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Axel Honneth

Unsichtbarkeit
Stationen einer Theorie
der Intersubjektivität

Die in diesem Band versammelten Beiträge verstehen sich als philosophie-


historisch orientierte Vorstudien zu einer Theorie der Intersubjektivität.
In Auseinandersetzung mit klassischen Ansätzen, deren Spannweite von
Fichte bis hin zur psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie reicht, wird
der Versuch unternommen, die normativen Bedingungen der zwischen-
menschlichen Begegnung zu erkunden. Dabei tritt nicht nur zutage, von
welcher konstitutiven Bedeutung der »Dritte« für die Interaktion zwischen
menschlichen Subjekten ist, sondern auch in welchem Maße die intersub-
jektive Anerkennung von leibgebundenen Ausdrucksmitteln abhängig ist.

Axel Honneth ist Professor für Philosophie am Institut für Philosophie der
Johann Wolfgang Goethe-Universität und Direktor des Instituts für Sozial-
forschung, Frankfurt a. M. Im Suhrkamp Verlag sind erschienen: Kritik der
Macht. Reflexionsstufen einer kritischen Gesellschaftstheorie, 1989 (stw 738);
Die zerrissene Welt des Sozialen. Sozialphilosophische Auftätze, 1990 (stw 849);
Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Grammatik sozialer Konflikte, 1992
(stw 1129, 1994); Das Andere der Gerechtigkeit. Auftätze zur praktischen Phi-
losophie, 2000 (stw 1491). Suhrkamp
Inhalt

Vorbemerkung 7

Unsichtbarkeit 10
Über die moralische Epistemologie von »Anerkennung«

Die transzendentale Notwendigkeit von Intersubjektivität 28


Zum Zweiten Lehrsatz in Fichtes Naturrechtsabhandlung

Von der zerstörerischen Kraft des Dritten 49


Gadamer und die Intersubjektivitätslehre Heideggers

Erkennen und Anerkennen 71


Zu Sartres Theorie der Intersubjektivität

Zwischen Hermeneutik und Hegelianismus 106


John McDowell und die Herausforderung des moralischen Realismus
Bibliografische information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Objektbeziehungstheorie und postmoderne Identität 138
Deutschen Nationalbibliografie Über das vermeintliche Veralten der Psychoanalyse
http://dnb.ddb.de

suhrkamp taschenbuch Wissenschaft 1616


Erste Auflage 2003 Nachweise 162
© Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 2003
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung
durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
(durch Fotografie, Mikrofdm oder andere Verfahren)
ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet,
vervielfältigt oder verbreitet werden.
Druck: Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden
Printed in Germany
Umschlag nach Entwürfen von
Willy Fleckhaus und Rolf Staudt
ISBN 3-518-29216-1

1 2 3 4 5 6 - 08 07 06 05 04 03
Vorbemerkung

Der vorliegende Band versammelt Aufsätze, die zwischen 1999 und


2002 entstanden sind und ein seit meiner Studie Kampf um Aner-
vernachlässigtes Thema wieder aufnehmen. Mit Ausnahme
des ersten Textes handelt es sich um philosophiegeschichtliche
Beiträge, die in Auseinandersetzung mit prominenten Entwürfen
einer Theorie der Intersubjektivität der Frage nachgehen, wie wir
den kommunikativen Akt der Anerkennung genauer zu verstehen
haben. Lange Zeit schien mir in diesem Thema kein größeres Ge-
heimnis zu stecken, weil ich mir sicher war, mit der Rückversiche-
rung bei Hegel grundsätzlich schon die richtige Lösung in der Hand
zu halten. Gewiß, schon beim Stammvater der Anerkennungstheo-
rie war nicht immer klar, ob die.Anerkennung als ein fltffjhiirivpr
oder ein bloß rezeptiver Akt verstanden werden sollte und aus wel-
chen Gründen sTeTuFÄFMenschen eigentlich unverzichtbar zu sein
hatte; aber jenseits solcher Unklarheiten schien es bei Hegel ein so-
lides Begriffsgerüst zu geben, das schon deswegen erstaunlich trag-
fähig wirkte, weil es die Basis für eine bis heute plausible Unter-
scheidung von drei Unterarten der Anerkennung gelegt hatte. Erst
die Insistenz von Freunden und Kollegen, die Struktur des An-
erkennungsvorgangs handlungstheoretisch oder epistemologisch
näher zu bestimmen, hat mich von der Selbstgewißheit meines ur-
sprünglichen Ansatzes Abstand nehmen lassen; verstärkend kam
hinzu, daß mit der bahnbrechenden Studie von Avishai Margalit
(ders., Politik der Würde, Berlin 1997)1 und den hierzulande bislang
nahezu unbekannten Arbeiten von Stanley Cavell (ders., Die Un-
heimlichkeit des Gewöhnlichen, Frankfurt a. M. 2002) inzwischen
Untersuchungen auf den Plan getreten sind, in denen der Anerken-
nungsbegriff weniger im Rückgriff auf Hegel als in Orientierung an
Wittgenstein entwickelt wird.
Nachdem das Paradigma Hegels nicht mehr einfach den Lö-
sungsweg vorgab, waren es drei systematische Fragen, die für mich
schon bald in den Vordergrund rückten. Mit dem Wegfall der iden-
I Vgl. dazu: Axel Honneth, »Eine Gesellschaft ohne Demütigung. Zu Avishai Mar-
galits Entwurf einer >Politikder Würde<«, in: ders., Die zerrissene Welt des Sozialen.
Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt a. M. 1999, S. 248-277.

7
titätsphilosophischen Klammer entstand erstens das Problem, daß Akt der Anerkennung vollzieht. In dem einzig systematischen Text,
es nicht mehr klar war, ob durch den Akt der Anerkennung der die Reihe der philosophiegeschichdichen Beiträge eröffnet, bin
bestimmte normative Eigenschaften anderen Subjekten.- blaß zu- ich dieser Vermutung weiter nachgegangen: Der Aufsatz, der dem
geschrieben oder an Ihnen Bestätigend zur Kenntnis genommen Buch den Titel gab, unternimmt den Versuch, am Phänomen der
werden; im ersten Pall wurcte dieT&eEiinungeinen besonderen sozialen Unsichtbarkeit zu prüfen, was zum bloßen Erkennen von
Smus ersr verschaffen, im zweiten Fall hingegen nur öffentlich be- Subjekten hinzutreten muß, um sie zu öffentlich anerkannten Per-
kräftigen. Ebenso schwierig wie diese Wahl zwischen einem Attri- sonen zu machen.
butions- und einem Rezeptionsmodell der Anerkennung schien Neben Nora Sieverding, deren Hilfe bei der technischen Vorbe-
zweitens auch die Antwort auf die Frage, ob die Anerkennung stets reitung des Manuskriptes unersetzlich war, möchte ich auch Alex-
nur das Begleitprodukt von anderen Handlungen oder Äußerungen ander Roesler und Bernd Stiegler vom Suhrkamp Verlag danken, die
ist oder selbst einen eigenständigen Handlungsakt darstellt; uns ist mich von Anfang an bei der Zusammenstellung des Bandes beraten
die erste Alternative beinahe selbstverständlich, weil wir respektvol- haben.
les Verhalten zumeist nur als einen NebenefFekt andersgerichteter
Aktivitäten zu sehen gelernt haben, aber ob es ausreicht, hier von Frankfurt am Main, im September 2002 Axel Honneth
»Anerkennung« zu sprechen, ist genau die Frage. Drittens schließ-
lich war schon bei Hegel nicht ganz klar, ob er die_Autonomie
menschlicher Personen ausschließlich oder nur partiell von der Vor-
alissetzungläer Anerkennung abhängig machen woÜte; mit diesem
Ünterschied in äer GewichtüngTiTngt heüte'dieTrage zusammen,
inwiefern wir die intersubjektive Anerkennung als konstitutiv fur
das Personsein ansehen dürfen.
Auf keine dieser drei Fragen, bei deren systematischer Formulie-
rung mir vor allem Heikki Ikaheimo und Arto Laitinen behilflich
waren, gehe ich in den theoriegeschichtlichen Beiträgen des vorlie-
genden Bandes direkt ein. Vielmehr habe ich zumeist äußere Anläs-
se genutzt, um mich mit Konzepten von Intersubjektivität zu be-
schäftigen, die mir von indirektem Nutzen für die Lösung der ge-
nannten Probleme zu sein schienen; so ist im Laufe von drei Jahren
eine Abfolge von fiinf Aufsätzen entstanden, die einen Überblick
über zentrale Stationen einer Theorie der Intersubjektivität ge-
währen. Allerdings schälte sich auf diesem Wege geradezu unmerk-
lich ein Thema heraus, von dem ich mittlerweile glaube, daß es für
die weitere Klärung des Anerkennungsbegriffs von entscheidender
Bedeutung ist: fast alle Ansätze, mit denen ich mich beschäftigte,
versuchen, den Begriff der Anerkennung oder Intersubjektivität da-
durch zu bestimmen, daß sie sich bemühen, ihn vom Begriff des Er-
kennens von Personen abzugrenzen. Die Entgegensetzung von »Er-
kennen« und »Anerkennen« stellt, so bin ich heute überzeugt, den
Schlüssel für ein angemessenes Verständnis dessen dar, was sich im

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Unsichtbarkeit deswegen für unser Thema aufschlußreich ist, weil er indirekt zu
Uber die moralische Epistemologie klären hilft, was zur Wahrnehmung, zum »Erkennen« einer Person
hinzutreten muß, um daraus einen Akt der Anerkennung zu ma-
von »Anerkennung«*
chen. Ich will so vorgehen, daß ich in einem ersten Schritt die Dif-
ferenz zwischen der wörtlichen und der übertragenen Bedeutung
In dem »Prolog« zu seinem berühmten Roman Der unsichtbare von »Unsichtbarkeit« weiter herausarbeite, um mich auf diesem
Mann läßt Ralph Ellison den Ich-Erzähler von seiner »Unsichtbar- Weg in den beiden weiteren Kapiteln direkt mit der Frage der Be-
keit« berichten: er sei, so erzählt dieses namenlos bleibende Ich, zwar deutung von »Anerkennung« auseinanderzusetzen.
ein wirklicher Mensch, »aus Fleisch und Knochen«, aber »man«
wolle ihn einfach nicht sehen, »schaue« durch ihn »hindurch«, er sei
eben »unsichtbar« für all die Anderen.1 Auf die selbstgestellte Frage, I
wie es zu seiner eigenen Unsichtbarkeit habe kommen können, ant-
wortet sich der Erzähler, daß dafür der »Bau« des »inneren Auges« Aus vielen Zeugnissen der Kulturgeschichte sind Beispiele für Si-
jener verantwortlich sein müsse, die durch ihn unablässig hin- tuationen bekannt, in denen Herrschende ihre soziale Überlegen-
durchschauen: Nicht deren »körperliches Auge« sei es, nicht also heit gegenüber den Untergebenen dadurch zum Ausdruck brach-
eine Art von faktischer Sehuntüchtigkeit, sondern eben eine innere ten, daß sie sie nicht wahrzunehmen vorgaben; am bekanntesten ist
Disposition, die sie ihn selber nicht wahrnehmen lasse. Erst einige vielleicht die Tatsache, daß es Adligen durchaus gestattet war, sich
Seiten später erfahren wir als Leser auf beiläufige Weise, daß derje- vor ihren Bediensteten zu entkleiden, weil sie in einer bestimmten
nige, der hier von seiner Unsichtbarkeit berichtet, ein Schwarzer ist; Weise als nicht anwesend galten.2 Von diesen Situationen der Un-
denn diejenigen, die auf die geschilderte Weise durch ihn hin- sichtbarkeit bei physischer Anwesenheit unterscheiden sich die von
durchschauen, werden in einem Nebensatz als »Weiße« gekenn- Ralph Ellison geschilderten Fälle durch ihren eigentümlich aktiven
zeichnet. So eröffnet der »Prolog« mit den aggressiven, wütenden, Charakter: hier scheinen die Protagonisten, also die weißen Herren,
abrupten Sätzen des Ich-Erzählers ein Szenarium, das von einer be- willentlich alles darangeben zu wollen, dem anwesenden Schwarzen
sonders subtilen Form der rassistischen Demütigung gekennzeich- zu demonstrieren, daß er fur sie nicht sichtbar ist.3 Der Ausdruck,
net ist, gegen die der schwarze Protagonist einen Roman lang den die Umgangssprache für solche aktiven Formen des Unsicht-
ankämpfen wird: eine Form des Unsichtbarmachens, des Ver- barmachens bereithält, ist der des »Hindurchschauens«, des »look-
schwindenlassens nämlich, die offenbar nicht mit physischer Nicht- ing through«: Wir besitzen das Vermögen, anwesenden Personen
präsens, sondern mit Nichtexistenz in einem sozialen Sinn zu tun unsere Mißachtung dadurch zu zeigen, daß wir uns ihnen gegen-
hat. Ich will mich im folgenden von dieser metaphorischen Bedeu- über so verhalten, als ob sie physisch im Raum nicht vertreten
tung des Begriffs der »Unsichtbarkeit« leiten lassen, um der Frage wären. In diesem Sinn hat das »Hindurchsehen« durchaus eine per-
nachzugehen, wie wir den Akt der »Anerkennung« in epistemologi-
2 Hans Peter Duerr, Nacktheit und Scham. Der Mythos vom Zivilisationsprozeß,
scher Hinsicht verstehen können; meine Ausgangshypothese ist die,
Frankfurt a. M. 1988, § 15.
daß der Unterschied zwischen den beiden Form der Unsichtbarkeit 3 Es gibt natürlich auch als eine andere Form der Machtausübung die Strategie der
Sichtbarmachung, die von der kommunikativen Bloßstellung bis zur optischen
* Die vielen Hinweise und kritischen Kommentare, die ich dankenswerterweise von Kontrolle im von Foucault untersuchten System des Panoptikums reichen kann.
Alessandro Ferrara, Charles Larmore und Matthias Vogel erhalten habe, konnte Mit solchen Fällen der sozialen Sichtbarkeit als Herrschaftsmittel beschäftige ich
ich leider nur zu einem geringen Teil berücksichtigen; ich hoffe, ihnen bei einer mich im folgenden nicht, weil ich zum Zweck einer moralischen Epistemologie al-
weiteren Behandlung des Themas gerecht werden zu können. lein an der Mißachtungsform des »Hindurchsehens« interessiert bin. Das Phäno-
I Ralph Ellison, Der unsichtbare Mann (Original: »Invisible Mam, 1952), Reinbek b. men selber ist unter soziologischen Gesichtspunkten viel komplexer, als ich es hier
Hamburg 1995, S. 7. behandeln kann.

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formative Seite, weil es Gesten oder Verhaltenszüge verlangt, die reinigt, oder schließlich als den Mitreisenden im Zugabteil, der an-
deutlich machen, daß der Andere nicht nur zufällig nicht gesehen, derer Hautfarbe ist. Sichtbarkeit in diesem Sinn bezeichnet mehr
sondern intentional nicht gesehen wird. Wahrscheinlich ist es sinn- als bloße Wahrnehmbarkeit, weil sie die Fähigkeit einer elementa-
voll, Grade der Verletzbarkeit durch ein solches Unsichtbarsein da- ren individuellen Identifikation mit einschließt. Die begriffliche
nach zu unterscheiden, wie aktiv das wahrnehmende Subjekt daran Diskrepanz, die sich mithin zwischen visueller Unsichtbarkeit und
beteiligt ist: das reicht dann von der harmlosen Unaufmerksamkeit Sichtbarkeit auftut, ergibt sich aus dem Umstand, daß sich mit dem
dessen, der einen Bekannten auf einer Party zu grüßen vergißt, über Übergang zum positiven Begriff gewissermaßen die Anwendungs-
die selbstvergessene Ignoranz des Hausherrn gegenüber der Putz- bedingungen verstärken: während Unsichtbarkeit im visuellen Sinn
frau, die er wegen ihrer sozialen Bedeutungslosigkeit übersieht, bis nur die Tatsache meint, als Objekt nicht im Wahrnehmungsfeld ei-
hin zum demonstrativen Hindurchsehen, das vom betroffenen ner anderen Person vorhanden zu sein, verlangt die visuelle Sicht-
Schwarzen nur als ein Zeichen der Demütigung verstanden werden barkeit, als ein bestimmtes Objekt mit situationsrelevanten Eigen-
kann. Alle diese Beispiele sind Fälle einer einzigen Klasse, weil sie die schaften im Raumzeitsystem erkennbar zu sein. Daher auch können
Eigenschaft teilen, Formen einer Unsichtbarkeit im übertragenen, wir von einer Person, die von einem Wahrnehmungssubjekt fehler-
metaphorischen Sinn zu sein; denn jeder der zuvor genannten Be- haft identifiziert wird, also statt als Putzfrau etwa als Nachbarin, nur
troffenen ist für den Wahrnehmenden ohne jeden Zweifel sichtbar, schwerlich sagen, sie sei optisch nicht sichtbar gewesen; aber umge-
der »Bekannte«, die »Putzfrau« und der gedemütigte Schwarze stel- kehrt können wir von dieser Person auch nicht ohne weiteres be-
len distinkte, leicht identifizierbare Gegenstände im visuellen Feld haupten, sie sei dem entsprechenden Wahrnehmungssubjekt sicht-
des jeweiligen Subjekts dar, so daß »Unsichtbarkeit« hier nicht einen bar gewesen, da es sie doch auf eine elementare Weise nicht erkannt
kognitiven Tatbestand bezeichnen kann, sondern wohl eine Art so- hat. Visuelle Sichtbarkeit impliziert daher, so möchte ich vorschla-
zialen Sachverhalt meinen muß. Allerdings scheint es deswegen gen, eine elementare frorm der individuellen ^ n t i f m e r t o
auch irreführend, in bezug auf eine derartige Unsichtbarkeit bloß als St^T^iiKnCprecKenHlMne'wff. primi ti vejGesrajrdessen da r. was
von einer metaphorischen Bedeutung zu sprechen, wie ich das bis- wir »Erkennen« nennen. *
lang getan habe: für die Betroffenen nämlich besitzt ihre »Unsicht-
Von diesem Ergebnis aus ist es nun gar nicht leicht, den Begriff zu
barkeit« einen jeweils realen Kern, sie empfinden sich tatsächlich als
klären, der das positive Gegenstück zur »Unsichtbarkeit« im über-
nicht wahrgenommen, nur muß »Wahrnehmen« hier mehr heißen,
tragenen Sinn darstellen soll. Eine solche »Sichtbarkeit« ist es wohl,
als im Begriff des Sehens, des identifizierenden Erkennens angelegt
die der Protagonist des Romans von Ralph Ellison implizit einklagt,
ist.
wenn er seine Form der »Unsichtbarkeit« als eine subtile Form der
Es mag an dieser Stelle ratsam sein, vom negativen Begriff der Demütigung durch die Weißen beschreibt; aber was kann der Ich-
»Unsichtbarkeit« zum positiven Begriff der »Sichtbarkeit« überzu- Erzähler wohl beabsichtigen, wenn er von seinen Interaktionspart-
wechseln, um die zuvor angedeuteten Unterschiede klarer herausar- nern verlangt, fur sie »sichtbar« zu sein. Gemeint ist mit Sicherheit
beiten zu können. Der visuellen Unsichtbarkeit, die sich aus Seh- nicht jene Art von Sichtbarkeit, die ich zuvor als eine elementare
störungen oder optischen Hindernissen ergeben kann, entspricht in Form der individuellen Identifizierung beschrieben habe; denn um
positiver Hinsicht die Wahrnehmbarkeit eines bestimmten Gegen- sich als »unsichtbar« im übertragenen Sinn erfahren zu können,
standes, hier also menschlicher Subjekte; sie sind für ein anderes muß das betroffene Subjekt umgekehrt sogar die Voraussetzung ge-
Subjekt in dem Maße sichtbar, in dem es sie je nach Charakter der macht haben, daß es als Individuum im raumzeitlichen System er-
Beziehung als Personen mit klar umrissenen Eigenschaften zu iden- kannt worden ist: es kann von einer anderen Person nur behaupten,
tifizieren vermag, zum Beispiel als denjenigen Bekannten, dessen durch es hindurchzuschauen, es zu ignorieren oder zu übersehen,
Lachen stets übertriebene Züge trägt, als die Putzfrau portugiesi- wenn es dieser zuvor die Leistung einer primären Identifikation sei-
scher Herkunft, die regelmäßig am Montag die eigene Wohnung ner selbst zugeschrieben hat. Insofern setzt Unsichtbarkeit im un-
136
13
eigentlichen Sinn notwendigerweise Sichtbarkeit im eigentlichen Subjekt, sondern auch die anderen im Raum anwesenden Personen
Sinn des Wortes voraus. Wir nähern uns dem gemeinten Sachver- können für gewöhnlich feststellen, daß es sich unter gegebenen Um-
halt daher vielleicht eher, wenn wir uns fragen, woran das betroffene ständen um einen Fall des demütigenden Übersehens oder Ignorie-
Subjekt seine eigene, soziale Unsichtbarkeit erkennen zu können rens handelt. Diesen öffentlichen Charakter gewinnt die soziale Un-
glaubt. Eine erste Antwort auf diese Frage liefert wieder der Roman sichtbarkeit nur, weil sie sich auf paradoxe Weise in einem Wegfall
von Ralph Ellison, der eine wahre Fundgrube für eine Phänomeno- von expressiven Ausdrucksformen äußert, die gemeinhin mit dem
logie der »Unsichtbarkeit« darstellt; dort berichtet der Ich-Erzähler Akt der individuellen Identifikation verknüpft werden. Daher
schon auf der zweiten Seite des »Prologs«, daß er sich seiner eigenen scheint es mir sinnvoller, das Phänomen der »Unsichtbarkeit« im
Unsichtbarkeit immer wieder durch handgreifliches »Umsichschla- übertragenen Sinn anhand der komplexen Beziehungen zu erläu-
gen« zu erwehren versucht habe, durch das er »die Anderen« provo- tern, die beim Menschen zwischen der Wahrnehmung und den Ex-
zieren wollte, ihn »zu erkennen«.4 Auch das, was hier im Text als ein pressionen bestehen. Über den kognitiven Akt der individuellen
»mit den Fäusten« Umsichschlagen beschrieben wird, ist wohl in ei- Identifikation geht das »Sichtbarmachen« einer Person hinaus, in-
nem übertragenen Sinn gemeint und soll wahrscheinlich im Kern dem es durch entsprechende Handlungen, Gesten oder Mimik öf-
all die praktischen Anstrengungen bezeichnen, mit deren Hilfe ein fentlich zum Ausdruck bringt, daß die Person gemäß der existieren-
Subjekt auf sich aufmerksam zu machen versucht; aber die Meta- den Beziehung befürwortend zur Kenntnis genommen wird; und
pher gibt gut zu erkennen, daß das, was dieses betroffene Subjekt nur deswegen, weil wir über diese expressiven Ausdrucksformen im
durch seine Gegenwehr zu provozieren anstrebt, seinerseits wie- Rahmen unserer zweiten Natur ein gemeinsames Wissen besitzen,
derum sichtbare Reaktionen sind, durch die der Andere zum Aus- können wir in deren Wegfall ein Zeichen des Unsichtbarmachens,
druck bringt, daß er es wahrnimmt. Wenn freilich ein Subjekt sich der Demütigung sehen.
seiner eigenen Sichtbarkeit nur dadurch vergewissern kann, daß es Wenn wir nun in demjenigen Phänomen, das ich bislang als
sein Gegenüber zu existenzver-bürgenden Handlungen zwingt, so be- »Sichtbarwerden« im zweiten, nicht-visuellen Sinn beschrieben
deutet das im Umkehrschluß, daß es seine »Unsichtbarkeit« nur am habe, eine elementare Form von »Anerkennung« sehen, so wird der
Ausbleiben solcher Reaktionsweisen festzustellen vermag: aus der Unterschied zwischen »Erkfrinrn-- " Arl> *'' 1 "* r "ir n " in erster^
Sicht des betroffenen Individuums ist das Kriterium, anhand dessen Annäherung deudich: Während wir mit dem Erkennen einer Per-
es sich seiner Sichtbarkeit im übertragenen Sinn versichert, die sönlfeK^^ Individuummei-
Äußerung von bestimmten Reaktionsweisen, die ein Zeichen, ein nenfi können wir mit »Anerkennung« den expressiven Akt bezelch-*
Ausdruck der positiven Zurkenntnisnahme sind; und daher ist der nen, durch den jenerErkenntnis die positive Bedeutung einer Be-
Wegfall solcher Ausdrucksformen ein Hinweis darauf, daß man für fürwortung verTIeEenwird. Die Anerkennung ist im Unterschied
sein Gegenüber in diesem besonderen Sinn sozial nicht sichtbar ist. zü~m~"Lrkennen, das ein ^ht-öffenBicher, kognitiver Akt ist, auf"
Eine Alternative zu dieser Beschreibung könnte in der These be- Meffi^" angewiesen, in ctenen zum Ausdruck kommt, daß aie an-
stehen, daß auch das »Hindurchsehen« nur eine spezielle Form der dere Person >>Geltung«_besitzensol|; und auf der elementaren Stufe,"
Wahrnehmung darstellt: das betroffene Subjekt wird von einer an- auf der wir mit dem Phänomen der sozialen »Unsichtbarkeit« bis-
deren Person angesehen, als ob sie in dem entsprechenden Raum lang operieren, sind solche Medien noch gleichzusetzen mit körper-
nicht anwesend wäre. Aber eine solche Charakterisierung, die sich gebundenen Expressionen. Aber all das erklärt noch nicht wirklich,
der vielfältigen Bedeutungen des »Sehens als« bedient, gibt nicht was im Älct der Anerkennung durch die entsprechenden Expressio-
mehr recht zu erkennen, daß das »Hindurchsehen« im allgemeinen nen eigentlich zum Ausdruck gebracht werden soll; es bedarf einer
doch eine öffentliche Tatsache bezeichnet: Nicht nur das betroffene genaueren Analyse dessen, was es heißt, der identifizierenden Er-
kenntnis durch expressive Akte die Bedeutung des »Geltenlassens«,
4 Ralph Ellison, Der unsichtbare Mann, a.a.O., S. 8. der »Befürwortung« zu verleihen.

102 14
II satorische Entwicklung im ersten Lebensjahr in Form eines Prozes-
ses der wechselseitigen Regulation von Affekten und Aufmerksam-
Nach dem bislang Gesagten könnte es so scheinen, als ob der Akt keiten vollzieht, die weitgehend mit Hilfe der Mittel einer gesti-
der Anerkennung sich einer Addition von einem kognitiven Identi- schen Kommunikation zustande kommt: Die (mütterliche) Be-
fizieren und einem expressiven Ausdruck verdankt: eine bestimmte zugsperson verfugt über ein breites Repertoire an gestischen und
Person wird zunächst je nach situationalen Gegebenheiten als ein mimischen Ausdrucksmitteln, die dem Kind höchst differenzierte
Individuum mit besonderen Eigenschaften erkannt, und in einem Signale der Interaktionsbereitschaft geben sollen; und das Klein-
zweiten Schritt wird dieser Erkenntnis dann öffentlich Ausdruck kind verfugt umgekehrt über ein ganzes Spektrum von reflexhaften
verliehen, indem die Existenz der wahrgenommenen Person durch Aktivitäten, die sich in Reaktion auf die gestischen Stimulationen
Handlungen, Gestik oder Mimik vor den Augen der Anwesenden der Bezugspersonen zu ersten Formen eines sozialen Antwort-
bekräftigt wird. Aber die Frage ist natürlich, ob die expressiven Akte verhaltens entwickeln können. Unter den verschiedenen Gesten
tatsächlich nur eine öffentliche Bekundung der Erkenntnis darstel- kommt nun jener Klasse von Gesichtsausdrücken eine besondere
len sollen, daß sich an jener Stelle dort eine Person mit diesen und Rolle zu, die dem Kind zu erkennen geben sollen, daß es Liebe, An-
jenen Eigenschaften befindet; sind nicht die Expressionen, deren teilnahme und Mitgefühl genießt; an vorderster Stelle steht hier das
Wegfall der sozial nicht-sichtbare Mensch beklagt, ihrer Bedeutung quasi-reflexhaft ausgeübte Lächeln, dem freilich noch andere For-
nach etwas ganz anderes als Expressionen, mit denen wir die Wahr- men des Mienenspiels zur Seite treten können, die durch zeitliche
nehmung der Existenz eines Individuums bekräftigen? Für derarti- Streckung oder körperliche Übertreibung besonders deutliche Si-
ge Bezeugungen würde es im allgemeinen doch ausreichen, mit dem gnale der Ermutigung oder Hilfestellung vermitteln sollen.6 Bei die-
Finger auf eine bestimmte Person zu zeigen, durch eine Bewegung ser Klasse von befürwortenden Gesten und Mienen haben wir es mit
des Kopfes ostentativ in deren Richtung zu weisen oder durch einen einer geradezu automatisch praktizierten Sonderform jener vielzäh-
Sprechakt explizit deren Existenz zu bestätigen; aber all das scheint ligen Expressionen zu tun, mit denen sich in kondensierter Weise
nicht an die Bedeutung derjenigen Expressionen heranzureichen, auch Erwachsene noch wechselseitig signalisieren können, daß sie
die wir wechselseitig voneinander erwarten, um füreinander »sicht- sich Anteilnahme und Aufmerksamkeit entgegenbringen; von Stern
bar« zu sein, um also in einem noch zu klärenden Sinn soziale Be- wird selber die Verbindung zu den Grußzeremonien erwachsener
stätigung erhalten zu wollen. Ein geeigneter Weg, um an dieser Stel- Personen hergestellt, die sich durch ein fein abgestimmtes Mienen-
le weiterzukommen, scheint mir zunächst im Rückgang auf die ge- spiel zu erkennen geben, in welchem besonderen Sozialverhältnis sie
stischen und mimischen Ausdruckssignale zu liegen, mit denen im zueinander stehen.
allgemeinen das Kleinkind durch seine Bezugspersonen in die so- Die verschiedenen, positiv getönten Verhaltensweisen, mit denen
ziale Interaktion eingeführt wird. Von hier aus läßt sich dann ver- Bezugspersonen auf das Kleinkind reagieren, haben ihre Wurzeln
mudich eine generalisierte Antwort auf die Frage formulieren, offenbar in Dispositionen, die mit dem Körperschema und den
wofür jene Expressionen einstehen sollen, deren Wegfall wir bekla- Ausdrucksbewegungen von Kindern aufs engste verknüpft sind. Es
gen, wenn wir uns als nicht-sichtbar im übertragenen Sinn begrei- ist nicht so, daß wir erst eine Erkenntnis vollziehen, die uns in un-
fen. serem Gegenüber ein hilfsbedürftiges Kleinkind wahrnehmen läßt,
Es sind die empirischen Untersuchungen von Daniel Stern gewe- bevor wir dann die entsprechenden Gesten der Ermutigung und des
sen, die uns in den letzten Jahren eine verbesserte Einsicht in das Mitgefühls zur Anwendung bringen; vielmehr scheinen wir auf die
komplexe Interaktionsgeschehen gegeben haben, durch das das Wahrnehmung des Kleinkindes hier im allgemeinen direkt mit Ex-
Kleinkind in der Kommunikation mit seinen Bezugspersonen zu pressionen zu reagieren, in denen eine grundsätzlich befürwortende
einem sozialen Wesen wird.5 Gestützt auf die bahnbrechenden Ar- 5 Daniel Stern, Mutter und Kind. Die erste Beziehung, Stuttgart 1979, S. 16 ff.
beiten von Rend Spitz hat Stern zeigen können, daß sich die soziali- 6 Vgl. ebd., S. 18 ff

102 16
Einstellung zum Ausdruck gelangt. Der Unterschied zwischen bei- ling praktische Vollzüge der Fürsorge und stimulieren ihn auf diese
den Formulierungen läßt sich auch so wiedergeben, daß im ersten Weise zu Reaktionsweisen, die ihrerseits eine soziale Weltzuge-
Fall nur eine Art von kognitiver Überzeugung bekundet werden soll, wandtheit offenbaren. Bevor ich die Frage weiterverfolge, wie es um
während im zweiten Fall direkt eine motivationale Bereitschaft si- den moralischen Kern jener Ausdrucksformen bestellt ist, will ich
gnalisiert wird; ja, wahrscheinlich wäre es sogar angemessener, hier zunächst prüfen, ob auch die Anerkennungsverhältnisse zwischen
von den positiven Ausdrucksgebärden (des Lächelns, der Ermuti- Erwachsenen eine solche expressive Gestalt aufweisen.
gung) als dem Symbol einer Handlung zu sprechen, weil sie »in Im Zusammenhang des Rekurses auf die Säuglingsforschung war
symbolischer Verkürzung« deren Ersatz darstellen.7 Diese Formulie- bereits kurz erwähnt worden, daß das Mienenspiel des Lächelns und
rung gibt am besten zu erkennen, wofür jene Expressionen einste- der Anteilnahme nur eine besonders plastische Sonderform jener
hen, mit denen die Bezugsperson auf das Kleinkind reagiert: Sie ar- Ausdrucksgesten darstellt, die ebenfalls in den Interaktionsbezie-
tikulieren nicht eine irgendwie geartete Erkenntnis, sondern brin- hungen zwischen Erwachsenen eine große Rolle spielen. Auch er-
gen in verkürzter Form die Gesamtheit der Handlungen zum wachsene Personen geben sich in ihren Kommunikationen ge-
Ausdruck, die dem Kleinkind aufgrund seiner Lage zustehen sollen. wöhnlich durch eine Vielzahl von fein grundierten Expressionen zu
Insofern besitzt die Anerkennung einen performativen Charakter, erkennen, daß sie sich willkommen sind oder besondere Aufmerk-
weil die sie begleitenden Expressionen symbolisieren, welche prak- samkeit entgegenbringen: dem Freund auf der Party gilt ein aufblit-
tischen Reaktionsweisen nötig wären, um der anerkannten Person zendes Lächeln oder eine stark artikulierte Willkommensgeste, der
»gerecht« zu werden. Mit einer schönen Formulierung von Hel- Putzfrau in der eigenen Wohnung wird über den begrüßenden
muth Plessner läßt sich auch sagen, daß der expressive Ausdruck von Sprechakt hinaus eine andeutende Geste der Dankbarkeit entge-
Anerkennung hier das »Gleichnis« einer moralischen Handlung gengebracht, und der Schwarze wird wie jeder andere Mitreisende
darstellt.8 im Zugabteil durch ein aufmunterndes Mienenspiel oder ein kurzes
Mit diesen Überlegungen haben wir freilich den ursprünglichen Kopfnicken begrüßt. Natürlich variieren alle diese Expressionsfor-
Horizont unserer Argumentation bereits verlassen, weil mit den Be- men zwischen den verschiedenen Kulturen erheblich, aber ihre kon-
griffen des »Gerechtwerdens« und des »Zustehens« ein Vokabular stitutive Funktion für die zwischenmenschliche Kommunikation
ins Spiel gekommen ist, das moraltheoretischen Charakter besitzt. bleibt doch bei allen Differenzen stets dieselbe: in Ersetzung, in Er-
Der Umweg über die Säuglingsforschung hatte sich ergeben, weil gänzung oder in Unabhängigkeit von Sprechakten sollen sie dem
im Mienenspiel der Erwachsenen gegenüber dem Kleinkind beson- Gegenüber öffentlich zu erkennen geben, daß er in der gesellschaft-
ders deutlich zum Ausdruck kommt, worin diejenigen Ausdrucks- lich typisierten Rolle (des Freundes, der Putzfrau, der Mitreisenden)
formen bestehen, durch die ein Mensch »sozial« sichtbar wird: es sozial gutgeheißen wird oder Geltung besitzt. Es wäre ein leichtes,
sind die vorsprachlichen Gebärden des Lächelns und des Mitemp- die bislang entwickelte Liste von solchen positiven Ausdrucksfor-
findens, mittels deren ein Säugling sozial in Erscheinung zu treten men durch eine Reihe von weiteren Beispielen zu ergänzen, um zu
lernt, indem er durch sein reaktives Lächeln zum erstenmal Interak- zeigen, von welcher grundlegenden Bedeutung sie für die Koordi-
tionsbereitschaft signalisiert. In Beantwortung der Frage, wofür die- nierung sozialen Handelns sind; nichts zeigt ihre zentrale Funktion
se befürwortenden Expressionen der Erwachsenen einstehen, hatte aber stärker, als daß ihr Wegfall normalerweise als Indikator einer
sich dann gezeigt, daß sie in symbolischer Verkürzung Handlungen sozialen Pathologie gewertet wird, die für den Betroffenen im Zu-
zum Ausdruck bringen, die dem Wohl des Säuglings dienen sollen: stand der »Unsichtbarkeit« enden kann. Wenn wir in den genann-
durch ihr Mienenspiel signalisieren die Bezugspersonen dem Säug- ten Expressionen daher den Grundmechanismus der sozialen Sicht-
barwerdung sehen und darin wiederum die Elementarform aller
7 Vgl. Helmuth Plessner, »Lachen und Weinen«, in: ders., Philosophische Anthropo-
logie, Frankfurt a. M. 1970, S. 11-172, hier: S. 72. sozialen Anerkennung erblicken, dann hat das freilich eine Konse-
8 Ebd., S. 73. quenz mit weitreichenden Implikationen: jede Form von sozialer

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Anerkennung einer Person ist dann nämlich in wie vermittelter druck, daß im weiteren Verlauf mit wohlwollenden Handlungen zu
Weise auch immer auf den symbolischen Rückbezug auf jene ex- rechnen ist. Expressive Gesten und Gebärden sind daher Handlun-
pressiven Gesten angewiesen, die in der direkten Kommunikation gen, die ihrerseits insofern den Charakter einer Metahandlung be-
sicherstellen, daß ein Mensch zur sozialen Sichtbarkeit gelangt. In sitzen, als sie symbolisch die Art von Verhalten signalisieren, die der
derselben Weise, in der Niklas Luhmann von einem symbiotischen Adressat legitimerweise erwarten darf. Wenn nun die Anerkennung
Bezug jeder Form von Macht gesprochen hat,9 können wir auch von in ihrer elementaren Form eine expressive Geste der Befürwortung
einer symbiotischen Grundlage jeder noch so generalisierten Form darstellt, so folgt daraus zunächst, daß auch sie eine solche Meta-
von Anerkennung ausgehen: die Anerkennung einer Person kommt handlung repräsentiert: indem wir einer anderen Person gegenüber
nur mit Hilfe von Medien zustande, die ihrer symbiotischen Struk- eine Geste der Anerkennung vollziehen, geben wir ihr performativ
tur nach'jenen körperlichen Ausdrucksgesten nachgebildet sind, zu erkennen, daß wir uns ihr gegenüber zu einer bestimmten Art des
mit denen sich_Menschen untereinandeT iRre 'sözIale GeTtunglje- wohlwollenden Verhaltens verpflichtet sehen. Daher auch kann der
stätigenTDiese RückvenvIesmhHt^ Ich-Erzähler des Romans von Ellison aus seinem Zustand sozialer
neif ergibt sIcKHaraus, daß nur solche körperlichen Gesten öffent- Unsichtbarkeit schließen, daß diejenigen, die durch ihn »hindurch-
lich die Zustimmung zu artikulieren vermögen, deren Zusatz den schauen«, keinesfalls die Absicht besitzen, ihn wohlwollend oder
Unterschied zwischen Erkennen und Anerkennen ausmacht: nur respektvoll zu behandeln; im Gegenteil, der Wegfall der anerken-
derjenige, der sich im Spiegel der expressiven Verhaltensweisen sei- nenden Gesten soll in diesem Fall signalisieren, daß die betroffene
nes Gegenübers positiv zur Kenntnis genommen sieht, weiß sich in Person sich auf feindliche Handlungen einzustellen hat.
elementarer Form sozial anerkannt. Um so dringlicher wird nun Der Gedanke, daß expressive Akte der Anerkennung eine Meta-
aber die Beantwortung der Frage, wofür denn jene befürwortenden handlung darstellen, läßt sich in einer leicht gewandelten Termino-
Expressionen einstehen, die ich zuvor mit Plessner als »Gleichnisse« logie auch als Hinweis auf die Art der bekundeten Motivation ver-
einer moralischen Handlung bezeichnet habe. stehen: der Aktor bringt in der befürwortenden Geste zum Aus-
druck, daß er die höherstufige (»second order«) Motivation besitzt,
gegenüber dem Adressaten nur solche Impulse und Motive zu reali-
III sieren, die einen wohlwollenden Charakter besitzen.10 Dabei gibt
die Tönung der jeweiligen Geste zumeist schon recht genau zu er-
Natürlich stellen die expressiven Gesten, durch die sich menschliche kennen, von welcher Art die wohlwollende Handlung sein soll: im
Subjekte wechselseitig Anerkennung bekunden, ihrerseits bereits liebevollen Lächeln artikuliert sich die motivationale Bereitschaft zu
eine bestimmte Form des Verhaltens dar: indem wir einer anderen Handlungen der Fürsorge, während im respektvollen Grüßen eher
Person gegenüber ein Lächeln zum Ausdruck bringen oder eine die negative Bereitschaft zum Ausdruck gelangt, auf alle bloß strate-
Willkommensgeste vollziehen, nehmen wir ihr gegenüber Stellung gischen Handlungen Verzicht zu leisten. Damit sind wir in der Lage,
und fuhren insofern eine Handlung aus. Andererseits aber enthält eine Verbindung zum Kantischen Begriff der »Achtung« herzustel-
dieses expressive Verhalten auch den Verweis auf eine Vielzahl an- len, die uns dem moralischen Kern der »Anerkennung« näherbringt.
derer Handlungen, weil es in symbolisch verkürzter Form signali- In einer berühmten Formulierung der »Grundlegung zur Metaphy-
siert, zu welcher Art von Anschlußhandlungen auf seiten des Aktors sik der Sitten« sagt Kant von der »Achtung«, daß sie »die Vorstellung
eine Bereitschaft besteht. In derselben Weise, in der das Lächeln ge- von einem Werte« sei, »der meiner Selbstliebe Abbruch tut«. 11 In-
genüber dem Säugling symbolisch ftir das liebevolle Halten ein- teressant an diesem Satz ist für mich zunächst nur die zweite Hälfte,
steht, bringt die Willkommensgeste unter Erwachsenen zum Aus- während ich auf die erste Hälfte später zu sprechen komme. Die
10 Im folgenden stütze ich mich teilweise auf: ]. David Velleman, »Love as a Moral
9 Niklas Luhmann, Macht, Stuttgart 1975, Kap. IV. Emotion«, in: Ethics, Vol. 109 (1999), S. 338-374.

20 21
Weise, in der Kant im Relativsatz vom Abbruch der »Selbstliebe« re- erkennenden Akt expressiv zum Ausdruck bringen können. Ob je-
det, macht deutlich, daß es hier nicht das Subjekt selber ist, welches mand liebevoll lächelt oder nur respektvoll grüßt, ob jemand em-
sich eine Beschränkung auferlegt; die bewirkende Kraft scheint viel- phatisch die Hand ausstreckt oder wohlwollend mit dem Kopf
mehr der Akt der »Achtung« als solcher zu sein, so daß sich die Un- nickt, jedesmal wird mit der expressiven Äußerung eine andere Art
terdrückung von egozentrischen Neigungen am Subjekt gleichsam von motivationaler Bereitschaft signalisiert, sich auf den Adressaten
mit Notwendigkeit vollzieht. Insofern wäre es auch falsch, von ei- moralisch einzustellen. Der Vielzahl der Gesten entsprechen unter-
nem bloßen Vorsatz der Selbstbeschränkung zu reden, weil doch der schiedliche Werte, die der Interaktionspartner für das Subjekt je-
»Selbstliebe« im Vollzug der »Achtung« faktisch Abbruch getan weils zu repräsentieren vermag: ob der Adressat der Liebe, der Ach-
wird; das Subjekt erwirbt gewissermaßen gleichursprünglich mit tung oder der Solidarität für würdig gehalten wird, sind hier nur er-
der Achtung auch bereits die Motivation, gegenüber dem geachte- ste Hinweise auf das ganze Spektrum von Möglichkeiten, das sich in
ten »Wert« auf alle Handlungen zu verzichten, die einfach das Re- den feinen Unterschieden zwischen den expressiven Gesten der An-
sultat seiner egozentrischen Impulse wären. Diese höherstufige Mo- erkennung auftut. Wiederum mit Kant muß hier jedoch festgehal-
tivation ist es, die eine Brücke zu der Analyse bildet, die ich bislang ten werden, daß alle diese Werte nur evaluative Facetten einer Ei-
in bezug auf den Akt der Anerkennung vorgenommen habe: In den genschaft sein können, die er als die »Intelligibilität« von Personen
expressiven Gesten, die auf einfacher Stufe gewöhnlich Anerken- bezeichnet hat: ob wir einen anderen Menschen als liebenswert, als
nung signalisieren, kommt exakt dieselbe motivationale Bereit- achtenswert oder als solidaritätswürdig betrachten, stets kommt in
schaft zum Ausdruck, die Kant als »Abbruch« von Selbstliebe be- dem erfahrenen Wert nur ein anderer Aspekt dessen zur Geltung,
schreibt. An der Kantischen Formulierung wird sogar noch deutli- was es heißt, daß Menschen ihr Leben in rationaler Selbstbestim-
cher erkennbar, was mit jener moralischen Seite der Anerkennung mung vollziehen müssen. Bezieht sich diese »Vorstellung von einem
gemeint sein soll, die ich bislang mit Begriffen wie »Bestätigung«, Wert« das eine Mal stärker auf die Weise der biographischen Le-
»Befürwortung« oder »Geltenlassen« bezeichnet habe: Im anerken- bensbewältigung (Liebe), das andere Mal stärker auf die Art des
nenden Subjekt vollzieht sich eine Dezentrierung, weil es einem an- praktischen Engagements (Solidarität), so gilt sie im Fall der Ach-
deren Subjekt einen Wert einräumt, der die Quelle von legitimen tung der Tatsache selber, daß Menschen zur reflexiven Orientierung
Ansprüchen ist, die der eigenen Selbstliebe Abbruch tun. »Bestä- an Gründen keine Alternative haben; insofern auch ist jene letzte
tigen« oder »Befürworten« heißt also, den Adressaten mit der mora- Einstellung nicht weiter graduierbar, während die beiden anderen
lischen Autorität auszustatten, insoweit über die eigene Person zu Formen der Anerkennung viele Stufen der Steigerung erlauben.12
verfügen, als man sich selber zur Ausführung oder Unterlassung be- Mit dieser Erörterung sind wir immerhin zu einem Zwischenre-
stimmter Klassen von Handlungen verpflichtet weiß. Allerdings sümee in der Lage, das uns eine Antwort auf die Frage erlaubt, wofür
darf auch diese Formulierung nicht verdecken, daß das Sichver- die expressiven Äußerungen der Anerkennung einstehen sollen.
pflichtenlassen hier zugleich eine Art der freiwilligen Motivierung Von den Gebärden und Gesten, mit deren Hilfe sich Menschen in
darstellt: indem ich jemanden anerkenne und ihm in dem Sinn eine direkter Kommunikation Anerkennung bekunden, haben wir bis-
moralische Autorität über mich einräume, bin ich gleichursprüng- lang gesehen, daß sie nicht einfach der Bekräftigung einer identifi-
lich schon dazu motiviert, ihn zukünftig seinem Wert gemäß zu be- zierenden Erkenntnis dienen können; denn der Signalcharakter,
handeln.
Ist mit dieser Charakterisierung die moralische Gemeinsamkeit 12 Stephen L. Darwall, »Two Kinds of Respect«, in: Ethics, Vol. 88 (1977), S. 36ft Die
soeben angestellten Überlegungen sind natürlich nur erste Andeutungen, die die
aller direkten Formen von Anerkennung umrissen, so zeigerf sich
Richtung zu erkennen geben sollen, in der ich heute meine ursprüngliche Dreitei-
Unterschiede freilich bereits an der Vielzahl von Gesten, die den an- lung der Anerkennung (Axel Honneth, Kampf um Anerkennung, Frankfurt a. M.
II Immanuel Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, BA, S. 15/16 (Anmer- 1992, Kap. 5) weiterentwickeln würde, indem ich sie auf verschiedene Aspekte der
kung). intelligiblen Freiheit des Menschen beziehe.

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den solche Expressionen besitzen, geht insofern weit über bloße Exi- kation; was im Anerkennen geschieht, ist vielmehr die expressive
stenz- oder Eigenschaftsbehauptungen hinaus, als sie die motivatio- (und daher öffentlich zugängliche) Bekundung einer Wertschät-
nale Bereitschaft demonstrieren, sich gegenüber dem Anderen auf zung, die den intelligiblen Eigenschaften von Personen gilt. Wenn
wohlwollende Handlungen zu beschränken. Es ist diese motivatio- diese Wertschätzung ihrerseits nun aber nur als eine besondere Art
nale Bereitschaft, von der wir im Rückgriff auf Kant nun sehen kön- von Erkenntnis begriffen werden könnte, dann müßte auch jene
nen, daß sie das Ergebnis einer Wertschätzung ist, die den intelli- Entgegensetzung von Erkennen und Anerkennen noch einmal revi-
giblen Eigenschaften menschlicher Wesen gilt: in den expressiven diert werden, die bislang den Leitfaden meiner Argumentation ab-
Gesten der Anerkennung kommt zum Ausdruck, daß ein Subjekt gegeben hat.
faktisch bereits eine Einschränkung seiner egozentrischen Perspek- Den Schlüssel für eine Antwort liefert hier wiederum das expres-
tive vollzogen hat, um dem Wert der anderen Person als intelli- sive Verhalten, mit der Bezugspersonen auf das hilfsbedürftige
giblem Wesen gerecht zu werden.13 Insofern fällt die Moral in einem Kleinkind reagieren. Es ist bis heute nicht ganz klar, bis zu welchem
gewissen Sinn sogar mit der Anerkennung zusammen, weil die Ein- Anteil dieses mimische Verhaltensrepertoire der Erwachsenen ein
nahme einer moralischen Einstellung nur möglich ist, wenn dem naturgeschichtliches Erbe oder ein Produkt kultureller Sozialisation
Anderen ein unbedingter Wert zugebilligt wird, an dem das eigene ist; auf jeden Fall gilt aber, daß das dem Säugling dargebotene
Verhalten kontrolliert werden soll; und jene Form von sozialer Un- Lächeln insofern geradezu reflexhaft ist, als es nicht den Umweg
sichtbarkeit, von der Ralph Ellison berichtet, stellt eine Spielart mo- über eine irgendwie geartete Überzeugung nimmt, der zufolge es
ralischer Mißachtung dar, weil durch den Wegfall anerkennender sich bei dem Gegenüber um ein hilfsbedürftiges Kleinkind handelt.
Gesten hier demonstriert werden soll, daß dem Ich-Erzähler nicht Diese Erwachsenen schreiben weder dem Säugling bestimmte Ei-
wie anderen Menschen der Wert einer »intelligiblen« Person zu- genschaften der Hilfsbedürftigkeit zu, noch operieren sie auf der Ba-
kommt. sis eines Wissens um seinen Zustand; was sie in ihrem Lächeln tun,
Allerdings wirft diese Auflösung nun ein weiteres Problem auf, läßt sich vielmehr am besten wohl in der Formulierung fassen, daß
das uns zu jener Unterscheidung von »Erkennen« und »Anerken- sie ihrer Wahrnehmung selber direkt Ausdruck verleihen. Nun ist es
nen« zurückfuhrt, mit der wir bei der Erörterung der »Unsichtbar- nicht ganz leicht, diese Wahrnehmung ihrerseits bereits als eine
keit« begonnen hatten; denn es ist auch bei Kant alles andere als klar, Form der Wertschätzung zu beschreiben, weil nicht ganz klar ist, ob
wie wir uns jene »Vorstellung« vom Wert einer Person erklären sol- sie überhaupt das Produkt einer kulturellen Sozialisation ist; in dem
len, die er als Voraussetzung aller Achtung betrachtet: ist eine solche Maße aber, in dem sich jenes Lächeln von seinen naturgeschichdi-
Vorstellung das Ergebnis einer bloßen Zuschreibung, oder stellt sie chen Wurzeln löst und dementsprechend freier verfügbar wird, muß
eine Form der Erkenntnis, ja der Wahrnehmung dar? Bislang habe es wohl als Ausdruck einer Wahrnehmung aufgefaßt werden, in der
ich so argumentiert, daß die Anerkennung nicht als bloßer Aus- der Säugling direkt als ein liebenswertes Geschöpf erfaßt wird. Die
druck einer Erkenntnis aufgefaßt werden darf, weil sie normativ frühe Form von Anerkennung, die Bezugspersonen dem Kleinkind
mehr enthält als die Bekräftigung einer individuierenden Identifi- durch ihr expressives Verhalten entgegenbringen, ist Ausdruck einer
Wahrnehmung von Eigenschaften, die symbolisch auf die Zukunft
13 Das schließt nicht aus, daß solche expressiven Gesten auch instrumentell einge- einer intelligiblen Person verweisen; und das erste Lächeln, mit der
setzt werden können, um wohlwollende Anschlußhandlungen zum Beispiel nur das Kleinkind nach wenigen Monaten auf den Gesichtsausdruck
vorzutäuschen; aber in der Verbitterung oder Empörung, die eine derartige Täu-
der Bezugsperson reagiert, markiert den Augenblick, in dem sich
schung bei dem Betroffenen (oder den teilnehmenden Beobachtern) auslöst,
kommt meines Erachtens zum Ausdruck, daß es sich um einen Verstoß gegen die
ihm diese Welt werthafter Eigenschaften zum erstenmal erschlossen
in der zweiten Natur unserer Lebenswelt eingebaute Grammatik der gestischen hat.14
Kommunikation handelt. Für die Klärung dieses Problems bin ich Matthias Vogel
14 Vgl.ReneA.Spitz/U.M.Wolf,»TheSmilingResponse:AContributiontotheOnto-
dankbar.
genesis of Social Relations«, in: Genetic Psychology Monoprints, 1946, 34, S. 57-125.

