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SINGEN MIT GENERATIO-

NEN I – Canto elementar

Referentin: Anke Bolz, Seminar- und


Projektleiterin „Il canto del mondo
e. V.”

Canto elementar verbindet singfreudige


Senioren mit Kindergärten, die das Sin-
gen als Element der Alltagskultur ihrer Auf eine 20-köpfige Kindergartengruppe
Kinder wiederbeleben wollen. Canto ele- kommen ca. zehn Senioren, die idealer-
mentar betrachtet die Entfaltung des weise in der näheren Umgebung der Kin-
Singens als gleichbedeutend mit der des dergärten wohnen.
Sprechens. Singen wird gleichwertig zum
Erlernen der Sprache verstanden. Das Die ErzieherInnen erlernen und erleben
Sprechen gilt dem Projekt als der Motor durch die wöchentliche Canto-Stunde
für die Entwicklung des Logos, das Sin- das Liedersingen für sich selbst, um es
gen dagegen für die Entwicklung der dann verstärkt in den Kita-Alltag einflie-
Emotionen. Ausgangspunkt ist die Beob- ßen zu lassen. Schließlich werden die El-
achtung, dass in den meisten Familien tern zu Singstunden und besungenen Ki-
nicht („nicht mehr“) musiziert oder ge- ta-Festen eingeladen.
sungen wird. in den Kindergärten wen-
den nur („nur noch“) zehn Prozent der Das Programm Canto elementar, das von
ErzieherInnen spielerisches Singen an. „Il Canto del mondo e. V.“ angeregt und
Dabei ist „Singen Kraftfutter für Kinder- begleitet wird, dauert für jede Kinderta-
hirne“ (Prof. Dr. Dr. G. Hüther) und gesstätte zwei Jahre. Der Verein hilft bei
schüttet ein Hormon aus, das den Men- der Singpatensuche, bei inhaltlichen Fra-
schen bindungsfähig macht. Singen kann gen und hält Einführungen ins Projekt für
wie kein anderes medizinisches Mittel Singpaten, ErzieherInnen und LeiterIn-
gleichzeitig Angst lösen und Freude nen. Weiterhin kümmern sich Mitglieder
wecken (Prof. Dr. Dr. M. Spitzer). des Vereins um die Anschaffung des ge-
meinsamen Liederbuches inklusive CD
Die Kinder, die teilweise weiter weg von und besuchen regelmäßig die Kindergär-
ihren eigenen Großeltern leben oder bei ten.
denen das Musizieren kein Bestandteil
der familiären Kommunikation ist, sollen Eine Kita, bei der alle Kinder einbezogen
ein Singen in großfamilienähnlicher At- werden und täglich mindestens 45 Minu-
mosphäre erleben. Dabei verbringen äl- ten singen, erhält Urkunden und die Pla-
tere Singpaten gruppenweise 45 Minuten kette „Canto-Kita“. Nach der Projektpha-
pro Woche ehrenamtlich in einer Kinder- se läuft es oft weiter, die Gruppe der be-
tagesstätte und wirken darauf hin, die geisterten Singpaten erneuert sich
Kinder für das regelmäßige Singen „aus selbstständig und die ErzieherInnen sind
Herz und Seele“ zu begeistern. Das kön- dankbar für eine generationenverbinden-
nen sie am Besten mit Liedgut, das sie de Singkultur.
selbst voller Begeisterung im Herzen ha-
ben. Demzufolge erstreckt sich die Lied- Canto elementar startet, wenn sich ein
auswahl über Volkslieder, alte Kinderlie- Kindergarten oder Eltern, Singpaten oder
der aber auch über das Hören und Erle- andere Förderer dazu melden und um
ben von Geräuschen und Lauten sowie zweijährige Unterstützung durch den
Fantasiesprache in Form von nonverbaler Träger „Il canto del mondo e. V.“ bitten.
Kommunikation. Zum Singen sollte min- Die Kosten für die Kita belaufen sich auf
destens ein Pate ein Begleitinstrument 5 000 Euro über die zweijährige Projekt-
spielen, zum Geräuschwahrnehmen wer- zeit für das Material und das beteiligte
den Klangstäbe und Windspiele an die Personal. In manchen Einrichtungen be-
Kinder verteilt. teiligt sich ein Förderer wie eine Versi-

