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91. Jahrgang Nr. 7 /2018 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW STANDORTFÖRDERUNG GELDPOLITIK DOSSIER


Johann Schneider-Ammann Wie sich Regionen in der Das Experiment Chefs setzen auf
über das Bildungssystem Schweiz besser vermarkten Euro-Mindestkurs Schwarmintelligenz
28 können 52 55
46

FOKUS
Bildung in der Schweiz:
Investieren lohnt sich
EDITORIAL

Haben wir die Hausaufgaben


gemacht?
Schule, Beruf und Weiterbildung – Bildung hört nie auf. In der Schweiz herrscht ein
Konsens, dass Bildung die wichtigste Ressource des Landes ist. Bei der Bildung zu
sparen, ist verpönt, im Bundesbudget nehmen die Bildungsausgaben jährlich zu.
Individuelle Bildung ist wichtig, ohne Zweifel. Aber wie
steht es um das System als Ganzes? Der dritte nationale
Bildungsbericht hat das Bildungswesen von der Vorschule
bis zur Erwachsenenbildung unter die Lupe genommen.
Der Verfasser des Berichts, Stefan Wolter von der Uni-
versität Bern, weist in seinem Beitrag auf Schwachstel-
len des Systems bei den Übergängen hin. So macht ein
Brückenjahr wie beispielsweise ein zehntes Schuljahr
nach der neunten Klasse in vielen Fällen wenig Sinn.
Bund und Kantone haben sich zum Ziel gesetzt, dass
95 Prozent aller Schulabgänger des Landes eine Leh-
re oder eine weiterführende Schule machen sollen.
Dieser Wert ist noch nicht erreicht, wie Jacques Babel
vom Bundesamt für Statistik aufzeigt. Insbesondere
bei Personen, die im Ausland geboren sind, braucht es noch Anstrengungen.
Besondere Aufmerksamkeit im aktuellen Fokus gilt dem dualen Berufsbildungs-
system, das im internationalen Vergleich vorbildlich ist. Dazu haben Bund, Kantone
und die Organisationen der Arbeitswelt im Frühjahr ein Leitbild zur «Berufsbildung
2030» verabschiedet. Diesem gilt es nun auf Branchenebene Kontur zu geben.
Im Winter berichteten wir über die Digitalisierung der Arbeitswelt. Im Dossier
spinnen wir den Faden weiter und fragen, wie sich diese auf Führung und
Strategieentwicklung in Unternehmen auswirkt. Klar scheint: Weniger Hie-
rarchie und mehr Kooperation sind die Erfolgsfaktoren der Zukunft.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

4 10

FOKUS

Bildung in der Schweiz: Investieren lohnt sich


4 Bildungssystem Schweiz: 10 Wie weiter nach der
Prädikat gut, mit obligatorischen Schule?
Verbesserungspotenzial Jacques Babel
Stefan C. Wolter Bundesamt für Statistik
Schweizerischen Koordinationsstelle für
Bildungsforschung

14 Die Berufsbildung fit für die 18 Berufsbildung: Governance


Zukunft machen in der Schweiz vorbildlich
Stefanie Bosshard Ursula Renold
Staatssekretariat für Bildung, Forschung und KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH
Innovation Zürich
28 INTERVIEW

«Die Berufsbildung
22 Neue Technologien für die 25 STANDPUNKT liegt mir besonders
Bildung in der Schweiz am Herzen»
Pierre Dillenbourg
Koordination durch Austausch
Im Gespräch mit Bundesrat
Eidgenössische Technische Hochschule Michael O. Hengartner Johann Schneider-Ammann
Lausanne Swissuniversities

26 STANDPUNKT 27 STANDPUNKT

Bildungssystem spiegelt Keine Weiterentwicklung


Ungleichheit ohne Fakten
Laura Perret Jürg Zellweger
Schweizerischer Gewerkschaft sbund Schweizerischer Arbeitgeberverband

67 WIRTSCHAFTSZAHLEN  69 VORSCHAU   69 IMPRESSUM


INHALT

43 56

THEMEN

Heiratsstrafe, Mindestkurs und mehr


34 ARBEITSMARKT 38 REGIONALPOLITIK 41 AUFGEGRIFFEN
Arbeitsmarktliche Homeoffice vor der Bergkulisse Und täglich grüsst
Massnahmen gezielt messen Remo Zandonella, Vanessa Angst, die Preisinsel Schweiz
Thomas von Stokar
David Liechti Eric Scheidegger
Infras F­ orschung und Beratung
B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung Staatssekretariat für Wirtschaft
Christian Müller, Simon Röthlisberger
Staatssekretariat für Wirtschaft

43 STANDORTFAKTOREN 46 STANDORTFÖRDERUNG 49 EHEPAARBESTEUERUNG


Massgeschneiderte Die Schweiz muss sich Wie schafft man die
Regulierung für Unternehmen? und ihre Kompetenzzentren «Heiratsstrafe» ab?
Stefan von Grünigen besser vermarkten Brigitte Behnisch, Martin Daepp,
econcept Bruno Jeitziner
Renaud Vuignier
Roger Küttel Eidgenössische Steuerverwaltung
Universität Lausanne
Staats­sekretariat für Wirtschaft

52 EUROKURS
DOSSIER
Das Experiment Mindestkurs
Chefs setzen auf Schwarmintelligenz

Niklaus Blattner
ehem. Universität Basel

56 König, Schwarm und 58 Das Ende des


Trüffelschwein Branchendenkens 68 INFOGRAFIK
Wolfgang Jenewein, Oliver Böhm Bernhard Lingens, Oliver Gassmann
Universität St. Gallen Universität St. Gallen
Schweizer Stiftungen
verwalten Milliarden

61 Open Strategy – 64 Auf Sicht segeln


die neue Offenheit Andreas Greve, Frank Schomburg
nextpractice GmbH
Violetta Splitter, David Seidl
Universität Zürich
BILDUNG

Bildungssystem Schweiz: Prädikat gut,


mit Verbesserungspotenzial
Das Schweizer Bildungssystem funktioniert grundsätzlich gut, wie der jüngste Bildungs-
bericht zeigt. Verbessert werden sollten unter anderem der Übergang in die nachobliga-
torische Bildungsstufe sowie die Erfolgsquote an den Universitäten.  Stefan C. Wolter

Abstract   Der im Juni erschienene dritte nationale Bildungsbericht evalu- nicht in allen Ländern gleich hoch entschädigt
iert nicht nur das schweizerische Bildungswesen von der Vorschule bis zur werden und Kompetenzunterschiede nicht in
Erwachsenenbildung, sondern er gibt auch Rechenschaft darüber ab, wie allen Ländern die genau gleichen Lohnunter-
gut die auf den vorherigen Bildungsberichten basierenden bildungspoliti- schiede generieren, so zeigt sich überall, dass
schen Ziele von Bund und Kantonen erfüllt wurden. Gleichzeitig bildet er
mehr Kompetenzen – und zwar tatsächlich
selbst wieder die Grundlage für neue und adaptierte bildungspolitische
Zielsetzungen. Der Bericht behandelt über 500 verschiedene bildungs-
als Kompetenzen gemessen und nicht mit Bil-
politische Fragen, wobei es durchaus Optimierungspotenzial gibt. Hand- dungsjahren approximiert – zu höheren Ein-
lungsbedarf gibt es beispielsweise beim Übertritt von der obligatorischen kommen führen.
Schule in den nachobligatorischen Bildungsbereich sowie bei den Erfolgs- Wenn also ein Bildungswesen leistungs-
beziehungsweise Misserfolgsquoten an den Universitäten. fähig ist, sollten nicht nur die durchschnittli-
chen Löhne hoch, sondern auch relativ gleich
verteilt sein. Letzteres wäre ein Zeichen da-

I m Juni ist der dritte nationale Bildungsbe-


richt erschienen.1 Erstellt hat ihn die Schwei-
zerische Koordinationsstelle für Bildungs-
für, dass möglichst viele Personen ihr Bil-
dungspotenzial ausschöpfen können – und
nicht nur eine schmale Elite. Vor diesem Hin-
forschung (SKBF) im Auftrag von Bund und tergrund ist es nicht primär das im interna-
Kantonen. Anhand von über 500 bildungspoli- tionalen Vergleich hohe Pro-Kopf-Einkommen
tischen Fragen beschreibt und evaluiert der der Schweiz, welches dem hiesigen Bildungs-
Bericht das gesamte schweizerische Bildungs- wesen ein gutes Zeugnis ausstellt, sondern vor
wesen von der Vorschule bis zur Erwachse- allem der Umstand, dass die Schweiz in Be-
nenbildung. Darüber hinaus gibt er Rechen- zug auf Einkommensgleichheit der erzielten
schaft darüber, wie gut die auf den vorherigen Arbeitseinkommen vor Steuern und Transfers
Bildungsberichten basierenden bildungspoli- im OECD-Vergleich den drittbesten Wert auf-
tischen Ziele von Bund und Kantonen erfüllt weist: In den anderen Ländern muss die durch
wurden. Einschränkend muss man sagen: Eine eine stark unterschiedliche Kompetenzvertei-
absolute Bewertung eines Bildungswesens vor- lung in der Bevölkerung generierte Einkom-
zunehmen, ist unmöglich, selbst internatio- mensungleichheit nachträglich durch Steuern
nale Vergleiche beziehen sich jeweils nur auf und Transfers ausgeglichen werden, damit die-
Ausschnitte in Bezug auf Kompetenzen, Bil- se Staaten ähnliche Werte erzielen. Diese Um-
dungsstufen und -typen. verteilung der Einkommen ist in der Schweiz
Eine Möglichkeit, die Leistungsfähigkeit dank eines guten Bildungswesens viel weniger
eines Bildungswesens zu bewerten, ergibt sich notwendig.
indirekt aus der Einkommenshöhe und der
Einkommensverteilung in einer Volkswirt- Nicht monetäre Bildungserträge
schaft. Denn Bildung schaff t Humankapital,
1 Der Bericht ist am
21. Juni 2018 erschienen und Humankapital steigert die individuelle Zu Recht kann man nun einwenden, dass Bil-
und kann unter
www.bildungsbericht.ch
Produktivität – was zu einem höheren Einkom- dung nicht nur dem Zweck dient, am Arbeits-
bezogen werden. men führen sollte. Auch wenn Kompetenzen markt gefragt zu sein und ein möglichst hohes

4 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


Die Berufslehre ist ein Pfeiler
des Schweizer Bildungssystems.
Medizinische Praxisassistentin
im Bergell.
KEYSTONE
BILDUNG

Einkommen zu erzielen. Nimmt man nicht mo- allgemeinbildende Ausbildungen nicht mehr
netäre Outcomes wie die Lebenszufriedenheit mit Konjunktureffekten erklärbar. Im Jahr
oder das subjektive Gesundheitsempfinden, 1990 traten noch über 80 Prozent der Schulab-
bei denen allerdings der kausale Bezug zwi- gänger direkt in eine nachobligatorische Aus-
schen Bildung und Outcome trotz hoher Korre- bildung über. 25 Jahre später erreicht dieser
lationen nicht immer ganz klar ist, lassen sich Wert noch knapp 70 Prozent. Von den 30 Pro-
ganz ähnliche Bilder erkennen. Im Vergleich zent, die den Übertritt verzögern, wählt rund
zu den Nachbarländern schneidet die Schweiz ein Drittel eine als schulisch anerkannte Zwi-
auch hier gut ab, wie der Bildungsbericht zeigt. schenlösung. Die übrigen zwei Drittel gehen
So ist in der Schweiz der Anteil der Personen, sehr heterogene Wege, die von Auslandsauf-
die einen guten subjektiven Gesundheitszu- enthalten, Au-pair-Stages bis hin zu direkten
stand vermelden, nach Berücksichtigung des Eintritten in den Arbeitsmarkt reichen.
Einflusses des Alters, des Geschlechts, des
Zivilstandes und des Einkommens bei Perso- Zwischenlösungen wenig wirksam
nen mit einem tertiären Bildungsabschluss
rund 20 Prozentpunkte höher als bei Perso- Die bislang vorliegende Forschung zeigt vier
nen mit einem höchsten Bildungsabschluss wichtige Befunde. Erstens: Jene, die keine schu-
auf der Sekundarstufe II. Letztere wiederum lische Zwischenlösung wählen, ob anerkannt
haben einen um 20 Prozentpunkte höheren oder nicht, weisen im Durchschnitt eine ge-
Wert als Personen, die lediglich die obligatori- ringere Wahrscheinlichkeit auf, überhaupt
sche Schulzeit absolviert haben. In Österreich einen nachobligatorischen Bildungsabschluss
hingegen betragen die bildungsstufenabhän- zu schaffen. Zweitens: Wer eine schulische
gigen Unterschiede jeweils 40 Prozentpunk- Zwischenlösung wählt, fährt im Durchschnitt
te. Mit anderen Worten: Wenn Bildung tat- nicht schlechter, aber auch nicht besser als je-
sächlich kausal zu mehr Lebenszufriedenheit mand, der direkt eine Ausbildung ansteuert.
und besserer Gesundheit führt, dann schafft Der einzige Unterschied ist, dass Erstere ihre
es das Schweizer Bildungswesen anscheinend Ausbildungszeit verlängert haben. Drittens:
besser, allen Menschen die dafür notwendigen Der verzögerte Übertritt manifestiert sich bei
Kompetenzen zu vermitteln, als dies beispiels- jenen, die keine schulische Zwischenlösung
weise in Österreich der Fall ist. wählen, schon sehr früh, d. h. weit vor dem
Zeitpunkt des Übertrittes, in einer passiven
Zu viele verzögerte Übertritte Erwartungshaltung der betroffenen Jugendli-
chen. Und viertens: Bei einem grossen Teil der
Wenn man sich nun vergleichsweise zu den Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die
Besten zählen darf, heisst dies nicht zwangs- Zwischenlösungen ansteuern, ist dies nicht
läufig, dass man deswegen kein Verbesse- mit schulischen Defiziten erklärbar, sondern
rungspotenzial mehr aufweist. Aus Platz- mit unterschiedlichen Präferenzen, beispiels-
gründen werden hier nur zwei spezifische weise für allgemeinbildende Ausbildungen an-
Punkte erwähnt. Beim ersten handelt es sich stelle einer Berufsbildung.
um die im letzten Vierteljahrhundert deut- Zu den verzögerten Übertritten muss man
lich gesunkene Zahl der Direktübertritte nach schliesslich noch die durch Fehlentscheidun-
der obligatorischen Schulzeit in zertifizieren- gen, Mangel an Informationen oder institutio-
de Ausbildungen der Sekundarstufe II wie die nelle Schwächen verursachten Unterbrüche
Berufslehre, eine Fachmittelschule oder das gleich zu Beginn der nachobligatorischen Aus-
Gymnasium. Während man den Rückgang bildung zählen, die sich in Repetitionen von
der direkten Übertritte in die Berufslehren in Schuljahren, Lehrabbrüchen oder Wechseln
den Neunzigerjahren noch mit der schlechten des Bildungstyps unter Verlust von Bildungs-
Konjunktur begründen konnte, sind sowohl jahren manifestieren.
die seither weiter sinkenden Direktübertritte Führt man sich die hohen privaten, fiska-
als auch die stagnierenden Direktübertritte in lischen und sozialen Kosten vor Augen, die

6  Die Volkswirtschaft  7 / 2018
FOKUS

unnötige Verzögerungen in der Bildungslauf- lungsbedarf konstatiert, und das Ziel 4 der
bahn mit sich bringen, muss sich die Bildungs- Bildungspolitischen Erklärung von 2015 for-
politik fragen, wie viele dieser Verzögerungen dert, Massnahmen zu definieren, «die zur Re-
und temporären oder endgültigen Misserfol- duktion der Anzahl Studienabbrüche an den
ge durch geeignete Massnahmen vermeidbar Universitäten beitragen». Dies ist bis heute
wären. Diese Frage stellt sich nicht zuletzt nicht geschehen.
schon deshalb, weil das bildungspolitische Die Zahl der endgültigen Studienabbrü-
Ziel einer Abschlussquote auf der Sekundar- che an den Universitäten hat sich in der Zwi-
stufe II von 95 Prozent noch nicht erreicht schenzeit nicht merklich reduziert: Rund ein
ist und besonders für Menschen mit einem Viertel der Bachelorstudierenden hat acht
Migrationshintergrund nach wie vor in wei- Jahre nach Studienbeginn keinen Abschluss.
ter Ferne liegt (siehe Abbildung 1). Sowohl die Bei der Interpretation dieser Zahl muss man
grossen Unterschiede in den Bildungsverläu- den Umstand berücksichtigen, dass nur
fen als auch jene in den Erfolgsquoten zwi- knapp 80 Prozent der Gymnasiasten, die
schen den einzelnen Kantonen weisen darauf selbst nur 20 Prozent einer Alterskohorte
hin, dass ein beträchtliches und realistisches sind, nach der Maturität an einer Universität
Optimierungspotenzial besteht. ein Studium beginnen. Folglich müsste man
das Schweizer Universitätswesen am ehesten
Drop-out-Quoten bleiben hoch mit ausländischen Universitäten vergleichen,
die einen höchst selektiven und restriktiven
Verbesserungspotenzial gibt es auch am an- Zugang pflegen. Solche Universitäten haben
deren Ende des Spektrums der Leistungsver- aber in der Regel Abbruchquoten im tiefen
teilung, bei der universitären Ausbildung. Hier einstelligen Prozentbereich, nicht von einem
wurde schon im Bildungsbericht 2010 Hand- Viertel.

Abb. 1: Abschlussquoten der Sekundarstufe II von Schweizern und Ausländern


100    In %

75
BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

50

25

0
Alle 25-Jährigen Schweizer (im Inland geboren) In der Schweiz geborene Ausländer Im Ausland geborene Ausländer

Abb. 2: Studierende an der Universität Bern nach Notendurchschnitt im Maturitätszeugnis:


UNIVERSITÄT BERN, BFS UND SKBF; BERECHNUNGEN SKBF / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Status im dritten Semester (Studienbeginn 2014)

Note 4 bis 4,4

Note 4,5 bis 4,9

Note 5 bis 6

0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

  Gleiches Studienfach               Anderes Studienfach               Exmatrikuliert (von Universität Bern)

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  7
BILDUNG

Maturität garantiert keinen monitorings. Der nun zum dritten Mal veröf-
Studienerfolg fentlichte Bildungsbericht zeigt deutlich, dass
es diese Kontinuität bei der Beobachtung der
Allerdings ist der Vergleich nicht ganz richtig, Entwicklungen im Bildungswesen braucht, da
weil im Fall von selektiven Universitäten die In- einmal auf der Basis von Befunden gemachte
stitutionen selbst entscheiden können, wer bei Empfehlungen und Zielsetzungen in der Regel
ihnen studieren darf, während Schweizer Uni- länger als vier Jahre brauchen, um umgesetzt
versitäten alle Bewerber aufnehmen müssen, die zu werden. Noch länger dauert es, bis Wirkung
über ein Maturitätszeugnis verfügen. Es kann erzielt wird.
also aus verschiedensten Gründen sein, dass ein Bildungsberichte sollten auf der ersten Stu-
System, welches die Zulassung zum Studium re- fe des Monitorings in der Lage sein, Probleme zu
striktiv handhabt, nicht die gleichen Ergebnis- diagnostizieren. Auf der zweiten Stufe sollten die
se produziert wie eines, in dem die Hochschu- kausalen Gründe für die diagnostizierten Proble-
len diese Selektion vornehmen. Welche dieser me benennt werden können, damit in einer drit-
potenziellen Gründe den Unterschied erklären, ten Stufe die Tauglichkeit der ergriffenen Mass-
kann man derzeit aufgrund der mangelhaften nahmen beurteilt werden kann. Auch wenn nach
Erforschung dieser Frage nicht sagen. acht Jahren gewisse Fortschritte im Monitoring
Denkbar ist, dass die Gymnasien, nicht ge- zu verzeichnen sind, ist nicht zuletzt aufgrund
nerell, aber doch individuell, Studierfähig- der Komplexität der Aufgabe und der ständigen
keit bescheinigen, wo diese nicht gegeben ist. Weiterentwicklung des Systems in den meisten
Im Bildungsbericht wird auf eine detaillierte Fällen die erste Stufe noch nicht überschritten
Analyse der Studienanfängerkohorte 2014 an worden. Die Konsequenz daraus ist nicht, dass
der Universität Bern verwiesen, die zeigt, dass das Monitoring deswegen überflüssig wäre, son-
Studierende mit Maturitätsnotendurchschnit- dern vielmehr, dass die Investitionen in das Mo-
ten von 4 bis 4,4 im Vergleich zu solchen mit nitoring noch deutlich verstärkt werden müss-
Durchschnittsnoten von 5 bis 6 schon im ers- ten. Denn ohne genaue Diagnose gibt es nur
ten Studienjahr ein Drittel  ECTS-Punkte we- zufällig eine richtige Behandlung.
niger erwarben. Zusätzlich haben sich rund
doppelt so viele nach dem ersten Jahr wieder
exmatrikuliert oder haben das Studienfach ge-
wechselt (siehe Abbildung 2). Dies scheint den
Schluss zuzulassen, dass Maturitäten verge-
ben werden, bei denen die Erfolgswahrschein-
lichkeit eingeschränkt ist. Das Zeugnis alleine
stellt somit keine Garantie für einen Studien-
Stefan C. Wolter
erfolg dar. Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle
Die Bildungsberichterstattung ist eine kon- für Bildungsforschung (SKBF), Aarau; Professor für
Bildungsökonomie, Universität Bern
tinuierliche Aufgabe im Rahmen des Bildungs-

8 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

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Die Volkswirtschaft  7 / 2018 9


BILDUNG

Wie weiter nach der


obligatorischen Schule?
Neun von zehn Jugendlichen in der Schweiz erwerben einen Abschluss auf Sekundar-
stufe II. Dies zeigen die Bildungsverläufe nach der obligatorischen Schulzeit anhand von
AHV-Daten.  Jacques Babel

Abstract   Im Rahmen des Programms Längsschnittanalysen im Bildungs-


Abstract  detaillierte Nachverfolgung der Bildungsverläu-
bereich (Labb) des Bundesamtes für Statistik (BFS) können die Bildungsver- fe nach der obligatorischen Schule und liefert
läufe nach der obligatorischen Schule sowie der Arbeitsmarkteintritt mit damit wertvolle Informationen für die politi-
einem äusserst hohen Genauigkeits- und Zuverlässigkeitsgrad untersucht schen Entscheidungsträger (siehe Kasten).
werden. Im Jahr 2015 belief sich die Quote der Erstabschlüsse auf Sekun-
Im Jahr 2015 lag die Quote der Erstabschlüs-
darstufe II bis zum 25. Altersjahr auf 90,9 Prozent. Damit liegt die Schweiz
10 Prozentpunkte über dem OECD-Durchschnitt. Die Analyse der Übergän-
se auf der Sekundarstufe II bis zum 25. Alters-
ge nach der obligatorischen Schule sowie der Bildungsverläufe auf Sekun- jahr bei 90,9 Prozent – und befand sich damit
darstufe II zeigt, dass die Unterschiede im Zeitverlauf grösser werden. So etwa 10 Prozentpunkte über dem OECD-Durch-
setzen Jugendliche mit einem Maturitätsabschluss (gymnasiale, Berufs- schnitt. Bei den Erstabschlüssen handelte es
oder Fachmaturität) ihre Ausbildung meist auf der Tertiärstufe fort. Der sich hauptsächlich um eidgenössische Berufs-
Untersuchung lässt sich ausserdem entnehmen, dass sich die Erwerbs- und atteste (EBA), eidgenössische Fähigkeitszeug-
Ausbildungsperioden vielfach überlappen. nisse (EFZ), Fachmittelschulausweise sowie
gymnasiale Maturitäten. Umgekehrt verfügten

V or der Modernisierung der Erhebungen im


Bildungsbereich und der Einführung der
13-stelligen AHV-Nummer war das Wissen über
9,1 Prozent der Jugendlichen in der Schweiz le-
diglich über einen obligatorischen Schulab-
schluss. Da sie ohne zusätzlichen Abschluss ins
die Bildungsverläufe in der Schweiz nur bruch- Erwerbsleben eintreten, erfüllen sie die Min-
stückhaft vorhanden. Es beschränkte sich häu- destanforderungen für eine nachhaltige und er-
fig auf wenige Kantone oder beruhte auf be- folgreiche Integration in die Wirtschaft und die
grenzten Stichproben. Beispielsweise war nicht Gesellschaft des Landes nicht. Das politische
genau bekannt, wie viele Menschen keine nach- Ziel ist eine Quote von 95 Prozent.
obligatorische Ausbildung absolvieren – obwohl Die Abschlussquote der Frauen (93%) liegt
dies sowohl auf nationaler als auch auf interna- 4 Prozentpunkte höher als jene der Männer (sie-
tionaler Ebene ein strategischer Indikator ist. he Abbildung 1). Grosse Unterschiede bestehen
Das Programm «Längsschnittanalysen im Bil- auch je nach Migrationsstatus. Während sich
dungsbereich» (Labb) des Bundesamtes für Sta- die Abschlussquote der im Inland geborenen
tistik (BFS) ermöglicht nun eine kontinuierliche, Schweizer auf 94 Prozent beläuft, liegt sie bei

Das Programm Labb


Die Einführung des in den Personenre- dem sämtliche Bildungsverläufe nach der regelmässigen Abständen Studien zu den
gistern der Bundesverwaltung verwen- obligatorischen Schule nachverfolgt wer- Übergängen und Bildungsverläufen. Die
deten einheitlichen Personenidentifika- den können. Das Projekt basiert auf zwei sich daraus ergebenden Daten können mit
tors (13-stellige AHV-Nummer) vor rund Pfeilern. Einerseits werden zur Erleich- den beim BFS bereits vorhandenen Infor-
zehn Jahren eröffnet neue Möglichkeiten terung der Analysen und zur Veröffent- mationen ergänzt werden. Daraus können
für die statistische Analyse im Bildungsbe- lichung von kohärenten Daten vom BFS wertvolle Erkenntnisse gezogen werden,
reich. Auf dieser Basis konnte im Jahr 2014 harmonisierte und strukturierte Längs- ohne dass spezifische Erhebungen durch-
das Programm Längsschnittanalysen im schnittdatensätze zur Verfügung gestellt. geführt werden müssen.
Bildungsbereich (Labb) des Bundesamtes Andererseits systematisiert das BFS die
für Statistik (BFS) eingeführt werden, mit Messung der Übergänge und publiziert in

10 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

Schulbeginn am
­Gymnasium Kirsch-
garten in Basel. Nach
der Matura studieren
KEYSTONE

viele Gymnasiasten
an einer Hochschule.

den in der Schweiz geborenen Ausländern 8 Pro- Unterschiede akzentuieren sich


zentpunkte tiefer.
Betrachtet man die Abschlussquoten Die Analyse der Übergänge nach der obligato-
nach Wohnbezirk, sticht nebst der räumli- rischen Schule sowie der Bildungsverläufe auf
chen Komplexität des Indikators eine starke Sekundarstufe II zeigt, dass die Unterschiede
Stadt-Land-Dynamik ins Auge (siehe Karte). So zwischen den Personengruppen im Zeitver-
sind die Quoten in den Bezirken mit den Zentren lauf grösser werden. Auch zwischen der West-
Lausanne, Genf, Basel, Luzern, Lugano, Zürich und der Deutschschweiz gibt es Differenzen.
und Biel mit Werten zwischen 80 und 87 Prozent So treten in der Westschweiz – innerhalb
relativ tief. von zwei Jahren – weniger Jugendliche in die

Abb. 1: Erstabschluss-Quote auf Sekundarstufe II bis zum 25. Altersjahr (nach Geschlecht, Migrationsstatus und Sprachregion; 2015)

100    in %
90,9 92,9 94 92,7
88,9 86,2 86,4 87,9
84,6
75 72,6

50
BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

25

0
Total (N=77347) Männer Frauen Im Inland In der Schweiz Im Ausland Im Ausland Deutschschweiz Westschweiz Italienisch­
­geborene geborene ­geborene geborene sprachige
Schweizer ­Ausländer Schweizer ­Ausländer Schweiz

  Berufliche Grundbildung          Allgemeinbildung (z. B. Maturität)

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  11
BILDUNG

Sekundarstufe II ein (92%) als in der Deutsch- lysierten Aspekten.  Zweitens variieren die Er-
schweiz (95%).1 folgsquoten beim Abschluss der Sekundarstufe
Die Analyse der Verläufe auf Sekundarstufe II stärker, wenn nur die gradlinigen Bildungs-
1 Gaillard et al. (2016). II zeigt zweierlei.2 Erstens vergrössern sich die verläufe betrachtet werden. Beispielsweise er-
2 Laganà und Babel Unterschiede, die zum Zeitpunkt des obligatori- langen Jugendliche mit Schweizer Staatsan-
(2018).
3 Strubi et al. (2018). schen Schulabschlusses vorliegen, bei allen ana- gehörigkeit nicht nur häufiger, sondern auch
schneller einen Abschluss auf Sekundarstufe II.

Erstabschluss-Quote auf Sekundarstufe II bis zum 25. Altersjahr


(nach Wohnbezirk; 2015) Integration in den Arbeitsmarkt
Ein weiterer Bereich, der bisher auf nationaler
≥ 98,0
94,0 – 97.9
Ebene kaum näher untersucht wurde, betriff t
90,0 – 93,9
86,0 – 89,9
82,0 – 85,9 die Übergänge nach dem Erwerb eines Ab-
< 82,0
schlusses auf Sekundarstufe II. In einer neu-
moins de 200 personnes
certifiées 1

en BFS-Studie wird ersichtlich, dass Jugend-


liche mit Maturitätsabschluss (gymnasiale,
Berufs- oder Fachmaturität) ihre Ausbildung
BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

sehr häufig auf Tertiärstufe fortsetzen.3 Sie


zeigt auch, dass sich Personen mit berufl icher
Grundbildung sehr gut in den Arbeitsmarkt in-
tegrieren. So finden 85 Prozent der Personen
  ≥ 98,0%       94,0 – 97,9%       90,0 – 93,9%       86,0 – 89,9%       82,0 – 85,9%       <82,0%     mit einem eidgenössischen Fähigkeitszeug-
Durchschni Schweiz: 90,9%        nicht untersucht (weniger als 200 Abschlüsse) nis (EFZ) innerhalb von drei Monaten nach
Die Quoten von Bezirken mit weniger als 200 Abschlüssen innerhalb von drei ihrem Abschluss eine erste Anstellung, und 46
Jahren sind nicht angegeben, da die Werte von Jahr zu Jahr stark variieren können. Prozent bleiben in ihrem Lehrbetrieb. Aller-

Abb. 2 : Bildungsübergänge von Personen, die 2012 ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis (EFZ) erworben haben
6 Monate 18 Monate 30 Monate 42 Monate
Berufsmatur Berufsmatur Berufsmatur Berufsmatur

Ausbildung auf Sekundarstufe II Ausbildung auf Sekundarstufe II


Ausbildung auf Sekundarstufe II
Ausbildung auf Sekundarstufe II

Ausbildung auf Tertiärstufe


Ausbildung auf Tertiärstufe Ausbildung auf Tertiärstufe Ausbildung auf Tertiärstufe
3%
3%
5% 4%
7% 3%
8%

Erwerbstätigkeit
Erwerbstätigkeit Erwerbstätigkeit Erwerbstätigkeit
BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

66%
Nicht erwerbstätig und
Nicht erwerbstätig und nicht in 58% Nicht erwerbstätig und nicht in 55%
nicht in Ausbildung Nicht erwerbstätig und
Ausbildung Ausbildung
22% 26% 30% nicht in Ausbildung

12 Die Volkswirtscha  7 / 2018


FOKUS

dings dauert die erste Anstellung für nahezu Abschluss erwerbstätig waren, 12 Monate spä-
die Hälfte dieser Jugendlichen weniger als ein ter wieder ins Bildungssystem zurück. Dass die
Jahr. Gemäss der Studie waren 19 Prozent in- Überlappung von Erwerb und Ausbildung auch
nerhalb der 30 Monate nach dem Erwerb ihres zwischen dem 30. und dem 42. Monat weiter-
Abschlusses mindestens einmal als erwerbslos hin stark bleibt, zeigt, dass der Bildungsüber-
registriert und hatten demzufolge Schwierig- gang nach der Sekundarstufe II oft nicht voll-
keiten bei der berufl ichen Eingliederung. Be- ständig abgeschlossen ist.
sonders ausgeprägt ist dieses Phänomen in der Abschliessend lässt sich sagen: Dank dem
italienischsprachigen (38%) und der franzö- Programm Labb kann ein detaillierteres, fa-
sischsprachigen Schweiz (28%) – während der cettenreicheres Bild der Bildungsverläufe in
Anteil in der Deutschschweiz (17%) deutlich der Schweiz gezeichnet werden als bisher.
geringer ist. In den meisten Fällen handelt es Nun liegt es an der Forschung, die beobach-
sich um eine kurzfristige Arbeitslosigkeit von teten Unterschiede zu erklären und mögliche
insgesamt maximal einem halben Jahr. Verbesserungsansätze zu erarbeiten. Da dies
Ein weiterer Aspekt, der in der Schweiz nur mit neuen Daten möglich ist, könnten die
bislang kaum untersucht wurde, ist die aus- Labb-Ergebnisse beispielsweise systematisch
geprägte Dynamik zwischen Ausbildung und mit jenen aus nationalen oder internationalen
Erwerb nach einem Abschluss auf Sekundar- Erhebungen verknüpft werden.
stufe II. So zeigt sich, dass sich Ausbildung und
Erwerbstätigkeit nach dem Abschluss eines
eidgenössischen Fähigkeitszeugnisses wäh-
rend mehrerer Jahre überlappen: Viele Jugend-
liche treten sofort ins Erwerbsleben ein, wobei
ein Viertel innerhalb der folgenden drei Jah-
re ins Bildungssystem zurückkehrt, um eine
Berufsmaturität, ein Hochschulstudium oder
eine zweite Berufslehre zu absolvieren. Jacques Babel
Bei Personen, die ein eidgenössisches Fä- Dr. ès sc., Leiter des Programms Längsschnitt analysen
im Bildungsbereich (Labb), Bundesamt für Statistik
higkeitszeugnis erworben haben, sind die Bil- (BFS), Neuenburg
dungsübergänge während der analysierten
42  Monate nach dem Abschluss komplex (sie-
he Abbildung 2). Insbesondere lässt sich fest- Literatur
stellen, dass 66 Prozent der Personen, die 6 Gaillard, L. und Babel, J. (2018). Quote der Erstabschlüsse auf Sekun-
darstufe II und Maturitätsquote, BFS, Neuenburg.
Monate nach ihrem Abschluss zunächst we- Gaillard, L., Laganà, F. und Babel, J. (2016). Der Übergang am Ende
der obligatorischen Schule, BFS, Neuenburg.
der erwerbstätig noch in Ausbildung waren, Laganà, F. und Babel, J. (2018). Bildungsverläufe auf Sekundarstufe
ein Jahr später wieder arbeiteten. Ausserdem II, BFS, Neuenburg.
Strubi, P. und Babel, J. (2015). Übergänge und Verläufe auf Tertiär-
sind starke Wechselwirkungen zwischen Er- stufe, BFS, Neuenburg.
werb und Ausbildung ersichtlich. So kehrten 11 Strubi, P., Veselá, J. und Babel, J. (2018). Übergänge nach Abschluss
der Sekundarstufe II und Integration in den Arbeitsmarkt, BFS,
Prozent der Personen, die 6 Monate nach ihrem Neuenburg.

