Sie sind auf Seite 1von 71

91. Jahrgang   Nr. 3 / 2018 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW BILDUNG KURZARBEIT DOSSIER


Tourismus-Expertin Wer in Bildung investiert, Wie die Massnahme in der Reicht das Wohnangebot
Monika Bandi über die Macht hat einen Lohnvorteil Krise Arbeitsplätze sicherte in der Schweiz?
der Bewertungsportale 42 52 55
34

FOKUS
Sinnhaftigkeit
von BIP-Zahlen

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Wohlstandsmesser BIP: Viel kritisiert


und trotzdem unentbehrlich
Das Bruttoinlandprodukt steht seit Jahren in der Kritik. Beispielsweise wird
bemängelt, es vermöge die Lebensqualität nicht zu messen. In diesem Punkt
sind sich die Autoren in unserem aktuellen Schwerpunkt einig: Das BIP
hat einen anderen Zweck, es misst die Wertschöpfung, die in einem Jahr in
einem Land erzielt wird. Will man die Lebensqualität messen, sind alterna-
tive Konzepte wie der «Better Life Index»
der OECD oder die vom Bundesamt für
Statistik entwickelten «Indikatoren zur
Wohlfahrtsmessung» besser geeignet.
Wie sieht es also punkto Wertschöpfung
aus: Ist das BIP im Zeitalter der Digitali­
sierung noch das richtige Mass? Sharing-­
Economy und kostenlose Angebote im
Internet wie Wikipedia sind im BIP nur
unzureichend abgebildet. Volkswirt-
schaftsprofessor Thomas Straubhaar ver-
tritt die Meinung, das BIP verliere durch die Digitalisierung an Aussagekraft.
Für Eric Scheidegger, Leiter der Direktion Wirtschaftspolitik im Seco, ist das
BIP weiterhin unverzichtbar.
Klar ist: Wirtschaftspolitisch sind die BIP-Prognosen unentbehrlich. Die Au-
toren der Schweizerischen Nationalbank zeigen in ihrem Beitrag auf, wie das
BIP in die Festlegung der Geldpolitik einfliesst. Zudem erfahren Sie mehr da-
rüber, welche Rolle die Kennzahl in der Budgetplanung der Eidgenössischen
Finanzverwaltung einnimmt.
Im Interview mit Ökonomin und Tourismusexpertin Monika Bandi dreht
sich alles um die Hotellerie. 2017 schaffte das Tourismusland Schweiz die
Trendwende. Die Zahl der Logiernächte steigt wieder. Bandi sagt, wie es um
die Freundlichkeit steht, ob die Buchungs- und Bewertungsportale Segen
oder Fluch für die Hotellerie sind und was das Zweitwohnungsgesetz ge-
bracht hat.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Nicole Tesar und Susanne Blank
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

Fokus Themen
DOSSIER

Reicht das Wohnangebot


in der Schweiz?
6 9
Das BIP als unerlässlicher BIP verliert im digitalen 56
Kompass Zeitalter an Aussagekraft Günstiger Wohnraum bleibt
Eric Scheidegger Thomas Straubhaar ein Thema
Staatssekretariat für Wirtschaft Universität Hamburg
Marc Zahner
Staatssekretariat für Wirtschaft
Christoph Enzler
Bundesamt für Wohnungswesen

58
Wie reagiert das Wohnraumangebot
auf Preisänderungen?
Maximilian von Ehrlich, Olivier Schöni,
Simon Büchler
Universität Bern

61
13 18 Neumieter zahlen oft viel mehr
Daniel Sager
Die Volkswirtschaftliche Quartalsschätzung Meta-Sys AG
Gesamtrechnung im steten verkürzt das Warten
Wandel auf die BIP-Zahlen
Ronald Indergand Andreas Bachmann, Ronald Indergand 63
Staatssekretariat für Wirtschaft Staatssekretariat für Wirtschaft Gefährliche Ungleichgewichte
Philippe Küttel am Eigenheimmarkt
Bundesamt für Statistik
Matthias Holzhey
UBS Switzerland AG

STANDPUNKTE b

65
Mieten stabilisieren!
Michael Töngi
Schweizerischer Mieterinnen- und Mieterverband

24 28
Die Rolle der BIP-Zahlen Eng verbunden: 66
Das Wohnangebot
in der Geldpolitik Budgetplanung des Bundes ist ausreichend
Carlos Lenz, Attilio Zanetti und BIP-Prognosen Kathrin Strunk
Schweizerische Nationalbank
Adrian Martínez Hauseigentümerverband Schweiz
Eidgenössische Finanzverwaltung
INHALT

32 38 42
EINBLICK TOURISMUS BILDUNG

Wissen schafft Wohlstand Tourismuspolitik des Bundes Ist Bildung eine rentable
Andrea Schenker-Wicki gewinnt an Schlagkraft Investition?
Universität Basel
Ueli Grob, Richard Kämpf Maria A. Cattaneo, Stefan C. Wolter
Staatssekretariat für Wirtschaft Schweizerischen Koordinationsstelle
für Bildungsforschung

45 50 52
FINANZAUSGLEICH ALTERSVORSORGE KURZARBEIT

Finanzausgleich stärkt die Reform der Altersvorsorge: Die Kurzarbeit in der


Wettbewerbsfähigkeit der Es braucht unkonventionelle Rezession zeigte Wirkung
Ostschweiz Ideen Daniel Kopp, Michael Siegenthaler
KOF Konjunkturforschungsstelle
Katia Delbiaggio, Roland Fischer Roland Kriemler
Institut für Betriebs- und Regionalökonomie Konferenz der Geschäftsführer
der Hochschule Luzern von Anlagestiftungen

34
«Die Bewertungs­
portale haben
die Macht» Spots
i
IMPRESSUM ZAHLEN INFOGRAFIK

Informationen Wirtschaftskennzahlen Online-Werbemarkt wächst


zum Magazin
Im Gespräch mit
der Ökonomin und
Tourismusexpertin
4 67 68
Monika Bandi
i IMPRESSUM

Herausgeber
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, ­Bildung
und Forschung WBF,
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Redaktion
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Matthias Hausherr, Jessica Kunkler, Christian Maillard,
Stefan Sonderegger

Redaktionsausschuss
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, ­Susanne Blank,
Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Cesare Ravara, Markus Tanner,
Nicole Tesar

Leiter Ressort Publikationen


Markus Tanner

Holzikofenweg 36, 3003 Bern


Telefon +41 (0)58 462 29 39
Fax +41 (0)58 462 27 40
E-Mail: dievolkswirtschaft@seco.admin.ch
Internet: www.dievolkswirtschaft.ch
App: erhältlich im App Store
Social Media: Folgen Sie uns auf Facebook, LinkedIn und Twitter.

Layout
Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh

Zeichnungen
Alina Günter, www.alinaguenter.ch

Abonnemente/Leserservice
Telefon +41 (0)58 462 29 39
Fax +41 (0)58 462 27 40
E-Mail dievolkswirtschaft@seco.admin.ch

Abonnementpreise
Inland Fr. 100.–, Ausland Fr. 120.–
Für Studierende kostenlos

Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö­sischer Sprache


(französisch: La Vie économique), 91. Jahrgang, mit Beilagen.

Druck
Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp

Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung der Autorinnen


und Autoren und deckt sich nicht notwendigerweise mit der
Meinung der Redaktion.

Der Nachdruck von Artikeln ist, nach Bewilligung durch die


Redaktion, unter ­Quellenangabe gestattet; Belegexemplare
­erwünscht.

ISSN 1011-386X

App
Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1, 4552 Derendingen

Quellenangabe für BIP-Daten auf der nächsten Seite: BFS


FOKUS

Sinnhaftigkeit von BIP-Zahlen


Alles, was wir in der Schweiz herstellen an Produkten und Dienst-
leistungen, fassen wir im Bruttoinlandprodukt (BIP) als Gesamt-
wert zusammen. Dieser misst den Wohlstand, den eine Volkswirt-
schaft im Inland schafft. Das BIP ist hingegen kein Indikator für
die Wohlfahrt einer Gesellschaft. Deshalb steht es seit Jahrzehnten
in der Kritik. Zudem wird beanstandet, dass das BIP im Zuge der
Digitalisierung einen Teil der Wertschöpfung nicht abbilde. Ist
diese Kritik berechtigt? Wozu braucht es die BIP-Zahlen über-
haupt? Lesen Sie mehr dazu im aktuellen Fokus.

weiz
er Sch
IP d n
B inal) Mrd. F nken
ranke

m
(no 408 rd. F ken
ra
n
9 6:

4 0M . Fra
19 5 rd
0 6: 59M
20
6
16 :
20
DAS BIP

Das BIP als unerlässlicher Kompass


Das Bruttoinlandprodukt (BIP) misst die landesweite Wirtschaftsleistung. Die Kennzahl
ist auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar.  Eric Scheidegger

Abstract    Das Konzept der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gibt


Die konzeptionellen Grundlagen des BIP wur-
immer wieder Anlass zu Kritik. Bei diesen Vorbehalten ist zu unterscheiden den nicht als Indikator zur Messung der Lebens-
zwischen methodischen Bemängelungen und falschen Erwartungen an das qualität geschaffen. Es ging vielmehr um den
Bruttoinlandprodukt (BIP) als makroökonomische Kerngrösse. Die metho- Anspruch einer buchhalterischen Erfassung
dologischen Grundlagen zur Messung der gesamtwirtschaftlichen Wert- aller Wirtschaftsaktivitäten. So gesehen ist es
schöpfung mussten seit je an die technologische Entwicklung und an neue nicht erstaunlich, dass selbst nach jüngsten um-
Erkenntnisse angepasst werden. Dies ist den zuständigen Fachgremien
fassenden Überprüfungen des Konzeptes der
bisher recht gut gelungen, weshalb das BIP als Indikator für die landes-
weite Wirtschaftsleistung faktisch alternativlos ist. Auch die Kritik am BIP Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR)
als Gradmesser des Wohlstandes ist kein Grund, auf den international an- der Stellenwert des BIP als Indikator für die lan-
erkannten wirtschaftspolitischen Kompass zu verzichten. Eine politische desweite Wirtschaftsleistung faktisch alterna-
Beurteilung der Wirtschaftsentwicklung durch ergänzende Indikatoren ist tivlos ist.
heute Standard. Allerdings stellt keine seriöse ökonomi-
sche Analyse des Wirtschaftsverlaufes allein
auf die Entwicklung des BIP respektive der ent-

D  as Bruttoinlandprodukt (BIP) geniesst als


makroökonomische Kerngrösse einen
umstrittenen Ruf. Für die einen sind das BIP
sprechenden Komponenten ab. Weitere Indi-
katoren wie Konsumentenstimmung, Unter-
nehmensumfragen zum Auftragseingang oder
und das System der Volkswirtschaftlichen zum Investitionsverhalten, Beschäftigung oder
Gesamtrechnung (VGR) eine unverzichtbare Arbeitslosigkeit ergänzen die Orientierung am
Grundlage für die Erfassung der wirtschaftli- BIP. Auch gibt es für alle Industrieländer etab-
chen Leistungsfähigkeit. Für die anderen gilt lierte komplementäre Konzepte für die Messung
die Kennzahl geradezu als Sinnbild weltweiter einer nachhaltigen Entwicklung und Lebens-
Probleme wie Armut, Umweltverschmutzung, qualität.
Verteilungskämpfe. Das Ende des BIP als Leit- Zurzeit steht die VGR unter einem scheinbar
indikator der wirtschaftlichen Entwicklung neuen Rechtfertigungsdruck. Legitimerweise
wird schon seit Jahrzehnten proklamiert. Es wird diskutiert, wie internetbasierte Dienstleis-
ist möglicherweise diese stetige Kritik, welche tungen, die wir vermeintlich kostenlos konsu-
dem Konzept heute mehr denn je Glaubwürdig- mieren, gebührend in die Wertschöpfungsmes-
keit verleiht. sung einfliessen. Neue Geschäftsmodelle – etwa
Die methodologischen Ursprünge des Brutto­ der «Gafa-Konzerne» (Google, Apple, Facebook,
sozialproduktes, des Vorläufers des BIP, gehen Amazon) – scheinen durch Einsatz neuer Tech-
auf die Dreissigerjahre des 20. Jahrhunderts nologien, sehr hohe Skaleneffekte sowie das ri-
zurück. Es brauchte offensichtlich den histori- gorose Erschliessen von Netzwerkeffekten die
schen Einschnitt der Grossen Depression, um VGR auf den Kopf zu stellen. Gratisleistungen
den Grundlagenarbeiten zur systematischen führen allerdings nicht zwingend zur systemati-
Erhebung von gesamtwirtschaftlichen Grund- schen Unterschätzung der in Geldeinheiten ge-
daten den Durchbruch zu ermöglichen: Nach messenen Wertschöpfung. Denn auch die meis-
langen Krisenjahren wollten die Regierungen ten dieser neuartigen Dienstleistungen werden
in Grossbritannien und den USA verstehen, bezahlt, entweder direkt oder indirekt, zum Bei-
1 Zu den Anfängen der
BIP-Messung vgl. Bei- wie sich das Nationaleinkommen unter diesen spiel über Werbeeinnahmen.
trag von Ronald Inder­
gand und Philippe
ausserordentlich schwierigen Umständen ent- Diese aktuelle Debatte zeigt jedenfalls, wie
­Küttel auf Seite 13. wickelt hatte.1 der technische Fortschritt die konzeptionellen

6  Die Volkswirtschaft  3 / 2018
FOKUS

7
ALAMY

Die Volkswirtschaft  3 / 2018 
DAS BIP

statistischen Grundlagen immer wieder heraus- zen. Seither sind die EU-Gremien mit solchen
fordert. Solche technische Neuerungen mussten Versprechen zurückhaltender geworden.
auch schon früher berücksichtigt werden. So Natürlich kommt dem langfristigen Wirt-
führte das Aufkommen des Personal Computers schaftswachstum auch in der Schweizer Wirt-
in den Achtzigerjahren zu einer langen Debatte, schaftspolitik ein hoher Stellenwert als politi-
wie die Produktion von immer günstigeren und scher Kompass zu – und damit auch dem BIP
leistungsfähigeren Computern real – sprich: respektive dem BIP pro Kopf als dem interna-
korrigiert um die deutlich zunehmende Qualität tional anerkannten Mass hierfür. Wirtschafts-
– erfasst werden kann. Später verlagerte sich die wachstum bedeutet auf die Länge nicht nur,
Diskussion auf die angemessene Erfassung der dass sich die Haushalte mehr oder teurere Autos,
Softwareherstellung sowie von Forschung und Fernseher oder Ferien leisten können. Aus dem
Entwicklung, die als «immaterielle» Leistung bis von Innovation getriebenen Wachstum resultie-
vor wenigen Jahren nicht als Investi­tionen in die ren im Endeffekt auch eine bessere Gesundheits-
VGR einfloss. versorgung, eine bessere Ernährung, ein längeres
Leben, mehr Freizeit, eine bessere Altersvorsor-
Politische Wachstumsvorgaben ge und anderes mehr. Daran dürften ausnahms-
los alle Menschen in der Schweiz interessiert
sind heikel
sein, und deswegen muss dieses Verständnis von
Ein anderes Missverständnis zur Finalität der Wohlstandsmehrung weiterhin ein Ziel der Wirt-
VGR geht davon aus, dass eine BIP-Zunahme schaftspolitik sein. Aber selbstverständlich gilt
zu den vordringlichen Zielen der Politik ge- dies nicht uneingeschränkt, sondern nur unter
hört. Dabei gibt es hierzulande keine politi- Berücksichtigung anderer Ziele wie zum Beispiel
schen Vorgaben für ein «Zielwachstum». Die Umweltschutz oder Umverteilung. Die Austarie-
vierteljährlichen Prognosen, die der Bund, die rung unterschiedlicher Ziele und möglicher Ziel-
Schweizerische Nationalbank (SNB) und priva- konflikte ist eine Konstante der Politik. Dies soll
te Instituten erstellen, geben den privaten und auch in Zukunft so sein.
öffentlichen Entscheidungsträgern Orientie-
rung, wie sich die wirtschaftliche Aktivität in
den kommenden Quartalen entwickeln könnte.
In der kurzen Frist sind sie gewissermassen eine
exogene Grösse, aber kein politisches Verspre-
chen über die Entwicklung des wirtschaftlichen
Wohlstandes der Bürger.
Dieser Umstand ist erwähnenswert, weil
in anderen Ländern mit der künftigen Wirt- Eric Scheidegger
Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für W
­ irtschaftspolitik
schaftsentwicklung ständig Wahlkampf betrie-
und stv. Direktor, Staatssekretariat für Wirtschaft
ben wird. Ob Regierungsparteien oder Opposi- (Seco), Bern
tionsparteien: Im Ausland ist die Verlockung
deutlich grösser, der Wählerschaft eine rosige
wirtschaftliche Zukunft zu versprechen. Zur Literatur
Coyle, Diane (2014). GDP – A Brief but Affectionate History, Princeton.
Jahrtausendwende liess sich etwa der Europäi- Haskel, Jonathan, Westlake, Stian (2018). Capitalism Without Capi-
sche Rat, das Gremium der Staats- und Regie- tal – The Rise of the Intangible Economy. Princeton University Press,
Princeton.
rungschefs der EU, in der «Lissabon Agenda Sachverständigenrat, Conseil d’Analyse Economique (2010). Wirt-
schaftsleistung, Lebensqualität und Nachhaltigkeit: Ein umfassen-
2010» zu einem explizit angepeilten jährlichen des Indikatorensystem. Wiesbaden, Paris.
realen Wachstum von 3 Prozent über zehn Jahre Stiglitz-Sen-Fitoussi Commission SSFC (2009). Report by the
Commission on the Measurement of Economic Performance and
verleiten. Die Eurokrise liess diese Träume plat- Social Progress.

8  Die Volkswirtschaft  3 / 2018
FOKUS

BIP verliert im digitalen Zeitalter


an Aussagekraft
Im Internetzeitalter verändern sich die Wertschöpfungsprozesse: Konsumgüter werden
geteilt und stehen standortunabhängig zur Verfügung. Das BIP vermag diese Trends nur
unvollständig abzubilden.  Thomas Straubhaar

Abstract  Die Mängelliste bei der Erfassung, Berechnung und Interpreta-


es Aktivitäten, die legal über Märkte erfolgen,
tion des Bruttoinlandprodukts (BIP) ist lang und Legende. Ebenso bekannt statistisch aber nicht erfasst werden, wie bei-
ist die Kritik, dass das BIP nur den Wohlstand insgesamt wiedergibt, je- spielsweise die Nachbarschaftshilfe oder der
doch nichts zu dessen Verteilung sagt, weswegen es kein Indikator für die Handel mit gebrauchten Konsumgütern zwi-
Wohlfahrt einer Gesellschaft sein kann. Durch den Strukturwandel von der schen Privaten auf Flohmärkten, Tauschbörsen
«dinglichen» Industriegesellschaft zur «unsichtbaren» Dienstleistungs- oder Internet-Plattformen.
und Wissensgesellschaft werden nun neue, weit fundamentalere Gren-
Unberücksichtigt im BIP bleiben illega-
zen des BIP-Konzepts offensichtlich. Die von Raum und Material losge-
löste Wertschöpfung im Internet, der virtuelle Handel mit digitalen Daten le Transaktionen wie Drogenhandel, Schmug-
sowie die Effekte einer Sharing-Economy entziehen sich in beachtlichen gel oder Bestechungsgelder. Die Ökonomen
Teilen der sächlichen Erfassung, der räumlichen Zuordnung und der zeit- Friedrich Schneider und Bernhard Boockmann
lichen Abgrenzung. Deshalb sind das BIP und seine Messverfahren von ge- schätzen, dass die Wertschöpfung in der soge-
ringerer Aussagekraft denn je. nannten Schattenwirtschaft im Jahr 2017 für
Deutschland etwa bei 10 Prozent und für die
Schweiz bei etwa 6 Prozent des erfassten BIP

D  as Bruttoinlandprodukt (BIP) «ist wohl die


wichtigste Zahl, um den Zustand einer
Volkswirtschaft insgesamt zu beurteilen. Für
lag.4 Schattenwirtschaft wird definiert als öko-
nomische Aktivitäten, aus denen Einkommen
erzielt, aber staatliche Regulierung, Besteue-
die Ermittlung des BIP wird der Marktwert al- rung oder Erfassung vermieden werden.
ler Güter und Dienstleistungen gemessen, die in
einem Land während einer bestimmten Perio- Sharing-Economy schwierig
de hergestellt worden sind.»1 Gemessen wird der
­messbar
«Wohlstand (Wertschöpfung), den eine Volks-
wirtschaft im Inland schafft. Das BIP ist hin- Bei der BIP-Berechnung gilt es zudem Wechsel-
gegen kein Indikator für die Wohlfahrt einer kurseffekte zu berücksichtigen:5 Gerade für die
Gesellschaft.»2 international stark verflochtene Schweiz spielt
Stärken und Schwächen des BIP-Konzepts es eine Rolle, dass der Aussenwert des Frankens
sind hinlänglich bekannt. Jenseits des Prob- als Folge des vergleichsweise «sicheren Hafens»
lems, dass das BIP nichts über die Verteilung eine «Überbewertung» gegenüber den realwirt-
des Wohlstands aussagt, gibt es eine Vielzahl schaftlichen Austauschbeziehungen ausweist,
konzeptioneller Mess- und Erfassungsmän- die durch die statistisch vorgenommene Kauf-
gel.3 Beispielsweise entsteht ein Teil des BIP aus kraftbereinigung nur unzulänglich aufgefangen
1 Brunetti (2006): 36. der Beseitigung von Schäden aller Art – etwa wird.6 Ebenso wichtig sind die Rückwirkungen
2 Bundesamt für Statistik
(2018). aus Verkehrsunfällen, Naturkatastrophen, auf die BIP-Messung, die mit fundamentalen
3 Vgl. beispielsweise Hübl ­Gesundheitsbeeinträchtigungen oder Umwelt- technologischen Veränderungen zu tun haben.
(2007): 89–90.
4 Schneider und Boock- zerstörungen. Andererseits werden unentgeltli- Sie sollen im Folgenden mit Blick auf die Digita-
mann (2017): 24.
5 Vgl. Coyle 2016: 50–60. che Tätigkeiten privater Haushalte im BIP nicht lisierung im Fokus stehen.
6 Eichenberger (2017) und berücksichtigt – wie etwa selbst erbrachte Rei- Es war immer schon ein grundsätzliches Pro-
Replik von Scheidegger
(2017). nigungs- oder Reparaturarbeiten. Ebenso gibt blem der Wirtschaftsstatistik, dass sie ­zunächst

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  9
DAS BIP

nicht in der Lage ist, die Folgeeffekte von Basis­ wenn überhaupt, so nur mit rudimentären Nä-
innovationen abzubilden. Wie auch? Amtliche herungen die Auswirkungen ab.9 Das gilt selbst
Statistiken erheben Daten zwangsläufig auf ver- dann, wenn eine US-Studie aus dem Jahr 2016
alteten Grundlagen. Es kann nur Bekanntes ge- zum Ergebnis kommt, dass ein Einbezug der
messen werden, wofür es «Klassifikationen» Sharing-Economy in die BIP-Berechnung für die
gibt. Das Neue hingegen ist unbekannt, sodass USA nur einen vergleichsweise unbedeutenden
es – mindestens zu Beginn – nicht mit gängi- Einfluss hätte.10
gen Konzepten erfassbar ist. Berühmt geworden
ist ein Ausspruch von Nobelpreisträger Robert Konsumentenrente steigt – BIP sinkt
­Solow aus dem Jahr 1987: «Überall sind Com-
puter zu sehen, nur nicht in den Statistiken der Eine beachtliche Fülle von Konsumgütern wird
Produktivitätsmessung.» im Internet nahezu kostenlos zur Verfügung ge-
Statistische Ämter haben in der Vergan- stellt. Die freie Onlinenutzung ersetzt «dingli-
genheit (durchaus erfolgreich) eine Vielzahl che» Marktprodukte und macht deren Kauf über-
von Schätzverfahren, Behelfsrechnungen und flüssig. Wenn Wikipedia den Zugriff zu einem
Korrekturmassnahmen ergriffen, um Aussage- Onlinelexikon und Youtube das Abspielen von
kraft und Belastbarkeit des BIP auch in Zeiten Videos und Filmen ermöglicht oder wenn Nerds
dynamischer Innovationen zu sichern. Aber ihre selbst entwickelten Spiele, Softwares, Mu-
bereits den Strukturwandel von der «dingli- sikvideos oder Fotos für die Allgemeinheit aufs
chen» Industrie- zur «unsichtbaren» Dienst- Netz legen, dann erhalten die Nutzer etwas, ohne
leistungs- und Wissensgesellschaft konnte das dafür nennenswert bezahlen zu müssen (was
BIP-­Konzept nur noch begrenzt abbilden. «Für einem Ansteigen der Konsumentenrente ent-
spezielle Analysen neuerer Phänomene wie spricht). Eine Studie aus dem Jahr 2012 schätzt,
Digitalisierung, Globalisierung oder Sharing- dass alleine der freie Zugang zu Internetdiens-
Economy sind jedoch ergänzende Messansätze ten von Facebook, Wikipedia, Craiglist und Goo-
erforderlich.»7 gle die im BIP nicht erfasste Konsumentenrente
Neue Technologien verschieben einen immer in den USA jährlich um über 100 Milliarden US-
grösseren Anteil der Wertschöpfung in virtuelle Dollar hat steigen lassen.11 Allerdings schätzt eine
Bereiche jenseits der physischen Dinglichkeit von OECD-Studie aus dem Jahr 2017 die gesamtwirt-
Gütern und Dienstleistungen, die auf herkömm- schaftlichen BIP-Effekte durch freie Internet-
lichen Märkten gehandelt werden. Nach einer dienste als relativ gering ein.12
Studie des McKinsey Global Institute wird heute Obwohl Zufriedenheit oder Wohlbefinden
schon etwa ein Achtel des weltweiten Güterhan- der Menschen steigen, fällt das BIP, weil weni-
dels über E-Commerce abgewickelt, und etwa die ger Lexika oder DVD gekauft werden. Gleiches
Hälfte aller international gehandelten Dienst- gilt, wenn kostenpflichtige Printmedien durch
leistungen ist digitalisiert.8 Diese neuen Formen frei zugängliche elektronische Nachrichtenpor-
ökonomischer Transaktionen erscheinen nicht tale ersetzt werden. Dann erhalten Menschen
oder nur teilweise im BIP, das in der Regel über billiger, schneller und einfacher Zugang zu In-
Markttransaktionen oder – wo es keine Markt- formationen. Das BIP jedoch sinkt, weil traditio-
werte gibt – über Kosten ermittelt wird. nelle Medien wie Zeitungen und Zeitschriften
Für viele der von Raum und Material losge- Umsatzeinbussen erleiden, was zu Entlassun-
lösten Neuerungen der Digitalisierung fehlen gen und geringerer Wertschöpfung führt.
schlicht (noch) die gesamtwirtschaftlichen sta- Noch folgenschwerer dürfte sein, dass Men-
tistischen Masszahlen. Informationsgüter mit schen an vielen Stellen – im Internet oder beim
Netzwerkcharakter werden bestenfalls teil- Einsatz von Kunden- oder Kreditkarten – mehr
7 Statistisches Bundes- weise erfasst. Wenn moderne Apps oder Platt- oder weniger willentlich, freiwillig und bewusst
amt (2017): 36.
8 Manyika et al. (2016). formen wie Uber, Car2go, oder Airbnb eine persönliche Daten an professionelle Datenpor-
9 Vgl. Mandel (2012).
10 Byrne et al. (2016). Sharing-Economy und damit eine weitaus effi- tale verschenken. Auf der Grundlage der be-
11 Brynjolfsson und Oh zientere Ausnutzung vorhandener Güter, Autos stehenden empirischen Evidenz und mit ein paar
(2012).
12 Ahmad et al. (2017). oder Wohnungen ermöglichen, bildet das BIP, eigenen sehr groben Überschlags­ rechnungen

10  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FOKUS

KEYSTONE
Die Sharing-Economy
als Herausforderung
hat die bereits erwähnte OECD-Studie aufge- für die BIP-Messung: letzt aus steuerlichen Gründen – in der Regel
deckt, wie gering Menschen den Wert ihrer Tausende Velos des der räumlichen Zuordnung und der zeitlichen
eigenen Daten einstufen.13 Die meisten Online- Bikesharing-­Anbieters Abgrenzung (was gerade auch für nationale
Mobike in China.
nutzer sind bereit, sehr viele persönliche Daten Steuerbehörden eine grosse Herausforderung
gegen sehr wenig Geld (bzw. Prämien, Boni oder darstellt bei der Frage, wie und wo die Internet-
Rabatte) an soziale Medien, Onlinedienste oder aktivitäten zu besteuern sind). Jedoch ist ver-
elektronische Versandhäuser abzugeben. blüffend, dass die Zahlungsbereitschaft der Fir-
Aus den vom «Economist» als «the world’s men für Kundendaten (noch) relativ gering ist.14
most valuable resource» bewerteten «Big Data»
machen dann künstliche Intelligenz und klu- Messfehler werden zunehmen
ge Algorithmen «Big Business». Allerdings lässt
sich aus den Umsätzen von Datenfabriken wie «Das BIP ist eine Statistik, die für die Messung
beispielsweise Google, Facebook, Amazon, Ali- der industriellen Massenproduktion zuge-
baba oder Tencent die tatsächliche Wertschöp- schnitten war – immaterielle Wertschöpfung
13 Ahmad et al. (2017):
fung der datenverarbeitenden Aktivitäten nur 27; vgl. auch Beresford erfasst sie hingegen nur unzureichend.»15 Und
begrenzt abschätzen. Denn die Transaktionen et al. (2012).
14 Ahmad et al. (2017): 31.
noch weniger wird das BIP in der Lage sein, die
der Internetfirmen entziehen sich – nicht zu- 15 Coyle (2014): 125. digitale Ökonomie abzubilden.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  11
DAS BIP

Die aktuellen BIP-Statistiken unterschät- beachtlichen Teilen der sächlichen Erfassung,


zen die tatsächliche Entwicklung, wenn auch räumlichen Zuordnung und zeitlichen Abgren-
(vorerst) wohl eher weniger stark als intuitiv zung. Deshalb sind das BIP und seine Messver-
angesichts der Innovationen durch die Digi- fahren von geringerer Aussagekraft denn je.
talisierung erwartet. So wird der gesamtwirt- Die statistischen Ämter behelfen sich bei der
schaftliche Fehler bei der BIP-Messung noch als BIP-Ermittlung, indem sie den Wert der durch
vernachlässigbar gering eingeschätzt.16 die Digitalisierung geschaffenen Wertschöp-
Richtig ist jedoch auch, dass «ein Teil der fung oder den durch digitale Güter und Dienst-
neuen Güter nicht in den Volkswirtschaftli- leistungen entstehenden Nutzen oder Umsatz
chen Gesamtrechnungen erscheint, die negati- mit Plausibilitätsüberlegungen schätzen und
ve Substitutionseffekte jedoch dort voll sicht- nach neuen Verfahren suchen.18 So aber ver-
bar sind».17 So steigt die im BIP nicht abgebildete lagert sich beim BIP die Erfassung noch weiter 16 Brynjolfsson und
Konsumentenrente an, da Menschen digitale weg von der Marktorientierung hin zur Modell- Saunders (2009) sowie
Ahmad et al. (2017).
Dienste zu Preisen weit unter ihrer Zahlungsbe- welt der Statistiker. Damit aber steigt die Ge- 17 Grömling (2016): 139.
reitschaft erhalten. Ebenso wird ein Teil dieser fahr, mit künstlich geschaffenen Zahlen den Be- 18 Ahmad und Schreyer
(2016) sowie Ahmad et
realen Steigerung der Kaufkraft der Haushal- zug zur «gemessenen» Realität zu verlieren. al. (2017): 36.
te durch eine nahezu kostenlose Übertragung
eigener persönlicher Daten finanziert, was wie-
derum bei den Firmen nicht als (Datenbeschaf-
fungs-)Kosten verbucht wird.
Die Wertschöpfung im Internet, der virtuel-
le Handel mit digitalen Daten sowie die Effekte
einer Sharing-Economy, in der gerade «teure»
langlebige Güter – wie Wohnungen, Autos oder
Elektrogeräte – gemeinsam genutzt und nicht Thomas Straubhaar
Professor für Volkswirtschaftslehre, Universität Hamburg
einzeln erworben werden, entziehen sich in

Literatur
Ahmad, Nadim et al. (2017). Can Potential Mis- Bundesamt für Statistik (2018). Volkswirt- Manyika, James et al. (2016). Digital Globaliza-
measurement of the Digital Economy Explain schaftliche Gesamtrechnung, Neuenburg. tion: The New Era of Global Flows. McKinsey
the Post-Crisis Slowdown in GDP and Pro- Byrne, David M. et al. (2016). Does the United Global Institute Report.
ductivity Growth? OECD Statistical Working States Have a Productivity Slowdown or a Scheidegger, Eric (2017). Falsche Schlussfolge-
Paper No. 73, Paris. Measurement Problem?, in: Brookings Papers rungen, Neue Zürcher Zeitung vom 19.9.2017.
Ahmad, Nadim und Schreyer, Paul (2016). Mea- on Economic Activity, Spring: 109–157. Schneider, Friedrich und Boockmann, Bernhard
suring GDP in a Digitalised Economy, OECD Coyle, Diane (2014). GDP: A Brief But Affectiona- (2017). Die Grösse der Schattenwirtschaft –
Statistical Working Paper No. 85, Paris. te History, New Jersey. Methodik und Berechnungen für das Jahr 2017,
Beresford, Alastair et al. (2012). Unwillingness Eichenberger, Reiner (2017). Panikmache mit Tübingen.
to Pay for Privacy: A Field Experiment, in: Eco- falschen Zahlen, Neue Zürcher Zeitung vom Solow, Robert (1987). We’d Better Watch Out, in:
nomics Letters, Vol. 117, No. 1: 25–27. 7.9.2017. New York Times Book Review, July 12, 1987: 36.
Brunetti, Aymo (2006). Volkswirtschaftslehre Grömling, Michael (2016). Digitale Revolution – Statistisches Bundesamt (2017). Bruttoinlands-
(Eine Einführung für die Schweiz). Bern (Ott- eine neue Herausforderung für die Volks- produkt 2016 für Deutschland. Begleitmaterial
Verlag) (4. Auflage, Bern 2017). wirtschaftlichen Gesamtrechnungen?, in: zur Pressekonferenz am 12. Januar 2017 in Ber-
Brynjolfsson, Erik und Oh, Joo Hee (2012). The Wirtschaftsdienst, 96. Jahrgang, 2016, Heft lin, Wiesbaden.
Attention Economy: Measuring the Value of 2: 135–139. The Economist (2017). The World’s Most Valua-
Free Digital Services on the Internet. Hübl, Lothar (2007). Wirtschaftskreislauf und ble Resource, London, 6.5.2017.
Brynjolfsson, Erik und Saunders, Adam (2009). gesamtwirtschaftliches Rechnungswesen, in:
What the GDP Gets Wrong (Why Managers Vahlens Kompendium der Wirtschaftstheorie
Should Care), in: MIT Sloan Management Re- und Wirtschaftspolitik, München, Band 1, 9.
view, Vol. 51, No.1: 95–96. Auflage: 53–94.

