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Die sprachliche Darstellung der zeitlichen Entwicklung

Manfred Krifka

1. Zeit in der Sprache


In diesem Vortrag geht es mir vor allem darum, wie menschliche Sprachen die Entwicklung von
Vorgängen in der Zeit darstellen. Wie drücken sie Ereignisse aus, die sich gerade in Gang
befinden oder die bereits abgeschlossen sind? Wie stellen sie den Anfang von Entwicklungen
dar, wie ihr Ende? Wir werden sehen, daß sie sich einer Reihe von unterschiedlichen Mitteln
bedienen. Einige davon machen sogar von ziemlich merkwürdigen Methoden Gebrauch -- so
zum Beispiel das Finnische, aber auch das Deutsche oder Englische halten ihre Überraschungen
bereit.
Bevor es an unser Hautthema geht, lassen Sie mich jedoch zunächst etwas über die
Dimension der Zeit in der Sprache im allgemeinen sagen. Der Fluß der Zeit ist von so großer
Bedeutung für unser Leben, daß es nicht verwundern sollte, daß unsere Sprachen sich in
vielfältiger Weise auf ihn beziehen.
Erstens können wir uns direkt auf Zeitpunkte oder Zeitabschnitte beziehen. Wir können
das auf absolute Weise tun, indem wir uns auf ein Koordinatensysten, einen Kalender, beziehen,
oder indem wir eine Zeit beschreiben -- zum Beispiel im Jahre 1989 oder in der Zeit, als das
Wünschen noch geholfen hat. Wir können das aber auch auf deiktische Weise tun, das heißt auf
eine Weise, die Bezug nimmt auf den Sprechzeitpunkt. Beispiele sind Ausdrücke wie jetzt,
morgen oder letztes Jahr. Solche Ausdrücke haben natürlich keine starre Referenz -- wir alle
wissen, daß morgen heute gestern sein wird. Ich muß dreieinhalb Jahre alt gewesen sein, als mir
der Sinn solcher Wörter aufging: An einem Tag war Weihnachten morgen, am nächsten heute.
Das hat mich so sehr beeindruckt, daß ich mich noch heute daran erinnere; vielleicht ist das der
Grund, weshalb ich später Semantiker geworden bin.
Die Zeit ist aber eine so wichtige Kategorie, daß sie tiefere Spuren in unseren Sprachen
hinterlassen hat. Die meisten Sprachen haben die grammatische Kategorie Tempus. Das heißt,
an ihren Verben muß ausgedrückt werden, ob der Vorgang, auf den man sich bezieht, in der
Vergangenheit vorgefallen ist, ob er sich gerade ereignet, oder ob er in der Zukunft stattfindet,
d.h. ob er sich vor, während oder nach dem Sprechzeitpunkt ereignet. Wir nennen diese
Kategorien bekanntlich Präteritum, Präsens und Futur.
(1)

