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91. Jahrgang   Nr. 10 / 2018 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW EINBLICK MOBILITÄT DOSSIER


Verhaltensforscher Die EU bleibt Im selbstfahrenden Wie verhindert
Gerhard Fehr will beim Brexit hart Auto arbeiten man Armut?
Regulierungen verbessern 34 40 49
28

FOKUS
Verhaltensökonomie:
Vom Kopf zum Herz

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Staatliches Stupsen auch


in der Schweiz?
In der Modellwelt der Ökonomen blieb das Menschenbild vom Homo oeconomicus,
der seinen Eigennutz maximiert und rational ist, lange unangetastet. Die Verhaltens-
ökonomie untersucht seit Jahrzehnten das tatsächliche Verhalten der Menschen.
In zahlreichen Experimenten kommt sie zum Schluss: Wir sind nicht ganz so ­rational,
wie es die Theorie vorgibt. Mit dem Gewinn des Wirtschaftsnobelpreises durch
den US-Verhaltensökonomen Richard Thaler im ver-
gangenen Jahr erhielt diese Disziplin erneut Auftrieb.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die Verhaltens-
ökonomie Eingang in die Wirtschaftspolitik findet.
Die OECD kommt zum Schluss, dass sie weltweit zu
einem Bestandteil der Regierungstätigkeit gewor-
den ist. Vorreiter ist Grossbritannien. Das Schlagwort
heisst «Nudging», was man auf Deutsch mit «stupsen»
übersetzen könnte. Demnach «schubst» der Staat die
­Bürger in Richtung des gewünschten ­Verhaltens –
lässt ihnen aber dennoch die freie Wahl. Beispiels­
weise versandten die britischen Steuerbehörden Briefe
mit der Bemerkung, dass neun von zehn Briten ihre
Steuern pünktlich bezahlten und in der Nachbar-
schaft bereits die meisten bezahlt hätten. Mit Erfolg. Drei Monate später gingen
deutlich mehr Steuergelder ein im Verhältnis zur Vergleichsgruppe ohne Brief.
Braucht die Schweiz eine Wirtschaftspolitik, in der gestupst wird? Gerhard Fehr,
Chef des Beratungsunternehmens Fehr Advice, befürwortet den Einbezug der
Verhaltensökonomie auf dezentraler Ebene. Eric Scheidegger, Leiter der Direktion für
Wirtschaftspolitik, mahnt in seinem Beitrag zur Zurückhaltung auf nationaler Ebene.
Mit dieser Ausgabe verabschieden wir uns von Christian Maillard. Nach
18 Jahren bei der «Volkswirtschaft» geht er nun in den Ruhestand. Wir ­danken
ihm herzlich für seinen Einsatz und wünschen ihm alles Gute.

Viel Spass bei der Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

12 24

FOKUS

Verhaltensökonomie: Vom Kopf zum Herz


4 Verhaltensökonomie 8 Der Homo oeconomicus –
revolutioniert die eine bedrohte Spezies?
Wirtschaftsforschung Heinz D. Kurz
Universität Graz
Christian Zehnder
Universität Lausanne

12 Verhaltensökonomie stösst 16 Behavioural Insights


in der W
­ irtschaftspolitik an als Werkzeug zur
Grenzen Politikgestaltung
Eric Scheidegger Faisal Naru, Filippo Cavassini,
Staatssekretariat für Wirtschaft James Drummond
OECD

20 Mobilität neu denken 24 Schweizer Bevölkerung 28 INTERVIEW


Matthias Sutter zu mehr ­Nachhaltigkeit
Universitäten Köln und Innsbruck «stupsen»
«Wir regulieren nicht
Ester Osuna, Anna-Lena Köng, zu viel – wir regulieren


Matthias Holenstein
Stiftung Risiko-Dialog
schlecht»
Im Gespräch mit Gerhard Fehr,
Chef des Beratungsunternehmens Fehr Advice

59 WIRTSCHAFTSZAHLEN  61 VORSCHAU   61 IMPRESSUM


INHALT

43 46

THEMEN

Brexit, selbstfahrende Autos und mehr


34 EINBLICK 36 STUDIE 40 MOBILITÄT
EU bleibt beim Brexit hart Keine Utopie: Freihandel Im selbstfahrenden Auto
Stefanie Walter Universität Zürich zwischen der Schweiz arbeiten
und Taiwan Nicole A. Mathys
Bundesamt für Raumentwicklung
Patrick Ziltener Universität Zürich
André Müller  Ecoplan

43 ARBEITSLOSIGKEIT 46 MEDIENGESETZ 60 INFOGRAFIK


Arbeitslosigkeit mindert Technologischer Wandel Studieren heisst arbeiten
Jobchancen verlangt nach neuem
Christian Imdorf Mediengesetz
Norwegian University of Science and
Bernard Maissen
Technology
Bundesamt für Kommunikation
Stefan Sacchi Universität Bern
Robin Samuel Universität Luxemburg
Shi Lulu P. Universität Basel

DOSSIER

Wie verhindert man Armut?


50 Gemeinsam gegen Armut 52 Armutsmessung 55 Arbeit ist der beste Schutz
Gabriela Felder, Thomas Vollmer in der Schweiz Charlotte Miani
Bundesamt für Sozialversicherungen Arbeitsintegration Schweiz
Tom Priester, Martina Guggisberg
Bundesamt für Statistik

57 Berufsbildung und 58 STANDPUNKT


Grundkompetenzen stärken Prävention besser koordinieren
Heike Suter
Martin Klöti
Staatssekretariat für Bildung, Forschung und
Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen
Innovation
und Sozialdirektoren
VERHALTENSÖKONOMIE

Verhaltensökonomie revolutioniert
die Wirtschaftsforschung
Dank der Verhaltensökonomie kann menschliches Verhalten bei ökonomischen Entschei-
den vielfach besser erklärt werden als mit dem traditionellen Ansatz. Dies e­ rmöglicht
zielgerichtete Lösungsansätze wie «Nudges».  Christian Zehnder

Abstract  In den letzten 30 Jahren hat die Wirtschaftsforschung eine Revo- Die Voraussetzungen für die Verhaltensöko-
lution erlebt. Basierend auf Ergebnissen aus einer Vielzahl von Labor- und nomie wurden gelegt, als sich Ökonomen ver-
Feldexperimenten haben Verhaltensökonomen das Standardmodell so er- mehrt für strategische Interaktionen ausserhalb
weitert, dass es das menschliche Entscheidungsverhalten besser erklären der klassischen Marktstrukturen zu interessie-
und prognostizieren kann. Die Verhaltensökonomie ist interdisziplinär und
ren begannen. In den Sechziger- und Siebziger-
kombiniert Erkenntnisse aus anderen Sozialwissenschaften mit den tradi-
tionellen Ansätzen der Wirtschaftsforschung. Während die ökonomische
jahren gewann beispielsweise die Spieltheorie –
Standardtheorie Rationalität und Eigennutz voraussetzt, anerkennt die ein mathematisches Konzept zur Analyse von
Verhaltensökonomie, dass Menschen soziale Wesen mit einer Vielzahl von strategischen Entscheidungen – an Bedeutung.
Motiven sind, die zwar versuchen, gute Entscheidungen zu treffen, aber In der Folge begannen kreative Ökonomen An-
dennoch Fehler machen. Aufgrund der verhaltensökonomischen Analysen fang der Achtzigerjahre spieltheoretische Pro-
sind Interventionen wie «Nudges» oder «Defaults» möglich. gnosen zu sozialer Interaktion anhand von Ex-
perimenten zu testen. Dadurch wurde bald klar,
dass die traditionellen Annahmen der Rationa-

Ü  ber lange Zeit wurde die wirtschaftswis-


senschaftliche Verhaltensforschung vom
Menschenbild des Homo oeconomicus geprägt
lität und des Eigennutzes das menschliche Ver-
halten in strategischen Situationen nur unzu-
reichend zu erklären vermögen.
– einem zentralen Konzept aus der ökonomi- Motiviert durch diese Diskrepanz zwischen
schen Standardtheorie. Der Homo oeconomi- beobachtetem Verhalten und den Prognosen
cus ist ein rationaler Entscheidungsträger, der der Standardtheorie, haben Verhaltensöko-
ausschliesslich seine eigenen wirtschaftlichen nomen seit den späten Achtzigerjahren – an-
­Interessen verfolgt. fangs gegen starke Widerstände in der eigenen
Das traditionelle Modell hat zweifellos ge- Profession – versucht, die Wirtschaftstheo-
wichtige Stärken. Zum einen basiert es auf we- rie so zu modifizieren, dass sie das tatsäch-
nigen, einfachen Annahmen und ist somit breit liche menschliche Verhalten besser erklären
anwendbar. Diese Allgemeingültigkeit ist ein und voraussagen kann. Oft stützten sie sich bei
Vorteil der Ökonomie gegenüber anderen Sozial- ihrer Arbeit auf bestehende Erkenntnissen aus
wissenschaften wie der Psychologie oder der So- Nachbardisziplinen wie der Psychologie, der
ziologie, in welchen Theorien oft stark kontext- Biologie, der Soziologie und der Neurowissen-
bezogen und schwierig zu verallgemeinern sind. schaften.
Zum anderen vermag die Theorie des rationa- Dabei ging es den meisten Verhaltensöko-
len Eigennutzes in bestimmten Kontexten er- nomen nie darum, das traditionelle Modell völ-
staunlich präzise Prognosen zu machen. Vernon lig zurückzuweisen. So gilt Eigennutz weiter-
Smith, einer der Pioniere der experimentellen hin als ein wichtiges Motiv für menschliches
Wirtschaftsforschung, hat zum Beispiel bereits Handeln, und die meisten Verhaltensökono-
in den Fünfziger- und Sechzigerjahren mit Expe- men sind ebenfalls der Meinung, dass die Leute
rimenten gezeigt, dass die Standardtheorie die versuchen, ihre Entscheidungen möglichst ra-
Handelsgleichgewichte von kompetitiven Märk- tional zu fällen. Im Unterschied zu Anhängern
ten erfolgreich und genau vorhersagen kann. der Standardtheorie haben sie aber eingesehen,

4  Die Volkswirtschaft  10 / 2018
Der Mensch handelt nicht
immer rational – das ist
eine zentrale Erkenntnis
SHUTTERSTOCK

der Verhaltensökonomie.
VERHALTENSÖKONOMIE

dass neben dem Eigennutz auch andere Motive stark beeinträchtigen, hat wichtige Implikatio-
relevant sind und der Versuch, rational zu sein, nen für ökonomische Entscheidungen. So bringt
manchmal auch scheitert. die Verlustaversion die Leute dazu, Risiken zu
vermeiden, selbst wenn dies mit hohen Kosten
Verlustaversion als ökonomischer verbunden ist. Ein typisches Beispiel sind Versi-
cherungen für Mietwagen oder Elektronikgerä-
Faktor
te. Weil Leute Verluste auf jeden Fall vermeiden
Die Verhaltensökonomie hat über die letzten möchten, sind sie bereit, enorm hohe Preise für
drei Jahrzehnte eine Vielzahl von menschli- solche Versicherungen zu zahlen, selbst wenn
chen Verhaltensweisen dokumentiert, die das das objektive Risiko eines hohen Schadens ge-
Standardmodell nicht erklären kann. Ob wir ring ist. Hinzu kommt die Tendenz, kleine
als Menschen zufrieden sind oder nicht, hängt Wahrscheinlichkeiten massiv zu überschätzen.
beispielsweise nicht so sehr davon ab, wie viel Eine weitere Implikation von Verlustaver-
wir von etwas haben, sondern wie sehr sich der sion ist, dass Konsumenten anfällig auf gewis-
Stand der Dinge verändert hat. So sind Leute, se Verkaufstechniken werden. Lockvogel-An-
die unerwartet reich werden, vorübergehend gebote, zum Beispiel, funktionieren, weil Leute
zufriedener als vorher. Im Gegensatz dazu sind es als Verlust empfinden, wenn sie das Produkt
Personen, die schon immer reich waren und nicht erhalten. Sie sind deshalb gerne bereit,
sich daran gewöhnt sind, im Durchschnitt nicht einen hohen Preis für ein alternatives Produkt
enorm viel glücklicher als andere. zu bezahlen, wenn das ursprüngliche Angebot
Es scheint, dass wir unsere Errungenschaf- nicht mehr erhältlich ist. Das gleiche Prinzip er-
ten fortwährend mit sogenannten Referenz- klärt, weshalb Autoverkäufer oft zuerst ein Mo-
punkten vergleichen. Während uns positive dell mit allen möglichen Optionen zeigen: Da-
Überraschungen wie ein übererwartet hoher nach empfindet der Käufer jedes fehlende Extra
Bonus glücklich machen, dämpfen negative als Verlust.
Überraschungen wie ein Aktienkurseinbruch
unser Wohlbefinden. Interessanterweise ge- Unfaire Lohnkürzungen
wichten wir in diesen Vergleichen die Verlus-
te stärker als die Gewinne. In anderen Worten: Eine weitere zentrale Erkenntnis der Verhal-
Ein Verlust von 1000 Franken ärgert die meis- tensökonomie ist: Menschen weichen bei stra-
ten Menschen viel mehr, als sie ein Gewinn von tegischen Entscheidungen oft von der Maximie-
1000 Franken freut. Diese sogenannte Verlust- rung des Eigennutzes ab. Frühe Experimente
aversion wurde zum ersten Mal von den Psycho- von Verhaltensforschern wie Werner Güth, Ri-
logen Daniel Kahneman und Amos Tversky in chard Thaler oder Ernst Fehr haben überzeu-
den späten Siebzigerjahren dokumentiert und gend aufgezeigt, dass viele Leute bereit sind, an-
ist seither in zahlreichen Experimenten im La- dere Menschen für faires Handeln zu belohnen
bor und im Feld immer wieder bestätigt worden. oder für unfaire Aktionen zu strafen – selbst
Dass Menschen typischerweise in Verglei- wenn dies mit beträchtlichen Kosten für sie sel-
chen denken und Verluste unser Wohlbefinden ber verbunden ist. Allerdings ist Fairness nicht
allen Leuten gleich wichtig: Während einige
Menschen bereit sind, viel in Kauf zu nehmen,
Nudges und Defaults um ein faires Ergebnis zu erzielen, gibt es auch
Nudge bedeutet auf Eng- gesünder zu essen, werden (zum Beispiel bei der Alters- eine beträchtliche Zahl von Leuten, die sich eher
lisch «Stubs». Darunter wird beim Dessertbuffet Früchte vorsorge) eine gute Stan- eigennützig verhalten. Zudem sinkt die Fair-
eine subtile Intervention vor den Süssigkeiten plat- dardoption vorgibt, weil es
verstanden, die Menschen ziert. dann wahrscheinlicher ist,
ness, wenn man sich unbeobachtet fühlt – oder
dazu bringen soll, bessere Defaults sind eine Form dass Leute diese Option wenn man seinen Egoismus verschleiern kann.
Entscheidungen zu treffen, von Nudges. Darunter wird wählen. Wichtig ist, dass Der Einbezug von sozialen Motiven in die
ohne ihre Entscheidungs- eine vorgegebene Standard­ dabei die Wahlfreiheit nicht
Wirtschaftstheorie erlaubt es, empirische Phä-
freiheit einzuschränken. Ein option verstanden. Die Idee eingeschränkt wird und die
einfaches Beispiel: Um Kon- ist, dass man Leuten bei Option jederzeit ­geändert nomene zu erklären, die nicht im Einklang
sumenten zu ermuntern, gewissen Entscheidungen werden kann. mit dem Standardmodell sind. So entlassen

6  Die Volkswirtschaft  10 / 2018
FOKUS

­ rbeitgeber in Rezessionen eher Angestellte,


A mittel, gesundes Essen). Die Standardtheorie be-
als dass sie deren Löhne kürzen. Der Grund: sagt: Rationale Akteure wägen die unmittelba-
Lohnkürzungen werden oft als unfair empfun- ren und zukünftigen Konsequenzen sorgfältig
den. Deshalb besteht die Gefahr, dass die An- ab und treffen dann die optimale Entscheidung.
gestellten den Arbeitgeber bestrafen, indem sie Demgegenüber legen Arbeiten von Forschern
ihre Arbeitsleistung reduzieren. Fairnessmotive wie David Laibson oder Matthew Rabin nahe,
können ebenfalls erklären, weshalb Leute bereit dass die meisten Menschen die langfristigen
sind, soziale Normen durchzusetzen und gegen Auswirkungen gegenüber den unmittelbaren
Verstösse vorzugehen. Beispiele sind Zivilcou- Folgen unterbewerten.
rage angesichts achtloser Abfallentsorgung in Die Übergewichtung der Gegenwart gegen-
einem Park oder bei Belästigungen in der Öf- über der Zukunft erklärt viele problematische
fentlichkeit. Umgekehrt sind Fremde, die sich wirtschaftliche Verhaltensweisen. Beispiele
nie wieder sehen werden, oft bereit, einander zu sind die ungenügende Altersvorsorge in Län-
helfen. Denken wir an anonyme Spenden oder dern wie den USA, die Zunahme von Überge-
die Hilfe bei einem Unfall. wicht, Drogensucht und Überschuldung. Indem
Soziale Motive können auch die Ausgestal- Verhaltensökonomen die Ursachen von solchen
tung von Verträgen und den Führungsstil von Phänomenen identifizierten, war es möglich,
Vorgesetzten beeinflussen. In gemeinsamen gezielte Lösungsansätze wie «Nudges» oder
Arbeiten mit Ernst Fehr und Oliver Hart zeigen «Defaults» zu entwickeln (siehe Kasten).
wir auf, dass es – im Widerspruch zur Standard- Abschliessend lässt sich sagen: Die Verhal-
theorie – Sinn macht, Verträge sehr unflexibel tensökonomie hat durch den Einbezug von Ein-
zu gestalten, weil dadurch Konflikte in Han- sichten aus Nachbardisziplinen das ökonomi-
delsbeziehungen verhindert werden können. In sche Modell so erweitert und modifiziert, dass es
einer aktuellen Arbeit mit John Antonakis, Gio- das menschliche Verhalten in vielen relevanten
vanna d’Adda und Roberto Weber haben wir Entscheidungsprozessen besser erklären und vo-
den Effekt von Motivationsansprachen von Vor- raussagen kann. Ein realistisches Menschenbild
gesetzten analysiert. Dabei zeigte sich: Der Mo- ist notwendig, weil Ökonomen nur dann sinn-
tivationsschub, der von einer charismatischen volle Analysen liefern und erfolgversprechende
Ansprache an die Mitarbeitenden ausgeht, ist Interventionen vorschlagen können, wenn sie die
mit dem Effekt von finanziellen Anreizen ver- Ursache von wirtschaftlichen Entwicklungen auf
gleichbar. der Verhaltensebene verstehen.

Leben in der Gegenwart


Wichtig in der Verhaltensökonomie sind auch
intertemporale Entscheidungen: Viele Entschei-
dungen, die wir im Alltag treffen, haben nicht
nur eine unmittelbare Auswirkung im Moment,
sondern auch Konsequenzen in der Zukunft.
Christian Zehnder
Dies trifft für alle Arten von Investitionen zu Professor of Organizational Decision Making, Vize­
(Finanzanlagen, Ausbildungen, Sicherheit), aber dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät,
Universität Lausanne
auch für viele Konsumentscheidungen (Rausch-

Literatur
Ariely, Dan (2009). Denken hilft zwar, nützt aber Kahneman, Daniel (2012). Schnelles Denken, Zehnder, Christian, Holger Herz und Jean-­
nichts: Warum wir immer wieder unvernünf- langsames Denken, Siedler Verlag. Philippe Bonardi (2017). A Productive Clash
tige Entscheidungen treffen, RM-Buch-und- Levitt, Steven und Stephen Dubner (2006). of Cultures: Injecting Economics into Leader-
Medien-Vertrieb. Freakonomics: Überraschende Antworten auf ship Research, in: Leadership Quarterly, 28(1),
Fehr, Ernst, Oliver Hart und Christian Zehnder alltägliche Lebensfragen, Riemann Verlag. 65–85.
(2011). Contracts as Reference Points – Expe- Thaler, Richard und Cass Sunstein (2009). Nud-
rimental Evidence, in: American Economic Re- ge: Wie man kluge Entscheidungen anstösst,
view, 101(2), 493–525. Econ.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  7
VERHALTENSÖKONOMIE

Der Homo oeconomicus –


eine bedrohte Spezies?
Die Wurzeln der Verhaltensökonomik reichen ins 18. Jahrhundert zurück. Schon Klassiker
wie Adam Smith wussten: Rationalität ist eine mehrdimensionale und überaus knifflige
Angelegenheit.  Heinz D. Kurz

Abstract  In der frühen Ökonomik steht der reale Mensch im Zentrum des ausgemacht, als pathologischer Fall, dessen Tun
Interesses. Dieser ist mit unterschiedlichen Handlungssituationen kon- «nicht auf die Natur gegründet ist» und der Ge-
frontiert, die verschiedenartige moralische Gefühle evozieren. Der Homo winn von anderen zieht. Der in griechischer Phi-
oeconomicus betritt zwar die Bühne, aber er beherrscht sie nicht wie in der losophie bestens bewanderte Karl Marx (1867)
späteren neoklassischen Theorie. Denn schon Adam Smith hatte erkannt,
sollte dereinst von «Ausbeutung» sprechen.
dass rein eigensüchtiges Verhalten aller Akteure nicht nachhaltig ist. Die
aufstrebende Verhaltensökonomik kehrt zu einer Sichtweise zurück, die
bereits bei den Begründern der Ökonomik vorherrschte. Die Frage ist: Wird «Ansammlung von W
­ idersprüchen»
die Kritik des neoklassischen Mainstreams marginal bleiben oder einen
grösseren Prozess der «schöpferischen Zerstörung» einleiten? Was wissen Mitbegründer der klassischen Poli-
tischen Ökonomie wie David Hume und Adam
Smith über das krumme Holz zu sagen? Bei-

« A  us so krummem Holze, als woraus der


Mensch gemacht ist, kann nichts ganz
Gerades gezimmert werden», schrieb Immanuel
de stellen ihrer Ökonomik eine empirisch fun-
dierte Anthropologie voran, «Hume im T ­ reatise
of Human Nature» (1738–1740), Smith in der
Kant (1784). Auf die Wirtschaftswissenschaft be- «Theory of Moral Sentiments» (1759). Alle Wis-
zogen, könnte man sagen: Während die klassische senschaft, schreibt Hume, basiere auf Erfah-
Nationalökonomie um das krumme Holz – den rung, Beobachtung und Experiment. Als Auf-
realen Menschen – kreist, ist die Neoklassik hart- klärer setzt er grundsätzlich auf Vernunft und
näckig darum bemüht, daraus etwas ganz Gera- Reflexion. Diese würden jedoch oftmals von an-
des zu zimmern. Die Verhaltensökonomik hat das geborenen Instinkten beherrscht und machten
krumme Holz wiederentdeckt und erforscht mit die Vernunft zur Sklavin der Leidenschaften.
neuen Methoden weitere Krümmungen. Welche Motive bewegen den Menschen, sich
Ein Blick zurück ergibt Folgendes: Aristo- anzustrengen? Gemäss Hume sind es insbeson-
teles zufolge ist der Mensch von Natur aus ein dere die folgenden vier: Der Mensch muss kon-
politisches Wesen. In der geschichteten Gesell- sumieren, um zu überleben; er kommt nicht
schaft des griechischen Stadtstaates kommt umhin, seinen Leidenschaften zu frönen; er
einem jeden Menschen – vom Herrn bis zum will handeln und sich Herausforderungen stel-
Sklaven – ein wohl definierter Platz zu. Die Ein- len; und er will Gewinn machen. Die relative Be-
haltung des Platzes ist eine Voraussetzung für deutung dieser Antriebe ändert sich mit dem
das «gute Leben» der Vollbürger und die Repro- Entwicklungsstand der Gesellschaft. In einem
duktion des Gemeinwesens. Die «naturgemässe frühen Stadium dominieren die ersten beiden,
Erwerbskunst» dient diesem Zweck und hat so- später der dritte und in der entfalteten moder-
mit ein endliches Ziel, während die «unnatürli- nen Gesellschaft schliesslich der vierte. Der
che Erwerbskunst» danach trachtet, Reichtum Homo oeconomicus steht demnach nicht am
und Geld «bis ins Grenzenlose zu vermehren».1 Anfang der Entwicklung – er ist vielmehr ihr Er-
Hier begegnet uns ein Ahnherr des Homo oeco- gebnis. Dabei ist der Mensch selbst auf der vier-
nomicus, wie ihn John Stuart Mill dereinst nen- ten Stufe kein nur auf ökonomische Interes-
1 Aristoteles (1965): 26. nen sollte. Dieser wird als sozialer Störenfried sen reduzierbares Wesen: Er ist kein einfacher

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FOKUS

Hedonist, sondern ein durch multiple, dimen- siert Herrschaft und gegebenenfalls Tyrannei
sional verschiedenartige Motive gekennzeich- und ist für Smith Ausdruck der «Korruption»
neter Akteur – ein «multiples Selbst» (Jon Els- moralischer Gefühle.
ter). Hume weiss um die konfligierenden Motive Sympathie überwindet den reinen Selbstbe-
des Menschen und nennt diesen «eine Ansamm- zug und löst moralische Lernprozesse aus. Mit
lung von Widersprüchen», ein rastloses Wesen, welchen Motiven und Handlungsweisen würde
das nicht immer nur zu seinem Besten agiert. ein unparteiischer Beobachter sympathisieren?
Die vom im letzten Jahr verstorbenen US-Öko- Laut Smith hängt dies von der Handlungssitua-
nomen Kenneth Arrow betonte Unmöglichkeit tion ab: In einem Fall gilt die Sympathie des Beob-
der konsistenten Aggregation von Präferenzen achters Handlungsweisen, die von kluger Wahr-
verschiedener Akteure trifft somit bereits auf nehmung des Eigeninteresses geleitet werden, in
den einzelnen, in verschiedenen Rollen tätigen einem anderen solchen, die auf Wohlwollen be-
Menschen zu: Der «repräsentative Akteur» der ruhen, in einem dritten fordert er bedingungslos
konventionellen Makroökonomik ist reine Fik- Gerechtigkeit und so weiter. Kurz: Der Versuch
tion und mit ihm die abgeleiteten Resultate. der Reduktion aller Handlungsprinzipien auf ein
Metaprinzip muss scheitern – allzu unterschied-
Selbstsucht ist nicht nachhaltig lich sind die fraglichen Situationen und jeweils
angemessenen moralischen Gefühle. Beim «Nut-
Mit Hume nicht immer einer Meinung, sucht zen» kann es sich somit nicht um das alles be-
auch Smith die Moral auf verhaltenswissen- herrschende Prinzip handeln. Smith wirft Hume
schaftlicher Grundlage zu erfassen.2 Das Argu- vor, in dieser Hinsicht zu weit gegangen zu sein.
ment kreist um die angeborene Fähigkeit des In der «kommerziellen Gesellschaft» wer-
Menschen zur Sympathie – zum Mitleid und zur de ein jeder mehr oder weniger zum Händ-
Mitfreude mit anderen. Sie ist nicht gleichbe- ler, schreibt Smith im Wealth of Nations (1776).
deutend mit Altruismus und auch nicht immer Zwar spielt darin die auf Profiterzielung aus-
lobenswert. Die einseitige Sympathie des Men- gerichtete Marktlogik eine wachsende Rol- 2 Vgl. Kurz und Sturn
schen mit den Mächtigen und Reichen stabili- le, aber sie ist gleichwohl nicht frei von Moral, (2013): Teil II, Kapitel 3.