12  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FOKUS

Die Volkswirtschaftliche
Gesamtrechnung im steten Wandel
Seit den Fünfzigerjahren ist die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) als Zahlen-
werk international etabliert. Digitalisierung und Globalisierung erfordern nun gewisse
Anpassungen – die bisherigen Konzepte bleiben dabei weiterhin anwendbar.
Ronald Indergand, Philippe Küttel

englische Regierung die vergangene Entwick-


Abstract    Die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung (VGR) spielt in der
Wirtschaftspolitik eine Schlüsselrolle. Sie liefert die erforderlichen makro- lung des «National Income» schätzen. Weiter
ökonomischen Grössen, um die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes an Bedeutung gewann die Planung und Organi-
zu verfolgen. Als bekanntestes VGR-Aggregat misst das Bruttoinlandpro- sation der Wirtschaft im Zweiten Weltkrieg, da
dukt (BIP) die Wertschöpfung, die während eines bestimmten Zeitraums nun die Rüstungsproduktion im Vordergrund
mit der Produktion von Gütern und Dienstleistungen erzielt wird. Das BIP stand – was umfassendes Zahlenmaterial erfor-
ist eine wichtige Referenzgrösse, um beispielsweise die Staatsquote inter- derte. Im Zuge des aufkommenden Keynesian­
national zu vergleichen. Auch Phänomene wie Strukturwandel und Infla-
ismus blieb die Wirtschaftspolitik auch nach
tion werden empirisch beobachtbar. Beim Umgang mit den Daten sollte
man sich stets der Grenzen der Messgrössen bewusst sein. So vermag das dem Krieg eher interventionistisch ausgerich-
BIP beispielsweise die immaterielle Wohlfahrt nicht abzubilden. Die Ur- tet. Und schliesslich wuchs das Bedürfnis nach
sprünge der VGR liegen in der Wirtschaftskrise der Dreissigerjahre, danach Daten aufgrund der Verbreitung empirischer
wurden die Konzepte und Erfassungsmethoden laufend aktualisiert. Aktu- Ansätze wie der Ökonometrie in der Wirt-
elle Herausforderungen sind aufgrund des grenzüberschreitenden Charak- schaftswissenschaft.
ters die Globalisierung und die Digitalisierung.
Mehrere Staaten etablierten in den Dreissi-
ger- und Vierzigerjahren statistische Teams, um
das nationale Einkommen regelmässig zu schät-

K   önige und Staatsoberhäupter haben seit je


das Bedürfnis gehabt, die wirtschaftlichen
Ressourcen ihres Landes zu ermitteln, zum Bei-
zen. Die verschiedenen Ansätze wurden in den
Nachkriegsjahren international koordiniert und
harmonisiert. Eine zentrale Rolle nahm der bri-
spiel um ihre Macht zu demonstrieren oder um tische Ökonom Richard Stone ein, dessen Arbei-
Steuern zu erheben. Die ersten Arbeiten, die ten zur Entwicklung der modernen VGR später
als Vorläufer der Volkswirtschaftliche Gesamt- mit dem Nobelpreis gewürdigt wurden. Bis heu-
rechnung (VGR) bezeichnet werden können, te wird die nationale Buchhaltung international
stammen aus dem 17. Jahrhundert: In England von der UNO, der Organisation für wirtschaft-
nahmen die Wissenschaftler William Petty und liche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
Gregory King («Politische Arithmetik») Schät- und dem Statistischen Amt der Europäischen
zungen des Einkommens aus Arbeit und Vermö- Union (Eurostat) weiterentwickelt.
gen vor. Im 18. Jahrhundert entwickelte der fran-
zösische Arzt und Ökonom François Quesnay in Schweizer System ist international
Anlehnung an den menschlichen Blutkreislauf
kompatibel
das Modell eines wirtschaftlichen Kreislaufs
und zeigte die Interdependenzen zwischen den In der Schweiz wurden die ersten nationalen Ein-
Wirtschaftsakteuren auf. kommensschätzungen ebenfalls in den Zwan-
Die «moderne» VGR wurde in den Z ­ wanziger-­ zigerjahren veröffentlicht. Nach dem Zweiten
und Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts ent- Weltkrieg wurde die VGR gemäss den OECD-
wickelt. Angesichts der Grossen Depression lies- Richtlinien ausgebaut. Um eine bessere interna-
sen insbesondere die amerikanische und die tionale Vergleichbarkeit innerhalb E­uropas zu

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  13
DAS BIP E-Commerce macht internationale
Transaktionen komplexer. Logistikzent-
rum von Amazon in ­Phoenix, USA.

e­ rmöglichen, beruht die Schweizer VGR seit 1997 des Produktions-, des Verwendungs- und des
auf dem Europäischen System Volkswirtschaft- Einkommensansatzes durchgeführt. Mit dem
licher Gesamtrechnungen – welches seinerseits Produktionsansatz wird die vom Produktions-
mit dem «System of National Accounts» der UNO system generierte Wertschöpfung bestimmt,
kompatibel ist. indem vom Produktionswert der Güter und
Die Ergebnisse der VGR gehören seit ihrer Dienstleistungen die Vorleistungen abgezogen
Entwicklung zur zentralen Datengrundlage für werden (d. h. der Wert der Güter und Dienstleis-
die Wirtschaftspolitik und die Wirtschafts- tungen, die während des Produktionsprozesses
wissenschaft. Die VGR misst verwendet wurden). Er dokumentiert beispiels-
anhand des Bruttoinland- weise, wie viel Wertschöpfung in den einzel-
Während der Grossen produkts (BIP) die gesamt- nen Branchen entsteht. Der Verwendungsan-
Depression befand sich wirtschaftliche Produktion satz zeigt auf, wie die generierte Wertschöpfung
bzw. das Wirtschaftswachs- verwendet wird – beispielsweise für den Kon-
die Wirtschaftspolitik
tum. Darüber hinaus liefert sum oder Investitionen – und welche Bedeutung
praktisch im Blindflug. sie eine Reihe von makroöko- das Ausland bei den Güterströmen hat (Aussen-
nomischen Grössen wie das handel). Der Einkommensansatz betrachtet die
verfügbare Einkommen, die Ersparnis, die Fi- Entgeltung der Produktionsfaktoren Arbeit und
nanzierungskapazität oder den Finanzierungs- Kapital. Damit gibt er zum Beispiel darüber Aus-
bedarf usw. Alle diese Transaktionen sowie die kunft, wie das Volkswirtschaftseinkommen
Aktiven und Passiven werden in einem nach in- verdient wird (Arbeitseinkommen oder Kapi-
stitutionellen Sektoren gegliederten Konten­ taleinkommen) oder wie gross die Verflechtung
system erfasst («Kontensequenz»). mit dem Ausland bei den Einkommensströmen
Als wichtigste Kennzahl bildet das BIP die ist.
während einer bestimmten Periode erzeugte Konkret ergibt sich das BIP am Ende eines
Wertschöpfung in der Landeswährung ab: Es komplexen Prozesses, der zum Ausgleich zwi-
quantifiziert die Grösse bzw. Produktionskraft schen dem Produktions-, dem Verwendungs-
einer Ökonomie. Entscheidend ist, dass die und dem Einkommensansatz führt, sodass alle
Daten über die Zeit hinweg und in den verschie- drei Ansätze miteinander übereinstimmen. Das
denen Ländern dank dem standardisierten Vor- Zahlenwerk VGR ermöglicht dadurch einen de-
gehen vergleichbar sind. Ausserdem wird eine taillierten Beschrieb der Wirtschaftsstruktur.
Preisbereinigung der Daten vorgenommen, um So können ökonomische Determinanten bei-
Volumeneffekte (reale Änderungen) von reinen spielsweise für den Strukturwandel, die Infla-
Preiseffekten zu unterscheiden. tion oder das Wirtschaftswachstum untersucht
Als Mass für die Grösse einer Volkswirtschaft werden. Weiter werden die Auswirkungen von
bietet das BIP eine Referenzgrösse, um beispiels- wirtschaftspolitischen Massnahmen empirisch
weise die Schulden eines Landes in einen sinnvol- analysierbar. Beispielsweise lässt sich untersu-
len Kontext zu stellen. Indikatoren wie die Staats- chen, wie sich die Änderung der Steuerpolitik
oder Verschuldungsquote können dadurch auf den Konsum oder das Wirtschaftswachs-
international und über die Zeit verglichen wer- tum auswirkt. Und schliesslich erlauben die
den. Weiter können auf der Grundlage der VGR- Zahlen der VGR eine zeitnahe und umfassende
Aggregate wirtschaftspolitische Ziele formuliert Beurteilung der Konjunkturlage.
werden – beispielsweise indem ein Prozentsatz Es ist nicht zuletzt dieser Grundlage zu ver-
des BIP oder des Bruttonationaleinkommens danken, dass die Wirtschafts- und Geldpolitik
für die Entwicklungshilfe bestimmt wird. Und im Zuge der letzten grossen Finanz- und Wirt-
schliesslich ermöglicht das BIP pro Kopf Aussagen schaftskrise die Wirtschaftslage rechtzeitig
über den durchschnittlichen materiellen Wohl- korrekt einschätzen und angemessen reagie-
stand, gemessen an den produzierten Gütern und ren konnte. Verglichen mit dem heute zur Ver-
Dienstleistungen, der Landesbevölkerung. fügung stehenden Datenkranz befand sich die
Die Berechnung des BIP basiert auf einer Wirtschaftspolitik in der Zwischenkriegszeit
Vielzahl von Basisstatistiken. Sie wird anhand während der Grossen Depression praktisch im

14  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


KEYSTONE
DAS BIP

Blindflug. Um die Wirtschaftslage abzuschät- Konzepte und Methoden für die Berechnung des
zen, verwendeten die Regierungen damals Ak- BIP laufend angepasst. Um die Vergleichbarkeit
tienkurse oder lückenhafte Produktionsindizes zu gewährleisten, ist eine internationale Koor-
der Industrie.1 dination zentral. Parallel dazu müssen auch die
Datengrundlagen angepasst werden – von den
Die Grenzen der VGR befragten Einheiten, über die Anpassung von
Registerdaten und Erhebungsdaten bis hin zu
Trotz oder gerade wegen all ihrer Stärken ist es den Berechnungsmethoden.
wichtig, zu wissen, wo die Grenzen des Zahlen-
materials liegen. So werden in der VGR mit we- Digitalisierung als Heraus­forderung
nigen Ausnahmen (zum Beispiel Regierungs-
dienste) nur Transaktionen erfasst, welche über Derzeit sind die wirtschaftlichen Umwälzun-
Märkte abgewickelt werden. Nicht entgoltene gen im Zuge von Globalisierung und Digitali-
Tätigkeiten wie etwa die Hausarbeit bleiben also sierung die grössten Herausforderungen für
mehrheitlich unberücksichtigt. Weiter werden die VGR. Um diesen Änderungen bestmöglich
diverse andere ökonomische Aspekte nicht oder Rechnung zu tragen, hat die UNO – zusammen
nur teilweise erfasst. Insbesondere gibt die VGR mit der OECD und Eurostat – beispielsweise be-
keine Auskunft über die individuelle Verteilung reits vor Jahren eine Expertengruppe zum The-
von Einkommen und Vermögen. Auch Exter- ma Globalisierung und deren Effekte auf die
nalitäten wie Umweltverschmutzung werden VGR eingesetzt.2
höchstens indirekt quantifiziert, etwa dann, Mit der Globalisierung sind die Geschäfts-
wenn bereits bestehende Verschmutzung durch praktiken von multinationalen Unterneh-
ein Unternehmen beseitigt wird. Und schliess- men komplexer geworden. Insbesondere der
lich misst das BIP zwar die entstandene Wert- konzerninterne Austausch hat zugenommen:
schöpfung innerhalb einer Zeitperiode. Ob die Tochtergesellschaften verrechnen beispiels-
Wertschöpfung auf nachhaltige Weise zustande weise die in Rechnung gestellten Leistungen
gekommen ist, ist jedoch nicht ersichtlich: Bei- vermehrt gegenseitig, oder sie transferieren
spielsweise spielt es in der BIP-Rechnung keine immaterielle Vermögenswerte von einem Land
Rolle, ob ein höheres Wachstum auf eine höhere in ein anderes. Da es dadurch schwieriger ge-
Produktivität oder auf eine Kreditblase zurück- worden ist, die wirtschaftliche Tätigkeit der
zuführen ist. Firmen zu erfassen, müssen grundlegende Ele-
In den letzten Jahren wurde das BIP für seine mente wie das Konzept der statistischen Ein-
Unfähigkeit, die allgemeine Wohlfahrt zu mes- heit (Unternehmen) überprüft werden. Zu-
sen, vermehrt kritisiert. Also für etwas, wofür dem ist der Austausch von Informationen und
es nicht entwickelt wurde, was nicht sein Ziel ist Daten zwischen den Ländern auszubauen.
und – angesichts der Komplexität der Berechnun- Die Messkonzepte und Definitionen der
gen – auch in Zukunft nicht sein Ziel sein kann. Produktion und Wertschöpfung werden durch
Dass Faktoren wie politische Rechte, Sicherheit, die Digitalisierung der Wirtschaft nicht grund-
sozialer Zusammenhalt oder Gesundheit die Le- legend infrage gestellt. Allerdings werden die
bensqualität in einem Land massgeblich mitbe- Produktionsprozesse und die Rolle der Akteu-
stimmen, ist unbestritten. Mit vielen dieser Fak- re innerhalb dieser Prozesse beeinflusst. Etwa
1 F royen, Richard (2009): toren weist das BIP zwar eine hohe Korrelation ergeben sich Fragen bei sogenannten kosten-
Macroeconomics:
Theories and Policies,
auf, genau genommen misst es aber «nur» den losen Dienstleistungen und der zunehmenden
London. materiellen Wohlstand, definiert über die her- Beteiligung der Haushalte am Produktions-
2 Siehe UNO (2011): The
Impact of Globalization gestellte Menge an Gütern und Dienstleistungen. prozess (automatische Kassen, Online-­C heck-
on National Accounts, in usw.). Überdies verstärkt die Digitalisierung
Genf und New York.
Unter dem Strich bleibt das BIP somit eine zent-
3 Nadim Ahmad and Paul rale, aber doch nur eine von vielen wirtschafts- einige bereits bestehende Messprobleme, wie
Schreyer (2016): Measu-
ring GDP in a Digitalised politisch relevanten Statistiken. dies auch ein Arbeitspapier der OECD 2016 her-
Economy, OECD Sta-
tistics Working Papers,
Die Wirtschaft ist einem ständigen Wandel vorgehoben hat.3 Namentlich wird das Geflecht
Paris. unterworfen. Deshalb werden die VGR sowie die an internationalen Transaktionen komplexer,

16  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FOKUS

beispielsweise im E-Commerce-Bereich, und Qualität der Leistung beeinflusst (geringere


der informelle Charakter bestimmter Transak- Warteschlangen an Flughäfen aber eventuell
tionen nimmt zu. Auch wird das korrekte Er- auch weniger Service), müsste dies ebenfalls
fassen der Preisentwicklung weiter erschwert: berücksichtigt werden: Hier besteht für die
Zwischen Qualitäts- und Preisänderungen ist VGR die grösste Herausforderung.
insbesondere bei technologieintensiven Gü- Interessant sind auch Fälle, bei denen sich
tern schwer zu unterscheiden. die Produktion ganz vom Markt- in den Nicht-
marktbereich verschiebt – zum Beispiel bei
Bestehende Konzepte grundsätzlich der Substitution von Lexika durch Wikipe-
dia. Das Erstellen von Wikipedia-Beiträgen
adäquat
ist eine Freizeitaktivität von Haushalten (und
Solche Entwicklungen sind jedoch nicht neu verdrängt andere Freizeitaktivitäten) und
und können meist im bestehenden Rahmen taucht definitionsgemäss nicht im BIP auf. Da-
abgebildet werden. So werden viele dieser neu für steigt die Kaufkraft der Haushalte (Lexika
scheinbar kostenlosen Dienstleistungen indi- sind neu gratis) und es entstehen so unter Um-
rekt vergütet (z. B. durch Werbeeinnahmen, ständen andere Marktaktivitäten. Der Netto-
Umsatzbeteiligung, oder sie sind selbst Marke- effekt auf das BIP ist in diesem Fall unklar. Zu-
tingmassnahmen) und können durch die VGR dem finden laufend auch Verschiebungen vom
erfasst werden. Beispiele sind Internetsuch- Nichtmarkt- in den Marktbereich statt, etwa
maschinen, Gratis-Apps oder Sharing-Plattfor- wenn mehr externe Kinderbetreuung genutzt
men wie Uber und Airbnb. Ob neu immer mehr wird.
über das Internet gehandelt wird oder nicht, Unter dem Strich entstehen also diver-
spielt zumindest konzeptionell eine zweitran- se neue Herausforderungen. 4 Diese stellen die
gige Rolle. Zudem kann gerade die Digitalisie- VGR aber nicht auf den Kopf. Entsprechend
rung bzw. die «Zentralisierung» des Handels kommen auch die Autoren der OECD zum
4 A
hmad und Schreyer
über das Internet Chancen für eine bessere Er- Schluss, dass die fortschreitende Digitalisie- (2016) beschreiben auf
fassung bieten. rung kaum zu einer signifikanten Unterschät- S. 7–19 die Effekte auf
die VGR durch die Digi-
Auch die stärkere Beteiligung der Haushalte zung des BIP führt. talisierung.
am Produktionsprozess stellt die bestehenden
Konzepte nicht grundlegend in Frage. Falls bei-
spielsweise das Online-Check-in die Flugha-
fenschalter ersetzt, gehen möglicherweise die
Arbeitnehmerentgelte zurück, dafür steigen –
bei unverändertem Umsatz – die Betriebsüber-
schüsse, und die Wertschöpfung bleibt unver-
ändert. Sinken durch das Online-Check-in die
Ronald Indergand Philippe Küttel
Flugpreise, gehen Umsatz und Deflatoren zu-
Leiter, Ressort Konjunktur, Leiter, Sektion Volks­
rück. In diesem Fall sinkt die nominale, aber Staatssekretariat für Wirt­ wirtschaftliche Gesamt­
wiederum nicht die reale Wertschöpfung. Falls schaft (Seco), Bern rechnung, Bundesamt für
Statistik (BFS), Neuenburg
die technologische Neuerung jedoch auch die

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  17
DAS BIP

Quartalsschätzung verkürzt das


Warten auf die BIP-Zahlen
Vier Mal pro Jahr schätzt das Seco das Quartals-BIP. Wirtschaftsakteure erhalten damit
bereits frühzeitig eine zuverlässige Einschätzung der Konjunkturentwicklung.  
Andreas Bachmann, Ronald Indergand

Abstract    Die Quartalsschätzung des Bruttoinlandprodukts (BIP) des Demgegenüber führt das Staatssekreta-
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) liefert Wirtschaftsakteuren riat für Wirtschaft (Seco) vier Mal pro Jahr eine
frühzeitig Informationen über die Konjunktur im vergangenen Quartal. BIP-Quartalsschätzung durch. Einerseits wer-
Die Daten sind nicht nur für die Einschätzung der aktuellen, sondern den dadurch unterjährige Informationen zum
auch für die Prognose der zukünftigen Wirtschaftsentwicklung zentral. BIP und anderen Grössen der Volkswirtschaft-
Zudem bilden die Quartalsdaten eine wichtige Grundlage für die em- lichen Gesamtrechnung (VGR) verfügbar, und
pirische Wirtschaftsforschung. Die Schätzung orientiert sich an euro-
andererseits gibt die Quartalsschätzung we-
päisch harmonisierten Vorgehensweisen und erfolgt mit international
verbreiteten ökonometrischen Methoden. Sie basiert auf Indikatoren, sentlich früher Auskunft über die laufende Ent-
die einen starken Zusammenhang mit den Jahresdaten der Volkswirt- wicklung. Die Zahlen werden rund zwei Monate
schaftlichen Gesamtrechnung (VGR) aufweisen und zugleich quartals- nach Quartalsende veröffentlicht – beispiels-
weise und frühzeitig verfügbar sind. Die geschätzten Daten unterliegen weise erscheint die Schätzung für das BIP des
zwar Revisionen, die im Durchschnitt aber nicht signifikant sind. Daher vierten Quartals jeweils Ende Februar oder An-
liefern bereits die ersten Quartalsschätzungen ein zuverlässiges Bild fang März. Damit stehen auch bereits Informa-
der Konjunkturlage.
tionen zum jährlichen BIP zur Verfügung – rund
ein halbes Jahr vor der BFS-Berechnung.
Die Vorteile der höheren Frequenz und frü-

E  ine frühzeitige und präzise Einschätzung


der Konjunkturlage hilft Firmen, Staat und
Privatpersonen dabei, wirtschaftliche Entwick-
heren Verfügbarkeit sind nicht ohne Nachteile
zu haben. Die BIP-Zahlen1 werden auf Quartals-
basis mittels statistischer Methoden geschätzt
lungen rechtzeitig zu erkennen. Dazu sind Daten und unterliegen Unsicherheiten. Die Qualität
notwendig, die möglichst zeitnah und in hoher der Schätzung hängt wesentlich von der Qua-
Frequenz zur Verfügung stehen und internatio- lität der verfügbaren Daten ab – insbesonde-
nal vergleichbar sind. Die darauf basierenden re von den ökonomischen Indikatoren und von
Lagebeurteilungen und Prognosen sind für die den BFS-Jahreswerten – sowie von der Güte der
Wirtschafts- und Geldpolitik sowie für die Fi- eingesetzten statistischen Methoden.
nanzplanung des Bundes unverzichtbar.
Zentrale Kennzahlen sind das Bruttoinland- Schätzung anhand von Indikatoren
produkt (BIP) und seine Komponenten. Weil
die Berechnung des BIP anspruchsvoll ist und Wie funktioniert die Quartalsschätzung? Einer-
eine sehr breite Datengrundlage erfordert, be- seits werden die offiziellen BFS-Jahreszahlen
steht jedoch ein Zielkonflikt zwischen rascher anhand statistischer Methoden auf die Quarta-
Verfügbarkeit und hoher Genauigkeit. So liegt le der vergangenen Jahre «verteilt» (Interpola-
1 Die Ausführungen
dieses Artikels gelten die erste Berechnung des jährlichen BIP durch tion). Andererseits werden auch für die jüngsten
grundsätzlich sowohl das Bundesamt für Statistik (BFS) jeweils erst Quartale, für die noch kein Jahreswert zur Ver-
für die BIP-Zahlen als
auch für deren Kom- im August des Folgejahres vor. Die Verzögerung fügung steht, die Quartalsdaten geschätzt (Ex-
ponenten, d. h. für die
Zahlen der VGR. Aus ergibt sich aus den hohen Erfordernissen an trapolation).
Gründen der Leserlich- Daten, welche zuerst landesweit erhoben wer- Für das Vorgehen ist es zentral, Indikato-
keit ist jeweils nur von
BIP-Zahlen die Rede. den müssen. ren zu finden, die auf Jahresbasis den grösst­

18  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


Die gesamte Wertschöpfung
im ­Tourismus lässt sich anhand
der ­Logiernächte schätzen.
Touristinnen in Luzern.
KEYSTONE
DAS BIP

möglichen Zusammenhang mit der zu schät- tig sollten sie einen hohen Erklärungsgehalt
zenden Komponente aufweisen. Dies genügt für die Entwicklung dieser Komponente in der
aber noch nicht: Damit ein Indikator für die Vergangenheit aufweisen. Besonders wichtig
Quartalsschätzung verwendet werden kann, ist zudem die Güte der Extrapolation, d. h., dass
muss er auf Quartalsfrequenz und zeitnah (in- die Summe der extrapolierten Quartale mög-
nerhalb von 60 Tagen nach Quartalsende) ver- lichst nahe am später veröffentlichten Jahres-
fügbar sowie lang genug sein, um statistische wert des BFS liegt.
Zusammenhänge sinnvoll schätzen zu können. Ein allfälliges saisonales Muster der Indika-
Ein Beispiel für einen geeigneten Indikator toren überträgt sich auf die BIP-Quartalsschät-
sind die Logiernächte in der Schweiz. Sie wei- zungen. Beispielsweise sind die Logiernächte
sen auf Jahresbasis ähnliche Wachstumsraten jeweils im dritten Quartal am höchsten. Ausge-
auf wie die reale Wertschöpfung des Gastgewer- prägte Saisonschwankungen können jedoch die
bes (siehe Abbildung 1). Dies ermöglicht es, den konjunkturelle Dynamik, die in der Regel im Zen-
Zusammenhang zwischen Wertschöpfung im trum des Interesses steht, verdecken. Für sämtli-
Gastgewerbe und Logiernächten mittels einer che Komponenten des BIP werden daher sowohl
Regression auf Jahresbasis zu schätzen. Dieser unbereinigte wie auch saison- und kalenderbe-
Zusammenhang wird verwendet, um anhand reinigte Reihen veröffentlicht (siehe Kasten).
der quartalsweisen Logiernächte die reale Wert- Insgesamt ist die Treffsicherheit der Quar-
schöpfung für das Gastgewerbe auf Quartalsba- talsschätzungen relativ gross: Beim BIP lag die
sis zu bestimmen (siehe Abbildung 2). Beispiele Differenz zwischen den summierten, extra-
für Indikatoren anderer Branchen sind Industrie- polierten Quartalen und dem ersten BFS-Jahres-
und Detailhandelsumsätze, Exportzahlen, Be- wert für 2016 bei 0,09 Prozentpunkten; für 2015
schäftigungsdaten, Preise etc. Das BIP ergibt sich und 2014 waren es jeweils 0,07 Prozentpunkte.2
am Schluss als Summe der quartalisierten Wert- Die Quartalszahlen unterliegen regelmässi-
schöpfung aller Branchen (siehe Kasten). gen Revisionen. Die Gründe dafür sind vielfäl-
tig: Erstens werden die verwendeten Indika-
Hohe Treffsicherheit der toren selber teilweise revidiert. Zweitens gibt
es bei den VGR-Jahresdaten Änderungen, die
BIP-Quartalsschätzung
sich auf die Quartalszahlen übertragen. Drit-
Grundsätzlich kommen alle verfügbaren tens werden die ökonometrischen Modelle für
Daten, die oben stehende Kriterien erfüllen, die Quartalisierung und die Saisonbereinigung
als Indikatoren für die Quartalisierung einer gelegentlich angepasst, falls dadurch eine Ver-
Jahresreihe infrage. Für die Schätzung kön- besserung der Schätzung erreicht werden
nen auch mehrere Indikatoren verwendet wer- kann. Schliesslich führt jeder neue Jahreswert
den. Um ins Modell aufgenommen zu werden, zu leichten Änderungen der geschätzten Ko-
2 2014: Seco: 1,96%,
BFS: 1,89%; 2015: Seco: sollten die Indikatoren in einem signifikanten effizienten in den Quartalisierungsmodellen,
0,91%; BFS: 0,84%, und ökonomisch sinnvollen Zusammenhang und jeder neue Quartalswert hat Anpassungen
2016: Seco: 1,29%; BFS:
1,38%). zur gesuchten Komponente stehen. Gleichzei- des geschätzten Saisonmusters zur Folge.

Methodik
Für die BIP-Quartalsschätzungen verwendet das (1981). Falls kein Zusammenhang zwischen Indika- die Zeitreihe an beiden Enden verlängert, was die
Seco aktuelle wissenschaftliche Standards, wel- tor und Zielgrösse geschätzt werden muss, wird die Saisonbereinigung an den Rändern der Zeitreihe
che international zur Schätzung von vierteljährli- Denton-Cholette-Methode (Denton, 1971; Dagum verbessert. Danach kann entweder ein nicht para-
chen VGR-Daten eingesetzt werden. Die Vorge- and Cholette, 2006) angewandt. Dies ist der Fall, metrisches Verfahren (X-11: siehe Findley et al, 1998)
hensweise stützt sich dabei auf das Europäische wenn entweder gar kein Indikator vorhanden ist oder eine modellbasierte Methode (Seats: Gomez
System Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen oder wenn ein Indikator quasi perfekt der Zielgrös- und Maravall, 1996) für die Saisonbereinigung ver-
2010 ­(siehe EU, 2014 und EU, 2013). Bei der Quar- se entspricht. wendet werden. Für die vierteljährliche VGR ver-
talisierung hängt die Wahl der Methode davon ab, Die Saisonbereinigung erfolgt mittels «X-13-Arima­­ wendet das Seco in der Regel die Seats-Methode.
ob zwischen der Zielgrösse und den Indikatoren Seats». In einem ersten Schritt wird ein Arima-­ Die resultierende saisonbereinigte Reihe schliesst
eine Kointegrationsbeziehung besteht. So wird bei Modell geschätzt. Dabei wird beispielsweise der regelmässige saisonale Schwankungen aus.
­Kointegration die Methode von Chow und Lin (1971) Effekt von Ostern, der Anzahl Arbeitstage etc. iden-
verwendet, ansonsten die Methode von Fernandez tifiziert. Unter Verwendung des Arima-Modells wird

20  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FOKUS

Abb. 1: Anzahl Logiernächte und reale Wertschöpfung des Gastgewerbes: Wachstumsrate gegenüber
Vorjahr (2011–2016)
4   In %

BFS, SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


–2

–4

–6
2011 2012 2013 2014 2015 2016

  Logiernächte              Reale Wertschöpfung Gastgewerbe

Abb. 2: Anzahl Logiernächte und reale Wertschöpfung: Quartalsreihen (2011–2017)


15   In Mio. In Mio. Franken  4000

12 3200

BFS, SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


9 2400

6 1600
2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

  Logiernächte              Reale Wertschöpfung Gastgewerbe (rechte Achse)

Abb. 3: BIP-Wachstum (1996–2017; real und saisonbereinigt; gegenüber Vorquartal)

3  In %

–1
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–2

–3
1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016

  Aktuelle Schätzung (30.11.2017)              Minimum              Maximum

Die rote Linie zeigt die aktuelle Schätzung der Wachstumsrate. Die gepunkteten Linien zeigen die höchste und die tiefste
Wachstumsrate, die für das jeweilige Quartal geschätzt wurden (inkl. aller Revisionen zwischen Ende 2002 bis Ende 2017).