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cherungsgesellschaft, ein Musikverlag Singpaten werden aus Chören und Kir-
oder die Kommune an der Finanzierung. chengemeinden geworben oder bei Eh-
renamts- und Freiwilligenstellen ange-
fragt. Die Zahl der Senioren, die sanges-
erfahren sind, wird nach den Beobach-
tungen von Canto elementar kleiner.
Problematisch erweist sich die Koordinie-
rung der Singpaten als Gruppe, sowohl
terminlich als auch sängerisch bzw. päd-
agogisch.

Eine positive Erfahrung ist für Canto


elementar die Begeisterung der teilneh-
menden Senioren, der Kinder und Eltern.
Kontakte zwischen den Generationen
entstehen. Das beständige Singen er-
leichtert den Kita-Alltag durch eine ver-
besserte Umgangsweise unter den Kin-
dern und die Senkung des allgemeinen
Das zusammengestellte Liederbuch ent- Lärmpegels. Die Senioren machen die
hält 39 Lieder – Volkslieder, einfache Erfahrung sinnvoller Betätigung nach Ab-
Lieder, Lieder für den alltäglichen Ge- schluss des Erwerbslebens und halten oft
brauch. Sie sind jeweils in drei verschie- Kontakt zu den Kitas oder engagieren
denen Tonhöhen angegeben. Dabei wur- sich innerhalb ihrer Singpatengruppe.
de darauf geachtet, dass die Tonlage
nicht über das h’ hinausreicht, denn bei Die zukünftige Arbeit von Canto elemen-
ungeübten Kinderstimmen muss der tar soll bundesweit dazu beitragen, dass
Stimmmuskel erst trainiert werden. Um die Kitas eigenständiger werden. Hinzu
der zunehmenden Internationalität in kommt eine gesteigerte Wertschätzung
den Kitas zu entsprechen wurde bei- der sozialen Bedeutung des Singens ne-
spielsweise „Bruder Jakob“ in mehreren ben der Förderung der Kunstmusik.
Sprachen aufgenommen.

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SINGEN MIT GENERATIO- schieht in den Bereichen Kammermusik,


Orchester- und Opernliteratur. Inhalte
NEN II – Die Musikaka- sind geistliche wie weltliche Musik, klas-
demie für Senioren e. V. sische ebenso wie Unterhaltungs- und
neue Musik. Ergänzt werden diese von
in Hamburg (MAS) Angeboten zur Musiktheorie und einfa-
chen Kompositionsworkshops – soge-
nannten Kreativseminaren – sowie von
Referentin: Mareike Morr, Staatsoper Konzertbesuchen und Kulturreisen.
Hannover, Seminarleiterin für Kunst-
liedgestaltung bei der MAS Die MAS möchte mit ihrem Angebot der
älteren Generation eine Möglichkeit bie-
ten, auch im Alter noch oder wieder aktiv
Die Musikakademie für Senioren bietet zu musizieren. Durch Musik und Gemein-
musikalische Fortbildung für die Genera- schaft können erlebte Einsamkeit und
tion 50+ an. Zu dieser zählt sich inzwi- Sorgen überwunden werden. Die Musik-
schen auch der Gründer und Leiter der seminare vermitteln ein jugendliches Ge-
Akademie Ernst-Ulrich von Kameke. Seit
fühl, können zu familiärer Hausmusik an-
1992 bietet die MAS Kurse für Instru- regen und ermöglichen ein Begegnen der
mentalisten und Sänger an. Dies ge- Generationen: Jung unterrichtet hier Alt,

