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ALEXANDER ZIEM, UNIVERSITY DÜSSELDORF

Möglichkeiten und Grenzen linguistischer, kognitions- und


medientheoretischer Frame-Analysen

Der Frame-Begriff hat seit den 1970er Jahren eine erstaunliche wissenschaftliche Karriere
gemacht: In verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und Forschungszusammenhängen hat er
sich inzwischen als zentrales Konzept etabliert. Ungeachtet der inhaltlichen Differenzen be-
steht der kleinste gemeinsame Nenner in der Annahme, dass (a) Zeichen semantisch radikal
unterspezifiziert sind, (b) Bedeutungsaktualisierungen hochgradig kontext- bzw. gebrauchs-
abhängigen Bedingungen unterliegen und (c) Bedeutungen deshalb Produkte kognitiv-
konstruktiver Inferenzprozesse sind. Weil Zeichenkörper hiernach kein Wissen konservieren,
sondern bei SprachbenutzerInnen vielmehr Wissen evozieren, rücken zunehmend semanti-
sche Repräsentationsprozesse und -formate in den Mittelpunkt von Bedeutungstheorien. In
allen Ansätzen gelten Frames dabei als zentrales kognitives und/oder analytisches Format.
Unübersehbar ist allerdings, dass Frame auch ein hochgradig polysemer Terminus ist, der in
unterschiedlichen Forschungszusammenhängen sehr unterschiedlich verwendet wird. Ent-
sprechend stark variiert auch der mögliche Einsatz von Frames als Instrument zur empiri-
schen Analyse von (gesellschaftlichem, kulturellem, massenmedial vermitteltem) Wissen.
Dem Diktum von Charles Fillmore folgend, dass Frames sowohl semantische Repräsentati-
onsformate als auch epistemologische Untersuchungsinstrumente sind, sollen im ersten Teil
des Vortrages zunächst die wichtigsten Frame-Konzepte vorgestellt und hinsichtlich ihrer
analytisch-empirischen Leistungskraft kritisch miteinander verglichen werden. Fünf relevan-
te Ansätze stehen dabei im Zentrum der Betrachtungen:
(a) Fillmores linguistische Frame-Theorie, die in drei durchaus unterschiedliche „Pha-
sen“ zu unterteilen ist, nämlich der Kasusrahmentheorie (Fillmore 1968), der Szenen-
und-Frames-Semantik (1977) und dem korpuslinguistischen FrameNet-Projekt (Fill-
more et. al 2002);
(b) Minskys einflussreiche Frame-Konzeption, die im Rahmen der Künstlichen Intelli-
genz-Forschung entwickelt wurde (Minsky 1975);
(c) Barsalous kognitionswissenschaftliches Modell, das inzwischen auch in der Sprach-
wissenschaft aufgegriffen und weiterentwickelt wurde (Barsalou 1993, Löbner 2005);
(d) Konerdings an Matrixframes orientierter Ansatz, der in zahlreichen linguistischen
Korpusstudien Anwendung gefunden hat (etwa Fraas 1996, Lönneker 2003,
Klein/Meißner , Ziem 2008);
(e) die Framing-Theorie, die sich in den letzten Jahren im medienwissenschaftlichen
Kontext zunehmend etabliert (Matthes 2007, Scheufele 2003).
Ausgehend von den Ergebnissen des Vergleichs stehen im zweiten Teil des Vortrages prakti-
sche Fragen im Vordergrund: Was können Frames bei der Analyse gesellschaftlichen Wissens
leisten? Inwiefern ist es möglich, Frames zur systematischen Annotation und Auswertung
großer Korpora nutzbar zu machen? Welche Probleme treten dabei auf? Eine zu prüfende
These wird sein, dass es mithilfe des „bottom-up“ Verfahrens, das für das FrameNet sowie für
Barsalous Ansatz kennzeichnend ist, nur schwer möglich ist, diskursanalytische Untersu-
chungen durchzuführen. Genauso wenig scheinen der Framing-Ansatz und Minskys Modell
ein korpuslinguistisch operationalisierbares Analyseraster anzubieten. Konerdings Matrixfra-
mes stellen dagegen zwar ein brauchbares Analyseinstrument bereit, jedoch ergeben sich hier
fundamentale Probleme bei der Datenannotation. In dem Vortrag sollen die Probleme – an
Beispielen illustriert – vorgestellt und erste Lösungsvorschläge unterbreitet werden.

Literatur:
Barsalou, Lawrence (1992): Frames, Concepts, and Conceptual Fields. In: Lehrer, Adrienne/Kittay, Eva Feder
(Hrsg.): Frames, fields and contrasts. New Essays in Semantics and Lexical Organisation. Hillsdale: Erl-
baum, S. 21-74.
Fillmore, Charles J. (1968): The Case for Case. In: Bach, Emmon/Harms, Robert T. (Hrsg.): Universals in Lin-
guistic Theory. New York: Holt, Rinehart and Winston, S. 1-88.
Fillmore, Charles J. (1977): Scenes-and-frames semantics. In: Zampolli, Antonio (Hrsg.): Linguistic Structures
Processing. Vol. 5. Amsterdam/New York/Oxford: North Holland, S. 55-81.
Fillmore, Charles J./Atkins, Sue (1994): Starting where the dictionaries stop: The challenge for computational
lexicography In: Atkins, Sue/Zampolli, Antonio (Hrsg.): Computational Approaches to the Lexicon. Oxford:
Oxford University Press, S. 349-393.
Fraas, Claudia (1996): Gebrauchswandel und Bedeutungsvarianz in Textnetzen. Die Konzepte „Identität“ und
„Deutsche“ im Diskurs zur deutschen Einheit. Tübingen: Narr.
Konerding, Klaus-Peter (1993): Frames und lexikalisches Bedeutungswissen. Untersuchungen zur linguistischen
Grundlegung einer Frametheorie und zu ihrer Anwendung in der Lexikographie. Tübingen: Niemeyer.
Klein, Josef/Meißner, Iris (1999): Wirtschaft im Kopf. Begriffskompetenz und Einstellungen junger Erwachse-
ner bei Wirtschaftsthemen im Medienkontext. Frankfurt a.M.: Lang.
Löbner, Sebastian (2005): Funktionalbegriffe und Frames – Interdisziplinäre Grundlagenforschung zu Sprache,
Kognition und Wissenschaft. In: Labisch, Alfons (Hrsg.): Jahrbuch der Heinrich-Heine-Universität Düssel-
dorf 2004. Düsseldorf: Heinrich-Heine-Universität, S. 463-477.
Lönneker, Birte (2003): Konzeptframes und Relationen. Extraktion, Annotation und Analyse französischer Cor-
pora aus dem World Wide Web. Berlin: Aka.
Matthes, Jörg (2007): Framing-Effekte. Zum Einfluss der Politikberichterstattung auf die Einstellungen der Re-
zipienten. München: Verlag Reinhard Fischer.
Minsky, Marvin (1975): A Framework for Representing Knowledge. In: Winston, Patrick H. (Hrsg.): The Psy-
chology of Computer Vision. New York: McGraw-Hill, S. 211-277.
Scheufele, Bertram (2003): Frames - Framing - Framing-Effekte. Theoretische und methodische Grundlegung
sowie empirische Befunde zur Nachrichtenproduktion. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.
Ziem, Alexander (2008): Frames und sprachliches Wissen. Kognitive Aspekte der semantischen Kompetenz.
Berlin/New York: de Gruyter.