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91. Jahrgang Nr. 12 /2018 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW INNOVATION NACHHALTIGE FINANZEN DOSSIER


Bundesrätin Doris Leuthard Der Anteil innovativer Wie anfällig sind Institutionen wollen bei
zur Strommarktöffnung Grossunternehmen steigt Finanzinstitute für Arbeitsintegration besser
30 38 Klimarisiken? zusammenarbeiten
43 53

FOKUS
Öffnung des
Strommarktes
EDITORIAL

Es geht nicht nur um den Preis


Wissen Sie, wie hoch Ihre Stromrechnung ist? Während wir bei gewissen Gütern
sehr preissensitiv sind, kümmert uns der Preis beim Strom kaum. Ein Grund dafür ist
vermutlich, dass wir den Lieferanten nicht frei wählen können.
Nun soll mehr Markt ins Spiel kommen: In der laufenden Vernehmlassung zum
Stromversorgungsgesetz schlägt der Bundesrat die Strommarktöffnung für Haushalte
und andere Kleinverbraucher vor. Ob die Preise für die
Verbraucher sinken, ist nicht sicher, machen doch die Kos-
ten für die Energie durchschnittlich nur etwa 40 Prozent
des Strompreises aus, während
der Rest für Netznutzung und Abgaben anfällt. Ungewiss
ist auch, ob mit der Marktöffnung die Zahl der Energie-
versorger weiter schrumpft.
Die Stromproduktion verändert sich und wird dezentraler
und erneuerbarer. Das neue Stromversorgungsgesetz
hilft mit, die Energiestrategie 2050 umzusetzen, indem
die Produktion aus Wind, Wasser und Sonne gestärkt
wird. Mit einer Speicherreserve soll die Versorgungs-
sicherheit gewährleistet werden, denn kritisch könnte es
gegen Ende Winter werden, wenn die Stauseen leer sind.
Heutzutage hat Schweizer Strom für viele Verteilnetzbetreiber keine Priorität; sie
wollen in erster Linie günstigen Strom einkaufen. «Das ist nicht solidarisch», sagt
Energieministerin Doris Leuthard im Interview.
Übrigens: Die Stromtarife variieren je nach Anbieter und Region. Für das Jahr 2019
werden sie gemäss der Eidgenössischen Elektrizitätskommission im Kanton Zürich
am niedrigsten und im Kanton Jura am höchsten sein.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

8 22

FOKUS

Öffnung des Strommarktes


4 Den Schweizer Strommarkt 8 EU: Liberalisierung begünstigt
zukunftstauglich machen die Energiewende
Wolfgang Elsenbast, Florian Kämpfer Oliver Koch
Bundesamt für Energie Generaldirektion Energie der Europäischen
Kommission

14 Strommarktdesign: 18 Die Stromversorgung in der


Die Politik bestimmt die Schweiz ist gewährleistet
Richtung Matthias Janssen, Jens Perner,
Sander van der Poel
Hannes Weigt Universität Basel
Frontier Economics

30 INTERVIEW

22 Gesetzesrevision verbessert 26 Strommarktöffnung setzt «Die Marktmacht


Effizienz der Stromnetze positive Impulse der Konsumenten
Anna Vettori, Rolf Iten Infras
Lukas Küng BG Ingenieure und Berater
Mathias Spicher
Staatssekretariat für Wirtschaft spielt nicht»
Im Gespräch mit Bundesrätin Doris Leuthard

35 STANDPUNKT 36 STANDPUNKT 37 STANDPUNKT


Eine überfällige Marktöffnung Liberalisierung nur mit Braucht es einen offenen
Patrick Dümmler Avenir Suisse Bedingungen Strommarkt?
Denis Torche Travailsuisse Michael Frank
Verband Schweizerischer
Elektrizitätsunternehmen

67 WIRTSCHAFTSZAHLEN  69 VORSCHAU   69 IMPRESSUM


INHALT

43 60 12

THEMEN

Handelskonflikt, Umweltverhalten und mehr


38 INNOVATIONEN 41 AUFGEGRIFFEN 43 NACHHALTIGE FINANZEN
Grossunternehmen werden bei Der Ausweg aus dem Den Klima-Stresstest bestehen
Forschung und Entwicklung Handelskonflikt Stefano Battiston Universität Zürich
immer bedeutender Eric Scheidegger
Andrin Spescha, Martin Wörter Staatssekretariat für Wirtschaft
KOF Konjunkturforschungsstelle

46 ERWEITERUNGSBEITRAG 50 JUGENDLICHE UND ARBEIT 68 INFOGRAFIK


Ungleichheiten in der EU Schule fertig, was nun? Wie umweltfreundlich sind
verringern Melania Rudin, Roman Liesch, wir?
Jürg Guggisberg
Hugo Bruggmann
Staatssekretariat für Wirtschaft Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien
Siroco Messerli
Direktion für Entwicklung und
Zusammenarbeit

DOSSIER

Arbeitsintegration koordinieren
54 Gute Absprache verbessert 57 Schnittstellen bei der 60 Flüchtlinge besser in den
Wiedereingliederung Arbeitsmarktintegration Arbeitsmarkt integrieren
Christian Kälin optimieren Michèle Laubscher
Staatssekretariat für Wirtschaft Staatssekretariat für Migration
Michael Mattmann, Michael Marti,
Ramin Mohagheghi, Svenja Strahm
Ecoplan

63 Der Aargau beschreitet 65 STANDPUNKT 66 STANDPUNKT


neue Wege Notwendig, aber klar subsidiär Integrieren statt ausgrenzen
Thomas Buchmann Markus Kaufmann
Bruno Sauter
Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons Aargau Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe
Amt für Wirtschaft und Arbeit des Kantons
Peter Eberhard Sozialversicherungsanstalt Aargau Zürich
Karin Hunziker Kooperation Arbeitsmarkt Aarau
STROMMARKTÖFFNUNG

Den Schweizer Strommarkt


zukunftstauglich machen
Mit der Revision des Stromversorgungsgesetzes verbessern sich die Rahmenbedingungen:
Die Versorgungssicherheit erhöht sich, Innovationen werden begünstigt, und die Strom-
versorgung wird effizienter.  Wolfgang Elsenbast, Florian Kämpfer

Abstract   Der europäische und der Schweizer Elektrizitätsmarkt entwi-


Abstract  betreibern für ihre Kunden in der Grundversor-
ckeln sich weiter. Diese Veränderungen erfordern zusätzlich zur Umset- gung selbst erstellt. Zugleich sind 99 Prozent der
zung der Energiestrategie eine Anpassung der regulatorischen Rahmenbe- Schweizer Stromkunden im Monopol des Ver-
dingungen. Die Leitziele für den Strommarkt bei der geplanten Revision des teilnetzbetreibers gefangen. Zu Letzteren zählen
Stromversorgungsgesetzes (StromVG) sind eine langfristige Gewährleis-
nebst den Haushalten auch die meisten kleine-
tung der Stromversorgungssicherheit, die Verbesserung der Effizienz sowie
eine netz- und marktseitige Unterstützung der Energiestrategie. Die volle
ren Unternehmen. Diese mangelnde Wahlfreiheit
Marktöffnung wird Kleinkunden ein Wahlrecht bei der Stromversorgung und die meist starre Tarifierung in der heutigen
geben und Innovationen auslösen, die dazu beitragen, dass die dezentrale Grundversorgung setzen kaum Anreize für eine
Erzeugung besser in den Markt integriert wird und sich neue Geschäftsmo- längerfristig effiziente, transparente und innova-
delle entwickeln. Eine Speicherreserve soll die Versorgungssicherheit absi- tive Stromwirtschaft.
chern. Zudem sollen Verbesserungen der Netzregulierung Effizienzsteige- Bis zum Jahre 2050 wird es im Kontext der
rungen unterstützen. Diese vom Bundesrat vorgeschlagenen Massnahmen Energiestrategie zu einem erheblichen Netz-
sollen zu mehr Transparenz, Verursachungsgerechtigkeit und einer effekti-
ausbau – vor allem in den Verteilnetzen – kom-
ven Nutzung von Flexibilitäten führen.
men. Der Ausbau kann nur zu wirtschaftlich
vertretbaren Kosten erfolgen, wenn Schwä-

D ie Stromproduktion in Europa verändert sich


zusehends von einer zentralen hin zu einer
dezentralen Ausrichtung mit erneuerbaren Ener-
chen in der Netzregulierung korrigiert werden.
Wichtig ist dabei  der Einbezug von effizienten
Smart-Grid-Technologien.
gien. Im Zuge des fortschreitenden europäischen Die Revision des Stromversorgungsgesetzes
Energiebinnenmarktes verflechten sich die natio- (StromVG), die sich bis Ende Januar 2019 in der
nalen Strommärkte immer stärker. Dadurch ver- Vernehmlassung befindet, beinhaltet die beiden
ändern sich die Marktzusammenhänge auch in grossen Themenblöcke Markt- und Netzregulie-
der Schweiz. rung (siehe Abbildung). Bei der Marktregulierung
Eine zentrale Herausforderung ist die Versor- stehen die langfristige Sicherstellung der Versor-
gungssicherheit, welche in der Schweiz im euro- gungssicherheit, die Verbesserung der Effizienz
päischen Kontext betrachtet werden muss. Insbe- des Marktes sowie die marktseitige Unterstüt-
sondere im Zusammenhang mit zwischenzeitlich zung der Energiestrategie 2050 und die Markt-
niedrigen Grosshandelspreisen  – Tiefstand im integration der Erneuerbaren im Vordergrund.
Jahr 2016 – stellt sich die Frage, welche Anpassun- Nicht vorgesehen sind hingegen wirtschaftspoli-
gen am regulatorischen Rahmen nötig sind, um tische Massnahmen wie die finanzielle Unter-
die Versorgung auch in Zukunft zu gewährleisten. stützung ausgewählter Produktionstechnologien
Welche Rahmenbedingungen garantieren lang- oder einzelner Unternehmen. Bei der Netzregu-
fristig hinreichende Investitionsanreize, damit lierung sollen die Verursachergerechtigkeit, die
die nötigen Kraftwerke zur Verfügung stehen? Effizienz und die Transparenz sowie der Regulie-
In der Schweiz verzerrt die Teilmarktöffnung rungsrahmen verbessert werden.
den Markt: Es werden heute bereits fünf Sechs- Obwohl die Marktöffnung hinsichtlich einer
tel der gelieferten Strommenge über den Markt umfassenden Integration in den europäischen
beschafft – nur ein Sechstel wird von den Netz- Strommarkt mittelfristig unabdingbar ist,

4 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

KEYSTONE
STROMMARKTÖFFNUNG

bringt sie auch unabhängig davon Vorteile für den («Energy only»), soll weiterhin bestehen
die Schweiz. Als Kernstück der Revision bringt bleiben und die Basis für langfristige Investi-
sie den Haushalts- und Gewerbekunden umfas- tionsentscheide sowie kurzfristige Einsatzent-
sende Wahlfreiheiten. Wie in anderen Netzin- scheide bilden. Marktmechanismen wie etwa fle-
dustrien sollen die Kunden selbstbestimmt ihren xiblere Endverbrauchertarife, welche durch die
Versorger wählen und auf ihre Wünsche zuge- Strommarktöffnung ermöglicht werden, werden
schnittene Produkte (zum Beispiel reine Was- in der Revision gestärkt. In Bezug auf die Versor-
serkraft) beziehen können. Die Marktöffnung gungssicherheit zeigen mehrere Studien, dass
wird innovative Dienstleistungen befördern. So diese durch Schweizer Erzeugungskapazitäten
könnte der Strombezug für Haushalte zum Bei- und eine Anbindung an die benachbarten Strom-
spiel mit dem Lademanagement von Elektromo- märkte sogar ohne Stromabkommen marktba-
bilen verknüpft werden. Denkbar ist auch, dass siert gewährleistet werden kann.2 Für zusätzli-
sich regionale Stromproduzenten und Verbrau- che Sicherheit soll eine Speicherreserve im Sinne
cher zusammenschliessen, um ihren Strom aus einer Versicherung sorgen. Diese ist so zu konzi-
Fotovoltaikanlagen ohne Zwischenhändler zu pieren, dass sie Energie für unvorhergesehene Si-
vermarkten. Solche Modelle können auch mit tuationen ausserhalb des Marktes vorhält.
Beteiligungen an Produktionsanlagen verbun-
den werden. Dadurch werden mehr erneuerbare Netzregulierung wird effizienter
Energien in den Markt integriert – was im Sinne
der Energiestrategie 2050 ist.1 Verbesserungen in der Netzregulierung betreffen
Gemäss dem Revisionsvorschlag ist weiterhin zunächst eine Korrektur der ungenügenden Ver-
eine Grundversorgung zu gewährleisten, welche ursachergerechtigkeit bei den Netznutzungsent-
kleinere Endverbraucher angemessen vor Preis- gelten. Obwohl die Leistung (Kilowatt) der haupt-
missbrauch schützt und in die man immer wie- sächliche Dimensionierungsfaktor ist und somit
der zurückwechseln kann. Zudem soll die Aus- den wesentlichen Kostentreiber bei den Strom-
gestaltung der Grundversorgung zusätzlich die netzen darstellt, orientieren sich die Tarife für die
Umsetzung der Energiestrategie 2050 marktnah Endverbraucher mehrheitlich an der bezogenen
stützen. So ist vorgesehen, dass der Standardver- Energie (Kilowattstunden). Dies soll durch Mög-
trag in der Grundversorgung auf einem Schwei- lichkeiten einer (innovativen) Leistungstarifie-
zer Strommix beruht, der bezüglich Erneuerba- rung korrigiert werden, damit die Netznutzung
ren-Anteil mindestens die Anforderungen der durch die ökonomischen Knappheiten mehr ge-
1 I nstitut für Strategi­
Energiestrategie 2050 abbildet. Dies stärkt die steuert wird und implizite Verteilungseffekte be-
sches Management, heimische Produktion auch über einen Wertge- grenzt werden.
Wirtschaftsuniversität
Wien (2018). winn der Herkunftsnachweise. Das Regulierungssystem bleibt kostenba-
2 ETH Zürich und Uni­
versität Basel (2017) und
Das derzeitige Marktmodell, bei dem nur tat- siert. Gleichzeitig wird es durch ein umfas-
Elcom (2018). sächlich gelieferte Energiemengen vergütet wer- sendes Transparenzinstrument («Sunshine-­

Ziele der Gesetzesrevision

Markt Netz

Verbesserung
Versorgungs­ Wirtschaftliche Marktintegration Verursacher­ Effizienz und
Regulierungs­
sicherheit Effizienz Erneuerbare gerechtigkeit Transparenz
rahmen
BFE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Strommarktregulierung Netzregulierung

Europäischer Strommarkt

6  Die Volkswirtschaft  12 / 2018
FOKUS

Regulierung») verbessert: Zukünftig kann die – volle Marktöffnung, die für alle Kunden eine
Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) umfassende Freiheit bei der Lieferantenwahl
umfassende Effizienz- und Qualitätsindikatoren schafft, sodass sie ihren Strombezug über
für die Netzbetreiber veröffentlichen und somit Preis und Leistung optimieren;
«milde» Anreize zur Verbesserung in der Leis- – eine durch die volle Marktöffnung geförder-
tungserbringung setzen. Eine weiterführende te kundennahe Dienstleistungsentwicklung,
Anreizregulierung, welche explizite finanzielle welche die Umsetzung der Energiestrategie
Anreize setzt, soll im Rahmen einer weiteren Re- 2050 stützt (beispielsweise direkter Strombe-
vision eingeführt werden, wenn sich bei der Netz- zug von lokalen Produzenten, Optimierung der
kostenentwicklung auf der Verteilnetzebene kei- Stromprodukte für Verbraucher beziehungs-
ne genügende Steigerung der Effizienz ergibt. weise Produzenten mit mehreren Standorten
Um einen effizienten Netzausbau in den Ver- – zum Beispiel KMU – oder Produkt-Dienstleis-
teilnetzen zu stärken und neue netznahe Märk- tungs-Bündel für Elektromobilität, Heimspei-
te zu entwickeln, bedarf es einer besseren Nut- cher und erneuerbare Erzeugung);
zung vor allem netzdienlicher Flexibilitäten wie – verursachergerechtere Netztarifierung;
des Einspeisemanagements und der Nutzung fle- – verbesserte Effizienzanreize durch erhöhte
xibler Lasten (beispielsweise Wärmepumpen, de- Transparenz;
zentrale Speicher, Ladung von Elektromobilen). – effizientere Nutzung der Verteilnetze durch
Diese können mittelfristig als Ersatz für den kon- bessere Netznutzungsanreize sowie eine um-
ventionellen Netzausbau dienen. Zudem werden fangreichere Nutzung von Flexibilitäten;
attraktive Geschäftsmodelle gefördert wie virtu- – gesamtwirtschaftlich sinnvoll begrenzte
elle Kraftwerke und Aggregatoren, die auf der ef- Wahlfreiheiten im Messwesen.
fektiven Nutzung vorhandener Flexibilitäten in
der Last und der Erzeugung beruhen. Zu diesem Abschliessend lässt sich sagen: Die Revi-
Zweck soll klar geregelt werden, dass das Inha- sion des StromVG trägt durch die bei einer vol-
berrecht der Flexibilität beim jeweiligen Erzeu- len Marktöffnung zu erwartenden Innovationen,
ger beziehungsweise Verbraucher liegt. Er kann eine umfängliche Absicherung der Versorgungs-
sie selber nutzen oder vertragsbasiert dem Netz- sicherheit und eine verbesserte Netzregulierung
betreiber oder einem Marktteilnehmer anbieten. dazu bei, dass der Wirtschaftsstandort Schweiz
Da im Messwesen Ineffizienzen bestehen, sich den künftigen volkswirtschaftlichen Anfor-
welche durch die Elcom dokumentiert sind, sol- derungen angemessen und in dynamischer Weise
len grössere Endverbraucher sowie die Betreiber stellen kann.
von grösseren Elektrizitätserzeugungsanlagen
und Speichern ein gesetzliches Recht erhalten,
ihren Anbieter im Bereich der Verrechnungs-
messung zu wählen. Auch weitere Massnah-
men haben zum Ziel, die Regulierung zu verbes-
sern. So sind die Leitplanken für Massnahmen
zur Gewährleistung des sicheren Netzbetriebs
zu schärfen. Weiter wird detailliert geregelt, wie Wolfgang Elsenbast Florian Kämpfer
man sicherstellt, dass die Übertragungsnetzbe- Dr. rer. pol., Projektleiter Dr. phil.-nat., Projektleiter
treiberin Swissgrid in Schweizer Hand bleibt. Netzregulierung, Sektion Strommarktdesign, Sektion
Marktregulierung, Bundes- Marktregulierung, Bundes-
Zudem werden die Regulierungsbefugnisse der amt für Energie (BFE), Ittigen amt für Energie (BFE), Ittigen
Elcom gestärkt.
Der Hauptnutzen der Revision des Stromver- Literatur
Elcom (2018). Studie zur Versorgungssicherheit der Schweiz im Jahr
sorgungsgesetzes besteht somit aus folgenden 2025.
Punkten: ETH Zürich und Universität Basel (2017). Modellierung der System
Adequacy in der Schweiz im Bereich Strom, Studie im Auftrag des
– verbessertes Marktdesign, welches die Schwei- BFE.
zer Versorgungssicherheit gegen unbekannte Institut für Strategisches Management, Wirtschaftsuniversität
Wien (2018). Analyse von Geschäft smodellinnovationen für Erneu­
kritische Situationen absichert; erbare Energien in liberalisierten Märkten.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 7


STROMMARKTÖFFNUNG

EU: Liberalisierung begünstigt


die Energiewende
In der EU bringen viele Konsumenten dem liberalisierten Strommarkt Skepsis entgegen.
Will man die Energiewende umsetzen, ist ein grenzüberschreitender Markt jedoch
unabdingbar.  Oliver Koch

Abstract   Die Erfahrung in der EU hat gezeigt, dass die Liberalisierung Dass sich ein EU-weiter Energiebinnen-
der Strom- und Gasmärkte ein komplexes Unterfangen ist. Dies liegt markt nicht auf Knopfdruck herstellen lässt, hat
vor allem daran, dass die angestrebten Vorteile für den Verbraucher der nunmehr über 20 Jahre dauernde Konstruk-
meist mit Einschnitten für angestammte Energieunternehmen einher- tionsprozess gezeigt – insbesondere da es nicht
gehen. Die Einführung von Marktmechanismen bedarf daher einer en-
nur darum geht, Monopole im Interesse des Ver-
gen Begleitung durch einen Staat, der bereit sein muss, auch schwie-
rige Umverteilungsdebatten durchzustehen. Zudem erfordert die
brauchers durch ein System miteinander kon-
Energiemarktöffnung eine enge Abstimmung mit der staatlichen Kli- kurrierender Unternehmen zu ersetzen. Ziel ist
mapolitik, deren Instrumente andernfalls das Potenzial haben, bereits es zugleich, die auf das eigene Territorium be-
erzielte Liberalisierungsbemühungen zu konterkarieren. Trotzdem grenzten nationalen Märkte mit den Märkten
gibt es gerade in Zeiten der Energiewende für die meisten europäi- der Nachbarländer durch gemeinsame Infra-
schen Länder kaum eine Alternative zu wettbewerblichen und grenz- strukturen und Handelssysteme weiträumig zu
überschreitenden Energiemärkten, wenn sie ihre Energieversorgung verknüpfen und so einen europaweiten Energie-
sicher und bezahlbar halten wollen.
binnenmarkt für mehr als 500 Millionen Ver-
braucher zu schaffen.
Die Idee der überregionalen Marktintegra-

W ettbewerbliche Energiemärkte bringen


Vorteile für Konsumenten1: Zu dieser
Erkenntnis gelangte eine Studie der Organisa-
tion ist gerade in einer Zeit der Umstellung auf
variable Energieerzeugung aus erneuerbaren
Energien von grosser Bedeutung. Ein europawei-
tion für wirtschaftliche Zusammenarbeit und ter Markt ermöglicht es den EU-Mitgliedsstaa-
Entwicklung (OECD) schon 2005.2 Die Auto- ten, die notwendigen Flexibilitätsreserven auch
ren stellten aber auch treffend fest, die Libera- von ausserhalb zu beziehen. Da, vereinfacht ge-
lisierung der Energiemärkte sei ein langfristi- sprochen, irgendwo in Europa stets Wind weht,
ger Prozess, der nur gelingen könne, wenn der die Sonne scheint oder ein Reservekraftwerk zur
Staat einerseits bereit sei, ihn dauerhaft steu- Verfügung steht, können die Kosten zur Sicher-
ernd zu begleiten, und andererseits die politi- stellung der Versorgung auch im Fall einer «Dun-
sche Kraft habe, Debatten um den Rückgang kelflaute» zwischen mehreren Mitgliedsstaaten
bestehender Einnahmen etablierter Energie- geteilt werden. Angesichts des weltweiten Um-
unternehmen – einschliesslich der Kürzung schwungs auf erneuerbare Energieerzeugung
bestehender Quersubventionen – durchzuste- stösst das Konzept der überregionalen Marktin-
hen. Bis heute sind die sogenannten Vertei- tegration daher auch international zunehmend
lungseffekte, die mit der Umstellung von gesi- auf Interesse.3
cherten Monopolen auf ein wettbewerbliches
System verbunden sind, ein Kernproblem des Ein langer Weg
europäischen Energieliberalisierungsprojek-
1 Der Artikel bringt aus­ tes. Erschwerend kommt hinzu, dass die Ver- Die europäische Energieliberalisierung begann
schliesslich die persön­
liche Meinung des Au­ teilungseffekte im EU-Binnenmarkt nicht nur Mitte der Neunzigerjahre mit ersten Liberalisie-
tors zum Ausdruck. auf nationaler Ebene, sondern auch zwischen rungsrichtlinien für Strom und Gas. Diese ga-
2 OECD (2005), S. 14.
3 Vgl. Wu (2012). den Mitgliedsstaaten auftreten. ben Energieunternehmen erstmals das Recht,

8 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

Abb. 1: Entwicklung der Stromkosten in der EU-28 (2008–2017)


25     Cents pro Kilowattstunde

ACER MARKET MONITORING REPORT (2017), ELECTRICITY AND GAS RETAIL MARKETS
20

15

10

VOLUME / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


5

0
2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

  Strompreis Haushalte        Strompreis Industrie

Abb. 2: Grosshandelsstrompreise (EU-28, gewichteter Durchschnitt; 2008–2017)


140    Euro pro Megawattstunde

COMISSION REPORT ON ENERGY PRICES AND COSTS (2018) (IN PLANUNG) /


120

100

80

60

40

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
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8

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  Bandbreite (EU-28)        Gewichteter Durchschnitt (EU-28)

Abb. 3: Komponenten des Strompreises für EU-Haushalte (Dezember 2017)


100     in %
5 5 9 7
90 16 17 11 14 11 17 17 17 17 17 1 17 15 17 17 17 17 17 16
18 18 21 18 18 20 20
THE INTERNAL ELECTRICITY AND NATURAL GAS MARKETS IN

3
2017; ELECTRICITY AND GAS RETAIL MARKETS VOLUME / DIE

17 5 18
ACER ANNUAL REPORT ON THE RESULTS OF MONITORING

80 3 1 13 3 17 2
11 10 3 2 8 4 8 4
6 6 8 13 12 11 12 15
70 14 9 4 16 18 18 11
21 29 16 13 3 17 13 24
25 12 22 2
60 23 24 32 5 2
16 26 33 30 39
5 13 27 23
50 26 33 34 40
6 25 22 30 25
4 9 28 35 37
40 78 3 6 24 47
6 3 30
5 5 10 7
30 56 24
VOLKSWIRTSCHAFT

53 53 52 47 45 43 42 41 40 38 38 17
20
37 37 36 35 35 34
10 32 32 32 32 30 4
26 26
22 20 14
0
Finnland (539€)

Spanien (726€)

Frankreich (613€)
Belgien (803€)
Zypern (607€)

Polen (561€)

(758€)

Rumänien (408€)

Ungarn (423€)

Estland (603€)

Bulgarien (326€)

Tschechien (527€)
Niederlande (582€)

Luxemburg (639€)

Slowakei (479€)
Österreich (686€)

Litauen (384€)
Lettland (532€)
Portugal (889€)

Schweden (626€)
Deutschland (1045€)

Norwegen (520€)
Dänemark (1095€)
Malta (447€)

Griechenland (636€)
Grossbritannien

Irland (851€)
Italien (700€)

Kroatien (494€)

Slowenien (500€)

  Energie        Netzkosten Übertragungsnetzbetreiber (grosse, überregionale Netze)        Netzkosten Verteilnetzbetreiber (regionale/lokale Netze)     
  Förderung Erneuerbare        Andere Steuern        Mehrwertsteuer

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  9
STROMMARKTÖFFNUNG

Irgendwo in E­ uropa
weht immer
Wind. Lanzarote,
­Kanarische Inseln.

ihre Energie in Konkurrenz zu den etablierten Tarife kontrollieren sollten. Das Recht, seinen
Versorgern anzubieten und dazu sogar deren Energieversorger frei zu wählen, wurde bis 2007
Netze zu nutzen. Die Marktöffnung beschränk- auf alle Kunden, einschliesslich der Haushalts-
te sich – vergleichbar mit der aktuellen Situation kunden, ausgeweitet.
in der Schweiz – zunächst auf grosse industriel- Eine umfangreiche Untersuchung der Fort-
le Kunden. Naturgemäss hatten die etablierten schritte bei der Marktöffnung zeigte allerdings
Versorger wenig Anreiz, ihre Netze proaktiv für bereits 2007, dass die Realität sowohl bei der
Wettbewerber zu öffnen. Die in den Richtlinien Einführung von Wettbewerb als auch bei der
enthaltenen Vorgaben für eine gewisse Tren- grenzüberschreitenden Marktöffnung hinter
nung zwischen Netz und Vertriebsgeschäft der den Erwartungen zurückblieb.4 Nicht alle Ver-
etablierten Versorger («Management- und Rech- sorger sahen die neu geschaffenen Möglich-
nungslegungsentflechtung») erwiesen sich als keiten des europaweiten Wettbewerbs als will-
ungeeignet, diesen Umstand zu ändern. kommene Chance an. Vielmehr wählten viele
Das zweite Energiepaket aus dem Jahr 2003 Versorger «kreative» Lösungen, um ihre Net-
verstärkte die rudimentären Entflechtungsre- ze für Wettbewerber aus dem In- und Ausland
geln, indem es eine rechtliche Trennung zwi- zulasten des Verbrauchers zu verschliessen.5
schen Netz und Erzeugung/Vertrieb vorschrieb. Zudem zögerten viele Mitgliedsstaaten, ihre
Nationale Energieregulierungsbehörden wur- Märkte für Nachbarländer zu öffnen und regu-
den errichtet, die als Schiedsrichter den dis- latorische Hürden für den grenzüberschreiten-
4 Europäische Kommis­ kriminierungsfreien Netzzugang von Wettbe- den Handel abzubauen, nicht zuletzt wohl, weil
sion (2007).
5 Koch und Gauer (2011). werbern und insbesondere die dafür verlangten manche Nachteile für ihre nationalen Energie-

10  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

–– stärkere Verbraucherrechte (zum Beispiel er-


leichterter Anbieterwechsel).

Hinzu kamen Massnahmen, die besonders


auf den Abbau bestehender Handelsbarrie-
ren zwischen den Mitgliedsstaaten zielten. So
wurde eine Agentur (Acer) geschaffen, welche
die Arbeit der 28 nationalen Energieregulie-
rer besser koordinieren soll. Auch die grossen
Übertragungs- und Fernleitungsnetzbetreiber
wurden verpflichtet, sich innerhalb der neu-
en Organisationen «Entso-E» und «Entso-G»
gegenseitig besser abzusprechen. Zudem er-
hielt die EU-Kommission die Kompetenz, den
Stromhandel und den Netzbetrieb in Kommis-
sionsverordnungen zu regeln. Diese sogenann-
ten Netzkodizes – im Umfang von 1000 Druck-
seiten – haben in den letzten zehn Jahren eine
Schlüsselfunktion bei der Marktintegration
übernommen.
Als flankierende Massnahmen wurden
schliesslich Gesetze zur Überwachung der
Grosshandelsmärkte und zur Schaffung eines
besser koordinierten Netzausbaus verabschie-
det.7 All diese Massnahmen werden auch durch
die aktuelle Reform der EU-Energiemarktregeln
KEYSTONE

(«Winterpaket») nicht angetastet.8

Vorteile für Haushalte schwer


unternehmen fürchten.6 Was für die Verbrau-
sichtbar
cher von Vorteil ist, fand also nicht immer Ein-
gang in den nationalen Regulierungsrahmen. Für den Verbraucher ist der zweifellos vor-
handene Nutzen der Energiemarktliberalisie-
Drittes Paket klärt Spielregeln rung keineswegs einfach erkennbar. So sind
die Strompreise für Kunden im letzten Jahr-
Um diese Defizite anzupacken, setzte das dritte zehnt tendenziell gestiegen und allenfalls für
Energiepaket aus dem Jahr 2009 die bis heute gel- Grosskunden stabil geblieben (siehe Abbildung
tenden Grundpfeiler der europäischen Energie­ 1). Betrachtet man dagegen die Preise an der
liberalisierung fest: Strombörse, an der sich die Stromhändler ein-
–– vollständige Marktöffnung, also diskrimi- decken, so ist das Preisniveau gegenüber 2008
nierungsfreier Netzzugang für Erzeuger und gefallen (siehe Abbildung 2). Dies ist ein Indiz
freie Anbieterwahl für Verbraucher; dafür, dass der Wettbewerb zumindest auf den
6 Crampes und Léautier
–– Ü berwachung des Fair Play im Markt durch Grosshandelsmärkten wirksam ist.9 (2016).
unabhängige Regulierungsbehörden, die Es stellt sich also die Frage: Warum sind die 7 Remit-Verordnung
(2011) und TEN-E-­
keine Weisungen von Regierungen ent- Strompreise aus Verbrauchersicht nicht ge- Verordnung (2013).
gegennehmen dürfen; fallen? Denn aus ökonomischer Sicht ist klar: 8 Europäische Kommis­
sion (2016).
–– verstärkte Entflechtungsregeln (rechtliche Marktöffnung und -integration sind mit posi- 9 Vgl. dazu auch Euro­
päische Kommission
Entflechtung für bestehende, sogenannte tiven Wohlfahrtseffekten verbunden.10 Der (2014).
Eigentumsentflechtung für neue Netzbetrei- Druck des Wettbewerbs sorgt idealerweise 10 Booz & Company
(2013); Mulder und Wil­
ber); dafür, dass Energieunternehmen effizienter lems (2016).