Präteritumereignis Präsensereignis Futurereignis

Zeit
Sprech-
zeit
Das Deutsche gehört zu den Tempussprachen, wir unterscheiden zwischen sie aß Pudding, sie
ißt Pudding und sie wird Pudding essen. Das Chinesische gehört nicht dazu. Der Satz ta chi-le
fan ‘Er oder sie essen Reis’ kann mit näheren Bestimmungen wie # ‘gestern’ oder # ‘morgen’
kombiniert werden.
(2) a. Ta chi-le fan #.
b.
Das heißt natürlich nicht, daß das Chinesische in dieser Hinsicht ausdrucksärmer wäre; man kann
durch Adverbien durchaus ausdrücken, daß sich etwas in der Vergangenheit oder in der Zukunft
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ereignet hat. Aber man muß das nicht ausdrücken, im Gegensatz zum Deutschen. Der große
Roman Jakobson hat einmal gesagt: Sprachen unterscheiden sich nicht darin, was man in ihnen
ausdrücken kann, sondern darin, was man in ihnen ausdrücken muß.
Ich kann es mir hier nicht verkneifen, hier ein Beispiel aus dem Igbo, einer Sprache aus
Nigeria, zu zitieren. Das Igbo unterscheidet hat ein Tempus für Futur und eines für Nicht-Futur,
es hat aber nur ein Wort, éci, für gestern oder morgen. Im Zusammenspiel mit dem Tempus ist es
aber immer klar, ob es als gestern oder als morgen zu verstehen ist:
(3) a. Mmiri èzo-ro éci ‘Regen ist gestern gefallen’
b. Mmiri gà-èzo éci ‘Regen wird morgen fallen’
Die Kategorie des Tempus ist allerdings bei weitem komplexer, als ich es bisher
dargestellt habe. Viele Sprachen haben ein anderes, oft reicheres Tempussystem as das Deutsche.
So gibt es in der Bantusprache Haya drei Präteritumformen, die sich typischerweise auf
vergangene Vorgänge beziehen, die sich entweder heute oder gestern oder noch früher ereignet
haben. Ferner kann das Bezugssystem, das typischerweise am Sprechzeitpunkt verankert ist,
verschoben werden. Wir schreiben Science-Fiction-Romane nicht im Futur, auch wenn sie in der
Zukunft spielen. Im Lateinischen galt es als geboten, in Briefen Ereignisse vom Blickpunkt des
Lesers darzustellen -- das heißt, wir finden nicht Ich schreibe Dir diesen Brief, sondern Ich
schrieb Dir diesen Brief. Solche Verschiebungen finden auch unter bestimmten grammatischen
Bedingungen statt. Wenn man zum Beispiel einen Satz im Präsens wie Hans ist krank in einen
Glaubenssatz im Präteritum einbettet, wie in Maria glaubte daß Hans krank ist, dann wird das
Kranksein dem Zeitpunkt des Glaubens und damit der Vergangenheit zugeordnet; man kann
sagen Maria glaubte, daß Hans krank ist, aber sie weiß, daß er jetzt gesund ist. Das heißt, daß
der Bezugszeitpunkt für das Präsens nicht mehr der Sprechzeitpunk, sondern der Zeitpunkt des
Glaubens von Maria ist. Natürlich besteht in auch die Möglichkeit, hier den Konjunktiv zu
verwenden: Maria glaubte, daß Hans krank sei, aber das gehört einer anderen Stilebene an. Das
Englische ist hier anders; es würde Mary thought that John was sick sagen und also das
Präteritum verwenden.
Es gäbe nun natürlich noch viel über das Tempus zu sagen, aber das ist nicht unser
Thema. Näher zu unserem Thema liegt die Kategorie des Aspekts. Darunter fallen grammatische
Kategorien, die sich darauf beziehen, wie ein Vorgang gesehen wird. Die grundlegende
Unterscheidung ist hier, ob ein Vorgang als abgeschlossen oder als im Verlauf begriffen
dargestellt wird, was perfektiver und imperfektiver Aspekt genannt wird. Das hängt natürlich
vom Blickpunkt ab, und der wird vom Tempus bestimmt -- er kann in der Vergangenheit, in der
Gegenwart oder in der Zukunft liegen
Im Deutschen ist die Kategorie des Aspekts nicht besonders gut entwickelt. Wenn man
eine Frage wie Was machten Sie gestern abend zwischen 5 Uhr und 5:15 Uhr? beantwortet mit
Ich las einen Brief, dann bleibt es unklar, ob man um 5 Uhr entweder ein komplettes Lesen eines
Briefes durchgeführt hat, oder ob man gerade dabei war, einen Brief zu lesen, wobei es offen
bleibt, ob der Brief später fertig gelesen wurde. Man kann die letztere Lesart zwar umschreiben
mit ich war gerade dabei, einen Brief zu lesen, muß das aber nicht. Im Tschechischen kann man
den ersten Fall mit dem perfektiven Aspekt ausdrücken: Precetl jsem dopis. Im Englischen kann
man den letzteren Fall mit dem Progressiv, einer imperfektiven Form ausdrücken: I was reading
a letter. Die steht übrigens auch den rheinländischen Dialekten des Deutschen zur Verfügung:
Ich war den Brief am Lesen. Das habe ich versucht, in dem folgenden Diagramm darzustellen.
Das Sternchen bedeutet, daß der Satz in der angegebenen Situation falsch ist; die
Einklammerung, daß der Satz zwar nicht falsch ist, aber irreführend, weil man sich mit dem
jeweils anderen Satz genauer hätte asdrücken können.

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(4) Was haben Sie gestern abend zwischen 5 Uhr und 5:15 Uhr gemacht?

