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140 © Schattauer 2012 Für Studium und Praxis

Kastration von Hunden aus Sicht


der Tierverhaltenstherapie
F. Kuhne
Professur für Tierschutz und Ethologie, Klinikum Veterinärmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen

Schlüsselwörter Key words


Kastration, Hund, Tierverhaltenstherapie, Tierschutz Castration, dog, animal behaviour therapy, animal welfare

Zusammenfassung Summary
Eine Kastration ist immer eine Amputation im Sinne des § 6, Abs. 1 Tier- The castration of dogs is an amputation covered by Section 6 (1) of the
schutzgesetz. Die Indikationen für eine Kastration im Rahmen einer Animal Protection Law in Germany. Apart from the general indications
Tierverhaltenstherapie sind von klinisch indizierten Eingriffen zu unter- given by veterinary medicine, castration of an animal is a potential
scheiden, auch wenn es sich in beiden Fällen um eine therapeutische method of animal behaviour therapy. However, the highly variable, in-

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Maßnahme handelt. Ebenso wie die klinisch indizierten Eingriffe erfor- dividual effects of castration on behaviour require detailed diagnosis
dern die tierverhaltenstherapeutischen Indikationen eine umfassende by the veterinarian. Castration appears to exert its strongest influence
Diagnosestellung, sowohl aufgrund der individuell unterschiedlichen on sexually dimorphic behaviour patterns in male dogs, e.g. status-
Genese als auch aufgrund der Schwierigkeit, im Vorfeld die Auswir- related aggression, urine marking, mounting, house-soiling problems,
kungen einer Kastration auf das zu therapierende Verhalten einzu- and roaming. An indication to castrate a bitch is maternal aggression.
schätzen. Verbesserungen im Verhalten bei Rüden konnten bisher bei When evaluating the effects of castration, one should always consider
geschlechtsspezifischen Verhaltensproblemen nachgewiesen werden, individual circumstances, such as learning experience (for example in
insbesondere bei rangbezogener Aggression, Harnmarkieren, Stuben- the case of “experienced copulators”), age, and pack behaviour (if
unreinheit, unerwünschtem Bespringen und Streunen. Bei Hündinnen there is more than one dog in the household). Additional benefits of
gilt die übersteigerte maternale Aggression als Indikation. Bei der Ein- castration include a reduction in the dog’s general activity level, de-
schätzung der potenziellen Auswirkungen der Kastration auf das indi- creased preparatory arousal and a decline in the dog’s ability to focus
viduelle Verhalten müssen die Lernerfahrung (z. B. bei „erfahrenen its attention fully on the target of attack. As a result, it is much easier for
Deckrüden“), das Alter und die Gruppenzusammensetzung in einem the owner to disrupt and manage or control the dog’s agonistic inten-
Mehrhundehaushalt berücksichtigt werden. Die indirekten Einflüsse tions. However, castration is not the ultimate remedy in dog-handling.
auf das Verhalten, beispielsweise eine Reduzierung der generellen Ak- Any decision in this respect should be based on a precise behaviour-
tivität oder eine höhere Reizschwelle bei direkter Bedrohung durch Art- related indication. Otherwise, such surgery may well violate the Ani-
genossen (Rüden sind leichter ablenk- und somit trainierbar), machen mal Protection Law.
für viele Besitzer den Umgang mit einem kastrierten Hund im Alltag
leichter. Eine Kastration stellt allerdings kein Allheilmittel dar, um den
Umgang mit Hunden zu erleichtern, sondern bedarf einer exakten tier-
verhaltenstherapeutischen Indikation, da sonst mit der Kastration ge-
gen das Tierschutzgesetz verstoßen wird.

