Sie sind auf Seite 1von 72

90. Jahrgang   Nr. 10/2017 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

DIE STUDIE INTERVIEW FÖDERALISMUS ARBEITSMARKT


Governance und Rendite bei Finanzminister Ueli Maurer Bedenkliche Strukturwandel in der
Pensionskassen über Effizienz in der Zentralisierungstendenzen Schweiz gut gemeistert
33 Verwaltung 42 49
38

FOKUS
Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ökonomische Perspektiven
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen! der Berggebiete
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Muss man Berggebiete fördern?


Waren Sie im Sommer in den Bergen wandern und haben die Natur und die
ausserordentliche Landschaft genossen?
Möglicherweise konnten Sie sich lange Warteschlangen bei den Bergbahnen
ersparen. Denn der starke Franken hält immer noch viele ausländische Gäste
davon ab, in die Schweiz zu reisen. Doch das ist nur eines von vielen Proble-
men der Berggebiete. Auch die Überalterung, die Abwanderung der Bevölke-
rung und die Schwächung der lokalen Wirtschaft setzen ihnen zu.
So hat in diesem Frühjahr der Bundes-
rat vom Parlament den Auftrag entgegen-
genommen, einen Bericht über die lang-
fristige wirtschaftliche Entwicklung des
Alpenbogens vorzulegen. Bereits heute
stehen ihm viele Förderinstrumente zur
Verfügung, die zu einer kohärenten Raum-
entwicklung beitragen. Der Bund solle die
Politik für die Berggebiete allerdings noch
weiter schärfen, so die Forderung.
Daniel Müller-Jentsch von Avenir Suisse
setzt auf Gemeindefusionen und Spezialisierung im Tourismus. Zudem
spricht er an, was viele nicht anzusprechen wagen: In gewissen Gebieten ist
wohl auch Schrumpfung beziehungsweise ein geordneter Rückzug angesagt.
Die Regierungskonferenz der Gebirgskantone will die Wirtschaftsstandorte
in den Berggebieten stärken. Die Digitalisierung sieht sie als Chance. Zudem
will sie die Verkehrswege und Telekommunikationsmöglichkeiten verbes-
sern und fordert eine Lockerung der administrativen Hürden.
Einen Trend zu Regulierung und Zentralisierung macht auch Finanzminis-
ter Ueli Maurer aus. Im Interview sagt er, dass er nächsten Frühling mit den
Kantonen über ein neues Finanzausgleichspaket sprechen will. Und: In der
Bundesverwaltung müsse die betriebswirtschaftliche Denkweise gefördert
werden.
In eigener Sache: Die Volkswirtschaft ist neu als Gratis-App auch für alle
Smartphones und zusätzlich für Android-Tablets verfügbar. Wir freuen uns
über jede Rückmeldung.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Susanne Blank und Nicole Tesar
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

Fokus

6 10 16
Der Bund muss seine Strategien zur Das Berggebiet ist auch ein
Berggebietsförderung Erschliessung neuer Wirtschaftsstandort
überprüfen Wertschöpfungsquellen Christian Vitta
Annette Spoerri Staatssekretariat für Wirtschaft Regierungskonferenz der Gebirgskantone
Daniel Müller-Jentsch Avenir Suisse

20 23 26
Zusammenarbeit im Ein Kümmerer für die Region Braingain anstatt Braindrain
Alpenraum: Roger Michlig, Esther Schlumpf Peder Plaz Wirtschaftsforum Graubünden
Wirtschaftszentrum Oberwallis
Netzwerke für die Zukunft
Sébastien Rieben
Bundesamt für Raumentwicklung

b b b
STANDPUNKTE

30
Das administrative Korsett ist
zu eng
Thomas Egger  Schweizerische
Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete
33 36
DIE STUDIE EINBLICK

31 Gut geführte Wie Verhaltensdesign die


Wir sind alle Bergler! Pensionskassen weisen Gleichstellung
Raimund Rodewald höhere Performance aus revolutionieren kann
Stiftung Landschaftsschutz Schweiz Manuel Ammann, Christian Ehmann Iris Bohnet
Universität St. Gallen Harvard University
INHALT

Themen
38 42
FÖDERALISMUS

«Das Parlament handelt Verflechtungen bedrohen


Föderalismus
widersprüchlich» Christoph A. Schaltegger
Universität St. Gallen
Marc M. Winistörfer, Luca Fässler
Universität Luzern

Im Gespräch mit
Bundesrat Ueli Maurer 52
BESTEUERUNG VON JUNGUNTERNEHMEN

Reformpotenzial bei
Unternehmenssteuern
Martin Godel
46 49 Staats­sekretariat für Wirtschaft
Peter Schwarz
PERSONENVERKEHR ARBEITSMARKT Eidgenössische Steuerver­waltung

Flankierende Massnahmen – Strukturwandel dank hoch


ein unangemessenes qualifizierten Arbeitskräften
Schutzdispositiv? gut gemeistert
Valentine Mauron, Daniel Baumberger Sarah Bouchiba-Schaer, Bernhard Weber
Staatssekretariat für Wirtschaft Staatssekretariat für Wirtschaft

55 58 60
WETTBEWERBSRECHT ENERGIE UND UMWELT
FINANZMÄRKTE
Digitales Wettbewerbsrecht Öffentliche Forstbetriebe:
Rückgang des
ist überflüssig Potenzial für
Korrespondenzbanken-
Christian Jaag Swiss Economics Effizienzsteigerungen
geschäfts Samuel Rutz Avenir Suisse Milad Zarin-Nejadan, Alexander Mack
Julie Tomka Universität Neuenburg
Staatssekretariat für internationale ­Finanzfragen

Spots

i 63
STEUERN
IMPRESSUM ZAHLEN INFOGRAFIK Reale Progression bei den
Alle Informationen Wirtschaftskennzahlen Drei Warengruppen Steuern: Braucht es eine
zum Magazin verantworten gesamten Korrektur?
Handelsüberschuss Peter Schwarz Eidgenössische Steuerver­waltung

4 67 68
i IMPRESSUM

Herausgeber
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, ­Bildung
und Forschung WBF,
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Redaktion
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Käthi Gfeller, Matthias Hausherr, Christian Maillard,
Stefan Sonderegger

Redaktionsausschuss
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, ­Susanne Blank,
Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Cesare Ravara, Markus Tanner,
Nicole Tesar

Leiter Ressort Publikationen


Markus Tanner

Holzikofenweg 36, 3003 Bern


Telefon +41 (0)58 462 29 39
Fax +41 (0)58 462 27 40
E-Mail: redaktion@dievolkswirtschaft.ch
Internet: www.dievolkswirtschaft.ch
App: erhältlich im App Store

Layout
Patricia Steiner, Marlen von Weissenfluh

Zeichnungen
Alina Günter, www.alinaguenter.ch

Abonnemente/Leserservice
Telefon +41 (0)58 462 29 39
Fax +41 (0)58 462 27 40
E-Mail redaktion@dievolkswirtschaft.ch

Abonnementpreise
Inland Fr. 100.–, Ausland Fr. 120.–
Für Studierende kostenlos

Erscheint 10x jährlich in deutscher und franzö­sischer Sprache


(französisch: La Vie économique), 90. Jahrgang, mit Beilagen.

Druck
Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp

Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung der Autorinnen


und Autoren und deckt sich nicht notwendigerweise mit der
Meinung der Redaktion.

Der Nachdruck von Artikeln ist, nach Bewilligung durch die


Redaktion, unter ­Quellenangabe gestattet; Belegexemplare
­erwünscht.

ISSN 1011-386X

App
Vogt-Schild Druck AG, Gutenbergstrasse 1, 4552 Derendingen
FOKUS

Ökonomische Perspektiven
der Berggebiete
Alpen und Jura – die Berge prägen das Bild unseres Landes im
Inland wie im Ausland. Doch die Bergregionen stehen wirtschaft-
lich unter Druck. Der starke Franken und die Klimaerwärmung
setzen dem traditionellen Tourismussektor zu. Hinzu kommen
die in Zukunft unsicheren Einnahmen aus den Wasserzinsen. Und
die Zweitwohnungsinitiative bremst die Bautätigkeit im
Bausektor. Viele Junge wandern in die Städte ab. Was können die
Bergregionen dagegen tun? Lesen Sie in diesem Fokus, mit welchen
Strategien die Bergregionen ihre Zukunft gestalten können
und wie der Bund sie dabei unterstützt.
BERGGEBIETE

Der Bund muss seine Berggebiets-


förderung überprüfen
Frankenstärke, Zweitwohnungsinitiative und sinkende Wasserzinse machen den Berg-
gebieten zu schaffen. Hat der Bund eine Strategie, um die Berggebiete zu unterstützen?
Ein Postulat verlangt vom Bundesrat eine Antwort.  Annette Spoerri

Abstract  Die Berggebiete sind wichtige Lebens-, Wirtschafts- und Natur- Die Restriktionen der Zweitwohnungsgesetzge-
räume für die Schweiz. Doch sie stehen unter erhöhtem wirtschaftlichem bung und die sinkende Nachfrage nach Ferien-
Druck. Der Bund verfügt über eine breite Palette an Instrumenten und immobilien reduzieren die Umsätze im Bauge-
Massnahmen, um die Akteure im Berggebiet zu unterstützen. Dieses Ins- werbe und erschweren Um- und Neubauten in
trumentarium gilt es nun aufgrund eines parlamentarischen Auftrags zu der Hotellerie. Der starke Franken verschlech-
überprüfen und bei Bedarf weiterzuentwickeln. Letztlich kann der Bund tert die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der
aller­dings nur Anreize für Eigeninitiative setzen. Denn der Strukturwandel
Schweiz gegenüber den ausländischen Ferien-
muss in erster Linie von den privaten Akteuren getragen werden.
destinationen. Die alpinen Tourismusregionen
verzeichnen teilweise stark rückläufige Logier-

D  ie Berggebiete prägen das Bild der Schweiz


und spielen im kollektiven Selbstverständ-
nis eine wichtige Rolle. Sie sind nicht nur Le-
nächte (siehe Abbildung 3). Gleichzeitig bedro-
hen sinkende Strompreise die Einnahmen der
Gebirgskantone und -gemeinden aus dem Was-
bensraum rund eines Viertels der Schweizer serzins. Trotzdem: Im Vergleich zu den ländli-
Bevölkerung, sondern haben darüber hinaus chen Regionen vieler OECD-Mitgliedsstaaten
wichtige Funktionen als Identifikations-, Wirt- fallen die entwicklungspolitischen Herausforde-
schafts- und Erholungsraum mit besonders ho- rungen der Schweizer Bergregionen gering aus.
hen Natur- und Landschaftswerten. Damit sind In der Frühjahrssession 2017 hat der Natio-
sie wichtig für das Land und spielen für die nalrat ein Postulat1 des Bündner SVP-National-
nachhaltige Entwicklung eine zentrale Rolle. rats Heinz Brand überwiesen. Der Bundesrat wird
damit beauftragt, einen Bericht über die mit-
Wirtschaftliche Herausforderungen tel- und langfristige wirtschaftliche Entwicklung
nehmen zu
Die wirtschaftlichen Herausforderungen der Was umfasst das «Berggebiet»?
Berggebiete haben sich in jüngster Zeit akzentu- Eine einheitliche geografische oder statistische Definition, was
iert. Durch die topografischen Hindernisse und in der Schweiz unter «Berggebiet» oder «Alpenbogen» verstan-
den wird, existiert nicht. Zwar offiziell, aber veraltet ist die De-
die geringe Dichte an Bevölkerung und Unter- finition der Ende 2007 ausgelaufenen Investitionshilfegesetz-
nehmen haben die Berggebiete im Vergleich mit gebung (IHG) des Bundes. Sie unterscheidet im Alpenraum und
den grossen Zentren des Mittellandes grundsätz- im Jura total 54 Regionen. Diese Regionen basieren einerseits
auf sozioökonomischen Kriterien und auf funktionalräumlichen
lich schwierigere Voraussetzungen für die wirt-
Verflechtungen, anderseits aber auch auf einem politischen
schaftliche Entwicklung. Während die Bevölke- Aushandlungsprozess.
rung schweizweit wächst, nimmt sie in einigen Verschiedene Sektoralpolitiken des Bundes kennen räumliche
1 P ostulat 15.3228: «Be- Differenzierungen ihrer Zielgebiete, die in der einen oder anderen
richt über die Entwick- Regionen des Alpenraums und der Voralpen ab
Form eine Annäherung an das Berggebiet vornehmen. Der natio-
lungsperspektiven
des Alpenbogens auf-
(siehe Abbildung 1). Der Anteil Personen über 64 nale Finanzausgleich definiert die geografisch-­topografischen
grund der veränder- Jahren wächst im Berggebiet stärker als in der üb- Sonderlasten etwa über drei Kriterien: Höhenlage, Steilheit und
ten wirtschaftlichen feingliedrige Besiedlung. Der landwirtschaftliche Produktions-
Rahmenbedingun- rigen Schweiz (siehe Abbildung 2). Hinzu kom-
kataster erfasst erschwerende Produktionsverhältnisse und Le-
gen». Weiterführen- men jetzt zusätzliche externe Schocks, welche die bensbedingungen, die bei der Anwendung des Landwirtschafts-
de Informationen auf
­Parlament.ch. wirtschaftliche Basis des Berggebiets bedrohen. gesetzes angemessen zu berücksichtigen sind.

6  Die Volkswirtschaft  10 / 2017
FOKUS

Der Strukturwandel setzt dem


Bündner Dorf Bivio am Julierpass
zu. 2016 fusionierte es mit weiteren
Dörfern zur Gemeinde Surses.
KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  7
BERGGEBIETE

des Alpenbogens aufgrund der veränderten wirt- Abb. 1: Jährliches Bevölkerungswachstum in Prozent (2010–2015)
schaftlichen Rahmenbedingungen vorzulegen.
Gemäss dem Postulatstext soll der Bericht kon-
krete inhaltliche und zeitliche Massnahmen auf-
zeigen, wie der Bund trotz der dramatisch verän-
derten Rahmenbedingungen die wirtschaftliche

BFS, REGIOSUISSE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Existenz und Entwicklung des Alpenbogens wei-
terhin sicherstellen und der absehbaren Abwande-
rung wirksam begegnen will. Der Bundesrat muss
das Postulat innert zweier Jahre beantworten.

In funktionalen Räumen denken


  2,00 – 2,99        1,00 – 1,99         0,50 – 1,00       0,00 – 0,49      -0,50 – 0,00         -1,5 – -0,51

Tatsache ist, dass der Alpenbogen nicht homo-


gen ist und unterschiedliche Raumtypen darin Abb. 2: Veränderung des Anteils Einwohner über 64 Jahren in Prozent-
vorkommen (siehe Kasten). Multifunktionale Tal­ punkten (2010–2015)
böden mit grösseren Agglomerationen wie Chur
oder Siders stehen nicht vor den gleichen Chancen
und Herausforderungen wie alpine Tourismus-
zentren oder periphere Räume. Um die wirtschaft-
liche Entwicklung des Alpenraums zu stimulie-

BFS, REGIOSUISSE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


ren, braucht es räumlich differenzierte Strategien,
welche die Chancen und Herausforderungen der
unterschiedlichen Raumtypen berücksichtigen
und die positiven Wechselwirkungen zu nutzen
versuchen. Stadt und Land sind eng funktional
verflochten und wechselseitig abhängig voneinan-
  2,50 – 3,49        1,50 –2,49         1,00 – 1,49       0,00 – 0,99      -1,50 – 0,00
der. Das Denken und Handeln in Stadt-Land-über-
greifenden funktionalen Räumen ist zentral für
Abb. 3: Veränderung der Logiernächte (Total) in Prozent (2010–2016)
eine nachhaltige Raumentwicklung und zielfüh-
render als starre Definitionen. Zu diesem Credo
bekennt sich die Schweiz sowohl in ihrem Raum-
konzept als auch in den UNO-Zielen für nachhalti-
ge Entwicklung (Sustainable Development Goals).
BFS, REGIOSUISSE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Breite Palette an Instrumenten


Der Bund setzt bereits eine Vielzahl von Sekto-
ralpolitiken ein, die ihre Wirkung grösstenteils
in den Berggebieten und ländlichen Räumen
der Schweiz entfalten: die Neue Regionalpoli-   > 29,99        20,00 – 29,99         10,00 – 19,99       0,00 – 9,99      -10,00 – 0,00         -20,00 – -10,01      
tik (NRP), die Tourismuspolitik, die Pärkepolitik   -30,00 – -20,01         < -30,00
zur Förderung von Nationalpärken und regio- Die Karten bilden die sogenannten MS-Regionen ab. Dabei handelt es sich um
nalen Naturpärken, die Landwirtschaftspolitik, Kleinarbeitsmarktgebiete mit funktionaler Orientierung auf regionale Zentren.
den Finanzausgleich (NFA) und viele mehr (sie-
he Abbildung 4). Da ein Grossteil der Agglomera- Den übergeordneten strategischen Orientie-
tionen im ländlichen Raum und einige sogar im rungsrahmen bilden das Raumkonzept Schweiz
Berggebiet liegen, ist auch die Agglomerations- und die Politik für die ländlichen Räume und
politik für die ländlichen Räume und Berggebie- Berggebiete (P-LRB), die der Bundesrat gemein-
te ein relevantes Förderinstrument. sam mit der weiterentwickelten Agglomerations-

8  Die Volkswirtschaft  10 / 2017
FOKUS

Abb. 4: Beiträge des Bundes an die kohärente Raumentwicklung, in Franken


a 3280 Mio. 993 Mio.
2800 Mio.

SECO, ARE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


300 Mio.

b c c d
a b a b
444 Mio. 200 Mio. e f c
Bundesamt für Landwirtschaft   Bundesamt für Raumentwicklung Staatssekretariat für Wirtschaft
a Direktzahlungen Landwirtschaft Agglomerationsprogramme «Verkehr und Sied- a 50 Mio. Neue Regionalpolitik
b Produktion und Absatz Landwirtschaft lung» b 20 Mio. Impulsprogramm Tourismus
c Grundlagenverbesserung und Sozialmassnahmen Bundesamt für Umwelt       c 7,5 Mio. Innotour
Eidgenössische Finanzverwaltung     a 60 Mio. Schutzwald   Bundesamt für Raumentwicklung / 
Ressourcen-, Lasten- und Härteausgleich b 40 Mio. Revitaliserung Gewässer Staats­sekretariat für Wirtschaft
  Bundesamt für Verkehr / Bundesamt für c 20 Mio. Bewirtschaftung Gewässerraum Massnahmen AggloPol und P-LRB
Strassen  d 17 Mio. Pärke
Regionaler Personenverkehr e 12 Mio. Waldwirtschaft
f 10 Mio. Waldbiodiversität

Die Grafik zeigt die Beiträge für alle Räume, nicht nur das Berggebiet. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

politik im Februar 2015 verabschiedet hat. Diese Die Chancen der Digitalisierung besser zu nut-
beiden Querschnittspolitiken tragen zu einer ko- zen, wird verstärkt auch im Fokus der NRP stehen.
härenten Raumentwicklung in der Schweiz bei. Hierzu lässt das Seco zurzeit eine Studie erarbei-
Die P-LRB ist im Wesentlichen eine strategische ten, welche den Chancen und Risiken der Digitali-
Klammer, um die Ziele und Beiträge des Bun- sierung für die Zielgebiete der NRP auf den Grund
des für das Berggebiet und die ländlichen Räu- geht. Einen interessanten Fundus an Ideen für
me zu bündeln und zu koordinieren. Sie fördert die weiter gehende Förderung der wirtschaftli-
spezifische Massnahmen – vorwiegend im Gou- chen Entwicklung des Schweizer Berggebiets bie-
vernanzbereich –, um die Wirkung und die Syn- tet auch die Studie «Strukturwandel im Schwei-
ergienutzung zwischen den Sektoralpolitiken zu zer Berggebiet» des wirtschaftsnahen Thinktanks
verbessern. Avenir Suisse.2
Letztendlich muss die Bewältigung des Struk-
Anreize für private Initiativen turwandels aber primär von den privaten Akteu-
ren im Berggebiet getragen werden. Der Bund kann
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) subsidiär zu Kantonen und Gemeinden gezielt
betrachtet das Postulat Brand als Chance, die und marktorientiert Anreize für Eigeninitiative
Politik für die ländlichen Räume und Bergge- und Innovation privater Akteure setzen, die den
biete in wirtschaftlichen Belangen zu schärfen Strukturwandel ermöglichen. Und er kann dazu
und zu konkretisieren. Dazu soll die Zusam- beitragen, Härten abzufedern. Dabei soll aber kei- 2 S iehe auch den Bei-
trag von Daniel Müller-
menarbeit mit den interessierten Verbänden nesfalls der Strukturwandel behindert werden. Jentsch auf Seite 10.
vertieft werden. So bieten sich etwa im Tou-
rismus Ansatzpunkte, um das Berggebiet ver-
stärkt zu unterstützen. Hier gilt es, den Struk-
turwandel weiterhin fokussiert zu begleiten
und zu unterstützen. Der Bund überarbeitet
dazu aktuell seine Tourismusstrategie. Inhalt-
lich stehen vier Themen im Vordergrund: Digi­
talisierung, Unternehmertum, Rahmenbedin- Annette Spoerri
gungen und Attraktivität des Angebots. Die Stellvertretende Leiterin im Ressort Regional- und
Strategie soll im Herbst vom Bundesrat verab- Raumordnungspolitik, Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern
schiedet werden.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  9
BERGGEBIETE

Strategien zur Erschliessung neuer


Wertschöpfungsquellen
Der verschärfte Strukturwandel erodiert die wirtschaftliche Basis der Berggebiete. In
einer Studie zeigt die Denkfabrik Avenir Suisse, wie bestehende Wertschöpfungs­quellen
gestärkt und neue aktiviert werden können. Dabei muss jede Region ihre spezifische
Strategie und ihr eigenes Standortprofil entwickeln.  Daniel Müller-Jentsch

des Mittellandes, in anderen sind Tourismusdes-


Abstract  Viele betroffene Regionen haben bereits Lösungen gefunden, den
Strukturwandel im Berggebiet innovativ anzugehen. So können etwa Ge-
tinationen die primären Wertschöpfungsquel-
meindefusionen helfen, Ressourcen zu bündeln. Mit 43 Fusionen in den letz- len. Anderswo ergeben sich Potenziale zur wirt-
ten 15 Jahren besteht im Berggebiet bereits ein Trend dazu. Zudem braucht schaftlichen Entwicklung durch Verkehrsknoten
es Spezialisierung, um die Wirtschaft zu stabilisieren: Der Aufbau von Inno- oder durch grosse Unternehmen und ihre Zulie-
vationssystemen und Branchenclustern sowie eine Neuausrichtung im Berg- fernetzwerke. Geeignete Strategien für die wirt-
tourismus sind sinnvoll. Auch die Digitalisierung bietet durch mobiles Arbei- schaftliche Entwicklung muss jede Region basie-
ten und digitale Vermarktung regionaler Produkte neue Chancen. Doch eine
rend auf ihren spezifischen Stärken, Schwächen,
breite «Ansubventionierung» führt zu nichts. Letztlich liegt es an den Akteu-
ren vor Ort. Diesbezüglich könnte auch die Einbindung von Zweitwohnungs- Chancen und Risiken entwickeln.
besitzern helfen, neue innovative Lösungen und Investoren zu finden.
Berggemeinden müssen Kräfte
bündeln
I  n Standortrankings offenbaren sich die struk-
turellen Schwächen der gebirgigen Landes-
teile. So finden sich etwa im «Kantonalen Wett-
Um den Strukturwandel zu meistern, müssen
im Berggebiet Kräfte gebündelt und kleinteilige
bewerbsindikator» der UBS auf den letzten Strukturen überwunden werden. Es bedarf ins-
10 Rängen ausschliesslich Bergkantone. Auch besondere einer besseren Zusammenarbeit in
bei der kleinräumigeren Betrachtung von 108 funktionalen Räumen wie Agglomerationen und
Schweizer Regionen zeigt sich ein Gefälle bei Tourismusdestinationen, etwa durch Agglome-
der Wettbewerbsfähigkeit zwischen Ober- und rationsprogramme und Destinationsstrategien.
Unterland. Betrachtet man die 50 Einzelindika- Der wichtigste Typus funktionaler Räume im
toren genauer, die dem Ranking zugrunde lie- Berggebiet ist jedoch die Talschaft, denn diese
gen, so zeigt sich, dass nur ein Teil des schlechten Landschaftskammern bilden auch wirtschaft-
Abschneidens auf das «topografische Schick- liche und soziale Einheiten. Die unterschied-
sal» – d. h. auf die schlechte Erreichbarkeit und lichen Raumansprüche auf dem Talboden, die
die dünne Besiedlung – zurückzuführen ist (sie- durch Siedlung, Verkehr und Landwirtschaft
he Abbildung 1). Standortfaktoren wie Staatsfi- entstehen, führen zu Nutzungskonflikten. Des-
nanzen und regionale Innovationssysteme las- halb besteht Bedarf, die Raumplanung über die
sen sich durch gute Politik auch im Berggebiet Gemeindegrenzen hinweg zu koordinieren (so-
verbessern. Wie, zeigt eine Studie der Denkfabrik genannte Talbodenproblematik).
Avenir Suisse.1 Zwischen 2000 und 2015 gab es im Berggebiet
Das Berggebiet, das etwa die Hälfte der 43 Gruppenfusionen ganzer Talschaften oder
schweizerischen Landesfläche ausmacht, ist aus- Talabschnitte mit durchschnittlich 5,5 Gemein-
1 D
er folgende Artikel gesprochen heterogen. Je nach regionalen Gege- den. Die Hälfte der Talschaftsfusionen entfiel auf
basiert auf der Studie
«Strukturwandel im benheiten gibt es unterschiedliche potenzielle nur zwei Kantone: Graubünden (15) und Tessin
Schweizer Berggebiet». Wachstumsmotoren. Einige Bergregionen pro- (8). Die meisten Fusionsprojekte entstanden auf
Siehe Müller-Jentsch
(2017). fitieren von ihrer Nähe zu städtischen Zentren lokale Initiative, aber Kantone können hierfür

10  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FOKUS

geeignete Voraussetzungen schaffen, etwa durch gionen kann er aufgrund seiner Bedeutung für
die Beseitigung von Fehlanreizen im innerkan- andere Branchen gar als systemrelevant ange-
tonalen Finanzausgleich. Alternativen zu Tal- sehen werden. Der klassische Bergtourismus
schaftsfusionen sind regionale Zweckverbände befindet sich gegenwärtig im Strukturwandel,
und raumplanerische Koordinationsinstrumente der durch die Frankenaufwertung noch forciert
wie regionale Richtlinien. wird. Ein wichtiger Bestandteil des Anpassungs-
prozesses sind der Marktaustritt schwacher
Bergtourismus neu denken Unternehmen und das Wachstum erfolgreicher Effizientere Strukturen
Firmen. So nahm etwa die Zahl der Hotels zwi- durch Gemeindefusio-
Der Tourismus ist eine tragende Säule der Wirt- schen 2005 und 2015 um 12 Prozent ab, aber die nen: Die Glarner­Lands-
gemeinde stimmte
schaftsstruktur im Berggebiet, und in vielen Re- Gesamtbettenzahl blieb gleich. 2006 dafür, die 25 Ge-
meinden des Kantons
auf 3 zu reduzieren.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  11
BERGGEBIETE

Ähnlich ist es bei den Wintersportorten: der Baukonjunktur, kam aber infolge der Zweit-
Während kleine Skigebiete geschlossen wurden, wohnungsinitiative weitgehend zum Erliegen.
investierten grosse Bergbahnbetriebe teils mas- Um Wertschöpfung in der Bauwirtschaft zu er-
siv. Einige Topdestinationen können dem hohen halten, müssen Investitionen in die Erneuerung
Kostenniveau in der Schweiz durch Spezialisie- des Bestandes umgelenkt werden, und dazu be-
rung auf das Luxussegment begegnen. Auch an- darf es entsprechender Strategien. Die gross-
dere Tourismusorte sollten sich spezialisieren zügige Regelung zur Umwandlung von Erst- in
und entsprechende Destinationsstrategien ver- Zweitwohnungen ist wirtschaftlich sinnvoll,
folgen. Beispiele für solche Nischenstrategien kann jedoch unter bestimmten Umständen zur
sind Vals als Wellnessort oder Grächen als Fa- Abwanderung der einheimischen Bevölkerung
milienferienort. Eine weitere Stossrichtung aus dem Dorfzentrum an den Ortsrand führen
sind Zusammenschlüsse regionaler Marketing­ (sogenannter Doughnut-Effekt). Aber der gros-
organisationen wie im Oberengadin oder die se Bestand von 350 000 bis 400 000 Zweitwoh-
Promotionsgesellschaft im Wallis sowie Dach- nungen im Schweizer Berggebiet (siehe Abbil-
marken wie «Graubünden». Wichtig sind auch dung 2) bringt nicht nur Herausforderungen mit
Produktinnovation und Produktbündelung, wie sich, sondern auch Chancen.
das Beispiel der Weissen Arena Flims illustriert. Neue Geschäftsmodelle in der Parahotel-
Der Bund fördert den Strukturwandel im Tou- lerie, Online-Vermietungsplattformen, aber
rismus unter anderem durch ein Impulspro- auch Vermietungsanreize im Rahmen von
gramm im Rahmen der Neuen Regionalpolitik Zweitwohnungsabgaben könnten helfen, «kal-
(NRP) und das Innovationsprogramm Innotour. te» Betten in «warme» umzuwandeln und so
zusätzliche Wertschöpfung im Tourismus-
Zweitwohnungssektor als Chance sektor zu generieren. Zweitwohnungsabgaben
sollten allerdings nur eingeführt werden, wenn
Der Bau von Zweitwohnungen war in weiten sie in eine klare Strategie eingebettet sind. Die
Teilen der Schweizer Alpen lange Haupttreiber zweite grosse Chance besteht darin, Zweitwoh-
nungsbesitzer und ihre Familien – die insge-
samt rund eine Million Personen ausmachen –
Abb. 1: Die Standortstärken und -schwächen ausgewählter Berg- als Investoren, Ideengeber und Miliztätige zu
kantone gewinnen. Sie verfügen über all jene Kapazitä-
Wirtschaftsstruktur
100
ten, die für den Strukturwandel benötigt wer-
den, und sind dem Berggebiet emotional ver-
Staatsfinanzen Innovation bunden. Ein Instrument, um diese Personen
zu mobilisieren und in politische Entschei-
50 dungsprozesse einzubeziehen, könnte z.  B.
ein «Rat der Zweitwohnungsbesitzer» auf Ge-
meindeebene sein. Die gleiche Wirkung hätte
ein Ansprechpartner für Zweitwohnungsbesit-
Kostenumfeld 0 Humankapital
zer, der mit ähnlichen Aufgaben wie Alumni-­
Beauftragte an Hochschulen betraut wäre.

Branchencluster und Innovations-


UBS (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

systeme fördern
Einzugsgebiet Arbeitsmarkt
Die räumliche Ballung wirtschaftlicher Ak-
tivitäten steigert die Wettbewerbsfähigkeit
Erreichbarkeit
einer Region durch Vernetzungseffekte. Sol-
  Medianwert der Nicht-Bergkantone             Appenzell Innerrhoden             Tessin             Jura           che Clusterstrukturen sind auch im Bergge-
  Neuenburg             Obwalden             Uri             Wallis             Glarus             Graubünden biet zu finden – vielfach jedoch erst auf den
Indexwerte: Top-Kanton = 100 zweiten Blick. Eine Kategorie stellen städtische

12  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FOKUS

Agglo­merationen dar. Auch in der Tourismus- das Berggebiet spezialisieren, um innerhalb


branche haben sich um grössere Destinationen der Schweizer Bildungslandschaft ein klareres
solche regionale Branchencluster entwickelt. Profil zu gewinnen.
Konzentrationen in der industriellen Produk-
tion findet man beispielsweise im Alpenrhein- Neue Lösungen suchen
tal, und mit der Uhrenindustrie im Jura gibt es
sogar einen exportstarken Technologiecluster Periphere und dünn besiedelte Regionen wer-
innerhalb des Schweizer Berggebietes. Inno- den auch als potenzialarme Räume bezeichnet.
vationspotenzial existiert aber gerade auch im Sie leiden oft unter Überalterung, Abwande-
Berggebiet, im Handwerk und in der Landwirt- rung und einer Erosion wirtschaftlicher Struk-
schaft. Dies zeigen internationale Fallbeispie- turen. Ein schlichtes «Ansubventionieren»
le wie der Holzbaucluster in Vorarlberg und der gegen solche Schrumpfungsprozesse ist teu-
Obstanbau in Südtirol. er und wenig effektiv. Die Tabuisierung die-
Tertiäre Bildungseinrichtungen sind wich- ser Probleme erschwert die Suche nach neuen
tige Ankerinstitutionen regionaler Innova- Lösungsansätzen. So bedarf es etwa pragma-
tionssysteme. Im Berggebiet gibt es einige In- tischer Ansätze für einen kostengünstigen
itiativen zu ihrer Stärkung. So gelang etwa Service public, wie Rufbus-Systeme oder Post-
dem Tessin der Aufbau einer eigenen Univer- agenturen in Dorfläden. Zudem bedarf es Stra-
sität. Der Kanton Wallis hat mit der EPFL Lau- tegien zur Aktivierung spezifischer Wert-
sanne eine starke externe Partnerin gefunden, schöpfungspotenziale.
um in Sitten ein Campusareal zu entwickeln, So gibt es durchaus Dienstleistungen, für die
auf dem bereits vorhandene Institutionen zu- Abgeschiedenheit ein Standortvorteil ist, wie
sammengeführt werden. Da es den tertiären Internate oder Rehabilitationskliniken. Auch
Bildungsinstitutionen im Berggebiet jedoch die Digitalisierung schafft neue Potenziale, bei-
häufig an kritischer Masse mangelt, sollten sie spielsweise in Form von Telearbeit oder dem
sich stärker auf Kompetenzen mit Relevanz für Onlinevertrieb regionaler Produkte. Zahlreiche

Abb. 2: Anteil und Anzahl Zweitwohnungen nach Kanton (2015)

45     Anteil in %         Anzahl in Tausend     90     

30 60
BFS, MÜLLER-JENTSCH (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

15 30

0 0
AG ZG BL ZH BS TG LU SO SH FR NW SZ SG VD GE NE BE AR AI JU UR GL OW TI VS GR

    Nicht-Bergkantone, Anteil in %             Bergkantone, Anteil in %            Anzahl in Tausend

Die Zahlen beinhalten auch bewirtschaftete Zweitwohnungen und solche von Wochenaufenthaltern. Sie sind daher höher als nach der enger gefass-
ten Definition des Zweitwohnungsgesetzes.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  13
BERGGEBIETE

neu gegründete Regionalpärke sind eine Chan- nalen Kompetenzclusters zu Berggebietsfragen


ce, die Landschaft in Wert zu setzen und Wert- – beispielsweise durch den Aufbau eines «Hau-
schöpfungsketten im sanften Tourismus zu ent- ses der Berge» in Bern. Eine Kompetenzlücke
wickeln. Peripheren Räumen mangelt es häufig gibt es derzeit auch hinsichtlich ökonomischer
nicht an Potenzialen, sondern an handlungs­ Themen: Auf nationaler Ebene fehlt eine wirt-
fähigen Akteuren, die die Potenziale erschlies- schaftliche Instanz zum Berggebiet – vergleich-
sen. Entsprechend wichtig ist gerade auch für bar mit dem Wirtschaftsforum Graubünden.
diese Gebiete die Mobilisierung von Zweitwoh- Am Ende jedoch muss der eigentliche Struk-
nungsbesitzern als Akteure des Wandels. turwandel im Berggebiet selber erfolgen, und
Aber es gibt auch Regionen, in denen diesbezüglich sind die Akteure vor Ort gefor-
Schrumpfungsprozesse so weit fortgeschritten dert. Unternehmer müssen alte Geschäftsmo-
sind, dass es Strategien für einen «geordne- delle anpassen und neue entwickeln, z. B. im
ten Rückzug» bedarf. Die Angst davor scheint Tourismus oder in der Bauwirtschaft. Kanto-
übertrieben, denn extensive Nutzungsformen ne und Gemeinden können durch Gebietsrefor-
haben in den Bergen eine lange Tradition, wie men und die Zusammenarbeit innerhalb von
Maiensässe oder «Teilzeit-Täler», die nur im funktionalen Räumen handlungsfähige politi-
Sommer genutzt werden, zeigen. Zudem gibt sche Strukturen schaffen. Die Einwohner des
es auch innovative Beispiele hierfür: etwa die Berggebietes müssen als Stimmbürger, Miliz-
Umnutzung von Rustici zu Zweitwohnungen, tätige und Arbeitnehmer bereit sein für den
die nur unter der Bedingung gewährt wird, Wandel althergebrachter Strukturen. Und die
dass auch die dazugehörige Kulturlandschaft Zweitwohnungsbesitzer sollten sich in diesen
gepflegt wird. Durch eine Umschichtung von Prozess aktiv einbringen. Ihre Investitionen,
Mitteln innerhalb der NRP könnten innovative ihr Engagement und ihr Know-how sind ent-
Lösungsansätze für potenzialarme Räume ge- scheidender für die wirtschaftliche Zukunft
zielter gefördert werden. des Berggebietes als föderale Finanztransfers.