5 5:15 5 5:15
Ich las einen Brief. Ich las einen Brief.
Ich war einen Brief am lesen.
Precetl jsem dopis. *Precetl jsem dopis.
(Cetl jsem dopis.) Cetl jsem dopis.
I read a letter. (I read a letter.)
(I was reading a letter.) I was reading a letter.
Es gibt wichtige Unterschiede in Aspektsprachen. Zum Beispiel ist im Tschechischen die
Perfektivform die komplexere, im Englischen die Imperfektivform. Das hat Konsequenzen: Ein
Satz, der sich nicht auf ein Ereignis, sondern auf einen Zustand bezieht, wie z.B. Ich liebe
Tübingen, wird im Tschechischen imperfektiv ausgedrückt, im Englischen aber nicht mit dem
Progressiv. Wie vorhin beim Tempus gilt aber, daß ich hier nicht weiter auf solche Fragen
eingehen kann.
Ich möchte hier noch eine weitere Kategorie neben Tempus und Aspekt erwähnen, die
sogenannte Aktionsart. Mit diesem Begriff werden grammatische Mittel bezeichnet, die es
erlauben, auf bestimmte Phasen von Ereignissen bezugzunehmen, wie zum Beispiel auf die
Anfangsphase oder auf die Endphase. Das Deutsche ist in dieser Hinsicht reicher als das
Englische oder die romanischen Sprachen. Beispielsweise kann man von blühen eine inchoative
Form bilden (erblühen) und eine terminative Form (verblühen). Von lieben gibt es nur eine
inchoative Form (zum Beispiel sich verlieben). In manchen Fällen sind die Ausdrücke gar nicht
systematisch bezogen (zum Beispiel lernen -- wissen -- vergessen). Es gibt noch eine ganze
Reihe von weiteren Aktionsartkategorien, zum Beispiel Iterative, die die repetitive Ereignisse
ausdrücken (hüsteln ist ein Beispiel) oder Semelfaktive, die ein einmaliges Ereignis ausdrücken
(zum Beispiel auflachen). Wie Sie an diesen Beispielen sehen, ist dies eine recht bunte
Mischung, und sie wird geradezu schillernd, wenn Sie die slawischen oder baltischen Sprachen
untersuchen, auch das Ungarische oder das Georgische. Darauf kann ich hier aber wiederum
nicht weiter eingehen.

2. Zeitkonstitution
Mein eigentliches Thema heute abend ist eine temporale Kategorie, die manchmal zwar auch
etwas irreführend “Aktionsart” oder “Aspekt” genannt wurde, die ich aber lieber mit
Zeitkonstitution bezeichne. Es geht um folgendes: Es gibt eine bestimmte Klasse von verbalen
Ausdrücken, die Ereignisse mit einem natürlichen Endpunkt bezeichnen. Für andere hingegen
gibt es keinen solchen Endpunkt. Ein Beispiel für die erstere Klasse ist sich erholen: Man kann
sich nicht unbegrenzt erholen. Sich erholen ist ein Prozess, in dem man sich einem Ziel annähert;
sobald dieses Ziel erreicht ist, kann man sich eigentlich nicht weiter erholen. Solche Verben
heißen telisch, von griechisch telos, ‘Ziel’. Ein Beispiel für die zweite Klasse ist laufen: Für
Laufensereigisse gibt es kein inhärentes Ziel; man kann immer weiter laufen, wie Forrest Gump,
ohne daß sich der Charakter des Laufens ändern würde. Solche Verben heißen atelisch.
Die Unterscheidung zwischen Telizität und Atelizität ist schon sehr alt. Aristoteles hat sie
in seiner Metaphysik entwickelt, allerdings nicht als eine Unterscheidung von Ausdrücken,
sondern von Handlungen. Er unterscheidet #
Als Linguisten sind wir daran interessiert, für die Kategorien, die wir postulieren, Tests
zu entwickeln. Für die Zeitkonstitution hat vor allem der amerikanische Sprachphilosoph Zeno
Vendler in den sechziger Jahren eine Reihe von Tests entwickelt, die dann der Linguist David

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Dowty weiter ausgebaut hat. Die zwei bekanntesten dieser Tests bestehen in der Kombination
von Verbausdrücken mit Zeitangaben wie in einer Stunde oder eine Stunde lang, die ich
Zeitrahmen- und Zeitdauer-Angaben nennen werde. Es ergeben sich folgende Verhältnisse:
(5)
Telisch Atelisch
Zeitrahmen √ Maria erholte sich in einer Stunde. * Maria lief in einer Stunde.
Zeitdauer * Maria erholte sich eine Stunde lang. √ Maria lief eine Stunde lang.

