Sie sind auf Seite 1von 12

M E D I Z I N

Serie: Alkoholismus

Alkoholassoziierte Organschäden
Befunde in der Inneren Medizin, Neurologie und Geburtshilfe/Neonatologie
Manfred V. Singer, Stephan Teyssen

Zusammenfassung holkonsum. Es wird eine aktuelle Übersicht


gegeben über den Einfluss von akutem und
ducted both at the social and individual level,
alcohol has been found to increase the risk of
Chronischer Alkoholkonsum kann alle Lebens- chronischem Alkoholkonsum insbesondere death from a number of specific causes, in-
bereiche infiltrieren und zu zahlreichen kör- auf die verschiedenen inneren Organe des cluding injury from traffic accidents and
perlichen, seelischen und sozialen Schäden Menschen, den Embryo während der Schwan- other trauma, violence, suicide, liver cirrho-
führen. Es gibt kaum ein Organ, das nicht in- gerschaft sowie auf die Morbidität und Mor- sis, cancers of the upper aerodigestive tract,
folge eines Alkoholmissbrauchs geschädigt talität einer Bevölkerung. cancer of the liver, breast cancer, haemorrha-
werden kann. Als Beispiel seien die Karzino- gic stroke, alcoholic psychosis, alcohol
me des oberen Aerodigestivtraktes, die Leber- Schlüsselwörter: Alkohol, Alkoholfolgekrank- dependence and chronic pancreatitis. The ap-
zirrhose mit hepatozellulärem Karzinom und heit, Morbidität, Mortalität parent beneficial effect of modest alcohol
die chronische Pankreatitis genannt. Dem consumption (one to three drinks per day) on
mortality and morbidity rates particularly re-
Wissen um mögliche gesundheitlich nachtei-
lige Folgen des Alkoholkonsums stehen Er-
Summary lating to cardiovascular disease on the other
kenntnisse gegenüber, welche einen schüt- Alcohol Associated Somatic Hazards side are of recent interest. Public health po-
zenden Effekt moderaten Alkoholkonsums Alcohol abuse ranks among the most com- licy should aim to reduce the harm done by al-
(10 bis 30 g pro Tag) gegenüber Herz-Kreis- mon and severe environmental hazards to cohol use, whilst recognizing its real and per-
lauf-Erkrankungen beschreiben. In der öffent- human health. Alcohol is a dependence pro- ceived benefits. The aim of the present re-
lichen Diskussion wird dabei ganz außer Acht ducing drug and this dependence is associat- view is to
gelassen, dass Alkohol auf den gesamten Or- ed with an increased risk of morbidity and summarize the effects of acute and chronic
ganismus wirkt, weitreichende immunologi- mortality. While the social and behavioral alcohol consumption/abuse on the different
sche und metabolische Veränderungen be- consequences of alcoholism including psychi- human organs and on morbidity and mortali-
wirkt und somit akute und chronische Erkran- atric disorders are staggering, the manifesta- ty in a population.
kungen an verschiedenen Organen induzieren tion of alcohol releated diseases is the most
kann. Es gibt somit keinen risikofreien Alko- widespread somatic effect. In research con- Key words: alcohol, alcohol-related disease,

A
lkoholassoziierte Erkrankungen Spektrum von Organerkrankungen steht noch erheblicher Forschungsbe-
gehen mit erheblichen gesund- führen. Bezüglich der betroffenen Or- darf.
heitlichen und sozialen Folgen gane und des Ausmaßes der Alkohol- Bis zu 75 Prozent der Alkoholiker,
für Patienten, Familien und die Gesell- folgeschäden gibt es starke individuelle die zur stationären Entwöhnungsbe-
schaft einher (Textkasten 1). Nach An- Unterschiede, deren Ursachen bislang handlung kommen, leiden an Alkohol-
gaben der Deutschen Hauptstelle ge- unbekannt sind; sowohl genetische als folgekrankheiten. Bei 29 Prozent der
gen die Suchtgefahren gibt es in auch Umweltfaktoren kommen in Be- Männer und neun Prozent der Frauen,
Deutschland circa 2,5 Millionen Alko- tracht. Ebenfalls ist unbekannt, warum die in ein Allgemeinkrankenhaus ein-
holkranke, die behandlungsbedürftig nicht alle Individuen, die Alkohol kon- gewiesen werden, liegt eine alkohol-
sind und mehr als neun Millionen Bun- sumieren, erkranken. Während für die assoziierte Erkrankung vor. Besonders
desbürger, die einen riskanten Alkohol- Verstoffwechselung von Alkohol sowie betroffen sind Erwachsene im mittleren
missbrauch begehen. Selbst der sozial für die Alkoholabhängigkeit genetische Alter (35 bis 55 Jahre). Die häufigsten
akzeptierte (moderate) Alkoholgenuss Veränderungen beschrieben worden Diagnosen bei Alkoholabhängigen
führt in bis zu 15 Prozent der Fälle zur sind, gibt es nur wenige Daten zu gene- sind Delirium tremens (13 Prozent),
Abhängigkeit, wobei das Ausmaß der tischen Determinanten von Organfol- Krampfanfälle (11,4 Prozent), Kopf-
durch ihn hervorgerufenen organischen geschäden. Die pathogenetischen Me- verletzungen mit und ohne subdurale
Krankheiten bislang unterschätzt wird. chanismen (zum Beispiel intrazelluläre Hämatome (9 Prozent) und Leberzir-
Weltweit schätzt die WHO, dass sechs Signalwege, Mediatoren), die den ein- rhose (8 Prozent), wohingegen bei den
Prozent des Bruttosozialproduktes ei- zelnen alkoholinduzierten Organläsio- Alkoholmissbrauchern Verletzungen
ner Industrienation für die alkoholasso- nen zugrunde liegen, sind nur ansatz- häufiger vorkommen (Frakturen, wie
ziierten Folgeschäden verwendet wer- weise bekannt. Auf diesem Gebiet be- zum Beispiel Knöchel- und Rippen-
den (95–97, 111). II. Medizinische Universitätsklinik (Direktor: Prof. Dr.
frakturen (4, 8, 32, 54, 111).
Alkoholabhängigkeit, -missbrauch med. Manfred V. Singer), Fakultät für Klinische Medizin, Im Folgenden wird eine Übersicht
und -konsum können zu einem breiten Mannheim, Universität Heidelberg gegeben über den Einfluss von akutem

Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001 A 2109
M E D I Z I N

und chronischem Alkoholkonsum auf Textkasten 1


die verschiedenen Organe des Men-
Gesundheitliche, wirtschaftliche und soziale Auswirkungen des Alkoholmissbrauchs
schen mit besonderer Berücksichtigung
der inneren Organe, des zentralen und ❃ 2,5 Millionen Alkoholkranke, die behandlungsbedürftig krank sind.
peripheren Nervensystems und der ❃ Schätzungsweise 5 bis 7 Millionen „Mitbetroffene“, vor allem Familienmitglieder, leben in enger Ge-
Schäden auf den Embryo während der meinschaft mit einem alkoholkranken Menschen.
Schwangerschaft. ❃ Jährlich sterben in Deutschland etwa 40 000 Menschen an den Folgen übermäßigen Alkoholkonsums,
17 000 von ihnen an Leberzirrhose.
❃ Mehr als 2 200 alkoholgeschädigte Kinder werden jährlich in Deutschland geboren.
❃ Schätzungsweise 250 000 Kinder und Jugendliche bis 25 Jahre sind alkoholabhängig oder stark alkohol-
Innere Organe gefährdet.
❃ Gewalttaten innerhalb der Familie mit einem Anteil alkoholisierter Tatverdächtiger von bis zu 35 Prozent.
Rachen, Mundhöhle und
❃ Die volkswirtschaftlichen Gesamtkosten, die durch Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit verursacht
Gastrointestinaltrakt werden, werden auf jährlich 30 bis 80 Milliarden DM geschätzt.
❃ Der Jahresumsatz der Alkoholwirtschaft beträgt 30 bis 35 Milliarden DM. Insgesamt zählt die Alkohol-
Chronischer Alkoholmissbrauch ist
wirtschaft 85 000 Beschäftigte.
mit einer deutlich erhöhten Inzidenz ❃ Mehr als 7 Milliarden DM jährlich betragen zurzeit die Einnahmen an alkoholbedingten Steuern.
bösartiger Tumoren der Schleimhaut
(Karzinome) in Mundhöhle, Pharynx,
Hypopharynx und Ösophagus assozi- 100 g um das 14fache gegenüber der kranken auf das 16-, 19- beziehungs-
iert (44, 45, 67, 73, 115, 116). Dabei be- Normalbevölkerung erhöht. Das höch- weise 210fache an (Grafiken 1 und
steht unabhängig von der Art des kon- ste Risiko betrifft den Rachenkrebs. 2a, b). Das Ergebnis einer Metaanalyse
sumierten alkoholischen Getränks eine Für den Konsum von mehr als 100 g Al- aller bisher vorliegenden epidemiolo-
Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen kohol pro Tag wurde ein relatives Risi- gischen Daten über die Wirkung des
dem täglichen Alkoholkonsum und ko von 125 errechnet (67). Wird bei chronischen Konsums alkoholischer
dem Karzinomrisiko. Das Risiko, an ei- Rauchern (mehr als 75 Prozent der Al- Getränke und die Entstehung von bös-
nem Mundhöhlen- oder Kehlkopfkar- koholiker rauchen) der Krebs erzeu- artigen Tumoren des Menschen ist in
zinom zu erkranken, ist bei einem tägli- gende Effekt des Tabakrauchs berück- Tabelle 1 zusammengefasst (64). Die
chen Alkoholkonsum von 75 bis 100 g sichtigt, steigt das relative Risiko, an ei- Ergebnisse belegen eine eindeutige
um mehr als das 13fache und bei über ner der genannten Krebsarten zu er- Dosis-Wirkungs-Beziehung zwischen
dem täglichen Alkoholkonsum und
´ Tabelle 1 C C ´
dem Auftreten bösartiger Tumoren.
Konsum alkoholischer Getränke und Krebsrisiko Jeder Alkoholkonsum – ob gering, mo-
Lokalisation Anzahl der Kausalität Anstieg des Risikos Synergismus mit derat oder stark – steigert die Krebs-
Studien in % pro Drink Tabakkonsum häufigkeit: Mit jedem durchschnittlich
Mundhöhle 30 + 30 + pro Tag getrunken „Drink“ (1 Drink
entspricht im Mittel circa 10 g Alkohol)
Pharynx 25 + 30 +
steigt das Risiko an einem bösartigen
Larynx 20 + 30 + Tumor zu erkranken um 5 bis 30 Pro-
zent, mit dem höchsten Risiko bei den
Ösophagus 30 + 30 +
Tumoren der Mundhöhle, des Pharynx,
Leber 25 + 20 0 Hypopharynx und des Ösophagus (64,
114). Eine Schwellendosis, jenseits de-
Brustdrüse 60 ⫾ 10 0
rer die Toxizität beziehungsweise Kan-
Kolon 45 ⫾ 5 0 zerogenität klinisch relevant zunimmt,
existiert nicht.
Rektum 45 ⫾ 5 0
Am Ösophagus senkt beziehungs-
Lunge 15 0 0 0 weise hemmt Alkohol beim gesunden
Menschen akut den Tonus des unteren
Magen 45 0 0 0
Ösophagussphinkters und die primäre
Pankreas 30 # 0 0 Peristaltik. Folge dieser funktionellen
Veränderungen ist das gehäufte und
Harnblase 20 0 0 0
verlängerte Auftreten gastroösopha-
Uterus 5 0 0 0 gealer Refluxe mit einer verminderten
ösophagealen Clearance. Chronischer
Ovar 10 0 0 0
Alkoholkonsum bewirkt zusätzlich zu
Prostata 5 0 0 0 diesen Veränderungen eine veränderte
sekundäre Peristaltik der distalen Zwei-
Melanom 5 0 0 0
drittel des Ösophagus mit Kontraktio-
Nach Longnecker und Enger (64)
nen erhöhter Amplitudenhöhe und

