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91. Jahrgang   Nr. 8 – 9 / 2018 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW GESUNDHEITSKOSTEN WETTBEWERBSPOLITIK SOZIALPARTNER


Rahmenabkommen: Sind Zielvorgaben Statistiker decken Mit längeren Arbeitszeiten
­Chefunterhändler das Heilmittel gegen das Kartelle auf gegen Stellenabbau kämpfen
Roberto Balzaretti will Kostenwachstum? 45 50
­vorwärtsmachen 41
34

FOKUS
Wohin will die EU?

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
Shutterstock/KOF
KOF Prognosetagung 2018
10 Jahre seit der Finanzkrise
Mittwoch, 3. Oktober 2018, 16.45 –18.30 Uhr
(Anschliessend Apéro riche)
UBS-Konferenzgebäude Grünenhof, Nüschelerstrasse 9, 8001 Zürich

Referate und Podiumsdiskussion

Oswald Grübel (ehem. CEO UBS)


«Geopolitik und Finanzmärkte»
Prof. Dr. Aymo Brunetti (Universität Bern)
«10 Jahre danach: Noch Ausnahmezustand oder schon wieder Normalität?»
Prof. Dr. Jan-Egbert Sturm (KOF, ETH Zürich)
«10 Jahre danach: Was haben wir gelernt und wie geht es weiter?»

Moderation Urs Gredig (CNN Money Switzerland)

Programm und Anmeldung unter www.kof.ethz.ch/prognosetagung oder sgk@kof.ethz.ch


EDITORIAL

Was kümmert uns die EU?


Die EU ist gefordert. Im vergangenen Jahrzehnt haben ihr die Schuldenberge,
der Brexit und die Flüchtlingskrise zugesetzt. Aus Schweizer Sicht ist man geneigt
zu sagen: Was kümmert uns das? Das wäre fahrlässig. Denn die Schweiz ist mit
der EU wirtschaftlich eng verflochten: Mehr als die Hälfte der Exporte gehen in den
EU-Raum. Bei den Importen stammen sogar fast drei Viertel aus der EU. Uns verbin-
det aber mehr als die Wirtschaft. Geografisch liegt die
Schweiz im Herzen Europas, wir sprechen die gleichen
Sprachen und teilen das demokratische Verständnis.
In dieser Ausgabe zeigen wir auf, was die EU bewegt.
Eine wichtige Errungenschaft ist der EU-Binnenmarkt,
dessen 25-jähriges Bestehen die Union dieses Jahr
feiert. Autor Achim Wambach, Professor für Volkswirt-
schaftslehre an der Universität Mannheim, sieht weiteres
Ausbaupotenzial insbesondere beim Dienstleistungs-
handel, im Energiesektor und im digitalen Bereich. Am
EU-Sondergipfel im rumänischen Sibiu am 9. Mai im
nächsten Jahr soll der künftige Reformkurs der EU fest-
gelegt werden. Was daraus wird, ist unklar, da bereits im
gleichen Monat die EU-­Parlamentswahlen anstehen. Die
neue Zusammen­setzung des Europäischen Parlaments
werde die politische Ausrichtung der Union bestimmen, schreibt Dieter Cavalleri von
der Mission der Schweiz bei der EU in Brüssel.
Die Schweiz verhandelt derzeit mit der EU über ein institutionelles Rahmenab­
kommen. Entscheidend ist dabei, die innenpolitischen Widerstände zu ­überwinden.
Der Tessiner Staatssekretär Roberto Balzaretti, der die Verhandlungen leitet, sagt im
Interview: «Die Arbeit fällt auch in Bern an, nicht nur in Brüssel.»

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

4 25

FOKUS

Wohin will die EU?


4 «Europe Is Back» 9 Der EU-Binnenmarkt –
Michael Matthiessen der grösste Wirtschaftsraum
Botschafter der Europäischen Union der Welt
für die Schweiz
Achim Wambach
Universität Mannheim

12 EU-Handelspolitik trifft 16 EU-Wahlen 2019 sind


Schweizer Exporteure wegweisend
François Baur Dieter Cavalleri
Economiesuisse Mission der Schweiz bei der Europäischen Union

20 Europas Konjunktur 25 Ungünstige Zeiten für


im politischen Minenfeld Kompromisse mit der EU
Heiner Mikosch, Jan-Egbert Sturm Klaus Armingeon
KOF Konjunkturforschungsstelle Universität Bern
34 INTERVIEW

«Die Leute sollen wissen,


was wir tun»
30 Kein Ausdruck von Schwäche: Im Gespräch mit dem Schweizer Chefunterhändler
Das Handels­defizit der Roberto Balzaretti zum Rahmenabkommen
Schweiz mit der EU
Vincent Pochon, Caroline Schmidt
Staatssekretariat für Wirtschaft

67 WIRTSCHAFTSZAHLEN  69 VORSCHAU   69 IMPRESSUM


INHALT

54 10 59

THEMEN

Geldwäscherei, Gesundheitskosten und mehr


39 AUFGEGRIFFEN 41 GESUNDHEITSKOSTEN 45 KARTELLE
Investitionskontrollen sind Budgetäre Ziele in der Wie man Kartellen mittels
heikel Grundversicherung stärken Statistik das Handwerk legt
Eric Scheidegger die Kostenverantwortung Yavuz Karagök
Staatssekretariat für Wirtschaft Wettbewerbskommission
Thomas Brändle, Carsten Colombier,
Martin Baur
Eidgenössische Finanzverwaltung

48 SOZIALE INSTITUTIONEN 50 SOZIALPARTNERSCHAFT 54 V ERANTWORTUNG


Arbeitsmarktintegration: Arbeitszeitverlängerungen Unternehmen und
Am gleichen Strick ziehen nach dem Frankenschock Menschenrechte: Bund setzt
Carmen Schenk Heinz Gabathuler, Patrick Ziltener auf Sensibilisierung
Staatssekretariat für Wirtschaft Universität Zürich
Amina Joubli
Ueli Kieser Staatssekretariat für Wirtschaft
Universität Zürich

56 WECHSELKURSE 59 FINANZMÄRKTE 61 ÖFFENTLICHE FINANZEN


Währungsprognosen Wirksamer gegen Wie beeinflusst die
bewähren sich nicht Geld­wäscherei und Immigration die öffentlichen
Beat Affolter, Manuel Danzeisen, Terrorismusfinanzierung Finanzen in der Schweiz?
Andrea Möhr
ZHAW School of Management and Law
vorgehen Pierre-Alain Bruchez
Eidgenössische Finanzverwaltung
Simone Woringer
Staatssekretariat für Internationale
Finanzfragen

65 ARBEITSMARKT 68 INFOGRAFIK
Was Temporärarbeit über die Medianlöhne 2008–2016
Wirtschaftslage aussagt
Marius Osterfeld
Swissstaffing
EUROPÄISCHE UNION

«Europe Is Back»
Die Europäische Union begibt sich auf Reformkurs. Sie will krisenresistent und zukunfts-
fähig werden.  Michael Matthiessen
Abstract    Schuldenkrise, Brexit, Flüchtlingskrise: Im letzten Jahrzehnt EU steht für liberale Werte
ist die EU mehrfach auf die Probe gestellt worden. Um Schwächen in der
europäischen Konstruktion zu beseitigen, hat die EU-Kommission einen In diesem sich wandelnden internationalen
Reformprozess eingeleitet. An einem Sondergipfel soll nächsten Früh- Umfeld ist die Europäische Union in vielen Be-
ling im rumänischen Sibiu der künftige Kurs der Union festgelegt werden.
reichen zu einer der wichtigsten Verfechter li-
Dem Reformkurs kommt zugute, dass sich die europäische Wirtschaft nach
schwierigen Jahren mittlerweile günstig entwickelt. In einem sich rasch beraler Werte und eines kooperativen Multi-
wandelnden internationalen Umfeld ist die EU gleichzeitig zu einer wichti- lateralismus geworden: Dieser Aspekt bildet
gen Verfechterin liberaler Werte und eines kooperativen Multilateralismus zusehends eine zentrale Daseinsberechtigung
geworden. Zum ursprünglichen Friedensprojekt ist im 21. Jahrhundert da- der EU.
mit für die EU die Aufgabe erwachsen, die Globalisierung im europäischen Der europäische Binnenmarkt ist einer
Sinne zu gestalten. Im Herzen Europas liegend, ist die Schweiz von diesen der grössten Wirtschaftsräume der Welt. Als
Entwicklungen mitbetroffen. grösste Handelsmacht kann die EU weltweit
Standards setzen. Das jüngste Beispiel hierfür

D  ie Europäische Union hat im vergangenen


Jahr den 60. Jahrestag der Römischen Ver-
träge, sozusagen ihre Gründungsakte, gefei-
ist die Datenschutz-Grundverordnung, welche
wichtige Rahmenbedingungen für die welt-
weite digitale Wirtschaft setzt. Die in der letz-
ert. Sie gedachte dabei ihrer Errungenschaf- ten Zeit abgeschlossenen Freihandelsabkom-
ten: sechs Jahrzehnte lang Frieden, Wohlstand men der EU mit Kanada, Singapur, Vietnam
und Sicherheit, die durch verschiedene Erwei- und Japan, der jüngste Durchbruch mit Mexi-
terungsschritte auf eine wachsende Anzahl ko und die Fortschritte in den Verhandlungen
Mitgliedsstaaten ausgedehnt wurden und von mit dem südamerikanischen Wirtschaftsver-
denen auch benachbarte Nichtmitgliedsstaa- bund Mercosur zeigen, dass die EU im Zentrum
ten wie die Schweiz profitieren. Für diese Leis- der Bestrebungen steht, der aktuellen Stagna-
tung bei der Stabilisierung und der Demokrati- tion bei der Weiterentwicklung der Welthan-
sierung Europas wurde die Europäische Union delsordnung mit modernen Handelsverträgen
2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeich- entgegenzutreten. Darüber hinaus ist sie Vor-
net. reiterin beim Klimaschutz, die weltweit gröss-
Jubiläen sollten aber auch Anlass sein für te Geberin von Entwicklungshilfe und eine
eine Bestandsaufnahme und einen Ausblick in gefragte Partnerin bei der Befriedung von Kon-
die Zukunft. Denn wir durchleben unsichere flikten und dem Wiederaufbau von kriegsbe-
Zeiten. Die globalen Machtverhältnisse haben troffenen Regionen.
sich verschoben, und die Fundamente einer Europäische Werte und die europäische Le-
werte- und regelbasierten Weltordnung sind bensweise haben aber nur eine Zukunft, wenn
infrage gestellt. Einerseits treten Russland und die Europäische Union auf der Weltbühne ge-
China offensiver auf. Andererseits scheinen eint auftritt und zusammen mit gleichgesinn-
die USA  von ihrer bisherigen Rolle als Garant ten Partnern für diese Werte einsteht. Dafür
des freien Welthandels und einer multilateral muss sich die EU reformieren und ihre Struk-
abgestützten internationalen Politik abzurü- turen stärken.
cken: Sie verfolgen vermehrt nationale Interes- In den vergangenen zehn Jahren wurde die
sen. Insgesamt zeichnet sich ein Trend zu einer Union mehrfach auf die Probe gestellt. Nament-
multipolaren Welt ab, geprägt durch mehr In- lich die Wirtschafts- und Schuldenkrise, die
stabilität, wirtschaftlichen Protektionismus Migrationskrise sowie die Bedrohungen durch
und teilweise autoritäre Züge. den Terrorismus und geopolitische Herausfor-

4  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018
ALAMY
EUROPÄISCHE UNION

derungen haben Schwächen der europäischen lerweile günstig entwickelt. Die Wirtschaft in
Konstruktion offengelegt, die behoben werden der EU wächst bereits das fünfte Jahr in Fol-
müssen. Schliesslich haben Grossbritanniens ge, wobei der Aufschwung nun alle Mitglieds-
Entscheidung, aus der EU auszutreten, sowie staaten erfasst hat. Dies wird beispielsweise
europakritische Bewegungen in weiteren Mit- im Wirtschaftsbericht «Europe Is Back» der
gliedsstaaten den bisherigen Integrationsweg EU-Kommission von Anfang Jahr dargestellt.
infrage gestellt. Das BIP-Wachstum lag 2017 für die Union als
Ganzes bei über 2 Prozent. Die Arbeitslosigkeit
Krisen als Chance ist auf dem niedrigsten Stand seit zehn Jahren,
und die Wirtschaftsprognosen bleiben gut.
Krisen legen aber auch immer den Keim für Auch bei der Sanierung der öffentlichen Haus-
künftige Entwicklungen. In ihrer Geschich- halte wurden grosse Fortschritte erzielt. In die-
te ist die EU stets an Krisen gewachsen. Das sem Jahr werden alle Staaten der Eurozone die
beste Beispiel hierfür ist die Realisierung des Defizitgrenze von maximal 3 Prozent des BIP
Europäischen Binnenmarktes, eines der Flagg- einhalten.
schiffe der heutigen EU. Dessen Durchset- Der Wind in den Segeln eröffnet der Euro-
zung unter dem damaligen Kommissionsprä- päischen Union die Gelegenheit für politi-
sidenten Jacques Delors folgte einer Phase der sche Reformen. Die Aufgaben für das nächste
«Eurosklerose», eine Mischung aus wirtschaft- Jahrzehnt sind umfangreich: Im Kern geht es
licher Stagnation und Reformstau, die die da- darum, das europäische Integrationsprojekt
malige Europäische Gemeinschaft lähmte. eine Stufe weiter zu führen und die Europäi-
Die EU steht heute wieder an einem solchen sche Union zukunftsfähig zu machen. Zur ur-
Wendepunkt. Sie kann nur erfolgreich weiterbe- sprünglichen Raison d›être der Europäischen
stehen, wenn sie die Schwächen, die durch die Union, Frieden, Wohlstand und Demokratie
oben erwähnten Krisen offengelegt wurden, be- auf dem europäischen Kontinent zu sichern,
hebt. Die EU hat sich dieser Herausforderung ist im 21. Jahrhundert die Aufgabe hinzuge-
gestellt und einen nachhaltigen Reformprozess kommen, die Globalisierung im europäischen
eingeleitet. Sinne zu gestalten.
Gestartet wurde die Reformdiskussion mit Die Finanz- und Schuldenkrise hat die
dem 2017 erschienenen «Weissbuch über die Schwächen der Eurozone schonungslos offen-
Zukunft Europas». In diesem hat die Europäi- gelegt – deshalb muss die Wirtschafts- und
sche Kommission fünf mögliche Szenarien für Währungsunion umgebaut werden. Es gilt, in
die EU im Jahr 2025 präsentiert – diese reichen Zukunft den Teufelskreis zwischen Banken-
von einem Rückbau der Union auf den Binnen- krisen und Staatsschulden zu unterbinden.
markt bis hin zu einer beschleunigten Vertie- Namentlich soll die geplante Bankenunion die
fung der politischen Integration. Derzeit findet Stressresistenz der europäischen Banken er-
in den europäischen Institutionen und in den höhen und den Schutz der Anleger verbessern.
Mitgliedsstaaten eine breit angelegte Debat- Ausserdem sollen Instrumente geschaffen wer-
te statt, in die auch die Zivilgesellschaft einge- den, um Strukturreformen in den Mitglieds-
bunden ist. Diese Diskussion soll im nächsten staaten zu fördern und Stabilisierungsmass-
Frühjahr, nach dem formellen Austritt Gross- nahmen im Falle von Krisen zu ergreifen. Im
britanniens, auf einem Sondergipfel im rumä- grösseren Zusammenhang wird diskutiert, die
nischen Sibiu zu konkreten Beschlüssen über Governance der Eurozone zu straffen und ef-
den zukünftigen Kurs der EU führen. fizienter zu gestalten, zum Beispiel durch die
Einrichtung eines Europäischen Währungs-
Zeitfenster für Reformen fonds.
Ein weiterer Knackpunkt sind innere Refor-
Der Reformdiskussion kommt zugute, dass men: Die Union muss effizienter agieren kön-
sich die wirtschaftliche Situation in der Euro- nen und für die Bürger transparenter werden.
päischen Union nach schwierigen Jahren mitt- Die EU-Kommission hat deshalb im Sinne der

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FOKUS

Die Europäische Union zählt derzeit


28 Mitgliedsstaaten. Das Vereinigte
Königreich wird die Union Ende
März 2019 verlassen.

Finnland
Norwegen

Schweden
Estland

Russland
Le­land
Dänemark

Litauen

Irland

Vereinigtes Weissrussland
königreich
Niederlande Polen
Deutschland
Belgien

Luxemburg Tschechische
Republik
Ukraine
Slowakei

Frankreich Österreich
Schweiz Ungarn Moldawien
Slowenien
Kroatien Rumänien
Italien
Bosnien
Herzegowina
Serbien

Montenegro Kosovo Bulgarien


Portugal Mazedonien
Spanien
Albanien

Griechenland
Türkei

Malta
ADOBE STOCK

Zypern

Subsidiarität die Anzahl legislativer Projekte besser vor illegaler Migration schützen, ande-
radikal von über 100 auf 25 jährlich gesenkt. rerseits legale Einwanderungsmöglichkeiten
Wo sinnvoll, werden Kompetenzen an die Mit- schaffen und bei der Flüchtlingspolitik die Las-
gliedsstaaten zurückgegeben. Im Gespräch ist ten zwischen den Mitgliedsstaaten gerechter
zudem, bei Entscheiden im Rat vermehrt die verteilen.
qualifizierte Mehrheit anzuwenden.
Dringend notwendig ist eine gemeinsame Eine Union, die schützt, stärkt
Migrationspolitik: Die Migrationskrise von
und verteidigt
2015 und die anhaltenden Flüchtlingsdramen
im Mittelmeer haben klargemacht, dass das Nebst Reformen entwickelt die EU bestehen-
Schengen-Dublin-System einer Reform bedarf. de Politiken weiter. Ein zentrales Vorhaben ist
Einerseits muss die EU ihre Aussengrenzen die Schaffung eines Binnenmarktes für digitale

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  7
EUROPÄISCHE UNION

Dienstleistungen. Dieser soll die Wettbewerbs- der Mitgliedsstaaten sowie gemeinsame Rüs-
fähigkeit der europäischen Wirtschaft in den tungsbeschaffungen zum Ziel haben. Daneben
nächsten Jahren nachhaltig verbessern und sind gemeinsame EU-Verbände und ein gemein-
die Bürger zum Genuss der Vorteile der Digita- sames Verteidigungsbudget im Gespräch. Diese
lisierung verhelfen. Konkret geht es beispiels- sollen die Nato-Verteidigungsstrukturen ergän-
weise um die bereits erfolgte Abschaffung der zen.
Roaming-Gebühren, die Einschränkung von
Geoblocking, die Portabilität von Online-In- Schweiz im Herzen Europas
halten, den Ausbau des 5G-Netzes und die
Internetsicherheit. Darüber hinaus schafft die Die EU und die Schweiz teilen Geografie, Ge-
Umsetzung der Datenschutz-Grundverord- schichte, Sprachen und politische Werte. Im
nung eine solide Basis für die Entfaltung der Zentrum Europas liegend, ist die Schweiz wirt-
modernen Datenökonomie. schaftlich und gesellschaftlich aufs Engste mit
Zu den wichtigsten Erfolgen der EU gehö- der Europäischen Union verbunden. Auf inter-
ren die Stabilisierung und die Demokratisie- nationaler Ebene sind die Schweiz und die EU
rung von Staaten in ihrer Nachbarschaft im Verbündete bei der Verteidigung offener Märk-
Zuge ihrer Erweiterungspolitik. Diese Aufgabe te und der Förderung von Frieden, Menschen-
nimmt die EU heute gegenüber dem Westbal- rechten und Demokratie. Beide stehen für eine
kan wahr. Durch eine mögliche Beitrittspers- multilaterale Ordnung ein, die globale Probleme
pektive bis 2025 haben diese Staaten Anreize, wie Migration, Klimawandel oder nukleare Pro-
Reformen zur Stärkung von Rechtsstaatlich- liferation durch internationale Kooperation an-
keit, Marktwirtschaft und Demokratie durch- geht.
zuführen. Auch in der Klimapolitik bleibt die Die Zukunft der EU betrifft daher auch die
EU Vorreiterin, indem sie sich für den Erhalt Schweiz. Diese profitiert von den EU-Politi-
des Klimaabkommens von Paris einsetzt. Die ken wie auch vom aktuellen wirtschaftlichen
Kommission hat unter anderem die Initiati- Aufschwung in ihrem direkten Umfeld. Na-
ve für plastikfreie Ozeane lanciert und ein In- mentlich will sie weiterhin am EU-Binnen-
vestitionsprogramm für saubere Autos vorge- markt partizipieren. Auch die Erweiterungs-
schlagen. politik kommt der Schweiz zugute: Die bereits
Zudem setzt sich die EU in der Welthan- erfolgte Osterweiterung und die Erweite-
delsorganisation (WTO) für eine Stärkung des rungsperspektive für den Westbalkan stabi-
multilateralen Handelssystems ein. Parallel lisieren ganz Europa. Nicht zuletzt erschlies-
dazu und mangels Fortschritten bei der 2001 sen sich der Schweizer Wirtschaft damit neue
lancierten Doha-Runde baut die EU ihr Netz an Absatzmärkte. Selbst in der viel gescholtenen
bilateralen Handelsabkommen weiter aus und Migrationspolitik profitiert das Binnenland
arbeitet an Abkommen mit regionalen Blöcken Schweiz vom Schengen-Dublin-System. Kurz:
wie dem Verband Südostasiatischer Nationen Der Erfolg des europäischen Integrations-
(Asean). Dabei nutzt sie Handelsabkommen, projektes liegt im essenziellen Interesse der
um Standards zur nachhaltigen Entwicklung Schweiz.
durchzusetzen.
Schliesslich muss die EU angesichts inter-
nationaler Krisen in der unmittelbaren Nach-
barschaft Europas und einer möglichen
Schwächung der US-amerikanischen Sicher-
heitsgarantien ihre Anstrengungen im Vertei-
digungsbereich verstärken. Dazu hat sie 2017
den EU-internen Verbund «Permanente Struk-
turierte Kooperation» (Pesco) und den Europäi- Michael Matthiessen
schen Verteidigungsfonds lanciert, welche die Botschafter der Europäischen Union für die Schweiz und
das Fürstentum Liechtenstein, Bern
Interoperabilität zwischen den Streitkräften

8  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018
FOKUS

Der EU-Binnenmarkt – der grösste


Wirtschaftsraum der Welt
Seit 25 Jahren belebt der EU-Binnenmarkt die Wirtschaft in Europa. Er sollte nun insbe-
sondere bei den Dienstleistungen weiter ausgebaut werden.  Achim Wambach

Abstract    Über eine halbe Milliarde Menschen in der EU profitieren vom Die Attraktivität des EU-Binnenmarktes
Gemeinsamen Europäischen Binnenmarkt – dem grössten gemeinsamen zeigt sich auch darin, dass die Nicht-EU-Mitglie-
Wirtschaftsraum der Welt, was das Bruttoinlandprodukt betrifft. Mit dem der Island, Norwegen und Liechtenstein über
Inkrafttreten des Binnenmarktes im Jahr 1993 wurden Handelsschranken den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) so-
abgebaut und einheitliche Rahmenbedingungen geschaffen. Dies belebte
wie die Schweiz über die Europäische Freihan-
den Handel in der EU, und es entstanden Arbeitsplätze. Eine weitere Folge
des Binnenmarktes ist die gemeinsame Handels- und Wettbewerbspolitik
delszone am EU-Binnenmarkt teilnehmen. Der
der EU-Staaten, die es ihnen erlaubt, Freihandelsabkommen gemeinsam Erfolg der wirtschaftlichen Integration nach 25
auszuhandeln. Obgleich die Marktharmonisierung bereits weit fortge- Jahren EU-Binnenmarkt zeigt sich in verschie-
schritten ist, besteht noch Ausbaupotenzial – insbesondere beim Dienst- denen Studien und Statistiken.1
leistungshandel, im Energiesektor und im digitalen Bereich. Die EU-Bevölkerung profitiert von einer
grösseren Produktauswahl, niedrigeren Prei-
sen und der Möglichkeit, in einem anderen

D  er EU-Binnenmarkt ist eine Erfolgsge-


schichte für die Bürger und die Wirtschaft
in der EU: Der «Gemeinsame Europäische Bin-
Land als dem Herkunftsland innerhalb der EU
zu arbeiten. Für Unternehmen wiederum er-
höhen sich dank dem Marktzugang die Ab-
nenmarkt» bietet Marktzugang zu mehr als satzchancen. Zudem profitieren sie von einem
500  Millionen Menschen und ist mit einem grossen Erwerbspersonenpool und Kostenein-
Bruttoinlandprodukt (BIP) von 15,3 Billionen sparungen durch den Abbau von Handels- und
Euro im Jahr 2017 der grösste gemeinsame Wirt- Investitionsschranken. Weitere Kostenvortei-
schaftsraum der Welt. Bevor er 1993 offiziell in le ergeben sich durch Möglichkeiten zur Spe-
Kraft trat, waren zähe Verhandlungen über sei- zialisierung sowie allgemein der Senkung von
ne Ausgestaltung und über den Abbau von Han- Transaktionskosten.
delsschranken innerhalb der Europäischen
Union vorausgegangen. 500 Euro pro Bürger
Das Fundament des EU-Binnenmarktes bil-
den die sogenannten vier Grundfreiheiten: der Der Binnenmarkt belebt den Handel zwischen
freie Warenverkehr, die Dienstleistungsfreiheit, den EU-Staaten – der Exportwert innerhalb der
die Personenfreizügigkeit sowie der freie Kapi- EU hat sich seit 1994 mehr als vervierfacht und
tal- und Zahlungsverkehr. Sie wurden bereits belief sich 2016 auf rund 3000 Milliarden Euro,
in den Römischen Verträgen von 1957 erwähnt, wobei ein Teil des Wachstums natürlich auf die
welche die Europäische Wirtschaftsgemein- Erweiterung der EU von 12 auf 28 Mitgliedsstaa-
schaft (EWG) begründeten. Elf Jahre später wur- ten zurückzuführen ist. Im selben Zeitraum hat
den mit der Zollunion die Binnenzölle zwischen sich der Handel zwischen der EU und dem Rest
den EWG-Staaten abgeschafft und ein einheit- der Welt verdreifacht.
licher Aussenzoll eingeführt. Die «Einheitliche Auch der Dienstleistungshandel innerhalb
Europäische Akte» legte dann 1986 die Grund- der EU hat sich verstärkt, allerdings auf gerin-
lagen für den Aufbau des Gemeinsamen Euro- gem Niveau. Im Jahr 2014 hatten die Dienstleis-
1 Vgl. European Parlia- päischen Binnenmarktes und den Abbau der tungsexporte zwischen den EU-Staaten einen
ment (2018): 25 Years of inneren Schranken beim Personen- und Kapital­ Anteil von 6,6 Prozent am EU-BIP. Im Jahr 2004
the EU Single Market:
Key Achievements. verkehr. waren es noch 4,8 Prozent gewesen.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  9
EUROPÄISCHE UNION

SHUTTERSTOCK
Der Europäische
Binnen­­markt ­bietet
Schätzungen der Europäischen Kommis- Zugang zu über einer von Massnahmen handelt, die zu unterschiedli-
sion zufolge trug der gemeinsame Binnenmarkt halben Milliarde chen Zeitpunkten eingeführt wurden. In jedem
zwischen 1992 und 2006 zu einem Anstieg des ­Menschen. Öresund­ Fall ergeben sich aus dem gemeinsamen Binnen-
brücke ­zwischen
BIP von 2,2 Prozent bei, was rund 500 Euro pro ­Dänemark und
markt institutionelle Vorteile, die sich positiv
Bürger entspricht.2 Im selben Zeitraum soll der ­Schweden. für Bürger und Wirtschaft auswirken.
EU-Binnenmarkt 2,75 Millionen Arbeitsplätze Ein Beispiel ist die gemeinsame EU-Handels-
geschaffen haben, wodurch die Gesamtbeschäf- politik gegenüber Drittstaaten: Müssten EU-Län-
tigung um 1,4 Prozent zunahm. der einzeln mit Drittstaaten über Handelsfragen
Eine Zäsur für Europa ist der Brexit-Ent- verhandeln, wären sie angesichts ihrer wirtschaft-
scheid vom Sommer 2016. Grossbritannien lichen Grösse im Vergleich zu den beiden anderen
stellt etwa 13 Prozent der Einwohner im EU-Bin- grossen Wirtschaftsblöcken USA und China, aber
nenmarkt, und mit einem Anteil von 15 Prozent auch bei Verhandlungen mit wirtschaftsstarken
an der Wirtschaftsleitung im Jahr 2017 rangier- Ländern wie Japan in einer weitaus schwächeren
te das Land an zweiter Stelle hinter Deutsch- Position. Auch wenn Verhandlungen zu Freihan-
land (21%). Es ist zu erwarten, dass die briti- delsabkommen mit Drittstaaten in der Regel lan-
sche Wirtschaft auch nach einem Austritt eng ge und kontrovers geführt werden, kann die EU
mit dem Kontinent verbunden bleibt. Allerdings hohe Verbraucherschutz- und Umweltstandards
nicht über den Binnenmarkt, sondern eher über sowie günstige Marktbedingungen für Unterneh-
ein Freihandelsabkommen mit der EU, das zu- men durchsetzen. Beispiele sind das Comprehen-
mindest teilweise die Vorteile eines gemeinsa- sive Economic and Trade Agreement (Ceta) zwi-
men Marktes abbilden könnte. schen der EU und Kanada, das seit vergangenem
Herbst weitestgehend in Kraft ist, und das Han-
Gemeinsame Handelspolitik 2 European Commission delsabkommen mit Japan, auf das sich die EU und
(2007): Steps Towards
a Deeper Economic In-
Japan Ende 2017 geeinigt haben.
Grundsätzlich ist es schwierig, die ökonomi- tegration: the Internal Ein weiterer institutioneller Vorteil, den der
Market in the 21st Cen-
schen Effekte des Binnenmarktes eindeutig von tury. A Contribution to EU-Binnenmarkt mit sich bringt, ist die gemein-
anderen Faktoren wie der globalen Konjunk- the Single Market Re-
view, Economic Papers
same Wettbewerbspolitik. Sie garantiert ein-
tur zu isolieren – zumal es sich um ein Bündel No. 271, January 2007. heitliche Rahmenbedingungen im Binnenmarkt

10  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

und unterbindet Wettbewerbsverzerrungen in- Integration vorantreiben


folge unterschiedlicher Marktbedingungen in
den EU-Staaten. So sind beispielsweise Kartell- Im Binnenmarkt ist die wirtschaftliche Inte-
verfolgung, Missbrauchsaufsicht und Fusions- gration noch nicht abgeschlossen. Ausbau-
kontrolle im Vertrag über die Arbeitsweise der bedarf besteht insbesondere beim Dienstleis-
EU festgelegt. Die Zuständigkeit der europäi- tungshandel, bei der Finanzmarktintegration,
schen Wettbewerbsaufsicht liegt dabei bei der im Energiesektor und im digitalen Bereich. Die
Europäischen Kommission. Ausserdem ist die EU-Kommission schätzt, dass alleine die Ver-
Kommission für die staatliche Beihilfekontrol- vollständigung des digitalen Binnenmarktes
le zuständig, die Handelsverzerrungen und un- jährlich bis zu 415 Milliarden Euro zum BIP bei-
gleiche Marktbedingungen aufgrund von staat- tragen kann. Auch im EU-Energiemarkt ist eine
lichen Beihilfen untersagen soll. stärkere Integration erforderlich, wenn man die
Einheitliche wettbewerbliche Rahmenbe- Klimaziele erreichen und die Preise senken will.
dingungen kommen sowohl den Unternehmen Ein zentrales Ziel der ökonomischen Inte-
durch faire Marktchancen als auch den Verbrau- gration zwischen den EU-Staaten ist die wirt-
chern zugute, die durch den intensiven Wettbe- schaftliche Konvergenz der Mitgliedsstaaten.
werb von niedrigeren Preisen, einer grösseren Während das reale BIP pro Kopf grundsätzlich
Produktvielfalt und Verbraucherstandards pro- in allen EU-Staaten in den letzten Jahrzehnten
fitieren. Die Spielregeln vermag die EU-Kommis- gestiegen ist, gibt es immer noch starke Unter-
sion dabei auch bei aussereuropäischen Unter- schiede zwischen den Mitgliedsländern. So war
nehmen durchsetzen. Ein Paradefall ist das im Jahr 2016 das BIP pro Kopf in Kaufkraftpari-
Verfahren gegen den Suchmaschinenbetreiber täten beim Spitzenreiter Luxemburg mehr als
Google, das mit einer Rekord-Kartellstrafe von fünf Mal grösser als beim Schlusslicht Bulga-
2,4 Milliarden Euro im Juni 2017 abgeschlos- rien. Auch die realwirtschaftliche Anpassung,
sen wurde. Dem US-Unternehmen wurde vorge- zum Beispiel bei der Entwicklung der Lohn-
worfen, seine marktbeherrschende Stellung auf stückkosten, erfolgt schleppend. Um die Kon-
dem Markt für Internetsuche missbräuchlich vergenz zu erhöhen, reicht der Ausbau des Bin-
genutzt zu haben. Hätte jedes EU-Land einzeln nenmarkts alleine nicht aus – dazu sind auch die
gegen Google vorgehen müssen, wäre der Fall nationalen Wirtschaftspolitiken gefragt.
vermutlich anders ausgegangen. Mit einem Bruttoinlandprodukt, das vergan-
Ein wesentliches institutionelles Element genes Jahr 16,5 Prozent des Welt-BIP ausmach-
des gemeinsamen Binnenmarktes ist schliess- te, trägt der EU-Binnenmarkt zum weltweiten
lich die einheitliche Währung – der Euro. Die 19 Wohlstand bei. Wenn es ihn nicht schon seit
Staaten der Eurozone profitieren von niedrige- 25 Jahren gäbe, müsste man ihn erfinden.
ren Transaktionskosten, indem Wechselkurs-
risiken und Währungskosten wegfallen. Darü-
ber hinaus hat der Euro eine wichtige Funktion
bei der Sicherstellung der Funktionsfähigkeit
des Europäischen Binnenmarktes: Durch die
Einheitswährung wird den Mitgliedsstaaten
die Möglichkeit genommen, wirtschaftlichen
Schwierigkeiten durch eine Abwertung der hei-
mischen nationalen Währung zu begegnen.
Achim Wambach
Innereuropäische Währungskriege, die letzt- Professor der Volkswirtschaftslehre an der U
­ niversität
endlich die Akzeptanz des Binnenmarktes ge- Mannheim, Präsident des Zentrums für Europäische
Wirtschaftsforschung (ZEW), Mannheim
fährden würden, können so vermieden werden.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  11
EUROPÄISCHE UNION

