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90. Jahrgang   Nr. 4 /2017 Fr. 12.

Die Volkswirtschaft
Plattform für Wirtschaftspolitik

STREITGESPRÄCH WACHSTUM GOLDHANDEL BANKENSTERBEN


Sozialpartner Nur ein gesunder Finanzplatz Eine Initiative will Fintech fordert alte
Roland Müller und kann Innovation fördern nachhaltige Wertschöpfungs- Geschäftsmodelle heraus
Daniel Lampart zur 38 ketten schaffen 50
Zuwanderung 41
30

FOKUS
Flexibler Arbeitsmarkt -
quo vadis?

Wichtiger HINWEIS !
Innerhalb der Schutzzone (hellblauer Rahmen) darf
kein anderes Element platziert werden!
Ebenso darf der Abstand zu Format- resp. Papierrand
die Schutzzone nicht verletzen!
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EDITORIAL

Arbeitsmarkt unter der Lupe


Die Forderung nach Arbeitsmarktflexibilität ist beliebt. Zuletzt betonte
Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann im Zusammenhang mit
der Digitalisierung den hohen Stellenwert eines flexiblen Arbeitsmarktes.
Zudem jährt sich der Beginn der Finanzkrise kommenden Sommer zum
zehnten Mal. Anlass genug, den Schweizer Arbeitsmarkt und seine Anpas-
sungsfähigkeit im aktuellen Fokus unter die Lupe zu nehmen.
Wir können uns auf die Schultern klop-
fen. Der Arbeitsmarkt weist im interna-
tionalen Vergleich gute Zahlen aus. Die
Arbeitslosenquote ist tief und die Er-
werbsquote erfreulich hoch. Zum Erfolg
trägt die gut funktionierende Sozialpart-
nerschaft bei: Im Streitgespräch disku-
tieren SGB-Chefökonom Daniel Lampart
und Roland Müller, Direktor des Arbeit­
geberverbands, wie viel Regulierung es
auf dem Arbeitsmarkt braucht. ­Während
sie sich bei der Umsetzung des Zuwanderungsartikels erstaunlich einig
sind, geraten sie sich bei der geplanten Lockerung der Arbeitszeiterfassung
in die Haare.
Grundsätzlich sind sich die Autoren einig. Ein flexibler Arbeitsmarkt stärkt
den Wirtschaftsstandort. Während der Avenir-Suisse-Ökonom Tobias
Schlegel bemängelt, die flankierenden Massnahmen hätten zu einer stärke-
ren Regulierung des Arbeitsmarktes geführt, kommt der Berner Politologie-
professor Klaus Armingeon in seinem Beitrag zum Schluss, eine weitere
Liberalisierung bringe keine Vorteile.
Obwohl die Schweiz die Wirtschaftskrise gut gemeistert hat, sollten wir
nicht vergessen: Im Durchschnitt waren letztes Jahr rund 150 000 Arbeits­
lose bei den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren eingeschrieben. Für
den einzelnen Menschen ohne Arbeit ist die internationale Glanzleistung
der Schweiz ein schwacher Trost.

Wir wünschen Ihnen eine aufschlussreiche Lektüre.


Nicole Tesar und Susanne Blank
Chefredaktorinnen «Die Volkswirtschaft»
INHALT

Fokus

6 11 15
Wie flexibel ist der Ständig im Fluss: Der lange Weg des
Schweizer Der Schweizer Arbeitsmarkt Zuwanderungsartikels
Arbeitsmarkt? Bernhard Weber Albrecht Dieffenbacher
Rafael Lalive, Frédéric Martenet Staatssekretariat für Wirtschaft Staatssekretariat für Migration
Universität Lausanne

18 21 26
«Die Arbeitslosenquote Sozialpartnerschaft unter Freizügig und flankiert:
wird sich unter drei Prozent Beschuss Konträre Ansprüche an den
einpendeln» Klaus Armingeon Universität Bern Arbeitsmarkt
Boris Zürcher Tobias Schlegel Avenir Suisse
Staatssekretariat für Wirtschaft

30

Weniger Flexibilität
im Arbeitsmarkt
Spots
durch die
Zuwanderungs­
initiative? i
IMPRESSUM ZAHLEN INFOGRAFIK

Alle Informationen Wirtschaftskennzahlen Zuversichtliche


Sozialpartner zum Magazin Konsumenten
Roland Müller und
Daniel Lampart im
Streitgespräch 4 63 64
INHALT

Themen
b

36 38 41
EINBLICK WACHSTUM UND KONJUNKTUR GOLDHANDEL

Digitalswitzerland – Ein gesunder Finanzplatz Ein Pionierprojekt


gemeinsam zum weltweit dient Innovation und für nachhaltigen
führenden digitalen Hub Wirtschaftswachstum Goldabbau
Nicolas Bürer Digitalswitzerland Christian Keuschnigg Universität St. Gallen Peter Huber Staatssekretariat für Wirtschaft

43 46 50
ARBEITSMARKT ARBEITSMARKTBEDINGUNGEN FINANZMARKT

Sind Workaholics Beeinflussen atypische Fintech-Unternehmen


unzufriedener? Arbeitsformen treiben den Wandel im
Ursina Kuhn, Oliver Lipps die Gesundheit? Bankenwesen voran
Schweizer Kompetenzzentrum
Sozialwissenschaften Francesco Giudici Daniel Schmuki
Rafael Lalive Universität Lausanne Statistisches Amt des Kantons Tessin Staatssekretariat für internationale Finanzfragen
Rainer Winkelmann Universität Zürich Angelica Lepori, Christian Marazzi
Fachhochschule Südschweiz

54 56 59
STANDORTFAKTOREN BERUFSLAUFBAHN AUSSENWIRTSCHAFT

Ausländische Käufer Berufslaufbahnen von Schweiz und Lateinamerika:


erwerben weniger Frauen sind weniger Eine wirtschaftliche
Ferienwohnungen in der standardisiert Berg-und-Tal-Fahrt
Schweiz Pierre-Alain Roch Universität Lausanne Christian Hauser
Hochschule für Technik und Wirtschaft Chur
Emanuella Gramegna Bundesamt für Justiz
i IMPRESSUM

Herausgeber
Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, ­Bildung
und Forschung WBF,
Staatssekretariat für Wirtschaft SECO, Bern

Redaktion
Chefredaktion: Susanne Blank, Nicole Tesar
Redaktion: Käthi Gfeller, Matthias Hausherr, Christian Maillard,
Stefan Sonderegger

Redaktionsausschuss
Eric Scheidegger (Leitung), Antje Baertschi, ­Susanne Blank,
Eric Jakob, Evelyn Kobelt, Cesare Ravara, Markus Tanner,
Nicole Tesar

Leiter Ressort Publikationen: Markus Tanner

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(französisch: La Vie économique), 90. Jahrgang, mit Beilagen.

Druck
Jordi AG, Aemmenmattstrasse 22, 3123 Belp

Der Inhalt der Artikel widerspiegelt die Auffassung der Autorinnen


und Autoren und deckt sich nicht notwendigerweise mit der
Meinung der Redaktion.

Der Nachdruck von Artikeln ist, nach Bewilligung durch die


Redaktion, unter ­Quellenangabe gestattet; Belegexemplare
­erwünscht.

ISSN 1011-386X
FOKUS

Flexibler Arbeitsmarkt -
quo vadis?
Die Schweiz hat die weltweite Wirtschafts- und Finanzkrise
gut gemeistert – nicht zuletzt dank dem flexiblen Arbeitsmarkt:
Schweizer Unternehmen schaffen jährlich Tausende Stellen,
andere gehen verloren. Was heisst jedoch flexibler Arbeitsmarkt?
Wo steht das Land im internationalen Vergleich? Im Dezember hat
das Parlament als Antwort auf die Masseneinwanderungsinitiative
den «Inländervorrang light», beschlossen: In Regionen und bei
Berufsgruppen mit überdurchschnittlicher Arbeitslosigkeit müssen
Unternehmen frei werdende Stellen zunächst den Regionalen
Arbeitsvermittlungszentren (RAV) melden. Die Umsetzungs-
arbeiten auf Verordnungsstufe sind im Gang.
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

Wie flexibel ist der Schweizer


Arbeitsmarkt?
Der Schweizer Arbeitsmarkt meistert Konjunktureinbrüche dank einer hohen Makro­
flexibilität relativ gut. Auf der Mikroebene schneidet die Schweiz jedoch nur mittelmässig
ab, wie ein Vergleich von 12 OECD-Ländern zwischen 1995 und 2007 zeigt. So verharrten
Betroffene relativ lange in der Arbeitslosigkeit.  Rafael Lalive, Frédéric Martenet

Arbeitsmarktes weltweit an Bedeutung. Deshalb


Abstract    Dramatische Entwicklungen in der Informationstechnologie schaffen
grosse Herausforderungen für globalisierte Volkswirtschaften. Flexible Arbeits-
sprechen auch Politiker gerne davon: Während
märkte sind angesichts der dynamischen Entwicklungen in der Informationstech- die Unternehmer sagen, flexible Arbeitsmärk-
nologie wichtig, da sie wirtschaftliche Veränderungen gut absorbieren können. te sicherten ihr wirtschaftliches Überleben, wi-
Ein Vergleich von OECD-Ländern über zwanzig Jahre zeigt: In der Schweiz war der dersetzen sich die Gewerkschaften einer «zu weit
Wohlstandsverlust aufgrund von Schwankungen der Arbeitslosigkeit relativ ge-
gehenden» Flexibilität.
ring. Ein Grund dafür dürfte die Sozialpartnerschaft sein. In Bezug auf die Mikro-
flexibilität – d. h. die effiziente Verlagerung von Arbeitnehmenden auf die vorhan- Aber was heisst Arbeitsmarktflexibilität aus
denen Stellen – befindet sich die Schweiz im internationalen Vergleich lediglich im wissenschaftlicher Sicht? Ein flexibler Arbeits-
Mittelfeld. So dauerte die Arbeitslosigkeit der Betroffenen im Untersuchungszeit- markt gewährleistet, dass Arbeitnehmende, die
raum zwischen 1995 und 2007 relativ lange. durch einen konjunkturellen Schock ihre Stelle
verlieren, rasch eine andere Beschäftigung fin-
den. Die sogenannte Mikroflexibilität ist die Fä-

W  as sich heute gut verkaufen lässt, fin-


det morgen möglicherweise bereits keine
Abnehmer mehr: Angesichts der dynamischen
higkeit einer Volkswirtschaft, Arbeitnehmende
auf effiziente Weise zu anderen Arbeitsstellen
zu verlagern. Unter Makroflexibilität versteht
Wirtschaftsentwicklung aufgrund der Infor- man die Fähigkeit, sich von einem allgemeinen
mationstechnologie gewinnt die Flexibilität des Konjunktureinbruch zu erholen, ohne dass die

Abb. 1: Erwerbslosenquote in der Schweiz und exportgewichteter, ausländischer Einkaufsmanagerindex (PMI)


6       Erwerbslosenquote PMI       64

5 56
SECO (2017), HANSLIN UND SCHEUFELE (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

4 48

3 40

2 32
1

1
1

1
Q

4Q

6Q

Q
5Q

8Q

9Q

Q
02

03

07

10

13
11

12

14
0

0
0

20

20
20

20
20
20

20
20
20

20
20

20

20

  Exportgewichteter, ausländischer Einkaufsmanagerindex (PMI)        Erwerbslosenquote (gemäss ILO)         Rezession

6  Die Volkswirtschaft  4 / 2017
SHUTTERSTOCK
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

Arbeitslosigkeit stark ansteigt. Flexible Arbeits- troffen wurden, stieg die Erwerbslosenquote in
märkte sind durch eine tiefe Arbeitslosigkeit, um- der Schweiz von 3,5  Prozent Anfang 2008 auf
fangreiche Bewegungen von Arbeitnehmenden rund 4,5 Prozent Ende 2009 (siehe Abbildung 1).
zwischen der Erwerbslosigkeit und dem Arbeits- Anschliessend sank sie bis Ende 2011 wieder auf
markt sowie durch eine kurze Dauer der Arbeits- 4 Prozent, was ungefähr dem Durchschnittswert
losigkeit gekennzeichnet. Im Gegensatz dazu zwischen 2002 und 2014 entspricht. Angesichts
weisen starre Arbeitsmärkte eine hohe Arbeits- des konjunkturellen Einbruchs infolge der Wirt-
losigkeit, verhältnismässig geringe Bewegungen schaftskrise waren die Auswirkungen auf die
von Arbeitnehmenden und eine lange Dauer der Arbeitslosenquote somit nur begrenzt.
Erwerbslosigkeit auf.
Ein Test für die Flexibilität des Arbeitsmark- Kündigungsschutz schränkt
tes war die weltweite Finanz- und Wirtschafts-
Mikroflexibilität ein
krise, welche der Schweiz die tiefste und längs-
te Rezession seit den Neunzigerjahren bescherte. Die effiziente Verlagerung von Arbeitnehmen-
Ende 2008 ging das reale Bruttoinlandprodukt den auf andere Stellen (Mikroflexibilität) wird
(BIP) gemäss dem Staatssekretariat für Wirt- unter Umständen durch gesetzliche und verwal-
schaft (Seco) krisenbedingt zurück und verzeich- tungsrechtliche Bestimmungen zum Arbeitneh-
nete in den ersten drei Quartalen des folgenden merschutz beeinträchtigt. Eine zentrale diesbe-
Jahres negative Wachstumsraten. zügliche Regulierung ist der Kündigungsschutz:
Zuvor war die Nachfrage nach Schweizer In- Er schränkt die Flexibilität der Unternehmen
dustrieerzeugnissen eingebrochen. Entsprechend ein, Angestellte einzustellen oder zu entlas-
sackte der exportgewichtete ausländische Ein- sen. Für die Arbeitnehmenden bietet er zwar
kaufsmanagerindex (PMI) innerhalb des Jahres den Vorteil, dass unsichere Beschäftigungsver-
2008 um ein Viertel ab (siehe Abbildung 1).1 Der hältnisse verhindert werden, gleichzeitig kann
PMI-Indikator bildet die Situation im Produktions- er aber die Stellensuche erschweren. Des Weite-
sektor unserer wichtigsten Handelspartner ab, ren bewirken auch Regelungen, welche die Mög-
was stark mit den Schweizer Exporten korreliert. lichkeiten der Unternehmen zur Anpassung von
Als Folge der Rezession, von der unsere Han- Arbeitsverträgen einschränken, gegebenenfalls
delspartner ab Ende 2008 besonders stark ge- 1 Seco (2017). eine geringere Mikroflexibilität.

Abb. 2: Erwerbslosenquote und Kündigungsschutz


25
Durchschnittliche Erwerbslosenquote (1995–2007), in %

20

Slowakei
15
Polen

Kolumbien
10
Finnland
OECD (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Ungarn Tschechien
Schweiz
Kanada Australien
5
USA Mexiko
Norwegen

0
0,5 0,75 1 1,25 1,5 1,75 2 2,25 2,5 2,75 3 3,25 3,5
Kündigungsschutz

  Regressionslinie

8  Die Volkswirtschaft  4 / 2017
FOKUS

Wie hat sich der Kündigungsschutz auf die Arbeitsplatz, und ebenso viele Personen finden
Arbeitslosigkeit ausgewirkt? Um diese Frage zu eine neue Stelle. Die Dauer der Arbeitslosigkeit ist
beantworten, haben wir im Zeitraum 1995 bis ein besseres Mass für die Mikro­flexibilität, da in
2007 zwölf OECD-Länder mit unterschiedlichen flexiblen Arbeitsmärkten Stellensuchende rasch
Kündigungsschutzgesetzgebungen miteinander eine neue Beschäftigung finden.
verglichen. Anschliessend fügten wir zwei In- Zwischen der durchschnittlichen Dauer der
dikatoren zur Leistungsfähigkeit des Arbeits- Arbeitslosigkeit und dem Ausmass des Kündi-
marktes hinzu: die Arbeitslosenquote und die gungsschutzes besteht eine starke positive Kor-
durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit. relation (siehe Abbildung 3). In einem Land mit
Bezüglich der Arbeitslosenquote zeigte sich: einem strengen Kündigungsschutz ist normaler-
Die Strenge des Kündigungsschutzes korreliert weise eine verhältnismässig lange durchschnitt-
nicht mit der Arbeitslosigkeit; tiefe Arbeits- liche Dauer der Erwerbslosigkeit zu erwar-
losenquoten bestehen sowohl in Ländern mit ten. Mit anderen Worten ist es für Erwerbslose
einem strengen Kündigungsschutz als auch um- umso schwieriger, eine neue Stelle zu finden,
gekehrt (siehe Abbildung 2). je besser die Arbeitnehmenden vor einer Kün-
digung geschützt sind. Dies deutet darauf hin,
Arbeitslosendauer ausschlaggebend dass der Kündigungsschutz eine gewisse Rolle
spielt, hauptsächlich durch seine Auswirkungen
Doch ist die Arbeitslosenquote überhaupt ein gu- auf die Dauer der Arbeitslosigkeit, während er
tes Mass für die Mikroflexibilität? Denn zur ent- die Arbeitslosenquote nicht massgeblich beein-
scheidenden Frage, wie lange die betreffenden flusst.
Personen schon auf Stellensuche sind, liefert sie
keine Informationen; sie gibt lediglich an, wie Arbeitslosengeld mindert Anreize
viele Personen eine neue Beschäftigung suchen.
Tatsächlich wird jeden Monat eine grosse Zahl Abgesehen vom Kündigungsschutz ist für die
von Erwerbstätigen arbeitslos, und gleichzeitig Mikroflexibilität möglicherweise auch die
finden viele Erwerbslose eine neue Stelle:2 Ge- 2 V
gl. dazu Beitrag von
Arbeitslosenversicherung (ALV) von Bedeutung.
mäss Angaben des Seco verlieren in der Schweiz Bernhard Weber (Seco) Denn das Arbeitslosengeld reduziert den An-
in diesem Schwer-
monatlich rund 29  000 Erwerbstätige ihren punkt. reiz, möglichst schnell einen neuen A
­ rbeitsplatz

Abb.3: Dauer der Arbeitslosigkeit und Kündigungsschutz


25
Durchschnittliche Arbeitslosigkeit (in Monaten, 1995–2007, in %

Slowakei
20
Tschechien
Ungarn
Schweiz
15
Polen
Kolumbien
Australien
Finnland
10
OECD (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Mexiko
5
Kanada Norwegen
USA

0
0,5 0,75 1 1,25 1,5 1,75 2 2,25 2,5 2,75 3 3,25 3,5
Kündigungsschutz

  Regressionslinie

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  9
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

zu suchen – was die Dauer der Erwerbslosigkeit einigte Königreich und die USA, deren Arbeits-
verlängert und auf die Gesamtbeschäftigung märkte im Allgemeinen als flexibel gelten, bele-
drückt. gen lediglich die Ränge 11 und 18. Dies zeigt, dass
Allerdings bezahlt die ALV nicht nur Geld, die Schweizer Wirtschaft in der Lage ist, exter-
sondern unterstützt die Versicherten mit Know- ne Schocks mit begrenzten Auswirkungen auf
how und Ausbildungsprogrammen bei der die Arbeitslosenquote zu absorbieren (siehe Ab-
Arbeitssuche. Dadurch finden Erwerbslose ra- bildung 1).
scher eine neue Stelle und verbessern mittelfris- Was sind die Gründe für die hohe Makrofle-
tig ihren Erfolg im Arbeitsmarkt. xibilität? Die Arbeitsmarktinstitutionen spielen
In Bezug auf den Einfluss der Arbeitslosenver- dabei vermutlich keine zentrale Rolle, da sie, wie
sicherung lässt sich somit sagen: Für Erwerbstä- oben gezeigt, die Mikroflexibilität beschränken.
tige, die wegen eines Konjunktureinbruchs ihre Hingegen ist ein anderer Faktor möglicherweise
Stelle verlieren, ist die ALV die wichtigste Ein- von erheblicher Bedeutung: die Sozialpartner-
kommensquelle. Sie verbessert die Flexibilität, schaft.
indem sie Stellensuchende dabei unterstützt, In der Schweiz sind die Arbeitnehmerver-
rasch eine andere Stelle zu finden. Doch gleich- treter und die Arbeitgeber in der Lage, in einer
zeitig mindert sie die Arbeitsmarktflexibilität, konstruktiven Atmosphäre miteinander zu re-
indem sie den Anreiz reduziert, eine neue Stelle den und zu verhandeln. Gemäss dem Global
anzunehmen. Competitiveness Report des World Economic
Die Auswertung zeigt: Im Vergleich mit Öster- Forum (WEF) ist die Schweiz das Land, in dem
reich und Norwegen ist der Kündigungsschutz in die Beziehungen zwischen Arbeitnehmenden
der Schweiz nicht sehr streng. Doch die Schwei- und Arbeitgebern am stärksten von Zusammen-
zer Bestimmungen sind viel strikter als die Re- arbeit geprägt sind. Die Fähigkeit, gesamtwirt-
gelung in den USA, wo für die Einstellung und schaftliche Probleme gemeinsam anzugehen,
Entlassung von Mitarbeitenden flexiblere gesetz- trägt somit womöglich zur hohen Makroflexibi-
liche Vorschriften gelten. Der Schweizer Arbeits- lität in der Schweiz bei.
markt ist gleichzeitig durch eine tiefe Arbeitslo-
sigkeit und eine lange durchschnittliche Dauer
der Erwerbslosigkeit gekennzeichnet. Er ist also
weder starr noch vollständig flexibel.

Hohe Makroflexibilität dank


Sozialpartnerschaft
Rafael Lalive Frédéric Martenet
Wie krisenresistent ist der Arbeitsmarkt auf der Volkswirtschafts­professor, Forschungs- und
Makroebene? Um dies zu beantworten, haben Universität Lausanne Lehrassistent, Universität
Lausanne
wir bezüglich des Zeitraums 1995 bis 2015 einen
einfachen Makroflexibilitäts-Index für 39 OECD-
Länder entwickelt. Im Index, der den gesamten Literatur
Blanchard, O. J., Jaumotte, F., Loungani, P. (2014). Labor Market Poli-
Wohlstandsverlust aufgrund von Schwankun- cies and IMF Advice in Advanced Economies During the Great Reces-
gen der Arbeitslosigkeit erfasst, liegt die Schweiz sion. IZA Journal of Labor Policy, 3(1), 2.
Hanslin, S., Scheufele, R. (2016). Foreign PMIs: A Reliable Indicator for
hinter Norwegen auf dem zweiten Rang. Das Ver- Exports? (No. 2016-01), SNB Working Papers.

10  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

Ständig im Fluss:
Der Schweizer Arbeitsmarkt
Nach der Weltwirtschaftskrise hat der Schweizer Arbeitsmarkt erneut bewiesen, dass er
anpassungsfähig ist. Gründe dafür sind nebst dem Bildungssystem beispielsweise auch die
Massnahmen der Arbeitslosenversicherung.  Bernhard Weber

Abstract  Die Anpassungsfähigkeit des Schweizer Arbeitsmarktes ist über die letz- Wissen auf dem Arbeitsmarkt produktiv einbrin-
ten Jahre mehrfach auf die Probe gestellt worden. Die Finanz- und Wirtschaftskri- gen können. Dadurch entwickeln sie sich mittel-
se und die beiden Aufwertungsschocks im Zuge der Eurokrise verlangten von den
und langfristig zu gefragten Fachkräften.
Unternehmen viel ab. Während die Arbeitsmarktbeteiligung gesteigert werden
konnte und die Qualität der Arbeitsverhältnisse über die letzten Jahre hoch blieb,
sanken sowohl die Arbeitslosenquote als auch die im internationalen Vergleich Widerstandsfähig in der Krise
verwendete Erwerbslosenquote gemäss ILO bislang noch nicht auf das tiefe Vor-
krisen-Niveau von 2008. Da die zentralen Erfolgsfaktoren der hohen Anpassungs- Das schwierige wirtschaftliche Umfeld nach der
fähigkeit Bestand hielten, sind die Chancen für eine weiter gehende Erholung je-
doch intakt. Zentral hierfür wie auch für die Bewältigung künftiger struktureller
weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr
Veränderungen ist eine Arbeitsmarktpolitik, welche Veränderungen zulässt und 2008 stellte die Anpassungsfähigkeit des Schwei-
die Erwerbspersonen bei der Bewältigung von beruflichen Übergängen finanziell zer Arbeitsmarktes mehrfach auf die Probe. Die
absichert und gezielt unterstützt. Rezession war auch in der Schweiz heftig, aber
glücklicherweise von kurzer Dauer. Nach einem

D  er Schweizer Arbeitsmarkt weist im inter-


nationalen Vergleich sehr gute Werte aus:
Im vierten Quartal 2016 lag die Erwerbslosen-
kurzen Aufschwung im Jahr 2010 brach ein Jahr
später die Eurokrise aus. Zusätzlich zu den ne-
gativen Effekten auf die Konjunktur in Europa
quote gemäss ILO (für Definition siehe Kasten) schlug sich diese in der Schweiz in einer starken
saisonbereinigt bei 4,5 Prozent, was im europäi- Aufwertung des Frankens nieder.
schen Quervergleich und auch OECD-weit ein Bemerkenswert ist aus heutiger Sicht, dass
tiefer Wert ist. Gleichzeitig ist die Erwerbsquo- sich der Arbeitsmarkt auch über die letzten, wirt-
te der 15- bis 64-Jährigen international mit 85 schaftlich schwierigeren Jahre hinweg als auf-
Prozent ausgesprochen hoch. Beide Indikatoren
unterstreichen die hohe Integrationskraft des
Arbeitsmarktes. Bezogen auf die Qualität der Be- Arbeitslosenquote und Erwerbslosenquote
schäftigungssituation erzielt das Land im inter- gemäss ILO
nationalen Vergleich ebenfalls Spitzenwerte. In der Schweiz gibt es zwei In- telefonischen Befragung.
dikatoren zur Messung der Dabei werden auch Personen
Pluspunkte sind dabei die Beschäftigungssicher- Arbeitslosigkeit: die Arbeits- erfasst, die erwerbslos und auf
heit sowie das Lohnniveau bei gleichzeitig relativ losenquote des Staatssekreta- Stellensuche, aber nicht beim
ausgewogener Lohnverteilung.1 riats für Wirtschaft (Seco) und RAV gemeldet sind. Die ILO-
die Erwerbslosenquote gemäss Definition der Erwerbslosig-
Gerade bei jüngeren und älteren Personen
ILO. Erstere berechnet das keit ist somit umfassender. Da
ist die Erwerbsbeteiligung überdurchschnittlich Seco gestützt auf die Zahl der sie jedoch auf einer Stichpro-
hoch – zwei Bevölkerungsgruppen, denen für die bei den Regionalen Arbeits- benerhebung basiert, weist
mittel- und langfristige Wirtschaftsentwicklung vermittlungszentren (RAV) je- sie eine statistische Unschärfe
weils Ende Monat gemeldeten auf. Die Seco-Zahlen basieren
eine Schlüsselrolle zukommt. So gewinnen die arbeitslosen Personen. Dem- auf einer Vollerhebung und
zunehmend gut ausgebildeten älteren Personen gegenüber erhebt das Bundes- sind häufiger verfügbar, wo-
als Fachkräfte an Bedeutung, da ihr Anteil demo- amt für Statistik (BFS) die Er- mit sie sich zur Konjunkturbe-
werbslosenquote gemäss den obachtung besser eignen. Um
grafiebedingt zunimmt. Ein erfolgreicher Arbeits-
Vorgaben der Internationalen ein umfassendes Bild zu erhal-
1 OECD (2017),
markteinstieg der Jugendlichen wiederum ist zen- Arbeitsorganisation (ILO) ein- ten, sind, wenn möglich, beide
Job-Quality-Index. tral, damit sie ihr in der Ausbildung erworbenes mal pro Quartal mit einer Grössen zu betrachten.

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  11
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

nahmefähig erwies. So konnte die Arbeitsmarkt- ken Frankenaufwertung bereits 2011 wieder ge-
beteiligung über die letzten Jahre stetig weiter brochen. Ende 2016 lagen beide Quoten nach
gesteigert werden.2 Zwar war das Beschäfti- wie vor über ihrem langjährigen Mittelwert,
gungswachstum gedämpft, insgesamt blieb es und das tiefe Vorkrisen-Niveau wurde damit
aber positiv, und auch die Qualität der Arbeits- bislang noch nicht wieder erreicht.
verhältnisse hielt ihr hohes Niveau.
Etwas deutlicher traten die negativen Spu- Erfolgsfaktoren bleiben gewahrt
ren der schwachen Wirtschaftsentwicklung
bei der Arbeitslosigkeit hervor. Im Jahr 2009 Gründe für die Flexibilität des Arbeitsmarktes
stieg die Erwerbslosenquote gemäss ILO um waren in der Vergangenheit das marktgesteu-
etwas mehr als einen Prozentpunkt auf knapp erte (duale) Bildungssystem, die aktive Wie-
5 Prozent an, und die vom Staatssekretariat für dereingliederungspolitik der Arbeitslosen-
Wirtschaft (Seco) ermittelte Arbeitslosenquo- versicherung (ALV), ein im internationalen
te (Definition im Kasten) wuchs, ausgehend von Vergleich moderater Kündigungsschutz sowie
2,5 Prozent Mitte 2008, bis Ende 2009 auf knapp eine hohe Autonomie der Unternehmen und
über 4 Prozent. Beide Quoten erreichten damit Branchen bei der Lohnfestsetzung.3
Ende 2009 für Schweizer Verhältnisse ein hohes Wie sieht es heute aus? Ein Blick auf die
Niveau, wobei ein noch stärkerer Anstieg durch erwähnten Faktoren zeigt, dass der Kern des
den breiten Einsatz von Kurzarbeitsentschädi- anpassungsfähigen Arbeitsmarktes über die
gung verhindert werden konnte. Mit dem darauf letzten Jahre intakt geblieben ist: Das dua-
einsetzenden Aufschwung sanken Arbeits- und le Berufsbildungssystem überstand die Welt-
Das Lehrstellen­
Erwerbslosigkeit zunächst wieder, doch wurde angebot übersteigt
wirtschaftskrise – so gab es beispielsweise
diese positive Tendenz durch die Effekte der star- die Nachfrage. Be- keine Lehrstellenkrise wie in den Neunziger-
rufsmesse in Zürich.

