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L 0 G 0 -K U N 5 T

C*i 9 M )
Eine k û n ftig e Méthode d e r B iîd b e tra c h tu n g
P e t e r W eib el J Y 'Z ^ ^

D ie S tim m e n d e r V e r n u n f t u n d d ë r F r e i h e it
s p r e c h e n in d e r h e u tig e n G e s e lls c h a ft lip p e n -
s y n c h r o n zu m P ia y b a c k . Z w e iw e r tig e M o d e lle
f ü r d ie B e t r a c h t u n g v o n K u n s tw e r k e n ( w a h r
u n d fa is c h , S c h e in u n d S e in ) h a b e h in s o fe r n
n u r m e h r e in e e in g e s c h r ô n k t e G ü it ig k e it .D e n n
im S p ie g e l e i n e r b in à r e n O p p o s itio n lô s t s ic h
d e r S ig n i f i k a n t so w e it vom S ig n i f i k a t , da!3
e r s ic h a u f d em G e g e n te i! n ie d e r lâ B t . In d e r
c o r p o r a t e s o c ie t y , wo F ir m e n z e ic h e n (L o g o s )
d ie r e lig iô s e n Ik o n e n e r s e t z e n , s p r i c h t d e r
S ig n i f i k a n t vom g e g e n te ilig e n S ig n i f i k a t . D e r
S ig n i f i k a n t k l i n g e i t b e im N a c h b a r n . D ie lo g o -
t h e tis c h e M é t h o d e , d ie e r s tm a is v o r g e s t e llt
w i r d , g e h t d a v o n a u s , d aB d u r c h d ie s e K r e u -
z u n g d e r S ig n if ik a n t e n d ie W e lt n u r m e h r
d u rc h ih r e B ild e r , u n d n ic h t u m g e k e h rt, e n t -
z i f f e r b a r is t .

V e re h rte Damen und H e rre n ,


ich môchte heute aïs W ortm aler, L a u td ic h te r und B ildrednei:
zu Ihnen sprechen von e in er R eise, die noch n ich t zu Ende
is t, von e in er Reise in th e b e lly o f th e b ea st, in den Bauch
des B iestes, in das H erz d er F in s te rn is .
Da diese Reise noch n ic h t zu Ende is t, sind meine R eisebe-
ric h te , meine Forschungsergebnisse noch n ic h t e n d g ü ltig , we
d e r zu Ende, noch g ü ltig , w eder e n d g ü ltig in ih re r Form,
noch e n d g ü ltig in ih re n A ussagen.
ich b itte Sie d aher um Nachsicht und G ed u ld , sollte ich mich
u n v e rs tâ n d lic h oder g a r faisch a u s d rü c k e n . Denn das Gesag-
te muft n ic h t gleich faisch sein, n u r weil es faisch ausge^-
d rü c k t w ird . Ich e rin n e re Sie dah er an die Maxime: "Don’t

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b ite my f in g e r , look w here l'm p o in tin g ." W orauf ich h in w e i-
sen m ôchte, hinzuw eisen v e rs u c h e , ze ig t einen neuen Kern
d e r K ü ltu r . Einen K e rn , d e r eînem schw arzen Loch im Himmel
v e rg le ic h b a r is t, eînem ailes v ers ch lin g e n d en Loch, eînem
Q u a sa r, wo die K u ltu r im p lo d iert in einen A b g ru n d , aus dem
sie ih re S ch recken g e b ie rt.
Die Kriege und sozialen Katastrophen sind namlich nicht m erk-
w ürdige Unfalle der Zivilîsation, sondern Produkte unserer
K u ltu r selbst.
U nsere G esellsch aft hat logothetische S tr u k tu r e n . D e r Focus
d e r logothetischen S tr u k tu r d e r G esellschaft ist die K u n s t.
Das Wesen d e r logothetischen K u n st is t die K reu zu n g d e r S ig -
n ifik a n te n .
Z u e rs t ein ig e Sophism en, die d e r K reu zu n g d e r S ig n ifik a n -
ten e n ts p rin g e n :
Wenn ich zwei Schw arze seh e, weift ic h , daft ich ein Weifter
b in . K eith H a rin g ist d e r A rn o B re k e r d e r Konsum geselH
s c h a ft- Ein W erk, dessen T îte l "Schw eigen'1 is t, is t das w e-
sen tlîc h s te W erk d e r neuen M u s ik .
L au rie A n d e rs o n , eine P e rfo rm a n c e -K ü n s tle rin , macht mit
ih re r Persôn W erbung f u r eine K re d itk a rte . "B u y a P e rfo r­
mance" , sagt A nderson o d er A m erican E x p re s s ’ G erade f ü r eine
K u n s t, d ie ih re raison d ’ê tre aus dem P ro te st gegen die V e r -
k a u flic h k e it d e r K unst als Ware s ch ô p fte. Eine S c h a llp la tte ,
die " A rt o f Noise" h e iltt und w ed er K unst noch Lârm is t, son­
d ern D isco -S o u nd . D ie Lu ig i Russolos gleichnam iges M an ifest
aus 1913 e v o z ie rt, a b e r von Englands Pop-Tycoon T re v o r Horn
aus 1985 stammt.

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Eine M alerb ew eg u n g / d eren K ëu fer h auptsëchlich Y uppies
(yo u n g u rb an p rofessionals) und e rfo lg re ic h è M anager s in d ,
w ird "Neue Wilde" g e n a n n t, um deri K a u fe rn , S ig n ifik a te d e r
Neuen B ü rg e rlic h k e it, den S ig n ifik a n te n d e r W ildheit zu v e rle i-
h en . Symbole d è r U nangepaB theit f ü r eine G énération d er A n -
passung.
George Segals einbalsam ierte G ip s fig u ren zeigen die K unst aJs
Einbalsam ierung d e r W elt.
Joseph Beuys macht Reklame f ü r japanischen W h isky.
Ein chinesischer F ü h re r lëchelt mit e in er Coca Cola Dose.
Was heiBt und m eint logothetisch? K reu zu n g d e r S ig n ifik a n ­
ten? Logothetîsche V e rs ch ie b u n g d e r S ig n ifikan ten ? K o n v e r-
sion d e r S ig n ifik an ten ? Die Iogothetische A u ffassu n g von
K unst v e rs u c h t jene V o rs te llu n g von K unst zu u n te rm in ie re n ,
die in d e r K unst eine Mimesis, eine simple Im itation des Le-
ben s, eine d ire k te R e fe re n tia litë t zum Realen s ie h t.
Die iogothetische K unst v e rs u c h t g erad e zu zeig en , daB die
K unst d e r O rt d e r W ahrheit w ir d , indem sie eben n icht in
d er F u n ktio n des Realen s te h t, daB K unst n u r dann zum T o ­
pos d e r S prache w ir d , daB K unst eben n u r dan n zu uns
s p ric h t, wenn sie die W ahrheit des Realen s is tie rt, in w elcher
ja die K u n s t n u r eine R ealitat zweiten Ranges d a r s te llt, nëm-
lich die illu s io n .
Die Iogothetische K u nstau ffassu n g g eh t von d e r R ealitët des
Bildes a u s , die eine P ra k tik des Wissens und kein e T h éo rie
des Wissens is t, und aïs solche das Reale d e r Welt in eine Rea
lïtë t zweiten Ranges v e rw a n d e lt und das lü u sio nale, das U n -
ausgesprochene, das UnbewuBte des Realen z e ig t.

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Die logothetische M éthode is t eine A r t semiotische D ia le k tik .
Sie ist d ie ü b e rtra g u n g d e r A n frith e tik , des "W id erstreits
d e r dem Schein nach dogm atischen E rke n n tn is se " (K a n t)
a u f die zeitgenôssische T h é o rie d e r Zeich en. Is t d ie A n tith è ­
se d e r G eg en satz, die G e g en re d e, d e r W id e r-S p ru c h in n e r -
halb d e r B e g rifflic h k e it, in n erh a lb d e r Gesetze (N om os), ist
die A n ti-N o m ie ih re V e rs c h a rfu n g , nam lich n ic h t n u r d er
W id e r-S tre it zw eier G esetze, sondern d e r "W iderspruch d e r
V e rn u n ft mit sich selbst" ( K a n t ) . In s o fe rn b es teh t jede A n ­
tinomie aus Thesis und A n tith e s is . Das a n tith e tis c h e V e r fa h -
ren ist gemaft F ic h te dann “d ie H a n d lu n g , da man im V e r g li-
chenen das Merkm al a u fs u c h t, w orin sie e n tg eg e n g e s etzt
s in d " .D a s s y n th e tis c h e V e rfa h re n v e rs u c h t These uhd A n ti­
thèse zu v e re in e n , indem es das übereinstim m ende Merkmal,
das G leiche im E n tg eg eng esetzten s u c h t. D araus ent-stand b e -
k an n tlich d e r D re is c h ritt: T h e s is , A n tith e s is , Synthlesis» und
Hegels D ia le k tik als L eh re d e r Bewegung des D enkens von
einem B e g r iff zum a n d e rn m ittëls A u fh e b u n g d e r W id e rs p rü -
che. Den L eh ren H e ra k lits und P roklo s’ folgend k o n s titu ie rt
Hegel das d ia lek tisc h e P r in z ip . "Das d ia ie k tis c h e Moment ist
das eigene S ic h -a u fh e b e n solcher endlichen Bestimmungen
und ih r Û b erg eh en in ih re e n tg e g e n g e s e tz te n ." D e r B e g riff
sch lâg t in sein G egenteil um, g eh t mit diesem in einém hôhe-
ren B e g r iff zusammen, w odurch d e r W iderspruch - den jedes
E ndliche in sich hat und d e r es zum Umschlagen in seinen
(m eist k o n tra re n ) Gegensatz tr e ib t - d u rc h "Négation d e r Né­
g ation" aufgehoben w ir d .
In d e r L o g o th etik w ird das d ia lek tisc h e P rin zip gleichsam a u f
einen Sp ezialfall ang ew end et, denn d er B e g riff seibst ist
schon z e rfa lle n . Die ontologische D ia le k tik (N ic h ts - Sein -
W e rd e n )„ w elcher die D ia le k tik des B e g riffs fo lg t als imma­
nente Bewegung des " B e g riffs " , g eh t von e in e r E inh eit oder
U rsache a u s, aus d e r sich d e r B e g riff infolge des in ihm
steckenden Widerspruchs- e rh e b t und sich seibst a u fh e b t, um
a u f e in e r hôheren S tu fe wieder zu sich seibst z u rü c k z u k e h -
re n . 1m Zeichen g ib t es diese E inh eit n ic h t m ehr. Das Zeichen
z e rfâ llt von v o rn h e re in in S i§ n ifik a n t und S ig n ifik a t. D a rü -
b e r z e rb ric h t auch die M ô g lich k eit, die D ia le k tik des Derikens
a u f das Sein und v ice versa zu ü b e rtra g e n . Die W illk ü rlic h -
k e it d e r Zeichen d u rch s ch n e id et das Band zum S ein .
Jene Bewegung des D en ken s, die in B e g riffe n wie W ider—
s p ru c h , G eg en satz, G egenrede und in D e n k s c h rîtte n wie T h è ­
se, A ntinom ie, D ia le k tik zum A u s d ru c k kommt, b le ib t im
Reich d e r Zeichen imm anent. Die S to ik e r haben f ü r den
sprachiich geform ten G e d an k en in h ait, f ü r den B ed eu tu n g s-
g eh alt den Term in u s "Lekton" g e b ra u c h t. Da die L o g o -T h e -
t ik aïs A n tith e tik (im Sinne Fichtes) des Zeichens sich n icht
mit dem Gesetz b efa B t, mit d e r G egenrede des Gesetzes (N o -
m os), wie die A n ti-N o m ie , sondern mit d e r G egenrede und
dem Gegensatz des Wortes s eib s t, kônnte man die lo g o th e ti-
sche Méthode auch iektonisch n en n en , eine lektonische A n ti­
th e tik . In d e r L o g oth etik sucht man ja n ic h t das dèm S ig n i-
fik a n te n e ntsprechen d e gleiche S ig n ifik a t a u f, sondern das
dem S ig n ifik a n te n entg eg en gesetzte S ig n ifik a t. Es handeit
sich dabei also um einen B ru c h , eine B re c h u n g , eine K re u -
zu n g . D er W id ersp ru ch jedes Endlichen und d e r O bergang