EU-Handelspolitik trifft
Schweizer Exporteure
Die EU setzt stark auf Freihandelsabkommen mit Drittstaaten. Die Schweiz muss auf­
passen, nicht abgehängt zu werden.  François Baur

Abstract  Da die wichtigsten Konkurrenten von Schweizer Unternehmen etwa ein Drittel ihrer Wertschöpfung im Han-
aus der EU stammen, muss die Schweizer Aussenhandelspolitik mit der EU del mit Drittstaaten. Dabei hat sich das Aussen-
vergleichbare Marktzugangsbedingungen gegenüber Drittstaaten bie- handelsvolumen zwischen 1999 und 2010 ver-
ten. Seit dem Stocken des WTO-Ansatzes konnte sich die Schweiz bis-
doppelt. Aber auch für viele Drittländer spielt
lang mit Freihandelsabkommen neben der EU erfolgreich behaupten. Auf-
grund von stockenden Verhandlungen riskiert die Schweiz, gegenüber der der Handel mit der EU eine grosse Rolle. Für
EU ins Hintertreffen zu geraten. Um dies zu vermeiden, müssen bestehen- 59 Drittstaaten ist die EU der wichtigste Han-
de Freihandelsabkommen konsequent modernisiert werden. Verhand- delspartner. Darunter befindet sich auch die
lungen über neue Freihandelsabkommen sind mit denjenigen Ländern zu Schweiz, wo 71 Prozent der Importe aus der EU
priorisieren, mit denen die höchsten Handelsgewinne zu erwarten sind stammen und 53 Prozent der Exporte in die EU
und wo das Diskriminierungspotenzial für Schweizer Firmen gegenüber gehen. Im Vergleich zur EU spielt China nur für
ihren Konkurrenten am grössten ist. Ausserdem ist eine Marktöffnung des 37 Länder und die Vereinigten Staaten lediglich
Landwirtschaftssektors eine Grundvoraussetzung. Auch gegenüber der
für 34 Länder im Aussenhandel die erste Geige.
EU sind im Dienstleistungs- und Agrarhandel nachhaltige Verbesserungs­
möglichkeiten vorhanden. Es gibt mehrere Gründe für die Bedeutung
der EU im internationalen Handel. Zum einen
bildet die EU mit 500 Millionen Einwohnern

W  elche Handelspolitik verfolgt die Euro-


päische Union? Diese Frage ist aus Sicht
der Schweizer Exportwirtschaft wichtig, denn
den grössten Binnenmarkt der Welt. Mit einem
Anteil von 17 Prozent am Welt-Bruttoinlandpro-
dukt bei lediglich 7 Prozent der Weltbevölke-
die wichtigsten Konkurrenten stammen häu- rung ist die EU noch immer eine der reichsten
fig aus der EU. Die hiesige Exportindustrie ist Regionen der Welt. Ausserdem ist die EU ein re-
deshalb darauf angewiesen, dass die Zugangs- lativ offener Markt. Auf nahezu drei Viertel der
bedingungen zu Drittmärkten zumindest den- Importe in die EU müssen keine Zölle entrich-
jenigen ihrer direkten Konkurrenten entspre- tet werden. Wo Zölle fällig werden, beträgt der
chen. durchschnittliche Zollsatz 3,6 Prozent (2013);
Die EU ist handelspolitisch ein Riese. Wäh- bei den Industriegütern sind es 2,3 Prozent.
rend sie aufgrund mangelnder Kompeten-
zen und des Unwillens der Mitgliedsstaaten Weltweite Marktöffnung als Ziel
Schwierigkeiten hat, eine einheitliche Aussen-
politik zu gestalten, fällt seit 2009 die Han- Aufgrund der grossen Bedeutung des Aussen-
delspolitik in die alleinige Zuständigkeit der handels für die europäische Wirtschaft setzt
EU. Mit einem Anteil von 16,6 Prozent an den sich die EU schon seit ihrer Gründung für die
weltweiten Ein- und Ausfuhren ist die EU vor Öffnung der Märkte ein. Grundsätzlich bevor-
China und den Vereinigten Staaten die gröss- zugt die EU multilaterale Abkommen, weil hier
te Handelsmacht der Welt. Dies trifft nicht nur der Zollabbau weltweit gilt. Spätestens mit dem
auf den Handel mit Gütern zu: Auch im Dienst- faktischen Scheitern der Doha-Runde ist die Zeit
leistungshandel lässt die EU die USA und ins- der multilateralen Freihandelsabkommen aber
besondere China hinter sich. vorläufig vorbei. Auch der plurilaterale Ansatz,
Der Aussenhandel ist für die EU wirtschaft- der in den Neunzigerjahren beim «Information
lich von grosser Bedeutung. Die Union erzielt Technology Agreement» oder beim Pharma-­

12  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

KEYSTONE
Die Ver­handlungen
­zwischen den Efta-­
Abkommen der WTO zum Zuge kam, hat derzeit Staaten und dem EU übernimmt Führungsrolle
einen schweren Stand. Dasselbe gilt für mega- Mercosur sind ins
regionale Abkommen: Beispielsweise wurden ­Stocken geraten. Die EU ist sich ihres Gewichts im Bereich des
­Wirtschaftsminister
im Jahr 2009 Verhandlungen über ein Abkom- Handels sehr wohl bewusst und hat mittlerweile
Johann Schneider-­
men zwischen der EU und den Asean-Staaten Ammann (Mitte) bei begonnen, die internationale Handelspolitik ak-
zugunsten bilateraler Abkommen mit den ein- einem ­Treffen in Davos. tiv nach ihren Interessen zu gestalten. Alle neu-
zelnen südostasiatischen Ländern suspendiert. en EU-Handelsabkommen enthalten ein Kapitel
Erfolgversprechender sind derzeit die Verhand- zur nachhaltigen Entwicklung, über welches die
lungen der EU mit dem südamerikanischen Bin- EU die in Europa geltenden sozialen und öko-
nenmarkt Mercosur. Hier scheint dieses Jahr ein logischen Standards international durchset-
Abschluss in Reichweite zu sein. zen will. So behandelt das Cotonou-Abkommen
Schon bevor der vierte Anlauf zu einer Eini- von 2002 auch Fragen der Menschenrechte und
gung in der Doha-Runde 2008 an der Agrarpoli- der Staatsführung.2 Ein weiteres Beispiel ist die
tik scheiterte, hatte die EU wieder verstärkt auf 1 Z urzeit sind 35 Freihan- neue Investitionsgerichtsbarkeit, mit welcher
delsabkommen in Kraft.
bilaterale Freihandelsabkommen gesetzt. Mitt- 11 Abkommen sind noch
die EU das ihrer Meinung nach wenig transpa-
lerweile hat sie ein dichtes Netz von bilateralen nicht ratifiziert und 5 rente Investor-Staat-Streitbeilegungsverfahren
noch nicht unterzeich-
Freihandelsabkommen erstellt.1 Dabei strebt die net. Mit 7 Staaten oder ersetzen will. Ein solches Gericht hat die EU be-
Staatengemeinschaf-
EU umfassende Wirtschafts- und Handelsab- ten steht die EU in Ver-
reits beim Ceta-Abkommen, aber auch im Frei-
kommen an, wie das vergangenes Jahr in Kraft handlungen (inkl. TTIP). handelsabkommen mit Vietnam durchgesetzt.
2 Partnerschaftsabkom-
getretene Ceta-Abkommen («Comprehensive men 2000/483/EG mit Mittlerweile hat die EU auch einen Vorschlag
Economic and Trade Agreement») mit Kanada Staaten in Afrika, im ka-
ribischen Raum und im
zur Einrichtung eines multilateralen Investi-
zeigt. Pazifischen Ozean. tionsgerichtshofs vorgelegt.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  13
EUROPÄISCHE UNION

Damit übernimmt die EU im internationalen chen, weil die Abkommen der neuen Generation
Handel vermehrt die Führungsrolle, welche die auch in ihre Kompetenzhoheit eingreifen.3
Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des Problematisch wird die Ausweitung der Mit-
letzten Jahrhunderts innehatten, jedoch schon sprache aufgrund der nationalen Kompetenz-
vor dem Amtsantritt von US-Präsident Donald verteilung auf regionale Parlamente. Den Prä-
Trump aufgaben. Letztlich geht es beim aktu- zedenzfall setzte im Herbst 2016 Belgien, das
ellen Handelskonflikt der USA mit der EU auch den Regionalparlamenten ein Mitspracherecht
darum, wer auf dem internationalen Parkett für die Zustimmung zum Ceta-­Abkommen ein-
der Handelspolitik in Zukunft die Nase vorne räumte. Die von Sozialisten und globalisie-
hat. Dabei teilt die Schweiz das Interesse der EU rungsfeindlichen Kommunisten dominierte
am Fortbestehen eines offenen internationalen wallonische Regierung blockierte daraufhin die
Handels. Allerdings würde ein länger dauernder Zustimmung Belgiens, und die nationale Regie-
Handelskrieg zwischen den wichtigsten Schwei- rung musste sich die Zustimmung mit innen-
zer Handelspartnern die hiesige Wirtschaft, die politischen Zugeständnissen erkaufen. Die dar-
auf internationalen Wertschöpfungsketten auf- aus resultierende monatelange Verzögerung des
baut, besonders treffen. Abschlusses hat die internationale Stellung der
EU als verlässlicher Handelspartner kompro-
Die Gefahr von innen mittiert.

Die grösste Gefahr für die EU, die internationale Partner und Konkurrent
Handelspolitik in ihrem Sinne zu gestalten, geht
ausgerechnet von den Mitgliedsstaaten und der Die Schweiz ist für die EU ebenfalls ein wich-
eigenen Bevölkerung aus: Obwohl der europäi- tiger Handelspartner – der Kleinstaat rangiert
sche Kontinent wie kein anderer vom interna- hinter den USA und China an dritter Stelle. Die
tionalen Handel profitiert, wird in breiten Be- Basis der engen Handelsbeziehungen bildet das
völkerungskreisen die Globalisierung und damit Freihandelsabkommen von 1972. Dieses Tarif-
der globale Handel als Gefahr für den eigenen abkommen wurde später mit bilateralen Ab-
Wohlstand und die soziale Sicherheit gesehen. kommen ergänzt und vertieft. Erwähnenswert
Die Anti-Globalisierungs-Bewegung hat seit ist insbesondere das Abkommen über die gegen-
Beginn des neuen Jahrtausends in Europa brei- seitige Anerkennung von Konformitätsbewer-
te Bevölkerungskreise erfasst und war letztlich tungen (MRA), welches zwischen der Schweiz
mit ein Grund für das Scheitern des transatlan- und der EU einen Binnenmarkt in mittlerweile
tischen Investitions- und Handelsabkommens zwanzig Produktbereichen geschaffen hat und
mit den Vereinigten Staaten (TTIP). Beinahe wertmässig mehr als ein Viertel aller Waren-
hätten die Proteste auch zum Aus für das Ce- exporte in die EU und mehr als ein Drittel aller
ta-Abkommen mit Kanada geführt, obwohl bis- Warenimporte aus der EU abdeckt. Wesentlich
lang noch nie ein internationales Handelsab- zum Abbau von Handelshemmnissen haben
kommen so stark durch die EU geprägt worden auch das Abkommen über Zollerleichterungen
ist wie dieses. und Zollsicherheit sowie das Abkommen über
Die EU-Kommission versucht der wachsen- die Personenfreizügigkeit beigetragen. Letz-
den Skepsis in der Bevölkerung mit mehr Trans- teres führte zu einer teilweisen Liberalisie-
parenz zu begegnen, indem sie Vorschläge für rung von grenzüberschreitenden persönlichen
neue Verhandlungsmandate und Berichte über Dienstleistungen.
die Verhandlungsrunden und die Ergebnisse Wie die EU verfügt auch die Schweiz über
3 G utachten des EUGH der laufenden Verhandlungen veröffentlicht. ein weltumspannendes Netz von Freihandels-
vom 16. Mai 2017 Zugleich erhalten die Mitgliedsstaaten mehr abkommen.4 Diese Abkommen wurden meist im
(C-2/15).
4 32 Abkommen sind in Mitsprache: Der Europäische Gerichtshof hat Rahmen der Europäischen Freihandelsassozia-
Kraft, mit 9 Ländern
oder Ländergemein- in einem Rechtsgutachten zum Freihandelsab- tion (Efta) ausgehandelt. Die Schweiz legte den
schaften steht die Efta kommen der EU mit Singapur den Mitglieds- Fokus jeweils darauf, mit denjenigen Staaten
in Verhandlungen (Zah-
len: Seco, Juni 2018). staaten ein Mitbestimmungsrecht zugespro- vergleichbare Freihandelsabkommen zu schlies-

14  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

sen, mit denen auch die EU in Verhandlungen die bestehenden Freihandelsabkommen konse-
stand. In der Vergangenheit war die Schweiz mit quent modernisiert werden. Namentlich ist es
dieser Strategie erfolgreich und erhielt, weil sie wichtig, die Dienstleistungen mit einzuschlies-
die eigenen Industriebereiche weniger vor aus- sen und nicht tarifäre Handelshemmnisse zu
ländischer Konkurrenz schützen wollte, früher beseitigen. Verhandlungen über neue Freihan-
als die EU einen privilegierten Zugang zu den delsabkommen sollten mit denjenigen Ländern
Märkten Südkorea, Japan und China. priorisiert werden, mit denen die höchsten Han-
delsgewinne zu erwarten sind und in denen
Freihandelsabkommen Schweizer Unternehmen aufgrund parallel lau-
fender Verhandlungen der EU Gefahr laufen,
modernisieren
diskriminiert zu werden.5
In letzter Zeit jedoch geraten die Efta-Staaten Eine Grundvoraussetzung ist dabei die Öff-
Island, Liechtenstein, Norwegen und Schweiz nung des Landwirtschaftssektors: Nur so wird
gegenüber der EU immer stärker ins Hintertref- die Schweiz für Drittländer zu einem interes-
fen, da sie ihren Markt für Landwirtschaftspro- santen Freihandelspartner. Auch gegenüber
dukte aus Drittstaaten weniger stark öffnen als der EU ist das Handelspotenzial noch nicht
die EU. Dies wäre jedoch nötig, weil die verblei- ausgeschöpft. Insbesondere im Dienstleis-
benden potenziellen Freihandelspartner star- tungs- und Agrarhandel sind nachhaltige Ver-
ke offensive Interessen im Agrarsektor haben. besserungsmöglichkeiten vorhanden. Wäre die 5 V
gl. Economiesuis-
Das jüngste Beispiel ist der Mercosur, wo die EU Schweiz längerfristig nicht mehr in der Lage, se (2018): Aussenwirt-
schaftsstrategie der
vor einem Abschluss steht und die parallel ver- im internationalen Handel ähnlich günstige Schweiz, Forderungen
laufenden Verhandlungen mit den Efta-Staa- Bedingungen auszuhandeln wie die EU, würde der Wirtschaft, Posi-
tionspapier, 18. Januar
ten wegen ihrer protektionistischen Landwirt- die Exportwirtschaft ernsthaft gefährdet. 2018, S. 14ff.
schaftspolitik ins Stocken geraten sind. Bei
einem erfolgreichen Abschluss durch die EU
wären Schweizer Firmen gegenüber ihren Kon-
kurrenten aus der EU in so wichtigen Absatz-
märkten wie Argentinien oder Brasilien be-
nachteiligt. Die Folge wäre eine Verlagerung der
Produktion von Gütern für den südamerikani-
schen Markt aus der Schweiz in die EU.
Damit der Aussenhandel weiterhin zum François Baur
Head European Affairs, Economiesuisse, Zürich/Brüssel
Wohlstand der Schweiz beitragen kann, müssen

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  15
EUROPÄISCHE UNION

EU-Wahlen 2019 sind wegweisend


Knapp ein Jahr vor den EU-Parlamentswahlen macht sich in Brüssel bereits Wahlkampf-
stimmung breit. Die neue Zusammensetzung des Europäischen Parlaments wird zum
Votum über die politische Ausrichtung der Union.  Dieter Cavalleri

Abstract  Die Wahl des Europäischen Parlaments im Mai 2019 verspricht lament als die einzige direkt gewählte supra­
spannend zu werden. Als Co-Gesetzgeber bestimmt das Parlament das nationale Institution weltweit.  Es ist ein
Recht der EU. Entsprechend ist seine politische Zusammensetzung mit- Berufsparlament, und Doppelmandate sind heu-
bestimmend dafür, in welche Richtung sich die EU bewegen wird. Obwohl te nicht mehr zulässig (siehe Kasten). Im Zuge
Spekulationen zum Wahlausgang noch verfrüht sind, können bereits ge-
der Erweiterungen der EU wurde die Anzahl
wisse Aspekte identifiziert werden, welche die künftige parlamentarische
Arbeit in die eine oder die andere Richtung beeinflussen werden. Als Grad-
der Parlamentssitze auf aktuell 751 erhöht (sie-
messer kann dabei namentlich auf die nationalen Wahlen verwiesen wer- he Abbildung). Diese werden gemäss der Bevöl-
den, wo Bewegungen wie En Marche!, Fünf Sterne und Ciudadanos die an- kerungszahl der EU-Staaten verteilt, wobei die
gestammten Kräfteverhältnisse durcheinanderbringen. bevölkerungsreicheren Mitgliedsstaaten unter-
und die bevölkerungsärmeren Mitgliedsstaaten

S  pannung ist garantiert: In weniger als einem


Jahr finden in der Europäischen Union Wah-
len statt. Ende Mai 2019 werden die 705 Mitglieder
überrepräsentiert sind. So verfügt Deutschland
mit 96 über die meisten Sitze, Frankreich hat 74,
Italien und das Vereinigte Königreich je 73, wäh-
des Europäischen Parlaments (EP) für die neue Le- rend am anderen Ende des Spektrums Estland
gislaturperiode 2019 bis 2024 neu bestellt. und Malta mit je 6 Abgeordneten vertreten sind.
Die Geschichte des Gremiums geht auf die Aufgrund des Austritts des Vereinigten König-
Gemeinsame Versammlung der Europäischen reiches aus der EU wird das Parlament ab nächs-
Gemeinschaft für Kohle und Stahl zurück, de- tem Jahr nur noch 705 Abgeordnete zählen.
ren 78 Abgeordnete 1952 ihre erste Sitzung ab- Gewählt wird in jedem Mitgliedsstaat separat
hielten. Im Jahr 1962 wurde der aktuelle Name nach dem Verhältnismässigkeitsprinzip. Dabei
(Europäisches Parlament) eingeführt. Die dama- gelten für die Wahlmodalitäten wie zum Beispiel
ligen Abgeordneten wurden von den nationalen Stimmrechtsalter einzelstaatliche Bestimmun-
Parlamenten aus ihren eigenen Reihen ernannt. gen. In den Wahlen von 2014 hatte das Euro-
Sie hatten also Doppelmandate als nationale und päische Parlament das sogenannte Spitzenkan-
gleichzeitig als europäische Abgeordnete. didatenverfahren durchgesetzt: Das heisst, die
Seit 1979 werden die EU-Parlamentarier di- Kandidaten für das Amt des Kommissionspräsi-
rekt gewählt. Damit gilt das Europäische Par- denten werden bereits im Vorfeld der Wahl von

Die politische Arbeit im Europäischen Parlament


Der Präsident des Europäischen Parla­ parlamentarischen Ausschüssen, 2 Son­ Fraktion zu gründen, sind mindestens 25
ments ist der Italiener Antonio Tajani von derausschüssen und 39 geografischen Abgeordnete aus mindestens 7 Mitglieds­
der Fraktion EPP, der Anfang 2017 auf den Delegationen – darunter eine Delegation staaten nötig. Die Fraktionen werden zu
deutschen Martin Schulz von den Sozial­ für die Beziehungen zur Schweiz und zu Beginn jeder Legislatur neu bestellt. Ak­
demokraten (S&D) folgte. Das Parlament den EWR-Staaten – vorbereitet. Die Aus­ tuell bestehen 8 Fraktionen. Die beiden
hat seinen Sitz in Strassburg, wo es jährlich schuss- und auch die Plenarsitzungen sind grössten, EPP und S&D, verfügen zusam­
zwölf viertägige Plenarsitzungen abhält. öffentlich und werden per Webstream live men über eine Mehrheit.
Da die Parlamentsausschüsse in der Regel übertragen. Im Haushaltsjahr 2017 stand dem Euro­
in Brüssel zusammentreffen, pendeln die Die Abgeordneten sind nicht nach ihrer päischen Parlament ein Budget von 1,9 Mil­
Abgeordneten und ihre Mitarbeitenden oft Staatsangehörigkeit, sondern gemäss ihrer liarden Euro zur Verfügung. Dies entspricht
zwischen Brüssel und Strassburg – was im­ politischen Ausrichtung in Fraktionen or­ 1,2 Prozent des Gesamthaushaltes der EU
mer wieder zu Kritik führt. ganisiert. Diese sind Zusammen­schlüsse und rund einem Fünftel ihres Verwaltungs­
Die Arbeiten des Plenums des Europäi­ gleichgesinnter nationaler Parteien aus haushaltes.
schen Parlaments werden in insgesamt 20 verschiedenen Mitgliedsstaaten. Um eine

16  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


Als Folge des Brexit fallen nächstes
Jahr 46 Sitze weg: Das Europäische
Parlament in Strassburg.
KEYSTONE
EUROPÄISCHE UNION

den politischen Parteien nominiert. Dieses Vor- Denn bei der letzten Wahl im Jahr 2014 lag die
haben stösst auf Widerstand im Europäischen Beteiligung bei lediglich 42 Prozent, Tendenz
Rat, der damit seinen Handlungsspielraum ein- fallend.
geschränkt sieht. Trotzdem gibt sich das Parla-
ment fest entschlossen, am Spitzenkandidaten- Mitte unter Druck
verfahren festzuhalten. Wen die Parteien als
Spitzenkandidaten aufstellen werden, ist noch Die europäischen Politiker jedenfalls stehen
nicht bekannt. Sicher ist einzig, dass sich der ak- schon in den Startlöchern: Einzelne Sondie-
tuelle Kommissionspräsident Jean-Claude Jun- rungsgespräche zwischen nationalen Parteien
cker nicht mehr zur Wahl stellen will. und Fraktionen haben bereits begonnen, und
Eine andere Idee, nämlich diejenige von die Analysten versuchen sich in ersten Spekula-
transnationalen, gesamteuropäischen Listen – tionen über den Wahlausgang. Diese sind aller-
oder anders formuliert: die Schaffung eines ein- dings mit Vorsicht zu geniessen.
heitlichen europäischen Wahlkreises – wurde Ohne Anspruch auf Vollständigkeit können
hingegen weder vom Europäischen Parlament hingegen bereits Aspekte identifiziert werden,
noch vom Rat aufgenommen. Zumindest nicht welche das Verhältnis zwischen den Fraktio-
für die Wahl 2019. nen und damit die künftige parlamentarische
Arbeit in die eine oder die andere Richtung be-
Zusammenarbeit mit einflussen werden. Dabei spielen einerseits die
politische Ausrichtung der einzelnen gewähl-
­Europäischem Rat ten Abgeordneten und andererseits, damit zu-
Mit dem Vertrag von Lissabon von 2007 wurden sammenhängend, die Fraktionsbildung eine
die Zuständigkeiten des Europäischen Parla- Rolle.
ments bedeutend ausgeweitet. Heute beschliesst Zum einen ist den nationalen Wahlen in
das Parlament – mit wenigen Ausnahmen wie den EU-Mitgliedsstaaten Beachtung zu schen-
beispielsweise dem Steuerbereich  – gemein- ken. So mussten gewisse etablierte Parteien
sam mit dem Europäischen Rat alle Verordnun- beispielsweise in Frankreich und Italien Sitz-
gen und Richtlinien. Darüber hinaus genehmigt verluste hinnehmen. Wiederholt sich dieser
es, ebenfalls zusammen mit dem Europäischen Trend bei den europäischen Wahlen, dürfte
Rat, Staatsverträge mit Drittstaaten und ver-
abschiedet das Budget der EU. Daneben wählt
es, auf Vorschlag des Rates, den Kommissions- Die Fraktionen im Europäischen Parlament
präsidenten und genehmigt die Mitglieder der (aktuelle Legislatur; 751 Sitze)
Kommission. Zudem kann es ein Misstrauens-
votum durchführen.
Aufgrund dieser umfassenden Zuständig-
EUROPÄISCHES PARLAMENT (JUNI 2018) /

keiten werden die Wahlen im Mai 2019 – zu-


sammen mit den jeweiligen nationalen Wah-
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

len und der entsprechenden Zusammensetzung


des Europäischen Rates – die Politik der EU
während der nächsten Legislatur prägen. Da-
bei wird es namentlich um die Frage gehen, ob
  Europäische Volkspartei (EPP), 219 Sitze     
die EU die anstehenden Probleme mit vertiefter
  Progressive Allianz der Sozialisten und Demokraten (S&D), 189 Sitze      
Integration lösen will oder ob das Wahlresultat,   Europäische Konservative und Reformisten (ECR), 71 Sitze      
verbunden mit den kaum vorhersehbaren Pro-   Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa (ALDE), 68 Sitze      
blemen im Zuge des Austritts des Vereinigten   Grüne und Europäische Freie Allianz (Grüne/EFA), 52 Sitze     
  Vereinte Europäische Linke und Nordische Grüne Linke (GUE/NGL),
Königreiches aus der EU, weitere Integrations-
51 Sitze      
schritte verhindern wird. Ob sich die Tragweite   Europa für Frieden und Direkte Demokratie (EFDD), 45 Sitze      
dieser Wahl in einer höheren Wahlbeteiligung   Europa der Nationen und der Freiheit (ENF), 35 Sitze      
widerspiegeln wird, ist allerdings noch offen.   Fraktionslose, 21 Sitze

18  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

dies vor allem die Mittefraktionen der Sozial- Daneben stellt sich die Frage, wie sich Par-
demokraten  (S&D) und der Volkspartei (EPP) teien, die sich eher konservativ und nationalis-
treffen. Gleichzeitig erwarten aufgrund der ak- tisch bewegen, wie die ungarische Fidesz (heute
tuellen Wählerstimmung viele Beobachter und EPP) oder die polnische «Recht und Gerechtig-
Politiker, wie namentlich Parlamentspräsident keit» (ECR), positionieren werden. Innerhalb der
Antonio Tajani (EPP), dass es zu einer weiteren EPP werden vermehrt Stimmen laut, welche die
Erhöhung der Sitzzahl von euroskeptischen Ab- Mitgliedschaft der Fidesz kritisch sehen. Diese
geordneten im Parlament kommt. könnte sich einer anderen Fraktion zuwenden,
Zum anderen ist die Reduktion um 46 Sit- beispielsweise der ECR, die aufgrund des Bre-
ze als Folge des Brexit zu berücksichtigen. xit ein Viertel ihrer heutigen Mitglieder verliert.
Am stärksten betroffen ist die euroskeptische Es gibt allerdings auch Ideen in die umgekehrte
EFDD-Fraktion, bei der fast jedes zweite Man- Richtung, nämlich dass die beiden Parteien in der
dat wegfällt. Ebenfalls stark vertreten sind die EPP verbleiben respektive zur EPP wechseln, was
britischen Abgeordneten bei der konservativen einen Rechtsrutsch der EPP bedeuten würde und
ECR-Fraktion (25%) sowie bei den Sozialdemo- die ECR zum Verschwinden bringen könnte.
kraten (10%). Es wird also interessant sein, zu beobachten,
ob und allenfalls inwiefern die Parlamentswah-
Neue Bewegungen sorgen für Wirbel len vom kommenden Mai zu einer Neuordnung
der politischen Kräfte führen werden – und ins-
Viel Beachtung wird in Strassburg und Brüs- besondere, ob und allenfalls wie sich die euro-
sel der französischen Bewegung En Marche! skeptischen Fraktionen formieren werden.
geschenkt, die heute nicht im Europäischen Wohl gehen die meisten Analysten heute da-
Parlament vertreten ist. Die Partei von Staatsprä- von aus, dass die beiden grossen Mittepartei-
sident Emmanuel Macron hat die Wahl: Entwe- en EPP und S&D zwar Stimmenverluste werden
der schliesst sie sich einer anderen, bestehenden hinnehmen müssen, aber trotzdem die stärks-
Fraktion an, oder sie gründet eine eigene Frak- ten Fraktionen bleiben werden. Je nach Ausgang
tion. Für den ersten Fall haben mehrere Libera- der Wahl und der anschliessenden Fraktionsbil-
le (ALDE), S&D-Abgeordnete und vereinzelt auch dungsgespräche könnte es aber durchaus sein,
EPP-Politiker verlauten lassen, die Türen seien dass sich das aktuelle, vom Zusammenspiel die-
offen. Wählt die Bewegung hingegen den zwei- ser beiden grossen Mitteparteien geprägte poli-
ten Weg, müssen die bestehenden Fraktionen be- tische Gefüge verändern wird. Dies wiederum
sorgt sein, dass ihnen Abgeordnete abgeworben dürfte sich darauf auswirken, ob und allenfalls
werden. wie schnell die EU weitere Integrationsschritte
Auch andere Bewegungen, die sich dem vornehmen wird.
klassischen Links-rechts-Schema entziehen,
wie die italienische Bewegung Fünf Sterne
(heute EFDD) oder die spanischen Ciudadanos
(ALDE), die ihren jeweiligen nationalen Wäh-
leranteil seit den letzten Europawahlen stark
gesteigert haben, dürften ihre Fraktionszuge-
hörigkeit überdenken. So hatte die Bewegung
Fünf Sterne bereits in der aktuellen Legislatur Dieter Cavalleri
einen Zusammenschluss mit ALDE angestrebt, Minister für parlamentarische Angelegenheiten und Brexit,
Mission der Schweiz bei der Europäischen Union, Brüssel
was von dieser jedoch abgelehnt wurde.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  19
EUROPÄISCHE UNION

Europas Konjunktur
im politischen Minenfeld
Die europäische Konjunktur hat nach dem Höhepunkt im vergangenen Jahr an Dynamik
verloren. Wie lange der Aufschwung noch anhält, hängt auch von der Entwicklung des
internationalen Handelskonflikts ab. Die verbleibende Zeit sollte für strukturelle Refor-
men genutzt werden.  Heiner Mikosch, Jan-Egbert Sturm

Abstract  Die europäische Wirtschaft ist im vergangenen Jahr kräftig ge- phase durch, unter anderem, da die südeuro-
wachsen. Angesichts einer zunehmenden Überauslastung des gesamt- päischen Länder weniger deutsche Produkte
wirtschaftlichen Produktionspotenzials und zunehmender wirtschafts- nachfragten. Infolge der Krise stieg die Arbeits-
politischer Unsicherheiten ist der Höhepunkt der Dynamik nun allerdings losigkeit in Europa deutlich an, was sich über
überschritten. Die Konjunktur hat zwar an Schwung verloren, der Zuwachs
einen gedämpften privaten Konsum wiederum
des Bruttoinlandprodukts (BIP) dürfte in der ersten Jahreshälfte 2018 in der
Mehrheit der Länder aber immer noch über dem Produktionspotenzial ge-
negativ auf die Produktion auswirkte.
legen haben, und dies, obwohl Sondereffekte dämpfend wirkten. Im wei-
teren Jahresverlauf dürfte der Aufschwung im Euroraum mit im Vergleich Hohe Dynamik im Jahr 2017
zum vergangenen Jahr vermindertem Tempo anhalten. Auch die britische
Wirtschaft dürfte nach einem schwachen Jahresbeginn wieder kräftiger Im Jahr 2013 setzte eine konjunkturelle Erho-
zulegen. Die Zeit für strukturelle Reformen ist günstig. So sollte zum Bei- lung im Euroraum ein, die allerdings zunächst
spiel die europäische Bankenunion zügig vorangetrieben werden. aufgrund der oben genannten Hemmnisse be-
scheiden ausfiel. So sank die Arbeitslosigkeit,
welche im Frühjahr 2013 mit 12,1 Prozent im

D  ie europäische Konjunktur hat nach dem


Höhepunkt im Jahr 2017 an Schwung ver-
loren, doch noch herrscht in weiten Teilen
Euroraum eine historisch hohe Quote erreicht
hatte, zunächst nur marginal. Die starke Unter-
auslastung der Produktionskapazitäten und vor
Europas Hochkonjunktur. Diese Überauslas- allem der Verfall der Rohstoffpreise in den Jah-
tung – gepaart mit Zuwachsraten, die über dem ren 2014 und 2015 führten zu einer sinkenden
Produktionspotenzial liegen – kann als Kulmi- Inflation und zu entsprechenden Reallohnzu-
nationspunkt eines teilweise zähen konjunktu- wächsen. In der Folge belebte sich der private
rellen Erholungs- und Aufschwungsprozesses Konsum, was die gesamtwirtschaftliche Erho-
seit der Wirtschaftskrise 2011/2012 interpre- lung massgeblich beeinflusste.
tiert werden (siehe Abbildung 1). Erst ab der zweiten Jahreshälfte 2015 zogen
Mit der europäischen Staatsschulden- und auch die Investitionen wieder an. Die stark expan-
Bankenkrise brach das teilweise schuldenge- siv ausgerichtete Geldpolitik der Europäischen
triebene Wachstumsmodell zusammen, und der Zentralbank (EZB) dürfte hierbei zumindest über
Euroraum fiel in den Jahren 2011 und 2012 in eine die Schwächung des Euro eine Rolle gespielt ha-
Rezession. Ein einsetzender Entschuldungspro- ben. Zwar war die europäische Binnenkonjunk-
zess bei Unternehmen und Haushalten, par- tur bereits im Jahr 2016 auf einem guten Pfad.
tielle Kreditklemmen, negative Fiskalimpulse Allerdings wurde die Gesamtkonjunktur tempo-
1 S iehe zum Beispiel durch staatliche Konsolidierungsbemühungen rär durch eine schwache Exportentwicklung ge-
­Michael Graff und Jan-­ und eine hohe Unsicherheit drückten auf die dämpft, welche unter anderem aus einer zuvor
Egbert Sturm (2012),
The Information Con- gesamtwirtschaftliche Aktivität. Vor allem die flauen Konjunkturentwicklung in den USA und
tent of Capacity Utili-
zation Rates for Output südeuropäischen Volkswirtschaften und Irland China resultierte. Im Jahr 2017 zog die globale
Gap Estimates, CESifo
Economic Studies, 58:1,
litten stark unter der Krise. Aber auch Deutsch- Nachfrage wieder an, und in der Folge expandierte
220–251. land machte eine wirtschaftliche Schwäche- auch die Wirtschaft des Euroraums kräftig.

