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91. Jahrgang Nr. 11 /2018 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW STEUERPOLITIK 100 JAHRE LANDESSTREIK ARBEITSMARKT


Umweltbotschafter Franz Die kuriosesten Steuern Wie die Arbeiterschaft Migranten sind
Perrez fordert internationale der Geschichte Reformen erzwingen wollte gut integriert
Emissionsregeln 34 und scheiterte 48
24 45

FOKUS
Klimawandel
und Wirtschaft
EDITORIAL

Mit Marktmechanismen gegen


Klimaerwärmung
Die Erde hat sich im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um ein Grad erwärmt.
In der Schweiz ist der Temperaturanstieg aufgrund der geografischen Lage mit zwei
Grad sogar doppelt so hoch. Die Klimaerwärmung verändert bereits heute die Land-
wirtschaft, den Tourismus und erfordert einen
besseren Schutz vor Hochwasser und Erdrutschen.
Die Schweiz reduziert ihren Ausstoss von Treibhausgasen
konsequent weiter: In ihrer Studie berechnen Philippe
Thalmann und Marc Vielle von der ETH Lausanne, dass
die seit 1990 umgesetzten und beschlossenen Reduktions-
massnahmen bis ins Jahr 2030 eine Senkung der Emissio-
nen um 25 Prozent bewirken werden. Aktuell beschäftigt
sich das Parlament mit der Revision des CO2-Gesetzes.
Denn weitere Anstrengungen sind notwendig, damit die
Schweiz ihr Reduktionsziel von 50 Prozent bis 2030, zu
dem sie sich am Klimaabkommen von Paris verpflichtet
hat, erfüllen wird.
Aus ökonomischer Perspektive ist es am effizientesten,
Emissionen über Preismechanismen zu steuern. Dies kann beispielsweise über
CO2-Steuern oder Emissionsrechte erfolgen, wie Nicole Mathys und Jean-Marie
Grether von der Universität Neuenburg in ihrem Beitrag zeigen. Dadurch werden
Investitionen in nachhaltige Technologien gefördert.
Im Dezember treffen sich die Vertragspartner des Pariser Klimaabkommens im pol-
nischen Katowice, um die Umsetzung des Abkommens zu definieren. Konkret sollen
Transparenzkriterien beschlossen werden, damit die Klimaziele der Staaten besser
vergleichbar werden.
Botschafter Franz Perrez, Delegationsleiter der Schweiz, sagt im Interview, es bestehe
die Gefahr, dass ungenügende Regeln mit Schlupflöchern verabschiedet würden. «Das
würde das Pariser-Abkommen untergraben.»

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

16 20

FOKUS

Klimawandel und Wirtschaft


4 Kein Widerspruch: 8 Treibhausgase über
Weitsichtige Klimapolitik und den Preis steuern
Wirtschaftswachstum Jean-Marie Grether, Nicole A. Mathys
Universität Neuenburg
Anthony Cox, Zoe Lagarde
OECD

12 Was hat die Schweizer 16 Neue Klimaszenarien


Klimapolitik bisher bewirkt? für die Schweiz
Philippe Thalmann, Marc Vielle David Bresch
Eidgenössische Technische Hochschule Eidgenössische Technische Hochschule Zürich
Lausanne Andreas Fischer
MeteoSchweiz
Angela Michiko Hama
National Centre for Climate Services

20 Mit Investitionen und 30 STANDPUNKT


Preismechanismen gegen Nachhaltige Investitionen
den Klimawandel vorantreiben
Stefan Denzler, Philipp Ischer
Staatssekretariat für Wirtschaft
Christian Hofer 24 INTERVIEW
Raiffeisen Schweiz
«Kein Land hat genügend
ambitionierte Klimaziele
formuliert»
32 STANDPUNKT 33 STANDPUNKT
Versicherer handeln Nur die Tat zählt Im Gespräch mit Franz Perrez,
Umweltbotschafter der Schweiz
Gunthard Niederbäumer Thomas Vellacott
Schweizerischer Versicherungsverband WWF Schweiz

59 WIRTSCHAFTSZAHLEN  61 VORSCHAU   61 IMPRESSUM


INHALT

48 52

THEMEN

Kuriose Steuern, Arbeitsmarkt und mehr


34 STEUERPOLITIK 37 AUFGEGRIFFEN 39 STELLENAUSSCHREIBUNG
Die kuriosesten Steuern Ausweichmanöver bei Verdeckter Arbeitsmarkt
der Geschichte – analytisch Regulierungsbremsen in der Schweiz ist eher klein
betrachtet Eric Scheidegger Helen Buchs, Marlis Buchmann
Staatssekretariat für Wirtschaft Universität Zürich
David Staubli
Eidgenössische Steuerverwaltung

42 PATENTE UND WACHSTUM 45 100 JAHRE LANDESSTREIK 48 ZUWANDERUNG


KMU mit Patenten erzielen Schweiz in der Krise – Migranten sind im Schweizer
mehr Umsatzwachstum Landesstreik 1918 Arbeitsmarkt gut integriert
Daniel Müller, Erika Meins Marco Jorio Sandro Favre, Josef Zweimüller
Eidgenössische Technische Hochschule Historiker Universität Zürich
Zürich Reto Föllmi
Universität St. Gallen

52 ARBEITSMARKTMASSNAHMEN 55 ADMINISTRATIVE BELASTUNG 57 GESUNDHEITSKOSTEN


Evaluationen von arbeits- Gute Noten für staatliche Gesundheitskosten dämpfen:
marktlichen Massnahmen Kontrollen Bundesrat will alle Akteure
besser koordinieren Miriam Frey, Harald Meier verpflichten
B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung
Patrick Arni Sandra Schneider
Universität Bristol Bundesamt für Gesundheit
Michael Morlok
B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung
Aderonke Osikominu
Universität Hohenheim

60 INFOGRAFIK
Job-Stress kostet jährlich
6,5 Milliarden
KLIMAWANDEL

Kein Widerspruch: Weitsichtige


Klimapolitik und Wirtschaftswachstum
Wirtschaftswachstum und Klimaschutz sind kein Widerspruch: Zielgerichtete wirt-
schaftspolitische Anreize führen zu einem nachhaltigen BIP-Wachstum.   Anthony Cox,
Zoe Lagarde

Abstract   Der OECD-Bericht «Investing in Climate, Investing in Growth» 3 Grad betragen – was mit beträchtlichen öko-
erläutert, wie Staaten ein starkes und inklusives Wirtschaftswachstum er- logischen und wirtschaftlichen Kosten ver-
zielen und ihre Volkswirtschaften auf eine CO2-arme Entwicklung ausrich- bunden ist.
ten können. Dazu sind Strukturreformen, steuerliche Massnahmen und Dass Regierungen und Unternehmen vor
eine Angleichung der rechtlichen Rahmenbedingungen erforderlich. Wer-
ehrgeizigeren Klimaschutzmassnahmen zu-
den Klimaschutzmassnahmen und Wirtschaftsreformen kombiniert, steigt
die Produktivität, und neue Wachstumsquellen werden erschlossen. Das
rückschrecken, hängt oft mit einem befürchte-
geschätzte Wirtschaftswachstum in den G-20-Staaten beträgt 2,5 Prozent ten Verlust der Wettbewerbsfähigkeit zusam-
im Jahr 2050 (Nettoeffekt), sofern man von einem verhältnismässig ehrgei- men. Diese Denkweise ist gefährlich, denn ein
zigen Szenario ausgeht, bei dem eine Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent mit hohen Emissionen verbundenes Wachstum
besteht, dass das 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens erreicht wird. erhöht die Klimarisiken und die damit verbun-
Werden zudem die positiven Effekte durch vermiedene Klimaschäden be- denen negativen Umwelteffekte signifikant.
rücksichtigt, steigt das BIP um 4,7 Prozent. Beispielsweise steigt als Folge der Meeresspie-
gel an, extreme Wetterereignisse treten häufi-
ger auf, und die Luftverschmutzung nimmt zu –

O hne Gegenmassnahmen hat der Klima-


wandel beträchtliche ökologische, so-
ziale und gesundheitliche Kosten zur Folge.
was die Sterblichkeit erhöht. All diese Effekte
wirken sich negativ auf die Wirtschaftsleistung
und den Wohlstand im Allgemeinen aus. Da die
Wirtschaftswachstum und Produktivitätsstei- künftige Gefährdung durch den Klimawandel
gerung stehen dabei nicht im Widerspruch zu von den heute getroffenen Entscheidungen ab-
den Klimazielen von Paris. Wie ein nachhaltiges hängt, sind die Planung von Anpassungsmass-
Wachstum bewerkstelligt werden kann, hat die nahmen und einer höheren Resilienz sowie ent-
Organisation für wirtschaftliche Zusammen- sprechende Investitionen entscheidend, um die
arbeit und Entwicklung (OECD) im Bericht «In- Exposition gegenüber Klimarisiken zu verrin-
vesting in Climate, Investing in Growth» vom gern.
Mai 2017 erläutert.1
Das Pariser Klimaabkommen von 2015 war Die richtige Formel finden
für die internationale Gemeinschaft ein wich-
tiger Schritt, da es ihr gelang, langfristige Kli- Die im OECD-Bericht angewendeten Modelle
maziele festzulegen und einen umfassenden zeigen: Wenn die Klimaschutzmassnahmen mit
Rahmen zu schaffen. Allerdings reichen die zu- wirksamen steuer- und strukturpolitischen Re-
gesicherten nationalen Beiträge2 nicht aus, um formen kombiniert werden, kann ein stabiles,
den durchschnittlichen globalen Temperatur- inklusives und nachhaltiges Wachstum erzielt
anstieg auf unter 2 Grad Celsius zu begrenzen werden. Beim verhältnismässig ehrgeizigen Sze-
und um die Anstrengungen zur Beschränkung nario (Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent, dass
der Temperaturerhöhung auf 1,5 Grad fortzu- das 2-Grad-Ziel erreicht wird) steigt die Wirt-
1 OECD (2017). Investing
in Climate, Investing in setzen. Würden alle nationalen Beiträge voll- schaftsleistung in den G-20-Staaten bis im Jahr
Growth, Paris.
2 Nationally Determined
ständig umgesetzt, würde die globale Erwär- 2050 im Vergleich zur gegenwärtigen Politik um
Contributions (NDC). mung Schätzungen zufolge immer noch rund 2,5 Prozent (siehe Abbildung).

4 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


Dank Innovation den Klimawandel
­stoppen – Solarflugzeug Solar Impulse
über der Westschweiz.
KEYSTONE
KLIMAWANDEL

Darüber hinaus bringt die Vermeidung kosten- armen und klimaresistenten Volkswirtschaften
intensiver Klimaschäden weitere wirtschaftli- deutlich weniger disruptiv gestaltet werden
che Vorteile. Diese fallen je nach geografischer kann, wenn es in zentralen Sektoren und Märk-
Lage eines Landes unterschiedlich aus und sind ten zu weniger Friktionen kommt. Dadurch
schwierig abzuschätzen. Im erwähnten Szena- können neue Anbieter einfacher in den Markt
rio wird davon ausgegangen, dass im Jahr 2050 eintreten, und es können neue Unternehmen
der Nettowachstumseffekt 4,6 Prozent betragen entstehen und neue Arbeitsplätze geschaffen
könnte, wenn man die vermiedenen Schäden werden, während gleichzeitig der Ausstieg aus
zum Wirtschaftswachstum addiert. emissionsintensiven Sektoren erleichtert wird.
Aus den tieferen langfristigen Kosten und Wenn der Wettbewerb auf den Märkten und
den geringeren übrigen Risiken des Klimawan- die Arbeitsflexibilität gefördert werden, sind
dels ergeben sich weitere wirtschaftliche, öko- die Unternehmen eher in der Lage, auf sich än-
logische und soziale Vorteile. So werden neue dernde Marktbedingungen zu reagieren, Inno-
Märkte erschlossen, und es ergeben sich Ge- vationen zu entwickeln und ihre Produktivität
schäftsmöglichkeiten im Zusammenhang mit zu steigern. Mit einer solchen Politik kann man
emissionsarmen Infrastrukturen, Technolo- unter anderem die Entwicklung von wissens-
gien und Dienstleistungen. Klare, langfristige basiertem Kapital, hoch produktiven Techno-
politische Rahmenbedingungen, die auf ehr- logien und hoch qualifizierten Arbeitskräften
geizige Klimaschutzmassnahmen ausgerichtet ankurbeln. Dies würde zu einer höheren Wirt-
sind, erhöhen dabei das Marktvertrauen in kli- schaftsleistung und zu höheren Einkommen
mafreundliche Investitionen, fördern die For- führen, wodurch die Binnennachfrage gestützt
schung und Innovationen und steigern die Pro- würde.
duktivität in allen Branchen.
Steuerliche Anreize schaffen
Strukturreformen umsetzen
Eine wichtige Rolle spielt die Fiskalpolitik: Um
Um die klimafreundliche Umstellung erfolg- allfällige politische Fehlausrichtungen zu er-
reich zu bewerkstelligen, müssen die Klimaziele kennen, muss die Steuerpolitik umfassend auf
in umfassendere Strukturreformen und natio- klimapolitische Fehlanreize geprüft werden.
nale Entwicklungsprogramme integriert wer-
den. Diese helfen den Volkswirtschaften, sich
auf emissionsarme und klimaresistente Ent- BIP-Wachstum in den G-20-Staaten dank Klimaschutzmassnahmen
wicklungsansätze auszurichten – wodurch star- und Wirtschaftsreformen (Prognosen für 2050)
ke und integrative Wachstumsmodelle gefördert
werden. Wichtig sind insbesondere Strukturre-
formen, mit denen sich sowohl die Produktivi- Energiepreise;
Verluste durch
tät als auch die Wirtschaftstätigkeit steigern Strukturreformen verlorene Inves-
und «grüne»
lassen. Dabei muss man darauf fokussieren, die Innovation
titionen («stran-
ded assets») und
Ressourcen wirksam neu zu verteilen, die Ent- 3,1% Regulierungen
wicklung und die Verbreitung neuer Technolo- –2,6% Nettoeffekt
auf BIP (inklusive
gien zu beschleunigen, die Arbeitsmärkte dy- vermiedene
Schäden)
namischer zu gestalten sowie den Eintritt von 4,6%
Unternehmen in bestimmte Wirtschaftssekto- Zusätzliche Steuer-
OECD (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

massnahmen
ren zu erleichtern. 0,7% Nettoeffekt auf BIP
Entsprechende Reformpakete sollten dar- 2,5%
Emissionsmindernde
auf abzielen, das Unternehmertum zu erleich- Nettoinvestitionen
tern – insbesondere in Dienstleistungsbranchen 1,4%

mit starkem Wachstum und hoher Wertschöp-


fung. Eine grössere Marktflexibilität ist beson- Im verwendeten Szenario beträgt die Wahrscheinlichkeit, dass das 2-Grad-Ziel
ders wichtig, da der Übergang zu emissions- erreicht wird, 66 Prozent.

6 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

Insbesondere lässt sich mit der Aufhebung von in der Investitionsphase relativ kosten­intensiv
Energiesubventionen wie vergünstigten Strom- sind. Ein zentraler Punkt ist die steuerliche Be-
tarifen ein Anreiz für emissionsarmes Wachs- günstigung von Forschung und Entwicklung,
tum schaffen. Indem derzeit Energiepreise die auf den Klimawandel ausgerichtet ist. Zu-
künstlich tief gehalten werden und nicht die sammen mit der Bevorzugung klimafreundli-
tatsächlichen Kosten widerspiegeln, bieten In- cher Innovationen können die Forschungspro-
vestitionen in technologische Verbesserungen jekte positive Übertragungseffekte auslösen,
(zum Beispiel Nachrüstungen zur Steigerung die es letztlich den Staaten ermöglichen, CO2-­
der Energieeffizienz) unter Umständen weniger intensive Entwicklungskonzepte aufzugeben.
attraktive Renditen, wodurch ein verschwen- Um Treibhausgasemissionen aus der Industrie
derischer Verbrauch gefördert wird und höhe- und aus dem Strassenverkehr, der Schifffahrt
re Kosten für den Staat anfallen. Demgegen- und der Luftfahrt zu beseitigen sowie um unter
über schafft ein schrittweiser Abbau solcher anderem einen Durchbruch bei der Energiespei-
Subventionen einen Anreiz für Investitionen – cherung zu erzielen, ist Forschung und Entwick-
was Ineffizienzen reduziert und die Produktivi- lung fundamental.
tät erhöht. Ein weiteres Beispiel für widersinni- Abschliessend lässt sich sagen: Ein emis-
ge steuerliche Regelungen ist die Möglichkeit, sionsarmes und klimaresistentes Wachstum
Arbeitnehmenden aus steuerlichen Gründen erreicht man am besten mit einer Kombina-
Firmenwagen zur privaten Nutzung zu überlas- tion von Klimapolitik und wachstumsfördern-
sen oder die Autofahrkosten für den Arbeitsweg den Steuer- und Strukturreformen. Die Regie-
von der Einkommenssteuer abzuziehen. rungen sollten ihre nationale Struktur- und
Steuerpolitik überdenken, um Investitionen auf
Innovationen begünstigen emissionsarme und klimaresistente Lösungen
zu lenken – beispielsweise von «harten» Infra-
Auch bestimmte Steuer- und Rechnungsle- strukturinvestitionen zu «weichen» Investitio-
gungsvorschriften können Investitionen in nen in Forschung und Entwicklung. Wesentlich
CO2-intensive Anlagen begünstigen. Wenn sind grössere Anstrengungen, um mehr priva-
beispielsweise die variablen Kosten von Ener- te und öffentliche Investitionen zu mobilisie-
gieinvestitionen unmittelbar als Aufwand ver- ren. Eine Schlüsselrolle spielen dabei Entwick-
bucht werden dürfen, begünstigt dies stark lungsbanken sowie multilaterale, bilaterale und
umweltschädliche Stromerzeugungstechno- nationale Finanzinstitutionen. Vor diesem Hin-
logien, da dies weniger stark auf den Gewinn tergrund haben die Umweltbehörde der Ver-
schlägt. Technologien mit einem hohen Anteil einten Nationen, die Weltbank-Gruppe und die
an Vorlaufkosten hingegen, wie beispielsweise OECD deshalb die Initiative «Financing C ­ limate
Technologien für erneuerbare Energien, wer- ­Futures: Rethinking Infrastructure» gegründet.
den durch solche Rechnungslegungsbestim- Damit wollen sie die Regierungen dabei unter-
mungen tendenziell benachteiligt. stützen, die Finanzströme auf emissionsarme
Umgekehrt können durchdachte fiskalische Lösungen und eine klimaresistente Entwick-
Massnahmen – wie beispielsweise CO2-Steuern lung zu lenken – um so die Ziele des Pariser
und höhere Abschreibungen – die Investitionen Klima­abkommens zu erreichen.
in erneuerbare Energien erhöhen. Indem man
Verluste von einem Geschäftsjahr auf ein ande- Anthony Cox
Vizedirektor, Direktion Umwelt, OECD, Paris
res übertragen darf, lässt sich die Wirtschaft-
lichkeit von Projekten im Bereich der erneuer- Zoe Lagarde
Politikberaterin, Direktion Umwelt, OECD, Paris
baren Energien ebenfalls verbessern, da diese

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  7
KLIMAWANDEL

Treibhausgase über den Preis steuern


Treibhausgasemissionen lassen sich am effizientesten über den Preis steuern. In der
Schweiz sollte die CO2-Abgabe auch auf Treibstoffe ausgeweitet werden.  
Jean-Marie Grether, Nicole A. Mathys
Abstract Um die Klimaziele zu erreichen, reichen die üblichen Informations-
Abstract   und deren Lobbyarbeit hemmen die Umsetzung
und Regulierungsmassnahmen sowie auf Freiwilligkeit beruhende Ansätze von Lösungen mit geringen CO2-Emissionen.3 Da-
nicht mehr aus. Die Zeit ist reif für den Einsatz von Marktinstrumenten wie bei bremst die Ungewissheit über die künftigen
Abgaben und Emissionsrechten, die Entscheidungen über den CO2-Preis Preise der fossilen Energieträger klimafreundli-
steuern. Solche Marktinstrumente sind am besten geeignet, effizient die
che Innovationen und verzögert entsprechende
notwendigen Anreize zur Reduktion der Treibhausgasemissionen zu schaf-
fen. Gleichzeitig begünstigen sie Innovationen, dank denen die Treibhaus-
Verhaltensänderungen.
gasemissionen und -konzentrationen reduziert werden können.
Unverzichtbare Marktinstrumente

D ie Schweiz will die Treibhausgasemissio-


nen bis 2050 gegenüber dem Stand von
1990 um 70 bis 85 Prozent reduzieren. Bis die-
Die derzeit auf nationaler Ebene eingesetzten
Instrumente lassen sich in drei Kategorien ein-
teilen: Informationsmassnahmen, ordnungs-
ses klimapolitische Ziel des Parlaments erreicht rechtliche Regulierungen und Marktinstrumen-
ist,  muss ein weiter Weg zurückgelegt werden. te. Erstere beinhalten Informationskampagnen
Im Jahr 2016 betrug die Reduktion erst 10 Pro- und Umweltlabels, die an das Bewusstsein der
zent.1 Daher stellt sich die Frage: Wie lassen Marktteilnehmer appellieren, ohne sie zu einem
sich die Verhaltensänderungen und technologi- bestimmten Verhalten zu zwingen. Regulierun-
schen Entwicklungen herbeiführen, die zur Er- gen wiederum steuern die Entscheidungen der
reichung des Emissionsziels erforderlich sind? Akteure über Energie- und Technologiestan-
Laut dem britischen Ökonomen Nicholas dards mit einem Top-down-Ansatz. Aufgrund
Stern ist der Klimawandel «die Folge des grössten von Informationsasymmetrien zwischen den
Marktversagens, das die Völkergemeinschaft je staatlichen Stellen und den privaten Akteuren
in Kauf genommen hat».2 Sowohl die Verursa- wie Firmen und Konsumenten gehören ord-
cher als auch die Opfer des Klimawandels sind nungsrechtliche Regulierungen nicht zu den
über alle Länder und alle Wirtschaftszweige kostengünstigsten Massnahmen. Demgegen-
verteilt. Niemand hat ein Eigentumsrecht am über steuern Marktinstrumente wie Abgaben,
Klima: Es gibt weder eine Weltregierung noch Subventionen und Emissionshandelssysteme
Vertreter der künftigen Generationen. Und auch die wirtschaftlichen Entscheidungen der Ak-
die nationalen Regierungen gehen kaum lang- teure direkt, indem sie einen CO2-Preis fest-
fristige Verpflichtungen ein. setzen und so einen Markt schaffen. Da beim
Hinzu kommen Ungewissheiten über die Einsatz von Marktinstrumenten die Akteure
künftigen Schäden, über die Möglichkeiten und selbst und dezentral darüber entscheiden kön-
Kosten von Begrenzungs- und Anpassungsmass- nen, welche Massnahmen sie durchführen und
nahmen und über positive Nebeneffekte der Kli- wie sie ihr Verhalten anpassen, verringern sich
mapolitik. Die zu ergreifenden Massnahmen müs- die mit der Informationsasymmetrie verbunde-
sen deshalb ausbaufähig sein und im Einklang mit nen Probleme. Als Bottom-up-Ansatz steigern
anderen politischen Stossrichtungen stehen, ins- Marktinstrumente die Kosteneffizienz und be-
besondere mit der Energie- und der Agrarpolitik. günstigen den technologischen Wandel.
Die Entwicklung und Einführung neuer Tech- Alle drei Instrumentkategorien sind im Bun-
nologien wird durch ein weiteres Marktversagen desgesetz über die Reduktion der CO2-Emis-
1 Bafu (2018). beeinträchtigt: Unvollkommene Kapitalmärkte sionen enthalten. Das kurzfristige Ziel ist ver-
2 Stern (2006).
3 Rodrik (2014). sowie Skalenvorteile der etablierten Branchen hältnismässig bescheiden: Bis 2020 sollen die

8 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

Emissionen im Vergleich zum Stand von 1990 lionen Tonnen verringert werden (siehe Abbil-
um mindestens 20  Prozent verringert werden. dung 1). Drei Viertel dieser Reduktion entfielen
Die wichtigsten Massnahmen beziehen sich auf auf die Haushalte.
die beiden Hauptquellen von Treibhausgasen – Die Vor- und Nachteile der beiden wichtigs-
fossile Brennstoffe (Heizöl, Erdgas und Kohle) ten Marktinstrumente – der CO2-Abgabe (wirkt
sowie Treibstoffe (Benzin und Diesel). direkt auf den Preis, die Emissionsmenge wird
Ein wichtiges Marktinstrument ist die durch den Markt bestimmt) und der Emissions-
CO2-Abgabe, die auf fossilen Brennstoffen erho- handelssysteme (Vorgabe der Emissionsmenge,
ben wird. Wenn die Zwischenziele auf dem Ab- der CO2-Preis wird durch den Markt bestimmt)  –
senkpfad nicht erreicht werden, kann sie nach wurden von Ökonomen ausführlich erörtert.
oben angepasst werden. Grosse, CO2-intensive Diese Diskussionen zu den Unterschieden zwi-
Unternehmen sind davon ausgenommen, neh- schen den beiden Instrumenten treten heute in
men aber am Schweizerischen Emissionshan- den Hintergrund, da beide über den CO2-Preis
delssystem (EHS) teil. Was die Treibstoffe betrifft, wirken. Sowohl bei der CO2-Abgabe als auch bei
so müssen die Autoimporteure Vorschriften zu Emissionshandelssystemen können die zahl-
den durchschnittlichen Emissionen von Neu- reichen Entscheidungen, die sowohl auf der
wagen einhalten, und die Treibstoffimporteure Verbrauchs- als auch auf der Produktionsseite
müssen bis ins Jahr 2020 10 Prozent der Emissio- getroffen werden, zu relativ geringen volkswirt-
nen aus dem Verkehr im Inland kompensieren. schaftlichen Kosten beeinflusst werden. Die je-
weiligen Vorteile der Marktinstrumente können
Geringe volkswirtschaftliche K
­ osten bei sogenannten hybriden Instrumenten wie
beispielsweise einem Emissionshandelssystem
Die umgesetzten Instrumente zeigen Wirkung. mit einem Preiskorridor kombiniert werden.4
4 Siehe Pizer (2002).
Dank der CO2-Abgabe konnten die Emissionen Aus ökonomischer Sicht wäre es sinnvoll, alle 5 Für die Berechnung der
2015 im Vergleich zu einer Trendentwicklung CO2-Emissionen, also auch Treibstoffe, über den externen Kosten inkl.
Klimakosten des Ver-
ohne Abgabe schätzungsweise um rund 1,8 Mil- Preis zu steuern.5 Dadurch werden längerfristig kehrs siehe ARE (2018).

Eine CO2-Abgabe auf


fossile Treibstoffe be-
günstigt den Trend zu
Elektroautos. Lade-
station in Quinto TI.
KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  9
KLIMAWANDEL

Abb. 1: Einsparungen dank CO2-Abgabe (2008–2015)


0     CO2-Emissionen (in Mio. Tonnen)

–0,5

ECOPLAN (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


–1

–1,5

–2
2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

Abb. 2: CO2-Preise: Höhe und Abdeckung

150         Dollar pro Tonne CO2

Schweden

125

Liechtenstein

100 Schweiz

75 Finnland

Frankreich
50
Alberta (Kanada)
Alberta (Kanada): British Columbia
WORLD BANK UND ECOFYS (2018), S. 23  /  DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Island Dänemark Carbon Competitiveness (Kanada) Ontario


Incentive Regulation (Kanada):
Cap and Trade Québec (Kanada):
Grossbritannien: Irland
Spanien Cap and Trade
Mindestpreis
25

Schweiz
Lettland EU
Slowenien Norwegen
Mexiko
Estland Kolumbien Chile Schanghai
Polen
Portugal Guangdong (China) Kalifornien (USA):
Regional Greenhouse Ukraine
Gas Initiative (USA) (China) Japan Cap and Trade
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
in %
Anteil der Treibhausgasemissionen, die von der Gesetzgebung erfasst sind

  CO2-Steuer           Emissionshandelssysteme

Die Kreisgrösse ist proportional zu den Steuereinnahmen im Jahr 2017. Mehr Details unter World Bank und Ecofys (2018).