102 25
Mit diesem erneuten Rekurs auf die Säuglingsforschung ist ne- die jeder Erwachsene bei gelungener Sozialisation normalerweise
ben die individuierende Identifikation, die wir bislang als Paradig- verfügt, so hat das weitreichende Konsequenzen für das Verhältnis
ma von Wahrnehmung kennengelernt haben, eine andere Form von von Erkennen und Anerkennen. Der Akt der Anerkennung ist, so
Wahrnehmung getreten, die stark evaluative Züge trägt. An der hatten wir bislang gesehen, die expressive Bekundung einer indivi-
Weise, in der Erwachsene ihre Kinder wahrnehmen, wird klar, daß duellen Dezentrierung, die wir angesichts des Wertes einer Person
die menschliche Wahrnehmung normativ nicht so neutral sein vollziehen: Wir geben durch die entsprechenden Gesten und Ge-
muß, wie es der Begriff der individuierenden Erkenntnis nahelegt: bärden öffentlich zu erkennen, daß wir jener anderen Person auf-
Die Eigenschaften, die im Zusammenhang der gestischen Kommu- grund ihres Wertes eine moralische Autorität über uns einräumen,
nikation zwischen Bezugsperson und Kind wahrgenommen wer- an der sich die Realisierung unserer spontanen Impulse und Nei-
den, sind nicht kognitive Wegweiser einer Identifizierung, sondern gungen begrenzt. Sobald wir nun aber einsehen, daß diese Erfah-
symbolische Repräsentationen von Werten, die auf die Freiheit in- rung des Wertes einer Person die Form einer Wahrnehmung besitzt,
telligibler Wesen verweisen. Zumindest in diesem Fall muß daher die mit dem reaktiven Lächeln des Kleinkindes einsetzt, scheint die
das Verhältnis von Erkennen und Anerkennen ein wenig anders be- bloß kognitive Identifikation eines Menschen ihren geradezu natür-
stimmt werden, als ich es im Ausgang von der »Sichtbarkeit« bislang lichen Vorrang vor der Anerkennung zu verlieren; zumindest gene-
getan habe: zwar stellt die Anerkennung in der Tat nicht die expres- tisch geht die Anerkennung dem Erkennen insofern voraus, als der
sive Bekundung der kognitiven Identifikation eines Menschen dar, Säugling im Gesichtsausdruck zunächst die werthaften Eigenschaf-
aber sie ist doch der Ausdruck einer evaluativen Wahrnehmung, in ten von Personen erschließt, bevor er zu einem desinteressierten Er-
der der Wert von Personen »direkt« gegeben ist. Ich sehe nun keinen fassen seiner Umwelt in der Lage ist. Was aber für das Kleinkind gilt,
Grund, den Sonderfall der frühkindlichen Sozialisation nicht auf hat bei Erwachsenen nicht etwa an grundlegender Bedeutung ver-
die soziale Welt im ganzen zu übertragen und damit eine solche loren: auch wir nehmen im Rahmen sozialer Interaktionen am An-
Form der evaluativen Wahrnehmung auch für die Interaktion unter deren gemeinhin zunächst die werthaften Eigenschaften der intelli-
Erwachsenen zu behaupten.15 Auf dem Weg einer Differenzierung giblen Person wahr, so daß die bloß kognitive Identifikation eines
des Wahrnehmens, mit der der heranwachsende Mensch ursprüng- Menschen den Sonderfall der Neutralisierung einer ursprünglichen
lich im Gesichtsausdruck seiner Bezugspersonen einen Spiegel der Anerkennung darstellt. Der Vorrangigkeit der Anerkennung ent-
eigenen intelligiblen Potentiale erblickt,16 lernt er an seinen Interak- spricht in unserer sozialen Lebensform der herausgehobene Stellen-
tionspartnern unterschiedliche Werte zu erschließen, die stets Fa- wert jener Gesten und Gebärden, mit denen wir uns untereinander
cetten ihrer intelligiblen Natur sind; am Ende verfugt der Erwach- im allgemeinen die motivationale Bereitschaft bekunden, unser
sene im Rahmen des evaluativen Vokabulars seiner Lebenswelt über Handeln an der moralischen Autorität des Anderen zu orientieren.
eine Reihe von Möglichkeiten, den »Wert« einer Person wahrzu- Insofern ist die soziale Unsichtbarkeit, unter der der Protagonist des
nehmen, wobei die im menschlichen Gesicht gegebene Tatsache der Romans von Ralph Ellison leidet, das Resultat einer Deformation
Intelligibilität durchgängig die elementare Schicht bleiben wird. jener menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit, an die Anerkennung
Wenn das, was Kant als die »Vorstellung von einem Wert« be- gebunden ist - oder, wie der Autor sagt, »die Folge einer eigenarti-
zeichnet, die Form von evaluativen Wahrnehmungen besitzt, über gen Anlage der Augen derer, mit denen ich in Berührung komme,
des Baus ihrer inneren Augen, jener Augen, mit denen sie durch ihr
15 Vgl. exemplarisch: Cora Diamond, »Eating Meat and Eating People«, in: dies., The körperliches Auge die Wirklichkeit sehen«.17
Realistic Spirit. Wittgenstein, Philosophy, and the Mind, Cambridge, Mass. 1990, S.
319-334-
16 Vgl. Donald Winnicott, »Die Spiegelfunktion von Mutter und Familie in der
kindlichen Entwicklung«, in: ders., Vom Spiel zur Kreativität, Stuttgart 1974, S.
128-135. 17 Ralph Ellison, Der unsichtbare Mann, a.a.O., S. 7 (kursiv im Original).

102 26
Die transzendentale Notwendigkeit ment war, auch wenn es Zugang zu einem Begriff der menschlichen
von Intersubjektivität Gemeinschaft bahnen sollte, ohne weiteres mit den Prämissen der
Zum Zweiten Lehrsatz Wissenschaftslehre vereinbar, da die Existenz anderer Vernunft-
wesen doch nur als notwendige Projektion eines nach Vervoll-
in Fichtes Naturrechtsabhandlung
kommnung strebenden Selbstbewußtseins aufgefaßt wurde. Dem-
gegenüber stellt der 3. Paragraph der Naturrechtsschrift, in dem
»In Fichtes Philosophie schleicht Fichte seinen Zweiten Lehrsatz begründet und erläutert, ein ganz
sich denn doch etwas ein, was anderes, ja ungleich radikaleres Argument in Aussicht; jetzt soll
nicht Ich ist, noch aus dem Ich nämlich offenbar gezeigt werden, daß ein endliches Subjekt nur
kommt, und doch auch nicht dann ein Bewußtsein seiner selbst als freies Vernunftwesen zu erlan-
bloss Nicht Ich ist.« gen vermag, wenn es »von außen« durch ein ebensolches Vernunft-
Friedrich Schlegel wesen zur Freiheit »aufgefordert« wird. Hier, in dieser Lehre von der
Schon seit geraumer Zeit stößt der Zweite Lehrsatz jener Schrift, in »Aufforderung«, so scheint es, behandelt Fichte die Intersubjekti-
der Fichte im Jahr 1796 die »Grundlage des Naturrechts nach Prin- vität nicht länger als notwendige Projektion, sondern umgekehrt als
cipien der Wissenschaftslehre« zu begründen versucht hat, auf ein transzendentale Bedingung der dialektischen Konstitution von
wachsendes Interesse unter philosophischen Fachgelehrten, die sich Selbstbewußtsein; und in dieser intersubjektivitätstheoretischen
mit dem Verhältnis von Subjektivität und Intersubjektivität be- Fassung hat der Zweite Grundsatz der Schrift Fichtes bis heute als
schäftigen; denn in dem entsprechenden Kapitel seiner Abhand- ein Sprengsatz innerhalb seiner Philosophie fortgewirkt, ist das eine
lung, dem Paragraphen 3, scheint Fichte mit dem Ziel einer Deduk- Mal als wegbereitendes Element für die Anerkennungstheorie He-
tion des Rechtsbegriffs zum erstenmal den monologischen Rahmen gels gedeutet worden,3 hat das andere Mal Vergleiche mit der Dia-
seiner früheren Wissenschaftslehre gesprengt zu haben, indem er die logphilosophie unseres Jahrhunderts wachgerufen4 und wird heute
transzendentale Möglichkeit von Selbstbewußtsein an die intersub- gar in Nachbarschaft zur Ethik von Emmanuel Levinas gerückt.5
jektive Voraussetzung der »Aufforderung« durch ein anderes Sub-
jekt bindet. Zwar war schon im zweiten Teil der 1794 gehaltenen Bevor allerdings der weiterreichenden Frage nachgegangen werden
Vorlesungen über die »Bestimmung des Gelehrten« von der Not- kann, welche spezifische Gestalt von Intersubjektivität Fichte im
wendigkeit die Rede gewesen, mit der der Mensch sich zu der An- entscheidenden Kapitel seiner Naturrechtsabhandlung vor Augen
nahme genötigt sieht, »dass vernünftige Wesen seines Gleichen aus- gestanden haben mag, muß zuvor Aufgabe und Gang seiner Argu-
ser ihm gegeben seyen« (Fichte 1971, Bd. VI, 304);1 aber was hier das mentation im einzelnen geprüft werden; denn es ist bei genauerer
einzelne Subjekt zu dieser Unterstellung zwingen sollte, war nicht Betrachtung gar nicht klar, ob Fichte mit der Lehre von der »Auf-
etwa ein Erfordernis der Erfahrung des Selbstbewußtseins, sondern forderung« tatsächlich schon eine intersubjektivitätstheoretische
der sittliche Trieb, in der äußeren Wirklichkeit auch ein »Gegen- Wende vollzogen hat, in deren Konsequenz dann die monologi-
bild« der eigenen Vernünftigkeit anzunehmen.2 Ein solches Argu- schen Prämissen seiner frühen Wissenschaftslehre zumindest in
Zweifel gezogen wären. So legt nämlich der Wortlaut des Zweiten
1 J . G . Fichte, Grundlage des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre, ütiett
nach: Fichtes Werke, herausgegeben von Immanuel Hermann Fichte 1845/46; 3 Vgl. Ludwig Siep, Anerkennung als Prinzip der praktischen Philosophie, Frei-
Neudruck Berlin 1971, Bd. III, S. 1-385, hier: S. 304. Alle Seitenangaben im Text burg/München 1979,1,i; Andreas Wildt, Autonomie und Anerkennung, Hegels Mo-
beziehen sich auf dieses Werk.
ralitätskritik im Lichte seiner Fichte-Rezeption, Stuttgart 1982, II.
2 Vgl. Peter Baumanns, Fichtes ursprüngliches System. Sein Standort zwischen Kant 4 Vgl. W. Weischedel, Der frühe Fichte, a.a.O.
und Hegel, Stuttgart 1972, S. 175 ff.; W. Weischedel, Der frühe Fichte, Stuttgart 1973, 5 Vgl. Robert R. Williams, Recognition. Fichte and Hegel on the Other, Albany, New
S. 14 ff. York 1992, S. 67, Fn. 43.
28
29
Lehrsatzes selber, wie er sich in der Überschrift des 3. Paragraphen Fichte mit diesem Ansatz in rechtsphilosophischer Hinsicht zu-
findet, eher die entgegengesetzte Vermutung nahe, daß auch hier stande brachte, kann hier nicht näher eingegangen werden;7 festzu-
wieder die vernünftige Tätigkeit anderer Wesen als etwas gedacht halten bleibt zunächst nur, daß seiner Schrift methodisch die Ab-
wird, dessen Existenz das endliche Subjekt im Prozeß der KDtist;il.U- sicht zugrunde liegt, das individuelle Bewußtsein von Rechten als
tTan--yeTnes~Sdbsfbewüßtseins voraussetzen, also gewissermaßen eine der Bedingungen zu erweisen, unter denen allein ein Subjekt
pro^efatV-meOgm,,niugr-C^"feffdliche Vernunftwesen k£m~eiine zu einem Bewußtsein seiner eigenen Subjektivität gelangen kann.
Trele Wirksämkeif in der Sinnenwelt sich selber nich^zussbieihexi.«, Im Unterschied zur Wissenschaftslehre freilich, so betont Fichte so-
gleich in seiner Einleitung (8), darf eine solche Rechtslehre sich
gumenEH^Are^^ Seiten nicht einfach an den transzendentalen Voraussetzungen interessiert
enthält dann freilich eine Vielzahl von Stellen, die die »Aufforde- zeigen, unter denen ein als absolut gedachtes, allgemeines Ich sich
rung« unzweideutig als einen intersubjektiven Akt darstellen, der seiner subjektiven Vernünftigkeit bewußt zu werden vermag; viel-
prinzipiell der Verfügung des sich spontan erzeugenden Subjekts mehr bedarf es hier, auf einem Gebiet also, in dem es um das
entzogen ist und mithin eine externe Bedingung seines Selbstbe- menschliche Zusammenleben geht, einer Veränderung der Blick-
wußtseins ausmacht. Um zwischen den damit umrissenen Deu- richtung insofern, als nun das »Individuum, als Eins unter mehre-
tungsalternativen entscheiden zu können, die der Text gleicher- ren vernünftigen Wesen« (8), ins Zentrum rückt. Mithin ist das
maßen anzubieten scheint und zwischen denen die Fichte-For- Subjekt, dessen Selbstbewußtsein in der »Grundlage des Natur-
schung bis heute schwankt, ist es sinnvoll, sich zunächst der Aufgabe rechts« mit Hilfe einer transzendentalen Deduktion erklärt werden
zu erinnern, die der 3. Paragraph im argumentativen Aufbau der Na- soll, von Anfang an ein individualisiertes Wesen, zu dessen Ver-
turrechtsabhandlung zu erfüllen hat; von hier aus wird sich dann nünftigkeit auch ein Bewußtsein der eigenen Begrenztheit oder
nämlich erweisen, daß nur die zweite, also intersubjektivitätstheo- Endlichkeit gehört; nicht all das am Nicht-Ich oder Anderen, was
retische Deutungsalternative die Gewähr bietet, aus Fichtes Überle- sich das Ich der »Wissenschaftslehre« nach Vollzug entsprechender
gungen einen konsistenten Gedankengang zu rekonstruieren. Ist Denk- und Willenshandlungen noch als Produkt der eigenen
das gezeigt, so läßt sich in einem zweiten Schritt dann prüfen, wie Spontaneität zurechnen durfte, darf auch dieses vernünftige Sub-
stichhaltig Fichtes Einführung von Intersubjektivität im einzelnen jekt als selbstgesetzte Objektivationen begreifen können, weil an-
ist. sonsten die Bedingungen seiner Individualität, die Koexistenz ne-
ben anderen, unabhängigen Wesen, zerstört wären. So zeichnet sich
als Programm der Naturrechtsschrift schon in der Einleitung eine
I Aufgabe ab, die nach der treffenden Charakterisierung von Frede-
rick Neuhouser zunächst paradox anmutende Züge trägt: mit Hilfe
Nicht zufällig hat Fichte dem Titel seiner Schrift, der eine Untersu- des Rechtsbegriffs nämlich zu erklären, wie die Beziehung eines
chung über die »Grundlage des Naturrechts« ankündigt, den Zu- endlichen Subjekts zur unabhängigen Welt so beschaffen sein kann,
satz »nach Principien der Wissenschaftslehre« hinzugefügt; seine
Absicht war es nämlich, das zuvor entwickelte Verfahren einer rechts««, in: ders., Praktische Philosophie im Deutschen Idealismus, Frankfurt a M .
transzendentalen Deduktion von notwendigen Bedingungen des 1992, S. 41-64; Wolfgang Kersting, »Die Unabhängigkeit des Rechts von der Mo-
ral«, in: Jean-Christophe Merle (Hg.), ]. G. Fichtes »Grundlage des Naturrechts«,
Selbstbewußtseins bis zu dem Punkt hin zur Anwendung zu brin-
(Klassiker Auslegen), Berlin 2001, S. 21-38.
gen, an dem sich als eine solche Bedingung das individuelle Rechts- 7 Einen guten Überblick über die Folgewirkungen des Textes in der Rechtsphiloso-
bewußtsein abzeichnet.6 Auf die bahnbrechenden Neuerungen, die phie bietet: Kahlo, M./Wolff, E.A./Zaczyk, R. (Hg.), Fichtes Lehre vom Rechtsver-
hältnis. Die Deduktion der §§ 1-4 der Grundlage des Naturrechts und ihre Stellung in
6 Vgl. Ludwig Siep, »Einheit und Methode von Fichtes >Grundlage des Natur- der Rechtsphilosophie, Frankfurt a. M. 1992.

30 31
daß dabei dessen Endlichkeit mit seiner zentralen Eigenschaft einer Bedingung besteht, daß nur vom Bewußtsein raumzeitlich existie-
Freiheit durch Selbstsetzung vereinbar wird.8 render, empirischer Personen die Rede ist: damit ein solches Wesen
Natürlich kann für Fichte, nachdem er gegenüber der Wissen- zu einem Bewußtsein der eigenen Subjektivität gelangen kann, muß
schaftslehre bereits den Objektbereich seiner transzendentalen Er- es sich selbst als ein Subjekt »setzen« können, das zur »freien Wirk-
klärung verändert hat, auch die Methode in seiner Rechtslehre nicht samkeit« in einer zugleich begrenzenden Welt in der Lage ist; mit
ganz dieselbe bleiben. Während es zuvor die Aufgabe war, aus der »freier Wirksamkeit« ist dabei die Fähigkeit gemeint, nach selbstge-
Sicht des allgemein gedachten Ich die spontanen Denk- und Wil- setzten Zwecken tätig werden zu wollen, während die zusätzliche
lenshandlungen nachzuvollziehen, unter deren Bedingung es selbst Bestimmung, daß diese zweckgeleitete Tätigkeit zugleich unter Vor-
zu einem Bewußtsein der eigenen Subjektivität gelangen kann, tut aussetzung einer begrenzenden Welt stattzufinden hat, aus der Ei-
sich nun zwischen dem zu analysierenden Bewußtsein und dem phi- genschaft des thematisierten Subjekts als einem endlichen Wesen re-
losophischen Blickwinkel eine gewisse Kluft auf: weil es sich im sultiert. Fichte zeigt im ersten Schritt seiner Argumentation nun
Kontext der Rechtslehre nämlich um endliche, individualisierte auf, daß zu einer derartigen Selbstzuschreibung ein menschliches
Subjekte handeln soll, die Thema der transzendentalen Deduktion Individuum dann nicht in der Lage ist, wenn es sich primär als ein
sind, muß der spekulative Philosoph hier gleichsam von oben auf- epistemisches Subjekt begreift; denn in der Vorstellung, sich bloß
zeigen, durch welche »Handlungsweisen« jene Wesen ein Bewußt- kognitiv oder theoretisch auf die Welt zu beziehen, begibt sich jenes
sein ihrer eigenen Subjektivität erlangen.9 Durch diesen methodi- Individuum so stark in Abhängigkeit von einer als objektiv gedach-
schen Perspektivenwechsel entstehen selbstverständlich eine Reihe ten Wirklichkeit, daß es zur Tätigkeit nach selbstgesetzten Zwecken
von Fragen, die das Verhältnis der Rechtslehre Fichtes zu seiner nicht fähig ist (18/19). Fichte beeilt sich natürlich hervorzuheben,
frühen Wissenschaftslehre im ganzen betreffen; und ein nicht ge- daß nur aus der Sicht des endlichen Subjekts die äußere Wirklich-
ringer Teil der Probleme, die mit der Stellung von Intersubjektivität keit den Charakter einer unabhängigen Welt besitzt, während der
im Ansatz seiner umfassenden Konzeption von Selbstbewußtsein zuschauende Philosoph von ihr doch weiß, daß sie ebenfalls letztlich
zusammenhängen, ergeben sich aus der schwer zu klärenden Bezie- die Hervorbringung eines spontan tätigen Ichs ist (18); auch hier
hung, in der die beiden Entwürfe einer transzendentalen Dedukti- wird mithin wieder deutlich, wie entscheidend für die gesamte Ar-
on zueinander stehen. Aber die Unterscheidung von philosophi- gumentation in der Naturrechtsschrift die Unterscheidung der bei-
schem Wissen und zu thematisierendem Bewußtsein erlaubt nun den Perspektiven ist.
immerhin, in wenigen Worten wiederzugeben, wie Fichte sich die Aus dem zentralen Defizit der bloß theoretischen Haltung oder
Konstitution des Selbstbewußtseins endlicher Subjekte bis zum der »Weltanschauung« (18) ergibt sich nun bereits indirekt, wie das
Einsatzpunkt der »Aufforderung« denkt. Ergebnis des nächsten Schritts in der Argumentation Fichtes be-
Die erste Forderung, die aus der Sicht des wissenden Philosophen schaffen sein muß. Wenn das menschliche Individuum zu einem
an das endliche Subjekt ergehen muß, damit es zu Selbstbewußtsein Bewußtsein der eigenen Subjektivität nicht in der Lage ist, solange
gelangen kann, formuliert Fichte im Ersten Lehrsatz seiner Schrift. es sich allein als ein kognitives Wesen gegenüber der Welt begreift,
Im wesentlichen findet sich darin ein Gedankengang wiedergege- kann nur eine entschiedene Wendung in ein praktisches Selbstver-
ben, der bereits aus der frühen Wissenschaftslehre vertraut ist, auch hältnis zu dem geforderten Resultat fuhren; dementsprechend for-
wenn ein markanter Unterschied hier doch in der einschränkenden muliert Fichte, daß nur »eine freie Selbstbestimmung zur Wirksam-
keit« (19) genau die Eigenschaften aufweist, die die Beziehung des
8 Vgl. Frederick Neuhouser, »The efficiacy of the rational being«, in: Jean-Christo- endlichen Subjekts zur Wirklichkeit erfüllen können muß, um es
phe Merle (Hg.), /. G. Fichtes »Grundlage des Naturrechts«, (»Klassiker Auslegen«),
zum Bewußtsein der eigenen Subjektivität gelangen zu lassen. Kla-
Berlin 2001, S. 39-50.
rer wird die damit umrissene These, wenn genauer gefragt wird, wel-
9 Vgl. Ludwig Siep, »Einheit und Methode von Fichtes >Grundlage des Natur-
rechts<«, in: ders., Praktische Philosophie im Deutschen Idealismus, a.a.O., S. 42 f. che Bewußtseinsakte für Fichte mit der »freien Selbstbestimmung

102 33
zur Wirksamkeit« intern verknüpft sind. Zunächst enthält ein sol- Beantwortung dieser Frage hängt für Fichte mit den Problemen
cher Akt der »freien Selbstbestimmung« eine praktisch gerichtete zusammen, die sich aus der bislang nicht weiter thematisierten Un-
Zwecksetzung in dem Sinn, daß das Subjekt einen allgemeinen Be- terstellung ergeben, daß ein Individuum sich im Augenblick des
griff seiner potentiellen Wirksamkeit in der Wirklichkeit bilden Entschlusses zum Wirkenwollen zeitgleich überhaupt erst als freies
können muß; denn, so setzt Fichte voraus, um praktisch tätig wer- Subjekt soll wahrnehmen und damit zu Selbstbewußtsein gelangen
den zu wollen, muß ich Ziele vorausentworfen haben, die mögliche können: denn wie soll es möglich sein, daß ein Individuum sich
Punkte meines Eingriffs in die Welt markieren. Es ist nach Fichte spontan zur Setzung eines praktisch folgenreichen Zweckes ent-
erst dieser Akt einer Zwecksetzung als »Wirkenwollen«, durch den schließt, wenn es andererseits seines eigenen Charakters als eines
sich ein Subjekt seiner selbstautorisierten Freiheit bewußt werden selbstbestimmenden, freien Wesens noch gar nicht bewußt sein
kann; »nur im Wollen«, so heißt es dementsprechend in den kann; und wie soll vorgestellt werden können, daß ein Individuum
»Corollaria« zu demselben Paragraphen, nimmt ein vernünftiges sich im Vollzug einer Zwecksetzung auf diese eigene Aktivität
Wesen sich »unmittelbar« wahr (20). Auf der anderen Seite aber selbst zurückwendet, ohne dabei deren spontanen Vollzugscharak-
muß in jeder individuellen Zwecksetzung, da sie doch auf prakti- ter zu zerstören und sich so als Quelle von zweckbildender Spon-
sche Veränderungen in der Welt zielt, auch ein »vorstellendes« Be- taneität aus den Augen zu verlieren? Es sind Paradoxien solcher
wußtsein von der Beschaffenheit der Wirklichkeit hineinspielen; es Art, die Fichte im Fortgang seiner transzendentalen Deduktion zur
ist geradezu so, wie Fichte sagt, daß unter der Direktive des selbst- Behauptung jener überraschenden These bewegen, die den Kern
bestimmten Wirkenwollens an der Welt »Objekte« hervortreten, die seines Zweiten Lehrsatzes ausmacht: danach sollen sich die Zirkel,
zunächst als unabhängige Hindernisse der individuellen Absichten in die der Philosoph sich verstricken würde, wenn er die Bedin-
gelten müssen, bevor sie durch Tätigkeit aufgehoben werden kön- gungen des Selbstbewußtseins endlicher Subjekte allein aus der
nen (19). Insofern geht mit der »freien Selbstbestimmung zur Wirk- bislang umrissenen Bewußtseinshaltung deduzieren wollte, mit
samkeit« die doppelte Erfahrung zugleich der gründenden Freiheit Hilfe der Annahme einer intersubjektiven »Aufforderung« vermei-
des Ich als auch seiner endlichen Abhängigkeit von der Welt einher: den lassen.
in der praktischen Zwecksetzung, im »Wirkenwollen«, bringt das
endliche Individuum sich als ein Subjekt zu Bewußtsein, das zur
Selbstbestimmung deswegen in der Lage ist, weil es die unabhängig II
vorgestellte Wirklichkeit den selbstgesetzten Zielen tätig zu unter-
werfen weiß. Zu den theoretischen Überraschungen, die Fichtes Darlegung und
Nun läßt der Text bis an diese Stelle keinerlei Zweifel daran, daß Begründung des Zweiten Lehrsatzes in Fülle bereithält, gehören vor
die soeben umrissene Bewußtseinshaltung bislang nur als For- allem zwei Einsichten, die mit den philosophischen Prämissen sei-
derung an das endliche Subjekt ergeht; nichts anderes will Fichte ner frühen Wissenschaftslehre nicht ohne weiteres vereinbar sind.
sagen, als daß ein Individuum nur dann zu einem Bewußtsein sei- Stärker als an irgendeiner anderen Stelle seines Werkes macht Fich-
ner eigenen, endlichen Subjektivität gelangen kann, wenn es sich te hier zum einen mit aller wünschenswerten Klarheit deutlich, daß
im Augenblick einer praktischen Zwecksetzung als zugleich abso- eine transzendentale Deduktion des individuellen Selbstbewußt-
lutes und beschränktes Ich wahrzunehmen vermag. Dementspre- seins dann in Paradoxien geraten muß, wenn sie an das Verhältnis
chend ist im Rahmen der transzendentalen Deduktion noch unge- der einsamen Reflexion gebunden bleibt; und im Rahmen seines
klärt, wie ein individuelles Subjekt auch tatsächlich zu jener Art Vorschlags einer Auflösung der dargestellten Paradoxien führt Fich-
von praktischer Selbstbeziehung gelangen kann, in der es sich in te zweitens mit der »Aufforderung« ein Faktum ein, das den Cha-
seiner spontanen Aktivität zugleich als Initiator einer Zweckset- rakter eines raumzeitlichen Ereignisses besitzt und insofern das Ver-
zung zu begreifen vermag. Eine besondere Schwierigkeit bei der fahren der transzendentalen Deduktion auf irritierende Weise mit
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etwas »Empirischem« auflädt.10 Allerdings läßt sich die Frage, ob es Wir finden keinen möglichen Punkt, in welchem wir den Faden des
sich bei der »Aufforderung« tatsächlich um eine Art von empirischer Selbstbewußtseyns, durch den alles Bewußtseyn erst möglich wird,
Transzendentalie handeln soll, erst dann angemessen entscheiden, anknüpfen könnten, und unsere Aufgabe ist sonach nicht gelöst.«
wenn zuvor der von Fichte vermutete Zirkel näher untersucht wird. (31)
Fichte stellt den Zirkel,, aus dem der Zweite Lehrsatz heraus- Was Fichte hier in Form eines unendlichen Regresses wiedergibt,
fuhren soll, in denselben Kategorien einer zeitlichen Nachträglich- läßt sich in Loslösung von seinen eigenen Worten auch in Gestalt ei-
keit dar, in denen im Anschluß an die Frühromantik auch später im- ner Aporie darlegen, in die eine jede Erklärung von Selbstbewußt-
mer wieder über Paradoxien einer transzendentalphilosophischen sein geraten muß, die sich des Modells der selbstbezüglichen Refle-
Konzeption des Selbstbewußtseins nachgedacht worden ist." Nur xion bedient: Wenn jener Akt, durch den das endliche Subjekt zu
dann, so hat Fichte die Ergebnisse seiner bisherigen Überlegungen Selbstbewußtsein gelangen soll, als zeitgleiche Reflexion der eige-
zusammenfassen können, vermag ein endliches Subjekt zu Selbst- nen, spontanen Selbsttätigkeit vorgestellt wird, dann verliert im
bewußtsein zu gelangen, wenn es sich in einem ursprünglichen Akt Vollzug einer solchen bewußten Vergewisserung die Subjektivität
der Zwecksetzung als zugleich wirksam auf ein Objekt als auch ihren Freiheitscharakter und wird in einen Gegenstand verwandelt,
durch dasselbe bestimmt erfahren kann; nun hatte sich in demsel- so daß die zu reflektierende Selbsttätigkeit erneut vorausgesetzt wer-
ben Kontext aber auch gezeigt, daß ein solcher erster Entschluß zur den muß.12 In dieser zweiten Formulierung wird mithin mit Blick
praktischen Wirksamkeit überhaupt nur getroffen werden kann, so- auf die subjektive Komponente im Prinzip dasselbe wiedergegeben,
bald eine Vorstellung von einer entgegenstehenden Sphäre des Ob- was Fichte in seinem Text mit Blick auf die Objektseite dargelegt
jektiven schon gegeben ist; denn bereits die bloße Idee eines eigenen hatte: stets vermag das Subjekt im Vollzug der Selbstreflexion sich
Wirkenwollens verlangt, etwas in Form eines Objekts voraussetzen, nicht »als bestimmend zur Selbsttätigkeit« zu »finden« (33), weil es
auf das als Hindernis mit dem Zweck der Überwindung einzuwir- entweder im mitzudenkenden Objekt oder in den nachzuvollzie-
ken ist; also läßt sich kein erster, ursprünglicher Augenblick anneh- henden Eigenleistungen jene freie Selbstsetzung wieder nur voraus-
men, in dem das Subjekt kraft einer praktischen Zwecksetzung sich setzen kann, deren es sich doch reflexiv zu vergewissern versucht.
zugleich als frei und endlich erfährt, weil stets vorweg ein Objekt be- An diesem heiklen Punkt seiner Argumentation hätte Fichte nun
reits konstituiert sein muß, das wiederum auf einen vorgängigen im Grunde genommen, wenn wir im Abstand einer zweihundert-
Akt der Setzung verweist. Die hypostasierte Simultaneität entpuppt jährigen Denkgeschichte auf seinen Text zurückblicken, zwischen
sich daher, wie Fichte gleich zu Beginn des 3. Paragraphen demon- drei Alternativen die Wahl gehabt: erstens wäre es ihm möglich ge-
striert, als ein Augenblick sich iterativ nach hinten wiederholender wesen, aus dem dargelegten Sachverhalt der permanenten Nach-
Nachträglichkeit: »Demnach muß der Moment Z (der Augenblick träglichkeit der reflexiven Vergewisserung den prinzipiellen Schluß
hypostasierter Gleichzeitigkeit, A. H.) erklärt werden aus einem zu ziehen, daß sich die freie Selbstsetzung des Subjekts stets vorgän-
anderen Moment; in welchem das Objekt A gesetzt und begriffen gig im Modus einer unverfügbaren, gleichsam anonymen Sponta-
worden sey. Aber A kann auch nur unter der Bedingung begriffen neität vollzieht; auf dem derart angedeuteten Weg werden die Lö-
werden, unter welcher B begriffen werden konnte; nemlich der Mo- sungsversuche liegen, die einige Jahre später Friedrich Schlegel im
ment, in welchem es begriffen wird, ist auch nur möglich unter Be- Kreis der Frühromantiker unternimmt, wenn er die Leistungen
dingung eines vorhergehenden Moments, und so ins Unendliche. ästhetischer Reflexivität vom Subjekt auf das Kunstwerk selbst über-
trägt und damit den subjektphilosophischen Rahmen der idealisti-
10 Vgl. Ludwig Siep, »Einheit und Methode von Fichtes >Grundlage des Natur-
schen Tradition als ganzen sprengt.13 Eine zweite Möglichkeit der
rechts«*, in: ders., Praktische Philosophie im Deutschen Idealismus, a.a.O., S. 45 f.
11 Vgl. Manfred Frank, »Fragmente einer Geschichte der Selbstbewußtseins-Theori-
en von Kant bis Sartre«. Nachwort zu: ders. (Hg.), Selbstbewußtseins-Theorien von iz Vgl. Dieter Henrich, Fichtes ursprüngliche Einsicht, Frankfurt a. M. 1967.
Fichte bis Sartre, Frankfurt a. M. 1991, S. 413-599. 13 Vgl. Christoph Menke, »Ästhetische Subjektivität. Z u einem Grundbegriff mo-
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Reaktion hätte für Fichte darin bestehen können, die individuelle lieh ist. Legt es die zentrale Aufgabe der Naturrechtsschrift also
Selbstvergewisserung nicht länger nach dem Muster der (epistemi- nahe, den beschriebenen Zirkel auf intersubjektivitätstheoretische
schen) Reflexivität zu bestimmen, sondern nach dem Modell von Weise aufzulösen, so hat Fichte freilich auch davon unabhängige
präreflexiven Gefühlszuständen, um so den Zirkel steter Nachträg- Gründe, den von ihm eingeschlagenen Weg zu rechtfertigen. An der
lichkeit aufzubrechen; auf dem damit markierten Weg werden die Stelle, an der er mit seiner sich zuspitzenden Darstellung des infini-
Lösungsversuche liegen, die heute im Anschluß an die bahnbre- ten Regresses an ein Ende gelangt ist, präsentiert er den Ansatz einer
chenden Arbeiten von Dieter Henrich eine Reihe von philosophi- Lösung zunächst nach dem methodischen Vorbild der Wissen-
schen Autoren unternehmen, wenn sie die Frage nach den Bedin- schaftslehre im Sinn einer Synthesebildung: »Dieser Grund«, so
gungen des Selbstbewußtseins mit dem Verweis auf ein vorgängiges heißt es von der unendlichen Vorgängigkeit der Selbstsetzung,
Mit-sich-Vertrautsein zu beantworten versuchen.14 Und schließlich »muß gehoben werden. Er ist aber nur so zu heben, dass angenom-
stand Fichte als eine dritte Alternative die Idee zu Gebote, die Ver- men werde, die Wirksamkeit des Subjects sey mit dem Objecte in ei-
gewisserung der eigenen Subjektivität dem Individuum nicht selber nem und demselben Momente synthetisch vereint; die Wirksamkeit
zuzumuten, sondern als Reaktion auf eine intersubjektiv vermittel- des Subjects sey selbst das wahrgenommene und begriffene Object,
te Erwartung zu begreifen, so daß die paradoxe Aufgabe einer in- das Object sey kein anderes, als diese Wirksamkeit des Subjects, und
stantanen Selbstreflexion als solche entfällt; es ist dies der Weg, den so seyen beide dasselbe. Nur von einer solchen Synthesis würden wir
später jene Philosophen von Hegel über Feuerbach bis zu G.H. nicht weiter zu einer vorhergehenden getrieben; sie allein enthielte
Mead und Habermas einschlagen werden, die Subjektivität in prin- alles, was das Selbstbewußtseyn bedingt, in sich, und gäbe einen
zipieller Abhängigkeit von einer vorgängigen Intersubjektivität zu Punct, an welchem der Faden desselben sich anknüpfen liesse.« (32)
konzeptualisieren versuchen.15 Die Lösung, die Fichte hier anvisiert, sieht zunächst nur die reine
Daß Fichte nun im folgenden wie selbstverständlich diese dritte Denkmöglichkeit vor, den Akt der Selbstreflexion so zu fassen, daß
Lösungsalternative vorwegnimmt, hängt zunächst und vor allem dabei dem notwendig entgegenzusetzenden Objekt selber alle Ei-
mit der Absicht seiner Untersuchung zusammen, als eine konstitu- genschaften von Subjektivität anhaften; in einem solchen Fall näm-
tive Bedingung des Selbstbewußtseins das individuelle Rechtsbe- lich wäre der Gegenstand, den das Individuum in der Vergewisse-
wußtsein zu erweisen; denn um dazu in der Lage zu sein, muß er ja rung seines eigenen Wirkenwollens stets mit zu vergegenwärtigen
in irgendeiner Weise zeigen können, daß eine reflexive Vergewisse- hat, seinerseits eine Quelle des Wirkenwollens, so daß der Zwang
rung der eigenen Subjektivität nicht ohne die bewußte Berücksich- des Rückgriffs auf eine vorgängige Setzung entfiele. Aber der Ge-
tigung von normativ geregelten Ansprüchen anderer Personen mög- danke, den Fichte in den zitierten Sätzen entwickelt, geht noch ein
Stück darüber hinaus, weil mit dem veränderten Charakter des Ob-
demer Ästhetik«, in: G. von Graevenitz (Hg.), Konzepte der Moderne, Stuttgart jekts auch die zu reflektierende Wirksamkeit des Subjekts eine an-
'999. S. 593-611. dere Gestalt annimmt: wenn dessen praktische Zwecksetzung auf ei-
14 Vgl. Dieter Henrich, »Selbstbewußtsein. Kritische Einleitung in eine Theorie«, in:
nen Gegenstand trifft, der seinerseits Wirksamkeit bezweckt, dann
R. Bubnet, K. Cramer, R. Wiehl (Hg.), Hermeneutik und Dialektik, Bd. I, Tübin-
gen 1970, S. 257-284; Manfred Frank, »Fragmente einer Geschichte der Selbstbe-
muß diese eher im Sinne einer Reaktion, nämlich einer Vergegen-
wußtseins-Theorien von Kant bis Sartre«. Nachwort zu: ders. (Hg.), Selbstbewußt- wärtigung jener auf es selber abzielenden Zwecke verstanden wer-
seins-Theorien von Fichte bis Sartre, a.a.O.; Ulrich Pothast, »Etwas über »Bewußt- den - nichts anderes kann es heißen, wenn Fichte sagt, daß die
seim« in: K. Cramer u.a. (Hg.), Theorie der Subjektivität, Frankfurt a. M. 1987, »Wirksamkeit des Subjects« hier »selbst das wahrgenommene und
S. 15-43.
begriffene Object« sei. So ergibt sich fur Fichte aus dem zunächst
15 George H. Mead, Geist, Identität und Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1968; Jürgen
nur methodisch begründeten Schritt der Synthesebildung der Hin-
Habermas, »Individuierung durch Vergesellschaftung. Z u G. H. Meads Theorie
der Subjektivität«, in: ders., Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt a. M. 1988,
weis, die bislang nach dem Schema von Subjekt und Objekt ge-
S. 187-241. dachte Entgegensetzung in ein Verhältnis der Intersubjektivität um-
102
39
zudeuten: aus dem Subjekt wird dementsprechend ein Adressat, an bloß eigene Bewußtseinsleistungen beschränkt; denn zu unterstel-
den von einem zum Kosubjekt gewordenen Objekt eine Bestim- len, daß ein Individuum sich seiner freien Zwecksetzungen im sel-
mung, eine Zwecksetzung ergeht. ben Augenblick auch reflexiv zu vergewissern vermag und damit
Bevor diese neue, intersubjektive Konstruktion allerdings die ihr zum Bewußtsein der eigenen Subjektivität gelangt, führt zwangs-
beigemessene Aufgabe erfüllen kann, den besagten Zirkel des läufig in den Regreß eines immer wieder neu vorauszusetzenden
Selbstbewußtseins aufzulösen, bedarf es noch der Hinzufiigung ei- Punktes der ersten Selbstsetzung; daher bedarf es, wie Fichte richtig
ner weiteren Voraussetzung, die Fichte in seinem Text zunächst nur sieht, der Voraussetzung eines »äußeren Anstoßes« (33), durch den
am Rande erwähnt. Wenn wir uns den Akt der Selbstbestimmung, das Individuum in den Stand gesetzt wird, einen ersten Begriff der
in dessen Nachvollzug ein Individuum sich seiner eigenen Subjekti- eigenen Selbsttätigkeit im Moment der Bezugnahme auf ein ein-
vität vergewissern soll, nicht länger als eine Entgegensetzung zu ei- schränkendes Objekt zu gewinnen; ein solches Objekt aber, das den
nem Objekt, sondern als Reaktion auf ein anderes Subjekt vorstel- unendlichen Regreß überflüssig macht, weil es von sich aus dem
len, dann kann die geforderte Bewußtwerdung nur unter der be- Subjekt zum erstenmal eine Vorstellung von dessen eigener Freiheit
sonderen Annahme gelingen, daß von jenem zweiten Subjekt eine aufzwingt, kann seinerseits wiederum nur ein anderes Subjekt sein,
Bestimmung zur Freiheit ausgeht: zwischen den beiden aufeinan- das mit dem ersten in eine bestimmte Art von Kommunikation tritt.
dertreffenden Subjekten muß eine Wechselwirkung bestehen, die Die besondere Form dieser »freien Wechselwirksamkeit« (34), die
von der Art ist, daß das erste sich vom zweiten dazu angehalten sieht, damit an die Stelle der Subjekt-Objekt-Entgegensetzung des ersten
von seiner eigenen Freiheit der Selbstsetzung Gebrauch zu machen. Deduktionsversuchs getreten ist, umreißt Fichte hier vorläufig mit
Es ist eine solche Form von Intersubjektivität, die Fichte vor Augen dem Begriff der »Aufforderung«: das erste Subjekt erfährt sich durch
hat, wenn er nun in seinem Text zum erstenmal, und eher beiläufig, sein Gegenüber zur Selbsttätigkeit aufgefordert, so daß es seinerseits
den Begriff der »Aufforderung« verwendet: »Beide [Charaktere, nur reagieren kann, indem es sich bei der Abwägung der eigenen
nämlich Subjektivität und Objektivität, A. H.] sind vollkommen Antworthaltung gleichzeitig der eigenen Freiheit vergewissert.
vereinigt, wenn wir uns denken ein Bestimmtseyn des Subjects zur Aber auch mit dieser Rekonstruktion bleibt noch ungeklärt, in-
Selbstbestimmung, eine Aufforderung an dasselbe, sich zu einer wiefern sich Fichte eine Auflösung des Zirkels erst eigentlich davon
Wirksamkeit zu entschließen.« (32 f.) Und nur wenige Sätze später erwartet, daß das Subjekt in der Rolle des Adressaten den »Begriff
gibt Fichte dann den Grund an, der ihn der Uberzeugung sein läßt, seiner freien Wirksamkeit« als etwas künftig Seinsollendes in Erfah-
daß die Annahme einer derartigen »Aufforderung« den Zwang des rung bringt. Hier hilft es weiter, noch ein wenig genauer zu be-
unendlichen Rückgriffs auf die Vergangenheit überflüssig machen trachten, wie der kommunikative Akt der »Aufforderung« von Fich-
würde: »Es [das Subject, A. H.] bekommt den Begriff seiner freien te im einzelnen bestimmt wird. Seine Analyse gilt im wesentlichen
Wirksamkeit, nicht als etwas, das im gegenwärtigen Moment ist, (36) den Bedingungen, unter denen es dem angesprochenen Subjekt
denn das wäre ein wahrer Widerspruch; sondern als etwas, das im gelingen kann, die Aufforderung als eine »Aufforderung« zu verste-
künftigen seyn soll.« (33) hen; vorausgesetzt wird also zunächst das Faktum einer solchen
Es ist offenbar dieser letzte Halbsatz, der den Schlüssel für die Lö- Äußerung, während jene Verstehensleistungen als fraglich angese-
sung enthalten soll, von der Fichte sich eine Überwindung des dar- hen werden, die zur Vervollständigung der Kommunikation von Sei-
gestellten Zirkels verspricht; aber um verstehen zu können, inwie- ten des Angesprochenen beitragen. Als eine erste Bedingung dieser
fern der Verweis auf den Zukunftsbezug der Aufforderung dazu in Art sieht Fichte nun den Umstand an, daß der Adressat vom Zwang
der Lage sein kann, ist es zunächst sinnvoll, sich der Argumentation durch Naturkausalität diejenige Form einer Motivierung unter-
noch einmal kurz im ganzen zu vergewissern. Der Philosoph, so hat- scheiden können muß, die durch eine auffordernde Äußerung an
ten wir gesehen, gerät bei seiner Deduktion des Selbstbewußtseins ihn ergeht: Eine derartige Kausalität, die nicht nach dem Mecha-
endlicher Individuen in einen Zirkel, solange er sich dabei auf deren nismus von Ursache und Wirkung, sondern mittels des Appells an

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den »Verstand« funktioniert, setzt als ihre Quelle »ein der Begriffe Imperativs, sondern im schwächeren Sinn der bloßen Anrede ver-
fähiges Wesen« (36) voraus; also muß im Verstehen einer Aufforde- standen wissen möchte, dann treten die Konturen der von ihm ver-
rung bereits ein Wissen um die Existenz eines anderen vernünftigen tretenen These zum erstenmal klar zutage: der Philosoph, so ist er
Subjekts impliziert sein. Aber das angesprochene Subjekt hätte noch überzeugt, kann die Bedingungen der Möglichkeit des Selbstbe-
nicht hinreichend verstanden, was eine Aufforderung zu einer Auf- wußtseins endlicher Individuen nur dann widerspruchsfrei er-
forderung macht, wenn es sich bloß über die Vernünftigkeit des Ur- klären, wenn er dabei statt von den Reflexionsleistungen eines ein-
hebers jener Äußerung im klaren wäre; es muß gleichzeitig auch ver- zigen Subjektes von einer Kommunikation zwischen mindestens
gegenwärtigen können, daß sein Interaktionspartner mit seinem zwei Subjekten ausgeht; denn es macht den eigentümlichen Zwang
Sprechakt die Unterstellung verknüpft, im Adressaten seinerseits ein einer Situation der Anrede aus, daß ein Individuum sich hier seiner
vernünftiges Wesen vor sich zu finden, das zur Einsicht in Gründe eigenen Selbsttätigkeit aus der Perspektive seines Gegenübers verge-
fähig ist und mithin aus Freiheit zu handeln vermag. wissern können muß, nur um den Sinn von dessen Äußerung zu
Eine Aufforderung läßt sich nur als eine solche verstehen, wenn verstehen. Insofern fallen für Fichte, wie sich zugespitzt sagen läßt,
als ihr Adressat eine Person unterstellt wird, die mit Ja oder Nein die Bedingungen der Möglichkeit von Selbstbewußtsein mit den
»selbsttätig« auf sie reagieren kann; denn ohne eine derartige Prä- impliziten Voraussetzungen des Verstehens einer Anrede zusam-
supposition wäre nicht einzusehen, welcher besondere Sinn einer men. Ist dieses Zwischenergebnis in der Rekonstruktion der Argu-
Aufforderung im Unterschied etwa zu bloß physischem Zwang zu- mentation Fichtes erreicht, so können wir nun auf die Fragen
kommen soll. Als eine zweite Bedingung des Verstehens einer Auf- zurückkommen, die zu Beginn als zentrale Probleme einer Deutung
forderung sieht Fichte also den Umstand an, daß sie als eine Äuße- seiner Aufforderungslehre genannt worden waren.
rung begriffen wird, die vom Adressaten eine Reaktion aus Freiheit,
eine vernünftige Stellungnahme, erwartet.
Mit Hilfe dieser zusätzlichen Klärung, die sich im wesentlichen III
auf die Interpretation nur eines einzigen Absatzes stützt (36), ist nun
die von Fichte anvisierte Auflösung des Zirkels leichter zu verstehen. Bis an den zuvor umrissenen Punkt unserer Interpretation scheint
Seine Überlegung zielt darauf ab, die Bedingungen des Selbstbe- außer Frage zu stehen, daß Fichte sich mit seiner Annahme einer
wußtseins von individuellen Subjekten mit den Voraussetzungen »Aufforderung« tatsächlich auf einen kommunikativen Akt bezieht,
des Verstehens einer »Aufforderung« gleichzusetzen: ein Individu- der seinerseits nicht noch einmal als das Produkt von subjektiven
um vermag eine beliebige Aufforderung nur zu verstehen, wenn es Konstitutionsleistungen betrachtet werden darf; der transzenden-
sich dabei aus der Sicht des fur vernünftig gehaltenen Sprechers als talphilosophische Rahmen der Wissenschaftslehre wäre somit hier,
eine Person wahrnimmt, die zu freier Selbsttätigkeit, nämlich einer in einer Schrift also, die von den Interaktionszwängen empirischer
vernünftigen Reaktion, angehalten ist. Die Tatsache, daß mit einer Subjekte handelt, gesprengt, weil die Möglichkeit des Selbst-
auffordernden Äußerung von Seiten des Sprechers die Erwartung ei- bewußtseins als abhängig von einem individuell unverfügbaren
ner ungezwungenen, freien Erwiderung einhergeht, erklärt den fu- Kommunikationsgeschehen gesehen würde. Für diese intersubjek-
turischen Bezug, den für Fichte hier der Augenblick des Sich-selbst- tivitätstheoretische Deutung spricht Fichtes Rede vom »äußeren
Bewußtwerdens enthält: das Individuum vergewissert sich seiner ei- Anstoß« (33) nicht weniger als seine Charakterisierung der »Auffor-
genen Subjektivität in dem Moment, in dem es sich als Adressaten derung« als eines bloßen »Faktums« (35);16 hier wie dort wird der
einer Äußerung begreift, die von ihm anschließend, also zukünftig, kommunikative Akt als etwas empirisch Vorgängiges bestimmt,
eine Beantwortung in Selbsttätigkeit verlangt. Wenn bei dieser Deu-
tung nun zusätzlich noch Berücksichtigung findet, daß Fichte hier 16 Vgl. Ludwig Siep, »Einheit und Methode von Fichtes >Grundlage des Natur-
den Begriff der »Aufforderung« wohl nicht im starken Sinn eines rechtsi« in: ders., Praktische Philosophie im Deutschen Idealismus, a.a.O., S. 45 f.

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dem sich die Selbstvergewisserung des Individuums über die eigene eigenen Vernunftfähigkeit besteht. Aber über diese normativen Im-
Subjektivität überhaupt erst verdankt. In dieselbe Richtung weisen plikationen hinaus führt Fichte im 3. Paragraphen seinen Begriff der
darüber hinaus Fichtes Vorschlag, die beiden sich begegnenden In- »Aufforderung« nicht aus; noch hat er ja nicht, wie es für seine De-
dividuen als »partes integrantes einer ganzen Begebenheit« (34) zu duktion des Rechtsbewußtseins dann von zentraler Bedeutung sein
betrachten, wie auch seine Illustrierung der »Aufforderung« am so- wird, das einseitige Modell der Anrede zum zweiseitigen Modell der
zialen Vorgang der Erziehung: in jedem Erziehungsprozeß wieder- wechselseitigen Anerkennung hin erweitert. Insofern wäre es aber
hole sich jene intersubjektive »Aufforderung zur freien Selbsttätig- auch irreführend, den von Fichte beschriebenen Sprechakt der
keit« (39), weil, so ließe sich ergänzen, alles sozialisatorische Han- »Aufforderung« mit moralischen Inhalten aufzufüllen, die weit über
deln gar nicht anders kann, als dem Kleinkind bereits die Fähigkeit das von ihm Gemeinte hinausgehen; der Adressat ist hier durch die
zur Setzung eigener Zwecke zuzumuten. Werden alle diese Belege bloße Anrede nicht, wie es die phänomenologisch begründete Ethik
zusammengenommen und auf einen gemeinsamen Nenner ge- von Levinas wahrhaben möchte, zu moralischen Akten der einseiti-
bracht, so scheint Fichte also mit der sozialen Tatsache einer be- gen Fürsorge verpflichtet,17 sondern vorläufig eben nur zur Reakti-
stimmten Form von Intersubjektivität zu rechnen, die als empiri- on in Vernunft und Freiheit. Natürlich wird Fichte schon im näch-
sche Voraussetzung eine zentrale Bedingung der Möglichkeit des sten Paragraphen zeigen, daß zur vernunftgeleiteten Erwiderung ei-
individuellen Selbstbewußtseins ausmacht; und bevor die damit an- ner »Anrede« auch die Einsicht in die Verpflichtung gehört, dem
gedeutete Schlußfolgerung noch einmal in Zweifel gezogen werden Gegenüber seinerseits die Freiheitssphäre einzuräumen, die er ei-
soll, läßt sich zunächst kurz untersuchen, welche besondere Art von nem selbst durch den Vollzug seines Redeaktes zugebilligt hatte;
Intersubjektivität Fichte bei seiner Konstruktion eigentlich vor Au- diese Schlußfolgerung freilich macht definitiv noch nicht einen Be-
gen gestanden haben mag. standteil des Begriffs der »Aufforderung« aus, dem in der Argumen-
Es hatte sich im Zuge der Auseinandersetzung bereits abgezeich- tation vor allem eben doch die Funktion zukommt, die intersubjek-
net, daß Fichte mit seinem Begriff der »Aufforderung« nicht im tive Möglichkeit einer Überwindung des Zirkels des Selbstbewußt-
strikten Sinn einen Imperativ gemeint haben kann, weil damit dem seins zu umreißen.
Adressaten doch in gewisser Weise die eigentlich intendierte Freiheit Es bleibt am Ende die Frage, ob Fichte die von ihm selbst offen-
der Stellungnahme genommen wäre; vielmehr muß er diesen spezi- gelegten Paradoxien tatsächlich durch die Idee hat auflösen können,
fischen Begriff gewählt haben, um den Umstand hervorzuheben, die transzendentalen Bedingungen des Selbstbewußtseins mit den
daß in jeder Anrede eines anderen Menschen insofern eine Zumu- Voraussetzungen des Verstehens einer Aufforderung gleichzusetzen;
tung enthalten ist, als von ihm die Reaktion eines vernunftfähigen dabei darf nicht aus den Augen verloren werden, daß hier weiterhin
Wesens erwartet wird. Für Fichte stellen dementsprechend alle nur von jenem Akt der Selbstreflexion die Rede ist, den aus der Sicht
kommunikativen Sprechakte »Aufforderungen« dar, weil durch sie des informierten Philosophen das endliche Subjekt vollziehen kön-
eine zweite Person motiviert werden soll, von ihrer »freien Wirk- nen muß, um zu einem ursprünglichen Bewußtsein der eigenen
samkeit« Gebrauch zu machen. In einem solchen, schwachen Sinn Selbsttätigkeit zu gelangen. Eine zentrale Schwierigkeit, die der Lö-
enthält das Modell von Intersubjektivität, mit dessen Hilfe Fichte sungsvorschlag Fichtes aufwirft, ergibt sich gewiß aus seiner Ver-
hier den Zirkel des Selbstbewußtseins durchbrechen will, tatsäch- nachlässigung der Tatsache, daß auch das Verstehen einer beliebigen
lich normative Implikationen: jeder Mensch, der sein Gegenüber in Anrede bereits ein elementares Ichbewußtsein voraussetzt: um als
kommunikativer Weise anspricht, verpflichtet sich im Vollzug des Hörer in der Lage zu sein, die sprachliche Äußerung meines Ge-
Redeaktes dazu, ihm zumindest die Möglichkeit einer ungezwun- genübers auf mich als Adressaten zu beziehen, muß ich vorweg
genen Erwiderung einzuräumen; und umgekehrt kann von demje- schon ein wie auch immer geartetes Bewußtsein meines von der
nigen, der durch die Anrede zum Adressaten geworden ist, mit gu- 17 Vgl. Emmanuel Levinas, Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität,
ten Gründen eine Reaktion erwartet werden, die im Gebrauch der München 1987, bes. Kap. III.