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 13


BILDUNG

Die Berufsbildung fit


für die Zukunft machen
Lebenslanges Lernen gewinnt in der Arbeitswelt an Bedeutung. Das Leitbild «Berufs-
bildung 2030» von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt geht auf diese
Entwicklung ein.  Stefanie Bosshard

Abstract  Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft wie trum. Die erste betrifft das lebenslange Ler-
die Digitalisierung, die steigende berufliche Mobilität und die demografi- nen: Angesichts des raschen technologischen
sche Entwicklung haben Auswirkungen auf die duale Berufsbildung in der Wandels wird eine kontinuierliche Weiterqua-
Schweiz. Chancen und Herausforderungen solcher Trends müssen früh- lifizierung unabdingbar. Da die Digitalisierung
zeitig erkannt werden. Das Leitbild «Berufsbildung 2030», welches das
Berufsinhalte verändert, müssen sich auch er-
Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) zusammen
mit den Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt verabschiedet hat,
fahrene Fachkräfte gegebenenfalls zusätzlich
gibt Leitplanken für die künftige Entwicklung der Berufsbildung vor. Wich- dafür qualifizieren. Hinzu kommt, dass Berufs-
tige Stossrichtungen sind das lebenslange Lernen, die Flexibilisierung der karrieren tendenziell nicht mehr linear verlau-
Bildungsangebote, die Information und Beratung sowie die Zusammen- fen. Die berufliche Mobilität und damit die Zahl
arbeit zwischen den Verbundpartnern der Berufsbildung. von Quereinsteigenden nimmt zu.
Die Berufsbildung soll Perspektiven bieten,
sich beruflich lebenslang zu entwickeln und in

D ie Schweizer Berufsbildung gilt interna-


tional als Erfolgsmodell: Zwei Drittel aller
Jugendlichen entscheiden sich hierzulande für
die Gesellschaft zu integrieren. Deshalb gilt es,
die Berufsbildungsangebote auf ihre Kompatibi-
lität mit dem Konzept des lebenslangen Lernens
eine berufliche Grundbildung, um sich auf ihren zu analysieren. Um den Prozess des lebenslan-
Eintritt in den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Der gen Lernens zu fördern, braucht es zudem Mo-
berufsbildende Weg bietet Karriereperspekti- delle zur Anrechnung von formal, nonformal
ven und verschiedene Möglichkeiten zur Höher- wie auch informell erworbenen Kompetenzen
qualifizierung (siehe Abbildung). an formale Berufsbildungsangebote. Wissen,
Um in Zukunft gleichermassen attraktiv Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in einem Kurs
zu bleiben, muss die Berufsbildung Trends im ohne staatlich anerkannten Abschluss erwor-
Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft aufneh- ben wurden, sollen bei der Absolvierung eines
men und möglichst optimale Rahmenbedingun- formalen Berufsbildungsabschlusses angemes-
gen bieten. Dabei muss sie sowohl auf die aktuel- sen berücksichtigt werden können.
len Bedürfnisse der Wirtschaft wie auch auf die Ein zweiter Schwerpunkt bei der Umset-
Bedürfnisse ihrer Absolventen ausgerichtet sein. zung des Leitbilds «Berufsbildung 2030» ist die
Vor diesem Hintergrund haben die Verbund- Flexibilisierung der Bildungsangebote – aus-
partner der Berufsbildung – Bund, Kantone und gerichtet auf ein sich änderndes Zielpublikum.
Organisationen der Arbeitswelt – das Leitbild So führen die zunehmende berufliche Mobili-
«Berufsbildung 2030» erarbeitet.1 Es schafft die tät, die Auswirkungen der Migration wie auch
Basis für das gemeinsame und zielorientierte der demografische Wandel in der Bevölkerung
Handeln der Verbundpartner. dazu, dass sich Berufsbildungsabsolventen hin-
sichtlich ihres Alters und ihrer Vorkenntnisse
Vier Stossrichtungen stärker unterscheiden. Die Schweizer Bevölke-
rung altert tendenziell – es scheiden mehr äl-
1 Siehe Bei der Umsetzung des Leitbilds stehen vier tere Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben aus,
www.sbfi.admin.ch/
bb2030. zeitlich priorisierte Stossrichtungen im Zen- als junge einsteigen. Hinzu kommt: Späte Be-

14 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

rufswechsel wie auch die Zuwanderung von ­ erufen und Branchen wie auch die Chancen,
B
Erwachsenen ohne Abschluss auf der Sekun- welche die Digitalisierung bietet, erkannt und
darstufe II mehren sich. Folglich gewinnt die genutzt werden.
Berufsbildung für eine optimale Ausschöpfung Die dritte Stossrichtung zielt auf die Stär-
des Fachkräftepotenzials von erwachsenen Per- kung der Information und Beratung über die ge-
sonen an Bedeutung. Berufsbildungsangebote samte Bildungs- und Arbeitslaufbahn: Entschei-
müssen somit nicht mehr nur auf Bedürfnisse dend für den Erfolg des Berufsbildungssystems
von Jugendlichen, sondern zunehmend auch auf ist, dass Jugendliche und Erwachsene die Chan-
jene von Erwachsenen zugeschnitten sein. cen und Möglichkeiten der Berufsbildung er-
Gleichzeitig sind neue Inhalte zeitnah und kennen und sich im System orientieren können.
einfach in Berufsbildungsangebote zu integrie- Der Zugang zu Information, Beratung und Be-
ren, um arbeitsmarktgerecht zu bleiben. Dazu gleitung muss sowohl für Absolventen wie auch
gehören sowohl die Integration transversaler für Unternehmen gesichert sein. Neue Trends
Kompetenzen – beispielsweise im Bereich der in der Wirtschaft und der Gesellschaft stellen
Informations- und Kommunikationstechnolo- auch neue Ansprüche an die Berufs-, Studien-
gie, Fremdsprachen oder Career Management und Laufbahnberatung. Aspekte wie die Förde-
Skills – als auch die Integration neuer branchen- rung von geschlechtsuntypischen Berufswah-
und berufsspezifischer Kenntnisse. len, der rechtzeitige Einbezug von Eltern, der
Es gilt somit, möglichst anpassungs­fähige digitale Zugang zu Beratungsangeboten für Er- Angesichts des demo-
Strukturen sowohl für die Nachfrage- wie wachsene und Jugendliche gewinnen an Bedeu- grafischen ­Wandels
müssen Bildungs­
auch für die Angebotsseite der Berufsbildung tung. Bestehende Angebote wie beispielswei- angebote vermehrt
zu schaffen. Dabei sollen Synergien zwischen se die vor Ort verfügbaren kantonalen Berufs-, auf ­Erwachsene
­zugeschnitten sein.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  15
BILDUNG

Studien- und Laufbahnberatungsstellen und Die Zusammenarbeit hat sich in verschie-


bereits digitalisierte Instrumente wie das Por- denen verbundpartnerschaftlich zusammenge-
tal Berufsberatung.ch müssen dahin gehend ge- setzten Organen auf unterschiedlichen Ebenen
prüft und allenfalls weiterentwickelt werden. etabliert. Dazu gehört beispielsweise das jährli-
Schliesslich soll als vierte Stossrichtung die che nationale Spitzentreffen der Berufsbildung,
Verbundpartnerschaft zwischen Bund, Kan- welches Wirtschafts- und Bildungsminister Jo-
tonen und Organisationen der Arbeitswelt ge- hann Schneider-Ammann leitet. Weitere Bei-
stärkt werden. Mit dem Inkrafttreten des neuen spiele sind die Eidgenössische Kommission für
Berufsbildungsgesetzes im Jahr 2004 wurde die Berufsbildung (EBBK) und die berufsspezifi-
Verbundpartnerschaft institutionalisiert. Ge- schen Kommissionen Berufsentwicklung und
meinsam setzen sich die drei Partner für eine Qualität.
qualitativ hochstehende Berufsbildung ein: Nun gilt es, die Verteilung der Aufgaben,
Der Bund übernimmt die strategische Steue- der Kompetenzen und der Verantwortung
rung und Entwicklung, die Organisationen der unter den einzelnen Verbundpartnern zu über-
Arbeitswelt definieren die Bildungsinhalte und denken und gegebenenfalls zu optimieren.
stellen Ausbildungsplätze bereit, und die Kanto- Dazu gehört beispielsweise die Überprüfung
ne sind verantwortlich für den Vollzug des Be- der bestehenden verbundpartnerschaftlichen
rufsbildungsgesetzes. Organe im Hinblick auf innovative Formen

Das Berufsbildungssystem in der Schweiz

HÖHERE BERUFSBILDUNG HOCHSCHULEN


PhD/Doktorat
Eidg. Diplom Diplom HF Master Master Master

TERTIÄRSTUFE
Eidg. Fachausweis Bachelor Bachelor Bachelor

BERUFS- UND PÄDAGOGISCHE UNIVERSITÄTEN


HÖHERE FACHPRÜFUNGEN HÖHERE FACHSCHULEN FACHHOCHSCHULEN HOCHSCHULEN ETH
BERUFSORIENTIERTE WEITERBILDUNG

BERUFSORIENTIERTE WEITERBILDUNG

Berufsmaturität Fachmaturität Gymnasiale Maturität

Eidg. Fähigkeitszeugnis FMS-Ausweis


SEKUNDARSTUFE II

Eidg. Berufsa‹est
SBFI / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

BETRIEBE,
BERUFSFACHSCHULEN, BETRIEBE, BERUFSFACHSCHULEN,
ÜBERBETRIEBLICHE KURSE ÜBERBETRIEBLICHE KURSE FACHMITTELSCHULEN GYMNASIEN

BERUFLICHE GRUNDBILDUNG ALLGEMEINBILDENDE SCHULEN

BRÜCKENANGEBOTE

OBLIGATORISCHE SCHULE

  üblicher Weg          möglicherÜblicher


Weg       Weg
  Berufsbildung Möglicher Weg

Die Berufsbildung ist auf der Sekundarstufe II und der Tertiärstufe angesiedelt. Sie umfasst die berufliche Grundbildung, die Berufsmaturität,
die höhere Berufsbildung und die berufsorientierte Weiterbildung. Die Berufsbildung baut auf klar definierten Bildungsangeboten und nationalen
Qualifikationsverfahren auf und ist von einer hohen Durchlässigkeit geprägt.

16 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

Das Schweizer
Berufsbildungssystem
stösst international
auf Interesse. Der
senegalesische Staats-
präsident Macky Sall (l.)

KEYSTONE
besucht eine Berufs-
schule in Lausanne.

der Zusammenarbeit wie auch auf die Verein- der Verbundpartner auf allen Ebenen der Be-
fachung von Prozessen unter Nutzung neuer rufsbildung. Wie der Erarbeitungsprozess soll
Technologien. auch die Umsetzungsphase des Leitbilds Be-
rufsbildung 2030 möglichst partizipativ ge-
Umsetzung beginnt staltet werden. Während es an den Akteuren
auf Steuerungsebene liegt, optimale Rahmen-
Die vier Stossrichtungen geben Leitplanken zur bedingungen zu schaffen, ist insbesondere die
Entwicklung der Berufsbildung in den nächsten Entwicklung und Unterstützung neuer Ideen
Jahren vor. Erste Handlungsfelder sind identi- aus der Praxis unabdingbar für eine zielorien-
fiziert, und der Prozess «Berufsbildung 2030» tierte Weiterentwicklung der Schweizer Berufs-
geht nun in die Umsetzungsphase. Entschei- bildung.
dend ist hierbei, einen guten Weg zwischen In-
novation und Tradition zu finden. An Prämissen
wie der Dualität zwischen Praxis und Theorie,
der Arbeitsmarktorientierung der Bildungsan-
gebote, dem Berufskonzept und der gleichzei-
tig möglichst ausgeprägten Durchlässigkeit des
Systems wird festgehalten.
Und doch sollen neue Wege beschritten und
Stefanie Bosshard
Lösungen erarbeitet werden, die auf die verän- Projektverantwortliche, Ressort Berufsbildungspolitik,
derten Rahmenbedingungen eingehen. Solche Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation
(SBFI), Bern
Ideen entstehen im konstruktiven Austausch

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 17


BILDUNG

Berufsbildung: Governance
in der Schweiz vorbildlich
Das Schweizer Berufsbildungssystem verfügt über gute Steuerungsmechanismen. Eine
Studie der ETH Zürich hat untersucht, wie sich Governance-Kriterien auf das Entwick-
lungsland Nepal übertragen lassen.  Ursula Renold

Abstract   Da bei der Berufsbildung unzählige Akteure eine Rolle spielen, gangslage für eine Verbesserung des Bildungs-
sind Steuerungsmechanismen (Governance) entscheidend. Die Governan- systems optimal ist.
ce ist in der Schweiz gut aufgegleist: Die Zusammenarbeit zwischen den Die Schweiz verfügt seit 2004 über ein «inte-
Stakeholdern funktioniert, und die Steuermechanismen setzen die richti- griertes» Berufsbildungssystem, das vielfältige
gen Anreize. Technisch gesprochen verfügt die Schweiz somit wie Däne-
Anschlüsse zu weiterführenden formalen Bil-
mark und Österreich über eine koordiniert-outputorientierte Governance.
Demgegenüber ist die Steuerung in Deutschland fragmentiert-inputorien-
dungsgängen ermöglicht. Integriert bedeutet,
tiert. Eine Studie der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich hat dass ein einziges Bundesamt – das Staatssekre-
die Governance-Erkenntnisse auf die Situation in Nepal übertragen, wo tariat für Bildung, Forschung und Innovation
derzeit das Bildungssystem umgebaut wird. Dabei zeigt sich: Für das Ent- (SBFI) – die Steuerung sämtlicher Berufe und die
wicklungsland lohnt es sich, auf eine koordiniert-outputorientierte Gover- Koordination aller Akteure verantwortet. Die im
nance hinzuarbeiten. Berufsbildungsgesetz (BBG) von 2004 festgeleg-
ten Governance-Mechanismen setzen Anrei-

D as Interesse am Schweizer Berufsbildungs-


system ist weltweit gross. Davon zeugt die
rege Teilnahme von ausländischen Politikern
ze, um eine möglichst hohe Leistungsfähigkeit
zu erzielen. So regelt das Berufsbildungsgesetz
beispielsweise die Zusammenarbeit zwischen
und Unternehmern am dritten Internationa- Bund, Kantonen und den Organisationen der
len Berufsbildungskongress von Anfang Juni Arbeitswelt.
in Winterthur. Ausländische Bildungsexperten In der Schweiz ist die Koppelungsintensität in
hoffen, dank einer verbesserten Berufsbildung der Zusammenarbeit zwischen Akteuren des Bil-
die Jugendarbeitslosigkeit zu senken sowie An- dungs- und des Beschäftigungssystems hoch.1 Da
gebot und Nachfrage nach Arbeitskräften bes- in vielen Ländern die Entscheidungskompeten-
ser aufeinander abzustimmen. Allerdings ist die zen einseitig bei Bildungsbehörden liegen, findet
Übertragbarkeit von Elementen aus einem Land diese Zusammenarbeit nicht im selben Ausmass
in das andere anspruchsvoll, weil die rechtli- statt. Entsprechend schwierig ist es, die dortigen
chen, historischen, kulturellen und ökonomi- Unternehmen für ein substanzielles Engagement
schen Rahmenbedingungen stark variieren. zu gewinnen. Pilotprojekte mögen eine wichtige
Das Schweizer System besticht mit positiven Experimentierphase sein. Sie reichen aber nicht
Outcome-Effekten wie einer tiefen Jugendarbeits- aus, um ein nachhaltiges Berufsbildungssystem
losigkeit und vergleichsweise guten Arbeitsbedin- aufzubauen. Vielmehr muss das Zusammenspiel
gungen. Ein wichtiger Grund dafür ist die Steue- der beteiligten Akteure in der Governance abge-
rung (Governance). Mit anderen Worten: Die bildet und entsprechende Anreizmechanismen
interinstitutionelle Zusammenarbeit der massge- gemeinsam festgelegt werden.
benden Stakeholder funktioniert, und die Steuer-
mechanismen setzen die richtigen Anreize. Formale und nonformale Bildung
Im Folgenden konzentrieren wir uns auf
die Berufsbildungssysteme der Schweiz, von In der Schweiz ist die formale Berufsbildung klar
Deutschland, Österreich und Dänemark – sowie von nonformalen Weiterbildungen abgegrenzt.
1 Renold und Bolli (2016). auf das Entwicklungsland Nepal, wo die Aus- Beispiele für die formale Berufsbildung sind

18 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

die berufliche Grundbildung sowie die höhere auch die Zulassungen und Qualitätsanforde-
Berufsbildung. Demgegenüber zählen Arbeits- rungen sind häufig gesetzlich geregelt. Während
marktintegrationsprogramme wie das Motiva- eine formale berufliche Grundbildung primär
tionssemester oder Kurzzeitkurse, welche von den Ersteinstieg in den Arbeitsmarkt sicher-
den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren an- stellt, ist der Zweck von nicht formalen Kursen,
geboten werden, zu den nicht formalen Ange- sich auf den neusten Stand der Erkenntnisse zu
boten. Der nonformale Bildungsbereich ist seit bringen oder den Wiedereinstieg in den Arbeits-
2017 im Weiterbildungsgesetz geregelt. markt anzustreben. Dies geschieht zum Bei-
Diese Klarheit herrscht nicht in allen Län- spiel, indem Kompetenzen nachgeholt werden,
dern. Insbesondere in Entwicklungsländern die aufgrund des Verfahrens zur Anerkennung
wird oft nicht zwischen formalen Kurzzeitkur- von bereits erworbenen Kompetenzen fehlen.
sen und formalen Bildungsabschlüssen unter-
schieden – was den sozialen Status der Berufsbil- Modelle erleichtern Analyse
dung schwächt. Es gilt daher zu prüfen, welche
formalen Programme den Namen «Berufsbil- Da Berufsbildungsprogramme dem steten Wan-
dung» verdienen, d. h. staatlich anerkannt wer- del unterworfen sind, erlassen oft verschiede-
den und welche Programme nonformale Kurse ne Ministerien und Institutionen eigene Richt-
sind, die eine andere Funktion erfüllen. linien. Dieses historische Wachstum führt
Diese beiden Bildungsformen – formal und manchmal dazu, dass Bildungsprogramme vom
nicht formal – unterscheiden sich in wesentli- Bildungsministerium nicht anerkannt sind. Be- Applaus für eine
Schweizerin an
chen normativen Steuerungsfragen. So sind for- sonders akut ist dieses Problem im Gesund- der Berufswelt­
male Bildungswege oft staatlich anerkannt, und heitswesen, in der Land- und Forstwirtschaft, meisterschaft
Worldskills in Zürich.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  19
BILDUNG

im Tourismus (in Entwicklungsländern) – oder Die Studie unterscheidet bei der Steuerung
bei gewissen sicherheitsrelevanten Berufen wie zwischen dem Intergrationsgrad der beteiligten
zum Beispiel bei Elektroinstallateuren. Auch in Akteursgruppen, der entweder fragmentiert oder
der Schweiz waren vor dem Inkrafttreten des koordiniert ist, und dem Steuerungsmodus, der
Berufsbildungsgesetzes im Jahr 2004 etliche Be- output- oder inputorientiert ist. Daraus ergeben
rufe durch unterschiedliche Bundes- und Kan- sich vier Steuerungstypen, welche mittels Exper-
tonsbehörden reguliert. tenfokusgruppen und eines Fragebogens für die
Hinzu kommt, dass dort, wo die Berufsbil- untersuchten Länder eruiert wurden.
dungsprogramme dual aufgebaut sind, d. h. ein In der Schweiz findet sich seit 2004 eine
hoher Anteil des Lernens in den Betrieben statt- koordiniert-­outputorientierte Steuerung. Das
findet, oft auch das Wirtschaftsministerium heisst, auf Bundesebene ist das SBFI für alle Be-
eine gewisse Regelungskompetenz hat. Dies ist rufe verantwortlich. Pro Beruf gibt es ein Rah-
beispielsweise in Deutschland der Fall. mencurriculum für alle Lernorte, und die Fi-
Solche Fragmentierungen tragen nicht dazu nanzierung der Lernenden ist pro Kopf geregelt.
bei, dass die Berufsbildung als Institution ge- Zudem arbeiten die rund 600 Organisationen
stärkt werden kann. Zugleich erschweren sie der Arbeitswelt in Koordination mit Bund und
die Erforschung der Outcome-Effekte. Eine Stu- Kantonen.
die aus Deutschland aus dem Jahr 2009 hat Go- Demgegenüber war die Governance in der
vernance-Modelle entwickelt, die für die Län- Schweiz vor 2004 fragmentiert-inputorientiert.
der Dänemark, Deutschland, Österreich und Damals waren verschiedene Bundesämter, Kan-
Schweiz erprobt wurden.2 Die Autoren kamen tone und andere Institutionen für die Regelung
zum Schluss, dass drei der vier Länder eine ähn- der Berufe verantwortlich. Zudem gab es je ein
2 Renold und Bolli (2016). liche Steuerung haben, aber nur die Schweiz seit eigenes Curriculum für den Lernort Betrieb und
3 Rauner und Wittig
(2009). 2004 eine Steuerung aus einer Hand aufweist. Schule; das Finanzierungssystem war inputo-
rientiert und die Berufsverbände waren zum
Teil national und zum Teil kantonal organisiert.
Steuerungstypen von Governance-Modellen in der Berufsbildung Nebst der Schweiz weisen auch Dänemark
Fragmentiert und outputorientiert 1 Koordiniert und outputorientiert
und Österreich eine mehr oder weniger koor-
diniert-outputorientierte Governance auf. In
Deutschland hingegen ist die Steuerung frag-
RAUNER UND WITTIG (2009) SOWIE RENOLD UND CAVES (2017), DARSTELLUNG RENOLD / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Dänemark mentiert-inputorientiert. Das hat damit zu tun,


dass Deutschland mit der letzten Verfassungs-
Nepal (2030)
änderung den Bundesländern mehr Kompeten-
zen im Bildungsbereich gab.
Schweiz

1
Österreich
10
Nepal: Erkenntnisse als Chance
Deutschland Solche Governance-Modelle sind für die Steue-
Nepal rung von Berufsbildungssystemen wichtig,
weshalb wir an der ETH Zürich derzeit ein
Benchmark-Instrument für weitere Länder ent-
wickeln. Da insbesondere Entwicklungslän-
der von einer verbesserten Governance in der
Berufsbildung profitieren können, haben wir
Fragmentiert und inputorientiert 10 Koordiniert und inputorientiert vergangenes Jahr in Nepal solche Steuerungs-
mechanismen untersucht. Das Projekt bot Ge-
legenheit, die oben beschriebenen Governan-
Die horizontale Achse drückt die Werte auf dem Kontinuum zwischen einem tie-
fen Integrationsgrad von Akteuren (Wert = 1) und einem hohen Integrationsgrad ce-Modelle anzupassen und zu messen.3 Nepal
(10) aus. Die vertikale Achse zeigt das Kontinuum zwischen Input- (10) und Output- drängt sich diesbezüglich geradezu für eine
orientierung (1) von Anreizmechanismen. solche Messung auf, da es sich mitten in einem

20  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

Für Entwicklungs-
länder lohnen sich
Verbesserungen im
Bildungssystem:
Elektronik-Unterricht
ALAMY

in Nepal.

komplexen Föderalisierungsprozess befindet Erfreulicherweise zeigte unsere Studie bereits


und auch die Berufsbildung neu organisiert wer- Wirkung. So ist in der neuen nationalen Regie-
den muss. Eine Änderung in Richtung wirksa- rung nur noch das Bildungsministerium für die
mer Steuerung ist in einer solchen Situation ein- formale Berufsbildung zuständig.
facher zu realisieren, als wenn zuerst sämtliche Das Benchmark-Instrument entwickeln
Ministerien von einer Reform hin zu einer bes- wir laufend weiter, damit es in weiteren Län-
seren Koordination überzeugt werden müssen. dern zum Zug kommen kann. Ziel ist es, der-
In einer Umfrage wollten wir wissen, wie Ex- einst weltweit die Zusammenhänge zwischen
perten die Situation heute und für das Jahr 2030 der Leistungsfähigkeit von Berufsbildungs-
einschätzen (siehe Abbildung). Gegenwärtig systemen und den Governance-Modellen zu
sind die Berufsbildungsaktivitäten und die non- analysieren.
formalen Arbeitsmarktintegrationsprogramme
in Nepal nicht getrennt behandelt und auf rund
17 Ministerien verteilt. Entsprechend fassen die
Experten ihre heutige Situation als fragmen-
tiert-inputorientiert auf. Die Zukunft soll ein-
heitlicher sein. Nepal strebt eine hohe Koordi-
nation und Outputorientierung an, welche es im
neuen Berufsbildungsgesetz regeln will.
Zusammenfassend lässt sich für Nepal sagen: Ursula Renold
Dr. phil., Leiterin Forschungsbereich Bildungssysteme,
Die Föderalisierung der Bildung und die damit KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich
verbundene Neukonzeption des Berufsbildungs-
wesens in Nepal sind eine einmalige Chance, Literatur
die Steuerungsmechanismen neu zu definieren. Rauner, Felix und Wolfgang Arno Wittig (2009). Steuerung der be-
Dazu muss beispielsweise geklärt werden, wie ruflichen Bildung im internationalen Vergleich, Gütersloh, Bertels-
mann Stiftung.
viele Ministerien künftig für die Regelung der Renold, Ursula und Thomas Bolli (2016). Berufsbildung: Das Erfolgs-
rezept der Schweiz, in: Die Volkswirtschaft, 24. November 2016.
Berufsbildung zuständig sein sollen oder welche Renold, Ursula und Katherine M. Caves (2017). Constitutional Reform
Anreize gesetzt werden können, damit Firmen and Its Impact on TVET Governance in Nepal. A Report in Support of
Developing Understanding and Finding the Way Forward for Fede-
sich substanziell an der Ausbildung beteiligen. ralizing the TVET Sector in Nepal. KOF Studies, No. 89. April 2017.

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 21


BILDUNG

Neue Technologien für


die Bildung in der Schweiz
Die ETH Lausanne treibt die digitale Bildung voran. Im «Edtech»-Sektor ihres Innova-
tionsparks finden sich bereits 70 Start-ups.  Pierre Dillenbourg

Abstract    Der Markt für Technologien im Bildungsbereich (Educational Lernende. Ein Lernender ist beispielsweise je-
Technologies, «Edtech») ist stark fragmentiert. Unzählige Start-ups bie- mand, der sich für einen «Massive Open On-
ten vielfältige Lerntools an. Ihr Finanzbedarf ist relativ bescheiden, das line Course» (Mooc) anmeldet. Als Mooc wer-
Zielpublikum jedoch heterogen und häufig an Budgetvorgaben gebunden.
den Lehreinheiten in der Erwachsenenbildung
Die ETH Lausanne hat sich in Europa als ein Zentrum für digitale Bildung
bezeichnet, die online auch Nichtstudenten zur
etabliert und den Innovationsinkubator Swiss Edtech Collider gegründet,
der Jungunternehmen in dieser Sparte fördert. Ein Jahr nach dessen Grün- Verfügung stehen.
dung brüten dort bereits 70 Start-ups Ideen aus. Die EPFL unterstützt diese,
indem sie Treffen mit Investoren organisiert und neue Produkte testet. Langsames Wachstum
Edtech-Start-ups wachsen relativ langsam – vor

B ildung ist ein zentraler Bestandteil der


Schweizer Wirtschaft, sowohl im öffentli-
chen als auch im privaten Sektor. Der Markt für
allem wenn sie auf die öffentliche Bildung aus-
gerichtet sind.1 Teilweise liegt dies daran, dass
Schulleitungen ein Budget in der Regel mehr
Technologien im Bildungsbereich – Educational als ein Jahr im Voraus beantragen müssen. Die
Technologies (Edtech) – beinhaltet in erster Linie meisten Jungunternehmen expandieren zudem
digitale Lerntools und Services. Auffallend ist das organisch, das heisst eher durch neue Kunden
breite Spektrum an Produkten und Leistungen. als durch Investoren. Wobei: Grosskunden sind
Beispiele sind eine App, mit der Lehrpersonen ad- manchmal durchaus bereit, auch die Rolle eines
ministrative Aufgaben schneller erledigen, eine Investors zu übernehmen.
Lernsoftware für Kinder mit Dyslexie, ein Robo- Die meisten Start-ups benötigen keine astro-
ter zum Erwerb von Programmierkenntnissen, nomischen Summen. Bei einem Investorentref-
eine App für Eltern, die Nachhilfestunden für fen reichten kürzlich die Wünsche von 200 000
ihre Kinder organisieren wollen, ein Kit, das Ju- bis 2 Millionen Franken, hauptsächlich zur Kun-
gendlichen die Sonnenenergie erklärt, eine Platt- denakquisition und zur Erweiterung der be-
form für Onlinekurse in einer Firma oder ein Tool reitgestellten Inhalte. Interessant ist auch, dass
zur Rekrutierung von Hochschulstudierenden. ein Teil der Jungunternehmen nicht gewinn-
Da es unzählige Edtech-Anbieter gibt und kein orientiert arbeitet: Sie träumen nicht davon, in
Produktkatalog besteht, ist es für Bildungsver- drei Jahren von einer grossen Schwester aufge-
antwortliche schwierig, sich einen Überblick zu kauft zu werden, sondern wollen sich weiter-
verschaffen. Bevor sie ein Tool beschaffen kön- entwickeln, Arbeitsplätze schaffen und vor al-
nen, müssen sie mehrere Anbieter konsultieren. lem einen positiven Beitrag zur Bildung leisten.
Der Markt ist in zahllose Start-ups zersplit- Ein solcher Fall ist Mobsya, ein Spin-off der ETH
tert, von denen die meisten zwischen zwei und Lausanne (EPFL), das bereits mehr als 35 000
zehn Mitarbeitenden beschäftigen. Diese Klein- Roboter an Familien und Schulen verkauft hat.
unternehmen wenden sich zudem oft an he-
terogene Zielgruppen: Entscheidungsträger Innovation am Swiss Edtech Collider
1 Eine Ausnahme ist die
Coorp Academy, ein im Bildungssystem – Lehrkräfte, insbesonde-
vom Innovationspark
der ETH Lausanne ge-
re Schulleitungen und kantonale Verantwort- Die ETH Lausanne hat sich in Europa einen Ruf
fördertes Start-up. liche  –, Eltern, Personalverantwortliche und als Zentrum für digitale Bildung geschaffen. Für

22 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


Ein zielgerichtetes Computer­
programm verbessert den
Lernerfolg in der Schule.