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in sein E n tg eg eng esetztes bew egt sich in n e rh a lb d e r K ette
von S ig n ifik a n t und S ig n ifik a t und sucht d o rt das b in â re G e-
g e n te il. Die L o g o th etik is t eine lektonische A n tith e tik , w e l-
che das g e g e n te ilig e , k o n tra re S ig n ifik a t eines S ig n ifik a n te n
a u fs u c h t. D u rc h diese semîotische D ia le k tîk , d ie das Band
zum Sein in e in e r îmmanenten K rüm m ung, D reh u n g des L e k -
tons k a p p t, w ird d e r Nomos des Realen e r fa fit, weil das Reale
seibst p arad o xerw eise d u rc h das Lekton m itk o n s tru ie rt w ird .
D er W id ersp ru ch e in e r Aussage mit sich seibst im Sinne d er
Form allogik ist n ic h t das Ziel d e r L o g o th e tik , sondern d e r Wi­
d e rs p ru c h des Lektons m it sich seib st in d e r Weise, wo d e r
S ig n ifik a n t sich a u f das g eg e n te ilig e S ig n ifik a t d ra u fs e tz t.

Aus dem A u fs p ü re n des k o n tra re n , u n te rd rü c k te n S îg n ifi-


kats e rh e ilt sich d ie a n d e re B e d e u tu n g . Im Ü b erg a n g eines
S ig n ifik a n te n zum e n tg eg en g esetzten das unterïschlagene Wah-
re des Realen a u fzu s u c h e n , indem man im S ig n ifik a n t das
S ig n ifik a t seines k o n tra re n w id ersprechen d en S ig n ifik a n te n a u f­
s u c h t, is t das Ziel d e r logothetischen M éthode. D er W ider­
s pruch im Lekton w ird n ic h t d u rc h das Gesetz (N o m o s),so n ­
d e rn d u rc h den Logos g elô s t, a b e r n ic h t a u fg e lô s t, sondern
es lôst sich aus dem S ch atten d e r P rim ârb e d eu tu n g die v e r -
d ra n g te , e ig en tlic h e B ed e u tu n g .
Wenn ein e B o u le v a rd ze itu n g jedem Exem plar ein Los b e ig îb t,
a u f dem s te h t "je d e r L eser g e w in n t" , lôst sich d arau s kein
W id e rs p ru c h . D e r W id ersp ru ch ist s ch ein b a r g a r n ic h t v o r -
h an d e n . E rs t das A u fs p ü re n des g eg e n te ilig e n S ig n ifîk a ts ,
eine K o nversio n d e r S ig n ifik a n te n , lôst eine g eg en teilig e B e -

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d e u tü n g , die v e rb o rg e n e , eig en tliche B edeutung des Satzes
h erau s: "je d e r Leser ein G ew inn". Um seibst zu gew înnen,
um môglichst v ie le Leser zu g ew în n en , w ird dem Leser v e r -
sprochen: je d e r Leser g e w in n t. Im V ertau sch en des S ig n ifi­
kanten des V ersp rech en s lie g t d e r Gewinn - a u f Seiten d er
Z e îtu n g , Das V e rs p re c h e n des Gewinns s ic h e rt den eigenen
G éw in n .
U nsere These is t, daB d ie g eg en w ârtig e Welt in einem e rh ô h -
ten MaBe solche logothetische K onversio n en , W idersprüche
und S tru k tu re n a u fw e is t, da d ie Welt sich seibst zunehmend
immanent sem io tis iert, v e rs p ra c h lic h t.
Diese Sem iotisierung d e r G esellschaft kann von einem ko n -
s e rv a tiv e n S ta n d p u n k t aus als d e r V e rlu s t des Realen in te r -
p r e tie r t w e rd e n , zum indest aïs V e rlu s t d e r R e fe re n tia lita t
zum R ealen. Ich konnte auch sagen, das AusmaB an Luge,
S ch ein, sem iotischer E n tro p ie nimmt zu .
Genau in d ie se r S itu atio n b efin d et sich auch die Kunst seit
1900. Zunehmende A b s tra k tîo n , " V e rlu s t d e r M itte " . Seit dem
A u fs ta n d d er A b s tra k te n hat die K unst die R e fe re n tia lita t
zum Realen g e k a p p t. D ah er ist sie auch so ein g ee ig n ete r Fo-
cus fü r die logothetischen S tru k tu re n d e r W elt.

Is t die K unst aus d e r R e fe re n tia lita t entlassen, und das ist


ja genau d e r P u n k t ih res sogenannten " V e rfa lls " , nâmlich
seit 1910, seit dem A u fs ta n d d e r A b s tra k te n , o p e rie rt sie
n ic h t mehr u n te r den B edingungen des R ealen, somit d e r
Illu s io n . Als O p e ra to r des Realen w ëre d ie K u nst ja dazu v e r -
dammt, zu re p e tie re n , was die R ealitët v o r g ib t, sie d iente

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d e r R atio n alisieru n g des Realen und w ü rd e dam it zu einem
A g en ten d e r U n te rd rü c k u n g ', denn R atio n alisieru n g des Rea­
len hèiB t immer auch L eg itim ieru n g und dam it S ta b ilis ie ru n g
des R ealen.
Sie v e rs te h e n n u n , daft d ie e rs te B ed in g u n g e in e r fre ie n
K u n s t d e r V e rlu s t ih r e r R e fe re n tia litâ t zum Realen sein m ulî,
e in e r R e fe re n tia litâ t iirr mimetischen S in n , im Sinn e in e r F u n k -
tio n a b ilitë t. Denn die w ah re R ea litât is t d u rc h das f u r die
schon e ta b lie rte W issensehaft, P o litik und auch K unst g ü lti-
ge R eferen zsystem g e b ild e t, das h eiftt d u rc h die f u r die p h y -
s ik a lis c h e n , sozialen, ôkonomischen W issenschaften g re ifb a -
ren Mechanismen und M odelle, denen die K unst nichts mehr
h in zü fü g e n k ô n n te , d ie sie n u r w iederholen und schmücken
k ô n n te . D ah e r w ird den k ü n s tle ris c h e h Phânomenen k e in e r-
lei R e a iitâ t z u e rk a n n t, sondern n u r eîne illu so risch e R eali­
t â t . A uch noch im T riu m p h des H lusionalen, im trom pe l'œ il
ist d e r Sieg d e r K u nst ein P y rrh u s -S ie g , weil e r den illu s io -
nistischen C h a ra k te r d e r K u nst n ic h t in F ra g e s te llt, sondern
b e s tâ tig t.
S eit d e r A n tik e is t d e r Sch au p latz d e r K unst das Drama d e r
Illu s io n , wie die A n ekd o te von Zeuxis und Parrhâsios b ezeugt
Zeuxis malte W e in trau b e n , d ie so lebensecht w a re n , daG V ô -
gel kam en, sich a u f dem Bild n ie d e rlie R e n , um die W ein trau ­
ben w e g zu p ick en . So schien sein T riu m p h , d e r T riu m p h d er
Illu sio n s ic h e r. Parrhasios ü b e rtru m p fte ihn jed o ch . Aïs Zeu­
xis nâmlich Parrhasios b a t, den V o rh a n g wegzunehm en, da­
mit e r sehe was Parrhasios gem alt h ab e, b e s ta tig te e r seine
eigene Illu s io n . P arrhasios h a tte nâmlich n ichts anderes g e -

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malt aïs den V o rh a n g . D e r V o rh a n g w a r das B ild . Zeuxis w ar
wie diese V ô g e l, welche a u f die illu sio n h erein g efallen w a ren .
Es gab nâmlich h in te r dem V o rh an g nichts zü sehen, weil ja
d e r gemalte V o rh a n g wie ein e c h te r erschien b zw . d e r reale
V o rh a n g n u r ein g em alter w a r.
Is t ab e r Zeuxis w irk lic h n u r d e r Hhasion zum O p fe r gefallen?
Is t n ic h t d e r Sinn d ie se r A n ekd ote g erad e d e r , uns zu z e i-
g e n , daB d u rc h gewisse T ec h n ike n d e r U n tersch ied zwischen
Real und Illusion n ic h t m ehr eine C re n z e , eine fe s ts te lîb a -
r e , d e te rm in ie rte G ren ze ist?
Is t n ic h t d e r Sinn d ie se r A n e k d o te , uns zu sagen: Nehmt
diese A n ekd ote beim B uchstaben und bei îhrem w irk lic h e n
Sinn und s eh t: D er V o rh a n g is t das B ild . Das B ild ist ein
V o rh a n g . Das Bild ze ig t n ic h t, was es is t, und das Bild ist
n ic h t, was es z e ig t.
Indem das Bild sich s o lc h e ra rt e n tfe rn t aus dem R e fe re n z -
system des R ealen, das and ere Formen d e r E rk e n n tn is , a n -
d ere S p rach en g eb au t h ab en , allein d ad u rc h is t die Kunst
b e fa h ig t, etwas anderes zu sagen als die schon b ekan n ten
M odelle, das A n d e re zu sag en , ja sogar von d ah e r das R efe-
renzsystem des Realen selbst zu h in te rfra g e n .
An die S telle d e r R e fe re n tia litâ t, wo das Bild bloG zeig t,w as
das Reale s a g t, t r î t t eine M éthode, wo das Bild s a g t, was das
Reale n ic h t ze ig t. Eben die Iogothetische M éthode, die logo-
th e tisc h e K u n s ta u ffa s s u n g , die davon a u s g e h t, daB das Bild
n ic h t z e ig t, was es z e ig t, das B ild n ic h t is t, was es z e ig t,
sondern s a g t, was das Reale n ic h t z e ig t.
Das v e rs te c k te , h in te r dem V o rh a n g v e rs te c k te Bild des P a r-

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rhasios w ar ja n ic h t v e rs te c k t, sondern abw esend. Die Fas-
zination des Bildes g eh t vorr dem a u s , was a b w es en d ,is t, was
das Bild eben n ic h t z e ig t. Prâsenz d u rc h A bw esenheit als
S t r u k tu r des B ild e s , aïs Logos des B ild e s , is t eine S t r u k t u r ,
wo das Abw esende schon im A nw esenden, das A n d e re schon
im Eigenen a b g e b ild et is t. D e r V o rh a n g ist das B ild . Das
V e rd e c k te , das A b w esende, das V e rd ra n g te , das A n d e re ist
das A nw esende, das E ig e n e, das V o rh a n d e n e . Beides ist B ild .
D er Logos des Bildes is t von d ie se r S t r u k t u r , wo das A bw e­
sende und A nw esende, das Gesagte und U ngesagte zusammen
p râ s e n t s in d . A u f welche Weise? Symmetrisch? A sym m etrisch

Die S t r u k tu r d ie s e r In e in a n d e r-A b b ild u n g von k o n trâ re n S ig -


n ifik a n te n , von Innen und A u Ben, von gesagt und u n g es ag t,
von g eze ig t und u n g e z e ig t, von v e rs te c k t und ô ffe n tlic h , von
bew uB t und u n b ew u B t, is t d ie V o ra u ss etzu n g d e r E xistenz
des B ild e s . Die S t r u k t u r d ie se r C o -P rasen z ist n a tü rlic h asym
m e tris c h , nach den T e c h n ik e n d e r Sp rach e und des Traum es
a u s g e b ild e t. Das Eine s p ric h t im A n d e re n . D ie N a tu r dieser
S p rach e is t lo g o th e tisc h , g eken n zeich n et von e in e r a n tith e -
tischen L e k to n ik .
Wir kônnen also n ic h t m ehr davon s p re c h e n , das B ild w âre
eine A b b ild u n g d e r R e a litâ t, nachdem uns Parrhasios ja die
S t r u k tu r des Bildes g eze ig t h a t, daB das V erschlossene und
V e rd e c k te g le ic h ze itig das G eôffnete und G ezeigte ist und
d eren R e fe re n tia litâ t in trin s is c h is t, n ic h t nach auBen a u f das
Reale v e rw e is t - es w ar ja an diesem g litz e rn d e n S tra n d g a r
n ic h t das real v o rh a n d e n , was a u f dem B ild g eze ig t w u rd e .

