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90. Jahrgang   Nr. 12 / 2017 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW WACHSTUM GROSSBANKEN DOSSIER


Ungleichheit gefährdet laut Rezessionen dank Modell Laut Studie ist die Was uns morgen wichtig ist
Ökonom Marcel Fratzscher früh erkennen Eigenkapitalquote zu tief 51
den Wohlstand 41 48
32

FOKUS
Wie geht es der Mittelschicht?
Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Gefühlte Lage weicht ab von Fakten


Es gibt keine einheitliche Definition von Mittelschicht. Politiker von links
bis rechts nutzen den Begriff in Parteiprogrammen, parlamentarischen Vor-
stössen und Abstimmungskampagnen. Je nach Gusto wird die Situation des
Mittelstandes beklagt oder verteidigt.
Höchste Zeit für eine nüchterne Aufarbeitung der Thematik. In der vorlie-
genden Ausgabe hat die Wissenschaft das Wort: Professoren aus Ökonomie
und Sozio­logie analysieren die Mitte aus
unterschiedlicher Perspektive – nach Ein-
kommen, Regionen, Bildung und Berufs-
typen. Je nach Ansatzpunkt wird anders
gemessen. Doch im Grossen und Gan-
zen sind die Resultate einheitlich: In der
Schweiz ist die Mitte bisher nicht erodiert.
Allerdings steht die objektive Situation
im Kontrast zur gefühlten: Weil innerhalb
der Mittelschicht die soziale Mobilität zu-
genommen hat, sind auch die Abstiegs-
ängste gestiegen. Angesichts der zunehmenden Globalisierung und Digitali­
sierung wird der Druck auf die Mittelstandsbevölkerung in Zukunft wohl
weiter steigen. Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt heute schon eine ef-
fektiv schrumpfende Mitte.
Steigende Ungleichheit ist einer der Gründe für die Wahlerfolge von popu-
listischen Strömungen, wie wir mit Blick auf die Wahlresultate in den USA,
in Deutschland, Frankreich und Österreich feststellen. Der auf Verteilungs­
fragen spezialisierte deutsche Ökonom Marcel Fratzscher kennt die Ur­
sachen der Ungleichheit in Deutschland. Im Interview erklärt er, warum
fehlende Chancengleichheit dem Wohlstand schadet.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

Fokus

6 11 16
Die Mittelschicht ist stabil Steuerdaten zeigen Der Bildungsmittelstand
Christian Frey , Christoph A. Schaltegger
Universität Luzern
schwaches Wachstum der steigt auf
mittleren Einkommen Stefan C. Wolter
Universität Bern
Rudi Peters
Eidgenössische Steuerverwaltung

b
STANDPUNKTE

29
Abrutschen der unteren
Mitte verhindern
Martin Flügel Caritas Schweiz

20 24
Keine Polarisierung in der Mittelstand in den 30
Schweizer Berufsstruktur OECD-Ländern unter Druck Das Bildungssystem ist
Daniel Oesch
Universität Lausanne
Michael Förster, Horacio Levy
OECD
gefordert
Patrik Schellenbauer, Daniel Müller-Jentsch
Emily Murphy
Avenir Suisse
University of Oxford

32

«Die Leistungsgesellschaft
funktioniert nicht»
Im Gespräch mit
dem deutschen Ökonomen
Marcel Fratzscher
INHALT

Themen
b b

37 39 41
AUFGEGRIFFEN DIE STUDIE WACHSTUM

Freiwillige vor! Energie sparen dank der Zur Früherkennung von


Eric Scheidegger Klimaerwärmung Rezessionen in der Schweiz
Staatssekretariat für Wirtschaft
Camille Gonseth, Philippe Thalmann, Marc Vielle Philipp Wegmüller
Eidgenössische Technische Hochschule Lausanne Staatssekretariat für Wirtschaft
Christian Glocker
Österreichisches Institut für
Wirtschaftsforschung

DOSSIER

Was uns morgen wichtig ist


45 48
FINANZMÄRKTE GROSSBANKEN
52
Klimaverträglichkeitstests Zu lockere
Neue Technologien wecken
für Pensionskassen und Eigenkapitalanforderungen Befürchtungen – und Hoffnungen
Versicherungen für Schweizer Grossbanken Mirjam Hauser
Silvia Ruprecht-Martignoli Peter Kugler Gesellschaft für innovative Marktforschung
Bundesamt für Umwelt Universität Basel
Georg Junge
Georg Junge Riskconsulting & Partner

55
Megatrends verändern
Anlagestrategien
Nannette Hechler-Fayd’herbe

Spots Credit Suisse

i 57
Stimmungsschwankungen bei
IMPRESSUM ZAHLEN INFOGRAFIK
Konsumenten früh erkennen
Informationen Wirtschaftskennzahlen Migration in die Schweiz Felicitas Kemeny
zum Magazin wächst langsamer Staatssekretariat für Wirtschaft

4 59 60
i IMPRESSUM

Herausgeber
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, ­Bildung
und Forschung WBF,
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Redaktion
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Käthi Gfeller, Matthias Hausherr, Christian Maillard,
Stefan Sonderegger

Redaktionsausschuss
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(französisch: La Vie économique), 90. Jahrgang, mit Beilagen.

Druck
Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp

Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung der Autorin-


nen und Autoren und deckt sich nicht notwendigerweise mit der
Meinung der Redaktion.

Der Nachdruck von Artikeln ist, nach Bewilligung durch die Redak-
tion, unter Q
­ uellenangabe gestattet; Belegexemplare e­ rwünscht.

ISSN 1011-386X

App
Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1, 4552 Derendingen

Quellenangaben für die Abbildung auf S. 5:


BFS – SILC (2013), in: BFS (2016): Wie geht es der Mitte?
FOKUS

Wie geht es der Mittelschicht?


Die Mittelschicht ist Trägerin der Gesellschaft. In der Schweiz
gehören ihr gemäss Bundesamt für Statistik rund 60 Prozent aller
Haushalte an. Wie es dieser in Bezug auf Einkommen, Bildung und
Erwerbssituation alles andere als homogenen Bevölkerungsgruppe
geht, analysieren wir im aktuellen Fokus.

MITTELSCHICHT

Einkommensschwach: 22,4% Untere Mittelschicht: 27,8% Obere Mittelschicht: 30,3% Einkommensstark: 19,5%

Monatseinkommen Monatseinkommen

3947 bis 8288 bis 5638 bis 11 840 bis


5638 Fr. 11 840 Fr. 8457 Fr. 17 760 Fr.
Bruttoeinkommen von Alleinlebenden und Paaren
mit zwei Kindern
MITTELSCHICHT

Die Mittelschicht ist stabil


Die Situation der gesellschaftlichen Mitte in der Schweiz wird gerne beklagt. Statistische
Untersuchungen belegen jedoch eine stabile mittlere Einkommensschicht über die letz-
ten Jahrzehnte.  Christian Frey, Christoph A. Schaltegger

Abstract    Die Daten zur Verteilung der Einkommen zeigen eine stabile bedeutet und 0 für perfekte Gleichheit steht.
Mitte. Dies gilt unabhängig der verwendeten Datengrundlagen, Einkom- Das «­Polarisierungsmass», wiederum, betrach-
menskonzepte und Verteilungsmasse. Beschleunigte strukturelle Verän- tet die durchschnittliche Differenz der indivi-
derungen in Wirtschaft und Gesellschaft können für die Mittelschicht eine duellen Einkommen zum Median. Die Polarisie-
Belastung bedeuten. Bisher wurden diese Herausforderungen jedoch gut rung ist hier umso ausgeprägter, je grösser die
gemeistert: Die Mitte verliert nicht an Boden. Woher stammt also das Miss- Abweichungen von der Mitte sind.2 Das dritte
behagen trotz umfassender sozialer Absicherung? Wir argumentieren, dass
Mass entspricht der relativen Abweichung des
gerade die weitgehende Umverteilung innerhalb der Mittelschicht einen
gewissen Missmut erklären könnte. Etwa, wenn sich Leistung aufgrund Median- vom Durchschnittseinkommen. Hier
hoher effektiver Grenzsteuersätze kaum noch im verfügbaren Einkom- gilt: Je weiter sich die hohen Einkommen vom
men niederschlägt. Im Weiteren äussert sich eine erhöhte soziale Mobilität Median entfernen, desto grösser ist der Wert.
nicht nur in besseren Aufstiegschancen, sondern auch in verschärften Ab- Eine Datenbasis für die letzten Jahrzehnte
stiegsrisiken für die Mittelschicht. liefert die AHV. Anhand der beitragspflichtigen
Arbeitseinkommen von Arbeitnehmenden und
Selbstständigen lässt sich die Einkommensver-

I  m politischen Diskurs wird der Mitte der Ge-


sellschaft ein hohes Gewicht beigemessen.
Der Mittelstand steht in Abstimmungskampa-
teilung seit 1981 beschreiben (siehe Abbildung 1).
Dabei zeigt sich:  Während sowohl der Gini-­
Koeffizient als auch die Abweichung des Medians
gnen im Zentrum, parlamentarische Vorstös- vom Durchschnitt im Trend leicht ansteigen,
se verlangen Berichte zur angeblichen Erosion bleibt die Polarisierung stabil. Die hohen Arbeits-
der Mittelschicht, und der Bundesrat muss sich einkommen konnten also leicht zulegen – was die
rechtfertigen, warum er keine Mittelstandsstra- Mitte jedoch nicht auseinanderdriften liess.
tegie verfolgt.1 Da sich nahezu alle Wähler sub- Im Unterschied zu den AHV-Daten erlaubt
jektiv zur Mitte zählen, eignet sich diese eher die Statistik der direkten Bundessteuer als wei-
schwammig definierte Mitte optimal zur politi- tere Datengrundlage die Analyse nicht nur der
schen Profilierung. Arbeitstätigen, sondern der Gesamtbevölkerung
Angesichts tiefgreifender struktureller Ver- (siehe Abbildung 2). Das steuerbare Einkommen
änderungen in Wirtschaft und Gesellschaft wie schliesst dabei neben den Löhnen auch Kapital-
Digitalisierung, Individualisierung, Alterung und steuerbare Transfereinkommen ein. Auch
und Migration könnte man durchaus vermuten, hier zeigt sich seit 1980 eine leichte Zunahme
dass die finanziellen Herausforderungen in der der Ungleichheit beim Gini-­Koeffizienten sowie
Mitte der Gesellschaft am stärksten zunehmen. bei der Abweichung des Medians vom Durch-
Ein Faktencheck zeigt aber: Die mittlere Ein- schnitt. In der längerfristigen Entwicklung er-
kommensschicht ist in den letzten Jahrzehnten scheinen diese Schwankungen jedoch nicht un-
erstaunlich stabil geblieben. gewöhnlich. Die Polarisierung der steuerbaren
Die Einkommensverteilung kann man Einkommen ist seit 1980 stabil.
unterschiedlich messen. Im Folgenden fokus-
sieren wir auf drei Masse. Als allgemeines Un- Erhebungsdaten bestätigen Stabilität
1 ESTV (2015); Bundes- gleichheitsmass legt der Gini-Koeffizient viel
rat (2016). Gewicht auf die Mitte der Verteilung, wobei ein Die Haushaltsbudgeterhebung (Habe) des Bun-
2 Foster und Wolfson
(2010). Koeffizient von 1 eine maximale Ungleichheit desamtes für Statistik (BFS) liefert weitere

6  Die Volkswirtschaft  12 / 2017
Die Mittelschicht bleibt auch in Zukunft stark.
Darauf deuten statistische Untersuchungen hin.
KEYSTONE
MITTELSCHICHT

Einkommens­ daten. Dank der differenzierten Real verfügbare Einkommen wachsen


Angaben lassen sich unterschiedlich grosse
Haushalte äquivalent gewichten und das letzt- Die Mittelschicht wird dabei nicht etwa durch
lich verfügbare Einkommen abbilden, also das eine aufgehende Schere zwischen Arm und
Bruttoeinkommen inklusive Transferleistun- Reich auseinandergezerrt. So ist das Verhält-
gen (Renten, Ergänzungsleistungen, Taggelder, nis zwischen dem Einkommen der reichsten
weitere Sozialleistungen und Alimente) nach 20 Prozent und der ärmsten 20 Prozent der Er-
Abzug sämtlicher Zwangsabgaben (Steuern, So- werbshaushalte seit 1998 konstant. Auch auf
zialabgaben und Krankenkassenprämien). Hier Basis der Steuerstatistik erweisen sich die Ein-
zeigt sich: Alle drei Verteilungsparameter wei- kommensanteile der Reichsten sowie auch de-
sen seit 1998 eine insgesamt stabile Entwick- ren Belastung durch die progressiven Einkom-
lung auf (siehe Abbildung 3). menssteuern in der Schweiz als langfristig
Das BFS definiert die Mittelschicht als Haus- ausserordentlich stabil.3 Somit zeichnen die
halte mit einem äquivalenzgewichteten Brutto- Verteilungsdaten insgesamt ein konsistentes
einkommen zwischen 70 und 150 Prozent des Me- Bild: Die Mittelschicht verliert im Vergleich zu
dians. Der Bevölkerungsanteil dieser Gruppe liegt unteren und oberen Einkommen nicht an Bo-
2014 bei 57 Prozent und hat sich seit 1998 nicht den.
verändert. Alternativ kann der Einkommensan- Könnte allenfalls eine stagnierende Kauf-
teil der mittleren 60 Prozent der Bevölkerung he- kraft der Einkommen Sorgen bereiten? Auch
rangezogen werden – mit anderen Worten: die diese Befürchtung wird nicht bestätigt, wie das
Einkommen zwischen dem 20. und dem 80. Per- reale Wachstum der verfügbaren Einkommen
zentil. Am verfügbaren Gesamteinkommen be- der Erwerbshaushalte zeigt (siehe Abbildung 4).
trägt der Anteil dieser Gruppe 54 Prozent und ist Seit dem Jahr 2000 haben die Einkommen der
von 1998 bis 2014 ebenfalls konstant geblieben. Mittelschicht sogar stärker als die unteren und
Unabhängig von der Definition der Mittelschicht die oberen Einkommen zugenommen: In den
und unabhängig vom verwendeten Verteilungs- mittleren Dezilen (3 bis 8) beträgt der Anstieg
mass lässt sich also auch auf Basis der Habe- der real verfügbaren Einkommen zwischen 17
3 Frey und Schaltegger
(2016). Daten eine ausgeprägte Stabilität feststellen. und 20 Prozent.

ABB. 1: AHV-EINKOMMENSSTATISTIK, ZENTRALE AUSGLEICHSSTELLE GENF (2017), BERECHNUNGEN FREY UND SCHALTEGGER (2016) /

ABB. 2: STATISTIK DER DIREKTEN BUNDESSTEUER; BERECHNUNGEN FREY UND SCHALTEGGER (2016); POLARISIERUNG GEMÄSS
Abb. 1: Ungleichheit anhand der Arbeits­ Abb. 2: Ungleichheit anhand der direkten­Bundes-
einkommen (1981–2014) steuer (1945–2013)

0,6 0,6

0,5 0,5

0,4 0,4
GORGAS UND SCHALTEGGER (2014) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

0,3 0,3

0,2 0,2
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

0,1 0,1

0 0
1981 1985 1989 1993 1997 2001 2005 2009 2013 1945 1954 1963 1972 1981 1990 1999 2008

  Gini-Koeffizient          Polarisierung          Relative Abweichung des Medians vom Durchschnittseinkommen

8  Die Volkswirtschaft  12 / 2017
FOKUS

Gefühlte Ungleichheit Angebot an Fachkräften wirkt der Bildungsprä-


mie und damit der Einkommensungleichheit ent-
Angesichts der dargestellten Statistiken erstau- gegen.6 Die Konsequenz ist jedoch, dass bildungs-
nen die breit geäusserten Sorgen um die Situ- ferne Bevölkerungsschichten zurückfallen.
ation der Mittelschicht. Doch ist die effektive Auch die gesellschaftlichen Veränderungen
Einkommensverteilung für die Wahrnehmung in den Haushalts- und Erwerbsstrukturen kön-
der Mittelschichthaushalte überhaupt relevant? nen die gefühlte Situation des Mittelstands be-
Ein Vergleich von mehreren Ländern hat erge- einflussen. Machten Einpersonenhaushalte im
ben, dass zwischen der effektiv gemessenen und Jahr 1960 gerade mal 14 Prozent der Haushalte
der subjektiv gefühlten Ungleichheit kaum ein aus, stellen sie heute mit 35 Prozent die wich-
Zusammenhang besteht.4 tigste Haushaltsform dar.7 Hinzu kommt: Unter
Auslöser eines Gefühls der Unsicherheit den Familienhaushalten gibt es immer mehr Al-
können etwa strukturelle Veränderungen in leinerziehende. Der traditionell wichtige Aus-
Wirtschaft und Gesellschaft sein. So steigen gleich innerhalb des Haushaltsverbands fällt
beispielsweise die Bildungsanforderungen am damit zunehmend weg.
Arbeitsmarkt aufgrund des technologischen Weiter stammen die Ehepartner zusehends
Fortschritts. Entsprechend ist der Lohnzu- aus der gleichen Einkommensschicht («assorta-
schlag für einen tertiären Abschluss (Bildungs- tive mating»). Diese Korrelation der Löhne ver-
prämie) von 1996 bis 2010 gestiegen.5 Hingegen stärkt die Polarisierung in Hoch- und Niedrig-
blieb der Zuschlag für eine abgeschlossene Be- lohn-Haushalte.8 Gleichzeitig ändern sich durch
rufslehre in dieser Zeitspanne nahezu konstant. die steigende Erwerbstätigkeit der Frauen auch
Nicht zuletzt dank des durchlässigen Schwei- die Erwerbsmodelle in Paarhaushalten, was die
zer Bildungssystems nimmt der Bildungsstand der Polarisierungstendenz zusätzlich verstärkt.
Arbeitsbevölkerung stetig zu. Verfügte 1996 ledig-
lich ein Fünftel der Bevölkerung im arbeitsfähi- Starke Umverteilung 4 Niehues (2016).
5 Favre, Föllmi und Zwei-
gen Alter über einen tertiären Bildungsabschluss müller (2012).
(Hochschule oder höhere Berufsbildung), so sind Auch gesellschaftliche und wirtschaftliche Ver- 6 Puhani (2005).
7 Morger (2015): 19.
es heute bereits über 40 Prozent. Das steigende änderungen wie die Alterung, die ­Globalisierung 8 OECD (2011): 202.

Abb. 3: Ungleichheit auf Basis der Haushalts- Abb. 4: Reales Wachstum des Äquivalenzeinkommens
budgeterhebung (1998–2014) von 2000 bis 2014 (ohne Rentnerhaushalte)

0,5 30      In %
ABB. 4: HABE, LIK; BERECHNUNGEN FREY UND SCHALTEGGER (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
ABB. 3: HABE; BERECHNUNGEN FREY UND SCHALTEGGER (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

0,4
20

0,3

10

0,2

0
0,1

0 –10
1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 1. Dezil 5. Dezil 10. Dezil
  Gini-Koeffizient          Polarisierung         Verfügbares Einkommen          Primäreinkommen
  Relative Abweichung des Medians vom Durchschnittseinkommen

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  9
MITTELSCHICHT

oder Migrationsströme beeinflussen die Situa- tatsächlich zunehmend abstiegsgefährdet. An-


tion der Mittelschicht und können Ängste aus- dererseits erhalten untere Einkommensschich-
lösen. Solche Befürchtungen erscheinen jedoch ten vermehrt die Möglichkeit aufzusteigen. In
angesichts der Stabilität der mittleren Einkom- diesem Fall bleibt die Mittelschicht durchaus
men als unbegründet. Offenbar sind die wirt- stabil – jedoch bei über die Zeit wechselnder Be-
schaftspolitischen Rahmenbedingungen – etwa setzung.
bei der Bildung, im Arbeitsmarkt und bei den Eine höhere Mobilität ist im Hinblick auf
Sozialversicherungen – so ausgestaltet, dass die eine chancengerechte, meritokratische Ge-
Auswirkungen der Strukturveränderungen auf sellschaft durchaus zu begrüssen. Gleichzei-
die Mittelschicht zuverlässig ausgeglichen und tig kann die damit verbundene Unsicherheit
neutralisiert werden. Doch genau dies könnte die gefühlte Situation der Mittelschicht be-
auch einen gewissen Missmut hervorrufen. einträchtigen. Um dieser möglichen Erklä-
Zwar bleibt die mittlere Einkommensschicht rung nachzugehen, wäre eine vertiefte Analy-
durch eine umfassende soziale Absicherung sta- se der Entwicklung der Einkommensmobilität
bil. Innerhalb der Mittelschicht können die mit über die Zeit notwendig. So erlauben bisheri-
der Absicherung verbundene starke Umvertei- ge Arbeiten lediglich eine Einschätzung des
lung und Nivellierung der Einkommen jedoch Niveaus der sozialen Mobilität – noch nicht 9 Engler (2011).
zu einer Unzufriedenheit führen.9 Dies ist ins- untersucht wurde aber, wie sich die Mobilität 10 De Coulon und Zürcher
(2004); Bauer (2006);
besondere dann der Fall, wenn sich zusätzli- über die Zeit verändert.10 Moser (2013).
che Arbeitsleistung aufgrund hoher effektiver
Grenzsteuersätze kaum noch im verfügbaren
Einkommen niederschlägt. Analysen zur Situ-
ation der Mittelschicht sollten deshalb insbe-
sondere den Einfluss des Steuer- und Transfer­
systems auf die Arbeitsanreize umfassend
untersuchen.

Christian Frey Christoph A. Schaltegger


Steigende Mobilität Wissenschaftlicher Professor für Politische
­A ssistent an der Ökonomie an der
Universität Luzern Universität Luzern und
Eine weitere Erklärung für die Sorgen der Mit-
Direktor des Instituts für
telschicht kann eine erhöhte Einkommensmo- Finanzwissenschaft
bilität sein. So sind bildungsferne Mittelschicht- und Finanzrecht der
Universität St. Gallen
haushalte durch strukturelle Veränderungen

Literatur
Bauer, P. (2006). The Intergenerational Trans- Favre, S., R. Föllmi und J. Zweimüller (2012). Morger, M. (2015). Wer, was, wo ist der Mittel-
mission of Income in Switzerland: A Compari- Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt und die stand? – Eine Spurensuche. ESTV.
son Between Natives and Immigrants, Folgen für das Lohngefüge, in: Avenir Suisse, Moser, P. (2013). Wie durchlässig ist die Gesell-
WWZ Discussion Paper 0601. Patrick Schellenbauer und Daniel Müller- schaft, Statistik info 2013/08, Statistisches
Bundesrat (2016). Strategie für den Mittelstand, Jentsch (Hrsg.): Der strapazierte Mittelstand: Amt Kanton Zürich.
Bericht in Erfüllung des Postulats 11.3810 Zwischen Ambition, Anspruch und Ernüch- Niehues, J. (2016). Wahrnehmung und Wirk-
von Lucrezia Meier-Schatz vom 22. Septem- terung. lichkeit – ein internationaler Vergleich, Wirt-
ber 2011. Foster, J. E. und M. C. Wolfson (2010). Polariza- schaftsdienst, 96. Jahrgang, Heft 13: 13–18
De Coulon, A. und B. A. Zürcher (2004). Low Pay tion and the Decline of the Middle Class: OECD (2011). Divided We Stand: Why Inequality
Mobility in the Swiss Labour Market, in: D. E. Canada and the US, Journal of Economic Keeps Rising.
Meulders, R. Plasman und F. Rycx (Hrsg.): Mini- Inequality, 8 (2): 247–273. Puhani, P. A. (2005). Relative Supply and
mum Wages, Low Pay and Unemployment. Frey, C. und C. A. Schaltegger (2016). Progres- Demand for Skills in Switzerland – Schweizeri-
Eidgenössische Steuerverwaltung (2015). Ero- sive Taxes and Top Income Shares: A Historical sche Zeitschrift für Volkswirtschaft und
diert die Mittelschicht? Hintergrundstudie Perspective on Pre- and Post-tax Income Statistik 141(4): 555–584.
zum Bericht in Erfüllung des Postulats 10.4023 Concentration in Switzerland. Economics
von Susanne Leutenegger Oberholzer. Letters, 148: 5–9.
Engler, M. (2011). Redistribution in Switzerland: Gorgas, C. und C. A. Schaltegger (2014).
Social Cohesion or Simple Smoothing of Life- Schrumpfende Mittelschicht in der Schweiz? –
time Incomes? – Swiss Journal of Economics Ökonomenstimme 17. April 2014.
and Statistics 147(2): 107–155.

10  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

Steuerdaten zeigen schwaches


Wachstum der mittleren Einkommen
In der Schweiz ist der Mittelstand nach wie vor ein wesentlicher Teil der Gesellschaft.
Die Steuerdaten zeigen jedoch, dass die Mittelschicht tendenziell an Bedeutung verliert.
Innerhalb dieser Schicht öffnet sich zudem die Einkommensschere.  Rudi Peters

Es wird hier davon ausgegangen, dass der


Abstract  Dieser Artikel beschreibt die Entwicklungen der Mittelklasse an-
hand eines Vergleichs der Steuerdaten von 2004 und 2014. Auf gesamt- Mittelstand aus denjenigen Steuerpflichtigen
schweizerischer Ebene hat sich das durchschnittliche Nettoäquivalenzein- besteht, deren Nettoäquivalenzeinkommen
kommen des Mittelstands im Zeitraum 2004 bis 2014 um 1,2 Prozent pro zwischen dem 40. und dem 90. Perzentil liegt
Jahr erhöht. Etwas stärker zugenommen hat das durchschnittliche Net- (siehe Kasten 1 zur Methodik und Kasten 2
toäquivalenzeinkommen der Gesamtbevölkerung (1,42%). Markanter ist zur Definition der verwendeten Begriffe).
der Anstieg bei den hohen Einkommen, wo das Nettoäquivalenzeinkom- Somit umfasst der Mittelstand die Hälfte der
men 2,21 Prozent zugelegt hat. Auf regionaler Ebene sind die Mittelstands-
Steuerpflichtigen und wird im Verhältnis zur
einkommen nur in 15  Prozent der Gemeinden rascher gewachsen als die
Einkommen aller Steuerpflichtigen. Ausserdem ist der Anstieg der Mit- Gesamtbevölkerung definiert. Auf gesamt-
telstandseinkommen bei den tiefsten Einkommen geringer ausgefallen, schweizerischer Ebene lag das Nettoäquivalenz-
wodurch sich der Gini-Koeffizient erhöht hat. Der Anteil der Reineinkom- einkommen des Mittelstands im Jahr 2004 bei-
men der Mittelschicht am gesamten Reineinkommen hat sich im Zeitraum spielsweise zwischen 32 100 und 74 509 Franken
2004 bis 2014 von 55,95 auf 54,53 Prozent verringert. Daraus lässt sich der und im Jahr 2014 zwischen 35 300 und 86 900
Schluss ziehen, dass die Mittelschicht am Wohlstand des Landes zusehends
Franken. Wenn der Mittelstand auf Kantons-
weniger teilhaben kann.
ebene definiert wird, fallen die Beträge unter-
schiedlich aus.