KEYSTONE
BILDUNG

die von ihr bereitgestellten 80 Mooc-Onlinekur- ditionellen Lernmethode, hat sich der Einsatz
se haben sich weltweit bisher über 2 Millionen des Augmented-Reality-Tools gelohnt.
Personen eingeschrieben. Mit dem Online-Wei- Allerdings muss man aufpassen mit Verall-
terbildungsangebot «Extension School» enga- gemeinerungen. So kann man nicht sagen, dass
giert sie sich an vorderster Front in der Vermitt- alle Augmented-Reality-Tools grundsätzlich
lung des Computational Thinking mit oder ohne von Nutzen sind. Wir haben beispielsweise ge-
Roboter. Ausserdem forschen mehrere EPFL-­ zeigt, dass unsere Mooc die Erfolgschancen von
Labors zu Bildungstechnologien, insbesondere Studierenden am Ende unseres sehr selektiven
zur dualen Berufsbildung. Propädeutikjahres steigern. Dies bedeutet aber
Auf diesem fruchtbaren Boden gedeihen nicht, dass alle Mooc effizient sind, sondern gilt
seit vergangenem Jahr 70 Schweizer Start-ups nur für die analysierten Tools.
im Umfeld des Inkubators «Swiss Edtech Col- Dass die Ergebnisse mit Zurückhaltung ver-
lider» am Innovationspark der ETH Lausanne. allgemeinert werden sollten, dürfte keine Über-
Sie profitieren von einem Ökosystem, das Stu- raschung sein – schliesslich würde auch niemand
dierende zu Höchstleistungen motiviert und in behaupten, dass Bücher Lerninhalte effizient
dem Gastdozenten aus der Hochschul- und der vermitteln, sondern wir alle wissen, dass die Wir-
Unternehmenswelt regelmässig Konferenzen kung von der Qualität eines bestimmten Buches
abhalten. Der Technologietransfer zwischen abhängt. Trotzdem kommt es häufig vor, dass
den EPFL-Labors und den Jungunternehmen Medienschaffende allgemeine Fragen über die Ef-
findet dabei in beide Richtungen statt. fizienz von Mooc oder Robotern stellen.
Viele politische Entscheidungen beruhen
Lerntool für Schreiner ebenfalls auf Verallgemeinerungen und dem
festen Glauben, dass eine bestimmte Technolo-
Ein Beispiel für ein in unserem Labor entwi- gie an sich ein bestimmtes Ergebnis gewährleis-
ckeltes Edtech-Werkzeug ist das Augmen- tet. Aus diesem Grund liefern die EPFL-­Labors
ted-Reality-Lerntool, welches der Ausbildung keine «schlüsselfertigen» Lernlösungen, son-
von Logistik- und Schreinereilernenden dient. dern setzen auf einen regelmässigen Austausch
Um die Wirkung des Tools zu messen, verglei- zwischen Forschungslabor und Start-up, um
chen wir die Lernfortschritte von zwei Klas- den Transfer von Forschungsergebnissen zu
sen, von denen die eine das Tool und die ande- maximieren.
re die herkömmliche Methode verwendet hat.
Ausschlaggebend ist dabei der Wissensstand
Pierre Dillenbourg
nach einer Lektion: Wenn die Lernfortschritte Professor und Leiter Computer-Human Interaction
in der Gruppe, die mit dem Tool arbeitet, deut- in Learning and Instruction (Chili), Eidgenössische
­Technische Hochschule Lausanne (EPFL)
lich höher sind als in der Gruppe mit der tra-

24  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

STANDPUNKT VON MICHAEL O. HENGARTNER

Koordination durch Austausch


Die Rektorenkonferenz Swissuniversities pflegt die Kooperation und unterstützt
die Vielfalt. Ziel ist eine komplementäre und attraktive Hochschullandschaft.
Der Austausch zwischen den Schweizer Hoch- Hochschulsystems. Autonomie der Hochschulen,
schulen hat mit der Inkraftsetzung des neuen Freiheit und Einheit von Lehre und Forschung
Hochschulförderungs- und -koordinationsgeset- sowie Wettbewerb sind zentrale Leitlinien der
zes und mit der Gründung der gemeinsamen Hochschulpolitik.
Rektorenkonferenz Swissuniversities vor drei
Jahren an Schwung gewonnen: Die Rektoren «Open Access» für alle
treffen sich nun regelmässig, um die Herausforde-
rungen in Hochschulpolitik, Lehre und Forschung Aktuell beschäftigt sich Swissuniversities unter
zu diskutieren. Sie handeln dabei auch Stellung- anderem mit der gemeinsamen strategischen
nahmen aus, entwickeln Lösungen, verfolgen Planung im Hinblick auf die nächste Botschaft zur
Projekte und arbeiten mit der internationalen Förderung von Bildung, Forschung und Innovation
Hochschulgemeinschaft zusammen. (BFI) für den Zeitraum 2021 bis 2024. Zum ersten
Als junge Organisation ist Swissuniversities in Mal werden dort die strategischen Anliegen der
hohem Tempo unterwegs. In kurzer Zeit fanden universitären Hochschulen, der Fachhochschulen
sich die bisherigen Rektorenkonferenzen der uni- und der pädagogischen Hochschulen gemeinsam
versitären Hochschulen, Fachhochschulen und ausgeführt.
pädagogischen Hochschulen unter dem neuen Auch bei der Erarbeitung der nationalen Strategie
Dach. Dank der Zusammenarbeit lernte man sich «Open Access» waren früh alle Hochschultypen
besser kennen, und es entwickelte sich verstärkt einbezogen. Die Hochschulen schaffen bis 2024 die
ein gegenseitiges Verständnis für die unterschied- Voraussetzungen für den freien Zugang zu allen
lichen Hochschultypen. Dadurch steigt auch der durch öffentliche Mittel finanzierten Publikatio-
Wille, allgemeine Herausforderungen koordiniert nen. «Open Access» basiert auf dem Prinzip, dass
anzugehen und sich gemeinsam einzusetzen für keine finanzielle, technische oder rechtliche
die Qualität und die Wettbewerbsfähigkeit der ge- Barriere den Zugang zur wissenschaftlichen
samtschweizerischen Hochschullandschaft. Da Literatur verhindern sollte. Der Vorteil ist eine
die Hochschulen in diesem Rahmen zu gemein- bessere Sichtbarkeit der Forschung. Davon
samen Positionen kommen, die von allen getra- profitieren die Forschenden, die wissenschaftli-
gen werden, ist Swissuniversities heute eine an- che Gemeinschaft und die breite Öffentlichkeit.
erkannte Stimme der Hochschulgemeinschaft. Sowohl die Strategie wie auch der Aktionsplan
Koordination heisst jedoch nicht Harmonisierung: wurden von der Plenarversammlung verabschie-
Swissuniversities trägt der Vielfalt und der det. «Open Access» ist ein Beispiel dafür, wie die
Diversität der Hochschulen Rechnung. Die Schweizer Hochschulgemeinschaft eine gemein-
verschiedenen Hochschulen sehen sich verschie- same Vision entwickelt und zugleich die Vielfalt
denen Herausforderungen gegenüber, und respektiert.
entsprechend setzen sie ihre Prioritäten anders. Michael O. Hengartner ist Präsident der Rektorenkonferenz
Das ist richtig so und stärkt die Vielfalt des Swissuniversities, Bern

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 25


BILDUNG

STANDPUNKT VON LAURA PERRET

Bildungssystem spiegelt Ungleichheit


Über eine halbe Million Menschen in der Schweiz verfügen lediglich über einen
obligatorischen Schulabschluss. Ihnen bietet das Bildungssystem oftmals keine
echten Chancen.

Das schweizerische Bildungssystem wird inter- Allgemein gilt: Wer aus einer tieferen Gesell-
national gelobt. Dabei geht meist vergessen: In schaftsschicht stammt, ist weniger gut ge-
der Schweiz gibt es rund 600 000 Erwachsene stellt – sowohl in der Bildung wie im Arbeits-
ohne Abschluss auf Sekundarstufe II. Für diese markt. Das Ausbildungssystem reproduziert
Menschen, die weder über einen Lehrabschluss somit die soziale Ungleichheit. In der Tat neh-
noch über ein Maturitätszeugnis verfügen, ist es men die Betroffenen weniger oft höher oder
sehr schwer, sich auf dem Arbeitsmarkt zu integ- weiter qualifizierende Ausbildungen in Angriff.
rieren und zu halten. Bei schlechter Wirtschafts-
lage sind sie rasch von Arbeitslosigkeit bedroht. Fünf Tage Bildung pro Jahr
Hinzu kommt: Für eine betroffene Person, die
arbeitet und Kinder betreut, ist es nicht leicht, Wenn wir das Prinzip der Gerechtigkeit respek-
sich ein Berufsdiplom zu verschaffen. Denn tieren wollen, müssen wir für alle Kategorien
eine Ausbildung verlangt viel Zeit, Flexibilität, und für alle Altersklassen der gesamten hier le-
Geld und die Unterstützung des Partners. Nicht benden Bevölkerung einen Zugang zu Grund-
zuletzt, da die Kinder betreut werden müssen. und Weiterbildung bieten. Für schwach qualifi-
Oft mangelt es an Vereinbarungsmassnahmen. zierte Arbeitnehmende sowie für Menschen mit
Frauen sind stärker betroffen als Männer, da sie Migrationshintergrund und aus benachteilig-
häufiger die tägliche Verantwortung für die Kin- ten Schichten sind zielgerichtete Massnahmen
der wahrnehmen, Teilzeit arbeiten, tiefere Ein- zu entwickeln.
kommen und weniger Zugang zu Weiterbildung Beispielsweise müssen Arbeitgeber die Bildung
haben. Gerade bei der Weiterbildung erhalten sie ihres Personals zeitlich und finanziell vermehrt
vielfach weniger Unterstützung vom Arbeitgeber unterstützen. Massnahmen zur besseren Ver-
als die Männer, wie ein Bericht des Bundesamtes einbarkeit des Berufs- und des Familienlebens
für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2014 zeigt. mit der Bildung sind zu stärken durch mehr
Mühe bekunden auch Personen mit Migrations- ausserschulische Betreuung der Kinder, mehr
hintergrund: Sie absolvieren im Durchschnitt Lohnausgleich sowie eine Flexibilisierung und
weniger häufig eine Weiterbildung und beset- Modularisierung der Ausbildung. Einzufüh-
zen tiefer qualifizierte Stellen als Schweizer. ren ist ein Recht auf fünf Tage Bildung pro Jahr
Besonders benachteiligt sind Flüchtlinge, die sowie auf eine Standortbestimmung alle fünf
oft keine Landessprache sprechen. Da bei ihnen Jahre für über 40-Jährige. Schliesslich soll die
der Zugang zu Bildung vom Aufenthaltsstatus Arbeitslosenversicherung vermehrt neue Aus-
abhängt, finden sie kaum einen Praktikums- bildungen und Umschulungen finanzieren.
platz oder eine Lehrstelle – was sich direkt auf Laura Perret ist stellvertretende Sekretariatsleiterin und Leiterin
den Abschluss auf Sekundarstufe II auswirkt. Bildungspolitik beim Schweizerischen Gewerkschaft sbund, Bern

26 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

STANDPUNKT VON JÜRG ZELLWEGER

Keine Weiterentwicklung ohne Fakten


Mehr denn je müssen die Arbeitgeber als wichtige Akteure auf einer faktenba-
sierten Bildungspolitik bestehen. Sonst wird die Weiterentwicklung zur Lotterie.
Wer sich mit der Digitalisierung, der Fachkräfte- Verbänden, mit denen die berufliche Mobilität
thematik oder mit der Integration verschiedener der Erwerbstätigen für Berufs- und Branchen-
Bevölkerungsgruppen ins Erwerbsleben befasst, wechsel verbessert werden soll.
stösst unweigerlich auf Bildungsthemen. So
stehen Arbeitsmarkt und Bildungssystem über Bildungsbericht als Basis
die Nachfrage nach kompetenten Fachkräften
in Kontakt zueinander. Eine Besonderheit des Eine faktenbasierte Bildungspolitik ist unab-
Schweizer Berufsbildungssystems liegt darin, dingbar, um den Vorstellungen der Arbeitgeber
dass die Arbeitgeber darin systematisch von einer langfristig ausgelegten, effektiven, ef-
eingebunden sind, und zwar weit mehr als in fizienten und chancengerechten Bildungspoli-
Systemen anderer Länder. Zu nennen sind die tik gerecht zu werden. Diese Forderung gründet
grosse Bedeutung der betrieblich organisierten auch auf der Erfahrung, dass sich im laufen-
Berufslehre, der Einfluss der Verbände auf die den Politbetrieb nur wenige mit Systemzusam-
Bildungsinhalte, das hohe finanzielle Engage- menhängen, tatsächlichen Resultaten und dem
ment sowie die freiwillige Bereitstellung der gezielten Mitteleinsatz für Bildung auseinan-
dazu nötigen Verbandsstruktur, inklusive dersetzen. Entsprechend lautet ein Leitsatz des
entsprechender Milizarbeit. Dieses milliarden- Schweizerischen Arbeitgeberverbandes: «Die
schwere Engagement der Wirtschaft für die Erkenntnisse aus dem Prozess des Bildungs-
Berufsbildung führt zum guten Leistungsaus- monitorings Schweiz sowie der entsprechen-
weis unseres gesamten Bildungswesens. den Bildungsberichte sind zu nutzen und in die
Natürlich besteht der Wunsch nach Verbesse- Weiterentwicklung des Systems und in den Bil-
rungen und Weiterentwicklung. Die Rahmenbe- dungsalltag einfliessen zu lassen.»
dingungen ändern sich, und die gegenwärtigen Der nationale Bildungsbericht 2018 erscheint also
Herausforderungen führen zu einer gewissen zur richtigen Zeit. Er wird dazu beitragen, erst
Verunsicherung. Aus Arbeitgebersicht gilt es si- einmal zu begreifen, wie das (Berufs-)Bildungs-
cherzustellen, dass das Bildungssystem für die wesen funktioniert, welche Eigenschaften es er-
Zukunft gerüstet ist. Aus- und Weiterbildung folgreich machen, aber auch mögliche Dysfunk-
sollen dazu beitragen, die Chancen der digitalen tionen zu orten. Kritiker sprechen daher vom
Wirtschaft zu nutzen, aber auch rasche Verän- Blick in den «Rückspiegel». Ihnen ist entgegenzu-
derungen oder gar Umbrüche auf dem Arbeits- halten, dass der Bildungsbericht das Fundament
markt zu bewältigen. Mehrere Aktivitäten tra- für die künftigen Arbeiten sein muss. Ohne ein
gen zu diesen Zielsetzungen bei: Zu erwähnen solches Fundament würde Weiterentwicklung
sind etwa die Überlegungen von Bund, Kan- zur Lotterie mit ungewissem Ausgang.
tonen und Sozialpartnern zur «Berufsbildung
2030», die Berichte der Landesregierung zur Di- Jürg Zellweger ist Mitglied der Geschäft sleitung und Leiter Res-
gitalisierung und Bildung oder die Arbeiten von sort Bildung beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, Zürich

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 27


VIVIANE FUTTERKNECHT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT / ARCHIV

«Der Staat soll nur unterstützend eingreifen.»


Bundesrat Johann Schneider-Ammann
im Gespräch mit der «Volkswirtschaft».
FOKUS

«Die Berufsbildung liegt


mir besonders am Herzen»
Lebenslanges Lernen ist in der Berufswelt unabdingbar. Die Unternehmen sollen Weiter­
bildungen von Mitarbeitenden begünstigen, wie Bildungsminister Johann Schneider-­
Ammann sagt. Er selbst will sich nach dem Ende seiner Bundesratszeit den Fremd­sprachen
widmen.   Susanne Blank, Nicole Tesar

Welchen Beruf wollten Sie als Kind erlernen? Brücken-, Coaching- und Mentoring-Angebote
Bergführer oder Zimmermann. Das waren mei- zur Verfügung. Diese Angebote gilt es zu nutzen
ne ersten ernsthaften Berufswünsche. und zu koordinieren. Bund und Kantone wollen
zudem anerkannten Flüchtlingen und vorläu-
Was empfehlen Sie heute einem Neuntklässler? fig Aufgenommenen den Eintritt in eine Berufs­
Er soll auf Interesse und Begabung schauen. Der lehre erleichtern.
erste Entscheid für einen beruflichen Weg wird
mit Sicherheit nicht der letzte sein. Dank unse- Der berufliche Erfolg hängt in der Schweiz
rem durchlässigen System sind später Abzwei- vom sozialen Status der Eltern ab. Was tut der
gungen möglich. Staat?
Zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg be-
Bilden wir genügend Techniker aus? steht am Ende der neunten Klasse effektiv ein
Seit sieben Jahren steigen die Studierendenzah- gewisser Zusammenhang, wie die Pisa-Erhe-
len in den Fachbereichen Mathematik, Informa- bungen zeigen. Allerdings ist der Zugang zur
tik, Naturwissenschaften und Technik an den Tertiärbildung in der Schweiz deutlich weniger
Hochschulen stärker als in den übrigen Fächern. stark von der Bildung der Eltern abhängig als in
Das ist erfreulich. Ländern wie beispielsweise Deutschland oder
Dänemark. Das liegt insbesondere an der von
Jeder zehnte Jugendliche verfügt weder über Bund und Kantonen engagiert verfolgten hohen
einen Lehrabschluss noch über eine Maturität, Durchlässigkeit unseres Bildungssystems, das
sondern hat lediglich die obligatorische Schu- solche Disparitäten zu mindern vermag.
le abgeschlossen. Bund und Kantone wollen
die Quote auf 5 Prozent senken. Ist dieses Ziel Anfang Jahr haben Bund, Kantone und Organi-
überhaupt realistisch? sationen der Arbeitswelt das Leitbild «Berufs-
Es ist ambitioniert. Bei den in der Schweiz gebo- bildung 2030» einstimmig verabschiedet. Die
renen Jugendlichen sind wir bereits nahe dran:
Von den 25-Jährigen verfügen 94 Prozent über
einen nachobligatorischen Abschluss.  Hin- Johann N. Schneider-Ammann
gegen ist das Ziel für Personen, die erst später in Der 66-jährige Bundesrat Johann N. Schneider-Ammann ist seit
die Schweiz kamen und somit unser Bildungs­ 2010 Vorsteher des Departements für Wirtschaft, Bildung und
system nicht vollständig durchlaufen haben, Forschung (WBF). In dieser Funktion präsidiert er die Schwei-
zerische Hochschulkonferenz (SHK). In den Siebzigerjahren
mit lediglich 73 Prozent noch nicht erreicht. studierte er an der ETH Zürich Elektrotechnik. Im Jahr 1990
Hier sind weitere Anstrengungen nötig. übernahm er die Leitung des Langenthaler Maschinenbauunter-
nehmens Ammann Group. Neun Jahre später wurde der Berner
FDP-Politiker in den Nationalrat gewählt. Gleichzeitig präsi-
Welche?
dierte er den Verband der schweizerischen Maschinen-, Elek-
Jugendlichen, die keine Lehrstelle finden oder tro- und Metallindustrie Swissmem. Seinen Rücktritt aus dem
Schwierigkeiten in der Lehrzeit haben, stehen Bundesrat hat er auf das Legislaturende 2019 angekündigt.

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  29
BILDUNG

Grundsätze sind allgemein gehalten. Handelt es begünstigen. Meines Wissens lassen sich auf-
sich um einen Papiertiger? grund des Geschlechts keine signifi kanten
Nein, das ist ein nützliches Papier, das nun aber Unterschiede feststellen. Auch bei den Teil-
noch in Projekten konkretisiert werden muss. zeitbeschäftigten mit einem Beschäftigungs-
Daran arbeiten die Verbundpartner der Berufs- grad zwischen 50 und 90 Prozent kommen
bildung – Bund, Kantone, Organisationen der zwei Drittel der Betroffenen in den Genuss von
Arbeitswelt – gemeinsam. arbeitgeberunterstützter Weiterbildung. Per-
sonen, die weniger als 50 Prozent arbeiten,
Die von Ihnen im Jahr 2011 werden hingegen seltener unterstützt. Am we-
«Ein Neuntklässler lancierte Fachkräfteinitiative nigsten unterstützen Arbeitgeber Mitarbeiter
soll auf Interesse und setzt unter anderem auf ohne Berufsabschluss. Die Weiterbildung von
die Berufsbildung für Niedrigqualifi zierten fördert der Bund des-
Begabung schauen.»
Erwachsene: Ungelernte halb mit dem Programm «Grundkompetenzen
Erwachsene können einen am Arbeitsplatz».
staatlich anerkannten Abschluss nachholen.
Wie erfolgreich ist dieses Instrument? Der Bundesrat hat jüngst beschlossen, mehr
Wir sind zufrieden: Seither hat die Zahl der Geld für die höhere Berufsbildung auszugeben.
Erwachsenen ohne Berufsabschluss um über Wer sich auf eine eidgenössische Prüfung vor-
10  Prozent abgenommen, und die Zahl der Be- bereitet, wird seit Anfang Jahr finanziell unter-
rufsabschlüsse von Erwachsenen steigt von Jahr stützt. Warum?
zu Jahr. Die Schweiz braucht mehr hoch qualifi zierte
Fachkräfte. Mit den Bundesbeiträgen wollen
Sie betonen die Wichtigkeit des lebenslangen wir die Kursteilnehmer fi nanziell entlasten
Lernens. Wo beginnt die Eigenverantwortung und zu einer Höherqualifi zierung motivieren.
des Einzelnen? Zudem wollen wir mehr Gerechtigkeit auf der
Lebenslanges Lernen ist ein Muss – jeder ist tertiären Bildungsstufe schaffen. Im Vergleich
selber dafür verantwortlich. Der Staat soll nur zu den Hochschulen erhält die höhere Berufs-
unterstützend eingreifen. bildung wenig öffentliche Mittel.

Lohnt es sich für den Staat, eine Weiterbildung Woher nimmt der Bund das Geld?
zu finanzieren? Wirtschaft, Kantone und Bund fi nanzieren die
Man muss über das eigene Kässeli hinausden- höhere Berufsbildung gemeinsam. Sie ist einer
ken – dann lohnt es sich gesamtwirtschaftlich. der Schwerpunkte in der laufenden Förder-
So entlastet eine von der Arbeitslosenversi- periode. Die dafür notwendigen Mittel hat das
cherung bezahlte Weiterbildung möglicher- Parlament bewilligt. Insgesamt sind für die
weise  – ohne das direkt zu beabsichtigen – Jahre 2017 bis 2020 rund 360 Millionen Fran-
die Gesundheitskosten und trägt zu höheren ken vorgesehen.
Steuereinnahmen bei. Oder: Indem der Staat
einen Sprachkurs finanziert, sinken die Sozial- Der liberale Thinktank Avenirsuisse kritisiert,
hilfekosten. bei den Hochschulen finde eine Nivellierung
gegen unten statt. Was sagen Sie dazu?
Ältere Arbeitnehmende, Niedrigqualifizier- Verbesserungen sind immer möglich. Wir
te oder Teilzeit arbeitende Frauen sind be- sprechen hier von Optimierungen auf hohem
nachteiligt, wenn es um Weiterbildung geht: Niveau. Schweizer Universitäten spielen in der
Arbeitgeber ermöglichen ihnen nur selten eine Topliga: Die ETH Zürich gilt als die beste kon-
Weiterbildung, wie Daten des Bundesamtes für tinentaleuropäische Hochschule. Die Leistun-
Statistik zeigen. Sollten die Unternehmen hier gen unserer Hochschulen sind unter anderem
nicht mehr tun? auch deswegen so gut, weil wir in der Schweiz
Es steht im Interesse der Arbeitgeber, die Wei- das Phänomen der Massenuniversitäten nicht
terbildung ihrer Mitarbeiter auf allen Stufen zu kennen.

30 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


FOKUS

VIVIANE FUTTERKNECHT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT / ARCHIV


Was sagen Sie zum Vorwurf, die Bürokratie in ze ich mich dafür ein, die Studienabbrüche so
Lehre und Forschung nehme zu? stark zu reduzieren wie möglich. Die Hoch-
Schon früher klagten Professoren über viel schulen sind nicht untätig geblieben. So infor-
Bürokratie, weil sie sich mit Dingen wie Imma- mieren sie beispielsweise die Gymnasiasten
trikulation, Testaten und der Organisation von über die Studienvoraussetzungen, führen As-
Prüfungsaufsichten befassen mussten.  Diesbe- sessments durch und haben ein Mentorsystem
züglich werden sie inzwischen von einer profes- aufgebaut.
sionellen Hochschuladministration entlastet.
Heute kritisieren sie den Mehraufwand, der bei Ein radikaler Weg wäre ein
der Qualitätssicherung, der Führung oder der flächendeckender Numerus «Ich habe eine Begabung
Drittmittelakquisition entsteht. Es gilt, unnöti- clausus. für alles im Zusammen-
ge Bürokratie zu vermeiden. Letztlich muss eine Im Gegensatz zu unseren hang mit Zahlen.»
Balance zwischen der Forschungsfreiheit und Nachbarländern haben wir
einem sorgfältigen Umgang mit öffentlichen eine tiefe gymnasiale Matu-
Geldern gefunden werden. ritätsquote. Wer in der Schweiz eine Maturität
in der Tasche hat, kann grundsätzlich direkt an
Jeder vierte Student bricht das Studium ab. Was einer Hochschule studieren. Das soll weiterhin
kann dagegen getan werden? so bleiben. Ausnahmen kennen wir zurzeit nur
Diese hohe Zahl täuscht: Sie beinhaltet auch in speziellen Bereichen wie in der Medizin, wo
Studierende, die ihr Fach oder die Ausbildung die Ausbildung auch qualifizierte und teure Pra-
wechseln. Wirklich problematisch sind nur xisplätze erfordert.
diejenigen Fälle, wo Studierende am Schluss
ohne Abschluss dastehen. Als Präsident der Die Berufswelt wird zusehends akademisiert.
Schweizerischen Hochschulkonferenz set- So fordern die Rektoren der pädagogischen

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 31


BILDUNG

Hochschulen einen Masterabschluss für Primar­ in unserem Land eine Stelle anbieten zu kön-
lehrer und Kindergärtner. Ist das in Ihrem Sinn? nen und so praktisch Vollbeschäftigung zu
Ausbildungswege sollten wir nur dann verlän- sichern. Bildung ist die beste Einladung zum
gern, wenn es notwendig ist und die Arbeits- Erfolg. Dadurch bleiben wir an der Spitze der
welt dies auch ausdrücklich verlangt. Die Ver- Innovationsrankings.
längerung von Ausbildungen ist teuer, und sie
geht erfahrungsgemäss zulasten sozial be- Wenn Sie auf Ihren beruflichen
nachteiligter Studierender und bereits im Ein- Werdegang zurück­blicken, «Am wenigsten
satz stehender Fachkräfte, die nicht über ein was würden Sie anders ma- ­unterstützen Arbeit-
neues Diplom verfügen. Kommt dazu: Länge- chen? geber Mitarbeiter ohne
re Ausbildungswege entziehen dem Arbeits- Ich habe eine Begabung für
markt wertvolle Fachkräfte beziehungsweise alles im Zusammenhang mit
­Berufsabschluss.»
verzögern deren Eintritt in die Arbeitswelt. Zahlen. Darum schloss ich
ein wissenschaftliches Studium ab. Im Rück-
Was heisst dies im Fall der Primarlehrer? blick würde ich es so machen wie mein Sohn,
Darüber müssen die Kantone als Arbeitgeber der sein Studium teilweise in französischer
der Lehrer und Zuständige für die Lehrerbil- und teilweise in englischer Sprache absolviert
dung entscheiden – derzeit erachtet die Kon- hat.
ferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren
einen Bachelorabschluss für Primarlehrer als Was möchten Sie gerne noch lernen?
ausreichend. Wie bereits gesagt, sind Sprachen in Zeiten der
Globalisierung das A und O, und das je länger,
Sie sind der erste Bundesrat, der die Bildung je mehr. Neben Französisch und Englisch wä-
komplett unter sich hat. Welche bildungs­ ren auch die anderen Sprachen der Weltmärk-
politischen Ziele wollen Sie bis zum Ende Ihrer te, insbesondere Spanisch und Chinesisch,
Bundesratszeit noch erreichen? von Nutzen.
Ich engagiere mich voll und ganz für die Bil-
dung. Besonders am Herzen liegt mir die Be- Interview (schriftlich): Susanne Blank,
rufsbildung. Mein Ziel ist es, allen Menschen Nicole Tesar, Co-Chefredaktorinnen

32  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


12. November 2018
KKL Luzern

att
rrab
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Fr li
1. Ju

20 %
bis 3

www.europaforum.ch

Jean-Marc Ayrault Roberto Balzaretti Klaus Helmrich Ludo Ooms Hiltrud Dorothea
Ehem. Premier- und Staatssekretär, Mitglied des Global Integration Werner
Aussenminister der Direktor der DEA Vorstands, Leader, Actelion Mitglied des
Französischen Republik Siemens AG Konzernvorstands,
Volkswagen AG

Partner
ARBEITSMARKT

Arbeitsmarktliche Massnahmen
gezielt messen
Bewerbungskurse, Praktika und Programme zur vorübergehenden Beschäftigung: Die Wirk-
samkeit von solchen arbeitsmarktlichen Massnahmen ist oft unklar. In einem Pilotprojekt
testeten sieben Regionale Arbeitsvermittlungszentren (RAV) deshalb deren systematische
Erfolgsmessung.  David Liechti, Christian Müller, Simon Röthlisberger

Abstract  Aufgrund von Empfehlungen aus Berichten des Bundesrates und der Eid- Massnahmen kann einen signifikanten Bei-
genössischen Finanzkontrolle (EFK) hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) trag zur raschen und dauerhaften Reinte-
ein Grobkonzept für eine Wirkungsmessung der arbeitsmarktlichen Massnahmen gration leisten. Auch die beiden jüngsten
entwickelt. Dieses sieht vor, dass die Personalberatenden der Regionalen Arbeits- Berichte des Bundesrates und der Eidge-
vermittlungszentren (RAV) vor jedem Entscheid über eine Massnahme zusammen mit nössischen Finanzkontrolle (EFK) zu den
den Stellensuchenden Kompetenzziele formulieren und danach die Zielerreichung arbeitsmarktlichen Massnahmen kommen
evaluieren und schriftlich festhalten. Das Konzept wurde mit den Kantonen Aargau, zum Schluss, dass ein zielgerichteter Ein-
Schwyz und Zürich konkretisiert und zwischen Februar und Oktober 2017 in einem satz mit klar definierten Zielvereinbarungen
Pilotprojekt getestet. Die Machbarkeitsstudie, welche von B,S,S. Volkswirtschaft- ein wichtiger Erfolgsfaktor für deren Wirk-
liche Beratung durchgeführt worden ist, kommt zum Schluss, dass die Wirkungs- samkeit darstellt.6
messung grundsätzlich praxistauglich ist. Deshalb hat das Seco entschieden, dieses Aus den Untersuchungen geht allerdings
Instrument künftig in die Fachapplikation der RAV zu integrieren und die pilotierten auch hervor, dass die arbeitsmarktlichen
Prozesse in enger Zusammenarbeit mit den kantonalen Vollzugsstellen national um- Massnahmen teilweise noch zu wenig ge-
zusetzen. zielt eingesetzt werden. So gaben beispiels-
weise in der letzten RAV-Kundenumfrage
nur rund drei Viertel der Befragten an, die

D  ie Personalberater der Regionalen


Arbeitsvermittlungszentren (RAV) ana-
lysieren in den Beratungsgesprächen ge-
derten Massnahmen kontrolliert und bei der
Vorbereitung und Durchführung weiterer
Massnahmen berücksichtigt wird.2
gewählte Massnahme sei bei der Stellensu-
che nützlich gewesen.7
Vereinfacht gesagt heisst dies für die
meinsam mit den Stellensuchenden die Si- Um in Erfahrung zu bringen, wie sich Praxis: Der richtigen Person muss zur rich-
tuation der Betroffenen. In vielen Fällen die arbeitsmarktlichen Massnahmen auf tigen Zeit die richtige arbeitsmarktliche
stellt es sich als sinnvoll heraus, sogenann- die Arbeitsmarktintegration auswirken, hat Massnahme zugewiesen werden. Sobald
te arbeitsmarktliche Massnahmen einzuset- das Seco in den vergangenen Jahren meh- die RAV-Personalberatenden und die Stel-
zen. Dies sind beispielsweise Bewerbungs- rere Studien in Auftrag gegeben. So wur- lensuchenden eine Massnahme beschlies-
und Weiterbildungskurse, Berufspraktika de beispielsweise untersucht, inwiefern sen, sollten sie gemeinsam die Erwartungen
sowie Programme zur vorübergehenden Be- die Beschäftigungsprogramme und Zwi- und Ziele vereinbaren und deren Erreichung
schäftigung.1 Die Überlegung dahinter ist: schenverdienste die gesamtwirtschaftli- nach Abschluss der Massnahme evaluieren.
Indem die Stellensuchenden ihre Fachkennt- che Arbeitslosigkeit zu senken vermögen.3 Ein wirksamer Einsatz einer Massnahme ist
nisse verbessern, neue Techniken lernen Eine weitere Studienfrage lautete: Welche zudem nur bei einer engen Zusammenarbeit
und Kontakte knüpfen, verbessern sie ihre arbeitsmarktlichen Massnahmen unter- zwischen den RAV und den Logistikstellen
Chancen auf dem Arbeitsmarkt gezielt. stützen die berufliche Integration von jun- für arbeitsmarktliche Massnahmen (LAM)
Im Sinne der aktiven Arbeitsmarktpoli- gen, niedrig qualifizierten beziehungswei- möglich, welche die Massnahmen auf den
tik fördert die öffentliche Arbeitsvermitt- se älteren, gut qualifizierten Stellensuchen- Arbeitsmarkt ausrichten und beschaffen.
lung mit diesem Instrument die rasche und den?4 In einer jüngeren Arbeit wurde der Aufgrund dieser Erkenntnisse hat das
dauerhafte Integration der Stellensuchen- Einfluss auf das Bewerbungsverhalten der Seco ein Konzept für eine Wirkungsmes-
den in den Arbeitsmarkt. Die Kosten dafür Stellensuchenden und auf die Zahl der Vor- sung der arbeitsmarktlichen Massnahmen
sind erheblich: Im Jahr 2017 wurden in der stellungsgespräche erforscht.5 erarbeitet – mit dem Ziel, bestehende Wis-
Schweiz 637 Millionen Franken ausgegeben. senslücken zu schliessen und die oben ge-
Als Ausgleichsstelle der Arbeitslosenver- Massgeschneiderte Massnahmen nannten Empfehlungen umzusetzen. Das
sicherung ist das Staatssekretariat für Wirt- Konzept sieht vor, die Wirkung einer be-
schaft (Seco) gesetzlich verpflichtet, die Zusammengefasst zeigen die Resultate: Ein stimmten Massnahme daran zu messen,
Bedürfnisse und Erfahrungen der arbeits- gezielter Einsatz von arbeitsmarktlichen wie sie sich auf das Kompetenzprofil der be-
marktlichen Massnahmen zu evaluieren und troffenen Stellensuchenden auswirkt. Dazu
dafür zu sorgen, dass der Erfolg der geför- 2 Art. 59a Avig.
3 Lalive et al. (2006). 6 Bundesrat (2015) und Eidgenössische Finanzkontrolle
4 Bieri et al. (2006). (2015).
1 Siehe Seco (2013). 5 Morlok et al. (2014). 7 Bundesrat (2017).