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A uB er dem M e e r, dem S a n d , dem Fels und dem Bild selbst
gab es ja n ic h ts . Die R eferen tialien des Bildes a rtik u lie re n
sich aus sich s e lb s t, îndem sie s ic h 'k rë u z e n ."
D e r V o rh a n g v e rw e is t a u f das V e rd e c k te , das Abwesende
v e rw e is t a u f das A nw esende. Das i%t n ic h t s e lb s tre fe re n tie ll,
a u f sich seibst v e rw e is e n d , auch n ic h t tr a n s -r e fe r e n tie ll, a u f
etwas anderes ü b er sich h in au s , a u f das Reale verw eisen d ,
sondern eine rü c kb ezü g lich e S c h le ife , âhnlich d e r M ôbius-
S c h le ife , eine M ô b iu s -R e fe re n z sozusagen.
Die M ôb ius-S ch leife ist ja , wie Sie w issen, ein B an d , das z e r-
sch n itten w ird und dessen eines Ende dann um gedreht w ird .
D ad u rch b eginnen Sie a u f dem Band oben zu la u fe n , dem
S ig n ifik a n te n des A nw esenden, G ezeig ten , BewuBten e tc . zu
fo lg e n , enden a b e r d am it, daB Sie am Ende u n te r dem Band
la u fe n , dem S ig n ifik a n te n .d e s A bw esenden, V e rd rë n g te n , U n -
bewuBten fo lg e n , obwohl Sie immer oben geblieben sin d . Eine
K onversion d e r S ig n ifik a n te n .
Diese A r t d e r R e fe re n tia litë t, diese C ro ss - und Q u e r-R e fe -
re n tia lîtë t des Bildes t r i t t anstelle d e r tra d itio n e lle n linearen
R eferen z des Bildes zum R ealen.
Die C ren ze zwischen R ealitât und Illu s io n , zwischen anwesend
und abw esend, zwischen bew uBt und unbew uBt ist also keine
Lîn ie m eh r, sondern anstelle d e r Linie ein L a b y rin th oder ein
B orrom âischer K n oten, wie Lacan vorzusch lag en b e lie b te .

Diese la b y rin th is c h e S t r u k tu r des B ild es, wo das Abwesende


und das A nw esende, das Reale und d ie illu s io n , das BewuB-
te und U nbew uB te, das Gesagte und N ic h tg es ag te, das ln n e -

95
re und das A u ftere sich a u fe in a n d e r abb ild en wie K n o te n ,w ie
G lied e r e in e r K e tte , wie Gange eines L a b y rin th s , aïs eine
A r t A kku m u latio n je n e r psychischen T ee h n ike n d e r V e rd ic h -
tu n g und V e rs c h ie b u n g , d e r Ü b e rtra g u n g und V e rn e in u n g ,
ail das was die Psychoanalyse und die s tru k tu re lie L in g u is tik
e n td e c k t h ab en .
Diese la b y rin th ls c h e S t r u k tu r des Biides îs t es e b e n , was ich
L o g oth etik nennen m ochte. D e r Logos des Biides s p ric h t nâm-
lich n ic h t e in fach vom O r t des R ealen, als S ig n ifik a n t des
R ealen, sondern die B ild e r , a ile die B ild e r, welche die Welt
in M useen, B ü ch ereien und Wohnungen wie eine A r t N etz oder
H aut ü b e rz ie h e n , a rb e ite n aïs R ésu ltat je n e r D u rch lô ch eru n g
des Realen d u rc h das Im ag ïn are und Sym bolische, welche
d u rc h d ie S prache und die^ B ild e r g le ic h z e itig e ffe k tu ie r t w e r-
d e n . D ie S p rach e des Biides is t g le ich ze itig P ro d u k t und V e r -
u rs a c h e r je n e r D u rch lô c h eru n g des R ealen. Das lllu sio n â re
is t n ichts an d e res aïs das E rgeb n is je n e r S p altu n g in abw e-
send u n d anw esen d , in bew uB t und unbew uB t d u rc h die
S p ra ch e .
D er Logos des Biides s p ric h t zu uns n ic h t re a l-r e fe r e n tie ll,
sondern c ro s s -re fe re n tie ll, s c h le ife n -re fe re n tie ll. D er Logos
des Biides s p ric h t zu uns lo g o th e tisc h .
Um die J a h rh u n d e rtw e n d e , im A u fs ta n d d e r A b s tra k te n , die
im B ild das R e fe re n tia le z u r R ea litët ab g esch n itten h ab en ,
w u rd en auch a u f a n d e ren Gebieten R e fe re n tia le g e k a p p t.

F erdinan d de Saussure's L in g u is tik und Freuds Psychoanaly­


se haben die eindim ensionale R eferen z des R ealen, a u f dem

96
das Modell d e r B eziehung zwischen Mensch und Welt bis d a -
to a u fg eb au t war, tra n s fo rm îe rt, a u f eine Weise, welche uns
e rs t die g eg e n w artig e Philosophie y on Lacan/ Fo u cault, Bau­
d r illa r d , L yo tard e tc . k la r m acht.
Lacan hat am d iffe re n z ie rte s te n das klassiche Referenzsystem
des Realen v e râ n d e rt und d a fü r d re i neue O rdnungssystem e
v o rg e sc h la g e n , f u r d eren B eziehungen e r das Bild des B o rro -
mâischen Knotens w â h lte .
Ein B o rro m iis ch e r Knoten b esteh t aus drei R in g en , von d e -
nen keine zwei w irk lic h in ein an d er g re ife n , die aber dennoch
zusam m enhalten. Wenn ein R ing a u fg es ch n itten w ir d , fallen
aile d re i R inge a u s ein an d er. Das Reale z e rfâ llt also ohne die
Ringe des Im aginaren und Sym bolischen, d ie das Reale o ffe n -
sich tlich m itk o n s tru ie re n .
Die symbolische O rd n u n g ist die O rd n u n g d e r S p rach e, wel­
che die T re n n u n g in Bewuftt und U n bew u lit e ffe k tie r t. Der
G ebrauch d e r Sprache hat einen P reis: die V erd râng u n g .,
die V e rs ch ie b u n g (M e ta p h er und M éto n y m ie ).
Das Im aginare is t das Reich des V o rs p ra c h lic h e n . Die Rolle
des S ig n ifik a n te n , des S p ra c h la u ts , des S prachbildes ist in
Lacans Konzept m achtiger als das S ig n ifik a t, das S ig n ifiz ie r-
te , d e r B e g r iff, a u f den das Wort sich b e z ie h t.
Das Reale ist also das F eld , a u f dem das Im aginare und das
Symbolische in te ra k tiv ô p e rie re n , in riv a lis ie re n d e n V e rs u -
chen> das Reale zu k o n tro llie re n und zu g e s ta lte n . Das Rea­
le is t das Ziel d e r A b w es en h e it, d e r W iderstand oder das zu
V e rn e in e n d e , das B eg e h rte o d er B ejah te, a b e r als solches
is t das Reale n u r d u rc h s ig n ifik a n te P ra k tik e n h an d h ab b a r.

97
Die M ô b iu s -S c h le ife , wo oben zu un ten und unten zu oben
w ir d , g ib t ein B ild d av o n , wie sich das Im aginâre und S ym -
bolische am bivalent tre ffe n und das Reale ausm achen. Das
V o rh a n g -B ild von P arrhasios is t so eine M ô b iu s -S ch leife, wo
das In v e rs e k o n v e r tie r t.
Wir müssen also e rk e n n e n , daB das Bild selbst ein O rt des
Im aginâren und Sym bolischen is t, des UnbewuBten und V e r -
d râ n g te n , d e r O r t eines V e rlu s te s und des T riu m p h e s .

Wenn d e r V o rh a n g das B ild is t - und n ic h t besser kann uns


das Wesen des Bildes g eze ig t w erden - ist das B ild n ic h t d as,
was es z e ig t, sondern die Faszination s te ig t a u f aus dem was
abw esend is t. Das B ild ze ig t n ic h t d as , was es z e ig t, sondern
das A bw esende.
ln s o fe rn kann das B ild das ze ig en , was d ie R ea litât n ic h t
z e ig t, das U n bew u B te, das V e rd râ n g te des R ealen.
Das B ild w ird zum T e x t d e r P sych é, zum W ort des U n g e s ag -
te n . Das U nbew uB te w ird zum e ig en tlich en B e tra c h te r. Das
Sehen als ProzeB des UnbewuBten? Diese Nâhe des Sehens
zum Unbew uBten macht ja das B ild so v e rd ë c h tig , so s u b v e r-
s iv , d a h e r kommen ja auch d ie W iderstande d e r K îrc h e . D er
V o rh a n g zie h t a n , das d a h in te r V e rd e c k te und V e rd râ n g te ,
das A bwesende b e w irk t die Faszination .des B ild es.
Das ô ffé n tlic h e B ild is t das v e rs te c k te B ild .
Das bewuBte B ild is t das v e rd râ n g te B ild .
D ieser logothetische ProzeB des Bildes und des Sehens k ô n n -
te in d e r Sp rach e de S aussures als ProzeB d e r S ig n ifik a n te n
b ezeich net w e rd e n .

98
#

Wenn das Bild n ic h t is t, was es ze ig t und n ich t z e ig t, was es


is t, b efin d en w ir uns a u f dem Feld d e r ausgetauschten Z e i-
le n , d e r v e rta u s c h te n S ig n ifik a n te n ;
ln d e r Sp rach e d e r S ig'nifikation kônnte ich sagen, im Bild
d u rc h q u e re n sich d ie S ig n ifik a n te n .
D ad u rch is t es m ôglich, daB das B ild w eder D ekoration noch
In s tru m e n t is t, kein P a ra sit d e r realen W elt, keine R ealitët
zw e ite r O rd n u n g , sondern p rim a r, dem Realen v o ran g eh e n d .

D ah er is t es n ic h t n ô tig , die B ild e r d u rc h die W elt, d u rch


d ie R eferen z a u f das Reale zu e r k la r e n , sondern u m g ek eh rt,
das Reale - als T e r r a in d e r symbolischen und im aginâren Sig­
n ifik a n te n - w ird d u rc h das Bild e r k l i r t .
W ürde die klassische B ild b e tra c h tu n g und -b e fra g u n g als Re­
fe re n z des Realen sich selb st beim Wort nehrnen, müBten sie ja
den gesamten Prado als re a k tio n ë re n Schund verdam m en.
D o rt kommt ja g a r n ic h ts Reales v o r . Diese vollg esto p ften
Sale mit B ild e rn d e r H eilig en und K ônige, d e r sakralen und
a ris to k ra tis c h e n H ag io g rap h ie stellen ja n ic h t d ie spanische
R ea litat d a r .
Die logothetische M éthode d e r K u n s tb e tra c h tu n g k e h rt also
d ie klassische Ik o n o g ra p h ie um und entb lô B t das R eale, f in -
d et das Reale ein gew eb t im B ild .
Die logothetische Méthode e rla u b t dem S u b je k t, zu fin d e n ,
was gesagt w erd en k a n n , erm ôglicht dem B ild zu sp rec h e n .