10  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

Anreize für Innovationen und Verhaltensände- rund zwei Dritteln der CO2-Einnahmen der Fall.
rungen gesetzt. Dieser Effekt kann mit einer teil- Um unlauteren internationalen Wettbewerb
weisen Rückverteilung der CO2-Abgabe – zum zu verhindern, sind steuerliche Grenzausglei-
Beispiel über das Gebäudeprogramm oder den che eine Möglichkeit. Zusammen mit der Um-
Technologiefonds – verstärkt werden. Mittels setzung hybrider Instrumente erhöhen solche
Marktinstrumente lassen sich auch Ungewiss- Ausgleichsmassnahmen die Akzeptanz der Kli-
heiten verhindern, indem im Voraus gewünsch- mapolitik in der Bevölkerung und erhalten ihre
te Absenkpfade für die Emissionsreduktion auf Wirksamkeit. Laut einer aktuellen Studie ge-
der Grundlage transparenter Kriterien festgelegt hört die Schweiz zusammen mit den skandina-
werden, wie dies aktuell mit der CO2-Abgabe ge- vischen Staaten zu den Ländern, denen die Rea-
macht wird. lisierung dieses Gleichgewichts dank starkem
Da immer mehr empirische Erkenntnisse vor- politischem Vertrauen am besten gelingt.9 Ent-
liegen, die für den Einsatz von Marktinstrumen- sprechend ist sie in der Lage, einen der weltweit
ten sprechen, nehmen diese mittlerweile eine höchsten CO2-Preise festzulegen – wobei aller-
zentrale Rolle in der Klimapolitik ein.6 Entspre- dings nur rund ein Drittel der Emissionen er-
chend ist der Anteil der weltweiten Treibhaus- fasst ist (siehe Abbildung 2).
gasemissionen, die mit Abgaben belegt sind oder Damit die im Klimaübereinkommen von Paris
im Rahmen von Emissionshandelssystemen er- (2016) eingegangenen Verpflichtungen bis 2050
fasst werden, von weniger als 5 Prozent im Jahr erfüllt werden können, müssen in der Schweiz
2010 auf derzeit knapp 15 Prozent gestiegen.7 Die- weitere Emissionsquellen – insbesondere Treib-
ser Trend dürfte sich in Zukunft noch verstärken. stoffe – besteuert werden. Allerdings reicht dies
nicht aus: Wenn bis zum Ende des Jahrhunderts
Ausgleichsmassnahmen steigern Klimaneutralität erreicht werden soll, sind auch
nachhaltige Lösungen, um Treibhausgasemis-
die Akzeptanz
sionen aus der Atmosphäre zu entziehen (soge- 6 Siehe Antweiler und
Zu berücksichtigen ist, dass die Marktinstru- nannte «negative emission technologies»), er- Gulati (2016) sowie
HCCP (2017).
mente unerwünschte Nebeneffekte haben kön- forderlich. Auch hier werden Marktinstrumente, 7 World Bank und Ecofys
nen. Beispielsweise können steigende Preise welche die entsprechenden Innovationen mög- (2018).
8 Vgl. Ecoplan (2012).
von Gütern und Dienstleistungen mit hohen lich machen, unabdingbar sein. 9 Klenert et al. (2018).
CO2-Emissionen die ärmsten Bevölkerungs-
schichten stärker treffen und somit die Un-
gleichheiten erhöhen. Besonders betroffen sind
etwa ländliche Haushalte oder Branchen, die
sich gegen ausländische Konkurrenz aus Län-
dern mit niedrigeren CO2-Abgaben behaupten
müssen.8
Daher ist es wichtig, Ausgleichsmassnah- Jean-Marie Grether Nicole A. Mathys
men einzuführen – zum Beispiel, indem die mit Professor für Welthandel, Chefin Sektion Grundlagen,
Universität Neuenburg Bundesamt für Raument-
der CO2-Abgabe erzielten Einnahmen an die Be- wicklung (ARE), Bern, Pro-
völkerung und die Unternehmen zurückver- fessorin für Umweltökono-
mie, Universität Neuenburg
teilt werden. In der Schweiz ist dies derzeit bei

Literatur
Antweiler, W. und S. Gulati (2016). Frugal Cars Ecoplan (2017). Wirkungsabschätzung CO2-Abga- Pizer, W. A. (2002). Combining Price and Quantity
or Frugal Drivers? How Carbon and Fuel Taxes be – Aktualisierung bis 2015, Juni 2017. Bern. Controls to Mitigate Global Climate Change, in:
Influence the Choice and Use of Cars, in: SSRN HCCP (2017). Report of the High-Level Commission Journal of Public Economics, 85, 409–434.
Electronic Journal. on Carbon Prices, High-Level Commission on Rodrik, D. (2014). Green Industrial Policies, in: Ox-
ARE (2018). Externe Kosten und Nutzen des Ver- Carbon Prices, Washington, DC: World Bank. ford Review of Economic Policy 30(3), 469–491.
kehrs in der Schweiz. Strassen-, Schienen-, Luft- Klenert D. et al. (2018). Making Carbon Pricing Stern N. (2006). The Economics of Climate
und Schiffsverkehr 2015. Bern. Work for Citizens, in: Nature Climate Change Change: The Stern Review, Cambridge Univer-
Ecoplan (2012). Volkswirtschaftliche Auswirkun- 8(8): 669–677. sity Press.
gen einer ökologischen Steuerreform: Analyse Bafu (2018). Emissionen von Treibhausgasen nach World Bank und Ecofys (2018). State and Trends
mit einem berechenbaren Gleichgewichtsmo- revidiertem CO2-Gesetz und Kyoto-Protokoll, of Carbon Pricing 2018 (Mai). Washington D.C.
dell für die Schweiz. Bern. zweite Verpflichtungsperiode (2013–2020),
Juli 2018.

Die Volkswirtschaft  11 / 2018 11


KLIMAWANDEL

Was hat die Schweizer Klimapolitik


bisher bewirkt?
Die Wirkung der Energie- und Klimapolitik auf die Treibhausgasemissionen ist schwie-
rig zu beziffern. Simulationen zeigen: Will die Schweiz die Klimaziele erreichen, sind
weitere Massnahmen erforderlich.  Philippe Thalmann, Marc Vielle

Abstract  Die Schweiz legt regelmässig Resultate über die Wirkung der seit Fahrzeugen, der leistungsabhängigen Schwer-
1990 getroffenen Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgase vor. Der verkehrsabgabe sowie aus den kantonalen
bisherige Verlauf der Emissionen ist bekannt, nicht aber, wie sich der Aus- Bauvorschriften. Ein erstes Szenario («with
stoss ohne die umgesetzten Massnahmen entwickelt hätte. Schätzungen existing measures»; WEM) beinhaltet alle re-
anhand eines umfassenden Modells der Schweizer Wirtschaft zeigen, dass
levanten bisherigen Massnahmen und bildet
sich die energiebedingten CO2-Emissionen auf jeden Fall stabilisiert hätten
und dass dank der seit 1990 getroffenen oder beschlossenen Massnahmen
den tatsächlichen Energieverbrauch und die
von 1990 bis 2035 etwa 236 Millionen Tonnen weniger CO2 ausgestossen CO2-Emissionen der Schweizer Wirtschaft der
werden. Wenn die Schweiz ihre Klimaziele erreichen will, sind jedoch zu- Jahre 1990 bis 2015 ab (siehe Abbildung 1). Ba-
sätzliche Massnahmen erforderlich. sierend auf den offiziellen Hypothesen zur Be-
völkerungsentwicklung und zur Wirtschaft,
wurde das WEM-Szenario bis ins Jahr 2035

Z wischen 1990 und 2015 sind die CO2-Emis-


sionen aus der Verbrennung fossiler Ener-
gieträger in der Schweiz um 10,5  Prozent zu-
verlängert.2 Dabei wird davon ausgegangen,
dass alle 2016 bestehenden oder beschlossenen
Massnahmen bis 2035 auf demselben Niveau
rückgegangen.1 Die Bevölkerung ist im gleichen beibehalten werden.
Zeitraum um 23 Prozent gewachsen; das Brut- Ein zweites Szenario (WEM+) bezieht zusätz-
toinlandprodukt (BIP) um 47  Prozent. Es ist lich die Massnahmen mit ein, die vom Stimm-
anzunehmen, dass die Emissionen ohne die volk am 21. Mai 2017 im Rahmen des revidierten
getroffenen energie- und klimapolitischen Energiegesetzes gutgeheissen wurden. Im drit-
Massnahmen zugenommen hätten, dass je- ten Szenario («without measures»; WOM) wird
doch die höheren Energiepreise und der tech- berechnet, wie sich der Energieverbrauch und
nische Fortschritt den Aufwärtstrend ge- die Treibhausgase ohne Massnahmen entwi-
bremst haben. Wie gross die Nettowirkung ckeln würden. Der Vergleich der ersten beiden
aller in der Schweiz umgesetzten Massnahmen
war, ist daher schwierig abzuschätzen. Genau
dies verlangt aber das Rahmenübereinkom- Simulation anhand von Modell
men der Vereinten Nationen über Klimaände- Welche Nettoeffekte gehen von den in der Schweiz bereits um-
rungen (UNFCCC) in den nationalen Berichten. gesetzten beziehungsweise von den geplanten energiepoliti-
schen Massnahmen bis 2035 aus? Diese Frage haben der Lehr-
Überdies sind auch Prognosen zur Wirkung
stuhl für Städte- und Umweltökonomie der ETH Lausanne und
der nationalen Politik bis 2035 abzugeben. das Büro Infras im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu)
untersucht. Zur Simulation wurde das Modell Gemini-E3 ver-
wendet, welches die Schweizer Wirtschaft durch 18 für den
Drei Szenarien – mit und ohne internationalen Handel offene Produktionssektoren, einen

1 Summe 1A im Treib-
Massnahmen repräsentativen Verbraucher und den Staat abbildet. Im Modell
hausgasinventar des verhalten sich alle Akteure preisorientiert – auch bei der Wahl
Bafu. Die in den Simulationen (siehe Kasten) berück- ihrer Energiequellen. Die Annahmen zum technischen Fort-
2 Szenario A-00-2015 des schritt sind in allen Szenarien identisch. Eine Ausnahme bilden
BFS, Seco, IEA World sichtigten Massnahmen ergeben sich vor al-
die Massnahmen, die spezifisch die Energieleistung betreffen
Energy Outlook 2016, lem aus dem Energie- und dem CO2-Gesetz, (wie zum Beispiel die Emissionsvorschriften für Fahrzeuge). Die
Verkehrsperspektiven
2040 des ARE. den Verordnungen zum Energieverbrauch von Studie wurde Ende 2017 abgeschlossen.

12 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

Szenarien mit dem letzten ermöglicht eine Be- Reduktion um 20 Prozent bis 2020 verlangt.
urteilung der bisherigen Wirkungen (1990 bis Bis 2030 müsste die Reduktion im Inland laut
2015) und der künftigen Wirkungen (2016 bis der Revision des CO2-Gesetzes 30 Prozent be-
2035) der Massnahmen. tragen. Dazu wären stärkere Kompensations-
massnahmen und der Einbezug von weiteren
Emissionen sinken Treibhausgasen erforderlich.
Das WOM-Szenario zeigt schliesslich, dass die
Im WEM-Szenario gehen die energiebeding- energiebedingten CO2-Emissionen im Jahr 2015
ten CO2-Emissionen, die von 40,9 Millionen ohne Massnahmen 4 Prozent höher als 1990 aus-
Tonnen im Jahr 1990 auf 36,6 Millionen Ton- gefallen wären. Insgesamt wurden von 1990 bis
nen im Jahr 2015 abgenommen haben, weiter 2015 mit den getroffenen Massnahmen 48 Millio-
zurück. Sie sinken gegenüber 1990 um 15 Pro- nen Tonnen CO2 eingespart. Das ist etwas mehr
zent auf 34,8 Millionen Tonnen im Jahr 2020; als die in einem Jahr ausgestossenen Emissionen.
im Jahr 2035 sind es noch 30,5 Millionen Ton- Hauptverantwortlich für die Einsparungen sind
nen (–25%). Mit dem ersten Massnahmenpaket die CO2-Abgabe und das Gebäudeprogramm von
der Energiestrategie 2050 (Szenario WEM+) Bund und Kantonen. Der Abstand zwischen den
verringern sich die Emissionen gegenüber 1990 Emissionskurven ohne beziehungsweise mit den
um 16,3 Prozent im Jahr 2020 und um 29 Pro- bestehenden Massnahmen vergrössert sich ge-
zent im Jahr 2035. Allerdings reicht auch die- mäss den Szenarien nur noch geringfügig. Die Gebäude in der
Schweiz werden zuse-
ser Rückgang nicht aus, um das Ziel des aktu- Erwähnenswert ist, dass sich die energie- hends energiefreund-
ellen CO2-Gesetzes zu erreichen, welches eine bedingten CO2-Emissionen selbst ohne Mass- licher. Minergie-Haus
in Unterwasser SG.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  13
KLIMAWANDEL

nahmen stabilisiert hätten – trotz des Bevölke- sowie Wohn- und Nichtwohnbauten am meis-
rungs- und Wirtschaftswachstums sowie der ten zur Reduktion der CO2-Emissionen bei. Bei
schrittweisen Stilllegung der Kernkraftwerke. der Stromproduktion steigen die Emissionen
Denn technische Fortschritte hätten sich auch hingegen trotz eines Ausbaus der erneuerba-
ohne Fördermassnahmen in der Schweiz vollzo- ren Energien4 , die von Bundesbeiträgen pro-
gen, und die höheren Preise für Erdöl und Erd- fitieren. Verantwortlich für den Anstieg ist
gas hätten ebenfalls bremsend gewirkt.3 die schrittweise Abschaltung der Kernkraft-
3 Teuerungskorrigierte
werke – was den Einsatz von Erdgaskraftwer-
Erdölpreise pro Barrel
Erfolge bei Industrie und Gebäuden ken erfordert. Auch beim Verkehr werden die
(Basis = 2015): 1990 =
37 USD, 2015 = 51 USD, Emissionen bis 2023 über dem Stand von 1990
2035 = 137 USD. Sowohl im WEM-Szenario als auch im liegen. Allerdings entwickeln sich beide Sek-
4 +7,7 TWh im Jahr 2035
gemäss WEM+. WEM+-Szenario tragen die Sektoren Industrie toren immerhin deutlich besser, als es ohne

Abb. 1: CO2-Emissionen in der Schweiz (3 Szenarien; 1990–2035)

THALMANN UND VIELLE (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


50         Mio. Tonnen CO2 pro Jahr

40

30

20

10

0
1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025 2030 2035

  mit bisherigen Massnahmen (WEM)         bisherige und beschlossene Massnahmen (WEM+)          ohne Massnahmen (WOM)

Dargestellt sind Treibhausgasemissionen, die durch die Verbrennung fossiler Energieträger entstehen. Nicht berücksichtigt sind Emissionen des
Flugverkehrs und Kompensationen im Ausland.

Abb. 2: Insgesamt in der Schweiz eingesparte CO2-Emissionen (1990–2035)


12,5         Mio. Tonnen CO2 pro Jahr

10

7,5
VIELLE UND THALMANN (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

2,5

0
28

30

32

34
14

16

18

20

22

24

26
4

10

12
90

92

94

96

98

02

0
0

0
0

20

20
20

20
20

20

20
20
20

20

20
20
19

19

20
19

20
19

20
20
19

20
20

  Programm EnergieSchweiz          Mustervorschriften der Kantone im Energiebereich (MuKEn)         Gebäudeprogramm         Verkehr         Stromerzeugung         CO2-Preis      
  Kombinierte Effekte

Abgebildet sind die Einsparungen dank emissionsmindernden Massnahmen (Szenario WEM+ verglichen mit WOM)

14  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

Massnahmen der Fall gewesen wäre (siehe Ab- nen CO2 vermeiden. Zwischen 2016 und 2035
bildung 2). dürften sich die Einsparungen auf 187 Mil-
Im Gebäudebereich haben sich die kantona- lionen Tonnen belaufen. Die gesamten Ein-
len Mustervorschriften (MuKEn seit 1992) als sparungen entsprechen damit 5,8-mal den
besonders wirkungsvoll gezeigt. Von den insge- Emissionen des Jahres 1990. Gemäss unseren
samt zwischen 1990 bis 2035 eingesparten 236 Prognosen wird es der Schweiz mit den aktu-
Millionen Tonnen CO2 entfällt fast ein Viertel ellen Massnahmen allerdings nicht gelingen,
auf diese Vorschriften (siehe Abbildung 2). Die ihre Emissionen bis 2030 gegenüber 1990 um
CO2-Abgabe – direkt und über Befreiungsme- 30  Prozent zu senken. Deshalb sollte insbe-
chanismen (Verpfl ichtungen und Emissions- sondere die CO2-Abgabe nochmals angehoben 5 Vgl. Beitrag von
handelssystem) – steuert 17 Prozent zu diesen werden, ausserdem gilt es Mittel zu finden, die Jean-Marie Grether und
Nicole A. Mathys in die-
Einsparungen bei. Dies ist selbst dann der Fall, den Treibstoff verbrauch stärker eindämmen.5 ser Ausgabe.
wenn sie bis 2035 auf dem aktuellen Stand von
96 Franken pro Tonne CO2 bleibt und nur auf
Brennstoffe erhoben wird. Die Massnahmen
im Verkehrsbereich leisten einen fast eben-
so grossen Beitrag, wobei sich der Effekt gegen
das Ende des Zeitraums verstärkt, da erst dann
Emissionsvorschriften für neue Personenwa-
gen ihre volle Wirkung entfalten.
Philippe Thalmann Marc Vielle
Verstärkte Anstrengungen nötig Wirtschaft sprofessor,
Leiter des Lehrstuhls für
Wissenschaftlicher Mit-
arbeiter, Lehrstuhl für
Städte- und Umweltöko- Städte- und Umweltöko-
Zwischen 1990 und 2015 konnte die Schweiz nomie, Eidgenössische nomie, Eidgenössische
mit den emissionsmindernden Massnahmen Technische Hochschule Technische Hochschule
Lausanne (EPFL) Lausanne (EPFL)
den Ausstoss von insgesamt 48 Millionen Ton-

Literatur
Betschart, Mario; Schäppi, Bettina; Iten, Rolf; Vielle, Marc und Philippe Thalmann (2017). Up- Schweizerische Eidgenossenschaft (2018).
Füssler, Jürg; Vielle, Marc und Philippe Thal- dated Emissions Scenarios Without Measures, Switzerland’s Seventh National Communi-
mann (2016). Emissions Scenarios Without 1990–2035, Bericht im Auftrag des Bafu, 12. cation and Third Biennial Report under the
Measures, 1990–2030, Bericht im Auftrag des Oktober 2017. UNFCCC. Fourth National Communication
Bafu, 4. Mai 2016. under the Kyoto Protocol to the UNFCCC,
Bafu, 1. Januar 2018.

Die Volkswirtschaft  11 / 2018 15


KLIMAWANDEL

Neue Klimaszenarien für die Schweiz


Die neusten Klimaszenarien für die Schweiz bilden eine Entscheidungsgrundlage für
Wirtschaft und Politik. Dabei gilt es die Veränderung auch als Chance zu betrachten.   
David Bresch, Andreas Fischer, Angela Michiko Hama

Abstract    Die aktuellsten Schweizer Klimaszenarien erlauben einen de- es heute nur noch etwa halb so viel wie in den
taillierten Einblick in die mögliche Zukunft des Klimas und erläutern, wo Siebzigerjahren.
und wie der Klimawandel die Schweiz trifft. In Kombination mit sozioöko- Der Klimawandel ist primär vom Men-
nomischen Daten liefern die Szenarien eine Entscheidungsgrundlage für schen verursacht. Ein Grossteil der seit Mitte
Politik und Wirtschaft. Dank Kenntnis der Klimaentwicklung können ziel-
des 19. Jahrhunderts beobachteten Erwärmung
gerichtete Massnahmen für die Anpassung an den Klimawandel und den
Klimaschutz erarbeitet werden. Für diese gesellschaftlich höchst relevante ist auf den menschengemachten Ausstoss von
Herausforderung bedarf es einer engen Kooperation zwischen einer Viel- Treibhausgasen zurückzuführen. Die weite-
zahl von Akteuren aus Wirtschaft, Verwaltung, Forschung und Politik. re Entwicklung der Klimaänderung hängt vom
künftigen globalen Treibhausgasausstoss ab,
welcher wiederum direkt mit den Klimaschutz-

K limawandel findet statt. Eine Reihe von In-


dikatoren zeigt: Die Jahresdurchschnitts-
temperatur der Schweiz ist seit 1864 um rund
bemühungen verbunden ist. Für ein Szenario
ohne globalen Klimaschutz sagen die Klima-
szenarien aus dem Jahr 2011 gegenüber der Re-
2°C angestiegen. Damit ist der Anstieg in der ferenzperiode 1981–2010 einen Temperatur-
Schweiz gut doppelt so gross wie derjenige anstieg bis Ende Jahrhundert von etwa 2,5 bis
der mittleren globalen Temperatur. Seit rund 5 Grad Celsius voraus.
30  Jahren war kein Jahr in der Schweiz mehr Klar ist: Die Schweiz muss sich auf eine Fort-
kühler als der Durchschnittswert der Jahre 1961 setzung der Klimaänderung einstellen. Denn
bis 1990 (siehe Abbildung). Eine Folge der Er- selbst bei starken globalen Klimaschutzan-
wärmung sind häufigere und intensivere Hitze- strengungen muss die Schweiz mit einer wei-
perioden, wie wir sie im Sommer 2018 erlebt ha- teren Erwärmung um 2 Grad Celsius rechnen.
ben. Gleichzeitig hat sowohl die Stärke wie auch Um die damit verbundenen Herausforderun-
die Häufigkeit von Starkregen in den letzten 100 gen in Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft
Jahren deutlich zugenommen. optimal anzugehen, sind bereits heute Mass-
Ein weiterer Indikator sind die Alpenglet- nahmen gefragt. Strategien zur Anpassung an
scher. Deren Volumen ist seit Mitte des 19. Jahr- den Klimawandel müssen in verschiedensten
hunderts um rund 60 Prozent zurückgegangen. Sektoren – wie beispielsweise Landwirtschaft,
Ebenso nimmt die Anzahl Schneefalltage ab: Gesundheit, Raumplanung oder Tourismus –
Unterhalb von 800 Metern über Meer schneit erarbeitet werden.

Das National Centre for Climate Services (NCCS)


Das National Centre for Climate leistungen und fördert den Dialog für Umwelt (Bafu), Bundesamt für Be- and Climate Change (Proclim) und die
Services (NCCS) ist das Netzwerk des zwischen den beteiligten Akteuren. völkerungsschutz (Babs), Bundesamt Universität Bern. Die Geschäftsstelle
Bundes für Klimadienstleistungen. Mit der Lancierung des NCCS Ende für Landwirtschaft (BLW), Bundesamt ist bei Meteo Schweiz angesiedelt.
Als nationale Wissensdrehscheibe 2015 folgte der Bund den Empfehlun- für Gesundheit (BAG), Bundesamt für Hauptzielgruppen des NCCS sind die
unterstützt es klimakompatible Ent- gen der World Meteorological Organi- Lebensmittelsicherheit und Veteri- nationale bis kommunale Verwaltung
scheidungsfindungen, welche zum zation (WMO). Das NCCS ist im Sinne närwesen (BLV) sowie ETH Zürich und und Politik, die Wirtschaft und for-
Ziel haben, die Risiken zu minimieren, eines virtuellen Zentrums organisiert Eidgenössische Forschungsanstalt für schungsorientierte Anwender sowie
die Chancen zu maximieren und die und besteht derzeit aus acht Verwal- Wald, Schnee und Landschaft (WSL). internationale Akteure im Bereich der
Kosten zu optimieren. Das NCCS ko- tungseinheiten des Bundes: Bundes- Weitere Partner sind Agroscope, das Klimadienstleistungen.
ordiniert die gemeinsame Entwicklung amt für Meteorologie und Klima- Forschungsinstitut für biologischen
und Bereitstellung von Klimadienst- tologie (Meteo Schweiz), Bundesamt Landbau (Fibl), das Forum for Global

16 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

KEYSTONE
Wir müssen uns
auf trockene ­Sommer
Der Bundesrat will die Chancen nutzen, die das Mandat des Bundesrats, nationale Klima- einstellen. Lac des
sich aufgrund des Klimawandels ergeben. Dies szenarien in regelmässigen Abständen zu er- ­Brenets im Neuen-
ist ein erster zentraler Punkt seiner «Strategie stellen und auf die Bedürfnisse der Nutzer aus- burger Jura Mitte
­September.
zur Anpassung an den Klimawandel» aus dem zurichten.
Jahr 2012. Zweitens geht es darum, die Risiken Die aktuellsten Schweizer Klimaszenarien
zu minimieren und insbesondere die Bevölke- (CH2018) werden am 13. November 2018 veröf-
rung, Sachwerte und natürliche Lebensgrundla- fentlicht. Sie bilden einen Themenschwerpunkt
gen zu schützen. Drittens will der Bundesrat die des National Centre for Climate Services (NCCS;
Anpassungsfähigkeit von Gesellschaft, Wirt- siehe Kasten). Der Zeitpunkt der Veröffentli-
schaft und Umwelt steigern. Die Anpassung chung ist so abgestimmt, dass die Erkenntnisse
an den Klimawandel betrifft alle Sektoren und in den zweiten Aktionsplan zur «Strategie An-
Staatsebenen – vom Kleinbetrieb bis zum inter- passung an den Klimawandel in der Schweiz»
national tätigen Konzern sowie vom Bund bis zu einfliessen. Die Modelle weisen gegenüber den
den Gemeinden. bisherigen Szenarien aus dem Jahr 2011 einen
höheren räumlichen Detaillierungsgrad auf und
Präzisere Klimaszenarien berücksichtigen die Erkenntnisse aus dem fünf-
ten Sachstandsbericht des UNO-Weltklimarats
Die Basis für mögliche Anpassungsstrategien von 2013.
der Schweiz bilden regionale und lokale Klima- Der vergangene Hitzesommer 2018 offenbart
szenarien. Seit 2014 hat das Bundesamt für Me- ein recht typisches Bild der erwarteten Zukunft.
teorologie und Klimatologie (Meteo Schweiz) Die Klimaszenarien zeigen, dass zusammen mit

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  17
KLIMAWANDEL

der weiteren Temperaturzunahme die Verduns- kunft weiter fortsetzen, wobei das Ausmass
tung steigt. Auch ohne Niederschlagsänderung vom künftigen Verlauf der globalen Treibhaus-
ist in den nächsten Jahrzehnten entsprechend gasemissionen abhängt. Ohne Gegenmassnah-
häufiger mit Sommertrockenheit zu rechnen. men zum Klimaschutz wird Ende des Jahrhun-
Dies wird ab 2050 durch die gleichzeitige Ab- derts an tief gelegenen Orten des Mittellandes
nahme der Sommerregenmenge weiter akzen- wie beispielsweise dem st.-gallischen Buchs
tuiert. Im Sommer 2018 wurden beispielsweise oder in Genf, wenn überhaupt, nur noch eine
an der Messstation Locarno-Monti 18 Tropen- Handvoll Tage Schneefall registriert werden.
nächte registriert. In solchen Nächten sinkt die Die jüngsten Klimaszenarien liefern eine
Temperatur nicht unter 20 Grad Celsius. Nor- Fülle an Daten und Informationen zum zukünf-
mal für diese Station sind 8 bis 9 Tropennäch- tigen Klima. Diese wurden benutzergerecht
te pro Jahr. Die Anzahl Tropennächte für 2018 aufbereitet und stehen ab Mitte November auf
entspricht somit in etwa dem, was wir aufgrund der Website Nccs.ch frei zugänglich zur Verfü-
der Klimamodelle für die Zukunft um 2035 ohne gung. Dort finden sich unter anderem Grafiken
Klimaschutzmassnahmen erwarten. Um die in Form eines Web-Atlas sowie Zusatzinforma-
Mitte des 21. Jahrhunderts dürften in Locarno tionen wie Datensätze. Zudem lassen sich die
während mehr als eines Drittels des Sommers Resultate nach Wetterereignissen oder nach
Tropennächte vorherrschen – was sich auf das Grossregionen ordnen.
Wohlbefinden und die Produktivität auswirkt.
Auch die Winter sind vom Klimawandel be- Szenarien als Analysegrundlage
troffen. Die Nullgradgrenze hat sich seit den
1960er-Jahren in der Schweiz um etwa 300 bis Die Klimaszenarien stellen den Ausgangspunkt
400 Meter nach oben verschoben. Damit fällt einer ganzen Wertschöpfungskette dar. Sie hel-
vermehrt Niederschlag als Regen statt Schnee – fen Behörden, Politik und Wirtschaft, klima-
mit entsprechenden Konsequenzen für die Win- kompatible Entscheidungen zu treffen und da-
tersportorte. Diese Tendenz wird sich in Zu- mit die gesellschaftliche und wirtschaftliche

Sommertemperaturen in der Schweiz (1864–2018): Abweichungen vom Durchschnitt der Jahre 1961–1990
6    Abweichung in °C

5
03
20

0
METEOSCHWEIZ / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–1

–2

–3
1880 1900 1920 1940 1960 1980 2000
  Jahre über dem Durchschnitt 1961–1990         Jahre unter dem Durchschnitt 1960–1990         Linearer Trend 1864–2018        Durchschnitt 1981–2010

Durchschnittstemperaturen der Monate Juni, Juli, August. Informationen zum zukünftigen Verlauf sind ab 13. November unter www.nccs.ch abrufbar.