J  üngst veröffentlichte Berichte erwecken


den Eindruck, dem Mittelstand gehe es ge-
nerell gut. Aber kann die Mittelschicht gleich
Geringere Zunahme der Einkommen
stark vom Wohlstand des Landes profitieren Der gesamtschweizerische Durchschnitt
wie andere Schichten? Dieser Artikel wirft der Nettoäquivalenzeinkommen des Mittel-
einen kritischen Blick auf die Entwicklung der stands hat sich im Zeitraum 2004 bis 2014 von
mittleren Einkommen während der vergange- 48 712 auf 54 857 Franken erhöht. Dies ent-
nen zehn Jahre. spricht einem jährlichen Anstieg um 1,2  Pro-
zent (siehe Abbildung 1). Mit einem Wachstum
von 1,42 Prozent pro Jahr hat das durchschnitt-
Abb. 1: Jährliche nominale Zunahme der Nettoäquivalenzeinkommen
liche Nettoäquivalenzeinkommen der Gesamt-
(2004–2014, Durchschnitt pro Einkommensklasse, in %)
bevölkerung etwas stärker zugenommen. Bei
2,5 den Steuerpflichtigen, deren Nettoäquivalenz-
2,21 einkommen über dem 90. Perzentil liegt («hohe
2
Einkommen»), ist der entsprechende Anstieg
1,5
mit 2,21 Prozent pro Jahr deutlich markanter
1,42
1,20
ausgefallen. Hingegen sind die Einkommen der
ESTV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

1 Steuerpflichtigen, deren Nettoäquivalenzein-


0,63 kommen unter oder auf dem 40. Perzentil liegt
0,5
(«tiefe Einkommen»), mit jährlich 0,63 Prozent
0 weniger stark gewachsen als die Einkommen
Tiefe Einkommen Mittlere Einkommen Total Hohe Einkommen des Mittelstands. Von 2004 bis 2014 betrug die

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  11
MITTELSCHICHT

durchschnittliche jährliche Teuerungsrate 0,49 zur Folge, was durch den Gini-Koeffizienten
Prozent. der Nettoäquivalenzeinkommen veranschau-
Eine regionale Studie zum Einkommens- licht wird. Hinsichtlich des Mittelstands ist der
wachstum zeigt, dass die Einkommen des Gini-Koeffizient innerhalb von zehn Jahren von
Mittelstands in lediglich 354 der 2352 Schweizer 0,1302 auf 0,1367 gestiegen.
Gemeinden stärker gestiegen sind als die Ein-
kommen aller Steuerpflichtigen (1,42% pro Geringes Wachstum der Einkom-
Jahr). Dies entspricht einem Anteil von lediglich
men von Alleinstehenden
15 Prozent (siehe Abbildung 2). Um mehr als 2,21
Prozent pro Jahr zugenommen haben die Netto- Nur sehr geringfügig zugenommen hat das
äquivalenzeinkommen des Mittelstands in nur durchschnittliche Nettoäquivalenzeinkom-
14 Gemeinden.1 men von kinderlosen Alleinstehenden, die
zum Schweizer Mittelstand gehören: Zwi-
Einkommen des unteren Mittel- schen 2004 und 2014 ist dieses von 48 723 auf
54 571 Franken gestiegen, was 1,14 Prozent pro
stands wachsen langsamer
Jahr entspricht (siehe Abbildung 4). Am stärks-
Ein genaueres Bild verschafft die Unterteilung ten erhöht haben sich die Nettoäquivalenz-
des Mittelstandes in Perzentile bzw. Quartile einkommen des Mittelstands bei Familien mit
(siehe Abbildung 3). Für den Zeitraum 2004 bis Kindern: Der durchschnittliche jährliche Ein-
2014 zeigt sich: Die Nettoäquivalenzeinkom- kommenszuwachs betrug hier 1,28 Prozent bei
men des untersten Quartils stiegen real, d. h. Einelternfamilien und 1,33 Prozent bei Ehepaa-
unter Berücksichtigung der Teuerung, um le- ren. Diese Werte lagen indessen unter dem ge-
diglich 6,21 Prozent. Demgegenüber stiegen die samtschweizerischen Einkommenswachstum
Nettoäquivalenzeinkommen des Medianwer- (+1,42% pro Jahr).
tes um 6,60 Prozent; diejenigen des obersten
Quartils verzeichneten ein Wachstum von 7,31 Abnehmende Teilhabe am
Prozent. Auf dem 90. Perzentil stiegen die Net-
nationalen Wohlstand
toäquivalenzeinkommen um 8,92 Prozent, auf
dem 95. Perzentil um 9,75 Prozent und auf dem Der Anteil der Reineinkommen der Mittel-
99. Perzentil sogar um 10,65 Prozent. 1 Durchschnittliche Zu- schicht am gesamten Reineinkommen hat
nahme der Nettoäqui-
Somit sind die tiefsten Einkommen unter valenzeinkommen der sich im Untersuchungszeitraum von 55,95 auf
hohen Einkommen auf
den Mittelstandseinkommen weniger stark an- gesamtschweizerischer 54,53  Prozent verringert. Mit anderen Worten
gestiegen. Dies hat zunehmende Disparitäten Ebene. lag der Einkommensanteil jener 50 Prozent der
2 ESTV, Steuerbelastung
zwischen den Einkommen der Mittelschicht in der Schweiz. Bevölkerung, die dem Mittelstand entsprechen,

Kasten 1: Methodik
Diese Studie beruht auf einer Analyse kommen, zu dem der Steuerabzug für Kurzaufenthaltsbewilligung verfügen, valenzeinkommen ergibt. In dieser Stu-
der Steuerdaten, welche die Eidgenös- Kinder und unterstützte Personen, der werden alle Personen erfasst, die der die beträgt der Äquivalenzfaktor für
sische Steuerverwaltung (ESTV) jedes Abzug für Versicherungsprämien und direkten Bundessteuer unterliegen. Ins- alleinstehende Erwachsene 1 und für
Jahr erhebt und die sehr detaillierte Zinsen von Sparkapitalien sowie der gesamt wurden 4 421 868 Steuererklä- Verheiratete 1,5; für jedes unterstüt-
Analysen auf regionaler Ebene ermög- Zweitverdienerabzug hinzugerechnet rungen für das Jahr 2004 und 4 989 633 zungspflichtige Kind und jede weitere
lichen. Dabei wird auch die wirtschaft- werden. Das Reineinkommen unter- Steuererklärungen für das Jahr 2014 be- durch den Steuerpflichtigen unter-
liche Situation der reichsten Steuer- scheidet sich vom Bruttoeinkommen rücksichtigt. Die erhobenen Daten be- stützte Person wird ein Wert von 0,3
pflichtigen berücksichtigt, die durch der Steuerpflichtigen durch die Summe inhalten die Einkommen beider Ehegat- hinzugerechnet. So ist zum Beispiel das
die traditionellen statistischen Erhe- der übrigen gewährten Steuerabzüge ten und von unterstützungspflichtigen Nettoäquivalenzeinkommen von ver-
bungen in der Regel nur unzureichend (deren Umfang gegebenenfalls mit der minderjährigen Kindern (sofern diese heirateten Paaren mit zwei unterstüt-
erfasst werden. Der Fokus  liegt auf Höhe des Einkommens variiert). nicht getrennt besteuert wurden). zungspflichtigen Kindern gleich dem
dem Reineinkommen der Steuerpflichti- Mit Ausnahme von quellensteuer- Damit der materielle Wohlstand von Reineinkommen dividiert durch 2,1 (1,5
gen. Dieser Begriff ist nicht im Sinn der pflichtigen Personen, die ihren Wohn- Haushalten verschiedener Grösse ver- + 0,3 + 0,3).
Gesetzgebung, sondern der Steuersta- sitz im Ausland haben (Grenzgänger, gleichbar ist, wird das Reineinkom-
tistik zu verstehen. Der massgebende Kunstschaffende, Verwaltungsrats- men durch einen Äquivalenzfaktor
Wert entspricht dem steuerbaren Ein- mitglieder usw.) oder nur über eine dividiert, wodurch sich das Nettoäqui-

12  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

im Jahr 2014 um 1,42 Prozentpunkte tiefer als Abb. 2: Gemeinden mit einer jährlichen nominalen Zunahme der
vor zehn Jahren. Dies ist darauf zurückzufüh- durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommen des Mittelstands
ren, dass die Einkommen dieser Einkommens- über 1,42 Prozent (2004–2014)
klasse weniger stark stiegen als die Einkommen
der Gesamtbevölkerung.
Betrachtet man die Situation der Steuer-
pflichtigen des Mittelstands in den einzelnen
Kantonen, stellt man fest, dass ihr Anteil am
kantonalen Einkommen innerhalb von zehn
Jahren nur in den Kantonen Appenzell Inner-
rhoden, Aargau, Glarus und Jura zugenommen
hat (siehe Abbildung  5). Besonders stark zu-
rückgegangen sind die Anteile in den Kantonen
Schwyz, Genf, Nidwalden und Basel-Stadt.

ESTV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Unvorteilhaftere Senkung der
Steuerbelastung in einzelnen Orten
Die obigen Ergebnisse beziehen sich auf die Ein-
  Jährliches Wachstum >1,42%
kommen vor Steuern. Wird die Entwicklung der
Mittelstandseinkommen im Verhältnis zur Ein-
kommensentwicklung bei den hohen Einkom-
Abb. 3: Nettoäquivalenzeinkommen des Mittelstandes nach
men durch die Steuern etwas ausgeglichen?
Perzentilen (2004 und 2014, in Franken von 2014)
Diese Frage lässt sich anhand einer jährlichen
Übersicht der Eidgenössischen Steuerverwal- 88 500 P100
tung (ESTV) zur Steuerbelastung der natürli- P99

chen Personen (Bundes-, Kantons-, Gemeinde- 82 000 P95


Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen im Jahr 2014 (in Franken von 2014)

und Kirchensteuer) beantworten.2


Die Steuerbelastung eines Steuerpflichti- 75 500 P90

gen hängt dabei von der Art seiner Einkommen


(unterschiedliche Steuerabzüge), vom Haus- 69 000

haltstyp (Alleinstehender, Ehepaar, Familie mit P75


Kindern oder ohne Kinder), vom Ort der Be- 62 500

steuerung (Gemeinde, Kanton) und in einem ge-


56 000
ringeren Ausmass von seiner Konfession (Kir- P50
chensteuer) ab. Als Beispiel zeigt Abbildung 6
49 500
für den Zeitraum 2005 bis 2016 die Entwicklung
der Steuerbelastung von Ehepaaren ohne Kin- 43 000
P25
ESTV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

der, die eine unselbstständige Erwerbstätigkeit


ausüben, in einem Kantonshauptort wohnen 36 500
und im Jahr 2016 ein Jahresbruttoeinkommen
von 98 587 bzw. 394 349 Franken erzielt haben 30 000
30 000 36 500 43 000 49 500 56 000 62 500 69 000 75 500 82 000 88 500
(unter Berücksichtigung der Teuerungskorrek-
tur). Abgesehen vom Kanton Schwyz (SZ) hat die Verteilung der Nettoäquivalenzeinkommen im Jahr 2004 (in Franken von 2014)
Steuerbelastung in allen Kantonen abgenom-
men. Die blaue Linie zeigt die Einkommen der wichtigsten Perzentile in den Jahren
Aus der Abbildung geht jedoch hervor, dass 2004 und 2014. Der Abstand zur Referenzlinie (schwarze Linie) gibt die reale
Zunahme der von den betreffenden Perzentilen bezogenen Einkommen an.
der prozentuale Rückgang der Steuerbelastung Dieser vergrössert sich mit zunehmendem Einkommen. Mit anderen Worten:
in drei Kantonshauptorten beim Durchschnitts- Die Ungleichheit der Mittelstandseinkommen (gemessen anhand des Gini-
einkommen von 98 587 Franken geringer war als Koeffizienten) steigt.

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  13
MITTELSCHICHT

Abb. 4: Jährliche nominale Zunahme der durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommen des Mittelstands


von 2004 bis 2014, pro Haushaltstyp (in %)
1,5 
1,28 1,33
1,25 1,20 1,22
1,14
1

ESTV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


0,75

0,5

0,25

0
Kinderlose Total Kinderlose Ehepaare Alleinstehende mit Ehepaare mit
Alleinstehende Kindern Kindern

Abb. 5: Veränderung des Anteils der mittleren Reineinkommen am gesamten Reineinkommen (gesamt-
schweizerisch und auf Kantonsebene; 2004–2014, in Prozentpunkten)
2,5    

0
Kantone mit
steigendem Anteil
der Mittelstandsein-
–2,5 kommen

–5

ESTV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


–7,5

–10
SZ GE NW BS OW TI GR CH VD UR FR SG LU VS ZG SH AR SO NE BE ZH BL TG JU GL AG AI

Abb. 6: Veränderung der Steuerbelastung pro Kantonshauptort (kinderlose Ehepaare, 2005–2016, in %)


10    

–10

Kantonshaupt-
–20 orte, bei denen
sich die Steuer-
belastung des
ESTV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Durchschnitts-
einkommens
–30 weniger vorteil-
haft entwickelt
hat als die
Steuerbelastung
des hohen Ein-
–40 kommens
ZH BL GR VS SH JU FR BS LU NW AR TG TI GL ZD VS AI SG GR SO NE OW SZ BE AG UR
  Jahresbruttoeinkommen von 98 587 Franken            Jahresbruttoeinkommen von 394 349 Franken

Situation von Ehepaaren ohne Kinder, die eine unselbstständige Erwerbstätigkeit ausüben und ein Jahresbruttoeinkommen
von 98 587 bzw. 394 349 Franken erzielt haben (zu Preisen von 2016).

14  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

Kasten 2: Perzentil und Mittelstand


Die Perzentile (oder Zentile) gleiche Teile unterteilt), und volljährigen Kindern, die noch mangels Steuerbarkeit nicht
entsprechen den 99 Werten, das 75. Perzentil entspricht von ihren Eltern unterstützt berücksichtigt werden.
welche die Reihe der Ein- dem Einkommen des «drit- werden, (b) das geringe Ein- Untersucht wurden da-
kommen der Bevölkerung in ten Quartils» (Wert, der die kommen von in der Schweiz bei nicht die Einkommens-
aufsteigender Reihenfolge obersten 25 Prozent der Wer- besteuerten Personen mit schwankungen eines genau
in 100 gleiche Teile unter- te der Reihe abtrennt). Wohnsitz im Ausland, die definierten Personenkreises
teilen. Das 25. Perzentil ent- Die untere Grenze des Mittel- wirtschaftlich mit der Schweiz im Zeitraum 2004 bis 2014,
spricht dem Einkommen des stands wurde recht hoch an- verbunden sind, zum Beispiel sondern die Einkommens-
«ersten Quartils» (Wert, der gesetzt (40. Perzentil), um der weil sie hier eine Zweitwoh- schwankungen einer Perso-
die untersten 25 Prozent der grossen Zahl von tiefen Ein- nung besitzen, oder (c) die nengruppe, die entsprechend
Werte der Reihe abtrennt), kommen bei den Steuerdaten Einkommen von Personen, der Entwicklung der Einkom-
das 50. Perzentil entspricht gerecht zu werden. Letztere die Unterstützungsleistun- men der Bevölkerung jedes
dem «Medianeinkommen» sind (a) nicht vorhandene oder gen beziehen, bei denen diese Jahr neu festgelegt wurde.
(Wert, der die Reihe in zwei sehr geringe Einkommen von Unterstützungsleistungen

beim Einkommen von 394 349 Franken. In Bern Mit dieser ausschliesslich deskriptiven Analyse
(BE), Aarau (AG) und Altdorf (UR) sind die Steu- wird nicht versucht, die Unterschiede zu erklären,
ern auf dem Einkommen von 98 587 Franken um die zwischen den Einkommensklassen und Haus-
1,1 Prozent, 7,3 Prozent bzw. 15,2  Prozent zu- haltstypen festgestellt wurden. Man könnte sich
rückgegangen, während sie auf dem Einkom- beispielsweise fragen, inwiefern die ungleiche Ent-
men von 394 349  Franken um 2,3  Prozent, 10,7 wicklung auf Unterschiede bei der Entwicklung der
Prozent bzw. 25,3 Prozent gesunken sind. verschiedenen Einkommensquellen – Arbeitsein-
kommen, Kapitalertrag, Rentenzahlungen usw.  –
Zunehmende Polarisierung zurückzuführen ist, aus denen sich das Steuer-
substrat der Steuerpflichtigen zusammensetzt.
Die Reichen werden immer reicher und die Ar-
men vergleichsweise immer ärmer: Diese weit-
verbreitete Auffassung hat sich ausgehend von
den Steuerdaten zum Reineinkommen und vom
Vergleich der verschiedenen Einkommensklas-
sen während der letzten zehn Jahre anscheinend
bewahrheitet. Somit kann die Mittelschicht am
Wohlstand in der Schweiz immer weniger teil-
haben. Gleichzeitig steigen die Mittelstandsein- Rudi Peters
kommen nach wie vor stärker als die Einkom- Abteilung Volkswirtschaft und Steuerstatistik,
Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV), Bern
men der unteren Einkommensklassen.

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  15
MITTELSCHICHT

Der Bildungsmittelstand steigt auf


In der Schweiz verfügen immer mehr Personen über einen Abschluss an einer Hoch-
schule oder der höheren Berufsbildung. Ein Grund für diese Entwicklung ist die erhöhte
Durchlässigkeit des Bildungssystems.  Stefan C. Wolter

im Nichthochschulteil aus der höheren Berufs-


Abstract    Während eine Erosion des Mittelstandes in der Regel negativ
konnotiert und mit Abstiegsängsten verbunden ist, zeigt sich im Bildungs-
bildung. In Analogie zu den Begrifflichkeiten
wesen, dass das Schrumpfen der Gruppe der Personen mit einer mittleren von Mittelstand, Unterschicht und Oberschicht
Ausbildung auf eine überraschend starke Aufstiegsmobilität zurückzu- kann man also Personen, die als höchsten Bil-
führen ist. Während der Anteil der Personen, die als höchsten Abschluss dungsabschluss einen Lehrabschluss gemacht
über ein Zeugnis auf Sekundarstufe I oder Sekundarstufe II verfügen, seit oder eine Maturität erworben haben, als den
den Neunzigerjahren abgenommen hat, nehmen die Tertiärabschlüsse zu. Bildungsmittelstand bezeichnen.
Diese Mobilität ist vor allem auf die Flexibilisierung des Bildungswesens in
Dieser Mittelstand wird einerseits dadurch
den Neunzigerjahren zurückzuführen, welche die Zugangsmöglichkeiten
zur tertiären Bildung vervielfacht hat, ohne gleichzeitig den Wert der hö- gestärkt, dass es dem erklärten politischen Wil-
heren Bildung zu beeinträchtigen. Im Vergleich zum Ausland hat sich das len entspricht, die Zahl der Personen ohne nach-
durchlässige duale Bildungssystem bewährt. obligatorischen Bildungsabschluss auf maximal
fünf Prozent der 25-Jährigen zu reduzieren und
somit mehr Personen dem Bildungsmittelstand

D  as Bildungswesen ist in drei Stufen geglie-


dert: in die obligatorische Schule, welche
mit der Sekundarstufe I schliesst, in die Se-
zuzuführen. Auf der anderen Seite haben die
Bildungsreformen Anfang der Neunzigerjah-
re des letzten Jahrhunderts dazu geführt, dass
kundarstufe II, welche die berufliche Grund- heute deutlich mehr Personen den Aufstieg vom
bildung, die Gymnasien und Fachmittelschu- Mittelstand in die Bildungsoberschicht, d. h. in
len umfasst, und in die Tertiärstufe, welche die tertiäre Bildung schaffen. Hatte 1996 von
im Hochschulteil aus Universitäten und den den 25- bis 36-jährigen Personen in der Schweiz
beiden ETH, Fachhochschulen und Pädagogi- die Mehrheit noch einen Sekundarstufe-II-­
schen Hochschulen zusammengesetzt ist und Abschluss als ­höchsten Bildungs­abschluss, hat

Abb. 1: Höchster Bildungsabschluss der 30- bis Abb. 2: Anteil der Studierenden mit tertiär gebildeten Eltern nach
39-Jährigen (1996 und 2016) Studienfach und Hochschultyp
100    Anteile in % 40    Anteil Mütter mit Tertiärbildung, in %
SSEE (SOZIALE UND WIRTSCHAFTLICHE LAGE DER STUDIERENDEN, 2013);

30
75
BERECHNUNGEN SKBF / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

20
50

10
SAKE (BFS) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

25

0
20 25 30 35 40 45
0 Anteil Väter mit Tertiärbildung, in %
1996 2016
  Tertiärstufe       Sekundarstufe II       Obligatorische Schule   Universitäre Fächer       Fachhochschulstudiengänge       Pädagogische Hochschule

16  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Kathedrale der
Bildungsoberschicht:
die Mehrheit dieser Alterskategorie 20 Jahre Das Wachstum auf der Tertiärstufe in der Rechtsbibliothek der
später einen tertiären Bildungsabschluss (sie- Schweiz ist denn auch weniger die Folge einer Universität Zürich.
he Abbildung 1). Erhöhung der gymnasialen Maturitäts­ quote
(die eigentlich seit Mitte der Neunzigerjah-
Aufstiegsmöglichkeiten dank re mehr oder weniger stagniert) als vielmehr
eines starken Wachstums der Berufsmaturi-
kluger Reformen
täten, eines noch kleinen Beitrags durch Fach-
Eine starke Verbreitung tertiärer Bildungs- maturitäten und nicht zuletzt der höheren Be-
abschlüsse gehörte vor 20 Jahren in jedes bil- rufsbildung, bei welcher eine Maturität nicht
dungspolitische Arbeitsprogramm einer Bil- immer die Voraussetzung für einen Abschluss
dungsministerin oder eines Bildungsministers darstellt. Die Vorteile der Differenzierung der
eines OECD-Landes. Während dies praktisch Zugangswege auf der Sekundarstufe II gegen-
alle Länder über eine Ausweitung der allge- über einer simplen Ausweitung der Gymna-
meinbildenden Ausbildungstypen auf der sien waren vielfältig. Auf der einen Seite konn-
Sekundarstufe II (Gymnasien) und auf der te dadurch die Attraktivität der Berufsbildung
Tertiärstufe durch ein Aufblähen des Univer- erhalten werden, auf der anderen Seite war
sitätssystems bewerkstelligten, differenzierte sie eine Grundbedingung für eine ebensolche
die Schweizer Bildungspolitik die Zugangswe- Differenzierung auf der Tertiärstufe mit Uni-
ge zur tertiären Bildung über die Schaffung der versitäten, Fachhochschulen und der höheren
Berufsmaturität, der «Passerelle Dubs», d. h. Berufsbildung. Würde der Zugang zur Tertiär-
die Möglichkeit des Zugangs zu Universitäten stufe uniform erfolgen, dann würde es auf der
nach der Berufsmaturität und den Fachmatu- Tertiärstufe weniger eine Ausdifferenzierung
ritäten. nach Bildungstypen geben als vielmehr eine

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  17
MITTELSCHICHT

Qualitätsdifferenzierung zwischen den Hoch- der länger ausgebildeten Personen einhergegan-


schulen. gen. Zudem zeigen die typens­pezifischen Bil-
dungsrenditen, dass der im Durchschnitt zu er-
Tertiär, aber mit welchem Wert? wartende Einkommenszuwachs aller tertiären
Ausbildungstypen ähnlich hoch ausfällt und
Schon seit den Sechzigerjahren wird befürch- tendenziell sogar besser in den nicht universi-
tet, dass der Aufstieg in die Bildungsober- tären Typen. Auch hier zeigt sich wiederum ein
schicht von immer grösseren Teilen der Be- Vorteil der Ausweitung der tertiären Bildung
völkerung nicht nur Positives mit sich bringt. durch die Ausbildungsdifferenzierung. In den
Stichwörter wie Akademikerschwemme waren Ländern, in denen das Wachstum durch eine
ein Hinweis auf die Befürchtung, dass man bil- Qualitätsdifferenzierung zwischen den Uni-
dungsmässig zwar mehr Leute formal höher versitäten aufgefangen wurde, haben sich auch
qualifizieren könne, da aber die entsprechende dementsprechende Einkommensabstufungen
Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt fehlt, diese ergeben. Diese gehen so weit, dass man bei Insti-
höhere Qualifikation nicht mit dem erwarteten tutionen minderer Qualität nicht einfach etwas
Aufstieg in die einkommensmässige Ober- tiefere Bildungsrenditen erwarten, sondern –
schicht verbunden wäre. In der Schweiz zeigen wie neue Studien zu den «For-Profit Colleges» in
neueste Analysen, dass sich diese Befürchtung den USA zeigen – mit negativen Renditen rech-
nicht bewahrheitet hat. Fachhochschulen nen muss, d. h., hier wären die Studierenden
Die quantitativ starke Ausweitung des tertiä- ermöglichen breiten einkommensmässig besser gefahren, wenn sie
Bevölkerungsschich-
ren Sektors ist weder in absoluten noch relativen ten einen Tertiär­
ganz auf den Bildungsaufstieg, sprich das Stu-
Zahlen mit einer Minderung der Einkommen abschluss. Campus dium, verzichtet hätten.
Toni-Areal in Zürich.

KEYSTONE

18  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

Soziale Determinanten der Ausbildung feststellen, d. h. des Bachelors, des


Bildungswahl Masters oder eines Doktorates. Während sich
im Ausland der sozioökonomisch bestimmte
Auch wenn es keine guten Statistiken dazu Studienort und die Studiendauer wieder eins
gibt, kann man davon ausgehen, dass der Bil- zu eins in den weiteren Erwerbsaussichten
dungsaufstieg aus der Bildungsmittelschicht in niederschlagen, hat die sozioökonomisch be-
den letzten drei Jahrzehnten wohl mehrheit- stimmte Wahl des Ausbildungstyps diese Fol-
lich durch Personen geschafft wurde, welche gen in der Schweiz nicht.
selbst keine tertiär gebildeten Eltern hatten. Trotzdem sind zwei Konsequenzen der so-
Der Anteil der Eltern mit tertiärer Bildung war zioökonomisch bestimmten Studienwahl auch
in der Schweiz schlicht zu klein, um die Aus- in der Schweiz beobachtbar: Auf der einen Sei-
weitung durch eine bessere Ausschöpfung bei te haben nicht alle Formen der Ausbildung
dieser Gruppe zu bedienen. Auch wenn also die den gleichen sozialen Status, mit einem Vor-
fortschreitende Tertiarisierung des Bildungs- teil auf der Seite der akademischen Laufbah-
wesens vor allem von jenen Personen genutzt nen.  Auf der anderen Seite haben selbst an
wurde, die nicht aus einer Akademikerfamilie den Universitäten nicht alle Studienfächer die
stammten, sind die Zugänge zur tertiären Bil- gleichen Erwerbsaussichten, und es lässt sich
dung und die Wahl des Bildungstyps weiterhin beobachten, dass sozioökonomisch besserge-
stark sozioökonomisch bestimmt. stellte Studierende auch häufiger jene Fächer
Jugendliche aus Akademikerfamilien wäh- wählen, die bessere Arbeitsmarktchancen ver-
len selbst bei weniger guten schulischen Leis- sprechen.
tungen eher den Weg über das Gymnasium,
und umgekehrt wählen Jugendliche aus Nicht-
akademikerfamilien eher den Weg über die be-
rufliche Grundbildung, was sich auf der tertiä-
ren Stufe wiederum in einer unterschiedlichen
Wahrscheinlichkeit ausdrückt, an einer Uni-
versität oder den anderen Hochschultypen
oder der höheren Berufsbildung den Abschluss
zu erzielen (siehe Abbildung 2).
Stefan C. Wolter
Ein ähnliches Bild lässt sich im Ausland in Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle
Bezug auf das Studium an Elitehochschulen vs. für Bildungsforschung (SKBF), Aarau; Professor für
Bildungsökonomie, Universität Bern
anderen Hochschulen oder bei der Dauer der

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  19
MITTELSCHICHT

Keine Polarisierung in der


Schweizer Berufsstruktur
Hoch qualifizierte Berufe haben in der Schweiz seit den Siebzigerjahren an Bedeutung
gewonnen, während viele Tieflohnjobs verschwunden sind. Dies wirkt sich positiv auf
die Berufsstruktur aus.  Daniel Oesch, Emily Murphy

Für die Nachkriegszeit lautet die Antwort


Abstract  In der Wirtschaftswissenschaft wird oft behauptet, der techno-
logische Wandel führe zu einer Polarisierung der Berufsstruktur: Stellen nein: Überall in Westeuropa nahm die Beschäf-
würden vor allem an den Rändern des Arbeitsmarkts geschaffen, während tigung in wenig qualifizierten Berufen der Land-
die Mittelklasse ausgehöhlt werde. Konzeptuell macht diese These wenig wirtschaft und der Industrie ab. Zugleich wur-
Sinn, da mit «Mittelklasse» historisch betrachtet nie die arithmetische, den bei den Unternehmensdienstleistungen, in
sondern die hierarchische Mitte der Sozialstruktur gemeint war. Auch die der Gesundheit und der Bildung viele hoch qua-
Empirie widerspricht der Polarisierungsthese. Die Auswertung der Volks- lifizierte Stellen geschaffen. Das Resultat war
zählungen zwischen 1970 und 2010 sowie der Schweizerischen Arbeits-
ein starkes Wachstum der Mittelklasse (zum Be-
kräfteerhebung von 1991 bis 2016 zeigt, dass in den letzten Jahrzehnten
vor allem hoch qualifizierte Stellen bei Managern und Projektmitarbeitern, griff siehe Kasten 1).
Programmierern und Lehrern geschaffen wurden. Zugleich sind viele nied- Nach der Jahrtausendwende hat sich der
rig qualifizierte Stellen in der Landwirtschaft, der Industrie und dem Back- Glaube an die stete Aufwertung der Berufs-
office verschwunden. Der Strukturwandel hat daher nicht die Mittelklasse struktur verflüchtigt. Mit der Digitalisierung
erodiert, sondern die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfskräfte aus- der Wirtschaft sind nicht mehr nur Landarbei-
gedünnt.
ter und Maschinenbediener von der Automa-
tisierung betroffen, sondern auch kaufmän-
nische Angestellte und Postbeamte. Als Folge

S  eit der industriellen Revolution sind Beob-


achter des sozialen Wandels fasziniert von
der Frage nach der Entwicklung der Berufsstruk-
verbreitete sich in der Ökonomie die These, dass
der technologische Wandel zur Polarisierung
der Berufsstruktur und der Erosion der Mittel-
tur: Führen technologischer Fortschritt und klasse führe. Ob sie stimmt, haben wir für die
Strukturwandel zu einer breiten Mittelschicht? Schweiz mit der Volkszählung und der Schwei-
Oder höhlen sie diese im Gegenteil aus und füh- zerischen Arbeitskräfteerhebung (Sake) unter-
ren zu einer Polarisierung der Gesellschaft? sucht (siehe Kasten 2).

