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


0,6 240

0,3 160

0 80
Indien China Hongkong Südkorea Thailand

  Anzahl Logiernächte             Zunahme seit 2007 (rechte Skala)

Abb. 3: Durchschnittliche Tagesausgaben pro Reisenden nach Herkunftsland (2017)


400   in Fr.
SCHWEIZ TOURISMUS (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

300

200

100

0
Schweiz Deutschland USA Grossbritannien China

20  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

seits der Hauptattraktionen. Daraus resultieren kräftigere Reisegruppen angesprochen wer-


eine breitere Verteilung der generierten Wert- den, welche in der Destination übernachten
schöpfung und eine bessere räumliche und zeit- und zusätzliche Angebote in Anspruch neh-
liche Entflechtung der Touristenströme. men. Durch eine gezielte örtliche Lenkung der
Die nationale Marketingorganisation Schweiz Touristenströme und eine bessere Verteilung
Tourismus schätzt den Anteil der Individualrei- der zeitlichen Belastungsspitzen könnten zu-
senden bei den chinesischen Gästen auf unge- dem die negativen externen Effekte minimiert
fähr ein Drittel. Allerdings sind diese Angaben werden.
mit Vorsicht zu geniessen, da es an aussagekräfti- Anderseits gilt es die Gästestruktur aus den
gen Daten fehlt. Aktuelle Untersuchungen gehen asiatischen Märkten zu diversifizieren. Im Vor-
zudem davon aus, dass sich das Reiseverhalten dergrund steht dabei der wachsende Anteil
der meisten chinesischen Individualreisenden chinesischer Individualreisender. Dazu sind
nur geringfügig von demjenigen chinesischer fundierte Kenntnisse über den chinesischen
Gruppenreisender unterscheidet. Dies trifft ins- Individualreisemarkt zwingend. Kenntnis-
besondere auf Reisende zu, welche die Schweiz se, welche zum jetzigen Zeitpunkt nur unge-
zum ersten Mal und im Rahmen einer Europarei- nügend vorhanden sind. Klar ist: Für die Ent-
se besuchen. wicklung von nachhaltigen Geschäftsmodellen
ist es zwingend, die Wertschöpfung breiter zu
Individualreisende ansprechen verteilen, sodass mehr Anbieter davon profitie-
ren und die negativen Folgen minimiert wer-
Wie soll der asiatische Herkunftsmarkt ange- den können.
sichts der zunehmenden Akzeptanzprobleme
von Gruppenreisenden in der Schweiz weiter- Jürg Stettler
bearbeitet werden? Einerseits gilt es die er- Prof. Dr., Leiter des Instituts für Tourismuswirtschaft
wähnte hohe Wertschöpfung asiatischer und (ITW), Hochschule Luzern

insbesondere chinesischer Gruppen zu si- Lukas Huck


chern: Dabei sollen mit zielgruppengerechten Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für Tourismus-
wirtschaft (ITW), Hochschule Luzern
Angeboten vorzugsweise kleinere, zahlungs-

Literatur
ETC (2016). Tourism Flows from China to the Hanser Consulting (2018). Gruppentourismus UNWTO (2017). Penetrating the Chinese Out-
European Union: Current State and Future in Luzern: Analyse der volkswirtschaftlichen bound Tourism Market – Successful Practices
Developments: Preparatory Report for the Bedeutung, Zürich. and Solutions: World Tourism Organization
2018 EU China Tourism Year, Publications Schweiz Tourismus (2018). Tourismus Monitor (UNWTO).
Office of the European Union, Luxemburg Schweiz 2017, Zürich.
UNWTO (2011). Tourism Towards 2030: Global
Overview, Madrid.

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  21
ASIEN

Chinas Ambitionen für eine neue Ära


Für ausländische Investoren ist der Zugang zum attraktiven chinesischen Markt schwie-
rig. China bemüht sich daher, sich dem Ausland zu öffnen. Angesichts seiner interna-
tionalen Ambitionen und des langsamen Vorankommens der angekündigten Reformen
kommt im Ausland Skepsis auf. China sollte die Gelegenheit nutzen, um seine Absichten
zu klären.  Jean-Jacques de Dardel, Dimitri Pittet, Aurèle Aquillon

Abstract  Vor 40 Jahren wurde das Fundament für die chinesischen Wirt- geschaffen. Die Konjunkturentwicklung Chi-
schaftsreformen gelegt, welche zu einem rasanten Wachstum führten. nas verleiht dem Land das Selbstvertrauen, sich
Inzwischen ist China für ausländische Unternehmen – trotz vieler Hür- dem Ausland zu präsentieren. Internationale
den – zu einem attraktiven Markt geworden. Präsident Xi Jinping, der sei- Beachtung fand insbesondere das Infrastruk-
nen Einfluss in der Kommunistischen Partei Chinas (KPC) ausgebaut hat,
turprojekt «Neue Seidenstrasse» (Belt and Road
will mit Vorhaben wie dem Infrastrukturprojekt «Belt and Road Initiative»
den wirtschaftlichen Einfluss Chinas weltweit verstärken. Zeugnis davon Initiative).
ist beispielsweise seine letztjährige Rede am Weltwirtschaftsforum (WEF)
in Davos. Diese internationalen Ambitionen sorgen indes in Europa und an- Die gut sichtbare Hand
derswo für Besorgnis – nicht zuletzt, da die Wirtschaftsreformen in China
nur langsam voranschreiten. Eine diesbezüglich erwartete Plenarsitzung Als Wendepunkt der chinesischen Wirtschafts-
des Politbüros der Partei könnte mehr Klarheit schaffen in Bezug auf die politik gelten die Reformen, die im Jahr 1978
Art und Weise, wie China seine Rolle als Grossmacht auf der internationa- nach dem 11.  Kongress der Kommunistischen
len Bühne zu spielen gedenkt.
Partei Chinas (KPC) lanciert worden sind. Unter
der Führung von Deng Xiaoping wurden in den

C  hina ist ein riesiger Markt für ausländische


Unternehmen. Entsprechend gross war
das Interesse an der Importmesse «China Inter-
folgenden Jahrzehnten die Landwirtschaft, die
Industrie, die Wissenschaft und Technologie
sowie die Verteidigung unter strengen Aufla-
national Import Expo» (CIIE), die im vergange- gen liberalisiert. Die sogenannte Politik der Re-
nen November erstmals in Schanghai stattfand: formen und der Öffnung bildete die Grundlage
Über 3000  internationale Unternehmen prä- dessen, was die KPC später als «sozialistische
sentierten ihre Produkte und unterzeichneten Marktwirtschaft», «Sozialismus chinesischer
Verträge im Wert von rund 58  Milliarden Dol- Prägung» und schliesslich als «Sozialismus chi-
lar.1 Wie schon zehn Jahre zuvor anlässlich der nesischer Prägung für ein neues Zeitalter» unter
Olympischen Spiele in Peking inszenierte sich Xi Jinping beschreiben sollte.
China als modernes Land und globaler Wachs- Der erste Schritt der wirtschaftlichen Öff-
tumsmotor. Gleichzeitig präsentierte sich das nung war die Abschaffung der Kollektivierung
Land als Hüter einer jahrtausendealten Kultur. der Landwirtschaft, die zu Zeiten Maos mehre-
40 Jahre nach Beginn der Wirtschaftsrefor- re Hungersnöte verursacht hatte. Anschliessend
men tritt Peking als wirtschaftliche Grossmacht zog die kontrollierte Öffnung des chinesischen
auf. Allerdings ist das wirtschaftliche Umfeld Marktes ausländische Investitionen an – wobei
derzeit – unter anderem wegen des Handels- die gut sichtbare Hand der Partei stets die «un-
konfliktes mit den USA – angespannt. Erklär- sichtbare Hand des Marktes» leitete.
tes Ziel von Präsident Xi Jinping ist es, die inter- Nach dieser ersten, erfolgsgekrönten Öff-
nationale politische und wirtschaftliche Macht nungswelle nahm sich die KPC der Privatisie-
der Volksrepublik bis zum 100-Jahr-Jubiläum rung der Sektoren im Besitz staatlicher Unter-
1 CNBC (2018). China’s ihrer Gründung im Jahr 2049 weiter zu festigen. nehmen an und veranlasste eine beschränkte
Trade Expo Logs Near- In kürzester Zeit wurde dank Reformen ein at- Deregulierung. Diese Reformen kurbelten ab
ly $58 Billion of Deals:
State Media. traktiver, aber oft schwer zugänglicher Markt den Achtzigerjahren das Wachstum an, brach-

22  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


Der Karakoram-Highway
­verbindet China und Pakistan.
Er soll im Zuge der «Belt and
Road Initiative» ausgebaut
werden.

ALAMY
ASIEN

ten aber auch den Einfluss der Politik auf die Ungleichheiten beim Zugang zum Markt oder
Wirtschaft ans Licht: Wenn die Partei es ver- zu Investitionen. Nach wie vor greift die Poli-
langte, widmete sich die gesamte zentrale Ver- tik stark in die Wirtschaft ein:  Beispielsweise
waltung der Umsetzung eines Projektes. Jüngs- wurden manche Unternehmen, die mit chinesi-
te Beispiele dafür sind die «Neue Seidenstrasse» schen Staatsunternehmen zusammenarbeiten
oder die Importmesse CIIE. wollten, dazu aufgefordert, Mitglieder der KPC
zu konsultieren – ein klares Beispiel für die Aus-
Der Verfechter des Freihandels dehnung des staatlichen Dirigismus über den
makroökonomischen Bereich hinaus. Ungeach-
China will seine Rolle als bedeutende Wirt- tet dessen wurden beim Umweltschutz sowie
schaftsmacht zusehends aktiver wahrnehmen. beim Zugang zu Konsumgütern und Gesund-
In einer Rede am letztjährigen Weltwirtschafts- heitsversorgung wesentliche Verbesserungen
forum (WEF) in Davos ergriff Xi Jinping die Ge- erzielt.2
legenheit: Er positionierte sich als Verfechter Unbestritten ist: Wirtschaftlich geht es Chi-
des Freihandels und des Multilateralismus und na gut. Zwar hat sich das Wachstum verlang-
stellte sich gegen die aufkommenden protektio- samt – die KPC spricht von einer «neuen Nor-
nistischen Tendenzen aus den USA. Seither hat malität» –, die Wachstumsrate bleibt aber mit
die Verstärkung dieses Kurses dem multilate- 6,9 Prozent im vergangenen Jahr beachtenswert
ralen Engagement Chinas weiter Auftrieb ver- hoch (siehe Abbildung).3 Auch die Strafzölle der
liehen. Davon zeugen die neuen Wirtschaftsre- USA dürften dieses Wachstum kaum trüben.
formen, die den ausländischen Unternehmen Gemäss einem optimistischen Szenario könn-
zugutekommen. ten der Druck der USA oder die Erwartungen der
Bei genauerem Hinschauen hapert es aber europäischen Länder die Öffnung Chinas voran-
bei der Umsetzung dieser Öffnungs- und Libe- treiben. Obwohl es für Peking wichtig ist, gegen-
ralisierungsversprechen. So macht die Rechts- über Washington das Gesicht nicht zu verlieren,
unsicherheit vielen ausländischen Unterneh- dürfte China mit den angekündigten Reformen
2 European Chamber
(2018). 18 Months Since men zu schaffen. Hinzu kommen die Verletzung beweisen, dass es den Freihandel ernst nimmt.
Davos. von Rechten an geistigem Eigentum, ein oft- Allerdings: Die Wirtschaft wird der Politik in je-
3 Weltbank (2018). GDP
growth (annual %). mals unfreiwilliger Technologietransfer sowie dem Fall untergeordnet bleiben.

Entwicklung des chinesischen Bruttoinlandprodukts (2007–2017)


100 000    in Mrd. Renminbi in %    15

80 000  12

60 000  9
IWF (2018): WORLD ECONOMIC OUTLOOK DATABASE

40 000  6

20 000  3

0 0
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017
  Bruttoinlandprodukt               Jährliches BIP-Wachstum (rechte Skala)

24  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

Die Dynamik der chinesischen Wirtschaft Welthandel und den chinesischen Partnern zu
und die Versprechen an die internationale Wirt- exponentiellem Wachstum zu verhelfen. Doch
schaftsgemeinschaft haben Begehrlichkeiten nicht überall stösst das Vorhaben auf Gegenlie-
geweckt – auch bei den Schweizer Unterneh- be: Manche Staaten verstehen die multilaterale,
men: In China lockt eine riesige Mittelschicht aber nicht institutionalisierte Initiative als Ver-
mit einer steigenden Kaufkraft. Auch wenn der such, den wirtschaftlichen Einfluss zu vergrös-
Markt schwer zugänglich bleibt und die regu- sern und die chinesischen Interessen geostrate-
latorischen Entwicklungen in eine zunehmend gisch zu platzieren. Kritisiert wird seit einigen
ungünstige Richtung weisen, lohnt sich eine Ex- Monaten, die Partnerländer gerieten wegen der
pansion nach China. chinesischen Kredite in Abhängigkeit von Chi-
na. Washington stuft das Land inzwischen als
Sand im Getriebe? «strategischen Konkurrenten» ein.
Eine Plenarsitzung des Politbüros der KPC
Nachdem der Nationale Volkskongress im März könnte sich demnächst dieser Probleme anneh-
2018 die Amtszeitbeschränkung für den Präsi- men und für grössere Klarheit über die von Chi-
denten aufgehoben hat, konzentriert Xi Jinping na eingeschlagene Richtung sorgen. Nun liegt es
die grösste Macht seit Mao Zedong auf sich. Xi an China, den Worten Taten folgen zu lassen.
Jinping will das Land wieder als internationa- Die oft erwähnten Reformen müssen umgesetzt
le politische und wirtschaftliche Macht posi- werden, um die Bedenken der Partner  – dar-
tionieren. Kann er in seinen wirtschaftspoliti- unter auch die Schweiz und Schweizer Unter-
schen Ambitionen noch gebremst werden? Zwei nehmen – auszuräumen.
Schwachstellen sind auszumachen: Die erste
betrifft den komplizierten Marktzugang sowie
die Risiken für ausländische Unternehmen. Die
zweite Schwachstelle ist das Misstrauen, das
durch die internationalen Ambitionen Chinas
geweckt wurde.
Angetrieben durch die Erfolge im Inland,
lancierte die Volksrepublik ihr Jahrhundertpro-
jekt «Neue Seidenstrasse». Die Belt and Road In-
Jean-Jacques de Dardel Dimitri Pittet Aurèle Aquillon
itiative ist eine Art aufgeputschter Marshallplan Botschafter und Missions- Fachberater für Wirt- Fachberater für Politik,
und geht auf einen tatsächlich vorhandenen Be- chef, Schweizer Botschaft schaft, Finanzen und Han- Schweizer Botschaft in
in China, Eidgenössisches del, Schweizer Botschaft China, Eidgenössisches
darf an neuen Infrastrukturen in den ärmsten
Departement für aus- in China, Eidgenössisches Departement für aus-
Regionen Chinas wie auch in anderen Teilen der wärtige Angelegenheiten Departement für aus- wärtige Angelegenheiten
Welt ein. Sie soll wenig genutzte Handelswe- (EDA), Peking wärtige Angelegenheiten (EDA), Peking
(EDA), Peking
ge wiederbeleben und neue schaffen, um dem

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  25
ASIEN

Renminbi-Hub Schweiz:
Enttäuschte Hoffnungen?
Schweizer Unternehmen mangelt es an Vertrauen in den Renminbi. Abschreckend wir-
ken in erster Linie die Beschränkungen des Kapitalverkehrs durch die chinesische Zent-
ralbank.  Markus Braun, Esther Kessler, Beat Affolter

Abstract  Die Schweiz ist seit 2016 ein Renminbi-Hub. Das heisst: Die chi- sung in Zürich, welche seither als Clearing-Bank
nesische Währung kann seit 2016 grenzüberschreitend gehandelt wer- für Transaktionen in Renminbi in der Schweiz
den. Mit der Ansiedlung des Hubs waren grosse Erwartungen verknüpft, fungiert. Dieses Jahr folgte die Industrial and
sollte die chinesische Währung Renminbi doch in absehbarer Zeit zu einer
Commercial Bank of China (ICBC). Schweizer
Weltwährung werden. Die schrittweise Marktöffnung Chinas, zunehmen-
de Freiheiten für den Renminbi-Wechselkurs und die Aufnahme des Ren-
Unternehmen können nun Renminbi-­ Konten
minbis in den Währungskorb des Internationalen Währungsfonds (IWF) unterhalten und grenzüberschreitende Trans-
waren Zeichen dieser Entwicklung. In der jüngeren Vergangenheit wur- aktionen direkt aus der Schweiz mit den chinesi-
den diese Hoffnungen jedoch gedämpft. Einerseits bezeugen die aktuellen schen Gegenparteien abwickeln, ohne Umwege
wirtschafts- und weltpolitischen Entwicklungen die Fragilität des chine- über den Dollar oder über andere Finanzplät-
sischen Weges in der Geld- und Währungspolitik. Andererseits zeigt eine ze wie Hongkong oder Singapur zu gehen. Da-
Studie der ZHAW School of Management and Law, dass Schweizer Unter- mit wird sichergestellt, dass der Finanzplatz
nehmen mit einem Engagement in China wenig Vertrauen in den Renmin-
Schweiz den Anschluss unter anderem gegen-
bi haben und ihn deshalb kaum einsetzen. Bis der Renminbi eine Weltwäh-
rung wird, dürfte es somit wohl länger dauern.
über London, Frankfurt, Paris und Luxemburg
nicht verpasst.