18  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

Resilienz zu stärken. Bereits in Arbeit sind eine zern von Klimadienstleistungen nötig. Neben
Reihe von Folgeprojekten wie beispielsweise zur den Entscheidungsträgern aus der kommuna-
Wasserverfügbarkeit, zum Gletscherschwund len bis nationalen Politik und Verwaltung und
oder zu den Folgen für die Land- und Forstwirt- Akteuren aus der Wirtschaft schliesst dies ins-
schaft und den Schutz vor Hochwassern. Eben- besondere auch Zwischennutzer wie beispiels-
so bilden die Klimaszenarien eine Grundlage im weise Berufs- und Interessenverbände mit ein.
Pilotprogramm «Anpassung an den Klimawan- Diese bereiten die Informationen zur Klimazu-
del» des Bundesamtes für Umwelt (Bafu). kunft – in enger Zusammenarbeit mit den Pro-
Eine Klimadienstleistung geht von natur- duzenten und Kommunikationsexperten – sek-
wissenschaftlichen Daten und Aussagen über tor- und branchenspezifisch auf und vermitteln
das vergangene, das heutige und das zukünfti- sie. Relevante Stakeholder wurden bereits von
ge Klima aus, bezieht jedoch die Kopplung mit Anfang an bei der Entwicklung der Klimaszena-
sozioökonomischen Informationen mit ein. rien konsultiert.
Nur so können auch Aussagen zu den Folgen für
Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft getrof- Austausch verstärken
fen werden. Erst dank der sozioökonomischen
Verknüpfung wird Klimainformation in Ent- Dieser Dialog muss in den kommenden Jahren
scheidungsprozessen im Klimaschutz und der intensiviert werden. Mit der Etablierung des Na-
Klimaanpassung direkt nutzbar. Nur mithilfe tional Centre for Climate Services bestehen die
von Klimadienstleistungen können Behörden, nötigen institutionellen Strukturen. Ab nächs-
Politik und Wirtschaft gezielt Massnahmen tem Jahr startet ein breit angelegter Prozess mit
entwickeln und umsetzen. So tragen Klima- Stakeholdern aus Wirtschaft, Verbänden, Bund,
dienstleistungen zur nötigen gesellschaftlichen Kantonen und Gemeinden, um die Bedürfnisse
Transformation im Hinblick auf eine nachhal- an Klimadienstleistungen genauer zu eruieren.
tige Entwicklung direkt bei. Das gesamte Spek- Darauf aufbauend, wird das NCCS die nutzer-
trum von Klimadienstleistungen reicht von spezifische Entwicklung von Klimadienstleis-
Klimaszenarien über sektorspezifische Vulne- tungen für eine resiliente Schweiz vorantrei-
rabilitäten bis hin zur Bewusstseinsbildung, ben  – wozu es auf die aktive Mitwirkung aller
dem Aufzeigen von Handlungsoptionen und Akteure angewiesen ist.
dem Aufbau von Kapazitäten. Zentrale Fragen
von Entscheidungsträgern lauten deshalb:
– Was ist der mögliche Einfluss von Wetter
und Klima auf unsere Volkswirtschaft und
ihre Akteure heute und in den kommenden
Dekaden?
– Wie können wir mit den damit verbundenen
Chancen und Risiken vorausschauend um-
gehen, welche Massnahmen bieten sich an? David Bresch Andreas Fischer Angela Michiko Hama
– Welche Investitionen sind nötig – und: Über- Professor für Wetter- und Dr. sc., Leiter Klimasze- Dr. rer. nat., Geschäft sfüh-
Klimarisiken, Institut für narien CH2018, Bundes- rerin National Centre for
wiegt der Nutzen im Vergleich zu den Kosten? Umweltentscheidungen amt für Meteorologie Climate Services, Bundes-
ETH Zürich / Meteo- und Klimatologie amt für Meteorologie
Zur Beantwortung dieser Fragen ist ein inten- Schweiz MeteoSchweiz, Zürich und Klimatologie
MeteoSchweiz, Zürich
siver Dialog zwischen den Anbietern und Nut-

Die Volkswirtschaft  11 / 2018 19


KLIMAWANDEL

Mit Investitionen und Preismechanismen


gegen den Klimawandel
Damit die Schweiz ihre Klimaziele erreicht, braucht es neue Finanzierungsansätze.
So müssen die Entwicklungsbanken sowie private Investitionen gestärkt werden. Aus
ökonomischer Sicht sind zudem CO2-Preismechanismen wichtig.  Stefan Denzler,
Philipp Ischer

Abstract   Der Bundesrat beziffert den fairen Anteil der Schweiz an der
Abstract  Bundesrat gewichtet das Verursacherprinzip
Klimafinanzierung für Entwicklungsländer auf 450 bis 600 Millionen Dollar also stärker als die Kaufkraft.
jährlich ab 2020. Angesichts stagnierender Mittel in der internationalen Zu- In den Jahren 2013 bis 2016 betrugen die
sammenarbeit und fehlender neuer Finanzierungsquellen könnten zwei An- öffentlichen und die vom Bund mobilisierten
sätze helfen, von heute rund 400 Millionen Dollar in diese Bandbreite zu ge-
privaten Mittel für den globalen Klimaschutz
langen: Klimastrategien der multilateralen Entwicklungsbanken sowie die
vermehrte Mobilisierung privater Klimainvestitionen. Ein möglichst kos-
durchschnittlich etwa 400 Millionen Dollar
teneffizientes Erfüllen der Klimaziele setzt zudem einen funktionierenden pro Jahr. Rund die Hälfte davon steuerte die bi-
CO2-Markt und Preismechanismen voraus. Diese erlauben das Einpreisen laterale Zusammenarbeit des Seco und der Di-
der negativen Folgen, die bei der Verwendung von fossilen Energieträgern rektion für Entwicklung und Zusammenarbeit
entstehen, und setzen Anreize zur Verwendung von emissionsärmeren (Deza) bei. Etwa ein Viertel machten Beiträge
Technologien und Produktionsformen. Der Aufbau der Preismechanismen an multilaterale Organisationen wie die Inter-
stellt speziell Entwicklungs- und Schwellenländer vor Herausforderungen. national Development Association (IDA) sowie
Gelder an Regionalbankenfonds und Umwelt-
fonds wie die Globale Umweltfazilität (GEF) und

D ie Schweiz unterstützt Entwicklungs- und


Schwellenländer beim Kampf gegen den
Klimawandel. Mit der wirtschaftlichen Zu-
den Grünen Klimafonds GCF) aus. Ein weiteres
Viertel betrifft von Entwicklungsbanken mobi-
lisierte private Mittel.
sammenarbeit bezweckt das Staatssekretariat
für Wirtschaft (Seco) unter anderem, dass sich Investitionen ankurbeln
die lokale Bevölkerung und die Wirtschaft in
den Partnerstaaten an die Folgen der Klima- Da die öffentlichen Entwicklungshilfemittel
erwärmung anpassen können. Damit will die der Schweiz stagnieren und neue Finanzie-
Schweiz zu einem nachhaltigen und inklusiven rungsquellen für den globalen Klimaschutz
Wirtschaftswachstum beitragen, welches allen wie zweckgebundene Abgaben derzeit poli-
Bevölkerungsgruppen zugutekommt und nicht tisch wenig Chancen haben, muss nach Mög-
zulasten zukünftiger Generationen geht. lichkeiten gesucht werden, das Finanzie-
An der Klimakonferenz 2009 in Kopenha- rungsziel zu erreichen. Ein Weg führt über
gen haben die Industrieländer zugesagt, ab die Klimaaktionspläne der multilateralen Ent-
2020 jährlich 100 Milliarden Dollar für die Be- wicklungsbanken, in deren Aufsichtsgremien
wältigung des Klimawandels in Entwicklungs- die Schweiz sich für eine ambitionierte Kli-
ländern aufzubringen. Der Bundesrat schlägt in mapolitik starkmacht. Die Klimaaktionspläne
seinem Bericht «Internationale Klimafinanzie- umfassen Einschränkungen von Kohlekraft,
rung» vom Mai 2017 vor, dass sich die Schweiz die Förderung erneuerbarer Energien – vie-
mit 450 bis 600 Millionen pro Jahr beteiligt – ba- le Entwicklungsländer haben hervorragendes
sierend auf dem Schweizer Anteil von 0,3 Pro- Potenzial für Wasser, Wind und Sonne – und
zent an den Treibhausgasemissionen der Indus- des Energiesparens, nachhaltiges Ressourcen-
trieländer sowie 0,9 Prozent an deren BIP. Der und Waldmanagement, aber auch Zielvorgaben

20 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


Viele Entwicklungsländer verfügen
über eine hohe Sonneneinstrahlung.
Arbeiter montieren Solar­panels in
­Ruanda.
ALAMY
KLIMAWANDEL

zum Klima­anteil im Portfolio jeder Entwick- Die Schweiz ist auf einen effizienten und gut
lungsbank. Diese Strategievorgaben beginnen funktionierenden internationalen CO2-Markt
nun zu greifen: 2017 bewilligten die multila- angewiesen, um ihren internationalen Ver-
teralen Banken 33 Milliarden Dollar an klima- pflichtungen nachzukommen. So will der Bun-
relevanten Beiträgen – gegenüber dem Vorjahr desrat die CO2-Emissionen bis ins Jahr 2030 im
entspricht dies einem Anstieg von 29 Prozent. Vergleich zum Basisjahr 1990 um die Hälfte sen-
Ebenfalls noch nicht ausgeschöpft ist das ken – wobei 20 Prozentpunkte mit Senkungen
Potenzial bei den privaten Investitionen. Ent- im Ausland erzielt werden sollen.
wicklungsgelder müssen im Idealfall so einge-
setzt werden, dass sie private Investitionen mo- Schweiz unterstützt Weltbank-­
bilisieren und Märkte schaffen – «from billions
Initiativen
to trillions». Die Schweiz unterstützt deshalb
Bemühungen, weltweit günstige Rahmenbedin- Das Seco unterstützt Entwicklungs- und
gungen für Klimainvestitionen zu schaffen. So Schwellenländer bereits seit Längerem beim
gilt es, Marktverzerrungen im Energiesektor ab- Aufbau von CO2-Preismechanismen. Zu diesem
zuschaffen. Hilfreich sind auch «Green Bonds» Zweck engagiert sich die Schweiz zusammen
und ressourcen- und klimaschonende Stan- mit weiteren Geberländern in mehreren Welt-
dards in globalen Wertschöpfungsketten. Ge- bank-Initiativen. So hat die Partnership for Mar-
meinsam mit dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) ket Readiness (PMR) zum Ziel, Entwicklungs-
und der Deza erstellt das Seco gegenwärtig ein und Schwellenländer bei der anspruchsvollen
Konzept, welches neue potenzielle Instrumen- Aufgabe zu unterstützen, CO2-Preismechanis-
te und Partnerschaften mit dem Privatsektor im men zu konzipieren und zu implementieren.
Klimaschutz aufzeigen soll. Dazu stellt sie Grundlagenwissen bereit und er-
stellt Studien, die den Ländern als Wissensbasis
Preismechanismen stärken für ihren eigenen Entscheidungsprozess dienen.
Des Weiteren werden die Konzipierung sowie
Für eine nachhaltige und kosteneffiziente Re- die Implementierung technischer Grundbau-
duktion von Treibhausgasen sind aus ökono- steine gefördert, die für das Funktionieren von
mischer Sicht Preismechanismen sinnvoll. CO2-Preismechanismen relevant sind. Beispiele
Indem man die negativen Folgen der Verwen- sind Monitoring, Reporting und Verifikations-
dung von fossilen Energieträgern einpreist, systeme, Emissionsinventare oder Emissions-
wird ein Anreiz geschaffen, auf emissionsarme handelsregister.
Produktionsweisen umzusteigen. Die Palette Zusammen mit der Schweizerischen Stif-
von Preismechanismen ist breit: Die CO2-Prei- tung Klimarappen engagiert sich das Seco zu-
se können beispielsweise über Steuern, über dem in der Weltbank-Initiative Transformati-
ein Emissionshandelssystem, über Kompensa- ve Carbon Asset Facility (TCAF). Diese strebt
tionsgeschäfte oder über einen internationa- die Umsetzung konkreter CO2-Emissionsmin-
len Markt gesteuert werden. Die Konzipierung derungsmassnahmen in Entwicklungs- und
und die Implementierung von Preismechanis- Schwellenländern sowie den internationalen
men sind komplex – was insbesondere Ent- Transfer von Bescheinigungen von Emissions-
wicklungsländer vor grosse Herausforderun- minderungen an. Bei der Erzeugung der Be-
gen stellt. scheinigungen sollen innovative Ansätze ge-
Ein internationaler CO2-Markt hilft den testet werden, die die neue Realität des 2016
Staaten, ihre nationalen Emissionsreduktions- in Kraft getretenen Pariser Klimaabkommens
ziele (Nationally Determined Contribution; reflektieren. Dabei gilt es, sowohl die Doppel-
oder NDC) kostengünstiger zu erreichen. Nach zählungen von international gehandelten Be-
Berechnungen der Weltbank würden sich die scheinigungen von Emissionsminderungen zu
Kosten mit einem internationalen CO2-Markt verhindern und deren Umweltintegrität zu si-
1 W
eltbank (2016), State bis 2030 um ein Drittel und bis 2050 gar um die chern als auch einen Beitrag zur nachhaltigen
and Trends of Carbon
Pricing, S. 80. Hälfte reduzieren.1 Entwicklung der Gastländer zu leisten. ­Gerade

22  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

bei diesen technischen Fragen können die Pilot- CO2-Preismechanismen in Entwicklungs- und
aktivitäten im Rahmen von TCAF wichtige Hin- Schwellenländern, sondern fördert auch die
weise für die zukünftige Ausgestaltung der Entstehung eines internationalen CO2-Mark-
Marktmechanismen im Rahmen des Pariser Ab- tes. Dennoch bleiben die Herausforderun-
kommens liefern. gen auf dem Weg in Richtung internationaler
Ein wichtiger Aspekt bei TCAF betrifft die Handel von Emissionsminderungsbescheini-
konkrete Zusammenarbeit von TCAF-Exper- gungen gross. Am offensichtlichsten ist das
ten mit potenziellen Gastländern. Dabei geht beim nach wie vor fehlenden internationa-
es neben der Sichtung von Klimaprojekten um len Regelwerk, über das im Rahmen der Ver-
die Erarbeitung eines vertieften Verständnisses handlungen zur konkreten Ausgestaltung des
der mit den nationalen Emissionsreduktionszie- Pariser Abkommens noch debattiert wird. Hin-
len einhergehenden Implikationen. Viele Ent- zu kommen spezifische technische und kon-
wicklungs- und Schwellenländer befinden sich zeptionelle Herausforderungen. Dies betriff t
aktuell in einer Phase, in der die bereits einge- zum Beispiel Aspekte wie die Verhinderung
reichten Ziele mit Massnahmenplänen unter- von Doppelzählungen, das Setzen von Baseli-
legt werden, die Emissionsreduktion in spezifi- nes oder die Stärkung der Umweltintegrität.
sche Sektoren vorsehen. Diese Staaten müssen Grundsätzlich besteht im Zusammenhang mit
sich nun überlegen, ob sie an einem internatio- Klimaprojekten speziell aufseiten potenziel-
nalen Transfer von Emissionsminderungsbe- ler Gastländer noch viel Klärungsbedarf. Be-
scheinigungen interessiert sind. Wenn ja, müs- vor Entwicklungs- und Schwellenländer von
sen sie sich fragen, in welchen Sektoren Projekte einem internationalen CO2-Markt profitieren
umgesetzt werden sollen. Des Weiteren stellt können, müssen sie Klarheit darüber haben,
sich rasch die Preisfrage: Zu welchem Betrag wie sie ihre eigenen Klimaziele erreichen wol-
sollen Bescheinigungen verkauft werden? Aus len. Dazu müssen sie beispielsweise festlegen,
der Optik eines Entwicklungslandes mit Emis- wie viele Bescheinigungen von Emissionsmin-
sionszielen wird dabei rasch klar, dass nicht die derungen pro Periode und aus welchen Sekto-
kostengünstigsten Massnahmen für den inter- ren veräussert werden sollen.
nationalen Verkauf vorgesehen sein werden –
denn diese wird das Land selber umsetzen wol-
len. Deshalb werden Kooperationen im Rahmen
eines internationalen CO2-Marktes wohl eher in
verhältnismässig teuren Sektoren – oder dort,
wo ein sozialer Zusatznutzen anfällt – zum
Zuge kommen.

Stefan Denzler Philipp Ischer


Internationales Regelwerk ist nötig Stellvertretender Ressort- Wissenschaftlicher
leiter, Multilaterale Mitarbeiter, Ressort
Mit seinem Engagement bei den genannten Zusammenarbeit, Staats- Handelsförderung, Staats-
Weltbank-Initiativen leistet das Seco nicht sekretariat für Wirtschaft sekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern (Seco), Bern
nur einen wichtigen Beitrag beim Aufbau von

Die Volkswirtschaft  11 / 2018 23


«Was andere Staaten tun, ist
für uns entscheidend – das ist
pures Eigeninteresse», sagt
Umweltbotschafter Franz
Perrez.

MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


FOKUS

«Kein Land hat genügend ambitionierte


Klimaziele formuliert»
Im Dezember sollen im polnischen Katowice die Regeln für die Umsetzung des P ­ ariser
Klimaabkommens beschlossen werden. Der Umweltbotschafter der Schweiz, Franz
­Perrez, erläutert im Interview, warum Transparenzregeln bei den Emissionsreduktions-
zielen so wichtig sind.  Susanne Blank

Der Sommer 2018 war einer der wärmsten seit Einige Klimaforscher fordern, Investitionen
Messbeginn. Macht Ihnen diese Entwicklung in die Förderung von Kohle, Öl und Gas zu
Sorgen? ­verbieten. Was halten Sie davon?
Persönlich habe ich den warmen Sommer ge- Gemäss Pariser Abkommen müssen die Investi-
nossen, auch wenn es zwischendurch beina- tionen von fossilen zu erneuerbaren Energieträ-
he tropisch war. Aber der Prozess des globalen gern verschoben werden. Daher setzen wir uns
Klimawandels macht mir grosse Sorge. zum Beispiel bei der Weltbank dafür ein, dass
keine Investitionen mehr in Kohlekraftwerke
Die Klimaerwärmung soll auf deutlich unter fliessen. Kommt hinzu: Private Investoren sind
2 Grad Celsius beschränkt werden: Das sind die immer weniger bereit, in Kohle und Öl zu in-
Ziele des Pariser Abkommens von 2015. Geht vestieren, da sich das in der langen Frist wirt-
man dabei bis an die Schmerzgrenze des Mach- schaftlich nicht mehr lohnt: Bereits heute ist
baren? Solarstrom oft günstiger als Strom aus Kohle­
Gemäss Pariser Abkommen soll der Tempera- kraftwerken.
turanstieg sogar auf 1,5 Grad beschränkt wer-
den. Wenn dieses Ziel nicht erreicht wird, sind Der Markt wird es richten?
«die Schmerzen» viel grösser. Ja – sofern die politischen Leitplanken vorhan-
den sind. Dann besteht ein unglaubliches Inno-
Inwiefern? vationspotenzial.
Extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen und
starke Regenfälle werden zunehmen, der Per- Nicht alle Staaten begrüssen strenge politische
mafrost wird auftauen, Infrastrukturen sind Vorgaben. Wo verlaufen die Konfliktlinien beim
gefährdet, neue Krankheiten werden in der Pariser Abkommen?
Schweiz heimisch, und international nimmt Der Hauptkonflikt besteht zwischen Indust-
die Instabilität zu. Da kommen riesige Kosten riestaaten und armen Entwicklungsländern
auf uns zu. Die Schweiz ist besonders betrof-
fen.
Franz Perrez
Warum ist das so? Vor acht Jahren wurde Franz Perrez vom Bundesrat zum Um-
Die Erwärmung auf den Kontinenten – beson- weltbotschafter der Schweiz ernannt. Der 51-jährige Jurist
ders in den kalten Regionen der Alpen – ist hö- steht im Bundesamt für Umwelt (Bafu) der Abteilung Inter-
nationales vor. Franz Perrez unterrichtet als Lehrbeauftragter
her als der globale Durchschnitt, der durch die an der juristischen Fakultät der Uni Bern internationales Um-
Ozeane gemildert wird. Ein globaler Tempera- weltrecht. Bei den Klimaverhandlungen leitet er die Schweizer
turanstieg von 2 Grad bedeutet bei uns ein An- Delegation, die sich aus Fachleuten von Meteo Schweiz, aus
dem Bafu, dem Eidgenössischen Departement für auswärtige
stieg von 4 Grad. Das ist massiv. Aber wir kön-
Angelegenheiten (EDA), der Direktion für Entwicklung und Zu-
nen damit besser umgehen als beispielsweise sammenarbeit (Deza) und dem Staatssekretariat für Wirtschaft
ein Entwicklungsland wie Bangladesch. (Seco) zusammensetzt.

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  25
KLIMAWANDEL

auf der einen Seite und Schwellenländern mit ­limafreundlicher werden. Weiter kann der
k
grossen Emissionen auf der anderen Seite. Staat private Investitionen mit öffentlichen
Während europäische Länder sowie Entwick- Geldern ankurbeln. Ein Beispiel sind staatliche
lungsländer und Inselstaaten, die stark unter Risikogarantien für private Investoren in kli-
dem Klimawandel leiden, klare Regeln fordern, mafreundlichen Projekten.
sind gewisse Schwellenländer und Ölexpor-
teure dagegen. Eine weitere Konfliktlinie ver- Die USA haben im Jahr 2017 den Austritt aus
läuft zwischen Geber- und Empfängerstaaten: dem Klimaabkommen angekündigt. Welche
Entwicklungsländer fordern mehr finanzielle Folgen hat dieser Entscheid?
Unterstützung durch die Industriestaaten. Die Kurzfristig fehlt damit in den Verhandlun-
meisten Industriestaaten anerkennen ihre Ver- gen eine wichtige positive Kraft. Es besteht die
antwortung – verlangen aber, dass sich auch Hoffnung, dass die USA doch noch im Abkom-
die wohlhabenderen Schwellenländer beteili- men verbleiben. Das hängt auch vom Verhand-
gen sollen. lungsergebnis an der kommenden Klimakonfe-
renz ab. So verlangen die USA, dass für China
Es geht um viel Geld. Da reichen die öffentli- dieselben Transparenzregeln gelten wie für sie
chen Gelder kaum aus. selbst.
Das ist ein wichtiger Punkt: Jene Infrastruk-
turen, die viel CO2-Emissionen ausstossen, ge- Was bedeutet der Austritt für die Staaten­
hören nicht der öffentlichen Hand, sondern gemeinschaft?
grösstenteils privaten Akteuren und werden Es ist ein schlechtes Zeichen, wenn der zweit-
durch diese finanziert. Daher gilt es, Anrei- grösste Emittent aus dem Pariser Abkommen
ze zu setzen, damit die privaten Investitionen austritt. Gleichzeitig muss man festhalten: Die

26  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

USA bestehen nicht nur aus Washington. Vie- Manchmal werden Emissionsreduktionen dop-
le Bundesstaaten und Unternehmen bekennen pelt gezählt. Können Sie ein Beispiel machen,
sich weiterhin zu den Klimazielen. wie es dazu kommt.
Angenommen, ein Land investiert in Brasilien
Ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen fällt in die Aufforstung des Waldes und möchte sich
auf China. einen Teil dieser Senkenwirkung an die eige-
Ja. Dies zeigt, dass auch die Schwellenländer ne Zielerreichung anrechnen lassen, dann darf
in der Verantwortung stehen. Auf der Top- sich gemäss Pariser Abkommen Brasilien die-
10-Liste der grössten Emittenten finden sich se Reduktion nicht ebenfalls anrechnen. Der-
nebst China auch Indien, Russland, Brasilien, zeit fehlen aber noch Umset-
Indonesien und der Iran. Und beim Pro-Kopf- zungsregeln, gegen die sich
Ausstoss sind Erdölproduzenten wie Kuwait, einzelne Länder wehren. «Ein globaler Tempera-
­Brunei und Katar an der Spitze. Heute oder gar turanstieg von 2 Grad
für die Zukunft die Industriestaaten alleine für Wird man die Doppelzählun- ­bedeutet bei uns ein
die Treibhausgase verantwortlich zu machen, gen in Katowice in den Griff
stimmt so nicht. kriegen? ­Anstieg von 4 Grad.»
Ich denke, es wird uns in Ka-
Wie stark engagiert sich China gegen den towice gelingen, die Eckpunkte dafür zu be-
Klimawandel? schliessen. Mehr Sorgen mache ich mir bei der
Auf nationaler Ebene verfolgt China eine rela- Umweltintegrität.
tiv ambitionierte Klimapolitik. Auf internatio-
naler Ebene wehrt sich das Land nach wie vor Was bedeutet das?
gegen spezifische Transparenzregeln – einen Das heisst: Projekte sollen umweltinteger durch-
zentralen Aspekt des Pariser Abkommens. geführt werden. Sonst besteht das Risiko, dass
es sich um gar keine «echten» Emissionsreduk-
Im Dezember steht im polnischen Katowice tionen handelt. Weiter dürfen keine Anreize ge-
eine weitere Klimakonferenz an. Dabei steht schaffen werden, dass Länder ihre Klimaziele
das Regelwerk im Zentrum. Was soll genau bewusst tief stecken, um mehr Emissionszer-
­beschlossen werden? tifikate verkaufen zu können. Und andere Um-
In Katowice sollen die Regeln für die Umset- weltanliegen wie der Schutz der Biodiversität
zung des Pariser Abkommens beschlossen wer- müssen berücksichtigt werden.
den. So haben sich die Staaten im Pariser Ab-
kommen beispielsweise verpflichtet, alle fünf Wie kann das gelingen?
Jahre ein transparentes, klares und verständ- Einerseits durch robuste Regeln, die Trans-
liches Klimaziel zu formulieren. Nun geht es parenz sicherstellen. Andererseits durch eine
darum, festzulegen, welche Information dazu Verpflichtung, alle Informationen rund um
nötig ist, damit ein Ziel transparent, klar und ausländische Emissionsminderungen öffent-
verständlich ist. Dazu braucht es gemeinsa- lich zugänglich zu machen. Der öffentliche
me Richtlinien, die für alle gelten. Ein Beispiel: Druck von Nichtregierungsorganisationen
China hat sein Emissionsziel relativ zum Brut- spielt eine wichtige Rolle.
toinlandprodukt formuliert. Es ist aber nicht
klar, wie China diese Kennzahl berechnet. Hier Welche Sanktionsmöglichkeiten existieren,
wäre mehr Transparenz erforderlich. Leider wenn ein Staat seine Reduktionsziele nicht
schrecken viele Staaten vor mehr Transparenz erreicht?
zurück. Es gibt keine Sanktionsmöglichkeiten. Die Ziel-
erreichung ist innerhalb des Pariser Abkom-
Wer misst die Zielerreichung? mens rechtlich nicht verbindlich. Deshalb ist
Jedes Land erstellt selber einen Bericht. Diese die Transparenz ja so wichtig, und letztendlich
Berichte werden durch internationale Exper- hat jedes Land ein Interesse, dass die Ziele er-
tinnen und Experten überprüft. reicht werden.