Korrespondenzadresse Castration of dogs from the standpoint of behaviour therapy


Dr. Franziska Kuhne Tierärztl Prax 2012; 40 (K): 140–145
Professur für Tierschutz und Ethologie Eingegangen: 21. Februar 2011
Klinikum Veterinärmedizin Akzeptiert nach Revision: 14. September 2011
Justus-Liebig-Universität Gießen
Frankfurter Straße 104
35392 Gießen
E-Mail: franziska.kuhne@vetmed.uni-giessen.d

Einleitung griffe erfordern die tierverhaltenstherapeutischen Indikationen ei-


ne umfassende Diagnosestellung, sowohl aufgrund der individuell
Die Indikationen für eine Kastration im Rahmen einer Tierver- unterschiedlichen Genese als auch aufgrund der Schwierigkeit, im
haltenstherapie sind von klinisch indizierten Eingriffen zu unter- Vorfeld die Auswirkungen einer Kastration auf das zu therapie-
scheiden, auch wenn es sich in beiden Fällen um eine therapeu- rende Verhalten einzuschätzen. Für die Diagnosestellung eines
tische Maßnahme handelt. Ebenso wie die klinisch indizierten Ein- vorliegenden Problemverhaltens muss zwischen einem Verhal-

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tensproblem und einer Verhaltensstörung unterschieden werden, weise das Streunen von Rüden primär durch läufige Hündinnen in
da als tierverhaltenstherapeutische Indikation nur eine Erkran- der Nachbarschaft motiviert worden sein. Kastrierte Rüden kön-
kung, d. h. eine Verhaltensstörung, ein Rechtfertigungsgrund ist, nen aber aufgrund der gesammelten Erfahrungen, z. B. Jagder-
den Hund zu kastrieren (§ 6 Abs. 1 S. 2 Nr. 1 TierSchG). folge, weiter streunen. Beim Problemverhalten Streunen ist dem-
Bei einem Verhaltensproblem handelt es sich um ein Normal- zufolge zwischen der ursprünglichen Ursache und den aktuellen
verhalten des Tieres, das vom Menschen allerdings als störend Auslösern zu unterscheiden, um über das Vorliegen einer Indika-
empfunden wird, weil es unästhetisch, problematisch oder mit Un- tion für eine Kastration und die Prognose entscheiden zu können.
annehmlichkeiten für den Menschen verbunden ist (3). Im Gegen- Das Territorialverhalten hingegen lässt sich überwiegend durch
satz dazu handelt es sich bei einer Verhaltensstörung um eine an- vom Hund gemachte Lernerfahrungen und nur selten durch die
haltende erhebliche Beeinträchtigung eines Verhaltensablaufs be- hormonell bedingte soziale Reife des Hundes erklären. Demzufol-
zogen auf dessen normale Ausprägung (20). Endogene und/oder ge kann bei einem übermäßig wachsamen Hund durch eine früh-
exogene Einflüsse auf die Verhaltenssteuerung im ZNS, wie bei- zeitige Kastration die Festigung des Problemverhaltens weniger
spielsweise eine genetische Disposition, pathophysiologische oder beeinflusst werden als eventuell bei einem Streuner (12).
frühontogenetische Prozesse sowie Umwelt-, haltungs- und erzie- Die Motivationen der Hundehalter, ihre Hündin oder ihren
hungsbedingte Einflüsse, können die Ursachen einer Verhaltens- Rüden kastrieren zu lassen, können in drei Kategorien zusammen-
störung sein. Infolge einer Verhaltensstörung vermindern sich An- gefasst werden: 1. aus medizinischem Grund, 2. damit die Haltung