Die Sätze Maria erholte sich in einer Stunde und Maria lief eine Stunde lang sind perfekt. Die
anderen beiden Sätze klingen seltsam. Vielleicht sind sie nicht völlig ungrammatisch. Zum
Beispiel kann man Maria lief in einer Stunde sagen, wenn man meint, daß Maria ihr tägliches
Joggingpensum in einer Stunde erledigt hat. Oder man kann Maria erholte sich eine Stunde lang
sagen, wenn man diesen Satz in seiner imperfektiven Lesart versteht; er impliziert dann nicht,
daß sich Maria auch wirklich erholt hat. Im Englischen oder Tschechischen müßte man dies
explizit markieren, z.B. im Englischen mit Maria was recovering for an hour.
Diese Grammatikalitätsunterschiede sind keine spezielle Eignenschaft des Deutschen. Sie
können in vielen Sprachen reproduziert werden. Das deutet darauf hin, daß etwas in der
Bedeutung dieser Ausdrücke für sie verantwortlich sein muß. Aus einem semantischen Grund ist
die Bedeutung von Zeitrahmenangaben nicht verträglich mit der Bedeutung von atelischen
Ausdrücken, ist die Bedeutung von Zeitdauerangaben nicht verträglich mit der Bedeutung von
telischen Ausdrücken. Es ist ein Ziel meines Vortrags, zu erklären, weshalb diese
Unverträglichkeit besteht.
Bevor ich dazu komme, will ich hier noch ein zweites Rätsel einführen. Ich habe bisher
nur zwei Beispiele für telische und atelische Ausdrücke angeführt, nämlich sich erholen und
laufen. Wenn wir weitere Ausdrücke untersuchen, machen wir eine merkwürdige Entdeckung:
Es hängt oft nicht von den Verben alleine ab, ob ein Ausdruck telisch oder atelisch ist. Betrachen
wir die folgenden Beispiele:
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Telisch Atelisch
Zeitrahmen √ Sie aß in einer Stunde zwei Äpfel. * Sie aß in einer Stunde Äpfel.
Zeitdauer * Sie aß eine Stunde lang zwei Äpfel. √ Sie aß eine Stunde lang Äpfel.
Zeitrahmen √ Sie aß in einer Stunde 1 kg Apfelmus. * Sie aß in einer Stunde Apfelmus.
Zeitdauer * Sie aß eine Stunde lang 1 kg Apfelmus. √ Sie aß eine Stunde lang Apfelmus.

Nach unserem Test ist das Verb essen mal telisch, mal atelisch, je nach seinem Objekt. Zwei
Äpfel essen ist telisch, aber Äpfel essen ist atelisch; ein Kilogramm Apfelmus essen ist telisch,
aber Apfelmus essen ist atelisch. Es scheint so zu sein, daß, wenn immer eine explizite
Mengenbegrenzung oder Maßangabe des Objekts vorliegt, der resultierende Ausdruck telisch ist.
Das ist jedoch nicht immer der Fall, wie die folgenden Beispiele zeigen:
(7)

Zeitrahmen Sie beobachtete in einer Stunde ? drei Pferde / * Pferde auf der Weide.
Zeitdauer Sie beobachtete eine Stunde lang √ drei Pferd / √ Pferde auf der Weide.
Zeitrahmen Sie sah in einer Stunde √ drei Pferde / *Pferde auf der Weide.
Zeitdauer Sie sah eine Stunde lang √ drei Pferde / √ Pferde auf der Weide.
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Für das Verb beobachten scheint es nichts auszumachen, ob das Objekt eine explizite
Maßangabe besitzt oder nicht; es verhält sich weitgehend wie ein atelischer Ausdruck. Für das in
seiner Bedeutung ganz ähnliche Verb sehen ergibt sich gar kein klares Kriterium nach dem
userem Test: Zwar ist der Satz Sie sah in einer Stunde Pferde auf der Weide schlecht, was dafür
spricht, daß wir es mit einem telischen Ausdruck zu tun haben. Aber der Satz Sie sah eine Stunde
lang drei Pferde auf der Weide ist ebenfalls tadellos, was eher einen atelischen Ausdruck
nahelegt.
Fakten der Art, wie ich sie eben ausgebreitet habe, wurden erstmals systematisch von
dem niederländischen Linguisten Henk Verkuyl im Jahre 1972 beobachtet. Eine ganze Reihe von
Linguisten hat versucht, sie zu erklären, unter anderem Erhard Hinrichs, jetzt Professor hier in
Tübingen, und auch ich selbst. Ich werde hier versuchen, einigen wesentlichen Ideen
nachzugehen.