34  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


ARBEITSMARKT

sollen in den Beratungsgesprächen mess- Pilotprojekt in sieben RAV RAV und LAM – die zu prüfenden arbeits-
bare Kompetenzziele festgelegt und deren marktlichen Massnahmen aus. Daraus lei-
Erreichung im Anschluss an den Massnah- Im Auftrag des Seco hat das Forschungs- teten die Arbeitsgruppen Kompetenzzie-
menbesuch überprüft werden. Ein solches und Beratungsunternehmen B,S,S. die le ab wie beispielsweise «Standortbestim-
Vorgehen führt nicht nur zu einer höheren Machbarkeit der neuen Wirkungsmessung mung ist abgeschlossen», «Suchbereich ist
Verbindlichkeit, sondern motiviert die be- in sieben RAV aus den Kantonen Aargau, geklärt», «Marktgerechtes Bewerbungs-
troffenen Stellensuchenden zur Teilnahme Schwyz und Zürich als Pilotprojekt getes- dossier ist erstellt» oder «Motivation und
an einer Massnahme. Zudem setzen sich die tet.8 In jedem Kanton wählte eine für das Engagement sind gesteigert».
Personalberatenden stärker mit den Zielen Pilotprojekt konstituierte Arbeitsgruppe – Anschliessend definierten die Arbeits-
der arbeitsmarktlichen Massnahmen aus- zusammengesetzt aus Mitarbeitenden von gruppen die Prozesse rund um die Wir-
einander und können dadurch ihre Verfü- kungsmessung. So sieht der Prozessablauf
gungspraxis optimieren. 8 B, S, S. (2018). beispielsweise vor, dass Personalberatende
und Stellensuchende gemeinsam drei oder
mehr Ziele vereinbaren, bevor eine arbeits-
Abb. 1: «Haben Sie sich während der Pilotphase vermehrt mit der Zielsetzung marktliche Massnahme besucht wird. Die-
und der Wirkung von arbeitsmarktlichen Massnahmen auseinandergesetzt?» se Ziele werden in einem Formular doku-
mentiert. Sobald eine Massnahme abge-
schlossen ist, wird erneut gemeinsam im
Kanton A
Beratungsgespräch ermittelt, inwiefern die
Zielsetzungen erreicht wurden. Auch die-
se Einschätzung wird schriftlich dokumen-

B,S,S. (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Kanton B tiert.
Die Machbarkeit des Pilotprojekts wur-
de entlang von drei Zielgrössen geprüft.
Die erste lautet: «Zielsetzungen für den Be-
Kanton C such einer arbeitsmarktlichen Massnahme
werden mit den Stellensuchenden gemein-
In %     0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100 sam vereinbart»; die zweite: «Die Ausein-
  ja            eher ja            eher nein            nein andersetzung mit der Wirkung der arbeits-
marktlichen Massnahme wird gestärkt»;
Befragung vom Oktober 2017 von RAV-Personalberatern in den Kantonen Aargau, Schwyz und Zürich
(anonymisiert). Auswertung von 136 Antworten.
und die dritte: «Neue Erkenntnisse zu den
arbeitsmarktlichen Massnahmen werden
gewonnen.»
Abb. 2: Ausgewählte Kompetenzziele für Stellensuchende (Häufigkeit in %) Zusätzlich wurde untersucht, ob Auf-
wand und Ertrag in einem adäquaten Ver-
Marktgerechtes Bewerbungsdossier hältnis zueinander stehen. Die folgenden
ist erstellt
Einschätzungen basieren insbesondere auf
Bewerbungsstrategie ist zweckmässig einer am Ende der Piloterhebung durchge-
führten Befragung der Personalberatenden
Auftritt ist marktgerecht und wirkungsvoll der beteiligten RAV.

Suchbereich ist geklärt Zielsetzungen gemeinsam


Selbstvertrauen ist gestärkt
­vereinbaren
Der Anteil der Stellensuchenden, bei
Qualität Bewerbungen ist verbessert denen vor dem Besuch einer arbeitsmarkt-
lichen Massnahme die Ziele besprochen
Standortbestimmung ist abgeschlossen werden konnten, variiert je nach Kanton
zwischen rund 50 und 80 Prozent. Grün-
B,S,S. (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Motivation und Engagement sind gesteigert de, warum die Zielsetzung nicht mit al-
len Stellensuchenden besprochen werden
Selbstreflexion ist gesteigert konnte, waren unter anderem Zeitman-
gel während des Beratungsgesprächs oder
Anzahl Bewerbungen ist gesteigert mangelnde Sprachkenntnisse der Stellen-
In %     0 10 20 30 40 50 60 70 80 suchenden. Zum Teil ging die Dokumen-
tation der Zielsetzung aber auch einfach
  Ziel erreicht            Ziel nicht erreicht            Ziel nicht bewertet
vergessen.
Lesebeispiel: Das Kompetenzziel «Marktgerechtes Bewerbungsdossier ist erstellt» wurde bei rund
Nachdem eine Massnahme durchgeführt
75 Prozent der Stellensuchenden ausgewählt. Bei rund 65 Prozent wurde dieses Ziel erreicht. worden war, wurde mit 65 bis 73 Prozent der
Bei je ca. 5 Prozent wurde es nicht erreicht beziehungsweise nicht bewertet. Stellensuchenden die Zielerreichung be-

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  35
ARBEITSMARKT

sprochen. Die Gründe, warum eine Nachbe- schen 32 und 45 Prozent der Personalbe- Zeitaufwand noch zu gross
sprechung nicht stattfand oder nicht doku- rater an, dass sie ihre Entscheide darüber,
mentiert wurde, waren ähnlich wie die be- welche Massnahmen sie in welcher Situa- Neben den drei Zielen für die Wirkungs-
reits genannten. tion und zu welchem Zeitpunkt einsetzen, messung ist auch das Aufwand-Nut-
Insgesamt wurde das erste Ziel während aufgrund der neuen Erkenntnisse anpas- zen-Verhältnis ein zentrales Element der
der Pilotphase somit noch nicht erreicht. Es sen werden. Unseres Erachtens ist dies ein Machbarkeit. Als eher schwerfällig und
ist davon auszugehen, dass die tiefen Wer- überraschend hoher Anteil. Somit wurde aufwendig haben sich die bei der Piloter-
te mit der Einführung der neuen Prozes- die Zielsetzung 2 erreicht. hebung zusätzlich eingesetzten Formu-
se zu tun haben und über die Zeit verbes- lare herausgestellt: Pro arbeitsmarktliche
sert werden könnten – beispielsweise die Erkenntnisse gewinnen Massnahme, die verfügt wurde, betrug der
Geschwindigkeit der Erfassung. Eine Ein- Zeitaufwand für die Zielfestlegung und
bindung in die Fachapplikation Arbeitsver- Durch die Wirkungsmessung mittels Kom- -beurteilung rund zehn bis zwölf Minuten.
mittlung und Arbeitsmarktstatistik (Avam) petenzzielen kann grundsätzlich eine Rei- Viele Personalberater beurteilten diesen
würde es den Personalberatenden erlau- he neuer Analysen durchgeführt werden. Aufwand  – bei einer durchschnittlichen
ben, Erinnerungsfunktionen zu setzen, so- Insbesondere kann detailliert – das heisst Gesprächsdauer von rund 30 Minuten – als
dass weder die Erfassung der Ziele noch die differenziert nach einzelnen arbeitsmarkt- unverhältnismässig.
Dokumentation der Zielerreichung verges- lichen Massnahmen und deren Anbie- Gleichzeitig anerkennen die meisten, dass
sen gehen. tern – untersucht werden, welche Kompe- eine (optimale) Einbindung der Wirkungs-
tenzziele wie häufig gewählt werden und messung in die Fachapplikation Avam zu
Reflexion der Wirkung wie häufig diese Kompetenzziele erreicht einer deutlichen Effizienzsteigerung bei-
werden (siehe Abbildung 2). tragen würde. Dadurch könnte man den
Rund zwei Drittel der befragten Personal- Laut den kantonalen Arbeitsgruppen Zeitaufwand laut den Personalberatern auf
beratenden sind der Auffassung, dass sie haben die Analysen neue Erkenntnisse ge- fünf bis zehn Minuten reduzieren. Neben
sich während der Pilotphase (eher) ver- neriert, welche für die Beurteilung, die dem Zusatznutzen für die Personalbera-
mehrt mit der Wirkung und der Zielset- Planung und auch die Konzipierung von ter ist auch der gesteigerte Nutzen so-
zung der arbeitsmarktlichen Massnah- arbeitsmarktlichen Massnahmen einen
men auseinandergesetzt haben (siehe klaren Mehrwert darstellen. Zielsetzung 3 Weiterbildungen können die Chancen
Abbildung 1). Je nach Kanton gaben zwi- wurde somit ebenfalls erreicht. von Stellensuchenden auf dem Arbeitsmarkt
verbessern. Dialekt-Kurs in Zürich.

KEYSTONE

36  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


ARBEITSMARKT

wohl für Stellensuchende wie auch für die sichergestellt werden, dass die Erfassung Dadurch können den RAV und den LAM
LAM-Stellen positiv zu erwähnen. der Zielvereinbarung und auch die Zielbe- künftig die nötigen Informationen für
urteilung nicht vergessen gehen. eine systematische Wirkungsmessung der
Wirkungsmessung 2019 geplant Auf nationaler Ebene hat das Seco des- arbeitsmarktlichen Massnahmen anhand
halb entschieden, die Wirkungsmessung aktueller Daten zur Verfügung gestellt
Abschliessend lässt sich sagen: Basierend durch die Ergänzung eines neuen Arbeits- werden. Mit der geplanten Umsetzung der
auf der Piloterhebung, kann die Machbar- prozesses in der Avam-Applikation umzu- Wirkungsmessung wird auch der gesetz-
keit der neuen Wirkungsmessung mittels setzen. Dazu wurde jüngst eine Projekt- lichen Forderung nach einer Erfolgskont-
Kompetenzzielen als grundsätzlich gege- gruppe mit Vertretern des Seco und der rolle der arbeitsmarktlichen Massnahmen
ben bewertet werden. Wichtig scheint in- kantonalen Vollzugsstellen gebildet. De- nachgekommen. Zudem wird den RAV und
des die effiziente Einbindung in die Fach- ren Arbeiten werden voraussichtlich Ende LAM ein neues Steuerungsinstrument zur
applikation Avam. Dadurch kann einerseits 2018 abgeschlossen sein. Das Seco plant, Förderung von «Best Practices» bereitge-
der zeitliche Aufwand für die Dokumenta- die Wirkungsmessung anschliessend um- stellt.
tion reduziert und andererseits im Ablauf zusetzen.

David Liechti Christian Müller Simon Röthlisberger


Senior Berater, B,S,S. Volkswirtschaftliche Leiter Grundlagen Arbeitsmarkt/Arbeits- Leiter Steuerung und Führungsunterstützung
Beratung, Basel losenversicherung, Staatssekretariat für Arbeitsmarkt/Arbeitslosenversicherung,
Wirtschaft (Seco), Bern Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

Literatur
Bieri, O., Bachmann, R., Bodenmüller, D. Bundesrat (2015). Wirksamkeit und Lalive, R., Zehnder, T. und Zweimüller, J. Seco (2013). Arbeitsmarktliche Massnah-
und Balthasar, A. (2006). RAV-Strategien Effizienz der öffentlichen Arbeitsvermitt- (2006). Makroökonomische Evaluation men – Ein erster Schritt zur Wiederein-
zur Arbeitsmarktintegration und deren lung, Bericht in Erfüllung des Postulates der Aktiven Arbeitsmarktpolitik der gliederung, Infobroschüre.
Wirksamkeit. Eine qualitativ-quanti- 13.3361 der Kommission für Wirtschaft Schweiz, Seco-Publikation Arbeits- Seco (2017). Stellensuchende sind
tativ angelegte Evaluation am Beispiel und Abgaben. marktpolitik No 19, Bern. zufrieden mit den RAV und Arbeitslosen-
von jungen, niedrig qualifizierten und Eidgenössische Finanzkontrolle (2015). Morlok, M., Liechti, D., Lalive, R. kassen, Medienmitteilung vom
älteren, gut qualifizierten Personen, Die Programme zur vorübergehenden Osikominu, A. und Zweimüller, J. (2014). 18. Dezember 2017.
Seco-Publikation Arbeitsmarktpolitik Beschäftigung und die Berufspraktika Evaluation der arbeitsmarklichen Mass-
No 17, Bern. der Arbeitslosenversicherung: Evaluation nahmen. Wirkung auf Bewerbungsver-
B,S,S. (2018). Wirkungsmessung AMM der Wirkungen, des Vollzugs und der halten und -chancen. Seco-Publikation
mittels Monitoring der Kompetenzziele, Aufsicht, Bericht. Arbeitsmarktpolitik No 42, Bern.
Machbarkeitsstudie im Auftrag des Seco.

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 37


REGIONALPOLITIK

Homeoffice vor der Bergkulisse


Was bedeutet die Digitalisierung für die ländlichen Gebiete der Schweiz? Eine Studie zeigt,
wie Bund und Kantone mit der Neuen Regionalpolitik die Chancen der Digitalisierung besser
nutzen können. Beispielsweise um ländliche Gebiete für Fachkräfte wieder attraktiver zu ma-
chen.  Remo Zandonella, Vanessa Angst, Thomas von Stokar

Abstract  Automatisierung, mobiles Arbeiten, Reisebuchungen im Internet: Der digi- die NRP relevanten Raumtypen (Agglome-
tale Wandel wird aktuell in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert. Wie wirkt sich die Di- rationen und übrige städtische Gemeinden,
gitalisierung auf Branchen und Unternehmen im ländlichen Raum aus? Und wie kann ­periurbaner ländlicher Raum, alpine Touris-
die Neue Regionalpolitik (NRP) des Bundes die Regionen beim digitalen Strukturwan- muszentren, peripherer ländlicher Raum)
del unterstützen? Der vorliegende Artikel fasst die Ergebnisse einer Studie zusammen, untersucht und Empfehlungen formuliert.
welche die Chancen und Risiken der Digitalisierung für einzelne Raumtypen analysiert
hat. Die Studie zeigt, dass ländliche Regionen insbesondere bei der Fachkräftesuche Fünf Herausforderungen
herausgefordert sind. Die Autoren empfehlen deshalb, die Digitalisierung als Schwer-
punkt in die NRP aufzunehmen und dadurch sichtbarer zu machen. Ebenso sollen Ko- Insgesamt kann sich die Digitalisierung ganz
operationen von Akteuren über verschiedene Regionen hinweg intensiviert werden. unterschiedlich auswirken: Einerseits kön-
nen Automatisierungen zu einem Verlust von
Arbeitsplätzen führen, andererseits können

D  ie Digitalisierung ist aktuell in aller


Munde: Reisebuchungen im Inter-
net, automatisierte Herstellungsprozesse in
Mit der Neuen Regionalpolitik (NRP),
einem Förderinstrument des Bundes, werden
Berggebiete, ländliche Regionen und Grenz-
ausländische Feriengäste über Plattformen zu-
sätzliche Übernachtungen buchen, oder mo-
bilere und standortunabhängige Arbeitsfor-
der Industrie oder mobiles Arbeiten – ganz regionen wirtschaftlich gestärkt (siehe Kas- men können einen Wohnort beleben. Wie sich
unterschiedliche Alltagsbereiche, Branchen ten 1). Doch wie wirkt sich die Digitalisierung diese Wirkungen manifestieren, hängt von
und Tätigkeiten sind davon tangiert. Die auf diese Zielregionen aus? Welche Aspek- den Voraussetzungen in den einzelnen Regio-
Chancen und Risiken, die mit dieser Trans- te der Digitalisierung sind für die Zielgebie- nen ab. Für die Zielregionen der NRP sieht die
formation einhergehen, unterscheiden sich te und Akteure der NRP besonders relevant? Studie grundsätzlich fünf zentrale Herausfor-
je nach Region aber erheblich. Und wie kann die NRP die Regionen beim di- derungen (siehe Abbildung):
Bei der Beschäftigung und der ständi- gitalen Strukturwandel unterstützen? –– Neue Vertriebskanäle: Die digitalen Markt-
gen Wohnbevölkerung zeigt sich für die Angesichts der Herausforderungen durch plätze der Plattformökonomie wie etwa
letzten Jahre: Städte und Agglomerationen die Digitalisierung hat das Ressort Regional- Booking.com sind für Anbieter und Nut-
haben sich im Vergleich zur Gesamtschweiz und Raumordnungspolitik des Staatssekreta- zer von überall auf der Welt erreichbar.
überdurchschnittlich entwickelt. Sie verfü- riats für Wirtschaft (Seco) beim Forschungs- Das bringt den Konsumenten mehr Wahl-
gen über wichtige Standortvorteile in Be- unternehmen Infras eine Studie in Auftrag möglichkeiten und den Unternehmen eine
zug auf hoch qualifizierte Arbeitskräfte, bei gegeben. In dieser Studie1 wurden die Aus- grössere Anzahl potenzieller Kunden. Die
der Nähe zu Bildungs- und Forschungsins- wirkungen der Digitalisierung auf die vier für Transaktionen über Plattformen generie-
titutionen, bei Innovationen und teils auch ren zudem grosse Mengen an Daten, die
bei der Lebensqualität. Es ist wenig wahr- 1 Infras (2018). Digitalisierung und Neue Regionalpolitik, wiederum wirtschaftlich verwendbar sind.
scheinlich, dass dies die Digitalisierung Studie im Auftrag des Seco. Zandonella, R., von Stokar, T., –– Verstärkte Vernetzung: Die stärkere Ver-
Angst, V., Peter M., Petry, C., in Zusammenarbeit mit Prof.
grundlegend ändern wird. Was bedeutet Dr. Reinhard Riedl (Berner Fachhochschule), Zürich, 15. März
netzung von Produktionseinheiten, ver-
das für die übrigen Regionen? 2018. Vollständige Studie verfügbar auf Seco.admin.ch. schiedenen Stufen der Wertschöpfung und
Konsum- oder Investitionsgütern durch
das Internet der Dinge kann die Effizienz
steigern und führt zu neuen Geschäfts-
Kasten 1: Die Neue Regionalpolitik
modellen. Immer wichtiger wird auch die
Die Neue Regionalpolitik ­Besiedlung unterstützt und re- unterstützt. Ein weiterer Pfeiler raumübergreifende Vernetzung zwischen
(NRP) ist Teil der Standortför- gionale Disparitäten abgebaut der NRP ist die Netzwerk­stelle
derung des Bundes und seit werden. Der Bund setzt die NRP Regionalentwicklung Regio­ Unternehmen sowie mit Forschungsein-
2008 in Kraft. Sie ist ein För- mit den Kantonen partner- suisse. Diese vernetzt mit ihrer richtungen und Behörden.
derinstrument des Bundes zur schaftlich um. Der Hauptpfei- Wissensplattform die A­ kteure –– Weiterführende Automatisierungen: Sie
wirtschaftlichen Stärkung der ler des Instruments ist die Pro- der NRP und bietet Weiter-
können in der Industrie, in der Landwirt-
Berg­gebiete, der weiteren länd- jektförderung, aktuell mit den bildungen an. Für die Periode
lichen Räume und der Grenz­ Schwerpunkten Industrie und 2016–2023 stellt der Bund jähr- schaft und in Dienstleistungsbranchen
regionen. Die NRP soll in diesen Tourismus. Auf Basis von kan- lich rund 40 Millionen Franken Produktivitätsfortschritte erzielen. Auto-
Räumen die Wettbewerbs­ tonalen Umsetzungsprogram- bereit. Hinzu kommen rund matisierungen in Unternehmen sind aller-
fähigkeit und die Wertschöp- men werden geeignete Projekte 50 Millionen Franken pro Jahr,
fung erhöhen und so Arbeits- und Initiativen durch den Bund die in Form von Darlehen ver­
dings oft kapitalintensiv.
plätze schaffen und erhalten. und mindestens zu gleichen Tei- geben werden können. –– Veränderungen des Arbeitsmarktes: Neue
Dadurch soll eine dezentrale len durch die Kantone finanziell Arbeitsformen wie «Coworking Spaces»

38  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


REGIONALPOLITIK

KEYSTONE
Standortunabhängige, digitale Arbeitsformen hel-
fen ländliche Gebiete wiederzubeleben. Blick auf
und flexible Rekrutierungsmöglichkei- Geschäftsmodelle und neue Wertschöp- den Kirchturm von Comologno im Onsernonetal.
ten über Plattformen wie ­Gigme. ch verän- fungsquellen.
dern die Nachfrage- und Angebotsstruk- In den peripheren Gebieten manifestie-
turen auf dem Arbeitsmarkt. Arbeitspro- ren sich gleichzeitig auch die grössten Risi- Schwerpunktthema Digitalisierung
zesse werden in Zukunft noch intensiver ken. Gemeint ist die Verfügbarkeit von qua-
auf Wissen basieren. lifizierten Arbeitskräften: Denn die Unterneh- Die NRP bringt gute Voraussetzungen mit,
–– Enträumlichung: Die Digitalisierung men müssen selber über digitales Know-how um die Regionen künftig bei der Bewälti-
senkt die Transaktionskosten und kann verfügen. Dazu müssen gut und hoch qualifi- gung des digitalen Strukturwandels zu unter-
dazu führen, dass Räume und Distan- zierte Personen in der Region verfügbar sein,
zen anders wahrgenommen werden. Der und die Regionen müssen als Standort attrak-
physische Standort eines Unternehmens tiv genug sein, um im Wettbewerb um Fach- Kasten 2: Fallbeispiel «Mia Engiadina»
wird weniger wichtig, der Raum wird ver- kräfte und innovative Unternehmen mithal- Die Neue Regionalpolitik (NRP) ermöglicht be-
mehrt durch Netzwerke geprägt. Das er- ten zu können. Besonders deutlich zeigen reits heute Projekte rund um die Digitalisierung.
leichtert dezentrale Arbeitsformen wie sich die Chancen und Risiken in den alpinen Ein Beispiel ist das im Jahr 2015 lancierte Projekt
Homeoffice. Tourismuszentren. Mit den neuen Vertriebs- «Mia Engiadina». Das Projekt will den Umstand
nutzen, dass künftig 85 Prozent der Gebäude
kanälen im Internet – beispielsweise die Bu- im Engadin an ein Glasfasernetz angeschlossen
Chancen und Risiken für den chungsplattformen der einzelnen Tourismus- werden sollen. Die Konzeptionsphase des Pro-
destinationen – rücken die Anbieter näher an jektes wurde mit NRP-Geldern unterstützt. Im
ländlichen Raum die Feriengäste und erzielen eine grössere August 2016 eröffnete in Scuol der erste «Moun-
tain Hub». Solche leistungsfähigen «Hubs» sol-
Chancen bieten sich den Zielregionen der Reichweite. Allerdings steigt damit auch der len im ganzen Engadin entstehen und Möglich-
NRP durch die neuen Vertriebskanäle und zu- Konkurrenzdruck. keiten für «Coworking» und den Austausch mit
sätzlichen Vernetzungsmöglichkeiten. Dank Die digitalisierten und ortsunabhängigen anderen Akteuren schaffen. Mit diesem Leucht-
der leichteren Vernetzung mit Unternehmen Angebote fordern die NRP zudem auf einer turmprojekt sollen die Akteure in der Region für
die Chancen und Herausforderungen der Digita-
und Hochschulen können vor allem Akteure weiteren Ebene heraus: Buchungen über lisierung sensibilisiert werden. Ebenso sollen die
in den peripheren Gebieten einfacher die für internationale Tourismusplattformen wie «Mountain Hubs» als vernetzte Rückzugsorte
sie notwendigen Kompetenzen erlernen. In- etwa Airbnb vermindern die lokale Wert- dienen, welche Gäste und Unternehmen inspi-
rieren. Angestrebt werden damit unter anderem
dem in der Region verfügbare Daten digita- schöpfung. Generell wird es immer schwieri-
Kooperationen mit IT-Unternehmen, um etwa
lisiert und zugänglich gemacht werden, er- ger, die Unternehmenswertschöpfung einer neue Arbeitsmodelle zu entwickeln, die der Re-
geben sich zusätzliche Potenziale für neue Region zuzuordnen. gion frische Impulse vermitteln.

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  39
REGIONALPOLITIK

Herausforderungen der Digitalisierung für die NRP-Zielregionen

INFRAS (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Neue Vertriebskanäle Verstärkte Vernetzung Weitere Automatisierungen Veränderter Arbeitsmarkt Enträumlichung

Social Media Internet der Dinge Roboter Plattformökonomie E-Government


Sharing-Economy Plattformökonomie Künstliche Intelligenz Coworking Datensicherheit
E-Commerce Vernetzte Regionen 3-D-Drucker Höhere Berufsqualifikation Plattformökonomie

stützen. Das zeigt das Beispiel von «Mia direkten Effekte berücksichtigt werden, rung in der Botschaft zur Standortförde-
Engiadina» (siehe Kasten 2), wo die NRP be- beispielsweise durch lokales Arbeiten für rung berücksichtigen. Im Rahmen der NRP
reits heute ein Projekt mit engerem Bezug zur nicht standortgebundene Unternehmen soll zum Beispiel ein Fokus auf die Förde-
Digitalisierung fördert.2 Die NRP ist aber auch und Projekte. rung von Digitalisierungsprojekten gelegt
konzeptionell herausgefordert. Ihr Fokus auf – Kooperationen intensivieren: Die NRP soll und die Regionen und Unternehmen stärker
die Wettbewerbsfähigkeit und die Innova- Projekte noch höher gewichten, die meh- für die Herausforderungen und Lösungsan-
tionsdynamik der Regionen gewinnt mit der rere Regionen oder Kantone einschlies- sätze der digitalen Transformation sensibili-
Digitalisierung weiter an Bedeutung. Das gilt sen und insbesondere Kooperationen zwi- siert werden.
insbesondere für die regionalen Innovations- schen Städten und ländlichen Regionen
systeme, welche kleine und mittlere Unter- fördern.
nehmen bei der Optimierung ihrer Innova- – Zielgruppen sensibilisieren: Die Instru-
tionsprozesse in grösseren, überkantonalen mente und Gefässe der NRP sollten ver-
Wirtschaftsräumen unterstützen. Beispiele mehrt genutzt werden, um die Akteure in
dafür sind Agire in der Südschweiz und «Zen- den NRP-Zielregionen für Herausforderun-
tralschweiz innovativ» in der Innerschweiz. gen und Lösungsansätze bei der digitalen
Gleichzeitig wirft der digitale Wandel die Fra- Transformation zu sensibilisieren.
ge auf, ob die strikte Fokussierung der NRP – Digitalisierungspotenziale in der Verwal-
auf Projekte mit Wertschöpfung und Export- tung nutzen: Die NRP sollte Digitalisie- Remo Zandonella
leistungen aus einer Region hinaus noch zeit- rungsprojekte an der Schnittstelle zwi- Projektleiter, Infras Forschung und
gemäss ist, wenn sich die Wertschöpfung schen öffentlichen und privaten Akteuren Beratung, Zürich
mit der Digitalisierung immer weniger lokali- verstärkt anstossen und fördern.
sieren lässt und wenn Arbeiten und Wohnen – Bessere Erschliessung mit Hochbreitband-
wie beim Homeoffice verschmelzen. Die Stu- netzen prüfen: Das Seco soll Instrumente
die kommt deshalb zum Schluss, dass Bund, und Massnahmen prüfen, die zu einer bes-
Kantone und Regionen folgende acht Emp- seren und schnelleren Erschliessung der
fehlungen beachten sollten: NRP-Zielregionen mit Hochbreitbandnet-
– Digitalisierung als Schwerpunktthema zen führen. Zudem soll es Bedarf, Kosten
aufnehmen: Um die Digitalisierung noch und Zweckmässigkeit beurteilen.
sichtbarer zu machen, sollte sie explizit Ein- – Regionale Datenplattformen fördern: Der
gang finden in die Strategie «Standortför- Aufbau und die Nutzung der lokalen und Vanessa Angst
derung des Bundes» und das NRP-Mehr- regionalen Daten und Datenplattformen Wissenschaftliche Beraterin, Infras
jahresprogramm; entweder als prioritär zu sollen verstärkt unterstützt werden. Forschung und Beratung, Zürich
förderndes Querschnittsthema oder expli- – Angebot an gut qualifizierten Arbeitskräf-
zit als neuer Förderschwerpunkt. ten verbessern: Die NRP soll Projekte für
– Exportorientierte Wertschöpfungssyste- eine verbesserte Aus- und Weiterbildung
me breiter andenken: Die NRP soll die aktu- und einen verbesserten Zugang zu gut
ell im Fokus stehenden Wertschöpfungs- qualifizierten Arbeitskräften, insbesonde-
systeme Industrie und Tourismus künf- re im Kontext der Digitalisierung, unter-
tig breiter andenken und auslegen. Neben stützen.
direkten Wertschöpfungseffekten von
Unternehmen vor Ort sollten auch die in- Das Ressort Regional- und Raumordnungs-
politik des Seco lässt die Erkenntnisse sowie Thomas von Stokar
Empfehlungen der Studie in seine Arbeiten Geschäft sleiter und Partner, Infras
2 Weitere Projekte finden sich in der Studie (vgl. Infras Forschung und Beratung, Zürich
2018) und auf www.regiosuisse.ch. einfliessen. Es wird das Thema Digitalisie-

40 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


AUFGEGRIFFEN VON ERIC SCHEIDEGGER

Und täglich grüsst


die Preisinsel Schweiz
Im April erreichte der Franken die «magische» Kursgrenze von 1.20 pro Euro.
Damit lag das Verhältnis der Devisen wieder in jenem Bereich, der vor dem
15. Januar 2015 über mehrere Jahre als Mindestkurs von der Schweizerischen
Nationalbank verteidigt wurde. Die vorhergehende Erstarkung des Euro stiess
diesen Frühling denn auch auf eine grosse mediale Aufmerksamkeit. Für die
einen spiegelte
das Ereignis die günstige Konjunkturentwicklung im Euroraum. Andere er-
kannten hingegen in der Abschwächung des Frankens bereits einen Treiber für
höhere Importpreise. Rasch kamen in der Folge Klagen über höhere Kosten
für Europaferien oder beim Shopping ennet der Grenze auf. Man ist geneigt
festzustellen: Und täglich grüsst die Hochpreisinsel Schweiz – sie erhält mit der
relativen Frankenschwäche neuen Nährboden.
Wie kam es eigentlich zu diesem Inseldasein? Das Bild des Eilands geht auf eine
Erwartungshaltung zurück, die ihren Ursprung wohl in den Neunzigerjahren
hat. Die Schaffung des EU-Binnenmarktes und des Europäischen Wirtschafts-
raums (EWR) weckte die Zuversicht, dass eine Teilnahme der Schweiz die
Wettbewerbskräfte im Inland stärken würde. Ein EWR-Beitritt der Schweiz
hätte das Prinzip des «law of one price» gestärkt – und damit Preise unter
Druck gebracht. Vereinfacht gesagt, sollten in einem Binnenmarkt die Preise
für homogene Güter (unter Ausklammerung von Transportkosten) konvergie-
ren, weil grössere Preisunterschiede über Arbitrage und Direktimporte aus
günstigeren Bezugsmärkten eingeebnet werden.
Eine flächendeckende Preiskonvergenz zwischen der Schweiz und der EU
fand jedoch nie statt. Im Gegenteil: Mit der Einführung des Euro zu Beginn
der Nullerjahre wurden die Preisunterschiede zum Euroraum offensichtlicher
denn je. Und sie halten an. Im Jahr 2016 lagen die Konsumgüterpreise hierzu-
lande 58  Prozent über denjenigen der EU-15-Staaten. Allerdings sind die
Abweichungen bei den handelbaren Gütern weniger hoch als bei nicht han-
delbaren Dienstleistungen oder bei regulierten Märkten; zudem gibt es auch

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  41
AUFGEGRIFFEN

zwischen EU-Ländern massgebliche Preisdivergenzen. Wie auch immer:


Schweizer Konsumenten klagen über grosse Preisunterschiede – was die
Debatte um die Hochpreisinsel nährt.