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passungs- und Leistungsfähigkeit des Organismus, d. h. die Be- einfacher ist und 3. weil ein spezifisches Problemverhalten vorliegt
einträchtigungen durch eine Verhaltensstörung betreffen über- (9). Bei den medizinischen Gründen überwiegen bei Hündinnen
wiegend das Tier selbst, können aber auch mit Gefahren für den die Prophylaxe und bei Rüden die Therapie von Erkrankungen der
Menschen oder andere Tiere verbunden sein (17). Die folgenden Geschlechtsorgane. Eine Hündin soll weiterhin kastriert werden,
Problemverhaltensweisen, die häufig als Gründe für eine Kastra- weil 1. den Haltern der Umgang mit einer läufigen Hündin zu
tion angegeben werden, können dementsprechend nicht per se als stressig ist, sie 2. generell keine Welpen haben wollen, 3. der wel-
Verhaltensstörung und somit als Indikation für eine Kastration penhafte Charakter der Hündin erhalten bleiben soll, oder 4. die
angesehen werden (1, 5, 11): Hündin massive Verhaltensänderungen im Zusammenhang mit
● Aggression einer Pseudogravidität zeigen könnte. Bei Rüden bereiten 1. ein zu
– rangbezogene Aggression starker Geschlechtstrieb, 2. das Streunen, 3. aggressives Verhalten
– offensive/defensive Aggression und 4. das zeitgleiche Halten einer Hündin den Hundehaltern die
● Ausscheidung meisten Probleme (9). Ein spezifisches Verhaltensproblem oder
– Harnmarkieren eine Verhaltenstörung ist selten der Grund, weshalb Hundehalter
– Stubenunreinheit ihren Hund kastriert haben wollen. Übersteigertes Normalver-
● Angst halten, wie Hypersexualität bei Rüden, aber auch Probleme in ei-
– Angst vor Orten/Objekten/Tieren/Menschen nem Mehrhundehaushalt oder aggressives Verhalten gegen gleich-
● Ernährung geschlechtliche Artgenossen werden als spezifische Verhaltenspro-
– Pica, Koprophagie bleme von Hundehaltern angesehen, die nur durch eine Kastration
● weitere Verhaltensprobleme zu beheben seien. Aus den genannten Gründen werden Hündin-
– mangelnder Gehorsam nen überwiegend aus medizinisch-prophylaktischen Gründen vor
– Betteln der ersten Läufigkeit oder bis zum 2. Lebensjahr kastriert, Rüden
– Jagdverhalten hingehend überwiegend aus tierverhaltenstherapeutischen Grün-
– destruktives Verhalten (inkl. Automutilation) den, wenn sie älter als 2–3 Jahre sind (9).
– übermäßige Wachsamkeit/übermäßiges Bellen
– Hyperaktivität
– unerwünschtes Anspringen Tierverhaltenstherapeutische
– Streunen. Indikationen für eine Kastration
Die Kastration galt lange Zeit als das Mittel der Wahl bei verhal- Der Einfluss von Hormonen auf das Verhalten ist vielfältig und
tensauffälligen Hunden, entsprechend den oben aufgeführten zum Teil noch nicht vollständig geklärt. Geschlechtsspezifische
Gründen für eine Kastration offensichtlich auch unabhängig da- Unterschiede bei einzelnen Eigenschaften (z. B. Trainierbarkeit,
von, welches Problemverhalten genau vorlag. Nach einer Kastra- Anhänglichkeit) lassen aber vermuten, dass die endogene Wirkung
tion infolge einer unzureichenden tierverhaltenstherapeutischen der Sexualhormone auch an der Entwicklung einiger Verhaltens-
Diagnose kann das Problemverhalten seltener, unverändert oder störungen beteiligt ist (10, 26). Bisher konnte allerdings kein sig-
verstärkt auftreten. Eine Verstärkung ist möglich, wenn dem Pro- nifikanter Zusammenhang zwischen dem hormonellen Status ei-
blemverhalten überwiegend eine verhaltensbiologische und weni- nes Tieres und dem gezeigten aggressiven Verhalten beobachtet
ger eine hormonelle Ursache zugrunde liegt. So kann beispiels- werden. Dies ist zum einen durch die großen individuellen Unter-