Kasten 1: Der Begriff der Mittelklasse


Die Mittelklasse wird in der Schweiz um- se. Ebenso wenig zur Mittelklasse gehört tellektuellen Fertigkeiten verdienten.a In
gangssprachlich auch als Mittelschicht oder jenes Fünftel, welches mehr als 150 Prozent der Klassenhierarchie war die Mittelklasse
Mittelstand bezeichnet und oft als mittlere des medianen Einkommens verdient. Die- unterhalb der noch kleineren Oberklasse
Einkommensgruppe definiert. Das Bun- se Definition führt zu einer aufgeblähten von Adligen und Grossgrundbesitzern an-
desamt für Statistik (BFS) zählt Personen Oberklasse, die auch Gymnasiallehrer, Inge- gesiedelt, welche von ihrem Kapital lebten.
(und Haushalte) mit Einkommen zwischen nieure und Apotheker mit einschliesst. Zugleich befand sie sich oberhalb der gros-
70 Prozent und 150 Prozent des medianen Aus historischer Sicht ergibt diese De- sen Masse von Land- und Fabrikarbeitern,
Einkommens zur Mittelklasse. Nicht dazu finition keinerlei Sinn. Der Begriff der Mit- Handwerkern und Dienstboten, die von
gehört jenes Fünftel der Bevölkerung, das telklasse bezeichnete nie die arithmeti- manueller Arbeit lebten und der Arbeiter-
weniger als 70 Prozent des Medianeinkom- sche, sondern die hierarchische Mitte der klasse zugerechnet wurden. Die Mittelklas-
mens verdient. Dieses Fünftel liegt nahe an Sozialstruktur. Er wurde im 19. Jahrhundert se war eine Minderheit und erstreckte sich
der Armutsgrenze und lebt mehrheitlich für eine kleine Gruppe von Erwerbstäti- gerade nicht über die Mitte der Einkom-
von Sozialleistungen. Eine Arbeiterklasse gen wie Bankiers und Unternehmer, Ärzte mensverteilung.
gibt es gemäss dieser Definition nicht: Ent- und höhere Beamte verwendet, die ihr Ein-
weder man ist arm oder Teil der Mittelklas- kommen nicht mit manuellen, sondern in- a Kocka (1995)

20  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

SHUTTERSTOCK
Guter Lohn dank
hoher Qualifikation:
Topberufe legen zu Technische Experten wir keinerlei Anzeichen für einen polarisierten
testen eine Drohne. Wandel der Berufsstruktur. Im Gegenteil: In den
Zwischen 1970 und 2010 ist die Beschäftigung Neunziger- und Nullerjahren wuchs die Beschäf-
in der Schweiz in jedem Jahrzehnt am stärksten tigung am deutlichsten im obersten Quintil und
im obersten Quintil gewachsen. Dieses umfasst nahm im untersten Quintil am stärksten ab.
jene 20 Prozent der Erwerbstätigen, die in den
am höchsten bezahlten Berufen arbeiten (­siehe Die «neue» Mittelklasse
Abbildung). Der Beschäftigungszuwachs hat
sich dabei von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verstärkt. Die Schweizerische Arbeitskräfteerhebung
Im Gegensatz dazu schrumpfte die Beschäf- zeigt, welche Berufsklassen sich seit Anfang
tigung in den am schlechtesten bezahlten Be- der Neunzigerjahre hinter den wachsenden
rufen (unterstes Quintil). Der Stellenrückgang und schrumpfenden Quintilen verbergen. Die
am unteren Ende des Arbeitsmarkts war nach Berufsstruktur wurde in den letzten 25 Jahren
der Ölkrise 1973 sowie nach der Rezession An- dank des starken Wachstums der lohnabhän-
fang der Neunzigerjahre besonders ausgeprägt. gigen Mittelklasse aufgewertet: Zwischen 1991
Während des Baubooms der Achtzigerjahre und 2016 legte der Beschäftigungsanteil von
nahm die Beschäftigung im untersten Quintil, Managern und Projektmitarbeitern um 8,5 Pro-
und damit in den niedrig entlohnten Berufen, zentpunkte zu, jener von soziokulturellen Ex-
hingegen nochmals zu. Damit sind die Achtzi- perten wie Ärzten, Lehrern und Sozialarbeitern
gerjahre das einzige Jahrzehnt, in welchem sich stieg um 3,3 Punkte, und der Beschäftigungsan-
die Beschäftigungsstruktur polarisiert hat. teil von technischen Experten wie Ingenieuren,
In den zwei folgenden Jahrzehnten wurden Informatikern und Technikern erhöhte sich
hingegen nirgends so wenige Stellen geschaf- um 2,1 Punkte (siehe Tabelle). Insgesamt ist in
fen wie im untersten Quintil. Seit 1990 finden den letzten zwei Jahrzehnten der Anteil dieser

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  21
MITTELSCHICHT

Veränderung in der schweizerischen Beschäftigungsstruktur (1970 bis 2010)


400 000    Anzahl Stellen

VOLKSZÄHLUNGEN (1970–2010), STRUKTURERHEBUNG (2010)/DIE VOLKSWIRTSCHAFT


300 000

200 000

100 000

–100 000

–200 000

–300 000

–400 000
1970 – 1980 1980 – 1990 1990 – 2000 2000 – 2010

  Quintil 1       Quintil 2       Quintil 3       Quintil 4       Quintil 5

Lesebeispiel: Zwischen 1970 und 1980 nahm die Beschäftigung im Quintil 1, welches 1970 jene 20 Prozent der Erwerbs­
bevölkerung umfasste, die in den am tiefsten entlohnten Berufen arbeiteten, um 113 000 Stellen ab.

«­ neuen» Mittelklasse an der Beschäftigung von telschicht, sondern um die traditionelle Arbei-
34 auf 48 Prozent gestiegen. terklasse einerseits sowie die wenig gesicherte
Zwei Berufsgruppen haben zwischen 1991 untere Mittelklasse andererseits.
und 2016 stark an Gewicht verloren: Der Be- Nur eine Kategorie der Arbeiterklasse konn-
schäftigungsanteil von Produktionsarbeitern te seit 1991 zulegen: Die persönlichen Dienst-
hat sich um 7 Prozentpunkte verringert, und je- leistungsangestellten steigerten ihren Beschäf-
ner von Bürohilfskräften – dem Backoffice – ging tigungsanteil um 2 Prozentpunkte. Dieses
um 8 Prozentpunkte zurück. Bei beiden Grup- Wachs­tum war jedoch bei Weitem zu schwach,
1 Oesch (2013),
Eurofound (2015). pen handelt es sich nicht um den Kern der Mit- um den Abbau in den wenig qualifizierten Stel-
len der Landwirtschaft, der Industrie und des
Backoffice zu kompensieren. Anders als von der
Kasten 2: Die Studie im Detail Polarisierungsthese erwartet, wurden in der
Die Studie von Murphy und Oesch (2017) Eine zweite Analyse untersucht mit der
Schweiz neue Arbeitsplätze vor allem in den
unterscheidet in einer ersten Analyse die Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung
Berufe aller Erwerbstätigen (Lohnabhän- (Sake), wie sich der Beschäftigungswan- hoch qualifizierten Dienstleistungsberufen ge-
gige und Selbstständige aller Sektoren) del zwischen 1991 und 2016 auf die Klas- schaffen: bei Programmierern, Juristen und Be-
so präzise wie möglich und gruppiert sie, senstruktur ausgewirkt hat. Das Klassen- ratern – und nicht bei Haushaltshilfen, Verkäu-
basierend auf ihrem Medianlohn, in fünf schema beruht auf zwei Dimensionen:
gleich grosse und hierarchisch geordne- dem Anforderungsniveau eines Berufs
fern oder Barkeepern.
te Berufsklassen, sogenannte Quintile. und der Arbeitslogik (siehe Tabelle). Drei
Zu Beginn jedes Jahrzehnts umfasst jedes Klassen bilden das Rückgrat der neuen
Quintil 20 Prozent der Gesamtbeschäfti- lohnabhängigen Mittelklasse: soziokul- Bildungsexpansion als Treiber
gung. Das unterste Quintil enthält jene 20 turelle Experten, technische Experten
Prozent, die in den Berufen mit dem nied- sowie Manager und Projektmitarbeiten- Wie in den meisten westeuropäischen Ländern
rigsten Medianeinkommen arbeiten (z. B. de. Eine vierte Klasse vereint die beiden gibt es somit in der Schweiz – im Gegensatz zu
Haushaltshilfen und Reinigungsangestell- Komponenten der alten Mittel- und Ober- den USA und Grossbritannien – keine Anzeichen
te), während das oberste Quintil jene klasse, Unternehmer und die freien Be-
w20 Prozent umfasst, die in Berufen mit rufe. Kleingewerbler und Bauern sowie
für eine Polarisierung der Beschäftigungsstruk-
dem höchsten Medianeinkommen tätig Bürohilfskräfte werden der unteren Mit- tur.1 Der Strukturwandel der letzten Jahrzehn-
sind (z. B. Anwälte und Ärzte). Die Daten telklasse zugerechnet. In den zwei letzten te hat nicht die Mittelklasse erodiert, sondern
der Volkszählungen von 1970 bis 2010 so- (Arbeiter-)Klassen (Produktionsarbeiter
die Ränge der Industriearbeiter und Bürohilfs-
wie der Strukturerhebung 2010 dokumen- und persönliche Dienstleistungsange-
tieren, wie sich die Beschäftigung in den stellte) finden wir vor allem Arbeiterbe- kräfte ausgedünnt. In der Folge schrumpfte die
einzelnen Quintilen verändert hat. rufe. Arbeiterklasse. Dennoch ist sie keineswegs ver-

22  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

Veränderung der Beschäftigung nach Berufsklassen (zwischen 1991/92 und 2015/16)


Arbeitslogik Interpersonell Technisch Administrativ Selbstständig
Soziokulturelle Experten Technische Experten Manager und Projekt- Freie Berufe und
Anforderungsniveau:

(z. B. Lehrer, Sozialarbeiter) (z. B. Ingenieure, Informatiker) mitarbeitende Arbeitgeber mit mehr
(z. B. Kader, Berater) als 9 Mitarbeitern
Tertiär

(z. B. Anwälte, Unternehmer)

1991/1992 (Anteil) 10,3% 10,9% 13,0% 3,4%


2015/2016 (Anteil) 13,6% 13,0% 21,5% 4,2%
Veränderung +3,3 +2,1 +8,5 +0,9
Dienstleistende Produktionsarbeiter Bürohilfskräfte Kleingewerbler
Anforderungsniveau:
Max. Sekundär II

(z. B. Hilfspfleger, Verkäufer) (z. B. Mechaniker, Maschinisten) (z. B. Sekretariatsangestellte, (z. B. Wirte, Bauern)
Kassierer)

SAKE (1991, 1992, 2015, 2016)


1991/1992 (Anteil) 12,8% 22,8% 16,5% 10,4%
2015/2016 (Anteil) 14,8% 15,5% 8,3% 9,0%
Veränderung +2,0 –7,3 –8,2 –1,4

Die Tabelle zeigt die Verteilung der Beschäftigung der 18- bis 65-Jährigen mit einer Wochenarbeitszeit von 20 Stunden
oder mehr. Es sind jeweils die Durchschnitte von 1991 und 1992 sowie von 2015 und 2016 aufgeführt. Die Berechnungs-
basis ist der detaillierte Berufscode (ISCO 4-Digit).

schwunden. Auch heute noch finden wir beim Unser Ergebnis der Aufwertung der Berufs-
Medianlohn Berufe wie Maurer, Mechaniker, struktur widerlegt somit zwei unerfreuliche
städtische Reiniger und Lastwagenfahrer – Be- Annahmen: Erstens führt die Digitalisierung
rufe, die traditionell den Arbeitern, und nicht der Wirtschaft nicht zwingend zu einer Pola-
der Mittelschicht, zugeordnet werden. risierung der Beschäftigung. Und zweitens ist
Es ist bemerkenswert, dass diese Aufwer- auch die Annahme falsch, dass postindustriel-
tung der Berufsstruktur nicht zu einem Anstieg le Volkswirtschaften nur Vollbeschäftigung er-
der Arbeitslosigkeit oder einem Rückgang der reichen können, wenn sie ihr Lohngefüge nach
Erwerbsquote in der Schweiz geführt hat. So lag unten hin öffnen und viele gering bezahlte
2 M
urphy and Oesch
die Erwerbsquote zwischen 1991 und 2010 kons- Dienstleistungsstellen schaffen. (2017).
tant bei 82 Prozent. Die Arbeitslosenquote, wie-
derum, betrug zwischen 1991 und 2000 durch-
schnittlich 3,5 Prozent und zwischen 2001 und
2010 3,1 Prozent.
Der Grund für diese Stabilität ist, dass das
Bildungssystem in den letzten Jahrzehnten eine
wachsende Anzahl von Schulabgängern mit
mittleren und höheren Abschlüssen hervorge- Daniel Oesch Emily Murphy
bracht hat. Die Bildungsexpansion hat mit dem Professor für Soziologie PhD in Social Sciences,
am Institut für Sozialwis- Research Officer am
technologischen Wandel Schritt gehalten und –
senschaften der Centre on Skills, Knowled-
gemeinsam mit den zunehmend besser ausge- Universität Lausanne ge and Organisational
bildeten Einwanderern – die wachsende Qualifi- Performance (Skope),
University of Oxford
kationsnachfrage der Unternehmen befriedigt.2

Literatur
Eurofound (2015). Upgrading or Polarisation? Kocka, J. (1995). The Middle Classes in Europe. Oesch, D. (2013). Occupational Change in Eu-
Long-term and Global Shifts in the Employ- Journal of Modern History 67(4): 783–806. rope. How Technology and Education Trans-
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Dublin: European Foundation for the Improve- Polarization Inevitable? Occupational Change versity Press.
ment of Living and Working Conditions. in Ireland and Switzerland, 1970–2010. Work,
Employment and Society, im Erscheinen.

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  23
MITTELSCHICHT

Mittelstand in den OECD-Ländern


unter Druck
Viele Menschen in den OECD-Staaten schätzen ihre eigene Situation als pessimistisch
ein. Insbesondere für junge Leute und Familien ist der Aufstieg in den Mittelstand er-
schwert.  Michael Förster, Horacio Levy

Abstract  Die meisten Menschen in den OECD-Ländern leben in Haushal-


he Abbildung 1). Besonders ausgeprägt war diese
ten mit mittleren Einkommen und zählen sich selbst zum Mittelstand. Diese Entwicklung in den USA sowie in Neuseeland und
Mittelschicht beurteilt ihre wirtschaftliche Lage zunehmend als gefährdet. Mexiko, wo der jährliche Zuwachs der mittleren
Es gibt Anzeichen dafür, dass die mittlere Einkommensgruppe während der Einkommen um mindestens 0,3 Prozentpunkte
letzten 30 Jahre in den meisten OECD-Ländern kleiner geworden ist und unter dem jeweiligen Durchschnitt lag.
an wirtschaftlichem Einfluss eingebüsst hat. Für junge Leute und Familien Lediglich in vier Ländern stiegen die mittleren
mit Kindern ist es heute schwieriger, in den Mittelstand aufzusteigen. Die
Einkommen schneller als der Durchschnitt, aller-
Aussichten auf dem Arbeitsmarkt werden immer unsicherer, weil Stellen
für mittelqualifizierte Arbeitskräfte und Standardjobs durch den techno- dings in sehr unterschiedlicher Weise. Während in
logischen Wandel und die Globalisierung verloren gehen. Der Mittelstand den Niederlanden und insbesondere in Israel ein
kommt durch höhere Lebenshaltungskosten und gestiegene eigene An- starkes Wachstum der realen Gesamteinkommen
sprüche zunehmend unter Druck, was teilweise zu einer starken Verschul- zu verzeichnen war, stagnierten diese in Japan und
dung führt. Damit die Mittelschicht wieder Vertrauen fasst, sind wirksame gingen in Griechenland als Folge der globalen Fi-
politische Massnahmen erforderlich. Handlungsbedarf besteht namentlich nanzkrise drastisch zurück (siehe Abbildung 2).
in der Bildungs-, der Steuer- sowie der Wohnpolitik.
In den OECD-Ländern leben im Durchschnitt
sechs von zehn Personen in Haushalten mit mitt-
leren Einkommen, das heisst, ihr Haushaltsein-

I  n vielen Industriestaaten sind in jüngster Zeit


neue Formen von Nationalismus, Populismus
und Protektionismus zu verzeichnen. Dies wird
kommen liegt zwischen drei Vierteln und dem
Doppelten des Medianeinkommens im jeweiligen
Land. Der Anteil dieser Haushalte liegt zwischen
auch damit in Zusammenhang gebracht, dass der 50 Prozent in den USA, in Israel und in Estland
Lebensstandard des Mittelstands stagniert. Der und knapp 75 Prozent in den nordischen und ei-
globalen Integration und den öffentlichen Insti- nigen kontinentaleuropäischen Ländern. In der
tutionen steht dieser daher teilweise ablehnend Schweiz verfügen knapp zwei Drittel der Haushal-
gegenüber, und die eigene wirtschaftliche Situa- te über ein mittleres Einkommen – ähnliche Wer-
tion wird zunehmend als bedrohlich beurteilt. Es te sind in Deutschland, Frankreich und Österreich
herrscht ein Gefühl von Ungewissheit und Angst.1 zu verzeichnen.
Seit 30 Jahren wachsen die mittleren Einkom-
men weniger stark als die höchsten Einkommen: Zugehörigkeitsgefühl variiert
Das reale Medianeinkommen – das heisst das Ein-
kommen des Haushalts, der genau in der Mitte der Durchschnittlich zählen sich in den OECD-Staa-
Einkommensverteilung liegt – hat in allen OECD- ten beinahe sieben von zehn Personen zur Mittel-
Ländern unterdurchschnittlich zugenommen (sie- schicht. Bei der Selbsteinschätzung gibt es jedoch
grosse Unterschiede zwischen den Ländern.2 So
fühlen sich in Portugal und in Grossbritannien le-
1 OECD (2017).
Hinweis der Autoren diglich zwischen 30 und 40 Prozent der Bevölke-
2 Curtis (2016). Die in diesem Artikel vertretenen Auffassungen entsprechen
3 Evans and Kelley (2004). rung zur Mittelschicht zugehörig. In Dänemark,
nicht unbedingt dem Standpunkt der Organisation für wirt-
4 OECD (2016).
schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) oder Island und den Niederlanden liegt der Anteil hin-
5 Pew Research Center
(2017). ihrer Mitgliedsstaaten. gegen bei fast 90 Prozent. Mit einem Anteil von

24  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

82 Prozent belegt die Schweiz in dieser Liste den zugenommen, die nach ihrer Selbsteinschätzung
vierten Rang. einer tieferen sozialen Schicht angehören.4
Im Allgemeinen besteht ein Zusammenhang Pessimismus herrscht auch mit Blick auf die
zwischen dem Anteil der Bevölkerung mit mitt- Zukunft. In den meisten OECD-Ländern geht über
leren Einkommen und dem Anteil der Personen, die Hälfte der Bevölkerung davon aus, dass die
die sich als Angehörige des Mittelstands betrach- heutigen Kinder im Erwachsenenalter in finan-
ten. Allerdings fühlen sich in den meisten Län- zieller Hinsicht schlechtergestellt sein werden als
dern mehr Personen dem Mittelstand zugehö- ihre Eltern.5
rig, als es die Einkommensdaten vermuten lassen
würden (siehe Abbildung 3). Studien zur subjekti- Rückgang in den Neunzigerjahren
ven sozialen Klassenidentifikation bringen dies
oft mit einem «Mittelstands-Bias» in Zusammen- Erkenntnisse aus Umfragen zum Haushaltsein-
hang, wonach es eine Selbstidentifikation mit dem kommen bestätigen, dass der Mittelstand be-
Mittelstand unabhängig von der finanziellen und sonders stark gegen Ende des 20. Jahrhunderts
wirtschaftlichen Lage gibt.3 schrumpfte. Im Durchschnitt der OECD-Länder
Subjektive Indikatoren zeigen, dass Mittel- ist der Anteil der mittleren Einkommensgruppe
standshaushalte ihre finanzielle Lage zunehmend an der Gesamtbevölkerung von 63 Prozent Mitte
pessimistisch einschätzen. In den USA und in Ka- der Achtzigerjahre auf 61 Prozent Anfang der Nul-
nada ist der Anteil der Bevölkerung, der sich als lerjahre gesunken. Seither ist er verhältnismässig
Teil der Mittelschicht betrachtet, in den letzten In den USA fühlen stabil geblieben.
sich immer weniger
Jahren stark gesunken. Im gleichen Umfang hat der Mittelschicht
Deutlich reduziert hat sich der Anteil des Mittel-
in diesen beiden Ländern der Anteil der Personen zugehörig. Pendler in standes seit den Achtzigerjahren in ­Deutschland,
New York.

ISTOCK

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  25
MITTELSCHICHT

Abb. 1: Zuwachs des Realeinkommens nach Einkommenslage (OECD-Durchschnitt, 1985–2015)


1,6    Index (1985=1)

OECD (OE.CD/IDD); BERECHNUNGEN FÖRSTER UND LEVY


1,5

1,4

1,3

(2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


1,2

1,1

1,0
1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015

  Oberste 10%       Durchschnitt       Median       Unterste 10%

Abb. 2: Zuwachs des Durchschnitts- und des Medianeinkommens in ausgewählten OECD-Staaten (1985–2015)
125    in %

OECD (OE.CD/IDD); BERECHNUNGEN FÖRSTER UND LEVY (2017) /


100

75

50

25

DIE VOLKSWIRTSCHAFT
0

–25
Israel Niederlande OECD Neuseeland USA Mexiko Japan Griechenland
  Median (Zentralwert)       Durchschnitt (arithmetisches Mittel)

Die Einkommensdaten beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung und beruhen auf dem verfügbaren Einkommen, bereinigt nach Haushaltsgrösse. Im
OECD-Durchschnitt sind 17 Länder berücksichtigt: Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Grossbritannien, Israel, Italien, Japan,
Kanada, Luxemburg, Mexiko, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Schweden und USA.

Abb. 3: Mittlere Einkommen und subjektive Einschätzung nach Ländern


   in %
EINKOMMENSDATEN: LIS-DATENZENTRUM, MIT AUSNAHME VON CHILE (CASEN), POR-
TUGAL (EU-SILC) UND DER TÜRKEI (SILC). SELBSTEINSCHÄTZUNG: EUROBAROMETER, MIT
AUSNAHME VON AUSTRALIEN, SÜDKOREA UND DER SCHWEIZ (WORLD VALUE SURVEY),
KANADA (EKOS), CHILE (LATINOBAROMETRO) UND DEN VEREINIGTEN STAATEN (GALLUP);

90

80
BERECHNUNGEN OECD-SEKRETARIAT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT-
Einkommen

Tschechien Island
Finnland Frankreich Schweden
70 Slowenien Schweiz Niederlande
Ungarn Slowakei Belgien Österreich
Grossbritannien Irland Deutschland Luxemburg Dänemark
Kanada Australien Polen
60 Südkorea Italien
Portugal
Spanien Griechenland
50 USA
Türkei
Chile
40

30
30 40 50 60 70 80 90 in %
Subjektive Einschätzung
Die mittlere Einkommensgruppe ist definiert als Anteil der Haushalte, die über ein Einkommen zwischen 75% und 200% des Medianeinkommens ver-
fügen. Die Bevölkerungsgruppe, die sich nach subjektiver Einschätzung zum Mittelstand zählt, besteht aus den Personen, die sich selbst als Angehöri-
ge der Mittelschicht betrachten. Die Einkommensdaten beziehen sich auf das Jahr 2013, mit Ausnahme von Kanada (2010), Südkorea (2006), Deutsch-
land (2014), Mexiko (2012) und der Schweiz (2012).

26  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

in Finnland, in Polen, in der Slowakei und in men in Norwegen, Mexiko und Estland beträcht-
Schweden. Wie in anderen osteuropäischen Län- lich erhöht.
dern erfolgte dieser Rückgang in der Slowakei
und in Polen während des wirtschaftlichen Über- Der Mittelstand wird älter
gangsprozesses in den Neunzigerjahren. In Schwe-
den und Finnland war die stärkste Abnahme in der Der Anteil von Rentnern am Mittelstand hat subs-
zweiten Hälfte der Neunzigerjahre zu verzeich- tanziell zugenommen, während die Anteile aller
nen, das heisst im Anschluss an die Rezession in anderen Altersgruppen gesunken sind. Die zuneh-
den nordischen Ländern. Demgegenüber nimmt mende Zahl von älteren Menschen in der Mittel-
der Anteil in Deutschland ziemlich kontinuierlich schicht ist zum einen Ausdruck der besseren Al-
ab. In der Schweiz schrumpfte die Mittelschicht tersversorgung von Neurentnern. Zum anderen
nur leicht von 65,4 Prozent in den Achtzigerjahren ist sie darauf zurückzuführen, dass immer mehr
auf 64,5 Prozent im Jahr 2013. Personen über das Pensionsalter hinaus erwerbs-
Die Abnahme der mittleren Einkommens- tätig sind.
gruppe ging, etwa im gleichen Ausmass, mit einer Immer weniger Familien schaffen den Aufstieg
Zunahme der unteren und oberen Einkommens- in den Mittelstand. In den letzten Jahrzehnten
gruppen einher. Auch hier bestehen zwischen hat der Prozentsatz von Familien mit Kindern in
den einzelnen Ländern beträchtliche Unterschie- der mittleren Einkommensgruppe abgenommen,
de. So war in Deutschland die Abnahme der mitt- während er in den unteren Einkommensgruppen
leren Einkommensgruppe mit einer Zunahme gestiegen ist. Beim Anteil an der Mittelschicht von
der unteren und oberen Einkommensgruppen alleinstehenden Erwachsenen und Paaren ohne
im gleichen Umfang verbunden. In den Vereinig- Kinder verlief die Entwicklung umgekehrt.
ten Staaten hingegen nahmen die oberen Ein- Eine zunehmende Polarisierung des Arbeits-
kommensgruppen beinahe doppelt so stark zu marktes sowie neue Arbeitsformen erodieren den
wie die unteren Einkommensgruppen; in Frank- Mittelstand zusätzlich. Während der letzten Jahr-
reich fiel beinahe die gesamte (leichte) Zunah- zehnte wurden viele Arbeitsplätze von mittel-
me der mittleren Einkommensgruppe mit einem qualifizierten Erwerbstätigen durch neue Tech-
entsprechenden Rückgang der unteren Einkom- nologien ersetzt. Gleichzeitig wurden durch die
mensgruppe zusammen. In der Schweiz ging der technische Entwicklung neue Stellen am obe-
leichte Rückgang der mittleren Einkommens- ren und unteren Ende der Qualifikations- und
gruppe mit einer vergleichbaren Zunahme der Lohnskala geschaffen. Dies erfolgte zulasten der
unteren Einkommensgruppen einher, während Arbeitsplätze im mittleren Spektrum.6
der Anteil der oberen Einkommensgruppen trotz Parallel zum Verlust von Arbeitsplätzen für
einiger Schwankungen in den letzten Jahren ins- mittelqualifizierte Erwerbstätige während der
gesamt stabil blieb. letzten 25 Jahre erfolgte eine Zunahme von aty-
Der wirtschaftliche Einfluss des Mittelstands pischen Arbeitsplätzen – das sind beispielsweise
nahm stärker ab als sein Anteil an der Gesamtbe- Temporärstellen, Teilzeitarbeit und selbstständige
völkerung. So nahm der Anteil der mittleren Ein- Erwerbstätigkeit. Diese Entwicklung, welche eben-
kommen am Gesamteinkommen um 3 Prozent- falls zur Beschäftigungspolarisierung beitrug, hat
punkte ab, während der Bevölkerungsanteil der sich nach der Wirtschaftskrise beschleunigt.7
Personen mit mittleren Einkommen um 2 Prozent-
punkte zurückging. Dies kam ausschliesslich den Steigende Lebenshaltungskosten
oberen Einkommen zugute. Seit der Jahrtausend-
wende hat sich der Einkommensanteil der mittle- Ebenfalls unter Druck kommt der Mittelstand
ren Einkommensgruppe in Dänemark, Deutsch- durch höhere Lebenshaltungskosten. Immer mehr
land und den USA deutlich reduziert. Menschen haben Schwierigkeiten, einen «für den
Seit 1985 ging der Anteil des Mittelstands am Mittelstand typischen Lebensstil» aufrechtzu-
Gesamteinkommen in den USA sogar um beinahe erhalten. Die Preise einiger traditioneller «Kon-
14 Prozentpunkte zurück. Im Gegensatz dazu hat sumgüter der Mittelschicht» haben sich viel ra- 6 Autor (2015).
7 OECD (2014) und OECD
sich der Einkommensanteil der mittleren Einkom- scher erhöht als die mittleren Einkommen oder (2015a).

