Sie sind auf Seite 1von 12

Thesenblatt Städtebau II David Hinkel

968336

Das Wachstum der schrumpfenden Stadt

städtische Kreativität als Chance für einen Neuanfang in der


Schrumpfungsdebatte

Lehrstuhl für Städtebau und Entwerfen Prof. Alex Wall


Betreuung: Peter Gotsch, Wilfried Wittenberg

1
Das Wachstum der schrumpfenden Stadt
städtische Kreativität als Chance für einen Neuanfang in der Schrumpfungsdebatte

Die Tatsache, dass man etwas erreicht hat (etwa: einen hohen Stand
der Technologie, des Glaubens, des Wohlstands, der Erleuchtung)
gibt einer Gesellschaft weder die Sicherheit, noch den Mitgliedern den
Anspruch, dass man dieses Niveau immer wird für sich beanspruchen
können.1 H. Grymer

1. Einleitung

Schrumpfende Städte sind kein ausschließliches Problem der Neuen Bundesländer. Auch in
Westdeutschland und in anderen Ländern der industrialisierten Welt schrumpfen Städte. Seit den
1970er Jahren ist der Bevölkerungsrückgang in vielen europäischen Ländern durch den sogenannten
„Pillenknick“ und durch ein verändertes soziokulturelles Verhalten (u.a. sich wandelndes Familien- und
Frauenbild, sinkende Geburtenraten) vorgezeichnet2.
Er gilt somit neben global initiierten ökonomischen Transformationsprozessen von der
Industriegesellschaft zur postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft als eine der Hauptursachen für
städtische und stadtregionale Niedergangsprozesse. Das Aufeinandertreffen von solchen regionalen
Prozessen nachlassender wirtschaftlicher Dynamik und demographischer Schrumpfung bewirkt
gravierende Folgeprozesse, die mit traditionellem Problem- und Strategieverständnis nur schwer zu
akzeptieren und zu steuern sind3.
In Deutschland befindet man sich dabei gerade erst am Anfang eines langwierigen Prozesses der
Neudefinition von Planungszielen, strategischen Vorgehensweisen und steuernden Maßnahmen im
Umgang mit Stadtschrumpfung.
Statt der Steuerung und Verteilung eines ‚Mehr’, statt der Wachstumsmentalität als
grundlegende Geisteshaltung zum Verständnis der Wirklichkeit 4, statt des kreativen städtebaulichen
Entwurfes, statt einer sozialen Kontaktdichte gilt es das „Weniger Werden“ zu verwalten, den Abriss
und den Verlust von Funktionen zu organisieren und neue Perspektiven und Möglichkeiten zu
entwickeln.

„Wachstumsmentalität“ zählt zu unserem europäischen kulturellen Erbe.5 Unter „Mentalitäten“


versteht man in den Gesellschafts- und Sozialwissenschaften individuelle oder kollektive
Einstellungen, die als grundlegende Geisteshaltung das Verhältnis zur Wirklichkeit insgesamt
bestimmen: die Wahrnehmungen, das Selbstverständnis, die Handlungsorientierungen und die Motive
der Menschen.6

So stellt sich die grundlegende Frage: Sind wir auf „Schrumpfung“ mental vorbereitet? Wachstum war
bis in die 1970er Jahre selbstverständlich. Und wenn es einmal ausbliebe, dann würde es früher oder
später wieder einsetzen oder herbeigeführt werden können. Doch wie sieht es damit jetzt, im ersten
Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts aus?
Durch diese Fixierung unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems auf Wachstum erschweren wir
uns den Diskurs noch zusätzlich. Denn wie belastend der Gedanke an Schrumpfung von vielen
empfunden wird, zeigen schon die „Querelen um die Schrumpfungssemantik….Ob man nun das Kind
beim Namen nennen oder Umschreibungen finden soll, die das Positive betonen, ist noch immer
umstritten.“7

1
Grymer, Herbert – Stadtentwicklung trotz Schrumpfung? 2003
2
Birg, Statistisches Bundesamt, 2000
3
Lang, Tenz, 2003
4
Grymer, Herbert – Stadtentwicklung trotz Schrumpfung? 2003 (Seite 186)
5
Hager, F. / Schenkel, W. (2000): Schrumpfungen: Chancen für ein anderes Wachstum. Ein Diskurs der Natur-
und Sozialwissenschaften, Berlin
6
Grymer, Herbert – Stadtentwicklung trotz Schrumpfung
7
Göschel, A. (2003): Schrumpfende Städte: Planerische Reaktionen auf den Leerstand, Manuskript

2
So gilt am Ende der bekannte Satz: „Es kann nicht sein, was nicht sein darf!“, bezeichnend für die uns
innewohnende Neigung, eine komplexe und unerfreuliche Realität in eine bearbeitbare, wenngleich oft
falsche Form zu bringen. Denn leider ist es vielfach so, dass wenn die Tatsachen den aus der
Mentalität heraus für möglich gehaltenen Zuständen widersprechen, nicht die Geisteshaltung
überdacht und geändert wird, sondern die Tatsachen so weit umgedeutet werden , bis sie der „Welt-
Anschauung“ nicht mehr widersprechen.