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weil oft die Seminarleiter unter der 50+- In den Kursen zur Kunstliedgestaltung,
Marke liegen, aber Alt begegnet auch die in diesem Jahr am Nordkolleg Rends-
Jung – die Teilnehmer können als Sing- burg stattfanden, erteilte Mareike Morr
pate einen Kindergarten besuchen, worin Einzelunterricht in Gesang und Klavier.
ein inhaltlicher Schnittpunkt mit Canto An passender Stelle baute sie Übungen
elementar liegt. für die ganze Gruppe ein, sofern diese
am Unterrichtsgeschehen teilnahm. Das,
was zu Beginn etwas Überwindung und
Mut kostete, konnte später mit etwas
mehr Übung schon beim kleinen „Ab-
schlusskonzert“ im Kreis der Teilnehme-
rInnen dargeboten werden. Im Vorfeld
konnten sich anhand der versandten
Teilnehmerliste Duopartner für Gesang
und Klavier finden, die vor allem darauf
achten mussten, sich bei der Einstudie-
rung auf dieselbe Tonart zu einigen – wie
Mareike Morr nach dem ersten Kurs fest-
stellte.

Die Themen der angebotenen Kunstlied-


Kurse wechseln jährlich. Sie tragen Titel
wie:

• Nacht und Träume


• Volkslieder aus verschiedenen
Ländern
• Die Blume im Kunstlied
• Aktuell: „Weltlich – geistlich, geist-
lich – weltlich“ mit Cristian Peix
Anne Benjes (li) und Mareike Morr vom 29.8. bis 2.9.2011

Die jährlich etwa 30 Kurse dauern je- Die physiologischen Aspekte der Stimme
weils drei bis vier Tage und finden an bzw. des Stimmmuskels zum Singen
landschaftlich schön gelegenen Orten in oder der Fingergelenke beim Klavierspiel
Norddeutschland statt. Die angebotenen im Alter sind dabei nicht zu unterschät-
Kulturreisen führen nach Dresden oder zen. Eine Stimme kann noch bis zum 50.
Potsdam, aber auch nach Kopenhagen Lebensjahr muskulär aufgebaut werden,
und Mallorca. danach kann man lediglich an ihrer Er-
haltung arbeiten. Wesentlich für das Al-
Die Seminare kosten für die Teilnehme- ter der Stimme sind die zunehmende
rInnen zwischen 30 und 100 Euro; Un- Verknöcherung des Kehlkopfs und die
terkunft und Verpflegung kommen gege- Austrocknung der Kehlkopfschleimhaut.
benenfalls hinzu. Mitglieder der Akade- Das bewirkte eine deutliche Beeinträch-
mie erhalten Ermäßigungen. Die Nach- tigung der Flexibilität und Elastizität von
frage nach den Angeboten der Akademie Kehlkopf und Stimmlippen. Die für das
wächst durch Mund-zu-Mund- Singen notwendige Koordination und
Propaganda der bisherigen Kursteilneh- Präzision von Atmung, Stimmfunktion
merInnen und durch die Auslage des und Stimmklang ist nicht mehr gegeben.
Jahresprogramms. So werden nun schon Der Musikpsychologe Herbert Bruhn von
900 InteressentInnen gezählt. Der über- der Universität Flensburg konstatiert in
wiegende Teil sind Frauen; unter ca. 12 seinem Aufsatz „Musikhören und Musik-
Teilnehmern pro Kurs sind etwa 2-3 machen im Alter“, dass der erreichbare
Männer. Tonumfang sich bei Männerstimmen frü-
her und stärker als bei Frauenstimmen
verschlechtere, was auch ein Grund für
die geringe Teilnahme von Männern an