D  er schweizerische Finanzplatz hat in den


vergangenen Jahren viel Energie investiert,
damit der Renminbi in der Schweiz gehandelt
Schrittweise Öffnung
Als Export- und Importland ist China grund-
werden kann. Angesichts der Handelszunah- sätzlich bestrebt, Zahlungen mit dem Ausland
me zwischen der Schweiz und China erachtete in Renminbi zu tätigen. So werden Wechsel-
die Bankiervereinigung den Aufbau eines soge- kursrisiken und die Abhängigkeit von Fremd-
nannten Renminbi-Hubs in der Schweiz als prio- währungsreserven eliminiert. Im internationa-
ritär. Damit wird ein Finanzzentrum ausserhalb len Handel ist der Renminbi aber erst seit Mitte
Chinas bezeichnet, in dem der Renminbi grenz- 2009 als Zahlungsmittel zugelassen. Da die Sta-
überschreitend gehandelt werden kann. bilität des Finanzsystems nach innen für Peking
Die Bemühungen um einen Renminbi-Hub absolute Priorität hat, erfolgt die währungspoli-
waren 2014 und damit im gleichen Jahr von Er- tische Öffnung Chinas schrittweise1: Zunächst
folg gekrönt, in dem auch das Freihandelsab- werden in den wichtigsten Finanzzentren der
kommen zwischen der Schweiz und China in Welt Reminbi-Hubs errichtet, was dort zu Li-
Kraft trat. Die Zentralbanken der beiden Länder quiditätsbeständen an Renminbi führt. Bereits
schlossen eine Swap-Vereinbarung ab, welche bestehen rund zwei Dutzend solcher Hubs. Die
die Entstehung eines liquiden Renminbi-Fran- Absicht der chinesischen Regierung ist klar: Der
ken-Marktes ermöglichte. Ebenfalls 2014 nahm Renminbi soll sich als globale Handelswährung
die Schweizerische Nationalbank (SNB) den etablieren und mittels attraktiver Investitions-
Renminbi als Reservewährung in ihr wachsen- möglichkeiten ausserhalb Chinas zu einer glo-
des asiatisches Fremdwährungsportfolio auf. balen Investitionswährung werden. Eine Inter-
Als erste chinesische Bank eröffnete 2016 die nationalisierung des Renminbis ist dabei nicht
1 Rudolf und Tester
(2016). China Construction Bank (CCB) eine Niederlas- nur für Chinas grenzüberschreitende Handel-

26  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

KEYSTONE
Mitarbeitende der
China Construction
stätigkeit von Vorteil, sondern auch für chinesi- bis gegenüber dem Dollar aber nie ganz dem Bank (CCB) an einer
sche Infrastrukturprojekte im Ausland – mit der Markt überlassen. Entsprechend bewegt sich Medienkonferenz in
«neuen Seidenstrasse» (Belt and Road Initiati- der Wechselkurs stets innerhalb einer gewis- Zürich.
ve) als bekanntestem Beispiel. Aus chinesischer sen Bandbreite. Dies hat zwei Gründe: Erstens
Sicht ist klar: Wenn diese Projekte in Renminbi sind die chinesischen Unternehmen aufgrund
abgewickelt werden, sind die chinesischen Ban- des grossen Volumens von Exporten in die USA
ken gegenüber der ausländischen Konkurrenz stark im Dollar exponiert. So werden 80 Prozent
im Vorteil. der Fremdwährungsverpflichtungen der chine-
sischen Unternehmen in Dollar oder in Hong-
Chinas Dilemma kong-Dollar, dessen Kurs lose an den Dollarkurs
gekoppelt ist, abgewickelt. Zweitens soll der sta-
Langfristig soll sich der Renminbi als Weltwäh- bile Wechselkurs dazu beitragen, das Vertrau-
rung mit Reservestatus etablieren, was Chi- en der Weltwirtschaft zu gewinnen, und so den
na von Währungs- und Zinsentscheidungen in Weg des Renminbis zur Weltwährung unter-
anderen Ländern unabhängiger macht. Mit der stützen.
Aufnahme des Renminbis in den Währungs- Trotz dieser Vorkehrungen haben Zollerhö-
korb des Internationalen Währungsfonds (IWF) hungen der USA auf chinesische Ausfuhren so-
und den zunehmenden Freiheiten für den Ren- wie Schuldenprobleme innerhalb des Landes
minbi-Wechselkurs hat Peking bereits wichtige dem Aussenwert des Renminbis zuletzt stark
Etappenerfolge erzielt. zugesetzt. Aktuell bewegt er sich nahe bei der
Als Export- und Importland hat die chi- langjährig festgestellten Obergrenze von 7 Ren-
nesische Zentralbank den Kurs des Renmin- minbi zu 1 Dollar. Dies bedeutet, dass weitere

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  27
ASIEN

Interventionen der Zentralbank möglicherwei- pitalverkehrs aufgeben – was sich derzeit in


se mit einem hohen Preis verbunden sind. den massiv ausgebauten Beschränkungen und
Zudem ist für das Vertrauen der Wirt- Kontrollen beim internationalen Kapitalver-
schaftsakteure in eine Währung nicht nur ein kehr zeigt. So kann eine Schweizer Firma die
stabiler Wechselkurs zentral, sondern auch ein Gewinne einer Tochtergesellschaft in Chi-
freier internationaler Kapitalverkehr und auto- na nur begrenzt zur Muttergesellschaft in die
nome geldpolitische Entscheide, die sich vorab Schweiz zurückführen. Diese Beschränkungen
an der Inflation, an der Beschäftigung und am im freien Kapitalverkehr sind für das Vertrau-
Wirtschaftswachstum orientieren. In der Pra- en in den Renminbi als internationale Wäh-
xis besteht jedoch ein Zielkonflikt, da nur zwei rung und für den Erfolg des Renminbi-Hubs
dieser drei währungspolitischen Idealzustän- hinderlich.
de erreicht werden können. Man spricht in die-
sem Zusammenhang von einem «Trilemma des Schweizer Firmen zurückhaltend
Wechselkursregimes».
Derzeit sind für Chinas Zentralbank das Eine Umfrage der ZHAW School of Management
Wechselkursverhältnis zum Dollar und die and Law bestätigt, dass es Schweizer Unterneh-
autonome Geldpolitik mit tiefen Zinsen und men an Vertrauen in den Renminbi fehlt. In Zu-
einer grosszügig bemessenen Geldmenge für sammenarbeit mit der Swiss-Chinese Chamber
die Unterstützung der schwächelnden Binnen- of Commerce haben wir im Mai 2018 insgesamt
wirtschaft prioritär. Folglich muss die Noten- 35 in China tätige Unternehmen befragt. Die Fir-
bank das Ziel des freien internationalen Ka- men stammen aus den Branchen M ­ aschinen-,

Abb. 1: Von Schweizer Firmen beim Handel mit China eingesetzte Währung (2018)
50   in %

40

ZHAW (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


30

20

10

0
Renminbi Franken Euro Dollar Andere Weiss nicht
  Export         Import

Unternehmensbefragung (N=35);

Abb. 2: Limitierende Faktoren auf dem Weg zur Internationalisierung des Renminbis aus Sicht von
Schweizer Unternehmen

Kapitalverkehrskontrollen in China

Unterentwickelter Finanzmarkt in China ver-


glichen zu den USA und zur Eurozone

Eingeschränkte Handelsmöglichkeiten des


ZHAW (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Renminbis in der Schweiz

Risiko abgeleitet von der hohen Verschuldung


im Vergleich zum Bruttoinlandprodukt in China

Hohe Inflation in China

0% 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Mehrfachnennungen möglich.

28  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

Elektro- und Metallindustrie, Textil, Handel, Je rund die Hälfte der Befragten bezeichnet auch
Chemie und Pharma sowie ICT. den «eher unterentwickelten Finanzmarkt in
Von den befragten Unternehmen exportie- China» sowie die eingeschränkten Handelsmög-
ren 24 direkt nach China. Lediglich 5, darunter 3 lichkeiten für den Renminbi in der Schweiz als
grosse Firmen mit einem Jahresumsatz von mehr Hürden.
als 50 Millionen Franken und mit mehrjähriger Zusammenfassend lässt sich sagen: Der Ren-
Erfahrung im China-Geschäft, fakturieren in minbi tut sich schwer damit, zu einer Welt-
Renminbi. Insgesamt werden 13 Prozent des ge- währung aufzusteigen. Zwar fördert Chinas
samten in der Studie erfassten Volumens von Ex- Nationalbank gezielt ein internationales Netz-
porten nach China in Renminbi fakturiert, wäh- werk von Renminbi-Hubs ausserhalb Chinas.
rend der Dollar als die am häufigsten verwendete Die internationale Akzeptanz des Renminbis
Währung einen Anteil von 29 Prozent aufweist als Zahlungs- und Reservemittel benötigt aber
(siehe Abbildung 1). Der Dollar ist auch klar die mehr Zeit und ist fragiler als gedacht. Wie die
dominierende Währung beim grenzüberschrei- Firmenbefragung verdeutlicht, ist die Vertrau-
tenden Import aus China in die Schweiz. Hin- ensbildung die grösste Herausforderung für
gegen wird der Renminbi nur von 8 der 30 Fir- den Betrieb eines erfolgreichen Renminbi-Hubs.
men, die aus China importieren, benutzt. Dieses Vertrauen muss in erster Linie durch die
Rund die Hälfte der befragten Unterneh- chinesische Regierung gefördert werden und
men beschafft sich den Renminbi bei etablier- ist eine langfristige Angelegenheit. Eine weite-
ten Banken in Hongkong und Singapur. Knapp re Marktöffnung mit freiem Kapitalverkehr und
40 Prozent prüfen die Angebote des Renmin- mit einem flexiblen Wechselkursregime scheint
bi-Hubs Zürich; 17 Prozent der Befragten bevor- dabei zentral.
zugen andere Optionen wie beispielsweise eine
Tochtergesellschaft in China.
Insgesamt plant nur ein Fünftel der Unter-
nehmen, den Renminbi in Zukunft vermehrt in
ihrer Geschäftstätigkeit einzusetzen. Die chi-
nesische Landeswährung wird auch kaum ver-
wendet, um Liquiditätsreserven der Firmen
zu managen: Nur 17 Prozent der Unternehmen
Markus Braun Esther Kessler Beat Affolter
möchten den Renminbi in Zukunft dazu ein- Dr. rer. pol., Dozent für Dr. oec., Dozentin für Dr. oec., Dozent und Pro-
setzen. Die Zurückhaltung ist umso bemer- Internationales Manage- Volkswirtschaftslehre jektleiter, ZHAW School of
ment und Projektleiter, und Internationales Ma- Management and Law und
kenswerter, als seit dem Inkrafttreten des Frei-
Abteilung Banking, Finan- nagement, ZHAW School Mitinitiant von Fxdialog.
handelsabkommens im Juli 2014 die Schweizer ce and Insurance, ZHAW of Management and Law, ch, einer Diskussionsplatt-
Exporte nach China um rund ein Drittel zuge- School of Management Winterthur form zu Währungsrisiken
and Law, Winterthur
nommen haben.
Bei der Auswertung zu den limitierenden Fak-
toren für eine weitere Internationalisierung des Literatur
Renminbis bestätigt sich die Bedeutung des er- Casarini, Nicola (2015). Is Europe to Benefit from ZHAW School of Management and Law und
China’s Belt and Road Initiative? IAI. Swiss-Chinese Chamber of Commerce (2018).
wähnten Trilemmas. Dabei sind die Kapitalver- Rudolf, Joachim und Tester, Elisabeth (2016). Renminbi-Studie, Juni.
China – Der nächste Horizont. Ein Kompass für
kehrskontrollen für 80 Prozent der Unterneh- Anleger und Unternehmer, NZZ Libro.
men das grösste Hindernis (siehe Abbildung 2).

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  29
ASIEN

MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

«Wer in China tätig sein will, muss regelmässig


persönlich vor Ort sein.» Ruedi Nützi, Professor an
der Fachhochschule in Olten, vor einer Vitrine mit
chinesischen Gastgeschenken.
FOKUS

«Der chinesische Markt ist Chefsache»


China-Experte Ruedi Nützi erklärt im Interview, wie falsche Vorstellungen über China
den Markteintritt von Schweizer Unternehmen erschweren. Schnelle Gewinne gebe es
in diesem Markt nicht, sagt er. Bei einem Unternehmen, das in China tätig sein wolle,
müsse der Chef regelmässig vor Ort sein.  Nicole Tesar

Herr Nützi, Sie sind erst kürzlich von einem ein- denkt. Die beiden Länder teilen eine pragmati-
wöchigen China-Aufenthalt zurückgekommen. sche Grundeinstellung.
Haben Sie neue Erkenntnisse gewonnen?
Ich habe in einem Emba-Programm in Lanzhou Gibt es Mentalitätsunterschiede, die
Führungskräfte unterrichtet und konnte pa- ­Schwierigkeiten bereiten?
rallel dazu Gespräche mit Leuten führen, die Selbstverständlich. Die Schweiz zählt 8,5 Mil-
ich zum Teil bereits seit 25 Jahren kenne. Dabei lionen Individualisten. Im Gegensatz dazu se-
habe ich festgestellt, dass die zuvor vorherr- hen sich die Menschen in China als Teil eines
schende Zuversicht abgenommen hat und die grossen Ganzen. Das ist kein Stereotyp, son-
Unsicherheit und der Druck steigen. Die wirt- dern prägt die Menschen stark. Wichtig ist
schaftlichen und politischen Veränderungen auch, die Eigenheiten der chinesischen Spra-
haben nochmals an Tempo gewonnen. che zu verstehen. Selbst wenn man Chinesisch
gelernt hat, bleibt einem die Sprache fremd,
Wie zeigt sich das? denn sie funktioniert indirekt. Die Bedeutung
Private chinesische Firmen scheinen mehr kon- des Gesagten muss man aus dem Kontext ab-
trolliert zu werden als früher. Es macht den Ein- leiten.
druck, als wolle die Regierung dem in den letz-
ten Jahren ungezügelten Kapitalismus Einhalt Zu welchen Problemen führt das konkret?
gebieten. China ist eine Top-down-Gesellschaft. Als Di-
rektor der Hochschule für Wirtschaft erfahre
Sie empfangen auch hier in Olten an der ich von meinen chinesischen Gästen nicht di-
Hochschule für Wirtschaft FHNW immer wieder rekt, was sie denken. Das erfahre ich über Um-
chinesische Geschäftsleute, die eine Manage- wege, indem meine chinesischen Mitarbeiten-
mentausbildung absolvieren. Was sagen diese den sich umhören.
über die Schweiz?
Die Schweiz wird als wettbewerbsfähig und in- Seit 25 Jahren hat die Hochschule für
novativ angesehen. Es wird auch wahrgenom- ­Wirtschaft FHNW Kooperationen mit China.
men, dass es ihr gelingt, mit der Heterogenität Was ist der Hintergrund?
einer Gesellschaft umzugehen. Zudem hat die Unser Ziel ist, dank unseren Kontakten und
Schweiz einen Vorbildcharakter, weil sie es als Aktivitäten aktuelles China-Know-how zu ge-
ehemals armes Land innerhalb von 150 Jahren
geschafft hat, zum wettbewerbsfähigsten Land
Ruedi Nützi
der Welt zu werden.
Der Direktor der Hochschule für Wirtschaft der Fachhoch-
schule Nordwestschweiz, Ruedi Nützi, ist ebenfalls Dozent
Und bezüglich der Mentalität? für Führung und Kommunikation. Unter seiner Leitung wurde
China ist ein guter Spiegel für Schweizer Wer- das China-Geschäft der Hochschule laufend ausgebaut. Aktu-
ell verfügt die Hochschule über Partnerschaften in zwölf ver-
te. Man nimmt uns als bodenständig und leis-
schiedenen Städten und Provinzen. Ruedi Nützi ist Mitglied der
tungsstark wahr. Ohnehin sind sich Chinesen Delegation Internationale Beziehungen von Swissuniversities.
und Schweizer ähnlicher, als man gemeinhin Er ist Träger des Friendship Award der chinesischen Regierung.

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  31
ASIEN

nerieren und an unsere Studierenden und Was sind weitere Schwierigkeiten von KMU,
an KMU weiterzugeben. In dieser Breite ist um in China Fuss zu fassen?
unser Angebot einmalig in der Schweiz: In den Oft herrscht ein falsches Bild der chinesi-
letzten fünf Jahren haben wir 900 chinesi- schen Wirtschaft vor. China ist in vielen Be-
sche CEOs zu Besuch gehabt. Wir führen Ma- reichen innovativ, etwa bei Big Data, Droh-
nagementprogramme für chinesische Kader- nen oder künstlicher Intelligenz. Wenn man
leute durch. Ausserdem bieten wir mit dem nach Shenzhen fährt, sieht man, dass wir in
Swiss-China-Update jedes Jahr eine Plattform der Schweiz bei diesen Technologien nicht
für den Wissenstransfer, an dem sich Schwei- mehr Early Front-Runner, sondern bestenfalls
zer CEOs zum Thema China austauschen. Zu- noch Follower sind. Das zeigt sich beispiels-
dem beraten wir auch Schweizer KMU bei der weise bei Huawei. Durch globale Allianzen hat
Marktabklärung. Aktuell erarbeiten wir an- sich das Telekomunternehmen zum Weltkon-
hand konkreter Erfahrungen einen Leitfaden zern entwickelt und ist Innovator in der Bran-
für KMU, die in den chinesischen Markt ein- che. H
­ uawei investiert viel Geld in Forschung
steigen wollen. und Entwicklung, in seine Mitarbeitenden und
geht strategische Partnerschaften mit Firmen
Worauf kommt es an beim Business mit China? auf der ganzen Welt ein, zum Beispiel auch mit
Viele Geschäftsleute unterschätzen die kul- Swisscom. Schweizer Unternehmen müssen
turellen Differenzen. Daher muss man sich sich permanent mit den neuen Realitäten in
intensiv mit China auseinandersetzen. Ein China auseinandersetzen.
Schweizer KMU ist typischerweise ein Gewer-
bebetrieb mit 5 bis 15 Leu- Trotzdem ist China immer noch ein Hersteller
ten, in dem der Geschäfts- von Massenprodukten. Das Land sucht gegen-
«Chinesen und führer vieles selber machen wärtig mit dem Infrastrukturprojekt «Belt
­Schweizer sind sich muss. Da kann er den Ein- and Road Initiative» einen Ausweg, um diese
stieg in den chinesischen Produkte schneller nach Europa und Afrika zu
ähnlicher, als man
Markt nicht auch noch auf- schaffen. Wie könnte die Schweiz an dieser
gemeinhin denkt.» bauen. Also delegiert er das. Initiative teilhaben?
Und das ist der erste Fehler. Beispielsweise mit spezifischem Know-how im
Der chinesische Markt ist Chefsache. Wer dort Umweltschutzbereich. Und schliesslich müssen
tätig sein will, muss regelmässig persönlich vor diese Projekte auch alle finanziert werden. Da
Ort sein. könnten Schweizer Banken zusammen mit chi-
nesischen Banken, die in Zürich Fuss gefasst ha-
Wie verschafft man sich als KMU Zugang zum ben, ihre Erfahrung einbringen.
riesigen chinesischen Absatzmarkt?
Die Vorstellung, dass man mit einem guten Könnten sich auch Schweizer KMU an dieser
Produkt ohne Weiteres in diesen Markt einstei- Initiative beteiligen?
gen kann, ist zu naiv. Unternehmerinnen und Für KMU gestaltet sich das bei diesen giganti-
Unternehmer brauchen fundierte Kenntnisse schen Projekten schwierig. Es gibt aber Mög-
über den chinesischen Markt und die chinesi- lichkeiten in Nischenbereichen. Ein Schweizer
sche Kultur. Unsere Passion ist es, sie mit aktu- Ingenieurunternehmen etwa erarbeitet bereits
ellem Know-how zu unterstützen. Wenn dann seit zehn Jahren Abwasserreinigungskonzep-
nach einer soliden Abklärung ein begründe- te für chinesische Provinzen und Städte. Für
tes Nein herauskommt, dann ist das eine gute eine Firma, die den chinesischen Markt bereits
Entscheidung. Das mag paradox klingen, aber kennt, könnte eine Beratungsleistung in einem
es gibt viele KMU, die wie beim Roulette in die Teilprojekt infrage kommen.
Hoffnung investieren, dass es sich irgendwann
auszahlt. Sie spielen und spielen und verlie- Beschäftigt der Handelskrieg zwischen
ren. Schnelle Gewinne gibt es in diesem Markt den USA und China die Unternehmen in der
nicht. Es braucht eine Langzeitperspektive. Schweiz?