KEYSTONE

12  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

jahren. Vielmehr überstieg das Lehrstellen- Lohnfindung beeinträchtigt hätten. Mit durch-
angebot in den letzten Jahren tendenziell die schnittlich 0,8 Prozent pro Jahr wuchsen die
Nachfrage. Entsprechend robust zeigte sich Nominallöhne in der Schweiz in den Jahren
auch der Arbeitsmarkt für Jugendliche in der 2009 bis 2015 – der eher durchzogenen Wirt-
Schweiz. 4 schaftsentwicklung entsprechend – relativ mo-
Auch die Aktivierungspolitik der ALV be- derat.
hielt ihren hohen Stellenwert, und die Anrei- Insgesamt blieben die institutionellen Er-
ze zur aktiven Stellensuche wurden mit der folgsfaktoren über die letzten Jahre intakt, wo-
teilweisen Verkürzung der maximalen Bezugs- mit als Erklärung für die aktuell noch leicht er-
dauer im Rahmen der letzten Teilrevision des höhte Erwerbslosenquote in der Schweiz vor
Arbeitslosenversicherungsgesetzes ab dem allem die besonderen makroökonomischen
Jahr 2011 tendenziell noch verstärkt. Ebenfalls Bedingungen in Betracht kommen. Dies legt
unverändert blieben das flexible Arbeitsver- auch ein Quervergleich mit Deutschland nahe,
tragsrecht mit einem moderaten Kündigungs- wo die Exportwirtschaft von einem schwa-
schutz und die Autonomie der Unternehmen chen Euro profitieren konnte: Während die Er-
und Branchen in der Lohnfestsetzung. werbslosenquote in der Schweiz ab 2011 leicht
Da die Sozialpartner weiterhin konstruktiv anstieg, bildete sie sich im nördlichen Nach-
zusammenarbeiteten, konnten offene Arbeits- 2 V gl. Weber (2016). barland stetig zurück. Im dritten Quartal 2015
3 Vgl. Sheldon (2013)
konflikte weitgehend vermieden werden. Es oder Weber (2014).
unterschritt die Erwerbslosenquote Deutsch-
gibt zudem keine Hinweise, wonach die im Zu- 4 Für die Jahre 2008 lands sogar erstmals diejenige der Schweiz.
bis 2014 zeigt der KOF
sammenhang mit der Personenfreizügigkeit Youth Labour Market Ende 2016 lag sie dann saisonbereinigt mit­
eingeführten flankierenden Massnahmen die Index für die Schweiz
einen konstant hohen
3,9 Prozent um rund einen halben Prozentpunkt
Grundfunktion der sozialpartnerschaftlichen Wert. unter dem Schweizer Wert.

Zu- und Abgänge von Erwerbspersonen (2015) und von Stellensuchenden (2016)

1.1.15 31.12.15

Arbeitsmarkteintritte Einwanderungen
+ 298 000 + 160 000

BFS, ARBEITSMARKTGESAMTRECHNUNG (2016); SECO, ARBEITSMARKTSTATISTIK (2017) / SHUTTERSTOCK


Arbeitsmarktaustritte Auswanderungen
- 269 000 - 102 000
5 173 000 Erwerbspersonen 5 259 000 Erwerbspersonen

1.1.16 31.12.16

Anmeldungen beim RAV


+ 323 000

Abmeldungen beim RAV


- 320 000
220 000 Stellensuchende 223 000 Stellensuchende

Die Zahlen sind auf 1000 gerundet. Erwerbspersonen: Erwerbstätige und Erwerbslose gemäss ILO.
Stellensuchende: alle Personen, die beim RAV zur Stellensuche gemeldet sind.

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  13
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

Eindrückliche Dynamik im sowie den beim RAV gemeldeten Stellensuchen-


Arbeitsmarkt den und Arbeitslosen nicht um fixe Bestände.
Vielmehr ändern die meisten Menschen ihren
Wichtig für das Verständnis von Arbeitsmarkt- Erwerbsstatus und/oder ihre Stelle mehrmals
entwicklungen ist generell die Erkenntnis, dass im Erwerbsverlauf. Diese Veränderungen sind
dieser ständig in Bewegung ist. Zur Illustration: es letztlich auch, welche einen Arbeitsmarkt als
Anfang 2015 zählte der Schweizer Arbeitsmarkt Ganzes anpassungsfähig machen – sei dies im
knapp 5,2 Millionen Erwerbspersonen (siehe konjunkturellen Verlauf oder auch im Hinblick
Abbildung). Im Verlauf des Jahres traten rund auf längerfristige strukturelle Veränderungen
300 000 Personen aus der Schweiz und 160 000 am Arbeitsmarkt.
aus dem Ausland neu auf den Arbeitsmarkt, was Dieses Verständnis liegt auch dem sogenann-
9 Prozent der Erwerbspersonen entspricht. Wei- ten Flexicurity-Ansatz zugrunde, wie er in der
tere 11 Prozent der Erwerbstätigen wechselten im Schweiz praktiziert wird. Dieser Ansatz vereint
Verlauf des Jahres 2015 ihre Stelle entweder in- Flexibilität und Sicherheit. Auf der einen Sei-
nerhalb des gleichen Unternehmens (3%) oder te ist der Kündigungsschutz moderat ausgestal-
zwischen Unternehmen (8%). Rund ein Fünftel tet, und die Wiedereingliederung in den Arbeits-
der Anfang 2015 bestehenden Stellen war somit markt wird durch die RAV mit einer aktivierenden
am Ende des Jahres neu besetzt. Arbeitsmarktpolitik gefördert («flexibility»). Im
Eine besonders hervorzuhebende Dynamik Gegenzug werden unfreiwillige Unterbrüche zwi-
zeigt sich bei den Personen, die bei den Regiona- schen zwei Arbeitsstellen mit dem Erwerbsersatz
len Arbeitsvermittlungszentren (RAV) zur Stel- der ALV relativ gut abgesichert («security»).
lensuche gemeldet waren. Zwischen Anfang und Die Bewegungen zwischen den Arbeitsver-
Ende 2016 änderte sich der Bestand an Stellen- hältnissen sind ein wichtiges Element im Arbeits-
suchenden scheinbar nur marginal von 220 000 markt. Primäres Ziel der Arbeitsmarktpolitik ist
auf 223 000. Tatsächlich waren aber grosse Um- es deshalb nicht, bestehende Arbeitsverhältnisse
wälzungen zu verzeichnen. So meldeten sich im zu bewahren, sondern Übergänge zwischen ver-
Verlauf des Jahres rund 323 000 Personen neu schiedenen Arbeitsverhältnissen zu ermöglichen
bei den RAV zur Stellensuche, während sich fast und zu begünstigen. Dass diese Politik unter dem
ebenso viele – nämlich 320 000 – wieder abmel- Strich die Arbeitsplatzsicherheit nicht gefährdet,
deten. Lediglich 60 000 der Stellensuchenden sondern sich sogar positiv auf die Beschäftigung
von Anfang 2016 waren das ganze Jahr 2016 bei auswirkt, zeigt die Positionierung der Schweiz
den RAV eingeschrieben. in internationalen Rankings – sowohl was die
Ein Blick auf die Monatszahlen unterstreicht Arbeitsmarktintegration als auch was die Quali-
diese Dynamik: Während 2016 jeweils Ende Mo- tät der Arbeitsbedingungen betrifft.
nat durchschnittlich 211 000 Personen als stel-
lensuchend gemeldet waren, zeigt der Jahresver-
lauf, dass tatsächlich mehr als doppelt so viele
Personen (453 000) mindestens in einem Monat
bei einem RAV eingeschrieben waren.

Arbeitsmarktpolitik unterstützt
Übergänge
Bernhard Weber
Wie die obigen Zahlen veranschaulichen, handelt Stv. Ressortleiter Arbeitsmarktanalyse und Sozialpolitik,
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), Bern
es sich bei den Erwerbstätigen, den Erwerbslosen

Literatur
Sheldon, George (2013). Der Schweizer Arbeits- Weber, Bernhard (2014). Anpassungsfähigkeit Weber, Bernhard (2016). Inländische Erwerbsbe-
markt im internationalen Vergleich: Ein Erfolgs- des Arbeitsmarktes: Welche Rolle spielen Insti- völkerung wächst dank Frauen, in: Die Volks-
modell, in: Die Volkswirtschaft 9/2013, S. 39–42. tutionen und Regulierungen?, in: Die Volkswirt- wirtschaft 10/2016, S. 25–28.
schaft 4-2014, S. 18–21.

14  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

Der lange Weg des


Zuwanderungsartikels
Die Umsetzung des mit der Masseneinwanderungsinitiative angenommenen neuen Zu-
wanderungsartikels in der Bundesverfassung gewichtet die bilateralen Verträge mit den
EU-Staaten hoch. Mit dem Parlamentsentscheid vom Dezember gehen für die Bundesver-
waltung drei intensive Jahre zu Ende. Eine weitere Herausforderung bilden nun die Ausfüh-
rungsbestimmungen.  Albrecht Dieffenbacher

Abstract  Eine Umsetzung des Zuwanderungsartikels, die sowohl die Anforderun-


daraufhin ein Konzept zur Umsetzung des Zu-
gen des Verfassungsartikels als auch des Abkommens über die Personenfreizügig- wanderungsartikels.
keit (FZA) zwischen der Schweiz und den EU-Staaten entspricht, ist nicht möglich. Das Umsetzungskonzept des Bundesrates
Der Bundesrat bevorzugte im Umsetzungskonzept vom Juni 2014 eine Regelung, vom Juni 2014 beruhte auf drei Säulen:
die den Anforderungen des Zuwanderungsartikels entspricht, dafür aber grundle-
–– Anpassung des Ausländerrechts;
gende Anpassungen des FZA erforderlich gemacht hätte. Für den Fall, dass die Ver-
handlungen mit der EU nicht rechtzeitig abgeschlossen werden können, schlug er –– Anpassung des Abkommens über die Perso-
Anfang 2016 eine einseitige Schutzklausel vor. Im vergangenen Herbst stellte es nenfreizügigkeit (FZA) zwischen der Schweiz
sich heraus, dass eine fristgerechte Einigung mit der EU nicht möglich war. An- und den EU-Staaten;
gesichts dieser Ausgangslage beschlossen die eidgenössischen Räte Ende 2016 –– Begleitmassnahmen insbesondere zur Förde-
insbesondere eine Stellenmeldepflicht zur Förderung der stellensuchenden Per-
sonen in der Schweiz, die FZA-konform umgesetzt werden kann. Damit wird der rung des inländischen Arbeitskräftepoten-
Zuwanderungsartikel allerdings nicht vollständig umgesetzt. zials (zum Beispiel Verstärkung der Fachkräf-
teinitiative).

A  m 9. Februar 2014 befürworteten in der Ab-


stimmung über die eidgenössische Volks-
initiative «Gegen Masseneinwanderung» 50,3
Gemäss dem Umsetzungskonzept sollten
sämtliche Bewilligungsarten für Aufenthalte
von Ausländern, welche länger als vier Monate
Prozent der Stimmenden und 17 Kantone eine dauern, Höchstzahlen und Kontingenten unter-
eigenständige Steuerung der Zuwanderung ins- stellt werden – unabhängig vom Herkunftsstaat
besondere mit jährlichen Kontingenten und und vom Aufenthaltszweck. Zudem waren ein
Höchstzahlen sowie die Neuverhandlung des Inländervorrang und vorgängige Kontrollen der
Personenfreizügigkeitsabkommens innerhalb Lohn- und Arbeitsbedingungen vorgesehen. An-
eines Zeitraums von drei Jahren. gehörige der EU- und Efta-Staaten hätten jedoch
Kurz nach Annahme der Initiative setzte auch dann zugelassen werden können, wenn
das ehemalige Bundesamt für Migration (heute es sich nicht um Spezialisten handelte (dua-
Staatssekretariat für Migration, SEM) im Auftrag les Zulassungssystem). Zudem wurden Varian-
des Eidgenössischen Justiz- und Polizeideparte- ten für Erleichterungen bei der Prüfung des In-
ments (EJPD) eine Expertengruppe mit Vertre- ländervorrangs und der Kontrolle der Lohn- und
tern der Vollzugsbehörden, der Kantone sowie Arbeitsbedingungen vorgeschlagen. Auf ein star-
der Sozialpartner ein. Die Experten diskutier- res Reduktionsziel bei der Zuwanderung wurde
ten Grundsatzfragen, konsultierten betroffene verzichtet.
Kreise, prüften verschiedene Umsetzungsmodel-
le und erstellten einen Synthesebericht. Zusam- Entwurf sah Änderung des
men mit dem Eidgenössischen Departement für
Ausländergesetzes vor
auswärtige Angelegenheiten (EDA) und dem Eid-
genössischen Departement für Wirtschaft, Bil- Als der Bundesrat die Vorschläge im Februar
dung und Forschung (WBF) erarbeitete das EJPD 2015 in die Vernehmlassung schickte, war er der

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  15
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

Kurz vor der Presse-


konferenz zur Um-
setzung des Zuwan-
derungsartikels:
Aussenminister Didier
Burkhalter und Justiz-
ministerin Simonetta

KEYSTONE
Sommaruga schreiten
zur Medienkonferenz.

­ nsicht, dass die neuen Regelungen für Angehö-


A Bilateralen Weg weitergehen
rige von Drittstaaten durch eine Änderung des
Ausländergesetzes umgesetzt werden sollten. Die Eine klare Mehrheit der Vernehmlassungsteil-
notwendigen Änderungen bei der Zulassung von nehmer wünschte in erster Linie eine Lösung,
Angehörigen der EU- und Efta-Staaten sollten hin- mit der die bilateralen Verträge mit der EU wei-
gegen durch Verhandlungen mit der EU über eine tergeführt werden können. Sie sprach sich auch
Anpassung des FZA erreicht werden. Der Bun- für eine Vereinfachung der Zulassungsbestim-
desrat wies darauf hin, dass der Ausgang der Ver- mungen für Angehörige der EU- und Efta-Staa-
handlungen über eine Anpassung des FZA für die ten aus.
Umsetzung von zentraler Bedeutung ist. Sollten Auch der Bundesrat strebte zur Sicherung
sich im Rahmen von allfälligen Verhandlungen des bilateralen Weges weiterhin eine einver-
mit der EU weitere Optionen für eine Steuerung nehmliche Lösung mit der EU an. Die Gesprä-
der Zuwanderung ergeben, müsste die Vorlage an- che mit der EU wurden jedoch im Hinblick auf
gepasst werden. Denn der Vernehmlassungsent- das Referendum vom Juni 2016 über den Ver-
wurf entsprach den Anforderungen des Zuwande- bleib von Grossbritannien in der EU unterbro-
rungsartikels, nicht jedoch dem bestehenden FZA. chen (Brexit). Um die verfassungsmässige Frist
Gleichzeitig wurde eine Zusatzbotschaft zu zur Steuerung der Zuwanderung einhalten zu
einer bereits im Parlament hängigen Änderung können, schlug der Bundesrat im März 2016 in
des Ausländergesetzes zur Verbesserung der Inte- einer Botschaft vor, bei der Zulassung von An-
gration in die Vernehmlassung gegeben. Das Par- gehörigen von EU- und Efta-Staaten eine einsei-
lament hatte diese Vorlage zuvor mit dem Auf- tige Schutzklausel einzuführen.
trag an den Bundesrat, eine Anpassung an den Geplant war, dass der Bundesrat jährliche
in der Zwischenzeit angenommenen Zuwande- Höchstzahlen für die Bewilligungen von Perso-
rungsartikel vorzunehmen, zurückgewiesen. nen aus den EU- und Efta-Staaten festlegt, wenn

16  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

ihre Zuwanderung einen bestimmten Schwel- FZA-konform umgesetzt werden kann, aber den
lenwert überschreitet. Dabei sollte der Bundes- Zuwanderungsartikel nicht vollständig um-
rat die gesamtwirtschaftlichen Interessen ab- setzt. Dem Erhalt des FZA, und damit auch den
wägen und sich auf die Empfehlung einer neu zu bilateralen Abkommen I, wurde der Vorrang ge-
schaffenden Zuwanderungskommission stützen. geben. Die vom Bundesrat vorgeschlagene ein-
Bei dieser einseitigen Schutzklausel ­sollte der In- seitige Schutzklausel wurde abgelehnt.
ländervorrang lediglich bei der Festlegung der Die im Dezember 2016 vom Parlament be-
Höchstzahlen berücksichtigt werden. Auf eine schlossene Änderung des Ausländergesetzes
vorgängige Kontrolle der Lohn- und Arbeitsbe- sieht bei einer über dem Durchschnitt liegenden
dingungen wurde verzichtet. Gleichzeitig war Arbeitslosigkeit in bestimmten Berufsgruppen,
vorgesehen, dass der Bundesrat Massnahmen er- Tätigkeitsbereichen oder Wirtschaftsregionen
greift, um insbesondere das inländische Arbeits- die Einführung einer zeitlich befristeten Stel-
kräftepotenzial zu fördern. Auch den Vollzug des lenmeldepflicht vor. Sie fördert die Vermittlung
Ausländerrechts galt es bei Bedarf anzupassen. von Personen, die in der Schweiz bei der öffent-
Die Vorlage des Bundesrates umfasste auch lichen Arbeitsvermittlung als stellensuchend
Massnahmen zum verbesserten Vollzug des be- registriert sind. Damit soll auch der Bedarf an
stehenden FZA. Diese sollten beispielsweise ausländischen Arbeitskräften gesenkt werden,
verhindern, dass ausländische Stellensuchen- die neu zuwandern.
de in der Schweiz Sozialhilfe beziehen. Weiter Höchstzahlen und Kontingente sind wie bis-
wurden Kriterien definiert, wann eine arbeitslo- her nur für erwerbstätige Personen aus Staa-
se Person ihr Aufenthaltsrecht verliert. Zudem ten ausserhalb der EU und der Efta vorgesehen
war ein Datenaustausch zwischen den Behör- (Drittstaaten). Die vom Bundesrat vorgeschlage-
den vorgesehen, wenn Ergänzungsleistungen ne Einführung von Höchstzahlen für nicht er-
bezogen werden. werbstätige Personen, beim Familiennachzug
Ebenfalls im März 2016 hat der Bundesrat auf sowie im Asylbereich wurde abgelehnt. Auf die
Wunsch des Parlaments eine Zusatzbotschaft Schaffung einer neuen Zuwanderungskommis-
zu den Integrationsbestimmungen im Auslän- sion wurde ebenfalls verzichtet. Demgegenüber
dergesetz verabschiedet. Für Personen, die mit wurde die Bestimmung übernommen, wonach
einer vorläufigen Aufnahme oder als anerkann- der Bundesrat Massnahmen zur Ausschöpfung
te Flüchtlinge in der Schweiz bleiben dürfen, soll des inländischen Arbeitsmarktpotenzials fest-
die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit erleich- legt. Ebenfalls angenommen wurden die vom
tert werden. So sollen die Bewilligungsverfah- Bundesrat vorgeschlagenen Massnahmen zur
ren durch ein einfaches Meldeverfahren ersetzt Integration von Ausländern und zur Verbesse-
und die Sonderabgabe auf Erwerbseinkommen rung des Vollzugs der FZA.
bei Personen aus dem Asylbereich abgeschafft Die Referendumsfrist für diese Gesetzesän-
werden. Diese Massnahmen sollten ebenfalls derungen dauert noch bis am 7. April. Zurzeit
der Förderung des inländischen Arbeitskräfte- werden die für die Umsetzung dieser Gesetzes-
potenzials dienen. änderungen notwendigen Verordnungsbestim-
mungen ausgearbeitet.
Brexit bringt Stein ins Rollen
Nach dem angenommenen Brexit-Referendum
wurden die Konsultationen mit der EU über
eine Lösung im Rahmen des FZA fortgesetzt. Im
Fall einer Einigung wollte der Bundesrat das Re-
sultat in geeigneter Weise in die parlamentari-
schen Beratungen einbringen. Nachdem es sich
herausgestellt hatte, dass eine solche Einigung Albrecht Dieffenbacher
nicht mehr zu erreichen war, entschied sich das Chef Stabsbereich Recht, Staatssekretariat für
Migration (SEM), Wabern bei Bern
Parlament für eine gesetzliche Regelung, die

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  17
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

«Die Arbeitslosenquote wird sich


unter drei Prozent einpendeln»
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) präzisiert zurzeit den «Inländervorrang light».
Was die Ende 2016 vom Parlament ausgearbeitete Antwort auf die Masseneinwanderungs-
initiative bedeutet und warum die Arbeitslosenquote derzeit nicht noch höher liegt, sagt
Boris Zürcher, Leiter Direktion für Arbeit, im Interview.  Nicole Tesar

Herr Zürcher, Sie arbeiten daran, die Umsetzung Wie meinen Sie das?
der Masseneinwanderungsinitiative auf Verord- Bereits im letzten Jahr hatte sich eine Arbeits-
nungsstufe zu definieren. Was ist noch offen? gruppe der Aufsichtskommission der Arbeitslo-
Geklärt werden muss beispielsweise der Aus- senversicherung intensiv mit der Meldepflicht
lösemechanismus, ab welchem die Stellen- und dem Inländervorrang beschäftigt. Zudem
meldepflicht gilt. (Wenn in Regionen oder bei zielt auch das bereits aufgegleiste Projekt E-ALV
Berufsgruppen oder Tätigkeiten eine über- in die gleiche Richtung.
durchschnittliche Arbeitslosigkeit vorliegt,
dann müssen Unternehmen frei werdende Stellen Heisst E-ALV, dass E-Government nun auch die
zunächst den Regionalen Arbeitsvermittlungs- Arbeitslosenversicherung erfasst?
zentren melden, Anm. d. Red.) Es ist vorgesehen, Ja, wir wollen die Dienstleistungen für die
die Ausführungsbestimmungen in der Verord- Arbeitgeber und die Versicherten ausbauen. Es
nung zum Arbeitsvermittlungsgesetz zu klären. gibt zwei Aspekte bei der Umsetzung der Mel-
depflicht: einerseits die formale Umsetzung
Es geht also darum, zu bestimmen, bei welcher im Rahmen der Verordnung und andererseits
Arbeitslosenquote in welcher Region der Mecha- die praktische Umsetzung in den Regionalen
nismus einsetzt? Arbeitsvermittlungszentren. Beim zweiten As-
Genau. Es sind konkret Wirtschaftsregionen, pekt geht es um Prozesse, die man definieren
Berufsgruppen und  Tätigkeitsfelder zu identifi- muss. Hier helfen uns die bereits laufenden Be-
zieren, in denen eine Stellenmeldepflicht einge- strebungen, die digitale Unterstützung bei der
führt wird. Wir werden Kriterien für den Auslö- Arbeitsvermittlung zukunftsgerichtet auszu-
semechanismus in einer Arbeitsgruppe mit den bauen.
Kantonen und den Sozialpartnern diskutieren.
Ein weiterer Punkt betrifft die Frage, wer Zu- Wie kann die Verwaltung sicherstellen, dass die
gang zu den Informationen über offene Stellen Unternehmen die Stellen bei den RAV melden?
erhält und wie das konkret geregelt werden soll. Das Gesetz sieht eine Pflicht zur Meldung of-
fener Stellen vor, und im Extremfall kann eine
Schaffen wir mit dem Inländervorrang light ein Missachtung dieser Pflicht sogar sanktioniert
bürokratisches Monster? werden. Wenn sich dann in der Praxis abzeich-
Nein. Wir wollen selbstverständlich vor allem nen sollte, dass die getroffenen Massnahmen
Wirkung erzielen. Die Chancen der Stellensu-
chenden sollen verbessert werden. Der Aufwand
für die Arbeitgeber und die Regionalen Arbeits- Boris Zürcher
Der 53-jährige Boris Zürcher leitet seit 2013 die Direktion für
vermittlungszentren soll aber möglichst gering
Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Der Ökonom
gehalten werden. Wir fangen zum Glück nicht hat in Bern Volkswirtschaft und Soziologie studiert. Er ist ver-
ganz bei null an. heiratet und hat zwei Kinder.

18  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


VIVIANE FUTTERKNECHT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Boris Zürcher in
seinem Büro im
nicht ausreichen, sieht das Gesetz weiter vor, Staatssekretariat für Die EU-Kommission plant, dass arbeitslose Grenz-
dass der Bundesrat zusätzliche Massnahmen Wirtschaft (Seco). gänger vom Land, wo sie arbeiten, die volle Arbeits-
beschliessen kann. losenentschädigung erhalten sollen. Was hiesse
das für die Schweiz?
Gibt es eine Vernehmlassung zu den Ausfüh- Dabei handelt es sich um einen Vorschlag der Kom-
rungsbestimmungen der Meldepflicht? mission, der noch durch die EU-Gremien gehen
Da es sich um ein politisch bedeutendes Pro- muss. Für die Schweiz besteht keinerlei Pflicht,
jekt handelt, ist eine breite Vernehmlassung eine solche Regelung zu übernehmen. Wenn also
geplant. Wir gehen aktuell davon aus, dass die die EU etwas ändert, müssten wir das nicht auto-
Verordnung Anfang nächstes Jahr in Kraft tre- matisch übernehmen – sondern gegebenenfalls
ten kann. neu mit der EU verhandeln.

Wann können die im RAV gemeldeten Arbeits­ Profitiert die Schweiz von der jetzigen Lösung?
losen mit der Umsetzung rechnen? Im Moment werden die Kosten zwischen der
Sobald der Bundesrat grünes Licht gibt. Aber Schweiz und dem betreffenden EU-Land geteilt.
mit dem Verordnungsartikel alleine ist es ja Aus unserer Sicht ist diese Regelung fair.
noch nicht getan. Denn parallel dazu müssen
Prozesse angepasst und Instrumente – wie die Wie lange dauert denn durchschnittlich die Arbeits-
erwähnte E-ALV – bereitgestellt werden. losigkeit eines Stellensuchenden bei den RAV?
Ein Stellensuchender ist gegenwärtig im Durch-
Was ist mit den Grenzgängern? Braucht es dafür schnitt zwischen sechs und sieben Monaten als
in der Verordnung eine Regelung? arbeitslos gemeldet. Zahlreiche Arbeitslose, vor
Auch dieses Thema werden wir in der Arbeits- allem jüngere, finden bereits früher wieder eine
gruppe diskutieren. Gemäss der jetzigen Lösung Stelle.
können sich Grenzgänger auch bei der öffentli-
chen Arbeitsvermittlung des Beschäftigungs- Die Arbeitslosenquote hat letztes Jahr mit durch-
staats melden. schnittlich 3,3 Prozent den höchsten Stand seit

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  19
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

sechs Jahren erreicht. Wie widerstandsfähig ist Erwerbsbevölkerung hat wie die Schweiz. Bei
der Arbeitsmarkt tatsächlich? uns gilt die Grundüberzeugung: Du musst et-
Gemessen an den zahlreichen Schocks, welche was lernen, wenn du beruflich weiterkommen
der Arbeitsmarkt seit dem Ausbruch der Wirt- willst. Nach der Lehre oder dem Studium bilden
schaftskrise 2008 durchlaufen hat, ist diese wir uns auch privat weiter. Beispielsweise macht
Quote relativ tief. Angefangen mit der Finanz- einer aus privatem Antrieb einen Buchhaltungs-
marktkrise 2009 über den ersten Frankenschock kurs. Diese meritokratische Haltung wirkt sich
2010 bis hin zur Aufhebung des Mindestkurses positiv aus. Hinzu kommt die regionale Flexibi-
des Frankens zum Euro Anfang 2015 stand der lität: Die Leute sind bereit, dorthin zu pendeln,
Schweizer Arbeitsmarkt ständig unter Anpas- wo es Arbeit gibt.
sungsdruck. Vor allem die exportorientierten
Branchen wurden dadurch massiv herausgefor- Wie trägt die Arbeitslosenversicherung zur
dert. Mit 3,3 Prozent liegt die Arbeitslosenquo- Flexibilität bei?
te daher leicht über ihrem langjährigen Durch- Ohne Existenzsicherung durch die ALV müsste
schnittswert von 3,2 Prozent. man den erstbesten Job annehmen, auch wenn
dieser nur schlecht zu den
Warum gibt es nicht mehr Arbeitslose? eigenen Fähigkeiten passen
Unser Arbeitsmarkt ist sehr flexibel und durch- würde. Die ALV hilft, das Mat-
lässig und dadurch auch sehr widerstandsfähig: ching auf dem Arbeitsmarkt
«Die Arbeitslosen-
Rund 11 Prozent der Erwerbstätigen wechseln zu verbessern. Das kommt quote reflektiert den
pro Jahr den Job oder die Funktion im Betrieb. letztlich allen zugute. Das ist Reibungsverlust im
Hinzu kommen pro Jahr Arbeitsmarkteintrit- vor allem in unserem Hoch-
Strukturwandel.»
te und Zuwanderungen im Umfang von rund leistungsarbeitsmarkt ganz
9 Prozent der Erwerbsbevölkerung. Der Arbeits- entscheidend, wo eine hohe
markt ist also ständig im Fluss. Das gilt beson- Spezialisierung dominiert. Auch unsere Löh-
ders auch für die Arbeitslosenversicherung: Im ne zählen nicht zuletzt deshalb weltweit zu den
Jahresdurchschnitt waren bei den RAV pro Mo- höchsten – und ich denke da nicht an die Spitzen-
nat fast 150 000 Personen arbeitslos gemeldet. verdiener, sondern an den Durchschnittslohn.
Insgesamt bezogen aber mehr als doppelt so vie-
le über eine gewisse Zeit Taggelder. Es sind also Die Nettozuwanderung ist gesunken.
nicht immer die gleichen Personen arbeitslos. Die Schweiz ist also weniger attraktiv
geworden?
Das tönt alles sehr positiv. Aber der Strukturwan- Die Zuwanderung aus der EU und der Efta ist
del schreitet voran. Ein Industriearbeiter lässt sich nachfragegetrieben. Das heisst, die Leute aus
nicht einfach im Gesundheitswesen einsetzen. den EU- und Efta-Staaten reagieren auf die
Ja, das ist sicherlich so. Die Arbeitslosenquo- Arbeitskräftenachfrage der Unternehmen in der
te reflektiert sozusagen den Reibungsverlust Schweiz. Konjunkturbedingt nahm letztes Jahr
im Strukturwandel. Mit den zusätzlichen Her- die Zuwanderung im Baugewerbe, im Gastge-
ausforderungen wie der Frankenstärke läuft die werbe und im Personalverleih am stärksten ab.
Anpassung etwas weniger geschmeidig als vor In den strukturell wachsenden Branchen des
zehn Jahren. Ich bin aber überzeugt, dass sich Gesundheitswesens oder der ICT-Dienstleis-
die Arbeitslosenquote in wenigen Jahren wieder tungen verringerte sich die Zuwanderung dem-
unter 3 Prozent einpendelt. gegenüber nur leicht. Daraus sieht man: Die re-
lativ hohe Arbeitslosenquote ist keine Folge der
Wichtig für die Widerstandsfähigkeit des Arbeits- Zuwanderung, denn diese passt sich der Arbeits-
marktes ist auch die Bildung. Wieso? kräftenachfrage in der Schweiz an. Nicht zu
Gut ausgebildete Leute sind vielfältiger einsetz- vernachlässigen ist auch, dass wir die Beschäf-
bar, sie finden sich besser im komplexer werden- tigungslücken aufgrund des demografischen
den Arbeitsmarkt zurecht. Es gibt wahrschein- Wandels schon heute vielfach mit ausländischen
lich kein Land, das eine so gut ausgebildete Arbeitskräften füllen müssen.

