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Aierzehnter (ON
ÄJahrgang.
Zweites Semester.

Prag, 1S41.
Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.
Bohemia,
ein

1U n t er halt u n gs bl a tt.

Vierzehnter Jahrgang.
Zweites Semeſter.

Prag, 1S41.
Inhaltsverzeichniß
zum zweiten Semeſter des vierzehnten Jahrganges der Bohemia.
CDie Zahl zeigt die Nummer des Blattes an.)
GErzählungen, Sagen, Novellen 2c. 2c. Truppenconcentrirung bei Prag. 101.
Portraitmaler Herr Weidner aus Wien. 105. 118.
Ich will nicht. Von Emmeline. 79. 80. Fackelzug zu Ehren Sr. Erc. des Hrn. Oberſtburggrafen. 106.
Der Mäßigkeitsverein. Eine Skizze von H. Held. 81 – 83. Reunionen im Baumgarten. 107.
Das Gegenüber. Eine Erzählung von Th. Swart. 84. Daguerreotypen des Herrn Weninger. 111.
Geſchichte eines armen Teufels, von ihm ſelbſt geſchrieben. 85. Georginen-Ausſtellung. 112. 115.
Regentage. Eine Erzählung von B. F. 86. 87. Drittes böhmiſches Wettrennen. 121. 123. 124.
Der Wohlthäter. Von Henri Berthoud. 88. 89. Zweimalige Ernte. 122.
Ein Opfer der Geſelligkeit. Erzählung nach dem Engliſchen des Anzeigen von der Kettenbrücke. 124. 131.
Douglas Jerrold. 90 – 93. Einſturz eines Hauſes. 127.
Frauentreue. Von Th. Swart. 94. Die Gebirgsſänger aus den Pyrenäen. 128.
Der Grund alles Uibels. Von 3. W). Z. 95 – 98. Dürers Roſenkranzfeſt, renovirt und copirt v. J. Gruß. 130.
Der Kauf. 96. Der Akuſtiker Hr. Friedrich Kaufmann in Prag. 131.
Der Quackſalber. Von Franz Schuſelka. 98 – 103. Wiedereintreffen Sr. k. H. des H. Erzh. Stephan in Prag. 132.
Die Taubenpoſt. 101. Anzeige der Eröffnung der neuen Wyšehrader Bergſtraße. 132.
Der Muſiknarr. 104. 105. Der Violiniſt Ernſt in Prag erwartet. 134.
Eigenthümlichkeiten einiger Compoſiteure. Aus der France musicale. Das mechaniſche Muſeum der Herren George und Fréchon.
105. 106.
6 135. 138.
Ein Tag aus Habakuk Snarler's Leben. Von einem Amerikaner. Einnahmen von der prager Kettenbrücke. 135. 149.
106 – 108. Staffeleigemälde des Herrn Joſ. Hellich. 136.
Der Lottoſpieler. 108. Ankunft der Dlle. Francilla Piris. 137.
Die Gibellinen zu Piſa. Von W. A. Gerle. 109 – 113. Mozart's Gedächtnißfeier. 144.
Eine ſentimentale Giftmiſcherin. 113. Miſtreß Shaw in Prag. 153. -

Leiden eines Kurzſichtigen. Erzählung von Th. Swart. 114. Produktionen der Mad. Eliſe Serafin, geb. Luftmann. 154.
Der Zerſtreute. Nach dem Franzöſiſchen. 115 – 117. 156. (Unfall).
Die "Ä Aus Fenimore Cooper's Roman »der Hirſchtödter«. Kinderſpital des Herrn Med. Dr. Kratzmann. 156.
115. 116.
Der Gefolterte. Erzählung nach einer wahren Begebenheit. 118–120. Correſpondenz- Nachrichten aus Böhmen.
Die Unvermälten. Novelle von St. Nelly. 120 – 125.
Der Weſtenknopf. Eine Anekdote aus dem Leben Walter Scott's. Adersbach. 130. (Reiſe Sr. k. k. Hoh. des Herrn Erzherzogs
Von Marc Perrin. 126. Stephan). -

Dame und Bube. Nach Marie Aycard. 127. 128. Benſen. 147. (Akademie).
Traum und Schwur. Kleinigkeit von B. F. 129. Beraun. 96. (Reiſe Sr. k. k. Hoh. des Hrn. Erzh. Stephan).
Die gebratene Makrele. Erzählung nach dem Engliſchen. 130–133. Böhm. Leipa. 112. XY XO X> » . » » >>

Das Bild des jüdiſchen Schänkwirthes. Eine Erzählung von La 117. (Höllengrund). 125. (Akademie).
dislaus Tarnowſki. 133 – 137. Brür. 127. (Kirchengemälde). -

Der Zugvogel. Nach dem Franzöſiſchen des Eugène Guinot. 137.138. Budweis. 101. (Concert). – 144. (Pyrenäenſänger. Kirchen
Der Bettler. Erzählung von H. Held. 138 – 141. muſik). – 151. (Theater).
Turnbull über Prag. 140. Chrudim. 113. (Theater). - -

Stadt und Land. Nach dem Franzöſiſchen des Hippolit Etiennez. Gablonz an der Neiße. 130. (Reiſe Sr. k. k. Hoheit des
142 – 144. Herrn Erzh. Stephan).
Der Flatterling. Erzählung von Franz Schuſelka. 144 – 150. Hohenelbe. 131. (Reiſe Sr. k.k. Hoh des Hrn. Erzh. Stephan).
Inzichten. Nach James. Aus dem Keepsake. 151 – 153. Hronow. 110. (Georginenfeſt. 130. Berichtigung).
Das Bärengeſpenſt. Eine wahre Geſchichte, mitgetheilt von La 3unser Ä 94. (Feier zum Andenken der Niederlage der
dislaus Tarnowſki. 154 – 156. ataren).
Toaſt zum neuen Jahre. Von Prof. Ant. Müller. 157. Karlsbad. 79. 93. 103. 110. (Badeberichte). – 115. 116.
Moſaik in allen Nummern. (Dr. Pfitzmaver). – 124. (Rückblick auf die Badeſaiſon).
Königgrätz. 108. (Akademie).
Kunſt und Leben in Böhmen. Kopidino. 137. (Reiſe Sr. k.k. Hoh. des Hrn. Erzh. Stephan).
Zuſtände und Beſtrebungen der Geſellſch. patr. Kunſtfreunde. 79. Kornhaus. 142. (Langes Dienſtalter).
Denkmal Premyſl's bei Staditz. 84. 118. Kralup. 142. (Mordthat).
Eiſenbäder in Teplitz. 94. Krumau. 121. (Theater). . - - - -

Elbedampfſchifffahrt in Böhmen. 100. Kuttenberg. 146. (Akademie. 153. Berichtigung).


Das Reichenberger Muſikfeſt. 103. 104. Marienbad. 88. (Badebericht).
Bildungsanſtalten in den nördlichen Fabriksdiſtrikten Böhmens. 119. Marſchendorf. 129. (Reiſe Sr. k. k. Hoh. d. H. Erzh. Stephan).
Die Einwölbung der Kaiſer-Ferdinands-Brücke in Beraun 120 Neugedein. 150. (Seltenes Obſt),
Die prager Kettenbrücke. 133.134. 135. 154. Neuſchloß. 109. (Reiſe Sr. k. k. Hoh. des Hrn. Erzh. Stephan).
Primislau. 142. » 29 X> » » ... » X>

Telegraph von Prag. Reichenberg. 93. (Muſikaliſches. Meteorologiſches). – 106.


Dramatiſche Anzeigen. 83. 86. 102. 111. 112. 119. 126, 127. 118. (Kunſtausſtellung). – 124. (Reiſe Sr. k. k. Hoh.
131. 132. 136. 139. 140. 145. 147. 148. 149. 150. des Hrn. Erzh. Stephan). – 125. (Gewerbsausſtel
151. 152. 156. lung) – 140.141. (Muſikaliſches). – 149. (Mozart's
Anzeigen von Concerten und Akademien. 88. 107. 123. 125. Gedächtnißfeier. Kirchenmuſik). – 157. (Theater.
137. 141. 143. 148. 151. 152. Feierliche Uibergabe der gr.gold. Ehrenmedaille an den
Ballanzeigen. 156. 157. Hrn. Erzdechant Franz Wolf).
Muſikproben. 156. 157. Saaz. 114. (Hopfenernte). – 142. (Theater). -

Kirchenmuſik. 83. 86. 91. Von der ſchleſiſchen Gränze. 129. (Reiſe Sr. k. k. Hoheit
Lokal-Notizen. 87. 91. 92. des Hrn. Erzh. Stephan).
Muſikalien-Leihanſtalt des Hrn. Joh. Hofmann. 82. Schönbach. 91. (Erdſtöße). - - -

Schwimmproduktion. 82. 86 88. Teplitz. 79. (Widerlegung eines Artikels der Allgemeinen Zei
Herr Camillo Sivori in Prag. 83. tung). – 85. 88. 91. 105. 119. (Badeberichte). – 90.
(Geſchenk der Prinzen von Preußen). – 95.100. (Der
Ä 91. Entſchuldigungskarten 100.
rtrag der Neujahrs- mal Fried. Wilh. III.).–129. (Rückblick a. d. Bades
Käthchen von Heilbronn. 128.
Warnsdorf. 102. (Akademie). * Die Sklaven. 139.
Winterberg. 106. (Reiſe Sr. f. f. Hoh. des Hrn. Erzh. Stephan).
* Bruder Kain. 149.
Kleinere Nachrichten vom Lande. 84. 91. – 94. (Schnee
am 30. Juli). – 98. – 100. (Waſſerheil- u. Bade Luſtſpiele. Geſchwiſter. 85. 88. 90.
Mirandolina. 85.
anſtalt in Großſkal). – 106. – 108. (Felsſturz an
der königſaler Straße). – 112. (Wolkenbruch bei Gonnerſchaften. 80.
:-
Kuttenberg). – 114. (Feuer in Altbunzlau). – 117. Der Bevollmächtigte. 91.
Der Mentor. 91.
(Merkwürdiger Blitzſchlag). – 127. (Mordthaten einer
Wahnſinnigen in Zahoran). – 133. (Mord in Maf Tempora mutantur. 97.
fersdorf). – 133.145. (Warmer Herbſt). – 148. (Tod Der Bräutigam aus Merifo. 100.
des Naturdichters Fürnſtein in Falkenau). – 152.157. Die vier Temperamente. 106.
(Hr. Rimek in Gitſchin, Erfinder eines ſelbſtfahrenden Vierzehn Tage nach dem Schuß. 106.
Wagens). – 154. (Gründung einer Schullehrerbiblio * Eine geheime Leidenſchaft. 109.
* Der Gemal an der Wand. 109. 112.
thek in Neuſtraſchitz). Er mengt ſich in Alles. 114. 115.
Kunſt - und muſikaliſche Notizen. Student und Dame. 115. 139.
Drei Notturnos für das Pianoforte von W. H. Veit. 84. Das war ich. 115.
Gemälde des Herrn Leopold Polak. 106. 147. * Nenner und Zahler. 116.
>> X» » Anton Gruß. 107. * Der Schatten des Liebhabers. 12N.
Uhrenfabrik des Herrn Karl Suchy. 107. * Die beiden Aerzte. 122.
Etwas für diejenigen, welche zu einem daguerreotypiſchen Der Ball zu Ellerbrunn. 124.
Portraite ſitzen. 119. * Das Glas Wuſſer. 130. 131.
Noch etwas über daguerreotypiſche Portraite und über Da Dämon der Macht. 136.
guerreotypie im Allgemeinen. 126. Der Degen. 141.
Albrecht Dürers Roſenkranzfeſt. 136. 137. Das Liebesprotokoll. 143.
Die muſikaliſchen Inſtrumente des Hrn. Kaufmann. 138 * Der Mulatte. 146. 147.
La Corbeille de violettes. Trois Rondeaux enfantins. Par
Einfatt vom Lande. 157.
Charl. Czerny. 155. Zauberſpiele und Poſſen. Verſchwender. 79.
Berichte über Concerte, Akademien Mc. Alpenkönig und Menſchenfeind. 89.
Concert des Hrn. Cam. Sivori. 86. * Die Folgen einer Erbſchaft. 110.
> » » Ritter. 91. * Das Marmorherz. 137.
Aufführung des Oratoriums »die Schöpfung«. 109. * Der Zigeuner in der Steinmetzwerkſtatt. 156.
Das erſte Concert der 40 franz. Berg- u. Hirtenſanger. 131. Ballete und Pantomimen. * Das Schweizermilchmädchen. 95.
Concert des Kinderfreund'ſchen Inſtitutes. 131. Der luſtige Schuſter. 102. 112.
X> » Leopold Baſch. 132. * Sylphide. 120.
Muſikaliſche Unterhaltungen des Hrn. F. Kaufmann. 133. * Die Nachtwandlerin. 136.
Concerte des Hrn. H. W. Ernſt. 138. 139. 141. 142. Quodlibet. 85.
Concert des Hrn. Eben. 145. Böhmiſches Theater. Die ſchlimmen Frauen im Serail. 85.
Quartette des Hrn. Prof. Pris. 146. 149. 152. Die Einfalt vom Lande. 117. Der Müller und ſein Kind. 123.
Muſikal. Abendunterhalt. der Sorhienakademie. 146. 150. 152. Die Räuber. 126. Peter Szapäry. 132. Der Schutzgeiſt. 147.
Concert zum Beſten der verunglückten Kratzauer. 150. Zaubertrompete. 150. Jaroſlaw und Blazena. 153
» z. Gründ. e. Unterſtützunasf. f. dürft. Techniker. 153. Gäſte. Hr. Rott. 79. 80. Mad. Peche. 81. 82. 83. 84. 85. 86. 87.
» des Hrn. Fr. Kühnel. 153. 88. 89. 90. Hr. u. Mad. Grekowſki. 91. 94. 95. Hr. Wild.
Concert der Ms. Mary Shaw. 157. 95. 96. 97. Hr. Crombé. 102. 112. 120. 136. Hr. Grau. 123.
The at er berichte. 126. Mad. Emilie Hyſel. 124. 125. Hr. Scharpff. 142. 143.
Dlle. Pris. 145. 146. 148. 150. 151. 153.157. Hr. Otto
(Die mit * bezeichneten Piecen ſind Novitäten.) Löwe. 152. 154. Mad. Schwanfelder. 157. Dem. Wimmer
Beſprochene (Debutantin.) 94. 98. 115. 128.
Opern. Die Unbekannte. 95. Uiber die lächerlichen Seiten unſerer Theaterkritiker. 80.
Norm u. 9j. 157. Ein Wort über die Schonheit der Diktion, der Geſtalt und des
Otello. 97.
Der neue Gutsherr. 102. ſogenannten Organs. 92.
Figaros Hochzeit. 103. Anfrage. 93. 99.
* Zanetta. 104. 105. 108. 112. Liter äriſche Notizen.
Figaro. 112. Belehrungs- und Unterhaltungsblatt für den Landmann und klei
Fauſt. 113.
nen Gewerbsmann Böhmens. 79. 155.
Das Königreich Böhmen, ſtatiſtiſch-topographiſch dargeſtellt von
Ä
as unterbrochene 117. Opferfeſt. 121.
* Die Römer in Melitone. 126. 128. J. G. Sommer. 9. Bd. Budweiſer Kreis. 82.
* Czar und Zimmermann. 134. 135. 143.
Das Rieſengebirge und ſeine Bewohner, von Dr. K. J. Hoſer. 83.
Templer und Jüdin. 140. Beſchreibung der k. k. Burg Karlſtein in Böhmen. 85.
Barbier von Sevilla. 142. Der Führer durch Prag, von Franz Klutſchak. 93.
Stumme von Portici. 144. Jos. Jungmana sebrané spisy. 95.
Die Nachtwandlerin. 145.
Maly ètenar und maly pjsar, von J. Swoboda. 101.
Don Juan. 147. Albüm der Wohlthätigkeit. 109. - - * - - -

Montecchi und Caruletti. 148. 149. Taſchenbuch zur Verbreitung geographiſcher Kenntniſſe. Für 1842.
* Gabriele Vergy. 151. 153. Von J. G. Sommer. 135.
Geſchichte ron Böhmen. Von Franz Palackv: 140.
Freiſchütz. 152. Archivcesky, cili staré Pjsemué Pamatky ceskéi morawské. Schra
Zauberflöte. 154.
Trauerſpiele. Kabale und Liebe. 83. 84. 124. Fr. Palacky. 147.
Egmont. 87. 103. Das Taſchentuch Libuša. 153. -

Zriny. 11S.
Jahrbuch für Lehrer, Eltern und Erzieher. Herausgegeben von
Wilhelm Tell. 119. Ignaz Jakſch. 154.
Schauſpiele und Dramen. Eine Nacht im Gefängniß. 81. 84. Kurze Anzeigen. 125.
Die Vorleſerin. 82.
Die Koniain von 16 Jahren. S2. Erklärung wegen Annahme von Beiträgen zum Herrmannsdenk
* Perdita. SG.
mal. 88.
Zurückſetzung. 88. 125. Beilagen. Gedichte zur Feier des Namensfeſtes Sr. Ercellenz
Brandſtifter. 89. des Herrn Oberſtburggrafen und der Einweihung der Kaiſer
Molly. 90.
Alpenröslein. 94. Franzensbrücke. 135. . .
Die Unvermalen, 98. Epilog zur Mozartsfeier, 147,
Bo he m i a, ein
J Unterhaltungsblatt.

Den 2. Juli N“ S 9. 1S41.

Ich will nicht! Der Lehrer ſah mich verwundert an, und legte, ohne
Von Emmeline.
ein Wort zu ſagen, das Buch aufgeſchlagen vor mich hin,
ich aber ſah gelaſſen nach der Seite und flüſterte leiſe
vor mich hin: »Ich will nicht!« Mein Vater kam herbei
Schon in meiner Kindheit glaubte ich, der größte und ſprach: »Emmeline, ich habe Dir einen Lehrer ge
Stolz des Weibes ſey, zu ſagen: »Ich will nicht!« nommen, Du mußt jetzt lernen, und das lernen, was
Ich hatte, ſo viel ich mich noch meines frühen Kindes Dir aufgegeben wird;« aber meine Tante kam auch her
alters zu entſinnen wußte, gar oft bemerkt, wie meine bei und ſprach: »Nein, liebe Emmeline, wenn Du heute
Mutter die meiſten Wünſche meines Vaters mit einem gerade nicht willſt, ſo mußt Du nicht lernen!« – und
kurzen, trockenen: »Ich will nicht!« niederſchlug. Später, die Stimme meiner Tante entſchied, die Lehrſtunde wurde
als die Mutter geſtorben war, und die Tante die Füh für heute aufgehoben. Dies war mein erſter größerer
rung des Hausweſens übernahm, hörte ich gar oft von Triumph: ich hatte über Lehrer und Vater den Sieg
ihr rühmen, daß, was ſie nicht wolle, gewiß nicht ge davon getragen. Aber ich wollte nun auch nicht ſtehen
ſchehe, und eben ſo, was mein Vater wolle, gewiß auch bleiben, ſondern von Sieg zu Siege eilen. Kaum nahte
nicht geſchehe. Als nun meine Denkkraft ſich zu entwickeln die zweite Lehrſtunde, ſo ſchmiegte ich mich freundlich
begann, theilte ich das Menſchengeſchlecht in zwei Hälften: an die Tante und flüſterte: »Tante, ich will den Lehrer
in Menſchen, welche Ich will nicht ſagen, und ihren nicht!« – »Närrchen, warum nicht, er iſt ja ſo fromm
Nicht-Willen durchſetzen, und in Menſchen, welche zwar und ſanft!« erwiederte die Tante. »Aber, wenn Du ihn
Ich will ſagen, aber ihren Willen nicht durchſetzen. nicht willſt: ich habe ihn nicht beſtimmt und ſo brauchſt
Die erſtere Hälfte des Menſchengeſchlechtes, das negative, Du ihn nicht zu behalten.«
aber doch Alles durchſetzende Prinzip, ſind die Frauen, die So ſprach ich gar manches »Ich will nicht!« mit dem
zweite Hälfte, das nachgiebige Prinzip, ſind die Männer, beſten Erfolge. Mein Vater ſeufzte zwar oft darüber,
die ſogenannten Herren der Schöpfung. meine Tante aber nannte mich bloß ein allerliebſtes
Kaum hatte ſich dieſe Diſtinktion in meinem Geiſte Starrköpfchen. Und hatte ich ein - oder das andere Mal
feſtgeſetzt, ſo fing ich auch an, mich in dem, was ich für recht ſtandhaft mein »Ich will nicht« vertheidigt, ſo ſagte
den Vorzug der Frauen, für die Beſtimmung des ſchöne die Tante lächelnd: »Emmeline wird ganz werden, wie
ren Geſchlechtes hielt, zu üben. Die erſten Verſuche ſtellte ich bin und wie ihre ſelige Mutter, meine Schweſter
ich mit meinem jüngeren Bruder an, und alle gelangen war !« – einer der höchſten Lobſprüche, welchen ich von
nach oder über Erwarten, mein Bruder mochte bitten, meiner Tante je irgend einem Mädchen ertheilen hörte.
weinen, ſchreien, klagen, wie er wollte, hatte ich ein Denn meine Tante hielt immer ſich, und nächſt ſich meine
mal: »Ich will nicht!« geſagt, ſo wich ich auch um kein verſtorbene Mutter, für das höchſte Ideal weiblicher Voll
Haar breit von meinem Ausſpruche ab. Da mein erſtes kommenheit.
Debut ſo gelungen war, ſo beſchloß ich, mir ein ſchwe Ich begreife noch heute nicht, wie es meinem Vater
reres Ziel zu ſetzen. gelang, mich, als ich das vierzehnte Jahr erreicht hatte,
Mein Vater gab mir um dieſe Zeit einen Lehrer. in eine, von meiner Heimat ziemlich entfernte Penſion zu
Auf den erſten Blick erkannte ich in dieſem den ſanft ſchicken. Aber ich befand mich noch kaum vierzehn Tage
müthigen Charakter der Männerwelt, und als er ein in derſelben, ſo hatte ich bereits von einer Mitpenſionä
Buch aufſchlug, und ſagte: »Das leſen Sie,« erwiederte rin, einer jungen Franzöſin, den Namen erhalten: Made
ich ganz kurz und trocken: »Ich will nicht !« Ich war moiselle Ikvillnitt, ein Name, den ich bald in der
geſpannt auf die Wirkungen dieſes: »Ich will nicht!« ganzen Penſion führte, und auf den ich – ich muß es
geſt . . . nein, ich will es nicht läugnen – wirklich »Liebe Tante !
etwas ſtolz war. Ich will nicht länger in dieſem Penſionat bleiben.
Ich ließ, wie Sie ſehen, auch in der Penſion mein: Sagen Sie meinem Vater, er möge ſo ſchnell als mög
»Ich will nicht!« nicht unausgeſäet, aber ſeltſamer Weiſe lich die Gelegenheit um mich ſenden. Die Urſachen mei
gedieh auf dieſem Boden das Kräutlein nicht ſo gut, wie nes Handelns theile ich Ihnen dann mündlich mit. Aber
im Vaterhauſe. Meine Mitpenſionärinen waren ja auch hier bleibe ich auf keinen Fall, nein, ich will nicht
Damen, in ihnen lebte ja auch das Negationsprincip, hier bleiben. Ihre
nur nicht in ſo üppiger Entfaltung, wie bei mir. Mein Emmeline.«
»Ich will nicht !« wurde hier bei weitem nicht ſo reſpektirt, Das Billet wurde gefaltet, geſiegelt, und ich ſandte
wie zu Hauſe, und ich ſehnte mich daher zurück zu mei es ſofort auf die Poſt. Dann trat ich wieder in den
nem Vater, der mein Negativ- Geſetzgebungsrecht ſo wohl Geſellſchaftsſaal und ſetzte mich mit trockenen Augen und
anerkannte, und zu meiner Tante, die mein Veto’s immer erheuchelter Ruhe an's Piano, und ſpielte einen Triumph
ſo wirkſam unterſtützte. Eines Tages hatten wir ein marſch.
kleines Feſt zur Feier des Geburtstages unſerer Vorſte Zu meinem Aerger kümmerte ſich keine von den Pen
herin verabredet. Es ſollte ein kleines Schauſpiel von ſionärinen um mich. Sie trafen friedlich ihre Vorberei
uns Penſionärinen aufgeführt werden, und wir ernannten tungen zum Feſte und ließen mich dabei ganz unberück
aus unſerer Mitte ein Comité, welches die Rollen zu ſichtigt.
(Der Beſchluß folgt).
vertheilen und überhaupt das ganze Arrangement zu treffen
hatte. Ich hatte auf die Hauptrolle gehofft, aber das
Comité theilte dieſe Eugènien, der jungen Franzöſin, und M o ſ a i f.
mir nur eine kleine Nebenrolle zu. Das ſtarke Gewitter, welches in der Nacht von vorgeſtern
»Ich will die Rolle nicht !« rief ich, »Eugènie ſoll auf geſtern ausbrach, hat dem Vernehmen nach einen bedauerli
chen Unglücksfall verurſacht. Ein alter Herr aus einer achtbaren
mir die Hauptrolle geben und dieſe Nebenrolle überneh Familie fuhr zu dieſer Zeit auf der Chauſſee über den Berg bei
men, denn die will ich auf keinen Fall ſpielen.« Selz nach der Podbaba zu, als der Blitz das Geſpann traf. Den
»Mademoiselle Ikvillnitt, ik vill auk nitt!« rief Herrn fand man todt am Fuße des Berges; der Kutſcher kam
Eugènie und ein ſchallendes Gelächter des ganzen Pen wieder zu ſich und iſt unbeſchädigt. Von den Pferden iſt das eine
von dem Strahle getödtet worden. – –
ſonats folgte auf dieſe Worte. Dies war mir noch nie Am Scalatheater zu Mailand iſt eine neue Oper (oder wie
begegnet! Widerſetzt hatte man ſich mir, geſtritten hatte der Zettel es nennt, »ein komiſches Melodram mit Muſik«) von
man ſich mit mir: doch Streit iſt ja eines der Elemente Mandanici gegeben worden. So wenig die Mailänder italieniſchen
des weiblichen Lebens – aber ausgelacht zu werden, Blätter den Tert loben, ſo vielen Beifall geben ſie der Muſik,
ausgelacht! Nein, dies ertrug ich nicht! welche ſolid und doch geſchmackvoll ſeyn ſoll; auch fand ſie ſtürmi
ſchen Applaus. Nebſt den Italienern wirkte Dem. Lutzer bei der
»Ik vill auk nitt, Mademoiselle Ikvillnitt !« wie
Vorſtellung mit. »Jenny Luzer«, ſagt die Fama, »obgleich
derholte im Ehore das ganze Penſionat, unter ſtets ihre Rolle an Wichtigkeit die dritte iſt und zwei Männerrollen
erneutem ſchallendem Gelächter. Ich verſuchte meinen nachſteht, wollte gleich ihnen glänzen und ſie vermochte es voll
Grimm zu verbeißen, aber es gelang mir nicht, ich brach kommen. Sie ſang mit jenem unvergleichlichen Eifer, der in ihrer
Natur liegt. Zu dem geſegneten Studium des Geſanges geboren,
in eine Fluth von Thränen aus. Eine Mitpenſionärin, weiß ſie jede, auch die feinſte und höchſte Schwierigkeit zu beſie
Mitglied des Comités, trat auf mich zu und ſuchte mich gen; ſie iſt deren unbeſchränkte Gebieterin. Der Styl ihres Ge
durch zärtliche Worte zu begütigen, aber ich ſtieß ſie ſanges iſt blumig, einſchmeichelnd, hinreißend; ihre Stimme iſt
heftig zurück. herrlich, dabei biegſam, voll Zierlichkeit und Ausdruck. Wollte
ſie nur mit Beharrlichkeit dem Studium der italieniſchen Oper ſich
»Laßt die wilde Katze,« rief da eine Stimme aus ergeben, ſo zweifeln wir gar nicht, daß ſie nach ihrem bisherigen
unſerer Mitte, »will ſie nicht, ſo muß ſie nicht, ſie muß Erfolge mit ſchnellſtem Fluge auch hier gewiß jenes höchſte Ziel
gar nicht ſpielen.« erreichen würde, zu dem ſie in ihrem Vaterlande ſich aufſchwang.«
»Und ſie ſoll nicht ſpielen, wir wollen nicht, daß ſie In ähnlich günſtiger Weiſe urtheilt auch der Figaro. – –
Herr Heinrich Heine hat am 14. Juni auf öffentlicher Straße
ſpielt. Ja, wir wollen's nicht, Fräulein Ikvillnitt!« Ohrfeigen erhalten. Der Hergang iſt folgender. Vor mehren
riefen die Uibrigen. Jahren, als Börne mit Hrn. Heine bereits zerfallen war, wurde
»Und ich will nicht länger im Penſionat bleiben, hier von Jemand im Scherz das Gerücht ausgeſprengt, Börne werde
unter Euch,« ſchrie ich auf, und ſtürzte mitten durch ſie eine Biographie Heine's für die von Spazier redigirte »Galerie
der ausgezeichnetſten Iſraeliten« ſchreiben. Herr Heine, den nichts
fort, auf mein Zimmer. Das Gelächter des ganzen Pen mehr ärgert, als daß man ihn zu den Juden zählt, drohte, falls
ſionats ſchallte mir noch lange nach! Börne ſeine Biographie ſchreibe, die Freundin Börne's, Madame
In meinem Cabinette machte ich meinem Grimme S., zu verunglimpfen und ſich empfindlich zu rächen. Von dem
Luft. »Ich will nicht hier bleiben! Ich will nicht!« Gatten der Mad. S. hierüber zur Rede geſtellt und zur Satis
faction mit den Waffen der Ehre aufgefordert, benahm ſich Herr
rief ich ſchluchzend, und ſetzte mich zu meinem Schreib Heine auf eine Weiſe, die ſeine ſonſtigen Rodomontaden an Men
tiſche und ſchrieb ſofort ein kurzes Briefchen an die zel als lächerlich erſcheinen läßt; er lehnte jedes Duell ab. Nun
Tante. erchien nach dem Tode Börne's das berüchtite Buch Heines,
über das ſich in ganz Deutſchland nur Eine Stimme des Ab derbe Ohrfeige. Sogleich verſammelte ſich eine große Menge
ſcheues vernehmen ließ, und das von allen Deutſchen ſeiner Fri Menſchen. Herr ſagte Herrn Heine, daß er zu allem
volität wegen getadelt wurde. Die Bosheit gegen die edle Freun Ehrenkampfe bereit ſey und nannte ihm ſeine Wohnung. Herr
din Börnes war darin auf's Höchſte getrieben. Ein Weib wurde Heine, in der Beſtürzung, hob ſeinen Hut auf und gab Hrn. S.
darin auf das ſchändlichſte verunglimpft. Am 14. nun begegnete gleichfalls ſeine Karte. Man erwartete nun nichts Geringeres
Herr S. in der Straße Richelieu dem Hrn. Heine. Nach einigen als ein Duell; aber Hr. Heine reiſte ſchnell den andern Tag nach
heftigen Worten gab Herr S., dem gegen den Beleidiger ſeiner den Pyrenäen ab. – –
Frau keine anderen Waffen zu Gebote ſtanden, Herrn Heine eine

Kunſt und Leben in Böhmen.


W. l | e r | e i. des Vereins hatte im Jahre 1840, trotzdem, daß er zu mehr
als einem Zwecke in Anſpruch genommen wurde, Geldmittel genug,
Seit dem 26. wurden auf unſerem Theater folgende Stücke um zwei einheimiſche Akademiker mit einem Reiſe- und Suſten
aufgeführt: »der ſchwarze Domino«, »die Zurückſetzung«, ºder tationsbeitrage von 480 fl. E. M. zu bedenken, und noch außer
Verſchwender« und »der Blitz . Im »Verſchwender« irat als Gaſt dem 104 fl. C. M. als Honorar für kopirte Frescogemälde und
Herr Rott, Regiſſeur vom Peſther Theater, auf. Ich habe ſchon zur Anſchaffung nöthiger Requiſiten für die Schüler zu verwenden.
bei einer andern Gelegenheit bemerkt, daß die Darſtellung des Eine beſondere Sorgfalt wendet die Geſellſchaft patriotiſcher Kunſt
»Valentin« in Raimund's »Verſchwender« an Bühnen, wo das freunde der Vermehrung der Bildergalerie lebender Künſtler
Andenken des Dichters nicht erloſchen iſt, zu den ſchwierigſten Auf und der Emporbringung der alljährig ſtattfindenden Kunſtaus
gaben eines Gaſtes gehöre; denn jede Darſtellung des »Valentin« ſtellungen zu. Auf dieſem doppelten Wege hat ſie bereits achtbare
kann, wenn ſie gefallen ſoll, immer nur eine Annäherung an Talente geweckt, ihnen die Ausſicht auf ein lohnendes Wirken er
Ra im un d's Darſtellung ſeyn, nie aber das Original erreichen; öffnet, und zur Förderung des Zweckes vaterländiſcher Kunſtbil
denn dieſe Rolle ging, wie das ganze Stück, aus der vielfach ge dung auch das kunſtliebende Ausland gewonnen. Daß zu den mit
trübten und zu bitterernſten Reflexionen veranlaßten Gemüthsſtim ſteigendem Intereſſe aufgenommenen Kunſtausſtellungen die Con
mung des Dichters hervor, der ſich in der Rolle des »Valentin«, currenz des Auslandes von Jahr zu Jahr zunimmt, ſollte keinen
beſonders in den ernſteren Momenten derſelben, gab, wie er gerade Inländer betrüben oder kränken, ſondern vielmehr als ein Beweis
ſelbſt war. Auch ſein damaliges Alter, ſeine Stimme, ſeine Eigen ehrender Theilnahme an vaterländiſchen Beſtrebungen erfreuen.
heiten in der Geſtikulation, kurz die ganze Erſcheinung, trugen zu Wenn wir einen Blick in den Geſellſchaftsſtand des Jahres 1840
dem Totaleffekt ſeiner Darſtellung weſentlich bei. Es bleibt ſonach werfen, ſo müſſen wir dankbar anerkennen, daß der inländiſche
bei dem doppelten Umſtande, daß in Dichtung und Darſtellung ge Adel an dem Gedeihen des vaterländiſchen Kunſtinſtitutes den leb
rade Ra im un d's Individualität das Intereſſante war, und daß hafteſten und erfolgreichſten Antheil zu nehmen fortfährt, und wenn
uns ſein »Valentin« noch im friſchen Andenken geblieben iſt, dem die Namen, die ich jetzt nennen werde, nicht ſchon in dem Gene
Gaſte nichts übrig, als entweder Raimund's Erſcheinung in ralberichte gedruckt wären, ſo würde ich mich ſcheuen, ſie in einem
Sprache, Haltung und Gebärdung zu kopiren (was kaum möglich Artikel anzuführen, der als ein überflüßiges Lob ſehr leicht miß
iſt, und wenn es möglich wäre, als Nachäfferei auffallen müßte), deutet werden könnte. Herr Graf Erw ein Noſtitz, der Präſident
oder nach dem ihm eigenthümlichen Fonde von körperlicher Bered der Geſellſchaft übernahm im Verlaufe des Jahres 1840 und zwar
ſamkeit den Geiſt der Rolle zu veranſchaulichen und zwiſchen in einem Augenblicke, wo ſich für das mühevolle Geſchäft kein An
Raimund's Eigenthümlichkeit und der eigenen zu laviren. Das derer fand, die Kaſſa - und Rechnungsführung proviſoriſch, und
erſtere Mittel, Raimund im Charakter des Valentin zu erſetzen, Herr Graf Franz Thun fährt fort, die prager Kunſtausſtellungen
hat Herr Fe iſt man tel mit Recht verſchmäht, und in der An auf jenen Gipfel zu erheben, wo ſie mit gleichen Unternehmungen
wendung des zweiten war dieſer fleißige und beſonnene Komiker des Auslandes den Vergleich aushalten können und ſchon ausge
ſo glücklich, daß wir bisher keinen beſſeren Nachfolger des treu halten haben. Im vorigen Jahre wurden für Kataloge und Ein
herzgen Valentin ſahen, welcher ſeinen Hobel leider niedergelegt trittskarten eingenommen 1639 fl. 56 fr. C. M.; dies iſt ein
hat, bevor es Zeit war. Es iſt alſo an unſerer Bühne doppelt numeriſcher Beweis der Theilnahme, welche das Publikum an den
ſchwer, in der Partie »Valentin's« als Gaſt aufzutreten. Wir von der Geſellſchaft veranlaßten Ausſtellungen und zwar beſonders
konnten von der Vorſtellung des 27. nur einen Theil ſehen, und in den letzten Jahren genommen hat.
fanden, daß Herr Rott mit einem beweglichen Spiele ein klang Ich habe dieſen Artikel nicht darum vom Theater begonnen,
volles Organ verbinde, welches ſich auch zum wirkſamen Vortrage weil ich dieſes Inſtitut jeder anderen Bildungsanſtalt vorziehe,
der komiſchen Couplets und Duette eignet. Er lokaliſirt weniger, ſondern weil ich von den Neuigkeiten des Tages anfangen wollte,
als ſeine Vorgänger und dieſes Lokaliſiren iſt in einem nur halb ſo weit ſie vaterländiſche Beſtrebungen berühren, und ſo wird man
komiſchen Zaubermärchen eben nicht nothwendig. Da ich gehört mir den Titel »Allerlei« auch darum nicht verargen, wenn ich
habe, daß er ſich in dem ſchönſten Akte dieſes dramatiſirten Origi plötzlich von der Poeſie auf die Proſa des Lebens übergehe. Es
nalmärchens, nämlich im letzten, beſonders auszeichnete, ſo iſt nämlich vor Kurzem das 7. Heft der mit gleich lobenswerther
können wir der Fortſetzung ſeines Gaſtſpieles mit Vergnügen ent Tendenz und Sorgfalt fortgeſetzten Zeitſchrift »Belehrungs- und
gegenſehen. Für heute will ich dem geneigten Leſer der »Bohemia« Unterhaltungsblatt für den Landmann und kleinen Gewerbsmann
einige nicht theatraliſche, aber darum gewiß nicht weniger inter Böhmens« erſchienen und in demſelben neuerdings ein Artikel auf
eſſante Nachrichten mittheilen. genommen worden, welcher eine Doppelfrage berührt, die in Be
Es liegt vor uns der Generalbericht der Geſellſchaft patrioti zug auf Oekonomie und Lebensbedarf mindeſtens als halbe
ſcher Kunſtfreunde und zwar über die Zuſtände und Beſtrebungen Lebensfrage gelten kann, »woher nämlich die nicht nur in einigen
derſelben während des Jahres 1840, aus welchem wir folgende Gegenden unſeres Vaterlandes, ſondern auch am Rhein, und in
Notizen entnehmen. An die Stelle des verſtorbenen Akademiedi vielen anderen Ländern des deutſchen Auslandes ſchmerzlich em
etor und Profeſſors Kadlik wurde am 24. Oktober vorigen pfundene Fäulniß der Kartoffel herrühre und wie dieſem Uibel auf
Jahres in einer zahlreichen Geſellſchaftsſitzung erwählt: Herr dem Felde und im Keller zu ſteuern ſey?« Ein ſehr achtbarer
Chriſtian Ruben aus Trier, der ſein ehrenvolles Kunſtwirken Mitarbeiter der »Unterhaltungs- und Belehrungsblätter, der ſich
in München auch durch die eingeſchickten, ſehr beifällig aufgenom J. D. mit dem einfachen Beiſutze »Bürger« unterzeichnet, hat von
menen Zeichnungen und Gemälde bewährt hat. Bei Gelegenheit Graßlitz aus, wo er anſäßig iſt, ſchen im 5. Hefte einen Auf
des zur Beſetzung der Akademiedirektorsſtelle eröffneten Konkurſes ſatz eingeſchickt, in welchem er erklärt, daß er trotz aller ſorgfäl
haben mehre zum Theil ausgezeichnete Künſtler des Auslandes tigen Beobachtung der Urſache des Uibels nicht auf den Grund
Bilder und Zeichnungen eingeſendet, was der hierländiſchen Kunſt kommen, und trotz aller Mühewaltung dem eingeriſſenen Uibel
ºſtat gewiß zu großer Ehre gereicht. Zu korreſpondirenden Ehren nicht abhelfen konnte. Eine Aufforderung der f. k... patriotiſch
Ägliedern, wurden die Herren Joſeph Führich in Wien und ökonomiſchen Geſellſchaft, in Bezug auf die oben angeführte Frage
Ä, Architekturmaler
verdienſtvollen
des
in München Kgewählt,
Galeriedirektors um das zuAndenken
a d lik würdig ehren, motivirte Berichte einzuſenden, bewog Herrn Dr. und Profeſſor
Kahlert, ein »neues Kartoffelbüchlein« zu ſchreiben, in welchem
"ºrde beſchloſſen, ihm von einem vaterländiſchen Künſtler, nämlich er offen geſteht, daß er die gegenwärtig wirkenden Urſachen der
von Herrn Emanuel M ar, ein Monument auf dem Wolſchaner trockenen und naſſen Kartoffelfäule zwar nicht angeben könne, ſich
Gottesacker uführen zu laſſen, welches dieſer gleich nach ſeiner aber dieſes betrübende Ereigniß im Allgemeinen nur daraus er
Äre Ä Rom in's Werk zu ſetzen verſprochen hat. Dem kläre, daß die Kartoffel durch fortgeſetzte Knollenlegung ausgear
Eifer, mit welchem Hr. Wenzel Manes durch volle 6 Monate tet, oder wenn man lieber will, entartet ſey. Es wäre daher am
Ämt eines ſupplirenden Profeſſors der Akademie verſah, wird Beſten, Kartoffeln vom Samen zu erziehen, oder ſich Knollen aus
artete Geſchlecht zu regeneriren Die Anſicht, daß die Kartoffel Die Kurliſte enthält ſchon 65 Engländer ladies and gentlemen,
durch Fliegen und Würmer, die an ihr zehren, verdorben werde, die Dienerſchaft ungezählt. Ein Engländer Mr. Samuel Harriſon
findet der Graßlitzer Bürger I. D. unſtatthaft und erklärt die Kar hat im »ſteinernen Hauſe« auf der Wieſe ein english coffee-house
toffelfäule für eine epidemiſche Krankheit (etwa wie die Cholera), eingerichtet, wo ſeine Landsleute mit den vorzüglichſten National
welcher Himmel und Erde abhelfen wird , wenn die Menſchen gerichten bedient werden, und wo am 26. eine Geſellſchaft von
das Ihrige beitragen. Ich habe in dieſem Streite weder Sitz noch 26 engliſchen Damen und Herren ein Gaſtmal hielt, ſo gut es in
Stimme, wollte ihn aber nur darum erwähnen, um zu zeigen, daß Karlsbad möglich iſt, wo man ißt, um zu leben, nicht aber lebt,
ſich in unſerem lieben Vaterlande geachtete Männer für Alles in um zu eſſen.
tereſſiren, was die geiſtigen und phyſiſchen Verhältniſſe eines Vol Bisher fand erſt ein einziger Ball, zum Vortheile der hieſi
kes betrifft, welches dem Ziele einer verſtändig geſuchten und ſittlich gen wohlthätigen Anſtalten, mit einem Erträgniß von 400 fl.
erworbenen Wohlhabenheit rüſtig zuſtrebt. - E. M. ſtatt und noch hat kein Muſiker ein Concert gegeben.
Prof. Ant. Müller. Porträtmaler ſind ſchon viele hier eingetroffen. –
Die franzöſiſche Schauſpielergeſellſchaft des Hrn. Harel gibt
ſeit vierzehn Tagen Theatervorſtellungen. Mehre der Mitglieder
Correſpondenz aus Böhmen. waren früher bei den kön. Theatern in Paris engagirt, am be
Karlsbad, 27. Juni. rühmteſten jedoch iſt Mlle. George. Noch immer ſchön, ſtets edel
Vor wenigen Tagen noch war ſo heißes Wetter, daß Kur und pathetiſch, hat ſie unſer cosmopolitiſches Publikum durch die
gäſte, die ſich in überſeeiſchen Ländern aufgehalten, die Hitze ſo Energie ihres Spieles, beſonders in den Dramen Léon und Alir,
drückend fanden, wie zwiſchen den Tropen; die plötzliche Kälte hingeriſſen. Morgen tritt ſie in Voltaire's Merope, der ſiebenten
und Näſſe, in welche jenes Wetter umſprang, hatte jedoch keinen und letzten Vorſtellung dieſer Geſellſchaft, auf. Nach ihr wurde
nachtheiligen Einfluß auf die Frequenz unſeres Kurortes. Nach Mlle. Senn, eine junge, hübſche Schauſpielerin voll Naivetät und
der Badeliſte iſt die Zahl der Parteien 1215, der Perſonen 1975. Grazie ausgezeichnet. Das Publikum war nicht zahlreich genug,
Die Geſellſchaft iſt, wie ſtets, vortrefflich für den, der unter einer um die Geſellſchaft zu längerem Hierbleiben zu ermuntern; ſie
ſo großen Verſammlung aus allen Ständen und Beſchäftigungen wird übermorgen nach Norddeutſchland abreiſen. Das deutſche
mit richtigem Takte zu wählen weiß. Bisher hat K. in der laufen Publikum hat wenig Geſchmack an den niedlichen Vaudeville's ge
den Saiſon noch ganz das Gepräge ſeiner eigentlichen Beſtimmung, funden; die Muſik ſchien den Zuhörern, die an die ſchönen und
eines Heilortes; noch kein glänzendes Feſt hat - ſtattgefunden tiefen Tonwerke eines Beethoven und Mozart gewöhnt ſind, ſehr
und Fürſten und Fürſtinen leben ſo ſtill nud einfach, wie der mager und der ächt franzöſiſche Geiſt jener Stücke ſchien ihnen zu
eingezogenſte Privatmann. Auf dieſe Art entſpricht Karlsbad ganz entgehen, Uiberdies hielten die erhöhten Preiſe viele zurück. Trotz
dem geiſtreichen Gemälde, welches Dr. James Johnſon in ſeinen des ſchlechten pecuniären Erfolges wird die Geſellſchaft von allen
»Pilgerfahrten zu den deutſchen Bädern« von ihm entwirft. "In geſchätzt, welche Geiſt, Talent und ein vollendetes Zuſammenſpiel
zu würdigen wiſſen. – : k.
einer großen Krankenanſtalt, wie Karlsbad, wo Leidende aus allen
Weltgegenden zuſammenkommen, kann man die Phyſiognomie der - - 29. Juni.
Krankheiten am beſten ſtudiren; denn jede Heilquelle hat (abgeſe Geſtern wurde Voltaire's Tragödie, »Merope«, in welcher
hen von den nothwendigen Uibereinſtimmungen) gewiſſe eigenthüm Mlle. George die Titelrolle ſpielte, mit ungewöhnlichem Beifalle
liche Züge. Selbſt bei dem flüchtigſten Beſuche der Aachener aufgeführt. Das Theater war ganz voll und nach dieſem glänzen
»eyſeſchen Quelle« würden die mannichfaltigſten Hautkrankheiten den Erfolge wird die franzöſiſche Schauſpielergeſellſchaft, Mittwoch
auffallen, während die ganz nahe gelegenen Quellen von Spaa, kº." eine Vorſtellung geben und zwar die Tragödie »Mac
L)«. zºc:3.
dann Schwalbach, Brückenau, Bucklet und derlei eiſenhältige Brunnen
blaſſe, entkräftete, gleichſam von Vampyren ausgeſogene Geſtalten
zeigen. Wiesbadens Emblem ſcheint ein geſchwollener oder gichti Teplitz, 30. Juni.
ſcher Fuß zu ſeyn, das vom Wildbade eine Krücke, oder ein vom Die Allgemeine Zeitung Nr. 174, und nach ihr die Leipziger
Schlage Gelähmter, der einen Fuß nachſchleppt, jenes von Kiſſin enthalten die Nachricht aus Teplitz, daß die Quelle des Neu- oder
gen eine geſchwollene Leber und endlich das von Marienbad ein ehemaligen Schwefelbades am 10. Juni eine Zeit hindurch aus
Falſtaffiſcher Bauch und ein farbloſes Auge. Karlsbad aber ein geblieben ſey. Der Verfaſſer jenes Correſpondenzartikels will dies
zig in ſeiner Art, bietet die größte Mannigfaltigkeit an Krank Ereigniß mit einem Erdbeben in Verbindung wiſſen, das am 8.
heiten unter allen bekannten Bädern. Ohne der anderen Brunnen desſelben Monats, als dem Tage des großen Sturmes, die ſüd
zu gedenken, ſehen wir z. B. Morgens am Sprudel die verſchie lichen Himmelsſtriche getroffen haben würde, worüber er nähern
denſten, bisweilen faſt entgegengeſetzten Gebreſte und zwar nicht Nachrichten entgegenſieht.
an vereinzelten Perſonen, ſondern an Gruppen von 20 – 30.« Ich kann Ihnen mit Beſtimmtheit verſichern, daß weder die
Dieſe Bemerkungen ſind ſehr treffend. Nicht nur gewahrt man Neubadquelle noch eine andere Najade von Teplitz ſich die geringſte
in Karlsbad die vielfältigſten chroniſchen Krankheiten jedes Landes: Untreue hat zu Schulden kommen laſſen. Bei näherer Erkundi
man findet ihrer auch, die den Leidenden fern von ſeiner Heimat gung erfuhr ich zwar, daß ungefähr um jene Zeit in zwei Baſſins
befielen. Es halten ſich hier viele Kurgäſte aus England und des genannten Bades der Waſſerſtrahl plötzlich durch einige Se
Norddeutſchland auf, deren Geſundheit das Klima von Braſilien, kunden unterbrochen worden ſeyn ſoll, da aber ſämmtliche Baſſins da
Indien, den Antillen, Neu-Orleans c. zerrüttete; einer ſogar ſelbſt nicht unmittelbar von der Quelle, ſondern aus einem großen,
lebte zehn Jahre in Sierra Leone, dem »Grave der Weißen«, gemeinſchaftlichen Reſervoir ihren Zufluß erhalten, ſo kann irgend
wie die Neger dieſe verrufene Colonie nennen, aus welcher nur ein Hinderniß höchſtens innerhalb der Röhrenleitung ſtattgefunden
Äf) f!.–
nach einem drei- oder vierjährigen Aufenthalte zurück haben, vielleicht eine häufigere Gasentwicklung, wie ſie bei niedri
gem Barometerſtande gewöhnlich iſt. Die Sache gelangte daher
h Mehre Diplomaten, beſonders ruſſiſche, halten ſich gegen
auch nicht einmal zur Kenntniß der Bewohner, welche ſie erſt von Augs
wärtig hier auf, ſo Graf von Pahlen, Geſandter in Paris. Graf burg und Leipzig aus erfuhren. Ich wünſche nur noch, zum Glücke
Gourieff, Geſandter am k... ſicilianiſchen Hofe, Graf. Medem, unſerer ſüdlichen Mitbrüder, daß die geologiſchen Conjuncturen
außerordentlicher Geſandter in Stuttgart, ferner Generallieutenant des gedachten Correſpondenten nicht weniger irrig ſeyn mögen.
Graf von Bloome, däniſcher Geſandter in Petersburg und Herr Ebenſo Unrichtiges enthielt ein früherer, mit demſelben Zei
von Könneritz, ſächſiſcher Geſandter in Paris. chen (*) marquirter Artikel aus Teplitz in der Allgemeinen Zei
Außer den bereits erwähnten Gelehrten kamen von wiſſen tung, in welchem geſagt wird, daß die Frequenz der Kurgäſte in
ſchaftlichen Notabilitäten hieher Herr Hofrath Hohnbaum, Leib dieſem Jahre jener des verfloſſenen ſehr nachſtehe. Ich habe jedes
arzt der Herzogin Paul von Würtemberg, Prof. Otto von Bres mal bei meinen Nachrichten aus Teplitz die diesjährige Bade
lau, der deutſche Cuvier, der bekannte Schriftſteller Laube und liſte mit der vorjährigen verglichen, ſo daß die Leſer der Bohemia
zwei engliſche Damen, Miſtreß Auſtin, welche die deutſche Litera das Falſche dieſer Behauptung unmittelbar einſehen mußten. –
tur durch treffliche Uiberſetzungen in England einbürgert und Wir erfreuen uns jetzt wieder fortwährend der günſtigſten, häufig
Miſtreß Hamilton Gray, Verfaſſerin eines ausgezeichneten Werkes durch wohlthätige Gewitter unterbrochenen Witterung. Die Bade
über die hetruriſchen Gräber, endlich Hr. Benjamin Oliveira, ein liſte zeigt bis zum 28. Juni 951 Parteien mit 1520 Perſonen; die
Engländer von portugieſiſcher Abſtammung, ein ausgezeichneter vorjährige desſelben Datums 704 Parteien mit 1142 perſonen.–
Geolog, Mitglied der k. Geſellſchaft zu London und Verfaſſer
gediegener Reiſewerke
einer Beſchreibung über Braſilien,
Madeira's und der Spanien undInſeln.
canariſchen Portugal und –
*) Von Ducis oder von Shakeſpeare? D. R.
-

-
- -

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Bohemia, ein

unterhaltungsblatt.
-

Den 4. Juli N**: S CD. 1S4 1.

Ich will nicht ! Rede mehr mit: Ich will nicht! an, ſondern bleibe in
(Bc ſchluß). der Penſion, deren Vorſteherin mir als eine treffliche
Drei Tage verfloßen. Ich ſtand dieſe ganze Zeit Dame bekannt iſt und Dich gewiß beſſer erziehen wird,
meinen Gefährtinen kalt gegenüber, und führte uns ja als ich es könnte.
die Nothwendigkeit zuſammen, ſo wechſelten wir einige Dein Vater 1c.«
kalte Höflichkeiten oder ſpöttiſche Blicke. Ein ſolches Be
nehmen konnte der Vorſteherin nicht entgehen, ſie nahm Ich überſpringe einen großen Zeitraum, der reich an:
mich auf ihr Zimmer und fragte mich ſanft, was dies zu »Ich will nicht«, aber auch nicht arm an Kränkungen für
bedeuten habe. Aber ich hatte mir vorgenommen, die mich war, die ich eben meinem »Ich will nicht« zuzuſchrei
letzte Zeit meines Hierſeyns mich recht trotzig zu beneh ben hatte. Von dieſer ganzen Zeit, die faſt zehn Jahre
men, und wollte eben meinen Vorſatz ausführen, als ein umſchließt, will ich nicht mehr erwähnen, als daß ich,
Diener hereintrat und der Vorſteherin ein Schreiben übergab. nachdem ich mich mit meinen Gefährtinen, die mir wirk
»Das Schreiben iſt an Sie, Emmeline,« ſagte ſie, lich rührende Beweiſe von Herzensgüte gaben, ausgeſöhnt
nachdem ſie einen flüchtigen Blick auf die Adreſſe gewor hatte, noch volle vier Jahre in der Penſion blieb, dort
fen, und reichte mir den Brief. an Bildung nicht wenig zunahm, aber trotz den eifrigen
Er war ſchwarz geſiegelt. Ich riß ihn mit pochendem Bemühungen der Vorſteherin mir das Ich will nicht
Herzen auf und las: nicht abgewöhnen konnte. Aus der Penſion kehrte ich nach
»Liebe Emmeline ! Hauſe zurück, hielt meinen Bruder hübſch in Unterwür
Gern hätte ich Dein Billet der Tante übergeben, aber figkeit, und – ungern geſtehe ich es – verurſachte
ein unvorgeſehener Umſtand hinderte mich daran. Wir meinem guten Vater viel Gram, indem ich allen Freiern,
ſaßen geſtern bei Tiſche, und ich machte der Schwägerin die um meine Hand anhielten, mit: Ich will nicht!
antwortete. -

einige Vorſchläge in Betreff unſerer Wirthſchaft, die


nach meiner Anſicht recht vernünftig waren. Ich wollte So erreichte ich das vier und zwanzigſte Jahr, und
nämlich unſern Weingarten, da er die letzten Jahre her Vater, Bruder und alle Verwandte und Freundinen
nicht viel trug, in ein Getreidefeld verwandeln, und machten mir Vorſtellungen, daß es nun endlich doch Zeit
Deinen Bruder Heinrich auf das Gymnaſium nach L* wäre, zu heiraten. Ich antwortete zwar jedesmal: »Ich
ſenden. Beides wollte meine Schwägerin nicht zugeben. will nicht heiraten,« aber ich weiß nicht, wie es geſchah,
Ich machte ihr einige ruhige Vorſtellungen, ſie wurde an einem ſchönen Sonntagsmorgen fuhr ich, bräutlich
heftig und als ich doch noch einige Gründe für meine geſchmückt, als Braut in die nahe Kirche. Mein Vater
Anſicht anführen wollte, rief ſie zornig: »Ich aber will war überglücklich, und auch in meinem Herzen regten ſich
ni – Das »nicht« ward von einem heftigen Huſten er ſeltſame, unbekannte Gefühle und ſelige Ahnungen.
ſtickt, denn ſie hatte die Unklugheit begangen, gerade Die Kirche war erreicht, die heilige Handlung ging
bevor ſie das »Ich will nicht,« rief, ein Stück Rindfleiſch vor ſich, in Anweſenheit einer zahlreichen Menge aus
in den Mund zu ſtecken. Das Rindfleiſch kam durch das der ganzen Umgebung, die Alle Zeugen ſeyn wollten, wie
»Ich will nicht«-Rufen in die unrechte Kehle, und – Fräulein Ich will nicht (denn dieſer Name war mir
ich bin kein Freund von vielen Worten, ſie erſtickte, ich aus dem Penſionate in meine Heimat nachgefolgt) endlich
weiß nicht, ob an dem Stückchen Rindfleiſch oder daran, einem Manne ihr Jawort geben würde. Ganz klar entſinne
daß ſie das nicht nicht herausbringen konnte. ich mich noch der kleinſten Einzelheiten des heiligen Aktes,
Laß Dir dies traurige Ende der ſonſt ſo braven Frau bis endlich der Prieſter ſich zu mir wandte, und mir die
zur Warnung dienen, und fange keinen Brief und keine gewöhnliche Frage vorlegte:
» Wollen Sie dem anweſenden Herrn . . . als Weib Wenige Tage nach meiner Geneſung wurde das Te
angehören und ihm treu bleiben Ihr Leben lang?« ſtament meines Vaters eröffnet. Mein Bruder wurde
Bei allen Heiligen kann ich es beſchwören, es war zum Univerſalerben eingeſetzt, und ſollte mir, dem Fräu
nicht meine Schuld, daß ich: »Ich will nicht,« ſagte ! lein »Ich will nicht« (ſo ſtand im Teſtament) einen Jahr
Meine Zunge ſprach mechaniſch die altgewohnten drei gehalt von 200 Gulden zahlen. »Noth bricht Eiſen,«
Wörtchen aus, und erſt das allgemeine Erſtaunen, das hieß es im Teſtamente, »und ich hoffe, daß die Noth
ſich hie und da ſogar durch leiſe Ausrufe kund gab, brachte auch ihren harten Sinn brechen wird. Das Schickſal
mich zur Erkenntniß deſſen, was ich geſagt. Der Prieſter wird ihrem Willen manches: »Ich will nicht!« entgegen
that, als ob er meine Worte überhört hätte, und wieder ſetzen und in Armuth wird ſie Demuth lernen müſſen.«
holte ſeine Frage, aber es war ſchon zu ſpät, ein Grau »Emmeline !« rief Heinrich, nachdem uns das Teſta
ſen vor mir ſelbſt erfaßte mich, ein ſchwarzer Flor über ment vorgeleſen war, »Dich hat das Unglück ſchwer
zog meine Augen, ich ſank in Ohnmacht. genug getroffen; wir theilen, was uns der Vater hinter
Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich in meinem laſſen.«
Boudoir auf dem Sopha. Niemand war bei mir, als »Ich will nicht!« rief ich, aber nicht mehr trotzig,
mein Kammermädchen. Sie ſah mich ſeltſam an, als ſondern gerührt von der Güte des Bruders und reuig
ſtünde ſie vor einem unheimlichen Weſen. Ich hatte nur die Wahrheit der Vorwürfe meines guten verſtorbenen
eine dunkle, unbeſtimmte Ahnung deſſen, was vorgegangen Vaters erkennend.
war, und fragte: Aber Heinrich, der von mir ſo oft gekränkte Heinrich,
»Wo iſt Adolph?« der bisher jedem meiner vielen »Ich will nicht« nachgegeben,
Das Kammermädchen warf mir einen Blick der Ver gab diesmal nicht nach. Ich mußte die Erbſchaft theilen.
wunderung zu und ſagte, ſie wiſſe es nicht. Seither ſind viele Jahre verfloſſen. Das Schickſal
»Und Heinrich?« hatte meinen trotzigen Sinn gebrochen, immer ſeltener
In dieſem Augenblicke trat Heinrich, mein Bru hörte man das »Ich will nicht« aus meinem Munde, und
der, ein. wenn ich ja noch einmal: »Ich will nicht !« ſage, ſo ge
»Ach Schweſter,« rief er, »warum haſt Du uns das ſchieht's nur um des Vorſatzes Willen:
gethan !« Ich will nicht mehr: »Ich will nicht« ſagen.
Die Worte führten mir plötzlich die ganze Scene in
all' ihrer Unheimlichkeit vor, ich ſchrie laut auf, und rief
ſchluchzend den Namen Adolph's. M o ſ a i k.
»Adolph läßt Dir ewig Lebewohl ſagen!« antwortete Uiber Dlle. Lutzer ſagt das »Mailänder Echo« bei Gelegen
mir Heinrich. »Er iſt gleich nach Deiner Weigerung ab heit der jüngſt erwähnten Oper von Mandanici: »Dlle. Luzer
gereiſt.« beſtätigte neuerlich die ſchönen Eigenſchaften, die ihr innewohnen,
und die nicht nur das Publikum, ſondern auch mirabile dictu
Ich ſank von neuem in Ohnmacht, und die heftige alle hieſigen Theaterrecenſenten, im Feuilleton der Mailänder
Gemüthsaufregung warf mich in ein hitziges Fieber. Im Zeitung, im Pirata, in der Fama, dem Figaro, dem Glissons,
Fieber verrieth ich, was ſonſt mein Stolz nie zugelaſſen und dem Corriere delle dame, deren Urtheile gewöhnlich das
hätte, meine Liebe zu Adolph und die Unfreiwilligkeit Sprichwort: »So viel Köpfe, ſo viel Sinne,« bewähren, einſtim
meiner Antwort, mein Bruder ſandte Adolphen ſchnell mig erkennen. Ihr Organ iſt glockenrein, ſie weiß die hochſten
Schwierigkeiten mit ſeltener Anmuth vorzutragen, und zeigt ſich
eine Erklärung nach, aber der Brief kehrte uneröffnet des ausgezeichneten Rufes würdig, den ſie ſich in dem kunſtſinni
zurück und auf dem Couvert ſtanden, wie mir ſpäter mit gen und kompetenten Wien, im ſtrengen, nicht leicht zu befriedi
getheilt wurde, von Adolph's Hand die Worte: »Dieſes genden Prag, ſo wie in den andern vorzüglichen Hauptſtädten
Schickſal werden alle von R* kommenden Briefe theilen.« Deutſchlands, mit vollem Rechte erworben hat. Sie ward wie
derholt gerufen.« – –
Nach langem, heftigem Kampfe mit dem Tode gewann
Am 21. Mai wurde in Königsberg im »Kneiphofe« ein Hippo
endlich das Leben den Sieg. Aber welch' trauriges Er phagen - Mahl (Pferdefleiſcheſſer-Mahl) feierlichſt begangen. Uiber
wachen zum Leben! Als ich zum erſten Male mit rück 60 Theilnehmer hatten ſich eingefunden. Der Veranſtalter des Feſtes,
kehrender Beſinnung die Blicke wieder aufſchlug, fielen Dr. Motherby, hielt eine Feſtrede, in welcher er beſonders von
mir die verweinten Augen Heinrich's und der Diener auf, dem Verdienſtlichen ſprach, das in der Beſiegung der Vorurtheile
und als ich nach meinem Vater fragte, den ich die ganze liegt, und daß durch gute Beiſpiele auf das Volk am beſten in
dieſer Hinſicht gewirkt würde. Der Rücken eines jungen Pferdes
Zeit über nicht geſehen hatte, antwortete man mir, ich gleich einem Rehziemer behandelt, Herz und Zunge des Pferdes
könne ihn noch nicht beſuchen. »Aber warum kommt Er wurden mit vielem Appetit verzehrt, und mehre der Theilnehmer
nicht zu mir, zu ſeiner kranken Tochter?« fragte ich. verſicherten, daß ihnen das Mahl wohl geſchmeckt und eben ſo gut
befommen wäre. – –
Ach bald erfuhr ich die Urſache. Er war todt, und –
In Vendome iſt eine Engländerin geſtorben, die, obwohl
ich fürchte, ich fürchte, ſein Tod laſtet auf – – geſund und kräftig, in ihren letzten ſechs Lebensjahren ihre Woh
Aber es war ja nicht meine Schuld, daß ich damals: nung nicht verlaſſen, und mit Niemanden Umgang gepflogen hat.
»Ich will nicht«, ſagte! Ihre einzige Geſellſchaft waren ein Hund und zwei Katzen. Den
Und doch ſagte ich es noch einmal! letzteren beiden hat ſie eine Rente von 4000 Frcs. legirt, der
Hund erhält eine Rente von 2000 Frcs. Stirbt eine der Katzen, durch einen Handgriff verbundenen Theilen beſteht. Es wird dabei
ſo fällt die ganze Rente der andern zu. Die Erblaſſerin hat auch ein Schmelz der Töne möglich, wie er auf Inſtrumenten, beſon
die Descendenz dieſer intereſſanten Creaturen nicht vergeſſen, und ders auf Blasinſtrumenten, nur irgend hervorgebracht werden
hinſichtlich derſelben direkte und Seiten- Erbfolge feſtgeſetzt. Die kann. Man glaubt zwei Fagotts, zwei Clarinetten und zwei Flö
jenige Perſon, welche die genannten drei Thiere verſorgen und ten zu hören, welche nach Willkür vereinigt, oder einzeln ſowohl
überwachen wird, ſoll eine Rente von 200 Frcs. erhalten. Die im Einklange, als in Oktaven ſpielen und doch iſt eine Neuheit
Erblaſſerin nannte ſich Miß Topping. Der Univerſalerbe iſt ein des Tones nicht zu verkennen. Doppelgriffe werden eben ſo leicht
Herr des Maiſons. Es iſt die Frage, ob er die Legatarien an auf dem Melophon ausgeführt als auf Saiteninſtrumenten; auch
erkennen wird. – – iſt es bei weitem leichter zu ſpielen, als dieſe. – –
In den letzten Zeiten ſind zu Löwen fünf Perſonen, drei (Ein Froſch, die Urſache zweier Selbſtmord e.) Der
Merikaner und zwei Braſilianer, zu Doktoren der Medizin creirt Courrier français bringt folgende Erzählung, deren tragiſcher In
worden – – halt als Wahrheit verbürgt, und ſelbſt von den Behörden des
Städtchens Bouſſy (Dep. Côte d'or in Frankreich) in allen Um
In Gent wurde vor einigen Tagen ein ſeltſames Jubiläum ſtänden beſtätigt wird. Ein Bewohner des Städtchens Bouſſy
gefeiert: das eines Fiſchers mit der Angel, nach fünfzigjähriger ging auf den Froſchfang aus und kehrte Abends mit reicher Beute
Amtsthätigkeit. – –
belaſtet nach ſeiner Wohnung zurück. Am Thore begegnet ihm
In einem engliſchen Blatte lieſt man: »Wir haben in der Herr Armand, ein junger, erſt ſeit Kurzem verheirateter Kauf
verfloſſenen Woche eine ſehr künſtlich eingerichtete Maſchine geſe mann, und unſer Froſchfänger macht ſich den Spaß, einen Froſch
hen, mittelſt welcher man die elektro-magnetiſche Kraft auf den in die Rocktaſche des Kaufmanns gleiten zu laſſen. Armand er
Bücherdruck anwendet. Eine Perſon kann ſolcherweiſe das typo wacht in derſelben Nacht, einen eiſigkalten Gegenſtand auf ſeiner
graphiſche Verfahren in einer Entfernung mehrer engliſchen Meilen nackten Bruſt fühlend; zu gleicher Zeit vernimmt er unheimliche,
von dem Orte, wo dasſelbe ſtattfindet, leiten.« – – röchelnde Töne, die von jenem Gegenſtande auf ſeiner Bruſt her
In der kleinen Stadt Redditch in England werden wöchentlich zurühren ſcheinen. Entſetzt ſpringt Armand aus dem Bette, macht
mehr als 70 Millionen Nadeln verfertigt. – – Licht, weckt ſeine junge Frau, die Nachſuchungen beginnen, allein
der nächtliche Ruheſtörer iſt nicht zu finden. Armand legt ſich wie
Ein Flamänder-Blatt meldet, daß ſich am 16. Juni bei Aude der zu Bette, und das Geſtöhn beginnt von neuem. Daß dabei
narde auf den Gräben einer Bleiche eine Eiskruſte gebildet hat, an ein Schlafen nicht zu denken war, verſteht ſich von ſelbſt. Am
welche, um 6 Uhr Morgens in die Stadt gebracht, noch die Dicke
andern Morgen erhält Herr Armand einen Brief aus Paris, daß
eines Zwei-Centimes - Stückes hatte. – – ſein Onkel, mit dem er längere Zeit in Unfrieden gelebt, ohne
Liszt hat in London ein Concert gegeben, und ſeit ſeiner ihm verziehen zu haben, vom Schlage gerührt, geſtorben ſev. Ar
Krankheit zum erſten Male mit beiden Händen geſpielt. Dieſer mand's wahnerfülltes Herz bringt nun die Schrecken der vergan
eminente Künſtler ſcheint alſo der Kunſt vollſtändig wiedergegeben genen Nacht mit dem plötzlichen Tode des feindlich geſinnten On
zu ſeyn. Wer ihn in dieſem Concerte zum erſten Male hörte, kels in Verbindung und hält die nächtliche Ruheſtorung für eine
hätte nimmermehr geglaubt, daß er nur mit halber Kraft Geiſtermahnung. – Die zweite Nacht kommt und mit ihr das
ſpielte. – – klägliche Geſtöhn. So fließen für Armand und ſeine Gattin acht
ſchreckenvolle Nächte hin, denn in jeder Nacht wiederholt ſich das
Aus einem Briefe unſeres verehrten Landsmannes, W. H. ſelbe unheimliche Aechzen, nur immer ſchwächer werdend. Der
Veit, entnehmen wir folgende Stelle über das große Muſikfeſt Froſch, der ſich in eine Spalte der Fußboden-Diele eingeniſtet,
zu Köln: »Das 23. niederrheiniſche Muſikfeſt wurde mit großem und, der Nahrung wie ſeiner gewohnten Lebenselemente beraubt,
Pomp und Glanz gefeiert. Das Chorperſonale beſtand aus 513., die dumpfen Klagelaute ausgeſtoßen hatte, brachte, immer ſchwä
das Orcheſter aus 182 Individuen. Die Leitung der Muſik hatte cher werdend, auch deſto kläglichere Sterbenslaute hervor. Ar
Kapellmeiſter C. Kreutzer in Köln; von den anweſenden Solo mand aber ſieht in dem nächtlichen Spuk die Strafe des Himmels
ſängern ſind Hr. Mantius, Tenor aus Berlin, Hr. Piſchek für den Unfrieden, in dem er mit dem verſtorbenen Onkel gelebt.
Bariton, unſer Landsmann, aus Frankfurt a. M., Fr. v. Haſſelt Verſtört, bleich, abgemagert, geht er im Städtchen herum – das
Barth aus Wien zu bemerken. Von den aufgeführten Muſik Leben iſt ihm zur Laſt. Eines Morgens früh – es war am neun
ſtücken wurde die 4. Meſſe v. Cherubini, und vor Allem Beetho ten Tage der furchtbaren Seelenfolter, – verläßt er ſeine Woh
ven's neunte Symphonie von dem Publikum am meiſten ausge nung und wird am Abend im nahen Wäldchen mit zerſchmettertem
zeichnet. Weniger gefiel Klein's Oratorium »David«. Wie leicht Kopfe gefunden. Er hatte ſich erſchoſſen. Die junge Frau, ver
wäre es in Prag, wenn alle Kräfte zuſammenwirken wollten, eben nichtet durch den Selbſtmord des geliebten Gatten, ſchließt ſich in
ſolche Feſte und wohl noch mit mehr Präciſion und Rundung auf ihr Gemach ein. Am andern Morgen fand man ſie todt im Bette,
zuführen«!! – – ſie hatte ſich mit Kohlendampf erſtickt. In der Mitte des Zimmers
Die preußiſche Kammerſängerin Dlle. Henriette Carl ſang aber lag der unſelige Froſch, den der Kohlendampf aus ſeinem
am 26. Juni im Peſther Nationaltheater die Amina in der Alva Verſtecke hervorgetrieben, und ebenfalls getödtet hatte. – Der
räjó (Sonnambula) in magyariſcher Sprache. – – Mann, der Armand den Froſch im Scherze in die Rocktaſche glei
ten ließ, hat ſich nach dieſem tragiſchen Vorgange, von Gewiſſens
In Dresden ſpielte am 18. Juni M. R. Jacquet vor dem
biſſen gemartert, freiwillig der Behörde geſtellt. – –
königlichen Hofe auf dem von Leclerc in Paris erfundenen Melo
phon. In einem Schreiben der Mitglieder des pariſer Conſerva Seit zwei Monaten fahren in den Straßen von Paris der
toriums für Muſik und Deklamation an Herrn Leclerc, den Polizeipräfektur gehörige Karren herum, deren Kutſcher alle
Erfinder, wird erklärt, daß dasſelbe durch ſeinen vollen Ton, Hunde, die ohne Maulkorb herumlaufen, und ſtünden ſie auch
durch deſſen beſondere Beſchaffenheit und ſeinen Umfang zu einer vor der Thüre ihrer Herren, abfangen müſſen. Dieſe Hunde
bedeutenden Stelle im Orcheſter berechtigt ſey. Es iſt tragbar, werden ſogleich in einen mit Falzen verſehenen Sack geſteckt, wo
und hat ungefähr die Form einer Guitarre in drei verſchiedenen ſie ein ſinnreicher Mechanismus in Zeit von weniger als einer
Größen. Der kurze Hals hat ſieben Reihen Claves, welche in halben Minute erſtickt. – –
halben Tönen auf einander folgen, und während die linke Hand
in dieſe greift, wirkt die rechte mit einem Bogen, der aus zwei
Kunſt und Leben in Böhmen.
Theaterbericht vom 1. und 2. Juli. lern (und ich hätte beiſetzen ſollen, auch mit verletzten Recenſenten)
Am 1. Juli ſetzte Herr Rott ſein Gaſtſpiel in Raimund's gegen den geſunden Verſtand und guten Geſchmack anzettelt.
»Alpenkönig und Menſchenfeind« als »Herr von Rappelkopf« bei Einige dieſer Intriguen kenne ich aus eigener vieljähriger Er
ziemlich vollem Hauſe fort. Als dieſes romantiſchkomiſche Zauber fahrung und ich kann ſie dem Leſepublikum um ſo weniger
ſpiel zum erſten Male aufgeführt wurde, beſtach es in den ernſt vorenthalten, als es durch allerhand beſchönigende Vorwände
romantiſchen Partien durch einzelne Schönheiten der Diktion, durch über den nachtheiligen Einfluß derſelben getäuſcht wird.
die moraliſche Tendenz einer Beſſerung auf dem Wege erzwunge Das größte Mißgeſchick und zugleich die reichhaltigſte Quelle
ner Selbſtkenntniß und durch überraſchende Verwandlungen der der Lacherlichkeiten unſerer Theaterkritik iſt der Umſtand, daß
Scenerie und des Coſtumes. Ein beſonderes Intereſſe gewann aber Schauſpieler auch Dichter, daß Dichter und Schauſpieler auch Re
das Stück erſt durch Raimund's Darſtellung des »Herrn von cenſenten ſeyn wollen, und daß ein Recenſent, wenn er ſich ein
Rappelkopf«. Raimund behandelte die ſpaßhaften Wendungen der mal durch Schimpf oder Tadel einen Namen erworben hat, auch
Monologe und Dialoge entweder als leichte, durchgehende Noten, das Befugniß zu haben glaubt, in jene Kunſt hineinzupfuſchen,
oder als Ausbrüche einer wegwerfenden und bitter ſatyriſchen die er von jeher als Sklavin ſeiner kritiſchen Autorität angeſehen
Laune, wodurch in den Charakter des an Wahnſinn und vorſätz hat. Geſetzt nun, ein beliebter Schauſpieler dichtet, und ſein
liche Bosheit ſtreifenden »Rappelkopf« doch einige Einheit gebracht Stück fällt durch oder erlebt kaum zwei oder drei Vorſtellungen,
und die ſittliche Richtung des Gedichtes mehr hervorgehoben wurde. ſo ſteigt er von dem bockſteifen und kopfhangenden Pegaſus ab
Der ſteigende Abſcheu vor dem lebendigen Spiegelbilde der eigenen und ſchwingt ſich in den Sattel des Streitroſſes der Polemik, das
Perſon und das allmäliche Einlenken zur Beſonnenheit und Güte, er auf gut Glück zu ſeinem Vortheile herumtummelt, und wenn
gab Raimund ſo wahr und anſprechend, daß der Zuſchauer den er nichts ausrichtet, von ſeinen guten Freunden herumtummeln
fehlerhaften Sprung von einer in das tiefſte Gemüth eingewurzelten läßt. Die natürlichſten Freunde eines ſolchen in doppelter Ei
firen Idee zur vollendeten Beſſerung ganz überſah. Selbſt Rai genſchaft verletzten Helden ſind jene Recenſenten, welche auf
mund hat die Gefahr dieſes Sprunges eingeſehen, ſonſt hätte er der Bühne denſelben Unfall erlitten haben. Eine Hand wäſcht
ihn nicht durch das Eingreifen höherer Mächte vermitteln laſſen, die andere . . und ſo lobt in eigener oder fremder Perſon der
aber, wie geſagt, in Raimund's Darſtellung vergaß der Zuſchauer dichtende Schauſpieler den verunglückten Recenſenten, und die
auf alle Zweifelsgründe an der Wahrſcheinlichkeit der Handlung, ſer umgekehrt den zweifach compromittirten Comödianten. Der
wogegen ſie Herr Rott als »Rappelkopf« eher weckte und be Recenſent kann nicht einſehen, warum er, der gute Stücke zu
ſtärkte, als beſchwichtigte und widerlegte. Er gab den »Rappel Schanden und ſchlechte zu Ehren gebracht hat, nicht ein Drama
kopf« zwar rührig und lebendig, aber er ſchien dabei die Tendenz zu ſchreiben berufen ſey und der poetiſirende Mime hält ſich,
der Dichtung überſehen zu haben, weil er ſich in den Momenten wenn er in dem eigenen Machwerke als erſter oder zweiter Held
der beginnenden Beſſerung beinahe noch lebendiger oder, wenn durchgefallen iſt, für einen doppelt verwundeten Märtyrer der
man lieber will, leidenſchaftlicher zeigte, als in den erſten Akten. Kunſt und des guten Geſchmackes, deſſen Heil und Ehre auf jeg
Auch fiel es uns auf, daß Herr Rott ſowohl nach komiſchen, als liche Weiſe gerettet werden muß. Da ſolchen Individuen immer
ernſten Effekten, während Andere ſprachen, dem Publikum immer ein Heer von anonymen und pſeudonymen Helfershelfern zu Ge
ein gleichgiltiges Antlitz zukehrte, und dagegen in den rührenden bote ſteht, ſo wird ein mehr oder weniger offener oder meuchleri
Momenten (z. B. in der Scene, wo »Rappelkopf ſeine Tochter ſcher Krieg gegen jene begonnen, welche ſchlicht und ehrlich erzählt
dritter Ehe dreimal auf die Stirne küßt), eben ſo heftig agirte haben, daß dieſes oder jenes Stück nicht gefallen habe, und dabei
und ſprach, als in den Auftritten, wo ſich Rappelkopf über die auf die Gründe und Urſachen einer allerdings unliebſamen Er
Kritik einer Kammerjungfer und eines Bedienten ärgert. Auch ſcheinung hinweiſen. Da ſie gegen ſolche Berichte auf dem Wege
befremdete es, daß Herr Rott in den Stellen, welche abſeits eines logiſchrichtigen Gegenbeweiſes nichts ausrichten können, ſo
geſprochen werden ſollen, zu laut deklamirte, und daß ſeine ganze ſpielen ſie den Streit vom Gebiete der Sache in jenes der Per
Darſtellung der gehörigen Conſequenz ermangelte. Er ſcheint ſich ſönlichkeit unter allerlei Formen, ſev es nun erfundener Anekdoten
nur an die fragmentariſchen Effekte, nicht an die Idee gehalten oder ſchimpflicher Anſpielungen auf Dinge, die vielleicht eine Klatſch
zu haben, welche das Zerſtreute ſammeln und das Zerriſſene ver ſchweſter, aber keinen beſonnenen Leſer intereſſiren, oder eines lobend
binden muß, wenn überhaupt von einer theatraliſchen Kunſtleiſtung und tobend fortgeſetzten und varirten »Nein, nein!« bis endlich
die Rede ſeyn ſoll. – Ich bedaure, daß ſich Herr Rott zu ſeinen mit dem verunglückten Stücke auch die Akten über ſeinen Werth
zwei erſten Gaſtdarſtellungen Rollen gewählt hat, die abgeſehen und Unwerth begraben und vermodert ſind. Mit den dichtenden
von der Schwierigkeit ihrer Darſtellung nicht mehr an der Tages Schauſpielern und recenſirenden Dichtern läßt ſich kaum ein ver
ordnung ſind. Nicht minder bedaure ich, daß er ſich zur dritten nünftiges Wort reden; man muß ſie gehen laſſen, bis ſie ſich ſelbſt
Gaſtrolle die Hauptpartie der Neſtroy'ſchen Poſſe »der Färber beſchämt und lächerlich gemacht haben. So oft ihren eigenen und
und ſein Zwillingsbruder« auserſehen hat. Da der »Brauer von beſtellten Artikeln, die wahren Namen unterzeichnet waren, haben
Preſton« ohnehin an die Gränze des Poſſenhaften ſtreift, oder ſie ſich meines Wiſſens immer dem Gelächter des Leſepublikums
vielmehr, ſich im Gebiete desſelben bewegt, ſo iſt der Grund preis gegeben. Darum ſollte es die Kritik, wenn ſie der Kunſt
ſchwer einzuſehen, der Herrn Neſtroy veranlaſſen konnte, das aufhelfen und dem weit und breit eingeriſſenen Klatſchweſen ab
Sujet einer Opera buffa zu einer Lokalpoſſe herabzuziehen. Wir helfen will, als erſtes Geſetz aufſtellen, daß kein Artikel gedruckt
freuen uns, dem Publikum anzeigen zu können, daß der offenbar werde, zu dem ſich der Verfaſſer nicht mit ſeinem wahren
zu lang fortgeſetzte Cyclus von Poſſen und Zauberſpielen durch das Namen bekannt hat. In anderen dringenden Angelegenheiten
Gaſtſpiel der rühmlich bekannten Bühnenkünſtlerin Mad. Peche des menſchlichen Lebens kann es für den Schriftſteller räthlich ſeyn,
(k. f. Hofſchauſpielerin) unterbrochen werden wird. Mad. Peche um die einſtweilige Verſchweigung ſeines Namens zu bitten, aber,
iſt unſere Landsmänin und da dem guten Rufe, den ſie nun wie ich ſchon in der 77; Nummer ſagte, ſteht das Theaterweſen
als Gaſtdarſtellerin in ihre Vaterſtadt mitbringt, auch ein inter. in keiner wichtigen Beziehung auf die Lebensfragen unſerer Zeit.
eſſantes Repertoire zuſagt, ſo läßt es ſich erwarten, daß das Pu Wer in dem Spiele den Ernſt liebt und ſchätzt, braucht ſich ſeines
blikum dem Ernſte und dem feinen Scherze geregelter Dramen Autor namens eben ſo wenig zu ſchämen, als jener, welcher mit
wenigſtens eben ſo viel Beifall und Theilnahme ſchenken wird, angebornem Fonde von Gutmüthigkeit das Spiel als Spiel be
als der Poſſe und dem Spektakelſtücke. handelt und beurtheilt; wer aber im Spiele die günſtige Ver
- Prof. Ant. Müller. anlaſſung zu Zänkereien, Schimpfreden und pöbelhaften Balgereien
ſucht, der iſt weder verſtändig, noch gutmüthig.
Prof. Ant. Müller.
Nachtrag zu dem Artikel, »über die lächerli
chen Seiten unſerer Theaterkritiker«. B er i cht ig u n g.
Ich ſagte in dem Artikel der angeführten Uiberſchrift (Siehe
Nr. 77 dieſer Blätter, Seite 4) , daß ich nicht fertig werden Im Blatte Nro. 77, Seite 4, ſoll es am Schluße des erſten
würde, wenn ich die Intriguen aufdecken wollte, welche die After Abſatzes, in welchem das Wortchen »nur« ausgeblieben iſt, heißen:
kritik, im geheimen Bunde mit verletzten Dichtern, Schauſpie »einen ſolchen Recenſenten kann man nur auslachen«.
---

