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90. Jahrgang   Nr. 6/2017 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

INTERVIEW WETTBEWERBSFÄHIGKEIT INFRASTRUKTURKOSTEN DOSSIER


Alfonso Orlando, Export- Ökonom Heiner Flassbeck Verdichtet bauen ist Arbeitsbedingungen und
förderer S-GE, über den über deutsche Dumpinglöhne günstiger berufliche Erkrankungen in
Nutzen von Freihandelsab- und Frankreich 44 der Schweiz
kommen für Firmen 38 47
30

FOKUS
Freihandel versus
Protektionismus

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
Hellblauen Rahmen der Schutzzone nie drucken!
Siehe auch Handbuch
„Corporate Design der Schweizerischen Bundesverwaltung“
Kapitel „Grundlagen“, 1.5 / Schutzzone
www. cdbund.admin.ch
EDITORIAL

Was bringt die Globalisierung?


Vor 200 Jahren begründete der britische Ökonom David Ricardo mit sei-
nem bekannten Theorem der komparativen Kostenvorteile den Nutzen des
­Freihandels. Das Jubiläum fällt in eine Zeit, in welcher der Protektionismus
an Popularität gewinnt und Globalisierungskritik von linker wie rechter
­Seite verbreitet wird. In dieses Bild passt
der Slogan «America First». Entsprechend
sind die Verhandlungen zum Transat-
lantischen Freihandelsabkommen (TTIP)
zwischen den USA und der EU auf Eis
­gelegt.
Die Welt war bereits vor der Wahl des
­US-Präsidenten Donald Trump protek-
tionistischer geworden. Das zeigen Zah-
len der Welthandelsorganisation (WTO).
Regierungen wollen damit die heimi-
sche Wirtschaft schützen. Wie Unternehmen damit umgehen, lesen Sie im
­Interview mit Alfonso Orlando, Leiter der Abteilung «Export Help» beim
­Exportförderer Switzerland Global Enterprise.
Freihandel schürt auch Ängste. Viele Menschen fühlen sich von der Globa-
lisierung abgehängt und finden ihren Platz nicht mehr in der internationa-
len Arbeitsteilung. Auch in der Schweiz drückt das Misstrauen gegenüber
der Globalisierung durch. Entsprechend spielen die Themen Migration und
europäische Integration bei den eidgenössischen Wahlen vermehrt eine
­tragende Rolle, wie Pascal Sciarini von der Universität Genf schreibt.
Nichtsdestotrotz: Unter Ökonomen ist man sich einig, dass der intensive
Welthandel den Wohlstand verbessert hat. Dies ist wohl mit ein Grund, dass
sich die Armut weltweit massgeblich reduziert hat.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Nicole Tesar und Susanne Blank
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

Fokus
30

«Die Nutzung der


Freihandels-
6 12 abkommen ist
Handel, Handelsverträge Ein Plädoyer für den
und temporärer freiwillig»
Freihandel
Importschutz Eric Scheidegger
Chad P. Bown Staatssekretariat für Wirtschaft
Peterson Institute for International Economics
Manfred Elsig
Im Gespräch mit
Universität Bern Alfonso Orlando,
Leiter «Export Help»
von Switzerland Global
Enterprise

16 20
Handelskosten: Schweiz Globalisierung trifft
profitiert von geografischer Mittelstand relativ hart –
Lage ausser in der Schweiz
Christian Hepenstrick Daniel Kalt
Schweizerische Nationalbank UBS Switzerland

23 26
Globalisierungskritik: Globalisierungsängste der
Unterstützung von rechts? Stimmbürger nehmen zu
Andreas Missbach Pascal Sciarini
Public Eye Universität Genf
INHALT

Themen
b DOSSIER

Arbeitsbedingungen und
berufliche Erkrankungen
36 38
EINBLICK WETTBEWERBSFÄHIGKEIT
48
Der Vorsprung schwindet
Der digitale Thinktank Deutschland, Frankreich und Margot Vanis, Maggie Graf, Ralph Krieger
Foraus erobert die Welt der Euro Staatssekretariat für Wirtschaft

Florian Egli, Nicola Forster Heiner Flassbeck


Foraus Deutscher Ökonom 52
Die Flexibilität von
Selbstständigerwerbenden
hat ihren Preis
Ulrich Pekruhl, Christoph Vogel
Fachhochschule Nordwestschweiz

b
55
Allzeit bereit
Oscar Vargas Llave, Greet Vermeylen
Eurofound

58
Gesundheit am Arbeitsplatz:
Eine Reform ist nicht absehbar
41 44 Pascal Richoz
INFRASTRUKTURKOSTEN Staatssekretariat für Wirtschaft
DIE STUDIE

Wohnungspreise reagieren Verdichtet bauen ist


wieder stärker auf günstiger 60
Zinssenkungen Christina Hürzeler
Bundesamt für Raumentwicklung
Zur Prävention psychosozialer
Anne Kathrin Funk, Dirk Drechsel
Risiken müssen die Arbeitsmethoden
André Müller
KOF Konjunkturforschungsstelle Ecoplan angepasst werden
Rafaël Weissbrodt, David Giauque
Universität Lausanne

Spots

i
IMPRESSUM ZAHLEN INFOGRAFIK

Alle Informationen Wirtschaftskennzahlen Konsumausgaben im


zum Magazin historischen Vergleich

4 63 64
i IMPRESSUM

Herausgeber
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, ­Bildung
und Forschung WBF,
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Redaktion
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Käthi Gfeller, Matthias Hausherr, Christian Maillard,
Stefan Sonderegger

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(französisch: La Vie économique), 90. Jahrgang, mit Beilagen.

Druck
Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp

Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung der Autorinnen


und Autoren und deckt sich nicht notwendigerweise mit der
Meinung der Redaktion.

Der Nachdruck von Artikeln ist, nach Bewilligung durch die


Redaktion, unter ­Quellenangabe gestattet; Belegexemplare
­erwünscht.

ISSN 1011-386X
FOKUS

Freihandel versus Protektionismus


Die Dynamik des Welthandels hat in den vergangenen Jahren
nachgelassen. Ein Grund dafür ist die konjunkturelle
Abschwächung nach der Weltwirtschaftskrise. Aber auch
zunehmende protektionistische Massnahmen einzelner Staaten
tragen das ihre bei. Laut der Welthandelsorganisation (WTO) ist
die Zahl der Handelshemmnisse zwischen 2015 und 2016 stark
angestiegen: Globalisierungskritik ist salonfähig geworden.
Was bedeutet dies für die Schweiz? Unser Land setzt stark auf
Freihandelsabkommen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil der
Aussenwirtschaftspolitik.
AUSSENWIRTSCHAFT

Handel, Handelsverträge und


temporärer Importschutz
Mit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten erhält der Protektionismus Auf-
schwung. Der jahrelange Trend zu mehr und umfangreicheren Handelsabkommen
könnte zum Stopp kommen. Eine wichtige Rolle kommt der WTO zu.    Chad P. Bown,
Manfred Elsig

Abstract  Die internationale Handelspolitik ist geprägt durch ein gut austa- (TTIP) und das umfassende Wirtschafts- und
riertes Gleichgewicht zwischen Handelsliberalisierung und Importschutz. Handelsabkommen zwischen der EU und Ka-
Seit Anfang der Neunzigerjahre haben die Zahl und der Umfang der prä- nada (Ceta) zeigt. Dank einer weiterhin funk-
ferenziellen Handelsabkommen (PHA) markant zugenommen. Gleichzei- tionierenden WTO ist bislang jedoch noch
tig liberalisierten immer mehr Länder den Handel im Rahmen der Welt- kein unverblümter Protektionismus wie in den
handelsorganisation (WTO). Um diesen Prozess zu steuern, versuchten Dreissigerjahren des 20. Jahrhunderts festzu-
insbesondere die Schwellenländer, diese Liberalisierung zu einem gewis-
sen Teil durch den vermehrten Einsatz von Flexibilitätsinstrumenten wie
stellen.
temporären Handelshemmnissen zu kompensieren. Bei der Eindämmung
protektionistischer Anreize kommt der WTO eine Schlüsselrolle zu.   Ob Zahl der präferenziellen
sich der Trend fortsetzen – oder gar umkehren – wird, ist angesichts der
Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten eine zentrale Forschungs­
Handelsabkommen angestiegen
frage. Die Zunahme neuer Handelsabkommen seit den
Neunzigerjahren ist beeindruckend (siehe Ab-
bildung 1). Die erste Welle hängt mit den mit-

I  n den letzten 25 Jahren ist die Welt in wirt-


schaftlicher Hinsicht stärker zusammenge-
wachsen: Die Handels- und Investitionsströme
tel- und osteuropäischen Staaten zusammen,
die nach dem Ende des Kalten Krieges über PHA
engere Handelsbeziehungen mit den westlichen
haben massiv zugenommen, und die Produk- Ländern anstrebten. Aufgrund von langsamen
tion erfolgt zusehends grenzüberschreitend. Fortschritten bei den multilateralen WTO-Ver-
Wesentliche Triebfedern für diesen Prozess handlungen in Genf erfolgte nach der Jahrtau-
sind die Abkommen der Welthandelsorganisa- sendwende ein zweiter Schub. In letzter Zeit
tion (WTO) und sogenannte präferenzielle Han- ging die Zahl der jährlich neu ratifizierten Ab-
delsabkommen (PHA).1 kommen allerdings etwas zurück – viele Ab-
Jüngst ist die Globalisierungskritik aller- kommen stehen jedoch kurz vor der Unterzeich-
dings im Aufwind – nicht zuletzt dank Popu- nung.
listen, welche auf diese Karte setzen, um ihre Doch nicht nur die Zahl der Abkommen
nationalistischen und protektionistischen stieg, sondern auch die «Tiefe» – also der Grad
Programme zu legitimieren. So schliesst die der Marktöffnung. Die Tiefe wird gemessen, in-
1 Dür et al. (2014). Prä- «America First»-Rhetorik der neuen US-Regie- dem der Fokus auf verschiedene Verpflichtun-
ferenzielle Handels-
abkommen (PHA) be-
rung auch die Handelspolitik mit ein. Ebenso gen innerhalb von Handelsabkommen gelegt
inhalten vor allem ist in vielen Ländern eine zunehmend kriti- wird. Diese Verpflichtungen reichen von Zollzu-
gegenseitige Zollreduk-
tionen und den Abbau schere Einstellung gegenüber internationalen geständnissen über Marktzugangsbestimmun-
nicht tarifärer Markt-
zugangsschranken. Der
Abkommen zu verzeichnen, was sich an den gen für Dienstleistungen und die Liberalisie-
Begriff wird teilweise gross angelegten Protestkundgebungen in rung des öffentlichen Beschaffungswesens bis
synonym zu Freihan-
delsabkommen ver- verschiedenen europäischen Städten gegen hin zu strengeren Regeln zu den geistigen Eigen-
wendet.
2 Siehe Desingoftradeag-
kontinental übergreifende Abkommen wie tumsrechten und der Erleichterung grenzüber-
reements.org das Transatlantische Freihandelsabkommen schreitender Investitionen.2

6  Die Volkswirtschaft  6 / 2017
FOKUS

Die USA lehnen die transatlantische Part-


nerschaft (TPP) ab. Präsident Donald Trump
unterzeichnet im Januar ein entsprechen-
des Dekret.
KEYSTONE
AUSSENWIRTSCHAFT

Abb. 1: Präferenzielle Handelsabkommen nach «Tiefe» (Grad der Marktöffnung) seit 1945

8       «Tiefe» der Abkommen (Index)

DESTA DATABASE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


1

-1
1950 1960 1970 1980 1990 200 2010

  Präferenzielle Handelsabkommen        Regressionslinie

Die zunehmenden Marktzugangsverpflich- Schutz für den Fall, dass es zu unvorhergesehe-


tungen, welche die PHA mit sich brachten, fe- nen wirtschaftlichen Schocks kommt («Flexibi-
derten die Staaten ab, indem sie sogenannte Fle- lität»).
xibilitätsinstrumente wie Antidumping- und
Schutzmassnahmen sowie Ausgleichszölle gegen Schwellenländer setzen auf
die Subventionspraxis ausländischer Staaten
temporäre Handelshemmnisse
beibehielten oder ausbauten, wie Studien zei-
gen.3 Zudem enthalten «tiefere» Abkommen län- Vor diesem Hintergrund zeigen wir als Nächs-
gere Übergangsfristen für Zölle. Eine mögliche tes, wie die grössten Volkswirtschaften inner-
Erklärung für die Wichtigkeit der Schutzinstru- halb des Handelssystems sogenannte tempo-
mente bei steigender Marktliberalisierung ist, räre Handelshemmnisse – als Instrumente des
dass die mit Importgütern im Wettbewerb ste- Importschutzes– eingesetzt haben. Diese im
henden Branchen vermehrt rechtlichen Schutz internationalen Handelsrecht verankerten Zoll-
vor Importen verlangen. Oder: Sie fordern länge- massnahmen sind zeitlich begrenzt und zie-
re Anpassungsphasen, indem sie für einen lang- len beispielsweise gegen Dumping- und Sub-
sameren Zollabbau lobbyieren, damit sie der neu- ventionspraktiken. Sie kommen aber auch bei
en Konkurrenz gewachsen sind. Marktverzerrungen, welche aufgrund von si-
Somit müssen Regierungen ein angemesse- gnifikanten Importzunahmen entstehen, zum
nes Gleichgewicht zwischen den Interessen der Einsatz. In diesem Fall spricht man von Schutz-
Exporteure und der mit Importgütern im Wett- klauseln.
bewerb stehenden Branchen gewährleisten. Wie sich zeigt, hat sich der Einsatz von tem-
Während Exportbranchen nach einem besseren porären Handelshemmnissen in den einkom-
3 Siehe Baccini et al.
Marktzugang streben («Tiefe»), fordern gewisse mensstarken Ländern im Zeitraum 1995 bis
(2015) binnenorientierte Branchen einen rechtlichen 2013 nur geringfügig verändert (siehe Abbil-

8  Die Volkswirtschaft  6 / 2017
FOKUS

Abb. 2: Bestehende und neue temporäre Handelshemmnisse in den G-20 einkommensstärksten


Ländern und G-20 Schwellenländern (in % der Importe, 1995–2013)
4       In %

BOWN (2014) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


1

0
1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012

  Bestand der temporären Handelshemmnisse in den G-20 einkommensstärksten Ländern     


  Bestand der temporären Handelshemmnisse in den G-20 Schwellenländern     
  Neue Handelshemmnisse in den G-20 einkommensstärksten Ländern    
  Neue Handelshemmnisse in den G-20 Schwellenländern

Die ausgezogenen Linien stellen den Bestand der in einem bestimmten Jahr geltenden Handelshemmnisse dar, gemessen
am Anteil der Importe. Die gestrichelten Linien entsprechen dem «Flow» neuer Handelshemmnisse, gemessen am Anteil
der Importe, die auf Wunsch inländischer Wirtschaftszweige für den Importschutz zusätzlich eingeführt wurden. Für die
Definition der G-20 einkommensstärksten Länder und G-20 Schwellenländer siehe Bown (2014), S. 2.

dung 2). Grundsätzlich ist das nicht erstaun- von der Krise in den Industriestaaten wesentlich
lich, da die meisten Industriestaaten dem inter- langsamer verlief.4
nationalen Handel insgesamt bereits zu Beginn Ein wichtiger institutioneller Puffer gegen
dieses Zeitraums sehr offen gegenübergestan- den unkontrollierten Einsatz von temporä-
den sind. Schwellenländer hingegen haben das ren Handelshemmnissen und anderen Formen
Instrument zunehmend eingesetzt. Dies steht des Handelsprotektionismus ist die WTO. Zum
im Einklang mit der Tatsache, dass die traditio- einen schreibt die Welthandelsorganisation den
nellen Handelsschranken dieser Staaten – das Staaten vor, wie temporäre Handelshemmnis-
heisst Zollsätze und Mengenbeschränkungen se rechtmässig einzusetzen sind. Zum andern
– mit der Liberalisierung im Rahmen der WTO prüfen die WTO-Richter in Genf, gestützt auf
und verschiedener PHA weggefallen sind und das geltende Rechtssystem, anhand von Fakten,
ein gewisser Teil dieser Liberalisierung durch Belegen und Daten, wie einzelne Länder tempo-
den vermehrten Einsatz von temporären Han- räre Handelshemmnisse einsetzen. Damit trägt
delshemmnissen ausgeglichen wurde. die WTO glaubhaft zur Durchsetzung der Han-
Von besonderem Interesse ist die starke Re- delsliberalisierung bei und fördert gleichzei-
zession der Jahre 2008 bis 2010. In dieser P
­ hase tig ein gut austariertes Gleichgewicht zwischen
haben Schwellenländer temporäre Handels- einem ansteigenden Marktzugang und der Be-
hemmnisse zwar etwas stärker eingesetzt, rücksichtigung inländischer Anliegen bezüglich
doch die Zunahme ist nicht sehr ausgeprägt eines vorübergehenden Importschutzes.
und weicht nur geringfügig vom allgemeinen
Trend seit Mitte der Neunzigerjahre ab. Ausser- «America First»
dem fällt der Anstieg bei den einkommensstar-
4 Bown und
ken Ländern geringer als bei den Schwellenlän- Seit 1947, als das Allgemeine Zoll- und Handels- Crowley (2013, 2014)
dern aus – obwohl die wirtschaftliche Erholung abkommen (Gatt) lanciert wurde, sind die USA sowie Bown (2011).

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  9
AUSSENWIRTSCHAFT

Sorgt für Disziplin ALAMY

der Vertragspartner:
ein massgeblicher Förderer des auf Regeln be- Welthandelsorgani- deln, welches die regulatorische Zusammen-
ruhenden internationalen Handelssystems ge- sation (WTO) in Genf. arbeit fördert und die regulatorische Kohärenz
wesen. Zudem realisierten die Amerikaner für viele technische und gesundheitsrelevante
mehrere bedeutende PHA, darunter das Nord- Bereiche anstrebt. Der Versuch zunehmender
amerikanische Freihandelsabkommen (Nafta) Kooperation von regulatorischen Institutionen
und das Freihandelsabkommen mit Südkorea. soll massgeblich den Abbau einiger bedeutender
Unter der Präsidentschaft von Barack Obama nicht tarifärer Handelshemmnisse angehen, die
nahmen die USA Verhandlungen über wichti- den modernen internationalen Handel behin-
ge transkontinentale Handelsabkommen auf, dern.
wie beispielsweise die Transpazifische Partner- Seit der Wahl von Donald Trump zum US-
schaft (TPP) und das TTIP.5 Während die USA Präsidenten haben die USA das Interesse an
beim TPP den Inhalt wesentlich prägten und zu- Handelsabkommen generell verloren, wie es
gleich ihre bevorzugten Handelsregeln für das scheint; noch sind die handelspolitischen Prio-
21. Jahrhundert entwickelten, waren die Ge- ritäten jedoch unklar. So plädierte Trump im
spräche mit der Europäischen Union zum TTIP Wahlkampf für handelsbeschränkende Mass-
komplizierter. Beide Seiten setzten sich das nahmen und beklagte die Handelsdefizite und
Ziel,  eine neue Art von Abkommen auszuhan- 5 Bown (2017). die Verlagerung von Produktion und Arbeits-

10  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

plätzen ins Ausland. Gleich zu Beginn seiner sen Fällen möglicherweise schon zu weit gegan-
Präsidentschaft beendete er darauf die Teilnah- gen ist –, ist deshalb eine offene und wichtige
me der USA an den TPP-Verhandlungen formell, Forschungsfrage. Klar ist: Das Brexit-Votum in
und es gibt derzeit wenig Anzeichen dafür, dass Grossbritannien und die US-Präsidentschafts-
die USA die Gespräche mit der EU zum TTIP wahl im vergangenen Jahr entsprechen neu-
wieder aufnehmen werden. Zudem hat die US- en Schockwellen, welche die jahrzehntelan-
Regierung die Absicht geäussert, bestehende gen Fortschritte im Bereich der internationalen
Abkommen wie das Nafta und den Vertrag mit wirtschaftspolitischen Zusammenarbeit – und
Südkorea neu auszuhandeln – ohne dabei klare die Balance zwischen Marktöffnung und Im-
Strategien aufzuzeigen. portschutz – zunichtemachen könnten.
Solche Stellungnahmen der Trump-Admi-
nistration deuten auf eine nationalistische,
globalisierungsablehnende Auffassung bei der
Handelspolitik hin, was die Balance zwischen
Liberalisierung und Importschutz möglicher-
weise beschädigt, indem es zu einer markanten
Zunahme der Einfuhrbeschränkungen führt.
Im Extremfall sind die Verpflichtungen der USA
Chad P. Bown Manfred Elsig
zum regelbasierten, multilateralen Handelssys- PhD in Economics, Senior Professor für Internatio-
tem und zur WTO gefährdet. Fellow am Peterson Insti- nale Beziehungen,
Ob sich der Trend von immer umfassende- tute for International Eco- World Trade Institute,
nomics, Washington DC Universität Bern
ren PHA fortsetzen wird – oder ob er in gewis-

Literatur
Baccini, Leonardo, Andreas Dür und Bown, Chad P. (2014). Temporary Trade Barriers Bown, Chad P. und Meredith A. Crowley (2014).
Manfred Elsig (2015). The Politics of Database: Update through 2013, Weltbank, Emerging Economies, Trade Policy, and
Trade Agreement Design: Revisiting the 26. Juni. Macroeconomic Shocks, Journal of Develop-
Depth-Flexibility Nexus, International Studies Bown, Chad P. (2017). Mega-Regional Trade ment Economics 111: 261–73.
Quarterly 59(4): 765–75. Agreements and the Future of the WTO, Dür, Andreas, Baccini Leonardo und Manfred
Bown, Chad P., Hrsg. (2011). The Great Reces- Global Policy 8(1): 107–12. Elsig (2014). The Design of International
sion and Import Protection: The Role of Bown, Chad P. und Meredith A. Crowley (2013). Trade Agreements: Introducing a New
Temporary Trade Barriers. London, UK: CEPR Import Protection, Business Cycles, and Dataset, The Review of International Organi-
und Weltbank. Exchange Rates: Evidence from the Great zations 9(3): 353–75.
Recession, Journal of International Economics
90(1): 50–64.

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  11
AUSSENWIRTSCHAFT

Ein Plädoyer für den Freihandel


In der Ökonomie herrscht Einigkeit: Der Freihandel erhöht die Leistungsfähigkeit der
Wirtschaft. Trotzdem ertönt in der Politik regelmässig der Ruf nach Protektionismus –
da die lange Sicht vergessen geht.  Eric Scheidegger

durch Zölle oder Importkontingente sei wohl-


Abstract    Der Ruf nach Protektionismus ertönt auf dem politischen Par-
fahrtsmindernd.
kett in regelmässigen Abständen. Er gründet auf einer merkantilistischen
Logik aus dem 16. Jahrhundert. Diese Denkweise hat gerade für eine popu- Auch über die Wirkungskanäle von Freihan-
listische Politik verführerische Attraktivität, da mit staatlichen Eingriffen del herrscht weitgehende Einigkeit: Handel er-
zugunsten der heimischen Industrie ein aktives Engagement zugunsten höht den Wettbewerb und spornt die Unter-
nationaler Interessen demonstriert werden kann. In der Ökonomie fristen nehmen zu Effizienz und Innovation in der
solche Überzeugungen heute ein Schattendasein, denn die Vorteile, wel- Herstellung von Waren und Dienstleistungen
che der internationale Handel bringt, überwiegen klar. So ist beispielswei-
an.2 Die Nutzung von Skaleneffekten, der Druck
se unbestritten, dass der Freihandel den Wettbewerb und die Innovation
erhöht – was letztlich den Wohlstand fördert. Damit alle am erwirtschaf-
zu Spezialisierung sowie Technologietransfer
teten Wohlstand teilhaben können, braucht es aber auch eine weitsichtige stärken die Konkurrenzfähigkeit.
Arbeitsmarktpolitik sowie ein leistungs- und tragfähiges Steuer- und So- Handel stärkt nicht nur den Exportsektor,
zialsystem. sondern die Leistungsfähigkeit der gesamten
Wirtschaft. Konkret: Er erschliesst nicht nur
den Exportunternehmen neue Absatzmärkte,

W  ürde man eine Volksinitiative zur Ein-


führung einer Planwirtschaft lancie-
ren, wären ihre Erfolgsaussichten wohl sehr be-
sondern erweitert deren Beschaffungsmärk-
te («Sourcing») und stärkt die Wettbewerbs-
fähigkeit von Firmen – unabhängig davon,
grenzt. Denn Demokratie und Marktwirtschaft ob sich diese auf Weltmärkte ausrichten oder
sind in der Schweiz zwei unbestrittene Ord- im Heimmarkt als Zulieferer von Export-
nungsprinzipien. Diesen Grundpfeilern des mo- unternehmen positioniert sind. Konsumen-
dernen Staates verdanken wir materiellen und ten profitieren von einem Zugang zu einem
immateriellen Wohlstand. diversifizierteren Angebot an Konsumgü-
Anders sieht es derzeit offenbar beim Frei- tern. Unternehmen haben eine grössere Aus-
handel aus. Der internationale Waren-, Dienst- wahl bei der Beschaffung von Kapitalgütern
leistungs- und Kapitalverkehr wird für eine wie Werkzeugmaschinen, Zwischenprodukten
Vielzahl gesellschaftlicher Probleme verant- wie IT-Chips und Vorleistungen wie Forschung
wortlich gemacht. Dies ist aus ökonomischer und Entwicklung (F&E).3
Sicht erstaunlich, nicht zuletzt, da «Freihan- Auf dieser Grundlage haben sich seit den
del» nicht als Handel frei von jeglichen Regeln Neunzigerjahren die Wertschöpfungsketten
zu verstehen ist, sondern internationalen Spiel- verstärkt global aufgespalten. Innerhalb «ver-
regeln unterliegt. ketteter» Netzwerke verlagern internatio-
Bei der Einschätzung des Stellenwertes des nal tätige Firmen über Outsourcing oder Off-
freien grenzüberschreitenden Handels schlies- shoring (mindestens) Teile ihrer Beschaffung,
sen sich die Reihen der Ökonomen weitgehend. F&E-Aktivitäten und/oder Produktionspro-
1 IGM Forum (2014); sie- Laut einer Expertenumfrage der von der Univer- zesse in Länder mit entsprechenden Stand-
he auch Mankiw (2015)
und IMF, World Bank
sity of Chicago getragenen Initiative on Global ortvorteilen. Analysen zeigen, dass die Inte-
Group, WTO (2017). Markets (IGM) sehen 80 Prozent der befragten gration in globale Wertschöpfungsketten die
2 OECD (2010); eine gute
Literaturübersicht ge- Ökonomen den Nutzen von Freihandelsabkom- Schweizer Produktion deutlich wettbewerbs-
ben Ahn et al. (2016).
3 OECD (2011).
men für die USA bestätigt.1 Umgekehrt sagt eine fähiger gemacht hat. 4 Abgesehen von tiefe-
4 Nathani et al. (2014). klare Mehrheit, die Behinderung des Handels ren Vorleistungspreisen und einer Steigerung

12  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


123RF
Handel erschliesst
den Exportunterneh-
der Produktivität mildern globale Wertschöp- men neue Märkte. Protektionismus:
fungsketten auch die Wirkung von Wechsel- Doppelbödige Begründung
kursschwankungen auf die Exportpreise und
reduzieren damit das Währungsrisiko der Angesichts dieser Vorteile des Freihandels mag
Unternehmen. es verwundern, dass Protektionismus in zykli-
Heute steht in der Fachdebatte die digi- scher Regelmässigkeit die politische Oberhand
tale Form der Internationalisierung im Vor- gewinnt. Stand im Altertum mit der Erschlies-
dergrund (siehe Abbildung). Seit knapp zwei sung der Seidenstrasse oder der Gewürzrou-
Jahrzehnten werden vermehrt Daten, Informa- te noch bewusst die Förderung des Handels im
tionen, Ideen und Know-how grenzüberschrei- Vordergrund, änderte sich dies mit der irrefüh-
tend ausgetauscht.5 Dieser digitalen Globali- renden merkantilistischen Logik des 16. Jahr-
sierung wird ein grosses Potenzial als Treiber hunderts, die besagt: Wer Wohlstand sucht,
eines langfristigen Wirtschaftswachstums zu- muss im Inland die wirtschaftliche Produk-
geschrieben.6 Dank elektronischer Plattfor- tion maximieren, davon möglichst viel im Aus-
men können kleine und mittlere Unterneh- land verkaufen und gleichzeitig die Importe von
men (KMU) gewissermassen «von zu Hause Konkurrenzprodukten hemmen. Das Arsenal
aus» ohne kostspielige physische Präsenz in protektionistischer Massnahmen besteht da-
Auslandmärkten globale Nischenmärkte er- bei aus Zöllen, Einfuhrverboten, Importquoten,
schliessen. Zu dieser Form des grenzüber- Subventionen, staatlichen Monopole und nicht
schreitenden Austausches gehören auch virtu- tarifären Importhemmnissen in mannigfaltiger
elle Studien- und Lehrgänge, welche weltweit Form.
unzähligen Studenten Zugang zu guten Ausbil- Der deutsche Ökonom Friedrich List kon-
5 Baldwin, R. (2016).
dungen ermöglichen. 6 Manyika et al. (2016). terte sodann die bahnbrechende Erkenntnis

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  13
AUSSENWIRTSCHAFT

FACEBOOK, ALIRESEARCH, US DEPARTMENT OF COMMERCE, OEDC, WORLD BANK, MGI, BERECHNUNG:


