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études critiques

Die byzantinischen Staatsfinanzen


im 8 / 9 . Jahrhundert und die στρατιωτικά κτήματα
Ralph-Johannes Ł IŁ IE (Berlin)

Daß die Höhe der Einnahmen und der Ausgaben eines Staates von großer
Bedeutung für die Beurteilung der "Leistungskraft", eines modernen Staates sein kann,
wird niemand bestreiten. Die Analyse solcher "Staatsfinanzen" ist demnach zweifellos
legitim, zumindest in der heutigen Zeit. Ob sie auch für das Mittelalter sinnvoll ist,
kann man bezweifeln, zumal dann, wenn die Frage nach den Finanzen auf die reinen
Geldeinnahmen und -ausgaben reduziert wird und die Naturalleistungen und nicht
adaerierten Verpflichtungen völlig vernachlässigt bleiben. Hierfür nur ein Beispiel:
Vergleich man allein die geldmäßig erfaßbaren-Finanzen des Kalifats, des Franken-
reiches und des byzantinischen Staates um 800, ohne die nicht adaerierten Einnahmen
und Ausgaben zu berücksichtigen, so dürfte das Reich Karls des Großen wohl -kaum
mehr als die Rolle eines unwichtigen Kleinstaates spielen. Die Kriterien eines "mo­
dernen" Staates sind auf mittelalterliche Staatswesen mithin nur mit großen Ein­
schränkungen und Vorbehalten anwendbar.
Dennoch ist die Faszination einer konkreten Zahl anscheinend so groß, daß immer
wieder der Versuch gemacht worden ist, mittelalterliche Staatsfinanzen zu berechnen,
zuletzt von W. T. TREADGOLD,1 der die Einnahmen und Ausgaben des byzantinischen
Staates auf 1,8 Millionen Nomismata um 800 und auf 3,3 Millionen (Einnahmen) bzw.
2,8 Millionen (Ausgaben) um 850 berechnet. Da die scheinbare Genauigkeit dieser Zahl
zweifellos gerade auf NichtSpezialisten verführerisch wirken dürfte, scheint es not­
wendig, zumindest einige Kernthesen des Verfassers kritisch zu überprüfen. Eine voll­
ständige Auseinandersetzung mit allen seinen Thesen ist, schon aus Platzgründen, lei­
der nicht möglich.
Die Ausgaben: Treadgold sieht zu Recht den größten Ausgabenposten in der Be-
zahlung\ der Soldaten und der zivilen Staatsdiener. Für das Jahr 773 nimmt er (I. 116f.)
eine Gesamtgröße der Armee von 80.000 Mann an, für 842 von 120.000. Jedoch über­
setzt Treadgold (I.1 69) die entsprechende Passage bei Theophanes falsch, wenn er
schreibt, daß Konstantin V. "called up the soldiers of the themes, the tagmata and
the Optimates — in short, the Empire's whole regular army — and these — Theophanes
says, totaled 80.000 men." Dies sei zwar nicht richtig, da Konstantin V. kaum ganz
Kleinasien von Truppen entblößt hätte, aber Theophanes habe hier schlicht und ein­
fach die Gesamtzahl aller Soldaten der byzantinischen Armee eingesetzt, da er Ja auch
die ganze Armee nach Bulgarien ziehen lasse. Theophanes nennt aber ausdrücklich
τους ταξάτους των θεμάτων και τους Θρακησιάνους καί ένώσας τοις τάγμασι τους όπτιμά-
τους.2 Der Umstand, daß die "Soldaten der Themen" mit den Thrakesiern vereinigt
wurden, zeigt, daß nur ein Teil der Armee gegen die Bulgaren auszog, keineswegs; alle

1
W. T. TREADGOLD, The Byzantine State Finances in the. Eight and Ninth Centuries,
New York 1982 (im folgenden TREADGOLD I.J; Idem, The Military Lands and the Im­
perial Estates in the Middle Byzantine Empire. Harvard Ukrainian Studies 7 (1983)
619—631 (im folgenden TREADGOLD II.).