Alle Akteure vor Ort gefordert


Um den wirtschaftlichen Strukturwandel im
Berggebiet erfolgreich zu bewältigen, sind ver-
schiedene Akteure gefordert. Seitens des Bun-
des scheint eine Weiterentwicklung der bis-
lang eher vagen Berggebietspolitik geboten, um
diese strategisch fokussierter und operativ re- Daniel Müller-Jentsch
Dr., Senior Fellow, Avenir Suisse, Zürich
levanter zu machen. Aber auch die Vertreter
des Berggebietes sollten ihre Rollen überden-
ken: Sinnvoll scheinen eine stärkere Ausrich- Literatur
tung der Regierungskonferenz der Gebirgskan- Müller-Jentsch, Daniel (2017). Strukturwandel im Schweizer Berg­
tone (RKGK) auf Strategien zur Bewältigung des gebiet. Strategien zur Erschliessung neuer Wertschöpfungsquellen.
Avenir Suisse.
Strukturwandels sowie der Aufbau eines natio- UBS (2016). Kantonaler Wettbewerbsindikator 2016.

14  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


KOF Prognosetagung Herbst 2017
Drohende wirtschaftliche Abschottung in der Welt –
was sind die Aussichten für die Schweiz?
Donnerstag, 5. Oktober 2017, 17.45 Uhr (anschliessend Apéro)
UBS-Konferenzgebäude Grünenhof, Nüschelerstrasse 9, 8001 Zürich

Referate und Podiumsdiskussion:


Prof. Tobias Straumann, Universität Zürich
Prof. Dr. Jan-Egbert Sturm, Direktor KOF Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich
Prof. Simon J. Evenett, Universität St. Gallen
Moderation: Reto Lipp, SRF
Programm und Anmeldung unter:
www.kof.ethz.ch/prognosetagung
SPINAS CIVIL VOICES

Drückt die
Schulbank.
Wurde von
Wurde von Sorgen erdrückt.
Not erdrückt.

Schulbildung für Buben und Mädchen, gut ausgebildete Lehrerinnen


Für echte Veränderung
und Lehrer und moderne Berufsbildungsprogramme. So verändern wir
Leben von Menschen – und zwar grundlegend. helvetas.ch/mithelfen
BERGGEBIETE

Das Berggebiet ist auch ein


Wirtschaftsstandort
Das Berggebiet wird zu oft noch als Rückzugsgebiet und zu wenig als Wirtschaftsstand-
ort verstanden. Das wollen die Gebirgskantone ändern: mit effizienteren Strukturen,
mehr Eigeninitiative und mehr Spielraum für massgeschneiderte Lösungen.  
Christian Vitta

Abstract    Der Alpenraum ist weit mehr als blosser Rückzugs- und Erho- –– die Wasserkraftnutzung ausbauen und opti-
lungsraum. Er ist ein vielfältiger Le­bens-, Wirtschafts- und Kulturraum, der mieren.
für rund 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung eine Le­bens­grundlage bie-
tet. Die Regierungskonferenz der Gebirgskantone hat im Jahre 2014 eine
Strategie beschlossen, um den Alpenraum als Lebensraum zu sichern. Dazu Ausdauer und Flexibilität
sollen die alpinen Zentren gestärkt werden. Die alpine Wirtschaft ist der-
zeit nur wenig diversifiziert und zwingt viele Junge, in die Städte abzuwan- Die Umsetzung der vier definier­ten Prioritä-
dern. Deshalb wollen die Gebirgskantone das Berggebiet als attraktiven ten verlangt Ausdauer und Flexibilität, denn
Wirtschaftsstandort stärken, ohne die natürlichen Qualitäten und Res- die Welt steht nicht still. Neu entstehende Ge-
sourcen zu gefährden. Dies bedingt effizientere Strukturen, Eigeninitiative setze verändern laufend die Ausgangslage, und
und mehr gesetzlichen Spielraum für echte Interessenabwägungen. Damit
die wirtschaftliche Entwicklung verläuft dyna-
lassen sich sachgerechte und massgeschneiderte Lösungen vor Ort reali-
sieren. mischer als erwartet. Was bisher nur von Berg-
dörfern bekannt war, hat nun mit voller Wucht
auch die Städte erreicht: Poststellen werden ge-
schlossen, und der Strukturwandel im Detail-

M  etropolisierung, Internationalisierung und


Globalisierung haben erhebliche Auswir­
kungen auf den Alpenraum. Viele Arbeitsplät-
handel erhöht die Anzahl leer stehender Läden
in den Stadt­zentren.
Hinzu kommt, dass die wirtschaftlich ne-
ze sind hier aufgelöst und in den Agglomeratio- gativen Entwicklungen das Berggebiet deut-
nen konzentriert worden. Die Folgen sind eine lich stärker treffen als die Metropolitanregio-
signifikante Abwanderung der Jungen und eine nen: Die Zweitwohnungsinitiative macht sich
Überalterung der verbleibenden Bevölkerung. durch die abnehmende Bautätigkeit im Hoch-
Zudem ist im zunehmenden Verteilkampf die bausektor bemerkbar, wegen der Aufhe­bung des
soziale und politische Kohäsion zwischen den Euromindest­kurses bleiben die Touristen fern,
Metro­polen und dem Berggebiet gefährdet. Um und die Weissgeldstrategie wirkt sich auf den
die Rahmenbedingungen für Entwicklungen im Finanzsektor und auf die Investi­ tions­
be­
reit­
Berggebiet zu verbessern und den Handlungs-
spielraum der lokalen Akteure zu erweitern, hat
die Regierungskonferenz der Gebirgskantone Kasten 1: Die Regierungskonferenz der Gebirgskantone
(RKGK) im Jahre 2014 eine «Räumliche Strategie Der Regierungskonferenz der Gebirgskan- Finanzen, Verkehr und die Zusammenarbeit
der alpin geprägten Räume in der Schweiz» mit tone (RKGK) gehören die Regierungen der mit den grenznahen ausländischen Alpen-
vier Prioritäten definiert: Kantone Uri, Obwalden, Nidwalden, Glarus, regionen. Das Präsidium der RKGK wechselt
Graubünden, Tessin und Wallis an. Die als in regelmässigen Abständen zwischen den
–– die naturgegebenen Qualitäten und Ressour- Verein organisierte Konferenz wurde 1981 Kantonen. Die sieben Kantone entsprechen
cen erhalten und nachhaltig nutzen; zur Koordination von Fragen zur Wasser- insgesamt einem Anteil von 43 Prozent an
–– die alpinen Zentren stärken; kraftnutzung gegründet. Heute strebt sie der Gesamtfläche der Schweiz und 13 Pro-
die gemeinsame Vertretung aller gebirgs- zent der Schweizer Bevölkerung.a
–– d ie Erschliessung in Verkehr und Telekom-
spezifischen Anliegen und Interessen im
munikation verbessern und langfristig In- und Ausland an. Dazu zählen etwa die
­sichern; Themen Raumordnung, Tourismus, Energie, a Mehr Informationen auf Gebirgskantone.ch.

16  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


Die Einnahmen aus der Wasser-
kraft sind wichtig für die Berg­
gebiete. Staumauer des Zervreila-
sees oberhalb Vals.
KEYSTONE
BERGGEBIETE

schaft aus. Bankbeziehungen werden aufgelöst, Resort sowie der Skigebietsverbindung mit Se-
und Unterhalts- und Erneuerungsin­vestitionen drun eindrücklich unter Beweis gestellt.
bei Ferienhäusern werden zurückgestellt oder Das Berggebiet ist von den negativen Ent-
blockiert. Zudem beeinträchtigt der verzerrte wicklungen deshalb so stark betroffen, weil sie
internationale Strom­ markt die Wettbewerbs- Kernbranchen der im Berggebiet beheimateten
fähigkeit der Wasser­kraftnutzung, die für das Wirtschaft trifft. Zudem verfügt die Wirt­schaft
Berggebiet von grosser volkswirtschaftlicher der Gebirgskantone über eine vergleichsweise
Bedeutung ist. geringe Diversifizierung und somit über wenige
Die Gebirgskantone versuchen mit diesen alternative Ar­beits­plätze. Verliert ein Familien-
Entwicklungen Schritt zu halten. Dabei dient vater seine Stelle beim Wasser­kraft­werk im Tal,
die RKGK als politische und fachliche Koordina­ findet er vor Ort kaum eine andere Anstellung.
tions- und Koope­rations­platt­form. Die Mass- Die Folge ist, dass eine ganze Familie abwan-
nahmenumsetzung bleibt aber Sache jedes ein- dert. Ähnlich ver­hält es sich bei den Mitarbei-
zelnen Kantons (siehe Kasten 1). tenden der Bergbahnen, der Finanzinstitute
oder von Baufirmen: Der Kon­kurrenz­druck ver-
Das Berggebiet als Wirtschaftsraum langt auch hier nach schlanken Strukturen, was
oft mit Stellen­abbau einhergeht. Auch Ausbil-
Das Berggebiet kämpft mit dem grundlegenden dungsplätze werden rarer. Deshalb versuchen
Problem, dass es nicht als Wirtschaftsstandort die Ge­birgs­
kan­ tone auf politischer Ebene zu
verstanden wird, sondern primär als attrakti- erreichen, dass nicht weitere nachteilige poli-
ves Rückzugs­gebiet der Agglomera­tio­nen. Hier tische Entscheide die wirtschaftliche Entwick-
gilt es, national wie auch international Aufklä- lung erschweren. E ­ in aktuelles Beispiel ist unser
rungsarbeit zu leisten. Denn auch die Gebirgs- Kampf gegen den Vorschlag des Bundes, die
kantone sind dank guter Organisation und kur- Wasser­zin­se zu sen­ken (siehe Kasten 2).
zer Entscheidungs­wege imstande, grossen und
komplexen Projekten innert nützlicher Frist Starke Zentren
zum Durchbruch zu verhelfen. Das hat der Kan-
ton Glarus mit dem Pumpspeicher­ kraft­
werk Das von Bund und Forschung seit Jahrzehnten
Linth-Limmern und der Kanton Uri mit dem An- propagierte «Städtenetz Schweiz» beschränkt
dermatter Tourismus-Gross­pro­jekt Swiss Alps sich nicht nur aufs Mittelland. Es umfasst auch
das Netzwerk von kleinen und grossen, regiona-
len und nationalen sowie international bedeut-
Kasten 2: Der Wasserzins
samen Zentren, welche die Grund­struktur für
Der Wasserzins ist der Preis für die den liche Entwicklung vorantreiben. Das Was-
das tägliche Leben und Wirtschaften im Alpen-
Kraftwerksgesellschaften von den Gemein- serzinsmaximum gründet somit auf einem
den und Kantonen in der Regel für 80 Jahre Inte­res­sen­aus­gleich zwischen den Eigen- raum bilden. Normalerweise liegen diese Zen-
exklusiv überlassene Nutzung der Wasser- tümern der natürlichen Ressource Wasser- tren in den gut erschlossenen Talböden und
kraft. Gemäss Bundesrecht besteht eine kraft und der Schweizer Volks­wirtschaft. verfügen über ein mehr oder weniger breites An-
Preisobergrenze für den Wasserzins, die Die Wasserzinseinnahmen der RKGK-
derzeit bei 110 Franken pro Bruttokilowatt Kantone betragen derzeit insgesamt rund gebot an Arbeitsplätzen und Infra­strukturen.
liegt. Diese Preisobergrenze hat histori- 390 Millionen Franken pro Jahr. Der Bun- Um diese kantonal bedeu­ten­den Wirtschafts-
sche Gründe. Als es Ende des 19. Jahrhun- desrat hat im Juni eine Vorlage in die Ver- standorte weiter zu stärken, braucht es ent­
derts gelang, Strom über weite Distanzen nehmlassung gesandt, mit der er diese Ein-
sprechende Vorgaben in den kantonalen Richt-
zu transportieren, wollten die aufstreben- nahmen in einem ersten Schritt um rund
de Industrie im Mittelland sowie der Eisen- 110 Millionen Franken reduzieren will. In plänen sowie wirksam lenkende Anreize und
bahnbau von günstigem Strom profitieren. einem zweiten Schritt soll ein neues Was- Aufla­gen.
Aus Angst, die Wasserkraftnutzung könn- serzinsmodell eingeführt werden. Dieses «Jeder Talschaft ein starkes Zentrum» – die-
te durch zu hohe Wasserzinse erheblich präjudi­zie­ren­de Vorgehen lehnen die Ge-
behindert werden, erliess das Parlament birgskantone entschieden ab, weil nicht ser Grundsatz bleibt ein Hauptpfeiler der Stra-
ein Wasserzinsmaximum. Mit dessen Hin- der Wasserzins für den völlig verzerrten tegie der Gebirgskantone. Jede Talschaft ist
nahme hat das Berggebiet einerseits einen Strommarkt verantwortlich ist. Vielmehr auf ein eigenes, funktionsfähiges Zentrum an-
grossen Beitrag zur Industrialisierung muss zuerst der Strommarkt neu gere-
gewiesen, damit lokal und regional die Grund­
unseres Landes geleistet. Andererseits gelt werden, und erst danach kann über
konnte es mit den Einnahmen Erschliessun- ein neues Wasserzinsmodell diskutiert versorgung gewährleistet ist. Zahlreiche Ge-
gen realisieren und die eigene wirt­schaft­ werden. meinde- und Talfusionen zeigen, dass die

18  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FOKUS

Bevölke­r ung die Notwendigkeit entsprechender funktionieren hin­sicht­lich Verkehrserschlies-


Prioritätensetzungen erkannt hat. Am radi­kals­ sung anders als die radiozentri­schen Agglo­me­
ten wur­de dies im Kanton Glarus umgesetzt: Die rationen des Mittellands. Die Ausgestaltung der
einst 25 Gemeinden haben sich zu 3 Gemeinden Agglomerationspolitik muss in Zukunft dieser
zusammengeschlossen. In Graubünden ist die Tatsache durch differen­zierte Anfor­de­r ungen
Anzahl Ge­meinden in den letzten Jahren eben- an verschiedene Agglomerationstypen Rech-
falls reduziert worden: Waren es im Jahr 1998 nung tragen und nicht etwa Verkehrsfrequen-
212 Gemeinden, so werden es ab 2018 noch 108 zen definieren, die einzig und allein im Mittel-
Gemeinden sein. Und auch in den anderen Ge- land erreicht werden können.
birgskantonen sind ähnliche Entwicklungen Die Gebirgskantone unter­stützen das Anlie-
im Gange. Zudem sind verschiedene kantonale gen, der Natur und Land­schaft Sorge zu tragen.
Strukturreformen be­schlossen und umgesetzt Um wirtschaftlich erblühen zu können und der
worden, mit denen Verwaltungsebenen abge­ eigenen Bevölkerung attraktive Lebensgrund­la­
baut wur­den. Das hat die Ab­läu­fe vereinfacht. gen zu bieten, müssen die Gesetze künftig aber
Vergleichbare Strukturbereinigungen sind auch mehr Raum bieten, damit eine echte, auf die
im Touris­mus­be­reich zu erkennen, wenn­gleich kon­kre­ten Verhältnisse vor Ort bezogene Inte-
die Bereitschaft zur Zu­sam­­men­arbeit hier noch ressenabwägung erfolgen kann. Denn zur In-
ausbaufähig ist. wertsetzung der natur­gegebenen Qua­li­täten
und Ressourcen des Alpenraums gehört auch
Mehr Spielraum für Lösungen die Möglichkeit, sie lokal gezielt und intensiv zu
nutzen, wo dies sachgerecht und zumutbar ist.
Damit wirtschaftliche Entwicklung stattfinden
kann, müssen die Gesetze aber auch Spielraum
für massgeschneiderte Lösungen vor Ort belas-
sen. Diesbezüglich ist in der Vergangenheit oft
alles über den gleichen Kamm geschert worden.
Differenzierung tut not. Beispielsweise ist der
kompromisslose Schutz der Lärchenwälder im
Engadin wenig sachgerecht, weil es hier weitläu-
fige Lärchenwälder gibt und die Notwendigkeit Christian Vitta
des Schutzes deshalb zu relativieren ist. Auch Staatsrat des Kantons Tessin und Präsident der
Regierungskonferenz der Gebirgskantone (RKGK)
die multifunktionalen Talböden im Alpenraum

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  19
BERGGEBIETE

Zusammenarbeit im Alpenraum:
Netzwerke für die Zukunft
Seit 25 Jahren streben die Alpenregionen in den verschiedenen Ländern nach mehr Koor-
dination und engeren Beziehungen. Seither hat die Vielfalt der Themenbereiche laufend
zugenommen. Die Schweiz beteiligt sich massgeblich an diesem Prozess.  Sébastien Rieben

Abstract  Die Regionen des Alpenraums stehen über die Grenzen hinweg reich, Schweiz und Slowenien sowie die Euro-
vor gemeinsamen Herausforderungen. Gerade in Wirtschaftsfragen bietet päische Union (siehe Abbildung). So deckt die
das Gelegenheit, Erfahrungen auszutauschen und zusammenzuarbeiten. Konvention den gesamten Alpenbogen mit sei-
In diesem Sinne ist auch die Schweiz in verschiedene transnationale Struk- nen 13 Millionen Einwohnern ab. Obschon sich
turen eingebunden, die für die Alpenregionen von Bedeutung sind: die die Konvention in erster Linie mit Umweltfra-
Alpenkonvention, das Interreg-B-Alpenraumprogramm und seit Kurzem
gen befasst, war sie ein wichtiger Schritt für die
die Makroregionale Strategie für den Alpenraum. Letztere hat zum Ziel, die
Qualität der transnationalen Zusammenarbeit im Alpenraum zu fördern. Zusammenarbeit im Alpenraum.

Alpenraumprogramm vertieft die


T  rotz sprachlicher und kultureller Unter-
schiede besitzen die Regionen der Alpen
eine gemeinsame Identität. Bei der Bevölke-
Zusammenarbeit
Im Jahr 2000 wurde das Interreg-B-Alpenraum-
rungsentwicklung, in Umwelt- oder Wirt- programm unterzeichnet. Es ermöglichte eine
schaftsfragen, im Tourismus oder beim Verkehr Vertiefung der Zusammenarbeit zwischen der
sind sie mit ähnlichen Herausforderungen kon- EU und den Alpenländern. Das Programm fi-
frontiert. Der Alpenraum beherbergt einige der nanziert transnationale Zusammenarbeits­
wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsräume Euro- projekte und reicht über den Geltungsbereich
pas mit hohen Investitionen in Forschung und der Alpenkonvention hinaus. Geografisch um-
Entwicklung. Dazu gehören insbesondere Bay- fasst es den Hauptbogen der Alpen sowie das Pie-
ern, die Lombardei und die französische Re- mont. Es erstreckt sich über das gesamte Terri-
gion Rhône-Alpes. Sie sind gleichzeitig die be- torium der Schweiz, Österreichs, Liechtensteins
deutendsten Wirtschaftspartner der Schweiz. und Sloweniens sowie über Teile Deutschlands,
In Verkehrsfragen beispielsweise ist die Zusam-
menarbeit im Alpenraum unverzichtbar gewor-
den. In anderen Bereichen besteht ein grosses Projekte des Alpenraumprogramms
Interesse daran. Im Rahmen des Alpenraumprogramms wer- dem Verein KMU Next zusammen. Das Pro-
den derzeit 33 Projekte unterstützt. Aus der jekt will Unternehmensnachfolgen kleiner
Schweiz sind 22 Projektpartner beteiligt. und mittelgrosser Betriebe fördern. Dieses
Alpenkonvention als Vorreiterin Hier einige Beispiele: Thema ist für zahlreiche Alpenregionen von
Mit Unterstützung der kantonalen Wirt- grosser Bedeutung, denn jedes Jahr schlies-
Bereits vor 1991 existierten zahlreiche Struktu- schaftsförderung leitet die Hochschule für sen viele KMU, weil sich kein Unterneh-
ren für die grenzüberschreitende Zusammen- Technik und Architektur Freiburg das Pro- mensnachfolger findet.
arbeit. Sie betrafen allerdings nur kleinflächige jekt S3-4AlpClusters. Dieses zielt darauf ab, Dank der Zusammenarbeit im Alpenraum
in regionalen Clustern die Kapazitäten für können auch gemeinsame Ressourcen in
Gebiete des Alpenbogens. Mit der Unterzeich- die Umsetzung von Innovationsstrategien Wert gesetzt werden. Das Projekt AlpFood-
nung der Alpenkonvention im Jahr 1991 wurde zu stärken. Das Projekt erlaubt den Aus- way ist der Lebensmittelkultur in den Alpen
die erste Plattform für zwischenstaatliche Zu- tausch und den Aufbau von dauerhaften gewidmet und wird vom Kompetenzzent-
Beziehungen mit Schlüsselakteuren in den rum Polo Poschiavo geleitet. Langfristiges
sammenarbeit im Alpenraum geschaffen. Sie
Nachbarländern. Ziel des Projekts ist die Aufnahme der alpi-
umfasst die Alpenländer Deutschland, Frank- Beim Projekt C-TEMalp arbeitet die Hoch- nen Lebensmittelkultur in die Unesco-Liste
reich, Italien, Liechtenstein, Monaco, Öster- schule für Technik und Wirtschaft Chur mit der immateriellen Kulturgüter.

20  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FOKUS

F­ rankreichs und Italiens. In diesem Gebiet leben mutigt die Wirtschaftsakteure, vermehrt an Zu-
rund 70 Millionen Menschen. sammenarbeitsprogrammen teilzunehmen. Das
Das Programm umfasst zahlreiche Themen, Interreg-Programm bietet die Möglichkeit, voll-
darunter auch die wirtschaftliche Entwicklung. kommen neue Projekte zu lancieren oder regio-
Die derzeitigen Programmschwerpunkte sind nale Initiativen um eine internationale Dimen-
Innovation, Energie, natürliches und kulturelles sion zu erweitern. Zusätzlich zur finanziellen
Erbe, Biodiversität und Gouvernanz. Ziel ist es, Unterstützung des Bundes im Rahmen der NRP
auf gewisse Schwächen des Alpenraums Ant- werden die Schweizer Projektpartner oft und in
worten zu finden: etwa indem die Zusammen- bedeutendem Umfang auch durch die Kantone
arbeit in den Bereichen Forschung und Innova- gefördert.
tion gestärkt oder die Landflucht eingedämmt Das Interreg-B-Alpenraumprogramm ver-
wird. netzt zahlreiche Akteure der Regionalentwick-
Das Alpenraumprogramm ist flexibel konzi- lung. Die Projekte ermöglichen den Austausch
piert. Dank dem Bottom-up-Ansatz bei der Pro- über Themen, die für alle Beteiligten von Inter-
jektentwicklung kann es auch aktuellste The- esse sind, die Suche nach Lösungen für gemein-
men aufnehmen. Zwischen 2014 und 2020 same Probleme, die Stärkung regionaler Wirt-
werden rund 50  Projekte durchgeführt. Das schaftskreisläufe dank innovativer Praktiken
Budget beläuft sich auf 139 Millionen Euro. und die Einbindung der Schweizer Akteure in
Seit rund zehn Jahren integriert die Schweiz internationale Netzwerke (siehe Kasten).
die europäischen Interreg-Programme in die
Neue Regionalpolitik (NRP). Den Schwer- Mehr politische Zusammenarbeit
punkt legt sie dabei auf die Wertschöpfung und
dank Eusalp
die Wettbewerbsfähigkeit. So anerkennt die
Schweiz die Bedeutung des europäischen Pro- Nach rund 15-jähriger Zusammenarbeit im
gramms für die Regionalentwicklung und er- Rahmen des Interreg-Programms wollten die

Im Projekt Alpfood-
ways setzen sich die
Berggebiete meh-
rerer Alpen­länder
­gemeinsam für eine
Auf­nahme ihrer
Lebens­mittelkultur in
die Unesco-Liste ein.
KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  21
BERGGEBIETE

Die drei wichtigsten Übereinkommen im Alpenraum

Deutschland
Mittelfranken

 Stuttgart

Oberösterreich  Wien
 Freiburg
Frankreich Österreich
Franche-Comté  Zürich
 Salzburg

Schweiz

Slowenien
Rhone-
Aostatal
Alpes
Lombardei
Italien
Piemont

ARE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Provence

  Alpenraumprogramm              Alpenkonvention               Eusalp

­ egionen und Staaten des Alpenraums ihrer auf


R Programms oder ausserhalb davon. Sie sind auf
technischer Ebene fest verankerten Zusammen- die strategischen Schwerpunkte ausgerichtet, die
arbeit auch eine politische Dimension verleihen. von den Regionen und den Alpenländern festge-
Um die öffentlichen Politiken auf den verschie- legt wurden. Auch Fragen zur Gouvernanz müss-
denen staatlichen Ebenen besser zu koordinie- ten wirksamer angegangen werden.
ren, wurde 2015 die Makroregionale Strategie Alles deutet darauf hin, dass Eusalp die Zu-
für den Alpenraum (Eusalp) verabschiedet. sammenarbeit im Alpenraum verbessern wird.
Oberstes Ziel ist der gerechte Zugang zu Be- Die Regionalentwicklung in der Schweiz kann
schäftigungsmöglichkeiten unter Nutzung der davon nur profitieren. Darüber hinaus erhof-
hohen Wettbewerbsfähigkeit des Alpenraums. fen wir uns, dass diese Strategie auch die Zu-
Zu diesem Zweck soll ein wirksames Forschungs- sammenarbeit zwischen grossstädtischen und
und Innovationsökosystem geschaffen, das wirt- periurbanen Regionen sowie Berggebieten
schaftliche Potenzial strategischer Branchen ge- stärkt.
steigert und Ausbildungsinhalte besser auf den
Arbeitsmarkt abgestimmt werden.
Die Umsetzung der Strategie erfolgt in ver-
schiedenen Aktionsgruppen, in denen zahl-
reiche schweizerische Akteure vertreten sind.
Eusalp verfügt nicht über genügend Mittel,
um Projekte selbst zu realisieren. Aus diesem
Grund stützt sich die Strategie auf bestehende
Strukturen wie das Alpenraumprogramm. Sébastien Rieben
Die ersten Eusalp-Projekte werden dem- Stellvertretender Delegierter für Internationales,
Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), Bern
nächst anlaufen – sei es im Rahmen des Interreg-­

22  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FOKUS

Ein Kümmerer für die Region


Mit der Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG existiert eine n ­ eutrale Ko­
ordinationsstelle für die Entwicklung der Region Oberwallis. Gemeinsam mit Kanton,
Gemeinden und Privaten werden so unter anderem neue, destinationsüber­g reifende Ini­
tia­t iven wie etwa das Projekt «Bike Valais/Wallis» entwickelt.  
Roger Michlig, Esther Schlumpf

Ein Blick in die Region Oberwallis zeigt, dass


Abstract  Die strategischen Bestrebungen auf Bundesebene für eine nach-
haltige und kohärente Entwicklung der Regionen müssen konkret in die Nachhaltigkeit und kohärente Regionalentwick-
Praxis umgesetzt werden. Die Akteure vor Ort sind gefordert, die raum- lung nicht nur neue politische Modewörter sind.
wirksamen Sektoralpolitiken aufeinander abzustimmen und das Denken Im Gegenteil: Sie werden in der Praxis als Grund-
und Handeln in funktionalen Räumen zu fördern. Was aber macht eine er- prinzipien seit Jahren gelebt. Aus dem Reformpro-
folgreiche regionale Umsetzungspraxis aus? Ein Blick in die Region Ober- zess der Regionalpolitik ist dort vor acht Jahren die
wallis zeigt, wie integrative und zukunftsorientierte Entwicklungen voran- Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG
getrieben werden können und welche Rolle die Regionalentwicklungsstelle
(RWO AG)1 als Regionalentwicklungsstelle her-
dabei spielen kann. Die Regions- und Wirtschaftszentrum Oberwallis AG
engagiert sich dort als neutrale Koordinationsstelle für die Regionalent- vorgegangen. Durch die Umsetzung unterschied-
wicklung. Eine neutrale, politisch unabhängige und sektorübergreifende lichster Projekte hat man so in den vergangenen
Arbeitsweise ist ein Schlüssel für eine erfolgreiche Umsetzung. Für die Zu- Jahren Erfahrungswerte gesammelt. Diese zeigen,
sammenarbeit mit den verschiedenen Akteuren – Kanton, Gemeinden und dass es für eine erfolgreiche Regionalentwicklung
Privaten – ist zudem ein dynamisches und agiles Vorgehen unerlässlich. kein Musterrezept gibt. Dennoch können einige
Schlüsselfaktoren für eine erfolgreiche Umset-
zungspraxis abgeleitet werden.