...schrumpfende Städte müssen Unglaubliches leisten: sich wie Baron Münchhausen am eigenen
Schopfe aus dem Sumpf ziehen. Geniestreiche und Glücksfälle mag es geben, für die Mehrzahl der
Kommunen kommt es aber darauf an, systematisch die Voraussetzungen für die Entfaltung
städtischer Kreativität zu verbessern, um damit die Chancen auf eine Regeneration aus eigener Kraft
zu verbessern....8 (Heike Liebmann)

Die Differenzierung in demographische und wirtschaftliche Schrumpfungsprozesse sowie die


Untersuchung deren Zusammenhänge lässt erkennen, dass Schrumpfung vielseitige und komplexe
Ursachen haben kann, die wiederum von Region zu Region unterschiedlich stark ausgeprägt und
ursächlich sind.
Gleich sind lediglich die sichtbaren Folgen: überregionale Abwanderung, anhaltende
Suburbanisierung, teils erheblicher Wohnungsleerstand bei gleichzeitigem Mangel an bezahlbaren
Wohnungen in Ballungsgebieten.

1.2 Gründe und Ursachen des Phänomens „Schrumpfung“

Schon in der Einleitung wurde darauf hingewiesen, dass Schrumpfung kein deutsches oder
europäisches Problem ist und viele Ursachen hat. Ein paar beispiele sollen dies verdeutlichen:

Manchester im Nordwesten Englands entwickelte sich im 17. Jhdt. Zu einem wichtigen Handels- und
Produktionszentrum der Baumwollindustrie. Mit dem Niedergang der englischen Tuchindustrie um
1850 verlor es sein wichtigstes wirtschaftliches Standbein. Die Kompensation durch andere, sich neu
ansiedelnde Industriezweige gelang nur teilweise.
Liverpool, welches über den wichtigsten Baumwollhafen Englands verfügte und wirtschaftlich stark
von Manchester abhängig war, wurde vom Abwärtstrend miterfasst.

Ähnliche Probleme des wirtschaftlichen Niedergangs entstanden nach der Wiedervereinigung für
viele ostdeutsche Regionen der Bundesrepublik Deutschland. Hier kam es durch das
Wohlstandsgefälle Ost – West zu großen Bevölkerungswanderungen. Viele versprachen sich eine
sonnigere Zukunft im wirtschaftlich stärkeren Westen.

Eine Befragung unter der Bevölkerung ergab, dass hier neben den wirtschaftlichen auch kognitive
Probleme einen wesentlich und nicht zu unterschätzenden Beitrag zur derzeitigen Krise der
ostdeutschen Städte beitragen.

„ Die kognitiven Probleme resultieren aus – wie wir sozialpsychologisch sagen können – relativ
starren, gleich bleibenden Überzeugungssystemen, offenbar geprägt durch eine staatlich
ausgerichtete Versorgungsmentalität. Die Beibehaltung kultureller und sozialer Traditionen sowie die
Erfahrungen mit persönlichen Enttäuschungen und Beeinträchtigungen. ….Es ist leicht zu sehen, dass
in Folge derart „festgesetzter“ und weitgehend immunisierter Überzeugungen eher Resignation und
kulturelle Abschirmung im Alltagshandeln die Oberhand gewinnen. Da viele Ostdeutsche sich
gleichsetzen – das allerdings nur in bestimmten Fragen des Konsums oder der Lebensstile – mit
westdeutschen und anderen europäischen Regionen, in denen es den Menscher besser geht,

8
Städtische Kreativität – Potenzial für den Stadtumbau

3
resultiert daraus zusätzlich ein Gefühl der Benachteiligung, welches in der Sozialwissenschaft als
„relative Deprivation“ bezeichnet wird….. 9

Die Schließung vermeintlich unrentabler Unternehmen und Produktionsstätten sowie die Umwandlung
in private Betriebe, verbunden mit Stellenabbau und Umstrukturierungen, verstärkten diesen Vorgang
noch. Ein Trend, der bis heute nicht nur im Osten ungebrochen anhält. Wirtschaftliches und politisches
Handeln nach dem Motto: „Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren“.

Auch in den westlichen, „alten“ Bundesländern stehen ganze Regionen vor Problemen, die denen im
Osten nicht unähnlich sind.
Durch den Stellenwertverlust deutscher Kohle in der Stahlindustrie wurde die gesamte Region um
Duisburg und Gelsenkirchen mit den ökonomischen Folgen konfrontiert. Steigende Arbeitslosigkeit,
sinkende Kaufkraft und Steuereinnahmen, Wegzug junger Bevölkerungsschichten, hoher Leerstand
an Immobilien, „Verslumung“ ganzer Wohnquartiere stellten die Stadtverwaltungen vor nahezu
unlösbare Probleme.
(Als positives Beispiel für den Umgang mit den industriellen Brachflächen sei hier der mit
Signalwirkung weit über die regionalen Grenzen hinaus bekannte im Rahmen der IBA angelegte
Emscher Park zu nennen).

Die zur Zeit in der Öffentlichkeit geführte Diskussion vernachlässigt aber einen wichtigen Aspekt:
Schrumpfung ist kein Phänomen, welches sich ausschließlich auf Großstädte und Ballungszentren
beschränkt. Klein- und Mittelstädte stehen vor demselben Problem und angesichts leerer Kassen
kommt für sie erschwerend hinzu, dass sie oft von den Fachplanern und der Öffentlichkeit nur peripher
wahrgenommen werden.
So geht als Schlussfolgerung aus der Raumordnungsprognose 2020 hervor, dass die
Entwicklungsdynamik auch weiterhin regional gespalten bleiben wird. Es wird einer immer größer
werdenden Gruppe von Kreisen und Städten mit Schrumpfungstendenzen eine immer kleiner
werdende Gruppe mit teils kräftigem Wachstum gegenüber stehen. Dieser Vielfalt von
Entwicklungstendenzen entspricht die Vielfalt von Problemkonstellationen, die aus dieser
Gleichzeitigkeit von Schrumpfungs- und Wachstumsprozessen entstehen.10

