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UDC 821.163.41-14.09 Popa V.


821.162.4-14.09 Ondruš J.
Dr Reinhard Lauer1
Georg-August-Universität Göttingen
Seminar für Slavische Philologie
Deutschland

JÁN ONDRUŠ UND VASKO POPA

Zusammenfassung: Der slowakiche Dichter Ján Ondruš veröffentlichte 1966


eine Gedichtauswahl von Vasko Popa in slowakischer Übersetzungen. Die Studie
analysiert die Auswahl und das ünbersetzerische Vorgehen Ondrušs, mit besonderem
Augenmerk auf das Übersetzen unter verewandten Sprachen. Am Schluß weist der
Verf. auf gewisse intertextuelle Parallelen zwischen Poesie Popas und Ondrušs hin.
Schlüsselwörter: Vasko Popa, Ján Ondruš, Poesie, Übersetzung aus verwandten
Sprachen, serbischen und slovakischen Literatur

Als 1966 eine Auswahl der Gedichte des serbischen Dichters Vasko Popa
in der Serie "Kruh milovníkov poézie" in Bratislava erschien, stellte sich da-
mit eine interslavische Verbindung her, deren künstlerische Produktivität so
nicht zu erwarten gewesen war. Ján Ondruš, der die Gedichte ins Slovakische
übertragen hatte, begann gerade in der Mitte der 1960er Jahre, sich als Dichter
einen Namen zu machen. Zwar hatte er bereits als Schüler einige Gedichte ver-
öffentlicht, und 1956 hatte die Zeitschrift Mladá tvorba zehn Gedichte von ihm
gebracht. Doch konnte er, ideologisch und künstlerisch der offiziösen Trends
widerstrebend, 1958 den ersten geplanten Band seiner Gedichte, Vajíčko, nicht
veröffentlichen – der Verlag "Mladé leta" sandte das Manuskript ohne Erklärung
an den Autor zurück. Nach einer schweren gesundheitlichen Krise setzte Ondruš
mit dem Band Šialený mesiac (1965) und den im Jahr darauf erscheinenden
Popa-Übersetzungen unter dem Titel Večne neviditeľná sein eigentliches, ver-
spätetes Debut. Die folgenden Gedichtbände Posunok s kvetom (1968), V stave
žlče (1968), Kľak (1970) und Mužské korenie (1972) zeigen Ján Ondruš auf der
Höhe seiner lyrischen Schöpferkraft, ehe physische Hinfälligkeit und schwe-

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re Lebensumstände kontinuierliches Schaffen unterbanden. Ján Ondruš hat