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Welt unterschiedenen Selbst besitzen, damit ich in der 2. Person der von Fichte betreffen. Zum einen ist noch nicht wirklich abzusehen,
Anrede mich selber als gemeintes Subjekt zu erkennen vermag; da- wie Fichte aus den bislang umrissenen Präsuppositionen des Verste-
her kann Selbstbewußtsein als ein ursprüngliches Phänomen nicht hens einer Anrede zur Behauptung eines normativ so anspruchsvol-
allein aus der Übernahme der sprachlich artikulierten Perspektiven len Wissens gelangen möchte, wie es im Bewußtsein individueller
eines Alter ego erklärt werden, sondern muß seinerseits als abhängig Rechte vorausgesetzt ist; denn bislang ist ja nicht mehr gezeigt, als
betrachtet werden von einer vorgängigen, selbst nicht reflexiv ver- daß ein Hörer sich im Verstehensvollzug zugleich der eigenen Ver-
faßten Selbstempfindung. Interessanterweise berührt dieser Ein- nünftigkeit als auch der seines Interaktionspartners zu vergewissern
wand Fragen, wie sie heute unter genetischen Gesichtspunkten am vermag, während im individuellen Rechtsbewußtsein darüber hin-
Kreuzungspunkt von Psychoanalyse und experimenteller Säuglings- aus zumindest noch ein praktisches Wissen darüber enthalten sein
forschung diskutiert werden; auch hier wird inzwischen von einer muß, daß alle Mitglieder einer Rechtsgemeinschaft aus den gleichen
Reihe empirisch verfahrender Wissenschaftler vorgeschlagen, noch normativen Gründen ihre ursprüngliche Freiheit wechselseitig einge-
vor aller Interaktion zwischen Bezugsperson und Kind eine Art von schränkt haben. Dementsprechend sind schon jetzt gewisse Zweifel
elementarem Selbstgefühl anzunehmen, das als solches überhaupt angebracht, ob Fichte seine Analyse der praktischen Präsuppositio-
erst die leibzentrierte Wahrnehmung von kommunikativen Akten nen des Verstehens tatsächlich breit genug angelegt hat, um am
der Umwelt zu erklären erlaubt.18 Nun scheinen derartige Bedenken Ende zu dem gewünschten Ergebnis gelangen zu können; auf jeden
so sehr auf der Hand zu liegen, daß die Unterstellung sicherlich Fall ist im individuellen Rechtsbewußtsein mehr an Wissen ange-
fahrlässig wäre, Fichte habe vollständig von ihnen absehen können. legt, als sich bislang als das Ergebnis jenes Aktes der Selbstvergewis-
Vielmehr ist es mit Blick auf seinen Text sinnvoll, zwei Aspekte des serung hat erweisen lassen, der im Verstehen einer intersubjektiven
Selbstbewußtseins voneinander abzuheben, die für eine Erklärung Anrede stets mitvollzogen wird.
der Bedingungen des individuellen Bewußtseins von Rechten von Die zweite, bislang ungeklärte Frage berührt ein Problem, das
unterschiedlicher Relevanz sind: Während auch Fichte wohl kaum sich wie ein roter Faden durch unsere gesamte Darlegung gezogen
bestreiten dürfte, daß jeder Form der sprachlichen Kommunikation hat, ohne als solches jemals direkt thematisiert zu werden. Aus dem
bereits ein präreflexives Bewußtsein des eigenen Selbst vorausgehen Umstand, daß Fichte seine transzendentale Analyse des Rechtsbe-
muß, kann er erst eigentlich an jener Art von reflektierter Selbstbe- wußtseins hier unter der methodischen Prämisse durchführt, nur
ziehung interessiert sein, die im Bewußtsein der Fähigkeit zum au- vom Bewußtsein empirischer, endlicher Individuen zu handeln, er-
tonomen Handeln besteht. Es ist dieser Aspekt des Selbstbewußt- gibt sich nämlich eine Unklarheit im Hinblick auf den Status der zu-
seins, das Bewußtsein der eigenen Selbsttätigkeit, das Fichte mit grunde gelegten Strukturen von Intersubjektivität: Denn es könnte
Hilfe seiner Lehre von der »Aufforderung« zu erklären versucht hat; ja sein, daß sich für Fichte jener intersubjektive Akt der Aufforde-
und mit seiner Einsicht, daß sich ein derartiges Selbstbewußtsein rung nur aus der Sicht der endlichen Subjekte als etwas darstellt, was
den elementaren Bedingungen des Verstehens einer Anrede ver- einen äußeren, transsubjektiven Charakter besitzt, während der in-
dankt, hat er einer philosophischen Tradition den Weg bereiten formierte Philosoph auch um die transzendentale Konstituiertheit
können, die von Hegel über G.H. Mead bis Habermas reicht. dieser eben nur scheinbar »äußeren« Tatsache weiß. An der Auflö-
Aber auch nach dieser klärenden Unterscheidung von elementa- sung der darin angelegten Ambivalenz entscheidet sich die Frage, ob
rer Selbstempfindung und eigentlichem Selbstbewußtsein, die nicht Fichte in seiner »Grundlage des Naturrechts« weiterhin dem mono-
mit derjenigen zwischen epistemischem und praktischem Selbstbe- logischen Rahmen seiner »Wissenschaftslehre« verhaftet geblieben
wußtsein verwechselt werden darf, bleiben noch zwei Fragen offen, ist oder aber bereits den Boden einer intersubjektivistischen Kon-
die weniger den Zweiten Lehrsatz selber als den Fortgang des Textes vention betreten hat: Ist der intersubjektive Akt der Aufforderung,
der hier als notwendige Bedingung des Rechtsbewußtseins verstan-
18 Vgl. Daniel N . Stern, Die Lebenserfahrung des Säuglings, Stuttgart 1992, bes. Teil 2. den wird, auch aus der Sicht des analysierenden Philosophen eine
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vorgängige oder äußere, seinerseits also nicht subjektiv konstituier- Von der zerstörerischen Kraft des Dritten
te Tatsache, so wäre tatsächlich der Weg zu einer Theorie der Inter-
Gadamer und die Intersubjektivitätslehre Heideggers
subjektivität eröffnet; entpuppt sich hingegen dieser Akt unter dem
informierten Blick des Philosophen als nur etwas scheinbar Äußer-
liches, das in Wahrheit auch nur von der Produktivität des tran-
szendental wirksamen Subjekts hervorgebracht worden ist, so blie- In der berühmt gewordenen Laudatio, die Jürgen Habermas auf
ben in der Entwicklung des Fichteschen Werkes die monologischen Hans-Georg Gadamer aus Anlaß der Verleihung des Hegel-Preises
Prämissen bewahrt und die Intersubjektivitätslehre wäre Teil des gehalten hat, findet sich als Leitmotiv die großartige Formulierung
transzendentalphilosophischen Programms. von der »Urbanisierung der Heideggerschen Provinz«: Gadamer
Anhand der wenigen Seiten, auf denen Fichte den Zweiten habe, so lautet der Gedankengang, die Philosophie Heideggers
Lehrsatz seiner Naturrechtsschrift darlegt und begründet, ist diese durchgreifend zu urbanisieren vermocht, indem er ihr mit der her-
Frage nicht eindeutig zu beantworten. Aber eine Reihe späterer Pas- meneutischen Öffnung zum Anderen das »Dickschädelig-Eigensin-
sagen, die den Ubergang von der transzendentalen Analyse zur ei- nige« genommen habe und sie somit durch Distanzverringerung auf
gentlichen Rechtslehre enthalten, legen eher die zweite, subjektphi- »festen Boden« gestellt habe.1 Nun ist diese Überlegung weitaus we-
losophische Lesart nahe; denn hier scheint es so, als würde die Viel- niger frei von Ambivalenzen, als es auf den ersten Blick erscheinen
zahl sich wechselseitig konstituierender Subjekte wieder in die mag; denn die Rede von dem »festen Boden«, mit der Habermas
Einzahl eines allgemeinen, welterzeugenden Subjekts zurückge- seine Metapher an entscheidender Stelle begründet, läßt den Leser
nommen.19 Die damit umrissene Spannung macht nicht nur den eher an einen Prozeß der »Urbarmachung« als der »Urbanisierung«
Reiz der in Fichtes Schrift entwickelten Intersubjektivitätslehre aus; denken. Im ersten Glied zwar nahezu identisch, bezeichnen die bei-
sie macht auch deutlich, warum Fichte bis heute nicht ungebrochen den Begriffe jeweils Vorgänge, wie sie unterschiedlicher kaum sein
als Stammvater der intersubjektivistischen Tradition betrachtet wer- könnten: während unter »Urbanisierung« soziologisch der Vorgang
den kann. einer Durchsetzung städtisch-ziviler Lebensformen verstanden
wird, bezeichnet »Urbarmachung« von alters her jenen aufwendi-
gen, langwierigen Prozeß, durch den wirtschaftlich unnützes Land
in brauchbaren, »festen« Boden verwandelt wird, sei es in Acker,
Wiese oder Forst. Übertragen auf den hier gemeinten Sachverhalt
hätten wir es im ersten Fall also mit einer Zivilisierung von Motiven
der Heideggerschen Philosophie zu tun, mit ihrer Umgestaltung ins
kosmopolitisch Weltoffene, im zweiten Fall hingegen mit ihrer
Fruchtbarmachung auf ihrem eigenen Terrain, mit der Entfaltung
der Produktivität des ursprünglich Gemeinten.
Es ist diese von Habermas" ungewollt heraufbeschworene Ambi-
valenz, die ich im folgenden als einen Schlüssel benutzen möchte,
um eine Zweideutigkeit in Gadamers Idee einer philosophischen
Hermeneutik näher zu untersuchen; und wie bei Habermas soll es
dabei im wesentlichen um die Frage gehen, in welcher Weise Gada-
"9 Vgl. Jürgen Habermas, »Individuierung durch Vergesellschaftung. Z u G. H.
Meads Theorie der Subjektivität«, in: ders., Nachmetaphysisches Denken, a.a.O., 1 Jürgen Habermas, »Urbanisierung der Heideggerschen Provinz«, in: ders., Phifoso-
S. 199. phisch-politische Profile, Frankfurt a. M. 1981, S. 392-401.

102 48
mer zentrale Motive Heideggers beerbt hat, um sie fur sein eigenes Begründung ist, die für die Vorrangstellung des »hermeneutischen
Projekt fruchtbar zu machen. Im Zentrum meiner Überlegungen Bewußtseins« gegenüber anderen Weisen der geschichtlichen Ver-
soll dabei jenes Schlüsselkapitel im mittleren Teil von Wahrheit und gegenwärtigung geliefert wird (I). Von hier aus kann ich dann zum
Methode stehen, in dem Gadamer das »Wesen der hermeneutischen eigentlichen Kern meiner Frage übergehen, indem ich jene Form
Erfahrung« dadurch zu erläutern versucht, daß er es mit unter- der wechselseitigen Anerkennung einer genaueren Analyse unter-
schiedlichen Formen der Erfahrung wechselseitiger Anerkennung ziehe, die Gadamer als intersubjektive Parallelerscheinung zur her-
vergleicht; hier findet sich das für den Fortgang der Untersuchung meneutischen Einstellung begreift; dabei soll sich nicht allein zei-
zentrale Argument, daß sich die »höchste Weise« der Erfahrung ge- gen, inwiefern diese Anerkennungskategorie nur eine beschränkte
schichtlicher Überlieferung in Entsprechung zu der besonderen Ge- Form von Intersubjektivität repräsentiert, sondern vor allem auch,
stalt von Intersubjektivität begreifen können lassen muß, die durch wieviel ihre normative Auszeichnung einer Beerbung jenes Begriffs
»echte menschliche Bindung« im Modus der »Offenheit füreinan- der »Mitwelt« verdankt, der sich an zentraler Stelle in Heideggers
der« gekennzeichnet ist.2 Was an dieser Gedankenführung zu Nach- Sein und Zeit findet (II). Erst im Anschluß an diese kritische Analy-
fragen, ja zur Skepsis Anlaß gibt, ist nicht die Parallelisierung von se kann ich dann in einem letzten Schritt den Versuch unterneh-
historischem Bewußtsein und Formen der intersubjektiven Aner- men, die theoretischen Konsequenzen anzudeuten, die sich aus der
kennung als solcher; darin ist vielmehr eine methodische Weichen- unbedachten Übernahme des Heideggerschen Intersubjektivitäts-
stellung angelegt, die insofern von größtem Nutzen ist, als sie die modells für das Projekt einer philosophischen Hermeneutik im
Einstellung gegenüber der geschichtlichen Überlieferung über- ganzen ergeben; dabei muß ich es allerdings bei ersten, nur tasten-
haupt erst einer normativen Analyse zugänglich macht, indem Ent- den Vermutungen bewenden lassen, da eine weitere Ausführung
sprechungen in zwischenmenschlichen Umgangsformen gesucht den Rahmen einer kritischen Würdigung sprengen würde (III). Es
werden. Erstaunlich ist hingegen die Tatsache, daß Gadamer sich sei noch vorausgeschickt, daß die im folgenden entwickelte Argu-
bei seinem Vergleich allein auf Anerkennungsformen beschränkt, mentation in keiner Weise dazu beitragen soll oder kann, den Ertrag
die frei von jedem Dazwischentreten eines Dritten sind, also stets des Werkes von Hans-Georg Gadamer zu schmälern; es findet sich
nur »umittelbare« Formen der Begegnung zwischen »Ich« und »Du« heute, am Ende des 20. Jahrhunderts, wohl kaum eine philosophi-
darstellen sollen. In dieser Beschränkung, so möchte ich zeigen, ist sche Position, die angesichts ihrer anhaltenden, ja anwachsenden
nicht nur eine spezifische Form der Beerbung des Heideggerschen Wirksamkeit und Mittlerstellung weniger eine Verteidigung nötig
Konzepts der »Mitwelt« angelegt, die eher in die Richtung einer hätte als diejenige, die in Wahrheit und Methode umrissen worden
»Urbarmachung« als in diejenige einer »Urbanisierung« weist; dar- ist.
über hinaus ist damit implizit auch eine normative Vorentscheidung
über die Gestalt getroffen, die das historische Bewußtsein idealer-
weise anzunehmen hat. I
Vorgehen möchte ich in der Weise, daß ich zunächst in sehr gro-
ben Zügen den Gedankengang umreiße, in dem Gadamer in Paral- Nachdem Hans-Georg Gadamer in den ersten Kapiteln des mittle-
lele zu Formen der wechselseitigen Anerkennung eine Hierarchi- ren Teils seiner Untersuchung über Wahrheit und Methode bereits
sierung von unterschiedlichen Typen des historischen Bewußtseins den Fehler einer methodologischen Verengung der Verstehenslei-
vornimmt; deutlich werden soll auf diesem Wege, wie zentral der stung herausgearbeitet und demgegenüber ihren Vollzugscharakter
Verweis auf Entsprechungen im intersubjektiven Verhältnis für die freigelegt hat, wie er in der Zirkelbewegung von Vorurteilsbildung
und Horizontverschmelzung angelegt ist, wendet er sich im Fort-
2 Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1965, S. 343. (Im folgen- gang seiner Argumentation der Lösung eines Schlüsselproblems sei-
den: WM) nes Ansatzes zu, das unter Verweis auf die Reflexionsphilosophie
5O 51
Hegels eingeführt wird: Muß nicht auch, so lautet die nunmehr lei- gehaltenen Überzeugungen, so daß wir von einer »bestimmten Ne-
tende Frage, das alltägliche Verstehen als ein Vorgang begriffen wer- gation« oder einer »dialektischen Erfahrung« sprechen können. Im
den, der in sich aufgrund seiner Bewußtseinsmäßigkeit die stete Unterschied zu Hegel aber, dessen Phänomenologie des Geistes hier
Möglichkeit der rationalen Selbstkorrektur enthält und daher eher Pate zu stehen scheint, sieht Gadamer den Prozeß einer Abfolge der-
einen reflexiven als einen ereignishaften Charakter besitzt? Es ist artiger Erfahrungen nicht in einem Zustand enden, der vollständi-
nicht schwer zu sehen, warum diese Alternativdeutung ftir Gadamer ges, »absolutes« Wissen garantiert; weil jede neue Erfahrung des
eine Herausforderung darstellen muß, die er zunächst zu bewältigen Scheiterns vorgängiger Verallgemeinerungen vielmehr stets auch
hat, bevor er sein eigenes Projekt einer philosophischen Hermeneu- das Wissen um den prinzipiellen Fallibilismus all unserer Überzeu-
tik weiterverfolgen kann: Wenn sich nämlich tatsächlich erweisen gungen erhöht, kann an ihrem Ende nicht eine Art von abgeschlos-
würde, daß allem Verstehen schriftlicher oder mündlicher Äuße- sener Erkenntnis stehen, sondern nur die radikale Offenheit für den
rungen die Chance der reflexiven Steuerung zukommt, dann wäre Überraschungswert neuer Erfahrungen. Von hier aus bedarf es nur
ihm jene anonyme Ereignishaftigkeit genommen, durch die doch noch eines einzigen Schrittes, um zu der Behauptung zu gelangen,
das menschliche Dasein im ganzen gekennzeichnet sein soll. Daher die Gadamer als ein erstes Zwischenergebnis seiner Analyse begrei-
nun muß Gadamer den Versuch unternehmen, die Möglichkeit ei- fen kann: wenn sich uns in jedem Moment einer wirklichen Erfah-
ner Reflexivität des Verstehens prinzipiell zurückzuweisen, indem er rung die Vorläufigkeit all unserer Überzeugungen und Handlungs-
dessen Vollzugscharakter unzweideutig belegt; der Weg, den er zu gewißheiten offenbart, dann vergegenwärtigen wir darin nichts
diesem Zweck einschlägt, besteht bekanntlich in dem Nachweis, anderes als die grundsätzliche Endlichkeit unseres praktischen Le-
daß alles Verstehen die Struktur einer Erfahrung besitzt, die sich bensvollzugs. Daher ist die eigentliche Erfahrung, so heißt es resü-
eher an uns vollzieht, als von uns intentional vollzogen wird. mierend bei Gadamer, »Erfahrung der eigenen Geschichtlichkeit«.4
Gadamer verfährt bei seiner Analyse im Grunde genommen in Mit dieser vorläufigen Schlußfolgerung ist immerhin schon ge-
derselben Weise, in der schon die amerikanischen Pragmatisten in zeigt, daß wir im Hinblick auf die menschliche Erfahrung nicht von
ihrer Revision des herkömmlichen Erfahrungsbegriffs vorgingen. etwas sprechen sollten, das sich in irgendeiner Weise intentional be-
Auch er kritisiert mithin zunächst, nicht anders als John Dewey, die wirken läßt; angemessener wäre es hingegen, hier von einem Ereig-
erkenntnistheoretische Verengung von Erfahrung auf eine nur ko- nis zu reden, das in uns eine Einsicht in die Endlichkeit unserer Le-
gnitive Funktion, wie sie in der Idee des Sinnesdatums angelegt ist, bensvollzüge bewirkt. Zurückbezogen auf die Zielsetzung, die
um dann in einem zweiten Schritt als ihr wesentliches Moment die Gadamer mit seinem Exkurs zum Erfahrungsbegriff verknüpft, er-
Unterbrechung alltäglich eingespielter Verhaltenserwartungen her- gibt sich daher nun als nächster Schritt die Aufgabe, den Erfah-
vorzuheben: während wir im Falle der sinnlichen Bestätigung eines rungscharakter auch des hermeneutischen Verstehens nachzuwei-
gewohnheitsmäßig Erwarteten nur Erfahrungen haben, machen sen; denn nach dem bislang Gesagten wäre mit der Demonstration
wir »eine« Erfahrung allein im negativen Fall des Eintretens von et- einer solchen inneren Verwandtschaft gezeigt, daß wir im Verstehen
was Unerwartetem, also der Unterbrechung unserer eingespielten wie in jeder Erfahrung nicht reflexiv eine bestimmte Erkenntnis
Handlungsgewohnheiten.3 Die Produktivität dieser »eigentlichen« oder Einsicht erzielen können wollen, sondern sich umgekehrt in
Erfahrung besteht nach Gadamer nun darin, daß sie uns über den uns eine Erweiterung unseres Wissens vollzieht, die grundsätzlich
Fehler einer kategorialen Verallgemeinerung informiert, mit der wir fur erneute Korrekturen offen ist und daher keinen Abschluß kennt.
vorweg die Welt erschlossen haben; insofern erzeugt eine solche kor- Interessanterweise führt Gadamer nun aber diesen Nachweis und
rigierende Erfahrung ein Mehr an Wissen nicht nur über den be- damit die Kritik am reflexionsphilosophischen Erbe nicht in direk-
treffenden Sachverhalt, sondern auch über unsere bislang für gültig ter Weise durch, indem er diejenigen Momente am hermeneuti-

3 Vgl. W M , 335. 4 W M , 340.

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sehen Bewußtsein offenlegt, die dessen Übereinstimmung mit dem nen, spricht Gadamer in seinem Text von einer »moralischen« Er-
Vollzug einer authentischen Erfahrung beweist; vielmehr wählt er fahrung.
den Umweg einer Analyse der Kommunikationsbeziehung zwi- Diese »moralische« Qualität der Intersubjektivität ist es nun, die
schen Ich und Du, um an deren Vollzugscharakter die Form von Er- Gadamer im folgenden als ein Kriterium verwendet, um unter-
fahrung aufzudecken, die auch im Verstehen einer geschichtlichen schiedliche Formen der Ich-Du-Beziehung auf einer Stufenfolge
Überlieferung anzutreffen ist. Der Grund für dieses indirekte Vor- eintragen zu können, der er entsprechend dann verschiedene Arten
gehen ergibt sich aus der These, daß wir es im hermeneutischen Ver- des historischen Bewußtseins zuzuordnen versucht; auf dem Weg ei-
stehen mit einem Objekt zu tun haben, das mit dem »Du« einer In- ner solchen Parallelisierung soll sich am Ende zeigen, daß eine be-
teraktionsbeziehung die besondere Eigenschaft teilt, sich seinerseits stimmte Weise der Vergegenwärtigung von Geschichte schon des-
zum verstehenden Subjekt verhalten zu können; daher zeigen sich wegen allen anderen überlegen ist, weil sie der moralisch an-
die Erfahrungsqualitäten des hermeneutischen Bewußtseins voll- spruchsvollsten Form des intersubjektiven Umgangs entspricht.
ständig erst dann, wenn es in Entsprechung zu jenem Kommunika- Freilich darf Gadamer dabei nicht aus den Augen verlieren, daß sein
tionsgeschehen begriffen wird, in dem wir an dem »Du« eines Ge- eigentliches Ziel ja doch darin besteht, den Erfahrungscharakter des
genübers eine einzigartige Erfahrung »machen«. hermeneutischen Verstehens nachzuweisen; daher muß fur ihn die
Es steht für Gadamer außer Frage, daß sich mit der Wendung höchste Stufe der Intersubjektivität zugleich die Eigenschaft besit-
hin zur Interaktionsbeziehung auch die Qualität der zu untersu- zen, eine Beziehung zwischen zwei Subjekten zu ermöglichen, in-
chenden Erfahrung wandelt. Während wir es bislang mit solchen nerhalb deren diese wechselseitig aneinander »eine« Erfahrung ma-
Momenten zu tun hatten, in denen Bruchstücke des Horizonts un- chen können. Schon von hier aus ergibt sich dann aber die Vermu-
serer Handlungsgewißheiten an bloßen Gegenständen scheitern, tung, daß Gadamer die moralische Qualität einer intersubjektiven
haben wir jetzt den Fall vor Augen, in dem die falsifizierende Instanz Beziehung allein daran bemißt, ob sie dazu in der Lage ist, den
selber eine Person ist und sich daher ihrerseits zum handelnden Sub- Überraschungswert des jeweils Anderen zu bewahren.
jekt noch einmal verhalten kann; dadurch aber wird die Erfahrung, Nicht weiter erstaunlich ist es, daß Gadamer auf der untersten
um deren Analyse es geht, zu einem »moralischen Phänomen«,5 an Stufe seiner Skala eine Interaktionsform einfuhrt, der im Felde des
dem die Art der Beziehung zwischen mindestens zwei Personen von geschichtlichen Bewußtseins die bereits kritisierte Primitivform ei-
ausschlaggebender Bedeutung ist. Zwar wird die Verwendung des ner geradezu naturwissenschaftlichen Methodik entspricht. Im Text
Ausdrucks »moralisch« hier nicht weiter gerechtfertigt, aber es liegt reichen einige Zeilen aus, um deutlich zu machen, worum es sich bei
auf der Hand, daß damit der Umstand einer generellen »Betroffen- einer derartigen Form der intersubjektiven Beziehung handelt: Das
heit« des Interaktionspartners von der jeweiligen Einstellung des Ich hat hier aus seinen vergangenen Erfahrungen kategoriale Sche-
Subjekts gemeint ist. Nicht anders als Sartre, der in Das Sein und das mata der Typisierung von Menschen gewonnen, die es in der Be-
Nichts die Anerkennung von Personen von ihrer bloß kognitiven Er- gegnung mit einem Du nur noch starr zur Anwendung bringt, um
fassung abhebt (vgl. in diesem Band S. 91 ff), macht auch Gadamer die eigenen Absichten erfolgreich durchsetzen zu können.6 Mit ei-
einen prinzipiellen Unterschied zwischen der Erfahrung von Perso- ner solchen schematischen Erfassung geht nicht allein die Konse-
nen und derjenigen von Gegenständen; und in beiden Fällen soll quenz einher, daß der Andere im Sinne Kants nur als Mittel der ei-
sich die Besonderheit der Erfahrung, die im Umgang mit anderen genen Zwecke behandelt, nicht aber als Zweck an sich »anerkannt«
Subjekten gemacht wird, an der Tatsache der wechselseitigen Be- wird; vielmehr wähnt das Ich sich auch in der Rolle eines vollkom-
troffenheit beider Interaktionspartner bemessen. Wo Sartre aller- men unabhängigen Subjekts, das seinerseits von den vorangegange-
dings von »Anerkennung« spricht, um diesen Sachverhalt zu benen- nen Handlungen seines Gegenübers gänzlich unbetroffen und inso-

5 W M , 340. 6 Vgl. W M , 341.

102 54
fern ohne jede intersubjektive Vergangenheit ist. Daher auch ent- bezeichnet Gadamer gleich an mehreren Stellen mit dem Begriff des
spricht auf dem Gebiet des geschichtlichen Bewußtseins dieser In- »Herausreflektierens«; damit soll der Umstand gekennzeichnet wer-
teraktionsform eine Einstellung, die sich selber in das historische den, daß die Fiktion eines gesicherten Wissens um das Wohl des An-
Überlieferungsgeschehen in keiner Weise einbezogen weiß: die Ver- deren hier der Anstrengung geschuldet ist, sich durch Reflexion von
gangenheit wird hier methodisch soweit auf Distanz gebracht, daß der unmittelbaren Gegenseitigkeit zu distanzieren und damit der
sie wie ein äußerer Gegenstand erscheint, an dem sich Gesetz- überlegenen Präsenz des »Du« zu entziehen. Von dieser letzten Be-
mäßigkeiten oder typische Wiederholungen untersuchen lassen. In stimmung aus fällt es nun nicht schwer, diejenige Entsprechung zu
beiden Richtungen, sowohl der Geschichte wie auch dem Interakti- benennen, die sich für eine derartige Form von Intersubjektivität
onspartner gegenüber, ist mithin eine solche objektivierende Ein- auf dem Gebiet des geschichtlichen Wissens findet; denn nach
stellung weit davon entfernt, eine »wirkliche« Erfahrung möglich zu Gadamer bildet es ja den Grundfehler der historischen Aufklärung
machen: Auf einige wenige, fixe Eigenschaften festgelegt, ist das Ge- bis hin zu Diltheys Hermeneutik, daß sie bei allem Wissen um die
genüber soweit aller Andersheit, aller Überraschungswerte beraubt, »Andersheit der Vergangenheit« dem Ideal einer objektiven, vorur-
daß es zur Erschütterung oder Widerlegung eigener Vorannahmen teilsfreien Geschichtsdeutung gefolgt ist. Das Gemeinsame einer
nicht mehr beitragen kann. solchen szientifischen Hermeneutik und den fürsorglichen Paterna-
Wie diese Überlegungen zeigen, fällt es Gadamer auf der ersten Iismus stellt daher die Tendenz des »Herausreflektierens« dar, die in
Stufe seiner Parallelisierung nicht weiter schwer, moralische und beiden Fällen dafür sorgt, daß die vorgängige Bindung an das Ge-
methodische Einwände zur Deckung zu bringen. Der Grund dafür genüber geleugnet und dementsprechend eine Art von Vorurteilslo-
findet sich in dem Umstand, daß hier zwischen moralischem Fehl- sigkeit im Umgang beansprucht wird: In derselben Weise, in der das
verhalten und kognitivem Irrtum eine Art von Implikationsverhält- Subjekt im Verstehen seines Interaktionspartners ein überlegenes
nis besteht: Wird der Interaktionspartner als ein bloßes Mittel be- Wissen reklamiert, versucht auch der historische Wissenschaftler
handelt, so bedeutet das eben, ihn kognitiv auf nur diejenigen Ei- der Andersheit der Vergangenheit gerecht zu werden, indem er bei
genschaften zu reduzieren, die für die Verfolgung eigener Zwecke Leugnung aller wirkungsgeschichtlichen Einflüsse eine objektive
die wesentlichen Ansatzpunkte bilden. Weitaus schwerer muß Erkenntnis erstrebt.
Gadamer aber eine solche Identifizierung fallen, sobald er es auf der Auch im Falle dieser zweiten Stufe von Intersubjektivität gelingt
zweiten Stufe seiner Skala mit einer Interaktionsform zu tun hat, die es Gadamer mithin wieder, zwischen moralischen Argumenten und
nicht mehr den Fall einer bloßen Instrumentalisierung darstellt; erkenntnistheoretischen Erwägungen eine direkte Verknüpfung
nunmehr soll es sich vielmehr um ein intersubjektives Reflexions- herzustellen. Die moralisch problematische Tendenz einer »auto-
verhältnis handeln, in dem beide Subjekte zwar wechselseitig um ihr ritären Fürsorge« soll sich in seinen Augen dann ergeben, wenn ein
Personsein wissen, andererseits aber von den Ansprüchen des jeweils Subjekt kognitiv von der Bindung abstrahiert, die es vorgängig be-
Anderen eine »vorgreifende« Deutung zu besitzen glauben. Daher reits mit seinem Interaktionspartner unterhält; und in vergleichba-
spricht Gadamer mit Bezug auf ein solches Verhältnis auch davon, rer Weise entsteht die Fiktion eines hermeneutischen Objektivismus
daß das Verstehen des »Du« hier eine »Weise der Ichbezogenheit«7 in dem Augenblick, in dem die Wirkung der Vergangenheit auf die
darstellt: Die beiden Subjekte projizieren wechselseitig in ihr Ge- eigene Ausgangslage geleugnet wird, so daß ein vorurteilsfreies, neu-
genüber Bedürfnisse oder Ansprüche hinein, von denen sie bei aller trales Wissen angestrebt werden kann. Es ist in beiden Fällen, so
beanspruchten Offenheit für die Andersheit des »Du« annehmen, möchte Gadamer zeigen, ein erkenntnismäßiger Irrtum, der zum
ein überlegenes, vorurteilsfreies Wissen zu haben. Was an einer der- moralisch fragwürdigen Anspruch eines überlegenen Verstehens
artigen Form von Intersubjektivität das entscheidende Merkmal ist, fuhren muß: zwar wird dort der Partner, hier die Geschichte in ih-
rer jeweiligen Andersheit anerkannt, aber deren Differenz wird im
7 W M , 341. selben Zug auch wieder bestritten, weil ihnen gegenüber ein objek-
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tives Wissen um ihre Besonderheit beansprucht wird. Von diesem flusses bedarf, den das jeweilige Gegenüber auf die eigene Aus-
zugleich kognitiven und moralischen Fehler ist nun erst diejenige gangslage hat; die Entsprechung zwischen den beiden Beziehungs-
intersubjektive Einstellung frei, die Gadamer auf der dritten Stufe mustern macht vielmehr auch deutlich, daß die Geschichte oder der
seiner Skala einführt: Hier weiß sich das Subjekt in der Weise vor- Interaktionspartner nur dann in ihrer Andersheit wahrnehmbar
gängig an sein Gegenüber gebunden, daß es sich getrost dem Voll- sind, wenn sie zur Quelle der Widerlegung von solchen Vormei-
zug wechselseitigen Verstehens überlassen kann und damit dem nungen werden können, die vorgängig unter ihrem Einfluß ent-
»Du« als einer ständigen Quelle der Widerlegung eigener Voran- standen sind. Insofern endet das Entsprechungsverhältnis, das
nahmen zu öffnen vermag. Gadamer auf allen drei Stufen nachvollzogen hat, genau an dem
Schon diese letzte Formulierung läßt hinlänglich deutlich wer- Punkt, an dem der Erfahrungscharakter allen historischen Verste-
den, worin nun in den sich anschließenden Ausführungen die ei- hens durchsichtig wird: von einer angemessenen Einstellung ge-
gentliche Pointe der Analyse Gadamers bestehen muß. Haben wir genüber der geschichtlichen Überlieferung läßt sich allein sprechen,
es bislang mit zwei Stufen von Intersubjektivität zu tun gehabt, de- wenn diese wie ein Interaktionspartner begriffen wird, demgegen-
ren moralische Mängel zugleich Ausdruck der Unmöglichkeit eines über es sich im Verstehen vertrauensvoll zu öffnen gilt; jedes Da-
tatsächlichen Erfahrungsvollzugs waren, so entfallen auf der höch- zwischentreten einer Reflexion würde dabei nur stören, weil es der
sten Stufe mitsamt den moralischen Defiziten auch die Schranken vorgängigen Bindung den Boden entzieht, unter deren Vorausset-
eines Vollzugs »echter« Erfahrungen; erst jetzt nämlich, wo doch das zung der notwendige Vertrauensvorschuß überhaupt erst entstehen
Subjekt seine vorgängige Abhängigkeit vom »Du« nicht länger leug- konnte. Verstehen von Geschichte ist mithin, anders als die Refle-
net, können dessen Mitteilungen den Anstoß zu einer Erfahrung ge- xionsphilosophie es wahrhaben möchte, ein Vollzugsgeschehen,
ben, durch die mitgebrachte Meinungen und Vorurteile gleichsam nicht aber ein reflexiver Akt der Aneignung.
unwillkürlich revidiert werden. Der Begriff, mit dem Gadamer die- Nun hängt diese Schlußfolgerung in nicht unwesentlichem
se dritte Form von Intersubjektivität zu charakterisieren versucht, ist Maße von der Frage ab, als wie überzeugend die Schilderung gelten
der der »Offenheit«8; er soll besagen, daß wir es hier mit einem Ver- kann, die Gadamer von der Vollendungsstufe des intersubjektiven
hältnis zweier Subjekte zu tun haben, die beide ihre Abhängigkeit Verhältnisses gibt; denn hier wird doch das Argument über den zer-
voneinander soweit anerkannt haben, daß sie in sich die Meinung störerischen Charakter der Reflexion vorbereitet, das dann durch
des jeweils Anderen als Einwand gegen sich selber gelten lassen kön- die Behauptung einer Entsprechung auf dem Feld des historischen
nen. Von hier aus bedarf es nur noch eines einzigen Schrittes, um zu Bewußtseins zum Zuge kommt. Daher ist es nicht unwichtig, jene
der These zu gelangen, um derentwillen Gadamer seinen ganzen Ex- Schritte noch einmal gesondert zu prüfen, in denen Gadamer seine
kurs zu Stufen der Intersubjektivität von Beginn an unternommen normative Rangordnung systematisch entwickelt; unterlaufen ihm
hatte; denn werden nun durch Analogieschluß die Eigenschaften dabei Mängel oder Ungereimtheiten, so dürfte das nicht ohne Ein-
der vollendeten Interaktionsform auf die Einstellung übertragen, fluß auf seine Charakterisierung des angemessenen Bezugs auf die
die wir gegenüber der geschichtlichen Überlieferung einnehmen Geschichte sein. Einen geeigneten Ausgangspunkt bei dieser Über-
sollten, so ergibt sich als das erkenntnisleitende Prinzip, vorgängig prüfung mag die Frage darstellen, welcher theoriegeschichtliche
die eigene Abhängigkeit von der Vergangenheit soweit einzuräu- Hintergrund es im wesentlichen ist, der Gadamer zu seiner sehr spe-
men, daß das Ziel einer objektiven Erkenntnis preisgegeben werden zifischen Konzeption von Intersubjektivität hat gelangen lassen.
muß. In den Strukturen einer gelingenden Ich-Du-Beziehung spie-
geln sich die Muster eines angemessenen Geschichtsbewußtseins
aber nicht nur darin, daß es stets vorweg der Anerkennung des Ein-

8 W M , 343.

102 58
II Nachdem er einleitend kurz die theoriegeschichtlichen Verdienste
Löwiths gewürdigt hat, die vor allem in der Einbeziehung Feuer-
bachs in die Intersubjektivitätsproblematik liegen sollen, kommt
In einer Besprechung, die gut dreißig Jahre vor Wahrheit und Me- Gadamer schnell auf das ihn vor allem beschäftigende Problem zu
thode erschienen ist, hat Gadamer in ausführlicher Weise die Ver- sprechen: Wenn das menschliche Dasein nach Löwith stets schon
dienste des Buches gewürdigt, das Karl Löwith 1928 über Das Indi- intersubjektiv verfaßt ist und diese Intersubjektivität mit ihm als
viduum in der Rolle des Mitmenschen veröffentlicht hat.9 Das Ziel »wechselseitiges Sichzueinanderverhalten« bestimmt werden muß,
dieser bahnbrechenden Untersuchung, ursprünglich die Habilita- stellt sich die Frage, wie sich die »eigentliche«, die »echte« Form ei-
tionsschrift Löwiths, war es gewesen, die von Heidegger begründe- nes solchen »Miteinanderseins« begreifen lassen kann. Von den vie-
te Kategorie der »Mitwelt« sowohl theoriegeschichtlich als auch sy- len Weisen des Miteinanderumgehens, die sich im Alltag antreffen
stematisch bis zu der Schwelle weiterzuentwickeln, an der sich ihre lassen, will Gadamer mithin eine besondere Form abgehoben wis-
normativen Implikationen in Grundzügen abzuzeichnen begannen; sen, die das Kriterium erfüllt, vorbildlich im Sinne der »Eigentlich-
dabei galt der erste Teil der Schrift im wesentlichen dem Versuch, keit« zu sein; und auch wenn der Name Heideggers bei Gadamer
die formalen Strukturen von Intersubjektivität als Bedingung allen kein einziges Mal fällt, ganz anders als bei Löwith, der sich durch-
menschlichen Daseins herauszuarbeiten, während sich ihr zweiter gängig auf ihn stützt, wird nun eine solche »eigentliche« Bezie-
Teil um eine Neuinterpretation des kantischen Achtungsbegriffs hungsform im Geiste von Sein und Zeit als diejenige bestimmt,
bemühte, um ihn als Schlüssel einer intersubjektivistischen Ethik durch die »der Eine und der Andere für sich selbst« sein können, also
verwenden zu können. An der Rezension, die Gadamer zu diesem wechselseitig zur »Einzigartigkeit« gelangen.10 Auch im folgenden,
Buch verfaßt hat, sind nun die affirmativen Partien nicht weniger wenn es zunächst darum geht, »uneigentliche« Formen der Inter-
von Interesse als die eher behutsam vorgebrachten Einwände; geben subjektivität herauszustellen, ist nicht immer leicht zu entscheiden,
die positiven Teile nämlich deutlich zu erkennen, wie stark die In- ob Löwiths Text bloß wiedergegeben oder indirekt auf Heidegger
tersubjektivitätskategorien aus Wahrheit und Methode der Löwith- Bezug genommen wird. So verhält es sich schon mit der ersten Ver-
schen Fortentwicklung von Heidegger verpflichtet sind, so zeigen fallsform der Ich-Du-Beziehung, auf die Gadamer mit Löwith ab-
die negativen Teile unmißverständlich, daß die moralphilosophi- hebt, nachdem der einfache Fall einer wechselseitigen Instrumenta-
sche Auflösung im kantischen Achtungsbegriff auf jeden Fall ver- lisierung, des »Einandergebrauchens«, nur kurz gestreift worden ist:
mieden werden soll. Im Grunde genommen handelt es sich hier da- im Altruismus haben wir es häufig mit einer besonders raffinierten
her um die vorbereitende Begründung der Intersubjektivitätslehre, Gestalt der Selbstsucht zu tun, weil hier die Fürsorge für den Ande-
die im Hauptwerk dann nur noch wie in einem Exkurs herangezo- ren in »Rücksicht auf sich selbst« erfolgen kann. Wenn näher analy-
gen wird, um indirekt den Vollzugscharakter des historischen Ver- siert werden soll, worin die Eigenart einer solchen »bevormunden-
stehens zu belegen. den Fürsorge« besteht, so zeigt sich nach Gadamer schnell, daß ihr
Zwischen den beiden Texten stellt die offensichtlichste Art der eine Tendenz der Verselbständigung von Reflexion innewohnt: Das
Verknüpfung der Gedanke dar, daß die größte Gefährdung jeder Ich kommt der Antwort des Du bereits zuvor, weil es »sich in seinem
echten Intersubjektivität in der zerstörerischen Kraft der Reflexion Verhalten zum Anderen in Wahrheit schon zu dem Verhältnis selbst
besteht. In der Rezension bestimmt dieses Thema die Darstellung verhält«.11 Anstatt sich an die Präsenz des Gegenübers zu halten und
gar so stark, daß es zu dem alles entscheidenden Kriterium wird, an- von seinen Antworten abhängig zu machen, reflektiert das Subjekt
hand dessen Stärken und Schwächen des Buches beurteilt werden. über den Rahmen des unmittelbaren Miteinanderseins hinaus, um
9 Hans-Georg Gadamer, »Ich und Du (K. Löwith)«, jetzt in: GW4, 234-239; Karl
Löwith, Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen, München 1928 (Nachdruck: 10 Hans-Georg Gadamer, »Ich und Du (K. Löwith)«, a.a.O., S. 237.
Darmstadt 1969). 11 Ebd.

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es als solches wie einen Gegenstand vor sich zu haben; die dadurch vormundende Fürsorge« äußert, den kurzen Bemerkungen Heideg-
ermöglichte Nachaußenverlagerung erlaubt eine gleichsam objekti- gers über die erste, »einspringende« Form der Fürsorge entnommen
vierende Sicht, in der die Ansprüche des Anderen gedeutet werden ist; und auch die sich anschließenden Überlegungen über den Zu-
können, ohne ihn überhaupt zu Wort kommen zu lassen. sammenhang von Bevormundung und »Hinausreflektieren«, wie sie
Sowenig schwer es ist, in diesen Formulierungen die zweite Stufe sich sowohl in der Rezension als auch in Wahrheit und Methode fin-
der Interaktion aus Wahrheit und Methode wiederzuerkennen, so den, sind insofern der Unterscheidung Heideggers nachempfun-
leicht fällt es ebenfalls, darin die über Löwith vermittelte Fort- den, als auch bei ihm das »Einspringen« den Charakter einer Zer-
führung einer Problematik von Heidegger zu entdecken. Heidegger störung der intersubjektiven Präsenz des Anderen hat.
hatte im berühmten 4. Kapitel des I. Abschnitts von Sein und Zeit, Bedeutsamer aber als der Nachweis, daß Gadamer seine Charak-
nachdem zunächst die vorgängige Intersubjektivität aller mensch- terisierung der zweiten Stufe von Intersubjektivität im wesentlichen
lichen Lebensvollzüge dargestellt worden war, den schwierigen Ver- dem Heidegger von Sein und Zeit verdankt, ist natürlich die darauf
such unternommen, unterschiedliche Formen der Sorge um den folgende Frage, wie es bei allen drei Autoren um die Vollendungs-
Anderen voneinander abzugrenzen; dabei legte er als Maßstab seiner form von Intersubjektivität steht; denn hier muß sich entscheiden,
Analyse, wie freilich erst im nachhinein deutlich wird, die Idee jener ob Gadamer auch auf dieser Stufe noch den Spuren seines Lehrers
besonderen Gestalt von individueller Freiheit zugrunde, die in der folgt und welche Konsequenzen sich daraus am Ende für seine Ver-
Entschlossenheit zu sich selber bestehen soll.12 Vor diesem Hinter- stehenskonzeption im ganzen ergeben würden. Von Löwith hatten
grund nun unterscheidet Heidegger zwei Formen der Fürsorge im wir schon kurz erwähnt, daß er eine positive Lösung anstrebt, die in
Hinblick darauf, in welchem Maße sie zur Gewinnung einer sol- die Richtung einer intersubjektivitätstheoretischen Deutung des
chen Freiheit beitragen können: Während die »einspringende« Für- kantischen Achtungsprinzips zielt. In einer überraschenden Wen-
sorge sich an die Stelle eines Anderen versetzt und dessen Last dung, die bis heute die Originalität seiner Studie ausmacht, ent-
gleichsam stellvertretend übernimmt, so daß es eher zu einer Form wickelt er aus den mit Heidegger beschriebenen Strukturen des
der Beherrschung kommen muß, ist die »vorausspringende« Für- »Mitseins« ein normatives Prinzip, dem zufolge die Subjekte sich
sorge dagegen von der Art, daß sie »dem Anderen dazu (verhilft), in wechselseitig Achtung oder Anerkennung schulden; allein dann, so
seiner Sorge sich durchsichtig zu werden und für sich frei zu wer- lautet das Argument, wenn alle Menschen sich reziprok Achtung
den«.13 Die etwas eigenwillige Begriffswahl, die Heidegger hier wie entgegenbringen, finden sie sich in einer intersubjektiven Lebens-
immer verwendet, ergibt sich wohl im wesentlichen aus dem über- welt vor, in der jeder sich nach Maßgabe selbstgewählter Zwecke
tragenen Sinn, den im Deutschen der Ausdruck »Einspringen« be- verwirklichen kann, ohne die Gefahr der Bevormundung oder In-
sitzt: Handelt in einer derartigen Fürsorge ein Subjekt im Namen strumentalisierung in Kauf zu nehmen.15 Für Gadamer freilich muß
seines Partners und nimmt ihm damit die Chance der Selbstbestim- ein solcher Lösungsvorschlag vollkommen abwegig erscheinen;
mung, so soll das »Vorausspringen« im zweiten Fall von Fürsorge be- denn er erblickt doch die höchste Stufe des menschlichen Mitein-
sagen, daß die Hilfestellung im antizipativen Erfassen der existen- ander in einer wechselseitigen Offenheit, die zwei Subjekte sich
tiellen Offenheit des Anderen erfolgt und insofern nur selbstverant- dann entgegenbringen können, wenn sie beide vorreflexiv um ihre
wortliches Handeln ermöglichen soll.14 Es ist nun gar keine Frage, Abhängigkeit voneinander wissen. Die tieferen Gründe fur diesen
daß alles, was Gadamer im Verweis auf Löwith kritisch über die »be- markanten Unterschied zwischen Gadamer und Löwith liegen al-
lerdings auf der Ebene, auf der es um die Bedeutung der Reflexion
12 Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1976. ftir die Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen geht: Wäh-
13 Martin Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 122.
rend jener in reflexiven Akten stets nur die negative Seite einer Di-
14 Vgl. Mattin Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 122; zum Kontext dieser Analyse
von Fürsorge vgl. die vorzügliche Interpretation von Stephan Mullhall, Heidegger
and »Being and Time«, London 1996, Kap. 2. 15 Vgl. Karl Löwith, Das Individuum in der Rolle des Mitmenschen, a.a.O., S.152 ff.

102 63
stanzierung oder Veräußerlichung zu erkennen scheint, sieht dieser tersubjektiven Einstellung der Achtung, so läßt sich dieser Gedan-
in ihnen offenbar die Chance einer Dezentrierung des Ichs angelegt, kengang weiterführen, ist mithin nur eine andere Form jenes »Hin-
die fxir den intersubjektiven Umgang eine notwendige Vorausset- ausreflektierens« zu sehen, das sich schon an der »bevormundenden
zung darstellt. Löwith glaubt, daß ohne moralische Selbstbeschrän- Fürsorge« als Ursache der Zerstörung echter Zwischenmenschlich-
kung ein friedfertiger und zwangfreier Umgang zwischen Menschen keit erwiesen hat; denn auch hier erhebt sich ein Subjekt über die
nicht möglich ist, während für Gadamer in einem derartigen Akt unmittelbare Präsenz des Anderen, indem es an ihm kraft reflexiver
der Reflexion bereits der Anfang einer Objektivierung liegt, durch Anstrengungen allgemeine Züge des Personseins ausmacht, die von
die die vorgängige Verbundenheit zwischen dem Subjekt und sei- den je besonderen, einzigartigen Eigenschaften ablenken müssen.
nem Gegenüber unwiderruflich zerbrochen wird. In dieser strikten Insofern teilt dies Achtungsverhältnis, so wie Gadamer es sieht, mit
Ablehnung aller reflexiven Leistungen, die mit der Verunmögli- den anderen Verfallsformen der Intersubjektivität den Makel, den
chung der Perspektive eines unparteilichen Dritten einhergeht, setzt Interaktionspartner soweit auf Distanz zu bringen, daß eine vor-
sich bei Gadamer auch in seinem Kommunikationsideal der Ein- gängige Abhängigkeit von ihm nicht mehr erlebt werden kann; und
fluß seines Lehrers Heidegger durch.16 aus dieser Zerstörung aller vorreflexiven Bindungen erwächst dann
Einen deutlichen Beleg für die soeben umrissene These stellt die Unfähigkeit, sich wechselseitig so füreinander öffnen zu können,
schon der Abschluß jener Besprechung dar, die Gadamer der Studie wie es echte Zwischenmenschlichkeit verlangen würde.
Löwiths gewidmet hat; dort werden in wenigen Zeilen, nachdem So richtig nun an diesen Überlegungen der Einwand ist, daß die
bislang nur Lob vorgeherrscht hat, starke Einwände gegen die kan- Einstellung der Achtung nicht der individuellen Besonderheit der
tische Lösung geltend gemacht, mit der Löwith ein Gegenmodell anderen Person gerecht zu werden vermag,18 so wenig ergibt sich
zu den Verfallsformen von Intersubjektivität errichten zu können daraus schon eine Lösung der viel allgemeineren Frage, worin die
glaubt. Gadamer erblickt in dieser theoretischen Auflösung eine Art »höchste« Form der Intersubjektivität gesehen werden muß. Löwith
von systematischem Selbstmißverständnis, weil Löwith sich nicht hat im zweiten Teil seines Buches offenbar doch ein ganz anderes
recht klargemacht habe, daß das Achtungsprinzip seinem Anliegen Problem vor Augen, als Gadamer ihm zu unterstellen scheint; was er
der Charakterisierung einer positiven Ich-Du-Beziehung nicht nämlich zu beantworten versucht, ist die Frage, wie die Subjekte
dienlich sein kann; denn jemanden zu achten darf nach der Vorstel- sich wechselseitig vor den Gefährdungen schützen können, die in
lung Kants doch nur heißen, ihm die allgemeinen Eigenschaften ei- den Verfallstendenzen aller zwischenmenschlichen Verhältnisse an-
ner menschlichen Person zuzuerkennen, so daß die besondere Ei- gelegt sind. Natürlich hat Gadamer recht mit seiner Deutung, daß
genart des »Du« gar nicht erst wahrgenommen werden kann. Gera- auch Löwith als die wesentliche Ursache solcher intersubjektiven
dezu schroff heißt es daher bei Gadamer: »Kant vollends vermag die Gefährdungen die Tendenz betrachtet, sich kraft reflexiver Distan-
Fragestellung Löwiths nicht genau in seinem Sinne zu stützen und zierungen aus der wechselseitigen Bindung herauszulösen und den
verschiebt sie unmerklich nach einer anderen Richtung. Denn Ach- Anderen damit zum Gegenstand objektivierender Zuschreibungen
tung im kantischen Sinn ist Achtung vor dem Gesetz, d.h. aber, das zu machen; und eine der großen Leistungen seiner Studie besteht
Phänomen der Achtung enthält in sich selbst eine Verallgemeine- auch sicherlich darin, den Zusammenhang zwischen einer derarti-
rung des Menschlichen und nicht die Tendenz zur Anerkennung des gen Objektivierung und den Phänomenen einer bevormundenden
Du in seiner Sonderart und um dieser Sonderart willen.«17 In der in- Fürsorge oder der blanken Instrumentalisierung herausgearbeitet zu
haben. Aber die Pointe seines Rückgriffs auf den kantischen Ach-
16 Daher müssen nach meiner Auffassung alle Versuche scheitern, in Heideggers Be-
stimmungen der Mitwelt die Ansatzpunkte einer universalistischen Ethik zu fin-
tungsbegriff liegt doch gerade darin, ein moralisches »Prohibitiv«
den; ein Beispiel liefert Frederick A. Olafson, Heidegger and the Ground of Ethics,
A Study of Mitsein«, Cambridge 1998. 18 Vgl. meine Sammelrezension: A. Honneth, »Liebe und Moral«, in: Merkur 597,
17 Hans-Georg Gadamer, »Ich und Du (K. Löwith)«, a.a.O., S. 239. Heft 12 (1998), S. 519-525.