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
-*
e mia,
ein

-- unterhaltungsblatt.
-

Den 6. Juli N": S 1e 1S41.

Der Mäßigkeitsverein. Da geſchah es eines Tages, als eben die geſammte


Männerwelt von Wieheißtes in den Krieg ausgezogen
Eine Skizze, von Heinrich Held.
war, um für das nächſte Halbjahr einen neuen Zechmar
ſchall zu wählen, und als eben alle Frauen und Jung
Wieheißtes iſt ein Städtchen in Deutſchland, das frauen und Kinder und Mopſe bei der ehrbaren, ſechszig
man gewiß unter dem gehörigen Breiten- und Längen jährigen Jungfrau Sabine Klatſchgern verſammelt waren
grade auf jeder Karte finden könnte, wenn nicht die – an dieſem ewig denkwürdigen Tage, ſage ich, geſchah
Verfertiger derſelben die unverzeihliche Nachläßigkeit be es, daß – man wußte nicht durch welche Verkettung von
gangen hätten, es auf keiner einzigen zu verzeichnen. Umſtänden, oder durch weſſen Machinationen – ſich ein
Auch haben weder Luden, noch Menzel, noch Böttger, Zeitungsblatt nach Wieheißtes verirrte.
noch Pfiſter, noch Duller, noch ſonſt ein Verfaſſer einer Und dieſe Verirrung des Zeitungsblattes nach Wie
illuſtrirten oder nicht illuſtrirten Geſchichte der Deutſchen heißtes war eine große Verirrung, ſie erſchütterte ganz
bisher unſeres Wieheißtes erwähnt. Und dies nimmt Wieheißtes dermaßen, daß noch nach hundert und aber
uns ſehr Wunder, denn aus glaubwürdigen Urkunden, hundert Generationen die Wieheißtesianer von dieſer
nämlich Wirthshausrechnungen (und in Wieheißtes ſind Erſchütterung ſprechen werden, und, wenn ja einmal ein
die Wirthshausrechnungen noch wirklich glaubwürdige Ur Dichter in Wieheißtes aufſteht, dieſer ſie gewiß in einem
kunden, weil dort die Buchhaltung mit doppelter Kreide gigantiſchen Epos beſingen wird.
noch nicht Eingang gefunden) können wir nachweiſen, daß Es enthielt nämlich dieſes Zeitungsblatt eine Rede
die Wieheißtesianer in alten, wie in neuen Zeiten tapfer über die Wohlthätigkeit der Mäßigkeitsvereine, eine ſo
im Kriege, tapfer im Frieden waren, und daß ſich bei gewaltige ſtürmiſche Rede, daß, als Jungfrau Sabine
ihnen eine der Haupttugenden der alten Germanen in Klatſchgern dieſelbe mit vielem Nachdrucke und Pathos
ungeſchwächter Kraft erhalten hat. Alle Jahre zweimal vorgeleſen hatte, eine Art elektriſchen Schlages die ge
wurde ein großes Trinkfeſt gefeiert, und wer ſich als der ſammte Kaffeeſchweſter-Verſammlung durchzuckte und –
wackerſte Zecher erwies, der hatte das nächſte halbe Jahr mirabile dictu!– ihre Zungen für den erſten Augenblick
das Recht, über Krieg oder Frieden zu entſcheiden. Krieg lähmte. Doch dieſe Stille war nur die dumpfe ſchwüle
und Frieden hießen aber in Wieheißtes die zwei vorzüg Ruhe, die einem Gewitter vorangeht. Ahnungsvoll
lichſten Wirthshäuſer. leckten die Katzen ihre Pfoten, die Mopſe gaben die von
Ganz nach dem Muſter der alten Deutſchen kümmer Linné bemerkten Anzeichen eines nahen Sturmes und
ten ſich die Wieheißtesianer nichts um das Hausweſen, heulten leiſe, die Kinder ſahen bange auf die blitzenden
ſondern überließen die Sorge für dasſelbe ihren Weibern. Augen und die regungsloſen Zungen ihrer Mütter und
Die Wieheißtesianerinen beſorgten Haus und Feld, be wagten kaum zu athmen – bis endlich die Zauberfeſſeln
ſorgten Kinder und Rinder, und mochten die Männer im der Zungen gelöſt waren und das Gewitter losbrach, an
Kriege oder im Frieden ſeyn, ſo beſuchten ſie, ſobald fangs in dumpfem, dann immer ſtärkerem Gemurmel, durch
ihre Geſchäfte beendet waren, die Verheirateten mit ihren welches plötzlich eine Donnerſtimme ſtürmiſch erdröhnte.
Kindern, die Unverheirateten mit ihren Katzen und Mopſen »Und wir, wir –« rief eine Dame, deren Wohlbe
ihre Freundinen und Nachbarinen, und tranken Kaffee und leibtheit und rundes, zweifachgekinntes Antlitz für ihre
klatſchten, wie's eben in allen deutſchen Gauen Gebrauch Mäßigkeit zeugte, – »und wir –« rief dieſe Dame und
und Sitte iſt. erhob ihre ſtattliche Geſtalt von dem breiten Stuhle –
So lebten die Wieheißtesianer und Wieheißtesianeri »und wir allein ſollten ruhig zuſehen, wie unſere Männer
nen glücklich und ſelbſtzufrieden Jahrhunderte lang. Tag und Nacht und Nacht und Tag trinken, und unſere
Erſparniſſe, für die wir ſo viel Kaffee und Zucker und bis unſer großes Werk gänzlich vollbracht iſt und bis
Pomeranzen- und Zimmetroſolchen haben könnten, in das auch der letzte der Männer zur Fahne der Mäßigkeit ge
Wirthshaus tragen!« ſchworen hat! Die Worte Bier und Wein ſeyen aus
»In Lappland trinken die Männer Schnee, in Irland unſerer Sprache geſtrichen, und nichts als Waſſer ſollen
nichts als Waſſer, in Hamburg und Patagonien haben die Männer trinken. Und hiemit habe ich den erſten
ſie Gelübde der Mäßigkeit gethan, und hier allein ſollten Paragraph der Statuten unſeres Mäßigkeitsver
ſie Tag für Tag Zechgelage halten, während wir armen eins ausgeſprochen! Der zweite Paragraph aber
Frauen kaum ein Fingerhütchen voll Kaffee und nur bei laute: Die Directricen ſind von dem Genuße des bloßen
feierlichen Gelegenheiten ein Stampferle Vanillelikör Waſſers ausgenommen, und von Zeit zu Zeit ſey
haben? Nein, ſo darf es länger nicht bleiben!« (Stürm ihnen ein Gläschen Likör geſtattet. Als Hauptgetränk
ſcher Beifall, und dreifach wiederholter Ausruf: »Nein, der Frauen aber wird der Kaffee feſtgeſetzt. (Unermeß
ſo darf es länger nicht bleiben!« begleitet von Katzen licher Beifall. ) Paragraph drei. Alle Jahre
und Mopsgeheul. Die Rednerin zieht ihr Taſchentuch viermal wird unſer Mäßigkeitsverein eine Generalver
hervor und weint, ganz gerührt über die Sympathie der ſammlung halten; in dieſer wird die jeweilige Präſidentin
Katzen und Mopſe. Die Damen folgen. Alle ihrem Bei den Männern in einer Rede die Vortheile des Waſſer
ſpiele). trinkens auseinanderſetzen und ſie zum ferneren Verharren
»Ich ſehe edle Frauenſeelen, edle Dulderinen unter dem in der Mäßigkeit ermahnen, darauf werden die Männer
Joche der rauhen Männer, ich ſehe, ich habe mich in aus der Sitzung entlaſſen, und die Directricen bei einem
Ihnen nicht getäuſcht! Ihre Herzen glühen für alles Gute Feſtmahle ſich über die fernere Wohlfahrt des Vereines
(die Rednerin erfriſcht ſich mit einem Schlucke Pomeran berathen. (Neuer Beifall). Und nun meine Schweſtern
zenlikör), und Sie werden mich unterſtützen in dem großen und Mitdirectricen, habe ich die erſten Grundſätze des
Werke, durch welches wir uns den Dank der Nachwelt neuen Vereines Ihnen vorgelegt, an Ihnen iſt es nun,
von Wieheißtes ſichern werden, Sie werden mich unter dieſe zu prüfen und durch gemeinſame Berathung die wei
ſtützen in dem großen Werke der Einführung der Mäßig teren Statuten feſtzuſtellen, ſo wie auch die Würdigſte
keit. Ich erkläre mich hiemit (zweites Gläschen Pome aus unſerer Mitte (die Rednerin lächelt in ſüßem Selbſt
ranzenlikör) zur Stifterin eines Mäßigkeitsvereines, zu bewußtſeyn) zur Präſidentin zu ernennen. Ich habe aus
deſſen Mitdirectricen ich Sie, meine Schweſtern, einlade, geredet ! Nur das lege ich Ihnen noch an's Herz: Pflegen
und welchem beizutreten wir alle Männer zwingen, ja Sie das Kind, das wir hier gemeinſam gebaren, ziehen
zwingen werden! (Allgemeines Bravo!) Wohlan, mein Sie es groß, damit es uns Allen zur Freude gedeihe!«
Feldgeſchrei iſt Mäßigkeit; füllen Sie Ihre Gläschen mit Ein Thränenſtrom erſtickte faſt ihre Worte; ſie war
dieſem edlen Safte Cauf eine Flaſche Likör zeigend) und über ihre eigene ſo zarte Schlußphraſe dergeſtalt gerührt,
wer gleich mir, für Mäßigkeit entbrannt iſt, der trinke daß ſie kein Wort mehr zu reden vermochte, ſondern die
ſein Gläschen aus, denn an dieſem Zeichen will ich meine Augen in ihr Taſchentuch verbarg und in ihren Stuhl
Anhängerinen erkennen! (Alle rufen Bravo, ſchenken ein, zurückſank. Auch die übrigen Damen weinten, ich weiß
und trinken aus. Die Rednerin blickt umher, und bricht nicht, ob um »des Kindes willen, das ſie hier gemeinſam
in Freudenthränen aus, als ſie ſieht, daß Alle ihr an gebaren,« oder um der Mäßigkeit willen, mit der ſie ihren
hangen. Große Rührung, allgemeine Umarmungen, Freu Mäßigkeitsverein eingeweiht hatten. Das Weinen war
denjubel überall. Die Katzen lecken unterdeß die Schmet herzzerreißend und dauerte ſo lange, bis die ehrſame
tenkannen aus, die Mopſe raufen ſich mit den Kindern ſechszigjährige Jungfrau Sabine Klatſchgern, welche dar
um Torten und Biskuits. Viel Schluchzen und große über hoch erröthet war, daß ſie auch einmal, obwohl in
Bewegung aller Damenzungen. Endlich reißt ſich die Compagnie mit den andern, ein Kind geboren haben
Rednerin aus den Umarmungen los, einige Stimmen ſollte, eine neue Flaſche Pomeranzenlikör auf die Tafel -t
rufen: Zur Ruhe ! Hört, hört! Die Rednerin fährt fort:) ſtellte. Dieſer Anblick erinnerte die Damen daran, daß
So iſt denn der erſte Schrittt gethan zu der großen ſie nicht da ſeyen, um zu weinen, ſondern um die Sta
That, der Mäßigkeitsverein von Wieheißtes iſt konſtituirt. tuten des Mäßigkeitsvereines zu berathen, und ſie füllten
Wir ſind die Direktricen, die Männer, freiwillig oder von neuem ihre Gläschen und begannen über die Geſetze
gezwungen, die Mitglieder desſelben. Wohl fühle ich, der Mäßigkeit zu deliberiren. Wir ſind unvermögend, der
wird es eine ſchwere Arbeit ſeyn, die Männer zum Bei Fülle von Beredſamkeit und all' den herrlichen dem Haus
tritte zu unſerem heilſamen Vereine zu bewegen, aber weſen entnommenen Bildern, welche hier von zahlloſen
unſer Beiſpiel (die Rednerin trinkt und alle folgen ihr) dampfſchnellen Frauenzungen entfaltet wurden, zu folgen,
unſer Beiſpiel wird ihnen voranleuchten, und bei dieſer und die Leſer mögen dies als Entſchuldigung annehmen,
Flaſche des edelſten der Liköre, bei allem Zucker und wenn wir ihnen nicht die ganzen Verhandlungen dieſer
Kaffee auf Erden ſchwöre ich's (die Rednerin erhebt legislatoriſchen Verſammlung, ſondern nur im ferneren
gewaltig ihre Stimme) – nicht eher werden dieſe Hände Verlaufe unſerer Erzählung die Endreſultate derſelben
einen Strumpf ſtricken, nicht eher ein Hemde flicken, als mittheilen.
Während ſich die ſo eben erzählten wichtigen Vor M o ſ a i k.
gänge am Kaffeetiſche der Jungfrau Sabina Klatſchgern
Die Söhne eines ſehr reichen Herrn in Paris haben unter
ereigneten, ſaßen ſämmtliche trinkfähige Wieheißtesianer den hinterlaſſenen Papieren ihres Vaters auch folgende Rechnung
im Wirthshauſe zum Kriege und kämpften tapfer um die des Hauſes Vidocq gefunden.
Würde eines Zechmarſchalls. Wir bedauern, keine gründ Zwei Monate lang den Herrn Söhnen auf dem Fuße
licheren Studien in Trinkſtuben gemacht zu haben, weil nachgefolgt, 5 Frcs. für den Tag 300 Frcs.
wir ſonſt hier Gelegenheit gehabt hätten, die mannig Nächtliche Arbeiten . . . . . . . 60 »
Cabrioletfahrten . . . . . . . . . . . . . 120 »
fachen Nuancirungen im Benehmen der verſchiedenen Das Honorar für die bei Wucherern gethanen Schritte,
Trinker detaillirter zu zeichnen. Um einen Tiſch hatten um den Credit der Herren Söhne zu untergra
ſich die alten Zecher, lauter emeritirte Zechmarſchälle, ben, bleibt der Discretion überlaſſen.
geſetzt; man erkannte ſie auf den erſten Blick für im
Fache des Trinkens erprobte, gewiegte Männer. Sie 480 Frcs.
ſprachen wenig oder gar nichts, rauchten ſchwach, blickten Kürzlich wurde in der königlichen Akademie der Muſik in
Paris der Freiſchütz gegeben. Im zweiten Akte kommt während
ernſt und phlegmatiſch vor ſich hin, und ſchlürften behag der Beſchwörungsſcene ein Skelett auf die Bühne. Dieſes Ske
lich in ſparſamen, ſeltenen Zügen; denn vieljährige Er lett brachte große Senſation unter dem Publikum hervor, denn
fahrungen hatten ſie wohl gelehrt, daß bei ſolchen Käm es war ein wirkliches. Seine Geſchichte iſt folgende.
pfen der nicht gewinnt, der gleich Anfangs den koſtbaren Im Jahre 1786 verliebte ſich ein achtzehnjähriger Jüngling,
Trank mit haſtigen Zügen in ſich trinkt oder ſeiner Zunge der Boismaiſon hieß und in der Tanzſchule der Oper ſich befand,
allzufreien Lauf läßt. Sie ſahen daher auch mit ſpötti in eine Mitſchülerin. Nanine – ſo hieß dieſe zukünftige Tänze
rin – ſchien anfänglich die Liebe Boismaiſons zu begünſtigen, bis
ſchem, mitleidig-verächtlichem Lächeln auf einen weiter ſie ihr Herz einem ſchnurrbärtigen Sergentmajor ſchenkte. Der
unten ſtehenden Tiſch hin, um welchen junges Volk ſaß, Jüngling erkannte bald ſein Unglück und ſann auf Rache. Eines
Neulinge, Tironen der Zechkunſt, welche den Zechmar Abends paßte er ſeinem Nebenbuhler auf, als dieſer von der
ſchallſtab zu erſtürmen glaubten, wenn ſie das Bier zu Wache marſchirte, und packte ihn bei der Gurgel. Der Sergent
halben Maßen in ſich ſtürzten, und welche in voreiligem hätte ſeinen Angreifer ſogleich tödten können, aber deſſen Jugend
und Kleinheit machten ihn lachen. Er befahl dreien von ſeinen
Siegeswahne ſchon davon ſchwatzten, wie ſie ſich auf dem Soldaten, die Riemen von ihren Gewehren abzunehmen und damit
Zechpräſidentenſtuhle gebärden würden. Arme Schlucker, den grimmigen Jüngling unterm Periſtyle der Oper anzubinden.
ſie erſchlafften in überſpanntem Eifer ihre Kräfte und Dort blieb er die ganze Nacht, gebunden und geknebelt. Am
waren ſchon kampfunfähig, ehe den alten Zechern noch andern Morgen fand man ihn dort, und nachdem man ſeine Ge
warm zu werden begann. ſchichte erfahren, ward er das Ziel des allgemeinen Spottes. Dar
über grämte ſich Boismaiſon ſo ſehr, daß er krank ward, ſich
Ein Rechengenie à la Daſe hätte dazu gehört, um niederlegte und ſtarb. Er vermachte ſeine Leiche dem Arzte der
mit ſchnellem Blicke die Bierquanta zu überſehen, welche Oper, und bat ihn, das Skelett in ſeinem Cabinet im Opernhauſe
in den runden Bäuchlein der Wieheißtesianer ihr benei zu laſſen, damit er noch nach dem Tode in der Nähe der Gelieb
denswerthes Grab fanden. Der Wirth erſchrak faſt, als ten ſey. Und dort blieb das Skelett fortan, bis, wie wir ſahen,
er nach einigen Stunden des Kampfes in den Keller hin ganz kürzlich die Theaterlaufbahn Boismaiſons wieder begann. –
Das große engliſche Muſikfeſt im Herbſte wird zu Gloceſter
abkam, und an ein Faß nach dem andern fragend an abgehalten; Mad. Dorus - Gras, Mad. Viardot-Garcia und Hr.
klopfte, und alle ihm mit hohlem Dröhnen antworteten: »Leer«. Tamburini ſind dazu engagirt. – Bei der deutſchen Oper in Lon
Auf ſo hartnäckige Ausdauer im Kampfe hatte ſelbſt er don hat Herr Staudigl als Osmin in Mozart's Entführung aus
– ſo erfreulich ſie ihm war und ſowohl er auch die dem Serail große Triumphe gefeiert. – –
Tapferkeit dieſer Bacchusverehrer kannte – nicht gerech In Bukureſt veranſtaltete im April Soullier einige Wettren
nen; an einem derſelben nahm nebſt vier Jockeys Soullier's auch
net. Glücklicherweiſe waren mit dem einen Keller ſeine ein Zigeuner auf einem Ukrainer Theil, da Soullier es Jedermann
Vorräthe nicht erſchöpft. freiſtellte, mit den Jockeys zu konkuriren, und dem fremden Sie
Endlich, endlich nahte der Kampf ſeinem Ende. Die ger 50 Dukaten, dem ſiegenden Jockey ſeiner Truppe aber ein Paar
Kämpfer der andern Tiſche waren bereits Alle gefallen, ſilberne Sporen als Prämie verhieß. Anfangs blieb der Zigeuner
mehr oder minder mit Ehren bedeckt (denn jedem Gefalle mit ſeinem unanſehnlichen Klepper weit zurück, zum großen Ge
ſpötte aller Anweſenden, aber nicht lange, ſo kam ſein Renner
nen wurde die Anzahl ſeiner Maße mit Kreide auf den in's Feuer und jagte pfeilſchnell dem Ziele zu, das er auch zuerſt
Rücken geſchrieben), nur der Tiſch der Alten war noch erreichte. Soullier weigerte ſich jedoch, den Preis von 50 Duka
beſetzt und auch hier bereits lallte manche Zunge gar ten zu zahlen, den er unfehlbar trotzdem hätte erlegen müſſen,
ſeltſam und ſchwerfällig. Schon lag auch Einer friedlich wenn nicht der Sieger vorgeſchlagen hätte, die Sache mit einem
unter der Bank hingeſtreckt, der aus fünf Kämpfen nach Dejeuner im Circus abzumachen. Auch fand ein ſehr komiſches
Wettrennen auf drei lebensmüden Eſeln, und ein Wettlauf von
einander ſiegreich hervorgegangen war und fünfmal nach zwölf Gamins Statt, welche zweimal die Rennbahn durchlaufen
einander die hohe Würde eines Zechmarſchalls von Wie ſollten. Die Mehrzahl der Concurrenten ſank jedoch bald erſchöpft
heißtes – eine der höchſten im Städtchen – bekleidet hatte. zu Boden, und ein angehender étudiant afficheur erhielt als Sieger
(Dic Fortſetzung folgt.) eine ſilberne Uhr, welche bald darauf in Spirituoſa verwandelt
wurde. – –
(Nachtheil der Berühmtheit.) Eines Tages erhielt der
pariſer Schriftſteller Alphons Royer ein Schreiben aus der Schweiz,
welches bloß die einfache Adreſſe enthielt: »An Herrn Alphons mehr an die Vergangenheit zu erinnern vermögen, ſo weiß ich ein -
Royer, Schriftſteller in Paris.« Der Brief begann mit den Worten: anderes Mittel, und Du wirſt bald ein lebendes Andenken erhal
»Seele meines Lebens!« und endigte mit »Ewig Deine Mimili.« ten, ein Pfand unſerer Liebe.«
Zwiſchen dieſen zarten Anfangs- und Schlußworten ſtand eine vier Für einen Spaß war dies ſchon zu ernſt. – Wenige Tage
enggeſchriebene Seiten lange Fluth ſentimentaler Phraſen. – nach dieſem letzten Briefe erhielt Arthur mit der Genfer Diligence
»Ohne Zweifel ein Spaß!« dachte Alphons Royer, der ſchon über . . eine Amme und ein kleines Kind. »
all, nur nicht in der Schweiz geweſen war. Und er warf den »Umarmen Sie Ihren Sohn !« rief ihm die Amme zu.
Brief in den Papierkorb. Kurze Zeit darauf kam auch die Mutter; eine charmante
Vierzehn Tage darauf kommt ein zweiter Brief aus der Dame, roſig und blond. Sie vergoß bittere Thränen, als ſie nicht
Schweiz. Mimili zeigt ihr Erſtaunen darüber, daß ſie keine Ant ihren Alphons erkannte. Sie war doppelt getäuſcht! – Als Mi
wort erhalten, und macht dem Geliebten zarte Vorwürfe. Er mili ausgeweint hatte, ſuchte ſie ihren eigentlichen Verführer, und
ſolle brieflichen Balſam in ihre Qualen gießen, ihr einige Zeilen fand ihn auch. Es war ein Commis - Voyageur, welcher, um
von ſeiner theuren Hand ſenden, und ſeine Rückkehr beſchleunigen ihr Herz zu erobern, den Namen ihres Lieblingsſchriftſtellers an
Dieſer zweite Brief theilte das Schickſal des erſteren. Bald kam genommen hatte. – –
ein dritter, geſchrieben in einem andern Ton. Die zarten Vor In einigen Vorſtellungen von »Eine Nacht im Serail« hat
würfe hatten ſich in ernſte Vorwürfe, in Drohungen verwandelt, der Schauſpieler Lepeintre vom Vaudevilletheater für mehr als
ſie nannte ihn einen Treuloſen, einen Grauſamen u. ſ. w. »Aber« 500 Frcs. Chocolade vertrunken. So wohl hat er den Geiſt ſeiner
– ſo ſchloß der Brief, – »wenn Dein Gedächtniß ſo kurz iſt, Rolle, als Mylord begriffen. Eine theure Partie für den Direk
daß Du meiner ſchon vergeſſen haſt, wenn meine Briefe Dich nicht tor, der die 500 Frcs. zahlen mußte. – –

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 3. Juli. aus einer guten Schule hervorgegangen, denn ſie gehört zu den
Am 3. Juli begann die k.k. Hofſchauſpielerin Mad. Peche ausgezeichnetſten Mitgliedern des Wiener Hoftheaters, an wel
einen Kreis von Gaſtrollen mit der Partie der »Gabriele von chem Direktion und Publikum den Schauſpieler zum ſelbſtthä
Belle-Jsle« in dem Schauſpiele »Leichtſinn und ſeine Folgen« oder tigen Nachdenken über den Zweck und Werth ſeiner Kunſt
»eine Nacht im Gefängniß«. Bekanntlich iſt dieſes Drama von nöthigt, und von dem gröbſten aller Fehler bewahrt, näm
Dr. Röm er dem Franzöſiſchen des Al er an der Duma s nach lich vor dem Fehler, das handwerksmäßige Element der Kunſt
gebildet. Die Handlung dreht ſich um eine mehr als leichtſinnige höher zu ſtellen, als das ſchaffende. Dieſes Schaffen (die
Wette, nämlich ein unſchuldiges Fräulein aus der Provinz binnen eigentliche Poeſie der Schauſpielkunſt) iſt nur unter der Be
vier und zwanzig Stunden zu einem Rendezvous zu bereden. Dieſe dingung möglich, daß der Künſtler die übernommene Rolle nicht
Wette wird nur ſcheinbar gewonnen; denn das Stelldichein findet nach den moglichen Triumphen ihrer Darſtellung, oder nach der
zwar wirklich ſtatt, aber dem Gegenſtande der Wette weiß ſich die Uibereinſtimmung mit irgend einer ſelbſt beliebten Manier, ſon
iſtige Marquiſe von St. Prie zu unterſchieben, während das Land dern nach ihrem äſthetiſchen Gehalte und nach ihrem Zuſammen
fräulein dieſelbe Nacht im Gefängniſſe ihres Vaters zu bringt. Dies hange mit dem ganzen Stücke lieb gewinnt, durch und durch ſtudirt
iſt der Punkt, von welchem die Unheil drohenden Mißverſtändniſſe und den Schöpfungsakt des Dichters wiederholt und vervollſtän
der Hauptperſonen ausgehen, die jedoch zur vollen Rechtfertigung digt. Die natürliche Anlage und erworbene Befähigung, dem
und Ruhe des lang gemarterten Opfers einer leichtſinnigen In Dichter nachzudichten und ſein geiſtiges Gebilde klar und lebendig
trigue gelöſt werden, und zwar in dem Augenblicke, als der Bräu vor die Augen zu ſtellen, hat Mad. Pech e ſchon in der Rolle
tigam der unſchuldigen Dulderin ein Spiel auf Leben und Tod der Gabriele bewährt. Die Scene, in welcher ſie nach der erfleh
verloren hat und ſich nach dem eingegangenen Vertrage entleiben ten Bewilligung, ihren Vater im Kerker ſehen zu dürfen, in
ſoll. Gabriele (ſo heißt das Fräulein) iſt nach Paris gekommen, unruhiger Freude auf- und abgeht, ihr Glück kaum begreifen kann
um die Freiheit ihres Vaters vom Könige zu erbitten; am Ende und in der Hoffnung eines langentbehrten Wiederſehens auch den
wird nicht nur der ſehnlichſte Wunſch ihres kindlichtreuen Herzens Geliebten vergißt, dann die Scene, wo ſie die ſehr zu entſchuldi
erfüllt, ſondern es kehrt auch der enttäuſchte Bräutigam in ihre gende Eiferſucht des Geliebten bis an die Gränze eines Eidbru
Arme zurück. Ich glaubte dieſes Vorwort der nachſtehenden Zeilen ches treibt, wird jedem unvergeßlich bleiben, welcher das Spiel
jenen Leſern ſchuldig zu ſeyn, welche ſich auf den ausführlichen der Mad. Pech e mit voller Aufmerkſamkeit verfolgt hat; und
Artikel über das vorgenannte Stück nicht mehr zu erinnern wiſſen. deren gibt es gewiß nicht wenige, denn ſie verſteht es, durch tie
Wie ſehr das Publikum auf die Darſtellung der ausgezeichne fes Gefühl und lebendige Wahrheit auf pſychiſchem Wege zur
ten Bühnenkünſtlerin geſpannt war, ging ſchon aus der ungewöhn Aufmerkſamkeit zu zwingen. Wenn ich noch beiſetze - daß nach
lichen Fülle des Hauſes, noch mehr aber aus der tiefen Stille den Zielpunkten der vorerwähnten zwei Scenen alle Einzelheiten
hervor, mit welcher man an den Worten und Gebärden der Dar der Darſtellung ſich zu einem abgeſchloſſenen Ganzen rundeten, ſo
ſtellerin hing. In den Momenten, wo Gabriele gerührt oder er zolle ich der Darſtellerin nur das gerechte Lob. Ein Beweis ihrer
ſchüttert oder zum Unmuthe und zur Verzweiflung aufgeregt iſt, Virtuoſität iſt der Umſtand, daß ſie trotz des Unwohlſevns einer
hörte man kaum einen Athemzug; deſto ehrenvoller war der un Hauptperſon, nämlich der Mad. B in der (Marquiſe St. Prie)
getheilte, enthuſiaſtiſche Beifall, welchen ſich Mad. Peche faſt in dennoch ungetrübt glänzte. Mad. B in der wankte im Gehen,
jeder Scene erwarb. Schon bei ihrem erſten Erſcheinen freundlich mußte ſich an Stuhllehnen feſthalten, und die ſichtliche Erſchlaffung
empfangen, wurde ſie in und nach den Akten, beſonders nach dem nahm auch auf ihre, manchmal zu weiche Stimme einen charakter
letzten ſtürmiſch gerufen und, als ſie ſich den Lampen näherte, um widrigen Einfluß , weßhalb ich auch über ihre Darſtellung kein
einige Worte an das Publikum zu richten, trat dieſelbe tiefe Stille entſchiedenes Urtheil fällen kann. Sie war weder lobenswerth,
ein, mit welcher ihre kunſtreiche Darſtellung verfolgt wurde. noch tadelnswerth, ſondern krank. Deſto gerechtere Anſprüche auf
Mad. Pech e verbindet mit einem klangvollen Organ und einer ein unbedingtes Lob erwarb ſich am 3. Herr Fiſcher in dem Con
geläuterten Ausſprache die genaue Kenntniß jener Effekte, welche ſequent und mit lebendiger Wahrheit durchgeführten Charakter
der kunſtgeübte Sprecher durch Verzögerung und Beſchleunigung des Chevalier d'Aubigny. Schon früher gehörte dieſe Rolle zu
des Zeitmaßes und durch Veränderung der Tonſtufe und Ton ſeinen beſten; am 3. aber zeichnete er ſich beſonders aus, Herr
ſtärke erreichen kann. Wenn ſie einzelne Worte betont, oder im Die tz wurde bei ſeinem erſten Wiederauftreten ſehr ehrenvoll
Verlaufe der Rede an ſich hält, ſo iſt ſie der guten Wurkung ihrer empfangen, und die Darſtellung des Herzogs entſprach den begrün
Deklamation nicht minder gewiß, als, wenn ſie in raſhem Gange deten Erwartungen des Publikums; nur vergaß er machmal den
von Satz zu Satz eilt, und das ſtumme Zwiſchenſpiel durch Inter Herzog und die Jahreszahl 1726, in welcher die Handlung ſpielt.
jektionen und halb ausgeſprochene Worte unterbricht. Dabei be Er mahnte zu ſehr an die Etourdis der Bauernfeld'ſchen Luſt
wegt ſie ſich ſelbſt in den Momenten der Aufregung mit jenem ſpiele, wogegen Mad. Peche das Coſtume ſelbſt in ihren Verbeu
Anſtande, welcher dem Affekte und der Leidenſchaft Gränzen ſetzt, ungen nicht
gUng ch verletzte.
z Prof. Ant. Müller.
ohne dem kräftig treibenden Kerne zu ſchaden. Mad. Peche iſt
=---
---

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he mia, e in

Unterhaltung öblatt.
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Den 9. Juli N“ S2D. 1S4 1.

Der Mäßigkeitsverein. Kinder erkor – o erröthe nicht Brigitta – als ich mei
nen ſchönen Namen auf Dich übertrug, da ahnte ich es,
(Fortſetzung.)
daß Du dieſem Namen wohl einſt Ehre machen würdeſt,
Drei der gewiegteſten Zechmeiſter ſaßen noch feſt auf obwohl Dir bisher noch immer Likör lieber war als
ihren Stühlen und blinzelten gar ſelig mit den Aeuglein, Bier!« -

und warfen wehmüthig-freudige Blicke auf die ihnen in »Der Name Bier iſt geſtrichen aus der Sprache der
die Unterwelt Vorangegangenen und ſangen ihnen ein Menſchheit, und der Bann des Vereins über jeden, der
leiſes, ſummendes, trillerndes Requiescant in pace nach. dieſen Namen noch ausſpricht!« rief in heiligem Eifer die
Da erhob Herr Zachäus Bierüberalles, einer dieſer drei Wortführerin der Abgeſandtinen des Mäßigkeitsvereins.
Tapfern, ſein wonnegeröthetes Antlitz und ſah ſeine »Und wie ſollen wir ihn hinführo nennen, den edlen
Gefährten an, und legte die Pfeife bei Seite und fragte: Gerſtenſaft?« fragte Herr Zachäus, und ſeine Trinkge
»Nun, wer von uns wird wohl Zechmarſchall ſeyn?« fährten lallten die Frage nach: »Wie ſollen wir ihn
»Keiner!« ſchrillte es plötzlich in feierlichem Dreiklang nennen?«
von der Thüre her, »Keiner! die Würde eines Zechmar »Er bedarf keines Namens mehr! Die noch vorhande
ſchalls iſt für ewige Zeiten aufgehoben!« nen Vorräthe werden dem Direktorium des Mäßigkeits
»Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn!« riefen in Vereins zu deſſen Verwendung ausgeliefert, fortan
unisono die drei tapfern Wieheißtesianer und bekreuzten aber kein Tropfen mehr dieſes Trankes der Unmäßigen
ſich, denn bei dem unheimlichen Flackern der Kerzen und gebraut. Waſſer iſt von nun an Euer einziges Getränk!«
dem matten Morgengrauen ſahen ſie im düſtern Tabaks »Alſo kein Bier mehr?« rief wehklagend Herr Zachäus
qualm drei weiße Geſtalten ſchweben. Wer konnten dieſe Bierüberalles, »kein Bier mehr, und mein Name ſoll
Geſtalten ſeyn? Waren es vielleicht die verkörperten eine Lüge ſeyn ? Bier, Du köſtliche Miſchung von Malz
Rauſchgeiſter der unter den Tiſch Gefallenen? Waren und Hopfen, Du Labſal der Kranken, Du Tröſter der
es . . .« Duldenden, Du mildes Oel, das ſo ſanft über Zunge und
Die Wieheißtesianer konnten ihrem Geiſte keine fer Gaumen gleitet, Du edle Himmelsgabe, ohne die es keine
nern Fragen ſtellef, denn die drei ſeltſamen weißen Ge Geſelligkeit unter den Menſchen gäbe, Bier, Du Erleuch
ſtalten waren über die Körper der Gefallenen näher ge ter des Verſtandes, Du Trichter der Klugheit, Du ſollteſt
ſchwebt und ſtanden knapp am Tiſche. aufgehört haben, zu leben, und an uns ſollte Hopfen
»Im Namen des Mäßigkeitsvereins!« rief Eine derſel und Malz verloren ſeyn? Warum hätte mich der Himmel
ben feierlich, »Sie ſind verhaftet meine Herren, Ihr einen Bierüberalles werden laſſen!? Nein, nein, das Va
Zechverein wird feierlich für aufgehoben erklärt, und terland iſt in Gefahr, wir dürfen den Sturz des Bieres
dieſer Ort der Völlerei wird geſperrt auf immerdar!« nicht zulaſſen!«
»Brigitta !« fiel der Rednerin Herr Zachäus Bier »Wir dürfen den Sturz des Bieres nicht zulaſſen!«
überalles in's Wort, da er ſie für ſeine theure Ehehälfte riefen der Wirth und die beiden andern Zecher nach, und
erkannt hatte, »Brigitta, wie kommſt Du hieher ? willſt Alle vier erhoben ihre mächtigen Humpen und baten
Du vielleicht theilnehmen an unſerem Commerce ? oder einen Zug, der beredter als tauſend Zungen bewies, wie
willſt Du Dich vielleicht auch in die Reihen der Bewer ungern ſie ſich vom Biere trennten.
ber um das Zechmarſchalliat ſtellen ? O Brigitta, theure »Erwachet, Ihr Schläfer, Erwachet Ihr Alle, die
Brigitta, längſt habe ich eine gewiſſe Sympathie, eine Ihr heute und ſo oft ſchon durch die ſüße Allgewalt des
gewiſſe Vorliebe für das Flaſchenthum bei Dir gewahrt, Bierdampfes in das Reich der Seligkeit hinübergetrage"
und als ich Dich zu meiner Gattin, zur Mutter meiner wurdet, erwachet, denn unſerem Leben, unſerem Pº
der Quinteſſenz der menſchlichen Freuden drohet Gefahr tete ſich das Gerücht, die Aufgefundene ſey die Ehefrau eines
dort bei ſeinem Schwiegerſohne ſich aufhaltenden Lohgerbermeiſters,
und Tod!« So rief mit Donnerſtimme Herr Zachäus Bier
welcher ihrer Unmäßigkeit wegen ſchon ſeit mehren Jahren nicht
überalles, und er und ſeine Gefährten riefen den am mit ihr gelebt hatte. Dieſer Mann ging nun mit ſeinem Schwie
Boden und auf Tiſchen hingeſtreckten Schläfern den Namen gerſohne hinaus, beſichtigte die Leiche, erklärte ſie für die ſeiner
Bier in's Ohr, und nicht lange, ſo ſtanden die Gefalle Frau und nach der gerichtlichen Obduktion beſorgte er das Leichen
nen Alle wieder auf den Beinen und rieben ſich die Augen begängniß und legte ſammt der Tochter und dem Schwiegerſohne
Trauer an. Acht Tage darauf reiſte der Witwer in die 6 Meilen
und riefen nach – Bier!
entfernte Kreisſtadt und ließ sier der Verſtorbenen das Sterbglöck
Wir verſuchen es nicht einmal, die gleich dem Donner lein läuten. Etwa eine halbe Stunde ſpäter geht er über den
rollenden, gleich dem Blitze zündenden Worte wiederzu Platz, eine bekannte Stimme ruft ihn beim Namen, er wendet
geben, die nun Herr Zachäus Bierüberalles an die er ſich um, und ei blickt mit ungeheurem Schrecken – ſein Weib, das
wachten Schläfer hielt, es war eine Rede, die, wenn ſie er vor acht Tagen in's Grab gelegt; zornig ſtand ſie vor ihm und
gedruckt würde, den Namen Bierüberalles in der Geſchichte machte ihm des Zügenglöckleins wegen heftige Vorwürfe. Nach
dieſer Erkennungsſcene gab man ſich Mühe, zu erfahren, wer die
der claſſiſchen Literatur weit über die Namen Cicero und unbekannte Begrabene eigentlich ſey und nachdem es ermittelt,
Demoſthenes erheben würde. Das Bewußtſeyn der Ge verlangte der verunglückte Witwer von ihren Angehörigen Zurück
fahr verlieh ſeinem Munde eine allgewaltige Beredſam erſtattung der Begräbnißkoſten, die ſie mit dem Bemerken verwei
keit und eine Zungenkraft, um die ihn die ſchnellzüngigſte gerten, er hätte ſein Weib beſſer kennen und ſie nicht in die un
der Frauen beneidet hätte. angenehme Lage bringen ſollen, ihre Mutter nicht ſeltſt begraben
und beweinen zu können. – –
Und ſeine flammenden Worte zündeten. Hundert Der Magiſtrat zu F. richtete an ſeine Landesſtelle ein Geſuch
ſtimmiges Pereat wurde der Mäßigkeit, welche hier pro um Aufnahme eines unbemittelten Wahnſinnigen in's Irrenhaus.
klamirt worden war, gebracht, hundertſtimmiges Lebehoch Durch ein Verſehen blieb aber in der Reinſchrift der Name des
dem Biere, und jedes Pereat und jedes Lebehoch wurde Kranken aus, und die Bittſchrift lautete: Hochlödliches Gouver
bekräftigt und beſiegelt durch gigantiſche Humpenleerungen. nement! Der Fer Magiſtrat bittet um Aufnahme ins Narren
haus. – –
Da erhob ſich der Schulmeiſter von Wieheißtes, der von (Spekulation.) Im Anfange dieſes Frühjahres kam in
der allgemeinen Begeiſterung hingeriſſen, auch ſein Licht Paris ein gut gekleideter Mann zu mehren Beſitzern von Land
wollte leuchten laſſen, und ſprang auf den Tiſch, unter häuſern und Gärten, und theilte ihnen mit, er habe ein Mittel
dem er kürzlich erſt gelegen war, und rief: gefunden, welches verhindert, daß die Bäume im Herbſte ihr
Laub verlieren. Dies Mittel beſteht darin, daß man den Stamm
»Bürger des Städtchens Wieheißtes! Was thaten die
des Baumes mit einer dichten Lage eines gewiſſen neuerfundenen
ſtolzen Römer, als man ſie – ihrer Schulden halber – Firniſſes überzieht. Die Bezahlung wird voraus verlangt, aus
zur Mäßigkeit zwingen wollte? Was thaten ſie? frage ich. guten Gründen, denn der Baum ſtirbt ab. – –
Sie zogen hinaus aus der Stadt, lagerten ſich auf dem Aus Hamburg ſchreibt man vom Ende Juni: »Im Laufe
Mons sanctus und tranken dort Bier! cerevisiam bibe dieſer Tage ſah man in der Straße an unſerem Hafen einen
bant, würde Livius geſagt haben, hätte er hier nicht Mann von fremdartigem Anſehen und in einem weißen Talare,
der im Begriff war, von leichten Splitterhölzchen ein Feuer an
eine figuram elisionis anbringen wollen! Bürger von zumachen, und ſich etwas Mehl, Butter und Waſſer zu einer
Wieheißtes, in unſern Adern ſtrömt etwas vom Geiſte Speiſe zu bereiten. Es ſammelte ſich ſchnell eine Menſchenmenge
der Römer! Auf denn, folgen wir ihrem Beiſpiele! Se und der Fremdling, aus dem kein Wort herauszubringen war,
quamur COI'UlIll exemplum !« wurde auf das Stadthaus geführt, wo man ihn ſehr freundlich
Alle riefen, mit mehr oder geringerem Glück, den behandelte und erfuhr, daß er ein Fafir aus Indien ſey, und
einer religiöſen Buße wegen zu einem ſechsjährigen Aufenthalte
lateiniſchen Ausruf des Schulmeiſters begeiſtert nach, und im Norden Europa's verurtheilt ſeyn ſoll. Er iſt zunächſt über
nach einer halben Stunde ſchritt ein langer Zug von Rußland hieher gelangt, iſt ohne alle Mittel, und ſcheint keine Speiſe,
Wieheißtesianern mit Flaſchen, Krügen und Gläſern be die von andern berührt oder zubereitet wurde, genießen zu dür
waffnet, aus der Stadt hinaus und lagerte auf einer fen. Unſere Gelehrten und Sanskritkundige haben ſich mit ihm
Wieſe, auf welche auch alle noch vollen Fäſſer aus den zu unterreden verſucht, doch nur mit geringem Erfolge.« – –
Nächſtens wird zur Entſcheidung des geheimen Obertribunales
Kellern der Stadt gewälzt wurden. zu Berlin ein Prozeß gelangen, in dem der Graf Egmont († 1568)
Frau Brigitta aber mit ihren Mitdeputirtinen hatte als Zeuge vernommen iſt. So hat ſich dieſer Prozeß, freilich mit
ſich, die Erfolgloſigkeit ihres perſönlichen Einſchreitens vielen Ruhepunkten, durch volle drei Jahrhunderte bei den deut
einſehend, wohlweiſe zurückgezogen, und der Präſidentin ſchen Reichsgerichten fortgeſchleppt, um als grauenvolles Geſpenſt
des Mäßigkeitsvereins Rapport über den ganzen Vorfall von der deutſchen Gründlichkeit Zeugniß abzulegen. Er ſchwebt
zwiſchen zwei fürſtlichen Familien, und hat Anſprüche aus Ehe
erſtattet. Sofort wurden ſämmtliche Direktionsmitglieder
paften zum Gegenſtande. – –
zu einer außerordentlichen Sitzung zuſammenberufen. Das Lyceum von Madrid hat Rubini und Tamburini zu ſechs
(Der Beſchluß folgt). - -
Gaſtrollen auf dem Theater von Villa Hermoſa eingeladen, und
ihnen ein Honorar von 6000 ſchweren Piaſtern angeboten. Tam
burini hat verſprochen, zu kºmmen, aber er will nur eine Vor
M o ſ a i k. ſtellung zum Beſten einer Wohlthätigkeitsanſtalt geben. – –
In einem Landſtädtchen in Böhmen fand man am 7. März (Seltſame Natur erſcheinung). Der Eiſenbahn- Sta
d. J. im freien Felde eine ſchlecht gekleidete, unbekannte Frau er tions-Wächter von Mecheln gewahrte am 21. Juni Abends um halb
froren. Sie wurde in das Städtchen gebracht, und bald verbrei eilf Uhr, als er die Runde in der Station von Mecheln machte,
auf jedem Gelenke der Eiſenſchienen ein glänzendes Licht, welches Kunſtreiſe machen. Zuerſt reiſt er nach London, dann nach Madrid,
ein Geräuſch, wie eine Art von Praſſeln und Krachen, machte; wo er beim Herzog von Oſſuña einen Monat verleben wird,
dies hatte nur auf der Linie der Eiſenbahn von Gent nach Lüt von da nach Wien, Berlin und vielleicht St. Petersburg. Dann
tich ſtatt. Die Locomotive »Maria Thereſe« und einige Waggons, aber wird er in ſeinem ſchönen Landhauſe bei Bergamo auf ſeinen
welche ſich auf dieſer Linie befanden, ſchienen einige Augenblicke Lorbern ausruhen, denn er ſehnt ſich ſchon nach dem Dolce far
ganz in Feuer; glänzende Lichtfarben ſprangen aus allen Winkeln niente unter dem ſchönen italieniſchen Himmel und nach Roſſini. –
hervor. Als der Stationswächter, Herr Van Bommel, in Beglei Ein Engländer, Hr. Campbell, hat berechnet, daß ein Mann,
tung des Herrn Depauw ſich dieſen Waggons näherte, fühlten der ſiebzig Jahre lebt und ſich täglich raſirt – und ſo fordert's die
ſie plötzlich eine ſtarke Erſchütterung, wie von einem heftigen Stoß, Sitte in England – ſo viel Zeit damit verliert, als er brauchte,
welche Herrn Depauw beinahe umgeworfen hätte. Dieſe Natur um ſieben Sprachen zu erlernen. – –
erſcheinung dauerte ungefähr fünf Minuten. – – Ein engliſcher Gaſtwirth wurde krank in Folge zu vielen
Wir erzählten kürzlich von einem Manne, der in Folge des Trinkens. Der Arzt verordnete ihm, er ſolle nicht mehr, als
Genußes von Kirſchen, über welche Raupen gekrochen waren, zwei Flaſchen Gin (Wacholderbrandwein) täglich trinken, immer
ſtarb. Das Echo de la Loire erzählt einen ähnlichen Fall, der aber aber aus denſelben Flaſchen, und jeden Morgen ſolle er in dieſe
nicht ſo traurige Folgen hatte. Ein Kind aß nämlich Kirſchen, Flaſchen eine Bohne thun, ſo würden nach und nach die Flaſchen
ohne ſie früher gewaſchen zu haben. Sogleich ſchwoll ihm Hals ganz ausgefüllt werden. Der Gaſtwirth befolgte den Rath und
und Zunge auf entſetzliche Weiſe. Doch hob bei Zeiten geleiſtete wurde geheilt. Dies erinnert an Suwarow, dem auch gerathen
Hilfe das Uibel in Kurzem wieder. – Wir theilen dieſes Faktum worden war, in das Halbe - Glas Brandwein, das er jeden Mor
mit, weil man das Waſchen der Kirſchen nicht eindringlich genug gen trank, täglich ſein Siegel hineinzudrücken, bis das Glas ganz
anrathen kann. –– – vollgeſiegelt ſeyn würde. – –
In der Kunſtausſtellung der k. Akademie zu London ſind mehre In einer Geſellſchaft machte man ſich darüber luſtig, daß La
Gemälde muthwillig beſchädigt worden. Als die Vorſteher gegen martine in ſeiner Friedensmarſeillaiſe das Blut der Franzoſen roth,
Abend in den Sälen die Runde machten, bemerkten ſie an Simp das der Deutſchen blau gefärbt ſeyn läßt. Zufällig befand ſich der
ſon's »Marie von Schottland« ein ungewöhnliches Ausſehen; bei berühmte pariſer Chemiker Dumas in dieſer Geſellſchaft. Dieſer
genauerer Betrachtung ergab es ſich, daß die Augen aller Figuren ſtand bei den Spöttereien auf, und erklärte, daß, was dem Pub
auf dem Bilde ausgeſchnitten waren. Dies war noch an drei likum ſo komiſch, den Naturforſchern ganz richtig ſcheine, weil
andern Gemälden geſchehen, und beſonders eines iſt ſo entſtellt, nämlich vielfache Erperimente gezeigt hätten, daß die Farben des
daß es nicht wieder hergeſtellt werden kann. – – menſchlichen Blutes nach den verſchiedenen Klimaten, Lebensarten,
Von Cauterets (einem Bade in den Pyrenäen) ſchreibt man, Charakteren u. ſ. w. verſchieden ſeyen, und daß auf dieſe Art im
daß Herr Heinrich Heine ſehr gefährlich erkrankt ſey. Aus Gram Blute der Franzoſen das rothe, im Blute des Deutſchen das blaue
vielleicht? – – Prinzip vorherrſche. – –
Eine franzöſiſche Zeitſchrift theilt mehre Anekdoten mit über Auf den Landſitzen in Frankreich haben die Damen, nebſt den
den Vater der Dlle. Rachel, der früher Hoſenknöpfe fabricirte, glücklicherweiſe in Mode gekommenen wohlthätigen Beſuchen bei
und jetzt ſeine Tochter in alle ariſtokratiſchen Zirkel begleitet, wo Kranken und Armen, zwei höchſt wichtige Beſchäftigungen: ſie
bei auch eine Converſation desſelben mit Lord Melbourne vor rauchen nämlich und ſpielen Billard. – –
kommt. Hierbei ereignete ſich eine Molière's würdige Bouffonne Aus Chili wird berichtet, daß man vor Kurzem die Edelſteine
rie, indem dieſer Herr Rachel England mit Frankreich verſöhnen und Kleinodien des Sonnentempels aufgefunden habe, welche zur
wollte, und den engliſchen Miniſter fragte, warum ſie dieſe An Zeit der Eroberung Peru's von den Eingebornen verborgen worden
gelegenheit nicht unter ſich abmachen könnten. – – waren, damit ſie nicht in die Hände der Spanier fielen. Der
Rubini wird, bevor er gänzlich das Theater verläßt (in Paris Werth derſelben wird auf 360 Millionen Silbergulden geſchätzt. –
tritt er nicht mehr auf) noch in Folge einiger Verſprechen eine
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Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 5. und 2. Juli. Madame Peche zu Theil wurde und deſto ehrenvoller das tiefe
Am 5. Juli trat Mad. Peche in zwei ſehr entgegengeſetzten Schweigen, mit welchem jeder rührende Moment vom gedrängt
Rollen, nämlich als »Karoline«, im Schauſpiele »die Vorleſerin« vollen Hauſe aufgenommen wurde. Man kann von der »Karoline«
und als »Chriſtine« in dem Drama »die Königin von 16 Jahren« der geehrten Künſtlerin ſagen, daß ſie gleich ſehr durch das ge
auf. Bekanntlich findet im erſten Stücke eine verſtoßene Tochter ſprochene Wort, als durch das ſtumme Zwiſchenſpiel intereſſirte,
ihren erblindeten Vater und den Munn wieder, deſſen Leichtſinn und daß auch die glänzendſten Effekte der körperlichen Beredſam
ihr den Fluch des gekränkten Greiſes zugezogen hat. Ein glückli keit nicht über die Gränzen gingen, welche dem Bühnenkünſtler
cher Zufall will es, daß Karoline (ſo heißt die Unglückliche) in der das Geſetz der Einheit und Conſequenz vorſchreibt. Das Bild der
Eigenſchaft einer Vorleſerin die Liebe des blinden Mannes ge reuig-zärtlichen Kindes ſiebe und des ſchwer beherrſchten Schreckens
winnt, ohne erkannt zu werden, bis ſie endlich im günſtigen vor einer zu frühen Entdeckung ſtand mit rührenden und feſſeln
Augenblicke unter dem Vorwande, einen aus Lincoln datirten Brief den Zügen ſelbſt dann vor unſeren Augen, wenn Mad. Peche ihr
vorzuleſen, ihr unverſchuldetes Unglück erzählt, die Laſt des väter klaſſiſches Gebärdenſpiel kaum durch eine Interjektion unterſtützen
lichen Fluches von ihrem Herzen wälzt, und, um die letzte Makel konnte, und beſſer, als ſie die ſchwierigſten und entgegengeſetzte
eines ben ſo nachheilgen als unverſchuldeten Rufes zu tilgen, ſten Stellen ihrer Rolle ſprach, läßt ſich der deklamatoriſche Theil
jenem anne die Hand reicht, deſſen Leichtſinn ſie in's Unglück der Rolle nicht denken. Darum war aber unter dem zuhlreich
geſtürzt hat. »Die Vorleſerin« gehört alſo zu jener Gattung dra verſammelten Publikum über die Vortrefflichkeit des Spieles und
matiſcher Poeſie, die wir ſtatt des ſchwanken Namens »Schau der Deklamation der Mad. Peche nur eine eben ſo oft als leb
ſpiel“ lieber durch die Ausdrücke »elegiſches Drama« bezeichnen haft geäußerte Stimme. Aber Mad. Peche hätte ſich ohne die
möchten; und die Darſtellerin der Titelrolle hat Stoff und Anlaß ausgezeichnete Unterſtützung des Herrn Bayer (welcher den blin
genug, die ganze Stufenleiter der Wehmuth mit charakteriſtiſcher den Vater, Kapitän »Cobridge«, gab) ſchwerlich eines ſo glänzen
Selbſtbeherrſchung durchzugehen. Das ſittliche Element dieſer den Befalles erfreut. Herr Bayer zeigte in jedem Worte und
Selbſtbeherrſciung war es auch, was der durchaus gelungenen in jeder Gebärde was er war und was er noch ſeyn kann - wenn
Darſtellung der Mad. Pech e Adel und Einheit gab. Das Publi ihm Rollen zugewieſen werden, die ſeines Wiſſens und Könnens
kum war am 5. noch zahlreicher verſammelt, als am 2.; deſto würdig ſind. Wie oft habe ich den Wunſch ausgeſprochen, ihn in
ſtürmiſcher war der Beifall, welcher der muſterhaften Leiſtung der Partien wiederzuſehen, die ihm ſo leicht. Niemand nachſpielt, z. B.
»Lorenz Stark«, »der Wirth zum goldenen Löwen« u. ſ. w.; aber ausgeſprochene Meinung eines fein gebildeten Publikums für ein
es ſcheint, als ob man bei dem ausgeſprochenen Streben, immer Meiſterſtück erklärt hat. Mad. Peche hat die Titelrolle theils nach
nur Neues zu bieten, mag es gut oder ſchlecht ſeyn, das beſſere geſchichtlichen Andeutungen, theils nach der Ziffer der Jahre genom
Alte, als ein ſtörendes (oder wenn man lieber will, beſchämendes) men, welche auf dem Theaterzettel mit großen Buchſtaben gedruckt
Element bei Seite ſchieben wolle, um das Publikum in einen ſind. Chriſtine iſt eigenwillig und eigenſinnig wie ein Kind, ſchlau
Schlendrian hineinzuziehen, bei welchem kein Theil gewinnt, weder wie eine kluge Jungfrau, welche das Geheimniß ihres Herzens zu
der Schauſpieler, denn er wird bei dem ewigen Jagen nach bewahren weiß, und entſchloſſen und beſonnen, wie ein Mann,
Novitäten zu Tode gehetzt, noch der Zuſchauer, denn er bedenkt wenn es darauf ankommt, zu widerſtehen oder einen Fehler der
ſich, nach zehn oder zwölf durchgefallenen Novitaten das Theater Aufwallung wieder gut zu machen. In jeder dieſer Eigenſchaften
zu beſuchen, weil er ſich in der neunten oder elften gelangweilt und Richtungen, entwickelte Madame Peche originelle Züge der
hat. Aber ich erinnere mich an die Stimme des Rufenden in der Darſtellung, welche auch jedesmal mit ungetheiltem Beifalle auf.
Wüſte und komme auf die Vorſtellung vom 5. zurück. Hr. Ner genommen wurden. Dagegen war es uns und wahrſcheinlich auch
king gab den Offizier Bury, welcher eben durch ſeinen Leichtſinn ihr keine leichte Aufgabe, die zerſtreuten Elemente zur Einheit zu
das Glück und den guten Ruf der Dulderin untergraben hat. Ich ſammeln. In den Reſignationsſcenen ſchien ſie von der ſehr be
habe Herrn Nerking auf einige Elemente der Rechtſprechung greiflichen Anſtrengung müde geworden zu ſeyn.
tadelnd und warnend aufmerkſam gemacht, z. B. auf das fort (Der Beſchluß folgt.)
währende Uiberſehen des Unterſchiedes zwiſchen D und T; dennoch
ſprach er am 5. ſtatt »Tante« »Thande«, ſtatt »Titel« »Thidel«.
Wenn Hr. Ner king fortfährt, dem dialektfreien Sprachgebrauche Telegraph von Prag.
zu trotzen, ſo kann er der erſten Anforderung an einen Schau
ſpieler, nämlich der Anforderung einer ſprachrichtigen Deklamation (Eine große Muſikalien - Leihanſtalt) wurde ſo eben
unmöglich genügen. Leider muß ich auch bemerken, daß er ſeine vom Muſikalienhändler Hrn. Joh. Hoffmann errichtet. Der Kj
Rolle in einem weſentlichen Punkte vergriff; denn er gab ſich talog zählt bereits 20,000 Nummern, umfaßt das Klaſſiſche, wie
anfangs in denſelben Formen einer burſchikoſen Keckheit und Aus das Moderne und wird immer mit dem Neueſten vermehrt werden.
gelaſſenheit, wie Clactown (der Neffe des blinden Greiſes) und Die Bedingungen ſind billig, beſonders für das ganzjährige Abon
ſein Freund Edgar. Alle drei waren wie nach derſelben Form nement und der Beauemlichkeit der Theilnehmer auf dem Lande
geſchnitten; natürlich, daß hiedurch Herrn Ner king der Uiber ſind alle Zugeſtändniſſe gemacht. B.
gang zur Reue und zum thatkräftigen Ernſte zur halben Unmog (Eine große Schwimmproduktion) unter Mitwirkung der
iichkeit wurde. Hr. Walter milderte den Charakter des Clactown Hrn. Abonnenten der Civilſchwimmſchule findet künftigen Sonntag um
nicht durch den mindeſten Beiſatz von Gutmüthigkeit, vielmehr 5 Uhr zum Beſten des Bartholomäi - Armenhauſes auf der Civil
ſchien er bloß auf die zwei unvereinbarlichen Ertreme kaltblütig ſchwimmſchule ſtatt. Alles läßt erwarten, daß das Publikum bei
dummer Böswilligkeit und läppiſcher Drolligkeit hinzuwirken. der diesjährigen Produktion ſo viel Unterhaltung finden werde, als
Ich will nicht von der ungewohnlichen Schwüle ſprechen, welche bei der vorjahrigen. So werden gewiß anſprechen: »der Reif- und
am 5. den Beſuch des Theaters verleidete (denn wir haben bei Chineſentanz im Waſſer - die verunglückte Waſſerpartie, das Be
gleicher Temperatur eine Sophie Müller, einen Anſch üz gräbniß im Waſſer, große Pyramide im Waſſer, der verlorenge
und Eßlair, einen La Roche und andere große Künſtler und gangene Schwimmſchuler« c. Eintrittskarten ſind in den Buch
Künſtlerinen geſehen ); aber einige Uibelſtände der Produktion des handlungen von Gottlieb Haaſe Söhne, Kronberger & Rziwnatz,
zweiten Stückes, nämlich »die Königin von 16 Jahren« muß ich in der Kronapotheke und am Tage der Produktion an der Kaſſe
ſchon im Namen des Publikums vorhinein rügen. Als die Köni der Civilſchwimmſchule zu haben. A.
gin im zweiten Akte aus ihrem Kabinete kommt, hat ſie zu denen,
die ihr vorangegangen ſind, die Worte zu ſagen: »Treten Sie
ab, meine Herren!« Wer waren nun dieſe Herren? – Zwei wacht Literäriſche Notiz.
habende Soldaten, die nicht einmal wußten, wo ſie ſich aufzuſtellen
hatten. Mad. Pech e konnte ſich bei den angeführten Worten nur Das Königreich Böhmen, ſtatiſtiſch . topographiſch dargeſtellt von
mit genauer Noth des Lachens erwehren, was ihr um ſo mehr zu J. G. Sommer. Neunter Band, Budweiſer Kreis. Prag,
verzeihen iſt, als auch vom Schauplatze her ein ſatyriſches Lachen Verlag der Buchhandlung von Fried. Ehrlich. 1841.
erſcholl; aber eine ſo offenbare Rückſichtsloſigkeit fallt deſto unan Jede Fortſetzung dieſes gediegenen und umfaſſenden Werkes
genehmer auf, wenn ſie einen vom Publikum ausgezeichneten Gaſt über unſer ſchones Vaterland begrüßen wir mit lauter Freude.
betrifft. Zwei Tage ſpäter ſahen wir die Garderobe der allmäch Der vorliegende Band ſteht an Intereſſe keinem ſeiner Vorgänger
tigen Norfolk faſt in denſelben Kleidern erſcheinen, welche die nach. Die allgemeine Uiberſicht von Prof. Zippe iſt vortrefflich;
Choriſtinen und Statiſtinen in den gemeinſten Poſſen tragen, ſo dieſer Gelehrte verſteht es, die größten Landſchaftsverhältniſſe
daß es ausſah, als ob es ſich weniger um eine Abfertigung, als mit wenigen, aber ſicheren Strichen anſchaulich zu machen. Auf
um ein Almoſen handle. Aber ich ſpreche jetzt von der Vorſtellung dieſe Einleitung folgen, der geographiſchen Lage nach, die Dominien
des 5., und muß bedauern, daß die Rolle des »Grafen Rantzau« und Guter, unter welchen Körper ſind, wie die Herrſchaft Gratzen
in den Händen des Herrn Fiſcher war, da ſie doch ſonſt von mit faſt 10 Quadratmeilen, Wittingau mit mehr 144 Quadrat
Herrn Bayer mit ausgezeichnetem Fleiße und Erfolge gegeben meilen, und das Herzogthum Krumau mit 21 Quadratmeilen,
wurde. Noch iſt Herr Fiſcher zur Darſtellung falt berechnender gegen 300 Ortſchaften und über 50.000 Einwohnern. Letztere
und ſich und ihre Umgebung ſtreng bewachender Charaktere weder treffliche Monographie hat ebenfalls Prof. Zippe gearbeitet. Der
alt, noch beſonnen genug, und das Publikum würde es gewiß Budweiſer Kreis iſt der letzte am Bohmerwald und mit dem 9.
dankbar anerkannt haben, wenn am 5. Herr Ba y e r zur Dar Bande iſt in Sommers Werke die bohmiſche Seite dieſes Gebir
ſtellung des Rantzau geladen worden wäre. Unglücklicherweiſe war ges vollſtändig beſchrieben, wie es das Rieſengebirge in den Bän
aber Herr Fiſcher am 5. obendrein nicht wort feſt. Er verſprach den 2–4 war. Der andere ausgezeichnete phyſiſch-geographiſche
ſich oft und half ſich durch ſogenannte Kunſtpauſen. Nicht viel Zug des Budweiſer Kreiſes, die großen Teiche im nördlichen und
beſſer erging es Herrn Walter, welcher den Charakter des Mör nordöſtlichen Theile, mit den meiſterhaften Waſſerbauten (an den
burg zwar mit Recht als eine komiſche Nebenrolle betrachtet, aber Teichen und an der Luſchnitz, ſchon vor Jahrhunderten von Stie
ſich in der Gattung des Komiſchen vergreift, indem er den panek und Krcin von Gelcan angelegt) ſind genau beſchrieben und
Norburg bis in das Gebiet des Gemein - Poſſenhaften herab in Betreff des Laufes des Goldbachs iſt Kreibichs Kreisfarte be
zieht. Ein Theil des Publikums lachte zwar; aber Herr Moritz richtigt. Wie in den früheren Banden, findet man überall Rück
wurde einſt in derſelben Rolle durch rauſchenden Beifall und durch blicke und Beziehungen auf die Geſchichte. Von dem altböhmiſchen
die Ehre des Hervorrufens belohnt. Angenommen, daß die un berühmten Herrengeſchlechte der Roſenberge, an deſſen Macht die
gewöhnliche und durch ein vollgedrängtes Haus geſteigerte Sommer meiſten Localitäten dieſes Kreiſes mahnen, gab Hr. P a la ck y,
htze auf die Schauſpieler nachtheilig einwirkte, ſo ſehe ich nicht unſer vaterländiſcher Hiſtorifer, eine genealogiſche Geſchichte, die
ein, warum gerade Herr Dietz (Bury) von dem hohen Thermo dann bei den einzelnen Dominien (be, bei Krumau) fortgeſetzt
meterſtande nicht das Mindeſte litt, ſondern vielmehr in den paſſi wird. Kurz, in dieſem Werke iſt alles Wiſſenswürdige vollſtändig
ven Charakter eines ſchnell avancirenden Glücksritters Kern und geſammelt und, abgeſehen von ſeinem praktiſchen Nutzen für Ge
Adel zu bringen wußte. Ich bedaure nur, daß uns Mad. Peche ſchaftsleute und Aemter, ſollte es bei keinem Freunde des Vater
bei dem beſonders im zweiten Afte zerriſſenen Enſemble nur geniale landes fehlen. Die Auflage iſt ſchön und ſolid; der hübſche Stahl
Fragmente einer Leiſtung bringen konnte, welche die laut und oft ſtich als Vignette ſtellt das Schloß Krumau vor. B.
T T - .

Nedaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

Unterhaltung öblatt.
-

Den 11. Juli N“ SZB. 1S41.


- TT

Der Mäßigkeitsverein. Welche Lieblingsgerichte mochten wohl unter dieſen Schorn


ſteinen bereitet werden! Mancher der tapferen Bürger
(Beſchluß.)
von Wieheißtes ſtreckte ſeine Geruchsorgane in die Lüfte,
Es war gegen die Mittagszeit des zweiten Tages nach um die vielleicht herüberfliegenden Küchendüfte einzuſaugen,
dieſem verhängnißreichen Morgen. Auf der Wieſe lager mancher begann zu murren über die Urheber des Aus
ten noch immer die Männer von Wieheißtes, aber der zuges –
geſtrige Enthuſiasmus war von ihren Antlitzen verſchwun Da ſchlug's am Stadtthurme in lang nachhallenden
den. Die Fäſſer waren leer, die Köpfe etwas ſchwer, die Tönen: Eins – zwei – drei – Es war drei Viertel
Nacht unter freiem Himmel hatte Keinem wohl angeſchla auf Zwölf! Drei Viertel auf Zwölf! Um drei Viertel auf
gen, die Mägen waren hungrig, und da ſie in der Hitze Zwölf pflegten die Wieheißtesianer ihre Geſchäfte zu
des Eifers ganz vergeſſen hatten, Mundvorräthe in ihr laſſen und nach Hauſe zu gehen, wo ſie die Tafel ſchon
Lager mitzunehmen, ſo ſehnte ſich gar mancher von den gedeckt fanden, die reinen Teller, Beſtecke und Servietten
tapfern Bürgern von Wieheißtes nach den Fleiſchtöpfen darauf, aus der Küche drangen dann entzückende Düfte
Aegyptens, nach der heimiſchen Küche. Aber die Rückkehr – Ach und wenn dann die dampfende Suppe hereinge
dahin war nicht ſo leicht. Die Direktorinen des Mäßig bracht wurde, und Löffel und Teller zu klappern began
keitsvereins – der über die Wieheißtesianer wie ein nen, und der Mund das köſtlich zubereitete Gericht ein
Blitz aus klarem Himmel gekommen war – hatten in ſchlürfte – O Himmel, wie wäſſerte den Wieheißtes
Folge ihrer Sitzung ſchon am Nachmittage des Auszuges ianern der Mund, und wie Mancher führte, von ſeiner
ihrer Gatten eine Deputation an dieſe geſandt, und ihnen Phantaſie hingeriſſen, die Hand zum Munde – Ach,
verkündigen laſſen, daß keiner von den Bürgern in die er ſah ſich getäuſcht, die Hand hielt ja keinen Löffel,
Stadt, in ſeine Wohnung zurückkehren dürfe, außer er und in den Mund kam kein Tropfen Suppe, und der
ſchwöre und gelobe zuvor, den Statuten des Mäßigkeits Magen mahnte grimmiger als zuvor. O der Tantalus
vereins ſich zu unterwerfen und ihnen gehorſam zu leben. qualen !
Dieſe Statuten wurden zugleich in zahlreichen unortho Horch, die Uhr ſchlägt wieder! Eins – zwei – drei
graphiſchen Abſchriften (ſie waren ja von Frauen geſchrie – Ach endlos fort und nachdem ſie die Viertelſtunden
ben) in das Lager unter die Bürger geſtreut. Darauf und die ganzen Stunden ausgeſchlagen, wiederholt ſie
wurde den Bürgern eine 24ſtündige Bedenkzeit geſtattet, die letztern zur Qual, zum Spotte, zur Marter der hun
nach Ablauf deren, wenn ſich bis dahin die Wieheißtes gernden Bürger noch einmal in tiefen, lang nachbrummenden
ianer nicht unterworfen hätten, härtere Bedingungen Baßtönen. Und das Mittagsglöckchen läutet, es läutet
diktirt werden ſollten. ſo rufend: »Eſſen kommt ! Eſſen kommt ! Eſſen kommt!«
Die Statuten veranlaßten gar manches Nachdenken im Und klirren nicht durch das Geläute die Teller und Ga
Lager, und das Nachdenken wurde immer ernſter, je näher beln und Meſſer, und ſtellt nicht die Hausfrau das ſaf
die Mittagsſtunde heranrückte und je dringender der Magen tige Rindfleiſch jetzt auf den Tiſch, Rindfleiſch, die Würze
mahnte. des Lebens, das edelſte, nahrhafteſte aller Gerichte? Und
Kein Bier! Ewig kein Bier mehr, und nichts als ſeht, beginnt nicht der Rauch ſchon ſchwächer emporzu
Waſſer zu trinken! nein, das war zu hart, ſolcher Be wirbeln, zum Zeichen, daß das Feuer nicht mehr unter
dingung konnte man ſich nicht unterwerfen! halten wird, daß die Gerichte alle bereitet ſind, und daß
Aber auf der andern Seite der Hunger! Und wie da bald, – o Schrecklichſter der Schrecken – Alles aufge
vor ihnen aus den Schornſteinen der Stadt der Rauch geſſen ſeyn wird? Alles aufgegeſſen! Nein, der Gedanke
luſtig emporwirbelte, als thäte er's ihnen zum Spotte, war zu drückend, als daß er hätte ertragen werden kön
nen, und als der letzte Baßton des Stadtthurms verhallt welche in dem Städtchen aufzutreiben waren, zuſammen,
war, und als das »Eſſen kommt! Eſſen kommt!« des und begaben ſich mit dieſen zu den beſagten Damen.
Mittagsglöckleins bald zu erſterben drohte, da war der Solchen Gründen war nun freilich ſchwer zu widerſtehen,
Heldenmuth, da war die Entſchloſſenheit der Wieheißtes und ſo geſchah es zur Verwunderung aller übrigen, in
ianer gebrochen, und ohne ein Wörtchen der Verabredung dies Geheimniß uneingeweihten Damen, daß plötzlich
ſchleuderten alle die leeren Flaſchen und Krüge weit von kurz vor der Mittagsſtunde alle Direktricen von ihren
ſich, und riſſen die Bierfahne von der Stange, und Kochtöpfen ab - zu einer abermaligen außerordentlichen
wollten – Sitzung berufen wurden, in welcher dieſelben Damen,
Doch ſeht den Zug, der da vom Stadtthore her auf die vorgeſtern gegen die Unmäßigkeit ſo hinreißend pero
die Wieſe kommt. Eine lange Reihe Damen, die Alle rirt hatten, gar kräftige und ſchöne Worte über den
weiße Tücher auf Stäbchen ſchwingen – was ſoll dies häuslichen Frieden ſprachen, und mit weiſer Berechnung
bedeuten? Die Wieheißtesianer, die eben ihre Füße zum auf das Sprüchwort: »Der Klügere gibt nach« deu
Wettlauf nach der Stadt in Bereitſchaft geſetzt haben, tend, die Frauen ermahnten, ſie ſollten, als das ſanftere
bleiben verdutzt ſtehen, und wiſſen ſich von ihrem Stau und unſtreitig klügere Geſchlecht den erſten Schritt zur
nen gar nicht zu erholen, als ſie ihre Frauen erkennen, Verſöhnung machen.
und dieſe ihnen Verzeihung zurufen, und ſie bitten, nach Und alſo geſchah's, und die Wieſe, auf welcher die
Hauſe zurückzukehren ! Keine Rede war mehr von den Männer eine Nacht und anderthalb Tage gelagert waren,
Statuten, keine Rede von härteren Bedingungen – wird in der Chronik von Wieheißtes fortan die Verſöh
ſondern jeder Mund fand den Weg zu dem ihm ange nungswieſe heißen.
trauten Munde, und die Wieſe, die vorher hellen Auf
Aller Groll, aller Zwiſt war vergeſſen, des Mäßig
ruhr geſehen, war nun Zeugin zahlreicher Verſöhnungs keitsvereines geſchah in Wieheißtes kaum mehr eine Er
küſſe. Und Arm in Arm ſchritten traulich die Paare in wähnung, die Damen tranken Kaffee und Likör, die
die Stadt zurück, in die heimiſchen Zimmer, wo die Teller Männer Bier wie früher, und da das Zechmarſchalliat,
mit den Gabeln und Meſſern ein Klapperconcert aufführ wie wir ſahen, noch unbeſetzt war, ſo wurde zur Be
ten, und die dampfende Suppe auf dem Tiſche ſtand, ſetzung desſelben eine neue Sitzung ausgeſchrieben, in
und nach ihr das ſaftige Rindfleiſch. welcher der mannhafte Herr Zachäus Bierüberalles Sieger
Und in Suppe und Rindfleiſch wurde auch das letzte blieb.
Reſtchen von Groll erſtickt.
Welches aber war die Urſache dieſer wunderbaren Er
Nur für Einen Wieheißtesianer waren die Folgen
dieſes Zwieſpalts traurig. Dies war der Schulmeiſter,
ſcheinung? denn wunderbar kann man es wohl nennen,
der durch ſeine gelehrten Phraſen die Bürger von Wie
wenn die Köpfchen ſo vieler Frauen plötzlich ihren Sinn
heißtes zum Auszuge aus der Stadt entflammt hatte. Zur
beugen und die Flagge des Trotzes einziehen. Sehnten
Strafe ſolch' frevelhafter Aufreizung ruhiger Bürger und
ſich die Gattinen nach ihren Gatten, oder fühlten ſie,
friedlicher Gatten wurde beſchloſſen, ſein Bierdeputat auf
daß, wenn der Mann nicht zu Hauſe, das Hausweſen
ein Drittel zu reduciren, und dieſer Beſchluß wurde auch
zu Grunde gehe? O nein. Die Urſache war eine ganz
andere. ſofort vollzogen.
Alſo lautet die Geſchichte vom Urſprunge und Ende
Der Wirth zum Kriege und der Wirth zum Frieden
des Mäßigkeitsvereines im Städtchen Wieheißtes.
waren beide ſehr vernünftige Männer und ſie hatten
eingeſehen, nicht nur, daß, wenn die Statuten des Mäßig
keitsvereins in Kraft kämen, ihnen kein Weizen mehr M o ſ a i f.
in dem für ſie bisher ſo fruchtbaren Wieheißtes blühen
würde, ſondern auch, daß die Wieheißtesianer den Qua Folgendes iſt der Schluß eines Briefes von unſerem verehrten
J. V. von Krombholz an ſeinen Freund, den Neſtor der Prager
len des Hungers und der kalten Nächte im Freien nicht mediziniſchen Fakultät, den k. f. Rath, Dr. J. Th. Held, aus Rom
lange trotzen, ſondern gar bald – wie man ſagt – vom 20. Juni Abends: »Der Kanonendonner der Petruskirche
unter den Pantoffel kriechen würden. Ihrem Scharfſinne ertönt: Ave Maria! – ihm folgen all die verſchiedenen großen
ſo wie der Liſt ihrer Frauen, in deren Intereſſe das und kleinen, tiefen und hohen, meiſtens harmoniſch geſtimmten
Emporkommen des Mäßigkeitsvereins eben nicht lag, Glocken Roms! Wir auch werden unſer Tagewerk vollenden, um
morgen unſere Reiſe mit frühem Morgen anzutreten und über
gelang es, dem Urſprung der ſeltſamen Grille der Wie Terni, Spoleto, Aſſiſſi, Perugia, Magione (Hannibal's Schlacht
heißtesianerinen auf die Spur zu kommen; und kaum feld am Traſimeniſchen See), Cortona (Etruskerſtadt), Arezzo
hatten ſie dieſe entdeckt, ſo waren auch ihre Maßregeln (ebenfalls eine etruskiſche Republik) binnen ſechs Tagen nach Flo
ergriffen. renz zu kommen. Nach einem Aufenthalte von etwa ebenſoviel
Zeit gedenken wir ohne Verzug über Bologna, Mantua, Verona,
Der Wirth zum Kriege und der Wirth zum Frieden Innspruck, Salzburg, Linz zurückzukehren in die geliebte Heimat
kannten die ſchwachen Seiten mancher der vorzüglichſten und in die Arme meiner Freunde. Grüße ſie Alle, die es mit
Verfechterinen der Mäßigkeit und Gegnerinen des Bieres, mir in alter Anhänglichkeit gut gemeint und treu geblieben ſind.
und demzufolge kauften ſie alle Kaffee- und Likörvorräthe, A Dieu!« – -
Unſer Landsmann, der Herr Oberkriegskommiſſär - S. W. Die Jury that das Verdikt, Dickſon habe Angriffe auf die Geſund
Schießler hat wegen ſeines raſtloſen philanthropiſchen Strebens, heit von Menſchen gemacht und aus Unklugheit einen Mord be
das er, wie er's in unſerem Vaterlande that, ſo auch in Lemberg gangen. Er wurde dafür zu zehnjähriger Deportation und 500
ſchon vielfacher Weiſe, namentlich in der letzten Zeit durch die Pf. Sterling Strafe verurtheilt. Miſtreß Gingerbread aber, welche
Gründung der Kſeinkinderbewahranſtalt, bewährte, das Ehren für die Ermordung ihres Sohnes 300 Pf. Sterl. Entſchädigung
bürgerrecht der genannten Stadt erhalten. – – verlangt hatte, wurde abgewieſen, »denn ſie verdiene nichts, als
»Dieſer Tage« – meldet das Mailänder Echo – »ſtarb in die allgemeine Verachtung und ſey ſelbſt Schuld am Tode ihres
Verona ein Sonderling; 18 Jahre hatte derſelbe ſeine Wohnung Sohnes.« – – *

nicht einen Augenblick verlaſſen; die Drohung eines Mannes, dem (Sonderbare Probe von Zuneigung zu einem
er eine etwas zu - hochgeſtellte Almoſen-Forderung abſchlug und Pferde.) Wenn es unter den Fuhrleuten viele gibt, welche die
der ihn zu tödten drohte, war der Beweggrund zu dieſer firen ihnen anvertrauten Pferde auf die roheſte Weiſe mißhandeln, ſo
Idee.« – – finden ſich dagegen hin und wieder auch ſolche, deren Vorliebe
Kürzlich wurde Düe Rachel zu einer Abendverſammlung ge für dieſe Thiere bis zur Ergebenheit geht. Zu den letztern gehörte
laden, welche ein Mitglied der hohen Ariſtokratie Englands für ein gewiſſer Lallemand in Cheronne. Nichts in der Welt lag
mehre ſeiner verwittweten Freundinen veranſtaltet hatte. Durch dieſem Menſchen ſo ſehr am Herzen, als ſein Pferd, und wenn
einen Zufall verſtand keine der Eingeladenen die franzöſiſche Sprache, dieſes Thier je einmal krank war, ſo verzweifelte er faſt. In einem
außer der Hausherr ſelbſt. Mlle. Rachel tröſtete ſich daher, daß ſolchen Falle ſah ſich kürzlich der Thierarzt veranlaßt, zu einem Aderlaß
ſie wenigſtens zwei Ohren zu ihrer Dispoſition habe. Allein nach zu ſchreiten. Lallemand brach während dieſer Operation in Thrä
der Unterhaltung nahm der Hausherr lächelnd die Hand der Rachel nen aus. Seine Kameraden, die eine ſolche Zärtlichkeit nicht
und ſprach: »Meine Gäſte ſind glücklicher als ich. Ich bin zu begreifen konnten, machten ſich über ihn luſtig; Lallemand, auf
taub, Sie zu verſtehen.« – – -
gebracht hierüber, bemerkte ihnen kurzweg: »Ich liebe einmal
mein Pferd, und das geht Euch gar nichts an. Zum Beweiſe,
Da bei der jetzt ſtattfindenden Volkszählung in England auch
das Alter aufgezeichnet wird, ſo haben ſich mehre Herren und daß ich es liebe, wollt' ich ſein Blut trinken.« Darüber wird der
Frauen aus Bath,- dem gewöhnlichen Aufenthaltsorte von Perſo arme Kärrner von neuem beſpöttelt und geneckt, bis er endlich
nen, die in gewiſſen Jahren ſind, für die Zeit der Zählung nach wirklich ein Glas des abgezapften Blutes ergreift, und ohne Ekel
dem Continente geflüchtet. In der Nacht, für welche angegeben hinunterſtürzt. Dieſen Liebesbeweis mußte der Arme mit ſeinem
werden mußte, wer in jedem Hauſe geſchlafen hatte, ließ ſich ein Leben bezahlen. Das in Folge der Krankheit des Pferdes ohne
ältlicher Herr die ganze Nacht über in einem Miethwagen ſpazie Zweifel angeſteckte Blut äußerte ſeine Wirkung bald auf die furcht
ren fahren und entging dadurch glücklich der Zählung und dem. barſte Weiſe, man mußte den Kärrner in's Hoſpital Saint- An
Geſtändniſſe ſeines Alters. – – toine bringen laſſen, wo er nach einigen Stunden unter den
ſchrecklichſten Qualen den Geiſt aufgab. – –
Man hat berechnet, daß das Muſeum von Verſailles ſeit
ſeiner Eröffnung am 11. Juni 1837 bis zum 12. Juni 1841, alſo (Merkwürdige Umgehung eines Heiratsgeſetzes).
in vier Jahren, von 1,723,973 Perſonen beſucht worden iſt. – – Im Jahre 1822 meldete ein Neger nebſt einer Weißen ſich bei der
Obrigkeit des Staates Indiana, um einander zu heiraten. Der
Dickſon O'Paddy, ein Jrländer, reiſte in den Städten England's Richter widerſetzte ſich der Verbindung, weil das Geſetz des Staa
herum, und gab Vorſtellungen, entſetzliche Vorſtellungen. Er tes zwiſchen Weißen und Farbigen keine Heirat geſtattete, aber
nannte ſie auf den Affichen, »große Vorſtellungen der gefühlloſen er "ließ merken, das Geſetz finde keine Anwendung, wenn die
Kinder.« Da ließ ſich ein Kind mit einem Meſſerſtechen, ohne Frau ſchwören könne, es ſey ſchwarzes Blut in ihr. Der Wink
daß Blut herauslief, ein andres hielt à la Mucius Scaevola ſeine wurde verſtanden; dem Neger wurde eine Ader geöffnet; die Lie
Hand anderthalb Minuten lang in glühenden Kohlen, und keines bende ſaugte das Blut ein, leiſtete den nöthigen Eid, und das
gab ein Zeichen von Schmerzen, vielmehr lächelten faſt alle dabei. Paar wurde vereinigt. – –
Die Engländer lieben gräßliche Schauſpiele, und Beſucher und
Guinéen (denn eine Guinée koſtete der Eintritt) flogen daher dem Im Schweizerboten wird über den im Bezirke Rheinfelden
Irländer in Menge zu. So geſchah's auch in der bekannten Fa überhandnehmenden Genuß des Opiums geklagt, und bemerkt:
brikſtadt Leeds, und Dickſon O'Paddy ſetzte durch ſeine »gefühl »Nicht nur iſt es Thatſache, daß in einigen Gemeinden viel Opium
loſen Kinder« die ganze Stadt in Erſtaunen. Endlich wurde aber als gewöhnliches Univerſalmittel aus den Apotheken geholt wird,
ſondern einzelne Individuen, beſonders Weiber, haben ſich an den
hier ſeinen Grauſamkeiten ein Ziel geſetzt. Er wurde von einer täglichen Genuß des Opiums auch ſchon ſo gewöhnt, daß ſie deſſen
Mutter, Miſtreß Gingerbread, angeklagt, ihren 7jährigen Sohn nicht mehr entbehren zu können glauben. So lebt eine Frau auf
durch ſeine Meſſerſtiche in den Arm ermordert zu haben. Die
Leiche wurde unterſucht, die Anklage bewährt gefunden, Dickſon dem Lande, die ſchon im vorgerückten Alter ſeit vielen Jahren
O'Paddy verhört. »Miſtreß Gingerbread,« ſagte er, »hat mir ihr täglich ihre Portion nimmt. Um auch die Kleinen dieſes Glückes
Kind vermiethet. Ich habe ihr geſagt, daß meine Erperimente theilhaftig werden zu laſſen, iſt es in mancher Familie gebräuch
den Kindern nicht gefährlich ſeyen, wenn dieſe geſund ſind; Mi lich, ihnen, wenn ſie in der Wiege nicht ſchweigen wollen, einen
ſtreß Gingerbread behauptete, ihr William ſey geſund und überlie Aufguß von Mohnblättern und Mohnkapſeln zu reichen. – –
ferte mir ihn für 50 Guinéen. Aber der Knabe war nicht geſund, Zu Beaucaire hat man in den unterirdiſchen Gängen zu der
ſondern war ſcrophulös. Ich kann nicht dafür, wenn er ſtarb, ich Ruine von St. Denis die Spuren (?) eines alten Tempels und
habe die Mutter vorher gewarnt«. Darüber befragt, wie es komme, eines koſtbaren Fragments einer Jupiterſtatue entdeckt. Bei den
daß die Kinder bei dieſen gräßlichen Operationen lächeln, ſagte Ausgrabungen bei Paris ſtieß man auf gut erhaltene römiſche
der Irländer: »Man gibt ihnen Seife zu eſſen, dies ſtumpft die Krieger -Inſignien und auf eine Unzahl Skelette, wonach ſich ver
Nerven ab - und läßt ſie den Schmerz nicht fühlen. Ja, manche muthen läßt, daß dort eine Schlacht vorgefallen war. Auch foſſile
Kinder ſchlafen während meiner Erperimente ein. Uibrigens ſteche Uiberreſte von Thieren, darunter Gebeine eines Urelephanten ſind
ich ſie nie an eine Stelle, wo Nerven oder Muskeln ſind.« – ausgegraben worden. – –
s Kunſt und Leben in Böhmen.
Theaterbericht vom 5. und 7. Juli. Die gelungene Vorſtellung vom 9. brachte dem zahl
(Beſchluß). reich verſammelten Publikum zu gleich die erſehnte
Freude, Se. k. k. Hoheit, den Erzherzog Stephan, im
Am 7. trat Madame Peche als »Louiſe« in »Kabale und Theater zu begrüßen. Se. k. k. Hoheit geruhten dem
Liebe« auf. Es hatte ſich nach der erfreulichen Ankunft Sr. k. k. Schauſpiele bis zur letzten Scene beizuwohnen.
Hoheit des Erzherzogs Stephan das Gerücht verbreitet, daß Prof. An k. Müller.
Hoch dieſelben am 7. das Theater beſuchen werden, oder vielmehr,
man glaubte gern, was man wünſchte, und ſo hatten ſich vom
kleinen Ringe bis zum Theatergebäude zahlreiche Gruppen gebil Telegraph von Prag.
det, welche den durchlauchtigſten Prinzen ſehen und begrüßen
wollten. Auch im Schauſpielhauſe blickte das zahlreich verſammelte Der Violinvirtuoſe, Herr Camillo Sivori, ein Schüler
Publikum vergebens auf die dekorirte Mittelloge zurück und es Paganini's, iſt hier eingetreffen und wird wahrſcheinlich ein Eon
bedurfte einer geraumen Zeit, um der Vorſtellung des vorgenann cert, veranſtalten, über welches wir das Nahere unſern Leſern
ten Trauerſpieles mit voller Aufmerkſamkeit zu folgen. mittheilen werden. Herr Sivori hat in Wien, Peſth und Brünn
Auch abgeſehen von der Gaſtdarſtellerin gehörte die Produk mit dem größten Beifalle geſpielt; die Stimme des Publikums
tion vom 7. zu den beſten, die wir auf unſerer Bühne im Fache und der Kritik hat ihn als einen Künſtler erſten Ranges an
des ernſten Drama geſehen haben; denn Herr Bayer wirkte als
Präſident, Herr Polawſky als Hofmarſchall von Kalb mit,
Ä in Wien hatte er die ausgezeichnete Ehre, bei Hofe ju
pielen. A.
(und dieſe beiden Namen haben vollen Klang und volle Geltung),
Herr Dietz zeichnete ſich als Ferdinand mehr als je aus und Montag den 12. findet eine Vorſtellung zum Vortheile der
auch Herrn Grabinger gelang es, den Charakter des Stadt Madame Allram ſtatt – das letzte Benefice dieſer beliebten
muäkus Miller ſchärfer zu zeichnen und das Milde mit dem Schauſpielerin vor ihrer Penſionirung. Unſer liebenswürdiger und
Starken und Strengen zu paaren. Auch Herr Walter bewährte gefeierter Gaſt, Madame Peche, wird dabei in einer böhmi
ein redliches Streben, hinter der äußerſt ſchwierigen Aufgabe der ſchen Scene, Madame Allram in einem Quodlibet, meiſtens
Darſtellung des Wurm nicht zurückzubleiben. Endlich hatte die aus Neſtroy'ſchen Stücken, auftreten, zu welchem dieſer talent
Vorſtellung vom 7. noch das beſondere Intereſſe, daß Demoiſelle volle Komiker einiges ganz Neue einzuſenden verſprach – Anzie
Herbſt nach ihrer Kunſtreiſe wieder zum erſten Male als Lady hendes genug für ein Publikum, welches die Verdienſte der Bene
Milford auftrat. Da nun unſer Publikum mehr als einmal eine ficiantin um unſere Schaubühne ſtets anerkannt hat. -

beſondere Vorliebe für die erſten drei Trauerſpiele Schillers Der prager Tonkünſtler - Wittwen- und Waiſen - Verſor
kund gegeben hat und die Vorſtellung des 7. in den wichtigſten gungsverein wird am 13. Juli (Dienſtag) um 11 Uhr Vormittags
Momenten eine glänzende genannt werden muß, ſo fiel es mir in der Kreuzherrenkirche zu St. Franz das gewöhnliche Anniver
und jedem ruhigen Beobachter auf, daß auf jede noch ſo laut und ſarium für ſeine verſtorbenen wirklichen und Ehren Mitglieder
einſtimmig geäußerte Beifallsbezeugung, ein ; wenn auch ſchnell mit dem Requiem von Cherubini begehen. A,
unterdrücktes, ſo doch ſehr vernehmliches Ziſchen folgte. Wäre
ich der Mann, das Leſepublikum mit Anekdoten unter verſchwie
genen und ausgeſprochenen Namen zu unterhalten, ſo könnte ich
vielleicht einen Beitrag zu jener Theaterklatſcherei und Theater Literäriſche Notiz.
kabale liefern, welche mit der wahren Kunſt auch die beſonnene
Kritik zu verdrängen droht; aber ich will mir die immer ſchwa Das Rieſengebirge und ſeine Bewohner, von Dr. Joſ. Karl Hoſer,
cheren und am Ende auf ein beſcheidenes Stillſchweigen zurück k. k. Hofarzte c. Prag , 1841, Verlag der Buchhandlung
geführten Demonſtrationen des Mißfallens aus dem Umſtande von Friedrich Ehrlich.
erklären, daß das Ziſchen einiger Unzufriedenen in dem Zi Vor faſt vierzig Jahren (1803) erſchien von dem verehrten
ſchen derjenigen ein Echo fand, welche die Ziſcher auszuſchten, und Verfaſſer »Das Rieſengebirge in einer ſtatiſtiſch-topographiſchen
daß manchmal nur darum geziſcht wurde, weil ſich die Oppoſition und pittoresken Uiberſicht« bei Geiſtinger in Wien. Uiber die
auf Unkoſten der Ruhe und Aufmerkſamkeit des beſonnenen Publi Trefflichkeit dieſes Werkes war nur eine Stimme, alle ſeither er
kums breit machen wollte. Der unbefangene Theil der Freunde ſchienenen Wegweiſer, Führer. Reiſehandbücher c. fur das Rie
des Theaters will für ſein Geld ſehen und hören, was auf der ſengebirge haben ſie praktiſch dargethan, indem ſie Hrn. Hoſer's
Bühne, nicht im Parterre vorgeht. Die Kritik iſt weder Arbeit größtentheils abſchrieben. Seit geraumer Zeit ſchon war
Herrin noch Sklavin, ſondern eine theilnehmende und beſonnene Herrn Hoſers Rieſengebirge aus dem Buchhandel verſchwunden;
Freundin der wahren Kunſt, und für dieſe intereſſiren ſich auch eine neue Bearbeitung dieſes nützlichen Werkes kommt alſo ſehr
diejenigen, welche mit den Trugſchlußen und Umtrieben der Thea erwünſcht. Hr. Hoſer hat ſein früheres Werk vervollſtändigt und
terrezenſenten gar nicht bekannt ſind, ſondern zwei oder drei überall bis auf den neueſten Stand der Dinge herabgeführt; die
Stunden im Theater zubringen wollen, um den Ernſt oder den meiſten Abſchnitte ſind ſo weſentlich umgearbeitet, erganzt und
Scherz des Lebens in einem rührenden oder erheiternden Spiegel erweitert, daß »das Rieſengebirge und ſeine Bewohner« mehr, als
bilde ſeltener Ereigniſſe wiederzuſehen, nicht aber, um klatſchen eine zweite Auflage, daß es gewiſſermaßen ein neues Werk iſt.
und ziſchen zu hören. Das Manuſcript hat der Verfaſſer, ſo wie die beigegebenen
Mad. Peche wurde in jedem bedeutenden Momente ihrer Kupfertafeln dem vaterländiſchen Muſeum zum Geſchenke gemacht
Rolle, beſonders aber im letzten Akte durch die unzweideutigſten und dieſe gelehrte Geſellſchaft wird auf dem Titel als Heraus
Beweiſe einer allgemeinen Zuſtimmung ausgezeichnet. Hier (num geber benannt. – Nach einem einleitenden Vorworte folgt die
lich im letzten Akte) hatten ſich die wenigen Zſcher ſelbſt ausge eigentliche Monographie in zwei Abtheilungen: die erſte betrachtet
ziſcht, d. h., ſie unterließen es, ſich noch fernerhin lächerlich zu das Rieſengebirge im Allgemeinen und mit ſeiner Bevölkerung
machen. Nach der Schlußſcene des dritten Aktes wurden Herr überhaupt, die zweite den Bewohner des Rieſengebirges als Men
Dietz und Mad. Peche zugleich gerufen; zuletzt aber erſcholl aus ſchen in ſeinen verſchiedenen Verhältniſſen und Beziehungen zu ſich
allen Räumen des Hauſes der Name Pech e ſo laut und anhal ſelbſt und andern. Die Folge der einzelnen Abſchnitte iſt ſtreng
tend, wie es jedesmal nach einer ausgezeichneten Gaſtdarſtellung logiſch geordnet; jeder Abtheilung ſind Anmerkungen angehängt,
zu geſchehen pflegt. Da Mad. Pech e am 9. Juli in Leutner's welche einen Schatz der intereſſanteſten Notizen enthalten. Wer
»Brandſtifter« (auf dem Zettel wurde Raupach als Verfaſſer Hrn. Hoſer's Werk aufmerkſam durchgeleſen, der hat die vollſtän
genannt), einen vollſtändigen Triumph feierte, indem ihr ſchönes digſte und ſicherſte Anſchauung dieſes intereſſanten Gebirgszuges
und wirkſames Spiel mit Ausnahme einer einzigen, ſehr ſchwachen und Niemand, der ihn zu bereiſen gedenft, ſollte es unterlaſſen,
Demonſtration des Mißfallens enthuſiaſtiſchen Beifall fand, werde früher des Werk zu ſtudiren. Der Styl des Verfaſſers iſt klar
ich bald Gelegenheit finden, über ihre »Louiſe« und »Eugenie« und von angenehmer Warme belebt, ohne jemals in Tiraden zu
die kritiſchen Bemerkungen folgen zu laſſen, und der Mehrzahl verfallen, die einem Schriftſteller, der ſeinen Gegenſtand lieb ge
des beſonnenen Publikums zur Prüfung vorzulegen. Für diesmal wonnen, ſo nahe liegen. – Die Auflage iſt ſchön und die beige
glaubte ich in der Eigenſchaft eines bloßen Berichterſtatters auf gebenen Illuſtrationen – zwei großere Anſichten und drei Vig
die Unart einigen Weniger aufmerkſam machen zu müſſen, welche netten – ſind ausgezeichnet; Hrn. Hoſer's Werk iſt in ſo ſolider
ſich dem ſchmeichelnden Wahne überlaſſen, als ob ihr ſubjektives Form erſchienen, als es der Inhalt verdient, und könnte man
Urtheil höher ſtehe, als die Meinung des Publikums. noch einen Wunſch haben, ſo ware es, daß eine Karte des Rie
ſengebirges beiliegen möchte. – B.

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

Unterhaltungsblatt.
-

Den 13. Juli N“ S4. 1S41.

Da s Geg e n üb er. auf; aber ſo oft er hinüber ſah, begegnete ſein Blick
dem ſcharfen Blicke ſeines Nachbars.
Eine Erzählung von Th. Swart.
Mit jedem Tage fühlte Karl ſich mehr genirt von dem
An einem ſchönen Nachmittage öffnete ein junger ſeltſamen Greiſe, der kein anderes Geſchäft zu haben ſchien,
Mann ſein Fenſter in einer der belebteſten Gaſſen, lehnte als ihn durch unabläſſige Beobachtung zu peinigen. Er
ſich hinaus und ſah unverwandt das Haus gegenüber wurde unruhig und zerſtreut und mied ſein Haus ſo viel
an. Augenſcheinlich erwartete er dort Jemanden, aber als möglich. Nachdem ein Vierteljahr vergangen, faßte er
wie er auch ungeduldig ſeyn mochte: drüben blieben alle einen kurzen Entſchluß, und ſo ſehr ſeine jetzige Wohnung
Fenſter leer. ihm zuſagte, zog er aus und miethete ſich in einer ent
Karl war ein hübſcher, junger Mann und Bräutigam; fernten Stadtgegend ein.
letzterer Umſtand hielt ihn aber nicht ab, mit allen hüb Zwei Tage vergingen in ungewohnter Ruhe. Karl
ſchen Mädchen, die ihm gegenüber gewohnt hatten, über ſchöpfte tief und freudig Athem, ſo oft er unbewacht ſich
die Gaſſe zu kokettiren. Blicke flogen hin und wieder; auf die Fenſterbrüſtung lehnte. Am dritten Morgen öff
doch bis jetzt war ſein Herz noch nie betheiligt geweſen nete er das Fenſter, und ſein erſter Blick fiel auf den
und eine ſchöne Ausſicht hat ja jeder gern. unheimlichen Alten, der ſchon wieder unverrückten Auges
Eine Viertelſtunde mochte er gewartet haben, als herüber ſchaute. Wie das arme Vöglein an den Blick
drüben das Fenſter klang. Es wurde geöffnet, aber nicht, der Klapperſchlange, war er an dieſen grauſenhaften Blick
wie gewöhnlich von dem roſenwangigen Lockenkopfe, ſon gebannt, der ihm erſtarrend bis ins Innerſte drang. Er
dern von einem alten Manne, der ſich dann an's offene konnte ſich die befremdende Gewalt dieſes Auges nicht
Fenſter ſetzte und unverwandten Blickes in Karl's Zimmer erklären.
ſchaute. Eine ſolche Erſcheinung war dieſem noch nicht Nachdem Karl durch einige Tage ſich hingequält, hatte
vorgekommen. Ein hageres, tiefgefurchtes Geſicht, we er einen glücklichen Einfall. Mochte nun der abenteuer
nige graue Haare und die glänzende Glatze, ſchmale, auf liche Greis irgend eine Abſicht bei ſeinem Benehmen
einandergepreßte Lippen, welche offenbar einen zahnlo haben, oder mochte es zufällig ſeyn: er ließ den Roll
ſen Mund verſchloſſen und ein Auge, ſtarr, ſtechend, daß vorhang herab und zog ihn gar nicht mehr auf. Den
ihm der Blick davon weh that – ſo ſah Karl's neue ganzen Tag Dämmerung im Zimmer zu haben, war
Nachbarſchaft aus. nicht ſehr angenehm, aber ihm doch weit lieber, als
Verdrießlich trat Karl in's Zimmer zurück. Entweder unaufhörlich einem ſpähenden Blicke preisgegeben zu
das ſchöne Mädchen war ausgezogen oder dieſer ſonder ſeyn.
bare Greis war einer ihrer Angehörigen; in keinem Falle Vierzehn Tage verlebte er in Ruhe, dann verſuchte
hatte er Urſache, ſich ſehr zu freuen. Er kam den ganzen er ſchüchtern, den Vorhang aufzuziehen; drüben war der
Tag nicht mehr an das Fenſter. Unerſchütterliche auf ſeinem Poſten. Sich ſo ohne Auf
Am nächſten Morgen, als er es öffnete, ſah er ſein hören bewacht zu wiſſen, war mehr, als Karl ertragen
neues Gegenüber drüben ſchon wieder am Fenſter und konnte. Selbſt der Vorhang half ihm nicht von ſeiner
mit demſelben durchbohrenden Blicke herüberſtarren. Er Beklommenheit und er wußte ſich keinen Rath, als mitten
konnte ſich eines unheimlichen Gefühles nicht erwehren, im Termine auszuziehen. Während ſeine Möbel auf der
obgleich er ſich ein Weilchen hinauslehnte und mit er Gaſſe aufgeladen wurden, warf er noch einen Blick nach
zwungenem Gleichmuthe zu pfeifen verſuchte. Der Alte dem verhaßten Fenſter gegenüber; richtig ſaß der Alte
wich und wankte nicht von ſeiner Stelle. Karl ging aus, auf der Lauer und um ſeine fleiſchloſen Lippen ſchien ein
kam nach Hauſe, ſetzte ſich zum Arbeitstiſche ſtand wieder Lächeln des grauſamſten Hohnes zu ſpielen. Sein Auge
ſchien zu ſagen: »Flüchte nur immerhin, junger Thor, Der Greis gab ſich nicht die Mühe, ſein heiſeres
mir entgehſt Du nicht!« Lachen zu unterdrücken. »Verſuchen Sie es, mich zu ver
Mit heimlichem Herzklopfen ſtand Karl jeden Morgen letzen!« klang ſeine Stimme, er ſelbſt war verſchwunden.
auf und ging an's Fenſter; im gegenüber ſtehenden Hauſe Karl blickte vor und rückwärts, – die Gaſſe war leer;
zeigte ſich aber eine Woche lang nichts Verdächtiges. Er ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken.
lebte gleichſam wieder auf, er beſuchte Promenaden, nur Am nächſten Morgen ging er zu dem Beſitzer des
mied er immer ſorgfältig die Stadtgegend, in der er gegenüber liegenden Hauſes. Nach den erſten Begrüßun
zuletzt gewohnt. - gen und Entſchuldigungen fragte er: »Wie heißt nur Ihr
Eines Abends ſaß er in der Loge und muſterte, ſtatt Miethsmann im erſten Stocke?«
der Oper zuzuhören, mit dem Fernglaſe den reizenden Der Hausherr nannte ihm einen Namen, den er noch
Kranz von Damen. Plötzlich fuhr er zuſammen; gerade nie gehört.
ihm gegenüber in einer Loge ſaß ſein alter Feind und »Das Quartier ſagt mir zu und ich möchte es für
hielt ein gewaltiges Perſpectiv, mit blutrothem Maro künftige Fälle miethen, wenn ich es auch noch nicht gleich
quin überzogen, auf ihn gerichtet. Karl ſtand ſogleich beziehen kann. Ich zahle Ihnen hundert Gulden mehr,
auf und verließ das Theater. Es war ein nebliger Abend als Ihr Miether, und Sie laſſen vom nächſten Termine
und er glaubte von fern ſich Schritte folgen zu hören, an das Quartier zu meiner Verfügung leer.«
eine dunkle Geſtalt vorſichtig an den Wänden hingleiten »Ihr Vorſchlag iſt ſehr vortheilhaft für mich; laſſen
zu ſehen. Immer haſtiger eilte er, warf das Hausthor Sie mir gefälligſt bis morgen Bedenkzeit und ich ſchicke
hinter ſich zu, ſtürmte die Treppe hinauf und fiel athem Ihnen die Antwort.«
los in ſein Bett, die ganze Nacht hindurch ängſtigten Als Karl ſich entfernte, war ihm eine Laſt vom
ihn die wildeſten Träume. Herzen gefallen. Er jubelte über ſeinen prächtigen Ein
Was er gefürchtet, traf ein; zwei Tage ſpäter ſah das fall; – nun endlich war er den gräulichen Vampyr
doch los.
nur zu wohl bekannte Geſicht gegenüber aus dem Fenſter.
Den armen Karl ergriff eine Art von Fieber. Er ließ Am nächſten Morgen kam ihm folgendes Briefchen
wieder die Vorhänge herab, und ging erſt nach der Abend vom Hausherrn zu: »Es thut mir leid, auf Ihren Vor
dämmerung aus. Nach einigen Tagen wagte er ſich in's ſchlag nicht eingehen zu können; meinem Miethsmanne
Theater und brauchte nicht lange auf ſeinen Verfolger gefällt das Quartier ſo, daß er ſich bereit erklärt hat,
zu warten. Als Karl ihn gegenüber in die Loge eintre noch fünfzig Gulden über jeden Anbot, ſo hoch er auch
ten ſah, faßte er einen Entſchluß der Verzweiflung. Er ſeyn mag, zu erlegen.«
wartete nach dem Theater am Ausgange der Logentreppe Dieſe Erklärung traf Karl'n wie ein Donnerſchlag.
auf den furchtbaren Unbekannten und dieſer kam nach Was war zu thun ? ſollte er ſich mit ſeinem genſpenſti
einigen Minuten. ſchen Verfolger in ein Meiſtbieten einlaſſen, bei welchem
kein Ende abzuſehen war ? Noch ein letztes Mittel wählte
»Mein Herr,« begann er, »ſeit einigen Monaten
er. Er miethete ein Quartier am größten Platze der
verfolgen Sie mich, wo ich auch hinziehen mag, und laſſen
Stadt, ließ es vollſtändig möbliren und zog ſpät Abends
mich, auf eine ſo läſtige als beleidigende Weiſe, keinen
dort ein, ſeine ganze Einrichtung blieb in der vorigen
Augenblick aus den Augen. Darf ich fragen, was Ihnen
Wohnung, wo die Vorhänge herabgelaſſen blieben und
hiezu das Recht gibt?«
nichts verrathen konnte, daß er ausgezogen war.
Der räthſelhafte Greis maß ihn lange mit ſeinem Ehe er noch Zeit hatte, zu erproben, ob dieſe Vor
erſtarrenden Blicke. »Und was gibt Ihnen das Recht, ſicht günſtigen Erfolg habe, erhielt er einen Brief von
junger Mann,« ſprach er, »ſich über meine Wohnung der Mutter ſeiner Braut, in deren Hauſe die Hochzeit
und mein Benehmen in meiner Wohnung aufzuhalten?« gefeiert werden ſollte. Alles war bereit – meldete ſie
Seine Stimme war dumpf und klanglos und ſo eigen ihm – und man wartete nur ſeiner Ankunft, um zu
thümlich zitternd, daß Karl glaubte, ſie töne aus dem der feierlichen Handlung zu ſchreiten. Karl beſtellte ſo
Grabe herauf. gleich Poſtpferde. Kein Gefangener fühlt ſolche Freude,
Der junge Mann fing an, immer mehr die Ruhe wenn er ſeinem langjährigen Kerker entſchlüpft, als Karl
zu verlieren. »Ich bitte Sie inſtändigſt, ſtehen Sie von empfand, da er zum Thore hinaus auf die ſtaubige Land
dieſer unſeligen Verfolgung ab –« ſtraße fuhr.
Der Alte betrachtete ihn mit einem wahrhaft infer Glücklich kam er in der Kreisſtadt an, wo man ihn
maliſchen Lächeln. »Wie denn, mein junger Freund, mit offenen Armen aufnahm. Nach einer Woche ging
wenn ich ein ganz beſonderes Intereſſe an Ihnen nähme?« die Trauung vor ſich. Die Geſellſchaft kehrte aus der
»Sie wollen mich zur Verzweiflung bringen; aber ich Kirche zurück und ſetzte ſich eben zur Feſtmalzeit: da
verſichere Sie, es könnte Sie gereuen. Wenn meine öffnete ſich die Thür und herein trat – Karl's verhäng
überſpannte Geduld reißt – bei Gott, ich würde ſelbſt nißvolles Gegenüber. Mit weit geöffneten Augen ſtarrte
Blut nicht ſcheuen.« Karl nach der unvermeidlichen Erſcheinung, er wurde blaß,
ſeine Hände ballten ſich unwillkürlich und ſeine zitternden Daguerre hat die Entdeckung gemacht, daß, wenn man eine
mit Jod vorbereitete Silberplatte zum Daguerréotypiren elektri
Lippen ſtammelten: »Auch hier noch!« ſire, ſie einen ſolchen Grad von Empfindlichkeit für das Licht
Verwundert ſah die Geſellſchaft ihn an und Amalie erhalte, daß man den Zutritt des Strahles in die Camera obſcura
fragte ihn nach dem Grunde ſo ſeltenen Beginnens. Hef auf die bisherige Weiſe nicht raſch genug zu bewirken vermöge,
tig erzählte er alle Qualen, alle Zweifel, in welche ſeines um ein klares, gleichförmiges Licht zu erhalten. Während man
Gegners unabläſſige Verfolgung ihn geſtürzt. nämlich dem Lichte den Zutritt öffne, würden bereits diejenigen
Stellen, die es zuerſt berühre, zu tief ergriffen, um mit den
Dieſe pathetiſche Erzählung machte eine ganz andere ſpäter beleuchteten Punkten in Uibereinſtimmung zu bleiben. Da
Wirkung, als er erwartet hatte. Amalie konnte ſich nicht gegen laſſe ſich eine weniger empfindliche Platte einrichten, die man
enthalten, laut aufzulachen. »So ſtrafen ſich alte Sün dann in der Camera obſcura dem Lichte ausſetze, und erſt in
den!« rief ſie. »Erinnerſt Du Dich noch, wie Du vor dieſer Lage durch Elektriſirung empfänglich mache. Auf ſolche Weiſe
Deiner Abreiſe meinem Bruder ſcherzend erzählteſt, Du könne man durch augenblickliche Anwendung des elektriſchen Fun
kens, z. B. eine Verſammlung im Moment ihrer höchſten Aufre
habeſt ein ganz beſonderes Glück, ſchönen Kindern gegen gung plaſtiſch verewigen. – –
über zu wohnen, und gerade damals winke Dir täglich Eine Mademoiſelle Boudet in Paris, 76 Jahre alt, war ſeit
ein ſolches vis-à-vis zu, ja Dein Herz ſey mehr als 14 Tagen erkrankt, und wurde von zwei Nichten gepflegt. Die
einmal in Gefahr geweſen. Ich war im Nebenzimmer Kranke galt allgemein, ſelbſt bei ihren nächſten Verwandten, für
und hörte jedes Wort. Die Sache kam mir – ich muß arm; wie erſtaunten daher die Nichten, als ihre Taute einen Notar
es geſtehen – allerdings bedenklich vor. Hier unſer guter holen und ein Teſtament aufſetzen ließ, worin ſie jeder Nichte
100000 Franken vermachte, und noch andere Legate im Betrage
Freund hatte gerade Geſchäfte in der Hauptſtadt; ich trug von mehr als 500000 Franken ausſetzte. Sie ſagte, daß ſie dieſes
ihm auf, ſich immer Dir gegenüber einzumiethen und Vermögen ſeit ihrem 13ten Jahre durch unausgeſetzte Sparſamkeit
nebenbei ein ſorgliches Auge auf Dich zu haben. Gut erworben habe. Hierauf zog ſie aus ihrem Kopfkiſſen eine alte
meinend mag er wohl ſeinen Eifer zu weit getrieben haben.« Brieftaſche hervor, erklärte, daß ſie 23000 Franken Renten auf
Es fiel Karl wie Schuppen von den Augen. »Und das große Schuldbuch und vier Häuſer beſitze, empfahl den Nichten
ihre Miethsleute, die pünktlich bezahlten, und verſchied. Das
wer iſt dieſer Herr?« fragte er. Haus, in welchem ſie ein Dachſtübchen bewohnt, wurde weiß aus
»Unſer alter Haushofmeiſter, die beſte und treueſte geſchlagen, die Leiche mit 150 brennenden Kerzen umgeben, und
Seele.« prachtvoll zur Erde beſtattet. – –
»Wie konnten Sie aber,« fragte Karl den Alten, »da Die große Wilhelmsbrücke über das M bei Amſterdam wird
mals Abends ſo übernatürlich verſchwinden?« 900 Ellen lang und 44 Ellen breit werden, und ſoll auf 13 Bogen
ruhen, von denen einer 100 Ellen breit und ſo hoch werden ſoll,
»Sie ſcheinen die Topographie der Durchhäuſer nicht daß die größten Seeſchiffe durchpaſſiren können. – –
gut ſtudirt zu haben, junger Herr!« Die neulich erwähnte ſchändliche Gemälden - Verſtümmelung in
Nachdem Karl den erſten, kleinen Verdruß, daß auf der londoner Kunſtausſtellung iſt in der Galerie der britiſchen
ſeine Koſten gelacht wurde, verwunden hatte, kam die Künſtler, wahrſcheinlich von demſelben Individuum, an einem be
heiterſte Stimmung in die Geſellſchaft. Karl konnte jetzt reits verkauften trefflichen Gemälde wiederholt worden. Man hat
einen Preis für die Entdeckung des Thäters ausgeſetzt. – –
nicht begreifen, wie der gutmüthige freundliche Greis ihm Wie weit man die Leichtigkeit des Baues der Dampfſchiffe
jemals ſo unheimlich ſeyn konnte. in Frankreich treibe, zeigte kürzlich Herr Seguier in der Akademie
»Wenn wir aber in die Stadt ziehen,« ſagte Amalie, der Wiſſenſchaften durch die Bemerkung, daß man den Nagel
»werde ich doch auf das Gegenüber immer Acht haben.« ſchmieden Prämien zuerkenne, welche die Nagelköpfe am mindeſten
»Es iſt ganz unnöthig, Liebſte,« ſagte Karl lächelnd. ſchwer machen; daß die Polizei genöthigt geweſen ſey, durch Vor
richtungen auf dem Verdeck den Paſſagieren ein gleichzeitiges Hin
»Ich werde zu Hauſe ſo angenehm beſchäftigt ſeyn, daß treten auf Eine Seite unmöglich zu machen, weil ſonſt das Schiff
es mir gar nicht einfallen wird, im Fenſter zu lungern.« gleich umſchlagen würde, und daß man diejenigen Steuerleute am
beſten bezahle, die mit den wenigſten Bewegungen des Steuers
auskämen, weil dieſe die Fahrt eines ſo leichten Schiffes jedesmal
M of a i k. bedeutend aufhielten. – -
Die Catalani ſoll am 20. Juni im 61. Lebensjahre auf ihrem Seit einiger Zeit machen in Paris des Baron Dupotet, eines
Landſitze am Ufer des Comerſees geſtorben ſeyn. – – Laien, vorgebliche Heilungen taubſtummer Perſonen durch den
Am 20. Juni ging ein Dampfſchiff von Sto thom noch Bock Magnetismus großes Aufſehen. Die franzöſiſche Akademie der
holmsſund ab, und nahm 250 Paſſagiere mit, um Erperimenten Wiſſenſchaften übergab dem Baron drei Kinder aus dem Taub
mit den vom Lieutenant Höökenberg erfundenen Waſſerſchuhen ſtummeninſtitut, damit er ſie unter Aufſicht einer Kommiſſion der
beizuwohnen. Es wurden verſchiedene Verſuche ausgeüht . . B. Akademie nach ſeiner Methode behandle. Der Erfolg war, dem
Berichte dieſer Kommiſſion zufolge, keineswegs glänzend. Die
auf dem Waſſer gegangen, gelaufen, Einige tranken auf e cm
Waſſer, auf Stühlen vor einem Tiſche ſitzend, Champagner, neere Kinder lernten gewiſſe Laute hören und einige Sylben ausſprechen,
auf dem Waſſer herumgehende Herren zündeten Feuerwerks :ücke aber Alles auf ſo rein mechaniſchem Wege, daß ſie mit dem Hören
an, geübte Schwimmer führten Evolutionen aus, um die An und Ausſprechen der Laute keinen Begriff verbanden, und dieſe
wendbarkeit der neuen Erfindung als Rettungsmittel, falls Jemand geringe Fähigkeit ohne Uibung bald wieder vergaßen. Die in unſeren
in's Waſſer fiele, zu zeigen, u. ſ. w. Später wurde auch eine Taubſtummeninſtituten eingeführte Methode hat weit weſentliche
Vorſtellung gegeben, wo Soldaten, auf Waſſerſchuhen ſtehend und ren Erfolg. – –
gehend, auf dem Waſſer ihre Gewehre luden und abſchoßen, um In der Bibliothek des Pariſer Zeughauſes iſt vor Kurzem ein
die Anwendbarkeit dieſer Erfindung auch in militäriſcher Hinſicht zweiter Abdruck, avant la lettre und im beſten Zuſtande, von dem
beim Uiberſetzen über Flüſſe u. dgl. zu erproben. – – berühmte Kupferſtiche Maſo Finiguerra's, darſtellend die Himmel
fahrt Mariä, gefunden worden. Von dieſem Stiche war bisher ten das Steuer und fuhren weg. Letzter Theil ſtürmiſch, widrige
nur ein einziges Eremplar in der königlichen Bibliothek zu Paris Winde; die Strömung des Ungemachs trieb mich ſtark leewärts.
vorhanden und es galt als unſchätzbares Denkmal für die Kunſt Gegen Ende der Reiſe aufgeheitert. Mit den Quadranten der
geſchichte, da es bekannter Maſſen volle vierhundert Jahre Rechtlichkeit eine Beobachtung gemacht, die Schiffsrechnung be
alt iſt. – – richtigt und abgeſchloſſen und nach einer Fahrt von mehr als fünf
Zu Boſton iſt Mr. Parker, ein tapferer Offizier der ameri zig Jahren in die Sterblichkeits-Rhede eingelaufen, mit der Aus
kaniſchen Marine, in hohem Alter geſtorben. Man fand nach ſicht auf die klare und unbewegte Fläche des Oceans der Ewig
ſeinem Tode folgende eigenthümliche Autobiographie von ſeiner keit.« – –
Hand: (Blumen auf Bällen.) Ein berühmter engliſcher Chemiker
»Erſter Theil der Reiſe anmuthig, friſche Brieſen und freie hat kürzlich in einer öffentlichen Vorleſung bewieſen, daß Kopfweh
Winde, alle Segel aufgeſetzt. Viele Schiffe angerufen, welche und ähnliche Schmerzen, welche gewöhnlich auf einen Ball folgen,
Mangel an Proviſion litten, reichlich ihnen mitgetheilt. Mittlere lediglich den vielen Blumen, mit welchen der Ballſaal dekorirt
Fahrt veränderliches Wetter; die Vorräthe werden knapp. Man und die Toilette der Damen geſchmückt iſt, zuzuſchreiben ſind.
ches Schiff angerufen, das früher nur durch unſere Unterſtützung Die Blumen hauchen nämlich bei Tage das heilſame Orygen, zur
wieder in See gehen konnte; Nothzeichen gemacht: ſie aber wand Nachtzeit aber das ſchädliche kohlenſaure Gas aus. – –
ü-F-F-

Kunſt und Leb e in Böhmen.


Theaterbericht vom 2. bis 11. Juli. - - det des Ganzen auch hätte liegen laſſen können. Was aber Mad.
Die Zwiſchentage des ſchnell aufeinander folgenden Gaſtſpiels Peche vor dem letzten Akte Ausgezeichnetes leiſtete, war origi
der Mad. Peche nahmen die Opern »Raul der Blaubart«, »der nell und geiſtreich motivirt, und ſchon der Umſtand zeugt für die
Brauer von Preſton«, »Norma« und »Guido und Ginevra« ein. Tüchtigkeit der Künſtlerin, daß ſie unter ungünſtigen Umſtänden
Für den 11. war das Trauerſpiel »Egmont« angeſetzt, da ſich aber am Ende doch ein zerſtreutes Publikum zu feſſeln und zum Bei
Mad. Peche ſchon am 5. nicht wohl fühlte, ſo zog ſie es zur falle hinzureißen wußte.
Vermeidung einer anſtrengenden Generalprobe vor, am Sonntage (Der Beſchluß folgt).
die Darſtellung der »Gabriele« zu wiederholen. Nach dem Bei
falle, welchen ſich Mad. Peche gleich zu Anfange ihres Gaſtſpie
es in dieſer Rolle erworben hatte, konnte man für den 11. ein
volles Haus vorausſehen. Wirklich war auch der Schauplatz am Nachrichten vom Lande.
11. mehr beſetzt, als am 3. Juli und Mad Peche wurde faſt Das Denkmal Premyſl's bei Staditz iſt bereits errichtet.
nach jeder bedeutenden Scene zweimal gerufen. Da ich mich in Einige ſteinerne Stufen führen zu dem Piedeſtale, welches einen
der 81. Nummer dieſer Blätter über die Darſtellung der Ga Pflug von bronzirtem Gußeiſen trägt. Auf beiden Seiten des
briele« genügend ausgeſprochen habe, und in Bezug auf die Vor Piedeſtales ſind Basreliefs, das eine die Ankunft von Libuša's
ſtellung vom 11. nur beiſetzen muß, daß ſich Mad. Binder trotz Boten bei Premyſl, das andere Premyſl's Empfang auf dem
eines kaum vorübergegangenen Unwohlſeyns in der Partie der Wyšehrad durch die Fürſtin darſtellend. Der Entwurf dieſes
Marquiſe laut geäußerten Beifall erwarb: ſo kann ich nun die würdigen und einfach ſchönen Denkmales rührt bekanntlich von
im letzten Blatte niedergelegten Bemerkungen über die Produktion unſerem talentreichen Landsmanne, Herrn Mar, her. Der Er
des Trauerſpiels »Kabale und Liebe« (wie ich es verſprochen habe) richter iſt der kunſtſinnige Graf. Er wein Noſtitz. – –
vervollſtändigen. Meiſterhaft war das Spiel der Mad. Peche Das Reichenberger Muſikfeſt findet nicht, wie wir
im letzten Akte beſonders in den Stellen, wo Louiſe aus der vorläufig meldeten, am 8. und 9. Auguſt ſtatt, ſondern iſt, um
dumpf hinbrütenden Verzweiflung und aus der Sophiſterei eines
zu rechtfertigenden Selbſtmordes zum Bewußtſeyn ihrer Pflicht ihm den möglichſten Glanz geben zu können, bis gegen Ende Au
guſt verſchoben worden. Später werden wir den Tag ſelbſt an
erwacht und an die Bruſt ihres Vaters ſinkt. Von dieſem Augen geben.
blicke an waren die Aeußerungen einer noch im Hinſterben der
Lebenskraft ausdauernden ſittlichen Beſonnenheit und Geduld eben
ſo wahr, als herzergreifend; auch ging Mad. Peche in der Be
zeichnung der Todesangſt nicht weiter, als es der Schluß der Muſikaliſche Notiz.
Scene geſtattet, in welchem Louiſe über ihren unglücklicheren Drei Notturnos für das Pianoforte von W. H. Veit, 18. Werk.
Freund ſich ſelbſt und das Gift vergißt, welches in ihren Einge Dresden bei W. Paul und Prag bei Joh. Hoffmann.
weiden wüthet. Nur befremdete es uns, daß ſie nach dem Bei
ſpiele anderer Darſtellerinen, um anſtändiger zu fallen, und ein Dieſe drei charakteriſtiſchen Tonwerke hat unſer Landsmann
ſchöneres Bild zu geben, einen Stuhl gegen die Mitte der Stube noch in Prag geſchrieben und kurz nach ſeiner Abreiſe wurden ſie
zog und ſo umlegte, daß ſie auf die Lehne desſelben ſinken konnte. In in einem öffentlichen Concerte von Hrn. Pius Richter unter un
der Scene mit der Lady ſchien ſie anfangs erſchöpft zu ſeyn, denn getheiltem, lebhaftem Beifalle vorgetragen. – Einem jeden Stücke
ſie betonte ſchwächer, als ſie es in Reden zu thun pflegt, wo der ſteht als Motto eine Stelle aus einem deutſchen Dichter voran,
Gedanke vor das unterdrückte Gefühl tritt. Freilich erſcheint welche den muſikaliſchen Ausdruck der Nummer bezeichnet, – eine
Louiſe mit zerſtörten Hoffnungen und blutendem Herzen vor der ſinnige Einrichtung, die wir bisher nur bei einigen Clavierwerken
Lady, freilich ſprach Dem. Herbſt gegen ihre Gewohnheit leiſer, Robert Schumanns fanden. Das erſte Notturno zeichnet ſich durch
als es hätte ſeyn ſollen, ſo daß es für den Gaſt ſchwer wurde, einen überaus zarten und ſehnſüchtigen Geſang aus, der ſtrophen
die Empfindungen zu nuanciren und nach dem Geſetze der Allmä weiſe, je von einem kurzen Ritornell unterbrochen, immer dringen
lichkeit zu ſteigern; aber es zerfiel eben dadurch das Spiel in zwei der und voller anklingt, bis er mit einer Verkürzung der erſten
discrete Hälften, in deren letzterer die Farben zu ſtark aufgetra Periode, gleichſam einem Seufzer der Erinnerung, aufhört. Auch
gen erſchienen. Bei der guten Anlage der ganzen Scene kann ich aus dem zweiten, gemüthlich idylliſchen Tonſtücke hört man gegen
in Bezug auf die erſtere Hälfte nur annehmen, daß Madame das Ende die durchklingende Wehmuth kaum gelöſet. Um ſo wirk
Pech e entweder verſtimmt, oder erſchöpft, oder beides zugleich ſamer ſchließt das letzte Stück mit ſeiner friſchen lieblichen Bewe
war. Spuren der Verſtimmung fanden wir auch in der Duftir gung den kleinen Kranz ab; dieſes koſtliche Gedicht in Tonen er
ſcene mit Wurm, die von Seite des Herrn Walter ſo matt hält einen neuen, eigenthümlichen Reiz durch die milde Herbig
gegeben wurde, daß er nicht einmal die bedeutenden Worte: »An keit des Mittelſatzes, die dennoch die leichte Bewegung des An
den Henker Ihres Vaters« ſteigerte. Kurz, es waltete über die fanges und Schlußes nicht unterbricht. Der Bau der drei Not
dritte Gaſtdarſtellung der Mad. Peche ein eigener Unſtern, da turni iſt regelrecht und liedermäßig gefügt; die Ausführung iſt
ſelbſt ihr Abgang im erſten Akte durch eine Störung bezeichnet voll und doch ſehr ſpielbar, was man mit dem beliebten Worte
wurde, welche an und für ſich zwar von geringer Bedeutung war, »dankbar« bezeichnet. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich vor
aber dem Publikum dennoch auffiel. Herr Dietz wurde nämlich ausſage , daß man Veits neue Tonſtücke bald als Lieblinge auf
mit dem Umwerfen des Mantels nicht fertig, da er ihn unbeſcha jedem Clavierpulte finden wird. B.

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

Unterhaltungsblatt.
Den 16. Juli M“ S5%. 11S441.