20  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

In Grossbritannien – hinter Deutschland die Potenzialschätzungen im Allgemeinen mit einer


zweitgrösste Volkswirtschaft Europas – setz- hohen statistischen Unsicherheit behaftet.1
te sich die konjunkturelle Entwicklung ab 2013 Seither ist die Wirtschaft in eine Phase zu-
zunächst von der Entwicklung im Euroraum nehmender Überauslastung eingetreten: Ge-
ab und verzeichnete unter anderem aufgrund mäss den EU-weiten harmonisierten Konjunk-
einer lockeren Geldpolitik einen kräftigen Auf- turumfragen sind die technischen Kapazitäten
schwung. Infolge des Brexit-Entscheids vom im Industriesektor bereits stark überdurch-
Sommer 2016 schwächte sich die britische Kon- schnittlich ausgelastet. Zudem signalisieren die
junktur allerdings ab. Unternehmen zunehmend, dass ihre Kapazitä-
In der Schweiz dämpften ab 2013 eine schwa- ten nicht mehr ausreichen, um den Auftragsein-
che Nachfrage und ein – trotz Wechselkurs- gängen nachzukommen.
untergrenze – starker Franken die Entwicklung
der Exportwirtschaft. Der kräftige Aufschwung, Aufschwung verliert an Fahrt
der sich ein Jahr später anbahnte, wurde mit der
Aufhebung des Euromindestkurses im Janu- In der ersten Hälfte dieses Jahres hat die wirt-
ar 2015 im Keim erstickt. Erst 2017 konnte die schaftliche Dynamik nach dem Höhepunkt im
Wirtschaft wieder vermehrt vom europäischen Jahr 2017 erwartungsgemäss etwas an Schwung
Aufschwung profitieren. verloren. Der Hauptgrund für die konjunkturelle
Verlangsamung dürfte die zunehmende gesamt-
Überauslastung im Industriesektor wirtschaftliche Überauslastung sein. Dämp-
fend wirken auch die Aufwertung des Euro um
Die Produktionslücke in der EU hat sich im Ver- real effektiv rund 6 Prozent im Jahr 2017 sowie
lauf des Jahres 2017 geschlossen (siehe Abbil- politische Unsicherheiten im Zusammenhang
Fabriken in ­Europa
dung 2). Dies zeigen die Potenzialschätzungen sind stark aus­ge­
mit dem internationalen Handelskonflikt so-
der Europäischen Kommission, allerdings sind lastet. BMW-Werk wie der Finanzpolitik Italiens. Allerdings sind
in Leipzig.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  21
EUROPÄISCHE UNION

die konjunkturellen Auftriebskräfte weiter- erhöhungen zuletzt deutlich angestiegen, die


hin intakt. Zum einen wurde die konjunkturel- Kern­inflation liegt aber immer noch auf einem
le Grundtendenz in der ersten Jahreshälfte 2018 moderaten Niveau. Auch in Grossbritannien
durch verschiedene Sondereffekte im Vorquar- dürfte die Geldpolitik insgesamt unterstützend
tal etwas unterzeichnet – so führte die lang- ausgerichtet bleiben. Zwar wuchs dort die In-
wierige Koalitionsbildung in Deutschland zu flation unter anderem durch die Abwertung des
Beschränkungen beim Staatskonsum, und in Pfund nach dem Brexit-Entscheid auf zeitwei-
Frankreich dürften die anhaltenden Streiks die se über 3 Prozent. Allerdings wird die Bank of
Produktion gehemmt haben. Zum anderen sind England während der mit hoher Unsicherheit
die fiskal- und geldpolitischen Rahmenbedin- behafteten Phase der Austrittsverhandlungen
gungen weiterhin günstig. wohl keine geldpolitische Straffung riskieren.
Die Entlastung der Staatshaushalte durch Verschiedene Frühindikatoren deuten da-
die niedrigen Zinsen nimmt weiter zu, da im- rauf hin, dass die gesamtwirtschaftliche Pro-
mer noch höher verzinsliche Altanleihen durch duktion in Europa im weiteren Verlauf dieses
niedrig verzinsliche Neuanleihen abgelöst wer- Jahres weiterhin überdurchschnittlich expan-
den. Zudem führt der kräftige Aufschwung zu dieren wird – allerdings bei Weitem nicht mehr
steigenden Steuereinnahmen. Dies verleitet mit dem gleichen Tempo wie im letzten Jahr.2
manche EU-Staaten zu höheren Ausgaben: Die So sank der von der Europäischen Kommis-
Regierungen nutzen die Zinsentlastung und die sion publizierte Economic Sentiment Indica-
Steuermehreinnahmen, um den fiskalischen tor für den Euroraum nach einem Siebzehnjah-
Expansionsgrad zu erhöhen, ohne eine deutli- reshoch im vergangenen Dezember mehrere
che Verschlechterung der Budgetsalden hinneh- Monate in Folge. Der Indikator basiert auf der
men zu müssen. Aggregation einer Vielzahl von Umfrageindi-
Von der Geldpolitik der Europäischen Zen- katoren. Mit 112,5 Punkten liegt der Maiwert
tralbank gehen zwar nicht mehr im gleichen aber immer noch deutlich über dem histori-
Masse Impulse auf die Konjunktur aus wie zu- schen Durchschnitt von 100,6 Punkten sowie
vor. Doch dürfte die Institution ihre Geldpoli- über der Obergrenze des von der Europäischen
2 KOF-Prognosen sind tik weiterhin expansiv ausrichten. Zwar ist die Kommission angegebenen Normalbereichs
unter www.kof.ethz.ch
abrufbar. Inflation aufgrund vergangener Energiepreis- von 90 bis 110 Punkten.

Abb. 1: BIP-Zuwachs, Konsum, Investitionen und Aussenhandel in Europa (seit 2010)


5       In %

0
EUROSTAT, SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–1

–2

–3

–4
2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2018
  Euroraum Konsum        Euroraum Investitionen (inklusive Lager)        Euroraum Aussenhandel        Euroraum BIP        Grossbritannien BIP        Schweiz BIP

22  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

Drohender Handelskonflikt ETH Zürich – erwarten einen allmählichen An-


stieg der Kerninflation. Angesichts der hohen
Ein konjunkturelles Risiko stellt der internatio- und weiterhin steigenden Gesamtauslastungs-
nale Handelskonflikt zwischen den USA und raten und der hohen Liquidität infolge der jah-
ihren Handelspartnern dar. Anfang Juni setz- relangen expansiven Geldpolitik könnte die In-
ten die USA Strafzölle von 25 bzw. 10 Prozent flation jedoch deutlich schneller steigen als
auf Stahl- und Aluminiumimporte aus der EU, erwartet. In diesem Fall würde sich eine schnel-
Kanada und Mexiko in Kraft. Zwar ist der An- lere Straffung der Geldpolitik ergeben. Dies
teil von Stahl und Aluminium am Gesamthan- würde nicht nur die Finanzierungsbedingungen
del marginal. Allerdings dürfte der Konflikt die für den privaten Sektor verschlechtern, sondern
Stimmung der Wirtschaftsakteure beeinträch- auch zu einer Korrektur von Vermögenspreisen,
tigen und ihre Unsicherheit erhöhen. Hieraus zum Beispiel von Aktien- und Immobilienprei-
dürften negative Effekte auf den internationa- sen, führen, die in den letzten Jahren in vielen
len Handel und die Investitionen resultieren. Die Ländern stark gestiegen sind.
Massnahme steigert auch das Risiko einer Es-
kalation des Handelskonflikts. Die EU sieht die Sich für die nächste Krise wappnen
Handelsbarrieren als Verletzung von WTO-Ver-
einbarungen und kündigte Vergeltungszölle ab Die EZB hat durch ihre expansive Geldpolitik
Juli an. US-Präsident Donald Trump erklärte, in Zeit erkauft. Diese Zeit wird aber von den na-
diesem Falle werde er ebenfalls mit substanziel- tionalen Regierungen – mit Ausnahme Frank-
len Vergeltungsmassnahmen reagieren. Zudem reichs – nicht für strukturelle Reformen genutzt.
besteht die Möglichkeit, dass die EU die eigenen In den meisten Ländern agiert die Finanzpolitik
Schutzzölle erhöht, um eine aus Exportumlen- prozyklisch, die Verschuldung in Europa befin-
kungen resultierende Stahl- beziehungsweise det sich weiterhin auf sehr hohem Niveau.
Aluminiumschwemme im eigenen Wirtschafts- Im Zuge einer geldpolitischen Normalisie-
raum zu verhindern. rung wird die Zinsbelastung der öffentlichen
Ein weiteres Risiko geht von der künftigen Haushalte wieder zunehmen. Die davon aus-
Preisentwicklung aus. Die Finanzmärkte – wie gehenden negativen Fiskalimpulse werden den
auch die KOF Konjunkturforschungsstelle der Wirtschaftsgang schwächen. Sollte in dieser

Abb. 2: Produktionslücke und Kapazitätsauslastung in der EU (seit 2001)


4       In % In %        86                          

3 84

2 82

1 80

0 78
EUROPÄISCHE KOMMISSION, KOF / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–1 76

–2 74

–3 72

–4 70

–5 68
2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018
  Produktionslücke (linke Skala: in % des Potenzial-BIP)        Kapazitätsauslastung im Industriesektor (rechte Skala)

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  23
EUROPÄISCHE UNION

Phase die wirtschaftliche Entwicklung zum Bei- zutreiben und einen Europäischen Währungs-
spiel aufgrund von externen Schocks zusätzlich fonds aufzubauen. Dies sollte vor dem nächsten
beeinträchtigt werden, könnte im Zuge einer Konjunkturabschwung getan werden, denn die 3 Siehe beispielswei-
se Nauro Campos und
konjunkturellen Schwäche die Schuldenkrise Kosten für das Nichtstun sind gross und steigen, Jan-Egbert Sturm (eds.)
(2018), Bretton Woods,
im Euroraum wieder aufbrechen. Gerade auf- je länger zugewartet wird.3 Wie die Eurokrise ge- Brussels and Beyond:
grund der hohen Verschuldung und der unge- zeigt hat, wird die Schweiz im Herzen Europas Redesigning the Insti-
tutions of Europe? CEPR
lösten Strukturprobleme in Italien könnte die ebenfalls betroffen sein. Press, 29. Mai.
Krise dann noch explosiver werden als die letz-
te. Denn Italien lässt sich aufgrund seines wirt-
schaftlichen Gewichts nicht so einfach retten
wie etwa Griechenland. Einen Vorgeschmack
auf diese Situation gab die politische Krise in
Italien im Mai, während der die Risikoprämien
auf italienische Staatsanleihen zeitweise kräftig
anstiegen.
Die europäischen Regierungen sind daher in Heiner Mikosch Jan-Egbert Sturm
der Pflicht, weitere Strukturreformen zur Stär- PhD in Economics, Sek­ Direktor KOF Konjunktur­
tionsleiter Internationale forschungsstelle,
kung der Wachstumskräfte anzugehen. Auch Konjunktur, KOF Konjunk­ ­Professor für An­gewandte
die EU muss weiter reformiert werden. Insbe- turforschungsstelle, Makro­ökonomie,
ETH Zürich ETH Zürich
sondere gilt es, die Bankenunion weiter voran-

Die Direktion für europäische Angelegenheiten DEA gibt Broschüren zur schweizerischen
Europapolitik heraus, die kostenlos online bestellt werden können.

Ausserdem gibt sie 6x jährlich das zweisprachige (d/f) Bulletin suisseurope heraus, das
Hintergrundinformationen zu den Beziehungen Schweiz–EU liefert.

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24  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

Ungünstige Zeiten für


Kompromisse mit der EU
Schuldenkrise, Flüchtlinge und Brexit: Die Krisenursachen in der EU sind weiterhin
ungelöst. Daher kann sich die EU gegenüber der Schweiz kaum Zugeständnisse erlau-
ben.  Klaus Armingeon

Abstract  Die EU ist mit einer Reihe von Herausforderungen konfrontiert, anderen Mitgliedsländern, die mit Austrittsge-
die es ihr kaum erlauben, Konzessionen an die Schweiz zu machen. Dazu danken spielten, klar, dass es nicht damit getan
gehört insbesondere die wachsende Opposition zum Einigungsprozess in ist, den Schlüssel auf den Tisch zu legen. Die
den Mitgliedsländern. Andererseits gehen grosse Teile der Schweizer Be- Kommission präsentierte Umfrageergebnisse,
völkerung weiterhin davon aus, man könne die EU zu Kompromissen zwin-
denen zufolge im November 2017 die öffentli-
gen. Die Unterstützung für die Masseneinwanderungsinitiative ist nur we-
nig zurückgegangen, wie Umfragen noch Jahre nach der Abstimmung vom che Meinung in der EU integrationsfreundli-
Februar 2014 zeigen. Deren Umsetzungsprobleme haben kaum etwas an cher geworden ist. Mit dieser entspannten EU
den Situationsdeutungen grosser Bevölkerungsteile geändert. Der Bun- konnte die Schweiz über einen institutionel-
desrat muss deshalb bei einer Abstimmung über ein Rahmenabkommen len Rahmenvertrag verhandeln, der auf die In-
mit der EU auf Widerstand gefasst sein. teressen und Empfindlichkeiten beider Seiten
Rücksicht nahm.
Der Schein trügt. Keine der Ursachen der

F  ast sah es Anfang Sommer nach einem


Lichtblick der schweizerischen Europapoli-
tik aus: Die EU erholte sich. Sowohl die Euro-
Krise ab 2010 ist beseitigt oder wirksam ein-
gedämmt. Innen- und Europapolitik stehen so-
wohl in der Schweiz wie in der EU und ihren
als auch die Flüchtlingskrise schienen ausge- Mitgliedsstaaten in einem komplexen Wech-
standen, und nach dem Brexit-Votum kam die selspiel, das die Handlungsoptionen der Politik
EU wieder in ruhigeres Wasser. Der harzende massiv einengt. Zum einen kämpft die Union
Verlauf der britischen Verhandlungen machte an vielen Fronten, um den Zusammenbruch

Unterstützung der Masseneinwanderungsinitiative (Umfragen; 2014–2017)


100    In %
GFS BERN, MOSAICH, SCHWEIZ AM SONNTAG, SONNTAGSBLICK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

31%
39% 38% 36%
75 41%
45,6%
50,3% 52% 47%

10% 11%
10%
50
10,6% 10%
4%

52% 43% 47% 43,8% 43% 63%


43%
25
49,7% 44%

0 8% 7% 9%
6% 6%
9.2.14 Mai 14 Feb. 15 Feb.–Jul. 15 Okt. 15 Apr. 16 Sep. 16 Dez. 16 Feb.–Nov. 17
Abstimmung Schweiz am Sonntag GFS Bern Mosaich GFS Bern GFS Bern Sonntagsblick Sonntagsblick Mosaich

  Ja          Weiss nicht          Nein          Würde nicht teilnehmen

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  25
EUROPÄISCHE UNION

KEYSTONE
Euroskeptiker finden
in weiten Teilen der
des Systems zu verhindern. Und in der Schweiz Bevölkerung ­Gehör. Plausibler ist deshalb das Argument, die Krise
hat die Spannung zwischen dem Souveräni- Der italienische Innen­ gehe auf die unterschiedlichen Wettbewerbs­
tätsanspruch grosser Bevölkerungsteile und minister Matteo Salvini fähigkeiten und die ausgebliebene ökonomische
in Pisa.
den Vorteilen einer engen Anbindung an die Konvergenz der Euroländer zurück. Tatsächlich
EU seit dem EWR-Nein 1992 nicht nachgelas- gibt es keine Indikatoren, die auf das Entstehen
sen und könnte auch dem Entwurf eines Rah- eines optimalen Währungsraumes seit der Pla-
menabkommens schnell den Garaus machen. nung des Euro hinweisen. Eher zeigt sich eine
Divergenz beispielsweise beim Pro-Kopf-Ein-
Die Ruhe vor dem Sturm kommen.
Ökonomische Strukturunterschiede sind
Die Eurokrise wird häufig entweder auf eine in einem Währungsraum auszuhalten, wenn
laxe Fiskalpolitik einzelner Mitgliedsstaaten es fiskalpolitische Umverteilungssysteme mit
oder auf grundlegende Strukturprobleme des ausreichenden Kapazitäten gibt, die dauerhaft
Euroverbundes zurückgeführt. Der Vorwurf des die strukturschwachen Regionen alimentieren
fiskalpolitischen Schlendrians trifft freilich nur können. Freilich gibt es genau dies im Euro-
auf Griechenland zu. Länder wie Spanien, Por- raum nicht. So kann der Europäische Stabili-
tugal oder Irland – die Bankenunterstützung tätsmechanismus zwar Kredite in Höhe von
oder Bail-outs der EU in Anspruch nehmen maximal 500 Milliarden Euro an reformwillige
mussten – hatten vor der Krise einen vergleich- Mitgliedsländer in Notlagen ausrichten. Aber
baren oder gar besseren fiskalpolitischen Leis- dies sind immer temporäre Massnahmen, und
tungsausweis als beispielsweise Deutschland. die «Feuerkraft» des Fonds wird kaum ausrei-

26  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

chen, falls ein grosses Mitgliedsland wie Ita- den soll. Beispielsweise sind der Binnenmarkt-
lien ins Straucheln gerät. Auch die europäische zugang für die britische Industrie sowie die
Bankenunion, die das regulatorische Defizit Grenzkontrollen weiterhin ungeregelt.
der Vorkrisenzeit mindert, ist noch nicht ab- Da die EU keineswegs in einem ruhigen Was-
geschlossen. Ihr fehlt der Schlussstein der ge- ser ist, wird auch ihre Konzessionsbereitschaft
meinsamen Einlagensicherung. Weiter wurde gegenüber Nichtmitgliedern wie der Schweiz
die Fähigkeit der EU-Kommission zwar erhöht, begrenzt sein. Besonders in sensiblen Berei-
Sanktionen gegen Defizitsünder zu verhän- chen wie bei der Personenfreizügigkeit käme je-
gen – dies hilft jedoch nicht viel, wenn Defizi- des Zugeständnis dem Öffnen der Büchse Pan-
te nicht Ursache der Währungskrisen, sondern doras gleich. Denn die Mitgliedsstaaten würden
nur Folgen einer misslungenen Architektur des mindestens ebenso günstige Konditionen for-
Euroraumes sind. dern, wie man sie den Drittstaaten anbietet. In-
Die Krise wurde wesentlich entschärft, weil tern wird die EU wahrscheinlich den Kurs der
die Europäische Zentralbank (EZB) unter ihrem Differenzierung – die unterschiedliche Einbin-
Chef Mario Draghi das vertragliche Mandat dung von Mitgliedsländern – weiterfahren müs-
grosszügig interpretierte und den Finanzmärk- sen. Bereits heute sind etwa 40 Prozent des ver-
ten in Aussicht stellte, Staatsanleihen notfalls traglichen Regelwerkes differenziert, und diese
aufzukaufen. Aber diese Politik ist langfristig «variable Geometrie» oder dieses «Europa der
schwierig durchzuhalten und durchaus auch unterschiedlichen Geschwindigkeiten» wird die
von der EZB-Leitung abhängig, die aufgrund Union weiter prägen. Das bedeutet aber nicht
der Amtszeitbeschränkung spätestens nächstes automatisch, dass auch die Schweiz davon pro-
Jahr ändert. fitieren kann.
Momentan herrscht Ruhe vor dem Sturm.
Dieser kann plötzlich entweder als Folge eines «Projekt der Eliten»
externen Schocks – wie die Krise der Finanz-
märkte seit 2007 – oder infolge einer politischen Weshalb gelingt es der EU selbst bei humanitä-
oder ökonomischen Instabilität einzelner Mit- ren Katastrophen wie der Flüchtlingskrise nicht,
gliedsländer ausbrechen. eine einheitliche und effiziente Politik zu entwi-
ckeln? Weshalb löst man die Strukturprobleme
Keine wirksame Migrationspolitik des Euroraumes nicht dadurch, dass man dauer-
haft eine Fiskalunion zugunsten der struktur-
Auch die zweite grosse Krise der Union ist kei- schwachen Regionen einführt, wie man das ja
neswegs gelöst: Das Versagen bei der Bewälti- auf nationaler Ebene jahrzehntelang auch prak-
gung der humanitären Katastrophe der Flücht- tiziert hat? In Deutschland wurden bekanntlich
lingsströme geht auf nachvollziehbare und zuerst die Zonenrandgebiete und dann die neu-
knallharte Interessenpolitik der Mitgliedslän- en Bundesländer grosszügig alimentiert, ebenso
der zurück. Der EU ist es bis heute nicht ge- wie wir in der Schweiz öffentliche Gelder in die
lungen, einen akzeptierten Verteilschlüssel Berggebiete strömen lassen.
zu entwickeln. Erfolge wie die Stilllegung der Die Antwort liegt in der Politisierung der
Balkanroute beruhten auf günstigen Konstel- europäischen Integration durch euroskeptische
lationen, wie dem im Wesentlichen zwischen Parteien und Bewegungen und die potenziel-
Deutschland und der Türkei ausgehandel- le Ablehnung einer weiteren Vergemeinschaf-
ten Flüchtlingsabkommen. Sie sind unter Um- tung durch die Bürger. Bis zum Ende der Acht-
ständen nicht wiederholbar, wenn erneut eine zigerjahre war die europäische Einigung durch
Flüchtlingswelle aufgrund eines Bürgerkrieges den «erlaubenden Konsens» der Bürger geprägt.
oder einer Konfrontation der Grossmächte im Europa galt vor allem als eine nützliche Freihan-
Vorderen Orient losbräche. delszone mit einem ganz unpolitischen Charak-
Schliesslich ist derzeit überhaupt noch nicht ter, während alle wichtigen politischen Fragen
ausgemacht, wie die dritte Krise – der Austritt im Rahmen der nationalen Demokratie gelöst
des Vereinigten Königreiches – bewältigt wer- wurden. Spätestens der Maastrichter Vertrag

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  27
EUROPÄISCHE UNION

von 1992 machte dann klar, dass die EU weit l­ediglich 9 Prozent vorrangig als Europäer be-
mehr war und anstrebte. trachten. Der Anteil der «Europäer» mit starker
Insbesondere Rechtsparteien wie die UK In- oder zumindest schwacher europäischer Identi-
dependence Party (Ukip) und der Front National tät hat sich im vergangenen Vierteljahrhundert
in Frankreich kritisierten dieses Vorhaben als kaum verändert.
«Projekt der Eliten». Etwas später und schwä- Somit haben die herkömmlichen europäi-
cher folgten Linksparteien wie beispielsweise schen Parteien euroskeptische Konkurrenz er-
Syriza in Griechenland, die das Aushebeln der halten, die sich auf eine breite Bevölkerungs-
nationalen Demokratie durch Reformvorgaben schicht stützen kann. Da politische Macht in
der EU kritisierten, oder die Mittepartei Cinque Europa nach wie vor auf nationaler Ebene er-
Stelle in Italien. worben wird, ist es wahlpolitisch höchst ris-
Bis 1990 erzielten rechtspopulistische Par- kant, unter diesen Bedingungen eine prin-
teien in einem europäischen Land bei Wahlen zipiell integrationsfreundliche Politik zu
durchschnittlich 2 Prozent aller Stimmen. Die- betreiben. Viel eher dürfte es sich auszahlen,
ser Anteil stieg in den folgenden Jahren und be- wenn man im Europäischen Rat oder dem Mi-
trug 2015 knapp 8 Prozent. Die Eurobarome- nisterrat sorgfältig prüft, ob eine Entschei-
ter-Umfragen der EU-Kommission zeigen, dass dung auch vorteilhaft für das eigene Land ist
35 Prozent aller EU-Bürger eine europäische und deshalb gegenüber der Wählerschaft ver-
Identität völlig ausschliessen, während sich treten werden kann.

Zugehörigkeitsgefühle und Ängste


Befürworter und Gegner der Masseneinwanderungsinitiative
(Mosaich-Umfrage vom November 2017) Vieles spricht dafür, dass Entscheidungen wie
  Würde für MEI Würde nicht für jene über den Brexit stark von Gefühlen der na-
stimmen MEI stimmen
tionalen Identität und der Skepsis gegenüber
in Prozent in Prozent Fremden und der Öffnung des eigenen Landes
Diplomatie beeinflusst sind. Die englische Identität war
Die Schweiz hätte bei der Umsetzung der Massen­ 82 38 eine der erklärungskräftigsten Variablen des
einwanderungsinitiative mehr herausholen können, Votums. Dazu passt, dass sich seit der Abstim-
wenn sie härter verhandelt hätte.
mung die Grösse des Leave- und des Remain-­
Die Schweiz hat keine Trümpfe in der Hand, um die 52 34
EU zu echten Zugeständnissen bei der
Lagers bis heute kaum verändert hat, obwohl
Personenfreizügigkeit zu bringen. Lehne (stark) ab. inzwischen klar ist, dass der Austritt nicht so
Werte einfach durchführbar und die Vorteile des Aus-
Bin auf der rechten Seite des politischen Spektrums 68 37
tritts lange nicht so unproblematisch realisier-
bar sind, wie dies die Brexit-Befürworter be-
Sehr stolz, Schweizer zu sein 58 37
hauptet hatten. Das Rätsel löst sich, wenn man
Wünsche mir eine Schweiz, die die Traditionen 86 64
­verteidigt
die Annahme fallen lässt, kühle rationale, poli-
tisch-ökonomische Kalküle hätten die Stimm-
Wünsche mir eine Schweiz, die sich vermehrt gegen 66 29
äussere Einflüsse schützt bürger geleitet. Vielmehr ist das Bekenntnis
Wünsche mir eine Schweiz mit besseren Chancen für 69 37 zum Verlassen der Union wesentlich von natio-
die Schweizer nalen Zugehörigkeitsgefühlen und der Angst,
Wissen man könne durch die weitere Öffnung des Lan-
Gegenstand der Masseneinwanderungsinitiative. 56 72 des nur verlieren, geleitet.
Anteil korrekter Antworten Ähnliches gilt für die Schweiz. Nach der Ab-
Europäischer Rat bestimmt politische Ziele der EU. 34 35 stimmung über die Masseneinwanderungsini-
MOSAICH-UMFRAGE (2017)

Anteil korrekter Antworten tiative ist die EU erst gar nicht mit der Schweiz in
Demografie Median Median Verhandlungen über die Personenfreizügigkeit
Monatliches Haushaltseinkommen (in Fr.) 6300–7500 8900–10 500 eingetreten. Die Umsetzung des Verfassungsar-
tikels durch den «Inländervorrang light» ist weit
Befürworter (N=267; 37%), Gegner (N=693 Befragte; 63%). von einer wortgetreuen Implementierung  ent-

28  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

fernt. Die Befürworter der Initiative gingen von hätte bei härterer Verhandlungsführung mehr
der Vereinbarkeit der bilateralen Verträge und herausholen können. Es handelt sich bei dieser
dem Zuwanderungsartikel aus, da die EU Kon- Personengruppe um Leute, die politisch rechts
zessionen machen würde. Obwohl dies nicht stehen, eine sehr hohe SVP-Wahlneigung ha-
geschehen ist und die wortgetreue Implemen- ben und konservative/isolationistische Wer-
tierung angesichts der Interessen der EU und te haben. Sozialstrukturell haben sie ein etwas
der Machtverhältnisse gescheitert ist, hat die geringeres Ausbildungsniveau, ein geringeres
Unterstützung für die Initiative bis Ende 2016 Haushaltseinkommen und sind leicht älter als
nur wenig nachgelassen (siehe Abbildung). Erst- die Gegner der Masseneinwanderungsinitiati-
mals einen bedeutsamen Verlust an Unterstüt- ve. Der schwache Kenntnisstand über die Initia-
zung zeigt die Mosaich-Umfrage vom Novem- tive und das deutlich wertkonservative und iso-
ber 2017, welche alle zwei Jahre vom nationalen lationistische Einstellungsmuster stützen die
Kompetenzzentrum für die Sozialwissenschaf- Vermutung, es gehe gar nicht um die konkre-
ten (Fors) durchgeführt wird. ten Ziele der Initiative, sondern um grundlegen-
de Werte, die selbstverständlich durch Umset-
Wenig Sachverständnis zungsprobleme eines Verfassungsartikels nicht
beeinflusst werden.
in der Bevölkerung
Da mehr als die Hälfte aller Befragten von
Insgesamt stützen die Umfragewerte die Be- einer beträchtlichen und ungenutzten Verhand-
obachtungen aus dem Brexit-Prozess, dass die lungsmacht des Bundesrates gegenüber der EU
Bürger ein Projekt weiter unterstützen, dessen ausgeht, dürfte diesem bei künftigen Abstim-
Prämissen sich schon längst als unhaltbar er- mungen zu EU-Fragen ein eisiger Wind ent-
wiesen haben. Ebenso wie im Brexit-Fall gibt es gegenwehen. Diese Bevölkerungsgruppe ist si-
starke Hinweise darauf, dass es weniger um das cher leicht auch gegen ein Rahmenabkommen
eigentliche Projekt geht, sondern vielmehr um zu mobilisieren, wenn diesem der Vorwurf eines
eine grundsätzliche Ablehnung der Öffnung der Unterwerfungsvertrages gemacht wird. Eine
Schweiz, die verbunden ist mit einer starken emo- Entspannung in der Europapolitik der Schweiz
tionalen Bindung an das Land und der Furcht, ist also nicht in Sicht.
man werde persönlich in keiner Weise durch die-
se Öffnung profitieren können (siehe Tabelle)
Die Mosaich-Auswertung zeigt zunächst
ein beachtliches Wissensdefizit: Nur knapp die
Hälfte der Unterstützer der Initiative können
den Inhalt der Masseneinwanderungsinitiati-
ve korrekt angeben. Sie haben – ebenso wie die
Gegner der Initiative – einen geringen Kennt-
nisstand über das politische System der EU. Die
Klaus Armingeon
Anhänger der Initiative gehen in grossem Aus- Professor für Vergleichende und Europäische Politik,
mass davon aus, die Schweiz habe eine gute Ver- ­Direktor am Institut für Politikwissenschaft,
Universität Bern
handlungsposition gegenüber der EU und man

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  29
EUROPÄISCHE UNION

Kein Ausdruck von Schwäche: Das


Handels­defizit der Schweiz mit der EU
Die Schweiz importiert mehr aus der EU, als sie dorthin exportiert. Dies ist ökonomisch
gesehen unproblematisch.  Vincent Pochon, Caroline Schmidt

Abstract    Die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes gegen- bereits seit den Achtzigerjahren ein Handels-
über seinen Handelspartnern wird unter anderem anhand des bilateralen defizit aus (siehe Abbildung 1). Dieses Defizit im
Handelsbilanzsaldos beurteilt. Dabei wird oft die merkantilistische An- Warenhandel belief sich vergangenes Jahr auf
sicht vertreten, ein Überschuss sei gut und ein Defizit schlecht. Aus die- 16 Milliarden Franken. Im selben Jahr resul-
sem Grund gerät in der Schweiz das bilaterale Handelsbilanzdefizit mit der
tierte jedoch bei den Dienstleistungen (ohne
Europäischen Union (EU) immer wieder in die Kritik. Wie ist dieses Defizit
ökonomisch zu interpretieren? Betrachtet man das Defizit mit der EU ge- Tourismus) ein Überschuss von 12 Milliarden
nauer, zeigt sich, dass die Schweiz nur im Warenhandel im Minus ist, wäh- Franken.1 Unter dem Strich belief sich damit
rend sie beim Dienstleistungshandel einen Überschuss erzielt. Zudem ver- das bilaterale Handelsbilanzdefizit zwischen
zeichnet sie Importüberschüsse vor allem bei Waren, die in der Schweiz der Schweiz und der EU 2017 auf 4 Milliarden
entweder gar nicht hergestellt werden oder die auch als Vorleistungen für Franken. Getrieben wird das Defizit vor allem
Schweizer Warenexporte in den Rest der Welt dienen. Insgesamt erweist durch den Warenhandel mit Deutschland, Ir-
sich das Handelsbilanzdefizit mit der EU deshalb als kaum problematisch. land und Italien. Mit den anderen EU-Län-
dern ist der Bilanzsaldo ausgeglichen, und
mit Grossbritannien erzielt die Schweiz sogar

D  ie Schweiz ist als kleine, offene Volkswirt-


schaft im globalen Handel stark integ-
riert. Um sich im internationalen Wettbewerb
einen bedeutenden Überschuss.
Die EU ist für die Schweiz der mit Abstand
wichtigste Handelspartner. Zwar hat der Han-
zu behaupten, hat sie sich auf die Herstellung delsanteil der EU aufgrund der Erschliessung
bestimmter Produkte wie zum Beispiel Phar- anderer Märkte in den letzten zehn Jahren ste-
mazeutika, Präzisionsinstrumente und Uh- tig abgenommen, dennoch gingen 2017 noch
1 D
ie SNB publiziert län-
ren spezialisiert (siehe Kasten). Insgesamt er- rund 53 Prozent der Schweizer Warenexporte in
dergegliederte Daten wirtschaftet die Schweiz im Warenhandel seit die EU; bei den Warenimporten lag der EU-An-
zum Dienstleistungs-
handel erst ab 2012. Für 2002 einen Überschuss, der seither deutlich teil sogar bei 72 Prozent. Auch beim Dienstleis-
den Tourismus liegt bis- angestiegen ist. Betrachtet man allerdings nur tungshandel ist die EU der wichtigste Partner.
lang keine Länderglie-
derung vor. die heutigen EU-Länder, so weist die Schweiz Dort betrug der Exportanteil 47 Prozent und der

Handelsdefizit und komparative Vorteile


In der Handelsbilanz wird der Wert der Ex­ sodass mit begrenzten Ressourcen mehr partner verwenden, wenn es dessen Güter
porte dem Wert der Importe gegenüber­ hergestellt werden kann. Davon profitieren bevorzugt. Auch diese Wahlfreiheit trägt
gestellt. Ein Handelsbilanzdefizit liegt vor, alle Handelspartner. Die Exporte sind dabei zu den Wohlfahrtsgewinnen aus Handel bei
wenn die Einnahmen aus den Exporten klei­ nicht Selbstzweck, sondern dienen dazu, (Lawrence 2018). Zum anderen ist die Han­
ner sind als die Ausgaben für die Importe. importierte Waren und Dienstleistungen delsbilanz auch ein Resultat intertempora­
Ein Importüberschuss ist dabei nicht per zu finanzieren, heute oder in der Zukunft. ler Spar- und Investitionsentscheidungen. Bei
se schlecht. Gemäss ökonomischer Theo­ Zum einen nimmt so die Vielfalt an verfüg­ einem Handelsbilanzdefizit reicht die eige­
rie ermöglicht der internationale Handel baren Gütern zu. Dabei ist nicht davon aus­ ne Ersparnis nicht aus, um die Investitionen
einem Land, sich auf die Produktion der­ zugehen, dass sich der durch die Speziali­ im Inland zu finanzieren. Hat zum Beispiel
jenigen Güter zu spezialisieren, für welche sierung entstehende Handel symmetrisch ein Land einen grossen Aufholbedarf und
es einen komparativen Vorteil besitzt, das über die Handelspartner verteilt. Vielmehr investiert aus diesem Grund relativ viel, so
heisst, welche es relativ günstiger produ­ kann ein Land Überschüsse aus dem Handel ist ein Handelsbilanzdefizit unproblema­
zieren kann. Durch diese Spezialisierung mit einem Handelspartner zur Finanzierung tisch, da durch die Investitionen in der Zu­
lassen sich Effizienzgewinne realisieren, eines Defizits mit einem anderen Handels­ kunft mehr produziert werden kann.