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(Gadamer) ins Spiel zu bringen, dessen allgemeine Berücksichti- ob diesem »Dritten« auch bei Gadamer noch all jene Züge des
gung die Subjekte wechselseitig vor den genannten Verfallserschei- »Man« anhaften, auf die Heidegger in Sein und Zeit den Standpunkt
nungen schützen würde: Sich wechselseitig zu achten heißt, so eines generalisierten Anderen hat zusammenschrumpfen lassen;
möchte Löwith offenbar sagen, intersubjektive Bindungen einge- und umgekehrt ist es daher auch nicht weiter überraschend, daß
hen zu können, ohne deren potentielle Gefährdungen furchten zu sich in Wahrheit und Methode als die höchste Stufe der zwischen-
müssen; denn die Einstellung der Achtung garantiert, daß der An- menschlichen Kommunikation eine Form der unmittelbaren Be-
dere auch dann noch als autonome Person anerkannt bleibt, wenn gegnung findet, die mit Heideggers »vorausspringender Fürsorge«
er die eigene Individualität im intersubjektiven Geschehen zu of- die größte Ähnlichkeit besitzt. Gadamer übernimmt von Heidegger
fenbaren beginnt. Es würde zu weit fuhren, hier das Problem wei- nicht nur, wie Löwith auch, die Kritik an allen Arten der latent au-
terzuverfolgen, ob zwischen der Achtung und der liebevollen Zu- toritären Fürsorge; nein, er teilt im Gegensatz zu Löwith mit seinem
wendung gleichwohl eine Art von schwer aufhebbarer Spannung Lehrer auch noch die normative Orientierung allein an solchen For-
besteht. Immerhin bemühen sich heute einige feministische Auto- men der zwischenmenschlichen Begegnung, die frei von jeder wech-
rinnen, den Respekt im kantischen Sinn als eine moralische Ein- selseitigen Bezugnahme auf generalisierte Normen oder Werte sind.
stellung zu beschreiben, die in persönlichen Nahbeziehungen eine In dieser, und nur in dieser einseitigen Ausrichtung setzt sich bei
Art von moralischem Schutz garantieren kann.19 Gadamer ungebrochen ein Stück des Provinzialismus fort, fur den
Interessanter in unserem Zusammenhang ist sicherlich die Frage, in Heideggers Sein und Zeit der Affekt gegen das »Man« noch im-
warum Gadamer dem Lösungsvorschlag von Löwith so wenig Ge- mer das untrüglichste Zeichen ist.
wicht beimißt, obwohl er doch mit ihm von der permanenten Ge-
fährdung der zwischenmenschlichen Kommunikation den Ausgang
nimmt. Den Grund hierfür sehe ich in der mit Heidegger geteilten III
Prämisse, daß es jenseits der Zweisamkeit keine reflexiv verallge-
meinerte Form der Intersubjektivität gibt, die nicht den Makel der Nun werden diese Schlußfolgerungen dem Ansatz von Gadamer in-
Entstellung oder Distanzierung trägt: Was nicht vorgestellt werden sofern nicht ganz gerecht, als sie die starke Bedeutung unterschla-
kann, ist daher die Möglichkeit, daß sich zwei Subjekte in der ge- gen, die er in seinen intersubjektivitätstheoretischen Erwägungen
meinsam geteilten Perspektive eines generalisierten Anderen begeg- der Idee eines ungestörten Erfahrungsvollzugs einräumte. Wenn wir
nen, ohne deswegen schon dem jeweiligen Gegenüber die individu- uns an die entsprechenden Ausfuhrungen in Wahrheit und Methode
elle Besonderheit zu nehmen. Nichts anderes ist wohl gemeint, erinnern, so galt die ganze Einführung der intersubjektiven Dimen-
wenn Gadamer in seiner Löwith-Rezension von der generellen »Re- sion doch nur dem Ziel, die Struktur einer authentischen Erfahrung
flexionsproblematik der mitweltlichen Verhältnisse«20 spricht: So- des Anderen freizulegen; und von einer solchen Klärung erhoffte
bald zwei Subjekte als »Ich« und »Du« aufeinandertreffen, bedeutet sich Gadamer ferner eine Auskunft darüber, wie der Prozeß der Ver-
die Übernahme eines Standpunkts des unparteilichen Dritten im- gegenwärtigung von Geschichte angemessen zu denken sei. Gemes-
mer schon einen reflexiven Schritt, durch den die vorgängig beste- sen an diesem Ziel hat Gadamer sicherlich recht mit den Bedenken,
hende Abhängigkeit unwiderruflich zerstört wird. Es scheint so, als die er gegen intersubjektivitätstheoretische Modelle vorbringt, in
denen die Begegnung von Ich und Du allein unter Bezug auf ge-
19 Vgl. exemplarisch: Barbara Herman, »Ob es sich lohnen könnte, über Kants Auf-
meinsam geteilte Normen gedacht wird; denn von der Besonderheit
fassungen von Sexualität und Ehe nachzudenken?«, in: Deutsche Zeitschrift fiir Phi-
losophie 43 (1995), Heft 6, S. 967-988; Marilyn Freedman, What are Friends for?
des Anderen bleibt in der individuellen Erfahrung um so weniger
Feminist Perspectives on Personal Relationships and Moral Theory, Ithaca und Lon- übrig, je stärker intersubjektive Einstellungen vorherrschen, die der
don 1993. Ausdruck genereller Prinzipien sind. Es ist ja gerade der sich hier
2oHans-Georg Gadamer, »Ich und Du (K. Löwith)«, a.a.O., S. 239. auftuende Abstand, der inzwischen in der Moralphilosophie zu der
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breit diskutierten Frage geführt hat, ob nicht zwischen Liebe und rend wäre an dieser Stelle der Einwand, daß die wechselseitige Ori-
Gerechtigkeit, Fürsorge und Achtung eine Art von dauerhafter entierung an einer derartigen Perspektive zwangsläufig doch die Art
Spannung besteht.21 Bis zu dem damit umrissenen Punkt also ist die von Bindung zerstören muß, die Gadamer als Bedingung der her-
Argumentation, die Gadamer in seinen intersubjektivitätstheoreti- meneutischen Offenheit gerade vorauszusetzen scheint; denn das
schen Exkursen entwickelt, durchaus überzeugend und Schritt für Beispiel soll ja umgekehrt verdeutlichen, daß sich auch in der Zwei-
Schritt nachzuvollziehen. Aber Gadamer will mit seinen Überle- samkeit das, was überhaupt als moralisch angemessen gilt, im Re-
gungen ja mehr als bloß die These verteidigen, daß der Andere in gelfall für beide Partner aus der vergleichenden Bezugnahme auf die
seinem Überraschungswert um so prägnanter erfahrbar wird, je aus- Perspektiven sowohl des »konkreten« als auch des »generalisierten«
schließlicher wir uns im Bewußtsein unserer Abhängigkeit allein an Anderen ergibt. Noch prägnanter gegen die Einwände gerichtet, die
seine individuellen Äußerungen halten; ein solches Sich-offen- von Gadamers Position aus nahezuliegen scheinen, ließe sich viel-
Halten soll doch zugleich im moralischen Sinn die höchste Stufe leicht sagen, daß sich auch in persönlichen Intimbeziehungen jeder
dessen bilden, was im intersubjektiven Umgang an Einstellung denkbare Begriff von Moral, von »moralischer« Verletzung oder An-
möglich ist. Erst mit dieser weiterführenden These, die aus der still- gemessenheit, überhaupt nur der wie immer relativierten Bezug-
schweigenden Gleichsetzung von Moral und authentischer Erfah- nahme auf einen unparteilichen Dritten verdankt; nicht von außen
rung entspringt, hat Gadamer die Schwelle zum Fragwürdigen dringt eine solche Perspektive in die Ich-Du-Beziehung ein, sondern
überschritten; vor allem aber sind mit einer derartigen Schlußfolge- sie bildet darin den einen von zwei immer gegebenen Gesichts-
rung weitreichende Konsequenzen in Hinblick auf die Frage ver- punkten, in deren Vergleich das gemeinsame Verhalten stets schon
knüpft, wie wir uns idealerweise die Vergegenwärtigung von Ge- wechselseitig geprüft wird.
schichte vorzustellen haben. Wenn aber schon das Intimverhältnis in moralischer Hinsicht
Für Gadamer fällt ganz offenbar die hermeneutische »Offenheit« von der Einbeziehung des generalisierten Anderen lebt, um wie vie-
gegenüber einer anderen Person mit der intersubjektiven Einstel- les bedeutsamer wird diese Perspektive erst in Kommunikations-
lung zusammen, die wir ihr gegenüber moralisch einnehmen müs- beziehungen, in denen sich weitgehend anonyme Subjekte gegen-
sen: das Du mit all seinen Ansprüchen zu vernehmen bedeutet eben, überstehen. Mit wachsender Distanz zwischen den Interaktions-
den Interaktionspartner so zu behandeln, wie es moralisch gefordert partnern nimmt die Möglichkeit ab, als moralisch angemessen nur
ist. Aber diese Gleichsetzung, die die Basis des ganzen Struktursche- ein Verhalten zu betrachten, das in der Öffnung gegenüber den An-
mas von Gadamer bildet, ist schon in bezug auf persönliche Intim- sprüchen des Anderen besteht; hier entfällt die Voraussetzung der
beziehungen nur bedingt vertretbar; denn auch hier mag es doch individuell spürbaren Abhängigkeit, die nach Gadamer ermögli-
eher so sein, daß die beiden Partner ihr intersubjektives Verhalten chen soll, daß sich ein Subjekt auf den verstehenden Nachvollzug
wechselseitig noch einmal aus der Perspektive eines generalisierten der Äußerungen einläßt, mit denen sein Gegenüber die eigene In-
Anderen beurteilen, der die sozial verallgemeinerten Normen reprä- dividualität zu erkennen gibt. Insofern treten auf dieser Ebene der
sentiert. Dies bedeutet natürlich nicht, daß in einem solchen Fall sozialen Kommunikation die beiden Perspektiven, die in bezug auf
nur das als moralisch legitim oder gefordert gilt, was universalisti- die Intimbeziehung vielleicht gerade noch in eins zusammenge-
schen Prinzipien der Gerechtigkeit entspricht; vielmehr macht der dacht werden konnten, endgültig auseinander: jemandem unter sol-
Hinweis deutlich, daß im Normalfall die Angemessenheit der Für- chen anonymisierten Bedingungen moralisch angemessen entge-
sorge des Partners, also seine »Offenheit« für die eigenen Ansprüche, genzutreten kann nicht länger heißen, ihm in einer Einstellung der
im Lichte allgemeiner Moralvorstellungen geprüft wird. Irrefüh- hermeneutischen Offenheit zu begegnen, sondern muß zunächst
21 Vgl. wiederum exemplarisch: Paul Ricoeur, Liebe und Gerechtigkeit, Tübingen und vor allem bedeuten, ihn gemäß dem allgemeinen Prinzip der
1990; Axel Honneth, »Liebe und Moral. Zum moralischen Gehalt affektiver Bin- Achtung zu behandeln. Was die Stufenordnung von Gadamer an-
dungen«, in: ders., Das Andere der Gerechtigkeit, Frankfurt a. M. 2000, S. 216-236. belangt, so ergibt sich daraus die Konsequenz, daß sie sich mit den
102
69
zuvor genannten Schwierigkeiten überhaupt nur auf soziale Nah- Erkennen und Anerkennen
beziehungen anwenden läßt; sobald wir aber diesen engen Bereich Zu Sartres Theorie der Intersubjektivität
verlassen und in Richtung von distanzierteren Kommunikations-
formen überschreiten, zerbricht die ideale Einheit von Moral und
authentischer Erfahrung, die dort noch suggestive Plausibilität be-
saß. Obwohl es nach dem Abklingen des philosophischen Existentialis-
Von diesem Ergebnis aus wäre nun noch einmal zu überprüfen, mus um das phänomenologische Hauptwerk, Das Sein und das
wie es um das Entsprechungsverhältnis steht, das Gadamer zwi- Nichts, Jean-Paul Sartres zunächst einmal still geworden war, hat
schen intersubjektiver Begegnung und geschichtlichem Bewußtsein doch die darin entwickelte Analyse des »Blicks« in den vergangenen
behauptet hat.22 Es zeichnen sich zwei Alternativen ab, die beide fur Jahrzehnten kontinuierlich größte Aufmerksamkeit auf sich gezo-
den Autor von Wahrheit und Methode nur schwerlich zu akzeptieren gen; ja, wahrscheinlich ist das entsprechende Kapitel unter allen
wären: entweder gilt die behauptete Analogie nur unter der schwer Teilstücken des umfangreichen Buches sogar dasjenige, das bis heu-
nachzuvollziehenden Prämisse, daß unser Verhältnis zur geschicht- te in der Sekundärliteratur die stärksten Spuren hinterlassen hat.1
lichen Uberlieferung der Beziehung entspricht, die wir mit unseren Nur zu einem Teil wird dieses anhaltende Interesse an der geradezu
nächsten Interaktionspartnern teilen; oder aber die hermeneutische analytischen Stringenz liegen, mit der Sartre in seiner Argumentati-
Erfahrung wäre nicht die höchste Stufe der geschichtlichen Verge- on das althergebrachte Problem der Fremdexistenz in transzenden-
genwärtigung, sondern müßte einer Bewußtseinsform weichen, in talphänomenologischer Einstellung zu lösen versucht; von minde-
der die Perspektive des generalisierten Anderen in der Weise einbe- stens ebenso großer Bedeutung für die nachhaltige Wirkung ist si-
zogen wäre, wie es anonymisierten Kommunikationsbeziehungen cherlich die Tatsache, daß die Intersubjektivität hier auf höchst
entspricht. Am Ende liefe das wohl auf die These hinaus, daß auch subtile Weise mit Phänomenen der Negativität verklammert wird,
die Geschichte nur angemessen zu vergegenwärtigen ist, wenn die wie sie in den Erfahrungen der Scham, der Selbstentfremdung und
beiden Standpunkte des »konkreten« und des »generalisierten« An- der Verdinglichung gegeben sind. Es ist dieser intersubjektivitäts-
deren sich stets wechselseitig korrigieren würden. theoretische Negativismus, der Sartres Analyse des »Blicks« bis heu-
te mit einer Aura der radikalen Desillusionierung umgibt; und
wenn das schwer zugängliche Kapitel über die Jahre hinweg auch in
den Nachbardisziplinen der Philosophie eine dauernde Wirkung
gezeigt hat, so hängt das nicht zuletzt mit jener Atmosphäre der

1 Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts, Reinbek b. Hamburg 1993. Ich habe
mich angesichts der extrem umfangreichen Sekundärliteratur vor allem auf die fol-
genden Beiträge gestützt: Michael Theunissen, Der Andere. Studien zur Sozialonto-
logie der Gegenwart, Berlin/New York 1977, VI. Kapitel; Alfred Schütz, »Sartres
Theorie des Alter Ego«, in: ders., Gesammelte Außätze, Bd. 1, Den Haag 1971, S.
207-234; Maurice Natanson, »The Problem of Others in >Being and Nothing-
ness<«, in: Paul A. Schilpp (Hg.), The Philosophy of Jean-Paul Sartre, La Salle, III.
1981, S. 326-344. Sehr hilfreich sind ferner: William Ralph Schroeder, Sartre and his
Predecessors. The Seifand the Other, London 1984; Gary Gutting, French Philosophy
in the Twentieth Century, Cambridge 2001, Ch. 5. Gemessen an dem Stand auch
der analytischen Klärungsversuche ist der Sammelband in der »Cambridge-Com-
pagnion«-Reihe eher enttäuschend: Christina Howells (Hg.), The Cambridge
22 Diesen Gedanken führe ich weiter aus in meiner in diesem Band enthaltenen Aus-
einandersetzung mit John McDowell. Companion to Sartre, Cambridge, UK1992.

102 71
Ernüchterung zusammen, in der die Theorie der Intersubjektivität muß. Den ausführlichen Gedankengang, in dem Sartre diese her-
hier eingetaucht ist. Aber es wäre eine fatale Entwicklung, würde ausfordernde These begründet, will ich im folgenden rekonstru-
von der Intersubjektivitätslehre Sartres am Ende wirkungsge- ieren, indem ich zunächst Sartres zentralen Einwand gegen die über-
schichtlich nur die negativistische Schlußfolgerung fortbestehen; kommenen Lösungen der »Fremdexistenz«-Problematik freizulegen
denn der Anspruch, den der Autor selbst mit seiner Theorie ver- versuche; dabei will ich mich schon aus Platzgründen weniger mit
knüpft, ist philosophisch weitaus umfassender, als daß er sich in der der Frage der Angemessenheit seiner Textinterpretationen als mit
Behauptung einer unvermeidlichen Objektivierung in aller Kom- dem sachlichen Kern seines Arguments beschäftigen (I). Im zweiten
munikation zusammenfassen ließe. Sartre will im dritten Teil seiner Schritt soll dann von der komplexen, gewissermaßen zweistufigen
Untersuchung über »Das Sein und das Nichts« zunächst und vor al- These, mit der Sartre das Problem aufzulösen versucht, zunächst
lem ein Problem lösen, das nicht nur die phänomenologische Be- nur der erste Teil behandelt werden, der in der phänomenologischen
wegung, sondern auch die analytische Tradition in der Philosophie Analyse des »Erblicktwerdens« besteht; hier möchte ich vor allem
des 20. Jahrhunderts in hohem Maße beschäftigt hat: Es geht um die der Frage nachgehen, ob die Lösung Sartres gegenüber den alterna-
Beantwortung der systematischen Frage, wie wir uns in unserem je- tiven, nicht mehr bewußtseinsphilosophisch ansetzenden Vorschlä-
weiligen Lebensvollzug, also in einer Einstellung, die Thomas Nagel gen zu bestehen vermag (II). Erst im letzten Schritt werde ich mich
als die »subjektive Perspektive« bezeichnet hat,2 der Existenz ande- dann mit der negativistischen Schlußfolgerung befassen, zu der Sar-
rer Menschen sicher sein können. Das Problem der »Fremdexistenz« tre in seiner Phänomenologie der Intersubjektivität gelangt; natür-
oder der »other minds«, wie es im angelsächsischen Kontext genannt lich muß dabei zur Sprache kommen, wie jene kategorialen Vorent-
wird, hat eine lange, komplexe Vorgeschichte,3 die Sartre mit den scheidungen zu bewerten sind, die den Negativismus der Analyse
bemerkenswerten Ausnahmen des amerikanischen Pragmatismus zwingend erscheinen lassen (III).
und der Dialogphilosophie auch vollständig vor Augen zu haben
scheint; zwar beschäftigt er sich in seinem Text ausfuhrlich nur mit
den Entwürfen von Hegel, Husserl und Heidegger, aber die Ansät- I
ze des »Empirismus« und des »Idealismus« werden immerhin einlei-
tend einer knappen Kritik unterzogen. Allerdings besteht die genui- Sartre sieht sich in seiner transzendentalphänomenologischen Ana-
ne Originalität des Kapitels überhaupt erst in dem Vorschlag, durch lyse des präreflexiven Cogito zum Einstieg in die Sphäre der Inter-
den Sartre das verworrene Knäuel des Problems mit einem einzigen subjektivität nicht aufgrund des Problems gezwungen, das in der
Handstreich aufzulösen versucht, indem er eine Wendung ins Pas- Tradition des deutschen Idealismus den Anstoß zur Behandlung
sivische vollzieht und damit zugleich den Übergang in die Dimen- von Zwischenmenschlichkeit gegeben hatte. Für Fichte und Hegel,
sion der Negativität bewerkstelligt: Im subjektiv erlebten Blick des aber auch für den an beide anschließenden George H. Mead ergab
Anderen, so lautet zusammengefaßt das Argument, werde ich mir sich die Notwendigkeit, auf Strukturen der Intersubjektivität aus-
zweifelsfrei ebenso der Existenz anderer Personen bewußt, wie ich zugreifen, aus der Aufgabe einer Erklärung des personalen Selbstbe-
den Entzug meiner ursprünglichen Freiheit in Erfahrung bringen wußtseins: weil in ausschließlicher Konzentration auf die kogniti-
ven Leistungen eines einsamen Subjekts nicht erklärbar schien, wie
2 Thomas Nagel, »Wie fühlt es sich an, eine Fledermaus zu sein?«, in: ders., Letzte es von seiner eigenen Tätigkeit ein Bewußtsein erlangen soll, hielten
Fragen, Bodenheim/Mainz 1996, S. 229-250.
alle drei Autoren eine Einbeziehung des Anderen für notwendig, in
3 Vgl. zur phänomenologischen Herausarbeitung des Problems: Michael Theunis-
sen, Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart, a.a.O.; Dermot Moran,
dessen »Aufforderung« oder »Reaktion« sie den Anstoß für eine re-
Introduction to Phenomenology, London/New York 2000; zur Geschichte des The- flexive Rückwendung auf sich selbst vermuteten.4 Wie tief die Kluft
mas der »other minds« in der angelsächsischen Tradition vgl. jetzt Anita Avrami- 4 Vgl. zum Hintergrund: Ernst Tugendhat, Selbstbewußtsein und Selbstbestimmung.
des, Other Minds, London and New York 2001. Sprachanalytische Interpretationen, Frankfurt a.M. 1979, S. 245fr.; Jürgen Haber-

102 73
ist, die Sartre von dieser intersubjektivitätstheoretischen Tradition Existenz anderer menschlicher Wesen anzunehmen? Mit der Aus-
trennt, zeigt sich schon an den wenigen Worten, mit denen er den nahme von Fichte5 hatte dieses Problem nie eine besondere Heraus-
Ubergang zur Zwischenmenschlichkeit auf den letzten Seiten be- forderung für die intersubjektivitätstheoretische Tradition des deut-
gründet, die dem Teil über das »Für-Andere« vorhergehen. Lapidar schen Idealismus dargestellt, weil hier stillschweigend vorausgesetzt
heißt es dort, daß bislang bei der Analyse des präreflexiven Cogito worden war, daß dem Subjekt sein »anerkennendes« oder »reagie-
deswegen nicht vom menschlichen Körper die Rede gewesen sei, rendes« Gegenüber zweifelsfrei als menschliches Wesen gegeben ist;
weil er prinzipiell nicht im Blickfeld des intentional tätigen Subjekts weder Hegel noch Mead haben ernsthafte Anstrengungen unter-
liegen könne; vielmehr weise der Körper die Besonderheit auf, »we- nommen, um den Beweis anzutreten, daß das anerkannte Subjekt
senhaft das durch andere Erkannte zu sein« (400), so daß es sich an sich über die menschliche Identität seines Gegenübers sicher sein
dieser Stelle anbieten würde, einen »anderen Existenzmodus« (ebd.) kann. Am Ende wird Sartre zwar in gewisser Weise mit einer solchen
des menschlichen Daseins in Augenschein zu nehmen, der die Evidenzbehauptung übereinstimmen, aber der Weg dorthin wird
Struktur des »Für-Andere-Seins« besitze. Der Ubergang zur Welt doch von ganz anderer Art gewesen sein.
der Zwischenmenschlichkeit, der hier vorbereitet wird, ergibt sich Die drei Unterkapitel (Dritter Teil, Erstes Kapitel, I, II, III), in
offenkundig nicht aus den Nöten einer Erklärung des menschlichen denen Sartre die Frage nach den »other minds« zunächst skizzenhaft
Selbstbewußtseins; es sind nicht die eigenen Bewußtseinsleistun- zu umreißen versucht, sind freilich insofern ein wenig verwirrend
gen, sondern es ist die körperliche Erscheinungsweise, um deren aufgebaut, als in der subjektiven Empfindung der »Scham« vorweg
Vergewisserung willen sich das intentionale Subjekt in die Perspek- ein menschliches Gefühl vorgestellt wird, das eine Gewißheit über
tive eines Anderen versetzen können muß. Aber auch dieses Pro- die Existenz anderer Menschen vorauszusetzen scheint (405 ff.). Aus
blem wird von Sartre mit dem Beginn des Dritten Teils zunächst der Sicht des präreflexiven Cogito, an dessen Bewußtseinsleistungen
einmal zurückgestellt, weil aus seiner Sicht dessen Auflösung von sich Sartre unter dem leitenden Begriff des »Für-sich-Seins« weiter-
der vorgängigen Beantwortung einer tieferliegenden Frage abhängig hin orientiert, muß die plötzliche Empfindung von Scham beinhal-
ist: wenn es tatsächlich so ist, daß sich das Subjekt in seiner je indi- ten, in der Welt die Existenz von zumindest einem anderen Subjekt
viduellen Perspektive des eigenen Körpers nur aus der Perspektive anzunehmen, durch das es sich in seinem Daseinsvollzug beobach-
eines menschlichen Gegenübers bewußt zu werden vermag, wie tet weiß; denn Sich-Schämen bedeutet, wie es im Text in Überein-
kann es sich vorweg denn sicher sein, daß es solche anderen, eben- stimmung mit neueren, analytischen Untersuchung heißt,6 »sich
falls »erkennenden« Wesen überhaupt gibt? In seiner subjektiven seiner vor Anderen schämew (407). Insofern gehört zu dem proposi-
Perspektive scheint das einzelne Individuum zunächst einmal keine tionalen Gehalt, durch den das Gefühl der Scham gekennzeichnet
Anhaltspunkte vorzufinden, die es als begründet erscheinen lassen, ist, die Präsupposition der »Anerkennung« (406) eines Anderen, der
die Existenz anderer Personen zweifelsfrei vorauszusetzen. die Rolle eines kritischen Beobachters übernimmt. Noch bevor also
Erst mit dem Thema, das Sartre damit aufgeworfen hat, ist er zu das Problem der Fremdexistenz überhaupt genauer umrissen wor-
dem Problem vorgestoßen, das unter dem Stichwort der »Fremd- den ist, scheint sich schon der Ansatz einer Lösung abzuzeichnen,
existenz« eine Vielzahl der ihm vorausgegangenen Phänomenologen indem aus der Struktur einer menschlichen Empfindung auf die
beschäftigt hat und nun im Zentrum seines eigenen Kapitels stehen subjektive Unvermeidbarkeit der Annahme anderer, urteilsfähiger
wird: wie können wir zeigen, daß aus der Sicht des individuellen Subjekte geschlossen wird.
Subjekts keine Zweifel darüber bestehen können, neben sich die
5 Vgl. Axel Honneth, »Die transzendentale Notwendigkeit von Intersubjektivität«,
mas, »Individualisierung durch Vergesellschaftung. Z u George Herbert Meads in: Jean-Christophe Merle (Hg.), Johann Gottlieb Fichte, Grundlagen des Natur-
Theorie der Subjektivierung«, in: ders., Nachmetaphysisches Denken, Frankfurt rechts (»Klassiker Auslegen«), Berlin 2001, S. 63-80.
a. M. 1988, S. 187-241; Robert R. Williams, Recognition. Fichte and Hegel on the 6 Vgl. Gabriele Taylor, Pride, Shame and Guilt. Emotions of Self-Assessment, Oxford
Other, Albany, N.Y. 1992. 1985, Kap. III.
102
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Aber so, als traue er seiner Antwort selber noch nicht recht, bricht erkennen vermag; das Spektrum möglicher Antworten bemißt sich
Sartre den einleitenden Gedankengang schnell wieder ab, um sich dann daran, welches besondere Vermögen angenommen wird, mit
dem Problem als solchem zuzuwenden. Nicht weniger als fünfzig dessen Hilfe an wahrnehmbaren Körpern die identitätsbestimmen-
Seiten sind es, auf denen er die »besonders gefährliche(n) Fragen« den Merkmale einer geistigen Substanz auszumachen ist. Weil bei
(407) erläutert, die mit der Skepsis gegenüber der Existenz anderer einem solchen Vorgehen die Existenz des Anderen stets nur eine epi-
Personen verknüpft sind; im Mittelpunkt seiner Erörterungen, die stemische Wahrscheinlichkeit bleibt und daher jenseits der Realität
die Form einer kritischen Uberprüfung prominenter Lösungsver- der äußeren Welt angesiedelt ist, spricht Sartre auch vom Umschlag
suche besitzt, steht die Vermutung, daß eine überzeugende Wider- des Realismus in den Idealismus (4 11 ); m i t diesem teilt jener näm-
legung des Skeptizismus bislang an der Vorherrschaft der Erkennt- lich die Tendenz, die den Menschen charakteristischen Eigenschaf-
nistheorie gescheitert ist. Es ist diese Kritik am Paradigma des ten in eine ontologische Sphäre zu verbannen, die der empirischen
»Erkennens«, die die besondere Herausforderung und ungebroche- Erfahrung von Realität prinzipiell unzugänglich ist. Der Idealismus
ne Aktualität der Intersubjektivitätslehre Sartres ausmacht; in dem wiederum unterliegt nach Sartre aber seinerseits dem Zwang, in ei-
Versuch, die Gewißheit über die Existenz anderer Personen nicht nen »metaphysischen« Realismus umzuschlagen, weil er an einem
mehr auf erkenntnistheoretischem Wege zu begründen, berührt sie bestimmten Punkt seiner Argumentation nicht umhin kann, die
sich mit den Ansätzen von Heidegger und Wittgenstein.7 Existenz anderer Personen als ein innerweltliches Faktum voraus-
Schon in seiner Auseinandersetzung mit dem »Realismus« und zusetzen. Anhand der Schwierigkeiten, in die Kant mit seinem
dem »Idealismus«, die Sartre in seinem Kapitel über die »Klippe des Transzendentalismus geraten muß, versucht Sartre diesen Einwand
Solipsismus« einleitend behandelt, wird schnell klar, worauf seine gegen den Idealismus klarzumachen: unter den Prämissen transzen-
Kritik hinauslaufen soll. Das Problem der Fremdexistenz wurde in dentaler Subjektivität kann die andere Person nur als ein konstitu-
beiden Traditionen nach der Auffassung Sartres stets so gestellt, also iertes Objekt innerhalb der Erfahrungswelt betrachtet werden, wo-
ob das individuelle Subjekt daraufhin befragt werden müsse, wie es durch aber gerade jene Fähigkeiten der Konstitution an ihr verlo-
zu einer gesicherten Erkenntnis der Existenz anderer, ebenfalls gei- rengehen, die sie überhaupt erst zu einem Wesen mit subjektiven
stiger Wesen gelangen könne; insofern regiert im Realismus wie im Eigenschaften machen; soll die damit umrissene Aporie vermieden
Idealismus ein Denkmodell, das wir mit John Dewey als »Intellek- werden, so stehen dem transzendentalen Idealismus nur die zwei
tualismus« bezeichnen können, weil darin »alles Erfahren« als »eine Alternativen des Solipsismus oder des realistischen Alltagsver-
Form der Erkenntnis« begriffen wird.8 Wenig Mühe hat Sartre da- ständnisses offen, die beide gleichermaßen unhaltbare Konsequen-
mit, den Einfluß dieses Paradigmas bei jenen Positionen nachzu- zen haben: entweder wird auf ontologischer Ebene die Existenz
weisen, die er als »realistisch« bezeichnet: Da die Annahme einer un- anderer Subjekte schlechthin geleugnet, so daß »den tiefsten Ten-
abhängig gegebenen Wirklichkeit hier vorausgesetzt wird, läuft die denzen unseres Seins« (418) widersprochen werden muß, oder aber
Frage nach der Existenz anderer Personen auf die Aufgabe hinaus, deren Existenz wird wie ein unproblematisches Faktum in der Welt
die »Wahrscheinlichkeit« zu bestimmen, mit der ein denkendes behandelt, ohne den erkenntnistheoretischen Selbstwiderspruch
Subjekt ein anderes, gleichermaßen geistiges Wesen in der Welt zu weiter zu beachten. Sartre hält Kant wohl für zu nüchtern und red-
lich, um ernsthaft die Alternative der Behauptung eines »ontolo-
7 Diesem Motiv ist bislang in der Auseinandersetzung mit der Intersubjektivitäts- gischen Alleinseins« (418) zu erwägen; daher unterstellt er ihm die
theorie Sartres insgesamt zu wenig Beachtung geschenkt worden. Wie wesentlich Zuflucht zu einem Intersubjektivismus des Alltagsverstandes, der
es für Sartre ist, zeigt sich schon daran, daß er den kritisierten Theorien immer wie- seinen Idealismus ebenso in einen Realismus umschlagen läßt wie
der eine Fixierung auf das Modell des »Erkennens« vorwirft. Insofern bildet der
diesen zuvor in den Idealismus.
Versuch, einen sozialontologischen Vorrang des »Anerkennens« vor dem »Erken-
nen« nachzuweisen, einen roten Faden in dem »Blick«-Kapitel Sartres. Von systematischem Interesse ist dieser Nachweis einer rezipro-
8 John Dewey, Erfahrung und Natur, Frankfurt a. M. 1995, S. 37. ken Umschlagbewegung fiir Sartre freilich nur, weil dadurch die
102
77
Fehler ermittelt werden können, die bei einer angemessenen Lö- Fremdexistenz anders als auf erkenntnistheoretischem Wege zu lö-
sung des Problems der »Fremdexistenz« vermieden werden müssen. sen.
Nicht anders als der Realismus, so analysiert auch der Idealismus Für Sartre ergibt sich aus diesem Zwischenergebnis zunächst die
die Beziehung zum Anderen im Rahmen eines erkenntnistheoreti- Konsequenz, bei der Widerlegung des Skeptizismus bezüglich an-
schen Vorstellungsmodells: das Subjekt ist hier von seinen Interak- derer Personen vor allem darauf zu achten, daß die Beziehung zwi-
tionspartnern durch dieselbe räumliche Distanz getrennt, die auch schen den Subjekten nicht wieder vorgängig nach dem Muster der
zwischen ihm und jedem beliebigen Gegenstand besteht, so daß »Exteriorität« begriffen wird. Der Begriff, mit dem er eine solche Al-
das Verhältnis in beiden Fällen als eines der »Indifferenzexte- ternative ins Auge zu fassen versucht, ist bekanntlich der der »Inte-
riorität« (422) verstanden werden muß. Bei Sartre ist mit diesem riorität«; in erster Annäherung ist darunter eine Verbindung zwi-
Terminus eine Form der Beziehung zwischen zwei »an-sich-seien- schen zwei Seinsweisen gemeint, die insofern deren innere Verfas-
den« Gegenständen gemeint, die dadurch einen bloß äußerlichen sung beeinflußt, als sie auf ihre Qualität positiv oder negativ
Charakter besitzt, daß sie ohne jede ontologische Rückwirkung auf einzuwirken vermag. Sartre hatte seinen Gebrauch dieses Begriffs
eine der beiden Seiten bleibt (vgl. 328 f.); die Bezugnahme selber, einhundert Seiten zuvor erläutert, als im Rahmen der Transzendenz
das In-Beziehung-Setzen also, das als das Urteil eines unabhängi- für-sich-seiender Subjekte die Möglichkeit der »Interioritätsnegati-
gen Dritten vorgestellt werden muß (328), läßt den Zustand der on« eingeführt worden war: Wenn jemand von mir behauptet, daß
zwei Objekte unverändert, so daß deswegen von einem Verhältnis ich »nicht schön« oder »nicht reich« sei, so ist mir ein derartiges Ur-
der »Indifferenz« gesprochen werden muß. Wenn Sartre nun be- teil nicht gleichgültig, sondern verändert die »Totalität meines
hauptet, daß im Realismus und im Idealismus das Verhältnis zum Seins« (329), indem es etwa zu einer Minderung meines Selbstbe-
Anderen auf der Grundlage eines solchen Beziehungsmodells ge- wußtseins fuhrt oder mich mich insgesamt schlechter fühlen läßt.
dacht wird, dann erklärt das seine Verwendung des Ausdrucks Im Gegensatz zu einer externen Beziehung, wie sie durch ein Urteil
»Erkennen«: In beiden Ansätzen kann das Subjekt von anderen zwischen physischen Objekten hergestellt werden kann, wirkt also
Personen nur Kenntnis gewinnen, indem es sie wie ein raumzeit- eine solche »Interioritätsbeziehung« auf den Zustand der einbezo-
lich gegebenes Objekt zu erkennen versucht, weil kein anderes Ver- genen Glieder selber ein; daher ist sie auch nur zwischen Wesen
hältnis zwischen den beiden Wesen zugelassen wird als eben eine möglich, deren Seinsweise die des »Für-sich-Seins« ist, weil nur die-
solche externe Beziehung der Indifferenz. Bei Sartre heißt es dem- ses »in (seinem) Sein durch ein Sein, das (es) nicht (ist), bestimmt
entsprechend: »Sobald der Andere nicht durch sein Sein auf mein werden« (329) kann. In einer anderen Formulierung drückt Sartre
Sein einwirken kann, ist demnach die einzige Art, in der er sich die Eigentümlichkeit, die einer solchen Interioritätsbeziehung zu-
mir enthüllen kann, meiner Erkenntnis als Objekt zu erscheinen.« kommen soll, mit Hilfe des Begriffs der »Affizierung« aus: während
(422) Das Erkenntnismodell, mit dessen Hilfe in beiden Traditio- sich in einem Exterioritätsverhältnis die miteinander verknüpften
nen das Problem der »Fremdexistenz« gelöst werden soll, ergibt Glieder weiterhin indifferent zueinander verhalten, werden sie in
sich mithin als Konsequenz aus der vorgängigen Vorstellung, die dem anderen, interioren Verhältnis voneinander »affiziert« (422),
hier über das Feld der intersubjektiven Beziehungen besteht: wenn stehen sich also gerade nicht mehr gleichgültig gegenüber, sondern
diese ontologisch durch dieselbe Indifferenz geprägt sind, die zwi- sind in ihrem Existenzvollzug durch den jeweils Anderen betroffen.
schen den Gliedern eines Urteils über physische Objekte herrscht, Diese begrifflichen Differenzierungen erlauben es Sartre nun,
so können wir als Subjekte voneinander nur Kenntnis erhalten, in- den Faden seiner Auseinandersetzung mit den Versuchen einer Wi-
dem wir uns wie Objekte mit besonderen Eigenschaften zu erken- derlegung des Solipsismus dort wieder aufzunehmen, wo er ihn
nen versuchen. Insofern versperrt die Prämisse, die Beziehungen nach der Beschäftigung mit dem Realismus und dem Idealismus lie*
zwischen den Subjekten nur nach dem Muster des Verhältnisses gengelassen hatte. Für alle drei Ansätze, die von nun an im Mittel-
von Gegenständen aufzufassen, jede Möglichkeit, das Problem der punkt seines Interesses stehen, kann aus seiner Sicht gelten, daß sie

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die Wendung hin zu einer Auffassung der Intersubjektivität als einer wißheit über die Existenz des Anderen gelangen, erneut zu einem
Interioritätsbeziehung bereits vollzogen haben: bei Husserl, Hegel Stoff der Erkenntnistheorie machen.9
und Heidegger, denen als Dreiergruppe ein gesondertes Unterkapi- Demgegenüber kommjJHegd in seiner Anerkennungslehre den
tel gewidmet ist (Dritter Teil, Erstes Kapitel, III), wird die Bezie- Forderungen, die Sartre in seinem Begriff der »ImerioriEta-sdbarL
hung zwischen dem Ich und dem Anderen nicht länger nach dem indirekt umrissen hat, noch viel weiter entgegen: Die Vorstellung
Muster einer Vereinigung »zweier getrennter Substanzen« (424) be- von einer bloß externen Beziehung der Subjekte untereinander ist in
trachtet, sondern schon korrekt als »eine fundamentale und tran- der^PKänomenologie des Geistes« souverän überwunden, weil im
szendente Verbindung« (ebd.) erfaßt. Aber trotz aller Annäherung Kampf auf Leben und Tod der Herr in seinem »Inneren« (432) in
an die richtige Sichtweise, so läßt uns Sartre ebenfalls sofort wissen, Abhängigkeit vom Knecht ^erätxäiIFde'ssen Anerkennung er sich
ist jeder dieser Ansätze am Problem der Fremdexistenz auch wieder- zum Zweck einer Gewißheit seines eigenen Für-sich^%insjingewi£;
um gescheitert; keinem der drei Philosophen, weder Husserl noch seäläieEZlMffirrTiät Hegel deiTSchntt, den "Sartre nicht nur ge-
Hegel oder Heidegger, ist der Nachweis gelungen, daß der einzelne genüber dem Idealismus und dem Realismus, sondern auch ge-
in seiner subjektiven Perspektive Gewißheit über die Existenz ande- genüber Husserl angemahnt hat, in »geniale(r) Intuition« (432)
rer Personen besitzen kann. Der Grund, den Sartre fur das gemein- bereits vollzogen: Die Subjekte werden bei ihm insofern als durch
same Scheitern angibt, hängt erneut mit der Vorherrschaft des Para- ein Interioritätsverhältnis miteinander verbunden gedacht, als das »
digmas der Erkenntnistheorie zusammen: Obwohl alle drei Autoren einzelne Ich in seinem E^Lengvojlzug direkt vom Anderen betrof- jij
die Intersubjektivität zwar bereits als eine Beziehung wechselseitiger fen ist, weil es ohne dessen Aneikenjaunajokht zu einem Bewußt-_T
Affizierung begriffen haben, hat jeder von ihnen doch am Ende die seirTsemer Freiheit gelangen kann.10 Zurückbezogen auf das Pro-
Verbindung zum Anderen wieder in einen Erkenntnisvollzug auf- blem der »Fremdexistenz«, um dessen Lösung es Sartre ja geht,
gehen lassen (424). scheint sich aus diesem Hegeischen Gedankengang ein genereller
Schon an Husserl lobt Sartre den »Fortschritt«, den sein Ansatz Einwand gegen die Skepsis des Solipsismus zu ergeben: der Andere
gegenüber den »klassischen Lehren« erbracht habe, weil hier in die kann in seiner Existenz gar nicht angezweifelt werden, weil dgr-f /
transzendentale Konstituierung der Erfahrungswelt die bedeutung- "Zweifel selber Ausdruck eines Ich-Bewußtseins wäre, das sich der ^y'/
schaffende Leistung anderer Subjekte gleichursprünglich mit einbe- vorgängigen Anerkennung jenes Anderen verdankt (432). * Jf
zogen worden ist. Tatsächlich wird ja in der Phänomenologie Hus- Mit dIesem~Xrgument ist Sartre in seiner Rekonstruktion an ei-
serls davon ausgegangen, daß der Andere im Wahrnehmungsfeld nen Punkt gelangt, an dem sich für ihn zum erstenmal eine Lösung
des transzendentalen Subjekts insofern stets mit präsent ist, als er an der Intersubjektivitätsproblematik abzuzeichnen scheint. Die An-
der Erzeugung der erkennbaren Bedeutung von Gegenständen und sichten, die er bislang behandelt hatte, waren zu einer Widerlegung
Sachverhalten konstitutiv beteiligt ist; insofern ist »für Husserl die des Skeptizismus nicht in der Lage, weil sie die anderen Subjekte
Welt, so wie sie sich dem Bewußtsein enthüllt, intermonadisch«
(425). Aber sobald die Frage gestellt wird, welche Verbindung das 9 Zur Frage, inwiefern Sartre in seiner Kritik der Intersubjektivitätslehre Husserls
eine transzendentale Subjekt zu den realen Personen unterhält, die gerecht wird, vgl. die Anmerkungen bei Michael Theunissen, Der Andere. Studien
sich jenseits der gemeinsam konstitutierten Erfahrungswelt befin- zur Sozialontologie der Gegenwart, a.a.O., S. 198 ff.; vgl. auch Frederick A. Elliston,
den, kehrt auch Husserl wieder auf die Bahnen des erkenntnistheo- »Sartre and Husserl on Interpersonal Relationships«, in: Hugh J. Silverman und
Frederich A. Elliston (Hg.), Jean-Paul Sartre. Contemporary Approaches for his Phi-
retischen Paradigmas zurück: der Andere, nun nicht mehr als ko-
losophy, Pittsburgh 1980, S. 157-167.
präsentes, sondern als konkret existierendes Subjekt verstanden,
10 Zum Hegel-Bezug in Das Sein und das Nichts vgl. u. a.: Joachim Kopper, »Sartres
wird in derselben Weise zu einer Einheit von transzendentalen Verständnis der Lehre Hegels von der Gemeinschaft«, in: Kant-Studien, LII
Denkoperationen, in der das fur die Existenz der Welt im ganzen (1960/61), S. 159-172; Robert E. Williams, Recognition. Fichte and Hegel on the
gilt. Am Ende muß Husserl daher die Frage, wie wir zu einer Ge- Other, a.a.O., Ch. 12, S. 290 ff.

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stets nur unter dem Gesichtspunkt ihrer möglichen Erkennbarkeit konkreten Seins und nicht das objektive Auseinanderlegen einer all-
ins Spiel gebracht hatten; zu einer solchen intellektualistischen Ver- gemeinen Struktur.« (435) Äußerst hellsichtig ist, was Sartre hier auf
engung waren sie gezwungen gewesen, weil sie vorweg die Bezie- einer knappen Seite philosophisch zum Begriff der »Anerkennung«
hungen zwischen Personen jenen indifferenten Relationen angegli- beiträgt. Für ihn ist selbst eine Anerkennung, die das Subjekt gel-
chen hatten, die typischerweise zwischen Gegenständen in einem tend macht, wenn es seine »Achtbarkeit« und »Rechte« (435), also
vergleichenden Urteil hergestellt werden. Der Preis, der für diese etwas Allgemeines, einklagt, stets auf die Besonderheit der indivi-
Externalisierung intersubjektiver Verhältnisse entrichtet werden duellen Existenz zurückbezogen; denn solche allgemeinen, sozial
muß, ist in allen Fällen der gleiche: Sobald die Frage nach der Exi- generalisierten Medien der Anerkennung, wie sie etwa die staats-
stenz anderer Personen in derselben Weise zu einem Problem der Er- bürgerlichen Rechte darstellen, verdanken ihre Bedeutung doch nur
kennbarkeit wird, wie es sich gegenüber physischen Gegenständen dem Umstand, daß sie »zum Zwecke des Individuums« (ebd.) exi-
stellt, ist der Skeptizismus nicht mehr zu widerlegen, weil es nur ap- stieren.
proximative Antworten, nicht aber zweifelsfreie Gewißheit geben Allerdings ist die Beziehung, die zwischen diesem Einwand und
kann. Hegel nun scheint diesen erkenntnistheoretischen Zweifel da- dem Vorwurf einer Vorherrschaft der Erkenntnistheorie bestehen
durch durchbrochen zu haben, soll, in der Argumentation von Sartre alles andere als klar. Zwar ist
seing3x»atesptitiifhpn Sd^ijOuAbMjqfiMait'. vom wesentlichen Sein es richtig, daß Hegel in der »Phänomenologie des Geistes« dazu
desAnderen« 2) bringt: Weil Egozu einem Bewußtsein seines neigt, den Kampf um Anerkennung in ein Geschehen umzudeuten,
T ür^h-Seins nur gelangen kann,_wenn es darin zwar von einer an- das der Offenlefilng emw^WahrheitTnamlich der Einsicht in die in-
deren Terson erkannt worden ist, die ihrerseits wiederum von ihm tefsubjektrve Verfaßtheit des menschlichen Geistes~'dient;'1 und
j-ls anerkennungsfähiges Wesen bestätigt sein muß, vermag ebenes" wahrscheinlich ergibt sich daraus auch die Konsequenz, daß er die_
menschliche Gegenüber existentiell gar nicht in Zweifel zu ziehen. Subjekte am Ende nicht mehr um die Anerkennunjg jhrer konkre-
Die Tatsache^ daß das Subjekx,ixL.dfrj>.Quajk telTExIFte^^ propo-
guges vom Anderen beeinflußt odej:_ »affizjem ^ slffonafen Behauptungen kämpfen sieht. Aber all diese Tendenzen
»•"""•""''•I«' » -I—.1-IIII.-I- 111. II. II , im II 11 M
I Ml I.... I III«''»
schließt jede]Ske£sis EezugEdi j^sseQ^ktisclw£j&Kmenz_aus. Aber
in Richtung einer Erkenntnistheorie haben keinesfalls zur Folge,
"obwohl Sartre all diese Einsichten Hegels konzediert, ja den »Reich-
daß Hegel die Individuen selber untereinander in ein Verhältnis von
tum« und die »Tiefe« seiner »Einzelbeobachtungen« (433) rühmt,
»Bewußtsein« und »Gegenstand«, von »Subjekt« und »Objekt«
sieht er auch die Anerkennungslehre am Ende wieder in ein er-
bringt; vielmehr stehen sich bei ihm die Subjekte auch als Diskursc
kenntnistheoretisches Fahrwasser geraten: Hegel habe dann doch,
teilnehmer noch in jeneFEesönderen Beziehung wechselseitiger Af-
so heißt es an der entscheidenden Stelle knapp, das Verhältnis von
TiZiertheit' geg6tiüböt, fur dleJSartre s e m ^ b e g n R j d e r » l r ^
Ego und Alter alseiflfijrkf nntn isielatiqn begriffen, weil er in idea-
resenästtJTu schnell scKließt Sartre, so scheint es, von der erkennt-
listischer Manier das »Bewiißr,<}piri_«des Einen yurp »Gegenstand«
rfistheoretischen Problematik der Hegeischen »Phänomenologie«
des Anderen macht (433). Was Sartre genau mit seinem Einwand
auf ihre Konzeption von Intersubjektivität zurück: Selbst dann,
meint, wird an der Stelle deutlicher, an der er gegen die »Phänome-
wenn Hegel in seiner reifen Anerkennungslehre vor allem Ziele ei-
nologie des Geistes« ein existentialistisches Motiv von Kierkegaard
ner Erkenntnistheorie verfolgt hat, muß er deswegen nicht auch au-
ins Spiel bringt. Danach muß es scheinen, als habe Hegel den
tomatisch seine Vorstellungen über intersubjektive Beziehungen
Kampf um Anerkennung in dem Augenblick erkenntnis theoretisch
dem Schema der Erkenntnis von Gegenständen angepaßt haben.
verzerrt, in dem er das Subjekt n'riLf.!P_dinim Hip /^n^rkpjinnng gpi-
Weil Sartre diese Differenz aber überspielt, hat er es sich auch er-
ner individuellen Besondemeit, sondernder übergeordneten Wahr-
heit-eines Mlgemeinen Prinzips. kämpfen sieht: »Pas Individuum 11 Vgl. Terry Pinkard, Hegel's Phenomenology. The Sociability of Reason, Cambridge,
verlangt seine Erfüllung als Individuum, die Anerkennung seines U K 1996, Ch. 3.

102 83
sparen können, an seinem Begriff der »Interiorität« interne Diffe- ganz offenbar an der ersten Alternative, gibt ihr allerdings interpre-
renzierungen vorzunehmen, die seiner eigentlichen Absicht entge- tatorisch eine Wendung, die aus seiner Sicht eine eklatante Er-
gengekommen wären; denn zwischen der Reziprozitätsbeziehung klärungslücke bei Heidegger offenbar werden läßt. Im ersten Schritt
unter Diskursteilnehmern und der wechselseitigen Affizierung, die seiner Auseinandersetzung macht Sartre deutlich, daß in »Sein und
er selber an der Intersubjektivität vor Augen hat, bestehen eine Rei- Zeit« das Modell des »Erkennens« zum erstenmal vollständig über-
he von tiefgreifenden Unterschieden, die in seiner Terminologie wunden worden ist, weil im »Mitsein« ein gemeinsames »Besorgen«
nicht recht zu fassen sind. der Welt anvisiert wird, das die Subjekte untereinander in ein Ver-
Ist mithin Sartres Auseinandersetzung mit der Intersubjekti- hältnis der »ontologischen Solidarität« (445) bringt: »Der Andere ist
vitätslehre Hegels schon nicht frei von Komplikationen, so gilt das nicht Gegenstand. Er bleibt in seiner Verbindung zu mir Dasein [rea-
erst recht fur seine Kritik an der Heideggerschen Konzeption des lite-humaine], das Sein als >In-der-Welt-sein< - ...« (445). Insofern
»Mitseins«; ja, hier häufen sich die Interpretationsprobleme auf bei- stellt sich für Heidegger das Problem der Fremdexistenz in gewisser
den Seiten derart, daß sie in einem kurzen Kommentar kaum ange- Weise auch gar nicht mehr, weil die Subjekte noch vor aller Heraus-
messen behandelt werden können. Die Sachlage ist, in wenigen bildung von individueller Intentionalität wechselseitig aufeinander
Worten zusammengefaßt, ungefähr die folgende: in seinem Begriff bezogen sind; wo der Andere erst gar nicht als ein fremdes Gegen-
des »Mitseins« hat Heidegger, wie wohl unbestritten sein dürfte, über in Erscheinung treten kann, sondern vorweg schon in einer ur-
eine Schicht von Intersubjektivität freilegen wollen, die noch unter- sprünglichen Interaktion einbezogen ist, da muß auch nicht weiter
halb der Erfahrungsebene intentional handelnder und erkennender ergründet werden, wie sich das Subjekt in seiner individuellen Per-
Subjekte liegt; daher tauchen die Anderen in »Sein und Zeit« nicht spektive der Existenz jenes Anderen gewiß sein kann. Aber es ist ge-
erst als »Vorhandene« in einer subjektiv erschlossenen Welt auf, son- rade dieser Ansatz bei einer präintentionalen Intersubjektivität, den
dern bilden gemeinsam mit dem Selbst die vorintentionale Größe, Sartre nun trotz aller ihm entgegenkommenden Züge nicht akzep-
die als »Wir« jeder Herausbildung von ichhaften Intentionen im tieren kann; denn für ihn hat sich Heidegger mit seinem Vorschlag
Dasein noch vorausliegt.12 Von diesem »Mitsein« kann Heidegger schon viel zu sehr von jenem Ausgangspunkt des individuellen Co-
dementsprechend behaupten, daß es »existenzial das Dasein auch gito entfernt, der vernünftigerweise doch vorausgesetzt werden
dann (bestimmt), wenn ein Anderer faktisch nicht vorhanden und muß, wenn das Problem des Anderen überhaupt in den Blick ge-
wahrgenommen ist«;13 denn unabhängig davon, ob eine zweite Per- nommen werden soll. Der Begriff des »Mitseins« beantwortet nicht
son leibhaftig anwesend ist, vollzieht sich unser Dasein zunächst die eigentlich interessierende Frage, sondern bringt sie unmerklich
stets aus einer noch undifferenzierten Wir-Perspektive. An dieser zum Verschwinden, indem unterhalb des Für-sich-Seins der Sub-
Konstruktion Heideggers ist heute nun allerdings umstritten, ob sie jekte eine ontologische Schicht des wechselseitigen Eingespieltseins
als positiver Verweis auf eine Möglichkeit des gemeinschaftlichen eingezogen wird: »Der ursprüngliche Bezug des Anderen zu mei-
Erlebens gedeutet oder als negativer Verweis auf die Uneigentlich- nem Bewußtsein ist nicht das Du und Ich, sondern das Wir, und das
keit des normorientierten Handelns im »Man« verstanden werden Heideggersche >Mitsein< ist nicht die klare und deutliche Position
muß; je nach dem, welche der beiden Interpretationen bevorzugt eines Individuums gegenüber einem anderen Individuum, ist nicht
wird, scheint im Begriff des »Mitseins« einmal eine Schicht der vo- die Erkenntnis, sondern die dumpfe Gemeinschaftsexistenz des Mit-
rintentionalen Intersubjektivität allen Handelns, das andere Mal die spielers mit seiner Mannschaft...« (447). So falsch, wie aus der Sicht
Gefahr des individuellen Selbstverlustes in der Konventionalität der Sartres die Zuflucht zum intellektualistischem Paradigma des »Er-
Masse durch.14 Sartre seinerseits orientiert sich in seiner Deutung kennens« war, so wenig überzeugend ist daher für ihn andererseits
12 Martin Heidegger, Sein und Zeit, Tübingen 1967, § 26. auch der Ausweg in das bloße Gegenteil einer vorsubjektiven Ge-
13 Martin Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 120. keit von Individualität. Elemente einer nicht-individualistischen Interpretation
14 Vgl. dazu: Hans Bernhard Schmid, »Gemeinsames Dasein und die Uneigentlich- des Daseins«, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, 5/2001, S. 665-684.