2 Theophanes, Chronographia, ed. С. DE BOOR, Leipzig 1883J s. 447. 49
4 — Byzantinoslavica
Themen. Bei den ταξάτοι των θεμάτων handelt es sich überdies um in den thrakischen
Festungen vorübergehend stationierte Abteilungen, wie wenige Zeilen vorher gesagt
wird, möglicherweise um stehende Kontingente der Themen, ein Punkt, den Treadgold
völlig übersieht. 3 Wenn Theophanes aber gar nicht von "the Empire's whole regular
army" spricht, dann ist das von Treadgold unterstellte Versehen völlig unbeweisbar
und nicht einmal mehr wahrscheinlich. 4 Es könnten ebenso 100.000 Mann gewesen
sein, die Theophanes (451) wenig später erwähnt. Daß die Zahl 100.000 aussehe "like
a large, round number picked out of the air", ist richtig, aber ist 80.000 weniger rund?

Um von 80.000 im Jahre 773 auf 120.000 842 zu kommen, nimmt Treadgold (I. 71)
eine Vergrößerung auf 90.000 Mann unter Nikephoros I. (ca. 811) und eine weitere
ca. 838 an. Andere Vergrößerungen habe es nicht gegeben. Jedoch berichtet Theopha­
nes (449): στρατεύματα τε έποίησε [κατά θέμα πολλά καί τά τάγματα έπηύξησεν. Das
wie Treadgold (I. 72) als zeitweilige Verlegung thematischer Truppen nach Konstanti­
nopel zu interpretieren, tut m.E. dem Text Gewalt an. Ebenso vermißt man die Er­
wähnung zumindest zeitweiliger Truppenverstärkungen durch armenische Flüchtlinge
oder Söldner, die durchaus beträchtlich gewesen sind.5 Schließlich und endlich scheint
mir weder die von Treadgold (I. 70f.) behauptete gleichmäßige Verteilung und Vermeh­
rung des Heeres durch die Khurramiten 838 so eindeutig zui sein, wie von ihm unter­
stellt, noch ist sein Vertrauen auf die Korrektheit der Zahlenangaben al-Garmis ohne wei­
teres nachvollziehbar. F. WINKELMANN hat hierzu einiges gesagt. 6 Überhaupt ist Tread­
gold immer wieder gezwungen, auch "runde" Zahlen aus literarischen Quellen sehr genau
zu nehmen, sie sozusagen "wörtlich" zu interpretieren und als Ansatzpunkte für das
Gesamtbudget zu akzeptieren (z.B. 80.000 Mann, 30.000 Khurramiten, 20.000 Goldpfund,
20.000 Nomismata, 100 Goldpfund etc.), ohne die Fragwürdigkeit solcher "runden"
Zahlenangaben gerade in literarischen Quellen ausreichend in Betracht zu ziehen.
Von entscheidender Bedeutung für die Ausgaben des Staates im militärischen Be­
reich ist natürlich die Frage, ob die Soldaten nur von ihrem Sold lebten oder noch
andere Einkünfte hatten. Da Treadgold, hier OSTROGORSKY folgend, 17 bis 26 Nomis­
mata als Minimalsumme für den Lebensunterhalt einer Familie in Byzanz ansieht, die
durchschnittliche Soldhöhe aber nur 9 Nomismata betragen haben soll,7 muß er eine
andere Unterhaltsquelle annehmen. Diese sieht er in den στρατιωτικά κτήματα, die von
Herakleios begründet worden seien, der den normalen Sold für die Truppen nicht
mehr habe aufbringen können. Herakleios habe die kaiserlichen Domänen, die im 6.
Jahrhundert zwischen 10 und 20 Prozent des gesamten Reichsterritoriums umfaßt hät­
ten, an die Soldaten verteilt. Beweis hierführ sei der Umstand, daß der Kaiser im 9.
Jahrhundert kaum noch Grundbesitz gehabt habe. So sei etwa der Reichtum der be­
rühmten Witwe Danelis aus der Peloponnes kaum geringer gewesen als der der Kaiser
(Treadgold II. passim). Ohne auf die Frage der Entstehung der Soldatengüter an dieser

3
Theophanes s. 447: ταξάτους άφείς έκ πάντων των θεμάτων. Zu den stehenden Kontin­
genten der Themen, deren Existenz und Zahl Auswirkungen auf die Höhe der Besol­
dung hattte, cf. R.-J. LILIE, Die byzantinische Reaktion auf die Ausbreitung der Araber,
München 1976, S. 315 ff.