20  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

Sozialpartnerschaft unter Beschuss


Ein Vergleich der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeziehungen zwischen der Schweiz und
ausgewählten OECD-Staaten seit 1980 zeigt: Von einer Deliberalisierung kann keine Rede
sein.  Klaus Armingeon

Abstract  Der Schweizer Arbeitsmarkt ist im OECD-Vergleich relativ liberal gestal- nerschaft bedeutet jedoch immer, dass beide Sei-
tet. In den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts entstand die schweizerische ten politische Gegenleistungen für kooperatives
und besonders liberale Variante der Sozialpartnerschaft, bei der der Staat wenig in Verhalten erbringen müssen, und diese Kompen-
die Beziehungen zwischen Arbeitgebern und -nehmern eingreift und die Gewerk- sationsgeschäfte stehen oft quer zur Logik des
schaften eine nachgeordnete Rolle spielen. Die Globalisierung destabilisierte die
Sozialpartnerschaft seit den Neunzigerjahren. Eine Zunahme der Gewerkschafts-
Marktes. Dies verdeutlicht die Entstehungsge-
macht im zeitlichen und internationalen Vergleich lässt sich nicht belegen. Wie die schichte der europäischen Sozialpartnerschaft:
Analyse zeigt, schneiden sozialpartnerschaftliche Systeme im Vergleich mit kon- Spätestens in der Zwischenkriegszeit begannen
sequent liberalen Systemen der Arbeitsbeziehungen bezüglich Wachstum, Be- viele kleine und offene Volkswirtschaften so-
schäftigung und anderer Indikatoren insgesamt nicht schlechter ab.
zialfriedliche Beziehungen zwischen Gewerk-
schaften und Unternehmern mit direkter oder

W   irtschaftsvertreter in der Schweiz emp-


finden die Regulierungen des Arbeits-
marktes oft als unangemessene Bürde. Sie stören
indirekter staatlicher Unterstützung zu schaf-
fen. Dieser sogenannte Korporatismus entstand,
weil Arbeitskonflikte in kleinen Nationen mit
sich an einer zu grossen Macht der Gewerkschaf- hoch spezialisierter Produktion für den Welt-
ten. Zwar sei die Sozialpartnerschaft grund- markt besonders nachteilig waren und weil die
sätzlich gut, sie behindere aber zunehmend die Risiken eines auf den Weltmarkt ausgerichteten
unternehmerischen Handlungsmöglichkeiten. Kleinstaates im Inneren sozialpolitisch abgefedert
Wieweit deckt sich diese Diagnose mit den werden mussten. Zudem spezialisierten sich viele
Daten? Ein OECD-Vergleich (ohne die postkom- kleine Exportnationen auf bestimmte Produkte.
munistischen Länder)1 zeigt: Nachfragerückgänge auf dem Weltmarkt hatten
–– Ein konsequent liberaler Arbeitsmarkt ist mit auf nationaler Ebene überproportionale Folgen.
der Sozialpartnerschaft, die auf marktfernen Arbeitslosigkeit und Sozialkonflikte in den
Kompromissen beruht, unvereinbar; Kleinstaaten drohten zu explodieren, wenn nur
–– die Schweizer Variante der Sozialpartner- ein kleines Segment des Weltmarktes – für den
schaft hat besonders liberale Züge; die Kleinstaaten produzierten – eine Krise erleb-
–– eine Zunahme der Gewerkschaftsmacht lässt te. Unter diesen Bedingungen verständigten sich
sich im zeitlichen und internationalen Ver- in fast allen europäischen Kleinstaaten Unter-
gleich nicht belegen; nehmer und Gewerkschaften auf den weitgehen-
–– sozialpartnerschaftliche Systeme schneiden den Verzicht auf Arbeitskämpfe. In der Schweiz
im Vergleich mit konsequent liberalen Sys- unterzeichneten beispielsweise 1937 die Gewerk-
temen der Arbeitsbeziehungen bezüglich schaften und die Arbeitgeber der Metallindustrie
Wachstum, Beschäftigung und anderer Indi- ein entsprechendes Friedensabkommen.
1 Australien, Belgien,
Dänemark, Deutsch-
katoren nicht schlechter ab. Mit dem weitgehenden Verzicht auf Arbeits-
land, Finnland, Frank- kämpfe war aber die Frage noch nicht gelöst,
reich, Griechenland,
Island, Irland, Italien, Politische Tauschgeschäfte entgegen wie die Folgen der wirtschaftlichen Verletzbar-
Japan, Kanada, Luxem-
keit kleiner Exportnationen gemindert werden
burg, Neuseeland, Nie- der Marktlogik
derlande, Norwegen, konnten. Die Antwort bestand in sozialpoliti-
Österreich, Portugal,
Schweden, Schweiz, Ein konsequent liberaler Arbeitsmarkt wird schen Kompensationen der Arbeitnehmer, die
Spanien, Vereinigtes nicht von Arbeitsmarktregeln eingeschränkt, alle darauf hinausliefen, die Arbeitnehmer von
Königreich, USA; 1960
bis ca. 2014. die Marktkräfte behindern könnten. Sozialpart- den Einkommens- und Beschäftigungsrisiken

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  21
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

des Exportsektors zu schützen. Um erfolgreich ner. Die Kompensationen der Arbeitnehmer be-
am Weltmarkt teilnehmen zu können, wurde stehen in faktischen Beschäftigungsgarantien.
also im Inneren das Spiel des Marktes einge- Das Lehrbuchbeispiel dieses liberalen Typus ist
schränkt. die Schweiz.
Bis in die Neunzigerjahre des 20. Jahrhun-
Schweizer Sozialpartnerschaft als derts genoss die Schweizer Kernarbeitneh-
merschaft einen erheblichen Beschäftigungs-
liberale Variante
schutz, und die Arbeitsmarktrisiken wurden
Die sozialpartnerschaftliche Regulierung tritt weitgehend im Rahmen einer hochgradig eta-
als «liberaler» oder als «sozialer» Korporatis- tistischen und nicht liberalen Ausländerbe-
mus auf. Beim sozialen Korporatismus übt der schäftigungspolitik auf die Nachbarländer aus-
Staat eine zentrale aktive Rolle aus, indem er gelagert, indem der Zustrom und Abfluss von
die Kompensationen für die Arbeitnehmer im ausländischen Arbeitnehmern politisch ge-
Rahmen eines umfassenden Wohlfahrtsstaates steuert wurde. Da die Schweizer Arbeitneh-
leistet und er mit Unternehmern und Gewerk- mer bis zu diesem Zeitpunkt kaum Massen-
schaften Lohn-, Beschäftigungs-, Steuer- und arbeitslosigkeit zu befürchten hatten, waren
Sozialpolitiken koordiniert. In der sozialen Aus- Beschäftigungsschutzregeln für sie nachran-
prägung haben zentrale und mitgliederstarke gig. Tatsächlich hat die Schweiz bis heute einen
Gewerkschaften eine herausragende Position. schwach ausgeprägten gesetzlichen Beschäfti-
Das klassische Beispiel hierfür ist Österreich. gungsschutz für Arbeitnehmer.
Beim liberalen Korporatismus hält sich der Bekanntlich begann in der Mitte der Neun-
Staat hingegen zurück und leistet keine oder viel zigerjahre die Liberalisierung des Wirtschafts-
weniger Kompensationszahlungen. Während lebens. Dieser Prozess brachte den ausgepräg-
die Führungsrolle bei den Unternehmen liegt, ten Schweizer Unternehmensprotektionismus
agieren die Gewerkschaften hier als Juniorpart- – der jeder liberalen Wirtschaftsordnung Hohn

Die Präsidentin der


Gewerkschaft Unia,
Vania Alleva (l.), und
die Präsidentin des
Arbeitgeberverban-
des der Schweizer
Uhrenindustrie,
Elisabeth Zölch,
unterzeichnen Ende
2016 einen Gesamt-
arbeitsvertrag.
KEYSTONE

22  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

Abb. 1: Deckungsgrad von Kollektivverträgen im OECD-Vergleich


100       In %

CPS-DATA.ORG (2016), BERECHNUNG ARMINGEON / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


80

60

40

20

1985 1990 1995 2000 2005 2010

  Schweiz        OECD         Deutschland         Vereinigtes Königreich

Anteil der gewerkschaftlich organisierten Arbeitnehmenden. Gleitende 5-Jahres-Mittelwerte. OECD ohne postkommunistische
Staaten (vgl. Fussnote 1).

Abb. 2: Gewerkschaftlicher Organisationsgrad im OECD-Vergleich

50       In %

CPS-DATA.ORG (2016), BERECHNUNG ARMINGEON / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


40

30

20

10
00

09
06
04

08
02

05

07
03
01
90

10
99
96
94

98
86

89

14
92

12
95
88

97

13
85

93
87

91

11

20
20

20

20

20
20

20

20

20

20

20
20
20

20

20
19

19

19

19
19
19
19
19
19
19
19
19

19

19

19

  Schweiz        OECD         Deutschland         Vereinigtes Königreich

Anteil Arbeitnehmende mit Kollektivvertrag. Gleitende 5-Jahres-Mittelwerte. OECD ohne postkommunistische Staaten
(vgl. Fussnote 1).

sprach – im internationalen Vergleich auf ein wurde. Für die Unternehmerseite waren diese
durchschnittliches Niveau zurück. Darüber Schutzbestimmungen der Preis, den sie für eine
hinaus wurde mit dem Freizügigkeitsabkom- sozialfriedliche Öffnung der Wirtschaft und die
men mit der EU die Rekrutierung von Auslän- Erfolgschance im Abstimmungskampf zu zah-
dern grundlegend geändert und liberalisiert. len hatte.
Die Gewerkschaften stimmten dem nur unter Die Sozialpartnerschaft hat also bis heute
dem Vorbehalt zu, dass die liberale Öffnung überlebt. Sie besteht aus Tauschgeschäften, die
der Arbeitsmärkte intern durch die sogenann- nicht immer marktkonform sind, und bürdet al-
ten flankierenden Massnahmen kontrolliert len Seiten Kosten auf. Aber sie sichert auch das

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  23
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

Wirtschaftliche und soziale Indikatoren nach Typus der Arbeitsbeziehungen (Durchschnitte 1990–2014)

CPS-DATA.ORG (2016), BERECHNUNG ARMINGEON


Beschäftigungs- Arbeitslosigkeit Wachstum Streikaktivität Ungleichheit
grad (in %) (in %) (in %) (in Tagen) (Gini)
Sozialpartner- 72,7 5,5 1,9 37 38,3
schaftliche Länder
– davon Schweiz 84,9 3,3 1,7 2 33,3
Deutschland/Japan 71,4 5,9 1,4 3 37,8
Liberale Länder 71,0 6,8 2,5 54 43,5

Folgende Länder werden hier als sozialpartnerschaftlich bezeichnet: Belgien, Dänemark, Niederlande, Norwegen,
Österreich, Schweden und die Schweiz. Deutschland und Japan sind grosse Staaten, die lange Zeit sozialpartnerschaftlich
organisiert waren. Liberale Systeme dominieren in den USA, Grossbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Der
Beschäftigungsgrad gibt Auskunft über die zivile Beschäftigung in Prozent der Bevölkerung zwischen 15 und 64 Jahren.
Die Arbeitslosigkeit wird in Prozent der zivilen Erwerbsbevölkerung gemessen. Das Wachstum zeigt die prozentuale
jährliche Veränderung des realen Bruttoinlandprodukts (BIP). Die Streikaktivität zählt die verlorenen Arbeitstage pro
1000 Arbeitnehmer aufgrund von Arbeitskämpfen. Die Ungleichheit von Bruttolöhnen wird anhand des Gini-Koeffizienten
gemessen: Je höher der Wert, desto höher ist die Ungleichheit.

Wachstumsregime des Landes und fördert so- Unternehmer hatten wachsende Schwierigkei-
ziale und politische Stabilität. ten, ihre Mitglieder zu koordinieren, weil die
Unternehmensführungen unter den zuneh-
Sind Gewerkschaften zu mächtig? menden Druck der internationalen Kapital-
märkte gerieten.
Als Folge der Globalisierung und von Liberalisie- Wichtig ist jedoch nicht nur die Mobilisie-
rungsreformen, die um die Achtzigerjahre in den rungsfähigkeit der Arbeitnehmerverbände, son-
OECD-Länder begannen und ihren Höhepunkt dern auch das Ausmass der kollektiven Rege-
um die Jahrtausendwende erreichten, wurde das lungen. Der Deckungsgrad der Kollektivverträge
Fundament der Sozialpartnerschaft in den ver- – also der Prozentsatz der Arbeitsverhältnisse, die
gangenen drei Dekaden brüchig. Je weiter die durch einen Kollektivvertrag geregelt sind – sank
Liberalisierung einer globalisierten Wirtschaft seit den Achtzigerjahren im OECD-Durchschnitt
voranschreitet, desto weniger Raum bleibt für leicht (siehe Abbildung 1).
Verhandlungs- und Abstimmungslösungen zwi- Auch in der Schweiz, wo Kollektivverträ-
schen Staat, Unternehmer und Gewerkschaf- ge aufgrund des liberalen Korporatismus wenig
ten, und desto glaubhafter wird die Drohung der verbreitet waren, sank der Deckungsgrad in den
Standortverlagerung, wenn man nicht den von Achtzigerjahren. Die Trendwende kam zu Be-
den Weltmärkten diktierten Abbau der Lohn- ginn des neuen Jahrtausends mit den flankieren-
kosten vollzieht. den Massnahmen zum Personenfreizügigkeits-
Eng mit der Liberalisierungswelle war eine abkommen mit der EU, welche vorsehen, dass
Erosion der Organisationen von Arbeitneh- Mindestbedingungen der Arbeitsverhältnisse er-
mern und Unternehmern verbunden. Zunächst leichtert für allgemeinverbindlich erklärt werden
verloren die Gewerkschaften in den modernen können und dass in Branchen, in denen es keinen
Demokratien weitgehend ihre Mobilisierungs- Gesamtarbeitsvertrag gibt, unter bestimmten Be-
fähigkeit; Arbeitskämpfe wurden zu raren Aus- dingungen Mindestlöhne erlassen werden kön-
nahmen. Da die Gewerkschaften in die Defen- nen. Dies brachte eine zunehmende Anzahl von
sive gerieten, entfiel für viele Unternehmen der Arbeitnehmern unter die Geltung von Kollektiv-
Anreiz, den sozialen Frieden durch Zugeständ- verträgen. Heute hat die Schweiz die im inter-
nisse zu erreichen, weil die Arbeitnehmersei- nationalen Vergleich bescheidene Deckungsrate
te auch ohne Kompensationen lammfromm der Achtzigerjahre wieder erreicht. Allerdings ist
wurde. Aber auch die Interessenverbände der das Bild eines Wachstums irreführend: Vielmehr

24  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

Der gewerkschaft-
liche Organisations-
grad ist in der Schweiz
im internationalen
Vergleich tief. Staats-
angestellte protestie-
ren in Genf.

KEYSTONE
wurden die Verluste der Vergangenheit wieder Verderben, weil Wachstum und Beschäftigung
wettgemacht. nachhaltig beschädigt werden? Auch hier kann
Den Gewerkschaften gelang es in den vergan- Entwarnung gegeben werden (siehe Tabelle):
genen Jahrzehnten nicht, die Mitgliederverluste In Systemen mit Sozialpartnerschaft ist der
aufgrund der zurückgehenden Industriebeschäf- Beschäftigungsgrad nicht niedriger als in li-
tigung durch Mitgliedergewinne im wachsenden beralen Systemen. Tiefer sind hingegen die
Dienstleistungssektor zu kompensieren. Der ge- Arbeitslosigkeit, das Streikniveau, die Einkom-
werkschaftliche Organisationsgrad – das heisst mensungleichheit – aber auch das Wirtschafts-
der Anteil Gewerkschaftsmitglieder an allen ab- wachstum.
hängigen Erwerbspersonen – war in der Schweiz Keineswegs sind die Sozialpartnerschaft und
historisch schon immer niedrig (siehe Abbildung die damit einhergehende politische Regulierung
2) und sank von 31 Prozent im Jahr 1960 auf 16 von Arbeitsmärkten so nachteilig, dass alle rele-
Prozent im Jahr 2013. Eine ähnliche Tendenz ist vanten sozialen und ökonomischen Indikatoren
auch im OECD-Durchschnitt beobachtbar: Wäh- schlechter als in rein liberalen Systemen sind.
rend 1960 fast jeder zweite Arbeitnehmer Gewerk- Die Schweiz und weitere sozialpartnerschaftli-
schaftsmitglied war, sank dieser Anteil ein halbes che Länder wie die Niederlande und Schweden
Jahrhundert später auf ein Drittel. sind mit ihren Arbeitsbeziehungen in der Ver-
gangenheit gut gefahren. Insofern ist keines-
Sozialpartnerschaft hat Vorteile wegs ausgemacht, dass eine weitere Liberalisie-
rung vorteilhaft wäre.
Die hier präsentierten Daten zeigen: Der rela-
tiv liberale Arbeitsmarkt der Schweiz und die
Machtposition der Unternehmerseite sind wohl
kaum bedroht. Zwar wurden im Rahmen so-
zialpartnerschaftlicher Kompensationsmass-
nahmen Zugeständnisse, wie die flankierenden
Massnahmen, gemacht. Aber sie haben keinen
Strukturbruch bewirkt.
Es stellt sich die Frage: Welche Folgen ha- Klaus Armingeon
ben sozialpartnerschaftliche Arbeitsbeziehun- Professor für Vergleichende und Europäische Politik,
Institut für Politikwissenschaft, Universität Bern
gen? Führen sie ins wirtschaftliche und soziale

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  25
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

Freizügig und flankiert: Konträre


Ansprüche an den Arbeitsmarkt
Die Schattenseite der Personenfreizügigkeit ist die damit verbundene Regulierung:
Insbesondere die flankierenden Massnahmen beeinträchtigen die Flexibilität des Arbeits-
marktes und liefern verschiedenen Akteuren einen willkommenen Deckmantel für Protek-
tionismus.  Tobias Schlegel

tingente ab 2004 sukzessive aufhob, richtete


Abstract  Im Gegenzug zur Personenfreizügigkeit mit den EU- /Efta-Staaten schuf
der Bundesrat mit den flankierenden Massnahmen ein Instrument zur stärkeren sie die Zuwanderung an den Bedürfnissen des
Regulierung und Kontrolle der Lohn- und Arbeitsbedingungen. Die darin enthalte- Arbeitsmarktes aus. Gleichzeitig verlangte der
ne erleichterte Allgemeinverbindlicherklärung der Gesamtarbeitsverträge (GAV) Grundsatz der Nichtdiskriminierung1 die Ab-
hat dazu geführt, dass heute deutlich mehr Arbeitnehmende und -gebende einem schaffung der vorgängigen Kontrolle der Lohn-
GAV unterstellt sind. Diese Verschiebung hin zu kollektiver Lohnbildung schränkt
und Arbeitsbedingungen für EU-/Efta-Bürger.
die Flexibilität des Arbeitsmarktes zunehmend ein. Angesichts der aktuellen poli-
tischen Mehrheitsverhältnisse scheinen die flankierenden Massnahmen jedoch Damit verbunden war für Teile der Politik die
der Preis zu sein, den die Schweizer Wirtschaft für die Personenfreizügigkeit be- Angst vor einem Druck auf Löhne und Arbeitsbe-
zahlen muss. dingungen. Daher war die Personenfreizügigkeit
politisch nur zum Preis einer stärkeren Regulie-
rung des Arbeitsmarktes in Form der flankieren-

D  ie Personenfreizügigkeit mit den EU- und


Efta-Staaten löste die Migrationspolitik der
vorangehenden Jahrzehnte ab, welche auf nied-
den Massnahmen zu haben.
Auch die schrittweise Ausdehnung der Per-
sonenfreizügigkeit auf die neuen EU-Staaten
1 Art. 2 des bilateralen rig qualifizierte Arbeitskräfte ausgerichtet war zwischen 2006 und 2017 ging jeweils mit einer
Freizügigkeitsabkom-
mens vom 12. Juni 1999 und faktisch strukturerhaltend wirkte. Indem weiteren Verschärfung der flankierenden Mass-
(SR 0.142.112.681). die Schweiz den Inländervorrang und die Kon- nahmen einher. Es stellt sich daher die Frage, wie

Abb. 1: Anzahl allgemeinverbindlicher Gesamtarbeitsverträge (1990–2016)


80       Anzahl GAV Anzahl Unterstellte (in 1000)       1000
Inkrafttreten der flankierenden Massnahmen Weitere Erleichterung der Allge-
meinverbindlicherklärung von GAV

60 750

40 500
SECO (2014) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

20 250

0 0
90

92

94

96

98

02

10

12

14

16
0
0

0
0

20

20

20
20
19

19
19

20
19

20
20
19

20
20

  Allgemeinverbindliche GAV auf Bundesebene        Allgemeinverbindliche GAV in den Kantonen


  Einem allgemeinverbindlichen GAV unterstellte Arbeitgebende (rechte Skala)        Einem allgemeinverbindlichen GAV unterstellte Arbeitnehmende (rechte Skala)     

Der Stichtag ist jeweils der 1. Juli. Dadurch können kurzfristig grössere Schwankungen entstehen.

26  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

KEYSTONE
Wäre die private
Sicherheitsdienstleis-
hoch dieser Preis mit Blick auf die zusätzliche Bü- tungsbranche ohne werden. Mit anderen Worten: Die Allgemein-
rokratie und – noch wichtiger – mit Blick auf die Regulierung international verbindlicherklärung kann bereits dann erfol-
Eingriffe in den flexiblen Arbeitsmarkt ausfällt wettbewerbsfähig? gen, wenn die am GAV beteiligten Arbeitgeber
(zu Bürokratiekosten siehe Kasten). die Hälfte aller Erwerbstätigen einer Branche
beschäftigen. Für eine ordentliche Allgemein-
Flankierende Massnahmen – ein verbindlicherklärung müssen zusätzlich je 50
Prozent der Arbeitnehmenden und -gebenden
Bündel von Bestimmungen
bereits dem GAV unterstellt sein.3
Das politisch formulierte Ziel der flankierenden –– Normalarbeitsverträge: In Branchen ohne
Massnahmen ist es, die «missbräuchliche Unter- GAV können tripartite Kommissionen (Sozial-
schreitung» der orts-, berufs- oder branchenübli- partner und staatliche Vertretung) bei Fest-
chen Lohn- und Arbeitsbedingungen durch auslän- stellung einer wiederholten und missbräuch-
dische Arbeitskräfte zu verhindern – zum Schutz lichen Unterbietung der üblichen Löhne vom
der Arbeitnehmenden, aber auch zur Gewährleis- Bund oder den Kantonen den Erlass eines be-
tung des fairen Wettbewerbs.2 Damit Letzteres in fristeten Normalarbeitsvertrages mit zwin-
beide Richtungen sichergestellt ist, müssen die genden Mindestlöhnen beantragen.
flankierenden Massnahmen von ausländischen –– Entsendung von Mitarbeitern: Ausländische
und inländischen Arbeitgebern gleichermassen Arbeitgeber, d. h. mit Sitz im Ausland oder
eingehalten werden. Das Massnahmenbündel um- ausländische Unternehmen mit einer Nie-
fasst im Wesentlichen die folgenden Punkte: derlassung in der Schweiz, sind bei der Ent-
–– Erleichterte Allgemeinverbindlicherklärung sendung von Arbeitnehmenden im Rahmen
von Gesamtarbeitsverträgen (GAV): Wird in einer grenzüberschreitenden Dienstleistungs-
einer Branche mit einem gültigen, aber noch 2 Kaufmann (2010). erbringung zur Einhaltung der «minimalen
nicht allgemeinverbindlichen GAV wieder- 3 Art. 2 Abs. 3 und 3bis Arbeits- und Lohnbedingungen» verpflichtet.
Bundesgesetz über
holt missbräuchlich gegen übliche Löhne oder die Allgemeinverbind- Die Einhaltung der formulierten Massnahmen
licherklärung von Ge-
Arbeitszeiten verstossen, so kann dieser GAV samtarbeitsverträgen wird von den Sozialpartnern sowie dem Bund und
«erleichtert» auf die ganze Branche ausgedehnt (SR 221.215.311). den Kantonen kontrolliert.

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  27
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

Abb. 2: Offene Stellen und Arbeitslose (Beveridge-Kurve; 1995–2016)


90

2000
80

70
2001
Offene Stellen (in 1000)

2008
60 2007
1999
2011 2013 2014 2016
50
2010 2015
2006 2012

1998
2002

BFS (2017) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


40 2009

1995 2005
1997
1996 2004
30

2003

0 25 50 75 100 125 150 175 200 225 250


Arbeitslose (in 1000)

Eine Verschiebung vom Nullpunkt nach rechts oben ist Ausdruck eines weniger effizienten Arbeitsmarktes: Die beiden
­Seiten des Arbeitsmarktes finden sich schlechter, was sich in der Koexistenz von Erwerbslosen (Definition gemäss ILO) und
offenen Stellen bemerkbar macht. Das Niveau der strukturellen Arbeitslosigkeit – also der von der Konjunktur unabhängi-
gen Komponente – steigt.

Allgemeinverbindliche GAV – ein im Dienstleistungssektor, die Abschaffung des


Instrument im Aufwind Beamtenstatus (ab 2000) oder die grosszügige
Handhabung des bundesrätlichen Spielraums
Dass die flankierenden Massnahmen keines- bei den ordentlichen Allgemeinverbindlicherk-
wegs ein zahnloser Papiertiger sind, zeigt sich lärungen eine Rolle für die Zunahme der allge-
an der klar steigenden Zahl von allgemeinver- meinverbindlichen GAV spielten, ist der Zusam-
bindlichen GAV (siehe Abbildung 1). Auf Bun- menhang mit den flankierenden Massnahmen
desebene nahm deren Zahl seit 2004 von 22 auf eindeutig.4 So greift in Branchen ohne allgemein-
41 im Jahr 2016 zu. In den Kantonen gelten heu- verbindliche GAV bei «missbräuchlichen Lohn-
te 33 allgemeinverbindliche GAV; im Jahr 2004, unterbietungen» die erleichterte Allgemeinver-
als die flankierenden Massnahmen in Kraft tra- bindlicherklärung.
ten, waren es noch 19 gewesen. In diesem Zeit- Zudem hat die Öffnung des Arbeitsmarktes in
raum stieg die Zahl der einem allgemeinverbind- binnenorientierten Branchen zu einer Interessen-
lichen GAV unterstellten Arbeitnehmenden um verschiebung der Arbeitgeberorganisationen hin
fast die Hälfte auf über 720 000 Personen; die zum Schutz ihrer Produkt- und Dienstleistungs-
Zahl der Arbeitgeber nahm um fast ein Drittel märkte vor günstigerer ausländischer Konkur-
auf 78 800 zu. Unter Berücksichtigung des ge- renz geführt. Zwischen den Sozialpartnern – bei-
nerellen Zuwachses an Arbeitnehmenden rela- spielsweise im Baugewerbe oder in der privaten
tiviert sich die Zahl etwas: Waren 2004 rund 16 Sicherheitsdienstleistungsbranche – herrscht im-
Prozent der Arbeitnehmenden einem allgemein- mer öfter ein Konsens hinsichtlich der Allgemein-
verbindlichen GAV unterstellt, betrug der Anteil verbindlicherklärung eines GAV.5 Dem Anspruch
zwölf Jahre später ein Fünftel. dieser Wirtschaftskreise nach «Flankierung» –
Auch wenn andere Entwicklungen wie die sprich Protektion – des eigenen Marktes steht 4 Seco (2014).
Ausdehnung der gewerkschaftlichen A ­ ktivitäten die ökonomische Forderung nach ­internationaler 5 Oesch (2012).