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schiede hinsichtlich der Auswirkungen einer Kastration auf das Bei den in der tierverhaltenstherapeutischen Praxis mit einer
Verhalten und die vielfältigen Ursachen für aggressives Verhalten Tendenz zu aggressivenVerhaltensweisen vorgestellten Hunden
zu erklären. Zum anderen kann es an einer androgenbedingten handelt es sich meist um Tiere, bei denen die zugrunde liegende Mo-
pränatalen Beeinflussung von Gehirnarealen liegen, was mittler- tivation überwiegend 1. Angst/Unsicherheit, 2. Frustration, 3. Ver-
weile als der wahrscheinlichste Weg der hormonellen Beeinflus- teidigung der eigenen körperlichen Unversehrtheit oder 4. mangeln-
sung aggressiver Verhaltensweisen gilt (16, 19). Diese frühe Andro- de Umwelterfahrung ist. Bei diesen Tieren, egal ob Rüde oder Hün-
genwirkung auf einzelne Gehirnareale wurde bei verschiedenen din, muss nach einer Kastration mit einer Verschlimmerung des Ver-
Tierarten (z. B. Maus, Meerschweinchen und Rhesusaffe) nach- haltensproblems gerechnet werden, da die hormonelle Umstellung
gewiesen (6, 21, 23). Aber auch beim Hund kommt es eventuell zu einer gesteigerten Verunsicherung führen kann. In Fällen, in de-
bereits in der frühen Phase der Ontogenese, pränatal im Uterus nen sich die Ursache des Problemverhaltens nicht ohne eine umfas-
der Mutterhündin, durch eine erhöhte Androgenkonzentration sende tierverhaltenstherapeutische Anamnese klären lässt, ist des-
(z. B. weil überwiegend männliche Feten vorhanden sind oder ein halb vor der Entscheidung für eine Kastration der Rat eines tierver-
weiblicher Fete zwischen zwei männlichen Feten im Uterus liegt) haltenstherapeutisch tätigen Kollegen einzuholen.
zu einer Modellierung von Verhaltensweisen des erwachsenen
Hundes (15). Dagegen konnte bisher kein Zusammenhang zwi-
schen der Testosteronkonzentration in der Phase der Geschlechts- Verhaltensänderungen infolge

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reife (6.–8. Lebensmonat) und dem Auftreten von Problemverhal- einer Kastration
ten festgestellt werden (16).
Eine 50– bis 90%ige Verbesserung des Verhaltens bei Rüden- Auswirkungen der Kastration auf das Verhalten
wurde bisher bei folgenden geschlechtsspezifischenVerhaltens-
störungen nachgewiesen (18): In vielen Studien wird ausschließlich der Einfluss der Kastration
● rangbezogene Aggression auf das Verhalten von Rüden untersucht. Beispielsweise können
● Harnmarkieren das Aufreit- und Paarungsverhalten, Harnmarkieren und die Ag-
● Stubenunreinheit durch Markierverhalten gression zwischen Rüden durch eine Kastration umso effektiver
● unerwünschtes Bespringen minimiert werden, je weniger erfolgreiche Deckakte oder aggres-
● Streunen sive Auseinandersetzungen mit gleichgeschlechtlichen Hunden
die Tiere vorher hatten (14). Dabei sind die Verbesserungen in Fre-
Bei Hündinnen gelten zusätzlich die mit einer Lactatio falsa auf- quenz und Dauer (z. B. bei Aufreitversuchen oder Harnmarkie-
tretenden Verhaltensstörungen, wie maternale Aggression, Nest- ren) möglicherweise nur graduell, sodass den Rüdenbesitzern eine
bauverhalten und destruktives Verhalten, als Indikationen für eine Verhaltensänderung nicht unbedingt auffällt. Auch beobachteten
Kastration (18). Um eine signifikante Reduzierung aller mit einer Hopkins et al. (14) eine Verhaltensänderung nach der Kastration
Pseudogravidität auftretenden Verhaltensänderungen zu erzielen, teilweise nur bei einem Drittel der Rüden (씰Abb. 1). In der Studie
darf die Kastration erst 4–6 Wochen nach dem Abklingen der von Neilson et al. (18) zeigte nur jeder vierte Hund nach einer Kas-
Symptome vorgenommen werden, da sonst trotz Kastration ein tration wegen aggressiven Verhaltens gegenüber Familienmitglie-
Persistieren des Problemverhaltens möglich ist (22). dern dieses zu 50–90% weniger.