I  n den vergangenen 20 Jahren wurden auf na-


tionaler Ebene mehrere Politikbereiche, wie die
Tourismuspolitik, die Regionalpolitik oder die
Ein neutraler, unparteiischer Akteur
Raumentwicklungspolitik, umgestaltet. Damit ist Für eine strategiegeleitete Entwicklung der Re-
man übergegangen von einer Ausgleichspolitik gion und für die sektorübergreifende Koordina-
zu einer Anreizpolitik. Hat man früher beispiels- tion und Entwicklung von Projekten braucht es
weise Mehrzweckhallen unterstützt, so will man einen Akteur, der sich dieser Aufgabe annimmt
heute bewusst Wertschöpfungsketten auf- und und Mitverantwortung übernimmt. Ein solcher
ausbauen. Das bildet die Basis für eine nachhalti- Kümmerer muss sektorübergreifend vernetzt
ge und wirtschaftsorientierte Entwicklung von so- und in der Region verankert sein. Regionalent-
genannten Funktionalräumen. So werden Räume wicklungsstellen beispielsweise können eine
bezeichnet, die sich nicht durch politisch-admi- solche Funktion übernehmen. Für die Projekt-
nistrative Grenzen, sondern vielmehr durch Wirt- arbeit kann die Organisationsform dieser Insti-
schaftsbeziehungen, Verkehrsverflechtungen und tution eine entscheidende Rolle spielen, wie das
politische Interessen definieren. Beispiel der RWO AG zeigt.
Dieser Paradigmenwechsel nimmt kanto- Als Aktiengesellschaft geniesst das Unter-
nale, regionale und lokale Akteure vermehrt in nehmen eine hohe Glaubwürdigkeit bei Bund,
die Verantwortung. Deshalb steigt gleichzeitig Kanton, Gemeinden sowie Wirtschaftspart-
auch der Bedarf nach einer Koordination der nern in der Region. Die Aufteilung des Aktio-
1 Weiterführende raumwirksamen Sektoralpolitiken auf regio- nariats auf die Gemeinden, den Kanton und
Informationen zur
Regions- und Wirt- naler und lokaler Ebene. Was aber macht eine die W­ irtschaftsunternehmen ermöglicht es,
schaftszentrum Ober-
wallis AG online auf
erfolgreiche Umsetzungspraxis in den Regio- neben einer regionalen Verankerung auch die
rw-oberwallis.ch. nen aus? tägliche Arbeit zu entpolitisieren. Denn zu

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  23
BERGGEBIETE

KEYSTONE
Das Projekt Bike
Wallis/Valais bringt
politischen Themen nimmt die RWO AG selber Hotellerie, Transport- Ein Beispiel dafür ist das Oberwalliser Tou-
nicht Stellung. Diese Funktion übernimmt der unternehmen und rismus-Impulsprogramm Stratos2. 2012 ist es
Verein Region Oberwallis, in dem alle Gemein- Materialverleih aus der Idee heraus entstanden, die Rolle der
zusammen.
den des Oberwallis vertreten sind und der ein RWO AG im Tourismus zu klären. Es zeigte
Drittel der Aktien der RWO AG besitzt. Das er- sich, dass es zu jenem Zeitpunkt keinen stra-
möglicht eine neutrale, politik- und sektorun- tegischen Antreiber in der Region gab, der sich
abhängige Arbeitsweise. der destinationsübergreifenden Tourismus-
entwicklung annahm. Im Rahmen von Stratos
Zukunftsorientiert und integrativ initiierten touristische Akteure in einem soge-
nannten Bottom-up-Verfahren mehr als 50 Pro-
arbeiten
jekte. Neben lokalen Initiativen wurden auch
Ein weiterer Faktor für eine erfolgreiche Regio- destinationsübergreifende, regionale Projek-
nalentwicklung ist eine strategische Denk- und te oder Beherbergungsprojekte lanciert. Davon
Handlungsweise auf regionaler Ebene. Es ist ein sind heute über die Hälfte umgesetzt. Aus Stra-
strategisches Grundverständnis der RWO AG, tos ist ein Netzwerk mit fast allen Oberwalli-
dass sie durch ihre Tätigkeiten und Projekte der ser Tourismusdestinationen entstanden. Die-
gesamten Region dienen will und nicht einer spe- ses Netzwerk wird ergänzt durch Vertretungen
zifischen Politik. Damit ist eine zukunftsorien- von grossen Personentransportunternehmen.
tierte, integrative, sektor- und politikübergreifen- Die Mitglieder treffen sich regelmässig, um ge-
de Arbeitsweise unabdingbar. Strategiegeleitetes meinsam destinationsübergreifende Projekte
Handeln bedeutet, nicht nur auf bestehende Her- anzustossen und umzusetzen.
ausforderungen zu reagieren, sondern im Hinblick Eines dieser Projekte ist «Bike Valais/Wal-
auf künftige Chancen und Herausforderungen zu lis», welches die Entwicklung von destinations-
agieren. Durch eine aktive und vorausschauende übergreifenden Bike-Erlebnissen zum Ziel hat.
strategische Arbeitsweise werden neue Entwick- Es ist im Auftrag des Stratos-Netzwerks und in
lungen erkannt und die Bedürfnisse der Akteure ­Zusammenarbeit mit der kantonalen Vermark-
frühzeitig erfasst. Somit können neue Themen 2 Mehr Informationen tungsorganisation Valais/Wallis Promotion,
zu Stratos online auf
und Projektideen angestossen werden. stratos-­oberwallis.ch. der RWO AG und einer privaten Firma entstan-

24  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FOKUS

den. Inzwischen ist dieses Projekt auch auf in Organisationen fehlen diese häufig. Mit der
kantonaler Ebene als strategisches Thema auf- RWO AG können diese Kompetenzen gebün-
genommen worden.3 delt und konzentriert aufgebaut werden.

Lösungen gemeinsam entwickeln Herausforderungen proaktiv


anpacken
Die Entwicklung solcher Projekte ist nur durch
einen geeigneten methodischen Ansatz und Schweizweit sind die Regionen von unterschied-
den Einbezug aller relevanten Akteure mög- lichen Herausforderungen und Entwicklungen
lich. Pragmatismus und informelle Verfah- geprägt. Deshalb unterscheiden sich auch der
ren stellen dabei zentrale Erfolgsfaktoren dar. Handlungsbedarf und die Lösungswege in der
Das bedeutet nicht, dass die gesetzlichen oder regionalen Umsetzungspraxis. Gleichzeitig bie-
politisch-administrativen Prozesse missachtet ten aktuelle Entwicklungen wie etwa die Digi-
werden, sondern dass die Akteure Probleme talisierung Chancen, um eine sektorübergrei-
gemeinsam ausdiskutieren. So kann sich nie- fende Denk- und Handlungsweise der Akteure
mand aus der Verantwortung ziehen und muss zu fördern. Neue Möglichkeiten bei der Daten-
seinen Beitrag zur Lösungsfindung leisten. Die erhebung und -verarbeitung, bei der Nutzung
jeweiligen sektoriellen Interessen werden da- geografischer Informationssysteme oder bei der
mit zugunsten der besten Lösung für die Re- Vernetzung touristischer Unternehmen und
gion in den Hintergrund gestellt. Eine weitere Leistungsträger für die Angebots- und Produkt-
Anforderung an die kohärente Entwicklung ist entwicklung sind nur einige Beispiele dafür.
es damit auch, aus lähmenden Konkurrenzsi- Die Akteure vor Ort sind in der Verantwor-
tuationen Kooperationen zu schaffen und da- tung, Herausforderungen proaktiv und integra-
durch Synergien zu gewinnen. Um dies zu er- tiv anzugehen, Chancen zu nutzen und neue Lö-
reichen, ist das Einhalten von professionellen sungswege zu entwickeln. Ein Schlüssel für eine
Abläufen entlang von Governance-Struktu- nachhaltige und kohärente Umsetzungspraxis
ren essenziell. Das gilt sowohl unternehmens- liegt unter anderem darin, sich als Organisation in
intern als auch in den Projekten. Dadurch er- der Region zu verankern und sich mit ihr weiter-
folgen strategische Entscheide und operative zuentwickeln. Als lernende Organisation in einer
Tätigkeiten an unterschiedlichen Stellen und lernenden Region sind die strategischen Stoss-
unterstützen eine Entflechtung von Interes- richtungen und operativen Handlungsfelder lau-
sen. fend zu überprüfen und flexibel an neue Trends
Damit sich Projekte maximal entfalten, und die Bedürfnisse der regionalen Akteure anzu-
braucht es zudem ein methodisches Vorge- passen. Auf Ebene Bund und Kanton sind die zu-
hen, das eine dynamische und agile Arbeits- ständigen Stellen gefordert, die unterstützenden
weise ermöglicht. Wenn man ergebnisoffen in Rahmenbedingungen in Form von umsetzbaren, 3 Vgl. Kanton Wallis
ein Projekt startet und im Verlauf Lösungen in politikübergreifenden strategischen Leitlinien (2016). Strategie Velo  &
Bike Valais/Wallis.
enger Zusammenarbeit mit der Trägerschaft und politischen Instrumenten bereitzustellen. Sitten.
entwickelt, erhöht das die Flexibilität. Zu-
dem ist es hilfreich, Projekte in Zwischenzie-
le zu gliedern und schrittweise Entscheidungs-
punkte anzustreben, an welchen das Projekt
in eine neue Richtung gelenkt werden kann.
Ein solches Vorgehen ist häufig komplexer als
eine traditionelle Herangehensweise. Deshalb
braucht es auch die entsprechenden Kompe-
Roger Michlig Esther Schlumpf
tenzen etwa aus den Bereichen Regionalent- Geschäftsleiter Regions- Dr. phil., Projektleiterin,
wicklung, Management, Raumplanung und und Wirtschaftszentrum Regions- und Wirtschafts-
Wissenstransfer. In vielen mittleren und klei- Oberwallis, Naters zentrum Oberwallis,
Naters
nen Gemeinden, kleineren Unternehmen und

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  25
BERGGEBIETE

Braingain anstatt Braindrain


Ein grosser Nachteil der Gebirgskantone ist die Distanz zu den wirtschaftsstarken Metro­
politanräumen. Das gilt vor allem für den Kanton Graubünden. Viele hoch qualifizierte
Arbeitnehmer wandern deshalb ab. Doch wieso nicht den Spiess umdrehen und Arbeits-
kräfte und Unternehmen in die Berge locken?  Peder Plaz

und Agglomerationen stehen so in einem be-


Abstract    Der wirtschaftliche Druck im Schweizer Berggebiet ist in den
fruchtenden Austausch (siehe Abbildung 1).
letzten beiden Jahrzehnten stark gestiegen, und für die meisten Gebiete
gibt es kaum Alternativen zum Tourismus. In der Schweiz besteht zudem Anders ist die Situation im Berggebiet. Die
vom Oberwallis bis nach Graubünden ein Gebiet, welches aufgrund der abnehmende Wettbewerbsfähigkeit des Frei-
schwachen verkehrstechnischen Vernetzung als benachteiligter Alpen- zeittourismus in der Schweiz hat attraktive
raum bezeichnet werden muss. Soll in diesem Gebiet eine wirtschaftliche Arbeitsplätze vernichtet. Gleichzeitig hat die
Entwicklung stattfinden, ist primär die verkehrstechnische Benachteili- prosperierende wirtschaftliche Entwicklung
gung abzubauen. Zudem muss die Regionalpolitik künftig neue Themen
in den Metropolitanräumen die ohnehin be-
wie das Zusammenspiel von Wohnen und ortsunabhängigem Arbeiten so-
wie das Thema Braingain stärker bearbeiten. Denn es besteht die Gefahr,
stehende Sogwirkung verstärkt und so zu einer
dass die heutige Neue Regionalpolitik künftig in diesen Gebieten vermehrt zunehmenden Abwanderung der gut qualifi-
ins Leere greift, weil in den betreffenden Fördergebieten kaum mehr Unter- zierten arbeitsfähigen Bevölkerung geführt. In
nehmer sind. diesem Zusammenhang spricht man auch vom
Braindrain aus dem Berggebiet.
Die Ausgaben der wohlhabenden städtischen

A  ls Tourismusdestination und als Anbie-


terin einfacher industrieller Produkte
hat die Schweiz aufgrund ihrer starken Wäh-
Bevölkerung, die eine Zweitwohnung im Berg-
gebiet besitzt, führen zwar zu einem gewis-
sen Ausgleich. Denn zumindest saisonal wird
rung im internationalen Vergleich an Wett- so die lokale «Binnenwirtschaft» insbesondere
bewerbsfähigkeit eingebüsst. Anders ist es im Detail­handel, im Baugewerbe und in der Im-
bei den wissens- und technologieintensiven mobilienwirtschaft angekurbelt, wodurch sie
Wirtschaftsbereichen, wie etwa den Finanz- einen Beitrag an die Gemeindefinanzen leistet.
dienstleistungen, den Lifesciences oder in der In den letzten Jahren haben sich jedoch die oh-
Hightech-­Industrie. Hier ist die Schweiz auch nehin eher ungünstigen Entwicklungsvoraus-
weiterhin wettbewerbsfähig. setzungen des Berggebiets vor allem durch die
rasche und starke Frankenaufwertung weiter
Abwanderung aus dem Berggebiet verschlechtert.

Dieses Muster zeigt sich auch in den Regionen Benachteiligter Alpenraum


der Schweiz.  Die wissens- und technologie-
intensiven Unternehmen siedeln sich bevor- Ein zentral gelegener, gut vernetzter Ort ist in
zugt in den Metropolitanräumen Zürich, Basel, Zeiten von Fachkräftemangel und Pendlerge-
Genf-Lausanne, Bern und Ticino Urbano an. sellschaft für Unternehmen von hoher Bedeu-
Diese Zentren sind national und international tung. Denn dadurch steht ihnen ein grösseres
verkehrstechnisch ausgezeichnet angebunden. Einzugsgebiet an potenziellen Mitarbeitenden
Zudem haben sie mit den Technischen Hoch- zur Verfügung, damit sie ihren Personalbe-
schulen und den Universitäten eine hervorra- darf decken können. Zentrale und gut vernetz-
gende Bildungsinfrastruktur und deshalb ein te Ortschaften bieten zudem den Vorteil, dass
vergleichsweise hohes Angebot an hoch qualifi- bei einem Stellenwechsel der Wohnort und das
zierten Arbeitskräften. Die städtischen Zentren soziale Umfeld nicht verändert werden müssen

26  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FOKUS

und auch der Lebenspartner einer Tätigkeit ren Bergkantone sind deutlich besser mit den
nachgehen kann, die seinen Qualifikationen Metropolitan­räumen vernetzt.
entspricht. Die Fläche des Kantons Graubünden macht
Doch die Regionen der Schweiz sind unter- ungefähr die Hälfte des «benachteiligten Alpen-
schiedlich gut an die pulsierenden Arbeits- raums» aus. Aufgrund seiner geografischen
platzzentren in den Metropolitanräumen Lage inmitten der Alpen hat Graubünden trotz
angebunden (siehe Abbildung 2). Es sind über- seiner langen Auslandgrenze keinen alterna-
wiegend die peripheren Berggebiete, welche es tiven Zugang zu ausländischen Arbeitsmärk-
im Standortwettbewerb um Unternehmen und ten und Metropolen und muss deshalb die An-
Einwohner besonders schwer haben. Aus die- bindung in Richtung Metropolitanraum Zürich
sem Grund müsste man dieses Gebiet entgegen optimieren. Die verkehrstechnische Erschlies-
dem landläufig  verwendeten Begriff nicht «al- sung ist für eine erfolgreiche Ansiedlung wert-
pine Brache», sondern «benachteiligter Alpen- schöpfungsintensiver Unternehmen und hoch
raum» nennen. qualifizierter Zuzüger von entscheidender Be-
Die Anbindung des Kantons Graubün- deutung. Deshalb erstaunt es wenig, dass Grau-
den an die Metropolitanräume ist beson- bünden im Vergleich zu den übrigen Kantonen
ders schlecht. Einzig aus dem Raum Land- der Schweiz mit ausserordentlichen wirtschaft-
quart ist Zürich mit dem Auto oder mit der lichen Herausforderungen zu kämpfen hat.
Eisenbahn in maximal 60 Minuten erreich-
bar. Und aus dem Misox kann Lugano in we- Bessere Verkehrs-
Herausforderungen
niger als 60 Minuten erreicht werden. Das anbindungen an die
Metropolitanräume
restliche Kantonsgebiet muss zum benachtei- Graubünden besteht aus zwei unterschiedli-
könnten Hochqualifi-
ligten Alpenraum gezählt werden. Die ande- zierte vom Abwan- chen Siedlungsgebieten: einerseits aus dem
dern abhalten.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  27
BERGGEBIETE

Abb. 1: Räumliche Effekte der Globalisierung in der Schweiz

Globalisierung

Eröffnet neue Chancen für Arbeitsintensive Tourismuswirtschaft Verlagerung einfacher Arbeiten


hochproduktive Branchen wird erschwert in Billiglohnländer

Hightech-Industrie
Wissensintensive Dienstleistungen Lowtech-Industrie
(Lifesciences, Medizintechnik, Freizeittourismus
(Finanzplatz, Forschungs- und (Rohstoffabbau, Textil- und Lebens­
­Pharmazie, Energietechnik,
Entwicklungsabteilungen etc.) mittelindustrie etc.)
ICT, Robotik etc.)

Gut bezahlte Arbeitnehmer Abbau von Arbeitsplätzen und Unternehmen

Städte

BFS, WIRTSCHAFTSFORUM GRAUBÜNDEN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Ansiedlung hochproduktiver Branchen in der Nähe der Ab
Bildungsinstitutionen und «Wissens»-Cluster wa
nd
eru
ng
Hoch qualifizierte A rbe
Vorortsbewohner tragen zum its
k räft
«Arbeitskräftepool» bei e
Gut bezahlte Arbeitnehmer Bergregionen
wohnen und zahlen Steuern
in der Agglomeration g en
un
o hn
e it w
Agglomeration Zw
on
Kann durch geringe Kosten günstige Steuern anbieten u fv
Ka

s­ozioökonomisch gut positionierten Bündner der Faktoren, die für das Wirtschaftswachs-
Rheintal, welches ähnlich positiv in die Zukunft tum wichtig sind. Dazu gehören etwa verfüg-
blicken kann wie weite Teile des Schweizer Mit- bare Ansiedlungsflächen, eine Optimierung
tellandes. Und andererseits aus dem Bergge- der Verkehrswege, Pläne für das Zusammen-
biet1, welches aufgrund der in vielen Gebieten wachsen der Siedlungen, gute Verkehrsanbin-
einseitigen Ausrichtung auf Tourismus und dung zur Metropolitanregion Zürich.
Landwirtschaft sowie der Überalterung und Andererseits müssen im Berggebiet Voraus-
der Ausdünnung des Unternehmertums mit setzungen geschaffen werden, damit das Woh-
schwierigen Herausforderungen konfrontiert nen in diesen Räumen weiterhin attraktiv bleibt,
ist. Doch die beiden Regionen sind voneinander auch wenn der klassische Tourismus an Bedeu-
abhängig. Denn wenn das Berggebiet nicht mehr tung verliert und allenfalls nicht mehr flächende-
funktioniert, besteht die Gefahr, dass auch das ckend das Rückgrat der Wirtschaft bilden kann.
Bündner Rheintal unter Druck kommt, indem Diesbezüglich steht die Verkürzung der Reisewe-
dessen Versorgungsfunktion für das Berggebiet ge innerhalb von Graubünden im Vordergrund,
dadurch schwindet. um die Möglichkeit zu schaffen, zwischen Wohn-
Aufgrund der absehbaren Herausforde- und verschiedenen Arbeitsorten (z.  B. Rhein-
rungen, mit welchen Graubünden die nächs- tal, Oberengadin und Davos) zu pendeln. Hinzu
ten Jahrzehnte konfrontiert sein wird, können kommen die Herausforderungen, den Struktur-
von der Politik  zwei grundsätzliche Strategien wandel im Tourismus zu meistern, alternative
verfolgt werden, die miteinander kombinier- Konzepte für Orte mit wenig Einwohnern und
1 D
arunter fassen wir im
bar sind. Einerseits muss die Entwicklung des vorliegenden Text alle vielen Zweitwohnungen zu finden und attrakti-
Bündner Rheintals sichergestellt werden. Des- Bündner Regionen aus-
serhalb des Bündner
ve Wohnorte für Zuzieher mit ortsunabhängigen
halb braucht es eine vorausschauende Planung Rheintals zusammen. Berufsprofilen und Tätigkeiten zu schaffen.

28  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FOKUS

Notwendige regionalpolitische Abb. 2: Erreichbarkeit der Kernstädte der Metropolitanräume aus


Diskussionen Sicht der Regionen (2015)

Momentan besteht die Gefahr, dass die Neue


Basel
Regionalpolitik zunehmend ins Leere greift. Zürich
Denn im zu fördernden Raum sind mittlerweile
immer weniger Unternehmer tätig, welche man
ursprünglich mit der Neuen Regionalpolitik

WIRTSCHAFTSFORUM GRAUBÜNDEN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


fördern wollte. Deshalb muss die Regionalpoli- Bern

tik neue Lösungen diskutieren: Um die dezen-


trale Besiedlung zu sichern, ist die Schaffung Lausanne

von Pendlerdistanzen im gesamten Gebiet der


Schweiz die wohl wirksamste Methode. Die ef-
Genf
fektivste regionalwirtschaftliche Massnahme
Lugano
wäre es, einige überregionale Verbesserungen
bei der Erreichbarkeit umzusetzen. Beispiels-
weise eine Verkürzung der Reisezeit zwischen
  >60min        <60min         <40min       <20min
Zürich und Chur auf unter eine Stunde oder eine
Verkürzung der Reisezeit zwischen Chur und
dem Oberengadin auf 30 Minuten. Technisch muss vermehrt darüber nachgedacht werden,
wäre dies machbar – es führt jedoch zu Kosten ob ein grösserer Teil des Braindrains nicht durch
und setzt einen politischen Konsens und eine einen Braingain kompensiert werden könnte.
gewisse Solidarität in der Schweiz voraus. Die diesbezüglichen Wirkungszusammenhän-
Aufgrund ihrer landschaftlichen und touris- ge sind noch wenig erforscht und vielschich-
muswirtschaftlichen Voraussetzungen haben tig (z. B. vorhandene Arbeitsplätze, bestehende
peripher gelegene Orte wie Graubünden – wenn soziale Strukturen/Bindungen). Mit den Fach-
überhaupt – primär als attraktive Wohnorte hochschulen hat die nationale Politik ein Inst-
Entwicklungschancen. Wenn das Arbeiten in rument in der Hand, mit dem eine gute Chance
Zukunft ortsunabhängiger wird, könnte sich die besteht, «Brains» vermehrt auch ins Berggebiet
Schönheit der Berggebiete als Vorteil erweisen. zu bringen. Von daher sollte im Berggebiet die
Die nationale Regionalpolitik setzt heute jedoch Fachhochschulpolitik künftig verstärkt auch
einseitig auf die Ansiedlung von Arbeitsplät- unter dem Aspekt der Regionalentwicklung be-
zen und unterschätzt dabei die Bedeutung des trachtet und definiert werden.
Wohnorts als Voraussetzung für die Rekrutie-
rungsmöglichkeiten. Zumindest braucht es eine
Diskussion dazu, wie die Regionalpolitik in pe-
ripheren Regionen vermehrt Projekte zur Stär-
kung der Wohnortattraktivität im Sinne des Zu-
sammenspiels zwischen Wohnen und Arbeiten
mitberücksichtigen kann.
Das Berggebiet ist traditionell von Brain-
drain  – dem Abwandern hoch qualifizierter Peder Plaz
Geschäftsführer Wirtschaftsforum Graubünden, Chur
Arbeitskräfte – betroffen. In der Regionalpolitik

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  29
DER STANDPUNKT

Thomas Egger Bau von Infrastrukturen. Nur: Ohne


Nationalrat (CSP/VS) und Direktor der Schweizerischen leistungsfähige, digitale Infrastruk-
Arbeitsgemeinschaft für die Berggebiete (SAB), Bern turen können die Chancen der Digi-
talisierung nicht genutzt werden. Da-
mit alle Unternehmen und Haushalte

Das administrative Korsett in der Schweiz die gleichen Voraus-


setzungen haben, muss die minima-

ist zu eng le Bandbreite in der Grundversorgung


von heute 3 Megabit pro Sekunde
(MBit/s) unverzüglich auf 10 MBit/s
Den Berggebieten und ländlichen Räumen weht zurzeit angehoben werden. Zudem braucht
ein rauer Wind entgegen. Potenziale zur Entwicklung es eine Breitbandstrategie des Bun-
des, die aufgezeigt, wie die Gebiete,
dieser Räume sind zwar vorhanden, doch sie werden
in denen der Wettbewerb nicht spielt,
durch administrative Hürden oft eingeschränkt. Eine rasch mit Hochbreitband erschlossen
Lockerung ist nötig. werden. Auch die im internationa-
len Vergleich übermässig restriktiven
Grenzwerte für Mobilfunkantennen
Von allen Seiten lastet der Druck auf die Berggebiete und müssen korrigiert werden. Sonst können vor allem die
ländlichen Räume. Bereits existieren grundlegende Prob- ländlichen Räume nur sehr verzögert von schnelleren
leme wie etwa die zu klein strukturierten Angebote im al- Mobi­lfunk-Übertragungsraten wie 5G profitieren.
pinen Tourismus. Doch diese werden nun zusätzlich durch
externe Schocks wie die Zweitwohnungsinitiative und die Zu viele administrative Lasten
Aufhebung des Euro-Franken-Mindestkurses verschärft.
Hinzu kommt ein politischer Wind, der sich eindeutig Die Einschränkung beim Mobilfunk ist nur einer von
gegen die Berggebiete gewendet hat. Dies zeigt sich etwa in zahlreichen Faktoren, welche die Entwicklung der Berg-
der vorgesehenen Reduktion der Wasserzinse, welche für gebiete und ländlichen Räume hemmen. Ein kürzlich ver-
einige Berggemeinden existenzielle Fragen aufwirft. Die öffentlichter Bericht2 der SAB zeigt erstmals die adminis-
geplante Verschärfung der Lex Koller würde für den alpi- trativen Lasten der Berggebiete. Darin wurden rund 100
nen Tourismus einen weiteren schweren Schlag bedeuten. solcher Lasten identifiziert. Ein typisches Beispiel ist der
Agrotourismus: Während die Agrarpolitik von den Land-
Digitalisierung bietet Chancen wirten verlangt, unternehmerisch tätig zu sein, werden
ihre Entwicklungspotenziale durch das Umwelt- und
Doch in den Berggebieten und ländlichen Räumen sind Raumplanungsrecht gleich wieder eingeschränkt. Es wäre
durchaus Potenziale vorhanden, wie ein aktueller Bericht1 den Berggebieten sehr gedient, wenn das Korsett, das mit
der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für die Bergge- all diesen Auflagen geschnürt wurde, wieder etwas gelo-
biete (SAB) zeigt. Auch die Digitalisierung stellt eine riesige ckert würde. Dann hätten sie wieder mehr Luft, um die
Chance dar. Denn die Produktion von Gütern und Dienst- vorhandenen Entwicklungspotenziale auch ohne zusätz-
leistungen ist nicht mehr so stark wie bis anhin an einen liche staatliche Unterstützung in Wert zu setzen.
Standort gebunden: Das Hochhaus in Zürich wird bequem Für die Zukunft der Berggebiete und ländlichen Räume
und inspirierend in Vrin entworfen. Das klassische Büro braucht es einen integralen, sektorübergreifenden An-
hat ausgedient. Dienstleistungen werden vermehrt von satz. Dazu müssen alle raumwirksamen Politikbereiche,
zu Hause, unterwegs oder bei Kunden erledigt. Zudem er- alle staatlichen Ebenen und die Zivilgesellschaft zusam-
möglicht das Internet dem Tourismus weltweit sichtbare  menwirken. Der vom Bundesrat im Februar 2015 publi-
Marketingkanäle. Doch damit diese Chancen genutzt wer- zierte Politikbericht für die ländlichen Räume und Berg-
den können, braucht es entsprechende digitale Infrastruk- gebiete stellt in dieser Hinsicht einen Meilenstein dar. Er
turen. muss nun konkretisiert und in die Tat umgesetzt werden.
Diesbezüglich macht Avenir Suisse in ihrer kürzlich pu-
blizierten Studie über die Berggebiete einen Denkfehler.
Auch die Denkfabrik erkennt in der Digitalisierung zwar 1 verfügbar
Egger et al. (2017). Erfolgsmodelle in den Berggebieten und ländlichen Räumen. Bericht 
auf Sab.ch.
eine Chance, sie verteufelt auf der anderen Seite aber den 2 Egger et al. (2017). Administrative Lasten im Berggebiet. Bericht verfügbar auf Sab.ch.

30  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


DER STANDPUNKT

Raimund Rodewald paesaggio» – ein Netzwerk verschie-


Dr. phil. biol., Dr. h.c. iur., Geschäftsleiter der Stiftung dener Amtsstellen wie Forstämtern
Landschaftsschutz Schweiz, Bern und Regionalförderungsstellen. Zu-
sammen mit ausserkantonalen Stif-
tungen wie der Stiftung Landschafts-

Wir sind alle Bergler! schutz Schweiz fördert sie lokale,


nachhaltige Projekte.
Das Tessiner Berggebiet ist der
Dem Berggebiet geht es besser, als die Unkenrufe es schweizweite Motor einer Bergge-
verkünden. Das zeigt die Vielzahl nachhaltiger Initiati- bietsarbeit, die sich der Pflege der eige-
ven. Mehr Kooperationen zwischen dem Berggebiet und nen Kulturlandschaft widmet. Heute
glänzt das Berggebiet auch andernorts
seinen lokalen Zentren wären dennoch erstrebenswert. mit kulturellen Eigeninitiativen, etwa
mit dem Origen-Festival im bündneri-
schen Surses, welches Kunst und Kul-
Statistiken sagen nicht alles. Im Sommer 2017 hatte ich tur in die Landschaft einwebt. Doch für solche Entwick-
die Gelegenheit zu mehreren Begegnungen mit engagier- lungen gibt es leider keine Statistik.
ten Menschen in verschiedenen Berggebieten. Ich war be-
eindruckt von der guten Stimmung der Hoteliers sowie der Mehr Kooperation zwischen den
Initiative der Einheimischen und Zweitwohnungsbesitzer,
Institutionen
die sich mit Ideen und Taten einbringen. Zum Beispiel im
Valle Malvaglia im Bleniotal: Seit über zehn Jahren findet In Umfragen steht die Berglandschaft bei der Bevölke-
dort eine Renaissance der Berglandwirtschaft statt. Die rung hoch im Kurs. Dies sollten die Berggebietspolitiker,
Landwirte interessieren sich wieder für die Bewirtschaf- die gegen den Landschaftsschutz wettern, nicht verges-
tung der verbuschten Weiden auf den Kulturterrassen, für sen! Gewiss ist dies nur eine Seite der Realität. Ebenso
die Sanierung von Trockenmauern und historischen Ge- real ist die wirtschaftliche Baisse, zu der auch die Zent-
bäuden. Auch junge, auswärtige Bauern lassen sich in den ren des Skitourismus beitragen: Sie haben hohe Investi-
Valli nieder und setzen innovative Ideen um. In Mergoscia, tionen in Infrastrukturen und Zweitwohnungen getätigt,
im Verzascatal, wird beispielsweise neben Reben auch der die angesichts des Klimawandels und sich wandelnder
heimische Pro-Specie-Rara-Mais angepflanzt. Etwas nörd- gesellschaftlicher Bedürfnisse vielerorts nicht mehr ren-
licher in Corippo entsteht ein dezentrales Dorfhotel, und in tieren.
Boschetto, im Maggiatal, produziert man auf den wieder- Die städtischen Zentren innerhalb der Berggebiete soll-
bewirtschafteten Wiesen und Weiden Formaggini und Sa- ten die Nähe zu den innovativen ländlichen Regionen bes-
lametti. ser nutzen. Die Wirtschaftsunternehmen in Visp, Thun,
Chur oder Locarno könnten beispielsweise ihre Arbeits-
Nachhaltige Initiativen als Aushängeschild plätze in die nahe gelegenen und in der Regel auch mit
schnellen Internetverbindungen ausgerüsteten ländlichen
Wenn also Avenir Suisse von geringer Wettbewerbsfä- Dörfer auslagern und so die leer stehenden Zweitwohnun-
higkeit der Berggebiete im Vergleich zu den Topkantonen gen und Ortskerne wieder beleben. Solche «New Alpiners»
spricht, dann tönt dies beunruhigend. Gemessen an der – also Ankömmlinge aus nahen und fernen Städten – bele-
Wettbewerbsfähigkeit schneidet der Kanton Tessin nur ben ihrerseits die lokalen Läden und die Gastronomie. Ihre
halb so gut ab wie der Kanton Zug, obwohl die Siedlungs- Einbindung in die lokale Politik wäre deshalb sinnvoll. Der
struktur beider Kantone mit dünn besiedeltem Bergge- Schlüssel zum Erfolg liegt überhaupt in der institutionel-
biet und hoch zersiedeltem Talgebiet ähnlich ist. Aber: Die len Zusammenarbeit. Die erfolgreiche Arbeit für Kultur
Wettbewerbsfähigkeit ist in erster Linie nicht vom länd- und Landschaft liefert hierfür ein Vorbild. In der Gastro-
lichen Berggebiet abhängig, sondern von den Rahmen- nomie und Hotellerie mangelt es jedoch an solchen Koope-
bedingungen in den urbanisierten Zentren. Während die rationen.
sogenannte città diffusa – der zersiedelte Talboden – die Das Berggebiet wie das Nicht-Berggebiet sind wirt-
Nähe zu Italien früher noch als wirtschaftlichen Segen er- schaftlich und gesellschaftlich untrennbar verbunden.
lebte, empfindet sie diese Nähe heute als Last. Gegenwär- Herr und Frau Schweizer sind schon längst Bergler – nur
tig brilliert das Tessin nicht zuletzt durch die «piattaforma die Politik merkt das nicht.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  31
DIE STUDIE

13. November 2017


KKL Luzern

www.europaforum.ch

Rolf Sergio P. Ulrike Stefan Patrick


Dörig Ermotti Huemer Krawczyk Naef
VR-Präsident, Group CEO, UBS CIO, Stadt Wien Associate General CIO & Divisional
Swiss Life Holding Counsel, eBay Senior Vice President
IT, Emirates Group

Partner Medienpartner Netzwerkpartner

Digital Summit für KMU


HANDEL HEUTE ICT Switzerland
Moneycab Scienceindustries
Netzwoche SwissCognitive
ORGANISATOR Swissmem
persönlich VSUD
32  Die Volkswirtschaft  10 / 2017
Die Volkswirtschaft Zuger Wirtschaftskammer
UnternehmerZeitung
DIE STUDIE

Schweizerische Gesellschaft für Volkswirtschaft und Statistik


Société suisse d’économie et de statistique
Società svizzera di economia e di statistica
DIE STUDIE Swiss Society of Economics and Statistics

Gut geführte Pensionskassen weisen


höhere Performance aus
Governance und Rendite hängen zusammen: Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie zu Pen-
sionskassen in der Schweiz. Manuel Ammann, Christian Ehmann

Abstract  Eine Studie der Universität St. Gallen zeigt einen statistisch und ökonomisch ken grösser als das Bruttoinlandprodukt (BIP).
signifikanten Zusammenhang zwischen der Governancequalität und der Anlageperfor- Angesichts dieser Summe sind professionel-
mance von beruflichen Vorsorgeeinrichtungen in der Schweiz. Die Autoren untersuchten le Managementstrukturen und Prozesse bei
139 Pensionskassen in Bezug auf interne Governancemechanismen, Investmentperfor- den Pensionskassen von volkwirtschaftlicher
mance, Vermögensverwaltungskosten, Risikodeckung und Vermögensallokation. Pen- Bedeutung, da Vorsorgeeinrichtungen mit
sionskassen mit einer guten Governance wiesen in den Jahren 2010 bis 2012 eine höhere Schwächen in den Governancestrukturen
jährliche Anlagerendite aus als solche mit einer relativ schlechten Governance. Dabei wa- beträchtliche Risiken für Versicherte, Rentner
ren vor allem die Governancestrukturen in den Bereichen Ziele, Anlagestrategie und Risi- und Finanzmärkte verursachen können.
komanagement für den positiven Gesamtzusammenhang zur risikoadjustierten Anlage- Um dieses systemische Risiko einzudäm-
performance verantwortlich. men, hat der Gesetzgeber verschiedene
Massnahmen ergriffen, die auf die Verbesse-
rung der Governancequalität von Pensions-

M  it über vier Millionen aktiv Versicher-


ten und knapp 2000 Pensionskassen
unterhält die Schweiz eines der grössten Sys-
teme der beruflichen Vorsorge Europas. So
war das Gesamtvermögen aller Pensionskas-
sen Ende 2016 mit über 800 Milliarden Fran-
kassen abzielen – so traten 2011 beispielswei-
se neue Bestimmungen zu Transparenz und
Interessenkonflikten in Kraft. Zusätzlich för-
dert der Schweizerische Pensionskassenver-
band (Asip) seit Jahren selbst-regulatorische
Ansätze, unter anderen im Rahmen einer
«Governance-Charta».1
Governance geht allerdings über rein re-
gulatorische Anforderungen hinaus und ist
umfassender zu verstehen. Schlüsselaspekte
sind die Organisations- und Führungsstruk-
turen, Anreizsysteme für das Management,
Planungs- und Strategieprozesse sowie In-
vestment- und Risikomanagementprozesse.