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  27
MITTELSCHICHT

die Gesamtinflation. Beispielsweise gilt Wohn- Mittel­stands zu erhöhen. Dazu müssen die Stra-
eigentum in vielen Ländern als typisches Mittel- tegien auf die Ressourcen und Bedürfnisse in der
standsmerkmal. Doch aufgrund des raschen An- Praxis abgestimmt werden. Was die Schweiz be-
stiegs der Immobilienpreise können sich dies trifft, umfasst die Fachkräfteinitiative des Bun-
immer weniger Menschen leisten – das gilt insbe- des verschiedene solcher Massnahmen, um die
sondere für junge Leute. Qualifikationen zu steigern, die Vereinbarkeit
Beim Konsum sind auch die eigenen Ansprü- von Beruf und Familie zu verbessern und gute
che der Mittelstandsfamilien gestiegen: Nach Er- Bedingungen für die Erwerbstätigkeit von älte-
kenntnissen von Anthropologen, Soziologen und ren Arbeitnehmenden zu schaffen.
in jüngerer Zeit auch von Ökonomen werden diese Um zusätzliches integratives Wachstum zu
teilweise auch davon beeinflusst, dass die Mittel- fördern, spielt auch eine gut konzipierte und auf
schicht den Lebensstil der Oberschicht nachahmt. den Mittelstand ausgerichtete Fiskalpolitik eine
Demnach wollen Angehörige des Mittelstands mit wichtige Rolle. Mit Steuererleichterungen für
ihren Handlungen ihre Chancen und jene ihrer Personen mit tiefem oder mittlerem Einkommen,
Familienmitglieder aufrechterhalten. Unterstützung der Kinderbetreuung und Eltern-
Dieses Phänomen wird als «Ausgaben-Kas- urlaub für Erwerbstätige könnten das Realein-
kade» oder als «Trickle-down-Konsum» bezeich- kommen und die Beschäftigungsmöglichkei-
net.8 So kommen etwa Mittelstandsfamilien in ten der Mittelschicht gesteigert werden. Auf die
einem zunehmend wettbewerbsorientierten Schweiz übertragen, heisst dies: Mit der Beseiti-
Arbeitsmarkt, der von den Arbeitskräften immer gung von steuerlichen Verzerrungen und der För-
höhere Qualifikationen verlangt, zum Schluss, derung des Kinderbetreuungsangebots könnten
dass sie noch mehr in die Qualifikation und Bil- das Angebot an weiblichen Arbeitskräften und
dung investieren müssen. Entsprechend setzen die Produktivität erhöht werden.9
Mittelstandsfamilien in verschiedenen OECD- Eine Stabilisierung der Wohnkosten würde
Ländern zunehmend auf eine kostenpflichtige den Lebensstandard des Mittelstands ebenfalls
Ausbildung in Privatschulen, an einer Universi- verbessern. In der Schweiz könnte beispielsweise
tät oder in Form von ausserschulischen Aktivi- die Verdichtung des Wohnraums mit einer Über-
täten, um ihren Kindern zusätzliche Chancen zu prüfung der Raumplanungsvorschriften und
eröffnen. Steigende Bildungskosten belasten das besseren Informationen für Grundeigentümer
Budget von Mittelstandsfamilien und führen in erhöht werden.10
einigen Fällen zu einer untragbaren Schulden-
last.

Ausbildung, Beschäftigungs- und


Fiskalpolitik
Grundsätzlich sind Bildungsausgaben sowohl in
individueller als auch in gesellschaftlicher Hin-
sicht eine gute Investition. Es ist daher von ent- Michael Förster Horacio Levy
8 Frank, Levine und Dijk PhD in Economics, PhD in Economics,
(2014); Bertrand und scheidender Bedeutung, die Qualifikationen der leitender Ökonom, Ökonom, Abteilung Jobs
Morse (2016). Arbeitskräfte zu verbessern und auf den neu- Abteilung Jobs and and Income, OECD, Paris
9 OECD (2015b). Income, OECD, Paris
10 OECD (2015b). esten Stand zu bringen, um die Chancen des

Literatur
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Curtis, J. (2016). Social Mobility and Class Iden- diture Cascades, in: Review of Behavioral Eco- Pew Research Center. (2017). Children’s Finan-
tity: The Role of Economic Conditions in 33 nomics, 1(1-2): 55–73. cial Future, Global Attitudes Survey.

28  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


DER STANDPUNKT

Martin Flügel
Dr. phil., Leiter Politik und Public Affairs, Caritas che und unterstützende Form gegos-
Schweiz, Luzern sen werden. Heute ist Weiterbildung
je nach Einkommen ungleich verteilt
und nimmt mit steigendem Alter mas-

Abrutschen der unteren siv ab. Nur ein Weiterbildungsobliga-


torium kann – analog zur Einführung

Mitte verhindern des Schulobligatoriums in der ersten


industriellen Revolution – die rasante
Entwicklung der digitalen Revolution
auffangen.
Die untere Mittelschicht ist zusehends armutsgefährdet – Zweitens braucht es Lösungen für
mit gesellschaftlichen und politischen Folgen. Wirksame die Organisation und die Finanzierung
Gegenmittel sind Bildung für alle, höhere Kinderzulagen von Nachholbildung. In der Schweiz
und bessere Vereinbarkeit für die Familien sowie ein Aus- haben gut 600 000 Menschen im er-
werbsfähigen Alter keinen Berufs-
bau der Krankenkassenprämienverbilligung für die tiefen abschluss,  von ihnen sind mehr als
und mittleren Einkommen.   400 000 erwerbstätig. Viele gehören
zur Mittelschicht, sind aber hochgra-
dig abstiegsgefährdet. Nur mit einem
Die Mittelschicht ist heterogen. Die Situation der unte- Berufsabschluss in ihrem heutigen Tätigkeitsgebiet kann
ren Mitte ist beispielsweise stärker mit jener von ein- ihr Lebensstandard gesichert werden.
kommensschwachen Haushalten vergleichbar als mit je-
ner der oberen Mitte, wie die 2016 veröffentlichte Studie Höhere Kinderzulagen
«Wie geht es der Mitte?» des Bundesamtes für Statistik
(BFS) zeigt. Einen Einfluss auf den Lebensstandard haben Haushalte mit Kindern sind in der unteren Mitte und bei
ausserdem die Lebenssituation und der Wohnort. Einzel- den einkommensschwachen Haushalten klar übervertre-
ne wirtschaftspolitische Massnahmen kommen deshalb ten. Um Familien besser in der Mittelschicht zu verankern,
nie der ganzen Mittelschicht zugute. muss bei den Einkommen und bei den Ausgaben angesetzt
Allgemein kann man deshalb lediglich sagen: Steuer- werden. Auf der Einkommensseite sind Familienzulagen
senkungen für die gesamte Mittelschicht sind fehlgeleitet, ein bewährtes Instrument. Sie entfalten aufgrund der pro-
da diese zu enormen Einnahmenausfällen der öffentlichen gressiven Einkommenssteuern ihre grösste Wirkung bei
Hand führen würden. Dadurch gefähr- unteren und mittleren Einkommen. Hö-
dete man den qualitativ hochstehenden here Familienzulagen sind also ein Bei-
Service public etwa im Verkehr, in der Nur ein Weiterbil- trag zur Absicherung der Mittelschicht-
Bildung und im Gesundheitswesen, wel- dungsobligatorium familien.
cher für die Mittelschicht von grösster Eine zweite Massnahme zielt auf
kann die rasante Ent-
Bedeutung ist. eine bessere Vereinbarkeit von Beruf
Wenn nicht die gesamte Mittel- wicklung der digitalen und Familie: Verbesserungen im Ange-
schicht unterstützt, sondern eine mög- Revolution auffangen. bot der familienergänzenden Betreu-
lichst breite Mittelschicht erhalten wer- ung erzielen auf der Einkommens- und
den soll, sind hingegen gezielte Massnahmen möglich. auf der Ausgabenseite Wirkung. Rein quantitativ ist das
Diese sollen in erster Linie ein Abrutschen der unteren Angebot an familienergänzender Betreuung heute vieler-
Mittelschicht in die Zone der einkommensschwachen orts genügend. Aber es ist kaum auf flexible Arbeitszei-
Haushalte verhindern. An vorderster Stelle steht dabei ten (Wochenende, Abend, Nacht) ausgerichtet, und die
der Zugang zur Bildung und Weiterbildung. Angesichts Kosten für die Eltern sind hoch. Ein besseres und günsti-
der enormen strukturellen Veränderungen der Wirtschaft geres Angebot trägt gezielt zu zusätzlicher Erwerbstätig-
darf die Verantwortung dafür nicht einfach den Individu- keit und höherem Einkommen von Mittelschichtfamilien
en aufgebürdet werden. bei. Nachdem der Bund in der Sommersession 2017 da-
Erstens muss das Schlagwort des lebenslangen Lernens für 100 Millionen Franken bewilligt hat, müssen nun die
mit einem Weiterbildungsobligatorium in eine verbindli- Kantone entsprechende Angebote bereitstellen.

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  29
MITTELSCHICHT

Krankenkassenprämienverbilligung Politische Folgen


Ein wichtiger Kostenfaktor für Haushalte der unteren Mit- Die erwähnte BFS-Studie kommt zu einem weiteren
telschicht sind die Krankenkassenprämien. Da diese in Schluss: In der unteren Mitte und bei den einkommens-
den letzten zehn Jahren viel stärker gestiegen sind als die schwachen Haushalten ist ein signifikant tieferes Ver-
Löhne, schrumpfte das frei verfügbare Einkommen der trauen in das Rechtssystem und die Politik vorhanden. Die
unteren Mittelschicht. Eine massgebliche Rolle spielte da- politischen Ausprägungen dieses Misstrauens wurden in
bei die Politik, welche die Prämienverbilligungen kürzte: den letzten Jahren in vielen Ländern Europas sichtbar und
Allein zwischen 2010 und 2014 sind in den Kantonen im haben sich auch in verschiedenen Abstimmungsergebnis-
Rahmen von Sparpaketen ungefähr 170 Millionen Fran- sen in der Schweiz manifestiert.
ken an Prämienverbilligungen eingespart und damit weit- Aus diesem Grund ist die Stabilisierung der unteren
gehend der unteren Mittelschicht aufgebürdet worden. Mittelschicht auch gesellschaftlich und politisch von gros-
Hier können die Kantone unmittelbar Gegensteuer ge- ser Bedeutung. Nur mit raschen und mutigen Schritten in
ben. Darüber hinaus muss der Bund mit klaren Vorgabe den oben genannten Bereichen wird es gelingen, diese
an die Kantone sicherstellen, dass nicht weitere Haushalte Entwicklung im Interesse einer offenen, solidarischen und
der unteren Mitte den Anspruch auf Prämienverbilligung prosperierenden Schweiz einzudämmen.
verlieren und dadurch aus der Mittelschicht abrutschen.

DER STANDPUNKT

Nachfrage nach mittleren Qualifika-


Patrik Schellenbauer Daniel Müller-Jentsch
Dr., Chefökonom, Dr., Senior Fellow, tionen und polarisierte den Arbeits-
Avenir Suisse, Zürich Avenir Suisse, Zürich markt. Und drittens setzte nach 2007
die Finanz- und Wirtschaftskrise der

Das Bildungssystem ist


Mittelschicht durch Rezession und
Arbeitslosigkeit zu.
Der Mittelstand in der Schweiz
gefordert meisterte diese Herausforderungen
gut: Hohe Wettbewerbsfähigkeit und
Der qualifizierte Schweizer Mittelstand hat in den ver- gute Rahmenbedingungen machten
die Schweiz zu einer Drehscheibe der
gangenen Jahren von der Globalisierung profitiert. Damit Globalisierung und bescherten breiten
dies angesichts der Digitalisierung der Arbeitswelt eben- Kreisen Prosperität.1 Eine starke Be-
falls gelingt, braucht es Reformen im Bildungssystem. rufsbildung und ein flexibler Arbeits-
markt hielten die Arbeitslosigkeit im
Zaum. Dank der Sonderkonjunktur
Drei Entwicklungen haben seit den Achtzigerjahren zu durch die anhaltende Zuwanderung blieb die Schweiz zu-
Erosionstendenzen in den westlichen Mittelschichten ge- dem von der «Grossen Rezession» von 2008/2009 weitge-
führt: Durch den Eintritt der Schwellenländer in den Welt- hend verschont.
markt verdoppelte sich erstens der globale Arbeitskräfte-
pool von 1,5 auf 3 Milliarden Menschen. Dies brachte für Mittlere Qualifikation wird tertiär
westliche Arbeitnehmer Niedriglohnkonkurrenz, und
es verschob das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital. Die mittleren Schweizer Löhne sind in den letzten zwei
Zweitens reduzierte der technologische Fortschritt die Dekaden zwar etwas weniger gestiegen als die höheren

30  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

Gehälter und auch weniger als die Tieflöhne. Die Polarisie- auf punktuelle disruptive Entwicklungen und das Entste-
rung war in der Schweiz aber nicht besonders ausgeprägt. hen ganz neuer Anforderungen und Arbeitsformen?
In Familienhaushalten wurde sie durch die verstärkte Er- Gegenwärtig ist das Bildungssystem kaum auf die
werbsbeteiligung der Frauen ausgeglichen. Mit dieser digitale Umwälzung von Wirtschaft und Gesellschaft ein-
Mehranstrengung konnte der Mittelstand seine Position gestellt. Besonders gefordert ist die Berufsbildung, deren
im Einkommensgefüge halten. Erfolg auf spezifischen Fachkenntnissen beruht. Diese
Trotzdem war die Polarisierung des Arbeitsmarktes Fähigkeiten könnten schon bald obsolet sein. Angesichts
auf der Ebene der nachgefragten Qualifikationen stärker der beschriebenen Unsicherheit wird eine breite All-
am Werk, als die Stabilität der Lohn- gemeinbildung wichtiger, denn sie be-
verteilung vermuten lässt. So hat sich hält auch bei disruptivem Wandel ihren
die Zahl traditioneller Bürojobs mit Das Bildungssystem Wert und befähigt die Menschen, sich
einer KV-Lehre als Grundlage seit 1995 ist kaum auf die digi- anzupassen. Auch die Weiterbildung
halbiert. Der Mittelstand reagierte ist noch nicht für fundamentale Um-
darauf mit verlängerter Grundbildung
tale Umwälzung von bildungen in grosser Zahl vorbereitet.
oder Weiterbildungen. Wichtig war die Wirtschaft und Gesell- Bei der Digitalisierung liegt die
Einführung der Berufsmaturität. Mit ihr schaft eingestellt. Schweizer Volksschule international
und im Zuge des Ausbaus der Gymnasien im Rückstand: Digitales Denken als
wurde die kombinierte Maturitäts- zentrale Kompetenz des 21. Jahr-
quote mehr als verdoppelt. Eine mittlere Qualifikation hunderts ist hier erst in Ansätzen erkennbar. Weiter
ist heute nicht mehr gleichbedeutend mit einer Berufs- müssen die Hochschulen auf den Vormarsch der Human-
lehre, sondern immer mehr mit einer tertiären Bildung. wissenschaften reagieren. Zum einen müssen digitale
Die Stabilität der Lohnverteilung ist somit vor allem den Techniken auch in den Humanwissenschaften Ein-
verstärkten Bildungsanstrengungen des Mittelstandes zu zug halten, zum andern braucht es eine Rücklenkung
verdanken. der Mittel in Richtung der «Mint-Fächer» (Mathematik,
Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Und zu
Allgemeinwissen als Plus guter Letzt: Ein flexibler Arbeitsmarkt ist die beste
Strategie für die Anpassung an eine digitale Welt. Ihn gilt
Die Digitalisierung wird voranschreiten, und sie wird neue es daher unbedingt zu erhalten.
Stellen schaffen.2 Da niemand genau weiss, wie die Jobs
von morgen aussehen werden, lautet die entscheidende 1 Patrik Schellenbauer und Daniel Müller-Jentsch (2012), Der strapazierte Mittelstand,
Avenir Suisse.
Frage: Sind Bildungssystem und Arbeitsmarkt vorbereitet 2 Marco Salvi und Tibére Adler (2017), Wenn die Roboter kommen, Avenir Suisse (2017).

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  31
Der Präsident des Wirtschafts­
forschungsinstituts DIW Berlin,
Marcel Fratzscher, plädiert für mehr
Chancengleichheit.

DIW BERLIN / B.DIETL
FOKUS

«Die Leistungsgesellschaft
funktioniert nicht»
Der deutsche Ökonom Marcel Fratzscher sieht eine wachsende Ungleichheit als Gefahr
für den Wohlstand. In Deutschland sei ein grosser Teil der Bevölkerung von Wettbewerb
und Markt ausgeschlossen, sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschafts-
forschung (DIW Berlin).  Susanne Blank

Herr Fratzscher, wie sieht die ideale Wohl- Wie äussert sich die Abnahme?
standsverteilung einer Gesellschaft aus? Man sieht das an den Rändern. So nimmt einer-
Das ist schwierig zu sagen, da es letztlich um die seits die Gruppe der Vermögenden zu: Dank gu-
Frage der Gerechtigkeit geht. Und Gerechtigkeit ter Bildung schaffen viele den Sprung aus der
ist etwas sehr Subjektives. Jedes Land hat einen Mittelschicht nach oben. Entsprechend gibt es
Gesellschaftsvertrag. In Deutschland, in der mehr hoch qualifizierte Universitätsabgänger,
Schweiz und in Österreich heisst dieser Vertrag die von der Globalisierung und vom technolo-
soziale Marktwirtschaft. Mit anderen Worten: gischen Wandel profitieren. Aber es gibt eben
Ein starker Sozialstaat ermöglicht eine gute Ab- auch die andere Gruppe, die nach unten ab-
sicherung. Mittlerweile ist der Wohlstand in den rückt. Und diese Polarisierung stellt die Gesell-
westlichen Ländern jedoch so ungleich verteilt, schaft vor riesige Herausforderungen. Die so-
dass eine Mehrheit der Menschen dies als un- zialen Konflikte wachsen, und in der Politik ist
fair empfindet. Obwohl es Deutschland gesamt- es schwieriger, einen Konsens zu finden. Hinzu
wirtschaftlich gut geht, bezeichnen 70 Prozent kommt: Einkommensschwache und bildungs-
der Bevölkerung die soziale Ungleichheit als zu ferne Menschen nehmen weniger stark am poli-
hoch. tischen Prozess teil. Sie gehen häufig gar nicht
wählen – und wenn doch, dann wählen sie ex-
Wirtschaftliche Ungleichheit und politische treme Parteien. Dafür ist die Bundestagswahl
Unzufriedenheit bergen laut dem Global Risk mit dem Stimmengewinn der AfD ein eindrück-
Report 2017 des World Economic Forum Risi- liches Beispiel.
ken für die Weltwirtschaft. Teilen Sie diese Ein-
schätzung? Gemäss einer aktuellen OECD-Umfrage ist der tat-
Ja. Die Ungleichheit und die soziale und wirt- sächliche einkommensmässige Abstieg der Mittel-
schaftliche Polarisierung sind für mich die zen- schicht geringer als der subjektiv empfundene.
tralen Herausforderungen unserer Zeit. Ich sehe Ob jemand eine Chance hat, eine gute Ausbil-
darin auch einen der Gründe für die Zunahme des dung und einen guten Job zu bekommen, hängt
Populismus der letzten zehn Jahre in den USA,
Grossbritannien, Frankreich und Deutschland.
Marcel Fratzscher
Wie hat sich die Mittelschicht in Europa und in Der 46-jährige Marcel Fratzscher leitet seit 2013 das renom-
mierte Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Ber-
den USA entwickelt? lin). An der Humboldt-Universität Berlin lehrt er als Professor
Die Mittelschicht schrumpft fast in allen Län- für Makroökonomie und Finanzen. Der Ökonom ist Vorsitzen-
dern, wie unsere Studien zeigen. Wir am DIW der der Expertenkommission zur «Stärkung von Investitionen
in Deutschland» der Bundesregierung. Zuvor arbeitete er über
Berlin analysieren dies seit vielen Jahren und se-
zehn Jahre bei der Europäischen Zentralbank. Im März 2016 er-
hen ein solches Schrumpfen in Deutschland be- schien sein neustes Buch «Verteilungskampf – warum Deutsch-
reits seit den Achtzigerjahren. land immer ungleicher wird».

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  33
MITTELSCHICHT

immer weniger von den eigenen Fähigkeiten und wo die Arbeitslosen, Transferleistungen und
Talenten ab, sondern mehr von den gesellschaft- Steuern mit berücksichtigt werden, dann ist die
lichen Bedingungen. Wo man geboren wird – also Ungleichheit tatsächlich stabil geblieben. Mei-
in welcher Familie, Stadt und Region –, wirkt sich ne Hauptkritik lautet aber: Warum nimmt man
in Deutschland darauf aus, wie man gefördert 2005 als Referenzjahr?
wird. Natürlich hat es auch in den Fünfziger- bis
Siebzigerjahren Menschen mit sehr geringen Ein- Sagen Sie es uns.
kommen gegeben – aber damals hat der Gesell- Das Krisenjahr 2005 als Vergleich zu nehmen,
schaftsvertrag funktioniert, da alle wussten: An- ist nicht sinnvoll. Damals hat die Ungleichheit
strengung und Arbeit lohnen bei den Einkommen in Deutschland den his-
sich. Diese Zuversicht geht torischen Höhepunkt erreicht. Mit 12 Prozent
«Das Gefühl der heute teilweise verloren. Im Arbeitslosigkeit war Deutschland der kranke
Gegensatz zu damals müs- Mann Europas. Nimmt man andere Vergleichs-
Chancenlosigkeit ist
sen sich heute beide Eltern- jahre, in denen es der Wirtschaft gut ging, dann
gefährlich für den teile krummlegen. Trotzdem ist die Ungleichheit seit Ende der Neunzigerjah-
Wohlstand.» reicht es für immer weniger. re und auch zu anderen Vergleichsjahren signi-
Das empfinden viele als ent- fikant gestiegen.
mutigend. Dieses Gefühl der Chancenlosigkeit ist
gefährlich für die Demokratie und für den Wohl- In Ihrem Buch bezeichnen Sie die fehlende
stand einer Volkswirtschaft. Chancengleichheit als Hauptursache für Un-
gleichheit. Eine Leistungsgesellschaft schafft
Was bedeutet das in Bezug auf Einkommen und jedoch solche Unterschiede. Inwiefern ist das
Vermögen? ungerecht?
Als Ökonom sage ich: Ungleichheit ist nicht per Das ist ja genau mein Kritikpunkt: Die Leistungs-
se schlecht. Jede Marktwirtschaft schafft Un- gesellschaft funktioniert nicht. Ein grosser Teil
gleichheit. Wenn ungleiche Einkommen und der Bevölkerung ist von Anfang an vom Markt
Vermögen das Resultat von freien Entschei- ausgeschlossen. Viele Menschen haben kei-
dungen sind, dann besteht kein grundlegendes ne Chance auf eine ordentliche Bildung. Frauen
Problem. Ist die Ungleichheit aber das Resultat werden im Arbeitsmarkt massiv diskriminiert –
einer fehlenden Chancengleichheit, dann ent- Deutschland hat einen der grössten Gender-­Pay-
steht ein wirtschaftlicher Schaden, weil viele Gaps (der nicht erklärbare Unterschied zwischen
Menschen ihre Fähigkeiten gar nicht einbringen den Stundenlöhnen  von Männern und Frauen,
können. Es gibt überwältigende wissenschaftli- Anm. d. Red.). Da kann überhaupt keine Rede von
che Beweise dafür, wie schädlich diese Art von Wettbewerb und Markt sein.
Ungleichheit ist.
Was muss getan werden?
Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» wirft Ih- Erstens braucht es eine Offensive in der Bil-
nen vor, im Buch «Verteilungskampf: Warum dungspolitik, die auf frühkindliche Bildung und
Deutschland immer ungleicher wird» die Daten auf einkommensschwache, bildungsferne Fa-
anders zu interpretieren als einige andere Wis- milien ausgerichtet ist. Dazu tragen Ganztages-
senschaftler. schulen, gezielte Förderung und mehr Durch-
Bei der Kritik geht es um die Interpretation der lässigkeit im Bildungssystem entscheidend bei.
Daten. Vor allem auch AfD-nahe Kritiker be- Zweitens muss die Familienpolitik die Frau-
haupten, zwischen 2005 und 2013 sei die Un- en fördern: Frauen sind zwar im Durchschnitt
gleichheit in Deutschland gar nicht gewach- besser gebildet als Männer, haben aber auf dem
sen. Ich hingegen sage: Man sollte sich nicht Arbeitsmarkt weniger Chancen. Der Staat soll-
auf ein einzelnes Ungleichheitsmass konzent- te deshalb die Infrastruktur für die Kinderbe-
rieren. So ist beispielsweise bei den Vermögen treuung verbessern und Frauen mehr Chancen
und den Löhnen die Ungleichheit deutlich ge- auf dem Arbeitsmarkt eröffnen. Drittens gibt es
stiegen. Wenn man nur die Gruppe betrachtet, Reformbedarf in der Steuerpolitik. Für manche

34  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FOKUS

DIW BERLIN / B.DIETL
Menschen mit geringen Einkommen beträgt die Sie wollen den Faktor Arbeit entlasten. Soll im
Abgabenquote heute in einigen Fällen über 80 Gegenzug der Faktor Vermögen stärker belas-
Prozent. Das heisst: Für jeden Euro, den jemand tet werden?
mehr verdient, bekommt er unter dem Strich Beim Vermögen gibt es tatsächlich Verbesse-
nur 20 Cent. rungspotenzial – wobei es nicht um eine stär-
kere Belastung, sondern um gleiche Verantwor-
Braucht es andere Anreize? tung und gleiche Chancen geht. Ein Beispiel sind
Ja. Für Menschen mit geringen Einkommen Erbschaften. Wer in Deutschland über 10 Millio-
muss sich Arbeit wieder mehr lohnen. Das ist nen erbt, zahlt 1 Prozent Erbschaftssteuer. Wer
auch volkswirtschaftlich sinnvoll. Deshalb hingegen zwischen 200 000 und 400 000 Euro
braucht es eine Entlastung des Faktors Arbeit. erbt, zahlt durchschnittlich 10 Prozent. Das wi-
Weiterer Handlungsbedarf besteht bei der Qua- derspricht dem Gedanken der Leistungsfähig-
lifizierung von Langzeitarbeitslosen für den keit der sozialen Marktwirtschaft. Es geht des-
Arbeitsmarkt und bei der privaten Vorsorge. halb darum, ein Steuersystem zu schaffen, das
Vorsorgevermögen sollten nicht mehr so stark die richtigen Anreize setzt – um mehr Wohl-
vom Staat abhängig sein. stand für alle zu schaffen. Das hat nichts mit Be-
strafung der Reichen zu tun.
Sparen kann man erst ab einem gewissen Ein-
kommen. Der amerikanische Präsident Donald Trump will
Ja. Es muss daher die Möglichkeit zum Sparen mit Protektionismus die Löhne der Arbeiter si-
geschaffen werden. Denn 40 Prozent der Deut- chern.
schen haben praktisch überhaupt keine Er- Donald Trump sagt, der Handel nehme den
sparnisse, da sie ihr gesamtes Einkommen zum Menschen die Jobs weg: Das ist grundfalsch und
Lebensunterhalt nutzen müssen. Das ist ein wissenschaftlich widerlegt. Die Gründe, wes-
grosses Problem in Deutschland. halb so viele Menschen in den USA abgehängt