4
Auch die Zahlendiskrepanz zu dem Feldzug des nächsten Jahres, als Konstantin
V. 12.000 Kavalleristen aussandte, ist ohne Beweiskraft, da es sich hierbei um eine
Flottenexpedition gehandelt hat, für die schon der Transport von 12.000 Mann Kavalle­
rie eine; große Leistung gewesen sein muß.
5 cf. LILIE, Reaktion 319 f.
6
F. WINKELMANN, Probleme der Informationen des al-Garmi über die byzantini­
schen Provinzen. ByzSlav 43 (1982) 18—29; die Erwiderung von TREADGOLD Remarks
on the Work of Al-]armi on Byzantium, ByzSlav 44 (1983) 205—212, scheint mir nicht
überzeugend zu sein.
7
Wobei TREADGOLD (I. 24) eine Dienstzeit von rund 42 Jahren In der Armee annimmt,
aber völlig übersieht, daß dies rechnerisch nicht zu vereinbaren ist mit der Erblichkeit
des Wehrdienstes. Anders ausgedrückt: Wenn der Sohn, wie Treadgold ja annimmt, mit
achtzehn Jahren In die Stellung des Vaters einrückt, kann dieser kaum erst mit 60
Jahren aus dem Dienst ausscheiden. Das Durchschnittsalter der Armee dürfte also
wesentlich geringer gewesen sein, als von Treadgold unterstellt, und damit natürlich
60 auch die Besoldung, die von der Anzahl der Dienstjahre abhing.
Stelle näher eingehen zu wollen,8 sei hier nur ein Umstand näher beleuchtet: Wenn
Herakleios die Soldaten tatsächlich durch Vergabe von Land bezahlt hat, dann muß
der Besitz dieses Landes an den Dienst als Soldat gekoppelt gewesen sein, so wie es!
im 10. Jahrhundert ja auch bekanntermaßen der Fall gewesen ist. Mit anderen Worten:
Der Besitzer eines στρατιωτικών κτήμα hatte nur dann Anspruch auf dessen Besitz,
wenn er (oder später sein ErbeJ Dienst als Soldat leistete. Leistete er ihn nicht, so
mu&i der Entzug des Besitzes die logische Folge gewesen sein. Nun hat Jj HALDON für
das 9. Jahrhundert wahrscheinlich gemacht, daß der Soldatendienst zwar erblich war,
aber eben noch nicht mit dem Landbesitz des Soldaten verbunden. 9 Das aber macht
Treadgolds These unmöglich, denn er müßte begründen, wieso Soldatendienst und Sol­
datengut Im 7. und 8. Jahrhundert verbunden gewesen sind, im 9. dann nicht mehr
und im 10. wiederum. Wenn er (I. 13) argumentiert, daß dies Problem belanglos ge­
wesen sei, solange Dienst und Landbesitz zusammen in den κατάλογοι überliefert wür­
den, so zeigt dies nur, daß er die Relevanz der These Haidons nicht verstanden hat.
Darüber hinaus ist auch dieser Erklärungsversuch zumindest für das 8. Jahrhundert
nicht zutreffend: In der Ekloge aus der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts wird dem
Soldaten grundsätzlich die völlig freie Testierbarkeit seines Besitzes zugebilligt. Eine
Einschränkung, etwa der Art, daß der ausersehene Erbe Soldat sein oder werden
müsse, existiert nicht. Ja, in zumindest einem Fall wird einem zivilen Familienangehö­
rigen ausdrücklich die Möglichkeit eingeräumt, an dem soldatischen Eigengut zu par­
tizipleren.10 Hier ist von einer Verbindung zwischen Landbesitz und Militärdienst eben­
sowenig die Rede wie von einer gemeinsamen Auflistung beider in irgendwelchen
κατά λόγοι. Es ist im Gegenteil hier eindeutig so, daß der (Teil) erbe des Soldatengu­
tes keineswegs Soldat werden muß oder auch nur Ersatz zu stellen hat. Damit aber
fällt Treadgolds These.