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meinschaftlichkeit: während im ersten Fall nämlich die Möglichkeit tion angedeutet haben: Das Problem der »Fremdexistenz« soll gelöst
einer existentiellen Reziprozität zwischen Subjekten geleugnet wird, werden, indem einerseits die irreleitende Vorstellung eines »Erken-
so daß der Andere nur noch nach Maßgabe seiner Erkennbarkeit in nens« des Anderen vollständig vermieden wird, ohne daß dafür an-
den Blick geraten kann, wird im zweiten Fall gewissermaßen ein Zu- dererseits der Preis eines Verzichts auf die Annahme einer vorgängi-
viel an existentieller Vorabgestimmtheit unterstellt, so daß die Vor- gen Intentionalität des Subjekts bezahlt wird. In der positivsten For-
aussetzung der Befangenheit aller Subjekte in ihrer individuellen mulierung, die sich für diesen paradox anmutenden Gedankengang
Perspektive zum Verschwinden kommt. Kein Weg führt daher in der Zusammenfassung findet, heißt es bei Sartre, daß sich in der
zurück von der »ontologischen Koexistenz« in jenen Bereich eines Vergewisserung des Cogito selber jene Gewißheit über den Anderen
»ontologischen >Mitseins<« (448), um den es im Problem der Fremd- im »Inneren« auffinden lassen muß, die auf dem Weg der nach
existenz doch eigentlich geht; denn diese Sphäre der Faktizität des außen gerichteten Erkenntnis nicht zu gewinnen ist: »Also muß
alltäglichen Umgangs ist zunächst einmal von Subjekten bevölkert, man vom Für-sich verlangen, uns das Für-Andere zu liefern, muß
die im individuellen Horizont ihres jeweiligen Für-sich-Seins der- man von der absoluten Immanenz verlangen, uns in die absolute
maßen befangen sind, daß sich fur sie das Problem der Existenz an- Transzendenz zurückzuwerfen: Im Innersten meiner selbst muß ich
derer Personen sinnvoll überhaupt erst stellen kann. nicht Gründe finden, an den Anderen zu glauben, sondern den An-
Mit diesen wenigen Hinweisen auf die Kritik, die Sartre an Hei- deren selbst als den, der nicht ich ist.« (455) In demselben Zusam-
deggers Konzept des »Mitseins« übt, ist in groben Zügen nun bereits menhang macht Sartre auch deutlich, daß jene zweite Person, auf
umrissen, worin er die Aufgabe seines eigenen Ansatzes sehen muß. die die individuelle Selbstvergewisserung des Cogito stoßen soll,
In Abgrenzung zu jenen Positionen, die das Problem der »Fremd- nicht die Form eines bloßen »Gegenstandes« besitzen darf; denn das
existenz« auf erkenntnistheoretischem Weg zu lösen versuchen, würde bedeuten, auch die »Interioritätsbeziehung« wieder nach
muß er eine Quelle der Gewißheit über den Anderen erschließen, dem Muster eines »Erkennens« zu interpretieren, so daß der Ande-
die jenseits des »Erkennens« liegt, ohne in die Annahme einer präin- re erneut nur im Modus der »Wahrscheinlichkeit« (455) und nicht
tentionalen Gemeinsamkeit zu münden. Den Ausgangspunkt einer in dem der »Gewißheit« gegeben wäre. Das Wort, das Sartre an die-
derartigen Lösung hat weiterhin der Bewußtseinshorizont des indi- ser Stelle verwendet, um die Besonderheit einer solchen nicht-ge-
viduellen Subjekts zu bilden, weil nur darin genügend Distanz zum genständlichen Bezugnahme zu charakterisieren, ist nicht mehr das
Anderen bewahrt ist, um überhaupt die Frage nach seiner Existenz der »Affiziertheit«, sondern das der »Interessiertheit«:Jener Andere,
aufkommen zu lassen; aber der Umfang dessen, was zu den Erfah- der uns in der Selbstvergewisserung unserer Bewußtseinsgehalte mit
rungsbezügen eines solchen Subjekts gehört, muß erheblich über Gewißheit gegeben sein soll, muß uns in »unser(em) Sein interes-
das traditionelle Ausmaß hinaus erweitert werden, wenn nicht wie- sieren)« (455), um nicht die Form eines »Gegenstandes« zu besitzen.
der auf das Erkenntnisparadigma zurückgegriffen werden soll. Damit ist die Richtung hinreichend festgelegt, die Sartre einzu-
schlagen hat, um zu einer Lösung des Problems der Fremdexistenz
zu gelangen: an den Bewußtseinsgehalten, die uns in der Erstellung
102
II der reflexiven Selbstvergewisserung gegeben sind, muß sich ein
Moment identifizieren lassen, in dem uns die Existenz eines ande-
Noch bevor Sartre zur Skizzierung seines eigenen Lösungsvorschlags ren Menschen deswegen gewiß ist, weil er uns in unserem Lebens-
übergeht, umreißt er auf den letzten Seiten des Kapitels über »Hus- vollzug tiefgreifend berührt oder verstört.
serl, Hegel, Heidegger« noch einmal die Konsequenzen, die sich aus
der Kritik an den drei Ansätzen unzweideutig ergeben haben. In die- Nun hatte uns Sartre ja schon zu Beginn des Dritten Teils seines Bu-
ser knappen Zusammenfassung zeigt sich nur um so deutlicher, was ches (405 ff.) einen Schlüssel an die Hand gegeben, der eine Antwort
wir soeben schon über die Richtung des Fortgangs der Argumenta- äuf die Frage enthielt, wie er sich den exemplarischen Fall eines sol-
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chen Bewußtseinsgehaltes vorzustellen versucht. Dort war es die dem Flur hört, ändert sich schlagartig die Richtung seiner Auf-
»Scham« gewesen, die als Beispiel eines menschlichen Gefühls prä- merksamkeit, und er erlebt sich als durch einen anonymen Anderen
sentiert wurde, zu dessen notwendigen Voraussetzungen die An- beobachtet. Ich werde diese Situation entlang der Bestimmungen,
nahme mindestens einer anderen Person gehört: Wenn wir uns ei- die Sartre in seinem Text selber eher verstreut gibt, in vier Schritten
ner Handlung oder eines Gedankens schämen, so hatte Sartre sagen rekonstruieren, um so zu einer Zusammenfassung dessen zu gelan-
wollen, dann müssen wir dabei stets die Existenz eines Anderen vor- gen, was hier über die Struktur der intersubjektiven Gewißheit aus-
aussetzen, durch den wir uns bei den entsprechenden Akten beob- gesagt wird:
achtet fiihlen. Nach dem, was wir inzwischen an weiteren Vorüber- (a) Den Ausgangspunkt der Szenerie stellt eine Situation dar, in
legungen bei Sartre kennengelernt haben, läßt sich sogar sagen, daß der sich das Ich in einem Bewußtseinszustand befindet, den Sartre
die Scham alle die Voraussetzungen enthält, die im Moment der als »nicht-thetisch« (467) bezeichnet: Das betreffende Subjekt, also
Gewißheit über andere Personen gegeben sein müssen; denn im Ge- die Person, die sich von den vernehmbaren Vorgängen hinter der
fühl des Sich-Schämens setzen wir nicht nur unvermeidlicherweise Tür neugierig gemacht findet, handelt, ohne den eigenen Absichten
einen uns beobachtenden Anderen voraus, sondern empfinden uns bewußte Aufmerksamkeit zu schenken. Alles, was dieses Subjekt
durch diesen Anderen auch in dem Sinn existentiell betroffen, daß unternimmt, um durch das Schlüsselloch spähen zu können, voll-
wir uns in unserem Selbstbewußtsein geschmälert sehen. Also stellt zieht sich dementsprechend in Form einer geradezu reflexartigen
die Scham einen Bewußtseinsgehalt dar, der einem fiir-sich-seien- Bewältigung von Hindernissen, die der Durchführung des Hand-
den Subjekt eine zweite Person gewahr werden läßt, mit der es auf- lungsziels im Wege stehen: die »Tür, das Schlüsselloch sind zugleich
grund der eigenen Betroffenheit eine existentielle Verbindung un- Instrumente und Hindernisse: Sie stellen sich als >mit Vorsicht zu
terhält. handhaben< dar; das Schlüsselloch bietet sich dar als >aus der Nähe
Es kann daher nicht eigentlich überraschen, daß sich die endgül- und ein wenig von der Seite zu sehen< usw.« (468) Ein solches Ver-
tige Lösung Sartres als das Resultat einer Generalisierung der zuvor sunkensein in die praktische Problembewältigung, in dem die Welt
schon in der »Scham« umrissenen Bewußtseinsstruktur verstehen fiir den Aktor zu einem Horizont instrumentell zu lösender Aufga-
läßt. Unter dem berühmt gewordenen Titel »Der Blick« präsentiert ben zusammenschrumpft, bezeichnet Sartre auch als einen Zustand,
Sartre in dem Abschnitt, der der Auseinandersetzung mit den drei in dem das Bewußtsein mit der Durchfuhrung der Handlung zu-
philosophischen Ansätzen unmittelbar folgt, die allgemeine Form sammenfällt: »mein Bewußtsein«, so heißt es zugespitzt, »klebt an
eines psychischen Zustands, der in den entscheidenden Hinsichten meinen Handlungen; es ist meine Handlung« (ebd.). Nicht weit ist
alle Eigenschaften mit dem »Sich-Schämen« teilt. Um angemessen Sartre daher hier von jenem pragmatistischen Grundgedanken ent-
verstehen zu können, wodurch diese Bewußtseinseinstellung ge- fernt, dem zufolge wir im Normalvollzug unseres Lebens alle Auf-
kennzeichnet sein soll, ist es wahrscheinlich am besten, sich an dem merksamkeit zunächst ganz routinisiert auf diejenigen Phänomene
von Sartre selber gegebenen Beispielsfall zu orientieren, um von hier unserer Umwelt gerichtet haben, die uns im Lichte der jeweiligen
aus die relevanten Merkmale zu identifizieren. Allerdings bedarf die Handlungsziele entweder hilfreich entgegenkommen oder störend
Handlungssequenz, die im Mittelpunkt des Abschnitts über den im Wege stehen; und wie Sartre selber, so spricht auch George Her-
»Blick« steht (467 ff.), kaum der ausführlichen Darstellung, weil sie bert Mead davon, daß das Bewußtseinsfeld des Menschen im all-
in der philosophischen Literatur inzwischen zum festen Repertoire täglichen Verhalten zunächst nur auf die Objekte ausgerichtet ist,
examplarischer Szenarien gehört: ein Mensch fühlt sich durch die die »als Mittel zur Erreichung des Zwecks angesehen werden kön-
Geräusche, die er hinter einer verschlossenen Tür vernehmen kann, nen, das in jenem Verhalten steckt«.15 Insofern wird bei beiden Au-
in seiner »Eifersucht«, »Neugier« oder »Verdorbenheit« (467) so weit 15 George Herbert Mead, »Die Definition des Psychischen (1903)«, in: ders., Gesam-
erregt, daß er durch das Schlüsselloch hindurch die verborgene Sze- melte Aufiätze, Bd. 1, hrsg. v. Hans Joas, Frankfurt/Main 1980, S. 83-148, hier: S.
ne zu inspizieren versucht; mit den Schritten, die er hinter sich auf 137; zum Vergleich von Sartre und G.H. Mead, der im folgenden eine größere Rol-
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toren als der Ausgangspunkt jedes Handelns ein Bewußtseinszu- sich von dort aus als Objekt zu vergegenwärtigen. Der Unterschied
stand angesehen, der in dem Sinn präreflexiv oder »nicht-thetisch« zwischen den beiden Ansätzen würde dann nur darin bestehen, daß
ist, daß der Aktor viel zu sehr mit der praktischen Realisierung sei- Mead diesen Mechanismus der Perspektivübernahme im vorsprach-
ner nächstliegenden Ziele beschäftigt ist, um sich der eigenen In- lichen Prozeß der gestischen Kommunikation verankert hat,
tentionalität bewußt werden zu können. während Sartre ihn am okularen Modell des Erblicktwerdens fest-
(b) Auch die zweite Sequenz in der beschriebenen Handlungssi- macht. Aber schon der nächste Schritt in der Darlegung Sartres läßt
tuation schildert Sartre zunächst noch in einem theoretischen Rah- klar hervortreten, daß die Übereinstimmungen weitaus geringer
men, der mit dem Ansatz des amerikanischen Pragmatismus zu- sind, als im ersten Anlauf zu vermuten ist; denn jener stattet nun
mindest die Ausgangsprämissen teilt. Im Text reicht nur ein einziger den Akt der Perspektivübernahme mit existentiellen Folgewirkun-
Satz, um die schlagartige Verschiebung im Aufmerksamkeitsfeld des gen aus, die weit über das hinausgehen, was Mead auf der Basis sei-
Aktors anzuzeigen, die mit dem Vernehmen des störenden Geräu- ner eigenen Prämissen hätte zulassen können.
sches einhergeht: »Jetzt habe ich Schritte im Flur gehört: man sieht (d) Die Erfahrung des Erblicktwerdens, die sich dem Subjekt mit
mich« (469). Wir werden später sehen, wie viele Konsequenzen für dem Gewahrwerden der Fußtritte aufdrängt, stellt für Sartre mehr
Sartre mit dieser einen Wendung in dem als eine bloße Bewußtseinsveränderung dar; vielmehr vollzieht sich
(c) Handlungsgeschehen verknüpft sind; zu Beginn aber hebt er fur ihn am Subjekt in diesem einen Moment ein ganzer Einstel-
nur auf einen Wechsel im Bewußtseinshorizont des Subjekts ab, der lungswandel, der dessen Selbstbild zwangsläufig in eine Krise stür-
in derselben Weise auch von G. H. Mead oder John Dewey hätte zen muß. Sartre leitet seine Darstellung der entsprechenden Vor-
behauptet werden können, als sie die Folgen der Blockierung eines gänge mit einem Satz ein, in dem sich der Begriff der »Anerken-
routinisierten Verhaltens für den Aktor zu bestimmen versuchten. nung« interessanterweise nicht auf die Beziehung zum Anderen,
Das Vernehmen der Schritte auf dem Flur, so sagt Sartre, stellt fur sondern auf die Selbstbeziehung angewendet findet: sobald das Sub-
das Subjekt eine Störung seines präreflexiven Handelns dar, die zu jekt »erleb(t)« und nicht nur »erkenn(t)« (471), daß es von einem
einer abrupten Verlagerung der Aufmerksamkeit zwingt: Statt wie Anderen erblickt wird, vollzieht es damit die »Anerkennung dessen,
bislang nur auf die Objektwelt der handhabbaren Umgebung kon- daß (es) wirklich dieses Objekt (ist), das der Andere erblickt und be-
zentriert zu sein, wendet sich der Aktor im Moment der Unterbre- urteilt« (ebd.). An dieser Formulierung ist zunächst sicherlich be-
chung spontan auf das eigene »Ich« (ebd.) zurück, das damit wie mit deutsam, wie sehr Sartre durch Hervorhebungen auf den internen
einem Schlag in den Horizont seines Bewußtseins »einbricht«. Al- Zusammenhang von »Erleben« und »Anerkennen« aufmerksam zu
lerdings korrigiert Sartre diese vorläufige Ausdrucksweise sofort, machen versucht: Von der »Anerkennung« eines Sachverhaltes, so
indem er klarstellt, daß es sich bei dem Objekt einer solchen plötz- scheint er sagen zu wollen, können wir nur dort reden, wo jener
lichen Vergegenwärtigung nicht um das »Ich« in seiner Unmittel- nicht bloß einfach erkannt, sondern in dem Sinn »erlebt« wird, daß
barkeit, sondern nur um das »Ich« in seiner Rolle als »Objekt fiir An- wir von ihm nach dem Muster einer »Interioritätsbeziehung« exi-
dere» (470) handeln kann: Das, was das Subjekt in einer derartigen stentiell betroffen sind. Mit der »Anerkennung« ist daher stets, so
Situation von sich selber zu erfassen vermag, ist ein Mich, auf dem ließe sich vielleicht sagen, ein existentieller Ruck, ein plötzlicher
der imaginierte Blick jenes hörbaren Anderen ruht. Wie vor ihm be- Wandel im eigenen Selbstverständnis verbunden, der darauf
reits G. H. Mead, so scheint daher auch Sartre sagen zu wollen, daß zurückgeht, daß etwas mit subjektiver Affiziertheit vergegenwärtigt
das Subjekt zu einem Bewußtsein seiner selbst nur gelangen kann, worden ist. Worauf sich eine derartige Anerkennung von Seiten des
indem es sich in die Perspektive einer anderen Person versetzt, um betroffenen Subjekts nun richtet, macht Sartre an dem zweiten Be-
griff klar, der in seiner Formulierung von Bedeutung ist: im Mo-
le spielen wird, vgl. Mitchel Aboulafia, The Mediating Self. Mead, Sartre and Self-
ment des Erblicktwerdens vergegenwärtigt und erkennt das Subjekt
Determination, New Haven and London 1986. an, daß es tatsächlich als ein Objekt für ein anderes Subjekt existiert.

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Hier soll unter »Objekt« weitaus mehr verstanden werden, als Mead le Selbsterfahrung des durch das Erblicktwerden verdinglichten
im Begriff des »Mich« vor Augen hatte, weil eine Schicht der exi- Subjekts zu beschreiben: jenes Subjekt ist, weil es in einen bloßen
stentiellen Erfahrung mitgemeint ist, die das ganze Selbstverständ- Gegenstand verwandelt worden ist, aller seiner Existenzmöglichkei-
nis der Person berührt; und es sind nicht weniger als fünfzehn Sei- ten beraubt (427), es ist zu einem räumlich ausgedehnten Objekt in
ten (471-486), die Sartre benötigt, um alle Facetten dieser existenti- der Welt geworden (479 f.), das überdies in der physikalischen Zeit
ellen Verwandlung des Subjekts darzustellen. Den Schlüssel für ein fixierbar ist (481). Nun ist freilich der Akt der »Anerkennung«, den
Verständnis dessen, was Sartre im folgenden unter einem »Objekt« das Subjekt im Moment seines Erblicktwerdens vollzieht, mit die-
versteht, liefert natürlich die Kategorie des »An-sich-Seins«, die im sem ersten Schritt noch nicht abgeschlossen. Sartre behauptet viel-
Buch den ontologischen Gegenbegriff zum »Für-sich-Sein« mehr, daß neben dem existentiellen Eingeständnis der eigenen Ver-
menschlicher Subjekte darstellt; in der wuchtigen Bedeutung, die gegenständlichung gleichzeitig noch eine zweite Form der Anerken-
Sartre dieser Kategorie verleiht, liegt der ganze Abstand begraben, nung vollbracht wird, die auf die Person des Blickenden gerichtet
der dessen Phänomenologie des Erblicktwerdens von der Mead- ist; ja, es ist hier sogar irreführend, von zwei Schritten oder »For-
schen Analyse der Perspektivübernahme trennt. Schon im Begriff men« einer Anerkennung zu sprechen, weil es sich eher um die bei-
der »Exterioritätsbeziehung« war angeklungen, wie Sartre die Exi- den Seiten ein- und desselben Einstellungswandels zu handeln
stenzweise bloßer Gegenstände zu beschreiben versucht: bei ihnen scheint. Damit ist der Kern dessen berührt, was Sartre als den An-
handelt es sich um eine besondere Klasse von Seinsphänomenen, satz seiner eigenen Lösung des Problems der »Fremdexistenz« prä-
weil sie im Unterschied zur »Transzendenz« des Bewußtseins nicht sentiert.
die Fähigkeit zur permanenten Negation ihres jeweiligen Zustandes (e) Nachdem Sartre dargelegt hat, welche Art von Anerkennung
besitzen, sondern »opak«, »massiv« und ohne jede Spur von innerer das erblickte Subjekt in Hinblick auf sich selber vollzieht, wendet er
Differenz sind (37 ff.). Wenn ein Subjekt daher »anerkennt«, daß es sich im vierten Schritt seiner Analyse der entgegengesetzten Rich-
in den Augen des Anderen ein bloßes »Objekt« ist, so heißt das für tung der Anerkennung zu, also jener, die vom Subjekt auf den An-
Sartre nicht weniger, als daß es existentiell nachvollzieht, nun einer deren, den Blickenden, zielt. Mit einem einzigen, kompakten Satz
anderen Kategorie von Sein anzugehören: es fühlt sich nicht bloß wird deutlich gemacht, daß dieser Perspektivenwechsel zu genau der
»wie« ein Gegenstand betrachtet oder behandelt, sondern es »ist« Form von existentieller Gewißheit führt, nach der im Text von An-
jetzt gewissermaßen ein purer Gegenstand, dem jede Fähigkeit zur fang an gesucht worden war: »Und in der Erfahrung des Blicks, in
Transzendenz des eigenen Zustands abgeht. Insofern ist es nur kon- dem ich mich als nicht-enthüllende Objektivität erfahre, erfahre ich
sequent, wenn Sartre im Unterschied zu Mead die Situation des Er- direkt und mit meinem Sein die unerfaßbare Subjektivität des An-
blicktwerden als einen Vorgang der »Verdinglichung« beschreibt, deren« (487). Wiederum ist es hier die Kombination von einigen
innerhalb dessen aus einem »Für-sich-Sein« ein bloß noch opak exi- zentralen, bewußt gewählten Ausdrücken, die die besondere Stoß-
stierendes Stück Natur wird: »für den Anderen sitze ich, wie dieses richtung der Argumentation von Sartre verständlich macht.
Tintenfaß auf dem Tisch steht, für den Anderen bin ich über das Zunächst springt ins Auge, daß in dem Satz von der »Erfahrung« -
Schlüsselloch gebeugt, wie dieser Baum vom Wind gebeugt ist. So und nicht von der »Erkenntnis« - der Subjektivität der Anderen die
habe ich für den Anderen meine Transzendenz abgelegt. [...] ich Rede ist; in der Kombination mit dem Zusatz »in meinem Sein«
habe ein Außen, ich bin eine Natur, mein Sündenfall ist die Existenz läuft diese Formulierung dann erneut auf die These hinaus, daß wir
des Anderen; und die Scham ist - wie der Stolz - die Wahrnehmung von der »Anerkennung« eines Sachverhaltes nur dort sprechen kön-
meiner selbst als Natur, wenn auch ebendiese Natur mir entgeht nen, wo es sich um ein existentielles Erlebnis, um die Änderung ei-
und als solche unerkennbar ist« (473 f.). Im Grunde genommen sind nes Selbstverständnisses handelt. Insofern möchte Sartre sagen, daß
in diesen wenigen Zeilen schon alfdie Bestimmungen enthalten, die wir im Moment des Erblicktwerden den Anderen deswegen aner-
Sartre auf den folgenden Seiten entwickeln wird, um die existentiel- kennen, weil wir uns spontan und direkt von ihm persönlich afjfi-
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ziert wissen: Ich muß mir seine Existenz nicht zu einer Frage der Er- ment, das Sartre für diese These liefert, ergibt sich letztlich aus einer
kennbarkeit machen, weil ich mir im Gegenteil aufgrund meiner Verallgemeinerung der intersubjektiven Struktur, die der Situation
persönlichen Betroffenheit schlagartig gewiß bin, daß er als ein an- des Erblicktwerdens zugrunde liegt: um mich als ein Objekt wahr-
deres menschliches Subjekt existiert. Die bloße Tatsache meiner in- nehmen zu können, das sich selbst gegenüber in bestimmten Ge-
dividuellen AfFiziertheit, der Umstand also, daß ich meinem eige- fühlen eine beurteilende Haltung einnimmt, muß ich zwangsläufig
nen Tun gegenüber (Blick durchs Schlüsselloch) eine verurteilende die Perspektive eines anderen Subjekts voraussetzen, das die Freiheit
Haltung (Scham) einnehme, reicht aus, um mich von der Existenz besitzt, mich zum Objekt seiner Beurteilung zu machen. Insofern
der Anderen zweifelsfrei überzeugt sein zu lassen. Klarer als in allen kann Sartre sagen, daß die Erfahrung des eigenen Objektseins mit
Bestimmungen, die wir bislang kennengelernt haben, wird an die- der Anerkennung der Subjektivität des Anderen Hand in Hand
sem Gedankengang mithin deutlich, was Sartre unter einer »Interi- geht: »In der Tat sind mein Losreißen von mir und das Auftauchen
orititätsbeziehung« versteht: Aus der Perspektive des Cogito handelt der Freiheit des Anderen eins, ich kann sie nur zusammen empfin-
es sich um intersubjektive Begegnungen, die uns zwingen, uns selbst den und leben, ich kann nicht einmal versuchen, sie eins ohne das
gegenüber eine Beurteilung vorzunehmen, kraft deren wir unser andere zu erfassen. Das Faktum des Anderen ist unbestreitbar und
Selbstverständnis ändern müssen; und das, was uns am deutlichsten trifft mich mitten ins Herz. Ich realisiere es durch das Unbehagen-,
die Tatsache einer derartigen Beziehung signalisiert, ist das plötzli- durch es bin ich fortwährend in Gefahr in einer Welt, die diese Welt
che Aufbrechen von Gefühlen, die einen »self-reactive character«'6 ist und die ich dennoch nur ahnen kann; und der Andere erscheint
besitzen. mir nicht als ein Sein, das zunächst konstituiert ist und mir dann be-
Aber ebenso bedeutsam, wie in dem zitierten Satz der Ausdruck gegnet, sondern als ein Sein, das in einem ursprünglichen Seinsbe-
des »Erfahrens« ist, scheint in demselben Zusammenhang auch der zug zu mir auftaucht und dessen Unbezweifelbarkeit und faktische
Begriff zu sein, mit dem Sartre bezeichnet, als was wir den Anderen Notwendigkeit die meines eigenen Bewußtseins sind« (494).
anerkennen. In direkter Entgegensetzung zu dem Seinszustand, in Von diesem Punkt aus bedarf es fiir Sartre nur noch eines einzi-
dem sich das Subjekt in der geschilderten Situation vorfindet, wird gen, letzten Schrittes, um zu der Lösung zu gelangen, mit der der
von diesem Anderen behauptet, daß er in seiner »unerfaßbaren Sub- Skeptizismus des Solipsisten endgültig widerlegt werden soll. Bis-
jektivität« erlebt und damit anerkannt wird. Die adjektivische Be- lang muß es in der Explikation der Beispielsszene ja so scheinen, als
stimmung der »Unerfaßbarkeit«, die hier verwendet wird, bezieht könne der einzelne nur dann in seiner subjektiven Perspektive zu in-
sich natürlich auf die Kritik zurück, die Sartre am Erkenntnismodell tersubjektiver Gewißheit gelangen, wenn er von einer zweiten, real
der Intersubjektivität geübt hat: »erfaßbar« ist die Subjektivität des vorhandenen Person den empirischen Anstoß zu einer Selbstobjek-
Anderen nicht, wenn darunter verstanden werden soll, dessen »Für- tivierung erhält: Ohne die Anwesenheit eines solchen konkreten
sich-Sein« wie einen neutralen Gegenstand dort draußen zu erken- Anderen, wie er in der geschilderten Situation durch das Vernehmen
nen; denn wie immer ein solches Erkennen auch beschaffen wäre, es der Schritte repräsentiert wird, wäre das Subjekt gar nicht dazu in
wird den Anderen stets nur als ein mögliches Objekt in den Blick der Lage, sich in der Weise als ein Objekt zu erfahren, daß komple-
nehmen können. Von der existentiellen Erfahrung hingegen, die das mentär dazu die Freiheit eines anderen Subjekts vorausgesetzt wer-
Subjekt in der betreffenden Situation macht, wird behauptet, daß in den müßte. Durch diese enge Bindung an die reale Präsenz einer
ihr der Andere in seiner ansonsten »unerfaßbaren« Subjektivität ge- zweiten Person entsteht für Sartre aber die Gefahr, daß aus der »fak-
geben ist: das, was von dem Anderen affirmativ erfahren wird und tischen Notwendigkeit« des Anderen am Ende doch wieder nur ein
daher als gewiß gelten kann, ist gerade nicht seine Objekthaftigkeit, kontingenter Umstand wird - wir wären uns der Existenz anderer
sondern die Freiheit seines »Für-sich-Seins«. Das zentrale Argu- Personen gleichsam immer nur dann gewiß, wenn wir durch einen
16 Vgl. zu diesem Konzept: P. F. Strawson, »Freedom and Resentment«, in: ders. tatsächlich vorhandenen Menschen den Anstoß erhielten, uns als
(Hg.), Studies in the Philosophy of Thought and Action, Oxford 1968, S. 71-96. das Objekt einer externen Beurteilung zu erleben. Um dem Risiko
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einer solchen Wendung ins bloß Zufällige zu entgehen, bemüht Sar- senheit anwesend oder abwesend. Und diese ursprüngliche Anwe-
tre sich in seinem letzten Schritt, der Situation des Erblicktwerdens senheit kann nur als Erblickt-Sein oder Erblickend-Sein Sinn ha-
einen quasi-transzendentalen Charakter zu geben; dabei setzt er ben, daß heißt je nachdem, ob der andere fiir mich Objekt ist oder
zunächst wieder an der zuvor behandelten Beispielsszene an, um ich selbst Objekt-für-den-Anderen bin. Das Für-Andere-Sein ist ein
dann aber zu einer Aussage über die allgemeine Struktur der inter- ständiges Faktum meiner menschlichen Realität, und ich erfasse es
subjektiven Gewißheit zu gelangen. mit seiner faktischen Notwendigkeit im kleinsten Gedanken, den
Das Problem, mit dem er es hier zu tun hat, legt sich Sartre ich mir über mich mache« (501 f.). Das, was in diesem Zitat die »ur-
zunächst durch eine rhetorisch gemeinte Frage zurecht: Was würde sprüngliche Anwesenheit« von Anderen genannt wird, bezeichnet
sich an der Situation, in der ich mich vor dem Schlüsselloch plötz- Sartre einige Seiten später als den Inbegriff dessen, was sinnvoller-
lich durch einen anderen Menschen beobachtet fühle, substantiell weise unter dem Heideggerschen Begriff des »Man« zu verstehen sei.
ändern, wenn ich am Ende einer Täuschung erliegen würde und In einer äußerst geglückten Wendung heißt es, daß damit gerade
eine zweite Person gar nicht anwesend gewesen wäre? Die Weise, in nicht wie bei Heidegger ein inauthentischer Zustand des menschli-
der Sartre diese Frage stellt, soll deutlich machen, daß wir es hier mit chen Daseins gemeint sein soll, sondern die Tatsache, daß wir uns
zwei sehr unterschiedlichen Formen des Wissens zu tun haben: das auf uns selbst stets nur aus der Perspektive eines Kreises anonymer
Gefühl, erblickt zu werden, gehört einer ganz anderen Klasse von Anderer beziehen: »Für die pränumerische und konkrete Realität ist
Bewußtseinsphänomenen an als die Vermutung, daß die gehörten die Bezeichnung >man< angebrachter als für einen Unauthentizitäts-
Schritte auf eine reale Person verweisen. Während jene erste Klasse zustand der menschlichen Realität. Fortwährend, wo ich auch sein
all das umfaßt, was wir mit Gewißheit über unsere eigenen Zustän- mag, erblickt man mich. Man wird nie als Objekt erfaßt, es löst sich
de und Befindlichkeiten wissen können, zählen zur zweiten Klasse augenblicklich auf« (505). Mit dieser letzten Wendung, die Sartre
all die Meinungen und Kenntnisse, die wir mit bloßer Wahrschein- seiner Auflösung des Problems der Fremdexistenz gibt, scheint er
lichkeit über Vorgänge in der Außenwelt besitzen.17 Diese Unter- sich am Ende doch wieder der Position anzunähern, die G. H. Mead
scheidung ist, wie leicht zu sehen ist, mit derjenigen identisch, die in seiner Intersubjektivitätstheorie vertritt. Zwar verfährt Mead bei
Sartre zwischen der »Empfindung« oder »Erfahrung« auf der einen der Entwicklung seiner eigenen Konzeption durchgängig sozialisa-
Seite, der »Erkenntnis« auf der anderen Seite macht; und das »An- tionstheoretisch, indem er ontogenetisch zu erklären versucht, wie
erkennen«, so war ebenfalls schon deutlich geworden, scheint eine sich beim einzelnen Subjekt die Fähigkeit zur Selbstbeziehung
Art von Eingeständnis, von Zur-Kenntnisnahme zu sein, die mit der schrittweise auf dem Weg der Übernahme der Perspektive eines im-
Selbstgewißheit innerer Zustände vollzogen wird. Der radikale mer weiter generalisierten Anderen vollzieht; aber in der zentralen
Schritt, den Sartre nun unternimmt, besteht in dem Vorschlag, das These, in der Annahme nämlich, daß der einzelne sich selber nur aus
Erblicktwerden als eine Empfindung zu betrachten, die insofern dem Blickwinkel eines gleichsam anonymisierten Anderen reflexiv
gegenüber Täuschungen immun ist, als sie von der tatsächlichen zu beurteilen vermag, scheinen die beiden Autoren doch in überra-
Anwesenheit anderer Personen unabhängig ist: Es gehört zur Struk- schend hohem Maße übereinzustimmen. Dieser Eindruck wird so-
tur unserer affektiven Selbstbeziehung, uns von Anderen selbst gar dort noch verstärkt, wo Sartre darangeht, den Mechanismus auf-
dann beobachtet zu fühlen, wenn diese gar nicht anwesend sind. zuzeigen, über den sich der verinnerlichte Blick des Anderen suk-
Daher ist das Erblicktwerden nicht ein raumzeitliches Ereignis, son- zessive anonymisiert; hier erscheint die Sprache plötzlich, ganz
dern eine konstitutive Bedingung meiner Beziehung auf mich ähnlich wie bei Mead, als das verallgemeinerte Medium, das in ab-
selbst: »kurz, in bezug auf jeden lebenden Menschen ist jede straktester Weise all die Reaktionen repräsentiert, mit denen der
menschliche Realität auf dem Hintergrund ursprünglicher Anwe- denkbar weiteste Kreis von anderen Subjekten mein eigenes Tun
und Lassen kommentiert (476; 652ff). So verblüffend derartige
17 Zum Problem der sogenannten Irrtumsimmunität der ersten Person vgl. Thomas
Spitzley, Facetten des »Ich«, Paderborn 2000, Kap. 8. Übereinstimmungen aber auf den ersten Blick auch sein mögen, sie
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täuschen nur über die entscheidende Differenz hinweg, die auf ei- Vokabular benutzt, eine evaluativ höchst zugespitzte Begrifflichkeit,
ner darunterliegenden Ebene zwischen den beiden Ansätzen beste- indem er abwechselnd von »Entfremdung« und »Verdinglichung«
! hen bleibt: während fur Mead der Mechanismus der Perspektiv- spricht: Von dem Subjekt, das sich im Aufbrechen selbstbezüglicher
i Übernahme ein produktives Mittel der wachsenden Verfügung über Gefühle aus der Perspektive eines Anderen beurteilt, heißt es immer
' sich selbst darstellt, muß Sartre darin aufgrund seiner existentialon- wieder, daß es sich als von seinen Möglichkeiten entfremdet und wie
! tologischen Prämissen eine Bedingung der Freiheitseinschränkung ein bloßes »Ding« erfahren muß, weil es zwangsläufig seine eigene
j von Subjekten sehen. Es ist dieser maßgebliche Unterschied, der Objekthaftigkeit anerkennt.
nun im weiteren dafür verantwortlich ist, daß Sartre bei der Ausar- Dieser Punkt ist für alles Weitere, was bei Sartre nun folgen wird,
beitung seines Ansatzes im Unterschied zu Mead den Weg einer viel zu wichtig, als daß er nicht in seiner vollen Bedeutung heraus-
Konflikttheorie beschreiten muß. gearbeitet werden sollte. Die unmerkliche Verschiebung von einer
bewußtseinsphilosophischen zu einer normativen Analyseebene,
vom »Objekt« zur »Verdinglichung«, ergibt sich in dem vorliegen-
III den Kontext aus dem Umstand, daß Sartre zuvor schon den Begriff
des »Objekts« mit einer existentialontologischen Bedeutungs-
In seinem Kapitel über den »Blick« hat Sartre bislang die Grundzüge schicht aufgeladen hatte, die nicht frei von wertenden Gesichts-
seiner Intersubjektivitätskonzeption bis zu einem Punkt entwickelt, punkten ist. Den Ausgangspunkt bildet dabei zunächst die ontolo-
an dem er ähnlich wie Mead in dem Mechanismus der Perspektiv- gisch gemeinte Vorstellung, der zufolge es sich bei einem »Objekt«
übernahme ein konstitutives Faktum der menschlichen Subjektivität nicht einfach bloß um all die Sachverhalte handelt, auf die sich ein
erblicken muß. Auch fiir ihn steht es mithin außer Frage, daß der Subjekt in kognitiver Einstellung bezieht, sondern um einen quali-
Mensch zu einer bestimmten Art von reflexiver Selbstbeziehung nur tativ distinkten Seinszustand, der durch Abwesenheit von Transzen-
gelangen kann, weil er seine eigenen Handlungsvollzüge aus dem denz und Freiheit charakterisiert ist. Alles was bei Sartre mithin als
Blickwinkel eines gegebenenfalls auch anonymisierten Anderen zu »Objekt« bezeichnet wird, soll eine ontologische Entität darstellen,
beobachten vermag; allerdings hatte Sartre diese innere Präsenz des die von vornherein durch einen Mangel gekennzeichnet ist, nämlich
Anderen nicht schon in kognitiven Einstellungen, sondern erst in den Abzug all der Eigenschaften, durch die die Seinsweise des »Für-
jenen »selbstreaktiven« Gefühlen beheimatet gesehen, mit denen sich-Seins«, der Subjektivität, bestimmt ist. Nun werden bei Sartre
wir uns selbst gegenüber affektiv Stellung beziehen. Die ganze Dif- aber diese Kategorien einer »objektivistischen« Ontologie in einem
ferenz zu Mead war freilich erst an der Stelle zutage getreten, an der zweiten Schritt daseinsphänomenologisch umgedeutet, so daß sie
sich gezeigt hatte, daß Sartre aufgrund seines existentialontologi- eigentlich als Bezeichnungen für Seinszustände verstanden werden
schen Begriffs des »Objekts« dem Moment der Perspektivübernah- müssen, wie sie sich aus der Perspektive des existentiellen Lebens-
me eine dramatische Wendung ins Negative geben muß: Kann vollzugs des Menschen erschließen lassen;18 damit erhält all das, was
Mead darin mit guten Gründen diejenige Phase im individuellen zunächst nur ein seinsmäßiger Zustand geringerer Transzendenz
Handlungsvollzug erblicken, in der sich ein Subjekt aus der Per- war, die zusätzliche Bedeutung einer Seinsweise, die das Subjekt aus
spektive seines Interaktionspartners als ein »me« wahrnimmt und seiner Sicht auch subjektiv als einen Mangel erleben muß, weil es
dementsprechend zu einem zeitlich verzögerten Bewußtsein der Be-
deutung seiner Äußerungen gelangt, so muß jener denselben Vor- 18 Diese Umdeutung beschreibt Michael Theunissen als »Umformung des transzen-
dentalphilosophischen Ansatzes« durch die Daseinsanalyse Heideggers (vgl. M.
gang als einen Augenblick der Anerkennung der eigenen Objekt-
Theunissen, Der Andere, a.a.O., S. 200 ff.); sehr schön wird dieser Umschlag von
haftigkeit beschreiben, die im Gegensatz zur Erfahrung von Freiheit transzendentalphilosophischer Ontologie in Daseinsphänomenologie auch von
steht. Sartre verwendet daher in seiner Intersubjektivitätstheorie Gary Gutting dargestellt (G. Gutting, French Philosophy in the Twentieth Century,
dort, wo Mead ein vollkommen unauffälliges, moralisch neutrales a.a.O., S. 131 ff).

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der ihm eigenen Vollzugsweise des Daseins, der Erfahrung von Frei- lichkeiten beraubt und damit auf ein bloß verdinglichtes Phäno-
heit, widerspricht. An dieser Stelle geht der ontologische Begriff des men reduziert zu sehen. Wenn zusätzlich nun vorausgesetzt wird,
»Objekts« in einem ganzen Spektrum von normativen Kategorien daß jedem Subjekt existentiell an seiner Freiheit, an der Transzen-
auf, die fur jene Erfahrungen einstehen sollen, die das Subjekt denz seiner Möglichkeiten gelegen ist, dann ergibt sich als Fortset-
zwangsläufig bei einem Wechsel seines Seinszustands zu vollziehen zung des Geschehens beinahe wie selbstverständlich eine Umkehr
hat; nicht anders als bei Heidegger, der in seiner Daseinsanalyse der Aktivitätsrichtung, durch die reaktiv der verlorengegangene
ebenfalls unbekümmert etwa von »positiven« und »negativen« Modi Seinszustand zurückerobert werden soll: das Subjekt, das sich im
des Mitseins sprach," werden solche normativen Ausdrücke aber Blick des Anderen als »Objekt« weiß, wird seinerseits den Versuch
nicht als Resultat einer Wertung, sondern als immanente Bestand- unternehmen müssen, diesen Anderen zum »Objekt« seines beur-
teile einer deskriptiven Analyse präsentiert. Insofern wird auch die teilenden Blicks zu machen, um erneut zur Freiheit der Transzen-
Verschiebung, die in seinem Text von der begrifflichen Ebene des denz all seiner Möglichkeiten zu gelangen. Sartre spricht an der
»Objekts« zum Vokabular von »Verdinglichung« und »Entfrem- Stelle, an der er mit der Erläuterung der Umkehrbewegung anhebt
dung« stattfindet, von Sartre selber nicht als ein methodologischer (513 ff.), von einer »zweiten Negation«, die nun statt vom Anderen
Bruch, sondern als eine kategoriale Präzisierung verstanden, durch zu mir »von mir zum Anderen geht« (514); und die Art des Be-
die die Qualität des Daseinsvollzugs der Subjekte genauer bestimmt wußtseinswandels, der mit einer solchen zweiten Negation einher-
werden soll. Alle Zweifel, die an dieser implizit normativen Ver- geht, beschreibt er im folgenden wieder maßgeblich am Beispiel der
wendung des Objektbegriffs laut werden, müssen sich daher auf die »Scham«, die schon für die »erste Negation« die bevorzugte Erleb-
Frage konzentrieren, ob die phänomenologische Beschreibung des nisgröße gewesen war.
Erblicktwerdens als »Verdinglichung« tatsächlich sachangemessen Allerdings eröffnet Sartre seine Analyse mit der Zuspitzung eines
ist; und können gegen die Selbstverständlichkeit einer solchen Ana- Gedankens, der noch einmal die Struktur jener selbstbezüglichen
lyse begründete Einwände erhoben werden, so stellt sich die weite- Anerkennung betrifft, die ein Moment der Erfahrung des Erblickt-
re Frage, ob nicht die Voraussetzung der individuellen Freiheit als werdens ausgemacht hatte. Wie um eine naheliegende Fehldeutung
permanenter Transzendenz von Möglichkeiten im ganzen sozialon- abzuwehren, macht er klar, daß die Scham des erblickten Subjekts
tologisch irreführend ist.20 mißverstanden wäre, wenn sie primär als affektives Eingeständnis
Vor dem Hintergrund dieser begrifflichen Erläuterungen wird einer moralischen Verschuldung interpretiert würde; was an dieser
nun der nächste Schritt, den Sartre in seiner Intersubjektivitätsana- Gefiihlsreaktion vielmehr als bedeutsam angesehen werden muß, ist
lyse vollzieht, im ganzen leichter verständlich. Von dem Subjekt, die Anerkennung nicht des eigenen Fehlverhaltens, sondern der
das sich durch Perspektivübernahme in einem Zustand des »Für- Verwandlung in ein bloßes Objekt. Dementsprechend sollte die
andere-Seins« befindet, hatte sich soeben gezeigt, daß es nicht zu- »Scham« statt als eine moralische als eine existentielle Gefühlsreak-
fälligerweise, sondern mit Notwendigkeit eine Erfahrung der »Ent- tion verstanden werden, in der zum Ausdruck kommt, daß selbst-
fremdung« und »Verdinglichung« macht; es kann gar nicht anders, bezüglich die Objekthaftigkeit der eigenen Person anerkannt wird:
so scheint Sartre zu unterstellen, als sich all seiner Existenzmög- »Die reine Scham ist nicht das Gefühl, dieses oder jenes tadelnswer-
te Objekt zu sein, sondern überhaupt ein Objekt zu sein, das heißt,
19 Vgl. etwa Martin Heidegger, Sein und Zeit, a.a.O., S. 122 f. mich in diesem verminderten, abhängigen und erstarrten Objekt,
20 In Richtung einer solchen Infragestellung zielen Charles Taylor, »Was ist mensch-
das ich ftir den Anderen bin, wiederzuerkennen« (516).21 Der ent-
liches Handeln«, in: ders., Negative Freiheit?Zur Kritik des neuzeitlichen Individua-
lismus, Frankfurt a. M. 1988, S. 9-51; Arthur C. Danto, Jean-Paul Sartre, Göttingen
scheidende Grund, aus dem heraus Sartre den existentiellen Cha-
1986, S. 122 ff.; Axel Honneth, »Kampf um Anerkennung. Z u Sartres Theorie der rakter der selbstbezüglichen Anerkennung noch einmal so stark her-
Intersubjektivität«, in: Traugott König (Hg.), Sartre. Ein Kongreß, Reinbek bei
Hamburg, 1988, S. 73-83. 21 Dazu sehr klar: Arthur C. Danto,Jean-Paul Sartre, a.a.O., S. 122 f.