30  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

Abb. 1: Schweizer Handelsbilanzsaldo nach Handelspartner (in Mrd. Fr.; 1988–2017)


60    in Mrd. Fr.

40

20

EZV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


–20

–40
88

90

92

94

96

98

02

10

12

14

16
0
0

0
0

20

20

20
20
19

19

19
19

20
19

20
20
19

20
20

  Deutschland          Irland          Italien          Grossbritannien          EU          Übrige Welt

Warenhandel (ohne nicht monetäres Gold, Wertsachen, Transithandel)

Abb. 2: Schweizer Handelsbilanzsaldo nach Warengruppen (in Mrd. Fr.; 1988–2017)


20    in Mrd. Fr.

10

EZV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


–10

–20
88

90

92

94

96

98

02

10

12

14

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  Chemie, Pharma          Metalle, Haushaltapparate, Büromaschinen          Präzisionsinstrumente, Uhren       


  Strassenfahrzeuge          Erdöl, Landwirtschaftliche Produkte

Importanteil 50 Prozent. Umgekehrt ist auch die EU – beziehungsweise mit ihren Vorgängerins-
Schweiz ein wichtiger Handelspartner für die titutionen – bereits 1972 ein bilaterales Freihan-
EU. Der Kleinstaat lag 2017 bei den EU-Waren­ delsabkommen verabschiedet. Darauf folgten
importen (inklusive Gold und Wertsachen) auf 1989 ein Versicherungsabkommen, 1999 sieben
Platz vier, bei den Warenexporten sogar auf sektorielle Abkommen (Bilaterale I) und 2004
Platz drei hinter den USA und China. die bilateralen Abkommen II.
Diese stetigen Verbesserungen der Rahmen-
Historisch enge Beziehung bedingungen hat eine Intensivierung der Han-
delsbeziehung mit der EU ermöglicht und so zur
Dass die bilateralen Handelsbeziehungen zwi- laufenden Spezialisierung der Schweizer Wirt-
schen der Schweiz und der EU so eng sind, über- schaft beigetragen. Einerseits können Konsum-
rascht kaum. Geografisch ist das Binnenland und Vorleistungsgüter einfacher importiert
von EU-Ländern umgeben, und als rohstoffar- werden, was den Schweizer Haushalten bezie-
me und kleine, offene Volkswirtschaft pflegt die hungsweise Produzenten entgegenkommt. An-
Schweiz historisch enge Wirtschaftsbeziehun- dererseits profitieren die Exporteure von einem
gen mit ihren Nachbarländern. So wurde mit der erleichterten Zugang zum EU-Markt.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  31
EUROPÄISCHE UNION

Die Spezialisierung der Schweizer Wirtschaft dem Land zurechnen, welches es ausführt, sind
schlägt sich in den Daten für den Handel zwi- diese Statistiken mit Vorsicht zu interpretie-
schen der Schweiz und der EU nieder. So erzielt ren.3 Aus diesem Grund wird in vielen Ländern
die Schweiz auch mit der EU bei den Export- versucht, mithilfe sogenannter Input-Output-­
schlagern Chemie-Pharma und Präzisionsins- Tabellen wertschöpfungsbasierte Handelsbilan-
trumente-Uhren einen grossen und tenden- zen zu berechnen, in denen nur die im jeweiligen
ziell ansteigenden Überschuss (siehe Abbildung Land tatsächlich generierte Wertschöpfung als
2). Bei den Dienstleistungen erwirtschaftet die Export gemessen werden soll.
Schweiz in den gewichtigen Bereichen Finanz-
dienste, Versicherungsdienste und Lizenzge- Globalisierung: Vorteile überwiegen
bühren ebenfalls grosse Exportüberschüsse mit
der EU. Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Speziali-
Die Importüberschüsse der Schweiz mit der sierung der Schweiz auf Waren und Dienstleis-
EU betreffen dagegen vor allem Güter, die in der tungen mit einer hohen Wertschöpfung erklärt
Schweiz kaum hergestellt werden. So finden sich den Handelsbilanzüberschuss, den die Schweiz
die grössten Defizite mit der EU bei Strassen- mit ihren Handelspartnern insgesamt erwirt-
fahrzeugen, Erdöl, Landwirtschaftsprodukten, schaftet. Dass die Schweiz überproportional
Bekleidung, Büromaschinen, Haushaltsappara- viele Güter aus der EU importiert und damit ihr
ten und Metallen. Dasselbe gilt für den Dienst- gegenüber in der Summe ein Handelsbilanzdefi-
leistungshandel. Dort finden sich die grössten zit aufweist, ist angesichts der historischen und
Defizite bei Beratungsdiensten sowie in der For- geografischen Nähe nicht erstaunlich.
schung und Entwicklung, die oft als Vorleistun- Allerdings birgt die internationale Verflech-
gen in die Produktion von Dienstleistungen wie tung der Schweizer Wirtschaft auch Risiken.
auch von Waren einfliessen.2 So steigt die Abhängigkeit von wirtschaftli-
chen und politischen Entwicklungen im Aus-
Globale Wertschöpfungsketten land. In der Summe überwiegen jedoch für die
kleine, offene Volkswirtschaft klar die Vortei-
Die laufende Spezialisierung der Schweizer Ex- le der weltwirtschaftlichen Integration. Für die
portwirtschaft wurde auch von der verstärk- Schweiz werden daher enge Handelsbeziehun-
ten Globalisierung der Wertschöpfungsketten gen mit der EU und ihren anderen Handelspart-
begünstigt. Diese führt dazu, dass die Expor- nern auch in Zukunft zentral sein, um den ho-
te eines Landes mehr und mehr Komponenten hen Lebensstandard zu sichern.
enthalten, die in Drittländern hergestellt wur-
den. Beispielsweise erklärt sich das schweizeri-
sche Defizit mit Irland fast ausschliesslich durch
einen Importüberschuss an chemischen und
pharmazeutischen Produkten, welche gröss-
tenteils in der Schweiz weiterverarbeitet und an
Drittländer exportiert werden dürfen.
Aufgrund solcher Zusammenhänge erweist
sich die Fokussierung auf bilaterale Handelsbi- Vincent Pochon Caroline Schmidt
Dr. rer. pol., wissenschaft­ Dr. oec., wissenschaftliche
lanzen zur Beurteilung der Wettbewerbsfähig-
licher Mitarbeiter, R­ essort Mitarbeiterin, Ressort Kon­
2 N athani und Hellmüller keit eines Landes als zunehmend problematisch. Konjunktur, Staatssekreta­ junktur, Staatssekretariat
(2014). Da die klassischen Aussenhandelsstatistiken riat für Wirtschaft (Seco), für Wirtschaft (Seco), Bern
3 Busch und Bernhard Bern
(2014). immer den gesamten Wert des exportierten Guts

Literatur
Bernhard, Edith und Busch, Christian (2014). Ein Lawrence, Robert Z. (2018). Five Reasons Why Nathani, Carsten und Hellmüller, Pino (2014).
facettenreiches Bild der Schweiz in den globa- the Focus on Trade Deficits Is Misleading, Po- Neue Erkenntnisse zur Stellung der Schweiz in
len Wertschöpfungsketten, in: Die Volkswirt- licy Brief 18–6, Peterson Institute for Interna- den globalen Wertschöpfungsketten, in: Die
schaft, 12–2014. tional Economics. Volkswirtschaft, 12–2014.

32  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

12. November 2018


KKL Luzern

8
OMETER 201
EUROPA BAR
ität
Eine Exklusiv
am Europa
Forum Luzern
www.europaforum.ch

Jean-Marc Ayrault Klaus Helmrich Jeroen Nijland Eveline Saupper Monika Walser Hiltrud Dorothea
Ehem. Premier- und Mitglied des Vorstands, Commissioner Verwaltungsrätin, CEO, de Sede AG Werner
Aussenminister der Siemens AG Netherlands Foreign Rechtsanwältin, Mitglied des
Französischen Republik Investment Agency Steuerexpertin Konzernvorstands,
Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  33
Volkswagen AG
EUROPÄISCHE UNION

«Die Arbeit fällt auch in Bern an, nicht


nur in Brüssel.» Chefunterhändler
Roberto Balzaretti vor seinem Büro
in Bern.

34  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


DEA
FOKUS

«Die Leute sollen wissen, was wir tun»


Der Tessiner Staatssekretär Roberto Balzaretti leitet die Verhandlungen zum Rahmen-
abkommen zwischen der Schweiz und der EU. Um die Ängste in der Bevölkerung zu
­entkräften, lege man die Verhandlungsmandate vermehrt offen, sagt er.  Nicole Tesar

Herr Balzaretti, Sie sind im Zusammenhang mit lich nicht. Wir haben nur sektoriellen Zugang
dem Rahmenabkommen in den letzten Wochen zum Binnenmarkt und müssen uns nur an be-
oft nach Brüssel gereist … stimmte Verträge halten. In vielen Bereichen  –
Das stimmt nicht ganz. Ich war seit März vier wie bei den Finanzdienstleistungen – sind wir
Mal in Brüssel. gar nicht dabei. Im Gespräch müssen wir den Di-
plomaten jeweils erklären, wer wir sind.
Nur vier Mal?
Ja. Hinzu kommen fünf Videokonferenzen. Die- Der Mythos des Rosinenpickens ist also nicht
se sind für die Zwischenschritte bei den Ver- belegt?
handlungen gut geeignet. Vier Reisen mögen als Es gibt in den internationalen Beziehungen kei-
wenig erscheinen. Man muss aber wissen: Die ne Rosinenpickerei. Das Wort macht keinen
Arbeit fällt auch in Bern an, nicht nur in Brüs- Sinn. Jeder vertritt seine Interessen. Wir haben
sel. Wir hatten beispielsweise zahlreiche Koor- bilaterale Verträge abgeschlossen – also zwei-
dinationssitzungen mit Kollegen aus anderen seitig. Die EU war damit einverstanden. Die Ver-
Departementen. träge gelten für beide.

Welche Stimmung trafen Sie in Brüssel an? Ihr Chef, Bundesrat Ignazio Cassis, hat im Juni
(überlegt lange) Die Stimmung ist gut. Die Leu- mit Aussagen zu den flankierenden Massnahmen
te, die am Tisch sitzen, beherrschen ihr Metier. gegen Lohndumping für Aufsehen gesorgt. Er­
Und inhaltlich sind die Positionen klar. Das hilft schwerte dieses Vorpreschen Ihre Arbeit?
bei den Verhandlungen. Das ist ein Missverständnis. Ich habe die Aus-
sagen meines Chefs am Radio zwanzig Mal ge-
Ein Knackpunkt bei den Verhandlungen sind die hört und kein problematisches Wort gefunden.
flankierenden Massnahmen. Hier hat Ihnen der Er hat gesagt, die flankierenden Massnahmen
Bundesrat einen Verhandlungsstopp verordnet, hätten fast religiösen Charakter für beide Sei-
um den innenpolitischen Spielraum auszuloten. ten. Es seien kreative Lösungen gefragt. Der
Sind die Gespräche mit Brüssel nun auf Eis gelegt? Schutz der Arbeitnehmenden werde nicht in-
Der Bundesrat hat keinen Verhandlungsstopp frage gestellt.
entschieden. Im Gegenteil: Er hat beschlossen,
auf der Basis des bestehenden Verhandlungs-
mandats die Diskussionen mit der EU weiterzu-
Roberto Balzaretti
führen. Wir werden also in den nächsten Wo-
Staatssekretär Roberto Balzaretti (53) ist seit 1. Februar 2018
chen mit der EU im Gespräch bleiben. Direktor der Direktion für europäische Angelegenheiten (DEA).
Der gebürtige Tessiner koordiniert die Verhandlungen mit der
Wie wird die Schweiz in Brüssel wahrgenommen? Europäischen Union. Ab Juli 2018 ist die DEA auch für die bilate­
ralen Beziehungen verantwortlich, welche die Schweiz mit den
Sehr ernsthaft. Man weiss, dass wir gute Unter- 28 EU-Mitgliedsstaaten sowie den Efta-Staaten unterhält. Zu­
händler sind. Gleichzeitig gibt es ein paar My- vor war Balzaretti Leiter der Direktion für Völkerrecht. Von 2012
then über die Schweiz in Brüssel. So denken bis 2016 leitete der parteilose Diplomat die Mission der Schweiz
bei der EU in Brüssel. Ab 2004 war er diplomatischer Bera­
manche, die mit den Dossiers nicht so vertraut
ter der damaligen Departementschefin Micheline Calmy-Rey.
sind, wir nähmen am EU-Binnenmarkt teil, ohne ­Balzaretti ist Doktor der Rechte der Universität Bern. Er ist ver­
alle Regeln zu respektieren. Das stimmt natür- heiratet und Vater von fünf Kindern.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  35
EUROPÄISCHE UNION

Er sagte im Nachgang, beide Seiten müssten Vielleicht spielt es eine Rolle, dass die EU ein
über ihren Schatten springen. Er könne sich Koloss ist. Man kann es vergleichen mit David
vorstellen, die 8-Tage-Regel dank einer App auf gegen Goliath.
vier Tage zu verkürzen. Sie wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist?
Vor lauter Aufregung darf man das Ziel nicht aus (lacht) Ernsthaft: In den Verhandlungen tritt
den Augen lassen: Wir wollen unseren Arbeits- die EU nicht so auf. Am Tisch sitzen gleichbe-
markt und die Löhne schützen. Es geht um die rechtigte Akteure, die versuchen, ein ausgewo-
Substanz und nicht um die Form. All dies be- genes Abkommen abzuschliessen. Die EU ist ein
streitet die EU nicht. Tatsache ist: Wenn wir kein Rechtsgebilde – es wird nichts aufgezwungen.
Rahmenabkommen haben, gibt es auch kein
Stromabkommen, und die Börsen­äquivalenz ist Gibt es kein Powerplay?
gefährdet. Wir würden eine Chance verpassen, Doch. Powerplay gibt es schon, das machen
den bilateralen Weg zu festigen. wir auch. Jeder hat gewisse Trümpfe: In der
Schweiz wohnen und arbeiten 1,5 Millionen
Besteht ein zeitlicher Druck, das Abkommen EU-Bürger – das zählt. Oder: Die EU erzielt mit
bis Ende Jahr abzuschliessen? Oder könnte man der Schweiz einen Handelsüberschuss in Mil-
das auch im Herbst 2019 machen, wenn die eid­ liardenhöhe. Aber auch die EU hat starke Kar-
genössischen Wahlen und die EU-Wahlen vorbei ten, denn sie ist der wichtigste Markt für uns.
sind? Wirtschaftlich gesehen, sind die Verträge be-
Was sollte sich später verändern? Es wird nicht deutender für uns als für die EU.
einfacher – denken wir an den Handelsstreit
oder den Brexit: Ab Oktober wird die EU vor al- Weshalb hat die EU Ende 2017 die Zügel ange­
lem mit Grossbritannien beschäftigt sein, da zogen und der Schweiz die Börsenäquivalenz
bleibt kaum Zeit für die Schweiz. Auf der ande- nur für ein Jahr zugesichert?
ren Seite sollten wir uns nicht Die EU möchte beim Rahmenabkommen
selber unter Druck setzen schneller vorwärtsmachen. Dossiers, die kei-
«Es gibt Mythen über und ein Abkommen nur ab- nen juristischen Zusammenhang aufweisen,
die Schweiz in Brüssel.» schliessen, wenn es für uns wurden von der EU verknüpft. Obwohl der Ent-
gut ist. scheid der EU ärgerlich ist, spielt er bei den Ver-
handlungen über ein Rahmenabkommen eine
In der Bevölkerung existieren Ängste im Zu­ untergeordnete Rolle. Wir verhandeln weiter,
sammenhang mit den Verhandlungen rund weil eine Einigung in diesem Bereich in unse-
um das Rahmenabkommen mit der EU. Können rem Interesse ist.
Sie diese entkräften?
Es braucht niemand Angst zu haben. Bei den Muss man immer wieder mit solchen Coups der
Verhandlungen geht es darum, die bilateralen EU rechnen?
Abkommen effizienter verwalten zu können. Das hat nichts mit der EU zu tun, das ist die rea-
Dazu zählen die Abkommen zu Personenfreizü- le Welt. Es geschehen immer Dinge, mit denen
gigkeit, Luftverkehr, Landverkehr, technischen man nicht rechnet.
Handelshemmnissen und Landwirtschaft. Das
institutionelle Abkommen legt zudem die Me- Wird die EU die Börsenäquivalenz auch für die
chanik für künftige Verträge wie das geplante nächsten Jahre zusichern?
Stromabkommen fest. So regelt es beispielswei- Sicher ist: Wenn wir Fortschritte beim Rahmenab-
se, wie man bei Streitigkeiten vorgehen soll. kommen erzielen, löst sich der Knoten von selbst.

Ängste sind irrational. Viele Leute fürchten sich Sie waren bis 2016 Botschafter für die Schweiz
vor fremden Richtern. in Brüssel. Wie hat sich das Verhältnis der EU
Das muss man ernst nehmen. Wir werden nur zur Schweiz seither verändert?
ein Abkommen abschliessen, bei dem die Volks- Die bilateralen Beziehungen haben sich kaum
rechte gewahrt sind. verändert. Es gab aber Hochs und Tiefs. Nach

36  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FOKUS

dem Ja zur Masseneinwanderungsinitiative ruhe, in der kühle Köpfe gefragt sind. Das Ziel
2014 mussten wir in Brüssel erklären, warum für Europa muss es sein, dass sowohl das Ver-
es dazu gekommen ist. Zwei Jahre später folg- einigte Königreich als auch die Schweiz und
te der Brexit. Die Zugeständnisse gegenüber die EWR-Staaten am selben Markt teilnehmen
der Schweiz erscheinen seither in einem neu- können – jeder auf seine Art.
en Licht: Es geht nun immer auch um die Fra-
ge, welche Beziehung die Union zu Drittstaa- Sie leiten die Konsultationen der Schweiz mit
ten pflegen kann. Auch, was in Bern passiert, Grossbritannien im Zusammenhang mit dem
spielt eine Rolle: Unter meinem Chef, Bundes- Brexit. Worum geht es?
rat Ignazio Cassis, wurden die Dossiers stär- Bei den Verhandlungen geht
ker verknüpft, und die Verhandlungsmandate es darum, sicherzustellen, «Die Briten suchen die
werden öfter offengelegt. Die Leute sollen wis- dass die bestehenden Rech- Scheidung von der EU –
sen, was wir tun. Ich habe den EU-Unterhänd- te und Pflichten zwischen der wir hingegen wollen
lern gesagt: Wären eure restlichen Probleme Schweiz und dem Vereinig-
vergleichbar mit denjenigen mit der Schweiz, ten Königreich nach dem Bre-
unsere Beziehungen
wärt ihr die glücklichsten Menschen. xit weiterhin gelten. Sie beru- konsolidieren.»
hen auf unseren bilateralen
Die EU ringt Grossbritannien vermutlich Zuge­ Abkommen mit der EU, die, was das Vereinig-
ständnisse ab. Verhärtet das die Fronten zwi­ te Königreich betrifft, ihre Gültigkeit verlieren
schen der Schweiz und der EU? werden. Eine Übergangslösung zwischen der EU
Die EU und das Vereinigte Königreich müs- und dem Vereinigten Königreich bis 2020 gäbe
sen ein Grundsatzproblem lösen: Nordirland. uns etwas mehr Zeit, um Lösungen in den rele-
Oder anders gesagt: Wie kann man gleichzeitig vanten Bereichen mit den Briten zu diskutieren.
draussen und drinnen sein? Das ist technisch,
politisch, historisch und emotional schwierig. Sind Sie optimistisch?
Daneben gibt es einen weiteren Unterschied: Eine Lösung zwischen dem Vereinigten König-
Die Briten suchen die Scheidung von der EU – reich und der EU ist zwingend. Falls nicht, ste-
wir hingegen wollen unsere Beziehungen kon- hen nächsten April Produktionswerke still,
solidieren. Technisch gesehen, ist die Situation und Waren können nicht mehr gehandelt wer-
zwischen der EU und Grossbritannien sicher den. Bei den für Grossbritannien wichtigen Hä-
nicht die einfachste. fen wie Rotterdam und Brügge sieht man bereits
heute, was die neue Aussengrenze der EU be-
Was heisst das für die Schweiz? deutet: Holland und Belgien rekrutieren derzeit
Wir sind nur indirekt betroffen, denn die Tausende Zöllner.
eventuellen Verhandlungen über eine Zoll-
union beispielsweise betreffen die Schweiz Sie haben in Ihrer Direktion eine Duzkultur ein­
nicht. Gleichzeitig ist es aber eine Zeit der Un- geführt. Warum ist Ihnen das wichtig?

Handelskonflikte: Und die Schweiz?


Die Schweiz findet in Brüssel kein Gehör für ihren EU-Markt führen», erklärt Marie-Gabrielle massnahmen ein, sagt Ineichen: «Wir sind für die
Wunsch nach Sonderbehandlung betreffend die Ineichen-­Fleisch, Direktorin des Staatssekretariats aktuellen Probleme auf den weltweiten Stahlmärk­
geplanten EU-Schutzmassnahmen bei Stahl und für Wirtschaft (Seco). Etablierte grenz­über­ ten nicht verantwortlich.» Ausserdem lasse das
Aluminium. Sie wird Drittstaaten wie der Türkei schreitende Wertschöpfungsketten, zum Beispiel in Freihandelsabkommen Schweiz - EU Schutzmass­
gleichgestellt und muss mit Schutzzöllen oder der Automobilzulieferbranche, wären gefährdet, nahmen gegen die andere Vertragspartei nur unter
Kontingenten rechnen. Hintergrund der Massnah­ denn die Schweizer und die EU-Stahlindustrie sind ganz bestimmten Umständen zu. Im Gegensatz dazu
me sind Strafzölle der USA. Das sind schlechte eng miteinander verflochten. Gemäss Ineichen ist die Schweiz nur wenig von den US-Strafzöllen auf
Nachrichten für die Exportindustrie: «Eine gehen 88 Prozent der Stahlexporte in die EU; bei den Aluminium- und Stahlprodukte betroffen, welche
Anwendung allfälliger Schutzmassnahmen durch Importen stammen sogar 94 Prozent aus der EU. Die seit dem 23. März 2018 für die Schweiz gelten. Im
die EU auf Importe aus der Schweiz würde für Schweiz setze sich bei der EU-Kommission sowie den vergangenen Jahr gingen weniger als 0,3 Prozent der
Schweizer Stahlexporteure zu einem Verlust an EU-Mitgliedsstaaten mit Nachdruck für eine Schweizer Stahl- und Aluminiumexporte in die USA.
Wettbewerbsfähigkeit ihrer Produkte auf dem generelle Ausnahme von den drohenden Schutz­

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  37
EUROPÄISCHE UNION

Du für alle heisst: Alle sind gleich. Diskussionen Nächstes Jahr sind Parlamentswahlen in der
werden einfacher, und der Teamgeist wird bes- EU. Inwiefern sind diese für die Schweiz von
ser. In diplomatischen Kreisen ist das recht ver- ­Belang?
breitet. So sind die Italiener, die Franzosen und Indirekt sind sie wichtig. Die Schweiz braucht
die Deutschen in ihren Botschaften schnell per eine EU, die wirtschaftlich und politisch so stark
Du. Wenn ich beispielsweise einen Botschafter wie möglich ist: Je stärker die Union ist, desto
in Brüssel besuche, duzen wir uns sofort. einfacher ist es für sie, Konzessionen gegenüber
Drittstaaten zu machen. Im Wahljahr werden
Welches ist die Umgangssprache in Brüssel? wir weniger intensiv verhandeln können: Bis die
Normalerweise ist das Englisch. Aber mit den neue EU-Kommission gewählt ist und sie sich in
Italienern, Franzosen und Deutschen spreche die Dossiers eingearbeitet hat, verstreicht viel
ich natürlich eine gemeinsame Sprache. Als Zeit. Hinzu kommt: Auch in der Schweiz finden
Schweizer sind wir sprachlich privilegiert. Wahlen statt.

Ihre Karriere in Brüssel begann 1992 als Angenommen, Euroskeptiker gewinnen viele
­Stagiaire in der Schweizer Botschaft. Wer hat Sitze im Europäischen Parlament. Was hätte das
Sie seither in Ihrer Diplomatenkarriere am für Folgen?
meisten geprägt? Ich glaube nicht, dass es im Europäischen Par-
Ich hatte Glück, als junger Jurist bei vielen Ver- lament zu grossen Umbrüchen kommt. Ange-
handlungen dabei zu sein. In Washington hat sichts der Skepsis gegenüber der EU in der Be-
mich beispielsweise der inzwischen pensionier- völkerung in vielen Staaten Europas gibt es aber
te Botschafter Pierre Combernous ins Aussen- nur eine Lösung: Man muss in solchen Staaten
ministerium mitgenommen. Er war damals die die Bevölkerung ernst nehmen und die nötige
Nummer zwei in der Botschaft und für mich Transparenz schaffen, um die EU und ihre poli-
der perfekte Diplomat. Das fühlte sich an wie tischen Prozesse zu erklären.
ein Musikstück von Johann Sebastian Bach:
Man kommt in das Besprechungszimmer hin- In Ihrer Laufbahn machten Sie einen Ausflug in
ein, macht ein paar Floskeln, langsam kommt die Privatwirtschaft. Sie arbeiteten als Banker
man zur Sache, fragt die Meinung der anderen bei der Credit Suisse. Danach kehrten Sie in den
ab und steigt langsam wieder aus dem Gespräch diplomatischen Dienst zurück. Weshalb?
aus. Als Generalsekretär der damaligen Bun- Es war sehr interessant. Ich habe aber nach sechs
desrätin Micheline Calmy-Rey erhielt ich spä- Monaten im Private Banking schnell gemerkt: Ich
ter einen Einblick in die Politik. Seither weiss brauche mehr Freiraum, das war mir viel zu spe-
ich: Innen- und Aussenpolitik beeinflussen sich zifisch. Aber ich bereue es nicht, im Gegenteil: Ich
gegenseitig. habe viele interessante Leute getroffen und ge-
merkt: Die Diplomatie ist meine Welt.
Sie und Aussenminister Ignazio Cassis
­stammen beide aus dem Tessin. Werden die Sie betreiben die Kampfsportart Taekwondo.
­Kontakte mit Italien nun intensiver? Finden Sie noch Zeit für Ihr Hobby?
Intensiv sind die Beziehungen schon heute. Ita- Ich habe leider nicht viel Zeit dafür. Was schade
lien ist der zweitwichtigste Handelspartner der ist, denn ich stehe kurz vor dem Schwarzen Gür-
Schweiz in Europa. Die Lombardei ist so wichtig tel. Nebst der Zeit fehlt mir auch die notwendige
wie Japan oder Indien – intensiver geht kaum. emotionale Ruhe – ich habe im Moment andere
Aber die Tatsache, dass wir Italienisch spre- Aufgaben.
chen, hilft hoffentlich, wichtige Dossiers wie die
Grenzgängerbesteuerung und den Marktzugang Interview:
für die Finanzinstitute abschliessen zu können. Nicole Tesar, Co-Chefredaktorin

38  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


AUFGEGRIFFEN VON ERIC SCHEIDEGGER

Investitionskontrollen sind heikel


Rund 80 Prozent der Aktien der 30 grössten Schweizer Unternehmen werden
von ausländischen Investoren gehalten. Man kann die Bedeutung von ausländi-
schem Kapital auch anders zum Ausdruck bringen: Der Bestand an Direktinves-
titionen beträgt rund 1 Billion Franken. Über diesen Betrag verknüpft, werden
hierzulande in Tochterunternehmen von ausländischen Unternehmen fast eine
halbe Million Arbeitsplätze angeboten.
Parlamentarische Vorstösse erwecken den Eindruck, die Schweiz stehe vor
einem «Ausverkauf» der Wirtschaft. Sie verweisen auf zahlreiche OECD-­
Länder, welche ausländische Firmenbeteiligungen einer staatlichen Kontrolle
unterstellen. Befürworter solcher Kontrollen stören sich insbesondere an
staatlichen Investoren, vor allem, wenn diese ihren Sitz in Schwellenländern
haben oder durch staatlich beherrschte Investitionsfonds kontrolliert werden;
es wird eine indirekte Verstaatlichung privater Unternehmen beklagt.
Tatsächlich können Staatsunternehmen den Wettbewerb verzerren. Bei auslän-
dischen Staatsfirmen ist insbesondere denkbar, dass sie über Staatsgarantien
Finanzierungsvorteile geniessen und vor der disziplinierenden Konkursdro-
hung geschützt werden. Dank solcher «weichen Budgetrestriktionen» könnten
sie im Vergleich zur Privatwirtschaft aggressive Preisstrategien entwickeln
oder höhere Investitionsrisiken eingehen. Allerdings gelten solche Einwände
für alle staatlichen Investoren – unabhängig davon, ob diese ihren Sitz in
Asien, Frankreich oder der Schweiz haben. Ebenso stellt sich für Staatsunter-
nehmen die Frage, ob ein ineffizienter, weil nicht marktgerechter Mitteleinsatz
auch langfristig von Erfolg sein kann. Der wirtschaftliche Untergang vieler
Staatskonzerne lehrt: Auch öffentliche Unternehmen haben auf längere Sicht
«harte» Budgetrestriktionen.
Ebenfalls wird kritisiert, dass in Einzelfällen Kapitalgeber involviert sind,
deren Sitzstaaten kein Gegenrecht für Firmenübernahmen in ihrem Land
gewähren. Dieser Einwand überzeugt nicht, wenn man von den grundsätzli-
chen Vorteilen von Direktinvestitionen überzeugt ist: Durch ausländische
Investitionen geschaffene Arbeitsplätze sind a priori von Vorteil, weshalb die
Schweiz durchaus auch unilateralen Zugang gewähren kann. Natürlich sollte

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  39
AUFGEGRIFFEN

man Gegenrecht einfordern. Allerdings zeigt sich gerade im Falle Chinas, dass
Verhandlungen über eine Öffnung zugunsten ausländischer Investoren einen
langen Atem voraussetzen. So kann die EU bei den Verhandlungen über ein
Investitionsabkommen auch nach sechs Jahren und 17 Verhandlungsrunden
noch keinen Durchbruch vermelden.
Schliesslich wird angenommen, dass vor allem Investoren aus aufstrebenden
Ländern es auf das Know-how hiesiger Unternehmen abgesehen haben. Hier
fragt sich, ob dies ökonomisch wirklich problematisch ist. Schliesslich werden
bei Firmenübernahmen die bisherigen Eigentümer marktgerecht für die er­
warteten künftigen Erträge ihrer Produktionstechnologie abgegolten. Aus
dieser Warte kann kaum zwischen «guten» und «schlechten» Auslandinvesto-
ren unterschieden werden. Letztlich profitieren auch «Schweizer» Firmen von
ausländischem Know-how, das sie über Auslandbeteiligungen erschliessen.
Dies ist eine der wichtigen Zielsetzungen von Direktinvestitionen schlechthin.

Kein Selbstbedienungsladen
Kommt hinzu: Die Schweiz ist kein freies «Shoppy-Land»: Das Kartellrecht
kennt eine Fusionskontrolle, um die Beseitigung des Wettbewerbes bei Firmen-
übernahmen zu vermeiden. Bei der Übernahme von kotierten Unternehmen
regelt das Börsenrecht Meldepflichten für Beteiligungsübernahmen. Und in
zahlreichen Wirtschaftsbereichen wie Gesundheit, Telekommunikation, Post-
wesen, Energie oder Rüstung bietet das Staatseigentum einen absoluten Über-
nahmeschutz.
Breit angelegte staatliche Investitionskontrollen mögen gut gemeint sein, bergen
aber die Saat von politischen Eigeninteressen und damit Protektionismus: Wer
bestimmt, was strategische Unternehmen, wichtige Branchen oder schützens-
werte Arbeitsplätze sind? Barrieren mit dem Hinweis aufzurichten, es anderen
Ländern gleichzutun, ist jedenfalls keine überzeugende Begründung.

Eric Scheidegger ist Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).
eric.scheidegger@seco.admin.ch.

