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Die singende Schule I Sage Gateshead identifizierte drei Dinge,

die in dem Programm passieren sollten:


Die Schulprogramme von 1. Lehrer sollten aus Freude zusammen
The Sage Gateshead im und vor den Kindern singen.
2. Singen würde zu einem der Mittel, die
Rahmen der National Sin- die Lehrer für den Unterricht gebrauchen
ging Campaign können.
3. Die Schule würde zu einem Zentrum
Referentin: Katherine Zeserson, des Singens in der Gesellschaft.
Director of Learning and Participati-
on, The Sage Gateshead

The Sage Gateshead ist ein Musikzen-


trum im Nordosten Englands, einer in-
dustriell geprägten Region. Das weitere
Umfeld ist sehr ländlich – es gibt dort
mehr Schafe als Einwohner. Die Region
steht vor denselben sozialen Herausfor-
derungen wie das ganze Land. Die Er-
neuerung dieser Region ist Teil eines
landesweiten Erneuerungsprogramms
und –prozesses, der vom Staat und pri-
vaten Geldgebern Ende der 90er Jahre
initiiert wurde und Kultur als zentralen
Antrieb gebraucht.
Die größte und am stärksten verankerte
Institution dieses Programms ist The Sa-
ge Gateshead. Das Musikzentrum trägt
Verantwortung für die Unterstützung
dieser Neugestaltung. The Sage Gates-
head möchte alle Arten von Musik allen
Arten von Menschen zugänglich machen.
Das Gebäude beinhaltet drei Bühnen so-
wie Cafés und Bars. Das Haus ist sieben
Tage der Woche jederzeit geöffnet. The Es gab Menschen in der Gesellschaft, de-
Sage Gateshead ist vernetzt mit jeder nen das Singen am Herzen lag und die
Schule im Nordosten Englands und un- das Singen in die Schule bringen konn-
terhält Partnerschaften mit weiteren ten. Für LehrerInnen ohne Musikausbil-
staatlichen und privaten Bildungseinrich- dung wurden Partnerschaften mit Musi-
tungen. kern gegründet und es wurden Fortbil-
dungen durchgeführt. Singgruppen zur
Am Anfang der Überlegungen, mit dem Stressreduzierung für Lehrer – „Vocal
Singen im Bildungsbereich zu arbeiten, Remedies“ – wurden etabliert. The Sage
standen die Fragen: Wie könnte eine Gateshead probierte dies an 120 Schu-
singende Schule aussehen? Was würde len, forschte darüber und führte Befra-
dort passieren? Also fragten wir die gungen durch. Die Lehrer sangen zum
Schulkinder. Die Antwort lautete, dass in Beispiel zum Essen oder zehn Minuten
einer singenden Schule das Singen im lang zum Feierabend. Als das Programm
besten Sinne alltäglich sein sollte und je- Vocal Union zu Ende ging, bat The Sage
der dort singt. Den LehrerInnen war eher Gateshead die Regierung darum, ein
unwohl bei dem Gedanken, öffentlich Programm entwickeln zu dürfen, das auf
singen zu müssen und das Singen den gemachten Erfahrungen und gewon-
anzuleiten. nenen Erkenntnissen aufbaut.

Vocal Union Vocal Force


Die Idee der Vocal Union ist, dass die In jeder Community (kulturell, geogra-
Schule eine Gemeinschaft ist, die durch fisch, körperlich eingeschränkt) werden
das Singen an Eintracht gewinnt. The 50 Menschen gesucht, die zur „Vocal

Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 1 von 5
Force“ werden. Diese werden geprüft So bringt The Sage Gateshead das Wis-
und Teil einer Struktur. Die Vocal Force sen und die gesammelte Erfahrung in
funktioniert nach dem „Brühwürfel- nationale Programme ein. Um die besten
Prinzip“, es hat die Verbreitung des Sin- Lösungen zu finden, hat The Sage Ga-
gens überall in der Gesellschaft zum Ziel. teshead z.B. mit dem Londoner Bildungs-
institut (www.ioe.ac.uk) zusammengear-
Sing up! beitet und das Selbstbewusstsein von
Im Jahr 2007 begann das Projekt „Sin- LehrerInnen und SchülerInnen zu evalu-
gUp!“ der Regierung und verschiedener ieren. Es hat sich herausgestellt, dass
Partner. The Sage Gateshead stellt dafür sich Schulen mit dem SingUp!-Programm
das Personal, unterstützt Schulen und durch das Singen positiv entwickelt ha-
leistet Vernetzungsarbeit. Für Lehrer und ben. Der große Erfolg des Programms
Partner wurde außerdem die umfangrei- ist, dass sich auch in den nicht musi-
che Onlineressource www.singup.org ge- schen Fächern die Ergebnisse der Schü-
schaffen. Um sicherzustellen, dass die lerInnen verbessert haben. Auf politi-
Arbeit auf die jeweils spezifische Gruppe scher Ebene ist es nun sehr hilfreich, sol-
zugeschnitten und langfristig fortgeführt che Belege zu haben.
wird, prüft The Sage Gateshead die „Vo- Die Struktur ist inzwischen so dicht, dass
cal Leader“ nach bestimmten Kriterien. The Sage Gateshead Partnerschaften mit
The Sage unterstützt sie, indem es 130 verschiedenen Organisationen ein-
Netzwerke für sie aufbaut. gegangen ist, die wiederum mit Schulen
Inzwischen nehmen 10.000 Schulen teil, zusammenarbeiten. Ihr Antrieb für die
davon 93 Prozent Grundschulen. Ziel war Partnerschaften ist die Erkenntnis, dass
es, eine nachhaltige Veränderung in und sie soziales Kapital erzeugen. Am Ende
durch singende Grundschulen zu bewir- ist das Ziel der National Singing Cam-
ken. Nun soll das Programm auch auf paign, dass jeder Lehrer seine Hand
weiterführende Schulen und auf Kinder- hebt, wenn man in eine Schule kommt
gärten ausweiten werden sowie auf und fragt, wer dort für das Singen ver-
Gruppen von Schwangeren auf die Grup- antwortlich ist.
pe der Pflegebedürftigen.

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Die singende Schule II


Klasse! Wir singen
Referent: Gerd-Peter Münden, Dom- anschließend in der Halle zum gemein-
kantor des Braunschweiger Doms samen Singen zusammentreffen sollten.
Alle TeilnehmerInnen erhielten ein Lie-
Das Projekt „Klasse! Wir singen“ ent- derbuch, ein T-Shirt und eine CD zum
stand aus einer kleinen Idee heraus: In Lernen der Lieder. Schlussendlich melde-
der 2005 neugebauten Volkswagen Halle ten sich für das Jahr 2007 insgesamt
Braunschweig dirigierte Gerd-Peter Mün- 28.000 Kinder aus der ganzen Region für
den ein Requiem. Dabei kam ihm der das Singprojekt an. Nach diesem ersten
Gedanke, dass in einer solch großen Hal- Erfolg fragte das Kultusministerium an,
le auch einmal Kinder die Möglichkeit er- ob man dieses Projekt in ganz Nieder-
halten sollten, zu singen. Viele Kinder sachsen durchführen könne. Um die glei-
der Chorsingschule des Doms zeigten che Idee in die Fläche zu verbreiten,
sich von der Idee begeistert und wollten musste der Projektinhalt selbst über-
mitmachen, darüber hinaus schien das schaubar bleiben. Der Schlüssel dazu lag
Interesse und die Singbereitschaft je- im Einbinden der Klassenlehrer. Diese oft
doch gering zu sein. Dennoch plante „fachfremden“, also nicht musikpädago-
Gerd-Peter Münden ein Projekt, bei dem gisch ausgebildeten Lehrer werden vor
v.a. Grundschulklassen sechs Wochen allem durch die große Schlussveranstal-
vorbereitend in der Schule singen und tung motiviert.

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Um das Projekt auf ganz Niedersachsen
organisatorisch auszudehnen, wurde das
Bundesland in die Einzugsbereiche der
großen Veranstaltungshallen gegliedert,
in denen im Jahr 2011 jeweils einzelne
Singfeste stattfinden. Jede Schule wie-
derum wurde einem Singfest zugeord-
net.

Mit Hilfe einer DVD wird versucht, den


LehrerInnen eine musikpädagogische
Grundausbildung bis hin zur Stimmbil-
dung zu vermitteln. Darüber hinaus wur-
den 60 LehrerInnen aus Niedersachsen
geschult, die in jedem Landkreis Fachbil-
dungen anbieten.