Regulierung als Ursache


Der Bundesrat erklärte die verschiedenen Ursachen der Preisdivergenzen schon
2005 in einem Bericht zur «Bekämpfung der Preisinsel Schweiz». Im Vorder-
grund standen neben dem hohen Lohnniveau insbesondere staatlich administ-
rierte oder beeinflusste Bereiche wie Lebensmittel, Spitalleistungen, Energie,
Wasser und Wohnen. Mit anderen Worten: Handlungsbedarf besteht in der
Agrar-, der Gesundheits- und der Versorgungspolitik sowie in der Raumpla-
nung und im Bau- und Umweltrecht. Elf Jahre später bestätigte der Bundesrat
diese Zusammenhänge  in einem weiteren Bericht:
Er schlägt verschiedene Massnahmen vor, um die Einfuhr von günstigeren
Produkten aus dem Ausland zu erleichtern. Darunter fallen etwa die Abschaf-
fung der Industriezölle oder die Vereinfachung von Deklarationsvorschriften
und Bewilligungsverfahren. Dies sind Massnahmen, die direkt an den staatli-
chen Hürden des Importwettbewerbs ansetzen. Parallelimporte würden da-
durch erleichtert und der «Schweiz-Zuschlag» der ausländischen Hersteller in
Schranken gehalten. Ein grosser Hebel wäre darüber hinaus die Anpassung des
Grenzschutzes bei Agrarprodukten und Lebensmitteln. Wenig überraschend
sind solche Ansätze in der Agrarlobby umstritten.
Die meisten oben genannten, bei der Problemursache ansetzenden Handlungs-
weisungen sind politisch schwierig durchsetzbar. Dies ist auch der Grund,
warum die Preisinsel Schweiz ein Dauerthema bleibt. Solange staatliche Regeln
Parallelimporte behindern, werden die Unternehmen immer versucht sein, die
besonders hohe Kaufkraft und Zahlungsbereitschaft der Schweizer Konsumen-
ten abzuschöpfen.
Eric Scheidegger ist Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).
eric.scheidegger@seco.admin.ch

42  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


STANDORTFAKTOREN

Massgeschneiderte Regulierung
für Unternehmen?
Unternehmen beklagen sich vielfach über unnötige Regulierungen. Abhilfe schaffen können
differenzierte Lösungen – allerdings ist Vorsicht geboten.  Stefan von Grünigen, Roger Küttel

Abstract  Ein Instrument zur administrativen Entlastung sind differenzierte Regulie- Die differenzierte Regulierung als Pa-
rungen. Indem gewisse Unternehmenstypen von bestimmten Regulierungen ausge- tentrezept zur Reduktion der administrati-
nommen werden, sollen Unternehmen und Verwaltung entlastet werden. Eine im Auf- ven Belastung für Unternehmen und Verwal-
trag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) durchgeführte Studie beleuchtet die tung zu bezeichnen, wäre allerdings vermes-
Vor- und Nachteile dieses Instrumentes. Die Autoren haben ein Beurteilungsframe- sen – denn die unterschiedlichen Regelungen
work entwickelt, mit welchem konkrete Differenzierungen inskünftig systematischer für einzelne Gruppen von Unternehmen ma-
beurteilt werden können. Sie kommen zum Schluss, dass regulatorische Differenzie- chen die Regulierung insgesamt komplexer
rungen einen Beitrag zur Erhöhung der Regulierungseffizienz leisten können, aller- und dichter. Darüber hinaus können Diffe-
dings nur, wenn sie gezielt und richtig eingesetzt werden. renzierungen zu einer Verzerrung des Wett-
bewerbs führen, was sowohl aus rechtlicher
als auch aus ökonomischer Perspektive pro-

R  egulierungskosten für Unternehmen


und die Verwaltung beeinflussen die
Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Wirt-
Spezialfall der differenzierten Regulierung stel-
len sogenannte Opting-out-Klauseln dar. Diese
ermöglichen es den Unternehmen, unter be-
blematisch ist.

Systematische Beurteilung nötig


schaft und sind ein wichtiger Standortfak- stimmten Voraussetzungen die individuell be-
tor. Die Regulierungseffizienz zu verbessern, vorzugte Variante aus einer differenziert aus- In Anbetracht der Schwierigkeit, rein intui-
ist deshalb aus volkswirtschaftlicher Sicht ein gestalteten Regulierung auszuwählen. tiv zu beurteilen, ob konkrete Differenzie-
zentrales Anliegen. Dabei ist jedoch immer Ein prominentes Beispiel für eine diffe- rungsmassnahme tatsächlich zweckmäs-
auch den politisch festgelegten Zielen einer renzierte Regulierung besteht bei der Revi- sig sind, hat das Forschungs- und Bera-
Regulierung Rechnung zu tragen. sionspflicht. Kleine und mittlere Unterneh- tungsunternehmen Econcept die Vor- und
Ein derzeit viel diskutierter Ansatz ist die men sind in aller Regel von der sogenann- Nachteile der differenzierten Regulierung
«differenzierte Regulierung». Mit anderen ten ordentlichen Revision befreit und können umfassend untersucht.1 Für die Studie im
Worten: Eine adressatengerechtere Ausge- stattdessen eine kostengünstigere einge- Auftrag des Staatssekretariats für Wirt-
staltung soll die Effizienz erhöhen. So sollen schränkte Prüfung durchführen lassen. Aber schaft (Seco) arbeitete Econcept mit dem
bestimmte Unternehmen von einzelnen Re- auch in anderen Bereichen bestehen bereits Luzerner Wirtschaftsrechtsprofessor Ni-
gulierungen ausgenommen werden oder von heute Differenzierungen. So sind sehr kleine colas Diebold und dem Rechtsanwalt And-
Vereinfachungen profitieren. Mögliche Dif- Unternehmen von der Pflicht zur Mehrwert- reas Wildi von der Kanzlei Walder Wyss zu-
ferenzierungskriterien sind zum Beispiel die steuerabrechnung befreit, und mittelgros- sammen.
Unternehmensgrösse (Umsatz, Anzahl Mit- sen Betrieben steht die Möglichkeit offen, die
arbeitende etc.), das Tätigkeitsgebiet oder die Mehrwertsteuer mithilfe der «Saldosteuer- 1 Econcept (2018), Differenzierte Regulierung und
Art der Produkte und Dienstleistungen. Ein methode» vereinfacht abzurechnen. ­Opting-out, Studie im Auftrag des Seco.

Beurteilungskriterien für differenzierte Regulierungen

Kriterien zur Rechtmässigkeit –– Marktzugang: Der Marktzugang –– Reduktion der Gesamtkosten: Die –– Volkswirtschaftliche Kosten und
–– Rechtsgrundlage: Es besteht eine ist gemäss den wirtschaftsvölker- Reduktion der wiederkehrenden Nutzen: Volkswirtschaftliche
ausreichende Rechtsgrundlage. rechtlichen Staatsverträgen für Regulierungskosten überwiegt den Kosten und Nutzen können nicht
–– Rechtfertigung: Die Ungleichbe- alle Unternehmen gewährleistet, einmaligen Anpassungsaufwand immer mit vertretbarem Auf-
handlung ist gerechtfertigt. Dies und die völkerrechtlichen Verträ- (Fall 1, Anpassung bestehende Re- wand quantifiziert werden. Re-
kann entweder durch tatsächliche ge sind eingehalten. gulierung) oder die Differenz der levant sind sie dennoch, und sie
Unterschiede bei den Adressaten, Initialaufwände von differenzierter sollten deshalb auf einer qua-
durch ein öffentliches Interesse Kriterien zur Wirtschaftlichkeit und ordentlicher Regulierung (Fall 2, litativen Ebene berücksichtigt
der Differenzierung oder die Ver- –– Reduktion der wiederkehrenden neuer Regulierung). werden.
hältnismässigkeitsprüfung der Re- Regulierungskosten: Die wieder- –– Verständlichkeit: Differenzierte
gulierung selber begründet sein. kehrenden Kosten der ordentli- Weitere Kriterien Regulierung ist so auszugestal-
–– Wettbewerbsneutralität: Der chen Regulierung für Unterneh- –– Alternativen: Lässt sich die Regu- ten, dass die Unternehmen diese
Grundsatz der Wettbewerbsneut- men und Verwaltung sind höher lierung für alle Betroffenen mit al- verstehen.
ralität ist eingehalten. als die wiederkehrenden Kosten ternativen Regelungen vereinfa- –– Fehlanreize: Differenzierungen
–– Gleichbehandlung: Inländische und der differenzierten Regulierung chen oder eliminieren, sind diese können zu Schwelleneffekten und
ausländische Wirtschaftsakteure für Unternehmen und Verwal- Regelungen einer differenzierten diese zu Fehlanreizen führen.
werden gleichbehandelt. tung. Regulierung vorzuziehen.

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  43
STANDORTFAKTOREN

KEYSTONE
Differenzierte Gesetze regeln beispielsweise
den Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz.
Kernstück der Untersuchung ist ein Raster, rung rechtmässig ist. Ist sie mit den Gleichbe-
in welchem Beurteilungskriterien für diffe- handlungsgeboten der Bundesverfassung und
renzierte Regulierungen aufgelistet sind (sie- des Wirtschaftsvölkerrechts vereinbar? Um –– Differenzierung hinsichtlich der Moda-
he Kasten). Anhand dieses Frameworks wur- diese Frage zu klären, sind verfassungsrechtli- litäten zur Pflichterfüllung: Eine Unter-
den verschiedene zur Diskussion gestellte Dif- che Grundsätze, wie die Rechtsgleichheit oder nehmensgruppe wird zwar nicht von der
ferenzierungsvorschläge  – wie beispielsweise der Anspruch auf Gleichbehandlung direkter Regulierung befreit, dafür werden gross-
der Verzicht auf Arbeitszeitdokumentation für Konkurrenten, sowie verschiedenste staats- zügigere Modalitäten bei der Pflichterfül-
Kleinstunternehmen oder die Selbstdeklara- vertraglich festgelegte Diskriminierungsver- lung zugelassen. So können beispiels-
tion bei der Arbeitssicherheit – untersucht.2 bote und Marktzugangsverpflichtungen zu weise je nach Unternehmenstyp unter-
Die Studie analysiert die Anwendungsbeispie- beachten. Die in der Studie näher beschriebe- schiedliche Anforderungen bezüglich der
le gemäss den Kriterien Rechtmässigkeit und nen Kriterien ermöglichen eine erste Beurtei- Dokumentation gelten.
Wirtschaftlichkeit; hinzu kommen weitere lung, eine vertiefte Prüfung muss jedoch im-
wichtige Überlegungen, wie mögliche Alter- mer im Einzelfall erfolgen. Generell lässt sich sagen, dass der letzte As-
nativen und die notwendige gesamtheitliche Mit Blick auf die Rechtmässigkeit lassen sich pekt – unterschiedliche Modalitäten zur
Betrachtung der volkswirtschaftlichen Kosten folgende Differenzierungstypen unterscheiden: Pflichterfüllung – aus rechtlicher Sicht am we-
und Nutzen. Zusammen mit der ausführlichen –– Differenzierung aufgrund tatsächlicher nigsten problematisch ist. Demgegenüber be-
Diskussion der Anwendungsbeispiele liefert Unterschiede in Bezug auf ein bestimm- steht sowohl bei der risikobasierten als auch
das resultierende Beurteilungsframework aus tes Risiko: Falls von einer bestimmten bei der verhältnismässigkeitsbasierten Diffe-
Sicht der Autoren einen wichtigen Beitrag, um Unternehmensgruppe ein geringeres Ri- renzierung mehr Interpretationsspielraum und
in Zukunft differenzierte Regulierung syste- siko (zum Beispiel in Bezug auf den Ge- damit auch mehr Unsicherheit. Denn hier ist
matischer beurteilen zu können. sundheitsschutz) ausgeht, kann es ange- eine Gewichtung unterschiedlicher Ziele und
zeigt sein, diese Gruppe zu entlasten. Ein öffentlicher Interessen erforderlich.
Rechtliche Vorgaben einhalten Beispiel sind grosse Unterschiede bei der
produzierten Menge. Lohnt sich eine Differenzierung
Da differenzierte Regulierungen eine Ungleich- –– Verhältnismässigkeitsbasierte Differenzie-
behandlung von Wirtschaftsakteuren bewir- rung: Verursacht eine Regulierung für eine
wirtschaftlich?
ken, gilt es abzuschätzen, ob eine Differenzie- Gruppe von Unternehmen besonders hohe Beim Element der Wirtschaftlichkeit wird die
2 Weitere Anwendungsbeispiele waren der Verzicht auf
Fixkosten, so kann eine Differenzierung Frage untersucht, ob mit einer differenzier-
Meldepflicht bei Kleinmengen von Chemikalien, die Be- gerechtfertigt sein. Beispielsweise sind in ten Regulierung tatsächlich die Regulierungs-
freiung von Kleinstverwendern von der VOC-Lenkungs-
abgabe, die differenzierte Fremdkontrolle für Bau- diesem Fall vereinfachte Regelungen für kosten gesenkt werden können. Sowohl für
produkte sowie die abweichende Kennzeichnung von
Produkten für den Binnenmarkt. Kleinstbetriebe möglich. Unternehmen als auch für die öffentliche Hand

44  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


STANDORTFAKTOREN

lassen sich bei einer Regulierung direkte Kos- eine Vereinfachung für alle Unternehmen. Gut len Regulierung. Hier bestehen zwei unter-
ten (zum Beispiel Personal- und Sachkosten) ausgestaltete Differenzierungen können hin- schiedliche Ansätze zur Reduktion der
und indirekte Kosten wie Zeitkosten unter- gegen ein wichtiges Element im Baukasten der administrativen Belastung für die Unter-
scheiden. Darüber hinaus können auf einer administrativen Entlastung sein, wie die Stu- nehmen in der Schweiz: Entweder werden
volkswirtschaftlichen Ebene negative Effek- dienresultate und die bisherigen Erfahrungen die Regulierungen mit dem internationa-
te wie Wettbewerbsverzerrungen und Fehl- in der Schweiz unterstreichen. len Recht harmonisiert, oder es wird diffe-
anreize entstehen, die als Regulierungskosten Eine systematische Prüfung von Differen- renziert. Aufgrund der Studienresultate ist
interpretiert werden können. Nebst den wie- zierungsmöglichkeiten zu einem frühen Zeit- a priori nicht klar, welcher der beiden Wege
derkehrenden Kosten müssen auch einmalige punkt im Gesetzgebungsprozess ist essenziell für die Unternehmen der bessere ist. Ver-
Effekte wie der Anpassungsaufwand berück- für den Erfolg des Instruments. Entsprechend mutlich lohnen sich Differenzierungen ten-
sichtigt werden. scheint es sich anzubieten, das Beurteilungs- denziell dann, wenn sich die Struktur der re-
Mit Blick auf das Ziel einer praxistaugli- raster in die Regulierungsfolgenabschätzun- gulierten Branche in der Schweiz stark vom
chen Beurteilung schlagen die Autoren vor, gen einzubetten. Da sich für den Regulator Ausland unterscheidet.
die Wirtschaftlichkeit im engeren Sinn nur meist nur schwer abschätzen lässt, ob eine Dif- Zusammenfassend lässt sich festhal-
anhand der direkten Kosten zu quantifizieren ferenzierung bei einem Unternehmen tatsäch- ten: Regulatorische Differenzierungen kön-
und die indirekten Kosten sowie die volks- lich zu einer Entlastung führt, sollte die Diffe- nen einen wichtigen Beitrag zur Erhöhung
wirtschaftlichen Effekte erst in den abschlies- renzierung grundsätzlich mit Opting-out-Klau- der Regulierungseffizienz leisten, wenn sie
senden Kosten-Nutzen-Abwägungen quali- seln für die Unternehmen verknüpft werden. gezielt und richtig eingesetzt werden. Der
tativ in die Beurteilung einfliessen zu lassen. Eine Alternative zu Differenzierungen bie- unbedarfte Einsatz des Instrumentes führt
ten generelle Vereinfachungen im Zuge der hingegen zu mehr Regulierungsdichte und
Gibt es Alternativen? Digitalisierung. So können Schnittstellen bei- weniger Effizienz – Vorsicht ist also gebo-
spielsweise die Übermittlung von Daten auto- ten.
Zusätzlich zu den eng definierten Kriterien matisieren. Wenn durch solche Ansätze die
Rechtmässigkeit und Wirtschaftlichkeit müs- Pflichterfüllung für alle vereinfacht wird, erüb-
sen auch der Nutzen einer Regulierung und rigen sich Differenzierungen womöglich ganz.
nicht quantitativ erfasste Kostenelemente wie Die Entwicklung von praxistauglichen techni-
indirekte Kosten, Wettbewerbsverzerrungen schen Lösungen erfordert jedoch eine enge
und Fehlanreize berücksichtigt werden. Zusammenarbeit zwischen Unternehmen und
Für eine gesamthafte Beurteilung ist es der Verwaltung.
wichtig, dass Alternativen zur differenzierten Nicht selten tangieren Differenzierungen
Regulierung geprüft werden: beispielsweise, für bestimmte Unternehmen den Hauptzweck Stefan von Grünigen
ob eine generelle Vereinfachung der Regu- einer Rechtsnorm – also beispielsweise den Senior Consultant, econcept, Zürich
lierung für alle Betroffenen möglich ist oder Gesundheitsschutz oder den Umweltschutz.
ob geeignetere Optionen zur administrativen Der damit verbundene Nutzenverlust sollte in
Entlastung bestehen. solchen Fällen der administrativen Entlastung
gegenübergestellt werden. Die Diskussion
Instrument gezielt einsetzen über das «richtige» Schutzniveau und damit
die Gewichtung zwischen Kosten und Schutz-
Bei einer unüberlegten Anwendung können niveau muss aber letztlich auf der politischen
Differenzierungen die Komplexität des Regu- Ebene geführt werden.
lierungsrahmens zusätzlich erhöhen, Wett-
bewerbsverzerrungen verursachen oder die Differenzierung oder inter- Roger Küttel
politisch festgelegten Ziele der Regulierung Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
untergraben. Oftmals gibt es aus volkswirt-
nationale Harmonisierung? Ressort Regulierungsanalyse und -politik,
schaftlicher Sicht bessere Alternativen zur Er- Eine besondere Bedeutung erlangen Diffe- Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco),
Bern
höhung der Regulierungseffizienz wie etwa renzierungen im Kontext der internationa-

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 45


STANDORTFÖRDERUNG

Die Schweiz muss sich und ihre


­Kompetenzzentren besser vermarkten
Das Image eines Landes oder einer Region ist für den Standortentscheid eines Unterneh-
mens von entscheidender Bedeutung. Die Schweiz und ihre Kompetenzzentren sind solche
«Marken», die es besser zu nutzen gilt.  Renaud Vuignier

Abstract  Standortentscheidungen von Unternehmen sind auf verschiedene Faktoren Westschweiz durch die GGBA und drittens
zurückzuführen. Viele Analysen legen den Fokus auf die Rahmenbedingungen oder die durch eine kantonale Standortförderungs-
Steuerbelastung. Deutlich seltener wird der Effekt untersucht, den das Image einer stelle (siehe Abbildung). Neben dem Ruf von
Region hat. Doch seit einigen Jahren beruhen Strategien zur Standortförderung zu- Lausanne als olympische Hauptstadt wird
nehmend auf solchen immateriellen Kriterien. Dabei wird berücksichtigt, dass sich ein auch die Bekanntheit von Genf bei der Stand-
Wirtschaftsstandort wie eine Marke verhalten kann. Aus einer Umfrage unter Unter- ortpromotion für diese Region genutzt. Denn
nehmensleitern geht hervor, dass diese sowohl auf die «Marke Schweiz» als auch auf ein Teil der Waadt gehört zur Agglomera-
das Renommee bestimmter Kompetenzzentren achten, wenn sie sich für einen neu- tion des Grossraums Genf, und der Touris-
en Unternehmensstandort entscheiden müssen. Diese Analyse zeigt auch Verbesse- musslogan des Kantons Waadt lautet «Vaud
rungsmöglichkeiten für die Standortpromotion der Schweiz auf. Lake Geneva Region». Ausserdem haben die
Behörden seit einigen Jahren die Absicht, ihr
eigenes Image über die Gebietsmarke «Vaud»

Z  ahlreiche Analysen befassen sich mit der


Frage, wie attraktiv bestimmte Wirt-
schaftsstandorte für Unternehmen sind. In
hauptsächlich sind die Kantone dafür zustän-
dig. Die Standortförderung des Bundes hat
den Zweck, ausländischen Investoren die
zu entwickeln, um branchenübergreifend für
den ganzen Kanton Standortpromotion zu
betreiben.
den daraus abgeleiteten Rankings liegt der Vorzüge der Schweiz aufzuzeigen. Dazu hat
Schwerpunkt in der Regel auf den Rahmen- der Bund den privatrechtlichen und nicht Entscheidende Faktoren
bedingungen oder der Steuerbelastung. Eher gewinnorientierten Verein Switzerland Glo-
selten wird untersucht, wie bedeutend das bal Enterprise (S-GE) beauftragt. Ausserdem
für Unternehmensleiter
Image einer Region für den Standortentscheid arbeitet der Bund eng mit den Kantonen zu- In einer Studie wurden diese gemeinsamen
ist. Doch seit einigen Jahren beruhen die Stra- sammen. Während S-GE ausländische Inves- Massnahmen der Standortförderung analy-
tegien zur Standortförderung zunehmend auf toren über die Vorteile der Schweiz informiert, siert und teilstrukturierte Interviews mit Ma-
solchen immateriellen Kriterien, um Unter- sind die Kantone dafür zuständig, die Einzel- nagern geführt, die sich in den Jahren 2010
nehmer und Investoren anzulocken. Denn ein heiten einer potenziellen Unternehmensan- bis 2016 für eine Unternehmensansiedlung
Wirtschaftsstandort kann wie eine Art Marke siedlung auszuarbeiten. Dieser Prozess setzt im Kanton Waadt entschieden hatten.2 Die-
betrachtet werden. Der aufstrebende Wissen- eine umfangreiche Zusammenarbeit von se Umfrage hat ergeben, dass insbesonde-
schaftsbereich des «Place Branding» befasst Bund und Kantonen voraus. Ausserdem sind re die Steuerbelastung, das flexible Arbeits-
sich mit diesen Fragen. vier interkantonale Wirtschaftsförderungs- recht, das Marktpotenzial und der Schutz des
Die hohe Mobilität der Unternehmen hat stellen auf internationaler Ebene tätig: Die geistigen Eigentums die massgebenden Fak-
weltweit zu einem härteren Standortwett- Greater Geneva Bern Area (GGBA), die Grea- toren für den Standortentscheid waren. An-
bewerb zwischen den verschiedenen Wirt- ter Zurich Area, die St. Gallen Bodensee Area schliessend wurden die Befragten gebeten,
schaftsregionen geführt. Jede Region möchte und die BaselArea.swiss. Wenn ein ausländi- anhand dieser Faktoren eine Auswahl aus ver-
Firmen mit wertschöpfungsintensiven Arbeits- sches Unternehmen bei S-GE sein Interesse schiedenen Wirtschaftsstandorten zu tref-
plätzen für sich gewinnen. Um die Investoren bekundet, wird das Investitionsvorhaben die- fen. In einem zweiten Schritt wurden ihnen
zu überzeugen, erarbeiten die Wirtschaftsför- sen vier Standortpromotionsstellen und den diese Wirtschaftsstandorte wieder vorge-
derer deshalb stichhaltige Argumente und be- 26 Kantonen übergeben, die dem interessier- legt, wobei einige mit dem Hinweis versehen
schreiben die Pluspunkte ihrer Region in allen ten Unternehmen unabhängig voneinander je waren, dass sie sich im Kanton Waadt, in der
Einzelheiten. Abgesehen von den objektiven ein Dossier zusenden können.1 Schweiz, befinden. Mit dieser Methode lässt
und messbaren Aspekten achten die Entschei- Auf internationaler Ebene sind die einzel- sich das jeweilige Gewicht der Faktoren erfas-
dungsträger in den Unternehmen teilweise nen Kantone also sowohl durch die Schweiz sen, die für die Standortattraktivität und da-
aber auch auf das Renommee einer Region. als gesamten Wirtschaftsraum als auch als mit für eine Standortwahl massgebend sind.
einzelne Standorte vertreten. So wird für den Ausserdem kann damit bestimmt werden,
Mehrstufige Schweizer Kanton Waadt beispielsweise dreimal Stand- wie stark ein Standortentscheid vom Image
ortpromotion betrieben: erstens als Teil der des Kantons und des Landes abhängt.
­Standortförderung Schweiz durch S-GE, zweitens als Teil der
Die Massnahmen des Bundes zur Standort- 2 Diese Studie wurde im Rahmen der Dissertation des
förderung haben subsidiären Charakter, denn 1 Monnier (2015). Autors am Idheap realisiert.

46  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


STANDORTFÖRDERUNG

Insgesamt wurden 30 Interviews geführt. Die «Marke Schweiz» und Die Analyse zeigt, dass objektive und
in der Stichprobe vertretenen Branchen ent- Kompetenz­zentren greifbare Faktoren der Standortattrakti-
sprechen den Wirtschaftsbereichen, die von vität für die Standortwahl am wichtigs-
den kantonalen Behörden priorisiert werden: Die grosse Mehrheit der befragten Unter- ten sind. Im schweizerischen Föderalismus
umweltfreundliche Technologien und Ener- nehmensleiter nimmt das Gebiet der Waadt können die Bedingungen, die den Unter-
gie, Lifesciences, Dienstleistungen, Enginee- als grossen Raum ohne klar definierte Gren- nehmen geboten werden, zwar je nach
ring und Präzisionsindustrie, internationaler zen wahr. In unserem Fall entspricht es der Kanton unterschiedlich sein. Doch für die
Sport, Informations- und Kommunikations- Westschweiz oder der Genferseeregion. Manager sind die Kriterien massgebend,
technologien, Finanzindustrie und Rohstoff- Nach Auffassung der befragten Manager die über die Kantonsgrenzen hinausgehen.
handel. hängt die Ausstrahlung der Region teilweise Das heisst: Im internationalen Vergleich
Aus den Ergebnissen lassen sich drei mit der Bekanntheit ihrer Städte und haupt- potenzieller Unternehmensstandorte ist
hauptsächliche Lehren ziehen. Über zwei sächlich mit dem Ansehen der Schweiz zu- die Leistung der Kompetenzzentren jeden-
Drittel der befragten Manager werden vom sammen. Die Schweiz vermittelt ein Image falls relevanter als die kantonalen Unter-
Image des Wirtschaftsstandorts beeinflusst, von hoher Qualität, was für die Aktivitäten des schiede.
da sie dessen Namen mit bestimmten Fakto- Unternehmens von Vorteil ist («Made in»-Ef- Diese Wahrnehmung der befragten
ren assoziieren, die für die Standortattrakti- fekt). Ausserdem steht die Schweiz für gute Unternehmer und Investoren zeigt, dass
vität entscheidend sind: Dies kann man als Lebensbedingungen und politische Stabili- eine doppelte Positionierung massgebend
«zusammenfassenden Effekt» bezeichnen. tät. Das Argument, dass die Schweiz ein in- ist – zum einen als gesamter Wirtschafts-
Die Erwähnung des Kantons Waadt ist nach novativer Wirtschaftsstandort ist, überzeugt standort («Nation Branding») und zum an-
Auffassung der Befragten ein Hinweis dar- auch dank ihren spezifischen Kompetenzzen- dern als spezifischer Tätigkeitsbereich
auf, dass bestimmte Voraussetzungen erfüllt tren. Diese generieren hohe Investitionen in («Cluster Branding»). Diese Wahrnehmung
sind. Im internationalen Vergleich assoziieren die Forschung und die Entwicklung. Doch die- steht den derzeitigen Strategien der Stand-
sie die Region Waadt mit einer hohen Lebens- ses Argument scheint nicht direkt mit dem ortförderung entgegen, die auf politisch-­
qualität, einem stabilen politischen System, Image der Schweiz zusammenzuhängen. Um institutionelle Ebenen wie die Kantone fo-
hoch qualifizierten Arbeitskräften und leis- sich von den zahlreichen anderen Ländern zu kussiert. Aus funktioneller Sicht ist dieser
tungsfähigen Infrastrukturen. Im Weiteren unterscheiden, die sich auch als Innovations- Fokus nicht sehr zweckmässig.
gehen aus der Analyse zwei Trends hervor: führer profilieren, ist es daher von entschei-
Die Entscheidungsträger achten sowohl auf dender Bedeutung, spezifische Faktoren her-
die «Marke Schweiz» als auch auf das Renom- vorzuheben und überzeugende Vorteile an- In der Genferseeregion hat sich ein Innovations­
cluster für Biotechnologie herausgebildet.
mee bestimmter Kompetenzzentren («Clus- zubieten, anstatt sich auf einem insgesamt Der portugiesische Staatspräsident M ­ arcelo
ter») in unserem Land. positiven Image in diesem Bereich auszuruhen. Rebelo de Sousa (r.) besichtigt 2016 den
­C ampus Biotech in Genf.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  47
STANDORTFÖRDERUNG

Verbesserungsmöglichkeiten Die mehrstufige Standortförderung der Schweiz und ihre Promotionsstellen in


Genf und Lausanne
Auf der Grundlage dieser Studie und als

S-GE, GGBA, KANTON WAADT / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Weiterführung anderer Arbeiten zu diesem
Thema3 geben wir folgende Empfehlungen Gesamtschweiz:
Switzerland Global Enterprise
ab.
Als Erstes könnte die Kommunikation      Westschweiz:
durch eine verstärkte Zusammenarbeit zwi- Greater Geneva Bern Area (GGBA)
schen den verschiedenen Standortpromo-   Kanton Waadt:
tionsstellen von Bund, Kantonen und auf Vaud Lake Geneva Region
interkantonaler Ebene verbessert werden.   Genferseeregion und Grossraum
Einige Unternehmensführer schätzen zwar Lausanne:
einen gewissen Wettbewerb, da er ihres Er- Grand Genève Agglomération
franco-valdo-genevoise,
achtens die Wettbewerbsfähigkeit fördert. Lausanne Olympic Capital
Doch die Mehrheit der Befragten ist der Auf-
fassung, dass die Vielzahl von Ansätzen und
Standortmarketingorganisationen die Bot- nannte Health Valley, ein grosses Potenzial, institutionellen Ebene der Kantone hätte den
schaft der Standortförderung verneble. Einer das bislang zu wenig genutzt wird. Seine Ver- Vorteil, dass dem Bedarf nach einer bran-
der befragten Unternehmensverantwortli- knüpfung mit den bestehenden Plattformen chenbezogenen Differenzierung entspro-
chen drückt es so aus: «Die Schweiz besteht ist weiterhin unklar, und mögliche Synergien chen werden könnte, um Unternehmen an-
eigentlich aus 26 verschiedenen Ländern.» mit anderen bekannten Clustern wie dem zulocken. Gleichzeitig könnte man so die
Die meisten kantonalen und interkantona- Bio Valley in der Region Basel wurden zwei- Stärke der «Marke Schweiz» nutzen.
len Standortförderungsstellen beziehen sich fellos nicht untersucht. Das Watch Valley –
bei ihrem Auftritt bereits auf die Schweiz, ins- ein gemeinsames Projekt der Schweizer Uh-
besondere durch das weisse Kreuz auf rotem renindustrie – beschränkt sich gegenwärtig
Grund im Logo. Wäre es nicht sinnvoll, eine trotz seines grossen wirtschaftlichen Poten-
gesamtschweizerische Strategie zu lancieren, zials auf eine Route für Touristen.
um die «Swissness» besser zu nutzen? Auf gesamtschweizerischer Ebene ist der
Abgesehen von den interkantonalen Switzerland Innovation Park vielverspre-
Standortpromotionsstellen sind auch Bran- chend. Diese neue Plattform, die Kontakte
chenplattformen Ausdruck der Zusammen- zwischen Hochschulen und Unternehmen
arbeit der Kantone. So tragen in der West- unterstützt, könnte Synergien zwischen den Renaud Vuignier
schweiz beispielsweise Bioalps, Alp ICT, Mi- verschiedenen Innovationsclustern erleich- Dr. rer. pol., wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Hochschulinstitut für öffentliche Verwal-
cronarc und Cleantechalps zum Entstehen tern. Dadurch könnte der Wirtschaftsstand- tung (Idheap), Universität Lausanne
kantonsübergreifender Cluster bei. Doch die ort Schweiz auf internationaler Ebene als
gemeinsamen Massnahmen sind nach wie Ganzes gefördert werden. In einem zweiten
vor nicht sehr ambitiös. Anscheinend sind die Schritt würden dann die Wettbewerbsvortei- Literatur
Kantone nur bedingt gewillt, ihre Kompeten- le der einzelnen Regionen und Kompetenz- Monnier P. D. (2015). Promotion économique de la
zen an gemeinsame Strukturen zu übertra- zentren hervorgehoben. Suisse occidentale: radiographie sans complaisance,
Genf, Slatkine.
gen. Beispielsweise hätte das Projekt für die Die Schweizer Standortförderung müsste Rufer R., und Wagner A. (2015). Standortförderung in
wirtschaftliche Entwicklung des Gesund- also auf das ganze Land und die verschiede- internationaler Perspektive, in : Die Volkswirtschaft,
3/4–2015, S. 4 ff.
heitsbereichs in der Westschweiz, das soge- nen kantonsübergreifenden Kompetenzzen- Von Stokar T., Vettori A., Zandonella R., Scherer R.,
tren ausgerichtet werden. Ein einheitlicher, Zumbusch K. und Schoenenberger A. (2014). Evalua-
tion nationale Standortpromotion Schweiz, im Auf-
3 Siehe Rufer und Wagner (2015) und von Stokar et al.
pragmatischer Ansatz auf gesamtschweize- trag des Seco. Zürich, Infras / Universität St. Gallen /
(2014). rischer Ebene ohne Verbindung zur politisch- Eco’Diagnostic.

48 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


EHEPAARBESTEUERUNG

Wie schafft man die «Heiratsstrafe» ab?