So beschäftigt sich diese Arbeit zwar mit dem Phänomen „Schrumpfung“, jedoch liegt ihr
Hauptaugenmerk nicht auf städtebaulichen, architektonischen Lösungsansätzen. Vielmehr soll der
Frage nachgegangen werden, wie der Betroffene, also der Stadtbürger selbst im Planungsprozess
aktiv werden kann und mit seiner, die Binnensicht der etablierten Akteure (Verwaltungsangestellte,
Stadtplaner, Politiker) überwindender Betrachtungs- und Herangehensweise Impulse für eine
Erneuerung der Stadt geben kann.
Es werden verschiedene, teils schon angedachte und erprobte aber auch neue und noch in ihren
theoretischen Kinderschuhen steckende Ansätze untersucht und vorgestellt werden. Anhand deren
soll aufgezeigt werden, wie Kommunen mit ihren Problemen umgegangen sind und welche
Perspektiven sich aus ihrem Handeln für die Region entwickelt haben.
Es wird kein Weg um eine „Schrumpfungsplanung“ oder ein „Leerstandsmanagment“ herum führen,
doch genauso wichtig wird sich die direkte Beteiligung aller Betroffener, vor allem der Bürger, auf die
Zukunft unserer Städte auswirken.

9
Keim, K.D. (Hrsg.) Regenerierung schrumpfender Städte – zur Umbaudebatte in Ostdeutschland. Institut für
Regionalentwicklung und Strukturplanung, RegioTransfer 1,
10
Bucher, Hansjörg, Kommentar zum ROB 2002, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, Bonn.

4
Warum „Wachstum der schrumpfenden Stadt“ ?

Was auf den ersten Blick widersprüchlich oder gar absurd erklingen mag, wird schnell deutlich,
betrachtet man die bislang in der Stadtpolitik beschrittenen Wege.
Von Sigmund Freud stammt folgende treffende Einsicht: „Es gibt zu jedem komplexen Problem eine
einfache Lösung – aber diese ist gewöhnlich falsch.“ 11

Die bislang vorherrschende Reaktion auf Abwanderung von Betrieben, Dienstleistern und ganzer
Bevölkerungsschichten (junge Familien, „Besserverdienende“, Hochqualifizierte etc.) ist die
Ausweisung neuer Industrie-, Gewerbe- und Wohngebiete.
So hofft man, durch neue, „attraktivere“ Wohngebiete, besser angebundenen Industrie- und
Gewerbegebieten mit neuer Infrastruktur einer Entwicklung Herr zu werden, ohne deren Ursachen zur
Gänze untersucht und verstanden zu haben. Letztendlich beschränkt sich die Planung in vielen
Kommunen und Städten auf Kosmetik der vorhandenen Probleme und ihrer Folgen. Die Ergebnisse
sind vielerorts zu sehen: Zersiedelte Stadtränder, kaum genutzte Industrie- und Gewerbegebiete, die
gerade ausgewiesen schon den Charakter von Industriebrachen besitzen, Leerstand an Wohn- und
Gewerbegebiete im Kernstadtbereich, soziale Probleme durch die Folgen des „Filterings“ (Zuzug
sozial schwächerer Schichten – „Verslumung“), Schwund der Kaufkraft mit weiterem Verlust an
Gewerbe- und Handwerksbetrieben, - ein Abwärtstrend, der sich selbst beschleunigt und daher nur
schwer zu stoppen oder gar umzukehren ist. Die Schrumpfung als Teufelskreis ist der Worst Case
einer jeden Kommunalpolitik.

2.1 Strategie der Mitbestimmung – Demokratie von unten

So vielseitig die Probleme sind, so vielseitig sind auch die Ansätze und Strategien, dem Negativ-
Trend der Städte entgegen zu wirken.
Doch zeigen leider die Ergebnisse vieler durchgeführter Architektenwettbewerbe, dass noch immer
der punktuelle Eingriff, die Durchführung plakativer, öffentlichkeitswirksamer Einzelprojekte die
Normalität sind, Kosmetik statt Nachhaltigkeit.

„Nachhaltigkeit“ war anfangs ein Kampfbegriff, der bei den Protagonisten Begeisterungsstürme und
bei den Kritisierten Schrecken auslöste. Aus der Rhetorik ist bekannt, dass die einfachste Art, einen
Kampfbegriff zu bekämpfen darin besteht, in zum Allgemeinplatz zu machen. Und plötzlich ist jeder für
Nachhaltigkeit und alles ist nachhaltig: Das Ökonomische, das Ökologische, das Soziale und das
Kulturelle.

Wer Nachhaltigkeit wieder mit gesellschaftlichem Anspruch, mit Emotionen und mit Aktionen aufladen
will, der muss den Begriff auf den „ökologischen Kern“ zurückführen und gleichzeitig Instrumente
benennen, die nachhaltige Entwicklung vorantreiben, Strategien und Maßnahmen also, die
gesellschaftliche Konflikte in sich tragen. Denn eine harmonistische Nachhaltigkeitspolitik gibt es nicht.
In diesem Beitrag ist daher vom „ökologischen Kern“ der Nachhaltigkeitsforderung die Rede: Das ist
der Übergang zur Kreislaufwirtschaft.12

Angesichts der Komplexität der Problemlagen in den Städten erfordern zukunftsfähige


Problemlösungen jedoch ein "neues Denken". Daher sind nur jene Lösungsansätze Erfolg
versprechend, welche die Stadt nicht mehr nur als Ansammlung und Summe ihrer einzelnen
Funktionen, Gebäude und Menschen betrachten, sondern sie als ein dynamisches System in einem
übergeordnetem Netzwerk verstehen.