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  21
DAS BIP

In der Vergangenheit betrug die durch- bei Inkaufnahme grösserer späterer Revisionen
schnittliche absolute Revision des BIP-Wachs- möglich.
tums zwischen der ersten und der zweiten Demgegenüber liefert die BIP-Quartals-
Quartalsschätzung 0,1 Prozentpunkte und in- schätzung unter der derzeitigen Vorgehenswei-
nerhalb eines Jahres 0,2 Prozentpunkte. Dies ist se eine verlässliche, frühe Grundlage sowohl
vergleichbar mit der Höhe der Revisionen in an- für die konjunkturelle Lagebeurteilung als auch
deren Ländern. In aller Regel sind die Revisio- für Konjunkturprognosen. Diese wiederum sind
nen zudem unverzerrt, d. h., sie erfolgen sowohl unter anderem für die Wirtschaftspolitik, die
nach oben wie nach unten, und sie unterschei- Budgetplanung des Bundes sowie die geldpoliti-
den sich im Durchschnitt nicht signifikant von sche Lagebeurteilung durch die Schweizerische
null. Das grundlegende Bild der Konjunkturla- Nationalbank von zentraler Bedeutung.
ge wird somit durch die Revisionen nicht verän-
dert (siehe Abbildung 3). Stand und Entwicklung
der Konjunktur werden durch die BIP-Quartals-
schätzungen korrekt angezeigt – und dies be-
reits zwei Monate nach Quartalsende.
Eine noch frühzeitigere Verfügbarkeit der
BIP-Zahlen wäre theoretisch möglich. Wesent-
liche Indikatoren wie beispielsweise die Zah-
Andreas Bachmann Ronald Indergand
lungsbilanz, die Umsätze der Industrie oder
Wissenschaftlicher Mit- Leiter, Ressort Konjunk-
die Beschäftigungsstatistik sind gegenwärtig arbeiter, Ressort Konjunk- tur, Staatssekretariat für
jedoch nicht früher verfügbar. Eine frühzeiti- tur, Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
Wirtschaft (Seco), Bern
gere Schätzung der BIP-Zahlen wäre daher nur

Literatur
Chow, Gregory C., und An-loh Lin (1971). Best Europäische Union (2014). Europäisches System Findley, David F., Brian C. Monsell, William R.
Linear Unbiased Interpolation, Distribution, Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen, Bell, Mark C. Otto, und Bor-Chung Chen.
and Extrapolation of Time Series by Related ESVG 2010, Amt für Veröffentlichungen der (1998). New Capabilities and Methods of the
Series. The Review of Economics and Statis- Europäischen Union, Luxemburg. X-12-ARIMA Seasonal-Adjustment Program.
tics, 53(4): 372–375. Europäische Union (2013). Handbook on Quar- Journal of Business & Economic Statistics,
Dagum, Estela B., und Pierre A. Cholette (2006). terly National Accounts. Amt für Veröffentli- 16(2): 127–152.
Benchmarking, Temporal Distribution, and chungen der Europäischen Union, Luxemburg. Gomez, Victor und Agustin Maravall (1996).
Reconciliation Methods for Time Series. Lec- Fernandez, Roque B. (1981). A Methodological Programs TRAMO and SEATS, Instructions
ture Notes in Statistics. Springer-Verlag, New Note on the Estimation of Time Series. The for the User, Documento de Trabajo, Banca de
York. Review of Economics and Statistics, 63(3): Espagna: 9628.
Denton, Frank T. (1971). Adjustment of Mon- 471–476.
thly or Quarterly Series to Annual Totals: An
Approach Based on Quadratic Minimization.
Journal of the American Statistical Associa-
tion, 66: 99–102.

22  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FOKUS

Ab sofort folgen und


weiterempfehlen.
Die Volkswirtschaft Seite gefällt mir

#DieVolkswirtschaft
Folgen Sie uns auf Twitter, LinkedIn und Facebook, und lesen Sie
laufend die aktuellsten Beiträge.

Gefällt mir Kommentieren Teilen

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  23
DAS BIP

Die Rolle der BIP-Zahlen


in der Geldpolitik
Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) ist das BIP eine zentrale Messgrösse. Im
Allge­meinen sind gute Wirtschaftsstatistiken eine unabdingbare Voraussetzung für die
erfolgreiche Führung der Geldpolitik.  Carlos Lenz, Attilio Zanetti

dererseits rechtzeitig erkennen, ob und allen-


Abstract  Der gesetzliche Auftrag verpflichtet die Schweizerische National­
bank (SNB) zur Gewährleistung der Preisstabilität. Dabei soll sie der kon­ falls wie viel geldpolitischer Handlungsbedarf
junkturellen Entwicklung Rechnung tragen. Für die optimale Erfüllung besteht.
ihres Mandats ist die korrekte Einschätzung der Wirtschaftslage von zent­
raler Bedeutung. Als Mass der Wirtschaftsleistung ist das Bruttoinlandpro­
dukt (BIP) die Hauptreferenzgrösse. Die BIP-Schätzungen sind deshalb eine
Preise, BIP und Phillips-Kurve
grundlegende Informationsquelle. Aufgrund ihrer Revisionsanfälligkeit Für die Analyse der Preisentwicklung greift
bergen sie aber auch gewisse Herausforderungen. Deshalb setzt die SNB
die SNB auf die verschiedenen Preisindizes des
auf eine möglichst breite Palette an Konjunkturindikatoren.
Bundesamts für Statistik (BFS) zurück. Da die
SNB die Preisstabilität mit einem Anstieg des

D  ie Geldpolitik der Schweizerischen National­ Landesindexes der Konsumentenpreise (LIK)


bank (SNB) ist darauf ausgerichtet, die Preis- von weniger als 2 Prozent pro Jahr gleichsetzt,
stabilität unter Berücksichtigung der konjunk- stehen dabei der LIK und seine Komponenten im
turellen Entwicklung zu gewährleisten. Dies Vordergrund.
geschieht in der Regel über die Zinssteuerung. Was die realwirtschaftliche Entwicklung an-
Nach Ausbruch der Finanzkrise wurde das Zins- geht, ist naturgemäss die Volkswirtschaftliche
instrument durch Interventionen am Devisen- Gesamtrechnung (VGR) die wichtigste Quelle
markt ergänzt. und das reale Bruttoinlandprodukt die Haupt-
Um die Geldpolitik optimal zu gestalten, referenzgrösse. Der Grund ist klar: Die VGR er-
sind zwei Voraussetzungen nötig. Erstens muss fasst im Detail die Wirtschaftstätigkeit aus den
die Zentralbank möglichst genau wissen, wie drei Perspektiven Produktions-, Einkommens-
die Wirtschaft funktioniert, wie sie auf Stö- und Verwendungsseite, welche sich gegensei-
rungen reagiert und was ihre geldpolitischen tig ergänzen. Somit bietet sie das vollständigste
Impulse bewirken. Sie muss also die Trans- Bild des wirtschaftlichen Geschehens. Inner-
missionsmechanismen in der Wirtschaft ver- halb der VGR ist das Bruttoinlandprodukt (BIP)
stehen. Zweitens muss die Zentralbank den diejenige Zahl, welche die gesamte inländische
Zustand der Wirtschaft laufend richtig ein- Wirtschaftsleistung während eines Jahres oder
schätzen können. Quartals am besten zusammenfasst. Deshalb
Damit beide Voraussetzungen erfüllt sind, steht das BIP im Zentrum der Berichterstattung
ist die Verfügbarkeit von verlässlichen Wirt- und findet in der Öffentlichkeit besondere Be-
schaftsstatistiken zentral. Statistiken bilden achtung.
die Grundlage für den Einsatz von ­A nalyse-­ Das BIP bildet die Basis für die allgemei-
und Prognosemodellen in der Geldpolitik. ne Einschätzung der Wirtschaftslage und der
Wirtschaftliche Entwicklungen müssen des- Preisentwicklung. Um die Inflation, also die
halb möglichst präzise, zuverlässig und rasch Veränderung der Preise, zu erklären und zu pro-
in Form von Daten erfasst werden. Nur so kann gnostizieren, muss ihre Beziehung zur Wirt-
die Zentralbank einerseits die Transmissions- schaftsaktivität abgebildet werden. Diese Be-
mechanismen empirisch erforschen und an- ziehung wird von Zentralbanken – die SNB ist

24  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


KEYSTONE
Die Inflations­
aussichten hängen
hier keine Ausnahme – meist im Rahmen der massgeblich von lücke steigt tendenziell die Inflation. Zeiten mit
sogenannten Phillips-Kurve dargestellt. Die- der Auslastung der einer negativen Produktionslücke sind dagegen
Wirtschaft ab.
se besagt, dass die Inflationsaussichten mass- mit abnehmender Inflation verbunden.
geblich von der Auslastung der Wirtschaft ab-
hängen. Wenn die Auslastung der Wirtschaft Die Unsicherheit um das BIP
über das normale Niveau ansteigt, haben die
und die Produktionslücke
Unternehmen zunehmend Mühe, der Nachfra-
ge nachzukommen. In der Folge erhöhen sie ver- Das Konzept des BIP ist aus theoretischer und
mehrt die Preise ihrer Produkte – wodurch die definitorischer Sicht eindeutig. In der Praxis je-
Inflation steigt. Umgekehrt fällt in einer Rezes- doch ist die Schätzung des BIP für die zustän-
sion die Auslastung unter das normale Niveau. digen Ämter – BFS und Staatssekretariat für
In dieser Situation versuchen Unternehmen mit Wirtschaft (Seco) – alles andere als einfach.
Preissenkungen Kunden zu gewinnen. Dadurch Die Wirtschaftsleistung der Schweiz entsteht
nimmt die Inflation ab und kann sogar negativ Tag für Tag aus Millionen von Entscheiden und
werden. Handlungen aller Wirtschaftsakteure. Zudem
Die Auslastung einer Wirtschaft wird im ist das Umfeld nicht konstant: Massgebende As-
Rahmen der Phillips-Kurve mit der Produk- pekte wie Technologie, Produkte, Absatzkanäle
tionslücke gemessen. Diese erfasst die Diskre- oder Präferenzen der Leute ändern sich laufend.
panz zwischen dem normalen Niveau des BIP Aus dieser Perspektive überrascht es kaum, dass
einer Wirtschaft (das oft als Vollbeschäfti- das BIP nicht exakt geschätzt werden kann und
gungsniveau bezeichnet wird) und dem effek- dass ein Zielkonflikt zwischen rascher Verfüg-
tiv beobachteten Niveau. Die SNB bestimmt das barkeit und Präzision der Zahlen besteht. Be-
normale BIP-Niveau mit verschiedenen Ansät- sonders schwierig sind frühe Schätzungen, die
zen. Allen gemeinsam ist, dass die jeweils resul- sich nur auf sehr unvollständige Informationen
tierende Produktionslücke einen gewissen Zu- stützen können. Im Zeitablauf führen neuere
sammenhang mit der Inflation aufweist (siehe und ausführlichere Informationen sowie Opti-
Abbildung 1). Bei einer positiven Produktions- mierungen der Schätzmethoden dann ­immer

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  25
DAS BIP

Abb. 1: Produktionslücke und Inflation (1980–2017)

7,5    In %

2,5

SNB, BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


–2,5

–5
1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015

  Landesindex der Konsumentenpreise (Jahresveränderung)            Produktionslücke (Produktionsfunktionsansatz)

Abb. 2:  BIP-Wachstumsrevisionen (2000–2017)


7,5    In %

2,5

0
SNB, BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–2,5

–5

–7,5
2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016

  Aktuelle Zeitreihe          Historische Erstschätzungen            Differenz in Prozentpunkten

Reales BIP-Wachstum gegenüber Vorquartal, hochgerechnet.

Abb. 3: Der SNB Business Cycle Index (2007–2017)

7,5    Indexwert

2,5
SNB, GALLI (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–2,5

–5

–7,5

–10
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

26  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FOKUS

wieder dazu, dass die BIP-Zahlen revidiert wer- Branchen werden zusammengetragen und so-
den. Diese Feststellung gilt für die Schweiz wie wohl qualitativ als auch quantitativ ausge-
auch für alle anderen Länder und dürfte zu wertet.5 Das Bruttoinlandprodukt ist auch bei
einer gewissen Vorsicht bei der Interpretation diesen Analysen im Hintergrund die Referenz-
der Daten führen. grösse: Die Stichprobenauswahl für die Unter-
Der Verlauf des BIP hängt also davon ab, nehmensgespräche richtet sich nach der bran-
zu welchem Zeitpunkt er  geschätzt wurde. Die chenmässigen Zusammensetzung des BIP.
heutigen Quartalswachstumsraten des BIP kön- Im Bewusstsein der Herausforderungen,
nen sich von denjenigen unterscheiden, die je- welche mit der Schätzung des BIP verbunden
weils bei der Erstschätzung bekannt wurden sind, stützt die SNB ihre Analysen also auch
(siehe Abbildung 2). auf viele zusätzliche Indikatoren. Diese Ansät-
Aus geldpolitischer Sicht stellt die Revi- ze können jedoch lediglich eine ergänzende Rol-
sionsanfälligkeit des BIP bedeutende Heraus- le spielen. Letztlich sind verlässliche VGR- und
forderungen dar.1 Der genaue und wahre BIP- BIP-Statistiken absolut unentbehrlich, um die
Verlauf – sofern ein «genaues und wahres BIP» wirtschaftliche Entwicklung eines Landes ver- 1 Siehe Cuche et al.
überhaupt geschätzt werden kann – ist erst mit stehen zu können. Die Verfügbarkeit von guten (2008).
2 Siehe Galli et al. (2017).
Verzögerung verfügbar. In Echtzeit basieren Wirtschaftsstatistiken ist eine wesentliche Vo- 3 Siehe Galli (2017).
deshalb Analysen und Prognosen auf unsiche- raussetzung für die erfolgreiche Führung der 4 Siehe Hunziker und
­Zanetti, 2015).
ren Informationen. Geldpolitik. 5 Siehe SNB (2017).

Palette an weiteren ­Indikatoren


Um der Unsicherheit über den aktuellen Stand
der Wirtschaft etwas entgegenzuwirken, er-
gänzt die SNB die Interpretation der BIP-Zahlen
mit der ausführlichen Auswertung einer breiten
Palette an weiteren Konjunkturindikatoren.2
Ein Beispiel dafür ist der Business Cycle Index
Carlos Lenz Attilio Zanetti
(siehe Abbildung 3). Dieser von der SNB erstell- Prof. Dr. rer. pol., Leiter Dr. rer. pol., Leiter Organi-
te Konjunkturindex setzt sich aus der systema- Volkswirtschaft, Schwei- sationseinheit Konjunktur,
tischen Auswertung von über 600 Indikatoren zerische Nationalbank, Schweizerische National-
Zürich bank, Zürich
zusammen.3 Er umfasst konjunkturelle Signale
aus verschiedensten Quellen. Eine wesentliche
Rolle spielen Konjunkturumfragen. Literatur
Aus den gleichen Gründen legt die SNB Cuche, Nicolas, Pamela Hall and Attilio Zanetti (2008). Swiss GDP
Revisions: a Monetary Policy Perspective, in: Journal of Business Cycle
grossen Wert auf den Informationsaustausch Measurement and Analysis, Vol. 4/2.
mit Unternehmen. 4 Die SNB-Delegierten für Galli, Alain (2017). Which Indicators Matter? Analyzing the Swiss Busi-
ness Cycle Using a Large-scale Mixed-frequency Dynamic Factor Mo-
regionale Wirtschaftskontakte führen jedes del, SNB Working Paper, 2017/08.
Quartal weit über 200 Gespräche mit Entschei- Galli, Alain, Christian Hepenstrick und Rolf Scheufele (2017). Mixed-
frequency Models for Tracking Short-term Economic Developments
dungsträgern von Unternehmen und sammeln in Switzerland, SNB Working Paper, 2017/02.
Hunziker, Hans-Ueli und Attilio Zanetti (2015). Die Delegierten der
so wertvolle Informationen aus erster Hand Nationalbank messen den Puls der Wirtschaft, in: Die Volkswirt-
über den Stand der Wirtschaft. Die Informa- schaft, 2015/5.
Schweizerische Nationalbank (2017). Konjunktursignale, Quartalsheft
tionen aus den verschiedenen Regionen und der Schweizerischen Nationalbank, 2017/4.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  27
DAS BIP

Eng verbunden: Budgetplanung


des Bundes und BIP-Prognosen
Bei der Berechnung des Bundesbudgets stützt sich die Eidgenössische Finanzverwal-
tung auf die BIP-Prognosen. Je präziser diese sind, desto treffsicherer fällt das Budget
aus.  Adrian Martínez
planjahre ergänzt. Neben den Prognosen zum
Abstract  Die Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV) ist bei der Budget-
realen Wirtschaftswachstum umfassen sie auch
planung auf die Zahlen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung und
auf BIP-Prognosen angewiesen. Diese Angaben wirken sich direkt auf die Arbeitsmarktprognosen wie Lohnentwicklung
Höhe des Bundesbudgets aus. Insbesondere bei den Einnahmenschätzun- und Arbeitslosenquote sowie Annahmen zum
gen ist der konjunkturelle Einfluss gross. Aber auch bei den Ausgaben spie- monetären Umfeld wie Zinsen, Inflation und
len Konjunkturprognosen indirekt eine Rolle, da beispielsweise die Kan- Wechselkurse. Die EFV stellt dadurch sicher,
tonsanteile an den Bundeseinnahmen von der Wirtschaftslage abhängen. dass die unterschiedlichen Ämter der Bundes-
Einen direkten Einfluss auf die Ausgabenhöhe wiederum haben die Zins-
verwaltung auf einer einheitlichen und konsis-
prognosen. Ein plausibles und konsistentes Wirtschaftsszenario ist daher
unabdingbar für eine aussagekräftige Budgetierung.
tenten Grundlage budgetieren.

Einnahmen: BIP als zentrale Grösse

D  as Bundesbudget ist ein zentrales Pla-


nungsinstrument des Bundesrates. Der
Voranschlag mit integriertem Aufgaben- und
Für die Schätzung der Einnahmen ist das mak-
roökonomische Referenzszenario, welches sich
aus den Prognosen ergibt, von grosser Relevanz.
Finanzplan zeigt auf, welche öffentlichen Güter Je genauer die Wirtschaftsprognose ausfällt,
und Dienstleistungen der Bund bereitstellt, wel- umso kleiner sind auch die Budgetabweichun-
che Massnahmen er für die Erreichung seiner gen bei den Einnahmen (siehe Abbildung 1).
Verteilungs- und Stabilisierungsziele ergreift Da die Einnahmenentwicklung meist ausser-
und welche Ressourcen ihm dafür zur Verfü- halb des Einflussbereiches von Bundesrat und
gung stehen. Eine entscheidende Rolle für die Verwaltung liegt, wird für die Schätzungen auf
Budgetierung spielt das wirtschaftliche Umfeld. Modelle zurückgegriffen, welche die Einnah-
Damit die Eidgenössische Finanzverwal- menentwicklung in Abhängigkeit von exoge-
tung (EFV) ein möglichst präzises Budget erstel- nen Einflussgrössen beschreiben. Beispielsweise
len kann, muss sie über ein detailliertes Bild der fliessen die Prognosen zum nominalen Wachs-
aktuellen und künftigen Verfassung der Wirt- tum des Bruttoinlandprodukts (BIP) unmittelbar
schaft verfügen. Wichtige Arbeitsinstrumen- in die Schätzung der Mehrwertsteuereinnahmen
te sind dabei die Volkswirtschaftliche Gesamt- ein, da zwischen der Veränderung des BIP und je-
rechnung sowie die Konjunkturprognosen der ner der Mehrwertsteuereinnahmen ein enger Zu-
Expertengruppe des Bundes. Auf Basis dieser sammenhang besteht. So stellt der private Kon-
Werte analysiert die Eidgenössische Finanzver- sum sowohl für die Bemessungsgrundlage der
waltung die Haushaltslage und passt die Finanz­ Mehrwertsteuer als auch für das BIP die wich-
politik entsprechend an. tigste Bestimmungskomponente dar. Ökonome-
Zu Beginn des Budget- und Finanzplanungs- trische Schätzungen zeigen, dass die kurzfristi-
prozesses werden die volkswirtschaftlichen Re- ge Elastizität der Mehrwertsteuerforderungen in
ferenzgrössen für das Budgetjahr und die drei Bezug auf das BIP sehr nahe bei 1 liegt. Mit ande-
folgenden Finanzplanjahre festgelegt. Dazu ren Worten: In der Vergangenheit führte ein BIP-
werden die entsprechenden Prognosen der Ex- Wachstum von 1 Prozent zu einer gleich hohen
pertengruppe übernommen und für die Finanz- Expansion der Mehrwertsteuerforderungen.

28  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FOKUS

Auch bei der direkten Bundessteuer – neben Mindereinnahmen aus Steuerreformen berei-
der Mehrwertsteuer die ergiebigste Fiskalein- nigt werden. Auf diese Weise wird bei der Bud-
nahme des Bundes – wäre eine Budgetierung getierung die erwartete Einnahmenentwick-
ohne Prognosen zu einzelnen makroökonomi- lung mit dem BIP verglichen und überprüft, ob
schen Variablen undenkbar. Neben dem Wirt- die langfristig beobachtete Aufkommenselasti-
schaftswachstum (Unternehmensgewinnsteu- zität der Bundeseinnahmen auch in den Budget-
ern) werden für die Schätzung beispielsweise und Finanzplanjahren eingehalten wird.
die Inflation («kalte Progression») sowie die er-
wartete Entwicklung der Haushaltseinkommen Schuldenbremse erhöht Wichtigkeit
(Einkommenssteuer) berücksichtigt.
der Prognosen
Die BIP-Prognosen fliessen nicht nur in die
Schätzung der einzelnen Steuern ein, sondern Mit Einführung der Schuldenbremse im Jahr
werden auch für die Plausibilisierung der ag- 2003 haben BIP-Prognosen im Budgetprozess
gregierten Einnahmenschätzungen verwendet. zusätzlich an Bedeutung gewonnen. Die Schul-
Ähnlich wie die Mehrwertsteuereinnahmen denbremse verlangt, dass sich die Einnahmen
sind auch die gesamten ordentlichen Einnah- und Ausgaben des Bundes über einen Konjunk-
men des Bundes eng mit der nominalen Wert- turzyklus hinweg ausgleichen: In guten Zei-
schöpfung verknüpft (siehe Abbildung 2). ten sollen Budgetüberschüsse erzielt und in
Dieser Zusammenhang wird noch deutli- Die Höhe des schlechten Zeiten Defizite zugelassen werden.
­privaten Konsums
cher, wenn die entsprechenden Einnahmen um spiegelt sich in den
Entsprechend muss die aktuelle Wirtschafts-
Strukturbrüche wie beispielsweise Mehr- oder Mehrwertsteuer­ lage in der Budgetierung berücksichtigt und in
einnahmen.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  29
DAS BIP

Relation gesetzt werden zu ihrem langfristigen Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) im Rah-
Potenzial, das nicht beobachtbar ist. men der Quartalsschätzungen, während die Ex-
Als Mass für die tatsächliche wirtschaftli- pertengruppe des Bundes wie erwähnt die BIP-
che Entwicklung dient das preisbereinigte BIP. Prognosen macht.
Anhand eines statistischen Filters1 wird dar- Das Kernstück der Budgetierung ist es,
1 Modifizierter Hodrick-
Prescott-Filter. Siehe aus die nicht beobachtbare stetige Entwicklung, eine Ausgabenobergrenze festzulegen, die den
Bruchez Pierre-Alain der sogenannte BIP-Trend, bestimmt. Die Bud- strukturellen bzw. konjunkturell bereinigten
(2003a), A Modification
of the HP Filter Aiming getierung basiert dabei auf dem BIP der Vorjah- Einnahmen des Bundes entspricht. Diese Be-
at Reducing the End-
Point Bias, Working re und den jüngsten Schätzungen für das aktu- reinigung geschieht mithilfe des sogenannten
Paper, Eidgenössische elle sowie den Prognosen für das Budgetjahr. Konjunkturfaktors, des Quotienten aus BIP-
Finanzverwaltung,
ÖT/2003/3. Die Schätzung für das laufende Jahr erstellt das Trend und -Jahreswert. Vereinfacht gesagt,

Abb. 1: Prognosefehler bei den ordentlichen Bundeseinnahmen und dem nominalen BIP (2000–2016)

EFV, SECO, BERECHNUNGEN MARTÍNEZ (Y = 1.1854X, R² = 0.5035) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


15    Prognosefehler ordentliche Einnahmen, in %

2000

10 2008

2010

5
2006 2007
2011
2009 2004
2015 2016 2013 2005
0
2001
2012 2014
–5
2002 2003

–6 –4 –2 0 2 4 6
Prognosefehler nominales BIP, in %

  Trendlinie       Prognosefehler

Die Abbildung zeigt, wie stark die Güte der Einnahmenschätzungen von den Wirtschaftsprognosen abhängt. Auf der y-Ach-
se sind die Prognosefehler bei den ordentlichen Einnahmen des Bundes dargestellt. Auf der x-Achse sind die Abweichungen
zwischen dem prognostizierten nominalen BIP gemäss Budget und dem tatsächlich realisierten nominalen BIP gemäss den
vorläufigen Schätzungen des Seco abgetragen. Die Punkte entsprechen den Jahreswerten von 2000 bis 2016.

Abb. 2: Entwicklung der ordentlichen Bundeseinnahmen im Vergleich zum BIP (1990–2016)


800  In Mrd. Fr. In Mrd. Fr.      80  

600 60

400 40
EFV, BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

200 20

0 0
90

92

94

96

98

02

10

12

14

16
0
0

0
0

20

20

20
20
19

19
19

20
19

20
20
19

20
20

    BIP nominal       Ordentliche Einnahmen (rechte Skala)

30  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FOKUS

dürfen die Ausgaben höchstens im Umfang erlangt. Ab dem Voranschlag 2019 wird der
der erwarteten Produktionslücke von den Bundesrat die Teuerung nur noch ausgleichen,
Einnahmen abweichen. wenn diese auch tatsächlich anfällt. Das Parla-
ment hat im Frühjahr 2017 eine entsprechen-
Ausgaben: Konjunktur ebenfalls de Motion überwiesen.2 Hintergrund des Be-
schlusses ist die Tatsache, dass das Preisniveau
wichtig
gemessen am Landesindex der Konsumenten-
Auf die Budgetausgaben haben makroökono- preise seit dem Jahr 2009 kaum mehr gestiegen
mische Prognosen naturgemäss einen kleine- ist. Gleichzeitig wurde den gesetzlich schwach
ren Einfluss als auf die Einnahmen. So sind gebundenen Ausgaben, welche über mehrjäh-
die Ausgaben in der Regel keine exogenen rige Finanzbeschlüsse gesteuert werden, je-
Grössen, sondern das Ergebnis staatlichen weils eine Teuerung von rund 1 Prozent ge-
Handelns. Bundesrat und Parlament legen sie währt. Dadurch kam es zu einem ungeplanten
als verbindliche Vorgabe fest, zum Beispiel in realen Ausbau der staatlichen Tätigkeit, der
Form rechtlicher Erlasse oder mehrjähriger mit entsprechenden Sparprogrammen wieder
Sachplanung. gebremst werden musste.
Dennoch gibt es Ausgabenbereiche, in denen Abschliessend lässt sich sagen: Über die
Konjunkturprognosen eine Rolle spielen. So be- Budgetierung des Bundes hinaus bildet das BIP
einflusst die Konjunkturentwicklung indirekt in der Finanzpolitik grundsätzlich eine wichtige
Ausgaben, die von den Einnahmen abhängig Referenzgrösse. Auf ihm basieren die wichtigs-
sind. Dazu gehören insbesondere die Anteile ten finanzpolitischen Kennzahlen, mit denen
der Kantone und der Sozialversicherungen an die Nachhaltigkeit der öffentlichen Finanzen
den Bundeseinnahmen sowie die Rückerstat- beurteilt wird (bspw. Fiskal-, Staats- und Schul-
tung von Lenkungsabgaben und die Einlagen in denquote). Es ist daher aus finanzpolitischer
die beiden Verkehrsfonds, Bahn­infra­struktur­ Sicht wichtig, dass die Volkswirtschaftliche
fonds und Nationalstrassen- und Agglomera- Gesamtrechnung die wirtschaftlichen Realitä- 2 M
otion 16.3705 des
Ständerats Josef Dittli
tionsverkehrsfonds. Zusammen machen diese ten in der Schweiz möglichst genau abbildet. (FDP, UR).
Ausgaben immerhin rund ein Fünftel des Bud-
gets aus.
Direkt beeinflussen die Prognosen, wie
hoch der Zinsaufwand des Bundes budgetiert
wird, welcher einerseits durch das Schulden-
niveau und andererseits durch die Zinsent-
wicklung bestimmt wird. In der Regel über-
nimmt die EFV für das Bundesbudget sowohl
die kurzfristigen als auch die langfristigen
Adrian Martínez
Zinsprognosen der Expertengruppe. Stv. Sektionsleiter Finanzpolitik/Finanzbericht­
Eine besondere Bedeutung im Budgetpro- erstattung, Eidgenössische Finanzverwaltung (EFV),
Bern
zess haben jüngst die Teuerungs­annahmen

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  31
KEYSTONE

32  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


EINBLICK

Wissen schafft Wohlstand


Der Wohlstand der Schweiz ist keine Selbstverständlichkeit.1 als auch privat. Die Konkurrenz stammt dabei zunehmend
Will die Schweiz diesen Wohlstand für die zukünftigen Ge- auch aus Asien: Kaufkraftbereinigt investiert China heute
nerationen erhalten, muss sie die zahlreichen kommenden mehr in Forschung und Entwicklung als die gesamte Euro-
Herausforderungen erfolgreich bewältigen. Dazu zählt etwa päische Union und wird in wenigen Jahren voraussicht-
die Überalterung der Bevölkerung, die unser Gesundheits- lich auch die Vereinigten Staaten überholen. Für die euro­
und Rentensystem zunehmend unter Druck setzt. Wie noch päischen und nordamerikanischen Universitäten wird
nie zuvor in der Geschichte entwickeln zudem die Globali- es daher immer schwieriger, die weltweit besten ­Köpfe
sierung und der technische Fortschritt eine Dynamik, die ­anzuziehen und Forschung auf international höchstem
zu immer schnelleren Veränderungen in allen Lebensbe- Niveau zu betreiben. Ein wesentlicher Grund dafür ist das
reichen führt und immer mehr neues Wissen schafft. Doch: Kosten­wachstum bei der Forschungsinfrastruktur, insbe-
Von dem Wirtschaftswachstum und den Produktivitätsge- sondere in den Lifesciences, in der Medizin und bei Super­
winnen, die aus diesem Wissen und der fortschreitenden computern. Den allermeisten Universitäten fällt es immer
Digitalisierung entstehen, wird mit grosser Wahrschein- schwerer, diese Kosten zu tragen und die entsprechenden
lichkeit nur ein kleiner Teil der Bevölkerung profitieren. Die Investitionen zu finanzieren.
«Arbeit-on-Demand», die auf Onlineplattformen vermittelt Aufgrund dieser Herausforderungen stellt sich auch hier-
wird und für das digitale Zeitalter charakteristisch ist, kann zulande die grundlegende Frage, ob die heutige Aufgaben-
ausserdem zu unsicheren Beschäftigungsverhältnissen und und Kompetenzverteilung mit diesen Herausforderun-
einer geringeren sozialen Absicherung führen. gen Schritt halten kann oder ob wir uns in Zukunft nicht
ganz neue Modelle der Zusammenarbeit überlegen müss-
Standortfaktor Hochschule ten. Dabei geht es in erster Linie darum, welche Aufgaben
In diesem Kontext nimmt die Bedeutung der Hochschu- der Bund und welche Aufgaben die Kantone übernehmen
len weiter zu. Hochschulen haben nicht nur die Aufgabe, müssen, um das Wohlstandsniveau in der Schweiz halten
junge Menschen auszubilden und sie auf die Herausforde- zu können. Da die Forschungsuniversitäten massgeblich
rungen im Berufsleben vorzubereiten. Als Denk- und For- zum Wachstum des Wohlstands in den wissensbasierten
schungsstätten begleiten sie die Entwicklungen der Ge- Ökonomien beitragen, wird zum ersten Mal in der Ge-
sellschaft und tragen wesentlich zur Innovationskraft und schichte Wissenschaftspolitik zur Wirtschaftspolitik und
zum Wachstum einer Volkswirtschaft bei, zumal heute umgekehrt Wirtschaftspolitik zur Wissenschaftspolitik.
schätzungsweise 70 Prozent des BIP-Wachstums auf Inno- Daraus ergibt sich, dass die Förderung von Universitäten
vationen zurückzuführen sind. In einer Welt, in welcher nicht mehr nur ein zentrales Anliegen des Bildungsbür-
der Zugang zu gut ausgebildeten Fachkräften und zum gertums ist, sondern bestimmt, wie sich der Wohlstand in
neusten Wissen eine immer grössere Rolle spielt, stellen einem Land entwickelt.
forschungsstarke Universitäten zudem einen wichtigen
Standortfaktor dar. Andrea Schenker-Wicki
Parallel dazu nimmt der internationale Wettbewerb in Prof. Dr. Dr. h.c., Rektorin der Universität Basel
Forschung und Entwicklung stark zu. Viele Länder ha-
ben in den letzten Jahren enorm viel in ihr Wissenschafts­ 1 Dieser Beitrag gründet auf der Rede «Die moderne Forschungsuniversität und ihre
Herausforderungen im frühen 21. Jahrhundert», gehalten am Dies Academicus der
system und ihre Hochschulen investiert – sowohl staatlich Universität Basel vom 24. November 2017.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  33
CHRISTOPH BIGLER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Die Auswirkungen von Zweitwohnungen sind


schon seit den Achtzigerjahren bekannt. Monika
Bandi mit dem Buch «Alpsegen – Alptraum» des
Berner Ökonomen Jost Krippendorf.
TOURISMUS