Wie Menschen 2016 von der Globalisierung betroffen sind

361 Mio. Grenzüberschreitende Online-Käufer

44 Mio. Grenzgänger

429 Mio. 914 Mio.


5 Mio. Studierende im Ausland Internationale Nutzer von sozialen
Reisende Netzwerken mit mindestens

OECD (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


einem Kontakt im Ausland
13 Mio. Grenzüberschreitende
Online-Studenten

240 Mio. Menschen leben ausserhalb


des Heimatlandes

David Ricardos zur Bedeutung der komparati- le von Handelsbeschränkungen ihrer kleinen
ven Vorteile im 19. Jahrhundert mit einer weite- und politisch gut organisierten Gruppe zugu-
ren irreführenden Gedankenführung: Freihan- tekommen – während die gesamtwirtschaftli-
del kann vorteilhaft sein – aber nur, wenn die chen Kosten auf die diffuse Masse der Kunden
eigene Wirtschaft schon auf genügend starkem abgewälzt werden. Deshalb ist es blauäugig, zu
Fundament steht. Auch dieses sogenannte In- denken, eine lenkende Handelspolitik könne
fant-Industry-Argument tönt verlockend: Auf- zum Wohle der Gesamtwirtschaft ausgestaltet
kommende, «junge» und «vielversprechende» werden.
Wirtschaftszweige müssen so lange mittels Zöl- Warum meldet sich der Protektionismus
len (sogenannter Erziehungszoll) geschützt wer- trotz dieser langen Erfahrung in modernen De-
den, bis sie gegenüber der ausländischen Kon- mokratien dennoch immer wieder zurück? Zu-
kurrenz genügend wettbewerbsfähig sind. nächst: Es gehört zum Wesen des Struktur-
In den 1980er-Jahren wurde mit einer ver- wandels, dass der Verlust von Arbeitsplätzen
gleichbaren Gedankenführung der Grundstein offensichtlich wahrnehmbar ist, während die
für die «strategische» Handelspolitik gelegt. längerfristigen positiven Auswirkungen mit
Dieser ökonomische Ansatz geht von einer un- vielen Jahren Verzögerung eintreten können.
vollständigen Konkurrenz und Skaleneffekten Dies drängt die Politik in der kurzen und mittle-
in der Produktion aus. Entsprechend können ren Frist oft dazu, protektionistischen Schutz-
staatliche Eingriffe als wohlfahrtssteigernd mo- forderungen nachzugeben. Andere Erklärungen
delliert werden. Der konzeptionelle Leitgedan- verweisen auf den Umstand, dass die negativen
ke zu «America First» wurde also lange vor dem Folgen des technologiegetriebenen Struktur-
letzten US-Wahlkampf erfunden. wandels fälschlicherweise dem Freihandel zu-
Abgesehen davon, dass der Staat gar nicht geschrieben werden.7 Während Handel nicht
in der Lage ist, die «vielversprechenden» Wirt- die Ursache des Strukturwandels ist, kann er
schaftszweige ex ante zu identifizieren, sind ihn jedoch unter Umständen beschleunigen.
diese theoretischen Erklärungsansätze zuguns- Der US-Ökonom Bryan Caplan liefert einen wei-
ten einer lenkenden Handelspolitik auch zum teren interessanten Erklärungsansatz8: Erstens
Scheitern verurteilt, weil sie grundlegende Er- haben Wähler eine inhärente Neigung, Freihan-
kenntnisse der politischen Ökonomie ausklam- del als Wettrennen zu verstehen, bei dem das
mern: Staatliche Interventionen stehen unter eigene Land ins Hintertreffen getrieben wird
dem Einfluss von Interessengruppen, die di- («anti-foreign bias»). Zweitens unterschätzen
7 IMF, World Bank Group, rekt vom Importschutz profitieren. Deren Par- Staatsbürger die Bedeutung marktwirtschaft-
WTO (2017).
8 Caplan, B. (2007). tikularinteressen sorgen dafür, dass die Vortei- licher Prinzipien als Treiber des W ­ ohlstandes

14  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

(«anti-market bias»). Und drittens setzen sie Steuer- und Sozialsystem dazu, welches nicht
Wohlstand mit der Anzahl (und dem Erhalt) nur eine gezielte Umverteilung zugunsten ar-
von Arbeitsplätzen gleich und nicht mit der mer Haushalte erlaubt, sondern auch negative
Entwicklung von Wertschöpfung («make­-work Anreize bei der Arbeitsmarktpartizipation ver-
bias»). In dieser Logik ist es gut nachvollziehbar, meidet.
dass merkantilistische Versprechen auch im Zu guter Letzt ist ein Plädoyer für die Inter-
21. Jahrhundert attraktiv bleiben. nationalisierung von Gesellschaft und Wirt-
schaft unvollständig, wenn man die weltwirt-
Zentrale nationale Handlungsfelder schaftliche Integration auf den Beitrag zum
Wirtschaftswachstum reduziert. Die Erschlies-
Technischer Fortschritt und internationale Öff- sung ausländischer Märkte geht mit dem Aus-
nung einer Volkswirtschaft sind keine hinrei- tausch mit anderen Kulturen einher. Freihan-
chenden, jedoch notwendige Bedingungen für del erweitert den Erkenntnisgewinn aus dem
Wohlstand. Dies gilt umso mehr, wenn eine Umgang mit ausländischen Partnern. Die Si-
Volkswirtschaft, wie die Schweiz, über einen cherung von Freihandel – über das multilate-
kleinen Binnenmarkt verfügt. Damit die Ge- rale Handelssystem der Welthandelsorganisa-
winne des Handels bei der Bevölkerung ankom- tion (WTO), über bilaterale Handelsabkommen
men, ist allerdings mehr nötig. So bieten die im oder über die internationale Entwicklungszu-
Vergleich zu 1989 nahezu stagnierenden realen sammenarbeit – ist letztlich auch deshalb von
Haushalteinkommen in den USA etwa nicht we- Bedeutung, weil sie grundlegenden Prinzipien
gen, sondern trotz des internationalen Güter- von Demokratie und Marktwirtschaft folgt: dem
austausches berechtigten Anlass zur Sorge. Verzicht auf Willkür und dem Gebot der Nicht-
Folgerichtig fordern Ökonomen die nationa- diskriminierung und Chancengleichheit. 9 OECD (2015).
le Politik auf, die wesentlichen wirtschaftspoli-
tischen Rahmenbedingungen, die zur Wohl-
standsförderung notwendig sind, in den Fokus
zu rücken – statt das Augenmerk auf die Ab-
schottung zu lenken.9 Aus der Literatur lassen
sich wichtige Handlungsfelder ableiten, welche
Regierungen auch in Zukunft beachten müssen.
Dazu gehören einerseits ein qualitativ hochste-
hendes sowie arbeitsmarktnahes System der
Eric Scheidegger
Aus- und Weiterbildung sowie flexible Arbeits- Dr. rer. pol., Leiter der Direktion für Wirtschafts-
märkte zur raschen Eingliederung von Stellen- ­politik und stv. Direktor, Staatssekretariat für
Wirtschaft (Seco), Bern
suchenden. Anderseits zählt ein kohärentes
Literatur
Ahn, J., Dabla-Norris, E., Duval, R., Hu, B., IMF, World Bank Group, WTO (2017). Making Nathani, C., Hellmüller, P., Peter, M.,
Njie L. (2016). Reassessing the Productivity Trade an Engine of Growth for All: The Case for Bertschmann D., Iten R. (2014). Die volkswirt-
Gains form Trade Liberalization, IMF Working Trade and for Policies to Facilitate Adjustment. schaftliche Bedeutung der globalen Wert-
Paper WP/16/77. Mankiw, G. (2015). Economists Actually Agree schöpfungsketten für die Schweiz – Analysen
Baldwin, R. (2016). The Great Convergence – on This: The Wisdom of Free Trade, New York auf Basis einer neuen Datengrundlage,
Information Technology and the New Globali- Times, 25. April 25. Strukturberichterstattung Nr. 53/1, Seco.
zation, The Belknap Press of Harvard Manyika, J., Lund, S., Bughin, J., Woetzel, J., OECD (2010). Seizing the Benefits of Trade for
University. Stamenov, K., Dhingra, D. (2016). Digital Employment and Growth, G-20 Summit Mee-
Caplan, B. (2007). The Myth of the Rational Gloablization: The New Area of Global Flows, ting Seoul, 11. bis 12. November.
Voter: Why Democracies Choose Bad Policies. McKinsey Global Institute, Washington. OECD (2011). Globalization, Comparative
Policy Analysis No. 594, Cato Institute. Advantages and the Changing Dynamics of
IGM Forum (2014). Fast-Track Authority, Trade.
11. November. OECD (2015). Economic Policy Reforms 2015:
Going for Growth.

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  15
AUSSENWIRTSCHAFT

Handelskosten: Schweiz profitiert


von geografischer Lage
Dank der zentralen Lage in Europa entstehen der Schweiz geringe Handelskosten, wie
eine Studie zeigt. Auf den ersten Blick entpuppt sich ein Wegfall des Aussenhandels als
weniger folgenschwer, als man annehmen würde.  Christian Hepenstrick

Abstract  Für die kleine und offene Volkswirtschaft Schweiz kommt dem weise von hoher Qualität und somit tendenziell
Aussenhandel eine wichtige Rolle zu. Eine Studie hat analysiert, welche Ge- kompetitiv im Vergleich zu den einheimischen
winne für die Schweiz durch den internationalen Handel anfallen. Anhand Gütern sind. Diesen Zusammenhang bezeich-
eines Standardmodells der Handelstheorie wurde die Handelsintegration ne ich als die Handelsaffinität eines Exporteur-­
der Schweiz und deren Beitrag zum Pro-Kopf-Einkommen betrachtet. Wie
Importeur-Paares. Falls nun der Handel zwischen
sich zeigt, liegen die Handelskosten insbesondere aufgrund der vorteilhaf-
ten geografischen Lage weit unter dem Durchschnitt. Am meisten zu den zwei Ländern intensiver ist, als die Handelsaffi-
Gewinnen tragen die EU-Länder bei. Änderungen in der Handelsintegra- nität alleine suggerieren würde, deutet dies auf
tion mit der EU wirken sich daher stärker auf den Wohlstand der Schweiz eine besonders starke Integration und somit auf
aus als beispielsweise veränderte Kosten im Handel mit China. besonders tiefe Handelskosten hin. Das Modell
verwendet genau diese Abweichung des beob-
achteten Handels von dem aufgrund der Affini-

D  ie Schweiz ist ein wirtschaftlich sehr offe-


nes Land.1 Im Jahr 2015 wurden Güter und
Dienstleistungen im Wert von rund 60 Prozent
tät zu erwartenden Handel, um die Handelskos-
ten zu schätzen (siehe Abbildung).
Betrachtet man die Handelsintensität der
des Bruttoinlandprodukts (BIP) exportiert; die EU-Länder untereinander, zeigt sich, dass die-
Importe beliefen sich auf die Hälfte des BIP. Da- se Länder wesentlich mehr handeln, als dies die
mit lag die Schweiz deutlich über dem OECD- Affinität alleine suggerieren würde. Das heisst
Durchschnitt von 45 Prozent bei den Exporten
respektive 40 Prozent bei den Importen. Auf-
grund der geografischen Lage sind die euro- Handelsmodell von Eaton und Kortum
päischen Länder besonders wichtig für die Die Studie Switzerland's Gains from Trade with Europe ist Ende
Schweiz: 60 Prozent der Exporte gingen 2015 in 2016 im Journal Aussenwirtschaft (Nr. 67-III) der Universität
europäische Länder, und 70 Prozent der Importe St. Gallen erschienen. Als Grundlage dient das Handelsmo-
dell von Eaton und Kortuma. In einem ersten Schritt wurden die
stammten aus diesem Gebiet. ­Handelskosten der Schweiz geschätzt. Dazu wurden die Han-
Angesichts dieser Zahlen habe ich in einer delsmuster von 86 Ländern im Jahr 2003 mit dem Modell kombi-
Studie untersucht, welche Bedeutung der Aussen- niert, um für alle Länderpaare den Grad der Handelsintegration
abzuschätzen. Die Länder, die zusammen 87 Prozent des glo-
handel für den Wohlstand der Schweiz hat (siehe
balen BIP generieren, wurden aufgrund der verfügbaren Daten
Kasten). Im Zentrum steht ein modellbasiertes ausgewählt. In einem zweiten Schritt wurde ermittelt, welchen
Mass für die Handelskosten, welches die Integra- Beitrag die Handelsintegration zum Einkommensniveau der
tion eines Landes in das globale Handelssystem Schweiz leistet. Konkret wurde anhand kontrafaktischer
Experimente berechnet, wie das Einkommensniveau auf
widerspiegelt. Ein besonderes Augenmerk habe ­Änderungen der geschätzten Handelskosten reagieren würde.
ich auf den Handel mit Europa gelegt. Kontrafaktische Experimente sind in der Handelsliteratur weit
Eine Handelsbeziehung ist grundsätzlich verbreitet und bezeichnen das modellbasierte Simulieren
1 Die in diesem Artikel einer von der Wirklichkeit abweichenden Entwicklung. Ein
wiedergegebenen An-
umso intensiver, je produktiver der Exporteur
wichtiger Aspekt des Modells ist die statische Betrachtungs-
sichten sind diejenigen relativ zum Importeur ist. Intuitiv lässt sich das weise, was dazu führt, dass allfällige dynamische Effekte von
des Autors und stim-
men nicht unbedingt so verstehen, dass ein gegebenes Land mehr aus Handel auf Innovation nicht berücksichtigt werden können.
mit denen der Schwei- sehr produktiven Ländern importiert, da deren a Eaton, Jonathan und Samuel Kortum (2002). Technology,
zerischen Nationalbank
überein. Produkte verhältnismässig günstig beziehungs- Geography, and Trade, Econometrica 70(5).

16  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

also, dass diese Länder überdurchschnittlich Sprache implizieren würden. Das Modell weist
gut integriert sind. Bezüglich der Schweiz lässt solchen erfolgreichen Exporteuern wie bei-
sich sagen, dass sie insgesamt sehr gut ins globa- spielsweise Singapur, China, Holland, Belgien,
le Handelssystem eingebunden ist und dass ins- Luxemburg und Deutschland, die ausserordent-
besondere die Handelskosten mit den EU-Län- lich geringe Handelskosten aufweisen, einen
dern tief sind. tiefen «Exporteur-Effekt» zu. Diese Effekte er-
klären rund 60 Prozent der geschätzten globa-
Geografie, Sprache und len Variation der Handelskosten.
Betrachtet man die Schweiz, stellt sich in-
«Exporteur-Effekt»
teressanterweise heraus, dass sie beim Expor-
Obwohl der Fokus der Studie primär auf dem Bei- teur-Effekt lediglich auf dem 20. Rang liegt. Dies
trag von Handelskosten zum Wohlstand eines ist zwar immer noch unter dem Durchschnitt,
Landes lag, lässt das Modell Rückschlüsse auf die bedeutet aber letztlich: Der geografische As-
Ursachen der Handelskosten zu. Wichtige Trei- pekt ist für die Handelskosten der Schweiz aus-
ber sind beispielsweise Geografie und Sprache. So schlaggebender als der Exporteur-Effekt.
weisen zentral gelegene Länder mit einer in vielen
Partnerländern verwendeten Sprache tendenziell 11 Prozent des BIP-Pro-Kopf-
tiefere durchschnittliche Handelskosten auf.
Einkommens
Darüber hinaus gibt es aber auch Länder,
Verbindet Genua
welche wesentlich mehr exportieren, als die mit Rotterdam:
Welchen Beitrag leistet die Handelsintegration
Produktivität des Landes sowie Geografie und Der Gotthardbasis- zum Wohlstand der Schweiz? Anhand eines
tunnel bei Erstfeld.

KEYSTONE

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  17
AUSSENWIRTSCHAFT

«kontrafaktischen Experiments» (siehe Kasten) ­ ank 30 Prozent unter jenem der Schweiz. Ein
b
wurde berechnet, wie stark sich das Pro-Kopf- Grund für das Gefühl, dass der Effekt kon-
Einkommen ändern würde, wenn die Handels- traintuitiv klein ist, dürfte daher rühren, dass
kosten der Schweiz extrem hoch wären. In einer unsere Intuition bezüglich der Wichtigkeit
solchen Welt ist es für keinen Exporteur profita- des Auslands vor allem durch zyklische Fluk-
bel zu exportieren, und gleichzeitig findet es auch tuationen geprägt ist. Diese erklären rund
niemand sinnvoll zu importieren. Die Schweiz 60 Prozent der Varianz im Schweizer BIP mit dem
würde also vollständig autark leben. Gemäss Mo- Ausland. Das Ausland spielt somit also eine sehr
dell läge das Pro-Kopf-Einkommen in einer sol- wichtige Rolle für die Volatilität des BIP, jedoch –
chen Situation langfristig 11 Prozent unterhalb gemäss dem Modell – weniger für das Niveau.
des Status quo.
Auf den ersten Blick mag dieser Effekt er- Deutschland spielt zentrale Rolle
staunlich klein erscheinen, liegt doch zum Bei-
spiel heute nur schon das k ­ aufkraftadjustierte Anhand von weiteren kontrafaktischen Expe-
Pro-Kopf-Einkommen Frankreichs gemäss Welt- rimenten habe ich anschliessend untersucht,

Bilaterale Handelsbeziehungen zwischen wichtigen Handelspartnern der Schweiz


3

1
"
Standardisierte Handelsintensität

0
!

-1
HEPENSTRICK (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

-2

-3
1/100 1/10 1 10 100
Relative Handelsaffinität

  Alle Handelsbeziehungen        Handelsbeziehungen innerhalb der EU        Handelsbeziehungen Schweiz - EU-Staaten      


  Handelsbeziehungen Schweiz - Nicht-EU-Staaten         Handelsbeziehungen Schweiz - China        Durchschnittliche Handelsintensität

Jeder Punkt repräsentiert eine bilaterale Handelsbeziehung zwischen den untersuchten 86 Ländern. Auf der logarith-
misch dargestellten x-Achse ist mit der Handelsaffinität ein Mass für die Produktivität des exportierenden Landes ­relativ
zu jener des importierenden Landes abgebildet. Auf der y-Achse ist mit der Handelsintensität (Importvolumen relativ
zur vom Importeur selbst genutzten einheimischen Produktion) ein Mass für den tatsächlich beobachteten Handel dar-
gestellt. Die Daten werden in standardisierter Form dargestellt. Werte über null deuten auf eine überdurchschnittliche
Handelsaffinität beziehungsweise -intensität. Die schwarze Linie stellt den durchschnittlichen empirischen Zusammen-
hang zwischen Handelsaffinität und -intensität dar. Das Modell interpretiert die Streuung um den durchschnittlichen
­Zusammenhang herum als Resultat der Handelsintegration zweier Länder: Je weiter ein Länderpaar über der Geraden
liegt, umso tiefer also fallen die vom Modell geschätzten Handelskosten aus.

18  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

wie viel ausgewählte Länder zum Schweizer wichtig. Nicht zuletzt, da die in der Literatur do-
Pro-Kopf-Einkommen beitragen. Deutschland kumentierten Effekte anderer ökonomischer
kommt dabei eine herausragende Bedeutung Lösungsansätze – wie beispielsweise struktu-
zu. Angenommen, der bilaterale Handel mit reller Reformen – nicht grösser sind.
dem wichtigsten Handelspartner der Schweiz Schliesslich bedarf es auch bei eher geringen
käme komplett zum Erliegen, würde das Ein- Gewinnen aus Handelsliberalisierungen gu-
kommen um 3 Prozent sinken. ter Gründe, diese nicht zu realisieren. Nehmen
Weitere wichtige Impulse kommen von den wir zum Beispiel an, dass ein Handelsvertrag in
Nachbarstaaten Frankreich, Italien und Öster- der langen Frist 0,1 Prozent mehr BIP schafft.
reich sowie aus den USA und aus China – aller- Bei dem heutigen nominalen BIP wären dies
dings liegen die Einkommensverluste im Falle rund 640 Millionen Franken. Bei einer konser-
bilateraler Autarkie für all diese Länder bereits vativ tief angenommenen Besteuerung von 10
unter 1 Prozent. Betrachten wir die EU als Gan- Prozent würde dies der Staatskasse zusätzliche
zes, ergibt sich ein Einkommensverlust von 7 Pro- Einnahmen von jährlich 64 Millionen Franken
zent. bringen, was die Verhandlungskosten sicherlich
In weiteren Experimenten zu den Handels- decken würde. Ein Entscheidungsträger muss
kosten zwischen der Schweiz und der EU habe ich also gute Gründe anführen, um der Ökonomie
realistischere Änderungen als die eben erwähn- die verbleibenden fast 600 Millionen Franken
te Autarkie betrachtet. Konkret habe ich einer- vorzuenthalten – mögen diese auch noch so
seits betrachtet, wie stark sich der Wohlstand klein sein im Verhältnis zum BIP.
verringern würden, wenn die Schweiz gleich gut
in die EU integriert wäre wie das bestintegrier- Geografische Lage ist entscheidend
te EU-Land Deutschland. Andererseits habe ich
den Effekt analysiert, welcher sich ergäbe, wenn Die Studie verdeutlicht, wie wichtig Europa für
die Schweiz im Durchschnitt gleich hohe Han- den Schweizer Aussenhandel ist. Ein Grossteil
delskosten mit den EU-Ländern aufweisen wür- der Wohlfahrtsgewinne aus dem Handel kommt
de wie die USA. Während im ersten Fall das BIP- aus der EU. Dies liegt nur schon daran, dass die
Pro-Kopf-Einkommen um 8 Prozent stiege, ginge Schweizer Handelskosten aufgrund der geo-
es im zweiten Fall um 2,5 Prozent zurück. grafischen Lage wesentlich tiefer sind als jene
Diese Grössenordnungen kontrastieren mit mit anderen Regionen.
dem vierten Experiment, in welchem China Da die Studie nur die Effekte auf das Durch-
betrachtet wird. Trotz der grossen bilateralen schnittseinkommen untersucht, wurden allfäl-
Distanz sind die Handelskosten zwischen der lige Verteilungseffekte vernachlässigt. Eine in
Schweiz und China bereits überdurchschnitt- jüngster Zeit sehr aktive Literatur hat jedoch
lich tief (siehe grüne Punkte in der Abbildung). die Präsenz von solchen Verteilungseffekten
Würde man diese Kosten um ein Fünftel weiter glaubwürdig dokumentiert.2 Entsprechend soll-
senken, ergäbe sich gemäss Modell ein Schwei- ten diese bei allfälligen Politikentscheidungen
zer Wohlfahrtsgewinn von vergleichsweise ge- mit den hier dokumentierten positiven Durch-
ringen 0,3 Prozent. schnittseffekten abgewogen werden.

Kein Allheilmittel
Wie sind diese Resultate einzuordnen? Handels-
liberalisierungen werden immer wieder als Lö-
2 Siehe zum Beispiel Da- sung für alle möglichen ökonomischen Proble-
vid H. Autor, David Dorn
und Gordon H. Han-
me angeführt. Gemäss dem Modell dürfte dem
son (2016). The China nicht so sein, denn die Effekte von Handelslibe-
Shock: Learning from
Labor Market Adjust- ralisierungen, welche zu tieferen Handelskos- Christian Hepenstrick
ment to Large Changes
in Trade, NBER Working
ten führen, sind relativ moderat und lassen sich Dr. oec., Senior Economist, Konjunktur Schweiz,
Schweizerische Nationalbank (SNB), Zürich
Paper No. 20906. nur langsam materialisieren. Trotzdem sind sie

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  19
AUSSENWIRTSCHAFT

Globalisierung trifft Mittelstand relativ


hart – ausser in der Schweiz
Der Mittelstand steht in vielen Industrieländern als relativer Globalisierungsverlierer da.
Ein Grund dafür ist: Die Realeinkommen stagnierten in den letzten 20 Jahren. In der
Schweiz hingegen sind die unteren und mittleren Einkommen dank dem starken Fran-
ken und dem durchlässigen Bildungssystem kaum betroffen.  Daniel Kalt

allem in den westlichen Industrieländern erzielten


Abstract  Breite Bevölkerungskreise in den entwickelten Volkswirtschaf-
ten sehen sich seit einigen Jahren als relative Verlierer der Globalisierung. breite Mittelschichten in den vergangenen zwan-
Verschiedene Studien zeigen, dass der Mittelstand in zahlreichen Indus- zig Jahren kaum mehr reale Einkommensfort-
trieländern über die vergangenen zwei Jahrzehnte kaum mehr reale Ein- schritte, wie verschiedene Studien belegen. So be-
kommensfortschritte verzeichnen konnte. Die daraus entstehende Un- rechnete der aus Serbien stammende US-Ökonom
zufriedenheit manifestiert sich im steigenden Zuspruch, den politische Branko Milanovic beispielsweise auf Basis von
Kräfte erfahren, die eine protektionistische und auf Abschottung der eige- rund 120 Länderstudien die globale Einkommens-
nen Märkte zielende Wirtschaftspolitik propagieren – mit gefährlichen
verteilung und ermittelte, wie sich die Reallöhne
Folgen für den weltweiten Wohlstand. Für die Schweiz kann allerdings kei-
ne Stagnation bei den unteren und mittleren Einkommensschichten beob- in verschiedenen Einkommensschichten von 1988
achtet werden. Seit den Neunzigerjahren hat der Einkommensanteil dieser bis 2008 veränderten (siehe Abbildung 1).1
Schichten am Gesamteinkommen nach staatlicher Umverteilung zuge- Gemäss Milanovic vermochten die global
nommen. Hauptgründe für die vergleichsweise egalitäre Einkommensent- ärmsten Einkommensschichten – die unters-
wicklung sind der starke Franken sowie das duale Bildungssystem. ten 5 Prozent – zwischen 1988 und 2008 ihre
Realeinkommen im Durchschnitt nicht zu stei-

S  chon mit dem überraschenden Brexit-Ent-


scheid Grossbritanniens Mitte 2016, spätes-
tens jedoch mit der Wahl Donald Trumps zum
gern. Doch schon ab dem 10-Prozent-Perzentil
bis zum 70. Perzentil nahmen die real verfügba-
ren Einkommen zwischen 60 und 80 Prozent zu.
US-Präsidenten wurde einer breiten Öffent- Der Grossteil dieser Einkommen findet sich in
lichkeit bewusst, wie deutlich in jüngster Zeit den Schwellenländern, die in den letzten zwan-
die populistischen, auf Abschottung bedachten zig bis dreissig Jahren den Sprung aus der Armut
politischen Kräfte weltweit an Zuspruch gewon- in die Mittelschicht schafften.
nen haben. Quer durch alle Gesellschaftsschich- Die Haushalte vom 75. bis zum 90. Perzentil,
ten scheint sich in vielen entwickelten Ländern was mehrheitlich der Mittelklasse in den Indust-
ein zunehmender Anti-Globalisierungs-Reflex rieländern entspricht, verzeichneten hingegen im
auszubreiten. Insbesondere der Mittelstand Durchschnitt kaum reale Einkommensfortschrit-
fühlt sich von den Auswirkungen der Globali- te. Gewisse mittlere Einkommensgruppen in den
sierung bedroht und sieht sich als – zumindest USA und in Westeuropa erzielen sogar tiefere rea-
relativer – Verlierer. le Einkommen als noch ihre Elterngeneration, wie
Eine Ursache für die Verunsicherung ist die in verschiedene Studien zeigen. Ihr Einkommen real
den letzten dreissig Jahren stark gestiegene Mo- vermehren konnten hingegen die einkommens-
bilität von Kapital und Arbeit, was zur Auslage- stärksten rund 5 Prozent sowie insbesondere die
rung von Wertschöpfungsketten und Arbeits- «Top-1-Prozent» der Weltbevölkerung.
plätzen in die Schwellenländer führte. In Europa
sorgt zudem ein steigender Migrationsdruck für Schweizer Mittelstand steht gut da
politischen Unmut und Ängste im Mittelstand.
Eine weitere Erklärung für den Aufstieg der Im Gegensatz zu den USA oder anderen europäi-
1 Milanovic (2012). Populisten ist bei den Einkommen zu suchen: Vor schen Industrieländern ist der Schweizer Mittel-

20  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

stand in den letzten Jahren wirtschaftlich nicht Abb. 1: Veränderung der Realeinkommen nach 5-Prozent-Perzentilen
abgehängt worden. Zwar nahm der Anteil des weltweit (1988 bis 2008)
Einkommens vor Steuern und staatlichen Trans-
90       In %, Veränderung Realeinkommen 1988–2008
fers der mittleren Einkommensgruppen leicht ab.
Mittelklasse Schwellenländer Mittelklasse
Werden aber die Einkommen nach staatlicher 80 Industrieländer
Umverteilung wie beispielsweise Steuern und
Sozialleistungen betrachtet, nahm der Einkom- 60

mensanteil des Mittelstandes am Gesamtein-

MILANOVIC (2012) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


40
kommen leicht zu. In den unteren Einkommens-
perzentilen konnte er sogar am deutlichsten 20
gesteigert werden (siehe Abbildung 2).
Neben der signifikanten staatlichen Umver- 0
teilung sehen wir zwei weitere wesentliche Grün-
-20
de für diese relativ egalitäre Entwicklung bei der
5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60 65 70 75 80 85 90 95 100
Einkommensverteilung in der Schweiz. Erstens
Einkommensperzentile
haben der starke Franken und die dadurch tie-
Links auf der x-Achse ist der Medianlohn der 5 Prozent weltweit Ärmsten aufge-
fe, ja mehrheitlich sogar negative Teuerung der führt, ganz rechts finden sich die Personen mit den allerhöchsten Einkommen.
letzten Jahre dazu geführt, dass der Anteil des Wir betrachten hier den Durchschnitt im jeweiligen 5-Prozent-Perzentil: Innerhalb
Erwerbseinkommens am Bruttoinlandprodukt dieser Gruppe können sich die individuellen Einkommen somit unterschiedlich
(BIP) stetig gestiegen ist. Denn durch den wäh- entwickelt haben.
rungsbedingten Einbruch der Margen sank in
den letzten Jahren der Anteil der Unternehmens- Abb. 2: Veränderung verfügbares Realeinkommen nach Dezilen in der
gewinne am BIP deutlich (siehe Abbildung 3). Schweiz (1998 bis 2013)
Ausserdem fielen die Zinserträge aufgrund 40       In %

der massiv tieferen Zinsen deutlich niedriger aus. 35

AVENIR SUISSE, UBS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Somit trugen in den letzten Jahren vornehmlich 30
die Unternehmer das Währungsrisiko, was sich
25
in sinkenden Margen niederschlug, während
die Arbeitslosigkeit kaum zunahm. Diese gegen- 20

läufige Entwicklung bei den Erwerbs- und Kapi- 15


taleinkommen kam vor allem den unteren Ein- 10
kommensschichten zugute. Respektive: Sie ging
5
zulasten der oberen Einkommensschichten, die
1. Dezil 2. Dezil 3. Dezil 4. Dezil Median 6. Dezil 7. Dezil 8. Dezil 9. Dezil 10. Dezil
ihre Einkommen in höherem Mass aus Kapital-
erträgen generieren.
Ausserdem zeigt die jährliche Lohnumfrage dern, die kein Berufslehrsystem kennen. Auch
der UBS, dass der starke Franken die Inflation dies dürfte in unseren Augen über die vergan-
entgegen den Erwartungen zurückgebunden genen Jahre dazu beigetragen haben, dass die
hat.2 Dies hat dazu beigetragen, dass die Real- Schweiz eine vergleichsweise egalitäre Einkom-
einkommen der Lohnempfänger in den letzten mensentwicklung vorweisen kann.
sieben Jahren so stark gestiegen sind wie nie zu-
vor in den vergangenen rund dreissig Jahren. Vorteile erklären, Nachteile mildern
Als zweite wesentliche Erklärung kann das
in der Schweiz gut ausgebaute duale Bildungs- Die Unzufriedenheit in breiten Mittelschich-
system mit der Berufslehre angeführt werden. ten der westlichen Länder über ihr relatives
Das Berufslehrsystem erlaubt es auch Arbeit- Zurückfallen gegenüber jenen ganz oben und
nehmern aus bildungsferneren Schichten, eine jenen weiter unten droht nun zunehmend popu-
qualitativ hochstehende Ausbildung zu ab- listisch argumentierende Politiker an die Macht
solvieren. Damit ist der direkte Zugang zum zu spülen. Diese Populisten wollen das Rad der
Arbeitsmarkt besser gewährleistet als in Län- Zeit zurückdrehen, indem sie die multilateralen 2 UBS (2016).