32  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


FOKUS

Ja, weil er zu Unsicherheiten führt. Und gerade nehmen und Investoren in China. Aber grund-
im Austausch mit einem Partner wie China, wo sätzlich sind Akquisitionen in China nicht
es üblicherweise schon genug Unsicherheiten ungehindert möglich. Solche Ungleichheiten
gibt, ist ein solches Klima Gift. müssen angesprochen werden, zum Beispiel
im Rahmen der Weiterentwicklung des Frei-
Wie offen ist denn der chinesische Markt? handelsabkommens.
China macht, was andere Volkswirtschaften
auch schon gemacht haben: Es spricht von Frei- Die Schweiz kennt keine Kontrolle bei ausländi-
handel und setzt dann selektiv Limiten. Staats- schen Direktinvestitionen in Schweizer Unter-
präsident Xi Jinping präsentierte sich am WEF nehmen. Befürworten Sie eine sogenannte
in Davos zwar als Verteidiger des freien Han- staatliche Investitionskontrolle?
dels, aber gleichzeitig gibt es auf Provinzebene Ich habe kein Patentrezept für eine Investi-
zahlreiche Möglichkeiten, ausländischen Fir- tionskontrolle. Die Schweiz muss aber eine De-
men Steine in den Weg zu legen. Hilfreich sind batte darüber führen, was für ausländische In-
daher ein gutes Netzwerk und Zugang zu poli- vestoren generell nicht käuflich ist. Ich spreche
tischen Kreisen. Viele Leute aus der Schweizer hier nicht nur von Käufern aus China, sondern
Wirtschaft stehen dieser vordergründigen Öff- zum Beispiel auch von Investments mittels
nung trotzdem positiv gegenüber und sehen der Staatsfonds arabischer Länder. Einerseits
das als Teil des Spiels. sind unsere offenen Grenzen ein Erfolgsfak-
tor, andererseits besteht auch eine gewisse Ge-
Schweizer Firmen können in China nicht fahr, wenn eine Weltmacht gezielt Unterneh-
problemlos Akquisitionen tätigen? men aufkauft. Dieses Dilemma gilt es zu lösen.
Generell sind die Spiesse nicht gleich lang. Denn es ist eben ein Unterschied, ob ein Pri-
Chinesische Investoren können in der Schweiz vatunternehmen kauft oder ein chinesisches
Firmen kaufen. Umgekehrt gibt es zwar mitt- Unternehmen, bei dem letztlich immer der
lerweile Lockerungen für Schweizer Unter- Staat mit einem Plan dahintersteht. Deutsch-

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  33
ASIEN

land zum Beispiel, das auch exportstark ist und Und was gefällt Ihnen an China nicht?
sich als Innovationsgesellschaft versteht, ver- Ein Beispiel ist die hierarchische Denkwei-
schärfte die Bedingungen für ausländische Fir- se. Und die chinesische Gesellschaft ist ext-
menübernahmen. Das könnte ich mir auch in rem prestigeorientiert. Man
der Schweiz vorstellen. muss dort studiert haben,
und zwar nicht an irgend- «Generell sind die
Laut der Denkfabrik Avenir Suisse ist das einer Universität, sondern ­Spiesse nicht gleich
Volumen von chinesischen Direktinvestitionen an einer ganz bestimmten. lang.»
in der Schweiz im Vergleich zu jenen aus den In der Schweiz machen zwei
USA und Europa gering. Drittel der Leute eine Lehre,
Ich bin immer vorsichtig, wenn man mit Vo- und das duale Bildungssystem ist ein wichtiger
lumina argumentiert. Die chinesische Stadt Teil unserer Wettbewerbsfähigkeit. Aber aus
Shenzhen hat heute 13 Millionen Einwohner. Sicht der Chinesen hat eine Berufslehre kein
Vor 30 Jahren waren es nur ein paar Tausend. Prestige.
In vielen Bereichen hat China klein begonnen
und dann eine unglaubliche Geschwindigkeit Sie planen neue und vertiefte Kooperationen
entwickelt. So haben beispielsweise die Deut- mit Indonesien und Vietnam. Weshalb gerade in
schen und die Franzosen den Chinesen das diesen beiden Ländern?
Know-how für den Bau von Schnellzügen zur Wir wollen unseren Studierenden die Vielfäl-
Verfügung gestellt. Und innerhalb von fünf tigkeit von Asien vermitteln. In meiner Wahr-
Jahren sind sie ausgebootet worden. nehmung tickt Vietnam kulturell völlig anders
als China. In Vietnam sind wir seit zehn Jah-
Könnten Sie sich vorstellen, in China zu leben? ren tätig. Wir haben dort Kooperationen auf-
Nein. (lacht) Aber das hat nichts mit China zu gebaut und bieten MBA-Weiterbildungen an.
tun. Ich bin Schweizer Patriot und lebe ger- Im Fall von Indonesien kam der indonesische
ne in der Schweiz. Der Blick auf China hebt Botschafter in der Schweiz, ein ehemaliger Ge-
für mich die guten Seiten der Schweiz hervor. schäftsmann, auf uns zu, weil er von unseren
Wenn Chinesen hierherkommen, fällt ihnen Aktivitäten in China und Vietnam gehört hat-
am meisten auf, dass es hier ruhig ist, dass die te. Er sagte, er könne sich vorstellen, dass wir
Luft frisch ist, dass die Leute Arbeit haben und in Indonesien ein KMU-Center eröffnen. Wir
das Berufsbildungssystem gut ist. Ich sehe so werden unsere Aktivitäten im Land nun Schritt
viele Vorteile hier, dass ich mir sage: Ich bleibe für Schritt ausbauen.
lieber hier und versuche diese Vorteile weiter-
zuentwickeln. Interview: Nicole Tesar, Co-Chefredaktorin.

34  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


SPINAS CIVIL VOICES

Ich trinke
Leitungswasser.
Ich trank Sohn Rilberth, 6, Bolivien
Ich trank Quellwasser.
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EINBLICK VON RETO HOFSTETTER

Die Stolperfallen von Social Media


Die Hälfte der Weltbevölkerung nutzt das Inter- chen Empfänger der Inhalte zu vergegenwär-
net mittlerweile regelmässig.1 Die Mehrheit die- tigen. Man lädt die Kinderfotos auf Facebook,
ser Personen verbringt von morgens bis abends damit die Grosseltern diese sehen können,
mehr als ein Drittel ihrer Zeit online – davon viel vergisst aber, mit wem man über die Kernfa-
auf Social Media. Mittlerweile suchen 56 Prozent milie hinaus sonst noch befreundet ist. Indi-
der amerikanischen Bevölkerung auf sozialen viduen haben falsche Vorstellungen von dem
Plattformen nach Jobs, ein Drittel findet den zu- tatsächlichen Publikum ihrer Selbstdarstel-
künftigen Lebenspartner auf einer solchen Platt- lung auf Social Media, was sich negativ aus-
form, und 64 Prozent aller amerikanischen Teens wirken kann, wenn sensible oder sehr per-
finden dort neue Freunde. Global gesehen nut- sönliche Inhalte geteilt werden. In einem
zen 80 Prozent der Teenager Social Media, in der Beispiel wurde eine Frau entlassen, nachdem
Schweiz sind es über die Hälfte. Entsprechend sie über ihren Vorgesetzten auf Facebook her-
sagen 70 Prozent aller Teenager, sie fühlten sich gezogen hatte, ohne sich zu erinnern, dass
ihren Freunden digital näher als physikalisch – dieser einer ihrer Facebook-Freunde ist.
was die Signifikanz der digitalen Transforma- Eine weitere Falle ist das sogenannt ver-
tion für unser persönliches Leben untermauert. gängliche Teilen via Apps wie Snapchat oder
Kern der Funktionalität von Social Media ist Instagram Stories. Bilder und Videos, die auf
das Teilen von persönlichen Inhalten. Wir teilen diesen Plattformen geteilt werden, sind nur
Fotos, Videos und Texte mit Freunden, Bekann- für eine kurze Zeit verfügbar und entziehen
ten und Fremden. Persönliche Informationen sich so dem längerfristigen Zugriff durch an-
über Familie, Freunde oder Ferien sind unter den dere. Es zeigt sich jedoch, dass die vermeintli-
beliebtesten Inhalten, die geteilt werden. Alleine che Vergänglichkeit der Daten zu noch häu-
auf Instagram werden täglich über 80 Millionen figerem und riskanterem Teilen animiert.
Fotos geteilt. Auch wirtschaftlich wird Social Media im-
Trotz dieser hohen Relevanz gibt es bis anhin mer bedeutender: Dieses Jahr werden sich die
nur wenige Kenntnisse zu den Dynamiken und Werbeausgaben auf diesen Kanälen weltweit
Konsequenzen des Teilens persönlicher Inhal- auf 46 Milliarden Dollar belaufen. Angesichts
te, weshalb wir uns im Rahmen unserer Grund- der zunehmenden Relevanz von Social Media
lagenforschung damit beschäftigen. Unser Fokus besteht ein Interesse, die Chancen und Risiken
liegt dabei auf den ökonomischen und psycho- bei der Nutzung besser zu verstehen. Schliess-
logischen Auswirkungen des digitalen sozialen lich gehören der Aufbau und der Erhalt von be-
Verhaltens, denn beim Teilen persönlicher In- deutsamen sozialen Beziehungen zu den we-
formationen gibt es mehrere Stolperfallen zu be- sentlichsten menschlichen Bedürfnissen.
achten.
Eine Falle basiert auf der Erkenntnis, dass Reto Hofstetter ist Professor für Marketing an der Wirt-
viele beim Teilen versäumen, sich die tatsächli- schaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern.

1 Dieser Beitrag basiert auf dem SNF-Projekt Digital Lives: Understanding the Dynamics of Sharing Personal Information Online sowie auf Hofstetter, R.;
Rüppell, R. und John, L. K. (2017). Temporary Sharing Prompts Unrestrained Disclosures That Leave Lasting Negative ­Impressions, Proceedings of the
National Academy of Sciences, 201706913.

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  37
DIGITALISIERUNG

Digitale Transformation in G
­ raubünden
Unternehmen in Graubünden meistern die digitale Transformation grundsätzlich gut, wie
eine Befragung zeigt. Eine Herausforderung ist jedoch der Fachkräftemangel. 
Patricia Deflorin, Kathrin Dinner, Peter Moser

Abstract  Die Auswirkungen der digitalen Transformation betreffen alle Branchen und und den Staat ergeben.3 Die Studie basiert auf
Regionen der Schweiz. Eine Studie im Auftrag des Kantons Graubünden zeigt, dass semistrukturierten Interviews mit 18 Unter-
sich die digitale Transformation bei den befragten Unternehmen in Graubünden nicht nehmensvertretern (meist aus der Geschäfts-
systematisch von jener im Rest des Landes unterscheidet. Erfolgsfaktoren sind das leitung) und 5 weiteren Experten. Die Ergeb-
Engagement und die Kompetenz der Mitarbeitenden, die Unternehmenskultur und die nisse wurden zusätzlich in einem Workshop
Kooperationsbereitschaft. Das mit Abstand meistgenannte Hemmnis ist der Fachkräf- mit Branchenverbänden und Arbeitnehmer-
temangel. Der Staat muss dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für die Trans- organisationen und mittels systematischer
formation günstig sind, damit ein produktives Zusammenspiel von Unternehmen, Literaturauswertung verifiziert. Im Folgen-
Arbeitskräften, Forschungs- und Entwicklungsinstitutionen, Kunden und Zulieferern den wird genauer auf die Resultate der zwei-
entstehen kann. Weitere Aktionsfelder sind das Bildungssystem, die Anpassung der ten Studie eingegangen.
Verwaltungsabläufe sowie die Gewährleistung einer adäquaten Netzinfrastruktur.
Der Wandel hat begonnen

D  ie Auswirkungen der digitalen Transfor-


mation verändern die Wirtschaftsstruk-
tur in der ganzen Schweiz. Vor allem periphe-
te Untersuchung beurteilt die Erschliessung
mittels Festnetz und Mobilfunk.2 Wie sich
zeigt, ist Graubünden im Vergleich zum be-
Zunächst muss geklärt werden, was digita-
le Transformation bedeutet: Grundsätzlich
sind damit Veränderungen in Prozessen, Pro-
re Regionen bekunden oft Mühe, qualifizierte nachbarten Ausland sehr gut abgedeckt. Im dukten, Dienstleistungen und Geschäftsmo-
Arbeitskräfte zu finden. Denn Fachkräfte fin- schweizweiten Vergleich hingegen liegt die dellen aufgrund des Einsatzes digitaler Tech-
den sich häufig in den Städten und Agglo- Erschliessung ab 20 Megabit pro Sekunde nologien gemeint. Der Entwicklungsprozess
merationen – in der Nähe zu den Bildungs- leicht unter dem Durchschnitt. Beim ultra- spielt sich in verschiedenen Branchen unter-
und Forschungsinstitutionen. Gleichzeitig schnellen Internet (über 100 Megabit pro Se- schiedlich schnell ab.
bieten die neuen Kommunikationsmittel die kunde) liegt der Kanton sogar deutlich zu- Hilfreich, um den Stand der digitalen
Möglichkeit, räumliche Barrieren einfacher rück. Transformation darzustellen, ist ein vierstu-
zu überwinden – wovon ländliche Regionen In einer zweiten Studie wurde untersucht, figes Modell (siehe Abbildung).4 Auf der ers-
profitieren.1 wie gut die bündnerischen Unternehmen in ten Stufe erhöhen Komponenten wie Senso-
Was bedeutet dies für den weitläufigen vier zentralen Branchen – Tourismus, Handel ren und Mikroprozessoren die Intelligenz des
Kanton Graubünden? Im Auftrag des Kantons und Logistik, Bauwirtschaft und Industrie – Produktes, während die zweite Stufe die Ver-
Graubünden hat die Hochschule für Technik die digitale Transformation bewältigen. Darü- netzung ermöglicht. Auf der nächsten Stu-
und Wirtschaft Chur anhand von zwei Stu- ber hinaus wurde analysiert, welche Entwick- fe folgt die Integration in ein Produktsystem,
dien untersucht, wie gut dieser für die digi- lungen zu erwarten sind sowie welche He- und zuletzt wird das System mit anderen Sys-
tale Transformation gewappnet ist. Die ers- rausforderungen sich für die Unternehmen
3 Bertsch, Deflorin, Dinner und Moser (2018).
1 Infras (2018). 2 Hauser, Toggenburger, Bigger und Capol (2018). 4 Porter und Heppelmann (2014).
IN ANLEHNUNG AN PORTER UND HEPPELMANN (2014) / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Die vier Stufen der digitalen Transformation am Beispiel eines Traktors

Intelligentes Produkt Intelligentes, vernetztes Produkt Produktsystem Ökosystem


Sensoren zeichnen z. B. Zustandsdaten Remote Zugang zu Daten des Traktors Unterschiedliche Maschinen tauschen Produkte/Plattformen unterschiedlicher
des Traktors auf (z. B. Standort und Leistung). (z. B. über Plattformen) Daten aus und ­Branchen vernetzen sich und liefern Daten,
Aufbereitung in App oder kommunizieren um z. B. Aussaat und Bewässerung zu
­Web-­Applikationen optimieren

Produkt-/Technologiefokus Plattform/Vernetzung/Datenfokus

38  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


DIGITALISIERUNG

KEYSTONE
Graubünden hat im Vergleich zum benachbarten
Ausland eine gute Mobilfunknetz-Abdeckung:
temen, zum Beispiel einem Wetterdaten- Umsatz und Beschäftigung feststellen oder Antenne auf dem Chilchalphorn.
oder Bewässerungssystem, gekoppelt. In die- kann diesen aufgrund der vielen anderen Ef-
sem «Ökosystem» lösen sich die Branchen- fekte nicht bestimmen. Positive Effekte auf
grenzen auf. Umsatz und Beschäftigung vermelden ledig- operationsbereitschaft. Zentral ist, dass in
Im Kanton Graubünden befindet sich die lich Unternehmen in der Industrie und teil- allen befragten Branchen eine Verschiebung
Mehrheit der befragten Unternehmen auf der weise im Handel und in der Logistik. Insge- der Anforderungsprofile (Funktionen) und
zweiten Transformationsstufe. Das heisst: samt geben die Rückmeldungen und der lite- Berufskompetenzen stattfindet (siehe Ta-
Die Produkte oder die Dienstleistungen sind raturbasierte Vergleich keine Hinweise, dass belle). So werden zunehmend IT- und Daten-
bereits weitgehend vernetzt, und der Zu- sich die digitale Transformation in Unterneh- spezialisten eingesetzt – und von bestehen-
gang zu Daten ist sichergestellt. Gemäss der men Graubündens von jener in der übrigen den Berufsleuten verlangen die Unterneh-
Befragung wollen die meisten Unternehmen Schweiz grundlegend unterscheidet. men vermehrt gute IT-Kenntnisse. Ebenfalls
die Vernetzung sowie die Datenanalyse und Wie die Analyse zeigt, sind die entschei- steigt die Nachfrage nach Projektleiterinnen
die Interpretation weiter vorantreiben. Eine denden Treiber der Transformation das En- und Koordinatoren sowie nach Personen auf
Mehrzahl der Befragten kann bislang kei- gagement und die Kompetenz der Mitarbei- der Führungsebene, die systematisch zur
nen Einfluss der digitalen Transformation auf tenden, die Unternehmenskultur und die Ko- Unternehmens- und Innovationsentwick-
lung beitragen.
Das mit Abstand meistgenannte Hemm-
Welche Fachkräfte sind besonders gefragt? nis aus Unternehmenssicht ist der Fachkräf-
temangel. In der Industrie, im Handel und in
Branchen Berufe
der Logistik fehlt es in erster Linie an Soft-
Tourismus Innovationsmanager (2), Projektleiter (2), Applikationsbetreuer, Onlinever- wareingenieuren. Dieser Mangel kann sogar
markter, Webshop-Spezialisten
so gravierend sein, dass die Rolle einer Firma
Handel/Logistik Datenspezialisten (2), Generalisten mit Schnittstellenfunktionen, Mechatro- als Technologieführerin beeinträchtigt wird.
niker, Programmierer, Systemingenieure
Weitere häufig genannte Hemmnisse sind die
Bauwirtschaft «Building-Information-Modelling»-Koordinatoren (3), Holzbautechniker, fehlende Kooperation beim Datenaustausch
Polymechaniker, Softwarespezialisten, Unternehmensentwickler, Zeichner
zwischen Unternehmen, unausgereifte Tech-
Industrie Softwarespezialisten (2), Automatisationsspezialisten, Produktionsinformati- nologien, Regulierungen in verschiedenen
BERTSCH ET AL. (2018)

ker, Systemarchitekten Bereichen sowie die Datensicherheit und der


Total IT- und Datenspezialisten (12), Aufwertung bestehender Berufe (6), Projektlei- Datenschutz. Vereinzelt genannt wird auch
ter und Koordinatoren (5), Unternehmens- und Innovationsentwickler (3) eine ungenügende Netzabdeckung, wobei
In 23 Interviews wurde gefragt, welche Berufe in der eigenen Branche an Bedeutung gewonnen haben die befragten Unternehmen allerdings ihren
(Mehrfachnennungen in Klammern). Standort meist in gut erschlossenen Gebie-