«Die Bewertungsportale haben die Macht»


Onlineportale haben die Hotellerie in der Schweiz umgekrempelt. Nach anfänglicher S­ kepsis
nutze die Branche dieses Instrument nun erfolgreich, sagt die Ökonomin und Tourismus­
expertin Monika Bandi. Den Einfluss der «Lex Booking» auf den Markt schätzt sie langfristig
als gering ein.   Nicole Tesar

Frau Bandi, wohin gehen Sie als Tourismus- grosse Gruppen, die in Cars anreisen. Interes- Airbnb scheint in Genf das Übernachtungsan-
expertin in die Winterferien? santerweise kann sich das Verhalten im Lau- gebot eher zu ergänzen.
Auch ich bin Touristin und suche die ­Berge fe der Zeit ändern, wie die Erfahrung bei ja-
und den Schnee. Über Neujahr war ich in panischen Touristen zeigt: Nachdem diese Wie sieht es in Zürich aus?
einem neuen Resort in Vercorin im Wallis. anfänglich hauptsächlich in Gruppen gereist In den Sommermonaten resultiert ein nega-
sind, sind sie nun vermehrt individuell unter- tiver Effekt. In dieser Jahreszeit konkurrenzie-
Im Vergleich zu den vorhergehenden Jahren wegs. ren sich Airbnb und Hotels tendenziell. Der
startete diese Saison mit viel Schnee über Grund dafür könnte sein, dass dann die Nach-
Weihnachten. Wer profitiert am meisten von den frage nach Unterkünften in Zürich jeweils
Vom Image her ist das sicher wertvoller als asiatischen Touristen? klein ist. Durch Airbnb kommt es so zu einem
Bilder von braunen Destinationen über Weih- Asiatische Gäste geben gerne Geld aus für At- Überangebot.
nachten. Das Weihnachtsgeschäft als Saison- traktionen wie beispielsweise die Jungfrau-
auftakt ist für Tourismusorte sehr wichtig. bahn. Auch Statussymbole wie Uhren und Wie wirkt sich Airbnb auf die Preise aus?
Kurzfristig sinken die Preise, wie eine Stu-
Ein Blick auf die Logiernächte in der die zu Skandinavien zeigt. Das entspricht der
Hotellerie zeigt: Nach zwei negativen «Tourismus ist ökonomischen Theorie. Während die Touris-
Jahren resultierte 2017 ein positives ein Wohlstands- ten von Airbnb profitieren, geraten traditio-
Wachstum. Die Trendwende ist geschafft. nelle Hotels unter Druck. Hotels unterliegen
Woran liegt das? phänomen.» zudem strengeren Vorschriften und Melde-
Tourismus ist ein Wohlstandsphänomen. pflichten im Vergleich zu Airbnb-Anbietern.
Dies sieht man beispielsweise beim Markt Schmuck lassen sie sich etwas kosten. Dem- Dies sorgt für Unmut. Die klassische Touris-
Asien. In China und Südkorea können sich gegenüber sparen asiatische Touristen oft bei musindustrie fordert deshalb einen Abbau
immer mehr Leute eine Reise in die Schweiz der Übernachtung und beim Essen. Sie ko- der Regulierungen.
leisten. Hinzu kommt: Die Visaprobleme, mit chen gerne selber und haben bescheidene-
denen einige asiatische Gäste 2016 konfron- re Ansprüche an das Hotelzimmer. Die klas- Airbnb scheint für Besitzer von Zweit-
tiert waren, konnten entschärft werden, in- sischen Tourismuszweige wie Hotellerie und wohnungen attraktiv.
dem mehr Visastellen geschaffen wurden. Gastronomie profitieren also relativ wenig. Ja. Einem Zürcher, der unter der Woche in
Auch das deutliche Plus aus den USA ist mit- Genf arbeitet und dort eine Zweitwohnung
unter konjunkturbedingt. Welchen Einfluss hat die Onlineplattform hat, bringt Airbnb die Möglichkeit für ein
Airbnb auf die Logiernächte der Hotels? willkommenes Zusatzeinkommen – nicht
Die Trendwende hat also mit der Wirt- Das ist regional unterschiedlich. Stark verbrei- zuletzt angesichts der steigenden Mietzin-
schaftslage im Ausland zu tun? tet ist Airbnb in grossen Städten wie Zürich, se. Die Vermittlungsgebühr der Plattform ist
Ja. Eine Rolle spielte auch die damit verbun- Genf und Basel. Als beinahe einzige ländliche relativ bescheiden. Aber es sind nicht nur
dene Frankenabwertung im Sommer. So ka- Region ist der Kanton Wallis stärker betrof- Zweitwohnungen betroffen. Bei Airbnb und
men erstmals seit Längerem wieder mehr fen. Anhand einer ökonometrischen Studie ihren Vermittlern sind zusehends kommer-
deutsche Gäste. Das ist jedoch relativ, da wir haben unsere Studierenden den Einfluss von zielle Interessen im Spiel: Airbnb-Anbieter
zuvor aus den Nachbarländern hohe Einbrü- Airbnb auf die Logiernächte in Genf und Zü-
che hatten verzeichnen müssen. rich untersucht: Für Genf zeigt die Auswer-
tung, dass die Bettenauslastung in der Hotel- Monika Bandi Tanner
Asiatische Gäste sind in erster Linie lerie trotz Airbnb gestiegen ist. Die 35-jährige Ökonomin Monika Bandi Tanner
Gruppentouristen. Ist das erwünscht? leitet seit Februar 2012 die Forschungsstelle Tou-
Ja und nein. Individualtourismus ist in der Ten- Was sind mögliche Gründe? rismus im Zentrum für Regionalentwicklung der
Universität Bern. Sie doktorierte im Jahr 2010 an
denz attraktiver als Gruppentourismus. Einer- Für Genfer Hotels sind Diplomaten und Ge- der Universität Bern. Jüngste ­Forschungsprojekte
seits ist er lukrativer für Hotelanbieter, die hö- schäftsreisende wichtige Gäste – diese wei- hat sie unter anderem zu Online-Bewertungs­
here Preise verlangen können als bei Gruppen- chen nur teilweise auf Airbnb aus. Hingegen portalen und zur Wirkung des Zweitwohnungs-
gesetzes veröffentlicht: «Qualitätsanalyse von
reisen, die von Touroperatoren durchgeführt kann die Webplattform ein neues Segment
Bewertungsportalen in der Hotellerie» (2015) und
werden. Andererseits gliedern sich Individual- ansprechen: Touristen, die ein individuelle- «Das Zweitwohnungsgesetz und seinen ­Einfluss
touristen sanfter in die Ortschaften ein als res Erlebnis in einer Privatunterkunft suchen. auf lokale Wachstumskoalitionen» (2018).

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  35
TOURISMUS

mieten ­gezielt leere Wohnungen. Das unter- Freundlichkeit fliesst in die Gesamtbewertung
stützt steigende Mietpreise – indirekt trifft ein. Diese Entscheidungshilfe in Form von
dies dann auch die Hotellerie und den De- Sternchen oder Smileys ist sicher zentral. Ein
tailhandel, da dadurch die Liegenschafts- noch grösserer Einfluss ist beim Preis beob-
preise in den Städten nochmals unter Druck achtbar. Denn Preise sind durch Portale noch
kommen. einfacher vergleichbar als subjektive Merk-
male wie Freundlichkeit. Dank den Onlinepor-
Gibt es Schätzungen, wie viele Logier- talen ist die Transparenz gestiegen – die In-
nächte in der Schweiz durch Airbnb formation ist nun anbieterunabhängig. Statt
generiert werden? Reiseprospekte lesen wir Bewertungen im
Im Jahr 2016 waren das rund 5 Prozent der Internet. Und früher waren Empfehlungen von
Hotellogiernächte. Das entspricht knapp Freunden und Familie zentral – heute nimmt
2 Millionen Übernachtungen. die Internet-Community diese Rolle ein.

In einer aktuellen Studie haben Sie Sind Onlinebewertungen für die Hotels ein
die Gastfreundlichkeit in der Schweiz Fluch oder ein Segen?
untersucht. Was bringt ein freundlicher Die Bewertungen sind vor allem eine Chance
Empfang im Hotel? für die Hotellerie. Das ist nämlich kostenlo-
Freundlichkeit ist eine Grundbedingung im se Werbung. Studien zeigen, dass im Schnitt
Tourismus. Unsere Untersuchungen zeigen, mehr Positives als Negatives geschrieben
dass die Gäste einem freundlichen Gastge- wird. Und: Kritik hilft den Betrieben, sich zu
ber mehr verzeihen – seien dies kleine Zim- verbessern. Nach anfänglicher Skepsis nutzt
mer oder eine altmodische Lobby. Es gibt die Hotellerie das Bewertungsinstrument
Hotels, welche die Gastfreundschaft als Be- heute erfolgreich. Das Problem liegt nicht bei
geisterungsmerkmal gezielt einsetzen. In den Bewertungen, sondern bei den Buchun-
den alpinen Gebieten, wo beispielsweise die gen über Onlinekanäle.

Was meinen Sie damit? Ist die geplante Gesetzgebung auf den
«Preise sind einfacher Mit den Buchungsplattformen entstehen zweiten Blick für Hoteliers gar negativ?
Kommissionsgebühren und Preisbindungen. Die Auswirkung der Lex Booking ist wohl
vergleichbar als Dadurch gehen den Hotels Margen verlo- gering. Denn ein Hotel kann sich kaum er-
subjektive Merkmale ren. Im Herbst hat das Parlament entschie- lauben, auf der eigenen Seite einen viel
wie Freundlichkeit.» den, die sogenannte Best-Preis-Klausel ein- tieferen Preis anzubieten als auf Booking.
zuschränken. Hotels dürfen in Zukunft auf com, da es dadurch im Ranking nach hinten
der eigenen Website einen tieferen Preis an- rutscht. Hinzu kommt die Bequemlichkeit:
Aufenthaltsdauer länger ist, kann man so bei bieten als beispielsweise auf Booking.com. Ein Gast muss dann zuerst wegen einer Re-
den Gästen punkten. Aber ein Businessgast Dank der Lex Booking erlangen die Hotels die duktion von zehn Franken eine E-Mail an
im Ibis-Hotel in Bern wünscht dies vermut- Preishoheit wieder zurück. ein Hotel schreiben oder ein hoteleigenes
lich weniger. Er kommt am Abend müde in Webformular ausfüllen. Es ist auch in Zu-
sein Hotelzimmer und erwartet kaum einen Die Lex Booking geht wohl Ende Jahr in die kunft viel einfacher, direkt auf der Plattform
intensiven Austausch mit dem Personal. Der Vernehmlassung. Ist sie also eine Chance zu buchen. Die Chance für die Hotels liegt
Service inklusive Freundlichkeit muss aber für die Branche? vielmehr bei eigenen Erlebnis-Packages,
trotzdem stimmen. Die Hoteliers betrachten die Lex Booking als die sie auf der eigenen Seite exklusiv und
Segen – was vielleicht etwas kurzfristig ge- attraktiv anbieten. Ein solches Angebot
Hat die Schweiz hier Aufholbedarf gegen- dacht ist. Denn langfristig muss man sehen: enthielte beispielsweise Übernachtung,
über Österreich? Die global agierenden Bewertungsportale Abendessen und einen Wellness-Gut-
Das ist ein Klischee. Einerseits gilt: Die Prei- haben auch in Zukunft die Macht. Sie könn- schein. Das erhöht die Attraktivität, ist aber
se in der Schweiz sind höher als in Öster- ten sich auch je nach Gesetzeslage aus einem mit Aufwand für das Hotel verbunden. Klei-
reich und Deutschland, deshalb erwartet Land zurückziehen. Es ist zudem denkbar, nere Betriebe könnten daher überfordert
der Gast auch in Bezug auf die Gastfreund- dass die Portale in Zukunft andere Entschä- sein. Für sie könnte es sogar einfacher und
lichkeit mehr. Andererseits gibt es, wie ge- digungsmodelle einsetzen. günstiger sein, keine eigene Website mehr
sagt, unterschiedliche Gästebedürfnisse. zu betreiben und alles über Booking.com zu
Wir haben durchaus tolle Gastgeber in der An welche Modelle denken Sie? machen.
Schweiz. Diese finden sich aber vielfach an Heute ist eine Aufschaltung auf Booking.com
Orten, die weniger im Rampenlicht stehen. kostenlos, und ein Hotel bezahlt nur, wenn Seit Anfang 2016 ist das Zweitwohnungs-
Ein Beispiel ist Pontresina im Oberengadin. jemand bucht. Die Plattform könnte nun Ge- gesetz in Kraft. Sie haben dazu eine Studie
bühren einführen, wenn bereits jemand auf gemacht: Hat sich die Problematik ent-
Hat der Freundlichkeitsaspekt durch die einen Hoteleintrag klickt. Schon heute ist schärft?
Bewertung auf den Onlineportalen an das Erscheinen eines Hotels auf der Startsei- Kaum. In vielen Touristenorten wird weiter-
Bedeutung gewonnen? te mit Gebühren verbunden. hin gebaut. Das sind Gemeinden, die den

36  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


TOURISMUS

«Während die
Touristen von Airbnb
profitieren, geraten
traditionelle Hotels
unter Druck.»

Gefahren der Ferien- und Zweitwohnun-


gen sind schon seit den Achtzigerjahren
bekannt. Im Buch «Alpsegen – Alptraum»
machte beispielsweise der Berner Ökonom
Jost Krippendorf bereits auf die Gefahr auf-
merksam, dass der Tourismus Boden ver-
braucht.

Was heisst das?


Beispielsweise, dass der Flächenbedarf in
einer Ferien- und Zweitwohnung klar grös-
ser ist als bei einem Hotelbett. Trotzdem
hat man in den vergangenen Jahrzehnten
in den Touristenorten wacker weiterge-
baut. Davon profitierte ein Netzwerk von
Akteuren: Bauunternehmer erhielten Auf-
träge, Hotelbesitzer konnten Ausbaupro-
maximal zulässigen Anteil von 20 Prozent Weihnachten war, wurden auf einen Schlag jekte querfinanzieren, und der Gemeinde-
Zweitwohnungen noch nicht erreicht ha- über 100 bewirtschaftete Ferienwohnun- verwaltung hat die Handänderungssteuer
ben oder wo es durch eine der Ausnahmen gen gebaut. Im Unterschied zu herkömm- willkommene Gelder in die Kasse gespült.
noch erlaubt ist. lichen Zweitwohnungen werden diese ver- In unserer Studie haben wir untersucht,
mietet, da ein Bau nur unter diesen Bedin- ob das Zweitwohnungsgesetz diese soge-
Viel ist im Vorfeld der Inkraftsetzung des gungen erlaubt ist. Dies stellt natürlich eine nannte Wachstumskoalition aufbrechen
Gesetzes gebaut worden. Konkurrenz für die vorhandenen Ferien- könnte.
Ja. Das war ein richtiger Endspurt. Land- wohnungen in Vercorin dar.
eigentümer haben noch schnell ihr Bau- Was haben Sie herausgefunden?
land veräussert oder geplante Projekte Das Angebot an Ferien- und Zweit- Das Zweitwohnungsgesetz kann die Wachs-
­vorangetrieben. Trotzdem: In Hotspots wie wohnungen wurde also erweitert. tumskoalition kaum verändern. Die boden-
Zermatt, Leukerbad und St. Moritz sind die Auf dem Markt gibt es ein grosses Angebot, und baugetriebene Entwicklung besteht
Preise von Zweitwohnungen um über 10 das in den letzten Jahren noch gewachsen weiterhin. Das lokale Netzwerk sucht nun
Prozent gesunken. Das war ein Anliegen der ist. Viele Ferienwohnungen, die in den letz- einfach nach anderen Wegen, um weiterhin
Initianten, da Wohneigentum für die loka- ten 30 Jahren gebaut wurden, sind heute alt bauen zu können.
le Bevölkerung kaum mehr bezahlbar war. und kaum mehr zeitgemäss. Sie entspre-
Eine weitere Auswirkung der Initiative sind chen kaum mehr den Ansprüchen der Gäs- Interview: Nicole Tesar, Co-Chefredaktorin
andere Bauformen: In Vercorin, wo ich über te und stören eher das Landschaftsbild. Die «Die Volkswirtschaft»

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  37
TOURISMUS

Tourismuspolitik des Bundes gewinnt


an Schlagkraft
Mit der überarbeiteten Tourismusstrategie bündelt der Bund die Kräfte: Inhaltlich legt er
einen Schwerpunkt auf die Unternehmen und die Digitalisierung. Methodisch stehen die
Fokussierung der Aktivitäten sowie die stärkere Projekt- und Prozessorientierung im Vorder-
grund.   Ueli Grob, Richard Kämpf

Abstract  Mit der neuen Tourismusstrategie wird die Tourismuspolitik des Bundes auf Neue Tourismusstrategie
eine zeitgemässe Grundlage gestellt. In der im November 2017 vom Bundesrat ver-
Der Bundesrat strebt einen international wett-
abschiedeten Strategie werden vier konkrete Ziele gesetzt: Rahmenbedingungen
bewerbsfähigen, attraktiven und leistungs­
verbessern, Unternehmertum fördern, Chancen der Digitalisierung nutzen sowie
fähigen Schweizer Tourismus an. Dies hat er
Attraktivität des Angebots und den Marktauftritt stärken. Die Umsetzung der neuen
in seiner neuen Tourismusstrategie vom No-
Tourismusstrategie erfolgt projekt- und prozessorientiert. Prioritär sind der Aufbau
vember 2017 festgehalten.2 Die Tourismusstra-
einer Dialog- und Koordinationsplattform sowie die Digitalisierungsoffensive. Mit der
tegie ist federführend vom Staatssekretariat
neuen Tourismusstrategie wird die Tourismuspolitik des Bundes flexibler, dynamischer
für Wirtschaft (Seco) erarbeitet worden. Das
sowie aktions- und reaktionsfähiger.
Seco ist dabei von einer Expertengruppe be-
stehend aus Tourismusakteuren und -unter-
nehmern sowie aus Vertretern der Politik, der

D  ie Schweizer Tourismuswirtschaft
kämpft seit dem Ausbruch der Finanz-
und Weltwirtschaftskrise mit einer stagnie-
wert ist, dass die Nachfrage aus europäi-
schen Herkunftsmärkten wie Deutschland,
den Niederlanden und Belgien nach mehre-
Tourismusverbände, der Kantone und der Wis-
senschaft unterstützt worden.
Konkret will die Tourismusstrategie die
renden Nachfrage. So blieb die Zahl der Hotel- ren Jahren mit Rückgängen wieder im Plus Rahmenbedingungen verbessern, das Unter-
logiernächte zwischen 2009 und 2016 stabil. ist. Am kräftigsten war das Wachstum auf nehmertum fördern, die Chancen der Digita-
Allerdings bestehen zwischen den Tourismus- den asiatischen Märkten. So stieg die Zahl lisierung nutzen sowie die Attraktivität des
regionen grosse Unterschiede: Während die der Hotellogiernächte von chinesischen und Angebots und den Marktauftritt stärken (sie-
Nachfrage in den Städten im erwähnten Zeit- indischen Touristen in zweistelligen Wachs- he Abbildung 2). Anhand dieser vier Ziele wer-
raum um 20 Prozent stieg, ging sie im Alpen- tumsraten. Gemäss den Tourismusprogno- den Handlungsfelder definiert und prioritäre
raum um 10 Prozent zurück (siehe Abbildung 1). sen der KOF Konjunkturforschungsstelle der Projekte bestimmt.
Im vergangenen Jahr zeichnete sich eine ETH Zürich setzt sich das Wachstum im lau- Umgesetzt wird die Tourismuspolitik
Trendwende ab – wovon auch der Touris- fenden Jahr fort. Für das Tourismusjahr 2018 des Bundes durch die bestehenden Förder-
mus im Alpenraum profitierte.1 Bemerkens- (November 2017 bis Oktober 2018) wird eine instrumente. Dazu zählen die Förderung
1 Neueste Zahlen unter dem Stichwort Tourismus auf
Zunahme der Zahl der Hotellogiernächte um von Innovation, Zusammenarbeit und Wis-
Bfs.admin.ch abrufbar. 3,2 Prozent erwartet. sensaufbau im Tourismus (Innotour), die
Schweizerische Gesellschaft für Hotelkre-
dit (SGH), Schweiz Tourismus (ST) und die
Abb. 1: Entwicklung der Hotellogiernächte nach Tourismusräumen (2005 bis 2017) Neue Regionalpolitik (NRP). Letztere wird
150    Indexiert, 2005=100 neu als integraler Bestandteil der Touris-
muspolitik aufgeführt, da der Tourismus
140 einen thematischen NRP-Förderschwer-
BUNDESAMT FÜR STATISTIK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

130
punkt bildet.

120
Fokus auf Digitalisierung und
110 Unternehmen
100 Die Tourismusstrategie bringt inhaltliche
Neuerungen mit sich. Wie erwähnt steht
90 die Digitalisierung im Zentrum: Der Bund
2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017* betrachtet dabei die mit der Digitalisierung
* Januar bis Oktober
verbundenen Veränderungen in erster Linie
  Total        Alpenraum        Städtische Gebiete        Übrige Gebiete

Im Jahr 2016 gab es in der Schweiz 35,5 Millionen Logiernächte: Alpenraum (15,4 Mio.), 2 Neue Tourismusstrategie des Bundes, Medienmit-
städtische Gebiete (13,9 Mio.), übrige Gebiete (6,1 Mio.). teilung vom 15. November 2017.

38  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


Der Furkapass ist eine Etappe der
«Grand Tour of Switzerland», einer Marketing-
Kampagne von Schweiz Tourismus.

SCHWEIZ TOURISMUS / SILVAN WIDMER


TOURISMUS

als Chance für die Unternehmen. Mittels


Abb. 2: Die zentralen Elemente der neuen Tourismusstrategie
Wissenstransfer sowie einer gezielten Pro-
jektförderung unterstützt der Bund des-
halb die digitale Transformation der Ge- Die Tourismuswirtschaft
schäftsprozesse und -modelle. Als Quer-

Vision
ist international wettbewerbsfähig, und der Tourismusstandort Schweiz ist
attraktiv und leistungsfähig
schnittsthema wird der Digitalisierung in
allen Zielen der Tourismusstrategie Rech-
nung getragen. Attraktivität des
Rahmenbedingungen Unternehmertum Chancen der

Ziele
Angebots und den
Als weiteren Schwerpunkt fördert der verbessern fördern Digitalisierung nutzen
Marktauftritt stärken
Bund das unternehmerische Denken und
1 3 5 7
Handeln. Mittels der intensivierten För-
Koordination und Produktivität der Digitale Trans- Investitionsförderung
derung von Start-ups und der Verbesse- Kooperation Tourismusunter- formation von

Handlungsfelder
rung der Strategiefähigkeit und -orien- nehmen Geschäftsprozessen
tierung der touristischen Akteure will der und -modellen

Bund einen Beitrag zur Produktivitätsstei- 2 4 6 8


gerung leisten. Gleichzeitig wird beim tou- Tourismusfreundliches Touristischer Digitale Trans- Grossevents als
ristischen Arbeitsmarkt angesetzt. Dort Regulierungsumfeld Arbeitsmarkt formation der Impulsgeber
­Marktbearbeitung
soll unter anderem geprüft werden, wie die
digitalen Kenntnisse der Arbeits- und Füh-

GROB UND KÄMPF (2018) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


rungskräfte im Tourismus gesteigert wer-
Instrumente

– F örderung von Innovation, Zusammenarbeit und – Schweiz Tourismus (ST)


den können. Wissensaufbau im Tourismus (Innotour) – Neue Regionalpolitik (NRP)
– S chweizerische Gesellschaft für Hotelkredit (SGH)
Nebst inhaltlichen Neuerungen ver-
folgt die Tourismusstrategie auch metho-
disch einen neuen Ansatz. Zentral ist dabei
Handlungs-
prinzipien

eine verstärkte «Fokussierung» der Kräfte. Nachhaltigkeit Subsidiarität


So konzentriert sich die Strategie künftig
beispielsweise noch stärker auf den Quer-
schnittscharakter der Tourismuspolitik.
Konkret steht die Weiterentwicklung des um, zu analysieren, welchen Beitrag die Ins- zielgerichtet Herausforderungen zu identi-
Tourismus-Forums Schweiz (TFS) zu einer trumente zur Umsetzung der neuen Touris- fizieren und bei Bedarf Handlungsoptionen
Dialog- und Koordinationsplattform im musstrategie des Bundes leisten können. und Lösungsansätze zu entwickeln. Anläss-
Vordergrund. Des Weiteren wird die Tou- Des Weiteren wird im laufenden Jahr die lich der jährlichen TFS-Hauptveranstaltung
rismusförderung stärker fokussiert. Zum Botschaft des Bundesrates an das Parlament soll über die Arbeiten der Projektgruppen in-
einen werden die vorhandenen Fördermit- über die Standortförderung 2020–2023 vor- formiert werden.
tel gezielter eingesetzt, und es ist eine en- bereitet. Themen, die von den Projektgruppen be-
gere Begleitung von strategischen Projek- Da der Erfolg der Tourismusunterneh- handelt werden könnten, sind unter ande-
ten durch das Seco vorgesehen. Zum ande- men von einer Vielzahl an Politikbereichen rem die Erhaltung und Stärkung der land-
ren werden die Steigerung der Attraktivität beeinflusst wird, strebt die Politik des Bun- schaftlichen und baukulturellen Qualitäten
des touristischen Angebots und die Stär- des nach einer stetigen Verbesserung der des Tourismusstandortes Schweiz, das tou-
kung des Marktauftritts in einem Ziel zu- Koordination und Kooperation der relevan- ristische Regulierungsumfeld, die hohe Kon-
sammengefasst. ten Akteure sowie der Förderinstrumen- zentration von Touristen an spezifischen Or-
Nebst der Fokussierung gewinnt die te. Aus diesem Grund wird das Tourismus- ten («Overtourism»), die Auswirkungen des
Projekt- und Prozessorientierung an Ge- Forum Schweiz zu einer Dialog- und Ko- Klimawandels, die spezifischen Herausforde-
wicht. Neu ist die Tourismusstrategie ope- ordinationsplattform weiterentwickelt. Im rungen des alpinen Tourismus (insbesondere
rativ ausgerichtet und beinhaltet konkre- Kern ist das TFS eine jährliche Veranstal- die Saisonalität der Nachfrage) sowie die di-
te Umsetzungsaktivitäten. Damit wird die tung des Seco zu strategischen Fragen der gitale Transformation. Je nach Thema soll die
Tourismusstrategie flexibilisiert und dyna- Tourismuspolitik. Sie richtet sich an Akteu- Führung der Projektgruppen vom Seco, von
misiert. Es ist deshalb künftig nicht mehr re des Bundes, der Kantone und des Touris- Verbänden und Kantonen oder von weiteren
vorgesehen, für die Umsetzung der Tou- mus, und es steht unter dem Patronat des touristischen Akteuren übernommen wer-
rismusstrategie separate und auf einen be- Schweizer Tourismus-Verbandes (STV) und den.
stimmten Zeitraum ausgerichtete Umset- der Konferenz Kantonaler Volkswirtschafts-
zungsprogramme zu verabschieden. direktoren (VDK). Seco: Digitalisierungsoffensive 
Die Weiterentwicklung des TFS zielt da-
Koordination und Kooperation rauf ab, aus Vertretern der Tourismuswirt- Ein bereits 2017 lanciertes Seco-Projekt ist
schaft, der Kantone, der Gemeinden und der die Digitalisierungsoffensive. Sie will die di-
Die Umsetzung der Tourismusstrategie Bundesverwaltung zeitlich befristete Pro- gitale Transformation von Geschäftsprozes-
hat bereits begonnen. Derzeit werden die jektgruppen zu bilden, welche sich regelmäs- sen und -modellen im Tourismus verstärkt
beiden Förderinstrumente Innotour und sig treffen und austauschen. Die themen- unterstützen – nicht zuletzt, da es hinsicht-
Schweiz Tourismus von externen Experten und projektspezifische Zusammenarbeit im lich der Folgen der Digitalisierung für den
evaluiert. Dabei geht es insbesondere dar- Rahmen der Projektgruppen soll dazu dienen, Tourismus Wissenslücken gibt. Im Novem-

40  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


TOURISMUS

ber 2017 hat sich das TFS mit der Thematik von Innovation, Zusammenarbeit und Wis- Arbeitsweise im Seco ändert
befasst.3 sensaufbau im Tourismus (Innotour) stehen
Im Fokus der Digitalisierungsoffensive in diesem Zeitraum 30 Millionen Franken zur Die neue Tourismusstrategie des Bundes
stehen die gezielte Förderung von Digitali- Verfügung, wovon 10 Millionen Franken für ist ein Meilenstein. Sie gibt die Stossrich-
sierungsprojekten sowie der Wissenstrans- ein tourismuspolitisches Impulsprogramm tungen der Tourismuspolitik in den kom-
fer. In diesem Zusammenhang wird im Auf- reserviert sind. menden Jahren vor. Aufgrund der neuen
trag des Seco zurzeit von einem Konsortium Weiter hat das Parlament das Zusatzdar- Ziele im Zusammenhang mit der Digita-
unter der Leitung der Universität St. Gallen, lehen an die Schweizerische Gesellschaft für lisierung und dem Unternehmertum ver-
Institut für Systemisches Management und Hotelkredit für die Förderung der Beherber- schieben sich die inhaltlichen Schwerpunk-
Public Governance, ein umfassender Grund- gungswirtschaft im Umfang von 100 Millio- te der Tourismuspolitik spürbar.
lagenbericht zur digitalen Tourismuswirt- nen Franken bis Ende 2019 verlängert. Des Mit der mit der neuen Strategie einher-
schaft erarbeitet, welcher im zweiten Quar- Weiteren wurden Einlagen in den Fonds für gehenden tourismuspolitischen Fokussie-
tal 2018 veröffentlicht wird. Dabei geht es Regionalentwicklung in der Höhe von 230 rung sowie der ausgeprägten Projekt- und
unter anderem um die digitale Transforma- Millionen Franken für die Jahre 2016 bis 2023 Prozessorientierung verändert sich auch die
tion des Marketings bzw. der Marktbearbei- beschlossen. Zusätzlich stehen im Rahmen Arbeitsweise des Ressorts Tourismuspolitik
tung sowie um die zentrale Fragestellung des erwähnten tourismuspolitischen Im- im Seco markant. Insgesamt wird die Touris-
der Voraussetzungen dafür, dass die Touris- pulsprogramms aus dem Fonds für Regio- muspolitik des Bundes mit der neuen Strate-
muswirtschaft in Zukunft verstärkt daten- nalentwicklung 200 Millionen Franken für gie flexibler, dynamischer sowie aktions- und
basiert arbeiten kann. Im Kern geht es dabei die Jahre 2016 bis 2019 zur Verfügung, wo- reaktionsfähiger.
um das Verständnis von Daten als wichtige von 150 Millionen Franken rückzahlbare
immaterielle Infrastruktur für den Touris- Darlehen und 50 Millionen Franken À-fonds-
musstandort Schweiz. perdu-Beiträge sind.
Die Umsetzung sowie die Wirkung der
Bund gewährt Darlehen und neuen Tourismusstrategie sollen regelmäs-
sig überprüft werden. Vorgesehen ist, dass
Subventionen das Eidgenössische Departement für Wirt-
Die neue Tourismusstrategie ist grundsätz- schaft, Bildung und Forschung (WBF) dem
lich so ausgelegt, dass sie mit den heute der Bundesrat im Jahr 2021 erstmals über die Ueli Grob
Tourismuspolitik des Bundes zur Verfügung Umsetzung der Tourismusstrategie Bericht Stv. Leiter Tourismuspolitik, Staats-
sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
stehenden Mitteln umgesetzt werden kann. erstattet. Eine Expertengruppe, die sich
Aufgrund der unterschiedlichen Ausgestal- einmal pro Jahr trifft und als Austauschgre-
tung der Förderansätze ist es nicht möglich, mium konzipiert ist, begleitet die Umset-
eine Gesamtsumme der Förderleistung zu zung. Bereits bei der Erarbeitung der Tou-
bilden. rismusstrategie hat die Expertengruppe
Für die Umsetzung der Tourismuspoli- sichergestellt, dass die Formulierung der
tik des Bundes in den Jahren 2016 bis 2019 Zielsetzungen und Handlungsfelder fokus-
hat das Parlament für das touristische Lan- siert und praxisnah erfolgte. Das Seco wird
desmarketing von Schweiz Tourismus or- der Zusammenarbeit mit der Experten-
dentliche Mittel in der Höhe von 230 Millio- gruppe deshalb auch bei der Umsetzung Richard Kämpf
nen Franken beschlossen. Für die Förderung der Tourismusstrategie eine bedeutende Leiter Tourismuspolitik, Staatssekretariat
für Wirtschaft (Seco), Bern
3 Siehe Tourismusforumschweiz.ch.
Rolle beimessen.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  41
BILDUNG

Ist Bildung eine rentable Investition?