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  11
STROMMARKTÖFFNUNG

arbeiten, was zu greifbaren und dauerhaften wettbewerbliche Mechanismen hier bislang


Vorteilen für Verbraucher führen kann. eine nennenswerte Rolle spielen.
Zahlreiche Fallstudien haben gezeigt, dass Angesicht des immer geringeren Anteils
Liberalisierung und Marktintegration zu kon- des reinen Energiepreises am Strompreis könn-
kreten Kostensenkungen führten, von denen te man geneigt sein, sich mit einer generellen
die europäischen Verbraucher profitieren – so Rückkehr zu einem System regulierter Preise
etwa im Fall sinkender Verbraucherpreise nach und Mengen abzufinden, in dem nationale Re-
der Koppelung des slowenischen Markts mit Ita- gierungen oder Regulierer nicht nur den Er-
lien oder nach dem Anschluss der Länder des zeugungsmix (erneuerbare Energien, Kohle,
Baltikums an den skandinavischen Handels- Kernkraft etc.), sondern auch die notwendigen
verbund Nordpool. Allein die 2014 eingeführte Strommengen und die dafür zu zahlenden Prei-
europaweite Marktkoppelung, die eine Aggrega- se festsetzen – so wie es bei früheren Systemen
tion von Angebot und Nachfrage von Händlern zur Förderung erneuerbarer Energien, bei vie-
aus fast ganz Europa erlaubt, bringt Kostenein- len Subventionen für neue Kraftwerke oder bei
sparungen für Verbraucher von schätzungswei- den Netz- und Redispatchkosten der Übertra-
se über einer Milliarde Euro pro Jahr. Eine Stu- gungsnetzbetreiber der Fall ist. Zudem könnte
die von 2013 bezifferte das gesamte noch nicht man – zumindest in wohlhabenderen Ländern –
ausgeschöpfte Einsparpotenzial des Binnen- argumentieren, dass ein hoher Strompreis ange-
marktes auf jährlich 30 Milliarden Euro.11 sichts des Klimawandels weniger problematisch
sei, weil er ja immerhin Anreize zum effiziente-
Verbraucher zahlen ren Umgang mit Energie gebe.
Die voraussichtliche Entwicklung der Ener-
für Klima­politik
giemärkte in den nächsten zehn Jahren spricht
Der Grund für den Preisanstieg liegt somit an- allerdings klar gegen ein Szenario der Renatio-
derswo: Mit der – von einer grossen Bevölke- nalisierung und Re-Regulierung. Schon im Jahr
rungsmehrheit getragenen – Entscheidung für 2030 wird mindestens die Hälfte des Stroms in
eine entschlossene, aber weitgehend staatlich Europa aus erneuerbaren Quellen, insbesondere
gesteuerte Dekarbonisierung und eine massive Wind- und Solarkraft, stammen. Dadurch wird
Förderung erneuerbarer Energien ist in den letz- der Bedarf nach einem Ausgleich in Zeiten feh-
ten zehn Jahren ein Politikziel hinzugekommen, lender oder überschüssiger Produktion (etwa im
das nicht ohne Auswirkungen auf die Funk- Falle eines Netzengpasses) signifikant steigen.
tionsfähigkeit des Binnenmarkts und die Ver- Solche Flexibilitäten werden beispielsweise be-
braucherpreise geblieben ist. nötigt, wenn die Sonne nicht scheint, kein Wind
Dass der spürbare Anstieg der Strompreise weht oder wenn das Netz überlastet ist.
unter anderem mit der nationalen und EU-wei- Die ökonomischen Vorteile, sich diese Fle-
ten Klimapolitik in Zusammenhang steht, zeigt xibilität durch Marktmechanismen und grenz-
eine Betrachtung der Komponenten des Haus- überschreitend zu beschaffen, dürften so er-
haltsstrompreises (siehe Abbildung 3): Wäh- heblich sein, dass es sich auch wohlhabende
rend der «wettbewerbliche» Anteil der Energie Staaten auf lange Sicht nicht leisten können, auf
im EU-Durchschnitt von vormals 50 Prozent ein ungleich teureres und ineffizienteres Sys-
auf mittlerweile 35 Prozent gesunken ist, spie- tem zu setzen. Die Digitalisierung und der Ab-
len Komponenten wie Beiträge für erneuerba- bau bestehender Hürden für die Teilnahme von
re Energien oder Energiesteuern eine immer Verbrauchern am Handel («Demand Response»)
grössere Rolle beim Preis, den der Verbraucher werden diesen Prozess weiter beschleunigen.
bezahlt. Auch der starke Anstieg der Netzkos- Hinzu kommt, dass gerade im Strombereich die
ten ist zumindest in Teilen auf die grössere Rol- physische Verbindung der europäischen Staaten
le von Wind- und Solarstrom zurückzuführen, durch das gemeinsam genutzte Verbundnetz
deren Anschluss- und Redispatchkosten (also und den europaweit organisierten Handel schon
11 Booz & Company
Kosten im Fall unzureichender Netzkapazitä- so weit fortgeschritten ist, dass eine Rückkehr
(2013). ten) vom Verbraucher zu tragen sind, ohne dass zu einem staatlich regulierten Inselbetrieb nur

12  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

mit grossem technischem Aufwand und mit er- ge an Bedeutung, wie staatliche Markteingriffe,
heblichen Kosten möglich wäre. etwa zur Förderung erneuerbarer Energien oder
zur Sicherstellung der Versorgungssicherheit
Energiewende ohne Öffnung durch Subventionen für Kraftwerke («Kapazi-
tätsmärkte»), verzerrungsfrei gestaltet werden
kaum bezahlbar
können. Darüber hinaus stellt die steigende Vo-
Auch wenn der Fortschritt des europäischen latilität der Erzeugung im europäischen Strom-
Energieliberalisierungsprojekts lückenhaft netz höhere Anforderungen an die Zusammen-
bleibt und die Vorteile für den Verbraucher arbeit zwischen Netz und Regulierung.
schwer greifbar sein mögen: Ohne eine enge, Das voraussichtlich 2020 in Kraft tretende
regelbasierte Zusammenarbeit mit den Nach- Gesetzespaket zu einem überarbeiteten Markt-
barn ist die Energiewende für die im Verbund- design widmet sich diesen Herausforderun-
netz operierenden Staaten Mitteleuropas kaum gen und hält damit für jeden Mitgliedsstaat die
bezahlbar. Das Projekt des Binnenmarktes ist Möglichkeit offen, die Kosten der Energiewende
damit gerade auch in Zeiten verstärkter Staats- durch eine Teilnahme am Binnenmarkt zu sen-
eingriffe, die zum Umbau der Energiemärkte ken.12 Inwieweit der politische Wille da ist, von
nötig sind, keineswegs obsolet. Allerdings sind diesem Angebot Gebrauch zu machen, werden
12 Europäische Kommis­
die Herausforderungen für die Verantwortli- die nächsten Jahre zeigen. sion (2016).
chen grösser geworden. Zu den «klassischen»
Verteilungskonflikten zwischen etablierten und
neu eintretenden Stromproduzenten kommen
weitere Konkurrenzsituationen: Neue Konkur-
renten für Stromerzeuger sind etwa Verbrau-
cher, die durch koordinierte Verlagerung ihres
Stromkonsums viel Geld sparen und so man-
ches Reservekraftwerk obsolet machen kön-
Oliver Koch
nen. Oder private Anbieter, die in Konkurrenz Dr. jur., Stellvertretender Referatsleiter für Binnen-
zu den Netzbetreibern Speicher- und Flexibili- marktfragen in der Generaldirektion Energie der
Europäischen Kommission, Brüssel
tätslösungen anbieten. Dabei gewinnt die Fra-

Literatur
Booz & Company (2013). Benefits of an Integrated Euro­ Europäische Kommission (2016). Saubere Energie für alle Mulder, Machiel und Bert Willems (2016). Competition
pean Energy Market, Bericht im Auftrag der Europäi­ Europäer – Wachstumspotenzial Europas erschliessen, in Retail Electricity Markets: An Assessment of Ten Year
schen Kommission, 20.7. Medienmitteilung IP/16/4009 vom 30.11. Dutch Experience (2016).
Crampes, Claude und Thomas-Olivier Léautier (2016). Koch, Oliver und Céline Gauer (2011). Energy Liberalisation OECD (2005). Lessons from Liberalised Electricity Markets.
Libéralisation des marchés européens de l’électricité: un and Competition Law – The Commission’s Recent Anti­ Wu, Yanrui (2012). Electricity Market Integration: Global
verre à moitié plein, in: La Tribune vom 26.4. trust Case Practice, in: Dirk Buschle, Simon Hirsbrunner Trends and Implications for the EAS Region.
Europäische Kommission (2007). DG Wettbewerb, Ab­ und Christine Kaddous, European Energy Law/Droit Eu­
schlussbericht zur Energiesektoruntersuchung vom ropéen de l’énergie – Dossier de droit européen no 22.
10.1./ SEC(2006)1724.
Europäische Kommission (2014). Fortschritte auf dem Weg
zur Vollendung des Energiebinnenmarktes, Mitteilung
vom 13.10./ COM(2014) 634.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 13


STROMMARKTÖFFNUNG

Strommarktdesign:
Die Politik bestimmt die Richtung
Zunehmender Wettbewerb und ein steigender Anteil erneuerbarer Energien verändern
den europäischen Strommarkt fundamental. Wie der Markt in Zukunft ökonomisch
gestaltet ist, kommt in erster Linie auf die politischen Ziele an.  Hannes Weigt

Abstract   Die grundlegende Frage, wie der Strommarkt der Zukunft aus- turbinen und Fotovoltaikanlagen – ist vor-
gestaltet sein müsste, ist zwar ein fundamentales Element des angestreb- nehmlich durch Investitionskosten (Fixkos-
ten Wandels unserer Energieversorgung, steht im politischen Diskurs aber ten) geprägt. Betriebskosten (variable Kosten)
meist hinter als drängender wahrgenommenen Fragestellungen wie dem spielen entsprechend eine eher untergeordne-
Kohleausstieg in Deutschland oder der Wasserzinsthematik in der Schweiz
te Rolle. Somit gilt der Grundsatz: Immer wenn
zurück. Das vom Bund unterstützte Competence Center for Research in
Energy, Society and Transition hat sich in einem White Paper daher die-
der Wind weht oder die Sonne scheint, produ-
ser grundlegenden Frage gewidmet und die wichtigsten Herausforderun- zieren die neuen Kraftwerke Strom. Der hohe
gen identifiziert, welche ein zukünftiges Strommarktdesign beherrschen Anteil an volatilen erneuerbaren Energien er-
muss. Dabei sind insbesondere eine stärker wettbewerbliche Marktgestal- fordert dabei den verstärkten Einsatz von Spei-
tung und das Verhältnis von Angebots- und Nachfrageseite von zentra- chern, Back-up-Kraftwerken oder hinreichend
ler Bedeutung. Je nach Prioritäten sind unterschiedliche Designoptionen flexiblen Verbrauchern, um Schwankungen
denkbar. Für die Entwicklung eines optimalen Marktdesigns ist es daher auszugleichen. Schliesslich ist wegen der rela-
notwendig, dass Politik und Gesellschaft die Anforderungen, welche unser
tiv kleinen Grösse erneuerbarer Anlagen mit
zukünftiges Stromsystem erfüllen muss, klar benennen.
einem höheren Anteil dezentraler Erzeugung
zu rechnen. Aufgrund dieser Dezentralisie-

I m 20. Jahrhundert waren die Stromsysteme


der meisten europäischen Länder durch loka-
le Monopole geprägt. Dieses regulierte System
rung wird der Strommarkt die Investitions-
und Einsatzentscheidungen von deutlich mehr
und deutlich heterogeneren Akteuren koordi-
gewährleistete eine Absicherung der Investitio- nieren müssen.
nen – und ermöglichte es, Kapazitätsreserven zu Die zunehmende Bedeutung von Windtur-
refinanzieren. Mit der stufenweisen Öffnung der binen und Fotovoltaikanlagen ist eine Heraus-
Märkte Ende der Neunzigerjahre – beziehungs- forderung für das Marktdesign: Die Angebots-
weise der Teilöffnung in der Schweiz im Jahr kurve ist bei ausreichender Verfügbarkeit von
2009 – hat sich für Energieversorger das Sys- Strom aus Sonne und Wind die meiste Zeit
temumfeld grundlegend verändert. Die im re- über flach. Das heisst, der Strompreis bleibt in
gulierten Monopol garantierte Kostendeckung einem von Angebot und Nachfrage geprägten
ist durch eine stärker risikobehaftete Marktre- Markt in solchen Situationen tendenziell tief.2
finanzierung abgelöst worden. Daneben haben Kurzfristige Preissignale werden daher we-
der Ausbau erneuerbarer Energien und umwelt- niger durch unterschiedliche Kostenstruktu-
1 Der Beitrag basiert auf politische Massnahmen das Stromsystem deut- ren der Kraftwerkstypen determiniert als viel-
Weigt et. al. (2018):
Strommarktdesign: In
lich verändert. Nur der Netzbereich bleibt wei- mehr durch die Verfügbarkeit von Wind und
welche Richtung soll terhin reguliert. Sonne. Die flache Angebotskurve hat Auswir-
es gehen?, Competen­
ce Center for Research Was bedeuten diese Trends für ein langfris- kungen auf die Amortisation von Investitio-
in Energy, Society and tiges Marktdesign1? Die wichtigsten zu berück- nen: Die zur Deckung der Fixkosten erzielba-
Transition, White Paper
5, Juni; aktuelle For­ sichtigen Einflussfaktoren sind der zunehmen- ren Beiträge (Deckungsbeiträge) sind bei hoher
schungsergebnisse sind
unter www.sccer­crest. de Wettbewerb und der zunehmende Anteil Einspeisung variabler erneuerbarer Energien
ch abrufbar. erneuerbarer Energien. Die Stromproduktion tiefer. Höhere Umsätze können vornehmlich
2 Siehe Weigt et al.
(2018), Grafiken S. 7. erneuerbarer Energien – insbesondere Wind- noch zu Zeiten erzielt werden, in denen andere

14 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

KEYSTONE
Der Strommarkt der
Zukunft besteht aus
Technologien wie beispielsweise Speicher- oder unzähligen Klein- wendigen hohen Produktionskapazitäten konn-
Back-up-Kraftwerke den Preis setzen. Also zum kraftwerken. Solar- ten in einem regulierten Monopol refinanziert
Beispiel in den Morgen- und Abendstunden oder häuser im deutschen werden. Auf einem wettbewerblichen Energy-­
Freiburg.
an windstillen ­Tagen. Wann immer hingegen in only-Markt wird dies nicht im gleichen Ausmass
Europa ein Überangebot an Sonne oder Wind gelingen, da ein Überangebot zu niedrigen Prei-
besteht, werden die Strompreise tief sein. sen und damit geringeren Investitionsanreizen
führt. Die aktuell noch vorhandenen Überka-
Nachfrage wird elastisch pazitäten aus regulierten Zeiten werden ohne
Markteingriffe langfristig zurückgehen.
Die stärkere Wetterabhängigkeit der Erzeugung Entsprechend wird das Stromsystem zu
und die damit verbundene veränderte Dyna- einem neuen Paradigma wechseln, bei dem
mik bei den Deckungsbeiträgen bewirken, dass die Nachfrageelastizität eine hohe Bedeutung
langfristig ein Paradigmenwechsel im Strom- erhält, um durch temporäre Reduktionen des
system zu erwarten ist. Bislang wird die Produk- Konsums einen Ausgleich zwischen Angebot
tion einem als kaum beeinflussbar angesehenen und Nachfrage in Knappheitssituationen zu er-
Nachfrageverlauf nachgeführt («generation fol- zielen. Sprich: In einem elastischen Markt wird
lows demand»). Ökonomisch spricht man von bei einem höheren Preis weniger Strom nach-
einer unelastischen Nachfrage. Die dafür not- gefragt und umgekehrt. Mit der erwarteten

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  15
STROMMARKTÖFFNUNG

­ unahme erneuerbarer Erzeugung sollten da-


Z schiebung zu setzen. Damit vorhandene tech-
her solche Preisdynamiken dazu führen, dass nische Lösungen effizient eingesetzt werden,
sich die Nachfrage an die jeweils aktuelle (wet- muss der Markt in Zukunft aber für grössere
tergetriebene) Produktion anpasst («load fol- Kundengruppen als bisher Preissignale setzen,
lows generation»). die reale Knappheiten widerspiegeln.
Ist dies nicht gewünscht, muss das Markt- Die langfristige Volatilität wurde bis-
design verändert werden. So könnte, statt vor- lang durch Vorschriften für die monopolisti-
rangig die Einheit Energie (Kilowattstunden) schen Versorger geregelt, wobei die Kosten auf
zu vergüten, die potenzielle Bereitstellung von die Endkunden überwälzt wurden. In einem
Energie (Produktionskapazität bzw. der Service Marktumfeld ist dies so nicht mehr umsetzbar.
«Verfügbarkeit von Energie») in das Marktde- Daher müssen entweder ausreichend Investi-
sign integriert werden. Viele Länder experimen- tionsanreize auf Erzeugungsseite gesetzt oder
tieren bereits mit entsprechenden Ansätzen. in Flexibilität auf der Nachfrageseite investiert
Eine effiziente, marktnahe Lösung wurde dabei werden – sprich, die Nachfrageelastizität muss
aber noch nicht gefunden. durch Lastverschiebung oder Nachfragereduk-
tion erreicht werden.
Das System stabil halten
Hunderttausende Kleinkraftwerke
Aufgrund der physikalischen Eigenschaf-
ten von Strom müssen Erzeugung und Nach- Die Grenze zwischen Angebot und Nachfrage
frage stets ausgeglichen sein. Stromsyste- wird durch die zunehmende Bedeutung dezen-
me mussten schon immer die auftretenden traler Erzeugung und  das damit verbundene
Schwankungen und Abweichungen ausglei- Aufkommen sogenannter Prosumer (gleich-
chen, um das System stabil zu halten. Kurz- zeitige Produzenten und Konsumenten, zum
fristig – also im Sekunden- und Minutentakt – Beispiel Haushalte mit Fotovoltaikanlagen) im
können Schwankungen auftreten, wenn Last zukünftigen Strommarkt verschwimmen. Es
und Erzeugung ungeplant ändern – dies ist ist daher anzunehmen, dass im zukünftigen
beispielsweise der Fall, wenn sich die Progno- Stromsystem nicht nur wenige Hundert grös-
sen der Einspeisung von Wind- und Fotovol- sere Kraftwerke, sondern zusätzlich mehrere
taikanlagen als falsch erweisen. Demgegen- Hunderttausend kleinere Einheiten interagie-
über sind mittelfristige Schwankungen, die im ren.
tages- und jahreszeitlichen Verlauf auftreten, Bislang sind diese Akteure auf weitgehend
meist planbar. Darüber hinaus gibt es langfris- getrennten Märkten aktiv und sind dement-
tige nicht planbare Unsicherheiten, wie selte- sprechend unterschiedlichen Preissignalen
ne Nachfragespitzen oder Ausfallereignisse. ausgesetzt. So sind etwa Endkundenpreise nur
Der Wandel hin zu erneuerbaren Energien ver- auf Jahresebene variabel, und auch die Tag/
ändert dabei diese grundlegende Problematik Nacht-Tarife werden für jeweils ein Jahr fi-
nicht, wirkt sich aber auf die Ausprägung und xiert. Daraus ergeben sich andere Anreize für
die relevanten Kenngrössen aus. Investitionen und die Nutzung von Flexibilitä-
Das Problem kurzfristiger Volatilität wird ten als bei den stündlich variierenden Gross-
heute über Regelenergiemärkte gelöst, wo die handelspreisen.
Anbieter für das Bereitstellen von Ausgleichs- Das Marktdesign muss sich entsprechend
energie entschädigt werden. Dieses Konzept anpassen. So gilt es optimale Anreize für In-
dürfte auch in Zukunft geeignet sein, kurz- vestitionen und Einsatz sowohl auf Grosshan-
fristige Schwankungen auszugleichen. Für die dels- als auch auf Endkundenseite bereitzu-
mittelfristige Volatilität ist wie oben beschrie- stellen. Gleichzeitig muss die Koordination
ben die Ausgestaltung des Energiemarktes zwischen den verschiedenen Akteuren sicher-
entscheidend, um zum Beispiel über ausrei- gestellt werden, wobei die Netztarife und das
chend hohe Preisunterschiede Investitionen in Zusammenspiel zwischen den regulierten
Speicher zu fördern oder Anreize zur Lastver- und den wettbewerblichen Bestandteilen des

16  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

Stromsystems eine höhere Bedeutung für das signale setzt, welche die Knappheit von Strom
Marktdesign erhalten. Dadurch wird den vola- zeitnah widerspiegeln.
tileren Bedingungen auch auf der Netzkosten- Schliesslich muss geklärt werden, was
ebene Rechnung getragen. unter «Versorgungssicherheit» zu verstehen
ist. Sollen Kunden wie bisher zu einem vorab
Welche Zukunft soll es sein? vereinbarten Preis (nahezu) beliebige Mengen
an Strom beziehen zu können? Oder ist dar-
Die zunehmende Zahl von Akteuren dürfte unter die Sicherheit zu verstehen, Strom bezie-
einen stärker wettbewerblichen Markt unum- hen zu können, wenn ich bereit bin, den ak-
gänglich machen. Anders können die Entschei- tuellen Preis zu bezahlen? Dabei müssen die
dungen der vielen, heterogenen Akteure kaum Politik und die Gesellschaft definieren, ob die
effizient koordiniert werden. Versorgungssicherheit auch durch Importe er-
Bei der Gestaltung des künftigen Strom- reicht werden kann oder ob eine stärker natio-
marktes sind verschiedene Optionen denkbar. nale Produktion angestrebt wird.
Zentral ist der Entscheid, ob das bisherige Para- Technisch und ökonomisch sind viele Op-
digma «generation follows load» beibehalten tionen möglich. Da jede Option ein anderes
werden soll oder ob ein Wechsel zu «load fol- Marktdesign erfordert, ist es wichtig, zunächst
lows generation» akzeptiert wird. Im letzteren politisch eine Variante auszuwählen. In der
Fall kann das Design eines Energy-only-Markts Schweiz, wo sich die Revision des neuen Strom-
mit leichten Anpassungen beibehalten werden. versorgungsgesetzes in der Vernehmlassung 3 Bundesrat (2018). Bun­
Im ersteren Fall ist langfristig ein grundlegen- befindet, ist der Zeitpunkt für diese Grundsatz- desrat startet Ver­
nehmlassung zur
des Neudesign des Strommarktes erforder- debatte günstig.3 In einem zweiten Schritt kann Revision des Stromver­
lich. Letztlich entspricht diese Entscheidung das dafür notwendige Marktdesign entwickelt sorgungsgesetzes,
Medienmitteilung vom
der Frage, welches «Gut» Strom eigentlich dar- werden. 17. Oktober 2018.
stellt: Ist es ein Service (Verfügbarkeit von
Energie) oder ein Konsumgut (Energie)?
In beiden Fällen dürfte eine stärkere Ein-
bindung der Verbraucher unumgänglich sein,
um Nachfrageflexibilität in einem ökonomisch
sinnvollen Ausmass zu nutzen und gesamt-
wirtschaftlich sinnvolle Investitionen in de-
zentrale Erzeugungs- und Speicheranlagen zu
erreichen. Es ist daher wichtig, dass der Markt Hannes Weigt
Professor für Energieökonomie, Universität Basel
für grössere Kundengruppen als bisher Preis-

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 17


STROMMARKTÖFFNUNG

Die Stromversorgung in der


Schweiz ist gewährleistet
Um die Stromversorgungssicherheit der Schweiz ist es grundsätzlich gut bestellt.
Extremereignisse wie Wasserknappheit im Frühling stellen jedoch Risikofaktoren dar. 
Matthias Janssen, Jens Perner, Sander van der Poel

Abstract   Der europäische Strommarkt befindet sich im Wandel: Der Aus- damit auch zukünftig Strom auch dann erzeugt
bau erneuerbarer Energien wie Wind- und Solarstrom wird vorangetrieben werden kann, wenn der Wind nicht weht und die
und verdrängt thermische Kraftwerkstechnologien aus dem Markt. Ge- Sonne nicht scheint.
nügt das bestehende Marktdesign, um weiterhin ein hohes Versorgungssi- Darüber hinaus ist die Verfügbarkeit der in
cherheitsniveau zu garantieren, oder braucht es weiter gehende Massnah-
der Schweiz vorherrschenden Wasserkraft in
men wie sogenannte Kapazitätsmechanismen? In zwei Studien hat sich das
Beratungsunternehmen Frontier Economics im Auftrag des Bundesamts
hohem Masse saisonal: Die mögliche Strompro-
für Energie (BFE) dieser Frage für den Schweizer Strommarkt gewidmet. duktion der Laufwasseranlagen ist im Sommer
Wie sich zeigt, ist das aktuelle Marktdesign grundsätzlich geeignet, ein ef- doppelt so hoch wie im Winter (siehe Abbildung
fizientes Mass an Versorgungssicherheit in der Schweiz zu gewährleisten. 1). Analog sind die Wasserspeicher zum Ende
Ist ein höheres Versorgungssicherheitsniveau zur Absicherung gegen spe- des Sommers in der Regel reichlich gefüllt, wäh-
zielle Risiken gewünscht, sollte jedoch die Einführung einer strategischen rend sie sich zum Ende des Winters – also kurz
Reserve in der Schweiz erwogen werden. vor Eintreten der Schneeschmelze – regelmäs-
sig deutlich leeren (siehe Abbildung 2). Entspre-

D ie Schweiz verfügt über eine grosse Strom-


erzeugungskapazität: Im Jahr 2016 be-
trug diese knapp 20 800 Megawatt, was etwa
chend ist die Schweiz traditionell im Sommer
Stromnettoexporteur, während im Winter netto
importiert wird.
dem Doppelten der Jahreshöchstlast von knapp Genügt das bestehende Marktdesign, um
10 500 Megawatt entspricht. Etwa 70 Prozent der auch in Zukunft zu garantieren, dass eine aus-
Erzeugungskapazität in der Schweiz bestehen reichende gesicherte Kraftwerksleistung und
dabei aus Wasserkraft, welche Laufwasser-, Energie im In- und Ausland zur Versorgung des
Wasserspeicher-, und Pumpspeicherkraftwerke Schweizer Strombedarfs zur Verfügung steht?
umfasst. Diese Frage hat das Forschungs- und Beratungs-
Aufgrund dieser hohen Kapazitäten ist die unternehmen Frontier Economics in zwei Stu-
Stromversorgung in der Schweiz derzeit rela- dien im Auftrag des Bundesamtes für Energie
tiv sicher. Allerdings bringt die zusehende Ver- (BFE) untersucht.1
schiebung von gesicherter Leistung aus Kern-,
Kohle- und Gaskraftwerken hin zu wetterabhän- Nur Energie wird gehandelt
giger Erzeugung aus erneuerbaren Energien Un-
sicherheiten mit sich. Der Ausbau der Solar- und Das Strommarktdesign in der Schweiz basiert
Windkraft in Europa hat in den letzten Jahren wie in vielen anderen europäischen Ländern
zu einer deutlichen Reduktion der Grosshan- auf einem sogenannten Energy-only-Markt, auf
delspreise für Strom geführt. Es stellt sich daher dem nur Strommengen gehandelt und expli-
die Frage, inwieweit der bestehende Marktme- zit vergütet werden. Das reine Bereitstellen von
chanismus in der Lage ist, bei anhaltend hohen Kraftwerksleistung oder Energie, um diese im
Anteilen erneuerbarer Energien ausreichende Bedarfsfall einzusetzen, wird hingegen nicht ex-
1 Frontier Economics Anreize für (Re-)Investitionen in gesicherte Er- plizit vergütet. Die Strommengen werden dabei
(2017) sowie Frontier
Economics und Con­
zeugungsleistung wie beispielsweise Gaskraft- hauptsächlich auf dem Grosshandelsmarkt ver-
sentec (2018). werke oder Wasserkraftwerke zu generieren, kauft.

18 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

Wasser für den Notfall? Der Bundesrat


schlägt im Stromversorgungsgesetz
eine strategische Stromreserve vor.
Gelmersee im Berner Oberland.
KEYSTONE
STROMMARKTÖFFNUNG

Für den Fall, dass Knappheiten am Markt den Strombezug zu zahlen ist – «bestraft». Ein
auftreten, setzt das bestehende Marktdesign relativ hoher Preis setzt hier einen Anreiz für
vor allem auf die Vorsorge der Marktakteure Marktakteure, gesicherte Leistung und Energie
selbst. So müssen die Lieferanten sicherstel- für den Knappheitsfall zurückzubehalten.
len, dass sie auch dann ihre Kunden beliefern, Auch beim Aufbewahren von Wasser in Spei-
wenn nur wenig Strom am Markt verfügbar ist cherkraftwerken für die Zeit vor der Schnee-
und die Preise extrem hoch werden können. schmelze im Frühjahr gilt das Prinzip der Eigen-
Entsprechend müssen sie sich bei den Strom- verantwortung. Die Marktakteure schätzen die
erzeugern absichern oder selbst bei Bedarf die Risiken von Versorgungsengpässen gegen Ende
Erzeugung sicherstellen. Eine weitere Option des Winters selbst ein und halten entsprechen-
ist es, den Stromverbrauch der Verbraucher fle- de Reserven bereit, um selbst bei ausbleibender
xibel zu gestalten, indem beispielsweise ener- Schneeschmelze noch Kunden mit Strom belie-
gieintensive Geräte zu Spitzenzeiten abge- fern zu können. Dies gilt auch dann, wenn zum
schaltet werden. Beispiel im Januar oder Februar Strom zu ho-
Bei den Kunden der Elektrizitätswerke sieht hen Preisen in das europäische Ausland verkauft
es ähnlich aus: Diese dürfen nur  so viel Strom werden könnte, da dort zu diesen Zeiten Strom-
verbrauchen, wie sie vertraglich beziehen dür- knappheiten auftreten.
fen. Werden die Marktakteure diesen Bedin- Zusammengefasst lässt sich sagen: Grund-
gungen nicht gerecht, werden sie über hohe sätzlich gewährleistet das Marktdesign in der
Zahlungen – im Rahmen des Ausgleichsenergie- Schweiz ein ökonomisch effizientes Mass an
preises, der dem Systembetreiber Swissgrid für Versorgungssicherheit. Dennoch gibt es Mög-
lichkeiten, das Marktdesign weiter zu stärken,
Abb. 1: Erzeugungsprofil der Schweizer Laufwasserkraftwerke
falls dies politisch verlangt wird. Beispielsweise
BFE-ELEKTRIZITÄTSSTATISTIK 2016, BERECHNUNG FRONTIER ECONO-

100    in Gigawattstunden
können bei den erwähnten Ausgleichszahlun-
gen an Swissgrid Anpassungen gemacht werden.
75
Es wäre zum Beispiel denkbar, die im Falle einer
Knappheit von Marktakteuren zu bezahlenden
50 Ausgleichsenergiepreise künstlich zu erhöhen,
MICS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

um zusätzliche Anreize für eine Absicherung zu


25 schaffen. Weiter könnte der kurzfristige Handel
in der Schweiz gestärkt werden, indem die Liqui-
0 dität der Kurzfristmärkte erhöht wird. Letzteres
1 4 7 10 13 46 19 22 25 28 31 34 37 40 43 46 49 52 ist insbesondere durch eine verstärkte Integra-
Mittwoch je Kalenderwoche
  2014        2015        2016 tion des Schweizer Strommarktes in die Markt-
Stromerzeugung der Laufwasserkraftwerke am Mittwoch jeder Woche. struktur der Nachbarländer möglich.