nach dem 1982 verfaßten Band Pamäť vor seinem Tod im November 2000 die
Sammlungen Prehľtanie vlasu (1996) und Ovca vo vlčej koži (1997) herausge-
geben. Die letzten Jahre waren vor allem dem Ordnen und der Überarbeitung
seiner frühen Gedichte gewidmet, die in dem Band Prehľtanie vlasu unter
Hervorhebung ihrer Zyklusstruktur dargeboten wurden.
Vasko Popa, zehn Jahre älter als der 1932 geborene Ján Ondruš, war, als
seine slovakischen Übersetzungen herauskamen, bereits ein in und außerhalb
Jugoslaviens vielbeachteter Lyriker. Namentlich bei den Tschechen waren sei-
ne Gedichte schon seit 1957 übersetzt worden, 1964 war eine Sammlung aus
den Bänden Kora und Nepočin-polje erschienen. Branislav Choma, der Kenner
der kroatischen und serbischen Literatur, charakterisierte Popa im Nachwort
zu Ondrušs Übersetzungsband als einen der einflußreichsten und aktuellsten
Dichter, als "meteor srbskej poézie", in dessen Poesie sehr alte und sehr mo-
deme (surrealistische) Traditionen zu neuem künstlerischen Ausdruck ver-
schmelzen (VN, S. 101). Miroslav Krležas strenges, ungerechtes Urteil, Vasko
Popa sei als Dichter "chic, aber nicht modem", wies Choma ebenso zurück wie
Oskar Davičos Verdikt, Popas Gedichte seien "literarisches Geschwätz" (ebda.).
Für die alten sozialengagierten Literaten war Papas hermetische Poesie nicht
akzeptabel. Popa aber ging seit den Kriegsjahren unbeirrt seinen Weg als ein
Dichter, der die Dinge der umgebenden Welt als emblematische Zeichen be-
griff, die er in spielerische Operationen hineinstellte. Diese lyrische Attitude,
aus der Kombination von emblematisierten Gegenständen und dem Spielen
mit Redegesten und - intonationen zu einer neuartigen poetischen Ontologie
vorzudringen, ist bei Popa bereits im ersten Gedichtband Kora (1953) voll aus-
geprägt und setzt sich in Nepočin-polje (1956) fort. In Kora stehen die Dinge
im Vordergrund - als "Landschaften" (Predeli), "Liste/Verzeichnis" (Spisak);
in Nepočin-polje die Spielaktionen - in den streng geformten Zyklen Igre,
Kost kosti oder Vrati mi moje krpice. Nur in den Zyklen Ćele-Kula und Oči
Sutjeske werden historische Reminiszenzen geweckt, während der wundervol-
le Liebeszyklus Daleko u nama, der zu Popas frühesten lyrischen Äußerungen
zählt, die Gefährdungen der Liebe in Krieg und Frieden in surrealistischer
Metaphorik einfängt. Mit dem Band Sporedno nebo (1968), bestehend aus sie-
ben Zyklen zu je sieben Gedichten, erreichte Popa den Höhepunkt seiner em-
blematisch-hermetischen Ausdrucksstrebungen. Eine poetische Kosmologie
entstand, die sich aus uralten Quellen der Ikonologie und der Zahlensymbolik
speiste. Der von Duško Ristić kostbar gestaltete Band brachte im Anschluß an
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die Texte vier Emblemata, die jeweils zwei Bildelemente zusammenfügen (SN,