28  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

Bürokratiekosten von Personenfreizügigkeit und flankierenden Massnahmen


Wie gross die bürokratische Entlastung neun Mal tiefere Zahl an Erwerbstätigen aus – auslegen. So wurden im Jahr 2015 gesamt-
durch die Personenfreizügigkeit ist, zeigt Drittstaaten 13,2 Millionen Franken.a schweizerisch fast 70 Prozent mehr Kontrol-
eine Gegenüberstellung der Regulierungs- Nicht berücksichtigt sind allerdings die len durchgeführt als von der Entsendever-
kosten für die Zulassung von EU- und Efta- neu entstandenen Bürokratiekosten aus ordnung vorgesehen.b
Bürgern und für Bürger aus Drittstaaten. Mitwirkungspflichten im Rahmen von Kon-
a Bundesrat (2013).
Während die Kosten der Bewilligungen für trollen der flankierenden Massnahmen. Hier b Art. 16e der Entsendeverordnung (SR 823.201)
EU-25- und Efta-Zuwanderer im Jahr 2011 auf fällt auf, dass die mit der Umsetzung betrau- und Seco (2016).
rund 6,8 Millionen Franken geschätzt wur- ten Organe ihre Kontrolltätigkeit grosszügig
den, kosteten die Bewilligungen für die rund – und je nach Kanton sehr unterschiedlich

­ ettbewerbsfähigkeit dank Freizügigkeit und Fle-


W Abbildung 2). Der trendmässig synchrone Anstieg
xibilität des Arbeitsmarktes diametral entgegen. von Arbeitslosen und offenen Stellen deutet auf
eine Abnahme der Effizienz hin. Die flankieren-
Der Arbeitsmarkt – ein liberaler den Massnahmen und die steigende Abdeckung
von allgemeinverbindlichen GAV dürften ihren
Trumpf unter Druck
Teil dazu beitragen, indem in individuellen Ver-
Der liberale Arbeitsmarkt wird oft als Trumpf handlungen getroffene Vereinbarungen kollek-
für die wirtschaftliche Entwicklung der Schweiz tiv auf die ganze Branche übertragen werden.
und für die im internationalen Vergleich tiefen Aus ökonomischer Sicht stellen die flankierenden
Arbeitslosenzahlen ins Feld geführt. Die wach- Massnahmen daher einen stetig steigenden Preis
sende Zahl an allgemeinverbindlichen GAV – im für den Erhalt der Personenfreizügigkeit dar.
Besonderen die darin enthaltenen Mindestlöh- Die Zahlungsbereitschaft der politischen Ak-
ne, die in den letzten Jahren an Relevanz gewon- teure dürfte aber noch höher liegen, denn die fra-
nen haben6 – stellen aber ein nicht unerhebliches gile Mehrheit zur Personenfreizügigkeit scheint zu
Risiko für den flexiblen Arbeitsmarkt dar. einem rechten Teil vom Bekenntnis zu den flankie-
Zwar nimmt das System von GAV-Mindestlöh- renden Massnahmen abzuhängen. Deshalb wird
nen im Vergleich zu einem schweizweiten Min- die Arbeitsmarktregulierung wohl auch künftig
destlohn besser Rücksicht auf orts-, berufs- und dem Credo «Freizügig, aber flankiert» folgen. Den
branchenübliche Löhne. Dennoch können auch Trumpf des flexiblen Arbeitsmarktes sollte man
regionale oder branchenweise Mindestlöhne kon- aber nicht leichtfertig aus der Hand geben, wes-
traproduktiv sein. Bei Berufs- oder Quereinstei- halb für die flankierenden Massnahmen gelten 6 Seco (2014).
gern, die im Branchenvergleich typischerwei- sollte: «so wenig wie möglich – so viel wie nötig». 7 Bundesrat (2015).
se tiefe Löhne aufweisen7, können Mindestlöhne
den Einstieg in den Arbeitsmarkt oder den Berufs-
wechsel erschweren. Dies kann beispielsweise zu
einem Anstieg der Jugendarbeitslosigkeit führen,
wie er in den Jahren 2005 bis 2016 im Vergleich
zur Periode 1991 bis 2004 stattgefunden hat.
Wie sich die Effizienz des Arbeitsmarktes im
Allgemeinen entwickelt hat, illustriert die Gegen-
überstellung von Arbeitslosigkeit und offenen Tobias Schlegel
Ökonom, Junior Fellow, Avenir Suisse, Zürich
Stellen im Zeitverlauf (siehe «Beveridge-Kurve» in

Literatur
Bundesrat. (2013). Bericht über die Regulie- Bundesrat. (2015). Situation in Tieflohn- Oesch, D. (2012). Die Bedeutung von Ge- Seco. (2016). FlaM-Bericht vom 12. Mai
rungskosten. Schätzung der Kosten von branchen bezüglich Einstiegs- und Min- samtarbeitsverträgen für die Arbeits- 2016: Umsetzung der flankierenden Mass-
Regulierungen sowie Identifizierung von destlöhnen. Bericht des Bundesrats vom marktregulierung in der Schweiz, Arbeits- nahmen zum freien Personenverkehr
Potenzialen für die Vereinfachung und 12. August 2015 in Erfüllung des Postulates recht, Zeitschrift für Arbeitsrecht und Schweiz - Europäische Union, 1. Januar –
Kostenreduktion. Bern, Dezember 2013. Meier-Schatz 12.4058. Arbeitslosenversicherung, (2012), 118–125. 31. Dezember 2015, Bern.
Kaufmann, K. (2010). Missbräuchliche Seco. (2014). Bericht GAV-Standortbestim-
Lohnunterbietung im Rahmen der flankie- mung.
renden Massnahmen (Bd. Heft 71), Bern:
Stämpfli-Verlag.

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  29
VIVIANE FUTTERKNECHT / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Definieren Arbeitnehmerschutz unterschiedlich:


Daniel Lampart (l.) und Roland Müller diskutieren
im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco).
FOKUS

Weniger Flexibilität im Arbeitsmarkt


durch die Zuwanderungsinitiative?
Die Umsetzung der Masseneinwanderungsinitiative (MEI) bringe eine zusätzliche Regulie-
rung mit sich, sagt Roland Müller, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbandes, im
Streitgespräch mit Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbun-
des. Lampart betont, es sei positiv, dass sich das Parlament für eine potenziell wirksame
Stellenmeldepflicht mit Arbeitslosenvorrang entschieden habe. Für rote Köpfe sorgen die
Vorstösse zur Lockerung der Arbeitszeiterfassung.  Nicole Tesar

Im Sommer jährt sich der Beginn der Finanzkri- führt ein guter Arbeitnehmerschutz dazu, dass
se zum zehnten Mal. Der Schweizer Arbeitsmarkt die Unternehmen nicht überreagieren, sondern
verfügt über eine hohe Widerstandsfähigkeit, dass sie ihre Belegschaft behalten und auf Kurz-
wie wir gesehen haben. Woran liegt das? arbeit ausweichen. Allerdings zeigt das Beispiel
Daniel Lampart: Zum einen ist in diesem Zeit- der Temporärarbeit auch: Dort, wo ein relativ ge-
raum die Bevölkerung gewachsen – was die Bin- ringer Schutz besteht, wurde sofort herunterge-
nenwirtschaft stabilisierte. Hinzu kamen eine fahren.
ausserordentliche Bereitschaft des Bundesrates, Müller: Der Arbeitnehmerschutz bietet Vorteile.
des Parlaments und gewisser Kantonsregierun- Es ist nicht die Idee, dass unter dem Titel Flexi-
gen, früh konjunkturstabilisierende Massnah- bilität der Arbeitnehmerschutz
men sowie das Instrument der Kurzarbeit ein- abgebaut werden soll und Hire-
zuführen. Das alles hat dazu geführt, dass im and-Fire herrscht. Trotzdem, «Dort, wo ein relativ
Gegensatz zu anderen Ländern unsere Binnen- auch wenn ich es nicht gerne
sage, muss man sehen: Inst-
geringer Arbeitnehmer-
wirtschaft nicht angesteckt wurde.
Roland Müller: Der Arbeitsmarkt ist extrem fle- rumente wie Kurzarbeit oder schutz besteht,
xibel. In der Finanzkrise mussten aufgrund des Temporärarbeit bieten generell wurde sofort herunter-
Frankenschocks Tausende von Arbeitsplätzen die Möglichkeit, das Arbeitsvo- gefahren.»
in der Schweiz abgebaut werden. Trotzdem: Die lumen flexibel zu steuern.
Lampart:  Mit dem Begriff fle-
Daniel Lampart
Arbeitslosenquote hat temporär zwar etwas aus-
geschlagen, sie ist inzwischen aber praktisch un- xibler Arbeitsmarkt muss man
verändert tief wie vor der Finanzkrise. Diese An- aufpassen. In der Forschung hat sich eine diffe-
passungsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft gilt renzierte Betrachtung durchgesetzt: Flexibilität
es unbedingt zu erhalten. heisst nämlich auch, dass die Arbeitgeber Leute
einstellen, ohne dass diese die formellen Quali-
Herr Lampart, was sagen Sie zum Argument des fikationen mitbringen. Zudem dürfte eine gute
flexiblen Arbeitsmarktes? Arbeitslosenversicherung den Wohlstand erhö-
Lampart: Entscheidend war aus meiner Sicht, hen. Es ist doch eher so: Weil die Schweiz eine
dass die Auftragslage in den Firmen der Binnen- sehr tiefe Arbeitslosigkeit hatte, konnte sie sich
wirtschaft einigermassen stabil blieb. Da spiel- einen schwachen Arbeitnehmerschutz leisten,
te die Arbeitsmarktregulierung eine nachgeord- ohne dass es Proteste gab.
nete Rolle. In der Exportwirtschaft war zentral, Müller: Diese Diskussion ist eine Huhn-und-Ei-
dass das Instrument der Kurzarbeit rasch und Frage. Ob zuerst das flexible Arbeitsrecht exis-
unbürokratisch angewendet wurde. Und: In tierte oder die tiefe Arbeitslosigkeit, sei da-
Phasen vorübergehender Konjunktureinbrüche hingestellt. Offensichtlich gehören die beiden

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  31
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

Dinge einfach zusammen. Der siamesische Zwil- über 50-Jährige, die heute grössere Probleme ha-
ling zum flexiblen Arbeitsrecht sind der gut aus- ben bei der Stellensuche, oder Wiedereinsteige-
gebaute Arbeitnehmerschutz und insbesondere rinnen das Gefühl haben, dieser Vorrang bringe
in der Schweiz auch die Arbeitslosenversiche- etwas, dann hat diese Massnahme eine grosse
rung, welche im Vergleich zum Ausland hohe Akzeptanz.
Leistungen erbringt. Deshalb müssen wir die
Rahmenbedingungen so ausrichten, dass sich die Sie vertreten unterschiedliche Interessen. Kom-
Schweizer Wirtschaft rasch auf neue Bedingun- men Sie nicht beide zum Schluss, dass die Schwei-
gen einstellen kann – sonst bleibt sie in überhol- zer Sozialpartnerschaft ein Erfolgsmodell ist?
ten Strukturen gefangen. Müller: Ja, die Sozialpartnerschaft ist eine Er-
folgsgeschichte. Sie ist ein gut funktionierendes
Bedroht die Umsetzung der Masseneinwande- und historisch bewährtes Korrektiv zur staatli-
rungsinitiative diese Flexibilität? chen Gesetzgebung. Die Vergangenheit hat auch
Müller: Natürlich zieht die Umsetzung der Mas- bewiesen, dass man es den Branchen überlassen
seneinwanderungsinitiative eine zusätzliche Re- soll, ob sie eine Regulierung auf diesem Wege
gulierung nach sich. Wir – da wird mir auch Herr als sinnvoll erachten oder nicht.
Lampart zustimmen – haben Lampart: Wir haben in zahlreichen Branchen
diese Regulierung ja nicht ge- wie dem Bau oder dem Gastgewerbe Gesamt-
«Ich habe den Ein- sucht, aber bereits der Ver- arbeitsverträge, die sich im internationalen Ver-
druck, die Gewerk- fassungsartikel impliziert sie. gleich sehen lassen können. Das ist positiv. Aber
Und es ist nun unser gemein- es gibt Lücken, etwa beim Detailhandel, wo wir
schaften verweigern samer Auftrag, die Bürokratie keinen Gesamtarbeitsvertrag haben, der für alle
die Diskussion, weil sie im Griff zu halten, damit wir Firmen gilt. Das ist im internationalen Vergleich
sich um Einfluss und beide das Ziel erreichen: näm- ein Malaise.
lich möglichst viele Leute aus Müller: Im Detailhandel haben wir prominente
Pfründen sorgen.»
der Arbeitslosigkeit zu bringen Firmenverträge – ich erinnere an Migros, Coop
Roland Müller und möglichst passgenau den und andere –, die auch funktionieren. Es ist ja
offenen Stellen zuzuführen. Ich hoffe, die Ge- nicht so, dass dort überhaupt nichts existiert und
werkschaften helfen uns dabei. wir keine verantwortungsbewussten Unterneh-
Lampart: Es drohte ein Kontingentsystem. So- mer hätten.
gar der Bundesrat schlug das vor. Damit haben Lampart: Gesamtarbeitsverträge sind im Detail-
die Arbeitgeber und die Gewerkschaften in den handel nichts Aussergewöhnliches, das stimmt,
Neunzigerjahren aber schlechte Erfahrungen ge- darauf kann man aufbauen. Insbesondere in den
macht – weshalb das System abgeschafft wurde. Es gewerblichen Branchen gibt es aber ein Problem:
ist positiv, dass sich das Parlament stattdessen für Es gibt immer mehr Firmen mit prekären Anstel-
eine potenziell wirksame Stellenmeldepflicht mit lungsbedingungen, welche bei keinem Verband
Arbeitslosenvorrang entschieden hat. Mich freut mitmachen. Auch in neueren Branchen ist die
die Absichtserklärung des Arbeitgeberverbandes, Verbandsmitgliedschaft wenig verbreitet. Des-
man wolle jetzt eine wirksame Umsetzung. halb wird es schwieriger, Gesamtarbeitsverträ-
ge für allgemeinverbindlich zu erklären – denn
Es gibt noch offene Fragen, wie die Meldepflicht dazu braucht es ein Quorum von mindestens 50
umgesetzt werden soll. Woran werden Sie die Prozent der Firmen einer Branche. Diese Hürden
Umsetzung messen? werden heute teilweise nur noch knapp erreicht
Lampart: Gemessen wird das daran, dass mehr und in Zukunft gar nicht mehr. Ich mache mir
Arbeitslose eine Stelle finden. Melden die Arbeit- grosse Sorgen: Bei gewissen GAV wird die All-
geber die offenen Stellen und laden sie Stellensu- gemeinverbindlicherklärung wegbrechen, wenn
chende zum Vorstellungsgespräch ein? Sind die man diese Hürde nicht senkt.
Regionalen Arbeitsvermittlungszentren bereit, Müller: Da bin ich anderer Meinung: Es ist ja
die Stellenmeldungen entgegenzunehmen und nicht so, dass die sogenannt neueren Branchen
die Stellensuchenden aktiv zu vermitteln? Wenn keinen Anschluss an ­A rbeitgeberorganisationen

32  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  33
ARBEITSMARKTFLEXIBILITÄT

suchen. So trat beispielsweise der Branchenver- Der flexible Arbeitsmarkt ist nur die eine Seite.
band der Wirtschaftsprüfer, Steuern und Treu- Es braucht die Balance zur sozialen Sicherheit.
hand, Expertsuisse, dem Arbeitgeberverband Können wir uns den Sozialstaat noch leisten?
bei, und mit ICT-Switzerland führen wir Gesprä- Müller: Ich wehre mich dagegen, hier immer
che über eine Mitgliedschaft. Es stimmt aber: schwarzzumalen. Das wird Herr Lampart freu-
Diese Branchen sind weniger über einen GAV or- en: Wir brauchen Wirtschaftswachstum in der
ganisiert. Hinsichtlich der für allgemeinverbind- Schweiz, damit wir uns diesen Sozialstaat, der
lich erklärten GAV gilt für uns: Wo sie sich bisher klarerweise ein guter ist, leisten können. Wir
bewährt haben, sind sie weiterhin berechtigt. Es wollen das Leistungsniveau halten. Wegen der
kann aber nicht sein, dass dieses Instrument durch strukturellen Probleme sind dafür in der ersten
die Streichung des Arbeitgeberquorums gefördert und der zweiten Säule zusätzliche finanzielle
wird. Wir haben zwar das gemeinsame Ziel, die Anstrengungen nötig, wozu die Wirtschaft Hand
Arbeitsbedingungen für die Leute in der Schweiz bietet. Man muss das gegenüber den Arbeitge-
optimal zu halten, aber das soll nicht auf dem Wege bern auch einmal anerkennen: Beispielsweise in
neuer für allgemeinverbindlich erklärter GAV er- der Altersvorsorge sprechen wir uns dafür aus,
folgen. Es soll den Branchen das Rentenniveau trotz höherer Belastungen
überlassen werden, ob sie eine der Wirtschaft zu halten. Dasselbe gilt für die
«Die Schweiz ist so Regulierung oder eine Kollektiv- Arbeitslosenversicherung.
reich wie noch nie. lösung umsetzen wollen.
Selbstverständlich Lampart: Aber darum geht es ja Also ist der Status quo finanzierbar.
genau. Wenn eine Branche will, Lampart: Die Schweiz ist so reich wie noch nie.
können wir unser dann soll sie das machen kön- Selbstverständlich können wir unser Sozialversi-
Sozialversicherungs- nen. Aber bei diesen Hürden für cherungssystem finanzieren. Es ist auch ein Zei-
system finanzieren. » die Allgemeinverbindlichkeits- chen von Wohlstand und verhilft zu Wohlstand,
erklärung – den höchsten in wenn man gute Sozialversicherungen hat. Das
Daniel Lampart
ganz Europa – ist das eben nicht war ja auch der Konsens in der Finanzkrise. Am
mehr möglich. Betroffen sind etwa Teile des Ge- schlimmsten traf es diejenigen Länder, die keine
werbes in der Romandie und verschiedene GAV guten Arbeitslosenversicherungen hatten.
im Metall-, Bau- und Sicherheitsgewerbe.
Müller: Wir nehmen das ernst. Wie bei der MEI Herr Lampart, seit Anfang 2016 können Arbeitneh-
liegt aber auch hier der Teufel im Detail. Wir ha- mende unter bestimmten Bedingungen darauf ver-
ben beispielsweise auch in der Sicherheitsbran- zichten, die Arbeitszeit zu erfassen – wie sehen Sie
che das Problem, dass aufgrund der sich auf- das für die Zukunft?
splittenden Unternehmen das Quorum nur mehr Lampart: Wir haben für einen Kompromiss mit
schwerlich erreicht werden kann und dass die grosser Autonomie bei der Arbeitsgestaltung
Allgemeinverbindlicherklärung infrage gestellt Hand geboten. Doch die Tinte ist noch nicht tro-
sein könnte. Andererseits, wenn wir Regulie- cken – und schon wollen die Arbeitgeber eine wei-
rungen aufnehmen würden, wie sie beispiels- tere Aufweichung. Dabei sind die Arbeitszeiterfas-
weise die Westschweizer Wirtschaftsorganisa- sung und die Planbarkeit der Arbeit so wichtig wie
tion Centre Patronal vorgeschlagen hat, dann kaum zuvor – nicht zuletzt für eine bessere Ver-
handeln sich andere Branchen unter Umständen einbarkeit von Beruf und Familie. Die Belastung
Probleme mit ihrer eigenen Allgemeinverbindli- vieler Arbeitnehmenden ist heute hoch.
cherklärung ein. Bei der Änderung des Gesetzes
über die Allgemeinverbindlicherklärung ist da- Zwei parlamentarische Initiativen fordern eine
her Vorsicht geboten. weitere Lockerung des Arbeitsgesetzes.
Lampart: Das aktuelle Arbeitsgesetz erlaubt
Das Centre Patronal schlägt mehr Flexibilität bei grundsätzlich sehr viel Flexibilität. Ich war et-
den Quoren vor. was erstaunt, als ich die beiden aktuellen parla-
Lampart: Der Vorschlag wäre für uns ein guter mentarischen Vorstösse zur Zeiterfassung ge-
Kompromiss. sehen habe. Beispielsweise kommt der Wunsch

34  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FOKUS

von Revisionsgesellschaften, komplett auf die ­ räsenz zu markieren und dem Chef zu gefal-
P
Zeiterfassung zu verzichten und damit die Be- len, ist von gestern. Heute muss eine effiziente
grenzung der Arbeitszeiten stark aufzuweichen. Arbeitsorganisation das Ziel sein.
Ich mache mir Sorgen über die Qualität in dieser Müller: Wenn sich berufstätige Eltern für die
Branche: Wenn ein Revisor 40 Stunden konzent- Familie engagieren, sind sie darauf angewiesen,
riert arbeitet, ist er meiner Meinung nach müde, Arbeitszeiten unterbrechen zu können. Gerade
weil es anstrengend ist. Und heute ist es vielleicht hier stellen wir aber im Arbeitsgesetz ein Pro-
noch anstrengender, weil auch die Geschwindig- blem fest: den starren Zeitrahmen der Tages-
keit und die Komplexität gestiegen sind. Man arbeitszeit von 14 Stunden. Er gilt auch bei meh-
muss sich dann nicht wundern, wenn bei der Re- reren sehr langen Arbeitsunterbrüchen, was
vision Mängel übersehen werden. die Flexibilität einschränkt. Es gibt im Arbeits-
gesetz Regulierungen, deren Anpassung den
Das ist eine heftige Kritik an den Revisoren. Gesundheitsschutz in keiner
Lampart: Ja, das sind auch die lautesten. Weise beeinträchtigen wür-
Müller: Der Sozialpartnerkompromiss von An- de. Ich habe den Eindruck, die «In der Altersvorsorge
fang 2016 – zu dem wir immer noch stehen – Gewerkschaften verweigern wollen wir das Renten-
hilft nicht allen. So gibt es Branchen, die keine hierzu die Diskussion, weil sie
niveau trotz höherer
Sozialpartnerschaft kennen oder bei denen zur- sich um Einfluss und Pfrün-
zeit diesbezüglich Probleme bestehen. Sie alle den sorgen. Dafür habe ich Belastungen der
sind blockiert. Es wäre unredlich, dieses Thema zwar ein gewisses Verständ- Wirtschaft halten.»
nicht angehen zu wollen. Das Arbeitsgesetz ist nis. Aber sie setzen sich da- Roland Müller
über 50-jährig und hiess einmal Fabrikgesetz. Es mit dem Vorwurf aus, dass sie
stammt aus einer Zeit, als man die Fabrikarbeit den Arbeitsmarkt in ihrem In-
als körperliche Schwerarbeit regeln musste. Zu- teresse zusätzlich regulieren wollen und nicht
dem fand eine Verlagerung vom Industrie- zum bereit sind, sich auf neue Herausforderungen
Dienstleistungsbereich statt, und die Autono- aus den Veränderungen der Arbeitswelt einzu-
mie vieler Arbeitnehmenden ist gestiegen. Da lassen. Ich habe gelernt, dass man versuchen
braucht es flexiblere Lösungen, angepasst an die soll, sich in den anderen hineinzuversetzen. Ich
moderne Arbeitswelt. bin auch gerne bereit, das auch hier zu tun. Das
Gleiche erwarte ich aber auch von den Gewerk-
Google beklagt sich über die Nacht- und Sonn- schaften, damit wir gemeinsam die Zukunft ge-
tagsruhe. Ist diese Regulierung zeitgemäss? stalten können.
Lampart: Die Zeiten haben sich geändert, das Lampart: Wir sind den Arbeitgebern entgegen-
stimmt. Die Zeit, wo in gewissen Haushalten gekommen und haben einem Kompromiss zuge-
vielleicht die Ehefrau noch das Nachtessen warm stimmt. Sie haben versprochen, dass keine wei-
hielt, bis der Mann nach Hause kam, ist vorbei. teren Forderungen kommen. Nun erwarten wir,
In vielen Familien sind heute beide Partner er- dass sich die Arbeitgeber an dieses Versprechen
werbstätig. Vor allem die jüngere Generation ist halten.
darauf angewiesen, dass es verbindliche Vor-
stellungen und Pläne gibt, wie man arbeitet und Moderation: Nicole Tesar,
wie nicht. Überstunden im Büro zu machen, um Chefredaktorin «Die Volkswirtschaft»

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  35
SHUTTERSTOCK (MONTAGE: DIE VOLKSWIRTSCHAFT)
EINBLICK

Digitalswitzerland – gemeinsam zum


weltweit führenden digitalen Hub
Alle reden von ihr. Am World Economic Forum positionieren und gleichzeitig vielversprechende
(WEF) 2015 stand sie im Mittelpunkt der Diskussio- Start-ups und Kapitalgeber an Bord holen.
nen auf der Weltbühne: die vierte industrielle Re- Der stark wachsende Verein, der insgesamt bereits
volution. Sie weckt Bewunderung, Vorfreude, aber über 50 Grossunternehmen, KMU und Institutio-
auch Ängste. Tatsache ist, dass sie unser Verhalten, nen zählt, gibt der Digitalisierung in der Schweiz
den Arbeitsmarkt, die Gesellschaft – ja unser Leben ein Gesicht. Dazu suchen wir das Gespräch mit
– massiv verändern wird. politischen Entscheidungsträgern im In- und Aus-
Kritische Stimmen sagen, wir Schweizer hätten die land, sind an Fachevents wie dem World Web Fo-
Digitalisierung bisher verschlafen. Das stimmt si- rum oder dem Digital Festival präsent und vernet-
cher nicht ganz. Und doch: Vergleichen wir uns mit zen die Sprachregionen und die Wirtschaftszweige.
dem Silicon Valley, Berlin, aber auch mit Israel oder Auf der Plattform Education-digital.ch bündeln wir
China, müssen wir neidlos eingestehen, dass die Weiterbildungsangebote wie Digital-Business-Kur-
Schweiz hinterherhinkt. se oder Social-Media-Lehrgänge.  Mit Initiativen
Dabei ist das Rüstzeug gut, denn die Schweiz hat ei- wie dem «Kickstart Accelerator» oder dem «Inves-
nige Trümpfe in der Hand. Beispielsweise bei der tor Summit» fokussieren wir auf den Ausbau der
Bildung: Unsere Universitäten und Fachhochschu- Schweizer Start-up- und Investor-Community, in-
len haben weltweit einen ausgezeichneten Ruf und dem wir unter anderem Jungunternehmer und In-
erhalten in Rankings Bestnoten. Insbesondere mit vestoren grenzüberschreitend vernetzen.
den beiden ETH verfügen wir über technische Hoch-
schulen der Spitzenklasse. Hinzu kommt die Inno- Vierte industrielle Revolution als Chance
vation: Auch 2016 stand die Schweiz auf der Rang- Die Industrie 4.0 birgt nebst Risiken vor allem
liste des Global Innovation Index ganz oben, was ihr Chancen. In den vergangenen drei industriellen
zum sechsten Mal in Folge den Titel der innovativs- Revolutionen ist es der Schweiz jeweils gelungen,
ten Volkswirtschaft der Welt einbrachte. Weiter ist Firmengründungen voranzutreiben und sich be-
die Lebensqualität hoch: In internationalen Ran- züglich neuer Technologien weltweit als führen-
kings sind unsere Städte auf den vordersten Plät- de Nation zu positionieren. Genau dies sollte auch
zen zu finden. Schliesslich sind auch die Sicherheit für die vierte industrielle Revolution unser Ziel sein.
und die international anerkannte Neutralität wei- Gründen wir neue Firmen, die weltweit erfolgreich
tere Qualitätsmerkmale. sind; unterstützen wir unsere Start-ups, KMU und
Grossunternehmen in der Digitalisierung.
Der Digitalisierung ein Gesicht geben Deshalb sollten wir in Talente mit Ideen investie-
Trotz dieser hervorragenden Ausgangslage hat die ren und uns an die Leitidee «Think big and global»
Schweiz nach wie vor Mühe, ihr Potenzial voll aus- halten. So legen wir den Grundstein für neue Job-
zuschöpfen. Es fehlt an Umsetzungskraft und am profile und Arbeitsplätze und holen weltweit er-
Willen, in globalen Dimensionen zu denken und im folgreiche Geschäftsideen in die Schweiz – für eine
grossen Stil Risikokapital zu investieren. An diesem gesunde Wirtschaft und Gesellschaft, auch im digi-
Punkt setzt die Vision des breit in der Wirtschaft talen Zeitalter. Seien wir mutig!
abgestützten Vereins Digitalswitzerland an: Wir Nicolas Bürer
wollen die Schweiz weltweit als Innovationshub Managing Director Digitalswitzerland, Zürich

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  37
WACHSTUM UND KONJUNKTUR

Ein gesunder Finanzplatz dient Innovation


und Wirtschaftswachstum
Damit der Strukturwandel zu Wachstum führt, muss das Kapital von maroden Branchen zu
innovativen und produktiven Unternehmen fliessen können. Gesunde Banken und ein liquider
Kapitalmarkt sind dafür unerlässlich.   Christian Keuschnigg

keiten weiter zu finanzieren. Andererseits


Abstract  Innovation führt durch andauernden Strukturwandel zu neuem Wachstum. Dies
versetzt er sie auch in die Lage, die Finan-
setzt aber voraus, dass Kapital und Arbeit dorthin wandern, wo die Erträge höher und die Zu-
kunftsaussichten besser sind. Im Zentrum dieses Prozesses stehen einerseits die Banken mit
zierung von unprofitablen Unternehmen
ihrer Kreditvergabe. Aber auch die Akteure des Kapitalmarkts steuern mit ihren Investitions- zu stoppen, Kredite teilweise abzuschrei-
und Anlageentscheidungen die Reallokation des Kapitals. Sie lenken es von unrentablen und ben und Verluste zu absorbieren, ohne das
schrumpfenden zu innovativen und wachsenden Unternehmen um. Auf diese Weise steigert regulatorische Mindestkapital zu unter-
der Finanzplatz die Produktivität von Kapital und Arbeit. Ein diversifizierter Finanzplatz, auf schreiten. Auch wenn ein Teil der Kredite
dem sich innovative Unternehmen in allen Phasen der Produktentwicklung finanzieren kön- verloren ist, wird bei einer Insolvenz Kapi-
nen, ist deshalb unerlässlich. tal freigesetzt, das in die Finanzierung von
anderen profitablen Unternehmen fliessen
kann. Wenn die Banken jedoch ihre Kapi-

W  er mehr verdienen und Karriere


machen will, muss nach besseren
Jobs Ausschau halten und darf nicht dort
wenn die Rendite unterdurchschnittlich
und die Rückzahlung zweifelhaft wird. Er
muss die Finanzmittel dorthin lenken, wo
talpolster aufgebraucht und keinen Spiel-
raum mehr haben, neigen sie dazu, be-
stehende Kreditlinien auch an Firmen mit
verharren, wo die Perspektiven schlecht ein höherer Ertrag möglich ist. Wie Kapi- zweifelhafter Bonität zu verlängern, um
sind. Dasselbe gilt auch für das Kapital: in talreallokation zum Wachstum beiträgt, Verluste zu vermeiden. Also werden auch
niedergehenden Branchen und schrump- war Thema einer Arbeitstagung im Okto- keine Mittel frei, um neue Kredite zu ver-
fenden Unternehmen kann keine gute ber 2015 an der Universität St. Gallen.1 geben.
Rendite erzielt werden. Auf der Suche Nicht aufgearbeitete faule Kredite sind
nach hohem Ertrag muss es dorthin wan- Gesunde Banken sind zentral letztlich der Inbegriff eines mangeln-
dern, wo Innovation stattfindet und die den Strukturwandels. Laut Mario Draghi,
Wirtschaft expandiert. Mehr als die Hälf- Die Banken stehen im Zentrum dieses dem Präsidenten der Europäischen Zent-
te des Produktivitätswachstums einer Prozesses. Mit der Steuerung der Kredit- ralbank, vergeben schwer angeschlagene
Volkswirtschaft kommt dadurch zustan- vergabe tragen sie auch zur Bewältigung Banken kaum neue Kredite und verzögern
de, dass innovativere und produktivere des Strukturwandels bei. Die Kreditwür- damit die wirtschaftliche Erholung: «[…] je
Firmen rascher wachsen, Marktanteile be- digkeitsprüfung, die laufende Kreditüber- länger diese Situation anhält, desto länger
setzen und weniger produktive Unterneh- wachung, die Nichtverlängerung von wirken sich die Kreditkonditionen auf die
men verdrängen. Dabei treiben vor allem bestehenden Kreditlinien bis hin zur Aus- von Schumpeter beschriebene schöpfe-
Produkt- und Prozessinnovationen das lösung einer Insolvenz, wenn bei Problem- rische Zerstörung aus. Das Kommen und
Wachstum an. krediten eine volle Rückzahlung unwahr- Gehen der Unternehmen am Markt – eine
Innovation ist ein Prozess schöpfe- scheinlich wird – sie alle sind Teile eines bedeutende Triebkraft des Produktivitäts-
rischer Zerstörung und untrennbar mit Prozesses, der die produktivitätssteigern- wachstums – würde unterbrochen wer-
Strukturwandel verbunden. Innerhalb de Kapitalreallokation unterstützt. den.»2
grosser Konzerne werden Arbeit und Kapi- Damit Banken auch in Krisensituationen
tal im Zuge der Erneuerung des Produkt- eine stabile Quelle der Kreditversorgung Das Beispiel Japan
zyklus neu eingesetzt. Gesamtwirtschaft- bleiben, müssen sie über genügend Eigen-
lich spielt sich der Strukturwandel auch kapital und Liquidität verfügen. Ein star- Wie ein verhinderter Strukturwandel das
durch Schrumpfung oder gar Marktaus- ker Eigenkapitalpuffer kräftigt einerseits Wachstum bremst, zeigte das Platzen der
tritt von unprofitablen Firmen ab. Dadurch die Widerstandsfähigkeit und erlaubt den Vermögenspreisblase im Jahr 1990 in Ja-
werden Kapital und Arbeit freigesetzt, die Banken so, profitable Unternehmen mit pan: Wissenschaftler von amerikanischen
wieder von jungen, innovativen Firmen vorübergehenden Liquiditätsschwierig- Universitäten haben die dortige Wachs-
nachgefragt werden. tumsschwäche mit mangelnder Kapital-
Doch nicht allen Staaten gelingt es 1 Die erste FGN-Tagung über «Finance, Capital Reallo- reallokation aufgrund von Problemen in
gleich gut, Finanzierung und Beschäfti- cation and Growth» wurde von Christian Keuschnigg,
Universität St. Gallen, und Holger Müller, New York Uni-
gung zu den rentablen Branchen zu len- versity, zusammen mit CEPR organisiert. Ein Video und
ken. Eine zentrale Rolle spielt dabei die weitere Informationen sind auf Wpz-fgn.com erhält- 2 Nach dem Redemanuskript von Mario Draghi, «Banken-
lich. Die drei Keynote Lectures sind im Sonderband der restrukturierung und wirtschaftliche Erholung», anläss-
Verfassung des Finanzplatzes: Seine Auf- Schweizerischen Zeitschrift für Volkswirtschaft und Sta- lich der Verleihung des Schumpeter-Preises der Öster-
gabe ist es, die Finanzierung zu stoppen, tistik, 2016, Vol. 152 (4) publiziert. reichischen Nationalbank am 13. März 2014 in Wien.