Auch in den anderen Punkten ist sie nicht ordentlich abgesichert. So vergleicht der
von Treadgold (I. 131;| II. 631) zitierte Konstantin VII. keineswegs die Güter der Witwe
Danelis mit denen des Kaisers, sondern nennt ihren Besitz περιουσίαν ... πάντα ΐδιω
τικον ύπερβαίνουσαν πλοϋτον, μάλλον 8έ και τυρραννικων ολίγον καταδεέστερον .H Unter den
τυραννικοί sind hier eindeutig die "klassischen" Tyrannen der Antike, etwa Polykrates,
Dionysios u.s.w. gemeint, durch deren Anführung der Reichtum der Danelis gleichsam
ins Mythische überhöht werden soll, aber nicht Basileios I. und Leon VI., die von ihrem
Sohn und Enkel wohl kaum als τυραννικοί gebrandmarkt worden wären. Zumindest
wären für einen solchen Sprachgebrauch weitere Beispiele anzuführen gewesen, was
Treadgold unterläßt. Er hätte wohl auch kaum Erfolg.12
Daß Umfang und Art des kaiserlichen Grundbesitzes im 9. Jahrhundert anders als
etwa Im 6. Jahrhundert gewesen sind, ist unbestreitbar. Aber das gilt ebenso für den
sonstigen Großgrundbesitz, der ebenfalls im Laufe des 7. Jahrhunderts zusammengebro­
chen zu sein scheint. Das ist sicher auf die Einfälle der Perser und Araber und vor
aliem wohl auch auf den starken Bevölkerungsrückgang in dieser Zeit zurückzuführen,
die alle zusammen die frühere Domänenwirtschaft mehr und mehr unrentabel und/ viel­
leicht sogar allgemein unmöglich gemacht haben werden. Es ist aber kein Nachweis
für eine punktuelle ' Entstehung der στρατιωτικά κτήματα.
Es bleibt festzustellen, daß die Angaben Treadgolds zur Größe der Armee und auch
zur Höhe der Besoldung nicht zuverlässig genug abgestützt sind, um vertrauenswürdig
zu sein. Dies gilt noch mehr für die zivilen Staatsbediensteten, die Treadgold aus­
schließlich aufrund der Angaben in den verschiedenen Ranglisten berechnet. Jedoch

8
Cf. hierzu zuletzt ausführlich R.-J. LILIE, Die zweihundertjährische Reform. Zu den
Anfängen der Themenorganisation im 7. und 8. Jahrhundert. ByzSlav 45 (1984) 27—38,
190—201, bes. Teil II: Die "Soldatenbauern".
9
J. F. HALDON, Recruitment and Conscription in the Byzantine Army С. 550—950.
A study on the origins oof the stratiotika ktemata, Wien 1979, S. 41 ff.
io Cf. LILIE, Reform. S. 194 ff.
u Theophanes continuatus, ed. I. BEKKER, Bonn 1838, S. 320 f.
12
Zu der Aufflassung von. τυραννίς in Byzanz, bes. im 11. Jahrhundert, cf. zuletzt Sp.
VRYONIS Jr., Byzantine Imperial Authority. Theory and Practice in the Blementh
Century. In: La Notion d'autorité au Moyen Age. Islam, Byzance, Occident, Paris 1982,
141—161, bes. S. 153 f. 51
4· — Byzantinoslavica
ist nicht erwiesen, daß diese Ranglisten völlig korrekt sind. Eher scheinen sie mir
manchmal die Idealvorstellungen des jeweiligen Kompllators widerzuspiegeln, der na­
türlich eine gewisse Reihenfolge und Symmetrie in sein Werk bringen will. Jedoch
mag dies eine Sache des Glaubens sein.
Treadgold selbst ist des öfteren ebenfalls dem Zwang der Schematisierung erlegen
— zum Teil einfach deshalb, weil sein Vorhaben ohne solche Schematisierung über­
haupt nicht mehr ausführbar gewesen wäre. Aber ist sie deshalb richtig? Ein Beispiel:
Er berechnet (I. 115} die sonstigen militärischen Ausgaben auf 800.000 Nomismata pro
Jahr. Ein Teil diser Ausgaben entfällt auf zusätzliche Kosten militärischer Operatio­
nen. Laut De ceremoniis kosteten die beiden Flottenexpeditionen gegen Kreta von 911
/912 und 949 Jeweils knapp 250.000 Nomismata. Quadama rechnet als Kosten für arabi­
sche Feldzüge Je nach Größe 200.000 bis 300.000 Nomismata (in Umrechnung). Daraus
schließt Treadgold (I. 35) auf durchschnittliche Kosten von 250.000 Nomismata für
jeden "full-scale" Fęldzug In der behandelten Zeit, gleichgültig ob auf dem Balkan
oder in Kleinasien, zu Land oder zur See. Die Relevanz einer solchen Verallgemeine­
rung mag jeder Leser selbst bewerten.