Neuste Berechnungen zeigen, dass wer in Bildung investiert, insgesamt von einem Lohn­
vorteil von über acht Prozent pro Bildungsjahr profitiert. Tertiäre Ausbildungen lohnen sich
am meisten.   Maria A. Cattaneo, Stefan C. Wolter

man die Lohnvorteile einfach und über-


Abstract  Berechnungen der Lohnvorteile, die man in der Schweiz mit einem zusätz-
zeugend um diese Fähigkeitsverzerrung
lichen Ausbildungsjahr erzielen kann, zeigen über die letzten 25 Jahre eine konstant
korrigieren könnte.
hohe Rentabilität für individuelle Bildungsinvestitionen. Die Rentabilität ist vergleich-
Diese Verzerrungen sind jedoch nicht zu
bar hoch für Frauen und Männer, die Unterschiede zwischen den verschiedenen Aus-
bildungsgängen lassen auf eine ähnlich gute Passung zwischen den erworbenen unterschätzen: Wie Zwillingsstudien zeigen,
Kompetenzen und den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes schliessen. Während die liegt der kausale Effekt von Bildung auf das
Bildungswilligen gute Aussichten darauf haben, ihre Bildungsinvestitionen monetär Einkommen um 30 bis 50 Prozent tiefer als die
durch höhere Löhne mehr als nur zu kompensieren, hängt die monetäre gesellschaft- nicht korrigierte Rendite. Allerdings zeigen
liche (fiskalische) Rendite stark davon ab, wie intensiv die ausgebildeten Personen am neue Studien, die anstelle von Bildungs-
Arbeitsmarkt aktiv sind. Nur bei hohen Beschäftigungsgraden kann auch die Gesell- abschlüssen und Bildungsjahren den Einfluss
schaft davon ausgehen, dass die getätigten Investitionen wieder zurückfliessen. von empirisch gemessenen Kompetenzen
auf den Lohn untersuchen, auch, dass
Kompetenzunterschiede einen starken Ein-
fluss auf die Löhne haben.3 Wenn also das

D  ie meisten Personen bilden sich nicht


ausschliesslich der monetären Erträge
wegen, welche sie dank einer Bildungs-
Sie berechnet über das ganze Leben hinweg
den Lohnvorteil, den Personen mit höherer
Bildung gegenüber Personen mit tieferem
Bildungswesen tatsächlich auf dem Arbeits-
markt nachgefragte Kompetenzen vermittelt
und nicht lediglich einen Selektionsprozess
investition erwarten dürfen. Trotzdem sind Bildungsstand haben. Wie alle Berechnungs- darstellt, dann schafft das Bildungswesen
erwartete oder tatsächliche Bildungsrenditen methoden von Bildungsrenditen haben auch durchaus und kausal sowohl individuelle als
wichtige Indikatoren sowohl für die Bildungs- die Mincer-Renditen die Tendenz, den Lohn- auch gesamtwirtschaftliche Mehrerträge.
interessierten als auch für das Bildungs- effekt von Bildung zu überschätzen. Denn Zudem muss berücksichtigt werden, dass
wesen. Denn Personen, die sich bilden, in- Personen, die sich bilden, hatten auch schon Mincer-Renditen den monetären Ertrag von
vestieren Zeit, Geld und Energie und erhoffen vor der Ausbildung nicht die gleichen Fähig- Bildung auch unterschätzen können. Ins-
sich, dass ein Nutzen – sei er monetär oder keiten wie jene Personen, die sich nicht besondere dann, wenn Nichtbildung zu
nicht monetär – diese Investition aufwiegen weitergebildet haben. Obwohl Bildungs- hoher Erwerbslosigkeit führt – und das ist zu-
wird. Vermindert sich der monetäre Ertrag, renditen seit über fünfzig Jahren berechnet nehmend auch in der Schweiz der Fall.
den man mit Bildung am Arbeitsmarkt er- werden, konnte sich bisher noch keine
zielt, und bleiben alle anderen erwarteten Er- generelle Methode etablieren, mit welcher 3 Siehe Hanushek et al. (2015).
träge gleich, so ist zu erwarten, dass sich dies
negativ auf die individuelle Bildungsnach-
frage auswirkt. Neuere Forschungsarbeiten Rentiert das Gymnasium mehr als eine Berufslehre?
zeigen, dass sich diese theoretischen Vor-
Die vermeintlich hohen Forschenden Annahmen zur Bildungsrendite für Männer
hersagen empirisch belegen lassen.1 Verläss- Bildungsrenditen einer durchschnittlichen Ausbildungs- von fast 6 Prozentpunkten pro
liche und gut interpretierbare Informationen gymnasialen Ausbildung (siehe dauer der einzelnen Bildungs- gymnasiales Ausbildungsjahr auf
zur Rentabilität von Bildung sind also Abbildung 2) verglichen mit abschlüsse treffen. Bei den noch gut 3 Prozentpunkte (siehe
wichtig, damit es nicht aufgrund falscher einer Lehre haben vor nicht meisten Bildungsabschlüssen Abbildung 4). Nimmt man für die
allzu langer Zeit Forschende ist dies relativ unproblematisch, ganze Kategorie der Personen
Erwartungen zu ungewollten Bildungsent- zur Interpretation verleitet, nicht aber bei der gymnasialen mit einer gymnasialen Maturi-
scheidungen kommt.2 dass sich die gymnasiale Aus- Ausbildung. Denn etwas tät den Erwartungswert von
bildung am Arbeitsmarkt mehr mehr als die Hälfte derjenigen eineinhalb Jahren zusätzliche,
lohnt als ein Abschluss der Personen, die in der Statistik mit allerdings nicht erfolgreiche
Fähigkeiten oder Bildung? beruflichen Grundbildung. einer Maturität als höchstem Bildungsjahre an, sinken die
Bei der Interpretation muss Bildungsabschluss geführt Bildungsrenditen leicht unter die
Bildungsrenditen geben Aufschluss über die man allerdings neben der er- werden, haben ein Hochschul- für die Berufslehre berechneten
Rentabilität einer Aus- oder Weiterbildung. wähnten Selektionsverzerrung studium in Angriff genommen, Bildungsrenditen. Mit anderen
ein weiteres Problem berück- dieses aber nicht abgeschlossen. Worten besteht bei dieser sehr
Sie können auf verschiedene Art und Weise
sichtigen, welches mit der Be- Berücksichtigt man nun bei kleinen Kategorie von Personen
berechnet werden. Die einfachste Methode rechnungsmethode zusammen- der Berechnung der Bildungs- mit einer gymnasialen Maturität
ist die nach dem amerikanischen Ökonomen hängt: Weil die Statistiken keine rendite für Personen mit einer als höchstem Bildungsabschluss
Jacob Mincer benannte «Mincer-Rendite». individuellen Bildungsver- gymnasialen Maturität, dass kein Grund zur Annahme, dass
laufsdaten enthalten, sondern viele von ihnen weitere zwei- sich ein allgemeinbildender Ab-
lediglich die Information einhalb Jahre in Bildung ohne schluss auf dem Arbeitsmarkt
1 Siehe etwa Schweri und Hartog (2017). über den höchsten formalen höheren Abschluss investiert besser auszahlt als ein berufs-
2 Siehe etwa Peter und Zambre (2017). Bildungsabschluss, müssen die haben, dann reduziert sich die bildender Abschluss.

42  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


BILDUNG

Konjunktur und Risiko Abb. 1: Bildungsrendite des Medianeinkommens und das Verhältnis der Bildungs-
renditen am 9. und am 1. Lohndezil berechnet (1993–2016)
Betrachtet man die Lohnvorteile, die sich
in der Schweiz mit einem zusätzlichen Aus- 9    Bildungsrendite, in % Verhältns (9./1. Dezil)    2,4

bildungsjahr erzielen lassen, so zeigen sich

SAKE, EIGENE BERECHNUNGEN CATTANEO


UND WOLTER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
im Zeitverlauf zwei konjunkturabhängige 8,4 1,8
Muster. Bei lang anhaltenden Konjunktur-
erholungen sinken die Bildungsrenditen des
7,8 1,2
Medianeinkommens, weil schlechter aus-
gebildete Personen bei den Löhnen aufholen.
Gleichzeitig nimmt aber die Lohnvarianz vor 7,2 0,6
allem bei gut ausgebildeten Personen zu,

93
94
95
96
97
98
99
00
01
02
03
04
05
06
07
08
03
10
11
12
93
14
15
16
20

20
20

20

20
20
20
19

19
19
19

20

20
19

20
19

20
20
19

19

20
20

20
20
da die Besten von einem Aufschwung mehr
  Verhältnis der Renditen am 9. und am 1. Lohndezil berechnet (rechte Skala)     
profitieren als die am Arbeitsmarkt weniger   Bildungsrendite des Medianeinkommens
erfolgreichen Personen mit gleichem Aus-
bildungsniveau. Das führt dazu, dass das Ver-
hältnis der Renditen am 9. und am 1. Lohndezil Abb. 2: Bildungsrendite pro Ausbildungsjahr, nach Bildungstyp und Geschlecht
(2016)

SAKE, EIGENE BERECHNUNGEN CATTANEO UND WOLTER /


berechnet zunimmt (siehe Abbildung 1).
Für Personen mit einem Medianeinkom- 10    in %
men gilt nach den neuesten Berechnungen 8
auf dem schweizerischen Arbeitsmarkt ins-
6
gesamt: Mit einem zusätzlichen Ausbildungs-
jahr lassen sich ihre Löhne um über 8 Prozent

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
4
steigern. Zudem fällt die Rendite umso höher 2
aus, je höher man sich bei gegebener Aus-
0
bildung in der Lohnverteilung befindet: So
Lehre Gymnasium Berufsprüfung Höhere Fachhochschule Uni/ETH/
sind die Bildungsrenditen von Personen, die Fachprüfung Pädagogische
zu den bestverdienenden 10 Prozent je Aus-   Männer        Frauen Hochschule
bildungsniveau gehören, derzeit rund einein- Die Renditen in dieser Abbildung sind nicht direkt mit den Renditen in Abb. 1 vergleichbar, da sie für durch-
halb Mal höher als von Personen, die zu den schnittliche Einkommen berechnet wurden; die Renditen in der Abb. 1 hingegen für Medianeinkommen.
am schlechtesten verdienenden 10 Prozent
gehören. Abb. 3: Je nach Kanton und Beschäftigungsgrad lohnt sich eine Tertiärausbildung

SAKE, EIGENE BERECHNUNGEN MIT DEM STEUERRECHNER DER


Bildungsinteressierte Personen sind na- für den Staat
türlich nicht primär daran interessiert, wie

EIDG. STEUERVERWALTUNG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


5000    Steuerdifferenz in Franken pro Jahr
viel Mehrwert ein durchschnittliches Bil-
4000
dungsjahr abwirft. Vielmehr wollen sie erfah-
ren, welchen Ertrag eine spezifische Ausbil- 3000
dung verspricht. Berechnet man die Rendi-
2000
ten für ein zusätzliches Bildungsjahr getrennt
nach Bildungstyp, zeigen sich etwas höhere Nötige Steuerdifferenz für eine positive fiskalische Bildungsrendite
1000
Erträge für tertiäre Ausbildungsgänge als für
0
Ausbildungen auf der Sekundarstufe II (sie-
20 30 40 50 60 70 80 90 100
he Abbildung 2). Wegen der Selektion in die Arbeitspensum, in %
tertiäre Ausbildung muss dieser Unterschied   Delsberg        Zürich        Zug
aber mit Vorsicht interpretiert werden. Das- Die Abbildung zeigt die Differenz des Steueraufkommens zwischen einer Person mit tertiärem Abschluss
selbe gilt auch für die kleinen Renditeunter- und einer Person mit Abschluss auf Sekundarstufe II.
schiede zwischen den Ausbildungstypen
selbst (siehe Kasten). Weiter ist zu berück- Abb. 4: Bildungsrenditen pro Ausbildungsjahr, nach Bildungstyp und Geschlecht
sichtigen, dass nicht alle Ausbildungen die (2016)
gleichen Bildungskosten verursachen, die bei 6    in %
diesen Lohnvorteilen ja noch nicht in Abzug
SAKE, EIGENE BERECHNUNGEN CATTANEO UND

5
gebracht worden sind.4
4
WOLTER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Auch die Gesellschaft kann 3

profitieren 2

1
Die zu erwartenden Lohnvorteile bieten den
sich bildenden Personen also gute Aussichten, 0
Lehre Gymnasium + 2,5 Jahre Universität Gymnasium + 1,5 Jahre Universität
4 Für die Renditen der höheren Berufsbildung siehe
Cattaneo & Wolter 2011.   Männer        Frauen

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  43
BILDUNG

KEYSTONE
Zahlt sich mein Lernaufwand später aus? Für
viele Jugendliche eine wichtige Frage bei der
Studienwahl. als bei der privaten Rendite. Bei den privaten Ebenfalls einen Einfluss auf die Steuer-
Renditen für die Individuen wird bei der Be- erträge haben natürlich die Steuersätze und
rechnung zwar in der Regel von einer 100-pro- der Verlauf der Progression, weshalb die
dass sie ihre Bildungskosten, d. h. insbesondere zentigen Beschäftigung ausgegangen, aber Wirkung für die drei dargestellten Städte
die während der Ausbildung entstehende Ein- das fällt bei der Interpretation der Rendite unterschiedlich ausfällt. Wenn man als Bench-
kommenslücke, kompensieren können. Dem- nicht so stark ins Gewicht, weil man davon mark eine jährliche Steuerdifferenz von rund
gegenüber stellt sich natürlich auch die Frage, ausgehen kann, dass bei einer freiwilligen 1750 Franken annimmt, die nötig wäre, um
ob die Gesellschaft, welche den grössten Teil Reduktion des Beschäftigungsverhältnisses die staatlichen Kosten einer durchschnitt-
der direkten Bildungskosten zu tragen hat, die gewonnene Freizeit der Person einen lichen tertiären Ausbildung zurückzuzahlen,
ebenfalls auf eine positive Rendite hoffen mindestens äquivalenten Nutzen ver- so würde gemäss Berechnungen die Bilanz
darf. Verschiedene Berechnungen zeigen, spricht wie das entgangene Einkommen. für den Staat in Zug schon dann negativ aus-
dass auch der Staat eine positive Rendite er- Bei der fiskalischen Rendite hingegen sinkt fallen, wenn die Person ihren durchschnitt-
warten darf, da ausgebildete Personen höhere der Nutzen des Staates bei verringerter Be- lichen Beschäftigungsgrad auf unter 90 Pro-
Steuern bezahlen und weniger Sozialtrans- schäftigung automatisch, während die staat- zent reduzieren würde. In Delsberg wäre
fers beanspruchen. Allerdings hängt diese lichen Bildungskosten, unbeeinflusst vom die fiskalische Rendite noch knapp positiv,
fiskalische Rendite stark vom Erwerbsver- späteren Erwerbsverhalten, hoch bleiben. wenn die Personen mindestens zu 70 Prozent
halten der ausgebildeten Personen ab und ist Die fiskalische Rendite wird nicht nur dann arbeiten würden.
deshalb nicht in jedem Fall garantiert. kleiner, wenn besser gebildete Personen Maria A. Cattaneo
Die sogenannte fiskalische Bildungs- ihren Beschäftigungsgrad reduzieren, Dr. rer. oec., wissenschaftliche Mit-
rendite5 berechnet, ob der höhere Steuer- sondern auch dann, wenn alle Personen un- arbeiterin der Schweizerischen
ertrag auf dem dank der Bildung gestiegenen abhängig von ihrem Ausbildungsniveau Koordinationsstelle für Bildungsforschung
(SKBF), Aarau
Einkommen die staatlichen Bildungskosten weniger arbeiten. Denn bei einer Reduktion
zu decken vermag. Bei der fiskalischen des Beschäftigungsgrades wird das absolute Stefan C. Wolter
Rendite spielt der Beschäftigungsgrad der Einkommensdifferenzial zwischen Personen Direktor der Schweizerischen
ausgebildeten Person eine viel stärkere Rolle mit unterschiedlicher Bildungsdauer kleiner, ­Koordinationsstelle für Bildungsforschung
und somit sinken auch die relativen Steuer- (SKBF), Aarau; Professor für Bildungsöko-
nomie, Universität Bern
5 Siehe auch Weber und Wolter (2005). einnahmen (siehe Abbildung 3).

Literatur
Cattaneo, Maria A.; Stefan C. Wolter Hanushek, Eric; Schwerdt, Guido; Peter, Frauke H.; Vaishali, Zambre (2017). Wolter, Stefan C.; Weber, Bernhard A.
(2011). Der individuelle Ertrag einer Wiederhold, Simon und Ludger Intended College Enrollment and (2005). Bildungsrendite – ein zentraler
höheren Berufsbildung, in: Die Volks- Woessmann (2015). Returns to Skills Educational Inequality: Do Students Lack ökonomischer Indikator des Bildungs-
wirtschaft, 12/2011: 63–66. Around the World: Evidence from PIAAC, Information?, in: Economics of Education wesens, in: Die Volkswirtschaft, 10/2005:
in: European Economic Review, 73: Review, 60: 125–141. 38–42.
103–130. Schweri, Juerg; Joop, Hartog (2017). Do
Wage Expectations Predict College
Enrollment? Evidence from Healthcare,
in: Journal of Economic Behavior &
Organization, 141: 135–150.

44  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


FINANZAUSGLEICH

Finanzausgleich stärkt die Wettbewerbs­


fähigkeit der Ostschweiz
Im Finanzausgleich gelten die Ostschweizer Kantone als ressourcenschwach, unter
anderem weil Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe relativ stark ausgeprägt sind. Dank
der Ausgleichszahlungen fallen die Ostschweizer Kantone bei den staatlichen Leistungen
und der Steuerbelastung im schweizweiten Vergleich trotzdem nicht ab.   Katia Delbiaggio,
Roland Fischer

licher Leistungen auf der dezentralen Ebe-


Abstract    Eine Studie der Hochschule Luzern hat für die Grossregion Ostschweiz
ne beeinträchtigen. Skalenerträge zeigen
Wechselwirkungen zwischen regionaler Spezialisierung, der Arbeitsproduktivität und
sich in sinkenden Durchschnittskosten pro
dem Finanzausgleich in der Schweiz untersucht. Die Resultate zeigen, dass die Unter-
Einwohner, je mehr Einwohner die Leistung
schiede im Ressourcenpotenzial der Kantone zu einem grossen Teil auf die unter-
nutzen. Hinzu kommt, dass grosse Unter-
schiedliche Branchenspezialisierung der Kantone und die sich daraus ergebenden
Unterschiede in der Pro-Kopf-Wertschöpfung und dem Pro-Kopf-Einkommen zurück- schiede in der finanziellen Leistungsfähig-
geführt werden können. Des Weiteren führen strukturell bedingte Sonderlasten zu keit zwischen subzentralen Gebietskörper-
höheren Pro-Kopf-Ausgaben. Der Finanzausgleich zwischen Bund und Kantonen schaften den Zentralisierungsdruck verstär-
führt jedoch dazu, dass auch ressourcenschwache Kantone ein mit anderen Kantonen ken. Diese regionalen Unterschiede in der
vergleichbares Angebot an staatlichen Leistungen zu einer moderaten Steuer- Finanzkraft haben ihren Ursprung in der his-
belastung bereitstellen können. torisch entstandenen regionalen Speziali-
sierung der Branchenstruktur.
Zwar übt die Spezialisierung dank Agglo-
merationseffekten einen positiven Effekt auf

Z  ahlreiche staatliche Güter und Dienst-


leistungen werden in der Schweiz de-
zentral von den Kantonen und Gemeinden
Gemäss der fiskalischen Äquivalenz sol-
len die Nutzniesser einer Leistung einerseits
über deren Bereitstellung entscheiden und
die Wirtschaftsleistung und die wirtschaftli-
che Wohlfahrt eines Landes aus. Die damit
verbundenen Produktivitätsunterschiede
angeboten. Diese verfügen ausserdem über andererseits die Kosten tragen. Deshalb soll haben jedoch zur Folge, dass zwischen den
eine grosse Steuerautonomie. Diese beiden eine Leistung auf derjenigen staatlichen Ebe- subzentralen Gebietskörperschaften grosse
Aspekte bilden ein Fundament des Schweizer ne bereitgestellt und finanziert werden, auf Unterschiede in der Pro-Kopf-Wertschöp-
Föderalismus. Aus ökonomischer Sicht weist welcher räumliche externe Effekte am bes- fung und im Pro-Kopf-Einkommen und so-
die Autonomie der Kantone und Gemeinden ten vermieden werden können.2 Solche soge- mit in der Finanzkraft bestehen. So sind Ge-
allokative Vorteile auf, weil durch eine Bereit- nannten Spill-over-Effekte treten beispiels- bietskörperschaften mit einer unterdurch-
stellung von staatlichen Leistungen auf weise auf, wenn staatliche Leistungen Ein- schnittlichen Wirtschafts- und Finanzkraft
unterschiedlichen Staatsebenen den Grund- wohnern anderer Gebietskörperschaften weniger gut in der Lage, staatliche Angebo-
sätzen der Subsidiarität und der fiskalischen zu­gute­kommen, die jedoch nicht dafür be- te in genügend hoher Qualität und mit einer
Äquivalenz möglichst gut Rechnung ge- zahlen. Mit anderen Worten besteht die Ge- massvollen Steuerbelastung anzubieten.
tragen werden kann. Beide Prinzipien bilden fahr des Trittbrettfahrens oder der Unterver- Die Aufgabenteilung zwischen Bund, Kan-
eine Grundvoraussetzung für ein effizientes sorgung. Eine dezentrale Bereitstellung ist tonen und Gemeinden bewegt sich stets im
Angebot an staatlichen Leistungen. dabei nicht in allen Fällen die effizienteste Lö- Spannungsfeld zwischen den allokativen Vor-
Das Subsidiaritätsprinzip basiert auf dem sung. So ist die Vermeidung von Spill-over- und Nachteilen einer dezentralen Bereitstel-
Dezentralisierungstheorem des US-Ökono- Effekten bei zahlreichen staatlichen Aufga- lung von staatlichen Leistungen. Zwar kön-
men Wallace Eugene Oates aus den Sieb- ben wie zum Beispiel Bildung, Kultur oder nen zweckgebundene Transfers des Bundes
zigerjahren.1 Dieses besagt: Staatliche Auf- Umweltschutz eines der Hauptargumente für und die interkantonale Zusammenarbeit die
gaben sollen grundsätzlich der untersten eine stärkere Zentralisierung. Ausschöpfung von Skalenerträgen verbes-
staatlichen Ebene – also den Gemeinden – sern und Spill-over-Effekte kompensieren –
zugewiesen werden. Erst wenn nachgewie- Regionale Spezialisierung wodurch sich der Zentralisierungsdruck re-
sen ist, dass diese nicht in der Lage sind, eine duziert. Voraussetzung dafür sind jedoch ein
Aufgabe zu erfüllen, soll eine höhere staat-
mit Folgen gemeinsames Verständnis für Menge und
liche Ebene, zum Beispiel die Kantone, der Zusätzlich zum Subsidiaritäts- und zum Qualität der Leistungen und die dafür not-
Bund oder supranationale Einheiten, die Ver- Äquivalenzprinzip können auch Skalen- wendige Verfügbarkeit von finanziellen Mit-
antwortung übernehmen. erträge eine effiziente Bereitstellung staat- teln.
Somit kommt dem Finanzausgleich in
1 Oates (1972). 2 Olson (1969). einem föderalistischen Staat eine existenziel-

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  45
FINANZAUSGLEICH

le Bedeutung zu. Er ermöglicht es, allen Kan-


Abb 1: Wirtschaftszweige der Ostschweiz im Vergleich zur Schweiz
tonen, unabhängig von ihrer Wirtschafts- und
Finanzkraft, ein vergleichbares Angebot an

BFS, STATENT 2005–2014, DARSTELLUNG GEMÄSS HOOVER-BALASSA-INDEX, VGL. DELBIAGGIO UND FISCHER (2017)
Landwirtschaft
staatlichen Leistungen mit einer moderaten 2
Administrative und soziale Dienste Traditionelle Industrie
Steuerbelastung bereitzustellen, und trägt
dazu bei, dass die allokativen Vorteile des Fö-
deralismus möglichst optimal zum Tragen Unterhaltung und Gastgewerbe 1 Spitzenindustrie
kommen.

Studie zur Ostschweiz Unternehmensdienst- 0 Bauwesen


leistungen
Am Beispiel der Grossregion Ostschweiz kann
gezeigt werden, wie unterschiedliche regio-
nale Wirtschaftsstrukturen über die Steuer-
Finanzbranche Energieversorgung
bemessungsgrundlage ihren Niederschlag
im Finanzausgleich zwischen Bund und Kan-
tonen finden und welche Auswirkungen sich
Informatik, Kommunikation und IT Handel und Verkauf
daraus für die Steuerbelastung ergeben.3 Zur
Verkehr, Transport und Post
Ostschweiz zählen in der Untersuchung die
Kantone Appenzell Ausserrhoden, Appenzell
Innerrhoden, Glarus, Graubünden, St. Gallen,   Ostschweiz        Gesamtschweiz
Schaffhausen und Thurgau. Diese Abgren-
zung entspricht der Grossregion Ostschweiz Der Index beschreibt den Beschäftigungsanteil einer Branche in der Ostschweiz im Verhältnis zum
gesamtschweizerischen Beschäftigungsanteil dieser Branche. Ein Wert von 2 würde bedeuten, dass die
gemäss der Definition des Bundesamts für Branche in der Ostschweiz einen doppelt so hohen Beschäftigungsanteil hat wie in der gesamten Schweiz.
Statistik (BFS). Ein Wert von 0,5 hingegen würde bedeuten, dass der Beschäftigungsanteil in der Ostschweiz nur halb so
Im gesamtschweizerischen Vergleich gross ist wie in der gesamten Schweiz.
weist die Ostschweiz eine Spezialisierung in
den Branchen Landwirtschaft, traditionelle
Industrie, Spitzenindustrie und Bau auf (siehe Abb. 2: Auswirkung von Sonderlasten und Finanzausgleich auf die durchschnitt-
Abbildung 1).4 Dagegen sind Unternehmens- liche Steuerbelastung der Kantone und Gemeinden (Durchschnitt der Jahre
dienstleistungen sowie die Finanzbranche 2008–2014)
und die Informatik- und Kommunikations-
40    in %
branche von unterdurchschnittlicher Bedeu-
tung.5 Betrachtet man die untersuchten Ost-
schweizer Kantone einzeln, kommen zwar re-
gionale Besonderheiten zum Vorschein. So
dominieren beispielsweise in Graubünden

EIGENE BERECHNUNGEN AUF DER BASIS VON


die Branchen Unterhaltung und Gastgewerbe 20
sowie die Energieversorgung. Auch in Glarus

DATEN DES BFS UND DER EFV.


sticht der hohe Anteil der Energieversorgung
hervor. Im Allgemeinen bestätigt sich jedoch
das Gesamtbild einer von Industrie und Ge-
werbe geprägten Wirtschaft. So weisen fast 0
alle Ostschweizer Kantone einen überdurch-
(8 )
AG 4,6)

(14 4)
GE 2,3)

(14 )
(1 )
(2 )
,3)
(63 )
VS ,4)

(9 7)
TI ,9)

(9 )
(6 )
BE ,9)

(7 )
FR 5,0)
TG 6,0)
SG 7,0)
(8 1)
AI 2,3)
AR 3,5)

SH 6,4)

(10 ,6)
)
BL 96,1
NE 5,6
UR 62,6

SO 3,6

GR 3 , 5

ZH 2,3

B S 43 , 3
SZ 6,4
GL 67,4

ZG 65,7
LU (78,

schnittlich hohen Anteil bei der traditionellen


OW(90

48
1
8

VD (96

NW (118
(8
(8
(7

(8
(7

(7

(
(

(1
(
JU

Industrie und der Spitzenindustrie auf. Kantone (Ressourcenindex in Klammern)


Da die Branchen Landwirtschaft, traditio-   Effektive Steuerausschöpfung      
nelle Industrie und Bau im gesamtschweizeri-   Hypothetische Steuerausschöpfung unter Annahme eines harmonisierten Pro-Kopf-Steuerertrags
schen Branchenvergleich eine tiefere, die Fi- (= Mittelwert Pro-Kopf-Steuerertrag Kantone und Gemeinden)      
nanzbranche sowie Informatik, Kommunika-   Geschätzte Steuerausschöpfung auf Basis eines harmonisierten Pro-Kopf-Steuerertrags und von Sonderlasten      
tion und Informationstechnologie hingegen   Geschätzte Steuerausschöpfung auf Basis eines harmonisierten Pro-Kopf-Steuerertrags, von Sonderlasten und
eine höhere Arbeitsproduktivität aufweisen, Finanzausgleich
lässt sich für die Ostschweiz ein unterdurch- Die Steuerausschöpfung ist die Summe der Steuereinnahmen eines Kantons und seiner Gemeinden in
schnittliches Produktivitätsniveau vermu- Prozent des Ressourcenpotenzials des Kantons. Die Kantone sind gemäss ihrem Pro-Kopf-Ressourcen-
potenzial (Ressourcenindex) in aufsteigender Reihenfolge aufgelistet. Im Kanton Glarus beträgt die
effektive Steuerausschöpfung im Durchschnitt der Jahre 2008 bis 2014 rund 22 Prozent. Eine geschätzte
3 Delbiaggio und Fischer (2017). Steuerausschöpfung, welche einen schweizweit harmonisierten durchschnittlichen Pro-Kopf-Steuer-
4 Hoover-Balassa-Index, vgl. Delbiaggio und Fischer ertrag, die geschätzte Belastung des Kantons durch Sonderlasten sowie die Nettobelastung oder -ent-
(2017).
5 Wirtschaftszweige wurden gemäss den Noga-Codes lastung durch den Finanzausgleich mitberücksichtigt, würde bei rund 27 Prozent liegen. Das bedeutet,
des BFS zu zwölf Kategorien aggregiert. Siehe BFS dass der Kanton Glarus sein Ressourcenpotenzial weniger stark mit Steuern ausschöpft, als dass man dies
(2008) und Delbiaggio und Fischer (2017, Anhang A). aufgrund von Sonderlasten und Finanzausgleichszahlungen erwarten würde.

46  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


In der Ostschweiz ist der Anteil an
Industrieunternehmen überdurch-
schnittlich. Textildruck im Kanton
Glarus.