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  39
DIGITALISIERUNG

ten haben. Einig sind sich die Befragten, dass zubauen. Entscheidend ist, dass auf allen Bil- Es ist davon auszugehen, dass sie sich auf
ohne zureichende Netzabdeckung die digita- dungsstufen die Lehrinhalte laufend an neue einzelne Zentren konzentrieren und allen-
le Transformation nur schwer umzusetzen ist. Anforderungen angepasst werden. Hier sind falls via Homeoffice oder Co-Working-Spa-
sowohl die Kantone als auch die Unterneh- ces in Peripherien ausstrahlen. Deshalb sind
Rahmenbedingungen men (bei der Berufsbildung) gefordert, not- auch weitläufige Kantone wie Graubünden
wendige Änderungen kontinuierlich und in gut beraten, dafür zu sorgen, dass in den
­entscheidend angemessener Geschwindigkeit vorzuneh- Zentren solche Ökosysteme erfolgreich ge-
Wie kann der Staat die digitale Transforma- men. Den Kantonen kommt die zentrale Rol- deihen und diese im nationalen und interna-
tion vorantreiben? Aus Sicht der Autoren le zu, diesen Prozess über alle Bildungsstufen tionalen Standortwettbewerb konkurrenz-
gibt es vier Handlungsfelder, auf welche sich voranzutreiben und zu koordinieren. fähig sind.
der Kanton Graubünden konzentrieren soll-
te. Das erste und wichtigste Aktionsfeld be- Zentrale Koordinationsstelle
trifft die Rahmenbedingungen für Unterneh-
men: Nach Ansicht der Studienteilnehmer soll Das dritte Aktionsfeld betrifft die kantona-
der Staat bei der digitalen Transformation in len Verwaltungen. Diese sind gefordert, die
erster Linie unterstützend wirken – wobei Möglichkeiten der digitalen Transformation
die Hauptverantwortung bei den Unterneh- bei sämtlichen internen Prozessen zu nutzen
men liegt. Indem er den Unternehmen An- und zu fördern. Das gilt insbesondere für die
passungs- und Entwicklungsspielräume lässt, Regulierungs- und Bewilligungsprozesse wie
damit diese neue Geschäftsmodelle auspro- auch für die Förderprogramme. Wie bei der
Patricia Deflorin
bieren und umsetzen können, trägt der Staat digitalen Transformation von Unternehmen Professorin für Innovationsmanagement,
massgeblich zur erfolgreichen Transforma- braucht es auch bei den Behörden eine ent- Schweizerisches Institut für Entrepreneur-
tion bei. Wichtig ist auch eine einfache Inter- sprechende Organisationskultur, die Innova- ship, Hochschule für Technik und Wirt-
aktion zwischen Unternehmen und Behör- tionen und Kooperationsbereitschaft inner- schaft HTW Chur
den. halb der Organisation wie auch nach aussen
Bisherige Erfahrungen zeigen, dass die fördert. Um diese Veränderungen anzustos-
Rahmenbedingungen sowohl auf Bundes- sen und erfolgreich umzusetzen, ist ein de-
als auch auf Kantonsebene grundsätzlich partementsübergreifender Digital Officer mit
gut sind. Da die digitale Transformation den ausreichenden Kompetenzen innerhalb der
Strukturwandel zunehmend verstärken wird, Verwaltung eine prüfenswerte Option.
ist es umso wichtiger, dass sich die Akteu- Schliesslich verbleibt als viertes Aktions-
re auf allen Märkten (inklusive des Arbeits- feld die Netzinfrastruktur, welche zuver-
marktes) möglichst flexibel anpassen kön- lässig, international konkurrenzfähig und
Kathrin Dinner
nen. Handlungsbedarf besteht in Graubün- preiswert ausgestaltet sein muss. Obwohl Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Zentrum
den vor allem bei der Stärkung der Forschung auch der Kanton Graubünden im interna- für wirtschaftspolitische Forschung, Hoch-
und Entwicklung in der Region, etwa durch tionalen Vergleich gut mithalten kann, be- schule für Technik und Wirtschaft HTW
Chur
die Gewährung von Steuerabzügen für for- stehen aufgrund der Topografie in ein-
schungsintensive Unternehmen und durch zelnen Gebieten Defizite. Allerdings muss
den Ausbau der Forschungsinstitutionen. festgehalten werden: Ein leistungsfähiger
Ein zweites Aktionsfeld ist die Aus- und Anschluss ans Internet führt nicht automa-
Weiterbildung der Fachkräfte. Um die digi- tisch zu Arbeitsplätzen und Wohlstand. Ent-
tale Transformation voranzutreiben, braucht scheidend ist, ob in einer Region ein Öko-
es gemeinsame Anstrengungen der Unter- system von Unternehmen, engagierten und
nehmen, der Mitarbeitenden, der Aus- und kompetenten Arbeitskräften, Forschungs-
Weiterbildungsinstitutionen und des Staa- und Entwicklungsinstitutionen und an-
tes. Die Studie regt konkret an, die soge- spruchsvollen Kunden oder Zulieferern be- Peter Moser
nannten Mint-Studiengänge zu stärken, steht, das Innovationen voranbringt. Sol- Professor für Volkswirtschaftslehre und
einen Studiengang Datascience aufzubauen che Ökosysteme sind sowohl wesentlich für Statistik, Zentrum für wirtschaftspolitische
und ICT-Angebote und Datenanalyse in al- die Standortwahl von Unternehmen als auch Forschung, Hochschule für Technik und
Wirtschaft HTW Chur
len Studiengängen auf Hochschulebene aus- für die Bekämpfung des Fachkräftemangels.

Literatur
Bertsch, L., Deflorin, P., Dinner, K., und Moser, P. (2018). Hauser, U., Toggenburger, L., Bigger, B., und Capol, C. Porter, M., und Heppelmann, J. (2014). Wie smarte
Digitale Transformation in Graubünden: Stand, Hinder- (2018). Breitband und Digitale Transformation: Breitban- Produkte den Wettbewerb verändern, Harvard Business
nisse und Strategische Aktionsfelder – Studie im Auftrag derschliessung im Kanton Graubünden, Hochschule für Manager.
des Departements für Volkswirtschaft und Soziales Technik und Wirtschaft HTW Chur.
Graubünden, Hochschule für Technik und Wirtschaft Infras (2018). Digitalisierung und Neue Regionalpolitik
HTW Chur. (NRP): Schlussbericht, Staatssekretariat für Wirtschaft.

40  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


MILLENNIALS

Vernünftiger als vermutet:


Das Sparverhalten der Millennials
Für welche Ziele sparen junge Erwachsene in der Schweiz? Nebst dem Reisen sind Rück-
lagen für unsichere Zeiten, Steuern und Altersvorsorge die meistgenannten Sparzwecke. 
­Alessandra Fiorito, Andreas Schweizer

Abstract  Millennials werden oft als im Jetzt lebende Menschen bezeichnet, die sich schule für Angewandte Wissenschaften
kaum Gedanken über ihre langfristige Zukunft machen. Was bedeutet dies für das (ZHAW) diesem Sachverhalt nachgegangen.1
Sparverhalten? Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften Zusätzlich wurden anonymisierte Kontobe-
(ZHAW) zeigt: Die Jahrgänge 1981 bis 1995 unterscheiden sich in ihrem Sparverhalten wegungen der Millennials bei der Zürcher
nicht substanziell von anderen Generationen. Die meistgenannten Sparzwecke sind Kantonalbank untersucht.
Reisen, Rücklagen, Steuern, Altersvorsorge und grössere Anschaffungen. Unterschie- Die Befragung wurde mittels standardi-
de zeigen sich zwischen den Geschlechtern. So legen Frauen beispielsweise häufiger sierten Fragebogens zwischen Februar und
Geld für Zukunftsunsicherheiten beiseite als Männer. April 2018 durchgeführt. Der Versand erfolgte
elektronisch an die Studierenden der Zürcher
Hochschule für Angewandte Wissenschaf-

J  unge Erwachsene werden vielfach als


wenig verbindlich, selbstbezogen, illo-
yal und kurzsichtig bezeichnet. Freude an
Doch wie steht es tatsächlich um das
Sparverhalten der Millennials in der Schweiz?
Anhand einer Umfrage ist die Zürcher Hoch-
1 Die Studie wurde im Rahmen einer Bachelorarbeit für
die Zürcher Kantonalbank durchgeführt. Detaillierte Er-
kenntnisse werden nicht veröffentlicht.
der Arbeit sowie eine Balance zwischen
Beruf und Freizeit sind den Millennials (je
nach Definition die heute 23- bis 37-Jähri- Abb. 1: Warum sparen Millennials?
gen) wichtiger als Status, Prestige und da- Reisen
mit auch Geld. Freiräume und die Möglich-

FIORITO UND SCHWEIZER (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Rücklagen / Zukunftsunsicherheit
keit der Selbstverwirklichung stehen über Grössere Anschaffungen
starren Hierarchien. Gemäss dem Jugend- Private Altersvorsorge
barometer Schweiz 2016 der Credit Suisse Steuern
ist das wichtigste Ziel dieser Generation, Ausbildung
die eigenen Träume zu verwirklichen. Eigenheim
Viele Millennials stehen gegenwärtig Einkommen übersteigt Konsum
am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn und Schulden abbauen
sind in einem Alter, in dem klassischerwei- Andere
se die Spartätigkeit beginnt. Da sich Mil- 0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 1000
lennials anscheinend weniger als frühere befragte Millennials

Generationen Gedanken über ihre Zukunft Mehrfachnennungen möglich, Jahrgänge 1981 bis 1995 (N =1440).
machen, darf angenommen werden, dass
sie sich auch in ihrem Sparverhalten von
Abb. 2: Monatlicher Betrag pro Sparzweck
diesen unterscheiden. Gemäss der Welt- 100   in %
bank ist die Finanzkompetenz, die unter
anderem das Sparen beeinflusst, bei jun-
FIORITO UND SCHWEIZER (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

gen Erwachsenen wenig ausgeprägt. So 75


bekunden Millennials Mühe mit dem Ver-
mögensaufbau, wie im aktuellen Global 50
Wealth Report der Credit Suisse nachzu-
lesen ist.
Das Sparverhalten einer Generation hat 25
volkswirtschaftliche Auswirkungen. Einer-
seits beeinflusst es die Bankenindustrie, 0
für welche Sparguthaben ihrer Kunden eine Reisen Rücklagen Steuern Private Grössere Anschaf- Ausbildung (eigene
wichtige Finanzierungsquelle darstellt. An- Altersvorsorge fungen (z. B. Auto) oder für Kinder)
dererseits bedeutet Sparen ein Konsum-   gar nicht / gelegentlich             <50 Fr.             50–199 Fr.             200–499 Fr.             500–999 Fr.          
verzicht, respektive der Konsum wird in die   1000–1999 Fr.             ≥2000 Fr.
Zukunft verschoben. Jahrgänge 1981 bis 1995 (N =1440).

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  41
MILLENNIALS

ten (ZHAW), über die Schuldenberatungs- Situation nicht regelmässig sparen. Ein ge- ren. Die Abbildung 2 zeigt die Aufteilung der
stelle des Kantons Zürich, über Facebook so- schlechterspezifischer Vergleich zeigt: Wäh- monatlichen Sparbeträge pro Zweck für die
wie das geschäftliche und private Umfeld der rend 86 Prozent der Frauen bewusst sparen, sechs meistgenannten Kategorien. Die am
Autoren. Eingegangen sind 1903 Antworten, sind dies bei den Männern nur 78 Prozent. häufigsten genannte betragliche Bandbrei-
wovon 1440 zur effektiven Zielgruppe, Perso- Der meistgenannte Sparzweck ist das Rei- te (unter Ausklammerung der Nennungen
nen mit Jahrgang 1981 bis 1995, gezählt wer- sen – was sich mit der allgemeinen Wahrneh- «gar nicht» und «gelegentlich») liegt bei al-
den. Dieser Teil der Stichprobe wurde detail- mung der Millennials als konsumfreudige Ge- len Sparzwecken zwischen 50 und 200 Fran-
liert ausgewertet, die anderen Kohorten nur niesser deckt (siehe Abbildung 1). Demgegen- ken pro Monat. Bei den Reisen und den Rück-
selektiv zu Vergleichszwecken. Das Sample über handelt es sich bei den am zweit- bis lagen/Zukunftsunsicherheiten sowie bei den
der Millennials setzt sich aus 58 Prozent Män- fünftmeisten genannten Sparzwecken um grösseren Anschaffungen nimmt der Anteil
nern und 42 Prozent Frauen zusammen. Auf- weitsichtige Sparvorhaben: Rücklagen für der Sparer mit höheren Beträgen relativ be-
grund der zur Verfügung gestandenen Ver- Zukunftsunsicherheiten, Sparen für grössere trachtet rasch ab. Für Steuern und die Alters-
sandkanäle darf die Studie nicht als repräsen- Anschaffungen, Altersvorsorge und Steuer- vorsorge verläuft die Entwicklung weniger
tativ bewertet werden. rechnungen. Damit unterscheiden sich die extrem.
Antworten der Millennials kaum von den Ver-
Sparen für Reisen tretern der Babyboomer-Generation und der Mann und Frau sparen anders
Generation X. Diese bezeichnen zwar die Al-
Die Erkenntnisse aus der Umfrage überra- tersvorsorge als wichtigsten Spargrund, sie Offenbar gehen die Millennials – wie ande-
schen: 82 Prozent der Millennials verwenden nennen jedoch dieselben fünf Gründe wie die re Generationen vor ihnen – differenziert in
bewusst einen Teil des frei verfügbaren Ein- Millennials als Top-5-Spargründe. ihren Sparanstrengungen vor. Konsumbezo-
kommens fürs Sparen, und 85 Prozent besit- Neben dem Sparwillen und dem Spar-
zen ein Sparkonto. Lediglich 18 Prozent wol- zweck interessiert auch, wie viel die Millen-
len oder können aufgrund ihrer finanziellen nials für die einzelnen Kategorien reservie- Das häufigste Sparmotiv von Millennials ist der
Wunsch zu reisen. San Francisco Bay Area.

KEYSTONE

42  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


MILLENNIALS

gene respektive wenig greifbare Zwecke wie lich ein Fünftel das Sparverhalten vom Zins- glichen. Da beide Datensätze anonymisiert
Reisen oder Rücklagen werden innerhalb der niveau abhängig macht, ist es bei den Män- waren, konnte keine Verbindung zwischen
Alterskohorte mit einem relativ konstanten nern über ein Drittel. den Umfrageteilnehmern und den Bankkun-
Betrag berücksichtigt. Für langfristiges, in- Über die Hälfte der befragten Millennials den hergestellt werden. Die Transfers von Sa-
vestitionsbezogenes Sparen wie die Alters- hat sich bereits mit der privaten Altersvorsor- lär- auf Sparkonti bestätigen auf aggregier-
vorsorge oder den Erwerb eines Eigenheims ge beschäftigt, ein Viertel will dies in nächs- ter Ebene die Umfrageresultate. Somit inte-
verteilen sich die Beträge hingegen wesent- ter Zeit tun. 87 Prozent der Befragten sind der ressiert sich nicht nur eine grosse Mehrheit
lich ausgeprägter, da sie mutmasslich von Ansicht, dass ohne private Vorsorge immer der Millennials grundsätzlich fürs Sparen, sie
den finanziellen Möglichkeiten der Einzelnen mehr Leute im Alter arm sein werden. Wäh- setzt dies auch entsprechend um.
abhängen. rend sich zwei Drittel der männlichen Befrag-
Der geschlechterspezifische Vergleich of- ten mit der privaten Vorsorge auseinanderge-
fenbart Unterschiede je nach Sparzweck: Für setzt haben und etwa 60 Prozent in die 3. Säu-
Zukunftsunsicherheiten legt über die Hälf- le einzahlen, liegt die Zahl bei den weiblichen
te der Frauen Beträge ab 50 Franken pro Mo- Vertretern tiefer. Lediglich die Hälfte hat sich
nat beiseite; bei den Männern liegt der Anteil mit der Altersvorsorge befasst, und nur 45
deutlich unter 50 Prozent. Hingegen spart Prozent verfügen über eine private Vorsorge-
fast die Hälfte der männlichen Millennials lösung. Dies ist unter anderem deshalb span-
mindestens 50 Franken für die Altersvorsor- nend, weil 55 Prozent der männlichen Befrag-
ge, beinahe jeder dritte gibt dafür sogar über ten der Befürchtung zustimmen, im Alter nur Alessandra Fiorito
200 Franken aus. Bei den Frauen sind es nur eine geringe Rente zu erhalten. Bei den weib- Mitarbeiterin Stab Private Banking, Zürcher
Kantonalbank, Zürich
35 respektive 17 Prozent. lichen Vertretern sind dies 75 Prozent.
Das aktuelle Zinsumfeld beeinflusst das
Sparverhalten der Millennials erstaunlich we- Sparziele werden umgesetzt
nig. 74 Prozent der Umfrageteilnehmer sa-
gen, ihr Sparverhalten sei nicht vom Zins- Zusammenfassend kann festgehalten wer-
niveau abhängig. Auch von den zinssensitiven den, dass Sparen für die Millennials durchaus
26 Prozent würden 60 Prozent ihr Sparverhal- eine Bedeutung aufweist und dass die Gene-
ten bei einer weiteren Zinssenkung nicht än- ration auch konkrete, langfristige Sparziele
dern. Nur 23 Prozent der zinssensitiven Grup- verfolgt. Zur Validierung dieser Erkenntnis-
pe ziehen bei einer weiteren Zinssenkung se aus der Umfrage wurden als zweiter Teil Andreas Schweizer
eine alternative Sparform wie beispielswei- des Forschungsprojektes auch die Kontobe- Dozent für Corporate Finance & Corporate
se Börsenanlagen in Betracht. Hier offenbart wegungen aus einem Teilkundenportfolio Banking, Institut für Financial Manage-
sich ebenfalls ein geschlechterspezifischer der Zürcher Kantonalbank ausgewertet und ment, ZHAW School of Management and
Law, Winterthur
Unterschied: Während bei den Frauen ledig- mit den Erkenntnissen aus der Umfrage ver-

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  43
DIGITALISIERUNG

Gefährdet die Digitalisierung


die öffentlichen Finanzen?
Die Automatisierung wird manchmal als Risikofaktor für die Steuereinnahmen und die Finan-
zierung der Sozialversicherungen bezeichnet, da der Anteil der Arbeit an den Steuereinnah-
men sinken könnte. Für die Schweiz ist diese Gefahr jedoch zu relativieren.  Simon Schnyder

Abstract  Manche befürchten, dass die Automatisierung den Anteil am Nationalein- Anteil der Kapitaleinkünfte. Diese Verteilung
kommen reduziert. In der Folge sinken die Steuereinnahmen, da die Erwerbsarbeit ist in der Schweiz – im Gegensatz zu Ländern
eine wichtige Geldquelle für den Staat ist. Obwohl es in der Schweiz zurzeit keine An- wie Deutschland, USA und Kanada – seit den
zeichen für eine solche Entwicklung gibt, kann man schätzen, welchen Einfluss eine Neunzigerjahren stabil.6 Die Befürchtungen
Verlagerung von Arbeit zu Kapital auf die Steuereinnahmen hätte. Wie sich zeigt, wür- über mögliche negative Auswirkungen einer
de ein moderat rückläufiger Anteil der Arbeit die Steuereinnahmen nicht wesentlich zunehmend automatisierten Wirtschaft auf
schmälern. Stärker betroffen wären die Sozialversicherungen, da deren Finanzierung die Steuereinnahmen beruhen hauptsäch-
im Wesentlichen durch Abgaben auf der Erwerbsarbeit erfolgt. Dieser Effekt könnte lich auf der Annahme, dass der Anteil der
jedoch durch Produktivitätssteigerungen und ein höheres volkswirtschaftliches Ge- Arbeit am volkswirtschaftlichen Einkommen
samteinkommen abgefedert werden. zurückgehen wird. Mit anderen Worten: Die
wichtigste Einnahmequelle könnte schrump-
fen.