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  21
AUSSENWIRTSCHAFT

Abb. 3: Anteil Erwerbseinkommen am BIP in der Schweiz; Abweichung Euro-Franken-Wechselkurs von


der Euro-Franken-Kaufkraftparität
61,5       In %, Anteil Erwerbseinkommen Abweichung Kaufkraftparität, In %       20

60 10

56,5 0

SECO, SNB, UBS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


57 -10

55,5 -20

54 -30
1990 1995 2000 2005 2010 2015

  Anteil Erwerbseinkommen       Abweichung Kaufkraftparität (rechte Skala) 

­ andelsabkommen zu Fall bringen und Han-


H Schliesslich sollten sich insbesondere Euro-
delsschranken hochziehen, um die so angespro- pas Politiker mit der Frage auseinandersetzen,
chenen Wählerschichten zu beschützen. ob die weitgehend uneingeschränkte Personen-
Angesichts dieser Entwicklungen muss es freizügigkeit unter bestimmten Bedingungen ge-
denjenigen Kräften, die weiterhin für eine offene, drosselt werden könnte, ohne an den drei Prin-
dem Freihandel verpflichtete Weltgemeinschaft zipien des freien Waren-, Dienstleistungs- und
eintreten und gegen eine nationalistisch gepräg- Kapitalverkehrs zu rütteln und so zumindest
te, auf Abschottung und Isolationismus setzen- die Kernelemente eines funktionierenden Bin-
de Politik kämpfen, gelingen, die Wähler von den nenmarktes zu sichern. Ebenso sind politische
Vorzügen einer offenen und stark integrierten Konzepte wie beispielsweise das Modell von
Weltwirtschaft zu überzeugen. Dazu gehört die konzentrischen Kreisen oder ein Europa der ver-
Erkenntnis, dass die Globalisierung bereits Hun- schiedenen Geschwindigkeit zu prüfen. Bleibt die
derten Millionen Menschen den Aufstieg aus der Politik untätig, droht Europa am Groll eines zu-
Armut in die Mittelklasse ermöglicht hat. Her- nehmend frustrierten Mittelstandes zu zerbre-
vorzuheben gilt es auch: Mit einer weiter gehen- chen – was letztlich alles andere als im Interesse
den wirtschaftlichen Integration wird gerade der Schweiz ist.
in Europa wohl die wirkungsvollste Prävention
gegen erneute kriegerische Auseinandersetzun-
gen betrieben.
Zweitens müssen wirtschaftspolitische Mass-
nahmen eingeleitet werden, um die negativen Ef-
fekte der Globalisierung zu mildern. Der zentrale
Ansatzpunkt ist dabei die Aus- und Weiterbil-
dung von Arbeitskräften, die im intensivierten
internationalen Wettbewerb zunehmend unter Daniel Kalt
Druck stehen. Hier könnten sich viele Länder am Dr. rer. pol., Chefökonom und Chief Investment Officer
Schweiz, UBS Switzerland, Zürich
dualen Bildungssystem der Schweiz orientieren.

Literatur
Avenir Suisse (2013). Verteilung – avenir suisse Pew Research Center (2015). A Global Middle Milanovic, Branko (2012). Global Income
spezial. Class Is More Promise than Reality. Inequality by the Numbers: In History and
McKinsey Global Institute (2016). Poorer than UBS (2016). UBS Lohnumfrage. Now – An Overview.
Their Parents? Flat or Falling Incomes in
Advanced Economies.

22  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

Globalisierungskritik:
Unterstützung von rechts?
Spätestens seit dem Wahlsieg von Donald Trump kommt die Globalisierungskritik
auch von rechts. Vergleicht man diese Argumente mit denjenigen der international
ausgerichteten Linken, wird allerdings klar: Die beiden Bewegungen trennen Welten.   
Andreas Missbach

der Widerstand gegen die Austeritätspolitik


Abstract  Die globalisierungskritische Bewegung der Linken ist als Reak-
des Internationalen Währungsfonds (IWF),
tion auf das von IWF, Weltbank und WTO geprägte Globalisierungspro-
gramm der Neunzigerjahre zu verstehen. Die zivilgesellschaftliche Kritik weil dieser versuchte, die lateinamerikanische
von NGOs wie der Schweizer Organisation Public Eye richtet sich gegen Schuldenkrise auf dem Buckel der Ärmsten zu
den schrankenlosen Freihandel, die Liberalisierung der Finanzmärkte und lösen. Auch 1997, als die Geheimverhandlungen
die Privatisierung öffentlicher Dienstleistungen. Diese wirtschaftslibera-
über das Multilateral Agreement on Investment
le Politik schadet insbesondere den armen Ländern; profitiert haben hin- (MAI) der OECD bekannt wurden, kam es in vie-
gegen die multinationalen Konzerne. Eine Lösung sehen wir in progres-
len Ländern schon zu ersten Massenprotesten.
siven Einkommenssteuern. Im Gegensatz zur globalisierungskritischen
Bewegung verfolgen rechte Protektionisten wie der US-Präsident Donald
Einer der kontroversesten Punkte waren da-
Trump andere Ziele: Sie wollen die Märkte der Industriestaaten abschot- mals die internationalen Schiedsgerichte, wel-
ten, um Industriearbeitsplätze der eigenen Wählerschaft zu sichern. Dazu che auch heute wieder im Zentrum der Kritik
machen sie Stimmung gegen Migranten und plädieren für geschlossene am Transatlantischen Freihandelsabkommen
Grenzen – nachhaltige Lösungen sind jedoch nicht vorhanden. (TTIP) stehen.
Ebenfalls 1997 erzwangen Hedgefonds eine
massive Abwertung des thailändischen Bath,

G  lobalisierungskritik war lange Zeit die Do- wodurch andere asiatische Länder «angesteckt»
mäne der Linken und international ausge- wurden, obwohl diese nicht dieselben Schwä-
richteter NGOs – wozu auch die Schweizer Or- chen hatten wie Thailand. Das Resultat: Indo-
ganisation Public Eye zählt. Neuerdings kommt nesien und Südkorea erlitten gemeinsam mit
Kritik am Freihandel auch aus der politisch Thailand die schwerste Wirtschaftskrise ihrer
gegenüberliegenden Ecke. Und dies ist nicht Geschichte. Die globalisierungskritische Bewe-
auf die USA unter Präsident Donald Trump be- gung reagierte darauf mit der Forderung «Kapi-
schränkt: 78 Prozent der AfD-Wählenden in tal braucht Kontrolle».
Deutschland, 76 Prozent der Front-National- Die globalisierungskritische Bewegung war
Wählenden in Frankreich und 69 Prozent der somit eine Reaktion auf das Globalisierungspro-
FPÖ-Wählenden in Österreich sehen gemäss gramm der Neunzigerjahre – auf den «Konsens
der NZZ in der Globalisierung eine akute Be- von Washington». Damit ist die übereinstimmen-
drohung. Bildet sich hier also eine unheilige­ de Rezeptur der in der US-Hauptstadt beheimate-
Allianz, oder gilt gar «les extrêmes se touchent»? ten Institutionen Weltbank, IWF und US-Finanz-
Ein Blick zurück: Als im Dezember 1999 das ministerium sowie der in Genf ansässigen WTO
Ministertreffen der Welthandelsorganisation gemeint. Die Kritik richtete sich inhaltlich gegen
(WTO) in Seattle im Tränengasnebel von Mas- den uneingeschränkten Freihandel, die Liberali-
senprotesten scheiterte, entdeckten die Welt- sierung der Finanzmärkte und die Privatisierung
medien plötzlich die globalisierungskritische öffentlicher Dienstleistungen.
Bewegung. Entstanden ist die Bewegung aller- Profiteure und treibende Kraft dieser Wa-
dings schon früher. Bereits Anfang der Acht- shingtoner Agenda waren die ­multinationalen
zigerjahre bildete sich ein weltumspannen- Konzerne, weshalb sich die Bewegung auch

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  23
AUSSENWIRTSCHAFT

KEYSTONE
Front-National-Chefin
Marine Le Pen (Mitte)
gegen deren wachsende Macht, Einflussnahme kritisiert im Wahl- giden Freihandelsbedingungen arme Länder
und Arroganz richtete, wie sie etwa in der Aus- kampf die Verlagerung keine Chance haben, ihre Entwicklungspoten-
sage des damaligen ABB-Chefs Percy Barnevik von französischen ziale zu nutzen.
Arbeitsplätzen.
im Jahr 2000 zum Ausdruck kam: «Ich definiere Die Wirtschaftsgeschichte zeigt eindeutig:
Gruppenfoto mit
Globalisierung als die Freiheit unserer Firmen- Arbeitern in Amiens. Kein einziges bevölkerungsreiches Land hat sich
gruppe, zu investieren, wo und wann sie will, zu unter absoluten Freihandelsbedingungen, also
produzieren, was sie will, zu kaufen und zu ver- ohne jegliche Schutzzölle und andere staatliche
kaufen, wo sie will, und alle Einschränkungen Unterstützungsmassnahmen, entwickelt. Und
durch Arbeitsgesetze oder andere gesellschaft- erst recht nicht, wenn gleichzeitig auch noch
liche Regulierungen so gering wie möglich zu der Finanzsektor und der Kapitalverkehr libera-
halten.»1 lisiert worden wären. Chinas Erfolge der letzten
Jahrzehnte sind dafür das Paradebeispiel.
Abschottung? Nein danke Als wichtiger Grund für die Wahl Trumps
gilt der Wohlstandsverlust der weissen Indus-
Die linke oder genauer zivilgesellschaftliche triearbeiter. Auch in Europa dürfte darin die
Globalisierungskritik ist viel mehr als nur eine Globalisierungsablehnung von vielen Rechts-
Kritik am ungebremsten Freihandel und unter- aussen-Wählern begründet sein. Zwar haben
scheidet sich fundamental von der Agenda von auch die zivilgesellschaftliche Globalisierungs-
Trump & Co. Es geht nicht um die Abschottung kritiker stets auf die Verlierer der Globalisie-
1 Rede vor Topmanagern
der Märkte der Industrieländer oder um Pro- und Politikern, rung aufmerksam gemacht. Dennoch sind die
tektionismus zwecks Sicherung von Industrie- zitiert nach Frankfurter Unterschiede zwischen den beiden B ­ ewegungen
Rundschau vom
arbeitsplätzen, sondern darum, dass unter ri- 15. April 2015. gewaltig: Während die rechten Globalisierungs-

24  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

gegner auf Abschottung – von Ausländern, auch eine ökologische Dimension. Denn es
Flüchtlingen und Migranten – setzen, sind macht keinen Sinn, Regenwald in Brasilien für
für die globalisierungskritische Bewegung die die Sojaproduktion abzuholzen, dieses Soja über
wachsende Ungleichheit und die Konzentration Tausende von Kilometern nach Europa zu schaf-
der Einkommen und Vermögen an der Spitze fen, damit Hochleistungskühe in Tierfabriken
das Hauptproblem. Als eine Ursache sehen wir zu füttern, deren – oft subventionierte – Milch
die Entfesselung des Finanzsektors. dann als Milchpulver billig in Entwicklungs-
Ausserdem hat sich die zivilgesellschaftliche ländern zu verkaufen und die dortigen Klein-
Bewegung schon früh mit echten Lösungen be- bauernfamilien aus dem Markt zu drängen.
schäftigt. Public Eye etwa gründete zu diesem Der globale Handel ist in der heutigen Form
Zweck gemeinsam mit gleichgesinnten Organi- nur deshalb möglich, weil die ökologischen (und
sationen schon 2002 das internationale Netz- sozialen) Kosten systematisch externalisiert
werk für Steuergerechtigkeit (Tax Justice Net- werden. Eine Menschheit, welche die globale Er-
work). Spätestens seit der Finanzkrise sind die wärmung wirklich begrenzen will, kann es sich
verheerenden Flurschäden, welche Steuerflucht aber definitiv nicht leisten, grobfahrlässig zu
und aggressive Steuervermeidung in den Staats- handeln. Deshalb gehört auch die Umwelt- und
finanzen anrichten, weitherum anerkannt. Aber Klimaschutzbewegung zur Grossfamilie der
wir betonten immer auch eine andere Bedeu- ­zivilgesellschaftlichen Globalisierungskritik.
tung von Steuern – nämlich als staatliches Mit- Die globalisierungskritische Bewegung hat
tel zur Reduktion von sozialer Ungleichheit. So die Globalisierung nie verteufelt, erst recht
sind beispielsweise die Einkommen in Finnland nicht offene Grenzen für Menschen, Ideen und
und den USA vor Steuerabzug und Sozialleis- kulturelle Einflüsse. Es geht uns um eine an-
tungen ähnlich stark ungleich verteilt. In Finn- dere Globalisierung, auf Französisch sind wir
land wird jedoch fast die Hälfte der ursprüngli- ­«alter-mondialistes», und das Motto des 2002
chen Ungleichheit durch Steuern korrigiert. als Gegenpol zum Weltwirtschaftsforum (WEF)
Welch ein Unterschied zur Politik von gegründeten Weltsozialforums lautet nicht um-
Trump, der die Steuern drastisch senken und sonst «Eine andere Welt ist möglich». Dem neo-
die nach der Finanzkrise eingeführte Ban- liberalen Dogma der ehemaligen britischen Pre-
kenregulierung demontieren will. Das einzige mierministerin Margaret Thatcher «There is no
internationale Abkommen, das er bisher nicht alternative» entgegnet die globalisierungskriti-
kritisiert hat, ist das geplante Trade in Services sche Bewegung: «There are thousands of alter-
Agreement (Tisa). Tisa ist eine Neuauwflage natives.» Im Zeitalter von alternativen Fakten
des General Agreement on Trade in Services sind diese Einsicht und entsprechendes politi-
(Gats), dessen Weiterentwicklung in der WTO sches Handeln nötiger denn je.
seit Langem blockiert ist. Die globalisierungs-
kritische Bewegung bekämpfte schon das Gats,
weil es den Finanzsektor weiter liberalisieren
will und die Privatisierung öffentlicher Dienst-
leitungen, ganz besonders des Bildungssys-
tems, anstrebt.

Tausende Alternativen
Andreas Missbach
Die begründeten Zweifel der Zivilgesellschaft Dr. phil. I, Geschäftsleitungsmitglied von Public Eye
(ehemals Erklärung von Bern), Zürich
am ungebremsten Freihandel hatten immer

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  25
AUSSENWIRTSCHAFT

Globalisierungsängste der
Stimmbürger nehmen zu
Immigration und Flüchtlingsströme: Die Globalisierungsängste der Schweizer Stimm-
bürger haben zugenommen. Während sie sich in der Vergangenheit hauptsächlich bei
den direktdemokratischen Abstimmungen äusserten, spielen sie heute auch bei den na-
tionalen Wahlen eine Rolle.  Pascal Sciarini

Abstract    In den vergangenen 50 Jahren konnten die Schweizer Stimm- Direkte Demokratie als Barometer
bürger ihre Kritik und ihre Bedenken gegenüber der Globalisierung bei den der Unzufriedenheit
Wahlen und im Rahmen der direkten Demokratie vermehrt äussern. Ob-
wohl eidgenössische Abstimmungen zu internationalen Themen zuge- Im Laufe der letzten Jahrzehnte konnte das
nommen haben, genoss der Bundesrat beim Stimmvolk meist einen gros- Stimmvolk seine Kritik und seine Bedenken
sen Rückhalt. Unterbrochen wurde die bundesrätliche Erfolgsserie zuletzt
gegenüber der Globalisierung über zwei Kanäle
durch die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative der SVP im Febru-
ar 2014. Ein Grund sind Migrationsängste, welche im Zusammenhang mit
äussern: bei den Wahlen und im Rahmen der di-
der Globalisierung zu verstehen sind – was sich auch bei den nationalen rekten Demokratie. Da im Zuge der Verfassungs-
Wahlen bemerkbar macht. Allerdings ist die Schweiz in diesem Bereich kein änderungen von 1977 und 2003 der Anwen-
Sonderfall. dungsbereich der direkten Demokratie bei den
internationalen Verträgen ausgeweitet wurde,
hat sich die Zahl der Abkommen, gegen welche

D  ie Ausdehnung des Freihandels, enger ver-


flochtene Märkte und die damit verbun-
dene Auflösung der Grenzen zwischen Volks-
das Referendum ergriffen werden kann, verviel-
facht. Zusammen mit der erwähnten politi-
schen Internationalisierung haben die Verfas-
wirtschaften sind charakteristisch für die sungsänderungen die Mitbestimmungsrechte
Globalisierung. Die Politik und die Beziehungen der Bevölkerung in aussenpolitischen Angele-
auf internationaler Ebene entwickeln sich im genheiten und in innerstaatlichen Fragen, wel-
Gleichschritt mit diesem Trend und prägen zu- che eine wesentliche internationale Komponen-
nehmend die nationalen Debatten. Denn: Jedes te aufweisen, gestärkt.
Land ist immer auch externen Einflüssen ausge- Als direkte Folge dieser Änderungen sind
setzt. eidgenössische Abstimmungen zu «internatio-
Für die im Herzen Europas gelegene Schweiz nalen Themen» im Laufe der Zeit deutlich häu-
bedeutet diese Internationalisierung vor al- figer geworden. Während es in den Sechziger-
lem eine Europäisierung: Der vertiefte Integra- jahren lediglich 5 solche Abstimmungen gab,
tionsprozess der Europäischen Union hatte be- waren es in den Neunzigerjahren und in den
trächtliche Folgen für die Politik. Parallel dazu Nullerjahren bereits je 25. Relativ ausgedrückt
verstärkte sich die Migration – eine weitere Fa- – das heisst im Verhältnis zur Gesamtzahl der
1 F ür Einzelheiten siehe
Sciarini Pascal (2016), cette der Globalisierung. Entsprechend sind die Volksabstimmungen im entsprechenden Zeit-
Direct Democracy in
Switzerland: The Gro-
europäische Integration und die Migrationsbe- raum – ist die Häufigkeit der Abstimmungen
wing Tension Between wegungen auf nationaler Ebene heute eng mit- mit internationaler Komponente von 17 Pro-
Domestic and Foreign
Politics, in: Ruth Sas- einander verbunden. Einerseits, weil der freie zent auf 30 Prozent gestiegen. Mit anderen
kia P., Welp Yanina und
Whitehead Laurence
Personenverkehr im Zentrum der bilateralen Worten: Fast ein Drittel der Abstimmungen be-
(Hrsg.). Let the People Abkommen mit der EU steht. Andererseits, weil treffen heute ein Thema mit einer bedeutenden
Rule? Direct Democra-
cy in the Twenty-First regelmässige Flüchtlingswellen aus Kriegslän- internationalen Dimension.1 Wesentlich zu
Century. Colchester, dieser Entwicklung beigetragen haben Abstim-
ECPR press, S. 171–188.
dern eine koordinierte Reaktion Europas erfor-
2 Schweizer Wahlstu- dern. mungen über Immigrations- oder Asylfragen

26  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Migrationsängste
beeinflussen die
sowie über die Europapolitik. Bemerkenswert nationalen Wahlen im 1986, das Nein zum Europäischen Wirtschafts-
ist: In der Schweiz gibt es mehr Volksabstim- Herbst 2015. Syrische raum (EWR) 1992 und zwei Jahre später die Ab-
mungen über europäische Fragen als in irgend- Flüchtlinge im lehnung des Blauhelmkontingents hinnehmen.
Emmental.
einem Mitgliedsland der EU. Trotzdem folgte ihm das Volk von 1961 bis 2015
In der EU dominiert die Auffassung, dass der in durchschnittlich sechs von zehn Abstim-
Integrationsprozess nur voranschreiten kann, mungen und damit fast so häufig wie bei innen-
wenn er entpolitisiert und somit der öffentli- politischen Fragen.
chen Debatte entzogen wird. Diese Haltung be- Nach der Niederlage von 1992 konnte der
günstigte einen «grosszügigen Konsens» in der Bundesrat in europapolitischen Fragen eine Er-
europäischen Bevölkerung bis zur Aushandlung folgsserie verbuchen. Auch bei sämtlichen Ab-
des Maastricht-Vertrags zu Beginn der Neun- stimmungen zur Asyl- und Ausländerpolitik
zigerjahre: Die europäischen Bürger akzeptier- stellte sich eine Mehrheit hinter ihn. Ebenso be-
ten den Integrationsprozess, ohne sich näher kräftigte die Bevölkerung erstmals seit der An-
damit zu befassen, worum es genau ging. In der nahme der bilateralen Verträge im Jahr 2000
Schweiz wurden die Europafragen hingegen ihre Zustimmung zum freien Personenverkehr
durch die Volksrechte ab Mitte der Achtziger- mit der EU. Fünf Jahre später wurde das Abkom-
jahre stark politisiert, und über den Eliten hing men auf die zehn neuen EU-Mitglieder ausge-
von Anfang an das Damoklesschwert des Refe- weitet; 2009 wurde es verlängert, und neu ka-
rendums. men Bulgarien und Rumänien hinzu.
Abrupt unterbrochen wurde die Erfolgsse-
Erfolgsserie des Bundesrats rie am 9. Februar 2014 mit der Annahme der
SVP-Initiative gegen die Masseneinwanderung.
Faktisch konnte der Bundesrat bei den Volksab- Obwohl der freie Personenverkehr zum Wirt-
stimmungen, die internationalisierte Themen schaftswachstum beigetragen hat, bezwei-
betreffen, auf eine recht breite Unterstützung feln die Wähler den eigenen Nutzen vermehrt.
zählen. Zwar musste er auch einschneiden- Gleichzeitig fürchten sie sich vor Nachteilen der
de Niederlagen wie das Nein zum UNO-Beitritt zunehmenden Immigration immer stärker.

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  27
KEYSTONE
Viele ­konservative
Wähler betrachten
Isolation: Kein Randthema mehr die internationale die Grenze zwischen den Anhängern einer «Öff-
­Öffnung als Bedro- nung» und einer «Integration» hin zu denjeni-
Das Unbehagen angesichts der Globalisierung, hung. Traditioneller gen einer «Schliessung» und «Abschottung».
«Blochumzug»
welches sich in einem Misstrauen gegenüber der Diese Neuausrichtung legte den Grundstein für
bei Stein AR.
Migration sowie gegenüber der europäischen den Aufstieg der SVP.
Integration manifestiert, spielt auch bei den na- Auch in der Schweiz trat der Gegensatz zwi-
tionalen Wahlen vermehrt eine tragende Rolle. schen «Verlierern» und «Gewinnern» der Glo-
Noch bis Ende der Achtzigerjahre hatte sich kei- balisierung stärker hervor. Zu den «Verlierern»
ne der vier grossen Parteien gegen die interna- gehören die frühere Mittelklasse – Bauern, Hand-
tionale Öffnung für ausländische Arbeitskräfte werker und Gewerbetreibende – sowie die Arbei-
gestellt. Die Befürworter einer Isolation wurden terkreise. Diese Wählerschichten sehen die inter-
damals durch Bewegungen wie die «Nationale nationale Öffnung als Bedrohung und versuchen,
Aktion gegen Überfremdung von Volk und Hei- sich davor zu schützen. Auf der Gewinnerseite
mat» (heute Schweizer Demokraten) vertreten, findet sich die neue Mittelklasse der sogenann-
die aus der nationalistischen Rechten hervor- ten soziokulturellen Berufe. Hinzu kommen Füh-
gegangen und im Kontext ausländerfeindlicher rungskräfte und Freiberufler, die offene Grenzen
Initiativen in Erscheinung getreten waren. Da als Chance betrachten. Diese Kluft hat die politi-
diese Politik wenig Gehör fand, konnte sie die – schen Kräfteverhältnisse verändert und die Ver-
vorsichtige – Politik der Öffnung, welche die Re- bindungen zwischen Abstimmenden und Partei-
gierung anstrebte, nicht behindern. en neu definiert. Der spektakulärste Ausdruck
Diese Konstellation änderte sich ab Anfang davon dürfte die Abwanderung eines Teils der
der Neunzigerjahre radikal. Nach dem EWR- Arbeiterstimmen von der Linken zur SVP sein.
Sieg nahm die Schweizerische Volkspartei (SVP)
ein nationalkonservatives Profil an, das immer SVP profitiert von Ängsten
stärker auf Fragen zur internationalen Öffnung,
zur Souveränität, zur Asylpolitik und zur Immi- Im eidgenössischen Wahljahr 1995 nann-
gration fokussiert war. Dadurch verschob sich ten lediglich 10 Prozent der befragten Wähler

28  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

Prioritäten der Befragten vor den nationalen Wahlen im Herbst 2015 kampagne lagen Asyl- und Immigrationsfragen
50       In % bei den Befragungen klar zuoberst (siehe Abbil-
dung). Im Vergleich dazu wurden beispielswei-
40 se Wirtschaftsthemen als zweitrangig empfun-
den.
Die Wahrnehmung der Migrationsprobleme
30
der Wähler und die entsprechenden Lösungs-
vorschläge der Parteien hatten im Oktober
20 2015 einen wesentlichen Einfluss auf die Par-

SELECTS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


teiwahl, wie eine gemeinsam mit dem Lausan-
10 ner Politologieprofessor Georg Lutz durchge-
führte Studie zeigt.3 Profitieren davon konnte
0
die SVP, die bei Migrationsfragen als am kom-
petentesten galt. Dies war ein wesentlicher
19 8.

27 8.

31 .
21 .
23 8 .
25 8 .

29 8.
. 8.

4.9.
6.9.
8.9.
10 .
12 .
14 .
16 .
.9.
20 9.
22 9.
24 9.
26 9.
28 9.
30 9.
2.1 .

6.1 .

10 0 .

14 0.
4.1 .

18 0.
8.1 .

12 0.

16 0.

.
2.9

.9
.9
.9

.9

0
.8

0
.8

.10
.
.
.
.
.
.
17.

.
.