Eine Reform der Ehegattenbesteuerung ist kein einfaches Unterfangen: Ob eine Lösung als
«gerecht» empfunden wird, hängt letztlich von der Wertehaltung ab.  Brigitte Behnisch,
Martin Daepp, Bruno Jeitziner

Abstract  Der Bundesrat hat im März 2018 die Botschaft zur Beseitigung der «Heirats- stimmten Einkommen mehr Personen leben
strafe» verabschiedet. Wie soll die direkte Bundessteuer angepasst werden? Grund- müssen, ist die wirtschaftliche Leistungs-
sätzlich gilt: Eine gute Ehegattenbesteuerung genügt dem Gebot der Gleichbehand- fähigkeit vermindert, und die Steuerbelas-
lung und berücksichtigt ökonomische Anreize. Welches Modell gewählt wird, hängt tung muss entsprechend tiefer ausfallen.
letztlich davon ab, ob ein indirekt oder ein direkt progressiver Tarif eingesetzt wird. Eine alleinstehende Person ist deshalb hö-
Bei einem direkt progressiven Tarif muss der Gesetzgeber festlegen, ob er das Indi- her zu belasten als ein Einverdiener-Ehe-
viduum oder den Haushalt besteuern will. Falls er den Haushalt besteuern will, muss paar mit dem gleichen Gesamteinkommen.
er weiter entscheiden, ob er der Zivilstandsunabhängigkeit oder der Globaleinkom- Ebenso ist eine alleinstehende Person höher
mensbesteuerung den Vorrang geben will. Damit die Reform mehrheitsfähig ist, emp- zu belasten als ein Einverdiener-Konkubinat
fiehlt sich das Modell «Mehrfachtarif mit alternativer Steuerberechnung», wozu die mit dem gleichen Gesamteinkommen.
Steuerbehörde bei Ehepaaren das Einkommen zunächst gemeinsam veranlagt. Da- Schliesslich können fünftens «Haus-
nach erstellt sie eine alternative Berechnung, die sich an eine Besteuerung von Kon- haltsvorteile» von Paaren gegenüber Allein­
kubinatspaaren anlehnt. Bezahlt werden müsste jeweils der tiefere Betrag. stehenden berücksichtigt werden. Damit
sind Haushaltsersparnisse in Form niedri-
gerer Lebenshaltungskosten pro Kopf, die

E  rwerbstätige Ehepaare bezahlen heute


unter Umständen mehr Steuern als Kon-
kubinatspaare in gleichen wirtschaftlichen
Drittens berücksichtigt eine Reform so-
genannte Schatteneinkommen, welche die
wirtschaftliche Leistungsfähigkeit erhö-
durch das Zusammenwohnen erzielt wer-
den, gemeint. Ein Zweiverdiener-Ehepaar
(beziehungsweise ein Zweiverdiener-Kon-
Verhältnissen. Diese «Heiratsstrafe» soll bei hen. Gehen die Haushalte in unterschiedli- kubinatspaar) ist dann höher zu belasten als
der direkten Bundessteuer beseitigt werden, chem Ausmass einer Erwerbstätigkeit nach, zwei alleinstehende Personen, die zusam-
wie der Bundesrat im März in einer Botschaft so bestehen aufgrund der unterschied- mengerechnet auf ein gleich hohes Einkom-
beschlossen hat.1 Um dem Gebot der Gleich- lichen Beschäftigungsgrade auch unter- men wie das Ehepaar (beziehungsweise das
behandlung nachzukommen, erfüllt die Ehe- schiedliche Möglichkeiten, Haushaltsarbei- Konkubinatspaar) kommen.
gattenbesteuerung2 im Idealfall fünf Forde- ten wie Kochen, Putzen und Kinderbetreu-
rungen. ung zu übernehmen und auf diese Weise ein Was sagt das Bundesgericht?
Erstens soll die Steuerbelastung zivil­ Schatteneinkommen zu erzielen. Ein Zwei-
standsunabhängig sein. Ein Einverdiener-­ verdiener-Paar mit einem Gesamtbeschäf- Die Rechtsprechung des Bundesgerichts
Ehepaar und ein Einverdiener-Konkubinats- tigungsgrad von 200 Prozent hat beispiels- zu den Belastungsrelationen zwischen ver-
paar mit gleichem Gesamteinkommen sind weise ein geringeres Potenzial zur Erzielung schiedenen Haushaltsformen deckt sich
gleich zu belasten, da sie die gleiche wirt- eines Schatteneinkommens als ein Einver- weitgehend mit den fünf Forderungen. Ge-
schaftliche Leistungsfähigkeit besitzen. diener-Paar. Das erste Paar ist deshalb tiefer mäss der vom Bundesgericht aufgestellten
Dasselbe gilt für Zweiverdiener-Ehepaare zu belasten als das zweite. Übersteigt hin- und von der Steuerrechtslehre weiterent-
und Zweiverdiener-Konkubinatspaare mit gegen der Gesamtbeschäftigungsgrad eines wickelten Formel3 zu den Belastungsrelatio-
gleichem Gesamteinkommen. Zweiverdiener-Paares die 100-Prozent-Mar- nen (siehe Abbildung 1) hat bei gleichem Ge-
Zweitens soll eine sogenannte Global- ke nicht – etwa dann, wenn beide Partner zu samteinkommen die steuerliche Belastung
einkommensbesteuerung zum Zuge kom- 50 Prozent teilzeitbeschäftigt sind, – ist eine eines Zweiverdiener-Ehepaares derjenigen
men: Die gemeinsame Steuer eines (Ehe-) Minderbelastung unbegründet. eines Zweiverdiener-Konkubinatspaares zu
Paares soll nur von der Summe der Einkom- Viertens gilt es die Haushaltsgrösse 3 BGE 120 Ia 329 Erwägung 4b; Bericht Kommission Fami-
men beider Partner abhängen und nicht von zu berücksichtigen: Wenn von einem be- lienbesteuerung, Bern 1998, S. 40.
der Verteilung des Einkommens zwischen
den Partnern. Paare mit dem gleichen Ge-
(1998), S. 40. / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

samteinkommen sind gleich zu belasten.


BERICHT KOMMISSION FAMILIENBESTEUERUNG, BERN

Abb. 1: Von Bundesgericht und Steuerrechtslehre entwickelte Formel zu den


Belastungsrelationen
1 Bundesrat (2018). Bundesrat verabschiedet Botschaft
Zwei allein­
zur Beseitigung der Heiratsstrafe, Medienmitteilung
Alleinstehende Einverdiener­ Einverdiener- Zweiverdiener- Zweiverdiener- stehende Per-
vom 21. März 2018.
Person Konkubinat Ehepaar Ehepaar Konkubinat sonen mit je 1/2
2 Gegenstand der Ehegattenbesteuerung ist die Be-
Einkommen
steuerung von Personen mit unterschiedlichem Zivil-
stand und unterschiedlichen Haushaltsformen. Dem-
gegenüber geht es bei der Familienbesteuerung um die
Besteuerung von Haushalten mit Kindern, d. h. um die
Berücksichtigung von Kinderlasten.

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  49
EHEPAARBESTEUERUNG

entsprechen. Dasselbe gilt für die steuerli- die Individualbesteuerung auf. Wegen der gemeinsam im Rahmen des Splittings oder
che Belastung von Einverdiener-Konkubi- Überbelastung der Einverdiener- gegen- eines Doppeltarifs besteuert werden.
natspaaren und -Ehepaaren. über der Zweiverdiener-Ehe mit dem glei-
chen Gesamteinkommen, die sich aus dem Ungleichbehandlung bei der
Welches Modell wählen? progressiven Tarif ergibt und die in der Re-
direkten Bundessteuer
In Bezug auf die direkte Bundessteuer – wel- gel schwerer wiegt als das höhere Schat-
che bei Privatpersonen auf Einkommen ge- teneinkommen aus der Haushaltsproduk- Die steuerliche Ungleichbehandlung von
mäss einem direkt progressiven Tarif erhoben tion der Einverdiener-Ehe, sind hier jedoch verheirateten und unverheirateten Paa-
wird – lassen sich die fünf Forderungen nicht gemäss dem Bundesgericht Korrektive wie ren bei der direkten Bundessteuer hängt
gleichzeitig realisieren. Die Wahl des Be- beispielsweise Tarifdifferenzierungen und einerseits von der Einkommensaufteilung
steuerungsmodells hängt deshalb davon ab, Verheiratetenabzüge erforderlich. 4 Wird zwischen den Partnern ab: je gleichmässi-
welcher der miteinander in Konflikt stehen- stattdessen dem Postulat der Globalein- ger die Einkommensaufteilung, desto hö-
den Forderungen der Gleichbehandlung zwi- kommensbesteuerung der Ehepaare Vor- her die steuerliche Ungleichbehandlung
schen den verschiedenen Haushaltsformen rang eingeräumt, sollten die Ehepartner (siehe Abbildung 2). Damit ist das Postulat
Priorität eingeräumt wird. In erster Linie muss der Globaleinkommensbesteuerung ver-
geklärt werden, ob die Zivilstandsunabhän- 4 BGE 110 Ia 7. letzt. Andererseits variiert die steuerliche
gigkeit oder die Globaleinkommensbesteue-
rung Vorrang haben soll. Indem die nachste-
henden drei Fragen der Reihe nach beantwor- Abb. 2: Steuerliche Ungleichbehandlung von verheirateten und u
­ nverheirateten
tet werden, lassen sich die Anforderungen an Paaren bei der direkten Bundessteuer
eine gute Ehegattenbesteuerung in ein kon- 100    Steuerdifferenz, in %
kretes Besteuerungsmodell übersetzen.

PETERS, RUDI (2014). STEUERLICHE UNGLEICHBEHANDLUNG VON VERHEIRATETEN UND UNVER-


80

1. Soll ein indirekt oder ein direkt pro-

HEIRATETEN PAAREN IN DEN KANTONEN UND BEIM BUND / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


60
gressiver Steuertarif gewählt werden?
Mit der Antwort auf diese Frage wird die ver- 40

tikale Steuergerechtigkeit im Sinne der Las- 20


tenverteilung konkretisiert und allenfalls eine
darüber hinausgehende Umverteilung ange- 0

strebt. Wird ein indirekt progressiver Tarif (d. h. –20


ein Einheitssatz mit Freibetrag) befürwortet,
so ist auch die Frage nach der Form der Ehe- –40

gattenbesteuerung entschieden. In diesem –60


Fall kommt die Einheitssteuer zum Zuge. Da
die Ungleichbehandlung der einzelnen Haus- –80

haltstypen bei dieser Besteuerungsform ver- –100


gleichsweise klein ist, kann auf korrektive Ab- 0 50 100 150 200 250 300 350 400 450 500
züge verzichtet werden. Fällt die Entscheidung Einkommen des Paares, in 1000 Franken
stattdessen auf einen direkt progressiven Tarif,
Einkommensverteilung:   50/50          70/30          90/10
ist die nächste Frage zu beantworten:
Lesebeispiel: Steuerlich macht es einen Unterschied, ob ein Paar verheiratet ist oder nicht. So zahlen bei-
2. Soll der Haushalt oder das Individuum spielsweise Verheiratete, die je 50 Prozent zu einem Gesamteinkommen von 180 000 Franken beisteu-
ern, 75 Prozent mehr Steuern als Unverheiratete.
Träger der wirtschaftlichen Leistungs-
fähigkeit sein?
Wird die Einzelperson unabhängig von ihrem Reformoptionen bei Beibehaltung des progressiven Tarifs
Zivilstand und ihrer Wohnform als Trägerin
–– Korrektur des geltenden Mehr- pflichtigen Personen zur An- –– Mehrfachtarif mit alternativer
der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ange- fachtarifs: Der bestehende wendung kommt. Bei einer Steuerberechnung: Die veran-
sehen, so ist die Individualbesteuerung (siehe Mehrfachtarif (Grundtarif, reinen Individualbesteuerung lagende Behörde berechnet
Kasten) unabdingbar. Dabei kann auf die rei- Verheiratetentarif, Eltern- wird bei jeder steuerpflichti- in einem ersten Schritt die
ne Form abgestellt werden, da Korrektive nicht tarif) könnte mit Abzügen gen Person unabhängig vom Steuerbelastung der Ehepaare
(Zweiverdiener, Zweipensio- Zivilstand und ohne Korrekti- im Rahmen der ordentlichen
nur unnötig, sondern sogar systemfremd sind. nen, Einverdiener, Haushalt) ve nur das erfasst, was dieser gemeinsamen Veranlagung,
Ist hingegen der Haushalt Träger der Leis- korrigiert werden. an Einkommen zufliesst. Bei indem die Einkommen der
tungsfähigkeit, stellt sich die folgende Frage: –– Splitting: Beim Vollsplitting einer modifizierten Indivi- Eheleute zusammengerech-
wird das gemeinsame Ein- dualbesteuerung werden mit net werden. In einem zweiten
kommen zum Satz des halben zusätzlichen Abzügen (zum Schritt wird eine alternative
3. Soll dem Postulat der Zivilstands- Gesamteinkommens besteu- Beispiel Einverdienerabzug) Berechnung der Steuerbe-
unabhängigkeit oder dem Postulat der ert. Beim Teilsplitting wird ein Korrekturen bei den Belas- lastung vorgenommen, die
Globaleinkommensbesteuerung Vor- kleinerer Divisor angewendet. tungsrelationen eingebaut. sich an eine Besteuerung von
–– Individualbesteuerung: Die In- –– Veranlagungswahlrecht: Ehe- Konkubinatspaaren anlehnt.
rang zukommen? dividualbesteuerung beruht paare können zwischen ge- Der tiefere der beiden Steuer-
Wird dem Postulat der Zivilstandsunabhän- auf einem einzigen Tarif, der meinsamer und getrennter beträge wird dem Ehepaar in
gigkeit Vorrang eingeräumt, so drängt sich bei allen natürlichen steuer- Besteuerung wählen. Rechnung gestellt.

50  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


EHEPAARBESTEUERUNG

Ungleichbehandlung mit der Einkommens- darf. Bei der Steuergerechtigkeit lautet die besteuerung auch dem Fiskalziel, den Anpas-
höhe. So werden Zweiverdiener-Paare mit Schlüsselfrage, ob der Haushalt oder das In- sungskosten sowie den Entrichtungs- und
tiefen Einkommen beziehungsweise nied- dividuum besteuert werden soll. Ob Haus- Erhebungskosten Rechnung tragen. Am ziel-
rigem Anteil des Zweiteinkommens steuer- halte oder Individuen als gleich gelten sol- führendsten scheint die im Kasten beschrie-
lich privilegiert – bei höheren Einkommen bene Reform «Mehrfachtarif mit alternativer
beziehungsweise gleichmässigerer Ein- Steuerberechnung»: Dafür spricht, dass sie
kommensaufteilung werden sie benachtei- Eine gute Ehegatten- die «Heiratsstrafe» vollständig beseitigt, we-
ligt. Bei sehr hohen Einkommen verschwin- niger Mindereinnahmen verursacht als ande-
det die steuerliche Benachteiligung, da der
besteuerung trägt re Reformoptionen und auch bezüglich Er-
Steuersatz auf 11,5 Prozent begrenzt ist. den Anreizwirkungen werbsanreizen nur der Individualbesteuerung
Nebst dem Gebot der Gleichbehandlung unterlegen ist. Weiter können die Kantone
Rechnung.
trägt eine gute Ehegattenbesteuerung auch ihre geltende Lösung für die Ehepaarbesteue-
den Anreizwirkungen Rechnung. Im Vor- rung beibehalten, wodurch die Reform ver-
dergrund steht dabei die Wahl zwischen Er- len, ist politisch allerdings umstritten und gleichsweise rasch umsetzbar ist. Schliesslich
werbsarbeit, Haushaltsproduktion (Selber- hängt von der Wertehaltung ab. Deshalb entsteht für die Steuerpflichtigen kein zusätz-
machen) und Freizeit. Die Verzerrung dieser kann die Frage der Steuergerechtigkeit nicht licher Aufwand. Allerdings wird sich insbeson-
Entscheidungen, welche durch die Besteue- abschliessend beantwortet werden. Betref- dere in der Einführungsphase der administra-
rung von Erwerbsarbeit und die Nichtbe- fend Anreizwirkungen lässt sich festhalten: tive Aufwand für die kantonalen Steuerbehör-
steuerung von Haushaltsproduktion und Ein Anknüpfen am Individuum als Träger der den erhöhen. Die Abläufe dürften sich aber
Freizeit verursacht wird, sollte möglichst ge- wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit ist vor- weitgehend automatisieren lassen.
ring bleiben. Aber auch der Entscheid zwi- zuziehen – auch wenn so die Entscheidung
schen Einpersonen- und Zweipersonenhaus- über die Einkommensaufteilung zwischen
halt sollte nicht durch Steuern verzerrt wer- Partnern verzerrt wird. Zusammengefasst
den, sondern aufgrund von nicht steuerlichen kann man sagen: Bei der Reform der Ehe-
Überlegungen gefällt werden. Zum Beispiel gattenbesteuerung spielt es auch eine Rol-
ergeben sich in einem Zweipersonenhaus- le, welches Gewicht den Gerechtigkeits- und
halt Effizienzvorteile durch die gemeinsa- den Anreizargumenten beigemessen wird.
me Nutzung von Gütern oder dank Arbeits- Grundsätzlich wäre es möglich, die «Hei-
teilung zwischen den Partnern. Dieses öko- ratsstrafe» aufkommensneutral zu beseiti- Brigitte Behnisch
nomische Effizienzgebot impliziert, dass die gen, indem die nicht verheirateten Steuer- Dr. iur., Projektleiterin steuerpolitische
fünfte Gleichbehandlungsforderung – die Be- pflichtigen höher belastet würden. Da ein Geschäfte, Eidgenössische Steuerverwal-
tung (ESTV), Bern
rücksichtigung des Haushaltsvorteils – ver- solches Vorgehen politisch wenig erfolgver-
worfen werden sollte. sprechend wäre, wurden für die Reform die
Die bestehende gemeinsame Besteue- verschiedenen Modelle stattdessen basie-
rung von Paaren setzt negative Anreize für rend auf der Prämisse evaluiert, dass für kei-
die Erwerbstätigkeit des Zweitverdieners. ne einkommenssteuerpflichtige Person eine
Denn der Grenzsteuersatz des relativ elas- Mehrbelastung gegenüber heute resultiert.
tisch reagierenden Zweitverdieners beginnt Deshalb verzichtete man bei der alternati-
nicht bei null, sondern beim Grenzsteuersatz ven Steuerberechnung zum Beispiel auf die
des Erstverdieners. Dadurch erhält der Zweit- Streichung des Zweiverdienerabzugs. Zu-
verdiener einen starken Anreiz, sein Arbeits- dem wurde darauf geachtet, dass sich die Be-
Martin Daepp
pensum nicht zu erhöhen. Es ist davon auszu- lastungsrelationen nicht zu stark verändern. Senior Economist, Eidgenössische Steuer-
gehen, dass die Aufhebung der steuerlichen Entsprechend wird für Einverdiener-Ehepaa- verwaltung (ESTV), Bern
Benachteiligung für viele der betroffenen re beispielsweise neu ein Einverdienerabzug
Personen, vor allem auch für gut ausgebilde- vorgeschlagen.
te Frauen, diesen Abhalteeffekt abbauen und Die Abschaffung der «Heiratsstrafe»
zu einer Mobilisierung von zusätzlichen Fach- ohne Mehrbelastungen bewirkt jedoch Min-
kräften führen würde. Die Reform der Ehegat- dereinnahmen, die einnahmen- oder ausga-
tenbesteuerung ist deshalb auch Bestandteil benseitig kompensiert werden müssen und
der Fachkräfteinitiative. damit unvermeidlich Verlierer nach sich zie-
hen. Damit stellt sich auch hier das Dilemma
Vom Reformbedarf jeder Reform, dass den Verlierern im Status
quo die Verlierer im Reformszenario gegen- Bruno Jeitziner
zur konkreten Lösung überstehen. Chefökonom, Eidgenössische Steuerver-
Sowohl aus Gerechtigkeits- als auch aus Ef- Neben der Gleichbehandlung und der An- waltung (ESTV), Professor für Wirtschaft s-
und Sozialpolitik, Universität Freiburg
fizienzgründen besteht somit ein Reformbe- reizwirkung muss eine Reform der Ehegatten-

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 51


EUROKURS

Das Experiment Mindestkurs


Die Mindestkurspolitik hat die SNB-Bilanz stark vergrössert. Ein Abbau der Bilanzsumme ist
nötig – stösst politisch aber auf Widerstand.  Niklaus Blattner

Abstract    Dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) am 6. September 2011 wegen tember 2011 zu einer markanten Änderung
der damaligen Überbewertung des Frankens die Einführung eines temporären Euro-­ ihrer Geldpolitik. Ab sofort galt ein Mindest-
Mindestkurses beschloss, ist nachzuvollziehen. Ebenfalls nachzuvollziehen ist, dass kurs von 1.20 Franken pro Euro. Im Vergleich
die SNB das Experiment nach etwas mehr als drei Jahren am 15. Januar 2015 abbrach. zum Dezember 2010 betrug die Aufwertung
Das Experiment ist mit erheblichen Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Nament- gegenüber dem Euro 19 Prozent und gegen-
lich schränkt eine übergrosse Bilanzsumme den geldpolitischen Spielraum der Zen- über dem Dollar sogar 25 Prozent. Diese Ent-
tralbank im Fall einer neuen Krise ein. Hinzu kommt eine gesellschaftliche Infragestel- wicklung sprengte alles, was die Schweiz zu
lung des SNB-Auftrags in der Öffentlichkeit. Für eine abschliessende Beurteilung des absorbieren gewohnt war. Aufgrund der Fol-
Mindestkurs-­Experiments ist es zu früh. Klar ist: Die erforderliche Redimensionierung gen der Finanzkrise nach 2007 offenbarte
der SNB-Bilanz setzt eine mit dem gesetzlichen Auftrag der SNB übereinstimmende Mei- sich der Franken für Anleger als «save haven».
nungsbildung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kräfte voraus. Um das Wechselkursziel durchzusetzen,
war die SNB gezwungen, umfangreiche Devi-
senbestände zu erwerben. In der Folge wuchs

D  ie Schweizerische Nationalbank (SNB)


hat gemäss Verfassung und Gesetz
die Preisstabilität zu gewährleisten und da-
Auch dies lässt den Frankenkurs steigen. So-
lange der Frankenkurs wie in der Vergangen-
heit meistens nur langsam steigt, lässt sich
die SNB-Bilanzsumme, welche sich seit Ende
2007 bis 2011 ohnehin schon mehr als ver-
doppelt hatte, noch rascher. Zwischen 2007
bei der konjunkturellen Entwicklung Rech- die schweizerische Wettbewerbsfähigkeit und 2017 versechsfachte sie sich auf 843 Mil-
nung zu tragen. Im Falle von Zielkonflikten mithilfe von Innovation, Rationalisierung und liarden Franken. Die Devisenanlagen stiegen
hat die Preisstabilität Vorrang. Als Instru- Standortpflege trotz eines anhaltenden Auf- in diesem Zeitraum um das Fünfzehnfache
ment der Geldpolitik steht im Normalfall die wertungstrends hochhalten. Ein massiver auf 790 Milliarden Franken.1
Steuerung der kurzfristigen Zinsen im Vor- Aufwertungsschub kann die Wettbewerbsfä- Aufschlussreich ist ein Grössenvergleich
dergrund. Der Wechselkurs bewegt sich frei. higkeit allerdings bedrohen. zum schweizerischen Bruttoinlandprodukt
Je erfolgreicher die Exporte schweizerischer Angesichts eines solchen wachsenden (BIP): Im Jahr 2007 erreichte die SNB-Bilanz-
Güter und Dienstleistungen verlaufen, des- Aufwertungsdrucks im Zuge der Finanzkrise summe ein Fünftel des BIP. Zehn Jahre spä-
to mehr wächst die Nachfrage nach Franken nach 2007 entschied sich die SNB am 6. Sep- ter überstieg die Bilanzsumme das BIP um ein
als Zahlungsmittel, und desto höher liegt der Fünftel.2 So viel SNB braucht die Schweiz auf
Wechselkurs. Aber auch als Wertaufbewah- Der Preisstabilität verpflichtet:
die Dauer kaum.
rungsmittel wird der Franken nachgefragt. SNB-Präsident Thomas Jordan vor Porträts
seiner Vorgänger in Zürich.
Wirtschaftliche Risiken der Bilanz
Eine Rückführung der SNB-Bilanz in die Nor-
malität ist nötig. Entsprechend schrieb der
emeritierte Berner Wirtschaftsprofessor
Ernst Baltensperger im Februar in der NZZ:
«So wie sich der Prozess der Bilanzauswei-
tungen im Zusammenspiel der Zentralban-
ken aufgebaut hat, muss er auch wieder ge-
meinsam von ihnen zurückgerollt werden.»3
In erster Linie schränkt eine überdimen-
sionierte Bilanz den geldpolitischen Spiel-
raum der Zentralbanken im Fall einer neuen
Krise stark ein. Nur nach einer vorgängigen
Redimensionierung wäre es den Zentralban-
ken möglich, mithilfe der Abgabe von Liqui-
dität die Zinsen erneut zum Sinken zu brin-
gen. Eine vorgängige Reduktion der Bilan-
zen wäre auch erforderlich, wenn sich statt
einer Krise eine konjunkturelle Überhitzung

1 Berechnungen Blattner anhand von SNB-Daten.


KEYSTONE

2 BIP-Daten von BFS und Seco.


3 Baltensperger (2018).

52  Die Volkswirtschaft  7 / 2018


EUROKURS

abzuzeichnen begänne. Andernfalls wür- ist es möglich, den Banken für das Hypothe- massive Aufwertung des Frankens, welche als
den die heute noch prallen Giroguthaben der kar- und Immobilienkreditgeschäft erhöh- Gefahr für den Wohlstand der schweizerischen
Geschäftsbanken bei den Zentralbanken zu te Eigenkapitalvorhaltungen aufzuerlegen. In Exportnation erlebt wurde, die plötzliche und
einer Ausweitung der Kredite führen, welche Kraft gesetzt wurde der antizyklische Eigen- unerwartete Bedeutung der SNB, die als «Ret-
die Gewährleistung der Preisstabilität stark kapitalpuffer durch den Bundesrat im Februar terin» und als Macht auftrat, und die ver-
erschweren könnte. 2013; ein Jahr später wurde er erhöht. gleichsweise überfordert scheinende Politik.
Allerdings stösst eine Redimensionierung Besonders hervorzuheben sind die Erfahrun- Um die These, wonach sich die gesell-
der Bilanzen auf Widerstand. Hoch verschul- gen, die sich anlässlich der Aufhebung des schaftlichen Vorstellungen vom Auftrag der
dete Staaten werden opponieren, da sie mit Mindestkurses am 15. Januar 2015 einstellten. SNB in den letzten Jahren verändert hätten,
einem Zinsanstieg rechnen müssen. Auch die Der Hintergrund für die Massnahme bildete zu testen, empfiehlt sich, sich die Aussagen
Furcht vor einer zinsbedingten Destabilisie- die seit Beginn des Experiments zu verzeich- zum Auftrag, zu den Kernaufgaben und zur
rung fragiler Bankensysteme steht einer Nor- nende Abschwächung des Aufwertungs- Unabhängigkeit und der demokratischen Le-
malisierung im Weg. drucks. Gleichzeitig liess die EZB aber keiner- gitimation der SNB in Erinnerung zu rufen.
lei Straffung ihrer Geldpolitik erwarten. Im- Diese sind in dem seit 2004 in Kraft stehen-
Nationale Interessen mer störender war die Abhängigkeit der SNB den Notenbankgesetz (NBG) enthalten.6
von der EZB. Angesichts dieser unerfreuli- Anlässlich der Einführung des Mindest-
oft an erster Stelle chen Perspektive entschloss sich die SNB, kurses wurde die SNB seitens der Export-
Dieser politische Druck stellt die Zentralban- den Weg zur Wiedererlangung ihrer geldpoli- wirtschaft und der Gewerkschaften kritisiert,
ken vor einen Zielkonflikt: Ist die internatio- tischen Eigenständigkeit einzuschlagen. Sie der Kurs sei mit 1.20 Franken pro Euro zu tief.
nale Zusammenarbeit mit anderen Instituten behielt sich aber vor, weiterhin unbeschränkt Später wurde dessen Aufhebung von glei-
wichtiger als die nationalen Interessen? Devisen zu kaufen und weitere Massnahmen cher Seite als verantwortungslos beurteilt.
Oft überwiegen politische Interessen. So zu treffen, sollte die Entwicklung des Wech- Die SNB habe die Aufgabe, im Interesse der
hat die expansive Geldpolitik des US Federal selkurses danach verlangen. Die überra- Exportfähigkeit der Schweiz den Franken-
Reserve und der Europäischen Zentralbank schende Aufhebung des Mindestkurses füg- kurs tief zu halten, oder, anders formuliert,
(EZB) die Überbewertung des Frankens wei- te vielen Marktteilnehmern auf den Devisen- die SNB solle die Wettbewerbsfähigkeit der
ter angeheizt. In der Folge führte die SNB Ne- märkten erhebliche Verluste zu, was diese als Schweiz und die Vollbeschäftigung entschie-
gativzinsen auf Giroguthaben der Banken ein. Vertrauensbruch empfanden. dener fördern. Die Sicherung der Geldwert-
Mit anderen Worten: Hätten das US Fed Dass das Wachstum der Devisenanlagen stabilität habe ein zu hohes Gewicht, hiess es.
Reserve und die EZB zuvor begonnen, ihre und der Bilanz der SNB nach dem Abbruch Mit der Einführung des Mindestkurses
Zinsen zu erhöhen, hätte die SNB den Ne- des Experiments lange brauchte, bis es sich nahm die SNB ihre gesetzliche Mitverant-
gativzins nicht einzuführen brauchen. Dass abzuflachen begann, erstaunt nicht. Erstens wortung für die realwirtschaftliche Entwick-
die SNB bis heute daran festhält, zeigt: Nach mussten sich die Märkte und die SNB nach lung wahr. Das heisst, sie nahm die damit
wie vor scheint es ihr nicht ratsam, auf rasche dem «gefühlten Vertrauensbruch» wieder- verbundenen Risiken für die Geldwertsta-
und ausreichende Zinserhöhungen der Part- finden. Zweitens musste die SNB Ausreisser bilität bewusst in Kauf. Doch weder zu Be-
ner-Zentralbanken zu vertrauen. So bleibt der des Eurokurses nach unten unverzüglich kor- ginn noch anlässlich des Abbruchs des Ex-
Negativzins wirksam, obgleich auch er wie rigieren, um der Entfaltung von Marktfanta- periments akzeptierten die Kritiker, dass die
der Mindestkurs mit Risiken verbunden ist. sien zuvorzukommen. Nach der Aufhebung Verantwortung für die Wettbewerbsfähig-
Risiken entstehen, da die SNB in das Kre- des Mindestkurses wuchsen die Devisen- keit der Schweiz nicht der SNB aufgebürdet
ditgeschäft der Banken eingreift. Für die Ban- bestände der SNB in den nächsten drei Jah- werden darf und für die SNB langfristig die
ken ist das Kreditgeschäft attraktiver gewor- ren nochmals um 50 Prozent.4 Noch im März Geldwertstabilität prioritär sein muss. Die-
den: Statt Giroguthaben zu halten und Ne- beurteilte die SNB den Franken weiterhin als se Haltung ist nicht nur widerrechtlich, son-
gativzinsen zu zahlen, geben die Banken die «hoch bewertet» und die Lage am Devisen- dern auch kontraproduktiv. Denn würde die
tieferen Zinsen an die Kreditnehmer weiter. markt als «fragil».5 Schweiz ihre Wettbewerbsfähigkeit mit einer
Grund zur Sorge bereiten insbesondere die dauerhaften Wechselkurspflege aufrecht-
günstigen Hypothekarkredite. SNB-Auftrag wird zum Politikum zuerhalten versuchen, würde sie damit die
Schon vor der Einführung des Negativzin- realen Produktivitätskräfte schwächen und
ses beobachtete die SNB Überhitzungen auf Abgesehen von dessen ökonomischen Risi- ihren Wohlstand gefährden.
Immobilienmärkten. Inzwischen stellen sich ken zog das geldpolitische Experiment der
viele Beobachter die Frage, was geschehen SNB auch eine Reihe von erheblichen gesell- Kein Goldesel
wird, wenn die Zinsen deutlich zu steigen be- schaftlichen Nebenwirkungen nach sich. Das
ginnen – beispielsweise weil die SNB aus den heisst, die Vorstellung von den Aufgaben der Andere Stimmen lehnen eine Redimensio-
geschilderten Gründen ihre Bilanz zurückfah- SNB veränderte sich. Ich vertrete die These, nierung der Bilanz ab, weil die grosse Bilanz
ren muss. der Auftrag der SNB werde heute viel kontro- der SNB in den vergangenen Jahren grosse
Zinserhöhungen nach Immobilienblasen ver- verser eingeschätzt als noch vor wenigen Jah- Gewinne für Bund und Kantone abwarf. Da-
grössern die Gegenparteirisiken der Kredit- ren. Der Grund dafür ist eine Reihe von Erfah- bei ignorieren sie zum einen das höhere Risi-
geber und können das Finanzsystem desta- rungen: die globale Finanzkrise, die sogar die ko, das eine höhere Rendite mit sich bringt.
bilisieren. Positiv ist, dass die SNB und die Grossbank UBS ins Straucheln brachte, die Noch gravierender sind zum andern die Kon-
Eidgenössische Finanzmarktaufsicht (Fin- sequenzen für die Geldpolitik: Je grösser die
ma) die Risiken von Immobilienbubbles seit 4 Berechnungen Blattner.
Längerem im Visier haben. Seit Mitte 2012 5 SNB (2018). 6 Vgl. Bundesrat (2002).

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  53
EUROKURS

öffentlichen Ansprüche an die SNB-Gewin- zu überlassen» legen Politiker und Experten nach wenigen Jahren dauerhaft beseitig-
ne sind, desto mehr müsste die SNB bei ihren fortlaufend Reformvorschläge auf den Tisch. te, während bis zum heutigen Tag niemand
geldpolitischen Entscheiden auf die damit So fordern einige beispielsweise, das dreiköp- wissen kann, ob die mit dem aktuellen gros-
verbundenen Auswirkungen auf die Anlage- fige Direktorium benötige dringend zusätzli- sen Experiment bisher erzielte Korrektur des
erträge Rücksicht nehmen. Die SNB darf zwar che Mitglieder, um besser in Wirtschaft und Euro-Franken-Wechselkurses von Dauer ist.
Gewinne erzielen; das Gesetz regelt deren Gesellschaft verankert zu sein. Das Mindestkurs-Experiment hat die SNB
Verteilung auf die Aktionäre, den Bund und Andere wiederum verlangen die Aufhe- ihrem öffentlichen Auftrag gemäss unternom-
die Kantone. Das Erzielen von Gewinnen zählt bung des Bargelds und dessen Ersatz durch men. Damit trug sie wesentlich dazu bei, dass
aber nicht zum Kern ihres Auftrags. Der Ziel- digitales Geld. Dabei geht es ihnen weniger die befürchtete grosse wirtschaftliche Krise
konflikt zwischen der Funktion der Zentral- darum, den Zahlungsverkehr unter Kriminel- infolge der ursprünglichen Überbewertung
bank als «money-spinning machine» und je- len zu erschweren, als darum, den Zentral- des Frankens ausblieb. Das spätere Urteil über
ner als Instanz, welche die Geldwertstabilität banken die Durchsetzung von Negativzin- das Experiment insgesamt wird nicht nur da-
gewährleisten muss, ist unauflöslich. sen zu erleichtern: Gibt es kein Bargeld mehr, von abhängen, wie gut es gelingen wird, die
Wenn die SNB aus geldpolitischen Grün- kann den Negativzinsen durch Horten von ökonomischen Risiken zu kontrollieren. Eben-
den die Giroguthaben der Banken und ande- Banknoten nicht mehr ausgewichen werden. so entscheidend wird vielmehr sein, wie gut
rer Anleger abbauen muss, geht dies zwingend Grundlegender sind die Vorschläge, wel- die gesellschaftlichen Nebenwirkungen – die
mit einem Abbau der Aktivseite der Bilanz ein- che auf Änderungen der Währungsverfas- aktuelle Infragestellung des SNB-Auftrags –
her.7 Wünscht die Politik in der Schweiz hin- sung zielen. Die Stossrichtungen sind kom- aufgearbeitet werden können. Dabei kommt
gegen einen öffentlichen Fonds, so ist dieser plett verschieden. So fordern SNB-Kritiker es keineswegs nur auf die SNB an, ob die Hürde
zuerst zu finanzieren. Die Notenpresse kommt beispielsweise, statt ständig den schwieri- übersprungen wird. Vielmehr braucht es dazu
dafür aus gesetzlichen Gründen nicht infra- gen Kampf gegen die Aufwertung des Fran- die Unterstützung der politischen, wirtschaft-
ge. Über Nordseeöl wie Norwegen verfügen kens zu führen, wäre es besser, den Franken lichen und gesellschaftlichen Kräfte.
wir nicht. Also müssten öffentliche Abgaben durch den Euro zu ersetzen. Aus dem Finanz- Die grössten Unsicherheiten gehen aber
zur Finanzierung des Fonds erhoben werden, sektor wiederum kommen Stimmen, welche von den aktuellen geopolitischen und welt-
oder bestehende öffentliche Vermögenserträ- lieber mehr als weniger Währungen hätten. wirtschaftlichen Risiken aus. Aus Schweizer
ge müssten umgewidmet oder zwecks Finan- Demnach könnten Kryptowährungen, in- Perspektive verursachen zwei Problemkrei-
zierung des Fonds verkauft werden.8 dem sie im Wettbewerb zu den bestehenden se besondere Sorgen: Einerseits ist es die In-
Währungen stünden, zur Hebung von deren fragestellung der Freiheit des internationalen
Heilsbringerin oder Qualität beitragen. Könnten die Wirtschafts- Handels und andererseits die unklare Zukunft
subjekte ihre Währung frei wählen, würden der Europäischen Union. Letztere führte ja
übermächtiger Player? jene am meisten benutzt werden, welche schon zu Beginn der Finanzkrise nach 2007
Während die einen die Zentralbank als Heils- den Nutzern die grössten Vorteile böten, so zu einer plötzlichen, enormen Überbewer-
bringerin lieben, gibt es andere, welche sie die Argumentation. Im Gegensatz dazu ver- tung des Frankens. Ein erneutes Aufflammen
als übermässige politische Macht fürchten. langten die Initianten der Vollgeld-Initiative einer Wirtschafts- und Finanzkrise verbun-
Rückblickend gilt: Mit ihrer Politik trugen die sogar nach mehr Macht für die SNB. All dies den mit einer Flucht in den Franken als «safe
Zentralbanken angesichts der Finanzkrise zur zeigt: Seit der Revision des Notenbankgeset- haven» wäre durchaus geeignet, die Rück-
Stabilisierung der Finanzsysteme, der Kon- zes vor 14 Jahren scheint sich ein grundlegen- kehr der Schweiz zur geldpolitischen Norma-
junktur und der Arbeitsmärkte bei. Gleichzei- der Wertewandel abzuzeichnen. lität zu blockieren.
tig gelang es ihnen, Deflation zu vermeiden.
Der Erfolg der Zentralbanken scheint umso Wie weiter?
grösser, als die übrigen Instanzen der Wirt-
schaftspolitik kaum vergleichbare Leistungen Die Einführung eines Mindestkurses ist kein
erbrachten. Weder engagierten sich diese für Novum in der Geschichte der SNB: Bereits
die nötigen Reformen als Voraussetzung für vor 40 Jahren verfolgte die SNB erfolgreich
eine rasche Erholung von der Krise noch sta- einen Mindestkurs von über 80 Franken je
bilisierten sie die Finanzsysteme, und eben- 100 Deutsche Mark.10 Diese vergleichswei-
so wenig gaben sie grössere Impulse auf den se gute Erfahrung mit einem Wechselkurs- Niklaus Blattner
Ebenen Bildung und Infrastrukturen. Beson- ziel mag die Entscheidung der SNB im Herbst Emeritierter Professor für Nationalökonomie
ders kraftlos wirkten die meisten Regierun- 2011 erleichtert haben. der Universität Basel, ehemaliger Vize-
gen.9 In der Folge fiel den Zentralbanken eine Während das erste Mindestkurs-Experi- präsident der Schweizerischen National-
bank (SNB)
Macht zu, die sie nicht gesucht hatten. ment der SNB wie eine Fussnote der Geschich-
Auch in der Schweiz wird die Macht der te der schweizerischen Geldpolitik daher-
SNB kritisiert. Sie gilt als einflussreicher als kommt, ist die Einführung des Euro-Mindest- Literatur
Regierung und Parlament. Nach dem Motto kurses ein Meilenstein, wie allein schon der Baltensperger, Ernst (2018). Die Zentralbanken müs-
sen zusammenarbeiten, NZZ, 22. Februar.
«Die Geldpolitik ist zu wichtig, um sie der SNB eingangs erwähnte Anstieg der SNB-Bilanz- Blattner, Niklaus (2011). Der Franken ist kein Nord-
summe zeigt. Schwerer wiegt die Tatsache, seeöl, NZZ, 18. Oktober, S. 26.
7 Vgl. Baltensperger (2018) Bundesrat (2002). Botschaft über die Revision des
8 Blattner (2011). dass das frühere Experiment die Überbewer- Nationalbankgesetzes, 26. Juni 2002, S. 6098.
9 Was den Einsatz für die Wiederherstellung der Finanz- tung des Frankens gegenüber der D-Mark SNB (2007). Die Schweizerische Nationalbank,
stabilität betrifft, waren die Schweiz und die USA Aus- 1907–2007, Zürich.
nahmen. In diesen Ländern verlief die Zusammenarbeit SNB (2018). Geldpolitische Lagebeurteilung vom
zwischen Zentralbank und Finanzministerium vorbildlich. 10 Vgl. SNB (2007), S. 190–193. 15. März 2018, Medienmitteilung.

54 Die Volkswirtschaft  7 / 2018


ALAMY

Chefs setzen auf Schwarmintelligenz


Digitalisierung, Globalisierung und Wertewandel: Die Welt verändert sich immer
schneller, und Unternehmen müssen eine zunehmende Anzahl Einflussfaktoren
­beachten. Viele Grundsätze aus der Unternehmensführung sind veraltet. Statt auf
eiserne Befehlsketten setzen Firmenchefs vermehrt auf Inputs der Mitarbeitenden.
UNTERNEHMENSFÜHRUNG

König, Schwarm und Trüffelschwein


Die Welt verändert sich immer schneller, die Zukunft wird immer weniger planbar. Um wei-
terhin Erfolge feiern zu können, müssen Organisationen ihr Führungsbild überdenken. Drei
Leitbilder für ein modernes Führungsverständnis.  Wolfgang Jenewein, Oliver Böhm

Abstract  Angesichts des tiefgreifenden Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft war es Zeit bedingen meist ein abwägendes «So-
nie notwendiger und spannender zugleich, Führung wieder in den Mittelpunkt unter- wohl-als-auch» statt trennscharfer Unter-
nehmerischen Handelns zu stellen und neu zu denken. Die Globalisierung, die Digitali- teilungen in Schwarz und Weiss.
sierung und ein nach Sinn strebender Wertewandel stellen immer höhere Ansprüche an Der Wandel an sich ist dabei nicht das Pro-
Führungskräfte. Eine Führungskraft sollte sich am Menschen und an der Zukunft orien- blem. Er wird erst dann zum Problem, wenn
tieren. Sie sollte ihren Mitarbeitern vertrauen, deren persönliche Fähigkeiten fördern Führungsverantwortliche sich ihm nicht stel-
und so die Potenziale der gesamten Organisation entfalten. Denn wer sich der Grund­ len und sich an überkommene Leitbilder
dynamik der heutigen Welt bewusst ist und die Bereitschaft hat, die eigene Rolle und klammern. Klar ist, dass die prozess- und si-
Verantwortung als Führungskraft noch einmal von Grund auf zu überdenken, kann schon cherheitsorientierten Führungsprinzipien
heute damit beginnen, für Mitarbeiter und Firmen den Wandel zur Chance zu machen. der weitgehend planbaren Achtziger-, Neun-
ziger- und Nullerjahre nicht mehr zur heuti-
gen Welt passen. Was also zeichnet moderne

E  in guter Eindruck der allgemeinen Gem­


ütslage in einer grossen Organisation
entsteht beim Besuch der Kantine.1 Auf-
ne eine immer rasantere Wettbewerbsdy-
namik. Die alten Wettbewerbsvorteile man-
cher Konzerne werden herausgefordert
Führung aus?

Vom Krieger zum König


schluss gibt dabei weniger das servierte von agilen Start-ups, die mit digitalen Ge-
Mittagessen als die Gespräche, welche die schäftsmodellen nicht länger von kostspie- Nicht wenige Führungskräfte beschreiben
Mitarbeiter untereinander führen. Neben ligen Ressourcen abhängig sind. Und drit- ihre tägliche Arbeit als Krieg. Gemeint ist ein
Krautsalat und Bolognese kommt weitge- tens vollzieht sich im Windschatten dieser Dauerzustand der Problem- und Krisenbewäl-
hend ungefiltert auf den Tisch, was die Mann- Entwicklungen ein gesellschaftlicher Wer- tigung, in dem klassische Führungsthemen
schaft bewegt: die laufende Umstrukturie- tewandel: Organisationen müssen heute wie Konzept- und Mitarbeiterentwicklung
rung, die Ungewissheit über die strategische die heterogenen Ansichten und Eigenarten auf der Strecke bleiben. Diese Sichtweise ist
Ausrichtung, die Flut an Prozessen und Gre- vieler unterschiedlich tickender Generatio- verständlich. Aber sie ist nicht zielführend. In
mien. Auf dem Weg zur Geschirrrückgabe ist nen miteinander in Einklang bringen. Beson- der heutigen Umbruchphase sind viele Fir-
dann häufig der resignierte Satz zu hören: ders die Jungen haben ganz andere Ansprü- men permanent «overmanaged» und weitge-
«Wer weiss, wohin das alles führen wird.» che an ihre Arbeit. Statt hierarchische Struk- hend «underled». Das bedeutet: Mehr denn je
Hört man genauer hin, wird deutlich, dass turen und nüchterne Erfolgskennzahlen als droht die Gefahr, sich im Mikromanagement
der Grad an Verunsicherung und Frustration gegeben zu akzeptieren, streben sie nach zu verlieren, anstatt das Team gesamthaft auf
zunimmt. Firmen, die über Jahrzehnte ihren Gestaltungsfreiräumen und gesellschaftli- Zukunftskurs zu halten. Dieses Problem wird
Markt dominiert und gelenkt haben, schei- chem Beitrag. von immer mehr grossen Organisationen er-
nen heute vielfach mehr Getriebene als Trei- Zusammenfassend spricht die Forschung kannt. Nie war deshalb engagierte Führung
ber zu sein. Warum ist das so? von einem Unternehmensumfeld, das immer gefragter als heute. Das Ziel muss sein, vom
volatiler, unsicherer, komplexer und ambiva- hektischen Feuerlöschen und nervösen Dis-
Welt im Wandel lenter wird. Schwankungen werden hefti- kutieren hin zum Gestalten und Handeln zu
ger, Trends kurzlebiger. Wurde früher noch kommen. Diese Transformation muss auf
Erkenntnisse aus der Strategie- und Leader- mit einem Horizont von zehn Jahren ge- Führungsebene selbst vollzogen werden und
ship-Forschung belegen, dass sich die plant, geht heute so mancher Weltkonzern gleicht in zwei wesentlichen Schritten einer
übergeordneten Rahmenbedingungen für über zu einer Grobplanung von Jahr zu Jahr. Wandlung vom Krieger zum König.
Organisationen fundamental geändert ha- Langfristiger Erfolg scheint heute weniger Dazu muss man sich erstens eingestehen,
ben. Den Kern dieser neuen Dynamik bilden berechenbar zu sein. Er ist vielmehr abhän- dass effektives Führen heute nicht mehr be-
drei Megatrends. Erstens erweitert die Glo- gig von mehreren, miteinander verflochte- deuten kann, jede Schlacht allein in der vor-
balisierung das Spielfeld. Globale Absatz- nen Einflussfaktoren. Während die Markt- dersten Reihe zu schlagen. Vielmehr sollte
potenziale gehen einher mit mehreren Ein- forschung allenfalls Anhaltspunkte liefert, man – einem wohlwollenden König gleich –
flussfaktoren, welche die Entscheidungs- bleiben Kundenwünsche heute häufig nebu- auf die Fähigkeiten der Mitarbeiter vertrau-
träger beachten müssen. Zweitens befeuert lös und unklar. In diesem Umfeld unterneh- en und sie befähigen, dieser positiven Er-
die Digitalisierung auf technologischer Ebe- merische Entscheidungen zu treffen, heisst wartungshaltung gerecht zu werden. Diesem
1 Dieser Artikel basiert auf dem neuesten Buch des
vielfach, den Mut zu haben, Ambivalenz und Ansatz liegt ein Menschenbild zugrunde, wo-
Autors: Wolfgang Jenewein (2018). Warum unsere Chefs Grautöne zuzulassen. Gentechnik, Daten- nach sich Menschen grundsätzlich einbrin-
plötzlich so nett zu uns sind und warum sie es wahr- schutz, Elektromobilität – differenzierte gen und engagieren wollen – sofern man sie
scheinlich sogar ernst meinen. Ecowin Verlag: Wals bei
Salzburg. Antworten auf die Fragestellungen unserer lässt und dazu ermutigt.

56  Die Volkswirtschaft 7 / 2018


UNTERNEHMENSFÜHRUNG

KEYSTONE
Was im Fussball gilt, gilt auch im Büro:
Ein Chef muss empathisch sein und die Stärken
seiner Mitarbeiter erkennen. Ex-YB-Trainer tionaler Ebene werden dann freigesetzt, wenn wird so die Chance, das eigene Leben zu ge-
Adi Hütter umarmt Kevin Mbabu. sich Mitarbeiter an einem übergeordneten stalten und persönlich zu wachsen. Und ge-
Sinn orientieren können und den eigenen Bei- nau das kann den Unterschied machen in
trag als integralen Teil von etwas Grösserem einer Welt, in der Engagement und Einsatz
Zweitens gilt es, die emotionale Kompo- wahrnehmen. Zweitens liegt es im Verant- erfolgentscheidender denn je sind. Vorge-
nente von Führung zu stärken. Dies hat nichts wortungsbereich der Führungskraft, ein of- setzte, die das verstanden haben, geben
mit Esoterik zu tun, sondern mit Kompetenz. fenes, vertrauensvolles Klima zu schaffen, in ihren Mitarbeitern eine klare Botschaft mit:
Bis heute machen in den meisten Organisa- dem sich Mitarbeiter mit ihren Ideen eigenin- «Du bist mit Zielen hergekommen, vielleicht
tionen besonders diejenigen Mitarbeiter Kar- itiativ einbringen können. Schwarmintelligenz sogar mit Träumen. Und du bringst eine Rei-
riere, die in erster Linie fachlich kompetent kann sich dann entfalten, wenn es geschätzt he von individuellen Stärken mit. Jetzt be-
sind. Dabei wird nur selten berücksichtigt, in- und gefördert wird, Dinge zu hinterfragen, kommst du die Chance, diese Stärken einzu-
wiefern diese Menschen andere führen und Vorschläge einzubringen und in vernünftigem setzen und deinen Traum zu leben.»
für gemeinsame Ziele begeistern können. Ausmass auch Risiken einzugehen.
Moderne Firmen werden aber gerade diese
emotionalen Führungskompetenzen immer Individuelle Stärken fördern
stärker beachten müssen.
Trotzdem: In regelmässigen Abständen trifft
Den Schwarm aktivieren man heute auf Führungskräfte, welche die
Sinnhaftigkeit eines positiven, am Mitarbei-
Um die steigende Komplexität im Organi- ter ausgerichteten Führungsleitbildes be-
sationsumfeld zu meistern, bedarf es der zweifeln. «Alles schön und gut», sagen sie Wolfgang Jenewein
gebündelten Intelligenz aller Mitarbeiter. Gute dann, «aber bei meiner Truppe wird das alles Professor für Betriebswirtschaft slehre und
Entscheidungen sind daher immer mehr das nicht helfen – die wollen einfach nicht!» Die- Direktor am Institut für Customer Insight
Ergebnis von dezentralen und partizipati- se Einstellung wurde jedoch von der Leader- (ICI-HSG) an der Universität St. Gallen so-
wie Leadership-Trainer für renommierte
ven Moderationsprozessen. Hinter der Logik ship-Forschung als Ausrede und Trugschluss Grosskonzerne und Sportmannschaften
der Schwarmintelligenz steckt die Erkenntnis, entlarvt. Längst weiss man: So etwas wie ein
dass gelebte Vielfalt langfristig die zunehmen- schlechtes Team gibt es nicht – es gibt nur
de Komplexität besser absorbieren kann als schlechte Leader. Wie ein Trüffelschwein soll-
ein mutmassliches Universalgenie allein. Die ten daher Chefs die einzigartigen Fähigkei-
Führungskraft von morgen muss deshalb den ten ihrer Mitarbeiter identifizieren und deren
Schwarm unternehmensweit und über be- Potenziale für das gemeinsame Ziel entfalten.
stehende Silos hinweg aktivieren können. Dazu ist es nötig, eine empathische, am Er-
Daraus ergeben sich zwei Handlungsfelder. folg der einzelnen Mitarbeiter interessierte
Erstens müssen Führungskräfte mit ihren Mit- Grundhaltung einzunehmen.
arbeitern das gemeinsame «Wozu» des tägli- Eine stärkenorientierte Führungsperson Oliver Böhm
chen Arbeitens schärfen und kommunizieren. stellt sich in den Dienst des Mitarbeiterer- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für
Denn aus der Forschung weiss man: Motiva- folgs und eröffnet Möglichkeiten zur per- Customer Insight (ICI-HSG), Universität
St. Gallen
tionspotenziale auf individueller und organisa- sönlichen Weiterentwicklung. Aus einem Job

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 57


UNTERNEHMENSFÜHRUNG

Das Ende des Branchendenkens


Das Branchendenken ist vielen Firmen zu eng geworden. Immer mehr setzen sich über die
engen Grenzen hinweg und kooperieren mit Partnern aus anderen Branchen. Sind diese
­«Business-Ecosystems» die Wirtschaftsform der Zukunft?  Bernhard Lingens, Oliver Gassmann

Abstract  Die Digitalisierung verringert die Transaktionskosten und lässt Branchen- neue Märkte erschliessen. Zudem können
strukturen verschwimmen. Dadurch ist ein neues Phänomen auf dem Vormarsch: das sie sich in den bestehenden Märkten Wett-
Business-Ecosystem. Es ist ein Verbund von Firmen, die durch ein zentrales Unter- bewerbsvorteile gegenüber klassischen Pro-
nehmen auf ein gemeinsames Produkt ausgerichtet werden, das durch keine Firma duktanbietern verschaffen. Über ihre Part-
alleine erstellt werden könnte. Für die Wirtschaftswelt hat dieses neue Geschäftsmo- ner erhalten sie Zugang zu Kunden, Kompe-
dell weitreichende Konsequenzen. Denn die Logik von Business-Ecosystems ist ganz tenzen oder Ressourcen, über die sie selber
anders als herkömmliches unternehmerisches Denken. So werden Firmen zukünftig nicht verfügen und die sie daher kostspie-
auch in Märkte einsteigen, in denen sie bisher nicht präsent waren. Besonders wert- lig aufbauen müssten. Die enge Zusammen-
voll sind dabei die sogenannten Orchestratoren, welche die Unternehmen innerhalb arbeit mit den Partnern bedeutet aber auch
eines Ecosystems miteinander vernetzen und aufeinander abstimmen. Das stellt neue eine Abhängigkeit. Diese ist umso grösser, je
Anforderungen an die Führungskräfte von Ecosystems: Empathie, interkulturelle intensiver die Partner miteinander vernetzt
Kompetenz, Mehrsprachigkeit und Interdisziplinarität sind essenziell. und damit schwerer austauschbar sind. Bricht
einer dieser Partner weg, bricht im schlimms-
ten Fall auch die Value Proposition und damit

V  on den rund 190 Billionen Dollar Umsatz,


der im Jahr 2025 von allen Unterneh-
men weltweit erwirtschaftet wird, sollen fast
nis – die sogenannte Value Proposition – hin-
arbeiten und dafür eng vernetzt sind. Eine
zentrale Firma orchestriert dabei diese enge
das ganze Ecosystem zusammen. Ausserdem
erzeugen die intensiven Abstimmungen zwi-
schen den Partnern einen hohen Orchestrie-
30 Prozent über die heutigen Branchengren- Vernetzung. rungsaufwand.
zen hinweg fliessen. Das schätzt eine Studie1 Die Adressierung des Kundenbedürfnis- Bei einem Ecosystem besteht deshalb im-
des Unternehmensberaters McKinsey. Die ses kann dabei zwei Ausprägungen haben. mer auch ein Zielkonflikt: auf der einen Seite
Studie erwartet, dass sich die heute mehreren Eine Möglichkeit ist, dass sich die Ecosys- eine verbesserte Value Proposition, auf der an-
Hundert Branchen in Zukunft auf nur noch tem-Partner gemeinsam auf ein spezifisches deren Seite zunehmender Orchestrierungs-
zwölf übergreifende Komplexe wie beispiels- Kundenbedürfnis fokussieren, das sie allei- aufwand und die Abhängigkeit zwischen den
weise «Reise und Hospitalität», «Mobilität» ne nicht erfüllen können. Ein Beispiel ist das Partnern. Dies ist auch der Grund, warum Busi-
oder «Bildung» verdichten werden. Welche Start-up Tailored Fits aus Horw, das gemein- ness-Ecosystems erst in den letzten Jahren so
Bereiche genau überleben, ist zum jetzigen sam mit seinen Partnern Sohlen anbietet, die stark aufgekommen sind: Denn nur die mo-
Zeitpunkt noch höchst spekulativ. Sicher ist dank 3-D-Druck passgenau auf den Fuss des dernen Informations- und Kommunikations-
jedoch, dass sich die Branchen massiv verän- Kunden hergestellt werden. Die andere Va- technologien machten es möglich, den Or-
dern werden und sich entlang von Kundener- riante, wie eine Value Proposition verbessert chestrierungsaufwand so weit zu senken, dass
lebnissen und -prozessen auf einem höheren werden kann, ist das Erbringen eines gemein- ein Business-Ecosystem wirtschaftlich Sinn
Aggregationslevel neu strukturieren. Diese samen Leistungsbündels, das beispielsweise macht. Trotz den Herausforderungen für das
neue Aggregationsebene ist typischerweise eine gesamte «Customer Journey» abdeckt. Management kommen Akademiker wie auch
das sogenannte Business-Ecosystem. Genau das macht das Ecosystem Home der Praktiker immer mehr zum Schluss, dass die
Schweizer Helvetia-Versicherung. Mit Home Zukunft durch Business-Ecosystems geprägt
Neue Märkte erobern will man dem Kunden nicht mehr einzelne sein wird. Diesem Trend wird sich keine Firma
Versicherungslösungen wie Hausrats- oder entziehen können.
Die Idee eines Business-Ecosystems ist sehr Haftpflichtversicherung anbieten, sondern
einfach. Eine Gruppe von ungefähr drei bis rund ums Thema Wohnen den gesamten Branchen werden neu geordnet
zehn Firmen erbringt gemeinsam eine Leis- Weg des Kunden abdecken. Dieser beinhaltet
tung für den Kunden, die ein einzelnes dieser alles: von der Suche nach der Unterkunft über Das Denken in Branchen und Produkten
Unternehmen nicht allein erbringen könnte. den Um- und Einzug und die Versicherung bis wird durch das Denken in übergreifenden
Im besten Fall ist diese Leistung nicht nur die hin zu Wohnen und Renovieren. Wie bei Tai- Kundenbedürfnissen ersetzt. «Ich komme
Addition der Einzelbeiträge aller Beteiligten, lored Fits kommen die einzelnen Leistungen aus der Versicherungswelt – in welcher
sondern mehr als das. Eins plus eins sollte von spezialisierten Partnern, die allerdings Branche arbeiten Sie?» Diese Standard-
also nicht zwei, sondern möglichst drei er- eng durch die Helvetia-Versicherung orches- frage, die bei jedem Networking-Event ge-
geben. Das geht jedoch nur, wenn alle Part- triert und abgestimmt werden. stellt wird, gehört dann der Vergangenheit
ner auf ein gemeinsames Kundenbedürf- Die Vorteile eines Business-Ecosystems an. In einem Ecosystem kooperieren Firmen
liegen auf der Hand: Firmen können gemein- verschiedenster Herkunft und kreieren ge-
1 Atluri, Venkat; Miklos Dietz und Nicolaus Henke (2017). sam mit ihren Partnern überlegene Produkte meinsam eine überlegene Leistung für den
Competing in a World of Sectors Without Borders, in:
McKinsey Quarterly 3–2017.
und Dienstleistungen kreieren und sich damit Kunden. Wenn die Helvetia-Versicherung

58  Die Volkswirtschaft 7 / 2018


UNTERNEHMENSFÜHRUNG

die gesamte Customer Journey im Bereich sen dem gegnerischen Ecosystem zufügen einer anderen Logik: Starke Player im Markt
Wohnen abdecken wird, ist sie weit mehr als werden. Darüber hinaus steigt der Wert auch sind eine Grundvoraussetzung. Denn ohne
eine Versicherung. mit der Fähigkeit, ein Ecosystem zu orchest- starke Partner kann kein leistungsfähiges
Das hat Konsequenzen. Wenn sich Busi- rieren. Für einen guten Orchestrator werden Ecosystem aufgebaut werden. Ein Beispiel
ness-Ecosystems durchsetzen, werden nicht strategische Investoren auch bereit sein, eine ist das Ecosystem Green Class von BMW
mehr Firmen mit einzelnen Produkten um die Prämie zu zahlen. So hat die Akquisition des Schweiz. Auf dieser Basis möchte der traditio-
Gunst des Kunden kämpfen. Stattdessen wer- Start-ups Moneypark durch die Helvetia-Ver- nell primär auf Autos und Motorräder fokus-
den Ecosystems miteinander konkurrieren, sicherung für einen dreistelligen Millionenbe- sierte deutsche Traditionshersteller entlang
und sie werden versuchen, die kleinste oder trag bei vielen Beobachtern für Erstaunen ge- der Customer Journey im Bereich Mobilität
schwächste Firma aus einem anderen Eco­ sorgt. Der Wert von Moneypark für die Hel- wachsen. Statt Autos soll Mobilität verkauft
system herauszukaufen. Aufgrund der engen vetia bemisst sich jedoch nicht nur aus dem werden, und die beinhaltet auch Zugfahren
Verbindung zwischen allen Partnern wird das Wert der Firma an sich, also dem üblichen und Bikesharing. Aus traditioneller Sicht ist
andere Ecosystem dadurch geschädigt oder «Multiple» auf den Umsatz. Vielmehr soll Mo- dieser Schritt absurd. Denn BMW verfügt
sogar zerstört. Jedes Ecosystem ist daher nur neypark ein wichtiger Ankerpunkt im Ecosys- über keine nennenswerten Kompetenzen im
so stark wie der schwächste Partner. Die Bin- tem Home der Helvetia werden und hat damit Bereich Schienenverkehr oder Bikesharing
dung der Partner an den Orchestrator wird so- einen Wert, der über ein traditionelles Inves- und kann deshalb kaum mit den dort schon
mit essenziell. Ankerpunkte des Ecosystems, torenverständnis hinausgeht. vorhandenen Firmen wie den SBB konkurrie-
wie etwa das Schweizer Start-up Moneypark ren. In der Logik eines Ecosystems sind diese
im Ecosystem der Helvetia-Versicherung, wer- Aus Konkurrenten werden Partner potenziellen Konkurrenten jedoch Partner.
den daher häufig durch Übernahmeaktivitä- Beim Ecosystem Green Class sind also auch
ten an den Orchestrator gebunden. Bei einer Wachstumsstrategie im traditio- Partner wie die SBB, Park and Ride, Mobility
Der Wettbewerb zwischen den Busi- nellen Management werden neue Märkte Carsharing und Publibike.
ness-Ecosystems wird auch zu Investitio- anhand der Marktattraktivität und des Vor- Die Produkte von Business-Ecosystems
nen in Firmen aus eigenen und konkurrieren- handenseins von Wettbewerbern im Seg- haben traditionellen Produkten gegenüber
den Ecosystems führen. Der Wert dieser ak- ment bewertet: Bei zu vielen starken Firmen, einen Wettbewerbsvorteil. Um konkurrenz-
quirierten Firmen besteht dann nicht alleine die bereits im Markt aktiv sind, ist ein Markt-
aus dem Wert, den diese dem neuen Ecosys- eintritt meist nicht empfehlenswert – un-
Kurt Egloff (r.), CEO des Automobilherstellers
tem bringen werden, sondern genauso aus abhängig von der grundsätzlichen Attraktivi- BMW Schweiz, und Andreas Meyer von den
dem Schaden, den sie durch das Herauslö- tät. Doch Business-Ecosystems unterliegen SBB bieten mit Green Class gemeinsam ein
Kombi­angebot für Schiene und Strasse an.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  59
UNTERNEHMENSFÜHRUNG

fähig zu bleiben, wird es für Firmen essen- ten Partnern und fordert damit die Riesen der Kompetenz, Mehrsprachigkeit und Interdis-
ziell, sich in Business-Ecosystems zu engagie- Sportartikel-Branche heraus. Flexible und auf ziplinarität essenziell. Und schliesslich darf
ren. Dies setzt die Bereitschaft und die Fähig- ihre Kernkompetenzen bedachte KMU und die firmenpolitische Komponente nicht ver-
keit voraus, mit anderen Firmen offen und auf Start-ups sind deshalb die kommenden Play- gessen werden. Denn oftmals kanibalisieren
Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Ein Bei- er in einer von Ecosystems dominierten Wirt- Initiativen von Ecosystems das Kerngeschäft
spiel ist das Start-up Blue ID. Es bietet Kun- schaft. Das sind gute Aussichten für die von oder stellen eine neue, firmeninterne Kon-
den die Möglichkeit, über einen temporär KMU dominierte Schweizer Wirtschaft! kurrenz dar. Ein Ecosystem-Manager braucht
gültigen Zugangscode auf dem Smartphone Das Management von Business-Ecosys- deshalb auch viel politisches Geschick und
die Türen von speziell ausgerüsteten Fahr- tems liegt an der Schnitt stelle mehrerer tra- Verständnis.
zeugen zu öffnen. Bei der Entwicklung dieser ditioneller Funktionalbereiche wie z. B. Ver-
Lösung arbeiten die Spezialisten von Blue ID trieb, Business Development, Partnerma-
Hand in Hand mit Mitarbeitern von grossen nagement, Strategie und Innovation. Das
Automobilfirmen und Autovermietungen. Ecosystem-Management beinhaltet Aspekte
Das wäre sicherlich ein Albtraum für viele tra- dieser Bereiche und substituiert sie mitunter
ditionell denkende Entwicklungsleiter, die in sogar wie etwa beim Vertrieb von Produkten
Firmengrenzen und Geheimhaltung denken über Ecosystem-Partner anstatt über den
und stolz auf die spezifische Kultur des eige- eigenen Vertrieb. Ecosystem-Manager ha-
nen Entwicklungsteams sind. ben daher eine Schnitt stellenposition. Wich- Bernhard Lingens
tig für diese Aufgabe ist es, dass der Manager Dr. oec. HSG, Leiter Helvetia Innovation
eine empathische Person ist, die es schafft, Lab, Universität St. Gallen
Chancen für Kleinunternehmen
die Beziehungen mit den Mitarbeitern der in-
Ein Vorteil von grossen gegenüber kleinen volvierten Partnerunternehmen zu pflegen.
und mittleren Unternehmen sind Skalen- Gerade in der Schweizer Wirtschaft swelt,
effekte sowie die überlegene Ausstattung die auf Vertrauen basiert, ist dies ein nicht zu
mit Ressourcen. Doch Ecosystems können unterschätzender Aspekt. Das Management
mit Grossunternehmen zumindest gleich- eines Ecosystems wird auch in Zukunft kei-
ziehen oder sie sogar übertreffen. Denn in ne Arbeit mit geregelten Zeiten sein. Insbe-
einem Ecosystem können mehrere Spezia- sondere bei der gemeinsamen Produktent-
listen kooperieren, die jeweils in ihrem Feld wicklung und in der Anfangsphase entste-
hervorragende Ressourcen und hohe Stück- hen immer wieder Probleme, die oft auch Oliver Gassmann
zahlen erreichen. Tailored Fits beispielsweise ausserhalb der üblichen Arbeitszeiten gelöst Professor für Technologie- und Innovations-
orchestriert als Start-up mit lediglich zwei werden müssen. In Ecosystems mit interna- management und Direktor des Instituts für
Technologiemanagement, Universität St. Gallen
Mitarbeitern ein Netzwerk aus spezialisier- tionalen Partnern sind zudem interkulturelle