D  ie Digitalisierung weitet sich aus und


erfasst vermehrt auch Dienstleistun-
gen und namentlich das Gesundheitswesen.
le Arbeitslosigkeit und eine Polarisierung der
Beschäftigten und der Löhne. Es stellt sich
daher die Frage, inwiefern und ob diese Risi-
Darüber hinaus könnte ein steigender An-
teil der Kapitaleinkünfte am Gesamteinkom-
men die Einkommensungleichheit in der Be-
Dank der fortschreitenden Automatisierung ken die Stabilität der Steuereinnahmen sowie völkerung verschärfen, da der Kapitalbesitz
sind substanzielle Produktivitätssteigerun- der Sozialversicherungen bedrohen. vorwiegend im oberen Teil der Einkommens-
gen zu erwarten.1 Gleichzeitig stellt sich die Für Bund, Kantone, Gemeinden und So- pyramide konzentriert ist. Anders als bei-
Frage nach den damit verbundenen Risiken, zialversicherungen wie die AHV sind die Ein- spielsweise in Deutschland, in Frankreich, in
insbesondere im Zusammenhang mit den kommenssteuern von natürlichen Personen den USA sowie in weiteren OECD-Ländern
Auswirkungen der Automatisierung auf das sowie Lohnbeiträge eine wichtige Einnahme- entwickelt sich die Einkommensverteilung in
Volumen und die Struktur der Beschäftigung quelle. Im Jahr 2016 stammten fast 30 Prozent der Schweiz vorderhand relativ stabil.
sowie auf die Löhne.2 Überdies bestehen Be- der Steuereinnahmen des öffentlichen Sek-
fürchtungen, dass eine zunehmend automa- tors aus den Einkommenssteuern der natür- Volumen entscheidend
tisierte Produktion von Waren und Dienst- lichen Personen. Hinzu kommen Lohnbeiträ-
leistungen die Steuereinnahmen und die ge an die Sozialversicherungen, die ein Viertel Selbst wenn in der Schweiz derzeit noch kei-
Finanzierung der Sozialversicherungen ge- der Steuereinnahmen ausmachen. ne beunruhigende Entwicklung festzustel-
fährden könnte. Die Hauptsorge gilt dabei Schätzungsweise entfällt rund die Hälfte len ist, was die Anteile des Einkommens aus
den Folgen eines rückläufigen Anteils der der Steuereinnahmen des öffentlichen Sek- Arbeit beziehungsweise Kapital betrifft, stellt
Arbeit am gesamtwirtschaftlichen Einkom- tors auf die Besteuerung von Arbeit (Steuern sich die Frage, wie eine Verschiebung dieses
men. In einem aktuellen Bericht befasst sich und Lohnbeiträge), und 30 Prozent stammen Gleichgewichts die Steuereinnahmen und die
der Bundesrat mit dieser Problematik.3 von der Besteuerung von Kapitalerträgen. Finanzierung der Sozialversicherungen be-
Noch ist ungewiss, wie sich die fortschrei- Wird der Begriff «Steuereinnahmen» um wei- einflussen würde. Denkbar ist, dass eine Ver-
tende Automatisierung auf die Beschäftigung tere obligatorische Lohnbeiträge wie die be- ringerung des Anteils der Arbeit die Steuer-
und die Löhne auswirkt.4 In der Schweiz sind rufliche Vorsorge (zweite Säule), die Unfall- einnahmen schmälert. Dieser Zusammen-
die Auswirkungen der Digitalisierung der versicherung und Familienzulagen erweitert, hang ist jedoch nicht eindeutig. So bedeutet
Wirtschaft bereits spürbar, bisher jedoch erreicht der Anteil der Einnahmen aus der Be- ein Rückgang beim relativen Anteil der Arbeit
ohne negative Folgen: Der Arbeitsmarkt steuerung der Arbeit rund 63 Prozent, gegen- nicht zwingend, dass das Volumen der Ein-
und das Sozialversicherungssystem schei- über 22 Prozent für die Kapitalerträge. nahmen nicht zunehmen kann. Überdies wer-
nen genügend robust und flexibel.5 Mittel- den Kapitaleinkünfte zu einem sogenannten
bis langfristig sind jedoch gewisse Risiken Einkommensverteilung stabil impliziten Satz besteuert, der nahe beim im-
nicht auszuschliessen, etwa eine strukturel- pliziten Steuersatz für Arbeitseinkommen
Der Anteil der Arbeit am Nationaleinkom- liegt. «Implizite Steuersätze» messen die ef-
1 OECD (2018). men misst den Anteil des Gesamteinkom- fektive Abgabenbelastung für die verschiede-
2 Siehe Bundesrat (2017).
3 Bundesrat (2018). mens einer Volkswirtschaft, welcher in Form nen Arten von Einkommen. Sie entsprechen
4 Siehe zum Beispiel Acemoglu und Restrepo (2018) so- von Löhnen an unselbstständig Erwerbstäti-
wie UNO (2017). 6 Siegenthaler und Stucki (2015) sowie OECD und ILO
5 Bundesrat (2017).
ge ausbezahlt wird. Der Rest entspricht dem (2017).

44  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


DIGITALISIERUNG

dem Verhältnis zwischen dem Gesamtsteuer- lisierung der Produktion in der Schweiz sowie besondere wenn die Zahl der Working Poor
aufkommen der jeweiligen Wirtschaftskate- die Kapitalbesitzverhältnisse betrifft. Dassel- steigt oder die Beschäftigungsquote sinkt.
gorie (Konsum, Arbeit und Kapital) und der be gilt für die Beschäftigungsstruktur. Was Zusammenfassend lässt sich sagen, dass
potenziellen Steuerbemessungsgrundlage geschehen würde, wenn der Einkommens- es schwierig ist, abzuschätzen, wie sich
gemäss der Volkswirtschaftlichen Gesamt- anteil aus Arbeit markant schrumpft – was die Automatisierung der Wirtschaft auf die
rechnung.7 derzeit nicht plausibel scheint –, ist schwie- Steuereinnahmen und die Finanzierung der
Dass die beiden impliziten Sätze nahe bei- rig abzuschätzen, da dies mit einer veränder- Sozialversicherungen auswirkt. Es ist je-
einanderliegen, lässt sich insbesondere mit ten Verteilung des Kapitalbesitzes einherge- doch davon auszugehen, dass die Steuerein-
der Mehrfachbesteuerung von Kapitalflüssen hen könnte. nahmen stabil bleiben, solange das Ausmass
und Vermögenswerten erklären. Beispiele für Produktivitätssteigerungen entschärften der Verlagerung moderat ist. Bei einem ge-
Steuern auf Kapitalflüsse sind Gewinne, Divi- die Problematik, da dadurch das Gesamtein- nügend kräftigen Produktivitätswachstum
dendenausschüttungen und Kapitalerträge; kommen steigt. In diesem Fall reduziert sich könnten die Einnahmen sogar steigen. Be-
zur zweiten Kategorie zählen Steuern auf das das Risiko darauf, dass die Steuereinnahmen sonders ins Gewicht fällt eine Produktivitäts-
Vermögen, auf das Unternehmenskapital, auf weniger rasch wachsen als das Bruttoinland- steigerung bei den Sozialversicherungen.
Liegenschaften sowie Stempelabgaben. produkt (BIP). Umgekehrt hingegen – wenn
das Nationaleinkommen kaum wächst und
Kapitalerträge mehrfach gleichzeitig der Anteil der Arbeit am Natio-
naleinkommen sinkt – könnten vor allem die
besteuert Sozialversicherungen unter Druck geraten.
Im Jahr 2016 betrug der implizite Steuersatz bei Denn deren Beiträge hängen von der Lohn-
Kapitaleinkünften insgesamt 29,2 Prozent, wie summe ab. Entscheidend für stabile Einnah-
eine Schätzung für Bund, Kantone, Gemein- men der Sozialversicherungen sind somit in
den und Sozialversicherungen zeigt.8 Ein Jahr erster Linie die Entwicklung des allgemeinen
zuvor waren es 26,5 Prozent. Bei den Arbeits- Lohnniveaus sowie die Beschäftigungsquo- Simon Schnyder
einkommen blieb der implizite Steuersatz mit te – und nicht die Anteile der Einnahmen aus Dr. rer. pol., Ökonom, Abteilung Volkswirt-
je 25,8 Prozent in den beiden Jahren stabil. Arbeit und Kapital. schaft und Steuerstatistik, Eidgenössische
Steuerverwaltung (ESTV), Bern
Diese Werte können von Jahr zu Jahr je
nach Konjunkturlage beträchtlich schwan- Höhere Einnahmen
ken. Es ist jedoch davon auszugehen, dass
die Steuereinnahmen stabil bleiben, solan-
dank Progression Literatur
Acemoglu, D. und P. Restrepo (2018). Artificial Intelligence,
ge sich die Einkommensanteile nur moderat Wie wirkt sich eine wachsende Polarisierung Automation and Work. NBER Working Papers N°24196,
Januar.
verändern – und zwar aus zwei Gründen: ers- der Einkommensverteilung auf die Steuer- Bundesrat (2017). Bundesrat verabschiedet Bericht und
tens aufgrund der Mehrfachbesteuerung von einnahmen aus? Aus steuertechnischer Be- Massnahmen zu Auswirkungen der Digitalisierung auf
den Arbeitsmarkt, Medienmitteilung vom 8. November.
Kapitalerträgen, zuerst in den Unternehmen trachtung ist der Effekt vermutlich nicht si- Bundesrat (2018). Eine Prospektivstudie über die Aus-
(Gewinnsteuern) und anschliessend bei den gnifikant. Aufgrund der Progression bei den wirkungen der Robotisierung in der Wirtschaft auf das
Steuerwesen und auf die Finanzierung der Sozialversi-
natürlichen Personen (Einkommenssteuern), Einkommenssteuern bewirkt eine grösse- cherungen, 7. Dezember 2018.
zweitens aufgrund der Progression bei den re Ungleichheit in der Einkommensvertei- Europäische Kommission (2018). Taxation Trends in the
Einkommenssteuern. Bei genügend kräftigen lung bei unverändertem Gesamteinkommen European Union, Luxemburg.
Mendoza E., A. Razin und L. Tesar (1994). Effective Tax Ra-
Produktivitätsgewinnen könnten die Steuer- nämlich einen Anstieg des durchschnittli- tes in Macroeconomics. Cross-country Estimates of Tax
einnahmen sogar steigen. chen Steuersatzes und damit höhere Steuer- Rates on Factor Incomes and Consumption, in: Journal of
Monetary Economics, 34, 297–323.
Voraussetzung für diese Annahme ist al- einnahmen. OECD (2018). Perspectives de l’économie numérique de
lerdings eine gewisse Stabilität, was die Loka- Auch bei der Finanzierung der Sozialver- l’OCDE 2017.
OECD und ILO (2015). The Labour Share in G20 Economies,
sicherungen würde eine ungleiche Lohnver- Bericht.
7 Zur Methode siehe Mendoza et al. (1994). Dank impli- teilung den Umfang der Gesamteinnahmen Siegenthaler, M. und T. Stucki (2015). Dividing the Pie: The
ziter Steuersätze kann die Steuerbelastung zwischen Determinants of Labor’s Share of Income on the Firm
EU-Staaten besser verglichen werden. Vgl. Europäische nicht gefährden, solange das Gesamtvo- Level», in: Industrial and Labor Relations Review, 68(5),
Kommission (2018). lumen der Löhne nicht abnimmt. Eine Ver- 1157–1194.
8 Die Berechnungen des Autors beruhen auf den Daten UNO (2017). Frontier Issues: The Impact of the Techno-
der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (BFS) und
schärfung der Lohnungleichheiten könnte logical Revolution on Labour Markets and Income Dis-
der Steuereinnahmen (EFV). sich jedoch als problematisch erweisen, ins- tribution, Development Policy Seminar, 6. Juli.

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  45
FACHKRÄFTEMANGEL

Die Erwerbsbeteiligung steigt


Um das inländische Fachkräfteangebot zu erhöhen, hat der Bund 2011 die Fachkräfteinitiative
ins Leben gerufen. Die Zahlen stimmen ­zuversichtlich: Seit 2010 hat die Erwerbsbeteiligung
um 148 200 Vollzeitstellen zugenommen.  Daniela Bieri

Abstract  Als global vernetzte Volkswirtschaft ist die Schweiz auf qualifizierte Fach- gen der Schweiz weiter zu verbessern. Denn
kräfte angewiesen. Sie sind Innovations- und Wachstumstreiber und sichern den Unternehmen machen ihre Entscheidungen
Wohlstand. Fachkräfte sind aber ein knappes Gut, und die Nachfrage steigt zuneh- zum Standort, zur Technologiewahl und zur
mend. Deshalb hat der Bundesrat 2013 die Fachkräfteinitiative (FKI) verabschiedet, Organisation ihrer Wertschöpfungsketten
um das inländische Arbeitspotenzial besser zu erschliessen. Durch die FKI ist es gelun- auch vom vorhandenen Arbeitskräfteange-
gen, die Verflechtung aller Aspekte der Fachkräftethematik zu erfassen und die Kräf- bot und von der Qualifikation und der Kom-
te der relevanten Akteure zu bündeln. Mit Erfolg, wie sich zeigt, denn die Erwerbsbe- petenz der Arbeitskräfte abhängig. Die Ver-
teiligung hat insgesamt um 148 200 Vollzeitstellen zugenommen. Aber die Situation fügbarkeit von Fachkräften bestimmt also
bleibt angespannt. Deshalb wird die Fachkräftepolitik auch in Zukunft eine wichtige die Wachstumsdynamik der Schweizer Volks-
Departementsaufgabe bleiben. wirtschaft. Ein Weg, den Standort Schweiz zu
stärken, ist beispielsweise, sicherzustellen,
dass Unternehmen die gesuchten Arbeits-

S  eit geraumer Zeit steigt die Nachfrage


nach gut bis sehr gut ausgebildeten Fach-
kräften in der Schweiz an. Die demografische
dete Massnahmenplan. Die darin enthalte-
nen Massnahmen wurden dezentral, von den
jeweils zuständigen Bundesämtern in vier
kräfte hier finden können. Dadurch werden
hochwertige Arbeitsplätze erhalten oder neu
geschaffen; denn solche Arbeitsplätze sind
Entwicklung der Schweizer Erwerbsbevölke- Handlungsfeldern realisiert: Erstens soll die die Grundlage des hohen Wohlstands unse-
rung deutet langfristig auf eine Verknappung Erwerbsbevölkerung durch Nach- und Höher- rer Bevölkerung.
des inländischen Fachkräfteangebots hin, qualifizierung den Bedürfnissen des Arbeits- Doch Arbeitsmarkt und Fachkräftesitua-
weil mit den jüngeren Generationen zu wenig marktes entsprechen, zweitens soll die Ver- tion unterliegen einem permanenten Struk-
Arbeitskräfte in den Arbeitsmarkt nachrü- einbarkeit von Beruf und Familie verbessert turwandel. So galt es die Massnahmen im
cken. Das macht die inländischen Unterneh- werden, drittens sollen Innovationen geför- Rahmen der FKI auch unter Berücksichti-
men zunehmend von ausländischen Arbeit- dert werden, welche die Fachkräfteknappheit gung langfristiger Trends, wie der Automa-
nehmern abhängig. Auch die zunehmend aufgrund höherer Produktivität entschär- tisierung, der Digitalisierung und der Globa-
kontroversen öffentlichen und politischen fen, und viertens sollen gute Bedingungen lisierung, sowie des gesellschaftlichen Wan-
Diskurse über die Zuwanderung veranlassten dafür sorgen, dass die Erwerbstätigkeit bis dels umzusetzen. Die Wechselwirkungen
2011 das damalige Volkswirtschaftsdeparte- zum Rentenalter und darüber hinaus attrak- zwischen diesen Trends haben in den letz-
ment (heute Departement für Wirtschaft, Bil- tiv bleibt. ten 20 Jahren vor allem eine Beschäftigungs-
dung und Forschung, WBF), die Fachkräfte- Entsprechend den Kompetenzen des Bun- zunahme in technologie- und wissensinten-
initiative (FKI) ins Leben zu rufen. Im Rahmen des geht es auf Bundesebene mehrheitlich siven Berufen bewirkt. Aber nicht nur dort:
der Initiative wurden alle relevanten Akteure darum, bestehende Gesetze und Verordnun- Auch in Berufen mit einem hohen Anteil an
wie Arbeitnehmer- und Arbeitgeberverbän- gen zu erarbeiten oder anzupassen. Hinzu menschlicher Interaktion, wie in Pflege- und
de sowie diverse kantonale Konferenzen und kommen Impuls- und Förderprogramme, um Gesundheitsberufen, oder in Berufen mit ma-
Bundesämter mit einbezogen, um so Mass- Anreize zu setzen – beispielsweise zur Schaf- nuellen Nichtroutinetätigkeiten, wie in der
nahmen zur besseren Erschliessung des in- fung zusätzlicher Plätze für die Tagesbetreu- Reinigung, ist die Nachfrage nach Fachkräf-
ländischen Fachkräftepotenzials einzuleiten. ung von Kindern. Zudem wurden Öffentlich- ten gestiegen.
keit, Wirtschaft und Politik über die Ursachen Entscheidend für die Wirtschaftsleistung
Anreize setzen und sensibilisieren und Folgen eines Fachkräftemangels sensibi- der Schweiz ist, dass sich die Qualifikations-
lisiert. Auch das Staatssekretariat für Wirt- struktur der Schweizer Erwerbsbevölkerung
Die FKI verfolgt dabei eine Strategie, die so- schaft (Seco) ist hierbei involviert. Das Seco parallel zur Bildungsintensität des Beschäf-
zialpartnerschaftliche Lösungen sucht und stellt die Kooperation und die Koordination tigungswachstums entwickelt. Will heis-
verschiedene Politikfelder berührt. Denn der Akteure sicher, erarbeitet die notwendi- sen: Die Qualifikationen der Erwerbsperso-
die Fachkräftethematik betrifft Fragen der gen Entscheidungsgrundlagen zur Fachkräf- nen müssen mit der Nachfrage des Arbeits-
Arbeitsmarkt-, der Bildungs-, der Zuwande- tethematik und bietet Zugang zu den ver- markts Schritt halten. Ein Rückblick auf die
rungs- und der Sozialpolitik gleichermassen. fügbaren Informationen über die Website letzten 20 Jahre zeigt, dass der Bevölkerungs-
Politikbereiche also, in denen das föderale Fachkraefte-­schweiz.ch. anteil mit einem Bildungsabschluss auf Ter-
Prinzip und die liberale Wirtschaftsordnung tiärstufe1 stark zugenommen hat; nämlich
der Schweiz die Handlungsmöglichkeiten des Fachkräfte als Standortfaktor
Bundes bestimmen. 1 Die Tertiärstufe umfasst die höhere Berufsbildung, die
Techniker- und Fachschulen, die höheren Fachschulen
Das zentrale Instrument der Initiati- Ein zentrales Ziel der Schweizer Wirtschafts- sowie die Universitäten, die ETH, die Fachhochschulen
ve ist der vom Bundesrat 2013 verabschie- politik ist es, die guten Standortbedingun- und die Pädagogischen Hochschulen.