Die weiteren zivilen Ausgaben, Bauten, Geschenke etc. bewertet Treadgold (1. 119)
mit 200.000 Nomismata pro Jahr, zur Zeit Theodoras mit 100.000 (I. 50). Hier scheint
mir die Quellenlage so miserabel zu sein, daß — entgegen Treadgold — überhaupt
keine konkreten Zahlenangaben mehn sinnvoll sind.
Die Gesamtausgaben des Reiches belaufen sich so laut Treadgold auf durchschnittlich
1,8 Millionen Nomismata um 800 und auf 2,8 Millionen um 850, mit einem Unsicher­
heitswert von jeweils ca. 400.000 Nomismata.
Diesen Ausgaben entsprechen die Einnahmen, von denen im folgenden zu reden sein
wird: 1,6 Millionen Nomismata aus Land- und Herdsteuern etc. sowie 200.000} Nomisma­
ta aus anderen Einnahmen um 800 und 2,9 Millionen sowie 400.000 Nomismata um 850,
also zusammen 3,3 Millionen. Der Haushalt ist Insgesamt ausgeglichen, allerdings 850
mit einem Überschuß von 500.000 Nomismata pro Jahr. Den Beweis für die Balance
zwischen Ausgaben und Einnahmen sieht Treadgold (I. 9—12) in dem Umstand, daß
fast alle Kaiser der behandelten Periode bei ihrem Tod oder Sturz gewisse Geldmen­
gen in dem kaiserlichen Schatzamt hinterlassen hätten, die leicht zu zählen gewesen
seien. Zum Teil 1st dies zwar nur die übliche Kaiserpropaganda, vor allem aber über­
sieht Treadgold hier völlig den Unterschied zwischen Kassenbestand und (potentiellen)
Außenständen. Beides hat miteinander nichts zu tun. Treadgolds Schlußfolgerung ist
daher nicht statthaft.
Auch die Berechnung der Einkünfte ist höchst zweifelhaft. Ich beschrankencaich auf
drei Beispiele aus dreii verschiedenen Bereichen.
Treadgold (I. 59) schätzt das Kommerkion des Themas Mesopotamia zu Beginn des
10. Jahrhunderts, auf 20 Goldpfund pro Jahr, da der Stratege, der ein Salär dieser
Größenordnung beanspruchen könne, dieses Einkommen nicht aus dem Schatzamt er­
halte δια το εχειν δλον το κομμέριον ,13 Folglich betrage das Gesamtaufkommen des
Reiches aus seinen dreißig Themen 60Ű Goldpfund (30 Themen zu je 20 Goldpfund) bzw.
43.000 Nomismata. Füge man Konstantinopel und einige andere wichtige Handelsplätze
hinzu, so komme man auf eine Summe zwischen 100.000 und 200.000 Nomismata. Ab­
gesehen davon, daß man die Verhältnisse einer Grenzprovinz nicht undifferenziert auf
alle arideren Reichsprovinzen übertragen sollte, hat Treadgold auch übersehen, daß
schon seine Ausgangsposition zweifelhaft ist. Schon im 6. Jahrhundert ist der δούξ von
Mesopotamien im Gegensatz zu anderen Provinzgouverneuren aus dem lokalen Kom­
merkion besoldet worden.14 Will man hier nicht Zufall oder eine — mir höchst zwei­
felhafte — Kontinuität in diesem Raum über rund 400 Jahre hinweg annehmen, so
bleibt auch die Möglichkeit, daß das Zeremonienbuch hier anachronistische Nachrichten
übermittelt. Damit könnte diese Stelle freilich nicht mehr im Sinne Treadgolds heran­
gezogen werden. Zumindest sollte man das Problem diskutieren, was Treadgold unter­
läßt. Das gilt, ebenso für die Verwertung einer Nachricht aus dem 12. Jahrhundert über

i·3 De Ceremoniis, ed. J. REISKE, I. Bonn 1829, S. 697.


14
Cf. H. ANTONIADIS-BIBICOU, Recherches sur les douanes ă Byzance, Paris 1963,
86 f., 159; zuletzt W. BRANDES, Überlegungen zur Vorgeschichte des Themas Mesopo-
62 tamien. ByzSiav 44 (1983) 171—177.
die Einkünfte des Kaisers in Konstantinopel, die Treadgold (I. 58) in fahrlässiger Weise
auf das 8./9. Jahrhundert überträgt, was schlicht und einfach nicht möglich ist, von
anderen Einwänden ganz zu schweigen.15
Wichtiger freilich als das Kommerkion sind für Treadgold die "hearth and land
taxes", die er (I. 119) auf ca. 1,6 bzw. auf 2,85 Millionen Nomismata schätzt (I. 58).
Entscheidend für die Höhe dieser Steuern ist fraglos die Größe der Bevölkerung, die
Zahl der Personen pro Haushalt und die durchschnittliche Größe des Landbesitzes einer
Familie. Für alle drei Faktoren gibt es keine Daten aus dem 8. und 9. Jahrhundert.
Treadgold schätzt die Zahl der Personen pro Haushalt auf 3,8, einer Schätzung J. C.
RUSSELs folgend, der sich freilich ebenfalls nur auf Vergleichsmaterial aus anderen
Epochen [Spätantike und frühe Neuzeit) stützen kann.16 Da RÜSSEL insgesamt eine
Bevölkerung von 10 Millionen für das byzantinische Reich um 800 annimmt, ergibt
dies eine Zahl von 2,5 Millionen Haushalten. Bestätigt) wird diese Schätzung laut Tread­
gold (I. 55) durch die türkische Volkszählung von 1950 (sie!), die ca 2,5 Millionen
ländliche Haushalte ergeben habe. Ein durchschnittlicher Haushalt schließlich habe
über dreißig bis fünfzig Modioi Land verfügt, woraus sich dann alles in allem ein
Steueraufkommen von 2,85 Millionen Nomismata ergebe.
Hier wird nun freilich eine Diskussion nachgerade sinnlos, denn es gibt keine Basis
mehr. Keine einzige der von Treadgold herangezogenen Zahlen ist in der Forschung
unumstritten, und die Entscheidungskriterien Treadgolds sind gelinde gesagt unklar.
Wie kann man beispielsweise eine türkische Volkszählung von 1950 für einen 1100
Jahre früher liegenden, Zeitraum in Anspruch nehmen, ohne die politischen und in ihrer
Folge auch demographischen Entwicklungen in diesem Raum überhaupt in Erwägung
zu ziehen? 17 Wie problematisch eine Bevölkerungsschätzung überhaupt 1st, zeigt über­
zeugend J. KODER, der für Mittelbyzanz Jegliche genauere Aussage ablehnt und allen­
falls eine Zahl zwischen 10 und 18 Millionen annimmt.18
Noch sinnloser ist die Schätzung des durchschnittlichen Landbesitzes auf ca. 50 Mo­
dioi pro Haushalt (I. 57, 64). Nicht nur ist diese Zahl also solche umstritten, was auch
Treadgold (I. 55ff.) zugibt, sie basiert darüber hinaus ausschließlich auf Zahlen aus
Makedonien während des 12. Jahrhunderts und später sowie auf Angaben aus Frank­
reich und schließlich der Türkei bzw. Makedoniens während des 20. Jahrhundert. Das
"byzantinische" Material betrifft darüber hinaus fast ausschließlich klösterlichen Land­
besitz. Inwieweit man das auf die völlig andersgearteten Verhältnisse des 8./9. Jahr­
hunderts übertragen kann, ist mir nicht einsichtig: Weder ist die Bevölkerungszahl
identisch, noch sind die Besitzverhältnisse dieselben, noch kann man einige relativ klei­
ne Landstriche in Makedonien mit den weiten Flächen Anatoliens vergleichen. Zudem
hat der Großgrundbesitz im 8. und 9. Jahrhundert noch bei weitem nicht die Bedeu­
tung und das Ausmaß gehabt, das seit dem 10. Jahrhundert zunehmend die politischen
und ökonomischen Verhältnisse des Reiches prägt und zuungunsten der kleineren
Bauern verändert. Alles dies wird von Treadgold entweder überhaupt nicht erkannt
oder aber in seiner Problematik unterschätzt.