A 2110 Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001
M E D I Z I N

Dauer sowie gehäuftes Auftreten so Grafik 1 der Magenmukosa innerhalb von 30


genannter simultaner und „double-pea- Minuten führt und zu ihrer Abheilung
ked“-Kontraktionen. Neben der Wir- mehr als 24 Stunden benötigen (53).
kung auf die Ösophagusmotilität schä- Neuere klinische Untersuchungen zei-
digt Alkohol konzentrationsabhängig gen, dass vor allem das exzessive Trin-
direkt die Schleimhaut von Mundhöhle ken von Alkohol gastrale Hämorrhagi-
und Ösophagus und kann eine Reflux- en auslösen kann (53). Potenziert wird
ösophagitis unterschiedlichen Grades die toxische Wirkung des Äthanols
hervorrufen (72, 84, 109) (Grafik 2a), da durch den häufig kombinierten Ge-
durch die äthanoltoxisch zerstörte Mu- brauch nichtsteroidaler Antiphlogisti-
kosabarriere die refludierten H+-Ionen ka, da sowohl Acetylsalicylsäure als
in die Schleimhaut bis in die Regenerati- Wirkung des chronischen Alkohol- und Tabak- auch Äthanol (über 8 Volumenprozent)
onsschicht der Epithelzellen diffundie- konsums auf das relative Risiko des Ösophagus- die Mukosabarriere des Magens schädi-
ren und dort durch eine zunehmende karzinoms (nach 116). gen können. Ein weiterer Risikofaktor
Azidifikation eine Zerstörung der für die Inzidenz der hämorrhagisch ero-
Epithelzellen bewirken (109). Alkohol schädigt im Magen konzen- siven Gastritis nach akutem Äthanol-
Alkohol und alkoholische Getränke trationsabhängig die Magenschleim- konsum ist die Leberzirrhose mit porta-
haben unterschiedliche Wirkungen auf haut über die in Grafik 5 beschriebenen ler Hypertonie (88).
die Magensäuresekretion beim gesun- Mechanismen. Klinisch manifestiert Epidemiologische Studien deuten
den Menschen. Die Wirkung von Ätha- sich diese Schädigung als akute (hä- darauf hin, dass chronischer Alkohol-
nol auf die Magensäuresekretion ist morrhagische) Gastritis (110). Eigene konsum kein Risikofaktor für die Heli-
konzentrationsabhängig: niedrigpro- endoskopisch kontrollierte Untersu- cobacter-pylori-Prävalenz in der Ma-
zentige Äthanollösungen (1,4- und 4 chungen an gesunden Probanden erga- genschleimhaut darstellt. Eine neuere
Prozent vol/vol) bewirken eine mäßige ben, dass die intragastrale Applikation Studie lässt sogar einen protektiven Ef-
Stimulation der Magensäuresekretion von Äthanol in den Konzentrationen fekt eines moderaten Alkoholkonsums
(23 beziehungsweise 22 Prozent des und Mengen wie diese in den alkoho- (>75 g/Woche) gegenüber einer aktiven
„maximal acid output“, MAO); höher- lischen Getränken enthalten sind (Ta- Infektion mit Helicobacter pylori ver-
prozentige Äthanollösungen (von 5 bis belle 2) zu dosisabhängigen Läsionen muten (15). Ob eine Interaktion zwi-
10 Prozent vol/vol) haben keinen Ef-
fekt; 20- beziehungsweise 40-prozenti- ´ Tabelle 2 C C ´

ge Äthanollösungen bewirken eine – al- Äthanolmenge einiger alkoholischer Getränke


lerdings statistisch nicht signifikante – Alkoholische Getränke Äthanol- Äthanolmenge Äthanolmenge
Hemmung der Magensäuresekretion konzentration (ml) (g)
(% vol/vol) in 1 000 ml in 1 000 ml
(98) (Grafik 3).
Alkoholische Getränke, die durch al- Alkoholfreies Bier bis 0,5 5 3,9
koholische Vergärung von Kohlenhy- Bier (Eichbaum Pilsener) 4,9 49 39
draten entstehen, wie Bier, Wein,
Champagner und einige Aperitifs, zum Weißwein 11,0 110 87
Beispiel Sherry, stimulieren die Ma- Champagner 12,0 120 95
gensäuresekretion nahezu maximal
(112) (Grafik 4). Weder ihr Alkoholge- Martini Bianco 15,0 150 118
halt noch die bekannten nichtalkoholi- Harveys Bristol Fino Sherry 16,5 165 130
schen Inhaltsstoffe (zum Beispiel Ma-
gnesium, Calcium, Amine, Phenole, Scotch Whisky 43,0 430 339
Bitterstoffe, Vitamine und L-Ami- Cognac (Remy Martin) 40,0 400 316
nosäuren) sind hierfür verantwortlich
(99). Untersuchungen der eigenen Ar- Calvados Hors d’Age 40,0 400 316
beitsgruppe haben gezeigt, dass es sich Armagnac Cles Des Ducs 40,0 400 316
bei den maximal die Magensäure stimu-
lierenden Inhaltsstoffen um die Dicar- Bacardi Superior Gold Rum 37,5 375 296
boxylsäuren Bernsteinsäure und Ma- Pernod Fils 40,0 400 316
leinsäure handelt (113, 110). Alkoholi-
sche Getränke, die durch alkoholische Cointreau 40,0 400 316
Vergärung und anschließende Destilla- Campari 25,0 250 197
tion entstehen, wie der Großteil der
Formeln zur Berechnung der Äthanolmenge in Gramm beziehungsweise Volumenprozent.
Aperitifs und hochprozentige Spirituo- Volumen (ml) in Masse (g): Masse (g) = Volumen (ml) x Dichte (0,789 g/cm3)
sen, stimulieren die Säuresekretion Masse (g) in Volumen (ml): Volumen (ml) = Masse (g)
Dichte (0,789 g/cm3)
nicht (112) (Grafik 4).

Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001 A 2111
M E D I Z I N

schen der mukosaschädigenden Wir- koholiker häufiger vorkommt als bei chungen wurde auch unter Berücksich-
kung des Äthanols und einer präexi- der Normalbevölkerung. tigung der konsumierten alkoholischen
stenten Helicobacter-pylori-Infektion Retrospektive, epidemiologische Un- Getränke (wie Bier, Wein und Spirituo-
besteht, ist bislang nicht geklärt. tersuchungen kommen zu dem Schluss, sen) keine Assoziation zwischen der In-
Bislang gibt es keine gesicherten en- dass akuter und chronischer Alkohol- zidenz peptischer Ulzera und dem Kon-
doskopischen und histologischen Un- konsum nicht mit einer erhöhten Inzi- sum alkoholischer Getränke errechnet.
tersuchungen, die zeigen, dass eine denz von Ulcera peptica im Magen und Bisher ist lediglich eine Untersuchung
chronisch atrophische diffuse Gastritis Duodenum assoziiert ist. In zwei bekannt, in der ein signifikanter Ein-
im Corpus und/oder Antrum beim Al- großen neueren prospektiven Untersu- fluss des chronischen Alkoholkonsums
auf die Inzidenz des Ulcus duodeni
Grafik 2 a) nachgewiesen wurde. Piper und Mitar-
beiter (1984) wiesen nach, dass Patien-
Bakterien Acetaldehyd Prokarzinogene ten mit einem Alkoholkonsum von
Äthanol mehr als 60 g pro Tag ein 3,3fach signifi-
kant erhöhtes Risiko aufwiesen an ei-
Enzyminduktion
Atrophie nem Ulcus duodeni zu erkranken
(Odds Ratio 1,8). Die Inzidenz des Ul-
Solvens cus ventriculi wurde durch chronischen
Zinkmangel zelltoxisch Karzinogene
Motilitätsstörungen Alkoholkonsum in dieser wie auch in
Nitrosamine
Acetaldehyd sekundäre Hyper- anderen Studien nicht erhöht.
regeneration In den zumeist retrospektiv und nur
Nitrosamin- Reflux Erhöhte Konzentration wenig prospektiv durchgeführten epi-
Stoffwechsel lokal wirkender demiologischen Studien (mehr als zwölf
Karzinogene und Kohorten-, Populations- und mehr als
HCl Nitrosamine Verlängerung der 30 Fall-Kontroll-Studien) wurde kein
Kontaktzeit dieser gehäuftes Auftreten des Magenkarzi-
Substanzen mit der noms bei chronischem Alkoholkonsum
Absorption von Nitrosaminen
vulnerablen Mukosa gefunden. Dies gilt selbst bei Alkohol-
mengen von mehr als 200 g pro Tag. Die
Alkohol- und Nitrosaminstoffwechsel b) Art des konsumierten alkoholischen
Getränkes (Bier, Wein, Spirituosen)
Äthanol Nitrosamine hatte ebenfalls keinen Einfluss (13, 26,
47, 114, 64, 110). Zum Kardiakarzinom
liegen zurzeit keine sicheren Daten vor.
Am Dünndarm schädigt Alkohol
die Schleimhaut über die gleichen Me-
Mikrosomen
chanismen wie beim Ösophagus und
- Zytochrom P450 -
erhöhte Konzentration Magen (Grafik 5), sichtbar an Schleim-
in extrahepatischen hautrötungen, Exfoliationen und klei-
Organen nen subepithelialen Blutungen. Kli-
nisch relevante Störungen werden aber
nur bei Patienten mit starkem, chroni-
schem Alkoholkonsum (Männer über
Oropharynx Ösophagus 60 g/Tag, Frauen über 30 bis 40 g/Tag)
gesehen (9). Die Folge ist eine Reduzie-
Acetaldehyd rung der Dünndarmoberfläche (Zotten-
Neoplasien atrophie) und Hemmung der Absorpti-
on zahlreicher Nährstoffe im Dünn-
darm (wie Glucose und Aminosäuren).
Darstellung der möglichen Mechanismen der alkoholassoziierten Karzinogenese in Mundhöhle und Die chronische Schleimhautschädigung
Ösophagus (109). An der Entstehung bösartiger Tumoren in Mundhöhle und Ösophagus ist die chro-
nische Entzündung der Speiseröhre, hervorgerufen durch den direkten toxischen Effekt des Äthanols
des Dünndarms ist wahrscheinlich auch
in Verbindung mit dem gastroösophagealen Reflux, beteiligt. Die Schleimhaut wird gegenüber Kar- eine wichtige Ursache für die Entwick-
zinogenen, wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe und Nitrosamine anfälliger, die zur lung alkoholinduzierter Lebererkran-
Bildung von Tumoren führen können. Diese sind in unterschiedlichen Konzentrationen in den ver- kungen und anderer Organschäden.
schiedenen alkoholischen Getränken (in relativ hoher Konzentration im Bier) enthalten oder werden Ursache ist die alkoholinduzierte Mu-
aus Vorstufen (Prokarzinogenen) in der Leber gebildet. Da durch präferierten Äthanolabbau der Ab-
bau Krebs erzeugender Substanzen in der Leber gehemmt wird, steigt die Schadstoffkonzentration kosaschädigung mit erhöhter Permea-
im Blut und kann länger auf die verletzliche Schleimhaut wirken. bilität für großmolekulare Substanzen
und eine gesteigerte Translokation von

A 2112 Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001
M E D I Z I N

Endotoxinen und anderen Toxinen in bis zu 50 Prozent und eine Leberzirrho- Das Risiko der Frauen ist nahezu dop-
das Gefäßsystem und/oder die Lymph- se bei 20 bis 30 Prozent gesehen (35). pelt so hoch wie das bei Männern.
gefäße und damit das Auftreten einer Die Akutmortalität der Alkoholhepati- Neuere Daten zeigen bereits für gerin-
Endotoxinämie mit ihren Konsequen- tis liegt zwischen 15 bis 25 Prozent, die ge Mengen (12 g pro Tag) ein im Ver-
zen für die Freisetzung von Zytokinen Vierjahresmortalität bei 35 Prozent. gleich zu Nichttrinkern erhöhtes Risiko
und anderer Mediatoren aus Makro- Besteht zum Zeitpunkt der Alkoholhe- für eine Leberzirrhose (5). Neben Ver-
phagen (11, 85). Die Endotoxinämie patitis eine Zirrhose, beträgt die Vier- änderungen des Immunsystems, der to-
könnte ein entscheidender Risiko- jahresmortalität sogar 60 Prozent (70). xischen Wirkung des Acetaldehyds,
faktor sein für alkoholassoziierte Or- Mit einer deutlichen Risikosteigerung metabolischen Auswirkungen (wie oxi-
ganschäden, wie zum Beispiel die dativer Stress, Endotoxin- beziehungs-
chronische Pankreatitis, Hirnatrophie, Grafik 3 weise Zytokinexpression, Aktivierung
zerebrovaskuläre Erkrankungen und neutrophiler Granulozyten) spielen
Polyneuropathie. Das Ausmaß dieser Ernährungsfaktoren in der Pathogene-
Alkoholfolgekrankheiten wird wahr- se alkoholinduzierter Lebererkrankun-
scheinlich durch die Aktivierung von gen eine Rolle (12, 83).
durch Endotoxin sensitivierten periphe- Die toxische Wirkung des Alkohols
ren mononukleären Zellen (PBMC) bei vorbestehenden Lebererkrankun-
und durch Zytokine/Interleukine mit gen wird am Beispiel der chronischen
nachfolgender Aktivierung und Syn- Hepatitisinfektion evident. Chroni-
these ortsständiger Makrophagen mo- scher Alkoholkonsum führt bei Patien-
duliert (101). ten mit einer chronischen Hepatitisin-
Im Kolon haben Patienten mit einem fektion zu einem vermehrt progressi-
hohen Alkoholkonsum ein zwei- bis ven, das heißt zu einem die Leberer-
dreifach erhöhtes Risiko adenomatöse krankung beschleunigendem Verlauf.
Polypen zu entwickeln (10, 23, 94, 127). Dies gilt insbesondere für die Hepatitis-
Chronischer Alkoholkonsum erhöht C-Infektion und resultiert in einer er-
wahrscheinlich das Risiko für die Ent- höhten Inzidenz an Leberzirrhose und
wicklung kolorektaler Adenokarzino- des primären hepatozellulären Karzi-
me. Als gesichert gilt ein solcher Zu- noms (HCC). Bei Patienten mit einem
sammenhang für das Rektumkarzinom: Alkoholkonsum von mehr als 10 g/Tag
Bei Biertrinkern, die mehr als einen Li- und einer Hepatitis-C-Virusinfektion
ter (> 40 g Alkohol) pro Tag trinken, ist vermehrt sich das Virus deutlich schnel-
das Risiko dreifach erhöht (10, 127, ler, da beide „Noxen“ über teilweise die
128). Schon bei Alkoholkonzentratio- gleichen beziehungsweise zusätzliche
nen von 0,5 bis 2,0 Promille, Werte, die Pathomechanismen die Leber poten-
auch bei gesellschaftlich akzeptiertem zierend schädigen (92). Patienten mit
Alkoholkonsum gesehen werden, einer chronischen Hepatitis-C-Infekti-
Sekretion von Magensäure (mmol/h) auf unter-
kommt es neben einer direkten äthylto- schiedliche Konzentrationen von Äthanol (1,4 on dürfen somit keinen Alkohol trin-
xischen Mukosaschädigung zu DNA- bis 40 Vol.), destilliertem Wasser und Glucose- ken! Bei zurzeit circa 1 400 000 Patien-
Schädigungen durch den toxischen Me- lösungen verschiedener Konzentrationen (5,8 ten mit einer chronischen Hepatitis al-
tabolit des Äthanols, das Acetaldehyd bis 34,2 Gewichtsprozent) bei sechs Probanden. lein in Deutschland – davon entfallen
Die 7,9-, 11,5-, 20- beziehungsweise 34,2-pro-
sowie durch Karzinogene, die mit den auf die Hepatitis C circa 600 000 Fälle
zentige Glucoselösung ist equivalent zur 1,4-, 4-
Getränken aufgenommen werden (93, , 10- beziehungsweise 20-prozentigen Ätha- mit einer jährlichen Neuinfektionsrate
94, 10). Es wird postuliert, dass auf dem nollösung. Vergleich zur Reaktion auf isotone von momentan 15 000 – ein nicht zu un-
Blutweg Alkohol an die Enddarm- Glucoselösung (5,8 Gewichtsprozent) und destil- terschätzendes Problem. Demgegen-
schleimhaut transportiert wird und dort liertes Wasser in separaten Kontrollexperimen- über ist zum Beispiel eine ausgeheilte
ten. * p < 0,05 für signifikante Unterschiede ge-
nach Aufnahme (durch Diffusion) von genüber isotoner Glucoselösung und destillier-
Hepatitis-B-Infektion ohne Residuen
Darmbakterien zu Acetaldehyd abge- tem Wasser (nach 98). (histologischer Befund) keine absolute
baut wird, welcher neben anderen Kar- Kontraindikation gegen einen modera-
zinogenen toxisch für die Rektum- ten Alkoholkonsum.
schleimhaut ist. für die Lebererkrankung ist bei Män- Die chronische Pankreatitis ist die
Lebererkrankungen (Fettleber, Al- nern ab einem Alkoholkonsum von 40 wesentliche alkoholbedingte Erkran-
koholhepatitis, Zirrhose), die chroni- bis 60 g/Tag und bei Frauen ab einem kung der Bauchspeicheldrüse (89, 100).
sche Pankreatitis und Malignome sind Alkoholkonsum von 20 bis 30 g/Tag zu Sie manifestiert sich häufig klinisch als
die häufigsten Alkoholfolgeerkrankun- rechnen. Bis 40 g pro Tag wird kein si- eine „akute“ Pankreatitis bei bereits
gen. Eine Fettleber wird bei Patienten cherer Effekt bei Männern beobachtet, bestehenden morphologischen Zeichen
mit chronischem Alkoholkonsum in bis bei 60 g pro Tag ist das Risiko sechsfach, einer chronischen Bauchspeicheldrü-
zu 90 Prozent, eine Alkoholhepatitis in bei 80 g pro Tag 14fach erhöht (12, 83). senerkrankung (37, 38, 39, 40, 74, 100).

Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001 A 2113
M E D I Z I N

Im Mittel nach 17 Jahren chroni- Grafik 4 flusses der verschiedenen Alkohol-


schen Alkoholabusus bei Männern gehalte dieser Getränke konnte kein
und zehn Jahren bei Frauen von signifikanter Unterschied hinsicht-
mehr als 80 g Alkohol (entspricht cir- lich ihrer kardioprotektiven Wirkung
ca 1 Liter Wein) pro Tag kommt es festgestellt werden (52, 77, 78, 81).
zur klinischen Manifestation der Entscheidend bei der Alkoholwir-
chronischen Pankreatitis (89, 102). kung ist nicht die rechnerisch durch-
Nach den vorliegenden Untersu- schnittlich getrunkene Alkoholmen-
chungen ist für die Entwicklung der ge, sondern der gleichmäßige Kon-
chronischen Pankreatitis nicht die sum einer moderaten Alkoholmenge
Art des alkoholischen Getränks, son- pro Tag. So konnte zum Beispiel an-
dern die absolute Alkoholmenge der hand von epidemiologischen Studien
entscheidende schädigende Faktor. in den skandinavischen Ländern ge-
Als untere Dosis, ab der das Risiko zeigt werden, dass das so genannte
für eine chronischen Bauchspei- „binge drinking“, also eine kurzfristi-
cheldrüsenerkrankung ansteigt, wird ge exzessive Alkoholaufnahme (zum
ein täglicher Alkoholkonsum von 20 g Beispiel nur am Wochenende), nicht
pro Tag angegeben (89). Eine untere mit einer kardiovaskulären Protekti-
Schwellendosis lässt sich allerdings on des Alkohols verbunden ist, auch
nicht nachweisen. wenn der durchschnittliche tägliche
Es besteht keine direkte Assozia- Alkoholkonsum moderat ist (76).
tion zwischen dem chronischen Al- Die Ende der 80er- und Anfang
koholkonsum und der Inzidenz des Sekretion von Magensäure (mmol/h) auf intragastrale Ga- der 90er-Jahre beschriebene Beob-
Pankreaskarzinoms (19). Es besteht be verschiedener alkoholischer Getränke (Spirituosen, achtung, dass vor allem bei der stark
jedoch eine indirekte Assoziation, da Aperitifs, Wein, Champagner und Bier) im Vergleich zum Rotwein trinkenden französischen
chronischer Alkoholkonsum eine „maximal acid output“ (MAO) auf Pentagastrin. Ergebnis- Bevölkerung eine sehr niedrige Inzi-
se sind Mittelwerte von sechs Probanden. * p < 0,05 für
chronische Pankreatitis induzieren signifikante Unterschiede gegenüber der Kontrolle (Glu- denz der koronaren Herzerkrankung
kann, auf deren Boden sich ein Pan- cose 5,76 Gewichtsprozent), (nach 112). beobachtet wird (18, 24, 34, 126),
kreaskarzinom entwickeln kann (66). wurde als „french paradox“ bezeich-
Das kumulative Risiko, an einem net. Zurückgeführt wurde der kar-
Pankreaskarzinom zu erkranken, be- Bedeutung verschiedener Getränkear- dioprotektive Effekt des Rotweins ne-
trägt 10 bis 20 Jahre nach Diagnosestel- ten (vor allem Bier und Wein) ist in ver- ben der Alkoholwirkung auf die im
lung einer chronischen Pankreatitis im schiedenen Studien untersucht worden. Vergleich zu Weißwein und anderen al-
Vergleich zur Normalbevölkerung 1,8 Nach Adjustierung bezüglich des Ein- koholischen Getränke sehr hohe Kon-
Prozent beziehungsweise 4,0 Prozent. zentration an phenolischen Inhaltsstof-
Das Risiko ist unabhängig vom Ge- Textkasten 2 fen (vor allem Transresveratrol und
schlecht des Patienten, der Region und Erkrankungen, auf die moderater Alkohol- Quercetin). Die Wirkungsweise der
Ätiologie der Pankreatitis (66). Die konsum höchstwahrscheinlich protektiv phenolischen Inhaltsstoffe des Weins,
chronische Pankreatitis ist daher als wirkt die als Antioxidanzien im LDL-Stoff-
Präkanzerose einzustufen. ❃ Koronare Herzerkrankung wechsel wirken und so für den anti-
Protektive Wirkungsmechanismen des Alkohols atherogenen Effekt von Wein verant-
Erhöhung der HDL2- und HDL3-Fraktionen wortlich gemacht werden, ist im Text-
Kardiovaskuläres System Senkung des Fibrinogen, der Blutplättchenaggre- kasten 2 zusammengefasst. Ihre pro-
Moderater Alkoholkonsum senkt die gation und – in geringem Ausmaß – des LDL tektive Wirkungsweise soll an dieser
Erhöhung der fibrinolytischen Aktivität
Mortalität bei der koronaren Herzer- Das genetisch determinierte Lipoprotein(a) wird
Stelle nicht weiter ausgeführt werden.
krankung (KHK) um bis zu 45 Prozent; gesenkt Höchstwahrscheinlich fällt nicht den
die Beziehung ist im Gegensatz zur Wir- Protektive Wirkungsmechanismen der phenoli- phenolischen Inhaltsstoffen, sondern
kung auf die Gesamtmortalität L-för- schen Inhaltsstoffe alkoholischer Getränke vornehmlich dem Alkoholanteil (unab-
mig und gilt so auch für höhere Alko- Beeinflussung des Arachidonstoffwechsels hängig vom alkoholischen Getränk) der
holmengen (28, 80) (Grafik 6a). Mögli- Stimulation der Prostaglandinsynthese Haupteffekt an der kardioprotektiven
Hemmung der Thromboxansynthese
che, die Mortalität beeinflussende Mit- Wirkung zu (6, 27, 42, 56, 90, 123, 17, 76,
Hemmung sowohl der durch Thrombin als auch
faktoren („confounder“) wie Alter, durch Adenosindiphosphat (ADP) induzierten 108, 129).
Rauchen, Hypertonie, BMI (Body Mass Thrombozytenaggregation Die protektive Alkoholwirkung wird
Index), Gesamtcholesterin und HDL- Senkung der Sekretion an Apolipoprotein B durch seine Wirkung auf die Atheroge-
Cholesterin beeinflussen diese Bezie- Antioxidative Wirkung nese und insbesondere auf den Lipo-
hung nur unwesentlich. Die kardiopro- Blutdrucksenkung über eine durch Stickstoffmon- proteinstoffwechsel bewirkt. Obwohl
oxid (NO) vermittelte Gefäßerweiterung
tektive Wirkung von Alkohol ist unab- ein direkter Zusammenhang zwischen
❃ Ischämischer Insult
hängig vom alkoholischen Getränk. Die Alkoholkonsum und dem Lipoprotein-