40  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


GESUNDHEITSKOSTEN

Budgetäre Ziele in der Grundversicherung


stärken die Kostenverantwortung
Eine Expertengruppe des Bundes empfiehlt verbindliche Budgetobergrenzen für Spitäler
und Ärzte, um das Ausgabenwachstum im Gesundheitswesen zu dämpfen. Erfahrungen aus
Deutschland und den Niederlanden sind erfolgversprechend. Doch die Gegner befürchten
eine Zweiklassenmedizin.  Thomas Brändle, Carsten Colombier, Martin Baur

Abstract  In der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übersteigen die durch­ Wirtschaftspolitische Eingriffe


schnittlichen Prämienanstiege das Einkommens- und Lohnwachstum bei Weitem. schwierig
Dieser Kostenanstieg belastet die privaten und öffentlichen Haushalte immer stärker.
Eine vom Bund einberufene Expertengruppe hat eine neue Massnahme zur Kosten­ Bei der Diskussion um stark steigende Ge-
dämpfung des Ausgabenwachstums im Gesundheitswesen in die Diskussion einge­ sundheitskosten und entsprechende Kos-
bracht: verbindliche Zielvorgaben. Zielvorgaben könnten die Kostenverantwortung tendämpfungsmassnahmen sind einige Be-
der Entscheidungsträger im wettbewerblich orientierten Gesundheitswesen erhö­ sonderheiten des Gesundheitswesens zu
hen, stärker zu Kosten-Nutzen-Überlegungen anregen und das Kostenwachstum beachten. Zum einen sind die fortschrei-
dämpfen. Zugleich stellen sie hohe Anforderungen, beispielsweise im Hinblick auf tende Alterung und der medizinische Fort-
Verhandlungs- und Entscheidungsstrukturen. Die Zielvorgaben müssten durch ver­ schritt grundsätzlich kostentreibend. Zum
schiedene Massnahmen, wie etwa ein effektives Qualitätsmonitoring, begleitet wer­ anderen ist es im Vergleich zu anderen Gü-
den, um unerwünschte Nebenwirkungen zu vermeiden. tern und Dienstleistungen schwierig, Ge-
sundheitsleistungen zu standardisieren.
Ausserdem bestehen aufgrund der Versiche-

D  ie Schweiz hat eine vergleichswei-


se gute, aber relativ teure Gesund-
heitsversorgung.1 Gemessen am Brutto-
Der erhebliche Kostenanstieg führt einer-
seits zu einer immer stärkeren Belastung der
privaten Haushalte, insbesondere derjeni-
rungsdeckung Anreize zur Überinanspruch-
nahme von Leistungen seitens der Patienten
und zur Überversorgung seitens der Leis-
inlandprodukt gibt die Schweiz unter den gen mit niedrigen und mittleren Einkommen. tungserbringer. Dies geht zulasten aller Ver-
OECD-Ländern derzeit nach den USA am Gegenwärtig muss von einem mittleren Brut- sicherten.
zweitmeisten für Gesundheit aus, ge- tolohnwachstum durchschnittlich rund ein Darüber hinaus verfügt der Arzt gegen-
folgt von Deutschland und Frankreich (sie- Viertel für den Prämienanstieg aufgewendet über dem Patienten über einen deutlich bes-
he Abbildung 1).2 Insbesondere in der durch werden. Bleibt diese Dynamik unverändert, seren Kenntnisstand in gesundheitlichen Be-
Zwangsabgaben finanzierten obligato- nimmt die Belastung weiter zu. langen. Dieser Informationsvorsprung des
rischen Krankenpflegeversicherung sind Andererseits geraten auch die öffentlichen Arztes kann zu einer weitgehend anbieter-
die jährlichen Prämienanstiege von durch- Haushalte unter Druck. Vor allem die Kanto- induzierten Nachfrage führen, welche über
schnittlich 4,5 Prozent3 zwischen 2000 und ne sehen sich steigenden Beiträgen an Spitä- dem medizinisch notwendigen Mass an Be-
2016 eklatant. Damit übersteigen sie den ler und für die Pflege ausgesetzt und sparen handlung liegt. Dieser ausgabensteigern-
Einkommenszuwachs von 1,3 Prozent pro zunehmend bei der individuellen Prämienver- de Anreiz kann je nach Entschädigungsform
Kopf und den Lohnzuwachs von 1,2 Prozent billigung. Die sozialpolitischen Konsequen- der Ärzte – beispielsweise bei einem Einzel-
bei Weitem (siehe Abbildung 2). Die star- zen übermässig steigender Gesundheitsaus- leistungstarif – noch verstärkt werden. Diese
ken Prämienanstiege lassen sich nicht allei- gaben werden zudem den Forderungen nach Besonderheiten des Gesundheitswesens, zu-
ne durch Alterung und medizinischen Fort- einer stärkeren finanziellen Beteiligung des sammen mit einer Vielzahl von Akteuren und
schritt begründen, sondern sind auch durch Bundes Auftrieb verleihen. Interessen sowie vermischten Verantwort-
eine starke Mengenausweitung getrieben.4 Gelingt es also nicht, das Ausgabenwachs- lichkeiten, führen zu einer hohen System-
tum bald zu dämpfen, so steht die Finanzier- komplexität.
1 Dieser Beitrag basiert auf Brändle, Colombier, Baur und barkeit des Gesundheitswesens ernsthaft in-
Gaillard (2018).
2 Für Bestimmungsgründe des Wachstums der Gesund- frage. Das mögliche Massnahmenspektrum Zielvorgaben für das Ausgaben­
heitsausgaben im internationalen Kontext vgl. Gerd- zur Kostendämpfung ist breit. Prominent dis-
tham und Jönsson (2000), Martin et al. (2011), Hartwig
kutiert werden beispielsweise stärkere Eingrif-
wachstum
und Sturm (2014). Für die Schweiz und ihre Kantone vgl.
Vatter und Ruefli (2003), Crivelli et al. (2006), Reich et fe in die Medikamentenpreise und in die Tarif- Im Auftrag des Bundes ist im Jahr 2017
al. (2012), Brändle und Colombier (2016) und Colombier
(2018). strukturen oder die Erhöhung der finanziellen eine Expertengruppe zum Thema Kosten-
3 Zunahme der Standardprämie eines Erwachsenen mit Selbstbeteiligung der Patienten. Die Tarifauto- dämpfung in der obligatorischen Grund-
Franchise von 300 Franken, freier Arztwahl und Unfall-
deckung. Die Bruttokosten der obligatorischen Kran- nomie im ambulanten Bereich ist weitestge- versicherung einberufen worden. Die Ex-
kenpflegeversicherung pro Einwohner haben indes im hend blockiert, und Einzeleingriffe in den Tarif pertengruppe geht davon aus, dass im Ge-
Durchschnitt um 3,7% zugenommen.
4 Für die langfristige Ausgabenentwicklung vor dem Hin-
oder zu spezifische Verhaltensvorgaben haben sundheitswesen erhebliches Potenzial für
tergrund der Alterung, vgl. Brändle und Colombier (2017). stets Ausweichverhalten zur Folge. Einsparungen und Effizienzsteigerungen

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  41
Ist dieser Eingriff notwendig oder nicht?
Vielen Patienten fehlt bei medizinischen
Angelegenheiten der Durchblick.
KEYSTONE
GESUNDHEITSKOSTEN

besteht. Sie erachtet primär Massnahmen heitswesen durch eine explizite Steuerung dass sie Leistungen tendenziell in Bereiche
auf der Angebotsseite als erfolgverspre- des Ausgabenwachstums ergänzen. Die verlagern, die nicht von der Budgetrestrik-
chend. Ein zentraler Vorschlag der Exper- stärkere Steuerung des Ausgabenwachs- tion erfasst sind. Ausserdem befürchten die
tengruppe ist die Einführung verbindlicher tums würde die Prämienzahler und die öf- Gegner, dass Ärzte und Spitäler zwecks Ein-
Zielvorgaben für das Ausgabenwachstum fentlichen Haushalte entlasten und ihre Pla- kommenssicherung gewisse Patienten und
mit der Möglichkeit von Sanktionen – bei- nungssicherheit zugleich erhöhen. Behandlungen priorisieren könnten. Des
spielsweise in Form von Tarifabschlägen.5 Die Gegner verbindlicher Zielvorgaben Weiteren wird angeführt, dass mit einer ver-
Die Zielvorgaben könnten sich dabei an der wenden jedoch ein, dass das Risiko einer Be- bindlichen Budgetvorgabe zu wenig Anreize
Einkommensentwicklung orientieren und schränkung medizinisch notwendiger Leis- bestehen könnten, die Qualität und die Effi-
sollten Besonderheiten des Gesundheits- tungen steigen könnte und dass sich dies zienz zu erhöhen. Letztlich würden dadurch
wesens, wie der Alterung und dem medizi- beispielsweise in Form längerer Wartezei- Innovationen gebremst und Strukturen zu
nischen Fortschritt, Rechnung tragen. Er- ten äussern könnte. Eine derartige Leis- rigide erhalten. So könnte beispielsweise die
fahrungen in vergleichbaren Ländern wie tungsbeschränkung könnte auch den glei- erwünschte Verschiebung von stationären
Deutschland und den Niederlanden legen chen Zugang zu Gesundheitsleistungen er- zu ambulanten Leistungen erschwert wer-
nahe, dass in wettbewerblich orientierten schweren. Zudem könne eine Beschränkung den. Schliesslich werden budgetäre Vorga-
Gesundheitssystemen Budgetvorgaben zu des Ausgabenwachstums zur Folge haben, ben im Gesundheitswesen oftmals als rela-
mehr Kostenverantwortung beitragen und dass sich die Ärzte und Spitäler weniger an tiv bürokratisch und interventionistisch be-
das Kostenwachstum dämpfen können. In den Patientenbedürfnissen orientieren und urteilt.
der Tat ist die obligatorische Grundversi-
cherung der einzige grosse Bereich der so-
zialen Sicherung in der Schweiz ohne expli- Abb. 1: Gesundheitsausgaben ausgewählter Länder als Anteil des BIP (1990–2016)
zite Kostenverantwortung und ohne Bud-
getrestriktion. 20   In %

Vorteile und Bedenken


Verbindliche Zielvorgaben ermöglichen eine 15
direkte Steuerung des Ausgabenwachstums
und führen eine Budgetrestriktion auch in
der Grundversicherung ein. Mittels gemein-

OECD (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


sam festgelegter, verbindlicher Zielvorga-
10
ben werden die Entscheidungsträger, ins-
besondere die Tarifpartner – sprich Kran-
kenkassen und Leistungserbringer – in die
finanzielle Verantwortung genommen. Die
Tarifpartner müssten stärker miteinan- 5

der kooperieren, was mehr Reformdruck in


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das blockierte System bringen würde. Ver-


bindliche Zielvorgaben geben einen bud-   USA        Schweiz        Deutschland        Frankreich        Niederlande        Österreich        Grossbritannien     
getären Orientierungsrahmen für die Eini-   Italien
gung der Tarifpartner vor und können diese
zu sachgerechteren und moderateren Ver-
handlungsabschlüssen anhalten. Zielvor- Abb. 2: Entwicklung Standardprämie, BIP pro Kopf und Lohnindex in der Schweiz
gaben bewegen die einzelnen Leistungser- (2000–2016)
bringer dazu, bei der Behandlung vermehrt 225     Index (Jahr 2000=100)
Kosten-Nutzen-Überlegungen anzustellen.
Zugleich lassen ihnen verbindliche Zielvor-
200
gaben im Vergleich mit anderen Massnah-
men die Freiheit, dort zu sparen, wo dies aus 175
ihrer Sicht am besten möglich ist – das heisst
idealerweise bei medizinisch nicht notwen- 150
BFS, BAG, SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

digen Behandlungen. Weder Krankenkas-


sen oder Patienten noch Bund und Kantone 125
könnten dies besser. In diesem Sinn können
verbindliche Zielvorgaben das wettbewerb- 100
lich und dezentral ausge­staltete Gesund-
75
5 Vgl. Bericht Expertengruppe (2017). Für eine erste kriti-
0

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sche Beurteilung vgl. die gemeinsame Stellungnahme


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wesentlicher Akteure im Gesundheitswesen auf Sante-


suisse.ch.   Standardprämie Grundversicherung        BIP pro Kopf        Lohnindex

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  43
GESUNDHEITSKOSTEN

Hohe Anforderungen an reicht wird. Dabei sollte auf bestehenden


­verbindliche Zielvorgaben Strukturen aufgebaut werden.
Verbindliche Zielvorgaben müssen zudem
Erfahrungen mit ähnlichen Instrumenten in durch parallele Massnahmen begleitet wer-
Deutschland und den Niederlanden legen den. Besonders bedeutend erscheinen an-
zum einen nahe, dass budgetäre Zielvorga- reizkompatible Vergütungssysteme in Rich-
ben am ehesten durchsetzbar sind, wenn tung einer stärkeren Pauschalierung, die die
möglichst alle relevanten gesundheitspoli- Anreize zur Mengenausweitung reduzieren.
tischen Akteure an ihrer Festlegung teilneh- Priorität hat auch ein effektives Qualitätsmo- Thomas Brändle
Dr. rer. pol., Ökonom, Stabsbereich
men. Dies fördert die Akzeptanz der Zielvor- nitoring, um unerwünschte Effekte wie Leis- Ökonomische Analyse und Beratung,
gaben. Damit insbesondere auch die Leis- tungseinschränkungen, Leistungsverschie- ­Eid­genössische Finanzverwaltung (EFV),
tungserbringer die Zielvorgaben tragen, bungen und geringere Effizienzanreize zu Bern
muss ihnen aufgezeigt werden, dass eine vermeiden. Ein Zielvorgabenregime, beglei-
Dämpfung des Kostenwachstums mittelfris- tet von einem umfassenden Qualitätsmoni-
tig unumgänglich ist: Wie in allen anderen toring, stellt schliesslich höhere Kooperati-
Bereichen der sozialen Sicherung sind auch ons- und Transparenzanforderungen an die
in der obligatorischen Krankenversicherung Akteure im Gesundheitswesen.
keine unbeschränkten Mittel verfügbar. Es Wie in allen anderen Bereichen der so-
muss deutlich werden, dass verbindliche zialen Sicherung stehen auch in der obliga-
Zielvorgaben unter Einbezug der wesentli- torischen Krankenpflegeversicherung kei-
chen Akteure eine Lösung darstellen, wel- ne unbegrenzten Mittel zur Verfügung. Ge-
che im Vergleich zu anderen Massnahmen samthaft fehlt es an Kostenverantwortung. Carsten Colombier
Dr. rer. oec., Ökonom, Stabsbereich­
einen grossen Entscheidungsfreiraum be- Zielvorgaben würden eine verbindliche Aus-
­Ökonomische Analyse und Beratung,
wahren. Zum anderen ist mit verbindlichen gabenwachstumsgrenze setzen und die Ent- ­Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV), Bern
Zielvorgaben zunächst eine Verschärfung scheidungsträger im Gesundheitswesen in
der Verteilungskonflikte im Gesundheits- einem Top-down-Ansatz in die finanzielle
wesen zu erwarten. Nicht zuletzt deshalb Verantwortung nehmen. Verbindliche Ziel-
braucht es für die Festlegung und die Um- vorgaben sollen nicht das wettbewerbliche
setzung von Zielvorgaben belastbare Ver- und dezentrale Gesundheitssystem erset-
handlungs- und Entscheidungsstrukturen zen, sondern es vielmehr durch eine bessere
sowie klare Schlichtungs- und Korrekturme- Steuerung des Ausgabenwachstums ergän-
chanismen. Dies gilt einerseits für die Fest- zen und die nachhaltige Finanzierbarkeit für
legung der verbindlichen Zielvorgaben und private und öffentliche Haushalte sicherstel-
andererseits für die Umsetzung der Vorga- len. Der Bundesrat prüft gegenwärtig die Martin Baur
ben durch Kantone und Tarifpartner. Insbe- konzeptionellen Grundlagen budgetärer Ziel- Dr. rer. soc. oec., Leiter Stabsbereich Ökono­
sondere ist es wichtig, dass auch innerhalb vorgaben und wird Ende 2018 über eine wei- mische Analyse und Beratung, ­Eidgenössische
Finanzverwaltung (EFV), Bern
der jeweiligen Fachverbände ein Konsens er- tere Konkretisierung entscheiden.

Literatur
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Nr. 24 der Eidgenössischen Finanzver- althcare Expenditure. Applied Economics,
waltung, Bern. 43(1): 19–46.

44  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


KARTELLE

Wie man Kartellen mittels Statistik


das Handwerk legt
Die Bekämpfung von Preisabsprachen im Beschaffungswesen ist seit mehreren Jahren
ein Schwerpunktthema der Wettbewerbskommission. Dabei werden immer öfter auch
­statistische Methoden eingesetzt. Mit Erfolg.  Yavuz Karagök

Abstract  Um Kartelle im Beschaffungswesen aufzudecken, sind die Wettbewerbsbe­ nomischen Fachliteratur wird dieses Vorge-
hörden in der Regel auf Insiderinformationen angewiesen. So wurden in der Schweiz in hen als «Screening» bezeichnet. Im Rahmen
den letzten Jahren mehrere solcher Submissionskartelle dank Hinweisen von Beschaf­ dieses Pilotprojektes konnte die Weko ein so-
fungsstellen und Whistleblowern aufgedeckt. Neuerdings sind die Wettbewerbshü­ genanntes Screening-Tool8 entwickeln, wel-
ter aber auch in der Lage, die Abhängigkeit von externen Hinweisen zu reduzieren und ches  Hinweise auf ein Strassenbaukartell im
Kartelle selber zu entdecken. Konkret ziehen sie in der Literatur etablierte statistische Zürichseegebiet, in den Kantonen St. Gal-
Methoden heran und prüfen die Märkte auf Merkmale, die Absprachen anzeigen. In len und Schwyz ergab. Die anschliessende
der Schweiz konnte die Wettbewerbskommission (Weko) damit bereits erste Erfolge Untersuchung bestätigte diese Hinweise und
erzielen. Diese neuen Methoden führen zu einem höheren Abschreckungseffekt und deckte ein Kartell auf. Die beteiligten acht
destabilisieren dadurch bestehende Kartelle. Deshalb sind diese statistischen Metho­ Unternehmen wurden 2016 von der Weko
den für die Wettbewerbsbehörden und für Firmen mit grossem Beschaffungsvolumen verurteilt und sanktioniert.9
von enormer Bedeutung.
Verdächtiges Verhalten aufdecken

D  ass Submissionskartelle aus volkswirt-


schaftlicher Sicht schädlich sind, ist un-
bestritten.1 Das ist auch der Grund, warum
zum Tessiner Strassenbaukartell auf, dass die
Kartellmitglieder durch Absprachen über-
höhte Preise von durchschnittlich 30 Prozent
Durch statistische Screening-Methoden kön-
nen die vorhandenen Marktdaten auf Muster
hin überprüft werden, die eine mögliche ge-
sie in der Schweiz verboten sind. Im Gegen- durchsetzen konnten.4 heime Absprache anzeigen. Mittels Daten-
satz zu anderen Kartellen, bei denen selbst- Aufgrund des grossen volkswirtschaftli- analysen können also kartelltypische Verhal-
ständige Unternehmen den Wettbewerb chen Schadenpotenzials ist die Bekämpfung tensmuster erkannt werden. Screening-Me-
beschränken, um beispielsweise überhöhte von Submissionskartellen von grosser Be- thoden kommen deshalb in der Praxis immer
Preise durchzusetzen, sprechen die Firmen in deutung. So veröffentlichen etwa die Orga- öfter zum Einsatz, denn die Behörden sind
Submissionskartellen ihre Angebote bei öf- nisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit dadurch weniger abhängig von externen Hin-
fentlichen und privaten Ausschreibungen ab. und Entwicklung (OECD) sowie das Interna- weisen und Anzeigen und sind in der Lage,
So können sie bestimmen, wer den Zuschlag tional Competition Network (ICN) verschie- Kartelle aus eigener Kraft zu entdecken. So
zu welchem Preis erhalten soll. Jüngst wurde dene Leitlinien zur Bekämpfung von sol- müssen die Kartellmitglieder befürchten,
ein solches Kartell im Unterengadin und im chen Kartellen und organisieren regelmässig dass sie die Behörden selbst dann belangen
Münstertal aufgedeckt, wo Baufirmen jah- Workshops zum Thema.5 Noch stärker gehen können, wenn sie einzig über (weitgehend)
relang Aufträge und Preise abgesprochen die nationalen Wettbewerbsbehörden gegen öffentlich zugängliche Marktdaten wie etwa
haben.2 In der Regel führen Kartelle zu un- die Submissionskartelle vor. Die englische Angebotspreise verfügen. Nicht zuletzt auf-
gerechtfertigten höheren Preisen, Effizienz- Wettbewerbsbehörde Competition & Mar- grund dieses Abschreckungseffektes haben
verlusten und geringeren Innovationsanrei- kets Authority (CMA) etwa stellt den Beschaf- die Wettbewerbsbehörden ein grosses Inter-
zen. In der ökonomischen Fachliteratur wird fungsstellen ein statistisches Tool zur Verfü- esse daran, solche Screening-Methoden an-
geschätzt, dass die Konsumenten wegen die- gung,6 mit dem sie die eingereichten Ange- zuwenden und weiterzuentwickeln.
ser Kartelle Preise zahlen, die 10 bis 50 Pro- bote auf allfällige Absprachen prüfen können. Das Vorbeugen und das Aufspüren von
zent höher liegen als in einer Wettbewerbs- Auch für die Weko bildet die Bekämpfung Kartellen durch systematische Datenana-
situation.3 Die Wettbewerbskommission des von Submissionskartellen ein Schwerpunkt- lyse erfordern gute Kenntnisse der Markt-
Bundes (Weko) deckte in ihrem Entscheid thema. Sie bietet den Beschaffungsstellen struktur. Deshalb werden beim Screening in
deshalb Ausbildungsmodule an. Zudem hat einer ersten Phase kartellgefährdete Märkte
1 Dieser Beitrag gibt die persönliche Meinung der Auto- sie 2008 ein Pilotprojekt gestartet mit dem
ren wieder und verpflichtet weder die Weko noch de- Ziel, durch empirische Datenanalysen Hin- 8 Überblick von Screening-Methoden: M. J. Doane, L.
ren Sekretariat. M. Froeb, D. S. Sibley, B. P. Pinto (2015). Screening for
2 Siehe dazu die Entscheide auf Weko.admin.ch. Gegen weise auf Kartelle zu gewinnen.7 In der öko- Collusion as a Problem of Inference, in: The Oxford
den Entscheid Unterengadin hat ein Teil der Verfah- Handbook of International Antitrust Economics, vol. 2,
rensparteien Beschwerde bei Bundesverwaltungs- 4 Entscheid der Weko, Strassenbeläge Tessin, RPW Chapter 21, Oxford University Press.
gericht eingelegt. Die Beschwerden sind derzeit dort 2008/1, S. 85 ff. 9 Siehe Weko.admin.ch. Bauleistungen See-Gaster: Ver-
noch hängig (Stand: 21. Juni 2018). 5 Mehr Informationen auf Oecd.org und fügung vom 8. Juli 2016. Gegen den Entscheid hat ein
3 Für einen Literaturüberblick siehe Buneckienè et al. Internationalcompetitionnetwork.org. Teil der Verfahrensparteien Beschwerde bei Bundesver-
(2015), Boyer und Kotchoni (2015) sowie online auf 6 Vgl. dazu Gov.uk. waltungsgericht eingelegt. Die Beschwerden sind der-
Oecd.org.  7 Jahresbericht Weko (2014), S. 25 f. zeit dort noch hängig (Stand: 21. Juni 2018).

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  45
KARTELLE

identifiziert. Dabei können beispielsweise die


Abb. 1: Varianz-Screen im Tessiner Strassenbaukartell
OECD-Richtlinien herangezogen werden.10
25     Variationskoeffizient
In diesen Richtlinien sind Strukturmerkma-

IMHOF D. (2017) UND RECHT UND POLITIK DES WETTBEWERBS (RPW), 2008/1, S. 103.
le aufgeführt, welche für Absprachen förder-
lich sind. So ist etwa die Wahrscheinlichkeit 20
für Preisabreden umso grösser, je weniger
Firmen im Markt vorhanden sind (hoher Kon-
15
zentrationsgrad). Auch Märkte mit standardi-
sierten oder homogenen Gütern sind gefähr-
det oder auch Märkte mit hohen Marktein- 10
trittsschranken.
Eine wichtige Grundlage für das Scree-
5
ning in den Beschaffungsmärkten ist das Ge-
botsverhalten der Firmen bei Ausschreibun-
gen. Deshalb wird in einer zweiten Phase des 0
Screenings das konkrete Verhalten der Fir- 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006
men in den identifizierten Märkten analysiert. Datum der Ausschreibung
Zum Beispiel kann es sein, dass die Mitglieder Die Varianzen in der Kartellperiode 1999–2005 waren signifikant und systematisch tiefer als vor und nach
eines Submissionskartells der Reihe nach den der Kartellphase.
Zuschlag erhalten – dann spricht man von
einem sogenannten Rotationskartell. Oder: Abb. 2: Scheinangebote im Tessiner Strassenbaukartell
Bestimmte Firmen gewinnen nur Ausschrei- a) Kartellphase
bungen mit einem bestimmten Auftragsvo-
1    Übrige Kartellmitglieder
lumen oder nur in bestimmten geografischen
Regionen, weil die Kartellmitglieder das Ge-
biet unter sich aufgeteilt haben. Ungewöhn-
0,75
lich hohe Angebotspreise können genauso
auf Abrede zurückzuführen sein wie eine tie-
fe Preisvarianz – denn in beiden Fällen korres-
pondieren die Kartellpreise nicht mit den tat- 0,5
sächlichen Kosten.
Wenn die erforderlichen Daten zur Verfü-
gung stehen, können die aufgeführten Ver- 0,25
haltensweisen von Firmen mittels statisti-
scher Methoden überprüft werden. Fundierte
wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfah- 0
rungen der Behörden in diesem Bereich die- 0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1
nen als Grundlage für Ideen und Ansätze zur Firma A
Entwicklung von geeigneten statistischen b) Post-Kartellphase
Methoden.11
1    Übrige Kartellmitglieder

Das Tessiner Strassenbaukartell


0,75
Bei der Analyse von Submissionsdaten spielt
VGL. IMHOF D. (2017), A. A. O., S. 34 F. / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

vor allem die Varianz der Angebotspreise bei


Ausschreibungen eine zentrale Rolle. Ana-
lysiert man die Streuung der Angebotsprei- 0,5
se (sog. Varianz-Screen) mithilfe geeigneter
Hypothesen über die Funktionsweise allfälli-
ger Kartelle, können wertvolle Hinweise ge- 0,25
wonnen werden. Eine solche Analyse hat die
Weko in ihrer Untersuchung zum Tessiner
Strassenbaukartell durchgeführt (siehe Ab- 0
bildung 1).12 Dabei wird deutlich, dass die Va- 0 0,1 0,2 0,3 0,4 0,5 0,6 0,7 0,8 0,9 1
10 Vgl. OECD (2009). Leitfaden zur Bekämpfung von Ange- Firma A
botsabsprachen im öffentlichen Beschaffungswesen.
11 Für eine Übersicht siehe Harrington (2007). Die Punkte in den Abbildungen zeigen jeweils exemplarisch das Bieterverhalten eines Kartellmitglieds (Firma
12 Das Tessiner Strassenbaukartell wurde von der Weko A) gegenüber einem der übrigen Mitglieder. Der Abstand zum Gewinnerangebotspreis ist durch den Abstand
im Jahr 2007 aufgedeckt und verboten. Am Kartell zum Nullpunkt des Koordinatensystems dargestellt. Im Gegensatz zu Abbildung b) deutet in Abbildung a) das
waren mit einer Ausnahme alle im Kanton Tessin täti-
gen Strassenbaufirmen beteiligt. Vgl. dazu Entscheid Fehlen von Punkten um den Nullpunkt und die Häufung von Punkten auf der Diagonale rechts oben darauf hin,
der Weko, Strassenbeläge Tessin, RPW 2008/1, S. 85 ff. dass sich die Bietenden abgesprochen haben. Die auf den Achsen aufgeführten Angebotspreise sind normiert.

46  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


KARTELLE

rianzen in der Kartellperiode 1999–2005 si- durch den Ursprung des jeweiligen Koordi- ning-Team auf die Beine zu stellen, um sich
gnifikant und systematisch tiefer waren als natensystems repräsentiert ist. Das bedeu- gegen Kartelle zu schützen.
vor und nach der Kartellphase. Wie aus der tet, dass die unterlegenen Firmen vermei- Mit zunehmender Digitalisierung der
Untersuchung der Weko hervorgeht, kann den wollten, dass sie mit ihrem Angebot den Wirtschaft steigt auch die zur Verfügung ste-
dieser Unterschied nicht durch andere Fakto- abgesprochenen Sieger tatsächlich konkur- hende Datenmenge. Diese grossen Daten-
ren erklärt werden und ist allein auf Submis- renzieren. Nach der Kartellperiode sind die sätze erfordern den Einsatz spezieller Algo-
sionsabsprachen zurückzuführen.13 Angebote über die ganze Grafik verteilt und rithmen und besonderer Software. Sie bieten
Eine weitere Möglichkeit, um mittels sind somit ein Indiz für eine echte Konkur- aber auch neue Möglichkeiten: Beispielswei-
Screening Hinweise auf Absprachen zu er- renzsituation. se werden schon jetzt mathematische Tech-
halten, ist es, die Interaktion zwischen den niken bei der Betrugsbekämpfung einge-
Unternehmen zu untersuchen. Dazu ver- Selbstlernende Screening-­ setzt.18 Erste Gedanken, wie man die Tech-
gleicht man zunächst das Bieterverhalten von niken des maschinellen Lernens («machine
jeweils zwei Unternehmen. Konkret wird ge-
Programme learning») bei der Aufdeckung von Kartel-
prüft, ob das analysierte Firmenpaar für glei- Durch intensive Forschung zur Kartellaufde- len nutzen könnte, werden auf internationa-
che Ausschreibungen echte Konkurrenzan- ckung werden in der ökonomischen Literatur ler Ebene bereits diskutiert.19 Maschinelles
gebote oder doch nur Scheinangebote ein- fortwährend neue Methoden entwickelt. Die Lernen bedeutet, dass die Software aus den
reicht. Dies wird anhand des Abstandes Wettbewerbsbehörden selber leisten mit Er- Daten selber lernt, um so die Aufdeckungs-
zwischen dem jeweiligen Verliererangebots- folg einen grossen Effort, um die bestehen- wahrscheinlichkeit von Kartellen zu erhöhen.
preis und dem Gewinnerangebotspreis ge- den Methoden anzuwenden, weiterzuent-
messen. Ein systematisch grosser Abstand wickeln und sie an ihre eigenen Bedürfnisse 18 Eine der am häufigsten verwendeten mathematischen
zwischen den Angebotspreisen kann ein Hin- anzupassen.16 Auf internationaler Ebene ko- Techniken ist das Benfordsche Gesetz, das allgemein
bei der Aufdeckung von Datenbetrug Verwendung fin-
weis auf ein Scheinangebotsverhalten sein.14 operieren sie dazu beispielsweise in Work- det. Vgl. dazu Nigrini (2012).
Im Tessiner Strassenbaukartell hat es shops der OECD miteinander. Die Bekämp- 19 Siehe Martin und Imhof (2018).
solche Scheinangebote gegeben, wie sich fung von Submissionsabreden erfolgt aller-
grafisch zeigen lässt (siehe Abbildung 2).15 dings nicht nur durch Screening-Methoden.
Das Bieterverhalten der Kartellmitglieder Parallel dazu werden auch die öffentlichen
hat sich nach der Kartellphase komplett Beschaffungsstellen von Wettbewerbsbe-
geändert. Während der Kartellperiode la- hörden ausgebildet und sensibilisiert.17 Zu-
gen die Punkte in den meisten Fällen weit dem werden ihnen Auswertungstools zur
weg vom Gewinnerangebotspreis, welcher Verfügung gestellt. Zurzeit sind auch die ers-
ten privaten Unternehmen mit hohem Be-
13 Für eine Anwendung des Konzeptes auf andere Märkte schaffungsvolumen daran, ihr eigenes Scree-
siehe Abrantes-Metz et al. (2012). Yavuz Karagök
14 Für eine vertiefte Beschreibung der Methode siehe Dr. rer. pol., Bereichsleiter Empirie,
Imhof, Karagök und Rutz (2018). 16 Vgl. Jahresbericht Weko 2014, S. 25 f. Wettbewerbskommission (Weko), Bern
15 Siehe Imhof (2017). 17 Vgl. Jahresbericht Weko 2014, S. 22 f.

Literatur
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Study, Springer Verlag, S. 24ff. SES 484, Faculty of Economics and Social Sciences, University of Fribourg
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Industrial Organization, Vol. 47(2).