.1
.1

.1
.1
– wenn auch nicht der einzige – Grund, wes-
18

  Asyl/Flüchtlinge        Einwanderung/Ausländer        EU      halb die SVP punkten konnte. So lag die Wahr-
  Wirtschaft        Umwelt/Energie        Sozialversicherungen        Arbeit
scheinlichkeit, die SVP zu wählen, bei den Per-
sonen, die bereits 2011 der SVP ihre Stimme
In den 61 Tagen vor den eidgenössischen Wahlen wurden in der Selects-
gaben, um 20 Prozentpunkte höher und bei
Wahlstudie täglich rund 120 Personen befragt. Abgebildet sind die
Antworten auf die offene Frage betreffend «das heute wichtigste Problem den übrigen um über 35 Punkte.
in der Schweiz» (gleitende Durchschnitte über drei Tage). Abschliessend lässt sich sagen: Die Kritik an
der Globalisierung und ihrer Migrationskompo-
nente hatte in der Vergangenheit bei Abstim-
I­ mmigrations- und Asylfragen spontan als «das mungen regelmässig eine Rolle gespielt. Nun
heute wichtigste Problem in der Schweiz». Das scheint sie auch die eidgenössischen Wahlen
Thema rangierte damit deutlich hinter der Be- zu beeinflussen. Angesichts der jüngsten politi-
schäftigungslage und den Sozialversicherun- schen Ereignisse im Ausland – wie die US-Prä-
gen.2 Vier Jahre später bezeichnete bereits mehr sidentschaftswahlen oder das Brexit-Votum im
als ein Drittel der Befragten die Migrationsfra- Vereinigten Königreich – ist die Schweiz diesbe-
ge als grösste Sorge. Gemäss den regelmässigen züglich allerdings kein Sonderfall.
Befragungen, welche im Rahmen der Wahlstu-
die Selects durchgeführt werden, nimmt die-
ses Problem seither durchwegs den Spitzenplatz
die – Selects, 1995.
Ein ausführliches Li- ein.
teraturverzeichnis der
Wahlstudien ist unter
Im Zuge der Flüchtlingskrise mit Migranten
Forscenter.ch (Publica- aus dem Nahen Osten und Afrika haben die Mi-
tions) aufgeschaltet.
3 Lutz Georg und grationssorgen im Herbst 2015 Rekordwerte er-
Sciarini Pascal (2016), reicht, obwohl die Schweiz nur wenig betroffen
Issue Competence and
Its Influence on Voting war: Bei den Nachwahlbefragungen erachtete
Behavior in the Swiss Pascal Sciarini
2015 Elections, fast die Hälfte der Befragten die Themen Asyl, Professor für Schweizer Politik am Departement für
Swiss Political Science
Review, 22(1), 5–14.
Immigration oder Ausländer für unser Land als ­Politikwissenschaft und Internationale Beziehungen,
Universität Genf
dringlichstes Problem. Auch während der Wahl-

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  29
AUSSENWIRTSCHAFT

«Die grosse Mehrheit der Schweizer KMU ist nicht


von verschärften protektionistischen Massnahmen
VIVIANE FUTTERKNECHT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

betroffen.» Alfonso Orlando, Leiter «Export Help»


bei Switzerland Global Enterprise in Zürich.
FOKUS

«Die Nutzung der Freihandels­


abkommen ist freiwillig»
Die Beratungsstelle des Exportförderers Switzerland Global Enterprise (S-GE) beant-
wortet einen Grossteil der Firmenanfragen zu Freihandelsabkommen. Das Interesse der
­Firmen sei gross, sagt Alfonso Orlando, Leiter der Abteilung «Export Help» bei S-GE. Wer
die Abkommen nutze und dadurch Zollreduktionen erziele, müsse sich an Spielregeln
halten. Ein Knackpunkt ist die Einhaltung der Ursprungsregeln.  Nicole Tesar

Gibt es im Umgang mit den Schweizer Export- Das ist erstaunlich, da ein WTO-Bericht für die
unternehmen einen Trump-Effekt? G-20-Staaten Mitte 2016 eine überdurchschnitt-
Wir sehen aktuell keine Veränderung. Wir er- liche Zunahme der angewendeten Handels-
halten weiterhin viele Anfragen zum US-Markt, hemmnisse ausweist.
da hat sich mit der Wahl von Donald Trump zum Da Handelshemmnisse in der Exportbranche
amerikanischen Präsidenten nichts verändert. schon immer ein Thema waren, nimmt der ein-
Das eine oder andere Unternehmen erwägt heu- zelne Exporteur eine Änderung möglicherwei-
te vielleicht sogar eher, eine Niederlassung in se nicht unter dem Label Protektionismus war.
den USA zu gründen, um sich einen einfacheren Ihm fehlt die gesamtwirtschaftliche Sicht, weil
Marktzugang zu sichern. er immer nur einzelne Märkte bearbeitet.

Klagen die Firmen über einen weltweit zuneh- Mit welchen Anliegen wenden sich Unternehmen
menden Protektionismus? an Ihre Abteilung «Export Help»?
Die grosse Mehrheit der Schweizer KMU ist nicht Die meisten Fragen betreffen die Freihandels-
von neuen oder verschärften protektionisti- abkommen. Häufig sind auch Fragen zur Mehr-
schen Massnahmen betroffen – und fürchtet wertsteuer und zu den Zollformalitäten. Kurz:
sich auch für die Zukunft nicht davor. Das hat Die Unternehmen wollen wissen, was sie tun
eine Umfrage, die wir vergangenen Monat zu- müssen, um ein Produkt exportieren zu können.
sammen mit der Credit Suisse veröffentlicht ha-
ben, klar gezeigt. In der Praxis scheint sich ein Sind es eher Grossunternehmen oder KMU,
zunehmender Protektionismus also noch nicht welche um Rat fragen?
zu bestätigen. Nahezu alle Anfragen stammen von KMU.

Alfonso Orlando Was macht Switzerland Global Enterprise?


Der 40-jährige Alfonso Orlando leitet bei Der Exportförderer Switzerland Global Leistungsvereinbarungen für die Export-
Switzerland Global Enterprise die Bera- Enterprise (S-GE) ist ein nicht gewinn- förderung und die Standortpromotion ab.
tungsabteilung «Export Help». Das Team orientierter Verein. Er wurde 1927 unter Bei S-GE in der Schweiz arbeiten rund 100
des eidg. diplomierten Aussenhandelslei- dem Namen Schweizerische Zentrale für Personen. Die Vertretungen von Switzer-
ters deckt den Bereich Erstinformationen Handelsförderung in Lausanne gegrün- land Global Enterprise im Ausland sind bei
ab und bietet kleinen und mittleren Unter- det und führte später den Namen Office den Botschaften und Generalkonsulaten
nehmen Unterstützung in Exportfragen Suisse d›Expansion Commerciale (Osec). angesiedelt und werden als Swiss Business
aller Art. Heute informieren, beraten und begleiten Hubs geführt. Insgesamt gibt es 21 solche
die Mitarbeiter von S-GE kleine und mitt- Hubs. Die Märkte mit steigender Bedeutung
lere Unternehmen (KMU) aus der Schweiz für die international ausgerichtete Schwei-
und aus dem Fürstentum Liechtenstein zer Wirtschaft – Australien, Kasachstan,
bei ihren internationalen Geschäftsvorha- Schweden, Nigeria und Chile – verfügen zu-
ben. S-GE schliesst jeweils für vier Jahre mit dem über einen Trade Point, der sich eben-
dem Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) falls auf der jeweiligen Botschaft befindet.

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  31
AUSSENWIRTSCHAFT

­ rossfirmen wie Novartis, Roche und Nestlé


G gangsfristen. Das heisst, die Zölle werden
verfügen selber über das nötige Fachwissen. schrittweise nach Inkrafttreten abgebaut. Alle
vereinbarten Erleichterungen werden 2028
Freihandelsabkommen sind ein wichtiger wirksam sein. Je nachdem rechnet es sich also
Bestandteil unserer Aussenwirtschaftspolitik.
­ für ein Unternehmen vielleicht erst nach zwei
Steigt das Interesse der Firmen an Freihandelsab- oder drei Jahren, das Freihandelsabkommen
kommen, je mehr Abkommen zu nutzen. Heute ist es noch zu früh, um zu
der Bundesrat abschliesst? beurteilen, was das Abkommen für die Wirt-
«Heute ist es noch zu Das Interesse der Unter- schaft gebracht hat.
früh, um zu beurteilen, nehmen ist bereits gross,
denn die Schweiz gehört zu Mit welchen Fragen konfrontiert Sie beispiels-
was das Freihandels­
den Ländern mit den meis- weise ein Verkäufer eines Maschinenherstel-
abkommen mit China ten Freihandelsabkommen. lers?
für die Wirtschaft Grundsätzlich prüfen die Er will wissen, ob sein Produkt vom Freihandels-
gebracht hat.» Firmen bei jedem neuen Ab- abkommen abgedeckt wird, wie hoch die Zoll-
kommen, ob sie es nutzen ersparnisse sind, welche Nachweise er erbrin-
wollen. Ein gutes Beispiel gen muss und welche Ursprungsregeln gelten.
ist das Freihandelsabkommen mit China, wel- Wichtig ist immer: Die Nutzung der Abkommen
ches nun seit rund drei Jahren in Kraft ist. Ei- ist freiwillig. Wer sie nutzt und dadurch Zollre-
nige Unternehmen warten bewusst damit, es duktionen erzielt, muss sich jedoch an die Spiel-
anzuwenden, denn es gibt Produkte mit Über- regeln halten.

32  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

Sprich: Man muss für das entsprechende Pro- Fachsprache spricht man vom Wertkriterium
dukt einen Ursprungsnachweis erbringen? oder vom Positionssprung. Solche Ursprungs-
Richtig. Die Ursprungsregeln enthalten zum regeln variieren von Abkommen zu Abkommen.
Beispiel Angaben, wie viel Prozent des Wertzu-
wachses des Endproduktes im Land einer Ver- Wenn Ursprungsregeln zu restriktiv ausgestal-
tragspartei erfolgen muss. Geregelt wird etwa tet sind, kommt das nicht wieder einer Handels-
auch, in welchem Masse Vormaterialien ver- barriere gleich?
arbeitet werden müssen. Ursprungsregeln sol- Nein, wie gesagt, die Anwendung des Abkom-
len auch verhindern, dass Waren aus einem mens ist stets freiwillig. Zudem sind die Regeln
Drittland in den Genuss einer Präferenzbe- meist liberal und wirtschaftsfreundlich aus-
handlung kommen. Sie definieren, unter wel- gestaltet. Im Abkommen mit China gilt bei vie-
chen Voraussetzungen ein Erzeugnis von der len Produkten ein Wertkriterium. So dürfen bei
Zollbefreiung respektive vom präferenziellen einer in der Schweiz hergestellten Kaffeema-
Zollsatz profitiert. schine 50 Prozent der Vormaterialien aus einem
Drittland stammen. Während der Verhandlun-
Können Sie ein Beispiel machen? gen eines neuen Abkommens tauscht sich das
(Nimmt einen Kugelschreiber in die Hand) Da- federführende Staatssekretariat für Wirtschaft
mit dieser Kugelschreiber beispielsweise – also jeweils rege mit den Branchenverbänden aus.
präferenziell zollfrei oder zollreduziert – nach Zum Teil werden gewisse Gütergruppen auch
China exportiert werden kann, muss er in der ganz bewusst von Abkommen ausgeklammert,
Schweiz zusammengesetzt worden sein. In der wenn die Verhandlungspartner das wünschen.
Das sind dann politische Entscheidungen der
beteiligten Länder.

Kann man diese Produkte nachträglich noch in


ein Freihandelsabkommen aufnehmen?
Ja, das ist durchaus möglich, wenn auch nicht
von heute auf morgen, da neue Verhandlungen
nötig sind.

Sie sagen, die Ursprungsregeln können für das


gleiche Produkt von Freihandelsabkommen zu
Freihandelsabkommen variieren. Die administ-
rativen Kosten dürften die Zolleinsparungen so-
mit oft übertreffen.
Das kommt darauf an. Wenn die Prozesse einmal
eingespielt sind, funktioniert alles häufig ohne
grossen Aufwand. Doch jede Firma muss abwä-
gen, ob sich die Anwendung lohnt. Denn wenn sie
sich zum Beispiel nicht an die Ursprungsregeln
hält und dies im Rahmen einer Ursprungsüber-
prüfung festgestellt wird, wird sie gebüsst. Mit
der Nutzung des Abkommens erzielt das Unter-
nehmen Zollreduktionen oder Zollbefreiung. Die
Zollbehörde schaut genau hin, weil potenziell
Einnahmen entgehen.

Die Eidgenössische Zollverwaltung schaltet


sich also ein, wenn eine Schweizer Exportfirma
Mängel bei den Ursprungsangaben aufweist?

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  33
AUSSENWIRTSCHAFT

Eine ausländische Zollbehörde stellt beispiels- Welche Hürden gibt es für Unternehmen bei der
weise einen Antrag an den Schweizer Zoll, wo- Anwendung von Freihandelsabkommen?
rauf dieser den Ursprung des Produktes eines Eine erste Hürde besteht im Unternehmen
Unternehmens prüft. selbst: Der Exportverantwortliche braucht
die Rückendeckung von der Unternehmens-
Helfen Sie den KMU, den Entscheid pro oder leitung. Hilfreich ist es etwa, wenn Freihan-
kontra Freihandelsabkommen zu fällen? delsabkommen in der Firmenstrategie ange-
Die Entscheidung liegt letztlich beim Unter- siedelt sind. Eine zweite Hürde ist das nötige
nehmen. Wir unterstützen die Firmen, indem Know-how – insbesondere ein professionelles
wir aufzeigen, welche Zölle Ursprungsmanagement: Einkauf und Verkauf
eingespart werden können. müssen aufeinander abgestimmt sein, denn je-
«Vielleicht täuscht Da wir die Kostenstruktur der neue Lieferant beziehungsweise eine ande-
eines Unternehmens nicht re Beschaffungsquelle wirkt sich potenziell auf
der Name Freihandel –
kennen, muss jede Firma sel- den Ursprung aus. Wenn die Teile nicht mehr
es wird nicht alles frei ber rechnen. Viele Anfragen in Deutschland eingekauft werden, sondern in
gehandelt.» betreffen die Ursprungsre- Taiwan, sind die Anforderungen womöglich
geln: Die Unternehmen wol- nicht mehr erfüllt.
len sicher sein, ein Kriterium
richtig verstanden zu haben. Leider sind kei- Sie haben die nicht tarifären Handelshemmnisse
ne Standardantworten möglich. Jedes Produkt angesprochen. Welche Rolle spielen Hemmnisse
muss man einzeln beurteilen. wie mengenmässige Beschränkungen, Subven-
tionen und technische Vorschriften in den Ab-
Wie erfolgt der Nachweis der Ursprungskrite- kommen?
rien? Die Freihandelsabkommen tragen traditionell
Dies geschieht beispielsweise mit einer soge- vor allem zur Aufhebung oder Reduktion von
nannten Warenverkehrsbescheinigung. tarifären Hemmnissen bei. Insbesondere in jün-
geren Abkommen sind jedoch auch zunehmend
Diese ist dann auf dem Lieferschein vermerkt? zum Beispiel gegenseitige Anerkennungen einer
Bis zu einem festgelegten Wert kann man bei Konformitätserklärung oder von Zertifizierun-
fast allen Abkommen eine sogenannte Ur- gen enthalten. Doch alle Regelungen des jewei-
sprungserklärung etwa auf der Rechnung an- ligen Handelspartners werden nie abgedeckt.
bringen. Eine Warenverkehrsbescheinigung ist Viele Unternehmen sind daher erstaunt, dass
jedoch ein separates Dokument. sie trotz Freihandelsabkommen weiterhin ein
Zertifikat für den chinesischen Markt vorwei-
Bieten die Freihandelsabkommen nebst den sen müssen. Vielleicht täuscht der Name Frei-
Zolleinsparungen weitere Vorteile? handel – es wird nicht alles frei gehandelt.
Gerade das Freihandelsabkommen mit China
verschafft den Schweizer Firmen einen tempo- Für einen Schweizer Exporteur wäre es aber
rären Wettbewerbsvorteil gegenüber Unterneh- gut, wenn China beispielsweise die Suva-Pro-
men aus dem EU-Raum, da die EU noch über dukteprüfung anerkennen würde.
kein solches Abkommen verfügt. Ein Abkom- Auf jeden Fall. Aber in den Freihandelsabkom-
men bietet auch die Möglichkeit, Vormateria- men geht es in erster Linie um den Abbau oder
lien unter einem Freihandelsabkommen zu im- die Reduktion von Zöllen.
portieren und somit von den Zollpräferenzen
zu profitieren. Und schliesslich wird in den neu- Beraten Sie die Firmen auch betreffend die nicht
eren Abkommen ja nicht nur der Warenverkehr tarifären Handelshemmnisse?
geregelt, sondern auch Aspekte wie geistiges Selbstverständlich. Wir arbeiten in allen rele-
Eigentum, Handel mit Dienstleistungen, öffent- vanten Ländern mit Experten zusammen, die
liches Beschaffungswesen und technische Vor- Schweizer Unternehmen bei diversen regulato-
schriften. rischen Fragen beraten können.

34  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


FOKUS

Die Zollformalitäten stammen aus der Zeit vor


der Digitalisierung. Demgegenüber sind die
Produktionsprozesse immer komplexer. Güter
überschreiten mehrfach die Grenze, bevor sie in
den Verkauf gehen. Sind veraltete Zollformali-
täten eine weitere Hürde?
Das kann ich nur teilweise bestätigen. Es gibt
zwar den klassischen Lastwagenfahrer, der zum
Zoll fährt mit den Papieren in der Hand. Aber
gleichzeitig ist die Digitalisierung weit fortge-
schritten. Die Lieferungen werden schon vor der
Grenze elektronisch überprüft. Die Zollbehör-
de weiss ganz genau, welcher LKW mit welcher
Ware die Schweizer Grenze passieren wird. Und
auch der Exporteur erhält bereits bei der elekt-
ronischen Anmeldung Bescheid, ob die Ladung
später beim Grenzübertritt überprüft wird. In
einem Punkt haben Sie aber recht: Das Freihan-
delsabkommen mit der EU stammt aus dem Jahr
1972. Die damals ausgehandelten Ursprungsre-
geln sind nicht mehr zeitgemäss. Seither gab es
zum Glück mehrere Revisionen.

Profitieren die Unternehmen von der Digitali-


sierung der Zollabläufe?
Ja klar. Sie sind beispielsweise nicht mehr auf die
Öffnungszeiten des Zolls angewiesen. Gleichzei-
tig sind die Unternehmen heute schon gut bera-
ten, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Denn die Digitalisierung der Zollabwicklung
und ihrer Prozesse wird weiter zunehmen.

Interview: Nicole Tesar, Chefredaktorin


«Die Volkswirtschaft»

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  35
SHUTTERSTOCK
EINBLICK

Der digitale Thinktank Foraus


erobert die Welt
Junge Menschen wollen sich ausserhalb traditioneller Par- unberechenbarer. Diese demokratischen Zufallsentscheide
teistrukturen engagieren. Und: Die Schweizer Aussenpoli- zeigen: Demokratien brauchen in einer globalisierten und
tik verdient Ideen, die über die Neutralität hinausgehen. schwer überschaubaren Welt Partizipationsprozesse, die
Diese beiden Überlegungen standen im Vordergrund, als über ein simples Ja-Nein-Schema hinausgehen. Denn: Ein
wir Foraus (Forum Aussenpolitik) im Jahr 2009 gründeten. nachhaltiges Regieren ist gegen die Hälfte der Wählerschaft
Dabei machten wir aus der Not eine Tugend: Statt teure Ex- langfristig schlicht nicht möglich. Hinzu kommt, dass glo-
perten anzustellen, setzten wir auf den Milizgedanken und bale Herausforderungen wie der Klimawandel, Terroris-
die Weisheit der Crowd. mus, aber auch die Gestaltung des Welthandels immer mehr
Inzwischen erarbeiten über 1000 Foraus-Mitglieder in vie- Kooperationen über Landesgrenzen hinaus erfordern. Hier
len ehrenamtlichen Stunden gemeinsam innovative Lö- wollen wir uns mit dem Modell des offenen Thinktanks ein-
sungsansätze für die globalen Herausforderungen unse- bringen und mit mehr Bottom-up-Partizipation nachhalti-
rer Zeit. Unsere Grassroots-Organisation bringt die jungen gere Entscheide ermöglichen und dem plumpen Populismus
Köpfe nicht nur interdisziplinär zusammen, sondern er- kreative Lösungsvorschläge entgegensetzen.
möglicht ihnen Kontakte zu Experten aus Akademie, Pri- Wir bauen deshalb ein globales Thinktank-Netzwerk auf.
vatwirtschaft, Diplomatie und Verwaltung. Die daraus ent- Unser vor zwei Jahren in Berlin lanciertes Spin-off Polis180
stehenden Ideen prüfen wir auf die inhaltliche Qualität und zählt inzwischen zu den Top 10 der neuen Thinktanks welt-
platzieren sie anschliessend in politische Prozesse sowie in weit1 – was beweist, dass Crowdsourcing auch in einem
den Medien. Ein prominentes Beispiel ist der «Konkordanz- grossen Land funktioniert. In Paris gründeten wir kürzlich
artikel», welcher von Parlamentariern aller Parteien, ausser die Schwesterorganisation Argo. Noch in diesem Jahr sollen
der SVP, als Gegenvorschlag zur Rasa-Initiative lanciert Thinktanks in den USA, in London und in Wien entstehen,
wurde. welche alle unabhängig und lokal geführt sind. Mittelfristig
Weniger medienwirksam packt unsere Crowd auch tech- haben wir auch West- und Ostafrika im Auge.
nische Themen, wie beispielsweise die Kompatibilität des Unsere Vision ist es, neben den schon vorhandenen Tools
neuen Finanzdienstleistungsgesetzes mit dem EU-Recht, und dem Crowdsourcing-Modell von Foraus die Möglich-
an und bringt solche in die Kommissionsarbeit ein. Politik keiten neuer Technologien zu nutzen und ähnlich wie bei
braucht aber auch mutige Ideen für die Zukunft: Entspre- der Dating-App Tinder ein globales Matchmaking aufzu-
chend haben wir jüngst das Buch «Neuland» mit einer parti- bauen, das international Hunderttausende junge Menschen
zipativ erarbeiteten Vision für das Migrationsland Schweiz zusammenbringt. So bauen wir am ersten digitalen Think-
publiziert. Eine breit abgestützte Finanzierung durch Stif- tank der Welt, der globale Herausforderungen mit der Weis-
tungen, Mandate der öffentlichen Hand, Spenden und Mit- heit der Crowd zu lösen versucht.
gliederbeiträge sichert dabei die Unabhängigkeit unseres
nicht gewinnorientierten Vereins. Florian Egli
Vizepräsident Forum Aussenpolitik (Foraus),
Doktorand an der ETH Zürich
Grenzen überschreiten
Nicola Forster
In der Schweiz sowie international machen knappe demo- Präsident und Gründer Forum Aussenpolitik (Foraus),
kratische Entscheide wie die Masseneinwanderungsinitia- Partner der Innovationsberatung crstl, Bern und New York
tive, der Brexit, die Wahl von Donald Trump zum US-Präsi-
denten oder die Verfassungsreform in der Türkei die Welt 1 Polis180, Medienmitteilung vom 1. Februar 2017, Berlin.

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  37
WETTBEWERBSFÄHIGKEIT

Deutschland, Frankreich und der Euro


Frankreich leidet darunter, den falschen Nachbarn zu haben: Deutschland hat den Euro über
Jahre dazu genutzt, sich durch Lohndumping Vorteile zu verschaffen.   Heiner Flassbeck

Abstract  Der französische Arbeitsmarkt müsse flexibler werden, Frankreich solle sich die Wachstumsrate Frankreichs die meis-
Deutschland als Vorbild dienen, so lauten die üblichen Vorurteile. Die Realität präsen- te Zeit klar über derjenigen von Deutsch-
tiert sich anders: Dank der Europäischen Währungsunion (EWU) konnte Deutschland land. Erst nach der globalen Rezession
zehn Jahre lang die Löhne tief halten, während sich die Löhne in Frankreich innerhalb 2008 und 2009 fiel Frankreich deutlich
des von der Europäischen Zentralbank vorgegebenen Inflationsrahmens entwickel- hinter Deutschland zurück.
ten. Eine allfällige Lohnsenkung in Frankreich ist keine Option, da dies einen grossen Noch klarer wird dieses Muster, wenn
Schaden im französischen Binnenmarkt anrichten würde. Ändern müsste sich daher man die Investitionsquoten vergleicht.
Deutschland, um den Euro zu retten. Frankreich war immer führend in Form
einer deutlich höheren Investitionsquote.
Wiederum hat nur die deutsche Vereini-

I  n diesen Tagen wird, insbesondere in


Deutschland, viel davon gesprochen,
dass Europa zusammenstehen müsse, um
Wie es wirklich steht, kann man auch
aus den deutschen Leitmedien so wenig
erfahren wie aus den Beiträgen professio-
gung einen Schub an Investitionen ge-
bracht, der Deutschland für einige Jahre
zu Frankreich aufschliessen liess.
den neuen amerikanischen «Protektio- neller Ökonomen: Einerseits fehlt ihnen Das Gleiche gilt – wie könnte es anders
nismus» abzuwehren. Doch wie kann ein die theoretische Basis, und andererseits sein – auch für die Entwicklung der Pro-
Europa zusammenstehen, das innerlich dominiert in vielen Köpfen das Vorurteil, duktivität, die letztlich entscheidend ist
tief gespalten ist? Wäre dieses Europa eine Deutschland mache alles richtig. Höchs- für den wirtschaftlichen Erfolg. Seit 1999
homogene Einheit, die zudem wirtschaft- te Zeit also, einen ruhigen Blick auf die hat sich das BIP pro Erwerbstätigenstun-
lich erfolgreich ist, man müsste sich keine wirtschaftlichen Verhältnisse Frankreichs de in Frankreich parallel zu derjenigen in
Sekunde Gedanken darüber machen, dass im Vergleich zu Deutschland seit 1980 zu Deutschland entwickelt (siehe Abbildung 2).
ein amerikanischer Präsident auf «America werfen. Sowohl die Wachstumsraten als auch
first» setzt und die amerikanischen Leis- die Produktivitätsentwicklung zeigen: In
tungsbilanzdefizite abbauen will. Frankreich schneidet nicht Frankreich kann es kein fundamentales
Der Hauptgrund für die tiefe Spaltung Problem geben, an dem das Land im Ver-
ist ein Keil, den Deutschland gleich nach
schlecht ab gleich zu Deutschland laboriert und das es
Beginn der Europäischen Währungsunion Die Wachstumsraten der beiden Länder systematisch hinter Deutschland zurück-
(EWU) Ende der Neunzigerjahre zwischen zeigen ein gemischtes Bild (siehe Abbil- fallen lässt. Vielmehr ist die Ursache der
die heutigen Euroländer getrieben hat. dung 1). In den Achtzigerjahren lag Frank- aktuellen Schwäche in der Aussenwirt-
Der Keil steckt mitten im Kern Europas, reich mit Deutschland etwa gleichauf. Erst schaft zu suchen. Das Land leidet unter
nämlich genau zwischen Deutschland und im Zuge der deutschen Vereinigung, die der überlegenen Wettbewerbsfähigkeit
Frankreich. einem gewaltigen keynesianischen Pro- Deutschlands, welche durch Lohndum-
Darüber spricht man nicht gern. Deut- gramm entsprach, konnte Deutschland ping in der Währungsunion erzeugt wird.
sche Politiker machen Frankreich für des- vorübergehend weit höhere Wachstums- Aufschlussreich ist die Entwicklung
sen Malaise verantwortlich: Das Land sei raten verbuchen. In den Neunzigerjah- der Lohnstückkosten von 1980 bis heu-
nicht produktiv genug, habe an Wettbe- ren und bis Mitte der Nullerjahre lag dann te. Die Abbildung 3 zeigt, wie gross die
werbsfähigkeit verloren und könne mit
Deutschland nicht mithalten, heisst es.
Auch in Frankreich teilt man in vielen kon-
servativen Zirkeln diese Diagnose. Im Hohe Überschüsse nicht mit Freihandel vereinbar
Wahlkampf sagte der Kandidat der Kon- Wer einen freien internationalen Handel mit dem niemals auf Dauer hohe Defizite und Überschüsse
servativen, François Fillon, etwa, er wolle Argument verteidigt, er bringe allen Beteiligten im internationalen Handel geben darf. Sie glaub-
Vorteile, muss zur Kenntnis nehmen, dass das bei ten an einen automatischen Ausgleich solcher
das Land à la Margaret Thatcher umkrem- bedeutenden Überschüssen und Defiziten nicht Salden durch den Goldmechanismus oder durch
peln und aus Frankreich einen neolibera- stimmt. Die klassischen Ökonomen, die den Frei- den sogenannten Specie-Flow-Mechanism, der
len Vorzeigestaat machen. Dabei wurde handel gegen die Merkantilisten mit dem Prinzip von David Hume entwickelt worden war. Letzterer
der komparativen Kosten verteidigten, wussten sollte dafür sorgen, dass ein Land, das hohe Über-
er unterstützt von deutschen Medien, die
das sehr genau. Ein Land, das Jahr für Jahr höhere schüsse erzielte und damit im Rahmen des Gold-
«wissen», dass das dringend notwendig Überschüsse im Aussenhandel einfährt, schädigt standards hohe Goldzuflüsse verzeichnete, rasch
ist.1 Es stehe wirklich schlimm um Frank- die Handelspartner unmittelbar und verstösst zu einem Ausgleich seines Handels gezwungen
reich, sagt man voller Inbrunst und geheu- eklatant gegen das Prinzip der komparativen würde. Denn: Quantitätstheoretisch steigen die
Vorteile. David Ricardo und alle klassischen Öko- Preise im Überschussland stärker als in den De-
cheltem Mitgefühl. nomen in seiner Tradition waren fest davon über- fizitländern. Das würde, so die Vorstellung, den
zeugt – und nur deswegen war ihre These von Vorteil des Überschusslandes rasch wieder zu-
1 Vgl. So schlimm steht es wirklich um Frankreich,
Die Welt, 22. November 2016. den komparativen Kosten so attraktiv –, dass es nichtemachen.