Angesichts leerer Kassen und steigender Ausgaben der Kommunen im Sozialen Sektor
(Arbeitslosengeld (HARZ IV), Sozialhilfe) sind Ideen gefragt, welche ohne großem finanziellen
Aufwand, unter Nutzung vorhandener Ressourcen und unter Berücksichtigung lokaler Besonderheiten
in relativ kurzer Zeit für alle sichtbare und spürbare Verbesserungen hervorbringen können.

11
Jones, Ernest. 1962. Das Leben und Werk von Sigmund Freud. Bd. 3: Die letzte Phase 1919-1939. Bern /
Stuttgart: Hans Huber 1962
12
Ganser, Karl . "Mit weniger auskommen - aus der Vergangenheit lernen?" in "Städte im Umbruch"
http://www.thilolang.de/projekte/sdz/magazin/0402/9ganser.htm

5
Als Ende der 1970er Jahre die Philosophie eine „Krise in der Welt des modernen Denkens“,
hervorgerufen durch die Erkenntnis, dass die Steuerbarkeit der Welt doch nicht so hoch wie
angenommen war, deklarierte, beschäftigten sich u.a. der Philosoph Jürgen Habermas mit dem
Einfluss der Macht in der Planung. So stellt Habermas seine „Theorie des kommunikativen
Handelns“13 auf. Darin schlägt er vor, „die Wahrheit nicht mehr objektiv zu betrachten, sondern
intersubjektiv. Die Wahrheit sei dabei das Ergebnis eines machtfreien Dialoges, wobei nur dem
Zwang des besseren Arguments gefolgt werden müsse, - der Wandel von der technischen
Rationalität hin zur kommunikativen Realität. Diesem Aufruf folgend unternahm man in den 1970er
Jahren die ersten ernstzunehmenden Versuche einer Einbindung breiter Bevölkerungsschichten in
Planungsprozesse.

2.2 Die „Planungszelle“ oder das „Bürgergutachten“

Der Wuppertaler Soziologieprofessor Peter C. Dienel entwickelte in den 1980er Jahren das Modell
der Planungszellen (auch bekannt unter dem Namen „Bürgergutachten“). Es setzte auf eine möglichst
repräsentative Beteiligung aller Bevölkerungsschichten.

So besteht eine Planungszelle aus ca. 25 im Zufallsverfahren ausgewählten Bürgerinnen und


Bürgern, die für ca. eine Woche von ihren arbeitsalltäglichen Verpflichtungen freigestellt werden, um
in Gruppen Lösungsvorschläge für ein vorgegebenes Planungsproblem zu erarbeiten. Die so
erarbeiteten Ergebnisse ihrer Beratungen werden anschließend in einem sog. „Bürgergutachten“
zusammengefasst und den politischen Entscheidungsinstanzen als Beratungsunterlage zur Verfügung
gestellt. Um repräsentativere Ergebnisse zu erzielen, arbeiten i.d.R. immer mehrere Planungszellen
parallel am gleichen Thema.
Unterstützt werden die im Zufallsverfahren ausgewählten Bürgerinnen und Bürger von einer
kompetenten Prozessbegleitung (Moderation). Die nötigen Informationen für die Beurteilung der
Fragestellung erhalten sie durch Befragung und Anhörung von Fachleuten und Vertreter(inne)n der
jeweils relevanten Interessengruppen. Bei ihrer Auswahl ist darauf zu achten, dass möglichst alle in
der Sache kontroversen Meinungen vertreten sind und dargestellt werden können. Bei den
anschließenden Bewertungen durch die Bürgerinnen und Bürger sind die Fachleute und
Interessenvertreter(inne)n nicht zugegen.

So kann die angemessene Dimensionierung und Konkretheit der Aufgabenstellung eine hohe
Kompetenz und Informiertheit der Mitwirkenden gewährleisten. Um zu verhindern, dass
Meinungsführerschaften entstehen, sollte die Planungszelle immer wieder in wechselnde
Kleingruppen (z.B. 5 Gruppen à 5 Personen) unterteilt werden.

Basisdemokratische Ideen und Bewegungen fielen gerade in den 1970er Jahren unter den
Eindrücken der 68er Bewegung auf fruchtbaren Boden. Es ist jedoch kritisch zu überprüfen, ob der
doch relativ hohe Aufwand zur Bildung von Planungsgruppen dem Ziel gerecht wird.
Das Verfahren wurde in den letzten Jahren sowohl auf kommunaler als auch auf überregionaler
Ebene zu höchst unterschiedlichen thematischen Fragestellungen erfolgreich angewandt. So
unternahm u.a. die Stadt Hannover den Versuch, durch Planungsgruppen eine Verbesserung der
Effektivität ihres ÖPNV´s zu erreichen. 1994 führte die Stadt Buxdehude ein Bürgergutachten mit dem
Schwerpunkt „zusammenleben mit Ausländern“ durch. Basierend auf den ausgearbeiteten
Ergebnissen erhielten die politischen Entscheidungsinstanzen und Auftraggebern wertvolle
Empfehlungen und Hinweise.