Angst vor Verlusten,


Selbstüberschätzung
und Wettstreit beein-
flussen unsere Hand-
KEYSTONE

lungen. Börsenhändler
in New York.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  9
VERHALTENSÖKONOMIE

wie B
­ ernard Mandeville in seiner «Bienenfabel» Verlustaversion, ahmen die Reichen und Mächti-
(1705) fälschlich angenommen hatte. Denn: Die gen nach, die sich vom Rest der Bevölkerung ab-
rücksichtslose Verfolgung des Eigeninteresses zugrenzen versuchen, wollen gelobt werden und
würde das Vertrauen der Akteure ineinander wetteifern um Reputation, pochen auf Fairness
erschüttern, ihre Zusammenarbeit untergraben und Einhaltung der Regeln und vieles mehr.
und den Wohlstand gefährden. Smith zufolge sind gewaltige gesellschaftliche
Neben ehrbaren Kaufleuten gibt es gewiss Umbrüche zum Beispiel auf selbstsüchtiges, aber
auch Gauner und Spitzbuben: Wie lässt sich der auf lange Sicht gesehen unkluges Verhalten einer
Anteil der Ersteren erhöhen? Hier kommen Smith ganzen Klasse von Akteuren, der Feudalaristo-
zufolge Staat und Gesetzgeber ins Spiel: Sie defi- kratie, zurückzuführen. Den Verlockungen neu
nieren den Ordnungsrahmen und die Institutio- verfügbarer Status- und Luxusgüter erliegend,
nen der Marktgesellschaft, haben für Gerech- tauscht sie, ohne es zu beabsichtigen, «nach und
tigkeit zu sorgen, sozial schädliches Verhalten nach ihre ganze Macht und Stellung für die Be-
einzudämmen und sozial nützliches zu fördern. friedigung der kindischsten, gewöhnlichsten und
Das Verhalten der Akteure ist nicht unabhängig niedrigsten aller Eitelkeiten ein».3 Nicht intendier-
von der Verfasstheit der Gesellschaft und von te Konsequenzen menschlichen Handelns – ein
den eingeübten Normen und Vorstellungen dar- zentrales Thema der schottischen Aufklärung  –
über, was sittlich geboten ist und was nicht. sind wichtig und in mancher Hinsicht wichtiger
als intendierte. Den voll informierten, alle Han-
Das Adam-Smith-Problem delsoptionen kennenden und rational bewerten-
den Homo oeconomicus gibt es bei Smith nicht.
Enthalten «Theory of Moral Sentiments» und Vielmehr hat er einige Funde der Verhaltens- und
«Wealth of Nations» zwei einander wider- der experimentellen Ökonomik antizipiert.4
sprechende Menschenbilder – hier der wohl-
wollende, altruistische, pflichtbewusste und Ständig in Häutung begriffen
nach Gerechtigkeit strebende Mensch, dort der
egoistische, kaltherzige Händler? Nein – das Der Homo oeconomicus betritt die Welt der
sogenannte Adam-Smith-Problem ist frei er- Ökonomik nicht als voll ausgebildetes, sondern
funden. In beiden Werken werden unterschied- als ein ständig in der Entwicklung befindliches
liche Handlungssituationen erörtert, die unter- Wesen. Der Physiokrat François Quesnay stellt
schiedliche Verhaltensweisen erfordern. Ein ihn uns als jemanden vor, der zugleich seinen
Kaufmann tut gut daran, sein Geschäftsziel zu Genuss maximieren und seinen Mitteleinsatz
verfolgen, um nicht von der Konkurrenz aus minimieren will – eine unlösbare Aufgabe. Der
dem Markt gedrängt zu werden. Aber er tut Begründer des Utilitarismus, Jeremy Bentham
auch gut daran, sich um seinen Ruf zu sorgen, (1789), glaubt über ihn zu wissen:
um sich die Gunst seiner Kunden und Lieferan- «Die Natur hat die Menschheit unter die
ten zu erhalten. Die kluge Verfolgung des Eigen- Herrschaft zweier souveräner Kräfte gestellt,
interesses steht im «Wealth of Nations» zwar im Schmerz und Freude. Sie lenken uns in allem,
Vordergrund, aber es ist nicht das einzige Motiv. was wir tun, sagen und denken.» Die beiden
Smith zeigt ein grosses Mass an Menschen- Kräfte seien miteinander vergleichbar: «Eine
kenntnis und erörtert zahlreiche der in der Ver- Stecknadel ist so gut wie Poesie.»
haltensökonomik von Vernon Smith, Daniel Eine frühe und klare Fassung des Konzepts
Kahneman und Amos Tversky, Richard Thaler, des Grenznutzens –­ des zentralen Konzepts
Ernst Fehr und anderen diskutierten Phänomene. des nutzenmaximierenden Homo oeconomi-
So sind die Akteure bei Adam Smith typischer- cus – findet sich beim Deutschen Karl Heinrich
weise von Herkunft und Milieu geprägt, myo- Rau (1833), für welchen allerdings lexikalische
pisch, unterliegen kognitiven Verzerrungen ver- Präferenzen eine grosse Rolle spielen, die sich
3 Smith, A. (1976b): III. schiedener Art, neigen zur Überschätzung ihrer gegen die Bildung einer Nutzenfunktion sper-
iv.10.
4 Ashraf, Camerer und
eigenen Fähigkeiten und sind übertrieben selbst- ren. Hermann Heinrich Gossen (1854) hält sich
Loewenstein (2005). sicher. Oder sie hängen am Besitz und leiden unter zugute, den Schöpfungs­plan enträtselt zu ha-

10  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

ben. Dieser verpflichte den Menschen zu Hedo- Neoklassik – quo vadis?


nismus pur – Vorbedingung für die Schaffung
eines «vollendeten Paradieses» auf Erden. Da Zahlreiche Verhaltensökonomen begreifen ihre
die Genusszufuhr Zeit beansprucht, geht es um Arbeiten als Korrektur und nicht als Herausfor-
die optimale Allokation der Zeit auf alternative derung des neoklassischen Mainstream. Ob die-
Aktivitäten – ein Umstand, der in der Literatur se Auffassung dem in Gang gesetzten Prozess
weithin übersehen worden ist. Berücksichtigt «schöpferischer Zerstörung» (Joseph Schum-
man diesen Umstand, so lassen sich mehre- peter) standhalten wird, bleibt abzuwarten:
re Aussagen der konventionellen Mikroökono- Wichtige Pfeiler der konventionellen Ökonomik
mik nicht mehr halten.5 Wenn Akteure zwei Be- sind infrage gestellt, so die Erwartungsnutzen-
schränkungen unterliegen (Einkommen und theorie, die Effizienzmarkthypothese in der Fi-
Zeit) statt nur einer (Einkommen), dann müssen nanztheorie, die generelle Abstraktion von Fra-
Einkommens- und Substitutionseffekte neu ge- ming-Effekten, wonach die Formulierung einer
fasst und Ausgabefunktionen neu definiert wer- Sache oder Frage Einfluss auf das Verhalten der
den, mit zum Teil überraschenden Ergebnissen Beteiligten nimmt.
hinsichtlich der Konsumgüternachfrage und Ansteckung, Herdenverhalten, Endow-
des Arbeitsangebots sowie ihrer wohlfahrts- ment-Effekte6 und dergleichen unterminieren
theoretischen Implikationen. Gemäss Gossen überlieferte Denkgewohnheiten und Effizienz-
ist überdies die Frage «Was soll ich wollen, wel- postulate. Die Wiederentdeckung des reichhal-
che ’Präferenzen’ sollen mich leiten?» der Frage tigen Menschenbildes der ökonomischen Klassik
«Welche Güter soll ich erwerben?» vorgelagert. legt die Vermutung nahe, dass in ihr auch noch
Sie lasse uns ein ganzes Leben lang nicht los. andere Schätze schlummern, die der Vergessen-
Die Persönlichkeit des Homo oeconomicus heit zu entreissen sich lohnt. Jedenfalls handelt
liegt demnach nicht ein für alle Mal fest, son- es sich beim Markt für ökonomische Ideen offen-
dern ist in ständiger Häutung begriffen. Es gibt bar nicht um einen perfekt funktionierenden Se-
ihn bereits relativ früh, aber als nicht sonderlich lektionsmechanismus, der alles beibehält, was 5 Steedman (2001).
6 Treten auf, wenn der
geschätzte gesellschaftliche Randexistenz. Er/ gut ist, und alles ausmustert, was nichts taugt. Besitz einer Sache de-
Sie begegnet uns schliesslich als rationaler, nut- Blasenbildung, so ist zu befürchten, ist kein auf ren Wert für den Besit-
zer steigert.
zen- oder gewinnmaximierender Akteur, des- Finanzmärkte beschränktes Phänomen.7 7 Vgl. Kurz (2016).
sen Präferenzen gewisse Axiome erfüllen (Voll-
ständigkeit, Reflexivität, Transitivität). Aber
dabei bleibt es nicht – allzu schwer wiegt der
Vorwurf, ein «rationaler Dummkopf» (Amartya
Sen) zu sein, der ein gedeihliches, auf wechsel-
seitigem Vertrauen basierendes Spiel der Gesell-
schaft hintertreibt. Im Verlauf der Zeit wird er
daher von seinen Anhängern mit immer neuen
Eigenschaften versehen. Auf diese Weise soll er Heinz D. Kurz
neuen Prüfungen genügen  – realen und inner- Emeritierter Professor für Volkswirtschaftslehre,
Universität Graz
wissenschaftlichen.

Literatur
Aristoteles (1965). Politik. München: menschliches Handeln, Braunschweig: Kurz, H. D., und Sturn, R. (2013). Adam Smith, A. (1976b). An Inquiry into the Na-
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Gesetze des menschlichen Verkehrs, versity Press. Routledge.
und der daraus fliessenden Regeln für

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  11
VERHALTENSÖKONOMIE

Verhaltensökonomie stösst in der


­Wirtschaftspolitik an Grenzen
Zahlreiche Staaten setzen die Erkenntnisse der Verhaltensökonomie in ihrer Wirt-
schaftspolitik um. In der Schweiz herrscht diesbezüglich Zurückhaltung – angesichts
der noch bescheidenen Resultate zu Recht.  Eric Scheidegger

Abstract  Die Verhaltensökonomie hat wichtige Erkenntnisse zum mensch- Weitherum bekannt ist auch die Erkenntnis,
lichen Entscheidungsverhalten hervorgebracht. Im Marketing und in der dass Menschen in ihren Abwägungen poten-
allgemeinen Wirtschaftspolitik finden sich zahlreiche Anwendungsbei- zielle Verluste oft relativ höher gewichten als
spiele. Bei Regulierungen stossen die Ansätze jedoch an Grenzen. Kritisch potenzielle Gewinne («Verlustaversion»). Wir
diskutiert werden nicht nur staatliche «Entscheidungsstupser», damit
alle folgen im Alltag nicht immer nur ökonomi-
die Menschen ihr Eigeninteresse «klüger» verfolgen. Weil in diesem For-
schungszweig die empirischen Grundlagen typischerweise mit Laborex-
schen Kalkülen, sondern beachten bei unseren
perimenten erarbeitet werden, stellen sich auch grundsätzliche Fragen der Entscheidungen regelmässig auch Normen und
Übertragbarkeit solcher Erkenntnisse auf übergeordnete wirtschaftspoli- Fairnessregeln. Und schliesslich kennt vermut-
tische Problemstellungen. Die Einführung von verhaltensökonomisch be- lich jeder die Schwierigkeit, sich konsistent an
gründeten Interventionen setzt jedenfalls ein hohes Mass an Transparenz, selbst gesetzte Vorsätze zu halten («mangeln-
Bewusstsein und Gewissenhaftigkeit voraus. de Selbstkontrolle»). Solche und viele andere
Beobachtungen werden mit den fachtypischen
Methoden von Laborexperimenten und Feld-

D  ie Verhaltensökonomie ist en vogue.


In diesem relativ jungen Forschungs-
feld der Wirtschaftswissenschaften wurden
forschung der Verhaltensökonomie gewinn-
bringend erforscht.

mit Daniel Kahneman und Vernon L. Smith Den Homo oeconomicus


(2002) sowie mit Richard H. Thaler (2017) be-
braucht es weiterhin
reits drei Pioniere der Behavioral Econo-
mics mit dem Wirtschaftsnobelpreis hono- Alles in allem gesehen, honoriert das heuti-
riert. Die Verhaltensökonomie geht auf einen ge Interesse an der Verhaltensökonomie eine
fruchtbaren akademischen Austausch zwi- Entwicklung, welche die moderne neoklassi-
schen Wirtschaftswissenschaften, Psycholo- sche Theorie in bestimmten Konstellationen
gie, Neurowissenschaften oder Soziologie zu- ergänzt. Allerdings wäre es falsch, die Erkennt-
rück. Heute kann empirisch breiter abgestützt nisse klassischer Forschungszweige relativieren
gezeigt werden, dass Menschen in der Regel zu wollen. So waren beispielsweise «Vertrau-
«nur» begrenzt rational und je nach Konstel- en» oder «Reputation» bereits wichtige For-
lation unterschiedlich handeln. Wir entschei- schungsfelder, bevor sich die Verhaltensökono-
den selten nach Auswertung aller verfügbaren mie als eigener Forschungszweig etablierte. Als
Informationen und aufgrund rein logischer Sozialwissenschaft hat die Ökonomie schon
Regeln. Es sind vielmehr Erfahrung und Heu- immer das menschliche Verhalten erforscht.
ristiken, welche uns bei den unzähligen Ent- Das klassische Verhaltensmodell ist der Homo
scheidungen im komplexen Alltag Orientie- oeconomicus. Dieser Prototyp Mensch wertet
rung geben. sämtliche ihm zur Verfügung stehende Infor-
Beeinflusst durch Emotionen, bewerten wir mation aus, kennt die ihm vorgegebenen Res-
etwa Dinge, die wir schon besitzen, oftmals triktionen (Einkommen, Preise, Regeln, Reak-
höher als vergleichbare Produkte, die nicht tionen anderer Akteure) und entscheidet dann
zu unserem Eigentum zählen («Besitzeffekt»). aufgrund einer rationalen Abwägung zwischen

12  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

Früchte und ­Gemüse


in der Schule – dafür
zu Hause Süssig­keiten?
Verhaltensökonomi-
sche Anstösse sind

KEYSTONE
nicht frei von Neben-
wirkungen.

Nutzen und Kosten konsistent zugunsten der Agent-Problem, Moral-Harzard-Verhalten) oder


besten Alternative. Weil der Homo oeconomi- bei vorhandenen Interdependenzen der Ent-
cus gemäss seiner Spezifikation in systemati- scheidungsträger (Gefangenendilemma, Nash-­
scher und vorhersehbarer Weise auf Verände- Gleichgewicht).
rungen seines Entscheidungsrahmens reagiert,
geniesst er als theoretische Grundlage in der Kaufverhalten verstehen
ökonomischen Forschung und Lehre nach wie
vor einen wichtigen Stellenwert: Steigt oder Die Verhaltensökonomie kennt zahlreiche An-
sinkt beispielsweise der relative Preis eines Gu- wendungsgebiete. Früh fielen erste Erkennt-
tes oder einer Aktivität im Vergleich zu Alter- nisse im Marketing auf fruchtbaren Boden.
nativen, passt sich das Entscheidungsverhalten Das kommerzielle Interesse, die psychologi-
ceteris paribus an. Dieses sogenannte Nachfra- schen Beweggründe des Kaufverhaltens bes-
gegesetz ist eine zentrale Grundlage der neo- ser zu verstehen, ist offensichtlich. Der oben
klassischen (Markt-)Theorie. erwähnte «Besitzeffekt» erklärt beispielsweise
Die Grundannahmen des Homo oecono- die Strategie, den Kunden ein Produkt oder ein
micus ebneten ab etwa Mitte des 20. Jahrhun- Abonnement kostenlos zum Test anzubieten.
derts sodann den Weg für eine differenzierte Aufgrund des vorübergehenden Nutzungs-
Modellierung und Theorieentwicklung in mi- anspruches soll es ihnen schwererfallen, die
kroökonomischen Spezialgebieten mit hoher Ware oder Dienstleistung zu retournieren. Das
Relevanz für die Wirtschaftspolitik. Die Ent- Phänomen der «Verlustaversion» wird heutzu-
scheidungstheorie, die Institutionenökono- tage werbemässig genutzt, wenn uns zum Bei-
mie oder die Spieltheorie beispielsweise geben spiel während der Suche nach Hotelzimmern
auf dieser Grundlage wegweisende Einblicke auf den Buchungsplattformen zeitnah erklärt
in das Entscheidungsverhalten unter Unsicher- wird, dass nur noch ganz wenige Zimmer frei
heit, bei Informationsasymmetrien (Principal-­ seien. Selbstverständlich bieten  solche und

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  13
VERHALTENSÖKONOMIE

viele andere verhaltensökonomische Marke- Während im Marketing kommerzielle Inter-


tinganwendungen keinerlei Gewähr, dass die essen die Verhaltensbeeinflussung begründen,
Kunden tatsächlich auf das Angebot einstei- wird bei dieser Art Politikgestaltung ein besse-
gen. Aufgrund der systematischen Ausrich- res gesellschaftliches Zusammenleben ange-
tung auf typische Entscheidsituationen kann strebt. Wenn die einzelnen Bürger beim Verfol-
aber eine höhere Erfolgswahrscheinlichkeit gen ihrer Eigeninteressen eine «klügere» Wahl
erwartet werden. treffen, ist auch die Summe aller Entscheidun-
Auch in Bereichen der staatlichen Interven- gen optimaler, lautet das gängige Räsonnement.
tion hat die Verhaltensökonomie Einzug gehal- Die Idee, Menschen durch Nudging zu einem ge-
ten. Verhaltensökonomisch begründete Poli- sellschaftlich erwünschten Verhalten zu bewe-
tikmassnahmen finden sich vor allem bei der gen, wird von Richard H. Thaler, der den Begriff
Regulierung der Finanz- und Versicherungs- zusammen mit Cass R. Sunstein prägte, denn
wirtschaft, in der Gesundheitspolitik, der auch als «liberaler Paternalismus» bezeichnet:
Steuerpolitik oder der Umweltpolitik. In der Vater Staat schubst zwar, die Handlungsoptio-
Regulierungspolitik gehören namentlich die nen werden aber (vordergründig) nicht einge-
angelsächsischen Länder diesbezüglich zu den schränkt.
Vorreitern, indem sie staatliche «Nudge Units» Der moralische Beigeschmack des Nudging-­
eingerichtet haben. Diese arbeiten typischer- Ansatzes wurde in den letzten Jahren vielfach
weise auf der Grundlage von randomisierten kritisiert. Die einen erkennen bei solchen Mass-
kontrollierten Studien, welche evidenzbasier- nahmen einen übermässigen behördlichen
te, kausale Einsichten einer bestimmten (neu- Handlungsspielraum, um Menschen hin zu
en) staatlichen Intervention auf das beein- einem «vernünftigeren» Eigeninteresse zu len-
flussbare Verhalten der Akteure geben sollen. ken. Aus diesem Grund sei Nudging eine demo-
Auch internationale Entwicklungsorganisatio- kratisch schwach legitimierte, an Manipulation
nen wie die Weltbank streben eine systemati- grenzende Staatsintervention. Demgegenüber
schere Beachtung verhaltensökonomischer Er- entgegnen Nudging-Befürworter, ein gewissen-
kenntnisse an. hafter Einsatz setze selbstverständlich immer
Verschiedene dieser wirtschaftspolitischen die vollständige Offenlegung der Zielsetzung
Ansätze zielen letztlich auf eine umfassende- durch die Behörden sowie die bewusste Ge-
re, das Bewusstsein stärkende Information der währleistung von Wahlmöglichkeiten voraus;
Entscheidungsträger – eigentlich ähnlich, wie jeder könne seine eigene Wahl treffen. Darü-
die weltweit verbreiteten Ansätze, die aus frü- ber hinaus verweisen viele Befürworter – unter
heren mikroökonomischen Erkenntnissen zur starker Ausweitung der Begriffsdefinition – auf
Problematik asymmetrischer Information ab- eine lange Tradition faktischer staatlicher Nud-
geleitet wurden. ges. Dazu gehören ihrer Meinung nach Infor-
mations- und Aufklärungskampagnen, Verein-
Bürger zu gewünschtem Verhalten fachung von Formularen sowie Steigerung der
Nutzerfreundlichkeit bei behördlichen Inter-
«stupsen»
netseiten, visuelle Warnhinweise auf Zigaret-
In der Politik umgesetzte Verhaltensökonomie tenverpackungen oder Weinflaschen; dann und
will Menschen zu «besseren» Entscheidungen wann werden selbst finanzielle Anreize (Sub-
verhelfen. Die verführerische Idee ist, dass ventionen, Abgaben) als eine Form des Stupsens
sie die begrenzte Rationalität, zum Beispiel in beschrieben.
Form mangelnder Selbstkontrolle, überwin- Wie neuartig die von der Verhaltensökono-
den hilft. Im englischen Sprachgebrauch ist in mie abgeleiteten (wirtschafts)politischen Mass-
diesem Zusammenhang der Begriff des «Nud- nahmen in der Praxis wirklich sind, ist also
ging» («Stupsen») fest verankert. Er erlebte in nicht klar. Entsprechend erkennen Kritiker im
den letzten Jahren einen eigentlichen Medien- weiten Anwendungsfeld von Nudges eine gewis-
rummel und hat dem Fachbereich zusätzlichen se Beliebigkeit: Der Staat stupst, Unternehmen
Rückenwind verliehen. stubsen, und wir werden aufgeklärt, wie wir

14  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

uns über selbst verpflichtende Massnahmen  – Ebene der Gesamtbevölkerung und im Zeitab-
etwa fixe Kalendereinträge für das Fitness­ lauf nicht zwingend ein problematischer ge-
training –  selber stupsen können. sellschaftlicher Trend sein muss.
Eine weitere, methodologische Kritik be- In der Schweiz sind systematische Anwen-
zieht sich auf die Übertragbarkeit der Studien- dungen in der Regulierungspolitik noch wenig
ergebnisse aus Laborexperimenten auf die verbreitet. Einzelne Massnahmen finden sich
reale Welt. Selbst wenn zielgerichtete Mass- vor allem im Bereich der Nachhaltigkeit und fo-
nahmen beispielsweise beim persönlichen kussieren in erster Linie auf Default-Regeln, wie
Umweltverhalten in der Praxis erfolgreich beispielsweise energiesparende Standardein-
sind, kann die Wirksamkeit von Schubsern in stellungen bei Elektrogeräten oder Strom aus
Bereichen einer gesunden Ernährung limitiert erneuerbaren Energien als Standardpaket bei
sein. Hinterfragt wird zudem, ob gut gemein- der Energieversorgung. Diese verhältnismäs-
te staatliche Aktivitäten nicht zu unerwünsch- sig zurückhaltende Rezeption ist nicht unbe-
ten Nebenwirkungen führen können. Es ist gründet. So relativ jung der Forschungsbereich
beispielsweise denkbar, dass Eltern ihren Kin- ist, so überschaubar sind auch Evaluationen,
dern bei einem als zu aufdringlich und ein- aus denen klare Schlüsse für die Politik gezogen
schränkend wirkenden Ernährungsprogramm werden könnten. Viele Fragen sind trotz der ho-
in Schulkantinen eher den Bezug von (weniger hen Beachtung der Forschung noch offen.
gesunden) Take-away-Produkten zugestehen. Trotz unterschiedlichen Standpunkten gibt
Offen ist in diesem Kontext auch, ob der Effekt es einen Konsens, dass die bisherige Regulie-
von einmal gesetzten Nudges über die Zeit Be- rungspolitik nicht auf den Kopf gestellt werden
stand hat, zumal sich das Bewusstsein (im Üb- muss. Verhaltensökonomisch fundierte staat-
rigen ebenso wie Präferenzen) wieder verän- liche Interventionen können im Einzelfall Ein-
dern kann. zug in den Werkzeugkasten der Politik finden.
Dabei sind aber wichtige Voraussetzungen zu
Zurückhaltung in der Schweiz beachten. Sie müssen – erstens – als Alternati-
ve zu harten Regulierungen wie Verboten oder
Weiter stellt sich angesichts unterschiedlicher Obligatorien geprüft werden. Zweitens sind
gesellschaftlicher Normen die Frage, ob erfolg- Vor- und Nachteile gegenüber bestehenden
reiche Beispiele auf andere Länder übertrag- Massnahmen sorgfältig abzuwägen. Und drit-
bar sind. Und schliesslich bleibt noch unge- tens müssen neu eingeführte Massnahmen ge-
klärt, ob das individuelle Verhalten aufgrund wissenhaft evaluiert werden.
der Lernfähigkeit von Menschen und aufgrund
der Marktkräfte nicht ohnehin, das heisst
ohne Nudging, immer wieder angepasst wird.
So darf erwartet werden, dass Börsenhändler,
welche sich bei ihren Kauf- und Verkaufsauf-
trägen immer wieder von Verhaltensanomalien
(«Animal Spirit») leiten lassen, früher oder spä-
ter aus dem Markt gedrängt werden. Die viel-
Eric Scheidegger
fältigen Zweifel sind für die Politikgestaltung Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für W
­ irtschaftspolitik
deshalb relevant, weil letztlich die Summe in- und stv. Direktor, Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern
dividueller suboptimaler Verhaltens­weisen auf

Literatur
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Die Volkswirtschaft  10 / 2018  15
VERHALTENSÖKONOMIE

Behavioural Insights als Werkzeug


zur Politikgestaltung
Mit Behavioural Insights verfügen Regierungen über ein neues Regulierungsinstrument, das
den Nutzer in den Vordergrund stellt. Weltweit wenden bereits über 200 Institutionen den
verhaltenswissenschaftlichen Ansatz an.  Faisal Naru, Filippo Cavassini, James Drummond

Abstract  Behavioural Insights (BI) ist ein induktiver Ansatz zur Politikge- politische Probleme übertragen und eine ent-
staltung. Er basiert auf Erkenntnissen der Psychologie, der Kognitions- sprechende Lösung im grossen Massstab um-
und der Sozialwissenschaften sowie empirischen Tests, die zeigen, wie gesetzt wird. Mit der BI-Methode wird versucht,
Menschen Entscheidungen treffen. Weltweit arbeiten bereits über 200 öf- diesen Prozess zu «entzerren», indem von der
fentliche Institutionen mit diesem Ansatz. BI bietet Potenzial für weitere
manchmal unrealistischen Hypothese eines ra-
Anwendungen zur Lösung komplexer politischer Probleme und zur Reduk-
tion von Verzerrungen in Entscheidungsprozessen. Sowohl der Staat als tionalen Verhaltens Abstand genommen und
auch die Bevölkerung verstehen dank BI besser, weshalb ein Problem auf- das tatsächliche Verhalten von Personen ana-
tritt und wie Menschen auf lenkende Massnahmen reagieren. Die OECD ist lysiert wird. Um zu bestimmen, welche Mass-
bei der Bereitstellung von Wissen und bei der Förderung einer wirksamen nahmen sich am besten eignen und wie kosten-
Anwendung von BI in der Politik an vorderster Front aktiv. wirksam diese sind, werden Probleme definiert
und Experimente durchgeführt. Zunächst wer-
den die Massnahmen jeweils in kleinem Mass-

I  mmer mehr Staaten setzen bei der Politik-


gestaltung auf Erkenntnisse der Verhal-
tenswissenschaften. Ein verhaltenswissen-
stab getestet. Die Organisation für wirtschaftli-
che Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
ist bei der Erforschung und Analyse von BI für
schaftlicher Ansatz zur Politikgestaltung ist die Politikpraxis führend.
Behavioural Insights (BI). BI basiert auf Er-
kenntnissen aus der Psychologie, den Kogniti- Antwort auf die Finanzkrise
ons- und den Sozialwissenschaften sowie auf
empirischen Tests, die zeigen, wie Menschen Die Finanzkrise von 2008 stellte die meisten
Entscheidungen treffen. Auf der Grundlage Regierungen vor schwierige Herausforderun-
von Experimenten und Lenkungsmassnahmen gen: Das Budget schrumpfte, und das Vertrau-
stellt BI etablierte Theorien über rationales en der Bevölkerung in die öffentlichen Institu-
Verhalten von Einzelpersonen und Unterneh- tionen bröckelte. Die Krise, die teilweise durch
men infrage und bietet Entscheidungsträgern Wissensdefizite und intransparente Finanzpro-
Anhaltspunkte zum «tatsächlichen» Verhal- dukte bedingt war, zeigte auf, dass bei der Re-
ten, das wirtschaftlichen und gesellschaftli- gulierung von Märkten und Sektoren kognitive
chen Effekten zugrunde liegt. Bestandteil von Verzerrungen berücksichtigt werden müssen.
BI ist die Verhaltensökonomik, zu deren Pio- Mit Behavioural Insights haben die Regierungen
nieren Richard Thaler zählt, der 2017 mit dem ein Tool erhalten, mit dem sie diese Defizite an-
Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften gehen können. Mit weniger Ressourcen können
ausgezeichnet wurde. sie so einer stärkeren Nachfrage der Bevölke-
BI gibt der Politik ein Instrument in die Hand, rung nach Information besser gerecht werden.
1 OECD (2017a).
2 O ECD (2016); OECD
mit dem diese ihre Ziele wirksamer und effizien- BI ist inzwischen zu einem Bestandteil
(2017b). ter erreicht und die tatsächlichen Bedürfnisse der Regierungstätigkeit geworden, wie eine
3 WICS (2017).
4 Sunstein, Reisch und der Bevölkerung besser berücksichtigen kann. OECD-Studie zu weltweit 60 «Nudge Units» be-
Rauber (2017).
5 OECD (2018).
Staatliche Interventionen basieren oft darauf, stätigt.1 Anhand von über 100 Fallstudien wur-
6 OECD (2017a). dass ein vermeintlich rationales Verhalten auf de untersucht, in welchen Bereichen BI in der