38  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


WETTBEWERBSFÄHIGKEIT

­ onvergenzleistung war, die Frankreich in


K Abb. 1: BIP-Wachstumsraten in Deutschland und Frankreich (1980 bis 2015)
den Achtzigerjahren vollbracht hat. Von 20       In %
zweistelligen Lohnstückkostenzuwäch-
sen im Jahr 1980 bewegte sich das Land 15

bis 1987 auf die deutschen Zuwachsra- 10


ten hin. Ab 1987 wurde der Kurs des Franc

AMECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


5
gegenüber der D-Mark bis zum Eintritt in
den Euro 1999 nicht mehr geändert. Und 0

genau seit dieser Zäsur blieben die fran- -5


zösischen Lohnstückkosten bis 2012 ganz
-10
nahe der zunächst von Deutschland seit
1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014
Beginn der Achtzigerjahre vorgezeichne-
  Deutschland        Frankreich
ten und später von der Europäischen Zen-
tralbank in Form ihres Inflationszieles vor- Bis 1991 Westdeutschland; 1991 und 1992 Verzerrung wegen Wiedervereinigung.
gegebenen Linie von 2 Prozent.
Deutschland aber verabschiedete sich Abb. 2: Entwicklung der Produktivität in Frankreich und Deutschland (1999 bis 2015)
mit dem Beginn der Europäischen Wäh- 120       Index 1999=100
rungsunion von seinem eigenen Ziel und
tauchte für einige Jahre sogar unter die 115
Nulllinie. Aus diesem Abtauchen ergab
110
sich die heute noch bestehende Lücke in

AMECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


der Wettbewerbsfähigkeit durch die reale 105
Abwertung Deutschlands in der Grössen-
ordnung von 15 bis 20 Prozent (siehe Ab- 100
bildung 4).
95
1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Deutscher Merkantilismus   Deutschland        Frankreich
Produktivität = reales Bruttoinlandprodukt in nationaler Währung je Erwerbstätigenstunde. 1999 = 100.
Der zunehmende Leistungsbilanzüber-
schuss Deutschlands ist das Resultat eines
merkantilistischen Ansatzes seit Beginn Abb: 3: Jährliche Wachstumsraten der Lohnstückkosten in Deutschland und in
der EWU. Indem das Land Überschüs- Frankreich (1980 bis 2015)
se im Handel erzielt, profitiert es beson- 15       In %

ders stark vom Aussenhandel. Noch in den


Achtzigerjahren verhinderten eine star- 10
ke Abwertung des Dollars und die deut-

AMECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


sche Wiedervereinigung, dass Deutsch- 5
land seinen merkantilistischen Ansatz voll
ausleben konnte. Hinzu kam die Aufwer- 0
tung der D-Mark gegenüber vielen euro-
päischen Währungen nach der Krise des -5
Europäischen Währungssystems von 1992. 1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014
Nun gab es kein Halten mehr, und seit-   Deutschland        Frankreich
her steigt der deutsche Leistungsbilanz- Lohnstückkosten = Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Arbeit in nationaler Währung je Beschäftigten im
überschuss. Erst zwischen 2007 und 2012 Verhältnis zum realen Bruttoinlandprodukt je Erwerbstätigen. Bis 1991 Westdeutschland.
gab es in Europa eine Gegenbewegung,
da viele Länder erneut in eine Rezession Abb. 4: Indexierte Lohnstückkosten in Frankreich und Deutschland (1999 bis 2015)
gerieten und ihre Importe reduzierten. 140       Index 1990=100
Frankreich ist dabei das am meisten be-
troffene Land. Sein bilateraler Saldo mit 130
Deutschland steigt seit Jahren stetig an
120
und beläuft sich in diesem Jahr auf fast
AMECO / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

40 Milliarden Euro. 110

100
Lohndumping-Politik ist
ein Regelbruch 90
1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
Europa ist im Kern gespalten, und Frank-   Deutschland        Frankreich
reich leidet unter seinem grossen Nach- Lohnstückkosten = Bruttoeinkommen aus unselbstständiger Arbeit in Euro je Beschäftigten im Verhältnis zum
barn: Es gibt keinen Bereich, wo das realen Bruttoinlandprodukt je Erwerbstätigen. 1999 = 100.

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  39
WETTBEWERBSFÄHIGKEIT

lem der Wettbewerbsfähigkeit mit seinem


Nachbarn. Zudem besteht ein Nachfrage-
problem, dessen Lösung von Brüssel und
Berlin blockiert wird. Doch in Frankreich
ist es nicht anders als in Deutschland: Eine
vernünftige Diskussion über wirtschafts-
politische Optionen ist in der Kakofonie
von ideologisch irregeleiteten Medien,
verwirrten Ökonomen und unwissenden
Politikern nicht hinzubekommen.

Deutschland muss sich ändern


Vergleicht man Deutschland mit Frank-
reich, ist unbestreitbar: Das Land hat sich
sozusagen im Schatten des Euro durch
seine reale Abwertung gegenüber den
anderen Europartnern einen Vorteil auch
gegenüber Ländern wie den USA und
Grossbritannien verschafft. Hinter der
Durchschnittsbewertung für die gesamte
Währungsunion kann sich sogar ein gros-
ses Land wie Deutschland verstecken, da
es ja keine Aufwertung einer eigenen na-
tionalen Währung zu fürchten hat.
Zu glauben, man könne mit den Vor-
teilen des freien Handels argumentieren,
sich aber gleichzeitig merkantilistisch ver-
KEYSTONE

halten, kann auf Dauer nicht gut gehen.


Nicht von ungefähr waren die Merkanti-
Ein willkommener Gast in Berlin: Der
französische Ex-Präsident François Hollande an
listen die ärgsten Gegner der klassischen
der Seite von Bundeskanzlerin Angela Merkel. ohne zu verstehen, dass Frankreich von Freihändler (siehe Kasten). Statt eines Aus-
der Sache her an die Seite der südeuro- gleichs im Handel wollten die Merkantilis-
päischen Länder gehörte. ten einseitig Gewinne aus dem internatio-
Land im Vergleich zu Deutschland zu- Frankreichs Versuch, seine Lohnstück- nalen Handel einfahren – exakt so wie die
rückgefallen wäre – ausser bei der Wett- kosten den deutschen anzupassen, müss- «Exportnation» Deutschland.
bewerbsfähigkeit. Die dortige Lücke ist te – selbst jenseits der sozialen Unru- Deutschland muss mehr importieren.
die Folge der deutschen Lohndumping- hen, die das hervorrufen würde – kläglich Um das zu erreichen, müssen die Löh-
Politik, die klar im Widerspruch zu dem scheitern, weil dabei der für Frankreich ne sehr viel stärker steigen. Gleichzeitig
steht, was in der EWU angesichts des viel wichtigere Binnenmarkt kaputt ge- muss der Staat mit kreditfinanzierten öf-
vereinbarten Inflationsziels von 2 Pro- macht würde. Im Gegensatz zu Deutsch- fentlichen Investitionen die Nachfrage
zent für alle Mitglieder zu erwarten ge- land stehen Frankreich keine zehn Jahre so stark anregen, dass der Impuls auf die
wesen war. zur Verfügung, in denen es seine Löhne Nachbarländer überspringt. Anders ist der
Hätte die französische Politik eine kla- weniger steigern und darauf hoffen könn- Euro nicht zu retten.
re Diagnose der Lage, wüsste sie, dass te, dass anderswo die Löhne weiter wach-
mit der Nachahmung der deutschen Poli- sen, sodass sich die Wettbewerbsfähig-
tik nichts zu gewinnen ist. Sie hätte auf keit deutlich erhöht.
Konfliktkurs mit Deutschland gehen oder Hinzu kommt, dass es keine andere
zumindest darauf beharren müssen, dass Politik gibt, die das Problem lösen könn-
eine expansive Fiskalpolitik für alle Län- te. Die Arbeitszeit wieder zu verlängern,
der in rezessiven Phasen möglich ist. wie das Fillon angekündigt hat, ist lächer-
Gross ist das Unverständnis offensicht- lich. Wettbewerbsfähigkeit bemisst sich
lich in der konservativen Partei. Die Re- nach Produktivität pro Stunde und Lohn
publikaner haben bereits unter dem Prä- pro Stunde, mit der Zahl der gearbeite-
sidenten Nicolas Sarkozy bewiesen, dass ten Stunden hat das absolut nichts zu tun. Heiner Flassbeck
Professor Dr., ehemaliger Chefökonom der
sie über kein klares wirtschaftspolitisches Den Staatsdienst zu verkleinern oder die UNO-Entwicklungsorganisation Unctad in
Konzept verfügen. In ganz ähnlicher Wei- Steuern für die Unternehmen zu senken, Genf (2003 bis 2012) und Staatssekretär im
se wie die Sozialisten unter François Hol- ist nicht minder unpassend. Frankreich hat deutschen Bundesministerium für Finan-
lande hatte Sarkozy in der Krise versucht, kein reales Investitions- oder Produktivi- zen unter der Regierung des SPD-Kanzlers
­Gerhard Schröder (1998 bis 1999)
sich an die Seite Deutschlands zu stellen, tätsproblem, sondern ein nominales Prob-

40  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DIE STUDIE

Schweizerische Gesellschaft für Volkswirtschaft und Statistik


Société suisse d’économie et de statistique
Società svizzera di economia e di statistica
DIE STUDIE Swiss Society of Economics and Statistics

Wohnungspreise reagieren wieder stärker


auf Zinssenkungen
Die Immobilienpreise werden laut einer KOF-Studie immer noch hauptsächlich durch
­Angebot und Nachfrage beeinflusst. Doch auch der aktuell tiefe Hypothekarzins treibt
die Immobilienpreise an – besonders Eigentumswohnungen reagieren wieder stärker auf
­Zinsänderungen. Anne Kathrin Funk, Dirk Drechsel

Hypotheken variabel verzinst, was bei


Abstract  Schweizer Immobilienpreise sind seit der Jahrtausendwende stark gestie- steigenden Zinsen zu einer Schieflage
gen. Eine Studie der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich untersucht
vieler Kreditnehmer und Kantonalbanken
den Einfluss des Hypothekarzinses, der Veränderungen von Angebot und Nachfrage
führte. Die Einführung von Eigenkapital-
nach Wohnraum und des wirtschaftlichen Umfelds auf die Immobilienpreisentwick-
vorschriften wie Basel I und II, von Risiko-
lung. Die Hälfte der Immobilienpreisbewegungen kann durch Veränderungen von
managementsystemen sowie jüngst auch
Angebot und Nachfrage erklärt werden. Nach der Immobilienkrise in den Neunzi-
die selbstregulierenden Massnahmen der
gerjahren ist der Einfluss des Hypothekarzinses auf die Immobilienpreise gesunken,
Banken beeinflussten die Kreditvergabe
seither ist er konstant geblieben. Seit dem Jahr 2002 reagieren die Wohnungspreise
seit der Schweizer Immobilienkrise An-
wieder stärker auf den Zinssatz. Regionale Effekte sind besonders am Genfersee und
fang der Neunzigerjahre.
in Zürich zu beobachten.
Diese Rahmenbedingungen können
das Zusammenspiel der Immobilienpreise
und deren Einflussfaktoren über die Zeit

S  eit der Jahrtausendwende sind die


Preise von Schweizer Wohnimmobi-
lien stark gestiegen (siehe Abbildung 1).
vorsorge im Jahr 1985 hohe Investitions-
summen von Schweizer Pensionskassen
in den Markt. Das hat die Preise von An-
verändern. Aber auch auf regionaler Ebe-
ne gibt es Unterschiede, wie etwa Raum-
planungsgesetze, die teils stark voneinan-
Die Preisentwicklung ähnelt immer mehr lageklassen und Immobilien in die Höhe der abweichen und so einen Effekt auf das
dem rasanten Wachstum der Häuser- getrieben. Auch aktuell investieren insti- Angebot von Wohnungen haben. Deswe-
preise in den Achtzigerjahren, als diese tutionelle Investoren im Niedrigzinsum- gen können Immobilienpreise auch regio-
Wachstumsraten von bis zu 10 Prozent feld auf der Suche nach Rendite wieder nal unterschiedlich reagieren.
pro Jahr verzeichneten. Damals endete vermehrt im Immobiliensektor. Das kann
der Hauspreisboom mit dem Platzen der insbesondere die Preise von Mehrfami- Preise hauptsächlich von An-
Immobilienblase zu Beginn der Neunzi- lienhäuser in die Höhe treiben.
gerjahre und hatte gravierende Folgen für Ausserdem haben das Bevölkerungs-
gebot und Nachfrage beeinflusst
die Schweizer Wirtschaft. Um frühzeitig wachstum – welches beispielsweise von In einem Umfeld stark steigender Immo-
auf eine erneute Blasenbildung zu reagie- der Einführung des Personenfreizügig- bilienpreise ist es besonders wesentlich,
ren, beobachtet die Schweizerische Na- keitsabkommens1 beeinflusst wurde – ob die Preisentwicklung auf fundamenta-
tionalbank heute die Entwicklungen am und die Umsetzung der Masseneinwan- len Faktoren, wie etwa dem Angebot und
Immobilienmarkt aufmerksam. derungsinitiative einen Einfluss auf die der Nachfrage nach Wohnraum, basiert
Nachfrage und damit auf die Preise von
Veränderungen am Wohnraum.
Zudem haben sich der Hypothekar- Von der Forschung in die Politik
Immobilienmarkt zinssatz und die Vorgaben zur Kredit- Die «Volkswirtschaft» und die ­«Schweizerische
In den letzten 40 Jahren haben einige vergabe seither stark verändert. In den Zeitschrift für Volkswirtschaft und ­Statistik»
strukturelle Veränderungen die Entwick- Achtzigerjahren war ein Grossteil der verbessern den Wissenstransfer von der
­For­schung in die Politik: Aktuelle wissen­
lung der Schweizer Häuserpreise beein- schaftliche Studien mit einem starken Be­zug zur
flusst. So flossen nach der Einführung 1 Vertragsunterzeichnung 1999, erste Schritte 2002, schweizerischen Wirtschafts­poli­tik erscheinen
der obligatorischen betrieblichen Alters- vollständige Liberalisierung 2007. in einer Kurzfassung in der «Volkswirtschaft».

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  41
DIE STUDIE

oder ob der Immobilienmarkt überhitzt


Abb. 1: Entwicklung der Schweizer Immobilienpreise (1982–2013)
ist. Zudem kann sich das Zusammenspiel
250       Indexpunkte (1. Quartal 1982 = 100)
zwischen den fundamentalen Einflussfak-
toren und den Immobilienpreisen über die
Zeit verändern und regional sehr unter- 225

schiedlich sein.
Eine Studie der KOF Konjunkturfor- 200
schungsstelle der ETH Zürich untersuch-
te nun, inwiefern seit 1983 das Angebot 175
und die Nachfrage nach Wohnraum, der
Hypothekarzinssatz und das wirtschaft- 150
liche Umfeld die Preise von Wohnimmo-

WÜEST PARTNER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


bilien beeinflussen.2 Der Fokus lag dabei
125
auf der Veränderung der Zusammenhän-
ge über die Zeit, Unterschieden zwischen
dem Häuser- und dem Wohnungsmarkt 100

sowie auf regionalen Effekten (siehe Kas-


ten). 75
Die Analyse zeigt, dass die Häuserprei- 1985 1990 1995 2000 2005 2010
se wie erwartet auf Veränderungen der
  Gewichteter Index        Einfamilienhäuser        Mietwohnungen        Eigentumswohnungen
fundamentalen Faktoren reagieren: Ist
beispielsweise das Bevölkerungswachs-
tum (Nachfrage) kleiner als das Wachs-
tum des Wohnungsbestands (Angebot), Abb. 2: Effekt des Hypothekarzinssatzes auf die Preise von Eigentumswohnungen
sinken die Häuserpreise. Auch eine Ver- 1,6       Reales Preiswachstum Eigentumswohnungen (in %)
schlechterung des wirtschaftlichen Um-
felds, gemessen am Bruttoinlandprodukt
1,4
(BIP), lässt die Häuserpreise sinken. Bei
einem Rückgang des Hypothekarzins-
satzes reagieren die Häuserpreise hin-

EIGENE BERECHNUNGEN DRECHSEL UND FUNK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


1,2
gegen mit einem Anstieg. Das Angebot
und die Nachfrage nach Wohnraum erklä-
1
ren dabei fast die Hälfte der Variation der
Häuserpreise, während der Hypothekar-
zinssatz für nur 20 Prozent der Immobi- 0,8
lienpreisbewegungen verantwortlich ist.
Am geringsten ist der Einfluss des wirt-
0,6
schaftlichen Umfelds: Nur 5 Prozent der
Hauspreisänderungen können mit Verän-
derungen des BIP erklärt werden. 0,4
1985 1990 1995 2000 2005 2010
Zinseffekt auf Wohnungspreise
  Statistisches Fehlerband        Median
wieder stärker
Die Abbildung stellt die Veränderung der Impulsantwortfunktion über die Zeit dar. Gemessen wird die
Über die Zeit hinweg reagierten die Häu- Antwort der realen Eigentumswohnungspreise auf einen negativen Schock der Hypothekarzinsver-
serpreise relativ stabil auf Änderungen änderung nach fünf Quartalen. Die dunkelblaue Linie stellt den Median dar, während die hellblau ein-
der Nachfrage und des Angebots nach gefärbte Fläche das Fehlerband mit der Standardabweichung zeigt.
Wohnraum. Allerdings hielt der Effekt
eines Nachfrage- oder Angebotsschocks
in den Achtzigerjahren länger an als in gerjahren einen persistenteren Einfluss bildung 2). Allerdings steigt dieser Effekt
den Neunzigerjahren. Ausserdem hatten auf die Immobilienpreise als noch in den des Zinssatzes seit dem Jahr 2002 wie-
Veränderungen des Hypothekarzinssat- Achtzigerjahren. der an. In Anbetracht der verstärkten In-
zes in den Achtzigerjahren einen stärke- Nach der Immobilienkrise der Neunzi- vestitionen von institutionellen Anlegern
ren Effekt auf die Schweizer Häuserpreise gerjahre scheinen sich die Effekte der Ein- in solche Mehrfamilienhäuser mit Eigen-
als nach der Immobilienkrise der Neun- flussfaktoren auf die Häuserpreise verän- tumswohnungen und aufgrund des tiefen
zigerjahre. Hingegen hat das wirtschaft- dert zu haben und sind seither konstant. Zinsumfelds ist dies eine wichtige Beob-
liche Umfeld seit den frühen Neunzi- Wie die Untersuchung zeigt, reagierten achtung. Denn die Preise von Eigentums-
nach der Immobilienkrise auch die Prei- wohnungen reagieren nun auf eine Zins-
2 Drechsel, Dirk und Anne Kathrin Funk (2017).
Time-Varying and Regional Dynamics in Swiss Housing
se von Eigentumswohnungen schwächer senkung mit einem stärkeren Preisanstieg
Markets. In: Swiss Journal of Economics and Statistics. auf den Hypothekarzinssatz (siehe Ab- als vor 2002.

42  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DIE STUDIE

Daten und Methode


Die Analyse verwendet Daten zur Dis- und entspricht dem Median der Ver- Einfamilienhäusern, 37,5% Eigentums- suchen, ob sich die Zusammenhänge
krepanz zwischen Wohnangebot und änderungsrate der neu abgeschlos- wohnungen und 25% Mietwohnungen der Variablen über die Zeit verändert
-nachfrage, Hypothekarzinsen, Brut- senen, variabel verzinsten Hypo- gewichtet. Die Analyse der regiona- haben. Die Identifizierung der Schocks
toinlandprodukt (BIP) sowie Häuser- theken gegenüber dem Vorjahr. Die len Effekte basiert auf den Schwei- basiert auf einer Cholesky-Dekom-
preisen von 1983 bis 2013. Die Dis- vierteljährliche BIP-Veränderung wird zer Grossregionen, berücksichtigt die position, wobei die Variablen in der
krepanz zwischen Wohnangebot und vom Staatssekretariat für Wirtschaft Arbeitslosenquote anstelle des BIP Reihenfolge wie oben beschrieben an-
-nachfrage wurde als Differenz zwi- (Seco) publiziert. Die Veränderungs- und beschränkt sich auf den Zeitraum geordnet sind. Die regionale Analyse
schen dem Bevölkerungswachstum raten der Häuserpreise stammen aus von 1997 bis 2013. verwendet ein bayesianisches vektor-
und dem Wachstum des Wohnungsbe- dem Angebotspreisindex des Bera- Die Studie verwendet ein bayesia- autoregressives Model für jede Gross-
stands gemessen. Diese Daten stam- tungsunternehmens Wüest Partner nisches, zeitvariierendes vektorauto- region.
men vom Bundesamt für Statistik. und sind mit den Konsumentenprei- regressives Model. Im Vergleich zu
Der Hypothekarzinssatz stammt von sen deflationiert. Der berechnete einem klassischen vektorautoregres-
der Schweizerischen Nationalbank Immobilienpreisindex ist mit 37,5% siven Modell lässt sich damit unter-

Grosse regionale Unterschiede Hauptsächlich sind also Angebot und Immobilienmarkts sind diese Erkenntnis-
Nachfrage nach Wohnraum für Immo- se für politische Entscheidungsträger be-
In den Schweizer Grossregionen haben bilienpreisfluktuationen verantwortlich. sonders relevant.
sich die Immobilienpreise in den letzten Doch das Zusammenspiel zwischen An-
15 Jahren sehr unterschiedlich entwickelt. gebot und Nachfrage, Zinsniveau, wirt-
Den stärksten Anstieg der Häuserprei- schaftlichem Umfeld und Immobilien-
se verzeichnen die Grossregionen Zent- preisen verändert sich über die Zeit.
ralschweiz, Südschweiz, Genferseeregion Wie die Studie zeigt, reagieren die Preise
und Zürich. Nur einen moderaten Preis- von Eigentumswohnungen aktuell wie-
anstieg verzeichnen die Nordwestschweiz der stärker auf Zinsänderungen als vor
und Bern. Ausserdem ist die Genferseere- 15 Jahren. Zusätzlich sind auch die gros-
gion das einzige Gebiet, in dem die Bevöl- sen regionalen Unterschiede für die Um-
kerungszahl durchschnittlich stärker zu- setzung und die Entscheidungsfindung Anne Kathrin Funk
genommen hat als der Wohnungsbestand. politischer Massnahmen relevant – ins- Wissenschaftliche Mitarbeiterin, KOF Kon-
Die Studie zeigt, dass Häuserpreise besondere im aktuell tiefen Zinsumfeld, junkturforschungsstelle ETH Zürich und
Doktorandin am Graduate Institute, Genf
in den einzelnen Regionen unterschied- das mit steigenden Immobilienpreisen
lich auf Veränderungen der Einflussfak- gekoppelt ist. Die strikteren Anforderun-
toren reagieren: So sind in der Region Zü- gen zur Hypothekarvergabe seit 2012,
rich die Effekte des Hypothekarzinses und wie beispielsweise die Amortisations-
der Arbeitslosenquote auf die Häuserprei- pflicht, das Niederstwertprinzip und die
se ähnlich wie im gesamtschweizerischen strengeren Eigenkapitalanforderungen,
Benchmark. Die Häuserpreise reagieren erhöhen den von den Haushalten effek-
dort allerdings stärker auf Angebot und tiv bezahlten Zins. Ausserdem könnten
Nachfrage. Anders in der Genferseere- die Umsetzung der Masseneinwande-
gion: Dort sind die Immobilienpreise be- rungsinitiative und eine schwierigere Si-
sonders sensitiv auf Zinsänderungen so- tuation am Arbeitsmarkt das Bevölke- Dirk Drechsel
wie auf das Angebot und die Nachfrage rungswachstum in den nächsten Jahren Dr. oec., Forschungsmitglied, KOF
Konjunkturforschungsstelle ETH Zürich
nach Wohnraum. abschwächen. Bei der Beobachtung des

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  43
INFRASTRUKTURKOSTEN

Verdichtet bauen ist günstiger


Verdichtetes Bauen lohnt sich: Hochhausbewohner verursachen weniger Infrastrukturkos-
ten als Einfamilienhausbewohner. Sinnvoll ist es zudem, Lücken im Siedlungsgebiet zu füllen.  
Christina Hürzeler, André Müller

pro Einwohner als eine Stadt auf, und auf-


Abstract    Was bedeutet die verstärkte Forderung nach Siedlungsentwicklung nach
innen für die Kosten der technischen Infrastrukturen? Eine Studie des Berner For- grund der geringeren Bevölkerungszahl
schungs- und Planungsunternehmens Ecoplan im Auftrag des Bundesamts für Raum- entstehen wegen fehlender Skaleneffek-
entwicklung (ARE) kommt zum Schluss, dass die Infrastrukturkosten von Abwasser- te höhere Pro-Kopf-Kosten. Andererseits
entsorgung, Strassen sowie Wasser- und Stromversorgung für ein Hochhausquartier sind die Laufmeterkosten für die Grob-
pro Person zwei bis drei Mal tiefer sind als für eine Einfamilienhaussiedlung. Bei Sied- erschliessung in den ländlichen Gemein-
lungserweiterungen dürfte eine Neuerschliessung eines Gebietes am Rand eines städ- den aufgrund der geringen Komplexität
tischen Zentrums günstiger sein als Verdichtungen im ländlichen Raum. Das Verursa- der Baustellen tiefer als im städtischen
cherprinzip wird bei der Abwasserentsorgung sowie der Wasser- und Stromversorgung Umfeld. Für einen Meter Kanalisation
nur teilweise umgesetzt, bei der Mobilität gar nicht. Dort fallen die betrachteten Kos- zur Erschliessung eines Quartiers einer
tenbereiche gänzlich bei den Steuerzahlenden respektive der Allgemeinheit an. Diese Landgemeinde müssen beispielsweise
bestehenden Fehlanreize könnten behoben werden, würden die Kosten konsequenter durchschnittlich 1000 Franken investiert
auf die Verursacher überwälzt. werden, während es im dicht bebauten
städtischen Umfeld 3300 Franken sind.
In allen Infrastrukturbereichen wur-

D  ie Raumplanung verlangt immer


nachdrücklicher, verdichtet und an
gut erschlossenen Lagen zu bauen. Was
lienhaussiedlung bis zum Hochhaus rei-
chen (siehe Abbildung 1). Je nach Orts-
typ dominieren in der Schweiz bestimmte
den die Betriebs- und Unterhaltskosten
sowie Investitionen, welche den Werter-
halt mit einbeziehen, berücksichtigt. Im
bedeutet diese sogenannte Siedlungs- Siedlungstypen, so wie es auch in der Rea- Verkehrsbereich wird zusätzlich die Prob-
entwicklung nach innen für die Kosten lität zu beobachten ist. Während in den lematik der Folgekosten betrachtet. Dar-
von Bau, Betrieb und Unterhalt der Infra- Städten Hochhäuser und Wohnblöcke unter sind einerseits die externen Kosten
strukturen? Ist die Verdichtung dank ge- mit drei oder mehr Etagen vorherrschend und Nutzen des privaten und öffentli-
ringerer Distanzen und grösserer Volumen sind, prägen in den ländlichen Gemeinden chen Personenverkehrs wie beispiels-
auch volkswirtschaftlich von Vorteil, oder Einfamilien- und Reiheneinfamilienhäuser weise Lärm und Luftverschmutzung und
überwiegen die Mehrkosten aufgrund von das Ortsbild. andererseits die ungedeckten Kosten im
komplexeren Bausituationen und höheren Für jede dieser Kombinationen aus Sied- öffentlichen Verkehr (ÖV) aufgrund von
Anforderungen an die Kapazitäten? lungs- und Ortstyp wurde ein Mengenge- Subventionen zu verstehen.
Ebenso interessiert, wie es um die ver- rüst ermittelt. Dieses umfasst beispiels- Bei den im Normkostenansatz ver-
ursachergerechte Anlastung der Kosten weisse die Anzahl Hausanschlüsse und die wendeten Werten handelt es sich um
von Wasser- und Stromversorgung, Ab- Länge der Groberschliessung in Metern. Durchschnittswerte für die dargestellten
wasserentsorgung sowie Strasseninfra- Anschliessend wurde das Mengengerüst schweizerischen Siedlungs- und Ortsty-
strukturen steht. Profitieren Personen, mit dem entsprechenden Wertgerüst, pen. Die genaue Situation von einzelnen
die auf grösserer Fläche und peripher das zum Beispiel die Kosten pro Hausan- real existierenden Gemeinden, beispiels-
wohnen, von einer Quersubventionierung schluss oder pro Meter Groberschliessung weise mit ihrer spezifischen topografi-
seitens der Stadtbewohnenden? Diese in Franken erfasst, multipliziert. Daraus er- schen Situation, wird damit nicht wie-
Fragen hat das Berner Forschungs- und geben sich die Kosten der technischen In- dergegeben. Der Ansatz stellt aber für die
Beratungsbüro Ecoplan im Auftrag des frastruktur, differenziert nach Siedlungs- Gemeinden einen guten Startpunkt dar,
Bundesamtes für Raumentwicklung (ARE) und Ortstyp. Die zugrunde liegenden um siedlungsspezifische Infrastruktur-
untersucht.1 Daten basieren auf Einschätzungen von kosten abzuschätzen.
Ingenieurbüros sowie empirischen Durch-
Verschiedene Orts- und schnittswerten von Gemeinden. Dichte und Kosten hängen
Für die «innere Erschliessung» ist der
Siedlungstypen Siedlungstyp massgebend: Je dichter eine
zusammen
In der Studie wurde der sogenannte bestimmte Fläche bebaut ist, desto ge- Die Resultate für die Siedlungstypen zei-
Normkostenansatz2 verwendet und em- ringer ist beispielsweise die notwendige gen: Je dichter die Personen beieinander
pirisch validiert. Der Ansatz unterscheidet Kanallänge pro erschlossenen Einwoh- wohnen, umso tiefer sind die durchschnitt-
vier Ortstypen und sechs verschiedene ner. Demgegenüber ist für die «äusse- lichen Pro-Kopf-Kosten für Abwasser,
Siedlungstypen, welche von der Einfami- re Erschliessung» – beziehungsweise für Wasser und Strom. Während sie im Ein-
die Groberschliessung – der Ortstyp ent- familienhaus pro Person jährlich zwischen
1 Ecoplan, B+S, Hunziker Betatech (2017). scheidend. So weist eine ländliche Ge- 1100 und 1400 Franken betragen, belau-
2 Siehe Ecoplan (2000). meinde beispielsweise mehr Kanallänge fen sie sich für eine Hochhausbewohnerin