3. Kumulativität und Gequanteltheit


Stellen wir uns zunächst die Frage: Was heißt es, daß eine Nominalphrase eine explizite
Maßangabe besitzt? Was unterscheidet Ausdrücke wie Äpfel und Apfelmus auf der einen und
zwei Äpfel und ein Kilogramm Apfelmus auf der anderen Seite?
Der amerikanische Philosoph und Logiker Quine hat 1960 in seinem Buch Word and
Object die folgende Antwort vorgeschlagen: Ein Wort wie Äpfel hat die Eigenschaft der
kumulativen Referenz. Das heißt: Wenn es auf ein Objekt x zutrifft und auf ein weiteres Objekt
y, dann trifft es auch auf x und y zusammen zu. Kurz gesagt, Äpfel und Äpfel ergibt wieder
Äpfel. Das gilt natürlich für alle Pluralausdrücke dieser Art. Und es gilt auch für sogenannte
Massennomina wie Apfelmus die keine Pluralformen aufweisen. Aber es gilt nicht für Wörter
wie zwei Äpfel oder ein Kilogramm Apfelmus. Wenn man zwei Objekte x und y hat, die jeweils
unter den Begriff zwei Äpfel fallen, dann fällt deren Zusammenfassung oder Summe nicht mehr
unter zwei Äpfel, sondern typischerweise unter vier Äpfel. Und dasselbe gilt natürlich für ein
Kilogramm Apfelmus. Die Menge der Dinge, die unter ein Prädikat fallen, wird die Extension
dieses Prädikats genannt. Die Extensionen von zwei Äpfel und Apfel sind also strukturell
verschieden; wie in dem folgenden Diagramm dargestellt. Wir nehmen da der Einfachheit halber
an, daß es insgesamt nicht mehr als drei Äpfel gibt.
(8) Extension von zwei Äpfel: Extension von Äpfel:

 

   

Eine andere Darstellungsweise desselben Sachverhalts ist in dem folgenden Diagramm gegeben.
Hier wird jeweils die Summe oder Zusammenfassung von Objekten durch Linien angedeutet:
Extension
(9)  von Äpfel

Extension von
   zwei Äpfel

  