Geſchichte eines armen Teufels, dem ängſtlichſten Herzklopfen betrat ich die Schwelle des
Hauſes, an welchem ich ſo viele hundert Male die Schei
von ihm ſelbſt geſchrieben.
ben gezählt hatte. Wie ein Dieb ſchlich ich verſtohlen
Alle Welt nennt mich einen armen Teufel; aber einen die Treppe hinauf, mit einem beklemmenden Gemiſch von
unpaſſenderen Namen konnte der Menſchenwitz nicht er Furcht und Sehnſucht erwartete ich, nur den Saum ihres
finden. Iſt der Teufel arm? Dann lügen alle Ammen Kleides zu ſehen, nur das Rauſchen ihrer Gewänder zu
märchen, und alle Uiberzeugung von Jahrhunderten fällt hören – ich ſah und hörte nichts.
in Trümmer. Oder hält man Armuth, unverſchuldete Ich hatte eben zum fünften oder ſechsten Male meinen
Armuth für ſo böſe, daß ſie ſich nur mit dem Worte Adolph beſucht, als ſein Vater zu uns herüber kam.
Teufel bezeichnen läßt? Im Namen der Menſchlichkeit iſt Adolph ſtellte mich ihm vor. Es war ein großer, feiner
das zu läugnen. Es gibt ſo viele reiche Teufel, daß wir Mann von ernſter Freundlichkeit, reich und geſchmackvoll
armen Teufel überflüſſig genug daran haben. gekleidet. Schon auf den erſten Blick hatte er meine
Ohne Eltern und Freund wuchs ich heran: ich hatte Verehrung und Neigung gewonnen. Er beſprach ſich län
Niemanden, der mich verziehen konnte. Kaum hatte ich gere Zeit mit mir, erkundigte ſich theilnehmend nach
das Gymnaſium und das achtzehnte Jahr zurückgelegt, ſo meinen Verhältniſſen, fragte genau nach meiner Herkunft
ſah ich mich nach einem würdigen Ideale für meine Lieder und Verwandtſchaft. Ich verließ das theure Haustrunken
um; denn ich hatte das Unglück Sonette zu machen. vor Freude.
Einer meiner Studiengenoſſen hatte eine Schweſter – Zwei Tage ſpäter lud mich Adolph in ſeiner Eltern
Schweſter, welches nüchterne Wort für eine verkörperte Namen zum Thee. Ich ſah Helenen von Angeſicht zu
Huldgöttin ! Unzählige Male bin ich im Mondſcheine Angeſicht, ich hörte den ſüßen Ton ihrer Stimme. Wie -

ſchwärmend unter ihren Fenſtern auf- und abgegangen, zierlich und voll Grazie ſie ſich bewegte, mit welcher
unzählige Male habe ich »Wonne und Sonne«, »Herzen lächelnden Milde ſie ſprach! Ja mein Herz hatte mich
und Schmerzen« gereimt. Verſpottet mir dieſes erſte nicht getäuſcht, ſie war es werth, der Inbegriff aller
Stammeln des erwachenden Gefühles nicht; nur das von Wünſche und Hoffnungen zu ſeyn.
Seligkeit überfüllte Herz kann ſich nicht ausſprechen, aber
Wie ich mit Adolph ſchnell bekannt geworden war,
unter einem glänzenden Redeſtrome ſchlägt es leer und
kalt. wurde ich bald auch in ſeiner Familie heimiſch. Ich ver
ſtrickte mich immer tiefer in die weichen Feſſeln, die mich
Ich ſuchte mich dem Bruder meines Idoles anzunä
unauflöslich an Helenen ketteten. Mochte ſie nun in
hern, aber er hielt ſich in kühler Abgeſchloſſenheit; mir
meinen Blicken meine glühende Leidenſchaft leſen oder
blieb nichts übrig, als Herzensergießungen auf dem Pa
piere und die ſtille Anbetung meines ſchönen fernen nicht: ſie behandelte mich immer mit derſelben zarten und
Sternes. rückſichtvollen Freundlichkeit.
Zwei Jahre hatte ich verträumt und verſungen, da fing Eines Abends bereitete ich mich eben zu dem gewöhn
der Bruder meiner überaus platoniſch Geliebten an, ſich mir lichen Beſuche bei Helenen vor, als ein junger, etwas
zu nähern; er lieh mir Bücher, er begleitete mich auf wüſt ausſehender Menſch bei mir eintrat.
meinen Spaziergängen. Ich hatte bisher ſo einſam und »Grüß Dich Gott, Vetter!« rief er mir ſchon in der
aller Freundſchaft fremd gelebt, daß dieſes Anſchließen Thür zu.
eines wohlwollenden Herzens mir unbeſchreiblich wohl Ich ſah ihn etwas befremdet an, denn er war mir
that. Bald waren wir täglich beiſammen und es dauerte ganz unbekannt und ich wußte durchaus nicht, wie ich zu
nicht lange, ſo lud er mich ein, ihn zu beſuchen. Mit der Vetterſchaft kam.
»Ich bin ja Deiner Großmutter Schwägerin Stief »Ich bin der einzige.«
neffe,« erklärte er, denn er mochte mein Erſtaunen be »Mein junger Freund«, ſagte der Commerzienrath ernſt,
merkt haben. »warum haben Sie mir das nicht längſt vertraut? In
»So,« ſagte ich etwas gedehnt, »es freut mich herzlich –« Eile müſſen die Schritte zur Wahrung Ihrer Rechte ge
»Ohne Komplimente, Vetter. Weißt Du denn, wel than werden, ehe die Friſt verſtreicht. Wollen Sie die
ches Gerücht über Dich in der Stadt umläuft ?« Sache in meine Hände legen, ſo bin ich erbötig, ſie mit
»Nicht eine Sylbe.« allem Eifer eines theilnehmenden Freundes zu führen.«
»Siehſt Du, das hab' ich mir gedacht, und aus ver Schon mit dem erſten Worte hatte er mich von ſeiner
wandtſchaftlicher Liebe und Zuneigung bin ich gleich her Unbefangenheit überzeugt, ich gab mich ganz ihm hin. Er
gelaufen, Dich in Kenntniß zu ſetzen. In der Reſidenz ließ ſich alle meine Papiere vorlegen, wählte daraus die
iſt ein Glied aus unſerer Sippſchaft geſtorben, von dem wichtigſten, reiſte in meine Vaterſtadt und eilte von dort
kein Menſch etwas wußte und hat all ſein Vermögen dem in die Reſidenz, wo es ſeiner Gewandtheit gelang, die
nächſten Erben Deines Onkels hinterlaſſen. Du biſt die Angelegenheit in kurzer Zeit zu beendigen. Ich war im
ſer einzige Erbe und wirſt, ehe man eine Hand umdreht, Beſitze eines großen Vermögens.
zum wenigſten Millionär.« Ein Zauberer hätte mich nicht glänzender umwandeln
Es flirrte mir vor den Augen. »Iſt in der Sache können. Ich war auf einmal geiſtreich, genial, liebens
aber kein Irrthum?« fragte ich. würdig, ein Liebling der großen Welt, die Seele aller
»Sieh nur her,« rief mein plötzlicher Vetter und zog feinen Zirkel. Man drängte ſich mit Huldigungen um
ein Zeitungsblatt aus der Taſche, in welchem er eine mit mich, die bis zum Ekel übertrieben waren. Noch niemals
Rothſtift bezeichnete Stelle mir zeigte. Es war in der war ich vom Gefühle meiner Nichtigkeit ſo durchdrungen,
That ein gerichtlicher Aufruf an die Erben meines On als da ich gewahrte, wie mich ein Glückswurf aus einem
kels, ſich in einer wichtigen Angelegenheit zu melden. verlaſſenen, unbekannten Waiſen zum Götzen der Menge
Ich ſtand ſprachlos vor Uiberraſchung, ich glaube gar, gemacht hatte.
ich zitterte. Mein Vetter, meiner Großmutter Schwägerin Stief
»Nun wirſt Du,« fuhr der geſprächige Vetter fort, »die neffe, war nur der erſte eines langen Zuges von Vettern
zärtliche Freundſchaft des Hrn. Commerzienrathes – wie und Baſen, von denen ich mir niemals etwas hätte
heißt er nur ? – und ſeiner ſchönen Tochter zu würdi träumen laſſen, die mich aber alle unausſprechlich liebten.
gen wiſſen. Es verlohnt ſich in der That der Mühe, Fortunatus Säckel hätte nicht hingereicht, dieſen durſtigen
einen ſo prächtigen Goldfiſch einzufangen. Ich habe ſchon Haufen mit einem Goldregen zu erſättigen.
vielen bitteren Verdruß darüber gehabt, denn die ganze In Helenen's Hauſe ſtand ich fortwährend auf dem
Stadt findet Dich in der Angelegenheit, verzeihe mir, vertrauteſten Fuße; wir verſtanden uns ohne Erklärung,
ſehr lächerlich.« und ich wurde ſtillſchweigend als Schwiegerſohn behandelt.
Mir fiel bei, wie genau Helenens Vater ſich nach Ich weiß ſelbſt nicht, wie es gekommen war, ob ihr Vater
meinen Familienangelegenheiten erkundigt hatte. mich dazu überredet, ob ich ihn darum erſucht hatte: mein
»Ich ſelbſt bitte Dich,« eiferte der Vetter in ununter ganzes Vermögen hatte ich in ſeinem Geldgeſchäfte an
brochenem Redefluße, »Dein Vertrauen nur Leuten zu gelegt. Der einzige kleine Zwiſt, den ich öfter mit ihm
ſchenken, die mit Dir durch die Bande des Blutes und hatte, war, wenn ich Geld für meine Verwandten ver
der Pflicht verbunden ſind. Ich habe jetzt ein Geſchäft; langte.
indeſſen laſſe ich Dir das Zeitungsblatt hier; beſinne Dich, Mehre Monate hatte ich unter dieſen Verhältniſſen
überdenke die ganze Sache; ich komme nächſtens wieder, verlebt, als der Commerzienrath mich zu einer Reiſe drängte.
um mit Dir Alles näher zu beſprechen.« Ich gab ihm endlich nach und bereiſte die Hauptſtädte von
Der Vetter ging und verließ mich in einer Fluth wider Deutſchland. Ganz unerwartet bekam ich einen Brief
ſtreitender Gefühle. Sollte der Commerzienrath von mei von meinem Vetter, deſſen Inhalt mich niederſchmetterte.
nem Glücke bereits gewußt haben? ſollte alle dieſe Güte Er lautete: »Ich habe Dich immer vor dem Commerzien
und Freundlichkeit nur Heuchelei aus Spekulation geweſen rathe gewarnt: jetzt ſieh die Folgen Deines blinden Ver
ſeyn? Davon mußte ich mich noch heute, jetzt gleich über trauens. Es heißt allgemein in der Stadt, Dein väter
zeugen. Ich ſteckte haſtig das Papier ein und machte licher Freund ſey im Begriffe, Bankbruch zu machen.
mich auf den Weg. Willſt Du von Deinem Vermögen etwas retten, ſo eile,
»Wiſſen Sie ſchon,« rief ich dem Commerzienrathe ehe es zu ſpät iſt.«
entgegen, »welches Glück mir wie vom Himmel in den Ich eilte, aber es war zu ſpät; der Commerzienrath
Schoß fällt?« hatte fallirt. Ich wollte ihn beſuchen: Niemand war zu
Ich gab ihm das Zeitungsblatt und er las die Stelle Hauſe; ich kam mehrmals und wurde immer unter irgend
mit einem Erſtaunen, das, wenn geheuchelt, meiſter einem Vorwande abgewieſen. Ich beſprach mich mit einem
haft war. Rechtsfreunde; er hörte mich an, zuckte die Achſeln und
»Und ſind Sie der Erbe Ihres Onkels?« meinte, da ſey nichts zu machen.
Der Streich, den mein nächſter Freund mir geſpielt, mitleidsvoll lächeln und ſprach zu mir ſelber: »Unglück
wurde ſchnell in der ganzen Stadt bekannt. Alles zog liche Glückliche, beneidet einen armen Teufel!«
ſich von mir zurück, ſeit ich ohne meine Folie, ohne Geld
war, höchſtens warf man mir ein Paar Worte beleidi M o ſ a i k.
genden Bedauerns hin. Das ganze Heer meiner Vettern
und Baſen war verſchwunden, als hätte die Erde es ver Briefe aus Florenz vom 25. Juni widerlegen das Gerücht von
dem Tode der berühmten Sängerin Catalani. – –
ſchlungen. Im Jahre 1595 wollte ein Menſch, Namens Amman aus
In meinem Grolle gegen die ganze Welt hielt mich Draupach, in 3. ſeine Kunſt im Vielfreſſen zeigen, indem er ſich
nur ein Troſt aufrecht, der Glaube an Helenen. Gewiß erbot, 20 Pf. Fleiſch auf einmal zu eſſen. Der Magiſtrat ließ
war ihr Herz zerriſſen durch den elenden Betrug ihres ihn ohne weiters verhaften, und unter ernſtlichem Verweis ſeines
Vaters, gewiß liebte ſie mich noch und nur Zwang hielt Vorhabens mit der Lehre zum Thore hinausweiſen: »Man ſolle
ſie ab, ſich mir mitzutheilen. ſich nicht vom Freſſen, ſondern vom Arbeiten nähren.« – –
Einſt ging ich, in Gedanken verloren, auf einen öffent In Canterbury (in der Grafſchaft Kent) ſtarb vor Kurzem
ein Seidenfabrikant, John Hall, und hinterließ ein Vermögen von
lichen Spaziergang vor der Stadt. Ein Wagen begegnete 2 Millionen. Er ſoll von Geburt ein Deutſcher (Jonas aus Halle)
mir, der Commerzienrath mit ſeiner Frau und Tochter geweſen ſeyn, der im Jahre 1813 vom Napoleon'ſchen Heer deſer
ſaß darin; neben dem Wagen trabte ein eleganter Reiter tirt war, und deßhalb einen andern Namen angenommen hatte. –
und plauderte, die Hand auf den Schlag gelehnt, mit Auch auf den Sandwichinſeln erſcheinen jetzt engliſche Jour
Helenen. Sie kamen heran, ich grüßte Helenen, ſie dankte nale. Der Herausgeber des »Polyneſian« erklärt jedoch: »Druck
mir nicht, maß mich mit einem ſpöttiſchen Lächeln und fehler können nicht ganz vermieden werden, da die Setzer Einge
b0rene und mit der engliſchen Sprache unbekannt ſind.« – –
deutete, zu dem Reiter gewendet, mit dem Fächer nach
Wie in England und Frankreich, beginnt auch in Nordame
mir. Der Geck wandte ſich nach mir um und lächelte
rika deutſche Tonkunſt mehr und mehr Eingang zu finden. So
ebenfalls. hat ſich in Neu-Orleans im Dezember vorigen Jahres ein deutſcher
Wie ich nach Hauſe gekommen bin, weiß ich nicht. Muſik- und Geſangverein gebildet, der vorzugsweiſe Deutſches
Am andern Tage erkrankte ich ſchwer und lag lange im zur Aufführung bringt. Weber's, ſo wie Lindpaitner's Werke,
bewußtloſen Fieber. Auf meiner einſamen Kammer wäre namentlich des Letztern Compoſition der Schiller'ſchen Glocke, fand
bei den Amerikanern ungetheilten Beifall. Die kleineren humori
ich verſchmachtet, hätte ſich ein Dienſtmädchen aus dem ſtiſchen deutſchen Lieder ſprechen das amerikaniſche Publikum in
Hauſe meiner nicht angenommen; ihrer Pflege verdanke hohem Grade an. – –
ich mein Leben. Aber außer dieſem nackten Leben war Der bekannte Schauſpieler Graff zu Weimar hat kürzlich ſeine
mir nichts geblieben, und dies Leben zu friſten, wurde dramatiſche Laufbahn von mehr als fünfzig Jahren beſchloſſen.
ich Tagſchreiber. Bei dem letzten Auftreten Graff's war der Großherzog zugegen
Seit dreißig Jahren bin ich nun ein ſogenannter armer und als die Vorſtellung beendet war, ließ er den Schauſpieler in
ſeine Loge kommen, und verlieh ihm dort die große goldene Ver
Teufel, denn was könnte ein Tagſchreiber mit ergrautem dienſtmedaille und ein Handbillet, welches dem Schauſpieler den
Kopfe anderes ſeyn? Ich bin aber glücklicher, als ich Bezug ſeines jetzigen Gehaltes durch ſeine ganze Lebenszeit zu
vielleicht mit allem Mammon geworden wäre. Ich habe ſichert. – –
die Achtung vor der Menſchheit wieder gefunden, denn In Verſailles fand kürzlich wieder eine neue Probe mit dem
ich habe die verkörperte Sanftmuth, Güte und Aufopfe Taubenflug ſtatt. Tags zuvor hatte man von Taubenliebhabern
rung kennen gelernt, – meine Marthe, die Pflegerin in zu Berchem bei Antwerpen 40 Tauben erhalten. Dieſe Vögel
waren auf der Diligence angekommen, in einen großen Korb ein
jener Krankheit, und ſeit dreißig Jahren theilt ſie meine geſchloſſen, ſo daß ſie von dem Wege, den man mit ihnen einge
Armuth mit mir. Unter meinem fadenſcheinigen Rocke ſchlagen hatte, keine Kenntniß haben konnten. Am nächſten Tage
klopft noch immer, obgleich mein Haar zu wintern beginnt, um 7 Uhr Morgens ließ man 39 derſelben auf einmal los, nach
das Herz treu und warm. Die Sonne ſcheint mir freund dem man ihnen zuvor einen Zettel mit der Stunde ihres Ausflugs
licher, als dem Wucherer, dem Betrüger, der ſich in umgehängt hatte. Die vierzigſte war kurz zuvor durch ein Fenſter,
das ſie zerſchlagen, entwiſcht. Die befiederte Truppe erhob ſich zu
Golde wälzt, der Frühling blüht mir heiterer, denn ich einer bedeutenden Höhe, und flog dann gegen Nordnordoſt, alſo
habe ein reines Gewiſſen. gerade in der Richtung von Berchem. Die erſte Taube kam auch
Neulich ging ich bei dem Hauſe des verſtorbenen Commer daſelbſt in ihrem Taubenſchlag um 12 Uhr an, die übrigen kamen,
zienrathes vorüber. Glänzende Karoſſen rollten in das eine nach der andern, ein Paar Minuten ſpäter an. Die früher
Thor, die Fenſter ſtrahlten von einem Lichtmeere. Mein Entſchlüpfte kam erſt Abends. Somit haben dieſe Thiere binnen
4 bis 5 Stunden einen Raum von ungefähr 31 geogr. Meilen
Studienfreund Adolph gab ein großes Feſt. Wie vielen in gerader Richtung durchgemacht. Am ſelben Tage noch waren
Groll, wie vielen Haß, welche Reue, welche Gewiſſens 36 der von Verſailles angekommenen Tauben bereits auf einer
biſſe, mochte dieſer Schimmer überfirniſſen. Ich mußte andern Reiſe. – –
-

Kunſt und Leben in Böhmen.


- Theaterbericht vom 12. Juli. wurde nämlich am 12. Juli zum Vortheile der in Ruheſtand
Ehe ich den Bericht über das Gaſtſpiel der Mad. Peche fort. verſetzten Mad. Allram ein muſikaliſch dramatiſches Quº
ſehe, muß ich eines unerwarteten Zwiſchenfalles erwähnen. Es libet gegeben, an welchem auch Mad. Peche Theil nahm und zwar
denen Herzen. Göthe's Dichtung iſt bei aller Wahrheit ſo zart
in einer Scene, in der ſie mit Herrn Grabinger böhmiſch und der Oeffentlichkeit gewöhnlicher Theaterproduktionen ſo fremd,
ſprach. Mad. Allram gehört unſtreitig zu den verdienſtvollſten daß die gelungene Darſtellung und die beifällige Aufnahme des
Mitgliedern unſerer Bühne, deſto mehr müſſen wir bedauern, daß ſelben als ein Probierſtein der Schauſpieler und des Publikums
ſie ſich (wie es wenigſtens dem Publikum ſcheint) früher zurück angeſehen werden kann. Mad. Peche erſchien, wie natürlich, in
zieht, als es die Nothwendigkeit gebietet; denn jede Anſpielung ganz einfacher Hauskleidung, konnte alſo von den Künſten der
auf das Alter der Mad. Allram und auf ihre Fähigkeit und Toilette und von den Puppenanzügen der Modehändler und Mode
Tüchtigkeit wurde beſonders in letzter Zeit immer zu ihrem Vor händlerinen keinen einſchmeichelnden Gebrauch machen; dennoch
theile ausgelegt und durch den ſchmeichelhafteſten Beifall bezeichnet. feſſelte ſie durch das wohlverſtandene, tief empfundene und folge
uiber die Gründe ihres Penſionsgeſuches ſteht uns nur das Ur recht vorbereitete Wort und durch die ſchmiegſamen Formen der
theil zu, daß ſie gewiß gerecht waren; aber eben deſhalb bedauern Gebärdung, welche das Wort verkörpern. Möchten ſich unſere
wir ihre Penſionirung und können in der Zuſage, daß ſie manch jüngeren und älteren Schauſpielerinen aus dem glänzenden Erfolge
mal, wie einſt Schikaneder, als Gaſt auftreten werde, der ſechsten Gaſtdarſtellung der Mad. Peche eines Beſſeren be
kein Aequivalent für ihren öffentlich erklärten Rücktritt finden. lehren und nicht in Kleidern erſcheinen, die zur unrechten Zeit
Wir werden Madame Allram eben ſo ungern in komi angezogen, nur dem Schneider, nicht aber demjenigen Ehre
ſchen Charakteren vermiſſen, als wir die Herren Bayer und machen, der ſie trägt. Auf keiner Bühne ſollten Kammerjungfern
Polawſky in ernſten Charakteren vermiſſen würden, wenn ſie wie ihre weiblichen Herrſchaften, und Morgen- oder Reiſekleider
von dem Rechte ihrer Penſionsfähigkeit Gebrauch machen woll wie Ballanzüge ausſehen. Wenn es darauf ankommt, in der Er
ten. Mad. Allram iſt, ſo zu ſagen, unter uns aufgewachſen ſcheinung einen hellſehenden Geiſt und ein edles Gemüth zu offen
und allmälich zu einem ſo hohen Grade von Beliebtheit gelangt, baren, iſt das Modejournal die allerletzte und lächerlichſte Norm
daß man ihre beſſeren Rollen nur ungern von andern Darſteller zur Darnachachtung. In dem ſchichten Hauskleide der Mariane
nen verſehen ſah; und nun wird ſie höchſtens ein und das andere brachte Mad: Peche gerade dadurch, daß ſie war und empfand,
Mal als Gaſt erſcheinen, bis ihr Name vom Repertoire verſchwun wie ſich dieſen Charakter Göthe gedacht hat, auch in ſolchen
den ſeyn wird. – Am 12. gab ſie in einem Fragmente aus dem Momenten Effekte hervor, welche die gewöhnliche Theatertechnik
Luſtſpiele »der Kammerdiener« die Rolle der Madame »Hirſch« ſo
vortrefflich und anſprechend, wie in den erſten Vorſtellungen dieſes als undankbare Scenen bezeichnet.
drolligen Stückes, welches nicht wenig dazu beigetragen hat, ihr (Die Fortſetzung folgt.)
ausgezeichnetes Talent zur Komik in das glänzendſte Licht zu ſtellen.
Herr Polawſky ſpielte den Commerzienrath Hirſch mit der
lebendigen Wahrheit und Sicherheit eines Bühnenkünſtlers vom Böhmiſche Bühne.
erſten Range. Mad. Allram hätte hierauf die Amme in Shake
ſpeare's »Romeo und Julie« geben können, und würde an Hrn. Am 14. Juli Nachmittags wurden auf höchſten Befehl »die
Bayer (Tybalt) einen gleich ausgezeichneten und mit den Ei ſchlimmen Frauen im Serail« in böhmiſcher Sprache auf
genheiten ihres Spieles gleich vertrauten Kunſtgenoſſen gefunden
haben; aber wenn Mad. Allram in den Bruchſtücken aller Rollen
Ä Was an dieſer Piece die Hauptſache iſt, die Tänze, die
ableaur und die militäriſchen Evolutionen des aufrühreriſchen
aufgetreten wäre, welche ihr nicht leicht nachgeſpielt werden kön Frauencorps - wurde mit noch ausgezeichneterer Präciſion ausge
nen, ſo hätte das Quodlibet den gewöhnlichen Zeitraum theatrali führt, als bei den früheren Vorſtellungen, und auch die redenden
ſcher Vorſtellungen vielleicht um mehr als eine Stunde überſchritten. Mitwirkenden trugen nach Möglichkeit ihren Theil zum Gelingen
Weil außer den Fragmenten aus Poſſen und Luſtſpielen noch
Ouverturen und einzelne Scenen aus Opern Ä wurden, des Ganzen bei.che Hoheit der Herr Erzherzog
Sr. kaiſerli Stephan wohnten
ſo konnte Mad. Allram nur noch in der Rolle der Mad. Wür der ganzen Vorſtellung bei, und das zahlreich verſammelte Haus
fel auftreten, und da in der komiſchen Verſöhnungsſcene Herr war ein Beweis, wie werth und lieb den Böhmen jedes Glied
Feiſtmantel als Strumpfwirker Würfel mitwirkt, ſo erheiterte ihres verehrten Herrſcherhauſes iſt. K.
dieſes Bruchſtück nicht weniger, als der Auftritt zwiſchen Mad,
»Hirſch« und dem Commerzienrathe. In den muſikaliſchen Bruch
ſtücken zeichneten ſich beſonders die Damen Großer und Pod
horſky, dann Herr Kunz aus, wiewohl auch die Uibrigen Nachricht vom Lande.
löblich mitwirkten. Die Ouverture und Introduktion zu »Otello«
hätte füglich wegbleiben können, da Herr Demmer nicht gut bei Teplitz.
Am 3. Auguſt, dem Geburtsfeſte des verewigten Königs en
Stimme war, was in einer Bravourarie immer doppelt unange
nehm auffällt. Und nun kann ich meine Bemerkungen über das Preußen, Friedrich Wilhelm III., wird die feierliche Enthüllung
intereſſante Gaſtſpiel der Mad. Peche fortſetzen und nachholen. des Monumentes ſtattfinden, welches die Stadt dem Monarchen,
Nachdem der geehrte Gaſt (wie ſchon erwähnt wurde) am 11. der durch ein Vierteljahrhundert ihre Heilquellen jährlich beſuchte,
Juli noch einmal in dem Drama »die Folgen des Leichtſinnes« geſetzt hat. 2.
aufgetreten war, brachte uns der 13. »die Geſchwiſter« von Göthe
und das dem Italieniſchen des Goldoni nachgebildete Luſtſpiel
»Mirandolina. Merkwürdig genug führt das Leutner'ſche Drama Literäriſche Notiz.
»der Brandſtifter« in dem Schlepptaue des bekannten Bindewortes
»oder« einen zweiten Titel, welcher mit der Uiberſchrift des Göthe Beſchreibung der kaiſ. königl. Burg Karlſtein in Böh
ſchen Luſtſpieles zuſammenfällt. Göthe's und Leutner's»Geſchwi
ſter« bilden zu einander einen eben ſo ſcharfen Gegenſatz, als die men. Prag, 1841.
Tauſende von Menſchen beſuchen alljährlich in der ſchönen
Rollen der »Mariane« und der »Mirandolina«, oder der »Vor Jahreszeit die ehrwürdige Ä dies ſchönſte Kleinod
leſerin« und der »Königin von 16 Jahren«. Daß ſich nun Mad. in dem reichen Kranze unſerer Burgen, nicht das geringſte unter
Peche auch in den entgegengeſetzten Charakteren einer durch un den vielen herrlichen Monumenten, die Karl der Vierte ſich und
verſchuldete Furcht oder kindiſchen Eigenwillen herbeigeführten ſeinem für Böhmen ſo ſegenvollen Wirken ſetzte. Allen Beſuchern
Aufregung, und der ſittlich überwachten Wünſche und Regungen wird das vorliegende Büchlein, welches von dem früheren Direk
eines zarten weiblichen Gemüthes gleich ſehr auszeichnete, iſt ein tor der Herrſchaft Karlſtein, Herrn Franz Auge, verfaßt und
Beweis der Vielſeitigkeit ihres bewährten Talentes und ihrer mit von dem gegenwärtigen, Herrn Ferd. Jitſchinſk h, mit Be
Liebe und tiefer Einſicht fortgeſetzten Studien. Es kann für ihre rückſichtigung der neueſten Renovirungen umgearbeitet, nunmehr
gelungenen Leiſtungen vom 9. und 13. Juli kein lobenderes Zeug bereits in der 3ten Auflage erſcheint, eine willkommene Anleitung
niß angeführt werden, als die Thatſache, daß ſie in der Rolle bei Beſichtigung der Burg geben. Die gegenwärtige Umarbeitung
der »Eugenie« die zahlreichen, pathetiſchen Effekte zur Einheit gewinnt an Intereſſe, da man bei den letzten Bauten manche
eines Charakterbildes zuſammenfaßte, und etliche Tage darauf Entdeckungen über frühere Verwendung oder urſprüngliche Geſtalt
Göthe's »Mariane, ſo gab, daß bei der vom Dichter angezeig
ten und geforderten Beherrſchung des Affektes auch nicht der leiſeſte einzelner Gebäud e machte.
Lobenswerth iſt auch die Verwendung des Ertrages dieſes
Ton und liergang der Empfindung für das Publikum verloren Werkchens; er iſt, wie es ſchon bei der 1ten und 2ten Auflage
ſche
ging: Das Göthe' l
Luſtſpie »die Geſchwiſter« ſpielt in einer geſchah, dem prager Taubſtummen-Inſtitute beſtimmt.
ſchlichten, aber reinlichen Stube oder vielmehr in den innerſten
und heimlichſten Kammern zweier edlen und in ihrem Adel beſchei
Diedaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.
Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

unterhaltungsblatt.
Den 1S. Juli N“ SG. 1S411.

Nº e g e u t a g e. in die Baude zurück und richtete ſich in der Stube ein,


ſo gut es gehen mochte. Dies Gedrängtſeyn, die kleinen
Eine Erzählung von B. F.
Verlegenheiten, machten, je neuer und unerwarteter ſie
An dem ſchönſten Juliabend war eine große Geſell waren, um ſo mehr Spaß; man unterhielt ſich, man
ſchaft in der Hampelbaude verſammelt und man trat vor ſcherzte und lachte, und nur eine ältliche Dame zog ſich
die Thür, um ſich am Sonnenuntergange zu erfreuen. in ihr Kämmerlein zurück, um ſich für die unterbrochene
Die alte, ernſte Rieſenkoppe, vom Abendrothe umfloſſen, Nachtruhe zu entſchädigen.
hatte einen jugendlich friſchen Anflug, der lange Zug der In der Stube befanden ſich acht oder neun meiſtens
Bergrieſen gegen die Elbwieſe hin ſchimmerte violett und junge Männer und eine Dame. Von den Herren waren
unten das flache Land lag unabſehlich, ſchon in halber die meiſten ziemlich theilnahmslos und nur ein Paar erreg
Nacht, von einem feinen Nebel umſchleiert. ten ſchon durch ihr Aeußeres Intereſſe; aber die Dame –
Die Geſellſchaft ſtand bei dieſem großen Anblicke in in der einfachen Gebirgstoilette, die ſchweren, glänzenden
jenem ehrfurchtsvollen Schweigen, das jede überwälti Locken von dem naſſen Nebel aufgelöſt, das ſchwarze
gende Naturerſcheinung uns armen Menſchenkindlein auf Auge in milderem Feuer ſtrahlend, die zarte Wange
zwingt. Erſt als das letzte, blaſſe Roſenroth auf der ſanfter geröthet, als geſtern Abends in der Aufregung,
Koppe verdämmert war, als die Kapelle ſich wie ein war ſie unendlich reizend.
ſchwarzer Denkſtein gegen den Himmel abzeichnete, kam Man plauderte und erzählte, die Herren von ihren
ein Geſpräch in Gang, das mit der Bewunderung dieſer bisherigen Touren im Gebirge, die Dame, wie ſie ſich
herrlichen Scene begann. Die hier zuſammen getroffen, mit ihrer Tante, jener ältlichen Dame, von Schmiede
waren meiſt in Abtheilungen zu zweien oder dreien her berg habe herauf tragen laſſen; man wurde bekannt. Die
auf gekommen und einander unbekannt. Man freute ſich Stunden flogen zwar nicht, aber ſie krochen auch nicht.
auf den nächſten Morgen, wo man vor dem erſten Tages Gegen Mittag löſte ſich das Nebelgerieſel in einen
grauen aufſtehen, die Koppe beſteigen und die Sonne feinen Regen auf, der Himmel hob ſich etwas, war aber
aufgehen ſehen wollte. von einförmigem, wenig verſprechendem Grau. Trotz der
Der Hampelbaudewirth mußte am nächſten Morgen Tröſtungen des Wirthes war die Geſellſchaft in halber
alle Reiſenden wecken, denn niemand hatte geahnt, daß Verzweiflung.
der Tag anbreche. Es war eine vollſtändige Finſterniß, Der Nachmittag verging nicht ſo fröhlich, als der
und wie man aus der Thür trat, ſah man den dichteſten Vormittag; die Damen blieben ruhig, aber die männliche
Nebel in ungeheuren Wolken ſich langſam vor dem Mor Ungeduld zeigte ſich im vollſten Glanze. Mißmuthig wurde
genwinde einherwälzen. der Abend beſchloſſen.
Nach und nach hatte ſich wieder die ganze Geſellſchaft Am nächſten Morgen regnete es noch immer friſch
verſammelt. Lange Zeit ſah man dem Spiele der phan und unabläſſig. In der Geſellſchaft erhob ſich Zwieſpalt;
taſtiſchen Nebelmaſſen mit Intereſſe zu. Eine feine Näſſe, die Lebhafteren meinten, es ſey nutzlos und langweilig,
die namentlich bald die leichten Shawls und Kleider der hier die Launen des Wetters abzuwarten, die Bedächtige
Damen durchdrungen hatte, zwang ſie, in die Baude ren behaupteten, wenn man ſich einmal aus allen Banden
zurückzukehren. -
und Gewohnheiten des häuslichen Lebens geriſſen, um
Der Wirth vertröſtete ſie, es werde noch heute, oder die reinſten und ſchönſten Freuden der Natur zu genießen,
doch wenigſtens ganz gewiß morgen früh ſich aufhellen, dürfe man ſich von der Krone dieſes Genußes nicht durch
und die Geſellſchaft mußte zum böſen Spiele gute Miene einiges Ungemach abſchrecken laſſen. Keiner konnte den
machen und ſich zum Warten entſchließen. Man kehrte andern überzeugen, und endlich trennte ſº r“rº **
Hälfte der Männer von der Geſchellſchaft und trat den Seelenkenner behauptet haben, das feſte Band der Freund
Heimweg an. ſchaft.
Ein junger Mann, der ſchönſte und auch vielleicht der Eines Tages kam Giulio zu ſeinem Freunde. »Ich
geiſtreichſte in der Geſellſchaft, wandte ſich an ſeine rei muß Dir, mein Ceſare,« ſprach er, »das heiligſte Geheim
zende Nachbarin mit der Frage: »Wenn es den Damen niß meines Herzens entdecken. Ich ſoll in meines Vaters
vielleicht auch gefällig wäre, zurückzukehren, würde ich Geſchäften eine Reiſe nach Venedig machen und laſſe in
gern nach Schmiedeberg gehen und die Seſſelträger her Piſa zurück, was ich nur Dir anvertrauen kann. Ich
liebe!« -

aufſchicken.«
Anderthalb Meilen in dieſem Wetter! Dies Anerbie »Du ſiehſt mich nicht in Erſtaunen,« ſagte Ceſare,
ten war großmüthig, war das feinſte Compliment. Die »vielmehr hat es mich längſt gewundert, wie Dein leicht
junge Dame ſchien das auch zu fühlen; ſie verneigte ſich entzündlicher Sinn ſo lange ſich von den reizenden Töch
mit lieblichem Erröthen. »Ich danke Ihnen vom Herzen,« tern unſerer Stadt nicht rühren ließ.« - -- -

ſagte ſie, »wir warten auf meinen Oheim, der jede Stunde »Du haſt Recht,« ſagte Giulio lächelnd. »Mein gan

eintreffen kann.« zes Weſen iſt Liebe. Und alle dieſe Liebe habe ich zwiſchen
Das Eis war gebrochen; ohnehin macht die gänzliche Dich und meine Maria getheilt.«
Abgeſchiedenheit, die einen nothwendig auf den andern Sein Freund drückte ihm ſchweigend die Hand.
linweiſt, bald vertraut. Das junge Paar unterhielt ſich »Maria iſt die Tochter eines wohlhabenden Land
lebhaft und wahrſcheinlich nicht ſchlechter, als wären ſie mannes aus unſerer Campagna. Sie lebt hier bei einem
auf der Koppe geſtanden und hätten die Ausſicht bewun Verwandten, dem berühmten Bildhauer Nicolo, der die
dert. Und hatte der junge Mann nicht die reizendſte Vaterſtadt verherrlicht, indem er ſich »von Piſa« nennt.
Ausſicht ? Auf dem Gange zum Dome ſah ich ſie und es gelang
So intereſſant dies Geſpräch auch war, es mußte meinen unabläßigen Bemühungen, ihre Bekanntſchaft zU
bald Lücken bekommen und nun fiel erſt das Schweigen machen, ihre Gunſt zu erringen. Du liebſt nicht, Freund;
der Uibrigen recht auf. Der Regen plätſcherte draußen wie kann ich Dir mit Worten die Seligkeit ſchildern, die
unaufhörlich. -
ich in ihrer Liebe gefunden!«
»Wie wär' es denn –« rief nach einer langen Pauſe »Sollte ich auch Dein Glück nicht verſtehen: glaube
einer der jungen Männer – »wenn wir zu einer allge mir, ich nehme aufrichtig Theil daran.«
meinen Unterhaltung übereinkämen? Machen wir ein »Leicht wirſt Du begreifen, daß mein Vater, der reiche
Geſellſchaftsſpiel, oder etwas dergleichen !« Kaufherr, der ſtolze Patrizier, niemals in die Verbin
Allgemeiner Beifall erſcholl bei dieſem Vorſchlage. dung mit einem Mädchen aus minder glänzender Familie
Einer trug auf dieſes, der andere auf jenes Spiel an; willigen würde. Ich hätte die Reiſe nach Venedig ab
endlich erhob ſich die junge Dame. gelehnt, wenn ich nicht hoffte, durch meine Spekulationen
»Was ſo eben vorgeſchlagen worden, haben wir in mir dort ein unabhängiges Vermögen zu erwerben; aber
unſerer Heimat wohl großentheils bis zum Uiberdruße gerade aus dieſem Grunde bin ich vielleicht genöthigt,
durchgemacht. Gäbe es denn keine geiſtreichere Unterhal längere Zeit abweſend zu ſeyn. Meine Maria iſt zu ſchön,
tung, als dieſe Tändeleien? Wie wäre es zum Beiſpiel, als daß nicht einer von den reichen, jungen Wüſtlingen
wenn Jeder der Reihe nach eine Geſchichte, ein Märchen, unſerer Stadt ſie bemerken, ihr nachſtellen ſollte.«
eine Novelle oder was Jedem beliebt, – ſelbſt erlebt, »Und was kann ich hierbei thun?«
geleſen, gehört oder erfunden – aus dem Stegreife vor »Ich werde Dich ihr als meinen Freund vorſtellen;
trüge?« Du wirſt ihr Benehmen in der Nähe ſehen, alle ihre
Die Geſellſchaft war einverſtanden, es wurde um das Schritte von fern beobachten laſſen und kommt ſie in
Anfangen geloſt und das Los traf den jungen Mann, Gefahr, wirſt Du ſie mir retten.«
welcher der Schönen ſchon nicht mehr gleichgiltig war. »Das Amt iſt etwas ſonderbar, aber Dir zu Liebe
Er ſtrich ſich die blonden Locken aus der Stirn, ſah
will ich es annehmen.«
einige Zeit nachdenkend in die Höhe und begann:
»Als Piſa noch eine der mächtigſten Republiken Ita Ein herzlicher Händedruck betheuerte dieſe Worte mehr,
liens war, lebten in dieſer Stadt zwei Freunde aus edlem als alle Eide. Giulio führte ſeiner Geliebten den Freund
Geſchlechte. Ihre Gemüthsart war gänzlich ungleich; auf und reiſte beruhigten Herzens nach Venedig.
Ceſare Ruggieri war ernſt und verſchloſſen, Giulio Mon Nach einem halben Jahre kam Giulio fröhlich zurück.
tella offen und fröhlich. Beide waren warm, aber jener Er ſuchte zu allererſt ſeinen Freund auf. »Ich lin am
wie der Vulcan, der ſein verheerendes Feuer im Inner Ziele meiner Wünſche!« rief er ihm entgegen. » Finige
ſten verbirgt, dieſer wie ein klarer Sommertag, der die einträgliche Geſchäfte nach der Levante, die ich au meine
ganze Landſchaft belebt. Trotz dieſer Ungleichartigkeit Hand unternommen, haben mir ſo viel eingetragen, daß
waren ſie einander zugethan; denn gerade die Verſchieden ich dem Zorne meines Vaters werde trotzen können. Was
heit des Gemüthes und der Anlagen iſt, wie die feinſten macht meine Maria? War ſie mir immer treu und hold ?
Aber Du biſt ſo ernſt. Du ſchweigſt. Um Gottes willen, kulation zu machen, denn er iſt der feſten Meinung, daß binnen
was iſt vorgefallen?« - -
Kurzem eine Peſt ausbrechen muß. – – -

»Wirſt Du mich hören können, Bruder? Kannſt Du Heinrich Heine erklärt in einem Privatbriefe, der theilweiſe
in der Allgemeinen Zeitung mitgetheilt iſt, die ganze Geſchichte
mir verſprechen, Deine ganze Ruhe zu bewahren?« von der Ohrfeige, welche er in Paris mitten auf der Straße er
»Du machſt mir bange, Ceſare ; was ſoll dieſe Vor halten haben ſoll, für eine Lüge, an der auch nicht ein Wort
bereitung bedeuten?« wahr ſey. – –
»Du biſt ein Mann; ich kann Dir's mit einem Worte Der berüchtigte Ernotar Arnaud de Fabre von Marſeille, der
ſagen... Maria hat Dich verrathen.« durch ſeine Betrügereien ſo viele Familien um ihr Vermögen ge
bracht hat, iſt nun im Bagno von Toulon. Bei ſeiner Einklei
»Verrathen!« rief Giulio und ſeine Hand fuhr nach
dung als Züchtling fanden ſich keine Beinkleider, welche für dieſen
dem Dolche, den er im Gürtel zu tragen pflegte. Wohlgenährten groß genug waren, und der weiteſte Ring an der
»Bei allem, was heilig iſt,« ſprach Ceſare ihm zu, Kette war für ſeinen dicken Fuß noch zu eng. Seine Bagno
»ſey ruhig!« - genoſſen rechneten ſich einen ſo anſehnlichen Collegen zur beſonderen
»Sie muß ſterben!« ſagte Giulio und ballte krampf Ehre, denn ſie erklärten ihn zu ihrem General. – –
haft die Fauſt. Bei dem dumpfen Tone ſeiner Stimme Murat, ein reicher Baniane in Batavia, beſitzt eine Hukah
ſchien ſelbſt ſein Freund zuſammen zu fahren. »Verdamme (Waſſerpfeife), die er in Delhi verfertigen ließ und die wegen ihrer
ſie nicht,« ſprach er, »ehe Du Dich gänzlich überzeugt. Pracht und Koſtbarkeit der Gegenſtand der Neugier und Bewun
derung der ganzen Stadt iſt. »Als wir den Banianen beſuchten,«
Ich kann mich geirrt haben.« ſagt ein Reiſender, »lag dieſe Koſtbarbeit auf einem mit Gold
»Nun, was ſaheſt Du, was hörteſt Du?« ausgelegten Tiſche von maſſivem Ebenholz. Die Glocke war von
»Ich ſah ſie ſelbſt, und noch öfter ſahen ſie meine facettirtem Bergkryſtall, und auf vier etwas vorſpringenden Ecken
Späher mit einem jungen, glänzend gekleideten Manne befand ſich in herrlichen Rubinen der Name Murat; die Röhre,
an einſamen Orten luſtwandeln gehen. Wer er iſt, weiß welche den Tabak- Rauch durch Roſenwaſſer führt, war aus maſſi
vem Gold, wie auch der Kopf, in welchem der Tabak verbrennt,
ich nicht, denn er ſchien ſein Geſicht abſichtlich mit dem alles reich mit Diamanten verziert. Das elaſtiſche Rohr war 10
goldgeſtickten Mantel zu verbergen.« Mètres lang, und mit Filigrangold, Amethyſten, Topaſen von
»Sie iſt verloren, ihr Grab iſt gegraben.« Ceylon ausgelegt. Dieſe unvergleichliche Hukah hatte 200000
»Auf mein bloßes Wort hin ? Sey nicht ſo heftig; Rupien (200000 fl. E. M.) gekoſtet, und wurde nach der Tafel
überzeuge Dich mit eigenen Augen. Kein Menſch erfahre, unter großem Prunke auf den Tiſch vor Murat geſtellt, worauf
dieſer einige ihrer Duftwolken einzog, und dann das elaſtiſche
daß Du zurückgekehrt biſt, halte Dich verborgen und ſo Rohr von einem Gaſte zum andern wandern ließ, welche gleich ihm
bald ſie mit ihrem Buhlen luſtwandelt, rufe ich Dich ſich in den Rauchdüften berauſchten.« – –
herbei.«
(Pietro Micca.) Als im Jahre 1706 Turin von den Fran
»Es ſey, mein Ceſare, Du, mein einziger Freund, zoſen belagert wurde, die Feinde durch alle Kräfte der Kunſt und
ſoll ich für eine Blutthat Dir danken? Denn, Blut muß des perſönlichen Muthes die Uibergabe zu beſchleunigen ſuchten,
ich ſehen!« - und Hungersnoth und Elend jeder Art ſchon die höchſte Stufe
»Ruhe! geheime Uiberzeugung!« rief Ceſare ihm zu. erreicht hatten, geſchah es, daß in der Nacht vom 29. Auguſt
franzöſiſche Grenadiere, von den Wachen unentdeckt, durch die
Die beiden Freunde ſchieden mit einer langen Umarmung. Gräben bis zum Pförtchen der Cortine gelangten, unter welchem
(Der Beſchluß folgt.)
zwar eine Mine von den Belagerten angelegt und angefüllt, allein
noch nicht mit den gehörigen Hilfsmitteln verſehen war, um ſie
ohne Gefahr für den Mineur entzünden zu können. Ein Offizier
M o ſ a i k. und der Gemeine Pietro Micca befanden ſich gerade in dieſem
Minengange und hörten, wie die immer wachſende Zahl der
Zu Rotherham in Workſhire iſt am 5. Juli ein Schiff, das
Feinde, von dem erſten Gelingen ermuthigt, bereits das Thor
von Stapel gelaſſen werden ſollte, umgeſchlagen, und es ſollen
erbrochen, durch den bedeckten Weg gedrungen waren, und nur
von 150 Perſonen, die an Bord waren, 70 das Leben verloren
haben. – – mehr als einziges Hinderniß zur Uiberrumpelung der Stadt, das
letzte Gitter zu überwältigen hatten. Schon wurde an dieſe letzte
Am 9. Juli ſollte die deutſche Oper London verlaſſen, um in Arbeit Hand angelegt, keine Zeit war mehr zu verlieren. »Retten
Birmingham, Liverpool und Mancheſter eine Reihe von Vor Sie ſich,« rief Micca in dieſer äußerſten Gefahr dem Offizier zu:
ſtellungen zu geben, jedoch nur mit einem Theile des Perſonals, »Retten Sie ſich und laſſen Sie mich mein Leben einzig dem Va
von dem der andere nach Deutſchland zurückkehrt. Die Londoner terlande weihen, bitten Sie aber den Gouverneur, daß er ſich
ſind im Allgemeinen mit den Vorſtellungen außerordentlich zufrie meines Weibes und meiner Kinder annehme, die in wenig Minu
den geweſen; nur einige wenige Vorſtellungen, z. B. Titus und ten keinen Gatten, keinen Vater mehr haben werden.« – Der
Belmonte und Conſtanze ſind mißlungen, andere dagegen weit Offizier entfernte ſich, und als ihn der Mineur in Sicherheit ver
vorzüglicher gegeben worden, als es die weltberühmten Italiener
muthete, warf er ſeine Fackel in die Mine, welche ein Paar hun
"ermochten. Zu dieſem Triumphe der deutſchen Kunſt hat Stau dert verwegener Feinde in die Luft ſchleuderte, und ihm ſelbſt
digl das Meiſte beigetragen. Selbſt Lablache hat ihn für den vor nur wenige Schritte von der Pulverkammer entfernt, ſein Grab
züglichſten aller jetzt lebenden dramatiſchen Baſſiſten erklärt. Am bereitete, wo man ſeinen Leichnam fand. Durch die Erploſion
meiſten zog der Freiſchütz und Robert der Teufel das Publikum aufgeſchreckt, eilten Volk und Wachen herbei, und Turin war
an. In den letzten Tagen ließen ſich die deutſchen Sänger in gerettet. Ohne die Aufopferung dieſes braven Soldaten wären die
einem Hofzirkel bei der Königin hören. – – Anſtrengungen des Königs Victor Amadeus und des Prinzen Eugen
In einem franzöſiſchen Orte kaufte kürzlich ein Schuſter hun zur Rettung der Stadt vergebens geweſen, und die Schlacht
dert Särge von einem Tiſchler. Er glaubt damit eine gute Spe vom 6. September wäre nicht geliefert worden, zu deren Anden
ken, als der rettenden Hilfe Turin's, auf dem Hügel Superga letzten derſelben, einen armen greiſen Landmann, aus dem Bielle
ein prachtvoller Tempel errichtet wurde, während des Helden Micca ſiſchen Gebirge, nach Turin beſcheiden, wo er militäriſch gekleidet,
auch nicht mit einem Steine, nicht mit einem Worte Meldung mit einer goldenen Medaille und mit einer reichlichen Penſion
geſchah! Der Gouverneur glaubte, mit der Bewilligung zweier beſchenkt wurde. Auf Geheiß des Monarchen erhebt ſich nun im
Brodrationen für die hinterlaſſene Wittwe und Waiſen genug ge Arſenale zu Turin ein ehernes Denkmal, das den Namen und die
than zu haben! Se. M. der jetzt regierende König von Sardinien That dieſes Helden für immer bewahren ſoll. (Echo.) – –
ließ die Nachkömmlinge des tapferen Micca ausforſchen, und den

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 15. und 16. Juli. mißlungen iſt, als »der grüne Graf« und »Perdita«, und es war
Der 16. brachte uns unter dem Titel: »Perdita«, Drama gewiß nicht die eigene freie Wahl der vortrefflichen Peche, daß
in fünf Akten von Otto P rechtler (Manuſkript für das k... k. zu ihrer Einnahme die »Perdita« gegeben wurde. Der ominöſe
ĺ eine Novität, deren Handlung in Kürze fol Titel iſt durch die laue Aufnahme eines aus Achtung für den Gaſt
gende iſt. aufmerkſamen Publikums nur zu ſehr beſtättigt worden und die
Fulvia, die verwittwete Marquiſe Gherardesca liebt, den Abonnenten werden gar nichts verlieren, wenn die »Perdita« bleibt,
Marquis Geraldo und gibt ſich allen Hoffnungen hin, zu welchen wie ſie heißt, und was ſie iſt, nämlich »ein verlorenes Kind«.
ſie die Zärtlichkeit ihres Freundes, ihre Reize und ihre Geburt Das Publikum unterſchied zwiſchen dem Stücke und ſeiner
berechtigen. Bald aber ſcheitert der Plan einer zweiten Vermä Ä und benützt jede Gelegenheit, um dem Gaſte jene
lung an dem Unbeſtande des jungen Mannes, der ihr, nachdem Verehrung zu bezeugen, von welcher es beſonders ſeit der un
ſie ihn mit geheimem Kummer beobachtet und zur Rede geſtellt übertrefflichen Leiſtung vom 13. durchdrungen iſt. Leider fanden
hat, offen erklärt, »er könne fortan nur ihr Freund ſeyn und ſich aber kaum drei oder vier Momente, die ihrer bewährten
bleiben.« Fulvia verbirgt ihren Schmerz, um ſich deſto empfind Kunſt würdig geweſen wären. Die Rolle des Marquis iſt weit
licher an dem wortbrüchigen Geliebten zu rächen. Sie hört von dankbarer, als jene der Perdita, und genau beſehen, läßt ſich
einer reizenden Seiltänzerin und Kunſtreiterin, welche in der keine einzige mit entſchiedenem Erfolge ſpielen, weil weder die
Nähe der Villa Gherardesca ſogar ſechzigjährigen Greiſen den Zuſeher, noch die Schauſpieler wiſſen, was ſie aus den ſechs Per
Kopf verrückt. Ihr (beiläufig geſagt) ſehr verliebter und vertrau ſonen dieſes langweiligen Drama's machen ſollen. Wir hatten
ter Page Enrico übernimmt es, das Mädchen und ihre betagte uns für dieſen Tag auf Göthe's Trauerſpiel »Egmont« gefreut
Zofe auf das Schloß zu bringen, und, was der Dichter will, ge und es wäre ſehr zu bedauern, wenn der Produktion desſelben
ſchieht im Augenblicke. Perdita (ſo heißt die Seiltänzerin) geht aus unvorhergeſehene Hinderniſſe in den Weg getreten wären. Das
Uiberdruß in die Falle, welche ihr die eiferſüchtige Fulvia geſtellt hat. Publikum iſt auf ihr »Klärchen« um ſo mehr geſpannt, als es ſic
Sie will lieber dienen, als einem frivolen Publikum noch ferner jüngſthin in der Rolle der »Mariane« bewundert hat.
ihre Reize ausſtellen. Aber Fulvia will ſie zum Werkzeuge ihrer Tags vorher überraſchte uns Herr Camillo Siv ori, ein
Rache erheben, und ſo muß denn Perdita (weil es der Dichter Schüler Pag an in i's, durch ein glänzendes Violinconcert. Zwar
will) unter dem Namen Donna Diana die Nichte der Marquiſin ſtand der unermeßliche Beifall mit dem Ertrage ſeines Concertes
vorſtellen und einen Eid ſchwören, den auf Geraldos Beſchämung in keinem Verhältniſſe, aber wer Herrn Sivori gehört hat, der
angelegten Betrug nicht zu verrathen. Knall und Fall verlieben ſich wird ihn den erſten Violinſpielern beizählen, die wir auf ihrer
nun die falſche Donna Diana und der wahre Don Geraldo ſo Durchreiſe bewundert haben. Wir wollen uns daher einen aus
heftig in einander, daß man nach einigen matt und räthſelhaft führlichen Bericht bis auf ſein zweites Concert vorbehalten, wel
geäußerten Gewiſſensſcrupeln der maskirten Ä ſogleich zur ches ſich gewiß eines zahlreichen Beſuches erfreuen wird. Herr
Vermälung ſchreitet. Geraldo iſt jetzt, wie Fulvia meint, der Sivori produzirte ſich in den Zwiſchenakten des Luſtſpieles »die
Gemal einer Seiltänzerin, welcher ſogar ein ſechzigjähriger Lebe Mode«. Zu unſerem nicht geringen Befremden erſchien Dem.
mann einen Liebesantrag machen durfte; aber die Eiferſüchtige Allram (Klara) wieder in einem Prunkgewande, wo doch offen
dat ſich getäuſcht, denn Perdita iſt die Tochter eines geächteten bar ein Morgenanzug angedeutet iſt; denn Baron Seeland traut
Magnaten und das Geheimniß ihrer vornehmen Herkunft wird in ſich nicht in den Salon zu treten, weil er ſieht oder wenigſtens
dem Augenblicke offenbar, als der Impreſario der Seiltänzertruppe ſehen ſoll, daß Klara noch nicht Toilette gemacht hat.
Ä zurückfordert, und weil ſie den Contract gebrochen, auf Prof. Ant. Müller.
ntſchädigung klagt. Er mag wollen oder nicht, Geraldo muß
(weil es der Dichter wünſcht) erklären, daß er Perdita geheiratet
hätte, auch wenn ſie nichts mehr als eine gemeine Seiltänzerin
geweſen wäre. Beſonders intereſſirt ſich für dieſen Akt der Groß Telegraph von Prag.
muth Olivier de Chavannes, jener ſechzigjährige Greis, welcher
ſich noch vor Geraldo in Perdita verliebt hat. Fulvia und Enrico Heute beſchließt Mad. Peche ihre Gaſtdarſtellungen mit dem
haben ſich zurückgezogen, jene aus Verdruß, und dieſer, um zu Klärchen in Göthe's Egmont (zu welchem Meiſterwerke die eben
tröſten und den Lohn ſeiner Ergebenheit zu ernten. Endlich erfah ſo meiſterhafte Muſik Beethoven's gegeben wird) und morgen bei
ren wir auch, daß Perdita's Vater begnadigt ſey und ſo ſteht ginnt ein anderer Gaſt aus Wien, Mad. Jäger, einen Kreis
der bereits geſchloſſenen Ehe gar kein Hinderniß im Wege. -
von Rollen. Ihr Hauptfach iſt in der Poſſe, und in den nächſten acht
Daß die Charaktere des neuen Stückes von A bis Z morali Tagen tritt ſie in der »eleganten Bräumeiſterin, in der »Sylphide“,
ſche Nichtigkeiten und Widerſprüche ſind, geht aus der treu gege in der »Müllermeiſterin« und in den »Liebeleien in Linz« * ºf
benen Inhaltsanzeige hervor; aber die langweilige Redſeligkeit,
mit welcher der Dichter die auf Effekt berechneten Empfindungs Die zum Beſten des Armenhauſes veranſtaltete, aber wegen
lagen behandelt hat, kann man nur begreifen und ſchildern, wenn ungünſtiger Witterung ſchon öfter verſchobene Produktion in der
man das Stück geſehen hat. Was uns zur Mitfreude oder zum Civilſchwimmſchule iſt nunmehr auf übermorgen (Dienſtag den 2)
Mitleid ſtimmen und, rühren ſoll, verliert ſich in einem oft an feſtgeſetzt. Während derſelben wird die Muſikkapelle des löbl.
Unſinn gränzenden Wortſchwalle wie ein oder zwei Fiſchlein in k.'f. Regiments Baillet de la Tour ſpielen. C.
einem Sumpfe, und der Knalleffekt der Entdeckung durch den Das feierliche Veni sancte spiritus des Conſervatoriums der
Impreſario ſtreift an das Lächerliche, weil er ſich um den proſai
ſchen Punkt einer Geldentſchädigung dreht. Seit langer Zeit habe Muſik wird Dienſtag den 20. Juli in der Pfarrkirche zu Sct
ich keine Novität geſehen, die in Anlage und Ausführung ſo Aegidy abgehalten werden. W.

-TTTTTT -

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

Unterhaltungsblatt.
Den 20. Juli M“ BI. 1S4411.

Nº e g e n t a g e. ſten Abſagebrief, ich ſelbſt will ihn beſtellen; nur bedenke


Deine und Deines Hauſes Ehre.«
(Beſchluß.)
»Du haſt vielleicht Recht,« ſeufzte Giulio und noch
Alljährlich wurden vordem auf der Piſaner Pracht immer hielt ſeine Hand den Griff des Dolches, »aber –«
brücke von weißem Marmor glänzende Kampfſpiele ge Er konnte ſeine Einrede nicht vollenden, denn der
feiert. Alle edlen Familien der Stadt ſtellten ihre ſtreitba Freund zog ihn hinweg. *

ren Jünglinge, welche in antiker Rüſtung auf der Brücke Unter welchen Qualen Giulio die Nacht und den fol
ein ſcherzhaftes Gefecht darſtellten, das nicht ſelten in genden Tag verlebte, kann ich Ihnen nicht beſchreiben;
blutigen Ernſt überging, mochten die Kampfwärter auch aber wer ein Herz in der Bruſt hat, wird es ahnen. Je
noch ſo eifrig ihr Amt pflegen. Wenige Tage vor dieſem mehr er über die ihm angethane Schmach nachdachte,
Feſte erhielt Giulio von ſeinem Freunde ein Schreiben deſto weniger konnte er einen andern Gedanken haben,
folgenden Inhalts: am Tage des gioco del ponte (Brücken als den einzigen: Blut! das Blut der Schuldigen!
ſpieles) werde Maria mit ihrem neuen Geliebten zuge Er überlegte nur noch, wie er ſeine Rache vollenden
gen ſeyn. Wolle Giulio ſich, durch die Rüſtung verkappt, ſollte. Anfangs wollte er ſie in ihrer eigenen Wohnung
unter den Kämpen einfinden, ſo werde er Gelegenheit aufſuchen; aber er fürchtete, der bezaubernde Ton ihrer
haben, ſich zu entfernen und alles zu beobachten. Rede, der unwiderſtehliche Blick ihrer Augen könnte ihn
Mehr brauchte es nicht. Am beſtimmten Tage fanden wankend machen. Er wollte ſie von einem der allzeit
ſich die Freunde auf der Brücke, durch gleiche Abzeichen bereiten Banditen niedermachen laſſen; aber das hätte
kenntlich, und entfernten ſich von dem Lärme des Tyoſtes. ſeiner glühenden Rache nicht genügt. Endlich war er mit
Heute lag ihnen wenig daran, durch Muth und Gewandt ſich einig. Er ſchliff ſeinen zweiſchneidigen Dolch auf das
heit zu glänzen. Sie übergaben die prachtvoll geſchirrten ſchärfſte, und lauerte, in ſeinen Mantel gehüllt, auf
Roſſe ihren Dienern und mengten ſich in das Gedränge Maria, bis ſie zum Frühgottesdienſte gehen würde. Er
der Zuſchauer. hatte nicht lange zu lauern: die Schändliche kam, die
»Sieh ſie dort!« rief plötzlich Ceſare und deutete auf Augen unſchuldig zu Boden geſchlagen, als wüßte ſie von
ein Paar, das ſich aus dem dicht um die Brücke geſchaar keiner Schuld, ihres Weges. Giulio ſprang aus ſeinem
ten Haufen entfernte und den Lungarno*) hinabwandelte. Verſtecke; ſie ſah den hoch erhobenen Stahl blitzen, ſie
Die Freunde drängten ſich näher, kamen den beiden vor ſah das drohende Funkeln ſeines Auges; mit einem Rufe
aus, und ſchritten dann langſam an ihnen vorüber. Es des Entſetzens wandte ſie ſich ſeitwärts zur Flucht. Zu
blieb kein Zweifel. Die treuloſe Maria, am Arme eines ſpät! der Stoß traf ſie in die Bruſt: von Blut überſtrömt,
ſchmucken, goldgezierten Jünglings ſchien ſeinen koſenden ſank ſie lautlos zu Boden.«
Worten mit Aufmerkſamkeit zu lauſchen. Der Erzähler hielt inne, und ſtützte, augenſcheinlich
Giulio wollte ſich alsbald über ſie werfen und ſie er von ſeiner Novelle ergriffen, den Kopf nachdenklich auf
würgen; mit der höchſten Kraft nur gelang es ſeinem die Hand.
Freunde, ihn zurückzuhalten. »Bedenke, Bruder,« rief »Und der Mörder?« fragte die junge Dame.
Ceſare, »was Du Dir ſelbſt ſchuldig biſt! Dein Herz iſt »Das Volk ſtrömte zuſammen, aber es gelang ihm zu
ſchwer verletzt: aber willſt Du Dich durch ungezähmten entkommen,« fuhr der junge Mann fort, nachdem er das
Schmerz lächerlich machen, weil Du es an eine Buhle Haupt düſteren Blickes wieder erhoben. »Er flüchtete
rin verloren haſt? Schreibe ihr meinethalben den bitter nach Florenz; die feindliche Stadt nahm ihn gaſtfrei auf.
In der Heimat jedoch war er als Mörder erkannt und
*) Quai am Arno zu Piſa. ſein ganzes Vermögen eingezogen worden. In bitterer
Armuth lebte er, fand eine treue Genoſſin in ſeinem nicht ſelbſt verrathen hätten. – Hören Sie denn,« fuhr
Elend und erſt nach langen Jahren gelang es ihm, ſich ſie mit erhöhter Stimme fort, »ich bin die Tochter der
zu einigem Wohlſtande aufzuringen. Sein Herz blieb Unglücklichen, auf die Ihr Vater jenen Stoß führte, ich
indeſſen gebrochen; niemals mehr ſah man ihn lächeln. bin ihr einziges Kind. Was Sie Ihrem ſterbenden Vater
Als er auf ſeinem Todbette lag, rief er ſeinen einzigen geſchworen, müſſen Sie an mir vollziehen. Bedenken Sie
Sohn zu ſich und erzählte ihm mit abgebrochenen Worten ſich. Ich entfliehe Ihnen nicht; hier in dieſer Gebirgs
den Verrath ſeiner Jugendgeliebten. hütte will ich Ihren Entſchluß erwarten. Kommen Sie,
– Ich habe erfahren – ſagte er – daß mein Stoß Tante!« -

die Treuloſe, die mein ganzes Leben vergiftet hat, nicht Die beiden Damen entfernten ſich ohne Abſchied; auch
tödtete. Sie hat ſich einige Jahre ſpäter vermält, ſie Walther ſuchte ſeine kleine Kammer. Doch vergebens
gebar ein Kind. Ich durfte nicht in meine Vaterſtadt warf er ſich auf dem Lager umher; er konnte keine Ruhe
zurückkehren, ſonſt hätte ich meine Rache vollſtändig finden. Es war ſeine Gewohnheit, jede leidenſchaft
gemacht: aber Du wirſt es, mein Sohn. Ich hinterlaſſe liche Wallung im Gehen austoben zu laſſen und ſo ſtand
Dir ein theures Vermächtniß, Gualtieri; ſchwöre mir, er auch jetzt auf und ging in die dunkle Nacht hinaus.
ſeiner treulich zu walten! Der Sturm warf ihm dichte Regenſchauer ins Geſicht,
– Ich ſchwöre es! eine undurchdringliche Finſterniß lag auf dem Gebirge;
– Schwöre mir, nicht die Treuloſe zu treffen, die er aber irrte ruhelos umher und ſeine Seele hatte nur
ſich ohnehin dem Grabe zuneigt. Triff ihr Kind, auf zwei Vorſtellungen, den Schwur in die Hand ſeines ſter
daß ſie mit Jammer in die Grube fahre. Laß mich mit benden Vaters und die ſchöne Unbekannte, die ihm ſchon
dieſem Troſte ſterben, mein Gualtieri! ſo theuer war. »Kann ein Schwur mich binden,« rief
– Ich ſchwöre Dir's, Vater ! er endlich verzweifelnd, »der mich zu einem Verbrechen
Der Sterbende hielt krampfhaft die Hand ſeines verpflichtet? Nein, ich vollbring' ihn nicht ! Lieber ſoll
Sohnes und ſank ohne einen Seufzer todt in die Kiſſen.« das Geſchick mich mit ſeinem ganzen Zorne verfolgen,
Der Erzähler lehnte ſich bleich in ſeinen Seſſel zurück, als daß ich die Hölle meines Gewiſſens in mir herum
und ſtarrte mit einem unheimlichen Blicke in die Leere trage!«
hinaus. Die junge Dame hatte ihm ängſtlich zugehört. Er kehrte nach dem Hauſe zurück, deſſen mattes Licht
»Und der Sohn?« fragte ſie mit klangloſer Stimme. er kaum noch gewahren konnte und verbrachte faſt die
»Der Sohn hat geſchworen und er wird ſeinen ganze Nacht ohne Schlaf. Am andern Morgen erwartete
Schwur halten!« rief der junge Mann, ſprang außer ſich er die beiden Damen in der Stube. Den übrigen Män
von ſeinem Sitze auf und ließ einen wilderen Blick, als nern von der Geſellſchaft mochte der Vorfall unheimlich
man ſeinem blauen Auge je zugetraut hätte, über die Ge geworden ſeyn: ſie hatten noch vor dem erſten Grauen
ſellſchaft rollen. »Ja, mein Schwur iſt mir heilig. Und des trüben Tages das Haus verlaſſen.
wenn der Sohn der Verworfenen im fernſten Winkel der Die Unbekannte erſchien; ſie war ſo blaß und doch
Welt ſich verbärge: ich würde ihn finden. Dann aber ſo unendlich reizend ! Walther kam ihr entgegen und
wehe ihm! Mein Stoß wird ſicherer ſeyn, als der mei ſtreckte ihr offenherzig die Hand hin. »Mein Fräulein,«
nes Vaters.« ſprach er, »ich ſage mich los von dem verhängnißvollen
Die junge Dame hatte ſich auch erhoben, und die Schwure, deſſen Folgen ich damals nicht kannte. Mein
Arme ausgebreitet, neigte ſie ſich dem Erzähler entgegen. Vater iſt im Lande der Verſöhnung, – er wird mir nicht
»Stoße zu Walther!« rief ſie; »erfülle den Schwur, den zürnen.« -