Die Nachhaltigkeit des ersten Durch-


gangs im Jahr 2007 wurde durch eine
135.000 Kinder sind bereits angemeldet Evaluation der Professoren Schmidt und
und jede dritte Schule in Niedersachsen Riemer bereits nachgewiesen: LehrerIn-
wird an einem der 84 Liederfeste teil- nen können durch das Singen den Ta-
nehmen. gesablauf verändern und nutzen Singen,
um die SchülerInnen aufnahmefähig zu
Die LehrerInnen bekommen ein „Kochre- halten. Gerd-Peter Münden hofft, dass es
zept“ zur Einstudierung der Lieder. Zu „Klasse! Wir singen“ auch weiterhin ge-
jedem Lied gibt es eine Bewegungscho- lingt, dezentrale Schulungsmöglichkeiten
reografie, um nach der Drei-Sinne- nach englischem Modell anzubieten, so
Methode die Lieder den Kindern schnell dass auch Niedersachsen singende Schu-
und effektiv beizubringen. len bekommt.

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Die singende Schule III - Konzept für Chorklassen an Grundschu-


len entwickelt. Bis zu diesem Zeitpunkt
Chorklassen in Nieder- hatte es Schwerpunktklassen an Grund-
sachsen schulen noch nicht gegeben. Die Chor-
klasse bot den Grundschulen nun eine
Referentin: Silke Zieske, Lehrerin an ganz neue Möglichkeit der Profilbildung.
der Grundschule Wasbüttel
Entschließt sich ein Schule für die Bil-
Die Idee für Chorklassen, Musikunter- dung einer Chorklasse, erfolgt die An-
richt an allgemeinbildenden Schulen mit meldung und Kontaktaufnahme zu den
gesangspädagogischem Schwerpunkt Kooperationspartnern. Die Ursprungs-
anzubieten, kam ursprünglich aus den konzeption sah vor, dass der Fachlehrer
Kinder- und Jugendspitzenchören in auch der Klassenlehrer ist und die Chor-
Hannover. Zunächst dachte man an ein klasse als fester Klassenverband bei dem
Schwerpunktangebot für Gymnasien, gleichen Lehrer bleibt. Der Vorteil ist da-
doch stieß man dort auf wenig Interesse, bei, dass der Lehrer das Singen flexibel
auch weil dort bereits ein entsprechen- in den Stundenplan integrieren kann.
des Angebot existierte. So wurde ein Im Pilotprojekt starteten Chorklassen in

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Eine dritte Möglichkeit sind zwei Stunden
Chorklassenunterricht und eine Stunde
Chor durch die Musiklehrerin und eine
Honorarkraft, die integriert Stimmbil-
dung unterrichtet.