Im Bild d u rc h q u e re n sich die S ig n ifik a n te n . Um die J a h rh u n -


d ertw e n d e h a t d ie se r ProzeB seine E videnz aufg esch lag en .

99
D u rc h die fo rts c h re ite n d e T ec h n o lo g isie ru n g , d u rc h die te c h -
nologische R évolution im T r a n s p o r t- und Kom m unikationswe-
sen h at die R ea litat in d e r D r e ie r s tr u k tu r R e a l-Im a g in a r-S y m -
bolisch an T e r ra in v e rlo re n . D er V e rlu s t des R^alen in d e r
/
a b s tra k te n K unst k o rre s p o n d ie rt mit d e r In v as io n 'd es Im a g i-
n ëren und Symbolischen in die R e a lita t. Die Technologie is t
n ic h t a n d e rs zu v e rs te h e n als p h ys ik alisc h e im p lan tatio n u n -
seres B eg e h ren s . D er Wunsch p ro d u z ie rt die W erkzeu g e. D er
Wunsch nach dem B ild e rz e u g t die Kam era. D er Wunsch nach
D îsplacem ent, nach E n t-F e rn u n g , nach A u fh eben von Ferne
und Raum e rz e u g t die Eisenbahn und das F lu g zeu g .
G le ic h zeitig m it d e r m enschlichen Im ag in ieru n g d e r Welt d u rc h
d ie Technologie s c h re ite t d ie V e rs p ra c h lic h u n g d e r Welt v o r -
a n . Die S u b s ta n z, das Modell d e r M aterie w ird e rs e tz t d ü rc h
das Modell d e r S p ra c h e . D ie G e se lls ch a ft, die Welt w ird imma-
t e r ie lle r , d ie O rd n u n g d e r S p rach e nimmt zu. Wie uns L y o -
ta rd s A u ss te llu n g “ Die Im m aterialien ’1 v o r einem J ah r dem on-
s tr ie r t h a t.
Das Im aginâre und Sym bolische hat also das Reale z u rü c k g e -
d r a n g t. Die am B ild e rk e n n b a re n logothetischen Prozesse ta u -
chen d a h e r auch zunehmend in d e r G esellsch aft a u f.
D er A u fs ta n d d e r A b s tra k te n b ezeu g t die L o ckeru n g d e r V e r -
k n o tu n g d e r d re i O rd n u n g en (R e a l-S y m b o lis c h -lm a g in a r).
D e r T riu m p h des re fe re n zlo s e n Zeichens in d e r A b s tra k te n
K u nst k o rre s p o n d ie rt mit dem Zurü ckw eich en des Realen seit
d e r fo rts c h re ite n d e n T e c h n o lo g is ie ru n g .
Die G lie d e r d e r V e rk e itu n g d e r S ig n ifik a n te n und d e r
V e rk n o tu n g d e r d re i O rd n u n g e n beginnen zu sch leu dern und

100
zu s c h lo tte rn . F âllt ein R ing a u s , sei es das Im aginâre oder
Sym bolische, sei es das R eale, wobei dieser A u sfall n ic h t n u r
ein Z ersc h n e id en , V e rs c h w in d e n , sôndern auch ein E r s ta r-
ren sein k a n n , ein E rlahm en, eine A p a th ie , dann k o llab ie rt
das G anze, dann v e r k e h r t sich d as 'E d le in d ie B a rb a re i, die
K u ltu r in d en K rie g . Dann k e h rt das V e rd râ n g te als S ch at-
ten a u f d e r M ôb ius-S ch leife d e r g e k re u zte n S ig n ifik an ten
nach o b en , a b e r als v erw a n d elte ir S c h atten . D er g e k re u zte
S chatten des Menschen ist dann die B estie.
Ich môchte mich nun a u f einen S p ezialfall d e r Logothetik und
ein ig e A nw endungen k o n z e n trie re n . Ich kôn n te sagen, d er
Zustand des Zeichen-Raum es d e r Welt heute is t ein Zustand
d e r g elockerten G iied e r d e r S ig n ifik a n te n -K e tte . D urch die
fo rts c h re ite n d e Tech n olo gisieru n g ist ein Zustand e rre ic h t,
wo d e r S ig n ifik a n t sich vora S ig n ifik a t lô s t. E r v e rs e lb s tà n -
d îg t sich , e r v e ra b s o lu tie rt sich . Die S ig n ifik a n te n flb ttie re n
fre i ohne R é fe re n tia le . A b e r in dieser freien F lu ktu atio n des
S ig n ifik a n te n g ib t es d u rc h die b in are D u a litâ t d e r Sprache
eirie E in s c h râ n k u n g , einen SpeziàlfaM . D e r K om binatorik d e r
S ig n ifik a n te n , îihrem fre ie n F lo ttie re n sind G renzen gesetzt
d u rc h d ie D u p liz itâ t d e r Sprache s elb s t. Die S ig n ifik a n te n
flo ttie re n n ic h t w irk lic h f r e i, sondern d e r S ig n ifik a n t lôst
sich zw ar vom u rs p rü n g lic h e n S ig n ifik a t, a b er e r bewegt
sich in e in e r A r t Gegenbew egung - und auch das M ôbius-
Band is t jà ein b in a re s , duales Modell - a u f sein Gegenteil
zu : D er S ig n ifik a n t s etzt sich a u f dem g egenteiligen S ig n ifi­
k a t n ie d e r. A u f d e r Ebene d e r S ig n ifik a n te n -K e tte bewegen
sich die S ig n ifik a te zwischen b in âren Oppositîonen anw esend,

101
abw esen d , fr e i-g e b u n d e n , o b e n -u n te n , b e w u B t-u n b e w u B t.

Losgelôst vom S ig n ifik a t bew egt sich d e r S ig n ifik a n t die S ig -


n ifik a n te n -K e tte e n tla n g und lâBt sich a u f dem g eg en teilig en
S ig n ifik a t n ie d e r. D e r S ig n ifîk a n t lë u te t beim Opponenten
b zw . N a c h b a rn . D ie Z e rs e tzu n g des Realen d u rc h das Im ag i-
n are und Symbolisfche, d u rc h d ie S ig n ifik a n te n also, s etzt
sich fo r t und d e r ProzeB d e r S ig n ifîk a tio n z e rs e tz t sich g e-
wissermaBen s e lb s t. D ad u rc h w ird a b e r das A bw esende, das
V e rd ra n g te , das U n bew u B te, das vom Realen n ic h t Gesagte
und G ezeigte fre ig e s e tz t.
Die D u p liz itâ t des sprachü ch en D isku rses s tu tz t den Fiug d e r
S ig n ifik a n te n . J ed er S ig n ifîk a n t ist auch S ig n ifîk a n t des a n -
d e re n . Wenn ich ih re Bew egüng b es c h re ib e , sehe ic h , daB
sie sich k re u z e n . D er S ig n ifik a n t "Larm " lôst sich ; bew egt
sich d ie S ig n ifik a n te n k e tte e n tla n g a u f den Schienen d e r b i-
n âren O pposition und s e n k t sich a u f dem k o n tra re n S ig n ifik a t
"Ruhe" n ie d e r .D e r S ig n ifik a n t "Schweigen" (John Cage) s etzt
sich a u f dem S ig n ifik a t "M usik" n ie d e r. Die S ig n ifik a n te n
"K u n s t" und "Larrn" besetzen das k o n tra re S ig n ifik a t "D isco-
m u s ik " . Diese K reu zu n g d e r S ig n ifik a n te n ist d ie h a u p tsa ch -
liche T h é o rie d e r Iogothetischen M e th o d ik . Die logothetische
K u n s tb e tra c h tu n g v e rw a n d e lt das Bild in ein Feld iivertausch-
t e r Zeich en.
P a rrh asio s' B ild ist das e rs te B eispiel e in e r solchen K reu zu n g
d e r S ig n ifik a n te n .
Diese K reu zu n g d e r S ig n ifik a n te n , diese U m kehrung e n tz if-
f e r t d ie Welt im Lichte d e r D o p p elb elich tu n g des B ild es.
Die D u p iiz ïtë t des D is k u rs e s , wie ïhn die K reu zu n g d e r Sig­
n ifik a n te n d a r s te llt, fr e i von je d e r re fe re n tie lle n Illu s io n ,
ra s o n ie rt in G egenbew egungen und U m keh ru n g en . E r zieht
d ie Decke w eg , um zu bedecken. E r b e d e c k t, um a u fz u d e k -
k e n . In d ieser D opp elb elich tu n g fa llt das L ich t vom Bild au f
die G esellsch aft.
K larerw eise p ra lle n die Iogothetischen Prozesse in d e r K unst
und d e r G esellschaft besonders dann a u fe in a n d e r, wenn die
G esellschaft v e rs u c h t, das Rad d e r Geschichte w ieder z u -
rü c k zu s te lle n und eine O rd n u n g des Realen ohne das Im agi-
n are und Symbolische h e rz u s te lle n .
Die Kunst w ird zum Focus des Iogothetischen D is ku rs es ,w e n n
d ie G esellschaft ih re D u p liz itë t Ieügnen w ill. In d e r Idéologie
des Deutschen Nationalsozialism us w ar dies d e r F a ll. Daraus
is t d e r panische Kam pf des deutschen Faschismus gegen die
V e rfa lls k u n s t, gegen d je e n ta rte te Kunst zu v ers te h e n . Es
g ib t ja keîn Régim e, daS d e r K unst so v ie l W ich tig ke it, s o v ie i
R elevanz z u e rk a n n t h at wie die N S -Z e it. D aher hat die NSDAP
auch so obsessiv und psychopathologisch die moderne K unst b e -
k a m p ft, mu Rte sie bekam pfen aïs P ro d u k t seines eigenen
Wahns. Die e n ta rte te K unst zeîg te dem Nationalsozialismus im
Iogothetischen Spiegel seine eigene logîsche B lend u n g . 1m
Spiegel d e r K unst bekëm pfte d e r Nationalsozialismus e ig e n t-
lich sich s e lb s t.
Ein exem plarisches Modell f u r d ie logothetische K u n s tb e tra c h -
tu n g ist d ah e r die A ussteH ung " e n ta rte te K u n s t1'* Im logothe-
tisch en ProzeR des Bildes kommt das Sehen aïs ProzeR des
UnbewuRten und als v e rd râ n g te s Wissen im Iogothetischen

103
ProzeB d e r G esellschaft zum A u s d ru c k . Was die N azis, was
D eutschland unbew uBt w u B te, das sah es in d e r K u n s t. Was
D eutschland v e rd râ n g te , was es z u rü c k d ra n g te , was es n icht
sehen w o llte , was es mit einem V o rh a n g (des Humanismus) b e -
d e c k te , seine eigene B a rb a re i und " E n ta rtu n g " , das sah es
in te r p r e tie r e n d , v e r le ite t von seinem eigenen U nbew u B ten ,
in d e r a b s tra k te n und e xp re ss iv en K u rist, d ie a b e r n ic h t w a r,
was D eutschland d a rin zu sehfen g la u b te . N u r e in e r P ro je k -
tion a u f dem Feld d e r v e rta u s c h te n und g e k re u z te n S ig n ifi-
kanten e n ts p rin g t dieses Progrom a u f die moderne K u n s t.