KEYSTONE
FINANZAUSGLEICH

ten.6 Die Berechnung des Korrelationskoeffi- sondere Graubünden, die beiden Appenzell gionen – historisch entstandene Spezialisie-
zienten zwischen dem branchenspezifischen und Glarus bei der Bereitstellung von staat- rung erhalten und ausgebaut werden kann.
Spezialisierungsindikator und der durch- lichen Leistungen mit hohen geografisch- Da die räumliche Konzentration dank Wis-
schnittlichen Arbeitsproduktivität bestätigt topografischen Sonderlasten konfrontiert, sensexternalitäten sowie der lokalen Verfüg-
diese These.7 Mit einem Wert von –0,49 ist weshalb sie zusätzlich Beiträge aus dem Las- barkeit von spezialisierten Inputfaktoren und
der Koeffizient für die Ostschweiz im mittle- tenausgleich des Bundes erhalten. spezialisierten Arbeitskräften die Entstehung
ren negativen Bereich angesiedelt. Die Nord- Nehmen wir an, alle Kantone bieten ein von Agglomerationsvorteilen begünstigt, ist
westschweiz weist mit 0,43 den höchsten, hypothetisches identisches Angebot an diese Spezialisierung von besonderer Bedeu-
die Zentralschweiz mit –0,70 den tiefsten staatlichen Leistungen an, welches für alle tung. Sie fördert die Wettbewerbsfähigkeit
Wert auf. Allgemein kann man feststellen: Je Kantone gleich hohe Kosten verursacht: der regionalen Unternehmen und mit ihr den
wichtiger eine Branche für die Wirtschaft der Ohne Berücksichtigung von Sonderlasten Beitrag der Region zum Wohlstand des ge-
Ostschweiz ist, desto tiefer ist ihre durch- und Zahlungen aus dem Finanzausgleich samten Landes.
schnittliche Arbeitsproduktivität. Ähnliches würde dies bedeuten, dass die steuerliche
gilt auch für die Zentralschweiz und den Ausschöpfung des Ressourcenpotenzials im
Espace Mittelland. Die anderen Grossregio- ressourcenschwächsten Kanton Jura rund
nen weisen hingegen positive Korrelations- vier Mal so hoch ausfällt wie im ressourcen-
koeffizienten auf, was hinsichtlich Arbeits- stärksten Kanton Zug (siehe Abbildung 2).
produktivität auf einen günstigeren Bran- Die Unterschiede zwischen den Kanto-
chenmix hindeutet. nen erhöhen sich, wenn die geschätzten Aus-
wirkungen von Sonderlasten berücksichtigt
Unterschiedliches Ressourcen- werden. Werden zusätzlich die Zahlungen Katia Delbiaggio
aus dem Finanzausgleich mit einbezogen, Dr. rer. pol., Dozentin im Bereich Volkswirt-
potenzial reduzieren sich die Steuerbelastungsunter- schaft und Regionalökonomie am Institut
Über die Steuerbemessungsgrundlagen wirkt schiede hingegen – hauptsächlich dank der für Betriebs- und Regionalökonomie der
Hochschule Luzern – Wirtschaft
sich die Arbeitsproduktivität auf das Ressour- Reduktion der Steuerausschöpfung der res-
cenpotenzial im Finanzausgleich zwischen sourcenschwachen Kantone.
Bund und Kantonen aus. Dies wird durch den Die so geschätzte Steuerbelastung kor-
hohen Korrelationskoeffizienten zwischen reliert relativ stark mit der effektiven Steuer-
dem Bruttoinlandprodukt pro Einwohner und ausschöpfung. Eine Regressionsanalyse
dem Ressourcenpotenzial pro Einwohner der zeigt, dass die Kantone die Zahlungen des Fi-
Kantone für die Jahre 2011 bis 2013 bestätigt.8 nanzausgleichs fast vollständig in der Form
Das Ressourcenpotenzial berechnet sich aus von Anpassungen der Steuerbelastung an die
den steuerbaren Einkommen und Vermögen Steuersubjekte weitergeben bzw. verrech-
der natürlichen Personen und den steuerba- nen, was auf einen verantwortungsvollen Roland Fischer
ren Gewinnen der juristischen Personen. und sparsamen Umgang mit den Mitteln des Dr. rer. pol., Dozent im Bereich Öffentliche
Insbesondere bei den steuerbaren Pro- Finanzausgleichs hindeutet. Finanzen, Institut für Betriebs- und
Kopf-Einkommen liegen alle Ostschweizer Abschliessend kann festgehalten wer- Regionalö­konomie der Hochschule Luzern –
Wirtschaft
Kantone unter dem Schweizer Durchschnitt. den: Die Ostschweiz weist zwar aufgrund
Das Gleiche gilt, mit Ausnahme von Schaff- ihrer Spezialisierung ein vergleichsweise tie-
hausen, auch für die steuerbaren Gewinne. fes Ressourcenpotenzial auf, was die finan-
Literatur
Derzeit gelten alle Ostschweizer Kantone zielle Leistungsfähigkeit der Kantone und Ge-
Bundesamt für Statistik (2008). NOGA 2008: All-
als ressourcenschwach und erhalten Beiträ- meinden beeinträchtigt. Dank der Zahlungen gemeine Systematik der Wirtschaftszweige, Struktur.
ge aus dem horizontalen und dem vertikalen aus dem Finanzausgleich sind die Ostschwei- Delbiaggio, K. und Fischer, R. (2017). Wirtschaft,
nationaler Finanzausgleich und Öffentliche Finanzen
Ressourcenausgleich. Ausserdem sind insbe- zer Kantone aber dennoch in der Lage, ein mit in den Ostschweizer Kantonen: Bericht zuhanden der
anderen Kantonen vergleichbares Angebot Ostschweizer Regierungskonferenz.
Oates, W. E. (1972). Fiscal Federalism, Harcourt Brace
6 Vgl. BFS-Daten zur Arbeitsproduktivität nach Branchen. an staatlichen Leistungen zu einer modera- Jovanovich.
7 Da die Arbeitsproduktivität nur den Businesssektor ten Steuerbelastung bereitzustellen. Dies Olson, M. (1969). The Principle of «Fiscal Equivalence»:
berücksichtigt, wird die Branche «Administrative und The Division of Responsibilities Among Different
soziale Dienste» nicht berücksichtigt.
schafft die Voraussetzungen dafür, dass die Levels of Government, in: American Economic
8 Delbiaggio und Fischer (2017), Seite 70. in der Ostschweiz – aber auch in anderen Re- Review, Vol. 59 (2): 479–87.

48  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


30. April 2018
KKL Luzern

www.europaforum.ch

Alain Berset Thomas Kirchner Elisabeth Schneider- Andreas Schwab Markus Somm Sebastian Ramspeck
Bundespräsident 2018, EU-Korrespondent Schneiter Mitglied Europäisches Chefredaktor und SRF Korrespondent
Vorsteher des EDI Süddeutsche Zeitung, Nationalrätin CVP Parlament EVP Verleger Basler Zeitung in Brüssel
Brüssel
ALTERSVORSORGE

Reform der Altersvorsorge:


Es braucht unkonventionelle Ideen
Bei der dringend benötigten Reform der Altersvorsorge herrscht im Parlament eine Patt-
situation. Nun sind neue Ideen gefragt – die Erhöhung des Rentenalters für Männer und
Frauen um je ein Jahr ist eine davon.   Roland Kriemler

auf 1175 Franken (Minimalrente) gesenkt. Die


Abstract    Im vergangenen September hat das Stimmvolk die Vorlage «Altersvor-
Maximalrente erhält nur, wer über mindes-
sorge 2020» abgelehnt. Derzeit ist keine mehrheitsfähige Lösung in Sicht. Angesichts
tens 44 Jahre ein jährliches Durchschnittsein-
der künftigen finanziellen Schieflage der Sozialversicherungen muss das Parlament
kommen von 84 600 Franken erzielt hat. Die
dringend eine Reformvorlage erarbeiten, welche von der Bevölkerung verstanden
Minimal­rente, wiederum, wird weiter redu-
und angenommen wird. Darüber hinaus braucht es unkonventionelle Ideen beim
ziert, falls Beitragsjahre fehlen, nämlich um
Referenz-/Pensionierungsalter und der AHV-Finanzierung. Beispielsweise könnte das
knapp 1/44 pro fehlendes Beitragsjahr. Der-
Rentenalter für beide Geschlechter um je ein Jahr angehoben werden. Um die Alters-
vorsorge zu sichern, gilt es nun die parteipolitischen Gräben zu überwinden. zeit erhalten 5 Prozent der Pensionierten eine
Rente unter 1175 Franken; in Extremfällen be-
trägt diese weniger als 700 Franken. In der
Neuvorlage sind deshalb die Parameter zur

D  ie Neuauflage der Altersvorsorge steht


auf wackeligen oder – bezogen auf die
Kompromissbereitschaft der Parteien – auf
bewerkstelli­gen – aber trotzdem entschei-
dend, denn bei vielen Frauen, Rentnern und
jüngeren Arbeitnehmenden dominierten im
Berechnung der AHV-Ansprüche so anzupas-
sen, dass die Abzüge geringer ausfallen und
dadurch die Renten steigen.
starren Beinen. Während die Rechte nicht Vorfeld der Abstimmung solche Gefühle. Immerhin wird sich diese Problematik mit
von der «Gleichbehandlung» von Mann der Zeit etwas entschärfen. Denn die Zahl der
und Frau hinsichtlich Pensionierungsalter Rentenberechnung überarbeiten Pensionierten mit sehr tiefen AHV-Renten
abweicht (65 für alle!), lehnt die Linke ein wird sich in den nächsten Jahren aufgrund
höheres Rentenalter für Frauen ab, solange es Eine weitere Problematik ist die oftmals un- der demogra­fischen Entwicklung verringern
keine «Lohngleichheit» gibt. Aber nicht nur in zureichende Rentenhöhe: Viele ältere Pensio- («Generationeneffekt»). Das bedeutet aber
die­sem Punkt scheiden sich die Geister. Auf nierte können mit ihrer AHV-Rente das Exis­ auch, dass wir heute und nicht erst in zehn
politischer Ebene streitet man über fast alles. tenzmini­mum nicht abdecken. Doch anstatt Jahren für die bestehenden Pensionierten-
Die Vorlage zur Altersvorsorge 2020 hat undifferenziert alle Renten zu erhöhen, soll- haushalte und auch für die Aktivversicher­ten
es hinlänglich gezeigt: Es braucht eine klare ten nur die effektiv Be­dürftigen, diese aber mit tiefen Einkommen und Beitragslücken
Mehrheit im Parlament, welche die Reform- gezielt und unkompliziert, unter­stützt wer- Lösungen brauchen.
vorlage unterstützt, ansonsten ist ein Schei- den. Eine geplante Revision des Ergänzungs-
tern bei der Abstimmung vorprogrammiert. leistungs-Gesetzes (ELG) verspricht Abhil- Altersdiskriminierung verringern
Doch statt Kompromisse zu finden, halten fe. Allerdings geht hier ein Punkt vergessen:
die Politiker an ideologischen und fixen Ideen Für Bedürftige muss es einfa­cher sein, Ergän- Für manch über 45-jährigen Arbeitnehmen-
fest. Die Folge ist eine Pattsituation. Unse- zungsleistungen zu erhalten. Da insbesonde- den ist es schwierig, bei einem Stellenverlust
re Konkordanzdemokratie funktioniert nicht re ältere Rentner oft auf Ergänzungsleistun- einen Job zu finden. Denn Arbeitgeber stellen
mehr – zumindest nicht, wenn man das Par- gen angewiesen sind, muss für sie ein weni- Arbeit­nehmende nicht aus ethisch-morali­
lament an der Altersvorsorge arbeiten lässt. ger komplizierter Antragsprozess eingeführt schen, sondern aus ökonomischen Gründen
Welche Lehre können wir aus der Abstim- werden – oder aber die kommunale Steuerbe- ein. Deshalb dürfen ältere Arbeitnehmen-
mungsniederlage vom vergangenen Herbst hörde müsste von Amtes wegen Ergänzungs- de nicht mehr kosten als jüngere. Das tun sie
ziehen? Zunächst darf eine Vorlage, welche leistungsanträge für Bedürftige einleiten. aber, solange die Sozialabgaben (in der berufli-
vor dem Volk bestehen soll, nicht zu komplex Eines der grössten Versäumnisse der chen Vorsorge – BVG – sind dies die Altersgut-
sein und keine zu komplizier­ten Mechanis- Alters­vorsorge 2020 war, dass keine Anpas- schriften)1 mit steigendem Alter zunehmen.
men enthalten. Ein ganzer Strauss an unter- sung der Parameter bei der Berechnung der Damit ältere und jüngere Arbeitnehmende die
schiedlichsten Massnah­ men ist ebenfalls AHV-Rente vorgesehen wurde. Grundsätzlich gleichen Chancen auf dem Arbeitsmarkt ha-
nicht zielführend. All dies ging der verworfe- ist die Rentenhöhe von der Anzahl Beitrags- ben, müssen die Beitragssätze nivelliert wer-
nen Altersvorsorge 2020 jedoch deutlich ab. jahre, dem aufgewerteten Durchschnittsein- den: Eine Verflachung der Beitragssatzkurve
Hingegen blieb bei der Vorlage unbe- kommen sowie von Erziehungs- und Betreu- würde die Benachteiligung für ältere Arbeit-
rücksichtigt: Niemand darf das Gefühl be­ ungsgutschriften abhängig. Was die meisten nehmende zumindest teilweise aufheben.
kommen – gerechtfertigt oder auch nicht –, Aktivversicher­ten nicht wissen: Die einfache
nur «Geber» zu sein und leer auszugehen. Vollrente beträgt nicht einfach 2350 Fran- 1 Die Altersgutschriften betragen heute 7 Prozent für
25- bis 34-Jährige, 10 Prozent für 35- bis 44-Jährige, 15
Niemand darf benachteiligt oder übervor- ken (Maximalrente), sondern wird je nach Prozent für 45- bis 54-Jährige und 18 Prozent für über
teilt werden. Das ist natürlich schwierig zu rechnerischem Durchschnittseinkommen bis 54-Jährige.

50  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


ALTERSVORSORGE

sicherung (IV) reserviert. Diese nach der Ab-


lehnung der Altersvorsorge 2020 ab 2018 frei
gewordenen 440 Millionen Franken könnten
nun der AHV zugeführt werden. Das ist im
Übrigen fast der einzige Punkt, bei dem zwi-
schen SVP und SP Einigkeit herrscht. Aller-
dings sprachen sich die Mitteparteien aus un-
zweckmässigen Gründen dagegen aus. Leider
wurde dieser sinnvolle Antrag deshalb am 14.
Dezember 2017 vom Parlament abgelehnt.
Allerdings muss klargestellt werden: Die
Politik nimmt ihre Verantwortung nicht wahr,
wenn sie lediglich Vor­schläge zur Erhöhung
der Mehrwertsteuer ausarbeitet. Das wäre
eine zu einfache Lösung.
Vielmehr sollte man auch über unkon-
ventionelle Zusatzfinanzierun­ gen nach-
denken: Die Schweizerische Nationalbank
(SNB) schüttet neben den planbaren, regel-
mässigen Gewinnen auch unregelmässige
Gewinnan­teile aus. Die planbaren Gewinn-
anteile werden von Bund und Kantonen bud-
getiert, die unregelmäs­sigen, welche bis zu
1 Milliarde Franken jährlich ausmachen kön-
nen, jedoch nicht. Diese unregelmässigen
Gewinnausschüttun­gen könnten in den AHV-
Fonds einbezahlt werden.
Auch wenn solche Zu­flüsse volatil sind,
KEYSTONE

immerhin würden sie in der langen Frist dazu


beitragen, den AHV-Fonds zu äufnen. So
Wir werden immer älter. Wo liegt das ideale
Rentenalter?
schüttete die SNB während der letzten 20
Auch hier ist eine strukturelle Verbesse- Jahre 36 Milliarden Franken an Bund und Kan­
rung absehbar: In den nächsten Jahren wer- tone aus. Davon waren knapp 17 Milli­arden
den die älteren Babyboomer-Jahrgänge bei ken («keine Gleichstellung ohne Lohngleich- Franken nicht budgetierte, unregelmässige
der Pensio­nierung den Arbeitsmarkt verlas- heit») wird damit indirekt erfüllt, und der Gewinnausschüttungen. Wären diese Gelder
sen, und auf­grund der geburtenschwachen nicht offiziell ausge­sprochenen Forderung der AHV zugeflossen, würde das Vermögen
Jahrgänge werden weniger junge Arbeits- der Rechten («das Pensionierungsalter ist um des AHV-Fonds heute nicht 30, sondern rund
kräfte nachrü­ cken. Dadurch steigen die zwei Jahre zu erhöhen») wird zu­min­dest teil- 47 Milliarden Franken betragen.
Chancen der äl­teren Arbeitnehmenden bei weise ebenfalls entsprochen. In der politischen Debatte sind unkonven-
der Jobsuche. Gleichzeitig muss früher mit dem Spa- tionelle Ideen derzeit Mangelware. Es bleibt
ren für die berufliche Vorsorge (BVG) begon- zu hoffen, dass die hier präsentierten Vor-
Rentenalter für beide nen werden. Eine Senkung des BVG-Beitrags- schläge die Parlamentarier zu einem lösungs-
pflichtalters auf 21 Jahre (nach dem Lehr­ orientierten Denken anregen.
Geschlechter erhöhen abschluss) wäre sinnvoll. Bei der AHV ist dies
Die notwendige Erhöhung des Rentenalters bereits der Fall: Junge Arbeitnehmende sind
kann durch eine unkonventionelle Mass- mit ihrem ersten Lohn nach Vollendung des
nahme «gerechter» gestaltet werden: Statt 17. Altersjahres AHV-pflichtig.
nur für Frauen könnte man das Referenzal-
ter auch für Männer um ein Jahr erhöhen. AHV-Finanzierung verbessern
Dadurch leisten sie denselben Mehrbeitrag,
und Frauen sind gegenüber Männern im- Ein Tropfen auf den heissen Stein ist die An-
mer noch – wie heute – besserge­stellt. Eine passung des Demografieprozents der Mehr- Roland Kriemler
solche «relative Gleichbehandlung» werden wertsteuer. Bis anhin flossen nur 83 Prozent Geschäftsführer, Konferenz der Geschäfts-
Frauen eher akzeptieren, als wenn nur sie län- dieses Ertrages zur AHV, die restlichen 17 Pro- führer von Anlagestiftungen (KGAST),
Zürich
ger arbeiten müssen. Eine Forderung der Lin- zent waren bis Ende 2017 für die Invalidenver-

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  51
KURZARBEIT

Kurzarbeit in der Rezession zeigt Wirkung


Bisherige Studienresultate zur Wirkung von Kurzarbeit waren ernüchternd. Eine neue Studie
zeigt nun, dass mit dem Schweizer Kurzarbeitsprogramm ab 2009 Stellen erhalten wurden –
möglicherweise sogar mit Einsparungen für die Arbeitslosenversicherung.   Daniel Kopp,
Michael Siegenthaler

dert werden. Eine zweite Gefahr sind soge-


Abstract  Kurzarbeit hat das Ziel, in Betrieben, die mit einem konjunkturellen Nach-
nannte Mitnahmeeffekte. Dazu kommt es,
frageeinbruch konfrontiert sind, übermässige Entlassungen zu verhindern. In der
wenn Kurzarbeitsgelder eingesetzt werden,
letzten Finanz- und Wirtschaftskrise wurde das Instrument rege genutzt. Doch bis-
herige Studien zur Wirksamkeit der Kurzarbeit kommen zu ernüchternden Ergeb- um Jobs zu erhalten, die auch ohne staatli-
nissen. Schiebt Kurzarbeit Entlassungen nur auf? Eine aktuelle Studie der KOF Kon- che Unterstützung erhalten worden wären.
junkturforschungsstelle der ETH Zürich im Auftrag der Aufsichtskommission für Bisherige wissenschaftliche Untersuchun-
den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung zeigt, dass das Schweizer Kurz- gen zur Wirksamkeit von Kurzarbeit kommen
arbeitsprogramm zwischen 2009 und 2015 Entlassungen nachhaltig verhindert hat. denn auch zu sehr unterschiedlichen Ergeb-
Die Kurzarbeit sicherte in den betroffenen Betrieben mindestens 10 Prozent der nissen. Einige wenige können die erhofften
Arbeitsplätze. Dadurch wurden auch Ausgaben für Arbeitslosengelder eingespart. Die dämpfenden Effekte auf die Arbeitslosigkeit
resultierenden Einsparungen dürften ausgereicht haben, um die gesamten Ausgaben nachweisen. Andere – so auch ältere Studien
für Kurzarbeitsentschädigungen auszugleichen. Kurzarbeit entpuppt sich somit als zur Kurzarbeit in der Schweiz – sind weit we-
wirksames und finanziell attraktives Instrument, um zu verhindern, dass Rezessionen niger optimistisch. Sie kommen teilweise so-
zu Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt führen. gar zum nicht intuitiven Resultat, dass Kurz-
arbeit zu mehr statt weniger Entlassungen
führt.1
In einer neuen Studie2 im Auftrag der Auf-

I  m Zuge der globalen Finanz- und Wirt-


schaftskrise von 2007 bis 2009 erlebten
zahlreiche Industrienationen einen scharfen
zer Arbeitslosenkasse 1,1 Milliarden Franken
für Kurzarbeitsgeld aus. Zeitweise erhielten
über 90  000 Beschäftigte Kurzarbeitsent-
sichtskommission für den Ausgleichsfonds
der Arbeitslosenversicherung untersuch-
te die KOF Konjunkturforschungsstelle der
Einbruch ihrer Wirtschaftsleistung. Viele schädigungen. Der Grossteil von ihnen war in ETH Zürich die Wirksamkeit des Schweizer
Regierungen ergriffen daraufhin Mass- der Industrie tätig. Die Verbreitung von Kurz- Kurzarbeitsprogramms. Hat Kurzarbeit in der
nahmen, um zu verhindern, dass sich die arbeit war deshalb in Industrieregionen be- Schweiz in den Jahren 2009 bis 2015 Arbeits-
Rezession in Massenarbeitslosigkeit nieder- sonders hoch. Im Kanton Jura bezogen 2009 losigkeit verhindert? In welchem Verhältnis
schlägt. Besonders populär waren Kurz- nicht weniger als 13 Prozent aller Beschäftig- stehen die bedeutenden finanziellen Kosten
arbeitsprogramme. Kurzarbeit richtet sich ten Kurzarbeitsgeld. Im Kanton Neuenburg der Kurzarbeit zu deren finanziellem Nutzen?
an Unternehmen, die mit einem vorüber- waren es 11 Prozent. Um diese Fragen zu beantworten, greifen wir
gehenden Nachfragerückgang nach ihren auf einen erstmals erstellten Datensatz zu-
Gütern und Dienstleistungen konfrontiert Zweifel an der Wirksamkeit rück. Für diesen verknüpfen wir die Daten al-
sind. Die Kurzarbeit ermöglicht es diesen Be- ler Schweizer Betriebe, die sich in den Jahren
trieben, die Arbeitszeit ihrer Mitarbeitenden Es gibt allerdings berechtigte Zweifel, ob 2009 bis 2014 um Kurzarbeitsentschädigung
vorübergehend zu reduzieren. Für den ent- Kurzarbeitsprogramme tatsächlich in der beworben haben, mit Daten der Arbeits­
stehenden Einkommensverlust werden die Lage sind, Arbeitslosigkeit nachhaltig zu ver-
1 Siehe Cahuc (2014); Hijzen und Martin (2013); Frick und
betroffenen Mitarbeitenden von der Arbeits- hindern. Eine Gefahr ist, dass Entlassun- Wirz (2005).
losenversicherung entschädigt. gen lediglich hinausgezögert statt verhin- 2 Siehe Kopp und Siegenthaler (2017).
Das wichtigste Ziel der Kurzarbeit ist es,
SECO / EIGENE BERECHNUNGEN KOPP UND SIEGENTHALER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Entlassungen und damit Arbeitslosigkeit zu


verhindern. Zudem sollen die Unternehmen Kosten-Nutzen-Analyse des Schweizer Kurzarbeitsprogramms 2009
aber auch die Möglichkeit erhalten, qualifi- (in Mio. Franken)
zierte Arbeitskräfte weiterzubeschäftigen, untere Grenze obere Grenze
damit sie sie im folgenden Aufschwung wie- Finanzieller Nutzen der Kurzarbeit 2009 856 a
1580b
der einsetzen können. Wenn Unternehmen
die Arbeitszeit vieler Beschäftigter reduzie- Finanzielle Kosten der Kurzarbeit 2009 1256 1256
ren, anstatt einige Wenige zu entlassen, ver- Finanzieller Nettonutzen der Kurzarbeit 2009 –400 +324
teilen sie die Last der Rezession auf eine grös-
sere Anzahl Schultern.
In der Schweiz wurde Kurzarbeit während a Der finanzielle Nutzen berechnet sich aus der Untergrenze eingesparter Taggelder (650) * durchschnittlichem
Arbeitslosentaggeld (167 Franken) * Anzahl Betriebe im Kurzarbeitprogramm 2009 (7882).
der grossen Rezession ab 2008 ausgiebig ge- b Obergrenze der eingesparten Taggelder (1200) * durchschnittliches Arbeitslosentaggeld (167 Franken) * Anzahl Be-
nutzt. Allein im Jahr 2009 gab die Schwei- triebe im Kurzarbeitprogramm 2009 (7882).

52  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


KURZARBEIT

KEYSTONE
Kurzarbeit hat Industrieunternehmen durch die
Krise geholfen.
de? Unsere Analysen sprechen dafür, dass Entlassungen stiegen um nur 1 Prozentpunkt
man anhand dieses Vergleichs messen kann, auf rund 2 Prozent an (siehe Abbildung).
losenversicherung des Staatssekretariats für wie sich Kurzarbeit auswirkt. Dabei kommt Zwei weitere Resultate sind interessant:
Wirtschaft (Seco) und der Beschäftigungs- uns zugute, dass ähnliche Kurzarbeitsfälle Erstens hält dieser Effekt relativ lange an.
statistik des Bundesamtes für Statistik (BFS). in den Kantonen unterschiedlich behandelt Firmen mit negativem Entscheid entliessen
Wie jede Studie zur Kurzarbeit ist auch werden. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, selbst zwei bis drei Jahre nach dem Antrag
unsere mit dem Problem konfrontiert, dass dass Unterschiede in der Entlassungspraxis für Kurzarbeit noch mehr Beschäftigte als Fir-
es alles andere als Zufall ist, welche Firmen der beiden Firmengruppen auf die Kurzarbeit men mit positivem Entscheid. Das spricht da-
Kurzarbeit beziehen. Firmen, die Kurzarbeit und nicht auf andere Faktoren zurückzufüh- für, dass Kurzarbeit Entlassungen nicht bloss
bezogen haben, dürften unter anderem von ren sind. Zudem kontrollieren unsere statisti- hinausgezögert, sondern effektiv langfristig
einem stärkeren Nachfragerückgang betrof- schen Verfahren für eine grosse Zahl von be- verhindert hat. Zweitens entwickelte sich die
fen sein als Firmen, die nicht auf Kurzarbeit obachteten und unbeobachteten Faktoren, Entlassungshäufigkeit in den drei Jahren vor
zurückgreifen mussten. Ein einfacher Ver- welche die kantonale Vergabepraxis beein- Antragsstellung bei beiden Gruppen ähnlich,
gleich der Beschäftigungsentwicklung in den flussen und damit unsere Resultate verzer- was für die Vergleichbarkeit der beiden Grup-
beiden Gruppen von Firmen läuft deshalb Ge- ren könnten. pen spricht.
fahr, den Effekt der Kurzarbeit zu unterschät- Unsere Regressionsanalysen stützen den
zen: Es werden, salopp gesagt, «faule Äpfel» Arbeitslosigkeit verhindern Befund, dass Kurzarbeit Arbeitslosigkeit nach-
mit «gesunden Birnen» verglichen. Im Gegen- haltig verhindert. Gemäss unseren Schätzun-
satz zu den bisherigen Studien zur Kurzarbeit Unsere Analysen zeigen klar, dass Kurzarbeit gen reduzierte sich die Zahl der Entlassenen
vergleichen wir deshalb nur Betriebe, die vor- in den Jahren 2009 bis 2015 dazu beigetra- dank Kurzarbeit in den drei Jahren nach einem
hatten, Kurzarbeit einzuführen. In rund einem gen hat, Entlassungen zu verhindern. In Be- Kurzarbeitsantrag um mindestens 10 Prozent
von sechs Fällen lehnten die kantonalen Be- trieben, deren Kurzarbeitsantrag abgelehnt der Belegschaft. Manche Schätzungen weisen
hörden – die für die Bewilligung von Kurz- wurde, wurden in den zwei Quartalen unmit- sogar auf einen doppelt so hohen Effekt hin.
arbeitsgesuchen in der Schweiz zustän- telbar nach Kurzarbeitsantrag jeweils über Zusätzliche Analysen zeigen, dass die Kurz-
dig sind – den Antrag jedoch ab. Wie entwi- 4 Prozent der Beschäftigten entlassen. In den arbeit vor allem die Stellen von Arbeitneh-
ckelten sich die Beschäftigung und die Zahl drei Jahren vor der Antragsstellung waren es menden mit obligatorischem Schulabschluss
von Entlassungen in Betrieben, deren Kurz- nur gut 1 Prozent. Bei Betrieben, deren Antrag oder mit Berufsausbildung sicherte. Zudem
arbeitsantrag bewilligt wurde, im Vergleich bewilligt wurde, war der Anstieg der Entlas- scheint sie in allen Branchen gewirkt zu ha-
mit Betrieben, deren Antrag abgelehnt wur- sungen wesentlich weniger ausgeprägt. Die ben, wenn auch in kleineren Firmen deutlich

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  53
KURZARBEIT

sacht und zu psychosozialen Kosten sowie zu


Anteil entlassener Arbeitnehmender an der Gesamtbeschäftigung vor und nach
Humankapitalverlusten bei den Betroffenen
Kurzarbeitsantrag
führen kann. Denkbar ist zudem, dass Kurz-
5    in % arbeit die Konsumnachfrage in einer Volks-
wirtschaft stützt. Denn Kurzarbeitsbezüger
4 konsumieren möglicherweise einen grösse-

SECO / EIGENE BERECHNUNGEN KOPP UND SIEGENTHALER /


ren Teil ihres Einkommens als Arbeitslose. Das
3
Verhindern von Arbeitslosigkeit könnte aber
auch volkswirtschaftliche Kosten aufweisen,
die wir in unserer einfachen Kosten-Nutzen-
2
Analyse nicht berücksichtigen. So ist es mög-
lich, dass Kurzarbeit den strukturellen Wan-

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
1 del von unproduktiven zu produktiven Sekto-
ren und Firmen bremst.
0
–12 –11 –10 –9 –8 –7 –6 –5 –4 –3 –2 –1 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12
Quartale vor/nach dem Kurzarbeits-Antrag
  Betriebe mit abgelehntem Antrag        Betriebe mit bewilligtem Antrag

Die Grafik zeigt die Zahl der Personen, die in einem spezifischen Quartal entlassen wurden und sich
anschliessend bei den regionalen Arbeitsämtern als arbeitslos registrierten. Diese Zahl wurde dann ins
Verhältnis zur Gesamtbeschäftigung des vorherigen Arbeitgebers gesetzt.

Daniel Kopp
stärker als in grossen. Gewisse Unterschie- ken Arbeitslosenzahlungen pro Betrieb. Die Wissenschaftlicher Mitarbeiter, KOF Kon-
de zeigen sich einzig im verarbeitenden Ge- obere Grenze der Schätzresultate liegt bei junkturforschungsstelle, ETH Zürich
werbe. Der Effekt der Kurzarbeit auf Entlas- 1200 Taggeldern. Gemäss diesen Resultaten
sungen war in Hightech-­Branchen wie der lag der finanzielle Nettonutzen der Kurzarbeit
Pharma oder der Chemie-, Maschinen- und also zwischen –400 und +324 Millionen Fran-
Elektroindustrie deutlich stärker als in Low- ken. Die Einsparungen beim Arbeitslosen-
tech-Branchen wie der Nahrungsmittelpro- geld scheinen also ausgereicht zu haben, um
duktion, der Textilindustrie oder in Drucke- die gesamten Kosten der Kurzarbeit für die
reien. Diese Resultate werden durch Analysen Arbeitslosenversicherung zu decken. Dieses
mit Beschäftigungsdaten gestützt. günstige Ergebnis hat unter anderem damit
zu tun, dass Arbeitslose im Schnitt 9,5 Mona-
te lang Arbeitslosengeld beziehen, während Michael Siegenthaler
Mögliche Einsparungen bei Dr. sc. ETH, Arbeitsmarktspezialist, KOF
ein durchschnittlicher Betrieb nur während
Arbeitslosenkasse knapp 7 Monaten auf Kurzarbeitsentschädi-
Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich

Anhand unserer Daten können wir direkt gung angewiesen ist. Zudem sind die durch-
Literatur
abschätzen, wie viele Arbeitslosentaggel- schnittlichen Ausgaben pro Arbeitslosen hö-
Cahuc, Pierre (2014). Short-time Work Compensation
der durch die Kurzarbeit eingespart werden her als die durchschnittlichen Ausgaben pro and Employment, IZA World of Labor 2014:11.
konnten. Dieser direkte finanzielle Nutzen Kurzarbeitsbezüger, da bei Kurzarbeit in der Frick, Andres und Aniela Wirz (2005). Wirksam-
keit der Kurzarbeitsregelung in der Rezession
der Kurzarbeit für die Arbeitslosenversiche- Regel nur ein Teil der Arbeitsstunden kom- 2001–2003: Analyse anhand von Firmendaten aus
rung lässt sich anschliessend mit den direk- pensiert werden muss. der schweizerischen Industrie für die Rezession
2001–2003, Seco.
ten Kosten – den ausbezahlten Kurzarbeits- Zu beachten ist, dass diese einfache Hijzen, Alexander und Sebastien Martin (2013). The
taggeldern – vergleichen (siehe Tabelle). Kosten-­Nutzen-Rechnung indirekte Effekte Role of Short-time Work Schemes During the Global
Financial Crisis and Early Recovery: a Cross-country
Gemäss der unteren Grenze unserer Schätz- der Kurzarbeitsentschädigung nicht berück- Analysis,in: IZA Journal of Labor Policy, Apr 2013, 2
resultate konnte die Kurzarbeit pro Betrieb sichtigt. Ausgeblendet bleibt beispielsweise, (1), 5.
Kopp, Daniel und Michael Siegenthaler (2017). Does
rund 650 Taggelder einsparen – das ent- dass Arbeitslosigkeit üblicherweise auch Kos- Short-time Work Prevent Unemployment? SECO
spricht einer Einsparung von 108 000 Fran- ten in anderen Sozialversicherungen verur- Publikation Arbeitsmarktpolitik No 49 (12.2017).

54  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


DOSSIER

Reicht das Wohnangebot


in der Schweiz?