Empirische Studie anhand von


umfangreicher Stichprobe
In einer Studie haben die Autoren untersucht,
inwiefern Governancearchitekturen mit der
1 Asip-Charta, Asip.ch

Von der Forschung in die Politik


Die «Volkswirtschaft» und die «Schweizerische
Zeitschrift für Volkswirtschaft und Statistik» ver-
KEYSTONE

bessern den Wissenstransfer von der Forschung in


die Politik: Aktuelle wissenschaftliche Studien mit
Die grösste Pensionskasse der Schweiz – die BVK – steht unter Beobachtung: Stiftungsratspräsident Bruno einem starken Bezug zur schweizerischen Wirt-
Zanella und Geschäftsführer Thomas Schönbächler vor den Medien in Zürich. schaftspolitik erscheinen hier in einer Kurzfassung.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  33
DIE STUDIE

Quartil-Analyse

Performance-Metrik 1. Quartil 2. Quartil 3. Quartil 4. Quartil Differenz Q1 – Q2


Durchschnittliche Überschussrendite der Jahre 2010 bis 2012 2,65% 2,21% 1,81% 1,62% +1,02a
Durchschnittliche Abweichung zur passiven Benchmark der –0,36% –0,83% –1,20% –1,33% +0,97a

AMMANN UND EHMANN (2017)


Jahre 2010 bis 2012
Durchschnittliche Abweichung zur Benchmark, die von den –0,31% –0,60% –0,88% –1,06% +0,75b
Pensionskassen selbst angegeben wurde
Sharpe Ratioc der Pensionskassen: 0,376 0,299 0,295 0,271 +0,105b

a 1-Prozent-Signifikanzniveau      b 5-Prozent-Signifikanzniveau      c Kennzahl für das Verhältnis zwischen Überrendite und Risiko einer Geldanlage

Die Tabelle zeigt den arithmetischen Durchschnitt der vier analysierten Performancemetriken pro Quartil. In der rechten Spalte ist die Differenz zwischen dem Quartil
mit den besten Governancewerten (1. Quartil) und dem Quartil mit den schlechtesten Governancewerten (4. Quartil) abgebildet.

realisierten Anlageperformance zusammen- derum aus sechs Subindizes besteht (sie- re durchschnittliche Überschussrendite über
hängen.2 Empirische Untersuchungen zum he Kasten). Obwohl einige der Komponenten die Jahre 2010 bis 2012 ausgewiesen als klei-
Zusammenhang zwischen Governance und des G-Score aus Governanceperspektive vor- nere. Einen Teil der höheren Rendite erzielen
Performance in der Altersvorsorge sind heu- teilhaft erscheinen, werden diese weder als sie dabei durch ein höheres Risiko-Exposu-
te immer noch rar. Besser untersucht ist der absolut erachtet, noch wird behauptet, dass re, indem sie beispielsweise einen grösseren
Unternehmenssektor, wo die Evidenz einen Schweizer Pensionsfonds diese notwendi- Anteil ihres Vermögens in alternative Invest-
positiven Zusammenhang zwischen guter gerweise erfüllen sollen, um ihre Governan- ments, Aktien und Fremdwährungen inves-
Governance und Unternehmensperformance cequalität zu verbessern. Es wird daher keine tieren als kleinere Kassen.
und -bewertung findet. Aussage darüber getroffen, wie eine optima- Pensionskassen-Governance ist für alle
In den bisherigen Studien zu Pensions- le Governancestruktur einer Pensionskas- vier analysierten Performancemasse relevant
kassen wurde die Governancequalität oft se aussieht oder aussehen sollte. Tatsächlich (siehe Tabelle). So erzielten Pensionskassen
auf subjektive Weise gemessen, beispiels- werden einige Elemente des Scoring-Modells mit einer guten Governance höhere Über-
weise basierend auf Selbstwahrnehmungen aufgrund von widersprüchlicher empirischer schussrenditen sowie kleinere negative Ab-
oder Meinungen von Pensionsfondsmana- Evidenz kontrovers diskutiert – wie zum Bei- weichungen zu ihrer Benchmark als Kassen
gern und Stiftungsräten. Im Gegensatz dazu spiel die Anwendung taktischer Vermögens- mit tiefen Governancewerten. Auch die Ana-
untersuchten die Autoren den Zusammen- allokation oder die performanceabhängi- lyse der von den Pensionskassen angegebe-
hang zwischen Governancestrukturen, Anla- ge Vergütung von Stiftungsräten. Die Studie nen individuellen Benchmarks zeigt ähnliche
geperformance und Vermögensallokation für nimmt solche Elemente lediglich als prak- Ergebnisse. Das Bestimmtheitsmass des Re-
eine Stichprobe von 139 Schweizer Pensions- tische Referenzpunkte zur Hand, um einen gressionsmodells ist hier jedoch relativ nied-
kassen, wobei die Messung der Governan- möglichen Zusammenhang zwischen Gover- rig, was eine Indikation für suboptimal de-
cequalität ausschliesslich auf objektiv nach- nance, Performance und Vermögensalloka- finierte individuelle Benchmarks der Kas-
prüfbaren Kriterien beruht. Da historische tion zu untersuchen. sen ist. Für die Sharpe Ratio – die Kennzahl
Performancedaten sowie detaillierte Daten Die Analysen zeigen, dass Pensions- für das Verhältnis zwischen Überrendite und
zu Governancestrukturen von beruflichen kassen-Governance positiv mit der durch- Risiko einer Geldanlage – findet die Studie
Vorsorgeeinrichtungen der zweiten Säule in schnittlichen Anlageperformance der befrag- ebenfalls einen signifikant positiven Koeffizi-
der Schweiz nicht in ausreichend detaillier- ten Kassen in den Jahren 2010 bis 2012 kor- enten für die Variable G-Score.
ter Form öffentlich verfügbar sind, wurden reliert. Diejenigen Pensionskassen, die im Die Analyse der Vermögensallokation
diese Informationen mithilfe eines standardi- höchsten Governancequartil lagen, erzielten zeigt hingegen keinen signifikanten Zusam-
sierten Fragebogens erhoben. Der verwende- eine um 1 Prozent höhere durchschnittliche menhang zwischen der Governance und den
te Datensatz enthält Daten von 139 Pensions- Überschussrendite und Benchmark-Outper- Allokationsentscheiden. Entscheide bezüg-
kassen mit einem Kassenvermögen von über formance als diejenigen, die sich im niedrigs- lich der Vermögensallokation scheinen eher
260 Milliarden Schweizer Franken per Ende ten Quartil befanden (siehe Tabelle). mit institutionellen Faktoren wie der Kassen-
2012 – was 43 Prozent des gesamten Schwei- grösse oder der Rechtsform verbunden zu
zer Pensionskassenvermögens entsprach. Rendite hängt mit Risiko- sein als mit Governancestrukturen.
management zusammen
Index bildet Governance ab Externe Berater beeinflussen
Vor allem die Subkategorien Zielsetzung und
Um die Governancestrukturen der Kassen Anlagestrategie sowie Risikomanagement
Performance
möglichst objektiv zu messen, entwickel- zeigen eine signifikant positive Korrelation Eine detailliertere Analyse der Subindizes
ten die Autoren den Governanceindex «Swiss zur durchschnittlichen Rohrendite. Ebenfalls zeigt einen ökonomisch und statistisch sig-
Pension Fund Score» (G-Score), welcher wie- einen signifikant positiven Effekt zeigt sich nifikanten Zusammenhang zwischen der re-
bei der Kassengrösse: Grössere Pensions- gelmässigen Anwesenheit von externen Be-
2 Ammann und Ehmann (2017). kassen in der Stichprobe haben eine höhe- ratern an Anlagestrategie-Sitzungen und der

34  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


DIE STUDIE

che angaben, «Taktische Asset Allokation» mit besserer Governance einhergeht als auch
G-Score und Regressionsanalysen
zu betreiben, eine geringere Performance als zu einer höheren Anlageperformance führt.
Der Swiss Pension Fund Score (G-Score) besteht die Kassen, welche gemäss Umfrage auf die- Zeitgemässe Governancestrukturen sind
aus den Subkategorien Organisations- und Füh-
rungsstruktur, Management-Incentive-Syste- se Praktik verzichten. für die Versicherten von Pensionskassen vor-
me, Zielsetzung und Anlagestrategie, Invest- Für Stiftungsräte von Pensionskassen teilhaft. Viele Kassen werden deshalb wei-
mentprozesse, Risikomanagementprozesse stellt sich die Frage, inwiefern ein Invest- ter an ihrer Governance arbeiten. Dabei sollte
sowie Controlling und Transparenz. Diese sechs ment in gute Governancestrukturen sinn- nicht nur die formale Erfüllung von erwünsch-
Governancebereiche sind ihrerseits in insge-
samt 60 Kriterien unterteilt. Um zu untersu- voll für Versicherte im Sinne von verbesser- ten Anforderungen angestrebt werden, son-
chen, inwiefern Governance mit Anlageper- ter Anlageperformance sein könnte. Die Stu- dern vor allem die materielle Verbesserung
formance und Vermögensallokation korreliert, die zeigt, dass zumindest statistisch für die der Governance zugunsten der Versicherten
wurden multivariate Regressionsanalysen ein-
Jahre 2010 bis 2012 ein Zusammenhang zwi- im Vordergrund stehen.
gesetzt, bei denen vier verschiedene, in der
Portfoliomanagementpraxis gängige Perfor- schen beiden Faktoren besteht.
mancemasse als abhängige Variablen dienten. Es ist jedoch wichtig, zu erwähnen, dass
Institutionellen Kassenfaktoren wie Kassen- keine Aussage über die Kausalität zulässig Manuel Ammann
grösse, Primatsform, Rechtsform, Risikode- Professor für Finanzen, Dekan der School of
ckung, internen Kostenstrukturen sowie dem
ist. Denn: Obwohl es möglich und plausibel
Finance, Direktor des Schweizerischen Ins-
Verhältnis zwischen aktiv Versicherten und ist, dass eine gute Governance zu einer bes- tituts für Banken und Finanzen an der
Rentnern wurde ebenfalls Rechnung getragen. seren Anlageperformance führt, könnte die Universität St. Gallen
Kausalkette auch umgekehrt sein. Das heisst,
Pensionskassen mit guter Performance
Performance auf: Diese ist um durchschnitt- könnten bessere Governancestrukturen in- Christian Ehmann
lich einen halben Prozentpunkt höher, wenn stallieren, weil sie möglicherweise mehr fi- Dr. oec. HSG, ehem. wissenschaftlicher
der externe Berater grundsätzlich an den An- nanziellen Spielraum haben. Oder es könnte Mitarbeiter am Schweizerischen Institut
für Banken und Finanzen der Universität
lagestrategie-Sitzungen teilnimmt. Umge- sein, dass es ein allgemeines Qualitätsmerk-
St. Gallen
kehrt haben diejenigen Pensionskassen, wel- mal für Pensionskassen gibt, welches sowohl

Programm und Anmeldung:


egovernment-symposium.ch
11
Nationales
eGovernment- «Blockchain, Usability & Datenschutz –
modernes Datenmanagement als Erfolgsrezept für

Symposium die digitale Transformation der Verwaltung»

Unter anderem mit


13. November 2017 Regierungsrat Marcel Schwerzmann (LU)
Regierungsrätin Maya Büchi (OW)
Hotel Bellevue, Bern Christian Bock, Direktor Eidgenössische Zollverwaltung
13.00–17.30 Uhr, anschliessend Dinner Mats Snäll, Chief Digital Officer, Swedish Land Registry

IDHEAP
GROUPEMENT ROMAND
DE L’INFORMATIQUE

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  35
Frau in einer Männerdomäne:
Bundesliga-Schiedsrichterin
Bibiana Steinhaus.
KEYSTONE
EINBLICK

Wie Verhaltensdesign die


Gleichstellung revolutionieren kann
Vor ein paar Jahren betrat ich eine Krippe an meinem informelle Netzwerke und traditionelle Faustregeln durch
Arbeitsplatz an der Harvard University. Ich hielt unseren quantifizierbare Daten und strikte Analyse zu ersetzen, ist
kleinen Sohn im Arm. Wie Millionen Eltern, die ihr Kind ein erster Schritt, um Chancengleichheit herzustellen. Er-
zum ersten Mal in eine Betreuung bringen, machte ich mir folgreiche Unternehmen wie die Credit Suisse, Goldman
sehr viele Gedanken. So ziemlich die erste Betreuungsper- Sachs, Google, LinkedIn, Microsoft und nicht staatliche Or-
son, die mir begegnete, war – ein Mann. Am liebsten hät- ganisationen wie Teach for America führen ihre Personal-
te ich mich umgedreht und wäre weggelaufen. Wie konnte abteilungen zunehmend so wie ihre Finanz­oder Marketing-
ich diesem Mann das Wertvollste anvertrauen, was ich im abteilungen: auf der Grundlage handfester Daten. Manche
Leben besass? Er entsprach nicht meiner Erwartung, wie sprechen bereits von der «Abteilung People Analytics».
eine liebevolle, aufmerksame,  fürsorgliche Betreuungsper-
son  auszusehen hatte. Meiner Reaktion lag keine bewuss- Bilder im Flur beeinflussen uns
te Überlegung zugrunde, sondern sie kam tief aus meinem Wir haben auch die Umgebungen, in denen Menschen le-
Bauch. Verhielt ich mich sexistisch? Ich fürchte, die Ant- ben, lernen und arbeiten, auf unbeabsichtigte Verzerrun-
wort lautet ja. gen untersucht. Hängen in den Fluren Ihrer Organisation
Dem Bauchgefühl zu folgen, kann handfeste Auswirkun- nur Bilder ehemaliger männlicher Führungspersonen?
gen haben. Wir haben dies genauer untersucht: Warum sind Dann sollten Sie wissen, dass das Auswirkungen darauf
Vorurteile so verbreitet und schwer durch Training allein hat, was Mitarbeitende und Studierende für sich selbst
zu überwinden? Wir analysieren Ansätze, die darauf abzie- als erreichbar ansehen. Stereotype können durch Kleinig-
len, durch Diversitätstraining Vorbehalte abzubauen und keiten aktiviert werden, zum Beispiel dadurch, dass Test-
Frauen zu helfen, sich im System besser zurechtzufinden, teilnehmer gebeten werden, anzukreuzen, welches Ge-
im Wettbewerb zu bestehen, entschlossener zu verhandeln schlecht sie haben, bevor sie mit einem Test beginnen.
und strategisch klüger zu führen. Frauen müssen wissen, Stereotype, die besagen, dass Asiatinnen in Mathematik
wie und wann man «sich reinhängen» soll, wie Sheryl Sand- besser sind als Kaukasierinnen und Mädchen beim Lesen
berg es in ihrem Buch so eloquent beschrieben hat. Aber ein und Schreiben besser abschneiden als Jungen, können zu
Blick auf Initiativen zur Stärkung von Frauen lässt vermu- sich selbst erfüllenden Prophezeiungen werden – sofern
ten, dass die Frauen allein es nicht schaffen werden. Verhal- wir nicht darauf achten, Verzerrungen auszuschalten.
tensdesign bietet hier Lösungen.
Ebenfalls vielversprechend sind neue Designs für das Ta-
lentmanagement. Im Mittelpunkt steht empirische Evidenz
basierend auf Experimenten, aber auch auf der Nutzung von
Big Data. Ziemlich neu ist der Einsatz von Big Data im Gebiet
von People Analytics, der Analyse von Daten aus dem Perso-
nalwesen. Generell argumentiert People Analytics, dass wir
zum Beispiel die Wahrscheinlichkeit, mit der ein bestimm- Iris Bohnet
Professor of Public Policy, Kennedy School of Government,
ter Stellenbewerber die Firma innerhalb des ersten Jahres Harvard University, USA
verlassen wird, besser vorhersagen können, wenn wir unter-
suchen, welche Merkmale Menschen aufweisen, die bleiben
Der Beitrag basiert auf dem Ende August 2017 im Beck-Verlag auf
oder gehen, als wenn wir raffinierte Tests und ­komplizierte Deutsch erschienenen Buch «What works: Wie Verhaltensdesign die
Interviews mit den Bewerbenden durchführen. Intuition, Gleichstellung revolutionieren kann».

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  37
«In der Verwaltung fehlt es an betriebs-
wirtschaftlichem Verständnis.»
Finanzminister Ueli Maurer auf der
Terrasse des Bernerhofs.

MARLEN VON WEISSENFLUH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


INTERVIEW

«Das Parlament handelt widersprüchlich»


Bundesrat Ueli Maurer kritisiert im Gespräch mit der «Volkswirtschaft» die Sparabsichten
des Parlaments als widersprüchlich. Einerseits wolle es mit Motionen die gebundenen Aus-
gaben vermindern, und andererseits definiere es ständig neue Finanzierungszwecke. In der
Bundesverwaltung wünscht sich der Vorsteher des Finanzdepartements mehr betriebswirt-
schaftliches Denken. «Der Bund ist keine geschützte Werkstatt», so Maurer.  

Herr Maurer, was ist Ihnen besonders Die Deregulierung der US-Finanzmärkte ist abkommen erachte ich als politisch nicht rea-
wichtig als Säckelmeister des Bundes? ein Ziel der amerikanischen Regierung. Sind lisierbar in den nächsten Jahren. Deshalb: lie-
In der Verwaltung fehlt es an betriebswirt- Sie da auf der gleichen Linie wie Präsident ber den Spatz in der Hand als die Taube auf
schaftlichem Verständnis, das müssen wir Donald Trump? dem Dach, die vielleicht gar keine Taube ist.
verbessern. Es braucht ein langfristiges Den- Noch ist die Richtung der US-Administration
ken. Das erreichen wir, indem in der Ausbil- unklar. Für mich ist klar: Wir müssen die Re- Der Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit ist für
dung das betriebswirtschaftliche Denken gulierungsdichte überdenken. Denn eine zu die Schweiz zentral. Die Unternehmens-
vermehrt gefördert wird. Zudem müssen wir starke Regulierung verführt dazu, die Ver- steuerreform III wurde am 12. Februar klar
das Gärtchendenken der Departemente und antwortung abzuschieben. Der Staat kann abgelehnt. Was lief schief?  
Ämter überwinden. Wir brauchen also einen der Privatwirtschaft die Verantwortung nicht Ein Mosaik von Details führte zum Nein. Die
gesamtheitlichen Fokus. Das beginnt beim durch Regulierung abnehmen. Reform stand von Anfang an unter einem
Bundesrat. schlechten Stern. Bei Abstimmungen erleben
wir das oft: Es gibt einen negativen Trend –
Auch der Bundesrat hat den Beginn der «Bei der Banken- und die positiven Aspekte kommen nicht
Finanzkrise vor zehn Jahren nicht kommen mehr zum Tragen.
sehen. Ist die Schweiz hinsichtlich einer regulierung Basel III
weiteren möglichen Krise gut gerüstet? flüchtet man sich in Wie soll es mit der Steuervorlage 17 besser
Im internationalen Vergleich sind wir gut klappen? 
vorbereitet. Die Banken sind besser kapita-
Detailregelungen.» Der Wirtschaftsstandort Schweiz kann sich
lisiert als im Ausland. Allerdings ist unser Fi- ein zweites Scheitern schlicht nicht leisten.
nanzplatz global eng verknüpft, sodass wir in Wie soll der EU-Marktzugang für Schweizer Die Vorlage, die sich seit Kurzem in der Ver-
einer Krise keine Insel sein werden. Wir müs- Banken gewährleistet werden?  nehmlassung befindet, hat eine hohe Akzep-
sen auf der Hut sein. Denn gute Zeiten führen Durch kleine bilaterale Schritte. Ein Finanz- tanz bei den Kantonen und Städten sowie bei
zu mehr Nachlässigkeit. dienstleistungsabkommen hingegen ist poli- der Wirtschaft.
tisch nicht realisierbar und von der Branche
Als Antwort auf die Finanzkrise wurden die auch gar nicht erwünscht. Deshalb werden Eine vorgeschlagene Anpassung ist die Er-
Banken weltweit zusätzlich reguliert. Haben wir versuchen, in einzelnen Ländern Zugang höhung der Familienzulagen um 30 Franken.
wir nun eine Überregulierung? zum Finanzmarkt zu erhalten. Uns interes- Warum? 
In Teilbereichen haben wir tatsächlich eine zu siert ja nicht die ganze EU im gleichen Aus- Wir haben uns bei den Modellen stark am
detaillierte Regulierung. Dass es klare Regeln mass. Rumänien und Bulgarien sind für uns Kanton Waadt orientiert, wo eine Steuerre-
braucht, ist unbestritten. Die internationale weniger interessant als Deutschland, Frank- form mit 85 Prozent Ja-Stimmen durchge-
Gemeinschaft ist aber bereits daran, gewis- reich oder Italien. bracht wurde. Eines der Elemente war die
se Regeln aufzuweichen – das sieht man zum Kinderzulage. Die Gegner der Vorlage haben
Beispiel bei der Bankenregulierung Basel III. Haben Sie erste Erfolge erzielt? von Anfang an gefordert, dass es soziale Ele-
Da flüchtet man sich in Detailregelungen wie In Deutschland haben wir schon erste Er- mente braucht.
Vorgaben für unnötige Formulare, weil man gebnisse vorzuweisen, in Italien sind wir gut
die grossen, härteren Regelungen scheut. unterwegs, und bei Frankreich haben wir das
Gefühl, dass sich die Beziehungen verbes- Zur Person
Welche härteren Massnahmen meinen Sie? sern. Das sind kleine Schritte, die wir hart er- Bundesrat Ueli Maurer ist seit 2016 Vorsteher des
Die Eigenkapitalisierung der Banken. Mit kämpfen müssen. Eidgenössischen Finanzdepartements (EFD). Zu-
vor war der 66-jährige Zürcher sechs Jahre lang
«Too big to fail» setzt die Schweiz diese um,
Chef des Eidgenössischen Departements für Ver-
während man sich in Europa davor scheut. Insofern ist das institutionelle Rahmen- teidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS).
Der Grund ist einfach: Es tut weh. Da haben abkommen mit der EU nicht mehr relevant Von 1996 bis 2008 präsidierte er die SVP Schweiz.
unsere Banken nun kurzfristig einen Wettbe- für das Finanzdienstleistungsabkommen? In den Nationalrat wurde der ehemalige lang-
jährige Geschäftsführer des Zürcher Bauernver-
werbsnachteil, weil sie sich Kapital beschaf- Nochmals: Die Branche will kein Finanz- bandes erstmals 1991 gewählt. Nach einer kauf-
fen müssen. Längerfristig sind sie hingegen dienstleistungsabkommen, deshalb stellt männischen Lehre erwarb er das Eidgenössische
im Vorteil. sich diese Frage gar nicht. Auch das Rahmen- Buchhalterdiplom.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  39
FINANZEN UND STEUERN

Kann man Reformen nur noch mit solchen Von den Steuern zum Bundeshaushalt: Für wir für das nächste Jahr Budgetposten von
Geschenken durchbringen? das laufende Jahr rechnen Sie laut einer rund einer Milliarde Franken gegenüber dem
Unsere Kompromisskultur basiert auf der Su- Hochrechnung mit einem Überschuss von laufenden Finanzplan.
che nach dem Ausgleich. Wenn man jeman- einer halben Milliarde Franken – statt eines
dem etwas gibt, dann fordern andere auch. Defizits von 250 Millionen Franken. Betrifft das nur die nicht gebundenen
Abgesehen davon: Eine Erhöhung der Kin- Wir haben uns bei den Einnahmen um ein hal- Ausgabenn – oder auch die gebundenen
derzulagen ist durchaus sinnvoll. Denn die bes Prozent verschätzt, weil wir nicht den Ausgaben, welche zwei Drittel des Bundes-
Kinderzulagen sind kantonal unterschiedlich doppelten Ertrag der Nationalbank einberech- haushaltes ausmachen?
hoch, wurden seit Jahren nicht mehr erhöht, net haben. Und bei den Ausgaben beträgt die Unsere Finanzplanung, die wir jeweils vier
und Familien mit Kindern haben die grössten Abweichung ebenfalls ein halbes Prozent. Ge- Jahre im Voraus machen, sieht für die gebun-
finanziellen Probleme. nauer kann man nicht budgetieren. denen Ausgaben eine Teuerung vor. Da wir
kaum eine Inflation hatten, kann man auch
Im Abstimmungskampf zur Unternehmens- hier reduzieren. Sparen ist in dieser Situation
steuerreform III wurde immer wieder be- «Eine Reduktion der der falsche Begriff: Wir reduzieren das reale
tont, dass bei einer Ablehnung Firmen weg- Schulden ist in jedem Ausgabenwachstum.
ziehen würden. Wie viele sind seit Februar
abgewandert?  Fall sinnvoll.» Die gebundenen Ausgaben sind sonst aber
Wir führen keine Statistik. Aber unser ra- unantastbar. Wie können Sie da sonst noch
sches Handeln hat vermutlich dazu geführt, Ist jetzt ein Ende der Sparübungen in Sicht? kürzen?
dass viele Firmen nun zuwarten. Wir müssen Nein, das Sparen geht weiter. Der Finanz- Wir prüfen das zurzeit. Jetzt haben wir eine
die Steuervorlage 17 nun schnell umsetzen: haushalt des Bundes steht in den nächsten fixe Formel, die definiert, was gebundene
Unternehmen wollen Sicherheit – gerade in Jahren massiv unter Druck. Das Parlament hat Ausgaben sind. Man könnte zum Beispiel
der derzeitigen Situation mit Brexit und der neue Ausgaben beschlossen, die finanziert das entsprechende Gesetz lockern, damit
US-Administration. Ein gutes Beispiel dafür werden müssen. wir bei Budgetknappheit unter die Vorga-
ist der Kanton Zug: Mit dem Versprechen, die ben gehen können. Beim im Februar ange-
Unternehmenssteuern langfristig tief zu hal- Auf das aktuelle Stabilisierungsprogramm nommenen Nationalstrassen- und Agglo-
ten, konnte er neue Firmen anziehen. Das be- folgt also ein weiteres? merations-Fonds (NAF) ist eine angepasste
weist: Es braucht ein günstiges steuerliches Nein. Solche Sparprogramme mit Gesetzes- Formel erstmals enthalten mit einem Maxi-
Umfeld. charakter sind nicht effizient. Deshalb kürzen mum und einem Minimum. Das scheint viel-

40  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


INTERVIEW

versprechend, sonst wird das Korsett immer Bundesrat will dann zusammen mit den Kan- ben sprechen. Das ist eine Führungsaufga-
enger. tonen über ein neues Finanzausgleichspa- be, die nicht gegen das Personal gerichtet ist.
ket – eine NFA 2 – diskutieren. Die zuneh- Wir müssen die Leute dort einsetzen, wo wir
Wie gehen Sie weiter vor? mende Zentralisierung muss gebremst wer- sie brauchen. Seien wir doch ehrlich: Spar-
Noch dieses Jahr wird der Bundesrat zu einer den. Das ist aber ein langer Prozess. potenzial ist in der Bundesverwaltung vor-
entsprechenden Gesetzesänderung Stellung handen. Wir investieren beispielsweise Hun-
nehmen. Wenn alles gut geht, kann die neue Damit stossen Sie bei den Kantonen vermut- derte von Millionen Franken in die Informatik.
Formel für die Budgetierung ab 2021 wirksam lich auf offene Ohren. Das könnte man effizienter machen.
werden. Das heisst dann nicht, dass wir das Ja. Wobei: Die Kantone wollen mehr zu sa-
jedes Jahr machen. Eine Neuregelung der For- gen haben und gleichzeitig mehr Geld. Das Sie haben von mangelndem betriebswirt­
mel würde uns etwas mehr Freiraum geben. ist dann am Schluss eine Frage der Geldver- schaftlichem Verständnis in der Verwaltung
teilung. gesprochen. Was heisst das konkret?
Ein weiteres Problem sind die Begehrlich- Im Kleinen spart man und kauft keinen neu-
keiten des Parlaments, das immer neue ge- Das Parlament fordert im erwähnten en Besenstiel. Aber im Grossen ist dieses Be-
bundene Massnahmen beschliesst. Stabilisierungsprogramm Einsparungen von wusstsein zu wenig ausgebildet.
Das Parlament handelt widersprüchlich. Einer- jährlich bis zu 250 Millionen Franken in der
seits will es mit Motionen die gebundenen Verwaltung. Das trifft auch das Personal. Sehen Sie den Bund als Unternehmen?
Ausgaben vermindern, und andererseits de- Was halten Sie als oberster Personalchef Ja. Ein Unternehmen, das Auflagen hat durch
finiert es ständig neue Finanzierungszwecke. davon? die Politik. Der Bund ist keine geschützte
Wir müssen grundsätzlich sparen. Der Stel- Werkstatt, wo man alles, ohne die Kosten zu
Während sich andere Staaten in den letzten lenetat ist ein Grund für die höheren Ausga- überprüfen, nach Belieben machen darf. Viel-
Jahren massiv verschuldeten, sanken die ben. Das Parlament ist hier zu Recht hartnä- mehr müssen wir uns bei jeder Aufgabe fra-
Schulden des Bundeshaushaltes zwischen ckig: Das Stellen- und Aufgabenwachstum gen, wie wir diese möglichst effizient ausfüh-
2003 und 2016 um 25 Milliarden Franken muss gestoppt werden. Wir sollten aber nicht ren können. Diese Frage wird selten gestellt.
auf 99 Milliarden Franken. Ist es sinnvoll, in bei den Löhnen sparen, sondern unsere vor- Wenn Leute mit einem Vorschlag zu mir kom-
Zeiten von Negativzinsen Schulden zu tilgen? bildliche Personalpolitik fortführen. men, frage ich jeweils: Würden Sie das privat
Ja, grundsätzlich schon. Jede Schuldenlast auch machen? Oft sagen die Leute dann Nein.
belastet die künftige Generation. Eine Reduk- Sie fordern einen Stellenstopp. Gleichzeitig Es ginge also vielfach auch mit weniger Geld
tion der Schulden ist in jedem Fall sinnvoll. macht das Parlament Vorstösse und be- oder Aufwand.
schliesst Gesetze, die beantwortet und um-
Kritiker sagen, die Schuldenbremse sei zu gesetzt werden müssen. Haben Sie ein Beispiel?
restriktiv. Eine Expertengruppe hat das Das Parlament sollte aufhören, ständig neue In der Verwaltung haben viele das Gefühl,
Instrument im Auftrag des Bundesrates Aufgaben zu beschliessen. Alles, was Gott die Antwort müsse perfekt sein, da der Auf-
überprüft. Was ist die Erkenntnis daraus? nicht ausdrücklich verboten hat, landet ir- traggeber das Parlament oder der Bundesrat
Die Experten empfehlen, die Schuldenbrem- gendwann in unserer Verwaltung. ist. Ich habe heute einen Ordner erhalten für
se so zu belassen. eine dreistündige Sitzung: etwa hundert Sei-
ten. Da hat sich jemand vergebens hineinge-
Das ist also im Sinne des Finanz­de­parte­ «Der Finanzhaushalt kniet – mir hätten zwei Seiten genügt.
ments?
Der Bundesrat hat beim EFD noch weitere er- des Bundes steht in Sie sprechen von der betriebswirtschaft-
gänzende Abklärungen in Auftrag gegeben. den nächsten Jahren lichen Aufgabe des Bundes – hat der Bund
nicht auch den Auftrag, dass die Volkswirt-
Auch der Föderalismus wirkt sich auf die
massiv unter Druck.» schaft wächst?
Finanzen aus: Eine durch den National- Natürlich. Aber jeder Franken, den der Bund
fonds finanzierte Studie hat untersucht, wie Geht das ohne Qualitätseinbusse: neue Auf- der Privatwirtschaft lässt und nicht selbst
stark die Tendenz zur Zentralisierung in der gaben mit gleich viel Stellen?  verbrät, ist effizienter eingesetzt.
Schweiz ist. Das Fazit: Die Zentralisierung Wir haben 35 000 Stellen. Mit diesen müs-
hat in der Gesetzgebung zugenommen. sen wir auch alle neuen Aufgaben bewältigen.
Gleichzeitig sind die Ressourcen zwischen Deshalb sollten wir ständig prüfen, auf wel-
den Kantonen ungleich verteilt. Muss der che Aufgaben wir verzichten können. Einem
Nationale Finanzausgleich zwischen Bund Betrieb wie dem Bund, der über die Jahre ge-
und Kantonen überdacht werden? wachsen ist, tut das gut. Ich würde also nicht
Ja. Im März 2018 wird der Wirkungsbericht von einer Qualitätseinbusse, sondern viel- Interview: Susanne Blank und Nicole Tesar,
Nationaler Finanzausgleich vorliegen. Der mehr vom Fokus auf die wichtigen Aufga- Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  41
FÖDERALISMUS