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  27
KLIMAWANDEL

Die Schweiz hat sich in Paris verpflichtet, bis Entwicklung. Der Nutzen geht weit über die
2030 ihre Emissionen gegenüber dem Stand transferierten Emissionsreduktionen hinaus.
von 1990 zu halbieren. Wie ambitioniert ist
dieses Ziel? Sie leiten die Schweizer Delegation. Was kann
Das ist ambitioniert. Dazu braucht es nun die die Schweiz international ausrichten?
entsprechende Gesetzgebung, welche zurzeit Die Schweiz ist eine wichtige Stimme in den
im Parlament diskutiert wird. Klimaverhandlungen. Wir vertreten beharrlich
eine klare, pointierte Position. Da wir nicht ver-
Laut dem geplanten CO2-Gesetz sollen 60 Pro- steckt kurzfristige Partikularinteressen verfol-
zent der Emissionen im Inland reduziert werden. gen, sind wir glaubwürdig. Und wir sind ausge-
Warum gibt es diese Vorgabe? zeichnet vernetzt. Als kleines Land können wir
In der Schweiz ist es aufgrund der Wirtschafts- flexibel und strategisch reagieren und lösungs-
struktur schwierig, rasch grössere Einsparun- orientierte Vorschläge einbringen.
gen zu erzielen. Bis der Gebäudepark saniert
ist, dauert es beispielsweise mehrere Jahr- Die Schweiz leitet eine Verhandlungsgruppe.
zehnte. Aus globaler Sicht ist es wichtig, dass Diese ist mit Georgien, Liechtenstein, Mexiko,
die Reduktionen rasch erfolgen. Daher will die Monaco und Südkorea ziemlich heterogen
Schweiz kurzfristig auch durch Emissions- zusammengesetzt. Was sind die gemeinsamen
reduktionen im Ausland einen Beitrag leis- Interessen dieser sogenannten Umwelt­
ten. Langfristig muss sich natürlich auch die integritätsgruppe?
Schweiz in Richtung Klimaneutralität bewe- Alle Mitglieder wollen ein effektives interna-
gen. tionales Klimaregime, und alle setzen sich da-
her für robuste und ambitionierte Regeln ein.
Wäre es nicht günstiger, alles im Ausland zu Die Umweltintegritätsgruppe ist zudem die
kompensieren? einzige formelle Verhandlungsgruppe, in der
Der Bundesrat hat mit guten Gründen anders sich sowohl Entwicklungs- als auch Industrie-
entschieden. Um die Klimaerwärmung auf staaten finden – dementsprechend bringt sie
1,5 Grad Celsius zu beschränken, müssen die unterschiedliche Perspektiven ein.
CO2-Emissionen bis 2050
weltweit netto null betragen. Was haben Sie konkret erreicht?
«Langfristig muss Das ist nur möglich, wenn je- Die Bestimmungen des Pariser Abkommens
sich natürlich auch die des Land seinen Beitrag leis- zur rechtlichen Verbindlichkeit der Transpa-
tet. Zudem bezweifle ich, ob renzregeln gehen direkt auf Schweizer Vor-
Schweiz in R­ ichtung
Kompensationen im Aus- schläge zurück. Auch die Konzepte betreffend
Klima­neutralität land langfristig günstiger Marktmechanismen sind von uns geprägt. Die
­be­wegen.» sind. Denn: Investitionen in Methodologie, wie mobilisierte private Mittel
klimafreundliche Techno- für die Klimafinanzierung festgelegt werden,
logien zahlen sich aus, da haben wir entwickelt. Und im Waldbereich ha-
man diese in andere Länder exportieren kann. ben Schweizer Expertinnen und Experten die
Bleibt man hingegen untätig, läuft man Gefahr, Konzepte entwickelt, wie man die CO2-Senken-
diese Technologien dereinst im Ausland ein- wirkung berechnen kann.
kaufen zu müssen. Die Schweiz muss sich des-
halb fragen: Will sie Marktführerin oder Käu- Wie setzt sich die Delegation zusammen?
ferin sein? Sie besteht aus hoch kompetenten und en-
gagierten Fachleuten aus der Bundesverwal-
Warum sind die Entwicklungsländer über- tung  – vom Bafu, dem EDA, der Deza, dem
haupt daran interessiert, den Industrieländern Seco und Meteo Schweiz. Mit knapp 15 Perso-
CO2-Zertifikate zu verkaufen? nen sind wir im internationalen Vergleich eine
Die damit verbundenen Investitionen fördern kleine Delegation – andere Delegationen zäh-
den Technologietransfer und die n ­ achhaltige len weit über 100 Personen. Das hat für uns

28  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

den Vorteil, dass der Austausch in der Delega- suchen griffige Transparenzregeln, die auch sie
tion gut funktioniert. selber in die Pflicht nehmen, zu vermeiden. Das
würde das Pariser Abkommen untergraben.
Haben Sie den innenpolitischen Rückhalt?
Ja. Dass man griffige internationale Regeln Gibt es ein Land, das international vorbildliche
braucht, die für alle gelten, ist in der Schweiz Ziele formuliert hat?
anerkannt. Wir sind überproportional von den Aus Klimasicht hat kein Land genügend am-
Auswirkungen des Klimawandels betroffen; bitionierte Ziele formuliert. Nichtregierungs-
was andere Staaten tun, ist für uns entschei- organisationen wie der WWF lassen daher in
dend – das ist pures Eigeninteresse. ihrem Ranking die ersten Plätze immer leer.
Aber der dynamische Mechanismus des Pariser
Wie optimistisch sind Sie im Hinblick auf die Abkommens – jedes Land muss alle fünf Jahre
Verhandlungen in Katowice? ein ambitionierteres Ziel formulieren – bringt
Es ist alles offen. Es besteht natürlich die Ge- uns hoffentlich alle auf den richtigen Kurs.
fahr, dass man ungenügende Regeln mit
Schlupflöchern verabschiedet. Staaten wie
China, Indien, Saudi-Arabien und Ägypten ver- Interview: Susanne Blank, Co-Chefredaktorin

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  29
KLIMAWANDEL

STANDPUNKT VON CHRISTIAN HOFER

Nachhaltige Investitionen vorantreiben


Die EU macht Ernst mit Nachhaltigkeit im Finanzwesen: Mit einem Aktions-
plan will sie die Pariser Klimaziele umsetzen. Die Schweiz droht ins Abseits
zu geraten.

Der globale Ressourcenverbrauch ist nicht künftige Regulierungen. Mit einer EU-Norm
nachhaltig: Gemäss WWF und Global Footprint für «grüne» Anleihen, einem EU-Umweltla-
Network hat der Planet bereits Anfang August bel und der Vereinheitlichung von CO2-Bench-
mehr Ressourcen verbraucht, als er im gesam- marks will die EU das Vertrauen des Marktes
ten Jahr wird regenerieren können. Gegenwär- in nachhaltige Finanzprodukte stärken. Nach-
tige Treibhausgasemissionen führen zu einer haltigkeitserwägungen sollen bei der Beratung
globalen Klimaerwärmung von 3 bis 4 Grad Cel- eine grössere Rolle spielen, und die treuhän-
sius bis Ende des 21. Jahrhunderts. derische Pfl icht von institutionellen Anle-
Das im Dezember 2015 von 195 Ländern gern und Vermögensverwaltern soll um Nach-
unterzeichnete Pariser Klimaübereinkommen haltigkeitsaspekte erweitert werden. Auch
will die Erwärmung deshalb auf deutlich weni- Ratingagenturen sollen Nachhaltigkeitsfak-
ger als 2 Grad Celsius begrenzen. Um dieses Ziel toren bei der Bewertung der Kreditwürdigkeit
zu erreichen, braucht es zusätzliche Investitio- stärker berücksichtigen.
nen. Insbesondere sind die Finanzflüsse klima- Erste auf dem Aktionsplan basierende Regu-
verträglich auszurichten. lierungsvorschläge hat die EU-Kommission be-
reits wenige Wochen nach der Publikation des
EU greift ein Aktionsplans am 24. Mai 2018 erlassen. Diese
betreffen die Taxonomie, die Offenlegung von
Alleine in den EU-Staaten sind zusätzliche In- Informationen über nachhaltige Investitionen
vestitionen in der Höhe von 180 Milliarden und Nachhaltigkeitsrisiken sowie CO2-Bench-
Euro pro Jahr nötig, wie die EU-Kommission marks.
am 8. März 2018 in ihrem Aktionsplan zur Fi-
nanzierung eines nachhaltigen Wachstums Positive Reaktion der Branche
schreibt. Gemäss dem Aktionsplan sollen ers-
tens Kapitalflüsse auf nachhaltige Investitionen In der EU hat die Finanzbranche vorwiegend
umgelenkt werden. Zweitens gilt es finanzielle positiv auf den Aktionsplan reagiert. So erhofft
Risiken zu bewältigen, die sich aus Klimawan- sich beispielsweise der Bundesverband deut-
del, Umweltzerstörung, Ressourcenknappheit scher Banken davon verlässliche Rahmenbe-
und sozialen Problemen ergeben, und drittens dingungen für nachhaltige Anlagen und Finan-
sollen Real- und Finanzwirtschaft nachhaltiger zierungen. Für den Branchenverband sind nun
und transparenter werden. bei der Umsetzung die Reihenfolge der Mass-
Der EU-Massnahmenkatalog ist umfas- nahmen, die Einbindung aller Stakeholder und
send. Ein einheitliches Klassifikationssystem die Berücksichtigung bestehender Standards
(«Taxonomie») bildet dabei die Grundlage für entscheidend.

30 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

Bezüglich eines «Green Supporting Factor»,  Klima­wandels beizutragen. Ein Beispiel für
der positiven Bewertung grüner Finanzierun- diesen subsidiären Ansatz sind die vom Bafu
gen bei den Eigenkapitalanforderungen von und vom Staatssekretariat für Internationale
Banken und Versicherungen, zeigen sich die Finanzfragen (SIF) 2017 initiierten, kostenlo-
europäischen Bankenverbände zurückhalten- sen Klimaverträglichkeitstests: Pensionskassen
der. Die Massnahme wird zuweilen kritisiert, und Versicherungen können so ihre Portfolios
sie könne die Finanzstabilität gefährden. Ein auf die Klimaverträglichkeit überprüfen. Um
weiterer Kritikpunkt am Aktionsplan ist, das die Transaktionskos-
Nachhaltigkeitsthema werde auf den Klima- ten von Klimaverträg-
wandel reduziert. lichkeitstests zu senken Die Schweiz muss
und die Transparenz im eine Antwort auf den
Schweiz setzt auf Freiwilligkeit Markt zu steigern, setzt
EU-Aktionsplan
sich der Bund zudem
Auch in der Schweiz setzt sich die Erkennt- für die Schaffung einer entwickeln.
nis durch, dass neben der Realwirtschaft auch internationalen Norm
die Finanzwirtschaft bei der Eindämmung zur Messung der Klimawirkung von Investi-
des Klima­wandels und der Finanzierung einer tionen und Finanzierungen ein (ISO-Standard
nachhaltigen Entwicklung einbezogen werden 14097).
muss. Bereits 2014 wurde der Branchenverband Es ist nun zu wünschen, dass der Aktions-
Swiss Sustainable Finance (SSF) gegründet, der plan der EU die Diskussion über Nachhaltig-
die Position der Schweiz als nachhaltigen Fi- keit im Finanzwesen auch in der Schweiz ver-
nanzplatz stärken will. Im Jahr 2016 veröffent- stärkt – denn a priori ist gegen das Anliegen
lichte das Bundesamt für Umwelt (Bafu) kon- und die Stossrichtung der EU-Kommission
krete Vorschläge für einen Fahrplan zu einem nichts einzuwenden. Vielmehr könnten sich
nachhaltigen Finanzsystem in der Schweiz. von der EU abweichende Schweizer Regelun-
In der Politik werden nachhaltige Finanzen gen und Standards negativ auf den hiesigen
ebenfalls vermehrt zu einem Thema, wie diver- Finanzplatz auswirken. Will sich die Schweiz
se Interpellationen von Parlamentariern zeigen. weiterhin glaubwürdig als nachhaltiger Finanz-
Die Antworten des Bundesrates machen deut- platz positionieren und entsprechende Chan-
lich, dass er die Finanzbranche in der Schweiz cen nutzen, muss sie eine Antwort auf den EU-­
primär über Freiwilligkeit, Transparenz und Aktionsplan entwickeln.
Dialog dazu ermutigen will, zu einer nachhal- Christian Hofer ist Leiter Corporate Responsibility und Nach-
tigen Entwicklung und zur Eindämmung des haltigkeit von Raiffeisen Schweiz, St. Gallen

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  31
KLIMAWANDEL

STANDPUNKT VON GUNTHARD NIEDERBÄUMER

Versicherer handeln
Versicherungen haben ein Interesse daran, den Klimawandel zu bremsen.
Sie helfen mit, den CO2-Ausstoss zu senken, und setzen auf Prävention.

Eine weitreichende Klimapolitik ist unumgäng- Extremereignissen wie Starkniederschlägen zu


lich: Der Klimawandel und seine Folgen be- rechnen ist, müssen wir uns mit der Anpassung
drohen die Gesellschaft und die globale Wirt- an den Klimawandel auseinandersetzen.
schaft. Nicht zuletzt auch aus geschäftlichen Die Versicherer übernehmen im Bereich
Überlegungen haben die Versicherungen ein Naturgefahrenprävention eine wichtige Funk-
grosses Interesse daran, die potenziellen Um- tion. Die Präventionsprojekte, die die Versicherer
weltschäden gering zu halten. selber durchführen oder unterstützen, haben
Einen wesentlichen Beitrag zu einer klima- zum Ziel, Schäden zu mindern und die Bevölke-
freundlichen Wirtschaft können die Versiche- rung für das Thema Naturgefahren zu sensibili-
rungen über ihre Anlagepolitik leisten – sowohl sieren. Dazu arbeiten die Versicherungen erfolg-
im In- als auch im Ausland. Wissenschaftliche reich mit den zuständigen Fachstellen des Bundes
Arbeiten zeigen, dass die Renditen von nachhalti- und der Kantone zusammen. Aktuelles Beispiel
gen und klimafreundlichen Anlagen vergleichbar ist die «Gefährdungskarte Oberflächenabfluss»,
oder sogar besser sind als diejenigen von traditio- die vor Kurzem veröffentlicht und der Öffentlich-
nellen Anlageportefeuilles. Viele Versicherungs- keit vorgestellt worden ist. So gibt es Hochwasser
unternehmen haben mittlerweile damit begon- nicht nur, weil Bäche, Flüsse oder Seen über die
nen, ihre Portefeuilles klimaverträglicher zu Ufer treten – vielmehr kann auch starker Regen,
gestalten. Darüber hinaus tragen die Versicherun- der nicht im Boden versickern kann und über das
gen als Immobilienbesitzer zur CO2-Reduktion offene Gelände abfliesst, zu Überschwemmungen
bei, indem sie die Gebäude energetisch sanieren. führen. Die landesweite Karte zeigt, welche Ge-
Beim Zeichnen von Risiken müssen sich die biete gefährdet sind und wie tief sie unter Wasser
Versicherungen jedoch vermehrt die Frage stel- stehen können. Sie dient Architekten, Bauher-
len, welche Risiken sie versichern wollen. Der ren, Behörden oder Interventionskräften bei der
Ausstieg aus Industrierisiken, die das Klima Planung von Schutzmassnahmen und steht nun
stark schädigen, darf kein Tabu mehr sein. So allen interessierten Kreisen unter Schutz-vor-
versichern einzelne Versicherungen schon heu- naturgefahren.ch frei zur Verfügung.
te keine Unternehmen mehr, die über die Hälfte Die Versicherungen nehmen die Gefahren,
ihres Umsatzes mit Kohle erwirtschaften. die durch den Klimawandel hervorgerufen wer-
den, ernst – und sie haben damit begonnen,
Heftige Niederschläge nehmen zu ihre Geschäftspolitik anzupassen. Ein schnelles
Vorgehen der gesamten Branche ist wichtig, da-
Auch wenn es gelingt, den CO2-Ausstoss mar- mit die notwendige Wirkung erzielt wird.
kant zu reduzieren, sind die Auswirkungen
Gunthard Niederbäumer ist Leiter des Bereichs Schaden-
der Klimaveränderung nicht mehr zu vermei- und Rückversicherung beim Schweizerischen Versicherungs-
den. Da künftig beispielsweise vermehrt mit verband (SVV), Zürich

32 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


FOKUS

STANDPUNKT VON THOMAS VELLACOTT

Nur die Tat zählt


In der Klimapolitik braucht es ein Umdenken: Das Verursacherprinzip muss
konsequent durchgesetzt werden. 

«Paris macht die globale Energiewende unum- Dass es anders geht, beweisen Länder wie
kehrbar», haben deutsche Konzerne von Adidas Schweden: Öl- und Gasheizungen sind dort
bis Stabilo im Jahr 2015 in einem Inserat ge- praktisch verschwunden, und für den Luft-
schrieben. Ja, dazu haben sich alle Länder der und Strassenverkehr gibt es viel weiter gehende
Welt verpflichtet. Mit Paris alleine wird die glo- Klimaschutzmassnahmen als in der Schweiz. In
bale Energiewende jedoch noch nicht Wirklich- besonders geforderten Sektoren wie der Stahl-
keit – entscheidend ist vielmehr die Arbeit vor industrie werden Lösungen für eine CO2-freie
Ort. Gemacht wird die Wende in den Unterneh- Zukunft breit erprobt. Vor allem aber gibt es in
men, durch die Konsumenten, in Forschungs- Schweden einen soliden politischen Konsens bis
labors und den Ländern selbst. Dass viele Ak- weit nach rechts: Spätestens 2045 ist Schluss mit
teure einen Beitrag leisten wollen, ist drei Jahre fossilen Energien, und deshalb ist keine Zeit zu
nach Abschluss des Pariser Klimaabkommens verlieren. Das bietet Unternehmen langfristig
offensichtlich geworden. berechenbare Rahmenbedingungen, in denen
Noch nicht überall angekommen ist die sie ihre Innovationskraft entfalten können.
Dringlichkeit: Industrieländer wie die Schweiz Die Schweiz darf sich nicht abhängen lassen.
müssen in zwei Jahrzehnten komplett von Erd- Sie könnte beispielsweise im Zementsektor eine
öl, Kohle und Erdgas wegkommen, wenn das ähnliche Pionierrolle einnehmen wie Schweden
in Paris festgelegte Ziel von maximal 1,5 Grad im Stahlsektor. Wichtigstes Instrument einer
Celsius globaler Erwärmung in Reichweite blei- Paris-kompatiblen Klimapolitik ist eine Treib-
ben soll. Oder anders gesagt: Wir müssen in hausgasabgabe: So bezahlt statt der Allgemein-
der Schweiz das Tempo beim Klimaschutz ver- heit der Verursacher. Dieses Verursacherprinzip
doppeln. Wenn wir heute noch in fossile Infra- muss für alle Sektoren – insbesondere auch für
struktur investieren, produzieren wir damit den Verkehr – und alle Treibhausgase gelten.
Investitionsruinen. Eine neue Ölheizung kann Auch die in den Importen enthaltenen grau-
nicht mehr 20 Jahre lang betrieben werden, en Emissionen müssen erfasst werden. Diese
wenn wir den Ausstoss von Treibhausgas in an- sind inzwischen viel höher als die Emissionen
gemessenem Tempo reduzieren wollen. Um sol- in der Schweiz. Gleichzeitig können die Exporte
che Fehlinvestitionen zu verhindern, brauchen von allen Abgaben entlastet werden. Mit einem
wir eine verbindliche Klimaverträglichkeits- solchen Grenzsteuerausgleich kann die Schweiz
prüfung. Und vor allem brauchen wir ein radi- sowohl ihre Position im Klimaschutz wie auf
kal anderes Bewusstsein: Klimaschutz heisst dem Weltmarkt massiv verbessern. «All business
bis heute noch für die meisten Akteure, dass is local» gilt auch im Klimaschutz. Wenn wir es
untaugliche fossile Systeme ein bisschen opti- entschlossen anpacken, wird daraus eine globale
miert werden. Das zeigt auch der Vorschlag des (Markt-)Chance.
Bundesrats für das neue CO2-Gesetz. Thomas Vellacott ist CEO von WWF Schweiz, Zürich

Die Volkswirtschaft  11 / 2018 33


STEUERPOLITIK

Die kuriosesten Steuern der Geschichte –


analytisch betrachtet
Perücken-, Bart- und Urinsteuern: Der Einfallsreichtum von Königen und Zaren beim Eintrei-
ben von Steuern trug bisweilen eigenartige Früchte. Bei aller Kuriosität bieten diese Steuern
Anschauungsmaterial für Konzepte der Optimalsteuertheorie.  David Staubli

Abstract    Ein Blick in die Steuergeschichte bringt Kurioses ans Licht: Im alten Rom Nils war. Die Könige der frühen Hochkultur
wurde Urin besteuert, in Preussen bezahlte man eine Abgabe auf Perücken, und in erhoben also quasi eine Nilschlammsteuer.
Frankreich hing die Höhe der Steuern von der Anzahl Fenster eines Hauses ab. Die his-
torischen Beispiele bieten Anschauungsmaterial für die sogenannte Optimalsteuer- Fenstersteuer raubt Tageslicht
theorie. Dieser Wissenschaftszweig befasst sich mit der Frage, wie man ein gewünsch-
tes Niveau an Steuereinnahmen unter Berücksichtigung der Verteilungsgerechtigkeit Die genannten Beispiele aus der Geschichte
mit möglichst geringen Marktverzerrungen bzw. Wohlfahrtsverlusten erzielen kann. der Besteuerung mögen kurios erscheinen.
Konkret ergeben sich daraus unter anderem folgende Erkenntnisse: Erstens sollte bei Doch sie bieten wertvolles Anschauungsma-
Gütersteuern grundsätzlich ein Einheitssatz zur Anwendung kommen; Abweichungen terial für die grundsätzliche Frage, wie das
lassen sich in Ausnahmefällen rechtfertigen. Zweitens sollten sich Gütersteuern auf Steuersystem idealerweise (nicht) ausgestal-
Endprodukte beschränken. Und drittens sollten Einkommenssteuern zu möglichst ge- tet sein soll. Die Fenstersteuer zeigt exempla-
ringen negativen Arbeitsanreizen führen. risch, wie der fiskalische Zweck einer Steuer
untergraben wird und gleichzeitig ein Kolla-
teralschaden entsteht, wenn die Steuer leicht

G  eld ist immer gut, egal woher es kommt.1


Das dachte sich wohl auch der von 69
bis 79 n. Chr. regierende römische Kaiser Ves-
als Nachweis für den geleisteten Obolus an-
gebracht wurde. Die Idee soll sich sein spitz-
findiger Premierminister Johann Kasimir Kol-
umgangen werden kann und vor allem um-
gangen wird. Im Fachjargon: wenn die An-
zahl Fenster elastisch auf die Besteuerung
pasian, der die Staatsfinanzen mit der Steuer be von Wartenburg ausgedacht haben, auf reagiert. Mit jedem Fenster, das aus finan-
auf Urin bei öffentlichen Toiletten – der soge- dessen Kreativität auch Kuriositäten wie Hut- ziellen Gründen eingespart oder zugemau-
nannten Urinsteuer – aufbesserte. Aufgrund steuer, Strumpfsteuer oder Jungfernsteuer ert wird, sinken die Einnahmen des Staates,
des Ammoniakgehalts wurde Urin als Zutat zurückzuführen sind. Letztere brummte un- und die Wohnzimmer verdunkeln sich wei-
für eine Reihe chemischer Prozesse verwen- verheirateten Frauen zwischen 20 und 40 ter. Die Menschen vom Tageslicht fernzuhal-
det – unter anderem für die Wäschereini- Jahren eine monatliche Abgabe auf. ten, kommt einem beachtlichen Wohlfahrts-
gung – und war entsprechend gefragt. Dies Russlands Zar Peter I. störte sich an den verlust gleich, der nicht das Ziel der Steuer-
machte sich der Kaiser zunutze und knöpfte Rauschebärten und erhob ab 1698 eine Bart- politik sein kann.
den Käufern des begehrten Harnstoffs eine steuer. Jeder, der sich nicht von seiner Ge- Kaiser Vespasian ging cleverer vor und
Steuer ab. Seinem Sohn und späteren Nach- sichtsbehaarung trennen wollte, musste zah- setzte mit der Urinsteuer auf eine Bemes-
folger Titus missfiel die Praxis. Vater Vespa- len. Ebenfalls zum Schmunzeln sind die Tür- sungsgrundlage, die kaum auf Besteue-
sian hielt ihm eine von der Urinsteuer stam- und Fenstersteuern, die in England bis Mitte rung reagiert, weil die Umgehung der Steuer
mende Münze unter die Nase, worauf der des 19. und in Frankreich bis Anfang des 20. schwierig ist. Mit anderen Worten: Der Harn-
Filius eingestehen musste, dass sie nicht Jahrhunderts erhoben wurden. Mittels eines drang ist steuerunelastisch. So gesehen, ist
stank. Die Redewendung «Geld stinkt nicht» fein austarierten Tarifsystems wurde in Ab- die Urinsteuer eine effiziente Steuer, weil die
soll auf diese Konversation zurückzuführen hängigkeit der Anzahl Fenster und Türen die Ausweichreaktionen und der damit verbun-
sein. Auch im französischen und italienischen zu leistende Steuer bestimmt. Wenig überra- dene Wohlfahrtsverlust gering sind.
Wortschatz lebt die Steuer auf die Notdurft schend betrieben die Bürger Steueroptimie- Auch die ägyptischen Pharaonen kann
weiter: «Vespasienne» und «vespasiano» be- rung, indem sie die Anzahl Fenster und Tü- man mit Fug und Recht als Pioniere effizienter
zeichnen bis heute die Stehtoilette. ren gering hielten. Noch heute sieht man in Besteuerung bezeichnen. Die Nilschlamm-
Der preussische König Friedrich I. nutzte Frankreich Häuser mit zugemauerten Fens- steuer tut nämlich ansatzweise das, was der
die Popularität von Perücken zu Beginn des tern. Optimalsteuertheorie vorschwebt, aber auf-
18. Jahrhunderts und erhob eine Steuer von Schon die Pharaonen im alten Ägypten grund von Informationsdefiziten der Steuer-
drei Talern pro künstliche Haarpracht. Ins- waren einfallsreich. Sie baten die Bauern zur behörden kaum möglich ist: Sie besteu-
pektoren überprüften auf offener Strasse die Kasse in Abhängigkeit des Wasserpegels des ert nicht das Einkommen direkt, sondern
Perücken der Passanten auf den Stempel, der Nils. Je höher der Wasserpegel anstieg, desto die Fähigkeit, Einkommen zu erzielen. Da-
mehr waren die Felder mit fruchtbarem Nil- mit kann das Prinzip der Besteuerung nach
1 Die Grundlage des ersten Teils des Beitrags bildet schlamm überflutet, und desto besser war der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit (Ge-
der Blogbeitrag des Autors «Was man aus den kurio-
sesten Steuern lernen kann», der am 25. Mai 2018 auf
die Ernte. Dementsprechend war die Steuer rechtigkeitsziel) berücksichtigt werden,
www.iconomix.ch erschienen ist. umso höher, je höher der Wasserpegel des ohne die Leistungsanreize (Effizienzziel) zu

34  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


STEUERPOLITIK
Steuern auf Perücken? In
Preussen im 18. Jahrhundert
kein Scherz.