Am klarsten wird dies bei dem letzten Beispiel, das hier untersucht werden soll:
der Höhe des bäuerlichen Einkommens und zwar konkret des Einkommens aus den
στρατιωτικά κτήματα, mit dem, Treadgold sich ausführlich beschäftigt. Er (I. 62f.) stellt
folgende Rechnung auf: Der Mindestwert eines (Kavallerie)soldatengutes habe vier
Goldpfund (=288 Nomismata) betragen. Den Durchschnittspreis eines Modios Acker­
land erster Klasse habe G. OSTROGORSKY mit 0,75 Nomisma bewertet, so daß das Solda-

15
Zu den staatlichen Einkünften im 12. Jahrhundert cf. zuletzt R.-J. LILIE, Handel
und Politik zwischen dem byzantinischen Reich und den italienischen Kommunen Ve­
nedig, Pisa und Genua in der Epoche der Komnenen und der Angeloi (1081—1204],
Amsterdam 1984, S. 309 ff.
16
17
J. C. RUSSELL, Late Ancient and Medieval Population, Philadelphia 1958, S. 53.
Die geogaphischen Unterschiede zwischen der Türkei und Byzanz im 9. Jahrhun­
dert spielt TRţEADGOLD (I. 133 Anm. 219) folgendermaßen herunter: "The area of
Turkey in 1952 was very approximately that of the ninth-century Empire, with Turkey's
extra land In the East making up for the Empire's land in the West." Das bedarf keiner
Kommentierung mehr.
18
J. KODER, Der Lebensraum der Byzantiner, Graz, Wien, Köln 1984, S. 150 ff. 53
tengut eines Kavalleristen 384 Modioi Ackerland umfaß habe,· während Infanteristen ca.
50 Modioi besessen hätten, zusammen etwa 10 Prozent der gesamten kultivierten Reichs­
fläche. Da ein Modios Land durchschnittlich fünf Modioi Getreide erzeugt habe,19 habe
das Soldatengut eines Kavalleristen durchschnittlich 1.920 Modioi Getreide erzeugt, die
— bei einem Verkaufspreis von zwölf Modioi pro Nomisma — einem Durchschnittsein­
kommen von 160 Nomismata jährlich entsprächen. Der "normale" Bauer und der In­
fanterist, die beide etwa fünfzig Modioi Land besessen hätten, hätten demzufolge ein
Einkommen von 21 Nomismata gehabt.
Treádgold (I. 62) stützt sich, wie erwähnt, auf Ostrogorsky, der den Wert eines
Modios Ackerland "on the basis of a substantial body of evidence" auf ein Nomisma
während des 13. Jahrhunderts festgelegt habe,20 Er hätte sich auch auf den, an anderer
Stelle durchaus zitierten E. SCHILBACH stützen können, der mit erheblich mehr Ma­
terial für Spätbyzanz einen Durchschnittspreis von 0,56 Nomisma annimmt, 21 was in
der Konsequenz das durchschnittliche Soldatengut um ein Drittel vergrößern würde.
Nimmt man noch die im Vergleich zu später geringere Bevölkerungsdichte währen des
8./9. Jahrhunderts und den in dieser Zeit geringeren Druck von Seiten des Großgrund­
besitzes hinzu, so dürfte der Durchschnittspreis pro Modios Land de facto noch weit
geringer gewesen sein.
Ob man die Angaben N. KONDOVs, die hauptsächlich auf klösterlichem Besitz in
Makedonien im späten Byzanz fußen und auch in sich selbst bestreitbar sind, so ohne
weiteres auf die weiten Flächen Anatoliens im 8. und 9. Jahrhundert übertragen kann,
müßte ebenfalls erst noch bewiesen werden.