Abb. 1
Prozentsatz der Verhaltensänderungen von
Hunden nach einer Kastration (nach [14])
Fig. 1
Percentage change in the behaviour of dogs
following castration (according to [14]).

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Neilson et al. (18) kamen in ihrer Untersuchung zum Einfluss rapiemaßnahmen (z. B. verhaltensgerechte Haltung, Desensibili-
einer Kastration auf das Problemverhalten von Hunden des Wei- sierung und Gegenkonditionierung) eine langfristige Verbesse-
teren zu folgenden Ergebnissen, wobei sie bei der Beurteilung auch rung des Problemverhaltens und der Mensch-Hund-Beziehung
das Alter der Tiere und die Dauer des Problemverhaltens berück- erreichen lässt.
sichtigten:
● rangbezogene Aggression (Rüden): 50%ige Verbesserung bei Weitere indirekte Auswirkungen der Kastration
< 35% der Tiere auf Verhalten, Haltung und Umgang mit den Hunden
● defensive Aggression (Hündin mit Welpen): 100%ige Verbesse-

rung Eine indirekte Wirkung einer Kastration auf das Verhalten wird
● Harnmarkieren (Rüden): 50%ige Verbesserung bei 60% der mit dem Ausbleiben des Testosteronanstiegs und dem damit ver-
Tiere, 90%ige Verbesserung bei 25–40% der Tiere bundenen geringeren Belohnungseffekt nach rangbezogener Ag-
● Aufreiten (Rüden): 50%ige Verbesserung bei 60% der Tiere, gression unter Rüden, der geringeren Fokussierung und der hö-
90%ige Verbesserung bei 25–40% der Tiere heren Reizschwelle bei direkter Bedrohung durch Artgenossen er-
● Streunen (Rüden): 50%ige Verbesserung bei 60% der Tiere, klärt (2). Durch diese verminderte selektive Aufmerksamkeit auf
90%ige Verbesserung bei 25–40% der Tiere den anderen Rüden bleiben die Tiere während einer Rüden-Rü-
den-Interaktion in einer niedrigen Erregungslage. Sie sind damit