16  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

öffentlichen Politik angewandt wird (siehe Ab- und Erkenntnissen wurde ein neues Konsumen-
bildung). Zur Eindämmung des Antibiotikage- tenschutzsystem entwickelt, das am 1. Septem-
brauchs versandte die britische Regierung bei- ber 2017 in Kraft trat.2 In Schottland wurden Ex-
spielsweise BI-Schreiben an 790 Arztpraxen, perimente und BI-Anwendungen genutzt, um
die zu den häufigsten Verschreibern gehörten die Präferenzen der Verbraucher bei der Festset-
(oberste 20%), und erreichte damit eine Reduk- zung der Wassergebühren abzuklären.3
tion um 3,3  Prozent (73 406 Dosen). Dänemark
wiederum gelang es, den Verkauf von Gemüse Unterschiede zwischen Staaten
in 12 Lebensmittelgeschäften um 61,3  Prozent
zu steigern, indem es gebrauchsfertiges Gemü- Mehr als 150 Staaten setzen «Nudges» schät-
se neben Hackfleisch platzierte. Dies erhöht die zungsweise ein, um das Verhalten und die Ent-
Sichtbarkeit und stellt einen Anreiz dar, einer scheidungen von Konsumenten zu beeinflus-
Mahlzeit Gemüse hinzuzufügen. sen,4 und rund 200 öffentliche Institutionen
Bewährt hat sich BI bei der Regulierung von setzen BI bei ihrer Politikgestaltung ein.5 Da-
Schlüsselsektoren wie Kommunikation, Was- rüber hinaus testen Forschungsinstitutionen
ser, Energie und Verkehr. In Kolumbien verwen- ausserhalb von Regierungen BI-Lösungen, die
dete die Communications Regulatory Commis- künftig von der Politik zur Lösung bestimmter
sion (CRC) einen Mix aus BI-Regulierungen und Probleme verwendet werden könnten.
nicht regulatorischen Instrumenten, um Opti- Innerhalb der Verwaltungen sind die Das britische
mierungen bei der Informationsbereitstellung, BI-Einheiten von Land zu Land unterschiedlich Behavioural-­Insights-
beim Kundenservice und beim Management angesiedelt. Sie finden sich im Zentrum der Re- Team brachte Ä­ rzte
mit einem Rund­
von Verbrauch und Leistungspaketen herbeizu- gierung, als spezialisierte Einheiten in den Mi- schreiben dazu, weni-
führen. Auf der Grundlage von Experimenten nisterien oder als externe Projektteams.6 In ger Antibiotika
zu verschreiben.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  17
VERHALTENSÖKONOMIE

Grossbritannien wurde beispielsweise im Jahr BI-­


P raktiker und Entscheidungsträger Rah-
2010 ein Behavioural Insights Team (BIT) im menbedingungen, die sicherstellen, dass die
zentralen Cabinet Office geschaffen, das aus- Anreize den Zielpersonen zugutekommen.
schliesslich oder teilweise die Aufgabe hatte, Dies war auch der Tenor an einer BI-Veran-
die Verwendung von BI in der gesamten Ad- staltung der OECD im Mai 2017. Rund 150
ministration zu fördern. Inzwischen hat sich Teilnehmende diskutierten über die Notwen-
das BIT zu einer externen Stelle gewandelt, die digkeit, einen «Responsibility»-Rahmen mit
nur noch teilweise dem Cabinet Office ange- ethischen Vorgaben für Politik, BI-Wissen-
gliedert und mit Einheiten in den Departemen- schaft und den Privatsektor zu schaffen. In
ten präsent ist. In Australien wurden zunächst einem solchen Rahmen könnten Standards
Spezialeinheiten in Departementen oder Stel- für BI-Anwendungen definiert werden. Zudem
len auf nationaler, regionaler und lokaler Re- könnte aufgezeigt werden, wie man Empfeh-
gierungsebene geschaffen. Schliesslich wurde lungen und Entscheidungen aufgrund solider
eine zentrale Koordinationsstelle, das Behavi- Nachweise formuliert. 8 Die OECD entwickelt
oural Economics Team of the Australian Go- derzeit ein entsprechendes Toolkit und einen
vernment (Beta), gebildet. Singapur wiederum ethischen Rahmen, deren Veröffentlichung
arbeitete zunächst projektbezogen. Heute fin- für Ende 2018 geplant ist.
den sich dort institutionalisierte Spezialein-
heiten auf der zentralen Lenkungsebene. Drei Inputs für Entscheidungsträger
Die Institutionalisierung von Behavioural
Insights wird häufig von einer hohen Führungs- Angesichts der zunehmenden Integration von
ebene initiiert, um die Politikgestaltung zu op- BI auf staatlicher Ebene stellen sich drei Fra-
timieren. Dabei werden vielfach akademische gen. Die erste lautet: Wo gibt es weitere An-
oder gemeinnützige Institutionen als Berater wendungsmöglichkeiten von BI in der Poli-
beigezogen.7 tik? Bisher wurde BI vorwiegend eingesetzt,
Kritiker bemängeln, bei BI entscheide der um die Leistungserbringung und die Umset-
7 Z . B. ideas42 (USA),
Behavioural Insights Staat, was für die Bevölkerung gut sei. Wei- zung der Politik zu optimieren. Brachliegendes
in Action at Rotman ter wird kritisiert, dass Testpersonen in der Potenzial besteht somit vorwiegend bei frü-
­(Kanada), iNudgeyou
(Dänemark) oder das Versuchsphase möglicherweise von negati- hen Etappen der Politikgestaltung. Dies ist be-
Price Lab des Instituts
für Wirtschafts- und ven Auswirkungen betroffen sind. Diese Kri- sonders relevant, weil Regierungen mit immer
Sozialforschung in tiken werden ernst genommen. Gemäss No- komplexeren Problemen konfrontiert sind.
­Irland.
8 OECD (2017c). belpreisträger Richard Thaler befürworten Wenn beispielsweise in Bereichen wie Nach-

Anwendung von Behavioural Insights nach Politikbereichen


40      Anzahl Fallstudien

30
OECD (2017A) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

20

10

0
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it

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Fallstudien insgesamt = 159

18  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

haltigkeit und soziale Inklusion nennenswer- für den Politikbereich und die Lösung zustän-
te Änderungen herbeigeführt werden sollen, dig ist, muss das Problem aus Nutzersicht ana-
ist es wichtig, das individuelle Verhalten und lysiert und entschieden werden, wie das Pro-
die Entscheidungsfindung zu verstehen. Da- jektteam aussehen soll.
durch können Lösungen einfach, zugänglich, Der Wunsch nach einem nutzerorientier-
erschwinglich, attraktiv und nachhaltig aus- ten Ansatz war der Hauptgrund für die zu-
gestaltet werden. nehmende Institutionalisierung von Behavi-
Zweitens müssen sich Entscheidungsträ- oural Insights.9 Forschende, die im Bereich BI
ger fragen, wie sich BI für die Praxis und die mit öffentlichen Instituten zusammenarbei-
staatliche Politik nutzen lässt. Die Antwort ten, wollen in erster Linie verstehen, weshalb
lautet: indem der Ansatz einfach und relevant ein Problem auftritt und wie Menschen auf
aufbereitet wird. BI bietet sich für traditionel- Lenkungsmassnahmen reagieren. Sie haben
le staatliche Tools unter anderem in den Be- Regierungen und Institutionen rund um den
reichen Regulierung, Steuern oder Budget an, Erdball aufgerufen, ihre Politik zu überprüfen.
indem Einzelmassnahmen verknüpft werden. Die Regierungen sollen sich dabei auf wissen-
Zentral ist dabei eine Entmystifizierung von schaftliche Methoden stützen, denen solide
BI beispielsweise durch den Einsatz von ran- theoretische Modelle zugrunde liegen und die
domisierten, kontrollierten Studien. Ebenfalls aus Verhaltenssicht zeigen, was funktioniert
hilfreich sind einfache und klare Richtlinien und was nicht. 9 OECD (2018).
zu Methoden und Ansätzen. Wichtig ist auch,
den Prozess der Entscheidungsfindung zu op-
timieren und Verzerrungen zu beseitigen. Die
Grundlage bilden Nachweise und Daten sowie
ein besseres Verständnis, wie Entscheidungen
tatsächlich getroffen werden.
Schliesslich lautet die dritte Frage: Steht
das Verhalten der Nutzer im Zentrum der poli-
tischen Analyse? Da dies oftmals nicht der Fall Faisal Naru Filippo Cavassini James Drummond
Head of Strategic Economic Advisor, Regu- Junior Policy Analyst,
ist, bedeutet dies – gerade bei der Bewältigung ­Management and Co-­ latory Policy Division, Pu- ­Regulatory Policy Divi-
von komplexen politischen Problemen – eine ordination, Executive blic Governance Directo- sion, Public Governance
Abkehr von traditionellen Ansätzen. Anstatt Director’s Office, OECD, rate, OECD, Paris Directorate, OECD, Paris
Paris
zuerst zu entscheiden, welches Departement

Literatur
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Die Volkswirtschaft  10 / 2018  19
VERHALTENSÖKONOMIE

Mobilität neu denken


Verkehrsplaner tun gut daran, irrationale Entscheidungen der Verkehrsteilnehmer zu
berücksichtigen. Dies zeigen mehrere Studien der Verhaltensökonomie.  Matthias Sutter

Abstract    Menschen handeln oft nicht rational – und dies systematisch Wie die Forschung zeigt, sind menschliche
und immer wieder, auch in ihrem Mobilitätsverhalten. Forschung und Poli- Überlegungen systematisch verzerrt. Wir sind
tik, die diese Tatsache nicht berücksichtigen, schaffen ineffiziente oder erstens limitiert rational, machen in unseren
gar kontraproduktive Instrumente und Massnahmen. Die Verhaltensöko- Entscheidungen regelmässig Fehler – so haben
nomie, deren gedanklicher Mitbegründer Richard Thaler unlängst mit
wir etwa grosse Probleme, Preise richtig ein-
dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften aus-
gezeichnet wurde, liefert die Konzepte und Methoden, diese Irrationali-
zuschätzen. Zweitens sind wir soziale Wesen
täten systematisch zu erforschen – und kann damit einen wesentlichen und lassen uns in unserem Handeln von ande-
Beitrag leisten, Mobilität neu zu denken. Zahlreiche empirische Beispiele ren Menschen sowie unseren Gefühlen ihnen
zeigen, wie mittels verhaltensökonomischer Konzepte der Grundstein für gegenüber beeinflussen.
einen Paradigmenwechsel gelegt werden kann – hin zu mehr Evidenz und
weniger Ideologie, hin zu besserer und effizienterer Mobilitätspolitik für
die moderne Gesellschaft von heute und morgen. Verzerrte Wahrnehmung
Die Unfähigkeit, Entscheidungsoptionen zu be-
werten, machte sich etwa das britische Maga-

S  ie halten Ihre Pläne perfekt ein? Sie treffen


jede Ihrer Entscheidungen nach sorgsamen,
rationalen Kosten-Nutzen-Abwägungen, war-
zin «The Economist» zunutze. Dessen Vertrieb
stellte fest, dass rational unattraktive Optionen
Entscheidungen beeinflussen. Liess man die
ten stets geduldig, bis Sie Ihr Ziel erreichen, und Abonnenten zwischen einem reinen Online-
können mögliche Risiken exakt einschätzen? zugang für 59 Pfund pro Jahr und einem Print­
Dabei denken Sie, dass alle anderen dies auch abo samt Onlinezugang für 125 Pfund wählen,
tun? Dann brauchen Sie an dieser Stelle nicht entschieden sich rund zwei Drittel der Leser für
weiterzulesen. die günstigere Option. Stand aber zusätzlich
Wer aber schon einmal die Diät mit Blick auf eine unattraktive Option – ein Printabo ohne
die Dessertkarte verschoben, gute Vorsätze ver- Onlinezugang für ebenfalls 125 Pfund – zur
gessen oder auch nur Entscheidungen impulsiv Auswahl, verschob sich das Bild. Nun erschien
getroffen hat, wird in den nächsten Zeilen ei- die Kombination aus Print- und Onlineange-
nige Anregungen entdecken. Denn genau mit bot gegenüber dem gleich teuren, reinen Print-
solchen Situationen, mit unseren Fehlern und angebot viel attraktiver, weshalb die grosse
Verlockungen, unseren Pi-mal-Daumen-Regeln Mehrheit der Abonnenten diese Kombination
und unserer Ungeduld beschäftigt sich die Ver- wählte. Wie und in welchem Kontext wir Ent-
haltensökonomie – eine Disziplin, die vergange- scheidungen anbieten, hat also massive Aus-
nes Jahr mit der Verleihung des Nobelpreises an wirkungen auf die getroffene Wahl.
den US-Ökonomen Richard Thaler auf die gros- Die Wirkmächtigkeit sozialer Faktoren zeigt
se Bühne der Wirtschaftswissenschaften ge- indes ein Blick in israelische Kindergärten. Die
hoben wurde. Das Ziel von uns Verhaltensöko- Verhaltensökonomen Uri Gneezy und Aldo
nomen ist es, das Entscheidungsverhalten von Rustichini beschäftigten sich mit dem Um-
­
Menschen experimentell zu ergründen. Die da- stand, dass Eltern ihre Kinder immer wieder
raus gewonnenen, evidenzbasierten Erkennt- zu spät abholten – was Überstunden für die Be-
nisse erschüttern die der ökonomischen Theo- treuenden nach sich zog. Die klassische Ökono-
rie zugrunde liegende Annahme des rationalen, mie zeichnete den vermeintlichen Lösungsweg
perfekt planenden Homo oeconomicus grundle- vor: Will man erreichen, dass Menschen Ver-
gend. halten abstellen, macht man dieses teurer. Wer

20  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

fortan also zu spät kam, zahlte eine Strafe – und auf zwei von der Verhaltensökonomie identi-
rational kalkulierende Eltern sollten ihre Kin- fizierte Irrationalitäten. Zum einen haben die
der nun pünktlich abholen. Die experimentelle meisten Menschen eine «Verlustaversion». Das
Untersuchung dieser aus der Marktlogik schlüs- heisst, wir gewichten Verluste tendenziell hö-
sigen Prognose zeigt allerdings Verblüffendes: her als Gewinne. Wir streben nach Erhalt des
Noch mehr Eltern kamen zu spät. Die Forscher Status quo, wollen gewohnte Abläufe erhalten
subsumierten diesen gegenteiligen Effekt der und messen dem mehr Gewicht zu als mög-
Strafe als «A fine is a price». Trieb vorher noch lichen zusätzlichen Gewinnen. Zum anderen
die soziale Norm, Betreuende nicht warten zu sind unsere Entscheidungen stark von dem be-
lassen, das Verhalten zur Pünktlichkeit, ermög- einflusst, was wir unmittelbar vor uns sehen.
lichte nun die Strafe, sich das Zu-spät-Kommen Wir blenden Alternativen aus, die uns nicht di-
zu erkaufen. Der Preismechanismus, die heilige rekt kognitiv zugänglich sind. In diesem Fall
Kuh der Ökonomie, hatte nicht nur versagt – er spricht man von der sogenannten Verfügbar-
hatte massgebliche Verhaltens­treiber verdrängt keitsheuristik.
und den Effekt ins Kontraproduktive verkehrt. Die Mobilitätsforscher Erel Avineri und Das Auge bevorzugt
Owen Waygood haben Verlustaversionen bei gerade Linien: Seit
Aversion gegenüber Verlusten der Präsentation des CO2-Verbrauchs von die Metro-Karte in
Autos untersucht. Zwei Gruppen wurden ge- ­Washington D. C.
­neugestaltet ­wurde,
Wie finden solche Einsichten im Mobilitäts- beten, die Transportmodi A und B hinsichtlich nehmen weniger
kontext Anwendung? Ein Ansatz ist der Fokus ihrer Umweltbelastung zu bewerten. Der ersten ­Passagiere die über­
lastete Blue Line.

ALAMY

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  21
VERHALTENSÖKONOMIE

­ ruppe wurde die Entscheidung positiv, als Ge- andere über uns denken (soziale Normen). Dies
G
winn formuliert, präsentiert. Den Teilnehmen- klingt selbsterklärend – werden diese Aspekte
den wurde gesagt, Modus A spare auf 5 Meilen jedoch nicht berücksichtigt, kann dies zu ineffi-
2,9 Kilogramm CO2 gegenüber Modus B ein. zienten oder gar kontraproduktiven Massnah-
Die zweite Gruppe sah die identische Informa- men führen. Zu den zentralen sozialen Präfe-
tion als Verlust formuliert: Modus B verbrauche renzen zählt dabei das Bedürfnis nach Fairness.
2,9 Kilogramm CO2 mehr. Wurden die Teilneh- Menschen haben einen belegten Drang, Unfair-
menden nun gebeten, die beiden Modi zu be- ness auszugleichen – dies geht so weit, dass Un-
werten, zeigte sich: In der ersten Gruppe identi- beteiligte bereit sind, Kosten auf sich zu neh-
fizierte nur knapp die Hälfte men, um unfaires Verhalten gegenüber Dritten
der Teilnehmenden grosse zu bestrafen.
Menschen haben einen Unterschiede im Verbrauch Dass Fairness daher auch im Bereich Mobi-
Drang, Unfairness aus- der beiden Transportmodi. lität eine wesentliche Maxime darstellt, zeigt
In der zweiten, mit dem Ver- eine Studie des Schweizer Beratungsunterneh-
zugleichen. lust konfrontierten Grup- mens Fehr Advice. Fühlen sich Bahnpendler un-
pe benannten indes über gerecht behandelt, weichen sie oft auf andere
90  Prozent der Teilnehmenden wesentliche Verkehrsmittel aus: Gemäss der Studie würden
Unterschiede. Die Art und Weise, wie Alterna- ein Drittel der Pendler die SBB durch Nichtnut-
tiven dargestellt werden, hat also grossen Ein- zung «bestrafen», wenn sie sich unfair behan-
fluss auf deren Bewertung. delt fühlten – selbst wenn Alternativen wie das
Eine Gruppe um den Urban-Planning-­ Auto für sie mühsamer oder teurer wären.
Professor Zhan Guo hat derweil aufgezeigt, Eine Studie der California Polytechnic State
wie die Gestaltung von Entscheidungen für University unterstreicht indes die Wirkmäch-
die Verkehrsplanung nutzbar ist. In Washing- tigkeit sozialer Normen.2 Auf deren Campus
ton D. C. überqueren mehrere U-Bahn-Linien galt es ein bekanntes Mobilitätsproblem zu lö-
den Potomac River, entweder über eine Brü- sen: zu viele Autos, zu wenig Parkraum. Eine
cke oder in einem Tunnel. Letzterer wird von Forschungsgruppe gab Autofahrern verschie-
der Blue Line bedient, dem Flaschenhals des dene Anreize, zeitweise auf ihren Parkplatz zu
U-Bahn-Systems. Sämtliche Versuche der Ver- verzichten. Nebst Geld für die Nichtbenutzung
kehrsbehörde, die Blue Line durch klassische des Parkplatzes wurde an das Umweltbewusst-
Angebotssteuerung zu entlasten, schlugen sein der Autofahrer appelliert, oder es gab ein
fehl – Passagiere blieben auf der überlasteten Geschenk von geringem Wert. Das Resultat: Der
Tunnelroute und wichen nicht aus. Abhilfe Appell an das Umweltbewusstsein oder das Ge-
verschaffte ein Kniff aus der Wahrnehmungs- schenk waren erfolgreicher als die Entschädi-
psychologie: Vertikale Linien wirken länger gung, weil sie individuelle Werte ansprachen
als horizontale, und gerade Linien werden be- oder eine Norm adressierten, sich ebenfalls
vorzugt – diese Elemente flossen in eine Um- positiv zu verhalten.
gestaltung der U-Bahn-Karte ein, die die Blue In der Mobilitätspolitik macht es also Sinn,
Line optisch unattraktiver machte. Passa- soziale Normen mit einzubeziehen. In der Regel
giere, die anhand der neuen Karte ihre Route werden damit Kosten gespart und sogar bessere
planten, wählten 9,5 Prozent seltener die Blue Resultate als mit monetären Anreizen erzielt.
Line. Schon kleine Adaptionen der Darstellung, Noch ein Beispiel: Eine Forschungsgruppe
simple «Nudges» , können also das Mobilitäts- der kanadischen University of Victoria bat drei
1

verhalten beeinflussen. Probandengruppen, in den folgenden Wochen


die Nutzung ihres Automobils zu reduzieren.3
Die SBB bestrafen? Der einzige Unterschied war die Information,
die sie über die Erfolge anderer Teilnehmen-
1 Thaler und Sunstein Unsere Entscheidungen werden davon beein- den erhielten. Das Resultat: Die Gruppe, bei der
(2008).
2 Riggs (2017).
flusst, was wir selbst für richtig und wichtig die soziale Norm «viele andere Teilnehmenden
3 Kormos et al. (2015). halten (soziale Präferenzen), und von dem, was verzichten erfolgreich auf ihr Auto» intensiv

22  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

kommuniziert wurde, reduzierte ihre Autonut- wohl in der Erforschung des Mobilitätsver-
zung im Pendelverkehr viermal stärker als die haltens als auch in den abgeleiteten Handlun-
Kontrollgruppe, die keinerlei normative Infor- gen in Politik und Praxis verankert wird. Diese
mation erhalten hatte. dürfen nicht nur auf Annahmen oder wissen-
schaftlich überholten Methoden basieren. Die
Paradigmenwechsel nötig Verhaltensökonomie bietet die Konzepte, in-
haltlich wie methodisch, ausgetretene Pfade
Unser Verhalten ist also auch bei Mobilitäts- zu verlassen, einen Paradigmenwechsel ein-
entscheiden mitnichten so rational, wie es zuleiten – und damit wirksamere Mobilitäts-
klassische Modelle von Angebot und Nach- konzepte für die heutige Gesellschaft und ihre
frage glauben lassen. Wenn wesentliche Trei- Mobilitätsbedürfnisse zu entwickeln.
ber des Entscheidungsverhaltens nicht berück-
sichtigt werden, sind monetäre Massnahmen
in der Verkehrspolitik oft unwirksam oder gar
kontraproduktiv. Als stellvertretendes Beispiel
kann die Einführung von Parkgebühren beim
Einkaufsverkehr genannt werden, die in aller
Regel nicht zum Umstieg auf den öffentlichen
Verkehr führen, sondern häufig zu kontrapro-
duktiven Effekten wie Such- und Ausweichver-
Matthias Sutter
kehr. Direktor am Max Planck Institut Bonn und Professor
Es ist an der Zeit, dass die fundamentale für Experimentelle Wirtschaftsforschung an den
Uni­versitäten Köln und Innsbruck
Erkenntnis eingeschränkter Rationalität so-

Literatur
Avineri, E. und Waygood, O. (2013). Applying Guo, Z.; Zhao, J.; Whong, C.; Mishra, P. und Wy- Riggs, W. (2017). Painting the Fence. Social
Valence Framing to Enhance the Effect of In- man, L. (2017). Redesigning Subway Map to Norms as Economic Incentives to Non Auto-
formation on Transport-related Carbon Dioxi- Mitigate Bottleneck Congestion: An Experi- motive Travel Behavior. Travel Behavior and
de Emissions. Transportation Research Part A: ment in Washington DC Using Mechanical Society, Vol. 7, pp. 26–33.
Policy and Practice, Vol. 48, pp. 31–38. Turk. Transportation Research Part A, Vol. 106, Thaler, R. H. und Sunstein, C. (2008). Nudge.
FehrAdvice & Partners (2016). Gemeinsame pp. 158–169. Improving Decisions About Health, Wealth,
Hebel und Wege zur Optimierung der Auslas- Kormos, C.; Giffort, R. und Brown, E. (2015). The and Happiness. New Haven, CT: Yale Univer-
tung im öffentlichen Verkehr. Zürich. Influence of Descriptive Social Norm Informa- sity Press.
Gneezy, U. und Rustichini, A. (2000). A Fine Is tion on Sustainable Transportation Behavior. A
a Price. Journal of Legal Studies, Vol. 29, No. Field Experiment. Environment and Behavior,
1, pp. 1–17. Vol. 47 (5), pp. 479–501.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  23
VERHALTENSÖKONOMIE

Schweizer Bevölkerung zu mehr


­Nachhaltigkeit «stupsen»
Umweltbewusstes Verhalten kann mittels sogenannten Nudgings herbeigeführt werden.
Die Stiftung Risiko-Dialog hat untersucht, wie der psychologische Ansatz in der Schweiz
im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit eingesetzt wird.  Ester Osuna, Anna-Lena Köng,
Matthias Holenstein

Abstract  Nudging-Massnahmen, die unser Verhalten mittels psychologi- In jüngster Vergangenheit werden Nud-
scher Ansätze subtil in eine Richtung lenken, finden in Bereichen wie Mar- ges immer häufiger sowohl von unterschied-
keting, Nachhaltigkeit und Gesundheit Anwendung. Bisher fällt die em- lichen Organisationen als auch von der öffent-
pirische Grundlage hinsichtlich des Einsatzes solcher Massnahmen eher lichen Hand beispielsweise im Bereich Umwelt
spärlich aus: Wann gelingen sie? Unter welchen Bedingungen sind sie ge-
und Nachhaltigkeit, Ernährung und Gesundheit
sellschaftlich akzeptabel? Eine Studie der Stiftung Risiko-Dialog zeigt,
dass die demokratische Grundlage für die Implementierung von Nudges oder auch im Kontext Bildung eingesetzt, um
eine zentrale Rolle für die Akzeptanz spielt. Der gehäufte Einsatz und die «bessere» Entscheidungen zu unterstützen. Da-
hohe Wirksamkeit von Nudging lassen indes aktuell weitere Branchen auf- bei weisen Kritiker darauf hin, dass insbesonde-
horchen, unter anderem die klassische Risikokommunikation. Liessen sich re bei breit angelegten Nudging-Massnahmen
Nudges womöglich auch in der Präventionsarbeit wirkungsvoll einsetzen? die Frage zu diskutieren ist, wer wen mit wel-
Dies möchte die Stiftung Risiko-Dialog aktuell in Zusammenarbeit mit der chen Absichten stupsen darf und welche Hilfs-
Suva prüfen. mittel verwendet werden dürfen.