KEYSTONE
Seit rund 20 Jahren zeigen die Preise für Mietwohnungen und Eigenheime
fast nur noch in eine Richtung: nach oben. Insbesondere in den Städten,
so etwa in Genf oder Zürich, sind die Mieten in die Höhe geschnellt
und haben grosse Mietzinsdifferenzen zwischen langjährigen Mietern
und Neumietern verursacht. Inzwischen zeichnet sich allerdings
eine Trendwende ab. Die Leerstandsquoten steigen, und die Mieten
sinken wieder leicht. Beruhigt hat sich das Preiswachstum auch im Eigen-
heimmarkt. Gemäss der UBS könnten jedoch in den nächsten Jahren
steigende Zinsen oder eine kriselnde Wirtschaft zu einem starken Preis-
einbruch beim Wohneigentum führen.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  55
IMMOBILIENMARKT

Günstiger Wohnraum bleibt ein Thema


Steigende Immobilienpreise in den Städten haben neue Forderungen nach bezahlbarem
Wohnraum geweckt. Zwar schätzt der Bundesrat die Volksinitiative für mehr bezahlbare
Wohnungen als nicht zielführend ein. Er will jedoch mit einem Rahmenkredit den gemein-
nützigen Wohnungsbau unterstützen.  Marc Zahner, Christoph Enzler

Zonenordnung, das Raumplanungsgesetz,


Abstract  Sowohl die Mieten wie auch die Preise für Wohneigentum sind in der Schweiz
seit der Jahrtausendwende an vielen Orten, insbesondere in städtischen Zentren, Bauvorschriften, die Regulierung des Hypo-
kräftig angestiegen. Diese Entwicklung kann nicht alleine mit Faktoren auf der Nach- thekarmarktes oder das Mietrecht.
frage- oder der Angebotsseite erklärt werden. Zwei vom Staatssekretariat für Wirt- Aus wirtschaftspolitischer Sicht interes-
schaft (Seco) zusammen mit dem Bundesamt für Wohnungswesen (BWO) in Auftrag ge- siert deshalb insbesondere, inwiefern die Re-
gebene Studien zeigen, dass die Regulierungen des Wohnungsmarktes ebenfalls einen gulierung des Wohnungsmarktes zur Woh-
wichtigen Einfluss auf Mieten und Preise haben. Im Zusammenhang mit Regulierungen nungsknappheit und der entsprechenden
des Wohnungsmarktes spielt das Mietrecht eine zentrale Rolle. Vor dem Hintergrund Preisentwicklung beigetragen hat. Folgen-
der erwähnten Preisentwicklungen ist auch die Volksinitiative «Mehr bezahlbare de Fragen stehen im Zentrum: Wie hängt
Wohnungen» anzusiedeln. Die Botschaft zu dieser Volksinitiative und zu dem eng mit die Preiselastizität des Angebots an Wohn-
ihr zusammenhängenden Erlassentwurf zur Aufstockung des Fonds de Roulement raum von geografischen und regulatorischen
zugunsten des gemeinnützigen Wohnungsbaus wird dem Parlament in den nächsten Faktoren ab? Steigen die Angebotsmieten in
Wochen unterbreitet. einem regulierten Markt stärker? Wie wirkt
sich die Segmentierung des Mietwohnungs-
marktes in tiefere Altmieten und höhere Neu-
mieten auf die Mobilität der Mieter, auf das

W  ird in der Schweiz genug oder zu we-


nig gebaut? Und wieso? Diese Fragen
dürften sich viele schon gestellt haben, die
den letzten 10 bis 15 Jahren stark zugenom-
men. Diese Entwicklung kann mit der Erhö-
hung des Wohlstandes dank der positiven
Angebot an neuen Wohnungen oder den
Unterhalt von bestehenden Wohnungen aus?
Um diesen und weiteren Fragen auf den
sich in den letzten Jahren auf dem Schweizer wirtschaftlichen Entwicklung, der vorwie- Grund zu gehen, hat das Staatssekretariat für
Immobilienmarkt nach einer neuen Mietwoh- gend durch Zuwanderung gewachsenen Be- Wirtschaft (Seco) zusammen mit dem BWO
nung oder nach Wohneigentum umgeschaut völkerung sowie den sinkenden Zinsen er- zwei empirische Studien in Auftrag gegeben.
haben. Denn: Der Preis für Wohnraum – der klärt werden. Zudem traf die wachsende Diese beiden Studien werden in diesem Dos-
wichtigste Knappheitsindikator – hat sich Nachfrage auf ein zumindest in der kurzen sier vorgestellt.2
seit der Jahrtausendwende stark erhöht (sie- Frist relativ starres Angebot, wodurch ein
he Abbildung). Dies gilt besonders für städ- Nachfrageüberhang entstand. Als Reaktion Umkämpftes Mietrecht
tische Zentren, wo der stark nachgefragte darauf hat sich die Bautätigkeit erhöht. 2016
Wohnraum immer teurer wird. Eine weitere waren Angebot und Nachfrage erstmals seit Im Zusammenhang mit Regulierungen des
Beobachtung, die gemacht werden kann, ist 2008 über den gesamten Wohnungsmarkt Wohnungsmarktes spielt das Mietrecht eine
ein starkes Auseinanderdriften zwischen den der Schweiz hinweg gesehen im Durchschnitt zentrale Rolle. Das geltende Recht ist Mitte
Marktmieten bei Neuabschluss eines Miet- wieder im Gleichgewicht, wie eine Untersu- 1990 in Kraft getreten. Obwohl die damaligen
vertrages und den Bestandesmieten, die in chung im Auftrag des Bundesamtes für Woh- Revisionsarbeiten insgesamt mehr als zehn
einem bereits bestehenden Mietverhältnis nungswesen (BWO) zeigt.1 Die deutlichen Jahre dauerten, wurden auch nach Inkraft-
bezahlt werden. Preisanstiege waren jedoch ebenso notwen- treten des neuen Rechts sowohl von Mieter-
Durch diese Preisentwicklung hat die For- dig wie die Ausdehnung des Angebots, damit wie auch von Vermieterseite immer wieder
derung nach günstigem Wohnraum und tie- dieses neue Gleichgewicht zustande kam. Rufe nach erneuten Änderungen laut. Bereits
feren Mieten in jüngster Zeit wieder ver- Die Preisanstiege dürften allerdings kaum im Jahr 1997 wurde die Initiative «Ja zu fai-
mehrt Auftrieb erhalten. Die Wohnkosten einzig durch die oben erwähnten Nachfrage- ren Mieten» eingereicht, welche der Bundes-
stellen für die Mehrheit der Haushalte einen faktoren oder durch angebotsseitige Fakto- rat zur Ablehnung empfahl und der er einen
erheblichen Teil der Ausgaben dar. Starke ren wie die Entwicklung der Löhne und der indirekten Gegenvorschlag gegenüberstell-
Preissteigerungen können daher das Haus- Kosten der sonstigen Produktionsinputs zu te. Die Kernpunkte des Gegenvorschlags wä-
haltsbudget stark belasten. erklären sein. Auch verschiedenste Regulie- ren eine Indexierungslösung und die Bestim-
rungen üben einen wichtigen Einfluss auf mung der Marktunüblichkeit mittels einer
Preisanstiege kommen nicht Angebot und Nachfrage, und damit auf den hedonischen Methode3 gewesen. Aber: So-
Preis, aus. Dazu gehören etwa die Bau- und
überraschend 2 Die Studien sind unter Seco.admin.ch abrufbar.
3 Statistische Methode, welche die Marktmiete anhand
Die kräftigen Preisanstiege überraschen 1 Siehe Medienmitteilung vom 12.07.2017 auf der Charakteristiken der Wohnung, der Liegenschaft
nicht: Die Nachfrage nach Wohnraum hat in bwo.admin.ch. und der Lage bestimmt.

56  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


DOSSIER

Preisentwicklung auf dem Schweizer Immobilienmarkt (nach Quartalen stehende Fonds de Roulement5 aufgestockt
2000–2017) werden, aus welchem gemeinnützigen
Wohnbauträgern Darlehen gewährt wer-
200    Index (1. Quartal 2000=100) den. Nach dem Vernehmlassungsverfahren
hat der Bundesrat Ende August entschieden,
175 dem Parlament einen Rahmenkredit im Um-
fang von 250 Millionen Franken zu beantra-
150
gen. Das würde – zusammen mit den Mitteln,

BFS / WÜEST PARTNER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


die bereits im Fonds sind – für die Förde-
rung von jährlich rund 1500 gemeinnützigen
125
Wohnungen ausreichen. Die Finanzierungs-
hilfe würde so dazu beitragen, dass der ge-
100 meinnützige Wohnungsbau6 seinen Markt-
anteil von gegenwärtig weniger als fünf Pro-
75 zent zumindest halten könnte. Die Botschaft
2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 zur Volksinitiative und zu dem eng mit ihr zu-
  Angebotspreisindex Eigentumswohnungen (Wüest Partner)        Angebotspreisindex Einfamilienhäuser (Wüest Partner) sammenhängenden Erlassentwurf wird dem
  Angebotspreisindex Mietwohnungen (Wüest Partner)        Mietpreisindex (Bundesamt für Statistik BFS)      Parlament in den nächsten Wochen unter-
breitet.
Das Auseinanderdriften von Marktmieten und Bestandesmieten zeigt sich in der zunehmenden Differenz
zwischen dem Angebotspreisindex für Mietwohnungen und dem Mietpreisindex des BFS. Der Mietpreis-
index basiert überwiegend auf Bestandesmieten, zu einem kleineren Teil aber auch auf Neuabschlüssen. 5 B,S,S. und PSP AG (2012). Wohnraumförderung durch
zinsgünstige Darlehen aus dem Fonds de Roulement:
Analyse von Vollzug und Wirkungen. BWO, Grenchen.
6 Sotomo (2017). Gemeinnütziges Wohnen im Fokus. Ein
wohl die Initiative wie auch der Gegenvor- wären.4 Da zudem legitime Schutzbedürfnis- Vergleich zu Miete und Eigentum. BWO, Grenchen.
schlag, gegen den das Referendum ergriffen se zu berücksichtigen sind, scheint es nicht
worden war, wurden in getrennten Abstim- einfach, eine bessere Regelung für das Miet-
mungen an der Urne abgelehnt. Auch danach recht zu finden, zumal dieses im internationa-
gab es weitere Versuche, das Mietrecht zu än- len Vergleich als relativ liberal gilt. Dennoch
dern, die jedoch allesamt im Parlament oder wäre die heutige Marktsituation möglicher-
bereits schon früher scheiterten. So wurde weise ein günstiger Zeitpunkt für eine grund-
im September 2008 der schweizweit einheit- legende Revision des Mietrechts.
liche Referenzzinssatz eingeführt. Ursprüng- Vor dem Hintergrund der Differenzen zwi-
lich als Zwischenlösung bis zur Implementie- schen den Bestandesmieten und den Neu-
rung eines neuen Mietrechts gedacht, ist er angeboten ist auch die Volksinitiative «Mehr Marc Zahner
die einzige umgesetzte Änderung des Miet- bezahlbare Wohnungen» anzusiedeln. Für Dr. rer. oec., wissenschaftlicher Mitarbeiter,
rechts in den letzten 25 Jahren. Der Referenz- umzugswillige, neu zugezogene oder neu Ressort Wachstum und Wettbewerbs-
zinssatz löste die bis dahin in den einzelnen gegründete Haushalte war es in den letzten politik, Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern
Kantonen massgeblichen Sätze für variab- zehn Jahren schwierig, eine bezahlbare Woh-
le Hypotheken der jeweils örtlich führenden nung an zentralen Standorten zu mieten. Die
Bank ab. In den meisten Fällen handelte es im Oktober 2016 eingereichte Volksinitiative
sich dabei um die entsprechende Kantonal- verfolgt denn auch das Ziel, das Angebot an
bank. preisgünstigen Wohnungen zu erhöhen.
Der Bundesrat anerkennt die Wichtig-
Initiative will mehr bezahlbare keit des Anliegens, schätzt aber die vorge-
schlagenen Instrumente als nicht marktkon-
Wohnungen form und nicht zielführend ein. Hingegen hat
Obwohl die Unterschiede zwischen den Be- er entschieden, die Ablehnung der Initiative
standes- und den Angebotsmieten teilweise mit einem neuen Rahmenkredit zu verbin- Christoph Enzler
gross sind, zeigen Untersuchungen, dass auch den. Mit diesem soll zehn Jahre lang der be- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bereich
in einem unregulierten Markt die Bestandes- Grundlagen und Information, Bundesamt
für Wohnungswesen (BWO), Grenchen
mieten in der Regel tiefer als die Marktmieten 4 Siehe den Artikel von Daniel Sager auf Seite 61.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  57
IMMOBILIENMARKT

Wie reagiert das Wohnraumangebot


auf Preisänderungen?
Wenn Mieten und Immobilienpreise steigen, nimmt das Angebot zu und bringt die Preise
wieder ins Gleichgewicht. So die Theorie. Doch vielerorts verhindern fehlender Platz und
raumplanerische Regulierungen neuen Wohnraum.   Maximilian von Ehrlich, Olivier Schöni,
Simon Büchler

gestellt.1 Dazu gehören das Bevölkerungs-


Abstract  Bei der Analyse steigender Mieten und Immobilienpreise wird meist auf die
Gründe für die wachsende Nachfrage verwiesen. Wenig untersucht wurde bisher, wie wachstum, das allgemeine Wachstum der
das Angebot auf Preisänderungen reagiert. Eine neue Studie des Center for Regional Wirtschaft und der Einkommen, die niedri-
Economic Development der Universität Bern hat nun analysiert, wie steigende Miet- gen Hypothekarzinsen sowie die zunehmen-
und Eigentumspreise das Angebot an Wohnimmobilien in der Schweiz langfristig ver- de Nachfrage in den Zentren.
ändern. Dabei zeigen sich grosse regionale Unterschiede: Auf kantonaler Ebene weisen Ebenso entscheidend für die Preisent-
Basel-Stadt und Zürich die geringste Preiselastizität des Wohnangebots auf, am wicklung ist jedoch die Angebotsseite: So-
höchsten ist sie in Freiburg, Jura und Appenzell Innerrhoden. Die Hauptgründe, wieso lange eine steigende Nachfrage durch neue
die Elastizitäten regional so stark variieren, sind regulatorische Massnahmen und geo- Kapazitäten an Wohnraum leicht ausgegli-
grafische Faktoren. chen werden kann, kommt es nur zu einem
geringen Preisanstieg. Wenn aber das Ange-
bot starr ist und auch steigende Preise für
Wohnraum das Angebot nicht erhöhen, be-

D  ie Miet- und Kaufpreise von Wohnim-


mobilien sind in den vergangenen zehn
Jahren in der Schweiz deutlich angestiegen.
für diesen signifikanten Anstieg sind vielfäl-
tig. In den Analysen werden oft die nachfra-
geseitigen Faktoren in den Vordergrund
wirkt bereits ein relativ geringer Nachfrage-
anstieg einen starken Preisanstieg.

Zwischen 2005 und 2015 haben sich die Qua- Die Preiselastizität des
dratmetermieten um 14,8 Prozent und die
Quadratmeterkaufpreise sogar um 38,1 Pro-
Auf dem Land sind noch freie Bauflächen Immobilienangebots
vorhanden. Hier reagiert das Wohn-
zent erhöht (siehe Abbildung 1). Die Gründe angebot besonders stark auf steigende Um zu messen, wie das Wohnangebot bei
Mieten. einer Preiserhöhung reagiert, verwendet man
die sogenannte Preiselastizität des Angebots.
Sie widerspiegelt die Steigung der Angebots-
kurve und misst, um wie viel Prozent sich der
angebotene Wohnraum ändert, wenn der
Preis um 1 Prozent steigt. Ist die Preiselasti-
zität des Angebots grösser als 1, spricht man
von einem elastischen Angebot; ist der Wert
kleiner als 1, spricht man von einem unelas-
tischen Angebot. Die Preiselastizitäten des
Angebots sind eine wichtige Grösse, um ab-
schätzen zu können, wie sich ein zukünftiger
Anstieg der Nachfrage auf die lokalen Preise
auswirken wird.
Preiselastizitäten des Angebots ermögli-
chen ausserdem Rückschlüsse darauf, wie sich
Wohneigentumsförderung und standortspe-
zifische Unterstützungsprogramme auswir-
ken. So führt beispielsweise die steuerliche
Förderung von Wohneigentum in Regionen
mit unelastischem Angebot zwar zu einem
starken Anstieg der Preise, aber nur zu einem
geringen Anstieg der Wohneigentumsquote.
KEYSTONE

1 Siehe Degen und Fischer (2017), Häcki (2016) sowie


Drechsel und Funk (2017).

58  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


DOSSIER

Wie hoch die Preiselastizität des Angebots ist, Abb. 1: Miet- und Kaufpreise von Wohnimmobilien in der Schweiz (2005–2015)
ist auch entscheidend bei der Analyse der Ver-
23    Franken/Quadratmeter Franken/Quadratmeter    6900
teilungseffekte von Förderprogrammen und
bei der Frage, wie stark öffentliche Investitio- 22,5 6600
nen lokale Immobilienpreise aufwerten. Doch
22 6300
wie hoch die Preiselastizität des Angebots in
der Schweiz ist und durch welche Faktoren sie 21,5 6000
beeinflusst wird, dazu gibt es bisher nur wenig

META-SYS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


21 5700
empirische Evidenz.
20,5 5400

Mietmarkt elastischer als 20 5100


­Eigentumsmarkt 19,5 4800
Im Auftrag des Staatssekretariats für Wirt- 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015

schaft (Seco) und des Bundesamts für Woh-   Angebotsmiete        Angebotspreis (rechte Skala)
nungswesen (BWO) hat das Center for Re-
gional Economic Development (Cred) der A n g e b o t s e l a s t i z i t ä t e n f ü r I m m o b i
Abb. 2: Mietpreiselastizitäten des Wohnraumangebots (2005–2015)
Universität Bern die Preiselastizität des Ange-
bots auf dem Immobilienmarkt quantifiziert. 2

In der Studie verwenden wir Preis- und An-


gebotsinformationen für Einzelobjekte zwi-
schen 2005 und 2015. Daraus berechnen wir
Durchschnittswerte für kleinräumige Flächen
von 2 x 2 Kilometern. Wir schätzen jeweils se-
parat, wie das gesamte Wohnangebot (so-
wohl Miet- als auch Eigentumsobjekte) auf

BÜCHLER, EHRLICH UND SCHÖNI (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Mietpreisänderungen (Mietpreiselastizität
des Angebots) sowie auf Eigentumspreisän-
derungen (Eigentumspreiselastizität des An-
gebots) reagiert.
Unsere Ergebnisse zeigen, dass die durch-
schnittliche Mietpreiselastizität des Ange- Genf
Zwischbergen
bots zwischen 2005 und 2015 bei ungefähr
1,6 liegt. Mit anderen Worten: Ein Anstieg
der Mieten um 10 Prozent führt langfristig
zu einem Anstieg des Gesamtangebots an
  0,20 – 1,54       1,55 – 1,86       1,87 – 2,06       2,07 – 2,22       2,23 – 2,49       Keine Daten
Wohnobjekten um 16 Prozent. Deutlich un-
elastischer reagiert das Gesamtangebot auf A n g e b o t s e l a s t i z i t ä t e n f ü r M i e t e n
Änderungen der Eigentumspreise: Ein An- Abb. 3: Eigentumspreiselastizitäten des Wohnraumangebots (2005–2015)
stieg der Preise um 10 Prozent führt langfris-
tig zu einem Anstieg des Gesamtangebots
um nur 5 Prozent. Das entspricht einer Eigen-
tumspreiselastizität des Angebots von 0,5.
Im internationalen Vergleich liegt der
Schweizer Immobilienmarkt damit im mittle-
ren Bereich: Studien, die mit unserer Analyse
methodisch vergleichbar sind, schätzen für
BÜCHLER, EHRLICH UND SCHÖNI (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

die USA und für Frankreich durchschnittliche


Eigentumspreiselastizitäten des Angebots
von 1,54 respektive 0,33.3 In einer methodisch
nicht direkt vergleichbaren OECD-Studie für
21 Länder variieren die Eigentumspreiselas-
tizitäten des Angebots zwischen 0,15 in der
Genf
Schweiz und 2,01 in den USA.4 Zur Mietpreis- Zwischbergen
elastizität des Angebots gibt es bisher noch
keine internationalen Untersuchungen.

2 Siehe Originalstudie von Büchler, Ehrlich und Schöni   0,11 –0,49       0,50 – 0,55       0,56 – 0,58       0,59 – 0,61       0,62 – 0,64       Keine Daten
(2017).
3 Vgl. Saiz (2010) und Chapelle und Eyméoud (2017). Die Farbflächen stellen die Quintile der Verteilung dar. Jede Gruppe beinhaltet 20 Prozent der erhobenen
4 Siehe Caldera und Johansson (2013). Preiselastizitäten des Wohnangebots. Rot = tiefe Preiselastizität, grün = hohe Preiselastizität.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  59
IMMOBILIENMARKT

Genfer Wohnangebot bar, auch die politökonomischen Umstän- bot reagiert stärker in ländlichen als in städti-
am ­unelastischsten de erleichtern üblicherweise die Umwand- schen Gemeinden und Kantonen, und es re-
lung von Landwirtschafts- in Bauzonen. agiert stärker auf Mietpreisänderungen als
Mittels unseres empirischen Modells lassen Die potenziellen Widerstände gegen Aufzo- auf Änderungen der Eigentumspreise. In einer
sich die Preiselastizitäten des Angebots auch nungen schon bebauter Flächen oder Nut- prosperierenden Volkswirtschaft sehen sich
auf regionaler Ebene bestimmen. Betrach- zungsänderungen der letzten Freiflächen Wirtschaftspolitik und Raum­planung damit
tet man die Schweizer Kantone, so variie- sind innerhalb bereits überbauter Gebiete grundsätzlich einer Abwägung zwischen re-
ren die Mietpreiselastizitäten zwischen 0,66 deutlich höher. striktiver Raumentwicklung und Miet-/Preis-
und 2,17 und die Eigentumspreiselastizitäten wachstum gegenüber.
zwischen 0,25 und 0,59. Die Kantone Basel- Regulierungen beeinflussen
Stadt und Zürich weisen dabei die geringsten
und die Kantone Freiburg und Jura die höchs-
Elastizität
ten Preiselastizitäten auf. Die Reihenfolge der Mit einer Regressionsanalyse können wir den
Kantone bezüglich der Höhe ihrer Preiselasti- Einfluss dieser geografischen und regulato-
zitäten ist bei den Mieten und bei den Eigen- rischen Bestimmungsfaktoren auf die Preis-
tumspreisen grundsätzlich identisch. Auf Ge- elastizitäten des Angebots untersuchen. Um
meindeebene ist das Angebot in Genf mit 0,2 die Bedeutung des jeweiligen Bestimmungs-
im Mietermarkt und 0,11 im Eigentumsmarkt faktors zu veranschaulichen, untersuchen wir
am unelastischsten. Das elastischste Ange- jeweils für einen Standort, welche Preiselasti- Maximilian von Ehrlich
bot hat die Walliser Gemeinde Zwischber- zität das Modell bei niedriger Ausprägung des Professor für Volkswirtschaftslehre, Center
gen mit 2,49 bei den Mieten und 0,64 bei den Faktors (25-Perzentil) und bei hoher Ausprä- for Regional Economic Development (Cred),
Universität Bern
Eigentumspreisen. Die geringsten Preiselas- gung (75-Perzentil) prognostiziert. Dabei va-
tizitäten sind in den dicht besiedelten Regio- riieren wir immer nur einen Bestimmungsfak-
nen rund um Basel, Genf und Zürich zu be- tor und setzen alle anderen Standorteigen-
obachten. Hohe Preiselastizitäten finden sich schaften entsprechend dem beobachteten
in eher ländlichen Gegenden, zum Beispiel in Durchschnitt.
den Kantonen Freiburg, Jura und Appenzell Erhöht man so beispielsweise die ge-
Innerrhoden (siehe Abbildungen 2 und 3). schützten Flächen vom 25-Perzentil auf das
Regionale Mietpreis- und Eigentumspreis- 75-Perzentil, so reduziert sich die Mietpreis-
elastizitäten des Angebots werden durch ver- elastizität des Angebots um rund 22 Prozent.
schiedene Faktoren beeinflusst. Da dicht be- Macht man dasselbe für die Eigentumspreise,
siedelte Gegenden kaum zusätzliches Bau- so reduziert sich die Elastizität nur um 15 Pro- Olivier Schöni
land ausweisen können, muss das Angebot zent. Erhöht man die regulatorischen Mass- Dr. rer. pol., Post-Doc, Center for Regional
primär durch weitere Verdichtung ausgewei- nahmen, die die Art und Intensität der Be- Economic Development (Cred),
tet werden. Das führt zu vergleichsweise ho- bauung beeinflussen, nimmt die Mietpreis- Universität Bern
hen Baukosten und damit zu einem unelas- elastizität des Angebots weniger stark ab:
tischen Angebot. Ausserdem sind nicht alle Der Rückgang beträgt zwischen 6 und 21 Pro-
Gegenden gleich gut bebaubar. Das hat geo- zent. Bei der Eigentumspreiselastizität des
grafische Gründe wie etwa steile Hänge, Was- Angebots beträgt der Rückgang nur 1 bis 11
serflächen und felsige Landschaften. Auch Prozent. Ähnlich sieht es beim Einfluss geo-
das regulatorische Umfeld spielt eine wichti- grafischer Einschränkungen aus: Mit zuneh-
ge Rolle für die Preiselastizität des Angebots. menden Einschränkungen nimmt die Miet-
So beeinflussen etwa Raumplanungsinstru- preiselastizität des Angebots um 4 bis 11 Pro-
mente, wie Freihaltezonen und geschützte zent ab. Bei der Eigentumspreiselastizität des
Flächen (Wälder, Pärke etc.), Zonenpläne so- Angebots sind es 2 bis 8 Prozent.
wie Nutzungsziffern das Wohnraumangebot. Wie die Studienergebnisse zeigen, reagiert Simon Büchler
Unbebautes Land ist in ländlichen Ge- das Angebot an Wohnraum unterschiedlich Doktorand, Center for Regional Economic
Development (Cred), Universität Bern
genden nicht nur in höherer Menge verfüg- auf Preisänderungen: Das Gesamtwohnange-

Literatur
Büchler, S., Ehrlich, v. M. und Schöni, O. (2017). On the Chapelle, G. und Eyméoud, J.-B. (2017). The Cost of Drechsel, D. und Funk, A. K. (2017). Time-varying and
Responsiveness of Housing Development to Rent and Agglomeration and the Housing Supply Elasticity: Regional Dynamics in Swiss Housing Markets. In: Swiss
Price Changes: Evidence from Switzerland. The Extensive and Intensive Margin Housing Supply Journal of Economics and Statistics, 153(1): 37–72.
Caldera, A. und Johansson, Å. (2013). The Price Elasticities. Sciences Po mimeo. Häcki, D. (2016). Einwanderung und der Immobilienmarkt
Responsiveness of Housing Supply in OECD Countries. Degen, K. und Fischer, A. (2017). Immigration and Swiss in der Schweiz. In: Swiss Real Estate Journal, 13: 20–25.
In: Journal of Housing Economics, 22(3): 231–249. House Prices. In: Swiss Journal of Economics and Saiz, A. (2010). The Geographic Determinants of Housing
Statistics, 153(1): 15–36. Supply. In: Quarterly Journal of Economics, 125(3):
1253–1296.

60  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


DOSSIER

Neumieter zahlen oft viel mehr


In urbanen Zentren, allen voran Genf, sind Neumieten manchmal fast doppelt so hoch wie
die laufenden Mieten. Denn in der Schweiz können die Mietpreise in laufenden Verträgen nur
unter spezifischen Bedingungen angehoben werden.   Daniel Sager

auf die Preise, den Neubau und die Gesamt-


Abstract    Die schweizerische Mietzinsregulierung bewirkt bei stabiler oder rück-
sanierung von Mietwohnungen sowie auf die
läufiger Zinsentwicklung, dass sich bei steigender Nachfrage die Mieten von Neuver-
Mobilität der Mieter auswirkt, hat eine Studie
mietungen deutlich von den Mieten in bestehenden Mietverhältnissen abheben. Eine
des Informationsdienstleisters Meta-Sys, im
Analyse anhand von Daten des Zeitraums 2005 bis 2016 zeigt, dass mit zunehmender
Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft
Differenz das Wachstum der Transaktionsmieten und damit indirekt auch die Neu-
(Seco) und des Bundesamtes für Wohnungs-
bautätigkeit positiv beeinflusst werden. Auch die Wahrscheinlichkeit von Gesamt-
sanierungen im Mietwohnungsbereich nimmt zu. Nebst diesen angebotsseitigen wesen (BWO), untersucht.
Effekten ergeben sich deutliche Auswirkungen auf die Mobilität der Mieter. Das
Verweilen in bestehenden Mietverhältnissen sowie der Verbleib in eigentlich un- Grosse Mietzinsdifferenzen
passenden Wohnungen steigen an. Die Verzerrung der ökonomischen Entscheide in Genf
durch die Regulierung ist eindeutig. Ob Lockerungen die Wohlfahrt der Haushalte ins-
gesamt verbessern würden, kann aber nicht abschliessend beurteilt werden. Für die Studie wurden von 2005 bis 2016 die
Differenzen zwischen Transaktions- und Be-
standesmieten in den kommunalen Miet-
wohnungsmärkten der Schweiz empirisch

I  n der Schweiz sind Erhöhungen des Miet-


zinses in den Verträgen bestehender Miet-
verhältnisse – sogenannter Bestandesmie-
Mit der Einführung der Personenfreizügig-
keit kurz nach der Jahrtausendwende stieg
die Nachfrage nach Wohnraum, insbeson-
bestimmt. Nach einer Qualitätsbereinigung
wurden dabei die auf Inseraten basierenden
Transaktionsmieten mit den Bestandesmie-
ten – rechtlich eingeschränkt. In der Regel dere in den urbanen Ballungsräumen, schnell ten aus dem Schweizerischen Mietpreisindex
sind sie nur möglich bei allgemeiner Teue- und kräftig. Dies blieb nicht ohne Folgen. Die verglichen.
rung, bei spezifischen Kosten­ steigerungen Mieten von neu abgeschlossenen Verträgen – Die Berechnungen zeigen, dass die Trans-
beim Betrieb von Immobilien oder bei Zins- die sogenannten Transaktionsmieten – nah- aktionsmieten im Extremfall um bis zu 70 bis
steigerungen. Diese Mietzinsregulierung men zu und bewirkten in den betroffenen Re- 80 Prozent von den Bestandesmieten abwei-
führt in Phasen stagnierender oder rückläufi- gionen eine zunehmende Differenz zwischen chen. Am stärksten sind diese Abweichungen
ger Zinsen und tiefer Teuerungsraten, wie wir den neuen Transaktions- und den laufenden am Genfersee, in den Regionen Zürich und
sie aktuell beobachten, zu stagnierenden Be- Bestandesmieten. Diese Differenz nennt man Zug sowie in einzelnen touristischen Gebie-
standesmieten. auch «Miet-Gap». Wie sich dieser «Miet-Gap» ten. Gleichzeitig gibt es im Raum Solothurn
und dem Jurabogen auch Gebiete mit nur ge-
ringen Abweichungen von 10 bis 20 Prozent
Abb. 1: «Miet-Gap» in Schweizer Regionen (2016) (siehe Abbildung 1). Analysiert man die Bau-
tätigkeit und das Mobilitätsverhalten in die-
sen von der Wirkung der Mietzinsregulierung
unterschiedlich betroffenen Gebieten, las-
EIGENE BERECHNUNGEN, AD-SCAN, META-SYS AG / MIETPREISINDEX, BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

sen sich Rückschlüsse auf die Auswirkung der


Mietzinsregulierung ziehen.

Höhere Transaktionsmieten
und mehr Gesamtsanierungen
In der Theorie findet sich kein klarer Zusam-
menhang, wie sich eine Mietzinsregulierung
auf die Transaktionsmieten auswirkt. Denk-
bar ist aber, dass Zuwanderer und Umzüger
in einer Region mit hohem «Miet-Gap» auf-
grund einer reduzierten intraregionalen Mo-
bilität auf weniger Wohnungsangebote tref-
fen. Weil diese Wohnungen tendenziell an die
kaufkräftigsten Interessenten gehen, steigen
  0% – 10%       10% – 20%       20% – 30%       30–40%       40% – 50%       50% – 60%       60% – 70%       70% – 80% entsprechend auch ihre Mieten. Dieser Zu-
Die Karte zeigt die MS-Regionen des Bundesamtes für Statistik. sammenhang kann empirisch nachgewiesen

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  61
IMMOBILIENMARKT

werden: In den Regionen mit stärker zuneh-


Abb. 2: Mittlere Wahrscheinlichkeit, in einer zu grossen oder zu kleinen Wohnung
mendem «Miet-Gap» sind die Transaktions-
zu leben, nach Höhe des «Miet-Gap» und des Einkommens
mieten (unter Kontrolle anderer Einflussfak-
toren) deutlich stärker gestiegen als in den 50    Wahrscheinlichkeit, in %

EIGENE SCHÄTZUNG META-SYS AG / SWISS HOUSEHOLD PANEL /


Regionen, wo der «Miet-Gap» weniger stark
zugenommen hat. 40
Auch für den Einfluss der Mietzinsregulie-
rung auf die Neubautätigkeit lässt sich in der 30
Theorie kein direkter Zusammenhang herlei-
ten. Allerdings besteht dieser indirekt: Denn 20
steigende Mieten stimulieren die Bautätig-

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
keit. Diese indirekte Wirkung bestätigt die 10

empirische Messung deutlich.