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60 Die Volkswirtschaft 7 / 2018


UNTERNEHMENSFÜHRUNG

Open Strategy – die neue Offenheit


Früher haben Unternehmen ihre Strategien hinter verschlossenen Türen formuliert und
von oben herab umgesetzt. Heute setzen viele Betriebe auf «Open Strategy». Mitarbeiter
und die Öffentlichkeit erhalten dabei mehr Einblick und bringen ihre Ideen in den Strategie­
prozess mit ein.  Violetta Splitter, David Seidl

Abstract  In den letzten Jahren konnte man einen verstärkten Trend zur Öffnung von etwa beim amerikanischen Pharmaunter-
Strategieprozessen beobachten, was als Open Strategy bezeichnet wird. Dieser Trend nehmen Ely Lilly oder beim Konsumgüter-
zeigt sich bei privaten Unternehmen genauso wie bei öffentlichen Einrichtungen und konzern Procter & Gamble.
Non-Profit-Organisationen. Die Öffnung betrifft dabei sowohl die erhöhte Transparenz
strategischer Informationen als auch die erweiterte Partizipation von internen und/ Verschiedene Formen
oder externen Akteursgruppen am Strategieprozess. Von der Öffnung des Strategie-
prozesses erhoffen sich Unternehmen unter anderem neue Inputs in die Strategiepro-
der ­Öffnung
zesse und ein stärkeres Engagement der Mitarbeiter bei der Umsetzung der so erarbei- Grundsätzlich können Strategieprozesse
teten Strategie. Mehr Offenheit birgt aber auch Risiken. Denn die Wettbewerbsvorteile transparent, partizipativ oder beides zugleich
vieler Firmen können dadurch von der Konkurrenz schneller nachgeahmt werden. Zu- sein3 (siehe Abbildung 1). So kann ein Unter-
dem sind die Firmen auch dem Blick der Regulierungsbehörden stärker ausgesetzt. nehmen transparenter gegenüber internen
und/oder externen Akteuren werden, ohne
gleichzeitig den Partizipationsgrad zu än-

D  ie Zurich-Versicherung, Siemens und


IBM tun es. Aber auch Universitäten
und Non-Profit-Organisationen wie Wikipe-
Internationalisierung der Wirtschaft immer
wichtiger geworden. Dadurch gewinnen die
Mitarbeiter in den lokalen Niederlassungen
dern. Beispielsweise nutzen viele CEOs Blogs,
um den externen Stakeholdern die unterneh-
menseigene Strategie zu kommunizieren.
dia. Die Rede ist von «Open Strategy»1. Dieser an strategischer Bedeutung, und sie wer- Den internen Mitarbeitern erläutern sie die
Trend zur Öffnung von Strategieprozessen den zunehmend in den Strategieprozess in- Strategie meist persönlich in sogenannten
zeichnete sich in den letzten Jahren zuneh- tegriert. Ein Beispiel dafür ist die Strategie- Townhall-Treffen. Umgekehrt können Unter-
mend ab – ganz im Widerspruch zum klassi- entwicklung der Zurich-Versicherung. Zu- nehmen die Strategieprozesse partizipativ
schen Verständnis von Strategieentwicklung dem führt die stärkere Vernetzung zwischen gestalten, ohne parallel die Transparenz zu
als elitärer und hoch vertraulicher Prozess. Unternehmen dazu, dass sich Unternehmen erhöhen. Der deutsche Technologiekonzern
Öffnung bedeutet bei Open Strategy zweier- gezwungen fühlen, strategische Informatio- Siemens hat beispielsweise im Rahmen eines
lei: Zum einen werden Strategieprozesse zu- nen auszutauschen, um die interorganisatio- unternehmensweiten internen Crowdsour-
nehmend transparenter. Das heisst, dass die nale Koordination zu vereinfachen. Ein zwei- cings alle seine Mitarbeiter aufgefordert, Vor-
Informationen über die Prozesse und Inhalte ter Treiber sind regulatorische Entwicklun- schläge zur Unternehmensstrategie einzurei-
der Strategieentwicklung für die Mitarbeiter gen. Seit der Finanzkrise von 2008 müssen chen. Und Wikimedia hat im Rahmen eines
oder sogar für die breite Öffentlichkeit ein- Unternehmen zunehmend strategisch rele- externen Crowdsourcings sogar die breite
sehbar sind. Zum anderen werden die Stra- vante Informationen offenlegen. Die Öffnung Öffentlichkeit in den Strategieentwicklungs-
tegieprozesse immer öfter partizipativ ge- ist also nicht nur freiwillig, sie wird teilweise prozess einbezogen.
staltet. Dabei werden auch Personengruppen auch von aussen verlangt. In vielen Fällen sind Transparenz und Par-
ausserhalb des Topmanagement-Teams in die Hinzu kommen kulturelle Entwicklungen. tizipation aber auch kombiniert. Zum Beispiel
Strategieentwicklung mit einbezogen. Von Der Übergang zur Wissensgesellschaft hat hat der amerikanische Computerkonzern IBM
einer solchen Öffnung des Strategieprozes- zur Folge, dass strategisches Wissen über ein sogenanntes «Strategy Jamming» ins Le-
ses versprechen sich Unternehmen in ers- Google und Wikipedia heute mittlerweile al- ben gerufen, um über entsprechende Informa-
ter Linie mehr und qualitativ bessere Inputs len zugänglich ist. Damit ist das Strategie- tionstechnologien alle Mitarbeiter des Unter-
für strategische Ideen und ein besseres Ver- wissen nicht mehr nur der Unternehmens- nehmens am Strategieprozess zu beteiligen
ständnis der so erarbeiteten Strategie. elite vorbehalten, sondern einer breiten Öf- und sie über den Fortschritt der Strategieent-
fentlichkeit zugänglich. Schliesslich tragen wicklung zu informieren. Zudem sieht man
Treiber der Öffnung auch technologische Entwicklungen zum häufig auch, dass sich Unternehmen in inter-
Open-Strategy-Trend bei. Neue Entwick- organisationalen Strategieworkshops zusam-
Vier zentrale Entwicklungen fördern die- lungen in den Informations- und Kommuni- menschliessen, um sich auszutauschen.
sen verstärkten Trend zu Open Strategy.2 Ein kationstechnologien bieten neue Partizipa-
erster Treiber sind unternehmerische Ent- tionsmöglichkeiten. In Blogs, Diskussions- Eine Öffnung ist auch riskant
wicklungen. Dezentrale Unternehmens- foren oder sozialen Medien können viele
strukturen und lokale Expertise sind mit der unterschiedliche Akteure, wie Mitarbeiter, Die Öffnung des Strategieprozesses erfor-
Aktivisten oder Regierungsmitglieder, dar- dert ein kontinuierliches Abwägen und An-
1 Siehe Whittington et al. (2011).
an teilnehmen. So lassen sich strategische
2 Siehe Whittington et al. (2011). Ideen kommentieren und bewerten, wie 3 Siehe Hautz et al. (2017).

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  61
UNTERNEHMENSFÜHRUNG

Für jeden Mitarbeiter ist ein Stuhl reserviert:


In Unternehmen wie Siemens können Angestellte
bei der Unternehmensstrategie mitreden.
KEYSTONE
UNTERNEHMENSFÜHRUNG

passen des geeigneten Grads an Offenheit. können Unternehmen einerseits durch Par- Transparenz kann auch Wettbewerbsvortei-
Das bedeutet auch, dass sich der Grad der tizipation auf das vielseitige Wissen der Ak- le gefährden, wenn die Konkurrenz Zugriff
Öffnung über die Zeit hinweg ändern kann. teure zugreifen, wie zum Beispiel spezifisches auf strategisch sensible Daten bekommt oder
So sind viele Online-Start-ups in ihrer Grün- Industrie-Know-how oder technische Ex- wenn Regulierungsbehörden Einblick in diese
dungsphase sehr transparent. Sie kommuni- pertise. Andererseits geht Partizipation aber Daten erhalten.
zieren strategische Entscheidungen und las- auch mit einem Verlust an Flexibilität und Und schliesslich sind Unternehmen, die
sen Externe an der Entwicklung strategischer Kontrolle über den strategischen Entschei- ihren Strategieprozess öffnen, häufig der For-
Ideen partizipieren. In der Wachstumsphase dungsprozess einher. Eine Unternehmenslei- derung nach weiterer Öffnung ausgesetzt.
dagegen reduzieren sie diese Offenheit nicht tung kann beispielsweise leicht die Kontrolle Dabei spricht man vom Eskalationsdilemma.
selten. Denn eine Öffnung des Strategiepro- über Diskussionen verlieren, wenn für einzel- Denn erhöht man beispielsweise den Grad der
zesses ist auch mit Risiken verbunden. ne Gruppen wichtige, strategisch aber irrele- Partizipation, so wollen die Beteiligten meist
Jede Öffnung des Strategieprozesses hat vante Themen diskutiert werden. auch Einblick in den Strategieprozess erhalten.
auch Nachteile. In der wissenschaftlichen Li- Ein weiteres Dilemma ist das sogenannte Und erhöht man den Grad der Transparenz, so
teratur spricht man von den Dilemmata der Offenlegungsdilemma. Zwar kann mehr Of- wird meist erwartet, bei den entsprechenden
Open Strategy4 (siehe Abbildung 2). Eines da- fenheit Kollaborationen fördern und die Legi- Strategieprozessen mitreden zu dürfen. Wer-
von ist das sogenannte Prozessdilemma: So timität strategischer Entscheidungen gegen- den diese Erwartungen nicht erfüllt, sind die
über der Gesellschaft sichern. Aber diese Beteiligten häufig frustriert, oder man ist mit
4 Siehe Hautz et al. (2017). dem Vorwurf konfrontiert, dass es sich dabei
nur um eine Imagekampagne handle.
Open Strategy ist ein noch junges, aber
Abb. 1: Formen von Open Strategy spannendes Phänomen. Bisher fehlen noch
einschlägige Forschungsergebnisse zu den
hoch
tatsächlichen Auswirkungen. Es bleibt abzu-
warten, ob sich dieser neue Trend langfristig
gegenüber der klassischen Strategieentwick-
lung durchsetzt. Nicht zuletzt hängt das al-
Extern: Extern: lerdings davon ab, ob die Unternehmen auch
z. B. Blogging z. B. interorganisationale
Strategieworkshops Wege finden, mit den beschriebenen Dilem-
Intern: mata umzugehen.
z. B. Townhalls Intern:
z. B. Jamming
Transparenz

EIGENE DARSTELLUNG DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Violetta Splitter
Extern: Dr. oec., Oberassistentin, Lehrstuhl für
z. B. externes Crowdsourcing Organisation und Management, Institut für
Klassischer Strategieprozess Betriebswirtschaft, Universität Zürich
Intern:
z. B. internes Crowdsourcing

gering

gering Partizipation hoch

Abb. 2: Die drei Dilemmata von Open Strategy


EIGENE DARSTELLUNG DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

David Seidl
+ – Professor für Betriebswirtschaft, Lehrstuhl
für Organisation und Management, Institut
Zugriff auf vielseitiges Verlust an Flexibilität für Betriebswirtschaft, Universität Zürich
Prozessdilemma
Wissen und Kontrolle

Kollaborationsförde- Literatur
Gefährdung von
rung und Legitimitäts- Offenlegungsdilemma Hautz, J., Seidl, D. und Whittington, R. (2017). Open
Wettbewerbsvorteilen
sicherung Strategy: Dimensions, Dilemmas, Dynamics, Long
Range Planning, 50 (3): 298–309.
Erzielen von Vorteilen Forderung nach Whittington, R., Cailluet, L. und Yakis�Douglas, B.
Eskalationsdilemma
durch die Öffnung weiterer Öffnung (2011). Opening Strategy: Evolution of a Precarious Pro-
fession. In: British Journal of Management, 22: 531–544.

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 63


UNTERNEHMENSFÜHRUNG

Auf Sicht segeln


Eine Studie aus Deutschland zeigt, dass Vorstellung und Realität von guter Arbeit
zunehmend auseinanderdriften. Um die Digitalisierung zu meistern, braucht es eine Unter-
nehmenskultur, in der Arbeitnehmende und Führungskräfte gemeinsam auf kommende
Veränderungen reagieren.  Andreas Greve, Frank Schomburg

Abstract   In Zeiten der Digitalisierung und einer immer schnelleren, globalisierteren te Führungspraxis und die heutigen kreativi-
Welt müssen sich Unternehmen mit der Zukunft von Arbeit und Führung auseinander- täts- und veränderungsorientierten Anforde-
setzen. Alte Konzepte, nach denen Führungskräfte ihr Unternehmen zielsicher steu- rungen an Führung. Das war eines der zentra-
ern, ihre Mitarbeiter hierarchisch zu Höchstleistungen führen und Märkte mit Mar- len Ergebnisse, die 2014 aus einer Studie mit
ketingaktionen grundlegend zu ihren Gunsten beeinflussen konnten, haben in einer insgesamt 400 Führungskräften zum Thema
vernetzten, volatilen Welt ausgedient. Stattdessen zwingen die Komplexität und die «Gute Führung» hervorgingen. Mit einem von
Unvorhersehbarkeit Führungskräfte immer häufiger dazu, auf Sicht zu segeln. Das er- Nextpractice entwickelten qualitativ-intuiti-
fordert ein gut abgestimmtes und verlässliches Miteinander, also eine funktionieren- ven Verfahren wurden die Führungskräfte in
de Kultur. Betrachtet man allerdings die Arbeitnehmer, zeigt sich, dass deren Defini- rund zweistündigen Tiefeninterviews befragt.
tion von «guter Arbeit» unterschiedlicher nicht sein könnte. Die Kriterien, welche die Führungskräfte im
Kontext von guter Führung als wichtig erach-
ten, werden nicht einmal zur Hälfte erfüllt. Die

D ie «Kultur» sorgt über gemeinsame Wer-


te, Glaubenssätze, Regeln und Annah-
men grösstenteils unbewusst für Orientie-
verhindern. Heute scheint diese Gefahr rea-
listischer denn je, wie die Kulturstudien ein-
dringlich aufzeigen.
Befragten kritisieren eine seit Jahren anhal-
tende Fehlentwicklung. Ihnen zufolge reichen
kleine Schritte nicht mehr aus, um den eige-
rung, wenn Menschen alltäglich miteinander nen Anspruch an gute Führung umzusetzen:
interagieren. Wie bedeutend diese soziokul- Kluft zwischen Realität 78 Prozent fordern einen Paradigmenwechsel
turelle Ebene ist, wird in den Diskussionen in der Führungskultur von Effizienz und Ertrag
über die zukünftige Arbeitswelt immer noch
und Anspruch zu Kreativität und Erneuerung (siehe Kasten).
unterschätzt. Das zeigen mehrere Kulturstu- Gemäss der Mehrheit der deutschen Füh- Ein Blick in die Vergangenheit ab 1950 ver-
dien zu Arbeit und Führung in Deutschland, rungskräfte widersprechen sich die gelebte, schärft diese Einschätzung noch. Die Schere
die das Beratungsunternehmen Nextpracti- überwiegend effizienz- und renditeorientier- zwischen gelebter Führungspraxis und Füh-
ce im Rahmen der Initiative Neue Qualität der
Arbeit (INQA) durchgeführt hat.1 Die heuti-
gen Möglichkeiten der Informationsbeschaf- Ein neues Konzept von «guter Führung»
fung und des -austausches sind nahezu gren- Anhand der von 400 deutschen organisierende Netzwerke er- hänge zu vermitteln und die
zenlos. Gleichzeitig nimmt der Einfluss von Führungskräften intuitiv be- gänzt oder ersetzt werden. Das wachsende Eigendynamik
Hierarchien auf die kulturprägenden Werte schriebenen Grosswetterlage soll die Selbstbestimmung der der Mitarbeiter zu kanalisie-
der deutschen Führungskultur Mitarbeitenden erhöhen und ren. Schliesslich werden die
und Grundannahmen im Unternehmen im-
hat Nextpractice ein neues die Kosten der Zusammenarbeit Unternehmensaktivitäten
mer mehr ab. Beides zusammen fördert eine Konzept von «guter Führung» verringern. Für die gemeinsame in einen stabilisierenden
nie da gewesene Vielfalt an Interessen- und abgeleitet: Eine flexible Organi- Ausrichtung braucht es aber Wertekanon eingebettet. Aus
Wertegruppen. Aber Achtung: Wenn diese sation in dezentralen Teams soll auch weiterhin Regeln und eine der «Wert»-Orientierung der
Linienhierarchie, Zielmanage- attraktive Vision. Die Aufgabe Shareholder-Value-Perspektive
Vielfalt Brüche erzeugt und sich oft schlei-
ment und Controlling ablösen. der Führungspersonen ist es wird die «Werte»-Orien-
chend herausbildende und unbewusst ver- Mit der Zeit sollen diese Teams dann, die Rahmenbedingungen tierung eines solidarischen
ankerte konträre Sichtweisen nicht mehr zu zunehmend durch selbst zu definieren, Sinnzusammen- Stakeholder-Handelns.
einem gemeinsam getragenen Weg verbin-
den lassen, wächst die Gefahr, dass «die Kul- Vorstellungen von Arbeit in Deutschland zerfallen in 7 Wertewelten
tur die Strategie zum Frühstück isst», wie es
Vorstellung von «guter Arbeit» Anteil der Befragten, in %
der Managementguru Peter Drucker formu-
NEXTPRACTICE GMBH (2016). WERTEWELTEN ARBEITEN 4.0

liert hat. Konkret bedeutet dieses Zitat, dass 1 Sorgenfrei von der Arbeit leben können 28
sich in einem Unternehmen sachlich begrün- 2 In einer starken Solidargemeinschaft arbeiten 9
dete und vielleicht sogar überlebensnotwen- 3 Den Wohlstand hart erarbeiten 15
dige Veränderungen nicht realisieren lassen,
4 Engagiert Höchstleistung erzielen 11
wenn kulturelle Bewertungsmuster aufgrund
von Ängsten, Annahmen oder Zuschreibun- 5 Sich in der Arbeit selbst verwirklichen 10
gen eine sachliche Reflexion des Wandels 6 Balance zwischen Arbeit und Leben finden 14

1 Die ausführlichen Ergebnisse der Studien finden Sie 7 Sinn ausserhalb seiner Arbeit suchen 13
online auf nextpractice-forum.de.

64 Die Volkswirtschaft 7 / 2018


UNTERNEHMENSFÜHRUNG

rungsanforderungen öffnet sich seit Jahren Unter «guter Führung» verstehen die be- finden nur 20 Prozent der Erwerbenden ihre
immer stärker. Die meisten Führungskräf- fragten Führungskräfte etwas, das man als Arbeitssituation als nahezu ideal. Für knapp
te sind der Ansicht, dass in einer Welt mit zu- «professionelles Segeln auf Sicht» bezeich- 50 Prozent ist sie weit davon entfernt. Ein
nehmender Komplexität und Dynamik der nen könnte. Ihnen zufolge ist diese Füh- Grossteil verbindet mit der heutigen Arbeits-
Grundsatz «Steuerung und Regelung» zu- rungsform am ehesten in kooperativen Netz- welt überwiegend Druck und Stress. Der Blick
künftig nicht mehr erfolgreich ist. Trotzdem werken möglich. Diese Netzwerke sind nicht in die Zukunft ist zum Teil aber auch optimis-
wird dieses nicht mehr den Anforderungen auf Wettbewerb, sondern auf einen gemein- tisch: Fast die Hälfte der Befragten erwartet,
entsprechende Prinzip guter Führung immer schaftlichen Nutzen und auf Wertschöpfung dass im Jahr 2030 die eigene Arbeitssituation
noch häufig praktiziert. zum Wohle aller Beteiligten ausgerichtet. Ein nahe an ihrem Idealbild liegen wird.
Mit abnehmender Planungssicherheit bie- Kernelement dabei ist, dass man sich kreativ Die Studie zeigt zudem, dass in unserer
ten auch die traditionellen Managementwerk- an schnell verändernde Umweltbedingungen Arbeitsgesellschaft unerwartet vielfältige und
zeuge wie Zielvereinbarungen und Controlling anpassen kann. Orientierung in der Instabili- gegensätzliche Vorstellungen davon existie-
keine adäquaten Lösungen mehr für die heuti- tät, Agilität und die Fähigkeit, ergebnisoffene ren, was das Idealbild von Arbeit angeht. Im
gen und zukünftigen Herausforderungen. Der Prozesse zu gestalten, werden zu wichtigen Vergleich mit der Kulturstudie zu guter Füh-
Glaube daran erhält maximal die Illusion auf- Schlüsselkompetenzen. rung fällt eines auf: Hatten die Führungskräf-
recht, alles im Griff zu haben. Im schlimms- te trotz aller Unterschiedlichkeit noch einen
ten Fall verhindert er sogar, dass sich Unter- Kein einheitliches Bild einheitlichen Werteraum, so zerfällt dieser
nehmen mit den veränderten Dynamiken Werteraum bei den Erwerbspersonen in sie-
auseinandersetzen. Das Gleiche gilt für Orga- Der Wandel der Arbeitswelt durch die Auto- ben klar voneinander unterscheidbare Werte-
nisationsstrukturen wie die klassische Linien­ matisierung, die Flexibilisierung und die Di- korridore (siehe Tabelle). Diese sind so unter-
hierarchie, welche die Befragten klar ablehnen. gitalisierung betrifft allerdings nicht nur die schiedlich, dass man sie durchaus als ver-
Doch was sind die Alternativen? Führungskräfte. Auch die Erwerbspersonen schiedene Wertewelten bezeichnen kann.
haben diese tiefgreifenden Veränderungen Soziodemografische Merkmale wie Einkom-
miterlebt. Die 2016 durchgeführte repräsen- men, Geschlecht oder ethnische Herkunft ha-
Auf einem Segelboot muss die Zusammenarbeit
perfekt harmonieren, damit die Besatzung auf tative Studie «Wertewelten Arbeiten 4.0» mit ben kaum einen Einfluss darauf, zu welcher
sich schnell verändernde Umweltbedingungen 1000 Erwerbspersonen zeigt: Aktuell emp- dieser Wertewelten eine Person gehört.
reagieren kann.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  7 / 2018  65
UNTERNEHMENSFÜHRUNG

Dasselbe gilt für das Alter: Jüngere Er- werden wir die Digitalisierung nicht erfolg- Nur so können wir die aktuellen Herausfor-
werbspersonen unterscheiden sich nicht sys- reich gestalten können. derungen mit intelligenten Lösungen meis-
tematisch von anderen Altersklassen. Man Ob wir unsere Reise in eine digitalisierte tern und Neuem wachsam begegnen.
kann also das Vorurteil begraben, dass die Zukunft erfolgreich gestalten, liegt zuerst in
Generationen Y oder Z eine eigene Wertewelt den Händen der handelnden Führungskräfte.
bilden. Die Flexibilisierung der Arbeitszeit, die Ihre Aufgabe ist es, gerade in Zeiten eines
Vereinbarkeit von Beruf und Familie, die De- grundlegenden Wandels, die bestehenden
mokratisierung des Unternehmens, die Auf- Kulturmuster infrage zu stellen. Denn diese
lösung von Grenzen zwischen Erwerbs- und verhindern möglicherweise die notwendigen
Privatleben (sogenanntes Work-Life-Blen- Veränderungen.
ding) oder Diversität sind keine Moden, die Für einen erfolgreichen Wandel braucht
unsere junge Generation mitbringt. Sie sind es auch eine neue Kultur mit veränderten
eher Ausdruck von sich grundsätzlich wan- Werten, Glaubenssätzen, Regeln und Ver-
delnden und vielfältigeren Bedürfnissen in einbarungen. Die unterschiedlichen Werte- Andreas Greve
Psychologe und Geschäft sführer des Be-
unserer Arbeitsgesellschaft. gruppen, die sich mit hoher Wahrscheinlich- ratungsunternehmens nextpractice GmbH,
keit in den meisten Unternehmen wieder- Bremen
Arbeitnehmer fürchten finden und dort Reibungsverluste oder gar
Konflikte erzeugen, sollte man auf diese Rei-
Digitalisierung se mitnehmen. Zwar wird Diversität in den
Es gibt aber auch einen Punkt, in dem sich Unternehmen die Zukunft sein, doch es gilt
die Befragten relativ einig sind. Dieser kann zu verhindern, dass die Unternehmenskultur
aber nicht zuversichtlich stimmen: Mehr als dadurch ihre Funktion als Orientierungssys-
die Hälfte aller Erwerbspersonen in Deutsch- tem verliert und sich der Identitätskern auf-
land bewertet die Digitalisierung als Bedro- löst. Es ist Zeit, zu handeln und die Zukunft
hung oder macht sie für die verschlechterten der Arbeitswelt gemeinsam zu gestalten.
Arbeitsbedingungen verantwortlich. Auch Wir brauchen ein solidarisches und koope- Frank Schomburg
hier gilt: Ohne einen Kulturwandel, der zu ratives Miteinander, das dem Ziel folgt, mit Informatiker und Geschäft sführer des Be-
einer neugierigen, proaktiven Auseinander- engagierten Menschen eine resiliente neue ratungsunternehmens nextpractice GmbH,
Bremen
setzung mit den neuen Möglichkeiten führt, Arbeitswelt zum Wohle vieler zu schaffen.
SPINAS CIVIL VOICES

Drückt die
Schulbank.
Wurde von
Wurde von Sorgen erdrückt.
Not erdrückt.

Schulbildung für Buben und Mädchen, gut ausgebildete Lehrerinnen


Für echte Veränderung
und Lehrer und moderne Berufsbildungsprogramme. So verändern wir
Leben von Menschen – und zwar grundlegend. helvetas.ch/mithelfen

66 Die Volkswirtschaft 7 / 2018


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaft szahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2017 1/2018 4/2017 3/2017 2/2017
Schweiz 1,0 Schweiz 0,6 0,6 0,6 0,3
Deutschland 2,2 Deutschland 0,3 0,6 0,8 0,6
Frankreich 1,8 Frankreich 0,2 0,6 0,5 0,5
Italien 1,5 Italien 0,3 0,3 0,5 0,4
Grossbritannien 1,7 Grossbritannien 0,1 0,4 0,4 0,3
EU 2,4 EU 0,4 0,6 0,6 0,6
USA 2,3 USA 0,5 0,6 0,8 0,8
Japan 1,6 Japan –0,2 0,1 0,3 1,0
China 6,8 China 1,4 1,6 1,7 1,7
OECD 2,5 OECD 0,5 0,6 0,6 0,7

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2016 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2017 2017 1/2018
Schweiz 65 096 Schweiz 4,8 Schweiz 5,2
Deutschland 50 705 Deutschland 3,8 Deutschland 3,5
Frankreich 42 698 Frankreich 9,4 Frankreich 9,2
Italien 39 823 Italien 11,2 Italien 11,1
Grossbritannien 43 857 Grossbritannien 4,4 Grossbritannien –
EU 40 920 EU 7,6 EU 7,1
USA 59 535 USA 4,4 USA 4,1
Japan 43 896 Japan 2,8 Japan 2,5
China – China – China –
OECD 43 800 OECD 5,8 OECD 5,4

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Vor- Veränderung in % gegenüber dem
jahr Vorjahresmonat
2017 Mai 2018
Schweiz 0,5 Schweiz 1,0
Deutschland 1,7 Deutschland 1,5
Frankreich 1,0 Frankreich 1,4
Italien 1,2 Italien 0,7
Grossbritannien 2,7 Grossbritannien 2,5
EU 1,7 EU 1,5
SECO, BFS, OECD

USA 2,1 USA 2,2


Japan 0,5 Japan 1,3
China 1,6 China 2,2
Weitere Zahlenreihen
OECD 2,3 OECD 2,2
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss Internationaler Arbeitsorganisation (ILO).

Die Volkswirtschaft  7 / 2018 67


Schweizer Stiftungen
verwalten Milliarden
In kaum einem anderen Land ist die Anzahl gemeinnütziger Stiftungen pro Einwohner
so hoch wie in der Schweiz. Auf 10 000 Einwohner kamen im Jahr 2016 knapp
16 Stiftungen. Insgesamt bewirtschaften sie ein Stiftungsvermögen von rund
87 Milliarden Franken. Davon fliessen jährlich rund 3 Prozent in vielfältige Projekte.
Diese reichen von Musikfestivals über Projekte für begleitetes Wohnen von Menschen
mit Behinderung bis zum Erhalt von Trockenmauern.

Zum Vergleich: Das Stiftungs-


vermögen in den USA beträgt rund
Stift 875 Mrd. Franken (4,8% des BIP).
ung In Frankreich sind es ca. 29 Mrd.
sve
201 rmög
Franken (1,2% des BIP).

Mr
d. F
87 6 en

ran
ken
13,3
Das *
e nts
pric

%
ht

3%
des
BIP

(2,6 Mrd. Franken)

* Alle Umrechnungen in Franken gemäss Dollarkurs von Anfang Juni 2018. Gemäss dem Stiftungsreport 2018 des CEPS lag das Stiftungsvermögen 2017 bei 97,4 Mrd. Franken.

GLOBAL PHILANTHROPY REPORT. PERSPECTIVES ON THE GLOBAL FOUNDATION SECTOR / DER SCHWEIZER STIFTUNGSREPORT 2017 UND 2018 / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
des Stiftungsvermögens
fliessen jährlich in
Projekte.

Zum Vergleich: In den USA


wecke
Die 5 häufigsten Z n in der fliessen jährlich rund 9 Prozent
(79 Mrd. Franken) in Projekte.
Stiftunge
von gemeinnützigen den. In Frankreich sind es 34 Prozent
06 gegründet wur
Schweiz, die seit 20 h.
(10 Mrd. Franken).
en möglic
Mehrfachnennung

Kultur und Freizeit Soziales Bildung und Gesundheits-


29,2% 27,3% Forschung wesen Umweltschutz
25,4% 12,4% 7,5%
68 Die Volkswirtschaft  7 /2018
VORSCHAU

IM NÄCHSTEN FOKUS
Ausgabe
Die nächste 3. Juli
Wohin bewegt sich die EU? erscheint a
m2

Die Europäische Union ist der wichtigste Handelspartner der Schweiz: Mehr als die
Hälfte der Exporte gelangen in den EU-Raum, und bei den Importen stammen sogar fast
drei Viertel aus der EU. Entsprechend ist für die Schweiz die Frage der Zukunft der EU
von zentraler Bedeutung. Als Folge des Brexit-Votums und der Wahl Donald Trumps zum
US-Präsidenten steigt in den meisten europäischen Ländern die Zustimmung der Bevöl-
kerung zur EU. Das tut der Institution gut, denn Euro- und Flüchtlingskrise haben ihr arg
zugesetzt. Welches sind die Baustellen der EU, und welches sind ihre Errungenschaften?
Wie haben sich die politischen Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU entwi-
ckelt? Erfahren Sie mehr in der nächsten Ausgabe.

Die EU-27 im Jahr 2025 – wo sind die Baustellen? Europas Konjunktur im politischen Minenfeld
Michael Matthiessen, EU-Botschafter in der Professor Jan-Egbert Sturm, Heiner Mikosch, KOF
Schweiz, Bern
Wie beeinflusst die Innenpolitik das aussen-
25 Jahre EU-Binnenmarkt – eine Bilanz politische Handlungsprofil der Regierung?
Professor Achim Wambach, Präsident Zentrum Beispiele Brexit und MEI
für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), Professor Klaus Armingeon, Universität Bern
Mannheim
Wirtschaftsbeziehungen Schweiz–EU:
Handelspolitik der EU Importüberschuss der Schweiz
François Baur, Economiesuisse Vincent Pochon, Caroline Schmidt, DPKJ, Seco

Was ist von den Europawahlen 2019 zu Die Beziehungen der Schweiz zur Europäischen
erwarten? Union
Dieter Cavalleri, Mission der Schweiz bei der Interview mit Roberto Balzaretti, Staatssekretär
Europäischen Union, Brüssel für europäische Angelegenheiten, DEA

IMPRESSUM
Herausgeber Abonnementpreise Druck
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Inland Fr. 100.–, Ausland Fr. 120.– Jordi AG, Aemmenmatt strasse 22, 3123 Belp
Bildung und Forschung WBF, Staatssekretariat für Für Studierende kostenlos
App
Wirtschaft SECO, Bern
Layout Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1,
Redaktion Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh 4552 Derendingen
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Matthias Hausherr, Jessica Kunkler, Illustrationen
Christian Maillard, Stefan Sonderegger Cover: Claudine Etter, atelier-c.ch Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö-
Aufgegriffen: Alina Günter, www.alinaguenter.ch sischer Sprache (französisch: La Vie économique),
Redaktionsausschuss 91. Jahrgang, mit Beilagen.
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, Kontakt
Susanne Blank, Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Holzikofenweg 36, 3003 Bern Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung
Cesare Ravara, Markus Tanner, Nicole Tesar Telefon +41 (0)58 462 29 39 der Autorinnen und Autoren und deckt sich
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