S. 83), was der binären Struktur der Gedichtüberschriften entspricht.
Da Popas knappe, lapidare Sprache und seine kurzen reimlosen, interpunk-
tionslosen Verse den Silbenmaßen der Volkspoesie nicht fernstehen, von der fol-
kloristischen Phraseologie ganz zu schweigen, traten in seiner Poesie disparate
Welten zusammen, die von dem forcierten Realismus, den politischen Parolen
and dem gesellschaftlichen Auftrag der sozialistischen Nachkriegsliteratur äo-
nenweit entfernt waren. 1980 stellte der serbische Dichter seine bis dahin er-
schienenen Gedichtbände zu einem siebenteiligen Ensemble von einzigartiger
Tektonik zusammen. Die jedem Band zugeordneten Emblemata verbanden sich
zu einem magischen Kreis. Bei wenigen Dichtern der Nachkriegsmoderne fiel
die barocke Emblemkunst - die Zeichenhaftigkeit des Kosmos - so unvermit-
telt ins Auge wie bei Vasko Papa. Die Parallele zur Neuerschließung und neuen
Sinngebung der alten Sinnbildkunst namentlich in der westdeutschen germa-
nistischen Forschung ist offensichtlich. Wie weit Popa von diesen Forschungen
beeinflußt wurde, gehört zu den Geheimnissen seines Schaffens.
Die lyrische Welt Ján Ondruš nimmt sich anders aus als die Vasko Popas.
Zumindest gilt dies für das frühe lyrische Schaffen, während es scheint, als
habe in den Gedichten der 1970er Jahre eine gewisse Annäherung an den her-
metischen Stil Popas stattgefunden. Vor allem: Ondrušs Lyrik ist in stärkerem
Maße erlebnishaft, "autobiographisch", während Popa die Erfahrungswelten in
neue Zeichenhaftigkeit überführt, deren empirischer Kern erst durch Analysen
und Interpretationen erschlossen werden kann. Ondruš ist in seinen frühen
Gedichten "realistisch", erzählerisch, während Popas lyrische Welten in stark
abstrahierte, konstruierte Situationen und Rituale gefaßt sind. Oder, vie Michal
Harpáň herausgestellt hat: "To, čo Vasko Popa ozrejmuje imaginativnou strán-
kou básne z reality priestoru a času, je u Jána Ondruša bezprostrednou té-
mou básne." So neigt Ondruš in der frühen Phase auch zu wesentlich länge-
ren - "epischen" - Versen, als wir sie bei Popa finden. Wenn Ondruš Krankheit
und menschliches Scheitern als existentielle Situation geschichts-, ideologie-
und überhaupt diskursfern niederlegt, zielen Popas Verse auf die poetische
Errichtung eines Mikro- und Makrokosmos ab, der in den Gedichtzyklen von
1980 seine gerundete Gestalt fand.
Die Übersetzungen entstanden, wie Miloš Ondruš mitteilt, in Trnava als
Auftragsarbeit des Verlages "Slovenský spisovateľ". Ein entfernter Verwandter
aus Jugoslavien, der zufällig in Trnava weilte, beriet den Dichter bei der
Übersetzung. Ján Ondruš hat sich später ein wenig abfällig und distanziert
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zu Popas Poesie und den Übersetzungen geäußert: Er habe eigentlich keine