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  47
SOZIALE INSTITUTIONEN

Arbeitsmarktintegration:
Am gleichen Strick ziehen
Um Personen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren, braucht es eine stärkere
­Zusammenarbeit der sozialen Institutionen. Ein Gutachten im Auftrag des Seco erteilt aus
­rechtlicher Sicht grünes Licht.  Carmen Schenk, Ueli Kieser

Abstract  Bei der Integration von Personen mit einer gesundheitlichen Beeinträchti­ Koordinationsstelle auf
gung in den Arbeitsmarkt ist die Koordination zwischen den involvierten Stellen wich­ nationaler Ebene
tig. Ein Rechtsgutachten im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) hat
untersucht, in welchem Rahmen die Zusammenarbeit der Arbeitslosenversicherung Im Bundesgesetz über den Allgemeinen Teil
(ALV) mit anderen Systemen der sozialen Sicherheit – beispielsweise mit der Invaliden­ des Sozialversicherungsrechts (ATSG) sind
versicherung (IV) und der Sozialhilfe – erfolgen kann. Wie sich zeigt, ist dies zulässig, die Koordinationsgrundsätze festgehalten
wenn eine Institution in einem Dossier die Führung übernimmt. Dabei muss der Daten­ und in Spezialgesetzgebungen präzisiert. Al-
schutz gewährleistet sein. Mit dem Gutachten erhalten die Kantone eine Rechtsgrund­ lerdings sind die Bestimmungen meist ent-
lage für laufende und geplante Kooperationen in der Arbeitsmarktintegration. schädigungsorientierter oder technischer
Natur.
Um die interinstitutionelle Zusammen-

W  enn in der Schweiz eine Person mit


einer gesundheitlichen Beeinträch-
tigung in den Erwerbsprozess zurückkehren
die betroffenen Menschen sind jedoch oft-
mals bedeutsam. Zudem verursacht eine
missglückte soziale oder berufliche Integra-
arbeit bei der Arbeitsmarktintegration zu
verbessern, haben Bund, Kantone, Gemein-
den und weitere Akteure im Jahr 2010 das na-
soll, sind oft viele eigene Anstrengungen und tion hohe volkswirtschaftliche Folgekosten. tionale IIZ-Steuerungsgremium gegründet.1
Unterstützungsmassnahmen von Dritten nö- Das Risiko einer Aussteuerung, einer IV-Be- Ziel ist es, die Chancen auf Eingliederung
tig. Je nach Fall sind mehrere Institutionen in- rentung, einer dauerhaften Sozialhilfeabhän- in den ersten Arbeitsmarkt zu erhöhen und
volviert. gigkeit oder des Pendelns zwischen den Insti- die verschiedenen Systeme optimal aufein-
Im schweizerischen Sozialsystem deckt tutionen aufgrund verfehlter Integrationsbe- ander abzustimmen. Die IIZ ermöglicht den
jede Institution spezifische Risiken ab und mühungen kann mit der interinstitutionellen Beteiligten, sich auf ihre Kernkompetenzen
ist auf bestimmte Anspruchsgruppen aus- Zusammenarbeit (IIZ) verringert werden. Um 1 Siehe www.iiz.ch.
gerichtet. Während sich beispielsweise die die Kompetenzen gezielt einsetzen zu kön-
Arbeitslosenversicherung (ALV) um Stellen- nen, müssen die Institutionen die gegensei- Wie bringt man gesundheitlich beeinträch­
suchende kümmert, liegt der Fokus der In- tigen Abläufe kennen. tigte Personen zurück in den Arbeitsmarkt?
validenversicherung (IV) auf den Folgen von ­Integrationsprojekt in St. Gallen.
Krankheiten und Unfällen. Nebst diesen bei-
den Sozialversicherungen spielen bei der
Arbeitsmarktintegration zudem die Berufs-
bildung, die Sozialhilfe und der Migrations-
bereich eine wichtige Rolle.
Mit dieser strikten Ausrichtung der ein-
zelnen Institutionen wird eine hohe Effizienz
für die eigene Zielgruppe erreicht. Gleichzei-
tig bringt die Differenzierung auch Schwie-
rigkeiten mit sich – insbesondere bei Mehr-
fachproblematiken oder wenn die Art des
Risikos unklar ist. Kann jemand nicht eindeu-
tig einer Institution zugeordnet werden, ge-
rät das System an seine Grenzen. In komple-
xen Fällen droht für die Betroffenen ein er-
schwerter Zugang zur sozialen Absicherung,
oder die Dauer bis zur erforderlichen Unter-
stützung verlängert sich.
Der Anteil dieser Betroffenen mit komple-
xen Problemstellungen ist in den einzelnen
Institutionen zwar verhältnismässig klein,
KEYSTONE

die sozialen und wirtschaftlichen Folgen für

48  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


SOZIALE INSTITUTIONEN

Beispiele interinstitutioneller Zusammenarbeit (IIZ) aus den Kantonen


Waadt: Mit dem Dispositiv «Unité Commune losigkeit. Für intensives Coaching und individuelle bessern. Kernpunkt der Kooperation ist die Auftei­
­ORP-CSR» wollen das Regionale Arbeitsvermitt­ Lösungen arbeiten Personalberater und Sozial­ lung und Zuteilung von Aufgaben. Dadurch sollen
lungszentrum (RAV) und das Centre Social Régional arbeiter in derselben Struktur und am selben Ort eng Doppelspurigkeiten sowohl gegenüber den Klienten
(CSR) der Stadt Lausanne den sozialen und berufli­ zusammen und begleiten Menschen in schwierigen als auch den Arbeitgebenden vermieden werden.
chen Ausschluss bekämpfen. Indem die Kompeten­ Phasen bei der sozialen und beruflichen Wiederein­ Diese Aufgabenzuteilung wird ergänzt durch über­
zen und Ressourcen der beiden Institutionen gebün­ gliederung während maximal neun Monaten. greifende, abgestimmte Prozesse und Informations­
delt werden, sollen Sozialhilfeempfänger vermehrt Aargau: Das geplante Konzept «Pforte» will die austausch. Gemeinden bzw. Sozialhilfebeziehende
in den Arbeitsmarkt zurückkehren. So soll insbeson­ Zusammenarbeit zwischen dem Amt für Wirtschaft profitieren im Bereich der Arbeitsintegration von er­
dere die individuelle Betreuung gestärkt werden. und Arbeit und der Sozialversicherungsstelle des weiterten Dienstleistungen der beiden Partner.
Freiburg: Der «Integrationspool+» ist ein Betreu­ Kantons (SVA/IV-Stelle) vertiefen. Das Ziel ist es, die
ungssystem zur Bekämpfung von Langzeitarbeits­ Wirkung im Bereich der Arbeitsintegration zu ver­

zu konzentrieren, die finanziellen Mittel ge- dürfnissen der betreffenden Einzelperson im- ten ist, dass die Bearbeitung von Avam-Daten
zielt einzusetzen und benötigte anderweiti- mer mit dem Ziel einer raschen und nachhal- nur durch die Vollzugsstellen der ALV zuläs-
ge Fachunterstützung bei den Partnern ein- tigen Integration in den Arbeitsmarkt. Das sig ist. Dazu wäre eine entsprechende Anpas-
zuholen. Gutachten zeigt auf, dass hier viele Gestal- sung des Arbeitslosenversicherungsgesetzes
Während der Bund die IIZ auf nationa- tungsmöglichkeiten bestehen. So können (Avig) notwendig.
ler Ebene koordiniert, findet deren Umset- komplexe Fälle an eine Institution befristet Die Rechtsgutachten liefern Klarheit be-
zung in den kantonalen Strukturen unter übertragen werden. Eine weitere Möglich- züglich Möglichkeiten und Grenzen einiger
unterschiedlichen Rahmenbedingungen keit wäre es, eine Wiedereingliederungsstelle Aspekte der interinstitutionellen Zusammen-
statt. Verschiedene Kantone kennen Koope- zu schaffen, welche solche Fälle befristet be- arbeit. Dadurch erhalten die Kantone eine
rationsprojekte, mit welchen durch eine in- treuen würde. bestätigte rechtliche Grundlage zur Zusam-
tensivierte Zusammenarbeit das eingliede- Beispielsweise wurde geprüft, ob die menarbeit und bessere Planungssicherheit.4
rungsspezifische Synergiepotenzial der Re- Arbeitslosenversicherung vorübergehend
4 Die beiden Gutachten werden an der St. Galler Daten-
gionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV), auf einen Nachweis von Arbeitsbemühun- schutztagung vom 12. September 2018 in Zürich vorge-
der Sozialdienste und/oder der Stellen der In- gen verzichten könnte. Derzeit ist ein solcher stellt. Weitere Informationen unter https://irp.unisg.ch/
de/weiterbilden.
validenversicherung im Interesse der unter- Nachweis zwingend, um in den Genuss von
stützten Person genutzt wird (siehe Kasten). einer Arbeitslosenentschädigung zu kom-
men. Das Gutachten kommt zum Schluss,
Fallführung aus einer Hand dass diese Pflicht bei einer sozialen Eingliede-
rung oder einer Stabilisierung eines Betroffe-
Bei der Umsetzung verschiedener IIZ-Projek- nen für bis zu drei Monate ausgesetzt werden
te hat sich im Frühling 2017 in entscheiden- kann.3 In Ausnahmefällen und mit individuel-
den Punkten Klärungsbedarf ergeben. Des- ler Begründung kann eine längere Frist ge-
halb hat das Staatssekretariat für Wirtschaft währt werden.
(Seco) zwei Gutachten bei Ueli Kieser, Profes- Carmen Schenk
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort
sor für Sozialversicherungsrecht, in Auftrag Datenschutz gewährleisten Querschnittleistungen, Staatssekretariat
gegeben.2 für Wirtschaft (Seco), Bern
Das erste Gutachten befasst sich mit der Das zweite Gutachten widmet sich der Frage
Zusammenarbeit. Dabei werden insbeson- des Datenaustauschs beziehungsweise der
dere die Möglichkeit einer Übertragung der Datenbearbeitung im Informationssystem
Fallverantwortung von der primär zuständi- für die Arbeitsvermittlung und die Arbeits-
gen Institution an eine andere und die Mög- marktstatistik (Avam). Dabei interessiert ins-
lichkeit eines befristeten Verzichts auf den besondere, ob bei einer Aufgabendelega-
Nachweis von Arbeitsbemühungen behan- tion oder einer Fallübertragung Besonder-
delt. Grundsätzlich gilt: Die Fallführung soll heiten gelten und wie die Anforderungen des
durch die am besten geeignete Institution Datenschutzes zu konkretisieren sind. Wie
«aus einer Hand» erfolgen. Die Eignung be- das Gutachten aufzeigt, ist ein Datenaus- Ueli Kieser
stimmt sich nach den Eigenschaften und Be- tausch innerhalb von bestimmten Grenzen Rechtsanwalt, Professor für Sozialversi­
möglich. So muss die betroffene Person ihre cherungsrecht an den Universitäten Bern
2 Gestützt auf Art. 85f des Arbeitslosenversicherungsge- und Zürich, Vizedirektor des Instituts für
setzes (Avig) (Förderung der interinstitutionellen Einwilligung geben. Einschränkend zu beach- Rechtswissenschaft und Rechtspraxis,
Zusammenarbeit) und unter Berücksichtigung der da- ­Zürich/St. Gallen
zugehörigen Botschaft (BBI 2001 2298). 3 Gestützt auf Art. 85f Avig.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  49
SOZIALPARTNERSCHAFT

Arbeitszeitverlängerungen nach
dem Frankenschock
Um inländische Arbeitsplätze zu erhalten, können Arbeitnehmer und Arbeitgeber in der
­Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie bei schwieriger Konjunktur gemeinsam Arbeits­
zeitverlängerungen aushandeln. Nach der Aufwertung des Frankens im Jahr 2015 haben sie
das gemacht. Nicht immer erfolgreich.  Heinz Gabathuler, Patrick Ziltener

Abstract    Als die Nationalbank Anfang 2015 die Eurountergrenze aufgab, führten poräre Arbeitsplatzgarantien, nachträgli-
­etliche Firmen der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie Arbeitszeit­ che Kompensationen der gratis geleisteten
verlängerungen ein. Gemäss Artikel 57 des Gesamtarbeitsvertrags der Branche kön­ Mehrarbeit bei besserer Geschäftslage so-
nen solche Verlängerungen mit den betrieblichen Arbeitnehmervertretungen verein­ wie Opfersymmetrie. Letztere bedeutet zum
bart werden. So konnten Lösungen für unternehmensspezifische Probleme gefunden Beispiel, dass auch Kaderleute, die nicht dem
werden, für die allerdings nur teilweise der verschlechterte Wechselkurs verantwort­ GAV unterstellt sind, Mehrarbeit leisten müs-
lich war. Das zeigen Fallstudien in vier Firmen, die solche Arbeitszeitverlängerungen sen. Zuverlässige Daten über solche Verhand-
eingeführt haben. Das wichtigste Ziel der Massnahme wurde hingegen nicht in allen lungen im Anschluss an den Frankenschock
Fällen erreicht. Denn die Konkurrenzfähigkeit hat sich dadurch nicht in allen Firmen sind nicht erhältlich. Die Schätzungen der So-
verbessert; viele Arbeitsplätze in der Schweiz konnten nicht gesichert werden. zialpartner schwanken zwischen 30 und 110
ausgehandelten Vereinbarungen. Betroffen
war jedenfalls nur eine Minderheit der Unter-

I  nnert kürzester Zeit verteuerten sich die


schweizerischen Arbeitskosten um über
10 Prozent. Als die Schweizerische Natio-
stellt1, doch darunter sind fast alle grossen
Exporteure der Branche.
nehmen, die dem GAV unterstellt sind.
Trotzdem berichteten die Medien in der
Folge von etlichen Arbeitszeitverlängerungen
nalbank am 15. Januar 2015 den Euromin- Die Reaktion der Unternehmen ohne Entschädigung.2 Das ist bemerkens-
destkurs von 1.20 Franken aufgab, wurde wert. Denn Arbeitsbeziehungen auf Firmen-
der Franken gegenüber den Währungen in Gemäss Artikel 57 im GAV sind Abweichun- ebene zwischen Management und Arbeit-
den Exportmärkten stark aufgewertet. Des- gen von normativen Bestimmungen zulässig, nehmervertretungen werden in der Schweiz
halb spricht man auch von einem «Franken- wenn sie mit den Arbeitnehmervertretungen normalerweise sehr diskret gehandhabt und
schock». Bei Belegschaften und Sozialpart- in den Betrieben ausgehandelt werden (siehe von den Mainstreammedien kaum beachtet.
nern in der Exportindustrie löste das Ängste Kasten). Die Arbeitnehmerverbände, insbe- Weshalb nicht mehr Unternehmen solche
aus. Besonders schlechte Aussichten pro- sondere Unia, Syna und Angestellte Schweiz, Verhandlungen aufgenommen haben, dafür
phezeite man der Maschinen-, Elektro- und waren sehr darauf bedacht, die Arbeitneh- kommen mehrere Gründe infrage: Möglich
Metallindustrie (MEM-Industrie). Im Gegen- mervertreter gut zu beraten. Sie wollten ver- ist, dass die Arbeitnehmervertretungen Ab-
satz zur Pharma- oder zur Uhrenindustrie hindern, dass Arbeitszeitverlängerungen weichungen vom GAV prinzipiell ablehnten
agiert diese auf stark kompetitiven Märkten. unterschrieben wurden, ohne im Gegenzug oder dass die Kostensituation bereits so an-
Zwar sind dem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) Konzessionen zu erhalten: Dazu zählen tem-
der MEM-Industrie weniger als ein Drit- 2 Siehe «Überzeit wegen Frankenhochs» (NZZ vom
7.2.2015) oder «Gegen den Frankenschock. Viele Firmen
tel der Arbeitnehmer in der Branche unter- 1 Gemäss Angaben von Swissmem sind 96 000 Beschäf- lassen ihre Mitarbeiter wegen der starken Währung
tigte und 540 Unternehmen dem GAV unterstellt. länger arbeiten» (Handelszeitung vom 27.8.2015).

Der «Krisenartikel»
Der in dieser Studie untersuchte Ge­ gen, zu denen auch ein aufgewerteter In Deutschland gibt es seit den rung der Arbeitsbeziehungen in der
samtarbeitsvertrag (GAV) war von Juli Schweizer Franken zählt. Gemäss GAV Neunzigerjahren vergleichbare Ab­ Schweiz.c Die Bestimmung wurde seit­
2013 bis Juni 2018 in Kraft. Mit Arti­ muss das Management dazu der von weichungsbestimmungen in den Ta­ her mehrfach modifiziert. Im neuen
kel 57 – dem sogenannten Krisenar­ der Belegschaft gewählten Arbeit­ rifverträgen der deutschen Metall- GAV, der seit Juli 2018 in Kraft ist, ist
tikel – erlaubte er «in Ausnahmefäl­ nehmervertretung einen begründe­ und Chemieindustrie.a In der Schweiz sie, mit geringfügigen Modifikationen,
len» Abweichungen von normativen ten Antrag stellen. Eine Abweichungs­ wurde der «Krisenartikel» erstmals weiterhin enthalten. Unsere Analyse
Bestimmungen. Insbesondere bei der vereinbarung darf maximal 15 Monate 1993, während des schwierigen kon­ zeigt allerdings, dass temporäre oder
wöchentlichen Normalarbeitszeit von dauern; einer Verlängerung müssen junkturellen Umfelds, in den GAV der dauerhafte Vertragsabweichungen
40 Stunden erlaubt er Anpassungen beide Vertragsparteien zustimmen. MEM-Industrie aufgenommen. Die durch die betrieblichen Sozialpartner
«mit dem Ziel, Arbeitsplätze in der Unternehmen, welche dem GAV nicht Gewerkschaften boten damals nur zö­ insgesamt nur in sehr wenigen GAV er­
Schweiz zu erhalten oder zu schaffen». unterstellt sind, müssten für eine gerlich Hand zu einer solchen Flexibi­ laubt sind.d
Der Artikel darf angewendet werden Arbeitszeitänderung allen Arbeitneh­ lisierung.b
a Haipeter (2011).
zur «Verbesserung der Konkurrenz­ mern einzeln Änderungskündigungen Die Forschung sieht im «Krisenar­ b Siehe Mach (2006) und Widmer (2012).
fähigkeit», etwa bei verschlechter­ mit mehrmonatigen Kündigungsfris­ tikel» einen Indikator für einen all­ c Oesch (2011).
ten makroökonomischen Bedingun­ ten vorlegen. gemeinen Trend zur Dezentralisie­ d Ziltener und Gabathuler (2018a).

50  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


SOZIALPARTNERSCHAFT

gespannt war, dass auch eine Arbeitszeitver- menbedingungen nach dem Frankenschock weise Kurzarbeit verhängt. Für Teile der Be-
längerung nicht mehr alle Arbeitsplätze hätte waren dann allerdings ausschlaggebend da- legschaft wurde die Vereinbarung deswegen
erhalten können. für, dass das Management die temporäre vorzeitig beendet; nur im Büro wurde wie ver-
Arbeitszeiterhöhung beantragt hat (siehe Ta- einbart Mehrarbeit geleistet.
Probleme schon vor 2015 belle 2). Firma C, eine Herstellerin von Schleifmit-
Firma A exportiert hoch spezialisierte teln, war bereits seit einigen Jahren in den ro-
Im Rahmen eines Nationalfondsprojekts3 ha- Textilmaschinen in stark volatile Zielmärk- ten Zahlen. Schon 2011 war eine Arbeitszeit-
ben wir 2017 vier Unternehmen untersucht, te. Sie ist hingegen nur wenig vom schwei- erhöhung vereinbart worden. Aus Arbeitneh-
welche im Jahr 2015 den Artikel 57 angewandt zerischen Kostenniveau betroffen, weil auch mersicht waren die Resultate damals jedoch
haben (siehe Tabelle 1). Die Fallstudien zeigen ihre wichtigste Konkurrentin in der Schweiz unbefriedigend: Weil die Arbeit fehlte, waren
den Verhandlungsprozess, der zur jeweiligen ist. Ihre gewerkschaftlich engagierte Arbeit- die vereinbarten Mehrstunden für den kos-
Vereinbarung führte, und evaluieren, wie die nehmervertretung hat ausgehandelt, dass tenlosen Abbau von Überstunden verwendet
Akteure rückblickend den Erfolg der Mass- die Arbeitszeiterhöhung vertraglich an den worden. Die Arbeitnehmervertretung dräng-
nahme beurteilen.4 Geschäftsgang und an einen Währungskorb te deshalb auf eine Klausel für die Abteilun-
Interessant ist, dass drei der vier beob- gebunden wurde, der durch die wichtigsten gen, in denen faktisch keine Mehrarbeit an-
achteten Unternehmen bereits vor der Min- Zielmärkte definiert war. Die konkrete An- fiel. Diese sah vor, dass die Betroffenen die
destkursaufhebung zum Euro wirtschaftliche wendung der Arbeitszeiterhöhung war also Überstunden nachträglich gutgeschrieben
Probleme hatten. Erst die veränderten Rah- nicht allein vom Eurokurs, sondern auch von bekamen. Noch während die Vereinbarung
den Kursen weiterer Währungen abhängig. lief, gab die Geschäftsleitung bekannt, dass
3 Siehe «Arbeitnehmervertretungen in der Schweizer
­Privatwirtschaft» auf Uzh.ch.
Allerdings wurde kurz darauf wegen man-
4 Siehe Ziltener und Gabathuler (2018b). gelnder Auslastung in der Produktion zeit- Die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie hat
besonders unter dem starken Franken gelitten.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  51
SOZIALPARTNERSCHAFT

ein Teil der Fertigung ins Ausland ausgela- die Wochenarbeitszeit auf das gesetzlich Arbeitszeiterhöhung der gesamten Beleg-
gert werde. Das führte zu einem vorzeitigen zulässige Höchstmass von 45 Stunden er- schaft: Das Kostenniveau konnte gesenkt
Abbruch der Massnahme. Die Firma hielt sich höht. Das brachte der Arbeitnehmervertre- und die Arbeitsplätze in der Schweiz zumin-
zwar an die gegebenen Arbeitsplatzgaran- tung Kritik aus Teilen der Belegschaft ein, dest mittelfristig gesichert werden. Förder-
tien, und die von der Massenentlassung be- obwohl sie in mehrwöchigen Verhandlun- lich war hier etwa der kostenlose Abbau von
troffenen Arbeitnehmer erhielten die geleis- gen eine Arbeitsplatzgarantie von drei Mo- Überstunden, wie ihn Firma C ausdrücklich
teten Mehrstunden ausbezahlt. Trotzdem naten über die Dauer der Massnahme hinaus ablehnte.
verfehlte die Massnahme ihr wichtigstes Ziel, erreicht hatte.
nämlich die Arbeitsplätze in der Schweiz zu Einzig Firma B war bis Anfang 2015 sehr Nachhaltiger Nutzen ungewiss
sichern. gut im Markt positioniert. Erst der plötzli-
Firma D ist auf Gebäudetechnologie che Wertanstieg des Frankens stellte das Fa- Die Umfrage zeigt, dass der Artikel 57 von
spezialisiert. Den Beteiligten war klar, dass milienunternehmen in Schweizer Besitz vor den betrieblichen Akteuren durchaus ge-
schon im Jahr 2015 Entlassungen in der Pro- gravierende Probleme. Die nicht gewerk- nutzt wird. Mit dem Artikel können sozial-
duktion unvermeidbar würden. Mehrarbeit schaftlich organisierte Arbeitnehmerver- partnerschaftlich auf die Situation zuge-
wurde daher nur in der Forschung & Ent- tretung verzichtete anders als in den ande- schnittene Lösungen erarbeitet werden. So
wicklung sowie in der Verwaltung verein- ren untersuchten Firmen auf eine explizi- hat jede Firma eine spezifisch eigene Ver-
bart. Während eines halben Jahres wurde te Arbeitsplatzgarantie. Trotzdem half die einbarung ausgehandelt. Bei Firma C konn-

Tabelle 1: Vergleich der vier Vereinbarungen nach Art. 57


Firma Beschäftigte Maximaldauer der Ver­ Anwendbar für alle? Wochenarbeitszeit Arbeitsplatzgarantien?
(2017) einbarung in Monaten in Std*
A 100 6 (1. Vereinbarung) Je nach Bedarf 42–44 Ja
(Textilmaschinen­ 3 (2. Vereinbarung) (abhängig von
hersteller) ­Währungskorb und
­Geschäftsgang)
B 750 15 Ja 42 Nein, aber Vereinbarung
(Hersteller von Rohren, hinfällig bei Massen­
Kunststoff und Gebäude­ entlassung
systemen)
C 750 10 Ja 42 Ja, plus Kompensation
(Schleifmittelproduzent) (nur wenn Mehrarbeit bei Entlassungen bis
24 Monate nach Verein­

EIGENE ERHEBUNG DER AUTOREN


vorhanden, kein Über­
stundenabbau) barungsende

D 1700 15 Nicht in der Produktion 45 (6 Monate lang) Ja, inkl. 3 Monate


(Hersteller von Gebäude­ 43 (9 Monate lang) über Vereinbarungsende
technologie) hinaus

*Normalarbeitszeit im GAV: 40 Wochenarbeitsstunden.

Tabelle 2: Wirtschaftliche Hintergründe und Folgen der jeweiligen Vereinbarungen


Firma Besitzverhältnisse Exportanteil Problematik Anwendung der Nutzen Kritik aus
­Vereinbarung Belegschaft?
A Chinesische TNC > 80% Konjunkturzyklus, Nur teilweise, Mehrarbeit war teil­ Nein
(Textilmaschinenher­ schwierige Märkte parallel Kurzarbeit weise nicht vorhanden
steller)
B Familienbesitz 75% (Stahl) Externe Konkurrenz Wie vereinbart Mehrarbeit war teil­ Nein
(Hersteller von Rohren, 50% (Gebäude) weise vorhanden, teil­
Kunststoff und Gebäu­ weise Überstunden­
(mehrheitlich Euro­ abbau
desystemen) raum)
C Deutsche TNC > 80% Konzerninterne vorzeitig abgebro­ Überstundenabbau Wenig
(Schleifmittelprodu­ (mehrheitlich Euro­ Standortkonkurrenz chen, nach Ankündi­ nicht möglich.
wegen gung Massenentlas­ Arbeitsplätze lang­
EIGENE ERHEBUNG DER AUTOREN

zent) raum)
Kostenniveau sung fristig nicht gesichert

D Deutsche TNC 95% Konzerninterne 2 Monate früher abge­ Mehr Output in F&E. Ja
(Hersteller von (davon 70% im Euro­ Standortkonkurrenz brochen Symbolische Wirkung
Gebäude­technologie) raum wegen Kostenniveau gegenüber Zentrale

TNC: Transnationaler Konzern, F&E: Forschung und Entwicklung

52  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


SOZIALPARTNERSCHAFT

ten zudem auch Lerneffekte aufseiten der kurrenzfähigkeit der Firma haben. Anderer- tragslage unabhängig von der Wechsel-
Arbeitnehmervertretung beobachtet wer- seits bietet der Artikel den Unternehmen die kurssituation schlecht blieb.
den, indem sie darauf beharrte, mit einer Möglichkeit, flexibler auf temporäre Krisen-
Klausel den aus ihrer Sicht missbräuchlichen situationen zu reagieren, als dies ohne GAV
kostenlosen Abbau von Überstunden zu ver- möglich wäre. Somit stellt er für Unterneh-
hindern. Der Artikel 57 wird somit durch- men einen Anreiz dar, sich freiwillig dem GAV
aus zu Recht von Arbeitgeberseite als Inst- zu unterstellen. Das stärkt die Sozialpartner-
rument einer flexiblen Arbeitsmarktordnung schaft.
betrachtet.5 Durch diese Flexibilität haben Für die Arbeitnehmervertreter bedeu-
die Schweizer Standorte von transnationa- tet der Krisenartikel zweierlei: Sofern sie sich
len Konzernen trotz ihren hohen Lohnstück- ihrer «Vetomacht» bewusst sind und ihren Heinz Gabathuler
kosten einen komparativen Vorteil gegen- Verhandlungsspielraum nutzen, können sie Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
über anderen Standorten im selben Kon- mit dem Artikel 57 der Arbeitgeberseite tem- ­Soziologisches Institut, Universität Zürich
zern. Das Management in der deutschen poräre Arbeitsplatzgarantien abringen. Zu-
Konzernzentrale von Firma D war beein- dem können sie sich als zuverlässige und
druckt von der Flexibilität der schweizeri- kompetente Verhandlungspartner den Res-
schen Sozialpartnerschaft. pekt des Managements sichern.
Aus Sicht der Gewerkschaften ist der Ar- Fraglich ist hingegen, wie nachhal-
tikel 57 zwiespältig: Denn einerseits kann er tig der betriebswirtschaftliche Nutzen der
durch den Arbeitgeber missbraucht werden. Arbeitszeitverlängerung ist. In Firma C
Dann nämlich, wenn die kostenlose Mehr- konnte die Massnahme den Arbeitsplatzab-
arbeit auch Arbeitnehmer leisten müssen, de- bau nicht verhindern. Und in Firma A muss-
ren Lohnkosten keinen Einfluss auf die Kon- te für einen Teil des Personals eine Arbeits- Patrick Ziltener
zeitverlängerung und für einen anderen Teil Titularprofessor für Soziologie an der
­Universität Zürich
5 Kohl 2016. Kurzarbeit verhängt werden, weil die Auf-

Literatur
Haipeter, T. (2011). Tarifabweichungen, Betriebsräte und Oesch, D. (2011). Swiss Trade Unions and Industrial Rela- Ziltener, P. und Gabathuler, H. (2018a). Betriebliche
Gewerkschaften – Modernisierungschancen in lokalen tions After 1990. A History of Decline and Renewal, in: C. Mitwirkung in der Schweiz – eine Untersuchung der Be-
Konflikten, in: K. Dörre / T. Haipeter (Hg.) Gewerkschaftli- Trampusch / A. Mach (Hg.) Switzerland in Europe. Conti- stimmungen in Gesamtarbeitsverträgen, in: Industrielle
che Modernisierung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwis- nuity and Change in the Swiss Political Economy Abingdon / Beziehungen 25(1).
senschaften / Springer Fachmedien. New York: Routledge. Ziltener, P. und Gabathuler, H. (2018b). Working More
Kohl, J.-P. (2016). Die Industrie wird überleben, in: Die Widmer, F. (2012). La coordination patronale face à la in Order to Preserve Jobs? Works Councils in the Swiss
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Mach, A. (2006). La Suisse entre internationalisation et trie suisse des machines. Zurich / Genève: Seismo. the «Swiss Franc Shock» in 2015, in: Industrial Relations
changements politiques internes. La législation sur les Journal (im Erscheinen).
cartels et les relations industrielles dans les années 1990.
Zurich / Chur: Rüegger.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  53
VERANTWORTUNGSVOLLE WIRTSCHAFT

Unternehmen und Menschenrechte:


Bund setzt auf Sensibilisierung
Der Aktionsplan des Bundes zu Unternehmen und Menschenrechten kommt ins Rollen: Mit
Workshops und Informationsmaterialien will der Bund Firmen sensibilisieren.  Amina Joubli

Abstract  Der Bundesrat hat Ende 2016 einen Nationalen Aktionsplan für Wirtschaft Insbesondere fördert der Bund Instru-
und Menschenrechte verabschiedet. Er basiert auf den UNO-Leitprinzipien und ist ein mente und Standards, die einer verantwor-
«smart mix» aus verbindlichen und nicht verbindlichen Massnahmen. Ein zentraler As­ tungsvollen Unternehmensführung dienen.
pekt ist die Sensibilisierung der Firmen. So organisiert der Bund beispielsweise Work­ So stellt er den Firmen branchenspezifische
shops und wird vorbildliche Unternehmensinitiativen auszeichnen. Der Bund bezieht Richtlinien zur Corporate Social Responsibi-
dabei möglichst viele Interessengruppen mit ein und baut auf das diplomatische Aus­ lity (CSR) zur Verfügung. Namentlich unter-
sennetz der Schweiz. Besondere Aufmerksamkeit widmet er KMU, die international stützt er die OECD-Leitsätze für multinatio-
tätig sind. Da Konsumenten immer höhere Ansprüche an die Produkte stellen, ist ein nale Unternehmen, den «UN Global Com-
vorbildlicher Umgang von Unternehmen mit Menschenrechten eine Chance. pact» sowie Instrumente der Internationalen
Arbeitsorganisation (ILO). Darüber hinaus för-
dert er in Projekten der wirtschaftlichen Ent-

U  nternehmen müssen sich an die Men-


schenrechte halten: Der öffentliche
Druck steigt weltweit – auch in der Schweiz
Workshops und Auszeichnung
Der Nationale Aktionsplan basiert auf
wicklungszusammenarbeit die Unterneh-
mensverantwortung in den Partnerländern.
Um zum Respekt der Menschenrechte in
mit der Diskussion zur Konzernverantwor- einem «smart mix» von verbindlichen und internationalen Wertschöpfungsketten bei-
tungsinitiative. Angesichts der zunehmen- nicht verbindlichen Massnahmen. Im Fo- zutragen, setzt die Schweiz auf sogenann-
den Internationalisierung der Wirtschaft kus des Aktionsplans stehen insbesonde- te Multistakeholder-Initiativen. Das heisst,
verabschiedete der UNO-Menschenrechts- re Sensibilisierungsmassnahmen. Indem der Staat arbeitet mit dem Privatsektor so-
rat im Jahr 2011 einen Katalog von Leitprin- der Bund Informationsmaterialien bereit- wie mit Interessengruppen und weiteren re-
zipien für Wirtschaft und Menschenrechte. stellt und Workshops zur Sorgfaltsprüfung levanten Akteuren zusammen (zum Beispiel
Als sogenanntes Soft-Law-Instrument durchführt, will er das Respektieren der Nichtregierungsorganisationen, Verbänden,
sehen die UNO-Leitprinzipien eine geteil- Menschenrechte auf Unternehmensebe- Wissenschaftlern etc.). So unterstützt die
te Verantwortung von Staaten und Unter- ne erhöhen. Dazu arbeitet der Bund mit Schweiz im Textilsektor beispielsweise die
nehmen vor. Dazu sind sie entlang der drei Branchenverbänden und kantonalen Han- Better-Work-Initiative. Weiter ist sie Initiantin
Säulen «Staatliche Schutzpflicht», «Unter- delskammern zusammen. Ein demnächst des Internationalen Verhaltenskodex für pri-
nehmensverantwortung» und «Zugang zur verfügbares Internetportal und eine Bro- vate Sicherheitsunternehmen, welcher ver-
Wiedergutmachung»  strukturiert (siehe schüre richten sich beispielsweise gezielt langt, die Menschenrechte und das humani-
Abbildung). Basierend auf diesen Empfeh- an Schweizer Unternehmen.2 Vorbildli- täre Völkerrecht zu achten.
lungen, hat der Bundesrat am 9. Dezember che Initiativen von Firmen sollen zudem Ein weiterer wichtiger Pfeiler des Aktions-
2016 einen Nationalen Aktionsplan für Wirt- ab nächstem Jahr mit dem «Swiss Business plans ist das diplomatische Aussennetz der
schaft und Menschenrechte (NAP) verab- and Human Rights Award» ausgezeichnet Schweiz. Auslandvertretungen der Schweiz,
schiedet.1 werden. die sich in fragilen Kontexten befinden, ha-
Der Aktionsplan ist das Resultat eines ben in der Vergangenheit Initiativen zur För-
breit abgestützten Prozesses von Akteuren 2 Unter www.nap-bhr.admin.ch abrufbar. derung der gesellschaftlichen Verantwortung
aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Wis-
senschaft. Eine wichtige Leitfrage war: Wie
kann die Schweiz auf hier ansässige Unter- 3-Säulen-Struktur der UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte
nehmen einwirken, damit diese im In- und
Ausland die Menschenrechte achten? Aus UNO-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte
Sicht des Bundesrates war dabei massge-
bend, mit einer möglichst geringen Belas- Staatliche Unternehmens­ Zugang zur
tung der Unternehmen einen wirkungsvol- Schutzpflicht verantwortung Wiedergutmachung
Wie kann der Staat seine Wie können Unterneh- Bei negativen Auswirkungen
len Schutz vor Menschenrechtsverletzun- Pflicht, Menschenrechte men ihre Verantwortung, auf die Menschenrechte
gen zu gewährleisten. vor Einwirkungen Dritter Menschenrechte zu respek- ist die Wiedergut­machung
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

(inklusive Unternehmen) zu tieren, wahrnehmen? für die Betroffenen­


schützen, wahrnehmen? ­entscheidend.
1 Bundesrat (2016), Unternehmen und Menschenrechte:
Bericht und nationaler Aktionsplan, Medienmitteilung
vom 9. Dezember 2016. Zu Aktionsplänen von anderen
Staaten siehe Internetseite des UNO-Hochkommissa-
riats für Menschenrechte.

54  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


VERANTWORTUNGSVOLLE WIRTSCHAFT

KEYSTONE
Den Global-Compact-Prinzipien der UNO
­verpflichtet: Schokoladenhersteller
Lindt & Sprüngli. zu. Das Gleiche gilt, wenn er direkt mit Unter- Die Verwirklichung der Menschenrechte
nehmen Geschäftsbeziehungen unterhält – ist eine unerlässliche Voraussetzung für eine
von Unternehmen erarbeitet oder unter- beispielsweise über die Exportrisikoversi- nachhaltige wirtschaftliche und soziale Ent-
stützt. Diese Aktivitäten werden nun ausge- cherung. Ein weiterer sensibler Bereich sind wicklung: Auf dieser Überzeugung beruht das
baut, und der Bund wird die Auslandvertre- öffentliche Beschaffungen und Ausschrei- Engagement des Bundes für den Menschen-
tungen verstärkt in seine Sensibilisierungs- bungen, wo der Staat als Auftraggeber die rechtsschutz im Kontext der Wirtschaft.
und Unterstützungsleistungen zur Achtung Einhaltung von Arbeitsrechten gewährleis- Der Bund sieht seine Rolle darin, Unterneh-
von Menschenrechten durch Unternehmen ten muss. men bei der Umsetzung der UNO-Leitprin-
mit einbeziehen. zipien zu unterstützen, Unternehmen anzu-
Bei bundesnahen Unternehmen kommt Unterstützungsbedarf bei KMU halten, die Menschenrechte zu achten, und,
dem Bund eine gesteigerte Verantwortung wo Gesetze bestehen, diese umzusetzen. Ein
Sensibel sind auch Aktivitäten und Geschäfts- proaktiver Umgang mit diesem Thema wird
beziehungen von Schweizer Unternehmen Schweizer Unternehmen erlauben, die Her-
Arbeitsnormen besonders relevant
im Ausland (vgl. Kasten). Nebst multinationa- ausforderungen zu meistern und die Risiken
Um zu analysieren, welche Menschenrechte mögli­ len Unternehmen sind auch kleine und mitt- einzuschränken und gleichzeitig die damit
cherweise verletzt werden, kommt es in erster Linie
auf den Sektor und den geografischen Kontext an, lere Unternehmen (KMU) betroffen. Letztere verbundenen Chancen wahrzunehmen.
in dem ein Unternehmen tätig ist. Ein Beispiel: Wird unterstützt der Bund gezielt, da es KMU oft
bei der Produktion von Gütern mit chemischen an Ressourcen und an einer Hebelwirkung
Stoffen gearbeitet, wird der Schutz von Leben und gegenüber ihren Partnern fehlt. Hierfür orga-
Gesundheit der Arbeitnehmenden und somit die
Respektierung des Rechts auf würdige Arbeitsbe­ nisiert er Workshops für Firmen, in welchen
dingungen sicher relevant sein. In den aller­meisten die Umsetzbarkeit und die Praktikabilität von
Fällen sind arbeitsbezogene Menschenrechte zent­ Sorgfaltsprüfungen im Zentrum stehen.
ral. Insbesondere die Kernarbeitsnormen der Inter­ Die Menschenrechte sind für Firmen zu-
nationalen Arbeitsorganisation, die explizit in den
UNO-Leitprinzipien referenziert werden, sind in sehends geschäftsrelevant, da Konsumen-
diesem Zusammenhang von grosser Bedeutung. ten deren Einhaltung als Teil der nachhaltigen
Diese Normen verbieten die Zwangs- und Kinder­ Entwicklung betrachten. Für Unternehmen Amina Joubli
arbeit sowie die Diskriminierung in Beschäftigung
lassen sich Reputationsrisiken minimieren, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Interna­
und Beruf und fordern die Anerkennung und die tionale Arbeitsfragen, Staatsekretariat für
Wahrung der Vereinigungsfreiheit und des Rechts und oft gehen bessere Arbeitsbedingungen
Wirtschaft (Seco), Bern
auf Kollektivverhandlungen. mit einer höheren Produktivität einher.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  55
WECHSELKURSE

Währungsprognosen bewähren sich nicht


Unternehmen sollten sich nicht auf Wechselkursprognosen verlassen. Laut einer Studie
schneiden diese deutlich schlechter ab als frei verfügbare Indikatoren.  Beat Affolter,
Manuel Danzeisen, Andrea Möhr

Abstract  Aufgrund der international starken Vernetzung sind Fremdwährungen für Die Abbildung zeigt, dass sich der
die Schweizer Wirtschaft besonders bedeutsam. Entsprechend wünschenswert wäre Euro-Franken-Kassakurs langfristig tat-
es, die zukünftige Entwicklung von Fremdwährungskursen vorhersagen zu können. sächlich rund um die Kaufkraftparität be-
Eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) unter­ wegt. Gleiches gilt für den Dollar-Fran-
suchte für den Zeitraum zwischen 2006 und 2016 die Treffsicherheit von Kursprog­ ken-Kassakurs. Die Kaufkraftparität selbst
nosen, welche für den Dollar-Franken- und den Euro-Franken-Wechselkurs jeweils wiederum verändert sich mit der Zeit im
für ein, zwei, drei und vier Quartale veröffentlicht wurden. Die Resultate sind ernüch­ Gleichschritt mit den Preisänderungen in den
ternd. So erweisen sich im Durchschnitt der Kassa- und der Terminkurs zum Progno­ einzelnen Märkten respektive mit der Infla-
sezeitpunkt als die besseren Prognosewerte als die Kursprognosen der Analysten. Die tionsdifferenz zwischen den beiden Wäh-
Mehrheit der Kursprognosen hat sich dabei sogar in der Richtung geirrt – darin also, rungsräumen. Entsprechend gilt die Kauf-
ob sich der Kurs nach oben oder nach unten bewegt. Für Unternehmen ist es gefähr­ kraftparität als langfristiger Gleichgewichts-
lich, sich auf Prognosen zu verlassen. Besser sollten sie sich um eine sinnvolle Absiche­ kurs und die Inflationsdifferenz als geeigneter
rung kümmern. Indikator für die langfristige Entwicklung
eines Wechselkurses ausgehend von die-
sem Gleichgewichtskurs. Die tiefere Inflation

D  ie Schweizer Wirtschaft ist internatio-


nal ausgesprochen gut vernetzt. Ein
Blick auf die entsprechenden Statistiken be-
wandte Wissenschaften (ZHAW), School of
Management and Law, für zwei Wechselkur-
se untersucht: den Euro-Franken-Kurs und
im Schweizer Franken erklärt damit teilwei-
se auch die langfristige Aufwertung des Fran-
kens gegenüber dem Euro und dem Dollar,
stätigt dies: Bei der wirtschaftlichen Vernet- den Dollar-Franken-Kurs. Wichtig ist dabei die höhere Inflationsraten aufweisen.
zung liegt die Schweiz gemäss KOF-Globa- vor allem die Unterscheidung zwischen lang- Für viele Unternehmen ist es wichtig, die
lisierungsindex1 weltweit auf dem neunten fristigen und kurzfristigen Prognosen. Währungsentwicklung über die nächsten ein
Platz. Die Volumen der Waren- und Dienst- bis zwei Jahre zu kennen. Um diese kurzfristi-
leistungsexporte2 erreichten im Jahr 2017 zu- Langfristprognosen sind ge Entwicklung zu prognostizieren, taugt die
dem neue Höchststände. Bei den Warenaus- Kaufkraftparität aber nicht. Die Kurse wei-
fuhren sind es 220 Milliarden Franken, bei
einfacher chen teilweise stark von der Kaufkraftparität
den Dienstleistungen 123 Milliarden. Aber Für die langfristige Prognose eignet sich das ab. Die Vorhersage der Kurse in dieser Frist ist
auch das Importvolumen ist beachtlich und makroökonomische Modell der Kaufkraft- deshalb deutlich anspruchsvoller, weil dabei
beträgt bei den Waren 185 Milliarden Franken parität sehr gut (siehe Abbildung 1). Gemäss nicht nur die Inflationsdifferenz, sondern vie-
und bei den Dienstleistungen 100 Milliarden diesem Modell befindet sich ein Wechsel- le weitere Faktoren mitberücksichtigt werden
Franken. kurs dann im Gleichgewicht, wenn reprä- müssen: Währungsströme, Marktinterven-
Für die Schweizer Wirtschaft ist es dem- sentative Warenkörbe in beiden Währungs- tionen, psychologische Aspekte und politi-
zufolge auch wichtig, zu wissen, wie sich die räumen umgerechnet den gleichen Preis ha- sche Entwicklungen sind nur einige Beispiele.
Währungskurse in Zukunft entwickeln. Je- ben. Trotz dieser Komplexität wagen sich viele Fi-
der betroffene Wirtschaftsakteur muss sich
laufend mit der Frage auseinandersetzen,
wie er mit dieser Währungsunsicherheit um- Abb. 1: Währungsentwicklung und Kaufkraftparität für den Eurokurs (1999–2018)
1,7       Euro/Franken
geht. Neben möglichen Absicherungsmass-
nahmen kann man auch versuchen, die Wäh- 1,6

rungsentwicklung zu prognostizieren, und 1,5


sich an der erwarteten Entwicklung ausrich- 1,4
BLOOMBERG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

ten. Die Qualität solcher Währungsprogno- 1,3


sen wurde im Rahmen eines Forschungspro- 1,2
jektes an der Zürcher Hochschule für Ange- 1,1
1
1 Gygli, Savina, Florian Haelg and Jan-Egbert Sturm
0,9
(2018): The KOF Globalization Index – Revisited, KOF
Working Paper No. 439.
99

03

07

11

13

15

17
0

20

20

20
20
20

20

20
20
19

20

2 Datenquelle zu Warenexporten: Schweizer Aussen-


handelsstatistik der Eidgenössischen Zollverwaltung,   Euro-Franken-Kassakurs          Gemittelte Kaufkraftparität Euro/Franken
­abgerufen am 30.05.2018. Datenquelle zu Dienstleis-
tungen: Volkswirtschaftliche Daten der Schweizeri- Für die Kaufkraftparität wurde der Mittelwert der Konsumenten- und Produzentenpreise gemäss Erhebung
schen Nationalbank, abgerufen am 30.05.2018. von Bloomberg verwendet.

56  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


WECHSELKURSE

nanzunternehmen (allen voran Banken) an die und 2016 auf ihre Treffsicherheit hin unter- weils der Spot- und der Terminkurs zum
Analyse und Prognose von kurz- und mittel- sucht. Erfasst wurden jeweils die per 30.06. Prognosezeitpunkt, welche gemäss gängi-
fristigen Währungsentwicklungen. Doch wie (+/– 15 Tage) für die nächsten drei, sechs, ger Theorie die besten Prognoseinstrumen-
steht es dabei um die Qualität? neun und zwölf Monate abgegebenen Pro- te darstellen. Im Folgenden werden nur die
Um diese Frage zu beantworten, ha- gnosen.3 Als Referenzgrösse dienten je- Wechselkursprognosen zum Euro-­Franken-
ben wir die auf Bloomberg erfassten Pro- 3 Zum Wechselkurs Dollar/Franken wurden insgesamt 1639
Kurs diskutiert. Für die Dollar-­ Franken-
gnosen für die Wechselkurse Euro/Fran- Prognosen untersucht (im Durchschnitt 37,25 Prognosen Prognosen gelten die gleichen Erkenntnisse.
ken und Dollar/Franken zwischen 2006 pro Quartal). Beim Wechselkurs Euro/Franken waren es 1575
Prognosen (im Durchschnitt 35,8 Prognosen pro Quartal).
Breite Streuung der
Abb. 2: Euro-Franken-Kurse und Prognosen per 30.6. für die nächsten vier ­
­Prognosewerte
­ uartale (2006–2017)
Q Während sich der Franken gegenüber dem
1,9    Euro/Franken Euro immer stärker aufwertete, erwarteten
die Prognosen im Mittel eine Korrektur dieser
1,8
Entwicklung, d. h. eine Abschwächung des
1,7 Frankens. Entsprechend liegen die Progno-
1,6 sewerte häufig weit weg vom effektiven Kas-
sakurs (siehe Abbildung 2). Im Juni 2007, 2012
1,5
und 2016 haben die Medianprognosen aller-
1,4 dings relativ gut zugetroffen. Interessant ist,
1,3
dass die Prognosewerte oftmals breit streuen.

BLOOMBERG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Die breite Streuung ist ein Indiz dafür, dass die
1,2
Marktakteure bei ähnlichem Informations-
1,1 stand zu gänzlich anderen, teilweise ent-
gegengesetzten Schlüssen kommen können.
1
Diese Erkenntnis konnte durch eine eben-
0,9 falls durchgeführte qualitative Untersuchung
von detaillierten Dreimonatsprognosen von
6.2006
9.2006
12.2006
3.2007
6.2007
9.2007
3.2008
6.2008
9.2008
3.2009
6.2009
9.2009
3.2010
6.2010
9.2010
3.2011
6.2011
9.2011
3.2012
6.2012
9.2012
3.2013
6.2013
9.2013
3.2014
6.2014
9.2014
3.2015
6.2015
9.2015
3.2016
6.2016
9.2016
3.2017
6.2017

neun Bankinstituten für den Prognosezeit-


punkt vom 30.06.2017 gestützt werden. Die
  Prognosen vom 30.6. des aktuellen Prognosefensters (Median, 1. und 3. Quartil, Minimum und Maximum)
qualitative Analyse ergab, dass die Prognos-
  Euro-Franken-Terminkurs zum Prognosezeitpunkt     Euro-Franken-Kassakurs
tiker teilweise sehr ähnliche Voraussagen zu
Die Kästchen in der Grafik enthalten jeweils die mittleren 50 Prozent der Prognosen (mit der Medianpro­ makroökonomischen Entwicklungen tätig-
gnose als Strich im Kästchen), die Linien jeweils die restlichen Prognosen bis zum höchsten respektive ten. Trotzdem zogen sie daraus dann aber
tiefsten Wert.
ganz unterschiedliche Schlussfolgerungen
bezüglich des Euro-Franken- und des Dollar-­
Abb. 3: Genauigkeit von Publizistenprognosen im Vergleich mit Kassa- und Franken-Kurses.
­Terminkurs nach Prognosehorizont
3-Monats-Prognose für den Euro-Franken-Kurs 12-Monats-Prognose für den Euro-Franken-Kurs Passive Indikatoren liefern
0,4    relative Abweichung zum Kassakurs, in % 0,4     relative Abweichung zum Kassakurs, in % bessere Resultate
Um Aussagen über die Prognosegenauigkeit
0,3 0,3
treffen zu können, wurden für alle Prognose-
zeiträume die relativen Abweichungen vom
0,2 0,2 prognostizierten zum effektiv eingetrete-
nen Kurs ausgewertet. Die Auswertung wur-
0,1 0,1 de sowohl aggregiert als auch für die einzel-
nen Prognoseinstitute gemacht (siehe Ab-
BLOOMBERG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

0,0 0,0 bildung 3). Interessant ist dabei nicht nur die


Abweichung des Prognosewertes vom effek-
–0,1 –0,1
tiv eingetretenen Kurs, sondern auch der Ver-
gleich mit der Vorhersagekraft der rein pas-
–0,2
siven Instrumente wie dem Kassa- oder dem
–0,2
Terminkurs zum Prognosezeitpunkt.
  Publizisten          Kassakurs zum Prognosezeitpunkt          Terminkurs zum Prognosezeitpunkt Für den Prognosezeitraum von drei Mo-
naten treffen die Prognosen im Median und
Gemessen wird die relative Abweichung der Prognose zum effektiv eingetretenen Kurs. im Durchschnitt den effektiven Kurs je-
Das Kreuz gibt die durchschnittliche Abweichung an, die mittlere Linie entspricht der mittleren
Abweichung (Median). Die Kästchen zeigen die mittleren 50 Prozent der Prognosen. Die beiden kur­
weils gut, jedoch mit einer sehr ausgepräg-
zen Quer­s triche zeigen die Minimum- und Maximumpunkte, die einzelnen Punkte die ten Streuung. Auch die passiven Indikato-
Ausreisserwerte. ren Spot- und Terminkurs treffen den effek-

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  57
WECHSELKURSE

Unternehmen und andere Wirtschaftsak-


teure sollten sich in der kurzen Frist also nicht
auf Währungsprognosen verlassen, sondern
sich vielmehr mit der Frage auseinanderset-
zen, wie sie sich gegenüber verschiedenen
möglichen und nicht vorhersehbaren Wäh-
rungskursen in der Zukunft positionieren kön-
nen. Dabei ist die Absicherung von Währungs-
risiken am Finanzmarkt nur eine Möglichkeit.
Weitere Möglichkeiten bestehen in strategi-
schen Massnahmen wie beispielsweise der
Angleichung der Währungsstruktur innerhalb
des Unternehmens, der Durchführung von Ef-
fizienzmassnahmen oder dem Tätigen von In-
vestitionen in Innovationen. Und wenn doch
Prognosen gebraucht werden, dann sollte man
die langfristige Perspektive einnehmen und
sich wieder an die klassische Theorie der Kauf-
kraftparität erinnern.

KEYSTONE

Beat Affolter
Dr. oec., Dozent und Projektleiter für Corpo­
Will man den zukünftigen Wechselkurs­voraus­
rate Finance, Institut für Financial Manage­
sagen, lohnt sich ein Blick auf die aktuellen
ment, ZHAW School of Management and Law,
Kurse immer noch am meisten. werden oder nur diejenigen, welche eine be-
Winterthur sowie Mitinitiant von ­Fxdialog.ch,
stimmte Anzahl Prognosen abgegeben hat- einer Austauschplattform für von Währungs­
ten. Ein bestimmtes Muster ist dabei aber risiken betroffene Unternehmen
tiven Kurs im Mittel gut, aber bei ihnen ist nicht zu erkennen.
die Streuung deutlich geringer. Bezogen auf
die Medianabweichung schneidet rund die Nicht auf Prognosen verlassen
Hälfte der Publizisten besser ab als der Ter-
minkurs, die andere Hälfte schlechter. Die- Unsere bisherige Analyse der Prognosege-
ses Resultat ist praktisch unabhängig davon, nauigkeit hat die Voraussage des Kurses am
ob sämtliche Institute berücksichtigt wer- effektiven Kurs gemessen. Unter Umstän-
den oder nur diejenigen, welche in einer be- den reicht es für viele Marktakteure jedoch
stimmten Mindestanzahl von Analysefens- aus, nur die Richtung der Kursentwicklung
tern eine Prognose abgegeben hatten. So zu antizipieren. Daher haben wir zusätzlich Manuel Danzeisen
können Glückstreffer ausgeschlossen wer- ausgewertet, ob die Kursrichtung der abge- Controller bei der Spital Thurgau AG, Frauen­
den. gebenen Prognosen stimmt. Dabei zeigt sich feld sowie Absolvent des Studiengangs
­Accounting and Controlling, ZHAW School
Mit zunehmenden Prognosezeiträumen deutlich, dass dies den Publizisten nicht ge- of Management and Law, Winterthur
zwischen sechs und zwölf Monaten nimmt lang. Die Prognosen für den Euro-Franken-
die Prognoseunsicherheit jedoch zu, wie die Kurs weisen über alle vier Zeiträume hinweg
zunehmende Streuung der Abweichungen mehrheitlich in die falsche Richtung. Je nach
zeigt. Zudem weichen die mittlere und die Prognosezeitraum deuten 55 bis 69 Prozent
durchschnittliche Prognose bei zunehmen- der Prognosen in die falsche Richtung.
dem Prognosehorizont teilweise stark vom Unsere Untersuchung verdeutlicht letzt-
effektiv eintretenden Kurs ab. Die Kassa- oder lich, wie komplex Währungsprognosen sind.
Terminkurse schneiden hier besser ab: Sie lie- Die Tatsache, dass die Prognoseersteller so-
gen meist näher beim effektiv eintretenden gar auf aggregierter Ebene schlechter ab-
Kurs. Nur noch 13 bis 26 Prozent der publizie- schneiden als die passiven Indikatoren, er- Andrea Möhr
renden Institute schneiden im Median besser staunt dennoch. Insbesondere da auch die Accountant bei der TBG AG, Zürich sowie
ab als der Terminkurs. Die genaue Quote ist Kassa- und Terminkurse zum Prognosezeit- Absolvent des Studiengangs Accounting
jeweils abhängig vom Prognosezeitraum und punkt häufig stark vom effektiven Kurs ab- and Controlling, ZHAW School of Manage­
ment and Law, Winterthur
davon, ob sämtliche Institute berücksichtigt weichen.

58  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


FINANZMÄRKTE

Wirksamer gegen Geldwäscherei und


Terrorismusfinanzierung vorgehen
Der Bundesrat schickt eine Vorlage in die Vernehmlassung, mit der er den Finanzplatz
Schweiz vor Missbrauch schützen will. Diese sieht vor, dass neben Finanzintermediären und
Händlern neu auch Berater gewisse Sorgfaltspflichten einhalten müssen.  Simone Woringer

Abstract    Als internationales Gremium zur Bekämpfung der Geldwäscherei sowie Gesellschaften mit Sitz in der Schweiz, da sie
der Finanzierung von Terrorismus und Massenvernichtungswaffen überprüft die Fi­ ein geringes Risiko darstellen.
nancial Action Task Force (FATF) regelmässig ihre Mitglieder. Der Bundesrat hat ihre Die Sorgfaltspflichten gelten unabhän-
Empfehlungen aufgenommen und eine Vorlage zur Änderung des Geldwäschereige­ gig vom Berufsstand, um zu verhindern, dass
setzes in die Vernehmlassung geschickt. Damit will er den Schweizer Finanzplatz vor kriminelle Aktivitäten von einer Berufsgrup-
Missbrauch schützen. Neben weiteren Massnahmen unterliegen neu nicht nur Finanz­ pe in eine andere verschoben werden. Um
intermediäre und Händler, sondern auch Berater den Sorgfaltspflichten. sicherzustellen, dass die Vorgaben wirksam
sind, soll ein Revisionsunternehmen prüfen,
ob die Sorgfaltspflichten erfüllt sind. Da kei-

D  ie Schweiz misst dem Erhalt eines saube-


ren Finanzplatzes grosse Bedeutung bei.
Um die Integrität zu wahren und Missbrauch
intermediäre als auch einen Teil der Händler.
Ausserdem wird die neue Kategorie der Be-
rater geschaffen.
ne Finanztransaktionen in die Tätigkeiten in-
volviert sind, wird auf invasivere Kontrollme-
chanismen wie eine Aufsicht oder eine Mel-
zu verhindern, passt sie deshalb ihre Gesetz- depflicht verzichtet.
gebung zur Bekämpfung der Geldwäscherei Sorgfalts­pflichten für Berater
und der Terrorismusfinanzierung regelmäs- Weitere Massnahmen für Finanz­
sig an. Zudem stimmt sie die Konformität Zu den wichtigsten Massnahmen in der Vor-
ihrer Gesetzgebung mit den massgebenden lage des Bundesrates gehört die Regulierung
intermediäre und Händler
internationalen Standards im Geldwäscherei- für Dienstleistungen im Zusammenhang mit Der FATF-Länderbericht von 2016 anerkennt
bereich ab. Sie ist ein Gründungsmitglied der der Gründung, der Führung und der Ver- zwar, dass die Finanzintermediäre in der
Financial Action Task Force (FATF). Die FATF waltung von Gesellschaften und Trusts. Die Schweiz Massnahmen ergreifen, um zu über-
ist das international führende Gremium zur FATF kritisierte zum wiederholten Male, dass prüfen, ob die Angaben zur wirtschaftlich
Bekämpfung der Geldwäscherei, der Terro- eine solche Regulierung in der Schweiz feh- berechtigten Person plausibel sind. Er kriti-
rismusfinanzierung und der Finanzierung von le. Die im Frühjahr 2016 publizierten Enthül- siert jedoch, dass keine explizite, regulatori-
Massenvernichtungswaffen. In diesen Berei- lungen der Panama Papers haben dem The- sche Grundlage für die systematische Über-
chen verfasst die FATF Mindeststandards und ma zusätzlich eine innenpolitische Relevanz prüfung besteht. Neu verpflichtet das Gesetz
überprüft bei ihren Mitgliedern regelmässig, verliehen und eine Reihe von parlamentari- deshalb die Finanzintermediäre explizit, die
ob sie die erlassenen Prinzipien auch einhal- schen Vorstössen dazu ausgelöst. Diese for- vom Kunden erhaltenen Angaben zur wirt-
ten. Im Dezember 2016 hat die FATF den vier- derten insbesondere, dass eine strengere Re- schaftlich berechtigten Person zu überprü-
ten Länderbericht zur Schweiz veröffentlicht. gulierung in diesem Bereich geprüft werde. fen. Diese Anpassung schafft eine Grundlage
Darin anerkennt sie die insgesamt gute Quali- Diese Forderungen hat der Bundesrat nun in für die bestehende Praxis und verankert, was
tät der schweizerischen Massnahmen zur Be- die Vorlage aufgenommen. Neu wird im Geld- die Gerichte bereits bestätigt haben.
kämpfung der Geldwäscherei und der Terro- wäschereigesetz die Kategorie «Berater» ge- Ausserdem sollen Finanzintermediäre
rismusfinanzierung. Gleichzeitig identifiziert schaffen. Darunter fallen Personen, die ge- die Aktualität der Kundendaten regelmässig
sie aber auch Schwachstellen in der Gesetz- werblich bestimmte Dienstleistungen im Zu- überprüfen. Wie oft und wie ausführlich diese
gebung und bei der Wirksamkeit der Vorga- sammenhang mit Gesellschaften und Trusts überprüft werden müssen, hängt vom Risiko
ben. Daraus abgeleitet, hat sie entsprechen- erbringen. Auch sie sollen künftig Sorgfalts- ab, das die jeweilige Vertragspartei darstellt.
de Empfehlungen abgegeben. pflichten einhalten. Dazu gehören beispiels- Der Gesetzesentwurf empfiehlt zudem,
Der Bundesrat hat auf diese Empfehlun- weise die Identifizierung des Kunden, die die Wirksamkeit des Verdachtsmeldesystems
gen reagiert und am 1. Juni 2018 die Ver- Feststellung der wirtschaftlich berechtigten der Geldwäscherei und der Terrorismusfinan-
nehmlassung zur Änderung des Geldwä- Person und auch die Klärung der Vermögens- zierung zu verbessern. Die Rechtsprechung
schereigesetzes eröffnet. Die Vernehm- herkunft. Ebenso unterstehen der Sorgfalts- hat in den letzten Jahren bestätigt, dass der
lassung dauert noch bis am 21. September pflicht Tätigkeiten betreffend den Kauf und Ausdruck des «begründeten Verdachts», wie
2018. Die Vorlage trägt den wichtigsten Verkauf von Gesellschaften, das Überlassen er im Rahmen der Meldepflicht verwendet
Empfehlungen des Länderberichts Rech- einer Adresse oder von Räumlichkeiten als wird, die Fälle des Melderechts grundsätz-
nung und erhöht zudem die Integrität des Geschäftssitz sowie Aktivitäten als nominel- lich bereits abdeckt. Deshalb besteht für das
Finanzplatzes Schweiz. Die vorgeschlage- ler Anteilseigner (nominee shareholder). Aus- Melderecht kaum mehr ein Anwendungsbe-
nen Lösungen betreffen sowohl die Finanz- genommen sind Tätigkeiten für operative reich. Daher wird vorgeschlagen, das Melde-

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  59
FINANZMÄRKTE

KEYSTONE
recht aufzuheben. Diese Anpassung trägt der Bessere Transparenz für ben. Nach fünf Jahren wird die Schweiz zu-
Rechtsprechung Rechnung und beseitigt Un- ­risikoreiche Vereine dem einer Folgeprüfung unterzogen, welche
klarheiten. beurteilt, ob das Abwehrdispositiv gegen
Im Edelmetall- und Edelsteinhandel soll Vereine, die Gefahr laufen, für Terrorismusfi- Geldwäscherei und Terrorismusfinanzierung
gemäss der Vorlage der Schwellenwert für nanzierung oder Geldwäscherei missbraucht wirksam ist. Das Parlament wird sich voraus-
Barzahlungen von 100 000 auf 15 000 Fran- zu werden, müssen sich neu ins Handelsregis- sichtlich im ersten Halbjahr 2019 erstmals
ken gesenkt werden. Liegt der Betrag der ter eintragen lassen. Dabei handelt es sich um mit den vorgeschlagenen Massnahmen be-
Barzahlung über dem Schwellenwert, hat Vereine, welche hauptsächlich Vermögens- schäftigen.
der Verkäufer entweder die Sorgfaltspflich- werte zu einem karitativen Zweck im Aus-
ten einzuhalten, oder die Zahlung muss über land sammeln oder dort verteilen. Alle eintra-
einen Finanzintermediär abgewickelt wer- gungspflichtigen Vereine müssen zudem ein
den. Da der Handel mit fertig verarbeiteten Mitgliederverzeichnis führen und durch eine
Produkten aus Edelmetallen und Edelstei- Person mit Wohnsitz in der Schweiz vertre-
nen davon ausgenommen ist, ist der Verkauf ten sein. Diese Massnahme erhöht die Trans-
an Endkunden grundsätzlich nicht von der parenz und dient in erster Linie der Bekämp-
Massnahme betroffen. fung der Terrorismusfinanzierung.
Schliesslich soll auch eine Bewilligungs- Die Schweiz befindet sich derzeit in
pflicht für den Ankauf von Altedelmetallen einem sogenannten Follow-up-Prozess. Das
eingeführt werden. Die Ankäufer von Altedel- bedeutet, dass sie der FATF regelmässig Be-
metallen müssen künftig gewisse Sorgfalts- richt über ihre Fortschritte erstatten muss. Simone Woringer
pflichten einhalten. So wird das Risiko der Die festgestellten Mängel bei der Gesetzge- Policy Advisor, Staatssekretariat für Inter­
nationale Finanzfragen (SIF), Bern
Hehlerei gesenkt. bung sind innerhalb von drei Jahren zu behe-

60  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


ÖFFENTLICHE FINANZEN

Wie beeinflusst die Immigration die


öffentlichen Finanzen in der Schweiz?
Die Immigration wirkt sich auf die öffentlichen Finanzen in der Schweiz kurzfristig positiv
aus. Langfristig ist der direkte Effekt hingegen negativ.  Pierre-Alain Bruchez

Abstract  Die in der Schweiz lebende Bevölkerung besteht zu 30 Prozent aus Personen, lange in der Schweiz bleiben als weniger gut
die im Ausland geboren sind – Tendenz steigend. Eine solche Situation hat Auswirkun­ ausgebildete.
gen auf die Wirtschaft und die öffentlichen Finanzen, sowohl kurz- als auch langfris­ Somit stellt sich die Frage, ob die anfängli-
tig. Auf die Fiskalbilanz hat das direkte und indirekte Auswirkungen. Der direkte Ein­ chen Überschüsse gespart werden sollten, um
fluss ergibt sich aus der Differenz zwischen Steuern und Sozialbeiträgen, welche die die künftige negative Bilanz zumindest teil-
Zugewanderten einzahlen, und den staatlichen Leistungen und Sozialleistungen, die weise zu kompensieren. Beispielsweise könn-
sie beziehen. Die indirekten Auswirkungen betreffen den Einfluss auf die Fiskalbilanz te der AHV-Fonds in der Übergangs­phase, in
der ansässigen Bevölkerung. Die Immigration hat kurzfristig einen positiven direkten der die Bilanz positiv ausfällt, angesichts der
Einfluss auf die Fiskalbilanz, langfristig einen negativen. Die indirekten Auswirkungen prognostizierten künftigen Renten erhöht
sind sehr schwierig zu beziffern. werden. Dabei ginge es nicht darum, ein Um-
lageverfahren in ein Kapitaldeckungsverfah-
ren umzuwandeln, sondern die Schwankun-

I  n der Schweiz ist knapp ein Drittel der


Wohnbevölkerung im Ausland geboren,
und der Trend zeigt nach oben. Dies wirkt
und Sozialleistungen, die sie beziehen. Für
die Schweiz liegen diesbezüglich verschie-
dene Studien vor.1 Eine Arbeit der Universi-
gen zu glätten. Allerdings ist zu berücksich-
tigen, dass sich bei einer gleichbleibenden
Politik die Fiskalbilanz der Wohnbevölkerung
sich auf die Staatsfinanzen aus. tät Basel aus dem Jahr 2012 hat einen grösse- aufgrund der Alterung der Bevölkerung un-
Während das Bruttoinlandprodukt (BIP) ren Zeitraum untersucht.2 Sie hebt sich damit günstig entwickeln wird. Eine budgetpoliti-
durch die Zuwanderung insgesamt zunimmt, von kurzfristig ausgerichteten Studien ab, sche Richtungsänderung scheint daher in je-
ist dies beim BIP pro Kopf nicht zwingend der die zum Beispiel die von den Zugewander- dem Fall unausweichlich.
Fall. Dieser für den Wohlstand massgeben- ten entrichteten AHV-Beiträge berücksichti- Eine wichtige Rolle spielt der Diskontfak-
de Pro-Kopf-Wert hängt einerseits vom An- gen, nicht aber ihre künftigen Rentenansprü- tor: Wenn eine positive Fiskalbilanz resul-
teil der Erwerbstätigen an der Bevölkerung che. Die Autoren kommen zum Schluss, dass tiert, bedeutet dies, dass mit einer Investition
und andererseits von ihrer Produktivität ab. die Herkunft der Zugewanderten, ihre Quali- der Überschüsse zu einer Rendite, die gleich
Wenn relativ viele Erwerbstätige einwandern fikation und ihre Verweildauer in der Schweiz gross ist wie der Diskontfaktor, die negative
und der Einfluss auf die Arbeitslosigkeit nicht die Fiskalbilanz wesentlich beeinflussen (sie- Bilanz der Gleichgewichtsbevölkerung mehr
(oder nur geringfügig) negativ ist, steigt mit he Tabelle).3 Kurzfristig ist die Fiskalbilanz ins- als kompensiert werden könnte. Falls der dis-
der Immigration die Erwerbsquote. Die Zu- gesamt positiv: Die Zugewanderten zahlen kontierte Betrag negativ ist, reicht dieser
wanderung beeinflusst auch die Produktivi- mehr ein, als sie beziehen. Pro Haushalt resul- Überschuss hingegen nicht aus, um die nega-
tät der Erwerbstätigen, sowohl durch die An- tieren in der Fiskalbilanz monatlich 729 Fran- tiven Bilanzen voll zu kompensieren.
teile der verschiedenen Produktionsfaktoren ken mehr. Langfristig ist die Fiskalbilanz bei
(zumindest kurzfristig) als auch durch die In- der «Gleichgewichtsbevölkerung» (siehe Indirekte Auswirkungen
novationstätigkeit. Die wirtschaftlichen Aus- Kasten), die aus der Immigration resultiert,
wirkungen der Immigration, die in der inter- hingegen mit einem monatlichen Minus von
­schwierig messbar
nationalen Fachliteratur ausführlich be- 405 Franken pro Haushalt negativ. Die Zuwanderung beeinflusst indirekt auch
sprochen worden sind, fallen je nach Studie Der Grund für das Minus liegt darin, dass die Fiskalbilanz der übrigen Bevölkerung. Die
unterschiedlich aus. Allgemein wird festge- die zugewanderte Bevölkerung ebenso altert Studie der Universität Basel hat diese indi-
halten, dass der Einfluss auf das BIP pro Kopf wie die einheimische. Dies hebt das Alter der
des Gastlandes gering ist. Möglich sind aller- Gleichgewichtsbevölkerung an, die im Übri-
dings Umverteilungseffekte zwischen Arbeit gen auch weniger qualifiziert ist, da gut aus-
Wohnbevölkerung und Gleich­
und Kapital oder zwischen verschiedenen Ar- gebildete Zugewanderte tendenziell weniger
gewichtsbevölkerung
ten von Erwerbstätigen.
In diesem Artikel bezeichnet der Begriff Wohn-
1 Siehe Künzi und Schärrer (2004), Liebig und Mo (2013),
Ramel und Sheldon (2012), Weber (1993) sowie Weber
bevölkerung die Einwohner ohne Unterschei­
Zeithorizont entscheidend und Straubhaar (1996). Die Arbeiten von Nathalie Ramel dung nach Staatsangehörigkeit. Der Begriff bil­
und George Sheldon behandeln die Frage am detaillier- det einen Gegensatz zur Migrationsbevölkerung,
Um den direkten Einfluss auf die öffentli- testen. die durch Immigrationswellen zu dieser Wohn­
2 Ramel und Sheldon (2012). bevölkerung hinzukommt. Die Gleichgewichts­
chen Finanzen zu messen, berechnet man 3 Da es um die Auswirkungen der Immigration geht, wer- bevölkerung bezeichnet die durch die ­Zunahme
die Differenz zwischen den Steuern und So- den alle Zugewanderten berücksichtigt, auch Perso-
der Einwanderung langfristig resultierende
nen, die inzwischen die Schweizer Staatsbürgerschaft
zialbeiträgen, welche die Zugewanderten besitzen. Ramel und Sheldon (2012) berechnen auch die ­zusätzliche Bevölkerung.
einzahlen, und den staatlichen Leistungen Fiskalbilanz ohne eingebürgerte Zugewanderte. Weitere Informationen siehe Bruchez (2018).