Das T ite lb ia tt d e r A u ss te llu n g "E n ta rte te K unst" (1937) ist


ein ze n tra le s B eispiel f u r die logothetische F u n ktio n d e r K u n s t,
f u r die logothetische K u n s tb e tra c h tu n g und f u r Loçjo-K unst.
Es ze ig t eine P la s tik des "jüdischen K ü n s tlers" O tto F re u n d -
lic h , d e r seit 1924 in F ra n k re ic h lebte und 1943 im KZ L u b lin -
M ajdanek s ta rb . D ie P lastik ze ig t v e r z e r r t e , e x p re s s iv g e s te i-
g e rte G e sich tszü g e, und hat den T ite l "D e r neue M ensch".
Im " F ü h re r d u rc h d ie A u ss te llu n g " s c h re ib t d e r F ü h re r selbst
ü b e r den neuen M enschen: "Niemals w ar d ie M enschheit im
Aussehen und îh r e r Em pfindung d e r A n tik e n ah e r als h eu te .
S p o r t -, W e tt- und K am pfspiel stâhlen M illionen ju g ë n d lic h e r
K ô rp er und zeigen sie uns nun steigehd in e in e r Foirm und
V e rfa s s u n g , wie sie v ie lle ic h t tausend Jah re lang n ic h t g e -
sehen, ja kaum g ea h n t w orden s in d . Ein leuchtend schôner
M enschentyp wachst h e r a n ... D ie se rM e n s c h e n ty p ,m e in e H e r-
ren p ra h isto ris ch en K u n s ts to tte re r, is t d e r T y p d e r neuen
Z e it.U n d was fa b riz ie re n Sie? M iftg estaltete K rü p p e f und K re -
tin s , F ra u e n , die n u r Abscheu e rreg e n d w irke n k ô n n en ,M ân -
n e r , die T îe re n n âher sind als M enschen 11. In einem W erbe-
b la tt z u r A u sstellu n g w ar zu lesen: "G equâlte Leinw and, see-
iische V e rw e s u n g , k ra n k h a fte P h an tasten , g eisteskran ke
N ic h ts k ô n n e r. So, wie je n e r ’S ta a t1 w ar seine ’ K u n s t1 . "

In diesen zwei k o n trâ re n B ild e rn des neuen M enschen, e n t-


w orfen von F re u n d iich und H itle r haben w ir zwei k o n trâ re
S ig n ifik a n te n v o r u n s . In ih re r K reu zu n g fu n d ie rt d er fast
pathologische Z w ang , mit dem H itle r d ie K unst a n p ra n g e rt.
H itle r e rlie g t d e r Faszination des A bw esenden, des k o n trâ ­
ren S ig n ifik a ts . In éinem logothetischen ProzeB des unbewuB-
ten Sehens, sieh t e r in den B ild e rn d e r "e n ta rte te n Kunst"
genau d a s , was e r selbst n ic h t sehen w ill, was die R ealitât
selbst noch n ic h t z e ig t, was a b e r u n sic h tb a r schon anwesend
is t. H itle r kam pft gegen die e n ta rte te K u n s t, weil e r sich g e -
gen das a u fle h n t, was ihm das U nbewuBte von seinem Traum
des neuen Menschen s a g t. D aher is t es auch von e in er h isto -
rischén Z w a n g h a ftig k e it, daB g erade F reun d lîch s S k u lp tu r
a u f das T ite ib la tt kam . Denn d ad u rch s p itz t sich die Opposi­
tion d e r S ig n ifik a n te n zu . Im "neuen M enschen" Freundlîchs
sah H itle r seinen T rau m in jenen A ip trau m v e rw a n d e lt, d er
e r ein ig e Jah re s p ë ter re a lite r w a r. H itle r v e rs u c h te diesen
T raum zu b an n e n , indem e r die K unst v e rb a n n te und d ie
K ü n s tle r v e rb ra n n te . Was das soziale U nbewuBte D eu tsch -
iand ü b er seine p olitische R ealitât sagen w o llte , das a r tik u -
iie rte sich in d e r K u n s t. Im Fluch gegen die K unst soSIte das
U nbew uB te, die von d o rt h er d râng en de W ahrheit ü b er das

105
S oziale, u n te rd rü c k t w e rd e n . Ailes was H itle r ü b e r d ie K unst
s a g te , sagte e r e ig en tlîc h ü b e f seine P o iitik und ü b er Deiatsch’- •
lan d : "M iB gestaltete K rü p p e l und K re tin s , F ra u e n , die n u r
A bscheu e rre g e n d w irk e n k ô n n e n , M â n n e r, die T ie re n n ah er
sind als M e n s c h e n .. . " , das w ar genau d as , was e r fa b r iz ie r -
re n s o lltë . "Seelische V e rw e s u n g , k ra n k h a fte P h a n ta sten ",
genau das g a lt f u r d ie P o iitik von H itle r-D e u ts c h la n d . In d e r
T a t , uso wié je n e r S ta at w a r seine K u n s t", a lle rd in g s im S p ie -
gel d e r K re u zu n g d e r S ig n ifik a n te n zu b e tra c h te n . War das
Ziel d e r A u s s te llu n g , "E in b lic k zu geben in das g ra u e n h a fte
S ch lu B kap itel des K u ltu rz e rfa lls " und k la rz u s te lle n , daB es
sich bei d e r K u n s te n ta rtu n g "um einen planmëBigen A nschlag
a u f das Wesen und den F o rtb estand d e r K unst ü b erh a u p t"
h a n d le , so w u rd e eben falls ü b e r sich selbst g esp ro ch en , denn
k la re rw e is e h an d elte es sich bei dem U nternehm en d e r Nazis
"um einen planm âftigen A nschlag a u f das Wesen urid den F o rt­
bestand d e r K u nst ü b e rh a u p t" , w u rd e E in b lick gegeben in
ein "g ra u e n h a fte s K ap itel des K u ltu rz e rfa lls " d u rc h " tre ib e n -
de K râ fte d e r Z e rs e tz u n g " . Leni R iefenstahls Film "T riu m p h
des W illens" ist v o ile r lo g o th etisch er B ild e r, z .B . wenn sie
die S chônheit g e s të h lte r K ô rp e r im Sinne von H itle rs neuèm
M en sch en typ zeigen w ill, in diese sich a b e r Flammen ü b e r-
b le n d e n , w ird auch h ie r schon das k ü n ftîg e Schicksal d ie se r
M enschen, in " S ta h lg e w itte rn " zu v e rb re n n e n , u n b ew u fit p re is -
g eg e b e n .
L eid er ist d ie se r einm alige und f ü r die europaische K u ltu rg e -
schichte z e n tra le A u fp ra ll von K unst und P o iitik stets fast
ausschlieB Iich n u r moralisch d is k u tie r t w o rd e n , so daB d ie -
sem w ichtigen E reig n is seine philosophische Dimension und
dam it seine eig en tlich e B edeutung genommen w u rd e - Eîn Lem-
ma d e r besonderen A r t f ü r meine Thesen ist auch in d e r T a t -
sache zu e rb lic k e n , daB d e r G oebbels-E rlaB vom 30. Juni
1937 z u r V o rb e re itu n g d e r ,,Sch an d ausstellu n g ,, p a rto u t von
d e r ' V e rfa lls k u n s t seit 1 9 1 0 ’ s p ric h t. Goebbels d a tie rt also
die ,'V e rfa IIs k u n s t,, genau mit jenem J a h r, wo das Band zum
Realen entw ed er a b s tra k t (K a n d in s k y s ch u f sein erstes a b -
s tra k te s B ild ) oder e x p re s s iv (Walden g rü n d e te die e x p re s -
sionistische Z e its c h rift "S tu rm ") g ek ap p t w u rd e . D e r V e r -
lu s t des Realen in d e r K u n s t, d e r e rs t die V o ra u ss etzu n g
d a fü r s c h u f, a u f d ie u n te rs u c h te Weise das Wahre ü b er das
Reale auszusagen, w ar f ü r Goebbels ein V e r fa ll. D r . p h il. Jo­
seph Goebbels, e in st g e fô rd e rt vom L ite ra tu rw is s e n s c h a ftle r
F rie d ric h G u n d o lf aus dem G e o rg e -K re is , deswegen wollte
ja Goebbels s p â te r Stefan George zum Prâsidenten d e r R eichs-
schrifttum skam m er machen, d a tie rte fein s in n ig k o r r e k t. D er
"V e rfa ll"1 je n e r K u n s t, d ie e r b ekam p fte, begann in d er T a t
1910 d u rc h den A u fs tie g des S ig n ifik a n te n und das A b r u t-
schen des R ealen. So zielsich er s tre b te d ah e r èine B lu t- und
B o d e n -ld eo lo g ie , welche die fo rts c h re ite n d e D u rchlôcherung
des Realen mit symbolischen und im aginaren O rdnungen nicht
a k ze p tie re n w o llte , in den Kampf und a u f die S p itze d er S ig -
n ifik a tio n zu , w ie e r im Kampf um die K unst als Sich eru ng
des Realen zum A u s d ru c k kommt;
Wenn ich s a g te , das Bild zeig t n ic h t, was es z e ig t, und ist
n ic h t, was es z e ig t, sondern s a g t, was das Reale n ich t z e ig t,
v e rs te h en Sie h ie r vollkommen die logothetische Méthode der