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  35
MITTELSCHICHT

werden, liegen anderswo: Es sind fehlende Bil- standen jedes Mal neue und bessere Jobs. Ich
dungschancen, der technologische Wandel bin ein Optimist: Auch die Digitalisierung
und die Machtverteilung. wird viele, bessere Jobs schaffen. In der Zu-
kunft wird uns die Arbeit nicht ausgehen. In
Was meinen Sie mit Machtverteilung? der Vergangenheit sind die Kritiker immer
Menschen mit geringer Qualifizierung, prekä- wieder widerlegt worden.
rer Beschäftigung und niedrigen Löhnen ha-
ben in Deutschland heute, genauso wie in den Inwiefern begünstigt die Digitalisierung die
USA, niemanden, der für sie eintritt. Die Jobs Polarisierung auf dem Arbeitsmarkt?
dieser Menschen werden nicht durch Tarif- Es ist in der Tat eine rie-
verträge abgedeckt, weshalb sie kaum einen sige Herausforderung für
Einfluss auf ihre Arbeitsbedingungen ausüben die Politik, die Menschen «Die Digitalisierung
können. Diese Menschen brauchen wieder so zu fördern, dass sie von wird viele, bessere Jobs
eine Stimme, die gehört wird. Derzeit spielt der Digitalisierung profitie-
dies populistischen Parteien in die Hände. ren können. Der Polarisie- schaffen.»
rungsprozess begann bereits
In der Schweiz haben wir im vergangenen Jahr vor  30 Jahren, als die Automatisierung in der
über das bedingungslose Grundeinkommen ab- Industrie gut bezahlte Jobs in der oberen Mit-
gestimmt. Über drei Viertel der Stimmbürger telschicht schuf.
lehnten es ab. Was halten Sie von der Idee?
Ich halte das bedingungslose Grundeinkom- Sie haben viel über Deutschland und die USA
men für eine charmante, verführerische Idee, gesprochen. Wie gut kennen Sie die Situation
die aber grundfalsch ist. Zwar begrüsse ich die in der Schweiz?
Idee, allen die Chance zu geben, für sich selber Die Schweiz ist ja als offene Volkswirtschaft
frei eine Entscheidung zu treffen. Aber Freiheit ähnlich wie Deutschland strukturiert. Es gibt
und Eigenverantwortung lassen sich in unseren viele Parallelen: Die Ersparnisse und die Ex-
entwickelten Volkswirtschaften nicht mit Geld portüberschüsse sind gross. Beide Länder sind
herbeiführen. Es geht eben nicht darum, die Globalisierungsgewinner. Gerade im Export-
Leute mit Geld ruhigzustellen, sondern darum, sektor wurden viele gut bezahlte Jobs geschaf-
ihnen Chancen und Möglichkeiten zu eröffnen. fen. Und die Schweiz ist für mich ein gutes Bei-
spiel dafür, wie man Zuwanderer erfolgreich
Laut Studien gehen in den Industrieländern wirtschaftlich einbindet.
durch die Digitalisierung zwischen 10 und 50
Prozent der Arbeitsplätze verloren. Was ist ihre
Einschätzung?
Arbeitsplätze gingen auch schon vor 20, 50 Interview: Susanne Blank
oder 100 Jahren verloren – gleichzeitig ent- Chefredaktorin «Die Volkswirtschaft»

36  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


AUFGEGRIFFEN

Freiwillige vor!
Freiwilligenarbeit stiftet einen wichtigen Beitrag zum Wohlstand. Gemäss dem
Bundesamt für Statistik engagieren sich 43 Prozent der Frauen und Männer in
der Schweiz aus freien Stücken. Grob geschätzt, waren diese Leistungen (ohne
Haushaltarbeiten) 2013 gut 40 Milliarden Franken wert. Unser Milizsystem ist
ohne Freiwilligenarbeit undenkbar: Insbesondere auf Gemeindeebene werden
wichtige politische Aufgaben in der Regel nicht von fest angestellten Magistraten,
sondern von Bürgern ehrenamtlich wahrgenommen. Das Ausland bewundert die
Schweiz denn auch für diese traditionsreiche Verankerung der Zivilgesellschaft
in das politische System: die Schweiz, das Land der Freiwilligkeit.
Oft wird beklagt, der Wert der Freiwilligenarbeit werde gesellschaftlich unter-
schätzt, weil diese statistisch schwer zu fassen sei und nicht in die volks-
wirtschaftliche Gesamtrechnung fliesse. Aus ökonomischer Sicht ist diese
Argumentation nicht besonders relevant. Denn wie der Begriff betont: Es
handelt sich beim Engagement der Leute um freiwillige Arbeit. Kein Freiwilliger
erwartet, dass seine Tätigkeit bezahlt wird und sie in Statistiken erscheint. An-
gesichts dieser Ausgangslage stellt sich jedoch die Frage, wie man aus wirt-
schaftspolitischer Sicht mit «Freiwilligkeit» umgehen soll.
Eine Antwort liefert das Konzept des kollektiven Handelns. Demnach be-
grüssen zwar die allermeisten Menschen ein bestimmtes gesellschaftliches
Verhalten – wie den sorgsamen Umgang mit natürlichen Ressourcen oder die
Gleichbehandlung von Frauen und Männern in der Karriereentwicklung. Da
aber viele Trittbrettfahrer sich selber nicht an solche Prinzipien halten, muss
der Staat mit gesetzlichen Vorgaben nachhelfen.

Verzicht auf Raschelsäcke


Eine besondere Form staatlicher Eingriffe ist in diesem Zusammenhang der
Ansatz der Selbstverpflichtung. Dieses in der Umweltpolitik etablierte Prinzip
sieht vor, dass sich Unternehmen und Verbände «freiwillig» dazu ­verpflichten,

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  37
bestimmte Umweltziele – etwa die Verbannung von Raschelsäcken im Detail-
handel über eine Branchenlösung – zu erfüllen. Die Umsetzung umwelt-
politischer Vorgaben sollte dadurch für die Wirtschaft flexibler und kosten-
günstiger sein. Harte staatliche Vorgaben wie Verbote können so vermieden
werden.
Allerdings funktioniert das Prinzip freiwilliger Vereinbarungen im Bereich
der politischen Selbstverpflichtung nur, wenn die Summe der Engagements
Einzelner als genügend bewertet wird. In solchen Fällen kommt man nicht
um subjektive politische Beurteilungen des «genügend starken» kollektiven
Engagements herum. Nachdem beispielsweise freiwillige Programme zur
Förderung von Frauen in Kaderfunktionen nicht die politisch erwartete
Wirkung hatten, beschloss der Bundesrat für grosse börsenkotierte Unter-
nehmen Richtwerte zur Geschlechtervertretung im Verwaltungsrat und in
der Geschäftsleitung. Verfehlen Unternehmen diese Vorgaben, müssen sie die
Zielverfehlung begründen und entsprechende Massnahmen angeben. Damit
bewegt sich die staatliche Intervention im Graubereich zwischen formellen
Vorgaben von quantitativen Zielen und der «freiwilligen» Wahl von an-
gemessenen Massnahmen zur Korrektur der Zielverfehlung.
Kurzfristig sind solche Lösungsansätze starren Geschlechterquoten sicher-
lich vorzuziehen. Aber gerade bei hohen Erwartungen ist zuweilen fraglich,
ob das kollektive Versprechen der Wirtschaft wirklich eine regulative Er-
leichterung darstellt. Denn in der Regel werden politische Vorgaben in diesem
Kontext – mindestens implizit – mit Sanktionen im Falle der Zielverfehlung
verknüpft. Ansonsten setzten sich die Behörden dem Vorwurf aus, auf das
Prinzip Hoffnung zu setzen.
Dann aber ist der Übergang zur erzwungenen Freiwilligkeit fliessend, und
man wird an die unschöne Taktik des Aufrufes «Freiwillige vor!» erinnert:
Wenn sich niemand meldet, bestimmt in der Schule oder in der Armee die
Obrigkeit den Freiwilligen.

Eric Scheidegger
Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Wirtschaftspolitik,
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
eric.scheidegger@seco.admin.ch

38  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


Schweizerische Gesellschaft für Volkswirtschaft und Statistik
Société suisse d’économie et de statistique
Società svizzera di economia e di statistica
DIE STUDIE Swiss Society of Economics and Statistics

Energie sparen dank der Klimaerwärmung


Angesichts der Klimaerwärmung dürfte der Energieverbrauch in der Schweiz sinken. Damit
verbunden sind ein Rückgang der CO2-Emissionen und ein Wohlstandsgewinn der Haushalte. 
Camille Gonseth, Philippe Thalmann, Marc Vielle
leistungssektor um 18,3 Prozent. Der Energie-
Abstract    Die Klimaerwärmung bringt vielfältige Probleme mit sich. Zu erwarten
verbrauch der Haushalte für Gebäude (inklu-
sind auch gewisse positive Auswirkungen, insbesondere ein geringerer Heizbedarf
sive Heizen) nimmt um 15,9 Prozent ab.
im Winter. Ein durchschnittliches Klimaszenario ergibt für das Jahr 2060 einen im
Bei der Klimatisierung ist die Umrechnung
Vergleich zum Durchschnitt des Zeitraums 1980 bis 2009 um 16 Prozent niedrige-
etwas komplizierter. Hier verwenden wir eine
ren potenziellen Energiebedarf für Gebäude. Ein Drittel dieses Potenzials geht durch
empirisch geschätzte lineare Beziehung zwi-
direkte und indirekte «Rebound-Effekte» verloren. Übrig bleiben eine Senkung des
schen Energiebedarf und Kühlgradtagen. Ba-
CO2-Ausstosses um 3,9 Prozent und ein leichter Wohlstandsgewinn für die Haushal-
sierend darauf resultiert bei den Haushalten
te von 0,16 Prozent.
für 2060 ein steigender Energiebedarf von
0,6 Terawattstunden. Im Dienstleistungssek-

D  er Klimawandel führt zu einem gerin-


geren Heizbedarf in der Schweiz – im
Gegenzug steigt der Kühlbedarf. Diese Ver-
Im Folgenden gehen wir auf das mittle-
re Szenario (Szenario B) ein. Dieses rechnet
für das Jahr 2060 in der Schweiz, je nach Re-
tor steigt der Bedarf aufgrund der Klimatisie-
rung um 1,4 Terawattstunden.
Während ein geringerer Energiebedarf
mutung bestätigt sich im Rahmen eines gion und Jahreszeit, mit einem Temperatur- beim Heizen als Effizienzgewinn interpretiert
vom Bundesamt für Umwelt (Bafu) finan- anstieg von 2,0 bis 2,9 Grad Celsius. Daraus werden kann, stellt ein höherer Energiever-
zierten Programms zu den Effekten der Kli- ergibt sich gegenüber dem Referenzszenario brauch bei der Klimatisierung einen Effizienz-
maänderungen.1 Zur Veranschaulichung der ein Rückgang der Heizgradtage um 18,3 Pro- verlust dar. In den Szenarien zu den Klimaän-
Entwicklung haben wir drei verschiedene zent. Hingegen steigt die Zahl der Kühlgrad- derungen sind die Parameter zur Entwicklung
Klimaszenarien herangezogen, die alle in tage um 364 Prozent. der Energieeffizienz dem sich verändernden
dieselbe Richtung weisen (siehe Methodolo- Die Veränderung bei den Heizgradtagen Energiebedarf angepasst.
gie-Kasten und Abbildung). korreliert direkt mit dem Energiebedarf, der Aufgrund von zahlreichen endogenen An-
notwendig ist, um denselben Wärmekom- passungen im Modell, insbesondere zum
1 Ein Artikel über diese Arbeit erscheint demnächst in
der Ausgabe vom Dezember 2017 der Schweizerischen
fort zu erreichen. Dieser Bedarf sinkt in den Niveau des angestrebten Wärmekomforts,
Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik. Haushalten, in der Industrie und im Dienst- verringert sich der Energieverbrauch der Haus-
halte für die Gebäude insgesamt um ledig-
lich 10,4 Prozent. Angesichts der theoretisch
Heiz- und Kühlgradtage im Jahr 2060 (Veränderung gegenüber Referenzszenario,
möglichen 15,9 Prozent bedeutet dies, dass ein
anhand von drei Szenarien)
Drittel des Energiesparpotenzials durch soge-
48    in % in %    400
nannte Rebound-Effekte verloren geht.

36 300
Rebound-Effekte erhöhen
24 200 den Energieverbrauch
Der erste Rebound-Effekt hat mit dem tiefe-
BERECHNUNG DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

12 100 ren impliziten Preis für den Wärmekomfort zu

0 0 Von der Forschung in die Politik


Die «Volkswirtschaft» und die ­«Schweizerische
–12 –100 Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik»
verbessern den Wissenstransfer von der For­
schung in die Politik: Aktuelle wissen­schaftliche
–24 –200 Studien mit einem starken Be­zug zur schweize-
Szenario A Szenario B Szenario C rischen Wirtschafts­poli­tik erscheinen in einer
  Heizgradtage (linke Achse)       Kühlgradtage (rechte Achse) Kurzfassung in der «Volkswirtschaft».

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  39
DIE STUDIE

tun: Dank der Erwärmung können Haushal- mung übrig? Dank Nettoeinsparungen bei Zusammenfassend ist festzustellen: Die
te und Unternehmen denselben Komfort mit den Heiz- und Klimatisierungskosten in allen Schweiz profitiert von der Klimaerwärmung
weniger Energie erreichen. Mit anderen Wor- Sektoren können die Haushalte im Jahr 2060 insofern, als sie weniger Energie benötigt,
ten: Sie erhalten einen Anreiz, den Wärme- zu konstanten Preisen 0,16 Prozent mehr um den gleichen Wärmekomfort in Gebäu-
komfort zu erhöhen. konsumieren als im Referenzszenario. Das ist den zu gewährleisten. Die zahlreichen erwar-
Neben diesem direkten Rebound-Effekt wenig, aber doch signifikant, wenn berück- teten und teilweise bereits spürbaren negati-
treten auch indirekte Effekte auf, wie eine sichtigt wird, dass die simulierten Einflüsse ven Folgen der Klimaerwärmung wiegt dies
Analyse der Entwicklung des Energiever- sehr lokal sind. jedoch nicht auf.
brauchs in der Schweizer Wirtschaft zeigt: Gegenüber dem Referenzszenario sin-
Einerseits können die Haushalte dank Ein- ken die CO2-Emissionen um 3,9 Prozent:
sparungen bei den Heizkosten ihren Konsum Der Verbrauch von Erdölprodukten in der
an Waren und Dienstleistungen ausweiten. Schweiz geht um 4,8 Prozent zurück, derje-
Die Herstellung und die Verwendung die- nige von Erdgas bleibt mit einem Rückgang
ser zusätzlichen Produkte gehen somit mit von 0,3 Prozent praktisch unverändert. Weil
einem höheren Energieverbrauch einher. aber der Stromverbrauch um 2,8 Prozent zu-
Andererseits produzieren die Unternehmen nimmt, hängt der Gesamteffekt auf die CO2-
mehr für den Export, da dank einer effizien- Emissionen auch davon ab, wie die Elektrizi-
teren Nutzung der Heizenergie ihre Wettbe- tät produziert wird. Unser Referenzszenario
werbsfähigkeit steigt. Beide Effekte haben berücksichtigt den geplanten Atomausstieg
Camille Gonseth
einen Anstieg des Energiebedarfs zur Folge. und geht davon aus, dass der Mehrbedarf an Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lehrstuhl
Strom im Jahr 2060 zu zwei Dritteln durch für Städte- und Umweltökonomie,
Wohlstandsgewinn für Haushalte Erdgas (dessen Verbrauch deshalb schweiz- Eidgenössische Technische Hochschule
weit nur wenig zurückgeht) und zu einem Lausanne (EPFL)
Was bleibt unter dem Strich von den poten- Drittel durch erneuerbare Energien (ohne
ziellen Gewinnen aufgrund der Klimaerwär- Wasserkraft) gedeckt wird.

Methodologie
Die Analyse beruht auf einem allge- derungen sind als Änderung der mawandel vergleicht, erhält man
meinen Gleichgewichtsmodell, das meteorologischen Bedingungen die Veränderung der Heizgradtage
die Schweizer Wirtschaft detail- gegenüber der Referenzperiode (bzw. Kühlgradtage). Heizgradtage
liert erfasst: den Konsum, die Pro- 1980 bis 2009 beschrieben. Die messen die kumulierten Tempe-
duktion sowie den Handel mit der Prognosen beruhen auf Szenarien, raturunterschiede zwischen der
übrigen Welt. Durch diesen inno- die spezifisch für die Schweiz ent- gewünschten Innentemperatur
vativen Ansatz ist es möglich, viel- wickelt wurden.a Sie liefern regio- (20 Grad Celsius) und der durch- Philippe Thalmann
fältige wirtschaftliche Interaktio- nalisierte tägliche Prognosen für schnittlichen Tagesaussentem-
Wirtschaftsprofessor, Leiter des Lehrstuhls
nen zu berücksichtigen, die in einer die Änderungen von Temperatur peratur für jene Tage, an denen
für Städte- und Umweltökonomie,
entwickelten Volkswirtschaft be- und Niederschlag gegenüber der Letztere unter 10 Grad Celsius
Eidgenössische Technische Hochschule
stehen. Dies sind beispielsweise die Referenzperiode. liegt. Kühlgradtage messen die ku-
Lausanne (EPFL)
sogenannten indirekten Rebound- Die verwendeten Prognosen mulierten Temperaturunterschie-
Effekte: Die Haushalte, die weniger beruhen auf drei Szenarien zu den de zwischen der durchschnittli-
für das Heizen bezahlen, können Treibhausgasemissionen für zwei chen Tagesaussentemperatur und
das eingesparte Geld für andere Jahre (2035 und 2060).b Das erste einem Wert, bei dem es keine Küh-
Waren und Leistungen ausgeben. Szenario geht von einer Reduktion lung braucht (18,3 Grad Celsius),
Diesen Effekten gilt es Rechnung von rund 50 Prozent der weltwei- für jene Tage, die diesen Grenz-
zu tragen, wenn der Gesamteffekt ten Treibhausgasemissionen bis wert überschreiten. Die Aggregie-
der Klimaänderungen auf die Pro- 2050 aus. Bei den anderen zwei rung dieser Serien auf schweizeri-
duktion, den Wohlstand, den Ener- Szenarien ist dies nicht der Fall. scher Ebene erfolgt aufgrund der
gieverbrauch und die Treibhaus- Diese weisen einen sehr ähnlichen räumlichen Verteilung der Wohn-
gasemissionen beurteilt wird. Emissionsverlauf auf, weichen je- bevölkerung.
Unser Modell (Gemini-E3) wur- doch im Zeitraum 2045 bis 2074
de so angepasst, dass es die vom voneinander ab. a CH2011. Swiss Climate Change
Klimawandel am stärksten betrof- Die Prognosen liefern jeweils Scenarios CH2011. Technical Re-
fenen Sektoren und die Anpas- durchschnittliche Tagestempera- port, C2SM, MeteoSwiss, ETH, Marc Vielle
sungsmöglichkeiten erfasst. Es turen für 64 Wetterstationen und NCCR Climate, and OcCC, 2011. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Lehrstuhl
b Offizielle Bezeichnung: für Städte- und Umweltökonomie,
beinhaltet 28 Sektoren (5 davon die zwei betrachteten Jahre. Indem RCP3PD,  A1B und A2; in diesem
für Energie), gegenüber 18 in der man anschliessend diese Werte mit Eidgenössische Technische Hochschule
Artikel als Szenario A, B und C be-
Standardversion. Die Klimaän- einem Referenzszenario ohne Kli- zeichnet. Lausanne (EPFL)

40  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


WACHSTUM

Zur Früherkennung von Rezessionen


in der Schweiz
Die überraschende Aufhebung des Euro-Mindestkurses im Januar 2015 weckte die
Befürchtung einer Rezession der schweizerischen Volkswirtschaft. Ein hier vorgestelltes
ökonometrisches Modell hätte dieses Szenario relativ zeitnah ausschliessen können.  
Philipp Wegmüller, Christian Glocker

Abstract    Die Früherkennung von konjunkturellen Wendepunkten ist für die Wirt-
Modell zur Früherkennung
schaftspolitik zentral. Ein von den Autoren entwickeltes ökonometrisches Modell bie- Um konjunkturelle Wendepunkte mög-
tet hierfür eine gute Grundlage. Das Faktormodell basiert auf einer Auswahl monat- lichst früh zu erkennen, bieten sich eine Rei-
lich verfügbarer Indikatoren wie dem Einkaufsmanagerindex (PMI) oder den Importen. he ökonometrischer Modelle an, allen vor-
Es eignet sich insbesondere dafür, die Position der Wirtschaft im Konjunkturzyklus zu an die Faktormodelle. Unser Faktormodell
datieren und frühzeitig zu erkennen. Die sieben vom Modell bestimmten Rezessio- (siehe Kasten 2) soll in erster Linie ein ge-
nen seit 1980 dauerten im Durchschnitt sieben Monate und gingen mit einem deutlich naueres, zeitnahes Bild der schweizerischen
negativen BIP-Wachstum einher. Angesichts der Aufhebung des Mindestkurses zum
Konjunkturdynamik vermitteln.1 Darüber hin-
Euro hätte das Modell relativ früh darauf hingedeutet, dass es nicht zu einer Rezession
aus ermöglicht es eine Einschätzung des BIP-
kommen würde.
Wachstums in Echtzeit, liefert zuverlässi-
ge Mittelfristprognosen des BIP-Wachstums
und erzeugt einen Konjunkturindikator, der

Z  ur Überraschung der Märkte und Insti-


tutionen hob die Schweizerische Natio-
nalbank (SNB) am 15. Januar 2015 die Wech-
se kann in einer massiven Rezession versucht
werden, anhand expansiver wirtschaftspoli-
tischer Impulse einen zu starken wirtschaft-
gängigen Indikatoren wie etwa dem KOF-
Barometer ähnlich ist.
Das Modell kombiniert das quartalswei-
selkursuntergrenze des Frankens zum Euro lichen Einbruch und damit einen exzessi- se verfügbare reale BIP-Wachstum mit mo-
auf. Die Auswirkungen dieser geldpolitischen ven Anstieg der Arbeitslosigkeit zu vermei- natlich verfügbaren Reihen, welche in einem
Massnahme auf das Schweizer Wirtschafts- den. Unter anderem führte der Bund im Zuge Auswahlprozess festgelegt wurden. Konkret
wachstum waren in der Folge von grossem der internationalen Finanzkrise von 2008 das sind dies:
Interesse. Damals fragten sich Konjunktur- Instrument der Kurzarbeitsentschädigung –– Importe, Detailhandelsumsätze und Auf-
forscher und weitere Wirtschaftsakteure: ein, um potenzielle Auswirkungen auf den tragsbestand der Industrie als Hinweise auf
Wird die Schweizer Wirtschaft in eine Re- Arbeitsmarkt abzudämpfen. die inländische Nachfrage;
zession gleiten? Um diese Frage klar zu be- Neben politischen Entscheidungsträgern –– Zinsdifferenz zwischen 10-jährigen Staats-
antworten, musste man sich zu diesem Zeit- haben auch private Wirtschaftsakteure ein anleihen und 3-Monats-Libor sowie Volati-
punkt viereinhalb Monate gedulden. Denn Interesse am frühzeitigen Erkennen des Auf- lität des Swiss Market Index (SMI) als zent-
erst Ende Mai publizierte das Staatssekreta- tretens von Rezessionen beziehungsweise an rale Finanzmarktvariablen;
riat für Wirtschaft (Seco) die Quartalsschät- der Einschätzung der Position der Wirtschaft –– Realer effektiver Wechselkurs als Hinweis
zung zum Wachstum des realen Bruttoin- im Konjunkturzyklus. Der Grund liegt auf der für die Wettbewerbsfähigkeit exportorien-
landprodukts (BIP) für das erste Quartal 2015. Hand: Wirtschaftsakteure können sich durch tierter Firmen;
Das BIP-Wachstum stellt die zentrale Mess- gezielte Vorsorgemassnahmen im Hinblick –– Bankguthaben und Bankkredite als Indika-
grösse für den Gang der Wirtschaft dar. In auf einen Abschwung entsprechend absi- tor der Finanzmarktliquidität;
den ersten Wochen nach der Aufhebung des chern. Auf Englisch spricht man von «precau-
Mindestkurses mussten deshalb Stimmungs- tionary savings». 1 Glocker und Wegmüller (2017).
indikatoren und weitere zeitnah verfügbare
Daten herbeigezogen werden, um Informa-
tionen bezüglich des Standes der Schweizer Kasten 1: Konjunkturzyklus und Rezession
Konjunktur zu erfahren. Jeder Konjunkturzyklus besteht aus einer Auf- schaftsgeschehen insbesondere an den Wende-
Für die Wirtschaftspolitik ist es von er- schwung- und einer Abschwungphase, wobei die punkten möglichst zutreffend zu beschreiben. Es
heblicher Relevanz, möglichst genau und einzelnen Phasen durch untere bzw. obere Wende- gibt eine Reihe einfacher Regeln zur groben Ein-
früh zu wissen, an welchem Punkt eines Kon- punkte miteinander verbunden sind. Der Begriff schätzung der Konjunkturdatierung: Beispielswei-
­Zyklus ist in diesem Kontext etwas irreführend, se definiert das amerikanische National Bureau of
junkturzyklus (siehe Kasten 1) sich die Wirt- weil er auf eine regelmässige Periodizität hindeu- Economic Research (NBER) im Rahmen einer Ex-
schaft gerade befindet. So zielen viele wirt- tet. Zentrale Merkmale des Konjunkturzyklus sind pertengruppe als Rezession eine Periode zwischen
schaftspolitische Entscheidungen darauf ab, jedoch, dass die Dauer von Aufschwung zu Ab- einem Hochpunkt und einer Talsohle. Ein weiteres
schwung und die Differenz zwischen Höhe- und Beispiel ist der technische Ansatz. Hier spricht man
das Ausmass konjunktureller Schwankungen
Tiefpunkt (Amplitude) variieren. Mit der Hilfe von üblicherweise bei zwei aufeinanderfolgenden ne-
durch die Umsetzung einer adäquaten Stabi- Konjunkturindikatoren und ökonometrischen Mo- gativen Quartalen des BIP-Wachstums von einer
lisierungspolitik zu verringern. Beispielswei- dellen wird deshalb versucht, das zyklische Wirt- Rezession.