A 2114 Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001
M E D I Z I N

metabolismus bisher nicht sicher nach- mengen zwischen 20 bis 40 g pro Tag be- treten von Rhythmusstörungen begün-
gewiesen werden konnte, besteht epi- obachtet. Der protektive Effekt mode- stigen (55, 87, 108).
demiologisch kein Zweifel daran, dass rater Alkoholmengen ist auch bei Pati- Schon 1978 wurde der Begriff „holi-
erhöhte HDL-Plasmaspiegel für die enten mit bereits manifester KHK day heart syndrome“ geprägt, der Pati-
Reduktion der KHK-Inzidenz verant- nachweisbar. Die protektive Wirkung enten beschreibt, die nach erhöhtem
wortlich sind. Folgende Mechanismen des moderaten Alkoholkonsums auf Alkoholkonsum an Wochenenden oder
werden diskutiert: Unter Alkoholkon- das Herz-Kreislauf-System und somit nach Ferienzeiten mit verschiedenen
sum steigt die HDL-Fraktion (HDL2 auch auf die Gesamtmortalität ent- Herzrhythmusstörungen, überwiegend
und HDL3) im Blutplasma deutlich an spricht der Risikominderung durch aber supraventrikulären Tachykardien
bei gleichzeitig zumeist geringen Abfall Aspirin (14, 50, 115). In diesem Zusam- oder Tachyarrhythmien behandelt wur-
der LDL-Fraktion. Aufgrund dieser menhang muss erwähnt werden, dass den. In Studien wurde gezeigt, dass bei
Ergebnisse wird der positive Effekt von vergleichbare Effekte durch eine ausge- vermehrtem chronischem Alkoholkon-
Alkohol auf eine verminderte Athero- wogene Ernährung und sportliche sum (mindestens sechs Drinks pro Tag)
genese, hervorgerufen durch günstigere Betätigung erzielt werden können. das Risiko für supraventrikuläre Tachy-
HDL/LDL-Quotienten, zurückgeführt.
Allerdings fanden einige Autoren le- Grafik 5
diglich einen Anstieg der HDL3-Sub-
fraktion unter Alkoholeinfluss und fa-
vorisieren damit keinen Effekt durch
Anstieg der HDL-Fraktion. Andere
Arbeitsgruppen zeigten eine Abnah-
me von Apolipoprotein A1 und A2 un-
ter Alkoholaufnahme, möglicherweise
durch eine direkte Wirkung auf Hepa-
tozyten vermittelt. Neben diesen Wir-
Vasokonstriktion
kungen auf den Lipidstoffwechsel
konnte auch ein günstiger Effekt von
Alkohol auf die Plasminaktivator-
freisetzung (Tissue Plasminogen Ac-
tivator, tPA) aus dem Endothel und die
Thrombozytenaggregation nachgewie-
sen werden. Aktuell wird auch der Ein-
fluss von Alkohol als Adenosin A1 ver-
mitteltes „ischemic preconditioning“
diskutiert. Das genetisch determinierte
Lipoprotein (a) wird durch Alkohol
ebenfalls gesenkt. Sicher scheint, dass
die protektive Wirkung von Alkohol
nicht monokausal erfasst werden kann Äthanolinduzierte Schädigung der Magenmukosa – Pathomechanismus (nach 110).
(Textkasten 2), (58, 90, 17, 76, 108, 129).
Die Beziehung zwischen Alkohol- Patienten mit chronischem Alkohol- kardien durch eine direkte Wirkung des
konsum und Gesamtmortalität ist nicht abusus weisen eine Vielzahl an Herz- Äthanols auf die myokardialen Erre-
L-förmig, sondern U-förmig (Grafik 6 rhythmusstörungen auf. Diese beinhal- gungsleitungsprozesse sowie auf das au-
a, b). Ohne Korrektur für Risikofakto- ten supraventrikuläre Ereignisse wie tonome Nervensystem mit bis zu fünf
ren bedeutet ein moderater Alkohol- Tachyarrhythmien (Tachyarrhythmia Prozent erhöht ist (22). Auf dem Boden
konsum eine etwa 60-prozentige Re- absoluta), Vorhofflattern, Extrasysto- solcher Befunde werden beispielsweise
duktion der Zahl der Gesamttodesfälle. len, ventrikuläre Rhythmusstörungen Reentrymechanismen als Ursache für
Bei höherem Alkoholkonsum nimmt mit Extrasystolie und Tachykardien so- tödliche Rhythmusstörungen bei Pati-
die Gesamtmortalität wieder zu. Auf- wie verschiedene Formen der Erre- enten mit Alkoholabusus diskutiert.
grund der epidemiologischen Daten zur gungsleitungsverzögerungen mit AV- Zahlreiche Studien konnten eindeutig
Beziehung zwischen Alkoholkonsum Blockierungen und Schenkelblockbil- die erhöhte Inzidenz an Fällen von
auf der einen und KHK beziehungswei- dern (55). Inwieweit diese Arrhythmien plötzlichem Herztod bei Patienten mit
se Gesamtmortalität auf der anderen auf die direkte arrhythmogene Potenz schwerem Alkoholabusus nachweisen
Seite wäre ein protektiver Effekt bei ei- von Äthanol zurückzuführen sind, (55, 108).
nem Alkoholkonsum von 30 g für Män- bleibt unklar, da bei vielen Patienten Etwa ein Prozent bis zwei Prozent
ner und für Frauen deutlich darunter bereits funktionelle oder morphologi- aller Patienten mit chronischem
anzunehmen. Die günstigsten Ergeb- sche Veränderungen des linken Ventri- Alkoholabusus entwickeln Symptome
nisse bei Männern wurden bei Alkohol- kels vorliegen, welche per se das Auf- einer Herzinsuffizienz. Schätzungen

Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001 A 2115
M E D I Z I N

gehen davon aus, dass dilatative Kar- ´ Tabelle 3 C C ´

diomyopathien „unklarer Genese“ Einfluss von Alkohol auf den Kohlenhydratstoffwechsel


zwischen 40 Prozent und 60 Prozent auf
Diabetes mellitus Typ 1 Diabetes mellitus Typ 2
chronischen Alkoholabusus zurückzu-



führen sind (69, 79). Dabei scheint für Akuter Hypoglykämieneigung Hypoglykämieneigung oder
die Manifestation einer Kardiomyopa- Alkoholkonsum Gefahr der ketoazidotischen (in Abhängigkeit von der


thie die lebenslang kumulativ aufge- Entgleisung Nahrungsaufnahme)
nommene Alkoholmenge von ent- Chronischer Schlechte Steuerbarkeit der Therapie Schlechte Steuerbarkeit der Therapie
scheidender Bedeutung zu sein. Die Alkoholkonsum (bei übermäßigem Alkoholkonsum) (bei übermäßigem Alkoholkonsum)
meisten Patienten haben über mehr als


Hypoglykämieneigung Hypoglykämieneigung
zehn Jahre tägliche Alkoholmengen


Diabetische Spätkomplikationen Diabetische Spätkomplikationen
von (> 40) bis 80 g und mehr aufgenom- (bei übermäßigem Alkoholkonsum) (bei übermäßigem Alkoholkonsum)
men (103).


Adipositas
Welche Rolle begleitende Faktoren


Hypertriglyzeridämie
wie Rauchgewohnheiten, arterieller


Insulinsensitivität
Hypertonus oder gegebenenfalls gene- (bei moderatem Alkoholkonsum)
tische Prädispositionen spielen, ist
Nach Woitge und Ziegler (124)
nicht vollständig erfassbar. Das Ge-
schlecht scheint zumindest in der
Prävalenz der „alkoholischen Kar- zur Ausbildung einer schweren und po- pie die Gefahr der Hypoglykämie, die
diomyopathie“ keine bedeutende Rol- tenziell gefährlichen Hypoglykämie durch Alkohol verstärkt wird. Beson-
le zu spielen. Auffällig ist allerdings, nach Alkoholkonsum führt mit der Ge- ders gefährdet ist der alkoholkranke
dass bei einem Vergleich von Frauen fahr der Entwicklung einer alkohol- Diabetiker mit fortgeschrittener Leber-
und Männern mit gleich stark einge- assoziierten Ketoazidose. Beim Typ-1- erkrankung, bei dem die Glykogenspei-
schränkter linksventrikulärer Ejekti- Diabetiker birgt die notwendige Insu- cher entleert sind (Grafik 7, Tabelle 3),
onsfraktion die kumulative Alkohol- lintherapie ein erhöhtes Hypoglyk- (124).
menge der Frauen deutlich niedriger ist ämierisiko. Eine intensivierte Insu- Übermäßiger chronischer Alkohol-
als die der Männer. Möglicherweise lintherapie ist beim Alkoholiker kon- genuss geht mit einer erhöhten Inzidenz
liegt dem eine höhere Sensibilität bei traindiziert, da hier ein nicht kalkulier- einer proliferativen und exsudativen
Frauen für äthanolinduzierte myokar- bares Risiko der Entwicklung eines hy- Retinopathie einher. Auch andere dia-
diale Schädigungen zugrunde (108). poglykämischen Schocks besteht. Auch betische Spätkomplikationen treten
Alkohol wirkt blutdruckerhöhend. beim Typ-2-Diabetiker, der nicht mehr gehäuft auf. Dies lässt sich auf die
Die Beziehung von Alkoholkonsum allein durch diätetische Maßnahmen direkte Alkoholwirkung und auf
und Blutdruck ist positiv linear. Ab ei- behandelt werden kann, beinhalten die problematische Stoffwechselein-
nem Alkoholkonsum von 30 g pro Tag orale Antidiabetika oder Insulinthera- stellung des alkoholkranken Diabeti-
bei Männern beziehungsweise 20 g pro kers zurückführen (124).
Tag bei Frauen muss mit einem signifi- Textkasten 3
kanten Anstieg des Blutdrucks gerech- Diskutierte pathophysiologische
net werden. Eine Reduktion der Alko- Faktoren alkoholassoziierter Alkohol und Nervensystem
holaufnahme beeinflusst den Blutdruck neurologischer Erkrankungen
günstig. Bei Patienten mit Bluthoch- Wesentliche Effekte des Alkoholgenus-
❃ Direkt (zyto)toxischer Effekt des Äthanols und sei-
druck wird daher ein weitgehender Ver- nes oxidativen Metaboliten Acetaldehyd
ses werden über zentralnervöse Mecha-
zicht auf Alkohol empfohlen (51, 108). ❃ Anreicherung von nichtoxidativen Abbauproduk- nismen vermittelt. Übermäßiger Alko-
ten wie Fettsäureäthylester in den verschiedenen holgenuss, chronischer Alkoholabusus
Geweben (Erhöhung der Empfindlichkeit gegen- oder Alkoholexzess führen zu charak-
Alkoholkonsum und Diabetes mellitus über Alkohol) teristischen neurologischen Krank-
Beim Gesunden werden die basalen In- ❃ Verstärkende Effekte auf Gamma-Aminobutter- heitsbildern (Tabelle 4). Mehrere pa-
säure-Rezeptoren (GABA)
sulinspiegel im Serum durch akute Al- thophysiologische Wirkungsmechanis-
❃ Mangelernährung
koholaufnahme aufgrund der körperei- ❃ Entzugssyndrome men (Textkasten 3) schädigen unter-
genen Fähigkeit zur Aktivierung gegen- ❃ Systemische Effekte des Alkohols (Leberzirrhose, schiedliche Anteile des zentralen und
regulatorischer Mechanismen nicht be- Mangelerkrankungen, Elektrolytstörungen) ste- peripheren Nervensystems und der
einflusst (124). Der chronisch alkohol- hen teilweise in direktem Zusammenhang mit Muskulatur, sodass ein breites Spek-
kranke Patient hingegen ist einem be- neurologischen Folgeerkrankungen trum an neurologischen Funktions-
❃ Genetische Faktoren (vererbte Prädisposition für
sonderen Risiko ausgesetzt, da die ge- störungen resultiert (20, 30). Hinsicht-
Alkoholismus)
störte Leberfunktion mit Hemmung ❃ Genetisch determinierte Prädilektionen, die einen
lich des Alkoholentzugssysndroms und
der Glukoneogenese durch die Erklärungsansatz bieten, warum Alkoholiker eine Delirium tremens wird auf die Artikel
Äthanoloxidation zur Reduzierung der bestimmte neurologische Erkrankung entwickeln von K. Mann et al. (erster Beitrag in
Glykogenspeicher führt, die mitunter Heft 36) in dieser Serie verwiesen.