W  enn das Treppensteigen zum Erlebnis


wird, verzichten wir auf den Lift oder die
Rolltreppe. Dies beweist die «Piano-Treppe» an
Studie zu Umwelt und
­Nachhaltigkeit
der Metrostation Odenplan in Stockholm, wo Damit Nudging ethisch vertretbar und somit ge-
jede Stufe einen Ton erzeugt, wenn man da- sellschaftlich akzeptabel ist, sind unterschied-
rauf tritt. Die Absicht hinter dieser Stadtpla- liche Rahmenbedingungen zu erfüllen. Laut
nung beschränkt sich allerdings nicht nur auf Thaler sollen Nudges transparent und nicht ir-
den Spassfaktor beim Pendeln; vielmehr soll reführend sein.2 Zudem müsse man sie einfach
die Treppe die Metrobenutzer auch dazu anre- umgehen können, und die angestrebte Verhal-
gen, sich mehr zu bewegen. Solche und ähnli- tensänderung soll dem Wohl der gestupsten
che Massnahmen, die unser Verhalten mithilfe Person zugutekommen. Um die Frage der ge-
psychologischer Ansätze subtil in eine Richtung sellschaftlichen Vertretbarkeit weiter zu prü-
lenken, nennt man «Nudging». Der Begriff wur- fen, führte die Schweizer Stiftung Risiko-Dia-
de 2008 durch das Buch «Nudge: Wie man kluge log eine qualitative Studie zur Akzeptanz und
Entscheidungen anstösst» von Richard Thaler Wirksamkeit von unterschiedlichen in der
und Cass Sunstein geprägt. Die beiden US-Ver- Schweiz eingesetzten Nudging-Massnahmen
haltensforscher definieren Nudging (zu Deutsch im Kontext Umwelt und Nachhaltigkeit durch.3
etwa «stupsen») wie folgt: «Unter Nudge ver- Anhand von sechs Fallbeispielen wurde unter-
stehen wir (…) alle Massnahmen, mit denen sucht, wie Nudging auf diesem Gebiet einge-
Entscheidungsarchitekten das Verhalten von setzt wird und welche praktischen Erfahrungen
Menschen in vorhersagbarer Weise verändern private und staatliche Akteure im Hinblick auf
1 T haler und Sunstein können, ohne irgendwelche Optionen auszu- Wirkung und Akzeptanz gemacht haben.
(2015). schliessen oder wirtschaftliche Anreize stark In der Studie wurde unter anderem die «Green
2 Thaler (2015).
3 Högg und Köng (2016). zu verändern.»1 Default»-Option bei der Auswahl von Strom-

24  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

ALAMY

Wie ermutigt man


die Menschen zum
produkten untersucht. Im Rahmen dieser Mass- Treppensteigen? Bei matische Wechsel zum neuen und auch teureren
nahme wechselt der Energieanbieter das Strom- der Piano-Treppe – Standardprodukt birgt ein gewisses Konflikt-
standardprodukt auf einen Strommix mit einem hier im chinesischen potenzial, denn die Kundschaft könnte sich be-
Hangzhou – erzeugt
grösseren Anteil an erneuerbarer Energie. Wenn jede Stufe einen Ton.
vormundet oder manipuliert fühlen. In St. Gallen
ein Kunde beim alten, weniger ökologischen war dies jedoch nicht der Fall.
Strommix bleiben möchte, muss er eine aktive Warum hat die Bevölkerung den «Stups» so
Entscheidung treffen. Unterschiedliche Stadt­ gut aufgenommen? Zum einen haben die St. Gal-
werke, unter anderem auch die St. Galler Stadt- ler Stadtwerke eine breit angelegte Kommunika-
werke, haben mittels dieser Nudging-Massnahme tionskampagne inklusive Plakaten, Kinospots etc.
ein ökologisches Stromprodukt für Privatkund- gemacht. So konnten grosse Teile der Bevölke-
schaft als Standardpaket eingeführt. Dieser auto- rung informiert werden, wodurch sich niemand

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  25
VERHALTENSÖKONOMIE

überrumpelt fühlen sollte. Zum anderen war das nen und transparenten Kommunikation der Or-
zugrunde liegende politische Ziel dieser Mass- ganisationen gegenüber der Öffentlichkeit zu-
nahme, den 2010 vom Stimmvolk beschlossenen sammen.
Atomenergieausstieg zu ermöglichen. Diese de- Da Nudging auf das unreflektierte, automa-
mokratische Legitimierung hat wesentlich dazu tische Verhalten abzielt, entfällt die Wirkung
beigetragen, dass die Akzeptanz in der Bevölke- eines Nudges normalerweise, wenn dieser wie-
rung gross war. Seit Einführung dieser «Green der entfernt wird. Dennoch kann er in bestimm-
Default»-Massnahme beziehen rund 70 Prozent ten Fällen zu einer neuen sozialen Norm führen,
der St. Galler Stadtbevölkerung das ökologische indem eine langsame Einstellungsänderung be-
Stromprodukt. Vorher tat dies nur eine Minder- wirkt wird. So können beispielsweise der ur-
heit der Bevölkerung. sprünglich angestupste Konsum nachhaltiger
Nebst zwei weiteren «Green Default»-­ Produkte in der Mensa oder die kürzere Dusch-
Option-Massnahmen beim Zürcher Elektrizi- zeit zur Gewohnheit oder gar zum bewussten
tätswerk EWZ und den Winterthurer Stadt- Trend werden. In dem Falle würde das Verhal-
werken befasste sich die Studie der Stiftung ten weiterhin – auch bei Wegfallen des Nudges –
Risiko-Dialog mit Nudging bei der Gastroan- ausgeführt werden.
bieterin SV Group, dem Tiefbauamt der Stadt Die Empirie zeigt weiter, dass Nudging am
Thun und dem «Smartmeter» für Duschen des besten funktioniert, wenn das gewünschte
Zürcher Herstellers Amphiro. Verhalten mit wenig Aufwand erreicht werden
kann  – sowohl kognitiv als auch aus Ressour-
Werte sind wichtig cenperspektive. Das heisst, je weniger beispiels-
weise über die Wahl eines Stromproduktes
Basierend auf den untersuchten Fallbeispie- nachgedacht werden muss und je weniger Kos-
len und Gesprächen mit Fachleuten, lassen sich ten- und Zeitaufwand mit einem Wechsel ein-
unterschiedliche Erkenntnisse gewinnen, wel- hergehen, desto empfänglicher sind Menschen.
che die Rahmenbedingungen für ein erfolgrei- Über alles kann festgehalten werden, dass
ches und gesellschaftlich akzeptables Einfüh- Nudging im Bereich Umwelt und Nachhaltigkeit
ren von Nudges zusammenfassen. Zentral ist in der Schweiz, so wie es bislang betrieben wird,
die demokratisch legitimierte Grundlage – ins- auf sehr gute Resonanz trifft. Das Beispiel des
besondere bei staatlichen Akteuren. Weiter «Green Default» bei der Stromauswahl zeigt,
zeigt sich, dass die Akzeptanz und die Wirkung dass Nudging-Massnahmen aber über einen be-
bei einzelnen Individuen höher sind, wenn das trächtlichen Wirkungshebel verfügen können.
Ziel des Nudges mit ihren persönlichen Zielen Damit verbunden ist eine gewisse Verantwor-
übereinstimmt. tung der privaten und staatlichen Akteure.
Nudging weckt bei den Betroffenen poten-
ziell viele Emotionen. Je nach Image der Akteu- Unfälle vermeiden
re und Inhalt des Nudges spielt deshalb die be-
gleitende Kommunikation eine wichtige Rolle. Nudging beschränkt sich in der Schweiz nicht
Ein wichtiges Kriterium für die Akzeptanz ist nur auf die Förderung ökologischeren Verhal-
ausserdem die Freiwilligkeit: Wenn es um Ver- tens, sondern wird etwa auch zur Gesundheits-
haltensänderungen in persönlichen Bereichen förderung eingesetzt. So positionieren gewisse
wie beispielsweise der Gesundheit oder dem Supermärkte gesunde Lebensmittel auf Augen-
Verhalten in der eigenen Wohnung geht, muss höhe, oder Unternehmen bringen im Büroge-
ein Nudge unaufdringlich und leicht zu umge- bäude Fussabdruck-Kleber an, die den Weg in
hen sein. Richtung Treppe weisen.
Weiter zeigt die Studie: Je grösser das Ver- Der Erfolg von Nudging lässt Branchen al-
trauen in eine Organisation ist, desto eher wird ler Welt aufhorchen. Der Einsatz psychologi-
darauf vertraut, dass richtige Entscheidungen scher Ansätze im Rahmen der strategischen
im Sinne des Allgemeinwohls getroffen werden. Risikokommunikation eröffnet insbesondere
Das Vertrauen hängt dabei stark mit einer offe- auch im Rahmen von Präventionsarbeiten neue

26  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

Möglichkeiten. Das Stupsen zu sichererem Ver- bis 2020 noch freiwillige «Sesame Credit Sys-
halten könnte eine grosse Wirkung erzielen. tem» im Einsatz. Die Vertrauenswürdigkeit der
Internationale Arbeiten weisen aktuell ver- Bürger wird dabei in einem vom Staat initiierten
stärkt darauf hin, dass das Potenzial von Nud- Punktesystem abgebildet. Dabei werden Äusse-
ging-Ansätzen im Bereich der Arbeitssicher- rungen in sozialen Medien oder Konsumpräfe-
heit gross ist. Ein vielversprechender Ansatz, renzen bewertet. Je höher der eigene Score ist,
um situationsbedingte Aufmerksamkeit und Si- umso einfacher erhält man beispielsweise Zu-
cherheitspraktiken in der Arbeitssicherheit zu gang zu Reisevisa und Finanzkrediten. In sol-
verbessern, ist beispielsweise die visuelle Kom- chen Fällen tragen die staatlichen Akteure eine
munikation über Farbkodierungen von Rohr- grosse Verantwortung, insbesondere weil per-
systemen.4 sönliche Daten verwendet werden, um die Ge-
In der Schweiz setzt sich auch die Unfall- sellschaft merklich oder unmerklich zu lenken.
versicherung Suva mit der Frage auseinander, Transparenz sowie die gesellschaftliche Le-
ob Nudging verstärkt im Rahmen der Betriebs- gitimation von Veränderungsmassnahmen stel-
und Freizeitunfallprävention zum Einsatz kom- len global immer wichtigere Werte dar, die es
men könnte. «Wir wollen das Verhalten der auch im Zuge von Nudging-Ansätzen sicher-
Menschen in Zukunft mit einfachen Tricks so zustellen gilt. Nicht zuletzt scheint es daher
beeinflussen, dass der Mensch den Helm beim wichtig zu sein, das subtile Stupsen von Ver-
Fahrradfahren immer trägt und sich freiwil- haltensänderungen zum Wohle von Mensch
lig sicherer verhält», sagte der Vorsitzende der und Umwelt kommunikativ zu unterstützen.
Geschäftsleitung, Felix Weber, jüngst in einem So kann idealerweise eine eigenverantwortliche
SRF-Radiointerview. Um die bereits vorhande- und bewusste Auseinandersetzung mit gesell-
nen Arbeitssicherheitsmassnahmen mit Nud- schaftlich wichtigen Themen stattfinden – ganz
ging-Ansätzen zu erweitern, hat die Suva zu- im Sinne der breit abgestützten Gestaltung von
sammen mit der Stiftung Risiko-Dialog ein Zukunftsvisionen und damit verbundenen kon-
Projekt lanciert. Ziel ist es, bestehendes Wissen kreten Massnahmen. 4 Lunt und Staves (2014).
rund um den Einsatz von Nudging-Massnah-
men im Bereich Arbeitssicherheit und Gesund-
heit zusammenzutragen und gemeinsam mit
Experten konkrete Ableitungen für die Suva zu
machen.

Computergelenktes «Big Nudging»


Nudging bietet grosses Potenzial, um in unter-
Ester Osuna Anna-Lena Köng Matthias Holenstein
schiedlichen Bereichen kluge Entscheidungen Projektmitarbeiterin Projektleiterin Stiftung Geschäftsführer Stiftung
anzustossen. Dieses Potenzial ist jedoch mit ­Stiftung Risiko-Dialog ­Risiko-Dialog Risiko-Dialog
Bedacht auszuschöpfen. Fachleute weisen ins-
besondere auf Gefahren hin, die sich aus der
Literatur
Kombination von Nudging, Big Data und Ma-
Lunt, J. und Staves, M. (2014). Thaler, R. H. und Sunstein, C. Högg, R. und Köng, A. (2016).
schinenlernen ergeben, da Datenanalysen Nudge Nudge, Think Think: R. (2015). Nudge – Wie man Nudging im Bereich Umwelt
Beyond Compliance: Innova- kluge Entscheidungen an- und Nachhaltigkeit, Stiftung
einen computerbasierten Einsatz von indivi- tive Leadership in Health and stösst (5. Auflage). Berlin: Risiko-Dialog, St. Gallen.
dualisierten Nudges erlauben. Verschiedene Safety, in: Safety and Health Ullstein.
Practitioner, 10–15. Thaler, R.H. (2015). The Power
Staaten und privatwirtschaftliche Organisatio- of Nudges, for Good and Bad,
nen scheinen zurzeit in Richtung von «Big Nud- The New York Times, 31. Ok-
tober 2015.
ging» zu gehen. In China beispielsweise ist das

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  27
MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Bei Fehr Advice kann jeder


­Mitarbeiter seine persönliche
Work-Life-Balance bestimmen.
Gerhard Fehr vor einem Schema
zu den Karrieremöglichkeiten in
seinem Unternehmen.
28  Die Volkswirtschaft  10 / 2018
FOKUS

«Wir regulieren nicht zu viel –


wir regulieren schlecht»
Gerhard Fehr, Chefberater von Fehr Advice, plädiert für freiwillige Regulierungen.
Im Interview sagt er, wie man mit Verhaltensökonomie Bürger und Unternehmen zu
­erwünschtem Verhalten führen kann – zum Beispiel im CO2-Bereich.  Nicole Tesar

Herr Fehr, der letztjährige Nobelpreisträger für Bisher werden die Erkenntnisse der Verhaltens-
Wirtschaft war mit Richard Thaler ein Verhaltens- ökonomie schweizweit, mit Zürich als Motor, sys-
ökonom. Sie haben sich diese Disziplin in Ihrem tematisch in die Lehre eingebaut. Auch für Zürich
Beratungsunternehmen auf die Fahne geschrie- als weltweit wichtigsten Hub für Verhaltensöko-
ben. Profitieren Sie von Thalers Auszeichnung? nomie ist der Nobelpreis deshalb ein Geschenk.
Ja, ein Nobelpreis ist wie ein Ritterschlag der
Scientific Community. Für die Legitimation in Was untersucht die Verhaltensökonomie?
der Praxis hilft das natürlich. Die Verhaltens- Sie untersucht, wie sich Menschen im tatsäch-
ökonomie hat seit Anfang der Neunzigerjahre lichen Leben in Gruppen verhalten und wie sie
die Wirtschaftswissenschaften revolutioniert. Entscheidungen treffen. Die Forschung zeigt,
Mit Richard Thaler ist nun die empirische Revo- dass die zentrale Annahme der klassischen Öko-
lution der Ökonomie in der breiten Öffentlichkeit nomie, dass der Mensch immer rational ent-
angekommen. scheidet, oft nicht zutrifft.

Und das ist in Ihrem Sinne? In welchen Wirtschaftsbereichen hat das Modell
Ja, denn aus meiner Sicht ist die Ökonomie die des Homo oeconomicus ausgedient?
einzige wirklich interdisziplinäre Sozialwissen- Mit dem Homo oeconomicus haben es die Öko-
schaft. Sie analysiert menschliches Verhalten nomen geschafft, eine generelle Theorie auf-
mit psychologischen, soziologischen, spieltheo- zustellen, die in den letzten rund 60 Jahren in
retischen, neurowissenschaftlichen und ökono- Politik und Wirtschaft sehr grossen Einfluss ge-
metrischen Methoden und kann dadurch sehr wonnen hat. Beispielsweise basieren heute die
viel in der Politik und der Wirtschaft erklären – Funktionsweise von Notenbanken sowie das
aber auch verändern. Momentan sickern die Er- Verständnis für Märkte und Freihandel auf die-
kenntnisse allerdings noch sehr langsam in die sen Annahmen. Die zentrale Annahme des Homo
Gesellschaft. oeconomicus war, dass es zwar irrationales Ver-
halten gibt, dieses jedoch auf Märkten nicht sys-
Wie meinen Sie das? tematisch beobachtbar ist. Für gewisse Märkte
Verhaltensökonomie ist bisher hauptsächlich an wie etwa den Erdölmarkt mag das stimmen. Für
Universitäten präsent. Wirtschaft, Politik und
Verwaltung stehen hier am Anfang. Viele Re-
gierungen beginnen gerade erst damit zu expe- Gerhard Fehr
rimentieren. Alte Rezepte funktionieren nicht Seit 2009 ist der 46-jährige Gerhard Fehr Chef des auf
­Verhaltensökonomie spezialisierten Zürcher Beratungsunter-
mehr wie gewünscht. Um Neues und Besseres zu nehmens Fehr Advice und Partners. Die Firma hat er mit ­seinem
gestalten, benötigt man ein empirisch fundiertes Bruder Ernst Fehr gegründet, der Verhaltensökonom an der
Verständnis menschlichen Verhaltens. Universität Zürich ist. Der gebürtige Österreicher Gerhard Fehr
hat Betriebswirtschaft an der Universität Wien, an der kalifor-
nischen UCLA und der Londoner City University studiert. Vor
Wo steht die Schweiz betreffend Forschung in seinem Engagement bei Fehr Advice hat er bei verschiedenen
diesem Bereich? Firmen im Finanzbereich gearbeitet.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  29
VERHALTENSÖKONOMIE

Arbeitsmärkte, beim Klimawandel, in interna- Ich finde es nicht verwerflich. Das ist die Aufga-
tionalen Handelsabkommen und auch in Organi- be von Politik. Wir verändern mit jeder neuen
sationen ist diese Annahme meist nicht korrekt. Regulierung das Verhalten von Menschen. Aber
Dort spielen systematische Verhaltensmuster, was ist gesellschaftlich erwünschtes Verhal-
Fairnesspräferenzen, Geduld, Identität und Refe- ten? Und wie viel Entscheidungsfreiheit ermög-
renzpunktabhängigkeiten eine grosse Rolle. licht man den Bürgern? In der Schweiz tun wir
uns mit dieser Frage ein bisschen leichter, weil
Das sogenannte Nudging – auf Deutsch ­könnte die Politiker durch die Basisdemokratie näher
man es als Stupsen bezeichnen – bedient sich am Bürger sind und an der Wahlurne ein unmit-
ebenfalls an menschlichen Verhaltensmustern. telbares Feedback bekommen können. In einer
Was wird genau untersucht? repräsentativen Demokratie, wo diese Art von
In ihrem richtungsweisenden Buch «Nudging» Mitsprache fehlt, ist es fundamental, dass in de-
aus dem Jahr 2008 befassen sich Richard Thaler mokratischen Prozessen ausdiskutiert wird, was
und Cass Sunstein mit der Frage: Wie kann man erwünschtes Verhalten ist.
Verhalten von Menschen ändern, ohne zu stark
in ihre Entscheidungsfreiheit einzugreifen? Das Die britische Nudge Unit hat beispielsweise einen
ist fundamental. Die Entscheidungsfreiheit bleibt Brief an die Bürger geschrieben, in dem stand:
beim Nudging erhalten, aber es werden gewis- «Neun von zehn Bürgern zahlen die Steuern recht-
se Grundeinstellungen – sogenannte Defaults  – zeitig. In Ihrer Nachbarschaft haben schon fast alle
geändert. Haben wir Menschen die Wahl, ent- bezahlt.» Dieses Vorgehen war erfolgreich. Mehr
scheiden wir uns meist für die Standardoption. Leute haben ihre Steuerschuld beglichen.
Regierungen und Unternehmen nutzen diesen Ich glaube, es gibt kaum jemand, der in einem
Umstand: Sie verändern die Standardoption in fairen Steuersystem gegen mehr Steuerehrlich-
ihrem Sinne und «stupsen» die Bürger und Kun- keit ist. Aber es gibt auch Themen, wo es keinen
den so zum gewünschten Verhalten. klaren Konsens darüber gibt, was gesellschaft-
lich erwünschtes Verhalten ist. Wichtig ist, dass
Im Marketing werden wir mit Gerüchen und Mu- wir die Nebenwirkungsdiskussion nicht ausser
sik seit Jahrzehnten dazu veranlasst, gewisse Acht lassen. So kritisieren libertäre Kreise etwa,
Produkte zu kaufen. Ist die Verhaltensökonomie diese Art der Beeinflussung mindere die Selbst-
also gar nichts Neues? verantwortung der Bürger. Die verhaltensöko-
So gesehen stimmt das. Auch die Psychologie nomische Empirie kann diese These allerdings
hat in den letzten hundert Jahren irrationales nicht bestärken. Denn wir können zeigen, dass
Verhalten zu ergründen versucht. Seit einigen es Menschen gibt, die auch dann wenig lernen,
Jahren zeigt sich, dass sich empirisch-psycho- wenn sie Fehler machen und für diese finanzielle
logische Arbeiten nur sehr bedingt replizieren Nachteile in Kauf nehmen müssen.
lassen  – sprich: Mit derselben experimentellen
Anordnung sind keine vergleichbaren Ergebnis- Es gibt schon über 50 Länder, welche Nudging
se zu erwarten. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein von staatlicher Seite her anwenden. Warum hat
Resultat in einem verhaltensökonomischen Ex- die Schweiz noch keine solche Einheit?
periment wiederholt werden kann, ist hingegen Ich glaube, die Schweiz braucht keine.
hoch. Und das gibt der Politik, dem Management
und den Wissenschaftern die Sicherheit, das Er- Warum?
kenntnisse erforscht werden, die hohe Relevanz Der Bund hat viel weniger Kompetenzen als in
für die Praxis haben. Und das ist die Grundlage anderen Ländern. Eine zentrale Einheit wäre so-
für Fortschritt. gar kontraproduktiv. Aber viele Bundesämter,
Kantone und Gemeinden verschliessen sich die-
Die britische Regierung hat 2010 eine sogenann- sen neuen Ansätzen nicht. Denn die Verhaltens-
te Nudge Unit gegründet, welche die Bürger dazu ökonomie gibt ihnen viel mehr Möglichkeiten,
bringen will, sich in ihrem Sinne zu verhalten. Ist mit begrenzten Ressourcen die Themen bürger-
das verwerflich? näher und sparsamer zu behandeln.

30  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


FOKUS

Gibt es ein Beispiel, wo Nudging in der Schweiz Ist Nudging Manipulation?


ein Thema sein könnte? Man kann nicht nicht beeinflussen. Das gilt auch
Ja, beispielsweise bei den Organspenden. Heu- in der Geschlechterfrage. Nichts zu tun, bedeu-
te haben wir eine freiwillige Opt-in-Regel beim tet, Frauen so zu beeinflussen, dass sie viel weni-
Spenden, aber wir sehen, dass das nicht so gut ger Karrierechancen und Lohngleichheit erleben
funktioniert. Dabei müsste man nur eine Opt- und die ganzen Kosten der Kinder selber tragen
out-Regel daraus machen. So hat es Holland müssen. Wenn wir nichts tun, zementieren wir
gemacht, und auch in Österreich existiert eine die Strukturen, welche die Männer bevorzugen.
solche Opt-out-Regel bereits seit vielen Jahren. Wir beeinflussen also auch.
Dort werden die Organe im Unglücksfall ge-
spendet, ausser die Angehörigen entscheiden Wie lässt sich dieses Muster aufbrechen?
sich dagegen. In der Schweiz ist es umgekehrt. In unserer Firma haben wir mit den Mitarbeiten-
Hier muss man sich aktiv für das Spenden ent- den zusammen eine Arbeitsumgebung geschaf-
scheiden. fen, wo Frauen sich systematisch wohl und Män-
ner sich aufgrund der Veränderung nicht unfair
Was passierte in diesen Ländern? behandelt fühlen.
In Holland hatte man zuvor mit teuren Be-
wusstseinskampagnen eine Spenderrate von Wie geht das?
27 Prozent erreicht. Nachdem man die Stan- In einem Prototyp, den wir seit zwei Jahren tes-
dardoption geändert hat, kommen heute 90 ten, haben wir drei Karrierewege durch die Fir-
Prozent der zur Spende geeigneten Bevölke- ma konzipiert. Einen dieser Wege nennen wir Ir-
rung als Organspender infrage. Rund 10 Pro- rational Track. Mit diesem Weg ermöglichen wir
zent melden sich aktiv ab. Und das ist gut so – einen schnellen Aufstieg, dementsprechend ist
niemand soll seine Organe spenden, wenn er es auch die erwartete Arbeitsleistung hoch. Einen
explizit nicht will. zweiten Weg nennen wir Evidence-based Track.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  31
VERHALTENSÖKONOMIE

Hier kann die Arbeitszeit flexibel reduziert wer- Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft
den. Und einen dritten Weg nennen wir Experi- und Technik zu tun haben. Auch das bedingt
mentability Track. Letzteren wählen Menschen, eine Verhaltensänderung – möglicherweise von
die experimentieren und an- den Lehrern oder den Eltern. Derzeit untersu-
dere Arbeitsformen entwi- chen wir in einem anderen grossen Projekt für
«Man kann nicht nicht ckeln wollen. Nehmen wir einen Retailer in der Schweiz, wie man es schafft,
beeinflussen.» das Beispiel eines 50-jährigen Menschen digital zu binden, damit sie mehr Zeit
Bankers, der das Bedürfnis online mit diesem Unternehmen verbringen und
hat, sich zu verändern. Statt zu kündigen, macht beginnen, mit dem Unternehmen gemeinsam
er bei uns ein dreimonatiges Sabbatical und lernt neue Themen zu entwickeln.
Verhaltensökonomie. Mit anderen Worten: Mit
dem Aufzeigen dieser Karrierewege machen wir Beraten Sie auch die Politik?
die Entscheidungsarchitektur für Karriere trans- Wir machen Beratung im Bereich Regulierung.
parent, aber wir lassen unseren Mitarbeitern die Dort suchen wir nach Lösungen, wie man bür-
Freiheit, selber zu entscheiden, welchen Karriere- gernäher werden kann und die Politik wieder die
weg sie wählen. Akzeptanz findet, die es braucht. Heute gibt es
keinen einzigen Bereich, der nicht reguliert ist.
Was ist das Fazit, das Sie daraus ziehen?
Alleine dadurch, dass man diese drei Möglich- Sie meinen, dass man Gebote und Verbote erset-
keiten transparent macht, erzielt man auf ein- zen müsste?
mal andere Verhaltensweisen der Menschen. Wir Wir regulieren nicht zu viel – wir regulieren
wollen keine normative Work-Life-Balance vor- schlecht. Nehmen Sie etwa das Mobility-­Pricing,
geben, denn es gibt auch Menschen, die arbeiten bei dem Mobilität nach Angebot und Nach-
gerne viel, wollen aber nicht als schlechtes Rol- frage bepreist wird. Solche Massnahmen wir-
lenmodell an den Pranger gestellt werden. ken oft nur eingeschränkt, benachteiligen aber
Menschen, die zu bestimmten Uhrzeiten pen-
Welchen Nutzen hat Ihre Firma davon? deln müssen. Aber es gibt auch Ausnahmen: Das
Wenn wir den Leuten Entscheidungsfreiheit ge- Rauchverbot in öffentlichen Räumen etwa lässt
ben, identifizieren sie sich viel stärker mit dem sich nicht ersetzen. Hier kommt man mit Nud-
Unternehmen. Das ist Verhaltensökonomie pur. ging nicht weiter. Das heisst, wir brauchen also
Freiwilligkeit erhöht die Motivation – und damit des Öfteren auch harte, zentrale Regulierungen.
die Zufriedenheit der Leute – erheblich. Aber das ist nur auf wenigen Gebieten so. Am
besten sind freiwillige Regulierungen, wo Men-
Worauf legen Sie bei der Unternehmensberatung schen und Unternehmen sich anpassen können.
den Fokus?
Wir entwickeln Massnahmen, die das mensch- Wo konkret gibt es Ihrer Meinung nach Anwen-
liche Verhalten in die gewünschte Richtung ver- dungsmöglichkeiten für freiwillige Regulierungen?
ändern. Wir haben Projekte sowohl zum Kun- Beispielsweise im CO2-Bereich. Hierzu gibt es
denverhalten als auch zum Mitarbeiterverhalten bereits ein Experiment der privaten schweizeri-
und zur Compliance. Da geht es teilweise um la- schen Energieagentur Enaw, welches kleinen und
pidare Dinge, beispielsweise wie man in E-Mails mittleren Unternehmen ermöglicht, die Len-
die CC-Flut verringern könnte, die Millionen von kungsabgabe zu vermeiden und stattdessen ein
Arbeitsstunden frisst. Oder wie man Mitarbeiter Commitment zu machen, an dem sie sich mes-
dazu bringt, ihre Spesenrapporte rechtzeitig und sen lassen. Wenn ein Unternehmen sein selbst
akkurat auszufüllen. gestecktes Ziel aber nicht erfüllt, bekommt es
die zentrale Regulierung zu spüren. Dieses Vor-
Sie behandeln also die ganze Themenpalette? gehen sollte man auch auf grosse Unternehmen
Uns interessiert jedes Thema. Beispielsweise ausdehnen.
arbeiten wir in Österreich zur Frage, wie man
mehr Frauen in Mint-Berufe bringt, die also mit Interview: Nicole Tesar, Co-Chefredaktorin

32  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


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KEYSTONE
EINBLICK VON STEFANIE WALTER

EU bleibt beim Brexit hart


Die EU hat sich bei den Brexit-Verhandlungen Aspekte der europäischen Integration ohne
gegenüber Grossbritannien bisher kompromiss- die Verpflichtungen einer EU-­Mitgliedschaft
los gezeigt – eine ähnliche Haltung hatte sie weiter zu geniessen, ist die Gefahr gross, dass
bereits gegenüber der Schweiz eingenommen, auch in anderen Staaten Rufe nach einem
als es um die Umsetzung der Masseneinwan- Austritt laut werden. Wenn jedoch die Mit-
derungsinitiative ging. Warum fährt die EU in gliedsstaaten nicht mehr bereit sind, die für
den Brexit-Verhandlungen so eine harte Linie? internationale Kooperation notwendigen
Die Verhandlungsstrategie gegenüber den Bri- Kompromisse mitzutragen, dann steht die
ten überrascht auf den ersten Blick, steht doch EU vor dem Aus. Ein Entgegenkommen der
für die EU bei einem «harten» Brexit, oder so- EU birgt also enorme Ansteckungsrisiken.
gar einem «No deal Brexit», viel auf dem Spiel: Um ihren eigenen Zusammenhalt zu schüt-
Aufgrund der engen Wirtschaftsbeziehun- zen, muss die Union einen Austritt eines Mit-
gen zwischen dem Vereinigten Königreich und glieds möglichst unattraktiv gestalten.
den 27 EU-Mitgliedsstaaten würde ein harter Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht,
Brexit zu grossen Verwerfungen auf dem Kon- dass die harte Verhandlungsstrategie der EU
tinent führen. Schätzungen der Universität in den verbleibenden Mitgliedsstaaten gros-
Groningen gehen davon aus, dass sich die Kos- se Zustimmung findet – und zwar nicht nur
ten eines harten Brexit auf etwa 2,6 Prozent bei den 27 Regierungen, die die Verhandlungs-
des EU-27-Bruttoinlandprodukts (BIP) belau- richtlinien der EU festgelegt haben, sondern
fen, wobei die Kosten bei einem Scheitern der auch bei weiten Teilen der Bevölkerung. In
Verhandlungen wohl noch höher ausfielen. einer Onlineumfrage, die die Universität Zü-
Dennoch gibt es gewichtige Gründe, die für rich im Juni 2018 unter über 9000 EU-Bürgern
eine harte Position der EU sprechen. Der ers- (ohne Grossbritannien) durchführte, sprach
te Grund ist die asymmetrische Verhand- sich fast die Hälfte aller Befragten für eine et-
lungssituation: Auch wenn die EU wirtschaft- was oder sehr harte Verhandlungsstrategie
lich viel durch einen harten Brexit zu verlieren der EU-Kommission aus. Demgegenüber be-
hat, würden die Briten mit geschätzten Kosten vorzugte lediglich jeder zehnte Befragte eine
von 12,2 Prozent des britischen BIP doch un- kompromissbereitere Verhandlungslinie.
gleich stärker leiden. Dies gibt der EU eine hö- Angesichts dieser Konstellation ist damit zu
here Verhandlungsmacht, weil die britische rechnen, dass die EU-Kommission auch wei-
Regierung stärker auf eine Verhandlungslö- terhin eine harte Linie in den Brexit-Ver-
sung angewiesen ist als die EU-Staaten. Da es handlungen fahren wird. Der Ausgang der
bei den Brexit-Verhandlungen für die EU vor Verhandlungen ist somit ungewiss – von
allem um Schadensbegrenzung geht, spielt einem Scheitern bis zu einem Rückzug des
sie diesen Trumpf so gut wie möglich aus. Austrittsgesuchs durch die britische Re-
Ein zweiter Grund liegt im Risiko, einen Prä- gierung scheint aktuell alles möglich.
zedenzfall zu schaffen. Macht die EU in den
Verhandlungen Zugeständnisse, welche es Stefanie Walter ist Professorin für Internationale Beziehungen
den Briten erlauben, die für sie vorteilhaften und Politische Ökonomie an der Universität Zürich.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  35
DIE STUDIE

Keine Utopie: Freihandel zwischen


der Schweiz und Taiwan
Neuseeland und Singapur haben es aufgezeigt: Trotz chinesischer Vorbehalte ist Freihandel
mit Taiwan möglich. Hauptprofiteur wäre die Schweizer Uhrenbranche.  Patrick Ziltener

Abstract  Obwohl die Schweiz Taiwan nicht als eigenständigen Staat anerkennt, könn- ken, die Importe auf 1,2 Milliarden Franken.
ten die Schweiz und Taiwan im Rahmen der WTO einen Freihandelsabkommen-ähn- Gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft
lichen Vertrag abschliessen – so wie das Singapur und Neuseeland 2013 erfolgreich (Seco) beschäftigten 114 Schweizer Unterneh-
getan haben. Unter Berücksichtigung der tatsächlich angewandten Zollsätze und men über 17 000 Personen in Taiwan.5
des Information Technology Agreement (ITA) würden Schweizer Exporte jährlich um Zwischen der Schweiz und Taiwan be-
etwa 47 Millionen Dollar entlastet, davon entfallen über 20 Millionen Abgaben auf Uh- stehen bereits mehrere Wirtschaftsabkom-
ren. Weiter würden vor allem Maschinen, Druckertinte, Zigaretten und Lebensmittel­ men. Im Jahr 2004 vereinbarten die beiden
zubereitungen von einem Zollabbau erheblich profitieren. Das Einspar­potenzial bei Staaten eine Kooperation bei der Investitions­
den verarbeiteten Landwirtschafts­pro­dukten beträgt über 8 Millionen Dollar jährlich. förderung. Drei Jahre später wurde ein Brief-
Taiwanesische Unternehmen könnten rund 9 Millionen Franken jährlich einsparen, vor wechsel zur gegenseitigen Konformi­ täts­
allem bei der Ausfuhr von Metallgütern, Velos und Fahrzeugteilen in die Schweiz. anerkennung auf dem Gebiet von Medizi-
nalgeräten abgeschlossen, und 2011 trat ein
Doppelbesteuerungsabkommen in Kraft.