46  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


Das inländische Arbeitskräftepotenzial wird
heute besser ausgeschöpft. Dennoch mangelt
es in technologie- und wissensintensiven
Berufen noch immer an Fachkräften.
KEYSTONE
FACHKRÄFTEMANGEL

von rund 22 Prozent (1996) auf über 45 Pro- Kontingentierung der Zuwanderung abgese-
Zunahme des Arbeitskräftean-
zent (2017). Das Bildungssystem der Schweiz hen und hat stattdessen den Bundesrat ver-
gebots, nach Partizipations- und
hat den Strukturwandel somit gut mitgetra- pflichtet, das inländische Arbeitsmarktpoten-
Bevölkerungseffekt sowie nach
gen und wesentlich dazu beigetragen, die zial besser auszuschöpfen. Die Fachkräfte-
Altersgruppen in Vollzeitäquivalen-
steigende Nachfrage nach (hoch) qualifizier- politik trägt so zu einer umfassenden und
ten (2010–2018)
ten Fachkräften abzufedern. Unterstützend weitsichtigen Migrationspolitik bei. Denn Bil-
hat in den letzten 15 Jahren auch die Zuwan- Zunahme total: 417 000 Vollzeitstellen dungs-, Arbeitsmarkt- und Migrationspoli-
derung im Rahmen der Personenfreizügig- tik sind eng miteinander verknüpft. Ein gutes
keit gewirkt. So verfügten im Durchschnitt 54 Zusammenspiel dieser Politikfelder sorgt da-
Prozent der Erwerbstätigen, die aus dem EU/ 113 200 74 800 für, dass möglichst viele Menschen einer Er-
113 200
Efta-Raum zugewandert sind, über einen Bil- werbstätigkeit nachgehen können und dass
dungsabschluss auf Tertiärstufe. Die Analy- 73 400 die Wirtschaft die gesuchten Fachkräfte fin-
sen zeigen, dass diese hoch qualifizierten Zu- det und effizient einsetzen kann.
wanderer grossmehrheitlich ihrem Qualifika- 155 600 Dennoch: Die Alterung der Bevölke-
tionsniveau entsprechend beschäftigt sind.2 rung und das anhaltende Beschäftigungs-
Die angesprochenen Langfristtrends wachstum von Hochqualifizierten deuten
interagieren aber nicht nur untereinander,   Partizipationseffekt 25- bis 54-Jährige auf eine Akzentuierung des Fachkräfteman-
sondern führen auch zu Wechselwirkun-   Partizipationseffekt 55-Jährige und älter gels hin. Der Handlungsbedarf bleibt des-
gen mit den FKI-Massnahmen. Die Massnah-   Bevölkerungseffekt 25- bis 54-Jährige halb bestehen. Die Massnahmen der FKI sind
men wirken daher erst mittel- bis langfristig. eine gute und breit angelegte Basis, um den

BFS / SAKE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


  Bevölkerungseffekt 55-Jährige und älter
Trotzdem kann man bereits heute eine besse- künftigen Herausforderungen zu begegnen.
­ er Partizipationseffekt zeigt die Zunahme
D
re Ausschöpfung des Arbeitskräftepotenzials des Arbeitsangebots aufgrund der höheren
Die Massnahmen sind langfristig angelegt
feststellen. In welchem Ausmass diese Ent- Erwerbsbeteiligung, der Bevölkerungseffekt und werden auch nach dem FKI-Programm,
wicklung auf die FKI zurückzuführen ist, lässt zeigt die Zunahme aufgrund des Bevölke- ab Ende 2018, von den zuständigen Akteu-
sich aber nicht sagen. rungswachstums. ren fortgeführt. Damit die Stossrichtungen
der laufenden Massnahmen weiterhin auf
Höhere Erwerbsbeteiligung Arbeitsmarktbeteiligung hat die Erwerbstä- die langfristigen Trends abgestimmt wer-
tigkeit im Durchschnitt jährlich um 18 500 den können und damit die Bemühungen zur
Zwischen 2010 und 2018 ist das Arbeits- Vollzeitstellen erhöht. Diese Zunahme ist be- Fachkräftesicherung fortbestehen, hat der
kräfteangebot von Personen ab 25 Jahren achtlich in Anbetracht der Tatsache, dass die Bundesrat beschlossen, die Fachkräftepoli-
schweizweit um rund 417 000 Vollzeitstellen3 schweizerische Erwerbsquote 2018 bereits tik ab 2019 als unbefristete Departements-
gewachsen. Dieser Zuwachs hat zwei Grün- sehr hoch (83,9%) und die Erwerbslosenquo- aufgabe des WBF zu etablieren. Die Ziel-
de: Einerseits ergibt er sich durch eine höhe- te tief war (4,6%). setzung der FKI wird weiterhin konsequent
re Erwerbsbeteiligung (Partizipationseffekt) entlang der vier Handlungsfelder vorange-
und andererseits durch das Bevölkerungs- Knappheit bleibt bestehen trieben, und das inzwischen etablierte Netz-
wachstum (Bevölkerungseffekt). Schlüs- Die verstärkte Koordination und Koopera- werk sowie das umfassende Know-how blei-
selt man nach diesen zwei Effekten auf, zeigt tion im Rahmen der FKI hat die Ausschöpfung ben erhalten.
sich, dass mehr als ein Drittel der Zunahme des inländischen Arbeitskräftepotenzials an-
dem Partizipationseffekt zuzuschreiben ist. gekurbelt, ohne dabei drastische regulatori-
Die höhere Erwerbsbeteiligung macht insge- sche Eingriffe in die Schweizer Wirtschaft zu
samt 148 200 Vollzeitstellen aus (siehe Abbil- tätigen. Die Zusammenarbeit zwischen Bund,
dung). Das ist ein Beleg für die bessere Aus- Kantonen und Sozialpartnern hat wesentlich
schöpfung des inländischen Arbeitskräfte- dazu beigetragen, die Verflechtung der poli-
potenzials. Mit anderen Worten: Die höhere tisch und wirtschaftlich relevanten Aspekte
beim Fachkräftemangel transparenter zu ma-
2 Vgl. dazu Seco (2018). 14. Bericht des Observatoriums
zum Freizügigkeitsabkommen Schweiz – EU. chen. Das hat auch die Akzeptanz für ein re- Daniela Bieri
3 Erwerbstätige in Vollzeitäquivalenten, d. h., wie vie- lativ flexibles Zuwanderungsregime gestärkt. Wissenschaftliche Projektverantwortliche
le Vollzeitstellen sich rechnerisch bei der Berücksich- Fachkräfteinitiative, Staatssekretariat für
tigung aller Erwerbstätigen mit unterschiedlichen
So hat das Parlament bei der Umsetzung der
Wirtschaft (Seco), Bern
Arbeitspensen ergeben. Masseneinwanderungsinitiative von einer

48  Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019


KEYSTONE

Sichere Medizinprodukte
Enthüllungen über fehlerhafte Medizinprodukte haben die EU dazu bewogen, die
­Anforderungen zu verschärfen. Die Schweiz will ihren Rechtsrahmen daran anpassen,
um den Marktzugang und die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten. Das verur-
sacht Kosten und akzentuiert den Fachkräftemangel. Weshalb? Lesen Sie mehr dazu
in unserem Dossier.
MEDIZINPRODUKTE

Patienten besser schützen


Skandale um ungenügend geprüfte Implantate und dergleichen haben die EU auf den Plan
gerufen, das Medizinprodukterecht zu verschärfen. Auch die Schweiz passt ihr Recht an. 
Urs Spahr

Abstract  Der Bundesrat will die Sicherheit und die Qualität von Medizinprodukten tem für Medizinprodukte eingebunden und
und In-vitro-Diagnostika in der Schweiz verbessern. In enger Anlehnung an die neuen, profitiert vom Informationsaustausch über
verschärften EU-Vorschriften wird das schweizerische Medizinprodukterecht über- die gemeinsame Datenbank für Medizinpro-
arbeitet. Bilaterale Verträge regeln aktuell den Marktzugang für Medizinprodukte dukte namens Eudamed.
zwischen der EU und der Schweiz sowie die Zusammenarbeit bei der Marktüberwa- Unzulängliche Verfahren bei der Konfor-
chung. Die Gleichwertigkeit der Rechtsgrundlagen soll auch in Zukunft sichergestellt mitätsbewertung, ungenügende klinische
werden. Damit bleibt der uneingeschränkte Zugang zu sämtlichen Medizinprodukten, Daten bei Implantaten oder nicht konforme
die in der EU angeboten werden, erhalten. Zudem werden technische Handelshemm- Silikon-Brustimplantate – solche Vorkomm-
nisse vermieden, sodass die einheimische Medizintechnik-Industrie auch in Zukunft nisse und Skandale liessen mit der Zeit Zwei-
einen Zugang zum EU-Binnenmarkt hat, der gleichwertig ist mit jenem ihrer Konkur- fel am Kontrollsystem für Medizinprodukte
renten in der EU. in der EU aufkommen. Die EU-Kommission
entschied sich daher für eine umfassende
Revision des Rechtsrahmens, den sie in in-

M  edizinprodukte umfassen eine brei-


te Palette an Gütern, die zu medizi-
nischen, therapeutischen oder diagnosti-
den einschlägigen, europaweit geltenden
Vorschriften konform ist.
Swissmedic überwacht lediglich die
tensiven Verhandlungen mit dem EU-Parla-
ment und dem Ministerrat aushandelte. An
die Stelle der bisherigen Richtlinien aus den
schen Zwecken verwendet werden. Darunter schweizerischen KBS sowie die in der Schweiz Neunzigerjahren, die in den Mitgliedsstaaten
fallen einerseits Implantate und techni- in Verkehr gebrachten Medizinprodukte. Sie nicht einheitlich umgesetzt wurden, sollen
sche Apparate wie Computertomografen geht Meldungen zu nicht konformen Produk- nun direkt anwendbare Verordnungen tre-
und Operationsroboter. Aber auch einfache ten und schwerwiegenden Vorkommnissen ten. Deutlich weiter gehende und detaillier-
Gegenstände wie Heftpflaster, Verbandstof- nach und führt Inspektionen bei Firmen und ter formulierte Anforderungen sollen durch-
fe, Fiebermesser sowie alltägliche Hilfen wie Spitälern durch. Zudem beaufsichtigt und gesetzt werden und für alle beteiligten Ak-
Brillen, Kontaktlinsen, Hörgeräte, Rollatoren bewilligt Swissmedic klinische Versuche mit teure mehr Verbindlichkeit schaffen. Im Mai
und Messgeräte für Blutdruck oder Blutzu- Medizinprodukten, die noch nicht marktzu- 2017 wurden in der EU die Verordnung über
ckerspiegel gehören dazu. Ebenfalls zu den lässig sind.1 Medizinprodukte (MDR)2 und die Verordnung
Medizinprodukten zählen sogenannte In-vi- über In-vitro-Diagnostika (IVDR)3 in Kraft ge-
tro-Diagnostika, wie man Labortests für die Schwachstellen im bisherigen setzt (siehe Kasten 2). Nach verschiedenen
medizinische Diagnose auch nennt. Nach
europäischen Schätzungen befinden sich
System 2 Verordnung 2017/745: Medical Devices Regulation
(MDR).
derzeit in Europa über 500 000 verschiedene 1999 hat die Schweiz mit der Europäischen 3 Verordnung 2017/746: In Vitro Diagnostic Medical
­Devices Regulation (IVDR).
Medizinprodukte und 40 000 In-vitro-Diag- Union ein Abkommen über die gegenseiti-
nostika im Verkehr. ge Anerkennung von Konformitätsbewer-
Anders als Arzneimittel müssen Medizin- tungen für Medizinprodukte (MRA) abge-
Kasten 1: Gesetze und Verordnungen
produkte nicht vom Schweizerischen Heil- schlossen. Voraussetzung dazu war, dass die
des Medizin­produkterechts
mittelinstitut Swissmedic zugelassen wer- Schweiz die europäischen Richtlinien für Me-
den. Im europäischen System ist es so, dass dizinprodukte aus den Neunzigerjahren voll- Das Schweizerische Medizinprodukterecht
umfasst mehrere Gesetze und Verordnungen:
der Hersteller in eigener Verantwortung eine ständig in ihr nationales Recht überführt (sie- so etwa das Heilmittelgesetz (HMG) und das
Konformitätsbewertung durchführt, be- he Kasten 1). Weitere vergleichbare Staats- Humanforschungsgesetz (HFG), deren Anpassung
vor das Medizinprodukt in Verkehr gebracht verträge bestehen zwischen der Schweiz und der Bundesrat im November 2018 dem Parlament
werden darf. Er muss dazu belegen, dass sein den Efta-Staaten und mit der Türkei. Die Ver- unterbreitet hat. Weiter dazu gehören: das Trans-
plantationsgesetz, das Gesetz über genetische
Produkt den grundlegenden Anforderungen tragsstaaten anerkennen die Zertifikate der Untersuchungen beim Menschen (GUMG), das
entspricht und die angepriesene Leistung er- schweizerischen KBS und umgekehrt. So pro- Produktesicherheitsgesetz (PrSG) und das Gesetz
füllt. Bei Produkten mit höheren Risiken, wie fitieren Schweizer Hersteller, KBS und Patien- über die technischen Handelshemmnisse (THG).
Die Ausführungsbestimmungen werden auf
etwa sterilen Produkten, Messgeräten, Do- ten vom freien Warenverkehr für Medizinpro-
Verordnungsstufe festgelegt, in erster Linie in der
sierpumpen oder Implantaten, muss diese dukte in Europa. Gleichzeitig ist Swissmedic Medizinprodukteverordnung (MepV) und in der
Bewertung durch eine behördlich anerkann- in das europäische Marktüberwachungssys- Verordnung über klinische Versuche (KlinV). Wei-
te Konformitätsbewertungsstelle (KBS) über- tere Bestimmungen finden sich in der Verordnung
über genetische Untersuchungen beim Menschen
prüft werden. Das CE-Zeichen auf den Pro- 1 Was Medizinprodukte sind, wie sie auf den Markt
(GUMV), in der Verordnung über die Produktesi-
kommen und welche Aufgaben dabei Swissmedic wahr-
dukten zeigt den Patienten und den profes- nimmt, wird online auf Swissmedic.ch in kurzen Videos cherheit (PrSV) und in der Akkreditierungs- und
sionellen Anwendern an, dass dieses Gut mit erklärt. Bezeichnungsverordnung (AkkBV).

50  Die Volkswirtschaft 1–2 / 2019


MEDIZINPRODUKTE

Die Palette an Medizinprodukten ist breit


(von oben links im Uhrzeigersinn): Sie reicht von
Labortests über Brustimplantate und Injektions­
KEYSTONE

nadeln bis hin zu Knochenschrauben.


Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  51
MEDIZINPRODUKTE

­ bergangsfristen ist die MDR ab dem 26. Mai


Ü Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) be- reits verabschiedet. Nach der Behandlung
2020 und die IVDR ab 2022 vollständig an- reitet die notwendigen Anpassungen auf Ge- in den Räten folgen die vollständige Über-
wendbar. setzes- und Verordnungsstufe vor, in en- arbeitung der Medizinprodukteverordnung
ger Zusammenarbeit mit Swissmedic, dem und die Schaffung einer neuen Verordnung
Die Schweiz passt ihr Recht an Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) und für In-vitro-Diagnostika. Die beiden Verord-
der Direktion für europäische Angelegenhei- nungen werden sämtliche Bestimmungen
Die Schweiz passt derzeit ihr Medizinpro- ten (DEA). Die Anpassungen erfolgen etap- der MDR und der IVDR berücksichtigen. Auf
dukterecht in enger Anlehnung an die neu- penweise und in Abstimmung mit dem sehr einen «Swiss Finish» – d. h. auf zusätzliche
en EU-Vorschriften an. Damit stellt sie sicher, ehrgeizigen Zeitplan der EU. Mit einer ra- Bestimmungen, die über die Vorgaben der EU
dass auch Schweizer Patienten von den an- schen Revision der Medizinprodukteverord- hinausgehen – will der Bundesrat verzichten.
gestrebten Verbesserungen bei der Patien- nung (MepV) per 26. November 2017 wurde Die Inkraftsetzung der Gesetzesänderun-
tensicherheit und von den transparenteren bereits ein erstes wichtiges Etappenziel er- gen und der neuen Verordnungen soll, zeit-
Informationen über Medizinprodukte durch reicht. Durch die Anpassung sind Medizin- gleich mit der EU, im ersten Halbjahr 2020 er-
die Eudamed-Datenbank profitieren. Zudem produkte, die in der EU nach neuem Recht folgen. Die hohe Regulierungsdichte und die
sollen Schweizer Hersteller und KBS durch zertifiziert sind, in der Schweiz ebenfalls ver- engen Übergangsfristen der EU stellen eine
die Anpassung auch weiterhin einen gleich- kehrsfähig. Die beiden Schweizer KBS konn- grosse Herausforderung für den schweize-
berechtigten Zugang zum europäischen ten sich für die Anerkennung nach neuem rischen Rechtsetzungsprozess dar. Im An-
Binnenmarkt haben, und Swissmedic soll EU-Recht anmelden, und Swissmedic wur- schluss an die Anpassungen in Gesetzen und
im Verbund mit den Behörden der EU-Mit- de ermächtigt, in den neu organisierten Ex- Verordnungen muss die Schweiz die Gleich-
gliedsstaaten eine effektive und effiziente pertengremien der EU4 mitzuarbeiten. Damit wertigkeit ihrer rechtlichen Grundlagen mit
Marktüberwachung weiterführen können. konnten der gegenseitige Informationsaus- denen der EU aufzeigen und auf dem Ver-
tausch und die Koordination der Aufsichts- handlungsweg im Gemischten Ausschuss
tätigkeiten gesichert werden, was eine wich- Schweiz – EU das MRA aktualisieren.
Kasten 2: Fokus Patientensicherheit tige Voraussetzung für den harmonisierten
Die neuen EU-Verordnungen über Medizinpro- Vollzug darstellt.
dukte und In-vitro-Diagnostika sollen Medizin- Die weiteren Etappen beinhalten Anpas-
produkte sicherer machen und das Vertrauen in sungen im Heilmittelgesetz (HMG) und im
die Produkteüberwachung festigen. Gemäss den
Verordnungen müssen die Produkte auch weiter-
Humanforschungsgesetz (HFG), damit eine
hin die gesetzlichen Anforderungen erfüllen und rechtliche Basis für alle notwendigen Anpas-
dem Stand der Technik entsprechen. Neu wird die sungen im Verordnungsrecht besteht. Die
Aufsicht über die privatrechtlichen Prüfstellen Vernehmlassung fand im Frühling 2018 statt.
europaweit vereinheitlicht, und die Regeln für das
Inverkehrbringen und die Überwachung der Pro- Die Botschaft für die parlamentarische Be-
dukte werden verschärft. Zudem garantiert das ratung dieser beiden Gesetzesanpassungen
System zur eindeutigen Produkte­identifikation wurde vom Bundesrat im November 2018 be- Urs Spahr
eine verbesserte Rückverfolgbarkeit aller Pro- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sektion
dukte, und die Transparenz wird über die zentrale Heilmittelrecht, Bundesamt für Gesundheit,
europäische Datenbank (Eudamed) auch für das 4 Gemeint sind die Medical Device Coordination Group Liebefeld
Publikum erhöht. (MDCG) sowie weitere Expertengremien.