Abb. 2: Entwicklung des Füllstands der Schweizer Speicherseen Kapazitätsmechanismen als Option
BFE-FÜLLUNGSGRAD DER SPEICHERSEEN 2011 BIS 2016, BERECHNUNG

100    in % Ein sinnvoll gestaltetes Energy-only-Marktde-


sign sichert auf Basis von Marktsignalen ein
FRONTIER ECONOMICS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

75 ökonomisch effizientes Versorgungssicherheits-


niveau. Um die Versorgungssicherheit über die-
50 ses Niveau hinaus zu garantieren, wird in vielen
Ländern über die Einführung von sogenann-
25
ten Kapazitätsmechanismen nachgedacht. Das
heisst: Zusätzlich zur Stromerzeugung würde
0
auch das Bereitstellen von Kraftwerksleistung
1 4 7 10 13 46 19 22 25 28 31 34 37 40 43 46 49 52
Mittwoch je Kalenderwoche und die Flexibilität der Konsumenten bei der
  2014        2015        2016 Stromnachfrage vergütet werden. Damit würden
Speicherstände gemessen am Mittwoch jeder Woche. finanzielle Anreize gesetzt, neue Kapazitäten zu

20  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

bauen beziehungsweise bestehende Kapazitäten spiel, ob das primäre Ziel die Energieverfügbar-
länger in Betrieb zu halten. keit zum Ende des Winters ist oder zusätzliche
Welche Kapazitätsmechanismen könnten in Stromerzeugungskapazität.
der Schweiz eingesetzt werden? Eine Möglichkeit
wäre, eine strategische Reserve für den Notfall EU-Recht als Knackpunkt
bereitzustellen. Alternativ könnten umfassen-
de Kapazitätsmechanismen wie eine dezentrale Will man sich gegen extrem seltene Ereignisse
und eine zentrale Leistungsverpflichtung sowie wie etwa leere Wasserspeicherstände am Ende
zwei in der Branche entwickelte Mechanismen, des Winters absichern, so ist eine Reserve, die auf
das Modell der Contracts for Differences (CfD) Speicherkraftwerken basiert, grundsätzlich gut
für Wasserkraftanlagen und das Versorgungssi- geeignet, eine temporäre Eigenversorgung sicher-
cherheits- und Klimamarktmodell (VKMM), auf- zustellen. Aufgrund der Technologiespezifität der
gegleist werden. Reserve ist die Kompatibilität mit dem EU-Recht,
Unsere Analyse zeigt: Unter Einbeziehung die im Zuge eines angestrebten bilateralen Strom-
von Kriterien wie Effizienz, Komplexität, Regu- abkommens zwischen der EU und der Schweiz er-
lierungsrisiken sowie Kompatibilität der Mecha- forderlich wäre, jedoch herausfordernd.
nismen mit dem EU-Recht stellt die strategische Demgegenüber sind Reserven, die auf den
Reserve die kostengünstigste Zusatzabsiche- Neubau thermischer Kraftwerke setzen, vor-
rung dar. Gleichzeitig ist der Markteingriff ver- aussichtlich mit dem EU-Recht kompatibel und
gleichsweise gering. Demgegenüber erlauben erlauben auch die Abdeckung sehr unspezifi-
die umfassenden Kapazitätsmechanismen zwar scher Versorgungssicherheitsrisiken aufgrund
mehr Steuerung, sie sind jedoch teurer, komplex von temporärem Marktversagen. Allerdings sind
und schwer zu revidieren, wenn sie einmal ein- gegenüber einer Speicherreserve deutlich hö-
geführt worden sind. Die beiden von der Branche here Kosten zu erwarten, die letztendlich vom
vorgeschlagenen Modelle zeichnen sich schliess- Verbraucher zu zahlen sind. Eine technologie-
lich durch mehrfache Zielstellungen aus, wo- neutrale Reserve, welche thermische Kraft-
durch sie letztendlich nicht in der Lage sind, das werksneubauten, Wasserkraftwerke und Nach-
Versorgungssicherheitsniveau in der Schweiz ef- frageflexibilität gleichermassen einschliesst, hat
fizient zu erhöhen. zwar aufgrund des Technologiewettbewerbs die
Sofern politisch eine grössere Versorgungs- Möglichkeit, deutlich günstiger zu sein. Die da-
sicherheit gewünscht wird, bietet sich somit für mit verbundene Notwendigkeit, verschiedene
die Schweiz in erste Linie die Einführung einer Technologien und Anwendungen hinsichtlich
strategischen Reserve an. In der Praxis könn- ihres Beitrags zur Versorgungssicherheit mitei-
te dies folgendermassen aussehen: Eine zentra- nander vergleichbar zu machen, erhöht jedoch
le Instanz sichert sich vertraglich Kraftwerks- ihre Komplexität deutlich.
kapazitäten (beziehungsweise Stromerzeugung
wie Speicherwasser), die nur und ausschliess-
lich in physischen Knappheitssituationen in der
Schweiz eingesetzt werden. Dabei gilt es zahlrei-
che Ausgestaltungsparameter zu spezifizieren.
Zum Beispiel muss definiert werden, welches
Produkt vorzuhalten ist (zum Beispiel Kraft-
werksleistung und/oder Speicherwasser), welche
Matthias Janssen Jens Perner Sander van der Poel
Technologien an der Reserve teilnehmen dürfen,
Manager, Frontier Associate Director, Consultant, Frontier
nach welchen Regeln die Reserve abgerufen wird Economics, Köln Frontier Economics, Köln Economics, Köln
und welche Strafen drohen, wenn ein Teil der
Reserve im Notfall nicht geliefert werden kann. Literatur
Für die optimale Ausgestaltung der Reserve wäre Frontier Economics (2017). Eckpfeiler eines Frontier Economics und Consentec (2018).
allerdings zunächst zu klären, gegen welches Ri- Schweizerischen Strommarktdesigns nach Ausgestaltung einer strategischen Reserve für
2020, Studie im Auftrag des BFE, Köln. den Strommarkt Schweiz, Studie im Auftrag
siko man sich absichern möchte – also zum Bei- des BFE, Köln.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 21


STROMMARKTÖFFNUNG

Gesetzesrevision verbessert
Effizienz der Stromnetze
Die geplante Revision des Stromversorgungsgesetzes setzt ökonomische Anreize bei
der Netzregulierung. Dies fördert innovative Ansätze der Branche und spart Kosten.   
Anna Vettori, Rolf Iten, Lukas Küng

Abstract  Das im Jahr 2007 eingeführte Stromversorgungsgesetz weist aus nehmen haben nur wenig Anreize, ihre Kosten
heutiger Sicht verschiedene Schwachstellen auf. Im Hinblick auf die Um- zu senken oder die Effizienz zu erhöhen. Da sie
setzung der Energiestrategie 2050 und die geplante Marktöffnung schlägt mit einem zusätzlichen Netzausbau ihren Ge-
der Bundesrat eine Revision vor. Um die volkswirtschaftlichen Auswirkun- winn erhöhen können, haben sie einen grund-
gen der geplanten Massnahmen zu analysieren, haben das Bundesamt für
sätzlichen Anreiz, kapitalintensiv auszubauen.
Energie (BFE) und das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) die Bera-
tungsunternehmen Infras und BG Ingenieure und Berater beauftragt, eine
Aus Effizienzgründen zu bemängeln ist wei-
Regulierungsfolgenabschätzung (RFA) durchzuführen. Der Fokus lag dabei ter, dass die Cost-plus-Regulierung keine spezi-
auf den Massnahmen zur Netzregulierung.  Die vorgesehenen Massnah- fischen Anreize für (effiziente) smarte Investi-
men sind insgesamt positiv zu beurteilen. Sie erhöhen unter anderem die tionen setzt, weil diese vor allem Betriebskosten
Effizienz im Netzbetrieb, senken die Kosten, erhöhen die Qualität im Mess- verursachen. Smarte Massnahmen sind bei-
wesen und ermöglichen ein zusätzliches Ertragspotenzial durch die Ver- spielsweise neuartige Netztechnologien wie
marktung von Flexibilitäten. regelbare Ortsnetztransformatoren sowie die
Steuerung des Verbrauchs und der Produktion.
Gerade die smarte Steuerung verspricht durch

A us ökonomischer Sicht liegt bei den Strom-


netzen ein Marktversagen vor: Die Netze
stellen ein natürliches Monopol dar, das den Be-
einen gezielten Einsatz die Reduktion von Netz-
engpässen und damit mittel- bis langfristig Kos-
teneinsparungen im Netzausbau.
treibern theoretisch erlauben würde, überhöhte
Nutzungspreise zu verlangen. Stromnetze wer- Wenig Anreize für Endverbraucher
den deshalb in der Schweiz durch das Stromver-
sorgungsgesetz staatlich reguliert. Das Gesetz, Eine weitere Schwachstelle des heutigen Strom-
welches am 15. Juli 2007 in Kraft getreten ist, versorgungsgesetzes sind die Netztarife, wel-
bezweckt eine sichere Elektrizitätsversorgung che zu wenig kostenorientiert sind und damit
und einen wettbewerbsorientierten Elektrizi- suboptimale Nutzungsanreize setzen. Insbe-
tätsmarkt. sondere sind die rechtlichen Vorgaben nicht
Die praktischen Erfahrungen zeigen, dass ausreichend verursachungsgerecht, da sie vor-
beide Ziele nur teilweise erreicht werden. Die wiegend verbrauchsabhängige Tarife vorsehen.
bestehenden Regulierungen im Netzbereich Der massgebliche Treiber für die Netzkosten ist
weisen verschiedene Schwächen auf. Nur un- aber die Netzkapazität. Diese ist auf die Last-
genügend funktioniert etwa die sogenann- spitze, also die höchste Leistung, ausgerichtet.
te Cost-plus-Regulierung, welche das Markt- Verbrauchsorientierte Netztarife bieten End-
versagen im Netzbereich korrigieren will. Die verbrauchern somit zu wenig Anreize, sich netz-
Cost-plus-Regulierung erlaubt den Verteilnetz- dienlich zu verhalten und beispielsweise Belas-
betreibern, die effizienten Kosten eines sicheren tungsspitzen zu vermeiden.
und leistungsfähigen Netzes auf die Verbrau- Nicht geregelt im Gesetz ist der Zugriff auf
cher zu überwälzen. Ohne vertiefte regelmäs- sogenannte Flexibilitäten wie Wärmepumpen,
sige Kostenprüfungen sind die Effizienzanreize Waschmaschinen, Kühlhäuser usw. Diese Anla-
allerdings ungenügend. Die regulierten Unter- gen und Geräte sind zeitlich flexibel einsetzbar:

22 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

KEYSTONE
Kühlhäuser könnten
auf dem Strommarkt
Ihr Verbrauch lässt sich zum Beispiel steuern, eine wichtige Rolle Schliesslich mangelt es im Messwesen – beim
wenn das Stromnetz stark ausgelastet ist. In der spielen. Sortieranlage Messen von Strom und dem Betrieb der Strom-
Praxis steuern heute die Verteilnetzbetreiber in Perroy VD. zähler – an Wettbewerb, wo es Hinweise auf
die verbraucherseitigen Flexibilitäten, indem überhöhte Preise und Qualitätsprobleme gibt.
sie diese über eine «Rundsteuerung» zu geeig- Vor diesem Hintergrund hat der Bundesrat
neten Zeiten ein- und ausschalten. Die aktuel- im Oktober 2018 eine Revision des Stromver-
le Situation ist ineffizient, weil die Besitzer nicht sorgungsgesetzes in die Vernehmlassung gege-
frei entscheiden können, ob sie ihre Flexibilität ben. Diese sieht neben Massnahmen zur Netz-
dem Netzbetreiber zur Verfügung stellen, selber regulierung auch eine volle Marktöffnung und
nutzen oder vermarkten wollen. Die Flexibilitä- eine Speicherreserve vor. Um wichtige volks-
ten werden in diesem Rahmen nicht effizient ge- wirtschaftliche Auswirkungen der Revision
nutzt, weil sie nicht oder nicht dort eingesetzt aufzuzeigen, haben die Beratungsunternehmen
werden, wo sie den grössten Nutzen entfalten. Infras und BG Ingenieure und Berater im Auf-
Beispielsweise wäre es unter Umständen effi- trag des Bundesamtes für Energie (BFE) und des
zienter, wenn die Eigentümer die Flexibilitäten Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) eine
am Markt verkaufen könnten, als wenn sie da- Regulierungsfolgenabschätzung (RFA) für die
für vom Netzbetreiber entschädigt werden. in der Revision vorgesehenen Massnahmen aus

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  23
STROMMARKTÖFFNUNG

dem Netzbereich durchgeführt.1 Dazu wurden gen), die Netznutzung besser an die physischen
Kosten und Nutzen der Massnahmen mit der Knappheiten im Stromnetz anzupassen.
Entwicklung unter dem aktuellen Stromversor-
gungsgesetz verglichen. Netzkosten einsparen

Mittel gegen Marktversagen Durch Anpassungen im Regulierungssystem


können insgesamt Netzkosten in Millionenhö-
Die in der Revision vorgeschlagenen Massnah- he eingespart werden. Bei der Sunshine-Regu-
men sind aus regulierungsökonomischer Sicht lierung ist der Nettoeffekt leicht positiv, da die-
notwendig und sinnvoll, da sie das bestehende se den Effizienzdruck erhöht. Solange allerdings
Marktversagen reduzieren (siehe Tabelle). Zen- die anrechenbaren Kapitalkosten einen ange-
tral sind insbesondere höhere Transparenzvor- messenen Gewinn erlauben und die Betriebs-
schriften bei den Netzkosten. Im Fachjargon kosten ohne Gewinnzuschlag weiterverrechnet
spricht man von einer Sunshine-Regulierung, werden können, haben die Netzbetreiber wei-
da sie Licht (Sunshine) in den regulierten Be- terhin einen Anreiz, eher kapitalintensiv auszu-
reich bringen. Eine entsprechende Regulierung bauen. Eine Anreizregulierung, welche explizite
kann produktive Ineffizienzen im Netzaus- finanzielle Anreize durch dynamische Gesamt-
bau und im Betrieb reduzieren und Anreize für kostenziele und implizite Boni und Mali setzt,
smarte Investitionen schaffen. würde deutlich stärkere Effizienzanreize schaf-
Auch die Einführung der oben erwähnten fen: Schätzungen beziffern die jährlichen Ein-
Flexibilitätsregulierung im Verteilnetz redu- sparungen bei den Netzkosten auf 190 bis 270
ziert Ineffizienzen, indem sie die Zugriffsrechte Millionen Franken.2
klar regelt. Beim Messwesen schafft die Einfüh- Infolge der Regelung der Flexibilitäten im
rung von Wahlfreiheiten einen Wettbewerbs- Verteilnetz betragen die Kosteneinsparungen
druck in Richtung tiefere Preise und höhere im Netzausbau schätzungsweise 40 Millionen
Qualität. Schliesslich sorgt die Anpassung der Franken pro Jahr.3 Dies entspricht rund 0,5 Pro-
Netztarifierung für mehr Verursachergerech- zent der Wertschöpfung der Strombranche.4 Al-
tigkeit bei der Allokation der Netzkosten: Indem lerdings dürfte der Nettoeffekt – Einsparungen
1 V ettori, Iten und Küng die Arbeitspreise gesenkt werden und die Leis- abzüglich Umsetzungsaufwand – geringer aus-
(2017).
2 Frontier Economics tungspreise erhöht werden können, schafft man fallen. Für das Marktpotenzial der Flexibilitäten
(2015). beispielsweise Anreize für «Prosumer» (das sind liegen keine Zahlen vor. Das technische Poten-
3 Consentec (2015).
4 VSE (2018). etwa Verbraucher mit eigenen Fotovoltaikanla- zial der verbraucherseitigen Flexibilitäten wird

In der RFA untersuchte Massnahmen und ihre Auswirkungen


Massnahme Bestehende Regelung Neue Regelung / Ände- Hauptbetroffene Zusätzlicher Nutzen Zusätzlicher
rung gegenüber heute Umsetzungsaufwand
Flexibilitäten Zugriff auf Flexibilitäten Zugriff auf Flexibilitäten Endverbraucher, gross gering/mittel
im Verteilnetz nicht geregelt geregelt Energiedienstleister,
Verteilnetzbetreiber
Wahlfreiheiten Netzbetreiber für Wahlfreiheiten für Energie- und Mess- gering/mittel gering/mittel
im Messwesen Messwesen zuständig Grossverbraucher und dienstleister, (grössere)
grosse Produzenten Endverbraucher und
Erzeuger
Sunshine-Regulierung Cost-plus-Regulierungs-­ zusätzliche Sunshine-­ Verteilnetzbetreiber gering/mittel gering
Modell (Netznutzungs- Elemente (Publikation
entgelte basierend auf von Performancekenn-
den anrechenbaren zahlen)
Netzkosten geregelt)
Tarifierung Anteil Arbeitspreis am Anteil Arbeitspreis am Endverbraucher, gering/mittel gering
Netznutzungstarif Netznutzungstarif Prosumer
mindestens 70 Prozent mindestens 50 Prozent
INFRAS

24  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

auf 7 Gigawatt geschätzt, dies entspricht in etwa wiederum profitieren davon, dass ihre Messkos-
der Leistung der heutigen (Pump-)Speicher- ten dank mehr Wettbewerb sinken und die Qua-
kraftwerke. Wie viel davon tatsächlich wirt- lität der Messdienstleistungen steigt. Und den
schaftlich nutzbar ist, ist allerdings unklar. Energiedienstleistern eröffnen sich mit der Re-
Für die übrigen Massnahmen liessen sich die gelung der Flexibilitäten neue Geschäftsmodel-
Kosten im Rahmen der Regulierungsfolgenab- le am Strommarkt.
schätzung nicht quantifizieren. Aufgrund von Insgesamt sind die Auswirkungen der Revi-
Studien und Experteneinschätzungen ist von sion auf die Gesamtwirtschaft positiv zu bewer-
tendenziell positiven Nettoeffekten auszuge- ten. Impulse für Innovationen sind mittel- bis
hen. langfristig insbesondere im Kontext der Fle-
xibilitätsvermarktung zu erwarten. Aufgrund
Neue Geschäftsmodelle möglich dieser Effekte kann man davon ausgehen, dass
die Massnahmen der Revision des Stromversor-
Für die Endverbraucher – also die Haushalte und gungsgesetzes in der Tendenz einen Beitrag zur
die Unternehmen – besteht ein wichtiger Nut- Stärkung des Wirtschaftsstandortes Schweiz
zen der Revision darin, dass die Netznutzungs- leisten.
entgelte längerfristig weniger steigen dürften
als im Referenzfall. Sie werden ausserdem da-
von profitieren, dass sie ihre Flexibilitäten sel-
ber vermarkten und so ihren Eigenverbrauch
optimieren können. Gleichzeitig wird die Netz-
tarifierung so ausgestaltet, dass die Wirtschaft-
lichkeit von Fotovoltaikanlagen mit Eigenver-
brauch erhalten bleibt.
Aus sozialer Sicht sind die untersuchten
Anna Vettori Rolf Iten Lukas Küng
Massnahmen für die Haushalte unproblema- Ökonomin, Partnerin, Dr. oec. publ., Geschäft s- Dr. El.-Ing. ETH, Leiter
tisch. Grössere Verteilungswirkungen sind Infras, Zürich leiter, Partner und Verwal- Energie und Wasser, BG
nicht zu erwarten. Auch die KMU werden nicht tungsrat Infras, Zürich Ingenieure und Berater,
Baar
übermässig belastet. Die grösseren Verbraucher

Literatur
Frontier Economics (2015). Kosten­ Consentec (2015). Entwicklung der Netz­ Vettori; Anna, Rolf Iten und Lukas Küng VSE (2018). Stromversorgung als Wirt­
Nutzen­Analyse der Einführung einer kosten in der Schweiz vor dem Hin­ (2017). Regulierungsfolgenabschätzung schaft s­ und Standortfaktor. Basis­
Anreizregulierung für Stromnetzbetrei­ tergrund des derzeitigen Bedarfs, der zur Revision Stromversorgungsgesetz wissen­Dokument, Stand Januar.
ber, Studie für das BFE, Endbericht, Fron­ ES2050 und der Strategie Stromnetze. (StromVG), Infras und BG Ingenieure und
tier Economics Ltd, Köln, Mai. Im Auftrag des BFE, Aachen, 30. Septem­ Berater. Bericht im Auftrag des BFE und
ber 2015. des Seco, 4. Mai.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 25


STROMMARKTÖFFNUNG

Strommarktöffnung setzt
positive Impulse
Ein liberalisierter Markt erhöht die Effizienz bei der Stromproduktion. Das wirkt sich
langfristig positiv auf das Bruttoinlandprodukt der Schweiz aus. Kurzfristig kann es
allerdings zu Preisschwankungen kommen.  Mathias Spicher

Abstract   Die vollständige Öffnung des Strommarktes ist Teil des Mass- Wechselbereitschaft der freien Grossverbrau-
nahmenpakets zur Revision des Stromversorgungsgesetzes. Neu sollen cher. Dabei zeigt sich: Viele Grosskunden prä-
auch kleine Gewerbekunden freien Marktzugang – und damit gleich lange ferieren nach wie vor ihren ursprünglichen
Spiesse gegenüber ihren ausländischen oder grossen inländischen Mitkon- Lieferanten, entscheiden sich aber für ein
kurrenten – erhalten. Kurzfristig ist unklar, ob die Endkundenpreise sinken
Marktprodukt. Während in den Anfangsjahren
oder steigen. In der längeren Frist erhalten die Kraftwerksbetreiber stärke-
re Anreize für Effizienzsteigerungen, was den technologischen Fortschritt
vor allem preissensitive Grossverbraucher vom
im Stromsystem vorantreibt. Dies kann sich zum Beispiel in bedarfsge- Markteintritt Gebrauch machten, sind es da-
rechteren Preis- und Beschaffungsmodellen zeigen. Langfristig profitieren nach zusehends auch Unternehmen, bei denen
sowohl die Gesamtwirtschaft als auch die Umwelt. Strom ein weniger bedeutender Produktions-
faktor darstellt.2
Wie haben sich die durchschnittlichen

D er Schweizer Strommarkt ist seit 2009 teil-


liberalisiert: Grosskunden mit einem Jah-
resverbrauch ab 100 000 Kilowattstunden kön-
Grundversorgungstarife für einen Kleinbe-
trieb im Vergleich zu den Preisen der freien
Stromkunden entwickelt? Da keine Daten für
nen ihren Stromlieferanten selber wählen. Der die freien Endkundenpreise verfügbar sind, ha-
Bundesrat will den Markt nun auch für kleinere ben wir diese anhand eines Modells geschätzt,
Betriebe und Haushalte öffnen – gleichzeitig soll das sich auf die Grosshandelspreise der Strom-
die gegenwärtige Preisregulierung aufgehoben börsen stützt. Über die gesamte Teilmarkt-
werden, die den Stromanbietern kostendecken- öff nung betrachtet, befanden sich die Grund-
de Grundversorgungstarife zusichert. Im Okto- versorgungstarife mehrheitlich über dem
ber hat er eine entsprechende Gesetzesrevision Marktpreis, den ein typischer Kleinbetrieb im
in die Vernehmlassung gegeben.1 freien Markt hätte bezahlen müssen (siehe Ab-
Ein Kleinbetrieb mit einem Jahresverbrauch bildung  2). Phasenweise betrug die Differenz
von 30 000 Kilowattstunden bezahlt nächstes mehr als 2 Rappen pro Kilowattstunde. Dies
Jahr im schweizweiten Durchschnitt 18.6 Rap- kann ein Wettbewerbsnachteil gegenüber den
pen pro Kilowattstunde (siehe Abbildung  1). grossen Mitkonkurrenten darstellen, von wel-
Im Preis sind auch Netzgebühren und Abga- chen mittlerweile 67 Prozent ihren Strombe-
ben enthalten, die rund zwei Drittel der Kosten darf auf dem freien Markt beschaffen.
ausmachen. Auf die Stromkosten entfällt mit In der jüngeren Vergangenheit sind die
6.7 Rappen rund ein Drittel des Gesamttarifs – Marktpreise deutlicher angestiegen als die
schweizweit geben die gebundenen Endkunden Grundversorgungstarife. Wird sich dieser
dafür rund 2 Milliarden Franken aus. Trend auch für die Lieferperiode 2019 fortset-
zen, dann liegt der Marktpreis voraussichtlich
Nachfrage nach Marktprodukten rund 2 Rappen pro Kilowattstunde über dem
Grundversorgungstarif eines Kleingewerbe-
Seit der Umsetzung der Teilmarktöff nung ver- kunden. Die Börsenpreise für Stromlieferun-
1 Bundesrat (2018). öffentlicht die Eidgenössische Elektrizitäts- gen im 2020 und 2021 zeigen jedoch wieder
2 Elcom (2018a).
3 BFE (2014). kommission (Elcom) jährlich Indikatoren zur nach unten.

26 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

Wie wirkt sich eine vollständige Marktöff- werbe – zugute. Auch effiziente Kraftwerke,
nung aus? Für die Kunden werden die Preise deren Produktionskosten unter dem Markt-
volatiler, und es wird schwierig, sie auf längere preis liegen, profitieren, indem sie einen hö-
Zeit vorherzusagen. Dadurch ist derzeit kaum heren Gewinn erzielen können. Derzeit dürfen
abschätzbar, ob die Endkundenpreise zum Zeit- diese nämlich lediglich die tatsächlich anfal-
punkt des Inkrafttretens der Marktöffnung – lenden Kosten verrechnen. Ineffizienten Kraft-
zum Beispiel 2023 –  kurzfristig eher steigen werken drohen hingegen finanzielle Verluste.
oder sinken werden. Als Alpenland besitzt die Schweiz grundsätz-
lich einen komparativen Kostenvorteil bei der
Wirtschaft profitiert Wasserkraft. Die gewichteten durchschnitt-
lichen Kosten aller Wasserkraftwerke betra-
Im Falle eines Preisanstiegs entstehen den Haus- gen 5.6 Rappen pro Kilowattstunde.3 Zum Ver-
halten und dem Kleingewerbe höhere Kosten. gleich: Der Marktpreis für das Kleingewerbe
Da die kurzfristige Preiselastizität der Nachfra- beträgt im kommenden Jahr schätzungswei-
ge gering ist, werden diese Kunden ihren Strom- se 9.1 Rappen pro Kilowattstunde (siehe Abbil-
bedarf nicht wesentlich einschränken. Ange- dung 2).
botsseitig steigert ein Preisanstieg den Gewinn Unabhängig von der Preissituation setzt
bei Kraftwerken, die bislang für die Grundver- eine Marktöffnung bei allen Stromanbietern Strom aus Schweizer
sorgung produzierten. einen Anreiz zur Effizienzsteigerung. Insbe- Windkraft? Mit der
Demgegenüber käme ein Preisrückgang ins- sondere könnten die Stromanbieter bei positi- Marktöffnung steigt
die Produktauswahl
besondere den neu marktberechtigten Strom- ven Skalenerträgen vermehrt Synergien in der für die Konsumenten.
kunden – den Haushalten und dem Kleinge- Zusammenarbeit suchen. Die Ausweitung der Mont Soleil im
Berner Jura.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  27
STROMMARKTÖFFNUNG

Marktöffnung auf sämtliche Stromkunden be- Endkundenpreise mit der Marktöffnung fallen
flügelt zudem die Nachfrage nach bedarfsge- oder steigen. Eine vom Bundesamt für Ener-
rechten Preis- und Beschaffungsmodellen. Das gie (BFE) in Auftrag gegebene Studie hat ge-
beschleunigt den technischen Fortschritt und zeigt, dass das BIP je nach Szenario zwischen
führt zu mehr Innovationen im Stromsystem, 0,05 Prozent und 0,22 Prozent steigt. 4
was sich längerfristig positiv auf die Endkun-
denpreise auswirkt. Die kleinen Gewerbekun- Kunden haben die Wahl
den erhalten damit gleich lange Spiesse wie
ihre grossen Mitkonkurrenten. Parallel zum eigentlichen Stromhandel exis-
Die Effizienzsteigerung der Strombranche tiert ein grenzüberschreitender Markt für Her-
erhöht damit die Leistungsfähigkeit der Ge- kunftsnachweise. Indem der Kunde weiss, ob
4 Ecoplan (2013).
5 BET (2018). samtwirtschaft – unabhängig davon, ob die es sich beispielsweise um Kohle-, Atom-, Solar-

Abb. 1: Grundversorgungstarif für Kleinbetriebe pro Kilowattstunde


20    Rappen pro Kilowattstunde

2.9
15

9
10
18.6

ELCOM (2018B) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


5

6.7

0
Strom Netz Abgaben Total

Dargestellt sind die drei Preiskomponenten des Grundversorgungstarifes eines Kleinbetriebes mit einem jährlichen
Stromverbrauch von 30 000 Kilowattstunden für das Jahr 2019.

Abb. 2: Grundversorgungstarif und Marktpreis für einen Kleinbetrieb


10    Rappen pro Kilowattstunde
EIGENE BERECHNUNG IN ANLEHNUNG AN ELCOM (2018B), EPEX SPOT, EEX

7,5

2,5
UND ACER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–2,5

Zukunftswerte
–5
2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021

  Differenz        Marktpreis        Grundversorgungstarif

Im Beispiel wird von einem Kleinbetrieb mit einem jährlichen Stromverbrauch von 30 000 Kilowattstunden ausgegan-
gen. Der Marktpreis wurde anhand eines Modells berechnet, welches sich auf die Grosshandelspreise der Strombör-
sen Epex Spot und EXX stützt. Für den Marktplatz Schweiz wurde das Grundlastprofil «Base» zuzüglich einer in Europa
marktüblichen Vertriebsmarge von 1.215 Cents pro Kilowattstunde (konstanter Eurokurs von 1.20 Franken) verwendet.

28  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

strom oder Wasserkraft handelt, wird die öko- Abschliessend lässt sich sagen: Das Poten-
logische Qualität des an sich homogenen Guts zial in der Schweiz für einen wettbewerblichen
Strom differenzierbar. Entsprechend bieten vie- Strommarkt und effizientere Preise ist vorhan-
le Stromanbieter Produkte mit unterschiedli- den. Indizien hierfür liefern die Erfahrungen
chen Umweltstandards an, die auch gebundenen bei den Grosskunden, welche ihren Strombe-
Kunden eine gewisse Wahlfreiheit ermöglichen. darf zunehmend auf dem freien Markt decken.
Die Preisunterschiede zwischen dem günstigs- Auf dem Weg zu einem effizienten Strommarkt
ten und einem höherwertigen Stromprodukt gibt es allerdings Hindernisse zu überwinden.
mit mehr erneuerbaren Energien betragen bei So ist das Stromsystem derzeit gekennzeich-
vielen Stromanbietern weniger als 1 Rappen pro net durch zahlreiche Marktakteure, die mitei-
Kilowattstunde.5 nander interagieren. In einem liberalisierten
Mit der Marktöffnung erhalten die Kunden Strommarkt kann die dafür notwendige Koor-
Zugang zu einem breiteren Produktsortiment. dination relativ hohe Transaktionskosten ver-
Dabei ist nicht davon auszugehen, dass sich die ursachen, welche den Marktzutritt für neue Lie-
Präferenzen der Haushalte mit der Marktöff- feranten oder die Wechselprozesse der Kunden
nung stark ändern und diese in grossen Men- hemmen. Hinzu kommt: Die Stromkosten ma-
gen auf Stromprodukte mit geringerem ökologi- chen nur einen relativ kleinen Anteil des Haus-
schem Mehrwert wechseln. Gleiches gilt für das haltsbudgets aus. Für einen funktionierenden
Kleingewerbe. Diejenigen, die sich einen wirt- Wettbewerb wird es demnach wichtig sein, dass
schaftlichen Vorteil bei der Vermarktung ihrer die individuellen Such- und Wechselkosten der
Produkte und Dienstleistungen versprechen, Kunden möglichst tief sind.
werden weiterhin bereit sein, diesen Aufpreis
zu bezahlen.
Da die Marktöffnung neu flächendeckend
Anreize schafft, den Strombedarf stärker an den
Preissignalen auszurichten, wird die Nachfrage
insgesamt elastischer und kann einen stärkeren
Beitrag zur Stabilität des Stromnetzes leisten.
Dadurch werden weniger Kraftwerke zum Netz- Mathias Spicher
ausgleich benötigt, und Naturlandschaften blei- Stv. Ressortleiter Regulierungsanalyse und -politik,
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
ben erhalten.