38  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


WACHSTUM UND KONJUNKTUR

der Kreditvergabe erklärt.3 In wenigen Jah- unproduktive Firmen künstlich am Le- gesteckt werden. Doch was für die Fremd-
ren fielen die Aktien- und Immobilienpreise ben erhalten, die Marktanteile besetzen, kapitalgeber sicher ist, bringt das Unter-
um mehr als 50 Prozent. Als viele schwach das Wachstum der wettbewerbsfähigen nehmen eventuell in Bedrängnis: Je mehr
kapitalisierte Banken mit notleidenden Fir- Unternehmen bremsen und den Markt- Fremdkapital ein Unternehmen aufnimmt,
menkrediten konfrontiert waren, hätte eintritt neuer Anbieter behindern. Gemäss desto grösser werden die festen Zins-
eine marktwirtschaftliche Strukturbereini- den Berechnungen der Forscher ist da- verpflichtungen. Deshalb ist die Schul-
gung einsetzen müssen. Die Banken hätten durch über zehn Jahre ein kumulativer In- dentragfähigkeit begrenzt. Die Fähigkeit,
entweder unproduktive Firmen in die In- vestitionsverlust von 17 Prozent des Ka- mehr Fremdkapital aufzunehmen, hängt
solvenz schicken oder bei überschuldeten, pitals entstanden. Die Beschäftigung der von einer ausreichenden Ausstattung mit
aber wettbewerbsfähigen Firmen einer Re- wettbewerbsfähigen Unternehmen wäre Eigenkapital ab.
strukturierung mit Schuldenschnitt zu- um 9,5 Prozentpunkte höher ausgefallen, Je innovativer und internationalisierter
stimmen sollen, um ihnen neue Wachs- wenn der Anteil der unproduktiven Firmen ein Land ist, desto höheren Risiken sind
tumsperspektiven zu ermöglichen. Beides nicht gestiegen wäre. die Unternehmen ausgesetzt. Besonders
wäre mit hohen Kreditabschreibungen und hoch ist das Risiko für innovative Start-ups.
Verlusten verbunden gewesen, hätte aber Innovatoren brauchen Aber auch für innovative Exportunterneh-
letztlich die Wachstumsflaute überwun- men und multinationale Konzerne: Denn
den.
Eigenkapital sie sind nicht nur der heimischen, sondern
Doch angesichts schwacher Kapital- Keine Investition ist riskanter als diejenige der weltweiten Konkurrenz ausgesetzt
ausstattung wollten viele Banken ­weitere in Innovation. Deshalb brauchen innova- und brauchen deshalb mehr risikotra-
Verluste vermeiden, um nicht unter tive Unternehmen mehr Risikokapital als gendes Eigenkapital. Aber Eigenkapital-
die regulatorischen Kapitalanforderungen andere. Während Kreditgeber und Anlei- finanzierung ist keine Aufgabe der Ban-
zu fallen. Daher haben sie Kreditlinien an henkäufer mit fixen Zinszahlungen rech- ken. Eigenkapital wird einerseits selber,
strukturschwache Firmen weitergeführt, nen können, müssen die Eigenkapitalgeber über einbehaltene Gewinne, langsam an-
anstatt neue Kredite an wettbewerbsfä- weit mehr Risiko tragen, denn Dividenden gespart. Bei Gründungen und starker Ex-
hige Firmen zu vergeben. So wurden v­ iele können nur vom übrig bleibenden Gewinn pansion mit besonders hohem Kapitalbe-
ausgeschüttet werden. In einer Rezession darf muss es andererseits auf dem Markt
3 Vgl. Caballero, Ricardo J., Takeo Hoshi und Anil K. Kashy-
ap (2008), Zombie Lending and Depressed Restructuring
gibt es deshalb wenig zu verdienen, oder
in Japan, American Economic Review 98, 1943–1977. es müssen temporär sogar Verluste weg- Innovative Start-ups sind in der Anfangsphase
auf Eigenkapital angewiesen.

ALAMY

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  39
WACHSTUM UND KONJUNKTUR

beschafft werden, d. h. bei Anlegern, an ten. Oft betreuen diese Gesellschaften nur nehmen. Dieser besteht vorwiegend in der
der Börse, von Beteiligungsgesellschaften, wenige Portfoliounternehmen, diese dafür Wertsteigerung der Beteiligung, sofern
Finanzdienstleistern oder Wagnisfinan- umso intensiver. Um ihr Investitionsrisiko nicht schon vorher ein Totalverlust zu ver-
ciers. Aus diesem Grund nimmt die Bedeu- zu begrenzen, treffen sie Investitionsent- buchen war.
tung der Kapitalmärkte für die Finanzie- scheidungen mit wesentlich mehr unter- Ein liquider Kapitalmarkt und der Bör-
rung der Wirtschaft zu, je näher ein Land nehmerischem Know-how, bieten strate- sengang von innovativen Jungunterneh-
an die Technologiegrenze vorstösst. Denn gische Beratung an und üben intensivere men erleichtern den profitablen Ausstieg
ein Innovationsführer muss radikalere und Kontrolle aus. Solche Wagnisfinanciers ge- für Investoren und sind deshalb so wich-
riskantere Innovationen hervorbringen als ben keinen Kredit, sondern investieren ri- tig für die Risikofinanzierung. Denn die Fi-
ein technologisch aufholendes Land, das sikotragendes Beteiligungskapital und nanciers sind umso eher bereit, mit neuem
andere Innovationen übernehmen und trimmen diese Unternehmen auf Wachs- Kapital einzusteigen, je leichter sie nach-
imitieren kann.4 tumskurs. Firmen mit Wagniskapital schaf- her ihre Beteiligung wiederverkaufen und
fen daher mehr Beschäftigung, haben ein den Ertrag realisieren können. Wie bei den
Risikokapital für Start-ups rasanteres Umsatzwachstum und erzielen Anlegern gilt auch hier: Man kauft nur,
wesentlich höhere Wertsteigerungen als wenn man sicher ist, bei Bedarf wieder
Während Banken langfristige Geschäfts- andere, vergleichbare Firmen. einen geeigneten Käufer für seine Anteile
verbindungen pflegen, sind auf dem Kapi- Investoren von Wagniskapital sind auf zu finden. So lenken auch die Akteure des
talmarkt die Bindungen zwischen Investo- die Phase nach der Gründung speziali- Kapitalmarkts mit ihren Investitionsent-
ren und Unternehmen schwächer. Daher siert, wo die unternehmerische Erfahrung scheidungen das Kapital von unrentablen
fallen die Anlageentscheidungen radika- am geringsten ist, der Markttest noch zu innovativen und wachsenden Unter-
ler und härter aus. Dazu kommen Informa- bevorsteht und deshalb auch die Über- nehmen um und steigern damit das Pro-
tionsnachteile und die Risikoscheu der lebenswahrscheinlichkeit am gerings- duktivitätswachstum. Ein diversifizierter
passiven Investoren: Sie können bei auf- ten ist. Meist ist die Finanzierung auf bis Finanzplatz mit leistungsfähigen Banken
tauchenden Schwierigkeiten eine Kapital- zu zehn Jahre begrenzt. Je länger die Fir- und einem liquiden Kapitalmarkt ist un-
flucht begünstigen, die Aktien- und Anlei- men sich auf dem Markt bewähren, desto erlässlich, damit die Ersparnisse und vor-
hekurse der betroffenen Firmen stark fallen mehr können sie andere, weniger teure Fi- handenen Vermögen mehr Einkommen
lassen und damit den Zugang zum Kapital- nanzierungen wie Bankkredite erschlies- und Wachstum hervorbringen.
markt prohibitiv verteuern. sen. Wenn für die Firmen die Vorteile des
Die Marktdisziplin auf Kapitalmärkten Wagniskapitals schwinden, rückt der Aus-
ist härter. Dafür gibt es aktive Investoren stieg näher, und es wird Kapital frei, das
wie sogenannte Wagniskapital- und Priva- dringend für die Finanzierung von neuen
te-Equity-Gesellschaften oder «Business Start-ups benötigt wird.
Angels». Sie sind auf die Finanzierung von
innovativen, aber hoch riskanten Wachs- Liquide Märkte erleichtern den
tumsunternehmen spezialisiert, die sich
mit Bankkrediten nicht finanzieren könn-
Handel
Christian Keuschnigg
Den grössten Teil ihres Ertrags erzielen die Professor für Volkswirtschaft an der
4 Vgl. dazu Philippe Aghion (2016), Competitiveness and Wagnisfinanciers allerdings erst beim Ver- Universität St. Gallen und Leiter des
Growth Policy Design, in: Christian Keuschnigg (Hrsg.),
kauf ihrer Beteiligung an der Börse, auf Wirtschaftspolitischen Zentrums FGN-HSG
Moving to the Innovation Frontier, CEPR und Universität in St. Gallen und Wien
St. Gallen, VoxEU Ebook, 5–29. dem Kapitalmarkt oder an andere Unter-

40  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


GOLDHANDEL

Ein Pionierprojekt für nachhaltigen


Goldabbau
Weltweit ist die Schweiz führend in der Schmelze und Verarbeitung von Gold. Mit einer Initiative
tragen Bund und Industrie zur Schaffung von nachhaltigen Wertschöpfungsketten bei.  Peter Huber

kann. Schliesslich dient Gold in gewissen


Abstract    Die «Better Gold Initiative for Artisanal and Small-Scale Mining» ist eine öffent-
Regionen als wichtige Einnahmequelle für
lich-private Partnerschaft zwischen dem Staatssekretariat für Wirtschaft und der Swiss Bet-
ter Gold Association. Dank der 2013 lancierten Initiative konnte eine Wertschöpfungskette für
bewaffnete und kriminelle Gruppen und
verantwortungsvolles Gold aus kleinen peruanischen Minen geschaffen werden. Im Rahmen kann so Konflikte in politisch instabilen
der zweiten Phase, die Anfang 2017 begonnen hat, wird die Initiative von Peru auf Kolumbien Regionen schüren oder verstärken.
und Bolivien ausgeweitet und soll so eine substanzielle Erhöhung der gehandelten Goldmen-
gen aus verantwortungsvollem Kleinbergbau erreichen. Schweiz führend bei der
Goldverarbeitung

G  emessen an der globalen Goldpro-


duktion stammen nur rund 10 bis
20 Prozent aus dem Kleinbergbau, wo mit
Die sozialen und ökologischen Heraus-
forderungen im Goldkleinbergbau sind im
Vergleich zum industriellen Grossbergbau
Die Schweiz ist ein wichtiger Handels-
platz für Gold. 2015 wurden gesamt-
haft über 2500 Tonnen im Wert von rund
einfachen Methoden in kleinem Umfang beträchtlich. Die Arbeit im Kleinbergbau 69 Millionen Franken eingeführt. Auch bei
Mineralien gewonnen werden. Trotzdem ist für die betroffenen Mineure meist mit der Verarbeitung und der Schmelze ist die
sind rund 90 Prozent der Goldmineure im harten und gefährlichen Arbeitsbedin- Schweiz mit vier der sechs weltweit gröss-
Kleinbergbau beschäftigt und generieren gungen verbunden. Auch Kinderarbeit ist ten Goldraffinerien führend. Es wird ge-
hier ihr Einkommen. Insgesamt ernährt er weit verbreitet. Zudem wird beim Gold- schätzt, dass rund zwei Drittel des global
rund 100 Millionen Menschen, von denen schürfen sehr häufig Quecksilber einge- gewonnenen Goldes hierzulande veredelt
ein grosser Teil aus Entwicklungsländern setzt, was sowohl die Gesundheit der Mi-
in Lateinamerika, Afrika und Asien kommt. nenarbeiter wie auch die Umwelt belasten Mineure beim Entladen von goldhaltigem Roherz
in der Region Arequipa in Peru.

SECO / PROJEKT-CONSULT)

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  41
GOLDHANDEL

Handelsförderung in Peru und Kolumbien Keine Gesamtlösung für den


Die «Better Gold Initiative for träglichen, inklusiven und damit landwirtschaftlichen Wertschöp-
Goldsektor
Artisanal and Small-Scale Mining» nachhaltigen Handel. Nebst der fungsketten mit Exportpotenzial. Die Initiative hat bei der Schaffung von
ist Teil des Handelsförderungs- Initiative werden in Kolumbien Dazu gehören Projekte, welche
programms der wirtschaftlichen etwa auch die Exportfähigkeit die Fähigkeit des Kaffeesektors nachhaltigen Wertschöpfungsketten für
Entwicklungszusammenarbeit des Kakaosektors und die Quali- zur Anpassung an den Klimawan- Gold aus dem Kleinbergbau eine wichtige
der Schweiz in den Schwerpunkt- tätsstandards im Kosmetiksek- del stärken oder die Produktivität Pionierrolle gespielt. Sie hat dazu beigetra-
ländern Peru und Kolumbien. In tor gefördert. In Peru engagiert der Quinoa-Wertschöpfungskette
gen, dass Konsumenten in der Schweiz und
diesem Rahmen unterstützt das sich das Seco neben dem Gold- durch Technologien verbessern.
Seco einen sozialen, umweltver- sektor auch in der Förderung von in Europa die Möglichkeit haben, Uhren,
Schmuck, Elektronikgeräte und Finanzpro-
dukte zu kaufen, welche mit verantwor-
werden. Diese privilegierte Stellung im Zertifizierung, um so die technischen, or- tungsvollem Gold hergestellt werden.
Goldmarkt basiert auf einer langen Tradi- ganisatorischen, sozialen und ökologi- Wie stark sich die Menge von verant-
tion, welche einerseits auf der politischen schen Bedingungen im Bergbau zu ver- wortungsvoll abgebautem und gehan-
und wirtschaftlichen Stabilität sowie der bessern. Das Programm stützt sich auf die deltem Gold aus dem Kleinbergbau tat-
Rechtssicherheit in der Schweiz beruht. im Goldbereich vorherrschenden freiwil- sächlich erhöht, wird allerdings durch die
Andererseits wirken auch die günstige ligen Nachhaltigkeitsstandards wie Fair­ Entwicklung von Angebot und Nachfrage
Position der Schweiz als Handelsknoten- trade Gold, Fairmined oder Responsible bestimmt. Die Nachfrage hängt einerseits
punkt sowie die Effizienz der nationalen Jewelry Council. davon ab, ob sich das gesteigerte Interesse
Finanz- und Logistiksysteme fördernd. Darüber hinaus unterstützt das Seco der Konsumenten an nachhaltigem Gold
Mit dieser eminent wichtigen Stellung im auch einen politischen Dialog mit den auch in konkreten Kaufentscheiden arti-
Goldsektor geht auch eine Verantwortung Behörden der entsprechenden Länder, kuliert. Andererseits ist auch das Engage-
der Industrie und des Bundes einher. um den Kleinbergbau zu formalisieren. ment des Privatsektors für die Förderung
Im Grundlagenbericht Rohstoffe1, den So sollen die Voraussetzungen für einen von nachhaltigen Wertschöpfungsketten
der Bundesrat 2013 publiziert hat, wer- nachhaltigen Goldbergbau geschaffen entscheidend.
den denn neben der grossen volkswirt- werden. Auf der Angebotsseite muss sich bestä-
schaftlichen und finanzpolitischen Be- Schliesslich wird durch eine enge Zu- tigen, dass das Kosten-Nutzen-Verhältnis
deutung der Rohstoffbranche auch die sammenarbeit mit der SBGA die Nachfrage der freiwilligen Standards für die kleinen
damit verbundenen Herausforderungen nach verantwortlich geschürftem Gold aus Goldminen positiv ausfällt. Die durch die
bei den Menschenrechten, den Umwelt- dem Kleinbergbau kanalisiert und entspre- Initiative gehandelten Goldmengen ma-
schäden und der Korruption hervorgeho- chende Wertschöpfungsketten geschaf- chen aber auch in Zukunft nur einen klei-
ben. Für den Goldsektor hat der Bundesrat fen. Die Mitglieder der SBGA haben sich nen Teil der gesamten Goldeinfuhren aus
in diesem Zusammenhang die Schaffung bereit erklärt, die verfügbaren Goldmen- – der weitaus grösste Teil stammt aus dem
von Wertschöpfungsketten für fair und gen aus den zertifizierten Minen aufzu- industriellen Grossbergbau. Daher stellt
nachhaltig abgebautes und gehandeltes kaufen. Die Endabnehmer, zu denen etwa die Initiative keine Gesamtlösung für den
Gold empfohlen. Juweliere oder Banken gehören, entrichten Sektor dar. Es sind weitere Anstrengun-
dabei eine Prämie, welche die Goldminen gen nötig, damit die Betroffenen in den
Eine breit abgestützte Initiative als finanziellen Anreiz erhalten, um dieses Entwicklungsländern effektiv vom Gold-
Geschäftsmodell fortzuführen. abbau profitieren können. Aktuell werden
Mit dem Ziel, die Situation im Kleinberg- Diese erste Phase der Initiative wur- mit dem Postulat Recordon2 und vor dem
bau zu verbessern, wurde 2013 die «Bet- de Ende 2016 abgeschlossen. Seit Janu- Hintergrund der Risiken im Zusammen-
ter Gold Initiative for Artisanal and Small- ar 2017 wird die zweite Phase umgesetzt. hang mit dem Goldabbau in den Entwick-
Scale Mining» ins Leben gerufen. Dabei Neben Peru hat man die Initiative neu lungsländern die gesetzlichen Rahmenbe-
handelt es sich um eine öffentlich-priva- auch auf Kolumbien und Bolivien ausge- dingungen, die geltenden internationalen
te Partnerschaft zwischen der Swiss Bet- weitet. In der zweiten Phase soll die ge- Standards sowie weitere freiwillige Mass-
ter Gold Association (SBGA) und dem handelte Menge an verantwortungs- nahmen analysiert.
Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). vollem Gold aus dem Kleinbergbau 2 Postulat 15.3877 «Goldhandel und Verletzung der
Die SBGA umfasst die wichtigsten Akteu- substanziell erhöht werden. Dazu soll ein Menschenrechte». Online auf Parlament.ch.
re des schweizerischen Goldmarktes, wie sogenannter Minimalstandard geschaf-
Raffinerien, Goldschmiede, Uhrenprodu- fen werden, da die kleinen Minen die An-
zenten und Finanzinstitute. Seither wur- forderungen  der aktuell bestehenden
de dank der Initiative über eine Tonne Standards zum Teil nur schwer erfüllen
verantwortungsvoll abgebautes Gold aus können. Der Minimalstandard soll dafür
zertifizierten peruanischen Minen in die sorgen, dass mehr Goldmineure und de-
Schweiz importiert und zu einem fairen ren Familien und Gemeinschaften von
Preis vertrieben. verbesserten Lebens- und Produktions-
Die Initiative unterstützt dabei kleine bedingungen profitieren können. Ein sol- Peter Huber
Minen und Bergbaukooperativen bei der cher Minmalstandard wird derzeit in en- Programmbeauftragter, Ressort Handels-
ger Zusammenarbeit zwischen der SBGA förderung, Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco), Bern
1 Den Bericht finden Sie online auf News.admin.ch. und dem Seco entwickelt.

42  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


ARBEITSMARKT

Sind Workaholics unzufriedener?


Ein hoher Lohn macht glücklich – allerdings sinkt die Zufriedenheit, wenn die Arbeitszeit zu-
lasten der Freizeit geht. Dies zeigt eine Analyse, welche auch «soziale Güter» berücksichtigt.  
Ursina Kuhn, Rafael Lalive, Oliver Lipps, Rainer Winkelmann

Abstract  Einkommensungleichheiten führen zu einer ungleichen Verteilung der meisten auf verteilt sind, können sie deshalb Unter-
dem Markt käuflichen Güter. Es ist allerdings unklar, wie sich das Einkommen auf den Kon- schiede im Wohlbefinden zwischen rei-
sum von sozialen Gütern wie Freundetreffen oder Vereinsaktivitäten auswirkt. Marktgüter cheren und ärmeren Personen erheblich
und Sozialgüter unterscheiden sich konzeptuell, indem der Konsum Ersterer vor allem Geld, verstärken oder abschwächen.
der Konsum Letzterer hingegen vor allem Zeit benötigt. Eine Untersuchung hat deshalb den
Zusammenhang zwischen den verschiedenen Arten von Gütern, Einkommen, Arbeitszeit und
Haushaltsbefragung bringt
Wohlbefinden untersucht. Sie zeigt: Sowohl Marktgüter als auch soziale Güter spielen eine
zentrale Rolle für die Lebenszufriedenheit. Menschen mit hohem Einkommen besitzen zwar Antworten zur Lebenszufriedenheit
mehr Marktgüter, aber nicht mehr oder weniger soziale Güter. Hingegen besitzen Menschen Wie beeinflussen soziale Güter das Wohl-
mit langen Arbeitszeiten weniger soziale Güter. Die Ungleichheit in der Arbeitszeit führt somit
befinden? Wie verändert sich der Konsum
zu Ungleichheit beim Konsum von sozialen Gütern.
von sozialen Gütern mit dem Einkommen
und mit der Arbeitszeit? Und: Inwiefern
wird der Zusammenhang zwischen Ein-

S  eit den Siebzigerjahren ist die Ein-


kommensungleichheit in den meis-
ten europäischen Ländern angestiegen.1
verfügbaren Einkommen erworben wer-
den, stehen bei den sozialen Gütern die
menschlichen Beziehungen im Vorder-
kommen und Wohlbefinden durch den
Konsum von Markgütern auf der einen Sei-
te und den von sozialen Gütern auf der an-
Typischerweise wird davon ausgegan- grund. Beispiele für soziale Güter sind Einla- deren erklärt? Auf diese drei Fragen versu-
gen, dass dieser Anstieg sich auch direkt dungen von Freunden, eine aktive kulturel- chen wir empirische Antworten zu liefern.
in einer entsprechenden Ungleichheit im le oder sportliche Freizeitgestaltung sowie Die Datengrundlage liefert das Schweizer
Konsum, und damit in der Wohlfahrt der die Anzahl und die Qualität der Kontakte Haushalts-Panel (SHP).2 In dieser schweiz-
Menschen, widerspiegelt. Dies gilt zwar mit Nachbarn, Verwandten und Freunden. weit repräsentativen Haushaltsbefragung
für kaufbare Marktgüter, ist aber nicht Im Gegensatz zu Marktgütern erfordern werden jährlich dieselben Personen wie-
zwangsläufig bei sogenannten sozialen diese Güter nebst Geld vor allem auch Zeit. derholt interviewt. Wir beschränken uns
Gütern der Fall. Die herkömmliche Sichtweise besagt, auf die Jahre 2000 bis 2010 mit Befragun-
Während Marktgüter wie Häuser, Autos Freizeit sei an sich wertvoll. Wir hingegen gen von 14 000 Einwohnern.
oder Waschmaschinen direkt mit dem argumentieren: Der Wert der Freizeit liegt Wohlbefinden wird im Haushalts-Panel
1 Piketty (2014).
darin, dass sie den Konsum von sozialen durch eine Frage nach der «allgemeine Le-
Gütern ermöglicht. Je nachdem, wie sozia- benszufriedenheit» operationalisiert. Dies
Menschen mit langen Arbeitszeiten haben le Güter zwischen Einkommenskategorien geschieht in Übereinstimmung mit einer
weniger Zeit für ihre Freunde. mittlerweile umfangreichen Literatur, aus-
gehend von der wegweisenden Untersu-
chung des US-Ökonomen Richard Easter-
lin aus dem Jahr 1974 zum Zusammenhang
zwischen Volkseinkommen und Wohlbe-
finden. Gemäss dem Easterlin-Pardox stei-
gert ein hohes Einkommen zwar die Zu-
friedenheit einer Einzelperson. Wenn man
aber ein Land als Ganzes betrachtet, führt
ein Einkommensanstieg zu einer kaum hö-
heren Zufriedenheit. In der Folge haben
zahlreiche Studien verschiedene Aspek-
te des Wohlbefindens untersucht. Dabei
zeigte sich unter anderem: Menschen, die
ihren Job verloren haben, sind nicht nur
aufgrund des Einkommensverlustes weni-
ger zufrieden, sondern auch aufgrund des
Verlustes anderer erwerbsbezogener As-
pekte wie der sozialen Kontakte.3
SHUTTERSTOCK

2 Details zur Studie in Tillmann et al. (2016).


3 Winkelmann und Winkelmann (1998).

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  43
ARBEITSMARKT

Die Erfassung von Marktgütern ist im Abb 1: Zufriedenheit und Sport (20- bis 65-jährige Männer)
SHP relativ einfach, wobei der Datensatz
Jährliches Arbeitseinkommen
keine vollständige Erhebung der Ausstat-
tung mit Marktgütern liefert. Soziale Gü- 96 000      In Franken Zufriedenheit (0–10)      9
ter sind hingegen schwieriger zu definie-
ren und zu erfassen. In manchen Fällen 90 000 8,4
– wie beispielsweise bei Ferien – ist die
Grenze zwischen Markt- und sozialen Gü- 84 000 7,8
tern fliessend. Um soziale Güter zu charak-
terisieren, verwenden wir die folgenden 78 000 7,2
Merkmale4:
–– Anzahl und Häufigkeit von Kontakten 72 000 6,6
zu Nachbarn, zu Verwandten und zu Täglich Mehrmals wöchentlich Mehrmals monatlich Seltener
Freunden; Sportaktivität
–– Clubmitgliedschaft;   Jährliches Arbeitseinkommen (in Fr.)        Zufriedenheit (rechte Skala)
–– Einladen von Freunden;
–– Freiwilligenarbeit. Wöchentliche Arbeitszeit (inkl. Pendelzeit, exkl. Hausarbeit)
Auch Sport betrachten wir als soziales 49      Stunden Zufriedenheit (0–10)      9
Gut, weil er meistens die Gesellschaft an-
derer impliziert. 48 8,4
Wie sich zeigt, sind mehr als die Hälf-
te der Befragten Mitglied eines Vereins.
47 7,8
Rund ein Drittel leistet Freiwilligenarbeit.
Im Durchschnitt pflegen die Befragten mit
46 7,2
drei Nachbarn, sieben Verwandten und
sechs Freunden gute Kontakte. Den sozia-
len Kontakt suchen sie zudem, indem sie 45 6,6
Täglich Mehrmals wöchentlich Mehrmals monatlich Seltener
regelmässig Freunde nach Hause einladen
Sportaktivität
und Sport treiben. Der Konsum von sozia-   Arbeitsstunden       Zufriedenheit (rechte Skala)
len Gütern variiert dabei sowohl zwischen
den Menschen als auch bei der einzelnen
Person von einem Jahr zum andern. Abb 2: Zufriedenheit und Treffen mit Freunden
Jährliches Arbeitseinkommen
Sportler sind zufriedener 100 000      In Franken Zufriedenheit (0–10)      9

Anhand der Sportaktivitäten von 20- bis


65-jährigen Männern lässt sich unser An- 90 000 8,4

satz verdeutlichen (siehe Abbildung 1): Wer


mehrmals pro Woche Sport treibt, ist zu- 80 000 7,8
friedener als jemand, der kaum Sport
macht. Der Unterschied von 0,22 Punkten 70 000 7,2
auf einer Skala von 0 bis 10 mag klein er-
scheinen – er entspricht aber beispiels- 60 000 6,6
weise der Zufriedenheitszunahme, welche Täglich Mehrmals wöchentlich Mehrmals monatlich Seltener
typischerweise mit einer 50-prozentigen Sportaktivität
Einkommenserhöhung einhergeht.
DATEN: SHP 2000–2010, DARSTELLUNG: WINKELMANN / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

  Jährliches Arbeitseinkommen (in Fr.)        Zufriedenheit (rechte Skala)