IOO 101
vorhebt, hängt nun im wesentlichen mit seiner Erklärung des Über- hatten wir gesehen, daß er nicht im Sinne einer konkreten Interak-
gangs zur »zweiten Negation« zusammen; diese Kehrtwendung sieht tion gedeutet werden muß, sondern als Hinweis auf die Struktur
er nämlich, wie es mehrmals im Text heißt (514 f.), »motiviert« durch selbstreaktiver Gefühle verstanden werden kann. Demgemäß hatte
den Gegenaffekt, den das affektive Eingeständnis auslöst, nichts als Sartre vorgeschlagen, das Heideggersche »Man« als Ausdruck fiir je-
ein bloßes Objekt zu sein. Das Motiv, den Anderen seinerseits zum nen Kreis anonymer Anderer zu verwenden, durch den sich das be-
Objekt des eigenen »Blicks« zu machen, ergibt sich nicht aus dem troffene Subjekt im Erleben solcher Gefühle beobachtet weiß. In
Gefühl einer moralischen Schuld, sondern aus dem emotional Reaktion auf die »fundamentale« Scham (519), die mit der daraus
getönten Wunsch, existentiell den Status eines Subjekts zurückzuer- entstandenen Verdinglichung zwangsläufig einhergehen soll, sieht
langen: »Die Reaktion auf die Scham besteht genau darin, denjeni- Sartre nun zwei Möglichkeiten fiir das objektivierte Subjekt vor, de-
gen als Objekt zu erfassen, der meine eigene Objektheit erfaßte. Von ren Unterschiede sich daran bemessen, wie mit jenem »Man« indi-
da an erscheint mir ja der Andere als Objekt, seine Subjektivität viduell umgegangen wird: bleibt es im Bewußtsein des Subjekts als
wird eine bloße Eigenschaft des betrachteten Objekts. Sie vermin- solches aufrechterhalten, so stehen ihm nur »unauthentische« Reak-
dert sich und definiert sich als >Gesamtheit objektiver Eigenschaf- tionsweisen auf die erlebte Scham offen, weil die »absolute Einheit«
ten, die sich mir grundsätzlich entziehen«. Das Objekt-Andere >hat< (518) eines solchen »Man« im Gegenzug ebensowenig zu einem Ob-
eine Subjektivität, wie diese leere Schachtel >ein Inneres« hat« (517). jekt gemacht werden kann wie der »Gott« der christlichen Tradition
An der Weise, in der Sartre mit diesen Sätzen die konfliktuöse (518); das Resultat einer derartigen Unterwerfung unter ein »absolu-
Gegenbewegung des objektivierten Subjekts einführt, wird schon tes Subjekt« sind Verhaltensweisen des »Stolzes« oder der »Eitelkeit«,
deutlich, daß es sich auch hierbei nicht um ein bloß kontingentes in denen das eigene Selbst nur in Form eines bloßen Spiegels der Er-
Ereignis handelt. Die Umkehrung der Blickrichtung, durch die das wartungen anonymer Anderer wiederergriffen wird (520). Von die-
zuvor zum Ding erstarrte Subjekt zu »gestärkter Selbstheit« (518) sen »unauthentischen« Reaktionsweisen unterscheidet sich die »au-
zurückfindet, stellt ebenso wie der Vorgang der Perspektivübernah- thentische« Verarbeitung der Scham dadurch, daß hier das abstrakt
me ein Faktum dar, das zur Struktur der menschlichen Intersubjek- gewordene »Man« nachträglich wieder »in eine Pluralität Anderer«
tivität gehört. Irritierend ist bei oberflächlicher Betrachtung freilich, (518) zerstreut wird, indem jeweils nur konkreten Interaktionspart-
daß Sartre hier dem Subjekt wieder einen konkreten, leibhaftigen nern gegenüber die Blickrichtung umgekehrt wird: der generalisier-
Anderen gegenüberzustellen scheint, während er diesen doch bei te Andere, so ließe sich mit Mead sagen, muß vom einzelnen in sich
seiner erweiterten Deskription des Erblicktwerdens insofern anony- selber aufgelöst worden sein, um durch die Objektivierung von
misiert hatte, als darunter am Ende nur noch eine Art von verinner- dann nur noch »konkreten Anderen« erneut zur Erfahrung des
lichtem Beobachter zu verstehen war. Aus der damit angedeuteten Selbst als »Für-sich-Sein« gelangen zu können. Sartre läßt mithin,
Schwierigkeit fuhrt Sartre heraus, indem er ein sein Konzept äußerst wie er selber sagt, nur zwei »authentische Haltungen« (519) zu, die
verkomplizierendes Argument entwickelt, das sich an eine berühm- in der individuellen Austragung der Spannungen des »Für-sich-
te Unterscheidung Heideggers in »Sein und Zeit« anlehnt: anhand Seins« eine tragende Rolle spielen können: da ist zu Beginn die Er-
der Frage, ob das betroffene Subjekt das verinnerlichte »Man« der fahrung der Scham, durch die simultan der Andere als Subjekt und
Perspektivübemahme bestehen läßt oder reindividualisiert, schlägt das eigene Selbst als Objekt anerkannt wird, und im Ausklang die
er eine Differenzierung von »unauthentischen« und »authenti- Erfahrung der »Hochmut«, in der die »Behauptung meiner Freiheit
schen« Weisen vor, auf die Erfahrung der Objekt-Scham zu reagie- gegenüber dem Objekt-Anderen« (519) vollzogen wird. Wenn wir
ren. Ohne in die Details dieses Gedankengangs eindringen zu kön- uns daran erinnern, mit welcher Polemik Sartre zunächst den Hei-
nen, soll hier dessen Kern nur soweit wiedergegeben werden, daß deggerschen Begriff des »Man« behandelt hatte (505), so ist diese
deutlich wird, inwiefern damit eine Antwort auf das zuvor umrisse- Auflösung freilich überraschend; denn nicht anders als in »Sein und
ne Problem verbunden ist. Von dem Vorgang des »Erblicktwerdens« Zeit« wird hier doch plötzlich wieder die bloße Tatsache, sich im ei-

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genen Verhalten von generalisierten Normen leiten zu lassen, als daß der Andere bereits konflikthaft als freiheitsbedrohende Subjek-
hinreichender Beleg für eine »unauthentische« Seinsweise genom- tivität erfahren worden ist (744). So stark die Tendenz des einzelnen
men. daher auch sein mag, sich in den solidaritätsstiftenden Kreis einer
Aber wie es auch immer um diese Bestimmungen bestellt sein Gruppe zu flüchten, er wird der existentiellen Herausforderung
mag, die verstärkt die Tendenz zu einer normativen Aufladung der nicht entkommen können, sich entweder durch die Objektivierung
existentialontologischen Begrifflichkeit verraten, zusammenge- des Anderen als »Für-sich-Sein«, als freie Subjektivität, behaupten
nommen bilden sie nun den Rahmen, in dem Sartre seine Konzep- oder in der Objektivierung durch den Anderen als »An-sich-Sein«,
tion der Intersubjektivität zum Abschluß bringt. Die Richtung, die als verdinglichtes Objekt, erfahren zu müssen.
er dabei einschlägt, ist unschwer zu erkennen, weil es nur der Ver- Es ist dieser radikale, unerschütterbare Negativismus, der Sartres
vielfältigung des einen Konflikts bedarf, um zu seiner Auffassung Analyse der Intersubjektivität bis heute aus der Flut von Versuchen
des intersubjektiven Feldes im ganzen zu gelangen: wenn wir uns die zur Lösung der »Fremdexistenz«-Problematik heraushebt; und so,
Sphäre des »Für-sich-Seins« als einen sozial ausgedehnten Bereich wie in allen klassisch gewordenen Entwürfen der Philosophie, ist
vorstellen, innerhalb dessen eine Vielzahl von Subjekten unterein- auch darin sicherlich eine Grundschicht der existentiellen Erfah-
ander ständig die Verlusterfahrung des »Erblicktwerdens« durch die rung festgehalten, mit der Menschen in ihrem Lebensvollzug kon-
Objektivierung eines konkreten Anderen zu bewältigen versuchen, frontiert sind. Die besondere Schwierigkeit, vor die uns Sartres
dann haben wir jenes Bild eines immerwährenden Konflikts vor Au- Ansatz freilich stellt, ist die vollkommene Unabtrennbarkeit von
gen, in dem Sartre die Vollzugsform des intersubjektiven Lebens in Lösungsweg und Ergebnis, von phänomenologischer Auflösung der
der Gesellschaft einfängt. Die Intersubjektivität ist eine ontologi- »Fremdexistenz«-Problematik und negativistischer Schlußfolge-
sche Sphäre permanenter, existentieller Konfliktualität, in der jedes rung: Die bestechende Analyse der Vorgängigkeit der intersubjekti-
Subjekt gegen den Anderen um die Wiedergewinnung seiner indi- ven Anerkennung, die das Ergebnis einer überzeugenden Wider-
viduellen Freiheitsmöglichkeiten kämpft: »Das Wesen der Bezie- legung des Erkenntnisparadigmas ist, ist begrifflich so eng mit dem
hungen zwischen Bewußtseinen ist nicht das Mitsein, sondern der Nachweis der Erfahrung von Verdinglichung und Freiheitsentzug
Konflikt« (747). An dieser resümeehaften Vorstellung ändern auch verknüpft, daß sich das eine auch nachträglich nicht vom anderen
jene Formen der Gruppenbildung nichts mehr, die Sartre einhun- analytisch abtrennen läßt. Jeder Versuch, heute noch einmal an Sar-
dertzwanzig Seiten nach seinem Kapitel über den »Blick« (720 ff.) tre anzuknüpfen, um seine Kritik an der philosophischen Domi-
unter dem Begriff der »Wir«-Erfahrung abhandelt. Denn solche nanz des »Erkennens« fortzusetzen, wird daher diejenige Stelle sei-
Formen des konkreten »Mitseins«, für die das »Arbeitskollektiv« ner großen Abhandlung einer erneuten Prüfung unterziehen müs-
(730) ebenso ein Beispiel bietet wie der anonyme »Menschenstrom« sen, an der diese Verzahnung der beiden Ebenen vorgenommen
in den Gängen einer U-Bahn-Station (738), zerfallen wieder in die wird: dort, wo die ontologischen Grundbegriffe übersetzt werden in
zwei Typen des »Objekt-Wir« und des »Subjekt-Wir«, die beide daseinsphänomenologische Ausdrücke ftir Erfahrungen, die die
nicht die Aufhebung der existentiellen Konflikterfahrung des Indi- Subjekte unvermeidlicherweise in ihrer Lebenspraxis vollziehen
viduums zu leisten vermögen: Im ersten Fall, dem des »Objekt- müssen.
Wir«, haben wir es insofern nur mit »einer bloßen Bereicherung des
ursprünglichen Erfahrens des Für-Andere« (746) zu tun, weil jedes
der beteiligten Subjekte sich nur aus der Perspektive eines neutralen
Dritten als Mitglied einer Gruppe weiß; und beim zweiten Fall, dem
des »Subjekt-Wir«, handelt es sich nach Sartre allein um eine »psy-
chologische«, nicht ontologische Erfahrung, die bei tatsächlicher
Herausbildung einer gemeinsamen Perspektive stets voraussetzt,

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Zwischen Hermeneutik und Hegelianismus Es ist die empirische Erfahrung, unsere sinnliche Rezeptivität, so
John McDowell und die Herausforderung will es McDowell, die uns dank unserer zweiten Natur aufnahme-
fähig macht fiir die qualitative Beschaffenheit der Welt; und in letz-
des moralischen Realismus *
ter Konsequenz läuft diese Version des moralischen Realismus daher
auf die Vorstellung hinaus, daß sich in unseren moralischen Über-
In den letzten zwei Jahrzehnten hat John McDowell mit bewunde- zeugungen und Urteilen nicht die intersubjektiven Anstrengungen
rungswürdiger Konsequenz eine moralphilosophische Position zu des menschlichen Geistes, sondern die Forderungen der Wirklich-
begründen versucht, für die er selber den programmatischen Titel keit selber spiegeln.
eines »moralischen Realismus« vorschlägt. Auch wenn dieser Aus- Nun muß selbst eine solche Auffassung nicht ganz so abwegig
druck gewöhnlich eher fiir Ansätze verwendet wird, in denen mora- sein, wie sie auf den ersten Blick wirken mag, weil mit ihr ja viel-
lische Werte in strikter Unabhängigkeit von unseren Wahrnehmun- leicht bloß behauptet wird, daß die Menschen in der Entwicklung
gen, Überzeugungen und Praktiken als objektive Bestandteile der ihrer Lebensformen und Alltagspraktiken, also der Bildung ihrer
Welt behandelt werden,1 will McDowell freilich auf eine ganz ande- »zweiten Natur«, stets auch die Zwänge ihrer ersten Natur zu
re Ausgangsprämisse hinaus: ihm zufolge soll sich die moralische berücksichtigen hatten; in den normativen Regeln unserer Prakti-
Wirklichkeit in ihrer ganzen Objektivität für uns erst im Zusam- ken würde sich dann, zugespitzt gesagt, eine unabhängig von uns
menhang von regelgeleiteten Verhaltensweisen erschließen, die in- bestehende Welt insofern zum Ausdruck bringen, als sie sich in
sofern als eine »zweite Natur« der Menschen aufgefaßt werden kön- menschlichen Bedürfnissen, Verletzbarkeiten und Dispositionen
nen, als sie sich einer Sozialisierung und Bildung ihrer ersten Natur niedergeschlagen hat, auf die wir in unserem intersubjektiven Han-
verdanken.2 Die Idee einer solchen »zweiten Natur«, in die auf deln zwangsläufig Rücksicht nehmen müssen. Die eigentlichen
schwer entwirrbare Weise Anregungen von Aristoteles, Hegel, Witt- Schwierigkeiten der Position von McDowell zeigen sich hingegen
genstein und Gadamer eingeflossen sind, wird durch eine subtile erst, wenn sie mit einer moralphilosophischen Konzeption vergli-
Moralphänomenologie abgestützt, die zeigen soll, inwiefern wir chen wird, in der heute ebenfalls die Idee eines »schwachen Natura-
moralische Tatsachen in derselben Weise direkt wahrzunehmen lismus« den Ausgangspunkt bildet: auch Jürgen Habermas hat in
vermögen wie Farben oder andere sekundäre Qualitäten: ob nun die den letzten Jahren seiner Diskursethik eine stärker realistische Wen-
moralischen Eigenschaften von Personen oder die moralischen dung geben wollen, indem er unsere moralischen Anstrengungen
Qualitäten einer Handlung, stets handelt es sich dabei um Phä- auf nicht-szientistische Weise als Teil eines Lernprozesses zu begrei-
nomene, die nicht einer Realität zugeschrieben, sondern im Rah- fen versucht, durch den wir den natürlichen Evolijtionsprozeß auf
men unserer alltäglichen Praktiken unmittelbar erfahren werden.3 kulturellem Niveau fortsetzen; und auch hier wird diese Idee einer
»zweiten Natur« des Menschen mit der »realistischen« Vorstellung
* Für Ratschläge und kritische Hinweise möchte ich mich bei Andrej Denejkine und verknüpft, daß wir im Normalvollzug unserer erlernten Alltags-
Rainer Forst bedanken.
praktiken, die Resultate von kollektiven Lernprozessen darstellen,
1 Vgl. etwa: Peter Schaber, Moralischer Realismus, Freiburg 1997; Jean-Claude Wolf,
»Moralischer Realismus. Neuerscheinungen zur angelsächsischen Ethikdiskussi-
zur Wahrnehmung von moralischen Tatsachen in der Lage sind.4
on«, in: Allgemeine Zeitschrift fiir Philosophie 1/1990, S. 63-71. Wird zusätzlich noch berücksichtigt, daß Habermas im Zusam-
2 John McDowell, »Two Sorts of Naturalism«, in: ders., Mind, Value, and Reality, menhang der Einführung seines »schwachen Naturalismus« von der
Cambridge, Mass. 1998, S. 167-197 (dt.: »Zwei Arten von Naturalismus«, in: ders., Notwendigkeit einer »Hermeneutik der Naturgeschichte« spricht,
Wert und Wirklichkeit. Aufsätze zur Moralphilosophie, Frankfurt a. M. 2002, S. 30-
73). 4 Jürgen Habermas, »Einleitung: Realismus nach der sprachpragmatischen Wende«,
3 John McDowell, »Values and Secondary Qualities«, in: ders., Mind, Value, and in: ders., Wahrheit und Rechtfertigung, Frankfurt a. M. 1999, S. 7-64; ders., »Rich-
Reality, Cambridge, Mass. 1998, S. 131-150 (dt.: »Wette und sekundäre Qualitäten«, tigkeit versus Wahrheit. Zum Sinn der Sollgeltung moralischer Werte und Nor-
in: ders., Wert und Wirklichkeit. Auftätze zur Moralphilosophie, a.a.O., S. 204-230). men«, a.a.O., S. 271-318.

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so sind die Übereinstimmungen in der theoretischen Grundlegung daß ich mir in einem ersten Schritt zunächst die epistemologischen
der beiden Ansätze wohl viel größer, als es ihren Autoren heute be- Voraussetzungen klarmache, in denen bei McDowell die Idee einer
wußt sein mag. Aber im krassen Unterschied zu McDowell sieht »zweiten Natur« des Menschen beheimatet ist; dieser Umweg soll si-
Habermas nun die Situation einer Erschütterung unserer morali- cherstellen, daß von Anfang an der enge Zusammenhang berück-
schen Handlungsgewißheiten durch einen Zwang zu einer Recht- sichtigt bleibt, der zwischen den erkenntnistheoretischen Ideen und
fertigungspraxis charakterisiert, die nicht länger auf lebensweltlich dem moralischen Realismus bei McDowell besteht (I). Erst im zwei-
zentrierte Wahrnehmungsurteile gestützt sein kann, sondern diese ten Schritt soll dann genauer ins Auge gefaßt werden, wie McDo-
gewissermaßen einzuklammern hat, um zu einer Überprüfung der well die moralphilosophische Vorstellung begründet, daß wir uns in
Universalisierbarkeit von intersubjektiv erhobenen Geltungsan- normativen Zusammenhängen stets schon in einer perspektivisch
sprüchen zu gelangen; auf der reflexiven Ebene solcher handlungs- erschlossenen Welt moralischer Tatsachen bewegen; hier wird es
entlasteten Diskurse tritt daher an die Stelle einer gemeinsam un- darauf ankommen, möglichst exakt die Überlegungen zu rekon-
terstellten, evaluativ erschlossenen Welt die normative Idee einer struieren, die für die Idee einer moralischen Wahrnehmungsfähig-
Unparteilichkeit, die den Sinn einer »gleichmäßigen Berücksichti- keit sprechen (II). Im dritten Schritt schließlich möchte ich der Fra-
gung aller berührten Interessen«5 besitzt. ge nachgehen, wie McDowell in seinem Ansatz den Prozeß der ra-
Es ist die damit verknüpfte Vorstellung einer problembezogenen tionalen Rechtfertigung unterzubringen versucht; hier sollen dann
Suspendierung unserer alltagsweltlichen Gewißheiten, die nun um- im Aufweis des Verfahrens einer moralischen Dissensbewältigung
gekehrt die Rückfrage an McDowell entstehen läßt, wie er in seinem die mißlichen Konsequenzen vorgeführt werden, die sich für Mc-
Ansatz eines moralischen Realismus die Möglichkeit einer kriti- Dowell aus der unbewältigten Spannung seiner Konzeption ergeben
schen Überprüfung von moralischen Normen unterzubringen ver- (III).
sucht; zwar wird auch von ihm stets die Notwendigkeit einer ratio-
nalen Hinterfragung der erfahrbaren Welt moralischer Tatsachen
betont, aber es ist auf den ersten Blick nicht ganz klar, wie das Zu- I
sammenspiel von moralischer Wahrnehmung und Rechtfertigung
in seiner Konzeption gedacht werden soll. Die Vermutung, der ich In seinem Buch Mind and World, das eine epistemologische Grund-
im folgenden nachgehen möchte, ist die einer ungelösten Spannung legung auch seiner moralphilosophischen Position enthält,6 hat
innerhalb der Theorie von McDowell, in der die hermeneutische John McDowell den Versuch einer Rehabilitierung des Empirismus
Idee eines Traditionsgeschehens unvermittelt neben der hegeliani- unter nicht-szientistischen Voraussetzungen unternommen; aufs
schen Idee einer gerichteten Bildung des menschlichen Geistes ganze gesehen läuft die dort entwickelte Argumentation auf die Vor-
steht: Auf der einen Seite stellt sich McDowell die Formung unseres stellung hinaus, daß der Mensch sich in seiner Wahrnehmungs-
moralischen Wahrnehmungsvermögens nach dem Modell eines fähigkeit eine Art von Aufnahmebereitschaft für die Forderungen
anonymen Überlieferungsgeschehens vor, so daß fur die wahrneh- bewahrt hat, die von der Welt selber an ihn ergehen.7 Den Aus-
mungsentlastete Überprüfung von normativen Ansprüchen kein gangspunkt des komplexen Gedankengangs stellt die Diagnose dar,
Raum bleibt, auf der anderen Seite aber spielt er auch mit dem Ge- daß wir uns mit jener erkenntnistheoretischen Rückzugsposition
danken eines rational vermittelten Lernprozesses, der nicht ohne die
zumindest temporäre Unterbrechung unserer alltagsweltlichen Ge- 6 Vgl. John McDowell, Mind andWorld, Cambridge, Mass. 1994 (dt.: Geist und Welt,
Frankfurt a. M. 2001).
wißheiten auf konsistente Weise zu deuten ist. Ich will so vorgehen,
7 Dementsprechend lautet der Titel von Rortys Aufsatz zu McDowell auch: »The
very idea of human answerability to the world: John McDowell's Version of Em-
5 Jürgen Habermas, »Richtigkeit versus Wahrheit«, in: ders., Wahrheit und Rechtfer- piricism«, in: Richard Rorty: Truth and Progress. Philosophical Papers, Vol. 3, Cam-
tigung, a.a.O., S. 305. bridge (UK) 1998, S. 138-152.

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nur schwerlich abfinden können, die nach Sellars berühmtem An- von der kognitiven, sondern von der moralischen Erfahrung; denn
griff auf den »Myth of the Given« in den Hauptsträngen der analy- an der Stelle in seinem Buch, an der zum erstenmal die Umrisse ei-
tischen Philosophie entstanden ist:8 Sobald einmal durchschaut ner Alternativkonzeption skizziert werden, steht als paradigmati-
war, daß uns die Welt nicht unmittelbar in unseren Erfahrungen ge- sches Beispiel einer gelungenen Synthese von Vernunft und Natur
geben ist, sondern diese ihrerseits stets schon theoretisch imprä- die Ethik des Aristoteles.10 Es sind zwei auf den ersten Blick kaum
gniert sind, ist daraus nämlich die Schlußfolgerung eines »Kohären- zusammenhängende Schritte, die McDowell vollziehen muß, bevor
tismus« gezogen worden, dem zufolge sich die Wahrheit unserer er diesen ethischen Ansatz als das Muster einer Lösung seines er-
Aussagen nur noch an ihrem internen Passungsverhältnis bestimmt. kenntnistheoretischen Problems präsentieren kann: im ersten
Mit einer solchen kohärentistischen Position aber, die im Buch stell- Schritt geht es darum, den mißlichen Dualismus von »Geist« und
vertretend durch das Werk Donald Davidsons repräsentiert wird, ist »Welt« ursächlich auf die neuzeitliche Tendenz zurückzufuhren, die
nach McDowell endgültig zerrissen, was bereits bei Kant aufgrund Realität nur noch als einen logischen Bereich zu begreifen, in dem
seiner Reverenzen an den Szientismus seiner Zeit nur noch halbher- naturgesetzliche Abhängigkeiten herrschen; das Resultat einer sol-
zig als Einheit zusammengehalten worden war: auf der einen Seite chen, wie es mit Max Weber heißt, »Entzauberung« der Natur ist ein
steht nun die »Welt«, gedacht als naturgesetzlicher Raum kausaler »bald«, ein unverblümter Naturalismus, der die Annahme einer Be-
Abhängigkeiten, auf der anderen hingegen der »Geist«, in dem wir deutungsgeladenheit der Wirklichkeit nicht mehr zuläßt (a).11 Der
uns nur nach Maßgabe von rationalen Gründen und unbeeindruckt zweite Schritt besteht hingegen darin, die Ethik des Aristoteles als
von der Wirklichkeit bewegen. Nicht anders als Kant in seiner Zwei- einen Ansatz vorzustellen, in dem »sittliche Einsichten« nach Art ei-
Welten-Lehre ist daher heute die Philosophie im allgemeinen von ner habitualisierten Aufmerksamkeit für moralische Gründe aufge-
den pragmatischen Gewißheiten des Alltagsverstandes denkbar weit faßt werden; von Bedeutung ist dabei vor allem, daß das moralische
entfernt, weil sie die menschliche Rechtfertigungspraxis sich unab- Wissen insofern eine zirkuläre Struktur besitzt, als die ethische Be-
hängig von jeder rationalen Forderung der Welt selbst vollziehen deutsamkeit einer Situation nur dann begriffen werden kann, wenn
läßt; zwar wird noch eine kausale Einflußnahme der Wirklichkeit vorgängig bereits ein Verständnis fiir das Gewicht ethischer Anfor-
auf unsere geistige Tätigkeit eingeräumt, aber von einer sinnlich ver- derungen vorhanden ist (b).12 Die entscheidende Pointe der Argu-
mittelten Aufnahme der Welt in unserem Geist ist nicht länger die mentation McDowells ergibt sich dann schließlich aus dem Ver-
Rede. such, diese beiden Schritte so aufeinander zu beziehen, daß die ari-
Es ist diese Aufspaltung zwischen »Geist« und »Welt«, zwischen stotelische Ethik als das Beispiel einer Alternative zum szientistisch
einer nach rationalen Gesichtspunkten verfahrenden Vernunft und entleerten Konzept der Natur erscheint: Weil Aristoteles nämlich
einer naturgesetzlich gedachten Wirklichkeit, von der McDowell das moralische Wissen als das habitualisierte Ergebnis einer Bildung
uns nun durch den Entwurf eines erkenntnistheoretischen Gegen- der menschlichen Natur betrachtet, kann er die so begriffene »zwei-
modells kurieren möchte; und wie so vielen Philosophen der ersten te« Natur des Menschen als den Horizont hinstellen, innerhalb des-
Hälfte des 20. Jahrhunderts erscheint ihm auch heute noch als der sen wir eine Fähigkeit zur Erfahrung von Forderungen der Wirk-
Königsweg einer solchen Uberwindung der neuzeitlichen Zwei- lichkeit selber besitzen (c).
Welten-Idee die Neuinterpretation dessen, was sich in der mensch-
lichen Erfahrung vollzieht.9 Im Unterschied zu all den anderen, äl-
teren Versuchen freilich nimmt McDowell den Ausgang dabei nicht 10 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 78 ff. (dt.: Geist und Welt, a.a.O.,
S. 104 ff.).
11 John McDowell, Mind and World, a.a.O., Kap. IV, S. 6. (dt.: Geist und Welt, a.a.O.,
8 Wilfried Seilars, Empiricism and the Philosophy of Mind, Cambridge, Mass. 1997. ebd.).
9 Vgl. den Überblick in: J. Freudiger, A. Graeser, K. Petrus (Hg.), Der Begriff der Er- 12 John McDowell, Mind and World, a.a.O., Kap. IV, S. 7 (dt.: Geist und Welt, a.a.O.,
fahrung in der Philosophie des 20. Jahrhunderts, München 1996. ebd.)

IIO III
(a) Schon mit dem ersten Schritt in dieser Argumentationsfolge de, im Ausgang von sinnlichen Erfahrungen entlang einer einzigen
vollzieht McDowell die theoretische Weichenstellung, die für die Begründungskette zu einer empirisch gehaltvollen Erkenntnis auf-
Entwicklung seines Gegenmodells von ausschlaggebender Bedeu- zusteigen.
tung ist; sie verdankt sich der Rückführung der erkenntnistheoreti- Aus der Art der Denkblockade, die McDowell damit für die miß-
schen Ausgangsproblematik auf das ontologische Terrain der Ver- liche Situation der zeitgenössischen Erkenntnistheorie verantwort-
hältnisbestimmung von Vernunft und Natur. Die Brücke zu Fra- lich macht, ergeben sich nun durch Rückschluß auch die therapeu-
gestellungen der Ontologie schlägt McDowell mit der These, daß tischen Mittel, die er zum Zweck ihrer Beseitigung einsetzt. Seine
für die »uncomfortable situation« der zeitgenössischen Erkenntnis- Strategie besteht hier in dem Versuch, durch die Rehabilitierung ei-
theorie »geistige Blockierungen« (»mental blocks«) verantwortlich nes vor-szientistischen Naturbegriffs an den geistigen Ort zurück-
sind, die weit in die Frühgeschichte des neuzeitlichen Denkens hin- zugelangen, an dem die Abtrennung des begrifflichen Vermögens
einreichen. Wird nämlich gefragt, warum die Antwort auf die Wi- des Menschen von seiner natürlichen Ausstattung noch nicht gege-
derlegung eines kategorial unvermittelt Gegebenen nur der ben war: wenn innerhalb der Epistemologie die Möglichkeit einer
»Kohärentismus« hat sein können, so tritt als geistige Quelle ein be- »Reibung« (»friction«) mit der Wirklichkeit deswegen aus dem Blick
stimmtes Bild der menschlichen Sinnlichkeit zutage, das schon bei geraten ist, weil der empirischen Erfahrung selber kein rationaler
Kant mit einem szientistischen Naturbegriff verzahnt war: wir kön- Gehalt mehr zugebilligt werden konnte, so muß im Gegenzug eine
nen uns dieser Denktradition zufolge das rezeptive Vermögen des Vorstellung von begrifflicher »Spontaneität« zurückgewonnen wer-
Menschen, seine Erfahrungsfähigkeit, nur als Teil einer gesetzmäßig den, die auch »Zustände und Ereignisse der Sinnlichkeit als solche
verfaßten Natur vorstellen, während seine begriffliche Spontaneität zu charakterisieren«14 vermag; eine derartige Synthetisierung von
umgekehrt einem Vernunftreich zugerechnet werden muß, in dem Begriff und Erfahrung aber ist nur unter der Bedingung wiederher-
nur rationale Gründe gelten. Ist die Welt aber erst einmal in diese zustellen, daß die Natur nicht auf einen Bereich gesetzmäßiger Zu-
zwei ontologischen Sphären zerlegt, so kann unsere rationale Akti- sammenhänge reduziert, sondern auch als ein Raum potentieller In-
vität gar nicht mehr »bis ganz hinaus selbst zu den Eindrücken un- tellektualität verstanden wird. Insofern bedarf es, wie McDowell
serer Sinnlichkeit«13 reichen, weil dort ja bloß kausale Wirkungen sagt, eines erweiterten Naturalismus, der die »Natur« zwar nicht
herrschen; vielmehr muß von nun an das am Menschen, was sinn- durch Aufladung mit Bedeutungen wiederverzaubert, sie aber doch
lich und rezeptiv ist, ohne jede Funktion für unsere Rechtferti- in eine Art von Kontinuitätsverhältnis mit unserer, der menschli-
gungspraxis bleiben, so daß die Erkenntnis letztlich auf ein operati- chen »Vernunft« bringt; nur dann nämlich, wenn wir in der Ratio-
ves Unternehmen im »logischen Reich der Gründe« zusammen- nalität des Menschen die Fortsetzung natürlicher Prozesse vermuten
schrumpft. Es ist diese ontologische Tradition, die Subsumtion der dürfen, können wir uns die natürliche Ausstattung unseres Sinnes-
menschlichen Sinnlichkeit unter die Gesetze einer szientistisch ver- vermögens zugleich als eine Befähigung zum rationalen Erfassen
standenen Natur, die McDowell schließlich auch für den Kohären- von Wirklichkeit vorstellen.15
tismus eines Donald Davidson verantwortlich macht: wenn das uns Die wenigen Andeutungen, die sich in »Mind and World« über
empirisch Gegebene immer schon begrifflich strukturiert ist und die Grundzüge eines solchen erweiterten Naturalismus finden, kön-
ansonsten nur kausale Wirkungen auf die Sinne des Menschen aus- nen auf den ersten Blick leicht den Eindruck einer Wiederaufnah-
geübt werden, so bewegen wir uns im Erkennen nur in einem ge- me von Motiven Schellings wecken; darüber hinaus drängen sich
schlossenem »Reich der Gründe«, das zur Welt keinerlei »Kontakt« sicherlich auch gewisse Assoziationen mit jener Tradition der philo-
mehr unterhält. Zwischen der »Natur« und der »Vernunft« erstreckt
sich nicht mehr ein geistiges Kontinuum, das es uns erlauben wür- 14 John McDowell, Mind andWorld, a.a.O., S. 76 (dt. Geist undWelt, a.a.O., S. 102).
15 Z u diesem Anspruch vgl. die erhellende Analyse von: Michael Williams, »Exor-
cism and Enchantment«, in: The Philosophical Quarterly, Vol. 46/1996, No. 182,
13 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 69 (dt.: Geist und Welt, a.a.O., S. 94). S. 99-109.

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sophischen Anthropologie auf, die im ersten Drittel des 20. Jahr- aus den objektiven Gegebenheiten der menschlichen Natur herzu-
hunderts durch Scheler, Gehlen und Plessner begründet wurde.16 leiten;20 es hat sich vielmehr zu zeigen, daß dessen Absicht darauf ge-
Den Ausgangspunkt von McDowells Überlegungen an dieser Stelle richtet war, das Wissen um ethische Prinzipien in Verlängerung von
bildet die These, daß wir mit den »stummen Tieren« die »Empfäng- Naturprozessen als eine Ausübung von natürlichen Kräften zu be-
lichkeit der Wahrnehmung fiir die Merkmale der Umgebung«17 tei- greifen. Der Begriff, der diese alternative Deutung bei McDowell
len; im Unterschied aber selbst zu höherentwickelten Primaten, de- stützen soll, ist der der »zweiten Natur«; von ihm ist freilich nicht
ren sinnliche Rezeptivität im ganzen instinktgebunden bleibt,18 ist nur seine Aristoteles-Interpretation abhängig, sondern die Idee ei-
die Sinnlichkeit des Menschen aufgrund seiner Distanz zur Umwelt nes erweiterten Naturalismus im ganzen.
bereits von »Spontaneität« durchzogen; daher läßt sich davon spre- McDowell setzt am Begriff der »ethischen Tugend« an, um
chen, daß die menschlichen Sinne insofern begrifflich strukturiert zunächst zu zeigen, daß er bei Aristoteles eine Mittelstellung zwi-
sind, als sie die Welt rational wahrzunehmen erlauben. Die damit schen der bloßen Gewohnheit und der rationalen Deliberation ein-
angedeuteten Prämissen faßt McDowell nun in dem einen Satz zu- nehmen soll: Von einer bloßen Gewohnheit unterscheidet sich die-
sammen, daß es die »Ausübungen der Spontaneität« sind, die die se Tugend, weil sie eine bestimmte »Einsicht« enthalten soll, von der
Lebensweise charakterisieren, durch die sich der Mensch als Tier rationalen Überlegung ist sie andererseits unterschieden, weil sie ei-
verwirklicht;19 und wie um den heimlichen Aristotelismus dieser nen geformten, habitualisierten Zustand des menschlichen Charak-
Formulierung explizit zu machen, wendet er sich im zweiten Schritt ters darstellen soll. Die Schwierigkeit ergibt sich mithin aus der Auf-
seiner Argumentation zunächst einer knappen Darstellung der Ari- gabe, etwas als eine geradezu leibgewordene, spontan ausgeübte
stotelischen Ethik zu. Routine begreifen zu müssen, was zugleich eine intellektuelle Ope-
(b) Allerdings bedarf es fiir McDowell eines Umwegs, um deut- ration des Geistes ist; und die Lösung kann nur so aussehen, daß die
lich machen zu können, inwiefern die Ethik des Aristoteles über- ethische Tugend als das Ergebnis eines Sozialisationsprozesses auf-
haupt ein Paradigma für die Idee eines erweiterten Naturalismus gefaßt wird, durch den der praktische Intellekt des Menschen, sein
darstellen soll. Der vorherrschenden Deutung zufolge, auf die im Moralbewußtsein, die dauerhafte Gestalt einer charakterlichen Ge-
Buch nur kurz durch Verweise auf Bernard Williams und Alasdair wohnheit erhält, die im »Vertrautsein« mit moralischen Forderun-
Maclntyre Bezug genommen wird, hat Aristoteles die Prinzipien gen besteht. Von dieser so begriffenen Tugend versucht McDowell
seiner Ethik ja aus den Fakten einer unabhängig gegebenen Natur nun darüber hinaus zu zeigen, daß sie fiir Aristoteles gewissermaßen
gewinnen wollen; wenn dabei auch teleologische Annahmen eine den hermeneutischen Horizont bildet, innerhalb dessen wir uns bei
starke Rolle spielen sollen, so liefe das aus der Sicht McDowells doch der Bewältigung moralischer Probleme immer schon bewegen müs-
auf eine Frühform des szientistisch geprägten Naturalismus hinaus. sen: bereits die bloße Tatsache, eine bestimmte Situation als mora-
Demgegenüber muß er mithin zeigen können, daß Aristoteles alles lisch konfliktreich zu erfassen und rational bewältigen zu wollen,
andere im Sinn hatte, als sein Konzept der moralischen Tugenden besagt nichts anderes, als daß wir uns von einem ethischen Vorver-
ständnis leiten lassen, das wir bei der kognitiven Lösung auch nur
16 Die Nähe zu Motiven Schellings versucht Andrew Bowie herauszuarbeiten in: zirkelhaft zur Anwendung bringen können. Nach demselben Mo-
ders., »John McDowell's Mind and World and Early Romantic Epistemology«, in: dell eines hermeneutischen Zirkels soll sich indes auch vollziehen,
Revue Internationale de Philosophie, No. 3/1996, S. 515-554; die klassische Formulie- was McDowell als die rationale »Selbstprüfung einer ethischen Auf-
rung einer »Hermeneutik der Naturgeschichte« findet sich im Traditionszusam-
fassung«21 bezeichnet: auch in dem Fall, daß wir die Standards un-
menhang der philosophischen Anthropologie bei: Helmuth Plessner, Die Stufen
des Organischen und der Mensch, Berlin/New York 1975. 20 In dieselbe Richtung zielt heute etwa Julia Annas in ihrer Interpretation des anti-
17 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 69 (dt.: Geist und Welt, a.a.O., S. 94). ken Naturalismus - vgl. Julia Annas, The Morality of Happiness, Oxford 1993, bes.
18 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 115 (dt.: Geist undWelt, a.a.O., S. 142). Kap. 3.
19 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 87 (dt.: Geist undWelt, a.a.O., S. 103). 21 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 81 (dt.: Geist undWelt, a.a.O., S. 106).

102 114
serer moralischen Gewohnheiten einer kritischen Revision unter- Gründe vermittelt sind; und von hier aus ist es nicht mehr weit zu
ziehen müssen, kann das wiederum nur am Leitfaden derjenigen der an Wittgenstein anschließenden Spekulation, der zufolge wir
»sittlichen Einsichten« geschehen, die bereits vorgängig den Kern unter normalen Umständen nicht umhin können, im menschlichen
unseres moralischen Charakters ausmachen. Insofern bewegen wir Mund, ja im menschlichen Gesichtsausdruck im ganzen eine Be-
uns als »moralische Subjekte« immer schon im Horizont eines ethi- fähigung zur sprachlich organisierten Rationalität zu sehen.25
schen Wissens, aus dem wir selbst dann nicht heraustreten können, Es ist nicht schwer zu erkennen, warum in dieser Form von Na-
wenn dieses uns im höchsten Maße fragwürdig geworden ist; viel- turalismus eine Alternative zum szientistisch geprägten Naturver-
mehr vollzieht sich Revision und Kritik, ganz nach der Vorstellung ständnis angelegt sein soll; denn die ethischen Tugenden als eine
Gadamers, nur in Form der innovativen Applikation eines uns um- Verwirklichung von organisch angelegten Potentialen zu verstehen
fassenden Uberlieferungswissens. bedeutet, die Natur gerade nicht auf einen Bereich von kausal wirk-
Die Brücke zu seiner Ausgangsfrage schlägt McDowell freilich samen Abhängigkeiten zu reduzieren, sondern sie als einen Prozeß
erst mit dem Vorschlag, diese hermeneutische Auffassung der »ethi- der stufenweisen Ermöglichung von gattungsspezifischen Lebens-
schen Tugenden« mit dem Begriff der »zweiten Natur« zu belegen;22 weisen zu interpretieren. Weil die Zuordnung solcher organischen
und gemeint ist damit zunächst nicht mehr, als daß jene Tugenden Potentiale aber nur aus dem Blickwinkel unserer eigenen Lebens-
intellektuelle Gewohnheiten bilden und insofern quasi-natürliche formen vorgenommen werden kann, haben wir es hierbei letztlich
Verhaltensstrebungen darstellen, die das Ergebnis von kulturellen mit dem Vorschlag einer Hermeneutik der Naturgeschichte zu tun:
Sozialisationsprozessen sind. Würde der Ausdruck sich allerdings Am Leitfaden derjenigen Eigenschaften, durch die wir uns als Men-
auf ein solches Minimum beschränken, so wäre nicht ganz klar, ob schen charakterisiert sehen, rekonstruieren wir die Naturgeschichte
er mehr als eine Umformulierung dessen repräsentiert, was wir ge- als eine Stufenfolge des Lebendigen, die in unserer kulturellen Le-
meinhin als »Kultur« bezeichnen; um die Verbindung zur »ersten« bensform terminiert. Aber auch diese Version von Naturalismus
Natur herzustellen, die in der Idee eines erweiterten Naturalismus löst als solche noch nicht das Problem, um das es McDowell bei der
doch vorgesehen ist, muß McDowell dem Ausdruck daher eine stär- Behandlung der Aristotelischen Ethik doch vor allem geht; dazu
kere Bedeutung geben.23 Hier kommt jener Gedanke zum Zuge, der bedarf es noch eines weiteren, dritten Schrittes, in dem nun gezeigt
darauf abgehoben hatte, daß sich der Mensch in Form einer Orien- wird, inwiefern die Annahme einer »zweiten Natur« des Menschen
tierung an Gründen als tierisches Lebewesen verwirklicht. Offenbar mit der Behauptung eines rationalen Gehalts unserer Sinne einher-
möchte McDowell diese Formulierung in dem Sinn verstanden wis- geht.
sen, daß sie den Hinweis auf eine Kontinuität zwischen erster Natur (c) Im Rahmen jener Idee einer Hermeneutik der Naturge-
und menschlicher Lebensweise enthält: Daß wir im Hinblick auf die schichte, wie sie soeben skizziert worden ist, begreifen wir die Natur
sozialisatorisch erworbenen Tugenden von einer zweiten »Natur« nicht als eine unabhängig von uns gegebene Sphäre, in der nur blin-
sprechen, muß dann bedeuten, sie als eine Verlängerung von Poten- de Gesetzmäßigkeiten herrschen; vielmehr verstehen wir uns inso-
tialen zu begreifen, die im »normalen menschlichen Organismus«24 fern als in die Naturprozesse einbezogen, als wir diese als eine Stu-
angelegt sind. In leichter Abwandlung läßt sich derselbe Gedanken- fenleiter von organischen Hervorbringungen deuten, an deren Ende
gang auch so interpretieren, daß in der ersten Natur des Menschen, unsere eigene, rationale Lebensform steht. Unter den Prämissen ei-
seinen körperlichen Eigenschaften, die Möglichkeit vorgesehen ist, nes solchen erweiterten Naturalismus, so schließt McDowell nun
moralische Handlungsgewohnheiten zu entwickeln, die durch weiter, entfällt auch der szientistische Bann, der seit dem Beginn der
22 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 84 (dt.: Geist und Welt, a.a.O., S. 109).
Neuzeit auf dem sinnlichen Vermögen des Menschen lag: Die
23 Das betont Michael Williams, »Exorcism and Enchantment«, a.a.O., bes. S. 104.
24 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 84 (dt.: Geist und Welt, a.a.O., 25 Vgl. etwa Virgil C. Aldrich, »On what it is like to be a Man«, in: Inquiry, Vol. 16,
S. 109 f.). 1973. S. 355-366.

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menschliche Rezeptivität, seine Wahrnehmungsfähigkeit, muß ist die Umwelt mehr als nur eine Abfolge von Gegebenheiten und
nicht länger als Bestandteil eines Reiches der Naturgesetze interpre- Problemen; sie ist der Teil der objektiven Realität, der in seiner
tiert werden, sondern kann als organisches Element der Lebenswei- wahrnehmbaren und praktischen Reichweite liegt. Sie ist dies ftir
se aufgefaßt werden, durch die wir uns als Naturwesen verwirkli- ihn, da die Art und Weise, wie er sie begreift, mit ihrer Beschaffen-
chen. Verfolgen wir diesen Gedankengang weiter, so gelangen wir heit identisch ist.«27
nach McDowell zu der theoretischen Konsequenz, die den eigentli- Für eine Deutung dieses Satzes im Sinne des Heideggers von
chen Ertrag seiner Konzeption der »zweiten Natur« ausmachen soll: »Sein und Zeit« spricht auch die Weise, in der sich McDowell auf
Es zeigt sich nämlich, daß unsere Sinne bei angemessener Formung die »Ökonomisch-philosophischen Manuskripte« von Marx be-
und Sozialisierung dazu in der Lage sind, Forderungen der Wirk- zieht. Zustimmend wird im Text die Marxsche Äußerung zitiert, der
lichkeit selber wahrzunehmen.26 zufolge die Natur ohne Entfremdung der »unorganische Leib d(es)
In weitaus stärkerem Maße, als es auf den ersten Blick den An- Menschen« wäre; und in einer Anmerkung heißt es dazu kommen-
schein haben mag, hängt die Bedeutung dieser Schlußfolgerung von tierend, daß hier der wesentliche Gedanke in der Idee bestehe, den
der Antwort auf die Frage ab, was hier unter »Wirklichkeit« ver- »Rest der Natur«, also das an ihr, was nicht zum organischen Körper
standen werden soll. Für McDowell kann die »Realität«, wie er des Menschen gehört, »in einer anderen Weise ebenfalls (als)
zunächst wieder im Anschluß an die Ethik des Aristoteles deutlich mein(en) Körper«28 zu begreifen. Mithin ist die »Welt«, wie sie dem
macht, nicht mit dem Bereich zusammenfallen, den wir heute als ei- Menschen aufgrund seiner begrifflichen Fähigkeiten begegnet,
nen Bereich von Naturgesetzen beschreiben; denn die Idee des er- nicht die ontologische Gegensphäre zum logischen Reich der
weiterten Naturalismus soll ja umgekehrt gerade zum Ziel haben, Gründe; da sie vielmehr zum größten Teil durch unsere rationalen
unsere Vorstellung von der Natur so auszuweiten, daß darin selbst Tätigkeiten bereits erschlossen, durchgearbeitet oder umgeformt
Platz ftir Intellektualität und Rationalität vorhanden ist. Sobald aber worden ist, reicht sie in jenes Reich in der Weise hinein, daß sie uns
zur Natur auch die begrifflichen Tätigkeiten gerechnet werden, von sich aus mit »vernünftigen« Forderungen konfrontiert. Die So-
durch die wir uns in spezifischer Weise als tierische Lebewesen re- zialisation des Menschen, also die Einführung des Kindes in die
produzieren, muß sich auch die Idee der »Wirklichkeit« verändern, »zweite Natur«, kann McDowell daher als einen Prozeß des Erwerbs
mit der wir unser Verhältnis zur Welt bestimmen: Die Tatsachen, von begrifflichen Fähigkeiten interpretieren, die uns schrittweise
auf die wir uns beziehen, müssen dann als mit jenen Gründen aus- den Zugang zur objektiven Welt rationaler Gründe ermöglichen.
gestattet vorgestellt werden, an denen wir unser Handeln rational Wiederum im Anschluß an Aristoteles heißt es dementsprechend,
orientieren. Mit Heidegger, auf den sich McDowell in seinem Buch daß die moralische Bildung des Menschen in der Vermittlung von
nicht bezieht, ließe sich dieser Gedanke so formulieren, daß die rationalen Kompetenzen besteht, mit deren Hilfe wir das Gebiet
Welt dem Menschen nach Maßgabe seiner Tätigkeiten immer ethischer Forderungen erschließen können: »Das Ethische ist der
schon erschlossen ist; auch hier wird der Wirklichkeit insofern eine Bereich rationaler Forderungen, die es sowieso gibt, egal ob wir für
rationale Struktur unterstellt, als sie stets bereits mit jenen Bedeu- sie empfänglich sind oder nicht. Wir werden auf diese Forderungen
tungen angereichert ist, die zum Normalvollzug des menschlichen aufmerksam, indem wir die geeigneten begrifflichen Fähigkeiten er-
Daseins gehören. Daß dieses Verhältnis freilich nicht als eine Bezie- werben. Wenn uns eine gediegene Erziehung auf den rechten Weg
hung der Projektion oder Konstruktion verstanden werden darf, des Denkens bringt, dann sind unsere Augen offen für die Existenz
macht McDowell mit der Formulierung deutlich, die er im An- dieses Gebiets im Raum der Gründe.«25
schluß an Gadamer für denselben Gedankengang wählt: »Für einen
27 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 118 (dt.: Geist und Welt, a.a.O., S. 143).
Wahrnehmenden, der über das Vermögen der Spontaneität verfugt,
28 John McDowell, Mind and World, a.a.O., S. 118 (dt.: Geist und Welt, a.a.O., S. 145,
Anm. 9).
2.6 John McDowell, Mind andWorld, a.a.O, S. 82 (dt.: Geist undWelt, a.a.O., S. 106). 29 John McDowell, Mind andWorld, a.a.O., S. 82 (dt.: Geist undWelt, a.a.O., S. 107).

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Die Rede von den »Augen«, die sich in diesem letzten Satz findet, mung zu sprechen: Im Rahmen unserer Rechtfertigungspraktiken
besitzt freilich mehr als bloß metaphorischen Charakter. McDowell nehmen wir die Welt als eine geordnete Vielzahl von Sachverhalten
möchte mit seiner Formulierung deutlich machen, daß wir uns un- wahr, die in dem Sinn als »rational« verstanden werden müssen, daß
ser moralisches Wissen tatsächlich primär als eine Wahrnehmung sie uns »Gründe« fiir die Ausrichtung unseres Handelns liefern.
von ethischen Sachverhalten vorstellen müssen; wenn die Welt des Freilich verlieren diese Erfahrungen der pragmatistischen Auf-
Menschen nämlich ihrerseits eine rationale Struktur besitzt und da- fassung zufolge in dem Augenblick ihre rechtfertigende Funktion,
mit in das logische Reich der Gründe hineinragt, dann hat die em- in dem unsere eingespielten Praktiken auf Probleme stoßen, die eine
pirische Erfahrung als ein sinnliches Erfassen derjenigen Forderun- routinisierte Fortsetzung unmöglich machen; dann nämlich sind
gen zu gelten, die an uns von der Wirklichkeit selbst ergehen. Be- wir gezwungen, unsere Wahrnehmungen gewissermaßen einzu-
griff und Anschauung sind hier nicht deswegen miteinander klammern, indem wir ihren propositionalen Gehalt in der Weise
verschmolzen, weil der Mensch über irgendwelche extraordinären isolieren, daß er in der intersubjektiven Rechtfertigungspraxis er-
Fähigkeiten verfugen würde, sondern weil sich ihm der rationale neut die Rolle einer Hypothese spielen kann. Derselbe Prozeß eines
Gehalt der Welt nur in dem Maße erschließt, in dem er durch Bil- Einstellungswandels, den der Pragmatismus für notwendig in
dungsprozesse gelernt hat, seine Wahrnehmung begrifflich auf die Situationen kognitiver Erschütterung erachtet, läßt sich auch
entsprechenden Forderungen einzustellen. Es ist dieses Sozialisati- so vorstellen, daß hier qualitatives Erfahrungswissen die propositio-
onsmodell der Wahrnehmung, das den Kern des moralischen Rea- nale Gestalt einer Behauptung annimmt: Von der Wahrnehmung,
lismus von John McDowell ausmacht. wie etwas ist, ziehen wir gleichsam die Erlebnisgehalte ab, um zu
hypothetischen Äußerungen darüber gelangen zu können, daß
etwas der Fall ist; und es sind solche purifizierten Behauptun-
II gen, die dann auf der reflexiven Stufe der Rechtfertigung als poten-
tielle Gründe fiir die Annahme einer Uberzeugung fungieren kön-
An den realistischen Konsequenzen, die McDowell in »Mind and nen.31
World« aus seiner aristotelischen Konzeption der »zweiten Natur« Von diesem pragmatistischen Modell unterscheidet sich natür-
gezogen hat, ist bislang unklar geblieben, ob sie eher in einem prag- lich das Repräsentationsparadigma vor allem dadurch, daß es den
matistischen oder doch in einem repräsentationistischen Sinn ge- Zugang zum rationalen Gehalt der Welt nach dem Muster einer
deutet werden müssen.30 Für die pragmatistische Lesart spricht bloß passiven Aufnahme zu deuten versucht: das, was bereits an ra-
nicht nur der Verweis auf den Marxschen Instrumentalismus, son- tionalen Forderungen in der Wirklichkeit vorhanden ist, er-
dern auch die untergründige Verwandtschaft mit dem frühen Hei- schließen wir nicht im Rahmen unserer zielgerichteten Tätigkeiten,
degger, der die Welt immerhin als einen praktischen »Bewandtnis- sondern bilden es nur mehr oder weniger korrekt mit Hilfe unserer
zusammenhang« zu verstehen versucht hat: Demnach muß die ra- Sinne im Geist ab. Mit einem Ausdruck, den McDowell selbst ver-
tionale Kontrolle, die die Wirklichkeit auf unser Denken ausübt, als schiedentlich verwendet, ließe sich der Unterschied auch so formu-
Inbegriff all der Widerstände aufgefaßt werden, auf die wir bei der lieren, daß nach pragmatistischer Vorstellung die Rationalität der
Verfolgung praktischer Zielsetzungen in der Welt stoßen. Weil wir Welt in unserer »praktischen Reichweite« (»practical reach«),32 nach
auch unter den Prämissen einer solchen Vorstellung die Realität als repräsentationistischer Vorstellung aber in unserer »theoretischen
eine Sphäre »vernünftiger« Herausforderungen erfahren, ist es sinn-
voll, hier ebenfalls von einem rationalen Gehalt unserer Wahrneh- 31 Die Notwendigkeit eines Übergangs von der Wahrnehmung, wie p, zur Propositi-
on, dass p, arbeitet sehr schön heraus: Carleton B. Christensen, »Wie man Gedan-
30 Vgl. zur Möglichkeit dieser beiden Lesarten: Andrej Denejkine, »Sind wir vor ken und Anschauungen zusammenführt«, in: Deutsche Zeitschrift fur Philosophie,
der Welt verantwortlich«, in: Deutsche Zeitschrift fiir Philosophie, H. 612000, H. 6/2000, S. 891-914.
S. 939-952. 32 John McDowell, MindandWorld, a.a.O, S. 116 (dt.: Geist undWelt, a.a.O., S. 143).

102 121
Reichweite« liegt; und je nachdem, welche der beiden Deutungs- siert worden, so erschließt sich ihm fortan d&s, was ethisch gefordert
möglichkeiten präferiert wird, stellt sich auch das Verhältnis von Er- ist, nur durch die zirkelhafte Anwendung jenes Traditionswissens
fahrungswissen und Rechtfertigung, von Wahrnehmung und Kritik auf die jeweils neue Situation; denn »neu« kann hier stets nur rela-
anders dar. Es macht nun einen bestimmenden Grundzug der Ar- tiv gemeint sein, weil uns die zur »zweiten Natur« gewordenen Ver-
gumentation von »Mind and World« aus, daß sie zwischen diesen haltensweisen mit einem Vorverständnis ausgestattet haben, in de-
beiden Alternative die Schwebe zu halten scheint; die Stellen, an de- ren Licht sich uns die Umstände immer schon als moralisch bedeu-
nen von einem Primat der Praxis ausgegangen wird, sind minde- tungsvoll präsentieren. Insofern darf auch moralisches Wissen nicht
stens ebenso zahlreich wie diejenigen, an denen sich eine repräsen- nach dem Muster einer Deduktion aus obersten, allgemeinen Mo-
tationstheoretische Deutung des minimalen Empirismus findet. ralprinzipien vorgestellt werden, wie es Kant vor Augen hatte, weil
Nicht anders ist es freilich auch um die Moraltheorie bestellt, die das bedeuten würde, die Tatsache des Vorvertrautseins mit einer Le-
McDowell in Ergänzung von »Mind and World« in einer Vielzahl benspraxis zu überspringen; vielmehr können wir uns an die Idee
von Beiträgen skizziert hat; hier wiederholt sich die Ambivalenz, die Wittgensteins halten, der zufolge wir auch moralische Regeln nur zu
dort zwischen Praxis und Repräsentation herrscht, in Form einer erkennen vermögen, indem wir durch Eingewöhnung mit einer ent-
ungelösten Spannung zwischen zwei Vorstellungen dessen, was sprechenden Handlungspraxis vertraut werden.34
»moralische Bildung« heißen kann. Nun ist bis zu diesem, sehr allgemeinen Punkt nur erklärt, war-
um wir die Ethik nach hermeneutischem Vorbild in einem spezifi-
In seinen moraltheoretischen Schriften hat McDowell im Prinzip schen Konzept der »Phronesis« gründen sollten;35 noch aber ist
nur das im Detail entwickelt, was als normative Grundidee bereits nichts von dem zum Tragen gekommen, was bei McDowell darauf
in den Ausführungen zur Aristotelischen Ethik in »Mind und abzielt, jenes hermeneutische Vorverständnis als ein Wissen von
World« angelegt ist; allerdings geben die Aufsätze viel besser zu er- moralischen Tatsachen zu bestimmen und damit in Analogie zur
kennen, daß die Pointe der Idee der »zweiten Natur« auf moral- propositionalen Wahrheit zu bringen. Um der Tugendethik eine sol-
theoretischem Gebiet darin bestehen soll, der Tugendethik mit Hil- che kognitivistische Wendung geben zu können, muß McDowell
fe des Wertrealismus eine kognitivistische Fassung zu geben. Den drei theoretische Schritte vollziehen, die zwar aufs engste zusam-
Ausgangspunkt bildet auch hier wieder ein spezifischer Begriff der mengehören, hier aber zum besseren Verständnis getrennt darge-
»Tugend«, der unter Verweis auf Aristoteles im Sinne einer natu- stellt werden sollen: er muß erstens dem, was bei Gadamer »Vorver-
ralistischen Version der Hermeneutik Gadamers ausgelegt wird: ständnis« heißt, die wahrnehmungstheoretische Bedeutung eines
Unter den »Tugenden« oder einem »tugendhaften Charakter« ist sinnlichen Erfassens von moralischen Tatsachen verleihen (a); zwei-
demnach ein holistisch verknüpftes Netz von Verhaltensweisen zu tens hat er innerhalb dieses wahrnehmungstheoretischen Kontextes
verstehen, deren moralische Qualität jeweils nur aus der Binnen- zu erklären, was wir unter »Moral« verstehen sollen, wenn wir uns
perspektive einer »Tradition« zu erkennen ist, die ihrerseits als das auf die rationalen Forderungen einer wahrnehmbaren Wirklichkeit
Resultat der intellektuellen Umformung der »ersten« zur »zweiten« beziehen (b); und drittens muß er verständlich machen können, wie
Natur des Menschen aufgefaßt werden muß.33 Ist ein Subjekt erst wir uns unter den gegebenen Prämissen das Zusammenspiel von
einmal erfolgreich in eine solche moralische Kultur hineinsoziali- Wahrnehmung und Reflexion, von Tatsachenbehauptungen und
moralischer Rechtfertigung vorzustellen haben (c).
33 John McDowell, »The Role of Eudaimonia in Aristotle's Ethic«, in: ders., Mind,
Value, and Reality, a.a.O., S. 3-22 (dt.: »Die Rolle der eudaimonia in der Aristoteli- 34 John McDowell, »Wittgenstein on Following a Rule«, in: ders., Mind, Value, and
schen Ethik«, in: ders.: Wert und Wirklichkeit. Auftätze zur Moralphilosophie, Reality, a.a.O., S. 221-262.
a.a.O., S. 107-132); ders., »Two Sorts of Naturalism«, in: ders., Mind, Value, and 35 Die geradezu klassische Formulierung findet sich in: Hans-Georg Gadamer, »Über
Reality, a.a.O., S. 167-197 (dt.: »Zwei Arten von Naturalismus«, in: ders., Wert und die Möglichkeit einer philosophischen Ethik«, in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 4,
Wirklichkeit. Aufiätze zur Moralphilosophie, a.a.O., S. 167-197). Tübingen 1987, S. 175-188.