besondere Vorliebe für die Verse Vasko Popas gehabt. Nichtsdestoweniger
sind die Übersetzungen sehr sorgfältig und mit erkennbarem künstlerischen
Gestaltungswillen gearbeitet. Auch in Ondrušs eigenem Schaffen hat die Poesie
Vasko Popas ganz offensichtlich einige Spuren hinterlassen.
Ondruš hatte für seine Übersetzungen nur die beiden Gedichtbände
Kora und Nepočin-polje zur Verfügung. Das bedeutet daß er die hermetische
Emblematik, wie sie sich in der reifen Lyrik Vasko Popas vollendet, noch nicht
kannte, waren auch die Richtungsweiser auf diesem Wege nicht zu übersehen.
Ebensowenig nahm Ondruš die nationalmythische Komponente auf, die Popas
lyrisches Werk durchzieht und auch in den genannten Gedichtbänden nicht
fehlt. Was von Popa später in dem ein wenig peinlichem Band Uspravna zem-
lja zusammengestellt wurde, wäre mit Ondrušs Welt und Poetik schwerlich zu
verbinden gewesen.
Was hat Ján Ondruš aus Kora and Nepočin-polje übersetzt? (Denn es han-
delt sich nicht einfach um vollständige Übertragungen der beiden Gedichtbände.)
Es kann nach dem bisher Gesagtem kaum verwundern, daß es sich um die frühe
Liebesdichtung (Daleko u nama), die phänomenologische Dingdichtung (Spisak)
und die symbolischen Handlungen (Vrati mi moje krpice, Igre) sowie um den
mythischen Kieselstein (Belutak) handelt. Besonders die großenteils noch aus
den Jahren des Zweiten Weltkriegs stammenden Gedichte des Zyklus Daleko
u nama der eine Liebe unter den Bedingungen und Gefahren von Krieg und
Okkupation evoziert, mochte aus Erfahrungen rühren, die auch Ján Ondruš ge-
macht hatte. Es konnte nicht Ondrušs Ziel sein, die intratextuellen Referenzen,
die Popas lyrisches Werk durchziehen, zu wiederholen. Das 2. Gedicht des
Zyklus Daleko u nama, in dem Popa bereits das "nepočin-polje" beschwor, ließ
Ondruš unübersetzt. Belutak, bei Popa das letzte Gedicht des Zyklus Spisak
(K, S. 87) und zugleich das 1. Gedicht im Zyklus Belutak (NP, S. 99), erscheint
bei Ondruš nur als Eingangsgedicht des abschließenden Zyklus Kremeň unter
dem Titel Bez hlavy bez údov (VN, S. 92). Indem Ondruš aber die beiden ge-
nannten Zyklen in unmittelbarer Aufeinanderfolge darbietet, schafft er einen
neuen kompositorischen Zusammenhang.
Die slovakische Ausgabe der Gedichte Vasko Popas stellt sich als ein
Zeugnis erstklassiger Buchkunst dar. Die in den Farben Schwarz-Weiß-Rot ge-
haltenen Illustrationen von Marián Čundelík arbeiten mit konkreten Allusionen
in einem abstrakten Raum. Als pikturale Analogie zu den verbalen Strukturen
der Poesie Popas sind sie unübertrefflich. Mit dem Titel der Auswahl, Večne
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neviditeľná – wobei auf dem Titelblatt das ne mächtig hervor- und abgehoben
ist – nimmt Ondruš ein wiederkehrendes Motiv aus Daleko u nama (VN, S. 2,
18, 22) auf: das Nicht-Sehen in Sohne und Licht.
Ondruš hat sieben Zyklen aus Kora und Nepočin-polje vollständig bzw.
Mit einigen Auslassungen übersetzt, und zwar Daleko u nama (K; 21 von 30
Gedichten), Zapisi iz speva Daleko u nama (K; 12 Texte lyrischer Prosa); Vrati
mi moje krpice (NP; 14 Texte, komplett); Opsednuta vedrina (K; 8 Texte, bei
Popa sind es in der endgültigen Fassung 6); Igre (NP; 13 Texte, komplett);
Spisak (K; 15 Texte; das Gedicht Husle wird später von Popa ausgelassen;
der letzte Text, Belutak, fehlt, wie erwähnt, an dieser Stelle), Belutak (NP; 7
Texte; hier erscheint zu Anfang das im vorangegangenen Zyklus ausgelassene
Schlußgedicht). Die Komposition der Auswahl folgt einem Sinngesetz, das man
aus Kora und Nepočin-polje getrost herauslesen konnte: von der surrealen Liebe
über Spiele und Rituale zu den Dingen in ihrer Wesenheit und endlich zu dem
Belutak, dem magischen Kieselstein als Zeichen festen Seins, der bei Ondruš als
Kremeň erscheint. Belutak, der weiße Quarzstein, und Kremeň, der Feuerstein,
sind semantisch nicht identisch, doch besitzen beide Mineralbezeichnungen
eine magische Konnotation.
Eine gewisse semantische Disparität zwischen Ausgangs - und Zieltext
ist, wie jeder weiß, der sich mit dem Problem des literarischen Übersetzens
beschäftigt, selbst bei einem verwandten Sprachenpaar wie Serbisch und
Slovakisch unvermeidlich. Auf der anderen Seite kann der Rückgriff auf bei-
den Sprachen gemeinsame Etymologien für den Übersetzer hilfreich sein. So ist
es ein Charakteristikum dieser Übersetzungen, daß in ihnen eine Fülle gleicher
oder einander sehr ähnlicher Lexeme auftaucht, die freilich nach Phonetik und
Intonation unterschiedlichen Systemen angehören und auch in ihrer Semantik
keineswegs völlig übereinstimmen. Genannt seien hier nur einige, beliebig he-
rausgegriffene serbisch-slovakische Entsprechungen:
čedla - čeľach, gnev - hnev, jabuke – jablko, lice – lice, lišće - lístie, mut-
ni - mútny, na jug - na juh, nebo - nebo, nemaju- nemajú, oči - oči, pog-
led - pohľad, san - sen, smeh - smiech, surovo - surovo, tela - tela, ulične
- uličné, u moru - v mori, u naručju - v náruči, vrba - vŕba, zeleni - ze-
lené usf.