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  41
BIP-WACHSTUM

Kasten 2: Dynamisches Faktormodell –– Einkaufsmanagerindex (PMI) und UBS-


Konsumindikator als Stimmungsindikato-
Ein Faktormodell beruht grundsätzlich auf der nen, je nachdem, in welchem Regime sich die Zeit-
ren der Industrie und der Konsumenten.
Vorstellung, dass die Bewegungen verschiedener reihe befindet. Dadurch kann bei der Modellierung
makroökonomischer Variablen ein gemeinsames berücksichtigt werden, dass die Dynamik über die
Element aufweisen, das in einem latenten – unbe- Zeit variiert. Das Konzept der beiden Regime Re- Ein Konjunkturzyklus befindet sich in unse-
obachteten – Faktor zusammengefasst werden zession und Expansion beschreibt in diesem Kon- rem Modell dann in einer Rezession, wenn die
kann. Technisch ausgedrückt, ist der Faktor das Er- text die unterschiedlichen Phasen des Konjunktur-
Rezessionswahrscheinlichkeit einen Schwell-
gebnis einer Hauptkomponentenanalyse, welche zyklus. Das Modell liefert eine Einschätzung der
mindestens eine gemeinsame Komponente aus wirtschaftlichen Lage in eines dieser beiden Re- wert von 66 Prozent überschreitet.2  Für die
einer Vielzahl von Variablen extrahiert. gime, basierend auf dem Konzept der Wahrschein- Schweiz trifft dies seit 1980 in sieben Fällen zu
Basierend auf Hamilton (1989), ergänzt in dem lichkeiten. Das Verfahren liefert somit neben einer (siehe Abbildung 1). Mit anderen Worten: Das
von uns gewählten Modell die Markov‑Switching- Schätzung der Modellparameter für jedes Regime
Komponente den latenten Faktor um eine soge- zugleich eine Quantifizierung der Regimewahr-
Modell hat alle bekannten Rezessionen im
nannte Nicht‑Linearität. Ein an sich lineares Modell scheinlichkeiten in Abhängigkeit von der jeweils Schweizer Konjunkturzyklus erfasst.
wird bei diesem Ansatz dadurch flexibler, dass die betrachteten Informationsmenge. Eine erste Rezession fand 1982 statt, aus-
Parameter unterschiedliche Werte annehmen kön- gelöst durch die zweite Ölkrise. In den Neun-
zigerjahren folgte die Schweizer Immobilien-
Abb. 1: BIP-Wachstum und Rezessionswahrscheinlichkeit (1980–2017) krise, wovon sich das BIP-Wachstum erst ab
1995 wieder erholte. Die nächsten Rezessio-
2,5        BIP (real, saisonbereinigt), Wachstum gegenüber Vorquartal in % Rezessionswahrscheinlichkeit in %       100
nen entstanden im zeitlichen Umfeld der Ter-
2 roranschläge in den USA und des Platzens der
1,5 Dotcom-Blase im Jahr 2001 sowie nach der
Finanzkrise 2008. Schliesslich führte gemäss
1 unserem Modell die massive Aufwertung des
66 Frankens zusammen mit der weltweit schlep-
0,5 penden Nachfrage während der Zuspitzung
SECO; GLOCKER UND WEGMÜLLER (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
der europäischen Schuldenkrise 2011 zu wei-
0
teren rezessiven Tendenzen im Schweizer
–0,5 Konjunkturzyklus.
Nach unserer Datierung von Konjunktur-
33
–1 zyklen dauert eine Phase des Aufschwungs
–1,5
im Durchschnitt 50 Monate und geht ein-
her mit einem durchschnittlichen Quartals-
–2 wachstum des BIP von 0,6 Prozent. Rezessio-
nen dauern hingegen im Mittel nur 7 Monate,
–2,5 0
wobei das BIP sich im Durchschnitt in diesen
0
80

96

8
88

4
84

92

12

Episoden jeweils um 1,5 Prozent von einem


16
0
0
0

20
19
19

19

19

19

20
20
20

20

  BIP-Wachstum (gegenüber Vorquartal; linke Skala)         Rezessionswahrscheinlichkeit (rechte Skala)      


Quartal gegenüber dem Folgequartal zurück-
    Rezessionsschwelle (rechte Skala) bildet. Dies ist im Einklang mit der bekannten
Tatsache, dass Aufschwungphasen im Schnitt
länger andauern als Rezessionen.
Abb. 2: Modellprognosen für BIP-Wachstum nach Aufhebung des Mindestkurses
0,5       BIP-Wachstum (real, saisonbereinigt; Wachstum gegenüber Vorquartal), in % Rezessionswahrscheinlichkeit, in %
SNB hebt Euro-Mindestkurs auf
Mindestkursaufhebung:
0,4 Test bestanden
0,3 Der Nutzen des Faktormodells zeigt sich ins-
besondere durch seine Fähigkeit, Rezessions-
0,2
66 tendenzen dank zeitnah verfügbarer Informa-
0,1 tionen frühzeitig zu erkennen. Dies wird bei-
SECO; GLOCKER UND WEGMÜLLER (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

spielsweise deutlich bei der Betrachtung der


0 Aufhebung der Franken-Untergrenze zum
Euro im Januar 2015, wo unser Modell bereits
–0,1
Mitte Februar eine negative Prognose des
33
–0,2 BIP-Wachstums für das 1. Quartal 2015 gelie-
fert hätte (siehe Abbildung 2). Diese Schätzung
–0,3
bestätigte sich durch die Publikation der BIP-
–0,4 BIP-Wachstum 1. Quartal 2015: Zahlen gute drei Monate später.
Publiziert am 29.05.2015 Auch die Einschätzung über eine allfällige
–0,5 0 Rezession bestätigte sich. Zur Erinnerung: Im
November 2014 Dezember 2014 Januar 2015 Februar 2015 März 2015 April 2015 Mai 2015
Januar 2015 wurde von verschiedenen ­Seiten
  Modellprognosen für das BIP-Wachstum (1. Quartal 2015, linke Skala)          Offizielles BIP-Wachstum (1. Quartal 2015;
linke Skala)        Rezessionswahrscheinlichkeit (rechte Skala)          Rezessionsschwelle (rechte Skala)    2 Siehe Abberger und Nierhaus (2008).

42  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


Wie geht es der Industrie? Indikatoren
Wie geht es der Industrie? Indikatoren wie der
wie der Auftragsbestand geben frühe
Auftragsbestand geben frühe Hinweise zum
Hinweise zum BIP-Wachstum.
BIP-Wachstum.
ALAMY
WACHSTUM

befürchtet, dass die geldpolitische Mass- Drittens bietet das Faktormodell wegen der
nahme unweigerlich eine Rezession auslö- zeitnahen Verfügbarkeit der Indikatoren eine Da-
sen würde. Demgegenüber hätte das Faktor- tierung des Zyklus in Echtzeit. Dies ist ein mass-
modell zu keinem Zeitpunkt auf eine solche geblicher Unterschied zur Rezessionsdatierung
Entwicklung hingedeutet: Die Rezessions- basierend auf Expertengruppen, wie sie bei-
wahrscheinlichkeit stieg zwar im Januar be- spielsweise in den USA zur Anwendung kommt,
trächtlich an, blieb jedoch in einem modera- wo das National Bureau of Economic Research
ten Bereich. Bereits im März war sie wieder (NBER) seine Ergebnisse zur Datierung von Zy-
nahe null. klen oftmals mit erheblicher zeitlicher Verzöge- Philipp Wegmüller
rung publiziert. So gab das Komitee seine Ein- Dr. rer. oec., wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für
Transparent und wertfrei schätzung zur Rezession der amerikanischen Wirtschaft (Seco), Bern
Der hier vorgeschlagene Ansatz zur Datierung Volkswirtschaft im Frühjahr 1991 erst im Dezem-
von Konjunkturzyklen und zur Früherken- ber des Folgejahres bekannt. Schliesslich ist das
nung von Rezessionen bringt im Vergleich zu hier präsentierte Modell äusserst flexibel in sei-
alternativen Methoden vier gewichtige Vor- ner Anwendung. Indikatoren können beispiels-
teile: Erstens ist das Faktormodell trotz seiner weise problemlos ausgetauscht werden, sollte
technischen Komplexität transparent. Dank sich die Struktur der Wirtschaft über die Zeit ver-
der konkreten Variablenselektion und der Li- ändern und eine Anpassung erfordern.
mitierung auf eine bestimmte Anzahl Indika- Es muss klargestellt werden: Alternative An-
toren kann es in wenigen Schritten überprüft sätze – wie zum Beispiel die Rezessionsregel auf
und verstanden werden. Die Einschätzung Basis zweier hintereinander folgender negati-
des aktuell vorherrschenden Regimes mithil- ver Quartalswachstumsraten des BIP – werden
fe von Wahrscheinlichkeiten trägt zusätzlich durch das hier präsentierte Modell nicht ersetzt. Christian Glocker
zur Transparenz bei. Zweitens ist der hier vor- Für eine adäquate Beurteilung des Konjunk- Dr. rer. pol., wissenschaftlicher Mitarbeiter,
geschlagene Ansatz zur Konjunkturzyklus­ turzyklus bleibt die Experteneinschätzung un- Fachbereich für Makroökonomie,
datierung rein modellgetrieben. Die Ergebnis- erlässlich, und der Einsatz eines Faktormodells Österreichisches Institut für Wirtschafts-
forschung (WIFO), Wien
se sind dadurch weitestgehend wertfrei. erweist sich als nützliches Instrument dazu.

Literatur
Abberger, K. und Nierhaus, W. (2008). Markov-Switching Glocker, C. and Wegmüller, P. (2017). Business Cycle Dating Hamilton, J. D. (1989). A New Approach to the Economic
und ifo Geschäftsklima, ifo Schnelldienst 61(10), 25–30. and Forecasting with Real‑time Swiss GDP Data, wifo Analysis of Nonstationary Time-Series and the Business
Working Paper No. 542. Cycle, Econometrica 57(2), 357–384.

44  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FINANZMÄRKTE

Klimaverträglichkeitstests für
Pensionskassen und Versicherungen
Die Portfolios von Schweizer Finanzinstituten sind derzeit noch wenig klimafreundlich ge-
staltet. Dies zeigen freiwillige Überprüfungen anhand eines 2-Grad-Szenario-Modells. Um
das angestrebte 2-Grad-Ziel zu erreichen, sind deshalb weitere Anstrengungen nötig.  
Silvia Ruprecht-Martignoli
nen für den Finanzmarkt haben (siehe Abbil-
Abstract  Seit Anfang November 2017 ist die Schweiz Mitglied des Klimaübereinkom- dung 1). So können Klimaauswirkungen wie
mens von Paris. Darin setzt sich die Weltgemeinschaft zum Ziel, auch die Finanzflüsse Überschwemmungen und Hitzeperioden –
klimaverträglich auszugestalten. In diesem Kontext haben das Bundesamt für Umwelt wie sie bereits bei einer Erwärmung von bis
(Bafu) und das Staatssekretariat für internationale Finanzfragen (SIF) alle Schweizer zu 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriel-
Pensionskassen und Versicherungen eingeladen, freiwillig die Klimaverträglichkeit ler Zeit prognostiziert werden – Vermögens-
ihrer Portfolios testen zu lassen. Das Angebot stiess auf breites Interesse. Dies kann werte tangieren. In der Finanzbranche spricht
als Anzeichen gewertet werden, dass das Klimabewusstsein der Schweizer Finanz-
man in diesem Zusammenhang von physi-
branche steigt. Deren Investitionsverhalten unterstützt heute noch eine globale Er-
schen Klimarisiken.
wärmung von 4 bis 6 Grad Celsius. Die Überprüfung der Klimaverträglichkeit kann zu
Bei einem Klimawandel von 4 bis 6 Grad –
einer Neuausrichtung beitragen.
respektive, wenn gefährliche Störungen des
Klimasystems nicht genügend vermindert
werden können – sind die prognostizierten

I  m Klimaübereinkommen von Paris hat sich


die internationale Staatengemeinschaft
zu drei Zielen verpflichtet. So soll erstens
der klimaverträglichen Finanzflüsse aus dem
Übereinkommen von Paris durch freiwillige
Massnahmen der Finanzakteure umzusetzen.
Werteverluste massiv höher, als wenn eine
Eindämmung auf unter 2 Grad gelingt. Um die
globale Erwärmung unter dieser kritischen
der globale Temperaturanstieg gegenüber Der Bund unterstützt die Branche dabei mit Schwelle zu begrenzen, ist eine weitgehen-
der vorindustriellen Zeit auf deutlich unter Grundlagenarbeiten. de Dekarbonisierung von Wirtschaftszwei-
zwei Grad begrenzt werden (im Weiteren gen wie Energieerzeugung, Industrie, Trans-
2-Grad-Klimaziel genannt). Zweitens soll die Klima und Finanzmarkt port und Gebäuden spätestens in der zweiten
Fähigkeit der Staaten zur Anpassung an un- Hälfte des Jahrhunderts notwendig.
vermeidbare Klimaauswirkungen erhöht wer- Investitionsentscheide können den Über- Werden weltweit stringente Massnah-
den, und drittens sollen neu auch die Finanz- gang zu einer klimaverträglichen Weltwirt- men ergriffen, die beispielsweise den Ver-
flüsse klimaverträglich ausgerichtet werden. schaft mehr oder weniger unterstützen. Bei- brauch fossiler Energien direkt verteuern
Mit klimaverträglichen Investitionen ist ge- spielsweise sind solche Entscheide zur Ener- oder einschränken, können betroffene Fir-
meint, dass einerseits mehr in umweltfreund- gieversorgung mitentscheidend, wie viele men an Wert verlieren. Diese sogenannten
liche und zukunftsträchtige Technologien Treibhausgase zukünftig emittiert werden. Transitionsrisiken sind unterschiedlich hoch,
und Energieträger sowie andererseits weni- Umgekehrt kann der Klimawandel Implikatio- je nachdem, ob die klimaverträgliche Aus-
ger in treibhausgasintensive investiert wird.
Seit dem 5. November 2017 ist die Schweiz
Mitglied des Übereinkommens. Als Vertrags- Abb. 1: Klimarisiken für Finanzmarktakteure
partei muss sie die Ziele in nationales Recht
CO2
überführen und künftig über den Stand der
nationalen Umsetzung Bericht erstatten. Da-
für ist eine Totalrevision des CO2-Gesetzes Physische Risiken in
Finanzmärkten
für die Zeit nach 2020 vorgesehen. Für die
Schweiz ist das dritte Ziel nicht unbedeu-
tend: Mit einem Anteil von über 9 Prozent
am Bruttoinlandprodukt ist der Finanzplatz
2° INVESTING INITIATIVE (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

ein wichtiger Sektor für die Volkswirtschaft.1


Einzelne Investitions- und Finanzierungsent-
scheide der Finanzmarktakteure können sich Transitionsrisiken in
indirekt auf das Klima auswirken. In der Ver- Finanzmärkten
nehmlassung zur Revision des CO2-Geset-
zes hat der Bundesrat vorgeschlagen, das Ziel
2017 2022 (...) 2040

1 SIF (2017).   6-Grad-Szenario         Zu spät, zu schnell (2-Grad-Szenario)         Sanfter Übergang (2-Grad-Szenario)

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  45
FINANZMÄRKTE

KEYSTONE
Investitionen in erneuerbare Energien helfen,
die Klimaerwärmung zu drosseln.
richtung in den betroffenen Wirtschafts- band (SVV) unterstützt und vom global aus-
zweigen sanft oder abrupt stattfindet. Mit gerichteten Thinktank 2° Investing Initiative
anderen Worten: Wenn Produktions- und durchgeführt. Das dabei eingesetzte Modell3 mittelt werden, wie viel Strom aus Kohle oder
Investitionspläne heute mit einem 2-Grad- ist hauptsächlich mithilfe von Forschungs- erneuerbarer Energie «in den Portfolios» aus-
Szenario übereinstimmen, deutet dies auf mitteln der EU erarbeitet worden. Es basiert gebaut bzw. verringert wird oder wie viele
einen sanften Übergang hin. Wenn die- auf dem 2-Grad-Szenario der Internationalen Autos mit Benzin- oder Elektromotoren vor-
se Pläne heute aus Klimasicht jedoch eine Energieagentur4, welche regionale Technolo- aussichtlich hergestellt werden.
Fehlausrichtung zeigen, ist die Wahr- gie- und Dekarbonisierungs­pfade für die be- Durch die Fokussierung auf die klimarele-
scheinlichkeit gross, dass die Anpassung sonders klimarelevanten Wirtschaftssekto- vanten Wirtschaftssektoren deckt die Ana-
plötzlich und schnell stattfinden wird und ren bereitstellt. Diese umfassen die Förde- lyse zwar nur einen Teil eines typischen Pen-
so Vermögenswerte gefährdet werden.2 rung fossiler Energien, die Stromerzeugung, sionskassen- oder Versicherungsportfolios
den Transport (Automobilproduktion, Schiff- ab. Die erwähnten Branchen sind allerdings
Portfoliotests mit 2-Grad-­ fahrt, Flugverkehr) sowie die Zement- und die für hohe 70 bis 90 Prozent der Treibhausgas-
Stahlindustrie. emissionen der jeweiligen Portfolios verant-
Szenario-Modell Dieser sogenannte 2-Grad-Benchmark wortlich. Mit relativ kleinen Veränderungen
Vor diesem klimapolitischen Hintergrund zeigt beispielsweise für den Stromerzeu- in den Portfolios oder der Diskussion mit we-
haben das Bundesamt für Umwelt (Bafu) gungssektor, wie viel Gigawatt Strom in den nigen produzierenden Firmen über ihre künf-
und das Staatssekretariat für internationale Jahren 2020, 2030 und 2050 in den einzel- tige Ausrichtung könnten bereits potenziell
Finanzfragen (SIF) freiwillige Pilottests ini- nen Weltregionen aus erneuerbaren Quellen signifikante Klimawirkungen erreicht werden.
tiiert. Ab April 2017 konnten alle Schweizer stammen muss und wie viel noch aus fossi- Rund 80 Pensionskassen und Versiche-
Pensionskassen und Versicherungen eine len Quellen produziert werden darf, damit rungen haben freiwillig an diesem Test teil-
kostenlose und vertrauliche Analyse ihrer die Klimaerwärmung unter 2 Grad gegenüber genommen. Damit konnten rund zwei Drit-
Aktien- und Unternehmensanleihenport- vorindustrieller Zeit stabilisiert werden kann. tel der Aktien und Unternehmensanleihen
folios im Hinblick auf das 2-Grad-Klimaziel Die Investitions- und Produktionspläne der aller Schweizer Pensionskassen und Versiche-
des Übereinkommens von Paris durchfüh- in den Portfolios gehaltenen Firmen für die rungen auf ihre Klimaverträglichkeit getestet
ren lassen. kommenden fünf Jahre werden dann mit die- werden. Nach Fertigstellung – voraussichtlich
Das Projekt wurde vom Pensionskassen- sem Benchmark verglichen. Dadurch kann er- noch Ende dieses Jahres –  wird das Modell
verband (Asip) und dem Versicherungsver- unlizenziert im Markt zur Verfügung stehen.5
3 Das Modell wird auch 2-Grad-Szenario-Modell oder
Klima­verträglichkeitsmodell genannt.
2 ERSB (2016). 4 IEA (2017). 5 Siehe Transitionmonitor.ch.

46  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


FINANZMÄRKTE

2-Grad-Ziel noch nicht in Sicht muss aber nicht unmittelbar zu einer Verrin-
Abb. 2: Anteil der erneuerbaren
gerung der Investitionen oder der Produktion
Energien am gesamten geplanten
Die untersuchten Portfolios zeigen insgesamt in dieser Branche führen. Erst wenn genü-
Kapazitätsausbau in den Portfolios
grosse Lücken zum angestrebten 2-Grad-Ziel gend Akteure gleichgerichtet handeln, kann
(2017–2022)
auf. Die in den Portfolios gehaltenen Kohle- ein klimawirksamer Effekt erreicht werden.
und Gaskraftwerke, Öl- und Gasförderer so- in % Desgleichen bewirkt der Erwerb von «grü-
wie Autoproduzenten prognostizieren so- 90 nen Anleihen» keine automatische Zunahme
gar einen zusätzlichen Ausbau ihrer CO2-int- 80 «grüner» Investitionen, sondern kann auch
ensiven Technologien. Gleichzeitig mangelt 70 im Zusammenhang mit der Finanzierung be-

2° INVESTING INITIATIVE (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


es an Investitionen in CO2-arme Alternativen reits bestehender Investitionen stehen.
60
wie erneuerbare Energien, Elektro- und Hyb- Auf der Grundlage der die Zukunft betref-
ridfahrzeuge. Auch zur Dekarbonisierung der 50 fenden Daten in den Testberichten könnten
Luft- und der Schifffahrt sowie der Zement- 40 sich Investoren mit den Portfoliofirmen kon-
und der Stahlindustrie sind zusätzliche Inves- 30 kret über Investitionspläne austauschen. Um
titionen nötig. eine Klimawirkung auf diesem Weg zu erzie-
20
Sowohl zwischen den Anlageklassen als len, ist auch da eine kritische Masse an Inves-
10
auch zwischen den Portfolios der einzelnen toren nötig, die gleichgerichtet agieren.
0
Pensionskassen und Versicherungen sind je- Obwohl die 2-Grad-Szenario-Analyse kei-
Portfolios aus börsenkotierten Aktien der
doch signifikante Unterschiede erkennbar ­Schweizer Pensionskassen und Versicherungen ne Risikobewertung ist, kann sie dazu bei-
(siehe Abbildungen 2 und 3). Während einige tragen, das Verständnis von Klimarisiken für
Portfolios bereits mit dem Pariser Überein- die Investoren zu verbessern. Eine von der
kommen vereinbar sind, besteht in anderen Abb. 3: Anteil Hybrid- und Elektro- Industrie geleitete und vom internationalen
noch grosser Nachholbedarf in Bezug auf ge- fahrzeuge am gesamten Anstieg der Finanzstabilitätsrat eingesetzte Experten-
wisse Technologien und Sektoren. Beim An- Fahrzeugproduktion in den Port­ gruppe empfiehlt denn auch, 2-Grad-Szena-
teil der erneuerbaren Energien beispielsweise folios (2017–2022) rio-Analysen durchzuführen, um Klimarisiken
reicht die Spannweite der geplanten Investi- in %
frühzeitig zu erkennen.6 Mit den sogenann-
tionen von 3 bis 97 Prozent, bei Elektro- und 90
ten Klimaverträglichkeitstests haben vie-
Hybridfahrzeugen von 3 bis 100 Prozent. le Schweizer Versicherungen und Pensions-
80
Trotz dieser Lücken gibt es Anzeichen für kassen diese Empfehlung inzwischen bereits
eine Trendwende. Die dem Klimaverträglich- 70 umgesetzt.
2° INVESTING INITIATIVE (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

keitsmodell zugrunde liegenden Daten zeigen 60


nämlich, dass sich die Investitionstrends in 50
6 TCFD (2017).
der Realwirtschaft bereits verändern. So neh-
40
men die Investitionen in erneuerbare Energien
in den meisten Weltregionen seit einigen Jah- 30

ren zu. Zudem steigt das Stromangebot aus 20


Erneuerbaren auch durch nicht börsenkotier- 10
te Firmen sowie durch Haushalte. 0
Auch bei den Elektrofahrzeugen ist ein Portfolios aus börsenkotierten Aktien der
Aufwärtstrend sichtbar: Obwohl die Ziellü- ­Schweizer Pensionskassen und Versicherungen
cke absolut betrachtet signifikant ist, zeigt Die Farben Rot, Weiss und Grün entsprechen
ein Blick auf die jeweiligen Vorhersagen der den drei Klimaszenarien (6-Grad-, 4-Grad und Silvia Ruprecht-Martignoli
produzierenden Firmen in den vergange- 2-Grad). Projektleiterin Klima und Finanzmarkt,
Sektion Klimapolitik, Bundesamt für
nen zwei Jahren, dass sie sich in der Real- Umwelt (Bafu), Bern
wirtschaft bereits zu schliessen begonnen
hat. Und wenn die Unternehmen der Öl- Pensionskassen und Versicherungen über
und Gasbranche ihre Investitionen weiter- portfoliospezifische Einzelberichte. Die Test- Literatur
hin reduzieren, so ist ab Anfang der 2020er- berichte können den Teilnehmenden dabei 2° Investing Initiative (2017). Out of the Fog: Quanti-
Jahre ein Produktionsrückgang analog zum als Grundlage dienen, sich künftig besser in fiying the Alignment of Swiss Pension Funds and Insu-
rances with the Paris Agreement, mit Unterstützung
2-Grad-Szenario zu erwarten. Eine Ausrich- Richtung 2-Grad-Ziel zu orientieren. des BAFU, Paris.
tung der Finanzmärkte auf das 2-Grad-Ziel Allerdings ist zu bedenken, dass gewis- European Systemic Risk Board ESRB (2016). Too Late,
Too Sudden: Transition to a Low Carbon Economy
ist also nach wie vor möglich. se Handlungen an den Finanzmärkten nicht and Systemic Risk, Frankfurt am Main.
zwangsläufig eine Wirkung in der Realwirt- International Energy Agency IEA (2017). Energy
Technology Perspectives 2017, Paris.
Standpunkt für Klimastrategien schaft zeigen. Veräussert beispielsweise eine Staatssekretariat für internationale Finanzfragen SIF
Pensionskasse Anteile an einem Unterneh- (2017). Finanzstandort Schweiz, Kennzahlen Oktober
2017, Bern.
Das Bafu verfügt über eine anonymisierte men der Erdöl- oder der Erdgasbranche, kann Task Force on Climate-related Financial Disclosure
Analyse über alle getesteten Portfolios, die dies zwar aus Risikosicht zielführend sein, es TCFD (2017). Final Report.

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  47
GROSSBANKEN

Zu lockere Eigenkapitalanforderungen für


Schweizer Grossbanken
Nach der Finanz- und Wirtschaftskrise sind die Eigenkapitalvorschriften systemrelevanter
Grossbanken vielerorts verschärft worden. Eine Studie für die Schweiz legt nun aber nahe,
dass die optimalen Anforderungen für Schweizer Grossbanken noch höher liegen.  
Peter Kugler, Georg Junge
Banken bis 2019 für die Sanierung oder die
Abstract  Zehn Jahre nach der schwersten globalen Finanzkrise der Nachkriegszeit, in geordnete Abwicklung «Gone Concern»-Ka-
der auch die Schweizer Grossbank UBS durch den Staat gerettet werden musste, hat die pital von 5 Prozent des Gesamtengagements
Schweiz ein Too-big-to-fail-Regelwerk mit einer substanziellen Erhöhung der Eigen- aufbauen.3
kapitalanforderungen aufgebaut. Unklar ist allerdings, ob die neuen Eigenkapitalan- Das sind substanzielle Erhöhungen des
forderungen ausreichen, um zu verhindern, dass in einer nächsten Krise wieder eine Bankenkapitals im Vergleich zur vorange-
systemrelevante Bank scheitert. Basierend auf einer einfachen volkswirtschaftlichen gangenen TBTF-Regulierung mit einer Lever-
Kosten-Nutzen-Betrachtung, kommt die Studie zum Ergebnis, dass die kürzlich revi-
age Ratio von 3,12 Prozent und einer RWA-
dierten TBTF-Eigenkapitalanforderungen unterhalb der optimalen Kapitalquoten lie-
Quote von 10 Prozent für den «Going Con-
gen. Diese liegen jedoch auch nicht bei 20–30 Prozent, wie einige Ökonomen fordern.
cern». Diese Erhöhungen sollten gemäss dem
Schlussbericht der Expertengruppe zur Wei-
terentwicklung der Finanzmarktstrategie

E  s ist weitgehend unumstritten, dass die


Unterkapitalisierung der grossen, inter-
national tätigen Banken eine wichtige Ursa-
ziehung zwischen dem Eigenkapital der Ban-
ken, dem Unternehmensrisiko und der Eigen-
kapitalrendite. Dabei berücksichtigen wir das
die Schweiz in den Kreis der Länder mit den
strengsten Kapitalerfordernissen einreihen.
Bei der Bestimmung der Eigenkapitalanfor-
che für die Finanzkrise von 2007/08 war. Als Modigliani-Miller-(MM)-Theorem der Irrele- derungen hat sich die Schweiz im Wesentli-
Reaktion darauf haben die Aufsichtsbehör- vanz der Kapitalstruktur (siehe Kasten). Zur chen an den Regulierungen anderer Länder
den die Banken gezwungen, ihr Eigenkapi- Berechnung des Nutzens ziehen wir Schwei- orientiert. Die Frage, was denn aus volkswirt-
tal massiv zu erhöhen. Allerdings gehen die zer Daten seit 1881 heran und identifizieren schaftlicher Sicht die optimalen Kapitalan-
Meinungen über die richtige Höhe des Ban- vier schwere Bankenkrisen in den Jahren 1911, forderungen wären, ist dadurch jedoch noch
kenkapitals weit auseinander. Die Ökonomin 1931, 1991 und 2007/08, die mit jeweils hohen nicht beantwortet.
Anat Admati und der Ökonom Martin Hell- volkswirtschaftlichen Kosten verbunden wa-
wig fordern in einem viel beachteten Buch1, ren. Volkswirtschaftliche Kosten und
das Eigenkapital der Banken auf rund 20 bis
30 Prozent ihrer Aktiva zu erhöhen. Das wäre
Nutzen
Strengere Too-big-to-fail-­
rund vier bis sechs Mal höher als die aktuellen Der Nutzen einer höheren Eigenkapitalfinan-
Vorgaben für systemrelevante Banken, wie
Regulierung zierung besteht darin, die Wahrscheinlich-
sie der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht «Going Concern» bedeutet, dass eine Bank keit von Bankenkrisen zu reduzieren. Geht
(BCBS) im Rahmen von Basel III ab 2019 vor- über genügend Eigenkapital verfügt, um Ver- man von einer Leverage Ratio von 3,3 Pro-
schreibt. Auf der anderen Seite klagen Ban- luste bei laufender Geschäftstätigkeit decken zent4 aus, steigt der Nutzen zusätzlicher
kenvertreter bereits heute zunehmend über zu können. Dieses Kapital setzt sich zusam-
zu hohe regulatorische Eigenkapitalanfor- men aus dem harten Common-Equity-Tier1- 3 Siehe Finma (2015).
derungen, die den globalen wirtschaftlichen Kapital (CET1) und zusätzlicher Tier1-Kapi- 4 Die Ausgangsbasis der Leverage Ratio von 3,3% ent-
spricht der durchschnittlichen Leverage Ratio der G-SIB
Aufschwung behindern. Doch wo liegen die talqualität (AT1). Im Gegensatz dient «Gone zwischen 2013 und 2015. Die optimale Leverage Ratio
optimalen Eigenkapitalanforderungen? Concern»-Kapital dazu, eine Bank bei In- ist nicht von der gewählten Ausgangsbasis abhängig.
In einer Studie untersuchen wir empirisch solvenz zu rekapitalisieren. Dieses kann aus
die volkswirtschaftlich optimalen Eigenkapi- Fremdkapital bestehen, das unter bestimm-
talanforderungen für die beiden global sys- ten Bedingungen in Eigenkapital gewandelt Modigliani-Miller-Theorem der
temrelevanten Banken aus der Schweiz (Glo- wird. Gemäss der revidierten Schweizer Too- Irrelevanz der Kapitalstruktur
bal Systemically Important Banks, G-SIB) – die big-to-fail-(TBTF)-Regulierung für G-SIB von
Credit Suisse und die UBS.2 Um die volkswirt- Oktober 2015 müssen die beiden Schweizer Das Theorem besagt, dass die Kapitalkosten
eines Unternehmens nicht durch die Art der Fi-
schaftlichen Kosten von höheren Eigenkapi- Grossbanken für den «Going Concern» bis nanzierung – Eigenkapital oder Fremdkapital –
talanforderungen zu berechnen, schätzen wir Ende 2019 Eigenkapital in der Höhe von 5 Pro- beeinflusst wird. Zwar ist Eigenkapital, ceteris
mit Daten aus den Jahren 2001–2015 die Be- zent des Gesamtengagements (sogenann- paribus, teurer als Fremdkapital, aber wenn ein
Unternehmen sein Eigenkapital erhöht, sinkt das
te Leverage Ratio) bzw. von 14,3 Prozent des
Gesamtrisiko der Unternehmung und damit die
1 Siehe Admati und Hellwig (2014).
risikogewichteten Engagements halten (so- Rendite, die Eigen- und Fremdkapitalgeber ver-
2 Siehe Junge und Kugler (2017). genannte RWA-Quote). Zusätzlich sollen die langen.

48  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


GROSSBANKEN

mäss unseren Berechnungen liegt die maxi-


Abb. 1: Kosten und Nutzen höherer Eigenkapitalanforderungen von
male Distanz zwischen Kosten und Nutzen
«Going Concern»-Tier1-Kapital
bei einer Leverage Ratio für den «Going Con-
0,35     Veränderung des BIP, in % cern»-Tier1 bei 6,1 Prozent (siehe Abbildung 1).
Demgegenüber sieht die TBTF-Gesetzgebung
0,3
mit einer minimalen Leverage Ratio von 5 Pro-
0,25
zent für die beiden Grossbanken einen rund 1
Prozentpunkt niedrigeren Wert vor. Auch die
0,20 Berechnungen für das harte, verlusttragende

JUNGE UND KUGLER (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Kernkapital (CET1) ergeben eine höhere op-
0,15 timale Leverage Ratio von 4,4 Prozent. Zum
Vergleich: Bei der TBTF-Mindestanforderung
0,10 liegt die Leverage Ratio bei 3,5 Prozent.
Bei unserer Analyse wird nicht berücksich-
0,05
tigt, dass die Grossbanken nochmals Kapi-
0
tal in Höhe von 5 Prozent des Gesamtenga-
3,3 5 6,1 12,3
gements für den «Gone Concern»-Fall halten
Leverage Ratio, in % müssen. Wir sind der Meinung, dass damit
  BIP-Kosten        BIP-Nutzen           Tangente            Mindestanforderung           Optimum weder die Wahrscheinlichkeit von Banken-
krisen noch die BIP-Verluste im Krisenfall we-
sentlich beeinflusst werden: Das «Gone Con-
Abb. 2:  Verteilung Optimaler Too-big-to-fail-Leverage-Ratios für cern»-Kapital ist der Auflösung und der Ab-
«Going Concern»-Tier1-Kapital wicklung von Konzernteilen vorbehalten und
40     Häufigkeit steht nicht für den «Going Concern» zur Ver-
fügung. Mit anderen Worten: Dieses Kapi-
tal wird erst freigesetzt, wenn die Krise und
KUGLER UND JUNGE (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
30
die mit ihr verbundenen volkswirtschaftli-
chen Verluste schon da sind. Es ist also nur
20 für die Frage relevant, wer die direkten be-
triebswirtschaftlichen Verluste einer Banken-
10 abwicklung trägt.7 Zudem gibt es erhebliche
Unterschiede in der Qualität zwischen «Go-
ing Concern»- und «Gone Concern»-Kapital.
0
Letzteres kann aus Fremdkapital bestehen,
,75  
,75  

,5  % 

,75  

 –5  

–5  

 –6  

das im Krisenfall in Eigenkapital gewandelt


>7 7,5%

>8 8%

%
>3 75%

>4 4%

,25 %

>4 75%

>5 5%

,25 %

,5  %
>5 5 %

>6 –6%

, 25 %

,5  %
>6 5%

>7 7%
>7 25%

>7 5%

,25 %

,5  %
>4 ,25

>4 4,5

>5 25

>5 –5,5

>8 8 , 5
,75
> 6 , 25

>6 6,5

> 8 , 25
 –
,7

,7
 –

 –

 –
,7
,

,
,75

 –
–7
–6

–8
,75

 –7
 –3

–4

 –
 –8
 –
 –4

 –

, 25

wird, wie etwa bei einem Bail-in, wo die Gläu-


,5 
3 ,5

biger die Kosten einer Bankenrettung mittra-


Die Abbildung zeigt die berechneten Optima von alternativen (statistisch relevanten oder plausiblen) gen müssen. Angesichts der negativen Erfah-
­Parameterwerte für BIP-Kosten und -Nutzen.
rungen der Finanzkrise mit der Verlusttrag-
fähigkeit von Fremdkapital und mangelnden
Eigenkapitalanforderungen zunächst steil fällt der BIP-Wachstumspfad auf ein niedrige- Erfahrungen mit Bail-in-Instrumenten ist ei-
an. Ab rund 6 Prozent wird die Nutzenkur- res Niveau.5 nige Skepsis angebracht, ob das «Gone Con-
ve jedoch zunehmend flacher, danach führt Der Trade-off zwischen langfristigen BIP- cern»-Kapital im Krisenfall tatsächlich die
sie nur noch zu moderaten Nutzengewinnen Gewinnen und -Verlusten erlaubt es, die op- Bankenverluste absorbiert.
(siehe Abbildung 1). Dieser Verlauf ist ein di- timalen Eigenkapitalanforderungen zu schät-
rektes Resultat der geschätzten Wahrschein- zen.6 Sensitivitätsanalyse
lichkeit von Bankenkrisen und reflektiert die
Erfahrung, dass leichte Bankenkrisen häufi- Optimale Eigenkapitalanforde- Die entscheidenden Parameterwerte wie bei-
ger auftreten, während schwere Bankenkri- spielsweise die Stärke des MM-Effekts und
sen seltener sind und zur Bekämpfung sehr
rungen der BIP-Verluste bei Bankenkrisen sind so weit
viel mehr Eigenkapital erfordern. Folglich Das optimale Niveau der Eigenkapitalanforde- wie möglich ökonometrisch geschätzt wor-
nimmt der Grenznutzen im Verhältnis zur Le- rungen ist erreicht, wenn der Nettonutzen – den und daher mit zufälligen Schätzfehlern
verage Ratio kontinuierlich ab. Nutzen minus Kosten – maximiert wird. Ge- behaftet. Um deren Auswirkungen auf die Be-
Andererseits führt eine Erhöhung der Le- stimmung der optimalen Leverage Ratio aus-
verage Ratio auch zu Kosten, wie etwa zu 5 Die Steigung der Kostenfunktion hängt vom Grad der zuloten, wurde diese auch für andere Kosten/
einem linearen Anstieg der aggregierten Fi- Gültigkeit des MM-Theorems ab: Sie ist null bei 100%
Gültigkeit des Theorems. Bei einer partiellen Gültigkeit 7 Siehe Vickers (2016). Einzelne Studien haben den Ver-
nanzierungskosten bei den Banken. Da- des Theorems ist sie umso geringer, je stärker der MM- such unternommen, «Gone Concern»-Kapital bei der
mit steigen die Kreditzinsen, da die billige- Effekt ist. Der mit unseren Daten geschätzte MM-Ef- Berechnung der Krisenprävention zu berücksichtigen,
fekt von rund 50% führt zu einer mittleren Steigung. indem sie anscheinend pauschal die erwarteten Verlus-
re Schuldenfinanzierung durch eine teurere 6 Der methodische Ansatz ist nicht neu: siehe z. B. Miles te reduzieren. Siehe etwa Bank of England (2015) sowie
Eigenkapitalfinanzierung ersetzt wird, und so et al (2012) sowie Junge und Kugler (2012). Fender und Lewrick (2016).

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  49
GROSSBANKEN

Prozent für CET1-Kapital nimmt er jedoch


Optimale und tatsächliche Anforderungen für global systemrelevante Schweizer

JUNGE UND KUGLER (2017) / TBTF-EIGENMITTELVERORDNUNG /


schnell ab.
Banken (G-SIB)
Unsere Ergebnisse, die auf einer Vielzahl
«Going Concern»-Kapital von Modellannahmen und -schätzungen
Basel III Tier1 Basel III CET1 beruhen, bieten eine wichtige, zusätzliche

FINMA (2015) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Perspektive für die Bestimmung der ange-
Leverage Ratios Optimum 6,1% 4,4%
messenen Höhe des Eigenkapitals. Diese
tatsächliche Mindestanforderung 5,0% 3,5% sollte neben anderen Ansätzen wie inter-
Kapitalquoten (RWA-Quoten) Optimum 17,0% 12,5% nationalem Benchmarking oder Wettbe-
tatsächliche Mindestanforderung 14,3% 10,0% werbsüberlegungen berücksichtigt wer-
den.
Da das Too-big-to-fail-Regime eine feste Beziehung zwischen den Mindestanforderungen der Leverage Ratio
und der risikogewichteten Kapitalquote etabliert hat, lassen sich die Ergebnisse in risikogewichtete Kapital-
quoten umrechnen.

Nutzen-Parameterkombinationen, die nach quoten (RWA) für die Schweizer G-SIB über
statistischen Kriterien möglich sind, berech- den ab 2019 gültigen TBTF-Anforderungen
net. Insgesamt ergeben sich daraus 324 Kom- liegen. Bei den Kapitalquoten für Tier1 sowie
binationen. Die niedrigste optimale Leverage für das harte Kernkapital CET1 beträgt die Dif-
Ratio beträgt 3,72 Prozent (bei einem MM-Ef- ferenz rund 2,5 Prozentpunkte (siehe Tabelle).
fekt von null und einem BIP-Verlust von 10%) Unsere Untersuchung zeigt aber auch, dass Peter Kugler
und die höchste 8,75 Prozent (bei einem MM- die optimalen Eigenkapitalanforderungen Professor emeritus für Volkswirtschafts­
lehre, Universität Basel
Effekt von 67% und einem BIP-Verlust von deutlich unter den 20–30 Prozent der Bank-
28%) (siehe Abbildung 2). Der Median ist 5,7 aktiva liegen, die Admati und Hellwig vor-
Prozent und liegt damit ebenfalls über den schlagen. Gemäss unseren Analysen rührt das
heutigen TBTF-Mindestanforderungen von 5 nicht von den Kostenfolgen höherer Eigenka-
Prozent. Ebenso ist es bei den Berechnungen pitalanforderungen her, die für die Schweiz
für das harte Kernkapital CET1: Auch hier liegt gemäss den Erwartungen von Admati und
der Median mit 4,1 Prozent über der aktuellen Hellwig wegen des MM-Effekts nur schwach
TBTF-Anforderung von 3,5 Prozent. sind. Der entscheidende Faktor liegt in der
Konkavität der Nutzenfunktion: Zwar ist der
Optimum leicht höher Grenznutzen höherer Eigenkapitalanforde-
rungen bei niedrigen Leverage Ratios anfäng- Georg Junge
Unsere Studie zeigt, dass die volkswirtschaft- lich sehr hoch, ab einer Leverage Ratio von 6 Dr. rer. pol., Georg Junge
Riskconsulting & Partner, Basel
lich optimalen Leverage Ratios und Kapital- Prozent für Tier1-Kapital bzw. von rund 4,5

Literatur
Admati, Anat und Martin Hellwig (2014). Fender, I. und U. Lewrick (2016). Adding Junge, Georg und Peter Kugler (2012). Die Miles, D., Yang, J. und G. Marcheggiano
Des Bankers neue Kleider. FinanzBuch It All Up: the Macroeconomic Impact of Auswirkungen der höheren Eigenkapital- (2012). Optimal Bank Capital, in:
Verlag. Basel III and Outstanding Reform Issues. anforderungen auf die Schweizer Wirt- The Economic Journal.
Bank of England (2015). Measuring the BIS Working Papers. schaft, in: Die Volkswirtschaft 2012/10. Vickers, J. (2016). The Systemic Risk Buffer
Macroeconomic Costs and Benefits of Finma (2015). Die neuen Too-big-to- Junge, Georg und Peter Kugler (2017). for UK Banks: A Response to the Bank
Higher UK Bank Capital Requirements. fail-Kapitalanforderungen für global Optimal Equity Capital Requirements of England’s Consultation Paper, Special
Financial Stability Paper no. 35. systemrelevante Banken in der Schweiz, for Swiss G-SIBs, Center of Business and Paper 244.
Faktenblatt. Economics (WWZ), Discussion Paper
2017/11, University of Basel.

50  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


DOSSIER

Was uns morgen wichtig ist

KEYSTONE
Die Welt ist im Umbruch. Digitalisierung, multipolare Welt, alternde
Gesellschaften und Wertewandel sind einige Megatrends, die diese Ent-
wicklung massgeblich beeinflussen. Vor allem die rasante Veränderung,
welche Digitalisierung und künstliche Intelligenz mit sich bringen,
macht vielen Angst. Entsprechend stark ist auch die Rückbesinnung auf
Tradition, lokale Wirtschaft sowie menschliche Nähe und Solidarität.
Wohin bewegen wir uns in Zukunft? Für Investitionen ist diese Frage be-
sonders wichtig. Deshalb interessieren sich auch Anleger und Konjunktur-
forscher für die kurz- und langfristige Konsumentenstimmung. Lesen Sie
mehr dazu in unserem Dossier.

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  51
WERTEWANDEL

Neue Technologien wecken


Befürchtungen – und Hoffnungen
Kontrollverlust und Wettbewerbsdruck – die Folgen der Digitalisierung machen vielen Bür-
gern Angst. Doch der Wandel bringt auch Gutes: Denn die neuen Möglichkeiten fördern das
Verantwortungsbewusstsein und die Partizipation der Bevölkerung.   Mirjam Hauser

Abstract  Rasante technologische und wirtschaftliche Veränderungen krempeln gan- tet wurden (siehe Kasten). Die Grundlage zur
ze Branchen, Geschäfts- und Servicemodelle um. Das Marktforschungsunternehmen Messung der Werteverschiebungen bilden
GIM hat die Bevölkerung und Experten befragt, ob und allenfalls wie diese Mega- die identifizierten Megatrends Algorithmisie-
trends auch den gesellschaftlichen Wertehaltungen entsprechen: Was ist den Bürgern rung, Verwertung, Gestaltung, Fragmentie-
und Konsumenten morgen wichtig? Eine systematische Analyse von Megatrends und rung und Re-Lokalisierung.
deren Auswirkungen auf die Werte der Zukunft deckt – nicht unerwartet – gewisse
Befürchtungen auf. So sorgen sich die Menschen um den Verlust ihrer Datensouveräni- Mehr Komfort dank künstlicher
tät und befürchten eine Bevormundung durch Algorithmen und künstliche Intelligenz. Intelligenz
Ebenso bereitet der zunehmende Leistungs- und Fitnessdruck Sorgen. Doch es gibt
auch Gründe für Optimismus: Die Übernahme von mehr Verantwortung und grössere Der momentan einflussreichste Megatrend
Partizipation werden als Hoffnungsfelder identifiziert. Die aufgedeckten Risiken und ist die Algorithmisierung. Durch die Verkleine-
Chancen bieten Politik und Wirtschaft eine Orientierungshilfe, um die Zukunft proak- rung, die Verbreitung und die Vernetzung von
tiv zu gestalten. Computern beginnt unsere nicht menschli-
che Umwelt auf uns zu reagieren und selbst
Entscheidungen zu fällen. Das sogenann-

S  eit der Jahrtausendwende befinden wir


uns in einer dynamischen Neukonfigu-
ration technischer, ökonomischer, politischer
des Marktforschungsunternehmens GIM hat
sich zum Ziel gesetzt, die Zusammenhänge
dieser Veränderungen aufzuzeigen und eine
te Internet der Dinge bringt den Menschen
Komfort und Sicherheit – mit Smart Homes,
intelligenten Kühlschränken, Pflegerobotern
und sozialer Strukturen. Die Zukunftsstudie1 Wertelandschaft 2030 zu skizzieren. In einer oder autonomen Fahrzeugen. Andererseits
repräsentativen Onlineumfrage wurden dafür
1 Fernow, H., Hauser, M., & Huber, B. (2017). Values & 1000 Personen in Deutschland zu Wertethe-
Visions 2030 – Was uns morgen wichtig ist. Heidelberg: Verbesserung der Lebensqualität oder zu-
GIM Gesellschaft für Innovative Marktforschung mbH. sen befragt, die aus Gesprächen mit etablier- nehmende Abhängigkeit? Teilnehmer des World
Mehr Informationen unter Values-visions-2030.com. ten und aufkommenden Experten abgelei- Economic Forum in Davos mit Virtual-Reality-
Brillen.

KEYSTONE

52  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


DOSSIER

wie Weltanschauung, Wissen, Informations- tefelder im rechten unteren Viertel, wo sie


Die Studie im Detail
und Technologiekompetenz, Kapital und Ge- wenig erwünscht sind, aber eine starke Dyna-
Die Erkenntnisse zur Zukunftsstudie «Values sundheitszustand. mik aufweisen. Dieses Muster zeigt eine ne-
& Visions 2030» beruhen auf verschiedenen
methodischen Bausteinen. So wurden etwa die Letztlich bietet der Megatrend der Re- gative Korrelation, die besagt: Je stärker die
fünf Megatrends Algorithmisierung, Verwertung, Lokalisierung aber auch eine Rückbesinnung Befragten mit zukünftigen Veränderungen
Gestaltung, Fragmentierung und Re-Lokalisierung auf die lokale Verwurzelung – sozusagen rechnen, desto weniger erwünscht sind die-
mit einem qualitativen Ansatz eruiert. In einem als Gegentrend zu Mobilität und Virtualisie- se aus ihrer Sicht.
ersten Schritt wurde eine fundierte Sekundär-
analyse der relevanten Literatur durchgeführt. rung. Die Rückkoppelung an die direkte Um-
Daraus wurden ausgewählte Themen in vier welt ermöglicht es den Menschen, sich zu Experten haben weniger
«Future Lounges» von 17 jungen Experten aus der erden – wie etwa beim Urban Gardening. Die
Wissenschaft und der Start-up-Szene in Berlin,
vielen neu gegründeten Kooperativen be-
Sehnsuchtsfelder
Heidelberg und Zürich diskutiert und weiter-
entwickelt. Die Ergebnisse wurden wiederum in legen ausserdem eine Neugewichtung des Bei den Experten sind die Wertefelder hin-
einer sogenannten Delphi-Validierung anhand Kommunalen. gegen nahezu gleichmässig im Spektrum
persönlicher oder telefonischer Gespräche mit verteilt (siehe Abbildung 2). Besonders auf-
19 renommierten Wissenschafts- und Praxis­
experten aus Deutschland, der Schweiz und Wertelandschaft 2030 fällig: Heimat und Tradition ist ihnen weni-
Nordamerika analysiert. Die abgeleiteten Werte- ger wichtig als den Bürgern. Dafür erhoffen
thesen wurden dann mittels einer repräsen- Die Auswirkungen der Megatrends auf unse- sie sich mehr Mobilität und gehen auch da-
tativen Onlinebefragung mit 1000 deutschen ren Lebensalltag ist das eine – unsere Studie von aus, dass dies in Zukunft tatsächlich ein-
Bürgern und 46 Experten empirisch quantifiziert
und zu acht Wertefeldern verdichtet.
untersuchte zudem, wie diese Megatrends treffen wird.
bewertet werden: Was ist den Menschen Relativ grosse Übereinstimmung zwi-
heute und in Zukunft im Leben wichtig? Dazu schen Bürgern und Experten herrscht bei
kann diese Entwicklung aber auch einen Ver- befragten wir 1000 deutsche Bürger und die den Wertethesen zu Algorithmisierung und
lust persönlicher Freiheiten bringen, weil Ma- bereits involvierten sowie zusätzliche Exper- künstlicher Intelligenz: Alle gehen von einer
schinen und Algorithmen uns ständig Ent- ten. Basierend auf den Megatrends, wurden starken Entwicklung aus. Die Bedenken beim
scheidungen vorwegnehmen. 33 Wertethesen abgeleitet und gefragt, wie Wertefeld Geborgenheit im Digitalen betref-
Der Megatrend Verwertung hängt eben- fest die Thesen auf einer Skala von 0 bis 100 fen die unerwünschten Nebeneffekte neu-
falls stark mit der Digitalisierung zusammen. heute und im Jahr 2030 zutreffen. er Technologien. Bürger und Experten mes-
Menschen verwandeln immer mehr persönli- Durch die Differenz zwischen dem heuti- sen den Vorzügen eines digitalen Kokons, der
che Daten, Privateigentum, ja sogar die eige- gen Wert und dem vorausgesagten Wert für uns umgibt, offensichtlich weniger Gewicht
ne Person in Ressourcen. Das bedeutet, dass das Jahr 2030 lässt sich die Dynamik dieser bei als den Befürchtungen, die mit einer sol-
immer mehr Lebensbereiche einer Bewer- Veränderung aufzeichnen. Ausserdem wur- chen Bevormundung einhergehen. So wird
tung unterzogen werden: Auf Airbnb können de nach der Erwünschtheit dieser Entwick- befürchtet, dass die Menschheit vermehrt
wir unserer Wohnung einen Wert zuschrei- lungen gefragt. Die Resultate zeigen, dass Entscheidungen an Computerprogramme
ben, dank Fitbit-Armbändern hohe Fitness- alle aufgestellten Wertethesen auch in Zu- abgeben wird. Damit gewinnen wir zwar Zeit,
werte bei der Krankenversicherung in Ra- kunft noch relevant sein werden. In ihrer Dy- Komfort sowie personalisierte Produkte und
batte umwandeln, und das «Quantified Self» namik und Erwünschtheit unterscheiden sie Dienstleistungen. Gleichzeitig geben wir aber
kann unsere Persönlichkeit in sozialen Me- sich aber stark. auch immer öfter die Souveränität über unse-
dien in Szene setzen und so den entschei- re Daten im Internet auf.
denden Vorteil bei der Job- oder Partnerwahl Unliebsame Veränderungen Die Befragten befürchten auch eine Zu-
liefern. Dieses Verwertungsstreben führt nahme des Wettbewerbs. Die Möglichkeiten,
dazu, die Lebensläufe stetig zu optimieren. Die Durchschnittsbevölkerung und die Ex- unsere Leistung zu optimieren, sind reell. Die-
perten, die teilweise auch aus der Schweiz se können gleichzeitig zu einem Zwang zur
Gegentrend Urban Gardening stammen, liegen in ihrer Einschätzung der Leistungssteigerung führen: Wer sich nicht
Wertedynamik recht nahe beieinander. Die ständig weiterbildet und verbessert, wird
Die Gestaltung des Selbst und der Umwelt zentralen Erkenntnisse sind deshalb vermut- gesellschaftlich immer schneller abgehängt.
wird zukünftig eine nie da gewesene Ein- lich gut auf die Schweiz übertragbar. Aller- Es besteht die Gefahr, zu stark auf messbare
griffstiefe und Reichweite erleben. Die schie- dings gibt es zwischen Bevölkerung und Ex- Leistungserfolge wie Intelligenztests, Anzahl
re Möglichkeit, uns selbst und die Umwelt zu perten auch ein paar wenige, aber markan- von Weiterbildungstiteln oder Kontakten in
vermessen, zu analysieren und zu modellie- te Unterschiede, was die Erwünschtheit der sozialen Medien zu fokussieren.
ren, bestärkt den Anreiz, gestalterisch ein- Wertefelder angeht. Bei einigen Wertefeldern
zugreifen. Die schöpferische Einflussnahme könnte es also durchaus Schweiz-spezifische Sehnsucht nach guten alten
vollzieht sich sowohl im ganz Grossen, wie Eigenheiten geben.
etwa beim Climate Engineering, als auch im Bei den Bürgern zeigt die Wertelandkar-
Zeiten
ganz Kleinen, wie bei Genmodifikationen. te ein deutliches Spannungsverhältnis (siehe Auffallend sind auch die Sehnsuchtsfelder
Der Gestaltungstrieb könnte aber auch Abbildung 1): Die meisten Wertefelder liegen Tradition und Heimat, Reale Nähe sowie Ge-
neue Gräben aufreissen. Nämlich zwischen im linken oberen Quadranten. Das bedeutet, rechtigkeit und Solidarität. Diese Werte sind
Personen, welche die Selbstoptimierung auf dass sie aus Sicht der Bevölkerung sehr er- zwar hoch erwünscht, werden voraus-
die Spitze treiben, und solchen, die das nicht wünscht sind und dass sich diese Wertegrup- sichtlich aber nicht an Relevanz gewinnen.
tun. Die Gefahr einer solchen Fragmentierung pen voraussichtlich nur schwach weiterent- Interessanterweise trauern die Experten
verläuft zudem entlang zusätzlicher Linien wickeln werden. Ausserdem liegen viele Wer- nur dem Wertefeld Tradition und Heimat

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  53
WERTEWANDEL

wir Verantwortung für unser Handeln über-


Abb. 1: Hoffnungen und Befürchtungen von Bürgern und Konsumenten
nehmen.
Nachhaltigkeit ist deshalb nicht ein-
Sehnsucht Hoffnung

erwünscht
fach eine schöne Marketinghülle: Fair

Hoch
Klassische Familie Vertrauen in Menschen Trade, Bio, umweltschonendes Verhalten
Immaterieller Erfolg
etc. werden immer stärker zur gesellschaft-
Heimat Nicht digitale Gleichheit und Gerechtigkeit Verantwortung übernehmen
Sinnlich-körperliche Nähe Erfahrungen Verantwortungsvoller Genuss lichen Norm. Und wir werden künftig auch
Geborgenheit im Natürlichen Freiheit Einfachheit
Solidarität und Grosszügigkeit aktiver die Welt nach unseren Vorstellungen
Vertrauen in Intuition
Partizipation gestalten. Dank Digitalisierung und Ver-
Tradition Menschsein
Innovation und Kreativität
Starke Veränderung
netzung können wir uns schneller und un-
Nationalbewusstsein
Fitness als Statussymbol Wahlfamilie Ortsungebundene Gemeinschaft komplizierter organisieren. Damit wird es
Sicherheit und Ordnung
Betonte Individualität
wieder attraktiver, an gemeinschaftlichen
Anpassung Geborgenheit im Technischen Projekten zu partizipieren.
Privatisierung der Macht
Leistungssteigerung Vertrauen in künstliche Intelligenz

GIM / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Kontrolle Entlastung durch Algorithmen
Sicherheit statt Freiheit Personalisierung statt Datensouveränität Neue Balance Mensch - Maschine
Die Megatrends Algorithmisierung, Ver-
Ablehnung Befürchtung wertung, Gestaltung, Fragmentierung und Re-
Lokalisierung sind auch in den nächsten Jahren
  Tradition und Heimat         Reale Nähe         Gerechtigkeit und Solidarität         Sicherheit und Kontrolle      
die grossen Themen. Viele Menschen er-
  Verantwortung         Wahlgemeinschaft         Leistung und Wettbewerb         Geborgenheit im Digitalen
kennen darin Chancen: Verantwortungsüber-
nahme, bewusster Konsum und Partizipation
Abb. 2: Hoffnungen und Befürchtungen aus Expertensicht stehen für die hoffnungsbesetzten Facetten
dieser Entwicklungen. Andererseits wird
erwünscht

Sehnsucht Hoffnung auch befürchtet, von neuen Technologien ab-


Hoch

hängig zu werden und sich einem verschärften


Solidarität und Grosszügigkeit
Immaterieller Erfolg Verantwortung übernehmen Wettbewerb stellen zu müssen. Abhilfe
Gleichheit und Gerechtigkeit
Vertrauen in Menschen Einfachheit Partizipation bieten Entschleunigung und die physische
Freiheit Verantwortungsvoller Genuss Menschsein
Nicht digitale Erfahrungen Sinnlich-körperliche Nähe Innovation und Kreativität Präsenz von Angeboten und Menschen. Es
Ortsungebundene Gemeinschaft
Wahlfamilie
geht um authentische Erlebnisse, um regional
Geborgenheit im Natürlichen
fassbare Unternehmen und Institutionen, zu
Starke Veränderung
Klassische Familie Heimat Vertrauen in künstliche Intelligenz denen man einen Bezug hat. Hierfür müssen
Vertrauen in Intuition Tradition Unternehmen und Institutionen berechen-
Privatisierung der Macht
Fitness als Statussymbol Entlastung durch Algorithmen barer werden – und dafür braucht es Trans-
Betonte Individualität
Anpassung Leistungssteigerung parenz über die gesamte Wertschöpfungs-
Geborgenheit im Technischen
GIM / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Nationalbewusstsein Sicherheit und Ordnung und Entscheidungskette hinweg.


Kontrolle
Sicherheit statt Freiheit Personalisierung statt Datensouveränität Bürger und Kunden wollen aber nicht
nur verstehen können, sondern auch mit-
gestalten und mitbestimmen. Die Werte-
Ablehnung Befürchtung
orientierungen, die sich heute schon ab-
  Tradition und Heimat         Reale Nähe         Gerechtigkeit und Solidarität         Sicherheit und Kontrolle       zeichnen, bieten grosses Potenzial, eine
  Verantwortung         Wahlgemeinschaft         Leistung und Wettbewerb         Geborgenheit im Digitalen starke und proaktive Bürgergesellschaft in
Politik und Wirtschaft einzubinden.
nicht besonders nach. Die Besinnung auf die Mehr Information – mehr
eigene Herkunft, auf lokale Handwerkskunst Verantwortung
oder lokale Sitten ist laut ihnen nicht stärker
erwünscht, als dies heute und in Zukunft Die Bevölkerung und die Experten auf Tech-
sowieso der Fall sein wird. Für die Experten nikpessimisten und Verklärer der Vergan-
sind andere Werte wünschenswerter; dazu genheit zu reduzieren, wäre allerdings falsch.
gehört das Wertefeld Wahlgemeinschaften, Denn es gibt ein zentrales Wertefeld, das alle
welches beispielsweise auch neue Formen mit Hoffnung erfüllt: Mehr Verantwortung
der Innovation und Kreativität hervor- ist hoch erwünscht.  Experten und Bürger er-
bringt. Diese werden dank einer besseren warten, dass das Verantwortungsbewusst- Mirjam Hauser
Vernetzung künftig seltener im Alleingang, sein in Zukunft überdurchschnittlich zuneh- Dr. phil., Senior Research Manager,
sondern öfter in interessenorientierten, zeit- men wird. Je mehr wir wissen und erfahren Gesellschaft für innovative Marktforschung
(GIM Suisse), Zürich
lich begrenzten Bündnissen erbracht. können, desto stärker können und müssen

54  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


DOSSIER

Megatrends verändern Anlagestrategien


Demografie, Technologie und Generationenwechsel verändern unsere Zukunft grundlegend.
Das Wissen über solche Entwicklungen ist auch für Anleger wichtig.  
Nannette Hechler-Fayd’herbe

schaften und die daraus entstehende multi-


Abstract    Megatrends sind fundamentale Entwicklungen, die Gesellschaft, Politik,
polare Welt, die Erschliessung von Infrastruk-
Wirtschaft, Märkte und die Anlagewelt massgeblich prägen und aufgrund ihrer Trag-
turlücken, neue Technologien, die im Dienste
weite schon heute unsere Aufmerksamkeit erfordern. Den Kern dieser Trends bilden
demografische, sozioökonomische und politische Entwicklungen sowie technologi- der Menschheit stehen, die Silver Economy als
scher und wissenschaftlicher Fortschritt. Folgende Trends dürften in den kommen- Folge der Bevölkerungsalterung und die neu-
den Jahren überwiegen: unzufriedene Gesellschaften und die daraus entstehende en Werte der Millennial-Generation. Investo-
multipolare Welt, die Erschliessung von Infrastrukturlücken und die Entwicklung ren müssen diese Trends ernst nehmen, denn
von Technologien, die der Menschheit dienen. Hinzu kommen die sogenannte Silver mit ihnen verändern sich in Zukunft auch die
Economy, die auf die alternde Bevölkerung ausgerichtet ist, und die neuen Werte der renditebringenden Branchen und folglich die
Millennial-Generation. Diese Entwicklungen beflügeln neue aufstrebende Branchen Anlagestrategien sowohl von privaten Anle-
und neue Märkte. Anleger sollten deshalb beachten, wie diese Megatrends ihre An- gern als auch von Pensionskassen und Versi-
lagestrategien beeinflussen. cherungen. Supertrends sind tendenziell we-
niger von den täglichen Schwankungen an
den Finanzmärkten betroffen und ermögli-

W  irtschaft und Politik konzentrieren


sich zu Recht oft auf Konjunkturzy-
klen. Aber losgelöst davon laufen langsame
nannte Mega- oder Supertrends. Den Kern
dieser Trends bilden demografische, sozio-
ökonomische und politische Entwicklungen
chen es daher, die Nachhaltigkeit dieser In-
vestitionen zu nutzen.

sowie oftmals nicht vollständig und unmit- sowie technologischer und wissenschaftli-
telbar erkennbare grundlegende Veränderun- cher Fortschritt.
Gesundheitstechnologien sind auf Wachstums-
gen, die tiefgreifende Folgen für Wirtschaft, Fünf Trends dürften in den kommenden kurs. Dank Elektrostimulation der Nerven kann
Finanzmärkte und Anlagen haben: soge- Jahren bestimmend sein: unzufriedene Gesell- ein querschnittgelähmter Rennfahrer am Cyba-
thlon der ETH Zürich seine Beine bewegen.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  55
WERTEHANDEL

Unzufriedene Gesellschaften Das führt zu einer höheren Bereitschaft für völkerung bedienen. Bereiche wie Konsum,
öffentlich-private Partnerschaften. Vorsorge- Gesundheitsdienstleister, Immobilien und Fi-
Mit den zunehmenden Ungleichheiten in einrichtungen und Versicherungen erweisen nanzdienstleister werden massgeblich beein-
den westlichen Ländern wächst die Frustra- sich dabei als die potentesten Finanzierungs- flusst. So profitieren etwa Anbieter von Frei-
tion über die wahrgenommene oder tatsäch- quellen, denn sie verfügen über gewaltige zeitaktivitäten und Ferien, vor allem Kreuz-
liche Unfähigkeit des politischen Establish- Mittel und sind seit Jahren mit einem Anlage- fahrtanbieter. Ein weiterer grosser Gewinner
ments, die gegenwärtigen gesellschaftlichen notstand konfrontiert. dieser Entwicklung ist der Gesundheitssektor,
Herausforderungen anzugehen. Deshalb for- treten doch bei der älteren Bevölkerung ver-
dern die Wähler der desillusionierten Mittel- Silver Economy: Demografischen mehrt chronische Erkrankungen auf. Ausser-
schicht Veränderungen. Die Folge sind Re- dem werden Gesundheits- und Lebensversi-
gierungen mit einem starken Mandat für eine
Wandel beachten cherungen zur Deckung und Finanzierung im
Politik, welche die Binnenwirtschaft stärkt Seit einigen Jahren wird Technologie zu- Alter gebraucht. Neue Wohnformen wie be-
und Arbeitsplätze im Inland schafft. Zudem nehmend als eine Bedrohung empfunden. gleitetes Wohnen fördern die Unabhängig-
sollen die Löhne erhöht und Branchen, die für Roboter, Algorithmen und Programme keit, verzögern einen eventuell erforderlichen
Stellenabbau verantwortlich sein sollen, stär- stehen im Ruf, Arbeitsplätze zu vernichten Umzug ins Pflegeheim und tragen somit zur
ker reguliert oder besteuert werden. Die neue und menschliche Arbeitskräfte überflüssig Eindämmung von Gesundheitskosten bei.
politische Führungsebene soll das dringlichs- zu machen. Das hat Folgen. Aus Anlegersicht
te Problem der westlichen Mittelschicht, das ist es wichtig, sich zu überlegen, wie sich Die neuen Werte der Millennials
grosse Bedürfnis nach Sicherheit und Schutz, dies auf zukünftige Regulierungen und Be-
lösen. Sie dürfte zudem der Mittelschicht zu steuerungen auswirken könnte. Diesbezüg- Die Millennials sind zahlenmässig eine der
grösserem Wohlstand verhelfen, in die na- lich sind insbesondere Technologien und grössten Generationen der Geschichte. Sie
tionale Sicherheit und Verteidigung investie- Innovationen, die neue Arbeitsplätze schaffen, sind einflussreich und bilden schon bald die
ren und den privaten Konsum anregen. Diese die Produktivität erhöhen und bessere wichtigste Konsum-, Anleger- und Wäh-
Ziele lenken die Aufmerksamkeit auf nationa- Produkte und Dienstleistungen ermöglichen, lergruppe. Nachhaltigkeit, saubere Energie
le Champions und Marken, auf Verteidigung wichtig. Die Digitalisierung ebnet den Weg und «Impact Investing» sind den Millennials
und Sicherheit sowie auf Konsumenten in für Innovationen. Internetplattformen wie wichtig und dürften in den kommenden Jah-
den Schwellenländern. Sie bilden über meh- Amazon, Alphabet und Alibaba sowie An- ren noch weiter an Bedeutung gewinnen. Als
rere Jahre hinweg sowohl einen Anlage- als bieter von Virtual-Reality- und Augmented- sogenannte Digital Natives, die mit Informa-
auch einen Wirtschaftsschwerpunkt. Reality-Technologien werden zu den grössten tionstechnologien aufgewachsen sind, bre-
Es besteht eindeutig ein hoher Bedarf an Nutzniessern dieser Entwicklung zählen. Die chen sie traditionelle Modelle auf und verän-
Infrastrukturausgaben, dem die Politik durch unglaubliche Menge an Daten, die weiter- dern das Konsumverhalten. Der Wohlstand ist
Investitionen in Infrastrukturprojekte nach- hin stark wächst, wird auch Renditemöglich- im bisherigen Verlauf der Geschichte von Ge-
kommen will. Denn das stetige Bevölkerungs- keiten in den Branchen Cyber­sicherheit und neration zu Generation fast stetig gestiegen.
wachstum und die fiskalen Engpässe der Re- Datenverwaltung eröffnen. Auch Anbieter Die Millennials sind nun aber die erste Gene-
gierungen als Folge der Finanzkrise sorgen von Halbleitern und Robotern werden von der ration, die wieder ärmer als ihre Eltern sein
für einen grossen Investitionsnachholbedarf. vierten industriellen Revolution profitieren. könnte. Tiefere Löhne und höhere Selbstbe-
Regierungen, sowohl in Industrie- als auch Und Gesundheitstechnologie, das Inter- schäftigungsquoten erhöhen ihre Preissensi-
in Schwellenländern, wollen veraltete Infra- net und das Humangenomprojekt zur Ent- tivität. Die Ungleichheit führt bei ihnen zum
strukturen verbessern oder neu erstellen und schlüsselung des menschlichen Erbgutes Bedürfnis nach Vermögensumverteilung. Er-
somit den Grundstein für die nächsten 20 bis bieten Investitionschancen für die Zukunft schwingliches Wohnen wird zur Priorität.
30 Jahre legen. Kommerziell genutzte Trans- des Gesundheitswesens. Die vorwiegend urbane Millennial-Generati-
portinfrastrukturen erhalten zumeist oberste Die zunehmende Alterung der Bevölke- on richtet ihre Immobiliennachfrage automa-
Priorität. Wasser- und Energieversorgung fol- rung ist ein demografischer Trend, der oft- tisch nach Mikroappartements aus.
gen an zweiter Stelle. Weiterer Entwicklungs- mals mit Europa in Verbindung gebracht wird. Diese Trends werden die Anlagewelt in Zu-
bedarf, der von Wirtschaftsförderung und Die Geburtenraten sind hier seit Jahrzehnten kunft massgeblich prägen und aufgrund ihrer
Anlegern bisher wenig beachtet wurde, be- rückläufig und liegen in vielen Ländern be- Tragweite schon heute alle Aufmerksamkeit
trifft den öffentlichen Wohnungsbau. Schät- reits unterhalb des Reproduktionsniveaus erfordern.
zungen zufolge könnte die Zahl der Haushal- von 2,1 Kindern pro Frau. Ein solches Niveau
te, die bedenkliche Wohnverhältnisse auf- wäre erforderlich, damit die Bevölkerung
weisen oder deren Wohnkosten eine hohe nicht schrumpft. Gleiches gilt aber auch für Ja-
finanzielle Belastung darstellen, bis 2050 pan und China. In China hat die Einkindpoli-
auf 440 Millionen Wohneinheiten bzw. auf tik eine rapide Überalterung zur Folge. Immer
rund 1,6 Milliarden Menschen anwachsen. Al- mehr Pensionierte kommen auf immer weni-
lein um diese Lücke zu füllen, wären Bauin- ger ökonomisch aktive Personen, wodurch
vestitionen zwischen 9 und 11 Billionen Dol- der Abhängigkeitsquotient sinkt. Dadurch
lar erforderlich. Doch aufgrund ihrer hohen entstehen enorme Herausforderungen, aber Nannette Hechler-Fayd’herbe
Verschuldung haben viele Regierungen nur auch Chancen für jene Unternehmen, welche Dr. oec., Leiterin Investment
Strategy & Research, Credit Suisse, Zürich
einen begrenzten Finanzierungsspielraum. die Wünsche und Bedürfnisse der älteren Be-

56  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


DOSSIER

Stimmungsschwankungen bei
Konsumenten früh erkennen
Nicht nur der langfristige Wertewandel ist für die Wirtschaft interessant. Regelmässige Kon-
sumentenbefragungen können kurzfristige Stimmungsschwankungen früh entdecken und
verbessern so Konjunkturprognosen. Sie erklären auch, warum Männer risikofreudiger sind.  
Felicitas Kemeny
und geben Hinweise für die nahe Zukunft.
Abstract    Umfragen bei Konsumenten und Unternehmen haben international einen
festen Platz in der Konjunkturbeobachtung. Sie sind schnell verfügbar und liefern ein
erstes, qualitatives Bild, wie sich die Stimmung der Konsumenten und die Wirtschaft Anfällig auf kurzfristige
am aktuellen Rand entwickeln. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) lässt jedes Schwankungen
Quartal rund 1200 zufällig ausgewählte Privatpersonen befragen und berechnet aus Umfragebasierte Indikatoren haben aller-
den Ergebnissen den Index der Konsumentenstimmung. Dieser Datensatz kann auch dings auch wesentliche Nachteile. Har-
für soziodemografische Untergruppen ausgewertet werden. So kann man beispiels- te quantitative Statistiken werden auf einer
weise zeigen, dass die Konsumentenstimmung der Männer typischerweise jene der metrischen Skala gemessen: So wird ermit-
Frauen übersteigt.
telt, wie hoch der Wert des BIP in Franken
war, wie viele Personen beschäftigt waren
usw. Im Gegensatz dazu beantworten die Be-

A  ls wichtige Grundlage für die Kon-


junkturbeobachtung sind neben den
quantitativen statistischen Daten auch um-
60 Tage nach Abschluss des entsprechen-
den Quartals publiziert.1 Die Resultate der
Schweizer Konsumentenstimmung stehen
fragten bei der Erhebung der Konsumenten-
stimmung Fragen auf einer Ordinalskala: Das
heisst, sie geben etwa an, ob sich die Wirt-
fragebasierte, qualitative Indikatoren inter- deutlich schneller zur Verfügung: Sie wer- schaftsentwicklung in den kommenden zwölf
national anerkannt. Eine solche Befragung den jeweils zu Beginn des Quartals erhoben Monaten ihrer Meinung nach leicht verbes-
der Bevölkerung führt auch das Staatssekre- und bereits circa 35 Tage nach Quartalsbe- sern, deutlich verbessern, leicht verschlech-
tariat für Wirtschaft (Seco) viermal jährlich ginn veröffentlicht.2 Die aktuellen Einschät- tern oder deutlich verschlechtern wird. Die
durch. Denn Umfragen bei Unternehmen zungen der Konsumenten stehen somit Fragen betreffen die Erwartungen der Konsu-
und Konsumenten bieten zwei wesentliche wesentlich früher zur Verfügung als die ent- menten in den vier Themenfeldern allgemei-
Vorteile: Zum einen stehen sie verhältnis- sprechenden harten Daten. Sie liefern so- ne Wirtschaftsentwicklung, Arbeitslosigkeit,
mässig schnell zur Verfügung, und zum an- mit, zusammen mit ähnlichen Umfragen auf eigene finanzielle Lage und eigene Sparmög-
deren können die Wirtschaftsakteure direkt Unternehmensseite, ein erstes, frühes Bild lichkeiten. Daraus wird anschliessend der In-
zu ihren Erwartungen befragt werden. Das zur Wirtschaftsaktivität am aktuellen Rand dex der Konsumentenstimmung berechnet.
Bruttoinlandprodukt der Schweiz und sei- Somit liefert die Konsumentenstimmung
1 Mehr Informationen online unter Seco.admin.ch/bip.
ne Komponenten – darunter auch der Kon- 2 Mehr Informationen online unter Seco.admin.ch/
zwar Hinweise auf die mögliche Richtung der
sum – werden wie international üblich rund konsumentenstimmung. Wirtschaftsentwicklung, jedoch keine quan-

Konsumentenstimmung nach Geschlecht (2007–2017) Der Konsumentenstimmungsindex im


40    Indexpunkte Detail
In seiner heutigen Form wird der Schweizer Kon-
sumentenstimmungsindex seit 2007 publiziert.
20 Damals wurde die Berechnung an europäische
Standards angeglichen und der Fragebogen um
die Fragen zur erwarteten Arbeitslosigkeit und zu
0 den erwarteten Sparmöglichkeiten ergänzt. Die
Erhebung an sich existiert aber schon seit 1972.
Der Konsumentenstimmungsindex in seiner ur-
–20 sprünglichen Definition und die meisten der darin
erhobenen Variablen sind im Vergleich zu anderen
SECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

ökonomischen Zeitreihen für die Schweiz über


–40 einen sehr langen Zeitraum verfügbar. Aktuell
basiert die Erhebung auf einer Zufallsstichprobe
von rund 3300 Privatpersonen, die jedes Quartal
–60 neu gezogen wird und repräsentativ ist für die
2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 Bevölkerung der Schweiz ab 16 Jahren. Davon neh-
men typischerweise rund 1200 Personen effektiv
  Männer       Frauen an der telefonischen Befragung teil.

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  57
WERTEHANDEL

KEYSTONE
Das Staatssekretariat für Wirtschaft befragt
viermal jährlich rund 1200 Personen zu ihren
titative Prognose der Konsumausgaben oder dafür benötigten Fragen separat für die zwei wirtschaftlichen Erwartungen.
des BIP. Ein weiterer Nachteil von umfrage- Geschlechter ausgewertet werden (­ siehe
basierten Indikatoren besteht in ihrer ho- Abbildung). Wichtige konjunkturelle Ent-
hen Anfälligkeit auf Ereignisse, die kurz vor wicklungen lassen sich in beiden Indizes klar der Schweiz allerdings nicht alleine da. Das
oder während des Erhebungszeitraums statt- und praktisch synchron feststellen. So ver- Muster, dass Männer optimistischer als Frau-
fanden wie beispielsweise Abstimmungs- schlechterte sich Anfang 2008 die Stimmung en antworten, ist international in vergleich-
ergebnisse oder Naturkatastrophen. Umfra- im Zuge der Finanzkrise sowohl bei den Män- baren Erhebungen ganz im Gegenteil sehr
gen sind somit eher anfällig auf kurzfristi- nern als auch bei den Frauen drastisch, ge- weitverbreitet, so etwa bei der Konsumen-
ge Schwankungen, die sich nicht unbedingt folgt von einer ebenso eindrücklichen Er- tenstimmung in den USA3 und der EU4. Aus
auch in den harten Daten widerspiegeln. holung. Auch die europäische Krise und die den Umfragen zur Konsumentenstimmung
Neben den vier Fragen, die direkt in die Frankenstärke machten sich 2011 deutlich geht somit auch eine mögliche Erklärung für
Berechnung des Konsumentenstimmungs- bei beiden Geschlechtern bemerkbar. Und im die grössere Risikobereitschaft von Männern
index der Schweiz einfliessen, beinhaltet der April 2015 ging die Stimmung, nach dem Fran- hervor: Wer eher optimistisch in die Zukunft
Fragebogen sieben weitere Fragen zu ver- kenschock vom Jahresbeginn, ebenfalls bei schaut, wagt tendenziell mehr.5 
schiedenen Aspekten der allgemeinen Wirt- beiden Geschlechtern spürbar zurück.
schaftsentwicklung und der wirtschaft- Darüber hinaus zeigt sich aber auch ein in-
lichen Lage der Haushalte (siehe Kasten). teressanter Unterschied zwischen den Ge-
3 Siehe Data.sca.isr.umich.edu.
Darüber hinaus wird eine Reihe von sozio- schlechtern: Bis auf zwei einzelne Beobach- 4 Mehr Informationen online auf Ec.europa.eu.
demografischen Variablen ermittelt, wie das tungen lag die Konsumentenstimmung der 5 Siehe auch Ben Jacobsen, John B. Lee, Wessel
Marquering, Cherry Zhang (2014). Gender Differences
Alter, das Geschlecht und die Ausbildung der Männer in den vergangenen zehn Jahren sys- in Optimism and Asset Allocation, in: Journal of
befragten Person sowie Angaben zur Haus- tematisch über jener der Frauen. Eine Anglei- Economic Behavior & Organization, Vol. 107 Part B.
haltsstruktur und zum Wohnort. Somit be- chung scheint über die Zeit nicht stattzufin-
steht auch die Möglichkeit, den Datensatz für den. Die befragten Männer haben praktisch
die entsprechenden soziodemografischen in jeder Erhebung optimistischere Antworten
Untergruppen auszuwerten, was auch als die befragten Frauen gegeben, und dies
über die Konjunkturbeobachtung hinaus meist auf alle vier Fragen, die in die Berech-
interessante Erkenntnisse liefern kann. nung des Index einfliessen. Somit haben die
Männer im Mittel nicht nur in Bezug auf die
Männer optimistischer als Frauen volkswirtschaftliche Entwicklung, sondern
auch für die finanzielle Lage ihres Haushaltes
So kann beispielsweise ein Index der Konsu- und für ihre eigenen Sparmöglichkeiten posi- Felicitas Kemeny
mentenstimmung für die Männer und einer tivere Erwartungen als die Frauen. Mit diesem Stv. Leiterin Ressort Konjunktur, Staats­
sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
für die Frauen berechnet werden, wenn die «Gender-Gap» stehen Männer und Frauen in

58  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2016 2/2017 1/2017 4/2016 3/2016
Schweiz 1,3 Schweiz 0,3 0,3 0,1 0,1
Deutschland 1,9 Deutschland 0,6 0,7 0,4 0,2
Frankreich 1,2 Frankreich 0,5 0,5 0,5 0,2
Italien 0,9 Italien 0,4 0,4 0,2 0,3
Grossbritannien 1,8 Grossbritannien 0,3 0,2 0,7 0,5
EU 1,9 EU 0,6 0,5 0,6 0,4
USA 1,6 USA 0,8 0,3 0,5 0,9
Japan 1,0 Japan 1,0 0,4 0,3 0,2
China 6,7 China 1,7 1,3 1,7 1,8
OECD 1,7 OECD 0,7 0,5 0,7 0,5

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2016 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2016 2016 2/2017
Schweiz 63 616 Schweiz 4,6 Schweiz 4,4
Deutschland 49 077 Deutschland 4,1 Deutschland 3,9
Frankreich 41 945 Frankreich 9,9 Frankreich 9,6
Italien 37 964 Italien 11,7 Italien 11,2
Grossbritannien 42 898 Grossbritannien 4,8 Grossbritannien –
EU 38 918 EU 8,6 EU 7,7
USA 57 325 USA 4,9 USA 4,4
Japan 41 694 Japan 3,1 Japan 2,9
China – China – China –
OECD 42 096 OECD 6,3 OECD 5,8

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Vor- Veränderung in % gegenüber dem
jahr ­Vorjahresmonat
2016 September 2017
Schweiz 0,0 Schweiz 0,7
Deutschland 0,5 Deutschland 1,8
Frankreich 0,2 Frankreich 1,0
Italien –0,1 Italien 1,1
Grossbritannien 0,7 Grossbritannien 3,0
EU 0,3 EU 1,8
SECO, BFS, OECD

USA 1,3 USA 2,2


Japan –0,1 Japan 0,7
China 2,0 China 1,6
Weitere Zahlenreihen
OECD 1,1 OECD 2,3
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss ILO (Internationale Arbeitsorganisation).

Die Volkswirtschaft  12 / 2017  59
Migration in die Schweiz wächst langsamer
Seit Mitte 2013 hat sich die Zuwanderung aus den EU- und Efta-Staaten in die Schweiz verlangsamt. Hauptgrund dafür ist
die schwächere Arbeitskräftenachfrage in der Schweiz, wodurch weniger Arbeitskräfte im Ausland angeworben werden. Die
Zusammensetzung der Zuwanderung in die Schweiz hängt allerdings von der Konjunktur in den Herkunftsländern ab. So ging
die Zuwanderung aus Deutschland zwischen 2010 und 2016 parallel zur Arbeitslosigkeit in Deutschland stetig zurück. Die Zu-
wanderung aus Italien schwächte sich dagegen erst ab, als die Arbeitslosenquote dort ab 2015 ebenfalls zu sinken begann.

Summe des Wanderungssaldos


der letzten 12 Monate*

2014
2013
2012

2015
2011
2010

2016

2017
21 296

39 040 23 606 68 314


22 138
33 236

März 2010 Oktober 2013 August 2017


  EU-28/Efta          Drittstaaten          Total * ständige und nicht ständige Wohnbevölkerung, ohne Personen im Asylprozess

Deutschland und Italien:


Arbeitslosigkeit und Wanderungssaldo hängen zusammen
Je schlechter die Beschäftigungschancen im Herkunftsland, relativ zur Schweiz,
desto eher lassen sich Arbeitskräfte dort rekrutieren.
12,1%
14 228

11,7 %
12 864
8,3%

9445

9464
6,9%

5,2%

4,2%

OECD, SEM, EIGENE BERECHNUNG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


3545
4177

Deutschland Italien Deutschland Italien Deutschland Italien

2010 2013 2016

  Wanderungssaldo aus Deutschland in die Schweiz (ganzjährig)        Jahresdurchschnitt Arbeitslosenquote Deutschland (in %)
  Wanderungssaldo aus Italien in die Schweiz (ganzjährig)                      Jahresdurchschnitt Arbeitslosenquote Italien (in %) 

60  Die Volkswirtschaft  12 / 2017


VORSCHAU

88e année   N°5 /2017
90. Jahrgang   Nr. 5 /2015 sFr.
Frs.12.–
12.–

La
DieVie économique
Volkswirtschaft
Plattformdefür Wirtschaftspolitik
Plateforme politique économique

FOKUS

Wie die Digitalisierung die


Arbeitswelt verändert
Die Digitalisierung wirbelt die Arbeitswelt durcheinander. Der Beschäftigungsanteil von Routinejobs im
Büro und im Verkauf nimmt ab, während hoch und tief qualifizierte Jobs zulegen. Angesichts dieser in
Japan, in den USA und in vielen EU-Ländern beobachtbaren Polarisierung geben sich Schweizer Politiker
besorgt. Welche Branchen und Berufe sind bei uns von der zunehmenden Automatisierung bedroht?
Was sind die Auswirkungen auf die Sozialversicherungen und das Bildungssystem? Nebst Risiken birgt
die Digitalisierung aber auch Chancen: Lesen Sie mehr dazu in der kommenden Ausgabe.

Bedeutet Digitalisierung zunehmende Arbeitsplatzunsicherheit und Ungleichheit?


Duncan MacDonald, OECD

Die Auswirkungen auf die Beschäftigung und die Arbeitsbedingungen – aus Sicht der Schweiz
Ursina Jud und Katharina Degen, Staatssekretariat für Wirtschaft

Der wirtschaftliche Strukturwandel wird durch die Digitalisierung beeinflusst


Carsten Nathani, Rütter Soceco

Veränderte Kompetenzanforderungen an Berufsleute


Professor Jürg Schweri, Eidgenössisches Hochschulinstitut für Berufsbildung, und Rolf Iten, Infras

Die Zahl atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse steigt nicht


Michael Marti und Michael Mattmann, Ecoplan

Digitalisierung der Schweizer Wirtschaft: Bestandesaufnahme 2016


Professorin Gudela Grote, Spyros Arvanitis und Martin Wörter, ETH Zürich, Professor Toni Wäfler,
Fachhochschule Nordwestschweiz

Herausforderungen der Digitalisierung für Bildung und Forschung in der Schweiz


Barbara Montereale und Johannes Mure, Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation

In welchen Berufsfeldern werden neue Jobs geschaffen?


Interview mit Professor David Dorn, Universität Zürich