Das Verfahren ist prinzipiell auf allen Entscheidungsebenen einsetzbar. Wegen der mit seiner
Durchführung verbundenen relativ hohen organisatorischen und finanziellen Kosten (Freistellung der
berufstätigen Beteiligten; Unterbringung für mehrere Tage in Hotels, Fachtagungen etc.) wird der
Einsatz von Planungszellen gleichwohl auch in Zukunft eher auf größere Projekte bzw.
Entscheidungsfragen beschränkt bleiben. 14

13
Habermas, Jürgen (1981) – Theorie des kommunikativen Handelns, Frankfurt/Main
14
weitere Informationen: http://www.wegweiser-buergergesellschaft.de/politische_teilhabe/modelle_methoden/
beispiele/ planungszelle_buergergutachten.php und

6
2.3 Kreative Urbanität "Der gesamte Prozess, durch den Ideen geschaffen,
entwickelt und in Werte verwandelt werden, umfasst das,
was gemeinhin als Innovation und Unternehmergeist
bezeichnet wird... Er schließt sowohl die Kunst, neue Ideen
hervorzubringen ein, als auch die Disziplin, diese Ideen bis
zum Stadium realisierter Werte zu entwickeln und zu
gestalten."

(Kao 1996: Jamming: The Art and Discipline of Business


Creativity)

Steht bei der Planungszelle und dem Bürgergutachten die Beteiligung der Bürger an planerischen
Aufgaben im Vordergrund und soll damit einhergehend eine Einbindung und Identifizierung des
Einzelnen mit seiner Stadt protegiert werden, so versucht ein anderes Modell die Beteiligung und
Förderung aller Bürger über das Stadium des Planes hinaus zu verwirklichen.
Unter dem Motto „The Cycle of Creativity“ (Der Kreislauf städtischer Kreativität) haben u.a. die
Engländer Phil Wood und Charles Landry bemerkenswerte Erfolge in englischen Kleinstädten und
Mittelzentren erzielen können. Exemplarisch wird im Folgenden auf die Industriestadt Huddersfield
eingegangen werden.

Kreatives Handeln in der Stadtentwicklung soll verstanden werden als intendierte Veränderung nicht
mehr adäquater Handlungsmuster in unterschiedlichen kommunalen Handlungsfeldern.
Es bedeutet die Favorisierung integrierter und grenzüberschreitender Handlungsansätze15.
Dies geschieht im Sinne einer „Kultivierung des Experiments“.
Dies erfordert Mut zum kalkulierbaren Risiko und einem verantwortungsvollen Umgang mit
offenen, vielleicht überraschenden Ergebnissen. Der in diesem Zusammenhang des Öfteren erwähnte
Begriff des „ergebnisoffenen Dialogs“ ist aber meines Erachtens als subtile Selbsttäuschung
abzulehnen. Ist doch das Mindeste, was man von Diskussionen und Verhandlungen erwarten kann,
dass sie „ergebnisoffen“ sind, - mit vorher festgelegtem Ausgang wären sie nur reine
Zeitverschwendung – Farce oder Diktat!

Der Begriff Kreativität darf in diesem Zusammenhang nicht als individuelle Fähigkeit oder
Charakterzug missverstanden werden.
„Städtische Kreativität“ steht für ein Arbeitsprinzip, welches interaktiv angelegt ist und in diesem
Zusammenhang das Vermögen bezeichnet, welches im Verlauf längerfristiger Austausch- und
Austragungsprozesse heranwächst und ein unkonventionelles Agieren erlaubt. Sie bedeutet noch
nicht Problemlösung, aber sie liefert ein Ideenspektrum, welches eine gute Grundlage für eine
strategische Planung darstellt (Kreatives Kapital).
Der Kreislauf urbaner Kreativität ist sowohl ein theoretisches Konzept als auch ein dynamisches
Instrument zur Schaffung einer Form von erneuerbarer urbaner Energie, mit der eine Stadt
angetrieben wird.16

2.3.1 Schaffung eines „Kreativen Milieus“

Voraussetzung für die Freilegung des oft im Verborgenen liegenden kreativen Potenzials der
Bevölkerung ist die Schaffung eines „kreativen Milieus“. Landry und Wood sehen als Prämisse dafür
die Erweiterung der Städtischen Kommunikation über die normalen Grenzen hinaus. Kooperation
durch Zusammenführen von und Zusammenarbeit mit Akteuren aus dem öffentlichen, privaten und
freiwilligen Sektor erweitert das Handlungsspektrum in den privaten und privatwirtschaftlichen Bereich,
- eine erweiterte Definition von ppp (public private partnership).

http://www.wegweiser-buergergesellschaft.de/politische_teilhabe/modelle_methoden/beispiele/Reinert.pdf
15
http://www.schader-stiftung.de/wohn_wandel/553.php
16
Wood, Phil ,The Cycle of Urban Creativity

7
Die so entstehenden Akteurskonstellationen zeichnen sich durch die Verschiedenartigkeit ihrer
Konstituierung und Positionierung auf den Entscheidungsebenen aus und ermöglichen den Austausch
über die eigenen fachlichen Grenzen hinaus (Überwindung der „Binnensicht“).17

Das Potenzial „urbaner Kreativität“ kann für die Entwicklung einer Stadt nutzbar gemacht werden, es
kann aber auch vergeudet werden, wen es nicht auf intelligente Art und weise strategisch gesteuert
wird. Das Konzept erkennt an, dass Kreativität in vielen verschiedenen Formen, mit Hilfe
verschiedener Mittel und in unterschiedlichen Phasen eines Entwicklungsprozesses zutage treten
kann und dass sie auf viele Arten und durch viele verschiedene Handelnde ihren Ausdruck finden
kann….Kreativität ist eine Naturkraft.18