Literatur
Agency for the Cooperation of Energy Regula- Bundesamt für Energie (2014). Rentabilität der EEX (2018). Marktdaten für den Terminmarkt
tors and Council of European Energy Regu- bestehenden Wasserkraft; Bericht zuhanden (Futures) Schweiz, 10. September.
lators (2016). Acer Market Monitoring Report Urek­N, Bern. Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom
2015 – Electricity and Gas Retail Markets, Bundesrat (2018). Bundesrat startet Vernehm­ (2018a). Tätigkeitsbericht 2017, Bern.
Ljubljana. lassung zur Revision des Stromversorgungs­ Eidgenössische Elektrizitätskommission ElCom
BET (2018). Markt­ und Wettbewerbsanalyse für gesetzes, Medienmitteilung vom 17. Oktober. (2018b). Rohdaten zu den Elektrizitätstarifen
den Bericht des BFE zu den Massnahmen des Ecoplan (2013). Strommarktliberalisierung – der Verteilnetzbetreiber, 10. September, Bern.
StromVG und der StromVV nach Art. 27 Abs. 3 Zweiter Marktöffnungsschritt; Analysen zu Epex Spot (2018). Marktdaten für den Day­Ahe­
StromVV, Zofingen. den Auswirkungen eines zweiten Marktöff­ ad­Strommarkt Schweiz, 10. September.
nungsschrittes, Bern.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 29


Bundesrätin Doris Leuthard:
«Die Verteilnetzbetreiber sind häufig
nicht solidarisch.»

MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


FOKUS

«Die Marktmacht der


Konsumenten spielt nicht»
Der Schweizer Strommarkt ist heute durch die Teilmarktöffnung verzerrt. Die Elektri-
zitätspreise steigen seit 2016. Nun sei die Zeit reif für den nächsten Liberalisierungs-
schritt, sagt Energieministerin Doris Leuthard im Interview. Für sie ist klar: «Das wird
kein Spaziergang.»  Susanne Blank, Nicole Tesar

Frau Leuthard, geniessen Sie die letzten am Markt riesige Mengen frei einkaufen kön-
­Wochen als Bundesrätin? nen, haben 99 Prozent aller Kunden – also alle
Geniessen ist zu viel gesagt. Es gibt noch viele Haushalte und viele KMU – keine Wahlfreiheit.
Vorlagen, die in den Bundesrat oder ins Parla- Die Marktmacht der Konsumenten spielt nicht.
ment müssen. Ich lehne mich nicht zurück. Der Markt versagt auch, wenn es um Flexibili-
sierungen geht. Es gibt beispielsweise kaum An-
Sie gelten als äusserst dossierfest. Wie steht es reize für einen Hausbesitzer mit einer Fotovol-
um Ihre Physikkenntnisse? taikanlage, den Strom dann einzuspeisen, wenn
Ich war in der Schule zwar in Mathematik gut. Bedarf besteht.
Aber in der Physik war ich nie top – da können
Sie meine Zeugnisse anschauen. Ich habe mich Kann man als Konsument im freien Markt auf
inzwischen jedoch reingekniet, denn gerade tiefere Preise hoffen?
beim Strommarkt braucht es ein physikalisches Nicht zwingend. Zwar werden Stromproduzen-
Grundverständnis. ten, die ein teures Portfolio oder eine limitierte
Produktauswahl haben, unter Druck kommen.
Vor zweieinhalb Jahren hat der Bundesrat die Aber man darf nicht vergessen: Der Energiepreis
vollständige Öffnung des Strommarktes noch macht nur etwa 40 Prozent der Stromkosten aus.
abgeblasen. Warum ist jetzt der richtige Zeit- Der Grossteil des Endkundenpreises sind Netz-
punkt? kosten, Steuern und Abgaben. Bei den Netzkos-
Im Jahr 2016 waren die Strompreise extrem tief. ten, die im internationalen Vergleich hoch sind,
Damals befürchteten die Schweizer Strompro- wollen wir mit verschärften Regulierungen die
duzenten, man sei nicht mehr konkurrenzfähig. Kosten senken. Und die Förderung der Erneuer-
Deshalb hat das Parlament für die Grosswasser- baren ist zeitlich begrenzt. Sobald sie ausläuft,
kraft noch Marktstützungen beschlossen. In- entlastet das die Konsumenten.
zwischen hat sich der Markt erholt – die Preise
sind um 40 Prozent gestiegen. Die Zeit ist reif, Privatkunden sollen in Zukunft den Lieferan-
sich dem Wettbewerb zu stellen. ten selber wählen können. Sie schlagen ein
Standardprodukt in der Grundversorgung vor,
Wann ist es so weit?
Bis zur tatsächlichen Marktöffnung dauert es
Doris Leuthard
vermutlich vier Jahre – die Vorlage muss zuerst
Die CVP-Bundesrätin Doris Leuthard ist seit 2010 Vorsteherin
durchs Parlament und eventuell durch eine Re- des Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommu-
ferendumsabstimmung. nikation (Uvek). Zuvor hatte die 55-jährige Aargauerin wäh-
rend vier Jahren die Leitung des damaligen Eidgenössischen
Volkswirtschaftsdepartements (EVD) inne. In den Nationalrat
Was bringt die Marktöffnung den Konsumenten?
wurde die Juristin erstmals 1999 gewählt, von 2004 bis 2006
Viel. Der Markt ist heute durch die Teilmarkt- präsidierte sie die CVP Schweiz. Ende Dezember tritt sie als
öffnung verzerrt. Während die Grosskunden Bundesrätin zurück.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  31
STROMMARKTÖFFNUNG

welches aus Schweizer Strom besteht und Heute gibt es viele kleine Genossenschaften, in
einen Mindestanteil an erneuerbarer Energie denen jemand im Milizsystem nach Feierabend
enthält. Warum dieser Heimatschutz? die Stromeinkäufe organisiert.
Es geht nicht um Heimatschutz, sondern dar-
um, die erneuerbaren Energien statt durch wei- Als Eigentümer von Elektrizitätswerken sind
tere Subventionen durch Marktmechanismen Kantone und Gemeinden indirekt von der
zu fördern. Mit dem Standardprodukt erhält der Strommarktöffnung betroffen. Spüren Sie
Kunde ein Angebot, das den Zielen der Energie- einen Rückhalt?
strategie entspricht – nämlich vor allem Schwei- Viele haben zwei Hüte auf. Einerseits propagie-
zer Strom aus erneuerbaren Energien. Jeder der ren sie die Marktöffnung, andererseits wollen sie
über 5 Millionen Stromkunden hat aber die freie an den Unternehmen mitverdienen. Im vergan-
Wahl, ob er dieses Produkt kauft. Das ist keine genen Jahr konnten Kantone und Gemeinden
Subvention und auch kein Markteingriff. über eine Milliarde Franken Gewinn einstrei-
chen. Nur wenige Verteilnetzbetreiber produ-
In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der zieren selber Strom. Die meisten kaufen diesen
Energieversorger von 900 auf 630 gesunken. auf dem Markt günstig ein. Dabei sind sie häufig
Führt die Liberalisierung zu einer weiteren nicht solidarisch: Schweizer Strom hat oft keine
Konsolidierung? Priorität; was zählt, ist der tiefere Preis.
Gut möglich. Für ein kleines Land wie die
Schweiz sind über 600 Stromversorger immer Es ist somit mit Widerständen gegen die
noch eine stattliche Zahl – trotzdem ist eine ­Vorlage zu rechnen?
Konsolidierung nicht das Ziel. Kleine Anbieter Es wird kein Spaziergang. Aber der Bundesrat
könnten aber vermehrt kooperieren, etwa beim macht, was richtig ist für das Land und die über
Netzbetrieb oder der gemeinsamen Strombe- 5 Millionen Konsumenten. Letztlich geht es um
schaffung. Eine gewisse Grösse braucht es, um die Fragen: Weshalb darf man als Konsument
professionell am Markt auftreten zu können. nicht wählen? Warum verdienen die Verteil-

32  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

netzbetreiber so gut am Netz zulasten der Kun- Die Stromrechnung besteht zur Hälfte aus
den? Warum kann man Aroser Bergstrom an Netzkosten. Wie wollen Sie hier die Effizienz
der Strombörse in Leipzig kaufen – aber nicht verbessern?
im Nachbarkanton? Mehr Wettbewerb schafft Beim Hochspannungsnetz konnte Swissgrid in
hier Abhilfe. Und die Konsumenten erhalten den letzten zehn Jahren dank intelligenter Pla-
dank der Wahlmöglichkeit mehr Marktmacht. nung die Effizienz steigern. Handlungsbedarf be-
steht jetzt noch bei den Verteilnetzen. Beim Netz-
Zahlreiche Politiker fordern zusätzliche Sub- betrieb kann man durch bessere Steuerung die
ventionen für die Wasserkraft. Wie stehen Sie Stromproduktion und den Bedarf der Verbrau-
dazu? cher besser aufeinander abstimmen. So lassen
Ich bin dagegen. Unsere Wasserkraft ist derzeit sich teure Netzausbauten ver-
wettbewerbsfähig, auch auf dem europäischen meiden. Ein Pilotversuch mit
Strommarkt – nicht zuletzt, da man die Energie einem Kühlhaus der Migros im «Es geht nicht um
speichern kann. Viele Wasserkraftwerke sind Kanton Solothurn hat gezeigt, ­Heimatschutz.»
heute abgeschrieben. Die Marktstützung ist dass man mit einer Computer-
deshalb zu Recht befristet. steuerung ein Fünftel des Stromverbrauchs ein-
sparen kann. Indem man die Kühlanlagen jeweils
Bei den Wasserzinsen besteht ein Interessen- zu Spitzenzeiten für ein paar Stunden etwas her-
konflikt zwischen den Kraftwerkbetreibern unterfährt, steht dieser Strom dann den Haushal-
und den Bergkantonen. Zeichnet sich hier eine ten und der Industrie zur Verfügung. Das Verteil-
Lösung ab? netz wird entlastet und effizienter genutzt.
Die Wasserzinse werden derzeit im Parlament be-
handelt. Nach 2024 ist eine neue Lösung geplant: Erfordert das nicht weitere Investitionen, um
Kantone, die Wasser zur Verfügung stellen, sol- die Netze stabil genug zu machen?
len künftig einen fixen Sockelbeitrag erhalten. Die meisten Netze sind heute genügend dimen-
Dazu ein flexibles Entgelt, dessen Höhe von der sioniert. Aber: Die Netzbetreiber müssten in in-
Marktsituation abhängt. Man darf nicht verges- telligente Steuerung investieren. Das Problem
sen: Derzeit machen die Wasserzinse ein Viertel ist, dass sie keinen Anreiz haben, dies zu tun. Sie
der Gestehungskosten aus. Das ist nicht wenig. sind in einem Monopol und können ihre Kosten
weiterverrechnen.
Der Bundesrat schlägt im neuen Gesetz eine
Speicherreserve vor. Studien zeigen allerdings, Was schlagen Sie vor?
dass die Versorgungssicherheit in der Schweiz Mit der Revision des Stromversorgungsgeset-
bis mindestens 2025 auch in Extremsituationen zes setzen wir auf mehr Flexibilität. Die Netz-
gewährleistet ist. Warum braucht es diese tarife sollen stärker auf die Leistung abstellen,
Reserve? die ein Kunde bezieht, und weniger auf die Ki-
Es stimmt: Das Risiko ist auch in zehn Jahren lowattstunden. Zudem wollen wir mehr Trans-
sehr klein. Unvorhersehbare, kurzfristige Ex- parenz und Kosteneffizienz bei den Netzbetrei-
tremsituationen könnten aber bei sehr kalten bern. Falls dies nicht gut genug greift, käme eine
Wintertagen auftreten, wenn das Stromange- Anreizregulierung, wie sie in der EU existiert,
bot europaweit knapp und der Stromverbrauch zum Zuge. Gemäss unseren Schätzungen könn-
hoch ist. Wir wollen auch kleine Risiken mini- te man damit rund 250 Millionen Franken pro
mieren – typisch schweizerisch. Jahr einsparen.

Wie viel kostet diese Reserve? Seit 2007 verhandelt die Schweiz mit der EU
Das fällt nicht gross ins Gewicht: Die Kosten da- über ein Stromabkommen. Warum ist der Zu-
für belaufen sich auf zwischen 0,1 und 0,4 Pro- tritt zum europäischen Strommarkt so wichtig?
zent des Strompreises, je nachdem, wie das Par- Ohne Stromabkommen kann die Schweiz nicht
lament die Versicherung ausgestalten will. Das gleichberechtigt am europäischen Strommarkt
entspricht pro Haushalt 1 bis 2 Franken jährlich. mitmachen und bleibt bei der weiteren Entwick-

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  33
STROMMARKTÖFFNUNG

lung des europäischen Stromnetzes, der Ausge- seine Grenzen. Auf Bundesebene haben wir
staltung des Handels und Krisen aussen vor. Seit vorwärtsgemacht und stellen mittlerweile vie-
15 Jahren importiert die Schweiz im Winter mehr le Daten digital zur Verfü-
Strom, als sie exportiert. Derzeit kostet uns das gung. Mehrere Kantone und
Abseitsstehen 115 Millionen Euro im Jahr – das Gemeinden sind jedoch noch «Bei der Digitalisierung
spüren am Schluss die Unternehmen und die nicht so weit. Das zeigt sich stösst unser föderalis-
Konsumenten. Es wird je länger, je schmerzlicher. etwa beim Verkehr: Jede
tisches System an seine
Stadt hat mittlerweile ihre
Die Voraussetzung für das Stromabkommen ist eigene Parkplatz- und Ve- Grenzen.»
ein Rahmenabkommen mit der EU. loapp. Es braucht aber eine
Daran führt wohl kein Weg vorbei, denn es geht bessere Vernetzung, und das bedeutet viel
um einen Marktzugang. Auf technischer Ebe- Arbeit. Andere Staaten überholen uns, da sie
ne sind wir weitgehend startklar, aber wir sind schneller entscheiden können.
im Beiboot zum Rahmenabkommen. Wenn der
Bundesrat bis Ende Jahr dem Rahmenabkom- Wenn Sie 160 Zeichen hätten für eine SMS,
men nahe kommt, könnte mein Nachfolger oder was würden Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem
meine Nachfolgerin im Frühling das Stromab- Nachfolger raten?
kommen paraphieren. Die Bedingungen werden Entscheiden, entscheiden, entscheiden. Man
danach zunehmend schwieriger, da die EU bis kann sich gut hinter Berichten verstecken,
Ende 2019 mit dem Clean Energy Package neue Arbeitsgruppen einsetzen und darüber reden.
Regulierungen für den Strombinnenmarkt in Am Schluss nützt das alles nichts. Eine Regie-
Kraft setzt. Länger zuwarten bedeutet, dass es rung muss Verantwortung übernehmen und
für die Schweizer Stromunternehmen zuneh- entscheiden – auch wenn es unangenehm ist. Im
mend aufwendiger und teurer wird, Strom zu Uvek mache ich das tagtäglich. Unsicherheit ist
beschaffen und zu verkaufen. Und es gäbe einen ein Kostenfaktor.
Zusatzaufwand, da einige Elemente des Abkom-
mens wohl neu verhandelt werden müssten. Eine letzte Frage: Ihr Dienstfahrzeug ist ein
strombetriebenes Auto, ein Tesla. Werden Sie
Sie sind schon zwölf Jahre Bundesrätin. Wie diesen vom Bund abkaufen?
haben Sie es immer wieder geschafft, sich zu (lacht) Er passt leider nicht in meine Garage.
motivieren? Zudem gehört er dem Bund. Ich dürfte ihn gar
Ich empfinde es als Privileg, als Bundesrätin die nicht übernehmen. Ich hoffe, dass ein anderer
Schweiz mitgestalten und einen Beitrag leisten Bundesrat ihn übernimmt.
zu können, um unser Land in die Zukunft zu
führen – das kann man sonst in keinem Job.

Welche Baustellen müssen Sie übergeben?


Ein wichtiges Thema ist die Digitalisierung. Interview: Susanne Blank und Nicole Tesar,
Hier stösst unser föderalistisches System an Co-Chefredaktorinnen

34  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

STANDPUNKT VON PATRICK DÜMMLER

Eine überfällige Marktöffnung


Das Aufschieben der Liberalisierung des Strommarktes führt zu volkswirtschaftli-
chen Kosten – nicht nur für Konsumenten, sondern auch für die Anbieter.

Seit 2014 – fünf Jahre nach der Strommarkt- fällt auf, dass beinahe alle im Besitz von Kanto-
öff nung für Grossbezüger – sollten auch die nen oder Gemeinden sind. Aus Sicht des Strom-
privaten Haushalte und Kleinunternehmen konsumenten wird man deshalb den Verdacht
ihren Stromanbieter selbst wählen können. nicht los, dass die politische Doppelrolle der
Doch das vor über zehn Jahren abgegebene Kantone als Eigentümer und Gesetzgeber die
politische Versprechen des Bundesrates wurde vollständige Marktöffnung wohl eher verzögert
bisher nicht eingelöst: Nach wie vor wird rund denn beschleunigt hat.
die Hälfte der Strommenge monopolistisch ab- Die seit 2014 «verlorenen Jahre» dürften auch
gesetzt, das heisst, die Kleinbezüger sind an einen weiteren, volkswirtschaftlich negativen Ef-
ihren lokalen Versorger gebunden. fekt zur Folge gehabt haben: Im Gegensatz zum
Eine der Erklärungen ist, dass die europäi- europäischen Ausland, dessen Strommärkte seit
schen Strompreise – und damit auch die Prei- Jahren allen Konsumenten offenstehen, entwi-
se in der Schweiz – aufgrund des Wirtschafts- ckelten Schweizer Versorger bisher nur vereinzelt
abschwungs im Zuge der Finanzkrise stark neue, kundenorientierte Lösungen. Die Möglich-
unter Druck kamen. In dieser Situation waren keiten der Digitalisierung kommen so bei den
die Schweizer Produzenten froh, zumindest kleinen Stromkunden nicht an, und der fehlende
die Hälfte der Strommenge nicht nur kosten- Wettbewerb macht entsprechende Investitionen
deckend, sondern auch mit einem Gewinn- der Anbieter betriebswirtschaftlich unattraktiv.
aufschlag verkaufen zu können. Die Leidtra- Diese Situation ist nicht nur für souverä-
genden sind Millionen von Haushalten und ne Stromkonsumenten unbefriedigend, son-
Kleinunternehmern in der Schweiz. dern letztlich auch für die Stromanbieter selbst.
Die Zweiteilung des Strommarktes «ver- Die ausbleibende Produktentwicklung führt zu
führt» die Versorger zu kreativen Ansätzen: einem Innovationsrückstand gegenüber auslän-
Günstig eingekaufter Strom wird oft nur an dischen Versorgern, die bereits über jahrelange
Grosskunden weitergegeben, da im Wettbewerb Erfahrungen im Kleinkundensegment verfügen.
um diese gekämpft werden muss. Demgegen- Je länger die Marktöffnung in der Schweiz hin-
über wird der bislang oft teurere, selbst produ- ausgezögert wird, desto grösser fällt der Wettbe-
zierte Strom den im Monopol bedienten Klein- werbsvorteil der ausländischen Konkurrenz aus.
kunden verkauft. Zwar hat das Bundesgericht Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die voll-
vor einigen Jahren derartiges Verhalten sank- ständige Liberalisierung des Strommarktes ein
tioniert, doch politisch sind Bestrebungen im Gebot der Stunde und sollte notfalls auch unab-
Gange, für diese Geschäftspraxis die rechtli- hängig von weiteren Reformen im Strommarkt
chen Voraussetzungen zu schaffen. rasch angegangen werden.
Analysiert man die Besitzverhältnisse der Patrick Dümmler ist Forschungsleiter beim liberalen Thinktank
massgebenden Schweizer Stromproduzenten, Avenir Suisse, Zürich

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 35


STROMMARKTÖFFNUNG

STANDPUNKT VON DENIS TORCHE

Liberalisierung nur mit Bedingungen


Das neue Stromversorgungsgesetz muss einen Artikel über die Weiterbildung
des Personals enthalten. Für eine vollständige Marktöffnung braucht es ein
Stromabkommen mit der EU und eine Stärkung der Sozialpartnerschaft.

Die Revision des Stromversorgungsgesetzes tig angemessen auf die laufenden Veränderungen
(StromVG) ist für die Gewerkschaftsdachorga- wie Dienstleistungsorientierung und intelligente
nisation Travailsuisse von zentraler Bedeutung. Stromnetze («Smart Grids») reagiert werden. Das
Zu unseren Mitgliedern gehören auch der Ver- Gesetz muss einen Artikel enthalten, der die Aus-
band der Personalvertretungen der Schweize- und Weiterbildung sowie Umschulungsmöglich-
rischen Elektrizitätswirtschaft (VPE), der die keiten für das Personal fördert.
Interessen von über 12’000 Mitarbeitenden und Eine vollständige Marktöffnung wird den
damit mehr als der Hälfte aller Beschäftigten in Strukturwandel beschleunigen, die Margen der
dieser Branche vertritt, sowie die Gewerkschaft Energieversorgungsunternehmen schmälern
Syna mit mehreren Hundert in Energieversor- und den Druck auf die Löhne und Arbeitsbedin-
gungsunternehmen tätigen Mitgliedern. gungen erhöhen. Zudem könnte es schwieriger
Das aktuelle Gesetz hat die Erwartungen der werden, die Ziele der Energiestrategie 2050 zu er-
betroffenen Arbeitnehmenden nicht erfüllt: Es reichen, und die Versorgungssicherheit wäre ge-
fehlen Bestimmungen zum Schutz der Arbeit- fährdet. Angesichts dieser Herausforderungen
nehmenden vor den Auswirkungen der Markt- ist es unerlässlich, klare Bedingungen für eine
öffnung und zur Sicherung ihrer Arbeitsmarkt- vollständige Öffnung des Strommarktes festzu-
fähigkeit. Da die Elektrizitätsbranche stark vom legen. In erster Linie ist ein Stromabkommen mit
Strukturwandel betroffen ist, muss das neue der EU abzuschliessen, dessen Inhalt offenge-
Stromversorgungsgesetz den Bedürfnissen der legt werden muss, damit in Kenntnis der Sach-
Beschäftigten stärker Rechnung tragen. Die lage dazu Stellung genommen werden kann.
Stromwirtschaft selbst gab in einer 2012 von Ausserdem müssen die Netzwerkinfrastrukturen
der Boston Consulting Group und dem Verband im Besitz der öffentlichen Hand bleiben, Mass-
Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE) nahmen zur Erreichung der Ziele der Energie-
durchgeführten Umfrage («Schweizer Strom- strategie 2050 eingeführt sowie die Sozialpart-
wirtschaft zwischen Abwarten und Aktivismus») nerschaft mit den Arbeitnehmenden gestärkt
an, dass der Kundendienst und die Qualifikation werden. Für die Arbeitnehmenden ist es zwin-
des Personals auf einem liberalisierten Markt die gend, dass gute Arbeits- und Lohnbedingungen
wichtigsten Erfolgsfaktoren sind. Die Umfrage gewährleistet sind. Travailsuisse plädiert deshalb
zeigte zudem auf, dass 70 Prozent der Befragten dafür, einen Artikel ins Stromversorgungsgesetz
Kosteneinsparungen und 42 Prozent einen Stel- aufzunehmen, der im Grundsatz einen Gesamt-
lenabbau planen. arbeitsvertrag vorsieht und die Sozialpartner zu
Für die Elektrizitätsbranche braucht es des- Verhandlungen über dessen Inhalt anhält.
halb eine Bildungsoffensive. Nur so kann die Ver- Denis Torche ist Mitglied der Geschäft sleitung und verantwort-
sorgungssicherheit gewährleistet und gleichzei- lich für das Dossier «Energiepolitik» bei Travailsuisse, Bern.

36 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


FOKUS

STANDPUNKT VON MICHAEL FRANK

Braucht es einen offenen Strommarkt?


Zuweilen entsteht der Eindruck, die Liberalisierung des Strommarktes sei die
alles entscheidende Frage. Dabei geht vergessen, dass die Strombranche un-
abhängig davon vor einem technologischen Umbruch steht.

Die EU findet klare Worte: kein Stromabkom- Himbeerjoghurt bei dem oder jenem Detail-
men ohne vollständige Marktöffnung. Ob und händler einzukaufen? Das eben entdeckte Ana-
allenfalls wann dieses Abkommen kommt, steht nas-Pfefferminz-Joghurt aus der neuen Molkerei
allerdings in den Sternen. Eine mögliche Libera- könnte ich gleich wieder von der Einkaufslis-
lisierung in der Schweiz nur davon abhängig zu te streichen. Staatliche Vorgaben, wo man seine
machen, greift also zu kurz. Von den einen wird Grundnahrungsmittel einzukaufen hat, wären
sie herbeigesehnt, von den andern verteufelt. undenkbar. Ist das beim Strom anders? Ein offe-
Fakt ist: Die Totalliberalisierung wurde bereits ner Markt fördert Innovation. Er fördert die An-
2009 vom Bundesrat proklamiert, aber bis heute strengungen, für den Konsumenten die beste
nur stückweise vollzogen und bleibt damit eine Adresse zu sein und zu bleiben.
halbe Sache. Nun soll im Rahmen der Revision Innovation wird in der Branche gefragt sein
des Stromversorgungsgesetzes entschieden wer- wie noch nie. Die Energiewelt von morgen ist de-
den, ob halb für die Schweiz das Richtige ist oder zentraler und digitaler. Technologische Entwick-
ob aus halb doch ganz werden soll. lung und Digitalisierung werden uns fordern. Sie
Betrachtet man die Realität in den umliegen- finden statt – mit oder ohne uns –, und sie werden
den Ländern, stellt man fest: Trotz freien Märk- Wege finden, den nur teilliberalisierten Markt zu
ten wurden überall Stütz- und Lenkungsmecha- umgehen und auszuhöhlen. Themen wie Eigen-
nismen eingeführt – auch in Deutschland. Der verbrauch, Cybersecurity oder Blockchain werden
«Energy only»-Markt scheint zwar oberflächlich den noch nicht liberalisierten Teil des Marktes
betrachtet in der EU zu funktionieren, schafft bröckeln lassen und umgehen seine Mechanismen
aber auch dort keine Preissignale und damit auch schon heute wirksam. Die Wettbewerbsfähigkeit
keine Investitionsanreize. eines Anbieters wird sich darin zeigen, wie er mit
Was heisst das für die Schweiz? Eine Markt- diesen Herausforderungen umgeht.
öffnung darf nicht reiner Selbstzweck sein. We- In diesem Kontext stellt sich die Frage, ob eine
sentlich ist, dass eine Grundlage definiert wird, vollständige Marktöffnung wirklich die grosse He-
die Investitionsanreize schafft, und man die rausforderung und damit die entscheidende Frage
Marktöffnung in diesem Rahmen diskutiert. Es ist. Oder ob sie letztlich eine Folge von viel grösse-
braucht funktionierende Preissignale, wozu auch ren Veränderungen ist, die so oder so auf uns zu-
die Bepreisung von Versorgungssicherheit gehö- kommen. Veränderungen, die andere Fähigkeiten
ren könnte – der Kunde könnte dann wählen, wie und Anstrengungen brauchen werden und auf die
viel ihm eine lückenlose Versorgung wert ist. wir Antworten finden müssen, ob es uns gefällt
Dass er kein Recht hat, zu wählen, ist dem oder nicht.
Konsumenten schwer erklärbar. Würde ich mir Michael Frank ist Direktor des Verbandes Schweizerischer
vorschreiben lassen, nur noch Erdbeer- oder Elektrizitätsunternehmen (VSE), Aarau.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 37


INNOVATIONEN

Grossunternehmen werden bei Forschung


und Entwicklung immer bedeutender
Die Zahl der mittleren und kleinen Unternehmen, die in der Forschung und Entwicklung aktiv
sind, geht weiter zurück. Bei Grossunternehmen bleibt dieser Anteil stabil, und gemessen am
Umsatz werden Forschungsausgaben für sie wieder wichtiger.  Andrin Spescha, Martin Wörter

Abstract  Innovative Produkte und Dienstleistungen sowie der effektive und siche- der Schweizer Wirtschaft für die Jahre 2014
re Einsatz von digitalen Technologien sind wesentliche Indikatoren für eine produk- bis 2016, welche die KOF Konjunkturfor­
tive und wettbewerbsfähige Volkswirtschaft. Eine Studie der KOF Konjunkturfor- schungsstelle der ETH Zürich im Auftrag des
schungsstelle der ETH Zürich zeigt unter anderem, dass sich die KMU vermehrt aus Staatssekretariats für Bildung und Forschung
ihren Aktivitäten in der Forschung und Entwicklung (F&E) zurückziehen, während die (SBFI) untersuchte (siehe Kasten). Damit
verbleibenden F&E-aktiven Unternehmen mehr investieren müssen, um ihre neuen macht die Studie deutlich, dass sich die inter­
Entwicklungen erfolgreich zu vermarkten. Inländische Unternehmen öffnen zudem national beobachtbaren Innovationsmus­
vermehrt ihre Innovationsprozesse und kooperieren mit ausländischen Partnern. Die ter teilweise auch in der Schweiz widerspie­
Investitionen in digitale Technologien nehmen bei den grösseren Unternehmen zu. geln. So etwa in einem weiteren Rückgang
Gleichzeitig melden jedoch 38 Prozent der Unternehmen Sicherheitsprobleme. Da- des Anteils von Unternehmen mit Ausgaben
bei müssen grosse Unternehmen häufiger relativ viel Geld in die Hand nehmen, um die in Forschung- und Entwicklung (F&E) (siehe
entstandenen Schäden zu beheben. Abbildung 1) und im Rückgang des Anteils in­
novativer Unternehmen. Im selben Zeitraum
angestiegen ist hingegen der Umsatzanteil,

F  ür Schweizer Unternehmen scheint es


schwieriger und kostspieliger gewor­
den zu sein, in die Entwicklung von neuen,
reits bestehender Produkte. Dies zeigt die
11. Erhebung1 über die Innovationsfähigkeit
welcher über die Entwicklung von Produkt­
verbesserungen generiert wurde.
Grosse Unternehmen mit 250 oder mehr
innovativen Produkten zu investieren. Vie­ 1 Spescha A.; Wörter, M. (2018). Innovation und Digita­ Beschäftigten entziehen sich jedoch die­
lisierung: Wie entwickelt sich die Schweiz? Ergebnisse
le Unternehmen konzentrieren sich deshalb der Innovationsumfrage 2017. Staatssekretariat für Bil­
Wollen den Anschluss nicht verpassen: Viele
stärker auf schrittweise Verbesserungen be­ dung, Forschung und Innovation, Bern.
Grossunternehmen forschen weiterhin an neuen
Produkten.