35
ALAMY

Die Volkswirtschaft  11 / 2018 
STEUERPOLITIK

beeinträchtigen. Ein hoher Wasserpegel be- rem Satz vorzuziehen ist. Anwendbar ist die- ihren Arbeitsentscheiden sind, desto grösser
wässert die Felder mit fruchtbarem Schlamm ses Prinzip etwa auf die Mehrwertsteuer, bei ist der Wohlfahrtsverlust, der durch die Ein-
und erhöht dadurch das Einkommenspoten- welcher aus Sicht der Optimalsteuertheorie kommensbesteuerung entsteht, und desto
zial der Bauern. Weil aber die Steuerbelastung Ausnahmen und differenzierte Sätze grund- tiefer liegt die optimale Einkommenssteuer-
vom Nilometer abhing und nicht vom Ein- sätzlich nicht wünschbar sind. belastung.
kommen direkt, hatte die Nilschlammsteuer Einige Ausnahmen von diesem Grundsatz Um Aussagen über das optimale Aus-
keine negativen Leistungsanreize. Die Pha- lassen sich theoretisch rechtfertigen. Bei- mass der Steuerprogression machen zu kön-
raonen waren also raffinierte Steuerpolitiker. spielsweise kann es wünschbar sein, im Sin- nen, ist des Weiteren zwischen der intensi-
ne der Verteilungsgerechtigkeit gewisse Gü- ven Grenze (Entscheidung, mehr oder weni-
Erkenntnisse aus der Optimal- tergruppen, die überwiegend von Leuten mit ger zu arbeiten) und der extensiven Grenze
geringer wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit (Entscheidung, zu arbeiten oder nicht) zu
steuertheorie konsumiert werden, niedriger zu besteuern.3 unterscheiden. Je stärker die extensive Gren-
Theoretisch betrachtet, geht es bei der Aus- Umgekehrt lässt sich ein höherer Satz für ze dominiert, desto eher lassen sich progres-
gestaltung von Steuern um die Frage: Wie diejenigen Gütergruppen rechtfertigen, die sive Grenzsteuertarife rechtfertigen – allen-
kann ein gewünschtes Niveau an Steuerein- komplementär zu Freizeitaktivitäten konsu- falls sogar mit negativen Grenzsteuersätzen
nahmen unter Berücksichtigung der Vertei- miert werden (beispielsweise Konzertbillet- für niedrige Einkommen.6 Hingegen spricht
lungsgerechtigkeit mit möglichst geringen te, Skipässe oder Restaurantbesuche).4 Dies eine hohe Elastizität entlang der intensiven
Marktverzerrungen bzw. Wohlfahrtsverlus- steigert die Arbeitsanreize, weil der Konsum Grenze gegen steigende Grenzsteuersätze,
ten erzielt werden? Hinzu kommt die Neben- von Freizeit «teurer» wird. Schliesslich ist eine weil sich diese negativ auf den Arbeitseinsatz
bedingung, dass die Besteuerung nur auf stärkere Besteuerung von Gütern möglich, von produktiven Leuten mit hohen Einkom-
Markttransaktionen und allenfalls auf beob- die negative externe Effekte verursachen: Mit men auswirken.
achtbare Charakteristiken von Individuen sogenannten Lenkungssteuern sollen hier die Die tatsächliche Höhe der Arbeitsange-
abstützen kann. Damit ist beispielsweise die externen Kosten dem Verursacher in Rech- botselastizitäten lässt sich durch empirische
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit als direk- nung gestellt werden, sodass die Allokations- Schätzungen eingrenzen. Wissenschaftliche
ter Anknüpfungspunkt für die Besteuerung effizienz erhöht wird. Lehrbuchbeispiele sind Befunde deuten darauf hin, dass die Arbeits-
ausgeschlossen. Lärm und Umweltverschmutzung durch den entscheide zu Beginn und gegen Ende des
Antworten liefert die sogenannte Opti- motorisierten Verkehr. Berufslebens steuersensitiver sind als im Alter
malsteuertheorie, wobei die genaue Ausge- Ein weiterer Grundsatz besagt, dass Zwi- von 30 bis 55 Jahren. Zudem reagieren Zweit-
staltung des optimalen Steuersystems stark schenprodukte nicht besteuert werden soll- verdiener und Mütter mit kleinen Kindern
von der Gewichtung der Ziele (Verteilungsge- ten. Die indirekten Steuern müssen auf End- stärker auf steuerliche Anreize.7 Nichtsdesto-
rechtigkeit vs. wirtschaftliche Effizienz) und produkte beschränkt sein. Die Überlegung trotz, weil solche Schätzungen naturgemäss
von den Annahmen zum Verhalten der Wirt- dahinter ist folgende: Unabhängig vom Ver- mit Unsicherheit behaftet sind, kann die Op-
schaftsakteure abhängt.2 Gestützt auf die teilungsziel der Steuerpolitik sollte die effizi- timalsteuertheorie in dieser Frage keine pfan-
einschlägige Literatur, lassen sich dennoch ente Produktion der Güter nicht durch Steu- nenfertigen Rezepte liefern.
einige Grundsätze nennen, wie Steuersyste- ern auf Zwischenprodukte verzerrt werden.5 6 Saez (2002b).
me optimalerweise ausgestaltet sein sollten. 7 Für eine Zusammenfassung der wissenschaftlichen
Im Allgemeinen nimmt die Verzerrungs- Befunde zur Steuersensitivität des Arbeitsmarktes
Anreize von Einkommenssteuern siehe z. B. Blundell (2014).
wirkung einer Steuer mit zunehmendem
Steuersatz überproportional zu. Das heisst, Die optimale Ausgestaltung der Einkom-
eine Steuererhöhung von 10 auf 11 Prozent menssteuer auf das Erwerbseinkommen
verursacht einen grösseren Wohlfahrtsver- hängt massgeblich von den Arbeitsangebot-
lust als ein Anstieg von 1 auf 2 Prozent. Daraus selastizitäten ab. Diese bilden ab, wie stark
lässt sich ableiten, dass eine breite Steuerba- das Arbeitsangebot auf steuerliche Anrei-
sis mit tieferem Satz einer durchlöcherten ze reagiert. Je steuersensitiver die Leute in
Steuerbasis und einem entsprechend höhe-
3 Naito (1999), Saez (2002a).
4 Corlett und Hague (1953), Christiansen (1984), Kaplow David Staubli
2 Der Trade-off zwischen Verteilungsgerechtigkeit und (2008). Dr. rer. pol., Ökonom, Abteilung Volkswirt-
wirtschaftlicher Effizienz wurde von Mirrlees (1971) 5 Diamond und Mirlees (1971). Diese Aussage gilt streng schaft und Steuerstatistik, Eidgenössische
erstmals formalisiert. Sein Beitrag wurde zum dominie- genommen nur, wenn eine lückenlose Besteuerung der Steuerverwaltung (ESTV), Bern
renden Ansatz in der Steuerlehre. Endprodukte möglich ist.

Literatur
Blundell, Richard (2014). How Responsive Diamond, Peter und James Mirrlees (1971). Mirrlees, James (1971). An Exploration in Saez, Emmanuel (2002a). The Desirability
Is the Labor Market to Tax Policy? IZA Optimal Taxation and Public Produc- the Theory of Optimum Income Taxa- of Commodity Taxation under Non-linear
World of Labor. tion: I-Production Efficiency. American tion. The Review of Economic Studies Income Taxation and Heterogeneous
Christiansen, Vidar (1984). Which Com- Economic Review, 61(1), 8–27. 38(2), 175–208. Tastes. Journal of Public Economics,
modity Taxes Should Supplement the Kaplow, Louis (2008). Taxing Leisure Naito, Hisahiro (1999). Re-examination 83(2), 217–230.
Income Tax? Journal of Public Economics, Complements. NBER Working Paper of Uniform Commodity Taxes under a Saez, Emmanuel (2002b). Optimal Income
24(2), 195–220. No. 14397. Non-Linear Income Tax System and Its Transfer Programs: Intensive versus
Corlett, W.J. und D. C. Hague (1953). Mankiw, N. G.; M. Weinzierl und D. Yagan Implication for Productive Efficiency. Extensive Labor Supply Responses. The
Complementarity and the Excess Burden (2009). Optimal Taxation in Theory and Journal of Public Economics 71(2), Quarterly Journal of Economics. 117(3),
of Taxation. Review of Economic Studies, Practice. Journal of Economic Perspecti- 165–188. 1039–1073.
21(1), 21–30. ves, 23(4), 147–174.

36 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


AUFGEGRIFFEN VON ERIC SCHEIDEGGER

Ausweichmanöver bei
­Regulierungsbremsen
Die Zahl der Regulierungen in der Schweiz wächst. Parlamentarische Vorstösse
fordern deshalb Regulierungsbremsen, wie man sie zum Teil im Ausland kennt.
So verständlich das Anliegen ist, so anspruchsvoll ist dessen Konkretisierung.
Es beginnt schon bei einer Abwägung von Kosten und Nutzen eines staatlichen
Eingriffs: Während die Schätzung der Kostenseite dank pragmatischen Metho-
den recht verbreitet ist, bleibt die Quantifizierung des Regulierungsnutzens eine
schwierige und aufwendige Herausforderung. Im Gegensatz zur Kosten­
schätzung kann man sich bei der Schätzung des Nutzens oftmals nicht nach
Marktpreisen richten.
Ferner braucht es ein klares Verständnis, welches Ziel man mit einer Regulie-
rungsbremse überhaupt verfolgen will. Dabei muss man zwischen engen und
weit gefassten Zielen unterscheiden. Die enge Definition will die administrativen
Kosten minimieren, die bei den Unternehmen aufgrund der Gesetze anfallen.
Solche Kosten umfassen dabei nur den Zeitaufwand für vorgeschriebene admi-
nistrative Aufwendungen – etwa beim Ausfüllen einer Steuererklärung oder
beim Einholen einer Baubewilligung. Ein weiter definiertes Ziel ist die Reduktion
der sogenannten Regulierungskosten, die durch die Befolgung von staatlichen
Vorgaben entstehen: Zusätzlich zu den administrativen Arbeiten werden in
diesem Fall bei den Unternehmen auch nicht vorgesehene Investitionen oder
erschwerte Betriebsabläufe addiert.

One in, one out?


Je nachdem, wo man die Ursachen für die zunehmende Regulierung ausmacht,
sind unterschiedliche Bremssysteme denkbar. So könnte die Exekutive jährlich
einen Abbau der zuvor erhobenen Regulierungskosten von x Millionen Franken
beschliessen. Die Zielsetzung würde in der Legislaturplanung verankert und
auf die Departemente des Bundes oder der von Kantone heruntergebrochen.
Eine andere Variante ist die oft zitierte «One in, one out»-Regel, die in Deutsch-
land und in Frankreich eingeführt wurde. Die Regierung müsste bei diesem
Ansatz bei jeder neuen Regulierung eine Kompensationsvorlage präsentieren,

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  37
AUFGEGRIFFEN

welche die Regulierungskosten vergleichbar senkt. Und natürlich kann auch


das Parlament in die Pflicht genommen werden. Dazu könnte die politische
Hürde für Erlasse der Legislative mit besonders hohen Regulierungskosten
durch Einführung eines qualifizierten Mehrs erhöht werden – ähnlich wie dies
beim Budgetprozess des Bundes mit der Ausgabenbremse gelebt wird.
Wie auch immer Regulierungsbremsen konstruiert werden: Sie bergen ein
gewisses Risiko von unerwünschten taktischen Ausweichmanövern. Liegt die
Ausrichtung der Regulierungsbremse nur auf den direkten Kosten, besteht die
Versuchung, dass die Bremse ausgehebelt wird. So ist beispielsweise denkbar,
dass anstelle einer Bewilligungspflicht mit direkten Regulierungskosten für
Unternehmen ein Verbot erlassen wird. Ein solches Verbot würde dann nicht
unter die Bremse fallen, obwohl es die Handlungsfreiheit viel stärker ein-
schränkt und damit hohe indirekte Kosten verursacht. Typischerweise könnte
die Exekutive der Bremse auch ausweichen, indem sie in einer Gesetzesvorlage
vage Formulierungen wählt, welche keine direkten Kosten erkennen lassen. Die
Konkretisierung des staatlichen Eingriffs würde dann auf Verordnungsstufe
erfolgen oder an die Kantone delegiert, welche nicht unter die Regulierungs-
bremse fallen.
Letztlich hängt die Wirksamkeit von Regulierungsbremsen von der Bereit-
schaft von Exekutive und Legislative ab, der systematischen Qualitätskontrolle
der Regulierungstätigkeit einen hohen Stellenwert einzuräumen. Idealerweise
sollte die Einführung von Regulierungsbremsen nicht als Einengung des
­politischen Gestaltungsspielraumes gesehen, sondern als Beitrag zugunsten
einer effizienten Regulierung verstanden werden.

Eric Scheidegger ist Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik des Staatssekretariats
für Wirtschaft (Seco) in Bern.
eric.scheidegger@seco.admin.ch

38  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


STELLENAUSSCHREIBUNG

Verdeckter Arbeitsmarkt in der Schweiz


ist eher klein
In der Schweiz werden 80 Prozent der offenen Stellen ausgeschrieben. In einem Fünftel der
Fälle werden die Stellen über «verdeckte» Kanäle wie das persönliche Netzwerk oder Social-­
Media-Plattformen vergeben.  Helen Buchs, Marlis Buchmann

Abstract  Bislang ist wenig darüber bekannt, wie Unternehmen in der Schweiz bei der beispielsweise Bauberufe, Lageristen, Marke-
Personalsuche vorgehen. Wertvolle Daten liefert der Stellenmarktmonitor Schweiz tingfachleute, Kuriere sowie Service- und Kü-
der Universität Zürich, indem er zeigt: Aktuell schreiben die Unternehmen knapp chenpersonal. Diese Massnahme sollte auch
80 Prozent aller offenen Stellen aus. Somit ist der Anteil der nicht ausgeschriebenen dazu führen, dass weniger Stellen über Bezie-
Stellen mit 20 Prozent vergleichsweise gering. Eine wichtige Rolle spielen dabei die hungsnetzwerke vergeben werden und der
persönlichen Beziehungsnetzwerke der Mitarbeitenden. Hingegen ist der Einfluss von Arbeitsmarkt so transparenter wird.
Social-Media-Plattformen wie Linkedin und Facebook bei der Personalsuche noch re-
lativ unbedeutend. Im vergangenen Jahr meldeten die befragten Unternehmen zudem Mehrheit der Stellen wird
nur jede zehnte offene Stelle den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV). Mit
der im Juli eingeführten Stellenmeldepflicht für Branchen mit einer hohen Arbeits­
­ausgeschrieben
losenquote dürfte sich dies ändern. Daten zur Praxis der Personalsuche liefert der
Stellenmarktmonitor Schweiz (SMM) der Uni-
versität Zürich. Seit 2003 befragt die Univer-

N  och vor wenigen Jahren schalteten die


Unternehmen ein Zeitungsinserat oder
liessen die Beziehungsnetzwerke der Mit-
so die Segregation bestimmter Arbeitsplatz-
kategorien, etwa nach Geschlecht, fördern.3
Eine Schweizer Besonderheit ist die Stel-
sität Zürich jährlich eine nach Branchen und
Firmengrösse gezogene repräsentative Stich-
probe von Unternehmen in der gesamten
arbeitenden spielen, wenn es eine Stelle zu lenmeldepflicht: Seit Juli müssen Firmen offe- Schweiz. Im Jahr 2017 wurde zudem eine er-
besetzen galt. Mit dem Aufkommen von On- ne Stellen in Berufen, in denen die Arbeitslo- weiterte, detaillierte Befragung zu Personal-
line-Portalen und Karrierenetzwerken wie senquote einen bestimmten Schwellenwert suche und Stellenbesetzung durchgeführt.4
Linkedin und Xing stellt sich die Frage: Wie übersteigt, den Regionalen Arbeitsvermitt- 4 Buchs und von Ow (2017).
suchen Firmen in der Schweiz im digitalen lungszentren (RAV) melden. Betroffen sind
Zeitalter nach Mitarbeitenden?
Bislang gibt es kaum gesichertes Wis- 3 Mencken und Winfield (1998). Nur wer von einer Stelle Kenntnis hat, schafft es
sen über die von den Firmen benutzten Ka- bis zum Vorstellungsgespräch.
näle zur Personalsuche und über den Anteil
der öffentlich ausgeschriebenen Vakanzen.
Solche Kenntnisse sind bedeutsam, da Per-
sonalsuche und Stellenbesetzung wesent-
lich über den Erfolg von Unternehmen mit-
bestimmen.1 Zudem zeigen die Informatio-
nen, wie transparent der Stellenmarkt ist.
Wird eine Vakanz nicht öffentlich ausge-
schrieben, bleiben Personen ohne Zugang
zu den entsprechenden Netzwerken von
vornherein vom Bewerberpool ausgeschlos-
sen.2 Dies dürfte vergleichsweise häufig auf
Berufseinsteiger, neu zugezogene Personen
oder Personen nach einer längeren Phase
der Erwerbslosigkeit zutreffen. Weiter be-
stimmen die Suchkanäle darüber, welche
Personengruppen die Unternehmen errei-
chen. Insbesondere die Personalsuche über
Beziehungsnetzwerke dürfte eine einseiti-
ge Zusammensetzung der Belegschaft und

1 Siehe z. B. «NZZ am Sonntag» (2017).


KEYSTONE

2 Larquier und Marchal (2016); Mencken und Winfield


(1998).

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  39
STELLENAUSSCHREIBUNG

Dank eines für Firmenbefragungen exzellent len ist die firmeneigene Internetsite der am ten Unternehmen setzen die eigene Website
hohen Rücklaufs von rund 60 Prozent sind die weitesten verbreitete Suchkanal (siehe Abbil- als einziges Suchmittel ein.
Resultate der Befragungen zuverlässig. dung 2). Rund zwei Drittel aller offenen Stel- Ein weiterer beliebter Ausschreibungska-
Aktuell schreiben die Unternehmen len waren im vergangenen Jahr auf diesem nal sind Stellenbörsen im Internet, wo gemäss
knapp 80 Prozent aller offenen Stellen aus Weg ausgeschrieben. Die Nutzung der eige- der Befragung knapp 60 Prozent der offenen
(siehe Abbildung 1). Der SMM ermittelt zu- nen Website ist für Firmen attraktiv: Mit ge- Stellen platziert werden. Einige Stellen finden
dem einen ähnlichen Ausschreibungsan- ringem Aufwand lässt sich so wohl ein relativ sich sogar ausschliesslich auf Online-Stellen-
teil, wenn explizit auch nach jenen Stellen breiter Bewerberpool gewinnen. Gleichzei- börsen. Andere Ausschreibungskanäle – wie
gefragt wird, die – möglicherweise extra tig können Firmen gezielt ein mit dem Unter- Presse oder Fach- und Branchenzeit­schriften –
für die stellensuchende Person – neu ge- nehmen oder der Branche bereits verbun­ sind mit Anteilen von je rund 10 Prozent von
schaffen wurden und somit kaum je als va- de­nes Publikum ansprechen, zu dem meist deutlich geringerer Bedeutung.
kant galten.5 Beinahe die Hälfte aller Vakan- auch spezialisierte Fach­kräfte und potenzielle Auch die Meldung einer offenen Stel-
zen schreiben die Unternehmen über mehr Mitarbei­tende zählen. Allerdings: Die wenigs- le bei den RAV kann man als Ausschreibung
als einen Kanal aus. So nutzen sie beispiels-
weise neben ihrer eigenen Website auch
­Online-Stellenportale. Abb. 1: Anteil der ausgeschriebenen Stellen an allen Vakanzen (2003–2018)
Die Resultate verdeutlichen, dass die
Unternehmen derzeit für lediglich ein Fünftel 100     in %
der offenen Stellen ausschliesslich über infor- 80
melle Kanäle nach neuem Personal suchen.

SMM (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Der «verdeckte Arbeitsmarkt» ist also eher 60

klein und scheint kein gewichtiges Problem 40


für die Stellensuchenden darzustellen. Die
20
bei der Befragung noch nicht berücksichtigte
Stellenmeldepflicht dürfte den Anteil der aus- 0
geschriebenen an den offenen Stellen zudem 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018
weiter erhöhen, da die bei den RAV gemel-
deten Stellen nach Ablauf einer fünftägigen Abb. 2: Kanäle der Personalsuche (2017)
Sperrfrist wohl häufig auch auf der öffent-
lich zugänglichen RAV-Stellenplattform Job- Internetnetsite des Unternehmens
Room.ch publiziert werden. Dadurch dürfte
sich der verdeckte Arbeitsmarkt nicht nur für Beziehungsnetz der Mitarbeitenden

arbeitslose Personen, sondern für alle Stel-


Stellenbörse im Internet
lensuchenden verkleinern.
Im Vergleich zu 2003 ist der Anteil der aus- Ausschreibung innerhalb des Unternehmens
geschriebenen Stellen bis zum Ausbruch der
Nutzung von Blind- oder Spontan­
Wirtschaftskrise 2009 angestiegen und sta- bewerbungen
gniert seither. Die Zunahme seit der Jahrtau- Ansprechen von Mitarbeitenden des
sendwende dürfte vor allem daran liegen, Unternehmen
dass dank des Internets einfach zugängli- Kontakte mit Geschäftspartnern oder
che und kostengünstige Ausschreibungska- Kunden

näle verfügbar sind. So verfügen mittlerwei- Personalberater/Headhunter


le auch kleinere Firmen immer häufiger über
eine eigene Internetsite, welche sie auch für Presse
die Personalsuche nutzen. Entgegen häufig
geäusserten Befürchtungen hat der verdeck- Meldung bei RAV

te Arbeitsmarkt über die Zeit also nicht zuge-


Fach- und Branchenzeitschriften
nommen.
Ausschreibung in einem Karrierenetzwerk
im Internet
Eigene Website häufig eingesetzt Ausschreibung auf einer Social-Media-­
Plattform
SMM (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Welche Medien und welche informellen


Suchkanäle nutzen die Unternehmen bei der Temporärbüros

Personalsuche, und für welchen Anteil der of- Anfragen in einem Karrierenetzwerk
fenen Stellen tun sie dies? Die ausführliche im Internet
Befragung von Personalverantwortlichen in Anfragen auf einer Social-Media-Plattform
der Schweiz durch den SMM aus dem Jahr
0 10 20 30 40 50 60 70
2017 zeigt: Unter den Ausschreibungskanä-
In %

5 Buchs und von Ow (2017).   Anteil an den offenen Stellen          Personalsuche ausschliesslich über diesen Kanal

40  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


STELLENAUSSCHREIBUNG

zählen, da diese Stellen in der Regel auch auf Social Media noch wenig genutzt liche Suchstrategie bei der Personalrekrutie-
der Plattform Job-Room.ch ausgeschrieben rung finden sie jedoch zunehmend Eingang in
werden. Allerdings war der Anteil der Stellen, Die Resultate weisen weiter darauf hin, dass die Praxis einiger Unternehmen.
welche die befragten Firmen den RAV mel- trotz des hohen Anteils ausgeschriebener Va-
deten, im vergangenen Jahr mit gut 10 Pro- kanzen die Bedeutung der Personalsuche in-
zent eher gering. Mit Einführung der Stellen- nerhalb der Unternehmen nicht zu unter-
meldepflicht dürfte sich dieser Anteil insbe- schätzen ist. Bei einem Fünftel der offenen
sondere bei den betroffenen Berufsgruppen Stellen sprechen die Unternehmen gezielt
stark erhöhen. ihre eigenen Mitarbeitenden an. Sogar fast
Unter den informellen Suchkanälen ist 40 Prozent der offenen Stellen schreiben sie
das Beziehungsnetz der Mitarbeitenden am innerhalb des Unternehmens aus – wobei vor
stärksten verbreitet: Bei gut 60 Prozent aller allem grosse Unternehmen diesen Kanal nut- Helen Buchs
offenen Stellen greifen die Schweizer Unter- zen. Wissenschaftliche Mitarbeiterin Stellen-
nehmen darauf zurück – jede fünfte Stelle Demgegenüber ist die Bedeutung von markt-Monitor Schweiz, Soziologisches
Institut, Universität Zürich
wurde sogar ausschliesslich über diesen Ka- internetbasierten Karrierenetzwerken wie
nal besetzt, womit das Beziehungsnetz das Linkedin und Xing sowie von Social-Media-
wichtigste Element des verdeckten Arbeits- Plattformen wie Facebook und Twitter bis-
markts ist. Da hier die Konkurrenz aufgrund her noch vergleichsweise gering. Im Jahr 2017
des eher geringen Suchradius vergleichswei- schrieben die befragten Firmen nur rund 10
se klein sein dürfte, ist die Stellensuche über Prozent der offenen Stellen auf diesen Kanä-
Beziehungsnetzwerke für arbeitslose Perso- len aus. Auch gezielte Anfragen in einem Kar-
nen besonders lohnenswert. Dies gilt umso rierenetzwerk oder auf einer Social-Media-
mehr, als ebenfalls relativ häufig ausschliess- Plattform waren mit Anteilen von rund 5
lich über Kontakte mit Geschäftspartnern respektive weniger als 2 Prozent ungebräuch- Marlis Buchmann
und Kunden nach neuem Personal gesucht lich. Kanäle der neuen Medien lösen die altbe- Professorin für Soziologie, Leiterin Stellen-
markt-Monitor Schweiz, Universität Zürich
wird. währten also noch keineswegs ab. Als zusätz-

Literatur
Buchs, Helen und Anna von Ow (2017). Larquier, Guillemette de und Marchal Mencken, F. Carson und Idee Winfield NZZ am Sonntag (2017). Einen Job gibts mit
Personalsuche und Stellenbesetzung. Emanuelle (2016). Does the Formaliza- (1998). In Search of Right Stuff: Informal Vitamin B, 17. Dezember 2017.
Kurzreport zur Unternehmensbefragung tion of Hiring Practices Enhance Equal and Formal Recruiting Practices in Exter-
2017. Hiring Opportunities? An Analysis of a nal Labor Markets. American Journal of
French Nation-wide Employer Survey. Economics and Sociology 57 (2): 135–153.
Socio-Economic Review 14(3): 567–589.

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Die Volkswirtschaft  11 / 2018 41


PATENTE UND WACHSTUM

KMU mit Patenten erzielen


mehr Umsatzwachstum
KMU mit Patenten wachsen jährlich rund 10 Prozent stärker als vergleichbare Betriebe ohne
Patente. Noch grösser wird der Effekt, wenn sich Frauen in den Entwicklungsteams dieser
Unternehmen befinden.  Daniel Müller, Erika Meins

Abstract    Der Zusammenhang zwischen Patenten und Wachstum wurde vom Mo- bis zwei Patentanmeldungen wuchsen jähr-
biliar-Lab für Analytik an der ETH Zürich mit Daten von über 110 000 KMU unter- lich 10 Prozent stärker als vergleichbare
sucht. Die Auswertungen zeigen, dass KMU mit ein bis zwei Patenten im jährlichen KMU1 ohne Patente (siehe Abbildung 2).2 Die
Durchschnitt 10 Prozent stärker wachsen als vergleichbare KMU ohne Patente. Dieser Vergleichsgruppe ohne Patente verzeichne-
Wachstumseffekt ist bei KMU mit Erfinderteams bestehend aus Männern und Frauen te im gleichen Beobachtungszeitraum stag-
noch stärker, nämlich 13,4 Prozent. Bei der Häufigkeit der Patentanmeldungen sind die nierende Umsätze. Auch bei KMU mit mehr
Unterschiede zwischen den Branchen beträchtlich. Am häufigsten melden Hersteller als zwei Patenten ist ein Wachstumseffekt
von Präzisionsapparaten und elektronischen Elementen Patente an. vorhanden, mit jährlich 8,2 Prozent ist die-
ser Effekt allerdings etwas weniger ausge-
prägt. Gewichtet über alle KMU mit Paten-

K  leine und mittlere Unternehmen (KMU)


mit bis zu 250 Mitarbeitern machen
mehr als 99 Prozent der Unternehmen in
ein ­Patent ein. So viel zu den relativen Zahlen.
Absolut gesehen gibt es die meisten Patent-
anmeldungen in der Maschinenbau-Branche.
ten, ergibt sich ein Wachstum, das 9,6 Pro-
zent höher liegt als dasjenige von Betrieben
ohne Patente.
der Schweiz aus und stellen zwei Drittel al- 1 Bei der Zusammenstellung der Vergleichsgruppe wur-
ler Arbeitsplätze. Im Rahmen der Schweizer KMU mit Patenten wachsen den Branche, Unternehmensgrösse, Firmensitz und ju-
KMU-Politik soll die Innovation von KMU ristische Form berücksichtigt.

gefördert werden. Ein Indiz für die Innova-


stärker 2 Die Herleitung aller Wachstumseffekte basiert auf Ver-
gleichen der jährlichen Wachstumsraten (Compound
tionsfähigkeit sind Patentanmeldungen. Die Die Auswertung des Umsatzwachstums Annual Growth Rate, CAGR).