Diese Disposition erlaubt Übersetzungslösungen, die in einer germani-


schen oder romanischen Sprache undenkbar wären. Vergleicht man etwa das
4. Gedicht aus Popas Daleko u nama (bei Ondruš – das 3. im Zyklus), so treten
die etymologischen Identitäten offen zutage:
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Vasko Popa:
Šušte zelene rukavice
Na granama drvoreda

Veče nas pod pazuhom nosi


Putem koji ne ostavlja trag

Kiša pada na kolenu


Pred prozorima odbeglim

Dvorišta izlaze iz kapija


I dugo gledaju za nama
(K, S. 94)

Ján Ondruš:
Šuštia zelené rukavice
Na vetvách stromoradia

Večer nás pod pazuchou nosí


Cestom ktorá nezanacháva stopy
Dážď padne na kolená
Pred oknami ktoré ušli

Dvory vychádzajú z vrát


A dlho hľadia za nami
(VN, S. 10)
Beide Gedichte zählen 32 Worteinheiten, von denen 18 etymologisch iden-
tisch sind. Die Verse 1, 3, 5 und 8 stellen sich als vollständige etymologische
Entsprechungen von Original und Übersetzung dar. Wenn bei Popa steht:
Neću ni pečen ni prepečen (NP, S. 28),
so kann Ondruš auch hier identische Lexeme setzen:
Ne vezmem any pečený ani prepečený (VN, S. 35).
Älmhal die folgende etymologisch-semantische Vollentsprechung:
Vasko Popa:
Koren ti krv i krunu (NP, S. 81)
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Ján Ondruš:
Ja ti tvoj koreň aj krv a korunu (VN, S. 40)
In beiden Fällen entsteht zwar infolge der umständlicheren slovakischen
Konstruktion ein anderer Rhythmus, doch bleibt die künstlerisch wichtigere
paronomastische Lautprägung erhalten. Trotz dieser glücklichen Wendungen
kann es nicht ausbleiben, daß die für Popa so charakteristischen melopoetischen
Syntagmen oftmals lediglich semantisch, also ohne Entsprechung auf der laut-
lichen Ebene, wiedergegeben werden – etwa:
Od žežene želje (NP, S. 76)
als:
z meňavej túžby (VN, S. 33).
Ebenso ist Popas Schlüsselwort nepočin-polje (NP, S. 85) mit dem slova-
kischen Ausdruck zakliate pole (VN, S. 40) kaum zufriedenstellend eingefan-
gen. Im serbischen Wörterbuch von Vuk Karadžić ist das Wort, ohne genaues
Bedeutungsäquivalent, in einem Rätsel angegeben:
Mrtvi živoga nose preko nepočin-polja.
Es geht hier natürlich nicht um Beckmesserei, sondern um die Grenzen
der Übersetzbarkeit, die selbst bei verwandten Sprachpaaren rasch zu erkennen
sind. Wird in der Poesie die Übertragung auch nie das Original übertreffen,
so kann sie gleichwohl die eine oder andere Strukturkomponente manchmal
schlüssiger, kompakter oder deutlicher hervortreten lassen als im Ausgangstext.
Das ist Ondruš in einigen Übersetzungen gelungen, besonders da, wo es um
Popos typische Intonationen geht. Dessen Spiel-Zyklen (Igre, Kost kosti, Vrati
mi moje krpice) stellen nach ihrer dominanten Funktion nichts anderes als
Intonationsschemata dar. Das Eingangsgedicht des Zyklus Vrati mi moje krpi-
ce setzt mit den Versen em:
Padni mi samo na pamet
Misli moje obraz da ti izgrebu
(NP, S. 76),
um dann das syntaktische Schema dreimal zu wiederholen: Imperativ +
samo / Substantiv + da ti + Verbform. Viele der Popaschen Spiele funktionie-
ren nach solchem Muster. Ondruš hat das Gedicht hervorragend übertragen.
Da er aber die doppelte Inversion im Slovakischen nicht auszubringen vermag,
ersetzt er sie durch ein Anapherschema, so daß das Intonationsmuster in sei-
nem Text viel deutlicher hervortritt als bei Popa:
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Len si mi padni na pamäť


Nech ti moje myšlienky razškriabu tvár
(VN, S. 33)
Gerade diese Popaschen Intonationsrteihen hat Ondruš kongenial einge-
fangen, so in den Gedichten Na svadbu / Svadbe (VN, S. 65 / NP, S. 53) oder
Na chytačku / Jurke (VN, S. 69 / NP, S. 57), während in einigen Texten die
prägnante Redegestik Popas auch wieder abgeschwächt erscheint – und damit
eine andere, weniger heftige Mentalität aufscheint. Im großen und ganzen aber
vermittelt Ondruš mit seinen Übersetzungen eine faszinierende Vorstellung
von der lyrischen Welt Vasko Popas, die nach Gedichtauswahl, Komposition,
großenteils auch in der Überssetzungstextur tendenziell bereits das Bild vor-
wegnimmt, das Popa in den 1980er Jahren in strenger Stilisierung von sich
selbst entwerfen wird.
Die Frage, ob Ondrušs Beschäftigung mit Popas Poesie Spuren in seinem
eigenen Schaffen hinterlassen hat, ist nicht leicht zu beantworten. Am ehes-
ten noch könnte man intertextuelle Parallelen zu Popa in dem Gedichtband
Mužské korenie aufspüren. Die hier in dem Zyklus Koža versammelten 16
Texte erinnern an die Spiele und Rituale aus Nepočin-polje. Sie weisen ähn-
liche Intonationsreihen auf, ferner lautsemantische Operationen and die für
Popa typischen Wortumbildungen (Paronomasien), fast als wären sie einem
Lehrbuch der Morphologie entnommen. Alle Gedichte enden mit der redupli-
zierten Aufforderung zur Flucht:
Utekaj!
Utekaj!
oder:
Ujsť!
Ujsf!
Vor allem gemahnen die intonativen und semantischen Strukturen im 3.
Gedicht des Zyklus Koža an die Sprachspiele Vasko Popas:
Cúvač cúvaj
ulicou pamäti, prepamätaj
sa z jedného konca na druhý,
a dosýta sa vypamätaj,