Du in die Hand Deines ſterbenden Vaters geleiſtet!« Die Liebliche ſchlug die Augen auf und blickte ihn mit
Erſtaunt ſtarrte der Jüngling die ſchöne Leidenſchaft einem Lächeln voll himmliſcher Freundlichkeit an.
liche an, und ihr Blick, der feurig unter den ſchwarzen, »Auch ich habe am Bette meiner Mutter einen Schwur
wallenden Locken hervorblitzte, lähmte ihn, als ſähe er gethan, aber er iſt unſchuldiger, als der Ihre. Meine
das tödtlich ſchöne Gorgonenhaupt. Er trat bewußtlos Mutter iſt ohne den kleinſten Fehl, aber Ihres Vaters
einige Schritte zurück, und ſtreckte die linke Hand vor, Freund war der ſchwärzeſte Verräther.«
wie wenn er fürchtete, ſie könne ihn wirklich zu ſolcher »Wie?« rief Walther außer ſich vor Erſtaunen.
undenkbaren That hinreißen. Alle Uibrigen ſaßen lautlos »An jenem Tage, als meine Mutter ſchwer verwun
und harrten der Dinge, die da kommen ſollten. det wurde, ahnte ſie den Grund dieſer blutigen That.
»Heißen Sie nicht Walther ?« fragte nach langer Während der Abweſenheit Ihres Vaters ſah ſein Freund
Stille das ſchöne Kind. meine Mutter und liebte ſie mit der ganzen Glut ſeines
»Allerdings.« Weſens. Er ſuchte ihre Neigung zu gewinnen und, als
»Dann kann meine Erklärung kurz ſeyn. So ſehr es ihm nicht gelang, ſie mit Ihrem Vater zu entzweien.
Sie Ihre Geſchichte durch das Verſetzen auf fremden Er theilte ihr am Tage des Volksfeſtes die Rückkunft
Boden und in alte Zeit zu verſtellen glaubten, wäre ſie ihres Geliebten mit, und ließ ſie, angeblich um ſie zu
mir doch bekannt geweſen, auch wenn Sie ſich zum Schluße ihm zu führen, von einem ſeiner Bedienten, den er in
die eleganteſten Kleider geſteckt, aus ihrer Wohnung ab Eſſek unter dem Titel »Tamburasi ilirski« eine Sammlung ſlawo
niſcher Nationallieder heraus. – –
holen.«
Die eilfte Verſammlung der britiſchen Naturforſcher findet
»Iſt es möglich!« unterbrach ſie Walther. dieſes Jahr zu Plymouth ſtatt und dauert vom 29. Juli bis 4.
»Als er ſah, daß die Sache gegen ſein. Erwarten Auguſt. – –
ſchlimm ablief, wurde er kurz nach Ihrem Vaterland Der beliebte und häufig überſetzte Vielſchreiber, F. Chamier,
flüchtig. Meine Mutter vermälte ſich ſpäter. Vor ihrem hat zu London ſchon wieder zwei dreibändige Romane erſcheinen
Sterben übergab ſie mir zwei Briefe von ihres Ge laſſen: »James Hatfield und die Schönheit von Buttermere, eine
Geſchichte aus dem wirklichen Leben«, und »Tom Bowling, ein
liebten Freunde, die ihre Unſchuld auf's klarſte darthun Seeroman«. – Folgende Werke machen in der engliſchen Lite
und nahm mir den Schwur ab, ſie nie von mir zu laſſen. ratur viel Aufſehen: »Guy Fawkes, ein hiſtoriſcher Roman« von
Ich führe dieſe Papiere in meiner Reiſeſchatulle mit mir.« Ainsworth (dem Verfaſſer des berüchtigten »Jack Sheppard«),
Die Tante hatte indeſſen die beiden Briefe herbei »Liebhaber und Gatte« von Mrs. Gore und »der Tory-Baro
gebracht. Sie waren von der Hand des treuloſen Freun net, oder Tories, Whigs und Radicale, von Einem der ſie
kennt.« – –
des, in dem einen warb er dringend um Marien's Liebe, Das Zeitungsweſen hat in England einen ungeheuren Auf
in dem andern beſtellte er ſie zu jenem unglückſeligen ſchwung genommen. Im Jahre 1696 erſchienen in London nur 9
Gange. Zeitungen, und zwar als Wochenblätter, 1709 bereits 18, darun
»Welchem entſetzlichen Schickſale bin ich entgangen!« ter eines täglich, 1792 kamen bereits 13 täglich und 20 halbwö
rief Walther und zog die Hand des Fräuleins an ſeine chentlich und wöchentlich heraus. Im Jahre 1836 belief ſich in
Lippen. Großbritannien und Irland die Zahl der geſtempelten Zeitungs
eremplare auf fünf und dreißig Millionen 576,056. Vor zwei
In dieſem Augenblicke, als wollte der Himmel das Jahren, nach der Herabſetzung des Stempels auf acht und fünf
Verſöhnungsfeſt feiern, brach die Sonne durch die Wol zig Millionen, 516,862. Dieſe Zahl ſteht aber weit der von den
ken. Zugleich öffnete ſich die Thür und der Onkel trat vereinigten Staaten in Nordamerika nach, wo für eine um ein
ein. Die Freude erreichte ihren Gipfel. Drittel ſchwächere Bevölkerung jährlich hundert Millionen
Zeitungseremplare gedruckt werden. – –
Ein Paar Monate ſpäter wurden die beiden jungen
Dem engliſchen Schriftſteller Charles Dickens, pſeudonym
Leute vor dem Altare vereinigt, und in der Liebe der »Boz«, wurde zu Edingburgh zur Zeit des heftigſten Wahlkampfes
Kinder hatte Haß und Mißverſtändniß der Eltern ſeine ein glänzendes Feſtmal gegeben, an welchem Männer aller Par
vollſtändige Sühnung gefunden. teien friedlich theilnahmen. Bemerkenswerth iſt dabei die Zahl
»Sage mir nur, meine Geliebte,« fragte Walther, der Flaſchen, welche geleert wurden, ein tauſend ſieben und
als ſie mit Onkel und Tante aus der Kirche nach Hauſe fünfzig. – –
(Aſiatiſcher Anſtand). Bei dem Zuge Schach Schudſcha's
fuhren, »warum Du Dich damals nicht gleich erklärteſt, nach Kabul warf ein Kamel ſeine Ladung, eine von des Schach's
warum Du mich einem ſo grauſamen Wechſelfalle aus Frauen ab. In die Stricke der Sänfte verwickelt, fiel das Thier
ſetzteſt?« mit ſeiner ganzen Laſt auf die Frau. Ein engliſcher Offizier ſah
»Soll ich Dir es geſtehen?« ſagte ſie mit dem holde dieſen Unfall, eilte herbei und wollte die Leidende unter dem
ſten Lächeln. »Gleich auf den erſten Blick warſt Du mir Kamel, das heftig mit den Füßen um ſich ſchlug, hervorziehen.
Aber trotz aller Gefahr und aller Schmerzen rief die Dame ihm
theuer, ob ich es auch Dir ſey, wollte ich prüfen, ob zu, ihr Leben nicht durch einen Schimpf zu retten, der ärger ſey,
ſchon ich es vermuthete. Heil uns beiden, daß Du die als der Tod. Wahrſcheinlich hätte die ſchwerſte Strafe ſie getrof
Prüfung beſtanden!« fen, wenn ein Mann und namentlich ein Ungläubiger, ſie berührt
hätte. Mit Widerſtreben entfernte ſich der Engländer, der Hilfe
ruf der Verunglückten wurde immer ſchwächer, bis ein Paar
M o ſ a i k. Eunuchen herbeikamen und nach langem Geſchrei die Schöne aus
Die von Lieutenant Höökenberg erfundenen (bereits mehrmal ihrer gefährlichen Lage befreiten. Sie war faſt leblos und noch
erwähnten) Waſſer- Skidor oder Schwimmſchuhe, haben Aehnlich in derſelben Nacht verſchied ſie, als ein Opfer des aſiatiſchen An
keit mit zwei ſehr ſchmalen, vorn und hinten ſpitzigen Booten, ſtandes. – –
jedes mit einem Verdeck, und ſind im Zwiſchenraume von einer Die deutſche Oper ſchloß ihre Vorſtellungen im londoner Drury
Elle durch Paar Querhölzer mit einander verbunden. Die Bucht lanetheater mit der Darſtellung von ſieben Akten aus verſchiedenen
des Thiergartens bei Stockholm iſt ein paarmal der Schauplatz der Opern. Gegenwärtig werden auf dieſer Bühne, einſt der erſten
Waſſergehe-Uibungen geweſen, zu denen ſich immer eine Unzahl Englands, Schillingsconcerte gegeben. – –
von Zuſchauern drängt. Die Benutzung dieſer Werkzeuge iſt ſo Ehe der weltberühmte Vaurhallgarten zu London (wie wir
leicht, daß dazu bloß ein einigermaßen raſcher und gewandter bereits meldeten) zu Magazinen und Fabriken umgewandelt wird,
Mann erfordert wird, ſogar ein behendes junges Weib lief ſehr iſt er noch ſechs Abende lang dem Publikum eröffnet und ganz
geſchickt mit Waſſerſkidors auf dem Waſſer herum. – – London ſtrömt herbei, um alle die Pracht, namentlich die feen
(Ein unübertroffener Romantitel!) Ein Buchhändler hafte Beleuchtung, noch einmal zu ſehen. – –
in Leipzig kündigt einen Roman mit folgendem intereſſanten Titel Bory in Paris, berühmt durch ſeine Medaillen auf Napoleon,
an: »Gobertin, der 970fache Mörder, der fluchwürdigſte aller Cuvier, Paganini, Calvin und Göthe, hat nun auch eine Me
Räuberchefs; wahres Schauergemälde aus der neueſten Zeit.« – daille auf Liszt geprägt, welche als das gelungenſte Profilbild dieſes
(Illiriſche Literatur.) In Eſſek hat ſich ein Verein zur Künſtlers gerühmt wird. – –
Förderung der National-Literatur in Slavonien gebildet, welcher Der Themſetunnel zu London iſt nun bereits unter dem gan
zur Erreichung ſeines Zweckes eine illiriſche Zeitſchrift »Jeka od zen Fluße durch bis unter die Werfte der Compagnie in Wapping
Osèka« (Echo von Eſſek) herausgeben wird. Vorläufig wird dieſe (auf dem Nordufer) getrieben, und mird nächſtens für Fußgänger
Zeitſchrift nur einmal des Jahres erſcheinen. – Auch kömmt in eröffnet werden. – –
Kunſt und Leben in Böhmen.
Theaterbericht vom 18. Juli. - Gleichgiltigkeit ihrer Umgebung verſtimmt zu ſeyn; aber die letzte
Die Gaſtdarſtellungen der Mad. Peche folgten ſo ſchnell auf Scene mit Brakenburg war in jeder Hinſicht ein Meiſterſtück,
einander, daß ich dem Leſer noch den Beſchluß eines Artikels welches durch die in dumpfer Verzweiflung ausgeſprochenen Worte
ſchuldig bin; und, indem ich ihn liefern will, ſtehen ?Egmont« »Nach Hauſe« recht tragiſch vorbereitet wurde. Mit einem Worte:
und »Klärchen« vor meiner Seele und es klingen die Töne nach, Mad. Peche konnte von uns keinen rühmlicheren Abſchied nehmen,
durch welche Beethoven Empfindungen und Ahnungen bezeich als in der Rolle »Klärchens.« Sie ſah ſehr jung und hübſch aus.
net hat, die kein Dichter, und wäre er Göthe, Schiller und und ihr bürgerliches Kleid war ihrer angenehmen Erſcheinung voll
Shakeſpeare zugleich, durch bloße Worte auszudrücken ver kommen angemeſſen. Leider muß ich in Bezug auf Klärchens
mag. Es wurde nämlich am 18. Göthe's Trauerſpiel »Egmont« Wohnzimmer die mir unangenehme Bemerkung machen, (denn ich
mit der vollſtändigen Orcheſtermuſik Ludwig van Beetho tadle nur ungern), daß die Möbel ſo ſchlecht ausſahen, wie in
vens gegeben. An dieſem Tage erwies ſich meine oft wieder der Stube eines liederlichen Bettlers. Selbſt in gemeinen Poſſen
holte Behauptung, daß das prager Publikum trotz aller Verlockun ſieht das Meublement einer bürgerlichen Stube beſſer aus, als es
gen zu Spektakelſtücken und Poſſen und zu Novitäten, welche eben am 18. der Fall war.
ſo ſchnell hinwelken, als ſie aufgeblüht ſind, einen geſunden und Es iſt ein gutes Zeichen der Zeit, daß ſich die Damen Herbſt
dem Beſſeren befreundeten Geſchmack bewähren, ſo oft ihm das und B in der entſchloſſen haben, ältere Frauenrollen zu geben, wie
anerkannt Gute in guter Form geboten wird. Der 18. war einer wohl ſie noch nicht das von Dichtern bezeichnete Matronenalter
der heißeſten Tage des heurigen Sommers, aber trotzdem, daß erreicht haben; denn auf der Bühne muß der Unterſchied des
vormittags eine militäriſche Kirchenparade und nachmittags das wirklichen und eingebildeten Alters in jene Form zuſammenſchmel
Volksfeſt im »Stern« abgehalten wurde, war das Publikum eben zen, welche eben angezeigt iſt. Wenn aber Dem. Herbſt wieder
ſo zahlreich, als am 16. Die Beſetzung des Trauerſpieles war die Prinzeſſin Margarethe geben ſollte, ſo müſſen wir ſie bitten,
mit Ausnahme der Prinzeſſin »Margarethe«, des »Klärchens« und die gewichtigen Stellen ihrer Rolle langſamer zu ſprechen und be
ihrer Mutter genau dieſelbe, wie bei der erſten Repriſe, welche deutſamer zu accentuiren. Auch müſſen wir Mad. Bin der bitten,
durch mein unumwundenes Urtheil einen lächerlichen Federkrieg in Rollen eines vorgerückten Alters ihrer weichen Stimme mehr
hervorgerufen hat. Herr Fiſcher gab die Titelrolle, Hr. Die tz Metall, und den geſchmeidigen Umriſſen ihrer Aktion mehr Schärfe
den Brakenburg, Hr. Ernſt den Oranien, Hr. M er fing den und Conſiſtenz zu geben. Wir brauchen Schauſpielerinen, welche ältere
Ferdinand, Hr. Polawſky den Macchiavel und Hr. Bayer den Rollen mit Geſchick und Glück verſehen können, und da die Damen
Alba; dagegen ſtellte Mad. Bin der Klärchens Mutter und Dem. Binder und Herbſt zu den talentvollſten und gewandteſten Mit
Herbſt die Prinzeſſin Margarethe dar. gliedern unſerer Bühne gehören, ſo erwarten wir von ihnen, daß
Wie es vorgeſchrieben iſt, ſchloß ſich die Muſik unmittelbar ſie eine längſt gefühlte Lücke unſeres Perſonales ausfüllen werden.
an die Zwiſchenakte an, und der Vorhang wurde nicht eher auf Der wahre Schauſpieler kann ſich jung und alt machen, wie er
gezogen und herabgelaſſen, als es die Compoſition erforderte. will, warum ſollte dies nicht auch die Schauſpielerin können?
Dies hielt jedoch das Publikum nicht ab, der gefeierten Gaſtdar Herr Fiſcher ſah weit jünger aus und bewegte ſich viel leich
ſtellerin die vollſte Anerkennung ihres tief eindringenden Studiums ter und friſcher, als bei der Vorſtellung, deren Kritik eine durch
und ihrer erfolgreichen Kunſtgewandtheit zu beweiſen. Sie wurde die Thatſache widerlegte Oppoſition hervorgerufen hat. Je offener,
nach der ſchönen Scene mit Egmont ſtürmiſch und zwar zuerſt lebensfroher und jugendlich-gutmüthiger ſich die männlich große
mit Herrn Fiſcher, dann zweimal allein gerufen. Dieſelbe Seele Egmonts äußert, deſto tiefer ergreift uns ſein unverſchul
Auszeichnung widerfuhr ihr nach dem letzten Akte und der Beifall detes Schickſal und der Muth, mit welchem er nach einem kurzen
übertäubte ſelbſt die kräftigen Jubeltöne des muſikaliſchen Schluß Kampfe das geſchwungene Henkerbeil ſehen kann, ohne zu erzittern.
ſatzes. Während, wie am 16., von allen Seiten der Galerie Ge Auch Herr Dietz (Brakenburg) bewies in der Vorſtellung vom
dichte auf das Parterre herabflatterten, trat Mad. Peche mit 18. ein tieferes Studium ſeiner Rolle und jene Liebe zur Sache,
ſichtlicher Rührung vor die Lampen und nahm in einigen Worten welche im Leben wie in der Kunſt dem Gedanken die ſcharfe Zeich
des Dankes Abſchied von einem Publikum, welches in der trefflich nung und friſche Farbe der Wirklichkeit gibt. Herr Bayer war
gebildeten Künſtlerin zugleich die Landsmännin verehrte. Schon als Alba vortrefflich, bis auf den Sprung von dem einen bis zum
die erſte Scene mit der Mutter zeichnete ſich durch die eben ſo anderen Ende der Bühne und bis auf die Attitüden am Fenſter,
zarten als ſcharf und rein ausgeprägten Umriſſe des Charakters und welche zu ſehr an gewiſſe Knalleffekte mahnten, deren ein Künſtler,
des unbezwinglichen Affektes aus, welcher Klärchen ſelbſt auf die wie Bayer nicht bedarf, um ſich in der Gunſt eines verſtändigen
Gefahr ihres Unterganges an Egmont feſſelt. Ihre Stellung und Publikums zu erhalten. Herr Polawſky gab die undankbare
Empfindung gegen die Mutter und gegen den unglücklichen Bra Rolle des Macchiavel mit ausgezeichnetem Fleiße. Die beiden
fenburg wurde uns auch aus den weniger betonten Worten und Herren Ernſt und Dietrich verſtand ich zu wenig, um ihre Lei
Sätzen und aus dem ſehr einfachen ſtummen Zwiſchenſpiele klar. ſtungen würdigen zu können; jedoch muß ich dem Erſteren das
Nur in dem kalten Abſchiede von Brakenburg ſchien uns ein Uiber Verdienſt einer guten Mimik und eines angemeſſenen Coſtumes
muth zu liegen, der ſich zwar mit dem Glücke erhörter oder viel zugeſtehen; aber Richard verſchwand im Enſemble gänzlich. Herr
mehr gewonnener Liebe, nicht aber mit dem Abſchiedskuſſe ver Nerking ſollte nie ein Ritterwamms anziehen, ſondern nur in Frack
trägt, den die Sterbende auf die Wange des verzweifelnden und Gehrock erſcheinen. Prof. Anton Müller,
Jünglings drückt. Aber ſelbſt dieſe Härte gegen Brakenburg und
der lebens- und liebesfrohe Leichtſinn, mit welchem Mad. Peche
in Klärchens Charakter auf die Vorwürfe und Warnungen ihrer
Mutter antwortet, waren ganz geeignet, die glänzenden Effekte Telegraph von Prag.
der Scene mit Egmont vorzubereiten und zu begründen, und wir Am 17. Juli Abends wurde in der Nähe des gräflich Sweerts'-
müſſen zur Ehre der Künſtlerin bemerken, daß ſie dieſe Effekte ſchen Hauſes (in der neuen Allee) ein armer Taglöhner von einem mit
nicht durch kokettirende Uibertreibung in Wort und Gebärde, ſon
dern nur dadurch hervorbrachte, daß ſie genau ſo war und erſchien, Bauſteinen beladenen Wagen überfahren. Schwer verletzt blieb er lie
wie ſich Göthe die Geliebte Egmonts gedacht hat. Die Naivetät, gen, eine Unzahl Neugieriger umſtand ihn, aber keiner dachte daran.
mit welcher ſie das Prunkgewand ihres Freundes muſterte und ihm zu helfen. Da fährt der k.k. Oberſt Herr Graf Clam-Gallas
Fragen ſtellte, welche den ohnehin verſtimmten Egmont in Verle vorbei, hält, als er die Menſchenmenge erblickt, an , frägt nach
der Urſache des Zuſammenlaufs, ſpringt aus dem Cabriolet und
genheit ſetzen, und aus ſolchem Munde nicht weniger betrüben, eilt durch den Volkshaufen auf den Unglücklichen zu, den er hier
als die Warnung ſeines Freundes Oranien, dann die Gewalt der auf, mit Hilfe eines Mannes, deſſen Beiſtand er anruft, in das
hingebenden Liebe, welche den tiefſten Gram entfeſſelt und ein gräflich Sweerts'ſche Haus trägt. – Eine edle That, die Nach
ſchläfert - dieſe Naivetät feſſelte und (ich kann beiſetzen) rührte ahmung und deßhalb auch Veröffentlichung verdient! C.
das zahlreiche Publikum. Nur einige Male wurde das tiefe Schwei
gen der zahlreichen Verſammlung durch einzelne Beifallsbezeugungen Der 18. Juli 1841 war der heißeſte Tag, der ſeit 44 Jahren
unterbrochen; deſto enthuſiaſtiſcher war aber der Applaus nach dem beobachtet worden, denn das Thermometer zeigte Nachmittags
Äktſchluße, denn man hörte nach dem glänzenden Erfolge dieſes einige Minuten vor drei Uhr, bei einer Sonnen- Verfinſterung,
Auftrittes nicht auf die Muſik, und es mußte ſich der Taktirſtab auf der Nordſeite eines altſtädter Thurmes dreißig Grade nach
des Kapellmeiſters mehrmal erheben, um den muſikaliſchen Zwiſchen Réaumur. Innerhalb dieſer Jahre war der höchſte Wärmegrad
aß ungeſtört beginnen und fortführen zu können. In der Scene, im Schatten nur 29. Es wäre zu wünſchen, daß Beobachtungen
wo Klärchen die eingeſchüchterten Bürger zum Widerſtande auf zu Vergleichen aus anderen Städten Böhmens mitgetheilt Für
fordert, ſchien Mad. Peche entweder erſchöpft oder durch die
-TTmTºmTºm

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein
º2

Unterhaltungsblatt.
Den 23. Juli

D e r W oh lt hät er. »Ach,« ſeufzte ſie, »müſſen wir uns nicht dennoch
Von Henri Berthoud.
trennen? Die ſociale Kluft, die uns trennt, hat nicht
aufgehört, zu beſtehen.«
Gewiß kann Niemand ohne heftige Aufregung die »Was kümmern mich eitle Vorurtheile? Was kümmert
Desdemona im Otello ſingen. Aber ſo tief auch dieſe mich die Welt, wenn es mein Glück, wenn es mein
ſchmerzlich aufregende Partie das Gemüth bewegt, ſo war Leben gilt ? Denn jetzt, jetzt Sie zu verlaſſen, hieße
ſie doch an dem Abende, von dem wir ſprechen, nicht die ſterben!«
alleinige Urſache der Bläſſe, des Zitterns und der Nieder »Ich bin zu ſchwach und matt heute; eine ſolche Un
geſchlagenheit Thereſe's. Als der ſinkende Vorhang gleich terhaltung würde, wenn fortgeſetzt, den Reſt meiner
einem weiten Todesſittich ſeinen ſchwarzen Schleier über Kräfte brechen. Auf morgen alſo. Leben Sie wohl,
das Leichenbett, auf welchem die Prima Donna lag, Graf Arnold !«
ſenkte, blieb das Mädchen ſtarr und regungslos; faſt »Nein, ich verlaſſe Sie nicht, bevor Sie mir nicht
ſchien es, als habe der Dolch des Mohren wirklich ge verſprechen, bevor Sie nicht ſchwören, mich wieder zu
troffen. Der Tenor eilte erſchrocken dem armen Kinde ſehen!«
zu Hilfe. Sie lag in Ohnmacht. Er faßte ſie in die Und er ſetzte ſich entſchloſſen neben ſie.
Arme und wollte ſie hinter die Scene tragen, um ihr »Hier, im Theater, ſind Aller Augen auf uns ge
dort die nöthige Hilfe zu verſchaffen, und ſie durch ein richtet. Und wenn Sie morgen zu mir kommen, wird
wenig friſche Luft in's Leben zu rufen, als der Graf man nicht weniger die arme Unkluge, welche Sie aufnahm,
Arnold herbeiſtürzte. Beſtürzt bemächtigte er ſich ſanft verläumden. Seyen Sie edelmüthig, Graf!«
der ſüßen Laſt, und eilte, ſie in ſeiner Loge auf ein Ruhe Er blieb hartnäckiger als je in ſeinem Fauteuil
bett niederzulaſſen. Noch einige Minuten blieb ſie unbe ſitzen.
weglich, die Haare aufgelöſt, einer weißen Grabmal »Morgen,« begann ſie nach einer Pauſe, »morgen
Statue nicht unähnlich. Endlich bewegte doch ein Seufzer ſinge ich in einem Concerte, welches Herr *** in ſeinem
ſanft ihre Bruſt; ihre Wimpern hoben ſich, ihre Augen Landhauſe gibt. Sie ſind zu ihm geladen. Vielleicht
blickten irr umher, ohne etwas zu unterſcheiden, doch finde ich dort Gelegenheit, Ihnen Einiges mitzutheilen,
bald erkannte ſie Arnold. was Sie gewiß auf immer von mir trennen wird. Ja,
»Ach,« ſeufzte ſie, »Sie ſind alſo noch nicht abgereiſt, Sie ſollen Alles erfahren, Arnold!«
Arnold?« Bei dieſen Worten wurde der Graf bläſſer noch, als
»Ich hatte noch nicht den Muth dazu,« erwiederte vorhin die Prima Donna geweſen, und wäre beinahe in
er mit ſchluchzender Stimme. Ohnmacht gefallen.
»Und ich – ich habe nicht den Muth zu einer zweiten »Sie ſehen,« fuhr die junge Dame ſchmerzlich fort,
Trennung!« ſagte ſie ganz laut, ohne zu bemerken, daß ein Wort reichte hin, um Zweifel und vielleicht Verach
ihren Lippen ein Ausruf entſchlüpfe, den ſie feſt in ihren tung in Ihrem Herzen zu wecken, Graf.«
Gedanken verſchloſſen wähnte. Sie wandte das Antlitz ab, um die Thränen, in
Der junge Mann ergriff leidenſchaftlich Thereſe’s welchen ihre Augen ſchwammen, zu verbergen, und fuhr
Hand. ſtolz fort:
»Sie lieben mich alſo!« rief er; »Sie lieben mich, »Verbannen Sie indeß jeden Zweifel aus ihren Ge
und hatten doch geſtern ſo kalte, harte Abſchiedsworte danken. Unter allen ſchmerzlichen Mittheilungen, die ich
für mich!« Ihnen zu machen habe, kömmt kein Fehler, kein Ge
Sie barg ihr erröthendes Antlitz in beide Hände. wiſſensbiß vor.«
Er ſank vor ihr auf die Knie, er flehte ihre Verzei geblieben, als tiefe Finſterniß, eine Unordnung ohne Glei
hung an, und ſtreckte ſchweigend ſeine Hände gegen ſie aus. chen, und eine beſtürzte Menſchenmenge, die ſich aus dem
»Auf morgen!« ſagte ſie leidend. Sumpfe herauszuarbeiten ſuchte. Und mitten in dieſer ent
Und ſie ſchieden, einen jener langen Blicke wechſelnd, ſetzlichen Verwirrung ſtand ein Mann und lachte hell auf
in welchem ſich Schmerz und Freude malten, einen jener und ergötzte ſich, wie Satan an den Qualen der Hölle.
Blicke, welche die Seelen zerreißen und berauſchen. Es war der Hausherr, der Urheber dieſer gräulichen
Am folgenden Tage fanden ſich Beide pünktlich beim Myſtifikation.
Rendezvous ein und kamen zu dem Feſte, welches nahe Beim erſten Angſtrufe, im erſten Augenblicke der Ge
bei Verſailles gegeben wurde. Nie war ein blendende fahr, fühlte Thereſe zwei Arme, welche ſie ergriffen und
rer Prunk entfaltet, nie ein Feſt auf phantaſtiſchere Art weit vom Orte der Gefahr wegtrugen. Bald war ſie
arrangirt worden. Drei Theater erhoben ſich einander weit vom Park, in ihrer Kutſche. Graf Arnold ſaß ihr
gegenüber in einem endloſen Park, das eine war für zur Seite und die Pferde fuhren nach Paris, doch The
Potier und die Schauſpieler der Variétés, das zweite reſe konnte ſich nicht erholen, ihr ganzer Körper zitterte,
für Joly und das Vaudeville, das dritte für die Italie ihre Lippen ſtammelten unverſtändliche Worte.
ner und die Sänger der Opera, welche am Concert theil »Er iſt's!« flüſterte ſie, »er iſt's!«
nehmen ſollten, beſtimmt. Aus dem Hintergrunde ragten Arnold ſuchte ſie durch zarte Worte zu beruhigen.
die Gerüſte zu einem ungeheuren Kunſtfeuerwerk, wäh »Oh, wenn Sie wüßten,« ſagte ſie endlich, »wenn
rend die farbigen Glas- Girandolen ſeltſam die Baum Sie wüßten, welche traurige Erinnerungen der Anblick
alleen erleuchteten, und lange, weiße Tafeln allüberall dieſes Mannes in mir hervorrief.«
die köſtlichſten Gerichte darboten. In allen dieſen Vorbe »Von wem ſprechen Sie, Theure? Wehe dem, der
reitungen lag etwas Ungewöhnliches, Uibermüthiges und Ihnen ſo viel Qualen verurſacht.«
Spöttiſches, und ſie erweckten, ohne daß man ſich davon » Still Arnold !« unterbrach ſie ihn erſchrocken.
Rechenſchaft ablegen konnte, Unbehaglichkeit und ein ge »Schweigen Sie, oder vielmehr ſchwören Sie mir, den
wiſſes dunkles Mißtrauen. Mann zu meiden. Verſprechen Sie mir, ihn zu fliehen,
Auf ein Signal des Hausherrn begann das Concert. wie man das Unglück flieht. Wohin er kommt, bringt er
Bald war die Reihe, zu ſingen, an Thereſe. Als ſie Unglück und Verzweiflung mit. Ich habe Ihnen Mitthei
auftrat, verbreitete ſich ein Murmeln der Bewunderung lungen verſprochen Freund. . . Der Anblick dieſes Mannes
unter den Zuſchauern, denn nie noch hatte ſie ſo ſchön und die Ereigniſſe des Abends ſind eine traurige, aber
geſchienen. Ein heiteres Lächeln ſpielte auf ihren Lippen, natürliche Einleitung zu dieſen Eröffnungen. Hören Sie
und in ihren Augen ſah man nichts mehr von den Thrä mich aufmerkſam, Arnold.«
nen, welche geſtern ihre Blicke ſo umſchleiert hatten. Sie (Die Fortſetzung folgt.)

blickte ruhig auf die Geſellſchaft, und begann ſchon eine


Arie, als man ſie plötzlich erbleichen und wanken ſah. Sie
vermochte nicht, einer Verwirrung Herrin zu werden, M o ſ a i k.
deren Urſache Niemand kannte. Doch ſang ſie, obwohl Ein Bauer aus dem Taunus kam mit zwei Fuhren Aepfel
nach Frankfurt am Main, und verkaufte ſeine Waare an eine
mit ſichtlicher Aufregung, die Arie: Sipadre m'abandonna, Gaſtwirthin. Der Kaufpreis war 20 Gulden, und wurde ihm in
aus ihrer Lieblingsoper Otello. Der Ausdruck ihrer zit Rollen ausgezahlt, welche Sechskreuzerſtücke enthalten ſollten. Wie
erſtaunte der Bauer aber, als er in ſeinem Wirthshauſe die Rollen
ternden Stimme bezauberte die Zuhörer, als plötzlich die öffnete, und ſah, daß ſie lauter Friedrichsdor, mithin einen Betrag
beiden andern Theater ſich öffneten, und die lärmenden von 2000 Gulden, ſtatt 20 Gulden, enthielten. Der Bauer war
ſo ehrlich, das Geld der Eigenthümerin ſogleich zurückzuſtellen,
Quodlibets zweier Poſſen auf einmal ſich mit der melan und rühmte ſich nicht einmal der That, ſo daß dieſelbe erſt jetzt,
choliſchen Klage der Prima Donna mengten. Dieſer ſchlechte zwei Jahre nachdem ſie geſchehen, bekannt wurde. – –
Der Schauſpieler Kunſt iſt zu Weimar , einer Kunſtanſtalt,
Spaß wurde mit mißvergnügtem Murmeln aufgenommen, deren ſich einſt Göthe und Schiller annahmen, als Karl Moor in
und mehre Perſonen erhoben ſich, um ſich zu entfernen; den Räubern aufgetreten, oder vielmehr nicht aufgetreten, denn
da öffnete ſich plötzlich der Boden unter den Geladenen er ſpielte ihn zu Pferde. Er wurde gerufen, erſchien und bedankte
ſich zu Pferde. – –
und verſchlang Alles. Zugleich brannte auch das Feuer Ole Bull und Prume veranſtalten gegenwärtig in Kopenha
werk ab, und die Raketen waren mit ſo perfider Kunſt gen gemeinſchaftlich Concerte. – –
auf die Illumination gerichtet, daß ſie dieſe in wenigen Von Boz (Charles Dickens), dem Verfaſſer der Pickwick-Pa
piere, ſoll nächſtens ein Seitenſtück zu dem genannten beliebten
Sekunden vernichteten. Bald war vom ganzen Feſte nichts Romane unter dem Titel »die Pick-Nick-Papiere« erſcheinen. –
=mºmºxºn

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 20. Juli. hierauf als »Klara« in Töpfer's »Zurückſetzung« auf. Ich will
Angenehmer konnte wohl unſer kunſtſinniges Publikum nicht nicht ſagen, daß ſie in dem erſten einaktigen Schauſpiele zur Be
überraſcht werden, als durch die Nachricht, daß Mad. Peche wunderung hinriß (denn Bewunderung iſt nicht ohne Reflerion
dem vielſeitigen Verlangen ihrer zahlreichen Verehrer nachgegeben und Mad. Pech e feſſelte das Publikum mit ſo zauberiſcher Gewalt, daß
und ihren Aufenthalt in Prag um einige Tage verlängert habe. es während ihrer Darſtellung wohl ſehen, hören und mitempfinden,
Sie trat am 20. noch einmal in Göthe's »Geſchwiſtern« und aber nicht urtheilen konnte); ſondern ich kann jetzt, da »Marianex
nicht meinen Augen, ſondern meiner Phantaſie vorſchwebt, nur die der Mad. Pech e ſchloßen ſich würdig an, Mad. Binder (Frau
Bemerkung wiederholen, von welcher ich in dem abgebrochenen von Lobeck), Demoiſelle Allram (Mathilde), und (in einer ſo
Artikel vom 16. Juli, Nr. 85, ausgegangen bin. Die »Mariane« genannten undankbaren Rolle) Herr Di e tz als Baron von
der Mad. Peche iſt darum eine klaſſiſche Leiſtung, weil die Ers Heeren. Ich muß bemerken, daß auch Demoiſelle Schikane
ſcheinung mit der Idee des Dichter genau zuſammenfällt, und der, welche die Rolle der treu gebliebenen Amme einer zurück
weil die Künſtlerin alle Mienen, Gebärden und Accente ſo ſehr geſetzten Haustochter gab, ſich nach vollem Rechte in den Bei
in ihrer Gewalt hat, daß ſie unter jeder Umgebung dieſe be fall des Publikums theilte. Und nun zu der Darſtellerin der
(das iſt, die Götheſche »Mariane«) bleiben und dieſelbe Wir intereſſanteſten Rolle des Stückes. Mad. Pech e bewährte ſich
kung hervorbringen würde. Ich ſprach in dem Berichte (Nr. 85) auch in dieſer Partie als eine Künſtlerin, welche mit wenigen
von dem einfachen und dennoch, kleidſamen Anzuge, in welchem Mitteln mehr erreicht, als durch unnützen Aufwand ſchmelzender
Mad. Peche als »Mariane« erſcheint; aber ihr Gebärdenſpiel und Töne und geſuchter Attituden. Sie war das leibhafte Bild jener
ihre Deklamation iſt nicht minder ſchmucklos, angemeſſen, als ihr Duldung, von welcher Shakeſpeare ſagt, daß ſie zu ihrem
Kleid, und daß ſie in dieſen Formen bis zu Thränen rühren kann, Schmerze lächle, und die Wendung vom tiefſten Seelenleiden bis
iſt ein klarer Beweis ihrer Meiſterſchaft oder vielmehr jener zur unverhofften überſeligen Freude war nur darum ſo natürlich
deſonnenen Begeiſterung, welche, indem ſie das ganze Weſen des und ergreifend, weil Mad. Peche mit den ihr zu Gebote ſtehen
berufenen Künſtlers durchdringt und erhebt, ſich ſelbſt die rechte den Kunſtmitteln flug zu wirthſchaften und dennoch in den Grän
Gränze ſetzt. Man kann die unſchuldige, ſich ihres geheimſten zen des jeweiligen Momentes ein eben ſo tiefes als edles Gefühl
Wunſches nur dunkel bewußte Liebe nicht in anmuthigeren und zu entwickeln, wußte. Sie war als »Klara« im vorzugsweiſen
anſpruchsloſeren Formen dargeſtellt ſehen, als von der trefflichen Sinne des Wortes Dichterin, denn ſie vereinigte die auseinander
Peche, und was in der Rolle der Mariane dem harmloſen Scherze gehenden Strahlen der Idee des Verfaſſers nicht zu einem Brenn
näher liegt, als dem Ernſte des Lebens, trat aus ihrer Darſtel punkte (denn man fühlte ſelbſt in Klara's Schmerze nichts Ver
lung ebenſo ungetrübt und natürlich hervor, als das ſchmerzliche wundendes), auch nicht zu einem Glanzounkte (denn ſie kokettirte
Gefühl, welches Mariane erträgt und überwunden hat, weil ſie weder mit der Freude, noch mit dem Leide), ſondern in dem Punkte
ihrem vermeintlichen Bruder und wohlthatigen Freunde nicht jener Gefühle, welche, weil ſie edel ſind und edel erſcheinen, jedes
grollen zu dürfen glaubt. Die ſcherzhafte Drohung, daß ſie die gleich geſtimmte Herz zu der innigſten Theilnahme anregen.
vom Bruder beſtellten Tauben werde verbrennen laſſen, war ganz Prof. Ant. Müller.
geeignet, ein wehmüthiges Lächeln zu erwecken; denn Mariane
nimmt früher die Befehle ihres oft mürriſchen und ſtrengen Freun
des mit der Geduld eines frommen und in ſeinem Gehorſam glück: Telegraph von Prag.
lichen Kindes hin. Mariane fühlt und ahnet, was ſie ſich nicht Von recht heiterer Witterung begünſtigt, fand am 20. Juli
erklären kann; und hierin liegt für die Darſtellerin dieſes liebens Nachmittags die Produktion der prager Civilſchwimm
würdigen Charakters eine Schwierigkeit, die nur die wahre Kunſt ſchule Statt. Dieſe Produktion iſt in jeder Hinſicht eine ausge
überwinden kann. Jedes vorlaute und zu merfliche Zeichen einer zeichnete zu nennen, einmal ſchon wegen der hohen Ehre, welche
Neigung für den vermeintlichen Bruder, welche die Gränzen der ihr durch den Beſuch Sr. kaiſerlichen Hoheit des durchlauchtigen
Schweſterliebe überſchreitet, würde mit dem Charakter der Mariane Herrn Erzherzogs Stephan zu Theil ward, der dieſer Vorſtellung
auch die ſchöne Idee der ganzen Dichtung vernichten; und eine bis zu Ende beizuwohnen geruhte. Aber die bei der Produktion
Herabſtimmung der Wärme und Innigkeit deſſen, was Mariane Mitwirkenden boten auch Alles auf, einer ſolchen Auszeichnung
für Wilhelm fühlt, würde das ſcharf gezeichnete und lebendig ge Würdiges zu leiſten. Was im Bereiche der Schwimmkunſt Außer
farbte Charakter - und Lebensgemälde des Dichters zu einem farb ordentliches (nota bene im beſchränkten Raume eines Schwimm
loſen und mißlungenen Steindrucke herabziehen. Mad: Pe che ſchulſpiegels) geleiſtet werden kann, ſah man hier. Einige ſchwammen
ſegelte zwiſchen dieſer Scylla und Charybdis mitten durch und mit mit gefeſſelten Händen; Andere (darunter der bekannte Schwim
vollem Glücke, weil ſie den Dichter verſtanden hat. In der un mer Herr Burian ) ließen ſich, regungslos liegend und mit
übertrefflichen Scene mit dem Knaben, den Mariane herzt und ſchweren Laſten beſchwert, vom Waſſer hinabtreiben; der Schwimm
küßt, aufputzt, belehrt und erheitert, benahm ſich Mad. Peche meiſter Herr Budinſky holte eine eiſerne Kugel und zwei Cham
ſo unbefangen und kindlich - gutmüthig, daß die folgenden Worte pagnerflaſchen aus der Tiefe des Spiegels, u. ſ. w. Mehre große
und Stellen, in welchen Mariane wünſcht, daß der ſchöne Knabe, Figuren wurden im Waſſer auf das Trefflichſte ausgeführt. Von
der es bei ihr gut hat, ihr eigener Sohn wäre, mehr rührten, höchſt komiſchem Effekte waren die mannigfachen Verkleidungen
als zu einem unzeitigen und doch ſo oft wahrgenommenen Lächeln Als Glanzpunkt der Produktion aber glaube ich die Sprünge an
anregten. Nicht minder anſpruchslos und dennoch wohlbezeichnend führen zu müſſen, unter denen ſich viele eben ſo durch Kühnheit
bewegte ſich Mad. Pech e in der Scene mit Fabrice, wo Maria als Grazie auszeichneten. Ganze Pyramiden ſprangen in's Waſſer.
nen der Gedanke einer Heirat mit beruhigender Lebhaftigkeit vor Gerne würden wir die Namen der vorzüglichſten Hrn. Abon
die Seele tritt, – einer Heirat, die ſie von ihrem vermeintli nenten, welche bei der Produktion mitwirkten, nennen, wenn
chen Bruder trennen muß, ſie mag nun den Bräutigam ſelbſt wir nicht mit Recht fürchteten, ihrer Beſcheidenheit zu nahe zu
wählen, oder die Braut und Gemalin des Geliebten eine Stelle treten. Aber danken müſſen wir ihnen, ſowohl im Namen des
einnehmen ſehen, die mit der vollen Wärme und Aufrichtigkeit Publikums, dem ſie ein ſo ſeltenes Vergnügen bereiteten, als
hingebender Liebe nur ſie ausfüllen kann. Dieſe Scene und die auch im Namen der Armen, denen durch ihre gefälligen und
folgende mit Wilhelm war durchaus untadelich. Nichts war in den ewiß ſehr anſtrengenden Bemühungen jedenfalls eine recht nam
beiden Auftritten zu viel und zu wenig, und in jedem Tone, Ä Unterſtützung zugewendet wird. Das löbl. priv. Bürger
in jeder Gebärde war die vom unſterblichen Dichter klug und ge Grenadiercorps hatte die Gefälligkeit, die Aufrechthaltung der
müthlich angelegte Schlußſcene vorbereitet. Das freudige Er Ordnung zu übernehmen. Die Zahl der Zuſchauer (jene Gratis
ſchrecken zu ſchildern, in welchem Mad. Pech e mit weit geöffneten Zuſeher ungerechnet, welche die benachbarten Anhöhen, Dächer
Augen zurücktrat und vergebens das Wörtchen »Du« auszuſprechen und das jenſeitige Ufer bedeckten) war ſo groß, daß der Raum
verſuchte, dann die Art und Weiſe, mit welcher ſie die Frage: für ſie faſt zu gering wurde. Die Unterhaltung wurde erhöht
»Iſt es möglich?« wiederholte, halb lachend und halb weinend durch die Mitwirkung der löbl. Muſikkapelle des k... k. Inf. Reg.
ſteigerte und vom höchſten Entzücken wieder in jene jungfräulich Latour, welche während der Produktion entſprechende ºn
ſittliche Grazie einlenkte, welche ihr Spiel in den früheren Scenen Der Flötenvirtuoſe, Hr. Ritter, Concertmeiſter aus Berlin,
ſpielte. -

bezeichnete – dies Alles läßt ſich eben ſo wenig ſchildern als ver
geſſen. Die Herren Fiſcher (Wilhelm) und Walter (Fabrice) wird künftigen Dienſtag im Platteyßſaale unter Mitwirkung der
unterſtützten die Künſtlerin mit der löblichſten Sorgfalt. Was den Sophienakademie ein Concert geben. Dieſem Künſtler geht aus
letzteren betrifft, ſo muß ich nachträglich bemerken, daß er in der Norddeutſchland ein wohl erworbener Ruf voran und ganz kürz
Vorſtellung des Trauerſpieles»Egmont den »Vanſen« vortrefflich, lich hat er in den böhmiſchen Badeorten vor einem zahlreichen
das iſt, gerade ſo darſtellte, wie ſich Göthe dieſes ſchlechte Sub Publikum unter größtem Beifalle geſpielt. A.
jekt eben gedacht haben mag.
Uiber Töpfer's Schauſpiel »die Zurückſetzung« und über die
Produktion desſelben habe ich in dieſen Blättern ſchon ſo viel Correſpondenz aus Böhmen.
geſagt, daß ich nur beiſetzen kann, was den geehrten Gaſt und Teplitz, 19. Juli.
die beſonderen Merkmale der Vorſtellung vom 20. betrifft.
Beſſer, als Töpfer's »Zurückſetzung« an dieſem Tage gegeben Das Monument, das die Badeſtadt Teplitz ihrem erhabenſten
wurde, habe ich dieſes Schauſpiel nie aufführen ſehen. Die Herren und getreueſten Gaſte, dem verewigten Könige von Preußen,
Bayer (Lobeck) und Polawſky (Götze) fanden wieder einmal errichtet, iſt ſeiner Vollendung nahe. Der Haupttheil desſelben,
Gelegenheit, ihre längſt errungene, aber durch allerlei Zwiſchen ein Genius mit dem Siegeskranze, der auf der Weltkugel ſteht,
fälle in den Schatten geſtellte Meiſterſchaft glänzend zu entwickeln ſo wie die Büſte des Hochverewigten ſind bereits vor mehren
und zu bewähren. An das Kleeblatt dieſer beiden Herren und Tagen von Plaß aus hier eingetroffen. Dieſelben, ein Geſchenk
Sr. Durchlaucht des Fürſten Metternich, ſind auf dem dortigen und die Badeliſte vom heutigen Tage weiſet bereits 985 Parteien
Eiſenwerke nach den Gypsmodellen des Herrn Profeſſors Bongio mit 1807 Perſonen aus.
vanni von Wien in Erz gegoſſen worden. Die feierliche Enthül Unter den vielen ausgezeichneten und hochgeſtellten Perſonen
lung iſt auf den 3. Auguſt feſtgeſetzt. erſcheinen Se. k. H. Prinz Auguſt von Preußen, Se. Durchl. der
Wenn Teplitz trotz einer geſteigerten Frequenz manchem Be regierende Fürſt von Reuß- Lobenſtein-Gera, Heinrich LXII., und
ſucher aus früherer Zeit bisher weniger lebhaft erſchienen war, J. D. Fürſtin Fürſtenberg, geb. Prinzeſſin von Baden.
wovon wohl der vorzüglichſte Grund in der immer mehr fortſchrei Concerte und Bälle bieten geſellſchaftliche Unterhaltung, und
tenden Ausdehnung des Dorfes Schönau gelegen, ſº gibt ſich jetzt ſo findet jeder Kurgaſt bei ſeinem ländlichen Aufenthalte in dieſem
allenthalben ein reges Leben und Treiben kund. Gleichwohl ſieht Kurorte auch Unterhaltungen des Stadtlebens.
man dem Glanzpunkte der Saiſon noch entgegen, wenn mehre Der abſolvirte Zögling des prager Muſikconſervatoriums, Hr.
angeſehene Gäſte aus Karlsbad und Marienbad, nach dort ge leiner, ließ ſich zweimal mit ungetheiltem Beifalle als würdiger
brauchter Vorkur, hier eintreffen werden. Die Badeliſte gibt bis chüler Herrn Profeſſors Piris hören, ſo wie Hr. Preiß, 1. Kla
zum 16. Juli 1612 Parteien, oder mit ihrer Begleitung 2555 rinettiſt und Kammermuſikus der Fürſt Reußiſchen Kapelle, ein
Perſonen. Zu den bereits in der Bohemia angeführten Notabili Concert gab, worauf der k.ruſſ. Hofopernſänger, Hr. Breiting,
täten ſind hinzugekommen: Se. königl. Hoheit, Herzog Adam von zwei Concerte arrangirte, in denen er von Hrn. Landowſky aus
Würtemberg, kaiſ. ruſſiſcher General-Lieutenant und General Warſchau, einem tüchtigen Violinſpieler, und Herrn Pianiſten Kuhe
Adjutant des Kaiſers; Se. Ercellenz Herr Graf von Maltzan, aus Prag ausgezeichnet unterſtützt wurde. Nicht minder ließ ſich
konigl. preußiſcher Geſandter am k. k. öſterreichiſchen Hofe; Se. Hr. Felir Lipinſki, Bruder des rühmlichſt bekannten Hrn. Con
Ercellenz, Herr Rother , k. preußiſcher geheimer Staatsminiſter; certmeiſters Lipinſki, als Violiniſt mit Beifall hören.
Herr Graf Henkel von Donnersmark, k. preußiſcher Generalmajor Nachdem der neu erbaute und elegant hergeſtellte Converſa
und Kommandant der Feſtung Schweidnitz; Herr Jochens und tionsſaal mit einem Balle eröffnet wurde, deſſen Reinertrag mit
Herr Lebauld de Nans, königl. preußiſche Generalmajore ; Frei 800 ſl. W. W. dem hieſigen Kurſpital zugewendet worden iſt, fand
herr van der Reck, königl. preußiſcher Chef- Präſident; Freiherr in demſelben am 7. l. M. ein zur Feier des Geburtsfeſtes S. M.
von Seckendorf, k. preußiſcher Regierungs- Vicepräſident; Seine des Kaiſers von Rußland von den hier anweſenden Ruſſen ver
Ercellenz Freiherr von Oelſen und Se. Ercellenz Herr Köhler, anſtaltetes glänzendes Ballfeſt ſtatt, zu dem der ſämmtliche hier
k. preußiſche Geheimräthe; Herr Wolfart und Herr Wilkens, k. anweſende Adel und die Honoratioren ohne Unterſchied der Nation
preußiſche geheime Oberfinanzräthe; Herr Ryan, Nordamerikani geladen wurden. Sowohl die geſchmackvolle Dekoration des Saales,
ſcher Conſul am däniſchen Hofe c. Se. königl. Hoheit Prinz als das glänzende Souper machten dieſe Unterhaltung zu einem
Wilhelm von Preußen wird am 22. d. M. erwartet. Von wiſſen wahren Feſte, ſo wie die Heiterkeit der Geſellſchaft den Ball
ſchaftlichen und künſtleriſchen Celebritäten könnte man nennen: gebern den beſten Beweis für die Anerkennung ihres vortrefflichen
den Novelliſten Kühne, Verfaſſer der Rebellen Irlands, der Klo Arrangements ſeyn mußte.
ſternovellen c.; die Componiſten Morlacchi aus Dresden und Dieſem folgte ein nicht minder glänzender Ball, den Seine
Lickel aus Wien; Touſſaint von Charpentier, k. preußiſchen Berg Durchl. Fürſt Reuß gab, bei dem die zahlreich Geladenen in Hei
hauptmann von Schleſien; den verdienten Anatomen Römer; Sir terkeit und Frohſinn der Leiden vergaßen, die ſie hier aus den
Archibald William Crichton, kaiſ ruſſ. Staatsrath und Leibarzt entfernteſten Gegenden bei den Heilung verſprechenden Quellen
des Kaiſers von Rußland; Thelning erſten Leibarzt des Königs zuſammen brachten.
von Schweden; Staberoh, k.preußiſchen Medicinalrath; Wojde, Die Zahl der Gaſthäuſer wurde vor Kurzem durch die Eröff
Medicinalrath aus Warſchau; überhaupt viele Aerzte, was für nung eines neuen eleganten Hotels, »zum Neptun« genannt, ver
j Fens
!! !!.
Bedeutſamkeit einer Mineralquelle das beſte Zeug mehrt, und jene, die Marienbad ſeit einigen Jahren nicht beſucht
haben, finden ſich nicht wenig überraſcht, wenn ſie ſehen, mit
Seit Anfang Juli finden im hochfürſtl. Clary'ſchen Garten welcher Raſchheit ſich dieſer Kurort von Jahr zu Jahr vergrößert
ſalon Dienſtags und Donnerſtags thes dansants, und Sonntags, und verſchönert, und ſo durch ſeine reizende Lage ſowohl, als
wie der Anſchlagszettel ſagt, glänzende Bälle ſtatt; es fehlt jedoch durch die Schönheit der Gebäude im Aeußern und Innern, immer
dieſen Unterhaltungen noch ein ſehr nothwendiges Requiſit – eine mehr des ſich ſo bedeutend alljährlich mehrenden Zuſpruches von
männliche tanzfähige oder tanzluſtige Jugº Im fürſtlichen Schloß Fremden würdiger wird. Erfreulich iſt es zu ſehen, wie ſich die
theater ſehen wir größtentheils nur Luſtſpiele und Poſſen, die heilſamen Folgen der hieſigen Quellen bei vielen Kurbrauchenden
übrigens mit den Kräften der betreffenden Truppe noch am meiſten nicht erſt in ſpäterer Zeit einſtellen, ſondern oft ſchon im Verlaufe
im Verhältniſſe ſtehen und auch am eheſten den Bewohner einer der dritten Woche äußern.
Haupt- und Reſidenzſtadt anſprechen möchten. Die Hoffnung, die Nicht minder bedeutend iſt dic Verſendung der hieſigen Mi
franzöſiſche Schauſpielergeſellſchaft des Hrn. Harel hier zu ſehen, neralquellen nach allen Ländern und nicht leicht wird außer dem
iſt nicht erfüllt worden. Dieſelbe ſpielt gegenwärtig in Nürnberg. Selterſer Waſſer, irgend ein zur Verſendung geeigneter Geſund
Die geringen Erfolge, die ihre Leiſtungen, in dem polyglottiſchen heitsbrunn in ſo großer Quantität verſchickt, als es mit dem Kreuz
Karlsbad lohnten, waren ihr allerdings kein günſtiges Prognoſti brunn der Fall iſt. Möge ſeine heilende Kraft auch den Entfernten
kon für Teplitz. Von Concerten berühmter Künſtler hatte uns die Ä ſchaffen, wovon man hier täglich ſo viele Beweiſe ſehen
diesjährige Saiſon noch nichts gebracht; aber heute gibt Giulio MIM.
Briccialdi, Profeſſor und Kammermuſikus des Königs von Nea S

pel, ein Concert auf der Flöte. Schon früher hatten wir ein
anderes auf der Violine gehört; der Concertgeber, Herr Ritter Schon ſeit Jahren wird an einem Denkmale für Herrmann,
aus Berlin, hatte ſich wohl ſelbſt durch Subſcriptionen ſicher den Cherusker-Fürſten, der die römiſchen Legionen des Varus
geſtellt, war aber in ſeiner Kunſt hinter den Erwartungen des bezwang, und dadurch Deutſchland von Roms Oberherrſchaft
Publikums geblieben. befreite, gearbeitet. Auf der Groteburg, dem höchſten Gipfel des
Ein früherer Artikel der Bohemia über Teplitz hatte ſich inſo Teut, in der Mitte des Teutoburger Waldes, wo jene entſchei
fern abfällig geäußert, als man hier durchgehends nur deutſche dende Schlacht von Herrmann gewonnen wurde, wird dieſes Denk
Zeitſchriften antreffe; jetzt aber muß jede Klage auch des nicht mal errichtet werden. Auf einem Unterbau von 80 Fuß Höhe
deutſchen Zeitungsleſers verſtummen. Nicht nur findet ſich in dem wird ein 40 Fuß hohes, in Kupfer getriebenes Standbild ſtehen,
Leſekabinette des fürſtlichen Gartenſalons das Journal de Franc darſtellend den deutſchen Helden, wie er nach dem Siege mit dem
fort, ſondern in dem eleganten Kaffeeſale des deutſchen Hauſes, linken Arme auf dem Blumenſchilde ruht, und mit dem rechten
nebſt vielen deutſchen Blättern, auch das Journal des débats, der ſein Schwert gegen den Rhein emporhebt. Zu ſeinen Füßen liegt
Voleur und die rieſenhafte Times. Der zahlreiche Zuſpruch, den ein römiſcher Adler und ein Bündel Fasces. – Zur Beſtreitung
dieſes neue Kaffeehaus hat, iſt übrigens der beſte Beweis einer der Koſten für die Aufſtellung dieſes rieſigen Nationaldenkmals
ſeits für deſſen Vorzüglichkeit und anderſeits dafür, wie ſehr die wurden in ganz Deutſchland Sammlungen eingeleitet, und es
Errichtung einer ſolchen Anſtalt in dem Wunſche des Badegaſtes floßen aus den meiſten deutſchen Ländern reiche Beiträge ein. Da
gelegen war. auch in Böhmen zu dieſem Zwecke Beiträge geſammelt werden,
ſo wird das Publikum hievon mit dem Bemerken in die Kenntniß
- - Marien dad, 19. Juli. geſetzt, daß derlei Beiträge in Prag bei der k. k. Stadthaupt
Wie ungünſtig auch der diesjährige Sommer für die Bade mannſchaft und am Lande bei den kk. Kreisämtern gegen Empfangs
ºrſt, ſo erfreut ſich doch Marienbad eines nicht minder zahl beſtätigung und Vormerkung in den Subſcriptionsliſten angenom
reichen und glänzenden Beſuches, als in den vorhergehenden Jahren men werden.

E-TT-FT-T-.

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

Unterhaltungsblatt.
- -
E

Den 25. Juli M“ SP. 1S41.

Der Wohlt hät er. Mitgift übrig, er mußte zum Spiele ſeine Zuflucht nehmen,
um den nothdürftigen Haushalt und ſeine eigenen aus
(Fortſetzung und Beſchluß.)
ſchweifenden Bedürfniſſe zu beſtreiten. Anfangs lachte
Man preiſt die militäriſchen Thaten der Offiziere Na ihm das Glück, aber bald ſchleuderte ihn das Spiel in
poleons, und nicht mit Unrecht; aber dieſe Männer ſelbſt, den Abgrund des Elends und der Schande.
ſo kühn auf dem Schlachtfelde, waren doch oft nur ge Eines Morgens fand meine Mutter an der Schwelle
meine Krieger, erbarmungs- und rückſichtslos, und ach ihrer Thüre einen blutenden Leichnam. Ihr Gatte hatte
teten ſelbſt die heiligen Geſetze der Gaſtfreundſchaft nicht. den feigen Muth gehabt, einen Selbſtmord zu begehen.
Vor 28 Jahren durchzogen ſie Deutſchland als Sieger, Ohne Hilfsmittel, ohne einen Beſchützer, fremd, in
und einer von ihnen ſank ſterbend nieder an der Schwelle einer fremden Stadt, kämpfte die edle Frau doch muthig
eines Schloſſes, welches ſeine Landsleute ſo eben erſt gegen das Unglück. Sie nahm die Armuth und Arbeit
zerſtört hatten. Der Greis, der noch die rauchenden als eine gerechte Sühne für ihre Fehler an, und ob
Trümmer bewohnte, nahm nichts deſto weniger den Ver wohl dieſe Prüfung Jahrelang währte, ſo entſchlüpfte
wundeten auf und pflegte ihn auf das ſorgſamſte. Der ihr doch nie die leiſeſte Klage. Sie erzog. ihre Tochter
Geneſende bezahlte dieſe Schuld damit, daß er die Tochter fromm, gab ihr das Beiſpiel eines genügſamen, arbeit
ſeines Wirthes, dem er das Leben verdankte, verführte. ſamen Lebens und verlor erſt dann den Muth, als ſie
Der Greis wollte die Ehre der ſo ruchlos beſchimpften eines Tages die Anzeichen einer Krankheit fühlte, der ſie
Familie rächen. Seine Tochter warf ſich zwiſchen ihn bald unterliegen ſollte. Mit welcher Verzweiflung er
und den, den ſie ihren Gatten nannte. füllte ſie der Gedanke, daß ſie eine arme Waiſe hilflos
»Sey es,« ſagte der Greis, »er empfange denn vor verlaſſen müſſe, wie verbitterte er ihr die letzten Augen
Gott und Menſchen den Titel, den Du ihm jetzt, ohne blicke !
daß er noch ein Recht darauf hat, gegeben. Dies ſey
Eines Morgens kehrte die Tochter, in Trauer geklei
Deine Strafe, Unglückliche!«
det, von dem Grabe der Mutter, wo ſie inbrünſtig gebe
Das Mädchen beſaß hunderttauſend Franken, welche tet hatte, heim nach ihrer Manſarde, als plötzlich auf
ihre Mutter ihr ſterbend vermacht hatte. Der Verführer dieſem Wege eine Kutſche vor ihr anhielt. Der Herr,
willigte ein. In der möglichſt kürzeſten Friſt wurde die der in der Kutſche ſaß, gab der Waiſen ein Zeichen,
Hochzeit gefeiert, und die Neuvermälten reiſten alsbald
näher zu treten; die Kleine gehorchte erröthend und
nach Paris. Ach, die Prophezeiung des beleidigten furchtſam.
Vaters ward nur zu ſchnell und zu grauſam erfüllt. »Woher kommſt Du?« fragte er mit heiſerer Stimme.
An die Verſchwendung und Unordnung des Kriegs »Vom Friedhofe, wo man meine Mutter begraben.«
lebens gewohnt, lebte der Offizier, den ſeine Wunde aus »Dein Vater iſt auch todt?«
dem Dienſte zu treten und in Unthätigkeit zu bleiben »Ich bin ganz verwaiſt.«
zwang, in Paris auf eine Weiſe, als könnten die hun »Du lebſt alſo bei irgend einem Deiner Verwandten?«
derttauſend Franken ſeiner Gattin nie erſchöpft werden.
»Meine Mutter war eine Deutſche. Ich habe keine
Er brachte ganze Tage im Kaffeehauſe zu, kehrte erſt
Verwandte in Paris.« -
Abends nach Hauſe zurück und beſchäftigte ſich nie mit
ſeiner jungen Gattin, die ihm ihr Alles, ſelbſt die Liebe Ein ſeltſames Lächeln ſpielte auf den Lippen des
ihres Vaters und die Ruhe ihres Gewiſſens geopfert Herrn. Dies Lächeln erregte die Furcht des Kindes.
hatte. Noch weniger beachtete er die Tochter, die ſie »Wie viel Liebhaber haſt Du?« fragte er barſch
ihm geboren. Baſd war nur noch ein kleiner Theil der writer.
Das Mädchen erhob den Blick ſo unſchuldvoll zu ihm, alſo ſeine Studien, und verlegte ſich beſonders auf Muſik,
daß er ſich faſt ſeiner rohen Frage zu ſchämen ſchien. in welcher es glänzende Fortſchritte machte.
»Steige in meine Kutſche, ſetze Dich hier neben mich.« Eines Morgens beſuchte der Unbekannte wieder ſeinen
Das Mädchen zögerte, er aber faßte ihren Arm, hob Schützling. Das Mädchen machte ihm zärtliche Vorwürfe
ſie auf den Sitz und ertheilte dem Kutſcher in einer über ſeine lange Abweſenheit; er aber erwiederte auf alle
fremden Sprache ſeine Befehle. dieſe Beweiſe von Liebe nichts, ſondern ſagte bloß:
Die Kutſche fuhr im Galop ab, durch mehre Gaſſen, »Ich möchte Dich, liebes Kind, doch gern wieder in
welche das Kind nicht kannte, und hielt endlich vor einem dem Kleide ſehen, welches Du an dem Tage trugſt, wo
hübſchen Häuschen in der Chauſſée d'Antin, die damals ich Dich zum erſten Male ſah.«
erſt im Werden war. Dieſes Häuschen, oder vielmehr Das Mädchen gehorchte ſchleunigſt der Laune ihres
dieſer Pavillon, erhob ſich mitten in einem weiten Garten Wohlthäters und kam bald in ihrem ſchlichten Trauer
und war der angenehmſte Aufenthalt, den man nur gewande.
träumen kann. Der Unbekannte ließ das junge Mädchen »Willſt Du nicht ſo mit mir den Stadttheil beſuchen,
ausſteigen, führte es in einen ſo einfach als elegant ge wo der Zufall Dich mir in den Weg geführt hat?«
ſchmückten Saal und zog an der Glockenſchnur. »O ja,“ rieffreudig die Waiſe, »denn meine rege
Eine Kammerfrau erſchien. Dankbarkeit wird noch lebhafter werden an der Stelle,
»Dies iſt Deine neue Gebieterin,« ſagte er, und wollte woich, arm und ohne Freunde, einen ſo edlen Beſchützer fand.«
ſich raſch entfernen. Der Unbekannte faßte ihre Hand und ließ ſie in die
Ich eilte ihm nach und hielt ihn zurück. Kutſche ſteigen. Als ſie gerade an der Stelle, wo er
»Herr«, rief ich, »laſſen Sie mich nach Hauſe zurück ſie getroffen, ankamen, wollte er, daß ſie abſteige. Sie
kehren; ich ziehe den Tod der Entehrung vor.« gehorchte. Kaum hatte ſie das Pflaſter berührt, ſo flog
die Kutſche im Galop davon, und ließ das Mädchen
Er lachte auf und klopfte mich leiſe auf die Wange.
allein, erſchrocken, beſtürzt zurück.
»Erſchrick nicht, bevor Gefahr da iſt,« unterbrach er Nachdem die Waiſe ſich ein wenig von ihrem Schrecken
mich, »und Du wirſt nie erſchrecken, denn keine Gefahr über den unzarten Scherz erholt, überlegte ſie, was ſie
droht Dir hier. Ich bin reich und thue Gutes auf eine nun thun ſolle. Sie dachte, daß ſie in all' dieſem nichts
bizarre Weiſe. Das iſt Alles! Ich habe Dich zufällig weiter, als eine neue Bizarrerie ihres Wohlthäters ſehen
geſehen, Du ſchienſt mir hübſch und artig, und ich beſchloß, dürfe; wahrſcheinlich wollte er ſich an ihrem Schrecken
Dir das zu geben, was ich ſonſt an ein verachtungs ergötzen. Sie nahm daher eine Miethkutſche und ließ ſich
werthes Geſchöpf, das mich betrog, verſchwendete. Ge nach Hauſe zurückführen; aber ſie mochte klopfen und
nieße daher ohne Sorge das Dir zu Theil gewordene rufen, wie ſie wollte, die Thüre öffnete ſich nicht.
Glück. Ich will ſogar, wenn Du's verlangſt, nicht ein Urtheilen Sie über meine Verzweiflung, Arnold, denn
mal hieher kommen, Dir einen Beſuch abzuſtatten.« Sie haben wohl errathen, daß es meine eigene Geſchichte
Und in der That verfloſſen mehr als ſechs Monate, iſt, die ich Ihnen erzähle ! Allein, verlaſſen mitten in
bevor ſie den wieder ſah, den ihr Herz ſegnete; denn Paris, ohne Mittel, ohne Geld, ohne Zufluchtsort, ohne
während Noth und Elend ihrer harrten, hatte er ihr ein Schutz! Ach, was habe ich damals gelitten!
behagliches, glückliches Leben bereitet. Die Frau, welche Der Kutſcher wartete noch immer, und ich hatte nicht
die Waiſe bediente, ſchien verſtändig und ergeben; ſie einmal das nöthige Geld, um ihn zu bezahlen. Ich nahm
hatte für das arme Kind eine wirkliche Zuneigung gefaßt, meine Ohrgehänge ab, verkaufte ſie einem Juwelier auf
und ertheilte ihm gute Rathſchläge. Sie ließ ſogar eine dem Boulevart, bezahlte den Fiaker und ſetzte mich, faſt
Menge Lehrer kommen, um die Erziehung des Mädchens wahnſinnig vor Schmerz, auf einer Steinbank nieder.
zu vollenden. Als nun nach langer Zeit der Wohlthäter Indeſſen, der Gedanke an meine Mutter und ein in
ſeine Mündel beſuchte, glaubte dieſe ihm beweiſen zu brünſtiges Gebet zu Gott ſtärkte mich. Ich beſchloß, nicht
müſſen, daß ſie ſeiner Wohlhaten nicht unwürdig war, den Muth zu verlieren, ſondern zu arbeiten, wie ich ſonſt
und zeigte ihm, was ſie Alles gelernt. mit meiner Mutter gearbeitet, bis ich vielleicht Muſikun
Anſtatt aber hierüber ſeine Zufriedenheit zu äußern, terricht würde ertheilen, und mir ſo ein minder mühſa
gab ihr der ſeltſame Mann einen Verweis und verbot ihr, mes Loos bereiten können. Vor Allem, mußte ich an eine
die begonnenen Lehrſtunden fortzuſetzen, dann entfernte er Wohnung denken. Ohne Möbel, ohne anderes Geld, als
ſich und erſchien mehr als vier Jahre lang nicht wieder. den kleinen Betrag, der mir aus dem Verkaufe meiner
Das Mädchen hatte anfangs dem Verbote ihres Be Ohrgehänge geblieben, war dies nicht leicht möglich. Da
ſchützers Folge leiſten wollen, doch gab ſie bald dem bemerkte ich, daß ich beim Umkleiden an dieſem Morgen
Rathe ihrer Gouvernante Gehör, welche ſie unermüdlich eine hübſche Uhr umbehalten, die ich am Tage meiner.
ermahnte, ſie ſolle ſich in den Stand ſetzen, einſt gegen Ankunft im Pavillon des Unbekannten auf dem Kamin
das Unglück, wenn es ja wieder über ſie kommen ſollte, meines Zimmers gefunden. Ich kehrte alſo zu dem Juwe
ſieghaft kämpfen zu können. Das Mädchen vollendete lier zurück, um ihm noch dieſe Uhr zu verkaufen. - -
Der Juwelier warf einen ſeltſamen Blick auf mich Dich verkannte! Liegt Sie nicht jetzt auf den Knieen vor
und bot mir ſechzig Franken. Ich nahm das Anbot ohne Deinem himmliſchen Talent? Was liegt an der Dornen
Zögern an, denn ich kannte nicht den Werth der Uhr. krone, der einſt Deine ſchöne Stirne ritzte, da dieſe jetzt
Er gab ſeiner Frau ein Zeichen und zögerte eine Weile auf immer mit dem Strahlenglanze des Ruhmes bekränzt
mit der Auszahlung des Geldes. Plötzlich ſah ich einen iſt? Was liegt an der Vergangenheit, da Du in Zukunft
Polizei- Agenten eintreten. -
nur meiner Liebe leben ſollſt?«
»Herr,« ſagte ihm der Juwelier, »dies Mädchen will Sie ſenkte leiſe ihr Haupt auf die Schulter Arnold's,
mir eine mit koſtbaren Diamanten beſetzte Uhr um 60 und wenige Tage darauf hörte man mit Erſtaunen und
Franken verkaufen, während ſie doch das Zehnfache werth halb mit Freude, halb mit Bedauern, daß die berühmte
iſt. Ich glaube, ſie hat ſie geſtohlen; wollen Sie ſie vor Sängerin die Bühne verlaſſe, um ihr ſchönes Haar mit
den Polizeikommiſſär führen.« einer Grafenkrone zu ſchmücken.
Man führte mich fort, man ſperrte mich ins Gefäng
niß, denn die Erzählung meines Abenteuers, die ich dem
Beamten mittheilte, behandelte dieſer als eine lächerliche M o ſ a i k.
Fabel.
Die Prager erinnern ſich des Sturmes, der ſich heute vor
Im Gefängniß! Arnold, wüßten Sie, was ich an die acht Tagen, nachdem den ganzen Tag über die drückendſte Schwüle
ſem elenden Orte, mitten unter verworfenen Weibern, geherrſcht, urplötzlich nach halb 6 Uhr Nachmittags erhob. Der
gelitten! Aber es war erſt die erſte Sproße der Qua ſelbe Sturm wüthete am ſelben Tage (18. Juli) eine halbe Stunde
lenleiter, die ich erſteigen ſollte; mein harrten ja früher, nämlich um 5 Uhr, auf eine furchtbare Weiſe in Berlin
Verachtung und Schande, ja, Verachtung und Schande, und deſſen Umgegend. Seinen Einzug in Berlin bezeichnete er
denn auch das Gericht wollte an meine Unſchuld nicht damit, daß er das ganz neue Zinkdach eines Reſtaurationsgebäudes,
etwa 200 Ctr. im Gewichte, abhob und über die Stadtmauer
glauben. Ich wurde zurückgeſchickt und frei, da Nie ſtürzte. Thurmhoch wirbelte er den Staub auf, entwurzelte oder
mand ſich um die, wie ſie ſagten, geſtohlene Uhr zerriß eine ungeheure Menge Bäume (im Thiergarten allein
meldete. Aber der Präſident begleitete dieſe Entlaſſung über hundert), führte die Ernte hoch in die Lüfte, zerſplitterte
mit grauſamen Vorwürfen. »Nur der Mangel an Be Dachziegel und Fenſterſcheiben in Maſſe, und ſoll mehre Kähne
weiſen,« ſagte er, »nicht die Uiberzeugung von Deiner auf der Spree umgeworfen haben, wobei zwei Perſonen ertran
ken. Der Himmel war ſtahlblau, mit ſchwefeligen Adern durch
Unſchuld iſt Urſache, daß Du der verdienten Züchtigung zogen. – Auch in Frankfurt a. M. herrſchte am ſelben Tage, um
entgehſt. Niemand kennt Dich in dem Hauſe, wo Du über dieſelbe Zeit (von halb 5 bis 6 Uhr) ein Orkan, der die ſtärkſten
vier Jahre gewohnt zu haben vorgibſt. Der achtungs Bäume entwurzelte, und Dächer und Schornſteine beſchädigte. –
werthe Herr, dem es gehört, erklärt alle Deine Angaben Als während der gegenwärtigen Parlamentswahlen in England
für erlogen. Geh nun, das Gericht wird Dich wohl ein Candidat in Newhall Stimmen für ſich warb, begegnete er
bald wieder auf dieſer Bank ſehen!« einem Manne mit einem Eſel; der Mann trug ein blaues (tory
Erwarten Sie nicht, daß ich Ihnen alle Prüfungen, ſtiſches), ſein Grauchen ein gelbes Band (die Farbe der ſtimm
werbenden Whigs). Als man ihn fragte, warum er und ſein Thier
alle Qualen meines Lebens erzähle, bis zu dem Tage, verſchiedene Farben trügen, antwortete er ruhig: »Ei, ich übe
wo ich, durch eine lange Kette von unglücklichen Ereig keinen Zwang aus, wir thun beide, wie uns beliebt; er geht mit
niſſen nach Italien geführt, auf dem Scalatheater debu ſeiner Partei, ich mit der meinigen.« – –
tiren und mir Ruhm erwerben konnte. Es genüge Ihnen, In der Menagerie des naturgeſchichtlichen Muſeums in Paris
zu wiſſen, daß das Mädchen ſtets makellos und ihrer hat eine Rieſenſchlange Eier gelegt und bebrütet. Von fünfzehn -
Mutter würdig blieb, die ohne Zweifel vom Himmel auf kamen acht zum Ausſchlüpfen, und zwar fand das Ausſchlüpfen
ſie herabſah und ſie bewachte! – – -
aus dem erſten am 57ten Tage der Brütung ſtatt. Während der
ganzen Brützeit lag die Mutter, in einer Kiſte eingeſchloſſen, auf
Beurtheilen Sie nun mein Entſetzen, als ich in dem den Eiern, ſowohl um ſie gegen jeden etwaigen Angriff zu ver
Manne, welcher heute das ſeltſame Feſt gab, das Weſen theidigen, als ihnen eine höhere Temperatur zu bewahren. So
erkannte, das in dem Drama meines Lebens eine ſo dia bald das erſte Junge ausſchlüpfte, verließ auch die Mutter die
boliſche Rolle ſpielte. Ja, ich ſah ihn, den erbarmungs Eier und fraß, was ſie ſeit zwei Monaten nicht gethan hatte.
loſen Greis, der mich aus dem Elende geriſſen, um mich Sie fraß ein Kaninchen und vier Pfund Rindfleiſch. In Zeit von
Tagen ſchlüpften in verſchiedenen Zwiſchenräumen die acht
mit deſto größerer Grauſamkeit wieder hineinzuſtürzen; vier
jungen Schlangen aus ihren Schalen, deren ſie ſich mit ziemlicher
der mit einem Worte meine Unſchuld beweiſen konnte, und Schnelligkeit entledigten. Kaum geboren, zeigten ſie ſchon eine
mich mit Schmach und Schande überhäufen ließ. Länge von 1% bis 2. Fuß, waren von der Dicke der gewöhnli
Arnold, wenn der Gedanke an jene Schmach mir vor chen Natter, ſchienen den Gebrauch aller ihrer Sinne zu beſitzen,
Verlaſſen Sie bewegten ſich mit großer Gewandtheit und ſuchten mit ihren
ſchwebt, wie quält, wie foltert er mich! zu beißen oder vielmehr zu picken. Sie waren regel
mich! ja, verlaſſen Sie mich! denn Sie können nicht der Kinnladen
mäßig gefleckt, glichen ganz ihrer Mutter und ſchienen ſich ganz
Gatte eines Weſens ſeyn, das die Richter eine Diebin gut zu entwickeln. –– - - - -- - - - -
- -
. . . eine Diebin genannt haben!« – - - - - - - - - Die engliſche Sängerin Clara Novello hat ſich ganz der Bühne
»Was liegt« – rief Arnold, »was liegt mein Engel gewidmet. Sie iſt für die Herbſtſtagione vom großen Theater zu
an dieſen längſt vergeſſenen Unbilden einer Welt, die Bologna als Primadonna engagirk. Italien hat jetzt drei Prima
donnen aus England, die wir alle drei in Prag als Concertſänge Eines der herrlichſten Kunſtwerke im königlichen Muſeum zu
rinen hörten: Miß Adelaide Kemble, Miß Clara Novello, Mrs. Paris, die berühmte »Venus von Milo« wurde (in den zwanziger
Alfred Shaw. – – Jahren) durch einen Traum entdeckt. Der franzöſiſche Conſul auf
Das Joſephſtädter Theater zu Wien ſoll im Innern reich ver der Inſel Milo bei Griechenland träumte zwei Nächte hinterein
ziert werden, und bleibt aus dieſem Grunde die zweite Hälfte des ander, er grabe an einem Orte, den er im Traume deutlich ſah,
Auguſt hindurch geſchloſſen. – – nach und finde dort mehre Statuen, unter ihnen eine außerordent
Der Pianiſt Leopold Balzar, ein ehemaliger Zögling des lich ſchöne Venus. Er achtete dieſes Traumes nicht, da wieder
Prager Blindeninſtitutes, hat zu Olmütz ein Concert unter großem holte dieſer ſich in der dritten Nacht und zur deutlicheren Bezeich
Beifalle gegeben. Die »Moravia« berichtet darüber: »Als das nung des Ortes ſah er träumend Spuren eines angezündeten
hervorſtechendſte und bei ſeinem Zuſtande wahrhaft ſtaunenswerthe Feuers. Am andern Morgen ging er nach jener Stelle, fand ſie,
Moment in ſeinem Spiele ſtellt ſich eine hohe techniſche Fertigkeit ſo wie die Feuerſpuren, begann die Nachgrabungen und ent
dar, der beſte Bürge von dem unermüdlichen Fleiße des Concert deckte nebſt andern werthvollen Statuen jene bewundernwerthe
gebers. Nicht minder lobenswerth iſt der Ausdruck, den er ſeinem Venus. (Echo). – –
Spiele zu geben ſich bemüht.« – –

Kunſt und Leb en in Böhmen.