N  och im Januar 2007 schrieb das briti-


sche Magazin «The Economist», Tai-
wans Suche nach Handelsabkommen mit
Ein-China-Politik nicht berührt und keine of- Auf der Basis der Handelsdaten von 2015
fiziellen inter­gouver­ne­mentalen Beziehun- hat der Autor berechnet, welches Einspar-
gen eingegangen würden.2 Wichtige Voraus- potenzial sich aus einem vollständigen Zollab-
wichtigen Partnern sei zum Scheitern ver- setzungen für den Erfolg waren das (damali- bau für beide Länder ergäbe.6 Berücksichtigt
urteilt.1 Hintergrund ist die Ein-China-Politik ge) entspannte Klima an der Formosa-Strasse wurde, dass sowohl die Schweiz als auch Tai-
des grossen Nachbarn China, welcher Taiwan sowie die Durchführung der Verhandlun- wan das multilaterale Information Technology
als Teil der Volksrepublik China betrachtet gen durch «private sector nego­tiators» und Agreement (ITA) im Rahmen der WTO unter-
und keine diplomatischen Beziehungen an- das strikte Einhalten der Vorgaben der WTO-­ zeichnet haben, das den vollständigen Zollab-
derer Länder mit Taiwan duldet. Die Situa- Nomenklatur.3 bau auf IT-Gütern vorsieht. Das maximale Ein-
tion änderte sich drei Jahre später mit dem sparpotenzial wurde als Multiplikation jeder
Abschluss des Economic Cooperation Frame­ Taiwan ist ein wichtiger Exportposition mit dem jeweiligen Zollsatz
work Agreement (ECFA) zwischen Taiwan und berechnet, wobei Gewichtszölle und gemisch-
China. Damit wurde es für Drittländer poli-
­Handelspartner te Zollansätze ausge­klammert wurden.
tisch möglich, bilaterale Abkommen mit dem Als WTO-Mitglied könnte auch die Schweiz
WTO-Mitglied Taiwan abzuschliessen, die ty- mit Taiwan auf gleichem oder ähnlichem Weg Einsparpotenzial bei Uhren
pischen Freihandelsabkommen (FHA) ähneln. ein FHA-ähnliches Abkommen abschliessen.4
Im Jahr 2013 unterzeichnete Singapur das Die taiwanesische Regierung unter Präsiden- Die Schweizer Exporte nach Taiwan be-
«Agreement Between Singapore and the Se- tin Tsai Ing-wen hat das Interesse an einem stehen vorrangig aus Uhren, chemischen
parate Customs Territory of Taiwan, ­Penghu, Aufbau eines Netzes bilateraler Abkommen und pharma­ zeutischen Produkten sowie
Kinmen and Matsu on Economic Partner- bekräftigt. Die Schweiz verfügt in der Region
ship (Astep)», Neuseeland zog noch im sel- bereits über Freihandelsabkommen mit Chi- 5 Seco (2018).
ben Jahr mit dem «Economic Coopera- na, Hongkong (China), Japan, Südkorea, Singa- 6 Ohne Edelmetalle und Schmuck sowie Kunstgegen-
stände und Antiquitäten. Für die Methodik siehe Zilte-
tion Agreement» (Anztec) nach. Damit wie- pur, den Philippinen und verhandelt derzeit mit ner (2014) sowie Ziltener und Blind (2014).
sen die beiden Staaten nach, dass bilaterale weiteren Staaten des Verbandes Südostasiati-
Wirtschafts­abkommen mit Taiwan möglich scher Staaten (Asean). Im ost­asiatischen Raum Hinweis
sind, ohne sensible Souveränitätsthemen zu klafft somit eine «Lücke» im schweizerischen Dieser Artikel beruht u. a. auf empirischer For-
berühren und damit die chinesische Regie- FHA-Netz, zumal Taiwan ein bedeutender schung, die der Autor als Taiwan Fellow in Taipei
rung zu verärgern. Das chinesische Aussen- Handelspartner der Schweiz ist: Die Schwei- 2016 durchgeführt hat. Der Autor verdankt die
freundliche Aufnahme und Unterstützung durch
ministerium kommentierte, dass es keine zer Exporte ins südostasiatische Land belie-
die Chung-Hua Institution for Economic Research
Probleme gebe, wenn andere Länder wirt- fen sich letztes Jahr auf 1,88 Milliarden Fran- (CIER) in Taipei. Die vorgestellten Ergebnisse und
schaftliche, Handels- und kulturelle Bezie- Einschätzungen geben lediglich die unabhängige
hungen mit Taiwan aufbauten, solange die Meinung des Autors wider und stellen keine offi-
2 Young (2014).
3 Ebd.
zielle Stellungnahme seitens CIER, der Universität
4 Vgl. auch die Fälle des FHA der Efta mit der Palästinen- Zürich oder des Staatssekretariats für Wirtschaft
1 Playing the Other Woman, «The Economist», 20. Januar sischen Behörde oder das bilaterale FHA mit den Färöer-­ (Seco) oder einer anderen Institution der Schwei-
2007. Inseln. zerischen Eidgenossenschaft dar.

36  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


DIE STUDIE

­ aschinen. Knapp ein Viertel der Exporte


M garetten, Druckertinte und Lebensmittel­ 47,5 Millionen Dollar nach Taiwan (11 Pro-
ist bereits zollbefreit – dabei handelt es sich zubereitungen würden jährlich erheblich ent- zent davon zollfrei). Bei den unverarbeiteten
hauptsächlich um Pharmaprodukte und Ins- lastet, wie eine detaillierte Analyse ergab.7 Landwirtschaftsprodukten sind es 3,3 Mil-
trumente (siehe Abbildung 1). Wird das Infor- Da die Landwirtschaftssektoren der bei- lionen Dollar jährlich (66 Prozent davon zoll-
mation Technology Agreement dereinst voll- den Länder hochgradig komplementär sind, frei).
ständig umgesetzt, erhöht sich der Anteil würden Lebensmittelexporteure besonders Konkret könnten über 8 Millionen Dollar
der zollbefreiten Güter erheblich. Trotzdem profitieren. So nehmen die erwähnten Han- an Zollabgaben eingespart werden. Beson-
verbleiben auch in diesem Fall Zölle auf Ein- delsabkommen von Neuseeland und Singa- ders gross ist das Potenzial bei Zuckerwaren
fuhren aus der Schweiz in der Höhe von ins- pur – abgesehen von frischer Milch, Nuss- und Schokolade. Analog zum Abkommen mit
gesamt 47 Millionen Dollar. Der grösste Teil mischungen und roten Bohnen – kaum Neuseeland könnten diese Zölle innerhalb
entfällt auf Uhren (21 Millionen Dollar), da- Güter­gruppen vom Zollabbau aus. Im Jahr von acht Jahren schrittweise abgebaut wer-
nach folgen verarbeitete Landwirtschaftsgü- 2015 exportierte die Schweiz verarbeitete den. Nicht zuletzt profitieren derzeit neusee-
ter (8,1 Mio.), Maschinen (7,7 Mio.) und che- Landwirtschafts­pro­dukte im Wert von etwa ländische Exporteure von Milchprodukten,
misch-pharmazeutische Produkte (3,7 Mio.). die ab Inkrafttreten des Abkommens von Zöl-
Vor allem Exporte von Armbanduhren, Zi- 7 Ziltener (2017). len befreit wurden. Hier sehen sich Schweizer
Exporteure auf dem taiwanesischen Markt
benachteiligt.
Abb. 1: Schweizer Exporte nach Taiwan nach Sektor und Verzollungsart (2015)
Taiwans Velohersteller als

TAIWAN CUSTOMS; ZOLLSÄTZE: WTO; BERECHNUNGEN ZILTENER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Uhren
­Profiteure
Instrumente
Taiwan exportiert in erster Linie Metallgüter,
Fahrzeuge
Maschinen und Fahrzeugteile in die Schweiz.
Metall, Maschinen Etwa ein Drittel sind bei der Einfuhr bereits
Textil zollbefreit (siehe Abbildung 2), und das ITA
Leder, Holz, Papier
wird diesen Anteil noch mal erheblich erhö-
hen. Dennoch verbleibt ein bedeutendes Ein-
Plastik/Gummi sparpotenzial von 9 Millionen Franken jähr-
Chemie/Pharma lich. Davon entfallen 6 Millionen Franken auf
Verarbeitete Landwirtschafts- Metallprodukte, Maschinen und Fahrzeugtei-
produkte
Unverarbeitete Landwirt-
le. Weitere Einsparungen sind bei Textilien (1
schaftsprodukte Mio.), bei Gummi- und Plastikprodukten (0,8
Total Mio.) sowie bei chemisch-pharmazeutischen
0 200 400 600 800 1000 1200 1400 1600 Produkten (0,1 Mio.) möglich.
in Mio. US-Dollar In erster Linie würden die Exporte von
Velos sowie Schrauben und Bolzen erheb-
  Bereits zollbefreite Exporte        Exporte mit regulären Zollsätzen        
  Exporte, die unter das Information ­Technology Agreement (ITA) fallen
lich entlastet, wie die detaillierte Analyse er-
gab.8 Dazu kommen Motorräder, verschie-
dene Fahrzeugteile, Sportgeräte und einige
Textilartikel. An Landwirtschaftsgütern lie-
Abb. 2: Taiwanesische Exporte in die Schweiz nach Sektor und Verzollungsart fert Taiwan jährlich Waren im Wert von rund
(2015) 6,5 Millionen Franken in die Schweiz. Die Zoll-
abgaben betragen rund 280 000 Franken.
Uhren
Unter den Landwirtschaftsgütern finden sich
Instrumente pflanzliche Produkte wie Nüsse und Sesam-
EZV, ZOLLSÄTZE: WTO; BERECHNUNGEN ZILTENER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Fahrzeuge öl; rund die Hälfte sind verarbeitete Lebens-


Metall, Maschinen
mittel wie Teigwaren und nicht alkoholische
Getränke.
Textil

Leder, Holz, Papier


Eingeschränkter Handlungs­
Plastik/Gummi spielraum
Chemie/Pharma
Als WTO-Mitglied verfügt Taiwan über
Verarbeitete Landwirtschafts-
produkte einen gewissen aussenwirtschaftspoliti-
Unverarbeitete Landwirt- schen Handl­ungs­spielraum, der – unter der
schaftsprodukte
Bedingung einer erfolgreichen Ausklam-
Total
merung sensibler souveränitätspolitischer
0 100 200 300 400 500 600 700 800 900 1000
in Mio. Franken
Aspekte – auch den Abschluss bilateraler
  Bereits zollbefreite Exporte        Exporte mit regulären Zollsätzen        
  Exporte, die unter das Information ­Technology Agreement (ITA) fallen 8 Ziltener (2017).

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  37
DIE STUDIE

ALAMY
Als WTO-Mitglied verfügt Taiwan über aussen-
wirtschaftspolitischen Handlungsspielraum.
Hafen Kaohsiung. Die gegenwärtige Regierung Taiwans be-
müht sich, diesen Handlungs­ spiel­
raum zu
­irtschaftsabkommen einschliesst. Dies
W bewahren und auszunützen. Die Schweiz
­
belegen die FHA-ähnlichen Abkommen mit sollte deshalb diesen wichtigen und verläss-
Singapur und Neuseeland. Allerdings ist die- lichen Wirtschafts­partner in Ostasien bei
ser Handlungsspielraum prekär und von der der Weiterentwicklung ihres FHA-Netzes im
Grosswetterlage an der Formosa-­Strasse be- Auge behalten. Mit einem FHA-ähnlichen Ab-
stimmt.9 kommen würden beide die Rahmenbedin-
gungen für ihre Unter­nehmen verbessern so- Patrick Ziltener
wie unbeabsichtigte und unerwünschte Dis- Titularprofessor für Soziologie,
9 Vgl. NZZ vom 4. August 2018: «Peking zieht gegenüber Universität Zürich
Taiwan die Schraube an». kriminierungseffekte vermeiden.

Literatur
Journal Aussenwirtschaft
Seco (2018). Länderinformation Ziltener (2017). Missing Link: The Case Ziltener, Patrick und Georg D. Blind
Taiwan, Februar 2018. of Free Trade Between Switzerland (2014). Effektivität der Schweizer
Ziltener (2014). Einschätzung des and Taiwan, in: Aussenwirtschaft, Freihandelsabkommen (FHA) welt- Die «Volkswirtschaft» und das «Journal Aussen-
Potenzials des Freihandelsabkom- University of St. Gallen, School of weit – Evaluierung der FHA-Nut- wirtschaft» des Schweizerischen Instituts
mens mit der Volksrepublik China Economics and Political Science, zung durch Schweizer Exporteure, für Aussenwirtschaft und Angewandte Wirt-
für Schwei­zer Exporte: Landwirt- Swiss Institute for International 2012–13, Studie im Auftrag von schaftsforschung der Universität St. Gallen
schafts- und Industriegüter, Studie Economics and Applied Economics Switzerland Global Enterprise, verbessern den Wissenstransfer von der For-
im Auftrag von Switzerland Global Research, vol. 68(01), pages 115–138, Januar 2014.
Enterprise, Juni 2014. Dezember. schung in die Politik: Aktuelle wissenschaft-
Young, Jason (2014). Space for Taiwan liche Studien mit einem starken Bezug zur
in Regional Economic Integration: schweizerischen Wirtschaftspolitik erscheinen
Cooperation and Partnership with in einer Kurzfassung in der «Volkswirtschaft».
New Zealand and Singapore, in:
Political Science, 66(1), 3–22.

38  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


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MOBILITÄT

Im selbstfahrenden Auto arbeiten


Selbstfahrende Autos und geteilte Mobilität können das Verkehrsverhalten in der Schweiz grund-
legend ändern. Der volkswirtschaftliche Nutzen für die Schweiz wäre enorm, wie eine Studie im
Auftrag des Bundesamtes für Raumplanung (ARE) zeigt.  Nicole A. Mathys, André Müller

Abstract  Die Digitalisierung in der Mobilität hat in der Schweiz langfristig das Poten- potenziell produktiv für andere Tätigkeiten
zial, einen riesigen volkswirtschaftlichen Nutzen zu erzeugen. Voraussetzung ist genutzt werden, wie dies heute bereits im
eine vollautonome, vermehrt geteilte Autoflotte. Der grösste Vorteil entsteht durch Zug möglich ist (siehe Abbildung). Dies ist mit
die effizienter nutzbare Mobilitätszeit im Auto. Weitere bedeutende Nutzen entste- Abstand der grösste Nutzen. Hinzu kommen
hen durch den Zugang neuer Nutzergruppen, direktere Tür-zu-Tür-Verbindungen und direktere Tür-zu-Tür-Verbindungen, das Tei-
Kosteneinsparungen durch geteilte Fahrzeuge. Dies sind erste Erkenntnisse einer Stu- len von Fahrten und Fahrzeugen sowie die
die, welche das Forschungs- und Beratungsunternehmen Ecoplan im Auftrag des Bun- verbesserte Mobilität älterer Personen. Auch
desamts für Raumplanung (ARE) verfasst hat. Eine umfassende, verkehrsträgerüber- im öffentlichen Verkehr (ÖV) bringt die Auto-
greifende Folgenabschätzung folgt. matisierung dank tieferen Personalkosten bei
Zügen und Bussen Kosteneinsparungen.
Das automatisierte Fahren wird den Trend

D  ie Digitalisierung verändert die Mo-


bilität tiefgreifend – unklar ist einzig
das Tempo des Wandels. Um abzuschätzen,
grossen Gesamtnutzen führen. Die Szenarien
konzentrieren sich auf die Durchdringung mit
vollautomatisierten Fahrzeugen und die Ent-
zu weniger Unfällen und sicheren Strassen
beschleunigen und damit volkswirtschaft-
lich Kosten einsparen. Weiter steigt die Kapa-
welche Kosten und Nutzen sich daraus für wicklung des Anteils geteilter Mobilität.1 zität auf Autobahnen, auf denen ausschliess-
die Schweizer Volkswirtschaft ergeben, hat Erste grobe Einschätzungen zeigen, dass lich vollautomatisierte Fahrzeuge verkehren.
das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE) selbstfahrende Fahrzeuge und geteilte Mobi- Da die Reaktionszeit bei vollautomatisierten
das Forschungs- und Beratungsunterneh- lität in der langen Frist jährlich mehrere Dut- Fahrzeugen geringer ist, sinken die Fahrzeug-
men Ecoplan beauftragt, im Rahmen einer zend Milliarden Franken Nettonutzen erzeu- abstände, und die Geschwindigkeit kann har-
Vorstudie die ökonomischen Auswirkun- gen können (siehe Kasten). Dank automa- monisiert werden – was die Staukosten re-
gen aufzuzeigen. Anhand von Szenarien sol- tisiertem Fahren kann die Zeit im Fahrzeug duziert. Allerdings gilt zu beachten, dass mit
len diejenigen verkehrspolitischen Optionen automatisiertem Fahren nicht nur die Kapa-
identifiziert werden, die zu einem möglichst 1 Ecoplan (2018). zität erhöht wird, sondern auch zusätzlicher

Digitalisierte Mobilität: Chancen und Risiken

○ Annahme: vollautomatisierte, vermehrt geteilte Fahrzeuge


○ Potenzieller volkswirtschalicher Nutzen für die Schweiz:
+
jährlich mehrere Dutzend Milliarden Franken – in ferner Zukun Automatisiertes Fahren
○ Grosse Unsicherheiten bestehen, weitere Abklärungen nötig verbessert Erreichbarkeit
ländlicher Räume

– Leerfahrten sowie teurere Gefahr zunehmender


Zersiedlung
Anschaffung und Wartung –
von automatisierten
Fahrzeugen

+
+ Automatisierung
Ersatz individueller senkt Personal-
Parkplätze durch kosten im ÖV
Drop-off-Zonen macht
Städte aŽraktiver + Teilen von Fahrten
und Fahrzeugen
+ senkt Kosten
Weniger Unfälle
reduzieren Gesund-
heitskosten
+ Direkte Tür-zu-Tür- + Automatisierte
Verbindungen sparen
Fahrzeuge nutzen
Reisezeit, Gang zur
Infrastruktur effi-
Haltestelle entfällt
zienter
Geschmälerter

+ – Gesundheitsnutzen
ARE (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Höhere Kosten
für intelligente
Zeit im selbstfahrenden
Fahrzeug kann produktiver
genutzt werden
+Dank autonomen –
Infrastruktur

Fahrzeugen sind
ältere Personen
vermehrt unterwegs

40  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


MOBILITÄT

SHUTTERSTOCK
Ein Buch lesen auf dem Weg zur Arbeit?
Selbstfahrende Autos verändern das Fahr-
verhalten. weniger stehen, wenn sie geteilt sind, und sich
Zeit ist Geld: Aber wie viel?
selber ausserhalb der Stadtkerne parkieren
können. Dabei ist zu beachten, dass zusätzli- Zeitkostenansätze (Value of Travel Time) betragen
in der Schweiz gemäss der Norm des Schweize-
Verkehr generiert wird. Welcher dieser bei- che Flächen für Drop-on-Drop-off-Zonen ge- rischen Verbandes der Strassen- und Verkehrs-
den Effekte überwiegt, ist noch unklar. Zu- schaffen werden müssten. Das Ausmass die- fachleute für den motorisierten Individualverkehr
sätzliche Kosten entstehen zudem durch ses Effekts hängt wesentlich davon ab, ob (MIV) durchschnittlich 23.3 Franken pro Stunde
Leerfahrten sowie durch höhere Anschaf- die Autos weiterhin im Privatbesitz verblei- und für den öffentlichen Verkehr (ÖV) 14.4 Fran-
ken pro Stunde Fahrzeit.a Für Pendler- und Nutz-
fungs- und Wartungskosten für automati- ben oder ob automatisiertes Fahren mit einem fahrten sowie für längere Fahrten liegen die Zeit-
sierte Fahrzeuge gegenüber den herkömmli- starken Zuwachs von Carsharing kombiniert kostenansätze über diesen Werten. In den meisten
chen Typen. wird. Denkbar wäre eine Verschiebung von pri- Studien wird davon ausgegangen, dass das auto-
matisierte Fahren Zeitkostenersparnisse zwischen
vaten Parkflächen zu Parkflächen von Mobili-
30 und 70 Prozent im Vergleich zu konventionel-
Ländliche Räume besser erreichbar tätsdienstleistern. Eine Quantifizierung die- len Autos bringen kann. Die Zeitkosten bei auto-
ser Effekte war im Rahmen der Vorstudie nicht matisiertem Fahren würden sich somit ungefähr
Die Digitalisierung in der Mobilität erhöht möglich. zwischen 7 und 16 Franken pro Stunde bewegen.
Die Ersparnisse an Zeitkosten werden als Multi-
die Attraktivität der ländlichen Räume. Einer- Automatisiertes Fahren erfordert neue
plikation aus der zurückgelegten durchschnittli-
seits wird die Erreichbarkeit verbessert, und technische Infrastrukturen, Kommunikations- chen Fahrzeit mit automatisierten Fahrzeugen und
andererseits kann die Zeit für das Pendeln in standards, strassenseitige Sensorik sowie der Zeitkostenersparnis für automatisiertes Fah-
automatisierten Fahrzeugen besser genutzt Steuerungs- und Koordinationsplattformen ren berechnet. Die durchschnittliche Fahrzeit mit
automatisierten Fahrzeugen lässt sich aufgrund
werden. Dadurch sinken die Opportunitäts- für die Fahrzeugflotten. Wie die Kommunika- der Durchschnittsgeschwindigkeit (aus dem Mik-
kosten von Wohnorten mit grösseren Entfer- tion zwischen den verschiedenen Fahrzeugen, rozensus Mobilität und Verkehr)b, der zurückge-
nungen zum nächsten Zentrum. Dies könn- zwischen Fahrzeugen und Infrastruktur sowie legten Wegstrecke (aus den Verkehrsperspektiven
te jedoch die unerwünschte Zersiedlung vo- zwischen Fahrzeugen oder Empfängern von 2040)c und dem Anteil der autonomen Fahrzeuge
berechnen. Bei einer vollständig autonom fahren-
rantreiben. Die Attraktivitätssteigerung wird Mobilitätsdienstleistungen im Detail erfol- den Fahrzeugflotte sind jährliche Ersparnisse an
aber auch zu höheren Bodenpreisen im länd- gen wird und welche Kosten und Einsparungs- Zeitkosten von ungefähr 20 Milliarden Franken
lichen Raum führen, was der Zersiedlung ent- möglichkeiten dabei entstehen, ist noch offen. denkbar. Wie hoch die Nutzer die für neue Bedürf-
gegenwirkt. Neue Geschäftsmodelle für Mobilitätsdienst- nisse nutzbare Zeit während der Fahrt im Auto
tatsächlich bewerten, ist allerdings unsicher und
In der Stadt, wo weniger Parkplätze benö- leistungen können an Bedeutung gewinnen muss besser erforscht werden.
tigt werden, wird Platz frei. Parkflächen könn- und beispielsweise das Taxigewerbe und den
a VSS (2009).
ten infolge automatisierten Fahrens anders öffentlichen Verkehr in ländlichen Regionen b BFS/ARE (2018).
genutzt werden, da selbstfahrende Fahrzeuge vollständig ersetzen. Angesichts reduzierter c ARE (2016).

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  41
MOBILITÄT

Unfallzahlen und noch offener Haftungsfra- produzenten oder einem Mobilitätsvermitt-


gen im Umgang mit selbstfahrenden Fahrzeu- ler gelingt, eine monopolartige Marktsitua-
gen wird auch die Versicherungsbranche ihre tion herbeizuführen, und diese in der Folge
Geschäftsmodelle anpassen müssen. aufgrund ihrer Marktmacht in der Lage sind,
einen grösseren Teil des Nutzens abzuschöp-
Vollautonomes Netz frühestens fen. In einem solchen Fall müsste mit regu-
latorischen Eingriffen sichergestellt werden,
ab 2050 dass die Mobilitätskonsumenten einen an- Nicole A. Mathys
Der volle Nutzen der Digitalisierung in der gemessenen Anteil am Nutzen für sich bean- Dr. oec., Leiterin Sektion Grundlagen, Bun-
Mobilität entfaltet sich erst dann, wenn die spruchen können. desamt für Raumentwicklung (ARE), Bern
Schweizer Fahrzeugflotte mehrheitlich aus Angesichts der auf längere Sicht potenziell
vollautonomen und vermehrt geteilten Fahr- grossen Auswirkungen ist es von zentraler
zeugen besteht. Gemäss Experten dürfte es Bedeutung, dass Strategien und Instrumen-
frühestens ab 2050, womöglich sogar erst te zur Bewältigung der Digitalisierung in der
2080 so weit sein. Die Entwicklung hängt da- Mobilität und zur Steuerung der damit ver-
bei von technologischen, ökonomischen, ju- bundenen volkswirtschaftlichen Auswirkun-
ristischen und sozialen Faktoren ab und lässt gen entwickelt werden. Es gilt, kurz-, mittel-
sich erst in groben Umrissen abschätzen. Es und langfristig ausgerichtete Entscheide zu
müssen daher verschiedene Varianten be- fällen und geeignete Rahmenbedingungen zu André Müller
Ökonom und ETH-Ingenieur, Partner des
trachtet werden, welche die Durchdringung schaffen. Die Entwicklung hin zu digital ver-
Beratungs- und Forschungsunternehmens
mit automatisierten Fahrzeugen und die da- netzten Verkehrsinfrastrukturen muss des- Ecoplan, Bern
mit verbundene strategische Stossrichtung halb bereits heute mitgedacht werden. Die
berücksichtigen, wobei die Übergangszeit Vorstudie stellt somit einen wichtigen Beitrag Literatur
mehrere Jahrzehnte dauern kann. zur rollenden Planung dar, die der Bund bei ARE (2016). Perspektiven des schweizerischen Perso-
nen- und Güterverkehrs bis 2040, Bern.
Unklar ist, wie sich der identifizierte Nut- Infrastrukturausbauten anwendet. In einer BFS/ARE (2018). Mikrozensus Mobilität und Verkehr 2015.
zen auf Mobilitätsangebot und -nachfrage Hauptstudie sollen nun die in der Vorstudie Ecoplan (2018). Abschätzung der ökonomischen Folgen
der Digitalisierung in der Mobilität: Machbarkeitsstu-
verteilt, wer also wie viel von der «Technolo- unterstellten Annahmen und Auswirkungen die, im Auftrag des ARE.
gierente» profitieren kann. Dies hängt unter weiter verfeinert sowie weitere quantitative Schweizerischer Verband der Strassen- und Verkehrs-
fachleute (2009). Schweizer Norm SN 641 822a, Kos-
anderem davon ab, ob es den Mobilitäts- Abschätzungen gemacht werden. ten-Nutzen-Analysen im Strassenverkehr. Zeitkosten
im Personenverkehr.