Gleichzeitig ist die Arbeitszeit bei
denen, die häufiger Sport treiben, tiefer Wöchentliche Arbeitszeit (inkl. Pendelzeit, exkl. Hausarbeit)
als bei den passiven. Das Einkommen der 52 800      Stunden Zufriedenheit (0–10)      9
Sporttreibenden ist dabei gleich hoch oder
sogar noch höher. Dies bestätigt unse- 50 400 8,4
re Erwartung, dass Personen, die länger
arbeiten, tendenziell weniger soziale Güter 48 000 7,8
konsumieren, da dafür Freizeit erforderlich
ist. Dass die kürzere Arbeitszeit dennoch 45 600 7,2
nicht mit einer klaren Einkommenseinbus-
se einhergeht, kann verschiedene Gründe 6,6
43 200
haben: Zum einen kann es ­beispielsweise Täglich Mehrmals wöchentlich Mehrmals monatlich Seltener
Sportaktivität
4 Genaue Definition in Kuhn et al. (2016).   Arbeitsstunden        Zufriedenheit (rechte Skala)     

44  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


ARBEITSMARKT

Abb. 3: Änderung der Lebenszufriedenheit nach Einkommen


Arbeitszeit beeinflusst Konsum
0,4      Änderung auf Zufriedenheitsskala (0–10) von sozialen Gütern
Unsere Ergebnisse zeigen, dass bei der
0,3
Lebenszufriedenheit sowohl Marktgüter
als auch soziale Güter eine zentrale Rolle

KUHN ET AL. (2016) / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


0,2 spielen. Der wichtigste Unterschied zwi-
schen Marktgütern und sozialen Gütern
0,1
liegt in ihrem Verhältnis zum Einkommen
und zur Arbeitszeit. Menschen mit höhe-
ren Einkommen besitzen mehr Marktgü-
0 ter. Menschen mit langen Arbeitszeiten
10 000 40 000 70 000 100 000 130 000 160 000 190 000 220 000 250 000 280 000 310 000 340 000 besitzen weniger soziale Güter – was bei
Verfügbares Haushaltseinkommen (in Fr. pro Jahr) Workaholics zu einer Einbusse bei der Le-
  Keine Kontrolle        Kontrolle für Markt- und soziale Güter         Kontrolle für Marktgüter benszufriedenheit führt.
Da Menschen mit höheren Einkom-
men nicht mehr oder weniger soziale Gü-
Regressionsanalyse
ter konsumieren, wirkt sich die ungleiche
Bei der Regressionsanalyse ha- wie sich das Einkommen auf den Messung des Einkommens haben Verteilung des Einkommens zwar auf die
ben wir zuerst den Gesamteffekt Konsum von sozialen Gütern aus- wir das verfügbare Haushalts-
von Einkommen auf die Lebens- wirkt, kann das Hinzufügen von äquivalenzeinkommen verwen-
Ungleichheit von Marktgütern, aber nicht
zufriedenheit (ohne Güter) mo- sozialen Gütern ins Modell den det. Das Schätzmodell enthält auf die Ungleichheit von sozialen Gü-
delliert. Zweitens haben wir den direkten Effekt von Einkommen weitere Kontrollvariablen (wie tern aus. Anders sieht es jedoch bei der
Effekt «kontrolliert» für Markt- auf die Lebenszufriedenheit ab- beispielsweise das Alter) sowie Ungleichheit von Arbeitszeiten aus: Die
güter betrachtet. Und drittens schwächen oder verstärken. Die eine Individuen-spezifische Kon-
haben wir den Effekt «kontrol- Daten umfassen alle Personen stante.
Arbeitszeit verändert die Verteilung der
liert» für Markt- und soziale des Schweizer Haushalts-Panels sozialen Güter, sodass die Ungleichheit in
Güter beobachtet. Je nachdem, (SHP) von 2000 bis 2010. Zur der Arbeitszeit zu Ungleichheit beim Kon-
sum von sozialen Gütern führt – ein As-
pekt der Ungleichheit, der bis heute nur
­ ildungsunterschiede in den Gruppen ge-
B ser Zusammenhang im einfachen Modell, wenig untersucht worden ist.
ben, die hier vernachlässigt werden. Es in welchem mit verändertem Einkommen
kann aber auch sein, dass Sport gesünder implizit auch eine veränderte Ausstat- Ursina Kuhn
und damit glücklicher macht und glückli- tung mit Markgütern und sozialen Gütern Dr. phil., Senior Researcher, Schweizer
Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften
che Arbeitnehmer produktiver sind. Kausa- steckt. (Fors), Lausanne
litäten lassen sich mittels einer solchen ein- Im Modell mit den Marktgütern
fachen Betrachtung nicht festlegen. flacht die Kurve leicht ab, da die zusätz- Rafael Lalive
Volkswirtschaftsprofessor,
Häufige Treffen mit Freunden sind mit liche Zufriedenheit, welche wir uns mit
Universität Lausanne
einer hohen Zufriedenheit assoziiert (sie- mehr Marktgütern kaufen, «kontrolliert»
he Abbildung 2). Auch bei diesem sozialen (d. h. nicht mehr zur Steigerung der Zu- Oliver Lipps
Gut gibt es einen negativen Zusammen- friedenheit dazugezählt) wird. Es ist je- PD Dr., Senior Researcher, Schweizer
Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften
hang zwischen der Anzahl Treffen und den doch anzumerken, dass wir nur wenige (Fors), Lausanne
Arbeitsstunden: Männer, die mehr arbei- ausgewählte Marktgüter, wie ein Haus,
ten, haben ein höheres Einkommen, dafür ein Auto oder Ferien, beobachten und da- Rainer Winkelmann
Volkswirtschaftsprofessor, Universität Zürich
bleibt weniger Zeit für Treffen mit Freun- her keine Aussage dazu machen können,
den. In diesem konkreten Fall ist die Le- was bei Berücksichtigung aller Marktgü- Literatur
benszufriedenheit wenig betroffen. Das ter passieren würde. Es ist davon auszu- Easterlin, R. (1974). Does Economic Growth Improve
könnte sich jedoch ändern, wenn zusätz- gehen, dass die Kurve in diesem Fall stär- the Human Lot? In David, P.A. and Reder, M. W.,
Nations and Households in Economic Growth: Essays
liche Kontrollvariablen hinzugezogen ker abflacht. in Honor of Moses Abramovitz, New York, Academic
werden, weshalb eine Regressionsanaly- Wenn wir zusätzlich soziale Güter in Press.
Kuhn, U., Lalive, R., Lipps, O. und Winkelmann, R.
se anhand des verfügbaren Haushaltsein- die Regression einführen, bleibt der Ein- (2016). Was erhöht die Lebenszufriedenheit? Markt-
kommens aufschlussreich ist. kommenseffekt hingegen unverändert. güter versus Sozialgüter. In Franziska Ehrler et al.
(Hg.). Sozialbericht 2016: Wohlbefinden. Zürich:
Soziale Güter können somit nicht erklä- Seismo-Verlag.
Geld macht glücklich ren, warum Einkommen zur Zufrieden- Piketty, T. (2014). Capital in the 21st Century,
Cambridge, MA: Harvard University Press.
heit beiträgt. In anderen Worten: Reiche Tillmann, R., Voorpostel, M., Kuhn, U., Lebert, F.,
Übereinstimmend mit der bisherigen Personen sind nicht deswegen glückli- Ryser, V.-A., Lipps, O., Wernli, B. and Antal, E. (2016).
Forschung zeigt die Regressionsanalyse cher als ärmere Personen, weil sie mehr The Swiss Household Panel Study: Observing Social
Change Since 1999. Longitudinal and Life Course
(siehe Kasten): Mit höherem Einkommen soziale Güter haben. Soziale Güter insge- Studies 7 (1): 64-78.
steigt die Lebenszufriedenheit (siehe samt wirken sich demnach nicht auf eine Winkelmann, L. and Winkelmann, R. (1998). Why Are
the Unemployed So Unhappy? Evidence from Panel
Abbildung 3). Am stärksten zeigt sich die- ungleiche Zufriedenheit aus. Data, Economica 65: 1–15.

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  45
ARBEITSBEDINGUNGEN

Beeinflussen atypische Arbeitsformen


die Gesundheit?
Atypische Beschäftigungsverhältnisse haben in letzter Zeit zugenommen. Temporärarbeitende
oder Personen, die Angst vor einem Stellenverlust haben, scheinen eine schlechtere Gesund-
heit zu haben als Arbeitnehmende mit Standardarbeitsverträgen.   Francesco Giudici,
Angelica Lepori, Christian Marazzi

Abstract  Seit den Siebzigerjahren sind flexiblere und prekärere Arbeitsformen auf dem Vor- ren dies 2004 noch 6 Prozent der Erwerbs-
marsch. Als «atypisch» bezeichnete Beschäftigungsformen haben in der Schweiz in den letz- tätigen, betrug der Anteil im Jahr 2015 be-
ten rund zehn Jahren zugenommen. Dazu gehören Teilzeitarbeit, befristete Verträge inklusi- reits 7 Prozent der Erwerbstätigen (11,1%
ve Temporärarbeit, Beschäftigungen ohne Vertrag sowie Praktika, aber auch Beschäftigungen bei den Frauen, 3,5% bei den Männern).
mit atypischen Arbeitszeiten oder Arbeit auf Abruf. In einer multiplen Korrespondenzanalyse Die Zahl der Arbeitnehmenden mit einem
wurde anhand von Daten der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2012 untersucht, ob ein befristeten Anstellungsverhältnis ist im
Zusammenhang zwischen den Beschäftigungsbedingungen und der Gesundheit besteht. Die
gleichen Zeitraum von 5,5 Prozent aller Er-
Ergebnisse zeigen, dass Temporärarbeitende und Arbeitnehmende, welche Angst vor einem
Stellenverlust haben, tiefere Gesundheitswerte aufweisen.
werbstätigen auf 7,4 Prozent gestiegen.6
Das Staatssekretariat für Wirtschaft
(Seco) misst auch die Zahl der bei einem

D  er soziale und wirtschaftliche Status


von Personen wird über die Arbeit de-
finiert. Die Arbeit beeinflusst unseren Le-
befristete Verträge inklusive Temporär-
arbeit, Beschäftigungen ohne Vertrag so-
wie Praktika, aber auch Beschäftigungen
Temporärbüro angemeldeten Personen
(mit oder ohne Wohnsitz in der Schweiz).
Gemäss Seco lag diese Zahl 2005 bei
bensstil sowie die materiellen, kulturel- mit atypischen Arbeitszeiten oder Arbeit 211’144 und 2014 bei 324’596. In dieser
len und sozialen Ressourcen, welche uns auf Abruf. Der Lohn dieser atypischen Be- Gruppe nimmt der Anteil Personen auslän-
zur Verfügung stehen und mit denen wir schäftigungen ist in der Regel sehr tief. discher Herkunft stetig zu, insbesondere
Krankheiten vorbeugen und behandeln Das Gegenstück dieser Beschäftigungs- seit der Krise von 2008.
können.1 Heute beobachten wir eine starke formen ist die Standardbeschäftigung Zwischen 2002 und 2015 ist der Anteil
Flexibilisierung der Arbeit. Sie folgte auf ein – worunter man eine Vollzeitstelle mit Personen mit einer Stelle, bei der Schicht-
als postfordistisch bezeichnetes Akkumu- einem unbefristeten Arbeitsvertrag, fes- arbeit verlangt wird, von 13,2 auf 16,1 Pro-
lationsregime, das zuvor das fordistische ten Arbeitszeiten von Montag bis Freitag zent aller Erwerbstätigen gestiegen. Die
Produktionssystem abgelöst hatte.2 und einer progressiven Entlöhnung ver- Arbeit auf Abruf war zwischen 2004 und
Im Zuge der Flexibilisierung haben so- steht.3 2014 hingegen rückläufig (−1,3 Prozent-
genannt atypische Beschäftigungsver- Die Zunahme der Teilzeitstellen in der punkte auf 4,8%; 6,1% bei den Frauen und
hältnisse zugenommen: Teilzeitarbeit, Schweiz entspricht in etwa dem generel- 3,7% bei den Männern).
len Beschäftigungszuwachs in den Nuller- Zugenommen bei den Angestellten hat
1 Phelan (2004).
2 Die Autoren bedanken sich bei Felix Bühlmann von der jahren4 und steht im Zusammenhang mit zudem die Angst vor einem Stellenverlust:
Sozial- und Politikwissenschaftlichen Fakultät der Uni- dem massiven Eintritt der Frauen in den Sie stieg von 11,3 Prozent im Jahr 2002 auf
versität Lausanne sowie bei Margaret Graf von der Di-
rektion für Arbeit im Seco für die Relektüre und die fach-
Arbeitsmarkt. Während Teilzeitbeschäftig- 13,6 Prozent im Jahr 2012.7
liche Unterstützung. te 2004 noch 31,5 Prozent aller Erwerbstä-
tigen – oder 1,2 Millionen Personen – aus- Aus Beschäftigungsverhältnissen
Multiple Korrespondenzanalyse machten, lag ihr Anteil im Jahr 2015 bereits
bei 36 Prozent (1,7 Mio.). Davon waren
Konfigurationen ablesen
Mit der multiplen Korrespondenzanalyse las-
sen sich Personenkonfigurationen untersuchen, 75,7 Prozent Frauen.5 Ausgehend von den Arbeiten des Lau-
ohne den Dualismus zu bedienen zwischen Stan- Ebenfalls gestiegen ist die Zahl der sanner Soziologieprofessors Felix Bühl-
dardarbeitsbedingungen einerseits und prekä- Unterbeschäftigten, das heisst der Arbeit- mann aus dem Jahr 2013, wurden aus der
ren Arbeitsbedingungen, die «am Rande» oder nehmenden mit einer Teilzeitbeschäfti- für diesen Artikel verwendeten multiplen
«ausserhalb» des Arbeitsmarktes liegen, ande-
rerseits.a Ein weiterer Vorteil dieser Methode be- gung, die gerne mehr arbeiten würden Korrespondenzanalyse von den charak-
steht darin, dass man sich nicht auf eine kausale und bereit wären, dies innerhalb von drei teristischen Beschäftigungsverhältnissen
Logik beschränkt, bei der gezwungenermassen Wochen nach der Befragung zu tun. Wa- Personenkonfigurationen abgeleitet (siehe
abhängige und unabhängige Variablen definiert
Kasten). Um die Zusammenhänge zwischen
werden müssen (wie bei der Regression). Mit der
hier gewählten Methode kann auf beschreibende 3 Bonoli (2007). Beschäftigungsverhältnissen und Gesund-
Art aufgezeigt werden, wo sich die Personen im 4 Die «atypischen» Beschäftigungsverhältnisse haben heitszustand zu untersuchen, wurden die
Raum ungefähr positionieren lassen und inwie- schon vorher stark zugenommen, nämlich in den Neun-
zigerjahren. Dennoch schien es uns wichtig, hier die Daten der Schweizerischen Gesundheits-
fern aufgrund gleicher Antwortmodalitäten Zu-
jüngsten Entwicklungen aufzuzeigen.
sammenhänge bestehen. 5 Schweizerische Arbeitskräfteerhebung (Sake). Zahlen, 6 Sake, nur für Personen mit ständigem Wohnsitz in der
deren Quelle nicht explizit angegeben ist, stammen Schweiz.
a Bühlmann (2013), S. 75. ebenfalls aus diesem Dokument. 7 Schweizerische Gesundheitsbefragung (BFS).

46  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


ARBEITSBEDINGUNGEN

Abb. 1: Temporärarbeitende, «verängstigte» Arbeitnehmende und befragung des Bundesamtes für Statis-
«Standardbeschäftigungen» mit ihren Konfigurationen tik (BFS) aus dem Jahr 2012 verwendet.8
Die Stichprobe umfasst 12 810 Erwerbstä-
Standardbeschäftigungen tige (d. h. Personen, die in der Woche vor
der Befragung mindestens eine Stunde ge-
arbeitet haben) im Alter von 20 bis 64 Jah-
Lohn: 5661 Fr. und mehr
ren (Frauen) bzw. bis 65 Jahren (Männer).
0,75
Stunden: 46 und mehr
Die ausgewählten Variablen sind die Art
Andere Stelle: sehr leicht bis leicht des Beschäftigungsverhältnisses (befris-
Angst vor Stellenverlust: keine tet/unbefristet, selbstständig, ohne Ver-
Entscheiden: immer und oft Beschäftigungsgrad: 90–100% trag, Temporärarbeit), das Einkommen, die
Entscheiden: manchmal
Auf Abruf: nie Lohn: 4001–5660 Fr.
geleisteten Arbeitsstunden9, die Häufigkeit
Schichtarbeit: nie
Vertrag: unbefristet
Stunden: 31–45 von Arbeit auf Abruf oder Schichtarbeit
0 Vertrag: selbstständig Angst vor Stellenverlust: eher nicht sowie die Möglichkeit, bei der Arbeit Ent-
Andere Stelle: eher schwierig scheidungen zu treffen. Zwei weitere Va-
Lohn: 3200–4000 Fr.
Beschäftigungsgrad: 50–80% riablen betreffen die subjektive Wahrneh-
Vertrag: befristet
Entscheiden: selten mung der Arbeitsplatzsicherheit: die Angst
Stunden: 16–30
einer Person, ihre aktuelle Stelle zu verlie-
Lohn: 2321–3199 Fr.
Andere Stelle: sehr schwierig ren, und die Chance, bei einer Entlassung
-0,75 Auf Abruf: manchmal bis immer eine andere Stelle zu finden.
Beschäftigungsgrad : <50% Das Ergebnis der multiplen Korrespon-
Schichtarbeit: manchmal bis immer
Lohn: unter 2321 Fr. denzanalyse wurde in eine Grafik über-

GIUDICI, LEPORI, MARAZZI / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


Angst vor Stellenverlust: gross und eher gross
tragen, deren Achsen die beiden wich-
Stunden: 1–15
Entscheiden: nie tigsten und ausschlaggebenden Faktoren
Vertrag: temporär des untersuchten Bereichs darstellen. In
-1,50 Vertrag: ohne unserem Fall sind das die Beschäftigungs-
verhältnisse. In der Abbildung 1 sind einer-
seits Wolken aus Personen (kleine Punkte)
Temporärarbeitende Verängstigte und Wolken aus Kategorien (grosse Punk-
-1,50 -0,75 0 0,75
te) dargestellt, die von Interesse sind. Nahe
beisammen liegende Personen haben eine
Abb. 2: Gesundheitsindikatoren und Beschäftigungsverhältnisse grosse Anzahl Kategorien gemeinsam, und
nahe beisammen liegende Kategorien wer-
Standardbeschäftigungen
den von vielen Personen geteilt. Fett darge-
stellt sind diejenigen Kategorien, bei denen
der erste Faktor über dem Durchschnitt
0,75
8 Eine erste Untersuchung mit diesen Daten wurde aus-
schliesslich für das Tessin durchgeführt, ergab aber sehr
ähnliche Resultate (Giudici, 2015).
9 Der Beschäftigungsgrad wird nur als passive Variable be-
rücksichtigt, da diese Variable den geleisteten Arbeits-
stunden sehr ähnlich ist.

0
Anti- In der Abbildung 2 werden folgende Fragen
depressiva: beantwortet (Stichwörter jeweils kursiv):
ca. 1 Mal
Schlaflosigkeit: oft Antidepressiva: täglich pro Woche
Schwäche: oft
– Hatten Sie in den letzten vier Wochen Mühe
Herz: oft
einzuschlafen oder litten Sie unter Schlaflosigkeit?
Suizidgedanken: ja
Selbstbeurteilung der Gesundheit: sehr schlecht Niedergeschlagenheit: oft – Wie oft haben Sie in den letzten sieben Tagen
Selbstbeurteilung der Gesundheit: schlecht Niedergeschlagenheit: immer Antidepressiva genommen?
-0,75 – Hatten Sie in den letzten vier Wochen unregel-
Antidepressiva: mehrmals pro Woche mässige Herzfunktionen, Herzklopfen, Herzrasen
oder Herzrhythmusstörungen?
GIUDICI, LEPORI, MARAZZI / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

– Litten Sie in den letzten vier Wochen an einem


Schwächegefühl, an einem Erschöpfungsgefühl
oder an Energiemangel?
– Hatten Sie in den vergangenen zwei Wochen
-1,50 Suizidgedanken oder dachten Sie daran, sich
Schmerzen zuzufügen?
– Wie oft fühlten Sie sich in den letzten vier
Temporärarbeitende Verängstigte Wochen niedergeschlagen oder deprimiert?
– Selbstbeurteilung: Wie beurteilen Sie Ihren
-1,50 -0,75 0 0,75 allgemeinen Gesundheitszustand?

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  47
ARBEITSBEDINGUNGEN

KEYSTONE
Unter den Temporärarbeitenden sind viele
­geschiedene Frauen zu finden, die nur die
liegt. Bei den unterstrichenen Kategorien Unterschiede zu den anderen Kategorien obligatorische Schulbildung abgeschlossen
trifft dies für den zweiten Faktor zu. bestehen. Diese Resultate sind deshalb haben.
Die Analyse hebt drei Beschäftigungs- nicht wirklich vergleichbar.
konfigurationen hervor: Die erste, unten Die Ergebnisse zeigen, dass die beiden
links in der Abbildung, ist geprägt von «atypischen» Beschäftigungskonfiguratio- haben sie grosse Angst, ihre Stelle zu ver-
Temporärarbeitenden, sehr tiefen Löhnen nen, nämlich «Temporärarbeitende» und lieren. Die weibliche Arbeitskraft ist häu-
und sehr wenigen Arbeitsstunden. Hier «verängstigte» Arbeitnehmende, nicht am fig bei jenen Beschäftigungsverhältnissen
trifft man auch Arbeit auf Abruf an. Unten Rande des Arbeitsmarktes liegen, sondern anzutreffen, die mit hohen Flexibilitätsan-
rechts finden sich «verängstigte» Arbeit- ganz im Gegenteil gut integriert sind. Mit- forderungen verbunden und prekärer sind.
nehmende, die Angst vor einem Stellen- hilfe einer – hier nicht abgebildeten – pas- Dies hat automatisch Folgen in Bezug auf
verlust haben und die bei einer Entlassung siven Projektion der wichtigsten soziode- die Arbeitsbedingungen und die Verein-
nur schwer wieder eine Beschäftigung fin- mografischen Variablen auf den Raum10 barkeit von Beruf und Familie.11
den würden. Sie arbeiten auch im Schicht- lassen sich diese Beschäftigten eruieren:
betrieb, und manche haben Verträge mit Unter den «Temporärarbeitenden» und Gesundheit: Grosse Unterschiede
Temporärbüros. Oben befinden sich alle den «verängstigten» Arbeitnehmenden
Arbeitnehmenden, deren Arbeitsbedin- sind mehrheitlich Personen zu finden, die
je nach Beschäftigungsverhältnis
gungen den «Standardverträgen» ähneln. nur die obligatorische Schulbildung abge- Der physische und psychische Gesund-
Diese Personen haben ein durchschnitt- schlossen haben, weiblich sind oder ge- heitszustand der Beschäftigten abhängig
liches bis hohes Einkommen, unbefriste- trennt leben bzw. geschieden sind. von ihrem Beschäftigungsverhältnis wurde
te Arbeitsverträge und arbeiten pro Wo- Frauen sind nicht nur in Teilzeitstellen gestützt auf die folgenden Variablen unter-
che zwischen 31 und 45 Stunden. In dieser überrepräsentiert, sondern auch bei an- sucht12: Selbstbeurteilung ihrer Gesund-
Gruppe finden sich links die Personen, die deren Arten von Temporärarbeit. Zudem heit, Suizidgedanken, Schwächegefühl,
keine Angst vor einem Stellenverlust ha- Herzschmerzen, Schlaflosigkeit, Nieder-
ben und viele Arbeitsstunden leisten, und 10 Projizierte Variablen sind bei der Raumkonstruktion
rechts die Angestellten. Die selbstständi- nicht aktiv. Der Raum wird somit durch die Variablen mit 11 Lepori et al. (2012).
Bezug zu den verschiedenen Beschäftigungsformen de- 12 Es handelt sich hier um eine Auswahl von Variablen; an-
gen Erwerbstätigen befinden sich eben- finiert. Für weitere Erklärungen zur Projektion passiver dere Variablen zur Messung von physischen und psychi-
falls im oberen Bereich der Grafik, obwohl Variablen siehe: Le Roux und Rouanet (2010). schen Problemen ergaben ähnliche Resultate.

48  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


ARBEITSBEDINGUNGEN

geschlagenheit und Einnahme von Anti- Ein erstaunlich weitverbreitetes trifft, unabhängig vom unterzeichneten
depressiva. Diese Variablen werden in dem Phänomen Arbeitsvertrag. Die hier beschriebenen
von den Beschäftigungsverhältnissen defi- Gesundheitsprobleme könnten sich so-
nierten Raum als passiv betrachtet Die Daten zeigen, dass Personen mit «aty- mit auf die Gesamtheit aller Beschäftigten
Die Abbildung 2 zeigt nur die Antwort- pischen» Beschäftigungskonfigurationen ausweiten und folglich ein staatliches Ein-
kategorien, die mindestens 0,4 Punkte von eine schlechtere Gesundheit haben als die greifen erfordern.
der Nullstelle entfernt und damit im einen anderen. Nicht aufzeigen können diese
oder anderen Sinne spezifisch sind für Daten hingegen die Kausalität des Phäno-
die Personen und die nahe davon liegen- mens: Sind die Beschäftigungsverhältnis-
den Merkmale. Personen mit schlechtem se mitverantwortlich für den Gesundheits-
Gesundheitszustand sind nur unterhalb zustand einer Person, oder garantiert der
der x-Achse zu finden. Somit beurteilen Arbeitsmarkt mit seinen immer höheren
«Temporärarbeitende» und «verängstig- Anforderungen nur Personen mit guter Ge-
te» Arbeitnehmende ihren Gesundheits- sundheit eine gewisse Stabilität?
zustand als schlecht bis sehr schlecht: Sie Um das Phänomen besser zu verste- Francesco Giudici
hatten in den Wochen vor der Befragung hen, müsste die Frage mit longitudinalen Leiter Abteilung Gesellschaft, Statistisches
Suizidgedanken, sind häufiger niederge- Daten genauer untersucht werden, bei- Amt des Kantons Tessin (Ustat), Giubiasco
schlagen, leiden unter Schlaflosigkeit, ha- spielsweise anhand der Daten des Schwei-
ben oft Herzschmerzen und nehmen re- zer Haushalt-Panels. Sollte sich zeigen,
gelmässig Antidepressiva. Personen mit dass atypische Beschäftigungen nicht nur
einer Temporärstelle oder Angst vor einem gelegentlich vorkommen, sondern gan-
Stellenverlust haben demnach am häufigs- ze Berufslaufbahnen prägen und dass sie
ten physische und psychische Gesund- mit einem höheren Erkrankungsrisiko ein-
heitsprobleme. hergehen, müsste dringend darüber nach-
Hierfür gibt es zahlreiche Erklärungen. gedacht werden, welche Verantwortung
Der schlechtere Sozialschutz, der direkt die Arbeitgeber in Bezug auf die Gesund-
mit diesen Beschäftigungsformen zusam- heit ihrer Angestellten tragen. Ausser- Angelica Lepori
menhängt, und die tiefen Löhne erlauben dem müsste der Sozialschutz überdacht Dozentin und Forscherin, Departement für
Betriebswirtschaft, Gesundheit und soziale
es diesen Arbeitnehmenden nicht, Krank- werden, den diese Beschäftigungsformen Arbeit, Fachhochschule Südschweiz
heiten korrekt vorzubeugen und zu be- eben nicht bieten. (Supsi), Manno
handeln. Generell führt die – bei Temporär- Darüber hinaus ist die Unterschei-
arbeitenden objektive, bei verängstigten dung zwischen atypischen und typi-
Arbeitnehmenden subjektive – Unsicher- schen Beschäftigungen problematisch:
heit zu einer hohen Stressbelastung. Es Einerseits ist sie hilfreich zur Kategorisie-
entsteht ein Gefühl der Ohnmacht und rung von Beschäftigungs- und Vertrags-
einer unklaren Zukunft.13 Auffallend ist da- formen; andererseits kann damit nicht
bei Folgendes: Sogenannter Präsentis- zwischen flexiblen und nicht flexiblen
mus14 und Arbeitsunfälle kommen häufiger Arbeitskräften, prekären und nicht pre-
vor, wenn die Beschäftigten einer hohen kären Beschäftigungsverhältnissen oder
Stressbelastung ausgesetzt sind und Angst zwischen garantierter und nicht garan- Christian Marazzi
vor einem Stellenverlust haben. tierter Beschäftigung unterschieden wer- Wirtschaftsprofessor, Departement für
den. Die Arbeitsflexibilität kommt heut- Betriebswirtschaft, Gesundheit und soziale
zutage in so vielfältiger Form daher, dass Arbeit, Fachhochschule Südschweiz
13 Burgard et al. (2009). (Supsi), Manno
14 Erscheinen zur Arbeit, obwohl man sich krank fühlt. sie alle Kategorien von Beschäftigten be-

Literatur
Bonoli G. (2007). Time Matters: Burgard S. A., Brand J. E. und House J. S. Le Roux B. und Rouanet H. (2010). Multiple Phelan J. C., Link B. J., Diez-Roux A.,
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Political Studies, 40(5), S. 495–520. Giudici F. (2015). L’impatto del lavoro sulla d’information sociale Artias, S. 1–22. of Health and Social Behaviour, 45,
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Employment in Switzerland, Espace, 15(1), S. 5–15.
populations, sociétés, 3.