Fortſetzung der Berichte über das Gaſtſpiel der Mad. einmal nach dem äußeren Charakter einer Gaſtwirthin entſchuldi
Pech e. gen laſſen. Eine Geſte fanden wir in der Darſtellung der Mud.
Pech e eigenthümlich. Sie warf nämlich, als ſie von dem ver
Mad. Peche hat ſeit dem 20. Juli die »Ceſarine« in dem liebten Fremden zur Tafel gezogen wird, das gelöſte Hausſchürz
nach Scribe bearbeiteten Luſtſpiele »die Gönnerſchaften« gege chen dem eiferſüchtigen Aufwarter zu, was in ſo energiſcher
ben, und wird nur noch einmal, und zwar auf allgemeines Bezeichnung auch die Schlußſcene motiviren half. Hr. Polawſky
V erlangen als »Mariane« und hierauf in einer ihrer Lieblings war und iſt in dem Charakter des Fremden untadelich, und ſchwer
rollen, nämlich als »Molly« auftreten. Ich muß daher, ehe ich zu erreichen.
über ihre letzte Gaſtdarſtellung ſpreche, das Verſäumte nachholen Am 22. löſte Mad. Pech e die ſchwierigere Aufgabe, eine
und aus ſchuldiger Achtung einer Künſtlerin, die ihrem Berufe Kokette der feineren Welt darzuſtellen. Sie gab nämlich, wie
durch rühmlich fortgeſetzte Studien Ehre gemacht hat, auf ihre ſchon geſagt, die »Ceſarine« in den »Gönnerſchaften«. Da ich
treffliche Leiſtung vom 9. Juli zurückkommen. Sie gab an jenem dieſer Vorſtellung nicht beiwohnen konnte, ſo entnehme ich die
Tage die »Eugenie« in dem Leutner'ſchen »Brandſtifter«. Ihr folgenden Zeilen der brieflichen Mittheilung eines ſachkundigen
tiefes Gefühl, ihre künſtleriſch ſchaffende Phantaſie und ihr wohl Freundes. »Eine gefallſüchtige junge Frau, welche ihren eisgrauen
berechneter Haushalt mit den angebornen und erworbenen Kunſt Mann am Gängelbande führt wie ein folgſames Kind, und eine
mitteln bewährte ſich vorzüglich in der erſten Scene mit Wilden Schaar von Anbetern wie Drahtpuppen lenkt und leitet, bis ſie
berg, wo Eugenie den an ſeinem Glücke verzweifelnden jungen ſich endlich in den fein geſponnenen Fäden ihrer Liſt verwickelt und
Mann warnt, tröſtet und ermuthigt. Die verſtändige und un ſelbſt fängt – eine Frau, die ihren Aerger trotzdem wegzulächeln
affektirte Auseinanderſetzung und Betonung der Rede, in welcher und vor den Augen der Welt zu verbergen weiß, als ob nichts
ſie Meiſterin iſt, intereſſirte das Publikum nicht weniger als die vorgefallen wäre – ein ſolches Weſen iſt eher geeignet, Schaden
Wahrheit und Energie ihres Gebärdenſpieles in der Gartenſcene, freude als Theilnahme zu erwecken. Dennoch finden wir ſelbſt im
wo ſie mit Wildenberg Zeuge eines Verbrechens ſeyn muß, wel wirklichen Leben an Dingen Geſchmack, die nicht ſeyn ſollten, wenn
ches der eigene Bruder begeht, und in dem Momente, wo Eugenie ſie nur in künſtlichen Umriſſen und Formen erſcheinen. Wir fragen
den Verbrecher vor dem Fürſten anklagen muß. Mehr als ein dann weniger nach dem »Was?« als nach dem »Wie ?« und zollen
mal habe ich meine Anſicht über Stücke ausgeſprochen, deren ſogar dem Escamoteur Beifall, wenn er ein mißlungenes Kunſt
elegiſches Element ſich um ein durch das Geſetz bezeichnetes und ſtück zu verreden und zu erſetzen weiß. Es gibt auch eine Mei
wirklich begangenes Kriminalverbrechen dreht. Solche Dramen ſterſchaft in der Verſtellungskunſt und wir dürfen es den Dichtern
ſind in der Idee unſchön und können nur durch die wohlberechnete nicht verargen, wenn ſie noch immer Stoffe, wie jene der »Gön
Form des Scenariums, der Diktion und der gelungenen Auffüh nerſchaften«, auf die Bühne bringen. Gut geſchrieben und dar
rung intereſſiren. Ich erinnere mich ſehr wohl, daß es auch Sey geſtellt, erheitern ſolche Intriguenſtücke, und ich kann verſichern,
delmann nicht verſchmäht hat, in den »Galeerenſklaven« einen daß mich ſchon lange kein fünfaktiges Luſtſpiel ſo gut unterhalten
Böſewicht der niedrigſten Sorte darzuſtellen und könnte noch andere hat, als am 22. »die Gönnerſchaften«. Mad. Peche hat in der
Beiſpiele anführen, um zu zeigen, daß berufene Künſtler gerade Scene, wo Ceſarine ihren Gemal von einem wichtigen Gange
ſolche Dramen, die ſie von äſthetiſcher Seite mißbilligen müſſen, zum zurückhält, die Worte zu ſagen: »Nicht wahr? Ich bin eine Mei
Gegenſtande ihrer Studien und Triumphe wählen, weil ſie Gele ſterin!« Dieſe Stelle war das Signal eines unermeßlichen und
genheit finden, ihre Kunſt in ſelbſtſtändigen Schöpfungen geltend lang anhaltenden Beifalls, welchen die Darſtellerin der »Mariane«-
zu machen. Je beſſer die »Eugenie« gegeben wird, (und beſſer der »Gabriele«, der »Eugenie«, der »Klara« (in der »Zurück
als von Mad. Peche kann ſie kaum dargeſtellt werden) deſto dunkler ſetzung«) und des »Klärchens« (in »Egmont«) nach gleich vollem
wird der Schatten, welcher auf die ganze heilloſe Geſchichte fällt. Mad. Rechte verdiente; denn ſie war gerade in jenen Scenen meiſter
Peche wurde ſtürmiſch gerufen, und brachte meiſtens Hrn. Dietz haft, wo Ceſarine unter den Formen der Gutmüthigkeit und der
(Wildenberg) mit, welcher ſie durch ſein ausgezeichnetes Spiel wohlbeherrſchten Freude über leicht errungene Siege vom Charak
vor allen Anderen unterſtützte. Auch Herr Fiſcher (der Bruder) ter rettet, was zu retten iſt. Man kann ſich nichts Feineres und
bewies in der Scene, wo er bereut und den feſten Vorſatz der Geſchmeidigeres denken, als dic Manieren, in welchen Madamc
Beſſerung ausſpricht, ein tiefes Gemüth und ein redliches Stre Pech e zwanglos und überall den Moment bezeichnend, ihr kunſt
ben, das innig Empfundene naturgetreu darzuſtellen. Hr. Bayer reiches Spiel entwickelte und in den Gränzen der Schicklichkeit ein
(der Fürſt) war vortrefflich. ſchwieriges Charakterbild ausführte und abſchloß. Unterſtützt wurde
An demſelben Tage, als Mad. Pech e zum erſten Male die ſie ausgezeichnet von Herrn Bayer (Miremont), von Herrn
»Mariane« in Göthe's »Geſchwiſtern« ſpielte, gab ſie mit der Dietz (Oskar) und von Herrn Fiſcher (Varennes) und, da auch
ſchelmiſchen Leichtfertigkeit einer Gefallſüchtigen, die den Verluſt die Rollen der »Zoe« und der »Agathe« in den beſten Händen
eines neuen Verehrers leicht verſchmerzt, weil ſie den Gewinn waren (denn ſie wurden von Dem. Herbſt und Dem. Fr cy
desſelben nicht hoch angeſchlagen hat, zugleich die »Mirandolina«. gegeben): ſo intereſſirte ſich das Publikum auch für das ſchöne
In den zärtlichen Mienen und Geſten, welche ſie einem alten Enſemble, welches dem wohlgerundeten Zuſammenſpiele in Töpfer's
Hageſtolz wie ein Fangnetz, über den Kopf wirft, hielt ſie ſich, »Zurückſetzung« gar nicht nachſtand«.
wie immer, innerhalb der Gränzen der Schicklichkeit. Wir haben Prof. Ant. Müller.
in dieſer Rolle Fräul. v. Hagen in Attituden geſehen, die ſich nicht
-

- -mm-mm-in-nºminºannºT-s
Nedaktion und Verlag vo Gottlieb Haaſe Söhne.
Papier aus der k. k. landesbefugt en Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

unterhaltungsblatt.
Den 27. Juli M“ PCD 1S4411.

Ein Opfer der Geſelligkeit. gen. »Was gäbe ich darum, in Geſellſchaft zu kommen!
Erzählung nach dem Engliſchen des Douglas Jerrold. Was iſt das Leben –« und bei dieſen Klagen fielen
»Gab es jemals einen ſo elenden Verlaſſenen!« rief ſchwere Thränentropfen auf den philoſophiſchen Folioband
Ephraim Rue, ließ den Blick melancholiſch über das ärm – »was iſt das Leben ohne Bekanntſchaften? Was iſt
liche Kämmerlein gleiten, ſchürte die letzten verlöſchenden die Welt ohne Geſellſchaft? Und ich – ich bin allein auf
Kohlen auf dem Herde zuſammen, putzte das einzige der Welt – ich komme zu Niemanden, Niemand kommt
Licht und beugte mit einem tiefen Seufzer ſein Geſicht zu mir.«
nachdenklich über einen Folioband, der aufgeſchlagen auf Im ſelben Augenblicke ließ ſich ein raſches lautes
dem Tiſche lag. Seine Augen irrten über die Zeilen, Klopfen an Ephraim's Thür vernehmen.
aber ſein Herz war in Haunch Lodge. Dort waren auf
»Wer kann das ſeyn?« dachte Ephraim und wunderte
die Ladung des gaſtfreien, luſtigen Eigenthümers, Squire ſich über einen ſo unerhörten Vorfall.
Forlove, zum wenigſten hundert Perſonen aus Platter Ein zweites Klopfen.
thorpe verſammelt; ſie aßen, tranken, tanzten und ſpiel »Wer kann es nur ſeyn?«
ten – und Ephraim war nicht von der Partie. Bis Es klopfte zum dritten Male und diesmal rief Ephraim
zum letzten Augenblicke hatte er die lebhafteſte Hoffnung ein lautes:
gehegt, eingeladen zu werden. Es war kaum möglich, »Herein!«
und doch war er – ein geborner Platterthorper, ein
Junggeſelle mit jährlichen neunzig Pfund, – vergeſſen Die Thür that ſich auf und Ephraim ſprang auf die
worden, und ſo wurde er zu ſeinem größten Aerger Füße. Wohl hatte er Urſache, denn ein Herr im reichſten
immer vergeſſen. Anzuge und mit den Manieren der feinſten Geſellſchaft
trat in das Zimmer.
Ephraim war, ſeiner eigenen feſten Uiberzeugung
nach, für die Geſelligkeit geboren; dennoch hatte er nie »Ich fürchte, Sie zu ſtören,« ſprach der Fremde mit
in ihr geglänzt. Und welche Maſſe unſchätzbarer Eigen dem verbindlichſten Lächeln.
ſchaften war in ihm verborgen! Er konnte Punſch machen, »O durchaus nicht!« ſtammelte Ephraim, faſt erdrückt
beſſer wie der Vicar und man hatte ihn noch nicht eine von der Höflichkeit ſeines Beſuches. »Ich bitte Platz zu
Eitrone ausdrücken laſſen; er konnte einen Kapaun mit nehmen« und dabei ſchob er ihm einen Seſſel zurecht, den
der Handfertigkeit eines Chirurgen zerlegen, und mußte er aber, geblendet von den ſchneeweißen Atlaßhoſen des
ſich auf ſeine einzelnen Coteletten beſchränken; ſeine Fremden (wie ſie damals nach der neueſten Mode waren)
Stimme übertönte einen ganzen Kirchenchor und doch früher mit ſeinem Taſchentuche abſtaubte.
durfte er Niemanden vorſingen, als den Spinnen und Lächelnd ſetzte ſich der Unbekannte. Ephraim verſchlang
Mäuſen in ſeiner Wohnung, die zahlreich genug waren, mit den Augen ſeine prachtvollen Kleider. Sein Rock
aber mehr Sinn für Fliegen und Käſe hatten, als für war vom feinſten dunkelbraunen Sammet, reich mit Gold
eine hohe Fiſtelſtimme. Im Whiſt wäre Ephraim das beſetzt, und von zwei Reihen Demantknöpfen ſtrahlend.
Entzücken aller alten Wittwen geweſen, und hatte er Die Weſte blitzte vor Ephraim's Blicken wie das geſtirnte
jemals Gelegenheit, etwas anderes zu ſpielen, als – Firmament. An den Kuien und auf den Schuhen fun
Patience ? kelten koſtbare Schnallen und ſeine Seidenſtrümpfe waren
Ephraim erhob das feuchte Auge zu der Uhr; ſie ſo makellos und ſo elaſtiſch, wie – die britiſche Ver
zeigte auf Zehn. faſſung.
»Ich bin ein einſamer Teufel,« rief er und die Uhr »Es iſt eine große Ehre,« ſtammelte Ephraim, und
fing an zu ſchlagen, als wollte ſie ſeine Worte beſtäti ſein Auge haftete wie verzaubert auf dem blitzenden So
litär an dem Finger des Fremden. »Wahrlich, ich – zu rechter Zeit; unten vor der Thüre wartet mein
ich –« Wagen.«
Er konnte nicht weiter, denn ſein Blick fiel eben auf »Ball!« rief Ephraim laut, und wie ein hinſterbender
den großen Edelſtein, welcher den Schwertknopf des Wiederhall flüſterte er leiſe: »Wagen!«
Herrn bildete. Solcher Prunk in ſeinem ärmlichen Zim »Herr Rue,« ſagte der Fremde, »Sie ſind für die
mer! Solche Juwelen auf ſeinem Stuhlüberzuge von Geſelligkeit geboren.«
Raſch! Vor einer ſolchen Pracht wagte Ephraim nicht, Er hatte genug geſagt; die rechte Feder war berührt.
das Haupt gerade zu erheben; er warf ſich ſogar im Ephraim ſprang von ſeinem Seſſel auf, zwei Thränen
Geiſte auf alle vier nieder. glänzten in ſeinen Augenwinkeln, er faßte die Hände des
»Sie entſchuldigen, daß ich mich eindränge?« fragte Fremden, zog ſie an ſein Herz und rief im Tone der
der Fremde und reichte verbindlich Ephraim ſeine Doſe feſteſten Uiberzeugung: »Beim Himmel, ich bin's!«
hin, der mit zitternden Fingern eine Priſe nahm und »Für die beſte Geſellſchaft!« bekräftigte der Fremde.
kaum die armen Worte hervorbrachte: »O ich bitte !« Ephraim lächelte ſüß.
»Ich fürchte nur, mein Herr,« begann er ſchüchtern »Sie würden Alles thun, kein Opfer ſcheuen, um
nach einer langen Pauſe, »daß ich die Ehre Ihrer Bekannt dieſer Beſtimmung nachzukommen?«
ſchaft nicht habe. Ich kann wahrhaftig ſagen, mich kennt »Ich bin hier begraben!« antwortete Ephraim und
Niemand.« blickte traurig im ärmlichen Zimmer umher.
»Und doch, Herr Ephraim Rue,« ſagte der Fremde, »Und eingeſargt,« fügte ſein Beſucher hinzu. »Aber
»haben Sie die allerbeſte Geſellſchaft.« Sie ſind ein Mann von Muth und ſo können die Dinge
»Jetzt eben, Sir,« ſagte Ephraim und verbeugte ſich nicht länger dauern. Heute Nacht noch ſollen Sie mit
bei dieſer feinen Wendung. der ſchönen Hausfrau in Haunch Lodge tanzen.«
»Ehe ich kam, Herr Rue. Blicken Sie her;« und bei »Unmöglich!« rief Ephraim aus.
dieſen Worten deutete der Fremde auf den philoſophi »Ich bin um Sie geſendet.«
ſchen Band in Schweinsleder. »Ich kenne ihn ſehr wohl, »Es kann nicht ſeyn!« rief Rue wieder. »Darf ich
es iſt Epietet; ja, es iſt viel Fleiſch an dieſem Epictet, um Ihren Namen bitten?«
viel Fleiſch.« »Ich werde Ihnen eheſtens meine Karte geben. Ich
»Fleiſch!« rief Ephraim erſtaunt. habe die Abſicht, Sie in der Welt glänzen zu laſſen.«
»Freilich. Und wer iſt das?« fragte der Fremde und »Niemals kann ich Sie belohnen!« rief Ephraim.
ſchlug noch einen Plätzer auf. »Ha, Seneca; trocken wie »Sehr leicht,« ſprach der Fremde ohne beſonderen
ein Span. Manchen Leuten gefällt ſein Zeug, ich glaube Nachdruck. »Ich will folgenden Handel mit Ihnen ab
aber, es iſt ſehr wenig Fleiſch daran.« ſchließen: ſo oft Sie allein ſind, werde ich zu Ihnen
»Schon wieder Fleiſch?« rief Ephraim und nahm ſich kommen.«
die Freiheit, etwas unwillig zu werden. »Beurtheilen »Ich werde zu glücklich ſeyn.«
Sie denn einen Schriftſteller wie ein Schaf?« »So oft Sie mich los werden wollen, brauchen Sie
»Genau ſo und glauben Sie mir, ich mache der nur Geſellſchaft zu ſuchen, ſo bald aber Niemand bei
Schriftſtellerei damit noch ein ſchönes Compliment. Mein Ihnen iſt – lautet unſere Uibereinkunft – müſſen Sie
Verleger thut es auch.« mich ertragen. Verſtehen Sie mich wohl; ich gebe keinen
»Wirklich?« ſagte Ephraim und warf einen etwas miß dritten Mann ab, ich muß immer téte-à-tête ſeyn.
trauiſchen Blick auf den Sammet und die Edelſteine des »Die Ehre iſt zu groß!« ſtammelte Ephraim.
Fremden. »Iſt es möglich? Sind Sie auch ein Autor?« »Ihre Hand darauf. Und nun – der Wagen
Der Fremde ſtand auf, alles Blut ſtieg ihm in die WMrtet.«

Wangen und ſeine Hand griff nach dem Schwerte. Der Beſucher ſchüttelte Ephraim herzlich die Hand,
»Wollen Sie mich vielleicht beleidigen?« rief er. und ſchritt voraus bis vor die Hausthür, wo zu Rue's
»Gott bewahre!« deprecirte Ephraim, worauf der großem Erſtaunen vier Bediente mit brennenden Fackeln
Fremde plötzlich wieder erblaßte, wie von einer Kugel ſtanden, den beiden in die Kutſche zu leuchten. Ehe
durchſchoſſen in den Seſſel zurückſank und mit mattem Ephraim einſtieg, warf er noch einen Blick auf die pracht
Lächeln, gleich einer Dame, die aus einer Ohnmacht er volle Kutſche, auf die großen und glänzenden Pferde.
wacht, flüſterte: »Sprechen wir von etwas Anderem.« Zwei Diener hoben ihn hinein, der Fremde ſetzte ſich
Ephraim, ganz Gefälligkeit, ſchlug die Bücher auf neben ihn, – dahin rollte die Kutſche und Ephraim's
dem Tiſche zu und ſchleuderte den armen Epictet mit Herz ſchwoll vor Stolz. Wie? Traten die Roſſe auf
gewaltigem Schwunge in einen Winkel. Mit gleicher Luft? Ihre Hufe waren geräuſchlos und geräuſchlos roll
Geſchwindigkeit folgte Seneca. ten die Räder um ihre Achſen. Die Kutſche ſchien, wie
»Und nun, mein Herr,« ſagte der Fremde und zog ein leichter Vogel, in den Lüften zu ſchweben. Und dann
ſeine Uhr heraus, »es iſt ein Viertel über Zehn; um dieſe Kiſſen! Ephraim ſaß weich, wie auf Lammwölkchen.
halb Eilf fängt der Ball an. Wir kommen gerade noch Erſt in dieſem Augenblicke fühlte er die ganze Würde
**
ſeines Weſens. Die Menſchheit an ſich, dachte er iſt Comité unter Bedingungen zu Gebote, welche wenig mehr, als
nichts; aber in einer Kutſche – und in einer ſolchen – das bloße Metall bezahlen. – –
Die Agramer Zeitung erzählt folgenden ſeltſamen Fall, der
doch Ephraim war zur Geſelligkeit geboren. ſich bei Belgrad ereignet haben ſoll: »Ein Türke, welcher ſich in
Die Kutſche fuhr bei Haunch Lodge vor. Der Tritt der Donau badete, wurde ſeit zwei Tagen vermißt; erſt am drit
wurde herabgelaſſen, Ephraim hinausgeſchoben, dann der ten Tage fand man ihn, aber ſchon entſeelt, in einer ſchrecklichen
Lage, nämlich an einer mit Gebüſch bewachſenen Uferſtelle. Noch
Schlag geſchloſſen. im Tode umklammerte er mit dem Arme krampfhaft einen Baum
»Kommen Sie nicht mit hinein?« fragte Rue ſeinen ſtamm, während der halbe Körper in einem ungeheuren Fiſch ſtak,
neuen Freund. der ihn wahrſcheinlich verſchlingen wollte, aber nicht Kraft hatte,
»Später vielleicht; aber Sie werden ein herzliches den Türken zu zerreißen oder zu verſchlingen. Der Fiſch war
Willkommen finden. Wir ſehen uns wieder, verlaſſen einer der größten Welſe (Silurus Glanis), die wohl über 3 Cent
ner ſchwer werden können, und ihres unförmlichen breiten Kopfes
Sie ſich drauf!« Hierauf wandte er ſich zu dem Kutſcher und der langen Bartfaſern wegen ein ſonderbares Anſehen haben.
und rief mit einer ganz neuen Stimme, die wie Donner Der ſchreckliche Todeskampf muß dieſem Unglücklichen eine ſo über
in Ephraim's Ohren klang: »Nach Hauſe!« mäßige Kraft gegeben haben, daß auch der Fiſch ohne Lebenszei
»Aber Ihre Karte, Herr,« ſchrie Ephraim. »Mein chen bei ihm gefunden wurde.« !? – –
theurer Herr, Ihre Karte !« In Koblenz wüthete der Sturm vom 18. Juli um 3 Uhr Nach
»Hier iſt ſie,« ſprach der Unbekannte, warf Ephraim mittags ſo gewaltig, daß er die Schiffbrücke zerriß, und die
einzelnen Theile auf dem Waſſer forttrieb. Auf Feldern, Gärten
eine Karte zu, rief nochmals: »Nach Hauſe!« und der und in den Weinbergen verurſachte er ungeheuren Schaden. Der
Wagen rollte hinweg. Ephraim bückte ſich nach der Sturm durchſtrich, von Süden kommend, das ganze Rheinthal,
Karte, hielt ſie zum Lichte empor und las: und auch aus Karlsruhe, Frankfurt, Mannheim, Ems und andern
»Beelze bu b!« Städten wird über unberechenbaren Schaden, den er angerichtet,
(Die Fortſetzung folgt.) geklagt. – –
Ein in Mannheim neuerbautes Schiff hat den Namen »Karl
von Rotte k« erhalten. – –
Das Karlsruher Biergericht hielt am 16. Juli eine Sitzung.
M o ſ a i k. Der Richter waren 24, der zu beurtheilenden Bierſorten 32. –
Am 12. Juli unternahm Green ſeine 278ſte Luftfahrt, in Be Die Sporting Review berichtet über die Verkäufe von Wett
gleitung ſeiner Schwiegertochter und vier Herren. Wenige Minu rennen - und Racepferden, welche vom April bis Juli in London
ten nach dem Aufſteigen bemerkte Green, daß das Ventil nicht ſtattfanden. Die höchſten Preiſe waren 1629, 1627, 1500 und
wirken wollte. Es war daher ſchnelles Niederlaſſen nöthig, da 1050 Pfund Sterling. Drei einjährige Füllen wurden mit 1060, 745
aber der Ballon gerade über einer Kirche ſchwebte, ſo mußte er, und 687 Pfund bezahlt. – –
um nicht auf dieſe zu gerathen, Ballaſt auswerfen, wodurch der Die ſchnellſte Uiberfahrt aus der Havaña nach Havre, die je
Ballon auf 6 bis 7 tauſend Fuß Höhe ſtieg. Green öffnete, da ſtatt gehabt, hat das Schiff »Havre & Guadeloupe« gemacht. Ein
er kein Gas herauslaſſen konnte, den Hals des Ballons, damit und zwanzig Tage genügten ihm, um eine Fahrt von 1400 Meilen
möglichſt viel athmoſphäriſche Luft einſtrömte, wodurch der Ball zurückzulegen. Es hatte 35 Paſſagiere und 10 Millionen Cigarren
raſch, aber ſtufenweiſe ſank, und Herr Green denſelben nach an Bord. – –
iſtündigem Verweilen in der Luft auf einem Kleefelde in der Graf In Köln wurde kürzlich eine muſikaliſche Abendunterhaltung
ſchaft Kent unverſehrt zur Erde brachte. Green geſtand, noch bei zu einem wohlthätigen Zwecke gegeben. Der Anfang war
keiner Fahrt einen ſo gefährlichen Zufall erlitten zu haben. – – auf 7 Uhr angeſetzt, und um 8 Uhr befanden ſich bereits – drei
In der engliſchen Stadt Derby hat ſich vor wenigen Tagen Perſonen im Saale, denen das über 30 Mann ſtarke Orcheſter
ein ſeltſames Phänomen ereignet. Es regnete in Strömen und die Concertſtücke vorſpielte. – –
mit dem Regen vermiſcht fiel halb geſchmolzenes Eis und Hunderte In den Buchenwaldungen bei dem ungriſchen Flecken Detva (im
von kleinen Fiſchen und Fröſchen aus der Wolke. Die Fiſche ſohler Comitat) gerieth vor Kurzem ein rieſiger wüthender Wolf
waren einen halben bis zwei Zoll lang, einige bedeutend größer unter eine Schweinherde. Ungefähr fünfzig Säue verwundete er,
und einer wog ſogar ſechs Loth. Viele von ihnen wurden lebend kam aber nicht lebend aus der Mitte der erboſten Grunzer, die
aufgehoben. Die Fröſche waren größtentheils durch den Fall auf wüthend über ihren gemeinſchaftlichen Gegner fielen und ihn ganz
das Straßenpflaſter getödtet, einige aber hüpften davon aus Lei zerriſſen. Man ſonderte ſogleich die gebiſſenen Thiere von den un-,
beskräften. – - verletzten ab, ja tödtete und verſcharrte auch die am ſchwerſten
Für das Beethovenmonument zu Bonn geſchieht ein großmü verletzten auf der Stelle, und ſo brach die Waſſerſcheu bei keinem
thiges Anerbieten nach dem andern. Noch iſt Jedem Liszt's freige einzigen Stücke der Herde aus, welchen Umſtand jedoch Einige
biges Geſchenk erinnerlich. Kürzlich fragte das Comité bei dem dem geheimen Gegenmittel gegen die Wuth zuſchreiben, das ein
Pariſer Bildhauer David um einen Koſtenüberſchlag der Anferti Podluſchaner Bauer beſitzen ſoll, und den gebiſſenen Schweinen
gung der Bildſäule an. David ſtellte ſich und ſeine Kräfte dem eingab. – –

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 24. Juli. riane« dennoch, wie eine neue Erſcheinung. Jeden Glanzpunkt
Am 24. Juli beſchloß Mad. Peche in den beiden Rollen der oder vielmehr jede Scene bezeichnete enthuſiaſtiſcher Beifall und
»Mariane« und der »Molly« ein Gaſtſpiel, welches den Freunden es wurde die Künſtlerin nach dem Schluße viermal gerufen. Hier-,
und Kennern der Schauſpielkunſt noch lange im friſchen Andenken auf wurde gegeben »Molly«, Schauſpiel in zwei Akten, nach dem
bleiben wird. Das Haus war von der Orcheſter-Barriere bis Franzöſiſchen vom Freiherrn von Braun. Zwar ſchickt der Zettel
zum Eingange gedrängt voll, und wiewohl ein großer Theil des dem Titel des Stückes die Worte »Zum erſten Male« voran;
Publikums die »Geſchwiſter« ſchon zweimal geſehen hatte und allein ich weiß mich genau zu erinnern, dasſelbe Schauſpiel unter
Madame Peche den Formen ihrer Darſtellung darum treu blieb, dem Namen »die Sklavin geſehen zu haben, und, irre ich nicht,
weil ſie nicht angemeſſener ſeyn können: ſo wirkte ihre »Ma ſogar in derſelben Bearbeitung. Inſofern als die Produktion des
ſelben lange ausgeſetzt wurde, kann es allerdings für eine halbe Unmuth über die Herabwürdigung eines Menſchen zum Sklaven
Novität gelten und ich will deßhalb meine Bemerkungen mit einer äußern darf, ſondern auch in jeder Scene, wo ſie als Weib und
kurzen Inhaltsangabe beginnen, wäre es auch nur um der Be Braut ſchmerzlich berührt wird, und ihr Leiden in den Accenten
urtheilung der Produktion die erforderliche Grundlage zu geben der Angſt und des Grames ausſpricht. Molly iſt eine ſehr an
Molly iſt eine der Sklaverei entlaufene Creolin, welche durch greifende Partie, und nur daraus erkläre ich mir die ſichtliche Er
eine Verkettung glücklicher Zufälle in das Haus der Frau von ſchöpfung, welche in der Schlußſcene und zwar gerade in dem
Rance aufgenommen und in der Meinung, ſie ſey eine Freie, entſcheidenden Momente mehr Energie zu wünſchen übrig ließ.
wie das eigene Kind behandelt und erzogen wird. Hier lernt ſie Mad. Peche wurde auch nach ihrer »Molly« ſtürmiſch und mehr
den Neffen ihrer Wohlthäterin, Albert von Merval, Mitglied des mal gerufen. Sie nahm einen ſo herzlichen Abſchied von ihren
Colonialrathes, kennen, einen Mann, der ſich bei aller Bildung Landsleuten, daß er in allen Räumen Anklang fand. Mad. Peche
und Herzensgüte dem eingeriſſenen Unfuge der Sklavendeſertion hat den Ruf, welcher ihr voranging, vollkommen gerechtfertige
mit Strenge entgegenſetzt. Dies bewog Molly, welche den Herrn und in mehr als einer Rolle übertroffen und ſomit erfreuen wir
von Merval liebt und von ihm geliebt wird, zu einem gänzlichen uns herzlich der Hoffnung des Wiederſehens, zu welcher ſie in
Stillſchweigen über ihre Herkunft, bis ſie endlich durch den Drang ihren ſchönen Abſchiedsworten berechtiget hat. -

der umſtände gezwungen wird, das Siegel ihres Geheimniſſes Prof. Ant. Müller.
zu brechen. Ein junger Offizier, Namens Brevil, hat Molly in
früheren Jahren kennen gelernt, und in ihrem freundſchaftlichen
Benehmen Beweiſe von Neigung zu finden „geglaubt. Dieſer Correſpondenz aus Böhmen.
Brevil wird nun Erbe einer Million, und will, ehe er die Ver
waltung ſeiner Güter antritt, förmlich um Molly's Hand anhal Teplitz, 25. Juli.
ten, und dies in einem Augenblicke, wo ſich Molly mit Herrn von Bekanntlich wurde dieſes Frühjahr der Stadt Teplitz von
Merval vermälen und ihrem Gatten auf das franzöſiſche Feſtland Seite Ihrer königl. Hoheiten des Prinzen von Preußen und der
folgen ſoll. Der in ſeinen ſchönſten Hoffnungen enttäuſchte Bre Prinzen Karl und Albrecht von Preußen das namhafte Geſchenk
vil erfährt, als die Vermälung vollzogen worden, daß Molly von 5000 Thalern Pr. Cour. zu Theil, das von derſelben, dem
eine ſeiner Erblaſſerin entflohene Sklavin ſey, und droht der Willen der hohen Geber entſprechend, zu einem Hoſpitale für
ohnehin Geängſteten, mit der Reclamation derſelben öffentlich her einheimiſche Kranke verwendet werden wird. Die betreffenden
vorzutreten, wenn ſie ihm nicht auf ſeine Beſitzungen folgen wolle. zwei Zuſchriften an den Teplitzer Magiſtrat ſind nun im Druck
Molly ſieht nun keine andere Aushilfe vor ſich, als einen frei veröffentlicht worden, und wir theilen ſie ihres gemüthlichen In
willigen Tod; aber eben als ſie ſich von einer Altane in das haltes wegen auch den Leſern der Bohemia mit.
Meer ſtürzen will, geht Brevil in ſich und zerreißt die Papiere I. Eine Reihe von Jahren hindurch war unſer in Gott ruhen
die ſein Herrenrecht über Molly erweiſen. »Molly« iſt, ſonach der Herr Vater, des Königs Majeſtät, gewohnt, die Ihrer Ob
eines jener Rührſtücke, deren Handlung ſich um ein verſchwiege hut und Fürſorge anvertraute Stadt zu beſuchen, um nach den
nes Geheimniß und um einen hiedurch herbeigeführten, ſchmerz Mühen und Sorgen eines ſchweren Berufes Geneſung und Er
chen Seelenkampf dreht. Ich erinnere mich ſehr wohl an die Auf holung zu finden. Jeder Einwohner kannte Ihn, und gab Ihm
nahme der erſten Produktion, und wiewohl Mad. Pech e am 24. Beweiſe der Liebe, Verehrung und Theilnahme. Seine warme
den ausgezeichnetſten Beifall erntete, ſo war doch der Enthuſias Anhänglichkeit für Ihre Stadt galt daher nicht allein dem Quell,
mus über ihre »Mariane« weit größer und herzlicher, und es dem jährlich Tauſende zueilen, ſie galt der Liebe, mit der ſie Ihm
ſcheint auch aus anderen Anzeichen hervorzugehen, daß unſer Pub jährlich entgegen kam.
kum gegen Alles, was einer weinerlichen Komödie ähnlich ſieht, Um dieſe Geſinnungen zu ehren, und um Sein Andenken dort
kalt geworden ſey. - - in Segen fortleben zu laſſen, haben Wir ein Kapital von 5000
Daß »Molly« ſchon lange nicht aufgeführt und mit größter Thalern beſtimmt, welche in der Art zu wohlthätigen Zwecken an
Eile in die Scene geſetzt worden ſey, erkannte man aus dem gelegt werden ſollen, daß die Zinſen davon zur Unterſtützung dor
zerriſſenen Enſemble. Nur einzelne Momente, in welchen beſon tiger Hilfsbedürftiger dienen.
ders Mad. Peche glänzte, griffen in die Sympathie des Publi Das lebhafteſte Intereſſe wird Uns zeitlebens an eine Stif
kums ein; aber das Ganze ſelbſt wollte ſich nicht gehörig runden tung knüpfen, die den erhabenen Namen des höchſtſeligen Königs
und abſchließen. Dem Vernehmen nach hat Herr N. e r king tragen, und auf der Sein Segen ruhen wird.
die Rolle des Brevil in Eile übernommen. Iſt dies wahr, Wir erſuchen Sie hierüber, das Weitere zu veranlaſſen, Uns
ſo leiſtete er am 24. Alles, was man billiger Weiſe von Ihre Beſchlußnahme zugehen zu laſſen, und demnächſt der Uiber
ihm fordern kann; denn es ging auch aus jenen Scenen, die ſich weiſung der oben gedachten Summe gewärtiget zu ſeyn.
nicht von ſelbſt ſpielen, das löbliche Streben hervor, ſeiner Auf Berlin, den 10. März 1841.
gabe zu genügen. Auch fielen uns in ſeiner Leiſtung vom 24. nicht Prinz von Preußen. „Karl, Prinz von Preußen.
viele fehlerhafte Eigenheiten der Deklamation auf; dagegen müſſen Albrecht, Prinz von Preußen.
wir Herrn N erking aufmerkſam machen, daß jedes Hinneigen II. Ihre Abſicht, das Kapital, welches Wir der Stadt Teplitz
zu ſtehenden Formen in der Deklamation und Mimik der eigentli zum Andenken Unſeres jetzt in Gott ruhenden Herrn Vaters zu
chen Aufgabe des Schauſpielers (der ein zweiter Proteus ſeyn wohlthätigen Zwecken beſtimmt haben, zur Errichtung eines Ar
ſoll) zuwider laufe. Wenn der Schauſpieler nur zwei Geſichter menkrankenhauſes zu verwenden, hat Unſern vollen Beifall.
hat, ein trauriges und ein fröhliches und nach derſelben Unter Indem Wir Ihnen dies auf Ihr Schreiben vom 30. v. M.
ſcheidung nur zwei Sprechweiſen, und wenn er es nicht verſteht, hiedurch zu erkennen geben, ſehen Wir zu ſeiner Zeit einer nähe
das eine wie das Andere in einer und derſelben Rolle dem jewei ren Mittheilung über die Ausführung Ihres Vorhabens entgegen.
ligen Momente anzuſchmiegen, ſo fällt je länger, deſto mehr die Wir ſind überzeugt, daß eine Anſtalt, welche dort den Namen
Armuth ſeiner Darſtellungsmittel auf. Hr. Dietrich, ſpielte º des hochſeligen Königs Majeſtät tragen ſoll, ſich fortdauernd einer
glückſeliger Weiſe die komiſche Mittelperſon des Stückes. Es lebhaften Theilnahme der Stadt zu erfreuen haben wird, und
wurde zwar gelacht, aber ich habe ſchon mehrmal auf den Unter werden allzeit die Uns über ihr Gedeihen zugehenden Nachrichten
ſchied zwiſchen Lachen und Auslachen aufmerkſam gemacht. Herr mit beſonderem Intereſſe erhalten.
Dietrich ſprach ſo ſchnell und unverſtändlich und blieb dabei ſo Berlin, den 13. April 1841. -

oft ſtecken, daß er die geduldige Haltung des Publikums nur der Prinz von Preußen. Karl, Prinz von Preußen.
Rückſicht auf die Darſtellerin der Titelrolle zuſchreiben kann. Dabei Albrecht, Prinz von Preußen.
bewegte er ſich ſo unruhig und in ſo unbeſtimmten Formen, daß
aus dem dramatiſchen Charakter Niemand klug werden konnte. In der Temperatur und Trockenheit unſerer Atmoſphäre finden
Herr Fiſcher ſpielte den Merval mit gutmüthiger Würde und fortwährend ſtarke Umſprünge ſtatt. Die Badeliſte zeigt bis zum
Beſonnenheit; nur überraſchten ihn in der Entdeckungsſcene wieder 23. Juli 1808 Parteien und 2859 Perſonen. Seit ehegeſtern be
etliche übermäßig gedehnte und unmelodiſch gebeugte Töne, und findet ſich hier Se. königl. Hoheit der Prinz von Preußen, um
als er im Uibermaaße des Schmerzes auf den Tiſch hinſank oder aus Veranlaſſung des kürzlich erlittenen Unfalles die Kur zu
vielmehr hinſchlug, lachte ein Theil des Publikums. Kurz das gebrauchen. *) t
Stück war zu wenig eingeübt, als daß ſich die Produktion durch
inniges Zuſammengreifen und durch gute Rundung, hätte empfeh ») Der Prinz wurde nämlich vor ciniger Zeit in Schwerin durch eine Fen
len können. Mad. Peche zeichnete ſich nicht nur in jenen Momen ) ſterlade, die ein Windſtoß ihm Ä die Schulter ſchlug, empfindlich ver
letzt. Anm. d. R.
ten aus, wo Molly das heiße Blut einer Creolin und den tiefen
--

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

unterhaltungsblatt.
Den 30. Juli M* P 1«, 1S41.

Ein Opfer der Geſelligkeit. Ephraim ſaß endlich in ſeiner beſcheidenen Wohnung
(Fortſetzung.) -
und während ſein Kopf ſich vor Freude drehte, ſuchte er
In der That tanzte Ephraim Rue einen Menuett mit ſein friedliches Bette. Er blickte ſich in ſeinem Gedächt
der Wirthin, der ſtattlichen Madame Forlove. Die Karte niſſe nach dem armen Ephraim von geſtern um: der aber
hatte ihn freilich eine Weile ſehr beſtürzt gemacht; er war verwandelt, idealiſirt in einen Menſchen, – nein,
hatte aber keine Zeit zum Nachdenken, denn im ſelben in einen Halbgott der Geſellſchaft. Jetzt konnte er ſein
Augenblicke führte man ihn in den Ballſaal. Ephraim Glück machen, jetzt nach Belieben unter Herzen und
folgte gehorſam und das Ende war, daß er mit der Händen wählen. Soll es das Mädchen mit dem Flachs
Dame vom Hauſe tanzte. In einer kurzen Stunde war haare und den blauen Augen ſeyn, oder die wohlbeleibte
Ephraim feſter als jemals überzeugt, daß er für die Ge Brunette, mit der er zuletzt tanzte? Auch die Schlanke
ſellſchaft geboren ſey. Die Damen blickten ihn ſchmach mit den kaſtanienbraunen Locken hatte ihre Verdienſte, und
tend, die Männer mit Bewunderung an. Er fühlte, daß die lebhafte, plaudernde Wittwe war jung und reich.
Aller Augen ſeinem Tanze folgten; bei Tiſche wurde Ferner gab es –
jedes Wort, welches er ſprach, als der geiſtreichſte Witz Und ſo ſank Ephraim allmälich in Schlummer, während
belacht. ein ganzer Schwarm von Mädchenköpfen ſich in ſeinem
»Daß ein ſolcher Schatz in Platterthorpe ſo lange in Kopfe umherdrehte. Er entſchlummerte, er träumte, aber
Verborgenheit liegen konnte!« mitten aus den angenehmſten Träumen erwachte er wie
So rief die Wirthin aus und fünfzig ſchöne Gäſte mit einem Ruck.
lächelten und wiederholten die Worte. Ephraim Rue war »Wie gefiel Ihnen der Ball?« fragte der Fremde im
trunken, nicht im gewöhnlichen, alltäglichen Wortſinne, dunkelbraunen Sammet, denn dieſer ſaß zu Füßen des
ſondern in einem höheren: ein feiner, roſenfarbener Freu Bettes und lächelte Ephraim an, der vor Furcht zitterte.
denrauſch umzog ſeine Sinne. Er ſaß zur Rechten der
»Wie ſind Sie hereingekommen?« ftrage Ephraim mit
Wirthin und dachte mit keinem Gedanken an ſeinen Freund
größter Anſtrengung.
in Dunkelbraun und Seide; er ſchlürfte das himmliſche
Lächeln ſo vieler reizenden Antlitze mit vollen Zügen in »Sie haben meine Karte,« war des Fremden einzige
ſich. Er war glücklich, – in tiefſter Seele glücklich. Antwort. »Ich ſage, Sie haben meine Karte!« rief er
nochmals mit fürchterlicher Stimme.
Es iſt für den menſchlichen Stolz ſehr empfindlich, daß
ſelbſt die fröhlichſte Verſammlung ein Ende haben muß. »Mein beſter Herr,« erwiederte Ephraim in den weich
Tanzet, wie ihr wollt, die Sonne muß aufgehen; klingt ſten Tönen. »Sie werden die ganze Nachbarſchaft wecken.
noch ſo luſtig an, das Tageslicht wird endlich zwiſchen Ich habe allerdings Ihre Karte – gehabt.«
den Fenſterladen durchblinzeln. Wir taumeln vorwärts, »Und wo iſt ſie nun? Hinter dem Spiegel ſehe ich ſie
aber unſer Schickſal iſt beſiegelt; wir rufen nach einem nicht. Ha, Sie ſind, wie alle andere Welt, Sie ſchämen
neuen Tanze, wir greifen nach einem vollen Becher, doch ſich Ihrer Bekannten. Undankbares Menſchenvolk! Mich
der ſiegende Tag wirft uns ohnmächtig auf unſer Lager. abmühen, für ſie arbeiten ſoll ich immer, aber von Dank
Wie hell ſtrahlte die Sonne, als Ephraim, der letzte wiſſen ſie nichts. Nun, wie hat Ihnen der Ball ge
von allen Gäſten, in Haunch Lodge Abſchied nahm! fallen?«
Ephraim, der in einer einzigen Nacht zum allgemeinen »Herrlich! Ausnehmend!« ächzte Ephraim, denn er
Liebling emporgeblüht war, erhielt Anerbieten auf den fühlte, wie ihm immer heißer und heißer wurde. Er
Sitz in wenigſtens einem Dutzend Wagen; leider konnte dampfte in ſeinem Bette, wie eine geröſtete Butterſchnitte.
er ſich nur in einem unterbringen. »Sehr ſchön, – wahrhaftig –« ſtammelte er.
»Und doch verachten Sie meine Karte. So iſt's. Ich »O lieber Nick, biſt Du's?« rief Rue und lebte wie
mache täglich vielleicht zwanzigtauſend Beſuche, ich bin der auf. »Komm herein. Du biſt ein gutes Kind, Du
mit den angeſehenſten Perſonen ſtundenlang in ihrem ißt gern Butterſemmel, nicht wahr?«
Cloſet allein, und nicht einer hat die ganz gewöhnliche »Freilich,« rief der Junge mit einem grinſenden Lächeln.
Artigkeit, meine Karte bei denen ſeiner übrigen Bekannt »Du ſollſt mit mir frühſtücken, Nick; ja ich will mit
ſchaft liegen zu laſſen.« Frau Broth darüber ſprechen, wir wollen ganz zuſammen
»Ich bin weit entfernt, undankbar zu ſeyn,« ſtöhnte leben. Du ſollſt beſſere Kleider, beſſeres Eſſen haben und
Ephraim, »aber mir iſt ſo heiß – ſo heiß!« täglich einen Sirpence in die Taſche. Nur mußt Du
»Das iſt noch nichts. Je öfter ich komme, deſto heißer immer bei mir ſeyn, darfſt mich nie verlaſſen. Was meinſt
werden Sie es finden. Wie,« rief der Teufel – denn Du, Nick?«
trotz Sammet und Seide war der Fremde Niemand an Nick kratzte ſich im Kopfe und ſagte langſam: »Will
derer, als ſeine Karte beſagte – »haben Sie unſeren mir’s bedenken.« -
Bund vergeſſen?« Erſtaunt, beſchämt durch die Fühlloſigkeit des Pfarrei
»Ja – nein – das heißt, was meinen Sie?« fragte findlings, wußte ſich Ephraim dennoch keinen andern Rath,
Ephraim, vor Hitze und Entſetzen faſt zerfließend. der Knabe war ihm nothwendig geworden. Er hielt ihn
»Künftig werden Sie niemals mehr allein ſeyn; ich alſo mit Geſprächen hin, bis er ſich angekleidet hatte.
werde mich alſobald bei Ihnen einſtellen.« Während Nick um das Frühſtück lief, ging Ephraim in's
»Ich danke Ihnen, ich beſinne mich,« ſagte Ephraim; Freie hinunter und unterhielt ſich, in Ermangelung beſſerer
»Sie machen niemals den dritten in der Geſellſchaft;« Geſellſchaft, mit einem Scheerenſchleifer auf der Straße.
und mit dieſen Worten erhob er ſich im Bette, ſtreckte »Ich will den Teufel doch prellen!« dachte Ephraim,
die Hand nach dem Waſſerkruge aus und warf ihn vom als er den Knaben mit den dampfenden Semmeln kommen
Tiſche auf die Erde hinunter; krachend zertrümmerte das ſah. »Ja, der Knabe ſoll mir folgen, wie mein Schatten,
Gefäß in tauſend Stücke. und Beelzebub mag mit langer Naſe abziehen.«
»Was thun Sie?« rief der Teufel; »haben Sie keinen
Mit dieſem Entſchluße ſtieg Ephraim wieder auf ſein
Sinn dafür, was ſich ſchickt?«
Zimmer. Thee, Eier und Butterſemmeln wirkten ſo mäch
»Es iſt in der Ordnung,« ſtammelte Ephraim, »ſie
tig auf den Magen des Burſchen, daß er, nachdem er ſich
wird ſchon kommen.«
vollgeſtopft, ſich bereit erklärte, dem Kreiſel, dem Balle,
»Herr Rue, was gibt es, Herr Rue?« fragte eine
den Vogelneſtern zu entſagen und Ephraim's ſteter Be
kreiſchende Frauenſtimme vor der Thür.
gleiter zu ſeyn.
»Kommen Sie nur herein, Miſtreß Broth; ich bitte,
treten Sie ein,« brüllte Ephraim. »Thue das – verlaſſe mich nicht – ich mache Dein
»Segn'es der Himmel, Sie haben wohl Krämpfe, Herr Glück,« ſagte Ephraim.
Rue?« ſagte die Frau und trat ein. So wie die Thür ſich öff »Das müſſen Sie auch,« meinte Nick aufrichtig, »denn
nete, verſchwand der Herr im dunkelbraunen Sammetkleide. es wird mich hart ankommen.«
»Der Waſſerkrug iſt nur hinabgefallen,« ſagte Ephraim Der Schuhmacher trat ihm den Pfarreipflegling ab,
und zeigte auf die Stücke. »Gehen Sie nicht weg, Mrs. und Ephraim fühlte ſich vor dem Teufel ſicher. In dieſem
Broth, ich bitte Sie, bleiben Sie bei mir.« glücklichen Zuſtande vergingen anderthalb Monate und
»Herr Rue !« rief die Hauswirthin mit dem lebhaften Ephraim war die Seele der beſten Geſellſchaften. Wie
Gefühle der Unſchicklichkeit; »Herr Rue !« lachte er, wie ſcherzte er, welche Heiterkeit verbreitete er,
»Wenigſtens bis ich aufſtehe,« ſagte er und ſteckte wo er hinkam! Keine Partie war vollſtändig, wo Ephraim
den Fuß zum Bette heraus, aber Mrs. Broth ſtürzte Rue fehlte. Nick hatte ſich in ſein neues Schickſal gefügt.
mit einem kleinen Schrei zur Thür hin. Verließ ſein Herr die Geſellſchaft, ſo war er treulich an
»So ſenden Sie mir denn Nick herauf – den jungen ſeiner Seite, ſtand bei Tiſche hinter ſeinem Stuhle, ſchlief
Nick – ſie wiſſen, wen ich meine –« rief Ephraim ängſt neben ſeinem Bette. »Haha!« rief Ephraim öfters in
lich ihr nach und ſchauderte bei dem Gedanken an die ausgelaſſener Luſt, »mit dem jungen Nick habe ich den
Einſamkeit, und während er die Frau die Treppe hinab alten Beelzebub hinausgeworfen.«
laufen hörte, ſah er ſich mit irren Augen im Zimmer Zum Unglück aber wurde Nick immer mehr von ſeiner
nach dem Teufel um. Unentbehrlichkeit überzeugt. Er fühlte, daß er zur Ruhe
»Wie gefiel Ihnen der Ball?« rief eine Stimme unter und zum Behagen ſeines Herrn nothwendig war, und
der Bettſtelle hervor und das Geſicht des böſen Feindes glaubte ſich alſo zu Trotz und Widerſpruch berechtigt. »Es
tauchte auf. Ephraim ſank halb bewußtlos in einen Stuhl nähme mich Wunder, wenn ich nicht gar ſein Sohn wäre,«
und fühlte ſich abermals wie mit heißem Waſſer übergoſſen. ſagte er einſt nachdenklich, denn gerade ſeine Abkunft war
»Brauchen Sie was von mir?« rief in dieſem Augen eine Streitfrage für den ganzen Pfarrſprengel. »Der
blicke der Knabe Nick, und ſteckte den zerzauſten Kopf, Elende! Ich bin überzeugt, ich bin ſein Sohn und jetzt
das ſchmutzige Geſicht zur Thür herein. rührt ihn ſein Gewiſſen.«
Dieſer Gedanke wurde in ihm immer feſter und es Wölfin herbei, und ein verzweifelter Kampf entſpinnt ſich. Vaſſeur
hat keine andere Vertheidigungswaffe, als ſeine Peitſche. Schon
dauerte nicht lange, ſo trug er ſeine Früchte. Er wurde iſt ſeine Blouſe in Fetzen, er führt immer ſtärkere Hiebe nach der
gegen Jedermann, mit Ausnahme Ephraim's, anmaßend Wölfin, aber auch ſie packt ihn immer wüthender an. Endlich
und übermüthig. verſetzt er dem Jungen einen ſo derben Fußſtoß in die Bruſt, daß
»Ich möchte heut' auf den Markt gehen,« ſagte er es mehre Schritte weit wegfliegt. Dieſer Umſtand rettet ihn, die
einſt, als ein ſolcher eine halbe Stunde von Platter Wolfsmutter eilt ihrem Jungen zu Hilfe, und Vaſſeur gewinnt
Zeit, ſich auf's Pferd zu ſchwingen und in ſchnellſter Carrière
thorpe abgehalten wurde. davon zu jagen. - -
»Ich gehe nicht hin, Nick,« ſagte Ephraim ſanftmüthig. Ein Courier, den der König der Belgier kürzlich mit Depe
»Kann ich nicht allein gehen? Iſt das die Art, ſein ſchen aus England nach Brüſſel ſandte, verließ Schloß Windſor
eigenes Fleiſch und Blut zu behandeln?« ſchmollte Nick, Sonntag Morgens um 7 Uhr, fuhr auf dem Dampfboote von
ſetzte ſich ſeinem Herrn gegenüber! ſchlenkerte nachläſſig Ramsgate nach Oſtende und von dort auf der Eiſenbahn nach
mit den Beinen, und ſah mit Trotz Ephraim in's Geſicht. Brüſſel, verweilte daſelbſt vier Stunden, um auf Antwort zu
warten, kehrte auf demſelben Wege zurück und traf am Dienſtag
»Mein eigenes Fleiſch und Blut?« rief dieſer. »Was Mittag zwiſchen 1 und 2 Uhr wieder in Windſor ein. Er hatte
meinſt Du damit?« daher den Weg nach Brüſſel und zurück, den Aufenthalt in Brüſſel
»Alle Welt ſagt ſo,« log Nick, »ſonſt würden Sie mit eingerechnet, in 80 Stunden zurückgelegt. – –
anders mit mir umgehen.« Ein Herr Phiquepal hielt ein Erziehungsinſtitut in Nord
»Ich behandle Dich, wie – wie einen Junker.« Amerika, in welchem meiſt franzöſiſche Zöglinge erzogen wurden.
»Sie müſſen wohl, ſchon aus Familienſtolz. Alſo, Da er mit ſeinem Inſtitute im Innern des Landes herumzog, ſo
Vater, ich gehe auf den Markt.« erfuhren die Eltern wenig oder nichts über die Fortſchritte, welche
ihre Kinder in dieſer Anſtalt machten. Erſt durch einen Prozeß,
»Vater! iſt die Range toll?« der zwiſchen Herrn Phiquepal und dem Vater eines Er-Zöglings
»Range!« rief ſeinerſeits Nick. »Ich bitte, keine ſich über die Erziehungskoſten erhob, erfuhr man kürzlich Einiges
Grobheiten, ſonſt – ich will gehängt werden, wenn Sie über das pädagogiſche Verfahren des Herrn Phiquepal. Die
Zöglinge wurden zu den rauheſten Arbeiten angehalten, als Pflü
nicht allein ſchlafen.«
(Die Fortſetzung folgt.)
gen, Mauern, Schmieden u. ſ. w., ihre Röcke, Schuhe, Mützen,
Hoſen, ihr Brod, Seife, Butter, Kerzen, Beſen, kurz Alles,
was ſie zur Nahrung, Kleidung oder in der Wirthſchaft brauchten,
mußten ſie ſelbſt bereiten. Die Nahrung beſtand aus ſchwach ab
M o ſ a i k. gekochtem indiſchem Korn, woraus auch Kuchen gebacken wurden;
an Sonntagen kam noch ctwas Wildpret dazu, wenn die Zöglinge
Ein Herr Vaſſeur ritt eines Nachts im Departement Pas de
Calais über Land. Es war gegen 2 Uhr Morgens, da bleibt welches geſchoſſen hatten. Wiſſenſchaftlicher Unterricht wurde gar
nicht ertheilt, dafür verwendete man die Zöglinge in einer Zei
plötzlich das Pferd ſtehen und will nicht weiter. Zugleich erblickt tungsdruckerei als Setzer (ſpäter auch als Drucker), und gab
der Reiter ein Thier, das er anfangs für einen Hund hält. Er
ihnen dadurch Gelegenheit, ein bischen Orthographie zu lernen. –
ſteigt ab, und will den vermeintlichen Hund mit Peitſchenhieben
verjagen. Bei dieſen Peitſchenhieben heult das Thier ſchmerzlich Der unglückliche ſchwediſche Dichter, Biſchof Tegner, iſt,
auf, und an dem Geheul erkennt Vaſſeur, daß er einen Wolf vor kaum wieder hergeſtellt von ſeiner Geiſteskrankheit, recidiv ge
ſich habe. Zugleich ſtürzt auch aus einem nahen Getreidefelde eine worden. – –

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 28. Juli. Wolfram eintrifft. Dieſer Bevollmächtigte erſcheint unter dem an
genommenen Namen Linden, iſt aber eigentlich Wolfram's Adop
Am 25. wurde gegeben: »Wallenſtein's Tod« nach Weſt's tivſohn und keineswegs Brautwerver für den Vater, ſondern für
dekannter Bearbeitung, hierauf am 26. »die ſchlimmen Weiber« ſich ſelbſt. Wolfram's Zumuthung, welche dem Kaufmanne Hammer
und am 27. »Werner« oder »Herz und Welt.« Der 28. brachte ſcheid ſo vielen Kummer machte, erweiſt ſich nun als eine My
uns in Herrn Grekowſky und in Madame Grekowſka, ge ſtifikation, bei welcher natürlich nur der Sohn gewinnt, denn er
vornen Schl an zowſky zwei Gäſte, und in dem Weißen kann unter dem Namen Linden beide Nichten, wie ein vorſichtiger
thurn'ſchen Luſtſpiele : »Der Bevollmächtigter eine Novität. Die Kaufmann die beſſere und profitablere Waare, beſehen und prüfen.
Handlung des neuen Luſtſpieles iſt folgende. -
In der That wird ihm aber die Wahl ſchwer, denn beide ſind
Der Kaufmann Hammerſcheid erzieht in ſeinem Hauſe zwei gleich liebenswürdig und es handelt ſich am Ende nur darum,
Waiſen, »Conſtanze«, die Tochter ſeines Bruders, und »Emerike«, welche von ihnen die edlere Geſinnung habe. Um dies zu erfor
die Tochter ſeiner Schweſter. Da die beiden Nichten ſeiner Er ſchen, vertraut er ihnen das lügenhafte Geheimniß, daß ihr Oheim
ziehung Ehre machen, ſo liebt er ſie, wie ein zärtlicher Vater, auf dem Sprunge ſtehe, zu falliren und daß ihn nur die angetrº
und da er Kaufmann iſt, will er ſie ſobald als möglich ver gene Heirat retten könne. Conſtanze ſchwankt, aber Emerike
ſorgen, oder mit einem anderen Worte, verheiraten. Wie die entſchließt ſich, ihren zweiten Vater durch ein Selbſtopfer zu retten.
Nichten ihrem Oheime gefallen, ſo haben ſie auch bei einem Han Nun bekennt ſich Linden zu ſeinem Betruge und entdeckt ihr, was
delsfreunde desſelben, nämlich bei dem überreichen Kaufmanne der Leſer bereits weiß. Weit entfernt, daß Conſtanze ihre Schweſter
Wolfram, Gnade gefunden. Wolfram iſt alt und unvermält, und um den ſchönen, jungen und reichen Mann beneidet, geſteht ſie
da er ſeine Million Thaler dem Hammerſcheid'ſchen Hauſe zu vielmehr, daß ſie den Brautwerber nicht verdiene, weil ſie nicht
wenden will, ſo hält er um eine der beiden Nichten an. Die ſo gut. ſey, als ihre Couſine. – Die Sprache des neuen Luſtſpiels
Mädchen ſind ſeelengut und gehorſam; dennoch will keine von ihnen und die Führung des Dialoges iſt zwar der vielverdienten und
den alten häßlichen Mann heiraten, und der Onkel iſt ſo lange gewandten Schriftſtellerin vollkommen würdig, aber der Stoff
un der peinlichſten Verlegenheit, bis der Bevollmächtigte des Hauſes iſt ſo ärmlich und gewöhnlich, und die Kataſtrophe iſt ſo leicht
vorherzuſehen, daß der Bevollmächtigte« nur durch ein ausge üppigen Waldpartie), das er vor ſeiner Rückkehr nach Rom hier
zeichnetes Spiel gefallen kann. Durch das ganze Stück klingt der zu vollenden gedenkt. - W
anwidernde und anfröſtelnde Ton einer ſo genannten Vernunft Wie in den früheren Jahren, findet auch heuer in der Muſik
heirat und Conſtanze, wie Emerike, werden als Waare behandelt, bildungsanſtalt des Herrn Prokſch eine öffentliche Prüfung ſtatt
welche Hammerſcheid dem Geſchäftsführer zur beliebigen Auswahl und zwar am 3. und am 4. Auguſt, Vormittags von 10 bis 1,
vorlegt. Was iſt das endlich für ein Mädchen, welche einem Nachmittags von 3 bis 6. Außer einer kurzen Uiberſicht des Sy
jungen Manne, den es nur aus einer eingeſtandenen Lüge kennen ſtemes kommen ſchon an dieſen Tagen, beſonders in den Nach
gelernt hat, mir und dir nichts die Hand reicht? Die Schauſpie mittagſtunden, intereſſante Stücke zur Ausführung, ein wahres
ler leiſteten ihr Möglichſtes und wurden durch freundlichen Beifall Concert aber findet am 5., Nachmittags von 3 – 5 Uhr ſtatt, wo
ausgezeichnet. - -
neun Zöglinge der Anſtalt die gewählteſten Concertſtücke klaſſiſchen
Dem »Bevollmächtigten« ging Lember t's bekannte Poſſe und modernen Styles vortragen. B.
»der Mentor« voran, und Hr. Nerking gab die Titelrolle unter
ſehr mäßigem Beifalle. Es iſt die Aufgabe der Theaterkritik, dem (Kirchenmuſik.) Am 31. Juli, dem Tage des Kirchenfeſtes
angehenden Schauſpieler einen Spiegel ſeiner Anlagen und Mängel der Garniſonskirche zu Sct. Ignaz wird um 11 Uhr Vormittag
vorzuhalten, damit er ſich ſelbſt kennen und nach eigenen, wohl J. N. Hummels große D-dur-Meſſe, Nr. 3, ein Introitus
erwogenen Studien leiten und ausbilden lerne. Darum muß ich von Herrn Kolleſchowſky, dem Chorregenten bei Sct. Ignaz, und
Herrn Nerking aufmerkſam machen, daß er ſich mit allem Fleiße ein Graduale von Herrn W. Horak (zwei neue Compoſitionen),
ferner ein Offertorium von Joſ. Haydn aufgeführt. S.
auf das Studium jener Kunſtmittel verlegen möge, welche in der
Beweglichkeit der Geſichtsmuskeln liegen. Es ſind aber nur drei Am 10. Auguſt, d. i. Dienſtag, als dem Patrocinium des hei
Gegenden des Geſichtes, in denen ſich das regelrechte und aus ligen Laurenz, wird in der zu Sct. Niklas zugetheilten Sct.
drucksvolle Mienenſpiel geltend machen kann, nämlich die Stirn-, Laurenz-Filialkirche auf dem Laurenziberge früh um 8 Uhr eine
Augen- und Mundgegend. Möge alſo Herr Nerking vor h. Segenmeſſe, um 10 Uhr eine böhmiſche Predigt, um 11 uhr
Allem den ſtarren Typus weit aufgeriſſener und aufwärts blicken ein feierliches Hochamt und Nachmittags um 5 Uhr der h. Segen
der Augen bei ſchlaff geöffnetem Munde vermeiden; denn dieſe abgehalten werden; welches den Bewohnern Prag's bekannt ge
macht wird. A.
Geſichtsform iſt auch bei dem ſchönſten Ovale ausdruckslos und,
wenn ſie als üble Angewöhnung erſcheint, je länger, deſto wider
licher. Nicht das Fleiſch, ſondern der Geiſt gibt Leben, und wo
ſpricht er ſich klarer und anſprechender aus, als in Mund, Stirn Correſpondenz aus Böhmen.
und Augen? Anfangs ſagte das Mienenſpiel des Herrn Merking
dem dramatiſchen Charakter des »Mentor« zu , denn er erſcheint Teplitz, 27. Juli.
als ein gutmüthiger Dümmling; aber in der Folge hätte ſich das In dem Berichte aus Teplitz in Nro. 88 der Bohemia heißt
Antlitz nach der Steigerung von Verlegenheit und Angſt ändern
und in der Scene mit Seraphinen anmuthiger geſtalten ſollen, es irrthümlicherweiſe, daß wir von Herrn Ritter aus Berlin ein
was jedoch nicht geſchah. Auch war der Sprung vom ſchüchternen Concert auf der Violine gehört haben. Dies muß naträglich da
Magiſter bis zum kühnen Brautwerber zu vorſchnell und zu groß. hin berichtigt werden, daß jenes Concert auf der Flöte ſtatt
Im Ganzen Ä aber das Stück ziemlich lebhaft zuſammen und gefunden hat. – Was das an demſelben Orte erwähnte Concert
betrifft, das hier am 19. Juli gleichfalls auf der Flöte gegeben
die Schauſpieler wurden nach dem Akte gerufen.
wurde, ſo vereinigen ſich alle Stimmen dahin, daß Herr Giulio
Zwiſchen dem erſten und zweiten Stücke und nach dem neuen Briccialdi. Außerordentliches leiſtet, ſowohl was ſeine vewunderns
Luſtſpiele producirten ſich unter ſteigenden Beifallsbezeugungen zwei würdige Fertigkeit, als ſein ſeelenvolles Adagio anbelangt. Auf
Mitglieder des Balletes am Theater San Carlo zu Neapel. Wir vielſeitiges Verlangen gab er am 26. d. M. ein zweites Concert,
haben ihre Namen im Eingange genannt und freuen uns auf die das ſeine Meiſterſchaft vor einem größeren Publikum bewährte;
nächſten Produktionen; denn die Grazie, Leichtigkeit und Sicher aber leider war auch dann der pecuniäre Ertrag nicht im Ver
heit dieſer Tanzkünſtler fand allgemeine Anerkennung und nach hältniſſe ſeiner Leiſtungen.
dem zweiten Pas de deux ſogar enthuſiaſtiſchen Beifall. Die Unbeſtändigkeit des Wetters dauert an. Die Badeliſte
Prof. Ant. Müller. zählt, bis zum 25. Juli 1891 Parteien und 3018 Perſonen, die
vorjährige desſelben Datums 1573 Partein und 2651 Perſonen;
mithin dieſes Jahr eine Mehrzahl von 318 Parteien und 367
Perſonen. :
Concert vom 27. Juli.
Uiber dies Concert iſt wenig zu ſagen, da es augenſcheinlich Stadt Schönbach (elb. Kreis) 25. Juli.
zu ſchnell zuſammengeſtellt worden. er Concertgeber , Herr
Ritter aus Berlin, trug eine neue Compoſition von Böhm, In der Nacht vom 24. auf den 25. Juli l. J., wurden die
Variationen, ferner ein Adagio, und zum Schluß ein Concertino meiſten Bewohner Schönbach's durch ein ſeltenes Naturereigniß
von eigener Compoſition vor, welches letztere im Grunde auch aus dem Schlafe geſtört. Einige Minuten nach 1 Uhr Morgens,
nichts war, als eine Partie Variationen. Herr Ritter iſt ein am 25., erfolgte ein Erdſtoß, der im erſten Augenblicke für einen
recht guter Flötenſpieler für das Haus, den Anforderungen aber, ſtarken, jedoch entfernten Donnerſchlag gehalten wurde. Das an
die man heutigen Tages für den Concertſaal ſtellt, und in Prag dauernde, dumpfe Rollen und der nach etwa 4 Sekunden ſich wie
zu ſtellen doppelt berechtigt iſt, hat er am 27. nicht genügt. Eine derholende Erdſtoß, ſo wie das Erzittern der Häuſer, Klirren
hübſche Fertigkeit, die aber von der Bravour noch weit iſt, ein der Fenſterſcheiben verſchaffte ſelbſt dem minder Kundigen der
korrekter Vortrag, dem es nur an Glanz fehlt, ein reiner Ton, Naturerſcheinungen die Uiberzeugung, daß dieſe Erſchütterungen
ein ſchönes Piano ſind allerdings Vorzüge, aber ich zweifle, ob ſie nur durch ein Erdbeben hervorgebracht werden konnten. Das
hinreichen, ein Publikum zufrieden zu ſtellen, das die Wunder Wetter war in dieſem Augenblicke ruhig, der Himmel überzogen,
der modernen muſikaliſchen Technik gewohnt iſt. Außer den ge nachdem ſchon ſeit mehren Wochen ſtarke Gewitter mit Platzregen
nannten drei Nummern hörten wir noch einige Vocalmuſik. Herr bei heftigen Winden abgewechſelt hatten. Das Thermometer zeigte
Kºnz trug ein Lied ſo ausdrucksvoll vor, daß er gerufen wurde; am 25. Juli Abends 7 Uhr + 10° R. Stärker wurden die Erd
nicht minder ſprach Herrn Gelen's Lied »In die Ferne!« an, ſtöße in dem hoch gelegenen Stadttheile verſpürt. Die Stöße
welches Herr Braun mit vielem Gemüth ſang. Vier Mitglie erfolgten in Schwingungen von der nordweſtlichen Gegend. Das
der der Sophienakademie trugen ein böhmiſches Vocalquartett Erdbeben ſelbſt dauerte im Ganzen über 5 Sekunden. Heute
»An die Geliebte« vor. B. haben wir Sturmwetter mit ausgiebigen Streifregen. E. S
. St.