107
B ild b e tra c h tu n g . F re u n d lich s S k u lp tu r eines v e r z ë r r te n b a r -
b arisc h anm utenden M en sch en 'u nd die B ild e r d e r " e n ta rte -
ten K u nst" sagen nâmlich genau d as , was bald R ea litat w ar
und damais die R ea litat noch n ic h t ze ig te : d ie B a rb a re i und
E n ta rtu n g von N a z i-D e u ts c h la n d . Die B ild e r und S k u lp tu re n
d e r "S chan d au sstellu ng " von 1937 sagten von D eutschland
genau d a s , was H itle r von d e r e n ta rte te n K u nst s a g te , sagte
vom neuen M enschen genau d a s , was e r damais schon w ar und
was in d e r R e a lita t e rs t s p â te r d e u tlic h w u rd e , ein B a rb a r.
Die B ild e r d e r "S chan d au sstellu ng " w aren n ic h t, was sie z e ig -
te n , und zeig ten n ic h t, was sie z e ig te n , sondern d ie K unst
sagte e tw a s, was d ie R e a lita t (no ch ) n ic h t z e ig te , namlich d ie
W ah rh eit ü b e r den Zustand D eu tsch lan d s.
S o w ie " K a u ft n ic h t bei Juden" zu "B uy A m erican" ô d er "K a u ft
ô ste rre ic h is c h e Q u a lita t" w u rd e und "bo rn to die" zu "born
to b u y" w u rd e , ist b e k a n n t, daB W erb u n g , A d v e rtis in g und
Konsumideologie in lib e ra le r und m oderater Form S tru k tu re n
des Faschismus fo rts e tz e n . Die logothetische K unst H it le r -
D eu tsch lan d s re a lis ie rt sich d a h e r in v e rs tâ rk te m MaBe in d e r
consum er s o c ie ty . Die logothetische B ild b e tra c h tu n g w ird
dabei besonders n o tw en d ig . Die K ü nstlerau sw ah l e in e r groBen
Sammlung wie des W erb e-T yco o n s S a a tc h i, d ie za h lreich e B il­
d e r von Anselm K ie fe r und G eorg B aselitz e n th a lt, ist u n te r
diesen A sp e kten zu sehen. Wobei d as , was Saatchi fa s z in ie rt,
eine w e ite re K onversion is t. Ais W e rb estrateg e ist e r nam­
lich u m g ek eh rt fa s z in ie rt von d e r A u ra d e r faschistischen
Id é o lo g ie, welche das Feid d e r S ig n ifik a tio n in den A rb e ite n
von B as elitz und K ie fe r s in d . D ie c o rp o ra te s o c ie ty , d ie F ir -
m e n -G esellsch aft, hat als lib e ra le V ersio n des N ationalsozia-
lismus In te re s s e an den Logos (F irm e n ze ic h en ) d ieser Idéo­
log ie. Aus d e r V e rw a n d ts c h a ft von Kapitalism us und N atio n al-
sozialismus e n ts p rin g t die Faszination d e r N eo^E xpressiven.
D er am erikanische Im perialism us (K o re a , Vietnam e tc .) fü h lt
sich k la re rw e is e angezogen von den S ta n d a rten und Zeichen
des D ritte n R eiches, und d eren am bivalente Sp'iegelung in
den n e o -e x p re s s iv e n W erken is t ja a u f "dem okratische Weise"
sein e in zig lé g itim er Z u g an g , da e r ja selbst eine gedëm pfte
V ersio n eines W eltkrieg s d a r s te llt. K iefers K rie g s b ild e r,
B ild e r d e r v e rb ra n n te n E rde in e in e r eleganten Wôhnung d er
Madison A ven u e sind a u f eine bestimmte Weise v e rg le ic h b a r
den B ild e rn von M u n c h , M a rc , Gaugin in Gôrings PrivatschloB
K a rin h a ll. Von diesem doppelten Salto d e r S ig n ifik a n te n ist
die moderne Welt g e k e n n ze ic h n e t. M it ihm schlüpfen w ir in
den Bauch des B ie stes , in die zynische U topie als einzig môg-
lic h e. In e in e r d r itte n D reh u n g d e r S ig n ifik a n te n kônnten w ir
sagen, daB K ie fe rs K rie g s b ild e r in am erikanischen Sammlun-
gen den laten ten K rie g szu sta n d des K apitalism us, seine Poli-
t ik d e r v e rb ra n n te n E rde in N icaragua e tc . a u fze ig e n . D u rch
ih re k ü n s tle ris c h e Wahl sagen auch die A m erika n er etwas über
ih r L an d , was sie real nie sagen w ü rd en und was die R eali­
ta t (no ch ) n ic h t z e ig t.
A uch die V o rlie b e g ro B er in te rn a tio n a le r Firmen wie IT T e tc .
f u r monumentale L o b b y -K u n s t, das is t K unst eigens f u r die
rie sig en V o rh a île n d e r M ultis h e r g e s te llt, entstammt den g le î-
chen Q u e lle n . Die K u n s t, w elche f u r grotte Gesellschaften,,
f ü r B anken und K o n ze rn e , n â h e rt sich immer mehr d e r Im age-

1®9
p o litu r.U m das E rsc h e în u n g sb îld e in e r Firm a, ih rè C o rp o ra -
te Id e n tity p o sitiv auszu w eisen , w erden ü b lich erw eise a u s -
g e k lü g e lte Firm enzeîchen (Logos n en n t man sie in d e r W erbe-
s p rach e) und optische R eklam efeldzüge e n tw o rfe n . Eine d e r
A u fg ab en d ie se r v isu ellen C o rp o rate Id e n tity is t, d e r Firma
eine selb s tâ n d ig e Kom petenz, eine besondere In d iv id u a lita t
zu v e rle ih e n . H ie rb e i g ib t es zwei in tére ss a n te Ten d enzen in
jü n g s te r Z e it. Zum eînen den T ra n s fe r k ü n s tle ris c h e r Id e n ti-
tâ t z u r C o rp o ra te Id e n t it y , siehe Beuys und a n d e re . Zum a n -
d e rn d ie logothétische K onversion in ih r e r W e rb u n g . Wenn
zum B eispiel IBM mit e in e r chap lin esken C Io w n -F ig u r w ir b t,
b e n ü tz t sie das Image eines p o p ulëren und groften K ü n s tle rs ,
um ih r eigenes Image a u fz u p o lie re n , und v e r h ü llt sie in ei­
n e r K re u zu n g d e r S ig n ifik a n te n ih re e ig e n tlic h e Id e n titâ t.D e r
S ig n ifik a n t Clown b ed e u te t ja u n te r an d erem , ein H ilflo s e r,
A u sg e sto ften e r, U n d e rd o g , Spaftm acher, G u te r, M ach tlo ser,
A u fs ta n d is c h e r e tc . zu s e in , also g erad e das G e g e n te il, von
dem was IBM w irk lic h is t. M it seinem Logo (dem C low n) s ig -
n ifiz ie r t IBM g erad e das G egenteil s ein er realen B ed e u tu n g .
D e r S ig n ifik a n t k lin g e lt beim k o n tra re n S ig n ifik a t.
"F e tte Jungs" - ein schôner k o n trë re r Name f u r éine Band in
einem L an d , wo aile besessen sind vom S chlanksein - die Fat
Boys singen ih re n R a p -H it:
"C a lv in Klein a in 't no frie n d o f mine
I d o n 't w ant nobodys name on my b e h in d ".
C alvin Klein is t d e r S ch ô p fer von U n te rw a sc h e, d e r d u rc h
eine s ëh r a g g re s s iv e sexuelle W erbung p o p u lar gew orden ist
und dessen Name a u f v ielen am erikanischen U n terh o sen mach-
tig le u c h te t.
no
Die Fat Boys singen also b arsch:
"C alvin K le in , bleib daheim
ich will niemandes Namen a u f meinem A rs c h ."
Wir sind a b e r g e w itzt g en u g , um an diesen P rotest n icht mehr
zu g la u b e n , zu lange und zu o ft haben w ir schon gesehen,
wie aus K ü n s tlern des Protests S ta a ts p re is tra g e r geworden
s in d , wie aus B ra n d s tifte rn Feuerw ehrm anner w u rd e n , wie
K u n s tw e rk e , die den Kapitalism us a n g re ife n , gerade am lie b -
sten von Banken a n g e k a u ft w e rd e n , wie Beuys von d e r D e u t-
schen B ank.
Wir wissen also, daB die Fat Boys s ich e rlic h nichts dàgegen
h a tte n , wenn ih r Name a u f unseren  rschen p ra n g te . So
nimmt es denn auch n ic h t w u n d e r, wenn sie in ihrem M u s ik -
video d ie Kamera ganz d eu tlic h a u f ih re Arm e ric h te n : hopp-
la , w a tc h , die Jungs tra g e n ja eine S w atch , zeig t uns die Ka­
m era.
Noch w en ig er nimmt es w u n d e r, daB eine d e r letzten Kampag-
nen von S w atch , eine schw eizer U h r , von K eith H arin g d e -
s ig n te U h ren s in d . K eith H arin g s K unst hat aïs Quelle die
G ra ffitis von d e r N .Y . S u b w ay, stammt aus e in e r A r t u n te r-
irdischem K rieg d e r Zeichen von J u g en d lich en , d ie gegen die
o ffiz ië lle Lin ie d e r weiBen M eh rh e it d e r S ta d tb ev ô lk eru n g
kam pfen - eine P m te s tfo rm . Gerade d ie se r K rieg ist nun n a h t-
los und b litzsc h n ell w ied er z u r Linie d e r o ffiziellen M eh rh e it,
ja sogar zu e in e r U h r aus d e r b iederen Schweîz gew orden,
die v o r Jahren noch b ru ta l jede ju g en d lich e Protestform u n -
te r d r ü c k t h a t. Die Schweiz hat die realen ju g en d lich en A u tô -
nom iebestrebungen mit m ilita ris c h e r Gewalt v e rn ic h te t und
b e k â m p ft, d ie akàdem ische A s th e tis ie ru n g dieseë K rieges
a b er m it o ffenen Armen aufgenom m en. In d ieser K onversion
von e in e r k rie g e ris c h e n S tils tra te g ie ( G r a ff it i) z u r o ffiz ie l-
len W erbelinie eines K onsum produktes, zu einem P ro d u k td e -
s ig n , von einem abw eichenden S til e in e r M in d e rh e it zum S til
des M ainstream s, e rke n n e n w ir die K reu zu n g d e r S ig n ifi-
k a n te n . A uch Elton John s in g t n ic h t m ehr 'Sad Song1 sondern
s ch alte t d ie S ilb en anagram m atisch ein biBchen um in ‘Sassoon1,
den Namen e in e r Blue Jean Firm a, d e r fr ü h e r ein Name f ü r
ein Parfum w a r. Elton John s in g t d an n :
'When e v e ry lïttle b it hope is gone,
Sassoons says so m uch.*
’Wenn aile H o ffn u n g d ah in g e fa h ren is t,
dann sagt d ir Sassoon so v ie ! .1
M it d e r G r a f f it i- U h r am Arm v e rd re h t d e r A n p a ftle r sein
Image ins G e g e n te il, in das eines S ta d tk rie g e rs . Beî g en a u -
e r e r B e tra c h tu n g kôn n te man a b e r b em erken , daB H arin gs
S til von v o rn h e re in d e r S til d e r Madison A ven u e is t , nâmlich
k la re O u tlïn e -L in ie n , g e fü llt mit fla c h e n , monochromen F a r -
b e n . Die G r a ffiti-K u n s t h at im Gegenteil d u rc h ih r W e rk zeu g ,
die S p ra y d o s e , d iffu s e L in ie n , O b e rla g e ru n g e n , S chichten
von sch illern d e n F a rb e n . H a rin g kommt e h er vom Comîc S trip
und von d e r R e k la m e-K u n s t. D ah er eignen sich seine S k u lp -
t u r e n , d ie dreidim ensionale V e rw irk lic h u n g e n s ein e r zw e id i-
mensionalen Zeichnungen s in d , so idéal f ü r d ie V o rh ô fe , V o r -
g a rte n und Lobbys in te rn a tio n a le r M u ltis . Denn auch sie g e -
ben d e r Firm a das Image des k o n trâ re n S ig n ifik a ts , ju n g , u n -
a n g e p a B t, fre î zu s ein . Die g ro fte n G e sellsch aften , d ie e ig e n t-

112
lîch das System tra g e n , welches die Jugendlichen und die
M in d erh e ite n ausm erzen w ill, weiche zu den Quellen g e h ô rt,
die Ursachen sind f ü r die M isere d e r M in d e rh e it, nehmen ih -
ren O p fern n ich t den S k a lp , sondern den S til. Diese Firmen
schaffen soziale Z u stan d e , gegen die Jugendliche und Min­
d erh e iten n ic h t mehr re a l, sondern n u r m ehr mit S til, mit
Z eichen, p ro te s tie re n kônnen. D ieser S til h angt dann a sth e-
tisch a n v erw an d e lt g erad e an den VVënden d ie se r Firm en. So
wie zum Beispiel die Top Etage d e r D eutschen Bank in F ra n k ­
f u r t mît B eu ys-W erken a n g e fü llt is t, und ein zentrales M otiv
in B euys' W erk d e r Kam pf gegen den Kapitalismus w a r.