Frage ist allerdings, ob sich Patente auch in zeigt signifikante Unterschiede zwischen Frauenpower: Bestehen die E­ rfinderteams
einem stärkeren Umsatzwachstum nieder- KMU mit und ohne Patenten. KMU mit ein nicht nur aus Männern, wächst der Umsatz am
schlagen. stärksten.
Um dies zu beleuchten, haben Forscher
vom Mobiliar-Lab für Analytik an der Eidge-
nössischen Technischen Hochschule (ETH)
Zürich Daten zu Patentanmeldungen und
Umsatz von über 110 000 Schweizer KMU aus
den Jahren 2010 bis 2015 herangezogen. Die
Daten stammen aus dem Projekt «SME Op-
portunities» des Mobiliar-Lab zum Wachs-
tum von KMU (siehe Kasten) und decken
rund 20 Prozent der Schweizer KMU ab.

Am meisten Patente in
­technischen Branchen
Nicht für alle Branchen sind Patente rele-
vant. Von den untersuchten KMU haben nur
485 Unternehmen ein oder mehrere Schwei-
zer Patente angemeldet. Am häufigsten sind
Patentanmeldungen bei den Herstellern von
Präzisionsapparaten und elektronischen Ele-
menten. Mehr als jedes zehnte Unterneh-
men meldet dort mindestens ein Patent an
(siehe Abbildung 1). Bei den KMU aus der
­Apparate-, Maschinen- und Messgerätebau-­
Branche sind es rund 7 Prozent. Bei den KMU,
welche Werkzeuge herstellen, reicht immer-
KEYSTONE

hin noch gut jedes zwanzigste Unternehmen

42  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


PATENTE UND WACHSTUM

Abb. 1: Relative Häufigkeit von Patentanmeldungen bei KMU nach Branche Erfinderteams mit Frauen
erfolgreicher

LENS PATENTDATENBANK / DIE MOBILIAR / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Präzisionsapparate-Herstellung
Von den KMU mit Patentanmeldungen hat
Herstellung elektr. Elemente
die grosse Mehrheit rein männliche Erfinder-
Apparatebau
teams. Genauer gesagt sind es 85 Prozent.
Nur 9 Prozent der Unternehmen mit Paten-
Maschinenbau ten haben rein weibliche und 6 Prozent ge-
mischte Erfinderteams.
Messgerätebau
Bei der Auswertung des Umsatzes nach
Werkzeugherstellung Geschlecht der Erfinderteams zeigen sich si-
gnifikante Unterschiede (siehe Abbildung 3).
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
So steigt der Umsatz von KMU mit gemisch-
in %
Für die Grafik wurden die untersuchten KMU mit den LENS-Daten von 1888–2015 abgeglichen. ten Erfinderteams pro Jahr um 4,2 Prozent
stärker als jener von KMU mit rein männli-
chen Erfinderteams.

LENS PATENTDATENBANK / DIE MOBILIAR / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Abb. 2: Umsatzwachstum von KMU nach Anzahl beantragter Patente (2010–2015) Verglichen mit KMU ohne Patente liegt der
1,8 Umsatzwachstum, indexiert Wachstumseffekt von KMU mit Patenten und
mit gemischten Erfinderteams um 13,4 Pro-
1,6
zent höher. Ein ähnliches Muster zeigt sich
1,4 bei rein weiblichen Erfinderteams, allerdings
ist der Effekt aufgrund der geringen Fallzah-
1,2
len statistisch nicht signifikant.
1 Die Fähigkeit, innovative Produkte und
Dienstleistungen nicht nur zu entwickeln,
0,8
2010 2011 2012 2013 2014 2015
sondern diese auch erfolgreich zu vermarkten,
  1–2 Patente*              >2 Patente*              0 Patente (Vergleichsgruppe)
ist zentral für die Wettbewerbsfähigkeit von
Unternehmen. Um die eigenen Innovationen
* statistisch signifikanter Unterschied (zur Vergleichsgruppe) auf 99-Prozent-Niveau.
vor Nachahmern, sogenannten Copy-Cats,
zu schützen, bieten Patente einen umfangrei-
LENS PATENTDATENBANK / DIE MOBILIAR / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

chen Schutz. Bei der Anmeldung von Patenten


Abb. 3: Umsatzwachstum von KMU nach Geschlecht der Erfinder (2010–2015)
leistet das Eidgenössische Institut für Geisti-
2 Umsatzwachstum, indexiert
ges Eigentum (IGE) Unterstützung und bietet
1,75 insbesondere für KMU eine attraktive, kosten-
günstige und einfache begleitete Recherche
1,5
zur Patentierbarkeit von Innovationen an.3
1,25
3 Weitere Informationen online auf Ige.ch.
1

0,75
2010 2011 2012 2013 2014 2015
  Nur Frauen              Nur Männer (Basis)              Gemischte Teams*

* statistisch signifikanter Unterschied (zur Basis) auf 95-Prozent- Niveau.

Mobiliar-Lab für Analytik Daniel Müller


Mit der zunehmenden Digitali- Opportunities» realisiert, eines den mit anonymisierten Daten Doktorand, Mobiliar Lab für Analytik,
sierung verschiedenster gesell- von verschiedenen interdiszi- der Mobiliar-Versicherung zum ETH Zürich
schaftlicher Bereiche steht eine plinären Forschungsprojekten Umsatz der bei ihr versicherten
immer grösser werdende Menge am Lab. KMU sowie einer Vielzahl wei-
von Daten zur Verfügung. Diese Ziel des Projekts war es, mit- terer Datenquellen ergänzt, wie
Entwicklung eröffnet neue Mög- hilfe von versicherungsinter- etwa der Patentdatenbank Lens.
lichkeiten, birgt aber auch Risi- nen und -externen Daten den Zur Schätzung des Wachstums
ken. Um diese zu erforschen und Umsatz und das Wachstum von von KMU wurde maschinelles
die Erkenntnisse einer breiten KMU zu schätzen. Dazu wurden Lernen verwendet. Die resul-
Öffentlichkeit zur Verfügung Webdaten mit geschäftsrele- tierenden Modelle können das
zu stellen, wurde als gemeinsa- vanten Informationen – etwa Wachstum von KMU mit einer
me Initiative des Versicherers von Google Reviews, Tripadvi- Wahrscheinlichkeit von rund
Mobiliar und der ETH Zürich im sor, Booking.com, Gastrosuisse, 70 Prozent vorhersagen.a
Jahr 2013 das Mobiliar-Lab für Hotelleriesuisse – automatisch Erika Meins
a Weitere Informationen online auf
Analytik gegründet. Die vorlie- mittels Web-Mining-Methoden Mobiliarlab.ethz.ch. Dr. phil., Leiterin, Mobiliar Lab für Analytik,
genden Auswertungen wurden aus dem Internet extrahiert.
ETH Zürich
im Rahmen des Projekts «SME Die erhobenen Webdaten wur-

Die Volkswirtschaft  11 / 2018 43


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100 JAHRE LANDESSTREIK

Schweiz in der Krise – Landesstreik 1918


Vor genau hundert Jahren standen sich Arbeiterschaft und Bürgertum unversöhnlich gegen-
über. Mit einem landesweiten Streik versuchte die sozialistische Arbeiterbewegung, vom
Bundesrat soziale und politische Reformen zu erzwingen. Doch der Streik scheiterte und
­behinderte für längere Zeit den Ausbau des Sozialstaates.  Marco Jorio

Abstract  Im November 1918 schlitterte die Schweiz in die grösste Krise seit 1848. Unge- die Furcht vor einem Umsturz verunsicher-
löste soziale und politische Probleme sowie das Kriegsende mit seinen gesamteuropäi- ten die nicht sozialistische Bevölkerung. Man
schen Verwerfungen führten zum Landesstreik, der vor allem in den Deutschschweizer erwartete turbulente Zeiten. So erklärte der
Industrieorten befolgt wurde. Der Streik scheiterte schliesslich an der unnachgiebigen Feldprediger bei der Entlassung des Unter-
Haltung von Bundesrat und Parlament, welche nicht auf die Forderungen des Streikko- waldner Bataillons aus dem Ablösungsdienst
mitees eingingen und Truppen gegen die Streikenden aufboten. Der zweitägige Aus- im Tessin am 4. Mai 1918: «Freunde, wir gehen
stand forderte vier Tote (einen Soldaten, drei Streikende) sowie mehrere Verletzte. nicht rosigen Zeiten entgegen. Sturmvögel
Ausser dem 8-Stunden-Tag und vorgezogenen Nationalratswahlen erreichte die Arbei- fliegen durch die Luft!»
terschaft wenig; der Streik provozierte im Gegenteil die Bildung des «Bürgerblocks» Als der Bundesrat für alle 14- bis 60-jäh-
gegen die «rote Gefahr». Aber durch die machtvolle Demonstration wurde der Weg für rigen Männer zur Bekämpfung der Ver-
die Integration der Arbeiterschaft in den bürgerlichen Staat geebnet. sorgungsengpässe einen obligatorischen
Arbeitsdienst einführen wollte, lud Robert
Grimm, Nationalrat und Redaktor des SP-Par-

«E  ist zum Heulen! Niemals ist schmäh-


licher ein Streik zusammengebro-
chen [...] an der feigen, treulosen Haltung der
eingereicht. Das sichere Ende der freisinnigen
Herrschaft weckte grosse Erwartungen.
teiblatts «Berner Tagwacht», Anfang Febru-
ar 1918 über den Kopf der zuständigen Füh-
rungsorgane hinweg einige handverlese-
Streikleitung», schimpfte nach Streikabbruch Die Arbeiterbewegung ne Partei- und Gewerkschaftsführer zu einer
der Sozialdemokrat Ernst Nobs in der Zürcher Konferenz nach Olten ein. Dort beschloss
SP-Tageszeitung «Volksrecht». Damit gab er
­radikalisiert sich man die Bildung des Oltener Aktionskomitees
die Stimmung in der Arbeiterschaft wieder, Während des Ersten Weltkrieges, dessen die (OAK) unter dem Vorsitz Grimms. Das OAK be-
die im abrupten Ende des Landesstreiks nach Zivilbevölkerung und die Wehrmänner über- zweckte «die Vereinigung der gewerkschaftli-
nur zwei Tagen «eine Kapitulation und nichts drüssig waren, hatten sich die wirtschaftli- chen und politischen Bewegung, die Zusam-
anderes» sah. Während der folgenden fünf- chen und sozialen Probleme verschärft. 1916 menfassung des Klassenkampfes unter einer
zig Jahre erinnerte man sich in der Arbeiter- begann sich die Versorgungslage infolge von einheitlichen Leitung». Gegen das putscharti-
bewegung nicht gerne an den Landesstreik Missernten und wegen des Wirtschaftskrie- ge Vorgehen von Grimm und seinen Genossen
von November 1918. Erst mit dem Wendejahr ges der Entente und der Mittelmächte zu ver- wehrten sich die Exponenten der Sozialdemo-
1968, vor allem aber mit der Untersuchung schlechtern. Die Löhne folgten nicht mehr kratischen Partei, die dem OAK Kompetenz-
des Historikers Willi Gautschi zum Landes- der Inflation, sodass der Reallohn um 25 Pro- überschreitung vorwarfen und Grimm einen
streik fand eine Umdeutung statt. Aus der zent sank. Betroffen waren vor allem die Diktator nannten. Nach einem personellen
Sicht des Historikers Adrian Zimmermann Lohnabhängigen, während die Unternehmer Umbau des OAK akzeptierten schliesslich die
wurden die Streikenden nun zu «siegen- und die Bauern Gewinne einfuhren. Erst 1917 SP und die Gewerkschaften das OAK als «zen-
den Geschlagenen». Und SP-Ständerat Paul begann der Bund mit der Rationierung von
Rechsteiner interpretierte den Streik wegen Grundnahrungsmitteln. Zudem belasteten
der späteren Umsetzung einiger Forderun- diverse neue Kriegssteuern die Haushaltbud- Die Forderungen des Streikkomitees
gen doch noch zu einem Sieg um. gets. Immer mehr Menschen waren von So- 1. 
Sofortige Neuwahl des Nationalrats gemäss
Der Landesstreik – die bis heute gröss- zialhilfe und vergünstigten Lebensmitteln ab- dem am 13. Oktober 1918 von Volk und Stän-
te Krise des Bundesstaates – hatte verschie- hängig. Im Krisenjahr 1917 setzte schliesslich den beschlossenen Proporzwahlrecht
2. Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts
dene soziale, aussen- und innenpolitische eine Streikwelle ein.
3. Einführung einer allgemeinen Arbeitspflicht
Gründe. Die Arbeiterschaft war politisch mar- Die erstarkende Arbeiterbewegung hatte 4. Einführung des 8-Stunden-Tags bzw. der
ginalisiert durch die freisinnige Mehrheit, die sich radikalisiert und vertrat nun unter dem 48-Stunden-Woche
mithilfe des Majorzwahlsystems und einer Einfluss junger Arbeiterführer – wie etwa 5. Umbau der Armee zu einem Volksheer
6. Sicherung der Lebensmittelversorgung
ausgeklügelten Wahlkreisgeometrie seit des Marxisten Robert Grimm – revolutionä- 7. 
Einführung einer Alters- und Invalidenversi-
1848 im Bundesparlament die absolute Mehr- re Ideen. Ab 1915 lehnten diese die Armee als cherung
heit innehatte. Am 13. Oktober 1918 stimm- Instrument der «bürgerlichen Klassenherr- 8. Einführung eines staatlichen Aussenhandels-
ten aber Volk und Stände im dritten Anlauf schaft» ab. Die Russische Revolution von 1917 monopols
9. Tilgung der Staatsschulden durch die Besit-
der vom Bundesrat verschleppten Proporzin- war auch für manche Schweizer Arbeiter ein zenden
itiative zu. Sozialdemokraten und Katholisch-­ leuchtendes Vorbild für eine bessere Zukunft. Ausserhalb des Katalogs: Neuwahl des Bundes-
Konservative hatten die Initiative bereits 1913 Doch die aggressive Revolutionsrhetorik und rates

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  45
100 JAHRE LANDESSTREIK

KEYSTONE
Im November 1918 stehen sich auf dem
Zürcher Paradeplatz Armee und Bevölkerung
trale Aktionsleitung». Grimm legte bereits im schen Agitation verdächtigte und der später gegenüber.
Februar 1918 einen Plan mit Kampfmassnah- vorgeworfen wurde, sie habe den Landes-
men in vier Stufen vor: allgemeine Agitation streik mitorganisiert. Dafür fehlen aber die
in Volksversammlungen, Demonstrationsver- Beweise, auch wenn sich Missionschef Jean Fraumünsterplatz abzuhalten. Die Demonst-
sammlungen, befristeter allgemeiner Streik Berzine nach der Ausweisung seiner «revolu- ration verlief blutig: Ein Luzerner Soldat wur-
und schliesslich unbefristeter Generalstreik, tionären Propaganda» rühmte. de mit einem Schuss aus einem Revolver ge-
der zum offenen Bürgerkrieg und zum Sturz Anfang Oktober 1918 bat der Zürcher Re- tötet, worauf die für den Ordnungsdienst
der bürgerlichen Gesellschaftsordnung füh- gierungsrat den Bundesrat um Truppenhilfe, nicht ausgebildete Truppe das Feuer über die
ren sollte. Der letzte Punkt stiess jedoch in- da er einen Aufstand befürchtete. Auf An- Köpfe der rund 7000 Protestierenden eröff-
tern auf Widerstand und wurde gestrichen. trag der Armeeführung beschloss der Bun- nete und einige Personen durch Querschlä-
desrat am 5. November, zwei Kavalleriebri- ger verletzte. Das OAK versuchte erfolglos,
Die Angst geht um im Bürgertum gaden und zwei Infanterieregimenter für die Zürcher zum Abbruch des wilden Streiks
den Ordnungsdienst in Zürich aufzubieten zu bewegen. Da nun die Gefahr bestand, dass
Im Herbst 1918 überschlugen sich mit dem und die sowjetische Mission des Landes zu es die Kontrolle über die Streikbewegung ver-
Kriegsende und dem Ausbruch von Revolu- verweisen. Der Bundesrat befürchtete bei lor, beschloss es – «gleichsam aus der Pisto-
tionen in Deutschland und Österreich die Er- revolutionären Unruhen eine Intervention le geschossen» (Grimm) –, den Generalstreik
eignisse. In der Schweiz wuchs die Furcht vor der siegreichen Ententemächte, nachdem auszurufen. Der Streikbeschluss wurde aber
einem Umsturz, so etwa, als die SP im Hin- der französische Botschafter und der italie- nicht von allen Gewerkschaften unterstützt.
blick auf den ersten Jahrestag der Russischen nische Aussenminister entsprechende An- So protestierten beispielsweise die Eisenbah-
Revolution sich zur Proklamation hinreissen deutungen gemacht hatten. ner «gegen den vom Oltener Aktionskomi-
liess: «Schon rötet die nahende Revolution Als Antwort auf das Truppenaufgebot rief tee mutwillig vom Zaune gerissenen Gene-
den Himmel über Zentraleuropa.» Im Streik das OAK am Samstag, dem 9. November, ralstreik».
des Zürcher Bankpersonals vom 30. Sep- einen Proteststreik in 19 Städten aus. Der Pro- Das Oltener Komitee erhob neun Forde-
tember und 1. Oktober, der von der Arbeiter- teststreik lief geordnet ab, wurde aber nicht rungen (siehe Kasten) sowie als zehnte For-
union mit einem lokalen Generalstreik unter- überall befolgt. In Zürich beschloss die radika- derung, ausserhalb des 9-Punkte-Katalogs,
stützt wurde, sah das Bürgertum bereits eine lisierte Arbeiterunion ohne Rücksprache mit die «ungesäumte Umbildung der bestehen-
Hauptprobe für die bevorstehende Revolu- dem OAK, den Proteststreik unbefristet fort- den Landesregierung unter Anpassung an
tion. Misstrauen weckte auch die Sowjet­ zuführen und die vom Regierungsrat verbo- den vorhandenen Volkswillen». Nur drei
mission in Bern, die man der bolschewisti- tene Kundgebung am 10. November auf dem ­Forderungen waren sozialpolitischer Art: die

46  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


100 JAHRE LANDESSTREIK

48-Stunden-Woche, die Sicherung der Le- kampf, um seinen begriffsstutzigen bürgerli- «rote Gefahr». Die innenpolitische Stimmung
bensmittelversorgung sowie die Alters- und chen Ratskollegen zu erklären, dass sie «einer blieb für Jahre vergiftet. Von den Forderungen
Invalidenversicherung. Bei den anderen han- absterbenden, untergehenden Klasse» an- des OAK wurde fast keine erfüllt. Dennoch
delte es sich um politische Forderungen. Die gehörten, und um zu behaupten, die Forde- wurden die ersten Proporzwahlen um ein Jahr
sofortige Umsetzung der meisten Forderun- rungen des OAK seien diejenigen «weitester vorgezogen und bescherten 1919, wie erwar-
gen wäre nur ausserhalb der geltenden Ver- Volkskreise». Trotzig rief er in den Saal: «Ja- tet, sowohl der SP als auch der neu gegrün-
fassungsordnung zu erreichen gewesen. wohl, wir Sozialdemokraten sind Revolutio- deten Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei
näre.» (BGB) massive Sitzgewinne. Die Freisinnigen
Der Landesstreik scheitert Der Auftritt Grimms löste Empörung aus. erlitten riesige Sitzverluste. Die Einführung
Der Bundesrat antwortete mit einem Ulti- des 8-Stunden-Tages 1919/20 war hingegen
Der Streik begann am Dienstag, 12. Novem- matum an das OAK, den Landesstreik sofort eher der internationalen Entwicklung ge-
ber, um Mitternacht. Er wurde, wie schon abzubrechen. Das OAK war in der Frage des schuldet, da gleichzeitig auch die Nachbar-
der Proteststreik, vor allem in den Deutsch- Streikabbruchs gespalten. Die Meldungen länder diese einführten. Die AHV wurde zwar
schweizer Städten befolgt und weniger in von der Streikfront waren schlecht: Die Trup- 1925 in einer Volksabstimmung in die Bun-
den ländlichen Gegenden und in der französi- pen gehorchten wider Erwarten ihren Vorge- desverfassung aufgenommen, aber erst 1947
schen und der italienischen Schweiz, wo man setzten und verhielten sich gegenüber den im Geiste der im Zweiten Weltkrieg entstan-
den Streik als Deutschschweizer Angelegen- Streikenden feindselig. Zudem begann die denen nationalen Solidargemeinschaft ein-
heit sah. Nach Angaben der Gewerkschaften Streikbewegung zu bröckeln. Das OAK be- geführt. Das Frauenstimm- und -wahlrecht
sollen 250 000 Arbeiter gestreikt haben, was schloss gegen den in die Minderheit versetz- wurde sogar erst 1971 nach dem tiefgreifen-
angesichts eines Bestandes von 220 000 Mit- ten Grimm, den Streik abzubrechen. den gesellschaftlichen Wandel der Sechziger-
gliedern und der lauen Streikbereitschaft in Dem abrupten Streikende folgte der Kat- jahre realisiert.
einigen Landesteilen wohl etwas hoch gegrif- zenjammer, wie ihn der Zürcher Nationalrat Die Arbeiterschaft hatte aber 1918 ein-
fen war. Zudem lehnten nicht sozialistische und SP-Pionier Hermann Greulich schon im drücklich ihre Stärke demonstriert – mit ihr
Gewerkschaften, wie der Christlich-­nationale März 1918 für den Fall eines gescheiterten Ge- war in Zukunft zu rechnen. Tatsächlich wur-
Gewerkschaftsbund, den Streik ab. Der Bun- neralstreiks vorausgesagt hatte. In Grenchen de sie im Anschluss an den Landesstreik von
desrat antwortete auf den Landesstreik mit kam es nach Streikabbruch zu einem bluti- Arbeitgebern und Behörden vermehrt in die
weiteren Truppenaufgeboten. Und mehrere gen Zwischenfall, als Demonstranten Eisen- Entscheidungsprozesse einbezogen, womit
Kantonsregierungen boten zusätzlich kanto- bahnschienen blockierten und die anrücken- ihre Integration in den «bürgerlichen» Staat
nale Landsturmeinheiten auf. den Waadtländer Soldaten verhöhnten: Diese eingeleitet wurde. Diese Integration mün-
In der Sondersitzung der Bundesver- verloren die Nerven und eröffneten das Feu- dete 1937 ins Friedensabkommen der Sozial-
sammlung verurteilte der freisinnige Bun- er, wobei drei Streikende getötet und mehre- partner und führte 1944 mit Ernst Nobs zur
despräsident Felix Calonder den Landesstreik re verletzt wurden. Wahl des ersten SP-Bundesrates.
und prangerte die «skrupellosen Hetzer» und
«die Vertreter des bolschewistischen Ter- Die Forderungen mussten warten
rors» an. Gleichzeitig zeigte er aber auch Ver-
ständnis für mehrere Forderungen. In einer Die unmittelbaren Folgen des Landesstreiks Marco Jorio
brillanten Rede legte Streikführer Grimm den waren für die Arbeiterschaft negativ. Der Lan- Historiker und ehemaliger ­Chefredaktor
Standpunkt der Streikenden dar. Er deutete – desstreik führte zur Bildung des «Bürger- des Historischen Lexikons der Schweiz
(HLS), Rüfenacht
ganz Marxist – den Landesstreik als Klassen- blocks» und von Bürgerwehren gegen die

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  47
ZUWANDERUNG

Migranten sind im Schweizer


­Arbeitsmarkt gut integriert
Immigranten integrieren sich schon nach kurzer Zeit gut in den Arbeitsmarkt. Die Männer
erzielen mit den Schweizern vergleichbare Einkommen und schliessen die anfängliche Lücke
bei der Erwerbsbeteiligung rasch. Immigrantinnen verdienen gar mehr als Schweizerinnen,
bleiben dem Arbeitsmarkt dafür öfter fern.  Sandro Favre, Reto Föllmi, Josef Zweimüller

Abstract  In den letzten Jahrzehnten ist die Immigration in die Schweiz stark ge- seits vom Stundenlohn – und damit von
stiegen. Wie gut die Immigranten in den Arbeitsmarkt integriert werden, ist von der Qualifikation – beeinflusst und ande-
grosser wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedeutung. Eine Studie für das rerseits vom Beschäftigungsgrad. Betrach-
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zeigt, dass die Integration von Immigran- tet man nur das Einkommen, lässt man al-
ten in der Schweiz insgesamt gut gelingt. Erwerbstätige Männer, die in die Schweiz lerdings ausser Acht, dass nicht alle Perso-
einwandern, können ihren anfänglichen Einkommensrückstand gegenüber den nen einer Erwerbstätigkeit nachgehen. Um
Schweizern schon nach wenigen Jahren im Land wettmachen. Erwerbstätige Immi- ein umfassendes Bild des Arbeitsmarkter-
grantinnen verdienen dank eines höheren Beschäftigungsgrades im Durchschnitt folges zu erhalten, muss man deshalb dem
sogar mehr als vergleichbare Schweizerinnen. Die Erwerbstätigenquote unter Im- Einkommen beschäftigter Personen die Er-
migranten ist allerdings tiefer als unter vergleichbaren Schweizern. Mit zunehmen- werbstätigenquote gegenüberstellen.
der Verweildauer holen die Immigranten zwar gegenüber den Schweizern auf, doch Als Referenzwerte, an denen Einkom-
die Lücke schliesst sich nicht gänzlich. menshöhe und Erwerbstätigenquote von
Immigranten gemessen werden sollen, die-
nen die Arbeitsmarktergebnisse der in der

S  eit der Unterzeichnung des Freizü-


gigkeitsabkommens mit den EU- und
Efta-Staaten im Jahr 1999 ist die Immigra-
keit nachgehen. Die Einkommenshöhe ist
von zentraler Bedeutung, weil sie letztlich
bestimmt, welchen Lebensstandard eine
Schweiz Geborenen. Zwischen den Immig-

Grund zur Freude: Im Juli 2018 feiern Franzosen


tion aus diesem Raum in die Schweiz stark Person sich leisten kann. Sie wird einer- und Frankreich-Fans den Fussball-Weltmeister-
angestiegen. Dies löste eine teilweise sehr titel in Lausanne.
heftige wirtschafts- und gesellschaftspoli-
tische Debatte über die möglichen Auswir-
kungen von erhöhter Immigration aus. Eine
zentrale Rolle in dieser Debatte spielt die
Arbeitsmarktintegration von Immigranten.
Können diese auf dem Arbeitsmarkt nach-
haltig Fuss fassen, erleichtert das ihre ge-
sellschaftliche Integration und stärkt die
Sozialwerke. Die Autoren haben deshalb in
einer Studie für das Staatssekretariat für
Wirtschaft (Seco) den Arbeitsmarkterfolg
von Immigranten in der Schweiz analysiert
und mit demjenigen von Schweizern vergli-
chen. Für die Analyse wurden verschiedene
Register- und Umfragedaten miteinander
verknüpft (siehe Kasten).