KEYSTONE

38  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


INNOVATIONEN

sem allgemeinen Trend. Hier blieb der An­


Abb. 1: Anteil der Unternehmen mit Ausgaben für Forschung (1997–2016)
teil F&E-aktiver Unternehmen über die Zeit
70    in % praktisch konstant, während der Anteil in­
novativer Unternehmen zwischen 2014 und
60
2016 sogar wieder gestiegen ist. Der Anteil
50 der F&E-Ausgaben am Umsatz erhöhte sich
im Zeitablauf (siehe Abbildung 2); und zwar
40 deutlich stärker als in der Gesamtwirtschaft.
30
Diese beiden Resultate zeigen, dass grosse
Unternehmen im Innovationsbereich an Be­

KOF / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


20 deutung gewinnen: sowohl hinsichtlich der
F&E-Anstrengungen (Innovationsinput) als
10
auch hinsichtlich der Kommerzialisierung von
0 innovativen Produkten und Dienstleistungen
1997–99 2000–02 2003–05 2006–08 2009–11 2010–12 2012–14 2014–16 (Innovationsoutput).
Die kleinen und mittleren Unternehmen
  Grosse Unternehmen (≥ 250 Beschäftigte)        Mittlere Unternehmen (50–249 Beschäftigte)     
  Kleine Unternehmen (< 50 Beschäftigte)
(KMU) mit weniger als 250 Mitarbeitenden
verstärken vor allem ihre Anstrengungen,
Die Grafik zeigt den Anteil aller Unternehmen in der Schweiz, die gemäss eigenen Aussagen in Forschung Produktionsprozesse zu optimieren. Wie die
und Entwicklung investieren, nach Unternehmensgrösse.
aktuellsten Zahlen zeigen, hat sich nicht nur
der Anteil der Unternehmen mit Prozessin­
novationen, sondern auch die erreichten Pro­
Abb. 2:  Ausgaben für Forschung und Entwicklung als Anteil am Umsatz duktionskosteneinsparungen leicht erhöht.
(1998–2016) In der Schweizer Innovationslandschaft
5    in % fokussieren der Studie zufolge also vor allem
KMU stärker auf Produktverbesserungen und
Prozessinnovationen. Kurzfristig hat das ver­
4
mutlich positive Effekte auf die Produktivi­
tät dieser Unternehmen, längerfristig steigt
3 damit jedoch das Risiko, dass die Wissens­
basis innerhalb der Betriebe erodiert. Sol­
2 che Unternehmen laufen Gefahr, technolo­
gisch auf der Strecke zu bleiben, wodurch die
KOF / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

1
Schweiz in diesem Unternehmenssegment
an Wettbewerbsfähigkeit verlieren könnte.

0
1998 2001 2004 2007 2010 2012 2014 2016 Kleinunternehmen beklagen
  Grosse Unternehmen (≥ 250 Beschäftigte)        Mittlere Unternehmen (50–249 Beschäftigte)      fehlende Mittel
  Kleine Unternehmen (< 50 Beschäftigte)
Ein Blick auf die Innovationshemmnisse
zeigt, dass hohe Kosten, eine lange Amor­
tisationsdauer, fehlende Eigenmittel, hohes
Abb. 3: Anteil der Unternehmen mit Sicherheitsproblemen sowie mittelgrossen bis Marktrisiko und leichte Kopierbarkeit auch
hohen Erwerbsausfällen und Schadensbehebungen in der jüngsten Untersuchungsperiode die
bedeutendsten Hemmnisse für Innovations­
Sicherheitsprobleme aktivitäten sind. Das gilt unabhängig vom
Sektor (Industrie, Bau und Dienstleistungen)
und auch losgelöst davon, ob eine Unter­
nehmung innovativ ist oder nicht. Fehlen­
Erwerbsausfall de Eigenmittel und ungenügender Zugang
zu Fremdkapital, um Innovationen zu finan­
KOF / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

zieren, sind vor allem für kleine Unterneh­


Schadensbehebung men eine bedeutende Hürde. Sie könnten
der Wirtschaftspolitik als wichtiger Anhalts­
punkt dienen. Allerdings haben die Innova­
0 in % 10 20 30 40 50 60 70 80
tionshemmnisse über die Zeit kaum an Be­
Anteil der Unternehmen
deutung gewonnen. Das hängt jedoch eher
  Grosse Unternehmen (≥ 250 Beschäftigte)        Mittlere Unternehmen (50–249 Beschäftigte)     
  Kleine Unternehmen (< 50 Beschäftigte)
damit zusammen, dass der Anteil an Inno­
vatoren zurückgegangen ist, denn Innova­
Die Grafik zeigt den Anteil im Verhältnis zu allen Unternehmen mit mehr als 5 Beschäftigten in der Schweiz. tionshemmnisse gewinnen oftmals erst mit

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  39
INNOVATIONEN

der Durchführung von Innovationsaktivitä­ Tasche greifen mussten als kleine und mittle­
Zur Studie
ten an Bedeutung. re Unternehmen (5,7% bzw. 6,4%).
Um den Zugang zu wichtigem Know­ Die KOF-Innovationsumfrage beruht auf einer Insgesamt überraschen diese Zahlen, zu­
repräsentativen Stichprobe der Schweizer
how trotz hohen Entwicklungskosten zu ge­ Unternehmenslandschaft. Es handelt sich dabei mal offensichtlich wird, dass Sicherheitsprob­
währleisten, müssen die Innovationsprozes­ um eine nach 34 Branchen und 3 branchenspezifi- leme nicht nur vereinzelt vorkommen, sondern
se offener gestaltet werden. Konkret bedeu­ schen Grössenklassen geschichtete Zufallsstich- ein relativ weitverbreitetes Phänomen sind.
tet dies, dass man beispielsweise das Wissen probe. Die Stichprobe enthält nur Unternehmen Darüber hinaus können die dadurch entstan­
mit mehr als fünf Beschäftigten. Von den grossen
von Kunden, Lieferanten oder Universitäten Unternehmen werden alle zur Teilnahme an der denen Kosten als erheblich betrachtet wer­
stärker in die Innovationsprozesse einfliessen Umfrage eingeladen. Bei der Erhebung der Inno- den und betreffen insbesondere die volkswirt­
lässt, anstatt es nur unternehmensintern auf­ vationsumfrage im Jahr 2017 umfasste die Stich- schaftlich wichtigen grossen Unternehmen.
probe 5605 Unternehmen. Die Antwortquote der
zubauen. F&E­Kooperationen sind daher ein Welche Herausforderungen sich aus den
Unternehmen liegt jeweils bei rund 30 Prozent.
wesentlicher Indikator für innovationsstra­ neuesten Befunden für die Politik ergeben
tegische Entscheidungen. Bei den F&E­akti­ und wie ihnen begegnet werden soll, kann
ven Unternehmen hat sich der Anteil koope­ Vor allem sichere Server, Datenverschlüsse­ aus den deskriptiven Ergebnisse kaum ab­
rierender Unternehmen von ca. 20 Prozent lungstechnologien und Angriffserkennungs­ geleitet werden. Dazu braucht es vertieftere
im Jahr 2002 auf jüngst knapp 35 Prozent systeme sind in Unternehmen mit 250 oder Analysen der Zusammenhänge, beispielswei­
deutlich erhöht. Die stärkste Zunahme gab mehr Beschäftigten deutlich stärker verbrei­ se zum Rückgang der F&E­Quote, zur zuneh­
es bei den F&E­Kooperationen mit auslän­ tet. Auch verfügen diese häufig über eine ex­ menden Orientierung auf Produktverbesse­
dischen Partnern: Dieser Anteil hat sich seit plizite Sicherheitsstrategie und können öfter rungen und Prozessinnovationen, zur Digi­
2002 verdoppelt. Dass die erfolgreiche Part­ einen Cyber­Security­Verantwortlichen vor­ talisierung von Unternehmensprozessen und
nersuche häufiger ins Ausland führt, kann da­ weisen. Dennoch sind die grossen Unterneh­ zu den langfristig zu erwartenden Effekten
rauf zurückgeführt werden, dass Schweizer men häufiger mit Sicherheitsproblemen kon­ auf die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz.
Unternehmen einen hohen Bedarf an Know­ frontiert als KMU. Während rund 67 Prozent
how haben. Möglicherweise ist es auch eine der grossen Unternehmen Probleme melde­
Antwort auf die hohen inländischen Inno­ ten, betrug der Anteil bei den mittelgrossen
vationskosten oder dadurch motiviert, dass Unternehmen mit 50 bis 249 Beschäftigten
Kooperationen mit ausländischen Partnern 50 Prozent und bei den kleinen Unternehmen
eine grössere Forschungsnähe zu wichtigen 35 Prozent (siehe Abbildung 3).
Absatzmärkten bringen. Die Schäden an der digitalen Infrastruk­
tur verursachen Kosten in vielerlei Hinsicht.
Investitionen in Cybersicherheit So kann es etwa zu Erwerbsausfällen kom­
men, weil Aufträge nicht fristgerecht erle­ Andrin Spescha
Investitionen in Informations­ und Kommu­ digt werden können, weil wichtige Daten Wissenschaftlicher Mitarbeiter, KOF Kon-
nikationstechnologien (IKT) – sowohl Hard­ nicht wiederbeschafft werden können oder junkturforschungsstelle der ETH Zürich
wie auch Software – sind in grossen Unter­ weil Unternehmen Kunden verlieren. Bei 4,1
nehmen wichtiger geworden. Diese investie­ Prozent aller Schweizer Unternehmen verur­
ren relativ zu den Bruttoanlageinvestitionen sachten Sicherheitsprobleme einen mittle­
mehr in IKT als KMU. Allerdings geben kleine­ ren oder hohen Erwerbsausfall. Dabei haben
re Unternehmen relativ betrachtet mehr aus kleine Unternehmen häufiger mit Erwerbs­
für Cybersicherheit und IKT­Weiterbildungen. ausfällen zu kämpfen als mittlere oder grosse
Die Bereitschaft, in unternehmensinter­ Unternehmen (siehe Abbildung 3).
ne IKT zu investieren, hängt oft damit zu­ Zusätzlich zu den Erwerbsausfällen ent­
sammen, ob eine adäquate Sicherheit für standen auch Kosten für die Behebung der
die Daten und Prozesse gewährleistet wer­ entstandenen Schäden. Bei 6,1 Prozent aller Martin Wörter
den kann. Es überrascht daher kaum, dass Schweizer Unternehmen war der Aufwand Titularprofessor und Leiter der Sektion
Sicherheitstechnologien bei grossen Unter­ dafür mittel bis hoch, wobei grosse Unter­ Innovationsökonomik, KOF Konjunktur-
forschungsstelle der ETH Zürich
nehmen stärker verbreitet sind als bei KMU. nehmen (13,4%) sehr viel häufiger tief in die

40 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


AUFGEGRIFFEN VON ERIC SCHEIDEGGER

Der Ausweg aus dem Handelskonflikt


Seit einigen Quartalen teilen Konjunkturbeobachter bei der Beurteilung der
Konjunkturrisiken eine Sorge: die mögliche Eskalation des Handelskonfliktes
zwischen den USA, der EU und China hin zu einem eigentlichen «Handelskrieg».
Diese Rhetorik ist natürlich irreführend, da als Krieg gemeinhin ein bewaffneter
Konflikt bezeichnet wird.
Handelskonflikte haben mit militärisch geführten Kriegen allerdings gemeinsam,
dass dem eigentlichen Kulminationspunkt der Auseinandersetzung eine Eskala-
tion vorausgeht: Ein Land A führt neue selektive (Schutz-)Zölle auf Waren
und/ oder Dienstleistungen gegen das Land B ein, weil letzteres zuvor gezielte
Handelsbehinderungen gegenüber A eingeführt hatte. Typischerweise kann
erwartet werden, dass B daraufhin als Gegenschlag weitere Handelsrestriktionen
gegen A erhebt und die Eskalation so ihren Lauf nimmt.
Dieses auf Englisch als «Tit for Tat» («Zug um Zug») bezeichnete strategische
Verhalten kann in einer von Protektionismus geprägten Weltwirtschaft durchaus
als rationales Vorgehen interpretiert werden. Würde eines der beiden Länder
nicht unmissverständlich mit Gegenmassnahmen reagieren, könnte dies als
Zeichen der Schwäche und damit als Einladung zu weiteren Behinderungen des
Handelspartners verstanden werden. Tit for Tat folgt somit dem Instinkt der
gewalttätigen Vergeltung. Genau in diesem religiös anmutenden «Auge um Auge,
Zahn um Zahn» liegt der Fluch von Handelskonflikten.
Spieltheoretisch verfolgt Tit for Tat oftmals ein doppeltes Ziel: Kurzfristig baut
man eine Drohkulisse auf und zeigt eben, dass man Anfeindungen nicht einfach
hinnimmt, was sich auch innenpolitisch gut vermarkten lässt. Mittel- und lang-
fristig kann mittels Tit for Tat aber auch eine neue Basis für gefestigte Koopera-
tion gesucht werden: Weil beide Seiten bei einer unkontrollierten Eskalation
verlieren, haben sie einen Anreiz, vor dem Kulminationspunkt doch noch eine
einvernehmliche Lösung zu finden. Die amerikanische Administration spricht in
diesem Kontext von einem «besseren Deal», wobei offenbleibt, wie einvernehm-
lich das Zugeständnis im Falle von amerikanischem Druck jeweils ist.
Um den Missbrauch der Wirtschaftsmacht gewichtiger Länder zu zügeln,
schränkt die Welthandelsorganisation (WTO) deshalb die Möglichkeit ein,

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  41
AUFGEGRIFFEN

­ nilaterale Massnahmen beziehungsweise Gegenmassnahmen zu treffen. Sie


u
verbietet sie aber nicht. Retorsionsmassnahmen dürfen nach Abschluss eines
Streitbeilegungsverfahrens und unter Bewilligung des Streitbeilegungsorgans
der WTO getroffen werden.

Eskalation schwächt Handel


Angesichts der aktuellen Blockaden in der WTO bleibt das ungute Gefühl einer
zügellosen Zuspitzung des Konflikts. In ökonomischen Studien wird ein kriegs-
ähnlicher Zustand mit einer Erhöhung der Industriezölle in mehreren Wirt-
schaftsräumen auf weit über 10 Prozent in Verbindung gebracht. Zum Vergleich:
Aktuell liegen die durchschnittlichen Zölle in der EU und in den USA unter
3 Prozent. Makroökonomische Simulationen zeigen, dass eine solche Eskalation
zu einer erheblichen Eintrübung des Aussenhandels und damit der Weltkonjunk-
tur führt. Je nach Ausprägung der Zollbarrieren wäre selbst eine globale Rezes-
sion nicht auszuschliessen. Mittelfristig fänden sich jedenfalls alle Länder auf
der Verliererseite.
Aus dieser Konfliktspirale gibt es einen Ausweg: Die Staatengemeinschaft muss
Lösungen finden, um den Streitbeilegungsmechanismus der WTO funktionsfä-
hig zu halten und damit diese wichtige Säule des geregelten Handelssystems zu
erhalten. Dazu braucht es ein Bekenntnis der Wirtschaftsblöcke zu multilateraler
Kooperation. Gleichzeitig müssen die Bemühungen um plurilaterale und bilatera-
le Wirtschaftsabkommen fortgesetzt werden. Solche Abkommen wirken in
Zeiten eines zunehmenden Protektionismus als wichtige Absicherung unter
Gleichgesinnten.
Eric Scheidegger ist Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik des Staatssekretariats
für Wirtschaft (Seco) in Bern.
eric.scheidegger@seco.admin.ch

42  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


NACHHALTIGE FINANZEN

Den Klima-Stresstest bestehen


Die Finanzbranche muss ihre Portfolios rasch nachhaltiger gestalten, um keine unnötigen
­Risiken einzugehen. Die Uhr tickt.  Stefano Battiston

Abstract    Nachhaltige Finanzprodukte spielen eine Schlüsselrolle bei den UNO-­ Die Wirtschaftskreisläufe sind nach wie
Klimazielen. Bedingt durch eine veränderte Risikoeinschätzung der Finanzinstitute vor zu wenig ressourcenschonend. Weltweit
und Änderungen bei der Regulierung, hat Sustainable Finance in der Finanzbranche an werden schätzungsweise nur 6 Prozent der
Bedeutung gewonnen.  Dennoch besteht weiterhin eine enorme Kluft zwischen Nach- Materialien für Verbrauchsgüter, Gebäude
haltigkeit und Finanzkapital. Während ein frühzeitiger Übergang zu einer CO2-armen usw. wiederverwertet. Damit überschreiten
Volkswirtschaft eine Chance für umweltfreundliches Wachstum sein kann, ist eine wir gegenwärtig die Belastungsgrenzen der
späte und plötzliche Umsetzung der betreffenden Massnahmen mit erheblichen Ri- Erde, wodurch sich die Funktionsweise des
siken verbunden. Verschiedene Arbeiten der Universität Zürich befassen sich mit der Planeten verändert.7
Frage, wie bekannte Kennzahlen für Finanzrisiken mit den Risiken von klimapoliti- Nebst sozioökonomischen Risiken birgt
schen Massnahmen erweitert werden können. der Klimawandel auch physische Risiken. Aus
Sicht der Finanzindustrie sind Schäden an
Sachwerten, Naturkapital und Menschenle­

D  er neue Trend in der Finanzbranche


heisst Sustainable Finance. Damit sind
Finanzprodukte und Anlagestrategien ge­
freiwillige «Klimaverträglichkeitstests» anbo­
ten.5 Nicht zuletzt findet Sustainable Finance
auch in den Medien Beachtung und wird re­
ben als Folge klimabedingter Wetterereignis­
se relevant. In Kontinentaleuropa wird sich
die Risikozunahme schätzungsweise in 15 Jah­
meint, die darauf abzielen, die Portfolios gelmässig am Weltwirtschaftsforum (WEF) in ren bemerkbar machen. Beispielsweise dürf­
der Anleger auf Nachhaltigkeitskriterien Davos erörtert. te Südeuropa – die westlichen Balkanstaaten,
wie die UNO-Ziele für nachhaltige Entwick­ Trotz dieser Anstrengungen wird nach wie mittel- und osteuropäische Länder, Italien,
lung (SDG) und die Ziele des Pariser Klimaab­ vor der grösste Teil des privaten und öffentli­ Spanien und Griechenland – von häufigeren
kommens auszurichten. Im letzten Jahr hat chen Finanzkapitals in wirtschaftliche Aktivi­ und extremeren Wetterereignissen (Über­
das Financial Stability Board der G-20-Staa­ täten investiert, die nicht auf die UNO-Ziele schwemmungen und Dürren) betroffen sein.
ten Richtlinien für Finanzinstitute heraus­ ausgerichtet sind oder sogar im Widerspruch Dies hat Produktions- und Produktivitätsein­
gegeben, welche sich in erster Linie auf die dazu stehen. Die meisten Privatanleger, Fi­ bussen zur Folge, und die Kosten für den Wie­
freiwillige Offenlegung klimabezogener In­ nanzinstitute und Regierungen tragen den deraufbau könnten die Staatsverschuldung
formationen beziehen.1 Die EU wiederum Nachhaltigkeitskriterien bei ihren Investitio­ verstärken – was möglicherweise die Nach­
arbeitet an einem Aktionsplan, mit dem 2019 nen und bei der Verwaltung ihrer Portfolios haltigkeit der Staatsverschuldung und die
eine Taxonomie nachhaltiger Vermögens­ nicht ausreichend Rechnung. Diesem grund­ Kreditwürdigkeit beeinträchtigt. Die Auswir­
werte und Kriterien für ökologische Anleihen legenden Problem schenkt die Forschungs­ kungen sind umso grösser, wenn die Infra­
vorgelegt werden sollen.2 gemeinschaft derzeit zu wenig Beachtung. struktur eines Landes nicht darauf ausgelegt
Auch in der Schweiz gewinnt Sustaina­ ist. Anpassungen der Infrastruktur an den Kli­
ble Finance zusehends an Fahrt. Im Jahr 2016 Sozioökonomische Risiken mawandel wirken hingegen risikomindernd.
stieg der Marktanteil der als nachhaltig be­ Für die Finanzinstitute entstehen im Zu­
zeichneten Anlagefonds um rund 60 Prozent Obwohl sich mittlerweile viele Regierungen sammenhang mit dem Klimawandel soge­
auf 7 Prozent des gesamten Fondsmarkts.3 und Wirtschaftsakteure für den Klimaschutz nannte Transitionsrisiken, da sich das Verhal­
Dieser Trend dürfte sich fortsetzen und sich engagieren, genügen die derzeitigen An­ ten der Marktteilnehmer aufgrund von verän­
auf alle Arten von Finanzinstituten auswei­ strengungen gemäss den Prognosen der Kli­ derten klimapolitischen Vorzeichen ändert.
tet. Beispielsweise hat der Rückversicherer maforschung nicht, um das 2-Grad-Ziel zu er­ Beispielsweise können Erwartungen bezüg­
Swiss Re kürzlich bekannt gegeben, er habe reichen.6 Der damit verbundene Anstieg des lich der Auswirkungen von klimapolitischen
rund 70 Prozent seines Investitionsportfo­ Meeresspiegels und die Zunahme extremer Massnahmen (z. B. eine CO2-Steuer oder die
lios – etwa 155 Milliarden Dollar – in nachhal­ Wetterereignisse wie Dürren, Überschwem­ Überarbeitung des Emissionshandelssys­
tige Fonds umgeschichtet.4 Und ein grosser mungen und Hitzewellen haben sozioöko­ tems in Europa) zu plötzlichen Wertanpas­
Teil der Schweizer Pensionskassen und Versi­ nomische Folgen. Dazu gehören die Um­ sungen von Vermögenswerten und Preisan­
cherungen liess die Aktienportfolios auf ihre siedlung von Millionen von Menschen, die passungen führen. Der Wert von mit fossilen
Kompatibilität mit dem 2-Grad-Ziel des Pa­ derzeit – auch in Industrieländern – in beson­ Brennstoffen verbundenen Vermögenswer­
riser Klimaabkommens testen, als das Bun­ ders exponierten Regionen leben, sowie der ten dürfte in der Folge sinken. Indirekt beein­
desamt für Umwelt (Bafu) und das Staatsse­ Wertverlust von Immobilien, der Verlust von flussen solche «stranded assets» auch den
kretariat für internationale Finanzfragen (SIF) Ackerland, Hungersnöte und soziale Unru­ Wert von Vermögenswerten in anderen Sek­
hen. toren. Diese Auswirkungen fallen allerdings
1 TCFD (2017). positiv oder negativ aus – je nachdem, ob die
2 Europäische Kommission: Nachhaltige Finanzierung.
3 Swiss Sustainable Finance (2017). 5 Bafu: Klima und Finanzmarkt.
4 Swiss Re (2018). 6 Raftery et al (2017). 7 Steffen, W. et al. (2015).

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  43
NACHHALTIGE FINANZEN

Geldanlagen in fossile Brennstoffe können


rasch an Wert verlieren. Braunkohletagebau
Garzweiler in Deutschland. für einzelne Portfolios berücksichtigt werden heren BIP und gleichzeitig zu einem kleineren
können.8 In unsere Kennzahlen fliessen Prog­ ökologischen Fussabdruck führt. Werden die
nosen zu den wirtschaftlichen Auswirkungen Klimaschutzmassnahmen hingegen verspä­
­ nternehmen in der Lage sind, auf alternati­
U des Klimawandels und von klimapolitischen tet oder uneinheitlich umgesetzt, kann dies
ve Energiequellen umzustellen. Massnahmen auf die verschiedenen Bereiche eine Fehlbewertung des Risikos für wesent­
des Energiesektors ein, wobei diese Progno­ liche Anteile der Vermögenswerte institutio­
Kennzahlen ausbauen sen aus einem Pool von etablierten integrier­ neller Anleger nach sich ziehen.10
ten Bewertungsmodellen stammen.9 Indem In der erwähnten Studie haben wir syste­
Damit die Kluft zwischen klimapolitischen die Kennzahlen den Investoren bekannt sind matisch analysiert, wie stark die Finanzinves­
Zielen und dem tatsächlichen Investitions­ und für die Kapitalanforderungen relevant toren gegenüber klimapolitisch relevanten
verhalten überwunden werden kann, müs­ sind, beeinflussen sie den Entscheidungspro­ Sektoren (fossile Brennstoffe, Versorgungs­
sen die standardmässigen Finanzkennzahlen zess und stellen einen wichtigen Schritt dar, unternehmen, Verkehr, energieintensive Be­
ausgebaut werden. Diese sollten auch Risiko­ um Investitionen zu nachhaltig ausgerichte­ reiche, Wohnungsbau) exponiert sind. Wäh­
quellen wie beispielsweise Klimarisiken um­ ten Finanzierungen zu verlagern. rend die Beteiligungsportfolios gegenüber
fassen, die derzeit nicht erfasst sind. Zudem den fossilen Energieträgern nur begrenzt
müssen Wirkungskennzahlen eingeführt Tempo ist entscheidend exponiert sind (die Exposition liegt in einer
werden, die über das standardmässige Risi­ Bandbreite von 4 Prozent für Einzelpersonen
ko-Ertrags-Verhältnis hinausgehen. Dadurch Wie anfällig sind Finanzinstitute für Klimarisi­ bis 13 Prozent für Gemeinwesen), ist die Ex­
kann der Beitrag von Portfolios an Nachhal­ ken? Und: Ist womöglich die Stabilität des Fi­ position gegenüber der Kombination der re­
tigkeits- und Stabilitätsziele bewertet wer­ nanzsystems gefährdet? Die Antwort lautet: levanten Sektoren relativ gross (sie reicht von
den. Diese erweiterten Risiko- und Wirkungs­ Werden Klimaschutzmassnahmen rechtzeitig 45 Prozent für Versicherungen und Pensions­
kennzahlen sollten dabei die Vernetzung in und vorhersehbar umgesetzt, haben sie nicht kassen bis 48 Prozent für Gemeinwesen). Die­
der heutigen Geschäftswelt abbilden. Dazu zwangsläufig Verluste für die Finanzinstitute se insgesamt relativ grosse Exposition hängt
sind Netzwerkmodelle, die auf Investitions- und systemische Risiken für das Finanzsys­ hauptsächlich mit dem energieintensiven
und Versorgungsketten beruhen, geeignet. tem zur Folge. Im Gegenteil: Klimapolitische Sektor zusammen.
In einer Studie aus dem Jahr 2017 haben wir Massnahmen können ein umweltfreundli­ Was bedeutet dies für die Banken? Die
aufgezeigt, wie Transitionsrisiken im Zusam­ ches Wachstum bewirken, das zu einem hö­ Studie zeigt, dass Banken von Klimaschutz­
menhang mit klimapolitischen Massnahmen massnahmen, die den Wert von mit fossilen
bei der Berechnung von Kennzahlen für Fi­ 8 Battiston et al. (2017).
nanzrisiken, wie beispielsweise Value at Risk, 9 Kriegler et al. (2013). 10 Vgl. Battiston et al. (2017).

44  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


NACHHALTIGE FINANZEN

auswirken könnten – hier sind die Banken in und Verlierern führen, sowohl bei den Wirt­
der Realwirtschaft stark exponiert. Eine Di­ schaftsakteuren als auch bei den Finanzin­
versifikationsstrategie in Richtung Kredite vestoren.
für energieeffiziente Immobilien könnte da­
bei zu einem positiven Nettoergebnis führen. Instrument für Investoren
Schliesslich sollten sich Banken auch mit der
Exposition innerhalb der Finanzbranche be­ In weiterführenden Arbeiten versuchen wir,
fassen (ihre grösste Exposition überhaupt), den Anwendungsbereich der Methodik zu
die negative Schocks verstärken kann. erweitern. Konkret wollen wir die mit dem
Stärker betroffen von den direkten Ver­ Klima­wandel verbundenen Transitionsrisi­
lusten aus dem fossilen Sektor sind die Pen­ ken in die Bewertung von Finanzinstrumen­
sionskassen. Die Gründe sind ihr indirektes ten wie Krediten, Unternehmensanleihen und
Engagement in den Aktienmärkten über In­ Staatsanleihen einbeziehen.11 Damit erhalten
vestitionsfonds und ihr direktes Engagement Behörden und Investoren dereinst ein Werk­
in Staatsanleihen (Staaten halten in der Regel zeug, mit welchem sie die finanzielle Perfor­
bedeutende Beteiligungen an inländischen mance von Finanzanlagen (z. B. risikoadjus­
fossilen Sektoren). In geringerem Ausmass tierte Renditen) in Bezug auf die künftigen
gilt dies auch für Anlagefonds. Eine Diversi­ Risiken überwachen können, die aus klima­
fikationsstrategie in Richtung Green Finan­ politischen Szenarien resultieren. Ebenfalls
ce könnte Verluste aus dem Bereich der fossi­ bauen wir die zukunftsorientierten Bewer­
len Energieträger mehr als ausgleichen. Dabei tungsmodelle aus, indem wir beispielswei­
ist zu beachten, dass der wirtschaftliche Wert se endogene technische Veränderungen be­
bestehender Kraftwerke für fossile Brenn­ rücksichtigen.
stoffe innerhalb eines Jahrzehnts beträchtlich Unsere Forschung trägt damit dazu
abnehmen würde. Wenn also alternde Ener­ bei, bestehende Hindernisse innerhalb der
gieerzeugungsanlagen durch Kraftwerke für Arbeitsabläufe von Finanzinstituten zu über­
erneuerbare Energien ersetzt werden, könn­ winden, die bislang eine breitere Anwendung
KEYSTONE

te der Übergang zu einer CO2-armen Wirt­ der Bewertung von Klimarisiken verhindern.
schaft zu einem Vorteil oder zumindest zu Gefordert sind letztlich die Banken: Sie müs­
keinen Kosten für institutionelle Anleger mit sen die Daten zu einzelnen Geschäften und
Energie­
trägern verbundenen Vermögens­ einem Engagement im Energieversorgungs­ Krediten, die von den Kreditsachbearbeitern
werten beeinträchtigen, voraussichtlich nicht sektor führen. gesammelt und verwaltet werden, mit den
betroffen sind. Denn sie halten nur gerin­ Da die Auswirkungen von Klimaschutz­ relevanten Kennzahlen des Gesamtportfolios
ge direkte Positionen an diesen Vermögens­ massnahmen je nach Branche unterschied­ in Einklang bringen.
werten. Von grösserer Bedeutung für Ban­ lich sind und von der jeweiligen Anpassungs­ 11 Battiston et al. (2018) und Monasterolo et al. (2018).
ken dürften hingegen die Massnahmen zur fähigkeit abhängen, könnten Finanzinstitu­
Steigerung der Energieeffizienz sein, die sich te negative Schocks ausgleichen, indem sie
auf den Wert von Immobilien und damit auf ihr Portfolio in Richtung CO2-arme Aktivitä­ Stefano Battiston
Professor für Banking, Universität Zürich
den Wert von Krediten an private Haushalte ten diversifizieren. Dies würde zu Gewinnern

Literatur
Battiston, S., Mandel, A., Monasterolo, I., Kriegler, E. et al. (2013). What Does the Raftery, A. E., Zimmer, A., Frierson, D. M., Swiss Sustainable Finance (2017). Swiss
Schütze, F. und Visentin, G. (2017). A Cli­ 2 °C Target Imply for a Global Climate Startz, R. und Liu, P. (2017). Less than Sustainable Investment Market Report
mate Stress-test of the Financial System, Agreement in 2020? The LIMITS Study 2 °C Warming by 2100 Unlikely, in: Nature 2017.
in: Nature Climate Change 7 (4), S. 283. on Durban Platform Scenarios. Clim. Climate Change, 7(9), S. 637. TCFD (2017). Final Report: Recommendati­
Battiston, S. und Monasterolo, I. (2018). Change Econ. 4, 1340008 (2013). Steffen, W. et al. (2015). Planetary Boun­ ons of the Task Force on Climate-related
A Carbon Risk Assessment of Central Monasterolo, I., Zengh J. I., Battiston, S. daries: Guiding Human Development on Financial Disclosures, Juni.
Banks’ Portfolios Under 2°C Aligned (2018). Climate-finance and Climate a Changing Planet, in: Science, 347(6223).
Climate Scenarios. 2018, im Erscheinen. Transition Risk: an Assessment of China’s Swiss Re (2018). 2017 Financial Report,
Overseas Energy Investments Portfolio. Zürich.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  45
ERWEITERUNGSBEITRAG

Ungleichheiten in der EU verringern


Der Bundesrat will den wirtschaftlichen und sozialen Aufholprozess in den neuen EU-Mit-
gliedsstaaten erneut mit einem Beitrag im Umfang von 1,302 Milliarden Franken fördern. Die
Erfahrungen mit den bisherigen Projekten sind positiv.  Hugo Bruggmann, Siroco Messerli

Abstract    Der Bundesrat hat am 28. September 2018 beschlossen, dem Parlament einigen Stellungnahmen wurde als Voraus­
einen zweiten Schweizer Beitrag an ausgewählte EU-Mitgliedsstaaten im Gesamtbe- setzung für die Zustimmung explizit die un­
trag von 1,302 Milliarden Franken über zehn Jahre vorzuschlagen. Das Parlament wird befristete Anerkennung der Börsenäquiva­
über diese Vorlage voraussichtlich bald entscheiden. Der Grossteil des Beitrags (1,102 lenz genannt.
Milliarden Franken) ist für Projekte vorgesehen, die den wirtschaftlichen und sozialen
Aufholprozess in den 13 seit 2004 der EU beigetretenen Staaten unterstützen sollen. Schweiz handelt eigenständig
Dabei steht der Schwerpunktbereich Berufsbildung im Vordergrund. 200 Millionen
Franken sind für Massnahmen im Zusammenhang mit den Herausforderungen der Mi- Ein Grundsatz des Beitrags ist: Die Schweizer
gration in der ganzen EU bestimmt. Bei den künftigen Projekten kann die Schweiz auf Projekte werden autonom – das heisst nach
den Erfahrungen der rund 300 Projekte aufbauen, die im Rahmen des Erweiterungs- schweizerischen Vorgaben und direkt mit
beitrags ab 2007 umgesetzt wurden. den begünstigten Partnerländern – durch­
geführt. Den Modalitäten der EU-Kohäsions­
politik wird angemessen Rechnung getragen.