44  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


INFRASTRUKTURKOSTEN

Abb. 1: Ortstypen mit Anteilen der sechs Siedlungstypen, in %


m Miel- und Nebenzentrum GürtelLändliche
der Gross-
Gemeinden
und Mielzentren
Grosszentren Mittel- und Nebenzentren Gürtel der Gross- und Mittelzentren Ländliche Gemeinden
0,4 1,6 2,9 1,1

9,5 2,3 10,8 3,8 10,7

ECOPLAN, B+S, HUNZIKER BETATECH (2017), DARSTELLUNG


17,3
21,7
7,9 24,1
35,6

HÜRZELER – MÜLLER/DIE VOLKSWIRTSCHAFT


36,3 33
7,6 21,8
39,0
20,6
19,4
44,2 12,4 16,1

ng Einfamilienhaus  Streusiedlung        Einfamilienhaus     
Reiheneinfamilienhaus
Streusiedlung   Reiheneinfamilienhaus     
Einfamilienhaus
Wohnblock   Wohnblock
5 Etagen 3 Etagen     
3 Etagen Reiheneinfamilienhaus
Wohnblock Wohnblock  Wohnblock
3 Etagen 5 Etagen     
Wohnblock   Hochhaus
Streusiedlung
5 Etagen Einfamilienhaus Reiheneinfamilienhaus Wohnblock 3 Etagen
Hochhaus Hochhaus

Abb. 2: Durchschnittliche Infrastrukturkosten unterschiedlicher Siedlungs- und Ortstypen, in Fr. pro Einwohner und Jahr
Grosszentren Mittel- und Nebenzentren
4000    Franken/Einwohner pro Jahr 4000    Franken/Einwohner pro Jahr

3000 3000

2000 2000

1000 1000

0 0
Einfamilienhaus Reihen­ Wohnblock Wohnblock Hochhaus Einfamilienhaus Reihen­ Wohnblock Wohnblock Hochhaus

ECOPLAN, B+S, HUNZIKER BETATECH (2017)/DIE VOLKSWIRTSCHAFT


einfamilienhaus 3 Etagen 5 Etagen einfamilienhaus 3 Etagen 5 Etagen

Gürtel der Gross- und Mittelzentren Ländliche Gemeinden


4000    Franken/Einwohner pro Jahr 4000    Franken/Einwohner pro Jahr

3000 3000

2000 2000

1000 1000

0 0
Einfamilienhaus Reihen­ Wohnblock Wohnblock Hochhaus Einfamilienhaus Reihen­ Wohnblock Wohnblock Hochhaus
einfamilienhaus 3 Etagen 5 Etagen einfamilienhaus 3 Etagen 5 Etagen

  Abwasser        Wasser        Strom        Gemeindestrassen        Folgekosten der Mobilität

l­ediglich auf 350 bis 600 Franken pro Jahr weniger Mobilitätskosten als die länd- teressiert aus raumplanerischer Sicht auch
(siehe Abbildung 2). liche Bevölkerung mit 2100 Franken pro die Frage, wie viel zukünftige Siedlungs-
Bei den Ortstypen zeigt sich, dass die Kopf. Das hängt damit zusammen, dass in entwicklungen kosten. Von Interesse sind
Pro-Kopf-Kosten in den Landgemeinden dicht gebauten, zentralen Siedlungsge- insbesondere die Grenzkosten von zwei
generell etwas höher sind. Da es im städ- bieten die Wege zum Einkaufen, zum Arzt Arten der Siedlungsentwicklung – das
tischen Umfeld zu den erwähnten Skalen- oder zum Fitnesszentrum kürzer sind und Auffüllen von Lücken inmitten von bebau-
effekten kommt, fallen dort die Pro-Kopf- diese Wege weniger oft mit dem Auto zu- ten Parzellen und die Neuerschliessung
Kosten leicht tiefer aus. rückgelegt werden. Allerdings benützt die von Bauland am Siedlungsrand. In beiden
Die bedeutendsten Kosten entste- städtische Bevölkerung häufiger den sub- Fällen kann ein Teil der Infrastruktur der
hen jedoch bei der Mobilität, nament- ventionierten öffentlichen Verkehr. Dank bestehenden Siedlung mitbenutzt wer-
lich bei den Gemeindestrassen und den einer guten Auslastung fallen die ÖV-Ab- den, der jedoch unterschiedlich gross ist.
aus dem Personenverkehr entstehenden geltungen pro Kopf aber kleiner aus als in Dabei zeigt sich: Innerhalb desselben
Folgekosten. In diesem Bereich sind die ländlichen Gebieten. Ortstyps ist das Auffüllen von Baulücken
Unterschiede zwischen Stadt und Land immer günstiger als die Neuerschlies-
ausgeprägter als bei den Infrastruktur- Lücken füllen oder neu sung am Siedlungsrand. Wenn sich je-
bereichen Abwasser, Wasser und Strom- doch die Frage stellt, in welchem Orts-
versorgung. Die Bewohner von grösseren
erschliessen? typ eine Erweiterung stattfinden soll, so
Zentren verursachen mit durchschnittlich Neben den Durchschnittskosten, die den weisen die Berechnungen darauf hin, dass
1400 Franken pro Kopf jährlich deutlich aktuellen gebauten Zustand abbilden, in- eine Neuerschliessung am Siedlungsrand

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  45
INFRASTRUKTURKOSTEN

eines Grosszentrums aus Infrastruktur- gesamten von ihnen verursachten Kos- Bei der Stromversorgung sind sowohl
sicht kostengünstiger ist als das Auffüllen ten tragen. In der aktuellen Stromtarifdis- dezentrale als auch zentrale Siedlungs-
von Baulücken in einer ländlichen Gemein- kussion stehen siedlungsspezifische Kos- strukturen vom technischen Fortschritt
de. Hauptgrund dafür sind die hohen Pro- tenunterschiede nicht im Vordergrund, betroffen. In dezentralen Siedlungsstruk-
Kopf-Kosten der Mobilität im ländlichen hingegen wird eine leistungsabhängige turen ist das Stromeigenproduktions-
Raum (siehe Abbildung 2). Stromtarifierung auch für die Haushalte potenzial grösser, wobei dies mit entspre-
Insgesamt lässt sich sagen, dass eine diskutiert. Eine solche Tarifierung würde chenden Zusatzkosten für die Stromnetze
verdichtete und zentrale Bauweise nicht die siedlungsspezifischen Kostenunter- einhergeht. In zentralen Siedlungsstruk-
nur aus raumplanerischer Sicht sinnvoll schiede besser berücksichtigen. turen dürfte hingegen die intelligen-
ist, sondern auch die finanziellen Ressour- Am ausgeprägtesten ist die Quersub- te Verbrauchssteuerung kostengünsti-
cen schont. ventionierung bei der Mobilität. Da die Ge- ger umsetzbar sein. Diese Entwicklungen
meindestrassen über allgemeine Steuer- müssen auch aus raumplanerischer Sicht
Verursacherprinzip konsequent gelder finanziert werden, findet hier eine eng verfolgt werden.
Quersubventionierung von Steuerzahlen-
umsetzen den zu Strassenbenützenden statt. Eben-
Bei der Wasserversorgung sowie der Ab- so wenig werden die Folgekosten der Mo-
wasserentsorgung gibt es zwischen den bilität von den Verursachern berappt. Die
Einzugsgebieten der Wasseraufbereitung externen Kosten gehen zulasten der All-
respektive der Abwasserreinigungsanlage gemeinheit, die Subventionierung des ÖV
keine Quersubventionierung. Allerdings zulasten der Steuerzahlenden. Hier be-
haben beide Bereiche in der Vergangen- steht der grösste Handlungsbedarf zur
heit von staatlichen Subventionierungen konsequenteren Umsetzung des Verursa-
profitiert. Es ist davon auszugehen, dass cherprinzips. Christina Hürzeler
die heutigen Gebühren für Wasser und Wissenschaftliche Mitarbeiterin
Abwasser nicht ausreichen, um langfristig Sektion Grundlagen, Bundesamt für
Technische Neuerungen bringen Raumentwicklung (ARE), Bern
die notwendigen Erneuerungsinvestitio-
nen zu tätigen. Sollten in diesem Zusam-
Veränderungen
menhang die Gebühren steigen, so emp- Durch technische Entwicklungen verän-
fehlen die entsprechenden Fachverbände, dern sich die Kosten der untersuchten In-
im Zuge dieser Erhöhungen die heute be- frastrukturen. Im Bereich Abwasser sind
stehenden Quersubventionierungen in- einerseits Zentralisierungstendenzen
nerhalb der Einzugsgebiete von Mehr- feststellbar – unter anderem wegen höhe-
familienhäusern zu Einfamilienhäusern rer Qualitätsansprüche an die Abwasser-
durch eine Stärkung der Grundgebühr ab- reinigungsanlagen. Andererseits werden
zubauen. Kleinkläranlagen vor Ort kostengünstiger
Bei der Stromversorgung kommt es und stellen so für dezentrale Siedlungsge- André Müller
zwischen den Einzugsgebieten der Elek- biete eine Alternative dar. Partner des Beratungs- und Forschungs-
unternehmens Ecoplan, Bern
trizitätsunternehmen ebenfalls zu keinen Auch bei der Wasserversorgung wird
Quersubventionierungen. Aber auch dort an dezentralen Lösungen geforscht. Al-
Literatur
liegt das Problem innerhalb des Einzugs- lerdings werden aus Gründen der Versor-
Ecoplan, B+S, Hunziker Betatech (2017). Infrastruktur-
gebietes. Aufgrund der gesetzlichen Vor- gungssicherheit vielerorts zentrale Lösun- kosten unterschiedlicher Siedlungstypen. Oder: Ist
gabe der harmonisierten Stromtarife trägt gen vorangetrieben. Im Personenverkehr verdichtet und zentral bauen billiger? Untersuchung im
Auftrag des Bundesamtes für Raumentwicklung, Bern.
die Bevölkerung der dicht besiedelten Ge- stellt sich die Frage, ob autonomes Fah- Ecoplan (2000). Siedlungsentwicklung und Infrastruktur-
biete mehr Kosten, als sie verursacht, ren und elektrische Fahrzeuge dezentrales kosten, Untersuchung im Auftrag von Bundesamt für
Raumentwicklung, Staatssekretariat für Wirtschaft,
während die Bewohner der teureren, we- Wohnen möglicherweise attraktiver und Amt für Gemeinden und Raumordnung des Kantons
niger dicht besiedelten Gebiete nicht die kostengünstiger machen werden. Bern, Bern.

46  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DOSSIER

DOSSIER

Arbeitsbedingungen und
berufliche Erkrankungen

DREAMSTIME
Neun von zehn Erwerbstätigen in der Schweiz beurteilen ihre
Arbeitsbedingungen als gut bis sehr gut. Doch gemäss der neuesten
Europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen hat die Schweiz
in gewissen Bereichen gegenüber 2005 Rückschritte gemacht und
hat sich etwa bei den physischen Belastungen der EU angenähert. Die
Arbeitsbedingungen haben sich mit der Digitalisierung geändert. Flexible
Arbeitsmodelle wie Homeoffice verwischen die Grenze zwischen Arbeit
und Freizeit. Stress und Burn-out sind Symptome dieser Umwälzungen.
Wie kann man diesen Gefahren vorbeugen?
Die Schweiz kennt bisher kein kohärentes Präventionssystem für
arbeitsbedingte Erkrankungen am Arbeitsplatz. Eine Studie des Staats-
sekretariats für Wirtschaft in Zusammenarbeit mit den kantonalen
Arbeitsinspektoren und der Universität Lausanne prüft zurzeit die
Wirkung einer solchen öffentlichen Massnahme. Davon könnten nicht
nur die Arbeitnehmenden und die Unternehmen, sondern die
Gesellschaft als Ganzes profitieren.

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  47
ARBEITSMARKT

Der Vorsprung schwindet


Die Arbeitsbedingungen in der Schweiz sind im Allgemeinen gut. Doch im Vergleich zu
2005 hat die Schweiz 2015 ihre Spitzenstellung gegenüber Europa teilweise eingebüsst.
Insbesondere die physischen Belastungen haben zugenommen und nähern sich dem
europäischen Niveau an.   Margot Vanis, Maggie Graf, Ralph Krieger

sind der Meinung, dass ihre Führungsper-


Abstract  Der European Working Conditions Survey 2015 – die neueste Europäische son gute Arbeit mit Lob und Anerkennung
Erhebung über die Arbeitsbedingungen – zeigt, dass sich die Arbeitsbedingungen in
honoriert und ein hilfreiches Feedback
der Schweiz zwischen 2005 und 2015 teilweise verschlechtert haben. Besonders bei
gibt.
den physischen Belastungen am Arbeitsplatz hat die Schweiz über die Zeit und gegen-
Ausserdem geben die Befragten ver-
über dem europäischen Ausland einen Rückschritt erlitten. Zudem haben auch der
gleichsweise häufiger an, dass die Vor-
Gestaltungsspielraum und die Mitsprachemöglichkeit bei der Arbeit abgenommen.
gesetzten ihre Arbeitnehmenden zu erfolg-
Gegenüber 2005 stufen heute mehr Personen ihre Arbeit als eintönig ein, und weniger
reicher Zusammenarbeit motivieren. Drei
Personen erachten ihre Arbeit als sinnvoll. Trotzdem: Immer noch beurteilen hier-
Viertel der Erwerbstätigen in der Schweiz
zulande rund 90 Prozent ihre Arbeitsbedingungen als gut oder sehr gut. Die eigene
Gesundheit und die Motivierungsfähigkeit der Führungspersonen werden oft als
antworteten, dass sie ihre Organisation
gut eingestuft. Auch wenn gegenüber dem EU-Durchschnitt den Schweizer Arbeit- motiviere, ihr Bestes zu geben. Damit
nehmenden eine hohe Flexibilität abverlangt wird, hat der zeitliche Druck auf die Be- liegt die Schweiz über dem europäischen
schäftigten seit 2005 abgenommen. Durchschnitt mit 61 Prozent.

Schweizer Arbeitgeber fordern


mehr Flexibilität
A  us Sicht der Arbeitnehmenden
waren die Arbeitsbedingungen in der
Schweiz im Jahr 2015 gut. Insgesamt sind
pro Jahr durchschnittlich 5 Tage wegen
Krankheit oder Unfall. Das ist wenig im
Vergleich zu Europa, wo die Arbeitneh-
Schlechter als das europäische Ausland
schneidet die Schweiz bei der Arbeitszeit
fast neun von zehn Beschäftigten zufrieden mer im Schnitt 6 Tage fehlen. Aber auch ab – aber nur auf den ersten Blick: Eine
oder sehr zufrieden mit ihren Arbeits- der Umkehrschluss, dass viele Schwei- Arbeitswoche ist bei Vollzeiterwerbstä-
bedingungen. Damit liegt die Schweiz im zer trotz Krankheit zur Arbeit gehen, trifft tigen in der Schweiz mit 42 Stunden län-
europäischen Durchschnitt. nicht zu: Nur 22 Prozent der Schweizer ger als im europäischen Durchschnitt, wo
Das zeigt die neuste Europäische Er- sind am Arbeitsplatz erschienen, obwohl sie nur 39 Stunden dauert. Gut ein Viertel
hebung über die Arbeitsbedingungen sie krank waren. Im EU-Durchschnitt wa- der Erwerbstätigen arbeitet in der Schweiz
2015. Dieser sogenannte European ren es 38 Prozent. jedoch weniger als fünf Tage pro Woche.
Working Conditions Survey (EWCS) wird Auch bei den Gesundheitsbe­ Dieser Anteil Teilzeitarbeitender ist deut-
seit 1990 alle fünf Jahre in allen Ländern schwerden, die häufig in Verbindung mit lich grösser als im europäischen Durch-
Europas durchgeführt (siehe Kasten).1 Die der Arbeit auftreten, steht die Schweiz im schnitt mit 17 Prozent. Bei der Häufigkeit
Studie macht sichtbar, wo die Schweiz Vergleich zur EU häufig besser da. Auf- von Nachtarbeit, der Arbeit an Wochen-
stark ist, aber auch, wo im Vergleich mit fallend ist, dass der Anteil Erwerbstätiger, enden oder während der Freizeit bewegt
Europa ihre Schwächen liegen. Im zeit- die an gesundheitlichen Beschwerden sich die Schweiz im europäischen Rahmen.
lichen Vergleich zeigt sich, dass die leiden, die länger als sechs Monate Bei der Arbeitszeitflexibilität müssen
Schweiz an Vorsprung verloren hat: Sie dauern, hierzulande mit 8 Prozent ver- zwei Seiten unterschieden werden: die
steht nicht mehr so oft an der Spitze wie gleichsweise tief ist. Der europäische Möglichkeit der Erwerbstätigen, ihre
noch 2005. Durchschnitt ist doppelt so hoch (17%). In Arbeitszeit flexibel zu gestalten, und die
Österreich (18%), Deutschland (20%) und Flexibilitätsanforderungen der Betriebe
Gesunde Schweizer Frankreich (26%) arbeiten deutlich mehr an die Arbeitnehmenden. So verzeichnet
Erwerbstätige mit solchen chronischen die Schweiz mit 12 Prozent den höchsten
Erwerbstätige Erkrankungen als in der Schweiz. Anteil Erwerbstätiger, welche die Arbeits-
Bei der Gesundheit liegt die Schweiz rund zeit vollständig individuell festlegen
10 Prozentpunkte über dem europäischen Vorgesetzte fördern die können (EU: 6%). Umgekehrt verlangen
Durchschnitt: Neun von zehn Erwerbstä- die Arbeitgeber in der Schweiz aber
tigen stufen in der Umfrage ihre allge-
Zusammenarbeit auch häufiger regelmässige kurzfristige
meine Gesundheit als gut oder sehr gut Auch bei wichtigen Aspekten des Füh- Änderungen der Arbeitszeiten (Schweiz:
ein. Die Schweizer Erwerbstätigen fehlen rungsverhaltens schneidet die Schweiz 18%; EU: 13%).
im Vergleich zu ihren Nachbarstaaten und Solche nicht planbaren Arbeitseinsätze
1 Die Schweiz hat nur 2005 und 2015 voll an der Umfrage
Europa besser ab (siehe Abbildung 1). Vier können sich nachteilig auf die Gesund-
teilgenommen. von fünf Arbeitnehmenden in der Schweiz heit auswirken, weil sie die Plan- und

48  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DOSSIER

Der Anteil Erwerbstätiger in Berufen mit


physischen Belastungen hat in der Schweiz seit
2005 zugenommen. Bauarbeiter erneuern
Tramgleise in Basel.
KEYSTONE
ARBEITSMARKT

­ estaltbarkeit der arbeitsfreien Zeit be-


G Abb. 1: So nehmen Erwerbstätige ihre Vorgesetzten wahr (Schweiz und Europa,
hindern und die Erholungszeiten beein- 2015)
trächtigen. Dennoch: Die Vereinbarkeit

EUROPEAN WORKING CONDITIONS SURVEY 2015, EIGENE BERECHNUNGEN DER


der Arbeitszeiten mit den familiären oder Respektiert sie als Person
sozialen Verpflichtungen ausserhalb des
Berufs beurteilen 88 Prozent der Erwerbs- Gibt Lob und Anerkennung bei
tätigen als gut oder sehr gut. guter Arbeit
Im Vergleich zur Befragung vor
Gibt ihnen hilfreiches Feedback
zehn Jahren hat der Zeitdruck auf die zur Arbeit
Arbeitnehmer abgenommen. Der An-
Bringt Menschen erfolgreich dazu,
teil schweizerischer Erwerbstätiger, die

AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


zusammenzuarbeiten
angeben, während mindestens eines
Viertels der Zeit einem hohen Arbeits- Unterstützt sie bei der Erledigung
der Arbeit
tempo ausgesetzt zu sein, ist seit 2005
von 73 auf heute 65 Prozent gesunken. Unterstützt und fördert ihre
Ähnlich beim Anteil Erwerbstätiger, die Entwicklung
unter Termindruck stehen: Dieser hat 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
zwischen 2005 und 2015 von 69 auf 63 in %
  Schweiz        EU
Prozent abgenommen und entspricht
Die Balken zeigen den Anteil der Arbeitnehmenden (ohne Landwirtschaft), die den Aussagen in Bezug auf
heute dem europäischen Mittelwert. Eine ihre Vorgesetzten zustimmen, in Prozent. Anzahl Befragte Schweiz: 871, Anzahl Befragte EU: 28 079.
ähnliche Tendenz beobachtet man auch
in Deutschland und Italien, während die
Ergebnisse im europäischen Mittel über Abb. 2: Arbeitsinhalt aus Sicht der Schweizer Arbeitnehmenden (2005 und 2015)
die Zeit stabil blieben.

EUROPEAN WORKING CONDITIONS SURVEY 2005 UND 2015, EIGENE BERECHNUNGEN


Komplexe Arbeitsaufgaben
Arbeitsqualität und Einfluss-
möglichkeiten nehmen ab
Selbstständiges Lösen von
Ganzheitliche, als sinnvoll erlebte und unvorhergesehenen Problemen
im richtigen Mass fordernde Aufgaben
wirken motivierend. Zudem fördern sie

DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAF


auch die Kompetenzentwicklung und Selbstbeurteilung der Qualität
die Gesundheit. Eine sorgfältige Abstim- der Arbeit
mung der Aufgabenverteilung zwischen
Mensch und Maschine ist gerade in Zei-
ten einer zunehmenden Digitalisierung Neues lernen
und Automatisierung der Arbeit wich-
tig. Gemäss der Studie verrichten im- 0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
in %
mer mehr Personen eintönige Aufgaben
(2005: 22%, 2015: 33%). Der Anteil Er-   2005        2015
werbstätiger, die ihre Arbeit als sinnvoll Die Balken zeigen den Anteil der Arbeitnehmenden (ohne Landwirtschaft), die den Aussagen in Bezug auf
erachten, ist zwar hoch, er nimmt aber ihren Arbeitsinhalt zustimmen, in Prozent. Anzahl Befragte 2005: 845, Anzahl Befragte 2015 (ohne Land-
tendenziell ab (2005: 92%, 2015: 86%). wirtschaft): 871.
Ausserdem berichten weniger Personen
davon, dass sie komplexe Arbeiten ver-
richten, dass sie die Qualität der Arbeit Leistungs­vermögen. Im Allgemeinen der Personen, die angeben, Einfluss auf
selber überprüfen, dass sie unvorher- haben schweizweit zwischen 2005 und die Auswahl von Kollegen zu haben,
gesehene Probleme selbstständig lösen 2015 mehrere Aspekte des Gestaltungs- ist leicht gesunken, während sie im
oder die Möglichkeit erhalten, Neues zu spielraums und der Partizipation ab- europäischen Durchschnitt gestiegen ist
lernen (siehe Abbildung 2). Insgesamt hat genommen. So ist etwa die Möglich- (siehe Abbildung 3). Insgesamt haben sich
die Schweiz hier an Vorsprung eingebüsst keit, das Arbeitstempo zu gestalten, die Möglichkeiten zum Einfluss auf die
und gleicht sich hinsichtlich der Anforde- um 5 Prozentpunkte auf 68 Prozent ge- Arbeit dem europäischen Durchschnitt
rungen der Arbeitsaufgaben dem euro- sunken. Auch der Gestaltungsfreiraum, angeglichen. Gegenüber der Erhebung
päischen Niveau an. um die Reihenfolge von Aufgaben und 2005 hat die Schweiz ihre Spitzen-
Die Möglichkeit, die Arbeit selber das Vorgehen beim Erledigen einer Auf- position bei wichtigen Ressourcen ein-
mitzugestalten, ist eine bedeut- gabe zu bestimmen, ist um jeweils 8 gebüsst.
same Ressource für die Motivations- Prozentpunkte gesunken. Markant sind Die Kombination aus fehlendem zeit-
förderung und den Gesundheitsschutz. die Rückgänge bei den Möglichkeiten, lichem Gestaltungsspielraum bei der
Denn sie erleichtert die Passung von Pausen frei einzuteilen und eigene Ideen Arbeit und hohem Zeitdruck kann sich
Anforderungen und individuellem in der Arbeit umzusetzen. Auch die Zahl besonders ungünstig auf die Gesund-

50  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DOSSIER

Abb. 3: Einflussmöglichkeiten aus Sicht der Arbeitnehmenden in der Schweiz und Die Europäische Erhebung über die
in der EU (2005 und 2015) Arbeitsbedingungen (EWCS)
80       In % Der European Working Conditions Survey
(EWCS) ist die umfangreichste vergleichende

EUROPEAN WORKING CONDITIONS SURVEY 2005 UND 2015, EIGENE


Untersuchung zu den Arbeitsbedingungen in
Europa. Er erlaubt Ländervergleiche und die
60 langfristige Beobachtung der Risikoentwicklung.

BERECHNUNGEN DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAF


Seit 1990 wird er alle fünf Jahre von Eurofound
durchgeführt und deckt die EU-Mitgliedsländer
40 sowie interessierte Nichtmitgliedsländer ab.
2015 wurden mehr als 43 000 Erwerbstätige aus
35 Länderna befragt.
Die Schweiz nahm 2005 und 2015 direkt daran
20
teil. Die repräsentative Schweizer Stichprobe der
Arbeitnehmenden und selbstständigen Erwerbs-
tätigen beinhaltet Personen, die über fünfzehn
0 Jahre alt sind, in einem Privathaushalt leben
2005 2015 2005 2015 2005 2015 und in der zurückliegenden Woche während
Eigene Ideen umsetzten Freie Pausenwahl Einfluss auf die Auswahl mindestens einer Stunde einer bezahlten Tätig-
der Kollegen keit nachgingen (Anzahl Befragte 2005: 1040;
  Schweiz        EU
Anzahl Befragte 2015: 1006).
Die Balken zeigen den Anteil der Arbeitnehmenden (ohne Landwirtschaft), die sagten, dass sie in ihrem
Betrieb die entsprechenden Möglichkeiten geniessen. Anzahl Befragte Schweiz: 2005: 845; 2015: 871. a EU-28, Schweiz, Norwegen, Türkei, Mazedonien,
Serbien, Montenegro und Albanien
Anzahl Befragte EU: 2005: 20’883; 2015: 28 079.

Abb. 4: Physische Belastungen bei der Arbeit in der Schweiz und in der EU
(2005 und 2015)
80       In %

EUROPEAN WORKING CONDITIONS SURVEY 2005 UND 2015, EIGENE


60 BERECHNUNGEN DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Margot Vanis
Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Ressort
40 Grundlagen Arbeit und Gesundheit, Staats-
sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern

20

0
2005 2015 2005 2015 2005 2015 2005 2015
Stets gleiche Hand- oder Schmerzhafte oder Tragen oder Bewegen Starker Lärm
Armbewegungen ermüdende Körperhaltungen schwerer Lasten

  Schweiz        EU

Die Balken zeigen den Anteil der Arbeitnehmenden (ohne Landwirtschaft), die mehr als ein Viertel der Maggie Graf
Arbeitszeit den genannten Risikofaktoren ausgesetzt sind, in Prozent. Anzahl Befragte Schweiz: Dr. sc. nat., Ressortleiterin Grundlagen
2005: 845; 2015: 871. Anzahl Befragte EU: 2005: 20 883; 2015: 28 079. Arbeit und Gesundheit, Staatssekretariat
für Wirtschaft (Seco), Bern

heit auswirken. Von dieser ungünstigen der Arbeit in der Schweiz. Für die meis-
Kombination sind rund 11 Prozent der Er- ten dieser Risikofaktoren lässt sich seit
werbstätigen betroffen. 2005 eine Zunahme beobachten. Insbe-
sondere Arbeiten mit repetitiven Bewe-
Physische Belastungen gungen und mit schmerzhafter Körper-
haltung nehmen in der Schweiz stark zu
nehmen zu (siehe Abbildung 4). Dieser Trend steht im
Schmerzhafte Körperhaltung, repetitive Gegensatz zur EU, wo der Anteil Erwerbs- Ralph Krieger
Bewegungen und das Tragen oder Bewe- tätiger, die solche Arbeiten verrichten, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ressort
gen schwerer Lasten bleiben die häufigs- stabil bleibt. In den Nachbarstaaten neh- Grundlagen Arbeit und Gesundheit, Staats-
sekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
ten gesundheitlichen Risikofaktoren bei men sie sogar ab.