Ebenfalls zeigen unsere Ergebnisse, dass 0

sich die Regulierung positiv auf die Gesamt- 0 10 20 30 40 50 60 70


«Miet-Gap», in %
sanierungen auswirkt. Auch wenn rein recht-
lich der Anfangsmietzins bei einer Neuver-   Haushaltseinkommen 80 000 Franken        Haushaltseinkommen 200 000 Franken
mietung angefochten werden kann, besteht Die Zahlen beziehen sich auf einen vierköpfigen Haushalt.
für den Vermieter bei einer Gesamtsanierung
und einer Neuvermietung in der Regel doch
die Möglichkeit, marktkonforme Mieterhö- einer unpassenden Wohnung lebt, steigt mit bilen Mietverhältnisses ohne Leerstand und
hungen durchzusetzen.1 Für unsere Analy- der Höhe des «Miet-Gap» und sinkt mit stei- Fluktuation. Deshalb kann davon ausgegan-
se war der Mietanstieg nach einer Sanierung gendem Haushaltseinkommen (siehe Abbil- gen werden, dass auch im freien Markt ohne
zwar nicht bekannt, allerdings zeigt sich, dass dung 2). Mietzinsregulierung ein gewisser «Miet-
die Zahl umfassender Sanierungen in Regio- Gap» bestehen würde. Allerdings kaum in
nen mit stärker zunehmendem «Miet-Gap» Regulierung beeinflusst dem Ausmass, wie er sich heute teilweise auf-
angestiegen ist. Die Hypothese, dass die grund der Regulierung ergibt.
Mietzinsregulierung mehr Sanierungen mit
­ökonomisches Verhalten Wie die Studie zeigt, können die in der
gleichzeitiger Wandlung von Mietwohnun- Wie unsere Untersuchung gezeigt hat, be- Theorie vermuteten Auswirkungen einer
gen in Stockwerkeigentum bewirkt, lässt sich einflusst das schweizerische System der Mietzinsregulierung empirisch weitgehend
hingegen nicht bestätigen. Mietzinsregulierung die ökonomischen Ent- belegt werden. Stark spürbar werden sie aber
scheide der Haushalte deutlich. Es stellt sich primär in Gebieten mit sehr hohem «Miet-
Weniger Wohnungswechsel allerdings die Frage, ob dies ohne Mietzinsre- Gap», insbesondere in den Städten, wo auch
gulierung anders wäre. Oder anders gefragt: die Mieteranteile hoch sind. Dort ist aber auf-
Wenn die laufende Miete deutlich günstiger Würden die Bestandesmieten auch ohne Re- grund geringerer Nutzungsreserven häufig
ist als die aktuellen Marktmieten in einer Re- gulierung deutlich unter dem Transaktions- auch die angebotsseitige Anpassung einge-
gion, kann ein Wohnungswechsel teuer zu niveau verlaufen? Da die meisten vergleich- schränkt. Eine Mietzinsregulierung, die we-
stehen kommen. Dieser Umstand kann die baren Staaten über die eine oder andere niger ausgeprägte «Miet-Gaps» bewirken
intraregionale Mobilität einschränken. Das Form von Mietzinsregulierung verfügen, gibt würde, könnte zu einer stabileren Entwick-
Resultat wären überlange Mietverhältnisse, es nur wenige Beispiele, die hierüber Aus- lung der Mietwohnungsmärkte beitragen.
Wohnen in zu kleinen oder zu grossen Woh- kunft geben können. Eine Untersuchung für Im Moment dürfte eine solche Änderung bei
nungen oder eine reduzierte Umzugswahr- die USA2 beispielsweise kommt zum Ergeb- langjährigen städtischen Mietern auf wenig
scheinlichkeit. nis, dass das Potenzial von Mieterhöhungen Gegenliebe stossen. Doch der nächste Zins-
Zu diesen Punkten werden jedes Jahr rund in bestehenden Mietverhältnissen nur verzö- anstieg wird durch den Anstieg der Bestan-
5000 Haushalte im schweizerischen Haus- gert ausgeschöpft wird. desmieten auch die «Miet-Gaps» verkleinern.
haltpanel befragt. Empirisch kann dadurch Auch der schweizerische Mietmarkt In Verbindung mit den aktuell steigenden
belegt werden, dass der «Miet-Gap» tatsäch- für Luxusobjekte mit mehr als sechs Zim- Leerständen könnte dann der geeignete Mo-
lich einen wesentlichen Einfluss auf die Mobi- mern liefert einen Anhaltspunkt. Dort sind ment sein, um eine Änderung der Mietzinsre-
lität hat: Steigt der «Miet-Gap» an, so steigen die Mietzinse in der Schweiz nicht reguliert. gulierung in Angriff zu nehmen.
auch die durchschnittliche Mietdauer und Eine Befragung bei rund 50 Vermietern sol-
die Wahrscheinlichkeit, in einer unpassen- cher Objekte zeigt, dass die Anpassung an
den Wohnung zu leben. Dabei verursacht die die Marktmieten in diesem Segment nicht
Mietzinsregulierung eher das Problem einer voll ausgeschöpft wird. Grund ist die kompe-
zu kleinen als einer zu grossen Wohnung. titive Situation: Der mögliche Gewinn einer
Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt in Mietanpassung an die Marktmieten wird
hier abgewägt gegen die Vorteile eines sta-
1 In manchen Kantonen wird die Möglichkeit der
Anfechtung allerdings noch durch die sogenannte
Formularpflicht verstärkt, welche den Vermieter 2 Randal J. Verbrugge and Joshua Gallin (2017): A
verpflichtet, dem Neumieter mit einem amtlich Theory of Sticky Rents – Search and Bargaining with Daniel Sager
genehmigten Formular mitzuteilen, wie viel Miete sein Incomplete Information, Federal Reserve Bank of Cleve- Dr. oec., Ökonom, Meta-Sys AG, Bubikon
Vorgänger bezahlt hat. land, Working Paper 17/05.

62  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


DOSSIER

Gefährliche Ungleichgewichte
am Eigenheimmarkt
Steigende Zinsen oder eine kriselnde Wirtschaft könnten den stetig wachsenden Preisen
von Wohnimmobilien ein abruptes Ende setzen. Besonders anfällig ist die Spekulation mit
Eigentumswohnungen zur Weitervermietung.   Matthias Holzhey

Abstract    Der UBS-Immobilienblasenindex steht in der Risikozone. Denn die Riskante Ungleichgewichte
steigenden Eigenheimpreise der letzten 20 Jahre führten zu wachsenden Ungleich-
Wie hoch das Risiko einer Preiskorrektur ist,
gewichten an drei Fronten: Erstens übersteigt der Eigenheimkauf zusehends die
das schätzt der UBS-Immobilienblasenindex
finanziellen Möglichkeiten eines Grossteils der Haushalte. Zweitens haben sich die
mittels verschiedener Indikatoren ein (sie-
Eigentumspreise immer stärker von den Mieten abgekoppelt. Und drittens hat die
he Kasten). Je höher der Indexstand, desto
Nachfrage nach Eigentumswohnungen als Investitionsobjekte in den letzten Jahren
stärker sind die Abweichungen von der lang-
stark zugenommen. Bei den anhaltenden Tiefzinsen sind diese Risiken nicht akut,
fristigen Norm am Schweizer Eigenheim-
doch bereits ein moderater Zinsanstieg würde eine Korrektur auslösen.
markt, und umso grösser ist die Fallhöhe bei
einer Korrektur. Im Jahr 2017 bewegte sich
der UBS-Immobilienblasenindex in der Risi-

I  mmobilienmärkte neigen zu Übertreibun-


gen. Allein in den vergangenen 40 Jah-
ren gab es weltweit drei Wellen, in denen
ren. Deshalb stellt sich die Frage, wann dieser
bereits überlange Immobilienzyklus zu Ende
gehen wird. Denn je länger ein Aufschwung
kozone, was eine Überbewertung der Eigen-
heimpreise impliziert (siehe Abbildung). Al-
lerdings liegt der Indexstand aktuell deutlich
die Preise durchschnittlich um 30 bis 40 Pro- dauert, desto stärker wird der Glaube, dass unter dem Spitzenwert von 1990, dem Höhe-
zent nach unten korrigiert wurden. Die letzte die Hauspreise auch in Zukunft zwangsläufig punkt der letzten Immobilienblase.
Marktbereinigung von 2008 hat den Schwei- weiter steigen, und umso höher wird das Risi- Zurzeit lassen sich am Eigenheimmarkt an
zer Eigenheimmarkt jedoch nicht tangiert. ko von Immobilienblasen. drei Fronten Ungleichgewichte erkennen. Das
Denn die Tiefzinsen und ein Einwanderungs- erste betrifft die Tragbarkeit. Denn ein Eigen-
schub liessen die Nachfrage nach Eigenhei- heimkauf übersteigt mittlerweile die finanziel-
Die Preise für Wohneigentum sind in den
men hierzulande sprunghaft ansteigen. Die letzten Jahren gestiegen. Heute erfüllt nur len Möglichkeiten der meisten Haushalte. Das
Preise steigen mittlerweile bereits seit 20 Jah- noch ein Viertel der Haushalte die Kredit­ Preis-Einkommens-Verhältnis liegt zwar unter
vergaberichtlinien der Banken. dem Spitzenwert von 1990, doch eine Neu-
bauwohnung mit 120 m2 erfordert im Schwei-
zer Mittel bereits rund acht Jahreshaushalts-
einkommen. Heute erfüllen nur noch rund 25
Prozent der Haushalte die Kreditvergabericht-
linien1 der Banken. Je höher das Preis-Einkom-
mens-Verhältnis ist, desto höher ist zwangs-
läufig der Fremdfinanzierungsgrad und da-
mit auch die Anfälligkeit der Volkswirtschaft
gegenüber einer starken Preiskorrektur.
Ein zweites Ungleichgewicht besteht
bei den Mieten und Kaufpreisen. Gerade in
den letzten Jahren stiegen die Kaufpreise
für Wohneigentum ununterbrochen – stär-
ker als die Marktmieten. Aktuell sind knapp
30 Jahresmieten nötig, um ein vergleichba-
res Eigenheim zu erwerben. Der langfristige
Durchschnitt beträgt rund 26 Jahresmieten.
Die Nutzungskosten für ein durchschnittli-
ches Eigenheim, zu denen Zinskosten, Unter-

1 Gemäss den seit 1994 gültigen Tragbarkeitsrichtlinien


der Banken dürfen die kalkulatorischen Kosten eines
Objekts (kalkulatorischer Zinssatz von 4 bis 5 Prozent
KEYSTONE

plus Nebenkosten und Amortisationsleistungen) ein


Drittel des Bruttojahreseinkommens nicht übersteigen.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  63
IMMOBILIENMARKT

rekturphase kann ein solches Verhalten das


UBS-Immobilienblasenindex (1981–2017)
Angebot auf dem Markt erhöhen, sodass sich
3    Index ein Preisrückgang beschleunigt.
2. Quartal 1989, Höhepunkt der Blase
Beinahe sämtliche Korrekturen auf den
2 Immobilienblase globalen Eigenheimmärkten der letzten
Risiko
40 Jahre wurden von Zinserhöhungen der
1 Zentralbanken eingeläutet. Die Schweiz wird
diesbezüglich kein Spezialfall sein, obwohl
Boom
0 der kalkulatorische Zinssatz in der Tragbar-
keitsberechnung für Hypotheken den Auf-
Balance
–1 bau von Zinsrisiken gedämpft hat. Die Wir-
kung des kalkulatorischen Zinssatzes lässt

UBS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


1. Quartal 2008,
–2 Beginn Tiefzinsphase
sich im Vergleich mit Schweden, wo die Kre-
Baisse
ditvergabe weniger stark reguliert ist, illus-
1. Quartal 2000,
–3 Beginn Immobilienzyklus trativ aufzeigen: In beiden Ländern halbier-
1982 1987 1992 1997 2002 2007 2012 2017 ten sich die Hypothekarzinsen zwischen 2011
und 2015. In Schweden schnellten die Eigen-
heimpreise in derselben Periode allerdings
Der UBS-Immobilienblasenindex um 50 Prozent in die Höhe, während sie in
der Schweiz nur um 10 Prozent zunahmen.
Der Begriff «Blase» beschreibt Entkoppelung der Preise von den preise/Mietpreise, Hauspreise/
die erhebliche und anhaltende lokalen Einkommen und Mieten Haushaltseinkommen, Haus- Bereits ein moderater Anstieg der lang-
Fehlbewertung eines Ver- sowie andererseits Verzerrungen preise/Inflation, Hypothekar- fristigen Zinsen um 1 Prozentpunkt würde
mögenswerts. Ob es sich tat- in der Realwirtschaft, wie etwa verschuldung/Einkommen, Bau- Eigenheimkäufe wegen der monatlichen Be-
sächlich um eine Blase handelt, eine übermässige Kreditver- tätigkeit/Bruttoinlandprodukt
lastung des Haushaltsbudgets und auch im
kann allerdings erst nach ihrem gabe und Bautätigkeit. Der UBS sowie Anteil der gestellten
Platzen nachgewiesen werden. Swiss Real Estate Bubble Index Kreditanträge für Buy-to-let- Vergleich zur Miete unattraktiver machen.
Aus den historischen Daten misst anhand des Auftretens Objekte/Total der Kreditanträge Zudem dürfte der Kauf von Eigentumswoh-
können jedoch wiederkehrende solcher Muster das Risiko einer von UBS-Privatkunden. Der nungen zur Weitervermietung für Investo-
Muster von Immobilienmarkt- Immobilienblase. Der Index Index ist ein gewichteter Durch-
exzessen abgelesen werden. Zu erscheint vierteljährlich und schnitt dieser standardisierten
ren unrentabel werden. Obwohl erste Zent-
den typischen Anzeichen solcher wird aus sechs Subindizies (Ver- Indikatoren. ralbanken die Zinsen allmählich wieder anhe-
Exzesse gehören einerseits die hältniszahlen) berechnet: Haus- ben, bahnt sich eine solche Zinsentwicklung
vorerst noch nicht an. Immer deutlicher zeigt
sich hingegen das Überangebot an Mietwoh-
halt und Rückstellungen gehören, liegen der- ten Jahre auch von einer «Flucht in den Back- nungen, das auch auf die Preise von Eigen-
zeit rund 15 Prozent tiefer als die Mietkos- stein» geprägt wurde und das Preisniveau von tumswohnungen drückt. Sinken die Markt-
ten eines vergleichbaren Objekts. Dadurch Wohnimmobilien teilweise von den Erwartun- mieten, wie von der UBS prognostiziert, bis
bleibt Wohneigentum beliebt. Doch schon gen der Anleger abhängig gemacht hat. 2020 schweizweit um bis zu 10 Prozent, so
bei einem Anstieg der Hypothekarzinsen um werden auch die Kaufpreise für Eigentums-
1 Prozentpunkt würden sich die Nutzungs- Zinsanstiege lösen Korrekturen wohnungen zurückgehen. Das hat aber noch
kosten von Wohneigentum erhöhen und an kein abruptes Ende des Immobilienzyklus
die Mietkosten angleichen. Bei einem Zins-
aus zur Folge. Ein solches ist erst mit höheren
anstieg von 2 Prozentpunkten lägen die Nut- Eine Wirtschaftskrise oder stark steigende Kapital­kosten zu erwarten.
zungskosten von Eigenheimen sogar 15 bis 20 Zinsen dürften das Geschäft mit Eigentums-
Prozent über den Mietkosten. wohnungen zur Weitervermietung stärker
Das dritte Ungleichgewicht betrifft die treffen als das selbst genutzte Wohneigen-
zunehmende Spekulation. Eigentums­ tum. Denn die tiefen Nettorenditen von 2 bis
wohnungen werden heute in grossem Stil 3 Prozent bieten kaum einen Sicherheitspuf-
zu Investitionszwecken erworben. Der Anteil fer gegen steigende Zinsen, Leerstände oder
der Kreditanträge bei der UBS für Wohnun- sinkende Mieten. Investoren mit geringer Di-
gen, die weitervermietet werden sollen (soge- versifikation werden deshalb in einer Krise
nannte Buy-to-let-Objekte), bewegt sich nun- mit hoher Wahrscheinlichkeit substanzielle
mehr seit Ende 2012 zwischen 18 und 20 Pro- Vermögenseinbussen erleiden. Zudem wer- Matthias Holzhey
zent. Zum Vergleich: 2006 lag dieser Anteil den solche Buy-to-let-Objekte schneller ver- Dr. oec., Leiter Swiss Real Estate
noch bei rund 12 Prozent. Dies zeigt, dass die kauft als Eigenheime, wenn die Eigentümer Investments, Chief Investment Office,
UBS Switzerland AG, Zürich
Preisentwicklung in der Schweiz über die letz- in finanzielle Schieflage geraten. In einer Kor-

64  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


DER STANDPUNKT

5,6 Prozent. Und die Credit Suisse schrieb die-


sen März: «In Anbetracht der hohen Rendite-
Michael Töngi differenzen zu anderen Kapitalanlagen gibt es
Generalsekretär Schweizerischer Mieterinnen- und
für die Anleger kaum Alternativen.»1
Mieterverband, Bern
Wer es sich leisten konnte, hat in den letz-
ten Jahren Wohneigentum gekauft. Dafür wur-

Mieten stabilisieren!
den zum Teil hohe Preise bezahlt, doch unterm
Strich lohnte es sich: Dank Tiefstzinsen geben
Eigentümer fürs Wohnen heute viel weniger
aus als noch vor zehn Jahren. Wer das nötige
Trotz Leerständen steigen die Mieten weiter, und die Wohn- Kapital zum Kauf von Wohneigentum hingegen
kosten von Eigentümern und Mietern driften auseinander. nicht auf der Seite hat, der muss weiter mieten.
Davon betroffen sind insbesondere Personen
Dagegen hilft nur eins: mehr gemeinnütziger Wohnraum. 
mit kleinen Einkommen. Sie zahlen heute mehr
und haben nichts von den tiefen Zinsen.
 Wer die Karte zur Leerwohnungsquote anschaut, sieht einen Das Orakeln über die weitere Entwicklung bringt nichts. Die
bunt gefleckten Teppich. Tatsächlich: Es stehen mehr Woh- Zuwanderung und die Bauentwicklung können zunehmen oder
nungen leer als noch vor einigen Jahren, und es gibt sogar Ge- zurückgehen, und auch eine Veränderung der wirtschaftlichen
meinden mit zweistelligen Leerwohnungsziffern. Diese liegen in Situation wirkt sich auf die Wohnbedürfnisse aus. Klar ist: Der
Randregionen und in einem Streifen zwischen Wohnungsmarkt ist schon immer Zyklen
dem östlichen Aargau und dem Raum Biel. In gefolgt – Verschärfungen wie auch Ent-
den Städten und in den Agglomerationen hat «Es braucht mehr spannungen der Situation gehören dazu.
sich wenig verändert. Hier liegt die Leerwoh- Daraus kann und soll man keine kurzfris-
nungsquote bei einem halben Prozent, und
gemeinnützige tigen Schlüsse ziehen.
viele leer stehende Wohnungen sind im Hoch- Wohnungen, die dem Das Rezept gegen die Auswüch-
preissegment. Eine echte Auswahl sieht an- Renditemarkt entzogen se eines renditegetriebenen Mietwoh-
ders aus. nungsmarktes ist zwar einfach: Es braucht
Sucht jemand aktuell eine neue Wohnung, sind.» mehr gemeinnützige Wohnungen, die
so muss er mit einem massiv höheren Miet- dem Renditemarkt entzogen sind und ein
zins rechnen. Die Preisentwicklung der letzten Jahre ist beun- Gegengewicht schaffen. Nur mit einem guten Anteil an gemein-
ruhigend. Laut dem Beratungsunternehmen Wüest Partner sind nützigen Wohnungen können wir unabhängig vom Konjunktur-
die Angebotspreise seit dem Jahr 2000 um 50 Prozent gestiegen. verlauf preisgünstige Wohnungen bereitstellen. Doch das ist
Und auch der Gesamtdurchschnitt aller Mieten steigt weiter an. schwierig durchzusetzen, denn die Hürden dafür sind hoch: ex-
Alleine seit 2008 beträgt der Anstieg 12 Prozent, auch wenn sich orbitante Land- und Liegenschaftspreise, der Bund, der sich zu
in der gleichen Zeit die Hypothekarzinsen halbiert haben und wenig engagiert, und Stolpersteine in Gemeinden wie fehlen-
der Referenzzins acht Mal gesunken ist. Hätten sich die Mieten de raumplanerische Instrumente oder eine schwierige Partner­
nach den Regeln des Mietrechts entwickelt, so müssten sie heu- suche für grössere Projekte.
te rund 20 Prozent tiefer liegen als noch vor zehn Jahren. Natürlich werden uns ein paar Schlaumeier weismachen wol-
len, man müsse nur mehr Markt zulassen – sprich: die letzten
Renditegetriebener Markt mietrechtlichen Vorgaben abschaffen –, und alle Probleme wä-
ren gelöst. Sollten durchmischte Städte und die Verhinderung
Dieser Missstand ist die Folge eines Wohnungsmarktes, der im- von Ghettobildungen auch in Ihrem Sinne sein, so rate ich von
mer mehr Rendite hergeben muss. Denn Pensionskassen und diesem Experiment ab.
Versicherungen müssen Gewinne vorweisen, und auch Klein-
anleger wollen von den lukrativen Renditen profitieren. Wüest
Partner geht für 2016 von einer Rendite im Mietwohnungsmarkt
von 6,4 Prozent aus. Der Immobiliendienstleister Iazi rechnet mit 1 Siehe Credit Suisse (2017). Schweizer Immobilienmarkt 2017.

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  65
DER STANDPUNKT

feststellen. Das Bevölkerungswachstum kon-


zentriert sich auf das Mittelland, während die
Kathrin Strunk Bevölkerung in den Bergen abnimmt. Die An-
Volkswirtschaftliche Mitarbeiterin,
gebotsmieten in den Tourismusgemeinden
Hauseigentümerverband Schweiz (HEV), Zürich
sind zwischen 2015 und 2017 um 8,6 Prozent
zurückgegangen. Wüest Partner erklärt dies

Das Wohnangebot ist


damit, dass nach der Abstimmung über das
Zweitwohnungsgesetz die Märkte dort nicht
nur mit Ferienwohnungen, sondern auch mit
ausreichend Mietwohnungen überflutet wurden, da viele
Gemeinden den Bau von Ferienwohnungen
an den Bau von Mietwohnungen für Einhei-
Die Wohnraumversorgung in der Schweiz ist insgesamt mische geknüpft hatten. Infolge der Heraus-
gut, regional bestehen jedoch Unterschiede. Anstelle neuer forderungen in der Tourismus- und Baubran-
che und der daraus folgenden Abwanderung
gesamtschweizerischer Regulierungen braucht es deshalb stehen viele dieser Wohnungen nun leer.2
regional angepasste Strategien für mehr Wohnraum.  Anders sieht es auf dem Markt für Wohn-
eigentum aus. Dort halten sich Nachfrage
und Angebot einigermassen die Waage, ob-
 In den letzten Jahren wurden in der Schweiz jährlich über 50 000 wohl die Hypothekarzinsen sehr tief sind, was Wohneigen-
Wohnungen gebaut. Durch die hohe Zuwanderung zwischen tum attraktiv macht. Doch die Preise sind sehr hoch, und die
2008 und 2012 sind diese Wohnungen auf eine grosse Nachfrage Finanzierungsregeln wurden 2014 durch die Finanzmarktauf-
gestossen. Seit 2013 ist die Zuwanderung jedoch deutlich zurück- sicht so verschärft, dass die Nachfrage nach Wohneigentum
gegangen, die Zahl der neu gebauten Wohnungen blieb hingegen stark eingedämmt wurde. Zudem wird weniger im Eigentums-
gleich hoch. Die Gründe für den Bauboom sind segment gebaut, der Hauptanteil neu ge-
unter anderem das tiefe Zinsniveau und der so- bauter Wohnungen entfällt auf das Miet-
genannte Anlagenotstand. Dieser führt dazu, «Insbesondere in den segment.
dass Investitionen in Immobilien weiterhin at-
traktiv erscheinen, auch wenn die Gefahr be-
städtischen Gebieten
steht, dass einige Wohnungen leer stehen. sollte das verdichtete Regionale Strategien gesucht
Der Stabilitätsindikator des Beratungs- Bauen vorangetrieben Wenn man über das Wohnangebot in der
unternehmens Wüest Partner zeigt, dass sich Schweiz spricht, muss man zwischen den
der Mietwohnungsmarkt seit 2015 von einem werden.» Entwicklungen in den verschiedenen Re-
Vermieter- zu einem Mietermarkt gewandelt gionen unterscheiden. Neben Regionen,
hat, der die Verhandlungsposition der Mieter stärkt. Dies zeigt wo hohe Leerstände herrschen und die Vermarktungsdau-
auch die Leerstandsziffer: Sie ist seit dem Jahr 2000 kontinuier- er von Wohnungen deutlich zugenommen hat, ist die Nach-
lich angestiegen und betrug im Juni 2017 für die Gesamtschweiz frage nach Wohnraum in Städten wie Genf, Basel oder Zürich
1,47 Prozent, was 52 000 leer stehenden Wohnungen entspricht. unvermindert hoch. Die Herausforderung besteht also haupt-
Laut Bundesamt für Statistik lag die Leerwohnungsziffer in den sächlich darin, den vorhandenen Wohnraum besser zu nutzen.
Kantonen Solothurn, Schaffhausen, Appenzell Innerrhoden, Ap- Es braucht daher keine gesamtschweizerischen Massnahmen,
penzell Ausserrhoden, Aargau, Thurgau, Wallis und Jura sogar sondern regional angepasste Strategien.
über der 2-Prozent-Marke. Auch die Zahl der auf Vermietungs- Insbesondere in den städtischen Gebieten sollte das ver-
portalen angebotenen Mietwohnungen hat in den letzten Jahren dichtete Bauen vorangetrieben werden. Dazu braucht es eine
zugenommen: Gemäss Wüest Partner wurden 2017 pro Quar- Lockerung der Vorschriften in den Bauzonenordnungen wie
tal etwa 150 000 Wohnungen angeboten. Das entspricht rund höhere Ausnützungsziffern sowie Erleichterungen bei der
450 000 Wohnungswechseln jährlich. Dass das Wohnangebot Umnutzung von Büroflächen als Wohnraum. Um die Akzep-
steigt, zeigt auch die Angebotsziffer, welche die Wohnungsinse- tanz der baulichen Verdichtung zu erhöhen, sollte auch die Be-
rate dem gesamten Mietwohnungsbestand gegenüberstellt. Sie völkerung in die Planung einbezogen werden, und die Qualität
beträgt heute 6,8 Prozent. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren lag sie der Bebauungen muss besser werden.
noch bei 5,2 Prozent.1

Überangebot in den Berggebieten


Vergleicht man den Mittellandbogen mit den Berggebieten, 1 Wüest Partner (2018). Immo-Monitoring 2018.1.
lässt sich eine regelrechte Zweiteilung des Wohnungsmarkts 2 Wüest Partner (2018). Immo-Monitoring 2018.1: 28.

66  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2016 3/2017 2/2017 1/2017 4/2016
Schweiz 1,3 Schweiz 0,6 0,3 0,3 0,1
Deutschland 1,9 Deutschland 0,8 0,6 0,7 0,4
Frankreich 1,2 Frankreich 0,5 0,5 0,5 0,5
Italien 0,9 Italien 0,5 0,4 0,4 0,2
Grossbritannien 1,8 Grossbritannien 0,4 0,3 0,2 0,7
EU 1,9 EU 0,6 0,6 0,5 0,6
USA 1,6 USA 0,8 0,8 0,3 0,5
Japan 1,0 Japan 0,3 1,0 0,4 0,3
China 6,7 China 1,7 1,7 1,3 1,7
OECD 1,7 OECD 0,6 0,7 0,5 0,7

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2016 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2016 2016 3/2017
Schweiz 63 616 Schweiz 4,6 Schweiz 5,0
Deutschland 49 077 Deutschland 4,1 Deutschland 3,6
Frankreich 41 945 Frankreich 9,9 Frankreich 9,7
Italien 37 964 Italien 11,7 Italien 11,2
Grossbritannien 42 898 Grossbritannien 4,8 Grossbritannien –
EU 38 918 EU 8,6 EU 7,5
USA 57 325 USA 4,9 USA 4,3
Japan 41 694 Japan 3,1 Japan 2,8
China – China – China –
OECD 42 096 OECD 6,3 OECD 5,7

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Vor- Veränderung in % gegenüber dem
jahr ­Vorjahresmonat
2017 Dezember 2017
Schweiz 0,5 Schweiz 0,8
Deutschland 1,7 Deutschland 1,7
Frankreich 1,0 Frankreich 1,1
Italien 1,2 Italien 0,9
Grossbritannien 2,7 Grossbritannien 3,0
EU 1,7 EU 1,7
SECO, BFS, OECD

USA 2,1 USA 2,1


Japan 0,5 Japan 0,6
China 1,6 China 1,8
Weitere Zahlenreihen
OECD – OECD –
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss ILO (Internationale Arbeitsorganisation).

Die Volkswirtschaft  3 / 2018  67
Online-Werbemarkt wächst
Das Internet wird für den Werbemarkt immer wichtiger: Zwischen 2014 und 2016 ist der Werbeumsatz im Onlinebereich um
knapp ein Drittel gewachsen. Das trifft vor allem die Presse hart. Im gleichen Zeitraum sind die Umsätze dort um 18 Prozent
eingebrochen. Insgesamt war das Werbevolumen nur leicht rückgängig.

2014 2016

978
783
Netto-Werbeumsätze in der
Schweiz (in Millionen Franken)
304
Printmedien 350
89
  Tages-, regionale Wochen-, Sonntagspresse 87
107
  Publikums-, Finanz- und Wirtschaftspresse 100 775
  Spezialpresse (richtet sich an Interessierte) 772
  Fachpresse (richtet sich an Fachpersonen)

STIFTUNG WERBESTATISTIK SCHWEIZ, WERBEAUFWAND SCHWEIZ 2015 UND 2017 / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


147
Elektronische Medien 29
150
  Fernsehen (inkl. Sponsoring) 28
450
  Radio (inkl. Sponsoring)
292
  Kino
215 245
199
Online 121
247

 /   
  Suchmaschinen-Werbung a 18 130
21
  Online-Rubrikenmarkt (Job/Immobilien/Auto)
  Online-Display-Werbung (inkl. Bewegtbild
und Onlineauftritte Printmedien) 1059 1017
  Online-Verzeichnisse
(wie z. B. Search.ch, Local.ch)
  Affiliate-Marketing a/b

734 713
Übrige Werbekanäle
  Direktwerbung (Werbebriefe, Kataloge)
  Werbe- und Promotionsartikel 433 449
  Aussenwerbung
  Adressverzeichnisse gedruckt 96 74
(z. B. Gelbe Seiten)
Total 5652 Mio. Fr. Total 5560 Mio. Fr.

  Expertenschätzung der Bruttoumsätze / Media Focus.


a

  Vertriebspartnerschaften, bei denen nicht Klicks, sondern nur getätigte Verkäufe vergütet werden.
b

68  Die Volkswirtschaft  3 / 2018


VORSCHAU

88e année   N°
90. Jahrgang   Nr. 5 /2015 sFr.
1-2 /2018 Frs.12.–
12.–

La
DieVie économique
Volkswirtschaft
Plattformdefür Wirtschaftspolitik
Plateforme politique économique

FOKUS

Sollen die Importe in die Schweiz


erleichtert werden?
Schafft ein Land seine Importzölle ab, profitieren die heimischen Konsumenten und Unternehmen.
Länder wie Norwegen, Neuseeland und Singapur haben diesen Schritt bereits gemacht. Nun will der
Bundesrat ihrem Beispiel folgen und plant eine Vernehmlassung. Mehrere Studien, die im Auftrag des
Staatssekretariats für Wirtschaft gemacht worden sind, zeigen: Die Abschaffung von Importzöllen und
die Senkung von Zöllen auf ausgewählte ausländische Agrarprodukte wirken sich positiv auf Wachstum
und Wirtschaft der Schweiz aus. Lesen Sie mehr dazu in der nächsten Ausgabe.

Importerleichterung – Potenziale und volkswirtschaftliche Auswirkungen


Larissa Müller, Seco

Industriezölle hemmen Wirtschaftswachstum


André Müller, Sarina Steinmann, Ecoplan, Bern

Was sind die Auswirkungen bei Verhandlungen über Freihandelsabkommen?


Professoren Koen Berden und Manfred Elsig, World Trade Institute, Universität Bern, Charlotte Sieber-Gasser,
Universität Luzern

Kanada, Norwegen und Neuseeland machen positive Erfahrungen mit einseitigen


­Importerleichterungen
Simon Schropp, Kornel Mahlstein, Sidley Austin LLP, Washington und Genf

Unilateraler Zollabbau bringt administrative Entlastung


Harald Meier, Miriam Frey, B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung, Basel

Potenzial für ausgewählte Agrarprodukte und Lebensmittel


Jacques Chavaz, Jch-consult, Villars-sur-Glâne, Professor Martin Pidoux, Hochschule für Agrar-,
Forst- und Lebensmittelwissenschaften, Zollikofen

Der hohe Preis, ein bisschen anders zu sein


Stefan Meyer-Lanz, Manuel Langhart, IWSB, Basel

Auf dem Holzweg? Die Deklarationspflicht für Holzprodukte


Professoren Peter Moser und Andreas Nicklisch, Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur