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90. Jahrgang   Nr. 11 / 2017 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW DOSSIER FREIHANDEL KRANKENVERSICHERUNG


Seco-Chefökonom Mehr Sicherheit im Nicht funktionierende Hohe Franchisen senken
Eric Scheidegger sieht den Cyberraum Kreditmärkte bremsen die Kosten
starken Franken positiv 40 Liberalisierungserfolg 55
34 52

FOKUS
Schweizer Volkswirtschaft
und Wichtiger
der harte HINWEIS ! Franken
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Starker Franken –
nüchtern analysiert
Der starke Franken und seine Auswirkungen beschäftigen Politik, Gesell-
schaft und Wirtschaft. Um der Frankenaufwertung und deren Folgen auf
den Grund zu gehen, hat das Staatssekretariat für Wirtschaft sechs Studien
an Forschungsinstitute vergeben. Im Zentrum der Berichte sind die Auswir-
kungen auf Exporte, Beschäftigung und Investitionen.
Seit 2003 beobachten wir einen Kon-
zentrationsprozess in der Exportstruk-
tur. Insbesondere gewinnt die Pharma­
branche an Gewicht. So weit nichts Neues.
Die Universität Basel hat in ihrer Studie
nun herausgefunden, dass die Franken-
stärke nicht Ursache davon ist. Vielmehr
kommen die Autoren zum umgekehrten
Schluss: Das Wachstum der Exporte von
Pharmaprodukten und Uhren begünstigt
die Aufwertung des Frankens.
Im Interview erklärt Eric Scheidegger, Leiter der Direktion für Wirtschafts-
politik im Seco, warum der Franken seit den Siebzigerjahren stetig stärker
wird und welche Schlüsse er für die Wirtschaftspolitik zieht. Der stellvertre-
tende Seco-Direktor zeigt sich überrascht, dass die Ausgaben für Forschung
und Entwicklung nach einer Aufwertung des Frankens stärker sinken als er-
wartet. Das seien ja Investitionen in die Zukunft, sagt er im Gespräch.
Zwei Beiträge im hinteren Teil des Magazins widmen sich der schwindenden
Innovationskraft der Schweizer Unternehmen. Ob bereits die Rede ist von
Investitionsschwäche und welches die Ursachen für den Rückgang des
Umsatzanteils der Marktinnovationen sind, erfahren Sie in dieser Ausgabe.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Nicole Tesar und Susanne Blank
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

Fokus

6 10 14
Der Franken als Ausdruck der Konzentration bei Exporten: Aufwertung steigert
Stärke Währungseinfluss ist gering Exportqualität
Simon Jäggi, Timothey Nussbaumer Tobias Erhardt, Christian Rutzer, Rolf Weder Dario Fauceglia, Björn Plaschnick,
Staatssekretariat für Wirtschaft Universität Basel Maria Rueda Maurer
Zürcher Hochschule für Angewandte
Wissenschaften

18 22 26
Schweizer Wirtschaft Internationale Mindestkursaufhebung trifft
erweist sich Verflechtungen als Vorteil Industrie
als widerstandsfähig Peter H. Egger Daniel Kaufmann, Tobias Renkin
KOF Konjunkturforschungsstelle KOF Konjunkturforschungsstelle
Alexis Bill-Körber, Martin Eichler
BAK Economics Johannes Schwarzer
Council on Economic Policies
Anirudh Shingal
World Trade Institute

34

«Ich lebe gerne


in einem Land
mit einer starken
30 Währung»
Starker Franken hemmt
Investitionen und Innovation
Boris Kaiser
B,S,S. Im Gespräch mit
Michael Siegenthaler, Andrin Spescha,
Martin Wörter
Seco-Chefökonom
KOF Konjunkturforschungsstelle Eric Scheidegger
INHALT

Themen
b
52 55
FREIHANDEL KRANKENVERSICHERUNG

Weiter Weg zum Höhere Franchisen


Liberalisierungserfolg bei reduzieren Kosten
imperfekten Kreditmärkten Boris Kaiser
B,S,S.
Reto Föllmi
Universität St. Gallen Michael Gerfin

50 Manuel Oechslin
Universität Bern

Universität Luzern
EINBLICK

Die unbegründete Angst


vor einer Verknappung der
Arbeit
Aymo Brunetti
Universität Bern

58 61 DOSSIER
INNOVATION INVESTITIONEN

Innovationskraft der Investitionsschwäche in der


Schweizer Unternehmen Schweiz?
Mehr Sicherheit im
schwindet Christian Busch
Staatssekretariat für Bildung, Forschung und
Mehr Sicherheit im
Cyberraum
Spyros Arvanitis, Florian Seliger, Andrin Spescha, Innovation Cyberraum
Martin Wörter
Timothey Nussbaumer, Philipp Wegmüller
KOF Konjunkturforschungsstelle
Staatssekretariat für Wirtschaft
Tobias Stucki
Universität Jyväskylä 42
Wege zu mehr Sicherheit
Arié Malz
65 68 Eidgenössisches Finanzdepartement

INVESTITIONEN EXPORTRISIKOVERSICHERUNG

Investieren in Zeiten des Zehn Jahre im Dienste der


Klimawandels Exporteure
David Drysdale 45
Christian Hofer
ehemaliger Vertreter Interamerikanische- OECD Der Bund will den Schutz vor
Entwicklungsbank Martin Gisiger Cyberrisiken ausbauen
Staats­sekretariat für Wirtschaft
Max Klaus
Informatiksteuerungsorgan des Bundes

Spots
48
i Unternehmen müssen Risiken
ernster nehmen
IMPRESSUM ZAHLEN INFOGRAFIK Matthias Bossardt
KPMG Schweiz
Alle Informationen Wirtschaftskennzahlen Bio boomt
zum Magazin

4 71 72
i IMPRESSUM

Herausgeber
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, ­Bildung
und Forschung WBF,
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Redaktion
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Käthi Gfeller, Matthias Hausherr, Christian Maillard,
Stefan Sonderegger

Redaktionsausschuss
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, ­Susanne Blank,
Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Cesare Ravara, Markus Tanner,
Nicole Tesar

Leiter Ressort Publikationen


Markus Tanner

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Für Studierende kostenlos

Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö­sischer Sprache


(französisch: La Vie économique), 90. Jahrgang, mit Beilagen.

Druck
Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp

Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung der Autorinnen


und Autoren und deckt sich nicht notwendigerweise mit der
Meinung der Redaktion.

Der Nachdruck von Artikeln ist, nach Bewilligung durch die


Redaktion, unter ­Quellenangabe gestattet; Belegexemplare
­erwünscht.

ISSN 1011-386X

App
Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1, 4552 Derendingen

Quellenangaben für die Abbildung auf S. 5:


Ariva.de / Die Volkswirtschaft
FOKUS

Schweizer Volkswirtschaft
und der harte Franken
Als Folge der Eurokrise und der Aufhebung des Mindestkurses
hat sich der Franken insbesondere gegenüber dem Euro stark
aufgewertet. Dies stellt die stark vernetzte und exportlastige
Schweizer Volkswirtschaft vor Herausforderungen. Wie sich die
Währungsaufwertung in der kurzen, aber auch in der längeren
Frist sowohl auf die Exporte und ihre Struktur als auch auf die
­Beschäftigung, die Investitionen oder die F&E-Tätigkeit auswirkte,
lesen Sie in diesem Fokus.
1.61

Dollar- und Eurokurs Januar 2007 bis Oktober 2017

1.21 Aufhebung des Mindestkurses,


15. Januar 2015
1.15
Einführung des Mindestkurses,
6. September 2011
1 Franken
0.97

  Franken/Euro (nominal)          Franken/Dollar (nominal)


FRANKENSTÄRKE

Der Franken als Ausdruck der Stärke


Ein sich aufwertender Franken widerspiegelt die Stärke der Schweizer Volkswirtschaft.
Der damit verbundene Strukturwandel ist jedoch schmerzhaft – besonders wenn der
Kursanstieg abrupt ist.  Simon Jäggi, Timothey Nussbaumer

Insgesamt scheint die Schweizer Volkswirt-


Abstract  Der reale Frankenkurs ist seit den Siebzigerjahren stetig gestie-
gen. Diese Aufwertung ist ein Abbild der Stärke der Volkswirtschaft und hat schaft überraschend gut durch diese Periode
die Kaufkraft der Bevölkerung stark erhöht. Für viele Schweizer Unterneh- gekommen zu sein. Den aktuellsten Zahlen des
men stellt die starke Währung allerdings eine Herausforderung dar. Dies gilt Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zufolge
im Besonderen für die Aufwertungsphasen nach der Weltwirtschaftskrise. wuchs das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) seit
Sechs Studien der Strukturberichterstattung des Staatssekretariats für 2010 im Durchschnitt um rund 1,7 Prozent pro
Wirtschaft (Seco) haben die Auswirkungen untersucht. Die zentralen Fra-
Jahr – wobei die Wachstumsrate auch im Jahr
gen lauten: Wieso waren die Schweizer Exporte so robust? Führte die Auf-
wertung zu höherer Exportqualität oder einer Konzentration der Exporte?
2012 noch 1 Prozent betrug. Zumindest im Ver-
Was waren die Auswirkungen auf die Beschäftigung? Und wie beeinflusste gleich mit den damals äusserst pessimistischen
die Aufwertung die Investitionen und die F&E-Tätigkeit der Firmen? Konjunkturprognosen überrascht diese Ent-
wicklung.

E  ine starke Währung ist nichts Neues für


die Schweiz. Wer nach 1973 geboren wur-
de, kennt nichts anderes als einen stetig stärker
Strukturberichterstattung des Seco
Klar ist: Die Entwicklung auf aggregierter Ebe-
werdenden Franken. Seit dem Ende des Bretton- ne verdeckt die spezifischen Entwicklungen in
Woods-System hat sich der inflationsbereinigte den einzelnen Unternehmen, Branchen und Re-
Aussenwert des Frankens um die Hälfte erhöht gionen. Diese reagieren je nach Exponiertheit
(siehe Abbildung 1). Dies ist generell ein positives gegenüber dem Wechselkurs unterschiedlich,
Zeichen, denn eine nachhaltig starke Währung wie sechs Studien im Rahmen der Strukturbe-
fällt nicht einfach so vom Himmel: Temporäre richterstattung des Seco zeigen.1 Grundsätz-
Schwankungen können zwar von kurzfristigen lich kann dabei zwischen drei potenziellen
Kapitalflüssen getrieben sein. Stetig und nach- Wirkungskanälen einer Währungsaufwertung
haltig aufwerten kann sich jedoch nur die Wäh- unterschieden werden.
rung einer im internationalen Vergleich erfolg- Erstens führt eine Aufwertung zu einem
reichen Volkswirtschaft. Davon profitiert auch Verlust an preislicher Wettbewerbsfähigkeit im
die Bevölkerung: In den letzten 45 Jahren hat Ausland. Zweitens steigt auch die Importkon-
sich insbesondere die Kaufkraft – und dadurch kurrenz für Schweizer Produzenten auf dem
der Wohlstand – wesentlich erhöht. Binnenmarkt. Und drittens führt die Aufwer-
Es gibt aber auch eine Kehrseite der Medail- tung zu einer Vergünstigung von Vorleistungen
le. So drückt die Aufwertung konstant auf die und Investitionsgütern, welche in der Schweiz
Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unterneh- verarbeitet oder genutzt werden.
men, welche auf den internationalen Märkten Wie stark nun ein Unternehmen, eine Bran-
mit einer immer günstiger werdenden Konkur- che oder eine Region von einer Aufwertung des
renz konfrontiert sind. Insbesondere die Auf- Frankens betroffen sind, hängt damit zusam-
wertung ab Anfang 2010 bis zur Einführung des men, wie sie gegenüber diesen drei Kanälen aus-
Mindestkurses um nominal fast 25 Prozent so- gesetzt ist. So leidet beispielsweise die Touris-
1 D
ie Studien sind Thema wie nach der Aufhebung des Mindestkurses um musbranche relativ stark unter der Aufwertung,
des aktuellen Schwer-
punkts der «Volkswirt- 10 Prozent stellten die Schweiz als stark ver- da sie einerseits eine hohe Exponiertheit gegen-
schaft». Sie sind unter
Seco.admin.ch abruf-
netzte und exportlastige Volkswirtschaft vor über ausländischer Konkurrenz durch Tou-
bar. grosse Herausforderungen. rismusdestinationen in den Nachbarländern

6  Die Volkswirtschaft  11 / 2017
FOKUS

SNB
FRANKENSTÄRKE

Abb. 1: Wechselkursindex des Frankens (1973–2017)

175        Index 2000, Q4 = 100

150

125

100

75

SNB / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


50

25
1973 1975 1977 1979 1981 1983 1985 1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 2017

   Wechselkursindex (nominal)           Wechselkursindex (real)

a­ ufweist und andererseits kaum von ausländi- rung von Wechselkursschwankungen durch
schen Vorleistungen profitieren kann. einen hohen Anteil an Vorleistungen kann eine
Diese unterschiedliche Betroffenheit der Erhöhung der Exportqualität oder eine Ver-
Unternehmen schlägt sich sowohl in der Ex- schiebung hin zu qualitativ hochwertigen Pro-
port- und der Beschäftigungsentwicklung als dukten mit wenig preissensitiven Kunden zu-
auch in den Investitionen oder den Aufwen- dem eine weitere Erklärung sein, wieso sich die
dungen für Forschung und Entwicklung (F&E) Exporte trotz der Aufwertungstendenzen des
nieder. Die Grundfrage der aktuellen Struktur- Frankens langfristig als ausserordentlich wider-
berichterstattung lautet deshalb, inwiefern die standsfähig erwiesen haben.
anhaltende Frankenaufwertung die strukturel-
len Veränderungen in der Schweizer Wirtschaft Robuster Arbeitsmarkt
miterklärt und inwiefern die Aufwertungspha-
sen 2010/2011 und nach der Aufhebung des Von besonderem Interesse ist die Auswirkung
Mindestkurses im Januar 2015 den Struktur- auf die Beschäftigung: Konnte der Verlust an
wandel beschleunigten. Wettbewerbsfähigkeit durch die Vorteile auf-
Hat die Frankenaufwertung beispielswei- grund günstigerer Vorleistungen kompensiert
se zur Konzentrationstendenz in den Warenex- werden? Dies legt die Beschäftigungsentwick-
porten beigetragen? Seit der Jahrtausendwende lung bis 2015 zumindest nahe. Die starke Ab-
haben Exporte aus der chemisch-pharmazeu- schwächung des Beschäftigungswachstums
tischen Industrie stark zugelegt: Betrug ihr nach der Aufhebung des Mindestkurses im Ja-
Exportanteil im Jahr 2000 noch 28 Prozent, nuar 2015 könnte hingegen darauf hindeuten,
kletterte er bis 2016 auf 45 Prozent (siehe Ab- dass eine solche Kompensation bei schockarti-
bildung 2). Im gleichen Zeitraum nahm der An- gen Aufwertungsphasen schwieriger ist.
teil der Maschinen, Apparate und Elektronik um Für das langfristige Wachstumspotenzial
fast 15 Prozentpunkte ab. Diese Verschiebung der Wirtschaft sind zudem die Investitionen der
in der Exportstruktur könnte darauf zurück- Unternehmen und ihre Forschungs- und Ent-
zuführen sein, dass Pharmazeutika gegenüber wicklungstätigkeiten zentral. Hier ist die Re-
einer Aufwertung schwächer exponiert waren aktion eines Unternehmens auf eine Franken-
als Maschinen, Apparate und Elektronik. aufwertung von vornherein nicht eindeutig
Auch eine Spezialisierung auf Exporte ho- festzulegen. Einerseits könnte erwartet werden,
her Qualität könnte durch die Aufwertung ver- dass Unternehmen bei einer Aufwertung und
ursacht sein. Neben einer natürlichen Absiche- damit einhergehenden Margenverlusten und

8  Die Volkswirtschaft  11 / 2017
FOKUS

Abb. 2: Exporte der Schweiz nach Waren- führte oder der Erfolg der Volkswirtschaft auf-
gruppen (2000 und 2016) grund der hohen Exportqualität in einer Auf-
wertung des Frankens resultierte –, bleibt letzt-

GERUNDETE WERTE, AUSSENHANDELSSTATISTIK DER EZV


(WARENEXPORTE OHNE GOLD) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
endlich schwer zu eruieren. Schliesslich ist
14% 9% daran zu erinnern, dass die Aufwertung des
4%
3% 28% 6% Frankens nicht der einzige langfristige Trend
9%
2000 45% ist, welcher den Strukturwandel beeinflusst.
15% 2016
Für eine Identifikation des Aufwertungseffekts
16% sind daher auch den Auswirkungen des techno-
29%
22% logischen Wandels oder der Globalisierung an-
gemessen Rechnung zu tragen.
Somit gilt: Wenn die Volkswirtschaft weiter-
  Produkte der chemisch-pharmazeutischen Industrie      hin besser abschneidet als das Ausland, würde
  Präzisionsinstrumente, Uhren und Bijouterie
  Maschinen, Apparate, Elektronik        Metalle     
langfristig gesehen eine Abwertung des Fran-
  Land- und forstwirtschaftliche Produkte, Fischerei     kens überraschen. Der Fokus der Wirtschafts-
  Übrige politik sollte daher darauf liegen, die struktu-
rellen Veränderungen der Volkswirtschaft nicht
allzu stark zu behindern, damit diese mit zu-
getrübten Wachstumsaussichten ihre Investi- kunftsfähigen Strukturen nachhaltig erfolg-
tionen reduzieren oder ins Ausland verlagern. reich sein kann.
Anderseits ist auch vorstellbar, dass Unterneh-
men auf eine Aufwertung gerade mit stärkeren
F&E-Aktivitäten und Massnahmen zur Kosten-
senkung reagieren, um die Margenverluste wie-
der wettzumachen.

Huhn oder Ei?


Wie eingangs erwähnt, ist die Frankenaufwer- Simon Jäggi Timothey Nussbaumer
tung selbst immer auch ein Abbild des Erfolgs Dr. rer. oec., Leiter Ressort Wissenschaftlicher Mit-
Wachstum und Wettbe- arbeiter, Ressort Wachs-
und der Stärke der Volkswirtschaft. Was nun werbspolitik, Staatsse- tum und Wettbewerbs-
Ursache und was Wirkung ist – also ob nun die kretariat für Wirtschaft politik, Staatssekretariat
(Seco), Bern für Wirtschaft (Seco), Bern
Frankenaufwertung zu höherer Export­qualität

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  9
FRANKENSTÄRKE

Konzentration bei Exporten:


Währungseinfluss ist gering
Die Güterexporte trotzen dem starken Franken: Die zunehmende Konzentration in der
Schweizer Exportbranche hängt langfristig weniger mit der Währungsstärke als mit der
Nachfrage im Ausland zusammen.  Tobias Erhardt, Christian Rutzer, Rolf Weder

forderung dar. Wie verschiedene Studien zeigen,


Abstract  Eine Studie von Forschern der Universität Basel bettet die Aus-
wirkungen der Frankenschocks der Jahre 2010/2011 sowie 2015 auf die gerieten die Exporte unter Druck, und die Im-
Schweizer Exporte in einen grösseren Zusammenhang ein. Langfristig portpreise fielen.1
wirkt sich die Frankenaufwertung zwar leicht negativ auf die Exporte aus, Trotzdem überstand die Schweizer Wirt-
im Vergleich zu Veränderungen der ausländischen Nachfrage sind die Ef- schaft diese Aufwertungsperioden überra-
fekte allerdings gering. Seit dem Jahr 2003 lässt sich zudem ein Konzentra- schend gut – was beim ersten Frankenschock
tionsprozess in der Exportstruktur beobachten, da insbesondere die Phar- auf den weltwirtschaftlichen Aufschwung zu-
maindustrie vermehrt an Gewicht gewinnt. Ein Zusammenhang zwischen
rückgeführt werden kann. Beim zweiten Schock
der Frankenaufwertung und der Exportkonzentration ist dabei nicht aus-
zumachen. Hingegen scheint das Wachstum der Exporte von Pharmapro- vom Januar 2015 hat sich der Franken gegenüber
dukten, Uhren und Präzisionsinstrumenten die Aufwertung des Frankens dem Dollar und anderen Währungen wichtiger
zu begünstigen. Insgesamt stärkt die Exportkonzentration die BIP-Wachs- Handelspartner wiederum weniger stark aufge-
tumsrate pro Kopf – gleichzeitig steigt jedoch die Volatilität. Letzterer Ef- wertet als gegenüber dem Euro.
fekt wird durch die geografische Diversifizierung der Exporte relativiert.

Langfristige Aufwertung

V  eränderungen in der Struktur einer Volks-


wirtschaft sind typisch für eine Markt-
wirtschaft. Auslöser können unterschiedli-
Betrachtet man den sogenannten realen effek-
tiven Wechselkurs über die letzten 40 Jahre, so
sieht man einerseits abrupte Schwankungen –
che Produktivitätsentwicklungen oder relative wie beispielsweise die Aufwertung um 25 Pro-
Nachfrageveränderungen sein. Die dadurch ent- zent zwischen 2009 und 2011 (siehe Abbildung 1).
stehende Verlagerung von Ressourcen in pro- Andererseits erkennt man einen langfristigen
duktivere Branchen und Unternehmen ist eine Aufwertungstrend um circa 30 Prozent zwi-
wesentliche Voraussetzung für die Sicherung schen 1975 und 2015.
und Mehrung des Wohlstandes, stellt aber auch In einer für das Staatssekretariat für Wirt-
eine Herausforderung für die tangierten Unter- schaft (Seco) erarbeiteten Studie stehen nun
nehmen und Arbeitnehmer dar. Dies ist vor al- nicht die zwei Frankenschocks im Fokus, son-
lem dann der Fall, wenn wichtige Variablen in dern der längerfristige Zusammenhang zwi-
einer Volkswirtschaft sich abrupt und allenfalls schen Frankenstärke und Exporten.2 Die Studie
unerwartet verändern. untersucht folgende Fragen:
In diesem Zusammenhang sind Wechselkurs- –– Hat die Wechselkursentwicklung zu einer
veränderungen für eine kleine, offene Volkswirt- strukturellen Veränderung der Schweizer
schaft wie die Schweiz eine zentrale Grösse  –  Exporte geführt?
insbesondere, wenn innerhalb kurzer Zeiträume –– Besteht ein Zusammenhang zwischen der
starke Auf- oder Abwertungen stattfinden. Die Wechselkursentwicklung und der Konzent-
«Frankenschocks» von 2010/2011 sowie 2015 – ration der Exporte?
letzterer infolge der Aufhebung des Euromin- –– Ist umgekehrt die Exportentwicklung der
1 Siehe Flückiger, Rutzer destkurses – stellten für viele Unternehmen und Schweiz ein Grund für die reale Aufwertung
und Weder (2016).
2 Erhardt et al. (2017). für die Volkswirtschaft als Ganzes eine Heraus- des Frankens?

10  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

KEYSTONE

Die Pharmabranche
prägt das Stadtbild:
–– Bestehen sogenannte Dutch-Disease-­Effekte, Novartis-Campus in den Wert der Exporte ist relativ klein.3 Zur Ein-
und wie ist die Exportentwicklung der Schweiz Basel. ordnung ist ein Vergleich zwischen der Auf-
generell zu bewerten? wertung und dem Schrumpfen des Bruttoin-
–– Aufgrund der Datenverfügbarkeit beschrän- landprodukts (BIP) der Partnerländer – was die
ken sich unsere Analysen auf Güterexporte Nachfrage nach Schweizer Exporten approxi-
und die Periode 1990 bis 2015. miert – hilfreich: Während die reale Franken-
aufwertung um 1 Prozent einen Exportrückgang
Realer Wechselkurs beeinflusst von 0,06 Prozent bewirkt, löst eine BIP-Reduk-
tion im Ausland um 1 Prozent einen wesentlich
Exporte kaum
grösseren Rückgang von 0,8 Prozent aus.
Wie hat nun die Aufwertung die Exporte be- Interessanterweise sinkt die Wechselkurs-
einflusst? Für den Zeitraum 1990 bis 2015 zeigt 3 Vgl. auch Hanslin Gross- sensitivität der Exporte nach der Finanz- und
mann et al. (2016) und
sich: Der Effekt des realen Wechselkurses auf Flückiger et al (2016). Wirtschaftskrise 2008. Eine mögliche ­Erklärung

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  11
FRANKENSTÄRKE

hierfür ist der Marktaustritt von Unternehmen Exportkonzentration nimmt zu


und Produktgruppen, die aufgrund ihrer Kos-
tenstruktur oder der Eigenschaften ihrer Pro- Die Frage stellt sich daher, inwiefern diese unter-
dukte besonders wechselkurssensitiv sind. Da- schiedliche Betroffenheit der Exporte die Kon-
raus kann gefolgert werden, dass die Schweizer zentration in der Exportstruktur erklären kann.
Wirtschaft gegenüber Wechselkursschwankun- Die Produktekonzentration lässt sich mit dem
gen robuster geworden ist. sogenannten Herfindahl-Index messen: Zwi-
Die Aufschlüsselung nach Produktegrup- schen 1990 und 2003 hielt die Schweiz diesbezüg-
pen zeigt, dass Kapitalgüter wie beispielswei- lich Schritt mit Deutschland, Frankreich, Gross-
se Maschinen stärker als Zwischenprodukte britannien und den USA (siehe Abbildung 2). Ab
wie pharmazeutische Vorprodukte und Kon- 2003 nahm die Konzentration kontinuierlich zu,
sumgüter wie Medikamente von Wechselkurs- und seit 2008 ist sogar eine beschleunigte Kon-
aufwertungen betroffen waren. Ebenfalls re- zentration erkennbar. Im Ländervergleich ist die-
lativ empfindlich – besonders im Vergleich zu se Entwicklung aussergewöhnlich. Lässt man die
Exporten nach Amerika – reagierten Exporte Pharmabranche weg, ist der Effekt kaum mehr er-
4 Siehe Erhardt et al.
(2017). nach Europa. kennbar.
Allerdings lässt unsere Analyse der Produk-
tegruppen keinen robusten positiven Zusam-
Abb. 1: Realer effektiver Frankenkurs (1975–2015) menhang zwischen dem realen Wechselkurs
1,4    Realer effektiver Wechselkurs (Januar 1990=1)
und der Konzentration erkennen. Dies dürfte
darauf zurückzuführen sein, dass sich die ver-
schiedenen heterogenen Effekte kompensieren.
SNB; BERECHNUNG: ERHARDT, RUTZER UND WEDER (2017) /

1,2   Demgegenüber dürfte hingegen der Anstieg der


ausländischen Nachfrage zur Konzentration
beigetragen haben. Mit anderen Worten: Wäh-
rend Pharmaprodukte vermehrt gefragt waren,
1
nahm die Nachfrage nach anderen Produkten
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

weniger stark zu oder gar ab.

0,8
1975 1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015
Boombranchen beeinflussen
Der reale effektive Wechselkursindex stellt den handelsgewichteten und preis-
­Wechselkurs
bereinigten Frankenkurs dar. Er gibt somit den Aussenwert des Frankens an Als Nächstes gehen wir der Frage nach, ob die
(siehe Data.snb.ch).
Exportentwicklung der Schweiz ein Grund für
die in Abbildung 1 ersichtliche langfristige reale
Abb. 2: Exportkonzentration in ausgewählten Ländern (1990–2015) Aufwertung des Frankens sein könnte. Hier ist
1,7    Herfindahlindex der Produkt-Konzentration auf HS2-Level (1994=1)
zu erwarten, dass höhere Nettoexporte zu einer
1,6
gestiegenen Nachfrage nach heimischer Wäh-
1,5
UN COMTRADE, BERECHNUNG ERHARDT, RUTZER, WEDER (2017) /

rung und somit zu einem höheren Wechselkurs


1,4
führen. Unsere Analyse zeigt, dass nicht die ge-
1,3
1,2
samten Schweizer Güternettoexporte, sondern
1,1
vielmehr die stark wachsenden Pharmaexporte,
1 Exporte von Präzisionsinstrumenten sowie Ex-
0,9 porte der Uhrenindustrie mitverantwortlich für
DIE VOLKSWIRTSCHAFT

0,8 die langfristige Frankenaufwertung sind.4


0,7 Der starke Anstieg der Exporte dieser drei
0,6 Branchen – der Anteil an den gesamten Schwei-
zer Güterexporten erhöhte sich von 20 Prozent
6
90

92

94

96

98

02

10

12

14
0
0

0
0

20

20
20
19

19
19

20
19

20
20
19

20
20

  Schweiz          Schweiz ohne Pharma        Deutschland        Frankreich        Grossbritannien      im Jahr 1990 auf etwa 50 Prozent im Jahr 2015 –
  Japan        Schweden        USA kann wiederum mit der Verbesserung des kom-

12  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

parativen Vorteils der Schweiz sowie mit der Kehrseite ist jedoch, dass eine steigende Produk-
weltweit positiven Entwicklung der relativen tekonzentration zu einer höheren Volatilität des
Nachfrage nach diesen Gütern erklärt werden. BIP-Wachstums pro Kopf führt. Mit anderen Wor-
So reagieren die Exporte der boomenden Bran- ten: Spezialisierung erhöht den Wohlstand, macht
chen stärker auf ein BIP-Wachstum der Partner- die Volkswirtschaften aber anfälliger gegenüber
länder als diejenigen der übrigen Branchen. Veränderungen in der Weltwirtschaft.
Abschliessend lässt sich sagen, dass die Auf-
Keine «Dutch Disease» wertung des Frankens über die letzten 25 Jahre
einen signifikanten Effekt auf die Exporte hatte.
Es stellt sich die Frage, ob der Erfolg der relativ Allerdings ist dieser Effekt im Vergleich zu Ver-
produktiven, boomenden Branchen sich negativ änderungen des wirtschaftlichen Wachstums
auf andere inländische Branchen auswirkt. Die- im Ausland relativ klein. Interessant ist, dass
ser in der Handelstheorie als «Dutch Disease» die Schweizer Wirtschaft seit der Finanz- und
bekannte Effekt kann beispielsweise über höhe- Eurokrise, und der damit verbundenen star-
re Löhne oder eben eine Aufwertung der Wäh- ken Aufwertung des Frankens, robuster gegen-
rung zu einer Belastung von weniger erfolgrei- über Wechselkursschwankungen geworden
chen Branchen führen. ist. Gegenüber Ländern wie Deutschland dürf-
Ein solcher Effekt ist bei beschränkten Res- te sich die Schweiz damit einen gewissen Vor-
sourcen grundsätzlich zu erwarten und auch sprung erarbeitet haben.
nicht zu bedauern: Er ist letztlich Ausdruck des Auf der Ebene von Produkten sehen wir
Erfolgs einer Volkswirtschaft, welche die Res- eine zunehmende Exportkonzentration in der
sourcen in die relativ produktivsten Tätigkeiten Schweiz, die allerdings nicht primär vom Wech-
lenkt. selkurs getrieben wurde, sondern gemäss unse-
Unsere Analysen implizieren, dass über den ren Resultaten eher nachfragegetrieben ist. Unse-
Wechselkurskanal kaum grosse «Dutch Disea- re Querschnittsanalyse über mehrere Länder
se»-Effekte von boomenden Exportbranchen auf lässt den Schluss zu, dass eine steigende Export-
nicht boomende Exportbranchen zu erwarten konzentration den Wohlstand erhöht, die Resis-
sind. Erstens sind, wie wir oben gezeigt haben, tenz gegenüber Krisen aber vermindert. Dieser
die Auswirkungen von Wechselkursveränderun- Umstand wird durch die seit etwa dem Jahr 2000
gen auf die Exporte generell gering. Zweitens sind beobachtbare geografische Diversifizierung der
die Auswirkungen der boomenden Exportbran- Schweizer Exporte aber relativiert, da diese die
chen auf den Wechselkurs ebenfalls klein. Krisenresistenz der Schweiz wieder erhöht.

Mehr Wohlstand – höhere Krisen-


anfälligkeit
Wie ist also die für die Schweiz beobachtbare zu-
nehmende branchenmässige Konzentration der
Exporte generell zu bewerten? Für die Analyse
verwendeten wir ein Panel von 44 Ländern über
die Jahre 1970 bis 2014. Das Resultat stimmt dabei Tobias Erhardt Christian Rutzer Rolf Weder
Dr. rer. pol., Post-Doc im Dr. rer. pol., wissenschaft- Professor für Aussen­
im Grundsatz mit der traditionellen Handelstheo- Bereich Aussenwirtschaft licher Mitarbeiter im Be- wirtschaft und Europäi-
rie überein: Eine Zunahme der Konzentration der und Europäische Integra- reich Aussenwirtschaft und sche Integration,
exportierten Produkte wirkt sich im Durchschnitt tion, Universität Basel Europäische Integration, Universität Basel
Universität Basel
positiv auf das BIP-Wachstum pro Kopf aus. Die

Literatur
Erhardt, T., Rutzer, C., Weder, R. (2017). Strukturwandel Flückiger, M., Rutzer, C., Weder, R. (2016). Die Schweizer Hanslin Grossmann, S., Lein, S. M., Schmidt, C. (2016).
der Schweizer Wirtschaft in einem schwierigen Wäh- Wirtschaft zwischen Hammer und Amboss: Eine Analyse Exchange Rate and Foreign GDP Elasticities of Swiss
rungsumfeld: Frankenstärke und Exportstruktur, der Franken-Schocks 2010/11 und 2015, in: Aussenwirt- Exports Across Sectors and Destination Countries, in:
Studie im Auftrag des Seco. schaft, 67 (3): 95–133. Applied Economics, 48 (57): 5546–5562.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  13
FRANKENSTÄRKE

Aufwertung steigert Exportqualität


Die Frankenaufwertung steigert langfristig die Qualität der Schweizer Exportprodukte.
Dies zeigt eine Analyse der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Dario Fauceglia, Björn Plaschnick, Maria Rueda Maurer

Abstract    Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften lität der Schweizer Exporte darstellen, welche
(ZHAW) hat im Auftrag des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) den bei der letzten ländervergleichenden Studie an-
Zusammenhang zwischen Frankenaufwertung und Qualität der Export- hand von Daten bis 2007 international an erster
produkte analysiert. Für die Jahre 1996 bis 2015 zeigt sich: Die Aufwer- Stelle lag.2 Im Auftrag des Staatssekretariats für
tungen führten zu einer höheren Qualität der Exportgüter – was die Wi- Wirtschaft (Seco) haben wir diese Zusammen-
derstandsfähigkeit der Exporte stärkte. Besonders ausgeprägt sind die
hänge untersucht.3 Dazu stellten wir folgende
Qualitätsverbesserungen in forschungs- und werbeintensiven Export-
branchen wie beispielsweise in der Maschinen- und Uhrenindustrie. Für Hypothese auf: Eine Frankenaufwertung führt
die ebenfalls forschungs- und werbeintensive Pharmabranche war die zum Marktaustritt der Exporteure von Gütern
steigende Nachfrage hingegen wohl bedeutender als Währungseffek- niedriger Produktqualität; dadurch steigen so-
te. Insgesamt unterstreichen die Ergebnisse die Bedeutung einer Wirt- wohl die Marktanteile der Exporteure von Gü-
schaftspolitik, die eine flexible Reaktion der Unternehmen auf Marktver- tern höherer Produktqualität als auch die Ex-
änderungen und einen schnellen Strukturwandel der Exportwirtschaft portqualität insgesamt.
ermöglicht.

Nachfrageverschiebungen und
Marktanteile
D  ie starke Frankenaufwertung der vergan-
genen Jahre hat Befürchtungen über eine
negative Entwicklung der Schweizer Exporte ge-
Einen ersten Qualitätsindikator leiteten wir
aus dem Zusammenhang zwischen Nachfrage
weckt. Diese erweisen sich langfristig jedoch als und Qualität eines Produkts ab: Nebst physi-
ausserordentlich widerstandsfähig. So haben schen Eigenschaften wie hochwertige Materia-
sie sich zwischen 1996 und 2015  trotz einer ste- lien beeinflussen auch Werbung, Markenbil-
tigen Aufwertungstendenz mehr als verdoppelt dung und produktbezogene Dienstleistungen
(siehe Abbildung 1), wobei die Entwicklung nach («servicification») die Produktqualität – oder
der Aufhebung des Euromindestkurses durch zumindest deren Wahrnehmung. Wenn nun
die Nationalbank Anfang 2015 bereits berück- die Nachfrage eines Exportgutes durch Preis
sichtigt ist. Oft wird die Widerstandsfähigkeit und Qualität sowie durch das Einkommen der
damit erklärt, dass sich die Exporte auf preisun- ausländischen Konsumenten determiniert
elastische Nischenmärkte oder auf Wachstums- wird, dann kann eine Nachfrageerhöhung – bei
märkte wie China konzentrieren. Oder es wird konstanten relativen Preisen und Einkommen
darauf hingewiesen, dass die international ver- – als Qualitätsverbesserung des Gutes inter-
flechtete Exportindustrie von einem hohen An- pretiert werden. Entsprechend kann aus der
teil günstiger Importe in Form von Vorleistun- Nachfrage von ähnlichen (substituierbaren)
gen profitiert.1 Exportgütern auf die nicht direkt beobachtba-
Bisher kaum analysiert wurde hingegen, re Produktqualität dieser Güter rückgeschlos-
ob der beständige Aufwertungsdruck eine Er- sen werden. Dieser Intuition folgend, schätzten
höhung der Exportqualität bewirkte, welche wir Nachfragefunktionen und verwendeten
1 S iehe Fauceglia und die negativen Auswirkungen auf die Margen die Residuen dieser Schätzungen, um unser
Lassmann (2014).
2 Feenstra and Romalis oder die Nachfrage teilweise kompensiert ha- erstes Qualitätsmass zu konstruieren. Die ge-
(2014).
3 Fauceglia, Plaschnick,
ben könnte. Dies könnte unter anderem auch schätzten Residuen widerspiegeln den Ein-
Rueda Maurer (2017). eine Erklärung für die international hohe Qua- fluss der Produktqualität auf die Nachfrage bei

14  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

g­ egebenen Preisen und Einkommen in den Ex- Klare Reaktion bei Indikatoren
portdestinationen.
Den zweiten Qualitätsindikator leiteten Anhand von Regressionsanalysen haben wir
wir aus Verschiebungen von Marktanteilen ab: für die Jahre 1996 bis 2015 untersucht, wie die
Wenn in einer Menge ähnlicher Exportgüter Frankenaufwertung die qualitative Struktur
mit unterschiedlichen Preisen die Marktantei- der Exporte beeinflusst hat. Als Basis dienten
le von vergleichsweise hochpreisigen Gütern uns die jährlichen Produktdaten der Eidgenössi-
zunehmen, dann kann dies als eine Zunahme schen Zollverwaltung (EZV) für die 37 wichtigs-
der durchschnittlichen Produktqualität dieser ten Handelspartner der Schweiz – was mehr als
Exportproduktgruppen interpretiert werden. 90 Prozent der Exporte umfasst. Das Resultat
Unterschiedliche Exportpreise können hier als mit dem ersten Qualitätsindikator, welcher die
valider Qualitätsindikator angesehen werden, Qualität anhand der Nachfrageverschiebungen
da deren Streuung vor allem durch Qualitäts- misst, zeigt: Eine Aufwertung des Frankens ver-
unterschiede und nicht durch Unterschiede in änderte die Exportstruktur – im Sinne eines An-
den Produktionskosten oder der Zahlungsbe- stiegs der durchschnittlichen Produktqualität. 4 V
gl. Feenstra und
reitschaft der Nachfrager erklärt werden kann.4 Eine Aufwertung um 10 Prozent bewirkte eine Romalis (2014).

Abb. 1: Schweizer Exportvolumen und nominaler Wechselkurs (1996–2015)


250    Index (1996=100)

SNB, BERECHNUNG FAUCEGLIA ET AL. (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


200

150

100

50
1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014

    Exportumsätze (Index)        Franken/Euro (Index)        Franken/Dollar (Index)        Nominaler, effektiver Wechelkurs (Overall-Index)

Abb. 2: Effekt einer 1-Prozent-Frankenaufwertung auf die Exportqualität in Abhängigkeit der


sektoralen F&E- und Werbeintensität
4    Qualitätsveränderung, in %
FAUCEGLIA ET AL. (2017), ZUR METHODE SIEHE: KUGLER UND

2
VERHOOGEN (2012) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–2
0 0,5 1 1,5 2 2,5 3 3,5 4 4,5 5
Anteil Forschungs- und Werbeausgaben am Umsatz, in %

Gemessen mit dem (nachfragebasierten) Qualitätsindikator für verschiedene prozentuale sektorale Ausgaben für F&E
und Werbung am Gesamtumsatz. Die blaue Fläche kennzeichnet ein 95-Prozent-Konfidenzintervall.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  15
FRANKENSTÄRKE

Verbesserung der durchschnittlichen Produkt- teile teurer Produkte misst, deutet auf eine
qualität um 1 bis 2 Prozent. Dies bedeutet, dass bessere Produktqualität aufgrund einer Auf-
man die Preise um etwas weniger als den pro- wertung des Frankens hin: Die Anteile von teu-
zentualen Anstieg der Qualität erhöhen kann, reren Exportgütern stiegen gegenüber günsti-
ohne Nachfrageeinbussen zu erleiden. geren Exportgütern innerhalb eng definierter
Der Qualitätseffekt einer Aufwertung ist ins- Produktgruppen. Prozentual verursachte eine
besondere in Sektoren mit einer starken Pro- Aufwertung um 10 Prozent eine Verbesserung
duktdifferenzierung und entsprechend hoher der Exportqualität um etwas mehr als 1 Pro-
Forschungs- und Werbeintensität ausgeprägt, zent.
welche für die Schweizer Exporte charakteris-
tisch sind. In Branchen, in welchen mehr als Langfristige Trends reduzieren
2,5 Prozent des Umsatzes für Forschung und Ent-
Anreize
wicklung (F&E) sowie für Werbung ausgegeben
werden, führt eine Aufwertung zu signifikan- Der Zusammenhang zwischen F&E-, Werbe-
ten Qualitätsverbesserungen (siehe Abbildung 2). ausgaben und der Stärke der wechselkurs-
Beispiele dafür sind der Maschinenbau und die bedingten Qualitätsänderung gilt nicht aus-
Uhrenindustrie. Demgegenüber beeinflusst eine nahmslos. Interessanterweise erhöht sich der
Frankenaufwertung in Sektoren mit wenig dif- Effekt einer aufwertungsinduzierten Quali-
ferenzierbaren Gütern und daher intensiverem tätsverbesserung, wenn man forschungs- und
Preiswettbewerb – wie beispielsweise im Roh- werbeintensive pharmazeutische und che-
stoffsektor – die Qualität nicht signifikant. mische Produkte aus den Schätzungen aus-
Schweizer Luxus­
Auch die Analyse mit dem zweiten Indi- schloss. Dies könnte darauf zurückzufüh-
uhren stehen für kator, der die Qualität anhand der Marktan- ren sein, dass in diesen beiden Sektoren, die
hohe Qualität.

KEYSTONE

16  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

fast die Hälfte aller Exporte auf sich vereinen, Ein wichtiger Faktor für die Widerstandsfä-
Qualitätsverbesserungen mehr von langfristi- higkeit der Exporte gegenüber den Frankenauf-
gen Trends wie beispielsweise der steigenden wertungen ist demnach die permanente Anpas-
Nachfrage nach hochwertigeren Medizinpro- sung und Fokussierung der Exporteure auf stark
dukten und weniger von einer Frankenaufwer- differenzierte, qualitativ hochwertige und rela-
tung abhängig sind. tiv preisinsensitive Güter. Dies unterstreicht die
Für Wachstumsmärkte stellten wir hingegen Bedeutung einer Wirtschaftspolitik, die eine
einen entgegengesetzten Zusammenhang fest: flexible Reaktion der Unternehmen auf Markt-
Die Zunahme des realen Bruttoinlandproduktes veränderungen und einen schnellen Struktur-
(BIP) der Handelspartner erhöht kurzfristig den wandel der Exportwirtschaft sowie qualitativ
Absatz von qualitativ geringwertigen Gütern. hochstehende Forschung ermöglicht. Gerade
Dies lässt sich damit begründen, dass der Wett- für die Schweiz als kleine, stark exportorientier-
bewerb unter den Anbietern vorübergehend re- te Volkswirtschaft ist dies besonders wichtig.
duziert wird.

Wirtschaftspolitik spielt
wichtige Rolle
Die Resultate unserer Studie bestätigen insge-
samt die Hypothese, dass eine Frankenaufwer-
tung den Marktanteil von qualitativ höherwer-
tigen Produkten bei den Schweizer Exporten Dario Fauceglia Björn Plaschnick Maria Rueda Maurer
vergrössert. Ausserdem üben Qualitätsverbes- Dr. rer. publ. HSG, Dozent Dr. rer. pol., Dozent für Dr. ès sc. pol., Dozentin
für Volkswirtschaftslehre, Volkswirtschaftslehre, für Volkswirtschaftslehre,
serungen einen positiven Einfluss auf die Ex- Zürcher Hochschule Zürcher Hochschule Zürcher Hochschule
porterlöse aus und immunisieren die Export- für Angewandte Wissen- für Angewandte Wissen- für Angewandte Wissen­
unternehmen somit zumindest teilweise gegen schaften (ZHAW), schaften (ZHAW), schaften (ZHAW),
Winterthur Winterthur ­Winterthur
Aufwertungsschocks.

Literatur
Fauceglia, D., Plaschnick, B., Rueda Mau- Fauceglia, Dario; Lassmann, Andrea Fauceglia, D., Lassmann, A., Shingal, A., Feenstra, R. C. und Romalis, J. (2014). Inter-
rer, M. (2017). Exchange Rate Fluctuati- (2014). Wechselkurseffekte auf die Wermelinger, M. (2014). Backward Par- national Prices and Endogenous Quality.
ons and Quality Composition of Exports: Schweizer Exportwirtschaft und Integ- ticipation in Global Value Chains and Quarterly Journal of Economics: 1–51.
Evidence from Swiss Product-Level Data, ration in globale Wertschöpfungsketten, Exchange Rate Driven Adjustments of Kugler, M. und Verhoogen, E. (2012).
Studie im Auftrag des Seco. in: Die Volkswirtschaft 2014/12: 16–17. Swiss Exports. Strukturberichterstat- Prices, Plant Size and Product Quali-
tung Nr. 53/2. ty. Review of Economic Studies, 79(1):
307–339.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  17
FRANKENSTÄRKE

Schweizer Wirtschaft erweist sich


als widerstandsfähig
Die Resilienz der Schweiz bei aussenwirtschaftlichen Schocks ist für eine kleine und
­offene Volkswirtschaft bemerkenswert. Dies zeigen Modellsimulationen des Forschungs-
instituts BAK Economics.  Alexis Bill-Körber, Martin Eichler

spezifische Mess- und Identifikationsprobleme


Abstract    Im Vergleich zu anderen offenen Volkswirtschaften weist die
Schweiz eine hohe Resilienz auf. Wie Modellsimulationen des Forschungs- erschwert. Um unverzerrte Aussagen zu erhal-
instituts BAK Economics zeigen, kann sie Kosten- und Nachfrageschocks ten, bedürfte es eines Laborversuchs, welcher
gut meistern. Allerdings existiert eine recht hohe Diskrepanz zwischen re- die Wirkung identischer realwirtschaftlicher
silienten Güterexporten und einer vergleichsweise anfälligen Ausfuhr von Schocks für einzelne Volkswirtschaften sepa-
Dienstleistungen. Erwartungsgemäss sind Volkswirtschaften mit einer riert und vergleicht. In der makroökonomischen
hohen Bedeutung des Exportsektors generell anfälliger für aussenwirt- Analyse sind solche Experimente nicht möglich,
schaftliche Schocks. Auch die Grösse einer Volkswirtschaft ist positiv mit
und die Ergebnisse «natürlicher» Experimen-
ihrer Resilienz verknüpft. Für Faktoren wie die politischen Rahmenbedin-
gungen, die Forschungsintensität sowie die Regulierungsintensität auf te sind durch die Vielzahl der Einflussfaktoren
den Arbeits- und Produktmärkten konnte kein signifikanter Zusammen- ebenfalls nur sehr eingeschränkt nutzbar.
hang mit dem Resilienzmass beobachtet werden – was aber nicht heisst, Abhilfe können Simulationsrechnungen mit
dass diese unwichtig sind. makroökonomischen Strukturmodellen schaf-
fen, wie sie auch den Kern unserer Analysen zur
Einordnung der Resilienz der Schweizer Volks-

D  ie Schweizer Wirtschaft ist in den letzten


Jahren mit aussergewöhnlich herausfor-
dernden globalen Rahmenbedingungen kon-
wirtschaft im internationalen Vergleich bilde-
ten. Als Resilienzmass diente der kumulierte
Wohlfahrtsverlust über drei Jahre gemessen am
frontiert gewesen. Nach gängiger Meinung hat realen Bruttoinlandprodukt (BIP). Der Schock
sie die vielfältigen Härtetests überraschend gut wirkt dabei auf die jeweilige Volkswirtschaft in
gemeistert. Besonders gilt dies für den Nachfra- einem konjunkturneutralen Zustand.
geschock während der globalen Wirtschafts-
krise 2009 und den Kostenschock durch die Kosten- und Nachfrageschock
Frankenaufwertung. Ist die Schweiz damit aber
tatsächlich als besonders resilient einzuord- Im Zentrum unserer Untersuchung stand die
nen? Das Forschungsinstitut BAK Economics Frage, wie einzelne Volkswirtschaften auf
(BAK) hat dies im Auftrag des Staatssekretariats gleichgeartete aussenwirtschaftliche Schocks
für Wirtschaft (Seco) untersucht.1 reagieren. Als Analyseinstrument kam das von
Unter Resilienz wird die Fähigkeit einer BAK in Zusammenarbeit mit Oxford Economics
Volkwirtschaft verstanden, realwirtschaftliche betreute «Global Economic Model» zum Einsatz.
Schocks mit möglichst geringen Wohlfahrtsver- Konkret haben wir für rund 40 Länder die Wohl-
lusten absorbieren zu können. Es handelt sich standseinbussen berechnet, welche auf aussen-
somit um einen relativen Begriff, weshalb es zur wirtschaftliche Schocks folgen.
1 BAK Economics (2017), Einordnung einer geeigneten Bezugsgrösse und Angelehnt an die Erfahrungen im Zusam-
Resilienz der Schweizer eines geeigneten Bezugszeitraums bedarf. menhang mit der Weltwirtschaftskrise, über-
Volkswirtschaft: Be-
funde und ursächliche Erste Hinweise zum Resilienzgrad geben Be- prüften wir zwei unterschiedliche Typen von
Faktoren anhand mo-
dellgestützter Simula- obachtungen tatsächlich erfolgter Entwicklun- Schocks: Erstens simulierten wir einen Kos-
tionen und ökonomet- gen aus der Vergangenheit. Ein Vergleich anhand tenschock durch eine exogen vorgegebene no-
rischer Analysen, Studie
im Auftrag des Seco. historischer Daten wird allerdings immer durch minelle Aufwertung der eigenen Währung von

18  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Medikamente sind
auch nach einem Auf-
10  Prozent. Zweitens simulierten wir einen wertungsschock von Irland und Hongkong fast nur Länder auf,
Nachfrageschock mit einem exogenen Rück- weiterhin gefragt. bei denen die Exporte eine deutlich geringere
gang der ausländischen Nachfrage von rund Produktionshalle in Bedeutung für die Gesamtwirtschaft haben –
Aubonne VD.
13  Prozent – was in etwa dem Einbruch des während gleichzeitig zahlreiche Länder mit tie-
Nachfragepotenzials in vielen Industrieländern feren Exportintensitäten eine geringere Resi-
und aufstrebenden Volkswirtschaften im Jahr lienz aufweisen. Dieses Ergebnis zeigt sich noch
2009 entspricht. stärker in unseren Simulationsrechnungen zur
Resilienz gegenüber einem globalen Nachfrage-
Schweiz im Mittelfeld – aber kein schock. So weist die Schweiz hier beispielsweise
auch eine höhere Resilienz als Deutschland und
Mittelmass
Japan auf – beides zwei grosse und international
Der im Modell berechnete Resilienzgrad der sehr wettbewerbsfähige Volkswirtschaften.
Schweizer Volkswirtschaft gegenüber einem
Währungsschock liegt im unteren Mittelfeld Unterschiede zwischen Gütern und
der betrachteten Länder (siehe Abbildung). Bei
Dienstleistungen
einer Frankenaufwertung von 10 Prozent sinkt
das BIP-Niveau im Beobachtungszeitraum im Als besonders widerstandsfähig haben sich die
Durchschnitt um 1,4 Prozent. Güterexporte erwiesen. Das um Preiseffekte be-
Das Ergebnis ist jedoch keineswegs als mit- reinigte Niveau liegt hier im Schnitt der drei Si-
telmässig zu bewerten, da zu berücksichtigen mulationsjahre lediglich um 1,4 Prozent tiefer
ist, dass es sich bei der Schweiz um eine kleine, als ohne Aufwertung. Damit geben sich die Gü-
sehr offene Volkswirtschaft handelt (siehe grü- terexporte resilienter als in vielen anderen Län-
nen Balken in der Abbildung). Eine höhere Re- dern. Demgegenüber ist die Währungsresilienz
silienz als die Schweiz weisen mit Ausnahme der Dienstleistungsexporte im unteren ­Bereich

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  19
FRANKENSTÄRKE

Modellsimulation: Aufwertungsschock (+10%)


0 100 In %
Indien
Griechenland

China
Russland

Österreich
Frankreich
Brasilien
Australien
Belgien
Spanien
USA
Portugal
Deutschland
Kanada
Neuseeland
Japan
Norwegen
Irland
Hongkong
Grossbritannien

Argentinien
Türkei
Finnland
Italien
Südafrika
Niederlande
Schweiz

Mexiko
Slowakei
Malaysia
Schweden
Thailand
Taiwan
Bulgarien
Dänemark
Rumänien
Polen
Singapur
BAK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Ungarn
Südkorea
Kroatien
Tschechien

In % –5 –4 –3 –2 –1 0 1

  Exportanteile am BIP (für Euroländer nur Ausfuhren ausserhalb der Eurozone; obere Skala)           Exportanteil Schweiz am BIP (obere Skala)
  Kumulierter BIP-Verlust (Abweichung vom Niveau ohne Schock in Prozent, preisbereinigt; untere Skala) 

Dargestellt sind die Ergebnisse der Simulationsrechnungen zum Aufwertungsschock für alle betrachteten Länder. Die oran-
gen Balken geben den Resilienzgrad wider, sprich den kumulierten BIP-Verlust gegenüber einer Situation ohne Aufwer-
tungsschock. Je weniger stark der Balken im negativen Bereich liegt, desto grösser die Resilienz der Volkswirtschaft.

20  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

des Ländervergleichs einzuordnen (durch- Für weitere Faktoren wie beispielsweise die
schnittlicher Niveauverlust über drei Jahre rund politischen Rahmensetzungen, die Forschungs-
3%). Zudem erweisen sich die Wirkungen der intensität einer Volkswirtschaft sowie die Re-
Aufwertung hier als deutlich persistenter. gulierungsintensität auf den Arbeits- und Pro-
Das gute Abschneiden der Güterausfuhren duktmärkten konnte jedoch kein signifikanter
ist nicht zuletzt im Zusammenhang mit der Be- und stabiler Zusammenhang mit dem Resilienz-
deutung des Pharmasektors zu sehen, dessen mass beobachtet werden. Dies könnte auch da-
Nachfrage wenig preiselastisch reagiert. Bei mit begründet sein, dass die Wirkungsrichtung
den deutlich sensibleren Dienstleistungsexpor- zumindest in der kurzen Frist nicht immer ein-
ten dürfte hingegen ein stärkerer Preiswettbe- deutig ist. Beispielsweise stärkt ein flexibler
werb herrschen, was gerade ein Hochlohnland Arbeitsmarkt die Anpassungsfähigkeit nach
wie die Schweiz vor grosse Herausforderungen einem Schock, dies jedoch vor allem in der mit-
stellt. Hinzu kommen bei Letzteren die geringen telfristigen Perspektive. Kurzfristig könnte sich
Möglichkeiten, das hohe Währungsrisiko durch die Flexibilität hingegen sogar negativ auswir-
günstigere Vorleistungen abzufedern, was sich ken (zum Beispiel auf den privaten Konsum) und
ebenfalls negativ auf den Resilienzbefund aus- damit das hier gemessene Resilienzmass ver-
wirkt. Das gilt insbesondere mit Blick auf den schlechtern.
Schweizer Tourismussektor. Es gibt somit einige Faktoren, vorrangig in
Verbindung mit den Exportstrukturen, die die
Drei Resilienzmerkmale Resilienz einer Volkswirtschaft begünstigen
beziehungsweise schwieriger machen können.
Auf der Basis unserer Simulationsrechnungen Es sollte hieraus jedoch nicht geschlossen wer-
haben wir Faktoren identifiziert, welche die Re- den, dass die übrigen Faktoren unwichtig wä-
silienz einer Volkswirtschaft begünstigen. Die ren. Denn es ist durchaus möglich, dass die Be-
kleine Zahl an Beobachtungen lässt zwar kei- deutung politischer Rahmenbedingungen für
ne umfassende und abschliessende Analyse zu, die Resilienz einfach aufgrund der schwachen
dennoch zeigt sich: Eine wichtige Rolle für die Informationslage nicht erkannt werden kann.
Widerstandsfähigkeit einer Wirtschaft spie- Hinzu kommt, dass hier nur bestimmte Schocks
len sowohl bei einem Nachfrage- als auch bei und eine sehr spezifische Definition von Resi-
einem Währungsschock die Strukturen. Wie lienz zur Anwendung kamen.
oben bereits diskutiert, macht erstens ein ho- Und schliesslich ist es auch möglich, dass
her Exportanteil eine Volkswirtschaft anfälliger die Wirkungsentfaltung mehr Zeit benötigt: In
für aussenwirtschaftliche Schocks. Zweitens diesem Fall sind die Faktoren zwar für die hier
schwächt ein grosser Anteil des verarbeitenden definierte konjunkturelle Widerstandsfähig-
Gewerbes im Allgemeinen die Resilienz, und keit gegenüber externen Schocks von weniger
drittens ist die Grösse einer Volkswirtschaft grosser Bedeutung, können sich für die länger-
positiv mit ihrer Resilienz verknüpft. fristige Fähigkeit zur Anpassung an neue Gege-
Alle drei Merkmale weisen auch unterei- benheiten jedoch trotzdem durchaus als wichtig
nander einen starken Zusammenhang auf – erweisen.
eine weitere Identifikation der kausal relevan-
ten Zusammenhänge war mit der verfügbaren
Datenlage jedoch nicht möglich. Positive Ver-
bindungen zur Resilienz lassen sich bei einem
Währungsschock zudem für ein hohes Wohl-
standsniveau aufzeigen. Bei einem Nachfra-
geschock wiederum wirken sich zusätzlich ein
möglichst hoher Anteil der Exporte in etablier-
te Industrieländer sowie ein hoher Anteil der Alexis Bill-Körber Martin Eichler
Staatsausgaben in Relation zum BIP positiv auf Leiter Macro Research, Chefökonom,
BAK Economics, Basel BAK Economics, Basel
die Resilienz aus.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  21
FRANKENSTÄRKE

Internationale Verflechtungen
als Vorteil
Bei der Frankenstärke gibt es nicht nur Verlierer – insbesondere Unternehmen, die billige
Vorleistungen aus dem Ausland beziehen, haben profitiert. Unter dem Strich waren die
Auswirkungen der Frankenaufwertung auf die Beschäftigung zwischen 2001 und 2014
jedoch immer noch knapp negativ.  Peter H. Egger, Johannes Schwarzer, Anirudh Shingal

Abstract    Die Frankenaufwertung beeinflusst die Wettbewerbsfähigkeit


Pfund hat die Schweizer Wirtschaft – insbeson-
von Schweizer Firmen unterschiedlich. Drei zentrale Wirkungskanäle kön- dere seit der Finanzkrise 2008 – stark gefordert.
nen unterschieden werden: eine zunehmende Konkurrenz durch eine stär- (siehe Abbildung 1).1
kere Importkonkurrenz am Heimmarkt (1); ein Verlust der Wettbewerbsfä- In der öffentlichen Wahrnehmung ist die
higkeit im Ausland für Schweizer Exporteure (2); ein Wettbewerbsvorteil Auffassung verbreitet, der starke Franken ge-
durch die Verfügbarkeit billigerer Vorleistungen aus dem Ausland (3). Wäh- fährde Arbeitsplätze – insbesondere in export-
rend die ersten beiden Kanäle die Wettbewerbsposition heimischer Unter-
orientierten Sektoren. Welche Auswirkungen
nehmungen verschlechtern, impliziert der dritte Kanal eine Verbesserung.
In Bezug auf die Arbeitsplätze zeigt sich: Die negativen Auswirkungen hat die Aufwertung aber tatsächlich auf die Be-
wurden durch die Verbesserung der Preisentwicklung bei importierten schäftigung? Bevor wir hier anhand von empi-
Vorleistungen stark abgefedert. Insgesamt schlugen die Wechselkurs- rischen Daten darauf zu antworten versuchen,
änderungen zwischen 2001 und 2014 – also noch vor der Aufhebung des werfen wir einen Blick darauf, wie eine star-
Mindestkurses – im Durchschnitt der Schweizer Gemeinden mit Beschäfti- ke Währung die Wettbewerbsfähigkeit der in-
gungsverlusten von etwa 0,14 Prozentpunkten zu Buche. ländischen Unternehmen in der Theorie be-
einflusst. Erstens erhöht der starke Preisdruck

D  ie Aufwertung des Frankens gegenüber


dem Euro, aber auch gegenüber anderen
Währungen wie dem Dollar oder dem britischen
durch ausländische Konkurrenten den Wettbe-
werbsdruck auf dem Inlandsmarkt. Zweitens er-
höht sich der Wettbewerbsdruck für Exporteure

Abb. 1: Frankenkurs gegenüber Euro, Dollar und Pfund (1999–2014)


180    Wechselkursindex, 1990=100
Weltwirtschaftskrise SNB legt Mindestkurs fest

160

140

120
UNCTADSTAT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

100

80
1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

  Euro        Dollar        Pfund

22  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Industrieunterneh-
men wie der Auto-
auf dem Auslandsmarkt. Drittens reduziert sich sammenhänge für den Zeitraum 2001 bis 2014 zulieferer Feintool in
der Wettbewerbsdruck auf heimische Anbie- nicht: Nimmt man die mediane Veränderung Lyss sind stark in die
ter am Inlands- und Auslandsmarkt durch eine als Basis, war die Beschäftigungszahl interes- internationale Wirt-
schaft eingebunden.
Vergünstigung ausländischer Vorprodukte. santerweise nur in der Periode 2001 bis 2005
Während die ersten beiden Wirkungskanä- rückläufig (siehe Abbildung 2) – einer Periode,
le somit zu einer Verdrängung der in- und aus- die von relativer Währungsstabilität geprägt
ländischen Nachfrage nach Schweizer Produk- war. Der Arbeitsmarkt scheint also sowohl die
ten und Dienstleistungen führen, wirkt sich der Franken- als auch die Finanzkrise relativ gut
dritte Kanal gegensätzlich aus. Wie sich die drei verkraftet zu haben. Dabei muss beachtet wer-
Kanäle netto auswirken, hängt somit davon ab, den: Unsere Studie untersucht lediglich die
wie stark die ausländische Nachfrage auf die mittelfristigen Auswirkungen der Frankenauf-
Preisänderungen der Schweizer Produkte re- wertung zwischen 2001 und 2014. Die Fran-
agiert, wie die Preisänderung den Konsum aus- kenaufwertung infolge der Mindestkursauf-
ländischer Produkte beeinflusst und wie inten- hebung durch die SNB im Januar 2015 und die
1 D er Beitrag basiert auf:
siv ausländische Vorprodukte in der heimischen danach zu beobachtende Stagnation in der Be- Peter H. Egger, Johannes
Industrie verwendet werden. schäftigungsentwicklung waren nicht Gegen- Schwarzer und Anirudh
Shingal (2017), Labour
stand der Untersuchung.2 Market Effects of Cur-
rency Appreciation: The
Analyse auf Gemeindeebene Case of Switzerland,
Industrieorte besonders exponiert Studie im Auftrag des
Seco.
In einer summarischen Betrachtung der Beschäf- 2 Siehe dazu Beitrag von
tigungsentwicklung der über 2200 Schweizer Um die Auswirkungen der Frankenaufwertung Daniel Kaufmann und
Tobias Renkin (KOF) auf
Gemeinden bestätigen sich die genannten Zu- auf die Beschäftigung näher zu untersuchen, Seite 26.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  23
FRANKENSTÄRKE

bedarf es deshalb einer tiefer greifenden Ana- und ihrer Handelsbeziehungen mit dem Aus-
lyse – insbesondere, da die einzelnen Gemein- land Rechnung zu tragen, wird ein handelsge-
den ungleich vom Aussenhandel betroffen sind. wichteter, gemeindespezifischer Wechselkurs
Ausschlaggebend ist die Verflechtung der lo- bestimmt. Dieser liefert ein nuanciertes Bild
kalen Wirtschaft mit dem Ausland entlang der darüber, wie stark eine Gemeinde von dem ge-
drei oben beschriebenen Wirkungskanäle. Dazu samtwirtschaftlichen Phänomen «Frankenauf-
ein Beispiel: Der land- und forstwirtschaftli- wertung» betroffen ist.
che Sektor erzielte zwischen 2001 und 2014 nur Zuletzt ist zu beachten, dass weitere Fakto-
1  Prozent seines Umsatzes direkt im Ausland.3 ren eine wichtige Rolle für den Arbeitsmarkt
Gleichzeitig bezog dieser Sektor durchschnitt- spielen, welche es vom Einfluss der Frankenauf-
lich 13 Prozent seiner Vorleistungen im Aus- wertung zu unterscheiden gilt. Neben der all-
land, und nur 5 Prozent des Wertes aller land- gemeinen Konjunkturlage in der Schweiz und
und forstwirtschaftlichen Endprodukte, die in standortspezifischen Faktoren, die jeder Ge-
der Schweiz konsumiert werden, stammten aus meinde eigen sind, beeinflussen auch das An-
dem Ausland. gebot und die Nachfrage aus dem Ausland, die
Landwirtschaftlich geprägte Gemeinden nicht durch Wechselkursschwankungen be-
können daher eher von der Frankenaufwertung dingt sind, die inländische Beschäftigungsent-
profitieren als beispielsweise touristische Ge- wicklung.
meinden mit einem hohen Gastronomieanteil.
Denn das Gastronomiegewerbe erzielt durch- Vorleistungen wichtiger als
schnittlich über 21 Prozent des Umsatzes mit
angenommen
ausländischen Touristen, bezieht aber gleich-
zeitig nur 8 Prozent Vorleistungen aus dem Aus- Die detaillierte Betrachtung zeigt: Wenn man
land. Da sich Industrien oft in gewissen Bal- die Effekte des starken Frankens anhand von
lungsgebieten konzentrieren, führen vor allem gemeindespezifischen Merkmalen gegenüber
grosse Städte wie Zürich, Basel und Genf die Lis- anderen Einflüssen isoliert, wird die Hypothe-
te der exponiertesten Gemeinden an. Aber auch se der drei verschiedenen und gegensätzlichen
kleinere Städte wie Kreuzlingen und Mendrisio Wirkungskanäle der Frankenaufwertung für
oder die sankt-gallische Gemeinde Sevelen fin- den Zeitraum 2001 bis 2014 gestützt. So sinkt
den sich aufgrund ihrer industriellen Besonder- die Beschäftigung beim ersten Wirkungska-
heiten in den Top Ten wieder. nal (Wettbewerbsdruck im Inland aufgrund
Darüber hinaus sind nicht alle Industrien
gleich stark gegenüber der Aufwertung ex-
poniert. So hat sich der Franken in der analy- Abb. 2: Veränderung der Beschäftigungszahl in
sierten Periode von 1999 bis 2014 beispielswei- einer durchschnittlichen Gemeinde (2001–2014)
200   Beschäftigungsänderung in Personen
se stärker gegenüber dem britischen Pfund und
dem Dollar aufgewertet als gegenüber dem Euro
(siehe Abbildung 1). Industrien wie die Elektrizi-
100
tätsbranche, die ihre Exportaktivitäten weitge-
hend auf den Euroraum beschränken, sind dem
Aufwertungsdruck weniger stark ausgesetzt als
0
beispielsweise die Maschinenbaubranche, die
UNCTADSTAT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

auch in die USA exportiert. Dieselbe Logik gilt


auch für Importe – sowohl von Konsumgütern
–100
wie auch von Vorleistungen.

Wechselkurseffekt wird isoliert –200


2001–2005 2005–2008 2008–2011 2011–2014
3 OECD Inter-Country Um den unterschiedlichen Zusammenset-
Input-Output (ICIO)   25–75% (Quantile 2–3)          Median     
Tables. zungen der Industriestruktur einer Gemeinde     Alle Gemeinden (Quantile 1–4, ohne Ausreisser)

24  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

von fi­ nalen Importgütern und Dienstleistun- Die Dekomposition der Frankenaufwer-
gen) um 1,1 Prozentpunkte. Beim zweiten Wir- tung in ihre Teilaspekte legt nahe, dass sich
kungskanal (Wettbewerbsdruck für Expor- die Schweizer Wirtschaft mit der starken In-
teure) nimmt sie um 1,2 Prozentpunkte ab. tegration in das internationale Wirtschaftsge-
Demgegenüber steigt die Beschäftigung beim füge einen effektiven Puffer gegen Währungs-
dritten Wirkungskanal aufgrund günstigerer schwankungen zugelegt hat, der die negativen
Vorleistungen aus dem Ausland um mehr als Konsequenzen erheblich abfedert. Es bleibt
2,1 Prozentpunkte. abzuwarten, ob weiter gehende Verflechtun-
Insgesamt schlugen die Wechselkursän- gen die negativen Auswirkungen einer Auf-
derungen zwischen 2001 und 2014 im Durch- wertung künftig gar vollständig abfedern kön-
schnitt der Schweizer Gemeinden mit Beschäf- nen.
tigungsverlusten von etwa 0,14 Prozentpunkten Die Resultate der Studie unterstreichen die
zu Buche. Billigere Vorleistungen aus dem Aus- Vorzüge einer offenen Handelspolitik. Die Aus-
land federten den Wettbewerbsdruck auf die wirkungen einer Situation, in der die SNB den
Exporte mehr als ab. Der Frankenschock muss Euromindestkurs nicht eingeführt und der
demnach differenziert betrachtet werden: Nicht Franken sich womöglich weiter aufgewertet
nur die Exporte waren von der Aufwertung be- hätte, wurden allerdings nicht untersucht. Un-
troffen, sondern auch die Importe – sowohl sol- klar bleiben auch die langfristigen Effekte einer
che, die in Konkurrenz mit hiesigen Produkten Frankenaufwertung auf die Wettbewerbsfähig-
und Dienstleistungen stehen, als auch diejeni- keit der Unternehmen und damit auf die Be-
gen, die als Vorleistungen integraler Bestand- schäftigungsentwicklung, die über das Jahr
teil heimischer Wertschöpfungsketten und 2014 hinausgehen.
somit Schlüsselfaktoren für einheimische Wirt-
schaftsdynamik sind.

Fokus auf Exporte nicht zielführend


In Zeiten vermehrter internationaler Verflech-
tung von Wertschöpfungsketten greift ein mer-
kantilistischer Fokus auf Exportsektoren zu
kurz, wie die Analyse zeigt. Eine Expansion der
Importgelegenheiten kommt nicht nur Konsu- Peter H. Egger Johannes Schwarzer Anirudh Shingal
menten zugute, sondern auch inländischen Fir- Professor für ange­ PhD in Economics and PhD in Economics, Senior
wandte Wirtschaftsfor­ Finance, Fellow, Trade Research Fellow, World
men, die oft für die Eigenproduktion auf auslän- schung, KOF Konjunktur­ Policy, Council on Trade Institute, Bern
dische Vorleistungen angewiesen sind – und das forschungs­stelle der ETH Economic Policies (CEP),
Zürich Zürich
sind die meisten Schweizer Produzenten.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  25
FRANKENSTÄRKE

Mindestkursaufhebung trifft Industrie


Die Aufwertung des Frankens nach der Aufhebung des Mindestkurses im Januar 2015
hat zumindest temporär zu einem Stellenabbau bei Schweizer Industrieunternehmen
geführt. Dies zeigt eine KOF-Studie.  Daniel Kaufmann, Tobias Renkin

Abstract  Globalisierung und technologischer Fortschritt gehen auch in der


Trends zurückzuführen sein, die nicht mit der
Schweiz mit einer langfristigen Reduktion der Industriebeschäftigung re- Aufwertung zusammenhängen. So beobachten
lativ zum Dienstleistungssektor einher. Doch der Beschäftigungsrückgang wir in vielen entwickelten Volkswirtschaften,
nach der Aufhebung des Mindestkurses durch die Nationalbank im Janu- dass der Anteil der Industrie in der Gesamtbe-
ar 2015 war besonders ausgeprägt. Eine Untersuchung der KOF Konjunk- schäftigung seit über 20 Jahren stetig abnimmt.
turforschungsstelle der ETH Zürich im Auftrag des Staatssekretariats für Der Beschäftigungsrückgang könnte somit
Wirtschaft (Seco) kommt zum Schluss, dass der Beschäftigungsrückgang in
nicht auf die Aufwertung des Frankens, son-
den zwei darauffolgenden Jahren, der in einer durchschnittlichen Industrie-
firma über 4 Prozent betrug, in erster Linie auf die Aufwertung des Frankens dern vielmehr auf die Globalisierung, den Auf-
zurückzuführen ist. Die Aufwertung hat nicht nur exportorientierte, son- stieg von China zur Industrienation, aber auch
dern auch inlandorientierte Unternehmen getroffen, die unter verstärkter auf technischen Fortschritt und die damit zu-
Importkonkurrenz litten. Inwiefern die jüngste Abwertung diesen Beschäf- sammenhängende Automatisierung von Pro-
tigungsrückgang kompensieren kann, bleibt abzuwarten. duktionsprozessen zurückzuführen sein.

Aufwertung 2015 führt zu Beschäf-


D  ie schubweise Aufwertung des Frankens
im Januar 2015 stellt Schweizer Industrie-
unternehmen vor grosse Herausforderungen.
tigungsrückgang
Um den Effekt der Aufwertung zu schätzen,
Nach der Aufhebung des Mindestkurses durch wurden Schweizer Unternehmen mit einer Kon-
die Schweizerische Nationalbank (SNB) verteu- trollgruppe in Österreich verglichen, die von
erten sich viele Schweizer Produkte quasi über denselben sektoralen und internationalen Ent-
Nacht um 10 Prozent. wicklungen, nicht jedoch von einer Währungs-
Eine Analyse der KOF Konjunkturfor- aufwertung betroffen waren.2 Es zeigt sich: Vor
schungsstelle der ETH Zürich im Auftrag des der Aufhebung des Mindestkurses entwickelte
1 Kaufmann und Ren-
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zeigt: In kin (2017); die Zahlen
sich die durchschnittliche Beschäftigung in Ös-
den folgenden zwei Jahren reduzierte ein durch- beziehen sich auf ein terreich – abgesehen von etwas stärkeren Sai-
durchschnittliches In-
schnittliches Industrieunternehmen in der dustrieunternehmen sonschwankungen – parallel zur Beschäftigung
im verarbeitenden Ge-
untersuchten Stichprobe die Zahl der Beschäf- werbe. Aufgrund der
in der Schweiz (siehe Abbildung). Direkt danach
tigten um 4,6 Prozent.1 Die Gesamtbeschäfti- Schätzmethode be- beobachtet man einen deutlichen Unterschied,
schränkt sich die Analy-
gung des Sektors «Verarbeitendes Gewerbe/ se auf Firmen, die min- der als kausaler Effekt der Aufwertung interpre-
Herstellung von Waren» ging im selben Zeit- destens 10 Angestellte
haben und die zwi-
tiert werden kann.
raum um 2,5 Prozent zurück. schen 2014 und 2016 Bereits nach einem Quartal ist eine gewisse
durchgehend befragt
Dafür kommen verschiedene Ursachen in- wurden. Dadurch ist die Divergenz zu beobachten – und über zwei Jahre
frage: Der Rückgang könnte darauf zurückzu- Stichprobe zwar nicht verursacht die Aufwertung einen Rückgang der
mehr repräsentativ
führen sein, dass Unternehmen nach der Auf- für die Gesamtheit der Beschäftigung in der Industrie relativ zur Kon-
Unternehmen des ver-
wertung versuchten, die Lohnkosten in der arbeitenden Gewerbes, trollgruppe um 4 Prozent. Der grösste Teil des
Schweiz zu senken, um die Profitmargen wie- umfasst aber 46 Pro- zu Beginn erwähnten Beschäftigungsrückgangs
zent der Beschäftigten
der zu steigern oder um die Produktion an den in diesem Sektor. Nicht von 4,6 Prozent ist somit nicht auf längerfristi-
Teil der Analyse waren
Rückgang der Nachfrage nach Schweizer Pro- sowohl der Dienstleis-
ge Trends, sondern auf die kurzfristigen Aus-
dukten anzupassen. Der Beschäftigungsrück- tungssektor als auch wirkungen der plötzlichen Aufwertung zurück-
der Energie-, Bau- und
gang könnte allerdings auch auf längerfristige Landwirtschaftssektor. zuführen.3

26  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

Obwohl der Beschäftigungsrückgang selbst dass die Importpreise deutlich stärker gesunken
eher langsam vonstattenging, haben Schweizer sind als die Preise von inländischen Unterneh-
Firmen bereits direkt nach der Aufwertung So- men. Somit litten diese Unternehmen vermehrt
fortmassnahmen ergriffen. Die Analyse zeigt unter der Importkonkurrenz.
weiter, dass die Anzahl offener Stellen im ersten Die Auswirkungen auf diverse exportorien-
Quartal 2015 im Durchschnitt um 15 Prozent ge- tierte Sektoren fielen dagegen unterschiedlich
sunken ist und sich erst nach einem Jahr wieder aus. Stark betroffen waren zum Beispiel Produ-
normalisiert hat. zenten von Datenverarbeitungsgeräten, elekt-
ronischen und optischen Erzeugnissen (inklu-
Inlandorientierte Sektoren bauen ab sive Uhrenindustrie), aber auch die chemische
Industrie. Die Pharmaindustrie hingegen – ein
Die Aufwertung hat nicht nur exportorientierte Sektor mit hohem Exportanteil, aber auch ho-
Industrieunternehmen getroffen. In Sektoren, hen Margen – hat ihre Beschäftigung relativ zur
die gemäss der KOF-Innovationsumfrage rela- Kontrollgruppe nicht reduziert.
2 Schätzungen basieren
tiv wenig Umsatz mit Exporten generieren, sank auf Besta-/ASSD-Fir-
die Beschäftigung etwa gleich stark wie in den Pharma als Ausnahme mendaten, siehe Kauf-
mann und Renkin (2017)
übrigen Sektoren. Auch auf Firmenebene wei- sowie Zweimüller et al.
sen die Resultate darauf hin, dass die Beschäf- Das Beispiel Pharma lässt vermuten, dass er- (2009).
3 Für die mittelfristigen
tigung in Firmen, die hauptsächlich für den folgreiche und produktive Firmen eine Aufwer- Effekte einer Wechsel-
kursänderung auf die
Inlandmarkt produzieren, etwa gleich stark ge- tung gegenüber dem Euro ohne grössere Entlas- Beschäftigung in allen
sunken ist wie in Firmen, die auch exportieren. sungen überstehen können. Die Untersuchung Sektoren siehe den Ar-
tikel von Egger et al. auf
Eine mögliche Erklärung für dieses Resultat ist, zeigt jedoch, dass die Pharmabranche eher eine Seite 22.

Folgenschwerer
­Entscheid: SNB-­
Präsident Thomas
Jordan erklärt am
15. Januar 2015 die
Aufhebung des Euro-
Mindestkurses.
KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  27
FRANKENSTÄRKE

Durchschnittliche Beschäftigungsentwicklung in Firmen des verarbeitenden Gewerbes in der Schweiz


und in Österreich (2013–2016)
0,02        Logarithmierte Beschäftigung (Q4 2014 = 0)
SNB hebt Mindestkurs auf

BESTA, ASSD; BERECHNUNGEN: KAUFMANN UND RENKIN (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


0

–0,02

–0,04

–0,06

–0,08
2014 2015 2016

  Schweiz          Unsicherheitsintervall
  Österreich          Unsicherheitsintervall

Die Daten sind logarithmiert und vor der Aufhebung des Mindestkurses im vierten Quartal 2014 auf null normalisiert.

Ausnahme darstellt: Gerade grössere und er- Schätzungen gegen Ende 2016 stabilisiert ha-
folgreiche Firmen haben ihre Beschäftigung ben und auch die Anzahl offener Stellen wieder
stark reduziert. So weisen grosse Unterneh- auf ihr ursprüngliches Niveau zurückgekehrt
men einen durchschnittlichen Beschäftigungs- sind. Es bleibt abzuwarten, ob die jüngste Ab-
rückgang um 7 Prozent auf, bei den mittelgros- wertung des Frankens gegenüber dem Euro be-
sen Unternehmen sind es 4 Prozent. Für kleine reits ausreicht, um die Industrieunternehmen
Firmen beobachten wir hingegen keinen signi- wieder optimistischer in die Zukunft blicken
fikanten Rückgang – was allerdings damit zu- zu lassen.
sammenhängen könnte, dass kleine Firmen ihre
Produktion ganz einstellten, was von der Studie
nicht erfasst wird.
Besonders stark betroffen waren grösse-
re Unternehmen, die im Jahr vor der Aufwer-
tung stark expandiert haben. In dieser Grup-
pe beträgt der Beschäftigungsrückgang relativ
zur Kontrollgruppe 11 Prozent. Schliesslich be-
obachtet man in Sektoren, die für innovative Daniel Kaufmann Tobias Renkin
Assistenzprofessor, Uni- Doktorand, Universität
Hightech-Produkte bekannt sind, einen Rück- versität Neuenburg, und Zürich, und KOF Konjunk-
gang der Beschäftigung um gut 5 Prozent, was Forschungsprofessor, KOF turforschungsstelle der
sogar etwas über dem Wert in den übrigen Sek- Konjunkturforschungs- ETH Zürich
stelle der ETH Zürich
toren liegt.
Die Zukunftserwartungen in der Industrie
bleiben eingetrübt. Nachdem die Anzahl Fir- Literatur
men, die angeben, im nächsten Quartal die Be- Kaufmann, Daniel und Tobias Renkin (2017). Manufacturing Prices and
Employment After the Swiss Franc Shock, Studie im Auftrag des Seco.
schäftigung zu erhöhen, im Jahr 2015 gesunken Zweimüller, Josef, Rudolf Winter-Ebmer, Raphael Lalive, Andreas Kuhn,
war, legte sie bis Ende 2016 nicht zu – obwohl Jean-Philippe Wuellrich, Oliver Ruf, und Simon Büchi (2009). Austrian
Social Security Database, NRN: The Austrian Center for Labor Econo-
sich die Beschäftigungsverluste gemäss den mics and the Analysis of the Welfare State, Working Paper 0903.

28  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS
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Die Volkswirtschaft  11 / 2017  29
FRANKENSTÄRKE

Starker Franken hemmt Investitionen


und Innovation
Schweizer Exportunternehmen haben wegen der Aufhebung des Mindestkurses 2015 die
Investitionen und die Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Inland gedrosselt.
Während kleinere Unternehmen ihre Investitionsprojekte zurückfuhren, lagerten gros-
se Industrieunternehmen ihre Investitionen teils auch ins Ausland aus.  
Boris Kaiser, Michael Siegenthaler, Andrin Spescha, Martin Wörter

Abstract    Wechselkursschwankungen beeinflussen die Umsätze und Wer mehr exportiert als impor-
Gewinne von einheimischen Unternehmen, die mit dem Ausland ver- tiert, gehört zu den Verlierern
flochten und dem internationalen Wettbewerb ausgesetzt sind. Eine
Studie von B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung und der KOF Konjunk- Wechselkursaufwertungen treffen die Unterneh-
turforschungsstelle der ETH Zürich hat im Auftrag des Staatssekreta- men äusserst unterschiedlich. Besonders belas-
riats für Wirtschaft (Seco) untersucht, ob und allenfalls inwieweit sich tend ist eine Frankenaufwertung für jene Firmen,
Veränderungen im realen Wechselkurs des Frankens auch auf das Inno- die einen grossen Anteil der Erträge im Ausland
vations- und Investitionsverhalten von Unternehmen auswirken. Die erzielen. Eine Aufwertung beeinflusst aber auch
empirischen Analysen zeigen, dass eine Aufwertung die Ausgaben für
Investitionen und Forschung und Entwicklung (F&E) reduziert und die
Firmen, die ihre Produkte und Dienstleistungen
Produktivität der Firmen kurzfristig beeinträchtigt. Da Innovation und nur im Inland absetzen. Denn einerseits drängen
Investitionen die Produktivität und das Wirtschaftswachstum lang- ausländische Konkurrenten vermehrt auf den in-
fristig beeinflussen, sind die Befunde von volkswirtschaftlicher Be- ländischen Markt, und andererseits kaufen Kon-
deutung. sumenten häufiger im Ausland ein. Diese Zunah-
me an Importkonkurrenz spüren vor allem der
grenznahe Detailhandel und Zulieferbetriebe.

W  ährungsschwankungen beeinflussen
Umsätze und Gewinne von interna-
tional ausgerichteten Firmen. In Zeiten wirt-
Es gibt aber auch einen dritten, gegenläufigen
Effekt: Wenn sich der Franken aufwertet, ver-
günstigen sich die Kosten von importierten Gü-
schaftlicher Turbulenzen im Ausland wertet tern und Dienstleistungen. Dies senkt die Pro-
sich der Franken teilweise deutlich auf, da er duktionskosten von Firmen, die einen Grossteil
von den Finanzmärkten als «sicherer Hafen» ihrer Vorleistungen aus dem Ausland beziehen.2
wahrgenommen wird. Besonders heftig ge- Wie stark eine Aufwertung die Gewinne einer
wann er Anfang 2015 an Wert, als die Schwei- Firma – und damit möglicherweise ihre Innova-
zerische Nationalbank (SNB) die Kursunter- tions- und Investitionstätigkeit – beeinträchtigt,
grenze zum Euro überraschend aufhob: Der hängt somit entscheidend von der sogenannten
reale Wechselkurs stieg um rund 15 Prozent. Nettoexponiertheit gegenüber dem Ausland ab:
Wie wirken sich solche Wechselkurs- dem Unterschied zwischen Exportanteil und Im-
schwankungen auf die Innovations- und portanteil am Umsatz. Mit anderen Worten: Wer
In­vesti­t ionstätigkeiten von Schweizer mehr exportiert als importiert, gehört zu den
Unter­nehmen aus? Im Auftrag des Staatsse- wahrscheinlichen Verlierern einer Aufwertung.
kretariats für Wirtschaft (Seco) haben wir
mögliche Zusammenhänge untersucht.1 Da- Exponierte Firmen fahren Investi-
bei betrachteten wir auch die Auswirkungen
tionen herunter
1 Kaiser et al. (2017). auf die Produktivität – langfristig ist womög-
2 Vgl. Beitrag von Egger, lich das Wirtschaftswachstum der Schweiz Für unsere Analyse zu den Auswirkungen des
Shinghal und S­ chwarzer
auf Seite 22. betroffen. Frankenschocks haben wir Firmen, bei denen

30  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Die Forschungsaus-
gaben wären ohne
die Exportanteile überwiegen, mit allen ande- Frankenschock Die Analyse zeigt: Zwischen 2012 und
ren verglichen. Anschliessend schätzten wir stärker gewachsen. 2014, als die meisten realen Wechselkurse
mithilfe der sogenannten Difference-in-Dif- Holzbauforschung in wegen der Untergrenze praktisch konstant
Zürich.
ferences-Methode, wie sich die Investitionen waren, entwickelten sich die durchschnittli-
dieser exportabhängigen Firmen entwickelt chen Investitionen bei beiden Unternehmens-
hätten, wenn der Frankenschock nicht statt- typen zunächst ähnlich. Im Jahr des Franken-
gefunden hätte. Die Annahme dabei ist, dass schocks hingegen nahmen die Investitionen
sich die Investitionen in den beiden Gruppen von Firmen mit positiver Nettoexponiertheit
ohne Frankenschock gleich verändert hätten sprunghaft ab – eine Entwicklung, die in den
(siehe Abbildung). Als Datengrundlage dien- restlichen Firmen nicht beobachtet wird. Auf
ten die KOF-Investitionserhebungen zwi- Basis dieser Beobachtungen schätzen wir,
schen Herbst 2011 und Frühling 2017 – eine dass der Frankenschock die Investitionen von
repräsentative Stichprobe von rund 5000 Firmen mit positiver Nettoexponiertheit 2015
Unternehmen des sekundären und des tertiä- und 2016 im Durchschnitt um rund 12 bis 15
3 Abrufbar unter
ren Sektors.3 Kof.ethz.ch Prozent senkte.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  31
FRANKENSTÄRKE

Exponierte Firmen fuhren sowohl die In- nehmen mit einer durchschnittlichen Net-
vestitionen in Bau und Ausrüstung wie auch toexponiertheit senken ihre F&E-Ausgaben
in Forschung und Entwicklung (F&E) zurück. beispielsweise um 17 Prozent, wenn sich der
Stark betroffen waren insbesondere mittlere Franken um 10 Prozent aufwertet. Das heisst:
und grosse Investitionsprojekte kleiner und Das Wachstum der F&E-Ausgaben in der
mittelgrosser Firmen. Der Hauptgrund dafür Schweiz wäre in den letzten Jahren höher aus-
scheint der Mangel an finanziellen Mitteln fürgefallen, wenn der Frankenschock nicht statt-
Investitionen zu sein. Bei grossen und inter- gefunden hätte.
national tätigen Industrieunternehmen be- Während der negative Aufwertungseffekt
wirkte der Frankenschock zudem eine ver- bei international exponierten, F&E-intensiven
stärkte Verlagerung der Investitionstätigkeit Firmen besonders stark auftrat, gab es auch ge-
ins Ausland. wisse Firmensegmente, die ihre F&E-Ausgaben
sogar leicht erhöhten. Dazu gehören einerseits
F&E-Ausgaben reagieren Unternehmen mit beträchtlichen finanziellen
Ressourcen und hohen Gewinnmargen und an-
empfindlich
dererseits kleinere, F&E-intensive «Nischenfir-
In einem weiteren Schritt haben wir Daten men», die weniger stark international exponiert
der KOF-Innovationsumfrage der Jahre 1995­ sind und relativ geringem Preiswettbewerb aus-
bis 2015 analysiert, wobei die Stichproben je gesetzt sind. Haben diese Nischenfirmen freie
nach Analyse zwischen 600 und 1500 Indust- Kapazitäten, scheint eine Aufwertung aufgrund
rieunternehmen umfassten. 4 Hier zeigte sich, des gestiegenen Wettbewerbsdrucks zusätzli-
dass ein Grossteil der F&E-treibenden Firmen che F&E-Ausgaben auszulösen.
in der Schweiz eine positive Nettoexponiert-
heit aufweist. Da die Frankenaufwertung de- Produktivität sinkt – kurzfristig
ren Erträge drückte, zeigen unsere Schät-
zungen, dass diese Firmen die F&E-Ausgaben In weiteren Analysen stellten wir einen posi-
4 Abrufbar unter
Kof.ethz.ch erheblich reduzierten (siehe Tabelle). Unter- tiven Effekt von Aufwertungen auf das

Durchschnittliche Investitionen nach Unternehmenstyp (2012–2016)


0,10    Investitionen (normalisiert)
Aufhebung Euro-Mindestkurs

0,05

0
KOF-INVESTITIONSERHEBUNGEN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

–0,05

–0,10

–0,15
2012 2013 2014 2015 2016

  Firmen mit positiver Nettoexponiertheit        Firmen mit negativer Nettoexponiertheit

Dargestellt ist die durchschnittliche Entwicklung der realisierten logarithmierten Bau- und Ausrüstungsinvestitionen in Abhängigkeit der Netto­
exponiertheit einer Firma. Zur besseren Vergleichbarkeit der Reihen wurden die Daten normalisiert. Dazu wurde zunächst für jede Firma die Höhe der
durchschnittlichen Investitionen über die betrachtete Zeitperiode berechnet und dieser Durchschnitt dann von jeder Beobachtung abgezogen.

32  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

Wechselkurselastizitäten für durchschnittlich exponierte Firmen Standortattraktivität leidet


F&E-Ausgaben Kostenreduktion Produktivität (TFP)
(ja/nein)
Insgesamt zeigen unsere Untersuchungen,
dass Frankenaufwertungen sowohl Investitio-
Realer effektiver –1,725a (0,823) 0,013b (0,003) –0,228a (0,088)
Wechselkurs nen wie auch F&E-Ausgaben in exponierten
a Signifikanzniveau p<0,05 Firmen kurzfristig stark belasten. Mittelfristig
b Signifikanzniveau p<0,01 dürfte die Wettbewerbsfähigkeit der betroffe-
nen Firmen darunter leiden.
Die Tabelle zeigt die Elastizitäten zwischen dem real effektiven Wechselkurs und
Der negative Effekt von Aufwertungen auf

KAISER ET AL. (2017), KOF-INNOVATIONSUMFRAGEN.


den drei firmenspezifischen abhängigen Variablen F&E-Ausgaben, Kostenreduk-
tionen und Multifaktorproduktivität (TFP). Die gezeigten Elastizitäten gelten für F&E-Ausgaben zeigt sich vor allem bei gros-
Firmen mit einer durchschnittlichen Nettoexponiertheit. Robuste Standardfehler sen, international exponierten Firmen. Da die-
sind in Klammern angegeben. ses Firmensegment von besonderer volkswirt-
Lesehilfe: Eine Aufwertung von 1 Prozent führt im Durchschnitt zu einer Reduktion schaftlicher Bedeutung ist, könnten längere
der F&E-Ausgaben von 1,7 Prozent, zu einer um 1,3 Prozentpunkte höheren Wahr- Aufwertungsphasen somit die Attraktivität des
scheinlichkeit von Kostenreduktionen und zu einer Abnahme der Multifaktorpro-
duktivität um –0,23 Prozent.
Standorts Schweiz beeinträchtigen. Da insbe-
sondere das verarbeitende Gewerbe überdurch-
schnittlich exponiert ist, dürften längere
«­ Kostenbewusstsein» der Firmen fest. Bei einer Aufwertungsphasen zudem die Deindustriali-
Aufwertung um 10 Prozent steigt die Wahr- sierung beschleunigen.
scheinlichkeit, dass Firmen durch die Einfüh-
rung von innovativen Produktionstechnolo- Boris Kaiser
Dr. rer. oec., Ökonometriker, B,S,S. Volkswirtschaftliche
gien Kosteneinsparungen vornehmen (siehe Beratung, Basel
Tabelle).
Michael Siegenthaler
Wie sich Aufwertungen langfristig auf die Dr. rer. oec., Arbeitsmarktökonom,
Produktivität auswirken, bleibt unklar. Der KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich
Grund: Während niedrigere F&E-Ausgaben Andrin Spescha
die Produktivität mittelfristig verringern, er- Wissenschaftlicher Mitarbeiter,
KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich
höhen Kosteneinsparungen die Produktivität
Martin Wörter
tendenziell. Empirisch zeigt sich aber zumin- PD Dr. rer. soc. oec., Leiter der Sektion Innovationsöko-
dest in der kurzen Frist ein negativer Einfluss: nomik, KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich
Eine Aufwertung um 10 Prozent verringert die
Arbeitsproduktivität (Wertschöpfung pro Voll- Literatur
Kaiser, B., M. Siegenthaler, A. Spescha und M. Wörter (2017). The Im-
zeitäquivalent) der Unternehmen im Schnitt pact of Real Exchange Rates on Swiss Firms: Innovation, Investment,
um 1,3 Prozent und die Multifaktorproduktivi- Productivity and Business Demography, im Auftrag des Seco, B,S,S.
Volkswirtschaftliche Beratung und KOF Konjunkturforschungsstel-
tät um 2,3 Prozent. le der ETH.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  33
«Der Begriff Frankenstärke ist ne-
gativ besetzt.» Eric Scheidegger,
Leiter der Direktion für Wirt-
schaftspolitik, in seinem Büro im
Seco.

MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


FOKUS

«Ich lebe gerne in einem Land mit einer


starken Währung»
Seco-Chefökonom Eric Scheidegger sieht den starken Franken grundsätzlich positiv.
Im Gespräch mit der «Volkswirtschaft» erklärt er, welche Schlüsse er aus der aktuellen
Studien­reihe zur Frankenaufwertung zieht: «Die stetige Aufwertung ist an sich keine
Last für die Volkswirtschaft.»  

Herr Scheidegger, was verbinden Sie mit dem Der Franken ist also stark von Kapitalströmen ge-
Wort Frankenstärke? trieben?
Der Begriff ist seit Längerem negativ besetzt. Kurzfristig ja. Das ist typischerweise in Zeiten
Den starken Franken grundsätzlich als Prob- politischer Unsicherheit der Fall. Seien das geo-
lem zu betrachten, ist einseitig. Die schock- politische Unruhen oder Krisen in der Wäh-
artige Frankenaufwertung nach der Welt- rungsunion. Dann ist der Franken jeweils für
wirtschaftskrise war vor allem die Folge eines ausländische Anleger attraktiv. Umgekehrt ist
chronisch schwachen Euros. Wenn wir um- in solchen Zeiten auch der Kapitalstrom aus der
gekehrt mit starkem Franken das Spiegelbild Schweiz ins Ausland schwächer. Beispielsweise
einer starken Volkswirtschaft meinen, ist der- hatten Schweizer Investoren in den letzten Jah-
selbe Begriff positiv behaftet. Ich lebe ger- ren wenig Vertrauen in die Eurozone, was die
ne in einem Land mit einer starken Währung Nachfrage nach Schweizer Franken ebenfalls
und hätte Sorgen, Bürger in einem Weich­ stärkte. Langfristig werden die Kapitalflüsse und
währungsland zu sein. damit der Wert einer Währung aber von Funda-
mentalfaktoren bestimmt und nicht von kurz-
Warum? fristigen Entscheiden einiger Investoren.
In einem Land mit einer schwachen Währung
verteuern sich Importgüter oder Ferien im Aus- Das Staatssekretariat für Wirtschaft vergibt ex-
land immer wieder. terne Aufträge für ökonomische Studien mit the-
matischen Schwerpunkten. Was bezweckt das
Seit 1973 wird der Franken stetig stärker. Wo lie- Seco damit?
gen die Gründe?
Ein erster Grund für die nominelle Aufwertung
Eric Scheidegger
gegenüber anderen Währungen ist das Infla-
Der 56-jährige Eric Scheidegger ist stellvertretender Direktor
tionsgefälle: Die Teuerung war in der Schweiz des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco). Seit 2012 leitet
in den letzten Jahrzehnten im Vergleich zum der Ökonom die Direktion für Wirtschaftspolitik. Zuvor führ-
Ausland tief. Zweitens stützte die hohe Nach- te er die Direktion für Standortförderung. Er doktorierte am
Wirtschaftswissenschaftlichen Zentrum der Universität Basel
frage nach Schweizer Qualitätsgütern die Wäh-
und arbeitete unter anderem als Wirtschaftsjournalist für die
rung. Und drittens bleibt der Standort Schweiz NZZ sowie als persönlicher wirtschaftspolitischer Berater von
als sicherer Hafen in der Krise attraktiv. Bundesrat Pascal Couchepin.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  35
FRANKENSTÄRKE

Wir leisten damit einen Beitrag zur öffentlichen


Forschung mit einem starken Bezug zur Schweiz.
Einerseits versprechen wir uns Erkenntnisse zu
den Herausforderungen in der Wirtschaftspoli-
tik. Anderseits wollen wir die Forschungsinstitu-
te motivieren, auf Grundlage dieser Erkenntnis-
se später selber weitere Studien durchzuführen.

In der jüngsten Studienwelle geht es um die Fran-


kenaufwertung und deren Auswirkungen. Wel-
ches Ergebnis hat Sie überrascht?
Zwei Punkte sind interessant: Die Ausgaben für
Forschung und Entwicklung reagieren stärker
auf eine Aufwertung, als ich dachte. Ich hätte die
Ausgabenentwicklung für Forschung und Ent-
wicklung als stetiger eingeschätzt – das sind ja
schliesslich Investitionen in die Zukunft.

Und der zweite Punkt?


Wir haben kaum ein Problem mit dem sogenann-
ten Dutch-Disease-Effekt. Demnach hätte man
erwarten können, dass produktive Exportbran-
chen wie die Pharma- und die Uhrenindustrie Diejenigen Prognosen, die eine Rezession vor-
oder auch die Finanzindustrie indirekt eine Be- aussagten, wurden kurz nach der Aufhebung des
lastung für andere, wenig produktive Branchen Mindestkurses erstellt. Das Seco hat bewusst auf
wie zum Beispiel das Gastgewerbe darstellen, eine unmittelbare Zwischenprognose verzichtet,
weil die Nachfrage zugunsten starker Export- da wir die Entwicklung der Devisenmärkte, aber
branchen zu einer Aufwertung der heimischen auch die Reaktionen der Unternehmen abwarten
Währung führen kann. Die entsprechende Stu- wollten. In der Märzprognose konnten wir die
die gibt zwar Hinweise auf solche Effekte – diese Entwicklung dann bereits
sind aber als relativ gering einzustufen. besser einschätzen und
«Eine weitsichtige Wirt- waren ziemlich sicher,
Langfristig gesehen hat die Volkswirtschaft die schaftspolitik weiss: dass es nicht zu einer Re-
Aufwertung also gut weggesteckt? zession kommt. Letztlich
Ja, das ist eine zentrale Erkenntnis: Die stetige
Eine nächste Krise war der Bremseffekt sogar
Aufwertung des Frankens ist an sich keine Last kommt bestimmt.» noch weniger stark, als
für die Volkswirtschaft. Trotz der langfristigen wir angenommen hatten.
realen Aufwertung nehmen die Exporte zu. Zu-
dem zeigen Studien, dass die Auslandkonjunk- Seit der Jahrtausendwende beobachten wir einen
tur für die Exportentwicklung in der Regel wich- Konzentrationsprozess in der Exportstruktur.
tiger ist als der Wechselkurs: Wenn es in den Insbesondere hat die Pharmabranche an Gewicht
Absatzmärkten gut läuft, dann können Expor- gewonnen. Laut einer Studie der Universität Ba-
teure auch bei verhältnismässig starker Wäh- sel hat das wenig mit der Frankenstärke zu tun. Ist
rung exportieren. das nicht erstaunlich?
Für die Pharmabranche ist die Nachfrage nach
Die Schweizer Volkswirtschaft hat sich nach der Medikamenten im Ausland wichtiger als der
Mindestkursaufhebung im Januar 2015 als er- Wechselkurs. Gründe sind beispielsweise der
staunlich widerstandsfähig erwiesen. Einige Pro- zunehmende Wohlstand in den Schwellenlän-
gnosen hatten zunächst gar eine Rezession vor- dern und die verhältnismässig geringe Preissen-
ausgesagt. Woran liegt das? sitivität im Gesundheitssektor.

36  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

Die Frankenaufwertung steigert langfristig die Der Gesamtblick täuscht darüber hinweg, dass
Qualität der Schweizer Exportprodukte, wie die letztlich für jedes Unternehmen und jede Branche
Zürcher Hochschule ZHAW schreibt. Welche die Folgen der Frankenstärke unterschiedlich sind.
Schlüsse ziehen Sie daraus? Die Beschäftigung hat im verarbeitenden Gewer-
Die Unternehmen haben es verstanden, mit der be nach 2015 deutlich abgenommen, wie eine KOF-
stetigen Aufwertung umzugehen. Man konzent- Studie zeigt. Welchen Schluss ziehen Sie daraus?
riert sich auf hochwertige Produkte oder auf bes- Das ist ein wichtiger Punkt. In der Schweiz haben
sere Qualität der bisherigen Produkte. Qualitäts- wir Hunderttausende von Unternehmen. Jede
güter sind weniger wechselkurssensibel, da die Firma ist unterschiedlich exponiert. Der Indus-
Kunden im Ausland bereit sind, gute Preise zu triesektor ist aufgrund der starken Exportorien-
bezahlen. Es kann also aus Unternehmenssicht tierung besonders exponiert bei einer schock-
durchaus Sinn machen, einfachere Produkte im artigen Aufwertung. Als Sofortmassnahme
Ausland herzustellen und sich in der Schweiz haben die Unternehmen typischerweise die Zahl
auf erstklassige Güter zu spezialisieren. der offenen Stellen reduziert, wie die Studie zeigt.
Statt vorschnelle Entscheide zu raschen Kosten-
Die Qualität der Produkte erhöht sich, der Struk- senkungen zu treffen und Massenentlassungen
turwandel beschleunigt sich: Ist der starke Fran- vorzunehmen, handelten die Unternehmen weit-
ken unter dem Strich sogar vorteilhaft für die sichtig. Gerade kleinere Betriebe reduzierten die
Volkswirtschaft? Beschäftigung kaum. Zudem zeigt sich, dass ein
Diese Frage ist falsch gestellt: Der starke Fran- wesentlicher Teil des Rückgangs über natürliche
ken ist eine Folge einer leistungsfähigen Volks- Fluktuationen aufgefangen werden konnte, da
wirtschaft. Ich halte wenig von der Auffassung: weniger Personen neu eingestellt wurden.
«Je schwieriger man es den Unternehmen macht,
desto fitter werden sie.» Wir haben kreative In der Industrie sinkt der Anteil der Beschäftigten
Unternehmen und zählen seit Jahrzehnten zu seit den Siebzigerjahren: Wie geht es dem Werk-
den innovativsten Volkswirtschaften. In Krisen platz Schweiz?
zeigt sich die Fähigkeit zu Kreativität und Flexi- Für die Schweiz ist bemerkenswert, dass seit
bilität besonders deutlich. den Neunzigerjahren der Industrieanteil an der

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  37
FRANKENSTÄRKE

Wertschöpfung am Bruttoinlandprodukt stabil weiterhin sehr attraktiv für Forschung und Ent-
ist. Der Anteil der Industriearbeitsplätze am To- wicklung bleibt.
tal hat zwar abgenommen, aber es wird immer
noch ein gleich hoher Anteil der Wertschöpfung Das gilt für die grossen Firmen. Was ist mit den
in der Industrie erzielt wie vor zwanzig Jahren. kleinen und mittleren Unternehmen?
Der Werkplatz Schweiz ist also weiterhin stark. Diese halten Forschung und Entwicklung auch
angesichts der Aufwertung hoch, wie die Stu-
Als überraschend bezeichneten Sie, dass die dien zeigen. Manche KMU bauen diese Tätig-
Unternehmen bei einer Frankenaufwertung die keiten sogar noch aus. Nach der Aufhebung
Ausgaben für Forschung und Entwicklung kür- des Mindestkurses hatte sich Bundesrat Johann
zen. Wie verhalten sich die Firmen bei einer Ab- Schneider-Ammann besorgt gezeigt, dass mit-
wertung? telständische Betriebe ihre Forschung und Ent-
Zwar ist der deutliche negative wicklung abbauen könnten und dadurch an
Effekt auf die F&E-­Ausgaben Wettbewerbsfähigkeit einbüssen. Im Sommer
«Wir glauben nicht an bei starken Aufwertungen 2015 vereinfachte der Bund deshalb den Zugang
etwas überraschend, doch die zu KTI-Forschungsprojekten für kleinere und
Industriepolitik.»
Firmen haben in den letzten mittlere Unternehmen. Das war ein bewusster
Jahrzehnten alles in allem Ansatz zur Stabilisierung der F&E-Tätigkeit bei
immer mehr in Forschung und Entwicklung in- mittelständischen Unternehmen.
vestiert. Die Studie zeigt jedoch, dass die Unter-
nehmen ihre F&E-Ausgaben aufgrund der Auf- Muss der Bundesrat hier mehr tun?
wertung weniger stark erhöhten als ohne. Die Nein. Bei der Frankenaufwertung müssen wir
Unternehmen reagieren zudem symmetrisch. unterscheiden zwischen dem langfristigen
Das heisst: Eine Aufwertung schwächt zwar die Trend und punktuellen Wechselkursschocks wie
F&E-Ausgaben der Unternehmen, umgekehrt denjenigen der Jahre 2010/2011 und 2015. Trotz
führt eine Abwertung des Frankens jedoch stetiger Aufwertung hat die Forschung und Ent-
zu stärkeren F&E-Ausgaben. Insgesamt zeigt wicklung seit den Siebzigerjahren in der Schweiz
sich, dass die Schweiz trotz einer Aufwertung stark zugenommen. Man könnte argumentieren:

38  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FOKUS

Ohne die Aufwertungsschocks wären die Ausga- erhöhen. Eine weitsichtige Wirtschaftspolitik
ben für F&E noch höher ausgefallen. weiss: Eine nächste Krise kommt bestimmt. Da-
rauf müssen wir vorbereitet sein. Ein gesunder
Das Massnahmenpaket 2011 zur Abfederung der Staatshaushalt ohne strukturelle Defizite ver-
Frankenstärke enthielt neben der Innovations- hindert in Krisen einschneidende Austeritäts-
förderung noch Zusatzgelder für Tourismuswer- programme. Banken müssen auf einer soliden
bung. War das rückblickend unnötig? Basis stehen, um in einer Krise ihre Kreditfä-
Der Entscheid des Bundesrates war gut begrün- higkeit zu behalten. Und: Die Haushalte dürfen
det. Die Tourismusbranche war gleich dreifach nicht überschuldet sein, damit sie in Krisen-
gefordert. Erstens ist die Schweiz für Ausland- zeiten ihren Konsum nicht stark zurückfahren
gäste teurer geworden. Zweitens fehlten auch müssen.
inländische Gäste, die dank günstigerer Aus-
landwährung Ferien im günstigeren Ausland Die Frankenaufwertung löste viele Forderungen
machen. Und drittens können Tourismusunter- von Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden
nehmen nicht günstiger Vorleistungen einkau- und einzelnen Firmen aus. Wie geht das Seco da-
fen, wie zum Beispiel Industriebetriebe. mit um?
Das Seco folgt dem Grundsatz der Branchen-
Welche Schlüsse ziehen Sie aus den Studien- neutralität und verfolgt keine Branchenpolitik.
ergebnissen für die Wirtschaftspolitik? Wir sind auch kritisch gegenüber Rettungsak-
Erstens sind die Schweizer Unternehmen gegen- tionen und Subventionen zugunsten einzelner
über einer Aufwertung sehr anpassungsfähig. Firmen. Wir glauben nicht an Industriepolitik.
Zweitens muss die Wirtschaftspolitik alles tun, Das Seco vertraut schliesslich der Tradition der
damit die Unternehmen weiterhin anpassungs- Sozialpartnerschaft, in der man auch in Krisen-
fähig bleiben. Wichtig ist der Erhalt des flexiblen zeiten Massnahmen in gegenseitigem Einver-
Arbeitsmarktes, denn bei einem vorübergehen- nehmen beschliesst. Dadurch können wir auf
den Währungsschock müssen die Unternehmen staatliche Kriseninterventionen in der Regel
beispielsweise die Möglichkeit haben, temporär verzichten.
die Arbeitszeiten zu erhöhen. Und drittens ist
man bei solchen überraschenden Ereignissen Wie schätzen Sie die jüngste Abwertungs­
gut beraten, zunächst die weitere Entwicklung tendenz des Frankens gegenüber dem Euro ein?
und die Auswirkungen auf die Volkswirtschaft Es bleibt abzuwarten, ob sich diese als dauer-
zu beobachten, um vorschnelle konjunkturpoli- haft erweisen wird. Aber es ist natürlich eine
tische Massnahmen zu vermeiden. Die Strate- äusserst willkommene Entspannung, die sehr
gie, nach der Mindestkursaufhebung eine quar- viele Unternehmen entlasten dürfte. Sollte sich
talsweise Lagebeurteilung vorzunehmen – und die Abwertung als nachhaltig erweisen oder gar
gleichzeitig mögliche Massnahmen vorzuberei- noch verstärken, dürfte die bislang moderate
ten –, war rückblickend richtig. Konjunkturerholung an Breite und Stärke ge-
winnen.
Was heisst das für die Wachstumspolitik 2016–
2019 des Bundesrates?
Ein wichtiger Pfeiler des Massnahmenpakets ist
die Verbesserung der Arbeitsproduktivität in al- Interview: Nicole Tesar, Chefredaktorin
len Branchen. Ein zweiter Pfeiler will die Wider- «Die Volkswirtschaft», und Stefan Sonderegger,
standsfähigkeit gegenüber exogenen Schocks Redaktor «Die Volkswirtschaft»

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  39
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DOSSIER

Mehr Sicherheit im Cyberraum

SHUTTERSTOCK
Kriminelle und Spione machen den digitalen Raum zunehmend un-
sicherer, auch in der Schweiz. Gemäss einer Studie des Beratungsunter-
nehmens KPMG wurde bereits die Mehrheit der Unternehmen und
Organisationen digital angegriffen. Dabei können Kundendaten,
Geschäftsdaten und geistiges Eigentum betroffen sein. Auch
ein Angriff auf kritische Infrastrukturen wie Banken, Energieversorger
und Telekommunikationsunternehmen wäre verheerend.
Im Jahr 2012 hat der Bundesrat eine nationale Strategie zum Schutz
von kritischen Infrastrukturen verabschiedet. In der Nachfolgestrategie
will der Bund die Massnahmen weiter ausbauen und vermehrt auch KMU
und Bevölkerung Unterstützung bieten. Denn trotz den erschreckenden
Angriffszahlen investieren nur wenige Unternehmen in die IT-Sicherheit.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  41
CYBERSICHERHEIT

Wege zu mehr Sicherheit


Kriminelle agieren im Cyberraum immer professioneller und bedrohen einen nachhaltigen
digitalen Wandel. Als Wirtschaftsstandort muss sich auch die Schweiz verstärkt mit dem
Thema Cyberkriminalität auseinandersetzen. Andere Länder und die EU haben bereits
Meldepflichten und Sicherheitsstandards durchgesetzt.   Arié Malz

­ dvanced Persistent Threats vorwiegend Re-


A
Abstract  Berichte und Studien zur Sicherheit der digitalen Infrastrukturen sind sich gierungen vorbehalten, sind sie heute bereits
einig, dass der Cyberraum unsicherer wird. Während die digitale Transformation in
auf dem Weg, zu einer Konsumware des Dar-
allen Bereichen zu einer zunehmend grösseren Angriffsfläche führt, agieren Cyber-
knets zu werden. Die Eintrittshürde für Krimi-
kriminelle und Spione immer professioneller. Es wird zunehmend schwieriger, die
nelle ist dadurch deutlich gesunken. Der Ver-
Bedrohungslage einzuschätzen und zu bestimmen, was ein angemessenes Sicher-
kauf von gestohlenen Daten, erpresserische
heitsniveau ist. Es ist davon auszugehen, dass eine Mehrheit der Unternehmen noch
Geschäftsmodelle durch sogenannte Ran-
nicht genug in Cybersicherheit investiert. Dies zeigt auch eine Studie der Information
somware und vor allem «Distributed-Denial-­
Security Society Schweiz (ISSS). Braucht es Standards für kritische oder auch für
of-Service-Angriffe», kurz DDos, verspre-
digitale Infrastrukturen oder für alle? Andere Länder wie auch die EU gehen dies-
chen hohe Gewinne. Bei den DDos handelt
bezüglich weiter als die Schweiz. Die Diskussion ist lanciert und muss dringend
weitergeführt werden. es sich um Serverüberlastungsangriffe, die
durch Massenanfragen einen Dienst lahmle-
gen können.
Die Professionalität der spezifischen An-

I  n einem Punkt sind sich die mittlerweile


unzähligen Berichte und Studien über die
Sicherheit der digitalen Infrastrukturen einig:
kritischer Infrastrukturen wie etwa in den
Bereichen Energie und Verkehr verbessert
werden? Und welche Rolle hat dabei der
griffe dürfte durch die unkontrollierte Wei-
terverbreitung von noch nicht bekannten
Schwachstellen, sogenannten Zero-­ Day-­
Der Cyberraum wird zunehmend unsicherer.1 Staat? Sicherheitsstandards, Mindestvor- Exploits, und durch hoch entwickelte An-
Was variiert, sind die angegebenen Zuwachs- gaben sowie Meldepflichten sind bei der Be- griffswerkzeuge weiter zunehmen. Früher
raten und die Gewichtung der verschiedenen antwortung dieser Fragen entscheidend. sorgsam von Nachrichtendiensten und Mi-
Cyber-Angriffsmuster und der dazugehöri- litär gehütet, haben diese heiklen Cyberan-
gen kriminellen Geschäftsmodelle. Letzt- Cybervorfälle nehmen zu griffswaffen in den letzten zwei Jahren durch
lich ist das ein klarer Hinweis dafür, dass eine Datenlecks bei den Nachrichtendiensten den
umfassende Quantifizierung der Vorfälle und Soweit das Zahlenmaterial überhaupt ver- Weg an die Öffentlichkeit gefunden. Der Ruf
des Lagebildes zwar dringend nötig, aber lässlich ist, sprechen die Zahlen eine klare wird lauter, dass die entsprechenden Staats-
zurzeit offenbar nicht möglich ist. Die Er- Sprache: Kriminalität und Spionage sind mitt- stellen allfällige Angriffsflächen den Produ-
kenntnis setzt sich durch, dass wir momen- lerweile die dominierende Motivation hin- zenten sofort melden und nicht für eigene
tan zu wenig über das wissen, was wir nicht ter weit über drei Viertel aller Cybervorfäl- Spionagezwecke benutzen.
wissen – und das stellt zurzeit das denkbar le, wobei die Grenze zwischen kriminellen
grösste Risiko dar. und staatsnahen Akteuren zusehends ver- Die Verwundbarkeit nimmt zu
Was hingegen bekannt ist: Die Anzahl schwimmt. Der Rest verteilt sich auf politisch
identifizierter neuer Malware und Botnet- motivierten Cyberaktivismus und Cyberkrieg. Ein weiterer Grund für die steigende Cyber-
ze steigt stündlich, ebenso die Anzahl unbe- Damit sind Angriffe mit kriminellem Hinter- kriminalität ist der digitale Wandel aufseiten
kannter Schwachstellen, die im Netz herum- grund gegenüber 2015 sprunghaft angestie- der Angegriffenen. Im gleichen Ausmass, wie
gereicht werden. Nicht weniger besorgnis- gen. Wie professionell und lukrativ kriminelle die Unternehmen digitale Ökosysteme im
erregend ist die Tatsache, dass die Angreifer Cyberattacken sein können, zeigt der Angriff Vertrieb und im Betrieb auf- und ausbauen,
auch mit bereits bekannten Schwachstel- auf den von Swift abgewickelten Interban- nehmen der Grad und die Komplexität der di-
len immer wieder Erfolg haben. Rein statis- ken-Zahlungsverkehr. Der Schaden für die gitalen Vernetzung zu. Gemäss einer Studie
tisch ist davon auszugehen, dass die gros- Zentralbank von Bangladesch betrug je nach zur Digitalisierung in Schweizer KMU2 betrei-
se Mehrheit von Unternehmen und Organi- Quelle wohl über 80 Millionen Dollar. ben bereits knapp drei Viertel der befragten
sationen bereits einmal digital angegriffen Die Angreifer arbeiten mittlerweile hoch- Betriebe Digitalisierungsprojekte. Die gleiche
worden ist. gradig arbeitsteilig. Dank «Cyber-Attack as a Studie zeigt auch, wo die Risiken der Zukunft
Doch wie steht es um das Risikoverständ- Service» finden selbst technisch unbedarfte liegen: Die grosse Mehrheit der Unterneh-
nis und die Gegenmassnahmen der Unter- Akteure ausgeklügelte und massgeschnei- men sieht das fehlende Know-how und den
nehmen? Wie kann der Schutz der Gesell- derte Dienstleistungen im Darknet, um einen hohen Investitionsbedarf als zentrale Heraus-
schaft, der Wirtschaft und der Betreiber Cyberangriff auszuführen. Die Angebotsviel- forderungen.
falt ist eindrücklich: Für 20 Dollar pro Stun-
2 Gering, Marco et al. (2017). Digitalisierung in Schweizer
1 Der vorliegende Artikel wurde in Zusammenarbeit mit
de kann man bereits schlagkräftige Infra- Klein- und Mittelunternehmen: KMU-Spiegel 2017.
Umberto Annino, Präsident des ISSS, verfasst. strukturen mieten. Waren früher sogenannte St. Gallen.

42  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


DOSSIER

Die digitale Angriffsfläche und damit auch Risikobewertung alles andere als klar quali- und den Handlungsbedarf in Unternehmen
die Verwundbarkeit werden weiter zunehmen fizierbar, geschweige denn quantifizierbar. deutlich zugenommen. Allerdings sind es
– umso mehr, als die Industrialisierung der Dass Angriffe auf digitale Infrastrukturen und immer noch die grösseren, international
Lösungen in der Informations- und Kommu- Daten sehr schnell offenkundig werden, liegt tätigen Firmen, welche die Gefahr höher
nikationstechnologie (IKT) grosse Fortschrit- auf der Hand. Weitaus schwieriger ist es da- und ihre Sicherheit kritischer bewerten als
te macht: Hardware, Software und Rechen- gegen, das Risikoausmass des ungewollten kleinere, national tätige Unternehmen. Trotz
leistung werden gerade in der boomenden Datenabflusses zu bewerten. Kundendaten, aller Sensibilisierung wendet 2017 nur ein
Industrie 4.0 günstiger, vernetzbar und ver- wichtige Geschäftsdaten, geistiges Eigentum Fünftel aller Unternehmen im Vergleich zum
meintlich einfacher in der Anwendung und und Benutzeranmeldeinformationen kön- Vorjahr einen höheren Anteil der IT-Mittel für
der Wartung. nen davon betroffen sein. Die Zeitdauer zwi- die Sicherheit auf, wie die ISSS-Studie zeigt.
Die Standardisierung und Industrialisie- schen Infektion und Detektion bei einem er- Gleichzeitig ist nur eine verschwindend kleine
rung der IKT-Sicherheit konnte damit nicht folgreichen Angriff wird immer länger – aktu- Minderheit bereit, bei schrumpfenden IT-
Schritt halten. Auch die gängigen Erfolgsre- ell sind es rund 300 Tage. Brisant ist zudem, Budgets mehr für IT-Sicherheit aufzuwenden.
zepte im Sicherheitsbereich helfen bei ge- dass die meisten Angegriffenen erst von ex- Das weist darauf hin, dass die Geschäftsseite
zielteren Angriffen wenig. Kurz: Wir sind ternen Partnern gewarnt werden mussten. in der Regel nicht bereit ist, bei fehlenden IT-
mit 200 Stundenkilometern auf der digita- Eine kürzlich durchgeführte Studie3 der In- Mitteln auf noch mehr Dienstleistungen zu-
len Autobahn unterwegs und haben ledig- formation Security Society Schweiz (ISSS) gunsten der Sicherheit zu verzichten.
lich die Sicherheitsausstattung eines Ford T- bei Schweizer KMU, grösseren Unternehmen
Modells. Die Entwicklung einer sogenann- und Konzernen zeigt, dass eine Mehrheit den Das Ausland bewegt sich
ten Security-by-Design – eine Hard- und ungewollten Datenabfluss künftig als vor-
Software mit möglichst wenig Verwundbar- herrschendes Risiko einschätzt und die Re- Die Wichtigkeit digitaler Infrastrukturen hat
keiten – wurde bisher vernachlässigt. Das silienz im Bereich der Detektions- und Kont- eine Diskussion vom Zaun gebrochen, was
hat nun deutliche Konsequenzen. rollmöglichkeiten als immer dringlicher sieht. der Staat leisten, regulieren oder anstossen
Gemäss dieser und anderen Studien haben soll – nicht nur bei den kritischen Infrastruk-
Angriffe werden erst spät erkannt in den letzten zwei Jahren die Sensibilisierung turen.4 Wie sieht es diesbezüglich im Ausland
sowie das Verständnis für die Cybergefahren
4 Siehe Artikel von Max Klaus auf Seite 45.
Während der Ruf nach einem Risikomanage-
ment der digitalen Infrastrukturen immer 3 Die Ergebnisse stützen sich auf 110 Rückmeldungen von
Unternehmen aus einer Umfrage im Juli 2017. Die ISSS Geht bei der Cybersicherheit weiter als die
lauter wird, ist gerade die konkrete Bedro- wird eine ausführlichere Auswertung der Studie bis Schweiz: Singapur hat für kritische Infra-
hungslage als Grundlage für eine klassische Ende Jahr vorlegen. strukturen wie etwa Banken Standards und
Meldepflichten eingeführt.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  43
CYBERSICHERHEIT

aus? Gibt es verpflichtende Minimalstan- einrichten und Unternehmen identifizieren, gesetzes5 Schutzbestimmungen und neu
dards für die Betreiber kritischer Infrastruk- die zur kritischen digitalen Infrastruktur ge- auch Meldepflichten auf Gesetzesebene
turen? Werden nur vereinzelte Sektoren und hören. Solche Unternehmen müssen ange- vorgesehen sind, zeigt: Die Diskussion über
dort nur ausgewählte Betreiber adressiert? messene technische Schutzmassnahmen Standards und Meldepflichten für die Be-
Gehören auch die Betreiber von digitalen In- ergreifen und Sicherheitsvorfälle melden. treiber von kritischen Infrastrukturen (und
frastrukturen wie plattformgestützten Ver- Diese Anforderungen gelten auch für An- allenfalls von digitalen Diensten) nach Vor-
triebsmöglichkeiten, Cloud-Diensten oder bieter relevanter digitaler Dienste. Während bild der NIS ist lanciert und muss künftig
Suchmaschinen dazu? Staaten wie Deutschland oder Frankreich intensiv weitergeführt werden.
Nicht überraschend haben autoritär ge- bereits vor der Einführung des NIS-Regula- Bei der Frage, wie und wer die Cybersicher-
führte Länder wie China oder Singapur in rien Mindeststandards und Meldepflichten heit fördern oder gar regulieren sollte, dürfen
den letzten drei Jahren strikte Regulierun- eingeführt hatten, müssen andere Länder auch die Unternehmen nicht ausgeklammert
gen durchgesetzt. So gelten dort für kriti- wie etwa Grossbritannien oder Schweden werden. Mehr Cybersicherheit als Grundlage
sche Infrastrukturen und alle als relevant er- einen Paradigmenwechsel vollziehen. für Vertrauen und nachhaltigen digitalen
kannten digitalen Infrastrukturen entspre- Wandel in der Datenbearbeitung wird für
chende Informationssicherheitsstandards Schweiz zögert noch den Technologie- und Wirtschaftsstand-
und Meldepflichten. In den Vereinigten ort Schweiz ein Schlüsselthema bleiben. Vor
Staaten wurde mit dem sogenannten ­Cyber Die Schweiz kennt für die kritischen Infra- diesem Hintergrund hat die vom Bundes-
Security Framework des National Institu- strukturen keine umfassenden cyberspezi- rat eingesetzte Expertengruppe zur Zukunft
te of Standards and Technology (Nist) ein fischen Schutzbestimmungen oder Melde- der Datenbearbeitung und Datensicherheit
relativ detaillierter Quasi-Standard für die pflichten. Auflagen und Pflichten sind, wenn das Thema aufgenommen und wird in ihrem
kritischen Infrastrukturen eingeführt. Ob- überhaupt, sektoriell und spezifisch geregelt. Schlussbericht, der für Mitte 2018 erwartet
wohl nicht explizit verpflichtend, üben die So existieren etwa beim Flug- und Schienen- wird, entsprechende Vorschläge erarbeiten.
Sicherheitsvorschläge zusammen mit ver- verkehr interne Auflagen in Bezug auf techni- 5 Der Bundesrat verabschiedete am 6. September die
schiedenen National Acts und State Laws sche und organisatorische Massnahmen, da Botschaft zur Teilrevision des Fernmeldegesetzes
einigen Druck aus und ermöglichen der Ver- Schutz und Sicherheit oberste Priorität haben. (FMG).

waltung regulierende Eingriffe bei privaten Unter dem Eindruck der Cyberbedrohung
Betreibern. hat auch die Finanzmarktaufsicht in ihren
Der massgebliche Standard für den euro- verpflichtenden Rundschreiben die Auflagen
päischen Raum wird die Umsetzung der für mehr Cybersicherheit verschärft, aber
Netz- und Informationssicherheits-Richtli- keine Meldepflicht eingeführt. Einzig bei
nie, kurz NIS-Richtlinie, sein, die im August spezifischen Versorgungsunterbrüchen, zum
2016 in Kraft getreten sind. NIS soll ein ho- Beispiel im Fernmeldewesen, sind Melde-
hes Sicherheitsniveau von Netz- und In- pflichten bekannt. Sie fokussieren aber nicht
formationssystemen in der europäischen auf die Erfassung der Cyberbedrohung. All Arié Malz
Union gewährleisten. Die Mitgliedsstaaten dies erschwert es, über ein fragmentiertes Leiter Sekretariat der Expertengruppe
müssen nationale Kontaktpunkte schaffen, Lagebild hinauszukommen. Dass in der Datenbearbeitung und Datensicherheit, Eid-
genössisches Finanzdepartement (EFD), Bern
Computersicherheitsreaktionsteams (Certs) Botschaft zur Teilrevision des Fernmelde-

44  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


DOSSIER

Der Bund will den Schutz vor Cyberrisiken


ausbauen
Mit Cyberattacken können Daten von Unternehmen und Privatpersonen entwendet und
ganze Strominfrastrukturen lahmgelegt werden. Deshalb schützt der Bund kritische Infra-
strukturen vor solchen Angriffen mit einem Frühwarnsystem. Zukünftig will er die Kapazi-
täten in diesem Bereich sogar ausbauen.   Max Klaus

Abstract  Der Bundesrat hat früh erkannt, wie wichtig es ist, sich mit der Gefahr zu steht für alle und zu jeder Zeit. Wie gut ist die
befassen, die von Cyberattacken ausgeht. Mit verschiedenen Einheiten geht er gegen Schweiz gewappnet, und was tut der Bund
solche Angriffe vor. So etwa mit der Melde- und Analysestelle Informationssicherung gegen solche Angriffe?
(Melani), mit der er nicht nur die Bundesstellen, sondern auch die kritischen Infra-
strukturen von Banken, Energieversorgern und Telekommunikationsunternehmen Grundlegende Infrastrukturen
schützt. Da der digitale Raum länderübergreifend ist, muss sich die Schweiz auch inter- schützen
national gut vernetzen und Informationen austauschen. Im Rahmen multilateraler
Organisationen setzt sie sich für mehr Kooperation und Transparenz im digitalen In der Bundesverwaltung befassen sich ver-
Raum ein. Der Bund ist sich auch der zukünftigen Bedeutung dieser Gefahr bewusst. schiedene Verwaltungseinheiten mit der
Mit einer Strategie will er deshalb die vorhandenen Kapazitäten in Verwaltung und Cybersicherheit (siehe Abbildung). In erster
Wirtschaft weiter ausbauen und damit die Widerstandskraft der Schweiz gegenüber Linie stehen die bundeseigenen Netze im
Cyberangriffen stärken. Fokus: Das Bundesamt für Informatik und
Telekommunikation (BIT) ist verantwort-
lich für den Schutz der zivilen Bundes-

D  ie Verschlüsselungstrojaner «Wanna
Cry» und «Petya» haben vor wenigen
Monaten weltweit für Schlagzeilen gesorgt.
lust zu entgehen. Doch solche Angriffe sind
keine Einzelfälle: Der Internetkonzern Yahoo
teilte vor einigen Monaten mit, ihm seien
netze. Die Führungsunterstützungsbasis
(FUB) im Departement für Verteidigung, Be-
völkerungsschutz und Sport (VBS) küm-
Im Fall «Wanna Cry» waren 200 000 Geräte über 500 Millionen Passwörter von Firmen- mert sich um die Sicherheit der militäri-
in 150 Ländern infiziert, betroffen waren kunden entwendet worden. In der Ukraine schen Netze. Für einheitliche und für alle
zahlreiche Spitäler in Grossbritannien oder waren im Dezember 2015 die Konsequenzen Bundesverwaltungseinheiten verbindliche
Fahrplanmonitore der Deutschen Bahn sowie eines solchen Angriffs sogar am eigenen Leib Sicherheitsvorgaben sorgt schliesslich das
ein Telekommunikationsunternehmen in erfahrbar, als ein offensichtlicher Cyberangriff Informatiksteuerungsorgan des Bundes
Spanien. Dabei wurden bestimmte Dateien die Strominfrastruktur lahmlegte und über (ISB). Zu diesen Vorgaben gehört beispiels-
eines Computers verschlüsselt und die eine Viertelmillion Menschen ohne Strom weise das Einhalten des Grundschutzes in
Nutzer aufgefordert, einen Betrag in Bitcoin blieb. Diese Aufzählung liesse sich beliebig der Informations- und Kommunikations-
zu überweisen, um so einem Datenver- verlängern. Die Gefahr von Cyberattacken be- technik (IKT).

Die Organisationen des Bundes zur Bekämpfung von Cyberrisiken


VBS EFD EJPD BA
Departement für Verteidigung, Eidgenössisches Finanzdepartement Eidgenössisches Justiz- und Bundesanwaltschaft
Bevölkerungsschutz und Sport Polizeidepartement

FUB NDB ISB BIT FEDPOL Wirtschaftskriminalität


Führungsunter- Nachrichtendienst Informatik- Bundesamt für Bundesamt für Polizei
stützungsbasis des Bundes steuerungsorgan des Informatik und Tele-
Bundes kommunikation

ISB SEC CSIRT


Bereich Sicherheit Computer Security BKP
Incident Response Bundeskriminalpolizei
MilCERT MELANI Team (Abteilungen Ermittlungen / Forensik /
Military Computer Melde- und Analysestelle Informatik) STK
Emergency Informationssicherung Staatsschutz, Terrorismus, kriminelle
MELANI / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Readiness Teams Organisationen


Operations- und Strategische Leitung
Informations- KOBIK
zentrum Koordinationsstelle zur Bekämpfung
GovCERT der Internetkriminalität
Governmental
Computer Emergency
Response Team

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  45
CYBERSICHERHEIT

KEYSTONE
Im Internet lauern Gefahren. Der Bund will
private Nutzer besser schützen.
So wie die Bundesverwaltung ihre Infra- finden sich im EFD.  Govcert1 bildet die tech-
strukturen schützen muss, schützen auch nische Abteilung von Melani. Hier sitzen Spe-
die Unternehmen ihre IKT-Systeme. Aller- zialisten, die in der Lage sind, Schadsoftware gegangenen Meldungen werden nach
dings hat der Bundesrat schon 2003 die Not- zu analysieren und dadurch Hinweise auf die Überprüfung an die zuständigen Strafver-
wendigkeit erkannt, die Betreiber von kriti- möglichen Absichten und die Herkunft der folgungsbehörden im In- und Ausland weiter-
schen Infrastrukturen in der Schweiz beim Täterschaft zu gewinnen. Das Operations- geleitet. Die Koordinationsstelle verfügt, wie
Schutz vor Cyberrisiken zu unterstützen. Er und Informationszentrum (OIC) ist der opera- auch die Bundesanwaltschaft, über einen Er-
hat dem Eidgenössischen Finanzdeparte- tive Teil von Melani und ist beim Nachrichten- mittlungsauftrag und sucht deshalb im Inter-
ment (EFD) deshalb den Auftrag erteilt, die dienst des Bundes (NDB) im VBS angesiedelt. net auch proaktiv nach strafrechtlich relevan-
Melde- und Analysestelle Informations- Das OIC ist der Ansprechpartner für die Be- ten Inhalten.
sicherung (Melani) aufzubauen. Diese ist seit treiber von kritischen Infrastrukturen und
Oktober 2004 operativ tätig und wird täglich kann beispielsweise die Sperrung von Inter- Internationale Zusammenarbeit
über Cyberangriffe aller Art informiert. netsites beantragen, die in Zusammenhang
Dem Grundauftrag des Bundesrates ge- mit Cyberangriffen stehen.
entscheidend
mäss befasst sich Melani vorwiegend mit dem Es wäre fatal, zu glauben, eine Melde-
Schutz von kritischen Infrastrukturen von Bekämpfung der Internet- stelle könne die kritischen Infrastrukturen
Schweizer Grossunternehmen wie Banken, im eigenen Land ohne ausländische Unter-
Energieversorgern, Telekommunikations-
kriminalität stützung schützen. Denn die Grosszahl von
unternehmen usw. Täglich tauscht Melani Doch Melani ist nicht die einzige Bundes- Cyberangriffen macht nicht halt vor Landes-
mit diesen Unternehmen Informationen zu stelle im Kampf gegen die neuen digitalen grenzen. Oft sind zahlreiche Unternehmen
aktuellen Angriffen und Bedrohungen aus. Gefahren. Bereits seit 2001 betreibt das Eid- und Privatpersonen in verschiedensten Staa-
Diese Informationen stammen häufig aus öf- genössische Justiz- und Polizeidepartement ten betroffen. Ein internationales Netz-
fentlich nicht zugänglichen Quellen und bie- (EJPD) innerhalb des Bundesamts für Poli- werk von Melani-ähnlichen Organisationen
ten einen wichtigen Mehrwert für die Sicher- zei (Fedpol) die Koordinationsstelle zur Be- in Europa und Übersee ist unabdingbar, um
heitsarchitektur der verschiedenen Unter- kämpfung der Internetkriminalität. rund um die Uhr rasch an zuverlässige Infor-
nehmen. Die Stelle ist eine Kooperation zwischen mationen aus vertrauenswürdigen Quellen
Die Beschaffung dieser Informationen ist dem Bund und den 26 kantonalen Polizei- zu kommen.
mitunter ein Grund, weshalb Melani auf zwei korps und dient als Ansprechstelle für Privat- Aus diesem Grund existieren Organisatio-
Departemente aufgeteilt ist. Die strategische personen und KMU, wenn diese Opfer von nen wie European Government Certs (EGC)
Leitung, welche die Gesamtverantwortung Cyberangriffen geworden sind. Die ein- und Forum for Incident Response and Secu-
trägt, sowie das Governmental Computer rity Teams (First), bei welchen Melani Mit-
Emergency Response Team (Govcert) be- 1 Weitere Informationen finden Sie unter Govcert.ch. glied ist. EGC ist ein europäischer Verbund

46  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


DOSSIER

von staatlichen Stellen, welche die kritischen ten auch im digitalen Raum zu fördern. Dazu Die neue Strategie versteht sich als Fort-
Infrastrukturen in ihrem Land vor Cyber- dienen vertrauensbildende Massnahmen, die setzung, Weiterentwicklung und Optimie-
angriffen schützen sollen. Täglich tauschen den Informationsaustausch und die Trans- rung der ersten NCS. Die Fähigkeiten des
die Mitgliedsstaaten Informationen über An- parenz fördern und somit die Grundlage zu Bundes bei der Erkennung und Einschätzung
griffe oder Bedrohungen aus. First ist eine mehr Kooperation schaffen. Ein solcher frei- von Cyberrisiken, bei der Bekämpfung von
weltweit tätige Organisation von Sicherheits- williger Informationsaustausch kann bei- Vorfällen und bei der Strafverfolgung müssen
experten, die auch für die Privatwirtschaft spielsweise die Bekanntgabe von gegen- weiter ausgebaut werden. Die Zusammen-
offen ist. Die Mitglieder stammen haupt- seitigen staatlichen Kontaktstellen bei arbeit innerhalb der Bundesverwaltung wird
sächlich aus Nordamerika und Asien, sodass Cyberattacken oder die Veröffentlichung der in diesen Bereichen verstärkt, und es wird
­Melani ihr Netzwerk auch auf diesen Konti- als kritisch eingestuften Infrastrukturen um- eine Erhöhung der Mittel für die Vorfall-
nenten pflegen und ausbauen kann. fassen. Die Schweiz engagiert sich diesbezüg- bekämpfung, die Cyberabwehr und die Straf-
Diese Kontakte zahlen sich aus. Im Fall des lich vor allem in der OSZE, wo sie bei der Er- verfolgung angestrebt.
Trojaners «Wanna Cry» beispielsweise hat Me- arbeitung und der Operationalisierung sol- Die Zusammenarbeit zwischen Staat und
lani von einem EGC-Mitgliedsstaat mehrere cher Massnahmen massgeblich beteiligt ist. Wirtschaft bleibt ein Kernanliegen der NCS.
Stunden vor dem öffentlichen Bekanntwerden Während die erste NCS den Fokus auf den
des Angriffs wichtige Informationen dazu er- Nationale Strategie Schutz kritischer Infrastrukturen legte, zählt
halten und konnte dadurch die Betreiber der die Nachfolgestrategie auch die KMU und
kritischen Infrastrukturen warnen, bevor die Die beschriebenen Aktivitäten tragen alle die Bevölkerung zu den Zielgruppen. Der
Angriffswelle in der Schweiz ankam. Ebenfalls dazu bei, die Schweiz vor Cyberrisiken zu Bund will diesen Zielgruppen beim Umgang
ein wertvoller Informant ist der Nachrichten- schützen. Sie bilden zentrale Elemente mit Cyberrisiken verstärkt Unterstützung an-
dienst des Bundes, der ebenfalls über ein brei- der «Nationalen Strategie zum Schutz der bieten, ohne dabei in Konkurrenz zu privaten
tes internationales Netzwerk verfügt. Schweiz vor Cyberrisiken (NCS)»2, welche Anbietern von Sicherheitslösungen zu treten.
2012 vom Bundesrat verabschiedet wurde. Beispiele für vorgesehene Massnahmen zur
Aussensicherheitspolitik im Die NCS umfasst insgesamt 16 Massnahmen, Stärkung der Resilienz der Wirtschaft gegen-
welche in Zusammenarbeit zwischen den zu- über Cyberrisiken sind die Evaluation und Ein-
digitalen Raum ständigen Behörden, der Wirtschaft und den führung von branchenspezifischen Mindest-
Neben dem Technisch-Operationellen ist die Betreibern kritischer Infrastrukturen um- standards, die Prüfung einer Meldepflicht
internationale Zusammenarbeit auch auf di- gesetzt werden. Zudem wurden im Rahmen für sicherheitsrelevante Vorfälle und die
plomatischer Ebene wichtig. Der digitale der NCS für die Sektoren der kritischen Infra- Aufbereitung von Informationen zu Cyber-
Raum ist neben Boden, Luft und Wasser zu strukturen Risiko- und Verwundbarkeitsana- bedrohungen für die Wirtschaft und die Be-
einer neuen Dimension der staatlichen Inter- lysen durchgeführt, die Forschung und Bil- völkerung.
aktion geworden und kann entsprechend dung im Bereich Cyberrisiken gestärkt sowie
auch für machtpolitische, militärische oder die Fähigkeiten des NDB im Bereich der Früh-
nachrichtendienstliche Zwecke benutzt erkennung von Cyberbedrohungen und in
werden. Das Eidgenössische Departement Bezug auf Täteridentifikation ausgebaut. Die
für auswärtige Angelegenheiten (EDA) setzt Umsetzung der NCS wird bis Ende 2017 ab-
sich im Rahmen multilateraler Prozesse und geschlossen sein. Deshalb soll das ISB, das
bilateraler Konsultationen für einen digita- die Strategie koordiniert, bis Ende 2017 in
len Raum ein, der friedlich genutzt und nicht Zusammenarbeit mit allen betroffenen Stel-
zum Austragungsort von Konflikten oder len der Verwaltung und mit Partnern aus der
zum Katalysator von Spannungen zwischen Wirtschaft eine Nachfolgestrategie für die Max Klaus
Staaten wird. Jahre 2018–2022 ausarbeiten. stellvertretender Leiter Melde- und
In einem politischen Umfeld, das stark von Analyse­s telle Informationssicherung
Misstrauen und Ungewissheit geprägt ist, (Melani), Informatiksteuerungsorgan des
2 Siehe VBS (2012). Nationale Strategie zum Schutz der Bundes (ISB), Bern
ist es zentral, das Vertrauen zwischen Staa- Schweiz vor Cyberrisiken.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  47
CYBERSICHERHEIT

Unternehmen müssen Risiken ernster


nehmen
Laut einer Studie waren 2016 neun von zehn Unternehmen Opfer von Cyberattacken. Trotz-
dem haben nur wenige Unternehmen Notfallpläne für solche Angriffe. Um die digitale Trans-
formation erfolgreich zu meistern, sind Massnahmen von Staat und Unternehmen dringend
notwendig.   Matthias Bossardt

Unternehmen über Notfallpläne für Cyber-


Abstract    Die digitalisierte Welt eröffnet fast unbegrenzte Möglichkeiten der ge- angriffe. Entscheidend ist, dass die Unter-
sellschaftlichen und wirtschaftlichen Interaktion. Doch wo sich neue Wege öffnen,
nehmen verstehen, dass Cybersicherheit ein
entstehen auch neue Risiken. Eine Studie des Beratungsunternehmens KPMG zeigt,
strategisches Muss ist. Den Kopf in den Sand
dass 88 Prozent der befragten Unternehmen in den letzten zwölf Monaten Opfer eines
zu stecken, ist keine erfolgversprechende
Cyberangriffs waren. Die Folgen waren Betriebsunterbrüche und finanzielle Schäden.
und angebrachte Strategie.
Cybersicherheit ist für Unternehmen ein Muss und kann über Erfolg und Misserfolg
entscheiden. Da bei vielen Cyberangriffen der Mensch die Gefahrenquelle ist, genügen
technische Abwehrsysteme allerdings nicht. Auch weichere Faktoren wie die Unter- Social Engineering als Gefahr
nehmenskultur, die Anfälligkeit von Geschäftsabläufen und die Benutzerfreundlich-
Bei den Versuchen, an die vertraulichsten
keit von Sicherheitsmassnahmen müssen berücksichtigt werden. Um die Sicherheit
des Wirtschaftsstandorts Schweiz zu erhalten, braucht es Massnahmen von Bund und Daten von Unternehmen zu gelangen, wen-
Unternehmen. deten die Cyberkriminellen am häufigsten
Schadsoftware, Phishing-Mails oder «­Social
Engineering» an. Beim Social Engineering

D  igitalisierung, Industrie 4.0, Internet


der Dinge und weitere Technologien
mischen derzeit das Wirtschaftsleben gehö-
befragten Unternehmen in den letzten zwölf
Monaten Opfer von Attacken. Das bedeutet
eine Zunahme von 34 Prozentpunkten gegen-
werden die Opfer unter anderem durch das
Vorgaukeln falscher Identitäten oder durch
vermeintliche Autoritäten manipuliert.
rig auf. Sei es der neue Reiz am Teilen in der über dem Vorjahr. Bei über der Hälfte der Viele Cyberkriminelle machen sich die
Sharing-Economy oder die Neustrukturie- Firmen provozierte der Angriff einen Unter- Menschen und nicht nur die Technologien
rung von globalen Wertschöpfungsketten, bruch der Geschäftstätigkeit, bei mehr als zunutze und umgehen so technische Ab-
die neuen Errungenschaften der virtuellen einem Drittel der Befragten hatte die Attacke wehrhürden. Elektronische Datenwege und
und digitalisierten Welt haben das Selbst- einen finanziellen Schaden zur Folge (siehe Anwendungen bieten zwar neue Wege, um
verständnis der Schweizer Volkswirtschaft Abbildung 1). Trotzdem verfügen nur wenige ein Unternehmen anzugreifen, doch schluss-
und die Organisationsform von Unterneh-
men grundlegend verändert. Das Sammeln,
Auswerten und Nutzen von grossen Daten- Abb. 1: Schadensart bei Cyberattacken (2016 und 2017; in %)
mengen – gemeinhin als Big Data bekannt –
wird zur neuen und differenzierenden Fähig- Unterbruch der Geschäftstätigkeit 56
keit eines Unternehmens. Gleichzeitig stellen 44
neue elektronische Schnittstellen aber auch Reputationsschaden 37
neue Eintrittspunkte für kriminelle Handlun- 24
gen dar, die nicht immer nur auf die virtuelle Finanzieller Schaden 36
36
Welt beschränkt bleiben. Durch das Internet
der Dinge etwa können Cyberattacken auch Unfreiwillige Offenlegung von vertrau- 29
lichen internen Daten 28
handfeste Schäden in der Offlinewelt an-
richten, so beispielsweise bei Angriffen auf Unfreiwillige Offenlegung von vertrau- 27
lichen Kundendaten 16
Autos, Herzschrittmacher und Maschinen-
steuerungen oder auf kritische Infrastruktu- Datenmanipulation 20
12
ren wie Kraftwerke oder Spitäler.
Cyberangriffe sind mittlerweile für die Andere 17
16
KPMG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

meisten Schweizer Firmen zur realen Gefahr


geworden. So wurden gemäss der neusten Unfreiwillige Offenlegung von vertrau- 15
lichen Mitarbeiterdaten 16
Studie des Beratungsunternehmens KPMG
Unbekannt 3
zum Thema Cyber-Security1 88 Prozent der 4

1 Siehe KPMG (2017). Clarity on Cyber Security. Ahead 0 10 20 30 40 50


of the Next Curve. Vollständige Studie online auf
Kpmg.com-   2017           2016

48  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


DOSSIER

endlich geht die kriminelle Energie auch in macht es keinen Sinn, wenn Unternehmen
Abb. 2: Haben Sie einen Überblick
einer hochtechnologisierten Welt immer im Bereich der Bekämpfung von Cyber-
über alle Geräte des Internets der
noch vom Menschen aus. Immer wieder lau- kriminalität den Alleingang versuchen.
Dinge in Ihrem Unternehmen?
ern die Gefahren auch in den eigenen Rei- Sinnvolle Kooperationen gilt es wo immer
hen: Mitarbeitende, Geschäftspartner, Liefe- möglich auszubauen, um gegenseitig von
ranten und Dienstleister. Aus diesem Grund 17% Erfahrungen und Know-how profitieren
müssen Unternehmen in Zukunft nicht bloss 35% zu können. Synergien können etwa beim
die Technologie, sondern vermehrt auch wei- Teilen von relevanten Informationen zur
chere Faktoren wie etwa die Unternehmens- Bedrohungslage, dem Austausch von Er-
kultur, die Anfälligkeit von Geschäftsabläufen fahrungen oder bei der gemeinsamen Prä-

KPMG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


und vor allem die Benutzerfreundlichkeit von vention genutzt werden. Was fehlt, ist eine
Sicherheitsmassnahmen ins Zentrum ihrer Plattform für die Schweizer Wirtschaft,
31%
Sicherheitsüberlegungen stellen. Allzu oft mit der dies systematisch und effizient
spielt die Benutzerfreundlichkeit im Bereich 17% erfolgen könnte.
der Cybersicherheit nur eine untergeordne- Hierzu ist die Schweiz ein optimaler
te Rolle. Dies zeigt sich auch in der bereits er- Standort, der eine starke Innovations-
wähnten Studie von KPMG: 65 Prozent der   Nein, wir haben es auch nicht versucht kraft und ein solides Investitionsumfeld
Befragten gaben an, dass in ihrem Unterneh-   Nein, wir haben es versucht, sind aber gescheitert kombiniert. Umso mehr darf keine Zeit
men nicht systematisch an benutzerfreund-   Ja verloren werden, Cyberrisiken in Einzel-
lichen Sicherheitsmassnahmen gearbeitet   Weiss nicht unternehmen und für den Wirtschafts-
wird, und nur gerade 11 Prozent ziehen ent- standort Schweiz aktiv und mit Nach-
sprechende Spezialisten zurate. druck anzugehen. Bisher spielt die Schweiz
Neue Risiken birgt auch das Internet der Unternehmens muss es sein, dieses Risiko international im Bereich Cybersicherheit
Dinge. In der Umfrage zeigte sich allerdings, auf allen Ebenen des operativen Geschäfts keine Vorreiterrolle. Falls Bund und Unter-
dass sich viele Schweizer Unternehmen viel und der Unternehmensführung im Gleich- nehmen hier eine entschiedenere Gangart
zu wenig mit den Sicherheitsaspekten des schritt mit der technologischen Entwick- einschlagen und es damit gelingt, Erfolgs-
Internets der Dinge auseinandersetzen. Über lung zu kontrollieren und gleichzeitig den attribute des Wirtschaftsstandorts Schweiz
die Hälfte der Studienteilnehmer gaben zu, Raum offen zu lassen für Innovation, Visio- wie Rechtssicherheit, Privatsphäre und eine
dass sie keinen Überblick über alle Geräte nen und disruptive Technologien. In einer funktionierende, robuste Infrastruktur in
des Internets der Dinge haben, die in ihrem von Daten und Technologien getriebenen die digitalisierte Wirtschaft überzuführen,
Unternehmen genutzt werden. Rund ein Wirtschaft gehört der Umgang mit Cyberri- stehen die Chancen gut, dass die Schweiz
Drittel versucht nicht einmal, diesen Über- siken zuoberst auf die Agenda der Unterneh- als Gewinnerin aus der digitalen Trans-
blick zu erlangen, und weitere 17 Prozent mensführung. Vielleicht gehört es zum We- formation hervorgeht.
haben es zwar versucht, sind aber gescheitert sen dieses rasanten Wandels, dass alle in-
(siehe Abbildung 2). Angesichts dieser Zahlen volvierten Parteien erst lernen müssen, die
überrascht es nicht, dass die Hälfte der Be- neuen Risiken abzufedern. Doch was heisst
fragten zugibt, dass die Strategie zur Cyber- das für die Unternehmensführung? Die Fä-
sicherheit und die damit einhergehenden higkeiten, sehr schnell entwickelnde Tech-
Richtlinien das Thema Internet der Dinge gar nologien einzusetzen und Daten nutzbar zu
nicht erst einschliessen. machen, werden für Unternehmen zuneh-
mend zum kritischen Erfolgsfaktor.
Erfolgsfaktoren Innovation und Entscheidend für einen nachhaltigen
Erfolg des Unternehmens wird es sein,
Risikomanagement welche Strategien es gegen die spezi- Matthias Bossardt
Ohne unternehmerisches Risiko kann kein fischen Cyberrisiken entwickelt. In einer Dr. sc. techn., Leiter Cyber Security,
KPMG Schweiz, Zürich
Gewinn erwirtschaftet werden. Ziel eines immer vernetzteren und komplexeren Welt

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  49
KEYSTONE
EINBLICK

Die unbegründete Angst vor einer


Verknappung der Arbeit
Starten wir mit einem aktuellen Beispiel: Eine Erhöhung ziert – ein schlagendes Argument dafür, dass die Arbeits-
des Rentenalters wäre angesichts der steigenden Lebens- menge nicht fix oder gar rückläufig ist.
erwartung eigentlich die mit Abstand effektivste Mass- Trotzdem ist diese statistische Realität für viele nicht
nahme zur Sicherung der Altersvorsorge. Eine solche überzeugend genug – es könnte ja immer noch sein, dass
Massnahme hat es in der Schweiz allerdings ausseror- es diesmal anders ist. Deshalb ist es wichtig, die ökono-
dentlich schwer, wie man in der politischen Debatte rund mische Begründung für diese statistischen Fakten zu ver-
um die Altersvorsorge 2020 wieder beobachten konnte. stehen. Der Grund für die Fehlüberlegung, dass eine Ver-
Ein Hauptgrund dafür ist die Befürchtung, dass es nicht knappung der Arbeit droht, stammt daher, dass man sich
genügend Arbeitsplätze für ältere Personen habe. Da- meist nur auf die Effekte in Einzelsektoren beschränkt.
bei handelt es sich um die jüngste Variante eines Dauer- Die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft werden da-
brenners der ökonomischen Fehlüberlegungen, der in bei zu wenig berücksichtigt. Nehmen wir das Beispiel der
verschiedensten Zusammenhängen immer wieder auf- Schreibmaschine, die durch den Computer verdrängt wur-
taucht: Seien es neue Technologien wie bei der Roboteri- de. Analysiert man nur die Situation der Schreibmaschi-
sierung, die ausländische Konkurrenz durch China oder nenproduzenten, dann hat die neue Textverarbeitungs-
die Verdrängung inländischer Arbeitskräfte durch Immi- technologie in der Tat zu einem bedeutenden Abbau von
gration – immer wieder hört man die Befürchtung, dass Arbeitsplätzen geführt. Doch wir müssen auch die Wir-
die Anzahl Arbeitsplätze wegen Veränderungen nicht ge- kung auf andere Sektoren mitberücksichtigen.
nügen könnte.
Zusätzliches Einkommen führt zu mehr Konsum
Seit Jahrzehnten wächst die Beschäftigung In der gesamten Wirtschaft führte der Einsatz von Compu-
Woher kommt diese tiefsitzende Angst vor einer bevor- tern zu einem Produktivitätsgewinn und damit zu zusätz-
stehenden Verknappung der Arbeit? Ein Grund dafür ist lichen Einkommen. Und diese Einkommen können genau
sicher, dass Stellenabbau öffentlich stärker wahrgenom- drei Gruppen zufliessen: den jetzt produktiveren Arbeits-
men wird, während Stellenaufbau kaum Beachtung findet. kräften in Form von Lohnerhöhungen, den Eigentümern
Streicht ein Unternehmen in einer bestimmten Region der Unternehmen in Form höherer Gewinne oder den
200 Stellen, dann ist dies eine Nachricht mit regionalem, Konsumenten in Form niedrigerer Preise. Diese drei Grup-
oft auch nationalem Echo. Der Aufbau neuer Stellen da- pen werden aber das zusätzliche Einkommen verwenden,
gegen erfolgt in der Regel verstreut über viele einzelne um zusätzliche Waren und Dienstleistungen nachzufra-
Unternehmen und über einen längeren Zeitraum – des- gen. Und diese wiederum müssen von jemandem produ-
halb bleibt er medial meist unbeachtet. Dadurch entsteht ziert werden. Das bedeutet, dass zusätzliche Arbeit geleis-
der Eindruck, viel öfter mit Stellenabbau als mit Stellen- tet werden muss, wodurch die Nachfrage nach Arbeit und
aufbau konfrontiert zu sein. Tatsächlich zeigt aber ein damit die Beschäftigung ansteigen.
Blick in die Statistik, dass dieser Eindruck täuscht. Die Be- Historische Erfahrung, Statistiken sowie ökonomische
schäftigung in der Schweiz steigt seit Jahrzehnten an. Gab Theorie kommen einmütig zum gleichen Resultat: Funk-
es 1996 noch knapp 4 Millionen Erwerbstätige, so waren tioniert der Arbeitsmarkt – wie es in der Schweiz ohne
es zwanzig Jahre später schon über 5 Millionen! Die Men- Zweifel der Fall ist –, spricht nichts für eine bevorstehende
ge an Arbeit erhöhte sich auch in Zeiten starker techno- Verknappung der Arbeit.
logischer Umbrüche und intensivierter Globalisierung
laufend. Auch die starke Erhöhung der Frauenerwerbs­
Aymo Brunetti
tätigkeit hat die Beschäftigung der Männer nicht redu- Professor für Wirtschaftspolitik und Regionalökonomie, Universität Bern

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  51
FREIHANDEL

Weiter Weg zum Liberalisierungserfolg bei


imperfekten Kreditmärkten
Warum führt eine Handelsliberalisierung in vielen Ländern Afrikas und Südamerikas noch
nicht zu höherer Produktivität? Eine Erklärung bieten nicht funktionierende Kapitalmärkte.  
Reto Föllmi, Manuel Oechslin

Abstract  Entwicklungsländer sind heute in einem viel grösseren Ausmass in die Welt- Weltwirtschaft die allokative Effizienz er-
wirtschaft integriert als noch vor 30 Jahren. Gemäss der ökonomischen Standard- höht oder vermindert? Was muss getan wer-
theorie müsste daher in diesen Ländern ein deutlicher Anstieg der «allokativen Effi- den, damit ein wichtiger Teil der vorteilhaften
zienz» zu beobachten sein: Aufgrund des stärkeren Konkurrenzdrucks sollten Arbeit Auswirkungen des internationalen Handels
und Kapital vermehrt dort zum Einsatz kommen, wo die Produktivität hoch ist. Wie nicht auf OECD-Länder und Schwellenländer
sich jetzt aber zeigt, ist dies nicht überall der Fall. Im Rahmen eines theoretischen For- in Asien beschränkt bleibt? Die wissenschaft-
schungsprojekts der Universitäten St. Gallen und Luzern argumentieren die Autoren, liche Forschung ist dabei, Antworten auf die-
dass das Ausbleiben der erwarteten positiven Effekte das Resultat schlecht funktio- se komplexen Fragen zu liefern. Ein gemein-
nierender Kreditmärkte sein könnte. Erfüllen die Kreditmärkte ihre Funktion nur un- sames Forschungsprojekt unsererseits trägt
zulänglich, kann ein Anstieg des Konkurrenzdrucks paradoxerweise dazu führen, dass dazu bei.3 Wir studieren die Rolle schlecht
Kapital verstärkt zu wenig produktiven Firmen fliesst. Weitere Integrationsschritte funktionierender Kreditmärkte. Uns interes-
sollten daher mit Reformen zur Stärkung des Kreditmarkts einhergehen. siert, wie sich eine Handelsliberalisierung –
und der mit ihr einhergehende Anstieg des
Konkurrenzdrucks – auf die Zuteilung von

I  nternationaler Handel trägt in vielen Län-


dern bedeutend zu Produktivität, Wachs-
tum und Wohlstand bei. Die vorteilhaften
Entwicklungs- und Schwellen-
länder
Kapital auf Sektoren und Firmen auswirkt,
wenn die Kreditmärkte ihre Funktion nur un-
zulänglich erfüllen. Eine theoretische Ana-
Auswirkungen des internationalen Handels Die Situation in Entwicklungs- und Schwel- lyse ist hierfür unabdingbar, bildet sie doch
entfalten sich dabei auf unterschiedliche Wei- lenländern präsentiert sich jedoch weniger die Grundlage für empirische Studien und die
se. Beispielsweise steht den Haushalten dank eindeutig. Die meisten dieser Länder sind Herleitung von Handlungsoptionen.
des internationalen Handels eine breitere Pa- heute in einem viel grösseren Ausmass in die
lette von Konsumgütern zur Verfügung. Der Weltwirtschaft integriert, als dies noch in den Kreditmärkte funktionieren oft
freie Export und Import von Gütern gestattet frühen Neunzigerjahren der Fall war. Dani Ro-
die effiziente Spezialisierung auf Sektoren, in drik, ein führender Entwicklungs- und Han-
nicht richtig
denen ein komparativer Vorteil gegenüber delsökonom, weist aber schon seit gerau- Der Fokus auf imperfekte Kreditmärkte ist
anderen Volkswirtschaften besteht. Heimi- mer Zeit darauf hin, dass die Erfahrungen naheliegend. Die oben erwähnte Erkenntnis,
sche Unternehmen können dank der Offen- der Entwicklungs- und Schwellenländer mit dass verschärfter Konkurrenzdruck die Effi-
heit einen grösseren Markt bedienen und da- Handelsliberalisierungen sehr unterschied- zienz erhöht, beruht auf der Voraussetzung,
her zu tieferen Kosten produzieren. lich ausgefallen sind.2 Während in vielen asia- dass der Kreditmarkt – vereinfacht: das Ban-
Schliesslich zeigt die jüngste Forschung, tischen Ökonomien die Integration in die kensystem eines Landes – «funktioniert».
dass der mit dem Handel einhergehende Weltwirtschaft mit starken Produktivitäts- Von einem funktionierenden Kreditmarkt
Konkurrenzdruck dazu führt, dass knappe zuwächsen einhergegangen ist, haben ins- spricht man, wenn die vorhandenen Erspar-
Ressourcen wie Arbeit und Kapital verstärkt besondere arme Länder in Afrika und Latein- nisse mehrheitlich den produktivsten Firmen
dort eingesetzt werden, wo die Produktivi- amerika weniger profitiert. In diesen Ländern und Unternehmen mit erfolgversprechenden
tät hoch ist. Der Wettbewerbsdruck zwingt findet die Reallokation – also die Umschich- Geschäftsideen zur Verfügung gestellt wer-
Unternehmen zudem, konsequent Produkti- tung von Arbeit und Kapital hin zu produk- den. Dies mag in der Schweiz und anderen
vitätssteigerungen anzustreben.1 Diese vor- tiveren Sektoren und Unternehmen – kaum reichen Ländern der Fall sein.
teilhaften Auswirkungen des internationa- statt. In einigen Fällen scheint diese allokati- Die Realität in armen Ländern sieht aber
len Handels dürften vielen Bewohnern der ve Effizienz über den Zeitraum der Liberalisie- oft anders aus. Dort haben insbesondere
Schweiz aus eigener Erfahrung geläufig sein. rung gar gefallen zu sein. kleinere Firmen kaum genügend Zugang zu
Selbstverständlich sind sie aber nicht auf die Diese Beobachtungen führen zu offen- Fremdkapital, auch wenn sie relativ produktiv
Schweiz beschränkt. Wie die empirische For- sichtlichen Fragen. Wieso kommt der positi- sind oder erfolgversprechende Ideen in der
schung zeigt, können sie in vielen anderen ve Reallokationseffekt in gewissen Ländern Pipeline haben. Als Grundlage für die Kredit-
reichen Ländern beobachtet werden. nicht zum Tragen? Welche Faktoren beein- vergabe dienen oft nicht so sehr die Kriterien
flussen, ob eine stärkere Integration in die Produktivität und Potenzial, sondern das Aus-
1 Siehe z. B. Pavcnik (2002) sowie Melitz und Ottaviano
(2008). 2 McMillan, Rodrik und Verduzco-Gallo (2014).  3 Föllmi und Oechslin (2017).

52  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


FREIHANDEL

mass an Sicherheiten, die einer Kreditverein- einem Ansatz, der zwei wichtige Implikatio- men. Kurz: Eine Liberalisierung führt zu einem
barung zugrunde liegen. Dies geschieht na- nen hat. Erstens wird der Zugang eines Unter- Anstieg des Konkurrenzdrucks.
türlich nicht von ungefähr. Es widerspiegelt nehmens zu Krediten hauptsächlich von des- Mithilfe dieses Modellrahmens untersu-
die Tatsache, dass in vielen armen Ländern sen Eigenkapitalausstattung bestimmt; dies chen wir, wie sich eine Abfolge von Liberali-
die gerichtliche Durchsetzung unbesicherter ist konsistent mit der Beobachtung, dass Si- sierungsrunden auf die Effizienz der Kapital-
Kreditverträge für die Gläubiger enorm zeit- cherheiten in den Kreditmärkten armer Län- allokation und den Wohlstand auswirkt. Ist
intensiv und teuer ist. Sicherheiten und lang- der eine herausragende Rolle spielen. Zwei- es möglich, dass – wie in einigen armen Län-
jährige Beziehungen spielen daher eine her- tens erhalten Unternehmen mit mehr Ge- dern beobachtet – eine beschränkte Reduk-
ausragende Rolle, und so fliesst das Kapital winnpotenzial höhere Kredite. Diese zweite tion der Handelskosten die Effizienz der Ka-
zu Unternehmen, die solches vorweisen kön- Implikation führt dazu, dass ein Anstieg der pitalallokation nicht verbessert, sondern gar
nen – auch dann, wenn diese nicht sehr pro- Kreditkosten den Zugang zu Fremdkapital er- vermindert? Falls ja, welche Mechanismen
duktiv sind und nur ein geringes Potenzial schwert – insbesondere für kleine Unterneh- sind dafür verantwortlich? Und: Was würde
aufweisen. men, da deren Gewinne stark von den Kredit- dies für den Wohlstand des durchschnittli-
kosten abhängen. chen Haushalts bedeuten?
Näher an der Realität modellieren Unser theoretischer Rahmen kombiniert
diese Modellierung des Kreditmarkts mit wei- Die Effizienz kann abnehmen
Die Annahme gut funktionierender Kredit- teren Annahmen, die plausibel und in der Li-
märkte ist also im Falle armer Entwicklungs- teratur weitverbreitet sind. So nehmen wir an, Wir stellen tatsächlich fest, dass eine be-
länder in Afrika und Lateinamerika zweifel- dass die Ausstattungen der Unternehmen mit schränkte Reduktion der Handelskosten die
los zu weit von der Realität entfernt. Unsere Eigenkapital ungleich verteilt sind und dass Effizienz der Kapitalallokation verschlech-
theoretische Analyse geht deshalb von im- produktivere Technologien einen höheren Ka- tern kann. Dies ist ein Resultat, das in einem
perfekten Kreditmärkten aus. Wie immer, pitaleinsatz erfordern. Auch gestehen wir den vergleichbaren Modell mit perfekt funktio-
wenn wir vom Bild perfekt funktionierender Unternehmen einen beschränkten Preisset- nierenden Kreditmärkten nicht auftreten
Märkte abweichen, stellt sich die Frage, wel- zungsspielraum zu. Handelsbarrieren nehmen könnte; in einem solchen würde die alloka-
che Form diese Abweichungen annehmen die Form von Kosten an, die beim Import von tive Effizienz immer ansteigen. Das Resultat
sollen. In unserem Fall: Welches sind zentra- Gütern anfallen und den Preis ausländischer zeigt, wie zentral die Annahme perfekt funk-
le, weitverbreitete Aspekte real existierender Güter im Inland verteuern. Eine Liberalisie- tionierender Kreditmärkte ist. Wie kommt es
Kreditmärkte in armen Ländern? Wir folgen rungsrunde bedeutet in diesem Rahmen eine aber zustande? Betrachten wir zuerst eine
beschränkte Reduktion dieser Handelskosten Situation mit relativ hohen Handelskosten,
In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern
– und damit eine Verringerung des Preisset- wo die inländische Ökonomie in nur gerin-
haben Kleinproduzenten kaum Zugang zu Fremd- zungsspielraums der heimischen Unterneh- gem Masse in die Weltwirtschaft integriert
kapital. Teppichweber in Peru.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  53
FREIHANDEL

ist. Unter diesen Umständen haben inlän- credit Schemes für kleinere und mittelgros-
Zusammenhang zwischen Handels-
dische Firmen einen grossen Preissetzungs- se Unternehmen einhergehen zu lassen. Sol-
kosten und Wohlfahrt in Ländern mit
spielraum. Dies bedeutet, dass sie relativ che subventionierten Kredite würden einen
imperfekten Kreditmärkten
hohe Preise setzen können, ohne dass die sprunghaften Anstieg der Kreditkosten für
Nachfrage wegen steigender Importe kol- diese Unternehmen abfedern und so mit-
labiert. Unternehmen mit geringer Eigen- helfen, eine abrupte Verschlechterung des
kapitalausstattung – typischerweise kleine maximal Zugangs zum Kreditmarkt abzuwenden. Ein
Unternehmen – tun dies auch. Sie haben nur solcher Fokus auf Massnahmen zugunsten
geringen Zugang zu Krediten und sind daher kleinerer und mittelgrosser Unternehmen
in ihrer Produktionskapazität eingeschränkt. ist relativ neu, befasst sich doch ein grosser
Diese Einschränkung veranlasst sie, höhe- Teil der Literatur zu internationalem Handel
re Preise zu setzen, als sie dies bei besserem und imperfekten Kreditmärkten mit spezifi-
Zugang täten. Kommt es nun zu einer Libera- Wohlfahrtsmass (realer Output) schen Problemen grosser, exportorientierter
lisierungsrunde, verringert sich dieser Preis- Unternehmen. Aus einer längerfristigen Per-
setzungsspielraum. Die kleinen Unterneh- spektive sind für den Erfolg von Handelslibe-
men müssen die Preise senken, um die Kun- ralisierungen in Entwicklungsländern insti-
den nicht an die ausländische Konkurrenz zu tutionelle Reformen hilfreich, die das Funk-
verlieren. Aber nicht nur dies. Um die besse- tionieren der privaten Kreditwirtschaft für
ren Möglichkeiten des Exports ins Ausland einen breiten Teil der Wirtschaft unterstüt-

FÖLLMI UND OECHSLIN (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


zu nutzen, erhöhen grosse Unternehmen zen. Dazu gehören Reformen des Gerichts-
ihre Kapitalnachfrage, was zu einem Anstieg wesens, die die Möglichkeit schaffen, Kre-
der Kreditkosten führt. Für kleinere Unter- ditvereinbarungen zwischen privaten Partei-
minimal
nehmen bedeutet dies, dass ihre Gewinn- en rasch und kostengünstig durchzusetzen.
margen gleichzeitig von zwei Seiten unter
Druck kommen: tieferen Preisen und höhe-
ren Kreditkosten.
Diese Reduktion der Gewinnmargen hat gering mittel prohibitiv
Konsequenzen für den Zugang zu Krediten. Höhe der Handelskosten (z. B. Zölle)
Letzterer verschlechtert sich weiter – für eini-
ge kleinere Unternehmen so stark, dass sie die
relativ grossen Investitionen in hoch produk- zienz und damit der Wohlfahrt. Werden die
tive Fertigungstechniken nicht mehr stem- Kosten aber sehr stark abgebaut, resultiert
men können und gezwungen sind, mit we- am Ende eine Verbesserung (siehe Abbildung). Reto Föllmi
niger produktivem Equipment zu arbeiten. Professor für Volkswirtschaftslehre,
Somit erhöht sich die Gesamtzahl der klei- Lokale Umstände beachten SIAW-HSG, Universität St. Gallen
neren Unternehmen mit tiefer Produktivi-
tät. Währenddessen fahren die grossen und Welche Schlüsse ziehen wir aus diesen Er-
produktiven Unternehmen ihre Investitio- gebnissen? Sicherlich unterstützen sie die
nen hoch, um Exportmärkte stärker zu be- Einsicht, dass die Effekte konkreter ökono-
dienen. Wir nennen diese Veränderung in der mischer Reformen – hier: einer stärkeren In-
Produktionsstruktur des Inlands den «Polari- tegration in den Weltmarkt – kontextspezi-
sierungseffekt». Wenn die Anzahl der kleine- fisch, also abhängig von den konkreten Rah-
ren Firmen, die neu mit geringer Produktivi- menbedingungen sind. Einfach gesagt: Was
tät arbeiten, genügend gross ist, kommt es für die Schweiz bestens funktioniert, muss
zu besagter Verringerung der allokativen Ef- in Afrika südlich der Sahara nicht notwen- Manuel Oechslin
fizienz. Dieser Effekt kann so stark sein, dass digerweise in gleichem Ausmass erfolgreich Professor für Internationale Ökonomie,
trotz den tieferen Preisen für manche Gü- sein (und umgekehrt). Ökonomische Refor- Universität Luzern
ter die Wohlfahrt der Haushalte letztlich fällt. men sollten daher nicht gemäss einer uni-
Doch selbst in einer Situation mit imperfek- versellen Schablone angegangen werden,
ten Kreditmärkten zeitigt verstärkter Handel sondern müssen lokale Gegebenheiten be- Literatur
Föllmi, Reto und Manuel Oechslin (2017). Harmful
irgendwann positive Effekte. Wird mit einer rücksichtigen und womöglich kontextspe- Pro-Competitive Effects of Trade in Presence of
Abfolge von Liberalisierungsschritten die voll- zifische Begleitmassnahmen beinhalten. Credit Market Frictions, Working Paper, Universitäten
ständige Integration in die Weltwirtschaft er- Falls der von uns identifizierte Mechanis- St. Gallen und Luzern.
McMillan, Margaret, Rodrik, Dani und Inigo Verduzco-
reicht, verbessert sich die allokative Effizienz mus von empirischer Relevanz sein soll- Gallo (2014). Globalization, Structural Change, and
klar. Dies deshalb, weil der starke Konkur- te, welche Gestalt könnten solche Begleit- Productivity Growth, with an Update on Africa, in:
World Development 63, S. 11–32.
renzdruck auf dem Weltmarkt kleine Unter- massnahmen in Entwicklungsländern sinn- Melitz, Marc und Giancarlo Ottaviano (2008). Market
nehmen mit tiefer Produktivität zum Aufge- vollerweise annehmen? Size, Trade, and Productivity, in: Review of Economic
ben zwingt. Ausgehend von einem hohen An- Eine kurzfristig praktikable Massnah- Studies 75, S. 295–316.
Pavcnik, Nina (2002). Trade Liberalization, Exit, and
fangsniveau, führt eine kleine Reduktion der me wäre, Liberalisierungsrunden mit der Productivity Improvements: Evidence from Chilean
Handelskosten zu einem Rückgang der Effi- Einführung von sogenannten Subsidized-­ Plants, in: Review of Economic Studies 69, S. 245–276.

54  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


KRANKENVERSICHERUNG

Höhere Franchisen reduzieren Kosten


Hohe Franchisen in der Krankenversicherung führen zu tieferen Gesundheitskosten: Für die
Schweiz bestätigt sich dieser erwünschte Effekt. Taktische Wechsel der Franchisenhöhe sind
dabei erstaunlich selten.   Boris Kaiser, Michael Gerfin

verhalten» der Versicherten geht es dabei


Abstract  Vor dem Hintergrund der steigenden Gesundheitskosten in der obligatori-
auch um die Kostenwirksamkeit der aktu-
schen Krankenpflegeversicherung wurde in letzter Zeit vermehrt politisch diskutiert,
ellen Franchisenstufen und um allfällige ne-
inwieweit das System der Franchisen zur Eingrenzung der Kosten beitragen kann. Eine
gative Folgen bei einkommensschwachen
aktuelle Studie von B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung und der Universität Bern
Personen. Im Auftrag des Bundesamtes für
untersucht das Wahl- und Wechselverhalten der Versicherten sowie die kausale Wir-
kung der Franchisenhöhe auf die Gesundheitskosten. Die Ergebnisse zeigen: Mehrere Gesundheit (BAG) haben das Basler Bera-
aufeinanderfolgende Wechsel der Franchise werden nur sehr selten getätigt, sodass tungs- und Forschungsunternehmen B,S,S.
kurzfristiges Optimierungsverhalten der Versicherten für die Gesamtkosten kaum und die Universität Bern diese Aspekte ana-
von Bedeutung sein dürfte. Weiter zeigt die Studie, dass sich die Franchisenhöhe sehr lysiert.1
wohl kostendämpfend auswirkt; der Effekt hängt jedoch entscheidend vom Gesund-
heitszustand eines Versicherten ab. Gesund und einkommensstark
Wie die deskriptiven Ergebnisse unserer Stu-

A  ufgrund von Franchise und Selbst-


behalt tragen die Versicherten in der
Schweiz einen Teil ihrer Gesundheitskosten
Krankenversicherung ist es, ökonomische
Anreize dafür zu schaffen, dass die Versicher-
ten bei Bagatellen nicht sofort den Arzt oder
die zunächst zeigen, entscheiden sich über
die Hälfte der Erwachsenen für eine «Wahl-
franchise», welche die Grundfranchise von
in der obligatorischen Krankenpflegever- den Spitalnotfall aufsuchen und insgesamt 300 Franken übersteigt. Die höchste Stufe
sicherung selber. Mit der Wahl einer hohen mehr Eigenverantwortung wahrnehmen. Auf von 2500 Franken wählen 17 Prozent der Ver-
Franchise (bis maximal 2500 Franken) anstel- diese Weise sollen Wahlfranchisen zur Ein- sicherten (siehe Tabelle).
le der Grundfranchise von 300 Franken über- grenzung der Gesundheitskosten beitragen.
nehmen die Versicherten ein höheres finan- Die Ausgestaltung des Franchisensys- 1 Gerfin et al. (2017).
zielles Risiko im Krankheitsfall, werden dafür tems in der Schweiz hat in der jüngsten Zeit
aber durch tiefere Prämien entschädigt. Die vermehrt für politische Diskussionen ge-
Grundidee der Kostenbeteiligung in der sorgt. Nebst «kurzfristigem Optimierungs- Wer eine hohe Franchise wählt, ist tendenziell
jung und verdient gut.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  55
KRANKENVERSICHERUNG

Personen mit hohen Franchisen sind im Bahnbrechende US-Studie in den 1974 und 1981 stellte ein Forscherteam unter
Schnitt jünger, haben ein höheres Einkom- Siebzigerjahren der Leitung des Gesundheitsökonomen Jo-
men und wählen häufiger ein Hausarzt-, seph Newhouse mehr als 5800 Individu-
Telmed-  oder HMO-Modell (Wahlmodelle). Zentral ist die Frage der Kostenwirksam- en eine Krankenversicherung zur Verfügung,
Bei Inanspruchnahme und Kosten sind die keit: Führen hohe Franchisen effektiv zu ge- wobei es den Versicherten eine Kostenbe-
Unterschiede noch deutlicher: Versicher- ringeren Kosten? Da die Kausalität schwie- teiligung zwischen 0 und 95 Prozent zufäl-
te mit der Grundfranchise gehen rund vier- rig festzustellen ist, bietet sich ein Blick in lig zuteilte. Aufgrund dieser Randomisierung
mal häufiger zum Arzt und haben sechsmal die gesundheitsökonomische Forschung an. wurde sichergestellt, dass der Gesundheits-
höhere Gesundheitskosten als Versicherte Seit Mitte der Siebzigerjahre wird empirisch zustand sowie weitere relevante Personen-
mit der höchsten Franchise. Demgegenüber untersucht, welche Auswirkungen unter- merkmale in allen Versicherungsformen im
wählen vor allem gesunde Personen, die schiedliche Formen der Krankenversicherung Schnitt gleich verteilt waren.
im Schnitt viel seltener chronische Krank- auf die Nachfrage nach medizinischen Leis- Die Forscher fanden einen signifikant ne-
heiten, körperliche Beschwerden oder Ak- tungen haben. gativen Zusammenhang zwischen Kosten-
tivitätseinschränkungen haben, eine hohe Bahnbrechend dabei war das Rand Health beteiligung und Inanspruchnahme von me-
Franchise. Insurance Experiment in den USA: Zwischen dizinischen Leistungen. So reduziert eine

Nur wenige Versicherte


Franchisenwechsel und Kosten (2011–2015)
«optimieren» kurzfristig
6000     Jährliche Bruttokosten, in Fr.
Die Versicherten haben die Möglichkeit, ihre
Franchise jährlich anzupassen. In diesem Zu-

CSS VERSICHERUNG; BERECHNUNG: GERFIN ET AL. (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


sammenhang wurde mehrfach argumentiert,
dass Versicherte diese Regelung zur kurzfris-
tigen Optimierung ausnutzen, indem sie die 4000
Franchise für ein Jahr senken, wenn sie vor-
übergehend höhere Kosten erwarten – zum
Beispiel wegen einer Operation –, und im An-
schluss wieder erhöhen. Während es strit-
2000
tig ist, inwieweit dieses Verhalten tatsächlich
«unerwünscht» ist, scheint zunächst die Fra-
ge von Interesse, wie häufig das unterstellte
Verhalten effektiv auftritt.
Unsere Analyse eines Versichertenkol- 0
lektivs im Zeitverlauf zeigt, dass mehre- 2011 2012 2013 2014 2015

re aufeinanderfolgende Franchisenwech-   Ab 2012 permanent gesenkt           2012 für ein Jahr temporär gesenkt           Gleiche Franchise (2011–2015)        
sel nur äusserst selten getätigt werden: Nur     Alle Versicherten
0,17 Prozent der Versicherten senken ihre Erwachsene bis Jahrgang 1992.
Franchise und erhöhen diese im Folgejahr
wieder. Der umgekehrte Fall – zuerst eine
Erhöhung, dann eine Reduktion – ist mit Deskriptive Statistiken nach Franchisenhöhe (Durchschnitte)
0,13 Prozent ähnlich häufig. Das unterstell-
CSS VERSICHERUNG (2015), SCHWEIZERISCHE GESUNDHEITSBEFRAGUNG (2012); BERECHNUNG: GERFIN, KAISER UND

te Optimierungsverhalten bezüglich des Franchise (in Fr.) 300 500 1000 1500 2000 2500 alle
Franchisenwechsels ist in der Realität somit
kaum von praktischer Bedeutung. Alter 54,4 57,7 44,2 43,7 40,1 41,1 50,0
Eine ökonometrische Analyse stützt
Monatliches Äqui- 4113 4262 4695 4786 5149 5171 4461
dieses Ergebnis und zeigt: Für eine Anpas- valenzeinkommen
sung der Franchise sind eher die Höhe der (in Fr.)
Prämienbelastung und der Wechsel der
Wahlmodell (Haus- 47,8 45,8 70,7 71,8 88,0 75,5 58,4
Prämienkategorie im 26. Lebensjahr aus- arzt, Telmed und
schlaggebend. Im Zeitverlauf steigen die HMO, in %)
Kosten zwar bei einer temporären Reduk- Anzahl Arztbesuche 8,5 7,7 4,3 3,2 2,5 2,2 6,1
tion der Franchise wie erwartet an (siehe pro Jahr
Abbildung) – die Kosten dieser Personen be-
Bruttoleistungen 6717 5844 2514 1710 1185 1103 4519
wegen sich aber immer noch auf einem tie- pro Jahr (in Fr.)
feren Niveau als bei den übrigen Versicher-
Spitalaufenthalt im 11,8 10,0 3,8 2,6 1,5 1,2 7,7
ten. Anhand der Ergebnisse lässt sich fol-
ZIMMERMANN (2017).

Vorjahr (in %)
gern: Wenn die Anpassung der Franchise
anstatt jährlich nur alle zwei oder drei Jah- Anteil Versicherte 46,6 13,8 3,5 14,5 4,9 16,5 100,0
(in %)
re erlaubt wäre, dürften die Kosten deshalb
nicht spürbar sinken. Die Zahlen beziehen sich auf Erwachsene ab 19 Jahren.

56  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


KRANKENVERSICHERUNG

schreiten, auf den Umstand reagieren, dass In unseren Analysen finden wir jedoch
Preis und Franchise
sie nur noch maximal 10 Prozent der Kos- keine Hinweise, dass der Einfluss der Fran-
Bei der Interpretation der Elastizitäten muss ten selber tragen müssen.3 Dabei zeigte sich: chisenhöhe auf Leistungsverzicht bei ein-
beachtet werden: Diese beziehen sich auf den
Preis und nicht auf die Franchise selber. Als Für Versicherte mit hohen Franchisen sinken kommensschwachen Personen signifikant
Preis wird der Anteil der Kosten verstanden, die Gesundheitsausgaben nach dem Jahres- grösser ist als bei besser verdienenden Per-
den ein Versicherter bei der Inanspruchnahme wechsel, wenn die Franchise wieder bezahlt sonen.7 Somit dürfte die Franchisenwahl
der nächsten Leistung tragen muss. Das be-
werden muss, abrupt um 27 Prozent. Dies nicht der massgebende Treiber dafür sein,
deutet beispielsweise, dass sich für die über-
wiegende Mehrheit der Versicherten mit einer entspricht einer Elastizität von –0,2. Dieses dass bestimmte Personen auf Gesundheits-
Wahlfranchise von 2500 Franken der Preis Ergebnis deutet darauf hin, dass Versicher- leistungen verzichten, weil sie diese nicht
nicht ändern würde, wenn die Franchise erhöht te bei einer Erhöhung des «Preises» deutlich selber bezahlen können. Bei der Interpreta-
würde, weil ihre jährlichen Kosten meist unter
2500 Franken liegen. Ohne Preisänderung ist
weniger Gesundheitsleistungen nachfragen. tion der Ergebnisse gilt es aber zu berück-
bei diesen Personen folglich auch kein Effekt In einer zweiten Studie vom vergange- sichtigen, dass die Analysen auf Umfrage-
auf die Kosten zu erwarten. nen Jahr finden wir, dass die Einführung von daten und damit auf subjektiven Einschät-
Franchisen bei HMO-Versicherten, die vor- zungen beruhen, was «finanzielle Gründe»
her gar keine Kostenbeteiligung hatten, die und «notwendige Leistungen» jeweils be-
Erhöhung des Preises um 1 Prozent die Ge- Gesundheitskosten um rund 15 Prozent re- deuten.
sundheitsausgaben um 0,2 Prozent. Mit an- duzierte (implizite Elastizität von –0,15).4 Eine 7 Stichprobe von chronisch Kranken in der Schweizeri-
deren Worten: Die Elastizität der Gesund- vertiefte Analyse entlang der Verteilung der schen Gesundheitserhebung 2012.
heitsausgaben bezüglich des Preises be- Gesundheitsausgaben zeigt, dass die Verhal-
trägt –0,2. Als Preis wird dabei der Anteil der tensänderung bei Personen mit tiefen Kos-
Kosten bezeichnet, den ein Versicherter tra- ten deutlich stärker ist (Elastizität von –1)
gen muss (siehe Kasten). Ergebnisse in die- als bei Personen mit hohen Kosten (Elastizi-
ser Grössenordnung wurden in einer Vielzahl tät von –0,1). Dieses Ergebnis ist hauptsäch-
weiterer Studien gefunden. lich getrieben durch eine markante Zunah-
me der Personen, die gar keine Leistungen
Kostenwirksamkeit für die mehr beanspruchen. Auch das Rand-Experi-
ment sowie eine aktuelle Studie aus den USA5
Schweiz bestätigt kommen zu diesem Schluss. Dabei wird so- Boris Kaiser
In der Schweiz wurde bislang kein vergleich- wohl auf medizinisch wirksame Leistungen Dr. rer. oec., Ökonometriker, B,S,S.
Volkswirtschaftliche Beratung, Basel
bares Experiment durchgeführt. Das hat zur (was einen unerwünschten Effekt darstellt)
Folge, dass in den zur Verfügung stehenden als auch auf wirkungslose Leistungen (er-
Daten der Krankenversicherer systematisch wünscht) verzichtet.
Personen mit guter Gesundheit in den hohen Der Umstand, dass vor allem Personen
Franchisen übervertreten sind (siehe Tabelle). mit tiefen Kosten auf die Kostenbeteiligung
Somit sind die tieferen Gesundheitskosten in reagieren, legt den Schluss nahe, dass eine
den hohen Franchisen nicht nur auf die Wir- Erhöhung der Maximalfranchise nur geringe
kung der Franchise, sondern auch auf Selek- zusätzliche Kosteneinsparungen generieren
tion zurückzuführen. dürfte (siehe Kasten).
Die empirischen Studien für die Schweiz
müssen deshalb mit geeigneten Studiende- Unerwünschter Michael Gerfin
signs das Problem der Selektion lösen. Drei Professor für Volkswirtschafts­lehre,
jüngere Studien tun dies auf unterschiedli-
Leistungsverzicht selten Universität Bern

che Weise, kommen aber zu vergleichbaren Inwieweit verzichten Versicherte aber auf
Ergebnissen. So schätzt eine Studie der Ge- notwendige Leistungen, weil sie die Kosten- Literatur
sundheitsökonomen Maria Trottmann, Pe- beteiligung aus finanziellen Gründen nicht Gerfin, M., Kaiser, B., und Zimmermann, L. (2017).
Leistungsverzicht und Wechselverhalten der OKP-
ter Zweifel und Konstantin Beck aus dem Jahr tragen können? Welche Rolle spielt die Fran- Versicherten im Zusammenhang mit der Wahl-
2012, dass die Gesundheitskosten von Perso- chisenhöhe? Eine umfangreiche Erhebung franchise, im Auftrag des BAG; B,S,S. Volkswirtschaft-
liche Beratung und Volkswirtschaftliches Institut der
nen mit hoher Franchise um 29 Prozent hö- des Bundesamts für Statistik (BFS) deutet Universität Bern.
her wären, wenn sie stattdessen eine tie- darauf hin, dass rund 1 Prozent der Bevölke- Aron-Dine, A., Einav, L., und Finkelstein, A. (2013). The
fe Franchise hätten.2 Sie verursachen aber rung aus finanziellen Motiven auf notwendi- RAND Health Insurance Experiment, Three Decades
Later. The Journal of Economic Perspectives, 27(1):
immer noch beträchtlich geringere Kosten ge medizinische Leistungen verzichtet.6 Ins- 197–222.
als die Personen, die tatsächlich eine tiefere besondere Personen mit tiefen Einkommen Boes, S. und Gerfin, M. (2016). Does Full Insurance
Increase the Demand for Health Care?, Health
Franchise haben. und schlechter Zahlungsfähigkeit verzichten Economics, 25: 1483–1496.
Zwei weitere relevante Ergebnisse stam- im Schnitt häufiger auf Leistungen aus finan- Gerfin, M., Kaiser, B., und Schmid, C. (2015). Healthcare
Demand in the Presence of Discrete Price Changes.
men aus eigenen Forschungsarbeiten, die ziellen Gründen. Health Economics, 24(9): 1164–1177.
wir zusammen mit Co-Autoren durchge- Trottmann, M., Zweifel, P., und Beck, K. (2012). Supply-
3 Gerfin et al (2015). side and Demand-side Cost Sharing in Deregulated
führt haben. In einer Studie aus dem Jahr 4 Boes und Gerfin (2016). Die Versicherten hatten für ge- Social Health Insurance: Which Is More Effective?,
2015 untersuchten wir, wie Personen, die raume Zeit eine Vollversicherung, d. h., die Krankenver- Journal of Health Economics, 31(1): 231–242.
sicherung hat alle Kosten vollumfänglich übernommen. Brot-Goldberg, Z. A. Chandra, B. Handel, and J. Kolstad
im Verlauf eines Jahres ihre Franchise über- 5 Brot-Goldberg et al. (2017). (2017). What Does a Deductible Do?, Quarterly
6 Silc-Erhebung 2010 bis 2014. Journal of Economics: 1261–1318.
2 Trottmann et al. (2012).

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  57
INNOVATION

Innovationskraft der Schweizer


Unternehmen schwindet
Immer mehr Unternehmen in der Schweiz ziehen sich aus der Forschung und Entwicklung
zurück. Dies gefährdet langfristig den Spitzenplatz der Schweiz im europäischen Innova-
tionsranking.   Spyros Arvanitis, Florian Seliger, Andrin Spescha, Tobias Stucki, Martin Wörter

Abstract  Die jüngste KOF-Innovationsumfrage bei Schweizer Unternehmen fördert oder die Qualität der Forschungsinstitutio-
Schwachstellen zutage: Im Vergleich zu anderen innovationsstarken europäischen nen. Ebenfalls berücksichtigt werden inno-
Ländern wie Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, Niederlande, Österreich und vationsrelevante institutionelle Faktoren wie
Schweden geht in der Schweiz der Anteil der Unternehmen, die Forschung und Ent- die Offenheit des Forschungssystems und
wicklung betreiben bzw. Produktinnovationen einführen, seit einigen Jahren zurück. der Schutz der Eigentumsrechte, die eher das
Dadurch wird die Basis der Firmen mit Innovationsaktivitäten stetig kleiner. Zwar hat Innovationspotenzial als die Innovationsleis-
die Intensität der Aktivitäten derjenigen Firmen, die weiterhin innovieren, nicht nach- tung eines Landes bestimmen. Solche Input-
gelassen. Dennoch deuten einerseits der Rückgang des Anteils der Innovierenden, die Faktoren verändern sich dabei langsamer als
F&E betreiben, und anderseits der Rückgang des Umsatzanteils der Marktinnovatio- Output-Faktoren.
nen auf eine mögliche Abnahme des Innovationspotenzials hin. Ursachen dafür sind Ausserdem werden im Gesamtindex die
in erster Linie zu hohe Kosten. Die Rahmenbedingungen in der Schweiz sind hingegen Input- und Outputindikatoren zusammen-
weiterhin als gut einzuschätzen. gefasst, obwohl diese separat verglichen
werden sollten. Über eine längere Perio-
de betrachtet, zeigen sowohl der europäi-

I  m jüngsten europäischen Innovationsran-


king belegt die Schweiz einmal mehr den
Spitzenplatz – gefolgt von Schweden, Däne-
tenden Abwärtstrend der Innovationskraft in
der Schweiz hin. So misst der Gesamtindex
nicht nur die Innovationsleistung, sondern
sche Index als auch die Indikatoren der KOF
Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich,
dass die Distanz der Schweiz zum EU-Durch-
mark, den Niederlanden, Deutschland und auch Innovationsinputs wie Forschung und schnitt kontinuierlich abnimmt – seit 2011
Finnland, die alle zur Gruppe der «Innova- Entwicklung (F&E) sowie verschiedene ande- nimmt auch die Innovationsperformance ab.
tionsleader» gehören.1 Doch das Top-Ranking re innovationsrelevante ökonomische Grös- Um die Innovationsperformance zwi-
täuscht, denn einiges deutet auf einen anhal- sen wie die Ausstattung mit Humankapital schen ausgewählten europäischen Ländern
differenziert vergleichen zu können, stüt-
1 Europäische Kommission (2016): 80. zen wir uns auf die KOF-Innovationsumfra-
Forschung und Entwicklung konzentriert sich in
der Schweiz auf immer weniger Firmen.
ge – die bislang im Auftrag des Staatssekre-
tariats für Wirtschaft (Seco) durchgeführt
wurde und in Zukunft im Auftrag des Staats-
sekretariats für Bildung, Forschung und Inno-
vation (SBFI) durchgeführt wird – und auf das
EU-Pendant «Communitiy Innovation Sur-
vey» (CIS). In beiden Umfragen sind separate
Indikatoren für Innovationsinput und -output
vorhanden, wodurch direkt die Innovations-
leistung der Unternehmen gemessen wird.
Die Daten für die Vergleichsländer Deutsch-
land, Finnland, Frankreich, Italien, Niederlan-
de, Österreich und Schweden stammen aus
der Eurostat-Datenbank.2

Anteil der Unternehmen mit F&E


halbiert
Ein erster Indikator für die Innovationskraft
ist der Anteil der Firmen, die Forschung und
Entwicklung betreiben (F&E-Inzidenz). Hier

2 Erfasst sind Unternehmen mit mehr als zehn Beschäf-


KEYSTONE

tigten aus der Industrie, aus wissensintensiven Dienst-


leistungsbranchen und Grosshandel.

58  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


INNOVATION

ist seit der Jahrtausendwende eine starke


Abb. 1: Anteil der Unternehmen mit firmeninterner F&Ea
Abwärtstendenz festzustellen, die sich bis
50    In %
2014 fortgesetzt hat. So ist der Anteil der Fir-
men mit F&E-Aktivitäten von 46 Prozent in
der Periode 2000–2002 auf 20 Prozent in 40
der Periode 2012–2014 gesunken (siehe Ab-
bildung 1).
30
Die frühere führende Stellung der Schweiz
ist somit erodiert. Abgesehen von Italien
weist die Schweiz zuletzt sogar die niedrigs- 20
te F&E-Inzidenz unter den Vergleichslän-
dern auf. Demgegenüber ist bei Deutschland,
10
Frankreich, Italien, Österreich, den Niederlan-
1998–2000 2000–2002 2002–2004 2004–2006 2006–2008 2008–2010 2010–2012 2012–2014
den, Finnland und Schweden kein Abwärts-
trend erkennbar. Im Gegenteil: Seit 2010 hat
der Anteil der F&E-treibenden Unternehmen Abb. 2: F&E-Ausgaben als Anteil des Umsatzesb
sogar leicht zugenommen. 3,5    In %
Bei den externen F&E-Aktivitäten ist hin-
gegen bei allen untersuchten Ländern bis zur 3

Periode 2010–2012 ein Abwärtstrend zu be-


2,5
obachten. Anschliessend zeichnet sich gene-
rell eine Trendumkehr ab. Bei diesem Indika- 2
tor befindet sich die Schweiz im oberen Mit-
telfeld. 1,5
Ins Auge sticht, dass diejenigen Unterneh-
1
men in der Schweiz, welche weiterhin for-
schen und entwickeln, ihre Aktivitäten inten- 0,5
siviert haben (siehe Abbildung 2). Seit 2008 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014
nimmt hier der Anteil der F&E-Ausgaben
am Umsatz (F&E-Intensität) ständig zu. Bei
gleichzeitig mässigen Veränderungen die- Abb. 3: Anteil der Unternehmen mit Produktinnovationena
70    In %
ser Grösse in den Vergleichsländern im sel-
ben Zeitraum konnte die Schweiz zuletzt ihre
60
Spitzenposition der Periode 2004–2006 wie-
der erreichen. 50

40
Beim Output weiterhin in der
Spitzengruppe 30

Wenn man die Indikatoren des Innovations- 20


outputs auf der Produktseite betrachtet,
liegt die Schweiz im internationalen Vergleich 10
1998–2000 2000–2002 2002–2004 2004–2006 2006–2008 2008–2010 2010–2012 2012–2014
nach wie vor vorne. Allerdings ist auch hier
ein starker Abwärtstrend beobachtbar. Der
Anteil der Unternehmen mit Produktinno- Abb. 4: Anteil der innovativen Produkte am Gesamtumsatzb
vation (Produktinnovations-Inzidenz) sinkt 50    In %
zwar auch in den anderen Ländern – aller-
dings weniger stark als in der Schweiz (sie- 40
he Abbildung 3). Somit ergibt sich eine klare
Konvergenz über die Zeit: Während sich der
KOF-INNOVATIONSERHEBUNG, EUROSTAT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

30
Anteil der Unternehmen mit Produktinnova-
tionen in der Schweiz verringerte, hat er sich 20
in den Vergleichsländern erhöht.
Auch beim Umsatzanteil innovativer Pro- 10
dukte ist die Distanz sukzessiv geringer ge-
worden, da die Vergleichsländer immer bes- 0
ser geworden sind (siehe Abbildung 4). Dieser 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014
Indikator, der die effektive Innovationsper-   Schweiz       Deutschland        Frankreich        Italien        Niederlande        Österreich        Finnland        Schweden
formance misst, hat sich für die Schweiz seit a Basis sind jeweils alle Unternehmen im Sample eines Landes.
der Jahrtausendwende nur wenig verändert, b Basis sind jeweils die innovativen Unternehmen im Sample eines Landes.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  59
INNOVATION

und auch in der jüngsten Periode 2012–2014 jüngsten Beobachtungsperiode betrug er men schätzen die Ertragsaussichten von In-
erzielt das Land den höchsten Wert. 4 Prozent, was die niedrigste Zahl unter den novationen als zu niedrig ein.
Vergleichsländern ist. Allerdings befindet sich Im jetzigen wirtschaftlichen Umfeld mit
Sinkt der Innovationsgehalt das Land in guter Gesellschaft mit Deutsch- dem starken Franken und dem steigenden
land, wo der Umsatzanteil der Marktinnova- Preisdruck auf die Unternehmen könnten
neuer Produkte? tionen 6 Prozent beträgt. sich solche Entscheidungen schnell als fol-
Wie sieht es beim Innovationsgehalt von genschwer für die gesamtwirtschaftliche
neuen Produkten aus? Hier deuten zwei In- Kosten als häufigstes Hindernis Entwicklung herausstellen. Aus wirtschafts-
dizien auf eine Abnahme: Erstens gibt es im- politischer Sicht muss deshalb nicht nur die
mer weniger innovierende Unternehmen, die Ein möglicher Grund für den Rückgang der Entwicklung der Innovationsaktivitäten der
F&E betreiben. Und zweitens sinkt der Um- Innovationstätigkeit in der Schweiz ist, dass Unternehmen, sondern insbesondere auch
satzanteil der Marktinnovationen am ge- die Innovationskosten über die Zeit zuge- die Entwicklung der Innovationshemmnisse
samten Umsatz von innovativen Produkten nommen haben. In sämtlichen KOF-Erhebun- genau verfolgt werden.
stark (wobei es hier um Produktinnovationen gen nannten Unternehmen «zu hohe Innova-
geht, die neu für den Markt bzw. die Branche, tionskosten» am häufigsten als wesentliches
und nicht nur für das einzelne Unternehmen, Innovationshindernis.3 Allerdings nahm seine Spyros Arvanitis
Dr. oec. publ., höherer wissenschaftlicher
sind). Falls sich diese beiden Tendenzen fort- Bedeutung über die Zeit ab. Mitarbeiter, KOF Konjunkturforschungs-
setzen, ist das Innovationspotenzial – und so- Vermutlich haben auch Faktoren wie die stelle der ETH Zürich
mit das Wachstumspotenzial – der Schweizer Frankenaufwertungswellen von 2011 bis 2015
Wirtschaft langfristig gefährdet. die Innovationstätigkeit negativ beeinflusst. Florian Seliger
Dr. sc., wissenschaftlicher Mitarbeiter,
In der Periode 2012–2014 meldeten nur Hinzu kommen Hemmnisse wie Fachkräfte- KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH
noch 46 Prozent der innovierenden Unter- mangel oder Finanzierungsprobleme. Es zeigt Zürich
nehmen in der Schweiz F&E-Aktivitäten. Der sich jedoch, dass sich keines der Innovations-
entsprechende Anteil hatte nach der Jahrtau- hemmnisse über die Zeit wesentlich akzen- Andrin Spescha
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, KOF Kon-
sendwende noch 66 Prozent betragen. Für tuiert hat – viele Hemmnisse haben sogar an junkturforschungsstelle der ETH Zürich
die letzte beobachtete Periode zeichnet sich Bedeutung verloren.4 Allerdings stellen Fi-
zwar eine leichte Zunahme des Anteils ab, nanzierungsprobleme für kleinere Unterneh- Tobias Stucki
diese Tendenz ist allerdings auch bei den Ver- men nach wie vor ein beträchtliches Innova- Dr. oec. publ., Postdoc Researcher, Univer-
sität von Jyväskylä, Finnland
gleichsländern festzustellen. Im Gegensatz tionshindernis dar.
zur Schweiz zeigt sich in diesen Ländern aber Die Abnahme des Anteils der innovieren- Martin Wörter
bis 2012 kein starker Rückgang des Anteils der den Unternehmen in der Schweiz scheint also PD Dr. rer. soc. oec., Leiter der Sektion In-
innovierenden Unternehmen, die F&E betrei- nicht auf verschlechterte Rahmenbedingun- novationsökonomik, KOF Konjunkturfor-
schungsstelle der ETH Zürich
ben. Zwar können Innovationen ohne F&E gen zurückzuführen zu sein. Dies legt die Ver-
ebenfalls hohe Erträge erbringen. Da sie aber mutung nahe, dass die Unternehmen ihre In-
auf schrittweisen Veränderungen bestehen- novationsaktivitäten aus betriebsinternen Literatur
der Produkte basieren, verfügen sie – länger- strategischen Überlegungen eingestellt ha- Arvanitis, S., Seliger, F., Spescha, A., Stucki, T. und M.
fristig betrachtet – über kein grosses Markt- ben – beispielsweise vor dem Hintergrund Wörter (2016). Der Innovations-Champion Schweiz
potenzial zunehmender internationaler Konkurrenz in schwächelt, Die Volkswirtschaft, 89(1–2), 53–56.
Arvanitis, S., Seliger, F., Spescha, A., Stucki. und M.
Auch der Umsatzanteil der Marktinnova- gewissen Nischenmärkten wie etwa bei den Wörter (2017). Die Entwicklung der Innovations-
tionen, also derjenigen Produktinnovationen, Messinstrumenten. Mit anderen Worten: Fir- aktivitäten in der Schweizer Wirtschaft 1997–2017,
die einen höheren Innovationsgehalt aufwei- Studie im Auftrag des Seco, Strukturbericht-
3 Vgl. Arvanitis et al (2016) sowie Arvanitis et al. (2017): erstattung Nr. 55, Bern.
sen, hat in der Schweiz seit 2008 stark abge- Grafik 3.4. Europäische Kommission (2016). European Innovation
nommen, zuletzt etwas weniger stark. In der 4 Arvanitis et al. (2017): Grafik 4.3. Scoreboard 2016.

60  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


INVESTITIONEN

Investitionsschwäche in der Schweiz?


Seit der Finanzkrise hat sich die Investitionsquote in der Schweiz unterdurchschnittlich ent-
wickelt. Von einer Investitionsschwäche zu sprechen, wäre aber übereilt, wie die empirische
Evidenz und theoretische Überlegungen zeigen.   Christian Busch, Timothey Nussbaumer,
Philipp Wegmüller

dererseits führen Investitionen in For-


Abstract  Im Zuge der Finanz- und Schuldenkrise wurde weltweit seit 2008 ein subs-
schung und Entwicklung zu Innovation und
tanzieller Rückgang der Investitionstätigkeit registriert. In vielen Ländern haben sich
Produktivitäts­steigerungen.
die Investitionen danach nur sehr langsam erholt, teilweise verharren sie weiterhin
Wird zu wenig investiert, führt dies folg-
unter dem Vorkrisenniveau. Stellt diese Entwicklung eine Investitionsschwäche dar?
lich längerfristig zu einem tieferen Wachs-
Darüber wird intensiv debattiert. Theoretisch und empirisch ist eine Beurteilung der
tumspotenzial. Doch sowohl theoretisch als
optimalen Investitionsquote äusserst schwierig. Für die Schweiz zeigt der vorliegen-
auch empirisch ist es schwierig, zu bestim-
de Beitrag, dass es entgegen der oft geäusserten Befürchtung kaum Hinweise für eine
men, wie hoch die gesamtwirtschaftlich
Schwäche der Gesamtinvestitionen gibt. Dennoch zeigen sich gewisse strukturelle
«optimalen» Investitionen sind.
Entwicklungen, die Anlass zur Sorge geben können. So verschiebt sich der Kapital-
stock immer mehr von Ausrüstungsgütern zu Bauten, und der Anteil der Firmen mit In der öffentlichen Debatte wird oft die
Innovationsaktivitäten hat sich seit den Neunzigerjahren halbiert. nominale Investitionsquote – also das Ver-
hältnis der Bruttoanlageinvestitionen (Bau-
und Ausrüstungsinvestitionen) zum Brutto-
inlandprodukt (BIP) – für die Argumentation

D  as Produktionspotenzial – und da-


mit das langfristige Wachstum – einer
Volkswirtschaft wird bestimmt durch die
sowie durch die eingesetzten Produktions­
techniken. Investitionen sind dabei von zen-
traler Bedeutung: Sie erhöhen einerseits
einer Investitionsschwäche herangezogen:
Diese weist seit den Achtzigerjahren, wie in
vielen anderen Ländern, auch in der Schweiz
Höhe des Kapitalstocks, durch das verfüg- direkt den Kapitalstock, wenn beispiels-
bare Arbeitsvolumen und dessen Qualität weise eine Maschine angeschafft wird. An- Die Preise von Investitionsgütern wie
Computern sind in den letzten Jahren gesunken.

ALAMY

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  61
INVESTITIONEN

einen negativen Trend auf. Eine solche nomi- gerjahren. Seit dem Ausbruch der Finanzkri- Die Goldene Regel
nale Betrachtung ist jedoch mit Vorsicht zu se 2007 verharrt die Quote zudem unter dem
geniessen, denn die Preise der Investitions- langjährigen Durchschnitt – namentlich weil Investitionen sind dadurch wohlfahrtser-
güter – insbesondere von Computer-Hard- die Netto-Ausrüstungsinvestitionen sich mit höhend, dass ein Teil des heutigen Einkom-
und -Software – gehen im Vergleich zu den der Frankenaufwertung schwach entwickel- mens nicht konsumiert, sondern gespart
Konsumgüterpreisen seit längerer Zeit bei ten und zeitweise sogar negativ ausfielen. und in Produktionsanlagen investiert wird.
steigender Qualität zurück. Damit sinkt no- Entsprechend nimmt die Kapitalintensität Dadurch ermöglichen sie in Zukunft ein hö-
minal der Anteil, welcher aus Preis und Men- der Produktion in der Schweiz im internatio- heres Konsumniveau. Entsprechend impli-
ge berechnet wird, auch wenn real ein gleich nalen Vergleich seit geraumer Zeit nur wenig zieren sowohl eine Investitionsquote von 0
hoher Anteil investiert wird; beispielsweise zu; der reale Kapitalstock pro Arbeitsstunde Prozent am BIP als auch eine Quote von 100
gleich viele Maschinen im Vergleich zu Kon- stagnierte gar in der Zeit zwischen 2002 und Prozent den vollständigen Verzicht auf Kon-
sumgütern. 2013.1 sum in Zukunft oder heute. Folglich besteht
Ein geeigneteres Bild liefert die reale In- 1 Vgl. Jäger et al. (2015).
irgendwo dazwischen eine optimale Investi-
vestitionsquote. Mit einem Anteil von durch-
schnittlich knapp 24 Prozent der Bruttoan-
lageinvestition am BIP zwischen 1995 bis Abb. 1: Bruttoanlageinvestitionen ausgewählter Länder (real, in % des BIP,
2016 ist diese in der Schweiz im internatio- 1995–2016)
nalen Vergleich sehr hoch (siehe Abbildung 1).
26    In %
Im Gegensatz zur nominalen Reihe weist die
reale Investitionsquote für die letzten 20 Jah-
re zudem keine strukturelle Abnahme auf.
24

Schweiz bei Nettoinvestitionen


im Mittelfeld 22

Weiter korrigiert wird das Bild durch eine

BFS, EUROSTAT, BEA / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Betrachtung der Nettoinvestitionen, da nur 20

diese effektiv den Kapitalstock erhöhen. Wie


bei einem Auto, das Reparaturen benötigt
18
und mit der Zeit ersetzt wird, muss auch eine
Volkswirtschaft den Kapitalstock erneuern.
Die Wertminderungen (Abschreibungen) 16
müssen durch Investitionen ersetzt werden
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und werden somit den Bruttoinvestitionen


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zugeschlagen.
Bei der realen Nettoinvestitionsquote   Schweiz        USA        Eurozone        Deutschland          Mittelwert Schweiz 1995–2016 (23,7%)
liegt die Schweiz international nur im Durch-
schnitt (siehe Abbildung 2). Dies ist auf hohe
Abschreibungen zurückzuführen, weil die Abb. 2: Nettoanlageinvestitionen ausgewählter Länder (real, in % des BIP,
Schweiz über einen grossen Kapitalstock 1995–2016)
verfügt. Zudem fliessen rund zwei Drittel
10    In %
der gesamten Investitionen in Ausrüstun-
gen. Davon bestehen wiederum 40 Prozent
aus immateriellen Investitionsgütern wie
8
beispielsweise Forschung und Entwicklung
(F&E) oder Software.
Solche Investitionen wirken sich zwar be-
6
sonders positiv auf die Produktivität aus und
sind zu begrüssen. Allerdings verlieren sie re-
lativ schnell an Wert und müssen deshalb
4
nach kurzer Zeit abgeschrieben werden. Dies
BFS, AMECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

führt zur paradoxen Entwicklung, dass – ent-


gegen dem Trend bei den Investitionen – der 2
Anteil der Bauinvestitionen am nicht finan-
ziellen Kapitalstock zulasten der Ausrüstun-
gen zugenommen hat. 0
Längerfristig ist die Nettoinvestitions-
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quote der Schweiz im Trend rückläufig. Dies


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bedeutet, dass der Kapitalstock nicht mehr


gleich stark ansteigt wie noch in den Neunzi-   Schweiz        USA        Eurozone        Deutschland          Mittelwert Schweiz 1995–2016 (4,1%)

62  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


INVESTITIONEN

tionsquote, welche den Konsum insgesamt winnen, was die zusätzlich notwendigen Ab- oder weil der aus den Investitionen resul-
(das heisst heute und in Zukunft) maximiert. schreibungen auf dem Kapitalstock nicht zu tierende Nutzen nebst der investierenden
In der Ökonomie spricht man von der «Gol- decken vermag. Bei einer unter dem Opti- Firma auch anderen Unternehmen zugute-
denen Regel». mum liegenden Investitionsquote bedingt kommt (zum Beispiel sogenannte Wissens-
Vereinfacht sollte gemäss der Goldenen eine Erhöhung der Investitionen ein Abwä- Spill-over aus der Forschung).
Regel so lange mehr investiert werden, bis gen, wie der Konsumverzicht heute gegen-
der zusätzliche Ertrag des Kapitals (der mit über dem Konsumgewinn in Zukunft gewer- Empirische Überprüfung
steigender Investitionsquote abnimmt) der tet wird.
Summe aus Abschreibungsquote und Wachs- Verschiedene Gründe können dazu bei-
schwierig
tumsrate (technischer Fortschritt und Bevöl- tragen, dass eine Volkswirtschaft das opti- So zentral das Konzept der Goldenen Regel
kerungswachstum) entspricht. Denn über male Niveau nicht automatisch erreicht. Bei- theoretisch ist, so schwierig ist seine empi-
diesem Optimum führen höhere Investitio- spielsweise, weil den zukünftigen Genera- rische Überprüfung. Entsprechend kommen
nen nur noch zu geringen Produktionsge- tionen zu wenig Beachtung geschenkt wird Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen
für die Schweiz.2 Vereinfacht gesagt, sollten
die Erträge aus dem Kapitalstock langfristig
Abb. 3: BIP-Wachstumsrate und Kapitalrendite (1997–2011) ausreichen, um diesen konstant zu halten.
7,5    In % Mit anderen Worten: Der Kapitalstock soll-
te proportional zum langfristigen Wachstum
der Gesamtwirtschaft, welches aus techni-
schem Fortschritt, Humankapitalzunahme
5
und Bevölkerungswachstum bestimmt wird,
bleiben. Der Kapitalstock befindet sich somit
nahe dem optimalen Niveau, wenn die Kapi-

BFS, DEMBINSKI ET AL. (2013) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


2,5 talrendite im langfristigen Durchschnitt der
Wachstumsrate der Gesamtwirtschaft ent-
spricht.
0
Neuere Berechnungen im Auftrag des
Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) zur
gesamtwirtschaftlichen Kapitalrendite ge-
ben Hinweise auf diesen Zusammenhang: Im
-2,5 Mittelwert der Jahre 1997 bis 2010 lagen die
Wachstumsrate und die Kapitalerträge rela-
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  Kapitalrendite (WACC, Median über alle Firmen)      tiv nah zusammen (siehe Abbildung 3). Dies
  Wachstum des BIP (zu laufenden Preisen, Veränderung gegenüber Vorjahr) deutet weder auf einen deutlich zu tiefen Ka-
Die Kapitalrendite wurde mit den Kosten für Eigen- und Fremdkapital «Weighted Average Cost of Capital» pitalstock noch auf eine starke Überakkumu-
(WACC) berechnet. Zur Berechnung siehe Dembinski et al. (2013), vgl. auch Knolle (2014). lation von Kapital hin – trotz hohem Kapital-
stock, der grundsätzlich zu tieferen Kapital-
renditen führt.
Abb. 4: Forschung, Entwicklung und Innovation in der Schweiz (1996–2015)
3,2    Anteil am BIP, in % Anteil Firmen, in %    80 Dienstleistungsgesellschaft und
Demografie
Aufgrund von strukturellen Veränderun-
2,4 60 gen kann sich die optimale Investitionsquo-
te über die Zeit verschieben. Der in den meis-
ten fortgeschrittenen Volkswirtschaften zu
BFS, KOF-INNOVATIONSERHEBUNG / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

beobachtende Rückgang der Nettoinvesti-


1,6 40 tionsquote könnte ein Hinweis darauf sein.
In diesem Fall könnte eine «künstliche» Er-
höhung der Gesamtinvestitionen im Hin-
blick auf die Wohlfahrt sogar kontraproduk-
0,8 20
tiv sein.
Im Mittelpunkt solcher Erklärungen ste-
hen der Wandel zur Dienstleistungsgesell-
0 0 schaft und die demografische Alterung.
Wenn der Anteil Personen im erwerbsfähi-
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gen Alter abnimmt, sinken tendenziell auch


    F&E-Ausgaben (Privatwirtschaft) in % des BIP (linke Skala)     das Potenzialwachstum und die Investitions­
  Anteil Firmen mit F&E (rechte Skala)        Anteil Firmen mit Innovation (rechte Skala)
Fehlende Werte für F&E-Ausgaben interpoliert. 2 Vgl. Geerolf (2013) oder Knolle (2013).

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  63
INVESTITIONEN

renditen. Die Zunahme des Dienstleis- eine besondere Bedeutung zu, da sie in der
tungssektors wiederum könnte sich negativ langen Frist zentral sind für Innovation und
auf die Investitionsquote auswirken, da sich technischen Fortschritt und damit die Pro-
dieser im Schnitt durch eine geringere Kapi- duktivitätsentwicklung. Diesbezüglich ist
talintensität auszeichnet. in der Schweiz zwar seit Mitte der Neun-
Mit dem Wandel hin zu einer Dienstleis- zigerjahre der Anteil von F&E am BIP ge-
tungsgesellschaft ist auch eine Änderung stiegen (siehe Abbildung 4). Allerdings ver-
der Investitionsstruktur verbunden, welche teilt sich der Zuwachs auf immer weniger
statistisch nur unzureichend erfasst wird: Firmen. Im gleichen Zeitraum hat sich der Christian Busch
Dr. rer. publ., wissenschaftlicher Berater,
Zwar werden F&E-Ausgaben oder Soft- Anteil der Firmen mit Forschung, Entwick- Ressort Innovation, Staatssekretariat für Bil-
ware als Investitionen berücksichtigt, an- lung und Innovationen etwa halbiert.3 Was dung, Forschung und Innovation (SBFI), Bern
dere Formen nicht physischer Investitionen dies für das langfristige Wachstumspoten-
wie in Mitarbeiterausbildung oder bessere zial bedeutet, bedürfte einer vertiefteren
Prozesse jedoch nicht. Gemäss Schätzun- Abklärung.
gen sind solche Investitionen in Wissen und Die Betrachtung zeigt, dass eine Fo-
Information in den USA bereits doppelt so kussierung auf die Investitionsquote nicht
hoch wie die klassischen Investitionen in ausreicht, um die Diagnose einer Investi-
Maschinen oder Bauten. tionsschwäche zu stellen. Auch mit einem
Ähnliches gilt auch für Investitionen in angemesseneren theoretischen Konzept
Bildung und Humankapital insgesamt, wel- ist die «Optimalität» der Investitions-
Timothey Nussbaumer
che aus Wachstumssicht wichtige Investi- quote jedoch nur schwer zu bestimmen. Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort
tionen darstellen, aber nur zum Teil als sol- Zu beachten ist insbesondere, dass die Wachstum und Wettbewerbspolitik, Staats-
che verbucht werden. Damit wird die volks- Struktur der Investitionen und des Kapi- sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
wirtschaftlich relevante Investitionsquote talstocks – und nicht primär deren Höhe
unterschätzt. Auch die Frage einer Schwä- – ausschlaggebend ist für die Wirkung auf
che öffentlicher Investitionen müsste unter das Wirtschaftswachstum. Zu berück-
diesem Blickwinkel neu beurteilt werden. sichtigen wären überdies zahlreiche wei-
tere Faktoren wie die hohe Sparquote der
Immer weniger Firmen Schweiz, welche mit erheblichen Investi-
tionen im Ausland einhergeht.
investieren in F&E
Bei einer Betrachtung der Gesamtinves- Philipp Wegmüller
titionsquote wird schliesslich auch die Dr. rer. oec., wissenschaftlicher Mitarbeiter,
Struktur der Investitionen vernachlässigt. Ressort Konjunktur, Staatssekretariat für
3 Vgl. Beitrag von Arvanitis et al. (KOF) Wirtschaft (Seco), Bern
So kommt etwa den Investitionen in F&E auf Seite 58.

Literatur
Aghion, Philippe und Peter W. Howitt Geerolf, François (2013). Reassessing Jarrett, Peter und Céline Letremy (2008). OECD (2013). New Sources of Growth:
(1997). Endogenous Growth Theory, Dynamic Efficiency, unveröffentlicht. The Significance of Switzerland’s Knowledge-based Capital – Key Analysis
MIT Press. Griliches, Zvi (1992). The Search for R&D Enormous Current-Account Surplus, and Policy Conclusions.
Dembinski, Paul, Hannah Soissons, Spillovers, Scandinavian Journal of OECD Economics Department Working OECD (2015). OECD Economic Outlook –
Evelyn Kohler und Alain Economics, vol. 94(0): 29–47. Papers. Chapter 3 Lifting Investment for Higher
Schoenenberger (2013). Productivité Jäger, Philipp, Svetlana Rujin, Torsten Knolle, Julia (2014). An Empirical Sustainable Growth.
et rentabilité du capital physique Schmidt und Reto Föllmi (2015). Der Zu- Comparison of Interest and Growth
et financier. Seco Strukturbericht- sammenhang zwischen dem technischen Rates, MPRA Paper 59520.
erstattung Nr. 50/5. Fortschritt, der Investitionstätigkeit und
der Produktivitäts­entwicklung, Struktur-
berichterstattung Nr. 54/4. Studie im
Auftrag des Seco.

64  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


INVESTITIONEN

Investieren in Zeiten des Klimawandels


Die Erderwärmung verändert auch die Risiken und Chancen auf dem Anlagemarkt. Inves-
toren sollten deshalb den Klimawandel als relevantes Phänomen anerkennen und Markt­
prognosen sowie von Unternehmen offengelegte Informationen über die Auswirkungen des
Klimawandels berücksichtigen.   Christian Hofer

vatsektor5, und dessen Interesse am Thema


Abstract  Der Klimawandel beeinflusst die Realwirtschaft ebenso wie die Finanzwirt- dürfte weiter zunehmen: In einer Befragung
schaft. Bereits 2014 wurden insgesamt 394 Milliarden Dollar in ein kohlenstoffarmes
der Global Adaptation and Resilience Invest-
und klimawandelresistentes Wirtschaftswachstum investiert. Um Klimarisiken und
ment Working Group, die über 150 private In-
-chancen bei Investitionsentscheiden adäquat einberechnen zu können, müssen In-
vestoren und andere Interessengruppen ver-
vestoren Marktprognosen und von Unternehmen offengelegte Informationen über
eint, zeigten sich bereits heute 70 Prozent der
Auswirkungen des Klimawandels berücksichtigen. Insbesondere institutionelle Anle-
befragten Portfolioinvestoren an Investitio-
ger sollten die auch von einer G-20-Taskforce empfohlene Offenlegung proaktiv ein-
nen in Klimaanpassungen und in die Wider-
fordern. Sie können dadurch wichtige Impulse für die Transition zu einer nachhaltige-
standsfähigkeit beim Klimawandel interes-
ren Wirtschaft setzen.
siert. Weitere 23 Prozent wollen solche In-
vestitionen in den kommenden ein bis drei
Jahren in Betracht ziehen.6

I  m Mai dieses Jahres haben die Aktionä-


re des amerikanischen Mineralölkonzerns
Exxon Mobil ihr Unternehmen per Resolution
bei Unternehmen zu Produktionsausfällen,
höheren Beschaffungskosten oder rückläu-
figen Absätzen führen. Der weltweit gröss-
Marktprognosen beachten
dazu verpflichtet, Implikationen einer welt- te unabhängige Vermögensverwalter Black Neben Marktrisiken, Liquiditätsrisiken und
weiten CO2-Reduktion transparenter zu ma- Rock rät Kapitalanlegern deshalb, den Klima- operationellen Risiken müssen Investoren bei
chen (siehe Kasten 1).1 Dies, nur wenige Tage wandel nicht zu ignorieren. Selbst Investoren, Investitionsentscheiden künftig also auch die
nachdem US-Präsident Donald Trump laut die wissenschaftliche Erkenntnisse über den Widerstandsfähigkeit bei Klimaereignissen
über den später vollzogenen Austritt der USA Klimawandel bestritten, müssten zumindest und dem Klimawandel vertieft prüfen. Da-
aus dem Pariser UNO-Klimaabkommen nach- die durch die Klimawandeldiskussion verur- bei können sie Marktprognosen beiziehen,
gedacht hatte. Der Entscheid der Aktionäre sachte Flut regulatorischer und technologi- die momentan vermehrt produziert werden.
ist jedoch nicht primär als politische Antwort scher Veränderungen akzeptieren.3 Laut einer kürzlich von Black Rock veröffent-
auf den Richtungswechsel im Weissen Haus Neben Risiken bringen die Anpassung an lichten Studie steigen beispielsweise physi-
zu verstehen. Vielmehr zeigt die Resolution, veränderte klimatische Bedingungen und die sche Klimarisiken und durch den Klimawan-
dass institutionelle Anleger in Zeiten des Bekämpfung des Klimawandels aber auch del verursachte Konjunkturrisiken tendenziell
weltweiten Übergangs zu einer kohlenstoff- neue Geschäfts- und Investitionschancen.
5 Climate Policy Initiative (2015).
armen Wirtschaft ihre Risiken korrekt ein- Laut dem Weltklimarat der Vereinten Na- 6 Global Adaption & Resilience Investment Working
schätzen und die Rentabilität sichern wollen. tionen braucht es alleine im Energieversor- Group (2016).
gungssektor bis 2050 jährlich zwischen 190
Klimawandel bringt Chancen und und 900 Milliarden Dollar. Die Internationa-
le Energieagentur rechnet von 2015 bis 2030
Risiken mit 13,5 Billionen Dollar für die Umsetzung
Kasten 1: Risiken und Chancen des
Klimawandels
Das Weltwirtschaftsforum (WEF) erachtet der von den UNO-Mitgliedsstaaten im Pari-
den Klimawandel als eines der grössten glo- ser Klimaabkommen eingegangenen Klima- Die amerikanische Fondsgesellschaft Black Rock
unterscheidet vier Arten von Risiken und Chan-
balen Risiken unserer Zeit.2 Veränderte kli- verpflichtungen. Davon gehen 8,3 Billionen
cen des Klimawandelsa:
matische Bedingungen können bekanntlich Dollar in die Förderung von Energieeffizienz 1) physische Einwirkungen bedingt durch zuneh-
Überschwemmungen, Trockenheit, Schäd- und der grosse Rest in den Aufbau kohlen- mende und schwerwiegendere Wetterereig-
lingsbefall oder steigende Meeresspiegel stoffarmer Energieproduktionskapazitäten.4 nisse;
2) technologischer Fortschritt etwa in den Be-
auslösen. Der Klimawandel kann auch Infra- Gemäss Climate Policy Initiative – einer reichen Energiespeicherung, elektrische
strukturen gravierend schädigen, neue Regu- auf Finanzierungsfragen spezialisierten inter- Fahrzeuge oder Energieeffizienz, welcher be-
lierungen veranlassen, Konsumverhalten be- nationalen Klimainitiative – wurden bereits stehende Geschäftsmodelle untergräbt;
einflussen oder technologische Veränderun- im Jahr 2014 394 Milliarden Dollar in ein koh- 3) regulatorische Vorschriften wie die Beschrän-
kung von CO2-Emissionen, Energieeffizienz-
gen bewirken. Fehlt die Fähigkeit, mit solchen lenstoffarmes und klimawandelresisten- standards, Steuern oder Subventionen;
eintretenden Risiken umzugehen, kann dies tes Wirtschaftswachstum investiert. 61 Pro- 4) soziale Phänomene wie ein verändertes Kon-
zent dieser Mittel stammten aus dem Pri- sumverhalten oder der Druck von Interessen-
1 Siehe New York Times (2017). Exxon Mobil Sharehol- gruppen, Investitionen in fossile Brennstoffe
ders Demand Accounting of Climate Change Policy abzubauen.
Risks. 3 Black Rock (2016).
2 Siehe World Economic Forum (2017). 4 International Energy Agency (2015). a Siehe Black Rock (2016).