K  ohäsion in Europa, Berufsbildung und


Migration: Dies sind die Schwerpunk­
te des geplanten Schweizer Beitrags an die
hungen mit den EU-Mitgliedsstaaten und der
EU insgesamt.
Auch wenn der Beitrag nicht direkt mit an­
Für den Abbau der wirtschaftlichen und so­
zialen Ungleichheiten sind 1,102 Milliarden
Franken vorgesehen (siehe Tabelle). Mit wei­
EU im Umfang von 1,302 Milliarden Fran­ deren EU-Dossiers verknüpft ist, gliedert er teren 200 Millionen Franken sollen Länder
ken. Der Fokus des zehnjährigen Programms sich doch in die Schweizer Europapolitik ein. wie aktuell zum Beispiel Griechenland und
liegt auf den 13 seit 2004 der EU beigetrete­ So waren Anfang November wesentliche Fra­ Italien, die stark von Migrationsbewegungen
nen Staaten. gen im Verhältnis zwischen der Schweiz und betroffen sind, unterstützt werden. Die Ver­
Der neue Beitrag knüpft an den Erweite­ der EU weiterhin offen – unter anderem be­ waltungsausgaben der Schweiz über zehn
rungsbeitrag in derselben Höhe an, in dessen treffend den Ausgang der Verhandlungen Jahre werden mit fünf Prozent veranschlagt.
Rahmen die Schweiz von 2007 bis 2017 in Est­ zum institutionellen Abkommen und die An­ Zwei Prozent sind speziell für projektbezo­
land, Lettland, Litauen, Malta, Polen, der Slo­ erkennung der Börsenäquivalenz, welche der gene Schweizer Expertise vorgesehen. Da­
wakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Bundesrat als erforderlich erachtet. Die Fes­ mit sollen die bilateralen Beziehungen mit
Zypern insgesamt 210 Projekte zur Verringe­ tigung der bilateralen Beziehungen und die den Partnerländern gestärkt, Fachwissen zur
rung der wirtschaftlichen und sozialen Un­ Fortführung der guten Zusammenarbeit lie­ Verfügung gestellt sowie die Qualität und die
gleichheiten unterstützte. In Bulgarien und gen jedoch weiterhin im gegenseitigen In­ Nachhaltigkeit der Projekte und Programme
Rumänien laufen die Projekte noch bis Ende teresse der Schweiz und der EU. Vor diesem gewährleistet werden.
2019; in Kroatien, das der EU im Jahr 2013 bei­ Hintergrund hat der Bundesrat Ende Sep­ Für die Umsetzung der Kohäsionsprojek­
getreten ist, enden diese 2024. tember beschlossen, einen nächsten Schritt te sind die Direktion für Entwicklung und
Im Rahmen ihrer Kohäsionspolitik för­ zu machen und die Finanzierungsbotschaft Zusammenarbeit (Deza) und das Staatsse­
dert die EU den wirtschaftlichen und sozia­ für einen zweiten Beitrag ans Parlament zu kretariat für Wirtschaft (Seco) gemeinsam
len Aufholprozess in den EU-13-Mitglieds­ überweisen. Damit gibt er dem Parlament die zuständig. Im Schwerpunktbereich Berufs­
staaten mit Mitteln von jährlich rund 33 Mil­ Möglichkeit, unter Berücksichtigung der er­ bildung erfolgt die Umsetzung in enger Ko­
liarden Euro. warteten Entwicklungen bei den verschiede­ operation mit dem Staatssekretariat für Bil­
Der Schweizer Beitrag entspricht pro Jahr nen EU-Dossiers über den zweiten Beitrag zu dung, Forschung und Innovation (SBFI). Die
0,35 Prozent der Kohäsionsleistungen der EU entscheiden. Aufteilung der Mittel auf die EU-13-Mitglieds­
zugunsten der EU-13-Mitgliedsstaaten und In der Vernehmlassung stiess der zweite staaten im Bereich Kohäsion basiert im We­
rund einem Drittel des Betrags, den Norwe­ Beitrag bei Kantonen, Parteien und Verbän­ sentlichen auf der Bevölkerungsgrösse und
gen zur Unterstützung der Kohäsion in Euro­ den mehrheitlich auf Zustimmung.1 Von den
pa aufbringt. 53 eingegangenen Stellungnahmen befür­
Sicherheit, Stabilität und Prosperität in worteten 48 grundsätzlich die Bereitstellung Beispiele aus den 300 Projekten des Erweite-
Europa kommen auch der Schweiz zugute. des Beitrags. In verschiedenen Stellungnah­ rungsbeitrags (im Uhrzeigersinn): Sanierung
Als verantwortungsbewusste Partnerin en­ men wurde die Genehmigung desselben von des ölverschmutzten Hafengeländes in Riga mit
gagiert sich auch die Schweiz dafür – dies ist einer positiven Beurteilung der Gesamtbezie­ Unterstützung von Schweizer Altlastenexperten
sowohl Ausdruck der Solidarität als auch eine (Lettland), Forschungspartnerschaften zwischen
hungen Schweiz – EU abhängig gemacht. In
der Schweiz und Bulgarien, technologische
Investition in die friedliche Zukunft des Kon­ Aufrüstung der Notfalldienste in Estland sowie
tinents. Gleichzeitig stärkt die Schweiz damit 1 Mehr Details unter abgeschlossene Vernehmlassungen Zusammenarbeit zur Sicherung der Schengen-­
ihre wirtschaftlichen und politischen Bezie­ auf Admin.ch. Aussengrenze Polens.

46  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


DEZA/SECO
ERWEITERUNGSBEITRAG

Der neue Beitrag im Vergleich zum Erweiterungsbeitrag (in Mio. Fr.) dem Pro­Kopf­Einkommen. Mit dem neu­
en Verteilschlüssel erhalten die drei ärmsten
Estland EU­Mitgliedsstaaten – Bulgarien, Kroatien
26 37,9
und Rumänien – mehr Mittel als beim bishe­
Leland rigen Erweiterungsbeitrag, die meisten an­
40,4 56,9 deren Partnerländer rund ein Drittel weniger
Litauen
(siehe Abbildung).
Die Verantwortung für die Zusammen­
45,2 67,3
arbeit im Bereich Migration liegt beim Staats­
Polen
sekretariat für Migration (SEM). Da sich Mi­
grationsrouten rasch ändern können, sollen
320,1 464,6
die Projekte in drei Mehrjahresprogrammen
mit jeweils zwei bis vier Partnerländern um­
gesetzt werden. Das Ziel ist es, unter anderem
Tschechien die Strukturen für die Aufnahme von Schutz­
76,9 104,3 suchenden zu stärken, effizientere Asylver­
Slowakei fahren zu fördern sowie Rückkehrverfahren zu
44,2 63,6 verbessern. Rund 10 Millionen Franken sind für
Ungarn dringende Sonderprojekte reserviert, um in
Rumänien
87,6 124,2 Krisensituationen rasch reagieren zu können.
Slowenien 221,5 171,9*
16 20,9 Kroatien
45,7 42,7** Auf Erfahrungen aufbauen
Die Zusammenarbeit der Schweiz mit den 13
Bulgarien EU­Staaten im Rahmen des Erweiterungsbei­
92,5 72,2* trags hat sich bewährt: Dies zeigen vier von der
Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) durch­
geführte Prüfungen sowie eine unabhängige,
externe Evaluation aus dem Jahr 2015.2 Die ex­
terne Evaluation zeigte, dass die Projekte einen
DEZA UND SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

positiven Beitrag zur wirtschaftlichen und so­


Zypern
zialen Entwicklung in den Partnerländern leis­
ten. Die Empfehlungen der EFK und der ex­
Malta 5,2 5,7 ternen Evaluation fliessen in die Konzipie­
3,6 4,8
rung des zweiten Beitrags ein. Dazu gehören
  Geplanter Beitrag   Bisheriger Erweiterungsbeitrag (2007 – 2017) eine stärkere thematische Konzentration so­
* 2009 – 2019 **2014 – 2024 wie – in den grösseren Ländern – eine stärkere
Die Ausgaben für die 13-EU-Staaten im Bereich Kohäsion belaufen sich beim geplanten Beitrag auf 1024,9 geografische Konzentration auf benachteilig­
Millionen Franken. Hinzu kommen Ausgaben für Schweizer Expertise in der Höhe von 22 Millionen te Regionen. Weiter gilt es, die Projektgeneh­
Franken (2%) und ein Verwaltungsaufwand von 55,1 Millionen Franken (5%). Insgesamt beläuft sich der
Kohäsionsbeitrag auf 1102 Millionen Franken (ohne Bereich Migration).
migung zu vereinfachen, ohne die Qualität zu
beeinträchtigen. Hilfreich für die Zusammen­
arbeit sind auch klarere Vorgaben und eine
Wie setzt sich der Beitrag zusammen? schlankere Berichterstattung. Schliesslich soll­
Kohäsion Migration
te die Kommunikation über das Programm in
Partnerländer: EU­13 Partnerländer: EU­28 den Partnerländern verstärkt werden.
Deza, Seco, SBFI Seco Deza SEM Mit fünf Berufsbildungsprojekten des Er­
Berufsbildung Umwelt­ und Klimaschutz Sozial­ & Gesundheitssys­ Migration weiterungsbeitrags besteht bereits eine gute
Privatsektorfinanzierung teme, Forschung & Innova­ Ausgangslage, um die Zusammenarbeit in
tion, Öffentliche Sicherheit,
Migrationsmanagement, diesem Bereich auszubauen. Bei den weiteren
Bürgerengagement & Themenbereichen wie Forschung und Inno­
DEZA UND SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Transparenz
vation, Sozial­ und Gesundheitssysteme, öf­
200 Mio. Fr. 451 Mio. Fr. 451 Mio. Fr. 200 Mio. Fr fentliche Sicherheit, Bürgerengagement und
Transparenz, Umwelt­ und Klimaschutz so­
Total 1102 Mio. Fr. Total 200 Mio. Fr.
wie KMU­Finanzierung sollen generell solche
bevorzugt werden, die den Prioritäten des je­
Total 1302 Mio. Fr.

Die Rechtsgrundlage für den Erweiterungsbeitrag und den Kohäsionsteil des zweiten Beitrags ist das
2 Deza und Seco (2016). Evaluation: Swiss Contribution
Bundesgesetz über die Zusammenarbeit mit den Staaten Osteuropas, welches in der Referendumsabstim-
to the Enlarged European Union, durchgeführt vom
mung vom 26. November 2006 angenommen und 2016 erneuert wurde. Der Migrationsteil des zweiten deutschen Beratungsunternehmen Gopa Consultants.
Beitrags stützt sich auf das Asylgesetz. Wie der Erweiterungsbeitrag ist auch der zweite Beitrag ein Inst- EFK­Prüfberichte Nr. 9327, 12467, 13363 und 14447, ab­
rument der Schweizer Europapolitik und nicht Teil der öffentlichen Entwicklungszusammenarbeit. rufbar unter Efk.admin.ch.

48 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


ERWEITERUNGSBEITRAG

weiligen Partnerlandes entsprechen und bei Parlament hat letztes Wort ren in den betreffenden Partnerstaaten wie­
denen durch den Erweiterungsbeitrag bereits der aufgebaut respektive im Falle von Bulga­
eine gute Grundlage für die weitere Zusam­ Mit dem Zeitpunkt der Genehmigung des rien, Rumänien und Kroatien weitergeführt
menarbeit geschaffen werden konnte. Schweizer Beitrags durch das Parlament wer­ werden.
Die Massnahmen der Schweiz zur Vermin­ den voraussichtlich die Verpflichtungsfristen
derung der Risiken von Unregelmässigkeiten, zu laufen beginnen. Die Mittel für die Zusam­
Missbrauch und Korruption werden grund­ menarbeit im Bereich Kohäsion müssen in­
sätzlich beibehalten. Dazu gehören die Si­ nerhalb von fünf Jahren für Projekte und Pro­
cherstellung der Nachvollziehbarkeit der Pro­ gramme verpflichtet werden, im Bereich Mi­
jektauswahl in den Partnerländern, die Über­ gration innerhalb von zehn Jahren. In beiden
prüfung von Auftragsvergaben sowie die Bereichen fallen die Auszahlungen über zehn
enge Begleitung der Projektumsetzung durch Jahre an.
die schweizerischen Vertretungen vor Ort Wie schon beim Erweiterungsbeitrag be­ Hugo Bruggmann
oder durch von der Schweiz mandatierte Ex­ absichtigt der Bundesrat, nach der parlamen­ Dr. oec., Leiter Ressort Erweiterungsbei-
perten. tarischen Genehmigung die von der Schweiz trag/Kohäsion, Staatssekretariat für Wirt-
schaft (Seco), Bern
Die Partnerländer sollen sich weiterhin mit festgelegten Parameter in einer rechtlich
mindestens 15 Prozent an den Projektkosten nicht verbindlichen Vereinbarung mit der EU
beteiligen und die Projekte vorfinanzieren. festzuhalten. Beispiele für solche Parame­
Die Rückvergütungen durch die Schweiz er­ ter sind die den Partnerländern zustehen­
folgen aufgrund der Projektfortschritte und den Beiträge, die Themenbereiche sowie all­
der überprüften Rechnungsbelege. Noch gemeine Umsetzungsgrundsätze. Mit jedem
stärker als beim Erweiterungsbeitrag sollen Partnerland schliesst die Schweiz ein bilate­
Schweizer Expertise und Partnerschaften in rales Rahmenabkommen ab, in welchem die
die Projekte eingebracht werden. Fachbehör­ länderspezifischen Themen festgehalten und
den und andere öffentliche oder private Leis­ die für alle geltenden Durchführungsmodali­ Siroco Messerli
tungserbringer können eine wertvolle Rolle täten im Detail geregelt werden. Leiter der Abteilung Neue EU-Mitgliedstaa-
spielen, indem sie Wissen und Erfahrungen Für die Umsetzung des zweiten Beitrags ten, Direktion für Entwicklung und Zusam-
menarbeit (Deza), Bern
vermitteln. müssen das Personal und die Bürostruktu­

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Die Volkswirtschaft  12 / 2018 49


JUGENDLICHE UND ARBEIT

Schule fertig, was nun?


Die meisten jungen Erwachsenen in der Schweiz finden einen Ausbildungsplatz und eine
Stelle. Allerdings gestaltet sich der Übergang ins Erwerbsleben für bestimmte Gruppen wie
beispielsweise spät zugewanderte Migranten schwieriger.  Melania Rudin, Roman Liesch,
Jürg Guggisberg

Krise ebenfalls angestiegen, und der Trend


Abstract  Der Übergang von der Schule in eine zertifizierende Ausbildung auf Sekun- hat sich abgeschwächt bis 2015 tendenziell
darstufe II und anschliessend ins Erwerbsleben gelingt dem grossen Teil der Jugend- fortgesetzt. Seither bewegt sie sich wieder
lichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz nach wie vor gut. Dies zeigt eine vom in Richtung des Vorkrisenniveaus von 2006.
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in Auftrag gegebene Überblicksstudie des Bü- Bei der Erwerbslosenquote zeigt sich der
ros für arbeits- und sozialpolitische Studien (Bass) zur Lage von Jugendlichen und jun- grösste Unterschied zwischen der Gesamt­
gen Erwachsenen im Arbeitsmarkt. Dennoch gibt es Gruppen, die bei den Übergängen bevölkerung und den jungen Erwachse­
im Jugend- und jungen Erwachsenenalter mit erhöhten Risiken konfrontiert sind. Dies nen. Zwar liegt diese auch in der Gesamtbe­
trifft beispielsweise für die französisch- und italienischsprachige Schweiz, für spät zu- völkerung höher als die Arbeitslosenquote,
gewanderte Migranten und für Absolventen von zweijährigen Berufsattestsausbil- der Unterschied bei den jüngeren Personen
dungen zu. ist aber deutlich ausgeprägter. So ist die Er­
werbslosenquote bei den 15- bis 24-Jähri­
gen seit 2011 mehr als doppelt so hoch wie

W  ie sieht die Situation von jungen Er­


wachsenen im Schweizer Arbeits­
markt aus? Da 15- bis 24-Jährige meist eine
ist die Definition der Erwerbslosenquote
breiter gefasst: Als erwerbslos gilt, wer nicht
erwerbstätig, aktiv auf Stellensuche und so­
die Arbeitslosenquote. Bei der Gesamtbe­
völkerung ist dieses Verhältnis wesentlich
kleiner. Bei den jungen Erwachsenen sorgen
Ausbildung abschliessen oder neu ins Er­ fort verfügbar ist – unabhängig davon, ob mehrere Faktoren für eine grössere Abwei­
werbsleben eintreten, lässt sich diese Alters­ die Person sich bei einem RAV gemeldet hat.2 chung: Beispielsweise melden sie sich viel­
gruppe nur schwer mit anderen Gruppen ver­ Die Erwerbslosenquote ist im Zeitraum der fach nicht beim RAV, weil sie aufgrund ihrer
gleichen. Im Auftrag des Staatssekretariats 2 Die Arbeitslosenquote basiert auf den Arbeitslosenzah­
Erwerbslaufbahn noch nicht die erforderli­
für Wirtschaft (Seco) hat das Büro für arbeits- len des Seco. Die Erwerbslosenquote stützt sich auf die che ­Beitragszeit erfüllen und somit keinen
und sozialpolitische Studien (Bass) in einer Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (Sake) und ent­
spricht den Vorgaben der Internationalen Arbeitsorga­
Überblicksstudie die wichtigsten Kennzahlen nisation (ILO). Eine gute Ausbildung schützt vor Arbeitslosigkeit:
zusammengefasst.1 Fachmittelschüler in Solothurn.
Ganz allgemein lässt sich festhalten, dass
die Arbeitslosenquote von 15- bis 24-Jährigen
weitgehend parallel zur Arbeitslosenquo­
te der Gesamtbevölkerung verläuft. Im Ver­
gleich zur Gesamtbevölkerung sind die kon­
junkturellen Schwankungen jedoch grösser.
So zeigen sich die Folgen der letzten Welt­
wirtschaftskrise auch in den Arbeitsmarktin­
dikatoren für 15- bis 24-Jährige (siehe Abbil-
dung 1). Lässt sich von 2006 bis 2008 noch
ein Rückgang der Arbeitslosenquote bei den
jungen Personen beobachten, kehrt dieser
Trend mit dem Überschwappen der Krise auf
die Schweiz, und die entsprechende Quo­
te ist 2009 und 2010 deutlich höher. Es zeigt
sich aber eine relativ rasche Erholung, und ab
2011 liegt sie wieder auf dem Niveau der Jahre
2007/2008 – seither ist sie relativ konstant.
Ähnlich sieht die Entwicklung bei der
Erwerbslosenquote aus. Im Unterschied
zur Arbeitslosenquote, welche nur die bei
einem Regionalen Arbeitsvermittlungszen­
trum (RAV) gemeldeten Personen umfasst,
KEYSTONE

1 Rudin et al. (2018).

50  Die Volkswirtschaft  12 / 2018


JUGENDLICHE UND ARBEIT

Anspruch auf Arbeitslosengelder haben oder halb nebst der Arbeitslosen- stets auch die Er­ rufliche Grundbildung und allgemeinbildende
weil sie davon ausgehen, innerhalb der War­ werbslosenquote betrachtet werden. Zusätz­ Ausbildungsgänge wie Gymnasien) machen –
tezeit selber eine Stelle zu finden. Teilweise lich lohnt sich ein detaillierterer Blick auf Sub­ vor allem, wenn sie zu den sogenannten Spät­
verzichten sie auch freiwillig auf Arbeitslo­ gruppen und die Bildungsbeteiligung. So ist zugewanderten gehören, die im Ausland ge­
sengelder, weil sie auf Erspartes oder andere die Arbeitslosenquote von jugendlichen Aus­ boren sind.
finanzielle Mittel (zum Beispiel Zuwendungen ländern beispielsweise fast doppelt so hoch
der Eltern, Einkommen von (Ehe-)Partnern) wie diejenige von gleichaltrigen Schweizern. Atypische Arbeitsverträge
zurückgreifen können. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass
Um die Situation der 15- bis 24-Jährigen Ausländer markant seltener eine nachobliga­ Auch «atypische» Beschäftigungsverhält­
im Arbeitsmarkt zu beurteilen, sollte des­ torische Ausbildung auf Sekundarstufe II (be­ nisse kommen bei 15- bis 24-Jährigen deut­
lich häufiger vor als in der Gesamtbevölke­
rung: Viele Jugendliche verfügen über keine
Abb. 1: Erwerbssituation der 15- bis 24-Jährigen in der Schweiz (2006–2017) unbefristete Vollzeitstelle und sind nicht voll­
20    Arbeitslosen- / Erwerbslosenquote, in % Anteil in atypischer Beschäftigung (ohne Lernende), in %    40 ständig im sozialen Sicherungssystem ein­
gebettet, sondern ihre Arbeitsverträge sind
beispielsweise befristet, sie sind unterbe­

SECO AMSTAT (ARBEITSLOSENQUOTE), BFS SAKE (ERWERBSLOSENQUOTE,


ATYPISCHE BESCHÄFTIGUNG); BERECHNUNG UND DARSTELLUNG: BASS /
15 30
schäftigt, arbeiten temporär oder auf Abruf.3
Allerdings muss festgehalten werden: Im
Untersuchungszeitraum hat sich die Quo­
10 20
te der atypischen Beschäftigungsverhältnis­
se der 15- bis 24-Jährigen parallel zur Quote
der Gesamtbevölkerung entwickelt, welche
kaum gestiegen ist. Innerhalb der Altersgrup­
5 10

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
pe gibt es allerdings deutliche Unterschiede
(siehe Abbildung 1). So befinden sich Haupt­
Rezession von 2009 erwerbstätige seltener in atypischen Be­
0 0
schäftigungsverhältnissen als Personen, die
2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017
parallel zur Erwerbstätigkeit noch in Ausbil­
  Arbeitslosenquote        Erwerbslosenquote ILO     dung sind und beispielsweise einen «Studen­
  atypische Beschäftigung von hauptsächlich erwerbstätigen Personen (rechte Skala)     tenjob» ausüben. Dabei dürfte es sich bei den
  atypische Beschäftigung von Personen, die parallel in Ausbildung sind (rechte Skala)
Haupterwerbstätigen öfter um Situationen
Im Jahr 2010 wurde die Erhebungsmethode der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) geändert. Der Struktur- handeln, bei denen die atypischen Elemente
bruch ist in der Abbildung mit einer Lücke dargestellt. des Arbeitsvertrags ungewollt sind oder be­
züglich der längerfristigen Einkommens- und
Absicherungssituation als «prekär» einzustu­
Abb. 2: Abschluss auf Sekundarstufe II im Jahr 2012 – die Monate danach fen sind.
BFS, LÄNGSSCHNITTANALYSEN IM BILDUNGSBEREICH (LABB), STRUBI ET AL. (2018); SEK.-II-ABSCHLUSS IM JAHR 2012 /

0 Insgesamt war vergangenes Jahr etwa ein


Total
30 Monate Fünftel der 15- bis 24-Jährigen Erwerbstäti­
18 Monate gen ohne parallele Ausbildung in einem atypi­
6 Monate schen Arbeitsverhältnis. Die atypischen Ver­
Eidgenössisches hältnisse bestanden zu je etwa gleich gros­
Fähigkeitszeugnis (EFZ)
30 Monate
sen Teilen aus befristeten Verträgen, Arbeit
18 Monate auf Abruf und Unterbeschäftigung. An sich
6 Monate sind solche atypischen Beschäftigungsver­
hältnisse noch nicht besorgniserregend, es
Eidgenössisches
Berufsattest sollte aber im Auge behalten werden, ob die­
30 Monate se Phasen von langer Dauer sind, ob daraus
18 Monate
mittel- und längerfristig negative Folgen be­
6 Monate
züglich der Chancen im Arbeitsmarkt resul­
Gymnasiales tieren oder ob bestimmte Gruppen der 15- bis
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Maturitätszeugnis
24-Jährigen besonders stark von potenziellen
30 Monate
18 Monate Risikosituationen betroffen sind.
6 Monate

in % 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 Situation nach der Ausbildung


  in Ausbildung        in Ausbildung und erwerbstätig       erwerbstätig    
weder erwerbstätig noch in Ausbildung (NEET): Für eine klarere Bewertung der Situation von
  als arbeitslos registriert       bezieht Leistungen der IV       bezieht Leistungen der EO       sonstige jungen Menschen beim Übergang in den
Total (N=88661), EFZ3+4 (N=50009),  EBA (N=3724), Gymnasiales Maturitätszeugnis (N=17404). Berufsma- 3 Für die Quote an Personen in atypischen Beschäfti­
turitätszeugnisse (N=12186), Fachmittelschulausweise (N=3297) und Fachmaturitätszeugnis (N=2041) sind gungssituationen wird hier die Anzahl Erwerbstätiger
im Total enthalten, jedoch in der Grafik nicht einzeln ausgewiesen. ohne Lernende als Basis verwendet. Für Definition siehe
Rudin et al. (2018).

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  51
JUGENDLICHE UND ARBEIT

Arbeitsmarkt lohnen sich eine sogenannte keitszeugnisses (4%). Dies deutet darauf genannte Spätzugewanderte), und Absol­
Kohortensicht und die Betrachtung von Aus­ hin, dass der Einstieg in den Arbeitsmarkt venten von zweijährigen Berufsattestsaus­
bildungs­ und Erwerbssituation 6, 18 und 30 mit einem Berufsattest ungleich schwieri­ bildungen.
Monate nach ihrem Abschluss auf Sekundar­ ger ist als mit einem Fähigkeitszeugnis. Die
stufe II. Zahlen für das Jahr 2012 zeigen: Die Arbeitslosenquote von EBA­Absolventen
Mehrheit der Absolventen ist ein halbes Jahr liegt 30 Monate nach dem Abschluss immer
nach dem Abschluss erwerbstätig (teilweise noch bei 5 Prozent und damit über derjeni­
parallel zu einer Ausbildung, siehe Abbildung gen der EFZ­Absolventen (2%). Allerdings
2), wobei der Anteil mit der verronnenen Zeit wählt rund ein Drittel der Personen mit
seit dem Abschluss zunimmt. 30 Monate einem Berufsattest 18 Monate nach dem
nach Abschluss befindet sich gut ein Fünftel Abschluss den Weg einer (weiterführenden)
der Personen mit einem Eidgenössischen Fä­ Ausbildung, was deren Chancen auf dem
higkeitszeugnis (EFZ) in einer Ausbildung; bei Arbeitsmarkt erhöhen dürfte. Zudem wer­ Melania Rudin
den Maturanden sind es 90 Prozent. den die mittelfristigen Arbeitsmarktchan­ Ökonomin, Mitglied der Geschäft sleitung,
Der Anteil junger Personen, die weder in cen durch den Einstieg in eine EBA­Ausbil­ Büro für arbeits- und sozialpolitische
Studien (Bass), Bern
Ausbildung noch erwerbstätig sind («not in dung klar erhöht, wenn dadurch NEET­Si­
education, employment or training», NEET), tuationen vermieden werden.
gibt Hinweise zum Gelingen des Übergangs
in den Arbeitsmarkt. Zur NEET­Gruppe ge­ Rezession überwunden
hören beispielsweise Personen, die eine län­
gere Reise machen, die für längere Zeit Mi­ Zusammenfassend lässt sich festhalten,
litär­ oder Zivildienst leisten, ohne in einem dass der Einstieg in die Erwerbstätigkeit
Anstellungsverhältnis zu sein – oder auch den meisten Jugendlichen und jungen Er­
Personen, die aufgrund von Haus­ oder Fa­ wachsenen nach wie vor gut gelingt. Die­
milienarbeit nicht erwerbstätig sind. Arbeits­ ser Befund gilt trotz der turbulenten ge­ Roman Liesch
und erwerbslose Personen gehören ebenfalls samtwirtschaftlichen Entwicklungen der Dr. rer. publ., Projektleiter, Büro für arbeits-
und sozialpolitische Studien (Bass), Bern
dazu sowie auch Menschen, die aus gesund­ letzten zehn Jahre, welche durch eine Re­
heitlichen Gründen keiner Ausbildung oder zession, Aufwertungen des Frankens, eine
Erwerbsarbeit nachgehen können. fortschreitende Verschiebung von Stellen in
Die NEET­Quote4 nimmt kontinuierlich ab, den Dienstleistungssektor und eine anhal­
je länger der Abschluss auf Sekundarstufe II tend grosse Nachfrage nach hoch qualifi­
zurückliegt. Während sie ein halbes Jahr nach zierten Fachkräften geprägt war. Die Situa­
dem Abschluss noch 18 Prozent beträgt, sind tion der 15­ bis 24­Jährigen im Arbeitsmarkt
es nach 30 Monaten nur noch 8 Prozent. Ab­ befindet sich gemessen an den groben Indi­
gesehen von den Maturanden, die sich kurz katoren ungefähr auf dem Niveau der Jahre
nach dem Abschluss relativ häufig in NEET­Si­ vor der letzten Rezession. Jürg Guggisberg
tuationen befinden (24%), zeigen die Daten, Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung Soziologe und Ökonom, Mitglied der
dass NEET­Situationen überdurchschnitt­ haben sie aber – bedingt durch ihre Über­ Geschäft sleitung, Büro für arbeits- und
sozialpolitische Studien (Bass), Bern
lich häufig Personen mit einem Eidgenössi­ gangssituation – einen schwierigeren
schen Berufsattest (EBA) betreffen. Ins Auge Stand auf dem Arbeitsmarkt. Gewisse Sub­
Literatur
sticht dabei vor allem der vergleichsweise gruppen sind überdurchschnittlich oft mit
Rudin, Melania, Jürg Guggisberg; Philipp Dubach,
hohe Anteil Arbeitsloser ein halbes Jahr nach Schwierigkeiten beim Übergang ins Er­ Severin Bischof, Mario Morger, Jolanda Jäggi und
dem Abschluss von 11 Prozent im Vergleich zu werbsleben konfrontiert. Zu ihnen gehören Roman Liesch (2018). Überblicksstudie zur Situation
der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im
Absolventen eines Eidgenössischen Fähig­ junge Menschen in der französisch­ und Arbeitsmarkt, Büro für arbeits­ und sozialpolitische
italienischsprachigen Schweiz, Personen, Studien Bass, im Auftrag des Seco.
Strubi Pascal, Jana Veselá und Jacques Babel (2018).
4 Anzahl Personen in NEET­Situationen geteilt durch die
die im Jugend­ oder jungen Erwachsenen­ Transitions après un titre du degré secondaire II et
Wohnbevölkerung. alter in die Schweiz zugewandert sind (so­ intégration sur le marché du travail, BFS, Neuenburg.