Wie man Arbeitsmarkt­


integration misst
Wenn Ökonomen vom Arbeitsmarkter-
folg einer Personengruppe sprechen, be-
ziehen sie sich im Wesentlichen auf zwei
Grössen: das Durchschnittseinkommen er-
werbstätiger Personen und die Erwerbs-
KEYSTONE

tätigenquote. Letztere misst den An-


teil der Personen, die einer Erwerbstätig-

48  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


ZUWANDERUNG

ranten und den in der Schweiz Geborenen

INDIVIDUELLE KONTEN DER AHV (ZAS) / ZEMIS (SEM) / STATPOP, STRUKTUR-


Abb. 1: Einkommensunterschiede zwischen Immigranten und Schweizern im
gibt es je nach Alter, Bildung und Region be-
Laufe des Aufenthaltes
deutende Unterschiede. So sind etwa Per-
30      Einkommensunterschied gegenüber Schweizern, in %
sonen unter 25 und über 55 Jahren bei den
Immigranten untervertreten, Geringquali-
20
fizierte und Hochqualifizierte jedoch über-

ERHEBUNG (BFS) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


vertreten. Zudem konzentrieren sich Mi-
10
granten stark auf urbane Regionen. Damit
man Einkommen und Erwerbstätigenquo-
te der beiden Gruppen miteinander verglei- 0

chen kann, muss in der Regressionsanalyse


deshalb für Alter, Bildung und Wohnort kon- –10
trolliert werden. 0 1 2 3 4 5
Jahre seit Einwanderung
  Einkommensunterschied immigrierter Männer gegenüber Schweizern            Einkommensunterschied immigrierter
Kaum Unterschiede bei den Frauen gegenüber Schweizerinnen             Konfidenzintervall        

Einkommen Die Grafik zeigt Immigrantinnen und Immigranten im Alter von 25 bis 55 Jahren, die sich während mindes-
tens fünf Jahren ununterbrochen in der Schweiz aufhalten und dabei unselbstständig erwerbstätig sind.
In der Migrationsdebatte wird oftmals die Be- Die Referenzgruppe sind Schweizerinnen und Schweizer im Alter von 25 bis 55 Jahren, die in derselben Zeit
fürchtung geäussert, dass Immigranten be- ununterbrochen unselbstständig erwerbstätig sind. Die Regressionsanalyse kontrolliert auch für Unter-
reit seien, für tiefere Löhne zu arbeiten, und schiede in Alter, Bildung und Wohnregion.
dass sie damit Schweizer aus dem Arbeits-

INDIVIDUELLE KONTEN DER AHV (ZAS) / ZEMIS (SEM) / STATPOP, STRUKTUR-


markt verdrängten. In unseren Analysen fin- Abb. 2: Unterschiede in der Erwerbstätigenquote von Immigranten und Schwei-
den wir dafür keine Anhaltspunkte. zern im Laufe des Aufenthalts
Betrachtet man 25- bis 55-jährige er- 0        Unterschied in Erwerbstätigenquote gegenüber Schweizern, in Prozentpunkten
werbstätige Männer, die in die Schweiz ein-
wandern und während mindestens fünf Jah-
ren im Land bleiben, verdienen diese zwar

ERHEBUNG (BFS) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


–10
anfänglich noch deutlich weniger. Schon im
ersten Jahr nach der Einwanderung sind ihre
Einkommen aber im Durchschnitt höher als –20
die von Schweizern (siehe Abbildung 1). Kon-
kret: Bei den Männern verwandelt sich der
anfängliche Einkommensrückstand von 6,4 –30
0 1 2 3 4 5
Prozent nach fünf Jahren in einen Vorsprung
Jahre seit Einwanderung
von 1,9 Prozent. Über die Ursachen die-
  Erwerbstätigenquote immigrierter Männer gegenüber Schweizern            Erwerbstätigenquote immigrierter Frauen
ses Aufholprozesses erlaubt die vorliegen- gegenüber Schweizerinnen             Konfidenzintervall           
de Studie keine direkten Aussagen. Denkbar
ist aber, dass die Immigranten in dieser Zeit Die Grafik zeigt Immigrantinnen und Immigranten im Alter von 25 bis 55 Jahren, die sich während mindes-
tens fünf Jahren ununterbrochen in der Schweiz aufhalten. Die Referenzgruppe sind Schweizerinnen und
ihre Sprachkenntnisse verbessern, ein grös- Schweizer im Alter von 25 bis 55 Jahren. In der Regressionsanalyse wurde auch für Unterschiede in Alter,
seres Netzwerk aufbauen oder den Schwei- Bildung und Wohnregion kontrolliert.
zer Arbeitsmarkt besser kennenlernen. Da

INDIVIDUELLE KONTEN DER AHV (ZAS) / ZEMIS (SEM) / STATPOP, STRUKTURER-


der Spielraum für Lohnsteigerungen in der- Abb. 3: Nichterwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit von Immigranten und Schwei-
selben Firma in der Regel begrenzt ist, dürf- zern im Laufe des Aufenthaltes
ten Arbeitsplatzwechsel dabei eine nicht un-
wesentliche Rolle spielen. 20   Unterschied in Nichterwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit, in Prozentpunkten

Dieses positive Bild der Einkommensent-


15
wicklung von beschäftigten Immigranten
ist teilweise durch die sehr hohen Einkom-
HEBUNG (BFS) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

10
men einer kleinen Gruppe von Immigran-
ten, beispielsweise Spitzenmanager, getrie- 5
ben. Differenzierte Analysen nach Bildungs-
0
und Einkommensgruppen zeigen aber, dass
auch Geringqualifizierte sich im Laufe ihres –5
Aufenthalts einkommensmässig gut integ- 0 1 2 3 4 5
rieren. Jahre seit Einwanderung
Für eingewanderte Frauen zeichnen   Unterschied Nichterwerbstätigkeit immigrierter Männer gegenüber Schweizern            Unterschied Arbeitslosigkeit
unsere Analysen ein etwas differenzierte- immigrierter Männer gegenüber Schweizern               Konfidenzintervall      
res Bild. Weil Immigrantinnen einen deut- Die Grafik zeigt Immigranten im Alter von 25 bis 55 Jahren, die sich während mindestens fünf Jahren un-
lich höheren Beschäftigungsgrad aufweisen, unterbrochen in der Schweiz aufhalten. Die Referenzgruppe sind Schweizer im Alter von 25 bis 55 Jahren.
übertreffen die Einkommen erwerbstätiger Wir kontrollieren in der Regressionsanalyse auch für Unterschiede in Alter, Bildung und Wohnregion.

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  49
ZUWANDERUNG

Immigrantinnen diejenigen der Schweizerin- fünf Jahren liegt die Erwerbstätigenquo- kommen. Die Immigrantinnen verdienen so-
nen bereits im Jahr der Einwanderung und lie- te der Immigranten noch rund 3 Prozent- gar mehr als die Schweizer Vergleichsgruppe,
gen fünf Jahre nach der Einwanderung deut- punkte tiefer (siehe Abbildung 2). da sie im Durchschnitt höhere Beschäfti-
lich darüber. Der höhere durchschnittliche Bei den Frauen ist der anfängliche Unter- gungsgrade haben. Allerdings sind unter den
Beschäftigungsgrad der Immigrantinnen fin- schied in der Erwerbstätigenquote zwi- Immigrantinnen und Immigranten weniger
det sich in allen Bildungsgruppen gleicher- schen Immigrantinnen und Schweizerinnen Personen erwerbstätig als unter den Schwei-
massen. sogar noch grösser. Zwar geht die Differenz zerinnen und Schweizern. Während dieser
in den ersten fünf Jahren des Aufenthaltes Unterschied im Jahr der Einwanderung noch
Erwerbstätigenquoten stark zurück, doch danach bleibt die Quo- beträchtlich ist, steigt die Erwerbstätigen-
te bei den Immigrantinnen um 12 Prozent- quote der Immigranten im Laufe des Auf-
gleichen sich an punkte unter derjenigen von vergleichbaren enthaltes stark an – auch dies ein Indiz für
Immigranten, die auf dem Arbeitsmarkt Fuss Schweizerinnen. erfolgreiche Integration. Der verbleibende
fassen, schneiden dort also mindestens so Es stellt sich die Frage, ob die verbleiben- Rückstand ist bei den Männern auf ein hö-
gut ab wie vergleichbare Schweizer. Ein diffe- de Differenz in der Erwerbstätigenquote von heres Arbeitslosigkeitsrisiko zurückzuführen.
renzierteres Bild ergibt sich allerdings, wenn Immigranten und Schweizern auf eine höhe- Bei den Frauen spielt ausserdem mit, dass sie
man auch Personen in den Blick nimmt, die re Arbeitslosenquote der Immigranten oder dem Arbeitsmarkt möglicherweise aus fami-
nicht erwerbstätig sind. auf eine höhere Quote der Nichterwerbsper- liären Gründen fernbleiben.
Betrachtet man 25- bis 55-jährige Män- sonen, wie etwa IV-Rentner oder Sozialhil-
ner, die in die Schweiz einwandern und febezüger, zurückzuführen ist. Es zeigt sich,
während mindestens fünf Jahren im Land dass die Immigranten nicht deshalb eine tie-
bleiben, liegt die Erwerbstätigenquote bei fere Erwerbstätigenquote als die Schweizer
der Einwanderung um 16,2 Prozentpunkte aufweisen, weil sie dem Arbeitsmarkt eher
tiefer als bei Schweizern dieser Altersgrup- fernbleiben, sondern weil sie öfter arbeits-
pe. Die Differenz nimmt im Laufe des Auf- los sind. Denn der anfängliche Unterschied in
enthaltes zwar deutlich ab, doch auch nach der Nichterwerbsquote verschwindet nach
fünf Jahren wieder, während die Arbeits-
losenquote zunimmt (siehe Abbildung 3). Sandro Favre
Anders als bei den Männern ist der Unter- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für
Administrativdaten als Forschungs- schied in der Erwerbstätigenquote bei den
Volkswirtschaft slehre, Universität Zürich
grundlage Frauen nur zum Teil auf ein höheres Arbeits-
Für die vorliegende Studie hat das Bundes- losigkeitsrisiko zurückzuführen. Die Haupt-
amt für Statistik (BFS) in Zusammenarbeit mit ursache für den Unterschied besteht in der
der Zentralen Ausgleichsstelle (ZAS) und dem
Staatssekretariat für Migration (SEM) eigens
Erwerbsbeteiligung, die rund 9 Prozent-
einen Datensatz erstellt, der die Vorteile von punkte tiefer liegt als bei Schweizerinnen.
Umfrage- und Registerdaten kombiniert. Dazu Dieser Unterschied muss aber keineswegs
wurden die folgenden Datensätze auf Indivi- negativ interpretiert werden. Denn die tie-
dualbasis verknüpft:
fere Erwerbsbeteiligung der Immigrantin-
– Individuelle Konten der AHV (ZAS), 1981–2015.
Diese Daten ermöglichen es, individuelle nen dürfte durch den Familiennachzug ge-
Reto Föllmi
Arbeitsmarktkarrieren zu konstruieren, die trieben sein. Die traditionelle Rollenteilung, Professor für Volkswirtschaft slehre,
Aufschluss über Beschäftigungssituation und die den Frauen die Kinderbetreuung oder die SIAW-HSG, Universität St. Gallen
Einkommenshöhe geben.
Hausarbeit zuweist, könnte der Grund sein,
– STATPOP (BFS), 2010–2015. Diese auf den
Personenregistern von Bund, Kantonen und dass Immigrantinnen – insbesondere in den
Gemeinden basierende Datenquelle gibt Auf- ersten Jahren nach der Einwanderung – noch
schluss über Personenmerkmale wie das Alter keiner Beschäftigung nachgehen. Für diese
und den Wohnort. Interpretation spricht, dass die Erwerbstäti-
– ZEMIS (SEM), 2003–2015. Mit diesem Daten-
satz können individuelle Migrationsverläufe genquote in den ersten Jahren nach der Im-
(Immigration, Emigration, Einbürgerung, Bin- migration stark zunimmt.
nenmigration) konstruiert werden. Insgesamt gelingt die Integration von
– Strukturerhebung (BFS), 2010–2014. Diese Immigrantinnen und Immigranten in den
Umfragedaten liefern für einen Teil der in den
Registern erfassten Personen wertvolle Zu-
Schweizer Arbeitsmarkt relativ gut. Männer, Josef Zweimüller
die auf dem Arbeitsmarkt Fuss fassen, erzie- Professor für Volkswirtschaft slehre,
satzinformationen, etwa über Bildung und
Universität Zürich
Arbeitsstunden. len mit den Schweizern vergleichbare Ein-

50 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


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ARBEITSMARKTMASSNAHMEN

Evaluationen von arbeitsmarktlichen


Massnahmen besser koordinieren
Die arbeitsmarktlichen Massnahmen in der Schweiz schneiden in Wirkungs­analysen mehr­
heitlich positiv ab. Zu diesem Schluss gelangt eine Meta-Studie im Auftrag des Aus­gleichs­
fonds der Arbeitslosenversicherung. Allerdings sollte die Koordination der ­Evaluationen
­zwischen Bund und Kantonen verbessert werden.  Patrick Arni, Michael Morlok,
Aderonke Osikominu

Abstract  Was sind die Erkenntnisse von 56 bisher in der Schweiz durchgeführten Eva- lichen Massnahmen in ihrer Ausgestaltung
luationen zu arbeitsmarktlichen Massnahmen? Eine Studie im Auftrag der Aufsichts- verwandten Zwischenverdienste werden ver-
kommission für den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung (AK-ALV) hat die gleichsweise häufig positiv beurteilt. Dem-
Ergebnisse zusammengefasst. Im Fokus standen dabei 23 Studien, welche miteinan- gegenüber weist bei den sogenannten Basis­
der gut vergleichbar sind. Die Analyse zeigt, dass zwei Drittel dieser Evaluationen die programmen, die auf die berufliche Stand-
darin untersuchten arbeitsmarktlichen Massnahmen positiv bewerten. Ein Drittel ortbestimmung und Bewerbungstrainings
ermittelt entweder keine Wirkung oder kommt zum Schluss, dass die Massnahmen fokussieren, sowie bei den Fachkursen jede
die Stellensuchdauer verlängern. Coachingangebote und Beschäftigungsprogramme zweite Evaluation ein negatives Resultat auf
schneiden dabei überdurchschnittlich gut ab. Der Wunsch, aus den bisherigen Eva- (siehe Abbildung).
luationen generelle Handlungsanweisungen für das Design und die Anwendung von Um die Resultate besser einordnen zu
künftigen arbeitsmarktlichen Massnahmen ableiten zu können, kann durch die vorlie- können, organisierten wir im Februar 2018
gende Studie nur teilweise erfüllt werden: Je nach Ausgestaltungsform, Teilnehmer- einen Validierungsworkshop, an welchem
schaft und Verfügungszeitpunkt kann ein Angebot mehr oder weniger wirkungsvoll unter anderem Fachexperten aus den Regio-
sein. Um diese Wirkungsvielfalt besser zu erfassen, sollten zukünftige E­ valuationen nalen Arbeitsvermittlungszentren sowie der
stärker koordiniert werden. kantonalen LAM-Stellen («Logistik arbeits-
marktliche Massnahmen») teilnahmen. Letz-
tere sind mit der Organisation der arbeits-

D  ie Regionalen Arbeitsvermittlungszen­
tren (RAV) setzen seit über 20 Jah-
ren sogenannte arbeitsmarktliche Mass-
In einem ersten Schritt identifizierten wir
die vorhandenen Evaluationen und Studien.
Das Netz wurde dabei möglichst weit aus-
marktlichen Massnahmen beauftragt.
Als möglicher Grund für das schlechte Ab-
schneiden der Basisprogramme wurde im
nahmen ein. Diese Angebote, die mitunter geworfen: Das Projektteam kontaktierte die Workshop vermutet, dass diese bei vielen
Standortbestimmungen, Bewerbungstrai- zuständigen Abteilungen der kantonalen Stellensuchenden als Erstmassnahme nach
ning, Sprach- und Fachkurse und Beschäf- Arbeitsmarktbehörden, die Evaluationsteams dem «Giesskannenprinzip» angewendet wer-
tigungsprogramme umfassen, zielen darauf bereits bekannter Studien, Forschungsins- den und entsprechend wenig bedarfsgerecht
ab, die Stellensuchenden fit für den Arbeits- titute an Universitäten und Fachhochschu- zugeschnitten sind. Bei den Fachkursen wie-
markt zu machen. Die Wirkung der Mass- len sowie ausgewählte Stiftungen. Insgesamt derum, die ebenfalls schlecht abschnitten, sei
nahmen wurde seit der Jahrtausendwende konnten so rund 56 Evaluationen und Stu- die Wirkung grundsätzlich schwierig zu er-
mehrfach untersucht. Für die vom Staats- dien identifiziert werden – deutlich mehr als fassen, da diese sich erst langfristig entfalte
sekretariat für Wirtschaft (Seco) in Auftrag vermutet. Den Fokus der statistischen Ana- und Fachkurse häufig in Kombination mit an-
gegebenen Studien liegen Syntheseberich- lyse legten wir schliesslich auf 23 Evaluatio- deren arbeitsmarktlichen Massnahmen ein-
te vor. Zudem existieren verschiedene inter- nen, die die Wirkung der arbeitsmarktlichen gesetzt würden. Hinsichtlich der Beschäfti-
nationale Übersichtsstudien, in die auch Stu- Massnahmen mit einer Vergleichsgruppe gungsprogramme wurde gesagt, das positive
dien aus der Schweiz eingeflossen sind. Was oder ­-situation bestimmten. Ergebnis sei möglicherweise auf einen rela-
hingegen bisher fehlte, war eine vollständige tiv grossen «Droheffekt» zurückzuführen. Ein
Übersicht zu den Schweizer Studien, welche Mehrheitlich positive Resultate solcher Effekt tritt auf, wenn Stellensuchen-
auch Evaluationen der Kantone oder weite- de ihren Bewerbungseffort vor der arbeits-
rer Auftraggeber berücksichtigt. Im Auftrag Unsere Analyse zeigt, dass zwei Drittel der 23 marktlichen Massnahme erhöhen, um noch
der Aufsichtskommission für den Ausgleichs- Evaluationen die darin untersuchten arbeits- vor deren Beginn eine Stelle zu finden, da sie
fonds der Arbeitslosenversicherung (AK-ALV) marktlichen Massnahmen positiv bewerte- dem als unangenehm empfundenen Mass-
haben wir diese Lücke mit einer neuen Studie ten. Das weitere Drittel ermittelte entweder nahmenbesuch entgehen möchten.
zu schliessen versucht.1 keine Wirkung oder kam zum Schluss, dass Die Interpretation der Resultate wird
1 Michael Morlok, Patrick Arni, David Liechti, Nathanael
die Massnahmen die Stellensuchdauer ver- durch den Umstand erschwert, dass für
Moser, Aderonke Osikominu, Mirjam Suri (2018): Die längerten. Überdurchschnittlich gut schnei- alle mehrfach evaluierten Massnahmenty-
Wirkung von arbeitsmarktlichen Massnahmen. Eine den Coachingangebote und Beschäftigungs- pen sowohl positive wie auch negative Eva-
Analyse bisheriger Evaluationen. Arbeitsmarktpolitik
No. 54, Studie im Auftrag der AK-ALV. programme ab. Auch die mit arbeitsmarkt- luationsresultate vorliegen. Dies signalisiert

52  Die Volkswirtschaft  11 / 2018


ARBEITSMARKTMASSNAHMEN

eine grosse Heterogenität in der Wirkung: Je ist. Es fällt auf, dass sich viele Evaluationen Ebenso weisen Frauen häufig bessere Resul-
nach Ausgestaltungsform, Teilnehmerschaft zwar bei der Interpretation der Resultate auf tate auf als Männer. Während somit eine Lö-
und Verfügungszeitpunkt kann ein konkre- die Wirkungskanäle beziehen, aber nur weni- sung darin liegen könnte, arbeitsmarktliche
tes Angebot mehr oder weniger wirkungsvoll ge Studien diese auch empirisch untersuchen. Massnahmen vermehrt bei Stellensuchenden
sein. Mitunter bedeutet dies, dass die Studie Zudem ist viel Heterogenität zu beobachten: mit schlechten Chancen einzusetzen, scheint
und ihre Resultate mit Vorsicht genutzt wer- Ob beispielsweise ein Droheffekt stattfindet, eine solche Fokussierung auf Frauen wenig
den sollten, wenn es um die Entscheidung hängt von der Art und der Ausgestaltung des fair und sinnvoll. Eher sollte in künftigen Dis-
zur Weiterführung oder Anpassung einer ein- Massnahmentyps ab. Eine gewisse Einigkeit kussionen und Untersuchungen mehr Ge-
zelnen arbeitsmarktlichen Massnahme geht: besteht unter den Autoren der Evaluationen, wicht auf die Frage gelegt werden, ob und al-
Hier empfiehlt es sich, die Evaluation eines dass sogenannte Lock-in-­Effekte entstehen lenfalls wie die Angebote zielgruppenspezifi-
ähnlichen Angebots zu konsultieren oder können. Diese treten auf, wenn Teilnehmen- scher diversifiziert werden können, sodass sie
aber eine eigene Evaluation durchzufüh- de während einer arbeitsmarktlichen Mass- zum Beispiel die Bedürfnisse männlicher Stel-
ren. Die Resultate der jetzt erstellten Studie nahme ihren Bewerbungseffort reduzieren, da lensuchender besser abdecken.
können von den Spezialisten der kantonalen diese zeitintensiv ist, als nützlich empfunden Auch bei den Empfehlungen, die in den
Arbeitsmarktbehörden hingegen als Grund- wird oder da die Teilnehmenden vorüberge- jeweiligen Evaluationen formuliert wurden,
lage genutzt werden, um die bestehende An- hend keine Notwendigkeit für Bewerbungen ist eine Übereinstimmung auszumachen. So
gebotspalette im Kanton sowie deren Nut- sehen. Lock-in-Effekte können durch eine an- wurde mehrmals die Bedeutung einer be-
zung kritisch zu reflektieren und wo notwen- gemessene Selektion der Teilnehmenden so- darfsgerechten Ausgestaltung und Zuwei-
dig genauer zu untersuchen. wie durch den Zuweisungszeitpunkt verhin- sung unterstrichen: Um eine bestmögliche
dert oder zumindest reduziert werden. Wirkung zu erzielen, ist es wichtig, sorgfäl-
Wirkungskanäle noch wenig tig zu klären, welche arbeitsmarktliche Mass-
Stellensuchende mit schlechten nahme zu welchem Zeitpunkt für einen be-
untersucht stimmten Stellensuchenden geeignet ist.
Einen Fokus der Studie haben wir auf Evalua-
Chancen profitieren mehr
tionen gelegt, die sich damit auseinander- Am meisten Einigkeit besteht hinsichtlich der Gezielte Evaluationsmethoden
setzen, wie die Wirkung einer arbeitsmarkt- Frage, welche Teilnehmendengruppen am
lichen Massnahme zustande kommt. Diese stärksten von arbeitsmarktlichen Massnah- In Bezug auf die gewählten Methoden und
Wirkungskanäle sind für die Optimierung be- men profitieren: Mehrere Evaluationen haben Methodenelemente sind wir grundsätzlich
stehender Massnahmen sowie die Gestaltung gezeigt, dass arbeitsmarktliche Massnahmen der Ansicht, dass es nicht per se «gute» oder
neuer Massnahmen hilfreich, da sie Hinwei- bei Stellensuchenden mit schlechten Arbeits-
se liefern, über welche Mechanismen die Wir- marktchancen eine bessere Wirkung ent- Wie lässt sich die Wirkung einer arbeitsmarkt-
kung der Massnahmen zustande gekommen falten als bei Personen mit guten Chancen. lichen Massnahme messen? Deutschkurs im
Kanton Graubünden.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  53
ARBEITSMARKTMASSNAHMEN

Evaluationsresultate, nach Massnahmentyp


15 Anzahl Studien

10
37%

MORLOK ET AL. (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


65%
35%

14%
10%
5 43%

75%
100% 55% 29% 49%
35%
50% 100%
0 29% 25%
50% 100% 100%
Gesamte Basis- Andere Sprachkurse Fachkurse Beschäftigungs- Praktika Coaching Einarbeitungs- und Zwischen-
Massnahmen- programme persönlichkeits- programme Ausbildungs- verdienst
palette orientierte Kurse zuschuss
  positiv         kein Effekt        negativ

Die Auswertung basiert auf 22 Studien, wobei eine Studie in mehrere Kategorien einfliessen kann. Nicht dargestellt ist eine Studie, welche ein Massnahmenbündel
(Kombination aus verschiedenen Massnahmen) untersuchte. Lesebeispiel: 10 Evaluationen haben sich mit den Basisprogrammen beschäftigt, wobei eine Evaluation
sowohl eine positive wie auch eine negative Wirkungsschätzung beinhaltet. Dadurch ergeben sich 3,5 Studien mit positiven Ergebnissen (35%) und 5,5 mit negativen
Ergebnissen (55%).