Verflechtungen bedrohen Föderalismus


Zehn Jahre nach dem Inkrafttreten der «Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufga-
benteilung» (NFA) wird klar: Die Zentralisierungstendenzen wurden nicht gestoppt, und die
Verflechtungen zwischen Bund und Kantonen nehmen weiter zu.   Christoph A. Schaltegger,
Marc M. Winistörfer, Luca Fässler

fentlichen Leistungen zur Folge. Zudem wird


Abstract  Ziel der Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung (NFA) die Entscheidungsfindung im demokrati-
war es beim Inkrafttreten im Jahr 2008, das in den Vorjahren immer komplexer gewor-
schen Prozess schwerfälliger, was den Sta-
dene Beziehungsgeflecht zwischen Bund und Kantonen zu entwirren und die meisten
tus quo festigt: Die resultierende Handlungs-
Aufgaben sowie deren Finanzierung einer einzigen Staatsebene zuzuweisen. Dadurch
und Reformunfähigkeit droht den Staat zu
sollten Bund und Kantone in ihrem Handlungs- und Gestaltungsspielraum gestärkt
blockieren. Eine mehrere Ebenen umfassen-
und die öffentlichen Leistungen effizienter erbracht werden. Die Erwartungen wur-
de Aufgabenstruktur erzeugt systematisch
den allerdings nicht erfüllt, wie eine Untersuchung der Rechtssetzungsprojekte in
ineffiziente und Problem-unangemessene
den ersten 16 Jahren nach der Jahrtausendwende zeigt. So hat der Zentralisierungs-
Entscheidungen, zugleich ist sie unfähig, die
prozess erneut zugenommen, und es wurden neue Ausgaben- und Einnahmenverbün-
institutionellen Bedingungen ihrer Entschei-
de geschaffen. Zudem ist inzwischen ein Teil der im Rahmen der NFA getätigten Auf-
gabenentflechtungen und Dezentralisierungen bereits wieder rückgängig gemacht dungslogik zu verändern.3
worden. Da sich die Schweiz dadurch zusehends in ihrer Reform- und Handlungsfähig- Am Ende eines solchen Prozesses tap-
keit einschränkt, scheint eine erneute Debatte über die Aufgabenteilung zwischen den pen vormals föderalistische Staaten in eine
Staatsebenen angezeigt. «Politikverflechtungsfalle» – beispielsweise,
indem etwa die Aufgaben oder ihrer Finan-
zierung verlagert werden, ohne jedoch die
Entscheidungskompetenz an die neuen Zu-

W  elche Verwaltungsaufgaben sollen


auf welcher Staatsebene angelegt
werden? Die Theorie des «fiskalischen Föde-
erträge und Verbundvorteile entgegen, wel-
che allfällige Zentralisierungen zu begründen
vermögen. Sofern die einzelnen Gliedstaaten
ständigkeiten anzupassen. Die verfestigten
Vorteile und Privilegien, auf die kein rational
Handelnder verzichten wird, verhindern eine
ralismus» sagt dazu: Die Aufgaben sind so auf unter Umständen nicht in der Lage sind, die Problemlösung innerhalb des verflochtenen
Bund, Kantone und Gemeinden zu verteilen, auftretenden Probleme eigenständig zu lö- Systems.
dass sie möglichst effizient erbracht werden. sen, muss ebenfalls der Zentralstaat einsprin- Diese Entwicklung lässt sich umgehen,
Vieles spricht für eine dezentrale Aufga- gen und die notwendigen Massnahmen er- wenn das Prinzip der «fiskalischen Äquiva-
benerfüllung: Nachgelagerte Gebietskörper- greifen. lenz» herrscht, welches besagt, dass der
schaften wie die Kantone können öffentli- Kreis der Nutzniesser öffentlicher Leistun-
che Leistungen entsprechend den Bürgerprä- Schweiz steuert in Sackgasse gen mit dem Kreis der Steuerzahler über-
ferenzen bereitstellen, weil sie besser auf die stimmen muss.4 In der Bundesverfassung ist
regionalen oder lokalen Unterschiede einge- Für die Schweiz lässt sich seit einigen Jahr- dieser Grundsatz verankert, sodass sich die
hen können als der Zentralstaat.1 Sie verfügen zehnten beobachten, dass viele bundesein- staatliche Aufgaben- und Kompetenzstruk-
über Informationsvorteile, die es ihnen erlau- heitliche Regelungen die Vorteile des Fö- tur daran auszurichten hätte.5 Der Ökonom
ben, die Politik auf die lokalen und regionalen deralismus bedrohen. Beispiele sind die zu- Charles B. Blankart geht einen Schritt weiter,
wachstumsrelevanten Strukturen abzustim- nehmende Zahl gesamtschweizerischer
3 Scharpf (1985): 349 f.
men. Weiter begünstigt ein föderalistischer Fachkonferenzen, die an die Stelle der ein- 4 Olson (1969): 483.
Staatsaufbau eine konfliktfreie Koexistenz zelnen Kantone treten, oder Harmonisie- 5 Art. 43a Abs. 2 und 3 BV.
unterschiedlicher politischer Ansichten; die rungsbestrebungen des Bundes. Feststellbar
Kommunikation mit den politischen Akteuren ist zudem, dass der Bund seine Grundsatz-
ist einfacher, und die Leistungen zwischen gesetzgebungskompetenzen zunehmend Zentralisierung, Verflechtung und
den Gliedstaaten können verglichen werden.2 ausreizt und teilweise den zulässigen Rah- Dezentralisierung
Darüber hinaus fördert der Föderalismus die men sprengt. Solche Aufgaben- und Finan- –– Zentralisierung: Eine vormals eigenständige
Innovationskraft: Problemlösungen können in zierungsverflechtungen zwischen Bund und kantonale Aufgabe und/oder Finanzkompe-
den einzelnen Gebietskörperschaften auf ihre Kantonen schränken den politischen Hand- tenz wird fortan ausschliesslich auf den Bund
übertragen;
Praxistauglichkeit getestet und später von lungs- und Gestaltungsspielraum aller betei-
–– Verflechtung: Eine vormals eigenständi-
anderen nachgeahmt werden. ligten Staatsebenen ein. ge Aufgabe und/oder Finanzkompetenz des
Den Vorteilen der dezentralen Bereitstel- Diese Verflechtungen führen dazu, dass Bundes oder der Kantone wird fortan von
lung öffentlicher Leistungen stehen Skalen- Kontrolle und Verantwortung nicht mehr Bund und Kantonen gemeinsam ausgeübt;
–– Dezentralisierung: Eine vormals eigenständi-
übereinstimmen. Da dadurch die Ausgaben- ge Aufgabe und/oder Finanzkompetenz des
1 Siehe Schaltegger/Winistörfer (2014): 184 ff.;
Blankart (2011): 615 ff sowie Oates (1999): 1122.
disziplin nachhaltig geschwächt wird, hat Bundes wird fortan ausschliesslich auf die
2 Buchanan/Brennan (1980): 203. dies eine suboptimale Bereitstellung der öf- Kantone übertragen.

42  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FÖDERALISMUS

KEYSTONE
Immer stärker ineinander verwoben:
Bund und Kantone.
eingeleitet wurde und die Beziehung von mer komplexer gewordenen Vollzugsföde-
Bund und Kantonen auf eine neue Basis stel- ralismus und den stetigen Aufgabenverlage-
indem er zusätzlich eine Übereinstimmung len sollte.8 rungen hin zum Bund herrührte.
mit dem Kreis der Entscheidungsträger ver- Die Anfang 2008 in Kraft getretene NFA Regelmässig werden die Einnahmen- oder
langt.6 Einer solchen «institutionellen Kon- basiert auf vier Pfeilern: Aufgaben- und Fi- Ausgabenanteile der einzelnen Staatsebenen
gruenz» liegt die Idee zugrunde, dass exter- nanzierungsentflechtung, Einführung neu- betrachtet, um allfällige Zentralisierungs-
ne Effekte ausgeschlossen werden können, er Zusammenarbeits- und Finanzierungs- und Verflechtungstendenzen zu untersu-
wenn die drei Kreise der Nutzniesser, Kosten- formen, Ausbau der interkantonalen Zusam- chen. Gemäss dieser Betrachtung haben sich
und Entscheidungsträger übereinstimmen. menarbeit mit einem Lastenausgleich sowie die Ausgabenanteile von Bund, Kantonen und
Schaffung eines transparenten und nachvoll- Gemeinden seit 1990 nicht sonderlich ver-
Wachsende Unzufriedenheit ziehbaren Finanzausgleichs im engeren Sin- schoben (siehe Abbildung 1). Man könnte zum
ne. Das erklärte Hauptziel der NFA war es, Schluss gelangen, dass in diesem Zeitraum
Ein System von zweckgebundenen Zuschlä- die Aufgaben und die Finanzierung zwischen keine Zentralisierungs- oder Verflechtungs-
gen, Subventionen, Finanztransfers aus Bund und Kantonen zu entflechten – wo- tendenz der Staatstätigkeit spürbar gewesen
Steueranteilen und Zuschüssen an die Kan- durch der Föderalismus gestärkt und weiter- sei. Ein solches Fazit wäre jedoch trügerisch.
tone bewirkte in der zweiten Hälfte des 20. entwickelt werden sollte.9
Jahrhunderts, dass diese einen beträchtli- Verflechtungen auf Bundesebene
chen Anteil ihres politischen Gestaltungs- NFA verfehlt Ziel
und Handlungsspielraums einbüssten. Im-
wachsen
mer mehr Verantwortung in an sich kantona- Die anlässlich der NFA gehegten Erwartungen Eine Analyse der Autoren zur Rechtsset-
len Zuständigkeitsbereichen entfiel auf den blieben allerdings teilweise unerfüllt. Weder zungstätigkeit des Bundes zeigt, dass der
Bund.7 konnten die Aufgaben- und Finanzverflech- schleichenden Zentralisierung nicht Einhalt
Die wachsende Unzufriedenheit über die tungen wie erhofft dauerhaft aufgebrochen geboten worden ist. Untersucht wurden Er-
Finanz- und Aufgabenverflechtung münde- werden, noch wurde der Trend zur Zentrali- lasse auf Bundesebene, die zwischen dem 1.
te schliesslich in die Neugestaltung der Auf- sierung kantonaler Aufgaben nachhaltig ge- Januar 2000 und dem 1. Oktober 2016 neu
gabenteilung zwischen Bund und Kantonen stoppt. Aus fiskalpolitischer Perspektive ist geschaffen oder revidiert wurden. In den
(NFA), welche 2004 von Volk und Ständen zudem bedenklich, dass die angestrebte Auf- Datensatz aufgenommen wurden Rechtsän-
gutgeheissen wurde. Sie war Teil einer um- gaben- und Finanzierungsentflechtung im derungen, die zu einer Zentralisierung, einer
fassenden Föderalismusreform, die mit der Politalltag kaum mehr Beachtung findet, ob- Dezentralisierung oder einer Verflechtung
Revision der Bundesverfassung im Jahr 1999 wohl der Anstoss für die Reform aus dem im- von Aufgaben oder Finanzierungen geführt
haben (für Definition siehe Kasten).
6 Blankart (2011): 628 f. 8 Bundesrat (2001): 2305.
Im gesamten Untersuchungszeitraum
7 Schaltegger/Weder (2011): 91 f. 9 Bundesrat (2001): 2332 f. führten 159 Rechtsänderungen zu neuen

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  43
FÖDERALISMUS

Zentralisierungen oder Finanzierungs- be-


Abb. 1: Ausgaben nach Staatsebenen (1990–2013)
ziehungsweise Aufgabenverbünden (siehe
Abbildung 2). Eine Dezentralisierung konn- 100 in %
te – mit Ausnahme der NFA-Vorlage selbst –
nicht festgestellt werden. Vor der Annahme
der NFA im November 2004 führten 32 Erlas- 75
se, im Zeitraum danach 127 Erlasse auf Verfas-
sungs-, Gesetzes- oder Verordnungsstufe zu
einer zusätzlichen Zentralisierung oder Ver-
50
flechtung. Aus den 159 Erlassen resultierten
44 Zentralisierungen und 115 Verflechtungen.

EFV (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Davon betrafen 8 die Verfassung (5%), 123
25
das Gesetzesrecht (77%) und 28 das Verord-
nungsrecht (18%). In 147 Fällen kam der poli-
tische Input zu Rechtsänderungen vom Bun- 0
desrat oder den eidgenössischen Räten, in 7
90

00
96

99

09
06
94

04
98

08
92

02
95

05
97

07
93

03
Fällen vom Volk, und in lediglich 5 Fällen führ-
91

01

10

12
13
11
19
19
19
19
19
19
19

19
19
19
20
20

20
20
20
20
20
20
20
20
20

20
20
20
ten kantonale Konkordate zu einer zusätzli-   Gemeinden        Kantone       Bund
chen Zentralisierung oder Verflechtung.
Nimmt man die Kategorien der Systema-
tischen Rechtssammlung des Bundesrechts Abb. 2: Anzahl neue Erlasse mit Zentralisierungs- und Verflechtungscharakter auf
(SR) zu Hilfe, fällt auf, dass rund ein Fünftel Bundesebene (2000–2016)
der gefundenen Verflechtungs- bzw. Zentra-
24
lisierungserlasse in der Kategorie «Gesund-
22 Abstimmung NFA Inkrafttreten NFA
heit, Arbeit, Soziale Sicherheit» anfallen (sie-
he Abbildung 3). Stark betroffen sind auch 20

SCHALTEGGER, WINSTÖRFER UND FÄSSLER (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


die beiden Kategorien «Wirtschaft, Tech- 18
nische Zusammenarbeit» und «Volk, Staat, 16
Behörden». Am wenigsten kommt die Kate- 14
gorie «Landesverteidigung» vor, in der der 12
Bund eine umfassende Aufgabenkompetenz 10
hat.10 Dasselbe gilt für die Kategorie «Finan-
8
zen», in die traditionelle zentralstaatliche Tä-
6
tigkeiten wie das Zollwesen und das Münz-
4
wesen fallen.
Die zeitliche Abfolge der Rechtssetzung 2

lässt erkennen, dass vor allem zwischen der 0


2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016
Abstimmung über die NFA im Herbst 2004
und ihrem Inkrafttreten Anfang 2008 ein   Verfassung        Gesetz       Verordnung          Linearer Trend 

Schub an Zentralisierungen und Verflechtun-


gen einsetzte. In diesem Zeitraum wurden 32
einschlägige Rechtsänderungen gefunden, Abb. 3: Zentralisierung und Verflechtung nach Kategorien (Anzahl, 2000–2016)
die allesamt vom Bundesrat oder den eidge-
nössischen Räten veranlasst wurden. Ein Bei- Volk, Staat, Behörden
spiel ist die Revision der Bildungsverfassung
Privat- und Zivilrecht,
im Jahr 2006. Auch nach dem Inkrafttreten Vollstreckung
der NFA finden sich 80 neue Zentralisierun- Strafrecht, Strafrechtspflege,
gen und Verflechtungen. Beispielsweise wur-
SCHALTEGGER, WINISTÖRFER UND FÄSSLER (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Strafvollzug
de mit dem Verfassungsartikel zur Förderung
Schule, Wissenschaft, Kultur
der musikalischen Bildung diese teilweise zu
einer gemeinsamen Aufgabe von Bund und Landesverteidigung
Kantonen erklärt.11
Der Auslöser für Zentralisierungen und Finanzen
Verflechtungen kann auch vom Volk ausge- Öffentliche Werke, Energie,
hen, wie die 2012 angenommene Zweitwoh- Verkehr
nungsinitiative zeigt.12 Der Grund liegt dar- Gesundheit, Arbeit,
Soziale Sicherheit
in, dass die Initianten von Volksinitiativen ihr
Wirtschaft, Technische
10 Art. 57–61 BV. Zusammenarbeit
0 5 10 15 20 25 30 35
11 Art. 67a BV.
12 Art. 75b BV.   Verflechtung        Zentralisierung

44  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FÖDERALISMUS

­ nliegen regelmässig im ganzen Land ver-


A desstaat einschränken. Die Einschätzung des träger identisch ist – wenn also dieselben
wirklicht sehen möchten. Bundesrats, dass es dem schweizerischen Personen, welche es auch finanzieren, über
Vergleicht man die Trends in den ver- Staatsverständnis fremd wäre, die Interpreta- das Angebot an öffentlichen Leistungen be-
schiedenen Zeitperioden, ist nach Inkraft- tion des Subsidiaritätsprinzips gerichtlichen stimmen –, lassen sich die Zentralisierungs-
treten der NFA gar eine Zunahme der Zen- Institutionen übertragen zu wollen, enthebt und Verflechtungstendenzen langfristig ein-
tralsierungen und Verflechtungen festzustel- weder ihn noch das Parlament ihrer Verant- dämmen.
len. Während vor der Abstimmung zur NFA wortung.16
jährlich durchschnittlich rund sieben Erlas- Es ist darum zu begrüssen, wenn künftig
se zu Zentralisierungen oder Verflechtungen Vorlagen, welche die Aufgabenteilung und
führten, sind es nach Inkrafttreten der NFA -erfüllung durch Bund und Kantone berüh-
jährlich rund elf Erlasse. Die neu geschaffe- ren, speziell auf ihre Vereinbarkeit mit dem
nen Instrumente des kooperativen Födera- Subsidiaritätsprinzip und dem Prinzip der fis-
lismus – die Programmvereinbarungen bei kalischen Äquivalenz geprüft werden, wie es
der Umsetzung von Bundesrecht, die Stär- der Bundesrat in seiner Antwort auf das Pos-
kung der interkantonalen Organe, die Mög- tulat des ehemaligen Urner GLP-Ständerats
lichkeit zur Allgemeinverbindlicherklärung Markus Stadler in Aussicht stellte.17 Ob die-
und der Beteiligungspflicht bei interkanto- se Massnahme zur Eindämmung der Zentra- Christoph A. Schaltegger
nalen Verträgen – werden diesen Trend wei- lisierungs- und Verflechtungstendenzen bei- Professor für Politische Ökonomie an der
Universität Luzern und Direktor des
ter begünstigen.13 Hinzu kommt, dass die in- trägt, wird sich weisen. Zur Bewahrung eines Instituts für Finanzwissenschaft und
stitutionelle Absicherung der Aufgaben- und lebendigen Föderalismus bedarf es sicher- Finanzrecht der Universität St. Gallen
Finanzierungsentflechtung ungenügend ist. lich noch weiterer institutioneller Absiche-
rungen.
Subsidiaritätsprinzip nur auf dem
Papier Erneute Überprüfung sinnvoll
Das im Zuge der NFA in der Bundesverfassung Die Entwicklungen des vergangenen Jahr-
verankerte Subsidiaritätsprinzip – wonach der zehnts zeigen deutlich: Die Schweiz hat sich –
Bundesstaat dann aktiv in die Angelegenhei- entgegen den ursprünglichen Zielen der NFA
ten der Kantone eingreifen soll, wenn diese – weiter in Richtung der Politikverflechtungs-
selbst dazu nicht in der Lage sind – hat sich falle bewegt und sich so in ihrer Reform- und
bestenfalls als vage, unverbindliche Leitlinie Handlungsfähigkeit eingeschränkt; es droht
Marc M. Winistörfer
erwiesen.14 Auch die Grundsätze für die Zu- eine Perpetuierung des Status quo.
Doktorand an der Universität Luzern
weisung und die Erfüllung staatlicher Aufga- Da in Zeiten eines verschärften Standort-
ben, welche das Prinzip der fiskalischen Äqui- wettbewerbs eine regelmässige Überprüfung
valenz auf Verfassungsebene heben und das der Verwaltungsaufgaben wesentlich für den
bundesstaatliche Subsidiaritätsprinzip kon- Erfolg eines Landes ist, scheint eine erneu-
kretisieren, haben bisher ihre Wirkung nicht te «Neugestaltung der Aufgabenteilung» fol-
entfalten können.15 gerichtig. Idealerweise wäre dies mit einem
Eine Aufwertung des Subsidiaritätsprin- Trennsystem verbunden, das konsequent
zips und des Prinzips der fiskalischen Äquiva- auf Ausgaben- und Einnahmenverbünde
lenz durch die Gerichte, aber auch durch die zwischen den Staatsebenen verzichtet. Nur
politischen Akteure könnte die schleichen- wenn der Kreis der Kostenträger und Nutz-
de Zentralisierung im schweizerischen Bun- niesser mit demjenigen der Entscheidungs-
Luca Fässler
13 Siehe Schaltegger/Winistörfer (2014): 201 ff. 16 Bundesrat (2001): 2458. Student, Master of Arts in Politischer
14 Art. 5a BV sowie BGE 138 I 378 ff. (395), E. 8.4. 17 Bericht des Bundesrates vom 12. September 2014 in Ökonomie an der Universität Luzern
15 Art. 43a BV. Erfüllung des Postulats 12.3412.

Literatur
Blankart, Charles B. (2011). Öffentliche Eidgenössische Finanzverwaltung (2016). Schaltegger, Christoph A. und Weder, Schaltegger, Christoph A. und
Finanzen in der Demokratie, 8. Aufl., Ausgaben der öffentlichen Haushalte. Martin (2011). Finanzausgleichsreform Winistörfer, Marc M. (2014). Zur
München 2011. Bern. in der Schweiz aus Prozesssicht, in: Begrenzung der schleichenden
Bundesrat (2001). Botschaft zur Neu- Oates, Wallace E. (1999). An Essay on Peter Biwald, Peter Bussjäger, Hans Pitlik Zentralisierung im Schweizerischen
gestaltung des Finanzausgleichs und der Fiscal Federalism, in: Journal of Economic und Margrit Schratzenstaller (Hgg.), Bundesstaat, in: ORDO – Jahrbuch  für
Aufgaben zwischen Bund und Kantonen Literature 37, S. 1120–1149. Koordinierung der Finanzpolitik im die Ordnung von Wirtschaft und Gesell-
(NFA) vom 14. November 2001, BBl 2002: Olson, Mancur (1969). The Principle of Bundesstaat: Stabilitätspolitik – Finanz- schaft. Band 65, S. 182–228.
2291–2559. «Fiscal Equivalence»: The Division ausgleich – Verschuldungsgrenze, Wien/ Scharpf, Fritz W. (1985). Die Politik-
Buchanan, James M. und Brennan, of Responsibilities Among Different Graz, S. 75–99. verflechtungs-Falle: Europäische
Geoffrey (1980). The Power to Tax: Levels of Government, in: The American Integration und deutscher Föderalismus
Analytical Foundation of a Fiscal Economic Review 59, S. 479–487. im Vergleich, in: Politische Vierteljahres-
Constitution, Cambridge. schrift 26, S. 323–356.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  45
PERSONENVERKEHR

Flankierende Massnahmen –
ein unangemessenes Schutzdispositiv?
Die 2004 eingeführten flankierenden Massnahmen werden unterschiedlich eingeschätzt
und zum Teil als Beeinträchtigung für den flexiblen Arbeitsmarkt dargestellt. Bei näherer
Betrachtung fällt aber auf, dass dieses Schutzdispositiv gezielt wirkt und stark auf der be-
stehenden Sozialpartnerschaft aufbaut. Die Effizienz des Schweizer Arbeitsmarktes wurde
dadurch nicht beeinträchtigt.   Valentine Mauron, Daniel Baumberger

Einführung im Jahr 2004 war zunächst die Be-


Abstract  Mit der Öffnung des Arbeitsmarktes wurden 2004 die flankierenden Mass- fürchtung, dass das im Vergleich zur EU hohe
nahmen eingeführt. Diese verhindern missbräuchliche Unterbietungen des im euro-
Schweizer Lohnniveau infolge der Öffnung
päischen Vergleich hohen Schweizer Lohnniveaus. Die Kontrollen erfolgen neu nicht
des Arbeitsmarktes unter Druck geraten
mehr systematisch bei jeder Bewilligungserteilung, sondern im Nachhinein und gezielt
könnte. Das Lohngefälle ist auch heute noch
dort, wo Missbräuche vermutet werden. Zur Missbrauchsbekämpfung stehen den Be-
beträchtlich, und die hohen Zuwanderungs-
hörden verschiedene Massnahmen zur Verfügung – so können sie einen Gesamt-
zahlen der letzten Jahre haben nicht dazu bei-
arbeitsvertrag erleichtert für allgemeinverbindlich erklären. In den letzten 13 Jahren
getragen, die Sorgen bezüglich Lohndruck zu
waren diese Massnahmen jedoch nur selten notwendig. Dies ist auch darauf zurück-
zerstreuen. Während im Jahr 2014 der durch-
zuführen, dass sich die Sozialpartner eigenständig auf Mindeststandards einigten und
schnittliche Stundenlohn in der Schweiz um-
dabei die bereits seit den Fünfzigerjahren bestehende ordentliche Allgemeinverbind-
lichkeitserklärung zur Anwendung kam. gerechnet 33.7 Euro betrug, belief sich die-
ser in der EU mit 15.2 Euro auf weniger als die
Hälfte.
Die Schweiz wird ihrem Ruf als Hochlohn-

A  rbeitsmarktinspektoren haben im ver-


gangenen Jahr über 160 000 Personen
in 42 000 Betrieben in der Schweiz überprüft.
trages (GAV) als zu weit gehende regulato-
rische Eingriffe des Staates auf den Arbeits-
markt kritisiert.
land ebenfalls gerecht, wenn die im interna-
tionalen Vergleich hohen Lebenshaltungs-
kosten berücksichtigt werden (siehe Abbil-
Wie der jüngste Bericht des Staatssekreta- dung). In der Schweiz liegt das Lohnniveau
riats für Wirtschaft (Seco) zum Vollzug der Hochlohnland Schweiz kaufkraftbereinigt auch in Tieflohnbran-
flankierenden Massnahmen zum freien Per- chen wie dem Gastgewerbe oder dem Han-
sonenverkehr zwischen der Schweiz und der Was ist von diesen Einwänden zu halten? del deutlich über dem europäischen Durch-
EU zeigt, wurden auch im letzten Jahr Ver- Und: Braucht es die flankierenden Massnah- schnitt. Ähnliches gilt für das Baugewerbe, in
stösse festgestellt, die Firmen halten sich je- men überhaupt? Ausschlaggebend für deren welchem viele Dienstleistungserbringer aus
doch mehrheitlich an die in der Schweiz gel-
tenden Lohn- und Arbeitsbedingungen.1
Ein Kontrollschwerpunkt lag bei den Durchschnittlicher Stundenlohn (kaufkraftbereinigt, 2014)
grenzüberschreitenden Dienstleistungser- 25     In Kaufkraftstandards
bringern aus der EU. Diese absolvieren meist
kürzere Einsätze im Bau oder in der Industrie.
20
Jeder dritte Dienstleistungserbringer wur-
de letztes Jahr überprüft – bei jedem vierten
Entsendebetrieb stellten die Vollzugs­organe 15
Verstösse gegen zwingende Lohnbestim-
mungen fest.
10
EUROSTAT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Die flankierenden Massnahmen sind nicht


unumstritten.2 Einerseits werden die Kontrol-
len vor Ort in den Betrieben als administra- 5
tive Belastung wahrgenommen, andererseits
werden neu geschaffene kollektive Massnah-
0
men zur Missbrauchsbekämpfung wie etwa
Gesamtwirtschaft Baugewerbe Handel Gastgewerbe
die erleichterte Allgemeinverbindlicherklä-
rung eines bestehenden Gesamtarbeitsver-   Schweiz         EU-28
Die Gesamtwirtschaft umfasst Industrie, Baugewerbe und Dienstleistungen (ohne öffentliche Verwaltung,
1 Seco (2017). Verteidigung und Sozialversicherung). Berücksichtigt wurden Unternehmen mit mehr als zehn Arbeit-
2 Schlegel (2017). nehmenden.

46  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


PERSONENVERKEHR

der EU aktiv sind. So ist der durchschnittliche gen. Diese können wiederum befristete Min- destlöhne aus allgemeinverbindlichen GAV
kaufkraftbereinigte Stundenlohn eines Bau- destlöhne festlegen oder einen GAV auf eine einzuhalten. Die Vorstellung, dass nun in al-
arbeiters in der Schweiz 1,3 Mal höher als der gesamte Branche unter erleichterten Bedin- len Wirtschaftszweigen allgemeinverbind-
Lohn seines Kollegen in Deutschland – und gungen ausdehnen. Sie können beispielswei- liche GAV auf dem Vormarsch sind, ist hin-
sogar 2,3 Mal höher als derjenige eines Bau- se befristete Mindestlöhne festlegen oder gegen falsch. Mehr als die Hälfte dieser GAV
arbeiters in Polen.3 Somit sind in der Schweiz einen GAV auf eine gesamte Branche unter betreffen das Bauhaupt- und das Bauneben-
nicht nur Arbeitsstellen mit hohen Anfor- erleichterten Bedingungen ausdehnen. Die- gewerbe, wo seit 2005 im Schnitt 50 Prozent
derungen, sondern auch niedrig ­entlöhnte, se Massnahmen zur Missbrauchsbekämp- aller meldepflichtigen Dienstleistungserbrin-
einfachere Tätigkeiten für ausländische
­ fung wurden bisher jedoch nur selten er- ger aus dem EU-Raum tätig waren.
Arbeitskräfte attraktiv. griffen. Die erleichterte Allgemeinverbind- Mit einer Allgemeinverbindlichkeitserklä-
licherklärung wurde in den vergangenen 13 rung wird der Wettbewerb eingeschränkt,
Kollektive Massnahmen bisher Jahren ausschliesslich im Kanton Genf sowie was Lohn- und Arbeitsbedingungen anbe-
auf Bundesebene für das Deutschschweizer langt, auf anderen Ebenen kommt dieser je-
kaum notwendig Reinigungsgewebe angewandt. Von einer flä- doch weiterhin voll zum Tragen. Die starke
Damit die Lohn- und Arbeitsbedingungen chendeckenden staatlichen Regulierung des Zunahme der grenzüberschreitenden Dienst-
nicht unter Druck geraten, werden geziel- Arbeitsmarktes infolge der flankierenden leistungserbringung seit 2004 weist nicht da-
te Kontrollen vor Ort in den Betrieben oder Massnahmen kann somit nicht die Rede sein. rauf hin, dass die steigende Anzahl an allge-
auf schriftlichem Wege durchgeführt. Der Dies mag einerseits an der insgesamt zur an- meinverbindlichen GAV ausländische Dienst-
damit verbundene administrative Aufwand sässigen Erwerbsbevölkerung bisher mehr- leistungserbringer daran gehindert hätte,
fällt heute jedoch deutlich geringer aus als heitlich komplementären Zuwanderung lie- Aufträge in der Schweiz anzunehmen und
noch vor der Einführung der Personenfrei- gen, wodurch es zu keiner generellen Kon- auszuführen.7
zügigkeit.4 Im damaligen Kontingentsystem kurrenzierung von Ansässigen gekommen Dass es nicht Ziel der Allgemeinverbind-
mussten die Arbeitgeber bei den kantona- ist.5 Andererseits dürften die Kontrollen vor lichkeitserklärung sein darf, Markteintritts-
len Behörden jeweils vorgängig ein Gesuch Ort in den Betrieben eine präventive Wir- barrieren zu errichten, war dem Parlament
zur Erteilung einer Arbeitsbewilligung stel- kung entfaltet haben. Insbesondere ausländi- bereits in den Fünfzigerjahren bei der Aus-
len, worauf diese nebst dem Inländervorrang sche Dienstleistungserbringer, welche auch arbeitung des Bundesgesetzes über die All-
auch die Einhaltung der Lohn- und Arbeits- in Zukunft Arbeiten in der Schweiz verrich- gemeinverbindlichkeitserklärung von GAV
bedingungen systematisch prüften. Dem- ten möchten, zeigten sich in den letzten Jah- klar. Im Gegensatz zu Ländern wie zum Bei-
gegenüber sind die Kontrollen unter dem Re- ren meist gewillt, die hier üblichen Löhne ein- spiel Frankreich, in welchen GAV quasi auto-
gime der flankierenden Massnahmen nach- zuhalten.6 matisch auf alle Betriebe einer Branche aus-
gelagert und erfolgen prioritär dort, wo gedehnt werden, stellen in der Schweiz nicht
Missbräuche vermutet werden. Anstieg allgemeinverbindlicher GAV zuletzt die im entsprechenden Bundesgesetz
In Branchen, in denen die Sozialpartner festgehaltenen Kriterien sicher, dass nicht
Mindeststandards in einem GAV vereinbart Schliesslich konnten unerwünschte Entwick- eine Minderheit einer Mehrheit der Bran-
haben, wird die Einhaltung des Vertrages von lungen auf dem Arbeitsmarkt infolge der Per- che die Lohn- und Arbeitsbedingungen auf-
der Branche selbst überprüft. Dies war bereits sonenfreizügigkeit nicht zuletzt dank des be- zwingt und begründete Minderheitsinte-
vor der Einführung der flankierenden Mass- reits vor dem Freizügigkeitsabkommen be- ressen berücksichtigt werden.8 Die Reprä-
nahmen der Fall. stehenden Instrumentariums bewältigt sentativität der vertragsabschliessenden
Neu sind hingegen Kontrollen durch kan- werden. So ist die Zahl der GAV, welche auf or- Sozialpartner spielt dabei eine zentrale Rolle.
tonale tripartite Kommissionen in Branchen dentlichem Weg für allgemeinverbindlich er-
ohne GAV. Werden dabei wiederholt Miss- klärt wurden, auf Bundes- und Kantonsebene Arbeitsmarktperformance
bräuche festgestellt, können diese Kommis- zwischen 2004 und 2016 von 41 auf 71 gestie-
sionen, in denen Arbeitgeber, Arbeitnehmer gen. Ein Grund dafür ist, dass im Entsendege-
weiterhin gut
und Kantonsbehörde vertreten sind, dem setz, analog zur europäischen Entsendericht- Aus arbeitsmarktpolitischer Sicht weisen GAV
Bundesrat respektive dem Regierungsrat so- linie, ausländische Dienstleistungserbringer – oder das Prinzip kollektiver Lohnvereinba-
genannte kollektive Massnahmen vorschla- angehalten werden, ausschliesslich die Min- rungen – sowohl positive als auch negati-

5 Seco et al. (2017). Siehe Beitrag von Bernhard Weber


3 Eurostat. und Sarah Bouchiba-Schaer (Seco) in dieser Ausgabe. 7 Baumberger und Mauron (2016).
4 Vgl. B,S,S Volkswirtschaftliche Beratung (2013). 6 Vgl. Seco(2017): 25. 8 OECD (2017b): 141.
LSE (BFS), BERECHNUNGEN BAUMBERGER

Lohnentwicklungen: Kollektive und individuelle Verhandlungen (2004–2014)


Privatsektor Jährliches Nominallohnwachstum Medianlohn (2014) Medianlohn / 25-Prozent-Quartil
(Medianlohn, 2004–2014) (Ratio, 2014)
Firmen mit kollektiven Lohnverhandlungen 1,19% 5856 Fr. 1,22
UND MAURON

Firmen mit individuellen Lohnverhandlungen 1,25% 6500 Fr. 1,27

Ein Mass für die Lohnungleichheit ist das Verhältnis des Medianlohnes (die Hälfte aller Arbeitnehmenden verdient weniger) relativ zum 1. Quartil (ein Viertel verdient
weniger als diesen Wert). 