52 Die Volkswirtschaft  12 / 2018


KEYSTONE

Arbeitsintegration koordinieren
Bei der beruflichen Integration von Arbeitslosen, IV-Bezügern und Flüchtlingen
sind häufig mehrere Institutionen involviert. Die kantonale und nationale Zusammen-
arbeit von Invalidenversicherung, Arbeitslosenversicherung und Sozialhilfe erhöht die
Effizienz und verbessert die Betreuung, wie ein Aargauer Pilotprojekt zeigt.
ARBEITSINTEGRATION

Gute Absprache verbessert


­Wiederein­gliederung
Das soziale Auffangnetz in der Schweiz besteht aus vielen verschiedenen Institutionen.
Sie alle haben ein Ziel: die Integration der Klienten in den Arbeitsmarkt. Um dabei Doppel-
spurigkeiten zu vermeiden, arbeiten die verschiedenen Stellen interinstitutionell zusammen. 
Christian Kälin

Abstract  Die Schweiz zeichnet sich durch ein ausdifferenziertes System an sozialer ben, um im hiesigen Arbeitsmarkt bestehen
Absicherung aus: Die Risiken von Arbeitslosigkeit und Invalidität sind versichert, bei zu können. Entsprechend kann sogar ein Ab­
materiellen Problemen unterstützt die Sozialhilfe, und das Bildungssystem trägt dazu schluss auf Sekundarstufe II anvisiert werden
bei, dass der Anschluss an die Erfordernisse der Wirtschaft möglich ist. Auch für die – wie beispielsweise eine zweijährige berufli­
erfolgreiche Integration geflüchteter Menschen ist Arbeit ein zentraler Erfolgsfaktor. che Grundbildung mit Eidgenössischem Be­
Zudem können zu spät erkannte gesundheitliche Schwierigkeiten auch Berufskarrie- rufsattest oder ein Nachholen des Berufsab­
ren gefährden. Diese Politikfelder erfordern ein koordiniertes Zusammenwirken für schlusses für Erwachsene. Dies erforderte je­
eine rasche und dauerhafte Integration in die Arbeitswelt. Dazu wurde auf Bundes- doch eine Abstimmung der Instrumente der
ebene die interinstitutionelle Zusammenarbeit (IIZ) etabliert, welche in der jeweils Integrationssysteme in der Schweiz, da die
passenden Form in den Kantonen auf der Vollzugsebene umgesetzt wird. Fachleute in den bestehenden Regelstruk­
turen ihre Kompetenzen auch für diese neue
Klientel ausspielen sollen. Deshalb wurde die

N  ach der Jahrtausendwende zeigte sich:


Die arbeitsmarktliche Integration von
Menschen mit komplexeren Problemlagen
ihre Ziele und Mittel zur Reintegration der
anspruchsvolleren Klienten abstimmen. Es
zeigte sich, dass ein frühes und koordinier­
2010 geschaffene nationale IIZ überprüft und
in der Folge bestätigt (siehe Kasten).
Die 2016 vorgenommene externe Evalua­
machte eine systematischere Zusammen­ tes Vorgehen Ressourcen bündelt und für die tion1 kam in ihrer Beurteilung zu positiven
arbeit zwischen den sozialen Sicherungssys­ betroffenen Personen wie auch für die Bera­ Schlüssen und identifizierte punktuellen Op­
temen notwendig. Damals gab es zwischen tungsfachleute zielführender und befriedi­ timierungsbedarf. Darauf basierend, haben
Beratungsfachleuten teilweise Uneinigkei­ gender ist. das Departement des Innern (EDI), das Justiz-
ten über die Bewerbungsstrategie von stel­ und Polizeidepartement (EJPD) und das De­
lensuchenden Personen. Und mittels admi­ Koordination beim Bund partement für Wirtschaft, Bildung und For­
nistrativer Auflagen wurde gar verhindert, schung (WBF) die Zusammenarbeit der Part­
dass Lücken aufgearbeitet wurden. Aus Mit der Zeit rückten auch Migrationsfragen ner bestärkt und drei Schwerpunkte für die
dieser Erkenntnis ist die Interinstitutionel­ ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Im Jahr nationale IIZ definiert:
le Zusammenarbeit (IIZ) geboren. Sie ist ein 2011 wurde die IIZ auf Bundesebene um die Erstens wird die Koordination und Zu­
Kooperationsprozess zwischen der Arbeits­ Akteure der Migration erweitert. Personen, sammenarbeit an den Schnittstellen der In­
losenversicherung (ALV), der Invalidenver­ welche im Ausland aufgewachsen sind oder tegrationsmassnahmen vertieft. Nament­
sicherung (IV), der Berufsbildung und der in die Schweiz geflüchtet sind und auf ab­ lich betrifft dies die ALV und die öffentliche
Sozialhilfe. Das Ziel einer IIZ ist es, die Fall­ sehbare Zeit nicht mehr in ihr Heimatland zu­ Arbeitsvermittlung, die Sozialhilfe, die Inva­
führung abzusprechen und so Doppelspu­ rückkehren, sollen mit passenden Massnah­
rigkeiten zu vermeiden. Die stellensuchen­ men die notwendigen Kompetenzen erwer­ 1 Die Evaluation ist online unter www.iiz.ch abrufbar.
den Personen und nicht die Formulare sollen
im Zentrum der Integrationsanstrengungen
stehen. Konkret bedeutet dies, dass die Ab­ Die nationale Interinstitutionelle Zusammenarbeit
klärung über eine Rückkehr in den Erwerbs­
Die nationale Interinstitutio- und wirkt im Rahmen dieses das Steuerungsgremium als
prozess sowie unterstützende Massnahmen
nelle Zusammenarbeit (IIZ) politisch-strategischen Organs auch das Entwicklungs- und
wie zum Beispiel Kurse in Absprache mit al­ organisiert sich seit 2010 auf eine Optimierung der IIZ Koordinationsgremium in fach-
len involvierten Stellen erfolgt. Nach einigen in zwei Gremien und einer hin. Das Entwicklungs- und licher und organisatorischer
Jahren Erfahrung wurde diese operationelle Fachstelle.a Das Steuerungs- Koordinationsgremium mit den Hinsicht, fördert die Umsetzung
gremium ist zusammengesetzt Vertretern der Fachverbände der IIZ und ist Anlaufstelle des
Zusammenarbeit auf Fallebene auch bei der aus Verantwortlichen der vier sorgt für die Weiterentwick- Bundes für IIZ-Fragen.
Ausgestaltung der Systeme und der entspre­ Bundespartner (Seco, BSV, SEM, lung sowie die koordinierte a Mehr Information online unter
chenden Abstimmung der Strategien und SBFI), der zuständigen kanto- Umsetzung der IIZ in der Praxis. www.iiz.ch.
nalen Regierungskonferenzenb Die Fachstelle besteht aus vier b Konferenz kantonaler Sozial­
der Führungsprinzipien berücksichtigt. So direktoren (SODK), Konferenz
sowie des Schweizerischen Ge- Fachpersonen der betroffenen
entstand in den Kantonen eine IIZ, bei der meinde- und Städteverbandes. Bundesämter sowie aus der kantonaler Volkswirtschafts­
sich die Leitung der Arbeitsmarktintegration direktoren (VDK), Konferenz
Es koordiniert die berufliche Sozialhilfe. Zusammen mit dem kantonaler Erziehungsdirekto­
(ALV und RAV), der IV und der Sozialhilfe über Eingliederung in der Schweiz Leiter unterstützt sie sowohl ren (EDK).

54  Die Volkswirtschaft 12 / 2018


ARBEITSINTEGRATION

lidenversicherung sowie den Migrationsbe­ eines Berufsabschlusses. Die arbeitsmarkt­ Federführung des BSV unlängst ein IIZ-Pro­
reich und die Berufsbildung. Dieses Ziel soll liche Integration von gering qualifizierten, jekt erarbeitet. Die Studie «Angebote am
auch mit dem Aufzeigen von guten Beispie­ geflüchteten Menschen, welche längere Übergang I für Jugendliche mit gesundheitli­
len eines wirkungsvollen Massnahmenein­ Zeit in der Schweiz bleiben, ist eine grosse chen Einschränkungen» liefert eine Übersicht
satzes erreicht werden. Da die Regionalen Herausforderung. Die Abklärung der mitge­ zu guten Beispielen in den Kantonen und
Arbeitsvermittlungszentren (RAV) nur jene brachten Erfahrungen und Fähigkeiten und Städten, welche junge Menschen erfolgreich
Personen erfolgreich vermitteln können, das Definieren von nötigen Bildungs- und integrieren. So trägt die IIZ mit dazu bei, dass
welche die Erfordernisse des Arbeitsmarktes weiteren Unterstützungsmassnahmen wer­ Jugendliche trotz gesundheitlichen Schwie­
erfüllen, haben sich Sozialhilfe und ALV über den deshalb neu durch ein Instrument er­ rigkeiten eine Ausbildung aufnehmen und ein
eine Definition der Arbeitsmarktfähigkeit leichtert, welches zurzeit vom Staatssekre­ Leben in Würde führen können.3
verständigt und so ein Hilfsmittel erarbei­ tariat für Migration (SEM) und einer Exper­ Wenn die Sozialhilfe, die IV und die RAV
tet, mit dem sich Kompetenzlücken benen­ tengruppe entwickelt wird. Momentan wird enger zusammenarbeiten, können sie ihre je­
nen lassen. Das führt letztlich zu einer effek­ es mit einer Anzahl Kantone in einer Test­ weiligen Kompetenzen einfacher koordinie­
tiveren Beratung und zu einem zielgerichte­ phase auf die Praxistauglichkeit geprüft.2 ren und beispielsweise die Integrationsbe­
teren Massnahmeneinsatz. Und drittens soll die Zusammenarbeit mit mühungen mit dem Arbeitgeber abstimmen.
Zweitens wird die Bildungs- und Arbeits­ zentralen Akteuren im Bereich der Gesund­ Dabei werden zwangsläufig sensible Infor­
marktintegration bei den gefährdeten Ziel­ heit und der sozialen Sicherheit angeregt und mationen über die Klienten mit ­mehrfachen
gruppen verstärkt. Davon betroffen sind verstärkt werden. Wenn es gelingt, gesund­ Schwierigkeiten ausgetauscht. Hierfür muss
Sozialhilfebeziehende, Personen mit ge­ heitliche und psychische Probleme frühzeitig der Rahmen abgesteckt sowie die Art und
sundheitlichen Einschränkungen, gering zu erkennen und Schwierigkeiten koordiniert 3 Weitere Informationen finden Sie online unter
qualifizierte Erwachsene sowie spät einge­ anzugehen, können grössere und teurere Fol­ www.aramis.admin.ch.
reiste Jugendliche, junge Erwachsene, vor­ gen vermieden werden. Hierzu wurde unter
läufig Aufgenommene und Flüchtlinge. Im
Fokus stehen dabei die Vervollständigung 2 Siehe den Artikel von Michèle Laubscher Eine Integrationsstelle in Genf. Die inter­
der Grundkompetenzen und das Erreichen auf S. 60. institutionelle Zusammenarbeit will Jugendlichen
den Einstieg in die Arbeitswelt erleichtern.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  55
ARBEITSINTEGRATION

Weise der Einwilligung geregelt werden. Im Die Partner der IIZ passen ihre Beratungs­ tems erhöht, die Kundenzufriedenheit ver­
Kanton Aargau wurde über zehn Jahre der leistungen dynamisch an die Anforderun­ bessert und langfristige Folgekosten vermie­
Betrieb eines gemeinsamen Zentrums zur gen des Arbeitsmarktes an. Insbesondere die den werden.
arbeitsmarktlichen Integration getestet. enge Zusammenarbeit zwischen der Sozial­ Die IIZ hat weiter den Anspruch, die ge­
Nun soll das erprobte Modell in weiteren Re­ hilfe, der IV und den RAV soll das Potenzial der meinsame Plattform für die Lancierung und
gionen umgesetzt werden.4 inländischen Arbeitskräfte weiter ausschöp­ Prüfung von Innovationen im Bereich der so­
fen. Mittels koordinierter Kommunikation zialen Sicherheit in der Schweiz zu sein. Dies
Seco übernimmt Vorsitz gegenüber den Arbeitgebern soll die Wirt­ soll allen Stellensuchenden mit Schwierig­
schaft dabei unterstützt werden, entspre­ keiten zugutekommen und die Beratungs­
Der Arbeitsmarkt wandelt sich rasch. Die Bera­ chende Brücken in die Arbeitswelt zu nutzen arbeit der involvierten Beratungspersonen
tungspersonen der Integrationssysteme müs­ und auch weiterhin Stellen für Menschen mit erleichtern.
sen die Anforderungen der Arbeitgeber für die Schwierigkeiten bereitzustellen. Dazu steht
Besetzung der Stellen kennen. Und sie müs­ die nationale IIZ im Austausch mit den Kan­
sen auch die Problematiken der mehrfach an­ tonen. Jährlich werden an einer Tagung gute
gemeldeten Personen erkennen und verste­ Beispiele ausgetauscht und aktuelle Projekte
hen. Mit aufeinander abgestimmten Unter­ zur Zusammenarbeit präsentiert.
stützungsleistungen sollen die Klienten selbst Für die kommende zweijährige Phase,
bei namhaften Schwierigkeiten nach einer be­ in der das Staatssekretariat für Wirtschaft
gleiteten Überbrückungszeit in eine bezahl­ (Seco) den Vorsitz in der nationalen IIZ hat,
te Erwerbstätigkeit zurückfinden können. An wird die Zusammenarbeit der Partner wei­
dieser Zielvorgabe arbeiten die Partner der so­ ter vertieft. Zurzeit werden die Schnitt stel­
zialen Sicherungssysteme auf Ebene des Bun­ len mit der Arbeitsmarktintegration der ALV Christian Kälin
des und in den Kantonen systematisch. analysiert.5 Auch so soll die Wirkung des Sys­ Leiter der nationalen Fachstelle Inter-
institutionelle Zusammenarbeit (IIZ),
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco),
4 Siehe den Artikel von Thomas Buchmann, Peter Eber­ 5 Siehe den Artikel von Michael Mattmann, Michael
hard und Karin Hunziker auf S. 63. Bern
Marti, Ramin Mohagheghi und Svenja Strahm auf S. 57.

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ARBEITSINTEGRATION

Schnittstellen bei der Arbeitsmarkt­


integration optimieren
Zahlreiche Institutionen unterstützen in der Schweiz Stellensuchende bei der Eingliede-
rung in den Arbeitsmarkt. Zwischen der Arbeitslosenversicherung und diesen Institutionen
bestehen viele Schnittstellen. Eine Studie zeigt nun, wo diese liegen und wie sie verbessert
werden können.  Michael Mattmann, Michael Marti, Ramin Mohagheghi, Svenja Strahm

Abstract  An der Arbeitsmarktintegration von stellensuchenden Personen sind neben nach Kanton unterschiedlich intensiv. Wäh­
der Arbeitslosenversicherung (ALV) weitere Institutionen wie die Invalidenversiche- rend sich in einigen Kantonen alle arbeits­
rung (IV), die Sozialhilfe sowie die Berufsbildungs- oder Integrationsfachstellen betei- marktfähigen Sozialhilfebezüger beim RAV
ligt. Da bisher ein Überblick zu den Schnittstellen zwischen der ALV und den beteiligten zur Arbeitsvermittlung anmelden müssen, ist
Partnern fehlt, hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) beim Beratungs- und dies in anderen Kantonen nur sporadisch der
Forschungsunternehmen Ecoplan die Erarbeitung eines Katalogs dieser Schnittstel- Fall. Dies hängt massgeblich davon ab, ob die
len in Auftrag gegeben. Bei den klassischen Sozialwerken IV und Sozialhilfe bestehen Sozialdienste eigene Programme zur Arbeits­
viele Schnittstellen bei der täglichen Arbeit mit Stellensuchenden. Dabei sind Fragen marktintegration betreiben. In kleineren So­
der Zuständigkeit, der Koordination der Wiedereingliederung und des Massnahmen- zialdiensten und Kantonen hat die Sozialhil­
einsatzes zentral. Zudem ergibt sich eine Reihe von Übergängen zwischen den Sozial- fe oft keine entsprechenden Kapazitäten und
werken beim Wechsel der Zuständigkeit. In den Bereichen der Berufsbildung und der Kompetenzen und ist daher auf die Angebote
Integration von Migranten besteht hingegen die zentrale Herausforderung in der Be- der RAV angewiesen.
reitstellung und der Finanzierung von Bildungsangeboten für die verschiedenen Ziel- Um sicherzustellen, dass die Sozialdiens­
gruppen. te die vermittelbaren Personen den RAV mel­
den, ist ein gemeinsames Verständnis des
Konzepts der Arbeitsmarktfähigkeit ent­

W  as sind die Erfolgsfaktoren für eine


langfristige Teilnahme am Erwerbs­
leben? Ist es eine abgeschlossene Schulbil­
zu erstellen. Für jede Schnittstelle enthält der
Katalog eine Bewertung der jeweiligen Be­
deutung, der Herausforderungen und der
scheidend. Die Arbeitsmarktfähigkeit ergibt
sich aus den individuellen Voraussetzungen
einer stellensuchenden Person und aus den
dung? Ist es die gezielte Vermittlung einer vorhandenen Lösungsansätze. Anforderungen des Arbeitsmarkts. Die indi­
stellensuchenden Person an einen Arbeitge­ viduellen Voraussetzungen setzen sich zu­
ber? Oder die Anpassung eines Arbeitsplatzes Grosse kantonale Unterschiede sammen aus Eigenschaften wie der Ausbil­
auf die Bedürfnisse einer Person mit körperli­ dung, den sozialen Kompetenzen sowie der
chen Einschränkungen? Die Zusammenarbeit zwischen der ALV res­ Vermittlungsbereitschaft, der Arbeitsfähig­
So vielfältig wie die Antworten auf diese pektive den Regionalen Arbeitsvermittlungs­ keit und der Arbeitsberechtigung. Oftmals
Fragen sind, so vielfältig ist auch die Arbeits­ zentren (RAV) und den Sozialdiensten ist je haben RAV und Sozialdienste unterschied­
marktintegration. Neben der Arbeitslosen­
versicherung (ALV) leistet eine Vielzahl wei­
terer Institutionen wie die IV, die Sozialhil­ Die wichtigsten institutionellen Akteure in der Arbeitsmarktintegration
fe, die Integrationsförderung von Migranten
oder die Berufsbildung einen wichtigen Bei­
trag zur Eingliederung von Stellensuchenden
Sozialhilfe Invalidenversicherung
in den Arbeitsmarkt (siehe Abbildung).
Durch die unterschiedlichen institutionel­
len Zuständigkeiten ergeben sich unweiger­
lich Überschneidungen und Koordinations­
bedarf bei den Übergängen von einer in die
andere Institution sowie teilweise auch Kon­ Integrationsförderung Krankentaggeld- und
Arbeitslosenversicherung
flikte um die Mittel oder die Ziele. Eine Über­ von Migranten ­Unfallversicherung
sicht zu den verschiedenen Schnittstellen der
ALV fehlte bisher. Aus diesem Grund hat das
ECOPLAN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) das


Beratungs- und Forschungsunternehmen
Ecoplan beauftragt, im Rahmen einer quali­
Berufsberatung Berufsbildung
tativen Studie einen Katalog der Schnittstel­
len der ALV zu ihren institutionellen Partnern

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  57
ARBEITSINTEGRATION

liche Ansichten hinsichtlich der Arbeits­ le und RAV notwendig. Ein unterschiedliches dungsangeboten und die Finanzierung der
marktfähigkeit eines Stellensuchenden. Der Verständnis der Erwerbsfähigkeit kann da­ Lebenshaltungskosten während der Ausbil­
Schlüssel für ein gemeinsames Verständnis bei hinderlich sein. Zudem ist sicherzustel­ dung stellen hier die zentralen Herausforde­
der Arbeitsmarktfähigkeit sind deshalb eine len, dass die Anforderungen der beiden So­ rungen dar. Eine AMM der ALV sind die so­
gegenseitige Sensibilisierung und ein kon­ zialwerke an die Versicherten nicht die Be­ genannten Ausbildungszuschüsse. Sie er­
tinuierlicher Austausch sowie gemeinsam mühungen der jeweils anderen Institution möglichen unter gewissen Voraussetzungen
verwendete Hilfsmittel zur Bewertung der behindern. So ist beispielsweise bei Mass­ das Nachholen einer Berufsbildung. Doch
Arbeitsmarktfähigkeit einer Person. nahmen der IV sicherzustellen, dass die RAV die Ausbildungszuschüsse sind diesbezüg­
Sobald sich eine Person mit wirtschaft­ einen Stellensuchenden nicht abmelden, weil lich eine Ausnahme und werden von den Kan­
licher Sozialhilfe beim RAV zur Arbeitsver­ dieser während der Massnahme nicht ver­ tonen unterschiedlich intensiv genutzt. Ab­
mittlung anmeldet, ist eine Koordination zwi­ mittlungsfähig ist. gesehen davon ist der Spielraum der ALV bei
schen RAV und Sozialdienst notwendig. Diese der Berufsbildung durch die aktuelle rechtli­
Zusammenarbeit erfolgt meist informell und Schnittstellen von ALV und che Lage und den Fokus auf die rasche Wie­
ist somit stark vom persönlichen Einverneh­ dereingliederung von Stellensuchenden be­
men der beteiligten RAV­Personalberatenden
Berufsbildung schränkt.
und Sozialarbeitenden abhängig. Herausfor­ Eine abgeschlossene Ausbildung ist eine Auch zwischen der beruflichen Grundbil­
derungen ergeben sich dann etwa bei der Fi­ Hauptvoraussetzung für eine erfolgreiche be­ dung und der Integrationsförderung von Mi­
nanzierung von sogenannten Arbeitsmarktli­ rufliche Integration. Die ALV hat jedoch keinen granten besteht eine sehr enge Verbindung.
chen Massnahmen (AMM). Dabei handelt es originären Auftrag im Bereich der Berufs­ oder Ein wesentliches Ziel der Integrationsförde­
sich um Kurse oder Praktika, die den Einstieg der tertiären Bildung. Nichtsdestotrotz be­ rung ist es, Grundkompetenzen und Sprach­
in den ersten Arbeitsmarkt vereinfachen sol­ stehen Schnittstellen zwischen ALV und Be­ kenntnisse zu vermitteln. Darauf kann eine
len. Der Entscheid, ob eine Person für eine rufsbildung, zum Beispiel beim Übergang von berufliche Grundbildung und schliesslich die
solche Massnahme infrage kommt, liegt zwar der obligatorischen Schule in die Berufsbil­ Integration in den ersten Arbeitsmarkt auf­
bei den Organen der ALV. Doch die Finan­ dung oder in eine weiterführende schulische bauen. Die ALV kommt dann ins Spiel, wenn
zierung kann bei Sozialhilfebezügern ohne Ausbildung: Mit dem Motivationssemester eine ausreichende Arbeitsmarktfähigkeit er­
ALV­Taggeldanspruch nicht über die ALV er­ Semo besteht eine AMM, die auf Jugendliche reicht wurde, sodass eine berufliche Integra­
folgen. Deshalb muss die Finanzierung durch zugeschnitten ist, die bei diesem Übergang zu tion möglich wird. Die RAV können ab diesem
die Sozialhilfe oder mit anderen finanziellen scheitern drohen. Neben den kantonalen Brü­ Moment dieselben Mittel wie für andere Stel­
Mittel erfolgen. Die Finanzierung des Exis­ ckenangeboten stellt das Semo ein wichti­ lensuchende einsetzen. Dazu gehören auch
tenzminimums obliegt in jedem Fall der So­ ges Angebot für diese Zielgruppe dar. Schul­ gewisse spezifische AMM wie etwa Sprach­
zialhilfe. abgänger haben zudem einen beschränkten kurse. Die Angebote der ALV setzen aber im­
Überschneidungen gibt es auch bei der Anspruch auf ALV­Taggelder, da sie während mer ein gewisses Kompetenzniveau voraus,
ALV und der IV. Sie arbeiten vor allem dann der Ausbildung beitragsbefreit sind. Entspre­ welches von den vorgelagerten Institutionen
zusammen, wenn ein ALV­Taggeldbezü­ chend ergibt sich hier ein Koordinationsbe­ vermittelt werden muss.
ger gleichzeitig bei der IV zur Frühinterven­ darf zwischen Berufsbildungsstellen und ALV.
tion oder zur Abklärung eines Leistungsan­ Diese Koordinationsfunktion wird dabei oft­
Michael Mattmann
spruchs angemeldet ist. Beide Sozialversi­ mals vom Case­Management Berufsbildung Ökonom, Ecoplan, Bern
cherungen beraten die Klienten und können wahrgenommen, welches durch den Bund im
Michael Marti
Integrationsmassnahmen einsetzen und Rahmen einer Anstossfinanzierung gefördert Dr. rer. pol., Ökonom, Partner, Ecoplan, Bern
auch finanzieren. Art und Schwerpunkt der wurde.
Ramin Mohagheghi
Massnahmen sind zwischen den beiden Ver­ Ein zweiter grosser Berührungspunkt zwi­
Ökonom, Ecoplan, Bern
sicherungen jedoch unterschiedlich, sodass schen der ALV und der Berufsbildung besteht
sie sich gut ergänzen können. Dazu ist aller­ bei der beruflichen Grundbildung für Erwach­ Svenja Strahm
Politologin, Ecoplan, Bern
dings eine Koordination zwischen IV­Stel­ sene. Die Bereitstellung von spezifischen Bil­

58 Die Volkswirtschaft 12 / 2018


ARBEITSINTEGRATION

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Die Volkswirtschaft  12 / 2018 59


ARBEITSINTEGRATION

Flüchtlinge besser in den Arbeitsmarkt


­integrieren
Welche beruflichen Kompetenzen bringen Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene in die
Schweiz mit? Ein Projekt der Interinstitutionellen Zusammenarbeit will dies erörtern und so
die Integration in den Arbeitsmarkt effizienter und nachhaltiger machen.  Michèle Laubscher

Abstract  Die berufliche Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen derung.  Je nach beruflichem Potenzial wir­
dauert lange und ist komplex. Ein individueller Integrationsplan, der auf einer ver- ken neben der Integrationsförderung und
tieften Abklärung ihrer persönlichen Ressourcen und Potenziale gründet, kann den der Sozialhilfe auch die Berufsbildung und die
Integrationsprozess beschleunigen und nachhaltig gestalten. Die Gremien der Inter- Arbeitsmarktbehörden am Integrationspro­
institutionellen Zusammenarbeit (IIZ) unterstützen deshalb die Entwicklung eines zess mit. Deshalb haben die IIZ-Gremien be­
Instrumentariums, welche das Staatssekretariat für Migration in Auftrag gegeben schlossen, die Entwicklung eines Instrumen­
hat. Die Formulare, methodischen Hilfsmittel und Leitfäden verbessern sowohl die tariums für Potenzialabklärungen durch das
systematische Durchführung von Potenzialabklärungen als auch die Dokumentation SEM zu unterstützen.
und die Weitergabe der Abklärungsergebnisse. Ende 2019 sollen die Instrumente in Mit der Entwicklung beauftragt wurden
den drei Amtssprachen vorliegen. Um die Integration der Migrationsbevölkerung zu das Departement Soziale Arbeit der Berner
fördern, haben die IIZ-Gremien auch eine Koordinationsgruppe für die interinstitutio- Fachhochschule und die Beratungsfirma So­
nelle Steuerung des nationalen Sprachförderkonzepts «fide» eingesetzt. cialdesign. Gemeinsam werden sie bis Ende
2019 Instrumente vorlegen, um Sprachkennt­
nisse, Bildungsstand, berufliche Erfahrun­

D  amit sich die Arbeitslosenversicherung,


die Regionalen Arbeitsvermittlungsstel­
len, die IV und die Sozialhilfe über ihre Ziele
und Gremien, die bei der Sprachförderung
von Migranten eine wichtige Rolle spielen.
Da die Qualitätssicherung in der Sprach­
gen und Ressourcen wie Selbstkompetenzen,
Motivation oder soziale Beziehungen abzu­
klären. Zudem sollen die Abklärungsergeb­
und Mittel zur Reintegration der anspruchs­ förderung und beim Nachweis von Sprach­ nisse dokumentiert und weitergegeben wer­
volleren Klienten abstimmen können, arbei­ kompetenzen sowohl für Migrations- und den können.
ten diese Institutionen seit 2010 auf Bundes­ Einbürgerungsbehörden wie auch in der
ebene zusammen. Seit 2011 umfasst diese Berufsbildung oder der Arbeitsmarktinteg­ Drei Integrationsziele
Zusammenarbeit auch die Akteure im Migra­ ration relevant ist, sollten diese Stellen über
tionsbereich. 2017 und 2018 hatte das Staats­ das Sprachförderkonzept und seine Ent­ Im Frühjahr 2018 haben sich Bund und Kan­
sekretariat für Migration (SEM) den Vorsitz im wicklung im Bild sein. Die Gruppe begleitet tone auf die Integrationsagenda Schweiz
nationalen Steuerungs- und Koordinations­ einerseits die von der «fide»-Geschäftsstelle geeinigt, um die berufliche und die ­soziale
gremium der IIZ. Unter der Federführung des umgesetzten Verfahren, wie etwa den Spra­ Integration von anerkannten Flüchtlingen
­
SEM haben sich die IIZ-Gremien verstärkt mit chenpass (siehe Kasten). Andererseits über­
der Migration und der Integration befasst. Im nehmen die Gruppenmitglieder zunehmend
Vordergrund standen zwei Themen: das Be­ eine Scharnierfunktion, indem sie «fide» in Sprachkompetenzen ausweisen
rufspotenzial von anerkannten Flüchtlingen ihre jeweiligen Tätigkeitsbereiche einbrin­ Der Sprachenpass bietet Orientierung, etwa für
und vorläufig Aufgenommenen sowie die gen. Behörden oder Arbeitgebende: Anstatt sich auf
interinstitutionelle Steuerung des nationalen die unterschiedlichsten Angaben auf Diplomen
Sprachförderkonzepts «fide – Französisch, und Attesten verlassen zu müssen, genügt ein
Potenziale rasch erfassen Blick auf den Sprachenpass. Er weist für die ganze
Italienisch, Deutsch in der Schweiz». Schweiz einheitlich die mündlichen und schriftli-
Mit «fide» existiert ein weitreichendes Die IIZ befasste sich eingehend mit der beruf­ chen Sprachkompetenzen der Inhaberin oder des
Programm zur Qualitätssicherung in der lichen Integration von Flüchtlingen und vor­ Inhabers in den Sprachen Deutsch, Französisch
Sprachförderung. Es umfasst die Zertifizie­ läufig Aufgenommenen. Diese Integration ist und Italienisch aus. Der Sprachenpass wird von
der «fide»-Geschäftsstelle im Auftrag des Staats-
rung von Sprachkursleitenden, ein Quali­ komplex. Sieben Jahre nach der Einreise in die sekretariats für Migration (SEM) ausgestellt.
tätslabel für Sprachkursangebote, den ei­ Schweiz geht nicht einmal die Hälfte der Er­ Das Sprachniveau wird mündlich und schriftlich
gens für den Schweizer Kontext konzipier­ werbsfähigen einer Arbeit nach. Bund und getrennt vermerkt.
Einen Sprachenpass bekommt man, indem
ten Test «Sprachnachweis fide» sowie die Kantone schätzen aber, dass 70 Prozent von
man den «fide»-Sprachnachweis absolviert. Wer
Anerkennung weiterer Zertifikate, die auf ihnen über das Potenzial für eine Integration bereits über ein anerkanntes Sprachzertifikat
klaren Qualitätskriterien basieren. Für die in den Arbeitsmarkt verfügen. Je rascher und verfügt, kann bei der Geschäftsstelle für 10 Fran-
Steuerung von «fide» hat das nationale breiter die Potenziale abgeklärt werden, des­ ken den Sprachenpass bestellen. Der Sprachen-
pass ist Teil des IIZ-Projekts «fide», das auf einem
IIZ-Steuergremium letztes Jahr eine Koordi­ to gezielter lässt sich der Integrationsprozess Gesamtkonzept zur Qualitätssicherung in der
nationsgruppe eingesetzt. Darin vertreten gestalten, und desto grösser sind die Chan­ Sprachförderung beruht.
sind Bundesstellen, kantonale Konferenzen cen für eine nachhaltige berufliche Einglie­ Weitere Informationen online unter fide-info.ch.