Ähnlich ist es mit den Preisen für Getreide, bei denen Treadgold wieder Ostrogorsky
folgt. Hier wäre zudem der Unterschied zwischen den — naturgemäß höheren — Prei­
sen in Konstantinopel und den bäuerlichen Verkaufspreisen in der Provinz, die je nach
Angebot und Nachfrage geschwankt haben werden, zu berücksichtigen. Staatliche Fest­
preise hat es ja nur begrenzt gegeben, und auch die steuerliche Veranlagung änderte
sich immer wieder, wie man dem von Treadgold viel zu wenig berücksichtigten Schil-
bach entnehmen kann.22
Schließlich und endlich sind die Lebenshaltungskosten eines (Soldaten)bauern in der
Provinz auf seinem Hof erheblich niedriger als diejenigen eines Haushalts in Konstan­
tinopel, was ebenfalls auf die Voraussetzungen einiger Hypothesen Treadgolds) negative
Auswirkungen hat.
Alles das) zusammengenommen führt zu dem Schluß, daß Treadgolds Ergebnisse sinn­
los sind. Nicht etwa, weil sie notwendigerweise falsch wären, sondern w e i / d e r Un-
sicherheitsfaktor in den von ihm verwendeten Zahlen so groß ist, daß ein positiver
Nachweis seiner Hypothesen nicht geführt werden kann. Treadgold muß, da Daten
für das 8. und 9. Jahrhundert weitgehend fehlen, immer wieder auf frühere und vor
allem spätere Zahlen (aus dem 12. Jahrhundert und später) zurückgreifen, die sich
nicht so ohne weiteres, wie er dies annimmt, auf die gänzlich andersgeartete mittelby­
zantinische Zeit übertragen lassen. Sein Byzanzbild ist demzufolge geradezu extrem
statisch, ohne die geringsten Veränderungen zwischen dem 8y und dem 12. Jahrhundert,
von der schwankenden Kauftkraft des Nomisma einmal ganz abgesehen. Zudem ist er
zu einem mitunter sehr starren Schematismus gezwungen, den es in dieser Form sicher
nicht gegeben hat: Sonderfälle und Ausnahmen können bei einer solchen Rechnung
nicht mehr berücksichtigt werden, da sie in dem gewünschten Endergebnis, das ja oft
■genug aus sehr vereinzelten Quellenmitteilungen hochgerechnet werden muß, naturge­
mäß keinen Platz finden. Das gilt für Ausgaben wie für Einnahmen gleichermaßen.

19
So N. KONDOV, Über den wahrscheinlichen Weizenertrag auf der Balkanhalbinsel
im Mittelalter. Etudes Balkaniques 10 (1974) 97—109. TREADGOLD übernimmt Kondovs
Hypothese.
29
G. OSTROGORSKY, löhne und Preise in Byzanz. Byz. Zeitschr. 32 (1932J 293—333,
S. 2314.
1
E. SCHILBACH, Byzantinische Metrologie, München 1970, S. 66. S. 62 (Anm. 1)
weist im übrigen nach, daß auch in Spätbyzanz als Rechnungseinheit weiter das voll­
wertige Nomisma verwendet wurde, womit Treadgolds Rückrechnungen obsolet werden.
Ostrogorskys
22
ganzen Nomisma wird also nicht zu dem 0,75 Nomisma Treadgolds.
54 SCHILBACH, Metrologie S. 248 ff.
Daß die nicht adaerierten Steuern und Abgaben bei der ganzen Berechnung überhaupt
nicht mehr berücksichtigt werden können, paßt in dieses Bild.
Bedenkt man diese und weitere Probleme, die hier nicht mehr behandelt werden
können, so wird sehr schnell klar, daß das Unsicherheitsmoment, das den Berechnun­
gen Treadgolds anhaftet, zu groß ist, als daß man seine Ergebnisse für verbindlich an­
sehen könnte. Sie sind nicht notwendig falsch. Aber sie entziehen sich der Nachprüf­
barkeit, auch wenn sie auf den ersten Blick überzeugend wirken mögen. Die* mutmaßli­
che Höhe der byzantinischen Staatsfinanzen — nicht nur des 8. und 9. Jahrhunderts
— wird auch weiterhin der Spekulation überlassen bleiben müssen. Dabei sollten wir
es belassen.

55