Telegraph von Prag. N a ch richt.


Unſer Landsmann, der geniale Genremaler Leopold Polak, Das Muſikfeſt zu Reichenberg iſt nun definitiv auf den 22.
beidet ſich ſeit einiger Zeit in Prag und malt an einem aus und 23. Auguſt feſtgeſetzt. Das Programm werden wir unſern
gezeichnet ſchönen Genrebilde (ein Kind mit einem Lamm in einer Leſern ſpäter mittheilen. A.

Nedaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
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t. »Schämſt Du Dich nicht, Nikolaus, in ſolcher Geſellſchaft?«
Ein Opfer der Geſelligkeit.
»Ruhig, machen Sie ſich das Leben angenehm, ſetzen
- ( Fortſetzung.)
Sie ſich zu uns und leihen Sie uns eine Guinee.«
Bei den bloßen Worten brach Ephraim der Angſt »Und wenn ich Dir die Guinee gebe, gehſt Du dann
ſchweiß aus und mit der mildeſten Stimme ſagte er: nach Hauſe?« -

>Nun, Nikolaus, liebes Kind –« »Freilich,« ſagte Nick und ſobald er das Goldſtück
»So iſt's recht, ſo ſoll ein Vater ſprechen. Ich weiß hatte, fügte er hinzu, »wenn ich ſie verloren habe. Alſo
wohl, was die Leute ſagen.« - ſetzen Sie ſich, und beten Sie für dieſes Herrn Glück,
»Nun und was ſagen ſie?« fragte Ephraim ängſtlich, damit ich eher verliere.«
voller Furcht, daß ſein Bund mit dem Teufel bekannt ſey. Es war keine Hilfe. Ephraim ſetzte ſich auf die Erde
»Man ſagt, Sie haben einen Mord verübt – viel und war bald feſt eingeſchlafen. Als er erwachte, fand
leicht meine arme Mutter erſchlagen und nun meine Un er ſeine Taſchen umgekehrt, ſeine Uhr verſchwunden und
ſchuld gemiethet, um die Geiſter zu verſcheuchen. Ich will ſeinen Diener in trunkenem Schlummer zu ſeinen Füßen.
mich aber nicht länger als Scheuche brauchen laſſen; ich Etwas rauchende Aſche auf dem Raſen war alles, was
ſage Ihnen, ich will auf den Markt gehen. Ich habe immer die Zigeuner zurückgelaſſen hatten.
Glück gehabt: vielleicht gewinne ich dort eine Guinee.« »Sagte ich nicht gleich,« rief Nick, als ſein Herr
»Gut, Nick, ſey brav und es ſoll Dir nicht leid thun. ihn geweckt hatte, »Sie ſollten lieber nach Hauſe gehen.
Ich will Dir lieber die Guinee ſchenken.« Aber, wie ich Sie oft ſagen hörte, Sie ſind für die
»Das Vergnügen, zu gewinnen, iſt auch eine Guinee Geſellſchaft geboren.«
werth; alſo zwei Guineen, oder –« der kleine Thunicht
gut griff nach ſeiner Mütze. Die täglich wachſende Unverſchämtheit Nick's, der
»Wenn Du denn durchaus auf den Markt gehen willſt, ſchon in der nächſten Woche durch nächtliche Abweſenheit
– ich gehe mit.« ſeinen Herrn dem ſchrecklichen Beſuche Preis gab, ließ
»Und wenn wir zu den Pfefferkuchenbuden kommen, unſern geſelligen Helden über ein wirkſameres Mittel
vergeſſen Sie Ihre Schuldigkeit nicht.« nachdenken. In einem koſtbaren Augenblicke löſte er die
Sie gingen beide und Ephraim wurde wohl fünfzig Schwierigkeit. Er wollte die Gegenwart des kleinen Tauge
mal von ſeinen beſten und reichſten Bekannten gegrüßt. nichts in ſeiner Wohnung nicht länger dulden. Nein, er
Zu Zeiten war er ganz ſelig, und dann blickte er ſich wollte ſich vielmehr, um den böſen Feind zu verſcheuchen,
wieder ängſtlich nach Nick, dem Schatten ſeines Glückes einen wahren Schutzengel wählen, – er wollte heiraten.
um. Mehrmals verlor er ihn im Gedränge und doch Unter den fünfzig Damen, die ihm bei dieſem Gedanken
wagte er ſich ohne ihn nicht nach Hauſe. Die Nacht kam einfielen, war gewiß keine, die ihm nicht mit Freuden
und wo war Nick? Immer dünner wurde das Gedränge, ihre Hand gereicht hätte.
Licht auf Licht verloſch und Ephraim ſuchte den Knaben Ephraim's Lage geſtattete keinen Aufſchub; er machte
immer ängſtlicher. Sollte er die ganze Nacht mit Beelze alſo gleich der Miß Withermay ſeine Aufwartung und
bub ſpazieren gehen? Entſetzlich! legte ihr ſein Herz zu Füßen, welches auch nach einigem
Doch dort flimmert noch ein Lichtchen aus einem Zi verſchämten Zaudern angenommen wurde. Der Hochzeits
geunerzelte, er nähert ſich und ſieht Nick, halb berauſcht, tag wurde feſtgeſetzt und Ephraim war außer ſich vor
s mit einem braunen Aegyptier Karten ſpielen. Vergnügen, daß er den Teufel auf immer aus ſeinem
»Wie? Sie ſind nicht zu Hauſe ?« rief der Burſch, Schlafgemache gebannt und durch welchen reizenden Tauſch!
als er ſeines Herrn anſichtig ward. Armer Ephraim Rue!
In drei Tagen ſollte er verheiratet ſeyn. Nikolaus »Du biſt es, Jack? Herr Rue wird Dir's ſchon ſagen.
witterte endlich die Gefahr, in der er ſchwebte und ließ Dein Verwandter iſt ein Mann von Geiſt, ein wahrer
ſeinen Herrn deßhalb ſorgloſer, als je, allein. Beelzebub Teufel, haha! Sie wiſſen mich zu finden, Mr. Rue;
beſuchte Ephraim allnächtlich und des letzteren wachſende gute Nacht, Jack!« Und lachend ging er ſeines Weges.
Hagerkeit, ſein matter Blick, ſein hohles Lachen, ſein »Was ſoll das bedeuten, Ephraim ?«
grauendes Haar gaben es nur zu deutlich kund. »Ein Scherz, nichts als ein kleiner Scherz, ich werde
»Wer ſollte denken, daß die Liebe einen Mann ſo es Ihnen ſchon erzählen!« ſagte Rue, faßte ſeinen neuen
ändern kann,« ſagten die Damen, wenn ſie von Ephraim Begleiter unter den Arm und zog ihn nach Platterthorpe
ſprachen. zu. »Es war ein prächtiger Spaß und was das beſte
»Nur noch drei Tage und dann –« ſprach Ephraim iſt, Davis – ein komiſcher Mann, dieſer Davis, –
zu ſich ſelbſt, als er ſpät am Abend aus dem Hauſe glaubt, ich bin im Ernſte.«
ſeiner Geliebten trat. Zum Glück begleitete ihn ein »Nun ſind wir an Ihrer Thüre« – zum Glücke wurde
Freund vom Hauſe, der aber Rue's Verdienſte nicht zu ſie eben von Nick aufgemacht – »und ich weiß noch
ſchätzen wußte. Sie waren nicht weit vom Hauſe entfernt, immer nicht –«
als zu Ephraim's Schrecken ſein Begleiter ihm kalt gute »Sie werden Alles ausführlich hören. Meinen Gruß
Nacht bot. an Mathilden, gute Nacht.« Ephraim eilte auf ſein
»Sie gehen ja mit mir, Mr. Davis,« ſagte Ephraim. Zimmer. »Wo warſt Du heute Nacht, daß Du mich
»Heut Abend nicht,« ſagte Davis und wandte ſich auf nicht abgeholt haſt, Du undankbarer, niederträchtiger
einen anderen Pfad. Burſch ?«
»Dann, wenn es Ihnen recht iſt, will ich Sie be »Wenn ich gar ſo ſchlecht bin, tauge ich nicht in Ihre
gleiten.« Geſellſchaft!« rief der Knabe trotzig und ſuchte die
»Es iſt mir nicht recht,« ſagte Davis mit bedeuten Thür.
dem Nachdrucke. Aber alles war an Ephraim verloren, Ephraim zitterte vor Angſt. »Nun, nun, laß nur
er blieb ſeinem Gefährten zur Seite. Dieſer ging den gut ſeyn, geh' zu Bett.«
ſelben Pfad auf und ab, Ephraim entſchloſſen neben ihm. »Sie verdienen es eigentlich nicht!« murrte Nick.
Die Nacht wurde immer finſterer, der Gefährte immer »Nur noch drei Nächte,« tröſtete ſich Ephraim im
unſchätzbarer. Plötzlich blieb Mr. Davis ſtehen und Stillen, »und dann – Mathilde.« Und mit dieſem beru
Ephraim ebenfalls. higenden Gedanken ſchlief er ein.
»Mir ſcheint, Herr Rue, Sie ſuchen Streit mit mir?« Mr. Davis benahm ſich mit muſterhafter Großmuth.
»Ich? Ich denke nicht daran! Mein beſter Freund –« Da Ephraim den angethanen Schimpf vergeſſen zu haben
und er wollte Herrn Davis Hand ergreifen, der ihn kalt ſchien, da er trotz häufigen Fragens Jack den Scherz
durchaus nicht erzählen wollte, blieb auch Davis ſtumm
zurückſtieß.
»Dorthin iſt Ihr Weg, Mr. Rue,« ſagte er ſtrenge wie ein Fiſch.
Zur beſtimmten Zeit wurde Miß Mathilde Withermay
und übernahm mit ausgeſtrecktem Zeigefinger den Dienſt
Miſtreß Rue und Ephraim führte ſeine junge Frau mit
eines Wegweiſers. »Wenn Sie mir noch einen Schritt
einer Freude vom Altare heim, wie ſich nur freuen kann,
folgen – haben Sie jemals einen Naſenſtüber bekommen?«
wer den Teufel betrogen zu haben glaubt. Das war
»Nie, auf mein Wort, niemals!« verſicherte Ephraim um ſo undankbarer von Ephraim, da der Teufel mehr
ernſthaft. gethan, als bloß Wort gehalten hatte. Rue hatte nicht
»Dann gute Nacht,« ſagte Davis kurz und drehte ſich bloß die beſte Geſellſchaft der Gegend genoſſen, er hatte
um. Ephraim wollte ihm folgen; jener war ein zornmü auch eine reiche Frau geheiratet. Seit ſeinem Hochzeits
thiger Mann und ohne weiter ein Wort zu verlieren, tage hatte er fünfhundert Pfund jährlich; er war nicht
ſchnellte er ſeinen Mittelfinger mitten in Ephraim's mehr bloß in der Geſellſchaft, er war von der Geſell
Geſicht, daß ihm das Feuer aus den Augen ſprang. ſchaft: ein weſentlicher Unterſchied.
»Hier haben Sie alſo einen Naſenſtüber; gute Nacht.« Im ganzen Honigmonate nahte ihm der Teufel nur
»Morgen ſollen Sie von mir hören, Mr. Davis,« ein einziges Mal. Welche Ehrfurcht, welche Dankbarkeit
rief Ephraim, »indeſſen können wir heute ſpazieren gehen hegte Ephraim für Mathilden! Nick war mit Schmach
und als Freunde plaudern.« fortgeſchickt worden; er trieb ſich jetzt in der weiten Welt
Dieſe Sanftmuth war zu viel für Davi's gute Laune; herum und hielt Reden über die muthmaßlichen Verbrechen
er lehnte ſich an einen Baum und lachte wie eine Hyäne, ſeines ehemaligen Herrn. Alle Nachrede aber konnte
während Ephraim mit dem ſeidenen Schnupftuche ſeine Ephraim's Ruf nicht beflecken, denn gerade zur ſelben
rothe Naſe hielt. Zeit gab er einen glänzenden Beweis vom Adel ſeines
»Heda, Davis! Rue ! Warum ſo luſtig?« rief Jack Herzens, von ſeiner ehelichen Zärtlichkeit.
Withermay, den das wohlbekannte Lachen ſeines Freundes Etwa ſechs Wochen nach dem Hochzeitstage befiel
auf dem Heimwege hieher gezogen hatte. ſeine Frau ein gefährliches Fieber. Nacht für Nacht ſaß
Ephraim an ihrem Bette, Vorſtellungen, Bitten waren »Was heißt das?«
vergebens, nichts konnte ihn bewegen, ſich in die Einſam »Er ſchmuggelt,« war das unumwundene Geſtändniß.
keit ſeines Zimmers zurückzuziehen. »Liebe Frau,« ſagte Ephraim, »ich bin von meinem
»Welches liebende Herz!« riefen alle Schweſtern Hauſe ausgeſperrt. Wenn Ihr mir Geſellſchaft leiſten
Mathilden's. -
wollt –«
»Welch' ein Muſter von Ehemann!« riefen alle Frauen »Nun, und weiter?«
in Platterthorpe. »Ich gebe Euch eine Guinee. Verſteht mich; ich meine,
Mrs. Rue erholte ſich ſchnell; ſie bat Ephraim, auf Ihr ſollt mit mir plaudern, bis die Leute Morgens mun
ſein Zimmer zur Ruhe zu gehen, ſie flehte ihn an – er ter werden. Da ich nicht zu Bette kann, will ich auf der
war hartnäckig. Mit verzeihlicher Feſtigkeit – denn ſie Straße umhergehen.«
fürchtete, ihr Mann thue ſeiner Geſundheit Schaden – »O, wenn Sie ein Bett brauchen –«
befahl ſie der Dienerin, die Thür zu verriegeln. Abends »Nichts anderes, liebe Frau!« rief Rue freudig.
kam Ephraim, fand aber keinen Einlaß. Mit den ſanf »Haben Sie ſchon die Maſern gehabt?«
teſten Tönen rief ſeine Frau ihm zu: »Sie könne unmög »Noch nicht.«
lich zugeben, daß er ſeine Geſundheit ihrethalben zu »Schade, ſonſt hätten Sie mit meinem kleinen Tom
Grunde richte; er müſſe auf ſein Zimmer gehen.« ſchlafen können; er iſt gerade ſehr ſchlecht.«
Ephraim nahm ſeinen Hut, und obgleich es beinahe »Ich laſſe es auf Alles ankommen!« rief Rue ſo eifrig,
eilf Uhr in der Nacht war, ging er auf den Straßen als ſtünde der Böſe ſchon wieder hinter ſeinen Ferſen.
von Platterthorpe umher. Hier hatte er doch wenigſtens »Jede Unterkunft iſt mir recht; nehmt mich nur in Eurem
Gelegenheit, mit dem Nachtwächter zu ſprechen. Hauſe auf.«
Ephraim ſah ſich rechts und links um, Niemand war »Ich denke, mein Mann iſt ſchon zu Hauſe; er hat
zu erblicken. Er wollte in das Haus zurückkehren, – wohl nichts dagegen.«
nein; in der goldenen Sonne mußte noch Jemand auf »Gut, ich verſpreche Euch eine Guinee und dann –«
ſeyn, es waren nur wenige Schritte hin; dorthin wollte Und dann fiel Ephraim platt auf die Erde. Ihn hatte
er rennen. Er machte ſich auf und wie er um die Ecke der ſtarke Arm Zacharias', des Fiſchers, niedergeſchla
bog, begegnete er – dem Teufel. Wie blitzten die dia gen, der nur einen Theil der Rede gehört und zu ſeiner
mantenen Knöpfe im Mondlichte! Schande gedeutet hatte. Rue lag auf der Erde und das
»Guten Abend,« ſagte der Feind, »wie geht's Ihrer Weib ſchrie laut unter der Züchtigung ihres eiferſüchtigen
Frau?« Gatten.
Ephraim ſuchte vergeblich zu antworten. Sein Fleiſch Nach geraumer Zeit kam der Wächter, fragte nach der
fing an, wie Wachs zu ſchmelzen vor dem Blicke des Teu Urſache des Lärms, Zacharias zieh Rue der Verführung
fels, ſeine Gebeine glühten wie rothes Eiſen. und dieſer wies ſeine blutende Naſe und ſeine geſchwol
»Wie heiß! Wie heiß!« war Alles, was er ſtöhnen lenen Augen vor. -

konnte. »Ihr müßt beide mit,« ſagte der Wächter.


»Ich bitte Sie, das iſt noch nichts. Wir haben uns »Mit Vergnügen,« ſagte Ephraim und ließ ſich froh
längere Zeit nicht geſehen. Wie gefallen Sie ſich in den auf die Wachtſtube führen.
Geſellſchaften?« »Ihr werdet uns beide zuſammenſperren,« ſagte er in
Ehe Ephraim antworten konnte, kam ein weibliches der Furcht vor der Einſamkeit.
Weſen um die Straßenecke, gerade auf ihn zu. Der Teufel »Kein Gedanke!«
verſchwand, ſobald die Frau ſprach. »Nun gut, laßt mich wenigſtens in Eurer Geſellſchaft
»Wie, mein Schatz, biſt Du es?« ſitzen,« flüſterte Ephraim ihm zu, und ließ ein Goldſtück
»Wie geht es?« fragte Ephraim mit ſtrahlendem An in die Hand des Nachtwächters gleiten.
geſichte und leichterem Herzen. »Hier iſt ein Stuhl,« ſagte der Nachtwächter und
Die Frau ſah wohl, daß ſie ſich geirrt, aber ſie ſetzte ſteckte ruhig das Geld ein.
das Geſpräch luſtig fort. »So, ſo, immer munter. Wie Ephraim ſetzte ſich nieder und obgleich ſeine Naſe zer
kommt's, daß Sie zu dieſer Zeit noch auf ſind?« ſchlagen, ſein Auge geſchwollen, obgleich er gefangen und
»Ich war in Betrachtungen – nämlich des Mondes der Verführung angeklagt war, ſtreckte er doch mit großem
und der Sterne.« Wohlbehagen ſeine Glieder am Kaminfeuer aus. Auf
»Die kümmern mich wenig; ich gehe meines Weges.« jeden Fall war er in Geſellſchaft; war dieſe auch noch ſo
»Wie, in ſolch' einer Nacht wolltet Ihr ſchon ſchlafen gering und gemein, der Teufel war doch betrogen.
(Der Beſchluß folgt.)
gehen, in einer ſo lieblichen Nacht?«
»Warum nicht ? Halten Sie mich für den Nachtwäch
ter ? Ich muß zu meinem Manne.« M o ſ a i k.
2. Wer iſt denn Euer Mann ?« In Köln wurden bei der Hinrichtung eines Mörders auf dem
»Mein Zacharias ſchifft auf eigene Rechnung.« Richtplatze drei Taſchenuhren geſtohlen. - - -
Das Echo enthält unter ſeinen Curioſiſſimis Folgendes: »Na des Mondes Daguerreotypebilder zu gewinnen. Die Umriſſe der
turſpiel. Die Frau eines Hafenträgers zu Livorno iſt mit einem ſelben ſind zwar ſchwächer als die in der bisherigen Weiſe hervor
Knaben entbunden worden, deſſen ganze rechte Seite rabenſchwarz gebrachten, zeichnen ſich aber vor ihnen durch das Magiſche der
iſt, während die andere die gewöhnliche weiße Farbe trägt. Der Beleuchtung aus.« – – ,
Vater ſoll über dieſes ſonderbare Söhnlein gewaltig den Kopf In Sorokſar hat das Weib eines Kleinhäuslers am 17. d. M.
geſchüttelt haben. - - -
drei Knaben geboren, welche alle kerngeſund waren, und in der
Mond da guerreotyp. Dem Profeſſor Cercolini zu Siena Taufe die Namen Caſpar, Melchior, Balthaſar erhielten. – –
iſt es nach vielfältigen Verſuchen gelungen, durch die Strahlen
----

Kunſt und Leben in Böhmen.


Ein Wort über die Schönheit der Diktion, ſich ſelten weiter und höher, als auf den regelmäßigen Bau eines
geſunden und lebensfräftigen Körpers. Daher kommt es, daß man
der Geſtalt und des ſogenannten Organs. nicht ſelten die ſonderbaren Urtheile vernimmt: »Herr E. oder
(Statt eines Theaterberichtes.) Dem. W. ſpielen zwar höchſt mittelmäßig, aber ſie ſind ſchön« und
Schon mehr als einmal habe ich mich über den lächerlichen »Herr E. oder Dem. M. ſind zwar nicht ſchön, aber ſie ſpielen
Unſinn jener Urtheile ausgeſprochen, welche etwa ſo lauten: »Die ausgezeichnet«. Schon aus dem Widerſpruche dieſer Urtheile geht
ſes oder jenes Stück iſt zwar ſchlecht, aber die Diktion iſt wun hervor, daß ſie beide unhaltbar ſind. Wenn jeder hübſche Jüng
der ſchon«. Solche Urtheile kann nur jener fällen, welcher die ling und jedes hübſche Mädchen nur darum, weil ſie hübſch ſind,
Bedeutung des Fremdwortes »Diktion« nicht erwogen hat. Ver zum Theater berufen wäre, dann hätten die Direktionen wenig
nünftiger Weiſe kann man unter Diktion nichts anderes verſtehen, ſtens für die erſten Vorſtellungen volle Kaſſen, wenig Auslagen
als die den Gedanken bezeichnende Geſtaltung der Rede; folglich und (was bei verwickelten Geſchäften auch nicht zu verachten iſt)
hat die Diktion nur den Werth oder Unwerth eines Kleides, wel wenig Kopfbrechen; aber ſelbſt die idealſten Geſtalten weiblicher
ches in Bezug auf den Körper, den es verhüllt oder ziert, doch Anmuth und männlicher Kraft, wie ſie uns das Alterthum in den
nur Beiwerk und Nebenſache iſt. Immer iſt die Diktion die bloße zwei allbekannten Statuen der mediceiſchen Venus und des belve
Form des in die Erſcheinung tretenden Gedankens, und wenn von der'ſchen Apollo überliefert hat, intereſſiren nur durch den Geiſt,
der Schönheit derſelben die Rede iſt, kann vernünftiger Weiſe der ſich in einem glücklich gewählten Momente des Seelenlebens
nichts anderes gedacht werden, als erſten s (und vorzugs offenbart; und was von den beiden Idealen gilt, hat auch auf
weiſe), daß ſie dem Gedanken angemeſſen ſey und zwei t e n s, jene Individuen Anwendung, welche ſich denſelben mehr oder
daß ſie außerdem durch grammatiſche Regelmäßigkeit, durch Wohl weniger nähern. Für das Wirken auf der Bühne reicht ein regel
klang und gefälliges Zeitmaß intereſſire. Es iſt nun Jedem, welcher mäßig gebauter Körper mit der ſeiner Altersſtufe angemeſſenen
mit der Literatur auch nur oberflächlich bekannt iſt, mehr als ein Kraft und Beweglichkeit vollkommen aus, wenn er nur mit einem
mal klar geworden, daß hinter den ſprachrichtigſten Wendungen Geiſte beſeelt iſt, der die ſchwierige Aufgabe der Kunſt richtig
der Rede ein dummer Gedanke, ein erzwungenes Gefühl oder erfaßt hat und mit beſonnenem Enthuſiasmus zu löſen verſteht,
(was immer das Aergſte iſt) ein bösartiger Wille verborgen ſeyn Ob der Schauſpieler eine kurze oder lange Naſe, einen kleinen oder
kann; dennoch halten ſelbſt Kritiker, welche verpflichtet ſind, die großen Mund hat, iſt in ſofern von geringer Bedeutung, wenn
ſchlechte Sache von der gefälligen Form zu ſcheiden, eine ſo ge Mund und Naſe das ganze Geſicht nicht verunſtalten. Man ſagt,
nannte ſchöne Diktion für den Entſchuldigungsgrund eines in Idee daß jeder Menſch ein Alltags- und ein Sonntagsgeſicht habe; dies
und Ausführung mißlungenen dramatiſchen Gedichtes. Sie um iſt wahr, denn im Zuſtande einer edlen Freude oder einer edlen.
armen ſtatt der Juno eine Wolke und heben das Kleid auf, welches Wehmuth, ſelbſt im Zuſtande eines gerechten Zornes verklärt und
ein Verkrüppelter vor der ſpaniſchen Wand einer Badeloge ab vergeiſtigt ſich das Antlitz des Menſchen und ich kann beiſetzen,
gelegt hat. Das erſte und weſentlichſte Merkmal der Schönheit auch ſeine Haltung und ſein Gang. Jene Schauſpieler und Schau
der Diktion iſt ihre den Gedanken bezeichnende Kraft und Ge ſpielerinen, welche dem Publikum weiter nichts zum Beſten geben
nauigkeit; alles Andere, nämlich Wortfügung, Wohlklang und wollen, als einen hübſch geformten Körper, ohne den im Gedichte
gefälliges Zeitmaaß iſt dieſer ſtrengen Angemeſſenheit untergeord angezeigten und geforderten geiſtigen Ausdruck, verfehlen ihr Ziel
net. In keiner Art von Poeſie erweiſt ſich dieſe Behauptung gänzlich und müſſen es ſich gefallen laſſen, daß, wenn Einer ſagt
deutlicher, als in der dramatiſchen; denn der Charakter und die »dieſe oder jene iſt ſchön«, der Andere mit einer ſatyriſchen Ver
Empfindungslage der redenden Perſonen erheiſcht manchmal eine neinung einfällt. Es handelt ſich in der Schauſpielkunſt nicht um
auffallende Verletzung jener Regeln und Grundſätze der Sprach die Ausſtellung des Körpers (denn ſolches wäre ſelbſt in dem ele
lehre, die wir in der zweiten und dritten Normalſchulklaſſe erlernt ganteſten Modecoſtume eine bedenkliche Koketterie), ſondern um
haben. Dennoch brüſten ſich mittelmäßige Theaterdichter mit die Ausſtellung des Geiſtes, welcher der Erſcheinung Sinn und
Stellen und Scenen, die ſich durch Sprachrichtigkeit, Wohlklang Leben gibt. Die Lobſprüche »Er oder Sie ſind hübſch« ſind ſelbſt
und rhythmiſche Genauigkeit auszeichnen und es fehlt ihnen nir dann von keinem bedeutenden Werthe, wenn man von den Flittern
gends an freundlichen Kritikern, welche in gleichem Unverſtande und wattirten Vorrichtungen des Coſtumes abſieht.
die Sprache über den Gedanken erheben. Da nun die Dichter Eben ſo ſinnlos als das Prunken mit der aufgeputzten Körper
den Schauſpieler zum Enthuſiasmus anregen und die Kritiker ihn geſtalt, iſt die Koketterie mit der Stimme, die man in Bezug
in ſeiner Begeiſterung leiten ſollen, ſo iſt es einem mittelmäßigen auf das recitirende Schauſpiel »Organ« zu nennen beliebt. Ich
Schauſpielertalente nicht zu verargen, wenn es, irre geführt durch finde in der ausgebildeten Stimme des Redenden nur drei Vor
poetiſche und kritiſche Sophiſtereien, gerade den Unſinn, das er züge, jenen des Wohlklanges, der ausreichenden Kraft und des
zwungene Gefühl und den ſchlecht beſchönigten böſen Willen zu gefälligen Zeitmaßes. Aber dieſe drei Vorzüge werden es erſt,
Paradepferden wählt, um durch allerhand Kapriolen die klatſch wenn ſie von Geiſt und Gemüth durchdrungen und in allen Graden
luſtigen Hände derjenigen in Bewegung zu ſetzen, die nur ſehen, der Steigerung beherrſcht ſind. Eine ſchöne Stimme an und für
hören und ſich zerſtreuen, nicht aber denken und empfinden wollen. ſich, gibt es in der Wirklichkeit nicht; nur der ſeelenvolle Gebrauch
Was ich über das rein Formelle der Diktion geſagt habe, gilt derſelben macht ſie ſchön, und es finden ſich in der ausübenden
auch von der Scenenanlage und von der Führung des Dialoges. Schauſpielkunſt Fälle, wo die Stimme nicht einmal angenehm
Beide ſind rein formell, können folglich eben ſo angemeſſen als klingen darf, auch nicht rhythmiſch und in ununterbrochenem Zuge.
unangemeſſen ſeyn und bei dem erbärmlichſten Inhalte und Ge Wie ſehr fehlen alſo Schauſpieler und Schauſpielerinen, welche
halte durch die bloße Form der Zweckmäßigkeit beſtechen, wie ſtatt zu reden, nach einer ſtehenden Weiſe ſingen und doch mit
etwa ein Kleid nach dem Modejournal, welches ſo geſchnitten dem Lobe zufrieden ſind, daß ſie ein wunderſchönes Organ haben.
und aufgeputzt iſt, daß man nur an die Kunſt des Schneiders - Prof. Ant. Müller.
oder der Modiſtin, nicht an die Taille denken kann.
Auch in Bezug auf die Geſtaltung des Körpers nimmt man
das Wort Schönheit oft in einem ſehr ſchwanken und unrichtigen Telegraph von Prag.
Sinne, beſonders wenn es auf die Form jugendlicher oder in das
ännliche Alter übergehender Individuen angewendet wird. Die beiden Unſer geſchätzte Landsmann, der allgeehrte Profeſſor und Gu
Äeſchlechter ſind in der Werthſchätzung der gegenſeitigen Schönheit bernialrath Herr Dr. J. V. Edler von Krombholz, wurde geſtern
ſehr eigennützig und nachſichtig, und ihre Anforderungen erſtrecken Abends von ſeiner Reiſe aus Italien zurückerwartet. A.
-T - =-,

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
- - - ein

Unterhaltungsblatt.

Ein Opfer der Geſelligkeit. Wir wollen dem armen Ephraim Rue nicht durch
ſeine ganze verzweifelte Lebensbahn folgen. Genug an
(Beſchluß).
dem ſicheren Ereigniſſe: er verließ Platterthorpe. Welche
Seit dem Tage, deſſen Abenteuer wir ſo eben erzähl unberechenbaren Anſtrengungen machte er, dem Teufel
ten, war Ephraim's Ruf in Platterthorpe verloren. Man auszuweichen! Er, der ſonſt ſo nüchtern war, wie ein
hielt ihn nicht länger für einen Mann von den feinſten büßender Bramine, oder ein Türke im Faſtenmonat Ra
Sitten, ſondern für einen raffinirten Scheinheiligen. Es madan, ſchwärmte ganze Nächte in Wirthshäuſern und
war augenſcheinlich, daß er jahrelang im Geheimen ge Kneipen umher, denn dort fand er Geſellſchaft. Gänzlich
ſündiget, und vor einem höchſt laſterhaften Geſichte die vergaß er der Frau, die er einſt ſo geliebt; um den Be
allertugendhafteſte Maske getragen hatte. Dennoch hatte ſuchen ſeines Verfolgers zu entgehen, beſuchte er die
er ein für allemal in der Geſellſchaft Fuß gefaßt, und ob zweideutigſte, oder vielmehr die unzweideutigſte Geſell
gleich viele von ſeinen Bekannten unter vier Augen geſtan ſchaft. Seit er ſich von ſeiner Frau getrennt hatte, wurde
den, ſo etwas hätten ſie nicht von ihm erwartet, ſie ſeyen Ephraim – wozu er früher nicht die mindeſte Anlage
überaus betroffen von dieſer Unſittlichkeit des Herrn Rue: hatte – ein unzähmbarer Trunkenbold, am unrechten
ſo war doch keine Thür vor ihm verſchloſſen und jede ſeiner Orte ein Knicker, blödſinnig von ſeinen maßloſen Aus
Verbeugungen auf der Straße wurde tief erwiedert. Das ſchweifungen, und, was ſchlimmer als Alles Andere war,
ganze ſchöne Geſchlecht zollte der Mrs. Rue ſein tiefſtes ein leidenſchaftlicher Spieler. - -

Mitleiden, und doch ließen ſie alle mit rührender Höflichkeit»O dürfte ich es nur ein einziges Mal wagen, allein
dem Verbrecher jede mögliche Aufmerkſamkeit zukommen. zu ſeyn!« ſeufzte Ephraim, wenn er Abends eine tolle
Mrs. Rue ſelbſt war nicht ſo hochherzig. Nach dem öffent Geſellſchaft verließ und um nicht allein zu ſeyn, eilte er,
lichen Auftritte mit dem Schmugglerweibe, welcher der eine noch tollere aufzuſuchen. Schon war Ephraim ſo
ganzen Stadt bekannt war, drang ſie auf eine Scheidung. weit gekommen, daß er ſich nicht entblödete, entweder
In allen ähnlichen Geſchichten häuslicher Zwietracht um ſeine maßloſen Angewöhnungen zu befriedigen, oder um
kann kein Mann ſich niedergeſchlagener und zerknirſchter nicht aus einer nächtlichen Geſellſchaft ſcheiden zu müſſen,
zeigen, als Ephraim Rue, konnte keiner mit gewal auf den Straßen von London Arm in Arm mit Taſchen
tigerer Beredſamkeit die zurückgeſchenkte Gunſt ſeiner dieben zu gehen, mit Straßenräubern Flaſchenhälſe zu
Frau erflehen, als er. Mrs. Rue war jedoch unerbitt brechen. Jede Woche wurde Ephraim verzweifelter, denn
lich; ſie kehrte zu ihrer Verwandtſchaft zurück und zur das Elend ſeiner Einſamkeit zwang ihn, ſich zu den niedrig
größten Zufriedenheit des Teufels war Ephraim ſo gut, ſten, verworfenſten Menſchen zu geſellen. Wie oft ſeufzte
als ein Wittwer. er nun nach der Zeit, wo Seneca ihm ein treuer Freund,
Drei Nächte ſpukte der böſe Feind bei Ephraim Rue; Epictet ein nie fehlender Geſellſchafter war ! Gegen die
durch drei ganze Nächte ſaß der Teufel neben ſeinem eitle Luſt nach der großen Geſellſchaft hatte er ſie auf
Bette, und bei jedem dieſer hölliſchen Beſuche wurden gegeben und nun mußte er ſeine Genoſſen in Laſter und
Ephraim's Schmerzen unerträglicher. Hätte er länger Schwelgerei ſuchen. Oft und immer wieder hatte die
allein bleiben müſſen, er wäre geſtorben. Lieber wollte Juſtiz ihn als Geſpann von Schlemmern und Verbrechern
er noch einmal heiraten, wollte Bigamie begehen und nach vor ſich gefordert; oft und immer wieder hatte er, als Genoſſe
altengliſchen Geſetzen den Strang wagen. So gefährlich der ſchlimmſten Männer, für den Schaden, den ihr Uiber
dieſer Entſchluß auch war: es ſchien ihm immer noch muth oder ihre Böswilligkeit angerichtet, bezahlen müſſen.
beſſer, in Geſellſchaft gehenkt zu werden, als ſich allein Jahre waren vergangen; in welche Geſellſchaft Ephraim
mit dem Teufel zu unterhalten. - auch kam, er wurde gern geſehen, ja auf den Händen
getragen; leider war aber dieſe Geſellſchaft immer die »Ich weiß, was Ihr zu thun habt, meine Burſche!«
ſchlechteſte. Nur eine Hoffnung blieb ihm noch, den Pakt rief er nach dieſem Entſchluße. »Ich bitte Euch inſtändigſt,
mit dem Teufel zu umgehen: wenn er nach Platterthorpe laßt mich daran theilnehmen.« - . -
zurückkehrte. »Haſt Du ein feſtes Herz und einen ſtarken Arm ?«
Niemand kannte ihn hier mehr. Sein Geſicht war fragte einer von den Geſellen.
eingeſunken, ſein Blick war hohl, ſelbſt den Ton ſeiner »Feſt, wie die Eiche, ſtark wie Eiſen!« rief Ephraim
Stimme hatte er in verworfenen Geſellſchaften eingebüßt. mit feſtem Tone; aber ihn ſchüttelte ein geheimes
Sein ganzes Streben war immer nur geweſen, nicht Fieber.
allein zu ſeyn, und ſo war ſein Gemüth, wie durch An »Nun gut, Du kannſt in unſre Gemeinſchaft eintreten.
ſteckung, auf die niedrigſte Stufe geſunken. So verwor Aber bedenke: wenn Du die mindeſte Furcht zeigſt, oder
fen er aber auch ſeyn mochte, ſo entartet auch zu den Dich irgendwie zweideutig benimmſt: ſo ſoll dies –«
meiſten Zeiten ſeine Genoſſen waren: immer waren ſie und plötzlich zog der Redner eine Piſtole aus ſeinem
noch dem Dämon vorzuziehen, der ihn in einſamen Stunden Wams hervor und hielt ſie Ephraim unter die Naſe –
bis zur äußerſten Verzweiflung brachte. »ſo ſoll dies Dein Lohn ſeyn.« - .

Den Teufel dicht an ſeinen Ferſen, trat Ephraim in »Wilddiebe ſind ſie nicht, ſondern Räuber,« dacht
eine ſchlechte Kneipe unter den äußerſten Häuſern von Ephraim, und eine Weile war es ſein feſter Entſchluß,
Platterthorpe. Seine Freude war groß, als er hier drei die drei zu verlaſſen. Er blickte die Straße hinab; ſie
Männer fand, obgleich ihre Blicke ihm verkündeten, er war ganz mit Hecken eingefaßt, und hinter jeder Hecke
ſey ein ganz unwillkommener Beſucher. In ſeinen Bemü konnte Beelzebub heraustreten. Nein, lieber wollte er
hungen, der Einſamkeit zu entgehen, war er aber zu den Galgen wagen, als einen ſo unerträglichen Beſuch
vielen finſtern Mienen, zu vielem barſchen Weſen begeg von Beelzebub empfangen.
net, als daß er hier hätte zurückgeſchreckt werden ſollen. Ephraim folgte ſeinen neuen Genoſſen. Man ging
»Heute iſt's ein ſchwüler Abend draußen, meine mit ſchnellen aber leiſen Schritten eine halbe Stunde
Herren,« führte Ephraim bei den Unbekannten ſich ein. feldeinwärts und hielt dann inne. Ein einſames Haus
»Sind Sie vielleicht auch auf der Reiſe?«
ſtand am Wege. Ephraim hatte wirklich Urſache, ſich zU
ſeiner Menſchenkenntniß Glück zu wünſchen: ſeine neuen
»Und wenn wir's wären ?« fragte einer von der Ge Freunde waren nichts mehr und nichts weniger, als –
ſellſchaft ſehr unwirſch; »ſind wir unſerer nicht genug, Räuber. -

um ſelbſt auf uns Acht zu haben?« »Bleibe hier draußen vor der Mauer ſtehen und be
Bei dieſen Worten ſtanden die drei Männer auf, und wache den Weg!« rief einer von den Strauchdieben unſrem
waren im Begriffe, das Haus zu verlaſſen. Ephraim zu. -- -

»Ich bin ganz fremd hier in der Gegend,« rief Ephraim, »Nicht allein – nur nicht allein!« rief dieſer ängſtlich.
»und ſo weit ein Krug Bier reicht, möchte ich gern Eure »Ich bitte, laßt mich mit Euch gehen.«
Bekanntſchaft machen.« »Nun ſo komm denn!« rief der Rädelsführer ihm zu
Dies Anerbieten war lockend genug. Die Kerle grin und klomm die Hofmauer hinan.
ſten, kehrten zurück und in ein Paar Augenblicken war
der Krug Ale geleert. Sie überſchritten die Schwelle
Ephraim folgte dicht hinter ihm, ſprang auf der an
deren Seite hinunter und näherte ſich ſchon der Hausthür.
und dicht hinter ihnen folgte Ephraim. Er begleitete Hier fingen die Diebe augenblicklich ihre Kunſtgriffe mit
ſeine neuen Freunde, obgleich ſie auf der Heerſtraße Brecheiſen und Sperrhaken an, -

vielleicht anderthalb Stunden von ſeinem Geburtsorte weg


»Wer da? Antwort, oder ich gebe Feuer!« rief von
gingen. innen eine Stimme, die Ephraim ſchon gehört zu haben
Plötzlich hielten ſie inne. ſich dunkel erinnerte. - --
»Guten Abend,« ſagte der eine der Männer. »Unſer
Alles war ſtill, der Hahn knackte und Ephraim Rue
Weg liegt dort hinaus!« und er deutete mit dem Finger
fiel lautlos zu Boden. - - --
auf einen ſchmalen Landweg.
»Gerade dorthin auch der meine!« rief Ephraim, und Mr. Davis, der vordem ſchon einen ſo unangenehm en
je dichter die Nacht ſich zuſammen zog, deſto heftiger Eindruck auf Ephraim's Naſe gemacht, hatte jetzt ſeiner
Bruſt noch weit übler mitgeſpielt. Er bewohnte das ein
zitterte er.
»Ihr könnt nicht mit uns gehen, ſage ich Euch,« rief ſame Haus und war zum Unglück ein nie fehlender
der Eine wild; »wir haben ein kleines Geſchäft zu thun.« Schütze. - -

»Ohne Zweifel ſind ſie Wilddiebe,« dachte Ephraim Rue lag alſo auf der Erde und ſeine treuloſen Ge
und entſchloß ſich, in dieſem Falle lieber alle wahrſchein noſſen ſuchten ihr Heil in ihren Füßen. Bald war Alles
lichen und unwahrſcheinlichen Gefahren mit ihnen zu ſtill und nur die dunkle Geſtalt lag auf dem Raſen.
theilen, als die Gegenwart des böſen Feindes zu er »Was meinen Sie nun zu dem Balle?« fragte der
dulden. Teufel, der plötzlich in ſeinem dunkelbraunen Sammet
kleide und ſeinen weißſeidenen Hoſen erſchien, das Opfer 280 größeren und kleineren Werken, wie für jedes einzelne Werk,
- * einen im Verhältniß zu dem hohen Kunſtwerth eines Mozart'ſchen
der Geſelligkeit. Manuſkriptes ſehr mäßigen Preis feſtgeſetzt. Das Verzeichniß
Ephraim Rue antwortete ihm nicht – die Kugel war dieſer Sammlung macht auf Werke aufmerkſam, von deren Eri
mitten durch ſeine Bruſt gegangen und hatte ihn auf der ſtenz man bisher keine Ahnung hatte. Man findet darin: Kirchen
Stelle getödtet. Welches elende Loos, welches unrühm muſik, Oratorien und Meſſen Mc.; Opern, worunter Apollo und
Hyacinthus, Bastien und Bastienne, Ascanio in Alba, il sogno
liche Ende hätte Ephraim ſich erſparen können, wäre er di Scipione, Lucio Silla, il re pastore, losposo deluso, und
nur mit »ſeiner eigenen Geſellſchaft« zufrieden geweſen! – l'oco di Cairo, beide unvollendet, aber noch nicht in Druck erſchie
=--
--- - - - -- - -
- -
nen oder veröffentlicht; Theatermuſik, worunter ein vollſtändiges
". . . . . . .“ - -
Ballet zu Idomeneo; Chöre und Entr'actes zu dem Schauſpiele
2, - M o ſ a i k.
Thamos (von dem Freiherrn von Geber); Concert-Arien mit
Wieder eine Wlaſta, und zwar diesmal als dreiaktiges hiſto Orcheſterbegleitung; eine Menge Symphonien und Ouverturen
riſches Drama mit Muſik und Chören. Der Dichter iſt Friedrich für das Orcheſter; Divertimenti, Serenaden und Märſche für
Hall. Dies Drama wurde vor Kurzem auf dem Sommertheater Streich- und Blasinſtrumente; Compoſitionen für Harmonie, für
im Schreibwalde bei Brünn aufgeführt. Der Erfolg ſcheint aber Violin, Clavier, Orgel, Flöte, Oboe, Horn, Harfe, Harmonika
trotz des darin vorkommenden großen Waffentanzes, der von 12 und ſogar Tanzmuſik. – –
Damen ausgeführt wurde, und trotz eines großen Schlachttableaus Staudigl hat während ſeines Aufenthaltes in London jede
nicht der günſtigſte geweſen zu ſeyn. – – Woche zwei prachtvolle, ſinnig gebundene Blumenſträuße zugeſandt
Die Heine'ſche Ohrfeigengeſchichte wird immer verwickelter. erhalten. Bis jetzt iſt es ihm trotz aller Nachforſchungen noch
In Bezug auf Heine's Erklärung in Zeitungen, daß er niemals nicht gelungen, die aufmerkſamen Blumenſpenderinen fennen zu
thätlich inſultirt worden, erklären drei Deutſche von Paris aus in lernen. Daß ſie keine gewöhnlichen Blumenhändlerinen ſind, zeigen
der Mainzer Zeitung mit ihrer Namensunterſchrift und auf ihr jedesmal die einfachen aber ſchönen Goldringe, von welchen noch
Ehrenwort, daß Herr Heine beſagte Ohrfeige allerdings richtig jedes Bouquet umſchlungen war. In jedem dieſer Ringe ſind die
empfangen habe. - - Worte eingegraben: »Dem Sänger Staudigl – eine muſikaliſche
Ole Bull, welcher Kopenhagen vor Kurzem verlaſſen, hat auf Seele in Liebe und Verehrung.« – Wenn Staudigl noch oft nach
ſeiner Reiſe in Norwegen das Unglück gehabt, daß ſein Wagen London geht, kann er nach Ablauf ſeines Sängerwirkens einen
einen Abhang hinunterſtürzte, und in Stücke ging, doch kamen er, Juwelierladen in Wien etabliren. – –
ſeine Frau und ſein Kind glücklich davon. – – Unter den Zöglingen des Privat- Blinden-Inſtitutes in Brünn
zeichnet ſich der 15jährige Paul Chybior, von Schwarzwaſſer im
Däniſche Blätter haben ein originelles Mittel erfunden, ſich Teſchner Kreiſe, durch eine ungewöhnliche Schärfe des Gedächt
zu Abonnenten zu verhelfen. Sie geben ihren Abonnenten Feſte, niſſes aus. Er faßt Zahlen mit beſonderer Schärfe auf und be
Beluſtigungen, und dies Mittel hat ſich probat erwieſen. Eine Zeit hält ſie ſehr feſt und durch lange Zeit. Man las ihm nur einmal
ſchrift gab ein Concert, und gewann dadurch 200 neue Abonnenten, die Zahlen vor
eine andre, der Figaro, gewann durch ſein Vaurhall 300. Im - 57,384,269,325
nächſten Quartal ſoll dieſes Blatt beabſichtigen, eine Maskerade - 23,161,225,124
auf dem Hoftheater zu geben. – – welche er zu addiren hatte; er ſprach dieſelben nach und addirte
Im Oktober wird in Paris ein zweites Theatre français ganz nach der genwöhnlichen Weiſe und wie wenn er die Zahlen
eröffnet werden, und zwar im Odeon. Drama, Tragödie und vor ſich geſchrieben ſähe; von der Summe der beiden Poſten
Luſtſpiel bilden das Repertoire. – – – - --
* - 80,545,494,449 hatte er - -
Kurze Zeit nach Mozart's Tode hatte. Hofrath André von 28,536,912,044 - -

Offenbach von Mozart's Wittwe alle hinterlaſſenen Originalhand abzuziehen, und ſagte, nachdem er auf dieſelbe Weiſe verfahren,
ſchriften desſelben an ſich gekauft und iſt bis jetzt, alſo über 40 den Reſt ganz richtig. Der Vorſteher des Inſtituts verſichert,
Jahre, in ihrem Beſitze geblieben. Erſt in Folge vielſeitig geäußer daß der Knabe noch nach einem halben Jahre im Stande ſey, die
ter Wünſche entſchloß er ſich vor Kurzem, dieſe zum Gemeingute fünf Zahlenreihen mit derſelben Genauigkeit, wie jetzt herzuſagen.
des Publikums zu machen, und hat für die ganze Sammlung von (Moravia). – – “-
- - -

- - *
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'-
, Kunſt und Leb en in Böhmen.
Anfrage. . . Buchſtabens noch einen anderen Weg der Oeffentlichkeit eingeſchla
gen. Wir haben alljährige Verſammlungen der Naturforſcher und
Wir leſen in den öffentlichen Blättern von Muſikfeſten, die in Aerzte, der Philologen und der Oekonomen, wir haben Ausſtellun
den Landſtädten unſeres Vaterlandes unternommen werden, um den gen von Kunſt- und Induſtrieprodukten; warum ſollte nur in
Kennern und Freunden der Tonkunſt einen ſeltenen geiſtigen Genuß Böhmen keine Geſellſchaft möglich ſeyn, welche uns an einem be
zu bieten. Auf dem Lande ſind die Kräfte und Mittel zu muſika ſtimmten Tage des Jahres durch das neue Schauſpiel einer Ver
liſchen Feſten auf weite Räume zerſtreut und eben darum in ihrer ſammlung der muſikaliſchen Talente und Muſikfreunde unſeres
Einzelheit unwirkſam. Wo ſich aber viele verſtändige Menſchen gebildeten Vaterlandes erfreuen könnte und gewiß erfreuen würde?
ohne Eigennutz und Eiferſucht zu einem, löblichen Zwecke Die Kräfte ſind da, und an der Empfänglichkeit für großartige
vereinigen, da muß das Gute gelingen, gleichviel ob es die mate Eindrücke fehlt es uns auch nicht.
riellen oder die geiſtigen Intereſſen unſeres Geſchlechtes betrifft; und . . Prof. Ant. Müller.
ſo hat es denn auch auf dem flachen Lande Muſikfeſte gegeben,
die ihrem Zwecke auch mit geringen Mitteln entſprochen haben.
Sollte denn in Böhmens Hauptſtadt, in dem muſikliebenden und Correſpondenz aus Böhmen.
muſikkundigen Prag kein Muſikfeſt zu Stande kommen, welches ſich Karlsbad, 30. Juli.
an Großartigkeit der Mittel und des Effektes mit jenen meſſen
könnte, die in weniger bevölkerten Städten Deutſchlands zur Der Juli war in Betreff des Wetters und der Temperatur
Freude der Ein- und Anwohner abgehalten werden? – Unſere dieſes Jahr nicht, wie er es doch ſeyn ſollte, der heißeſte Monat.
Kultur hat außer dem Mittel des geſchriebenen oder gedruckten Wir hatten plötzliche und große atmoſphäriſche Veränderungen
und die zahlreiche Badegeſellſchaft, die ſich morgens um die 1) C-moll-Symphonie (Nro. 5) von Beethovenſ
Brunnen verſammelt, zeigte ſich am häufigſten in Frühlings 2) Recitativ und Arie aus Mozart's »Titus«.
und Herbſtkleidern, ſelten nur in der leichten Sommertracht. – 3) Große Phantaſie über Themen aus Mozart's »Don Juan«
Die Fremdenliſte bietet, wie immer, die größte Verſchieden für das Pianoforte von Sig. Thalberg.
heit der Stände und Nationen, aber wenige bedeutende Größen. 4)
5) Ouverture
Adelaide« zu
von»Hiltrude«
Beethoven.von Lindpaintner. b - -
Das wichtigſte Ereigniß der Saiſon war der kurze Aufenthalt,
mit welchem Se. k. Hoheit Erzherzog Stephan Karlsbad beehrt 6) Variationen für die Violine von Beriot. ... 5.
hat. Der erlauchte Gaſt iſt am 25. Juni um 7 Uhr Abends hier 7) »die nächtliche Heerſchau« von E. Titl. *) . . . .
eingetroffen und am 30. um 9 Uhr früh wieder abgereiſt. Seine
k. Hoheit erſchien jeden Morgen bei dem Brunnen, empfing aus ... Die Zahl der mitwirkenden Muſiker beläuft ſich auf unge
gezeichnete Perſonen aus dem Inlande und Auslande, die ſich fähr zweihundertdreißig Perſonen, wozu außer allen näheren böhmi
vorſtellen ließen, und beſuchte alle ſeiner Aufmerkſamkeit würdi ſchen Orten auch Görlitz und beſonders Zittau beitragen. Die
gen Gegenſtände im Orte ſelbſt, wie in der Umgebung. Darunter nöthigen Ä und Proben bringen eine gar erfreuliche
Rührigkeit unter unſere Muſiker und es gewährt mir immer ein
waren Sedlitz und Dalwitz, der Dreikreuzberg, die Orientirungs
höhe, die Kirche, die Schule, das Stadthaus, das Spital für inniges Vergnügen, wenn ich dieſe wackeren Leute nach vollbrach
dürftige Fremde, der Sprudelſaal mit ſeiner Mineralienſamm tem, oft recht mühſamem, Tagewerke mit ihren Inſtrumenten froh
lung, der Poſthof, der Freundſchaftsſaal, die Porzellanfabrik in und heiter dem Probeſaale zueilen ſehe. Und dort währt es gar
Hammer, Engelhaus . Schmitzſtein und Rodisfort, Neudek und nicht... lange, ſo hat ſie Beethoven oder Mendelsſohn begeiſtert,
Hirſchenſtand. Die Schützen brachten ihm einen Fackelzug auf der daß ihnen das Auge leuchtet und die Wange glüht – dazu dann
Wieſe und auf den Hügeln leuchtete bengaliſches Feuer. Der der tüchtige Direktor, wie er entſchieden und kräftig die Ton
Prinz wohnte »zur ſchönen Königin«, welches Haus zu Ehren maſſen leitet und in treffenden Bemerkungen die Tonſtücke hie und
ſeiner Urgroßmutter, der großen Maria Thereſia, ſo benannt iſt. da interpretirt, gibt das nicht ein recht ſchönes Bild? Und ſo iſt
Dies Haus, eines der vorzüglichſten in Karlsbad, wurde durch das Bemühen wirklich ein redliches und thatkräftiges – darum
einen gewiſſen Kraut erbaut, der in Paris das Schneiderhand möge es auch ein fröhliches Gelingen krönen.
werk gelernt hatte, ſpäter nach Wien kam und bei dem Hofſchnei In Bezug auf die Aufforderung in Nro. 87 d. B. theile ich
der in Arbeit trat. Kraut war ausgezeichnet im Verfertigen von Ihnen über den heißen 18. Juli ganz verläßliche Beobachtungen mit.
Ä und hatte die Ehre, für Maria Thereſia zu arbei Im hieſigen Hauſe Nro. C. 206 – 2, wo ſchon ſeit 10 Jahren
ten. Die Kaiſerin war mit ihm ſo zufrieden, daß ſie ihm ſpä mit tüchtigen Inſtrumenten ununterbrochen beobachtet wird, zeigte
ter die Einnehmerſtelle in Karlsbad verlieh, wo er ein Grund das Thermometer am 18. Juli im ſtärkſten Schatten der NNW-Seite
ſtück auf der Wieſe ankaufte, ein Haus baute, und aus Dank des Hauſes um 3 Uhr Nachmittag die höchſte Temperatur von
barkeit gegen ſeine erhabene Wohlthäterin die Büſte einer ſchönen 28,5° Réaumur bei einem auf 0 Temperatur reducirten Barome
Königin meißeln und vergolden ließ, wie man ſie noch heutigen terſtande von 26“, 9,68“ und ziemlich ſtarkem SSO - Winde.
Tages an jenem Hauſe ſieht. Die Büſte trägt das Datum 1748; Gegen Abend (6 Uhr) ſtarker Sturm aus Nordweſt, die Tempe
zu dieſer Zeit war Maria Thereſia (1717 geboren) 31 Jahre alt ratur fiel auf 16,2° R. Dieſelbe Höhe erreichte das Thermometer
und verdiente vollkommen jenen Beinamen. Einheimiſche und bei uns im Jahre 1834 zur Zeit des großen Höhenrauchs den 13.
Fremde waren gleich entzückt von der Liebenswürdigkeit und Juli Abends 6 Uhr bei einem reducirten Barometerſtande von
Freundlichkeit des Erzherzogs, und bedauerten allgemein die Kürze W“ 0,11“ Südwind und am 30. Juli, desfelben Jahres, 3 uhr
ſeines Aufenthaltes, - - -
Nachmittag, 28.3° R. bei reducirtem Barometer von 27 - 0,16 -
. Außer den ſchon genannten ruſſiſchen Diplomaten ſieht man Südwind, ſo daß alſo bei uns am 18. d. M. nur ſeit 7 Jahren die
hier Madame Maria Antonowna Naruſchkin, kaiſerlich ruſſiſche größte Wärme herrſchte. T.U.
Oberjägermeiſterswittwe, die Hrn. Leon Naruſchkin und Okuneff,
ruſſiſche Generalmajore, Seine Ercellenz Grafen Aleris de St.
Prieſt, außerordentlichen Geſandten und bevollmächtigten Mini
ſter des Königs der Franzoſen am däniſchen Hofe. In einem Literäriſche Notiz.
früheren Sommer zählte Karlsbad ſechs Capitaine von der könig
ich engliſchen Marine; in dieſem Augenblicke nennt die Liſte Der Führer durch Prag; von Franz Klutſchak, zweite ver
ſechs britiſche Geiſtliche, fünf von der engliſchen und einen von mehrte Auflage. Prag, Druck, Papier und Verlag von
der ſchottiſchen Kirche. Die Geſammtzahl der engliſchen Kurgäſte, Gottlieb Haaſe Söhne. 1841.
Ladies und Gentlemen, iſt bereits 101; aber das Stattfinden
der Parlamentswahlen vor Kurzem hat viele engliſche Pilger von „Die erſte Auflage dieſes Werkes erſchien im Jahre 1838 und
den »Spas« Deutſchlands und Böhmens zurückgehalten. Zum ſeither, in kurzer Zeit, wurde die ſtarke Auflage vergriffen. Dieſer
erſten Ä ſieht man unter den hier anweſenden Porträtmalern günſtige Erfolg beſtättigt am beſten, was wir damals (Jahrgang
einen Künſtler, der mit dem Daguerreotyp arbeitet, Herrn Mar 1838, Nr. 83) über die zweckmäßige Abfaſſung des Werkes ſagten.
in aus Wien. Dieſe Methode erfordert nur einige Sekunden Die ſo eben erſchienene zweite Auflage hat ganz denſelben Plan
Sizen; ſie erzeugt freilich die vollkommenſte Aehnlichkeit, aber beibehalten, iſt aber in den einzelnen Abtheilungen durchaus er
das Geſicht bekommt etwas Lebloſes und Düſteres, woran die weitert und vervollſtändigt. Statt der früheren kurzen Einleitung
Schwierigkeit. Schuld iſt, in das Licht zu ſchauen, ohne mit den findet man in der neuen Auflage eine Reihe zweckmäßiger über
Augen zu blinzeln. Deſſenungeachtet fehlt es Herrn Martin ſichtlicher Aufſätze, unter welchen wir insbeſondere den geſchichtli
nicht an Arbeit. Die Herren Felir Lipinſki, Breiting und Sivori chen Uiberblick und die Darſtellung der hieſigen Kunſtzuſtände als
haben, nach einander Concerte gegeben, in welchen der Beifall groß, werthvoll bezeichnen müſſen. Das »alphabetiſche Verzeichniß der
er leider das Publikum klein war. Die größte wiſſenſchaftliche Sehenswürdigkeiten« iſt theils durch neue, ſeither in's Daſeyn
Berühmtheit der Saiſon iſt der große Philoſoph von Schelling, getretene Gegenſtände vermehrt, theiis ſind die Angaben über die
Präſident der k. bairiſchen Akademie der Wiſſenſchaften, der nach ſchon in der erſten Auflage enthaltenen ergänzt und bis auf die
ºr Karlsbader Kur nach München zurückkehrt, und dann nach neueſte Zeit herabgeführt. Dasſelbe gilt von dem Verzeichniſ der
Berlin reiſt, um ſich ein Jahr dort aufzuhalten." ** Orte in der Umgebung. Ein neuer vortrefflicher Plan iſt bei
- - ... gelegt, der ebenfalls # g auf dem Standpunkte der Gegenwart
-
--
darſtellt. Eine Zierde des hübſch aufgelegten Buches ſind die bei
- Reichenberg, 30. Juli. gegebenen zwölf meiſterhaften Stahlſtiche der ſchönſten Anſichten
Das Programm unſeres am 22. und 23. Auguſt ſtattfindenden von Stadttheilen oder merkwürdigen Gebäuden in Prag. Hat
Muſikfeſtes iſt auf folgende Weiſe zuſammengeſtellt. ſchon die erſte Auflage ihre Brauchbarkeit ſo tüchtig bewährt, ſo
.. Den 22. Auguſt (Sonntag) um 8 Uhr in der Kirche zum wird die zweite einen noch günſtigeren Erfolg haben, denn für
e Kreuz Meſſe von Hummel (Nro. 3) – Offertorium von den Fremden iſt ſie – möchte man ſagen – unentbehrlich und der
Joſ. Prokſch. – Nachmittag um 3 Uhr im Theater: Paulus. Einheimiſche findet in kleinem Raume eine Fülle ſorgſam gewählter
und verläßlicher Notizen. T.
Äm 23. Auguſt (Montag) iſt der Vormittag bei günſtiger
Witterung ſº einen geſellſchaftlichen Ausfluge in unſere ſchöne
Umgegend, bei ungünſtiger Witterung aber zu einer Quartett
Ähaltung beſtimmt. Nachmittag um 4 uhr im Theater muſ *) Wir waren, bereits im Beſitze des Programms, theilten es aber nicht
kaliſche Akademie mit folgendem Programm: mit, weil wir glauben, daß es noch Abänderungen erleiden dürfte.
- Die Red.