60  Die Volkswirtschaft 12 / 2018


Schule, Lehre oder Arbeitssuche? Potenzial-
abklärungen helfen Flüchtlingen und vorläufig
Aufgenommenen beim Einstieg in den Arbeits-
markt.
KEYSTONE
ARBEITSINTEGRATION

und vorläufig Aufgenommenen zu beschleu­ und vorläufig Aufgenommene werden in Beim Instrumentarium der Berner Fach­
nigen und nachhaltiger zu gestalten. Die Inte­ der Schule integriert. hochschule und des Beratungsunternehmens
grationsagenda sieht deutlich erhöhte Inves­ –– Arbeitsmarktfähigkeit: Vorbereitung auf den Socialdesign handelt es sich um einen Werk­
titionen, konkrete Wirkungsziele sowie einen Arbeitsmarkt, möglichst mit beruflichen zeugkasten mit Formularen, methodischen
für alle Akteure verbindlichen Integrations­ Qualifizierungen. Angesprochen sind hier­ Hilfsmitteln und Leitfäden. Leitfäden werden
prozess vor. Sie hält unter anderem fest, dass von arbeitsfähige Erwachsene, bei denen aufzeigen, wie welche Ressourcen abgeklärt
der gesamte Integrationsprozess aller Betrof­ eine berufliche Grundbildung aus verschie­ werden können. Zur Abklärung von Bildungs-
fenen professionell begleitet wird oder dass denen Gründen nicht in Betracht gezogen und Erfahrungsressourcen etwa, welche für
alle Erwerbsfähigen ab 25 Jahren ein Jobcoa­ wird. Beispielsweise, weil sie bereits berufli­ die Arbeitsmarktintegration von Bedeutung
ching gemäss individuellem Bedarf erhalten. che Erfahrungen haben oder zu alt sind. sind, eignen sich insbesondere Arbeitsein­
Die Durchführung einer Potenzialabklärung –– Soziale Integration: Personen, die aus ge­ sätze. Mit ihrer Hilfe können bestehende Be­
ist ein fester Bestandteil der Integrations­ sundheitlichen, aus familiären oder aus Al­ rufserfahrungen, Auffassungsgabe, Konzen­
agenda. Für die Massnahmen sind die Kanto­ tersgründen (noch) keine Bildungs- oder tration, Lern- und Problemlösungsfähigkeit
ne zuständig; im Gegenzug erhöht der Bund Arbeitsmarktmassnahmen machen kön­ oder Teamfähigkeit eruiert werden. Einzel­
die einmalige Integrationspauschale von bis­ nen, sollen sich gesellschaftlich integrie­ gespräche dienen hingegen tendenziell eher
her 6000 Franken auf 18 000 Franken. Die ren, zum Beispiel im Rahmen von Freiwilli­ dazu, Arbeits- und Leistungsmotivation, per­
Umsetzung der Integrationsagenda beginnt genarbeit. sönliche Interessen, berufliche Ziele oder die
Mitte 2019.1 familiäre Situation in Erfahrung zu bringen.
Diese drei Wege sind keine Bobbahnen, Das Instrumentarium wird auch Formulare
Abklärung zum Potenzial die man nach dem Start nicht mehr verlassen für das Festhalten der Ergebnisse sowie eine
kann – Wechsel sind im Verlauf des Integra­ Sammlung von etablierten Abklärungsver­
­flächendeckend tionsprozesses möglich. Grundsätzlich soll­ fahren in verschiedenen Bereichen enthalten.
Mit der Umsetzung der Integrationsagen­ te die Potenzialabklärung freilich so durchge­
da Schweiz gewinnt das IIZ-Projekt zusätz­ führt werden, dass der Integrationsplan von Testphase bis Mitte 2019
lich an Bedeutung. Die Integrationsagenda Anfang an in die ideale Richtung weist und
legt fest, dass Potenzialabklärungen flächen­ keine Zeit verloren geht. Selbstredend wer­ Diesen Herbst wurde ein erster Entwurf der
deckend bei allen 16- bis 50-jährigen Flücht­ den die Abklärungen nicht nur zu Beginn des Instrumente vorgestellt. Die theoretische Va­
lingen und vorläufig Aufgenommen durch­ Integrationsprozesses durchgeführt, son­ lidierung ist Ende 2018 abgeschlossen, die
geführt werden. Um dieses Ziel zu erreichen, dern auch in dessen Verlauf, um den Integ­ Testphase in Feldversuchen dauert bis Mit­
müssen sämtliche Kantone über die nötigen rationsplan schärfen zu können, zum Beispiel te 2019. Anschliessend wird das Instrumen­
Hilfsmittel verfügen. aufgrund von Fortschritten im Spracherwerb tarium überarbeitet und bis Ende 2019 auf
Die Potenzialabklärung ist im Grunde ein oder in der Berufspraxis. Deutsch, Französisch und Italienisch fertig­
Wegweiser für die Integration: Je nach Ergeb­ Koordiniert werden die Potenzialabklärun­ gestellt.
nis schlagen Flüchtlinge und vorläufig Aufge­ gen von der fallführenden Stelle, welche den Die Entwicklung wird von einer Gruppe
nommene den Weg zu einem der folgenden gesamten Integrationsprozess der Flüchtlin­ von Fachleuten begleitet, welche unter ande­
drei Ziele ein: ge und vorläufig Aufgenommenen begleitet; je rem die Bereiche Integrationsförderung, Be­
–– Bildungsfähigkeit: Vorbereitung auf Bil­ nach Kanton kann das der Sozialdienst sein, die rufsbildung, Sozialhilfe, IV und Arbeitsmarkt
dungswege, die zu einem postobligatori­ Integrationsfachstelle oder eine mandatier­ vertreten. Einbezogen sind auch Bildungsver­
schen Abschluss führen. Zielgruppe sind te Nichtregierungsorganisation. Sie entschei­ antwortliche von Branchenverbänden, um si­
16- bis 25-Jährige. Ältere Personen sol­ det, welche Abklärungen zu welchem Zeit­ cherzustellen, dass Instrumente zur Arbeits­
len aber nicht davon ausgeschlossen sein, punkt von welcher Fachstelle durchgeführt marktintegration auch den Bedürfnissen der
wenn sie das Potenzial aufweisen, eine Be­ werden. Für gesundheitliche oder psychische Wirtschaft entsprechen.
rufslehre zu absolvieren oder einen Tertiär­ Abklärungen zum Beispiel ist medizinisches
abschluss zu machen. Jüngere Flüchtlinge Fachpersonal zuständig, für berufsbezogene
Abklärungen können Berufsberatungsstellen Michèle Laubscher
oder auf Arbeitsmarktintegration spezialisier­ Fachreferentin, Abteilung Integration,
1 Mehr Informationen sind online unter www.kip-pic.ch Staatssekretariat für Migration (SEM), Bern
zu finden. te Anbieter beigezogen werden.

62  Die Volkswirtschaft 12 / 2018


ARBEITSINTEGRATION

Der Aargau beschreitet neue Wege


Nach einem erfolgreichen Pilotprojekt dehnt der Aargau die interinstitutionelle Zusammen-
arbeit in der Arbeitsmarktintegration zwischen der Arbeitslosen-, der Invalidenversicherung
und den kommunalen Sozialdiensten auf den ganzen Kanton aus.  Thomas Buchmann,
Peter Eberhard, Karin Hunziker

Abstract  Das Amt für Wirtschaft und Arbeit, die Sozialversicherungsanstalt und zehn lich unter einem Dach zusammen und setzen
Aargauer Gemeinden betreiben seit 2012 das Pilotprojekt «Pforte Arbeitsmarkt». die damalige Vision um. Befragte Arbeitge­
Mitarbeitende von RAV, IV und Sozialdiensten arbeiten gemeinsam an der Arbeits- bende, Gemeinden, Klienten und Mitarbei­
marktintegration von stellensuchenden Personen. Durch die Umverteilung von Auf- tende sind mit den Leistungen des Projekts
gaben auf nur noch eine Institution entfällt der Koordinationsaufwand zwischen den sehr zufrieden.
Institutionen. Ab 2019 wird der Kanton Aargau mit dem leicht modifizierten Konzept
«Kooperation Arbeitsmarkt» das Projekt auf den ganzen Kanton ausweiten. Diese Ko- Projekt «Kooperation
operation ermöglicht die Fokussierung auf die Kernkompetenzen der Institutionen,
Stellensuchende profitieren von einem institutionenübergreifenden, systematischen
­Arbeitsmarkt»
und schnellen Integrationsprozess. Aufgrund der erfolgreichen Zusammenarbeit
wurde bereits nach zwei Jahren Pilotbetrieb
beschlossen, ein Projekt für eine gesamtkan­

D  as Ziel der Arbeitsmarktintegration ist


es, stellensuchende Personen in die
Gesellschaft zu (re)integrieren und finanziell
ten: Die Stellensuchenden sollen gleichzei­
tig nie mehr als eine Beratungsperson haben,
die Arbeitgebenden werden durch eine einzi­
tonale Realisierung zu erarbeiten. Der Kanton
Aargau steht heute kurz vor dessen Umset­
zung: Aus dem Pilotprojekt «Pforte Arbeits­
eigenständig zu machen. Neben der Arbeits­ ge Stelle beraten, und die Gemeinden erhal­ markt» wurde das Projekt «Kooperation
losenversicherung (ALV) setzen daher zu­ ten verbesserte Leistungen für die Integra­ Arbeitsmarkt». Der neue Name steht für die
nehmend weitere Akteure wie die Invaliden­ tion von Sozialhilfebeziehenden. Zusammenarbeit von Sozialversicherungs­
versicherung (IV), die Sozialdienste, private Anfang April 2012 öffnete das Pilotpro­ anstalt (SVA), Amt für Wirtschaft und Arbeit
Eingliederungsinstitutionen und vermehrt jekt «Pforte Arbeitsmarkt» seine Türen; heu­ (AWA), Gemeinden und A ­ rbeitgebenden. Das
auch die Migrationsbehörden auf die Arbeits­ te blickt es auf eine fast siebenjährige Er­ Konzept des Pilotprojektes wurde dabei so
marktintegration. folgsgeschichte zurück. Mitarbeitende von
Die Anfänge des Pilotprojekts «Pforte IV und ALV sowie der zehn beteiligten Ge­ Arbeitssuche vereinfachen: Aargauer
Arbeitsmarkt» liegen im Jahr 2007. Einer der meinden arbeiten heute wie selbstverständ­ Stellensuchende sollen in Zukunft nur noch eine
Gründe für das Projekt war der damals inten­ Ansprechperson haben.
siv diskutierte Drehtüreffekt, also das Ab­
schieben von Klienten in ein anderes sozia­
les Sicherungssystem. Hinzu kamen weitere
wichtige Themen wie etwa die 5. IV-Revision
mit dem Fokus auf Eingliederung, der An­
stieg der Sozialhilfefallzahlen in den Gemein­
den und die teilweise schwierige Zusammen­
arbeit zwischen den einzelnen Institutionen.
Auch die Arbeitgeber beklagten sich damals
über einen zunehmenden Druck seitens pri­
vater und öffentlicher Akteure, Plätze bereit­
zustellen für arbeitslose, gesundheitlich be­
einträchtigte oder ausgesteuerte Personen.
Zudem wünschten sie sich klarere Anlaufstel­
len für ihre Anliegen.
Der Ruf nach einer stärker koordinierten
Arbeitsintegration zwischen den diversen
Akteuren war und ist auch heute noch un­
überhörbar. Vor diesem Hintergrund entwi­
ckelte man im Aargau die Idee, die Arbeits­
marktintegration der drei grössten Akteu­
re – der ALV, der IV und der Sozialdienste der
Gemeinden – unter einem Dach zusammen­
KEYSTONE

zufassen. Die Vision bestand aus drei Punk­

Die Volkswirtschaft  12 / 2018  63
ARBEITSINTEGRATION

arbeitenden geführt wird. Diese Triage er­ Die «Kooperation Arbeitsmarkt» mit den
Angebot für Gemeinden
möglicht eine rasche und passende Fallzu­ institutionenübergreifenden und systemati­
Die RAV übernehmen im Auftrag der Gemein- teilung. So übernimmt die IV für die RAV den schen Prozessen erlaubt dabei auch Erweite­
den die Abklärung der Arbeitsmarktfähigkeit,
den Aufbau der Arbeitsmarktfähigkeit und die Vollzug des Arbeitslosenversicherungsgeset­ rungen bzw. das Andocken von zusätzlichen
begleitete Integration in den ersten Arbeits- zes (Avig) und des Arbeitsvermittlungsgeset­ Aufgaben, wie sie sich z. B. aus der Integra­
markt. Diese drei Phasen gestalten sich nach dem zes (AVG) für Personen, welche einen zeitglei­ tionsagenda Schweiz ergeben. Eine intensi­
individuellen Integrationsbedarf der Klienten.
chen Leistungsanspruch nach Avig/AVG und vierte Zusammenarbeit zwischen Gemeinden
Die Gemeinden erhalten vom RAV pro Phase eine
Einschätzung für die Integration. Die Zusammen- bei der Invalidenversicherung haben. Hierfür und den RAV drängt sich auch mit der Stellen­
arbeit basiert auf verbindlichen Prozessen. Für wird in der IV ein spezialisiertes Team für die meldepflicht auf. Stellensuchende Sozialhilfe­
die Anmeldung dieser Klienten gelten definierte Eingliederung geschaffen. Stellensuchende beziehende können nämlich nur dann von der
Minimumkriterien (z. B. Deutschkenntnisse, keine
akute Suchtproblematik etc.). Das RAV kann, nach
werden in Zukunft während des ganzen In­ Stellenmeldepflicht profitieren, wenn sie auf
Rücksprache mit dem Sozialdienst, einen Integ- tegrationsprozesses durch eine spezialisierte einem RAV angemeldet sind.
rationsauftrag beenden, wenn die individuellen Fachperson der SVA betreut, welche IV­ und
Voraussetzungen für eine erfolgreiche Arbeits- ALV­Leistungen koordiniert und zuspricht.
marktintegration nicht mehr gegeben sind.
Die Arbeitgeberbetreuung und die Akqui­
sition von Stellen für die Klienten übernimmt
weit angepasst, dass eine grossflächige Um­ neu das AWA und entlastet so die IV. So ha­
setzung möglich wird. Eine Zusammenfüh­ ben Arbeitgebende mit den Arbeitgeberbera­
rung unter einem gemeinsamen Dach ist da­ tenden der «Kooperation Arbeitsmarkt» nur
bei nicht mehr möglich, insbesondere weil noch eine Ansprechperson auf den RAV für
dies für die Institutionen und deren rechtli­ alle drei Institutionen.
che Regelsysteme eine zu grosse Hürde ge­ Nicht alle Gemeinden verfügen über Res­ Thomas Buchmann
wesen wäre. Räumlich bleiben RAV und SVA/ sourcen und Kenntnisse, um die Arbeitsinte­ Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit des
Kantons Aargau (AWA), Aarau
IV getrennt, einzelne Mitarbeitende der IV grationsaufgaben selber zu leisten. Neu kön­
werden zeitweise auch in den RAV arbeiten. nen die Gemeinden deshalb die RAV mit der
Die Beratung aus einer Hand für Stellen­ Arbeitsintegration von Sozialhilfebeziehen­
suchende, Klienten und Arbeitgebende sowie den beauftragen (siehe Kasten). Spezialisierte
die verbesserten Leistungen für die Gemein­ Beratende der RAV übernehmen Arbeitsinteg­
den werden wie schon im Pilotprojekt auf­ rationsaufgaben für Klienten der Sozialdiens­
rechterhalten. Ab dem 1. April 2019 wird die te. Damit stehen den Gemeinden bei den RAV
«Kooperation Arbeitsmarkt» an allen Stand­ zusätzliche Integrationsmassnahmen zur Ver­
orten der RAV und der IV im Kanton Aargau fügung, die in Rechnung gestellt werden.
umgesetzt. Mit der «Kooperation Arbeitsmarkt» geht Peter Eberhard
der Kanton Aargau in der interinstitutionel­ Leiter Invalidenversicherung, Sozial-
versicherungsanstalt (SVA) Aargau, Aarau
Wissen und Kompetenzen teilen len Zusammenarbeit neue Wege, die weit
über die vom Gesetzgeber vorgesehene Ko­
Die Kernkompetenzen von IV und RAV, ins­ ordination der Akteure hinausgehen. Die Zu­
besondere für die Integration von Menschen sammenarbeit zwischen IV, ALV und den So­
mit gesundheitlichen Einschränkungen bzw. zialdiensten der Gemeinden wird mit der «Ko­
mit erschwertem Zugang zum Arbeitsmarkt, operation Arbeitsmarkt» systematisiert und
werden wirksamer eingesetzt und Doppel­ intensiviert. Sie legt den Fokus auf die be­
spurigkeiten verhindert. Gewisse bundes­ troffenen Menschen und Arbeitgeber statt
rechtliche Aufgaben in der Arbeitsintegration auf institutionelle Grenzen und nutzt dabei
werden zwischen SVA/IV und den RAV neu gegenseitig Wissen, Erfahrung und Kompe­ Karin Hunziker
verteilt. Das AWA und die IV betreiben eine tenzen für die Arbeitsintegration und den Projektleiterin «Kooperation Arbeitsmarkt»,
Aarau
gemeinsame Falltriage, welche von IV­Mit­ Arbeitsplatzerhalt.

64 Die Volkswirtschaft 12 / 2018


ARBEITSINTEGRATION

STANDPUNKT VON BRUNO SAUTER

Notwendig, aber klar subsidiär


Es braucht eine nationale IIZ. Aber: Die Übersteuerung einzelner Institutionen
oder Kantone durch nationale IIZ-Schwerpunktthemen ist zu vermeiden.

Der Verband Schweizerischer Arbeitsmarktbehörden der Institutionen effizient und effektiv einzusetzen. Die
(VSAA) setzt sich für die interinstitutionelle Zusam­ Ausgestaltung der IIZ in den Kantonen ist unterschied­
menarbeit (IIZ) ein. Mit dem Ziel, Personen in den ers­ lich und trägt den Besonderheiten des Arbeitsmarkts
ten Arbeitsmarkt einzugliedern, unterstützt er deshalb und der Organisation beruflicher und sozialer Integra­
die Koordination zwischen den Partnerorganisationen tion Rechnung. Dieser föderale Ansatz bewährt sich.
an den Schnitt stellen der Arbeitsmarkt­ und Bildungs­ Die IIZ ist durch den Einbezug zahlreicher Akteu­
integration. Im Interesse der betroffenen Personen re und das Zusammenspiel der drei Ebenen – Kommu­
und des sorgsamen Umgangs mit öffentlichen Geldern nen, Kantone und Bund – komplex. Die nationale IIZ ist
muss die Zusammenarbeit selbstverständlich sein. Sie notwendig, aber zugleich klar subsidiär. Ihre Weiter­
muss aber dort erfolgen, wo sie angezeigt ist; im rich­ entwicklung gelingt nur mit konsequentem Einbezug
tigen Mass, auf der richtigen Ebene und durch die rich­ aller wesentlichen Vollzugsstellen. Der VSAA will sich
tigen Stellen. Jede Institution soll ihre Kernaufgaben hier aktiv einbringen und relevante Fragen aus der Pra­
wahrnehmen und ihre Kernkompetenzen einbringen. xis beisteuern.
So sollen Effizienz und Wirkung des gesamten Systems Partnerinstitutionen auf Bundesebene sollten sich
verbessert werden. zusammen mit den Kantonen, Städten und Gemeinden
Der VSAA engagiert sich im nationalen Entwi­ zugunsten eines koordinierten Anreizsystems für die
cklungs­ und Koordinationsgremium der IIZ und wird effiziente und effektive IIZ­Arbeit einsetzen. Die Kern­
von 2019 bis 2020 deren Vorsitz übernehmen. Der aufgaben sind in den Regelstrukturen zu belassen, und
IIZ­Grundauftrag lautet: durch koordinierte Leistungs­ die Übersteuerung einzelner Institutionen oder Kanto­
erbringung der Sozialversicherungssysteme Menschen ne durch nationale IIZ­Schwerpunktthemen ist zu ver­
mit Mehrfachproblematik soweit möglich wieder in meiden. Zum Beispiel bei der Integration von vorläu­
den ersten Arbeitsmarkt integrieren oder ihnen eine fig Aufgenommenen und anerkannten Flüchtlingen:
Ausbildung ermöglichen. An dieser klaren Zieldefini­ Das legitime Anliegen ihrer Arbeitsmarktintegration
tion will der VSAA festhalten. Zudem will er die Hand­ darf nicht dazu führen, dass Grundsätze des Arbeitslo­
lungsfelder auf die Arbeitsmarktintegration und als senversicherungsgesetzes ignoriert werden, indem die
Mittel dazu auf die (Aus)bildung beschränken. Definition der Arbeitsmarktfähigkeit aufgeweicht oder
die Gleichbehandlung aller Arbeitssuchenden igno­
Föderal bewährt sich riert wird. Die IIZ ist am leistungsfähigsten durch ihre
ziel­ und wirkungsorientierte Umsetzung in den Regel­
Die IIZ­Strukturen und ­Prozesse sind in allen Kantonen strukturen.
etabliert. Die Abstimmung und Koordination zwischen
Bruno Sauter ist Präsident des Verbands Schweizerischer
den verschiedenen Sicherungs­ und Integrationssys­ Arbeitsmarktbehörden (VSAA) sowie Leiter des Amts für Wirt-
temen ist unerlässlich, um die Instrumente und Mittel schaft und Arbeit des Kantons Zürich.

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 65


ARBEITSINTEGRATION

STANDPUNKT VON MARKUS KAUFMANN

Integrieren statt ausgrenzen


Gezielte Integrationsmassnahmen vor und während der Sozialhilfe nützen
mehr als Leistungsabbau.

Wer Sozialhilfe bezieht, hat oftmals vorher an vielen tel zur Verfügung stellt, um Grundkompetenzen wie Le­
Integrationsmassnahmen teilgenommen. Viele gel­ sen, Schreiben, Rechnen oder IT­Kenntnisse zu fördern.
ten dann als nicht mehr arbeitsmarktfähig und werden Sozialdienste ihrerseits sollen in Zukunft Potenzialabklä­
ausgegrenzt. Die Aufgabe der Sozialhilfe ist es, rungen durchführen und den Zugang zu geeigneten Bil­
das Potenzial dieser Menschen zu fördern, aber auch dungsmassnahmen ermöglichen. Auch hier wünscht sich
einzufordern. Diese Aufgaben gelten ebenso für die die Sozialhilfe, dass das Bildungssystem, die ALV und die
vorgelagerten Sozialversicherungen: Je mehr Personen IV sich noch stärker um jene kümmern, die durch die Ma­
die Arbeitslosenversicherung und die Invalidenversi­ schen des sozialen Sicherheitsnetzes zu fallen drohen.
cherung nachhaltig integrieren können, desto weniger Die Flüchtlingswelle in den Jahren 2014 und 2015 hat
werden ausgesteuert und landen in der Sozialhilfe. uns vor Augen geführt, dass unsere Strukturen zu wenig
Das soll eines der primären Ziele der IIZ sein. klar auf Integration ausgerichtet sind. Die Integrations­
Eine Zusammenarbeit ist aber auch nach Eintritt in die agenda ist nun die Antwort von Bund und Kantonen da­
Sozialhilfe angesagt. So bleiben beispielsweise Sozial­ rauf. Für die Sozialhilfe ist es wichtig, dass die gesteck­
hilfebeziehende in verschiedenen Kantonen bei den Re­ ten Ziele erreicht werden. Ansonsten erhöht sich mittel­
gionalen Arbeitsvermittlungsstellen angemeldet, wenn fristig die Belastung für Kantone und Gemeinden massiv.
sie noch arbeitsmarktfähig sind. Jede Institution über­ Und der Handlungsspielraum der Sozialhilfe wird erheb­
nimmt damit die Aufgabe, für die sie am besten geeig­ lich eingeengt.
net ist: Bei den RAV ist das die Vermittlung, bei der So­ In verschiedenen Kantonen sind zurzeit Vorschläge
zialhilfe die persönliche Beratung und Integrationsförde­ auf dem Tisch, die als Reaktion auf die steigenden Kosten
rung. Mit dem seit Anfang Juli gültigen Inländervorrang in der Sozialhilfe eine Reduktion des Grundbedarfs for­
bekommt diese Aufgabenteilung eine noch wichtige­ dern. Ihr Argument: Tiefere Sozialleistungen steigern den
re Funktion. Dass der Kanton Waadt aus der Zusammen­ Anreiz zur Erwerbsarbeit. Doch in der Sozialhilfe ist sicht­
arbeit RAV­Sozialhilfe, die er in einem Pilotprojekt getes­ bar, dass ein Unterschreiten des sozialen Existenzmini­
tet hat, eine Regelstruktur macht, kann Signalwirkung mums zu einem noch stärkeren Ausschluss aus der Ge­
für das ganze Land haben. sellschaft führt. Wer keinen Computer besitzt und sich
keine Busfahrt leisten kann, wird zum Aussenseiter. «So­
Bildungsbedarf steigt zialhilfe macht einsam», sagen Betroffene. So weit sollten
wir es nicht kommen lassen – die IIZ ist dafür ein wichti­
Mit der Digitalisierung steigen die Anforderungen an die ges Werkzeug.
Arbeitnehmenden. Der Bedarf an Nachholbildung nimmt
daher zu. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhil­ Markus Kaufmann ist Geschäft sführer der Schweizerischen
fe (Skos) hat Anfang Jahr gefordert, dass der Bund Mit­ Konferenz für Sozialhilfe (Skos)

66 Die Volkswirtschaft 12 / 2018


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaft szahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2017 2/2018 1/2018 4/2017 3/2017
Schweiz 1,0 Schweiz 0,7 0,6 0,6 0,6
Deutschland 2,2 Deutschland 0,5 0,3 0,6 0,8
Frankreich 1,8 Frankreich 0,2 0,2 0,6 0,5
Italien 1,5 Italien 0,2 0,3 0,3 0,5
Grossbritannien 1,7 Grossbritannien 0,4 0,1 0,4 0,4
EU 2,4 EU 0,4 0,4 0,6 0,6
USA 2,3 USA 1,0 0,5 0,6 0,8
Japan 1,6 Japan 0,7 –0,2 0,1 0,3
China 6,8 China 1,8 1,4 1,6 1,7
OECD 2,5 OECD 0,7 0,5 0,6 0,6

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2017 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2017 2017 2/2018
Schweiz 65 096 Schweiz 4,8 Schweiz 2,6
Deutschland 50 705 Deutschland 3,8 Deutschland 3,4
Frankreich 42 698 Frankreich 9,4 Frankreich 9,1
Italien 39 823 Italien 11,2 Italien 10,6
Grossbritannien 43 857 Grossbritannien 4,4 Grossbritannien 4,0
EU 40 920 EU 7,6 EU 6,9
USA 59 535 USA 4,4 USA 3,9
Japan 43 896 Japan 2,8 Japan 2,4
China – China – China –
OECD 43 800 OECD 5,8 OECD 5,3

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr Vorjahresmonat
2017 September 2018
Schweiz 0,5 Schweiz 1,0
Deutschland 1,7 Deutschland 2,3
Frankreich 1,0 Frankreich 2,2
Italien 1,2 Italien 1,4
Grossbritannien 2,7 Grossbritannien 2,2
EU 1,7 EU 2,2
SECO, BFS, OECD

USA 2,1 USA 2,3


Japan 0,5 Japan 1,2
China 1,6 China 2,5
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,3 OECD 2,9
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  12 / 2018 67


Wie umweltfreundlich sind wir?
Beim Wasserverbrauch und bei den Treibhausgasemissionen hat sich die Bevölkerung
verbessert. Doch ein Schweizer Einwohner braucht heute im Durchschnitt mehr Siedlungs-
fläche als noch 1990 und verursacht immer mehr Abfall.

– 36% – 24%

1990 2016 1990 2016


472 Liter 300 Liter 8,4 Tonnen 6,4 Tonnen
pro Kopf und Tag pro Kopf und Tag CO2-Äquivalente CO2-Äquivalente
pro Kopf und Jahr pro Kopf und Jahr

Trinkwasserverbrauch
Inbegriffen sind der Verbrauch von Haushal-
Treibhausgasemissionen
ten, Industrie und verarbeitendem Gewerbe Inklusive internationalen Flugverkehrs. Zählt
sowie öffentlichen Brunnen. Nicht mitgezählt man die durch Schweizer Importe im Ausland
wird der Wasserverbrauch zur Herstellung entstandenen Emissionen dazu, waren es 2016
importierter Produkte. rund 14 Tonnen CO2-Äquivalente.

BUNDESAMT FÜR STATISTIK (2018). UMWELT, TASCHENSTATISTIK 2018 / BFS, UMWELTGESAMTRECHNUNG, AREALSTATISTIK / BFE, GESAMTENERGIESTATISTIK / BAFU, ABFALLSTATISTIK / SVGW / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
+ 5%

+ 19%
1985 2009
387 m2 407 m2
pro Kopf pro Kopf

1990 2016
Siedlungsfläche 603 kg 716 kg
Die Flächen für Gebäude, Verkehr, Erholung pro Kopf und Jahr pro Kopf und Jahr
sowie Gewerbe und Produktion sind vorwie-
gend auf Kosten der Landwirtschaft gewach-
sen. Heute sind 7,5 Prozent der Schweiz von Siedlungsabfälle
Siedlungsfläche bedeckt. Das sind Haushaltsabfälle sowie andere Ab-
fälle vergleichbarer Zusammensetzung aus
Industrie und Gewerbe. 52 Prozent davon wur-
0% den 2016 separat gesammelt und rezykliert.
1990 betrug dieser Anteil 29 Prozent. Aus der
Verbrennung des Restabfalls werden zudem
Fernwärme oder Strom produziert.

1990 2016
6900 Kilowattstunden 6900 Kilowattstunden
pro Kopf und Jahr pro Kopf und Jahr

Elektrizität
59 Prozent des Stroms stammten 2016 aus
Wasserkraft, 33 Prozent aus Kernenergie.
VORSCHAU

IM NÄCHSTEN FOKUS

Das asiatische Zeitalter Ausgabe


Die nächste 1. Dezember
m2
erscheint a
Die weltweite Wirtschaftsentwicklung hängt immer stärker von den asiatischen
Wachstumsmärkten ab. Im Zentrum des wirtschaftlichen Geschehens steht China – der
drittwichtigste Handelspartner der Schweiz. Diese Position konnte durch das bilaterale
Freihandelsabkommen zwischen den beiden Staaten im Jahr 2014 gefestigt werden.
Wo setzt die Schweiz weitere Schwerpunkte im asiatischen Raum? Lesen Sie mehr zum
Thema in der nächsten Ausgabe.

Bilaterale Wirtschaftsbeziehungen Entwicklung der Finanzmärkte in Asien


der Schweiz mit Asien und die bilateralen Beziehungen der Schweiz
Christine Büsser und Markus Schlagenhof, Seco Peter Stutz, SIF

Wie stark nutzen Firmen das Freihandels- Renminbi – Enttäuschte Hoffnungen


abkommen Schweiz – China? der Schweiz?
Professor Patrick Ziltener, Universitäten Zürich und St. Gallen Markus Braun, ZHAW

Mehr asiatische Gäste in der Schweiz – Business mit China? – Worauf es ankommt
was heisst das für die Wertschöpfung? Interview mit Professor Ruedi Nützi, FHNW
Professor Jürg Stettler, Hochschule Luzern

Die Asien-Strategie der Schweiz


Raphael Nägeli, EDA

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Herausgeber Abonnementpreise Druck
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Inland Fr. 111.–, Ausland Fr. 120.– Jordi AG, Aemmenmatt strasse 22, 3123 Belp
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Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Jessica Alvarez, Matthias Hausherr, Illustrationen
Thomas Nussbaum, Stefan Sonderegger Cover: Claudine Etter, atelier­c.ch Erscheint 11x jährlich in deutscher und franzö­
Aufgegriffen: Alina Günter, www.alinaguenter.ch sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
Redaktionsausschuss 91. Jahrgang, mit Beilagen.
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, Kontakt
Susanne Blank, Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Holzikofenweg 36, 3003 Bern Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung
Cesare Ravara, Markus Tanner, Nicole Tesar Telefon +41 (0)58 462 29 39 der Autorinnen und Autoren und deckt sich
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stattet; Belegexemplare erwünscht.
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