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  49
FINANZMARKT

Fintech-Unternehmen treiben den Wandel


im Bankenwesen voran
Seit Jahren nimmt die Anzahl Bankinstitute auf dem Schweizer Finanzplatz ab. Innovationen im
Finanzbereich bedrängen die traditionellen Geschäftsmodelle der Banken auch in Zukunft.  
Daniel Schmuki

Abstract  Über die letzten Jahrzehnte hat sich die Zahl der Bankinstitute in der Schweiz mehr durch Neugründungen und den Marktzu-
als halbiert. Auch die Geschäftsstellen haben insgesamt abgenommen. Dies kann das Ergebnis tritt ausländischer Institute erfolgen. Die
von Zusammenschlüssen, Übernahmen oder Konkursen sein. Damit verbunden ist in der Re- Statistik zeigt letztlich nur den zumeist
gel eine höhere Marktkonzentration, die tendenziell den Wettbewerb beschränkt. Bis auf ei- abnehmenden Gesamtsaldo.
nige Auffälligkeiten bei den Grossbanken haben sich die Marktanteile der Bankinstitute in der
Schweiz allerdings kaum verändert. Wesentliche Treiber für den Strukturwandel im Schweizer
Bankensektor werden auch in Zukunft die Innovationen der Fintech-Unternehmen sein.
Schweizweit deutlich weniger
Filialen
Betrachtet man die Entwicklung der An-

D  ie Anzahl der Banken in der Schweiz


nimmt ab.1 1989 zählte man hierzulan-
de noch 631 Bankinstitute. Seither hat sich
um 152 Bankinstitute vermindert hat. Die
einzige Bankengruppe, die eine – wenn
auch geringe – Zunahme erfuhr, sind die
zahl Geschäftsstellen (Sitze und Filialen)
am Standort Schweiz, ergibt sich ein et-
was differenzierteres Bild des Struktur-
diese Zahl mehr als halbiert und lag 2015 Filialen ausländischer Banken, die im sel- wandels. Die Zahl der Geschäftsstellen in
noch bei 266 (siehe Abbildung 1).2 ben Zeitraum um 9 Institute wuchsen. der Schweiz hat zwischen 1987 und 2015
Der absolut grösste Rückgang erfolgte Beide Entwicklungen dürften als Zeichen von 5486 auf 3131 abgenommen (siehe
bei den Regionalbanken und Sparkassen, der Globalisierung und zunehmenden Abbildung 2). Das entspricht einem Rück-
deren Anzahl sich zwischen 1987 und 2015 internationalen Vernetzung der Finanz- gang von 43 Prozent. Da sich im selben
märkte gewertet werden. Zeitraum die Zahl der Bankinstitute um
1 Ein besonderer Dank geht an Patrick Winistörfer (SIF/
EFD) für seine inhaltlichen Kommentare. Für einen Rückgang der Anzahl Bank- 57 Prozent reduzierte, verfügt ein Bank-
2 Der starke Rückgang um 81 Bankinstitute zwischen 1994 institute kann es verschiedene Gründe institut heute im Durchschnitt über mehr
und 1995 hat statistische Gründe, da die SNB per 1. Janu-
ar 1995 keine Finanzgesellschaften mehr in ihrer Statistik
geben. Er kann das Ergebnis von Zusam- ­Geschäftsstellen.3
ausweist. Ende 1994 wurden deren 71 gezählt. menschlüssen beziehungsweise Übernah- Die Daten zur Anzahl Geschäftsstellen
men oder Konkursen sein. Ebenso kann in auf kantonaler Ebene zeigen, dass in den
seltenen Fällen eine (freiwillige) Rückga- letzten 30 Jahren in keinem einzigen Kan-
Die Börsenbetreiberin SIX Group ist eines der
grössten Fintech-Unternehmen der Schweiz. be der Lizenz vorliegen. Umgekehrt kann ton eine Zunahme erfolgte. Appenzell In-
SIX-Chef Urs Rüegsegger (r.) und seine Geschäfts- eine Zunahme der Anzahl Bankinstitute nerrhoden und Glarus bilden hierbei die
leitungskollegen an einer Medienkonferenz relativen Extremwerte: In Appenzell In-
nerrhoden veränderte sich die Anzahl Ge-
schäftsstellen zwischen 1987 und 2015
gar nicht, während in Glarus eine Reduk-
tion um 60 Prozent erfolgte. Auch in den
Kantonen Genf, Zürich und Tessin, die eine
starke Verankerung im Finanzwesen ha-
ben, hat sich die Zahl der Geschäftsstellen
reduziert. In Genf liegt der Rückgang mit
42 Prozent nahezu im Schweizer Durch-
schnitt, während die Abnahme in Zürich
(–37%) und dem Tessin (–31%) unterdurch-
schnittlich war. Für diesen Konzentrations-
prozess können mehrere Gründe verant-
wortlich sein, wie etwa Einsparungen beim
Personal und bei den Gebäuden aufgrund
von Zentralisierungstendenzen, aber auch
steuerliche Aspekte.

3 1987 verfügte die Schweiz mit knapp 1200 Einwohnern


KEYSTONE

pro Geschäftsstelle über ein deutlich dichteres Ge-


schäftsstellennetz als 2015 mit rund 2600 Einwohnern.

50  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


FINANZMARKT

Abb. 1: Rückgang der Anzahl Bankinstitute in der Schweiz (1987–2015) Kaum Verschiebungen der
700
Marktanteile
Im Grundsatz geht eine Reduktion der An-
600 zahl Bankinstitute mit einer angebotssei-
tigen Verminderung der Wettbewerbs-
500 kräfte einher. Anhand der sogenannten
Konzentrationsrate lässt sich jedoch zei-
400 gen, dass eine solche Entwicklung nicht

SNB / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


zwingend eintreten muss: Angenommen,
300 von 100 Banken verfügt eine einzelne Bank
über einen Marktanteil von 80 Prozent,
200 und die restlichen 99 Banken teilen sich
1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015 die verbleibenden 20 Prozent des Marktes
gleichmässig zu je rund 0,2 Prozent. Dann
ist dies wettbewerbspolitisch eine deut-
lich schlechtere Situation, als wenn sich
Abb. 2: Rückgang der Anzahl Geschäftsstellen in der Schweiz nach ausgewählten 10 Banken den Markt gleichmässig zu je
Kantonen (1987–2015) 10 Prozent teilen.
750 7500 Im Zeitraum von 1987 bis 2015 haben
sich die Marktanteile allerdings kaum ver-
schoben. Das zeigt die Entwicklung des
600 6000
prozentualen Anteils der Bankengruppen
an der Gesamtbilanzsumme (siehe Abbil-
450 4500 dung 3). So hat in den letzten 30 Jahren
kein dauerhafter Konzentrationsprozess
der Bilanzsumme auf eine einzelne Ban-
300 3000
SNB / DIE VOLKSWIRTSCHAFT kengruppe stattgefunden – ein Resultat,
das wettbewerbspolitisch als positiv be-
150 1500 urteilt werden darf.
Den relativ grössten Verlust ihres An-
0 0
teils haben die Privatbanken mit einem
Rückgang von 64 Prozent 4 erfahren, dicht
87

89

91

93

95

97

99

5
03

07

11

13

15

gefolgt von den Regionalbanken und


0

20

20

20
19

20
19

19

19
19

20
19

20
20
19

20

  Zürich        Tessin         Genf        Glarus         Appenzell Innerrhoden        Schweiz (rechte Skala) Sparkassen mit einem Anteilsrückgang
Der für sämtliche Abbildungen einheitlich gewählte Zeitraum erklärt sich mit den erst ab 1987 verfügbaren Daten von 56 Prozent. Am deutlichsten zuge-
zu den Geschäftsstellen in den einzelnen Kantonen. nommen haben – wenn auch auf tiefem
Niveau – die Anteile der Börsenbanken
(+455%) sowie der Raiffeisenbanken
Abb. 3: Anteil pro Bankengruppe an der Gesamtbilanzsumme (1987–2015) (+138%). Die Änderungen der restlichen
80       in % Bankengruppen bewegen sich innerhalb
von +/–10 Prozent.
Auffällig ist zudem der temporäre An-
stieg des Marktanteils der Grossbanken:
60
Mitte der Neunzigerjahre betrug die-
ser noch rund 50 Prozent. In den Jahren
1998/99 (kurz vor dem Platzen der New-
SNB, BERECHNUNGEN SCHMUKI / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

40 Economy-Blase) sowie in den Jahren 2005


bis 2007 (kurz vor Ausbruch der globa-
len Finanzkrise und der damit verbunde-
nen breiteren Wahrnehmung der Too-big-
20 to-fail-Problematik) bewegte sich dieser
­Anteil bei rund 70 Prozent.5

0 4 Der Rückgang des Anteils an der Gesamtbilanzsumme


von 0,6 Prozent auf 0,2 Prozent entspricht einem Rück-
1987 1989 1991 1993 1995 1997 1999 2001 2003 2005 2007 2009 2011 2013 2015
gang von 64 Prozent respektive 0,4 Prozentpunkten.
  Grossbanken        Kantonalbanken         Auslandbanken        Regionalbanken und Sparkassen         Raiffeisenbanken     5 In ausgewählten Jahren belief sich die Gesamtbilanz-
  Börsenbanken        Privatbanken summe auf 902 Mrd. Franken (1987), 2244 Mrd. Franken
(1999; Höhepunkt New Economy), 3458 Mrd. Franken
Die Bankengruppe der Auslandbanken setzt sich aus den ausländisch beherrschten Banken und den (2007; Ausbruch globale Finanzkrise) und 3026 Mrd.
Filialen ausländischer Banken zusammen. Franken (2015).

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  51
FINANZMARKT

Gründe für den Konzentrations- praktiken die Ursachen für die abnehmen- ein Systemfehler −, damit eine Neuordnung
prozess de Anzahl Banken. In seiner 1918 veröffent- der Gesamtwirtschaft stattfinden kann
lichten Habilitationsschrift «Bankkrisen und mögliche Ineffizienzen bereinigt wer-
Aus volkswirtschaftlicher Warte stellt eine und Bankkatastrophen der letzten Jahre in den können.
zunehmende respektive hohe Konzentra- der Schweiz» wies er darauf hin, dass klei- Auslöser für die schöpferische Zerstö-
tion der Banken auf einem Markt eine He- nere Bankinstitute mit der zunehmenden rung sind Innovationen, die von den Unter-
rausforderung dar, weil sie einer Wettbe- Industriefinanzierung finanziell und orga- nehmern mit dem Ziel vorangetrieben wer-
werbsbeschränkung gleichkommt. Dass nisatorisch überfordert seien. den, sich auf dem Markt durchzusetzen
es auf einem Markt zu Konzentrations­ Schliesslich kann auch der technische und Einkommen zu erwirtschaften. Mit
prozessen kommt, kann von mehreren Fortschritt weit über die Grenzen eines Blick auf die heutigen Herausforderungen
Gründen abhängen. Eine Ursache sind si- einzelnen Wirtschaftsbereiches langfristig für die Banken am Standort Schweiz könn-
cherlich Marktkräfte. Die Finanz- und die und tiefgreifend die Wirtschaftsstruktur ten innovative Dienst- und Infrastruktur-
Realwirtschaft beeinflussen sich gegen- und die Gesellschaft beeinflussen. Insbe- leistungen im Rahmen von Fintech ein sol-
seitig. Wo zuvor kleingewerbliche Regio- sondere Schlüsseltechnologien können in ches Potenzial bieten. Dadurch würden die
nalbetriebe nach einer Finanzierung durch revolutionärer Art und Weise einen Inno- Geschäftsmodelle traditioneller Finanz-
lokale Bankhäuser suchten, da verlangen vationsschub auslösen. Mit Blick auf den dienstleister weiter unter Druck kommen,
heute grössere und international ausge- Finanzsektor sind vor allem die Informa- ihre Wertschöpfungskette aufgegliedert
richtete Industrie- und Dienstleistungs- tions- und Kommunikationstechnologien und neu geordnet. Für Fintech-Unterneh-
konzerne nach einer Finanzierung durch zu nennen, deren Anwendungen teilweise men wäre dies eine Möglichkeit, das bishe-
kapitalintensivere und leistungsstärkere unter dem Begriff Fintech zusammenge- rige Angebot herkömmlicher Banken zu er-
Universalbanken. Zudem werden grösse- fasst werden. Der Einsatz dieser Techno- gänzen oder gar zu ersetzen, beispielsweise
re Unternehmen vermehrt über den Kapi- logien könnte den Konzentrationsprozess mittels Blockchain-Technologie.
talmarkt und somit die Börse finanziert.6 weiter verstärken, da sie angebotssei- Vor diesem Hintergrund hat der Bun-
Grosse Banken profitieren durch Grössen- tig neue Möglichkeiten für Fusionen und desrat Anfang Februar 2017 die Vernehm-
vorteile von sogenannten Skalenerträgen Übernahmen schaffen und nachfragesei- lassung zur Änderung des Bankengeset-
sowie Verbundvorteilen vom Globalisie- tig Kundenbedürfnisse dezentraler befrie- zes und der Bankenverordnung im Bereich
rungsprozess und gestalten diesen auch digen können. Dies führt zu veränderten Fintech8 eröffnet. Damit sollen Marktein-
mit. Allerdings stellen sie auch ein System- Geschäftsmodellen, wobei solche gera- trittshürden für Fintech-Unternehmen
risiko dar. de auch kleineren Instituten eine Chance verringert und die Wettbewerbsfähigkeit
Die Existenz von (zu) wenigen grossen bieten, die gegenüber grösseren Banken des Schweizer Finanzplatzes gestärkt wer-
Banken kann auch das Ergebnis einer feh- wendiger auf dem Markt agieren können. den. Die Vernehmlassung dauert bis zum
lerhaften Finanzarchitektur, einer man- So betreibt die Glarner Kantonalbank seit 8. Mai 2017.
gelhaften Regulierung oder einer unzurei- 2012 die Online-Hypothekenplattform 8 Mehr Informationen auf Sif.admin.ch.
chenden Wettbewerbspolitik sein. Ebenso Hypomat.ch, und seit April 2016 ist die Frei-
kann der Staat durch die bewusste Aus- burger Kantonalbank erste Lizenznehme-
gestaltung seiner Industriepolitik die För- rin. 2014 hat auch die Basellandschaftliche
derung nationaler Champions beabsichti- Kantonalbank zwei Crowdfunding-Model-
gen und dadurch die Marktkonzentration le in ihr Produkteangebot aufgenommen.7
möglicherweise weiter verstärken. Gleich-
wohl kann eine Marktkonzentration im In- Fintech-Unternehmen fordern
teresse der Regulierungsbehörden sein, da
weniger Banken besser und effizienter zu
Banken heraus
überwachen sind. Innovationen sind ein wesentlicher Trei- Daniel Schmuki
Ein weiterer Grund kann auch eine man- ber des wirtschaftlichen Strukturwan- Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Sektion
gelnde interne Corporate Governance sein. dels, wie der österreichischstämmige Na- Finanzmarktanalysen, Staatssekretariat für
internationale Finanzfragen (SIF), Bern
Das «Bankensterben» in der Schweiz zeigte tionalökonom Joseph Alois Schumpeter
sich bereits in einer Kette von Zusammen- (1883–1950) gezeigt hat. In diesem Zusam-
brüchen, die sich zwischen 1910 und 1914 menhang hat er den Begriff der kreativen Literatur
vor allem in den Kantonen Thurgau und respektive schöpferischen Zerstörung ge- BAK Basel Economics AG (2016). Finanzplatz Zürich
2016/2017 – Monitoring, Prognosen, Digitalisierung
Tessin abspielten. Der Ökonom und spä- prägt. Die Kernaussage lautet, dass jede und Industrialisierung am Finanzplatz Zürich, eine
tere Zürcher FDP-Bundesrat Ernst Wetter ökonomische Entwicklung eine Neukom- Studie des Amtes für Wirtschaft und Arbeit des
Kantons Zürich und der Stadtentwicklung Zürich,
(1877–1963) ortete in unsoliden Geschäfts- bination von Produktionsfaktoren bedingt, Basel.
wodurch alte Strukturen verdrängt und Eidgenössisches Finanzdepartement (2016). Finanz-
marktpolitik für einen wettbewerbsfähigen Finanz-
6 Der nächstgelegene Finanzierungskanal über einen Kre- schliesslich eliminiert werden. Die Zerstö- platz Schweiz – Bericht des Bundesrates, Bern.
dit bietet den Banken insbesondere bei KMU Effizienz- rung ist also notwendig − und nicht etwa Schumpeter, Joseph Alois (1912). Theorie der
vorteile. So z. B. bei der Prüfung von finanzierungs- wirtschaftlichen Entwicklung, Berlin.
würdigen Unternehmen, aber auch bei deren späterer Wetter, Ernst (1918). Bankkrisen und Bankkatastrophen
Überwachung. 7 Siehe Miteinander-erfolgreich.ch der letzten Jahre in der Schweiz, Zürich.

52  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


EFL_Frueh_2017_VW_200x280.qxp_Layout 1 14.02.17 08:23 Seite 2

15. Mai 2017 The New


KKL Luzern
GLOBAL
RA
RACE
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Alain Steven Martina Rada Zeno


Berset Erlanger Larkin Rodriguez Staub
Bundesrat, London Bureau Chief of Head of Europe and CEO Schneider Electric CEO Vontobel
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Hauptpartner Tagungspartner Premium Medienpartner Medienpartner Netzwerkpartner

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Die Volkswirtschaft Swissmem
UnternehmerZeitung VSUD
Zuger Wirtschaftskammer
STANDORTFAKTOREN

Ausländische Käufer erwerben weniger


Ferienwohnungen in der Schweiz
Im Jahr 2015 erteilten die Kantone für den Erwerb von Ferienwohnungen durch Personen im
Ausland rund 27 Prozent weniger Bewilligungen als im Vorjahr. Die Zahl der tatsächlich erfolg-
ten Erwerbe war ebenfalls niedriger. Der ausländische Ferienwohnungsbestand hat in den letz-
ten Jahren deutlich abgenommen.   Emanuella Gramegna

P   ersonen im Ausland können nur in je-


nen Kantonen Ferienwohnungen er-
werben, welche dazu eine entsprechen-
Bewilligungen und Handänderungen von Ferienwohnungen an Personen aus dem
Ausland (2015)
de Rechtsgrundlage eingeführt haben.
Zurzeit sind das 17 Kantone, wobei nur in Appenzell Ausserrhoden
etwa einem Drittel davon auch tatsäch-
1/1
lich eine grössere Nachfrage besteht. In
diesem Zusammenhang erhebt das Bun- Neuenburg
Luzern St. Gallen
1/2 Schwyz 2/3
desamt für Justiz (BJ) die Anzahl der er- 3/1 2/1 Glarus
teilten Bewilligungen, die tatsächlich aus- 4/4

BJ / DIE VOLKSWIRTSCHAFT/ LINSEED STUDIO/ NOUN PROJECT


5/7 Uri
geführten Handänderungen, die Fläche Obwalden
1/2 Graubünden
der Grundstücke, die Staatsangehörigkeit Waadt Freiburg Bern 111/100
93/11 4/2 92/36
der erwerbenden Personen, die Anzahl
der Veräusserungsgeschäfte zwischen
Tessin
Ausländern, die Anzahl der Rückerwerbe 93/39
durch Schweizer und die Ausschöpfung
Wallis
der Kontingente. 289/257
Schweiz
701/466

Bewilligungskontingent wenig
beansprucht
Der Bundesrat hat im Jahr 2008 das ge- Bewilligungen/Handänderungen         > 100 Handänderungen         11-100 Handänderungen       < 10 Handänderungen
Created by Linseed Studio
from the Noun Project

samtschweizerische Bewilligungskontin- Auch in den Kantonen Nidwalden, Schaffhausen und Jura können Personen aus dem Ausland Ferien-
gent auf die gesetzliche Höchstlimite von wohnungen erwerben. In diesen drei Kantonen gab es 2015 aber keine Handänderungen.
1500 Einheiten pro Jahr festgesetzt. Wie
bis anhin kann ein Kanton die im laufenden
Jahr nicht gebrauchten Kontingentseinhei- Die Ausschöpfung der kantonalen Kon- nungen an Personen im Ausland erteilt
ten auf das darauffolgende Jahr übertra- tingente stimmt über das Jahr nicht unbe- (siehe Abbildung). Im Vorjahr waren es
gen. Ende Oktober des zweiten Jahres fal- dingt mit der Anzahl der kontingentspflich- noch 964. Der Grossteil der Bewilligungen
len diese an den Bund zurück. Dann können tigen Bewilligungen überein. Diese kann wurde in den Kantonen Wallis (289), Grau-
sie auf Gesuch einem anderen Kanton zu- gesamtschweizerisch oder auch nur in ein- bünden (111), Tessin (93), Waadt (93) und
geteilt werden, wenn dieser sein Kontin- zelnen Kantonen etwas höher als das Jah- Bern (92) erteilt.
gent des laufenden Jahres bereits aufge- reskontingent liegen. Dies hat zwei Gründe: Die Handänderungsstatistik gibt Auf-
braucht hat. Es darf ihm aber höchstens Erstens sind die Kontingentseinheiten, die schluss über die tatsächlich ausgeüb-
die Hälfte seines ordentlichen Kontingents in einem Jahr nicht gebraucht werden, auf ten Erwerbsgeschäfte. Im langjährigen
zusätzlich zugesprochen werden. Auch im das folgende Jahr übertragbar. Und zwei- Durchschnitt führen etwa 85 Prozent aller
Jahr 2015 hat kein Kanton ein solches Zu- tens können Grundsatzbewilligungen, d. Bewilligungen zu einer Handänderung im
satzkontingent benötigt. h. Zusicherungen an Verkäufer aus frühe- Grundbuch. Diese Differenz zwischen der
Das gesamtschweizerische Kontingent ren Jahren, auch später noch über einen be- Bewilligungs- und der Handänderungs-
von 1500 Einheiten wurde 2015 nur zu 33 stimmten Zeitraum ausgeschöpft werden. statistik ergibt sich, weil zwischen der
Prozent ausgeschöpft. Im Vorjahr betrug Erteilung einer Bewilligung und der Ein-
die Ausschöpfung noch 44 Prozent. Zum Bewilligungen und Hand- tragung im Grundbuch in der Regel meh-
Vergleich: Im langjährigen Durchschnitt rere Monate verstreichen und sie deshalb
liegt die Ausschöpfungsquote bei knapp
änderungen rückläufig nicht im gleichen Jahr liegen müssen. Wei-
76 Prozent. Seit dem Jahr 2009 nimmt die 2015 wurden in der Schweiz 701 Bewilli- ter kann es vorkommen, dass Ausländer
Quote kontinuierlich ab. gungen für den Erwerb von Ferienwoh- auf den Erwerb verzichten.

54  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


STANDORTFAKTOREN

Tabelle 1: Handänderungen von Ferienwohnungen an Personen aus dem Ausland, nach Nationalität pro Kanton (2015)
CH AR BE FR GL GR LU NE OW SG SZ TI UR VD VS
Deutschland 116 1 7 1 1 49 1 – 3 3 – 17 – – 33
Grossbritannien 75 – 11 – – 6 1 – – – – – – 2 55
Italien 53 – – – 1 19 – – – – – 10 2 – 21
Frankreich 52 – 3 1 – 2 – – – – – – – 5 41
Belgien 45 – 1 – – 1 – 1 1 – – – – 3 38
Niederlande 33 – 4 – 1 4 – – – – – 1 – – 23
Übriges Europa 28 – 4 – – 6 – – 2 – – 2 – 1 13
Übrige Länder 21 – 4 – – 7 – – 1 – – – – – 9
Länder der ehem. Sowjetunion 15 – 1 – – 3 – – – – 1 3 – – 7
Übriger Naher Osten 13 – 1 – – 1 – – – – – – – – 11
USA 9 – – – – 1 – – – – – 4 – – 4
Liechtenstein 3 – – – 1 1 – – – – – 1 – – –

BJ / DIE VOLKSWIRTSCHAFT
Israel 2 – – – – – – – – – – – – – 2
Österreich 1 – – – – – – – – – – 1 – – –
Total 466 1 36 2 4 100 2 1 7 3 1 39 2 11 257

Tabelle 2: Nettoveränderung des ausländischen Ferienwohnungseigentums (2015)


Handänderungen Handänderungen zwischen Rückübertragung an Schweizer Nettozuwachs
Ausländern
Anzahl Fläche in m2 Anzahl Fläche in m2 Anzahl Fläche in m2 Anzahl Fläche in m2
Wallis 257 88 454 106 38 410 374 94 345 –223 –44 301
Graubünden 100 23 938 26 9 289 255 67 378 –181 –52 729
Tessin 39 12 749 9 2 696 25 6 291 5 3 762
Bern 36 12 156 18 3 020 18 3 464 0 5 672
Waadt 11 3 668 0 0 21 12 037 –10 –8 369
Obwalden 7 1 235 1 185 20 4 057 –14 –3 007
Glarus 4 1 173 0 0 3 852 1 321
St. Gallen 3 2 148 2 1 157 11 14 492 –10 –13 501
Luzern 2 360 0 0 1 160 1 200
Uri 2 370 0 0 0 0 2 370
Freiburg 2 370 1 185 28 15 704 –27 –15 519
Schwyz 1 160 0 0 4 1 204 –3 –1 044
Appenzell Ausserrhoden 1 200 0 0 0 0 1 200
Neuenburg 1 160 0 0 0 0 1 160 BJ / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Nidwalden 0 0 0 0 5 785 –5 –785


Schweiz 466 147 141 163 54 942 765 220 769 –462 –128 570

Im Jahr 2015 war die Zahl der Hand- Ausländisches Ferien­ Rückübertragungen an Schweizer eine
änderungen von 466 Ferienwohnungen wohnungseigentum nimmt ab Abnahme von 462 Ferienwohnungen (sie-
deutlich niedriger als im Vorjahr (siehe he Tabelle 2). Im Vorjahr betrug die Abnah-
Tabelle 1). Damals waren es noch 720. Am Um den Nettozuwachs von ausländi- me 252 Ferienwohnungen. Flächenmässig
meisten Grundbucheintragungen ver- schem Ferienwohnungseigentum in der entspricht dies einer Abnahme von rund
zeichneten die klassischen Fremdenver- Schweiz zu berechnen, sind vom Total 128,5 Hektaren (Vorjahr: Abnahme von
kehrskantone: Wallis (257), Graubünden der Handänderungen einerseits die Rück- 66,7 Hektaren).
(100), Tessin (39), Bern (36) und Waadt erwerbe durch Schweizer und anderer-
(11). Die Aufteilung der Handänderun- seits die Veräusserungen zwischen Aus-
gen nach der Nationalität der Käufer hat ländern in Abzug zu bringen. Für das Jahr Emanuella Gramegna
sich im Vergleich zum Vorjahr kaum ge- 2015 ergibt dies nach Abzug von 163 Über- Eidgenössisches Amt für Grundbuch- und
Bodenrecht, Bundesamt für Justiz (BJ), Bern
ändert. tragungen zwischen Ausländern und 765

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  55
BERUFSLAUFBAHN

Berufslaufbahnen von Frauen


sind weniger standardisiert
In den letzten 30 Jahren haben sich die Berufslaufbahnen stark verändert. Dieser Wandel hat
jedoch für Männer und Frauen nicht dieselben Folgen.   Pierre-Alain Roch

truiert: einerseits der zwischen 1950 und


Abstract  Mithilfe von Sequenzanalysen lassen sich Berufslaufbahnen transversal für jedes Al-
ter oder longitudinal für jedes Individuum untersuchen. Sie zeigen, dass Frauen aufgrund ihrer 1955 und andererseits der zwischen 1970
Doppelbelastung von Beruf und Familie andere Laufbahnen haben als Männer. Die Berufslauf- und 1975 geborenen Personen. Mit diesen
bahnen der jüngeren Generationen von Frauen werden zudem immer komplexer. Männer hin- Daten lässt sich die Situation einer Person
gegen durchlaufen im Vergleich zu früher weiterhin relativ standardisierte Berufslaufbahnen. zweimal jährlich über einen Zeitraum von
20 Jahren – vom 16. bis zum 36. Lebensjahr
– beschreiben (siehe Kasten).

S  eit den Achtzigerjahren haben sich


das Produktionssystem und die
Arbeitsorganisation stetig verändert. Die
dem Ende der Sechzigerjahre aus, was
einerseits unstetere Berufslaufbahnen zur
Folge hatte. Andererseits vergrösserte sich
Standardisierung bei Männern,
Arbeitnehmenden sind heute mit neuen dadurch aber auch das Feld der Möglich-
Diversität bei Frauen
Realitäten konfrontiert: Flexibilität, Be- keiten und führte so zu immer mehr ver- Das Mass für die Vielfalt unterschiedlicher
schäftigungsverlagerung in Dienstleis- schiedenen Laufbahnen. Diese These der Beschäftigungssituationen, die sogenann-
tungsberufe, selbstständiger Arbeitswei- zunehmenden Individualisierung postu- te Entropie, nimmt bei Frauen bis zum Alter
se, atypischen Beschäftigungsformen und liert somit gleichzeitig eine ungeordnete von 36 Jahren stetig zu. Bei den Männern
struktureller Arbeitslosigkeit. Kann man Zunahme der Übergänge und eine grösse- nimmt sie in dieser Zeit ebenso stark ab.
unter diesen Bedingungen überhaupt re Unvorhersehbarkeit der Karrieren.2 Zu Beginn ihres Erwachsenenlebens haben
noch von «Standardbeschäftigung» spre- Beide Hypothesen lassen sich mithil- Frauen und Männer indessen die gleichen
chen? Oder erleben wir momentan eine fe von Sequenzanalysen überprüfen. Der Werte (siehe Abbildung 1). Diese Resultate
Destandardisierung, die das traditionelle Wandel bei der Beziehung zur Erwerbs- zeigen, dass Frauen in ihrem Berufsleben
Laufbahnmodell – in der Reihenfolge Aus- arbeit kann so mit Blick auf die Laufbahn auf häufiger mit unterschiedlichen und verän-
bildung, bezahlte Vollzeiterwerbstätigkeit zwei Arten untersucht werden: transver- derlichen Situationen konfrontiert sind als
und Rente – infrage stellt? sal für jedes Alter oder longitudinal für je- Männer – und zwar von Beginn ihrer Er-
des Individuum. Zu diesem Zweck wurden werbskarriere an. Die Diversität der weibli-
Zwei gegensätzliche Thesen gestützt auf die Datensammlung der Le- chen Laufbahnen nimmt im Laufe der Zeit
benskalenderstudie Familytimes3 mit rund sogar zu, während sie bei den Männern
Ist die berufliche Integration von Männern 800 Befragungen die Berufslaufbahnen sinkt. Dieser Unterschied legt den Schluss
und Frauen gleichermassen von den Verän- von zwei Kohorten von Individuen rekons- nahe, dass sich Männer im Arbeits- und
derungen betroffen, die sich seit den Acht- Frauen im Familienleben unterschiedlich
2 Beck (2001); Boltanski und Chiapello (1999).
zigerjahren auf dem Arbeitsmarkt vollzo- 3 Die vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) finanzier- stark engagieren.
gen haben? Diese Frage wurde bisher nur te Studie wurde von Jacques-Antoine Gauthier (Univer- Bei weiblichen Laufbahnen kommt es
sität Lausanne), Dominique Joye (Universität Lausanne),
selten unter dem Aspekt der Laufbahnent- Éric Widmer (Universität Genf), Gaëlle Aeby (Universi- folglich häufiger vor, dass die Frauen zu
wicklung untersucht. Analysiert man Be- tät Manchester) und Pierre-Alain Roch (Universität Lau- Hause bleiben oder einer Teilzeitbeschäfti-
sanne) durchgeführt.
rufslaufbahnen indessen auf ihre mögliche gung nachgehen. Diese häufigeren Wech-
Diversität hin, gelangt man zu zwei gegen-
sätzlichen Hypothesen: Die erste geht da-
von aus, dass die Lebensläufe von Frauen
Methodologie
und Männern immer stärker vorgespurt
sind und sich deshalb auch stärker glei- Der hier verwendete Begriff der Die zweite Analyse stützt sich reicht, wenn die Person gleich
Entropie stammt aus der Infor- auf die Arbeiten über den von Ga- oft und in der gleichen Reihen-
chen. Grund dafür ist der Einfluss struk- mationstheorie und wurde 1948 badinho et al. (2010) entwickel- folge alle im Voraus festgeleg-
turgebender Einrichtungen wie Schule, von Claude Shannon entwickelt. ten Komplexitätsindex. Dieser ten Beschäftigungssituationen
Armee, Sozialpolitik, Arbeits- und Konsum- Damit lässt sich transversal auf- kombiniert in einer longitudina- durchläuft.
markt.1 Laut dieser These der zunehmen- zeigen, wie sich die Diversität len Perspektive die Entropie mit Jede Zustandssequenz wurde
des Beschäftigungsstatus über einem Indikator, der die Komple- nach sieben Kategorien kodiert:
den Standardisierung ist das traditionelle die Zeit entwickelt. Eine geringe xität der Abfolge der Zustände Ausbildung, Vollzeitanstellung,
Laufbahnmodell stark verformbar. Entropie steht für eine geringe misst. Ein Komplexitätsindex von selbstständige Vollzeitbeschäf-
Die zweite Hypothese geht hingegen Diversität beim Beschäftigungs- 0 bedeutet, dass sich die Person tigung, Teilzeitanstellung (Be-
status. Eine hohe Entropie deu- über den gesamten beobachte- schäftigungsgrad unter 80%),
von einer tiefgreifenden Veränderung seit
tet auf eine grosse Vielfalt an ten Zeitraum in der gleichen Be- Familienzeit, freiwillige Auszeit,
Arbeitssituationen der einzelnen schäftigungssituation befindet. unfreiwillige Auszeit (z. B. Krank-
1 Kohli (1985). Personen hin. Der Höchstwert von 1 wird er- heit, Unfall, IV, Arbeitslosigkeit).