Der von Charles Landry entwickelte „Kreislauf der Kreativität“ unterteilt sich in fünf Phasen:

1. Fähigkeiten stärken, Ideen hervorbringen


2. Ideen verwirklichen
3. Netzwerke aufbauen, Ideen verbreiten
4. Plattform zur Herstellung und Vermarktung schaffen
5. Publikum gewinnen, Märkte erschließen

2.3.3 Fähigkeiten stärken, Ideen hervorbringen

Voraussetzung für die Freisetzung urbaner Kreativität ist wie im Text schon beschrieben die Schaffung
eines „kreativen Milieus“. Hierfür stellen sich die Fragen: Wie entstehen neue Ideen, innovative
Geschäftsmodelle, neuartige und zukunftsfähige Dienstleistungen, künstlerische Schöpfungen und
Erfindengen? Sind in der Stadt genügend Menschen, die bereit sind in neuen Bahnen zu denken und
nimmt jemand Notiz von ihnen?
Welche Möglichkeiten bestehen, mehr Menschen dazu anzuregen, öfter und mehr Ideen zu haben?
Nicht nur Architekten, Stadtplaner und Künstler sind kreativ, auch Eva Mustermann und Otto
Normalverbraucher!
Eine Umwandlung der herkömmlichen und kaum hinterfragten Denkweise und Orientierung auf
Produktivität und Effektivität hin zu Werten der Selbstverwirklichung und des eigenen Ausdrucks
(nicht nur in Männergesangs- und Kaninchenzüchtervereinen) hilft bei der Identifizierung mit dem
eigenen städtischen Lebensraum und fördert somit die Bereitschaft, aktiv zu werden.
So sollte die Frage gestellt werden: Warum ist meine Stadt so, wie sie ist? Kann sie anders sein?
Warum ist mein Leben so, wie es ist? Kann es nicht auch anders sein?
Als Instrumentarium, ein solches Umdenken an zu stoßen, können u.a. mit diesem Ziel organisierte
Veranstaltungen, Ausstellungen, Debatten und Vorträge sein.
(„Forum der Kreativität“; „creative lab“, Trainingsprozesse zur Horizonterweiterung, Kreativitäts-
Workshops, Theatergruppen, Ausflüge, etc.)

2.3.4 Ideen verwirklichen

Kreative Ideen sind eine feine Sache, aber seine Rechnungen konnte noch niemand damit bezahlen.
Wie gelingt es also, die Voraussetzung dafür zu schaffen, dass immer mehr Menschen die Möglichkeit
geboten bekommen, ihre Ideen auszutesten und in Form neuer Unternehmen, Produkte oder
Dienstleistungen in der Praxis zu erproben und umzusetzen?
Was kann an Unterstützung und Ermutigung von der Stadt geleistet werden?
Welche Form hat diese Unterstützung? Geld, Ratschläge, Ausrüstung, Räume?
(Zusammenführung von Menschen mit Ideen, Menschen mit Erfahrung („business angels“ und
Menschen mit Geld, Gewährung von Stipendien und kleinen Krediten; kostenfreie Nutzung von
Büroräumen (eventuell aus Überkapazitäten der Stadtverwaltung?), „Unternehmerprogramm“ an den

17
nach: Frohm-Eisebith, 1995
18
Wood, Phil, The Cycle of Urban Creativity S.32

8
ortsansässigen Schulen (lernen, wie man ein Unternehmen führt, ohne finanzielle Risiken auf sich zu
nehmen?).

2.3.5 Netzwerke aufbauen, Ideen verbreiten

Synergieeffekte schaffen durch Vernetzung, also aus einer Menge Mensche, die ihre Ideen
verwirklichen eine große Menge Mensche, die ihre Ideen verwirklichen machen.
Teilung der Kreativität, Ressourcen, und Potenziale nach dem Motto: Das Ganze ist größer als die
Summer seiner Teile. Es reicht nicht, einfach nur kreativ zu sein, sondern es gilt sich am Aufbau eines
„kreativen Gemeinwesens“ zu beteiligen.
So banal es klingen mag: Wissen ist Macht. Daher muss man wissen, wer was tut und in welchem
Umfang. So kann z.B. mit der Durchführung von Audits und der Erstellung einer jährlichen Übersicht
eine Erfolgskontrolle („Monitoring und Controlling““) handhabbar gemacht werden. Hilfreich sind diese
Statistiken auch in Sachen Eigenwerbung: Wie viele Arbeitsplätze haben die neuen Unternehmen in
unserer Stadt bislang schaffen können? Wie viel Umsatz und Gewinn erwirtschaften sie?). Parallel
einhergehend dazu muss der Aufbau einer Kontaktdatenbank und die Durchführung von „Netzwerk-
Meetings“ im Sinne von „Unternehmer treffen Gleichgesinnte“ sein.

2.3.6 Plattform zur Herstellung schaffen

Es kommt der Zeitpunkt, an dem die sich beteiligenden, kreativen Menschen und Organisationen Orte
brauchen, an denen sie ihre Produkte, Dienstleistungen oder Kunstwerke erstellen können.
Dazu gehören die gesamte materielle und virtuelle Infrastruktur sowie Geschäftsräume, Werkstätten;
Studios, Ateliers oder Webseiten. Diese müssen über die nötigen Eigenschaften und Merkmale
verfügen und zu einem fairen Preis zur Verfügung stehen.
Fakt ist, dass in jeder Stadt eine „kreative Wirtschaft “existiert, sie wird meist nur nicht
wahrgenommen, da sie unsichtbar ist. Also ist es wichtig, diese sichtbar zu machen durch die
Schaffung eines kraftvollen Symbols der wirtschaftlichen Wirksamkeit von Kreativität.
Mit der Suche nach einem geeigneten leerstehenden, möglichst zentrumsnahen Fabrik- oder
Bürogebäudes kann ein Symbol als Markenzeichen der Stadt und Region geschaffen werden.