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  47
PERSONENVERKEHR

ve Effekte auf.9 Ein positiver Effekt von ver- handlungen deutet auf aggregierter Ebene schäftigungsstrategie und untersucht dabei
bindlichen Lohn- und Arbeitsbedingungen darauf hin, dass die Sozialpartner den makro- auch die Frage der kollektiven Lohnverhand-
ist beispielsweise, dass die Transaktionskos- ökonomischen Rahmenbedingungen bei Ver- lungen neu und detailliert. Angesichts der
ten für Arbeitgeber und Arbeitnehmer verrin- tragsverhandlungen generell Rechnung tra- seit Jahren in den OECD-Ländern beobacht-
gert werden. Der Lohnbildungsprozess wird gen (siehe Tabelle). So lag das jährliche No- baren Zunahme der Ungleichheit und der im
vereinfacht, da klare und transparente Regeln minallohnwachstum in Firmen, in welchen Nachgang der Finanz- und Wirtschaftskrise
bestehen. Zudem wird der Arbeitsfrieden ge- kollektiv über die Lohn- und Arbeitsbedin- starken Verwerfungen auf den Arbeitsmärk-
fördert, indem das potenziell konfliktträch- gungen verhandelt wird, in der betrachte- ten stellt sich für die OECD die Frage, wel-
tige Verhältnis zwischen Arbeitgeber und ten Zeitperiode mit 1,19% sogar leicht unter che Arbeitsmarktinstitutionen einen posi-
Arbeitnehmer stabilisiert wird. Weiter kann der Lohnentwicklung in Firmen, in welchen tiven Beitrag zur Qualität der Arbeitsver-
davon ausgegangen werden, dass sozial- mehrheitlich individuell verhandelt wird. hältnisse und zur Widerstandsfähigkeit der
partnerschaftliche Vereinbarungen die wirt- Da Gesamtarbeitsverträge in der Arbeitsmärkte leisten können. Je nach Aus-
schaftliche Realität einer spezifischen Bran- Schweiz insbesondere im mittleren und gestaltung können GAV und Systeme kollek-
che besser abbilden als staatliche Mindest- unteren Lohnsegment abgeschlossen wer- tiver Lohnverhandlungen hier durchaus einen
löhne, wie es sie heute in vielen Ländern gibt. den, liegt das Lohnniveau im Bereich mit wichtigen Beitrag leisten.
Auf der negativen Seite wird meist die In- kollektiven Lohnverhandlungen etwas tie-
sider-Outsider-Problematik – und die daraus fer, was primär auf die Branchenzusammen-
folgende Segmentierung des Arbeitsmarktes setzung zurückzuführen ist. Die Lohnver-
– erwähnt. Gemäss diesem Modell können teilung im unteren Bereich10 ist hingegen
kollektive Arbeitsverträge, falls sie zu einsei- etwas ausgeglichener – ein Hinweis dafür,
tig auf die Interessen der Stelleninhaber (In- dass sich GAV ausgleichend auf die Lohn-
sider) ausgerichtet sind, die Beschäftigungs- verteilung auswirken.
chancen der Outsider (z. B. Stellensuchende)
schmälern und die Dualität des Arbeitsmark- OECD untersucht Bedeutung
tes verschärfen. Weitere negative volks-
wirtschaftliche Auswirkungen könnten ins-
von GAV
Valentine Mauron
besondere von allgemeinverbindlichen Ge- Wie sich die flankierenden Massnahmen und Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort
samtarbeitsverträgen dann ausgehen, wenn insbesondere die Zunahme der Anzahl allge- Arbeitsmarktaufsicht, Staatssekretariat für
Wirtschaft (Seco), Bern
die vereinbarten Lohnerhöhungen der wirt- meinverbindlicher GAV auf die Performance
schaftlichen Realität der Firmen zu wenig des Arbeitsmarktes ausgewirkt haben, ist wis-
Rechnung tragen. senschaftlich schwierig zu erfassen. Insge-
Im Rahmen der Lohnstrukturerhebung samt deutet jedoch viel darauf hin, dass die
des Bundesamtes für Statistik (BFS) werden Effizienz des Arbeitsmarktes dadurch nicht
Unternehmen gefragt, ob die Löhne indivi- behindert wurde. Gemäss dem kürzlich pu-
duell, zwischen Arbeitgebern und Arbeitneh- blizierten Beschäftigungsausblick der Orga-
mern, oder eben kollektiv – etwa im Rahmen nisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit
eines Firmen- oder Verbands-GAV – verein- und Entwicklung (OECD) gehört der Schwei-
bart werden. Ein Blick auf die Lohnentwick- zer Arbeitsmarkt weiterhin zu den effizientes-
lung im Privatsektor zwischen 2004 und 2014 ten unter den OECD-Ländern.11 Daniel Baumberger
in Branchen mit und ohne kollektive Lohnver- Zurzeit überarbeitet die OECD ihre Be- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort
Arbeitsmarktaufsicht, Staatssekretariat für
9 Vgl. T. Boeri and J. van Ours (2008): 72 oder OECD 10 Gemessen am Interquartilsverhältnis. Wirtschaft (Seco), Bern
(2017b): 129. 11 OECD (2017a).

Literatur
Baumberger, D., und Mauron, V. (2016). OECD (2017a). How Are We Doing? A Seco (2017). Umsetzung der flankierenden Boeri, T. und van Ours, J. (2008). The
Schweiz ist bei EU-Dienstleistungser- Broad Assessment of Labour Market Massnahmen zum freien Personenver- Economics of Imperfect Labor Markets,
bringern beliebt. Die Volkswirtschaft. Performance, in: OECD Employment kehr Schweiz - Europäische Union im Princeton University Press.
Bern. Outlook 2017, Paris. Jahre 2016, Bern.
B,S,S. Volkswirtschaftliche Beratung OECD (2017b). Collective Bargaining in Seco et al. (2017). 13. Bericht des
(2013). Schätzung der Kosten und a Changing World of Work, in: OECD Observatoriums zum Freizügigkeits-
Vereinfachung der Regulierungen im Employment Outlook 2017, Paris. abkommen zwischen der Schweiz und
Bereich der Zulassung von ausländischen Schlegel, T. (2017). Freizügig und flankiert: der EU. Auswirkungen der Personenfrei-
Erwerbstätigen zum schweizerischen Konträre Ansprüche an den Arbeits- zügigkeit auf den Arbeitsmarkt, Bern.
Arbeitsmarkt, Bern. markt, Avenir Suisse, in: Die Volkswirt-
schaft 4–2017.

48  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


ARBEITSMARKT

Strukturwandel dank hoch qualifizierten


Arbeitskräften gut gemeistert
Angesichts des Strukturwandels sind hoch qualifizierte Arbeitskräfte in der Schweiz immer
gefragter. Bildungsinvestitionen im Inland und die Zuwanderung ausländischer Fachkräfte
haben die Anpassungsfähigkeit des Arbeitsmarktes gestärkt.   Sarah Bouchiba-Schaer,
Bernhard Weber

Abstract    Technologischer Wandel und internationaler Wettbewerb verändern die pen mit den höchsten Qualifikationsanfor-
Arbeitsmärkte in den Industrieländern. In der Schweiz äusserte sich der Strukturwan- derungen: Führungskräfte, akademische
del über die letzten Jahre vor allem in einer raschen und signifikanten Bedeutungs- Berufe sowie technische Berufe (siehe Ab-
zunahme bildungsintensiver Tätigkeiten. Neben hohen Bildungsinvestitionen war es bildung 1).
vor allem der offene Arbeitsmarkt, der diese Dynamik begünstigte. 15 Jahre nach Ein- Für Berufsgruppen im Bereich der mittle-
führung der Personenfreizügigkeit scheint klar: Ohne den Zugang zum Arbeitskräfte- ren und tiefen Qualifikationen war die Ent-
potenzial in der EU hätte die Schweiz von den Chancen des Strukturwandels nicht im wicklung demgegenüber nicht gleichge-
selben Ausmass profitieren können. richtet. Während auch bei den Dienstleis-
tungs- und Verkaufsberufen ein deutlicher
und bei den Hilfsarbeitskräften ein modera-

U  nter dem Einfluss von technologi-


schem Wandel und internationalem
Wettbewerb hat sich die Arbeitskräftenach-
tätigen ständigen Wohnbevölkerung insge-
samt um rund 650 000 Personen oder um
durchschnittlich 1 Prozent pro Jahr. Beson-
ter Beschäftigungszuwachs zu verzeichnen
war, entwickelte sich die Beschäftigung vor
allem für Bürokräfte und verwandte B­ erufe,
frage in der Schweiz stark verändert. In den ders stark zum Beschäftigungswachstum
letzten 15 Jahren stieg die Zahl der erwerbs- beigetragen haben diejenigen Berufsgrup- Gesucht auf dem Arbeitsmarkt: Ingenieur an
der ETH Lausanne.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  49
ARBEITSMARKT

Abb. 1: Beschäftigungsentwicklung nach Berufsgruppen in der Schweiz (2001 bis nahme aller untersuchten Länder. Gleichzeitig
2016) nahm der Anteil Mittelqualifizierter im OECD-
Schnitt um 9,5 und in der Schweiz um 15,6 Pro-
Führungskräfte zentpunkte ab. Bei den Niedrigqualifizierten
Akademische Berufe
stieg der Anteil in der OECD um 1,9 Prozent-
punkte; in der Schweiz blieb er konstant.
Techniker und gleichrangige Berufe Insgesamt zeugt diese Entwicklung
Bürokräfte und verwandte Berufe von einer zunehmenden Polarisierung der
Arbeitsmärkte in den OECD-Ländern: Die
Dienstleistungs- und Verkaufsberufe
Beschäftigungsanteile sowohl von hoch wie
Fachkräfte in Land- und Forstwirtschaft auch von tief qualifizierten Arbeitskräften

SAKE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


gewinnen auf Kosten von Berufen mit mitt-
Handwerks- und verwandte Berufe
leren Qualifikationsanforderungen an Be-
Anlagen und Maschinenbediener deutung.
Hilfsarbeitskräfte
Für die Schweiz gilt: Einerseits fiel der be-
rufliche Strukturwandel besonders stark
aus – andererseits bestätigt sich das Muster
0

00

0
0

0
 00

 00

 00

 00

0
0

0
0 0
0 0

0 0

0 0

0 0

0 0

0 0
00

50

00

50
–5

15

25

35
10

20

30
der Arbeitsmarktpolarisierung in seiner ty-
–1
–2

–1

Absolute Veränderung, jeweils im zweiten Quartal; Berufshauptgruppen gemäss ISCO-Klassifikation. pischen Ausprägung nicht, denn im Gegen-
satz zur Mehrzahl der OECD-Staaten nahm
die Bedeutung von unqualifizierter Arbeit in
Abb. 2: Beschäftigungsentwicklung nach Ausbildungsniveau und Nationalität in der Schweiz nicht zu. Die Entwicklung in der
der Schweiz (2003–2016) Schweiz spiegelt somit vielmehr eine erfolgte
generelle, breit abgestützte Höherqualifizie-
rung. In diesem Zusammenhang spricht man
oft von sogenanntem Upskilling.
Tertriärstufe

Bildungsinvestitionen machen
Sekundarstufe II
sich bezahlt
Damit diese tiefgreifenden strukturellen Ver-
änderungen in so kurzer Zeit möglich waren,
SAKE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

musste eine rasche, den Bedürfnissen des


Sekundarstufe I Arbeitsmarktes entsprechende Anpassung
des Arbeitskräfteangebots erfolgen. Investi-
tionen in die Aus- und Weiterbildung der ein-
heimischen Erwerbsbevölkerung haben hier-
0

0
 00

 00

0
0 0

0 0

0 0

0 0

0 0

0 0
00

00

bei eine zentrale Rolle gespielt.


10

20

30

40

50

60
–2

–1

Die öffentlichen Bildungsausgaben wur-


  Schweiz            EU28/Efta            Drittstaaten den in der Schweiz in den vergangenen 20
Absolute Veränderung 2003–2016, jeweils im zweiten Quartal. Jahren gegenüber anderen öffentlichen Aus-
gaben priorisiert. So stieg ihr Anteil am Brut-
toinlandprodukt (BIP) von 5,2 Prozent im Jahr
aber auch für Personen in Handwerksberu- dern deren Nachfrage teilweise sogar stei- 1995 auf 5,6 Prozent im Jahr 2014. Ihr Anteil
fen, für Fachkräfte in der Land- und Forst- gern. an den öffentlichen Gesamtausgaben wuchs
wirtschaft sowie Anlagen- und Maschinen- im gleichen Zeitraum von 15,0 Prozent auf 17,3
bediener rückläufig. Polarisierung des Arbeitsmarktes Prozent.
Treibende Kraft hinter diesen Verschie- Diese Entwicklung konnte auch über
bungen ist die Verbreitung von Compu- Vergleicht man den Wandel der Beschäfti- die letzten, wirtschaftlich anspruchsvol-
tern und Maschinen im Arbeitsprozess. Be- gungsstruktur in der Schweiz mit derjenigen len Jahre fortgesetzt werden: So sind die
sonders deutlich sinkt die Nachfrage nach in anderen Industriestaaten, so weicht die öffentlichen Bildungsausgaben zwischen
Arbeitnehmern, welche Routinearbeiten Schweiz sowohl bezüglich Muster als auch 2008 und 2013 in der Schweiz mit 14 Pro-
ausüben: Industriearbeiter werden vermehrt Dynamik vom OECD-Durchschnitt ab:1 Wäh- zent deutlich stärker gewachsen als die
durch Roboter ersetzt, Büroassistenten rend der Anteil hoch qualifizierter Erwerbstä- Ausgaben für übrige öffentliche Dienstleis-
durch Organisationssoftware. Im Gegensatz tiger an der Gesamtbeschäftigung zwischen tungen mit 9 Prozent.2 Zum Vergleich: Im
dazu können Maschinen analytische, krea- 1995 und 2015 im OECD-Mittel um 7,6 Pro- OECD-Mittel wuchsen die Bildungsausga-
tive oder interaktive Berufe, zu denen etwa zentpunkte zunahm, wuchs er in der Schweiz ben mit 5 Prozent weniger als halb so stark
Management-, Forschungs- oder Lehrkräfte, um hohe 15,6 Prozentpunkte – die höchste Zu- wie in der Schweiz und auch langsamer als
aber auch Pflegekräfte, Coiffeure oder Kin-
derbetreuer gehören, nicht ersetzen, son- 1 OECD (2017a): 121. 2 OECD (2016): Table B4.2.

50  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


ARBEITSMARKT

die Ausgaben für andere öffentliche Diens- durch die starke Zuwanderung hoch qualifi- gungsniveaus und der Qualität der Arbeits-
te mit 7 Prozent. Dass sich die Bildungsin- zierter Arbeitskräfte. verhältnisse, sondern auch hinsichtlich des-
vestitionen bezahlt gemacht haben, zeigt Der EU-Raum war – in geringerem Aus- sen Integrationsfähigkeit sehr gut ab.4
sich in der Beschäftigungsentwicklung der mass – auch von Bedeutung für die Rekrutie- 4 OECD (2017b): 19–46.
einheimischen Erwerbsbevölkerung nach rung von Niedrigqualifizierten. In der Quali-
Ausbildungsniveau (siehe Abbildung 2). fikationsstruktur der Freizügigkeitszuwan-
Zwischen 2003 und 2016 hat die Anzahl derer zeigt sich dies deutlich: Mit 60 Prozent
schweizerischer Erwerbstätiger mit einem Hoch- und 16 Prozent Niedrigqualifizierten
Bildungsabschluss auf Tertiärstufe um über waren Zuwanderer nicht nur am oberen, son-
eine halbe Million Personen zugenommen. dern an beiden Enden der Qualifikationsskala
Gleichzeitig haben die Einheimischen Tä- gegenüber der einheimischen Erwerbsbevöl-
tigkeiten mit mittleren und tiefen Qualifi- kerung übervertreten. Zum Vergleich: Unter
kationsanforderungen tendenziell verlas- den 2016 erwerbstätigen Schweizern verfüg-
sen: Die Zahl schweizerischer Erwerbstätiger, ten lediglich 40 Prozent über einen Abschluss Sarah Bouchiba-Schaer
welche lediglich über einen obligatorischen auf Tertiärstufe und nur 10 Prozent über keine Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort
Schulabschluss (Sekundarstufe I) verfügen, nachobligatorische Schulbildung. Personenfreizügigkeit und Arbeitsbezie-
hat gegenüber 2003 um 80 000 abgenom- Die Rekrutierung am unteren Ende der hungen, Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern
men; die Zahl jener mit einem Lehrabschluss Qualifikationsskala diente dabei vor al-
oder einer Maturität als höchstem Abschluss lem zur Deckung von Ersatzbedarf, welcher
(Sekundarstufe II) ging um 160 000 zurück. aus der Höherqualifizierung und einer «Ab-
Insgesamt ist damit eine rasche und signifi- wanderung» der Einheimischen aus niedrig
kante Höherqualifizierung der einheimischen qualifizierten Tätigkeiten resultiert. Insge-
Erwerbstätigen gelungen. samt scheint die Zuwanderung damit in ho-
hem Masse komplementär zum inländischen
Komplementäre Zuwanderung Arbeitskräftepotenzial gewesen zu sein. Die-
ser Eindruck wird von der mittlerweile umfas-
Zur Deckung des stark wachsenden Bedarfs senden Literatur zu den Lohn- und Beschäfti- Bernhard Weber
an hoch qualifizierten Arbeitskräften war gungseffekten der Zuwanderung weitgehend Stv. Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und
über die Bildungsinvestitionen hinaus auch bestätigt.3 Die anhaltend guten Arbeitsmarkt- Sozialpolitik, Staatssekretariat für
Wirtschaft (Seco), Bern
die Arbeitsmarktöffnung im Zuge der Ein- ergebnisse der Schweiz sprechen zudem ins-
führung der Personenfreizügigkeit mit der EU gesamt dafür, dass der wirtschaftliche Struk-
Literatur
ab 2002 wichtig, wie die qualifikationsspe- turwandel und die in dessen Zuge erfolg- OECD (2016). Education at a Glance: OECD Indicators,
zifische Beschäftigungsentwicklung für EU- te erfolgreiche Spezialisierung der Schweiz Paris.
Zuwanderer nahelegt. So zählte der Arbeits- auf eine wissensintensive Wertschöpfungs- OECD (2017a). How Technology and Globalization Are
Transforming the Labour Market, in: OECD Employ-
markt 2016 – zusätzlich zum erwähnten Be- erbringung breiten Bevölkerungsschich- ment Outlook 2017, Paris.
schäftigungsausbau bei den Einheimischen ten zugutegekommen sind. So schneidet der OECD (2017b). How Are We Doing? A Broad Assess-
ment of Labour Market Performance, in: OECD
– 230 000 hoch qualifizierte EU-Erwerbstäti- Schweizer Arbeitsmarkt im internationalen Employment Outlook 2017, Paris.
ge mehr als 2003. Die hohe Beschäftigungs- Vergleich nicht nur bezüglich des Beschäfti- Seco et al. (2017). 13. Bericht des Observatoriums zum
Freizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und
zunahme im Bereich bildungsintensiver Tä- der EU. Auswirkungen der Personenfreizügigkeit auf
tigkeiten wurde somit wesentlich unterstützt 3 Vgl. Seco et al. (2017) für eine Literaturübersicht. den Arbeitsmarkt, Bern.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  51
BESTEUERUNG VON JUNGUNTERNEHMEN

Wachstumsfreundliche Unternehmens-
steuern: Reformpotenzial ist vorhanden
In der Schweiz sind die Unternehmenssteuern im internationalen Vergleich tief. Trotzdem
gibt es sowohl aus ökonomischer als auch als steuertechnischer Sicht Reformpotenzial. So
zehren beispielsweise Kapital- und Vermögenssteuern an der Substanz von Jungunterneh-
men und wachstumsstarken KMU.   Martin Godel, Peter Schwarz
Gemeindeebene grundsätzlich versteuern.2
Abstract  Die Schweiz verfügt über attraktive Steuern für Unternehmen: Die Gesamt- Auf Bundesebene wurde die substanzzeh-
besteuerung ist verglichen mit anderen hoch entwickelten Industrieländern moderat. rende Kapitalbesteuerung bereits Ende der
Trotzdem muss das Steuersystem laufend überprüft und bei Bedarf angepasst und
Neunzigerjahre im Zuge der Unternehmens-
verbessert werden. Auf dem Weg zu einer wachstumsfreundlichen Unternehmens-
steuerreform I abgeschafft.
besteuerung bergen die Kapitalsteuer, die Vermögenssteuer, die progressiven kan-
Kapitalsteuern belasten insbesondere ka-
tonalen Gewinnsteuern und die zeitliche Befristung des Verlustvortrags viel Reform-
pitalintensive Unternehmen und wirken sich
potenzial, da sie insbesondere für rasch wachsende Unternehmen wie auch für kleine
negativ auf die Liquidität der Unternehmen
und mittlere Unternehmen (KMU) eine aus ökonomischer Sicht unerwünschte Belas-
aus. Steuern auf dem Eigenkapital werden
tung darstellen. Reformen zugunsten einer wachstumsfreundlichen Unternehmens-
denn auch in den meisten OECD-Ländern
besteuerung dürften allerdings mit einem spürbaren Wandel der Steuerstruktur und
nicht erhoben beziehungsweise wurden ab-
des föderalen Gefüges einhergehen, sodass die Umsetzung eines solchen Vorhabens
einen langen Atem erfordert. geschafft. Die OECD empfiehlt der Schweiz
die Abschaffung dieser Steuerart.3
Für profitable Unternehmen wird para-
doxerweise die Steuerbelastung gemildert,

E  ine effiziente und damit wachstums-


freundliche ­Unternehmensbesteuerung
orientiert sich an den Besteuerungsprin-
ten einen Anreiz, Gewinne einzubehalten
statt auszuschütten – unabhängig davon, ob
sie diese betriebswirtschaftlich benötigen
da den Kantonen die Möglichkeit offensteht,
die Gewinnsteuer an die Kapitalsteuer anzu-
rechnen. Konkret ist dies in den Kantonen
zipien der Allgemeinheit der Steuer und oder nicht. Das ist ineffizient, da dadurch die Aargau, Appenzell Innerrhoden, Basel-Land-
der Besteuerung nach der wirtschaftlichen wachstumsfördernde Aufgabe des Kapital- schaft, Bern, Neuenburg, Solothurn, St. Gal-
Leistungsfähigkeit sowie an der Finanzie- marktes, die verfügbaren Investitionsmittel len, Thurgau, Waadt und mit Einschränkun-
rungs- und Rechtsformneutralität. Mit ande- auf die gewinnträchtigsten Unternehmen gen auch im Kanton Genf der Fall (siehe Ab-
ren Worten: Entscheide zur Finanzierung und und damit auf die rentabelsten Investitions- bildung). Damit bilden die Kapitalsteuern eine
zur Rechtsform eines Unternehmens sollten projekte zu lenken, teilweise ausser Kraft ge- eigentliche «Verluststeuer», die nur bei Ver-
in erster Linie auf betriebswirtschaftlichen setzt wird. lusten fällig wird. Zwar steht die Anrechnung
Abwägungen – und nicht auf steuerlichen Nebst der Finanzierungsneutralität wird auch rasch wachsenden Jungunternehmen
Überlegungen – fussen. Das schweizerische auch die Rechtsformneutralität verletzt, da offen, faktisch läuft sie aber meist ins Leere,
Steuersystem verletzt diese Bedingungen je- Kapitalgesellschaften und Personenunter- da sie im frühen Stadium oft noch keine Ge-
doch bisweilen.1 nehmen unterschiedlich behandelt werden. winne erwirtschaften und damit die Kapital-
Zunächst zur Finanzierungsneutralität: Ob die Besteuerung die Anteilseigner von Ka- steuer leisten müssen.
Der steuerliche Anreiz zur Fremdfinanzie- pitalgesellschaften effektiv begünstigt oder Der Bundesrat hat den Handlungsbedarf
rung verletzt die sogenannte Kapitalstruk- benachteiligt, hängt dabei vom Ausschüt- erkannt: Bereits 2008 schlug er im Vorfeld
turneutralität, weil bei der Gewinnsteuer die tungsverhalten, von Massnahmen zur Milde- der Beratungen zur im letzten Februar von
Fremdkapitalzinsen, nicht aber die kalkula- rung der wirtschaftlichen Doppelbelastung Volk und Ständen abgelehnten Unterneh-
torischen Eigenkapitalzinsen steuerlich ab- und von der Höhe der Gewinn- und Einkom- menssteuerreform III vor, dass die Kantone
zugsfähig sind. Auch die «Gewinnverwen- menssteuer ab. auf die Erhebung derselben verzichten kön-
dungsneutralität» wird nicht gewahrt – da nen.4 Dieser Vorschlag fand wenig Anklang,
die Besteuerung der ausgeschütteten und Steuer auf dem Eigenkapital da bei einer Abschaffung der Kapitalsteuer
der einbehaltenen Gewinne stark voneinan- ohne gleichzeitige Erhöhung der Gewinn-
der abweicht.
zehrt an der Substanz steuer in einzelnen Kantonen hohe Minder-
Konkret verstossen die relativ hohe Be- Aus ökonomischer Perspektive gilt es zudem einnahmen resultieren würden – weshalb
lastung von Gewinnen im Streubesitz und substanzzehrende Steuern grundsätzlich zu der Bundesrat auf diese Massnahme verzich-
die begünstigte Besteuerung der Selbstfi- vermeiden. Ein Beispiel dafür sind Steuern tete.
nanzierung gegen den Grundsatz der Kapi- auf dem Eigenkapital: In der Schweiz müs-
talstrukturneutralität: Unternehmen erhal- sen juristische Personen wie Aktiengesell-
2 Art. 2, Abs. 1 StHG.
schaften, Genossenschaften, Vereine und 3 Vgl. OECD (2013), S. 75
1 Vgl. EFD (2005), Kapitel 1.7.3.1 S. 4768 ff. Stiftungen ihr Eigenkapital auf Kantons- und 4 EFD (2013), S. 46.

52  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


BESTEUERUNG VON JUNGUNTERNEHMEN

KEYSTONE
Kantonale Kapitalsteuern sind für Start-ups
besonders schmerzhaft.
Vermögenssteuern machen steigt und die Anteilseigner eine Steuer-
Start-ups zu schaffen zahlung zu leisten haben, welche ihr Ein-
kommen übersteigt. Sieben Kantone (Aar- gängig eingehend zu prüfen. Der Bundes-
Auch die bei Privatpersonen erhobene Ver- gau, Basel-Stadt, Bern, Genf, Luzern, Waadt rat wäre bei gegebenem parlamentari-
mögenssteuer kann das Unternehmens- und Wallis) kennen eine Belastungsober- schem Auftrag bereit, eine solche Prüfung
wachstum negativ beeinflussen. Die eben- grenze bei der Vermögenssteuer, die dieses vorzunehmen, wie er im Bericht über rasch
falls in der Kompetenz der Kantone5 lie- Problem entschärfen kann. wachsende Jungunternehmen vom vergan-
gende Vermögenssteuer gab in letzter Zeit Mit der Weisung über die Bewertung genen März schreibt.8
wegen Bewertungsmethoden zu reden. von Wertpapieren und Guthaben für die
Gleichzeitig ist aber die tiefer liegende Pro- Vermögenssteuer vom 1. November 20166 Gewinnsteuern: Abbau
blematik dieser Steuerart nicht aus den Au- versucht beispielsweise der Kanton Zürich
gen zu verlieren. dieser Problematik Rechnung zu tragen.
progressiver Tarife
Das Steuerharmonisierungsgesetz sieht Dabei wird auf den Substanzwert abge- Im Unterschied zu Kapital- und Vermögens-
die Bewertung des Vermögens zum Ver- stellt, bis repräsentative Geschäftsergeb- steuern belasten Gewinnsteuern die unter-
kehrswert vor. Der Ertragswert kann da- nisse vorliegen. Investorenpreise kommen nehmerische Substanz nicht. Allerdings kön-
bei angemessen berücksichtigt werden. Bei erst nach der Aufbauphase zum Zug. nen progressive Tarife unerwünschte Anrei-
der Bewertung des Vermögens steht den Sowohl bei der Kapital- als auch bei der ze setzen, wie zum Beispiel die Aufspaltung
Kantonen ein gewisser Spielraum zu. Bei Vermögenssteuer ist der Bundesrat grund- eines Unternehmens in kleinere Einheiten.
nicht börsenkotierten Unternehmen steht sätzlich der Meinung: Eine Verlagerung Im Sinne einer oben skizzierten Steuerpolitik
die Bewertung der Beteiligungspapiere im weg von diesen substanzzehrenden Steu- sind solche Anreize deshalb abzubauen bzw.
Vordergrund, da oftmals keine Transak- ern sollte in Betracht gezogen werden.7 zu vermeiden.
tionspreise zur Ermittlung des Verkehrs- Allerdings gälte es bei einer Verlagerung Die kantonalen Gesetze sehen wie auf
wertes vorliegen. hin zur verstärkten Ertragsbesteuerung Bundesebene eine Gewinnsteuer vor. Aktu-
Bei Start-ups kann dies beispielsweise die ökonomischen Auswirkungen auf die ell wenden siebzehn Kantone wie der Bund
dazu führen, dass die Bemessungsgrund- Volkswirtschaft und die finanziellen Aus- einen proportionalen Steuertarif an, acht
lage zur Begleichung der Vermögenssteuer wirkungen auf die öffentliche Hand vor- verwenden einen progressiven Tarif, und ein
nach einer Finanzierungsrunde deutlich Kanton besteuert nach der Ertragsintensität.
6 Finanzdirektion des Kantons Zürich (2016).
5 Art. 3 BV. 7 Bundesrat (2013), S. 14. 8 Bundesrat (2017), S. 47 und S. 54.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  53
BESTEUERUNG VON JUNGUNTERNEHMEN

wachsende Jungunternehmen wie auch für


Höhe der Kapitalsteuern für juristische Personen nach Kantonen (2017)
wachsende kleine und mittlere Unterneh-
6      In % men (KMU) eine aus ökonomischer Perspek-
tive unerwünschte Belastung dar.
Der Bundesrat hat im Bericht vom März
2017 über rasch wachsende Jungunterneh-
4 men erkannt, dass die Finanzierung für Start-
ups eine Herausforderung bleibt.10 Dabei ist
aber auch anzuerkennen: Die Realisierung
des hier beschriebenen Verbesserungspoten-
2 zials zugunsten volkswirtschaftlicher Gewin-

ESTV / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


ne kommt einer herkulischen Aufgabe gleich,
da die skizzierten Reformelemente mit einem
Wandel der Steuerstruktur und des föderalen
0
Gefüges einhergehen würden.
BS GR NE VS UR GL OW GE FR TI AG BL SH SO JU ZH AI LU ZG SZ BE TG VD SG AR NW 10 Bundesrat (2017).
  Gewinnsteuer kann nicht angerechnet werden         Gewinnsteuer wird an Kapitalsteuer angerechnet      
  Kapitalsteuer wird von Gewinnsteuer abgezogen; Reduktion kann 8500 Franken nicht überschreiten.

Verlustabzüge: Zeitliche gegenüber, wie er in seinem Bericht vom


Befristung aufheben März schreibt.

Problematisch ist aus ökonomischer Pers- Ernüchternde Erfahrungen mit


pektive auch die zeitliche Beschränkung der
Verlustabzüge. Derzeit können Verluste nur
Sonderregelungen Martin Godel
aus sieben der Steuerperiode vorangegan- Vorsicht ist bei Sonderregelungen geboten – Leiter Ressort KMU-Politik, Staats­
sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
genen Geschäftsjahren abgezogen werden. dies lehren die Erfahrungen auf Bundesebe-
Bleiben danach noch Verlustvorträge übrig, ne mit dem Bundesgesetz über Risikokapital­
verfallen sie. Dies kann bei einer länger an- gesellschaften. Das Gesetz, welches unter
haltenden Verlustphase zu Überbesteuerun- anderem die Befreiung von der Eidgenössi-
gen führen. schen Emissionsabgabe für Risikokapitalge-
Zudem werden Unternehmen, die ein- sellschaften vorsah und Privatinvestoren den
malig einen sehr hohen Verlust generieren, teilweisen steuerlichen Abzug ihrer Investi-
und Unternehmen, die über die verschiede- tionen erlaubte, zeitigte nicht die gewünsch-
nen Steuerperioden kleinere Verluste gene- ten Ergebnisse beziehungsweise stiess auf
rieren, steuerlich ungleichbehandelt. Gerade äusserst geringes Interesse.
bei forschungsbasierten, rasch wachsenden Auch der Einführung eines Investitions- Peter Schwarz
Jungunternehmen dauert es oft mehr als sie- abzuges auf Bundesebene steht der Bun- Dr. rer. pol., Eidgenössische
Steuerver­waltung (ESTV), Bern
ben Jahre, bis steuerbare Gewinne ausgewie- desrat skeptisch gegenüber: Angesichts der
sen werden. im internationalen Vergleich insgesamt mo-
Im Rahmen der Vernehmlassungsvorla- deraten Besteuerung von Investoren – ein- Literatur
ge zur Unternehmenssteuerreform III hat- schliesslich «Business Angels» – sieht er kei- Bundesrat (2013). Steuerausfälle aufgrund der Steuer-
te der Bundesrat die Aufhebung der zeitli- nen Handlungsbedarf. Nicht zuletzt gilt befreiung von Start-up-Unternehmen. Bericht des
Bundesrates in Erfüllung des Postulats 09.3935 von
chen Beschränkung der Verlustverrechnung es dem Grundsatz der Allgemeinheit einer Nationalrat Darbellay vom 25. September 2009, Bern,
zur Diskussion gestellt, kombiniert mit einer Steuer Sorge zu tragen. Sonderregelungen 10. September 2013.
Mindestbesteuerung des Jahresgewinns. für einzelne Unternehmenstypen führen zu Bundesrat (2015). Botschaft zum Unternehmens-
steuerreformgesetz III, 5. Juni 2015.
Dadurch würde dem Prinzip einer investi- Rechtsungleichheiten, Abgrenzungsschwie- Bundesrat (2017). Rasch wachsende Jungunternehmen
tionsneutralen Besteuerung verstärkt Rech- rigkeiten und Rechtsunsicherheit und sind in der Schweiz, Bericht des Bundesrates in Erfüllung
des Postulates 13.4237 Derder, 29. März 2017.
nung getragen. Da der Vorschlag in der Ver- wenn möglich zu vermeiden. EFD (2005). Botschaft zum Bundesgesetz über die
nehmlassung abgelehnt wurde, hat der Bun- Abschliessend kann man sagen: Um sich Verbesserung der steuerlichen Rahmenbedingungen
für unternehmerische Tätigkeiten und Investitionen
desrat in der Botschaft auf Änderungen bei einer wachstumsfreundlichen Unterneh- (Unternehmenssteuerreformgesetz II) vom 22. Juni
der Verlustverrechnung verzichtet.9 Er steht mensbesteuerung weiter anzunähern, ber- 2005.
EFD (2013). Massnahmen zur Stärkung der steuerlichen
aber einer unbeschränkten Verlustverrech- gen insbesondere die kantonale Kapital- Wettbewerbsfähigkeit (Unternehmenssteuerreform
nung für alle Unternehmen in Verbindung steuer, die kantonale Vermögenssteuer, die III). Bericht des Steuerungsorgans zuhanden des EFD,
Bern, 11. Dezember 2013.
mit einer Mindestbesteuerung im Rah- progressiven kantonalen Gewinnsteuern Finanzdirektion des Kantons Zürich (2016). Bessere
men einer zukünftigen Steuerrevision o­ ffen und die zeitliche Befristung des Verlustvor- Bedingungen für Start-ups, Medienmitteilung vom
1. November 2016.
trags viel Reformpotenzial. Diese Kompo- OECD (2013). 2013 Economic Review – Switzerland,
9 Bundesrat (2015). nenten des Steuersystems stellen für rasch Paris.