52  Die Volkswirtschaft 1–2 / 2019


MEDIZINPRODUKTE

Gesundheitsschutz und Exportchancen


haben ihren Preis
Die Anpassung des Schweizer Medizinprodukterechts an die Richtlinien der EU verursacht
Kosten für die Unternehmen und wird den Fachkräftemangel verschärfen. Die Branche
­begrüsst die Anpassung aber trotzdem.  Sarah Werner, Ursula Walther

Abstract    Die EU will die Patientensicherheit verbessern und hat darum die Vor- taktlinsen ohne Korrektur. Verschiedene
schriften für Medizinprodukte massiv verschärft. Damit möchte die EU künftig nicht Medizinprodukte werden zudem in der Risi-
konforme und mangelhafte Produkte verhindern. Bisher hatte die Schweiz eine Re- koklasse hochgestuft und sind damit stren-
gulierung, die mit jener der EU gleichwertig war; aber nun droht ab 2020 eine Regu- geren Anforderungen unterworfen. Des Wei-
lierungslücke: Die Schweiz beabsichtigt deshalb, mit der EU gleichzuziehen, um den teren müssen die Hersteller höhere Ansprü-
erleichterten Zugang der Schweizer Firmen zum EU-Binnenmarkt zu erhalten und die che an die klinische Evidenz ihrer Produkte
Patientensicherheit auch in der Schweiz zu erhöhen. Welche volkswirtschaftlichen erfüllen und die Überwachung der Produk-
Auswirkungen dabei zu erwarten sind, haben die Autorinnen im Rahmen einer Regu- te nach dem Inverkehrbringen umfangreicher
lierungsfolgenabschätzung (RFA) untersucht. Sie kommen zum Schluss, dass die Ge- dokumentieren. Die Konformitätsbewertung
setzesanpassung für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung und die Exportchancen von Hochrisikoprodukten, wie beispielsweise
der Wirtschaft wichtig ist, aber auch bedeutende Kosten zur Folge hat. Herzkatheter, wird durch einen Expertenpool
auf EU-Ebene kontrolliert, bevor diese Pro-
dukte auf den Markt gelangen. Zudem arbei-

D  ie Produkte der Medizintechnik sind


nicht nur für die Gesundheitsversor-
gung von hoher Bedeutung, die Branche ist
Mit der Anpassung der Schweizer Regu-
lierung an diejenige der EU soll der Schutz
des Lebens und der Gesundheit der Bevölke-
ten die zuständigen Behörden in Europa neu
noch stärker zusammen, um den Markt wirk-
sam zu überwachen und Problemfälle schnell
auch für die Schweizer Wirtschaft wichtig: rung in gleichem Umfang wie in der EU ver- aufzudecken.
Mit fast 59 000 Beschäftigten macht sie et- bessert werden. Dafür ist eine Vielzahl von
was mehr als ein Prozent der Gesamtbe- Massnahmen vorgesehen. So müssen neu Kosten und Nutzen der Revision
schäftigung in der Schweiz aus. Die Branche mehr Produkte als bisher zertifiziert werden.
wächst zudem stark und ist sehr innovativ. Das betrifft insbesondere Software, Labor- Insgesamt sollen durch diese Massnahmen
Infolge verschiedener Vorfälle mit fehler- artikel und ästhetische Produkte ohne me- fehlerhafte Produkte möglichst nicht mehr
haften, gefälschten oder falsch angewandten dizinischen Zweck, wie beispielsweise Kon- auf den Markt gelangen und unseriöse Firmen
Medizinprodukten hat die EU ihren Rechts-
rahmen zu Medizinprodukten grundlegend
überarbeitet. Das Ziel war es, die Patientensi- Durch die Regulierung entstehender Personalbedarf und Zusatzkosten pro Jahr
cherheit zu verbessern. Dazu wurden die An- (ab 2020)
forderungen an die Sicherheit der Produkte 1250 in Vollzeitäquivalenten 1250 in Mio. Franken, pro Jahr
dem Stand der Technik angepasst und Grau-
zonen und Lücken in der Gesetzgebung be-
1000 1000
seitigt. Als Resultat dieser Überarbeitung
EIGENE BERECHNUNGEN ECOPLAN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

wurden am 5. April 2017 zwei neue EU-Ver-


ordnungen zu Medizinprodukten vom Euro- 750 750
päischen Parlament verabschiedet: die Ver- 695
ordnung über Medizinprodukte (MDR) und 500 500
die Verordnung über In-vitro-Diagnostika
283
(IVDR).
250 250
175
337
Mehr Gesundheitsschutz 0 0
108
67 175
242
27 5,3 5,3
Die Schweiz hatte bislang eine Regulierung, Zusätzlicher Personalbedarf Zusätzliche Personalkosten Zusätzliche produkt­ Total zusätzliche Kosten
spezifische Kosten
die gleichwertig mit jener der EU war. Der
Bundesrat will nun das Heilmittelgesetz und   KMU (<250 Mitarbeitende)          Grossunternehmen* (250 oder mehr Mitarbeitende)         Vollzugsbehörde Swissmedic**
das Humanforschungsgesetz anpassen, um
* Jährliche Kosten im Steady State nach Ende der Übergangsphase. Betrachtet wurden nur die Hersteller
eine regulatorische Lücke zu verhindern. und Zulieferer von Komponenten, die von der Regulierung betroffen sind.
Doch was sind die Auswirkungen einer sol- ** Kostenschätzung nach Handbuch «Regulierungs-Checkup». Ein Teil des Mehraufwands könnte den
chen Anpassung? Konformitätsbewertungsstellen in noch unbekanntem Umfang als Gebühren weiterverrechnet werden.

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  53
MEDIZINPRODUKTE

schneller identifiziert werden. Gleichzeitig steller und Zulieferer sind exportorientiert lich in ganz Europa zu einer Bereinigung der
sollen die Patienten mit der gesamteuropäi- und müssen für ihre Produkte eine Zertifizie- Unternehmensstruktur in der Branche kom-
schen Datenbank für Medizinprodukte «Eu- rung nach den europäischen Verordnungen men, da der erhöhte Regulierungsaufwand
damed» und dem «Implantationsausweis» MDR und IVDR beantragen, um weiterhin in die KMU stärker trifft als die Grossunterneh-
von mehr Transparenz profitieren. die EU exportieren zu können. Damit kämen men. Und schliesslich wirkt sich die stärkere
Die Angleichung der Schweizer Regulie- die hier beschriebenen Kostenfolgen auch Regulierung tendenziell negativ auf die Inno-
rung an die der EU bringt jedoch nicht nur ohne einen Nachzug der Schweizer Regulie- vationstätigkeit und die Arbeitsproduktivität
Vorteile für die Patienten und Konsumenten – rung auf sie zu. Allerdings: Würde die Schweiz der Branche aus.
auch die Wirtschaft spricht sich grösstenteils eine komplett eigenständige Regulierung Die heute gültige Regulierung der Schweiz
dafür aus.1 Denn der erleichterte Zugang der einführen, wäre diese von den exportieren- kann mittel- und langfristig nicht beibehalten
Medizintechnikbranche zum EU-Binnen- den Schweizer Firmen zusätzlich zur EU-Re- werden. Sie basiert auf den bisher geltenden
markt, wie er heute dank den bilateralen Ver- gulierung umzusetzen. Damit würden weite- EU-Richtlinien, die mit der Umstellung der EU
trägen besteht, bleibt nur erhalten, wenn die re Kosten auf diese Firmen zukommen. auf die neuen Verordnungen MDR und IVDR
Äquivalenz der Rechtsordnungen weiterhin Auch der öffentlichen Hand entstehen keine Gültigkeit mehr haben. Zwei mögliche
gewährleistet ist. Das ist für die Branche von Kosten: Bei der Vollzugsbehörde Swissmedic, Alternativen für eine eigenständige Regulie-
enormer Bedeutung: Im Jahr 2016 machten die die in der Schweiz in Verkehr gebrach- rung der Schweiz wurden vom Eidgenössi-
die Exporte rund drei Viertel des Umsatzes ten Medizinprodukte und die Schweizer Kon- schen Departement des Innern geprüft und
aus. Rund die Hälfte der Exporte ging in EU- formitätsbewertungsstellen überwacht, als unrealistisch beziehungsweise zu teuer
und Efta-Staaten. führt die neue Regulierung gemäss der RFA verworfen. Möchte die Schweiz also die Pa-
Doch die Gesetzesrevision hat auch einen zu einem zusätzlichen Vollzugsaufwand von tientensicherheit erhöhen und den erleich-
Preis für die Unternehmen, die öffentliche rund 5,3 Millionen Franken pro Jahr. Die Be- terten Zugang zum EU-Binnenmarkt auch
Hand und möglicherweise auch für die Pa- hörde muss schätzungsweise rund 27 zusätz- in der Medizinproduktebranche erhalten, so
tienten und Konsumenten. Mit welchen Kos- liche Vollzeitstellen schaffen, um die neuen bleibt der einzige Weg, die durch die Geset-
tenfolgen zu rechnen ist, haben die Autorin- und vertieften Aufgaben der Regulierung zu zesrevision entstehenden Kosten in Kauf zu
nen im Rahmen einer Regulierungsfolgenab- erfüllen. nehmen.
schätzung (RFA) untersucht. Neben den Vorteilen beim Gesundheits-
Die rund 700 Hersteller und Zulieferer in und Konsumentenschutz birgt die neue Re-
der Schweiz sind unter der neuen Regulie- gulierung auch gewisse Risiken für die Pa-
rung mit deutlich höheren Anforderungen tienten und Konsumenten: So wird befürch-
konfrontiert als bisher. Die zusätzlichen Kos- tet, dass während der Übergangsphase die
ten für die Umsetzung der neuen Regulierung Zertifikate für einige Produkte nicht rechtzei-
nach Ende der Übergangsphase belaufen sich tig erneuert werden können und dass es auf-
gemäss Grobschätzung im Rahmen der RFA grund der höheren Anforderungen auch nach
auf insgesamt rund 525 Millionen Franken pro Ende der Übergangsphase zu Engpässen für Sarah Werner
Jahr: Zum einen müssen die Unternehmen bestimmte Produkte und Patientengruppen Ökonomin, Ecoplan, Bern
rund 1000 zusätzliche Vollzeitstellen in den kommen könnte.
Bereichen Regulierung, Compliance und kli-
nische Evidenz schaffen, was Personalkosten Gesamtwirtschaftliche Effekte
in der Höhe von rund 175 Millionen Franken
pro Jahr entspricht. Zum anderen entstehen Neben den oben ausgewiesenen Kosten sind
produktspezifische Kosten in den Bereichen auch verschiedene gesamtwirtschaftliche Ef-
Entwicklung, Zertifizierung und Marktüber- fekte zu erwarten: Bleibt der erleichterte Zu-
wachung in Höhe von rund 350 Millionen gang zum EU-Binnenmarkt erhalten, so bleibt
Franken pro Jahr (siehe Abbildung). die Attraktivität des Standorts Schweiz für die
Allerdings ist davon auszugehen, dass Medizintechnik innerhalb Europas auch wei- Ursula Walther
Politologin, Ecoplan, Bern
ein Grossteil dieser Kosten ohnehin entste- terhin gewährt. Der zusätzliche Fachkräfte-
hen würde: Denn die meisten Schweizer Her- bedarf wird zu einem Beschäftigungswachs-
tum in der Branche führen und gleichzeitig Literatur
Ecoplan/Axxos (2018). Regulierungsfolgenabschätzung
1 Siehe den Standpunkt von Peter Studer in diesem
den Fachkräftemangel in der Branche wei- zur Revision des Medizinprodukterechts. Schluss-
Dossier. ter verstärken. Zudem wird es voraussicht- bericht im Auftrag des BAG und Seco.

54  Die Volkswirtschaft 1–2 / 2019


MEDIZINPRODUKTE

Die gegenseitige Anerkennung erleichtert


den Zugang zum EU-Markt
Seit 2002 besteht zwischen der Schweiz und der EU ein Abkommen über die gegenseitige An-
erkennung von Konformitätsbewertungen. Dank diesem Abkommen haben Schweizer Unter-
nehmen gleichwertige Zugangsbedingungen zum EU-Binnenmarkt wie ihre europäischen
Mitbewerber – auch bei Medizinprodukten.  Viviane Farré Tiercy

Abstract    Als technische Handelshemmnisse gelten Behinderungen des grenzüber- schreitende Verkehr intensiviert, sinken ten-
schreitenden Warenverkehrs, die Schweizer Exportunternehmen benachteiligen. denziell die Export- und Importkosten, wo-
Das Bundesgesetz über die technischen Handelshemmnisse (THG) beauftragt den von sowohl die Hersteller als auch die Patien-
Bundesrat, solche Hemmnisse abzubauen, insbesondere durch den Abschluss inter- ten in der Schweiz profitieren. Letztere haben
nationaler Abkommen über die Anerkennung von Konformitätsbewertungen (Mutu- dadurch ohne zusätzliche Wartezeit Zugriff
al Recognition Agreement, MRA). Dank dem MRA können Schweizer Hersteller ihre auf eine breitere Palette an Medizinproduk-
Medizinprodukte ohne zusätzlichen administrativen Aufwand in die Europäische ten, sodass das Risiko eines Versorgungseng-
Union (EU) exportieren. Die sofortige Verfügbarkeit von Medizinprodukten, die auf passes abnimmt.
dem EU-Binnenmarkt in Verkehr gebracht wurden, reduziert für die Patienten in der
Schweiz zudem das Risiko von Versorgungsengpässen. Im Rahmen der Revision des Senkung der administrativen
Medizinprodukterechts muss der entsprechende Anhang des MRA aktualisiert wer-
den, um den erleichterten Zugang zum EU-Markt für Schweizer Hersteller aufrecht-
Kosten
zuerhalten. Dank der Harmonisierung der Schweizer und
der Europäischen Gesetzgebung können die
Hersteller Medizinprodukte, die nach den

D  as Bundesgesetz über die technischen


Handelshemmnisse (THG) beauftragt
den Bundesrat, technische Handelshemm-
EU-Verordnungen3 sollen nun die gelten-
den Vorschriften für das Inverkehrbringen
von Medizinprodukten stärken. Die Schweiz
gleichen Vorschriften gefertigt wurden, auf
beiden Märkten verkaufen. Somit müssen sie
nicht zwei unterschiedliche Produkteserien
nisse, welche den grenzüberschreitenden hat entschieden, ihre Gesetzgebung zu den herstellen, um zwei verschiedenen Gesetzge-
Warenverkehr behindern, abzubauen und zu Medizinprodukten an diese Entwicklung des bungen zu entsprechen.
vermeiden. So ist zwischen der Schweiz und EU-Rechts anzupassen. Dadurch will sie die Je nach Kategorie der Medizinproduk-
der EU beispielsweise seit 2002 ein Abkom- Patientensicherheit verbessern und den mit te verlangen sowohl die heutige als auch die
men über die gegenseitige Anerkennung der EU ausgehandelten erleichterten Markt- zukünftigen Gesetzgebungen eine Konfor-
von Konformitätsbewertungen (Mutual Re- zugang aufrechterhalten. mitätsbewertung durch eine Stelle, die prüft,
cognition Agreement, MRA)1 in Kraft. Ziel Das MRA zwischen der Schweiz und der ob das Produkt den gesetzlichen Anforderun-
dieses Abkommens ist es, den Wirtschafts- EU gehört zu den «Bilateralen I» und basiert gen entspricht, und gegebenenfalls eine Kon-
akteuren den gegenseitigen Marktzugang auf der Gleichwertigkeit der Gesetzgebun- formitätsbescheinigung ausstellt (siehe Kas-
zu erleichtern. Auch die Medizinprodukte gen in mehreren Produktesektoren. Ist diese ten 2). Das MRA sieht die Anerkennung solcher
fallen unter dieses MRA. Das Medizinpro- Gleichwertigkeit bestätigt, werden die Kon- Bescheinigungen vor, sofern die Konformitäts-
dukterecht legt zum Beispiel Vorschriften formitätsbescheinigungen von beiden Par- bewertungsstelle (KBS) der einen Vertragspar-
für das Inverkehrbringen von Hüftprothe- teien anerkannt. Neben der gegenseitigen tei von der anderen anerkannt wurde. So kann
sen, Korrekturbrillen oder Pflastern fest. Die Anerkennung der Konformitäts­bewertungen ein Hersteller in der Schweiz oder in der EU
2010, nach dem Skandal mit den PIP-Brust- sieht das MRA weitere Vereinfachungen für nach den an seinem Geschäftssitz geltenden
implantaten2, verabschiedeten neuen die Wirtschaftsakteure (Hersteller, Impor- Gesetzen produzieren und sein Produkt von
teure und Händler) sowie die Teilnahme der einer KBS in der Schweiz oder in der EU prü-
Schweiz am Marktüberwachungssystem der fen lassen. Da die Bescheinigungen anerkannt
1 Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenos- EU vor. Dank dem MRA gelten für Schwei- werden, muss er das Produkt kein zweites Mal
senschaft und der Europäischen Gemeinschaft über zer Unternehmen auf dem für sie wichti- prüfen, um auf den Markt der anderen Ver-
die gegenseitige Anerkennung von Konformitäts-
bewertungen (Mutual Recognition Agreement, MRA; gen EU-Binnenmarkt die gleichen Zugangs- tragspartei zu gelangen. Dank gleichwertiger
SR 0.946.526.81) vom 21. Juni 1999, in Kraft getreten am bedingungen wie für ihre Mitbewerber aus
1. Juni 2002.
2 Über den französischen Brustimplantatehersteller Poly der EU (siehe Kasten 1). Wird der grenzüber- Kasten 1: Die EU – ein wichtiger
Implant Prothèse (PIP) wurde 2010 bekannt, dass die
Implantate eine Gefahr für die Gesundheit darstellen 3 Verordnung (EU) 2017/745 des Europäischen Parlaments ­Absatzmarkt
und dass das Unternehmen betrügerisch vorgegangen und des Rates vom 5. April 2017 über Medizinprodukte,
Der Umsatz der Schweizer Medizinprodukte­
war. Der Skandal erreichte internationales Ausmass, da ABl L 117 vom 5.5.2017, S. 1 (MDR). Verordnung (EU)
PIP weltweit der drittgrösste Hersteller von Brustim- 2017/746 des Europäischen Parlaments und des Rates branche lag 2015 bei 14,1 Milliarden Franken. Allein
plantaten war (Artikel in der Zeitung LeMonde.fr vom vom 5. April 2017 über In-vitro-Diagnostika, ABl L 117 die Exporte in die EU machten 39 Prozent dieser
18. Januar 2012, aufgerufen am 16. Oktober 2018). vom 5.5.2017, S. 176 (IVDR). Summe aus, was 5,5 Milliarden Franken entspricht.