Landry schlug in Huddersfield als äußeres Anzeichen des „Erwachens“ die Gründung eines „Media
Centre“ in einer leerstehenden Weberei mit Verwaltungstrakt vor. Dieses beherbergt mittlerweile auf
10.000 m² Bürofläche und künstlerischen Studios, einer Galerie, einem Café sowie mehreren
Produktionsstätten über 60 Firmen mit über 500 Arbeitern und Studenten! Über 95% des Gebäudes
sind permanent belegt und arbeiten nunmehr ohne finanzielle Unterstützung.19

2.3.7 Publikum gewinnen, Märkte erschließen

Ideen, Produkte, Dienstleistungen und Erfahrungen haben letztendlich keinen Wert, wenn sie nicht
irgendwer irgendwo benutzen oder kaufen will.
So sind die Fragen zu klären: Verfügt die Stadt über Möglichkeiten, ihre Ideen und Produkte in einer
Form zu präsentieren, die andere Leute anzieht? Kann sie das Publikum und den Markt auf einem
akzeptablen Niveau versorgen (Gastronomie; Hotels)?
Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, besteht die Gefahr, dass alles letztendlich ein abstraktes
Modell bleiben und die im Sande verlaufen wird.
Von großer Wichtigkeit sind Investitionen in Produkt- und Stadtmarketing, Websites, Publikationen,
Ausstellungen und Vorträgen, Besuche von Handelsmessen und Exportmissionen, eventuell auch die
Gründung einer neuen Organisation (in Huddersfield „Creative Industries Development Agency“), die
auf eigene Rechnung arbeit und ihre Dienstleistungen mittlerweile auch überregional anbieten kann.

19
http://huddersfieldpride.com/archive/cti/cycle.htm

9
2.3.8 Schaffung des Kreislaufs der Kreativität

Erst durch Kopplung und Schließung der einzelnen Schritte zu einem geschlossenen System kann
man eine Dynamik in Gang setzen, die nicht nur die vorhergegangenen Schritte belohnt, sondern
darüber hinaus ein weiter wachsendes Ideenpotenzial freilegt und einbindet.
„Vor allem in Städten, in denen Kreativität bisher kaum eine Tradition hatte, und in denen
wirtschaftliche Unsicherheit oder Angst vor zukünftigen Veränderungen herrscht, werden sich viele
Menschen zunächst einmal gegen eine Teilnahme an einem Kreislauf der Kreativität sträuben, ehe sie
nicht gesehen haben, wie es andere vor ihnen tun. Und so bringt Kreativität neue Kreativität hervor,
indem immer neue Kreisläufe in Gang gesetzt und immer mehr Menschen und Ressourcen
einbezogen werden, die bis dahin blockiert waren und der Stadt nicht zur Verfügung standen. Dies
eröffnet uns die Möglichkeit, Kreativität als nachhaltige Ressource zu begreifen.“20

Nur das Zusammenspiel aller Punkte führt zum Erfolg. Oft sieht man, dass Städte in ein, zwei Punkten
hervorragendes Leisten, etwa in der Bereitstellung von Werkstätten, Studios, Geschäftszentren oder
Kulturhäusern. Kommunalpolitiker lieben solche weithin sichtbaren, prestigeträchtigen Projekte
natürlich sehr, denn sie vermitteln den äußeren Eindruck, dass etwas im Gange sei.
Ohne der Schaffung und Pflege eines „kreativen Milieus“ werden diese Einrichtungen nur
unzureichend genutzt werden. Genauso wenig effektiv ist es, wenn eine Stadt zwar über interessante
Bars und Cafés sowie ausreichend Forschungseinrichtungen verfügt, in denen Menschen eine Menge
neuer Ideen hervorbringen, jedoch nicht in der Lage ist, die Ideen in Produkte zu transformieren, zu
vermarkten und zu verkaufen. Durch diesen Mangel wird sie nicht in der Lage sein, die Tätigkeit der
kreativen Menschen zu belohnen und der gerade losgetretene Prozess ist zum Scheitern verurteilt,
schlimmer noch: die kreativen Menschen können in anderen Städten und Gemeinden möglicherweise
den Ort der Verwirklichung ihrer Ideen sehn und wegziehen.

Fragen: Gibt es in unsrer Stadt schon einen Kreislauf der Kreativität?


In welchen Phasen des Kreislaufes sind wir erfolgreich, wo liegen unsere
Schwächen?
Verleitet uns unsere Konzentration auf einen dieser Aspekte des kreativen Prozesses
dazu, andere zu übersehen?

Die Fähigkeit
stärken, Ideen
Ideen hervor verwirklichen
zu bringen

Publikum Netzwerke
gewinnen, aufbauen,
Märkte Ideen
erschließen verbreiten

Plattform zur
Herstellung

20
Wood, Phil – The Cycle of Urban Creativity

10
3.1 Fazit: Vom Anstoß zur selbstragenden Entwicklung

Globalisierung und Deindustrialisierung, verändertes sozio-kulturelles Verhalten, Geburtenrückgang


und die drohende Überalterung unserer Gesellschaft haben in den städtischen Ökonomien tiefe
Spuren hinterlassen. Zu sehen ist dies nicht nur an den Industriebrachen und leerstehenden
Bürotürmen. Ganze Städte mit ehemals prosperierenden Industrien sind mittlerweile von
Schrumpfungsprozessen erfasst. So belegen Städte wie Kassel oder Magdeburg heute Spitzenplätze
in den Arbeitslosen- und Sozialhilfestatistiken.