V o r solchen K om plizenschaften und V e rw ic k lu n g e n die Augen


zu v e rs c h lie B e n , hieBe sich sowoh! v o r d e r K u n s t, wie auch
v o r d e r R ea litët b iin d zu s te lle n .
D ie Fun ktio n d e r K unst als K o n v e rte r d e r C o rp orate Id e n ti-
t y in einem logothetischen ProzeB erm ôglicht den beliebigen
T r a n s fe r , die b eliebige K reu zu n g a lle r S ig n ifik a n te n , aber
wie schon anfangs g e s a g t, schlieBlich doch a u f d e r Schrene
b in a re r O p p o sîtio n en . Denn auch d e r S ig n ifik a n t des P ro -
d u k ts lôst sich vom P ro d u k t, w ird fre i und s etzt sich dann
a u f dem g eg en teilig en S ig n ifik a t nieder . D er Signifikant eines
P roduktes mu B sich heute g ar n ich t mehr a u f irgendw elche
Eigenschaften des P rod u ktes selbst beziehen und sie loben.
D er S ig n ifik a n t sch w eb t. So kann zwischen verschiedenen
Im ages, ld e n titâ te n fre i herumgeschoben w e rd en .
Ob Beuys mit sein er Personal Id e n tity f ü r W hisky oder fü r
die Deutsche Bank Reklame m acht, is t é g a l, b elieb ig . W ich-

113
tig is t n u r , daB das v isu e lle E rschein u n g sb ild von Beuys
(d ie F lie g e rw e s te , d e r H u t etjc.) aïs Logo d e r K u nstfirm a
Beuys p o sitiv b es etzt is t. Die S ig n ifik atio n e n von B eu y s 1 Lo­
go und W erk, die C o rp o rate Id e n tity d e r K u nstgesellschaft
Beuys kann dann a u f a n d e re C o rp o rate Id e n tity s ü b e r tr a -
gen w e rd e n . S ig n ifik a n te n wie A uthenstizitât, M en sch lich keit
e t c ., welche d ie C o rp o rate Id e n tity von B eu y s 1 K unst s in d ,
kônnen dann a u f F irm e n p ro d u k te ü b e rtra g e n w erd en und
sich a u f dem g eg e n te ilig e n S ig n ifik a t n iederlassen.

R ü c k w irk e n d kônnen w ir e rk e n n e n , daB das v isu e lle E rschei­


n u n g s b ild eines K ü n s tle rs , seine bohêm ehafte K leidung oder
a n d e re S tîlis ie ru n g e n frü h z e itig e V e rs u c h e w a re n , sich selbst
eine eigene C o rp o rate Id e n tity ( C . l . ) zu g eb e n . D er K ü n s t-
le r w ar also das Modell f ü r d ie groBen F irm e n , fün die M a r k t-
s tra te g ie n . Das Logo eines K ü n s tle rs , seine S ig n a tu r, seine
C . l . w aren V o r g r iffe a u f d ie h eu tig e G esellsch aft, wo groBe
Firm en do m in ieren .
Das f ü h r t zu solchen P aroxysm en, daB K ü n s tle r gleich d i-
r e k t das Logo e in e r Firm a, o d er e in e r P erson, k ü n s tlerisc h
b e a rb e ite n , wie es Warhoi getan hat o d er jü n g s t J iri D okou-
p il, d e r b ekan n te Firm enzeichen aïs S k u lp tu re n a u s ste lfte .

K unst w a r o ffe n s ic h tlic h schon immer L o g o -K u n s t, f ü r das


E rsc h e in u n g sb ild g ro B er K onzerne z u s tâ n d ig , hieB d e r Kon-
zern nun K irch e o d er B ank o d er B ie r. Die religiôse Ik o n o -
g ra p h ie is t z u r Logographîe d e r W arenwelt g ew o rd en . F ir ­
m enzeichen, D ienst am Logo, erse tze n den D ien st am S a k ra -

m
Goya s o rg te n , p ro fa n is ie rt sich in d e r C o rp o rate Id e n tity f ü r
IB M , MGM e t c ., d ie W arhol, Beuys und and ere b esorgen.

Wenn Blue Jeans die le tz te H o ffn u n g d e r D esperaten sin d ,


dann is t d e r Stand d e r D inge a lle rd in g s d e s p e ra t. Wenn h e u -
te d ie gesamte R o ck - und Popszene, von D ebbie H a rris (B lo n -
d ie ) bis zu John L u rie von Lounge L izard s f ü r Limonade, B ier
und Jeans s in g t, dann is t in d e r T a t ein G rad d e r D e s p era t-
h eit e r r e ic h t, dessen F ix p u n k t D é b ilitâ t is t.
D er Zustand d e r Pop K u ltu r, d e r Konsum geselischaft und sei­
nes Publikum s ist die extrem ste D é b ilitâ t und S e rv ilitâ t, die
v o rs te ilb a r is t. Man d en k e n u r an den in fern alisch en Schw ach-
sinn und Schwindel von S a tellîte n ^K o n zerten wie "Live Aid
fo r A fr ic a " .
Doch auch h ie r in te re s s ie rt uns n u r die Konversion d e r S ig -
n ifik a n te n . Wie namüch d ie S ig n ifik a n te n des R o ck 'n 'R o ll, Ré­
b e llio n , A u fs ta n d , R an d ale, Lâ'rm, Chaos, E n e rg ie , von d e r
K onsum geselischaft um g ed reh t w erden und a u f P rod u kte mit
g eg en teilig en S ig n ifik a te n gesetzt w e rd e n . Ganze Tourneen
(w ie z .B : der Roliing Stones, eine der Iâcherlichsten Pop-
G ruppen^ w erden a u f diese Weise von M ultiko n zern en g e fô r-
d e rt.
Das Logo des R o ck'n 'R o ll w ird zum Logo d e r F irm a, a b er g e-
k r e u z t, so daB schlieB lich w eder d e r R ock, noch die Firma
mit ih r e r S ig n ifik a tio n übereinstim m en, sondern beide T eile
e in e r Welt d e r F a ls ifik a te , d e r gefâlschten Papiere s in d . D er
Rock w ird la u , d e r K onzern dynam isch.
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ï

K o nzerte f ü r K o n zern e, G ra ffitis f ü r G em eindekunst. Wâhrend


H arald N ae g eli, e in e r d e r o rig in a len E rfin d e r des S p ra y -S tils
in d e r Schw eiZyfür seine K unst e in g e s p e rrt und meine S tu -
denten f ü r S p ra y -A k tio n e n noch v e rh a fte t w u rd e n , hat die
Gemeinde Wien f ü r d ie W iener Festwochen 1986 zwei New Y o r -
k e r S tra fte n k ü n s tle r, nâmlich Keith H a rin g und Jenny H olzer
e in g e la d en , welche a u f B esteilu n g und a u f vorgeg eb en en
W andflachen G ra ffitis und S p rü ch e a n fe rtig te n . Dieses z y n i-
sche Schauspiel eines s u b v e n tio n ie rte n "K rieg s d e r Zeichen"
ist a u f d e r Ebene des S ig n ifik a ts ein F rie d e n . V e rs ô h n u n g s -
und Ü b e rla u fe rk ü n s tle r mit d e r Flagge des K rie g e s . Eine
neue a sth etisch e K ate g o rie , die Ü b e rlà u fe r-Â s th e tik , e n ts te h t.
A uch sie ist g e p râ g t von d e r Konversion d e r Zeichen wie die
L o g o -K u n s t d e r B an k en . L o g o-K u nst ist d ie e ig en tlic h e K unst
d e r 2. H â lfte des 20. J a h rh u n d e rts . Die B eîspiele sind e n d -
los.
Eine B ank in O s te rre ic h , d ie E rste tis te rre ic h is c h e S p a rk a s -
se, w ir b t mit einem H u n d . ih r Logo is t ein la n g - und s ch la p p -
o h rig e r H u n d . D er S ig n ifik a n t des H u nd es, den man einen
T r i t t geben k a n n , d e r aufs Wort g e h o rc h t, d e r Dein S klave
is t 7 d e r von D ir le b t, is t a b er w ieder das Gegentfeil des S ig­
n ifik a ts d e r B a n k , d ie von D ir le b t, d ie M acht ü b er Dich h a t,
die D ir einen T r i t t g ib t, wann immer sie w ill e tc . Die Bank
nimmt a!so den k o n tra re n S ig n ifik a n te n îh re s S ig n ifik a ts . A u f
d e r Ebene des Logos w ie d erh o it sich h ie r das G leich e,
wenn e in e r d e r grôB ten B e rlin e r B au s p ek u lan ten , H e rr M a rx ,
o d er d ie D eutsche B an k ,m it H e rrn Abs (aus H itie r-D e u ts c h -
lan d) an d e r S p itz e , Beuys sammelt.

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Diese logothetîsche Konversîon is t ein z e n tra le r K ern d e r K u l-
t u r . M a g ritte h at ih r in seinem Bild mit dem bezeichnenden
T ite l " Z u r Preisung d e r D ia le k tik " vïsu ell A u sd ru c k gegeben:
man schaut in ein F e n s te r h in e in , was man a b er innen s ie h t,
ist d as , was man sehen w ü rd e , wenn man herausschaute, nâm-
lieh die g eg en üb erlieg en d e Hausfassade.
Diese v isu elle V e rd re h u n g g ib t eine g u te V o rs te llu n g von
d e r K reu zu n g d e r S ig n ifik a n te n , die ab e r n ich t fla c h îg , g ra -
p h is c h , sondern rau m lich,holographisch aufzufassen is t. D ie­
se K reu zu n g is t g le ich ze itig eine s p ira le n a rtig e D reh u n g im
Raum, so daft die versch ied en sten S ig n ifik a te in ih r Gegenteil
um kippen und zw ar pausenlos. Dieses stete Umkippen und
K o n v e rtie re n in k o n trë re S ig n ifik a n te n is t die d o m inierend-
ste E igën sch aft des g eg en w artig en Zivilisatio n sp ro zesses. Ob
w ir es w ahrhaben wollen oder n ic h t: nichts g iit m ehr, nichts
b le ib t g le ic h . A u th entisch es und F als ifik a te c h a n g ieren . Frei
flo ttie re n d e S ig n ifik a n te n codieren ih r jew eiliges L ekton.

Die Iogothetische B iJdbetrachtung ist angesichts d ie se r Em pi-


rie d ie scheinbar e in zig e , weil ko rres p o n d ie re n d e M ôglich-
k e it, im H erzen d e r F in ste rn is tem porares L icht zu spenden.

Wenn im ô sterreich isch en M agazin "P ro fil" ( N r . 45/1985) fü r


" V ie n n a . T h e h e a rt o f Europe" mit einem Foto Sigmund Freuds
Reklame gemacht w ir d , dieses Foto aber ausgerechnet jenes
is t, das F re u d im Zug nach London bei sein er V e rtre ib u n g
d u rc h die Nazis z e ig t, so wissen w ir , was d e r abwesende S ig -
n ifik a n t des Bîldes eig en tlich s ag t. Freud ist g a r n icht w ill-

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- r 1'

kommen, sondern u n te r dem S ig n ifîk a n t "Welcome" s te h t noch


immer das S ig n ifik a t "A b s c h ie d ". F re u d is t also immer noch
u n e rw ü n s c h t, soll weg und fe rn b le ib e n . Diese Bildauswahl
is t genauso w enig belieb ig wie die Wahl von F reu n d lich s
S k u lp tu r f u r das T ite lb la tt d e r "S chandausstellung" von 1937.
V e rle ite t von unbew uftten Wünschen w u rd e g erad e dieses
Bild a u s g ew ah lt, das k o n trâ r zu s ein er S ig n ifik a tio n die Wahr-
h e it ü b e r die ô ste rreich is ch e R ealitât au ssag te, nâmlich den
la te n te n A n ti-S em itism u s und Faschismus in O s te rre ic h . D ie­
ses B ild h a t die Wahl W aldheims, eines faschistischen O p p o r-
tu n is te n , als ô s te rre ic h is c h e r P rés id en t 1986 vorweggenonv-
m en. An diesem B ild h a tte d ie Wahl Waldheims p ro g n o s tiz ie rt
w erden kô n n en .
A uch d a fü r g ilt ein B ild h is M a rg ritte s mit generellem A n -
s p ru c h . 1m B ild "V e rb o te n e R ep ro d u ktio n " blickçt ein Mann
in einen Spiegel und s ie h t sich a b e r n ic h t von v o rn e g es p ie -
g e lt, sondern e r sieh t seinen H in te rk o p f, e r sieh t sich von
h in te n , von d e r abw esenden S e ite . 1m "V ie n n a "-R e k la m e -B ifd
kon n te man O s te rre ic h von h in ten sehen, seine abw esende,
v e rd ra n g te , verg e ss en e S e ite . W eniger s u b til sind da jene
M echanism en, d ie so za h lreich s in d , dafl sie g a r n ic h t mehr
a u ffa lle n , nâmlich d ie B ild le g e n d e n . In e in e r franzôsischen
Z e itu n g w a r ein G rofSbericht ü b er Wien zu sehen. Ein Foto
a u f zwei M ag a zîn -S eite n m it dem T ite l "Wien" ze ig te a b e r
n ic h t W ien, sondern S a lz b u rg . K la r, weil S a lzb u rg als S ig n i-
fik a n t (m it seinen d ic h tg e d ra n g te n , b arocken K irch en und
S chlôssern) v ie l mehr wie Wien ausschaut als Wien s e lb s t.
Das B ild von S a lzb u rg ist d e r Id e e , d e r V o rs te llu n g von