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  61
ÖFFENTLICHE FINANZEN

rekten Effekte nicht berechnet, da sie sehr fangs nicht das gleiche Durchschnittsein- –– Kapitalinhaber sind in der Regel wohlha-
schwierig zu quantifizieren sind. Wir begnü- kommen hat wie die Verlierergruppe, kann bender als Arbeitskräfte und haben einen
gen uns hier damit, einige qualitative An- dies Veränderungen bei den Steuereinnah- höheren Einkommenssteuersatz (Steuer-
haltspunkte zu geben.4 Die indirekten Aus- men (aufgrund der Progression) und bei den progression).
wirkungen auf die Staatsfinanzen erfolgen Sozialausgaben mit sich bringen. Bei einer –– Unterschiede in der Sparneigung können
über verschiedene Kanäle, wobei Produktion, unterschiedlichen Sparneigung wiederum auch die Einnahmen aus der Mehrwert-
Ausbildung, Wohnen und Gesundheit von können sich die Einnahmen aus indirekten steuer verändern.
besonderem Interesse sind (siehe Abbildung): Steuern (Mehrwertsteuer) ändern. –– Der Rückgang der Löhne bewirkt einen An-
Kurzfristig, das heisst, bevor sich der Ka- stieg der Sozialausgaben, der in der Regel
Produktion pitalstock anpasst, ist das Lohnniveau ins- nicht durch einen entsprechenden Rück-
Nehmen wir als Beispiel den vorübergehen- gesamt niedriger, als es ohne den Migra- gang der Sozialausgaben für die Kapitalin-
den Migrationsschock von 2008, als die Zu- tionsschock wäre. Diesem Rückgang steht haber ausgeglichen wird.
wanderung besonders gross war. Allgemein eine Gewinnsteigerung in etwa gleicher
geht man davon aus, dass die Einwande- Grössenordnung gegenüber. Diese Verlage- Wir haben nun die Auswirkungen eines
rung in einem solchen Fall keine langfristi- rung kann die Staatsfinanzen beeinflussen. vorübergehenden Migrationsschocks be-
gen Auswirkungen auf das allgemeine Lohn- Gründe dafür sind: sprochen. Eine ständige Zunahme der Im-
niveau hat. Während sie sich negativ für Er- –– Der Anteil der im Ausland lebenden Kapi- migration durch steigende Kontingente ent-
werbstätige auswirkt, die mit Zuwanderern talinhaber unterscheidet sich vom Anteil spricht einer Kumulation vorübergehender
im Wettbewerb stehen, profitieren diejeni- der im Ausland lebenden Arbeitnehmer Schocks. Dabei verschwinden zwar die Aus-
gen, deren Arbeit komplementär ist. Selbst (Grenzgänger). wirkungen der einzelnen Schocks auf das all-
wenn es sich lediglich um eine Verlagerung –– Der Steuersatz für Kapitalerträge ent- gemeine Lohn- und Gewinnniveau jeweils
von einer Kategorie in eine andere han- spricht nicht dem Steuersatz für Arbeits- nach einer gewissen Zeit, sie werden jedoch
delt, kann dies die Fiskalbilanz beeinflus- einkommen. So werden beispielsweise kontinuierlich vom nächsten Schock neu be-
sen. Denn wenn die Gewinnergruppe an- Kapitalgewinne in der Schweiz nicht be- lebt. Der freie Personenverkehr bedeutet eine
4 Bruchez (2018).
steuert. vollständige Öffnung des Arbeits­ marktes

Kanäle für die indirekten Auswirkungen

Produktion + Höhere Gewine (vorübergehender Effekt aufgrund von Migrationsschock)


+ Qualifizierte Fachkräfte, Innovation
? Veränderte Lohnstruktur: Umverteilung zwischen den Arbeitnehmenden-
Kategorien (auch langfristig)
≈ 0 Arbeitslosigkeit
– Löhne (vorübergehender Effekt aufgrund von Migrationsschock)
– Verminderte Anreize, die Arbeit dank Innovation produktiver zu gestalten
(vorübergehender Effekt aufgrund von Migrationsschock)

Bildung – Schule (falls viele Schüler die Unterrichtssprache nicht verstehen)


– Berufslehre (Unternehmen haben weniger Anreize, die Lehrlingsausbildung zu
koordinieren)
? Ausbildungskosten (Einsparungen oder Zusatzkosten)

Wohnen + Im Bau sinken die Kosten aufgrund von tiefen Löhnen


– Mietpreise steigen Öffentliche
Zuwanderung
Finanzen

Gesundheits­ + In der Schweiz eingesparte Ausbildungskosten


wesen + Tiefere Gesundheitskosten aufgrund von tiefen Löhnen
– Verdrängung (Crowding-out) des einheimischen Gesundheitspersonals wegen
Numerus clausus
– Kosten steigen, da ein grösseres Gesundheitsangebot die Nachfrage erhöht
BRUCHEZ / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Gesellschafts­ + Neue Perspektiven


system – Bei ungenügender Integration: Einfluss auf die Institutionen, Normen etc.

Andere?

62  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


ÖFFENTLICHE FINANZEN

gegenüber der EU. Die Löhne nähern sich beeinträchtigen. Ein weiterer Effekt der Zu- Steuereinnahmen im Immobiliensektor nie-
einem Gleichgewicht an, in dem sie dauerhaft wanderung macht sich bei der Berufslehre be- der. Wenn der Eigenmietwert angepasst wird,
niedriger sind, als sie es bei einer geringeren merkbar: Wenn sich der Anreiz der Unterneh- erhöht dies auch die Besteuerung von Eigen-
Zuwanderung gewesen wären. Sie bleiben je- men, die Lehrlingsausbildung zu koordinieren, tümern, die in ihrer eigenen Wohnung woh-
doch über dem Niveau in der EU. Das Gleich- dadurch verringert, dass sie Zugewander- nen. Andererseits könnten die für die höheren
gewicht hängt von der relativen Mobilität der te einstellen können, erschwert dies womög- Mieten aufgewendeten Mittel gespart oder
Arbeit und des Kapitals ab. lich die Lehrstellensuche. Sind die neu ange- für den Konsum von Gütern und Dienstleis-
Der Einfluss eines Migrationsschocks auf kommenen Arbeitskräfte besser ausgebildet tungen ausgegeben werden, die – im Gegen-
die Produktivität der übrigen Arbeitnehmen- als die einheimischen, kann die Einwanderung satz zu den Mieten – mehrwertsteuerpflichtig
den ist schwierig abzuschätzen. Indirekte dem Staat ermöglichen, Ausbildungskosten zu sind. Wäre mit diesem Geld mehr konsumiert
Auswirkungen sind möglich, soweit dieser Ef- sparen. Umgekehrt ist der Effekt, wenn die Zu- worden, hätten die Produzenten womög-
fekt nicht bereits in der Entlöhnung der Zuge- gewanderten weniger gut ausgebildet sind als lich mehr Einkommenssteuern bezahlt als die
wanderten enthalten ist: Ein Beispiel hierfür die Einheimischen. In beiden Fällen muss be- Wohnungseigentümer. Dies kann der Fall sein,
ist der Wissenstransfer von den eingewan- rücksichtigt werden, dass eine Veränderung wenn der Anteil von im Ausland wohnhaften
derten zu den ansässigen Arbeitnehmenden. des Ausbildungsniveaus der lokalen Bevölke- Liegenschaftseigentümern nicht gleich hoch
Die Auswirkungen der Zuwanderung auf die rung auch Auswirkungen auf deren Einkom- ist wie der Anteil der Importe. Bei den öffentli-
Arbeitslosigkeit sind in der Schweiz im Allge- men und die von ihr bezahlten Steuern hat. chen Ausgaben bewirken höhere Mieten ten-
meinen gering, wobei es in Einzelfällen Aus- denziell einen Anstieg der Sozialausgaben.
nahmen geben kann. Wohnen
Mit der Zuwanderung steigt die Nachfra- Gesundheitswesen
Bildung ge nach Wohnungen, und der Preis nimmt Ausländische Arbeitskräfte sind beim Gesund-
Wenn der Anteil der Schüler, die die Unter- zu. Ohne Eingewanderte wären die Löhne im heitspersonal übervertreten. Ohne sie müss-
richtssprache nicht verstehen, einen gewissen Baugewerbe allerdings höher, was die Kos- ten die Löhne erhöht werden, um diese B­ erufe
Schwellenwert überschreitet, kann dies die ten verteuern würde. Steigende Wohnungs-
Ausbildung der einheimischen Jugendlichen preise wiederum schlagen sich in höheren Die Ausbildung von Ärzten ist teuer. Chirurgie-­
Internisten in Genf üben eine Kniespiegelung.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  63
ÖFFENTLICHE FINANZEN

Fiskalbilanz für einen durchschnittlichen Immigrantenhaushalt nach Herkunft


Herkunft Monatliche Fiskalbilanz (in Fr.) Summe der diskontierten Fiskalbilanz (in Fr.)

RAMEL UND SHELDON (2012) SOWIE NEUE WERTE VON SHELDON


Kurzfristig Langfristig Diskontfaktor
(Zugewanderte (Gleichgewichts- 0% 2% 3%
2003–2009) bevölkerung)
EU17 Nord/Efta 1754 544 108 850 117 532 118 562

EU17 Süd 424 –515 –104 594 –11 538 7101


Übriges Europa –937 –1448 –770 683 –414 807 –328 039
Übrige Welt 611 398 76 683 69 854 66 200
Total 729 –405 –106 050 –18 536 1091

Die Tabelle zeigt, dass die Fiskalbilanz im Durchschnitt zu Beginn positiv ist und langfristig negativ wird. Der diskontierte Betrag ist negativ bei einem Diskontfaktor
von 0 oder 2 Prozent und leicht positiv bei einem Faktor von 3 Prozent.

für Einheimische attraktiv zu machen, was ausländischer Spezialisten tendenziell die Das Gesellschaftssystem kann durch Immig-
die Gesundheitskosten für den Staat und die Gesundheitskosten. ration beeinflusst werden.
Haushalte erhöhen würde. Der Mangel an
Schweizer Ärzten ist teilweise dem Nume- Gesellschaftssystem
rus clausus zuzuschreiben. Dieser wirkt sich Der wirtschaftliche Wohlstand und damit
indirekt auf die Staatsfinanzen aus, wenn die Gesundheit der öffentlichen Finanzen
einheimische Personen, die das Medizin­ ist weitgehend auf das zurückzuführen, was
studium hätten absolvieren können, durch der britische Ökonom Paul Collier als «soci-
Zugewanderte ersetzt wurden. Es kommt zu al model» bezeichnet: eine Kombination aus
einem «Verdrängungswettbewerb». Gleich- Institutionen, Regeln, Normen und Organi-
zeitig gilt es aber auch die vermiedenen Aus- sationen.5 Eine zentrale Rolle im Sozialsys- Pierre-Alain Bruchez
bildungskosten zu berücksichtigen. Da die tem spielen insbesondere die Institutionen.6 Dr. oec., ökonomische Analyse und Bera­
medizinische Versorgung zum Teil eine eige- tung, Eidgenössische Finanzverwaltung
5 Collier (2013). (EFV), Bern
ne Nachfrage erzeugt, erhöht der Zustrom 6 Acemoglu und Robinson (2012).

Literatur
Acemoglu, Daron und James A. Robinson Künzi, Kilian und Markus Schärrer (2004). Ramel, Nathalie und Sheldon George Weber, René und Straubhaar Thomas
(2012). Why Nations Fail, Crown. Wer zahlt für die Soziale Sicherheit und (2012). Fiskalbilanz der Neuen Immigra- (1996). Immigration and the Public
Bruchez, Pierre-Alain (2018). Impact de wer profitiert davon? Eine Analyse der tion in die Schweiz, Universität Basel. Transfer System: Some Empirical Evi-
l’immigration sur les finances publiques Sozialtransfers in der Schweiz, BASS, Weber, René (1993). Einwanderung und dence for Switzerland, Review of World
en Suisse, Working Paper, EFV, Bern. Verlag Rüegger: Zürich. staatliche Umverteilung: Eine ökonomi- Economics, 132(2), 330–355.
Collier, Paul (2013). Exodus, Penguin Liebig, Thomas und Mo Jeffrey (2013). sche Wirkungsanalyse für die Schweiz,
Books. L’impact fiscal de l’immigration dans Chur, Verlag Rüegger.
les pays de l’OCDE, Perspectives des
migrations internationales, Paris, OECD,
Kapitel 3.

64  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


ARBEITSMARKT

Was Temporärarbeit über die


­Wirtschaftslage aussagt
Vor allem Unternehmen, die konjunkturellen Einflüssen ausgesetzt sind, nutzen Temporär­
arbeit. Die Daten der Personaldienstleister zum Arbeitsvolumen können deshalb auch als
Frühindikator für die allgemeine Konjunkturlage dienen.  Marius Osterfeld

Abstract  Mit dem Swiss Staffingindex hat der nationale Dachverband der Personal­ ter Auftragslage weniger. Damit ist die Bran-
dienstleister Swissstaffing ein neues, monatliches Arbeitsmarkt- und Branchenbaro­ che ein feiner Seismograf für die wirtschaftli-
meter lanciert. Hinter dem Barometer stehen jährlich über 70 Millionen Einsatzstun­ che Entwicklung und der Swiss Staffingindex
den von 200 Temporärunternehmen. Dank der prozyklischen Branchendynamik kann eine wertvolle Ergänzung zu Frühindikatoren
der Index als Frühindikator für allgemeine wirtschaftliche Entwicklungen verwendet wie dem Geschäftslageindikator der Konjunk-
werden. Der jüngste Anstieg des Barometers um 15,3 Prozent im Vergleich zum Vorjah­ turforschungsstelle der ETH Zürich (KOF). Bei
resquartal bestätigt die positiven Wachstumsprognosen für die Schweiz. Letzterem werden über 4500 Unternehmen
um eine Einschätzung ihrer aktuellen Ge-
schäftslage gebeten. Beide Indikatoren be-

P  olitik, Medien und Wirtschaft – sie alle


sind an der Entwicklung von Konjunk-
tur- und Arbeitsmarktdaten interessiert.
aus. Deshalb ist die Auswahl der richtigen
Masseinheit zentral. Indikatoren wie Umsatz
oder Lohnsumme müssten für Faktoren wie
wegen sich grundsätzlich parallel. An einigen
Bruchpunkten der wirtschaftlichen Entwick-
lung reagiert der Swiss Staffingindex sogar
Zeitnahe Indikatoren für den Wirtschaftsver- Inflation, Lohnsteigerungen oder Änderun- früher – so etwa im Verlauf des Jahres 2014
lauf geben Aufschluss über die Einnahmesi- gen der Bruttomarge korrigiert werden – sei (siehe Abbildung 1).
tuation der öffentlichen Hand, ermöglichen es durch Annahmen oder mittels statistischer Vergleicht man die Entwicklung des Swiss
Unternehmen die strategische Planung und Methoden. Das ist beim Swiss Staffingin- Staffingindex mit der des Bruttoinlandpro-
geben Hinweise auf die Arbeitsmarktchan- dex nicht der Fall. Denn als Masseinheit wer- dukts (BIP), zeigt sich, dass zwischen den bei-
cen von Stellensuchenden. Seit 2017 gibt es den die tatsächlich gearbeiteten Einsatzstun- den ein linearer Zusammenhang besteht (sie-
einen neuen Indikator: den Swiss Staffingin- den verwendet. Diese Grösse ist von solchen he Abbildung 2). Ausreisser sind damit zu er-
dex. Diesen hat der Branchenverband der Faktoren praktisch unbeeinflusst und macht klären, dass die Branche bei Brüchen im
Personaldienstleister Swissstaffing 2017 lan- deshalb Korrekturen beinahe überflüssig (sie- Konjunkturverlauf frühzeitig reagierte oder
ciert. Er dient seither als zuverlässiger Grad- he Kasten). Zudem ermöglicht sie Vergleiche eine allgemeine Verunsicherung in der Wirt-
messer für den Geschäftsgang in der Tempo- über mehrere Jahre. Die Wahl des Indikators schaft das Branchenwachstum belastete. Es
rärbranche. Einsatzstunden bringt allerdings einen Nach- fällt auf, dass der Swiss Staffingindex die wirt-
teil mit sich. Die zunehmende Qualifizierung schaftliche Entwicklung überzeichnet und
Reiche Datengrundlage bei den Temporärarbeitenden und das damit sensibler auf konjunkturelle Änderungen re-
steigende Lohnniveau finden im Swiss Staf- agiert als das BIP. So schwanken die Wachs-
von Personaldienstleistern fingindex keine Berücksichtigung. In anderen tumsraten des Swiss Staffingindex zwi-
Der Swiss Staffingindex misst die Entwick- Worten: Die Arbeitsstunde einer ungelernten schen –4,2 und +15,3 Prozent. Grund für diese
lung der Einsatzstunden, welche die Tempo- Arbeiterin wiegt gleich viel wie die Arbeits- Schwankungen ist, dass die Personaldienst-
rärarbeitenden hierzulande monatlich leis- stunde eines Biotechnikers oder einer Infor- leister in Bereichen des Arbeitsmarkts aktiv
ten. Berücksichtigt werden alle tatsächlich matikerin. sind, in denen schnell Stellen aufgebaut wer-
gearbeiteten Stunden, inklusive Überstunden
und abzüglich Absenzen. Die Daten stammen Seismograf für wirtschaftliche
von Personaldienstleistern, die Temporär-
arbeitende vermitteln. Der Index vereint jähr-
Entwicklung Kantonale Feiertage korrigieren
lich mehr als 70 Millionen Einsatzstunden von Dank seiner Konstruktion ist der Swiss Staf- Die Einsatzstunden, die monatlich in den Swiss
Staffingindex eingehen, werden einer sogenann­
etwa 200 Personaldienstleistern – darunter fingindex ein robuster Indikator für den Ge- ten Werktagsbereinigung unterzogen. Dies ist
Branchengrössen wie Adecco, Interiman, Kel- schäftsgang in der Temporärbranche. Aus notwendig, da ein zusätzlicher Werktag im Monat
ly, Manpower und Randstad. Das entspricht volkswirtschaftlicher Sicht geht seine Bedeu- die monatlichen Arbeitsstunden um rund 5 Pro­
zent erhöht und bei einem Feiertag um 5 Prozent
einer Marktabdeckung von 40 Prozent. Dank tung jedoch über die eines reinen Branchen-
senkt. Aufgrund der komplexen Feiertagsstruk­
der qualitativ hochwertigen Datenbasis und barometers hinaus. Denn Temporärarbeit tur in der Schweiz ist eine solche Korrektur nicht
der breiten Abstützung im Markt kann der wird häufig von Unternehmen genutzt, deren trivial. Im Fall des Swiss Staffingindex liefern die
Swiss Staffingindex die Branchenentwicklung Geschäft konjunkturellen Einflüssen unter- Softwareprovider die Einsatzstunden aufge­
schlüsselt nach dem Vermittlungskanton. Bevor
repräsentativ nachzeichnen. liegt. Bei guter Auftragslage oder allgemeiner diese Daten für die gesamte Schweiz aggregiert
Gute Rohdaten alleine reichen aber für ein wirtschaftlicher Unsicherheit werden mehr werden, wird auf kantonaler Ebene eine Werk­
aussagekräftiges Branchenbarometer nicht Temporärarbeitende eingestellt, bei schlech- tagsbereinigung vorgenommen.

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  65
ARBEITSMARKT

derspiegelt sich zwar im Swiss Staffingindex,


Abb. 1: Der Swiss Staffingindex und der KOF-Geschäftslageindikator im Vergleich 
sie ist bei der Betrachtung jährlicher Wachs-
(2013–2018)
tumsraten aber von untergeordneter Bedeu-
18    in % 32
tung. Denn die Konjunktur beeinflusst in die-
sem Zeitraum den Geschäftsgang der Tem-
12 22 porärunternehmen stärker als das allgemeine

SWISSSTAFFING / KOF / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Branchenwachstum.
6 16

Starke Schwankungen
0 8 der Arbeitszeiten
Mit Blick auf die starken Schwankungen stellt
–6 0 sich bei einem wirtschaftlichen Abschwung
auch die Frage nach der Arbeitsplatzsicher-
20 1
Q2

20 3

20 4
20 1

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20 1

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Q

Q
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20

20
20

20
heit. Dabei ist es wichtig, zu verstehen, dass
  Wachstum des Swiss Staffingindex im Vergleich zum Vorjahresquartal (linke Skala)       
die Temporärbranche ebenso dynamisch ist
  KOF-Geschäftslageindikator (Quartalsmittel; rechte Skala)
wie der restliche Arbeitsmarkt. In allen Wirt-
schaftslagen finden in grosser Zahl erfolg-
Abb. 2: Zusammenhang zwischen BIP-Wachstum und Swiss Staffingindex reiche Wechsel in neue Feststellen statt. Die
(2013–2018) Temporärbranche fungiert dabei als Brücke
im Arbeitsmarkt und erleichtert bei einem
20    Wachstum des Swiss Staffingindex im Vergleich zum Vorjahresquartal, in %
Arbeitsplatzverlust den schnellen Wiederein-
stieg. Damit übernehmen die privaten Perso-
15
naldienstleister eine ähnliche Rolle wie die Re-
10
gionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV).
In wirtschaftlich schwierigen Zeiten sind die
SWISSSTAFFING / SNB / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

5 Vermittlung und die Integration von Arbeits-


kräften herausfordernder als in Phasen des
0 Booms. Das kann weder den Personaldienst-
leistern noch den RAV zum Vorwurf gemacht
–5 werden. Beide bieten den Stellensuchenden
in allen Marktphasen wertvolle Hilfe.
–10
Zurzeit kann man allerdings optimistisch
0 0,5 1 1,5 2 2,5
in die Zukunft schauen, wie die guten Progno-
Nominales BIP-Wachstum im Vergleich zum Vorjahresquartal, in %
sen der grossen Konjunkturforschungsinsti-
  Trendlinie
tute nahelegen. Das bestätigt auch der Swiss
Staffingindex: Im ersten Quartal dieses Jahres
den oder Transitionsprozesse im Gang sind. mehr als verdoppelt. Der Grund: Die Kombi- zeigte er eine Zunahme von 15,3 Prozent an.
Allgemeine Arbeitsmarkttrends sind daher nation aus Flexibilität und sozialer Absiche-
stärker spürbar. Für einen Konjunkturindika- rung in der Temporärarbeit trifft den Zeit-
tor ist diese Eigenschaft wünschenswert, da geist und erfüllt die Bedürfnisse einer im-
sich neue Entwicklungstendenzen im Wirt- mer grösseren Gruppe von Arbeitnehmenden
schaftsgeschehen überproportional nieder- und Unternehmen. Der Branche ist es ge-
schlagen. lungen, diese gesellschaftlichen Strömun-
Die hohen Wachstumsraten der Bran- gen aufzunehmen und Temporärarbeit auch
che werfen natürlich die Frage auf, ob nicht für Fachkräfte attraktiv zu machen. Gleichzei-
ein generelles Branchenwachstum den kon- tig macht es der technische Fortschritt mög-
junkturellen Verlauf überlagert. Immerhin lich, über Online-Plattformen wie Adia, Ploy Marius Osterfeld
haben sich die geleisteten Arbeitsstunden und Coople selbst Kleineinsätze mit Tempo- Dr. rer. pol., Ökonom, Swissstaffing,
­Dübendorf
in der Temporärbranche seit dem Jahr 2000 rärarbeit zu erledigen. Diese Entwicklung wi-

66  Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2017 1/2018 4/2017 3/2017 2/2017
Schweiz 1,0 Schweiz 0,6 0,6 0,6 0,3
Deutschland 2,2 Deutschland 0,3 0,6 0,8 0,6
Frankreich 1,8 Frankreich 0,2 0,6 0,5 0,5
Italien 1,5 Italien 0,3 0,3 0,5 0,4
Grossbritannien 1,7 Grossbritannien 0,1 0,4 0,4 0,3
EU 2,4 EU 0,4 0,6 0,6 0,6
USA 2,3 USA 0,5 0,6 0,8 0,8
Japan 1,6 Japan –0,2 0,1 0,3 1,0
China 6,8 China 1,4 1,6 1,7 1,7
OECD 2,5 OECD 0,5 0,6 0,6 0,7

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2017 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2017 2017 1/2018
Schweiz 65 096 Schweiz 4,8 Schweiz 5,2
Deutschland 50 705 Deutschland 3,8 Deutschland 3,5
Frankreich 42 698 Frankreich 9,4 Frankreich 9,2
Italien 39 823 Italien 11,2 Italien 11,1
Grossbritannien 43 857 Grossbritannien 4,4 Grossbritannien –
EU 40 920 EU 7,6 EU 7,1
USA 59 535 USA 4,4 USA 4,1
Japan 43 896 Japan 2,8 Japan 2,5
China – China – China –
OECD 43 800 OECD 5,8 OECD 5,4

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Vor­ Veränderung in % gegenüber dem
jahr ­Vorjahresmonat
2017 Mai 2018
Schweiz 0,5 Schweiz 1,0
Deutschland 1,7 Deutschland 1,5
Frankreich 1,0 Frankreich 1,4
Italien 1,2 Italien 0,7
Grossbritannien 2,7 Grossbritannien 2,5
EU 1,7 EU 1,5
SECO, BFS, OECD

USA 2,1 USA 2,2


Japan 0,5 Japan 1,3
China 1,6 China 2,2
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,3 OECD 2,2
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  8–9 / 2018  67
­Fahrzeugbau, ohne Autos
Veterinärwesen (Schiene, Luft, Wasser etc.)
Luftfahrt
+25,4%
(Tierärztliches Personal)
(Personen- und Gütertransport)
+18,2% Medianlohn 2016: 7002.–
+17%
Medianlohn 2016: 5805.–
Medianlohn 2016: 6728.–

Medianlöhne 2008–2016
6502 Franken pro Monat – so viel betrug 2016 der nominale Medianlohn über die gesamte
Schweiz und über alle Branchen hinweg. Mit anderen Worten: Die eine Hälfte der Schweizer
verdient mehr, die andere Hälfte weniger. Seit 2008 hat der Medianlohn um 7,5 Prozent
zugenommen.* Jedoch nicht in allen Branchen. Bei den Rundfunkveranstaltern und in Teilen
des Sozialwesens ist er gar gesunken.

LOHNSTRUKTURERHEBUNG, BFS / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Rundfunk
Sozialwesen, ohne Heime (Fernsehen und Radio) Finanz- und Versicherungs­
(Z. B. Kindertagesstätten) dienstleistungen angegliederte T
­ ätigkeiten
–7,6%
–3,2%
(Z. B. Versicherungsmakler, Fondmanager)

Medianlohn 2016: 6430.–


Medianlohn 2016: 8360.–
–1,7%
Medianlohn 2016: 8423.–

Achtung: Der Rückgang des Medianlohns muss nicht zwingend bedeuten, dass die Löhne pro Berufsgruppe gesunken sind. Er könnte
auch auf einen Strukturwandel hindeuten. Denn wenn der Anteil der Niedriglohnberufe in einer Branche zunimmt, so sinkt auch der
Medianlohn. Um die Entwicklung der Löhne zu messen, verwendet das Bundesamt für Statistik deshalb den Lohnindex, der solche struk­
turellen Veränderungen ausschliesst.

68  Die Volkswirtschaft  8–9 /2018


*Aufgrund einer neuen Erhebungsmethode ab 2012 sind die Änderungsraten nur bedingt aussagekräftig.
VORSCHAU

IM NÄCHSTEN FOKUS

Verhaltensökonomie: Ausgabe
Die nächste 5.9.2018
Vom Verstand zum Herz erscheint a
m2

Vor der Kasse im Supermarkt locken Süssigkeiten: Dass Geschäfte die Konsumenten so zum Kauf
­animieren, ist angewandte Verhaltensökonomie. Mit sogenanntem Nudging soll unser Verhalten in
wirtschaftlichen Situationen beeinflusst werden. Die Verhaltensökonomie beschränkt sich jedoch
nicht auf den Detailhandel. Auch in der Politik fragen sich Ökonomen: Wie kann man kluge Entschei-
dungen der Bürger anstossen, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückzugreifen? Oft stehen unsere
tatsächlichen Handlungen im Widerspruch zur Modellannahme des Homo oeconomicus. Maximieren
Sie bei Ihrem Tun den Nutzen immer? Erfahren Sie mehr zum Thema in der nächsten Ausgabe.

Vom realen Menschen zum Homo oeconomicus Nudging im Bereich Umwelt und Unfall­
und zurück prävention
Professor Heinz Dieter Kurz, Universität Graz Roman Högg, Anna-Lena Köng, Stiftung Risiko-Dialog,
St. Gallen
Was ist Verhaltensökonomik?
Professor Christian Zehnder, Universität Lausanne Erkenntnisse der Verhaltensökonomie
für die Mobilität
Wie Regierungen Verhaltenserkenntnisse Professor Matthias Sutter, Universität Köln
anwenden, um bessere Strategien und
Vorschriften zu entwerfen und umzusetzen Wie Verhaltensökonomik die Unternehmens­
Filippo Cavassini, James Drummond, OECD beratung verändert
Interview Gerhard Fehr, CEO FehrAdvice
Wo ist die Relevanz der Verhaltensökonomik
für die Schweizer Wirtschaftspolitik?
Eric Scheidegger, Seco

IMPRESSUM
Herausgeber Abonnementpreise Druck
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Inland Fr. 100.–, Ausland Fr. 120.– Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp
­Bildung und Forschung WBF, Staatssekretariat für Für Studierende kostenlos
App
Wirtschaft SECO, Bern
Layout Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1,
Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Matthias Hausherr, Jessica Kunkler, Illustrationen
Christian Maillard, Stefan Sonderegger Cover: Claudine Etter, atelier-c.ch Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö­
Aufgegriffen: Alina Günter, www.alinaguenter.ch sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
Redaktionsausschuss 91. Jahrgang, mit Beilagen.
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, Kontakt
­Susanne Blank, Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Holzikofenweg 36, 3003 Bern Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung
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