A 2116 Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001
M E D I Z I N

Die Wernicke-Enzephalopathie, die Rolle des Thiamins zur Therapie ei- Die alkoholische Lebererkrankung
auch als Polioencephalitis hämorrhagi- nes voll ausgebildeten Korsakow-Syn- kann von einer hepatozerebralen De-
ca superior bezeichnet, ist eine Vit- droms unsicher (30). generation begleitet sein (118). Neuro-
amin-B1-Mangelerkrankung und ma- Bei Alkoholikern kann im Rahmen pathologische Veränderungen bei die-
nifestiert sich mit einer komplexen einer Pellagra, die auf dem Boden ei- ser Erkrankung bestehen in diffusen
Störung der Okulomotorik, einer nes Mangels an Nikotinsäure (Vitamin und umschriebenen Nekrosen mit Mi-
Gangataxie und Desorientiertheit B2) oder einer Aminosäurevorstufe, krokavitationen im Bereich des Über-
(121). Neuropathologische Befunde dem Tryptophan, resultiert, ein De- gangs von weißer und grauer Substanz,
zeigen Demyelinisierung, gliale und menzsyndrom entstehen. Neuropatho- einem Verlust an Neuronen und myeli-
vaskuläre Proliferationen, zum Teil hä- logische Veränderungen betreffen in nisierten Fasern in den Basalganglien
morrhagische Läsionen und Nekrosen, erster Linie die großen Neurone des und im Kleinhirn. Die Defizite sind
die insbesondere die graue Substanz Motorkortex (aber auch Basalgangli- nicht reversibel und das Fortschreiten
des Thalamus, Hypothalamus, Hirn- en, zerebelläre Kerngebiete, Vorder- der Erkrankung ist variabel. Der Ver-
stamms und Kleinhirns betreffen. Der hornzellen). Neben neuropsychologi- lauf wird häufig durch überlagerte
Mangel an Thiamin ist die Ursache der schen Symptomen wie Depression, Episoden einer reversiblen hepati-
Wernicke-Enzephalopathie (vermin- Müdigkeit, Konzentrationseinbußen, schen Enzephalopathie vermischt. Ne-
derte Thiaminaufnahme so- ben Anteilen eines Demenz-
wie verminderte Metaboli- Tabelle 4
´ C C ´
syndroms zeigen sich motori-
sierung und Speicherung in Alkoholassoziierte neurologische Erkrankungen sche Auffälligkeiten wie zere-
der Leber). Die Diagnose bellare Ataxie, Dysarthrie,
ZNS akut:
der Wernicke-Enzephalopa- Alkoholintoxikation und Entzugssyndrom
Tremor und Choreoathetose
thie wird aufgrund der Un- Krampfanfälle bei Alkoholabhängigkeit und (30).
tersuchungsbefunde und der Alkoholentzug Bei etwa einem Drittel al-
Besserung nach Thiaminga- chronisch: ler Alkoholabhängigen finden
be gestellt. Die Behandlung Wernicke-Enzephalopathie sich Zeichen einer zerebella-
der Wernicke-Enzephalopa- Korsakow-Syndrom ren Dysfunktion. Die Spätatro-
thie erfolgt durch Substitu- Pellagra phie des Kleinhirns, eine alko-
tion von Thiamin. Die Pro- Hepatozerebrale Degeneration holbedingte, irreversible dege-
gnose der Wernicke-Enze- Spätatrophie des Kleinhirns nerative Schädigung des Klein-
phalopathie hängt von der Zentral pontine Myelinose hirns kommt vornehmlich bei
prompten Substitutionsthe- Marchiafava-Bignami-Syndrom Männern vor. Thiaminmangel
rapie ab. Die Gesamtmorta- Tabak-Alkohol-Amblyopie wie auch ein unmittelbar toxi-
lität liegt mit 10 bis 20 Pro- scher Effekt des Alkohols und
zent in der allerdings älteren PNS Alkoholbedingte Polyneuropathie Elektrolytverschiebungen wer-
Literatur relativ hoch (30). Muskulatur Akute nekrotisierende Myopathie den als Ursachen diskutiert (3,
Das Korsakow-Syndrom Chronische Alkoholmyopathie 25). Klinische Symptome sind
ist eine typischerweise bei Nach Gass und Hennerici (30)
unter anderem die zerebellare
chronischen Alkoholikern Gangataxie mit stetiger Pro-
im Rahmen einer oder meh- gredienz, Extremitätenataxie
rerer Episoden einer Wernicke-Enze- Verwirrtheitszuständen, Halluzinosen, (vor allem der Beine), Dysarthrie und
phalopathie auftretende Erkrankung Optikusneuropathie treten systemi- die Polyneuropathie. Die Diagnose der
mit Beeinträchtigung der Gedächtnis- sche Prodromalsymptome auf wie Ap- Spätatrophie des Kleinhirns wird nach
funktion, wobei nicht geklärt ist, auf petitlosigkeit, Diarrhö, Glossitis, An- klinischen Kriterien gestellt. Im CT
welche Weise das Korsakow-Syndrom ämie und kutane Erythemata auf. Dif- oder MRT finden sich häufig eine
die Gedächtnisstörung verursacht (71, ferenzialdiagnostisch muss bei den Oberwurmatrophie und eine kortikale
91). Die Verteilung der histologischen zentralnervösen Störungen der Pella- zerebellare Atrophie. Eine Therapie
Gewebeveränderungen ist identisch zu gra an eine Enzephalitis oder Enze- mit Thiamin wird empfohlen. Die neu-
denen der akuten Wernicke-Variante. phalopathie anderer Ursache gedacht ropathologischen Veränderungen be-
Als pathologisches Korrelat der Ge- werden, bei denen normalerweise stehen aus einem überwiegenden Ver-
dächnisstörungen wird die Schädigung zentrale Lähmungen vorliegen. Pel- lust kortikaler zerebellarer Neuronen,
des dorsomedialen Nucleus des Thala- lagra lässt sich gut durch Niacinsub- insbesondere der Purkinje-Zellen mit
mus und der Corpora mamillaria ver- stitution behandeln, obwohl die zere- Prädilektionsstellen im Bereich des
mutet. Obwohl die akute Wernicke-En- bralen Symptome oft nicht komplett vorderen und oberen Kleinhirnwurms.
zephalopathie immer mit Thiamin be- reversibel sind. Niacin kommt vorwie- Die Kleinhirnhemisphären sind weni-
handelt werden sollte, ist ein prophy- gend als Niacinamid in Hefe, Fleisch, ger häufig betroffen (30).
laktischer Effekt zur Verhinderung ei- Fisch, Geflügel und geröstetem Kaffee Die zentrale pontine Myelinolyse ist
nes infolge auftretenden Korsakow- vor, Tryptophan in Milch und Eiern eine seltene bilaterale, symmetrische,
Syndroms nicht gesichert. Weiterhin ist (41, 30). fokale demyelinisierende Erkrankung

Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001 A 2117
M E D I Z I N

des zentralen/ventralen Pons (in zehn obachtet wurde. Eine erfolgreiche me- Vorgang zu sein (119). Klinisch impo-
Prozent auch weitere extrapontine Lä- dikamentöse Therapie einer zentralen nieren distal- und beinbetonte senso-
sionen), die sich in einer relativ ra- pontinen Myelinolyse ist nicht bekannt motorische, langsam progrediente Aus-
schen Entwicklung einer Para- oder (30). fälle, Extremitätenschwäche, Schmer-
Tetraparese, einer Pseudobulbärpara- Die Marchiafava-Bignami-Erkran- zen, Parästhesien, Muskelkrämpfe,
lyse sowie einer deutlichen Bewusst- kung ist eine seltene Erkrankung, die Taubheitsgefühl, Gangataxie, bren-
seinseinschränkung manifestiert (33, bei Patienten (meist Männer) mit chro- nende Dysästhesien, Abschwächung
nischem Alkoholmissbrauch der Muskeleigenreflexe, eingeschränk-
Grafik 6 und Mangelernährung auftritt tes Vibrationsempfinden, verminderte
(16). Histopathologisch wer- Oberflächensensibilität und Schwäche-
den Demyelinisierung und symptomatik, selten Beteiligung der
Axonverlust des Corpus callo- Hirnnerven sowie Impotenz. Impotenz
sum beschrieben. Klinisch ma- ist bei Alkoholikern zwar ein relativ
nifestiert sie sich unter ande- häufiges Phänomen, wahrscheinlich
rem in Form von Krampfanfäl- aber eher Ausdruck psychogener und
len, Vigilanzstörungen, Spa- hormoneller Veränderungen als einer
stik, Tremor, frontalen Ent- assoziierten autonomen Neuropathie.
hemmungsphänomenen, Apa- Ödeme und trophische Veränderungen,
thie und apraktischen Störun- eine Hyperpigmentation oder Ulzerati-
gen (29, 82). Als Therapie wer- on der Haut können Hinweise auf eine
den eine Alkoholkarenz, Vita- Polyneuropathie sein. Therapeutisch
min-B1-Substitution und nor- können Alkoholabstinenz und Thia-
malisierte Ernährung empfoh- minsubstitution häufig eine Progression
len (30). der alkoholbedingten Polyneuropathie
Bei Alkoholabusus und verhindern und führen gelegentlich zu
Mangelernährungen kann es in klinischen Besserungen. Die typischen
Kombination mit Tabakkon- neuropathischen Schmerzen reagieren
sum zu einer Tabak-Alkohol- gelegentlich positiv auf Antikonvulsiva
Amblyopie mit Visusverlust oder trizyklische Antidepressiva (30).
(bilateral; zentrale beziehungs- Ein Großteil ambulanter und hospi-
weise zentrozekale Skotome) talisierter alkoholabhängiger Patienten
durch eine selektive Schädi- zeigt muskelbioptische Zeichen einer
gung des N. opticus
kommen. Trotz der Grafik 7
Bezeichnung „Tabak-
Alkohol-Amblyopie“
a) L-förmige Beziehung zwischen moderaten Alkoholkonsum
und Mortalität bei der koronaren Herzerkrankung (nach 50), ist weder für den Al-
a und b) U-förmige Beziehung zwischen Alkoholkonsum und kohol noch für den
Gesamtmortalität (nach 50, 115). Tabak die pathogene-
tische Bedeutung ein-
75). Histologisch findet sich ein massi- deutig geklärt, sodass mehrere
ver Verlust an Myelin und eine redu- Autoren die Mangelernährung
zierte Oligodendrozytenzahl. Neurone als zentrales Element postulie-
und Axone bleiben weitgehend intakt. ren (31, 86).
Eine Hyponatriämie scheint der Aus- Die periphere Polyneuro-
bildung einer zentralen pontinen My- pathie ist die häufigste chroni-
elinolyse vorauszugehen. Häufig wird sche neurologische Erkran-
eine rasche Korrektur einer Hypona- kung in Verbindung mit einem
triämie berichtet und ist als wahr- Alkoholabusus. Neben einem
scheinlich ätiologischer Faktor anzu- wahrscheinlich dominieren-
nehmen. Es erscheint wichtig, dass die den unmittelbar toxischen Ef-
Natriumkonzentrationen nicht schnel- fekt des Alkohols wird auch
ler als mit 10 bis 12 mmol/l/Tag ange- Mangelernährung als ätiolo-
hoben wird. Es empfiehlt sich parallel gischer Faktor diskutiert
eine Vitamin-B1-Substitution durch- (21). Eine Axondegeneration
zuführen, da eine begleitende Wer- scheint neben einer segmen-
nicke-Enzephalopathie, bei etwa ei- talen Demyelinisierung der Einfluss von Alkohol auf den Kohlenhydratstoffwechsel
nem Drittel der Fälle gleichzeitig be- dominierende pathologische (nach 124)

A 2118 Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001
M E D I Z I N

Myopathie. Die Ursache ist in einer un- zug kann zu tonisch-klonischen (Grand morrhagischen Insult eine J-förmige
mittelbar toxischen Wirkung des Alko- Mal) Anfällen führen, davon gehen Korrelation beobachtet wird. Alkohol
hols auf die Muskulatur zu suchen (68, zwei bis zehn Prozent in einen Status hat nur auf den ischämischen Insult,
104, 117). Die alkoholische Myopathie epilepticus über und 30 Prozent der Pa- nicht aber auf den hämorrhagischen In-
wird in die akut nekrotisierende und die tienten entwickeln zusätzlich nach ei- sult einen protektiven Einfluss. Der
chronische Form eingeteilt. Eine akute nem Entzugsanfall ein Delirium tre- protektive Effekt der geringen Alko-
nekrotisierende Myopathie kann sich mens. Die klinisch neurologische Un- holmengen wird mit erhöhten Prosta-
im Verlaufe von ein bis zwei zyklinkonzentrationen, einer
Tagen in Folge eines massi- Tabelle 5
´ C C ´
verbesserten Fibrinolyse und
ven Alkoholexzesses ent- Klinische Symptomatik der Alkoholembryopathie Veränderungen der relativen
wickeln (120). Klinische Zei- Befund Angaben in Prozent Konzentrationen von HDL-
chen sind Myalgien und Pa- und LDL-Lipoproteinen so-
Intrauteriner Minderwuchs, Untergewicht 88
resen mit eher proximaler wie geringer ausgeprägten ar-
Betonung, die asymmetrisch Postnatale Wachstumsverzögerung 86 teriosklerotischen Gefäßver-
und fokal verteilt sein kön- änderungen in Zusammen-
Vermindertes subkutanes Fettgewebe 80
nen mit einer verspannten, hang gebracht (43, 125). Für
angeschwollenen Muskulatur Kraniofaziale Dysmorphie 7–95 intrazerebrale und subarach-
in den betroffenen Gebieten, noidale Blutungen steigt das
Augenfehlbildungen 2–54
massive Creatinkinase-Er- Risiko linear mit der täglichen
höhung, Myoglobinurie, im Genitalfehlbildungen 31 Alkoholmenge an. Das „binge
EKG Überleitungsstörungen drinking“, also eine kurzfristi-
Nierenfehlbildungen 12
und Arrhythmien, im EMG ge exzessive Alkoholaufnah-
myopathische Veränderun- Herzfehler 29 me, erhöht generell das Risiko
gen und Fibrillationen (36). des Schlaganfalls, auch wenn
Extremitäten-/Skelettfehlbildungen 4–38
Muskelbioptisch zeigen sich der durchschnittliche tägliche
typischerweise Muskelfaser- Neurologische, mentale, psychopathologische Alkoholkonsum moderat ist
nekrosen. Die klinische Er- Störungen 6–89 (30, 76).
holung benötigt Wochen bis Als Mechanismen, die für
Verhaltensstörungen 3–72
Monate, wobei residuale eine Erhöhung des Schlag-
Schwäche und kardiale Über- Andere 12–51 anfallrisikos bei starkem Al-
leitungsstörungen persistie- Nach Löser (63) koholkonsum verantwortlich
ren können. Eine chronische sein können, kommen die
Alkoholmyopathie ist eine akute oder chronische arteri-
sich subakut oder chronisch schlei- tersuchung ist bei alkoholassoziierten elle Hypertonie, die alkoholassoziierte
chend über Wochen bis Monate ent- epileptischen Anfällen ebenso wie das Kardiomyopathie, Arrhythmien, die
wickelnde Myopathie (selektive Typ-2- EEG zumeist unauffällig. Beim erstma- erhöhte Inzidenz des Zigarettenrau-
Muskelfaseratrophie) mit proximaler ligen epileptischen Anfallsgeschehen chens sowie eine Rebound-Thrombo-
Schwächesymptomatik und Atrophien muss durch EEG und CT eine andere zytose mit Hyperkoagulabilität bei Al-
bei relativ gut erhaltenen Reflexen. Im zerebrale Ursache ausgeschlossen wer- koholentzug infrage. Des Weiteren gilt
Gegensatz zu der akut nekrotisieren- den. Im Rahmen einer bestehenden die erhöhte Homocysteinkonzentrati-
den, alkoholischen Myopathie finden Epilepsie kann Alkohol epileptische on im Serum bei Alkoholikern als be-
sich nur sehr gering ausgeprägte oder Anfälle provozieren oder demaskieren. sonderer Risikofaktor für die erhöhte
fehlende Myalgien. Ursächlich werden Bei alkoholinduzierten epileptischen Inzidenz des Schlaganfalls bei chroni-
Schädigungen der Muskelmembran Anfällen ist eine antikonvulsive Thera- schen Alkoholabusus (Alkohol ist ein
und der Mitochondrien durch toxische pie aufgrund der geringen Compliance Folatantagonist). Insbesondere scheint
Alkoholmetabolite diskutiert (30). nur selten indiziert. Im Fall einer Alko- das „binge drinking“ sowohl eine kurz-
Epileptische Anfälle sind mit einer holentzugsbehandlung ist bei Patienten fristige Erhöhung des systolischen
Prävalenz von 20 bis 35 Prozent die mit bekannten Entzugsanfällen eine an- Blutdruckes zu bewirken als auch ei-
häufigsten neurologischen Folgen des tikonvulsive Prophylaxe jedoch sinn- nen Effekt auf den Tonus zerebraler
Alkoholmissbrauchs (7, 122). Die Pa- voll (7). Arterien auszuüben. So konnte tierex-
thophysiologie ist bisher unklar, disku- Das Risiko für einen Schlaganfall perimentell nachgewiesen werden,
tiert werden Entgleisungen von Elek- steigt ab einem täglichen Alkoholkon- dass im Bereich von hämorrhagischen
trolyten (Kalium, Magnesium, Calcium) sum von etwa 30 bis 40 g/Tag an. Bis zu Insulten – induzierte durch schwere Al-
und/oder Neurotransmitter (GABA, einem Alkoholkonsum von 14 g/Tag koholintoxikationen – ausgeprägte Va-
Glutamat). Sowohl Alkoholintoxika- scheint das Schlaganfallrisiko vermin- sokonstriktionen der kortikalen Ge-
tionen als auch Alkoholentzüge sind dert zu sein (49, 65, 76). Beim ischämi- fäße bestanden, die höchstwahrschein-
die häufigsten Ursachen epileptischer schen Insult besteht ein positiver linea- lich durch einen Magnesiummangel in-
Anfälle bei Alkoholikern. Alkoholent- rer Zusammenhang, während beim hä- duziert waren (30, 76).

Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001 A 2119
M E D I Z I N

Schwangerschaft und Embryo Weiterführende Literatur: re. Überwiegend werden Berufe ohne
höhere Qualifizierung ausgeübt. Nur
Alkohol und Alkoholfolgekrankheiten. Grund-
Alkohol in der Schwangerschaft ist die lagen – Diagnostik – Therapie. Hrsg.: Singer MV zwölf Prozent erreichten bisher eine
häufigste und bedeutsamste teratogene und Teyssen S. Berlin Heidelberg New York: Selbstständigkeit in Familie und Le-
Noxe und eine der häufigsten nichtge- Springer-Verlag 1999. bensführung. Das Risiko einer stoffge-
netischen Ursachen einer geistigen Re- Kompendium Alkoholkrankheiten Hrsg: Singer bundenen Suchtentwicklung kann bei
tardierung bei Kindern (Erstbeschrei- MV und Teyssen S. Berlin Heidelberg New York: diesen Kinder auf mindestens 30 Pro-
bung durch Lemoine in Nantes/Frank- Springer-Verlag 2001. zent geschätzt werden. Eine primäre
reich 1968 (57, 63). Um das Mehrfache Handbuch Alkohol. Alkoholismus – alkoholbe-
Alkoholprävention sollte versucht
häufiger als das typische Fehlbildungs- dingte Organschäden. Hrsg.: Seitz HK, Lieber werden (61, 107).
muster der Alkoholembryopathie mit ChS, Simanowski UA. Heidelberg: Johann Ambro- Die Diagnose der Alkoholembryo-
einer Prävalenz von 1 : 300 Neugebore- sius Barth Verlag 2000. pathie (Tabelle 5) wird allein klinisch
nen, sind die Schwachformen einer al- Jahrbuch Sucht 2001. Deutsche Hauptstelle ge- gestellt und gründet sich auf die Siche-
koholtoxischen Enzephalopathie und gen die Suchtgefahren e.V., Hamm. Geesthacht: rung der mütterlichen Alkoholeffekte,
komplexe Hirnfunktionsstörungen, die Neuland Verlag 2000. die typischen kraniofazialen Verände-
embryofetalen Alkoholeffekte (1, 2, Abschlußbericht zum Forschungsvorhaben „Alko- rungen sowie Minor- und Majoranoma-
105). Bei circa 800 000 Geburten pro holkonsum und Krankheiten“ im Auftrag des lien. Ferner werden Veränderungen des
Jahr in Deutschland bei einer Prävalenz Bundesministeriums für Gesundheit. Burger M, ZNS und komplexe Hirnleistungs-
von ein bis zwei Prozent alkoholkran- Bröstrup A, Pietrzik K Schriftenreihe des Bundes- störungen, Verhaltensstörungen und
ker Frauen werden mindestens 8 000 ministeriums für Gesundheit, Band 134. Baden- Wesensveränderungen beobachtet (63).
Kinder von alkoholkranken Frauen ge- Baden: Nomos Verlagsgesellschaft 2000. Bei Alkoholeffekten konnte bisher eine
boren: Davon zeigen circa 2 200 Neuge- Alcohol and cardiovascular diseases. Novartis spezifische diagnostisch wegweisende
borene das Vollbild einer Alkoholem- Foundation Symposium 216. John Wiley & Sons Konstellation der Hirnfunktions- und
bryopathie (Tabelle 5) (48, 60, 62). 1998. Verhaltensstörungen nicht gefunden
Alkohol und Acetaldehyd wirken Alcohol and the cardiovascular system – Research werden. Im Verhalten sind besonders
beim Embryo und Fetus direkt zytoto- Monograph 31. Hrsg.: Zahkari S, Wassef M, Na- Hyperaktivität, Impulsivität, vermehrte
xisch, wachstumshemmend, teratogen, tional Institute on Alcohol Abuse and Alcoholism, Ablenkbarkeit, riskantes Verhalten,
NIAAA; NIH Publication No. 96-4133; 1996.
neurotoxisch und suchtfördernd. Eine persistierende Infantilität und soziale
sichere pränatale Schwellendosis und Alcohol, immunity, and cancer. Eds.: Yirmiya R, Reifungsstörungen häufig.
eine lineare Dosis-Wirkungs-Bezie- Taylor AN. Boca Raton, Ann Arbor, London, To-
hung konnte bisher weder somatisch kyo: CRC Press. ❚ Zitierweise dieses Beitrags:
Dt Ärztebl 2001; 98: A 2109–2120 [Heft 33]
noch in der neurotoxischen Auswir- Ashley MJ, Rehm J, Bondy S: Health risks and be-
kung gefunden werden. Neueste Un- nefits of alcohol consumption: balancing dispa-
Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf das Literatur-
rate relationships for individual and population
tersuchungen zeigen, dass Alkohol ge- verzeichnis, das über den Sonderdruck beim Verfasser
health. Report submitted to NIAAA to be included und über das Internet (www.aerzteblatt.de) erhältlich ist.
zielt auf zwei verschiedene Moleküle in in the 10th special report to the U.S. Congress on
den Gehirnzellen wirkt. Während Al- alcohol and health 1998. Anschriften der Verfasser:
kohol einen exzitatorischen Glutamat- Prof. Dr. med. Manfred V. Singer
rezeptor, den N-Methyl-D-Aspartat- Priv.-Doz. Dr. med. Stephan Teyssen
(NMDA-)Rezeptor blockiert, aktiviert ten vor, die zeigen, dass es Mütter gibt, Universitätsklinikum Mannheim
es den Gamma-Aminobuttersäure- die zwischen 50 und 100 g Alkohol täg- II. Medizinische Klinik
Theodor-Kutzer-Ufer 1
(GABA-)Rezeptor. Die Folge ist der lich getrunken hatten und schwer be-
68167 Mannheim
Untergang von Nervenzellen. Bis zu 30 troffene Kinder gebaren; umgekehrt E-Mail: manfred.v.singer@med.
Prozent absterbender Nervenzellen gibt es Mütter, die täglich exzessiv tran- ma.uni-heidelberg.de
werden beobachtet, während bei phy- ken (300 bis 350 g) und dennoch Kinder
siologischen Prozessen nur 1,5 Prozent mit leichten Krankheitszeichen zur
degenerieren (46). Für die Schwanger- Welt brachten (59, 60, 61). Es erkran-
schaft ist bedeutsam, dass die meisten ken nicht alle Kinder alkoholkranker
Mütter eine Aversion gegen Alkohol Mütter an einer Alkoholembryopathie
nicht entwickeln und unbedacht am sondern lediglich 30 bis 40 Prozent. Die
Beginn der Schwangerschaft weiter- Langzeitentwicklung der Kinder ist
trinken, wenn die Gefahr für das Kind ungünstiger als noch in den siebziger In der Serie Alkoholismus sind bisher erschienen:
in der Organogenese am größten ist. Jahren vermutet wurde. Die Intelli-
Bei einem täglichen Konsum von 29 g genzminderung ist nicht reversibel; na- Alkoholmissbrauch und Alkoholabhängigkeit
Alkohol in der Schwangerschaft wurde hezu die Hälfte der Kinder besuchen Prof. Dr. med. Rainer Tölle
in großen Feldstudien eine Minderung Sonderschulen für Lern- und geistig Dt Ärztebl 2001; 98: A 1957 [Heft 30]

des Intelligenzquotient beim Kind um Behinderte. Kein Kind erreicht die Das Alkoholproblem in der Medizingeschichte
durchschnittlich sieben IQ-Punkte er- Oberschulreife. Die Hyperaktivität Prof. Dr. med. Dr. phil. Heinz Schott
mittelt (106). Es liegen verlässliche Da- mindert sich spontan im Laufe der Jah- Dt Ärztebl 2001; 98: A 1958–1962 [Heft 30]

A 2120 Deutsches Ärzteblatt½ Jg. 98½ Heft 33½ 17. August 2001