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  51
ARBEITSMARKT

Die Flexibilität von Selbstständig-


erwerbenden hat ihren Preis
Rund jeder Zehnte in der Schweiz ist selbstständig erwerbend. Eine Studie zeigt, dass
Selbstständige im Vergleich zu Arbeitnehmenden zwar mehr Flexibilität geniessen, aber
auch deutlich mehr und unregelmässiger arbeiten.   Ulrich Pekruhl, Christoph Vogel

alle fünf Jahre in der EU und den meisten


Abstract  Selbstständigerwerbende leisten mit ihrem Einsatz einen ausserordentlich
übrigen europäischen Staaten durch-
wertvollen Beitrag für die Wirtschaft und für die Gesellschaft. Die Daten des European
geführt wird.4 Weil sich die einzelnen
Working Conditions Survey (EWCS) aus dem Jahr 2015 zeigen, dass Selbstständig-
Formen von Selbstständigkeit, beispiels-
erwerbende insgesamt mehr arbeiten als Angestellte. Auf der anderen Seite können
weise die Contractors und Gig Workers, in
Selbstständigerwerbende von einer Vielzahl an arbeitsbezogenen Ressourcen wie
den Daten nicht deutlich isolieren liessen,
etwa einer hohen Selbstbestimmung profitieren, was eine gute Balance schafft und
kann hier nicht von einer trennscharfen
wahrscheinlich zum hohen Engagement der Selbstständigen beiträgt. Allerdings
gibt es Unterschiede: Bei einigen Formen der Selbstständigkeit bestehen Hinweise, Auswertung gesprochen werden. Als Gig
dass gewisse Arbeitsbedingungen tendenziell schlechter sind als bei anderen Selbst- Worker gilt nach Definition der Studie,
ständigen. Das betrifft etwa die sogenannten Contractors und diejenigen Selbst- wer selbstständig beschäftigt ist und täg-
ständigen, die kurzfristige Arbeitseinsätze leisten: die Gig Workers. lich oder mehrmals in der Woche kurz-
fristig zum Arbeitseinsatz gerufen wird.
Als Contractors gelten in der Studie

D  ie «NZZ am Sonntag» titelte: «Die


Festanstellung wird zum Aus-
laufmodell».1 Sicher ist diese Prognose
Diese ­ Internetplattformen vermitteln
Arbeitskräfte, darunter auch Selbst-
ständigerwerbende, für kurzfristige
Selbstständigerwerbende, die mehr als
75 Prozent für den gleichen Auftraggeber
arbeiten. Von den in der Studie befragten
übertrieben, dass jedoch ein Trend zur handwerkliche, persönliche oder auch Personen gehören nur rund 2 Prozent zu
Flexibilisierung besteht und dass dieser Onlinedienstleistungen. Ein ebenso be­ den Gig Workers und 2,5 Prozent zu den
zu einer Zunahme selbstständiger Be- kanntes wie umstrittenes Beispiel hier- Contracters. Aufgrund der geringen Fall-
schäftigung führen kann, ist nicht von der für sind die Dienste des Taxikonkurrenten zahlen sind die nachfolgenden Resultate
Hand zu weisen. Uber. Diese neue Form der kurzfristigen dieser beiden Gruppen vorsichtig zu
Im Artikel der «NZZ am Sonntag» heisst Beschäftigung über eine Plattform nennt werten. Insgesamt kann daher eher von
es, dass bei der Credit Suisse neben den man auch «Gig Work». Untersuchungen2 einer Annäherung an das Thema ge-
47 000 internen Mitarbeitenden auch etwa aus England und Schweden zeigen, dass sprochen werden.
23 000 sogenannte Contractors arbeiten. in beiden Ländern rund 3 Prozent der Be-
Ebenso beschäftigt die UBS neben den fragten mehr als die Hälfte ihres Gesamt- Hohe Arbeitsbelastung bei
60 000 Mitarbeitenden rund 30  000 einkommens durch Gig Work bestreiten.
solcher Contractors. Diese Contractors In der Schweiz ist rund ein Zehntel
Selbstständigen
sind entweder fest bei einer Drittfirma be- der Erwerbstätigen selbstständig be- Die Daten zeigen, dass Vollzeit arbei-
schäftigt oder arbeiten als selbstständige schäftigt. Im Allgemeinen sind Selbst- tende Selbstständige pro Woche im
Freelancer im Unternehmen. Ihre Arbeit ständige relativ frei bei der Auswahl und Schnitt rund 5 Stunden länger arbeiten
beschränkt sich dabei keineswegs auf bei der Gestaltung ihrer eigenen Arbeit. als Arbeitnehmende: Bei den Selbst-
Hilfs- und Nebenaufgaben, sondern um- Allerdings sind sie nicht durch arbeits- ständigen sind es 47,2 Stunden und bei
fasst auch Kernbereiche der Geschäfts- rechtliche Bestimmungen oder Gesamt- den Vollzeit arbeitenden Arbeitneh-
tätigkeit. arbeitsverträge geschützt. Eine Studie menden 41,9 Stunden pro Woche. Con-
Begünstigt wird das A ­uslagern von der Fachhochschule Nordwestschweiz tractors und Gig Workers haben mit
Arbeitskräften durch die ­ zunehmende im Auftrag des Staatssekretariats für 48,8 Stunden (Contractors) und
Digitalisierung von Arbeit und Kom­ Wirtschaft3 hat die Arbeitssituation der 49,2 Stunden (Gig Workers) einen höhe-
munikation. Die Digitalisierung löst Selbstständigerwerbenden mit jener ren Wochenschnitt als Selbstständiger-
regionale, nationale und zeitliche der Arbeitnehmenden in der Schweiz werbende insgesamt.
Grenzen auf. Viele Beschäftigte können verglichen. Dabei wurden auch unter- Selbstständigerwerbende können ihre
dank Internet zeitlich unabhängig von schiedliche Formen der Selbstständig- Arbeitszeiten deutlich freier gestalten
jedem Ort der Welt ihre Arbeit ver- keit untersucht. Die Grundlage für die als Arbeitnehmende (siehe Abbildung 1).
richten. Ein Beispiel für eine zeitlich Studie bildeten die Daten des European Contractors und Gig Workers haben hier-
flexible Arbeitserbringung sind so- Working Conditions Survey (EWCS), der bei jedoch etwas weniger Spielraum als
genannte Crowdsourcing-Plattformen.
4 Siehe auch den Artikel von Krieger, Graf und Vanis
2 Siehe Huws und Joyce (2016a und 2016b). (2017), welcher die Resultate des EWCS für die Arbeit-
1 In der NZZ am Sonntag vom 11.3.2017. 3 Siehe Pekruhl und Vogel (2017). nehmenden mit Europa vergleicht.

52  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DOSSIER

KEYSTONE
Besprechung im Co-Workingspace: Selbst-
ständige arbeiten mehr und unregelmässiger als
Selbstständigerwerbende. Contractors dies deutlich seltener der Fall. Selbst- Arbeitnehmende.
und insbesondere Gig Workers sind auch ständige begegnen insgesamt komple-
sonst stark gefordert. Die grosse Mehrheit xeren Arbeitsanforderungen als Arbeit-
der in der Studie analysierten Gig Workers nehmende und Contractors. Bei den Gig Zwischen Engagement und
arbeitet regelmässig an mehr als 5 Tagen Workers geben fast alle an, regelmässig Verausgabung
pro Woche. Bei den Arbeitnehmenden ist komplexe Aufgaben zu bearbeiten (siehe
es ein knappes Zehntel. Auch bei der Länge Abbildung 2). Die Arbeit der Selbstständigerwerbenden
der Arbeitstage gibt es Unterschiede. 39 Allerdings ist bei den Gig Workers der ist durchschnittlich interessanter und ab-
Prozent der oben erwähnten Gig Workers, Anteil der Befragten, die angeben, dass wechslungsreicher als jene von Arbeit-
aber nur 5 Prozent der Arbeitnehmenden das Arbeitstempo oft hoch ist und dass nehmenden. Die Selbstständigen haben
arbeiten regelmässig mehr als 10 Stunden sie unter Termindruck und Stress stehen, grösseren Einfluss auf die Ausführung und
am Tag. Zudem gibt mehr als die Hälfte der höher als bei den anderen Beschäftigten- Planung ihrer Arbeit.5 Dies macht selbst-
Gig Workers an, regelmässig in der Freizeit gruppen. Lediglich bei den Angestellten ständige Arbeit für viele attraktiv und
zu arbeiten. ist der Anteil der Gestressten ähnlich stellt gleichzeitig einen Ressourcenpool
Die Studie enthält also Hinweise hoch. zur Erhaltung der physischen und psychi-
darauf, dass die Arbeitszeiten der Gig Bei den Angestellten ist der schen Gesundheit dar. Entsprechend hoch
Workers ungünstig ausfallen. Diese Präsentismus am verbreitetsten. Knapp ist auch das Engagement der Selbststän-
Arbeitszeiten werden nur teilweise durch ein Viertel ist in den letzten 12 Monaten digen für ihre Arbeit.
eine autonome Arbeitszeitgestaltung trotz Krankheit zur Arbeit erschienen. Weniger attraktiv und potenziell
kompensiert: Weniger als die Hälfte der Bei den Contractors ist dieser Anteil gesundheitsgefährdend sind allerdings
Gig Workers kann die Arbeitszeit frei ein- tiefer und bei den Gig Workers sogar die langen Arbeitszeiten: Dreimal so viele
teilen, was wahrscheinlich meist durch nur knapp halb so hoch. Die höchste Selbstständige wie Arbeitnehmende
die Arbeitsform per se bedingt ist. Bei Gefährdung der eigenen Gesundheit arbeiten regelmässig in ihrer Freizeit.
den Selbstständigen sind es insgesamt und Sicherheit durch die Arbeit nehmen Hinzu kommen die Arbeit am Wochen-
über zwei Drittel. Erwartungsgemäss jedoch, mit 22 Prozent der Befragten, ende und die langen Wochenarbeits-
wesentlich tiefer liegt dieser Wert bei die Contractors auf sich. zeiten. Bei dieser sogenannten Ent-
den Arbeitnehmenden. Bei Arbeitnehmenden und Gig Workers grenzung der Arbeit werden die Grenzen
ist das Engagement mit jeweils knapp zwischen Arbeit und dem Rest des Lebens
Komplexere Anforderungen 70 Prozent etwas tiefer als bei den immer durchlässiger.
Contractors und bei den Selbstständig- Doch inwieweit können Selbst-
bei Selbstständigen erwerbenden. Von Letzteren geben rund ständige auch in Zukunft eine Balance
Rund ein Drittel der Arbeitnehmenden 80 Prozent an, dass sie sich bei der Arbeit
5 Darauf verweist auch eine Reihe von weiteren Ergeb-
muss auch eintönige Arbeiten erledigen voller Energie fühlen und ihrem Beruf mit nissen unserer Untersuchung. Siehe Pekruhl und Vogel
– bei den Selbstständigerwerbenden ist Begeisterung nachgehen. (2017).

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  53
ARBEITSMARKT

wendigkeit zur permanenten und kurz-


Abb. 1: Arbeitszeiten von Selbstständigen und Arbeitnehmenden in der Schweiz
fristigen Selbstorganisation bedingt ist.
(2015)
Der allgemeine Gesundheitszustand

EUROPEAN-WORKING-CONDITIONS-SURVEY-BEFRAGUNG 2015, EIGENE


6-7 Arbeitstage pro Woche der Selbstständigerwerbenden unter-
scheidet sich insgesamt nur leicht vom

BERECHNUNGEN DER AUTOREN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT.


Zustand der Arbeitnehmenden. Von den
Arbeitstage über 10 Stunden pro Tag
(mehr als 10 Mal pro Monat) Selbstständigerwerbenden geben 46 Pro-
zent an, bei guter Gesundheit zu sein, und
Arbeit in der Freizeit, um die Arbeits- 36 Prozent sagen von sich, bei sehr guter
anforderung zu erfüllen (täglich oder Gesundheit zu sein. Bei Arbeitnehmenden
mehrmals pro Woche)
sind beide Anteile nur minim höher (49%
Arbeitszeiten vollständig individuell bei guter Gesundheit und 40% bei sehr
festlegbar guter Gesundheit). Allerdings berichten
18 Prozent der Selbstständigen von
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
in % gesundheitlichen Problemen, die sich
  Arbeitnehmende        Selbstständigerwerbende        Contractors        Gig Workers über einen Zeitraum von mehr als sechs
Monaten hinziehen. Das sind mehr als
doppelt so viele wie bei den Arbeit-
Abb. 2: Belastungen von Selbstständigen und Arbeitnehmenden in der Schweiz nehmenden.8 Möglicherweise entsteht
(2015) an dieser Stelle ein neuer gesundheits-

UROPEAN-WORKING-CONDITIONS-SURVEY-BEFRAGUNG 2015, EIGENE BERECHNUNGEN DER AUTOREN


Komplexe Aufgaben politischer Handlungsbedarf.
8 Pekruhl und Vogel (2017).
Eintönige Aufgaben

Hohes Arbeitstempo (1/4 der Zeit oder


länger)

Termindruck (1/4 der Zeit oder länger)

Stress (häufig oder immer)

Präsentismus (innerhalb der letzten


12 Monate krank zur Arbeit gegangen)
Ulrich Pekruhl
/ DIE VOLKSWIRTSCHAFT.

Gefährdung der Sicherheit oder Professor für Human Ressource Manage-


Gesundheit durch die Arbeit
ment, Institut für Personalmanagement und
Organisation, Fachhochschule Nordwest-
Hohes Engagement
schweiz (FHNW), Olten
0 10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
in %
  Arbeitnehmende        Selbstständigerwerbende        Contractors        Gig Workers
Abb.1 und Abb. 2: Die Balken zeigen den Anteil der Befragten, für welche die entsprechenden Aussagen
zutreffen. Anzahl Befragte: Arbeitnehmende (875), Selbstständigerwerbende (130), Contractors (24),
Gig Workers (19). Die Stichprobengrössen beziehen sich auf die ungewichtete Schweizer Stichprobe
inkl. Landwirtschaft. Die aufgeführten Resultate wurden nach Geschlecht, Alter, Region, Berufsgruppe
und Wirtschaftszweig gewichtet, d. h., die Werte wurden mit einem Gewichtungsfaktor verrechnet, um
den Einfluss von fehlenden Antworten im Hinblick auf die soziodemografische Struktur der Erwerbs-
bevölkerung zu korrigieren. Die Werte der Gig Workers und Contractors beruhen auf einer kleinen Anzahl
Beobachtungen (<30). Sie geben eine eingeschränkte statistische Zuverlässigkeit an. Christoph Vogel
Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Institut für
Personalmanagement und Organisation,
zwischen Ressourcen und Belastungen Contractors ein höherer Anteil an, ihre Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW),
Olten
aufrechterhalten? Wie die Unter- Gesundheit sei durch die Arbeit ge-
suchung6 zeigte, ist das zurzeit für viele fährdet. Inwieweit dies auf ihren Status
Berufsgruppen, die traditionell selbst- als Contractor oder auf ihre Branchen- Literatur
ständig arbeiten – wie Ärzte oder Selbst- zugehörigkeit oder die Art der Tätig- Huws, U. und Joyce, S. (2016a). Size of Sweden s «Gig
Economy» Revealed for the First Time, Crowd-Working
ständige im juristischen Bereich –, selten keit zurückzuführen ist, konnte auf- Survey.
ein Problem. Auch bei den Contractors grund der geringen Fallzahlen nicht Huws, U. und Joyce, S. (2016b). Size of the UK s «Gig
Economy» Revealed for the First Time, Crowd-Working
scheint insgesamt die Welt noch in untersucht werden. Bei den Gig Workers Wurvey.
Ordnung zu sein.7 Zwar gibt bei den weisen gewisse Indikatoren auf höhere Krieger, R., Graf, M. und Vanis, M. (2017). Sechste
Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen
Belastungen hin. Zwar finden auch 2015 – Ausgewählte Ergebnisse zu den Schweizerischen
6 Pekruhl und Vogel (2017).
7 An dieser Stelle soll betont werden, dass im gesamten diese ihre Arbeitsaufgaben komplex und Arbeitsbedingungen.
Pekruhl, U. und Vogel, C. (2017). Selbstständigerwerbende
Beitrag nur die Arbeitssituation, nicht aber die öko- wenig eintönig, aber man darf vermuten, in der Schweiz – Auswertung des European Working
nomische und soziale Lage der selbstständig Erwerbs-
tätigen untersucht wurde. dass dies nicht zuletzt durch die Not- Conditions Survey 2005 und 2015. 

54  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DOSSIER

Allzeit bereit
Fördern Telearbeit und Homeoffice die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben, oder führen
sie letztlich einfach zu mehr Arbeit? Ein Bericht von Eurofound und der Internationalen
Arbeitsorganisation (ILO) ist dieser Frage nachgegangen und hat Empfehlungen an die Politik
formuliert.   Oscar Vargas Llave, Greet Vermeylen

Abstract    Ein Bericht der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und legentliche Telearbeit kommt bei den
Arbeitsbedingungen (Eurofound) und der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) Männern öfter vor als bei den Frauen.
hat die Arbeitsbedingungen von Telearbeitern, die häufig an unterschiedlichen Orten Regelmässige Telearbeit ist bei den
arbeiten, und von Teleheimarbeitern untersucht. Arbeitnehmer sowie Arbeitgeber Frauen verbreiteter.
erhoffen sich deutliche Verbesserungen aus dieser Flexibilisierung des Arbeitsortes Viele Beschäftigte erhoffen sich durch
und der Arbeitszeiten. Namentlich soll sie die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben Telearbeit bessere Arbeitsbedingungen.
sowie die Motivation und die Effizienz der Arbeitnehmer verbessern. Umstritten ist Oft genannt werden kürzere Wege zur
dabei, ob die Telearbeit lediglich die Arbeit im Büro ersetzt oder ob damit auch Mehr- Arbeit, grössere Autonomie bezüglich der
arbeit geschaffen wird. Um die Nachteile von Telearbeit zu verhindern, haben die Arbeitszeit und dadurch mehr Flexibili-
Autoren mehrere Massnahmen zur Empfehlung formuliert. tät bei der Einteilung der Arbeitszeit.
Hinzu kommen eine bessere Vereinbar-
keit von Beruf und Privatleben sowie eine

B  üroarbeit sowie «Wissensarbeit» im


weitesten Sinne werden heute durch
das Internet unterstützt und können
Informationen aus den länderspezi-
fischen Untersuchungen herangezogen,
die durch Daten aus der sechsten
höhere Produktivität. Davon profitieren
auch die Unternehmen: Sie versprechen
sich motiviertere Mitarbeiter, weniger
praktisch zu jeder beliebigen Zeit und Europäischen Erhebung über die Arbeits- Personalwechsel und höhere Effizienz.
an jedem beliebigen Ort ausgeführt bedingungen (EWCS) ergänzt wurden. Zudem verringert sich der Flächenbedarf
werden. Mit dieser neuen, räumlichen Für den Bericht wurden auch politische an Büroräumen, und die Nebenkosten
Unabhängigkeit sind zwar Chancen, aber Initiativen der Regierungen, Sozialpartner sinken.
auch zusätzliche Herausforderungen und Unternehmen im Hinblick auf Tele- Doch neben allen Vorteilen bringt
entstanden. arbeit untersucht. Die dabei gewonnenen die Telearbeit auch Nachteile: Eine
Ein Bericht1 der Europäischen Stiftung Erkenntnisse können dazu beitragen, dass Tendenz zu längeren Arbeitszeiten und
zur Verbesserung der Lebens- und wirksame politische Massnahmen für die intensiverer Arbeit sowie schwindende
Arbeitsbedingungen (Eurofound) und Bereiche Digitalisierung, faire Arbeits- Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit
der Internationalen Arbeitsorganisation bedingungen und menschenwürdige sind die Folgen. Zwar berichten Teleheim-
(ILO) hat die Auswirkungen dieser so- Arbeit entwickelt werden. arbeiter häufiger über eine ­ verbesserte
genannten Telearbeit auf die Arbeitswelt
untersucht. Darin werden Forschungs- Heimarbeit oder Mehrarbeit?
arbeiten aus zehn Mitgliedsstaaten der So wird Telearbeit in anderen Ländern
EU2 sowie aus  Argentinien, Brasilien, Wie verbreitet Telearbeit ist, hängt zum gefördert
Indien, Japan und den USA präsentiert. einen vom Stand der technologischen
Seit 2002 fordern die USA zum Beispiel, dass
Der Bericht untersucht reguläre und Entwicklung in den einzelnen Ländern jeder Regierungsangestellte so weit wie mög-
gelegentliche Teleheimarbeiter sowie und zum anderen von den bestehenden lich von zu Hause aus arbeitet. In Japan hat das
Telearbeiter, die mehrheitlich an unter- Wirtschaftsstrukturen und der jeweiligen Kabinett 2013 eine Erklärung ausgestellt, laut
schiedlichen Orten, aber auch zu Hause Arbeitskultur ab. Je nach Land, Berufs- der die Vermittlung von Telearbeit die Provinzial-
gebiete neu beleben und dem schrumpfenden
arbeiten. Zudem geht er der Frage nach, gruppe und Wirtschaftszweig schwankt Arbeitskräfteangebot entgegenwirken kann.
inwieweit Telearbeit in den einzelnen der Anteil Telearbeitender zwischen Erst in jüngster Zeit befassen sich auch andere
Ländern verbreitet ist und welche Aus- 2 und 40 Prozent der Beschäftigten. In Regierungen, Sozialpartner und Unternehmen
wirkungen sie auf die Arbeitszeit, die der EU wird Telearbeit durchschnittlich mit den informellen zusätzlichen Arbeitszeiten
und führen Massnahmen ein, um diese zu be-
Leistungsfähigkeit, die Vereinbarkeit von rund 17 Prozent der Beschäftigten grenzen. In Frankreich gibt es seit 2016 gesetz-
von Beruf und Privatleben sowie auf genutzt. In den meisten Ländern arbei- liche Bestimmungen, die auf Unternehmens-
die Gesundheit und das Wohlbefinden tet der Grossteil aber nicht regelmässig, ebene umgesetzt werden sollen.a In Deutschland
hat das Beschäftigungsministerium 2013 eine
der Arbeitnehmer hat. Hierfür wurden sondern nur gelegentlich auf diese Weise.
Politik der «minimalen Eingriffe der Arbeitszeiten
Besonders verbreitet ist Telearbeit in die Freizeit» eingeführt und die Bundes-
1 Der Bericht «Working anytime, anywhere: the effects in hoch qualifizierten Berufen und bei anstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin
on the world of work» ist verfügbar unter eingeladen, die Durchführbarkeit der Gestaltung
Eurofound.europa.eu/publications. Managern, sie nimmt aber auch bei den
und Umsetzung dieser Regelungen zu prüfen.
2 Belgien, Deutschland, Finnland, Frankreich, Italien, Bürofachkräften und den Verkäufern
Niederlande, Schweden, Spanien, Ungarn und Ver-
einigtes Königreich.
einen erheblichen Stellenwert ein. Ge- a Französischer Arbeitskodex (2016).

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  55
ARBEITSMARKT

­ ereinbarkeit von Beruf und Privatleben,


V die negativen Folgen zu reduzieren. Hier- definieren. Ein solcher Rahmen muss ge-
doch «hochmobile» Beschäftigte, wie zu kann man beispielsweise die Telearbeit nügend Spielraum für die Entwicklung
etwa Techniker und Versicherungsberater, bei Teilzeitbeschäftigten fördern. Ande- spezifischer Regelungen bieten, die
sind einem höheren Risiko für Gesundheit rerseits sollte man die informelle und zu- den Erfordernissen und Präferenzen
und Wohlbefinden ausgesetzt. sätzliche Telearbeit und die hochmobi- von Arbeitnehmern und Arbeitgebern
Die Erkenntnisse über die Aus- le Telearbeit mit langen Arbeitszeiten gleichermassen entgegenkommen.
wirkungen von Telearbeit fallen somit aus- beschränken. Die Erkenntnisse hinsichtlich der Unter-
gesprochen zwiespältig aus. Sie hängen Besonders wichtig ist es, das Thema schiede bei den Arbeitsbedingungen der
mit den Wechselwirkungen zwischen der zusätzlich geleisteten Telearbeit auf- Beschäftigten, die unterschiedliche Arten
der Nutzung der Informationstechno- zugreifen, die als Erbringung unbezahlter der Telearbeit ausüben – beispielsweise
logie, einem Arbeitsplatz in einer spezi- Überstunden angesehen werden könnte. Teleheimarbeit oder hochmobile Arbeit
fischen Arbeitsumgebung, den ver- Dabei muss man sicherstellen, dass die –, müssen thematisiert werden. Durch
schwimmenden Grenzen zwischen Arbeit Mindestruhezeiten eingehalten werden. geeignete politische Massnahmen sollte
und Freizeit und den Merkmalen unter- Doch bei der Anwendung der Prä- den in der Untersuchung aufgezeigten
schiedlicher Tätigkeiten zusammen. ventionsgrundsätze des Arbeitsschutzes Ursachen für die negativen Auswirkungen
Wichtig ist: Wenn die Telearbeit Ersatz für und der Rechtsvorschriften für Sicherheit auf die Arbeitsbedingungen entgegen-
Arbeit im Büro ist, wird sie öfter als positiv und Gesundheitsschutz in der Telearbeit gewirkt werden.
bewertet – wenn sie zusätzlich zur Arbeit besteht die Schwierigkeit, die Aufsichts-
im Büro geleistet wird, beurteilen sie die funktion an Arbeitsplätzen ausserhalb der
Befragten öfter negativ. Räumlichkeiten der Arbeitgeber wahr-
Die Europäische Rahmenverein- zunehmen. Ein Projekt der Europäischen
barung über Telearbeit, die seit 2002 be- Agentur für Sicherheit und Gesund-
steht, geht auf diese potenziellen Zu- heitsschutz am Arbeitsplatz soll die
gewinne und Risiken durch Telearbeit in Politik deshalb dabei unterstützen, diese
den EU-Mitgliedsstaaten ein. Die meisten Herausforderungen zu bewältigen.
europäischen Länder haben diese Ver- Um das Potenzial der Telearbeit
einbarung im Rahmen nationaler Sozial- ausschöpfen zu können und die
­ Oscar Vargas Llave
partnerschaftsabkommen umgesetzt. Arbeitsbedingungen der betroffenen Forschungsleiter, Europäische Stiftung zur
Ausserhalb der EU existiert kein solcher Arbeitnehmer zu verbessern, müssen Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbe-
dingungen (Eurofound), Dublin
vergleichbarer Rahmen, obwohl einige Schulungs- und Sensibilisierungsmass-
Länder die Telearbeit aktiv fördern (siehe nahmen für Beschäftigte und Führungs-
Kasten). kräfte angeboten werden. Telearbeit
kann auch als Teil von Strategien ver-
Empfehlungen an die Politik standen werden, die darauf zielen, die Er-
werbsbeteiligung bestimmter Gruppen
Wie der Bericht zeigt, bietet die Nutzung zu erhöhen. Dazu gehören ältere
der Informatiktechnologie ausserhalb der Arbeitskräfte, junge Frauen mit Kindern
Geschäftsräume des Arbeitgebers sowohl und Menschen mit Behinderungen.
den Beschäftigten als auch den Unter- Initiativen von staatlicher Seite und
Greet Vermeylen
nehmen Vorteile. Die politischen Ent- Gesamtarbeitsverträge sind insofern Forschungsleiterin, Europäische Stiftung
scheidungsträger sollten deshalb anstre- wichtig, als sie einen übergreifenden, zur Verbesserung der Lebens- und Arbeits-
ben, die positiven Effekte zu stärken und strategischen Rahmen für Telearbeit bedingungen (Eurofound), Dublin

56  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


Tiere mit drei Herzen,
ein Wunder der Meere.
Wozu der Oktopus das braucht?
Mehr auf: meere.wwf.ch

Schützen wir die Wunder der Natur.


SPINAS CIVIL VOICES

Drückt die
Schulbank.
Wurde von
Wurde von Sorgen erdrückt.
Not erdrückt.