54  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FINANZMÄRKTE

Financial Stability Board untersucht Rück-


gang des Korrespondenzbankengeschäfts
Die bei Geldüberweisungen ins Ausland wichtigen Korrespondenzbankenbeziehungen ste-
hen unter Druck. Statt Risiken zu prüfen, brechen viele Banken die Beziehungen im Zweifels-
fall ab. Das Financial Stability Board untersucht deshalb, inwiefern dieser Trend die Stabilität
der Zahlungssysteme gefährdet.   Julie Tomka

eine wichtige Rolle, da die Kosten für die Fort-


Abstract  Seit mehreren Jahren besteht im Korrespondenzbankengeschäft ein Trend
führung der Geschäftsbeziehungen wesent-
zum «De-Risking»: Um Risiken zu minimieren, tendieren viele Banken dazu, die Bezie-
hungen zu Korrespondenzbanken ganz abzubrechen. Da diese Beziehungen jedoch lich von der Einhaltung der Sorgfaltspflich-
eine wichtige Rolle bei Geldüberweisungen ins Ausland spielen, hat dies womöglich ten abhängen. Weitere entscheidende Fak-
Folgen für die Finanzmärkte: Kunden, die nur noch beschränkt Zugang zu Bankleis- toren sind unklare Anforderungen in der
tungen haben, könnten in zweifelhafte Märkte gedrängt werden. Dies wäre der Stabi- Bekämpfung von Geldwäscherei und Terro-
lität und der Verfügbarkeit von Finanzleistungen für ein breites Publikum abträglich rismusfinanzierung sowie die Gefahr von Re-
und würde den internationalen Bemühungen für ein integres Finanzsystem diametral putationsschäden, falls zum Beispiel Verbin-
entgegenlaufen. Ein im Juli 2017 veröffentlichter Bericht des Financial Stability Board dungen zu kriminellen Netzwerken bekannt
(FSB) zeigt, dass die Zahl der Korrespondenzbankenbeziehungen weiterhin zurück- werden.
geht und weitere Massnahmen gegen diesen Trend erforderlich sind. Vergangenes
Jahr hat das FSB eine hochrangige Koordinationsgruppe eingesetzt, welche von der Auch Industrieländer betroffen
Schweiz geleitet wird.
Ein im Juli veröffentlichter Bericht des Finan-
cial Stability Board (FSB) zeigt, dass die Zahl

I  mmer mehr Banken tendieren dazu, be-


stehende Beziehungen mit anderen Ban-
ken einzuschränken oder zu beenden oder
führen, dass die Kaufpreiszahlung durch eine
Kette von Korrespondenzbanken fliessen
muss, um vom Käufer an den Verkäufer zu ge-
der Beziehungen der aktiven Korrespondenz-
banken in allen Weltregionen zwischen 2011
und 2016 um durchschnittlich 6 Prozent ge-
keine neuen mehr abzuschliessen. Diese so- langen. Werden diese Beziehungen beendet, sunken ist. Besonders ausgeprägt war der
genannten Korrespondenzbankenbeziehun- wird die Kaufpreiszahlung erschwert und im Rückgang bei den Transaktionen in Euro und
gen sind Teil der Grundlage des globalen Zah- Extremfall verunmöglicht. Dollar (je minus 15 Prozent).1
lungssystems, da die meisten internationalen Die verschiedenen Faktoren, die Ban- Unter diesem Trend leiden sowohl klei-
Geldtransfers über sie erfolgen. Solche Ver- ken dazu bringen, diese Beziehungen einzu- ne Volkswirtschaften, einschliesslich In-
änderungen im Korrespondenzbanksystem schränken oder zu beenden, sind eng mitei- dustrieländer, die aufgrund beschränkter
könnten somit Folgen für die Finanzstabili- nander verflochten. Auflösungen erfolgen Transaktionsvolumina keine ausreichende
tät haben. hauptsächlich aus geschäftlichen Gründen
Als Korrespondenzbank werden im Allge- wie beispielsweise eine geringe Rentabili- 1 FSB (2017b); an der Umfrage haben über 300 Banken
meinen Banken bezeichnet, die Leistungen tät, doch auch das Risikomanagement spielt teilgenommen, die in fast 50 Ländern tätig sind.
für eine andere Bank erbringen. Korrespon-
denzbanken stellen in erster Linie Geldüber-
weisungen in Drittwährungen an eine Bank Abb. 1: Anzahl Zahlungsnachrichten (Payment Messages), Gesamtwert und Zahl
im Ausland sicher. Ein Beispiel: Ein Schweizer der aktiven Korrespondenten (2011–2016)
Industrieunternehmen verkauft eine Werk-
140       Index (Januar 2011 = 100)
zeugmaschine an einen Kunden im Ausland.
Wenn beide Parteien kein Konto bei der glei-
SWIFT WATCH, BANQUE NATIONALE DE BELGIQUE;

130
chen Bank haben, muss die Kaufpreiszahlung
über das globale Bankensystem übermittelt 120
FSB (2017B): 28 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

werden.
Wenn die Bank des Verkäufers und die 110

Bank des Käufers eine direkte Korrespon-


100
denzbankenbeziehung (das heisst gegen-
seitige Konten) unterhalten, kann die Über- 90
weisung direkt abgewickelt werden. Wenn 2011 2012 2013 2014 2015 2016
eine solche direkte Beziehung fehlt, wird die
  Anzahl Nachrichten       Gesamtvolumen der Nachrichten (in Dollar)       Zahl der aktiven Korrespondenten
Überweisung über mehrere dazwischenge-
schaltete Banken übermittelt. Dies kann dazu Monatsdaten, Quartalsmittel.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  55
FINANZMÄRKTE

­ entabilität bieten, als auch Entwicklungs-


R Die dargestellte Problematik beunruhigt Know Your Customer
und Schwellenländer. Zu Letzteren zählen die internationale Gemeinschaft: einerseits,
namentlich solche, die über eine als ungenü- weil dadurch gewisse Geldflüsse in weniger Die FSB-Studie zeigt: Eine umfassende Lö-
gend wahrgenommene Bankenaufsicht oder transparente oder zweifelhafte Kanäle ge- sung muss auf mehreren Ebenen ansetzen.
ein mangelhaftes Risikomanagement im Be- lenkt werden könnten, und andererseits, weil So lassen sich die hohen Kosten und die re-
reich der Bekämpfung von Geldwäscherei solche strukturellen Veränderungen Ban- gulatorischen Unsicherheiten der Korres-
und der Terrorismusfinanzierung verfügen. ken oder Länder von den Clearingsystemen pondenzbankenbeziehungen beispielswei-
In der Schweiz gingen die Korrespondenz- in Euro oder Dollar isolieren oder diese stark se durch klarere regulatorische Erwartungen
bankenbeziehungen um ungefähr 15 Prozent von anderen Finanzintermediären abhängig in Bezug auf Compliance-Mindeststandards
zurück – damit präsentiert sich das Bild ähn- machen könnten. Vom Trend, weniger Bank- und technische Massnahmen zur Vereinfa-
lich wie im übrigen Westeuropa. Dieser Wert verbindungen zu eröffnen oder weiterzufüh- chung der Compliance-Prozesse reduzieren.
ist jedoch nicht alarmierend, da die Schwei- ren, sind nebst Korrespondenzbanken auch Parallel dazu ist ein für die Finanzintermediä-
zer Banken weiterhin über ein ausgedehntes Geldübermittlungsdienstleister wie Wes- re günstiger Rahmen zu schaffen, etwa indem
Netz von Korrespondenzbankenbeziehungen tern Union und Money Gram betroffen (sie- Länder, die am meisten vom De-Risking be-
verfügen. he Kasten), die bei den für Entwicklungslän- troffen sind, bei der Stärkung ihres Aufsichts-
der wichtigen Geldüberweisungen von Mig- rahmens unterstützt werden.
Konzentrationsprozesse im ranten eine zentrale Rolle spielen. Die Empfehlungen der Financial Action Task
Angesichts dieser Entwicklungen haben Force zur Bekämpfung von Geldwäscherei und
Gange die G-20-Länder das FSB beauftragt, zu- Terrorismusfinanzierung basieren auf einem
Trotz der geringeren Anzahl aktiver Korres- sätzlich zu den Korrespondenzbankenbe- Ansatz, der sich auf das Management der Ri-
pondenzbanken hat die Zahl der zwischen ziehungen auch den Zugang von Geldüber- siken einer Geschäftsbeziehung stützt. Unter
Banken abgewickelten Geldüberweisungen mittlungsdienstleistern zum Bankensystem dem Prinzip «Know Your Customer» – in die-
international nicht abgenommen, sondern zu untersuchen und Vorschläge zur Ergän- sem Fall ist damit die jeweilige Korrespondenz-
ist seit 2011 sogar gestiegen (siehe Abbildung zung der Massnahmen anderer internatio- bank als Kundin gemeint – sind Massnahmen
1). Der Gesamtwert der Zahlungsnachrichten naler Organisationen vorzulegen. Vertreter zur Bekämpfung der Finanzkriminalität festge-
blieb in diesem Zeitraum hingegen stabil. von rund 15 Ländern, darunter die Schweiz, legt.
Im FSB-Bericht wird die Zunahme der des Internationalen Währungsfonds, der Weil die internationalen Standards nicht
Nachrichtenzahl mit gleichzeitiger Abnah- Weltbank und von Organisationen wie der einheitlich interpretiert werden und die re-
me der Zahl der Beziehungen damit erklärt, Financial Action Task Force (FATF) sowie des gulatorischen Erwartungen nationaler Be-
dass zum einen die Intermediationsketten Basler Ausschusses für Bankenaufsicht bil- hörden unklar sind, hat die FATF zur Ausräu-
länger geworden sind. Das heisst, die Anzahl den eine Koordinationsgruppe (Correspon- mung dieser Unsicherheiten auf internatio-
der zwischen der ersten und der letzten Bank dent Banking Coordination Group), die sich naler Ebene eine neue Richtlinie publiziert,
dazwischengeschalteten Finanzinstitute hat mit dem Rückgang von Korrespondenzban- die einen klareren Rahmen für den risikoba-
zugenommen. Zum anderen hat sich das Kor- kenbeziehungen und dem Zugang von Geld- sierten Ansatz schaffen soll.3 Mit einem ähnli-
respondenzbankengeschäft aufgrund der übermittlungsdienstleistern zum Banken- chen Ziel hat der Basler Ausschuss seine dies-
Abnahme der Korrespondenzbankenbezie- system befasst und Lösungen erarbeiten bezüglichen Leitlinien revidiert.4
hungen stärker konzentriert. Dies erhöht die will. Die Schweiz leitet diese Koordinations- Beide Gremien kommen in diesen Publi-
Abhängigkeit einzelner Banken von wenigen gruppe und spielt in der komplexen, globa- kationen unter anderem zum Schluss: Wäh-
Korrespondenzbankenbeziehungen (siehe len Debatte eine aktive Rolle.2 rend der «Know Your Customer»-Grundsatz
Abbildung 2) und bewirkt strukturelle Verän- zwingend ist, ist das darüber hinausgehen-
derungen, die die Stabilität des Systems be- de Prinzip «Know Your Customer’s Custo-
drohen könnten. 2 Siehe FSB (2017a). mer» in den internationalen Standards nicht
vorgesehen. Solche und weitere Schlussfol-
gerungen sollten nun in den nationalen Re-
Abb. 2: Abhängigkeit von Korrespondenzbanken (Juni 2016) gulierungen umgesetzt werden. Die inter-
nationalen Foren werden diese Umsetzung
Abhängige Banken Nicht abhängige Banken
weiterverfolgen.
50       In % In %       50 Parallel dazu könnte die Einführung von
Instrumenten, die zu tieferen Compliance-
40 40
Kosten beitragen, die Situation deutlich ver-
FSB (2017B): 37 / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

30 45% 30 bessern. So empfiehlt das Committee on Pay-


20 20 ments and Market Infrastructures beispiels-
weise, dass Korrespondenzbanken verstärkt
10 10 Datenbanken mit «Know Your Customer»-In-
55%
0 0 formationen (sogenannten KYC Utilities) über
ihre Korrespondenzbanken nutzen können.5
e in

el

e in

el

s
os

os
itt

itt

Damit diese gemeinsamen Daten­ banken


Kl

Kl
Gr

Gr
M

Banken, die für über 75 Prozent des Werts ihrer internationalen Zahlungen von zwei oder weniger 3 FATF (2016).
Korrespondenzbanken abhängen, werden hier als «abhängig» gekennzeichnet. Antworten von 311 Banken; 4 BCBS (2017).
nicht berücksichtigt sind Banken, die keine Angaben zu ihrer Grösse gemacht haben. 5 CPMI (2016).

56  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


FINANZMÄRKTE

Schwieriges Umfeld – auch für Geldübermittlungsdienstleister mässige Beobachtung der Entwicklungen im


Korrespondenzbankenbereich zu etablieren.
Neben Banken sind auch Geld- mit Geldübermittlungsdienst- nation Group (CBCG) des Finan-
übermittlungsdienstleister wie leistern zu beenden – statt die cial Stability Board (FSB) hat sich
Dieser basiert auf einer Datenbank des glo-
Western Union und Money Gram damit verbundenen Risiken zu 2017 verpflichtet, diesen Aspekt bal tätigen Zahlungsnachrichtendienstleis-
mit Schwierigkeiten aufgrund evaluieren und zu steuern. Die- in ihre Arbeit einzubeziehen und ters Swift und ermöglicht es, die Entwick-
des De-Risking konfrontiert, se Firmen sind jedoch wichtig – den Dialog zwischen Banken lungen in diesem Bereich zu verfolgen. Ab-
sowohl was die Weiterführung zum Beispiel für Überweisungen und Geldübermittlungsdienst-
ihrer bestehenden Bankkon- von Migranten an Angehörige leistern zu fördern. Damit sich
schliessend ist anzufügen, dass die Schweiz
ten als auch die Eröffnung neu- im Herkunftsland –, und gewisse die Bedingungen für den Sektor zwar bisher von den rückläufigen Korrespon-
er Konten betrifft.a Der Grund: Weltregionen sind stark von den verbessern, ist es wichtig, dass denzbankenbeziehungen nicht stark betrof-
Diese Branche wird als ein wenig Geldüberweisungen ihrer Dia- diese Arbeiten ergänzend zu den fen ist. Dennoch ist es wichtig, die Situation
transparenter Markt wahrge- spora abhängig. In der Schweiz bereits laufenden Massnahmen
nommen, der deshalb anfällig wurde 2014 der über diese Ka- erfolgen und international koor- – insbesondere der kleinen und mittelgrossen
für Geldwäscherei und ande- näle ins Ausland überwiesene diniert werden. Banken, die im Ausland wenig aktiv sind – zu
re Finanzdelikte ist. Gewisse Geldbetrag von der Schweizeri- beobachten.
Banken halten den Markt des- schen Nationalbank auf 6,9 Mil- a FSB (2017a): 2.
halb für hoch riskant und ten- liarden Franken geschätzt.b Die b BFS (2016).
dieren dazu, ihre Beziehungen Correspondent Banking Coordi-

nützlich und zuverlässig sind, ist jedoch eine dination internationaler Organisationen und
gewisse Standardisierung der Informationen nationaler Behörden geschaffen.
und der Anforderungen auf globaler Ebene
erforderlich. Weitere Arbeiten nötig
Und: Mit Blick auf die Erhaltung von Kor-
respondenzbankenbeziehungen mit Ban- Für eine Beurteilung der bisher getroffenen Julie Tomka
ken, die in als risikoreicher wahrgenomme- Massnahmen ist es derzeit noch zu früh, auch Ökonomin, wissenschaftliche Mitarbei-
nen Regionen aktiv sind, ist es zentral, dass wenn klarere Regulierungen und eine Stär- terin, Staatssekretariat für internationale
­Finanzfragen (SIF), Bern
die jeweiligen nationalen Aufsichtsanforde- kung der nationalen Rahmenbedingungen
rungen sowohl den einschlägigen internatio- dazu beitragen, das Umfeld für Korrespon-
nalen Standards entsprechen als auch güns- denzbankenbeziehungen zu verbessern. Im
Literatur
tige Rahmenbedingungen schaffen. Für die Übrigen gilt es inskünftig zu beobachten, ob
BCBS (2017). Guidelines. Sound Management of
am meisten vom De-Risking betroffenen Ent- die strukturellen Veränderungen auf globa- Risks Related to Money Laundering and Financing
wicklungs- und Schwellenländer erscheinen ler Ebene ein kritisches Ausmass erreichen, of Terrorism (Revision von Anhang II über
Korrespondenzbankgeschäfte), Juni 2017.
deshalb Projekte als hilfreich, die fachliche inwieweit sie die Finanzstabilität gefährden CPMI (2016). Correspondent Banking, Juli 2016.
Unterstützung beim Aufbau entsprechen- und ob die Integrität des Finanzsystems auch FATF (2016). FATF Guidance: Correspondent Banking
Services, Oktober 2016.
der Kompetenzen bieten. Im Hinblick auf ein im Lichte der längeren Intermediationsketten FSB (2017a). FSB Action Plan to Assess and Address the
möglichst gezieltes Angebot an technischer gewährleistet bleibt. Decline in Correspondent Banking: Progress Report
to G20 Summit of July 2017, 4. Juli 2017.
Hilfe hat die Correspondent Banking Coordi- Die Correspondent Banking Coordination FSB (2017b). FSB Correspondent Banking Data Report,
nation Group einen Mechanismus zur Koor- Group versucht, einen Rahmen für die regel- 4. Juli 2017.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  57
WETTBEWERBSRECHT

Digitales Wettbewerbsrecht ist überflüssig


Digitale Märkte erfordern keine neue Gesetzgebung. Vielmehr verlangt das Verhalten der
Unternehmen im Einzelfall nach einer genauen Analyse. Oftmals sind die wettbewerblichen
Auswirkungen nämlich ambivalent.   Christian Jaag, Samuel Rutz

Abstract  Die Digitalisierung schafft neue Geschäftsmodelle und intensiviert den Wett- kurze Innovationszyklen, die überdies oft-
bewerb auf vielen Märkten. Dabei ergeben sich neue wettbewerbspolitische Heraus- mals disruptiver Natur sind, charakterisieren.
forderungen: In Märkten, die als digitale Plattformen organisiert sind, spielen Daten Diese Besonderheiten stellen die Wettbe-
eine zunehmend wichtige Rolle. Das kann unter anderem dazu führen, dass bekann- werbsbehörden vor neue Herausforderun-
te Marktversagen ausgeprägter auftreten. Da die hergebrachten Gesetze der Ökono- gen. Nur schon die Frage, auf welchen Märk-
mie nach wie vor gelten, erfordert die Digitalisierung keine neuen Wettbewerbsregeln, ten ein Unternehmen eigentlich tätig ist,
sondern eine vermehrte Analyse des Einzelfalls. Generelle Verbote bestimmter Verhal- kann sich in der digitalen Wirtschaft als kom-
tensweisen – wie jüngst das vom Ständerat für die Hotellerie verlangte Verbot von so- plex erweisen. Auf der Android-Plattform von
genannten Preisparitätsklauseln – können sogar kontraproduktiv sein. Google beispielsweise interagieren – neben
Google selber – mindestens fünf weitere Par-
teien: die Anbieter von Produkten, die Smart-

D  ie Digitalisierung hat in vielen Branchen


zu einer spürbaren Intensivierung des
Konkurrenzdrucks geführt. Damit schafft sie,
letzt deshalb schnell erfolgreich, weil sich die
Nutzer dank offenen Schnittstellen mit einem
Klick mit all denjenigen Nutzern verbinden
phone-Produzenten, die App-Entwickler, die
Telekommunikationsunternehmen und die
Nutzer. In einem solchen Umfeld kann es äus-
was keine Wettbewerbsbehörde je so gut er- konnten, mit denen sie bereits auf Twitter serst schwierig sein, die relevanten wettbe-
reicht: Sie belebt den Wettbewerb nachhal- vernetzt waren. werblichen Beziehungen zwischen den ein-
tig und zum Wohl der Gesellschaft als Ganzes. Die zunehmende Verfügbarkeit von per- zelnen Akteuren korrekt zu erfassen.
Gleichzeitig hat die Digitalisierung verschiede- sönlichen Daten erlaubt überdies gezielte
ne wettbewerbspolitische Herausforderungen Analysen des Kaufverhaltens. Solches Wis- Klassische Analyseinstrumente
geschaffen. Prägend sind zwei Entwicklungen: sen macht eine gezielte Preisdifferenzie-
der Fokus auf Daten und die zunehmende Ver- rung möglich: Ein und dasselbe Gut wird je
versagen
breitung von Plattformmärkten. nach Profil des Nachfragers zu unterschied- Um zu bestimmen, welche Produkte zum glei-
Angesichts dieser Herausforderungen stellt lichen Preisen und Konditionen angeboten. chen Markt gehören, spielen auf herkömmli-
sich die Frage, ob das aktuelle Wettbewerbs- Aus ökonomischer Sicht ist eine solche «Un- chen Märkten die Preise eine entscheidende
recht, das aus der vordigitalen Ära stammt, an- gleichbehandlung» in der Regel unproblema- Rolle. Weichen die Nachfrager etwa bei Preis-
gepasst werden muss: Kann die Wettbewerbs- tisch – obwohl sie aus gesellschaftlicher Sicht erhöhungen auf andere Produkte aus, kön-
kommission (Weko) weiterhin ihre wichtigen ungerecht erscheinen mag. nen diese als Substitute und dem gleichen
ordnungspolitischen Aufgaben – insbesonde- Markt zugehörig betrachtet werden.
re die Kontrolle von Kartellen, marktbeherr- Internetplattformen boomen Da viele digitale Güter unentgeltlich sind,
schenden Unternehmen und Fusionen – wahr- entfällt die Möglichkeit von Preisanalysen.
nehmen? Klar ist: Auch im Internet gelten die Plattformen bringen unterschiedliche Nutzer- Selbst wenn Preise beobachtbar sind, können
hergebrachten Gesetze der Ökonomie. gruppen – zum Beispiel Käufer und Verkäu- sich Probleme ergeben, da die Preisstruktur
fer eines Gutes – zusammen. Plattformmärk- auf Plattformmärkten oft nicht neutral aus-
Daten als Währung te gab es zwar schon vor dem digitalen Zeit- gestaltet ist: Bei Netzeffekten kann es ökono-
alter: Beispiele sind Messen, Tageszeitungen, misch durchaus sinnvoll sein, dass eine Markt-
Neu im Internetzeitalter ist die vorherrschen- Kreditkarten oder Dating-Clubs. Aufgrund ge-
de «Kostenlos-Kultur»: Auf vielen digitalen ringer Transaktionskosten im Internet haben
Weko verbietet umfassende Paritäts­
Märkten lassen sich keine monetären Preise Plattformen wie Uber, Airbnb, Amazon und
klauseln
beobachten. Die Nutzer bezahlen nicht mit Booking.com in den letzten Jahren allerdings
Geld, sondern mit Aufmerksamkeit oder mit massiv an Bedeutung gewonnen. Onlineplattformen dürfen Schweizer Hotelanbie-
tern nicht festschreiben, auf anderen Vertriebs-
persönlichen Daten über sich selbst sowie Plattformmärkte übernehmen primär eine kanälen vorteilhaftere Angebote anzubieten. Zu
über ihr Such- und Einkaufsverhalten. Vermittlungsfunktion und schaffen so einen diesem Schluss kommt die Wettbewerbskommis-
Dass Daten in der digitalen Welt ein wert- Mehrwert für alle Beteiligten. Ein gewichti- sion (Weko) in einer 2012 eröffneten Untersuchung
gegen die Buchungsplattformen Booking .com, Ex-
volles Gut sind, ist bekannt. Genau dieser Fo- ger Unterschied zu herkömmlichen Märkten
pedia und HRS. Die Weko wertet die Verwendung
kus auf Daten hat aber das Potenzial, Wett- ist die Tendenz zu einer hohen Marktkonzen- solcher umfassender Preisparitätsklauseln als
bewerbsveränderungen zu bewirken. So tration, die sich hauptsächlich mit Netzeffek- Verstoss gegen das Kartellgesetz und hat deren
stellt sich etwa die Frage, ob der Zugang zu ten erklärt: Plattformen werden attraktiver, je Verwendung mit einer Verfügung vom 19. Ok-
tober 2015 verboten. Ob enge Klauseln, wonach
Daten in gewissen Situationen essenziell ist mehr Akteure daran teilnehmen. Ein weite-
Hotels auf ihrer eigenen Website keine tieferen
für die Teilnahme am Wettbewerb: Der Foto- res Unterscheidungsmerkmal von digitalen Preise anbieten dürfen, erlaubt sind, hat sie offen-
dienst Instagram war beispielsweise nicht zu- Plattformmärkten ist, dass sie sich oft durch gelassen.

58  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


WETTBEWERBSRECHT

seite eine andere subventioniert. Entspre- ne besseren Bedingungen anbieten darf, ver- nen Präzedenzfalls überhaupt Handlungsbe-
chend kann die Nutzung einer Plattform für langen weite Klauseln zusätzlich eine Garan- darf besteht. Auf die Schweiz bezogen, ent-
gewisse Gruppen – zum Beispiel Leser einer tie, dass auf keiner anderen Plattform bessere spräche eine Anpassung der Aufgreifkriterien
Onlinezeitung – sogar gratis sein, während Bedingungen angeboten werden. Internatio- auf jeden Fall kaum einem dokumentierten
andere Gruppen – beispielsweise Werbetrei- nal stehen vor allem letztere in der Kritik. Es Handlungsbedarf. Vielmehr würde es sich um
bende – die gesamten Kosten übernehmen. wird befürchtet, dass weite Klauseln nicht nur eine «Regulierung auf Vorrat» handeln.
Das Fehlen von Preisen beziehungsweise der Verhinderung von Trittbrettfahrerverhal-
die Nicht-Neutralität der Preisstruktur auf di- ten dienen, sondern den Markt abschotten. Digitalisierung als Deckmantel
gitalen Märkten erschwert auch die Beurtei- Grundsätzlich gilt: Ob eine Preisparitäts-
lung der Marktstellung eines Unternehmens. klausel in der Praxis schädlich ist, ist immer im Abschliessend lässt sich sagen: Die Digitali-
Nicht zufällig spricht man auf herkömmli- Einzelfall abzuklären. Bereits 2012 eröffnete die sierung erfordert keine neuen Wettbewerbs-
chen Märkten von Konkurrenz- oder Mono- Weko eine Untersuchung gegen die Hotelbu- regeln. Ein «digitales Wettbewerbsrecht»
polpreisen. Wenn nun aber Preise fehlen oder chungsplattformen Booking.com, Expedia und ist unnötig, denn auch im digitalen Raum
von der Zahlungsbereitschaft weiterer Nut- HRS und untersagte diesen die Verwendung sind Interventionen nur dann gerechtfer-
zergruppen abhängen, muss zur Bestimmung von weiten Preisparitätsklauseln (siehe Kas- tigt, wenn der Wettbewerb in Gefahr ist. Da
der Marktstellung auf andere Kriterien zu- ten). Zu Recht nicht verboten wurden hingegen die Herausforderungen jedoch in erster Linie
rückgegriffen werden. Ein Kriterium, das hier- enge Klauseln. Diese gelten als weitgehend un- methodischer Art sind, braucht es künftig für
für neben den Preisen regelmässig herange- problematisch, da sie den Wettbewerb zwi- die wettbewerbsrechtliche Beurteilung von
zogen wird, sind Marktanteile. schen den Plattformen nicht ausschalten. Sie Sachverhalten in der digitalen Welt vermehrt
Trotzdem ist es aus zwei Gründen nicht verhindern nur, dass der Anbieter auf den Leis- Einzelfallbetrachtungen und allenfalls punk-
ratsam, in der digitalen Welt «mechanisch» tungen der Handelsplattform Trittbrett fährt. tuelle Anpassungen der Analysemethoden.
auf Marktanteile abzustützen: Erstens ist Wichtig scheint: Das Wettbewerbsrecht
die Marktabgrenzung in Plattformmärkten Fusionskontrolle wird schwieriger darf nicht «verpolitisiert» und unter dem Deck-
mit den oben beschriebenen Problemen be- mantel der Digitalisierung für regional- oder
haftet, was der Berechnung verlässlicher Eine Herausforderung in der digitalen Welt industriepolitische Ziele missbraucht werden.
Marktanteile enge Grenzen setzt. Und zwei- stellen unter Umständen auch Fusionen dar. Dass sich der Ständerat kürzlich für ein gene-
tens tendieren Plattformmärkte aufgrund der Eine oft geäusserte Befürchtung ist, dass die relles Verbot von Preisparitätsklauseln in der
Netzeffekte inhärent zu einer gewissen Kon- traditionellen Umsatzschwellen in der digi- Hotellerie ausgesprochen hat, muss vor die-
zentration. Isoliert betrachtet, sind Marktan- talen Wirtschaft versagen. Denn: Eine Fu- sem Hintergrund als fehlgeleiteter Interventio-
teile also kaum aussagekräftig. sion muss der Weko erst ab einem gewissen nismus bezeichnet werden. Solche Vorschläge
Zur Bestimmung der Marktstellung von Umsatz der beteiligten Unternehmen gemel- mögen einer unter Druck geratenen Branche
Unternehmen in der digitalen Ökonomie det werden.1 Bei Internetfirmen sagen Um- zwar kurzfristig helfen, gefährden aber mittel-
drängt sich deshalb eine Einzelfallanalyse sätze bisweilen jedoch kaum etwas über die fristig das mit der Digitalisierung einhergehen-
auf, wobei Kriterien wie der Qualitätswett- Marktstellung eines Unternehmens aus. Als de Momentum für den Wettbewerb.
bewerb, die Angreifbarkeit der Marktstellung Beispiel dafür wird regelmässig auf die Fu-
aufgrund von Innovationszyklen oder die Fi- sion zwischen Facebook und Whatsapp ver-
nanzkraft eines Unternehmens im Zentrum wiesen: Obwohl der Verkaufspreis bei rund
der Analyse stehen sollten. 19 Milliarden Dollar lag, war die Transaktion
in den meisten Ländern nicht meldepflichtig.
Klauseln fallweise untersuchen Die Umsätze von Whatsapp waren zu klein.
Das Bestehen einer allfälligen «Lücke» in
Grundsätzlich sind in der digitalen Welt den Aufgreifkriterien der Fusionskontrolle
die gleichen Wettbewerbsbeschränkungen wird in der EU zurzeit intensiv und kontrovers
Christian Jaag
denkbar wie in der nicht digitalen Welt. Mit diskutiert. In Deutschland wurde bereits eine PhD in Economics and Finance, Managing
dem Aufkommen von internetbasierten Platt- zusätzliche Aufgreifschwelle für Fusionen Partner beim Beratungsunternehmen Swiss
formen haben jedoch vertragliche Vereinba- geschaffen: Künftig sind auch Zusammen- Economics, Zürich, und Lehrbeauftragter an
rungen wie Preisparitätsklauseln an Bedeu- schlüsse meldepflichtig, die einen gewissen den Universitäten St. Gallen und Zürich so-
wie an der EPFL
tung gewonnen, um sogenanntes Trittbrett- Transaktionswert überschreiten.2 Die Ein-
fahren zu verhindern. Denn für die Kunden führung dieses neuen Aufgreifkriteriums war
besteht ein Anreiz, auf einer Plattform zu su- umstritten. Im Zusammenhang mit der Be-
chen und zu vergleichen, den Kauf aber an wertung von Transaktionen bestehen nicht
einem billigeren Ort zu tätigen – wodurch nur verschiedene Unsicherheiten, vor allem
eine Plattform ihre Ertragsquelle verliert. ist auch fraglich, ob aufgrund eines einzel-
Preisparitätsklauseln sollen deshalb si-
1 Geplante Fusionen sind der Weko zu melden, wenn der
cherstellen, dass die auf der Plattform gehan- Jahresumsatz insgesamt mindestens 2 Mrd. Fr. beträgt
delten Produkte auf anderen Verkaufskanälen (davon mind. 500 Mio. Fr. in der Schweiz sowie mind.
zwei Unternehmen über 100 Mio. Fr.).
nirgendwo billiger angeboten werden. Diese 2 Meldepflichtig sind Zusammenschlüsse neu auch, Samuel Rutz
Klauseln können unterschiedlich ausgestaltet wenn der Wert der Gegenleistung für den Zusammen- Dr. oec. publ., Projektleiter beim Beratungs-
schluss mehr als 400 Millionen Euro beträgt und das zu unternehmen Swiss Economics und Adjunct
sein. Während sogenannte enge Klauseln le- erwerbende Unternehmen in erheblichem Umfang im Fellow beim Thinktank Avenir Suisse, Zürich
diglich festlegen, dass der Anbieter selbst kei- Inland tätig ist.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  59
ENERGIE UND UMWELT

Öffentliche Forstbetriebe: Potenzial für


Effizienzsteigerungen
Die öffentlichen Forstbetriebe der Schweiz verzeichnen seit Jahren Defizite. In allen Regio-
nen besteht jedoch ein reales Verbesserungspotenzial.   Milad Zarin-Nejadan, Alexander Mack