Betrachtet man Stadtplanung als mehr als nur das erstellen von Masterplänen und der Ausweisung
von Bauflächen, sondern sieht auch die soziale Verantwortung, so drängt sich die Frage von selbst
auf: Wie gelingt es, Prozesse in Gang zu bringen, die die nicht üblicherweise an politischen
Entscheidungen beteiligten Bevölkerungsschichten mit einbinden? Wie kann der Verteilungskonflikt,
auf der einen Seite die Förderung der sozial Schwachen versus dem strukturpolitischen Ziel, die
Kommune für die Leistungsträger attraktiv zu machen, entschärft werden?

Die Möglichkeit der Mitbestimmung und Mitgestaltung, die Hoffnung auf eine wirtschaftliche und
soziale Zukunft vor Ort bindet Bevölkerungsschichten und schafft Identitifikation mit der eigenen Stadt.
Diese ist Voraussetzung für ein dauerhaftes Angagement.
Viele Projekte, die z.B. aus Planungszelle oder aus den Workshops des „Kreativitäts-Kreislaufes“
entstehen, sind als „Demokratieexperimente im Kleinen“ zu bezeichnen. Sie sind, auch im Gegensatz zu
vorhandenen gesellschaftlichen Strömungen, Träger kollektiver Bedürfnisse und nachhaltiger Strategien
und kompensieren vielleicht ein bisschen das Vakuum, welches durch den Rückzug des Staates aus vielen
Bereichen des öffentlichen Leben geschaffen wurde.

Das Streben nach Wohlstand und der Wunsch, diesen in einer angenehmen Umgebung geniessen zu
können, sind die Triebkräfte des Marktes. Für seine Bemühungen möchte der Mensch belohnt werden.
Wohlstandsdenken und Versorgungsmentalität werden in Zukunft neu durchdacht werden müssen. Um so
wichtiger wird die aktive Teilhabe des Einzenlnen an politische Entscheidungen auf regionaler Ebene.

Die beiden oben vorgestellten Strategien zur „Mobilisierung der Kompetenz von Laien“ stellen nur eine
kleine Auswahl der verschiedenen Verfahren dar.
Soll die „Planungszelle“ grundlegende politische Beteiligung an Entscheidungsprozessen
ermöglichen, geht die Idee der „städtischen Kreativität“ noch einen Schritt weiter und verbindet mit der
Mitentscheidungsmöglichkeit die sich aus den Prozesssen selbst entwickelnde Chance der
Selbstverwirklichung, sei es als Unternehmer, als Handwerker oder Künstler.

Statt auf den Zuzug neuer Menschen und Unternehmen zu setzen, in der Hoffnung, dass diese neue
Ideen (und Kapital) mitbringen könnten, wird der Schwerpunkt auf das vorhandene, verborgene
Kapital der eigenen Bevölkerung gelegt.
Erschwert wird die Situation zwar durch die direkte Verknüpfung von wirtschaftlicher
Leistungsfähigkeit mit dem Wachstum der Bevölkerung: Ein positives Bevölkerungswachstum setzt
Wachstumsimpulse frei, eine anhaltende Bevölkerungsschrumpfung wird für sich genommen das Pro-
Kopf-Einkommen sinken lassen.21
Aber als Konsens kann gelten, dass wohl niemand in Deutschland ein Bevölkerungswachstum
anstrebt und dass selbst ein moderater Bevölkerungsrückgang im Sinne einer verantworteten und
„umplanten“ Bevölkerungsschrumpfung hinnehmbar wäre.

Hinzuzufügen ist noch, dass fast alle Methoden zur Bürgerbeiteiligung an Planungsprozessen (so
auch die hier nicht vorgestellte „Synoikos-Methode)“ von Sizialwissenschaftlern entwickelt wurden.
Verständlich, da die Erschließung neuer Betätigungsfelder einen ebenso positiven Effekt darstellt. Für
den Berufsstand der Planer und Architekten hingegen würde dies die Abgabe von Kompetenzen
bedeuten. Der Weg liegt wie so oft irgendwo in der Mitte und sollte als integraler Planungsansatz
zwischen Soziologen, Politologen und Planern weiter gegangen werden.

21
Forschungsinstitut für Sozialpolitik der Universität zu Köln,

11
1.1 Einleitung
1.2 Gründe und Ursachen des Phänomens „Schrumpfung“
1.3 Warum „Wachstum der schrumpfenden Stadt“ ?

2.1 Strategie der Mitbestimmung – Demokratie von unten


2.2 Die „Planungszelle“ oder das „Bürgergutachten“
2.3 Kreative Urbanität
2.3.1 Das „Kreative Milieus“
2.3.2 Kreislauf der Kreativität
2.3.3 Fähigkeiten stärken, Ideen hervorbringen
2.3.4 Ideen verwirklichen
2.3.5 Netzwerke aufbauen, Ideen verbreiten
2.3.6 Plattform zur Herstellung schaffen
2.3.7 Publikum gewinnen, Märkte erschließen
2.3.8 Schaffung des Kreislaufs der Kreativität

3.1 Fazit: Vom Anstoß zur selbstragenden Entwicklung

12