Schulbildung für Buben und Mädchen, gut ausgebildete Lehrerinnen


Für echte Veränderung
und Lehrer und moderne Berufsbildungsprogramme. So verändern wir
Leben von Menschen – und zwar grundlegend. helvetas.ch/mithelfen
ARBEITSMARKT

Gesundheit am Arbeitsplatz:
Eine Reform ist nicht absehbar
Um negative Einflüsse der Arbeitsbedingungen auf die Gesundheit zu verhindern, muss einer
möglichst breit aufgestellten Prävention ein höherer Stellenwert zukommen. Davon würden
sowohl die Unternehmen als auch die Sozialversicherungen profitieren.   Pascal Richoz

Abstract  In der Schweiz weist das System für die Gesundheitsprävention am Arbeits- Massnahmen zur Risikoprävention sowie
platz Mängel auf und ist nicht kohärent. Obwohl viele Menschen einen wesentlichen Befähigung und Motivation der Arbeit-
Teil ihres Lebens bei der Arbeit verbringen, werden arbeitsbedingte Gesundheits- nehmenden, frühzeitig aktiv zu werden.
schäden nur isoliert behandelt. Die Verantwortung dafür liegt beim Arbeitgeber. Die Ausserdem müssen diese Massnahmen
Folgen, die solche Krankheiten nach sich ziehen, müssen jedoch die Krankenkassen durch Institutionen begleitet und ge-
und Sozialversicherungen tragen, ohne dass sie wirksam auf die Prävention Einfluss steuert werden, die über geeignete Mittel
nehmen können. Mit einer Reform des Systems liesse sich die Gesundheitsprävention sowie über Instrumente mit Anreiz-
deutlich verbessern. Dies hätte sowohl für die Unternehmen als auch für die Gesell- wirkung auf die Unternehmen verfügen.
schaft Vorteile.
Das Beispiel der
Unfallversicherung

D  ie grosse Mehrheit der Bevölkerung


verbringt einen beachtlichen Teil
ihres Lebens bei der Arbeit. Das beruf-
oder reduzieren deren Folgen – sowohl
auf menschlicher wie auch auf finanzieller
Ebene. Denn wenn die Mitarbeitenden
Ein entsprechendes Vorbild existiert in
der Schweiz bereits. Denn das Unfallver-
sicherungsgesetz (UVG) von 1981 schliesst
liche Umfeld beeinflusst somit unweiger- produktiver sind, lohnt sich das für auch die Prävention mit ein. Dieses System
lich den allgemeinen Gesundheits- die Unternehmen. Zudem entlastet es funktioniert in verschiedener Hinsicht re-
zustand. Einige dieser arbeitsbedingten mittel- und langfristig auch die Kranken- lativ gut. Einerseits haben die Vollzugsor-
Krankheiten können auch langfristige kassen, die Sozialversicherungen und die gane des UVG – die Suva, die kantonalen
Folgen haben. öffentliche Hand. Da sehr viele Menschen Arbeitsinspektorate und das Staatssekre-
Eine wirksame Gesundheitspolitik betroffen sein können, sind die mög- tariat für Wirtschaft (Seco) – einen sehr
sollte solche arbeitsbedingten Er- lichen finanziellen Einsparungen riesig. präzisen Auftrag. Ihre Kontroll- und Prä-
krankungen deshalb systematisch mit- Doch um einen solchen positiven ventionstätigkeiten werden durch einen
berücksichtigen. Doch die Schweiz ist Kreislauf in Gang zu setzen, reicht es Prämienzuschlag finanziert, dessen Ver-
davon noch weit entfernt. Gesundheits- nicht, den Grundsatz in einem Gesetz teilung eine eigens dafür eingerichtete
prävention am Arbeitsplatz wird hierzu- zu verankern. Es braucht zusätzlich ein Stelle verwaltet: die Eidgenössische Ko-
lande noch viel zu häufig als Nebensache wirksames Präventionssystem. Natür- ordinationskommission für Arbeitssicher-
oder gar als überflüssige Reglementierung lich existiert kein Patentrezept – die ent- heit (Ekas).
betrachtet. scheidenden Faktoren sind aber durch- Andererseits haben auch die Unter-
aus bekannt: Risikoerkennung, geeignete nehmen ein Interesse daran, die von der
Ein überwiegendes öffentliches
Interesse
Bereits seit Langem sind die Arbeitsbe- Zweckgebundene finanzielle Mittel für die Prävention (Schätzungen)
dingungen als überwiegendes öffentli- beruflich nicht beruflich
ches Interesse anerkannt. Das Arbeitsge-
Unfälle Büro für Unfallprävention (BFU)
setz präzisiert, dass die Primärprävention (inkl. Berufs- Eidg. Koordinationskommission für Arbeits- • ca. 18 Millionen Franken pro Jahr
in erster Linie Sache der Arbeitgeber ist. krankheiten sicherheit (Ekas) • Finanzierung über UVG-Prämienzuschlag
gemäss UVG) • ca. 110 Millionen Franken pro Jahr Versicherer
Sie sind verpflichtet, alle notwendigen • Finanzierung über UVG-Prämienzuschlag • ca. 4,5 Millionen Franken pro Jahr
Massnahmen zum Schutze der Gesund- • Finanzierung über UVG-Prämienzuschlag
heit ihrer Arbeitnehmenden zu treffen,
Berufsassoziierte
die nach der Erfahrung notwendig sind.
Gesundheitsmanagement

Gesundheitsstörungen
Wird diese Pflicht richtig verstanden und
RICHOZ / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Betriebliches

Gesundheitsförderung Schweiz
adäquat umgesetzt, ist sie sehr wirksam. • ca. 27 Millionen Franken pro Jahr,
Krankheiten
Einige Unternehmen setzen diese Pflicht Keine zweckgebundene wird 2018 noch erhöht
Finanzierung der Prävention • Finanzierung über KVG-Prämienzuschlag
denn auch erfolgreich um.
Frühzeitige Präventionsmassnahmen
verringern gesundheitliche Probleme

58  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DOSSIER

Ekas erlassenen Richtlinien zu befolgen. und die Unternehmen verstehen deren benermassen gilt es dabei auch besondere
Schliesslich wirkt es sich auf ihre Ver- Sinn und Nutzen nicht immer. Viele Schwierigkeiten zu überwinden:
sicherungsprämien aus, wenn sie die Un- Firmen betrachten Kontroll- und Prä- –– So ist es im Gesundheitsbereich auf-
fallrisiken möglichst tief halten. Denn die ventionsregeln eher als administrative grund der konstanten Wechselbezie-
Prämien für die Unternehmen sinken oder Belastung. Zudem zeigt sich, dass hung zwischen privatem und berufli-
steigen in Abhängigkeit der jeweiligen die Krankenkassen und Sozialver- chem Bereich schwierig, die Kausalität
Unfallzahlen und werden regelmässig an- sicherungen keinerlei direkten Ein- eindeutig festzustellen.
gepasst. fluss auf die Gesundheitsprävention am –– Zudem sind die betroffenen Gesetzge-
Dieser Ansatz, bei dem die Ursachen Arbeitsplatz haben, obwohl sie diese bungen komplex
gemäss einer Versicherungslogik mit den Gesundheitsschäden versichern müssen. –– und finanzielle Fragen sowieso immer
Folgen in Beziehung gesetzt werden, Dabei geht es – sowohl für die Unter- heikel.
weist allerdings einen Makel auf: Er gilt nehmen als auch für die Gesellschaft – Doch der Graben zwischen den bestehen-
nur für Berufskrankheiten und -unfälle. um Milliardensummen. Auch wenn zur- den Strukturen und dem Präventions-
Damit eine Krankheit oder ein Unfall zeit keine genauen Zahlen vorliegen, bedarf wird immer tiefer: Die Wirtschaft
dieser Kategorie zugeordnet wird, muss es veranschaulicht das beispielsweise eine befindet sich in stetem Wandel, die Ge-
einen evidenten kausalen Zusammenhang Studie des Seco zu den Erkrankungen sundheitsrisiken entwickeln und verschie-
zwischen der Arbeitstätigkeit und der des Bewegungsapparates aus dem Jahr ben sich. Eine Totalrevision der Gesetzge-
Krankheit geben. Im Endeffekt fallen des- 2009. Darin wurde ermittelt, dass hoch- bungen – so erstrebenswert sie auch wäre
halb nur einige wenige Krankheitsbilder in gerechnet 670  000 Erwerbstätige an – scheint momentan wenig realistisch.
die Kategorie der Berufskrankheiten. muskuloskelettalen Beschwerden (MSD) Dennoch gäbe es konkrete Ansätze: bei-
Für den ganzen Rest existiert kein leiden und so geschätzte betrieb- spielsweise die Stärkung der Ekas, kombi-
vergleichbares System – also auch nicht liche Kosten in Höhe von 3,3 Milliarden niert mit einer Ausweitung ihres Mandats
für das weite Feld der arbeitsbedingten Franken pro Jahr verursachen. Mit einer und einer Anpassung ihrer Finanzierungs-
Krankheiten, zu dem namentlich alle verbesserten Arbeitsplatzgestaltung art. In dieser Frage muss jedoch zuerst ein
psychosozialen Risiken gehören (siehe wären 2,7 Milliarden Franken davon ver- minimaler Konsens zwischen den Sozial-
Abbildung). In diesem Bereich besteht meidbar. partnern und dann auch auf politischer
zwischen der Gesundheitsprävention Hinzu kommt, dass die Sicher- Ebene gefunden werden. Die Idee nimmt
am Arbeitsplatz und den Kranken- und heit und die Gesundheit am Arbeits- zwar allmählich Gestalt an, eine Reform
Sozialversicherungen kein Zusammen- platz getrennt voneinander behandelt ist jedoch noch nicht absehbar. Solan-
hang und keine Zusammenarbeit. Für werden, sowohl auf formeller als auch ge die nötigen Korrekturen nicht vorge-
Kontrollen und Prävention ist hier keine auf organisatorischer Ebene (Gesetzes- nommen werden, kann die Prävention im
zweckgebundene Finanzierung vor- und Vollzugsdualismus). Dies schadet der Arbeitsumfeld nur einen kleinen Teil ihres
gesehen. Die Tätigkeiten der Voll- Wirksamkeit und der Transparenz des Potenzials entfalten. Den Preis dafür wer-
zugs- und Aufsichtsorgane werden Systems. den vorläufig weiterhin die Wirtschaft
ausschliesslich über die ordentlichen, und die Gesellschaft als Ganzes zahlen.
öffentlichen Budgets finanziert, die Eine Kombination aus Mängeln
tendenziell immer knapper werden. Zwar
geht von den Krankenversicherungs-
und fehlender Kohärenz
prämien ein kleiner Beitrag an die Tatsache ist somit, dass das Schweizer
Stiftung Gesundheitsförderung Schweiz, System für die Gesundheitsprävention am
deren Auftrag die Gesundheitsförderung Arbeitsplatz verschiedene Mängel auf-
ist, doch dabei handelt es sich um frei- weist und offenkundig nicht kohärent
willige Prävention. Eine Verbindung zur ist. Diese Feststellung ist nicht neu. Seit
obligatorischen Primärprävention im dem Ende der Neunzigerjahre wurden be-
Arbeitsumfeld besteht nur ansatzweise reits mehrere Reformversuche unternom- Pascal Richoz
und sehr indirekt. men. Keiner hat jedoch wesentliche Än- Leiter des Leistungsbereichs Arbeitsbe-
Daraus lassen sich erste Schlüsse derungen gebracht, und die erwähnten dingungen und Mitglied der Geschäfts-
ziehen: So werden Kontrollen und Prä- systembedingten Schwächen konnten leitung, Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern
vention nur beschränkt wahrgenommen, bislang nicht korrigiert werden. Zugege-

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  59
ARBEITSMARKT

Angepasste Arbeitsmethoden können


psychosozialen Risiken vorbeugen
Stress ist das wichtigste, aber nicht das einzige psychosoziale Risiko am Arbeitsplatz. Viele
KMU und Kleinstunternehmen verfügen noch nicht über die nötigen Kenntnisse, um dieser
Verantwortung nachzukommen. Eine Studie soll die Wirkung einer entsprechenden Prä-
ventionskampagne der Arbeitsinspektorate messen.   Rafaël Weissbrodt, David Giauque

Risiken Massnahmen ergriffen. Dabei


Abstract    Bei der Gesundheit am Arbeitsplatz haben die psychosozialen Risiken an kommt den Arbeitsinspektoraten eine
Bedeutung gewonnen. Sie werfen sowohl für die Behörden als auch für die Sozial-
entscheidende Rolle zu. In einer kürzlich
partner heikle Fragen auf. Eine Studie unter der Leitung des Staatssekretariats für
durchgeführten systematischen Ana-
Wirtschaft (Seco), in Zusammenarbeit mit den kantonalen Arbeitsinspektoraten und
lyse der bestehenden Literatur zu diesem
der Universität Lausanne, soll die Wirkung der Interventionen der Arbeitsinspektoren
Thema1 konnten wir zeigen, dass die
in diesem Bereich messen. Für die Arbeitgeber ist der Stress infolge von Zeitdruck
Arbeitsinspektorate in einem günstigen
und hoher Arbeitsbelastung das wichtigste psychosoziale Mitarbeiterrisiko. In den
Kontext eine positive Präventions-
Unternehmen existieren grundsätzlich zwei Präventionsarten: Zur Prävention von
wirkung erzielen können. Dazu braucht
Angriffen auf die persönliche Integrität stehen die Information und das formelle
es insbesondere eine gut entwickelte
Vorgehen im Vordergrund. Die zweite Präventionsart betrifft eher allgemeine Ver-
besserungen der Arbeitsbedingungen. Dass dies auch zur Prävention psychosozialer Sozialpartnerschaft sowie geschulte
Risiken beiträgt, wird vielerorts noch verkannt. Die zweite Phase der Studie soll Inspektoren, die über genügend Zeit und
zeigen, ob sich die Wahrnehmung und der Umgang mit diesen Risiken nach dem Be- Ressourcen verfügen – beispielsweise um
such der Arbeitsinspektoren verändern. Betriebe zu zweit zu kontrollieren und
über längere Zeit begleiten zu können.
Zudem muss auch die Mitwirkung der
Mitarbeitenden möglich sein. Und

I  m Bereich Gesundheit am Arbeits-


platz ist in den letzten Jahrzehnten der
Begriff «psychosoziale Risiken» immer
sich für die Interessen ihrer Mitglieder ein-
setzen können.
Die meisten westlichen Regierungen
schliesslich sollten neben den Kontroll-
1 Siehe Weissbrodt R. und Giauque D. (2016). Labour
Inspections and the Prevention of Psychosocial Risks at
wichtiger geworden. Er umfasst einer- haben zur Prävention psychosozialer Work: A Realist Synthesis. In: Safety Science.
seits Risikofaktoren, die insbesondere
im Zusammenhang mit der Arbeits-
organisation, den zwischenmenschlichen Faktoren, die mit der Prävention psychosozialer Risiken verbunden sind
Beziehungen sowie den Stressmechanis-
Struktur des Unternehmens
men – den sogenannten pathogenen (Grösse, Tätigkeitsbereich, nationale oder internationale Ausrichtung)
Prozessen – stehen. Ausserdem be- 1
schreibt er auch deren Folgen für die
Gesundheit: beispielsweise Erschöpfung,
Burn-out, Depression oder kardio- Wahrgenommene Risiken Präventionsmassnahmen
IHR-Indikatoren (Absenzen, Fluktuation,

vaskuläre Erkrankungen.
Mitwirkung der Mitarbeitenden
Rekrutierungsschwierigkeiten)

Die Berücksichtigung dieser Phä­


Stress, Arbeitsbelastung
nomene wirft Fragen auf, die nicht so ein- Allgemeine Verbesserungen
fach zu beantworten sind. Denn würden der Arbeitsbedingungen
Sie als Geschäftsführer eines Unter- Angriffe auf persönliche
nehmens akzeptieren, dass das Arbeits- Integrität
6 3
inspektorat Sie über Ihren Umgang mit der
WEISSBRODT UND GIAUQUE / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

4
Belegschaft und Ihre Arbeitsorganisation
befragt? Und wie würden Sie umgekehrt Andere psychosoziale Spezifischer Umgang
Risikofaktoren mit psychosozialen Risiken
als Arbeitsinspektor einen Arbeitgeber
auf Themen wie Mobbing oder Stress an-
5 2
sprechen? Angesichts der zunehmenden
Komplexität und des gestiegenen Drucks Management der
in der heutigen Berufswelt stellt sich auch Wirtschaftliche Situation Sicherheit und des
für die Gewerkschaften die Frage, wie sie Gesundheitsschutzes

60  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


DOSSIER

KEYSTONE
Joggen über Mittag? Eine flexible Arbeits-
organisation stärkt die Ressourcen von
besuchen auch andere Informations- und sich am besten mit der Gesundheit am Mitarbeitern.
Kommunikationskanäle genutzt werden. Arbeitsplatz auskennt – meist der Ge-
schäftsführer oder eine höhere Führungs-
Innovative Studie in der Schweiz kraft –, im Abstand von einem Jahr unsicherheit, schätzen sie als mittelwich-
zweimal mittels eines Fragenkatalogs tig ein.
Die Wirkung öffentlicher Massnahmen telefonisch oder schriftlich befragt. Nach Aus der Datenanalyse wird deutlich,
auf die Prävention psychosozialer Risiken der ersten Befragung war für die Hälfte dass es zwei Präventionsarten gibt: Die
wurde bisher erst selten untersucht. Die der beteiligten Unternehmen ein Besuch eine Art fokussiert auf Management-
bestehenden Studien stammen gröss- vom kantonalen Arbeitsinspektorat vor- massnahmen, wie formelle Prozesse für
tenteils aus den nordischen Ländern. gesehen. Die andere Hälfte setzt sich aus den Umgang mit Konflikten, Mobbing,
Das Staatssekretariat für Wirtschaft vergleichbaren Betrieben zusammen, bei Belästigung oder Gewalt, sowie
(Seco) leitet nun in Zusammenarbeit mit denen kein Besuch erfolgte. Sie bilden Schulungen und Informationen für die
den kantonalen Arbeitsinspektoraten die Kontrollgruppe. Jetzt – ein Jahr nach Mitarbeitenden. Solche Vorkehrungen
und der Universität Lausanne eine Stu- der ersten Befragung – läuft gerade die existieren vor allem in grossen Betrieben.
die, um diese Lücke zu schliessen. Das zweite Befragung. Die Ergebnisse werden Die zweite Präventionsart umfasst Mass-
Ziel der Studie ist es, die Wirkung des für im Herbst vorliegen. nahmen zur allgemeinen Verbesserung
den Zeitraum 2014 bis 2018 festgelegten der Arbeitsbedingungen, beispielsweise
Vollzugsschwerpunkts zu messen. Dabei Bisherige Erkenntnisse hinsichtlich der Arbeitszeiten, der Arbeits-
wurden die Inspektoren bezüglich der organisation, des Personalbestands oder
psychosozialen Aspekte der Gesundheit Aus den bisherigen Befragungen geht der Hilfsmittel. Dieser Ansatz ist in fast
am Arbeitsplatz geschult und aufgefor- hervor, dass die Arbeitgeber den durch allen Unternehmen, auch in KMU und
dert, dieses Thema in ihre Kontrollbesu- Zeitdruck und die Arbeitsbelastung ent- Kleinstunternehmen, anzutreffen. Auf
che zu integrieren. Zusätzlich wurde In- stehenden Stress als wichtigstes psycho- diese Weise lassen sich die Ressourcen der
formationsmaterial für die Unternehmen soziales Risiko für ihre Mitarbeitenden Mitarbeitenden sehr direkt optimieren.
erstellt. sehen. Angriffe auf die persönliche In- Allerdings nehmen Arbeitgeber solche
Um die Wirkung dieses Vollzugs- tegrität, wie Mobbing, Belästigung, Dis- Massnahmen nicht als Prävention wahr,
schwerpunkts zu messen, haben die Ver- kriminierung, Gewalt usw., stufen sie als sondern eher als Instrument zur Stärkung
antwortlichen der Studie ein Panel mit Randerscheinungen ein. Weitere Risiko- ihrer eigenen Produktionsmittel.
400 Unternehmen aus allen drei Sprach- faktoren, wie starre oder unregelmässi- Die Studie zeigt, dass es nicht aus-
regionen zusammengestellt. In jedem ge Arbeitszeiten, schwierige Kundschaft, reicht, sich eines Risikos bewusst zu
dieser Betriebe wurde die Person, die Kommunikationsprobleme und Arbeits- sein, damit Verbesserungen umgesetzt

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  61
ARBEITSMARKT

werden. Die Präventionspraxis hängt vor sibilisiert werden und ein umfassendes Folgen die OECD seit Jahren mit Sorge be-
allem von der Grösse des Unternehmens Verständnis dafür entwickeln, das sich obachtet.2 Das ist denn auch der Grund,
und seinem Tätigkeitsbereich ab (siehe nicht auf Mobbing, Belästigung, Gewalt weshalb sich nicht nur Fachpersonen
Punkt 1 in der Abbildung), aber auch vom oder zwischenmenschliche Konflikte be- für Gesundheit am Arbeitsplatz mit der
allgemeinen Niveau des Gesundheits- schränkt. Die öffentliche Hand könnte Prävention psychosozialer Risiken aus-
und Sicherheitsmanagements (2) und sich ihrerseits verstärkt für konkrete or- einandersetzen sollten, sondern – und
von den Mitwirkungsmöglichkeiten des ganisatorische Massnahmen zur Verbes- vielleicht vor allem – auch die Wirt-
Personals (3). Das Empfinden, wonach die serung der Arbeitsbedingungen einset- schaftspolitik. Nur durch einen regel-
Mitarbeitenden einem Risiko ausgesetzt zen. mässigen Dialog zwischen diesen beiden
sind, scheint dabei nebensächlich zu sein: Aus der wissenschaftlichen Literatur öffentlichen Handlungsfeldern liesse sich
Einzig der Zusammenhang zwischen An- geht hervor, dass der direkte Kontakt in dieser Hinsicht wirklich etwas bewirken.
griffen auf die persönliche Integrität und zwischen den Arbeitsinspektoren und 2 Siehe dazu «Income Inequality and Poverty» auf der
spezifischen Massnahmen ist statistisch den Arbeitgebern ein zentraler Faktor Website der OECD.
signifikant (4). für die Prävention ist. Angesichts der be-
Unternehmen mit wirtschaftlichen grenzten öffentlichen Mittel bietet sich
Schwierigkeiten weisen bei den Angriffen allerdings eine Zusammenarbeit mit ver-
auf die persönliche Integrität sowie bei den schiedenen Drittstellen an, beispiels-
anderen Risikofaktoren überdurchschnitt- weise mit den Sozialpartnern oder mit
liche Werte auf. Entsprechende formelle Fachpersonen für Gesundheit am Arbeits-
Prozesse und Schulungen bestehen in platz. Zudem ist unter Forschenden die
diesen Unternehmen eher selten (5). Die Frage umstritten, ob die psychosozialen
Arbeitgeber, die die Existenz psycho- Risiken in den Rechtsgrundlagen ex-
sozialer Risiken ansprechen, sind oftmals pliziter erwähnt werden sollten. Einige Rafaël Weissbrodt
von krankheitsbedingten Absenzen, einer sind der Ansicht, dass den Arbeitgebern Arbeitspsychologe, Ergonom und
grossen Mitarbeiterfluktuation (hoher dadurch die Ausrichtung ihrer Mass- Doktorand der Politikwissenschaften,
Universität Lausanne
Turnover) und Rekrutierungsschwierig- nahmen leichterfallen würde und die
keiten betroffen (6). Arbeitsinspektoren ihre Forderungen
damit besser begründen könnten. Die
Mögliche Ansätze für die gegenteilige Meinung, dass die generelle
Präventionspflicht der Arbeitgeber aus-
öffentliche Hand reiche, ist in der analysierten Literatur
Die bisherigen Ergebnisse zeigen, wie weniger häufig vertreten.
wichtig es ist, die Unternehmen – insbe- Stress, Burn-out und Gewalt sind
sondere die kleinsten – bei der Weiterent- symptomatische Phänomene für die
wicklung ihrer Kompetenzen im Bereich aktuellen Umwälzungen in der Arbeits-
David Giauque
Gesundheit am Arbeitsplatz und bei der welt. Der gestiegene Druck und die Assoziierter Professor für Sozial- und
Identifikation von Massnahmen, die ihren immer grössere Flexibilisierung der Politikwissenschaften, Fakultät für Sozial-
Bedürfnissen entsprechen, zu unterstüt- Arbeitsformen tragen zur Zunahme der und Politikwissenschaften, Institut für
zen. Die Unternehmen sollten für das The- Disparitäten bei, deren gesellschaft- politische, historische und internationale
Studien (IEPHI), Universität Lausanne
ma psychosoziale Risiken generell sen- liche, politische und wirtschaftliche

62  Die Volkswirtschaft  6 / 2017


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2016 4/2016 3/2016 2/2016 1/2016
Schweiz 1,3 Schweiz 0,1 0,1 0,6 0,3
Deutschland 1,9 Deutschland 0,4 0,1 0,5 0,7
Frankreich 1,2 Frankreich 0,4 0,2 –0,1 0,7
Italien 0,9 Italien 0,2 0,3 0,1 0,4
Grossbritannien 1,8 Grossbritannien 0,7 0,6 0,6 0,2
EU 1,9 EU 0,5 0,5 0,4 0,5
USA 1,6 USA 0,5 0,9 0,4 0,2
Japan 1,0 Japan 0,2 0,3 0,4 0,6
China 6,7 China 1,7 1,8 1,9 1,3
OECD 1,7 OECD 0,4 0,5 0,4 0,4

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2015 (PPP2) in % der Erwerbstätigen, Jahreswert in % der Erwerbstätigen, Quartalswert
2015 2016 4/2016
Schweiz 59 712 Schweiz 4,6 Schweiz 4,3
Deutschland 47 308 Deutschland 4,1 Deutschland 3,9
Frankreich 40 178 Frankreich 9,9 Frankreich 9,6
Italien 36 196 Italien 11,7 Italien 11,9
Grossbritannien 40 903 Grossbritannien 4,8 Grossbritannien 4,7
EU 38 544 EU 8,6 EU 8,2
USA 55 798 USA 4,9 USA 4,7
Japan 37 122 Japan 3,1 Japan 3,1
China 14 388 China – China –
OECD 40 145 OECD 6,3 OECD 6,2

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr ­Vorjahresmonat
2016 März 2017
Schweiz 0,0 Schweiz 0,6
Deutschland 0,5 Deutschland 1,6
Frankreich 0,2 Frankreich 1,1
Italien –0,1 Italien 1,4
Grossbritannien 0,7 Grossbritannien 2,3
EU 0,3 EU 1,6
SECO, BFS, OECD

USA 1,3 USA 2,4


Japan –0,1 Japan 0,2
China 2,0 China 0,9
Weitere Zahlenreihen
OECD 1,1 OECD 2,3
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss ILO (Internationale Arbeitsorganisation).

Die Volkswirtschaft  6 / 2017  63
Wir geben weniger für Nahrungsmittel aus – dafür mehr
für Gesundheit und Kultur
Die Struktur der Konsumausgaben von Schweizer Privathaushalten hat sich in den letzten achtzig Jahren deutlich verändert.
Der Ausgabenanteil für Lebensmittel und Tabak hat am stärksten abgenommen. Diese Tendenz zeigt sich in allen sich
­entwickelnden Volkswirtschaften. Gestiegen ist hingegen der Anteil für Gesundheitspflege sowie für Restaurants, Hotels
und sonstige Waren und Dienstleistungen. Die Struktur der Konsumausgaben verändert sich heute immer schneller. Für den
Landesindex der Konsumentenpreise (LIK) wird die Struktur des Warenkorbs deshalb alle fünf Jahre erneuert.

Konsumausgaben
der Haushalte gemäss LIK Unterricht
ur,
idung, Schu
t

kle
izeit, Kul

2017
10,0%

he
Be
1939
3,0% 3,8%
Fre

15,0%
ergie
n, En
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h

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Wo

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3,8%

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5,0%
15,2%
25,2%
1,0%
27,0%
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13,3%
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13,7%
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5,0%
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Di
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Resta
14,6%
LANDESINDEX DER KONSUMENTENPREISE, BFS / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

1,0%
VORSCHAU

88e année   N°5 /2017
90. Jahrgang   Nr. 5 /2015 sFr.
Frs.12.–
12.–

La
DieVie économique
Volkswirtschaft
Plattformdefür Wirtschaftspolitik
Plateforme politique économique

FOKUS

Verantwortungsvolles
Wirtschaften oder Imagepflege?
Unternehmen sollen verantwortungsvoll und nachhaltig wirtschaften. Gleich zwei Aktionspläne des
Bundesrates greifen dieses Ziel auf: Einmal liegt der Fokus auf den Menschenrechten, einmal steht die
Umwelt im Zentrum. Stichwörter sind die Sorgfaltspflicht, die Transparenz, die Korruptionsbekämpfung,
die Arbeitsstandards sowie die Steuerpflicht von Firmen. Der Bundesrat folgt dabei den Richtlinien der
OECD und der UNO. NGOs gehen die freiwilligen Vorgaben jedoch zu wenig weit. Was bedeutet dies für
die Schweiz und ihre Unternehmen? In der nächsten Ausgabe suchen wir nach Antworten und Beispielen.

Verantwortungsvolles und nachhaltiges Wirtschaften – ein Überblick


Professorin Christine Kaufmann, Universität Zürich

Die Rolle des Staates und was der Bund von den Unternehmen erwartet
Staatssekretärin Marie-Gabrielle Ineichen-Fleisch, Seco

Leadership als kritischer Faktor bei der Umsetzung von nachhaltigem Wirtschaften
Antonio Hautle, Global Compact Netzwerk Schweiz

Ernsthafter Einbezug oder lästiger Reportingzwang?


Professorin Katrin Muff, Business School Lausanne

Labels und Co.: Nachhaltigkeitsstandards müssen sich weiterentwickeln


Britta Wyss, Iseal Board, und Christian Robin, Seco

Nichtmitgliedsstaaten für OECD-Standards gewinnen


Roel Nieuwenkamp, OECD

Fokus Schweiz: Nationaler Kontaktpunkt – Erfahrungen und Herausforderungen


Lukas Siegenthaler, Alex Kunze und Nadja Meier, Seco

Branchenbeispiele
Christian Leitz, UBS, Jürg von Niederhäusern, Migros Genossenschaftsbund und Christian Frutiger, Nestlé

Streitgespräch
Tobias Meili, General Counsel Syngenta International und Mark Herkenrath, Geschäftsführer Alliance Sud