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Eine Indikation für die Kastration von Hündinnen besteht nach in Anwesenheit eines gleichgeschlechtlichen Artgenossen leichter
Neilson et al. (18) nur bei maternaler Aggression, während rang- trainierbar, weshalb viele Besitzer den Umgang mit kastrierten Rü-
bezogene oder offensive/defensive Aggression Kontraindikationen den als angenehmer empfinden. Somit eliminiert die Kastration
darstellen. Neilson et al. (18) konnten keinen eindeutigen Einfluss von Rüden nicht per se aggressives Verhalten gegenüber anderen
der Kastration auf das Problemverhalten bei Rüden in Abhängig- Rüden, doch reagieren die Tiere besser auf Management- und
keit vom Alter der Tiere zum Zeitpunkt der Kastration und von der Trainingsmaßnahmen (16).
Dauer des Problemverhaltens feststellen. Eine Zunahme rangbezo- Weitere Veränderungen, die infolge einer Kastration auftreten
gener Aggression bei kastrierten Hündinnen wird mit einer mög- können, sind 1. eine Abnahme der allgemeinen Aktivität (die Hun-
lichen prä- und perinatalen Androgenisierung erklärt und tritt be- de werden ruhiger und schlafen mehr), 2. eine Steigerung der Nah-
sonders auf, wenn die Hündinnen vorher bereits entsprechende rungsaufnahme, 3. die Hunde werden anhänglicher, 4. Hündinnen
Verhaltensweisen gezeigt haben oder vor dem 1. Lebensjahr kas- zeigen Markierverhalten und 5. kastrierte Rüden werden von un-
triert wurden (15, 26). Bei Hündinnen kann rangbezogenes ag- kastrierten Rüden bestiegen (4). Hart et al. (9) beschrieben einige
gressives Verhalten gegen Familienmitglieder oder Artgenossen dieser Verhaltensänderungen in Abhängigkeit vom Alter der Hun-
auch erst nach der Kastration auftreten, weil die aggressionshem- de zum Zeitpunkt der Kastration näher (씰Abb. 2): Bei Hunden,
mende Wirkung des Östrogens wegfällt (25). die vor dem 1. Lebensjahr kastriert wurden, konnte keine signifi-
Liegt der Kastration von Rüden die Indikation rangbezogene kante Verhaltensänderung bezogen auf die generelle Aktivität, aber
Aggression gegenüber Artgenossen oder Familienmitgliedern eine Zunahme des Ruheverhaltens festgestellt werden. Je älter die
zugrunde, verbessert der Eingriff allein die Problematik nicht Hunde zum Zeitpunkt der Kastration waren, umso eindeutiger
zwangsläufig, wie die Ergebnisse von Hopkins et al. (14) zeigen. zeigte sich der Einfluss auf die Nahrungsaufnahme, auch bettelten
Häufig führen die Begleitumstände, wie schlechte Erfahrung mit die Tiere mehr. Vermehrte Bellfreudigkeit, Spielverhalten, An-
Artgenossen, fehlerhafter Umgang und unzureichende Haltungs- hänglichkeit gegenüber Menschen und geringeres aggressives Ver-
bedingungen, dazu, dass sich das Verhalten der kastrierten Rüden halten anderen Hunden gegenüber scheinen häufiger nach einer
nicht wesentlich verändert. Auch stellen die Halter häufig über- Kastration in einem frühen Lebensabschnitt des Hundes aufzu-
zogene oder gar falsche Erwartungen an die Auswirkungen einer treten (9).
Kastration auf das Verhalten ihrer Hunde, ohne ihren eigenen Um- “Nebenwirkungen” der Kastration, die durch die hormonellen
gang mit dem Hund und die Mensch-Hund-Beziehung zu über- und stoffwechselphysiologischen Veränderungen bedingt sind
denken. Aufgrund der individuellen Lernerfahrung gerade bei (z. B. Fellveränderungen, Harninkontinenz, Adipositas), können
rangbezogenem Problemverhalten und der großen Variabilität der indirekt auch eine Änderung des Verhaltens der Tiere hervorrufen.
Verhaltensänderungen nach einer Kastration ist es ratsam, Hunde- So können die Hunde plötzlich wieder stubenunrein werden oder,
halter auf die Möglichkeit einer „chemischen Probekastration“ mit besonders bei regennassem Wetter, weniger Bewegungsfreude zei-
einem GnRH-Agonisten hinzuweisen, um die Verhaltensänderun- gen. Diese indirekten Veränderungen treten ebenfalls umso gerin-
gen infolge einer chirurgischen Kastration leichter voraussagen zu ger auf, je jünger die Hunde zum Zeitpunkt der Kastration waren
können (8). Des Weiteren ist eine Kastration, egal ob chemisch (9). Allerdings steigt bei frühzeitiger Kastration durch einen ver-
oder chirurgisch, immer nur ein Baustein einer umfassenden Tier- zögerten Epiphysenfugenschluss auch die Wahrscheinlichkeit ei-
verhaltenstherapie. Hundehalter können daher nie sicher davon ner verlängerten Wachstumsphase, die wiederum andere Proble-
ausgehen, dass sich ohne entsprechende Management- und The- me mit sich bringen kann.

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Abb. 2
Verhaltensänderungen in Abhängigkeit vom
Alter des Hundes bei der Kastration (nach [9])
Fig. 2

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Behaviour changes depending on the dog’s age
at the time of castration (according to [9]).

Tierschutzaspekte störung, die grundsätzlich verboten ist (§ 6 Abs. 1 TierSchG) (24).