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(a) Der Versuch, die Tugendethik im starken Sinn einer kogniti- dafiir muß die hermeneutische Überzeugung sein, daß sich jeweils
vistischen Moraltheorie zu verteidigen, verlangt von McDowell nur aus der Innenperspektive einer bestimmten Tradition er-
zunächst, der hermeneutischen Idee des »Vorverständnisses« die Be- schließen kann, was als moralisch »wahr« oder »falsch« gelten soll.
deutung einer Erkenntnis von Tatsachen zu geben; der Weg, auf Allerdings wären wir bei einer solchen relativistischen Zurückhal-
dem er diese kognitivistische Transformation vollzieht, besteht in tung gar nicht dazu in der Lage, »moralische« Tatsachen von ande-
der Ausarbeitung der These, daß Werte ebenso wie sekundäre Qua- ren Sachverhalten in der Welt zu unterscheiden; insofern bedarf es
litäten der menschlichen Wahrnehmung dann zugänglich sind, trotz aller Betonung des hermeneutischen Vorverständnisses doch
wenn sie der Normalitätsbedingung einer Formung durch ein ent- eines Versuches, zumindest in groben Zügen zu bestimmen, worin
sprechendes »Vorverständnis« genügen.36 In den folgenden Thesen die Einheit all der Tatsachen bestehen soll, die wir an der Welt als
läßt sich der Gedankengang von McDowell zusammenfassen: Die »moralisch« bezeichnen. McDowell löst dieses Problem nun nicht
Formung einer »zweiten Natur« des Menschen, also seine Einsozia- auf pragmatischem Wege, also etwa durch die Angabe von Aufga-
lisation in eine moralische Kultur, hat auch eine Modellierung sei- ben oder Zwecken, die wir mit Hilfe der Moral zu bewältigen ver-
ner motivationalen Neigungen und evaluativen Sichtweisen zur Fol- suchen; vielmehr besteht seine Lösung hier in dem überraschenden
ge; fiir die menschliche Wahrnehmung bedeutet das, daß sie von Vorschlag, der Kantischen Idee des kategorischen Imperativs da-
nun an insofern begrifflich strukturiert ist, als sich ihr die Welt als durch eine Wendung in den moralischen Realismus zu geben, daß
ein Horizont von moralisch konnotierten Sachverhalten präsen- sie als Hinweis auf den besonderen Status moralischer Tatsachen ge-
tiert; daher nehmen wir jetzt die jeweils relevanten Züge von Perso- deutet wird.38 In unserer Wahrnehmung besitzen dementsprechend
nen, Handlungen oder Situationen in derselben Weise als moralisch diejenigen Sachverhalte, die wir als moralisch bedeutungsvoll er-
verdienstvoll oder verachtungswürdig wahr, in der wir den Löwen fahren, die außergewöhnliche Qualität, alle anderen Gesichts-
als ein Tier wahrnehmen, das die Reaktion der »Furcht« verdient; punkte unseres praktischen Handelns zum »Schweigen« bringen zu
unsere Wahrnehmung ist, freilich nur unter der Normalitätsbedin- können: unter den Normalitätsbedingungen einer erfolgreich abge-
gung der moralischen Sozialisation, mit einem Sensorium für mo- schlossenen Sozialisation üben die als moralisch wahrgenommenen
ralische Tatsachen ausgestattet. Weil dieses sinnliche Vermögen aber Tatsachen insofern eine kategorische Wirkung auf uns aus, als wir
aufgrund des Charakters der »zweiten« Natur mit den entsprechen- gar nicht umhinkönnen, uns gemäß den Imperativen zu verhalten,
den Motivationen intern verknüpft ist, bedarf es nicht noch der die den rationalen Gehalt unserer Wahrnehmung ausmachen. Der
Humeschen Annahme des Vorliegens eines subjektiven Wunsches, Vorteil einer solchen Lösungsstrategie besteht natürlich darin, daß
um aus dem wahrgenommenen Sachverhalt einen handlungswirk- sie es McDowell erlaubt, der Moral im Rahmen seines hermeneuti-
samen »Grund« zu machen; vielmehr reicht die Wahrnehmung ei- schen Naturalismus die starke Bedeutung einer Instanz der unbe-
ner moralischen Tatsache aus, um uns rational zu der angemessenen dingten Sollgeltung zu belassen: während Aristotelische Erwägun-
Handlung zu bewegen.37 gen im allgemeinen in die Richtung zielen, moralische Urteile eva-
b) Auffälligerweise hat McDowell bislang an keiner einzigen luativen Besinnungen auf konstitutive Lebensziele anzugleichen,
Stelle den Versuch unternommen, eine Bestimmung des Phäno- sind sie hier mit der Kantischen Vorstellung vereinbar, daß die Mo-
mens zu geben, das den Titel der »Moral« tragen soll; der Grund ral im Widerstreit der Perspektiven einen Geltungsvorrang besitzt,
weil sie kategorische Pflichten nach sich zieht. Allerdings scheint
36 John McDowell, »Values and Secondary Qualities«, in: ders., Mind, Value, and
Reality, a.a.O., S. 131-150. (dt.: »Werte und sekundäre Qualitäten«, in: ders.: Werte
und Wirklichkeit. Auftätze zur Moralphilosophie, a.a.O., S. 204-230). 38 John McDowell, »Are Moral Requirements Hypothetical Imperatives?«, in: ders.,
37 John McDowell, »Might there be External Reasons?«, in: ders., Mind, Value, and Mind, Value, and Reality, a.a.O., S. 77-94 (dt.: »Sind moralische Forderungen hy-
Reality, a.a.O., S. 95-m. (dt.: »Interne und externe Gründe«, in: ders.: Wert und pothetische Imperative?«, in: ders., Wert und Wirklichkeit. Aufsätze zur Moralphi-
Wirklichkeit. Aufsätze zur Moralphilosophie, a.a.O., S. 156-178). losophie, a.a.O., S. 133-155).

124 102 124


der Vorteil dieser Lösung mit dem Preis bezahlt, daß eine Bestim- im ganzen betrifft.39 Die Fähigkeit, sich der praktischen Vernunft zu
mung von »Moral« nur zirkelhaft möglich ist: was »Moral« ist, wis- bedienen, ist mithin eine charakterliche Einstellung, so daß wir uns
sen wir nur angesichts der unbedingten, alle konkurrierenden Ge- moralische Gründe stets schon als mit der motivationalen Kraft aus-
sichtspunkte zum Schweigen bringenden Wirkung, die von mora- gestattet denken müssen, die nach konkurrierender Überzeugung
lischen Tatsachen rational ausgeht, ohne daß seinerseits ein externes erst von außen hinzutreten muß, um jene Gründe handlungswirk-
Kriterium dafür bestünde, was eine Tatsache zu einer »moralischen« sam werden zu lassen; und umgekehrt ergibt sich daraus, daß solche
macht. Da keine weitere, unabhängige Bestimmung von »Moral« Gründe ihrerseits nicht eine Person motivieren oder bewegen kön-
unter den Prämissen McDowells denkbar ist, läuft sein Gedanken- nen, eine moralische Weltsicht zu übernehmen.
gang mithin auf die Feststellung hinaus, daß jedes Wahrneh- Ist aber eine Person erst einmal erfolgreich in eine moralische
mungsobjekt mit imperativischer Geltungskraft eine »moralische« Weltsicht hineinsozialisiert worden und besitzt mithin ein Sensori-
Tatsache ist; dabei spielt dann keine Rolle, ob diese Tatsache etwa um für moralische Tatsachen, so stellt sich die Frage nach dem Ver-
dem zusätzlichen Kriterium der Aufforderung zur Erfüllung von hältnis von habitualisierten Gewißheiten und rationaler Reflexion
Rücksichtnahmen auf andere Personen genügt, solange sie eben ganz anders; denn nun ist jene motivationale Bereitschaft vorhan-
nur uns aus der Binnenperspektive einer Lebenswelt mit kategori- den, sich durch praktische Gründe überzeugen zu lassen, so daß die
scher Sollgeltung begegnet. Überzeugungen fortan dem argumentativen Druck von Rechtferti-
(c) Nun läßt ein solches Bild der Moral natürlich schnell die Fra- gungen ausgesetzt sind. McDowell betont daher auch stets wieder,
ge entstehen, wie es im Horizont der jeweils eingespielten, wahr- daß die zweite Natur des Menschen nicht als ein Bündel von starren
nehmungsgestützten Moralgewißheiten um die Bedeutung von Re- Verhaltensweisen vorgestellt werden darf, sondern umgekehrt als
flexion und rationaler Argumentation bestellt sein soll. Mit McDo- die rationale Fähigkeit gedacht werden muß, sich am Leitfaden ha-
well müssen zwei Aspekte dieser Frage unterschieden werden, da es bitualisierter Tugenden an moralischen Gründen zu orientieren,40
sich bei dem Einstieg in eine moralische Weltsicht um eine andere aber an dieser Stelle entsteht natürlich das Problem, wie das soziali-
Art von kognitivem Prozeß handelt als bei der rationalen Verständi- satorisch erworbene Sensorium für Handlungsgründe mit dem
gung innerhalb einer derartigen Sichtweise: Im ersten Fall steht zur gleichzeitig erweckten Sensorium für moralische Tatsachen zusam-
Diskussion, ob und gegebenenfalls wie wir zur Entwicklung eines menspielt. Der Vorschlag, den moralischen Realismus auf herme-
Sensoriums fur moralische Tatsachen bewegt werden können, im neutischem Weg zu rehabilitieren, verträgt sich nur schwer mit all
zweiten Fall hingegen ist das Problem, wie wir uns innerhalb einer der Hervorhebung der Bedeutung kritischer Reflexion; denn wie
bereits eröffneten Welt moralischer Tatsachen den Einfluß rationa- soll die Welt moralischer Tatsachen als so porös, fragil und offen vor-
ler Überlegungen vorzustellen haben. Was die erste Frage anbelangt, gestellt werden, daß sich an ihr jederzeit die Kraft der rationalen In-
so ergibt sich bereits aus der Idee der »zweiten Natur«, daß wir uns fragestellung zu entfalten vermag? Oder, um die Frage anders zu for-
die Übernahme einer moralischen Weltsicht nicht einfach als das mulieren, wie müssen wir uns im Falle von moralischen Überzeu-
Ergebnis einer rationalen Überzeugung oder Einflußnahme vorstel- gungen den Zusammenhang denken, der doch nach McDowell
len können: ist jemand nicht in der angemessenen Weise sozialisiert zwischen Tatsachenbehauptungen und Rechtfertigungspraxis ir-
worden, so wird er durch rationale Argumente ebensowenig zur gendwie bestehen muß?
Entwicklung eines moralischen Sensoriums zu bewegen sein, wie
der für moderne Musik Verschlossene zum Genuß von Zwölfton- 39 John McDowell, »Might there be External Reasons?«, in: ders., Mind, Value, and
musik zu überzeugen ist; vielmehr bedarf es in beiden Fällen einer Reality, a.a.O., bes. S. 101 f.; S. 107 (dt.: »Interne und externe Gründe«, in: ders.,
Wert und Wirklichkeit. Aufiätze zur Moralphilosophie, a.a.O., S. 156-178).
Art von Konversionsprozeß, weil das Gespür für moralische Ge-
40 John McDowell, »Two Sorts of Naturalism«, in: ders., Mind, Value, and Reality,
sichtspunkte ebenso wie das musikalische Gehör die Folge einer a.a.O., bes. S. 188 ff. (dt.: »Zwei Arten von Naturalismus«, in: ders., Wert und Wirk-
Charakterbildung ist, die die motivationale Struktur einer Person lichkeit. Aufiätze zur Moralphilosophie, a.a.O., bes. S. 59ff.).

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Die Antwort, die McDowell auf diese Frage liefert, ist im Bild von regelmäßig immer wieder zusammen: einerseits dann, wenn sich in
»Neuraths Boot« festgehalten41; dabei handelt es sich um eine Me- unserem Handlungsvollzug neue Herausforderungen herausbilden,
tapher für die hermeneutische Prämisse, der zufolge wir nur im auf die unsere moralische Wahrnehmungsfähigkeit nicht vorberei-
immanenten Rückgriff auf die eigene Tradition die Maßstäbe ge- tet ist, andererseits dann, wenn sich zwischen den Beteiligten eine
winnen können, in deren Licht wir eine aktuelle Gestalt unserer Diskrepanz in der Konstatierung moralischer Tatsachen einstellt,
Überlieferung rational in Frage zu stellen vermögen. Übertragen auf die nicht durch einen einfachen Hinweis auf eine bloße Wahrneh-
den Fall der moralischen Weitsicht, den McDowell vor Augen hat, mungstäuschung zu beheben ist. In bezug auf den ersten Fall läßt
besagt dieses Bild, daß unserem Gebrauch der praktischen Vernunft sich an technologische Neuerungen denken, die soziale Praktiken
insofern enge Grenzen gezogen sind, als er im Horizont der überlie- oder Eingriffe möglich machen, für die es historisch keine Vorläufer
ferten Maßstäbe und Kriterien verbleiben muß; es sind nicht de- gibt und daher auch keine moralischen Bewertungsschemata zur
kontextualisierte Prinzipien, nicht universelle Grundsätze der Mo- Verfügung stehen; was den zweiten Fall angeht, so ist der Einfach-
ral, sondern die Leitvorstellungen unseres kulturellen Erbes, die wir heit halber an Situationen zu denken, in denen zwei Subjekte ein
in Anspruch nehmen können, um etablierte Moralvorstellungen zu und denselben Sachverhalt mit einem so unterschiedlichen evalua-
hinterfragen und einer Revision zu unterziehen. Aber der damit tiven Vokabular beschreiben, daß eine wechselseitige Korrektur auf
umrissene Vorschlag, nichts anderes als Gadamers Rede von der epi- der Wahrnehmungsebene nicht möglich ist. Beide Typen von Situa-
stemischen Autorität der Tradition, beantwortet nicht eigentlich die tionen sind natürlich so gewählt, daß sie zunächst eine Prämisse in
Frage, die es zu beantworten gilt: Wie wir uns die rationale Mobili- Frage stellen sollen, die McDowell in seinem Konzept der »zweiten
sierung von überlieferten Moralprinzipien angesichts einer Welt Natur« wie selbstverständlich zu unterstellen scheint: daß nämlich
vorzustellen haben, die uns in unserer Wahrnehmung immer schon moralisch geformte Lebenswelten, also Lebenswelten, in denen eva-
als moralisch gehaltvoll gegeben sein soll. Um an diesem Punkt zu luative Unterscheidungen als Mittel der Beschreibung von Wirk-
einer Klärung zu gelangen, ist eine nähere Betrachtung der Vorstel- lichkeit verwendet werden, stets in sich flexibel und geschlossen ge-
lungen dienlich, die McDowell von »moralischer Bildung« besitzt. nug sind, um erst gar nicht in Situationen der Wahrnehmungsunsi-
cherheit oder Wahrnehmungsdiskrepanz zu geraten. Auch wenn wir
den unwahrscheinlichen Fall einräumen sollten, daß es solche ho-
mogenen, veränderungsresistenten Kulturen gegeben haben mag,
III so sind sie doch ftir jede historisch mobilisierte, differenzierte Ge-
sellschaft auszuschließen; hier bilden vielmehr moralische Unsi-
Es sind wahrscheinlich zwei Typen von Situationen, an denen sich cherheiten darüber, wie neue Gegebenheiten zu bewerten sind, und
paradigmatisch klarmachen läßt, wie ein Zusammenbruch unserer intersubjektive Abweichungen in Hinblick auf die evaluative Be-
alltäglichen Moralgewißheiten vonstatten geht und daher ein Pro- schreibung von Sachverhalten den Regelfall einer sozialen Lebens-
zeß der kritischen Überprüfung einsetzen muß. Unterstellen wir welt. Im Zusammenhang solcher heute als Normalfall zu betrach-
mit McDowell, daß uns die Welt normalerweise gemäß unserer tenden Kulturen stellt sich daher die Frage, wie die Erweiterung
zweiten Natur als ein Bereich moralischer Tatsachen gegeben ist, so oder die Korrektur eingespielter Moralgewißheiten angemessen zu
brechen diese kognitiven Gewißheiten mindestens an zwei Stellen beschreiben ist.42

41 John McDowell, »Some Issues in Aristotle's Moral Psychology«, in: ders., Mind,
Wenn sich bei McDowell überhaupt Stellen finden lassen, in
Value, and Reality, a.a.O., S. 23-49, bes.: S. 36 ff.; ders., »Two Sorts of Naturalism«, denen die Möglichkeit intrakultureller Differenzen in den Blick
in: ders., Mind, Value, and Reality, a.a.O., S. 189 ff. (dt.: Zwei Arten von Natura-
lismus, in; ders.: Wert und Wirklichkeit. Aufiätze zur Moralphilosophie, a.a.O., 42 An diesem Punkt setzen die Einwände von Jan Bransen ein: ders., On the Incom-
S. 60 ff). pleteness of McDowell's Moral Realism, Ms. 1999.

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kommt, die »zweite Natur« also als fragmentiert oder plural gedacht den Gesprächspartner zur Änderung seiner Perspektive zu bewegen,
wird, so laufen sie auf die Konfrontation seiner eigenen Vorstellun- so daß er zu einer »angemesseneren« Sicht des strittigen Sachverhalts
gen mit einer absurd klingenden Alternative hinaus: sobald wir in der Lage ist; aber ein solcher wahrnehmungsbezogener Korrek-
nicht mehr die Wirksamkeit einer gemeinsam geteilten Praxis der turversuch dürfte im allgemeinen schon daran schnell scheitern,
evaluativen Bewertung unterstellen, so suggeriert er, sind wir mit daß es gerade die »Normalitätsbedingungen« der moralischen
der Idee konfrontiert, daß sich die Lösung moralischer Konflikte Wahrnehmung sind, die ihrerseits einen Kern des entstandenen
nach dem Muster einer Deduktion aus kontextlosen Prinzipien ei- Streitfalls ausmachen. Wenn nämlich McDowells Analogie mit den
ner moralischen Vernunft vollziehen soll; eine solche Denkmög- sekundären Qualitäten triftig ist, so unterliegt die angemessene
lichkeit aber würde der Zirkularität der moralischen Urteilsbildung Wahrnehmung moralischer Tatsachen in derselben Weise gewissen
nicht gerecht, die in der Tatsache des ethischen Vorverständigseins Normalitätsbedingungen, wie die »richtige« Wahrnehmung von
gegründet ist, so daß sie insgesamt als eine irrige Annahme zu cha- Farben an die Einnahme des geeigneten Standpunktes gebunden ist;
rakterisieren ist. Uns bleibt daher keine Alternative, so schließt er, und die Opponenten eines moralischen Dissenses werden daher als-
als auch im Fall moralischer Konflikte einen gemeinsamen Horizont bald realisieren, daß im Zentrum ihrer Auseinandersetzung zu-
an evaluativen Praktiken zu unterstellen, auf den je nach Bedarf ein nächst die Frage steht, welche Ausgangslage es ist, die deswegen als
Stück tiefer zurückgegriffen werden muß: Wir gelangen, wie über »normal« oder angemessen gelten kann, weil sie die richtige Wahr-
McDowell hinaus gesagt werden könnte, zur Einigung im Falle von nehmung des umstrittenen Sachverhalts erlaubt. Insofern verlieren
Diskrepanzen nur in dem Maße, in dem es uns gelingt, auf jene die moralischen Tatsachen, an deren Differenz sich der Streit ent-
Schicht unserer ethischen Tradition vorzustoßen, auf der noch eva- zündet, schon auf der ersten Stufe des Disputs ihre rechtfertigende
luative Ubereinstimmungen bestehen. Der »kritische Gebrauch der Kraft; die Beteiligten müssen jeweils von dem abstrahieren, was sie
Vernunft«, von dem McDowell spricht, besteht also angesichts von »dort« qualitativ vor sich sehen und mit unterschiedlichen Bewer-
Konfliktfällen in dem Versuch, gemeinsam jene Zirkelbewegung tungskategorien beschreiben, und gemeinsam einen reflexiven
des Verstehens nachzuvollziehen, durch die sich das Besondere des Standpunkt einnehmen, von dem aus sie wechselseitig die Ange-
Einzelfalls im Licht eines geteilten Überlieferungswissens erschließt. messenheit ihres verlassenen Blickwinkels beurteilen können. Hier
Dieser hermeneutische Vorschlag, der einzige, den McDowell für mag es hilfreich sein, jenen Gedanken wiederaufzunehmen, der
plausibel zu halten scheint, läßt nun aber die eigentlich interessie- schon in der Auseinandersetzung mit der Intersubjektivitätskonzep-
rende Frage unbeantwortet: Wie nämlich der Rückgriff auf und tion Gadamers zum Tragen kam: Das Verhältnis der Kontrahenten
auch der Wiederaufstieg von solchen freigelegten Gemeinsamkeiten untereinander muß anders gefaßt werden, wenn berücksichtigt
vonstatten gehen soll, so daß eine Behebung der moralischen Be- wird, daß sie von sich aus gemeinsam die Perspektive eines Dritten
wertungsunterschiede möglich wird, die doch den Anlaß des ko- einzunehmen versuchen, dessen neutralisierende Rolle sie nicht als
operativen Unternehmens der »Wahrheitssuche« gebildet haben. Gefährdung ihres Gesprächs verstehen müssen (vgl. in diesem Band
Vor allem aber ist an diesem Reflexionsprozeß unklar, welche Rolle S. 67ff.).
dabei jene moralischen Tatsachen spielen sollen, die doch nach Mc- Nun ist die Beurteilung der Normalitätsbedingungen, denen die
Dowell nur das ontologische Komplement zur zweiten Natur einer moralische Wahrnehmung unterliegt, nicht in derselben Weise auf
geteilten moralischen Lebenspraxis darstellen. »objektive« Standards verwiesen, wie dies im Falle der Farbwahr-
Am Anfang eines solchen kooperativen Unternehmens muß, wie nehmung gegeben sein mag; während hier Referenzen auf die Ta-
unschwer zu sehen ist, der gemeinsame Versuch einer Einklamme- geszeit, den Lichteinfall und die eigene Wahrnehmungsfähigkeit bei
rung der lebensweltlich zentrierten Wahrnehmungsurteile stehen. der Klärung behilflich sein können, kommt die reflexive Lösung ei-
Zwar ist es richtig, daß im Vorfeld einer Schlichtung moralischer ner moralischen Wahrnehmungsdiskrepanz an dieser Stelle nicht
Dissense wechselseitig die Anstrengung unternommen werden mag, ohne Bezug auf normative Kriterien aus. Denn was als ein geeigne-

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ter Standpunkt gelten kann, um Sachverhalte oder Vorgänge mora- mungsfähigkeit aller potentiell Betroffenen erläutern. Die weitaus
lisch angemessen wahrzunehmen, läßt sich hier nur intersubjektiv schwerer zu beantwortende Frage betrifft nun freilich das Problem,
ermitteln, indem ihrerseits die moralische Richtigkeit der herme- wie zwischen den beteiligten Kontrahenten eine Einigung darüber
neutischen Ausgangslage bewertet wird; es gibt in Fällen morali- zustande kommen kann, wo die Grenze jener »moralischen Ge-
schen Dissenses kein normfreies Äquivalent zu jenen Orts- und meinschaft« liegen soll, deren Mitglieder als urteilsberechtigt ange-
Zeitangaben, die uns bei Diskrepanzen in der Farbwahrnehmung sehen werden müssen. Hier bietet es sich an, die Kategorie der »Bil-
als Richtschnur einer Entscheidung dienen können. Insofern kom- dung« in einer anderen Bedeutung ins Spiel zu bringen, als sie von
men die Kontrahenten eines moralischen Streitfalls nicht umhin, McDowell in seinen Schriften zumeist verwendet wird; während
ihr eigenes Traditionswissen daraufhin zu durchmustern, ob es nor- dieser unter »Bildung« ganz im Sinne Gadamers vornehmlich einen
mative Prinzipien oder Gesichtspunkte enthält, die sich abstraktiv anonymen Prozeß der wirkungsgeschichtlichen Traditionsvermitt-
soweit verallgemeinern lassen, daß sie sich als übergeordnete Grün- lung verstehen will, läßt sich darunter im Sinne Hegels auch ein Pro-
de bei der Rechtfertigung des eigenen Standpunktes eignen; und zeß des unvermeidbaren Lernens, der »Fortbildung« also, begreifen.
»übergeordnet« hat hier zunächst nur die eingeschränkte Bedeutung Nun ist es auf den ersten Blick gar nicht leicht, an der bislang be-
einer Einbeziehung der Perspektive desjenigen, der von der Unan- schriebenen Gesprächssituation die Funktion auszumachen, die
gemessenheit seines vorgängigen Standpunktes überzeugt werden hier der Verweis auf einen irgendwie gearteten »Fortschritt« über-
soll. Allerdings besitzt diese Nötigung zur Dezentrierung, die mora- nehmen können soll; spielt bei der intersubjektiven Beurteilung der
lischen Diskursen innewohnt, sobald die Ebene qualitativer Wahr- Angemessenheit eines Standpunktes, so lautet die Frage, die Mög-
nehmungen verlassen ist, die Eigenschaft einer gewissen Unab- lichkeit eine entscheidende Rolle, auf einen Lernprozeß zu rekurrie-
schließbarkeit; denn um den eigenen Standpunkt als richtig be- ren, der gewisse Gründe als überlegen, als besser, als richtiger er-
gründen zu können, wird jeder der beiden Beteiligten den Kreis scheinen läßt? Zunächst tritt an dieser Stelle eine Schwierigkeit zu-
derer im Gegenzug erweitern, vor denen sich die traditionsintern tage, die damit zusammenhängt, daß McDowell den moralischen
mobilisierten Gründe als überzeugend erweisen lassen müssen: Der Tatsachen nicht nur eine rechtfertigende, sondern zudem noch eine
Dritte, auf dessen Perspektive sich die Beteiligten als einen »genera- definierende Kraft eingeräumt hatte; denn die Beteiligten sollen ja
lized other« (G. H. Mead) beziehen, kann zunächst e i n m j jeden um das, was die Moral ausmacht, nur aus dem besonderen Gewicht
Anderen einschließen, der einen Sinn für dieselbe Tradition hat ent- wissen, das den moralischen Tatsachen in ihrer Wahrnehmungswelt
wickeln können. Auf eine vorläufige Grenze stößt dieser Prozeß ei- dadurch zukommt, daß sie alle anderen Gesichtspunkte kategorisch
ner wechselseitig erzwungenen Verallgemeinerung erst dann, wenn »zum Schweigen« bringen. Mithin befinden sich die Teilnehmer ei-
unter Verweis auf die »moralische Gemeinschaft« der maximale nes moralischen Disputes, in dem solche Tatsachen gerade unter
Kreis derjenigen erreicht ist, dem gegenüber die vorgebrachten Vorbehalt gestellt worden sind, scheinbar in der paradoxen Situati-
Gründe deswegen als rechtfertigbar gelten müssen, weil ihnen bei on, gar nicht recht zu wissen, worum willen sie die eigene Perspek-
der Beurteilung der Angemessenheit eines Standpunktes ein gleich- tive mit Gründen der gemeinsam geteilten Tradition zu verallge-
gewichtiges Mitspracherecht eingeräumt wird. Zunächst einmal er- meinern und damit zu rechtfertigen versuchen; ihnen fehlt gewis-
gibt sich aus der damit umrissenen Logik der Verallgemeinerung, sermaßen, wenn McDowells Beobachtung zutrifft, jeder Sinn für
daß sich im Falle moralischer Dissense die Normalitätsbedingungen das Ziel, um dessentwillen sie sich an dem Versuch einer intersub-
der Wahrnehmung wechselseitig nur beurteilen lassen, indem jede jektiven Ermittlung der richtigen, der »normalen« Wahrnehmungs-
als urteilsberechtigt geltende Person in den Adressatenkreis der perspektive begeben. Anders würde sich diese Situation hingegen
Rechtfertigung einbezogen wird; was als »normal« zu gelten hat, präsentieren, wenn wir den Beteiligten unterstellen würden, daß sie
wenn wir über die Angemessenheit unserer moralischen Wahrneh- ihr kooperatives Unternehmen selber als systematischen Ausdruck
mungen streiten, läßt sich systematisch nur im Sinne der Zustim- dessen begreifen würden, was den Sinn der Moral ausmacht: näm-

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lieh als den Versuch einer Einigung auf diejenigen konsensuellen der Moral, das nicht nur sicherstellt, daß die Diskursteilnehmer auf
Normen, mit deren Hilfe wir unsere interpersonellen Beziehungen dem »Neurathschen Boot« wissen, was es zu reparieren gilt, sondern
unter Berücksichtigung aller legitimen Ansprüche zu regeln versu- das ihnen bei ihren reflexiven Bemühungen auch eine gewisse Vor-
chen. Allerdings ginge mit einer solchen Prämisse die theoretische stellung von der einzuschlagenden Richtung verleiht: der angemes-
Vermutung einher, daß sich die moralische Sozialisation allein nicht sene Standpunkt, den die Beteiligten in der Absicht der Behebung
in der Vermittlung eines holistisch verknüpften Netzes von tugend- ihrer Wahrnehmungsdiskrepanzen zu ermitteln versuchen, indem
haften Verhaltensweisen erschöpft; vielmehr würden die Subjekte sie nach verallgemeinerbaren Gründen in der gemeinsam geteilten
im Prozeß der Einübung in die zweite Natur ebenfalls lernen, daß Tradition suchen, muß sich stets auch daran bemessen können, daß
ihre erworbenen Verhaltensdispositionen moralische Normen zum die legitimen Ansprüche aller potentiell Betroffenen angemessen
Ausdruck bringen, die die Bedeutung von konsensuell erzeugten berücksichtigt werden. Und hier, an dieser Stelle, zeichnet sich in
Regelungen interpersoneller Beziehungen besitzen. Worin eine der- dem umrissenen Diskurs die Möglichkeit der Verwendung eines
artige Beschreibung der moralischen Sozialisation von McDowells Fortschrittskriteriums ab: denn wir können in den Dimensionen
Konzept abweicht, ist die These, daß der Erwerb tugendhafter Dis- der Inklusion und der Extension den Ansprüchen derer, denen wir
positionen zugleich einen Sinn fiir die Konstruktionsprinzipien der in unseren interpersonellen Beziehungen gerecht zu werden versu-
ihnen zugrundeliegenden Normen weckt: Wir werden nicht nur in chen, mehr oder weniger, besser oder schlechter entsprechen. Je
moralische Wahrnehmungsweisen und die entsprechenden Reak- nachdem, wie inldusiv und vielschichtig die von uns verwendeten
tionsmuster eingeübt, sondern erlernen auf demselben Weg auch, Personenkonzepte sind, wird sich eine reklamierte Perspektive der
diese netzartig verknüpften Verhaltensdispositionen als begrenzte Anderen darin als überlegen erweisen müssen, daß sie den artiku-
Verkörperungen von Prinzipien zu verstehen, die unsere Interak- lierten Ansprüchen anderer Personen besser gerecht wird und daher
tionsbeziehungen durch die Berücksichtigung von begründeten eher die potentielle Zustimmung aller Betroffenen finden wird.
Ansprüchen legitim regeln sollen.
Wie nun dieser interne Richtungssinn des moralischen Diskurses
Unter einer solchen alternativen Beschreibung, die nicht die Idee im weiteren genauer ausgeführt wird, ob darin die »transzendenta-
der »zweiten Natur« preisgibt, ihr aber einen stärker prinzipienori- len« Zwänge der Argumentation selber zum Tragen kommen oder
entierten Charakter verleiht,43 würde sich natürlich auch die Fort- sich allein tiefverankerte Gemeinsamkeiten im Verständnis der Mo-
setzung des modellhaft skizzierten Diskurses anders darstellen: wir ral niederschlagen, ist fur die hier bedeutsame Frage nur von sekun-
könnten den Beteiligten unterstellen, daß sie den zur Behebung ih- därer Bedeutung; denn entscheidend an der angedeuteten Alterna-
rer Wahrnehmungsdiskrepanzen notwendig gewordenen Rückgriff tive ist vor allem der Umstand, daß sich der konfliktbedingte Uber-
auf die gemeinsame Tradition am Leitfaden des einheitlichen Prin- gang von den moralischen Gewißheiten der »zweiten Natur« zur
zips vorzunehmen hätten, das in ihren Verhaltensdispositionen nur reflexiven Dissensbewältigung anders darstellt, als es McDowell vor
unterschiedlich verkörpert war. Es ist dieses übergreifende Prinzip, Augen zu stehen scheint. Zunächst sollte eingeräumt werden, daß
nichts anderes als ein intersubjektiv geteiltes Verständnis des Sinns eine moralische Lebenswelt im Regelfall nicht nur aus einem Netz
von habitualisierten Verhaltensweisen besteht, sondern darüber
43 In diese Richtung weisen natürlich die Untersuchungen zur moralischen Soziali- hinaus auch ein intersubjektiv geteiltes Verständnis für die Kon-
sation von Lawrence Kohlberg. Vgl. exemplarisch: ders., »Stufe und Sequenz: So-
struktionsprinzipien der entsprechenden Reaktionsschemata ent-
zialisation unter dem Aspekt der kognitiven Entwicklung«, in: ders., Zur kogniti-
ven Entwicklung des Kleinkindes, Frankfurt a. M. 1974, S. 7-255. Auch wenn das
hält; denn ohne den reflexiven Uberschuß eines solchen gemeinsa-
Stufenmodell Kohlbergs nicht im einzelnen geteilt wird, läßt sich die Idee einer so- men Moralprinzips wäre es gar nicht möglich, die hermeneutischen
zialisatorisch erzwungenen, graduell zunehmenden Abstraktion von moralischen Reparaturleistungen angemessen zu verstehen, die die Subjekte
Konventionen und einer dementsprechend wachsenden Prinzipienorientierutig ohne die Hilfe moralischer »Tatsachen« an ihrer entzweiten Lebens-
doch verteidigen. welt vornehmen müssen, sobald sie einmal in die Situation eines
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Konfliktes ihrer moralischen Wahrnehmungsweisen geraten sind. terung der moralischen Gemeinschaft nehmen läßt; die zweite Na-
Um nicht zu stark die Theoriesprache von McDowell zu verlassen, tur, begriffen als ein fragiles Netzwerk von einsozialisierten Wert-
läßt sich dieser Gedanke einer immanenten Prinzipienorientierung überzeugungen, wird im Fall von Dissensen nicht einfach wir-
auch mit Hilfe des Einwands formulieren, den ich in meinem Bei- kungsgeschichtlich reproduziert, sondern unter den reflexiven An-
trag gegen Gadamer vorgebracht habe: Die Beteiligten werden im strengungen der Beteiligten moralisch erweitert.
Falle eines Dissenses stets die verallgemeinerte Perspektive eines Es ist klar, daß sich mit dieser alternativen Deutung auch der
Dritten einnehmen können, dessen Blickwinkel ihren eigenen Sinn dessen ändert, was McDowell den »schwachen Naturalismus«
Sichtweisen insofern überlegen ist, als er zusätzlich noch einen Ein- seines Ansatzes nennt. Wenn nämlich die moralische Lebensform
blick in die methodischen Gemeinsamkeiten ihrer voneinander ab- der Menschen stets einen reflexiven Überschuß enthält, der im ge-
weichenden Wahrnehmungen gewährt; das, was ich zuvor als ein ge- meinsamen Verständnis ftir die zugrundeliegenden Konstruktions-
teiltes Konstruktionsprinzip bezeichnet habe, ist also nichts anderes prinzipien der Moral besteht, dann setzt sich darin die Natur nicht
als jene Übereinstimmung im Worumwillen, im Interesse der je- bloß in Gestalt eines Erkennens von tugendhaften Verhaltensweisen
weiligen moralischen Einstellungen, die sich aus der wechselseitig fort; vielmehr nimmt dieses Bildungsgeschehen einer »Zweiten Na-
eingenommenen Perspektive des Dritten enthüllt. Wie Gadamer, so tur« die Form eines Lernprozesses an, der sich immer dann zur Gel-
scheint auch McDowell insgeheim zu unterstellen, daß die Inter- tung bringt, wenn lebensweltliche Krisen und Dissense zur reflexi-
subjektivität der Traditionsbewahrung, das Neurathsche Boot also, ven Problembewältigung zwingen. »Bildung«, so folgt daraus, be-
schon dann falsch charakterisiert wird, wenn die Möglichkeit der sitzt nicht die von Gadamer beschworene Gestalt eines anonymen
Einnahme einer transzendierenden Perspektive behauptet wird; Traditionsgeschehens, sondern die von Hegel bestimmte Gestalt ei-
aber das hieße doch, den Schiffbrüchigen auf dem Boot ein ge- ner sukzessiven Verwirklichung von praktischer Vernunft. Aller-
meinsames Wissen um die technischen Zwänge abzusprechen, die dings bleibt auch ein solcher Bildungsprozeß in die engen Grenzen
sie bei ihren Reparaturleistungen zu berücksichtigen haben. Nicht verwiesen, die ihm durch die Struktur der moralischen Lebensform
anders als die Bootsleute sich gemeinsam die impliziten Regeln klar- des Menschen gezogen werden; daher müssen seine Ergebnisse stets
zumachen haben, denen ihre instrumentellen Eingriffe folgen, so auch wieder rückübersetzbar in gemeinsame Wahrnehmungen sein,
müssen sich die Kontrahenten im moralischen Disput über die die eine einheitliche Welt moralischer Tatsachen erschließt. Insofern
immanenten Prinzipien bewußt zu werden versuchen, die ihren sind dem moralischen Lernprozeß, den wir mit Hegel unterstellen
divergierenden Sichtweisen gemeinsam zugrunde liegen. können, die engen Grenzen gezogen, die sich aus dem Erfordernis
Wird aber die vermittelnde Rolle eines derart geteilten Sinns ftir der permanenten Wiederherstellung einer gemeinsamen Lebens-
die Moral zugestanden, so muß für den intersubjektiven Versuch welt ergeben.
der argumentativen Dissensbewältigung auch die Möglichkeit ein-
geräumt werden, daß darin ein gewisser Lernzwang zum Tragen
kommt: weil die Subjekte sich bei der Wiederherstellung ihrer mo-
ralischen Gemeinsamkeiten auf ein und dieselben Prinzipien bezie-
hen, müssen sie die gemeinsame Tradition in deren Licht so zu er-
weitern versuchen, daß in dem neu zu erzielenden Einverständnis
beide Standpunkte zum Ausdruck gelangen können und daher ein
Mehr an Ansprüchen Berücksichtigung findet. Insofern wirkt der
Sinn fürs Moralische, der über die jeweiligen Wahrnehmungsfähig-
keiten hinausgeht, wie eine Instanz der argumentativen Nötigung,
die den Prozeß der Traditionsvermittlung die Richtung einer Erwei-
137
136
Objektbeziehungstheorie und nahezu in ihr Gegenteil verkehrt: Heute ist es nicht mehr das Bild
postmoderne Identität vom total angepaßten, autonomieunfähigen Individuum, das die
soziologische Zeitdiagnose beherrscht, sondern die Vorstellung ei-
Über das vermeintliche Veralten
ner Steigerung von Individualität durch innere Vervielfältigung von
der Psychoanalyse Identität. Innerhalb von nur wenigen Jahrzehnten ist an die Stelle
der These vom Autonomieverlust des Subjekts diejenige einer post-
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist in den Sozialwissen- modernen Persönlichkeit getreten, die der Wunschvorstellung nach
schaften und der Kulturtheorie in regelmäßigen Abständen von ei- so spielerisch und reibungslos über so viele Identitäten verfügen
nem »Veralten« der Psychoanalyse die Rede. Wo der Begriff nicht können soll, daß sich am Horizont schon das Ideal eines »multiplen«
nur ein ideologisches Kampfmittel sein soll, ist damit die Tendenz Subjekts abzuzeichnen beginnt. Aber wieder geht diese gewandelte
einer wachsenden Diskrepanz gemeint, die sich zwischen den sozi- Zeitdiagnose mit der kritischen Feststellung einher, daß die neuen
alkulturellen Ausgangsbedingungen der Psychoanalyse und den ge- Entwicklungen in der Gesellschaft ein »Veralten« des psychoanaly-
sellschaftlichen Gegebenheiten der Gegenwart auftun soll: Was tischen Theorieprogramms mit sich bringen: Diesmal ist es natür-
Freud und seine Schüler einst an Sozialisationsverhältnissen voraus- lich nicht die totale Integration des Individuums in die gesellschaft-
setzen mußten, als sie an die Konstruktion einer psychoanalytischen lichen Zwangsverhältnisse, woran die Psychoanalyse mit ihrem aus
Theorie der Ichwerdung gingen, soll in der sozialen Realität der in- dem Jahrhundertbeginn stammenden Kategoriengerüst scheitern
zwischen fortentwickelten Gesellschaft nur mehr so wenig anzutref- soll; vielmehr ist es ihre implizite Vorstellung von psychischer Ge-
fen sein, daß die ursprünglichen Konzepte all ihre Erklärungskraft sundheit, ihre normative Orientierung an den Fähigkeiten eines Ich
verloren haben und insofern gewissermaßen veraltet sind. Den er- zur konsistenten Realitätsbewältigung, was dazu beigetragen haben
sten, markanten Vorstoß zu einer solchen Veralterungsthese unter- soll, daß sich die Psychoanalyse gegenwärtig in einem Prozeß rapi-
nahmen in den späten 50er und früher 60er Jahren bekanntlich der Veralterung befindet.2 Insofern steht im Schatten dieser post-
Theodor W. Adorno und Herbert Marcuse, als sie in großer Über- modernen Herausforderung heute zur Debatte, ob die psychoana-
einstimmung einen gesellschaftlichen Prozeß der Zerstörung von lytische Theorie und Praxis tatsächlich ein Bild der persönlichen
individueller Autonomie behaupteten, der die psychoanalytische Identität und der Ich-Entwicklung voraussetzen, das mit den Ten-
Vorstellung von einem intrapsychischen Konflikt zwischen Trieban- denzen einer intrapsychischen Pluralisierung der Subjekte im Prin-
sprüchen und Realitätsprinzip habe obsolet werden lassen: Auf das zip unvereinbar ist.
sozialisatorisch geschwächte Individuum wirken die gesellschaftli-
chen Kontrollinstanzen, so lautete die zentrale Vorstellung, die sich
mit David Riesmanns These vom »außengesteuerten Charakter« in
vielen Punkten berührte, so unmittelbar, so widerstandslos ein, daß
von einem ödipal vermittelten Erwerb von Ichkräften nicht mehr
2 Eine katalysatorische Rolle bei dieser Tendenz einer historischen Verabschiedung
die Rede sein kann.1 Inwischen hat sich diese These vom »Ende des
der Psychoanalyse hat sicherlich die entsprechende Kritik von Foucault gespielt,
Individuums«, obwohl sie nicht als sozialdiagnostische Beobach-
die nicht nur der vordergründigen Bewegung eines »Freud bashing« in den USA
tung, sondern als philosophische Prämisse in den achtziger Jahren Auftrieb gegeben hat (vgl. dazu Jonathan Lear, »The Shrink is in«, in: The New
noch einmal Auftrieb vom Poststrukturalismus erhalten hatte, Republic, Vol. 213, 1995, No. 26, S. 18-25), sondern auch die Wahrnehmung im
ganzen skeptischer gemacht hat: vgl. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen. Se-
1 Theodor W. Adorno, »Zum Verhältnis von Soziologie und Psychologie«, in: ders., xualität und Wahrheit 1, Frankfurt a. M. 1977; den besten Überblick bietet: Jacques
Gesammelte Schriften, Bd. 18, Frankfurt a. M. 1971, S. 42-85; Herbert Marcuse, Lagranges, »Lesarten der Psychoanalyse im FoucaultschenText«, in: Marcelo Mar-
»Das Veralten der Psychoanalyse«, in: ders., Schriften, Bd. 8, Frankfurt a. M. 1984, ques (Hg.), Michel Foucault und die Psychoanalyse: Zur Geschichte einer Auseinan-
S. 60-78.
dersetzung, Tübingen 1990, S. 11-74.

102 139
I zulassen und zu vergegenwärtigen, als es unter den Bedingungen
konventioneller Rollenzuschreibungen und rigider Verhaltenszu-
Nun setzt diese Formulierung in gewisser Weise voraus, daß sich in mutungen der Fall sein konnte. Angestoßen durch soziokulturelle
den neueren Debatten bereits eine klare Vorstellung von dem ab- Veränderungen in den Primärbeziehungen, die schnell im Begriff
zeichnet, was wir uns unter den Tendenzen der Herausbildung der »sexuellen Revolution« zusammengefaßt wurden, und bald be-
»postmoderner« Subjekte vorzustellen haben; ein Blick in die jün- schleunigt durch die Multiplikation sozialer Beziehungen, hat in-
gere Forschungsliteratur belehrt aber schnell und unmißverständ- zwischen die Bereitschaft der Individuen nachgelassen, ihre eigene
lich darüber, daß das ganz und gar nicht der Fall ist.3 Hier mischt Biographie als den linearen Prozeß einer Identitätsentwicklung zu
sich pseudowissenschaftlicher Unsinn mit suggestiven Neubeschrei- verstehen, an deren Ende die Berufsrolle und die geschlechtsspezifi-
bungen und interessanten Einzelbeobachtungen auf so unentwirr- sche Arbeitsteilung in der Familie stehen; an die Stelle dieses relativ
bare Weise, daß wir von einer konsistenten und überzeugenden Be- starren Identitätsschemas, das noch Parsons etwa seiner Sozialisati-
stimmung des neuen Persönlichkeitstyps noch denkbar weit ent- onstheorie wie selbstverständlich zugrunde legen konnte, ist durch
fernt sind; so findet sich die Beobachtung eines höheren Grades an Mitgliedschaft in verschiedensten Sozialmilieus, durch verstärkten
reflexiver Identitätsbildung Seite an Seite mit dem unbesonnenen, Kontakt mit fremden Lebensformen und durch Ausweitung sexuel-
ja verantwortungslosen Lobpreis der »multiplen« Persönlichkeit, die len Probehandelns die Tendenz getreten, das eigene Selbstverständ-
eine Art von höherstufiger Integration ihrer unterschiedlichen Iden- nis ftir ganz unterschiedliche Identitätsmöglichkeiten zu öffnen.5
titätsanteile gar nicht mehr nötig habe, die gängige Empfehlung ei- Insofern lassen sich die soziokulturellen Wandlungen, mit denen
ner unentwegten Selbstschöpfung des Subjekts neben der Rede von wir es heute unter dem Stichwort der »postmodernen Persönlich-
der allmählichen Öffnung der Individuen ftir das Fremde in ihrem keit« zu tun haben sollen, zunächst einmal ganz nüchtern als Vor-
eigenen Selbst. Nur der geringste Teil dieser Aussagen wird im Ernst gänge einer intrapsychischen Pluralisierung von Subjekten begrei-
einer empirischen Uberprüfung standhalten können, nur weniges fen.
von den verschiedenen Empfehlungen dürfte sich im Lichte unserer
Auch diese zugegebenermaßen recht gewaltsame Zusammenfas-
moralischen Prinzipien tatsächlich als akzeptabel oder wünschens-
sung der neuen Zeitdiagnose ist noch sehr vage und läßt darüber
wert begreifen lassen.4 Aber umgekehrt wäre es ohne Zweifel heute
hinaus eine Vielzahl von Fragen offen, die zunächst rein begriffli-
auch fahrlässig, die Ergebnisse einer solchen noch erst tastenden,
cher Natur sind. So ist zum Beispiel vollkommen unklar, warum es
diffusen Zeitdiagnose allesamt aufgrund ihrer inneren Unausgewo-
sich bei den erwähnten Tendenzen einer Öffnung der Individuen
genheit und Vorläufigkeit überhaupt nicht zur Kenntnis zu neh-
für ein Mehr an inneren Entwicklungsmöglichkeiten überhaupt um
men; bei nüchterner Betrachtung wird sich als bewahrenswerter
Prozesse handeln soll, die auf einen »Zerfall des Selbst« oder einen
Kern wohl die Beobachtung festhalten lassen, daß in jüngerer Zeit
»Verlust an Identität« hinauslaufen; denn mit Begriffen wie »Iden-
zumindest in den hochentwickelten Gesellschaften die Tendenz der
tität« oder »Selbst« waren doch in den avancierteren Strömungen
Subjekte wächst, ein Mehr an inneren Identitätsmöglichkeiten zu-
der soziologischen Tradition stets nur jene Syntheseleistungen ge-
meint, die ein Subjekt aufzubringen hat, um eine Vielzahl von zeit-
3 Vgl. Harald Wenzel, »Gibt es ein postmodernes Selbst? Neuere Theorien und Dia- lich und sozial disparaten Erlebnissen, Überzeugungen und Hand-
gnosen der Identität in fortgeschrittenen Gesellschaften«, in: Berliner Journal fur
lungen als kohärente Vollzüge eines Ich erleben zu können.6 Eben-
Soziologiei (1995), S. 113-131; Hans Joas, DieEntstehungder Werte, Frankfurt a. M.
1997, Kap. 9.
5 Als zentrale Beispiele einer solchen Diagnose seien hier nur genannt: Anthony
4 Zur psychoanalytischen Kritik an der heute modischen Redeweise von der »multi- Giddens, Modernity und Self-Identity, Self and Society in the Late Modern Age, Cam-
plen Persönlichkeit« als normativem Ziel vgl. etwa: Kimberlyn Leary, »Psychoana- bridge,UK 1991; Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 2,
lytic >Problems< und postmodern »Solutions«*, in: Pyschoanalytic Quarterly, Vol.
Frankfurt a. M. 1981, S. 567 ff.
LX1II, 1994, S. 433-465. 6 Vgl. Jürgen Straub, »Identitätstheorie im Übergang? Über Identitätsforschung,

102 141
so vage und bloß suggestiv scheint mir die Unterstellung, daß wir
Mittelpunkt standen; das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Syn-
die genannten Umbrüche im individuellen Selbstverhältnis als
theseleistung war die Vorstellung, daß die Subjekte zu einer persön-
Uberwindung eines Zwangs zu verstehen haben, der allein aus der
lichen Identität aufgrund von »stillschweigenden Akten der Ich-
normativen Orientierung am Ziel der individuellen Ich-Identität
Synthese« gelangen, durch die zwischen den individuellen Trieban-
stammen soll; dabei werden meines Erachtens zwei vollkommen
sprüchen und den sozialen Erwartungshaltungen eine »innere
verschiedene Identitätsbegriffe miteinander verwechselt, indem die
Einheitlichkeit und Kontinuität« gestiftet wird.8 Auch bei Erikson
soziale Zumutung einer bestimmten Art von Individualität unbe-
überwog mithin ein Begriff der Ich-Identität, der im wesentlichen
sonnen mit jenen formalen Kompetenzen gleichgesetzt wird, die wir
auf die bewußten und unbewußten Integrationsleistungen abhob,
unterstellen müssen, wenn wir von einer gelungenen Ich-Identitäts-
durch die ein Subjekt im Strom von vielzähligen Erlebnissen und
bildung sprechen.7 Aber wie es auch immer um solche begrifflichen
Eindrücken ein Bewußtsein innerer Einheit erwerben konnte.9 Um
Ungereimtheiten bestellt sein mag, in unserem Zusammenhang ist
so dringlicher stellt sich dann aber die Frage, wieso angesichts sol-
natürlich primär von Interesse, inwiefern in den beschriebenen
cher formalen, offenen Vorstellungen von Ich-Identität die Psycho-
Tendenzen überhaupt eine Herausforderung an die Psychoanalyse
analyse nicht dazu in der Lage sein soll, dem neuen, pluraleren
bestehen soll; warum, so muß die Frage genauer lauten, läßt sich an-
Selbstverhältnis der Subjekte konzeptuell gerecht zu werden. Auch
gesichts der soziokulturellen Umbrüche der jüngsten Zeit von ei-
hier scheint mir wieder eine gewisse Ubereinfachung angebracht,
nem »Veralten« der Konzepte und Begriffe sprechen, mit denen in
um überhaupt erst den Punkt innerhalb der Psychoanalyse sichtbar
der psychoanalytischen Theorie die Ich-Entwicklung erfaßt werden
werden zu lassen, an dem der Vorwurf der Veralterung hier mögli-
soll? Freud war, wie wir wissen, nach seiner revolutionären Ent-
cherweise ansetzen kann. Es mag ja sein, daß in der Tradition der
deckung des Unbewußten vor allem an jenen intrapsychischen Vor-
Freudschen Psychoanalyse stets eine gewisse Neigung bestanden
gängen interessiert, durch die das Ich gegenüber den leibgebunde-
hat, sich das ideale, erstrebenswerte Verhältnis des Ich zu seiner Um-
nen Ansprüchen des Es und den sozial vermittelten Erwartungen
welt und dem psychischen Innenleben nach dem Muster einer ra-
des Uber-Ich zu einer Art von Stärke gelangen konnte, die er stets
tionalen Kontrolle vorzustellen: nur jenes Subjekt wäre zu einer an-
mehr oder weniger mit psychischer Gesundheit assoziierte; dabei la-
gemessenen Realitätsbewältigung in der Lage, das über genügend
gen ihm Fragen nach der Identitätsbildung des Subjekts schon des-
Ich-Stärke verfügt, um zwischen unbewußten Triebansprüchen und
wegen vollkommen fern, weil zu seiner Zeit die aus den USA stam-
sozialen Normen einen Ausgleich zum Zweck der Arbeits- und Bin-
menden Forschungen zum Begriff des »Selbst« oder der »Identität«
dungsfähigkeit herzustellen. Was nach einem solchen Vorstellungs-
in Europa noch gar keine Aufnahme gefunden hatten. Erst Erik
modell als Maßstab psychischer Gesundheit zu fungieren hätte,
Erikson hat dann nach 1945 den beeindruckenden Versuch unter-
wäre die individuelle Verfugung über ein ganzes Bündel von Lei-
nommen, die Psychoanalyse und ihr Persönlichkeitsmodell für jene
stungen der Ich-Synthese, die allesamt im Dienst der Realitätsbe-
sozialpsychologischen Untersuchungen zu öffnen, in denen die
wältigung zu stehen haben; und als Inbegriff jener Realität, zu deren
kommunikativen Bedingungen der Entwicklung des »Selbst« im
8 Erik H. Erikson, Identity and the Life Cycle. Psychological Issues, New York: Inter-
national Universities Press 1959.
den Begriff der Identität und die zunehmende Beachtung des Nicht-Identischen
9 Dieses Erbe Eriksons ist leider in der fortentwickelten Psychoanalyse, wie sie durch
in subjekttheoretischen Diskursen«, in: Sozialwissenschaftliche Literaturrundschau
eine Synthese von Ego-Psychoanalyse (Kohut) und Objektbeziehungstheorie zu-
23 (i99i)> S. 49-71.; Gertrud Nunner-Winlder, »Identität und Individualität«, in:
stande kam, nie wirklich aufgenommen worden: vgl. Robert S. Wallerstein, »Erik-
Soziale Welt, Jg. 36/4 Gottingen 1985, S. 466-482.; Hans Joas, Die Entstehung der
sons Concept of Ego Identity Reconsidered«, in: Journal of the American Psycho-
Werte, a.a.O., Kap. 9.
analytic Association, No. 46,1998, S. 229-247; eine weiterführende Neuaneignung
7 Vgl. v. a. Jürgen Straub, »Identitätstheorie im Übergang?«, in: Sozialwissenschaftli-
schlagen hingegen vor: Stephen Seligman, Rebecca S. Shanok, »Subjectivity, Com-
che Literaturrundschau 2} (1991), a.a.O.; Hans Joas: Die Entstehung der Werte,
plexity and the Social World. Erikson's Identity Concept and Contemporary Rela-
a.a.O., S. 240.
tional Theories«, in: Psychoanalytic Dialogues, 1995, No. 5, S. 537-565.