42  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


ARBEITSLOSIGKEIT

Arbeitslosigkeit mindert Jobchancen


Stellenverantwortliche bevorzugen Bewerber mit einem lückenlosen Lebenslauf. Dies zeigt
ein Feldexperiment zur Besetzung von Fachkräftestellen in der Schweiz.  Christian Imdorf,
Stefan Sacchi, Robin Samuel, Lulu P. Shi

Abstract  Angesichts des raschen strukturellen Wandels im Arbeitsmarkt ist ein ge- personalsuchenden Unternehmen durch-
radliniger Berufsverlauf nach der Lehre nicht mehr die Norm. Es ist anzunehmen, dass geführt.2 Die Befunde für die deutschspra-
durch Arbeitslosigkeit oder Berufswechsel bedingte Brüche im Berufsverlauf in Zu- chige Schweiz, die wir hier präsentieren, be-
kunft häufiger werden. In diesem Kontext stellt sich die Frage, wie Arbeitgeber bei der ruhen auf einer Stichprobe von 2118 Stellen-
Besetzung von offenen Stellen solche Brüche in den Lebensläufen junger Stellensu- ausschreibungen für qualifizierte Fachkräfte.
chender bewerten. Eine Studie, welche die Frage nach einer möglichen Beeinträchti- Diese wurden im Frühjahr 2016 in den Berei-
gung der Bewerbungschancen junger Stellensuchender nach einer Phase der Arbeits- chen Finanz-, Pflege-, Gastronomie- und In-
losigkeit ins Zentrum stellt, zeigt: Arbeitslosigkeit beeinträchtigt in der Schweiz die formatikberufe sowie Mechaniker erhoben.3
Bewerbungschancen von Stellensuchenden. Eine abgeschlossene Berufsausbildung Insgesamt haben 550 Stellenverantwort-
schützt dabei nicht vor den problematischen Folgen. liche am Experiment teilgenommen. Auf der
Basis von je zehn fiktiven Lebensläufen be-
werteten sie die Bewerbungschancen von

H  aben Personen, die arbeitslos waren,


weniger Erfolg bei der Stellensuche?
In einer Studie haben wir für die Schweiz
in den Arbeitsmarkt beitragen. Gemäss unse-
rer Analyse müssen indessen auch Personen
mit einem Lehrabschluss damit rechnen, dass
hypothetischen Bewerbern mit unterschied-
lichen Ausbildungshintergründen und Er-
werbserfahrungen. Die Stellenverantwort-
untersucht, wie sich Arbeitslosigkeit auf die ihre Einstellungschancen durch eine Phase der lichen wurden gebeten, deren Einstellungs-
Einstellungschancen auswirkt.1 Auswirkun- Arbeitslosigkeit geschmälert werden. chancen auf einer Punkteskala von 0 bis
gen, die von reduziertem psychologischem 10 einzuschätzen. Die fiktiven Lebensläufe
Wohlbefinden bis hin zu einem tieferen Lohn Experiment mit 550 Stellen­
in nachfolgenden Jobs reichen können, be- 2 Unter Negotiate-research.eu/survey-­experiment sind
zeichnet man als sogenannte Narbeneffekte
verantwortlichen die Berichte abrufbar.
3 Die berufsspezifische Erhebung vakanter qualifizierter
(«scarring effects»). Um besser zu verstehen, wie Unternehmen Stellen und die Durchführung der Umfrage wurden in
Zusammenarbeit mit dem Stellenmarkt Monitor SMM
Die Schweiz wird oft für ihr etabliertes bei der Besetzung von offenen Stellen Bewer- der Universität Zürich sowie mit MIS Trend durchge-
duales Berufsbildungssystem gelobt, wel- ber beurteilen, die zwischenzeitlich arbeits- führt.
ches den Absolventen einen vergleichswei- los waren, haben wir in der Deutschschweiz
se reibungslosen Übergang von der Ausbil- sowie in Bulgarien, Griechenland und Nor- Ein Lehrabschluss alleine ist keine Garantie
dung in die Berufswelt ermöglicht. Die Ju- wegen ein Bewerbungsexperiment unter für eine Stelle. Lernende der Berufsschule für
gendarbeitslosigkeitsquote ist im Vergleich Gestaltung in Zürich.
zu anderen europäischen Ländern in der Tat
relativ tief. Weniger Beachtung wird hin-
gegen der längerfristigen Wettbewerbsfä-
higkeit von Fachkräften mit Berufsausbildung
geschenkt. Angesichts des raschen Wandels
von Berufsbildern und der fortschreitenden
Digitalisierung des Arbeitsmarkts erhält die-
se Frage zunehmend Gewicht. Denn: Stabile
Berufskarrieren, die kontinuierlich im erlern-
ten Beruf verlaufen, stellen längst nicht mehr
die Norm dar.
Nachobligatorische Ausbildungen sollten
daher nicht nur den Arbeitsmarkteinstieg er-
leichtern, sondern auch im Falle von Arbeits-
losigkeit (oder einer freiwilligen Erwerbsunter-
brechung) zu einer nachhaltigen Integration

1 Die Resultate in diesem Artikel basieren auf Befunden


in Shi et al. (2018) sowie Imdorf et al. (im Erscheinen).
Die Studie wurde im Rahmen des europäischen For-
schungsprojekts «Negotiating Early Job-Insecurity and
Labour Market Exclusion in Europe» (Negotiate) durch
KEYSTONE

das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Inno-


vation (SBFI) gefördert.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  43
ARBEITSLOSIGKEIT

unterscheiden sich dabei ausschliesslich be- kräften mit Lehrabschluss stark beeinträch- nachweisen, welche die qualifikatorischen
züglich der experimentell variierten Merkma- tigen kann. Dagegen hat Arbeitslosigkeit Anforderungen der Unternehmen, insbeson-
le Arbeitslosigkeitserfahrung, Ausbildungs- kaum Einfluss auf die Einstellungschan- dere an die berufsfachliche Passung, erfül-
niveau und -beruf, bisher ausgeübter Beruf cen von Fachkräften, die zusätzlich einen len. Mit Blick auf entsprechende Fachkräf-
sowie Geschlecht. Bewertet wurden die Ein- Abschluss der höheren Berufsbildung mit- testellen zeigt sich, dass Arbeitslosigkeit die
stellungschancen hinsichtlich der konkreten bringen. Wir vermuten, dass der (mutmass- Einstellungschancen auch von jungen Fach-
Stelle aus der Stellenausschreibung. lich) positive Effekt der Tertiärbildung und kräften substanziell reduzieren kann. Dies
der negative Effekt der Arbeitslosigkeit sich steht in Einklang mit anderen Ergebnis-
Fachkenntnisse match­ (bei einer Bewerbung auf Fachkräftestellen) sen, wonach eine Berufsausbildung keinen
gegenseitig aufheben (siehe Abbildung 2) Schutz gegen Narbeneffekte bietet.5
entscheidend Zusammenfassend zeigt sich für die
Zunächst haben wir die Einstellungschan- Schweiz folgendes Bild: Die Stellenverant- Quereinsteiger haben es schwer
cen von Bewerbergruppen mit unterschied- wortlichen interpretieren Arbeitslosigkeit als
licher beruflicher Passung – alle mit fünf Jah- negatives Signal, welches die Chance auf eine Die Resultate werfen Fragen auf, da ein wett-
ren Erwerbserfahrung – untersucht. Fachkräf- erfolgreiche Bewerbung entsprechend min- bewerbsfähiges Ausbildungsprofil die Absol-
te, die über eine zur ausgeschriebenen Stelle dert. Ein negativer Effekt lässt sich allerdings
passende Berufsausbildung verfügen, erhal- nur für Bewerbungen statistisch gesichert 5 Helbling und Sacchi (2014).
ten die insgesamt besten Bewertungen. Die
qualifikationsbezogene Passung zwischen
dem Bewerberprofil und der ausgeschriebe- Abb. 1: Arbeitslosigkeitseffekt nach berufsspezifischer Passung der Bewerber
nen Position spielt dabei eine entscheidende 2    in %
Rolle: Sind die Stellenanforderungen an Aus- 0
bildung und bisherige Arbeitserfahrung er- –2

HORIZON 2020 PROJEKT «NEGOTIATE – OVERCOMING EARLY


füllt, so werden die Bewerbungen um rund 60 –4

JOB-INSECURITY IN EUROPE» / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Prozent besser beurteilt, als wenn dies nicht –6
der Fall ist. Dabei gibt es Unterschiede hin- –8

sichtlich des verlangten Qualifikationsniveaus –10


(«vertikale Passung») und hinsichtlich der ver- –12

langten fachlichen Spezialisierung von Ausbil- –14


dung und bisheriger Berufspraxis («horizonta- –16
le Passung»): Während die Einstellungschan- –18

cen bei vertikaler Passung um rund 40 Prozent –20


Ohne berufsspezifische Passung Mit berufsspezifischer Passung
steigen, erhöhen sie sich bei horizontaler Pas-
  Mittelwert       Vertrauensbereich
sung sogar um 50 Prozent.
Bei sonst gleichen Merkmalen haben Kan- Die Abbildung zeigt, welchen Effekt die Arbeitslosigkeit auf die Einschätzung der Einstellungschancen
didaten, die von Arbeitslosigkeit betroffen durch die Stellenverantwortlichen hat. Bei Minuswerten sind die Einstellungschancen gesunken.
waren, schlechtere Bewerbungschancen als
solche, die nie arbeitslos waren. Unter zu-
sätzlicher Berücksichtigung der Passung von
Bewerber und Stelle wird deutlich, dass die Abb. 2: Arbeitslosigkeitseffekt nach Bildungsabschluss der Bewerber
horizontale berufliche Passung eine wesent- 10    in %
8
liche – und auf den ersten Blick unerwarte-
6
HORIZON 2020 PROJEKT «NEGOTIATE – OVERCOMING EARLY JOB-INSECURITY IN EUROPE» /

te – Rolle für Arbeitslosigkeits-Narbeneffekte


4
spielt: Wenn die Bewerber die Stellenanforde- 2
rung bezüglich Berufsspezifität von Ausbil- 0
dung und Berufserfahrung nicht erfüllen, hat –2
Arbeitslosigkeit keinen signifikanten Einfluss –4
auf die Einstellungschance. Ist diese Anforde- –6
rung hingegen erfüllt, werden Bewerber mit –8
Arbeitslosigkeit um 13 Prozentpunkte tiefer –10
–12
bewertet als solche, die nie arbeitslos waren
–14
(siehe Abbildung 1).
–16
In einer weiteren Analyse haben wir den
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–18
Effekt von Arbeitslosigkeit schliesslich für –20
unterschiedliche Bildungsgruppen analy- –22
siert. 4 Die Befunde weisen darauf hin, dass –24
Arbeitslosigkeit in der Schweiz die späte- Obligatorischer Schulabschluss Lehrabschluss Tertiärabschluss
ren Bewerbungschancen von jungen Fach­   Mittelwert       Vertrauensbereich

4 Imdorf et al. (im Erscheinen) Siehe Anmerkung oben.

44  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


ARBEITSLOSIGKEIT

venten vor den negativen Folgen von Arbeits- passendem Ausbildungs- und Erfahrungs­ Berufswechseln gekennzeichnet sind. Die
losigkeit schützen sollte. Eine mögliche profil reduziert. Frage nach den Beschäftigungsperspek­tiven
Erklärung für die dennoch auftretenden Nar- Bemerkenswert ist dabei, dass Arbeits- nach derartigen Brüchen im Erwerbsverlauf
beneffekte liegt im meist mehrstufigen Ver- losigkeits-Narbeneffekte vor allem bei hori- gewinnt so an Relevanz. Unsere Ergebnis-
fahren der Personalauswahl: In einer ersten zontaler beruflicher Passung auftreten. Hier se deuten darauf hin, dass die Arbeitsmarkt-
Runde werden Lebensläufe aussortiert, wel- ist der schweizerische Arbeitsmarkt für bran- chancen von Personen mit einem Lehrab-
che überhaupt nicht infrage kommen.6 In der chenfremde Bewerber «geschlossen», da schluss in einem hohen Mass an berufsfach-
Schweiz ist das Vertrauen der Unternehmen Dossiers, bei denen berufsspezifische Anfor- lichen Qualifikationen hängen, die sich unter
in berufliche Ausbildungszertifikate (eidge- derungen nicht erfüllt sind, geringe Chancen Umständen rasch entwerten können. Vor
nössische Fähigkeitszeugnisse) hoch; dies haben. Quereinsteiger haben – zumindest in diesem Hintergrund scheint es zentral, dass
aufgrund der Standardisierung der berufli- den betrachteten Berufsfeldern – nur mini- die Schweizer Berufsbildung ihre Absolven-
chen Grundbildung sowie der ausgeprägten me Erfolgsaussichten, die durch Arbeitslo- ten verstärkt auch mit nachhaltigeren, auch
berufsspezifischen Arbeitsmarktsegmentie- sigkeitserfahrungen kaum weiter geschmä- überberuflich nutzbaren Qualifikationen
rung. Ein passendes Ausbildungszertifikat ist lert werden. wappnet, die es ihnen bei Bedarf erleichtern,
so in der Regel eine unerlässliche Bedingung sich neu zu orientieren und aktiv weiterzu-
für eine erfolgreiche Bewerbung. Es kann also Brüche im Erwerbsverlauf entwickeln.
angenommen werden, dass die mit der Per-
sonalauswahl betrauten Personen Bewer-
werden zur Norm
bungen ohne passende Ausbildung gewohn- Flexibilisierung (Stichwort: Gig-Economy) Christian Imdorf
heitsmässig als ungenügend bewerten und und Digitalisierung der Wirtschaft führen zu Associate Professor, Department of
von einer näheren Prüfung ausschliessen. einem Wandel der Kompetenznachfrage im Sociology and Political Science,
Die resultierenden extrem tiefen Bewertun- Arbeitsmarkt. Verortet man die beschriebe- Norwegian University of Science and
Technology (NTNU), Trondheim
gen von Lebensläufen ohne passende Ausbil- nen Studienergebnisse vor diesem Hinter-
dung und Berufserfahrung stützen diese An- grund, ergeben sich bestimmte bildungspoli-
nahme. Arbeitslosigkeit vermindert die Be- tische Implikationen für die Weiterentwick- Stefan Sacchi
werbungschancen unpassender Kandidaten lung der Schweizer Berufsbildung. Manche Dr. phil., Senior Researcher, Transitions
from Eduction to Employment (TREE),
nicht weiter, da ihre Chancen, für die Stelle in der Berufsbilder werden durch den Wandel
Soziologisches Institut der Universität Bern
Betracht gezogen zu werden, ohnehin gegen des Arbeitsmarktes stark verändert oder gar
null tendieren. Erst wenn die erste Hürde der ganz verschwinden. Fachkräfte im mittleren
Vorselektion anhand von Qualifikationen und Anforderungsbereich sind aufgrund der be- Robin Samuel
Erfahrung überwunden ist, wird Arbeitslo- rufsspezifischen Qualifikationen besonders Professor für Jugendforschung, Integrative
Research Unit on Social and Individual
sigkeit zu einem relevanten Selektionskrite- betroffen. Development, Universität Luxemburg
rium. Dies kann erklären, weshalb Arbeitslo- In Zukunft ist so unter anderem auch für
sigkeit in unserem Experiment ausschliesslich Absolventen einer Berufsausbildung mit
die Einstellungschancen von Kandidaten mit einem wachsenden Anteil von Erwerbsverläu- Lulu P. Shi
fen zu rechnen, die durch Phasen der Arbeits- Doktorandin, Universität Basel,
Fachbereich Soziologie
6 Bills (1990). losigkeit, von Erwerbsunterbrechungen und

Literatur
Bills, D. B. (1990). Employers’ Use of Job History Data for Imdorf, C., Shi, P. L., Sacchi, S., Samuel, R., Hyggen, C., Shi, L. P., Imdorf, C., Samuel, R., Sacchi, S. (2018). How
Making Hiring Decisions: A Fuller Specification of Job Stoilova, R., Yordanova, G., Boyadjieva, P., Ilieva-Trich- Unemployment Scarring Affects Skilled Young Workers:
Assignment and Status Attainment. In: The Sociological kova, P., Parsanoglou, D. und Yfanti, A. (im Erscheinen). Evidence from a Factorial Survey of Swiss Recruiters. In:
Quarterly 31(1): 23–35. Chapter 5: Scars of Early Job Insecurity Across Europe: Journal for  Labour Market Research 52:7.
Helbling, L. A. und Sacchi, S. (2014). Scarring Effects of Insights from a Multicountry Employer Study. In: B.
Early Unemployment Among Young Workers with Voca- Hvinden, J. O’Reilly, T. Sirovátka, M. A. Schøyen & C.
tional Credentials in Switzerland. In: Empirical Research Hyggen (eds.): Youth Unemployment and Job Insecurity
in Vocational Education and Training, 6(12): 1–22. in Europe: Problems, Risk Factors and Policies. Edward
Elgar Publishing.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  45
MEDIENGESETZ

Technologischer Wandel verlangt


nach neuem Mediengesetz
Anders als ihre Grosseltern sehen Jugendliche in der Schweiz kaum noch fern. Das geplante
Mediengesetz passt sich diesem veränderten Medienkonsum an, indem es auch Online­
angebote fördern will.  Bernard Maissen

Abstract  Der Bundesrat hat am 20. Juni die Vernehmlassung zum neuen Gesetz über tenmeinungen fliessen beträchtliche finan-
die elektronischen Medien (BGeM) eröffnet. Bis am 15. Oktober können interessierte zielle Mittel ins Ausland zu internationalen
Kreise zur Vorlage Stellung nehmen. Der Gesetzesentwurf soll das heutige Radio- und Konzernen wie Google und Facebook.
Fernsehgesetz ersetzen und trägt der technologischen Entwicklung im Medienbe-
reich Rechnung. Künftig soll die Förderung der Service-public-Leistungen bei elekt- Mehr Demokratie
ronischen Medien nicht mehr auf Radio und Fernsehen beschränkt sein, sondern auf
Onlineangebote ausgeweitet werden. Allerdings nur, wenn diese Service-public-Leis- Die Bundesverfassung lässt im Bereich der
tungen im Wesentlichen aus Audio- und Videoinhalten bestehen. Reine Textangebote elektronischen Medien Raum für die direkte
werden nicht unterstützt. Ausserdem ist eine unabhängige Regulierungsbehörde vor- Medienförderung. Für eine direkte Medien-
gesehen, um eine grössere Staatsferne zu gewährleisten. förderung der gedruckten Presse gibt es hin-
gegen keine Verfassungsgrundlage. Da Pres-
se nur indirekt gefördert werden kann, zum

G  esetze hinken immer der Realität hinter-


her. Das gilt insbesondere in Bereichen,
in denen der technologische Fortschritt Be-
kerung die Volksinitiative zur Abschaffung
der Empfangsgebühr am 4. März 2018 mit
71,6 Prozent deutlich abgelehnt. Dieses Be-
Beispiel über verbilligte Posttaxen, wird die-
se Förderung nicht im neuen Gesetz geregelt,
sondern bleibt wie anhin im Postgesetz be-
währtes und Bekanntes grundsätzlich infrage kenntnis zu einem starken Service public stehen. An diesen Leitplanken orientiert sich
stellt und völlig neue Möglichkeiten entste- hat der Bundesrat bei der Konzeption eines das Gesetz.
hen. Gut sieht man das in der Medienbran- neuen Bundesgesetzes über elektronische Der Löwenanteil der «Abgabe für elektro-
che. Radio und Fernsehen gehören zwar nach Medien (BGeM) berücksichtigt. Seiner Mei- nische Medien», wie die heutige Empfangs-
wie vor zu den gut genutzten Medien. Aber nung nach ist ein verlässlich finanziertes, gebühr neu heisst, geht auch künftig an die
die Zeiten, als sich die ganze Schweiz um qualitativ hochstehendes und unabhängi- SRG. Daneben werden andere Medienanbie-
12.30 Uhr vor den Radio- und um 19.30 Uhr ges Medienangebot zentral für die Demo- terinnen, die eine Service-public-Leistung er-
vor den Fernsehgeräten versammelt hat, um kratie. Entsprechend sieht das Gesetz wie bringen, mit insgesamt maximal 6 Prozent
sich über das Weltgeschehen zu informieren, bisher bei den elektronischen Medien eine der Medienabgabe entschädigt. Diese 6 Pro-
gehören der Vergangenheit an. Das Internet direkte Medienförderung vor: Inhalte der zent werden auf Radio, Fernsehen und neu
hat die Mediennutzung der Bevölkerung völ- SRG und anderer Anbieterinnen sind auf auch Onlinemedien verteilt. Damit wird der
lig verändert. Die jüngere Generation nutzt nationaler, sprachregionaler oder regiona- Fächer weiter geöffnet. Es wird ein Impuls ge-
Medien fast nur über das Internet, und selbst ler Ebene bereitzustellen und aus der Abga- setzt, um den Wettbewerb unter den Anbie-
bei den über 75-Jährigen gehört das Internet be für elektronische Medien zu finanzieren. terinnen zu stimulieren. So können neue An-
für 45 Prozent zum Alltag. Denn in der kleinräumigen und mehrspra- gebotsformen leichter entstehen und damit
Untersuchungen zeigen, dass Radio- und chigen Schweiz ist es nicht möglich, solche zur Medienvielfalt beitragen.
Fernsehprogramme Mühe haben, die junge Angebote allein mit Werbung und Sponso- Auch eine indirekte Medienförderung gibt
Generation zu erreichen (siehe Abbildungen). ring zu finanzieren. es weiterhin: Für indirekte Fördermassnah-
Daher kam der Bundesrat in seinem Bericht Die Finanzierung demokratierelevan- men stehen neu maximal 2 Prozent des Ge-
zum Service public von Juni 2016 zum Schluss, ter Medien ist infolge des digitalen Wandels samtertrags der Abgabe für elektronische
dass der Service public mittelfristig auch on- schwierig geworden. Die jüngste Publikation Medien zur Verfügung. Damit werden wie
line präsent sein müsse, denn die Schweiz sei der Stiftung Werbestatistik Schweiz zeigt, bisher die Aus- und die Weiterbildung von
auf einen unabhängigen und umfassenden dass die Onlinewerbung 2017 eine Umsatz- Medienschaffenden unterstützt. Neu können
Service public im Medienbereich angewiesen.1 steigerung erfahren hat und unterdessen den auch nicht gewinnorientierte Selbstregulie-
grössten Anteil des Schweizer Werbemark- rungsorganisationen wie der Presserat oder
Ja zum Service public tes ausmacht. Diese Gelder fliessen aller- Nachrichtenagenturen Geld erhalten – wo-
dings nicht in publizistische Inhalte, sondern durch man die Qualität des Schweizer Jour-
Nach den parlamentarischen Debatten zum zu Suchmaschinen, zu Onlineverzeichnis- nalismus stärken will. Darüber hinaus kön-
Service-public-Bericht hat die Stimmbevöl- sen und Rubrikenmärkten. Die Werbeumsät- nen künftig auch innovative IT-Lösungen ge-
1 Bundesrat (2016): Bericht zur Überprüfung der Defi-
ze der gedruckten Presse, und in geringe- fördert werden, um die Entwicklung und den
nition und der Leistungen des Service public der SRG rem  Masse auch von Fernsehen und Radio, Betrieb digitaler Infrastrukturen zu beschleu-
unter Berücksichtigung der privaten elektronischen
Medien. 17. Juni 2016. sind demgegenüber rückläufig. Laut Exper- nigen.

46  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


MEDIENGESETZ

Mit Augenmass regulieren weise die Radio- und Onlinewerbeverbote Weiter setzt der Bundesrat im Gesetzes-
bestehen, und neu kann der Bundesrat bei entwurf auf Innovation. Sie ist sowohl bei der
Das neue Gesetz will einerseits die Medien den Werbeeinnahmen der SRG einen Ein- SRG als auch bei regionalen Anbieterinnen ein
fördern, andererseits aber auch nur wo not- nahmedeckel vorsehen. Weiter kann er die Kriterium für den Abschluss von Leistungsver-
wendig und so wenig wie möglich regulieren. Summe, die die SRG aus der Abgabe für elek- einbarungen. Die Medien sollen die digitale
Das Kernstück der Regulierung betrifft die tronische Medien erhält, plafonieren und Herausforderung annehmen, sich weiterent-
SRG: Sie bekommt als nationale Service-pub- festlegen, wie viel davon diese für Informa- wickeln und mit ihren Service-public-Ange-
lic-Anbieterin einen umfassenden Leistungs- tionsleistungen verwenden muss. boten ein möglichst grosses Publikum errei-
auftrag und muss die Bereiche Information, Dies zeigt: Die SRG befindet sich also trotz chen. Mit der Unterstützung von innovativen
Kultur und Bildung in allen Amtssprachen oder gerade wegen ihrer Stärke in einem en- IT-Lösungen erhofft sich der Bundesrat einen
und in hoher Qualität abdecken. Weiter soll gen Regelkorsett. Allerdings will der Bundes- zusätzlichen Technologieschub im Medien-
sie Angebote in den Sparten Unterhaltung rat verhindern, dass das Unternehmen keinen bereich. Ziel ist es, dass die Medienunterneh-
und Sport bereitstellen, verbunden mit der Entwicklungsspielraum mehr sieht. Aus die- men in einem hart umkämpften Markt weiter-
Auflage, sich in diesen Sparten von den kom- sem Grund halten sich zusätzliche Regulie- hin einen qualitativ hochstehenden, aber auch
merziellen Medienanbieterinnen deutlich rungen an einem Ort und Deregulierungen an für ein breites Publikum sichtbaren Journalis-
zu unterscheiden. Auf welchen Kanälen die anderen Orten die Waage. mus anbieten können. Das erachtet der Bun-
SRG in welcher Form präsent sein wird, ist ihr desrat für eine funktionierende Demokratie
weitgehend selbst überlassen. Damit wird die Zusammenarbeit und Innovation als zentral.
unternehmerische Freiheit der SRG grösser.
Es gibt keine Beschränkung, wie viel Förder- Das neue Bundesgesetz legt einen Schwer- Staatsferne Medienaufsicht
mittel sie für das Onlineangebot verwenden punkt auf die Zusammenarbeit der verschie-
darf. Allerdings müssen nach wie vor Audio- denen Anbieter. So wird die SRG zu mehr Ko- Wo öffentliche Mittel zur Medienförderung
und audiovisuelle Angebote klar im Zentrum operation verpflichtet. Der Bundesrat kann gesprochen werden, braucht es eine Kon-
stehen. ihr vorschreiben, einen Teil des Unterhal- trolle über deren Verwendung. Bisher wa-
Damit für die anderen Medienanbieterin- tungs- und Sportangebots gemeinsam mit ren für die Vergabe der direkten und indirek-
nen neben der SRG genug Raum zur Entfal- anderen Medienunternehmen herzustellen. ten Medienförderung sowie für die Aufsicht
tung bleibt, werden ihr auch künftig Ein- Neu wird die SRG beispielsweise auch ver- über die entsprechenden Medienanbieterin-
schränkungen auferlegt. So bleiben beispiels- pflichtet, tagesaktuelle Informationsbeiträ- nen weitestgehend der Bundesrat, das De-
ge als «shared content» anderen Medien zur partement für Umwelt, Verkehr, Energie und
Smartphones haben die Mediennutzung in der Verfügung zu stellen. Kommunikation (Uvek) und das Bundesamt
Schweiz verändert.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  47
MEDIENGESETZ

für ­Kommunikation (Bakom) zuständig. Mit


Abb. 1.: Radio-Nutzung: Nettoreichweiten nach Veranstalter- und
Blick auf die verfassungsrechtlich veranker-
Altersgruppen (2017)
te Medienfreiheit erweist sich die erwähnte
100 in %
Zuständigkeit jedoch als problematisch. Im
Gegensatz zur Schweiz ist die Regulierungs-

MEDIAPULSE 2018, JAHRESDURCHSCHNITT JAHR 2017 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


behörde in praktisch allen europäischen Län- 80
dern unabhängig. Die heutige Zuständig-
keitsordnung steht auch im Widerspruch zu
entsprechenden Empfehlungen des Europa- 60

rats.2 Nicht zufällig wurde daher auch im Na-


tionalrat die Schaffung einer unabhängigen 40
Aufsichtsbehörde gefordert.3
Vor diesem Hintergrund schlägt der Bun-
desrat im Gesetzesentwurf eine Kommis- 20
sion für elektronische Medien (Komem) als
unabhängige Regulierungsbehörde vor. Die-
0
se soll künftig namentlich für die Erteilung
15–25 Jahre 25–34 Jahre 35–44 Jahre 45–59 Jahre 60+ Jahre
der SRG-Konzession, den Abschluss von Leis-
tungsvereinbarungen mit anderen Medien-   SRG          Privatradios Schweiz          Radios Ausland
anbieterinnen, die Aufsicht über die Einhal-
tung der publizistischen Leistungsaufträge

MEDIAPULSE 2018, DURCHSCHNITTLICHE NUTZUNG IM JAHR 2017 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


sowie die Vergabe der indirekten Medien- Abb. 2: TV-Nutzung: Nettoreichweiten nach Veranstalter- und
förderung für die elektronischen Medien zu- Altersgruppen (2017)
ständig sein. 80 in %

Obwohl der Bundesrat damit auf mehr


Staatsferne setzt, gibt er nicht alle wichti-
60
gen Steuerungsinstrumente zu den elekt-
ronischen Medien aus der Hand. So legt er
etwa die Abgabenhöhe und die Verteilung 40
auf die verschiedenen Verwendungszwecke
fest und definiert die Werbe- und Sponso-
ringbeschränkungen der SRG. Um eine mög- 20
liche Einflussnahme auf die Inhalte zu ver-
meiden, bleibt die Aufsicht über die Inhalte
der Medienangebote bei der Unabhängigen 0
3–14 Jahre 15–25 Jahre 25–34 Jahre 35–44 Jahre 45–59 Jahre 60+ Jahre
Beschwerdeinstanz für Radio und Fernse-
hen bzw. für elektronische Medien (UBI) be-   SRG         Konzessionierte Regional-TV         Nicht konzessionierte Privat-TV     
stehen.   Ausländische öffentlich-rechtliche Programme         Ausländische Programme mit CH-Werbefenster
Der Gesetzesentwurf hat – verglichen mit
dem Status quo unter dem Bundesgesetz
über Radio und Fernsehen – geringe Aus- Unter das neue Gesetz fallen nicht alle keit gestärkt. Nun wird sich zeigen, in wel-
wirkungen auf die Volkswirtschaft und die elektronischen Medien, sondern nur Ange- chem Masse dieser Gesetzesentwurf auf An-
Unternehmen. Auch die Haushalte werden bote jener Medienanbieterinnen, die eine klang stösst.
nicht stärker belastet. Insgesamt werden für Leistungsvereinbarung oder eine Konzession
die Förderung im Mediensektor voraussicht- (SRG) haben. Kleinere Neuerungen, die aber
lich finanzielle Mittel im heutigen Umfang zur im Vernehmlassungsverfahren durchaus um-
Verfügung stehen, und es gibt einige admi- stritten sein könnten, sind etwa die Deregu-
nistrative Entlastungen. Beispielsweise ent- lierung der Radios ohne Leistungsvereinba-
fällt die Melde- und Berichterstattungspflicht rung. So können solche Radios beispielswei-
von Medienanbieterinnen ohne Leistungs- se künftig politische Werbung ausstrahlen.
auftrag. Ganz grundsätzlich wird das Subventionie-
rungssystem deutlich vereinfacht, und vie- Bernard Maissen
2 Empfehlung des Ministerrates vom 23. Dezember 2000 le Einzelsubventionen werden aufgehoben. Vizedirektor und Leiter Abteilung Medien,
und dessen Deklaration vom 26. März 2008. Dafür wird die Rechenschaftspflicht der Me- Bundesamt für Kommunikation (Bakom),
3 Postulat 16.3630 der Kommission für Verkehr und Fern- Biel/Bienne
meldewesen NR vom 29. August 2016. dienanbieterinnen gegenüber der Öffentlich-

48  Die Volkswirtschaft  10 / 2018


KEYSTONE

Wie verhindert man Armut?