56  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


BERUFSLAUFBAHN

KEYSTONE
Zwischen Beruf und Familie: Die Berufs-
sel deuten darauf hin, dass Frauen einen Differenz zwischen den Komplexitätsin- laufbahnen junger Frauen sind komplizierter als
diejenigen ihrer Mütter.
dualen Werdegang durchlaufen, aufgeteilt dizes der beiden Kohorten zu erklären ­–
zwischen Familien- und Berufsleben. Der auch ohne die Unterscheidung nach Ge-
Beruf kommt dabei jedoch häufig zu kurz. schlecht. Diese Ergebnisse ergänzen die
Dank der retrospektiven Daten lässt Interpretation der transversalen Entropie- sind Frauen tendenziell Vollzeit berufstä-
sich die Beziehung zur Arbeit über längere Kurven in Abbildung 1. Die Analysen ha- tig, solange sie noch keine Kinder haben
Zeit betrachten. So lassen sich Muster auf- ben dort gezeigt, dass nach Abschluss der oder in ihrem Haushalt kein Kind unter
zeigen, die gegen die Hypothese einer ge- Ausbildung signifikante Unterschiede bei 15 Jahren lebt. Sobald Kinder da sind, ge-
nerellen Standardisierung der Laufbahnen der Vielfalt der durchlaufenen Beschäfti- hen Frauen mehrheitlich einer Teilzeitbe-
und gegen eine einheitliche, genormte Be- gungsstatus bestehen. Die longitudina- schäftigung nach. In diesem Fall haben
ziehung zur Arbeit sprechen. le Entropie des Interkohorten-Vergleichs Frauen mit hohem Bildungsniveau bes-
zeigt hingegen bei den männlichen Lauf- sere Chancen auf eine Beschäftigung –
Weibliche Laufbahnen werden bahnen keine Zunahme der Komplexi- auch wenn nicht zwingend mit einem ho-
tät. Eine solche ist nur bei den weibli- hen Beschäftigungsgrad. Frauen, die nur
immer komplexer chen Laufbahnen signifikant ersichtlich. über eine Grundbildung verfügen, gehen
Unterschiede gibt es nicht nur zwischen Mit anderen Worten: Die männlichen Be- immer weniger einer Erwerbstätigkeit
den Geschlechtern, sondern auch zwi- rufslaufbahnen bleiben im Rahmen einer nach, während sich für Frauen mit einem
schen verschiedenen Alterskohorten. Al- Standardbeziehung zur Arbeit, während Tertiärabschluss das Gegenteil beobach-
lerdings nur bei den Frauen, wo der Kom- sich die Laufbahnen der Frauen mit einer ten lässt. Da sich bei immer mehr Lauf-
plexitätsindex im Vergleich zur älteren Art doppeltem Engagement stabilisieren. bahnen Familienzeiten mit einer Voll-
Kohorte deutlich ansteigt. Bei den Män- Dieses doppelte Engagement wird oder Teilzeitbeschäftigung abwechseln
nern ist der Unterschied zwischen den einerseits durch die Mutterschaft, an- oder sich die Frauen gleichzeitig in der
beiden Kohorten nicht signifikant (sie- dererseits durch das Bildungsniveau be- Familie und im Beruf engagieren, nimmt
he Abbildung 2). Das Ausmass dieser Ver- einflusst. 4 Was die Mutterschaft betrifft, die Komplexität der einzelnen Laufbah-
änderung reicht allein schon aus, um die 4 Levy (1997). 
nen signifikant zu.

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  57
BERUFSLAUFBAHN

Abb. 1: Transversale Entropie nach Kohorte und Geschlecht Frauen haben andere Berufs-
0,8
laufbahnen
Die Hypothese der Standardisierung lässt
sich also nur für männliche Laufbahnen
bestätigen. Weibliche Laufbahnen zeich-
0,6 nen sich jedoch durch eine grössere Viel-
falt aus. Diese Feststellung erhärtet frü-
here Forschungsergebnisse, wonach die
verschiedenen Phasen des Familienlebens
0,4 je nach Geschlecht unterschiedliche Aus-
wirkungen auf die berufliche Karriere ha-
ben.5 Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass
die Diversität der weiblichen Laufbahnen
0,2

ROCH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


im Vergleich zur älteren Kohorte signifikant
gestiegen ist. Die männlichen Laufbahnen
reagierten offensichtlich weniger stark
auf die jüngsten Veränderungen auf dem
0
Schweizer Arbeitsmarkt. Die unterschied-
16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36
lichen Laufbahnen der Frauen im Arbeits-
Alter
markt sind allerdings nicht ganz unpro-
  Frauen 1950–1955        Frauen 1970–1975        Männer 1950–1955        Männer 1970–1975 blematisch, schliesslich weiss man, dass
Familienzeiten und Teilzeitbeschäftigung
die Karriereentwicklung bremsen. Diese
Erkenntnisse sollten daher auch der Politik
Abb. 2: Longitudinale Entropie nach Alterskohorte und Geschlecht zu denken geben. Denn es darf nicht ver-
(Median, Quartile und Extremwerte) gessen werden, wer schliesslich das sozia-
le Risiko der Frauen trägt: Die beruflichen
Kohorte der Jahrgänge 1950–1955 Laufbahnen von Frauen sind weniger sta-
0,8       Individuelle Entropie bil und machen sie letztlich verletzlicher
in einem institutionellen Kontext, in dem
die materielle Anerkennung von Arbeit und
0,6
Sozialschutz von der effektiven Beteiligung
am Erwerbsleben abhängt.
0,4
5 Widmer et al. (2003).

0,2

-0,2

Frauen Männer

Pierre-Alain Roch
Assistent, Institut für Sozialwissenschaften,
Kohorte der Jahrgänge 1970–1975 Centre de recherche sur les parcours de vie
et les inégalités, Universität Lausanne
0,8       Individuelle Entropie
Literatur
Beck Ulrich (1986) Risikogesellschaft: Auf dem Weg in
0,6
eine andere Moderne, Frankfurt am Main, 1. Auflage,
Suhrkamp Verlag.
Boltanski Luc und Chiapello Ève (1999). Le nouvel
0,4 esprit du capitalisme, Paris, Gallimard.
Kohli Martin (1985). Die Institutionalisierung des
Lebenslaufs, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und
0,2 Sozialpsychologie, 37(1), S. 1–29.
ROCH / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

Levy René; Joye Dominique, Guye Olivier und Kauf-


mann Vincent (1997). Tous égaux ? De la stratification
0 aux représentations, Zürich, Seismo.
Widmer Eric, Levy René, Pollien Alexandre, Hammer
Raphaël und Gauthier Jacques-Antoine (2003). Entre
-0,2 standardisation et sexuation : une analyse des
trajectoires personnelles en Suisse, in: Schweizerische
Frauen Männer Zeitschrift für Soziologie, 29(1), S. 35–67.

58  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


AUSSENWIRTSCHAFT

Schweiz und Lateinamerika:


Eine wirtschaftliche Berg-und-Tal-Fahrt
Seit 2004 ist Lateinamerika wirtschaftlich überdurchschnittlich gewachsen – was der Schweiz
einen kräftigen Handelsbilanzüberschuss mit der Region bescherte. Allerdings stoppte der
Boom zehn Jahre später. Die Wiederbelebung der Freihandelsverhandlungen mit dem Mercosur-
Bündnis bietet Chancen für eine weitere Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen.  
Christian Hauser

2004 bis 2015 wertmässig verzweieinhalb-


Abstract    Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der Schweiz und Lateinamerika haben sich
zwischen 2004 und 2015 intensiviert. Insbesondere der Aussenhandel hat sich positiv entwi-
facht und damit überdurchschnittlich dy-
ckelt – allerdings von einem tiefen Niveau ausgehend. 2004 lag der Anteil Lateinamerikas an namisch entwickelt (siehe Abbildung 1). Zum
den weltweiten Schweizer Importen bei 0,8 Prozent; bei den Exporten betrug die Quote 2,4 Vergleich: Insgesamt stiegen die Schweizer
Prozent. Diese Werte erhöhten sich bis 2015 auf 1,6 Prozent respektive auf 3,1 Prozent. Bezüg- Einfuhren um 21 Prozent.
lich der Direktinvestitionen ist bei hoher Volatilität eine Stagnation festzustellen. Um die Wirt- Von den Importen aus Lateinameri-
schaftsbeziehungen weiter zu intensivieren, sollten die Chancen, die die bestehenden Freihan- ka stammten 40 Prozent aus Mexiko, an
delsabkommen bieten, konsequent genutzt sowie das Netz an Abkommen weiterentwickelt zweiter Stelle folgte Brasilien mit 29 Pro-
und ausgedehnt werden. Denn trotz der aktuellen Wachstumsschwäche bietet die Region zent. Auf Rang drei lag Kolumbien mit
Potenzial für eine weitere Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen. einem Anteil von 6 Prozent.
In den Jahren vor der weltweiten Fi-
nanz- und Wirtschaftskrise verdoppelten

I  n den letzten Jahren sind zahlreiche


Schwellen- und Entwicklungsländer,
allen voran in Asien, dynamischer gewach-
preise das Wirtschaftswachstum. Hinzu
kam schliesslich die steigende Inlandsnach-
frage. Nachdem sich diese Faktoren ab 2011
sich die Einfuhren aus Brasilien nahezu und
wuchsen damit erheblich dynamischer als
die Importe aus der Gruppe der spanisch-
sen als die traditionellen Industrielän- zum Teil deutlich abgeschwächt hatten, sprachigen Länder. Im Zuge der Krise bra-
der. Eine Region, die sich zwischen 2004 stagnierte die wirtschaftliche Entwicklung, chen die Einfuhren aus Brasilien jedoch
und 2015 ökonomisch ebenfalls schneller und seit 2014 ist sie sogar rückläufig. merklich ein, während die Importe aus den
entwickelt hat als der weltweite Durch- Im Folgenden wird die Entwicklung der übrigen Ländern auch in der Krise weiter
schnitt, ist Lateinamerika1. Wirtschaftli- Wirtschaftsbeziehungen zwischen der zunahmen. In der Folge entwickelten sich
che Zugpferde der Region sind Brasilien Schweiz und Lateinamerika in den Jahren die Einfuhren aus den spanischsprachi-
mit einem Anteil von knapp 40 Prozent von 2004 bis 2015 nachgezeichnet. Der Be- gen Ländern deutlich dynamischer als jene
am regionalen Bruttoinlandprodukt, ge- trachtungszeitraum kann in drei Phasen aus Brasilien. Wobei auch bei den Impor-
folgt von Mexiko, das ein Viertel zur Wirt- gegliedert werden: erstens die Jahre vor ten aus dieser Ländergruppe seit 2013 eine
schaftsleistung beiträgt, und Argentinien der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskri- Stagnation festzustellen ist.
mit rund 10 Prozent. se (2004 bis 2008), zweitens das Krisenjahr Auch bei den Exporten nach Latein-
Zur akzentuierten wirtschaftlichen Dy- 2009 und drittens die Jahre nach der Krise amerika resultierte im weltweiten Ver-
namik Lateinamerikas trug insbesonde- (2010 bis 2015). gleich ein überdurchschnittliches Wachs-
re die grosse Nachfrage nach Agrar- und Da sich die Intensität internationaler tum. Im Jahr 2015 lagen die Schweizer
Bergbauprodukten von Schwellenländern Wirtschaftsbeziehungen in Handels- und Ausfuhren in die Region um 76 Prozent
wie China bei. Wichtige Agrarexportgü- Investitionsaktivitäten manifestiert, fokus- höher als 11 Jahre zuvor. Die gesamten
ter aus der Region sind beispielsweise Ge- siert der Beitrag auf die beiden Aspekte der Exporte der Schweiz wuchsen im selben
flügel- und Rindfleisch, Kaffee, Soja, Zit- realen Aussenwirtschaft Warenhandel und Zeitraum um 39 Prozent. Von den Ausfuh-
rusfrüchte oder Zucker. Lateinamerika ist Direktinvestitionen. Die Analyse basiert ren im Wert von 203 Milliarden entfielen
zudem ein bedeutender Lieferant von mi- auf Statistiken der Eidgenössischen Zoll- im Jahr 2015 rund 6,2 Milliarden auf La-
neralischen Rohstoffen wie Bauxit, Eisen- verwaltung (EZV) sowie der Schweizeri- teinamerika (3,1%). Davon gingen ein Drit-
erz, Kupfer, Lithium oder Zinn. Darüber hi- schen Nationalbank (SNB). tel nach Brasilien, 23 Prozent nach Mexiko
naus begünstigte der 2004 einsetzende und 13 Prozent nach Argentinien.
Höhenflug der internationalen Rohstoff- Starkes Wachstum der Importe Bei der innerregionalen Analyse fällt
auf: Zwischen 2007 und 2012 entwickel-
1 Der Beitrag bezieht sich auf folgende 20 Staaten: Argen- Von den Gütern im Umfang von insgesamt ten sich die Exporte nach Brasilien dyna-
tinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Costa Rica, Dominika-
nische Republik, Ecuador, El Salvador, Guatemala, Haiti, 166 Milliarden Franken, welche die Schweiz mischer als in der Gruppe der spanisch-
Honduras, Kolumbien, Kuba, Mexiko, Nicaragua, Pana- 2015 einführte, stammten lediglich 2,7 Mil- sprachigen Länder der Region. Dies ist
ma, Paraguay, Peru, Uruguay, Venezuela. Im Rahmen der
Analyse wird Haiti der Gruppe der spanischsprachigen liarden aus Lateinamerika (1,6%). Allerdings darauf zurückzuführen, dass die brasilia-
Länder zugeordnet. haben sich die Importe aus der Region von nische Wirtschaft in der zweiten Hälfte

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  59
AUSSENWIRTSCHAFT

Lateinamerika ist ein wichtiger Rohstoff-


lieferant: Eisenerzabbau in Brasilien.
ALAMY
AUSSENWIRTSCHAFT

des l­etzten Jahrzehnts besonders dyna- Auch bei der Beschäftigtenzahl hat- Dynamische Entwicklung bis 2014
misch gewachsen ist und im Vergleich zur te Brasilien in Lateinamerika – mit einem
übrigen lateinamerikanischen Wirtschaft Anteil von 38 Prozent – die Nase vorn. In Zusammenfassend lässt sich sagen: Die
kaum von der weltweiten Finanz- und Mexiko arbeiteten 19 Prozent und in Ar- wirtschaftlichen Beziehungen zwischen
Wirtschaftskrise beeinflusst wurde. gentinien 7 Prozent der Mitarbeitenden, der Schweiz und Lateinamerika haben
die Ende 2015 in der Region für Schwei- sich im Zeitraum von 2004 bis 2015 in-
Direktinvestitionen gehen seit zer Unternehmen tätig waren. Zwischen tensiviert – sowohl beim Aussenhandel
2004 und 2008 verlief die Entwicklung als auch bei den Direktinvestitionen. Die
2012 zurück der Beschäftigtenzahl in Brasilien und Entwicklung verlief jedoch nicht durch-
Neben dem Aussenhandel sind Direkt- der Gruppe der spanischsprachigen Län- gängig positiv. Vielmehr wechselten
investitionen ein zentrales Element der der weitgehend parallel. Anschliessend sich Jahre, in denen sich die wirtschaftli-
internationalen Wirtschaftsbeziehun- wuchs der Personalbestand in Brasilien bis chen Beziehungen dynamisch vertieften,
gen. Unternehmen können Investitio- 2012 dynamischer als in den anderen Län- mit Jahren der Stagnation und des Rück-
nen im Ausland einerseits dadurch tä- dern. Da die Beschäftigtenzahl in Brasilien gangs ab. Die weltweite Finanz- und Wirt-
tigen, dass sie ein bereits bestehendes 2014 deutlich sank, lag sie Ende 2015 nur schaftskrise war nur mit einem kurzfris-
ausländisches Unternehmen teilweise rund 16 Prozent über dem Basisjahr. In den tigen Einbruch des Handels verbunden
oder vollständig übernehmen. Anderer- übrigen Ländern betrug die Steigerung und hatte kaum Auswirkungen auf die
seits können sie eigene, rechtlich un- 60 Prozent. Schweizer Direktinvestitionen. Ab 2014
selbstständige oder selbstständige Neu-
gründung im Ausland vornehmen – etwa
in Form von Niederlassungen oder Toch- Abb. 1: Aussenhandel zwischen der Schweiz und Lateinamerika (2004 bis 2015)
tergesellschaften. Vom weltweiten Di- 8       In Mrd. Fr.
rektinvestitionsbestand der Schweiz im
Umfang von rund 1100 Milliarden Fran-
ken befanden sich Ende 2015 gut 30 Mil-
6
liarden Franken in Lateinamerika (2,6%).
Im Gegensatz zum Aussenhandel entwi-

EZV (2017), BERECHNUNG HAUSER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT


ckelte sich der Schweizer Kapitalbestand
in der Region im weltweiten Vergleich je- 4
doch unterdurchschnittlich. Auffallend
ist die hohe Volatilität (siehe Abbildung 2):
Bis 2012 stiegen die Direktinvestitionen 2
auf mehr als das Dreifache – seither sind
sie rückläufig.
Ende 2015 entfielen 31 Prozent des
0
Schweizer Kapitalbestands in der Region
2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
auf Brasilien, ein Viertel auf Mexiko und
ein Sechstel auf Argentinien. Nach einer   Export        Import        Handelsbilanzüberschuss
phasenweise äusserst dynamischen Ent-
wicklung war der Investitionsbestand in
Brasilien Ende 2010 rund fünfeinhalb Mal Abb. 2: Schweizer Direktinvestitionen in Lateinamerika (2004 bis 2015, jeweils
so hoch wie 2004. Seit 2011 sind die In- Jahresende)
vestitionen jedoch rückläufig, sodass am
Ende des Betrachtungszeitraums eine 60       Kapitalbestand in Mrd. Fr. Personalbestand       200 000
Verdoppelung gegenüber dem Basisjahr
zu verzeichnen war. In der Gruppe der üb-
rigen lateinamerikanischen Länder lag die 48
180 000
Steigerung über den gesamten Zeitraum
bei 56 Prozent.
SNB (2017), BERECHNUNG HAUSER / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

36
Ende 2015 arbeiteten weltweit etwa
zwei Millionen Personen für Schwei- 160 000
zer Unternehmen im Ausland. Davon wa- 24
ren rund 180 000 in Lateinamerika tätig,
was gut 9 Prozent entspricht. Nach einem 140 000
kontinuierlichen Anstieg zwischen 2004 12

und 2013 sank die Beschäftigtenzahl ein


Jahr später markant. Ende 2015 resultier- 0 120 000
te gegenüber dem Basisjahr ein Plus von 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015
noch 40 Prozent. Weltweit lag die Zunah-
me bei 49 Prozent.   Kapitalbestand         Personalbestand (rechte Skala) 

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  61
AUSSENWIRTSCHAFT

führte das Abflauen der wirtschaftlichen ren sind im Zuge des florierenden Wachs- ­ ieder aufgenommen. Sollte die derzeitige
w
Dynamik in Lateinamerika jedoch zu einer tums Lateinamerikas neue Bedürfnisse Wachstumsschwäche Lateinamerikas län-
Stagnation der Wirtschaftsbeziehungen. und Märkte entstanden, für die Schweizer ger andauern oder sich gar verschärfen, ist
Im Zeitraum 2004 bis 2015 erwirt- Unternehmen innovative und hochwertige jedoch abzusehen, dass sich dies trotz al-
schaftete die Schweiz ein Sechstel ihres Produkte und Lösungen anbieten. Hier be- ler Anstrengungen weiterhin negativ auf
gesamten Handelsbilanzüberschusses mit steht Potenzial für eine weitere Vertiefung die Wirtschaftsbeziehungen auswirkt.
Lateinamerika. Insgesamt exportierte die der Wirtschaftsbeziehungen.
Schweiz im Betrachtungszeitraum Waren
im Wert von 40 Milliarden Franken mehr in Freihandelsabkommen als
diese Region, als sie von dort importierte.
Gründe hierfür sind zum einen die struk-
Türöffner
turell asymmetrischen Wirtschaftsbezie- Gegenwärtig verfügt die Schweiz über
hungen zwischen der Schweiz und Latein- Freihandelsabkommen mit Chile, Kolum-
amerika: Während es sich bei der Schweiz bien, Mexiko, Peru und einigen zentral-
um eine hochentwickelte Volkswirtschaft amerikanischen Staaten. Ausserdem be-
handelt, ist die Industrialisierung in den steht mit dem Handelsbündnis Mercosur, Christian Hauser
meisten Ländern Lateinamerikas deutlich welches Argentinien, Brasilien, Paraguay, Professor für Allgemeine Betriebswirt-
weniger ausgeprägt. Uruguay umfasst, eine Efta-Zusammen- schaftslehre und Internationales Manage-
Auf Länderebene sind jedoch Unter- arbeitserklärung. ment am Schweizerischen Institut für Ent-
repreneurship der Hochschule für Technik
schiede zu erkennen. So verfügt Mexiko Um die wirtschaftlichen Beziehungen und Wirtschaft Chur
mittlerweile über eine Wirtschaftsstruk- inskünftig weiter zu intensivieren, soll-
tur, die durchaus mit den traditionellen In- ten die Chancen, die die bestehenden Ab-
dustrieländern zu vergleichen ist. Die bra- kommen bieten, konsequent genutzt wer- Literatur
silianische Wirtschaft hingegen ist im Zuge den. Gleichzeitig kann das regionale Netz Eidgenössische Zollverwaltung (2017), Aussenhandels-
statistik.
des Rohstoffbooms der zurückliegenden an Freihandelsabkommen weiterentwi- Internationaler Währungsfonds (2016),
Jahre rohstofflastiger geworden, was zu- ckelt und ausgedehnt werden. Mit dem World Economic Outlook Database, Oktober 2016.
Schweizerische Nationalbank (2017), Schweizerische
lasten der verarbeitenden Industrie ging, Mercosur wurden die Gespräche hierzu im Direktinvestitionen in Lateinamerika, (Sonderaus-
deren Bedeutung gesunken ist. Zum ande- Rahmen des Weltwirtschaftsforums 2017 wertung).

Swiss Society of Economics and Statistics

ANNUAL CONGRESS 2017


Economists and Policy Making
Lausanne, IDHEAP and HEC, June 8 - 9, 2017
Registration : www.sgvs.ch

Keynote speakers : Local organizers


Prof. Marion Fourcade, at the University of Lausanne :
University of California at Berkeley Prof. Laure Athias, IDHEAP
Prof. James Robinson, University of Chicago Prof. Marius Brülhart, HEC
Prof. Aymo Brunetti, University of Bern Prof. Nils Soguel, IDHEAP

62  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


ZAHLEN

Wirtschaftskennzahlen
Auf einen Blick finden Sie hier die Kennzahlen Bruttoinlandprodukt, Erwerbslosenquote und Inflation von acht Ländern, der EU und
der OECD. Zahlenreihen zu diesen Wirtschaftszahlen sind auf Dievolkswirtschaft.ch aufgeschaltet.

Bruttoinlandprodukt: Bruttoinlandprodukt:
Reale Veränderung in % gegenüber dem Reale Veränderung in % gegenüber dem Vorquartal1
Vorjahr
2016 4/2016 3/2016 2/2016 1/2016
Schweiz 1,3 Schweiz 0,1 0,1 0,6 0,3
Deutschland 1,9 Deutschland 0,4 0,1 0,5 0,7
Frankreich 1,2 Frankreich 0,4 0,2 –0,1 0,7
Italien – Italien 0,2 0,3 0,1 0,4
Grossbritannien 1,8 Grossbritannien 0,7 0,6 0,6 0,2
EU – EU 0,5 0,5 0,4 0,5
USA 1,6 USA 0,5 0,9 0,4 0,2
Japan 1,0 Japan 0,2 0,3 0,4 0,6
China 6,7 China 1,7 1,8 1,9 1,3
OECD 1,7 OECD 0,4 0,5 0,4 0,4

Bruttoinlandprodukt: Erwerbslosenquote:3 Erwerbslosenquote:3


In Dollar pro Einwohner 2015 (PPP2) in % der Erwerbstätigen, Jahreswert in % der Erwerbstätigen, Quartalswert
2015 2016 4/2016
Schweiz 59 712 Schweiz 4,6 Schweiz 4,3
Deutschland 47 308 Deutschland 4,1 Deutschland 3,9
Frankreich 40 178 Frankreich 9,9 Frankreich 9,6
Italien 36 196 Italien 11,7 Italien 11,9
Grossbritannien 40 903 Grossbritannien – Grossbritannien –
EU 38 544 EU 8,6 EU 8,2
USA 55 798 USA 4,9 USA 4,7
Japan 37 122 Japan 3,1 Japan 3,1
China 14 388 China – China –
OECD 40 145 OECD 6,3 OECD 6,2

Inflation: Inflation:
Veränderung in % gegenüber dem Veränderung in % gegenüber dem
Vorjahr ­Vorjahresmonat
2016 Januar 2017
Schweiz 0,0 Schweiz 0,3
Deutschland 0,5 Deutschland 1,9
Frankreich 0,2 Frankreich 1,3
Italien –0,1 Italien 1,0
Grossbritannien 0,7 Grossbritannien 1,8
EU 0,3 EU 1,7
SECO, BFS, OECD

USA 1,3 USA 2,5


Japan – Japan –
China 2,0 China 2,5
Weitere Zahlenreihen
OECD – OECD –
1 Saisonbereinigt und arbeitstäglich bereinigte Daten.
www.dievolkswirtschaft.ch d Zahlen
2 Kaufkraftbereinigt.
3 Gemäss ILO (Internationale Arbeitsorganisation).

Die Volkswirtschaft  4 / 2017  63
Zuversichtliche Konsumenten
Die Erwartungen der Konsumenten spielen bei der Entwicklung der Wirtschaft eine wichtige Rolle. Wer die Zukunft rosig
sieht, gibt vielleicht schon heute mehr Geld aus. Oft folgt den positiven Erwartungen dadurch ein tatsächlicher
Wirtschaftsaufschwung. Das ist erfreulich, denn in den neusten Umfrageergebnissen zur Konsumentenstimmung, die
das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) quartalsweise durchführt, zeigen sich die Befragten nach rund zwei Jahren
endlich wieder überdurchschnittlich zuversichtlich. Sie erwarten eine deutlich bessere Wirtschaftsentwicklung. Allerdings
rechnen die meisten nur mit einer geringen Verbesserung ihrer finanziellen Lage in den nächsten zwölf Monaten.

Prognosen der Konsumenten


und BIP-Wachstum stimmen
weitgehend überein

Die Konsumenten- Wo erwarten die Konsumenten In %


5
Index
60
stimmung liegt 2017 Verbesserungen? 4 40
(Anteile an der Gesamtverbesserung 3
wieder über dem gegenüber 4. Quartal 2016) 2 20
1 0
langjährigen 0 -20
-1
Durchschnitt -2
-40
-60
-3
-4 -80
2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017

11 %
  BIP-Wachstumsrate
Sparmöglichkeiten   Von den Konsumenten erwartete Wirtschaftsentwicklung
(rechte Skala)
1 4%
2007 2017 e des Haushaltes
bessere finanzielle Lag

2 4%
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SECO / SHUTTERSTOCK / DIE VOLKSWIRTSCHAFT

64  Die Volkswirtschaft  4 / 2017


VORSCHAU

88e année   N°5 /2017
90. Jahrgang   Nr. 5 /2015 sFr.
Frs.12.–
12.–

La
DieVie économique
Volkswirtschaft
Plattformdefür Wirtschaftspolitik
Plateforme politique économique

FOKUS

Negativzinsen beeinflussen
die Volkswirtschaft
Anleger, Pensionskassen, Konsumenten und die gesamte Bankbranche sind unter Druck: Das Zinsniveau
bewegt sich in der Schweiz, in der EU und in Japan nahe bei null – oder ist gar negativ. Die kommende Aus-
gabe geht deshalb der Frage nach, wie schädlich Negativzinsen volkswirtschaftlich auf die lange Frist sind
und ob sie notwendige Strukturreformen verhindern.

Negativzinsen in historischer Perspektive


Professor em. Peter Kugler, Universität Basel

So wirken sich die tiefen Zinsen auf die Volkswirtschaft aus


Stefan Leist und Vincent Pochon, Staatssekretariat für Wirtschaft

Geldpolitik und Negativzinsen – eine Erfolgsstory


Jennifer Blanke, African Development Bank, und Signe Krogstrup, Internationaler Währungsfonds

Banken unter Druck


Professor Yvan Lengwiler, Universität Basel

Die negativen Reaktionen der Konsumenten


Chefökonom Mark Cliffe und Carlo Cocuzzo, Finanzinstitut ING, London

Wie lange werden wir in der Schweiz noch Negativzinsen haben?


Interview mit Nationalbank-Präsident Thomas Jordan