Nach Hirt et al. (13) richtet sich die „Funktion (= spezifische Leis-
Bei einer Kastration erfolgt eine Zell- oder Gewebeentnahme, die tung) des von dem Eingriff betroffenen Zellverbands … aus-
die Funktion des Zellverbandes/Gewebes beeinträchtigt. Eine sol- schließlich nach der Biologie des Tieres und nach seinem Verhalten
che Zell- oder Gewebeentnahme gilt als Amputation und Gewebe- unter natürlichen oder naturnahen Bedingungen, und nicht etwa
danach, welcher Nutzzweck ihm vom Menschen zugedacht ist“.
Ziel der Gesetzesvorschrift ist demzufolge, die Unversehrtheit von
Fazit für die Praxis Wirbeltieren zu schützen.
Eine Kastration ist immer eine Amputation im Sinne des § 6, Abs. 1 Im § 6 Abs. 1 S. 2 des Tierschutzgesetzes werden Ausnahmen
Tierschutzgesetz. Neben den klinisch indizierten Indikationen ergibt vom Amputationsverbot aufgeführt: „Das Verbot gilt nicht, wenn:
sich im Rahmen einer Tierverhaltenstherapie eventuell die Notwen- 1. der Eingriff im Einzelfall
digkeit einer Kastration. Allerdings erfordern die sehr variable Genese a) nach tierärztlicher Indikation geboten ist …,
und individuell unterschiedlichen Folgen einer Kastration auf das Ver- 5. zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung oder –
halten eine eingehende tierverhaltenstherapeutische Diagnosestel- soweit tierärztliche Bedenken nicht entgegenstehen – zur wei-
lung. Tierverhaltenstherapeutische Indikationen konnten bisher bei teren Nutzung oder Haltung des Tieres eine Unfruchtbarma-
geschlechtsspezifischen Verhaltensstörungen nachgewiesen werden, chung vorgenommen wird“ (24).
bei Rüden: der rangbezogenen Aggression, dem Harnmarkieren, der
Stubenunreinheit, dem unerwünschten Bespringen und Streunen, bei Eine tierärztliche Indikation umfasst alle diagnostischen und the-
Hündinnen der maternalen Aggression. Bei der Einschätzung der po- rapeutischen Maßnahmen, die im Rahmen der Behandlung einer
tenziellen Auswirkungen einer chirurgischen oder chemischen Kastra- Erkrankung von Tieren notwendig sind (27). Demzufolge ist das
tion auf das individuelle Verhalten ist zwischen der ursprünglichen Ur- prophylaktische Kastrieren von Hunden zur Verhinderung poten-
sache und den aktuellen Auslösern der Verhaltensstörung zu unter- ziell möglicher, zukünftiger Erkrankungen oder zur Erleichterung
scheiden, um über das Vorliegen einer Indikation für eine Kastration der Haltung und das Umgangs mit den Tieren keine Indikation
und die Prognose eine Aussage treffen zu können. Des Weiteren ist ei- entsprechend § 6 Abs. 1 S. 2 des Tierschutzgesetzes.
ne Kastration immer nur ein Baustein einer umfassenden Tierverhal- Die Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung wurde
tenstherapie, sodass sich ohne entsprechende Management- und The- damit begründet, dass „aus Gründen des Tier-, Natur- und Jagd-
rapiemaßnahmen keine langfristige Verbesserung des Problemverhal- schutzes und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung … es erfor-
tens und der Mensch-Hund-Beziehung erreichen lässt. Eine Kastration derlich sein ‚kann’, die unkontrollierte Fortpflanzung von Tieren
stellt kein Allheilmittel dar, um den Umgang mit Hunden zu erleich- einzuschränken“ (7). Erforderlich wird demzufolge ein Eingriff
tern, sondern bedarf einer exakten tierverhaltenstherapeutischen In- zur Verhinderung der unkontrollierten Fortpflanzung bei einem
dikation, da sonst nicht nur die Erwartungen der Besitzer unerfüllt
Tier, wenn überwiegend ein öffentliches Interesse daran besteht.
bleiben, sondern auch gegen das Tierschutzgesetz verstoßen wird.
Des Weiteren muss der Eingriff verhältnismäßig sein, d. h. es darf
sich nicht mit tierschonenderen Maßnahmen (z. B. ein- und aus-