Jede 13. Person lebt in der Schweiz unter dem Existenzminimum. In einem Nationalen
Programm hat der Bund gemeinsam mit anderen Partnern Massnahmen zur
Armutsprävention und -bekämpfung erarbeitet. Bildung und Erwerbstätigkeit sind
dabei zentral.
SOZIALE SICHERHEIT

Gemeinsam gegen Armut


Mit einem Nationalen Programm haben Bund, Kantone, Gemeinden und Nichtregierungs-
organisationen seit 2014 zusammengespannt, um die Kooperation im Kampf gegen die
­Armut zu verstärken. Nun will der Bundesrat sein Engagement bis 2024 verlängern. 
Gabriela Felder, Thomas Vollmer

Abstract  Mit dem Nationalen Programm gegen Armut setzten sich Bund, Kantone, Bildungschancen stärken
Städte, Gemeinden und Organisationen der Zivilgesellschaft zwischen 2014 und 2018
gemeinsam gegen Armut ein. Das Programm bearbeitete aus wissenschaftlicher und Ein Bildungsabschluss und berufliche Quali-
anwendungsorientierter Perspektive zentrale Themen der Armutsprävention und fikationen sind zentrale Faktoren, um Armut
-bekämpfung und stellte die Erkenntnisse den zuständigen Akteuren auf Ebene des zu verhindern oder um Wege aus der Armut
Bundes, der Kantone, der Städte und der Gemeinden fortlaufend via Konferenzen und zu finden. Deshalb fokussierte das Nationale
Seminaren zur Verfügung. Der Bundesrat  hat in seinem Bericht eine positive Bilanz Programm gegen Armut speziell auf die För-
über die Ergebnisse und Wirkungen des Programms gezogen und verlängert sein En- derung von Bildungschancen ab der frühen
gagement bis 2024. Kindheit sowie auf die soziale und die beruf-
liche Integration.
Wie wichtig die Förderung von Bildungs-

A  rmut hat vielfältige Ursachen, und Ar-


mutsprävention ist deshalb eine Quer-
schnittsaufgabe, die verschiedene Politik-
Gemeinden, Organisationen der Zivilgesell-
schaft (z. B. Betroffenenorganisationen), So-
zialpartner (z. B. Travailsuisse, Schweizeri-
chancen ab dem Kleinkindalter, bei den
Übergängen ins Bildungssystem, während
der Schulzeit und der Berufsbildung sowie
felder und staatliche Ebenen betrifft. Aus scher Arbeitgeberverband) sowie verschiede- im Erwachsenenalter ist, zeigen die Ergeb-
diesem Verständnis heraus beauftragte der ne Bundesstellen. In den letzten fünf Jahren nisse deutlich. Insbesondere für benachtei-
Bundesrat1 das Bundesamt für Sozialversi- begleiteten zudem rund 100 Fachpersonen ligte Familien, armutsgefährdete Personen
cherungen (BSV) damit, das Nationale Pro- aus den Bereichen Soziales, Bildung, Arbeit, und Menschen mit tiefer beruflicher Quali-
gramm zur Prävention und Bekämpfung von Integration und Gesundheit die Umsetzungs- fizierung sind gezielte Unterstützungsmass-
Armut umzusetzen. Ziel des Programms war arbeiten. nahmen notwendig. Die aktuelle Situation in
es, fundierte wissenschaftliche Grundlagen Seit 2014 wurden insgesamt 16 wissen- der Schweiz und das Wirkungspotenzial von
sowie Praxishilfen für die Ausgestaltung von schaftliche Studien und 7 Praxisinstrumen- Angeboten wurden in verschiedenen Publi-
Massnahmen der Armutsprävention zu ent- te erarbeitet und publiziert. Mit finanzieller kationen des Programms thematisiert.
wickeln, neue Ansätze zu erproben und Bei- Unterstützung durch das Programm konn- So zeigt sich etwa, dass in der frühen
spiele guter Praxis zu verbreiten. Zudem ten 27 Pilot- und Evaluationsprojekte zur Kindheit neben universellen Angeboten
sollten der Austausch und die Zusammen- Stärkung von Bildungschancen von Kin- auch gezielte Unterstützungsmassnahmen
arbeit zwischen den verschiedenen verant- dern, Jugendlichen und Erwachsenen rea- für Kinder, wie etwa Sprachförderung, be-
wortlichen Akteuren der Armutsprävention lisiert werden. Wissensaustausch und Ver- reitgestellt werden sollten. Auch den Fa-
verstärkt werden. Damit hat das Programm netzung wurden im Rahmen von nationalen milien der Kinder sollten gezielte Hilfestel-
eine Wissens-, eine Impuls- und eine Vernet- Fachtagungen, Workshops oder regionalen lungen wie z. B. niederschwellige Eltern-
zungsfunktion übernommen und adressierte Seminaren sowie zwei nationalen Konferen- bildungsangebote bereitgestellt werden.
sich vorrangig an die Fachpersonen und Ent- zen gegen Armut2 gefördert. Darüber hinaus Ob solche Massnahmen etwas bewirken,
scheidungsträger von Kantonen, Städten und wurden rund 30 regionale oder nationale Ta- hängt allerdings von der Verfügbarkeit und
Gemeinden. gungen von Dritten finanziell unterstützt der Qualität ab. Zentrale Akteure bei der Be-
und inhaltlich begleitet. Mittels der Website
Output mit hoher Reichweite Gegenarmut.ch wurde regelmässig über die
Ergebnisse des Programms berichtet.3 Ins- Programm stiftet positiven Nutzen
In enger Partnerschaft mit den betroffenen gesamt konnte damit ein hoher Output mit Im Rahmen einer externen wissenschaftlichen
Bundesstellen, der Sozialdirektoren- und hoher Reichweite erzielt werden. Eine exter- Evaluation hat das Forschungsbüro Ecoplan das
Programm bewertet. Die Evaluation kommt zum
der Erziehungsdirektorenkonferenz, dem ne wissenschaftliche Evaluation stellte dem Schluss, dass die Ziele des Programms insgesamt
Schweizerischen Städte- und dem Schwei- Programm unter dem Strich ein gutes Zeug- erreicht wurden: Die fachliche Debatte wurde
zerischen Gemeindeverband sowie Caritas nis aus, identifiziert aber auch einen gewis- intensiviert, das Wissen der zentralen Akteure er-
weitert, die Zusammenarbeit verbessert und neue
Schweiz setzte das BSV das Programm zwi- sen Verbesserungsbedarf (siehe Kasten).
Ansätze gegen Armut erprobt. Die Evaluation
schen 2014 und 2018 um. Bereits in die Vor- verweist darauf, wie wichtig es sei, die Wirtschaft
arbeiten waren die relevanten Akteure ein- sowie von Armut betroffene Menschen bei der
bezogen. Dazu gehören die Kantone, Städte, Konzeption und der Umsetzung von Massnahmen
2 Am 22. November 2016 in Biel sowie am 7. September
2018 in Bern.
der Armutsprävention stärker einzubeziehen –
1 Beschluss des Bundesrates vom 15. Mai 2013 zum 3 Alle Publikationen des Programms wie Forschungs- insbesondere im Bereich der Berufsbildung sowie
Konzept des «Nationalen Programms zur Prävention publikationen, Praxisinstrumente usw. sind online der beruflichen Integration. Hier besteht Ver-
und Bekämpfung von Armut». verfügbar auf Gegenarmut.ch. besserungsbedarf.

50  Die Volkswirtschaft 10 / 2018


SOZIALE SICHERHEIT

reitstellung dieser Angebote sind die Städte hen Kindheit bis ins Erwachsenenalter einge- sich in reduzierter Form weiterhin in der Ar-
und die Gemeinden.4 bettet werden. mutsprävention zu engagieren und die Kan-
Untersucht wurde zudem, wie die Sozial- tone, Städte und Gemeinden bis 2024 bei
hilfeabhängigkeit von Jugendlichen reduziert Soziale und berufliche ­Integration der Umsetzung der erarbeiteten Empfehlun-
werden kann. Laut der Studie bestehen für gen zu unterstützen. Zu diesem Zweck sol-
gefährdete Jugendliche in der Phase der Be- Integration in den Arbeitsmarkt ist für Men- len etablierte Austauschmöglichkeiten wei-
rufsbildung zwar zahlreiche Unterstützungs- schen im Erwerbsalter eine zentrale Voraus- tergeführt und weitere wissenschaftliche
angebote, die Herausforderung besteht je- setzung für die eigenständige Existenzsiche- Grundlagen und Praxishilfen in Themen mit
doch darin, Gefährdungen möglichst früh zu rung, für eine selbstständige Lebensführung besonders dringlichem Handlungsbedarf er-
erkennen und Jugendliche angemessen zu und damit auch für die soziale Teilhabe. Vom arbeitet werden. Mit Verweis auf bestehen-
unterstützen. Ebenfalls zentral ist die Koordi- Arbeitsmarkt ausgeschlossene Menschen de statistische Grundlagen verzichtet er aber
nation zwischen den involvierten Unterstüt- sind deshalb auf integrierende Massnahmen auf die Einführung eines Armutsmonitorings
zungssystemen im Rahmen der Interinstitu- angewiesen. Dabei spielen die Invaliden-, die sowie auf die Fortführung der Förderung von
tionellen Zusammenarbeit (IIZ). Triagestellen, Arbeitslosenversicherung und die Sozialhilfe Praxis­projekten.
welche die Jugendlichen den Angeboten zu- eine wichtige Rolle. Wichtige Partner dieser
weisen und sie kontinuierlich begleiten, ha- Sozialwerke sind die mehr als 400 Unterneh-
ben sich als erfolgversprechend erwiesen. men der sozialen und beruflichen Integration
Wichtig dabei ist, dass auch die Eltern oder (USBI) in der Schweiz. Sie bieten befristete
andere Bezugspersonen in die Unterstüt- Arbeitseinsätze kombiniert mit Beratungs-,
zungsprozesse eingebunden sind.5 Aus- und Weiterbildungsangeboten.
Wie die Erfahrungen zeigen, ist die Um- Im Rahmen des Nationalen Programms
setzung von Massnahmen zur Förderung der gegen Armut wurden die Erfolgsfaktoren
Grundkompetenzen und beruflichen Qua- von USBI untersucht. Die USBI müssen sich
Gabriela Felder
lifikation von armutsbetroffenen Erwach- gleichzeitig am Markt behaupten und eine Leiterin Nationales Programm gegen Armut;
senen in der Regel sehr anspruchsvoll. So soziale Zielsetzung verfolgen, sie müssen auf Bereich Alter, Generationen & Gesellschaft,
müssen etwa je nach Qualifikationsniveau Entwicklungen und veränderte Rahmenbe- Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV),
und Lebenssituation die richtigen Bildungs- dingungen rasch reagieren und ihren Klien- Bern
massnahmen ergriffen werden. Zudem müs- ten gleichzeitig ein geschütztes, förderndes
sen Lösungen gefunden werden sowohl für Umfeld bieten. Da sich daraus auch besonde-
die Betreuung der Kinder während der Aus- re Herausforderungen für die Steuerung der
bildungszeit als auch für die Sicherung des Zusammenarbeit ergeben, wurde ein Leit-
Haushaltseinkommens. Dabei sind auch die faden für die Vollzugsstellen von Sozialhilfe,
Betriebe wichtige Partner. Eine vom Pro- Arbeitslosen- und Invalidenversicherung er-
gramm mitfinanzierte Studie nennt die da- arbeitet, um sie dabei zu unterstützen, Leis-
für notwendigen Rahmenbedingungen und tungsvereinbarungen mit USBI zielgerichtet
zeigt, wo Betriebe in den drei Branchen Gas- auszugestalten.
tronomie, Gesundheit und Baugewerbe als Thomas Vollmer
Chancengeber fungierten. Gemäss dem Pro- Leiter Bereich Alter, Generationen & Gesell-
Bundesrat verlängert sein schaft, Bundesamt für Sozialversicherungen
gramm müssen die verschiedenen Massnah-
men aufeinander abgestimmt werden und in
­Engagement (BSV),Bern

eine Gesamtstrategie der kontinuierlichen Der Bundesrat ist der Ansicht, dass sich die
Literatur
Förderung von Bildungschancen ab der frü- partnerschaftliche Zusammenarbeit zwi-
Bundesrat (2018). Ergebnisse des Nationalen Pro-
schen Bund, Kantonen, Städten, Gemeinden gramms zur Prävention und Bekämpfung von Armut
4 Zwei Praxishilfen des Programms zur Wirkung ver- und Organisationen der Zivilgesellschaft be- 2014–2018. Bericht des Bundesrates vom 18. April
schiedener Angebote der frühen Förderung (Leitfaden) 2018.
und zur Ausgestaltung von Strategien auf kommunaler
währt hat, und hat in seinem abschliessen- Bundesamt für Sozialversicherungen (2018). Eva-
Ebene (Orientierungshilfe) thematisieren diese Aspek- den Bericht über die Ergebnisse des Nationa- luation Nationales Programm zur Prävention und
te. Mehr Infos auf Gegenarmut.ch. Bekämpfung von Armut. In: Beiträge zur Sozialen
5 Der Aspekt der Elternzusammenarbeit wird in einem
len Programms gegen Armut eine positive Bi- Sicherheit, Forschungsbericht Nr. 4/18. Bundesamt
Leitfaden thematisiert. Mehr Infos auf Gegenarmut.ch. lanz gezogen. Er erachtet es als notwendig, für Sozialversicherungen. Bern.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  51
SOZIALE SICHERHEIT

Armutsmessung in der Schweiz


In der Schweiz waren 2016 rund 615 000 Personen von Armut betroffen. Besonders häufig
sind dies Personen ohne nachobligatorische Bildung, Alleinerziehende und Haushalte mit
geringer Arbeitsmarktteilnahme.  Tom Priester, Martina Guggisberg

Abstract  Das Bundesamt für Statistik (BFS) misst die Armut in der Schweiz mit der kerung unterhalb der Armutsgrenze. Jede
nationalen Armutsquote. Diese beruht auf einer Armutsgrenze in Höhe des sozialen 13. Person in der Schweiz war somit von
Existenzminimums. 2016 waren 7,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung von Armut be- Einkommensarmut betroffen. Für eine Ein-
troffen. Am höchsten ist die Armutsquote bei Einzelpersonen, Alleinerziehenden und zelperson lag die Armutsgrenze bei durch-
Personen in Haushalten ohne Erwerbstätige. Auf regionaler Ebene ist die Armutsquo- schnittlich 2247 Franken pro Monat. Für
te im Tessin am höchsten. Um Armut international vergleichbar zu machen, verwendet zwei Erwachsene mit zwei Kindern lag sie
das BFS die international gängige Armutsgefährdungsquote und den europäischen bei 3981 Franken. Von diesem Betrag müs-
Indikator zur materiellen Entbehrung. Bei beiden Kennzahlen schneidet die Schweiz sen der allgemeine Lebensunterhalt und die
besser ab als der europäische Durchschnitt. Wohnkosten bezahlt werden.2 Zwischen
2007 und 2013 sank die Armutsquote der
Gesamtbevölkerung von 9,3 Prozent auf 5,9

D  as Bundesamt für Statistik (BFS) ver-


wendet verschiedene Kennzahlen zur
Messung der Armut in der Schweiz: die natio-
niert werden. Damit bildet die Armutsquote
eine Grundlage für die Sozialpolitik und eig-
net sich als sozialpolitische Zielgrösse, da sich
Prozent (siehe Abbildung 1). Seit 2014 steigt
sie in der Tendenz wieder, der Anstieg ist
statistisch allerdings nicht signifikant. Das-
nale Armutsquote, die international gängige die finanzielle Unterstützung armer Haushal- selbe gilt für die Armutsquote der Erwerbs-
Armutsgefährdungsquote und den europäi- te in einer messbaren Reduktion der Armut tätigen.
schen Indikator zur materiellen Entbehrung niederschlägt.1
(siehe Kasten). Die nationale Armutsquote Im Jahr 2016 lag das verfügbare Haus- 2 Die Prämien für die obligatorische Krankenversiche-
beruht auf einer Armutsgrenze in Höhe des haltseinkommen bei 7,5 Prozent der Bevöl- rung werden bereits beim verfügbaren Einkommen
abgezogen. Allfällige Vermögensbestände werden in
sozialen Existenzminimums und orientiert der Armutsquote nicht berücksichtigt.
sich an den Richtlinien für den Sozialhilfebe- 1 Entsprechend sind diese Kennzahlen auch Teil des
Statistischen Sozialberichts Schweiz des BFS und
zug in der Schweiz, die von der Schweizeri- liefern eine Grundlage für das Nationale Programm zur
schen Konferenz für Sozialhilfe (Skos) defi- Prävention und Bekämpfung von Armut. Alleinerziehende mit minderjährigen Kindern
weisen die höchste Armutsquote auf.

KEYSTONE

52  Die Volkswirtschaft 10 / 2018


SOZIALE SICHERHEIT

Bildung und Erwerbsarbeit Abb. 1: Entwicklung der Armutsquote, in Prozent der Bevölkerung (2007–2016)
­schützen vor Armut

BFS, ERHEBUNG ÜBER DIE EINKOMMEN UND LEBENSBEDINGUNGEN (SILC) /


12,5        in %

Besonders häufig von Armut betroffen sind


Personen in Haushalten ohne Erwerbstätige, 10

allein lebende Erwachsene im Erwerbsalter


sowie Personen in Ein-Eltern-Haushalten mit 7,5
Kindern unter 18 Jahren (siehe Abbildung 2).
Auch die Armutsquote von Ausländern war 5
deutlich höher als die der Gesamtbevöl-

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
kerung. Als zentral erweist sich weiter die 2,5
höchste abgeschlossene Ausbildung: Perso-
nen ohne nachobligatorische Schulbildung 0
sind fast doppelt so häufig arm wie jene mit
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016
einem höheren Bildungsstand. Personen mit
  Armutsquote Gesamtbevölkerung       Armutsquote Erwerbstätige       95-Prozent-Vertrauensintervall
einem Universitäts- oder einem Fachhoch-
schulabschluss zeigen die geringste Armuts- Infolge methodischer Anpassungen der Datenbasis Silc können die Werte ab Silc 2014 nicht mehr direkt
betroffenheit. Personen ab 65 Jahren wei- mit den Vorjahren verglichen werden.
sen ebenfalls eine hohe Armutsquote auf. Sie
können jedoch häufig auf Vermögen zurück-
greifen, um ihre laufenden Ausgaben zu be- Abb. 2: Armutsquoten vor und nach Sozialtransfers, in Prozent der Bevölkerung
streiten.3 Diese Vermögen werden bei der Be- (2016)
rechnung der Armutsquote nicht berücksich-
Gesamtbevölkerung
tigt. 0–17 Jahre
Die Wahrscheinlichkeit, ob jemand von
18–64 Jahre
Armut betroffen ist oder nicht, hängt we-
ab 65 Jahren
sentlich von der Arbeitsmarktteilnahme ab.
Frauen
Erwerbstätigkeit gilt als wichtigstes Mit-
tel zur Reduktion des Armutsrisikos. Das be- Männer

stätigt die Statistik: Die Armutsquote der er- Schweizer


werbstätigen Bevölkerung lag markant tie- Nord- und Westeuropäer
fer als die der nicht erwerbstätigen Personen Südeuropäer
ab 18 Jahren. Obwohl die Integration in den Personen aus übrigen Ländern
Arbeitsmarkt einen wirksamen Schutz vor obligatorische Schule
Armut darstellt, waren 2016 3,8 Prozent der
Sekundarstufe II
Erwerbstätigen arm. Das entspricht rund
Tertiärstufe
140 000 Personen. Trotz Erwerbstätigkeit be-
Einzelperson unter 65 Jahren

BFS, ERHEBUNG ÜBER DIE EINKOMMEN UND LEBENSBEDINGUNGEN (SILC) 2016 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
sonders betroffen sind Personen mit eindeu-
Paar unter 65 Jahren
Einelternhaushalt mit Kind(ern) unter
3 BFS (2014). 18 Jahren
Paar mit Kind(ern) unter 18 Jahren
Paar mit einem Kind
Paar mit zwei Kindern
Im europäischen Vergleich ist die
Schweiz gut platziert Paar mit drei oder mehr Kindern
deutsches/rätoromanisches Sprachgebiet
Um die Situation in der Schweiz mit anderen
Ländern zu vergleichen, wird die ­international französisches Sprachgebiet
gebräuchliche Armutsgefährdungsquote italienisches Sprachgebiet
verwendet. Diese lag in der Schweiz 2016 mit
14,7 Prozent wie in den Vorjahren unter dem Erwerbstätige
Durchschnitt der Europäischen Union von Nichterwerbstätige
17,3 Prozent. Im Gegensatz zur Armutsquote kein Erwerbstätiger im Haushalt
eignet sich dieser Indikator aber weniger als Ziel-
grösse der Armutsbekämpfung: Er hängt direkt ein Erwerbstätiger im Haushalt
vom mittleren Wohlstandsniveau eines Landes zwei Erwerbstätige im Haushalt
ab und ist eher ein Mass für die Einkommensun-
in % 0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55
gleichheit als für den tatsächlichen Lebensstan-
dard. Hinsichtlich der materiellen Versorgung ge-   Armutsquote nach Sozialtransfers         95%-Vertrauensintervalle
hört die Schweiz zu den bestplatzierten Ländern   Armutsquote vor Sozialtransfers        95%-Vertrauensintervalle
Europas. Denn ihre Quote der materiellen Ent-
behrung, welche als finanziell bedingter Mangel Beide Armutsquoten basieren auf dem Einkommen ohne Berücksichtigung allfälliger Vermögensbestände.
in drei von neun Lebensbereichen definiert ist, Bei der Armutsquote vor Sozialtransfers werden z. B. Familienzulagen, Invaliditätsrenten, Verbilligungen der
betrug 5,3 Prozent. Das ist deutlich weniger als Krankenkassenprämie, Sozialhilfe oder Taggelder der Arbeitslosenversicherung vom Einkommen abgezogen,
der europäische Durchschnitt von 15,7 Prozent. die Alters- und Hinterbliebenenleistungen (inkl. EL) hingegen weiterhin zum Haushaltseinkommen gezählt.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  53
SOZIALE SICHERHEIT

die Sozialtransfers allerdings nur wenig über


Abb. 3: Armutsbetroffene Personen im Zeitraum von vier Jahren (2013–2016), in

BFS, ERHEBUNG ÜBER DIE EINKOMMEN UND LEBENSBEDINGUNGEN (SILC) /


der Armutsgrenze, wodurch die finanzielle Si-
Prozent der Bevölkerung
tuation oft angespannt bleiben dürfte.
15      in %
Bei Haushalten mit Kindern – insbesonde-
re in Ein-Eltern-Haushalten –, bei Erwerbslo-
10
sen und bei Ausländern aussereuropäischer
Herkunft wird die Armutsquote durch die So-
zialtransfers stark reduziert. Diese Gruppen
5 sind jedoch auch nach den Transfers deutlich

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
häufiger arm als die Gesamtbevölkerung. Die
Struktur der armen Bevölkerung wird somit
0 durch die Sozialtransfers kaum verändert. Die
1 Jahr 2 Jahre 3 Jahre 4 Jahre in mindestens einem wichtigsten Risikofaktoren für Armut in der
der 4 Jahre arm
  Armutsbetroffene Personen          95%-Vertrauensintervalle Schweiz bleiben auch nach den Sozialtrans-
fers eine geringe Schulbildung sowie eine un-
Lesebeispiel: 7,7 Prozent der Bevölkerung waren in genau einem der vier betrachteten Jahre armuts­
betroffen und 0,9 Prozent in allen vier Jahren.
genügende Integration in den Arbeitsmarkt.

tig oder tendenziell unsicheren Arbeitsbedin- Jahre armutsbetroffen, 2,5 Prozent während
gungen. Hierzu zählen Erwerbsunterbrüche, zweier Jahre, 1,2 Prozent während dreier Jah-
befristete Verträge, Beschäftigung in kleinen re und 0,9 Prozent während aller vier Jahre.
Unternehmen und Solo-Selbstständigkeit. Der grösste Teil der Armutsbetroffenen ver-
Innerhalb dieser Gruppen steigt die Armuts- fügte somit relativ rasch wieder über ein Ein-
quote auf bis zu 9 Prozent an. kommen über der Armutsgrenze. Rund jede
Ebenfalls relevant bei der Untersuchung 5. Person mit Armutserfahrung war hingegen
Tom Priester
von Armut sind die Regionen. Sie unter- während mindestens dreier Jahre in dieser Si-
Dr. rer. pol., Leiter Sektion Sozialanalysen,
scheiden sich bezüglich der wirtschaftli- tuation und damit einem besonders grossen Bundesamt für Statistik (BFS), Neuenburg
chen Potenziale und der damit verbundenen Risiko der sozialen Ausgrenzung ausgesetzt.
Arbeitsmarktchancen. Am höchsten ist die Interessant in diesem Zusammenhang
Armutsquote im Tessin. Die geringste Quo- ist auch die Armutsquote vor Sozialtransfers
te weist die Zentralschweiz auf. Generell zeigt (siehe Abbildung 2). Sie misst, welcher Anteil
sich, dass dicht besiedelte Gebiete eher mit der Schweizer Bevölkerung von Armut be-
Armut konfrontiert sind als ländliche, dünn troffen wäre, wenn keine Sozialtransfers wie
besiedelte Regionen. Familienzulagen, Invaliditätsrenten, Verbilli-
gungen der Krankenkassenprämie, Sozialhilfe
Armut ist meist von kurzer Dauer oder Taggelder der Arbeitslosenversicherung
ausgerichtet würden. Es zeigt sich, dass die- Martina Guggisberg
Anhand der Statistik lässt sich auch aufzei- se Leistungen in der Schweiz wesentlich zur Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Sektion
gen, wie lange sich Personen in einer Ar- Verhinderung von Einkommensarmut bei- Sozialanalysen, Bundesamt für Statistik
(BFS), Neuenburg
mutssituation befinden. Zwischen 2013 und tragen. Ohne Sozialtransfers wären 16 Pro-
2016 rutschten 12,3 Prozent der Schweizer zent der Bevölkerung oder 1,3 Millionen Per-
Wohnbevölkerung oder jede 8. Person min- sonen als arm eingestuft worden. Die regulä- Literatur
destens einmal unter die Armutsgrenze (sie- re Armutsquote, welche alle Sozialtransfers Bundesamt für Statistik BFS (2014). Armut im Alter.
Neuenburg.
he Abbildung 3). Im Lauf von vier Jahren wa- im Einkommen einschliesst, liegt mit 7,5 Pro- Bundesamt für Statistik BFS (2015). Statistischer
ren somit deutlich mehr Personen arm, als die zent weniger als halb so hoch. Durch die So- Sozialbericht Schweiz 2015. Neuenburg.
Bundesrat (2018). Ergebnisse des Nationalen Pro-
jährlichen Armutsquoten aufzeigen. Für die zialtransfers konnten die Haushaltseinkom- gramms zur Prävention und Bekämpfung von Armut
meisten von ihnen war Armut aber eine vo- men somit in mehr als der Hälfte der Fälle 2014–2018. Bericht des Bundesrates zum Nationalen
Programm sowie in Erfüllung der Motion 14.3890
rübergehende Erfahrung: 7,7 Prozent der Be- über die Armutsgrenze angehoben werden. Sozialdemokratische Fraktion vom 25. September
völkerung waren nur während eines der vier In vielen Fällen liegen die Einkommen durch 2014, 18. April 2018.