Erste Ergebnisse zeigen, dass die


SchülerInnen nicht nur im sängerischen,
sozialen und personalen Bereich ihre
Kompetenzen steigern konnten, sondern
auch in Teilbereichen der gesamten
Schulleistung. Außerdem konnte eine
positive Auswirkung auf die Schulmotiva-
Im Pilotprojekt starteten Chorklassen tion festgestellt werden. Die SchülerIn-
in vier Schulen in Hannover und Wasbüt- nen sind hilfsbereiter, sozialer, geordne-
tel. Silke Zieske ist in ihrer Chorklasse ter und präsenter. Sie artikulieren sich
nach dem Ursprungsmodell vorgegan- deutlicher und klarer. Im Bereich der
gen, an anderen Schulen wurde eine an- Schulleistungen verbesserten sie sich im
dere Struktur gewählt. An einer soge- Auswendiglernen, Lesen und im kreati-
nannten Brennpunktschule beispielswei- ven Schreiben. Von SchülerInnenn und
se war der Fachlehrer nicht der Klassen- Eltern gab es positive Rückmeldungen.
lehrer und die Musikstunden fanden
klassenübergreifend statt, da sonst die Auch das Schulleben wird durch die
Gefahr bestand, dass nur bestimmte El- Chorklassen kulturell bereichert. Auf Fei-
tern ihre Kinder in die Chorklasse schick- ern wird mehr gesungen und Liederpa-
ten und Kinder aus schwierigen Verhält- tenschaften zwischen verschiedenen
nissen nicht teilnahmen. Dadurch war es Klassenstufen, die sich einander Lieder
möglich, dass die Kinder im Laufe der beibringen, beleben die Gemeinschaft.
Zeit den Musikunterricht wechseln konn- Lehrkräfte sind motivierter und froh über
ten. Auf der anderen Seite fand das Sin- einen „roten Faden“ den sie mit dem
gen ausschließlich in den dafür festge- Singen durch ihren Unterricht ziehen
legten Stunden statt und durch die klas- können.
senübergreifende Struktur entstand
langsamer ein Gruppengefühl. Als Fazit sei herausgestellt, dass das
Konzept der Chorklassen sehr variabel
Eine weitere Möglichkeit ist die einer an die jeweiligen Rahmenbedingungen
klassenübergreifenden Chorklasse wäh- der Schule angepasst werden kann und
rend der Betreuungs- bzw. AG-Zeit. dass nur geringe bis keine Kosten anfal-
Eine Chorklasse als fester Klassenver- len. Die Arbeit ist durch ein ausgearbei-
band ist darüber hinaus auch dann mög- tetes Curriculum für vier Schuljahre in-
lich, wenn der Musiklehrer nicht der haltlich qualitativ durchdacht und ein
Klassenlehrer ist und mit freien Stimm- Medienpaket mit unterrichtspraktischen
bildnern und Musikschullehrern koope- Materialien unterstützt die Umsetzung.
riert wird. Schließlich handelt es sich um ein Kon-
zept mit hoher Nachhaltigkeit, da die in-
Die Organisation des Unterrichts bie- tensive Arbeit über vier Schuljahre auf
tet ebenfalls unterschiedliche Konzeptio- die ganze Schule ausstrahlt und in Zu-
nen. Entweder finden zwei bis drei Stun- kunft auch an Gymnasien etabliert wer-
den Chorklassenunterricht und eine wei- den soll.
ter Stunde Chor durch den Klassen- bzw.
Musiklehrer statt oder eine Stunde Mu-
sikunterricht durch die Klassenlehrerin,
zwei Stundenchor durch die Musiklehre-
rin und eine Stunde Stimmbildung durch
eine Honorarkraft.

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Frage aus dem Plenum: Welcher Lie- gebot informiert werden, dass sie es sich
derkanon wird für die vorgestellten Pro- für ihre Kinder wünschen. Natürlich
jekte gewählt? Und nach welchen Kriteri- möchte man eine große soziale Band-
en erfolgt die Auswahl? breite in der Klasse erreichen.

Antwort Silke Zieske: Der Liederkanon Antwort Katherine Zeserson: Wir haben
besteht aus ca. 100 Liedern und ist in- ein Programm entwickelt, das junge
haltlich sehr breit aufgestellt. Es ist von SingleiterInnen im Alter von 7 bis 16
allem etwas dabei. Jahren ausbildet und man konnte fest-
stellen, dass diejenigen, die Interesse
Antwort Katherine Zeserson: In Eng- daran haben, nicht unbedingt Kinder aus
land wählt man das Liedrepertoire aus wohlhabenden Familien sind. Diese Kin-
verschiedenen Gründen sehr bedacht der bringen ihre Freude am Singen als
aus. Zum Einen sollen die Kinder mög- Multiplikatoren auch mit in ihre Familien.
lichst viele verschiedene Musikstile ken-
nenlernen, zum Anderen möchte man in
dem sehr divergenten sozialen Umfeld Frage: Gibt es eine ausgeglichene Ge-
die Lieder individuell zusammenstellen. schlechterverteilung in den Chorklassen?
Auch LehrerInnen selbst müssen die Lie-
der auswählen, die ihnen Spaß bereiten Antwort Silke Zieske: Das hängt davon
und die sie mit Freude unterrichten kön- ab, wie die Eltern im Vorfeld informiert
nen. werden. Wenn hier Vorteile wie z.B. Be-
wegungsfreude dargestellt werden, wird
das Verhältnis relativ ausgeglichen. Wird
Frage: Findet man in den Chorklassen dagegen eher die feminine Seite des
wirklich einen sozialen Querschnitt vor Singens herausgestellt, nehmen mei-
oder ergibt sich durch Wahlfreiheit der stens hauptsächlich Mädchen teil. Außer-
Eltern für ihre Kinder eher eine homoge- dem muss den Eltern auch vermittelt
ne soziale Struktur? werden, dass für den Chorklassenunter-
richt regulärer Klassenunterricht weg-
Antwort Silke Zieske: Das Wichtigste fällt.
ist, dass alle Eltern so gut über das An-

Das Protokoll führte Paul Krüerke.

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