«schlechte» Instrumente gibt, sondern nur tens sollten Massnahmentypen, deren Evalua- eine erhöhte Häufigkeit oder Bearbeitungs-
solche, die sich für eine bestimmte Evalua- tionen viele negative Resultate beinhalten, die tiefe von Evaluationen zu beschleunigten und
tionssituation besonders gut oder eben we- teuer sind oder häufig angewandt werden, bei detaillierteren Erkenntnisgewinnen führen.
niger gut eignen. Dabei spielen insbesonde- der Angebotsplanung, bei der regelmässigen
re das Erkenntnis- und Verwertungsinteresse, Qualitätssicherung sowie bei Evaluationen
die zur Verfügung stehenden Ressourcen so- besonders sorgfältig geprüft werden.
wie die zu untersuchende Situation eine Rol- Um sicherzustellen, dass zukünftig mehr
le. Sinnvoll ist es, verschiedene Evaluations- aus Evaluationen gelernt werden kann, emp-
instrumente anzuwenden. Diese Triangula- fehlen wir weiter, stärker auf die Wirkungs-
tion erhöht die Robustheit der Resultate und kanäle zu fokussieren und Evaluationen so
verhindert «blinde Flecken». auszugestalten, dass ihre Ergebnisse mit an-
Die Resultate zeigen, dass es durchaus deren Studien vergleichbar sind. Beispiels- Patrick Arni
eine Rolle spielen kann, welche Indikatoren, weise sollte, wenn immer möglich, eine for- Professor für Volkswirtschaft slehre,
Universität Bristol
Methoden und Datengrundlagen verwendet melle Vergleichsgruppe respektive -situation
werden. Beispielsweise kamen Studien, die verwendet werden. Die Resultate sollten zu-
die Wirkungsmessung mittels eines Querver- dem stärker zwischen den Kantonen und dem
gleiches (Teilnehmende werden mit Nicht- Bund ausgetauscht werden. Hilfreich ist auch
teilnehmenden verglichen) vornehmen, häu- eine gemeinsame Interpretation. Schliesslich
figer zu einem negativen Evaluationsergebnis sind die Evaluationen besser zu koordinieren.
als solche, die einen Längsschnittvergleich Dazu könnte eine gemeinsame Evalua-
(Vorher-nachher-Vergleich bei den Teilneh- tionsagenda für arbeitsmarktliche Massnah-
menden etc.) durchführten. men formuliert werden. Die Evaluationsagen-
da würde für eine bestimmte Zeitdauer eine Michael Morlok
thematische Fokussierung vorsehen: Meh- Dr. oec. publ., Projektleiter, B,S,S. Volks-
Koordination verbessern wirtschaftliche Beratung, Basel
rere Evaluationen könnten sich zum Beispiel
Auf Basis der ermittelten Informationen und mit den Basisprogrammen und ihren unter-
Erkenntnisse empfehlen wir erstens, die schiedlichen Ausprägungen beschäftigen. Es
arbeitsmarktlichen Massnahmen, die sich könnten so auch die Angebote und die Nut-
an Stellensuchende mit schlechten Arbeits- zung in mehreren Kantonen und Regionen
marktchancen richten, zu priorisieren: Hier besser miteinander verglichen werden. Es ist
gibt es einen breiten Konsens, dass diese zu erwarten, dass dadurch genauere Erkennt-
eine überdurchschnittliche Wirkung erzie- nisse zur Heterogenität der Wirkungen der
len. Zweitens lohnt es sich, den Individuali- arbeitsmarktlichen Massnahmen gewonnen
sierungsgrad, die Kommunikation mit Stake- werden können, als dies auf Basis bisheriger Aderonke Osikominu
holdern sowie die Arbeitsmarktnähe der Studien möglich ist. Schliesslich könnte im Professorin für Volkswirtschaft slehre,
Universität Hohenheim
Massnahme regelmässig zu überprüfen. Drit- Rahmen der Agenda auch geprüft werden, ob

54 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


ADMINISTRATIVE BELASTUNG

Gute Noten für staatliche Kontrollen


Die Mehrheit der Schweizer KMU zeigt sich in einer Umfrage zufrieden mit den staatlichen
Kontrollen. Diese werden als nützlich bezeichnet, und der Aufwand wird als angemessen
­eingeschätzt.  Miriam Frey, Harald Meier

Abstract  Das Basler Beratungs- und Forschungsunternehmen B,S,S. hat im Auftrag Sozialversicherungsbeiträge


des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) kleine und mittlere Unternehmen (KMU) dominieren
in der Schweiz zu staatlichen Kontrollen befragt. In den knapp dreieinhalb Jahren von
Januar 2015 bis Mai 2018 wurden 44 Prozent der Befragten mindestens einmal kont- Am meisten Kontrollen wurden bei den So-
rolliert. Am meisten Kontrollen wurden in den Bereichen Sozialversicherungsbeiträ- zialversicherungsbeiträgen, der Mehrwert-
ge, Mehrwertsteuer sowie Gewinnsteuern / kantonale Steuern durchgeführt. Es zeigt steuer sowie bei den Gewinnsteuern / kan-
sich, dass die Befragten Häufigkeit, Ausgestaltung und Qualität der staatlichen Kont- tonalen Steuern durchgeführt (siehe Abbil-
rollen in der Regel positiv beurteilen. dung 2). Dies überrascht nicht, da es sich um
Kontrollbereiche handelt, die alle Unterneh-
men betreffen. Im Unterschied dazu sind zum

U  nternehmen in der Schweiz erhalten


regelmässig Besuch von staatlichen In-
spektoren. Dabei geht es beispielsweise um
ten Zeitraum zu 37 Prozent kontrolliert wur-
den, liegt dieser Wert bei Unternehmen mit
10 oder mehr Beschäftigten zwischen 85 und
Beispiel Lebensmittelkontrollen in einzelnen
Branchen sehr bedeutend, auf die Gesamt-
wirtschaft bezogen, liegen sie hingegen im
Arbeitssicherheit, Lebensmittelhygiene oder 90 Prozent (siehe Abbildung 1). In Bezug auf Mittelfeld. Von denjenigen Unternehmen, die
Brand- und Umweltschutz (siehe Kasten). Die die Branchen zeigen sich teilweise statistisch zwischen Januar 2015 und Mai 2018 kontrol-
Kontrollen sind nicht unbestritten: Sind es zu signifikante Unterschiede der Kontrollin- liert wurden, gaben insgesamt 21 Prozent an,
viele? Werden die «richtigen» Unternehmen tensität. Kaum Differenzen gibt es hingegen dass sie im gleichen Kontrollbereich mehr-
kontrolliert? Lohnt sich der Aufwand? In einer zwischen den Sprachregionen. Und: Bei je- fach kontrolliert wurden, wobei sich der Wert
repräsentativen Befragung haben sich 1545 der zehnten Inspektion werden zwei Bereiche nach Kontrollbereich unterscheidet.
kleine und mittlere Unternehmen (KMU) zu gleichzeitig kontrolliert (z. B. Sozialversiche-
Staatliche Inspektoren werden von Firmen
diesen Fragen geäussert – was einem Rück- rungsbeiträge und Suva-Lohnbeiträge). als kompetent wahrgenommen. Lebensmittel­
lauf von 48 Prozent entspricht. Durchgeführt kontrolle im Kanton Bern.
wurde die Studie vom Basler Beratungs- und
Forschungsunternehmen B,S,S. Volkswirt-
schaftliche Beratung im Auftrag des Staats-
sekretariats für Wirtschaft (Seco).1
Ausgangspunkt der Untersuchung ist
der im Kontext des Abbaus von Regulie-
rungskosten erteilte Auftrag des Parlaments
an den Bundesrat, die Einführung «bonus-
orientierter Kontrollintervalle» zu prüfen
und Massnahmenvorschläge in einem Be-
richt zu unterbreiten.2 Unter «bonusorien-
tierten Kontrollintervallen» ist zu verstehen,
dass sich Kontrollintervalle verlängern, wenn
ein Unternehmen die Einhaltung von Regu-
lierungen im Rahmen einer Kontrolle nachge-
wiesen hat.
Zwischen Januar 2015 und Mai 2018 wur-
den rund 44 Prozent der befragten KMU kon-
trolliert – etwa die Hälfte davon einmal, etwa
20 Prozent zweimal, rund 10 Prozent drei-
mal und die übrigen 20 Prozent mehr als drei-
mal. Die Häufigkeit der Kontrollen hängt da-
bei mit der Unternehmensgrösse zusammen:
Während Mikro-Unternehmen im betrachte-

1 Miriam Frey, Harald Meier und Benjamin Koch (2018).


Erhebung zu staatlichen Kontrollen in den Unterneh-
KEYSTONE

men, B,S,S., im Auftrag des Seco.


2 Postulat de Courten (15.3117).

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  55
ADMINISTRATIVE BELASTUNG

höhten die Kontrollen das Bewusstsein für


Abb. 1 Anteil kontrollierter Unternehmen nach Branche, Unternehmensgrösse
den Zweck oder die Bedeutung der Regu-
und Sprachregion (Januar 2015 bis Mai 2018)
lierung. Schliesslich gewährleisten Kontrol-
len einen fairen Wettbewerb und geben den

KMU-BEFRAGUNG B,S,S. / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


100 In %
Unternehmen die Bestätigung, korrekt zu
75 handeln.
Etwa 80 Prozent der Unternehmen be-
50
urteilen die Kontrollen als angemessen, das
25
heisst weder zu formalistisch noch zu ober-
flächlich. Noch besser schneiden die Inspek-
0 toren ab: Über 90 Prozent der Unternehmen
beurteilen deren Kompetenz als gut. Befragt
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nach möglichen Entlastungsmassnahmen,


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werden diese zwei Vorschläge am meisten


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genannt: bonusorientierte Kontrollintervalle


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und der Wunsch nach vermehrter Koordina-


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  Sprachregion            Grösse            Branche            95-Prozent-Konfidenzintervall


tion. Häufungen unterschiedlicher Kontrol-
len in einem kurzen Zeitraum sind demnach
Abb. 2 Anteil kontrollierter Unternehmen nach Bereich (Januar 2015–Mai 2018) zu vermeiden.
30 In % Zusammenfassend lässt sich sagen: Die
grosse Mehrheit der Unternehmen erachtet
die Kontrollintensität und den mit den Kon-
trollen verbundenen Aufwand als angemes-

KMU-BEFRAGUNG B,S,S. / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


20
sen. Ebenso wird die konkrete Umsetzung
der Kontrollen grösstenteils als gut bewer-
tet. Den Ergebnissen der Befragung entspre-
10 chend, dürfen staatliche Kontrollen als breit
akzeptiert bezeichnet werden. Die Ergebnis-
se dieser Umfrage fliessen in die Arbeiten des
0 Bundesrates zur Beantwortung des eingangs
erwähnten Postulates ein. Der Bericht wird
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für die erste Hälfte 2019 erwartet.


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  95-Prozent-Konfidenzintervall

In rund drei Vierteln der Fälle beläuft sich seltenen Fällen länger als einen Tag ist; Aus-
der mit einer staatlichen Kontrolle verbunde- nahmen zeigen sich etwa bei den Steuerkon-
ne administrative Aufwand für den zuständi- trollen. Dabei ist anzumerken, dass die Dau-
gen Mitarbeitenden auf maximal einen Tag. er der Kontrollen mit der Unternehmensgrös-
Die zeitlichen Aufwände sind kongruent mit se steigt. Miriam Frey
der Dauer staatlicher Kontrollen, die nur in Die überwiegende Mehrheit der Unter- Ökonomin, Senior Projektleiterin bei B,S,S.
nehmen (87 Prozent) schätzt den Aufwand Volkswirtschaftliche Beratung, Basel
als vertretbar oder eher vertretbar ein. Jene
Staatliche Kontrollen Unternehmen, die den administrativen Auf-
Unter staatlichen Kontrollen werden Kontrollen wand als (eher) nicht vertretbar empfinden,
vor Ort, die auf einer gesetzlichen Grundlage ba- stören sich vor allem an der durch die Kont-
sieren, verstanden. Sie werden entweder durch rolle verursachten Unterbrechung betriebli-
Behörden oder durch von Behörden mandatierte cher Abläufe.
Institutionen durchgeführt. Staatliche Kontrollen,
die nicht vor Ort stattfinden, sowie Kontrollen Rund zwei Drittel der befragten KMU
zur Erlangung von (Betriebs-)Bewilligungen zäh- gaben an, dass die Kontrolle einen direk-
len ebenso wie Revisionen der Jahresrechnungen, ten Nutzen mit sich brachte. Beispielswei-
brancheninterne Kontrollen, Audits in Zusam-
se unterbreiteten die Inspektoren Empfeh- Harald Meier
menhang mit Zertifizierungen sowie Selbst- Jurist, Senior Projektleiter bei B,S,S. Volks-
kontrollen von Unternehmen (z. B. im Rahmen lungen, wie die Regulierung einfacher oder
wirtschaftliche Beratung, Basel
der Qualitätssicherung) nicht dazu. besser umgesetzt werden kann. Zudem er-

56 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


GESUNDHEITSKOSTEN

Gesundheitskosten dämpfen:
Bundesrat will alle Akteure verpflichten
Die Landesregierung hat ein Massnahmenpaket in die Vernehmlassung geschickt, um das
Kostenwachstum in der obligatorischen Krankenpflegeversicherung zu bremsen. Dazu ge-
hört auch der Kampf gegen teure Medikamente.  Sandra Schneider

Abstract  Zwischen 1996 und 2015 sind die Nettoleistungen der obligatorischen Kran- Wirtschaftlichkeit der Tarife sicherzustellen.
kenpflegeversicherung von rund 11 auf 26 Milliarden Franken angestiegen. Ein Teil die- Sie müssen auch verhindern, dass Patienten
ser Kosten ist auf die Ausweitung medizinisch unbegründeter Leistungen zurückzu- mehrere Leistungserbringer konsultieren und
führen. Um dieses Mengenwachstum und die damit verbundenen Kosten zu bremsen, diagnostische Massnahmen unnötig wieder-
hat der Bundesrat im September 2018 ein erstes Massnahmenpaket in die Vernehmlas- holt werden. Es braucht also eine starke Ta-
sung geschickt. Ziel ist es, das Kostenwachstum zulasten der obligatorischen Kranken- rifpartnerschaft. Funktioniert sie nicht, muss
pflegeversicherung einzudämmen und den Anstieg der von den Versicherten bezahl- der Bundesrat aufgrund seiner subsidiären
ten Prämien zu begrenzen. So soll etwa ein Referenzpreissystem für patentabgelaufene Kompetenzen dafür sorgen, dass sich die Ge-
Arzneimittel eingeführt werden, Tarifblockaden im ambulanten Bereich verhindert und sundheitsversorgung zum Nutzen der Pa-
Pauschalen gefördert werden. Ein zweites Massnahmenpaket folgt im Jahr 2019. tienten weiterentwickelt.
Zu den Aufgaben der Versicherer gehört
es auch, die Rechnungen für medizinische

B  is im Jahr 2045 wird sich die Zahl der


über 80-jährigen Menschen in der
Schweiz mehr als verdoppeln. Aufgrund die-
Massnahmen definiert, welche bereits zu
namhaften Kostensenkungen geführt haben.
Diese betreffen vor allem Bereiche, in denen
Leistungen genau zu überprüfen. Ausländi-
sche Erfahrungen mit systematischen Leis-
tungskontrollen deuten in diesem Bereich
ser demografischen Entwicklung, der da- der Bund über eigene Kompetenzen verfügt, auf ein nicht zu vernachlässigendes Einspar-
mit verbundenen Zunahme an chronischen wie etwa bei der Überprüfung von Arzneimit- potenzial hin. Auch in der Schweiz müssen
Krankheiten und der medizinisch und techno- teln. Dabei ist es aber nicht geblieben. In den die Leistungserbringer die Angemessenheit
logisch bedingten Zunahme an Behandlungs­ letzten beiden Jahren haben sich die Diskus- der Behandlung beachten, Überversorgun-
möglichkeiten wird der Konsum medizini- sionen intensiviert. gen vermeiden sowie Guidelines in den Fach-
scher Leistungen weiter steigen. gesellschaften erarbeiten und anwenden.
Der Zugang und die rasche Verfügbarkeit Alle Akteure stehen in der Pflicht Ebenso haben die Kantone im Bereich der
von Innovationen sind Stärken des Schweizer Spitalplanung und der Tarifierung Einfluss-
Systems. Der medizinisch-technische Fort- Der Bund verfügt trotz der ihm zusätzlich möglichkeiten. Beispielsweise können sie im
schritt führt zwar zu besseren, aber oft auch eingeräumten Kompetenzen nur über be- Rahmen der Versorgungsplanung ein Global-
zu teureren Therapien. Das hat seinen Preis. schränkten Einfluss bei der Kostendämp- budget für die Finanzierung der Spitäler und
Daher gilt es, die Kosten dort wirksam zu fung.1 Daher sind auch die Akteure des Ge- Pflegeheime festsetzen. Zudem koordinie-
dämpfen, wo ihnen kein entsprechender Nut- sundheitswesens gefordert. ren sie die Spitalplanungen und entwickeln
zen gegenübersteht. Fehlanreize müssen be- Die Tarifpartner – die Versicherer und die sie weiter, indem sie Mindestfallzahlen ein-
seitigt und die angebotsinduzierte Nachfrage Leistungserbringer – sind aufgefordert, die führen und die koordinierte Versorgung ver-
eingedämmt werden. bessern.
In der Strategie «Gesundheit 2020» hat 1 Geschäftsprüfungskommission des Ständerates (2002).
der Bundesrat die Kostendämpfung in der Einflussnahme des Bundes auf die Kosten­dämpfung im
Das Kostendämpfungsprogramm
Bereich des Krankenversicherungsgesetzes – Untersu-
Krankenversicherung als eines der Haupt­
ziele aufgenommen. Er hat mehrere Ziele und
chung anhand von zwei ausgewählten Beispielen. Be-
richt vom 5. April 2002. BBl 2003 345.
des Bundesrates
Um die im Rahmen von «Gesundheit 2020»
definierten Massnahmen zur Kostendämp-
Weitere Punkte des Massnahmenpaketes fung weiter zu verstärken, setzte das Eid-
Die Leistungserbringer werden Um systematische Leistungs- Auch Versichererverbände sol- genössische Departement des Innern (EDI)
gesetzlich verpflichtet, in je- kontrollen und Rechnungsprü- len gegen Beschlüsse der Kan- Ende 2016 eine Expertengruppe ein. Sie soll-
dem Fall eine Rechnungskopie fungen durch die Versicherer tonsregierungen zur Planung
te nationale und internationale Erfahrungen
an die versicherte Person zuzu- sicherzustellen, verstärkt das und zur Liste der Spitäler, Ge-
stellen. Die Patienten können EDI/BAG die Aufsicht und führt burtshäuser und Pflegeheime auswerten. Im Bericht2 kamen die Exper-
somit ihre Rechnungen über- vermehrt Audits vor Ort durch. das Beschwerderecht erhalten. ten zum Schluss, dass das Kostenwachstum
prüfen, und ihr Kostenbewusst- Gesetzliche Anpassungen sind Damit soll eine kostspielige
sein wird gestärkt. Bei Nicht- zur Umsetzung dieser Massnah- Überversorgung verhindert so-
2 Bericht der Expertengruppe (24. August 2017). Kosten-
beachtung der Regel kann der me nicht erforderlich. wie die Prämien- und Steuerzah- dämpfungsmassnahmen zur Entlastung der obligatori-
Leistungserbringer sanktio- In Zukunft soll das Beschwer- ler entlastet werden. schen Krankenpflegeversicherung. Online abrufbar auf
niert werden. derecht ausgeweitet werden. www.bag.admin.ch.

Die Volkswirtschaft  11 / 2018  57
GESUNDHEITSKOSTEN

gen bezogene Patientenpauschaltarife sol-


len künftig auf einer gesamtschweizerisch
vereinbarten einheitlichen Tarifstruktur be-
ruhen – so wie dies bereits bei den Einzel-
leistungstarifen der Fall ist. Zuständig für die
Genehmigung einer solchen nationalen Pau-
schaltarifstruktur ist der Bundesrat. Für die
Patientenpauschaltarifstrukturen und die
Einzelleistungstarifstrukturen wäre künftig
die neu geschaffene nationale Tariforganisa-
tion zuständig.
Damit die Kosten nur um so viel stei-
gen, wie es medizinisch begründbar ist, wer-
den Leistungserbringer und Versicherer ver-
pflichtet, in gesamtschweizerisch gelten-
den Verträgen Massnahmen vorzusehen, um
ein ungerechtfertiges Mengen- und Kosten-
wachstum zu korrigieren. Damit diese Ver-
träge Gültigkeit erlangen, müssen sie vom
Bundesrat genehmigt werden. Das Mass-
nahmenpaket sieht zudem vor, dass auch das
Kostenbewusstsein der Versicherten und die

KEYSTONE
Rechnungskontrolle gestärkt werden (siehe
Kasten).
Um steigende Gesundheitskosten zu vermei-
den, sollen unnötige Zweitkonsultationen bei
weiter gedämpft werden kann, wenn die Ärzten verhindert werden. Weitere Massnahmen folgen
medizinisch nicht begründbare Mengenaus-
weitung gebremst wird. Die Experten schät- Ziel der vorliegenden Neuregelung ist es,
zen das Effizienzpotenzial auf rund 20 Pro- maler Preis (Referenzpreis) festgelegt werden. das Kostenwachstum zulasten der obligato-
zent. Von der obligatorischen Krankenpflegeversi- rischen Krankenpflegeversicherung einzu-
Der Bundesrat reagierte umgehend: Im cherung wird dann nur noch dieser Referenz- dämmen und den Anstieg der von den Versi-
Oktober 2017 beauftragte er das EDI, Vor- preis vergütet. So soll die Abgabe von Gene- cherten bezahlten Prämien zu begrenzen. Der
schläge für neue Massnahmen vorzule- rika und patentabgelaufenen Originalprä- kostendämpfende Effekt hängt aber von der
gen. Bereits Ende März 2018 verabschiede- paraten gefördert werden. In Anlehnung an konsequenten Umsetzung der vorgeschlage-
te er ein Kostendämpfungsprogramm, wel- Referenzpreissysteme im Ausland stehen zwei nen Massnahmen durch die betroffenen Ak-
ches in mehreren Etappen umgesetzt werden Varianten zur Diskussion: ein Modell mit Preis- teure ab.
soll. Seit dem 14. September ist nun das ers- abschlag und ein Modell mit Meldesystem. Die Vernehmlassung für das erste Mass-
te Massnahmenpaket in der Vernehmlassung. Die Tarifpartner werden analog zum sta- nahmenpaket dauert bis zum 14. Dezember
Die neuen Massnahmen richten sich an alle tionären Bereich auch für den ambulanten 2018. Das zweite Paket ist für das Jahr 2019
verantwortlichen Akteure des Gesundheits- Leistungsbereich verpflichtet, eine nationa- vorgesehen und soll weitere Massnahmen zu
wesens: die Leistungserbringer und Versiche- le Tariforganisation einzusetzen. So sollen Ta- den Arzneimitteln, zu einer angemessenen
rer, die Kantone, die Pharmaindustrie sowie rifblockaden im ambulanten Bereich – etwa Versorgung und mehr Transparenz enthalten.
die Versicherten. Alle Akteure erhalten somit beim Arzttarif Tarmed – verhindert werden. Bestehende Datengrundlagen sollen auf na-
weitere Instrumente, um zur Kostendämp- Die paritätisch zu besetzende Tariforganisa- tionaler Ebene besser vernetzt, vervollstän-
fung in der obligatorischen Krankenpflege- tion ist dafür verantwortlich, die ambulan- digt und zugänglich gemacht werden. Damit
versicherung beizutragen. ten Tarifstrukturen zu erarbeiten, weiterzu- kann das Gesundheitswesen optimiert und
So soll beispielsweise ein Experimentier- entwickeln, anzupassen und zu pflegen. Um effizienter gestaltet werden.
artikel eingeführt werden, der es erlaubt, die Tarifstruktur aktuell zu halten, werden
ausserhalb des Bundesgesetzes über die die Tarifpartner wie auch die vorgeschlage-
Krankenversicherung (KVG) innovative, kos- ne Tariforganisation gesetzlich verpflichtet,
tendämpfende Pilotprojekte durchzuführen. dem Bundesrat auch im ambulanten Bereich
Denkbar sind Projekte zur einheitlichen Fi- Daten zu liefern, die benötigt werden, um Ta-
nanzierung stationärer und ambulanter Leis- rife und Preise festzulegen, anzupassen und
tungen. zu genehmigen.
Des Weiteren wird ein Referenzpreis- Zudem sollen Pauschalen im ambulan-
system für patentabgelaufene Arzneimit- ten Bereich gefördert und damit die Effizienz Sandra Schneider
tel eingeführt. Generika sind in der Schweiz gesteigert werden. Dazu wird die subsidiäre Leiterin Abteilung Leistungen, stv. Leiterin
mehr als doppelt so teuer wie in den europäi- Kompetenz des Bundesrates im Tarifbereich Direktionsbereich Kranken- und Unfall-
schen Vergleichsländern. Deshalb soll für sol- auf Tarifstrukturen für Patientenpauschal- versicherung, Bundesamt für Gesundheit,
Bern
che wirkstoffgleichen Arzneimittel ein maxi- tarife erweitert. Auf ambulante Behandlun-

58 Die Volkswirtschaft  11 / 2018


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaft szahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2017 2/2018 1/2018 4/2017 3/2017
Schweiz 1,0 Schweiz 0,7 0,6 0,6 0,6
Deutschland 2,2 Deutschland 0,5 0,3 0,6 0,8
Frankreich 1,8 Frankreich 0,2 0,2 0,6 0,5
Italien 1,5 Italien 0,2 0,3 0,3 0,5
Grossbritannien 1,7 Grossbritannien 0,4 0,1 0,4 0,4
EU 2,4 EU 0,4 0,4 0,6 0,6
USA 2,3 USA 1,0 0,5 0,6 0,8
Japan 1,6 Japan 0,7 –0,2 0,1 0,3
China 6,8 China 1,8 1,4 1,6 1,7
OECD 2,5 OECD 0,7 0,5 0,6 0,6

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2017 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2017 2017 2/2018
Schweiz 65 096 Schweiz 4,8 Schweiz 4,6
Deutschland 50 705 Deutschland 3,8 Deutschland 3,4
Frankreich 42 698 Frankreich 9,4 Frankreich 9,1
Italien 39 823 Italien 11,2 Italien 10,6
Grossbritannien 43 857 Grossbritannien 4,4 Grossbritannien 4,0
EU 40 920 EU 7,6 EU 6,9
USA 59 535 USA 4,4 USA 3,9
Japan 43 896 Japan 2,8 Japan 2,4
China – China – China –
OECD 43 800 OECD 5,8 OECD 5,3

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr Vorjahresmonat
2017 August 2018
Schweiz 0,5 Schweiz 1,2
Deutschland 1,7 Deutschland 2,0
Frankreich 1,0 Frankreich 2,3
Italien 1,2 Italien 1,6
Grossbritannien 2,7 Grossbritannien 2,4
EU 1,7 EU 2,1
SECO, BFS, OECD

USA 2,1 USA 2,7


Japan 0,5 Japan 1,3
China 1,6 China 2,3
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,3 OECD 2,9
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  11 / 2018 59


Job-Stress kostet jährlich 6,5 Milliarden
Immer mehr Erwerbstätige sind am Arbeitsplatz gestresst. Die stressbedingte Abwesenheit
vom Arbeitsplatz und die eingeschränkte Leistung bei der Arbeit verursachen den Unternehmen in der
Schweiz jährlich einen Produktivitätsverlust von 6,5 Milliarden Franken. Stress bei Arbeitnehmenden ent-
steht, wenn die Belastungen höher sind als die Ressourcen.

Mit zunehmender Der Produktivitäts- Frauen und Männer unterscheiden


Bildungsstufe nimmt verlust ist bei den 16- bis sich hinsichtlich Stress am
der stressbedingte 24-Jährigen am höchsten Arbeitsplatz kaum.
Produktivitätsverlust und nimmt mit zuneh-
tendenziell ab. mendem Alter ab.
GESUNDHEITSFÖRDERUNG SCHWEIZ (2018). JOB-STRESS-INDEX 2018 / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Belastungen und Ressourcen Kritischer Bereich nimmt zu –


im Arbeitsalltag über ein Viertel bezeichnet sich als gestresst
Beispiele für Belastungen sind Seit 2014 steigt der Anteil gestresster Grüner Bereich
Zeitdruck, qualitative Überforderung Mitarbeitenden kontinuierlich. Ressourcen > Belastungen
oder Stress durch Vorgesetzte
Sensibler Bereich
Beispiele für Ressourcen sind 2014 29,8% 45,4% 24,8% Ressourcen = Belastungen
Handlungsspielraum, Wertschätzung
am Arbeitsplatz oder unterstützende 2018 26,5% 46,4% 27,1% Kritischer Bereich
Vorgesetzte Ressourcen < Belastungen
VORSCHAU

Ausgabe
Die nächste 3. November
m2
erscheint a
IM NÄCHSTEN FOKUS

Liberalisierung des
Strommarktes
Diesen Herbst nimmt der Bundesrat einen neuen Anlauf bei der Revision des Strom-
versorgungsgesetzes. In der Vernehmlassung geht es um drei Kernpunkte: Neu können
auch Privatkunden ihren Stromanbieter frei wählen, eine Speicherreserve soll bei Eng-
pässen die Stromversorgung sicherstellen, und die Netzregulierung wird modernisiert.
Liberalisierungsvorhaben haben in der Schweiz erfahrungsgemäss einen schweren
Stand. Für das geplante Stromabkommen mit der EU ist eine vollständige Marktöffnung
allerdings zwingend. Lesen Sie mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

Strommarktöffnung und Versorgungssicherheit So steht es um die Versorgungssicherheit


in der Schweiz in der Schweiz
Mattias Gysler, Bundesamt für Energie Jens Perner und Matthias Janssen, Frontier Economics Köln

Was passiert am Markt? Stromnetze: Anreizregulierung als


Mathias Spicher, Staatssekretariat für Wirtschaft wirkungsvolles Instrument
Anna Vettori und Rolf Iten, Infras
Die EU und der Strombinnenmarkt
Oliver Koch, EU-Kommission Wie weiter mit dem Stromabkommen?
Interview mit Bundesrätin Doris Leuthard
Strommarktdesign: In welche Richtung
soll es gehen?
Professor Hannes Weigt, Universität Basel

IMPRESSUM
Herausgeber Abonnementpreise Druck
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Inland Fr. 111.–, Ausland Fr. 120.– Jordi AG, Aemmenmatt strasse 22, 3123 Belp
Bildung und Forschung WBF, Staatssekretariat für Für Studierende kostenlos
App
Wirtschaft SECO, Bern
Layout Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1,
Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Matthias Hausherr, Jessica Kunkler, Illustrationen
Thomas Nussbaum, Stefan Sonderegger Cover: Claudine Etter, atelier-c.ch Erscheint 11x jährlich in deutscher und franzö-
Aufgegriffen: Alina Günter, www.alinaguenter.ch sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
Redaktionsausschuss 91. Jahrgang, mit Beilagen.
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, Kontakt
Susanne Blank, Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Holzikofenweg 36, 3003 Bern Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung
Cesare Ravara, Markus Tanner, Nicole Tesar Telefon +41 (0)58 462 29 39 der Autorinnen und Autoren und deckt sich
Fax +41 (0)58 462 27 40 nicht notwendigerweise mit der Meinung der
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