54  Die Volkswirtschaft 10 / 2018


SOZIALE SICHERHEIT

Arbeit ist der beste Schutz


Individuelle Angebote sollen dabei helfen, arbeitslose Personen in den Arbeitsmarkt zu inte-
grieren. Davon profitiert letztlich auch die Gesellschaft.  Charlotte Miani

Abstract    Arbeitstätigkeit ist einer der zentralen Faktoren zur Armutsprävention. Individuelle Lösungen sind
Doch nicht allen Personen gelingt der Zugang zum Arbeitsmarkt, was zahlreiche ne- ­zentral
gative Konsequenzen mit sich bringt. Organisationen der Arbeitsintegration leisten
mit ihren Angeboten einen wichtigen Beitrag dazu, arbeitsuchende Personen gezielt Die Angebote dieser Organisationen ermög-
zu unterstützen, damit sie erfolgreich und nachhaltig in den Arbeitsmarkt (re)integ- lichen es den Personen auf Arbeitssuche, an
riert werden können. Die Investition in diese Angebote zahlt sich deshalb sowohl aus ihren allfälligen Defiziten zu arbeiten. Das
individueller wie auch gesellschaftlicher Sicht mehrfach aus. Ziel ist es, die Chancen auf eine längerfristi-
ge berufliche und soziale Integration zu er-
höhen. Die Integrationsmassnahmen stär-

A  rmut ist kein Zufall. Die Wahrschein-


lichkeit, ob jemand arm ist oder nicht,
hängt von verschiedenen Faktoren ab. Ein
Auf gesellschaftlicher Ebene kann ein Anstieg
der Arbeitslosigkeit den sozialen Frieden und
die Solidarität gefährden. Insbesondere dann,
ken und mobilisieren gezielt die persönlichen
Ressourcen und unterstützen die Betroffe-
nen auf dem Weg aus der Abhängigkeit hin zu
ganz zentraler Faktor ist die Arbeit. Wer einer wenn die Kriminalität aufgrund fehlender mehr Eigenverantwortung. Doch wie genau
Erwerbsarbeit nachgeht, ist einem geringe- Perspektiven zunimmt oder sich die Auslän- kann dies gelingen?
ren Armutsrisiko ausgesetzt. Während 7 Pro- derfeindlichkeit verstärkt, weil ausländische In einer Studie im Auftrag des Bundesam-
zent der Gesamtbevölkerung in Armut leben, Arbeitnehmende als Bedrohung für den eige- tes für Sozialversicherung (BSV) hat ein For-
trifft es bei den Erwerbstätigen «nur» 3,9 Pro- nen Arbeitsplatz wahrgenommen werden. scherteam der Fachhochschule Nordwest-
zent. Der Zugang zu Arbeit ist demnach ein Deshalb ist es sowohl im Interesse des Indivi- schweiz (FHNW), der Scuola universitaria
sehr wichtiges Element im Kampf gegen die duums wie auch der Gesellschaft, möglichst professionale della Svizzera italiana (SUPSI)
Armut. Insbesondere die nachhaltige und er- viele Personen in den Arbeitsmarkt zu (re)in- und der Fernfachhochschule Schweiz (FFHS)
folgreiche Integration in den Arbeitsmarkt tegrieren. Hypothesen zu den Wirkungszusammen-
spielt deshalb eine grundlegende Rolle. hängen erarbeitet.1 Eine der Hypothesen lau-
Gründe für Arbeitslosigkeit tet, dass das Leistungspotenzial der Klienten,
Finanzielle und soziale welches von der persönlichen Motivation
Die Risiken, den Einstieg in den Arbeitsmarkt und den individuellen Integrationshemmnis-
­Konsequenzen nicht erfolgreich zu bewältigen oder aus die- sen beeinflusst wird, das zentrale Element für
Arbeit bedeutet in der Schweiz nicht nur sem wieder herauszufallen, sind vielfältig. den Prozess der Arbeitsintegration darstellt
Existenzsicherung, sondern stellt auch die Neben strukturellen Gründen gibt es ver- (siehe Abbildung).
Grundlage für die soziale Integration dar. Was schiedene individuelle Merkmale. Dazu ge- Das Ziel des Arbeitsintegrationsangebots
es bedeutet, nicht arbeiten zu können, zeigt hören mangelnde Qualifikationen, Alter über ist es, dieses Leistungspotenzial in Leistungs-
der Bericht zur Langzeitarbeitslosigkeit, wel- 50 Jahre, gesundheitliche Einschränkungen, fähigkeit zu wandeln. Dazu dienen sowohl
chen das Staatssekretariat für Wirtschaft die Nationalität sowie die angestammte Be- die konkrete Arbeitstätigkeit der Klienten als
(Seco) 2018 veröffentlicht hat. Aus finanzieller rufsgruppe. Auch wenn jemand bereits früher auch Begleitprozesse wie Beratung, Coaching
Sicht bedeutet Arbeitslosigkeit für die betrof- arbeitslos war, ist das Risiko für eine erneute oder Bildungsangebote. Sie sind nicht nur für
fenen Personen in der Regel, dass ihnen die Arbeitslosigkeit grösser. die Kompetenzerweiterung förderlich, son-
Existenzgrundlage wegbricht. Für die Gesell- Verliert jemand seine Arbeit, gibt es unter- dern helfen den Betroffenen auch auf psy-
schaft führt ein Anstieg der Arbeitslosenzah- schiedliche Institutionen, welche Betroffene chosozialer Ebene, die Leistungsfähigkeit zu
len zu einer stärkeren Belastung der sozia- bei der Rückkehr in den Arbeitsmarkt unter- erreichen.
len Institutionen und der öffentlichen Hand. stützen. Dazu gehören in erster Linie die Organisationen der Arbeitsintegration
Gleichzeitig hat sie auch Mindereinnahmen Arbeitslosen-, die Invaliden- und die Unfallver- können dann zur arbeitsmarktlichen Integ-
bei den Steuern und den Sozialversicherun- sicherung sowie die Sozialhilfe. Ähnliches gibt ration beitragen, wenn sie die Ausgangslage
gen zur Folge. es auch im Bereich der Migration. Diese Insti- und das Leistungspotenzial im Einzelfall ge-
Neben den finanziellen Konsequenzen tutionen vermitteln den arbeitsuchenden Per- nau erfassen. Zudem müssen sie zur individu-
hat die Arbeitslosigkeit auch Folgen für das sonen bei Bedarf einen Platz in einem Ange- ellen Ausgangslage passende, geeignete Pro-
soziale Leben. Arbeitslosigkeit bedeutet für bot einer Organisation der Arbeitsintegration. duktions- und Begleitprozesse anbieten, um
die Betroffenen und ihre Angehörigen oft- Ein solches Angebot kann eine individuelle Be- die notwendigen beruflichen und persönli-
mals den Rückzug aus dem sozialen Leben, ratung oder ein Arbeitstraining, beispielswei- chen Kompetenzen der Teilnehmer zu entwi-
gesundheitliche Probleme, familiäre Span- se in einer organisationsinternen Velowerks- ckeln. Mit anderen Worten: Damit die Integ-
nungen und Konflikte sowie den Verlust des tatt oder in externen Partnerfirmen, umfassen. rationsangebote die geforderte Wirkung er-
Selbstwertgefühls. Hinzu kommt, dass mit Das Arbeitstraining kann auch um zusätzliche zielen können, ist das ideale Matching von
fortschreitender Arbeitslosigkeit auch die er- Bildungsangebote wie Sprach- oder Compu-
worbenen Qualifikationen an Wert verlieren. terkurse ergänzt werden. 1 Siehe Crivelli et al. (2016, S. 57).

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  55
SOZIALE SICHERHEIT

Vermutete Zusammenhänge in der Arbeitsintegration

Leistungs-­ Qualifikation Kompe-


anforderungen tenzerweiterung

Integration (1. Arbeits-


markt / 2. Arbeitsmarkt)
Leistungsfähigkeit/
Vielfalt Produktion
Arbeitsmarktfähigkeit

Motivation
Zusammenarbeit Arbeitsmarktnähe
Leistungspotenzial Sozialwerke, Organi- Soziale Vernetzung
sationen der Arbeits-
integration, Klient
Integrationshemmnisse
(Matching) Arbeitsprozesse
Versorgung (materiell,
Wertschätzung sozial, kulturell)

ADAM ET AL. (2016), S. 57. / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Vielfalt Begleitung Selbstwirksamkeit

Professionelle Haltung
und Prozesse

Materielle Effekte

Klient und Angebot zentral. Es braucht also sionalisierung und die Qualitätssicherung Qualitätsmanagement zur stetigen inter-
verschiedene Angebote für verschiedene und -entwicklung in der Arbeitsintegration nen Prüfung und Verbesserung aufbauen.
Zielgruppen, damit individuell am jeweiligen ein.2 Zu diesem Zweck ist der Verband seit Gegenüber den Auftraggebern von Arbeits-
Leistungspotenzial gearbeitet werden kann. mehr als zehn Jahren Träger der einzigen integrationsangeboten und der breiten Öf-
akkreditierten Fachnorm für die Arbeits- fentlichkeit kann mittels Zertifizierung ein
Qualität sichern integration. Dank dieser Fachnorm3 kön- entsprechender Ausweis erbracht werden.
nen Organisationen ein professionelles Bisher sind bereits rund die Hälfte der Mit-
Damit Arbeitsintegration die erwünsch- glieder sowie weitere Nicht-Mitglieder zer-
te Wirkung erzielen kann, ist es zentral, 2 AIS setzt sich insbesondere für eine erfolgreiche und tifiziert.
dass die Organisationen der Arbeitsinteg- nachhaltige berufliche und soziale Integration ein und
vertritt die Anliegen der Mitglieder gegenüber Politik,
ration gewisse Qualitätsanforderungen er- Wirtschaft und Gesellschaft. Weitere Informationen auf
füllen. Der Dachverband Arbeitsintegration Arbeitsintegrationschweiz.ch. Charlotte Miani
3 Nach einer umfassenden Revision heisst die Fachnorm Leiterin Bereiche Qualität und Migration,
Schweiz (AIS), der rund 220 Mitgliederorga- zukünftig «IN-Qualis». Die Änderung wird im Frühjahr Arbeitsintegration Schweiz, Bern
nisationen zählt, setzt sich für die Profes- 2019 in Kraft treten.

Literatur
Adam, S. M., J. Amstutz, G. Avilés, E. Cavedon, L. Crivelli, zur Prävention und Bekämpfung von Armut, Forschungs- Fluder et al. (2017). Berufliche Integration von arbeitslosen
D. Ferrari, A. Gafner, S. Greppi, A. Lucchini, D. Pozzi, et bericht Nr. 4/16. Bern: Bundesamt für Sozialversiche- Personen. Bern: BFH.
al. (2016). Explorative Studie zu den Erfolgsfaktoren der rungen. Staatssekretariat für Wirtschaft (2018). Bericht Langzeit-
Unternehmen der sozialen und beruflichen Integration. Caritas Schweiz (2017). Durch berufliche Integration arbeitslosigkeit. Bern.
Beiträge zur sozialen Sicherheit, Nationales Programm Armut bekämpfen. Luzern.

56  Die Volkswirtschaft 10 / 2018


SOZIALE SICHERHEIT

Berufsbildung und Grundkompetenzen


stärken
Die Beschäftigungschancen von niedrig qualifizierten Arbeitskräften haben sich in
der Schweiz verschlechtert. Deshalb will der Bund gezielt die Grundkompetenzen von
­Erwachsenen sowie die nachobligatorische berufliche Ausbildung fördern.  Heike Suter

B  ildung spielt eine zentrale Rolle bei der


Verhinderung von Armut. Um die Chan-
cen auf ein unabhängiges Leben zu verbes-
tionstechnologien. Etwa 400 000 Erwachse-
nen in der Schweiz fällt es schwer, einfache
Rechenaufgaben zu lösen, und rund 800 000
Die rechtliche Grundlage für die Förde-
rung von Grundkompetenzen von Erwach-
senen legt das Weiterbildungsgesetz, wel-
sern, ist ein gelungener Berufseinstieg für Erwachsene können nicht richtig lesen und ches 2017 in Kraft trat. Anhand von Leis-
Jugendliche und junge Erwachsene eine schreiben. Dennoch gehen fast zwei Drittel tungsvereinbarungen mit dem SBFI können
nicht zu unterschätzende Voraussetzung. der Betroffenen einer Erwerbstätigkeit nach. die Kantone entsprechende Fördergefässe
Ein langfristig gelungener Übergang in das Wobei sie ein höheres Risiko aufweisen, in entwickeln oder ausbauen. Die Organisatio-
Erwerbsleben gestaltet sich mit Berufs- einem prekären Beschäftigungsverhältnis zu nen der Arbeitswelt – d. h. Sozialpartner, Be-
abschluss deutlich einfacher und eröffnet arbeiten oder arbeitslos zu werden. rufsverbände, Betriebe und Anbieter der Be-
mehr berufliche Entwicklungsmöglichkei- Die Beschäftigungschancen von Niedrig- rufsbildung – können ebenfalls Leistungs-
ten. Neben der frühen Förderung im Kin- qualifizierten in der Schweiz haben sich in vereinbarungen mit dem SBFI abschliessen.
desalter gilt hier insbesondere den Über- den letzten Jahren verschlechtert. Gründe Damit soll die Koordination in Netzwerken
gängen von der obligatorischen Schule ins dafür können einerseits die gestiegenen An- erhöht, die Qualität des gesamten Weiter-
Erwerbsleben besondere Aufmerksamkeit. forderungen an die digitalen Kompetenzen bildungssystems gestärkt und die Öffent-
Bund und Kantone verfolgen gemeinsam bei Arbeitnehmern sein. Andererseits könn- lichkeit sensibilisiert und informiert wer-
das bildungspolitische Ziel: 95 Prozent aller te auch ein Struktureffekt dafür verantwort- den. Unter dem Label «Einfach besser!  … am
25-Jährigen sollen über einen Abschluss auf lich sein, welcher die Auslagerung von we- Arbeitsplatz» unterstützt der Bund seit Ja-
Sekundarstufe II verfügen. Zur Erreichung niger anspruchsvollen Tätigkeiten ins Aus- nuar 2018 kurze Weiterbildungen zur Ver-
dieses Ziels ist insbesondere die Unterstüt- land bewirkt. Ein zentraler Ansatzpunkt, um mittlung von Grundkompetenzen.
zung von Jugendlichen, deren Bildungser- die Rahmenbedingungen für gering quali- Im Rahmen der Fachkräfteinitiative des
folg gefährdet ist, zentral. fizierte Erwachsene zu verbessern, ist des- Bundes sind zudem die Nachholbildung so-
In den vergangenen Jahren haben Bund halb die Unterstützung beim Erwerb und Er- wie die Um- und Höherqualifizierung von
und Kantone Massnahmen entwickelt, er- halt von Grundkompetenzen wie etwa den Arbeitnehmern ein eigenes Handlungsfeld.
probt und eingeführt, welche Jugendliche in ICT-Kenntnissen. Auch möglich ist die Unter- Hier geht es ebenfalls um den Erwerb und
ihrer Bildungslaufbahn unterstützen. Dazu stützung bei einem Berufsabschluss oder den Erhalt von Grundkompetenzen sowie
gehören das Case-Management Berufsbil- -wechsel, etwa mittels einer Validierung von um die Anrechnung von Bildungsleistungen
dung sowie Coaching- und Mentoringpro- Bildungsleistungen oder des Erwerbs einer an formale Bildungsabschlüsse, um die Ent-
gramme. Dieses Grundangebot ist heute beruflichen Grundbildung. wicklung und Schaffung von Angeboten wie
nachhaltig verankert. auch um die Erleichterung des Zugangs zur
Verbundpartnerschaftliche Berufsbildung im Allgemeinen.
Grundkompetenzen als Fundament A
­ ufgabe
Erwachsene mit fehlenden Grundkompe- Auf Bundesebene koordiniert und steuert
tenzen oder ohne nachobligatorischen Ab- das Staatssekretariat für Bildung, For-
schluss haben häufiger Schwierigkeiten, sich schung und Innovation (SBFI) die Berufsbil-
beruflich einzugliedern. Grundkompetenzen dung. Das SBFI stellt die gesetzlichen Struk-
Erwachsener sind die kompetenzmässigen turen, die Koordination und die Steuerung
Voraussetzungen, damit eine Person den All- der Berufsentwicklung in der verbundpart-
tag erfolgreich bestreiten und an Bildung teil- nerschaftlichen Aufgabenteilung der Berufs-
nehmen kann. Dazu gehören grundlegende bildung sicher. Dazu arbeitet es gezielt mit Heike Suter
Kenntnisse in Lesen, Schreiben, mündlicher dem Staatssekretariat für Migration (SEM), Projektverantwortliche, Ressort Berufs­
Ausdrucksfähigkeit in einer Landessprache, dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) bildungspolitik, Abteilung Berufs- und Wei-
Alltagsmathematik sowie Anwenderkennt- und dem Bundesamt für Sozialversicherung terbildung, Staatssekretariat für Bildung,
Forschung und Innovation (SBFI), Bern
nisse von Informations- und Kommunika- (BSV) zusammen.

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  57
SOZIALE SICHERHEIT

STANDPUNKT VON MARTIN KLÖTI

Prävention besser koordinieren


Eine bessere Absprache zwischen den Staatsebenen würde bei der Armuts­
bekämpfung helfen. Als Koordinator hat sich der Bund bereits empfohlen.

Armut ist vielschichtig und m ­ ehrdimensional. Der Bund sollte zusätzlich eine koordinative Rolle
Man kann sie nicht einfach mit einer Mass- bei Themen wie Prävention und Chancengleich-
nahme oder einer finanziellen Leistung wie der heit einnehmen. Durch das Nationale Programm
Sozialhilfe eliminieren. Denn Armut hat Aus- gegen Armut hat er diesbezüglich bereits ein Zei-
wirkungen auf viele Lebensbereiche: Fami- chen gesetzt. Die Mittel sind zwar bescheiden,
lie, Arbeit, Gesundheit und Bildung. Deshalb doch der Handlungsspielraum wurde bisher gut
stellen die Prävention und die ­Bekämpfung ausgenutzt. Leistungen oder neue Massnahmen
von Armut eine Querschnittsaufgabe dar. können mit dem Programm natürlich nicht ali-
Aus sozialpolitischer Sicht liegt die gröss- mentiert werden. Das sieht das Programm auch
te Aufgabe darin, spezifische Massnahmen für nicht vor. Armutsbetroffene profitieren somit
die Armutsbetroffenen zu entwickeln, um pre- nicht direkt mittels Transferzahlungen vom Pro-
käre Lebenssituationen zu verhindern und ihre gramm. Hingegen ermöglichte das Programm
Armut zu bekämpfen. Dabei ist fundamental, bisher, Fakten und fundiertes Grundlagenwissen
dass der Einbezug aller gesellschaftlichen und zusammenzutragen und Hilfsmittel wie Leitli-
volkswirtschaftlichen Bereiche gelingt: Vertre- nien für die involvierten Akteure der Praxis zu
ter aus den verschiedenen Politikbereichen und erstellen. Ebenso trugen die organisierten Ta-
staatlichen Ebenen, der Zivilgesellschaft und gungen und Konferenzen zur Sensibilisierung
der Sozialpartner müssen effizient zusammen- bei und halfen, die Armutsbekämpfung zu ko-
arbeiten, um Armut erfolgreich zu bekämpfen. ordinieren. Die Konferenz der Sozialdirektorin-
nen und Sozialdirektoren begrüsst deshalb die
Wertvolles Grundlagenwissen Fortsetzung des Programms, auch wenn dafür
Die Kantone und Gemeinden sind sich ihrer Ver- weniger finanzielle Mittel gesprochen wurden.
antwortung bewusst. Sie setzen enorme finan- Man kann immer mehr tun – das stimmt. Uns
zielle und personelle Ressourcen ein für die Prä- werden aber auch Grenzen gesetzt vom Volk,
vention und die Bekämpfung von Armut. Aber den Parlamenten, den Gesamtregierungen. Wir
auch der Bund steht in der Pflicht. Nur schon sind bestrebt, den Handlungsspielraum best-
aufgrund seiner Zuständigkeit bei den Sozial- möglich auszunutzen. Dabei setzen wir bei der
versicherungen spielt er eine tragende Rolle: Ursachenbekämpfung an, indem wir etwa die fa-
Leistungskürzungen und erschwerte Zutritts- milienergänzende Kinderbetreuung fördern und
schwellen bei einzelnen Versicherungszweigen so die Rahmenbedingungen für die Vereinbar-
können rasch zu prekären Situationen führen keit von Familie und Beruf verbessern. Dies ist
und müssen oft über die Sozialhilfe oder ande- nachhaltiger, als bloss die Symptome zu lindern.
re Bedarfsleistungen abgefedert werden. Inso-
Martin Klöti ist Regierungsrat des Kantons St. Gallen und
fern kann das soziale Sicherungssystem unter ­Präsident der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen
Umständen Armut generieren, was paradox ist. und Sozialdirektoren.

58  Die Volkswirtschaft 10 / 2018


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2017 1/2018 4/2017 3/2017 2/2017
Schweiz 1,0 Schweiz 0,6 0,6 0,6 0,3
Deutschland 2,2 Deutschland 0,3 0,6 0,8 0,6
Frankreich 1,8 Frankreich 0,2 0,6 0,5 0,5
Italien 1,5 Italien 0,3 0,3 0,5 0,4
Grossbritannien 1,7 Grossbritannien 0,1 0,4 0,4 0,3
EU 2,4 EU 0,4 0,6 0,6 0,6
USA 2,3 USA 0,5 0,6 0,8 0,8
Japan 1,6 Japan –0,2 0,1 0,3 1,0
China 6,8 China 1,4 1,6 1,7 1,7
OECD 2,5 OECD 0,5 0,6 0,6 0,7

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2017 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2017 2017 1/2018
Schweiz 65 096 Schweiz 4,8 Schweiz 5,2
Deutschland 50 705 Deutschland 3,8 Deutschland 3,5
Frankreich 42 698 Frankreich 9,4 Frankreich 9,2
Italien 39 823 Italien 11,2 Italien 11,1
Grossbritannien 43 857 Grossbritannien 4,4 Grossbritannien –
EU 40 920 EU 7,6 EU 7,1
USA 59 535 USA 4,4 USA 4,1
Japan 43 896 Japan 2,8 Japan 2,5
China – China – China –
OECD 43 800 OECD 5,8 OECD 5,4

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Vor- Veränderung in % gegenüber dem
jahr ­Vorjahresmonat
2017 Juni 2018
Schweiz 0,5 Schweiz 1,1
Deutschland 1,7 Deutschland 2,1
Frankreich 1,0 Frankreich 2,0
Italien 1,2 Italien 1,3
Grossbritannien 2,7 Grossbritannien 2,3
EU 1,7 EU 2,0
SECO, BFS, OECD

USA 2,1 USA 2,9


Japan 0,5 Japan 0,7
China 1,6 China 1,9
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,3 OECD 2,8
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  10 / 2018  59
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d Stipendien.
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BSF (2017). STUDIEN- UND LEBENSBEDINGUNGEN AN DEN SCHWEIZER HOCHSCHULEN / SKBF (2018).BILDUNGSBERICHT SCHWEIZ 2018 / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
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Rund die Häl
Studierende
n hatte Von einer «Generation
2015 eine Ste
lle mit Praktikum» kann in der
bis 40 Pro
zent. Schweiz also nicht die Rede sein.
Studierende in den Sozial- und
Geisteswissenschaften arbeite-
ten 2015 verhältnismässig
häufiger als jene der Wirtschafts-
und der Naturwissenschaften.

Studieren heisst arbeiten


Der lateinische Begriff studens bedeutet «sich bemühend». Studierende bemühen sich
jedoch nicht nur um ihr Studienfach, sondern auch um ihr Einkommen, wie Studien für
2015 und 2016 zeigen.
VORSCHAU

Ausgabe
Die nächste 5. Oktober
m2
­erscheint a

IM NÄCHSTEN FOKUS

Klimawandel und Wirtschaft


Schmelzende Gletscher und Waldbrände: Der Sommer 2018 hat uns mögliche Auswir-
kungen des Klimawandels vor Augen geführt. Im Vergleich zur vorindustriellen Zeit hat
sich die Erde um ein Grad erwärmt, in der Schweiz sogar um mehr. Das Pariser Klima-
abkommen will die Erwärmung auf weltweit zwei Grad begrenzen. Im Dezember treffen
sich die Vertragspartner im polnischen Katowice, um die Spielregeln bei der CO2-Reduk-
tion zu klären. Wie sieht es in der Schweiz aus? In der nächsten Ausgabe beleuchten wir
Klima- und Emissionsszenarien und zeigen auf, wie marktwirtschaftliche Instrumente
gegen den Klimawandel eingesetzt werden können.

Investieren in Klima heisst investieren Risiken für Finanzinvestoren


in Wachstum Professor Stefano Battiston, Universität Zürich
Beth del Bourgo, OECD
Der Aufbau von CO2-Preismechanismen
Neue Klimaszenarien für die Schweiz als internationale Herausforderung
Professor David N. Bresch, ETH Zürich, Angela Michiko Hama Philipp Ischer und Stefan Denzler, Seco
und Andreas Fischer, Meteo Schweiz
Pariser Klimaabkommen – auf dem Weg
Marktwirtschaftliche Instrumente zum Regelbuch
in der Klimapolitik Interview mit Botschafter Franz Perrez, Bafu
Professoren Nicole Mathys und Jean-Marie Grether,
­Universität Neuenburg

Emissionsszenarien für die Schweiz 1990–2035


Professor Phillippe Thalmann und Marc Vielle, ETH Lausanne

IMPRESSUM
Herausgeber Abonnementpreise Druck
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Inland Fr. 100.–, Ausland Fr. 120.– Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp
­Bildung und Forschung WBF, Staatssekretariat für Für Studierende kostenlos App
Wirtschaft SECO, Bern
Layout Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1,
Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Matthias Hausherr, Jessica Kunkler, Illustrationen Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö­
Christian Maillard, Thomas Nussbaum, Cover: Claudine Etter, atelier-c.ch sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
Stefan Sonderegger 91. Jahrgang, mit Beilagen.
Aufgegriffen: Alina Günter, www.alinaguenter.ch
Redaktionsausschuss Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung
Kontakt
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, der Autoren und deckt sich nicht notwendiger-
Holzikofenweg 36, 3003 Bern
­Susanne Blank, Eric Jakob, Evelyn Kobelt, weise mit der Meinung der Redaktion. Um die
Telefon +41 (0)58 462 29 39
Cesare Ravara, Markus Tanner, Nicole Tesar Lesbarkeit zu erhöhen, verwenden wir jeweils nur
Fax +41 (0)58 462 27 40 die männliche Form. Gemeint ist stets sowohl die
Leiter Ressort Publikationen weibliche als auch die männliche Form.
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