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  55
MEDIZINPRODUKTE

tinuierliche Anpassung. So überprüfen die


Kasten 2: Konformitätsbewertungsverfahren
Schweiz und die EU bei Revisionen ihres je-
Die Gesetzgebung sieht je nach repräsentatives Exemplar des beurteilt, ob die unerwünschten weiligen Medizinprodukterechts fortlau-
Risikoklasse eines Produkts Produkts die Anforderungen er- Nebenwirkungen und das Ver-
mehrere mögliche Verfahren füllen. Das betrifft insbesondere hältnis von Nutzen und Risiko fend, dass die Gesetzgebungen nach wie vor
vor. Bei Kondomen (Klasse IIb, die Beschreibung, die Zweck- vertretbar sind. Dabei hält sich gleichwertig sind, und passen Kapitel 4 des
Klassifizierungsregel Nr. 15) kann bestimmung, die Grundsätze die Konformitätsbewertungs- Abkommens an.
der Hersteller beispielsweise betreffend den Betrieb sowie stelle an einen Prüfungsplan, in Die neuen Gesetzgebungen der EU und
das Verfahren auf der Grund- die Wirkungsweise, die vom dem alle relevanten und kriti-
lage der «Baumusterprüfung»a Hersteller angegeben wurden. schen Parameter festgelegt sind, der Schweiz zu den Medizinprodukten se-
wählen: In diesem Fall muss die Bei den vorgelegten klinischen die geprüft werden müssen. hen zusätzliche Pflichten für die Wirt-
Konformitätsbewertungsstelle Nachweisen wird die Erfüllung schaftsakteure vor; insbesondere was die
a Artikel 52 § 4 im Zusammenhang
feststellen und bescheinigen, der Sicherheits- und Leistungs- mit den Anhängen IX, X und XI der Rückverfolgbarkeit von Produkten nach
dass die Dokumentation und ein anforderungen überprüft und Verordnung (EU) 2017/745.
dem Inverkehrbringen angeht. Ausser-
dem sind die Pflichten bezüglich der Vigi-
Rechtsvorschriften und der Vermeidung dop- einen Bevollmächtigten in der EU zu benen- lanz – das heisst der Beobachtung des Pro-
pelter Konformitätsbewertungen vereinfacht nen − und umgekehrt. Somit haben Schwei- duktes und der Meldung von Vorkommnis-
das MRA also die Exporte. Zudem macht es die zer Hersteller auf dem EU-Binnenmarkt einen sen – verstärkt worden. Auch die Behörden
Exporte profitabler, denn es senkt die adminis- Wettbewerbsvorteil gegenüber Herstellern müssen neu eine aktive Marktüberwachung
trativen Kosten und ermöglicht die Produktion aus Drittländern. Zusätzlich anerkennen die ausüben.5 Die Anforderungen an die Bewer-
grösserer Serien. Schweiz und die EU den Bevollmächtigten, tung und die Bezeichnung von Konformi-
Der Importeur ist ausserdem gesetz- der von einem in einem Drittland ansässigen tätsbewertungsstellen sind höher. Das Kapi-
lich verpflichtet, das Medizinprodukt bei der Hersteller im Hoheitsgebiet der jeweils ande- tel 4 des MRA wird deshalb zwischen 2019
Einfuhr aus einem Drittland mit seinem Na- ren Partei ernannt wurde. Ein Beispiel: Der Be- und 2020 entsprechend überarbeitet, um
men und seiner Adresse zu kennzeichnen.4 vollmächtigte eines Herstellers mit Sitz in den diese Veränderungen auch in den Beziehun-
Da die Schweiz für den EU-Binnenmarkt USA, der in der Schweiz ernannt wurde, ist gen zwischen der EU und der Schweiz abzu-
ein Drittland ist, müsste ein Importeur, der folglich auch von der EU anerkannt und hat bilden. Mit der Revision von Kapitel 4 soll der
ein EU-Medizinprodukt auf dem Schwei- direkten Zugang zum europäischen Markt. erleichterte Zugang für Schweizer Herstel-
zer Markt in Verkehr bringen möchte, dieses ler zum EU-Markt aufrechterhalten und die
theoretisch neu kennzeichnen. Doch mit dem Vorteile für Behörden und Zusammenarbeit zwischen den Behörden
MRA lässt sich diese kostspielige Doppel- beider Parteien verstärkt werden, damit die
arbeit für die Wirtschaftsakteure vermeiden.
­Patienten Schweiz und die EU über eine effiziente und
Die Produkte können auf beiden Märkten in Alle diese Vereinfachungen wurden in Ver- einheitliche Marktüberwachung verfügen.
Verkehr gebracht werden, ohne dass Ände- bindung mit Kooperationsmechanismen aus- 5 Ecoplan/Axxos (2018). Regulierungsfolgenabschätzung
rungen nötig wären bei den grundlegenden gehandelt, die eine wirksame und einheitli- zur Revision des Medizinprodukterechts, Bern,
Anforderungen oder bei bestimmten forma- che Marktüberwachung ermöglichen. So be- 22. August, S. 85.

len Vorgaben (gleichwertige Rechtsvorschrif- teiligen sich die Schweizer Behörden an der
ten und Vereinfachungen dank MRA). Solche EU-weiten Marktüberwachung und profitie-
technischen Hemmnisse werden vermieden, ren von Informationen über nicht konforme
und Schweizer Hersteller profitieren von den Produkte. Das verbessert letztlich die Patien-
gleichen Wettbewerbsvorteilen wie die Her- tensicherheit in der Schweiz. Mit der Beseiti-
steller in der EU und der Efta. gung technischer Handelshemmnisse profi-
Schliesslich befreit das MRA die Hersteller tieren die Patienten zudem von günstigeren
mit Sitz in der Schweiz auch von der Pflicht, Medizinprodukten, und sie haben eine grös-
sere Auswahl.
4 Für die EU: Anhang I, Punkt 13.3 der Richtlinie 93/42/
EWG des Rates vom 14. Juni 1993 über Medizinprodukte Das MRA stellt allerdings nur eine Mo- Viviane Farré Tiercy
(ABl. L 169 vom 12.7.1993, S. 17). Für die Schweiz: Artikel 7 mentaufnahme der Gleichwertigkeit der sek- Juristin und wissenschaftliche Mitarbeiterin,
Absatz 1 Buchstabe a der Medizinprodukteverordnung Aussenwirtschaftliche Fachdienste, Staats-
vom 17. Oktober 2001, Stand am 26. November 2017
toralen Rechtsvorschriften in der Schweiz
sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
(MepV, SR 812.213). und in der EU dar. Daher braucht es eine kon-

56  Die Volkswirtschaft 1–2 / 2019


MEDIZINPRODUKTE

STANDPUNKT VON PETER STUDER

Auf Swiss Finish verzichten!


Ein einfacher Zugang zum europäischen Markt ist für die Schweizer Medizin-
technikindustrie zentral. Nationale Regelungszusätze braucht es nicht.

Seit 1996 hat die Schweiz eine nationale Medizin­ klassische und aktive implantierbare Medizin­produkte
produkteregulierung. Bei ihrer Ausarbeitung hat man müsste das revidierte nationale Recht demnach bis spä-
von Anfang an darauf geachtet, dass sie mit dem EU- testens im Mai 2020 in Kraft sein. Und zweitens die
Recht übereinstimmt. 2002 konnten dank den Bilatera- Gleichwertigkeit von Schweizer Recht und EU-Recht:
len I mit der EU technische Handelshemmnisse abgebaut Auf einen sogenannten Swiss Finish mit nationalen Re-
und der gegenseitige Marktzugang vereinfacht werden. gelungszusätzen sollte komplett verzichtet werden. Die
Patienten in der Schweiz haben seither einen einfachen am 21. November 2018 vom Bundesrat zur Beratung ans
und raschen Zugang zu hochwertigen Medizinproduk- Parlament überwiesene Botschaft zur Änderung der be-
ten aus ganz Europa. Darüber hinaus hat das Volumen troffenen Gesetze scheint – im Unterschied zum Vorent-
des Exports in die EU-Märkte deutlich zugenommen. wurf für die Vernehmlassung – dem Anspruch an Gleich-
Heute ist die Medizintechnikindustrie ein Leitsektor der wertigkeit auch beim Schweizer Heilmittelgesetz zu ent-
Schweizer Volkswirtschaft. 2017 wurden Medizinpro- sprechen.
dukte im Wert von 11,3 Milliarden Franken exportiert. Eine vollständige Äquivalenz zu den neuen EU-Re-
Das entspricht einem Ausfuhrvolumen von über 5 Pro- gulierungen wird erst mittels Anpassung der nationalen
zent der Schweizer Gesamtexporte. Europa ist dabei der Verordnungen zu erreichen sein. Auch auf Stufe Verord-
wichtigste Exportmarkt für die Schweizer Medizintech- nung sind die zwei erwähnten Kriterien zu berücksich-
nikindustrie. tigen. Insbesondere sollte beachtet werden, dass natio-
nale Freiräume, welche durch die neuen EU-Rechtstexte
Marktzugang erhalten explizit vorgesehen sind, nicht für Sonderlösungen um-
genutzt werden. Einzelstaatliche Regelungen können
Diese zentrale Errungenschaft des erleichterten Markt- beispielsweise bei betriebsintern hergestellten Medi-
zugangs sollte unbedingt erhalten bleiben – sowohl zinprodukten, bei Ausnahmebewilligungen und bei der
aus Sicht der Patienten als auch aus volkswirtschaft- Wiederaufbereitung von Einmalprodukten eingeführt
licher Perspektive. Eine Voraussetzung dafür ist, dass werden. Die Medizintechnikbranche würde es auch hier
das Schweizer Medizinprodukterecht an die neuen EU-­ begrüssen, wenn sich diese Revisionen auf Anpassungen
Regelungen für Medizinprodukte angepasst wird. Für beschränken würden, die für die Sicherstellung des heu-
die hiesige Branche sind im Zusammenhang mit dieser tigen Abkommens zwischen der EU und der Schweiz nö-
Rechtsanpassung zwei Punkte besonders wettbewerbs- tig sind. Mehr braucht es nicht.
entscheidend. Erstens der Zeitpunkt der Inkraftsetzung:
Industrievertreter der Schweiz müssen die Gewissheit
haben, sich zeitgleich mit dem restlichen Europa auf ak- Peter Studer ist Leiter Regulatory Affairs beim Branchen­
tualisierte Rechtsvorschriften abstützen zu können. Für verband Swiss Medtech in Bern.

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  57
MEDIZINPRODUKTE

STANDPUNKT VON RETO BUCHER

Engpässe bei der Versorgung


Mit der neuen Medizinprodukteverordnung der EU erhöht sich die Markt­
eintrittsschwelle für Medizinprodukte deutlich. Viele Anbieter bleiben auf
der Strecke.

Medizinprodukte sind ein wesentlicher Faktor bei der stellt sich dann die Frage, ob die Beschaffungsorganisa-
Behandlung von Patientinnen und Patienten. Die Palet- tionen kurzfristig in der Lage sind, den Bedarf an Alter-
te der Medizinprodukte reicht vom einfachen Pflaster nativartikeln auf dem Gesundheitsmarkt zu evaluieren.
bis hin zu komplexen Implantaten wie etwa in der Or- Noch vor Einführung der MDR könnte bereits der Brexit
thopädie oder der Kardiologie. Meist bestehen bei der das Angebot an Medizinprodukten negativ beeinflussen.
Verwendung solcher Produkte auch Abhängigkeiten Denn mehrere massgebende Zertifizierungsstellen (so-
von Medizintechnikgeräten. Das erschwert den Wechsel genannte Notified Bodies) sind in England ansässig.  Mit
eines Medizinproduktes oft, sodass er teilweise nur mit dem Brexit werden die Zertifikate dieser Stellen für den
beachtlichen Investitionskosten erfolgen kann. EU-Raum grösstenteils ungültig.
Man geht davon aus, dass im Schweizer Markt ak- Die grösste Herausforderung für die Endabnehmer
tuell rund 500 000 verschiedene Medizinprodukte ver- wird jedoch die Informationsbeschaffung betreffend die
wendet werden. Selbst bei einem kleinen Unfall wie bei- Verfügbarkeit der Produkte sein. Wie werden sie recht-
spielsweise dem Sturz eines Radfahrers mit Schürfwun- zeitig über die Produkte, die zukünftig nicht mehr er-
den und einem gebrochenen Handgelenk werden ab hältlich sein werden, informiert? Und wie schaffen es
Eintreffen der Ambulanz bis zum Spitalaustritt nach 2 bis die Verantwortlichen, die Versorgungssicherheit im Spi-
3 Tagen 150 bis 200 Medizinprodukte benötigt, um den tal zu gewährleisten, damit jeder Patient seinem Bedarf
Patienten ordentlich versorgen zu können. entsprechend behandelt werden kann?
Lieferanten und Hersteller werden über Liefereng-
Brexit verkleinert Angebot pässe sehr zurückhaltend informieren; nämlich erst
dann, wenn sie selber Gewissheit über die Verfügbar-
Infolge der Anpassungen des Rechtsrahmens für Medi- keit der Produkte haben. Das ist verständlich, da der Be-
zinprodukte in der EU ist im Mai 2017 bereits die EU-Ver- schaffungsmarkt sehr schnell reagiert und ein Lieferant,
ordnung über Medizinprodukte (MDR) in Kraft getreten, der transparent informiert, selber Absatzprobleme be-
die im Frühjahr 2020 ihre Gültigkeit erlangt. Wie wirkt kommen wird. Deshalb muss heute davon ausgegangen
sich die neue EU-Verordnung auf die Spitäler und Pa- werden, dass es in etlichen Fällen sehr schwierig sein
tienten aus? Die Spitäler befinden sich in internationa- wird, zeitgerecht Alternativprodukte zu beschaffen.
len Abhängigkeiten. Gemäss heutigem Informations-
stand rechnet man damit, dass mit der Revision Anbie- Reto Bucher ist Leiter Beschaffung und Logistik beim Kantons-
ter und Produkte vom Markt verschwinden werden. Es spital Aarau.

58  Die Volkswirtschaft 1–2 / 2019


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2017 3/2018 2/2018 1/2018 4/2017
Schweiz 1,0 Schweiz –0,2 0,7 0,6 0,6
Deutschland 2,2 Deutschland –0,2 0,5 0,3 0,6
Frankreich 1,8 Frankreich 0,4 0,2 0,2 0,6
Italien 1,5 Italien 0,0 0,2 0,3 0,3
Grossbritannien 1,7 Grossbritannien 0,6 0,4 0,1 0,4
EU 2,4 EU 0,3 0,4 0,4 0,6
USA 2,3 USA 0,9 1,0 0,5 0,6
Japan 1,6 Japan –0,3 0,7 –0,2 0,1
China 6,8 China 1,6 1,8 1,4 1,6
OECD 2,5 OECD 0,5 0,7 0,5 0,6

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2017 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2017 2017 3/2018
Schweiz 65 096 Schweiz 4,8 Schweiz 4,4
Deutschland 50 705 Deutschland 3,8 Deutschland 3,4
Frankreich 42 698 Frankreich 9,4 Frankreich 9,0
Italien 39 823 Italien 11,2 Italien 10,3
Grossbritannien 43 857 Grossbritannien 4,4 Grossbritannien –
EU 40 920 EU 7,6 EU 6,8
USA 59 535 USA 4,4 USA 3,8
Japan 43 896 Japan 2,8 Japan 2,4
China – China – China –
OECD 43 800 OECD 5,8 OECD 5,3

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr ­Vorjahresmonat
2017 Oktober 2018
Schweiz 0,5 Schweiz 1,1
Deutschland 1,7 Deutschland 2,5
Frankreich 1,0 Frankreich 2,2
Italien 1,2 Italien 1,6
Grossbritannien 2,7 Grossbritannien 2,2
EU 1,7 EU 2,2
SECO, BFS, OECD

USA 2,1 USA 2,5


Japan 0,5 Japan 1,4
China 1,6 China –
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,3 OECD 3,1
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  1–2 / 2019  59
Grossunternehmen bei
Weiterbildung vorbildlich
Viele Arbeitgeber in der Schweiz unterstützen ihre Angestellten bei der beruflichen
Weiterbildung in Form von Zeit oder Geld. 2016 kamen schweizweit 68 Prozent der Erwerbs-
tätigen zwischen 18 und 65 Jahren in diesen Genuss. Besonders hoch ist dieser Anteil in
Grossunternehmen.

Unternehmensgrösse
77 Prozent der Angestellten in
Grossunternehmen werden bei der
Weiterbildung unterstützt. In kleinen
Unternehmen mit bis zu 49 Beschäftig-
ten sind es 62 Prozent.

BFS (2018). LEBENSLANGES LERNEN IN DER SCHWEIZ. ERGEBNISSE DES MIKROZENSUS AUS- UND WEITERBILDUNG 2016 / BFS (2018). BERUFLICHE WEITERBILDUNG IN UNTERNEHMEN IM JAHR 2015. HAUPTBERICHT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Beschäftigungsgrad
71 Prozent der Vollzeitarbeitenden
werden vom Arbeitgeber unterstützt.
Bei Teilzeitarbeitenden mit weniger
als 50 Stellenprozent wird nur jeder Kostenbeteiligung
zweite unterstützt. 11 Prozent der Angestellten zwischen
15 und 75 Jahren, die sich weiterbilde-
ten, hatten Ausgaben von mehr als
500 Franken. 80 Prozent mussten
für ihre Weiterbildung nichts bezahlen.

Weiterbildungsdauer
48 Prozent der arbeitgeberunter-
stützten Weiterbildungen dauern we-
niger als 8 Stunden. 40 Prozent dauern
bis zu einer Woche. Nur 12 Prozent der
Weiterbildungen beanspruchen mehr
als eine Woche.

Bildungsniveau
41 Prozent der Erwerbstätigen, die nur
über einen o
­ bligatorischen Schulabschluss
verfügen, können sich am Arbeitsplatz
weiterbilden. Bei Personen mit Hochschul-
abschluss ist der Anteil mit 81 Prozent
doppelt so hoch.
VORSCHAU

Ausgabe
Die nächste 6. Februar
m2
­erscheint a

IM NÄCHSTEN FOKUS

R  und um die Landwirtschaft


Der Bundesrat will die Landwirtschaft zwischen 2022 und 2025 mit knapp 14 Milliarden
Franken unterstützen. Die Vernehmlassung dazu läuft bis Ende Februar. Bauern sind
einerseits Lieferanten für die Nahrungsmittelindustrie und den Detailhandel – und an-
dererseits Abnehmer von Futter- und Düngemittel: In der nächsten Ausgabe stellen wir
fünf externe Studien im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) vor, welche
diese Zusammenhänge beleuchten.

Weiterentwicklung der Agrarpolitik in den Jahren Futtermittel: Gründe für Mehrkosten


2022 bis 2025 gibt es genug
Bernard Lehmann, BLW Stefan Mann und Mariana Cerca, Agroscope

Vor- und nachgelagerte Wertschöpfungsstufen Dünger und Pflanzenschutzmittel:


der Landwirtschaft Preisdifferenzen zwischen der Schweiz
Larissa Müller, Timothey Nussbaumer, Seco, und und dem Ausland
Yvan Decreux, BLW Mario Gentile, Alberico Loi und Enrica Gentile, Areté

Weissbrot, Joghurt und Rohschinken – Zahlungsbereitschaft der Bauern bei


was macht die Produkte so teuer? Vorleistungen
Stefan Mann, Agroscope, sowie Katja Logatcheva, Michiel van Alberico Loi, Mario Gentile, Annachiara Saguatti, Areté,
Galen und Marie-Luise Rau, Wageningen Economic Research und Professor Roberto Esposti, Università Politecnica delle
Marche
Marktmacht in Schweizer Food-Märkten Wie beeinflusst die Digitalisierung
Professorin Raushan Bokusheva, ZHAW, Michael Grass und die Landwirtschaft?
Silvan Fischer, BAK Economics, sowie Aaron Grau, Interview mit Professor und Agrarökonom Robert Finger,
Humboldt-Universität zu Berlin ETH Zürich

IMPRESSUM
Herausgeber Abonnementpreise Druck
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Inland Fr. 111.–, Ausland Fr. 120.– Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp
­Bildung und Forschung WBF, Staatssekretariat für Für Studierende kostenlos
App
Wirtschaft SECO, Bern
Layout Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1,
Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Jessica Alvarez, Matthias Hausherr, Illustrationen
Thomas Nussbaum, Stefan Sonderegger Cover: Claudine Etter, atelier-c.ch Erscheint 11x jährlich in deutscher und franzö­
Aufgegriffen: Alina Günter, www.alinaguenter.ch sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
Redaktionsausschuss 92. Jahrgang, mit Beilagen.
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, Kontakt
­Susanne Blank, Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Holzikofenweg 36, 3003 Bern Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung
Cesare Ravara, Markus Tanner, Nicole Tesar Telefon +41 (0)58 462 29 39 der Autorinnen und Autoren und deckt sich
Fax +41 (0)58 462 27 40 nicht notwendigerweise mit der Meinung der
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