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den Gesangskursen und an Chören gene- In der Gesprächsrunde im Plenum
rell sein könnte. wurden Ideen gesammelt, wie man als
ChorleiterIn mit Damen umgehen sollte,
In der Arbeitsgruppe war dies ein Punkt, deren Stimme aus Altergründen nicht
der zur Diskussion im Plenum führte. Ein mehr für den Sopran geeignet ist. Viele
Teilnehmer gab zu bedenken, die Tonla- Chorsängerinnen vermieden ein Einge-
ge einer Männerstimme liege der Sprech- ständnis ihrer verlorenen Höhe. Hier gab
tonlage nahe, wohingegen eine Frauen- es Vorschläge und Erfahrungen, bei-
singstimme in Höhe und Tonumfang spielsweise, einen Familienchor zu grün-
stärker zu trainieren sei und ein alterbe- den, bei dem alle herzlich willkommen
dingtes Erschlaffen des Stimmmuskels sind, von Kleinkindern bis Senioren. Oft
bei Frauen hörbarere Folgen habe. Ande- sitzen dort die Altersgruppen durchein-
re physiologische Erkenntnisse legten ander, wodurch das Konkurrenzgefühl
den Schluss nahe, dass die Männerstim- zwischen den jungen gegenüber den äl-
me beim Singen nicht so stark gefordert teren Generationen abgefedert wird. Eine
ist wie die Frauenstimme und sich somit andere Möglichkeit ist, den „eigentlichen“
im Alter gleiche Anforderungen an die Chor mit einer Altersgrenze zu versehen
Stimmen beider Geschlechter stellen. und parallel eine Seniorenkantorei zu
Jedoch unabhängig vom Alter entspricht gründen. Dort fühlen sich die Älteren oft
die Kondition der Stimmmuskulatur oft mit ihrer Stimme wohler, weil sie unter
der des Körpers insgesamt. Gleichgesinnten sind. Der Chorleiter
Bei den Pianisten stellte der Bewegungs- kann dort die Tonhöhen entsprechend
apparat der Hand teilweise eine Heraus- anpassen. Alternativ kann man den älte-
forderung dar. Rheumaerkrankungen in ren Damen empfehlen, in den Alt zu
den Fingergelenken konnten in den Kur- wechseln, wo sie eine stützende Funktion
sen durch geschickte Fingersätze und haben und verhindern, dass der Alt zu
Vereinfachungen in der Spielweise über- stark in die Tiefe sinkt.
listet werden.
Zum Schluss steht fest: Aktives Musizie-
Als beachtlich beschrieb Mareike Morr die ren ist die beste Methode, um jung und
Ergebnisse, die die Senioren trotz der vergnügt zu bleiben und übertrifft sogar
physiologischen Gegebenheiten aus ihrer die Effekte so mancher Anti-Aging-
Stimme oder dem Klavier mit ein paar Programme.
Tagen Übung herausgeholt haben. Im
Duo-Musizieren sei besonders die Ge-
meinschaft durch Musik zum Ausdruck
gekommen: Im gemeinsamen Atmen, im
aufeinander Hören und miteinander Mu-
sizieren sei eine neue Lebendigkeit in die
Augen und Herzen der Ausführenden ge-
treten. Die Überwindung einer oft be-
nannten Altersstarrsinnigkeit kann in ei-
nem solchen Seminar zu einer Kommu-
nikation auf Augenhöhe gelangen.

Trotz des schlechteren Gehörs entwic-


keln die Teilnehmer ein starkes musikali-
sches Einfühlungsvermögen in ihren In-
terpretationen. Die Emotionalität des
Singens lässt freudige Momente, aber
auch sehr bewegende Erinnerungen auf-
kommen. Andererseits erhöht sich das
Frustpotenzial, wenn die TeilnehmerIn-
nen einen zu hohen Anspruch an sich
selbst mitbringen. Hier halfen gute Worte
der Kursleiterin, aber auch gegenseitige
Ermutigung der TeilnehmerInnen unter-
einander. Das Protokoll führte Pia Hartig.

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