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bruchsicherer Gartenzaun) derselbe Zweck erreichen lassen. Die 9. Hart BL. Effects of neutering and spaying on the behaviour of dogs and cats:
Questions and answers about practical concerns. JAVMA 1991; 198 (7):
Kastration von Tieren, um deren weitere Nutzung und Haltung zu 1204–1205.
ermöglichen (§ 6 Abs. 1 S. 5), hatte ursprünglich zum Ziel, die Hal- 10. Hart BL, Hart LA. Selecting pet dogs on the basis of cluster analysis of breed
tung und den Umgang mit Hengsten zu verbessern. Inwieweit die behavior profiles and gender. JAVMA 1985; 186 (1): 1181–1185.
weitere Nutzung oder Haltung eines Hundes nur nach einer Un- 11. Hart BL, Eckstein RA. The role of gonadal hormones in the occurrence of
objectionable behaviours in dogs and cats. Appl Anim Behav Sci 1997; 52
fruchtbarmachung möglich ist, muss für jedes Individuum neu
(3–4): 331–344.
hinterfragt werden, da diese Ausnahme zum generellen Amputa- 12. Haug LI. Canine aggression toward unfamiliar people and dogs. VetClin
tionsverbot nur unter Vorbehalt im § 6 Abs. 1 S. 5 TierSchG ge- North Am Small AnimPract 2008; 38 (5): 1023–1041.
nehmigt ist‚ d. h. es dürfen keine tierärztliche Bedenken dem Ein- 13. Hirt A, Maisack C, Moritz J. Tierschutzgesetz – Kommentar. München: Ver-
lag Franz Vahlen 2003; 201–218.
griff entgegenstehen (13).
14. Hopkins SG, Schubert TA, Hart BL. Castration of adult male dogs: Effects on
Der § 6 des Tierschutzgesetzes (24) regelt abschließend die Zu- roaming, aggression, urine marking, and mounting. JAVMA 1976; 168:
lässigkeit von Amputationen an Wirbeltieren, d. h. eine vorgese- 1108–1110.
hene Gewebestörung muss die Zulässigkeitsvoraussetzungen (z. B. 15. Jensen P. Mechanisms and function in dog behaviour. In: The Behavioural
Biology of Dogs. Jensen P, ed. Wallingford, UK: CABI 2010; 61–75.
tierärztliche Indikation) des § 6 Abs. 1 S. 2 oder Abs. 3 erfüllen.
16. Lindsay SR. Aggressive behavior: Basic concepts and principles. In: Hand-
Neben diesen Bedingungen für eine Kastration von Hunden be- book of Applied Dog Behavior and Training. Etiology and Assessment of
steht eine Betäubungspflicht (§ 5 Abs. 1 S. 1) und der Eingriff darf

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Behavior Problems. Lindsay SR, ed. Oxford, UK: Blackwell 2001; 161–202.
nur von einem Tierarzt durchgeführt werden (§ 6 Abs. 1 S. 3). 17. Mills DS, Luescher A. Veterinary and pharmacological approaches to abnor-
mal repetitive behaviour. In: Stereotypic Animal Behaviour – Fundamentals
and Applications to Welfare. Mason G, Rushen J, eds. Wallingford, UK: CABI
Interessenkonflikt 2006; 286–324.
Die Autorin bestätigt, dass kein Interessenkonflikt besteht. 18. Neilson JC, Eckstein RA, Hart BL. Effects of castration on problem behaviors
in male dogs with reference to age and duration of behavior. JAVMA 1997;
211: 180–182.
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Literatur Rev 2002; 26 (6): 665–678.
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