102 143
Bewältigung das einzelne Subjekt der Stärkung seiner Ich-Kräfte be- Muster vorzustellen, das idealerweise in den Interaktionsverhältnis-
darf, gilt wie selbstverständlich eine gesellschaftliche Wirklichkeit, sen vorherrscht, in denen das Kind auf dem Weg der Differenzie-
die im wesentlichen durch die Imperative der lebenslangen Berufs- rung zur Fähigkeit der Ich-Identität gelangt; daher ist auch das Bild
arbeit und des arbeitsteiligen Familienlebens gekennzeichnet ist. persönlicher Reife, das in solchen kommunikationstheoretischen
Wenn wir dieses Persönlichkeitsideal nun auf die soziokulturellen Fassungen der Psychoanalyse angelegt ist, nicht das einer funkti-
Tendenzen zurückbeziehen, die zuvor als Ergebnisse der neueren onstüchtigen Ich-Stärke, sondern das einer Bereicherung des Ich
Zeitdiagnose wiedergeben wurden, so zeigt sich in ersten Umrissen durch kommunikative Verflüssigung des Innenlebens. Ich will so
der Einwand, der heute mit einigem Recht gegen die Psychoanalyse vorgehen, daß ich zunächst im Rückgang auf die Schriften Donald
vorgebracht werden kann: ihre Grundbegriffe, ja ihre ganze Vorstel- Winnicotts kurz die Ausgangsprämissen einer anerkennungstheore-
lung vom psychischen Innenleben sind so sehr auf das normative tisch verstandenen Psychoanalyse umreiße. Das dadurch entstande-
Ziel zugeschnitten, den Funktionsbereich des Unbewußten in die ne Bild der interaktiven Konstitution der Selbstbeziehung will ich
rationale Kontrolle des Ich zu bringen, daß sie jenem neuen, offe- dann um triebtheoretische Einsichten vertiefen, die sich dem Werk
neren Selbstverhältnis der Subjekte gar nicht Rechnung tragen von Hans Loewald verdanken; auf diesem Weg soll deutlich werden,
kann, das sich gegenwärtig in Folge einer beschleunigten Enttradi- daß sich selbst die intrapsychische Organisation des Triebpotentials
tionalisierung zu entwickeln beginnt. Die Psychoanalyse befindet als ein Prozeß der Ausdifferenzierung auffassen läßt, der sich entlang
sich, in einem Satz zusammengefaßt, in einem Prozeß rapider Ver- von Stufen einer Erweiterung der kindlichen Interaktionsbeziehun-
alterung, weil ihr zur Idee einer kommunikativen Verflüssigung der gen vollzieht. Erst auf Basis der damit zustande gebrachten Synthe-
Ich-Identität das notwendige Pendant auf der Seite des psychischen se wird in einem letzten Schritt dann sichtbar, daß sich mit der Er-
Innenlebens fehlt. schließung der individuellen Psyche als eines nach innen verlagerten
Nun habe ich bislang zum Mittel äußerst vereinfachender Dar- Kommunikationsgefuges unmerklich auch die normative Bestim-
stellung nur gegriffen, um auf diesem Weg schnell zu einer ersten mung der Ich-Entwidmung verschiebt: An die Stelle des Zieles einer
vorläufigen Bestimmung der Herausforderung zu gelangen, mit der Stärkung rationaler Kontrollfähigkeiten tritt, wie wir wohl mit
die Psychoanalyse sich unter den veränderten Bedingungen der Ge- Winnicott und Loewald sagen können, die Idee eines vitalen Reich-
genwart konfrontiert sehen mag. Im folgenden will ich die Rich- tums des intrapsychischen Geschehens.
tung meiner Argumentation aber umkehren und zu einer Verteidi-
gung der Psychoanalyse übergehen, die im wesentlichen dem Nach-
weis dienen soll, daß in ihren avanciertesten Versionen die II
konzeptuellen Instrumentarien zu einer den Tendenzen der Zeit an-
gemessenen Fassung des psychischen Innenlebens bereitliegen. Al- Für Freud und seine direkten Nachfolger waren die Interaktions-
lerdings bedarf es zur Entwicklung einer solchen Verteidigungslinie partner des Kindes zunächst allein in dem Maße von Bedeutung ge-
vorweg einer Einschränkung, deren Begründung vollständig wohl wesen, in dem sie als Objekte von libidinösen Besetzungen auftra-
erst am Ende meiner Überlegungen verständlich sein dürfte: nur ten, die sich aus dem intrapsychischen Konflikt von unbewußten
jene Fortentwicklungen der Psychoanalyse, die in der Tradition der Triebansprüchen und allmählich entstehender Ich-Kontrolle erge-
Objektbeziehungstheorie die Bildung des psychischen Innenlebens ben; jenseits von dieser nur indirekten, sekundären Rolle wurde ein-
als einen konfliktreichen Vorgang der Verinnerlichung von Interak- zig der Mutter als Bezugsperson noch ein unabhängiger Stellenwert
tionsbeziehungen zu begreifen versuchen, sind zur Bewältigung der eingeräumt, weil ihr drohender Verlust in der Phase der physischen
angegebenen Aufgabe in der Lage; denn sie sind konzeptuell gera- Hilflosigkeit des Säuglings als Ursache aller späteren Spielarten von
dezu gezwungen, sich das Verhältnis der intrapsychischen Kräfte Angst gelten mußte. Daher konnte es auf den von Freud eröffneten
oder Instanzen untereinander nach demselben kommunikativen Bahnen zunächst auch gar nicht zu theoretischen Versuchen kom-
102 145
men, die Entstehung der individuellen Psyche als einen Vorgang zu 1) In beiden Theorieansätzen wird vorausgesetzt, daß die kindliche
begreifen, der sich in Form einer Verinnerlichung von Interaktions- Psyche so lange einen nur ungeordneten Komplex von Erlebnisrei-
beziehungen mit einem immer größer werdenden Kreis von Be- zen und Bedürfnisimpulsen darstellt, bis die ersten elementaren In-
zugspersonen zu vollziehen hat; vielmehr wurde die psychosexuelle teraktionserfahrungen mit der primären Bezugsperson den Weg zu
Entwicklung und damit auch die Herausbildung der Selbstbezie- frühen Formen der Rückbeziehung bahnen; der Säugling lernt ge-
hung nach dem Muster eines endogenen Reifungsprozesses gedacht, wissermaßen an dem Reaktionsverhalten des Interaktionspartners,
in dem die Beziehung zu anderen Personen nur eine bloß katalysa- sich auf seine noch nicht organisierten Erlebnisvollzüge so zu bezie-
torische Funktion in der Entfaltung des leibgebundenen Triebpo- hen, daß es zu ersten Stufen der Organisation der Psyche kommen
tentials besitzen sollte. Diese Ausgangslage, die einen fruchtbaren kann. Insofern bildet sich nach Auffassung beider Ansätze so etwas
Austausch mit den intersubjektivitätstheoretischen Ansätzen der wie das Innenleben von Subjekten erst in dem Maße heraus, in dem
amerikanischen Sozialpsychologie unmöglich machte, konnte sich externe Kommunikationsbeziehungen in Form von Internalisierun-
nachhaltig erst in dem Maße verändern, in dem innerhalb der psy- gen in intrapsychische Beziehungsmuster umgesetzt werden: Alles,
choanalytischen Bewegung jene Untersuchungen verstärkt zur was wir als Gestalten der individuellen Selbstbeziehung zu beschrei-
Kenntnis genommen wurden, in denen empirisch der psychische ben gewohnt sind, seien es moralische Gefühle, Willensakte oder
Stellenwert von affektiven Bindungserfahrungen fiir das Gelingen Bedürfnisartikulationen, ist das Ergebnis von Interaktionen, die
des kindlichen Reifungsprozesses nachgewiesen wurde; ein Ergebnis gleichsam nach innen verlagert worden sind und hier zur Ausbil-
der damit in Gang gekommenen Aufmerksamkeitsverlagerung stellt dung von kommunikationsähnlich aufeinander bezogenen Instan-
bekanntlich die Objektbeziehungstheorie dar, in der die Organisa- zen geführt haben. In diesem theoretischen Ausgangspunkt stim-
tion der libidinösen Triebe in systematischer Verschränkung mit den men die beiden Ansätze so sehr überein, daß die Differenzen nur die
frühkindlichen Beziehungen zu anderen Personen betrachtet wur- Entwicklungsdimensionen betreffen, denen jeweils besondere Auf-
de, um zu einer komplexeren und differenzierten Sicht der Ich-Ent- merksamkeit gewidmet wird: Während G. H. Mead vor allem die
wicklung zu gelangen. Was sich im Ausgang von dieser intersubjek- intersubjektiv vermittelte Entstehung des moralischen Bewußtseins
tivitätstheoretisch erweiterten Perspektive schnell an fruchtbaren verfolgt, ist Winnicott unter demselben Gesichtspunkt vordringlich
Einsichten durchgesetzt hat, weist zumindest in drei Hinsichten daran interessiert, die motivationale Entwicklung von Bindungs-
starke Berührungspunkte mit der Tradition der interaktionistischen fähigkeit und Kreativität zu untersuchen.
Sozialisationsforschung auf; dabei konzentriere ich mich im folgen-
den auf theoretische Konvergenzen, die sich zwischen der Psycho- 2) Eine zweite Gemeinsamkeit zwischen beiden Theorieansätzen
analyse-Deutung Winnicotts und dem Werk von G. H. Mead aus- zeigt sich, sobald die Frage aufgeworfen wird, wie der eine, zentrale
machen lassen, aber natürlich sind ähnliche Schlußfolgerungen Mechanismus der Internalisierung zugleich die Vergesellschaftung
auch im Vergleich mit den Schriften Melanie Kleins zu ziehen:10 und die Individuierung der Subjekte zustande bringen soll. Ge-
meint ist mit dieser scheinbar paradoxen Formulierung der Um-
stand, daß jeder menschliche Sozialisationsvorgang zwei gegenläu-
io Ich entwickle im folgenden Überlegungen weiter, die ich in Teilen meines Buches fige Aufgaben simultan zu erfüllen hat: einerseits soll im Prozeß der
Kampf um Anerkennung zum erstenmal vorgelegt habe: Axel Honneth, Kampf um Internalisierung die Gesellschaft gleichsam Schritt für Schritt in das
Anerkennung, Frankfurt a. M. 1998, Kap. 4 und 5; unterstützt sehe ich mich bei
heranreifende Kind hineinwachsen, während sich dessen Individua-
meinem Vorschlag sehr stark von dem Versuch Thomas H. Ogdens, Konsequen-
zen aus der Objektbeziehungstheorie für einen psychoanalytisch erweiterten Sub- lität in demselben Vorgang doch gleichzeitig auch sukzessive zu er-
jektbegriff zu ziehen: Thomas H. Ogden, »The dialectically constituted/decen- höhen hat, um am Ende sogar die Gestalt einer einzigartigen Per-
tered subject of Psychoanalysis II. The Contributions of Klein and Winnicott«, in: sönlichkeit annehmen zu können. Das Deutungsangebot, das beide
International Journal of Psychoanalysis, 73/1992, S. 613-622. Theorieansätze unterbreiten, um das damit umrissene Problem zu
102 146
lösen, ergibt sich aus einer Erweiterung des Vorgangs der Verinner- 3) Sowohl im Interaktionismus von G. H. Mead als auch in der Ob-
lichung um das Prinzip der Grenzziehung, der Differenzierung: Im jektbeziehungstheorie von Winnicott wird davon ausgegangen, daß
Grunde genommen bedeutet Internalisierung, einer äußeren, zu- im Prozeß der Verinnerlichung externer Kommunikationsmuster
nächst nur passiv erfahrenen Kommunikationsbeziehung dadurch ein Bereich des psychischen Erlebnisstroms gewissermaßen ausge-
ihre Macht zu nehmen, daß sie auf komplizierten Wegen im eigenen spart bleibt, der fortan zum Reservoir von unbewußten Hand-
Inneren nachgebildet wird und hier fortan als intrapsychische Res- lungsimpulsen und Triebforderungen wird; die hier versammelten
source dienen kann, um sich von der umgebenden Sozialwelt abzu- Antriebe können die Schwelle zur Möglichkeit der reflexiven Verge-
grenzen. Mit jedem Schritt der erfolgreichen Verinnerlichung er- genwärtigung nicht nehmen, weil sie von jener organisierenden
höht sich demgemäß die Fähigkeit des Subjekts, Unabhängigkeit Umbildung der Psyche strukturell nicht erfaßt worden sind, die mit
gegenüber externen Objekten, Bezugspersonen und Impulsen zu er- der Internalisierung des Interaktionsverhaltens der frühen Bezugs-
langen, so daß gleichzeitig der Spielraum fiir individuelle Bedürf- person begonnen hat. Es ist dieser nur wenig oder gar nicht organi-
nisartikulationen und Zielsetzungen wächst: Die intrapsychischen sierte Bereich von leibgebundenen Triebimpulsen, das »Es« im Sin-
Instanzen, die das Produkt eines gelingenden Verinnerlichungsvor- ne Freuds, von dem nun nach Auffassung beider Ansätze der in-
gangs sind, schaffen gewissermaßen den inneren Kommunikations- trapsychische Druck ausgehen soll, der das heranwachsende Subjekt
raum, der nötig ist, um sich von dem stets wachsenden Kreis von in Richtung der Individuierung drängt: Die dem Bewußtsein ent-
Kommunikationspartnern unterscheiden zu können und zu einer zogenen Impulse stellen innerhalb des intrapsychisch eröffneten
autonomen Lebensgestaltung zu gelangen." Auf der Linie dieser Kommunikationsraums gleichsam stumme Forderungen dar, die
theoretischen Lösung liegt etwa der Vorschlag von G. H. Mead, den den einzelnen unentwegt zwingen, das jeweils erreichte Niveau sei-
Sozialisationsprozeß als einen Vorgang zu erklären, in dem das Kind ner Kompromißbildungen mit der sozialen Umwelt erneut zu über-
durch Verinnerlichung der externen Perspektiven zunächst eines schreiten, um zu einem höheren Grad an Individuierung in seiner
konkreten, dann eines zunehmend generalisierten Anderen schritt- Bedürfnisartikulation zu gelangen. Insofern vollzieht sich der Sozia-
weise lernt, in sich die Instanz eines »Me« zu errichten, die ihm zur lisationsprozeß, in dem das Kind sukzessive zur Selbständigkeit
autonomen Kontrolle der eigenen Handlungsimpulse verhilft; und durch Verinnerlichung sozialer Interaktionsmuster gelangt, unter
natürlich ist von diesem Erklärungsansatz auch die Vorstellung von idealen Bedingungen stets auch als ein Individuierungsvorgang. Im
Winnicott nicht weit entfernt, daß sich im Maße der erfolgreichen Zusammenhang dieser Überlegungen nun stellen sowohl Mead als
Internalisierung des Fürsorgeverhaltens der Bezugsperson im Kind auch Winnicott Spekulationen an, die die Möglichkeit betreffen
die Fähigkeit herausbildet, »mit sich« allein zu sein und im Spiel das sollen, zum eigenen Unbewußten oder »I« eine dialogähnliche Be-
eigene Bedürfnispotential kreativ zu entdecken. Typischerweise ge- ziehung aufzunehmen; auf das damit umrissene Problem werde ich
hen nun aber beide Ansätze davon aus, daß der eigentliche Druck in am Ende meines Beitrags zurückkommen, wenn es darum gehen
Richtung einer weiteren Individuierung im Kind von einer Instanz wird, das von der Objektbeziehungstheorie favorisierte Persönlich-
ausgeht, die als wenig organisierter Rest im Prozeß der Internalisie- keitsideal auf die zeitdiagnostischen Debatten der Gegenwart zu-
rung gewissermaßen übrigbleibt: Winnicott nennt sie im Anschluß rückzubeziehen.
an Freud das »Es«, Mead im Verweis auf William James das »I«. Da-
mit komme ich zur dritten Gemeinsamkeit, die zwischen den bei-
Mit den drei genannten Hypothesen - der Vorgängigkeit der sozia-
den Theorieansätzen zu bestehen scheint.
len Interaktion vor der Organisation der Psyche, der doppelten
Funktion der Internalisierung als Mechanismus zugleich der Verge-
Ii Auch Ogden spricht, was fur meine weitere Argumentation noch sehr zentral wer-
den wird, vom intrapsychischen Raum als einem Verhältnis, das nach dem Muster ed/decentered subject of Psychoanalysis II. The Contributions of Klein and Win-
von Interaktionsbeziehungen vorzustellen sei: ders., »The dialectically constitut- nicott«, in: International Journal of Psychoanalysis, a.a.O., S. 616.

102 149
sellschaftung als auch der Gewinnung von Selbständigkeit und Der Grund, den Winnicott für seine zentrale Prämisse angibt, ist
schließlich der Bedeutung eines kaum organisierten Bereichs der im Grunde genommen leicht nachzuvollziehen, auch wenn gegen
Psyche als unbewußter Antriebskraft der Individuierung - mit die- sie eben in jüngster Zeit eine Reihe von Vorbehalten angemeldet
sen drei Hypothesen also sind theoretische Grundüberzeugungen wurden: Wenn es stimmt, daß das Kleinkind seine psychischen
benannt, in denen zwischen dem Interaktionismus eines G. H. Kräfte überhaupt erst mit Hilfe der Internalisierung des frühen In-
Mead und der Objektbeziehungstheorie ein hohes Maß an Übe- teraktionsmusters der stabilen Fürsorge von seiten der Mutter
reinstimmung zu bestehen scheint; beide Theorietraditionen gehen (oder einer anderen Bezugsperson) zu organisieren lernt, dann
davon aus, daß sich die Organisation des intrapsychischen Gesche- muß dem ein Stadium des Erlebens einer Einheit, einer Differenz-
hens als die Eröffnung eines nach innen verlagerten Kommunikati- losigkeit von Subjekt und Wirklichkeit vorausgehen; diese früheste
onsraumes verstehen läßt, von dem nur jenes Reservoir an unbe- Phase, für die es vom »primären Narzißmus« bis zur »Symbiose«
wußten Triebimpulsen ausgenommen ist, das strukturell keine eine Vielzahl von mehr oder weniger glücklichen Begriffen in der
Durcharbeitung durch die Internalisierung externer Interaktions- Psychoanalyse gibt, muß so vorgestellt werden, daß hier der Säug-
muster hat erfahren können. Die Stelle, an der sich nun zwischen ling seine eigenen Impulse und Antriebe noch so sehr mit den ent-
den beiden Ansätzen wesentliche Differenzen auftun, hängt mit ei- sprechenden Befriedigungsreaktionen der Bezugsperson ver-
ner Prämisse zusammen, die im Prinzip überhaupt erst den Aus- schmolzen sieht, daß in seinem affektiven Erleben zwischen dem
gangspunkt der Theoriekonstruktion von Donald Winnicott aus- eigenen Selbst und der Realität keine Kluft bestehen kann. Nicht
macht: In Übereinstimmung mit einer Reihe von anderen Psycho- nur in dem praktischen Sinn bloßen Überlebens ist mithin das
analytikern geht er davon aus, daß jene frühen Akte der Erlangung neugeborene Kind aufgrund seiner organischen Mängellage von
von Selbständigkeit, die ja zugleich mit der ersten affektiven Verge- dem Pflege- und Betreuungsverhalten seiner primären Bezugs-
genwärtigung der Unabhängigkeit der äußeren Wirklichkeit ein- person vollkommen abhängig; auch in dem tieferen Sinn seines
hergehen, gewissermaßen eine Überforderung für das Kind darstel- eigenen Erlebnisvollzuges ist es von der es umgebenden Umwelt
len und dementsprechend auch sein intrapsychisches Leben bis ins eines befriedigenden Reaktionsverhaltens in noch keiner Weise
Erwachsenenalter in Bann halten werden. Mir scheint in dieser geschieden. Winnicott ist nun von der intrapsychischen Schlüs-
weitreichenden, kühnen These so etwas wie der Schlüssel zu dem zu selbedeutung dieser ursprünglichen Symbioseerfahrung nicht nur
liegen, was wir als spezifisch psychoanalytischen Beitrag zum mo- fur das Kleinkind, sondern im Prinzip noch für den erwachsenen
dernen Subjektverständnis verstehen können; daher auch sollte viel Menschen so sehr überzeugt, daß er seine psychoanalytische Theo-
Mühe und Anstrengung darauf verwendet werden, die empirischen rie im wesentlichen der Erklärung derjenigen Mechanismen wid-
Einwände zu widerlegen, die heute unter Rückgriff auf Ergebnisse met, mit deren Hilfe die allmähliche Vergegenwärtigung einer un-
der neueren Säuglingsforschung gegen die Annahme eines ur- abhängigen Wirklichkeit in frühen Jahren gemeistert werden kann;
sprünglichen Zustands der Symbiose erhoben werden.12 aber auch hier muß beinahe sofort wieder betont werden, daß
es ihm dabei nicht etwa um den Prozeß der kognitiven Erzeugung
eines Schemas der objektiven, losgelösten Realität ging, sondern
12 Die wesentlichen Einwände stammen von Daniel Stern, der sich auf die Ergebnis- allein um die Mechanismen, durch die es das Kind zustande
se seiner eigenen experimentellen Untersuchungen stützen kann: ders., Die Lebens- bringt, affektiv die Wirklichkeit einer von seinen eigenen Wunsch-
erfahrung des Säuglings, Stuttgart 1992; einen ausgezeichneten Überblick über die phantasien unabhängigen Bezugsperson anzuerkennen. Die Hy-
Diskussion gibt Martin Dornes, Diefrühe Kindheit. Entwicklungspsychologie der er- pothese, mit der Winnicott diesen entscheidenden Lernschritt
sten Lebensjahre, Frankfurt a. M. 1997, Kap. 1 und 5. Ich habe mich mit den empi-
des Kleinkindes zu erklären versucht, besteht in der großarti-
rischen Einwänden auseinandergesetzt in: Axel Honneth, »Facetten des vorsozia-
len Selbst. Eine Erwiderung auf Joel Whitebook«, in: Psyche, Heft 8, 2001, S. 790- gen Idee der »Übergangsobjekte«, der »transitional objects«, von
802. der ich hier nur eine äußerst knappe Zusammenfassung geben

102 151
kann: 13 In der affektiv hochbesetzten Beziehung zu Objekten sei- ausbildung sich der Lösung einer Aufgabe verdankt, die für den
ner erlebnisnahen Umgebung, ob nun zu Teilen des Spielzeugs, Menschen zeitlebens bestehen bleibt, der psychische Entstehungs-
dem Zipfel des Kissens oder dem eigenen Daumen, errichtet sich ort all der Interessen, die der Erwachsene den kulturellen Objekti-
der Säugling unter normalerweise stillschweigender Akzeptanz der vationen entgegenbringen wird. Nicht ohne Sinn für spekulative
Bezugsperson einen eigenständigen Wirklichkeitsbereich, der we- Zuspitzungen heißt es bei Winnicott: »Wir behaupten nun, daß die
der bloß dem inneren Erleben noch bereits der Welt objektiver Akzeptierung der Realität als Aufgabe nie ganz abgeschlossen wird,
Tatbestände angehört; es macht im Gegenteil geradezu die Beson- daß kein Mensch frei von dem Druck ist, innere und äußere Realität
derheit einer solchen »intermediären« Erlebniszone aus, daß sie miteinander in Beziehung setzen zu müssen, und daß die Befreiung
von allen Beteiligten als eine ontologische Sphäre vergegenwärtigt von diesem Druck durch einen nicht in Frage gestellten interme-
wird, der gegenüber sich die Frage oder Realität erst gar nicht stellt. diären Erfahrungsbereich (in Kunst, Religion usw.) geboten wird
Wird die Entwicklungsphase mitberücksichtigt, in die die Ent- (...). Dieser intermediäre Bereich entwickelt sich direkt aus dem (
deckung von solchen intermediären Bezugsobjekten fällt, dann liegt Spielbereich kleiner Kinder, die in ihr Spiel >verloren< sind.«14
zunächst die Vermutung nahe, daß sie Ersatzbildungen für die an So führt die Idee der »Übergangsobjekte« zu einer Vorstellung des
die äußere Realität verlorengegangene Mutter darstellen; weil ihnen frühkindlichen Entwicklungsprozesses, die zwar mit G. H. Mead
ontologisch eine Art von Zwitternatur zukommt, kann das Kind sie eine Reihe von intersubjektivitätstheoretischen Prämissen teilt,
vor den Augen der Eltern praktisch dazu benutzen, seine ursprüng- gleichzeitig aber ihm gegenüber an einer entscheidenden Stelle in
lichen Symbiosephantasien über das Trennungserlebnis hinaus wei- dem sich erweiternden Kreislauf von Interaktion und Internalisie-
terleben zu lassen und zugleich kreativ an der Realität zu erproben. rung ein Element der Gebrochenheit, der Zerrissenheit zur Geltung
An dieser spielerisch-realitätsprüfenden Verwendungsweise kommt bringt: Wie bei Mead gelangt auch nach Winnicott das Kind zur er-
allerdings auch zum Vorschein, daß sich die Funktion der Uber- sten Form der Selbständigkeit in dem Augenblick, in dem es das
gangsobjekte nicht allein darauf beschränken kann, symbiotisch die Fürsorgeverhalten des konkreten Anderen so weit verinnerlicht hat,
Rolle der im Verschmelzungszustand erlebten Mutter zu überneh- daß es intrapsychisch eine Instanz errichten kann, die ihm die spie-
men; das Kind bezieht sich ja nicht nur in symbiotischer Zärtlich- lerische Entdeckung und damit die erste elementare Kontrolle sei-
keit auf die von ihm erwählten Gegenstände, sondern setzt sie eben- ner Umwelt erlaubt; aber dieser Emanzipationsschritt bedeutet aus
falls immer wieder wütenden Attacken und Zerstörungsversuchen der Perspektive des Säuglings zugleich, den ursprünglichen Sym-
aus. Daraus glaubt Winnicott folgern zu können, daß es sich bei den biosezustand mit der Mutter hinter sich zu lassen und daher ein tief-
Ubergangsobjekten gewissermaßen um ontologische Vermittlungs- greifendes, schmerzhaftes Trennungserlebnis durchzumachen, das
glieder zwischen dem primären Erlebnis des Verschmolzenseins und der lebenslangen Kompensation durch stets wieder notwendige Ex-
der Erfahrung des Getrenntseins handeln muß: Im spielerischen kursionen in den intermediären Bereich der Übergangsobjekte be-
Umgang mit den affektiv besetzten Gegenständen versucht das darf. Auf eine Stufe der Verallgemeinerung gerückt, auf der sich
Kind, die schmerzhaft erlebte Kluft zwischen innerer und äußerer Konsequenzen für unsere Vorstellung von der intersubjektiven Ver-
Realität stets wieder symbolisch zu überbrücken. Der Umstand, daß mitteltheit der Selbstbeziehung abzeichnen, ergibt sich aus dieser
damit zugleich der Beginn einer intersubjektiv akzeptierten Illusi- Spekulation Winnicotts die folgende Hypothese: Zur Entwicklung
onsbildung verknüpft ist, läßt Winnicott sogar noch einen Schritt von Selbständigkeit im Sinne einer intrapsychischen Dialogfahig-
weitergehen und zu einer These mit weitreichenden Konsequenzen keit sind wir Menschen nur in der Lage, wenn wir im dazu erfor-
gelangen: Jene ontologische Vermittlungssphäre ist, weil ihre Her- derlichen Prozeß der Anerkennung der Unabhängigkeit unserer In-

13 Vgl. v. a. Donald Winnicott, »Übergangsobjekte und Übergangsphänomene«, in: 14 Donald Winnicott, »Übergangsobjekte und Übergangsphänomene«, in: ders.,
ders., Vom Spiel zur Kreativität, Stuttgart 19 89, S. 10 ff. Vom Spiel zur Kreativität, a.a.O., S. 23 f.

102 153
teraktionspartner simultan die Fähigkeit erwerben, uns periodisch alles vermag nicht zu erklären, welche Rolle jenes überschüssige
hinter die jeweils errichteten Ich-Grenzen zurückfallen zu lassen, Triebpotential in der individuellen Entwicklung spielt, von dem
um die stetig wachsende Distanz zum ursprünglichen Zustand der Freud und seine Schüler ausgehen zu können glaubten.16 An dieser
Symbiose ertragen zu können. Insofern ist die Aufgabe, zwischen Stelle nun helfen Überlegungen weiter, in denen Hans Loewald den
Verschmelzungswunsch und Ich-Abgrenzung eine Balance zu wah- Versuch unternommen hat, der Formung des Triebpotentials im
ren, eine psychische Herausforderung, die nicht nur das Kleinkind, Menschen eine intersubjektivitätstheoretische Deutung zu geben;
sondern auch jeder Erwachsene erneut zu bestehen hat.15 Bevor ich zu dem bislang vorgestellten Entwicklungsmodell passen seine Hy-
aus diesen Überlegungen die Schlußfolgerungen für ein Persönlich- pothesen deswegen besonders gut, weil sie sich ebenfalls auf den
keitsideal ziehe, will ich kurz die triebtheoretischen Annahmen Mechanismus der sukzessiven Internalisierung von Interaktionsmu-
nachtragen, die zu einem vollständigen Bild der intrasubjektiv ver- stern beziehen, um damit aber nun über Mead und Winnicott hin-
mittelten Selbstwerdung des Menschen notwendig gehören. aus die Organisation der Psyche im ganzen als einen Prozeß der
Strukturierung eines überschüssigen Triebpotentials zu interpretie-
ren.17 Was auf diesem Weg nachträglich eine Erklärung findet, ist
III jene bislang nur stets am Rande festgehaltene Tatsache, daß in der
Errichtung eines intrapsychischen Kommunikationsraumes eine
Bislang ist an dem skizzierten Bild der Persönlichkeitsentwicklung Instanz - das »I« oder das »Es« - die Gestalt eines unorganisierten,
noch vollkommen unklar, welche Rolle darin jene triebtheoreti- gleichsam strukturlosen Restes behält.
schen Hypothesen spielen können, die neben der Annahme eines Loewald geht bei seinen Überlegungen zur Triebtheorie von ei-
ursprünglichen Zustands der Symbiose doch zweifellos das andere nem Vorstellungsmodell aus, das aus der pragmatistischen Tradition
große Erbstück der Psychoanalyse bilden. Was wir nach den soweit der Sozialisationstheorie nur allzu bekannt ist: Die individuelle Psy-
ausgeführten Überlegungen wissen, ist nur soviel, daß das einzelne che müssen wir uns als einen Organismus denken, dessen Entwick-
Subjekt zur Selbständigkeit auf dem Weg einer Internalisierung von lung sich in Form eines ständigen Austauschs mit seiner Umwelt
externen Interaktionsmustern gelangt, durch die sich komple- vollzieht.18 Im Anfang nun, also in den ersten Lebensphasen des
mentär zur umgebenden Sozialwelt intrapsychisch eine Art von Säuglings, stellt dieses »organische« Gebilde der Psyche nichts ande-
Kommunikationsraum zu entwickeln vermag; von dieser intersub- res dar als vollkommen ungerichtete, strukturlose Triebtätigkeit; das
jektiv vermittelten Organisation der Psyche scheint zudem ein be- Antriebspotential des Menschen, verstanden als Inbegriff organi-
stimmtes Segment ausgenommen, in dem in wenig strukturierter
Gestalt leibgebundene Triebansprüche repräsentiert sind; und 16 Mit den folgenden Überlegungen versuche ich auch auf Einwände zu reagieren,
schließlich ist zu dem damit angedeuteten Bild noch das zusätzliche wie sie gegen meine Rezeption der Objektbeziehungstheorie in »Kampf um Aner-
kennung« vorgebracht worden sind; vgl. etwa Hans-Walter Gumberger, »Die An-
Element hinzugekommen, daß der kommunikativ verfaßte Eman-
erkennung beschädigter Identität. Kritische Anmerkungen zu Axel Honneths
zipationsprozeß der Subjekte insofern stets gebrochen ist, als es zur Theorie der Anerkennung«, in: H. Brentel u. a. (Hg.), Gegensätze. Elemente kriti-
Kompensation der erlittenen Trennung vom symbiotischen An- scher Theorie, Frankfurt/New York 1995, S. 125-145.
fangszustand einer wiederkehrenden Entgrenzung des Selbst bedarf, 17 Ich beziehe mich im folgenden auf: Hans Loewald, Psychoanalyse. Aufiätze aus den
die die Form einer spielerischen Exkursion in die Zwischenwelt der Jahren ip;i-ip/p, Stuttgart 1986; zur Bedeutung Loewalds für die Entwicklung der
Übergangsobjekte oder kultureller Imaginationen besitzt. Aber das Psychoanalyse vgl. u. a. Jonathan Lear, »The Introduction of Eros: Reflections on
the Work of Hans Loewald«, in: ders., Open Minded. Working out the Logic of the
Soul, Cambridge, Mass. 1998, S. 123-147; Joel Whitebook, » The Desease of the Age«.
15 Ähnlich formuliert diesen Gedanken im Anschluß an Melanie Klein auch Thomas Fantasy and Rationality in the Work of Hans Loewald, Ms. 1999.
H. Odgen, »The dialectically constituted/decentered subject of Psychoanalysis II«, 18 Hans W. Loewald, »Über Motivation undTriebtheorie«, in: Psychoanalyse. Aufiätze
in: International Journal of Psychoanalysis, a.a.O., S. 619. aus den Jahren 1951-1979, a.a.O., S. 100.

102 155
scher Bedürfnisse und Impulse, besitzt hier noch gar nicht die Bin- kann hier noch gar nicht die Rede sein, weil der Säugling das Ob-
dung an spezifische Objekte und strebt daher nur richtungslos nach jekt seines nunmehr psychisch repräsentierten Impulses noch für ei-
aktivem Austausch mit der Umwelt. Insofern besteht Loewald auch nen integralen Bestandteil der Verhaltensaktivität halten muß, mit
darauf, daß an diesem frühen Entwicklungspunkt in einem termi- dem er nach Befriedigung seiner Triebe strebt. Als die eigentliche Er-
nologischen Sinn von »Trieben« noch nicht die Rede sein kann; rungenschaft der triebtheoretischen Arbeiten Loewalds sehe ich nun
denn damit kann überhaupt nur etwas von Bedürfnis gemeint sein, an, wie er im Ausgang von dieser frühen Phase der Symbiose den
was bereits zu psychischer Repräsentanz gelangt ist, indem es in Prozeß der Individuation als einen Vorgang beschreibt, der sich in
Form von elementaren Erinnerungsbildern an erlebte Befriedi- Form einer Ausdifferenzierung des zunächst noch ungeschiedenen
gungssituationen mit einem Objekt gleichsam verschmolzen ist. Zu Trieblebens in verschiedene Instanzen vollzieht, die jeweils für die
einer solchen Transformation von bloß organisch vorzustellenden Internalisierung eines bestimmten Interaktionsmusters im Umwelt-
Impulsen in Triebe kann es nach Loewald erst in dem Augenblick verhalten des Kleinkindes stehen: Zur Entwicklung eines intrapsy-
kommen, in dem sich für den Säugling aus dem diffusen Umwelt- chischen Kommunikationsraumes kommt es in dem Maße, so ist
austausch das Fürsorgeverhalten der Mutter als ein erstes Interakti- diese zentrale Intuition zu verstehen, in dem typische Schemata der
onsmuster heraushebt, das regelmäßig wiederkehrende Befriedi- Interaktion mit den lebenswichtigen Partnern in das Innere verla-
gungszustände mit sich bringt; jetzt nämlich können sich die vor- gert werden und hier unter Zuhilfenahme der inzwischen freige-
dem ungerichteten Bedürfnisregungen mit Hilfe »mnemischer setzten Triebenergie jeweils zu Instanzen ausgebildet werden. Im
Bilder« in der Weise an spezifischen, Befriedigung signalisierenden ganzen entsteht so die Vorstellung, daß die Psyche des erwachsenen
Objekten festmachen, daß sie psychisch repräsentierbar werden und Menschen ein Interaktionsnetz von Instanzen bildet, in den durch
somit die Gestalt von Trieben annehmen. Für diesen ersten Schritt Verinnerlichungsprozesse Anteile der Triebenergie zu organisierter
in der Trieborganisation hat Loewald ein großartiges Bild parat, das Gestalt gelangt sind.20
vor allem hervorheben soll, inwieweit es sich bei den angemessenen
Fürsorgereaktionen der primären Bezugsperson nicht um ein bloßes Aber bevor es zu einer solchen Ausbildung von intrapsychischen Or-
Mittel der Beseitigung von Erregungszuständen handeln kann, son- ganisationseinheiten kommen kann, muß natürlich auch Loewald
dern umgekehrt um den kreativen Akt der Erzeugung und Organi- eine Phase annehmen, in der die Symbioseerfahrung des Säuglings
sation der Erregungsprozesse als solcher: »Durch die Pflegeleistun- aufgesprengt wird und damit seine Triebenergie überhaupt erst fiir
gen der Mutter«, so heißt es bei ihm, »werden im Kind die Triebe ins die Leistung der Instanzenbildung frei werden kann. Nicht anders
Leben gerufen.«19 als Winnicott beschreibt Loewald diese Trennungsphase als einen
Sind in dieser Weise die Triebe im psychischen Erleben des Kin- Vorgang, durch den das Kind tendenziell überfordert wird: Unter
des zur Existenz gekommen, so haben wir es nach Loewald mit den dem Erfahrungsdruck der sich verselbständigenden Bezugsperson
Rahmenbedingungen jener frühen Phase zu tun, die wir bereits bei zerbricht die Illusion einer integralen Verschmolzenheit mit dem
Winnicott als Verschmelzungszustand kennengelernt haben: Von Objekt, so daß Teile der Triebenergie nun zur Organisation von sol-
einer erlebnishaften Vergegenwärtigung einer äußeren Wirklichkeit chen kognitiven Leistungen genutzt werden müssen, die der geziel-
ten Herstellung von intersubjektivem Austausch dienlich sein kön-
19 Hans W. Loewald, »Über Motivation und Triebtheorie«, in: Psychoanalyse. Außätze nen. In dieser ersten Aufspaltung der Triebenergie in den struktur-
aus den Jahren a.a.O., S. 113; im Anschluß an Melanie Klein und W. Bion losen Bereich des »Es« und den organisierten Bereich elementarer
formuliert Thomas Ogden einen ähnlichen Gedanken: Thomas H. Odgen, »The
dialectically constituted/decentered subject of Psychoanalysis II.«, in: International 20 Vgl. etwa: Hans Loewald, »On Internalization«, in: ders., Papers on Psychoanalysis,
Journal of Psychoanalysis, a.a.O., S. 618 f.; gewisse Konvergenzen liegen auch mit New Haven/London 1986, S. 69-86; ders., »Instinct Theory, Object Relations and
der Triebtheorie Jean Laplanches vor: ders., Die allgemeine X'erfuhrungstheorte, Tü- Psychic Structure Formations« (1978), ebd., S. 207-218; ders., »Internalization, Se-
bingen 1988. paration, Mourning, and the Superego« (1962), ebd., S. 257-276.

102 157
Ich-Funktionen ist das Muster zu sehen, nach dessen Vorbild Loe- wachsenen Menschen insgesamt als ein Kommunikationsnetz von
wald von hier aus alle weiteren Vorgänge der Individuierung des unterschiedlich organisierten Antriebsenergien dar. Mit ein wenig
Kindes als Differenzierungsvorgänge beschreibt: Stets werden Teile Sinn für Spekulation ließe sich sagen, daß all das, was unser Innen-
der psychischen Antriebsenergie benutzt, um im Inneren funkti- leben ausmacht, Wünsche, Gewissensregungen, Realitätseinschät-
onstüchtige Organisationseinheiten zu errichten, die sich als Ergeb- zungen und Ideale, im ganzen eine Vielzahl von Stimmen bildet, die
nisse der Internalisierung von in der Außenwelt erlebten Interakti- mehr oder weniger geronnene Formen von Triebenergie darstellen
onsmustern verstehen lassen; und in diesem Differenzierungspro- und bei geglückter Verinnerlichung zueinander in einem quasi-dia-
zeß, der zunächst das »Ich«, dann das »Über-Ich« als kristallisierte logischen Verhältnis stehen. Daher auch kann Loewald an vielen
Gestaltung von Triebenergie entstehen läßt, bleibt als archaischer Stellen davon sprechen, daß sich unter idealen Umständen die
Rest im Inneren stets das »Es« bestehen, das im Vergleich mit den menschliche Psyche als ein nach innen verlagerter Interaktionszu-
anderen Instanzen nur schwach integriert und organisiert worden sammenhang begreifen lassen muß, der sich komplementär zu einer
ist. Leider fehlt hier der Raum, um all die fruchtbaren Konsequen- kommunikativen Lebenswelt verhält, in der der einzelne dem An-
zen herauszuarbeiten, die sich aus dieser sehr spezifischen Auffas- deren in ganz unterschiedlichen Interaktionsrollen (= Anerken-
sung des Individuierungsprozesses für unser Bild der Subjektwer- nungsbeziehungen) begegnet.
dung ergeben würden; nicht nur ist viel besser zu verstehen, was es
im einzelnen heißen soll, daß sich die individuelle Selbstbeziehung 2) Noch wesentlicher für meine Zwecke scheint mir aber eine zwei-
als Ergebnis eines intrapsychischen Differenzierungsvorgangs ver- te Implikation der Theorie Loewalds, auf die ich in meiner knappen
stehen läßt, der sich kraft der Verinnerlichung von externen Inter- Darstellung selbst nicht habe eingehen können. Wie Winnicott ist
aktionsmustern zu vollziehen hat; bahnbrechend scheint mir vor al- auch er der Überzeugung, daß jenes Potential an innerer Dialog-
lem aber auch die Einsicht, die im übrigen mit den Vorstellungen ei- fähigkeit um so eher oder besser zur Entfaltung gelangen kann, je
nes G. H. Mead oder John Dewey zusammenstimmt, daß die bereitwilliger der einzelne sich temporär auch Erfahrungen überlas-
Ich-Leistungen oder die Über-Ich-Funktionen nicht als Gegenkräf- sen kann, die eine Entgrenzung des Ich mit sich führen und damit
te zu den Trieben verstanden werden dürfen, sondern als Formen ih- einen Rückfall hinter die bereits errichteten, intrapsychischen Dif-
rer organisierten Bündelung, eben als Gestaltgebungen von Trieb- ferenzierungen erlauben. Bei Loewald hängt diese tiefe Einsicht mit
energie zu begreifen sind. Aber anstatt diese Überlegungen weiter- der Überlegung zusammen, daß die frühen, noch unfertigen Stufen
zuverfolgen, werde ich mich im folgenden darauf beschränken, nur der Ich-Integration deswegen eine Kraftquelle der gereiften, ausdif-
noch jene beiden Implikationen der Psychoanalysedeutung Loe- ferenzierten Persönlichkeit darstellen, weil sie uns mit jenen Ver-
walds kurz zu nennen, die mir die Rückkehr zum Ausgangspunkt schmelzungserfahrungen vertraut bleiben läßt, deren Überwindung
meiner Überlegungen erlauben: der Preis der Individuierung gewesen ist; daher schöpfen wir aus der
periodischen Entgrenzung unseres Ich die Kraft, die nötig ist, um
i) Auch nach den nur äußerst knappen Ausführungen, die ich sei- die Balance zwischen Symbiose und Unabhängigkeit aufrecht zu
nem Werk habe widmen können, dürfte klargeworden sein, inwie- halten.
fern Loewald der Vorstellung eines intrapsychischen Kommunikati- Lassen Sie mich meine Darstellung der Theorie Loewalds mit ei-
onsraumes eine triebtheoretische Wendung zu geben vermag; wenn nem Zitat von ihm schließen, das mir einen direkten Übergang zu
die menschliche Triebenergie als etwas verstanden werden muß, das einer äußerst knappen Schlußbetrachtung erlaubt: »Ich erwähnte
nach der frühkindlichen Trennungsphase zum Aufbau von intra- bereits, daß Freud das Problem psychischen Fortbestehens früherer
psychischen Instanzen Verwendung findet, die ihrerseits wiederum Ich-Stadien neben späteren Stadien der Ich-Entwicklung angespro-
als Ergebnisse der Verinnerlichung von externen Interaktionsmu- chen hat - ein Problem, das, wie er sagt, bisher kaum erforscht wor-
stern begriffen werden müssen, dann stellt sich die Psyche des er- den ist. Wenn wir die Menschen genau anschauen, erkennen wir je-
102 159
doch, daß es nicht nur eine Frage des Fortbestehens früherer Stadi- aus ist es nun leicht die Verbindung zum Anfangsteil meiner Über-
en der Integration von Ich und Realität ist, sondern daß es von Tag legungen herzustellen: Im Kern der neueren Zeitdiagnosen steht,
zu Tag, in verschiedenen Lebensabschnitten, in verschiedenen Stim- was aktuelle Wandlungen der Persönlichkeitsstruktur anbelangt, so
mungen und Situationen beträchtliche Verschiebungen von einer hatte ich zu Beginn gesagt, bei nüchterner Zusammenfassung die
solchen Stufe zu anderen Stufen gibt. In der Tat hat es den Anschein, Beobachtung, daß wir es heute mit einem Prozeß der inneren Plu-
daß das Spektrum von Ich- und Realitäts-Ebenen desto reicher ist, ralisierung der Subjekte zu tun haben, mit einer kommunikativen
je lebendiger (wenngleich nicht unbedingt stabiler) Menschen sind. Verflüssigung ihrer Ich-Identität; und die Frage war, ob sich ange-
Vielleicht ist das sogenannte vollentwickelte, reife Ich kein Ich, das sichts dieser gegenwärtigen Tendenzen die Psychoanalyse nicht in
auf der vermeintlich höchsten oder letzten Entwicklungsstufe fixiert einem Prozeß der Veralterung befindet. Natürlich muß nach dem,
worden ist, nachdem es die anderen hinter sich gelassen hat, son- was sich jetzt als Ergebnis der Fortentwicklung der Objektbezie-
dern ein Ich, das seine Realität in der Weise integriert, daß die frühe- hungstheorie gezeigt hat, die Antwort negativ sein: Die Idee einer
ren tieferen Stufen der Integration von Ich und Realität als dynami- Entschränkung der inneren Dialogfähigkeit ist das beste Mittel, das
sche Quellen einer höheren Organisation erhalten bleiben.«21 sich denken läßt, um die Tendenzen einer Verflüssigung der Ich-
In beeindruckender Weise wird an diesen Sätzen deutlich, wie Identität in aller Komplexität weiterzudenken. Von einem Veralten
sehr sich in Folge der Erkenntnisse der Objektbeziehungstheorie das der Psychoanalyse kann also in keiner Weise die Rede sein.
Persönlichkeitsideal innerhalb der Psychoanalyse verschoben hat: Allerdings sollte auch nicht unterschlagen werden, daß Loewald
Der Reifezustand des Subjekts bemißt sich nicht mehr an Fähigkei- in der zitierten Passage eine Klammerbemerkung macht, die irritie-
ten der Bedürfnis- und Umweltkontrolle, also insgesamt der Ich- rend wirken mag; er sagt dort nämlich, daß diejenige Person, die »le-
Stärke, sondern an solchen Fähigkeiten der Öffnung für die vielen bendiger« im hier ausgeführten Sinn sein kann, deswegen »nicht un-
Seiten der eigenen Person, wie sie hier im Begriff der »Lebendigkeit« bedingt stabiler« sein muß. Es mag sein, daß wir diese wie beiläufig
festgehalten werden. Wird die Persönlichkeitsentwicklung als ein hingeworfene Bemerkung als Hinweis auf eine Alternative verste-
Vorgang beschrieben, der sich in Schritten der Internalisierung von hen müssen, was die jeweils ausgezeichneten Persönlichkeitsideale
Interaktionsmustern als allmählicher Aufbau eines intrapsychischen anbelangt: Denn es kann sein, daß die Entschränkung der inneren
Kommunikationsraumes vollzieht, so liegt eine derartige Neube- Dialogfähigkeit eine Person am Ende weniger Ich-Stärke besitzen
stimmung des persönlichen Reifezustands auf der Hand: Als reif, als läßt, als zur routinemäßigen Bewältigung alltäglicher Konflikte und
vollständig entwickelt muß dann dasjenige Subjekt gelten, das sein Herausforderungen nötig ist. Das aber würde bedeuten, daß wir an-
Potential an innerer Dialogfähigkeit, an kommunikativer Verflüssi- gesichts der gegenwärtigen Veränderungen in der Persönlichkeits-
gung seiner Selbstbeziehung dadurch zur Entfaltung zu bringen struktur vor der Entscheidung zwischen zwei kulturellen Entwick-
vermag, daß es möglichst viele Stimmen der unterschiedlichsten In- lungsmöglichkeiten stehen: Entweder die ich-starke, »männliche«
teraktionsbeziehungen in seinem eigenen Inneren Gehör verschafft. Persönlichkeit, die die Fähigkeit zur Realitätsbewältigung durch
Das Ziel der inneren Lebendigkeit, des intrapsychischen Reichtums Unterdrückung von anderen Identitätsmöglichkeiten erlangt, oder
hat, kurz gesagt, die Stelle eingenommen, die in der älteren Psycho- die innerlich reiche, gewissermaßen flexibilisierte Persönlichkeit,
analyse die Vorstellung der Ich-Stärke innegehalten hatte.22 Von hier der es allerdings an der zur Alltagsroutine nötigen Stabilisierung feh-
21 Hans W. Loewald, »Ich und Realität«, in: ders., Psychoanalyse. Aufiätze aus den Jah- len würde.
ren ipfi-ip/i), a.a.O., S. 34.
22 Deutlich wird diese normative Umorientierung auch an Versuchen, den Ansatz der
Ego-Psychologie in Richtung einer objektbeziehungstheoretischen Idee der le-
benslangen Spannung von Einheit und Komplexität zu überschreiten; vgl. exem-
plarisch: Stephen Seligman/Rebecca Sh. Shanok, »Subjectivity, Complexity and
the Social World«, in: Psychoanalytic Dialogues, a.a.O.

160
Nachweise

»Unsichtbarkeit. Über die moralische Epistemologie von Anerkennung«,


erschienen in einer ersten Fassung auf Englisch, in: The Aristotelian Society,
Supplementary Volume LXXV, Bristol 2001, pp. 111-126.

»Die transzendentale Notwendigkeit von Intersubjektivität. Z u m Zweiten


Lehrsatz in Fichtes Naturrechtsabhandlung«, ursprünglich erschienen in:
Jean-Christophe Merle ( H g J , J. G. Fichtes »Grundlage des Naturrechts«,
(Klassiker Auslegen), Akademie-Verlag Berlin 2001, S. 63-80.

»Von der zerstörerischen Kraft des Dritten. Gadamer und die Intersubjek-
tivitätslehre Heideggers«, geringfügig erweiterte Fassung des gleichnamigen
Aufsatzes in: Günter Figal, Jean Grodin und Dennis J. Schmidt (Hrsg.),
Hermeneutische Wege—Hans-Georg Gadamer zum Hundertsten, Tübingen: J.
C. B. Mohr (Paul Siebeck) 2000, S. 307-324.

»Erkennen und Anerkennen. Z u Sartres Theorie der Intersubjektivität«, eine


erheblich gekürzte Fassung erscheint unter anderem Titel in: Bernd Schu-
macher (Hg.), Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts (Klassiker Ausle-
gen), Akademie-Verlag Berlin 2003 (i. E.).

»Zwischen Hermeneutik und Hegelianismus, John McDowell und die Her-


ausforderung des moralischen Realismus«, geringfügig erweiterte Fassung
des gleichnamigen Aufsatzes in: Lutz Wingert und Klaus Günther (Hg.),
Die Öffentlichkeit der Vernunft und die Vernunft der Öffentlichkeit. Festschrift
für Jürgen Habermas, Suhrkamp-Verlag Frankfurt a. M . 2001, S. 372-402.

»Objektbeziehungstheorie und postmoderne Identität. Uber das vermeint-


liche Veralten der Psychoanalyse«, ursprünglich erschienen in: Psyche, 54.
Jg./2000, H 11, S. 1087-1107.

HumboldJ-Universität zu Berlin
Universitätsbibliothek
Zweigbibliofhek Philosophie und
Kulturwissenschaften
Unter den Linden 6
10099 Berlin

162
Sozialphilosophie im Suhrkamp Verlag Michel Foucault
Eine Auswahl im Suhrkamp Verlag

Axel Honneth. Kampf um Anerkennung. Zur moralischen Archäologie des Wissens. Übersetzt von Ulrich Koppen,
Grammatik sozialer Konflikte, stw 1129. 301 Seiten stw 356. 301 Seiten

Axel Honneth. Kritik der Macht. Reflexionsstufen einer kri- Die Hoffräulein. Übersetzt von Ulrich Koppen. Mit Abbil-
tischen Gesellschaftstheorie, stw 738. 408 Seiten dungen. BS 1214. 46 Seiten

Axel Honneth. Die zerrissene Welt des Sozialen. Sozialphilo- In Verteidigung der Gesellschaft. Vorlesungen am College
sophische Aufsätze. Erweiterte Ausgabe, stw 849. 279 Seiten de France (1975 -1976). Übersetzt von Michaela Ott.
312 Seiten. Gebunden
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Der Mensch ist ein Erfahrungstier. Gespräch mit Ducio
Hans Joas. Die Kreativität des Handelns, stw 1248. 415 Seiten Trombadori. Übersetzt von Horst Brühmann. Vorwort von
Wilhelm Schmid. stw 1274. 144 Seiten
Hans Joas. Pragmatismus und Gesellschaftstheorie,
stw 1018. 323 Seiten Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwis-
senschaften. Übersetzt von Ulrich Koppen,
George Herbert Mead. Gesammelte Aufsätze. Band 1. Her- stw 96. 470 Seiten
ausgegeben und eingeleitet von Hans Joas. Ubersetzt von
Klaus Laermann u.a. stw 678. 476 Seiten Psychologie und Geisteskrankheit. Übersetzt von Anneliese
Botond. es 272. 132 Seiten
George Herbert Mead. Gesammelte Aufsätze. Band 2. Her-
ausgegeben von Hans Joas. Ubersetzt von Hans Günter Holl, Raymond Roussel. Übersetzt von Renate Hörisch-Helli-
Klaus Laermann u.a. stw 679. 485 Seiten grath. es 1559. 193 Seiten

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