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Solche Diagramme können sicher hilfreich sein, sich die Bedeutung von Ausdrücken zu
veranschaulichen. Ich muß aber darauf hinweisen, daß dies noch keine Theorie darstellt.
Diagramme haben oft zusätzliche Eigenschaften, die eigentlich nichts zur Sache beibringen und
oft auf die falsche Spur führen. Sie sind außerdem begrenzt. Zum Beispiel läßt sich die
Beziehung der Ausdrücke Apfelmus und ein Kilogramm Apfelmus nicht mehr mit solchen
Diagrammen darstellen, obwohl sie intuitiv ganz ähnlich der Beziehung zwischen Äpfel und zwei
Äpfel ist. Der Grund liegt daran, daß es keine minimalen Einheiten, sogenannte Atome, für
Apfelmus gibt. Wenn immer man einen Teil einer Quantität Apfelmus nimmt, ist es wieder
Apfelmus.
Glücklicherweise gibt es nun eine wohl ausgearbeitete mathematische Theorie über
solche Strukturen, die Mereologie, die sich mit dem Begriff des Teils befaßt. Die ersten Ansätze
dazu gehen auf den polnischen Logiker Lukasiewicz zurück, der sie um 1915 als Alternative zur
Mengenlehre entwickelte. Sie hat mittlerweile einen zentralen Platz in der Philosophie und in der
Linguistik eingenommen. Und das erlaubt es uns, die Diagramme und Bilderchen zu verlassen,
oder vielmehr, sie als bloße Hilfsmittel zu verstehen.
Ich will hier nur einige Prinzipien anführen. Die Mereologie beschäftigt sich wie gesagt
mit dem Begriff des Teiles. Das dieser für uns eine wichtige Rolle spielt, sieht man daran, daß er
unmittelbar mit dem Begriff der Summenbildung zusammenhängt. Wenn man die Summe zweier
Objekte x und y bildet, dann ist x ein Teil dieser Summe, und y ist ein Teil dieser Summe. Wenn
wir für die Summenbildung “⊕” schreiben und für die Teilbeziehung “≤”, dann können wir
diesen Sachverhalt wie folgt ausdrücken:
(10) Zusammenhang von Teilbeziehung (≤) und Summenbildung (⊕):
Für alle Objekte x und y gilt: x ≤ x⊕y und y ≤ x⊕y.
Wir können sogar die Teilbeziehung durch die Summenbildung definieren. Es gilt nämlich, daß
ein Objekt x Teil eines Objektes y ist, wenn die Zusammenfassung von x und y wieder das
Objekt y ist, d.h. wenn man durch die Summenbildung kein größeres Objekt als y gewinnt. Zum
Beispiel ist Maria Müller ein Teil der Familie Müller, weil die Zusammenfassung von Maria
Müller mit der Familie Müller nichts anderes ist als die Familie Müller. Wir können also sagen:
(11) Definition der Teilbeziehung aus dem Summenbegriff:
Für alle Objekte x und y gilt: x ≤ y genau dann, wenn x⊕y = y.
Ich will Sie hier nicht mit Details der Mereologie langweilen. Ich muß aber auf eine
Eigenschaft von Teilen und Ganzen hinweisen, die später wichtig wird. Dazu sind zwei
vorbereitende Schritte erforderlich. Zunächst stellen wir fest, daß nach unserer Definition von
Teilen jedes Objekt x ein Teil seines selbst ist. Warum? Weil die Summe von x und x wiederum
x ergibt. Das ist sicher nicht die Art und Weise, wie wir das Wort Teil im Deutschen gebrauchen.
Aber wir können leicht den Begriff des echten Teils definieren: x ist ein echter Teil von y genau
dann, wenn x ein Teil von y ist, und x nicht dasselbe Objekt wie y ist.
(12) Definition des echten Teils (<):
Für alle Objekte x, y gilt: x < y genau dann, wenn x ≤ y und x ≠ y.
Zweitens wollen wir davon reden können, daß zwei Objekte voneinander getrennt sind, d.h. daß
sie sich nicht überlappen oder daß sie disjunkt sind. Das ist natürlich dann der Fall, wenn sie
keine gemeinsamen Teile haben.
(13) Definition von Disjunktheit (Nicht-Überlappung) (|):
Für alle Objekte x, y gilt: x | y genau dann, wenn es kein Objekt z mit z ≤ x und z ≤ y
gibt.
Eine wichtige Eigenschaft der Teilbeziehung läßt sich nun wie folgt definieren: Wenn x ein
echter Teil von y ist, dann muß es einen “Rest” geben, das heißt, einen Teil von y der von x
disjunkt ist. Das erscheint als eine so natürliche Eigenschaft, daß Sie vielleicht meinen, darüber
brauche man gar nicht zu reden. Tatsächlich lassen sich aber Teiltheorien formulieren, die diese
Eigenschaft nicht haben. Wir brauchen sie aber und nennen sie Komplementarität:
(14) Komplementarität:
Für alle Objekte x, y gilt: Wenn x < y, dann gibt es ein Objekt z mit x | z und z < y.

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Dieses Prinzip der Komplementarität wird dann wichtig, wenn wir zu erklären versuchen,
weshalb Ausdrücke wie zwei Äpfel oder ein Kilogramm Apfelmus nicht kumulativ sind. Hierzu
muß ich wieder etwas weiter ausholen. Die Bedeutung eines zusammengesetzten Ausdrucks wie
zwei Äpfel steht natürlich in Beziehung zu der Bedeutung seiner Teile. Wir müssen nicht die
Bedeutung von zwei Äpfel als solche lernen; es genügt, die Bedeutung von zwei zu erlernen, und
die Bedeutung von Äpfel. Dieses sehr wichtige semantische Prinzip heißt Kompositionalität:
(15) Kompositionalitätsprinzip:
Die Bedeutung eines zusammengesetzten Ausdrucks ergibt sich aus der Bedeutung seiner
Teile.
Im Falle von zwei Äpfel müssen wir also herausfinden, wie sich die Bedeutung aus der
Bedeutung von zwei und der Bedeutung von Äpfel ergibt. Insbesondere muß daraus hervorgehen,
wie ein kumulativer Ausdruck wie Äpfel zu einem nicht-kumulativen Ausdruck wie zwei Äpfel
werden kann.