pamätaj dvakrát, trikrát,


na všetky tváre napamätaj,
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deň čo deň sa spamätaj


do nemoty, spadny z nôh spamätany,
dopamätaj sa naraz, mihom,
do každých dverí sa dopamätaj,

zamykaj za pamäťou, nehodno


psa vyhnať do pamäti ...
(MK, S. 13)
Ähnlich dekliniert der rúhač die verschiedenen Formen des rúhanie, der
samotár solche der samota, spielen viele weitere abstruse Aktanten ihre mono-
manen Rituale durch. Als gemeinsame Wurzel beider Dichter sind die futuris-
tischen Beschwörungsgedichte Velimir Chlebnikovs zu erahnen.
Hier berühren sich zwei poetische Weiten, die sich aus verschiedenen
Quellen und Traditionen speisten und für sich bestanden, in einem bestimm-
ten Augenblick aber ein gemeinsames, interferierendes Ausdrucksfeld schaf-
fen konnten. Sicherlich ist es nur em Zufall, daß die literarische Begegnung,
die Gegenstand dieser Ausführungen ist, zwischen zwei Dichtern aus den alten
Ländern der Stephanskrone stattfand, Vasko Popa aus dem alten Unterungarn
und Ján Ondruš aus dem alten Oberungarn. Das Barock-Emblematische bei Popa
kommt dabei ebenso wie die existentielle Romantik Ondrušs als Palimpsest-
Schicht aus der Tiefe der Zeit wieder zum Vorschein. Die Slovaken, unter den
slavischen Nationen nach Mentalität and Kulturalität womöglich den Kroaten,
Slovenen mkt Ukrainern mehr verbunden als den Serben, weisen mit der po-
etischen Affinität Ondrušs zu Popa auf eine interessante Konstellation, die in
den interslavischen Literaturbeziehunaen Beachtung verdient. Ihr künstlenscher
Sinn liegt letztlich in der Wiederherstellung, ästhetischer Autonomie maid exis-
tenzieller Wahrhaftigkeit. Bei Vasko Popa ist in den 1950er, bei Ján Ondruš in
den 1960er Jahren der Sozialistische Realismus restlos überwunden.

ZITIERTE TEXTE:

Ondruš, Ján. Mužské korenie (MK). Bratislava 1972.


Ondruš, Ján. Prehľtanie vlasu (PV). Bratislava 1996.
Popa, Vasko. Nepočin-polje (NP). Novi Sad 1958.
Popa, Vasko. Večne neviditeľná (VN). Bratislava 1966.
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Popa, Vasko. Sporedno nebo (SN). Beograd 1968.


Popa, Vasko. Kora (K). Beograd 1969.

Rajnhard Lauer

JAN ONDRUŠ I VASKO POPA

Rezime: Slovački pesnik Jan Ondruš objavio je 1966. godine izbor pesama Vaska
Pope na slovačkom jeziku. U članku se analiziraju izbor i postupci prevodioca, sa fo-
kusom na prevođenje među srodnim jezicima. Na kraju autor ukazuje na izvesne in-
tertekstualne paralele između Popine i Ondruševe poezije.
Ključne reči: Vasko Popa, Jan Ondruš, poezija, prevođenje sa srodnih jezika,
srpska i slovačka književnost