Abstract  Eine Studie der Universität Neuenburg zur technischen Effizienz der öffent- suchungsperiode auf 75,9 Prozent. Im Jahr
lichen Forstbetriebe in der Schweiz hat die vier Forstzonen Jura, Mittelland, Voralpen 2010 sank sie kurz unter 70 Prozent, um ein
und Alpen untersucht. Die verwendeten Daten bezogen sich auf den Zeitraum 2007 Jahr später auf über 77 Prozent anzusteigen.
bis 2014. Insbesondere in den Alpen wurde ein beträchtliches Verbesserungspotenzial Anschliessend sank der Wert bis auf rund
festgestellt. Die Analyse zeigt: Eine Reduktion der Faktoren Arbeit und Kapital sowie 70 Prozent.
der Verwaltungskosten ist sinnvoll. Ausserdem wäre eine stärkere Spezialisierung auf In den Alpen betrug die durchschnittliche Ef-
die Holzproduktion erforderlich. fizienz zu Beginn 50,0 Prozent. Nach einem
Rückgang im Jahr 2009 näherte sich der
Wert zwei Jahre später der 60-Prozent-Mar-

S  eit 1991 schreiben die öffentlichen Forst-


betriebe in der Schweiz insgesamt rote
Zahlen bei der Holzproduktion und Neben-
eine sogenannte parameterfreie Methode
verwendet (siehe Kasten). Betrachtet werden
ein Produkt (die Holzproduktion in Kubik-
ke. In den letzten drei Jahren blieb er über
55 Prozent.
Die relativ niedrigen Effizienzwerte – insbe-
tätigkeiten wie Dienstleitungen oder Sach- metern) und die vier Faktoren Arbeit (Per- sondere in den Alpen – weisen auf ein be-
güterproduktion: Im Jahr 2014 resultierte bei sonal des Forstbetriebs in Stunden), Kapital deutendes Verbesserungspotenzial hin. Der
der «Gesamtnutzung» ein Minus von 50 Mil- (forstwirtschaftliche Fahrzeuge in Maschi- hohe Anteil der Betriebe mit sehr niedrigen
lionen Franken. Bei der Holzproduktion be- nenstunden), Drittleistungen (Subunterneh- Durchschnittswerten bestätigt diese Ver-
trägt das Defizit sogar 189 Millionen, wobei men, in Franken) und administrative Kosten mutung (siehe Abbildung).
es grosse Unterschiede zwischen den vier im Zusammenhang mit der Holzproduktion Eine detailliertere Analyse, welche die
untersuchten Forstzonen Jura, Mittelland, (in Franken). Angesichts der Heterogenität technisch effizienten Betriebe («Bench-
Voralpen und Alpen gibt. Überschüsse wur- der Betriebe hinsichtlich ihrer Grösse sind marks») mit den übrigen Betrieben ver-
den einzig in den Voralpen erzielt.1 entsprechend unterschiedliche Erträge zu gleicht, zeigt erwartungsgemäss: Effiziente
Angesichts dieser Zahlen drängt sich eine erwarten. Betriebe benötigen im Durchschnitt weniger
Analyse zur technischen Ineffizienz auf, wor- Die Daten stammen aus der Be­ ob­ Arbeit und Maschinenstunden. Ausserdem
an die Holzproduktion zu leiden scheint. Da- achtungs­stichprobe «Forstwirtschaftliches sind ihre Verwaltungskosten niedriger. Effizi-
bei gilt es zu beachten, dass der Wald nebst Testbetriebsnetz der Schweiz», welche der ente Betriebe erhalten im Allgemeinen auch
der Holzproduktion weitere Funktionen wie Verband der Waldeigentümer, Waldschweiz, am wenigsten Subventionen. Hier reichen
Schutz, Erholung, Natur und Landschaft er- zuhanden des Bundesamtes für Statistik die Werte jedoch nicht aus, um einen Kau-
füllt. (BFS) zusammengetragen hat. Untersucht salzusammenhang herzustellen bzw. dessen
Welches sind die Gründe für Ineffizien- wurde der Zeitraum 2007 bis 2014. Für eine Richtung zu bestimmen.
zen? Und: Mit welchen Strategien können gute Vergleichbarkeit zwischen den Jahren Ineffiziente Betriebe, auf der anderen Sei-
die Forstbetriebe ihre Ergebnisse verbes- und den Betrieben wurden vier ausgegliche- te, kaufen mehr Drittleistungen von Sub-
sern? Ein vom Schweizerischen National- ne Panels für die vier Forstzonen gezogen: unternehmen. Zudem sind ihre Investitions-
fonds finanziertes Forschungsprojekt «Res- Im Jura gab es 264 Beobachtungen, im Mit- kosten hoch. Dies mag überraschen, ist aber
source Holz» (NFP 66) sucht Antworten auf telland 384, in den Voralpen 192 und in den damit zu erklären, dass nicht alle Investitio-
diese Fragen. In einer Studie der Universi- Alpen 200. nen der technischen Effizienz dienen und
tät Neuenburg wurde versucht, den Grad an sich die Wirkung über den analysierten Zeit-
technischer Effizienz der öffentlichen Forst- Heterogene Ineffizienz raum hinaus erstrecken kann. Effiziente Be-
betriebe in der Schweiz zu bestimmen und triebe haben schliesslich relativ kleine Pro-
die dafür relevanten Faktoren in Erfahrung Eine Auswertung der untersuchten Forst- duktionsflächen in Schutzwäldern, dafür
zu bringen.2 zonen zeigt: Im Jahr 2007 betrug die durch- sind die Produktionsflächen in Natur- und
Zur Berechnung der technischen Effi- schnittliche Effizienz der öffentlichen Forst- Landschaftswäldern (ausser in den Voralpen)
zienz der öffentlichen Forstbetriebe wurde betriebe im Jura 75,2 Prozent. Ab 2010 fiel grösser.
sie unter die 70-Prozent-Marke, wo sie die Schliesslich wurde der Zusammenhang
1 Bundesamt für Umwelt (2015), Jahrbuch Wald und Holz
2015, Bern. nächsten vier Jahre verharrte. Auch im Mit- zwischen der technischen Effizienz der Be-
2 Zarin-Nejadan M. und Baranzini A. (2016), Unders- telland lag die Effizienz im Jahr 2007 zu- triebe und ihrem Diversifikationsgrad unter-
tanding the Wood Market: Between Provisioning and
Multi-Functionality, rapport final, Universität Neuen- nächst noch über 70 Prozent, anschliessend sucht. Letzterer wird durch den Anteil der
burg und HEG-Genève. Siehe auch Mack A. (2015), Une lag sie ebenfalls unter diesem Niveau. Holzproduktion am Gesamtumsatz definiert
analyse non paramétrique de l’efficience technique des
exploitations forestières suisses, Zeitschrift für Forst-
In den Voralpen belief sich die durch- (siehe Tabelle). Hier zeigt sich: Ein Betrieb ist
wesen, 166(2): 97–103. schnittliche Effizienz zu Beginn der Unter- im Allgemeinen umso weniger ­effizient, je

60  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


Grosser Aufwand, um einen
Baum zu fällen: In vielen
öffentlichen Forstbetrieben
kann die Effizienz verbessert
werden.

KEYSTONE
ENERGIE UND UMWELT

d­ iversifizierter er ist. Dies spricht für eine


Technische Effizienz nach Forstzone (Durchschnittswerte 2007–2014)
stärkere Spezialisierung auf die Holzproduk-
30     Anteil Betriebe pro Zone, in % tion.
In den Zonen Mittelland und Voralpen
sind wenig oder schwach diversifizierte Be-

MACK, ZARIN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


20
triebe im Durchschnitt weniger defizitär als
stark diversifizierte Betriebe. Im Gegenteil:
10 Sie erwirtschaften in der Holzproduktion
oder auch als Gesamtbetrieb sogar Über-
schüsse. In den Zonen Jura und Alpen ist die
0
Situation hingegen weniger eindeutig. 
0 bis 10 11 bis 20 21 bis 30 31 bis 40 41 bis 50 51 bis 60 61 bis 70 71 bis 80 81 bis 90 91 bis 99,9 100
Effizienzgrad (nach Dezilen)

  Jura         Mittelland         Voralpen         Alpen      


Wo besteht Potenzial?
Dargestellt ist der durchschnittliche Effizienzgrad pro Forstzone nach Dezilen. So weisen beispielsweise Zusammenfassend zeigt diese Analyse, dass
10 Prozent der öffentlichen Forstbetriebe in den Alpen eine (tiefe) Effizienz zwischen 11 und 20 Prozent auf. es möglich ist, die relative Effizienz der Forst-
Eine 100-prozentige Effizienz erreichen 23 Prozent der Betriebe dieser Gruppe. betriebe zu steigern – namentlich durch Ein-
sparungen bei den Produktionsfaktoren
Arbeit und Kapital sowie den Verwaltungs-
Data-Envelopment-Analysis-Methode
kosten. Allerdings ist die beobachtete In-
Die Data Envelopment Analysis weist gegenüber parametrischen ren). Der verwendete Ansatz der effizienz nicht unbedingt die Folge einer un-
(DEA) ist eine parameterfreie Me- Methoden den Vorteil auf, dass «Inputorientierung» misst die In-
thode zur Messung der techni- weniger robuste Hypothesen er- effizienz eines Forstbetriebs, in-
günstigen Geschäftsführung, sondern hängt
schen Effizienz von Produktions- forderlich sind. Die DEA identifi- dem der relative Unterschied zwi- auch von nicht kontrollierbaren externen Be-
einheiten (hier Forstbetriebe), ziert Produktionseinheiten an der schen der effektiven Produktion dingungen wie Topografie oder Klima ab.
wenn mehrere Produkte («Out- «Produktionsgrenze», welche als und dem Produktionsniveau be- Nichtsdestotrotz besteht ein reales Ver-
puts») und Faktoren («Inputs») «Benchmarks» für die Effizienz stimmt wird, welches der Betrieb
vorhanden sind. Die Analyse be- dienen, d. h. als Vergleichspunkte mit denselben Faktoren hätte er-
besserungspotenzial. Denkbar wäre eine Re-
ruht auf einem mathematischen für alle Einheiten (bei gleichblei- reichen können, wenn er auf der form des Subventionierungssystems, um
Optimierungsprogramm und benden Produkten oder Fakto- Grenze läge. Bemühungen nach mehr Effizienz zu för-
dern. So könnten die Betriebe insbesondere
motiviert werden, sich stärker auf die Holz­
Diversifikationsgrad, technische Effizienz und Rentabilität der Betriebe in vier produktion zu spezialisieren.
Forstzonen
Anteil der Holz- Anteil der Holz- Durchschnit­ Ergebnis pro Ergebnis pro
produktion am produktion am tliche Effizienz produktive Kubikmeter
Gesamtumsatz Total der Be- (in %) Hektare (in Fr.) (in Fr.)
triebe (in %)
Jura ≥80% 23,1 82,5 –82,4 –13,0
≥50% bis <80% 57,6 64,6 –48,3 –7,5
≥30% bis <50% 18,2 69,8 –158,3 –24,4
<30% 1,1 69,8 –58,8 –7,9
Mittelland ≥80% 9,1 87,9 138,8 10,7 Milad Zarin-Nejadan
Ordentlicher Professor für Wirtschaftspoli-
≥50% bis <80% 51,0 64,0 –32,9 –3,6 tik, Universität Neuenburg
≥30% bis <50% 31,3 60,9 –136,6 –15,6
<30% 8,6 57,2 –261,8 –42,6
Voralpen ≥80% 10,9 88,8 40,4 4,7
≥50% bis <80% 55,7 71,4 37,6 6,6
≥30% bis <50% 16,7 64,3 –64,7 –11,7
<30% 16,7 64,1 –106,3 –28,0
MACK, ZARIN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Alpen ≥80% 18,5 70,5 –16,7 –6,2


≥50% bis <80% 44,0 51,2 –58,8 –19,4
≥30% bis <50% 32,5 48,9 –13,8 –4,5 Alexander Mack
PhD in Economics, Institut de recherches
<30% 5,0 63,2 –27,3 –12,5 économiques, Universität Neuenburg

62  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


STEUERN

Reale Progression bei den Steuern: Braucht


es eine Korrektur?
In der Schweiz verdient die heutige Generation real mehr als die vorhergehende. Muss also
die direkte Bundessteuer angepasst werden, um die Folgen der realen Progression zu be-
rücksichtigen? Ein Bericht des Bundesrates diskutiert die Vor- und Nachteile einer solchen
Anpassung.   Peter Schwarz

Abstract  Ein realer Einkommensanstieg im Zeitablauf geht bei einem progressiven Steigende absolute Steuer-
Steuertarif mit einer wachsenden Durchschnittssteuerbelastung der Steuerpflichti- belastung: Vor- und Nachteile
gen einher. Dieses Phänomen wird als reale Progression bezeichnet. Ohne eine Kor-
rektur für die Folgen der realen Progression dürfte langfristig das Gewicht des Staa- Obwohl die reale Progression mit einer stei-
tes in einer Volkswirtschaft zunehmen, während gleichzeitig der Anteil der obersten genden Durchschnittssteuerbelastung der
Einkommensschicht an der Steuerzahlung zurückgehen sollte. Ob allerdings eine re- Steuerpflichtigen einhergeht, kann eine
gelgebundene Korrektur der realen Progression – wie derzeit bei der kalten Progres- Nichtkorrektur aus pragmatischen Gründen
sion praktiziert – sinnvoll ist, kann angezweifelt werden, wie ein Bericht des Bundes- geboten sein. Dies ist gemäss dem US-Öko-
rates zeigt. Wer bei der direkten Bundessteuer Vertrauen in zukünftige politische nomen William J. Baumol dann der Fall, wenn
Beschlüsse aufbringt, wird eher für Steuerreformen plädieren, statt über einen auto- die Preise für öffentliche und öffentlich be-
matischen Ausgleich der realen Progression zukünftige Gestaltungsmöglichkeiten reitgestellte Güter schneller als die Preise für
einzuengen. privatwirtschaftliche Güter steigen und die
Nachfrage nach den vom Staat angebotenen
Gütern relativ unelastisch ist.2 Der «Baumol-

D  ie Reallöhne sind in der Schweiz von 1996


bis 2015 um knapp 13 Prozent gewach-
sen. Bei den Kapitaleinkommen dürfte das
langfristig unterlaufen. Steigen beispielswei-
se alle Einkommen gleichmässig mit dersel-
ben Wachstumsrate, so nimmt der Anteil der
Effekt» gründet auf der Annahme, dass in der
Privatwirtschaft Produktivitätssteigerungen
zu stabilen oder sogar sinkenden Preisen füh-
Wachstum infolge gut laufender Aktien- und obersten Einkommensgruppe an der gesam- ren, während der Staat vor allem Dienstleis-
Immobilienmärkte sowie einer insgesamt ho- ten Steuerlast zulasten der übrigen Einkom- tungen – wie innere Sicherheit oder Bildung –
hen Attraktivität des Unternehmensstandorts mensgruppen mit zunehmendem Einkom- anbietet, die kaum Produktivitätssteigerun-
Schweiz noch kräftiger ausgefallen sein. menswachstum ab. gen zulassen.
Solche realen Einkommensveränderun- Und zweitens verändert sich die Einkom- Ein weiterer Grund, nicht für die reale Pro-
gen wirken sich auf die Höhe und die Struk- menssteuerbelastung auch absolut, da die gression zu korrigieren, beruht auf den Ein-
tur der Steuerzahlungen aus. Aufgrund eines Steuerpflichtigen bei Einkommenserhöhun- kommenssteigerungen der Bürger. Unter-
parlamentarischen Vorstosses vom Dezem- gen in eine höhere Tarifstufe aufsteigen und stellt man, dass die Bürger einen konstanten
ber 2014 untersuchte der Bundesrat die Aus- mit einem höheren Durchschnittssteuer- Prozentsatz ihres Einkommens sparen, ist der
wirkungen der realen Progression. Dieser satz belastet werden. Dadurch steigen die Konsum auf private und vom Staat bereitge-
Beitrag stützt sich auf den kürzlich veröffent- Steuereinnahmen stärker als das steuerbare stellte Güter aufzuteilen. Falls nun die Nach-
lichten Bericht.1 Einkommen. Das Gewicht des Staates in der frage für die vom Staat bereitgestellten Güter
Zunächst muss geklärt werden, was Pro- Volkswirtschaft nimmt langfristig zu. relativ gross ist, ist es demnach zweckmässig,
gression bedeutet: Ist ein Steuertarif pro- Von dieser realen Progression zu unter- nicht für die Folgen der realen Progression zu
gressiv ausgestaltet, impliziert dies, dass hö- scheiden ist die kalte Progression, welche bei korrigieren.3
here Einkommensschichten nicht nur ab- inflationsbedingten Einkommenserhöhun- Das aus dem 19. Jahrhundert stammende
solut, sondern auch in Relation zu ihrem gen die Steuerpflichtigen ebenfalls mit einem wagnersche Gesetz postuliert, dass die Ein-
Einkommen mehr Steuern zahlen. Erhöhen höheren Durchschnittssteuersatz belastet. nahmen des Staates dem wachsenden Aus-
sich im Zeitablauf die steuerbaren Einkom- Da die direkte Bundessteuer bei der kalten gabenbedarf folgen. Diese Sichtweise ist aber
men der steuerpflichtigen Personen real, Progression automatisch angepasst wird, ge- nicht ohne Kritik geblieben, da die Einnah-
stellen sich, wenn keine Gegenmassnahmen hen wir darauf nicht näher ein. men nicht zwingend den Staatsausgaben fol-
ergriffen werden, zweierlei Wirkungen ein. Um die reale Progression zu beseitigen, gen, sondern der Zusammenhang auch um-
Erstens verändert sich die relative Steuer- gibt es drei Möglichkeiten: Erstens kann auf gekehrt sein könnte: Wenn infolge steigender
belastung: Die einstmals angestrebte Last- einen progressiven Steuertarif verzichtet Realeinkommen die Einnahmen im Verhältnis
verteilung zwischen Personen mit unter- werden, zweitens kann eine Steuerreform das zum Bruttoinlandprodukt (BIP) steigen, wer-
schiedlicher wirtschaftlicher Leistungsfähig- Problem beheben. Drittens kommt eine auto- den neue Ausgabenfelder geschaffen und/
keit bzw. unterschiedlichem Einkommen wird matische Anpassung infrage. Die folgende
2 Baumol (1967).
Analyse konzentriert sich ganz auf den drit- 3 Einkommenselastizität, siehe dazu Mueller (2003):
1 Bundesrat (2017). ten Aspekt. 509–510.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  63
STEUERN

oder bestehende Aufgabengebiete des Staa- Franken. Zu einem späteren Zeitpunkt er- kommen deutlich gestiegen ist. Einer solch
tes weniger sparsam bewirtschaftet. höht sich das reale Einkommen dieser beiden intertemporalen Interpretation des Leis-
Folglich müssten die staatlichen Einnahmen Personen um insgesamt 20 000 Franken auf tungsfähigkeitsprinzips kann man entgegen-
möglichst knapp bemessen sein, damit ein 100 000 Franken. Somit beträgt die reale Ein- halten: Wenn zwischen zwei Zeitpunkten alle
sparsamer Umgang mit den öffentlichen Ein- kommenssteigerung 25 Prozent. Bürger einen prozentual identischen Real-
nahmen gewährleistet sei. Eine automatische In der ersten Konstellation verdienen bei- einkommensanstieg erfahren, ändert sich
Korrektur der realen Progression – wie gene- de Personen zum zweiten Zeitpunkt je 50 000 die primäre Einkommensverteilung der Bür-
rell eine regelgebundene Finanzpolitik – wäre Franken. Wenn man die reale Progression nun ger nicht. Dies wird in der dritten Konstella-
demnach ein geeignetes Instrument, um die- automatisch um den Einkommensanstieg tion dargestellt, in welcher das Einkommen
sem Politikversagen zu begegnen. korrigiert, reduziert sich das steuerbare Ein- bei beiden Personen um je ein Viertel steigt.
kommen beider Personen auf je 40 000. Da Eine Korrektur des Einkommenssteuerta-
Leistungsfähigkeitsprinzip und in diesem Fall beide Personen mit denselben rifs oder der Bemessungsgrundlage um den
Grenz- und Durchschnittssteuersätzen be- Realeinkommensanstieg würde folglich die
relative Steuerbelastung lastet werden, entstehen keine Verteilungs- relative Leistungsfähigkeit der Bürger nicht
Alternativ liesse sich eine Nichtkorrektur für änderungen. verändern. Im Gegenteil: Ohne Korrektur
die Folgen der realen Progression rechtfer- Der Querschnittsvergleich zum zweiten würde der Anteil, den die einkommensstärks-
tigen, da die Bürger – anders als bei der kal- Zeitpunkt wird durch die Korrektur der rea- ten Haushalte zur Einkommenssteuer beitra-
ten Progression – einen Realeinkommensan- len Progression folglich nicht tangiert, wohl gen, zurückgehen, und die vom Gesetzgeber
stieg und somit einen Anstieg ihrer steuerli- aber der Vergleich über die Zeit, da die Per- einstmals angestrebte Lastverteilung zwi-
chen Leistungsfähigkeit erfahren. son A bei identischem steuerbarem Einkom- schen Personen mit unterschiedlicher wirt-
Um die Wirkung der relativen Steuerbe- men zum zweiten Zeitpunkt weniger Steuern schaftlicher Leistungsfähigkeit beziehungs-
lastung besser zu verstehen, sind Fallkon- zahlen muss. Dieselbe Problematik tritt im weise unterschiedlichem Einkommen würde
stellationen hilfreich. Nehmen wir an, zwei zweiten Fall auf – mit dem Unterschied, dass langfristig unterlaufen werden. Ohne Korrek-
Steuerpflichtige haben zu einem bestimm- sich die Einkommensverteilung zwischen den tur würden sich irgendwann alle Bürger in der
ten Zeitpunkt ein aggregiertes steuerbares Personen nun auffächert. obersten Tarifstufe des Einkommenssteuer-
Jahreseinkommen von 80 000 Franken (siehe Würde man statt Personen Generationen tarifs befinden.
Tabelle). In der ersten Konstellation verdient über die Zeit vergleichen, dann erhielte die
eine Person A 50 000, und eine Person B er- zum zweiten Zeitpunkt lebende Generation
Es geht aufwärts mit den Löhnen. Seit den
zielt ein steuerbares Einkommen von 30 000 eine Korrektur nach unten, obgleich ihr Ein- Neunzigerjahren sind die realen Einkommen in
der Schweiz gestiegen.

KEYSTONE

64  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


STEUERN

Fallkonstellationen von Realeinkommenssteigerungen (in Fr.) Automatischer Ausgleich


schränkt Spielraum ein
Steuerpflichtige Steuerbares Steuerbares Steuerbares Einkommen
Person Einkommen t Einkommen t+1 t+1 nach Korrektur der Ob eine Korrektur für die Folgen der realen
realen Progression
Progression geboten ist, lässt sich nicht ein-
Fall 1 deutig bestimmen. Beschränkt man die An-
Person A 50 000 50 000 40 000 wendung des Leistungsfähigkeitsprinzips auf
einen reinen Querschnittsvergleich von Bür-
Person B 30 000 50 000 40 000
gern innerhalb einer Generation und befürch-
Fall 2 tet man einen Ausbau der Staatstätigkeit, wird
Person A 50 000 70 000 56 000 man eher für eine automatische Korrektur der
Person B 30 000 30 000 24 000 Effekte der realen Progression plädieren.
Eine automatische Korrektur der realen

DARSTELLUNG SCHWARZ
Fall 3
Progression würde – neben dem automati-
Person A 50 000 62 500 50 000
schen Ausgleich der kalten Progression und
Person B 30 000 37 500 30 000 der Schuldenbremse – ein weiteres regelge-
bundenes Instrument in die Finanzpolitik des
Bundes einführen. Dies impliziert nicht, dass
Beide Interpretationen des Leistungs­ In der ESTV-Studie wurde zudem ge- auf Bundesebene inskünftig Steuerreformen
fähigkeitsprinzips lassen sich rechtfertigen. schätzt, wie sich ein Ausgleich der realen Pro- unmöglich wären, durch einen automatischen
Bei ersterer Interpretation wird dem Leis- gression auf die Einnahmen aus der direkten Ausgleich der realen Progression würde aber
tungsfähigkeitsprinzip intertemporal Rech- Bundessteuer auswirken würde, wenn nur der Gestaltungsspielraum künftiger politi-
nung getragen, während die zweite Inter- diejenigen Haushalte, bei denen die reale Pro- scher Entscheidungsträger eingeengt. Damit
pretation eine Anwendung des Leistungs- gression zu einer erhöhten Durchschnitts- könnte die direkte Bundessteuer weniger an
fähigkeitsprinzips über die Zeit negiert und steuerbelastung in den letzten 20 Jahren ge- sich wandelnde gesellschaftliche Konstella-
sich ganz auf einen Querschnittsvergleich führt hat, kompensiert werden. Dabei zeigt tionen angepasst werden.
konzentriert. sich: Wären seit 1996 die Folgen der realen
Progression gezielt ausgeglichen worden,
Verheiratete Eltern weniger würden die Einnahmen aus der DBST heu-
te um 4,3 Prozent tiefer liegen. Bezogen auf
­betroffen die Einnahmen von 10,4 Milliarden Franken im
Für die Schweiz zeigt eine Studie der Eidge- Jahr 2015, entspricht dies rund 450 Millionen
nössischen Steuerverwaltung (ESTV) zur rea- Franken.
len Progression für den Zeitraum 1996 bis Zu bemerken ist, dass in der Analyse le-
2015, dass insbesondere Alleinstehende und diglich der Tarif für diejenigen Fälle angepasst Peter Schwarz
Alleinverdiener-Ehepaare ohne Kinder mit wurde, deren Steuerlast trotz Einführung Dr. rer. pol., Eidgenössische Steuerver­
waltung (ESTV), Bern
einem Einkommen von 100 000 bis 300 000 neuer Abzüge angestiegen ist. Würden ana-
Franken von der realen Progression betroffen log zum Ausgleich der kalten Progression die Literatur
waren.4 Hingegen war nur eine Minderheit Tarife und Abzüge um das Realeinkommens- Baumol, W.J. (1967). Macroeconomics of Unbalanced
der Ehepaarhaushalte mit Kindern und der Al- wachstum – und somit für alle Steuerpflich- Growth: The Anatomy of Urban Crisis. American
Economic Review 57(3), 415–426.
leinerziehenden von der realen Progression tigen – gestreckt, so würden die Minderein- Bundesrat (2017). Bericht des Bundesrates in Erfüllung
betroffen (rund 8% bzw. 10% dieser Haushal- nahmen deutlich höher aus­fallen. Denn in des Postulats 14.4136 der FDP-Liberale-Fraktion vom
6. September 2017.
te), da für diese Gruppen neue Abzüge – der diesem Fall müssten auch Bevölkerungsgrup- Morger, M. (2017). Kalte und reale Progression über den
Verheiratetenabzug und Kindergutschriften – pen kompensiert werden, welche infolge der Zeitraum 1996–2015, Eidgenössische Steuerver-
waltung, Bern.
in diesem Zeitraum eingeführt wurden. Einführung neuer Abzüge keine Steuermehr- Mueller, D.C. (2003). Public Choice III, Cambridge Uni-
4 Morger (2017).
belastung erfahren haben. versity Press.

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  65
Die Volkswirtschaft ist neu als App
für alle Tablets und Smartphones
verfügbar

Mit drei Klicks zum Gratis-App:

1. Ö
 ffnen Sie auf Ihrem Smartphone oder
Tablet den Store.
2. Geben Sie den Suchbegriff
«Die Volkswirtschaft» ein.
3. T
 ippen Sie auf installieren – fertig!
ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2016 2/2017 1/2017 4/2016 3/2016
Schweiz 1,3 Schweiz 0,3 0,3 0,1 0,1
Deutschland 1,9 Deutschland 0,6 0,7 0,4 0,2
Frankreich 1,2 Frankreich 0,5 0,5 0,5 0,2
Italien 0,9 Italien 0,4 0,4 0,2 0,3
Grossbritannien 1,8 Grossbritannien 0,3 0,2 0,7 0,5
EU 1,9 EU 0,6 0,5 0,6 0,4
USA 1,6 USA 0,8 0,3 0,5 0,9
Japan 1,0 Japan 1,0 0,4 0,3 0,2
China 6,7 China 1,7 1,3 1,7 1,8
OECD 1,7 OECD 0,7 0,5 0,7 0,5

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2016 (PPP2) in % der Erwerbspersonen, Jahreswert in % der Erwerbspersonen, Quartalswert
2016 2016 2/2017
Schweiz 63 616 Schweiz 4,6 Schweiz 4,4
Deutschland 49 077 Deutschland 4,1 Deutschland 3,9
Frankreich 41 945 Frankreich 9,9 Frankreich 9,6
Italien 37 964 Italien 11,7 Italien 11,2
Grossbritannien 42 898 Grossbritannien 4,8 Grossbritannien –
EU 38 918 EU 8,6 EU 7,7
USA 57 325 USA 4,9 USA 4,4
Japan 41 694 Japan 3,1 Japan 2,9
China – China – China –
OECD 42 096 OECD 6,3 OECD 5,8

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Vor- Veränderung in % gegenüber dem
jahr ­Vorjahresmonat
2016 Juli 2017
Schweiz 0,0 Schweiz 0,3
Deutschland 0,5 Deutschland 1,7
Frankreich 0,2 Frankreich 0,7
Italien –0,1 Italien 1,1
Grossbritannien 0,7 Grossbritannien 2,6
EU 0,3 EU 1,5
SECO, BFS, OECD

USA 1,3 USA 1,7


Japan –0,1 Japan –
China 2,0 China 1,4
Weitere Zahlenreihen
OECD 1,1 OECD –
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss ILO (Internationale Arbeitsorganisation).

Die Volkswirtschaft  10 / 2017  67
Drei Warengruppen verantworten
gesamten Handelsüberschuss
Seit 1993 weist die schweizerische Handelsbilanz im grenzüberschreitenden Warenverkehr fast durchgehend einen Überschuss aus.
Im Vergleich zum Dienstleistungshandel ist der Überschuss beim Warenhandel rund doppelt so hoch: Im vergangenen Jahr waren
es rekordhohe 36,9 Milliarden Franken. Bezeichnend ist, dass nur drei der zwölf Hauptgruppen zum Überschuss beitrugen.
In den Bereichen Chemikalien und Pharmazeutika, Präzisionsinstrumente und Uhren sowie in der Maschinen- und Elektronikindustrie
exportiert die Schweiz wertmässig mehr, als sie importiert. 2016
36,9 Mrd.
Schweizerischer Handelsbilanzsaldo 1990 – 2016, in Franken

1990
– 9,0 Mrd. Warengruppen in der Handelsbilanz 2016, in Franken

+ 50,7 Mrd. + 24,4 Mrd. + 2,4 Mrd.


Chemisch- Präzisions-­­ Maschinen,
pharmazeutische instrumente, Uhren Apparate,
Industrie und Bijouterie Elektronik

– 0,9 Mrd. – 1,9 Mrd. – 2,0 Mrd.


Steine und Papier, Papierwaren
Metalle* Erden und grafische
Erzeugnisse

– 2,1 Mrd. – 4,2 Mrd. – 4,4 Mrd.


EIDGENÖSSISCHE ZOLLVERWALTUNG, SCHWEIZERISCHE NATIONALBANK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Land- und Forst-


Leder, Kautschuk, Verschiedene wirtschaftliche
Kunststoffe Waren Produkte, Fischerei

– 4,9 Mrd. – 6,0 Mrd. – 14,0 Mrd.


Textilien,
Bekleidung,
* Ohne Edelmetalle

Energieträger Fahrzeuge
Schuhe

68  Die Volkswirtschaft  10 / 2017


VORSCHAU

88e année   N°5 /2017
90. Jahrgang   Nr. 5 /2015 sFr.
Frs.12.–
12.–

La
DieVie économique
Volkswirtschaft
Plattformdefür Wirtschaftspolitik
Plateforme politique économique

FOKUS

Schweizer Volkswirtschaft
und der harte Franken
Als Folge der Eurokrise und der Aufhebung des Mindestkurses hat sich der Franken aufgewertet. Dies
stellt die stark vernetzte und exportlastige Schweizer Volkswirtschaft vor Herausforderungen – gerade
im verarbeitenden Gewerbe besteht eine verbreitete Befürchtung, dass die Frankenstärke zu einer
Erosion des Werkplatzes führen wird. Dabei geht allerdings oft vergessen, dass der Franken seit Langem
eine Aufwertungstendenz zeigt und dies auch ein Abbild des Erfolges und der Stärke der Wirtschaft ist.
Wie sich die Währungsaufwertung in der kurzen, aber auch in der längeren Frist auf die Exporte, ihre
Struktur sowie auf die Beschäftigung, die Investitionen oder die F&E-Tätigkeit ausgewirkt hat, lesen Sie
im Fokus der nächsten Ausgabe.

Der harte Franken – Fluch oder Ausdruck des Erfolges?


Timothey Nussbaumer, Simon Jäggi, Seco

Eine zunehmende Exportkonzentration und die Rolle des Frankens


Rolf Weder, Christian Rutzer, Tobias Erhardt, Universität Basel

Welche Auswirkungen hat die Frankenaufwertung auf die Qualität der Exporte?
Dario Fauceglia, ZHAW, Björn Plaschnick, ZHAW, Maria Rueda Maurer, ZHAW

Die Resilienz der Schweizer Volkswirtschaft im Vergleich


Alexis Bill-Körber, BAK Basel

Frankenaufwertung und die Effekte auf den Arbeitsmarkt


Anirudh Shingal, WTI, Peter H. Egger, KOF, Johannes Schwarzer, CEP

Beschäftigung im verarbeitenden Gewerbe nach der «Grossen Aufwertung»


Daniel Kaufmann, KOF und Tobias Renkin, Universität Zürich

Welches ist der Einfluss der Frankenstärke auf die F&E-Aktivität, die Investitionen und die
Produktivität?
Boris Kaiser, B,S,S., Michael Siegenthaler, KOF, Martin Wörter, KOF, Andrin Spescha, KOF

Schlussfolgerungen für die Schweizer Wirtschaftspolitik


Interview mit Eric Scheidegger, Leiter Direktion für Wirtschaftspolitik, Seco