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  65
INVESTITIONEN

KEYSTONE
Rohstoff der Zukunft? Gemäss dem Beratungs-
unternehmen Mercer könnte die Holzwirtschaft
von einer leichten Klimaerwärmung profitieren. wird, ist der prognostizierte Effekt des Kli- se gemessen werden können. Entsprechende
mawandels auf Staatsanleihen in entwickel- Informationen sollten Unternehmen im Jah-
ten Märkten mit wenigen Ausnahmen neut- resbericht publizieren.
bei einem längeren Anlagehorizont. Ein lang- ral. Bei einer Erderwärmung von 2 °C werden Durch die Offenlegung sollen das Vertrau-
fristiger Investitionshorizont kann aber bei gemäss Mercer Anlagen in Schwellenländer- en der Investoren, das Risikomanagement
neuen Technologien von Vorteil sein, die erst Aktien, Infrastruktur, Immobilien, Holz- und und die Unternehmensstrategie gestärkt und
längerfristig Gewinn abwerfen. Demgegen- Landwirtschaft profitieren. Steigt die Erwär- so der Zugang zu Investorenkapital erleich-
über sind kurzfristig orientierte Investoren mung auf 4 °C, würden solche Positionen je- tert werden. Gleichzeitig können Unterneh-
stärker regulatorischen Risiken ausgesetzt. doch verlieren.8 men, die sich zur Offenlegung entschliessen,
Insgesamt glaubt Black Rock aber, dass Ge- allfällige künftige regulatorische Anforderun-
winnstreben und klimabewusstes Investieren Offenlegung von Informationen gen bereits im Voraus erfüllen.9 Bereits im
vereinbar sind. So habe etwa der MSCI Low Herbst 2015 hat nämlich Frankreich als erstes
Carbon Target Index den Aktienindex MSCI
einfordern Land eine gesetzliche Regelung zur umfang-
ACWI übertroffen. Zudem seien global täti- Zusätzlich zu Marktforschungsergebnis- reichen Berichterstattung über Klimarisiken
ge Unternehmen, welche ihren CO2-Fussab­ sen sollten Investoren auch von Unterneh- eingeführt. Der entsprechende Artikel10 be-
druck verringert hätten, generell rentabler als men offengelegte wesentliche Informationen trifft französische börsenkotierte Unterneh-
«CO2-Bummler».7 über den Umgang mit dem Klimawandel bei- men, Banken, Kreditinstitute, Vermögens-
Gemäss einer Studie des Beratungs- ziehen. Nachdem die Task Force on Climate- verwalter und institutionelle Investoren. Ein
unternehmens Mercer dürften insbesonde- related Financial Disclosures der G-20 Ende Jahr später erliess auch die EU eine Richtlinie,
re die Sektoren erneuerbare Energien und Juni 2017 vier Offenlegungsempfehlungen für welche von allen europäischen Pensionskas-
Nuklearenergie vom Klimawandel profitie- Unternehmen abgegeben hat, dürften Unter- sen eine Einschätzung der Klimawandelrisi-
ren. Kohle, Öl und Stromversorgungsbetrie- nehmen solche Informationen in Zukunft ken verlangt.
be könnten demgegenüber am negativs- vermehrt zugänglich machen. Die von über Die Offenlegung von Informationen über
ten betroffen sein. Ein ungleiches Bild zeigt 100 namhaften Unternehmen mitunterzeich- den Umgang mit dem Klimawandel kann
sich auch bei den Anlageklassen: Während neten Empfehlungen betreffen die Gouver- auch für die Einstufung der Kreditwürdigkeit
die Rendite von Eigenkapital in entwickel- nanz, die Strategie, das Risikomanagement
ten Märkten voraussichtlich zurückgehen sowie die Ziele der Offenlegung und wie die- 9 Task Force on Climate-related Financial Disclosures
(2017).
10 Artikel 173 des Loi de Transition Energétique pour la
7 Black Rock (2016). 8 Mercer (2015). Croissance Verte.

66  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


INVESTITIONEN

nen. Statt zuzuwarten, bis der entsprechen-


Kasten 2: Klimafinanzierung der Interamerikanischen Entwicklungsbank
de rechtliche Rahmen für eine umfassendere
Als regionale Entwicklungsbank gesellschaft, welche mit dem rikas und der Karibik bei der Errei- Offenlegung gesetzt werden muss, soll-
für Lateinamerika und die Karibik Privatsektor zusammenarbeitet, chung ihrer international verein-
hat sich beispielsweise die Inter- und der Multilaterale Entwick- barten Klimaziele unterstützen. ten Investoren Verantwortung übernehmen,
amerikanische Entwicklungs- lungsfonds. Die Gruppe verfolgt Bis 2020 will die Gruppe 30 Pro- proaktiv agieren und selbst zur Verbesse-
bank-Gruppe (IADB-Gruppe) das Ziel, mittels Investitionen zent ihres Geschäftsvolumens in rung der Marktinformation beitragen – ge-
konkrete Klimafinanzierungszie- und technischer Zusammenarbeit die Klimafinanzierung investieren.
le gesetzt. die nachhaltige Entwicklung La- Die Schweiz ist Mitglied aller
nau so, wie dies die Aktionäre von Exxon Mo-
Zur Interamerikanische-Ent- teinamerikas und der Karibik zu drei Institutionen der IADB-Grup- bil getan haben.
wicklungsbank-Gruppe gehören fördern. pe. Das Engagement der Bank im
die Interamerikanische Entwick- 2016 hat die IADB-Gruppe ihr Bereich Klimafinanzierung ist für
lungsbank, welche Kunden des Klimafinanzierungsvolumen auf die Schweiz prioritär.
öffentlichen Sektors bedient, die gut 4 Milliarden Dollar erhöht. Sie
Interamerikanische Investitions- will damit die Länder Lateiname-

relevant sein. Ratingagenturen haben in den welt und Gesellschaft. Insbesondere kapi-
letzten Jahren Methoden entwickelt, um die talstarke institutionelle Investoren verfügen
mit dem Klimawandel verbundenen mate- über ein enormes Potenzial, durch klimage-
riellen Risiken zu berücksichtigen. Standard rechtes Investieren wichtige Impulse zu set- Christian Hofer
and Poor’s zeigte beispielsweise bereits vor zen und die Transition zu einer nachhaltige- Dr. iur., ehemaliger Vertreter der Schweiz
einem Jahr, wie Klimarisiken bei der Einstu- ren und kohlenstoffarmen Wirtschaft zu be- bei der Interamerikanische-Entwicklungs-
fung der Kreditwürdigkeit von Finanzunter- günstigen. Auch Entwicklungsbanken wie bank-Gruppe (2013–2017), Washington D.C.
nehmen analysiert werden.11 Nicht identifi- etwa die Weltbankgruppe nehmen eine Son-
zierte und reflektierte Klimarisiken dürften derrolle ein. Viele Entwicklungsbanken ha-
Literatur
sich also mittelfristig negativ auf die Kredit- ben sich bereits konkrete Klimafinanzie- Black Rock (2016). Adapting Portfolios to Climate
würdigkeit auswirken. rungsziele gesteckt (siehe Kasten 2). Als öf- Change. Implications and Strategies for All Investors.
fentlich finanzierte Finanzinstitute stehen Climate Policy Initiative (2015). Global Landscape of
Climate Finance 2015.
Verantwortung wahrnehmen sie besonders in der Pflicht, wesentliche In- Global Adaptation & Resilience Investment Working
Group (2016). Bridging the Adaption Gap: Approaches
formationen über die Auswirkungen des to Measurement of Physical Climate Risk and
Auf Offenlegung wesentlicher Informatio- Klimawandels auf ihr eigenes Geschäft of- Examples of Investment in Climate Adaption and
Resilience.
nen über die Auswirkungen des Klimawan- fenzulegen und bei der Finanzierung von International Energy Agency (2015). World Energy Out-
dels zu bestehen und diese bei Investitions- Unternehmen auf die Offenlegung solcher look Special Briefing for COP21.
Mercer (2015). Investing in a Time of Climate Change.
entscheiden mit einzubeziehen, ist nicht nur Informationen zu beharren. S&P Global (2016). Climate Change-Related Legal and
für die Gewinnmaximierung wichtig. Es han- Für die Gewinnmaximierung und die effi- Regulatory Threats Should Spur Financial Service
Providers to Action.
delt sich auch um eine Frage der unterneh- ziente Kapitalallokation in Zeiten des Klima­ Task Force on Climate-related Financial Disclosures
merischen Verantwortung gegenüber Um- wandels müssen Investoren Klimarisiken (2017). Recommendations of the Task Force on
Climate-related Financial Disclosures: Final Report.
und -chancen korrekt bewerten und bei In- World Economic Forum (2017). The Global Risks Report
11 S&P Global (2016). vestitionsentscheiden berücksichtigen kön- 2017.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  67
EXPORTRISIKOVERSICHERUNG

Zehn Jahre im Dienste der Exporteure


Die Schweizerische Exportrisikoversicherung existiert seit zehn Jahren. Von ihr haben
­viele kleine und mittlere Exportunternehmen profitiert. Um die Wettbewerbsfähigkeit der
Schweizer Infrastrukturunternehmen zu sichern, muss sich die Schweiz weltweit für mehr
Transparenz bei der Exportförderung einsetzen.   David Drysdale, Martin Gisiger

Abstract  Viele staatliche Exportfinanzierungsagenturen fokussieren sich heute auf den Mitgliedern gleich lange Spiesse schaffen
zwei Tätigkeitsgebiete, wo das private Angebot ungenügend ist: die Unterstützung und die Subsidiarität gegenüber privaten An-
der Exportfinanzierung in Entwicklungs- und Schwellenländern sowie im langfristi- bietern fördern.
gen Infrastrukturbereich. In der Schweiz übernimmt diese Aufgabe die Schweizeri- Als Nischenanbieter arbeiten ECA ins-
sche Exportrisikoversicherung (Serv), die 2007 gegründet wurde. In der Finanz- und besondere in der langfristigen Infrastruk-
Wirtschaftskrise wurde ab 2009 ihre Produktpalette erweitert, doch es zeigt sich, tur-Exportfinanzierung, wo die Sektorab-
dass andere europäische Länder noch viel weiter gingen. Weltweit haben zudem vie- kommen des OECD-Konsensus massgebend
le Staaten ihre nationalen Wertschöpfungskriterien flexibilisiert. Auch der Bundes- sind. Für die Serv steht vor allem das Schie-
rat hat darauf reagiert, indem er die Ausnahmeregelung zur 50-prozentigen schwei- nenverkehrsabkommen im Vordergrund.3 Die
zerischen Wertschöpfungsanforderung präzisierte. Um auch in Zukunft einen fairen Schweiz unterstützt neben der Weiterent-
Wettbewerb zwischen Exporteuren bei langfristigen Infrastrukturprojekten gewähr- wicklung des Konsensus auch stärkere Stan-
leisten zu können, wird die Förderung der Transparenz unverzichtbar sein. dards im Umwelt- und Sozialbereich.

Konkurrenz aus China und Russ-


land
D  ie staatliche Schweizerische Export-
risikoversicherung (Serv) kann im Jahr
2017 auf eine über zehnjährige Tätigkeit im
setzung der offiziellen Exportfinanzierung in
den letzten Jahren, zurückzuschauen und an-
schliessend einige Herausforderungen und
Vor zwanzig Jahren waren die OECD-Länder
im staatlichen Exportfinanzierungsgeschäft
Dienste der schweizerischen Exporteure zu- Entwicklungen zu reflektieren. noch unter sich. Heute bieten auch viele
rückblicken. Die Serv strebt die Schaffung Nicht-OECD-Länder offizielle Exportfinanzie-
und Erhaltung von Arbeitsplätzen in der Die Schweiz unterstützt stärkere rungen an. So etwa Brasilien bei Transportflü-
Schweiz und die Erleichterung der Teilnah- gen, Russland im Nuklearenergiesektor und
me der schweizerischen Exportwirtschaft am
Standards China im Energie- sowie im Transportsek-
internationalen Wettbewerb an.1 Dazu bie- Die internationale Standardsetzung bei den tor. Für die OECD-Mitglieder stellen sie star-
tet sie Versicherungen und Garantien an, die Exportkrediten nahm vor rund 50 Jahren ihren ke Konkurrenten im langfristigen Transport-
Schweizer Exportunternehmen Schutz vor Anfang. Der sogenannte OECD-­Konsensus2 und Energieinfrastrukturgeschäft dar.
Zahlungsausfall bieten und die Exportfinan- ist auf eine dynamische Marktumgebung ab- Brasilien nimmt aktiv am OECD-Flugzeug­
zierung erleichtern (siehe Kasten 1).  Die Er- gestimmt und fördert die Transparenz und sektorabkommen teil und hält sich an die
reichung dieser Oberziele ist in einem dyna- die Berechenbarkeit der offiziellen staatli- Auflagen des Konsensus. Allerdings wer-
mischen, globalen Wettbewerbsumfeld eine chen Exportkreditagenturen (Export Cre- fen Chinas Exportfinanzierungsprogram-
ständige Herausforderung. Es ist deshalb ein dit Agencies: ECA). Der Konsensus soll unter me im Allgemeinen und die Exportfinanzie-
guter Moment, um zuerst auf die wichtigsten rung Russlands bei der Nuklearenergie Fra-
globalen Entwicklungen, inklusive Standard- 2 Am ersten Gipfel der G-6-Länder 1975 wurde verein- gen auf. Es gibt aber auch OECD-Länder,
bart, dass es internationale Regeln brauche, um mög- welche kreditähnliche Finanzierungen anbie-
liche Marktverzerrungen durch die offizielle Export­
1 SERVG Art. 5 kreditvergabe zu vermeiden. ten, bei welchen nicht klar ist, ob diese nicht
auch unter die Richtlinien des Konsensus fal-
len sollten.4 Der OECD-Konsensus ist ein so-
genanntes Gentlemen’s Agreement und des-
Kasten 1: Was macht die Schweizerische Exportrisikoversicherung (Serv)? halb auf die Transparenz und Kooperation der
Die Serv deckt politische Risi- nicht oder nur unzureichend Der Bundesrat beaufsichtigt die einzelnen Mitglieder angewiesen.5 Einige un-
ken und das Delkredererisiko abdecken. Ihre Angebote ste- Serv, wählt den Verwaltungsrat regulierte Programme fallen jedoch nicht
beim Export von Gütern und hen jedem Unternehmen offen, und definiert die strategischen
Dienstleistungen. Die Lösungen das seinen Sitz in der Schweiz Ziele für jeweils vier Jahre. Sie
3 Die Sektorabkommen des OECD-Konsensus: Kernkraft-
der Serv tragen dazu bei, dass hat. Es gelten keine Mindest- arbeitet als Organisation eigen- werke, Kohlekraftwerke, Schiffe, Zivilflugzeuge, Schie-
Unternehmen einfacher günsti- grössen beim Auftragsvolumen, wirtschaftlich und erhebt dazu nenverkehr und Projekte in den Bereichen erneuerbare
ge Kredite oder eine höhere Kre- das versicherte Exportgeschäft risikogerechte Prämien. Energien, Klimaschutz und -anpassung sowie Wasser.
ditlimite erhalten, und helfen muss jedoch einen bestimmten Am 1. Januar 2007 löste die 4 Übersicht des Arrangements auf Englisch unter
ihnen damit, beim Export ihre schweizerischen Wertschöp- Serv die Exportrisikogarantie Oecd.org.
5 Als sogenanntes Gentlemen’s Agreement ist es – mit
Liquidität zu wahren. fungsanteil enthalten. ERG ab.
Ausnahme der EU, wo es Gesetz ist – nur über die Me-
Die Serv versichert Expor- Die Serv ist eine öffentlich- chanismen der Welthandelsorganisation (WTO) ein-
te, welche private Versicherer rechtliche Anstalt des Bundes. klagbar.

68  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


EXPORTRISIKOVERSICHERUNG

unter den Konsensus: OECD-Länder wie Ja- geworden sind. In den vergangenen Jahren ist die Deckungssätze der ECA in der Regel tie-
pan und Südkorea nutzen vorwiegend solche es für KMU schwieriger geworden, kleinere fer als 100 Prozent sind, ist es für die kom-
Programme, die dazu dienen, mit den chine- Transaktionen – sogenannte kleine Tickets – merziellen Banken schwieriger, ihre Kredite
sischen Exportfinanzierungsprogrammen zu durch die Banken finanzieren zu lassen. Eine im Sekundärmarkt zu platzieren. Einige euro-
konkurrieren. Risikoanalyse eines kleinen Geschäfts kann päische ECA haben deshalb ihr Angebot um
Die im Jahre 2011 eingesetzte Internatio- aufwendig sein. Neben den kleineren sind die direkte Exportfinanzierung oder die Liqui-
nale Arbeitsgruppe für Exportkredite (IWG) aber auch die grossen Exporttransaktionen ditätsunterstützung ergänzt (siehe Tabelle).
hat zur Aufgabe die neuen Akteure einzu- betroffen. Die neue Bankenregulierung unter
binden. Neben den OECD-Ländern gehö- Basel III mit dem Fokus auf Liquidität und Ver- Der Bundesrat reagiert
ren auch die wichtigsten neuen Konkurren- schuldungsobergrenzen hat auch den Druck
ten wie Brasilien, China und Russland zu den auf die kommerziellen Banken, die langfristi- Auch der Bundesrat hat rasch auf die Heraus-
Teilnehmern. Die Schweiz nimmt an den IWG- gen Bilanzaktiva zu reduzieren, erhöht. Hier- forderungen der Finanz- und Wirtschaftskri-
Verhandlungen aktiv teil mit dem Ziel, ein von waren insbesondere die Grossgeschäfte se reagiert, indem er ein Stabilisierungspro-
Nachfolge-Arrangement mit einem breiteren im Infrastrukturbereich betroffen. gramm lancierte, welches es auch der Serv
Teilnehmerkreis zu schaffen. Aufgrund der Um den Druck zu vermindern, haben ein- erlaubte, zeitlich limitiert drei neue Produkte
unterschiedlichen Interessenlagen sowie der zelne Banken angefangen, anstatt die Ex- anzubieten: Bondgarantien, Fabrikationskre-
Heterogenität der Exportfinanzierungssys- portfinanzierung in den eigenen Büchern zu ditversicherungen und Refinanzierungsga-
teme handelt es sich dabei allerdings um ein führen, ihre diesbezüglichen Forderungen rantien. Diese Produkte wurden Anfang 2016
längerfristiges Unterfangen. Das Ziel ist es, im Sekundärmarkt zu platzieren. Die staatli- ins ordentliche Recht übergeführt. Ziel war
ähnlich wie beim Konsensus auch in der IWG che amerikanische Export-Import-Bank (US- es, mit der Ausweitung der Produktpalette
einen neuen Standard auszuhandeln, welcher Exim) gewährt 100 Prozent Exportfinanzie- die internationale Wettbewerbsfähigkeit der
die Transparenz fördert. rungsdeckung, was die Weiterplatzierung Serv selber auch inskünftig zu gewährleisten.
erleichtert. Im US-Sekundärmarkt entspre- Die Serv-Produktpalette erleichtert die Ex-
Finanz- und Wirtschaftskrise chend aktiv ist die private Exportfinanzie- portfinanzierung der Banken in wichtigen
rungsunternehmung Pefco.6 In Europa, wo Marktnischen zugunsten der Exporteure.
Die Finanzkrise führte 2007 zu einem System- Im Gegensatz zu vielen ECA in Europa bie-
6 Die Pefco ist ein Gemeinschaftswerk der kommerziellen
schock, durch den die kommerziellen Banken Banken, Industrie- sowie Finanzdienstleistungsunter-
tet die Serv keine direkte Finanzierung und
bei der Exportfinanzierung zurückhaltender nehmen in den USA. keine Investitionsrisikoversicherung an. Mit
der Erweiterung der Produktpalette konn-
te die private Exportfinanzierung durch den
Produktangebot der Exportkreditanstalten nach Ländern Finanzmarkt in der Schweiz jedoch gezielt
unterstützt werden. Ziel war es, die Zurück-
Land / Produkt Exportrisiko­ Liquiditäts­ Direkte Investitionsrisiko- haltung der Banken bei kleineren Transaktio-
versicherung unterstützung Finanzierung versicherung
nen anzugehen.
Australien

Dänemark

Deutschland
Kasten 2: Unterschiedliche Wert-
Frankreich schöpfungskriterien
Italien Die wichtigsten Gründe für die Unterschiede in
den Wertschöpfungskriterien sind:
Japan Grösse der Volkswirtschaft: Die Grösse der
US-Volkswirtschaft beispielsweise erlaubt es
Kanada
Exporteuren, ihre Zulieferungen vielfach im
Neuseeland Binnenmarkt zu beziehen. Um im internatio-
nalen Standortwettbewerb mithalten zu kön-
Niederlande nen, wenden kleinere Volkswirtschaften bei
der Unterstützung ihrer Exporteure deshalb in
Norwegen der Regel flexiblere nationale Wertschöpfungs­
kriterien an.
Österreich Ordnungspolitische Haltung: Einige OECD-­
Länder betreiben eine aktive Industriepolitik. Es
Portugal
gibt Fälle, in denen Exporte sogenannter natio-
DRYSDALE UND GISIGER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Schweden naler Champions mit geringen nationalen Wert-


schöpfungsauflagen von ECA in Deckung ge-
Schweiz * nommen werden.
Wirtschaftliche Notwendigkeit: Die grossen,
Südkorea asiatischen Volkswirtschaften sind alle bedeu-
tende Importeure von Rohstoffen. Die Sicherheit
Vereinigtes Königreich der Energieversorgung geniesst hohe Priorität.
Vereinigte Staaten (USA) Die ECA Japans, Südkoreas und Chinas vertreten
dort, wo ihre strategischen Interessen als Roh-
  Ja             Nein             Keine Angaben stoffabnehmer im Vordergrund stehen, hinsicht-
lich der Wertschöpfungskriterien eine liberale
* Neue Serv-Produkte Haltung.

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  69
EXPORTRISIKOVERSICHERUNG

Schweiz pragmatisch auf die Herausforde-


Anteil der ausländischen Wertschöpfung bei globalen Exporten (1995–2014)
rung der Ausweitung globaler Wertschöp-
26      in %
fungsketten reagiert.

Internationale Transparenz ist


24 zentral
In ihren ersten zehn Jahren konnte die Serv
ihre Kapitalbasis erfolgreich ausbauen, was
22 den Exporteuren zugutekommt. Damit
die Serv auch weiterhin wettbewerbsfähi-
ge Dienstleistungen anbieten kann, müssen
20 Produktangebot und Wertschöpfungskri-
terien in anderen Ländern im Auge behalten
werden.

OECD / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Es ist heute schwierig, abzuschätzen, wie
18
sich die ECA-Dienstleistungen und die inter-
nationalen Standards in der offiziellen Ex-
portfinanzierung in den nächsten zehn Jah-
16 ren weiterentwickeln. Um einen fairen Wett-
1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 bewerb gewährleisten zu können, wird die
Förderung der Transparenz massgebend sein.
Doch hinsichtlich der grossen Systemunter-
Dank der Einführung der Liquiditäts- port- und Kommunikationskosten erlaubt es schiede bei der offiziellen Exportfinanzierung
produkte verzeichnet die Serv eine stärke- Firmen heute, ihre eigenen globalen Wert- stellt dies eine Herausforderung dar. Trotz
re Nachfrage seitens kleiner und mittleren schöpfungsketten aufzubauen. Dabei hängt dem schwierigen Marktumfeld hat die Serv
Unternehmen (KMU).  KMU bilden den Rück- der Exporterfolg auch stark von der Fähigkeit durch gezielte Anpassungen bisher ihre Wett-
grat der inländischen Beschäftigung.7 Dies ist ab, ausländische Zulieferungen bzw. Vorleis- bewerbsfähigkeit erhalten können.
einer der Gründe, wieso ECA einschliesslich tungen sicherzustellen («import sourcing»).
der Serv vermehrt in Informationstechnolo- Ein Indiz dieser längerfristigen Entwicklung
gien investieren mit dem mittelfristigen Ziel, ist der steigende ausländische Wertschöp-
die operativen Kosten für KMU-Dienstleis- fungsanteil bei globalen Exporten (siehe Ab-
tungen zu senken. Dazu gehört auch das von bildung).
der Serv entwickelte webbasierte Antrags- In den letzten zehn Jahren konnte bei vie-
portal inklusive Prämienkalkulator. len ECA in OECD-Ländern eine zunehmende
Flexibilisierung der nationalen Wertschöp-
Flexiblere Wertschöpfungs- fungskriterien beobachtet werden. Die ECA-
Wertschöpfungskriterien sind international
kriterien nicht standardisiert, und es gibt daher zwi-
David Drysdale
Leiter des Sekretariats der OECD-Export-
Offizielle Exportkredite sind traditionell ein schen den Ländern teilweise grosse Unter- kreditgruppe, Paris
Instrument zur Schaffung und Erhaltung schiede (siehe Kasten 2).
von Arbeitsplätzen und damit zur Förde- In Abstimmung mit der Teilrevision des
rung der inländischen Wertschöpfung. Des- Exportrisikoversicherungsgesetzes (SERVG)
halb haben staatliche ECA früher vor allem hat auch der Bundesrat 2015 eine Teilrevi-
Exporte mit einem hohen nationalen Wert- sion der Serv-Verordnung genehmigt, wel-
schöpfungsanteil unterstützt. In den letzten che unter anderem die Ausnahmeregelung
Jahrzehnten avancierten globale Wertschöp- zur 50-prozentigen schweizerischen Wert-
fungsketten zum wichtigen Merkmal des schöpfungsanforderung präzisierte8 und so
Welthandels. Der starke Rückgang der Trans- der Serv mehr Flexibilität einräumte, um ihre
Kunden zu unterstützen. Damit hat auch die Martin Gisiger
7 Siehe Strategische Ziele des Bundesrats für die SERV Stellvertretender Ressortleiter Export-
für die Periode 2016–2019, Kapitel 1.3, Zugang der KMU förderung/Standortpromotion, Staats­
zu den Exportfinanzierungsinstrumenten fördern. On- 8 Siehe Erläuterungen zur Änderung der SERV-V, Juni sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
line unter Seco.admin.ch. 2015. Online unter Admin.ch.

70  Die Volkswirtschaft  11 / 2017


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2016 2/2017 1/2017 4/2016 3/2016
Schweiz 1,3 Schweiz 0,3 0,3 0,1 0,1
Deutschland 1,9 Deutschland 0,6 0,7 0,4 0,2
Frankreich 1,2 Frankreich 0,5 0,5 0,5 0,2
Italien 0,9 Italien 0,4 0,4 0,2 0,3
Grossbritannien 1,8 Grossbritannien 0,3 0,2 0,7 0,5
EU 1,9 EU 0,6 0,5 0,6 0,4
USA 1,6 USA 0,8 0,3 0,5 0,9
Japan 1,0 Japan 1,0 0,4 0,3 0,2
China 6,7 China 1,7 1,3 1,7 1,8
OECD 1,7 OECD 0,7 0,5 0,7 0,5

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2016 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2016 2016 2/2017
Schweiz 63 616 Schweiz 4,6 Schweiz 4,4
Deutschland 49 077 Deutschland 4,1 Deutschland 3,9
Frankreich 41 945 Frankreich 9,9 Frankreich 9,6
Italien 37 964 Italien 11,7 Italien 11,2
Grossbritannien 42 898 Grossbritannien 4,8 Grossbritannien –
EU 38 918 EU 8,6 EU 7,7
USA 57 325 USA 4,9 USA 4,4
Japan 41 694 Japan 3,1 Japan 2,9
China – China – China –
OECD 42 096 OECD 6,3 OECD 5,8

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Vor- Veränderung in % gegenüber dem
jahr ­Vorjahresmonat
2016 August 2017
Schweiz 0,0 Schweiz 0,5
Deutschland 0,5 Deutschland 1,8
Frankreich 0,2 Frankreich 0,9
Italien –0,1 Italien 1,2
Grossbritannien 0,7 Grossbritannien 2,9
EU 0,3 EU 1,7
SECO, BFS, OECD

USA 1,3 USA 1,9


Japan –0,1 Japan –
China 2,0 China 1,8
Weitere Zahlenreihen
OECD 1,1 OECD 2,2
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss ILO (Internationale Arbeitsorganisation).

Die Volkswirtschaft  11 / 2017  71
Bio boomt
Nirgendwo wird so viel für Bioprodukte ausgegeben wie in der Schweiz: 2016 hat der Umsatz mit Produkten aus ökologisch
kontrollierten Biobetrieben gegenüber dem Vorjahr um 7,8 Prozent zugenommen und lag bei 2,5 Milliarden Franken. Im Kanton
Graubünden produzierten bereits rund 60 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe gemäss den Richtlinien von Bio Suisse.
­Deutlich weniger sind es in Appenzell Innerrhoden mit einem Anteil von rund 5 Prozent.

Jährlicher Pro-Kopf-Konsum von Bioprodukten pro Land (2015; nominal)

WILLER HELGA AND JULIA LERNOUD (EDS.) (2017). THE WORLD OF ORGANIC AGRICULTURE. STATISTICS AND EMERGING TRENDS 2017. RESEARCH INSTITUTE OF ORGANIC AGRICULTURE (FIBL),
262 € 177 €

Schweden

191 € 127 €

83 €

FRICK, AND IFOAM – ORGANICS INTERNATIONAL, BONN / BIO SUISSE (2017). BIO IN ZAHLEN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Schweiz Dänemark Österreich
Frankreich
106 €
111 €

USA Deutschland

Bio-Anteil an der gesamten Landwirt-


schaftsfläche pro Land (2015)
Österreich
21,3%
Schweden
16,9% Estland
16,5%
Schweiz Lettland Italien Tschechien
13,1% 12,8% 11,7% 11,3% Finnland
10,0%

Anteil der Biobetriebe pro Kanton (2015)


nur direktzahlungsberechtigte Betriebe
59,5%
31,0%
12,4%
11,4%
5,2%

Grau-
72  bünden
Die Volkswirtschaft  11 / 2017
Obwalden Wallis Bern
Appenzell
Innerrhoden
VORSCHAU

88e année   N°5 /2017
90. Jahrgang   Nr. 5 /2015 sFr.
Frs.12.–
12.–

La
DieVie économique
Volkswirtschaft
Plattformdefür Wirtschaftspolitik
Plateforme politique économique

FOKUS

Wie geht es der Mittelschicht?


Die Mittelschicht ist Trägerin der Gesellschaft. In der Schweiz gehören ihr gemäss Bundesamt für
Statistik 60 Prozent aller Haushalte an. Doch in Bezug auf Einkommen, Bildung und Erwerbssituation
ist sie alles andere als homogen. Mit der zunehmenden Globalisierung und Digitalisierung kommt die
Mittelschicht vermehrt unter Druck, bislang im Ausland noch stärker als in der Schweiz. Lesen Sie mehr
zum Thema in der nächsten Ausgabe.

Schweiz mit stabiler Mitte


Professor Christoph Schaltegger und Christian Frey, Universität Luzern

Die Mittelschicht im Spiegel der Steuerstatistik


Professor Bruno Jeitziner und Rudi Peters, Eidgenössische Steuerverwaltung

Wer entscheidet, was die Kinder für eine Ausbildung machen?


Professor Stefan C. Wolter, Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung

So veränderte sich die Erwerbsbevölkerung in verschiedenen Berufen


zwischen 1970 und 2010
Professor Daniel Oesch, Universität Lausanne

Reale Veränderungen oder gefühlte Entwicklungen?


Michael Forster, OECD

Wie geht es der Mittelschicht in Europa?


Interview mit Professor Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts
für Wirtschaftsforschung