118
K
Wien viel n ah er als das B ild von Wien s e lb s t. So kann man
also am besten Wien d u rc h ein Bild von S a lzb u rg d a rs te lle n ,
so wie man am besten d u rch K riegszeichen den eigentlichen
Frieden d a r s te llt. D er B e s ts e lle r-E rfo lg von W alraffs "Ganz
unten" v e rd a n k t sich w ahrscheinltch gënau solchen M echanis-
men, desgleichen d e r Erfo lg des Films "Am adeus". M ozart als
Punk kann aïs E rfo lg n u r noch ü b e rtro ffe n w erden d u rch
: M ozart aïs C h în ese, denn es g ib t 400 MiMionen chinesische
Z u sc h au e r, und ob Punk oder Chinese is t e in e rle i, denn von
d e r W ahrheit sind beide gleich e n tfe r n t. Die W ahrheit ist im
heu tig en Zeichenraum ein H an d tu c h , in dem je d er seine H an -
de auswischen k an n .
' Das weift auch d ie W erbüng schon, d ah e r betont sie in ein er
/ Emphase des T au to lo g isch en , wenn etwas w irk lic h w ahr is t /
r ■
dafi es w irk lic h w a h r is t. Sie d e s ig n ie rt dann das Logo: "O li-
v e n -O liv e n ô I" . Weil Olivenôl kann m ittlerw eile schon ailes
sein. D er S ig n ifik a n t ist e n tw e rte t. J e tzt h ilft entw eder ein
C . l , eines K ü n s tle rs , wie Beuys t r ln k t japanischen W hiskey,
P hilip G lass, d e r G u ru d e r M ëditationsm usik, v e rk a u ft Scotch
und John L u rie , d e r S ta r "arm er" Filme wie " S tra n g e r than
P a ra d ise ", w irb t mit sein er C . I . , mit sein er Përson, f ü r Li­
monade. Da am P ro d u k t selbst keine Eigenschaft mehr g la u b -
h a ft is t, v e rz ic h te t man a u f Preisungen re a le r E igenschaften,
sondern v e rs p ric h t n u r m ehr leere S ig n ifik a n te n , n u r mehr
ein Z eich e n -E reig n is s ta tt eines sinnlichen Ereignisses: "The
uncommon denom inator" f ü r Rose's lime ju ic e , oder umge-
k e h r t , ein sinnlich leeres E reig n is w ird zu einem sinnlich b e-
sonders erreg e n d e n um codiert (M in eralw asser "belebt die S in -
n e " ).
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Die Emphase d e r T au to lo g ie ist d e r doppelte B odeh, in den
die Luge g ep a ck t w erden soll. Wenn d a h e r eine Im m obîlïen-
Firma sich New Y o rk Land n e n n t, weiB d e r L o g o th e tik e r, daB
es sich a u f keinen Fall um eine New Y o rk e r Firma handeln
k a n n . In d e r T a t , d ie B e s itze r von New Y o rk Land sind
hau p tsâch lich Ismelda und F erd in a n d M arcos, p h îllip in isc h e
E x -D îk ta to re n , und die Firm a Kumagi Gumi aus Jap an . Eben
weil es in d e r Epoche d e r m ultinationalen K onzerne und d e r
m ultinationalen W irts c h a ft keîne lokale A u th e n tîz ita t mehr g e -
ben k a n n , w ird v e rs u c h t, ih r Fehlen d u r c b do p pelte S ig n ifi-
kation wie "O liv e n -O Iiv e n ô l" zu v e rd e c k e n .
Wenn d ie D em okratie noch n ic h t dem okratisch und das K las-
sensystem noch n ic h t a b g e sc h afft is t, dann sind W ir zum in-
dest aile M itg lie d e r e in e r K lasse, und womôglich ë in e r K las-
se, in die w ir uns leicht (K onsum geseüschaft) e in ka u fe n (K a -
pitàlism us) k ô n n e n . Es g ib t diese Klasse, es ist das neue
Klassensystem d e r D e s ig n p ro d u k te .
Wenn es K le id er g ib t, d e re n Firmenname MEMBERS Q N LY is t,
NUR FOR M IT G L IE D E R , dann zeig t das d e u tlic h , daB w ir
nicht in e in e r d em o kratisch en , klassenlosen G esellschaft le -
b e n , daB w ir nicht aile M itg lie d e r d e r realen G esellschaft
s in d , sondern daB es neue Klassen g ib t, d ie Lacoste, D io r,
G ucci, Fiorucci e tc . heiBen. Die bloBe E xisten z e in e r K le i-
d e r -E tik e tte "Members o n ly" v e rw e is t a u f den AusschluB aus
d e r K lasse, aus d e r G e se lls ch a ft.
A ile G esellschaft is t eine C ônsum er-S ociety g ew o rd e n , in d e r
die M itte l des Protestes (sieh e G ra ffitis ) zu M itte ln des Kom-
merzes w e rd e n , Solange d ie S p rach e des Protestes keine

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f
f'

| Sp rach e d e r D iffe re n z mehr is t. Die alte S prache ist vollkom -


men k o rru m p ie rt. Die alte S p rach e, das ist die S p rach e, die
>1 -.s.
von F re ih e it, G le ic h h e it, G e re c h tig k e it, B rü d e rlic h k e it,
M enschlichkeit e tc . s p ric h t. M it d îeser Sprache v e rk a u ft man
heute das G e g en teil. M it dîeser Sprache kann hôchstens noch
die W erbung P rod u kte k o n trâ re r S ig n îfik a tîo n v e rk a u fe n . Dre-
i se alte S prache is t vollkommen k a p u tt, sie d ie n t d e r V e r w ir -
ru n g und d e r A u s b e u tu n g . Die a lte S prache is t ein smooth
o p e ra to r.
Die Stimme d e r F re ih e it kommt heute vom P layb ack, sowie
V'#!

ein st die "Stimme E u ro p a s", eine R ad io statio n, die Stimme


Am erikas w a r. Die Stimme d e r V e rn u n ft s p ric h t lip p e n sy n -
c h ro n , sie s p ric h t n ic h t mehr s e ib s t, sondern sie s p ric h t lip -
pensynchron zu dem , was vom Band kommt. Vom Band kommt
! his M asters V oice. Die M asters sind d ie M ëchté d e r corporate
i so ciety, d e r F irm en g esellsch aft, die eine neue feudale G esell-
j schaft is t. In d e r Konsum gesellschaft kônnen die Menschen
" fre i" und " v e rn û n ftig " s p rec h e n , denn auch die Anweisung
z u r F re ih e it und V e r n u n ft kommt vom Band, Ob fre i oder
" fre i" - es g ib t keinen U n tersch ied m ehr.
S ig n ifik a n te n d e r F re ih e it, wie K u n s tw erke , w erden in B an k -
filîa le n , O rte n d e r U n fre ih e it, a u s g es te llt.
j Banken und K onzerne u n te rs tü tze n K u n s t, G alérien w erden
zu K u n s tb a n ke n , Die Namen d e r S p o n so r-F irm en sind o ft a u f
!

[ Plakaten za h fre ich e r und d e u tlic h e r zu lesen aïs d e r Name des


j K ü n s tle rs . DaB das griech isch e W ort "logos" (G e is t, V e r -
| n u n ft) zu logos (F irm en zeîch en ) verkommen is t, ist n u r ein
■ Symptom. L o g o-K u nst h e rrs c h t ü b e ra ll. D ie logothetische M e-
j
i
! 121
thode begibt sich in die Mundhôhle d er Maeht selbst und
d re h t ih r d o rt das Wort um. Die logothetische Méthode
scheint n u r eine M ôglichkeit, die Sprache der Logo-Kunst,
die Sprache der Macht zu e n tziffe rn .
Meine Anwendung der logothetischen Méthode erstreckte sich
vom Nationalsozialismus zum corporate capitalisai. An ihnen
hat sich auch die logothetische Méthode entw ickelt. Ein E r-
gebnis w ar, logothetische S tru ktu ren sowohl im Nationalso­
zialismus wie im Kapitalismus aufzuzeigen, so daB die Logo-
Kunst der Konsumgesellschaft wie ein Spezialfall der Kunst-
problematik im D ritte n Reich erscheint, nur mit umgekehrten
Vorzeichen. D ort Verfem ung, hier V e rb rü d eru n g . lnsofern
ist nun d er Sophismus "Keith Haring ist der Arno B reker
der Konsumgesellschaft,, verstândlich, hoffe ich. Die logo­
thetische Verschiebung bzw. Konversion bzw. Kreuzung der
S îg n ifikan ten , deren Ursachen w ir an der Kunst untersucht
und deren S tru k tu r w ir vorgestellt haben, geht also über
die Kunst als Domâne hinaus. Weil die Zeichen des Realen die
Realitât selbst ve rd rë n g t haben, sich an seine Stelle gesetzt
haben, aber eben a u f die logothetische Weise, aïs V e rd râ n -
gen, Verschieben, V erd re h e n , Kreuzen, wie es das Bîld von
Parrhasios sehomm Keime zeig t, operieren die logothetischen
V e rfah ren in K ern stru ktu ren d er Gesellschaft selbst. Die v e r-
w irre n d e , scheinbar w idersprüchliche Realitât und "Umwer-
tung aller W erte", wo anything goes und nichts mehr g ilt,
wo sogar K ritik und Protest sich in die optimalen Strategien
der Anpassung, des Erfolgs und der Intégration verwandelt
haben, ist durch die logothetische Méthode erhellbar gewor-
den.
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Die Aufgabe der Kunst kann daher nicht die reaktionâre Ein-
balsamierung der Weit durch die Malerei sein, und w under-
b arer Weise sind es gerade immer TCIaler, welche von Compu-
terfirm en fü r ihre C . I . herangezogen werden (Achtung!
Kreuzung der S ig n ifik a n te n ), sondern Aufgabe der A vant-
garde kann es im gegenwârtigen historischen Moment nur
sein, künstliche Bilder der Realitât zu schaffen, Bilder der
D ifferen z, nicht Mythen und Legenden.
Ob eine S tadtverw altung StraB engraffitis und Plakat-Bema-
Iungen subventioniert, ob eine Bank Ih r Logo mit einem Hund
s ig n ifiz ie rt, oder ein Konzern sich mit der Kunst archaischer
Mythen dekoriert - ail dies sind Konversionen der Signifikan­
ten wie am Beispiel von Freundlichs "Neuer Mensch" demon-
s trie rt. A rtig e Kunst statt "entarteter" Kunst sind nur zwei
verschiedene Seiten von Logo-Kunst.

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