º,
Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.
Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran,
Bo he m i a, ein

Unterhaltung öblatt.
Den 6. Auguſt N“ P4. 1S4 ..
" ..
-- Tºtº Wº

F r a u e n t r eu e. Arthur preßte beide Hände an ſeine Bruſt und rief


mit einer Begeiſterung, die überall beſſer angebracht ge
weſen wäre, als hier: »Wenn Ihnen meine Treue genügt,
Ein junges Paar ging langſam durch die Obſtallee meine unverbrüchliche, ewige Treue –«
dem Schloſſe zu. Sie waren beide ſchön, aber von wie Fanny ſah ihn ſpöttiſch an und deutete mit dem
verſchiedener Schönheit! Des jungen Mannes Auge war Sonnenſchirme nach einer Pflanze, die am Wege wuchs.
geſenkt und von faſt mädchenhafter Schüchternheit; er »Kennen Sie dies Gewächs?« fragte ſie ihn trocken.
redete leiſe und bedächtig, eine gewiſſe Befangenheit
ſprach aus ſeiner Haltung, aus dem leichten Vorwärts Arthur ſtotterte verlegen und kaum hörbar: »Ich habe
beugen des Kopfes; ſeine Gefährtin dagegen ließ ihre in der That keinen Begriff von der Pflanzenkunde.«
blitzenden Augen frei in der Welt umherfliegen, auf ihrem »Nun ſo ſehen Sie ſich dies unſcheinbare, ſperrige,
jugendfriſchen blühenden Geſichte lag eine Art lächelnden ſtachlichte Kraut an. Es führt den bezeichnendſten Namen,
Trotzes, ſie trug das Köpfchen mit den muthig wallenden den es haben kann; es heißt: Mann streue.«
Locken ziemlich ſtolz erhoben. Arthur ſchwieg ſtill, denn er wußte nicht, ſollte dieſe
»Ich verdanke meinem Onkel das höchſte Glück!« ſagte Bemerkung ein Witz ſeyn, oder eine Beleidigung.
Arthur halb ſeufzend und machte mit der rechten Hand eine »Um mit ein Paar Worten unſere Angelegenheit zu
längſt altmodiſche Bewegung nach der Gegend des Herzens. Ende zu bringen,« fuhr Fanny mit verletzender Kälte
Die ſchöne Fanny mußte lachen. »Ich werde mich fort, »darf ich einen Beweis Ihrer Neigung verlangen?«
bei meinem liebevollen Vater zu bedanken wiſſen. Und »Fordern Sie! Fordern Sie Alles!«
auf welche Art wurde dies Glück denn veranſtaltet?« »Ich ſehe, daß Sie in der Botanik weit zurück ſind.
»Meine liebenswürdige Couſine, die Sache ging fol Studiren Sie dieſe ſchöne Wiſſenſchaft und wenn Sie
gender Maßen zu. Als ich die letzte Prüfung gemacht ihrer mächtig ſind, beehren Sie mich wieder mit Ihrem
hatte und ganz flügge für das Leben geworden war, kam Beſuche. Nach der Länge oder Kürze der Zeit, die Sie
mein Oheim, wie Sie wiſſen, in die Stadt. Er ſah meine dazu brauchen, werde ich den Grad Ihrer Freundſchaft
Papiere durch, und ſchien durchaus damit zufrieden. »Ich bemeſſen.«
habe Dich nur ſtudiren laſſen – ſagte er – um Deinem Das war deutlich genug geſagt und Arthur hatte es
Geiſte Grund und Haltung zu geben; übrigens überlaſſe ich vollkommen verſtanden. Man kam verſtimmt im Schloſſe
Dir ganz die Wahl Deines künftigen Berufes. Aber Du an und am nächſten Morgen reiſte Arthur trotz aller
mußt heiraten. Du biſt jung und reich: man wird Dich Fragen und Vermuthungen ſeines Oheims ab.
nirgends abweiſen. Komme zum Beiſpiel einmal zu mir Welchen Erfolg Arthur's botaniſche Studien hatten,
heraus und ſieh Dir meine Tochter an. Sie iſt ſchön wiſſen wir für's Erſte nicht anzugeben; indeſſen ſchien
und vielleicht erſcheint ſie Dir liebenswürdiger wie mir –« ihn dieſer Zweig des Wiſſens unbeſchreibliche Mühe zu
Arthur hatte dies im Eifer der Erzählung mit ſo koſten, denn es vergingen fünf Jahre und er hatte ſich
treuherziger Naivetät erzählt, daß Fanny ihn mit lautem noch immer nicht auf dem Schloſſe ſehen laſſen, wo ihm
Lachen unterbrach. ein ſchöner Mund die neue Beſchäftigung befohlen hatte.
»Laſſen Sie die väterlichen Beiwörter,« rief ſie. »Die Nur aus Menſchenfreundlichkeit ſprechen, wir dieſe Ver
Sache iſt wie ein Geſchäft angefangen, als ein ſolches muthung aus, weil wir durchaus nicht zu glauben ver
wollen wir ſie beenden. Ich habe Sie nur einige Male mögen (der Leſer verzeihe uns das Göthe'ſche »Wir«),
geſehen, als Sie noch ein Knabe waren; ich kenne Sie daß eine glühende Neigung durch ein Paar ſchnöde Worte
nicht: was darf ich mir von Ihnen verſprechen?« zu Eis erſtarren könne.
Fünf Jahre alſo waren, wie geſagt, vergangen, als »Ich liebte Sie viel zu ernſthaft,« ſprach Arthur und
Arthur endlich den faſt vergeſſenen Weg nach dem Schloſſe verbeugte ſich abermals tief, »als daß ich einen Ihrer
fuhr. Arthur ? Er hieß zwar noch ſo, aber er war ein Befehle für Scherz zu nehmen gewagt hätte. Mein
anderer Menſch. Das ehedem ſchlichte Haar war in einen Studium dauerte fünf Jahre, – aber das Frauenherz iſt
maleriſchen Lockenwurf geordnet; das alte Roth der Ge unergründlich.« –
ſundheit hatte einer Bläſſe Platz gemacht, von der ich »Minder vielleicht, als Ihre Räthſel,« ſagte Fanny
zwar zweifle, daß ſie »die angekränkelte Bläſſe des Ge und wurde immer unruhiger.
dankens« war, die aber ſehr intereſſant ließ. In jeder »Theuerſte Couſine, ſind meine Worte Ihnen Räthſel?
Bewegung, in jeder Frackfalte lebte und webte eine un Sonſt waren Sie doch von ſo überlegenem Verſtande.
ausſprechliche Eleganz. Löwe, Tiger ſind für unſeren Aber mein Räthſel iſt bald gelöſt. Ich ſollte Bota
Helden zu zahme Bezeichnungen: er war eine ganz moderne nik ſtudiren, aber der botaniſche Garten iſt langweilig.
Menagerie. Es leben die Modernen ! Wenn ſie, occi Run haben tauſend Dichter die Damen mit Blumen ver
dentaliſche Hindus, das ganze Thierreich durchwandert glichen und ſie haben Recht. Sind die Frauen nicht die
haben, werden ſie bei ſeiner Spitze ſtehen bleiben, wo ſie ſchönſten Blüthen in unſerem kurzen Lebensfrühlinge?
eigentlich hätten anfangen ſollen – bei den Quadru Blühen ſie nicht mit Augen, Wangen, Hut, Shawl und
IMMMENT. Kleid bunter, als das bunteſte Blumenbeet ? Verbreiten
Arthur fand die ſchöne Fanny nicht minder verändert, ſie nicht eine vielfachere Athmoſphäre von Parfüms, als
als er ſelbſt es war. Ihr Teint war, wo möglich, noch der größte Ziergarten? Gewiß, ich konnte Ihren Auftrag
feiner und noch zarter geröthet, als damals, aber es nicht richtiger und nicht angenehmer in's Werk ſetzen, als
fehlte ihm die durchſichtige Friſche. Ihr Auge war von wenn ich meine Blödigkeit bei Seite warf, mich den
einer ſchmachtenden Sanftmuth, groß, milde – aber Damen näherte, und ihre Herzen zu ſtudiren ſuchte.«
vielleicht nur, weil ihnen die alten trotzigen Blitze nicht »Und der Erfolg dieſer Studien,« ſagte Fanny mit
mehr zu Gebote ſtanden. Ein verführeriſches Lächeln einem verunglückten Lächeln.
ſpielte ſtereotyp um ihre zierlichen Lippen, ſie glichen »Einem jeden feſten Streben muß man Opfer bringen,«
blühenden Roſen, aber vormals glühenden Granaten. ſprach Arthur mit parodiſchem Ernſte, »ich habe dem
Jetzt war ſie ein Mond, ſonſt eine Sonne; jeder mußte meinen manches Vorurtheil, manche allzugünſtige Anſicht
ſie hinreißend, bezaubernd, unwiderſtehlich finden – der gebracht. Ich kenne nun die verſchiedenſten Blumen, ſtolze
ſie nicht vor fünf Jahren geſehen hatte. Grauſame Zeit, ſcheinheilige Lilien, die bei Tage ihren Duft verſchließen,
warum hat deine Senſe für die Damen doppelte Schärfe? bei der Dämmerung ihn erſt in die Lüfte ausſtrömen laſſen,
Sie ſchneidet unmerklich, aber um ſo tiefer. ſchmachtende Vergißmeinnicht, idylliſch verliebt in die
Das Wiederſehen war von der einen Seite kühl, von Thränen des Thaues und die Seufzer des Lüftchens, aber
der anderen um ſo wärmer. Arthur war ſo kalt und fade und ohne Arom, zarte Nelken, von unendlicher
glatt, wie eine Marmortafel, aus Fanny's Augen brach Empfindlichkeit und doch am Ende die ungemeſſene Sorg
ein Strahl von Freude und es war wahrhaftig an die falt nicht lohnend, brennende Liebe, von der Einem die
Aufrichtigkeit dieſer Freude zu glauben. Augen übergehen, eine Fülle von Blumen aller Farben
»Und Sie erinnerten ſich meiner noch in meiner Ein und Geſtalten: aber ich verſichere Sie, Couſinchen, in
ſamkeit?« fragte Fanny nach den erſten Begrüßungen. der Wirklichkeit und im Linnéiſchen Syſteme iſt die monan
»Schöne Couſine,« ſagte Arthur mit einer tiefen driſche Klaſſe ungemein klein.«
Verbeugung, »ich komme, Ihnen zu beweiſen, daß ich »Ich ſehe, lieber Arthur,« ſagte die Couſine, indem
meine Aufgabe vollkommen gelöſt habe.« ſie in den Scherz einzugehen ſuchte, »Sie haben Ihre
Zeit gut angewendet, Ihre botaniſche Gelehrſamkeit iſt
»Welche Aufgabe? Ich verſtehe Sie nicht?«
Staunen erregend, und nun, da Sie die Aufgabe gelöſt –«
»Ich bin Ihnen hoch verpflichtet, denn in den Stun »Und nun?« fragte Arthur boshaft.
den meines Studiums habe ich die reinſten ungetrübte Fanny wurde roth, ob aus Verlegenheit, oder Zorn,
ſten Freuden genoſſen.« laſſen wir dahin geſtellt ſeyn. Sie wandte ſich ab und
»Aber welches Studium meinen Sie denn?« da bei längerem Verweilen einer Erklärung nicht auszu
»Wie ? Sie erinnern ſich jenes Befehles nicht mehr, weichen war, ſtand Arthur auf und ſagte: »Morgen,
der doch, ſo weſentlich zu meiner allſeitigen Ausbildung liebe Couſine ! Morgen ſollen Sie mein ganzes Herz vor
beitrug?« rief Arthur ſchonungslos und ſchien Fanny's ſich aufgeſchloſſen ſehen.«
ängſtliche Verlegenheit gänzlich zu überſehen. »Ich habe Als Fanny auf ihrem Zimmer allein war, gab ſie ſich
wirklich Botanik ſtudirt.« ganz der ſtürmiſchen Fluth ihrer Gedanken hin. Mit
»Botanik!« rief Fanny und erröthete bis unter die welchen Herzenszuſtänden war Arthur zurückgekommen?
kaſtanienbraunen Locken. »Sie haben einen kindiſchen Liebte er ſie noch? Sie konnte ſein leidenſchaftloſes
Scherz, eine Laune des Augenblicks für mehr genommen, Weſen nicht durchſchauen und zitterte zwiſchen Hoffnung
als er in der That war?« und Beſorgniß; ſie fürchtete den ſo räthſelhaft Verän
derten und hätte gewünſcht, ihn in der Geſtalt, die ſie – Die Schlußlehre haben alle Männer ſchon errathen
damals ſo ſpröde verſchmähte, wieder zu ſehen. Sie und den Damen wollen wir keinen einzigen träben Au
fühlte, daß es ſich hier um eine Entſcheidung, vielleicht genblick machen. Th. S.
um die letzte in ihrem Leben handelte. Indeſſen faßte
ſie wieder etwas Muth. Hatte ſie wirklich ſein Herz
verloren, ſo konnte ſie ja dies Herz wieder gewinnen.
M o ſ a i f.
O wie ſanft wollte ſie ſeyn, wie liebenswürdig –
Das iſt die Gewalt von fünf Jahren. Fanny's ſieg Vor Kurzem hat ſich auf Java ein eigenthümlicher Fall zu
trunkener Uibermuth war geſchmolzen, wie Wachs an der getragen: Ein dort lebender Deutſcher, Georg Lehmann, hei
Sonne. ratete eine junge Holländerin aus dem Staats-Waiſenhauſe,
wo alle Waiſen des Landes, aller Confeſſionen, reich oder arm,
Erſt ſpät ſchlief ſie ein und als ſie erwachte, wartete
erzogen werden und wo Mädchen bis zu ihrer Verheiratung blei
ſchon ihr Kammermädchen mit einem Briefe auf ſie. ben können, während die Landesregierung des Vermögen verwal
»Vom Herrn Arthur.« tet, ohne daß man überhaupt erfährt, ob die Eltern etwas und
»Wie? warum ſchreibt er mir?« rief Fanny mit wie viel hinterlaſſen haben. Nach der Trauung meldete ſich der
einer trüben Ahnung. Bräutigam bei der Waiſenhauskommiſſion, um ſich die übliche
Staatsmitgift, 500 Gulden, zu holen. Wie wurde er aber über
»Er läßt ſich empfehlen; vor einer Stunde iſt er raſcht, als man ihm ganz feierlich eröffnete, von der Regierung
fortgefahren.« ſey die Anzeige eingegangen, daß ſeine Braut ein Vermögen von
Mit zitternden Händen erbrach Fanny den Brief. Er 3 Millionen beſäße. Auch die Waiſenhaus - Verwaltung hatte,
lautete: - wie gewöhnlich, nichts davon gewußt. – – -

»Mit Recht, ſchöne Couſine, lehrten Sie mich die Nach der Uiberſicht von 1840 beträgt die Bevölkerung der
>Mannstreue« als unſcheinbar und dornig anſehen. Um Stadt London ſchon ungefähr 2 Millionen. – –
ſo herrlicher, dachte ich, um ſo unvergänglicher muß die In Paris produzirte ſich kürzlich ein falſcher Van Amburgh
Frauen treue blühen. Ich begann meine botaniſchen mit ſeiner Menagerie. Ein junges Mädchen ſollte dabei ihren
Studien in der Art, die ich Ihnen geſtern angab, aber hübſchen Lockenkopf in den Rachen eines Löwen ſtecken. Dieſe
Bravourſcene rührte einen ehrlichen Spießbürger, der, um die
immer blieb dies ſeltene Gewächs meinen Forſchungen Gefahr von der Schönen abzulenken, die Aufmerkſamkeit des Kö
verborgen. Weder in der Wirklichkeit, noch in dem bota nigs der Thiere ſelbſt beſchäftigen wollte, und ihn durch Mienen
niſchen Syſteme konnte ich Frauentreue auffinden und ich und Gebärden ſo lange reizte, bis derſelbe aufſprang und als Kern
ſchloß daher, daß eine ſolche Blume gar nicht eriſtire. der Löwenhaut ein großer Metzgerhund herausfuhr. – –
Mit dieſem Ergebniß machte ich einige Freunde bekannt Der Oberingenieur der großen Weſtlichen Eiſenbahn, Herr
und ſie ſtimmten mir bei. Dieſe Freunde laſſen Sie Brucel, hat für 1000 Pfund gewettet, mit einer Lokomotive, der
grüßen: Ihr Nachbar, der junge Gutsbeſitzer, der Huſa Orkan genannt, in zwei Stunden von London nach Briſtol (über
renrittmeiſter, mein Studienfreund, der Doktor, und 25 geogr. Meilen) zu fahren ! – –
mehre andere, deren Sie ſich kaum mehr erinnern werden. In Paris werden im Durchſchnitte täglich 20.000 Briefe durch
Leben Sie wohl und Ihre einſamen Stunden erheitere die Stadtpoſt vertheilt, und 30.000 kommen aus den Provinzen,
die Pflanzenkunde.« dazu etwa 20,000 Departementsdepeſchen täglich, macht im Ganzen
für jeden Tag 75,000 Briefe oder über 27 Millionen jährlich.
Hier endet unſere Geſchichte eigentlich ohne Ende. Von Paris gehen täglich ab 65,000 Briefe, 78,000 Journale (und
>Und die Schlußlehre?« fragt eine ſchöne Leſerin enttäuſcht dieſe Ziffer wächſt von Tag zu Tag) und mehr als 2500 De
und verdrießlich. peſchen. – –

------- E.

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 4. Auguſt. der »Brauer von Preſton« ſtatt der für den dritten Auguſt ver
Seit meinem letzten Berichte ſind die Ballettänzer Herr und ſprochenen Novität »Zanetta« gegeben. Wenn Auber's »Zanetta«
Mad. Grekowſki zweimal aufgetreten und zwar am 30. Juli wirklich einſtudirt iſt, ſo wäre es wünſchenswerth, die neue Oper
wieder in zwei Duo's, wogegen ſich Mad. Grekowſki am 2. ſo bald als möglich zu geben; denn ich ſehe nicht ein, wie eine
Auguſt in dem ſpaniſchen Nationaltanze Cachucha allein, und dann Novität dadurch gewinnen kann, daß man ihre Aufführung ein
mit ihrem Gemal in einem ſteieriſchen Pas de deux produzirte. oder zweimal ankündigt, ohne Wort zu halten. Vielleicht hat
Beide Male erntete das Künſtlerpaar (beſonders aber Madame aber in der neuen Oper Herr Kunz eine Hauptpartie und, wie
Grekowſki) ungewöhnlichen Beifall. Am 30. Juli tanzten ſie ſchon geſagt, wurde er am 1. Auguſt unpäßlich. Auch eine andere
in den Zwiſchenakten der Raup a ch'ſchen Poſſe »Zeitgeiſt«, Hoffnung, unſere Landsmänin, die f. f. Hofopernſängerin Dem.
und am 2. Auguſt nach dem zweiten und vierten Akte des lang Lutzer, auf ihrer Durchreiſe wenigſtens in einer Vorſtellung zu
ausgeſetzten Luſtſpieles, »der pariſer Taugenichts«. Herr Dietz hören, wurde aus mir unbekannten Gründen und Umſtänden zu
machte, in der Titelrolle des Gamin im ſtrengſten Sinne des Waſſer. Dagegen kündigt uns der Theaterzettel vom 4. Auguſt
Wortes Furore und Herr Bayer, Mad. Binder und Dem. den k. k. Hofopernſänger Wild als Gaſt an. - -

Frey: auch Dem. Schikane der theilten ſich in den allgemei An demſelben Tage trat Dem. Wimmer (wie aus ihrer
nen Beifall. In den Zwiſchentagen wurden die Opern »Guido Schluß und Dankrede hervorging, eine Verwandte des unvergeß
und Ginevra«, dann »der Blitz« und »der Brauer von Preſton« lichen Liebich) zum erſten Male als »Liesi“ im »Alpenröslein«
gegeben. »Der Blitz« wurde megen plötzlich eingetretener Unpäß auf. Schon ein anderer Referent hat bemerkt, wie ſchwer und
ichkeit des Herrn Kunz ſtatt der angekündigten »Ballnacht« und gewiſſenhaft es ſey, über das Talent und über die Vorbildung
eines Anfängers nach einer einzigen Vorſtellung abzuſprechen. Ich ganz angemeſſen war. Es ſollte nämlich dem freudigen Andenken
will mich alſo vorerſt in der Eigenſchaft eines Erzählers an lauter an jene Zeit gewidmet ſeyn, wo unſer Vaterland durch des tapfern
Thatſachen halten. Das Haus war am 4. nichts weniger, als Jaroſlaw von Sternberg Heldenmuth von der ſchonungsloſen
zahlreich beſucht; dennoch wurde Dem. Wimmer bei ihrem Er Wuth der Tartaren befreit wurde, deren verheerenden Arm ſchon
ſcheinen mit lautem und anhaltendem Beifalle empfangen, ein ein großer Theil von Europa ſo ſehr empfunden hatte (im J.1241).
neuer Beweis, daß unſer Publikum geneigt iſt, junge Talente zu Nächſt dem Fabriksorte Kosmanos auf einer freundlichen Anhöhe
unterſtützen. Nach dem für eine Anfängerin hochſt ſchwierigen verſammelte ſich Jung und Alt zur Feier dieſes Feſtes, welches –
erſten Akte wurde ſie zweimal ſtürmiſch gerufen, und dieſelbe zur Ehre des Veranſtalters ſey es geſagt – einem Jeden hin
Ehre ward ihr auch am Schluße der letzten Abtheilung zu Theil, reichende Gelegenheit zu einer würdigen Unterhaltung gewährte.
nach welcher ſie, da das Beifallklatſchen und Bravorufen kein Es war hier geſorgt für die muntere Jugend, ſo wie für den
Ende nehmen wollte, zu einigen Worten des Dankes genö geſetzten Mann, für den gemüthlichen Landmann, ſo wie für den
1higt war. Daß alſo Demoiſelle Wimmer einem großen Theile geſelligen Städter; ein jeder fand hier hinreichenden Stoff zur
des Publikums vom 4. gefallen hat (und zwar insbeſondere jenem, Freude und zum Frohſinn. Mädchen mit Kränzen geziert, ſtellten
welcher ſeine Zuſtimmung laut zu äußern pflegt), iſt eine aus mit ihrer unſchuldsvollen Miene eben ſo viele Friedensengel vor,
gemachte Thatſache, und ich muß beiſetzen, daß zu dem ungewöhn eine freundliche Muſik und ein fröhlicher Tanz erhöhten die Freude
lich freundlichen Empfange der Debutantin nicht ihre gefallige des Tages. Auch der Veranlaſſer dieſes Feſtes, der Tartaren,
Erſcheinung beitragen konnte, weil die Bühne nach dem Aufzuge hatte man nicht vergeſſen. Eine Menge junger Leute, gekleidet
des Vorhanges ſehr dunkel war. Nachdem es hell geworden war, in weiße Hemden, die mit rothen Papierſtreifen beſetzt waren,
erſchien uns Dem. Wimmer als ein jugendlich blühendes Mäd eine Schärpe von rothem Kattun tragend, einen Helm von Sil
chen von etwa ſechzehn Jahren mit mehr runder, als ovaler berpapier auf dem Barbarenhaupte, ſollten uns an jene wilden
Geſichtsform und mit einem ihrer Alterſtufe angemeſſenen, vor Horden, erinnern, die Bohmens blühende Fluren mit Feuer und
theilhaften Wuchſe. In ihrem Gange und in ihren Geſten bemerkte Schwert zu verwüſten drohten. Leider aber waren dieſe neu
man zwar die verzeihliche Befangenheit einer Anfangerin, aber gebackenen Sohne der Wildheit nicht vermögend, uns trotz Kattun
im Ganzen genommen, hielt ſich Dem. W im m e r ſtets in den und Papier um ſechs Jahrhunderte zurück in die Vergangenheit zu
Gränzen der Schicklichkeit und der äußerſten Umriſſe des Charak verſetzen. – Doch dies that nichts zur Sache: das Ganze war
ters. Noch auffallender, als aus ihrer Geſtalt iſt ihre Jugend aus gelungen und ließ nichts zu wünſchen übrig. Auch unſeres all
dem Klange der Stimme zu erkennen. Der Ton derſelben wird geliebten Landesvaters ward gedacht, und mit hoher Begeiſterung
erſt bei weiterer Ausbildung die nöthige Fülle erlangen und einige wurde unſer herzerhebendes Volkslied abgeſungen. Das ganze
tieferen Chorden gewinnen, ohne welche ſie ſich jene ſtehende Feſt beſchloß ein glänzendes Feuerwerk, das recht gut gelungen
Sprechmelodien angewöhnen würde, die ſchon darum, weil ſie immer war und die Erwartung aller Anweſenden übertraf. Dank dem
wiederkehren, kein Glück machen können. Dem. Wimmer (und jenigen, der Hunderte von Gemüthern ſo wirkſam zur Freude zu
dies kann man einer befangenen Anfängerin nicht verargen) ſetzte ſtimmen vermochte! Dank ihm, er verdient ihn.
die Glanz- und Rührpunkte ihrer Rolle zu wenig auseinander, das J. Neumann.
iſt, ſie eilte (gewiß nur aus Verlegenheit); aber zwei Stellen,
nämlich, wo ſie ſagt, daß unter dem Grabeshügel, deſſen Blumen
ſie begießt, ihre Mutter liege, und wo ſie in dem Geſandten ihren
geliebten Heinrich erkennt, ſprach ſie mit allen Zeichen eines tiefen Eiſenbäder in Teplitz in Böhmen.
Ergriffenſeyns und einer vom innerſten Herzen kommenden Empfin
dung. Uiber ihre künſtleriſche Phantaſie habe ich für jetzt kein Den Bemühungen des Badearztes Herrn Med. und Chir.
Urtheil, denn ein ſechszehnjähriges Mädchen ſpielt ſich in der Rolle Doktor, Fr. Berthold, verdankt Teplitz die Benützung einer
der »Liesli« ſelbſt, und von dieſem Alter läßt ſich keine durchgrei nahe beim Waldthore gelegenen, dem Vernehmen nach ſowohl an
fende Schöpfung eines dramatiſchen Charakters erwarten. Wenn Eiſen, als auch an freier Kohlenſäure reichen Quelle zur Trink
man bedenkt, daß »Liesli« von anerkannten Bühnenkünſtlerinen und Badekur. Bis jetzt fehlt uns noch eine erſchöpfende chemi
als eine Hauptrolle betrachtet und meiſterlich gegeben wurde, ſo ſche Analyſe dieſes Geſundbrunnens, doch hoffen wir ſelbe dem
muß man geſtehen, daß Dem. Wimmer Alles geleiſtet hat, was nächſt in einer vom obigen Arzte verfaßten Schrift über die in
man billiger Weiſe von einer Anfängerin fordern kann. Uibrigens der Umgebung des Badeortes ziemlich zahlreich vorkommenden
wiederhole ich (und werde es immer wiederholen), daß es nicht Stahlbrunnen zu erfahren. Da die eiſenhaltigen Mineralwäſſer
zweckmäßig ſcy, auf dem öffentlichen Theater eine Art von Prüfung durch Transport ſo leicht an Güte verlieren, ward vom Magi
un Rollen abzuhalten, die ein ausgebildetes Talent und eine durch ſtrate zu Teplitz auf eine Analyſe in Loco angetragen. Die bis
lange Uibung erworbene Gewandtheit erfordern. Im Leben, wie herigen mehrjährigen vom Dr. Berthold angeſtellten Heilverſuche
in der Kunſt muß man mit Kleinem beginnen, wenn man groß ſind überraſchend gut ausgefallen, und verſprechen dem Unterneh
werden will.
men einen günſtigen Erfolg, den wir demſelben um ſo mehr wün
Daß Dem. Schikaneder (die ſich letzthin in der Rolle der ſchen, als die Verbindung eines doppelten, ja man kann ſagen,
Frau Ullrich ausgezeichnet hat), am 4. die Partie der Gräfin von der Wirkung nach ganz entgegengeſetzten Badeortes dem freund
Werdenberg ſpielte, fiel uns darum auf, weil dieſe Partie von
Dem Herbſt (die ohnehin wenig beſchäftigt iſt) hatte beſſer lichen, wegen Naturſchönheit und Heilkraft ſo berühmten Teplitz
einen neuen und nicht geringen Reiz verleihen würde. Auch
gegeben werden können. Mad. Binder gab die Baronin Rau könnte die Frequenzvermehrung mit der Zeit anſehnlich werden,
nhof mit verdientem Beifalle; und Herr Dietz den Baron denn wer würde das durch Vereinigung der entfernteſten Erden
Rentheim zu laut und wiederholt geäußerter Zufriedenheit des bewohner ſo intereſſante ſchöne Teplitz nicht den vielen an Natur
Publikums. Indeſſen hätten wir ſeiner Darſtellung mehr Lebendig ſchönheit, Beſuch, zweckmäßiger Einrichtung und vielleicht auch an
it gewünſcht, denn Rentheim iſt ein Etourdi, der bei allem innerer Kraft nachſtehenden vereinzelt daſtehenden Eiſenbädern
Mangel an ſolider Bildung in dringenden Lebenslagen raſch und vorziehen ? – Die nett gefaßte Quelle, zu welcher demnächſt ein
geſchmeidig eingreift und ſich aus der Schlinge zu ziehen weiß. bequemer Weg hinausführen wird, liegt in einem angenehmen
Herr Nerfing (Graf Werdenberg) ſchien heiſer und verſtimmt Thale etwa 4 – 500 Schritte vom Waldthore links; die Bäder
º, eyn; denn anfangs ſprach er ungewöhnlich tief, und in der ſind bis zur Einrichtung eines Badelokales bei der Quelle ſelbſt
Folge hielt er faſt durchgängig jene gedehnte Sprechweiſe ein, im Stadtbade, wohin das geſchöpfte Eiſenwaſſer gebracht wird,
welche man nicht einmal von der Katheder gern hört. err
um dem ſo heißen Mineralwaſſer beigemengt zu werden; dieſe
Bayer (Barcikow) war ſehr zerſtreut. Jedenfalls war ſein Spiel
zerriſſen; denn einige Momente (z. B. die Umarmung und der
Bäder ſind nun ſchon ſeit dem 20. Juni dieſes Jahrs "Äs
Kuß ſeiner Enkelin) waren zu heftig, andere, (z. B. in der Er
kennungsſcene) zu matt und gleichgiltig.
Prof. Ant. Müller.
Nachricht vom Lande.
Correſpondenz aus Böhmen. Am 30. Juli gegen Mittag hat es, wie die Kwety berichten,
- Jungbunzlau, 2. Auguſt. beim Dorfe Chraſtic (Hrastic) zwiſchen Mniſchek und Neu- Knin
Geſtern erfreute ſich unſere Gegend eines Feſtes, das in ſeiner ſtark geſchneit.
Art originell und dem gemüthlichen Frohſinne unſerer Bewohner
-

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bohemia,
Unterhaltung öblatt.
Den S. Auguſt N“ D5, 11S4 .

Der Grund alles Uibels. einen günſtigen Zufall gelang es mir indeſſen, mir nach
Von FW)Z.
wenigen Monaten eine Stelle als Hofmeiſter zu verſchaffen.
»Ja, mein Vater hat Recht, die Kenntniſſe werden mir
Alles ſeyn!« rief ich und trat mit Eifer meine neue Würde
an. Ich hätte meinen Zöglingen gleich am erſten Tage
Mein Vater war ein grundgelehrter Mann und prägte meines Hofmeiſterats alle Weisheit der Welt beibringen
mir des Griechiſchen und Lateins ſo viel ein, daß ich ein mögen, ſo feurig war mein Enthuſiasmus. Die Eltern
ganzes Collegium heutiger Studenten, bei denen das belobten auch meinen Fleiß, meinen Eifer, und es behagte
Graeca sunt ſich recht gut mit: »Das ſind mir ſpaniſche mir in dem Hauſe.
Dörfer« überſetzen läßt, aus meinen Vorräthen hätte Drei Tage bekleidete ich bereits mein Amt, da rief
betheilen können. mich der Vater meiner Zöglinge auf ſein Zimmer und
»Und nun,« ſprach mein Vater, als die ſechs Jahre ſagte mir:
des Studiums, das ich unter ſeiner Leitung betrieben, um »Mein Lieber, Sie ſind recht fleißig, eifrig, kenntniß
waren, und ich auch die zwei Ferienmonate ſtatt auf luf reich, ich erkenne dies an, aber – Sie werden verzeihen,
tigen Bergen und in duftigen Thälern, wie man ſollte, bei Sie ſind der Stelle eines Hofmeiſters doch nicht ge
alten ſtaubigen Plätzern und in den labyrinthiſchen Irr wachſen.«
gängen der Grammatiken zugebracht hatte, »und nun biſt Betroffen, verblüfft, ſprachlos ſah ich ihn an.
Du mit Kenntniſſen reich verſorgt, haſt Griechiſch und »Ja, es fehlt Ihnen etwas,« fuhr er, wie mir ſchien,
Latein aus dem Fundament ſtudirt, und daneben etwas nicht ohne einige Verlegenheit fort, »es fehlt Ihnen
Logik und Metaphyſik Dir angeeignet, Du kannſt Dich etwas, was ein junger Mann, beſonders ein Hofmeiſter,
getroſt auf die Univerſität begeben. Was ich konnte, wenn er ſich Reſpekt verſchaffen will, nothwendig braucht.«
habe ich Dir gegeben; Geld kann ich Dir nicht geben, Ich bat demüthig um Aufſchluß.
denn ich habe ſelbſt keins. Du mußt ſeyn, wie Simoni »Es waren,« erwiederte er, »wie Sie wiſſen, geſtern
des nach dem Schiffbruche war: Du mußt All' das Deine die Kinder meines Freundes hier. Sie haben einen wür
bei Dir tragen, der Inhalt Deines Kopfes ſey Dir Dein digen, geſetzten jungen Mann zum Hofmeiſter. Als dieſe
Koffer, Dein Wäſchſchrank, Dein Kleiderkaſten, Deine Kinder Sie ſahen, begannen ſie die Meinen zu necken.
Börſe, kurz Dein Alles. Dein Kopf ſey Dir ein Berg »Schaut«, riefen ſie, »unſer Hofmeiſter hat einen Bart,
werk, aus dem Du das Silber, welches Du brauchſt, und der Eure keinen!« D'rauf liefen meine Kinder zur
heraufholſt. Und ſomit lebe wohl – Du haſt was gelernt, Mutter und ſagten ſchluchzend: »Mutter, wir wollen auch
es kann Dir nicht fehlen.« - einen Hofmeiſter mit einem Bart haben!« Und die Mutter
Und mit dem Bewußtſeyn meiner Kenntniſſe nahm fand, daß ihr Wunſch gerecht war, und ich finde es auch.
ich Abſchied von Hauſe. Ich war damals ein ſiebenzehn Sie können durch dieſes Beiſpiel Ihre pädagogiſchen Er
jähriges Bürſchlein, und obwohl ich wegen meines ſchwar fahrungen bereichern, Sie können daraus erſehen, welches
zen Frackes und der gelehrten Miene, die ich mir zu geben Gefühl für das Schickliche, Geziemende ſchon bei Kindern
wußte, von meinen Schulkameraden 2 der kleine Doktor« vorhanden iſt. Meine Kinder, gar geſcheute Kinder, er
genannt wurde, ſo war ich doch ſtets frohen Muthes und kannten auf den erſten Blick, daß ein Hofmeiſter vor
noch ſo unbekümmert um die Zukunft, als man's in ſo Allem ſich Reſpekt zu verſchaffen verſtehen müſſe, und
jungen Jahren iſt. Reſpekt ohne Bart, mein Lieber – –«
Die erſte Zeit meines Univerſitätslebens brachte ich Er zuckte die Achſeln, und ich zuckte ſie in Gedanken
ziemlich kümmerlich zu. Durch emſige Verwendung und auch, denn ich hatte erſt vor einer Stunde geſehen, daß
er, obwohl tüchtig bebartet, doch auch keinen übergroßen ungeheuer gerührt wäre, aber mein Inneres ergrimmte
Reſpekt im Hauſe genoß. Der Herr mochte meine Ge gewaltig gegen das Schickſal, das mir ſo lange die
danken errathen, er räuſperte ſich verlegen, und fuhr Zierde des Mannes verſagte.
fort: -

Immer ſchwebte meinen wachen Gedanken der Zeit


»Sie ſehen mein Lieber, daß ich nicht länger – – – punkt vor, wo endlich auf meinen Lippen die erſten
Wenn Sie einmal die nothwendigen Erforderniſſe haben, Flaumenſproßen würden, und gar oft überraſchte ich mich
dann wird Niemand – –«
ſelbſt, wie ich die blinkenden Raſirmeſſer, die ein guter
»Ich verſtehe, Herr,« erwiederte ich, meinen Unmuth oder ſchlechter Witz mir geſchenkt hatte, beliebäugelte,
über eine ſolche Behandlung nicht zu bezähmen vermögend, befühlte, anſetzte, und dann wehmüthig ausrief: »Ach,
»ich verſtehe, bis mir der Bart gewachſen ſeyn wird, wann werdet Ihr endlich Eure Beſtimmung erreichen,
darf ich wieder anklopfen und rufen: »Herr, brauchen wann werde ich endlich Euch in meinem Antlitze umher
Sie nicht einen Hofmeiſter?« Hätten Sie Herr, meine gleiten laſſen, um die ſtolze Saat zu mähen?« Meine
wirklich übergroße Jugend als Grund angeführt, ſo hätte ſüßeſten Träume waren die, wo mich Favoris, Henri
ich Ihnen beipflichten müſſen, aber Ihre Bartgeſchichte quatres, Wallenſteiner, Huſarenſchnurrbärte, Colliers
iſt noch lächerlicher als jene vom bartloſen Geſand grecs, kurz Bärte aller Art und jeglichen Namens, wie
ten und dem Ziegenbock, denn Sie beweiſt nur, daß man ſie nur in einer Verſammlung münchner Maler
::icht Sie, ſondern Ihre Kinder im Hauſe das Scepter oder deutſcher Literaten ſehen kann, umgaukelten; meine
führen.« ſchrecklichſten: wo ich mich als reifen Mann, dann als
Hatte mein Bartmangel mich eine Hofmeiſterſtelle ge Greis ſah, und immer – immer noch ohne den leiſeſten
koſtet, ſo trug mir dagegen dieſe meine Antwort den Anflug von Bart! Bartlos durch's Leben wallen zu müſſen,
Ruf eines obſtinaten, vorlauten Bürſchleins ein und ge ach, welche entſetzliche Perſpektive!
währte dem Vater meiner Er-Zöglinge eine willkommne
Bemäntelung meiner Entlaſſung. Aber trotz dieſer wachen und ſchlafenden Bartgedanken
Mein kümmerliches Leben begann nach dieſer drei verſäumte ich den Dienſt Minerva's nicht. Von Tag zu
tägigen Unterbrechung von neuem, doch »junges Blut, Tag ſtrebte ich eifriger, dem Rathe und Wunſche meines
friſcher Muth« und ich ließ mir darob kein graues Haar Vaters gemäß jenem Griechen Simonides zu gleichen
wachſen, was freilich auch jetzt, da ich noch kein Bart – aber ach, dieſer Grieche hatte doch gewiß einen
fläumchen hatte, viel zu früh geweſen wäre. Bart! Nach jahrelangem Bemühen gelang es mir endlich
Indeß hatte jener Vorfall doch eine Wirkung auf wieder eine Erzieherſtelle zu finden, und zwar in einem
mich gemacht: er hatte eine neue Art Ehrgeiz in mir Hauſe, wo die Kinder nicht den Wunſch äußerten, einen
geweckt, ſo daß ſich's Minerva gar oft gefallen laſſen bärtigen Hofmeiſter zu haben. So hatte ich nun lang
mußte, daß ich ihr einige Augenblicke ſtahl und dieſe jährige Entbehrungen mit einem behaglichen, genußreichen
dazu verwendete, im Spiegel mikroſcopiſche Unterſuchun Leben vertauſcht, und mich quälten nicht mehr die drücken
gen mit meiner Oberlippe vorzunehmen, oder an derſel den Sorgen um das Heute und Morgen.
ben zu rupfen und zu zupfen, ob ich nicht irgendwo ein Aber wenn aus einem Hauſe die Noth ausquartirt iſt,
Härchen hervorzupfen könnte. Eifrig ſtudirte ich alle und Behaglichkeit ſich darin breit macht, da kommt dann
Anzeigen von Rowlands Macaſſaröl, Willers Kräuteröl, oft auch noch ein Miether dazu, der keine guten Zinſen
und welche Namen dieſe »Wunder wirkenden einzig ächten« bringt : der Uibermuth. Und dieſer fand ſich in meinen
Oele noch haben mochten, und wenn ich je damals be guten Tagen auch bald bei mir ein.
dauerte kein Geld zu haben, ſo war's, weil ich mir kein Woran ich bisher nie gedacht, an die Liebe, daran
Macaſſaröl kaufen konnte. dachte ich jetzt. Ich hatte, als ich noch ein ganz armer
Ein Jährchen nach dem andern verging, aber es zeigte Teufel war, der kaum zu brocken und zu ſchlucken hatte,
ſich noch immer kein Härchen, weder an Kinn, noch an unzähligemal das Haus eines Schulfreundes beſucht, und
den Wangen, noch auf der Oberlippe. Ich begann all nie bemerkt, welch' ein ſchönes Mädchen ſeine Schweſter
mälich das Ziel der Witze meiner Kollegen zu werden, ſey. Jetzt, da ich nicht mehr mich um das tägliche Brod
und wenn ich manchmal, was freilich nur auf des Einen zu kümmern brauchte, jetzt, da ich nicht mehr im einzigen,
oder des Andern Aufforderung geſchah, vor ihnen mein fadenſcheinigen Röcklein, ſondern in einem eleganten Frack
Wiſſen auskramte, ſo begegneten meine Augen nicht ſelten vom neueſten Schnitte ging, jetzt bemerkte ich es. Wenn
einem oder dem Andern, der unter leiſem Gekicher der ſie ſonſt hie und da ein Wörtchen an mich gerichtet, da
Uibrigen verſtohlen die Pantomime des Raſirens machte. übergoß Purpurröthe mein Antlitz und ich vermochte kaum,
Ja, einſt verſtieg ſich ihr Witz ſo weit, daß ſie unter eine einſylbige Antwort zu ſtammeln; jetzt knüpfte ich
einander eine Collekte veranſtalteten und mir zum Namens ſelbſt Geſpräche mit ihr an. Anfangs drehten ſich dieſe
tage ein Paar prächtiger Raſirmeſſer präſentirten. Ich um gleichgiltige Gegenſtände, doch bald wurden ſie immer
ließ mir den Witz zwar gefallen, und dankte, als ob wärmer, immer zärtlicher, mir immer unentbehrlicher,
mein Herz von dieſer »unverdienten« Aufmerkſamkeit ganz und nach einem Vierteljahre wußten Bekannte und Un
bekannte, was ich ſelbſt nur ganz dunkel ahnte, daß ich ſind 8jährige Kinder, welche, von ihren zur Arbeit aufs Feld ge
verliebt ſey. -
gangenen Eltern allein zu Hauſe gelaſſen, auf den unſeligen Ge
Ach, welche Kühnheit, ſich zu verlieben, wenn man danken kamen, mit Feuer zu ſpielen. Nach ihrer Ausſage hatten
ſie zuerſt im Keller Feuer angezündet. Um ſich jedoch durch den
noch keinen Bart hat ! zu den Kellerfenſtern herausſtrömenden Rauch nicht zu verrathen,
Verliebt, zwei und zwanzig Jahre alt, und noch keine löſchten ſie das Feuer im Keller aus und begaben ſich in die
Ahnung von einem Barte!! Scheune, wo ſie mittelſt eines brennenden Schwammes das vor
(Dic Fortſetzung folgt.) handene Stroh in Brand ſetzten, und ſo das Unglück herbeiführ
ten. (Siebenbürger Wochenblatt).
M o ſ a i k. Bei der Unterſuchung über die Entſtehung der Feuersbrunſt in
Green ließ kürzlich in Gegenwart von mehr als 5000 Zu
Körnve, wo über 40 Häuſer abbrannten, ergab ſich, daß zwei
Mädchen, eins 8, das andere 14 Jahre alt, welche von ihren
ſchauern einen Aeroſtat ſteigen, der einen Koloß vorſtellte. Dieſer
Rieſe erregte durch ſeine komiſche Haltung und Bewegung all
Familien zu Hauſe gelaſſen worden waren, im Hofe mit Zünd
reibhölzchen geſpielt hatten, ſie hielten dieſelben brennend in der
gemeines Gelächter. Er wankte in der Luft herum, wie Einer,
deſſen Schritt von allzuvielem Getränke etwas unſicher iſt, und
Hand; dabei verbrannte ſich das eine Mädchen die Finger, und
erhob ſich zu keiner bedeutenden Höhe. Sein Kopf lehnte ſich an
ſchleuderte, erſchrocken, die Hölzchen von ſich, die unglücklicher
Weiſe auf das niedere Strohdach fielen und es in Brand ſetzten.
eine Schulter und ſeine Füße zappelten fortwährend, als ob ſie
(Peſther Tagblatt). – – -

Convulſionen hätten. Als er wieder hinabſchwebte, hätte man


glauben können, eine Geſtalt der alten Mythologie auf Beſuch zu Aus Lüttich wurden vor einiger Zeit von einer Geſellſchaft
den Menſchen hinabſteigen zu ſehen. – – Taubenliebhaber ſechs und dreißig dieſer Vögel nach Bayonne
Pves Leguennec, ein Taglöhner in einem Dorfe im franzöſi geſchickt, um ihren Flug zu probiren. Die Tauben wurden am
ſchen Departement der Nordküſten, war ſeit längerer Zeit geiſtes 18. Juli früh in Bayonne losgelaſſen. Die erſte kam am 21. Juli
abweſend und dachte fortwährend an den Selbſtmord. Einmal um halb ſechs Uhr Nachmittags in Brüſſel an, hatte alſo zu der
ſagte er ſeinem Weibe: »Weib, binde mir die Hände, denn ich Strecke von etwa 300 Lieues nicht ganze vier Tage gebraucht
fühle, daß ich mir ſonſt was anthun würde, und hole den Herrn Dabei darf man nicht vergeſſen, daß der Sturm vom 18. (der
Pfarrer.« Das arme Weib that, wie er gewünſcht, aber während auch in Frankreich wüthete) und das Unwetter der nachfolgenden
ihrer Abweſenheit gelang es dem Manne doch, ſeine Arme von Tage ihren Flug nicht wenig gehemmt haben mochten. Der Be
den Banden frei zu machen, und als die Frau zurückkam, war ſitzer dieſer Taube begab ſich mit ihr ſogleich in den Sitzungsſaal
das erſte, was ſie erblickte: die Leiche ihres Mannes, der ſich mit der Geſellſchaft, wo ſich bald eine zahlreiche Menge verſammelte
demſelben Stricke, mit welchem ſie ihm die Hände gebunden, auf und der geflügelte Reiſende den Neugierigen bis zum Abend zur
einem Balken aufgehängt hatte. – – Schau ausgeſtellt blieb. Die Taube erhielt den erſten Preis, eine
In einem heſſiſchen Dorfe ereignete ſich kürzlich wieder ein Pendeluhr, und wurde unter Muſik und der jubelnden Begleitung
Fall, der die verderblichen Folgen beweiſt, welche übermäßiger einer zahlreichen Volksmenge nach Hauſe getragen. Am 22. früh
Branntweingenuß haben kann. Zu Reinhardshain kam ein Bauer, kam die zweite Taube an, und erhielt den zweiten Preis. Dieſe
der ſeit längerer Zeit mit ſeiner Frau in Unfrieden lebte, be Taube hatte bereits mehre Reiſen nach Angers, Limoges und Ro
rauſcht nach Hauſe. Roher Gemüthsart, rannte er der Unglück chelle gemacht. Eine dritte Taube kam am 22. Mittags an. – –
lichen in der Erbitterung ein Meſſer in den Kopf. Sie liegt, Vor Kurzem erſchien in Paris ein Arzt, der dem Publikum
lebensgefährlich verwundet, darnieder. Sobald der Trunkenbold ein Waſſer als überaus heilkräftig anpries und theuer verkaufte.
aus ſeinem Taumel erwachte, erſchütterte die frevelhafte That ſo Ein Polizeikommiſſär begab ſich in Begleitung zweier Doktoren
ſehr ſein Gewiſſen, daß er, ſeines Verſtandes beraubt, jetzt raſend zu ihm, um dieſes Univerſalmittel zu prüfen. Das Gutachten der
an Ketten liegt. – – Doktoren fiel dahin aus, daß das Mittel zwar nichts nütze, aber
(Zwei Feuersbrünſte durch Kinder). In Jllyefalva auch nicht ſchaden könne, da es nichts anderes, als für verſchiedene
(im ſiebenbürgiſchen Comitat Haromſzek) brach am 10. Juli Feuer Krankheiten verſchieden gefärbtes Zuckerwaſſer ſey. Der Commiſſär
aus und in kurzer Zeit wurden ein und zwanzig Häuſer eine indeß, dem der Preis von 12 Fr. für ein Fläſchchen gefärbten Zucker
Beute des verheerenden Elements. Die Urheber dieſes Unglücks waſſers doch etwas zu hoch ſchien, Confiszirte die Fabrikationsapparate.

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 5. und G. Auguſt. mehr oder weniger beträchtliche Zeit glänzt und die Herzen ge
Während das Tänzerpaar Grekowſki fortfährt, unſer Publi winnt. Wird dieſe Zeit überſchritten, ſo bleibt zwar jene Achtung
kum durch beifalls würdige Leiſtungen zu unterhalten, hat ſich in übrig, die ſich an angenehme Erinnerungen und frühere Ver
dem k. k. Hofopernſänger, Herrn Wild, ein neuer Gaſt ein dienſte knüpft, aber mit der abnehmenden Urſache hat auch die
gefunden. Er trat am 5. zum erſten Male als »Arthur« in der Wirkung des Enthuſiasmus abgenommen. Selbſt der (meines
»Unbekannten« auf. Wenn wir bedenken, wie lange dieſer Sän Wiſſens jüngere) Breiting hatte bei ſeinem letzten Gaſtſpiele
ger an einer der erſten Bühnen Deutſchlands geglänzt, und in genug zu thun, um aus dem Kampfe gegen die unabweisliche
wie vielen Städten er ſeinem wohlerworbenen Ruhme durch ſieg Vergleichung der vergangenen und gegenwärtigen Zeit rühmlich her
reiche Gaſtſpiele Ehre gemacht hat, ſo finden wir es zwar be vorzugehen und das Publikum allmälich zu erwärmen, und wir
greiflich, daß es Herrn Wild ſchwer wird, eine Bahn zu ver wiſſen uns Alle zu erinnern, welchen Erfolg das letzte Gaſtſpiel
laſſen, auf welcher er gewohnt war, Lorbeeren zu pflücken und der Demoiſelle Sabine Heine fetter gehabt hat. Für recit
goldene Kränze zu ernten; aber ſelbſt der manns kräftige rende Schauſpieler iſt es weniger gefährlich, zu zeigen, was man
Tenor wird durch lang fortgeſetzte Anſtrengung erſchöpft und einſt war, als für den Sänger, welcher außer der Deklamations
abgenützt, ſo daß es dem Publikum nicht zu verargen iſt, wenn und Gebärdenkunſt noch eine dritte, weit ſchwierigere, nämlich
es zwiſchen »Jetzt« und »Sonſt« Vergleiche anſtellt und die ſpäte die Geſangskunſt, zu erlernen und zu üben hat, und gerade mit
ren Leiſtungen mit geringerem Enthuſiasmus aufnimmt, als jene dem ſchwierigſten Theile der Opernſchauſpielkunſt hängt als noth
der Blüthenzeit und der vollen Reife; denn dies iſt das Ä wendige Bedingung die von der Zeit abhängige Kraft und Bieg
des Schönen auf der Erde, daß es in ſeiner Art nur auf eine ſamkeit der Stimme zuſammen. Deßhalb wunderte es uns,
Herrn Wild in einer Partie wieder zu ſehen, die er einſt mit ſo nialrath und Kreischef und den k. k. Hr. Kurinſpektionskommiſſär
glänzendem Erfolge gab, daß er jetzt den Erwartungen des Publi in ſeiner Mitte, folgte, und die hier anweſenden k. k. Offiziere
fums (beſonders in den höheren Chorden und in Bezug auf und die übrigen Beamten und Honoratioren der Stadt ſchloßen
Beweglichkeit der Stimme) nicht mehr genügen kann. In den den Zug. Angelangt bei dem Monumente, um welches die hier
Mitteltönen vermißten wir zwar keineswegs den nöthigen Kraft anweſende k. f. öſterreichiſche und königlich preußiſche Militär
grad, vielmehr verſtärkte und dehnte Herr Wild die ſeinem ge: mannſchaft ein Quarre gebildet hatte, wurde dasſelbe unter Ab
genwärtigen Stimmvermögen angemeſſenen Klänge mit Glück ſchießen der Pöller und unter Muſik feierlich enthüllt. Hierauf
und Effekt; aber in den Fiſteltönen zeigte ſich ein weit auffallen hielt der Bürgermeiſter der Stadt Teplitz, eine die Würde und
deres Auseinandergehen der Regiſter, als bei der letzten Gaſt Bedeutung des Feſtes bezeichnende Rede, die ſich eben ſo durch
darſtellung des Herrn Breiting. Allein das Publikum (welches ihren Gehalt als Vortrag auszeichnete. Nach deren Beendi
am 5. eben nicht zahlreich verſammelt war) bezeugte dem Gaſte gung legten die feſtlich geſchmückten Jünglinge und Jungfrauen
jene Achtung, die er aus früheren Zeiten für ſich hat, und welche zum Akte der Einweihung im Namen der dankbaren Stadt am
er durch die kluge Benützung der ſchönen Reſte ſeiner Stimme Monumente ihre Blumenkränze nieder, und unter Begleitung des
noch immer verdient. Er wurde freundlich empfangen und mit Orcheſters wurde von der ganzen Verſammlung die preußiſche
Demoiſelle Großer gerufen, auf welche er jedesmal mit lobens Volkshymne: »Heil Dir im Siegeskranz«, ſo wie das öſterreichi
werther Anerkennung fremden Verdienſtes hinwies. Sein Spiel ſche Volkslied abgeſungen. Darauf geſchah der Rückzug in der
ſchten uns nicht energiſch genug zu ſeyn, ſey es nun auszufalli ſelben Ordnung und auf demſelven Wege. Mittags war große
ger Verſtimmung, oder aus körperlichem Unwohlſeyn. Tafel in dem hieſigen fürſtlichen Gartenſaale, wobei unter Pöller
Herr Kunz (Waldeburg) wurde uns am verfloſſenen Sonn ſchüßen die üblichen Toaſte ausgebracht wurden, während die kön.
tage unpäßlich gemeldet. Dies mag der Grund ſeyn, warum er preußiſche Militärmannſchaft im Saale des hieſigen Schießhauſes
am 5. nicht mit der vollen Kraft ſeiner Stimme ſang. Die Nummern von der bürgerl. Schützengeſellſchaft bewirthet wurde. Nachmittag
»Holde Roſe« und »Komme mit mir, Du Arme« gingen faſt ſpurlos nach der Tafel großes Scheibenſchießen mit entſprechenden deko
voruber und ich muß dabei bemerken, daß das Tempo der 1. Nummer rrten Scheiben und Vogelſchießen am bürgerl. Schießhauſe. Abends
auffallend beſchleunigt wurde. Dem. Großer (Alaide) und Dem. Theater, wobei vor Beginn der theatraliſchen Vorſtellung eine
H errmann (Iſoletta) wurden am 5. durch die lebhafteſten von dem f. k. Rathe, Herrn Eichler, gedichtete Cuntate abgeſun
Beifallsbezeugungen ausgezeichnet. Dem. Herrmann hat ſeit gen wurde; in dieſer verdient Fräul. Johanna Kreuz, in jener:
der Zeit, als ich ſie zum letzten Male gehört habe, bedeutend an »das Tagebuch«, von Bauernfeld, Dem. Uiberſetzer in der Rolle
angemeſſener Ausgleichung, ungezwungener Leichtigkeit der Tonver der Mündel ehrenvoll genannt zu werden. Nach dem Theater
bindung und auch an ausdrucksvoller Wärme des Geſanges ge Illumination der ganzen Stadt mit Ausnahme weniger Häuſer,
wonnen. Je ſorgfältiger Dem. Herrmann ihre Studien auch wobei das Rathhaus, der fürſtliche Gartenpavillon, das bürger
dem Gebärdenſpiele zuwenden und ihre Darſtellungen von dem liche Schießhaus, die Schluckenburg, das Bergſchlößchen und das
Punkte eines der Rolle und dem Momente angemeſſenen Gefühles Hotel zum Könige von Preußen ſich am meiſten auszeichnete.
bemeſſen und anlegen wird, deſto eher wird ſie zu den Lieblingen – Endlich beſchloß ein Feuerwerk auf der Königshöhe (die
unſeres Publikums gehören. Wie ſchon geſagt, machte ſich Dem. neue Benennung des Spitelberges) die Feier eines für Teplitz
Gro ß er um die Darſtellung vom 5. beſonders verdient, und immer denkwürdigen Tages. Heute geben Seine Ercellenz Herr
man kann ohne Uibertreibung ſagen, daß ſie diesmal die Heldin Rother, kön. preußiſcher Staatsminiſter, und Se. Ercellenz Herr
des Tages war. -
von Jordan, k. preuß. Geſandter am ſächſiſchen Hofe, ein Diner,
Am 6. wurde ein von Herrn Grekowſki und Herrn Rai wozu die hieſigen Militär- und Civilbehörden und mehre Honora
noldi arrangirtes Ballet »Das Schweizermilchmädchen« zur großen tioren
Unterhaltung des Publikums gegeben. Beſonders gefielen die in behalte geladen ſind.für Einige
ich mir vor WorteMal.
das künftige über das Monument ſelbſt
zk

der Handlung vorkommenden Tänze, an welchen auch Madame


Springer einen löblichen Antheil nahm. Wahrſcheinlich wird
dieſes Ballet noch einmal gegeben werden. Vorher wurde zum
zweiten Male aufgeführt: »Der Bevollmächtigte«, und zwar ſo Böhmiſche Literatur.
ſorgfältig, daß alle Schauſpieler unter lebhaften Beifallsbezeugun
gen gerufen wurden. Prof. Ant. Müller. Einen recht erfreulichen und recht paſſenden Anfang hat die
auf Koſten der Matice Ceſka erſcheinende Neu böhmiſche
Bibliothek (nowoceska biblioteka) mit einer Sammlung
von Jungmann's kleinen proſaiſchen und poetiſchen
Correſpondenz aus Böhmen. Schriften gemacht. Wir ſagten: einen recht paſſenden Anfang,
Teplitz, 4. Auguſt. denn Jungmann war mit unter den Erſten, welche die Liebe für
die in langem Schlummer befangene cechiſche Sprache und Litera
Das Denkmal, das die Badeſtadt Teplitz dem hochſeligen tur wieder anfachten, Einer von denen, welche durch Wort und
Könige Friedrich Wilhelm III. von Preußen geſetzt hat, iſt geſtern That am wackerſten an's Werk ſchritten, Einer von denen, welche
vormittags feierlich enthüllt worden, den ſpäteſten Enkeln ein Zeuge die neuböhmiſche Literatur eigentlich ins Leben riefen. Man kann
der unzähligen Wohlthaten, die ſeine milde und großmüthige Hand einer jungen, im Aufblühen begriffenen Literatur nebſt Empfäng
durch ein Vierteljahrhundert unter ihren Vätern verbreitet hat. lichkeit unter dem Volke nichts beſſeres zu ihrem Gedeihen wün
Trotz des regneriſchen und kalten Wetters, das aber am Tage des Feſtes ſchen, als einige Männer, wie Jungmann, und nebſt ihm Palacky,
ſelbſt ſich bis nachmittags ganz günſtig erhielt, waren zahlreiche Safarik, Eelakowſky, Hanka und A. in der neucechiſchen Literatur
Fremde von fern und nahe herbeigeſtrömt, und ſchon Tags zuvor ſind. Von Jungmann's unermüdlichem Eifer zeugen ſchon hinrei
boten die Straßen eine Lebhaftigkeit dar, die an die Congreßzeit chend ſeine Historie literatury éeske und ſein rieſiger Slownjk,
von 1835 erinnerte. Folgender war der Hergang der Feierlichkeit.
Bei anbrechendem Morgen widerhallten von der Anhöhe des
# Werk, deſſen Vollendung allein ein halbes Menſchenalter er
Ordert.
bürgerl. Schießhauſes 10i Kanonen- und Pöllerſchüße, den Be Die poetiſchen und proſaiſchen Schriften, welche dieſe Samm
wohnern der Stadt Teplitz und der Umgebung das Feſt verkün lung enthält, zeichnen ſich Alle durch Claſſicität der Sprache,
digend. Vormittags zwiſchen 9 und 10 Uhr verſammelten ſich am vollendete Rundung der Form und Gediegenheit der Gedanken
Rathhauſe alle öffentliche Beamte und Honoratioren, während vor aus. Das Intereſſe der heimiſchen Sprache gewann ungemein
demſelben am Marktplatze die bürgerl. Schützengeſellſchaft und die durch Aufſätze, wie die beiden Geſpräche über die cechiſche Sprache
bürgerl: Zünfte mit ihren Fahnen ſich aufſtellten. Um 10 Uhr (pag: 133 und 137 et sqq.) ſind. Sie machten gewiß gar Manchen
wurde, der zur Feier dieſes Tages hier eingetroffene k.k. Hr. Guber aufmerkſam darauf, daß er es ſeinem Vaterlande ſchuldig ſey, vor
nialrah und leitmeritzer Kreishauptmann, und der hier anweſende Allem deſſen Sprache zu kennen, eine Mahnung, die in Böhmen
k. k. Hr. Kurinſpektionskommiſſär, von dem Magiſtrate auf das Rath leider noch immer nicht überflüſſig iſt. – Unter den Uiberſetzun
haus abgeholt. Hierauf begann der Zug, der ſich durch die lange gen, welche dieſe Sammlung enthält, heben wir vorzüglich Cha
Gaſſe, über den Schloßplatz, durch die Kirchengaſſe längs dem teaubriand's Atala und Göthe's »Hermann und Dorothea« hervor.
Schießhauſe vorüber bewegte. Denſelben eröffneten die bürger Die ausgezeichnete typographiſche Ausſtattung des Werkes
lichen Zünfte, die bürgerliche Schützengeſellſchaft, darauf zwölf freut uns um ſo mehr, als, wie wir vernehmen, eine bedeutende
feſtlich gekleidete Teplizer Jünglinge und eben ſo viele Jung Anzahl Eremplare auch ins Ausland und namentlich nach Paris
frauen mit Blumenkränzen; der Magiſtrat, den k.k. Hr. Guber beſtellt iſt. K.

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

Unterhaltung öblatt.
Den 10. Auguſt N“ PGs 1S4 1.
--

Der Grund alles Uibels. Muß denn das Wort Bart überall in meinen Ohren
gellen! Ich verſtand den Witz nicht, ich glaubte, er habe
(Beſchluß).
vielleicht nur Bezug auf mich, verlegen, betroffen blickte
In der Blüthezeit der erſten Liebe iſt der Mann ich Karolinen an, und – Mein Gott, wie konnte ich
blind gegen die Fehler des geliebten Gegenſtandes; ich das erſt jetzt bemerken!
aber war blind gegen eine Zierde, mit der die allzufreige »Karoline!« rief ich außer mir, »Sie haben ja einen
bige Natur meine Geliebte geſchmückt hatte. Ich ſollte Schnurrbart!«
dieſe Verblendung büßen ! - Karoline ward purpurroth, rings um mich erſcholl
In meinen glücklichen Tagen erinnerte ich mich plötz unterdrücktes Gekicher und helllautes Gelächter, und die
lich einmal, daß unter den Muſen auch eine Muſe des ſelbe Stimme, die ich früher vernommen, hörte ich auch
Tanzes ſey. Da ich den Muſen mein Leben gewidmet, jetzt ſagen:
mußte ich nothwendiger und folgerechter Weiſe auch die »Das ſpricht der Neid aus ihm.«
edle Tanzkunſt lernen, und ich brachte es darin, wie in Ich war entſetzt, niedergedonnert, wüthend! Ohne zu
allen Studien, die ich betrieb, in kurzem zu ziemlicher wiſſen, was ich that, verließ ich Karoline, eilte auf den
Vollkommenheit. Von nun an waren die Nächte, die ich vorlauten Witzling zu, aber die Gruppe zerſtob lachend
bei meinen Büchern verbrachte, nicht mehr die einzigen vor mir, und ich ſtürzte hinaus aus dem Saale.
durchwachten Nächte: man zählte deren auch manche, die Im Foyer traf ich den Witzling wieder.
ich den Freuden des Balles aufgeopfert. »Herr,« rief ich, und faßte krampfhaft ſeinen Arm,
Auf einem glänzenden Geſellſchaftsballe tanzte ich, »Herr, Sie haben mich beleidigt, Sie müſſen mir Rede
Arm in Arm, Mund von Mund faſt nur auf Kußweite, ſtehen, als einem Manne von –«
mit meiner theuren Karoline. Nie hatte ich mich noch ſo »Einem Manne?« fiel er mir lachend in’s Wort –
glücklich, ſo ſelig gefühlt, wie heute. Wonnetrunken, »Zu einem Manne gehört ein Bart, Junker Bartlos!«
nein, raſend vor Wonne, galopirte ich den Saal hinab. »Er wird ſich ihn von ſeiner Braut leihen,« ſagte
Und wie war ſie ſo herrlich, ſo roſig im ſchneeweißen eine andere Stimme halblaut.
Ballkleide, eine Venus im Schaume. Ach warum war Raſend vor Wuth, mit einer Rieſenkraft, die ich
der Saal ſo eng, warum waren der Tänzer ſo viele, bisher nie in mir gefühlt, nie geahnt, wollte ich mich
warum mußten wir ſchon Queu machen! auf meinen Beleidiger ſtürzen, als ſich einige Herren
Neben uns ſtand eine Gruppe junger Dandie's und zwiſchen uns warfen, und uns trennten.
alter Faſhionable's, welche dem Tanze ſchon entſagt hatten, Ich ergriff meinen Hut und eilte, kochend vor Grimm,
aber alle Bälle beſuchten, um zu lorgnettiren, zu admiri fort, aus dem hellglänzenden glühenden Ballſaal hinaus
ren, zu kritiſiren, zu witzeln. Faſt die ganze Gruppe in die ſternerleuchtete ſchneidendkalte Winternacht.
hatte ihre Stecher auf uns gerichtet, und hätte ich noch Ich weiß nicht, durch welche Straßen ich rannte, ich
röther werden können, als ich von der Hitze des Saales weiß nicht, wann ich nach Hauſe kam, ich weiß nur, daß
und des Galops war, ich wäre es geworden, als ich ſah, die wildeſten, wüſteſten, blutgierigſten Träume meinen
wie ſie auf mich und Karolinen blickend, unter einan dumpfen Halbſchlummer unterbrachen, und daß ich am
der fluſterten und lachten. andern Morgen, noch vor dem Frühſtücke, zu meinem
»Die Natur hat ſich verirrt,« hörte ich den Einen Hausherrn berufen ward.
dieſer Elegants, einen Vetter der Familie, wo ich jetzt »Mein Herr,« ſagte er, wie ich glaube, mit erzwun
hofmeiſterte, halb laut ſagen, »die Natur hat ſich verirrt, gener Ruhe und Milde, »ich war immer zufrieden mit
ſie hat den Bart auf die unrechten Lippen gebracht!« Ihnen und glaubte, meine Kinder würden ſich Ihrer ver
ſtändigen Leitung ſo lange erfreuen können, bis ſie einem Und als ich nach langer, langer Krankheit wieder
Erzieher entwachſen wären, aber nach einem Vorfalle, aufſtand und mein todtenbleiches, abgezehrtes Antlitz im
wie der geſtrige war, nach einem ſolchen Affront, den Sie Spiegel beſchaute, da erblickte ich auf meiner Lippe und
an einem öffentlichen Orte einem Verwandten meiner auf meinem Kinne eine ganze Saat junger Barthärchen.
Familie angethan, nach einer ſolchen Scene, wo Sie ſich »Jetzt hat alles Uibel ein Ende!« rief ich trium
ſo vergeſſen, ſo entwürdiget haben, glaube ich Ihnen phirend, und zerdrückte die Thränen, mit welchen die
nicht länger die Erziehung meiner Kinder anvertrauen wehmüthige Erinnerung an all mein Leiden meine Augen
zu dürfen.« umſchleiert hatte. »Er iſt ja gehoben, der Grund alles
Ich war in Ungnade entlaſſen ! Uibels!«
Ich packte meine Sachen zuſammen, und ließ ſie nach
einem beſcheidenen Dachſtübchen ſchaffen, das ich in der
Eile gemiethet. D e r K. a u f.
Auf dem Wege dahin verwünſchte ich mein Geſchick, Eine Erzählung.
das mich nun wieder in Armuth und Elend geworfen, Zu Budſchia in der Regentſchaft Algier ſollte für die Be
und rief bitter das Omnia mea mecum porto des Si ſatzung, wenn auch nicht zu deren Unterhaltung, ein Gefängniß
monides den Wolken zu, die über mir hinzogen; da er eingerichtet werden. Ein kleines ſteinernes Haus von nur einem
faßte mich eine Hand und hielt mich zurück. Stockwerke hatte dem Ingenieur am zweckmäßigſten geſchienen,
Es war die Hand meines langjährigen Schulkamerad's, da es ſich mit einigem Umbau für jene beſondere Beſtimmung
ganz zu eignen ſchien. Schon waren ſtarke Eiſenſtangen vor den
des Bruders Karolinen’s. Aber wie unkameradſchaftlich
zwei kleinen Seitenfenſtern eingeſetzt und die Maurer arbeiteten
war, was er mir heute ſagte. -
an dem Ausbeſſern und dem Anwurfe der etwas ſchadhaften Wände,
»Gut, daß ich Dich treffe,« rief er, »Du erſparſt mir einen denn in dem alten Zuſtande hätten die Gefangenen ſie mit Leich
Weg. Ich wollte eben zu Dir und Dir ſagen, daß Du tigkeit durchbrechen können. Die Arbeiter waren ſo thätig, daß
nicht mehr unſere Schwelle betrittſt. Du haſt Karolinen das Haus ſchon in zwei Tagen für ſeine künftigen Bewohner fer
tig werden konnte, von denen Manche bereits ihrer unbeſchränkten
öffentlich beſchimpft – jedes Verhältniß zwiſchen Dir und Freiheit überdrüſſig ſchienen.
ihr, und auch zwiſchen mir und Dir iſt abgebrochen. Zum Zeitvertreibe kamen die Soldaten öfter herbei und ſahen
Wir verlaſſen dieſe Stadt, denn nach einer ſolchen Be zu, wie ihr künftiger Aufenthaltsort ſeiner Beendigung nahte."
ſchimpfung könnte ſich Karoline nicht mehr öffentlich Beſonders die Zephire waren in dieſen Beſuchen unabläſſig; ſie
waren überzeugt, daß auf ſie bei dem Baue insbeſondere gerechnet
zeigen. Lebe wohl.« worden war, und daß die nette kleine Wohnung für ſie eine Art
Er eilte fort, und ich ſchlich betrübt nach meinem von Vaterhaus ſeyn würde. Mehr als einer ſagte, indem er das
Dachkämmerchen. Gebäude mit nicht allzubeſtürztem Blicke maß: »Dort werde ich
Meine Leiden waren unſäglich – – und doch hatte alſo Sonntag ſitzen!«
ich den Kelch derſelben noch nicht geleert. Doch vor Allem müſſen wir denen, die es nicht wiſſen, er
klären, was ein Zephir iſt. Man benennt ſo die Soldaten von
Ich hatte beſchloſſen, mein Dachkämmerchen mit kei den leichten Infanterieregimentern in Afrika, und unter letzterer
nem Schritte zu verlaſſen, – ach, ja wohl, ich durfte, Bezeichnung kommen ſie im franzöſiſchen Militär - Schematismus
ich konnte bald dies gar nicht thun. Jene Nacht, wo vor. Gewöhnlich ſind es gute Krieger, von vortrefflichen Offi
ich ſo wahnſinnig aus der Gluth des Ballſaales in die zieren angeführt; ſie ſind tapfer vor dem Feinde und beſonders
kalte Winterluft hinausgeſtürzt war, jene Nacht rächte im Nachſetzen eifrig, aber faſt alle wurden durch eine oder die
andere kleine Sünde in die Bataillone der leichten Infanterie
meine Unvorſichtigkeit – durch ein Nervenfieber. gebracht, die gerade heraus geſagt, nichts anderes ſind, als Straf
Ach, ich war lange krank, lange kämpfte der Tod Bataillone. Der gelbe Kragen der Zephire hat eine frapprothe
mit dem Leben um meinen Beſitz! Zuthat erhalten, um ſie von den anderen nicht ſo genialen leichten
O Bart, Bart! der Du mich um zwei Hofmeiſter Truppen zu unterſcheiden, die ebenfalls einen gelben Kragen haben.
ſtellen, um meine Geliebte gebracht, Bart, um deſſent Ein Zephir wurde einſt von einem Offiziere über den Grund die
ſes kleinen Unterſchiedes in der Uniformirung befragt und ſagte
willen ich Hohn und Spott ertragen mußte, Bart, der endlich, indem er boshaft mit den Mundwinkeln zuckte:
Du mich immer wieder in Noth und Elend geſtürzt, der – Es iſt nur, um uns gleich zu erkennen; denn, ſehen Sie,
Du mich auf's Krankenlager geworfen, der Du mich dem wenn ſonſt ein Anderer nicht gut that, ſagte man gleich, wir ſeyen
Grabe nahe gebracht, Bart, Du Grund alles Uibels – die Schuldigen.
War denn der Bart dies? Ach nein, es war ja Dein Theils wegen dieſer Beweglichkeit des Geiſtes, theils wegen der
Nichtbart! Schnelligkeit, mit der ſie ſich auf die Araber ſtürzen, theils viel
leicht auch wegen der Leichtigkeit, mit der ſie ihre Wäſche und
O, wie phantaſirte ich in meiner Krankheit von mei Monturſtücke verkaufen, haben dieſe rüſtigen Burſche den Spiz
nem Nichtbart und dem Barte Karolinens, mit welchen namen Zephire erhalten.
erſchreckenden bärtigen und unbärtigen Geſtalten glaubte Der Zephir iſt in Puffen und Kniffen aller Art ſehr erfahren.
Nachſtehendes Ereigniß könnte man mit einem härteren Namen
ich im Fieberwahnſinn zu kämpfen – –
belegen, wenn es nicht ſo komiſch wäre, daß es den Sittenrichter
Endlich, nach langem Krankenlager, gelang es der entwaffnet.
Kunſt meines Arztes, mich zu retten. Unter den Neugierigen, welche zuſahen, wie ſich das Gefäng
Ich ward geſund! niß von Budſchia erhob, ſtand eines Tages auch ein wackerer An
ſiedler bürgerlichen Standes. Woher er eingewandert, weiß man Als er indeſſen näher herzutrat, ſah er mit großem Erſtau
nicht, aber gewiß hätte jede franzöſiſche Provinz ihn verläugnet, nen beſagte Thüre ganz von Nägeln ſtarren, die dicht neben ein
ſo über alle Erlaubniß ehrlich war ſein Geſicht. Mit großer Theil ander dergeſtalt eingeſchlagen waren, daß die Spitzen einen guten
nahme folgte ſein Blick der Arbeit der Maurer und Tiſchler und Zoll lang hervorragten. Die Tiſchler ſchickten ſich an, dieſe Thür,
wenn nicht die Zierlichkeit, ſchen er doch die Feſtigkeit des Ge die Nagelſpitzen nach innen, in die Angeln zu hängen.
bäudes zu bewundern. Vier oder fünf Zephire beobachteten ihn. Es muß hier bemerkt werden, (was dem wackeren An
»Es wird ein hübſches kleines Haus,“ ſagte er entlich zu ſiedler unbekannt war), daß die Soldaten im Stockhauſe, wenn
einem der Soldaten. -
ſie übler Laune und vor allem, wenn ſie betrunken waren, mit
»Freilich „« ſagte dieſer, »es würde ganz für Sie paſſen, Fäuſten und Füßen von innen an die Thüre donnerten, ſobald
Herr Coloniſt.« ſie hinter ihnen ſich ſchloß, als wäre das arme Holz Schuld an
»Ich ſage nicht nein.« dem zeitweiligen Verluſte ihrer Freiheit. Das Gepolter war ſo
»Nun gut, kaufen Sie es.« beſchwerlich und für den Poſten dicht vor der Thüre ſo betäubend,
»Wird es denn verkauft?« daß man den Einfall hatte, die Nägel, die jedermann ſehen konnte,
»Vielleicht, wenn ein guter Preis geboten wird - Machen dergeſtalt anzubringen, daß ein ſolcher Lärm künftig unmöglich
Sie einen Anbot.« nV Urdf.
»Wir wollen ſehen. Das Haus ſcheint mir ſolid gebaut; aber Der erſtaunte Anſiedler ſuchte mit den Augen die Verkäufer.
warum ſetzt man Eſenſtangen in die Fenſter?« Er bemerkte in der Ferne Jacques Lerour, der ſeine Urſachen
»Aus Furcht vor den Dieben, mein Coloniſt. In einem Lande hatte, nicht zu nahe zu kommen und den Verlauf der Dinge in
voll Araber – ſehen Sie – kann man nicht vorſichtig genug der Perſpektive beobachtete, lief auf ihn los, führte ihn vor das
ſeyn.« Haus und fragte, was zum Teufel für eine Thür man ihm da
»Das iſt wahr. Wenn ich das Haus kaufen ſollte, müßte es einhänge.
– wie man ſagt – den Schlüſſel in der Hand, feſt, wohlver »Das iſt ja,« ſprach Jacques, »eine ſichere Vertheidigung
wahrt ſeyn, daß man nur die Nachtmütze mitzubringen brauchte.« gegen die Araber.«
»Das verſteht ſich von ſelbſt. Ich ſtehe Ihnen dafür, mein »Das würde ich begreifen,« rief der Käufer, »wenn die
wackerer Anſiedler, daß eine ſtarke Trüre, tüchtig mit Eiſen be Spitzen nach auswärts ſtünden; aber ſehen Sie nicht, daß man
ſchlagen, mit Salöſſen und Riegeln verſehen, eingeſetzt wird. ſie nach innen anbringt? Heda, gute Freunde!« ſchrie er die Ar
Der Teufel ſelbſt ſoll ſie ohne Erlaubniß des Eigenthümers nicht beiter an, »dieſe Thür will ich nicht, und wenn ich ſie wollte,
öffnen können.« ließe ich die Spitzen nach außen kehren.«
»Ich bin zufrieden. Topp, ſchlagen Sie ein! Wenn Sie ver Die Arbeiter erhoben bei dieſer Anrede ein lautes Gelächter,
nünftig ſind und den Preis nicht zu hoch halten, iſt der Handel und fragten ihn, warum er ſich in etwas miſche, was ihn nichts
geſchloſſen.« angehe. Er erwiederte, das Haus ſey ſein, und ſie fingen an,
Die vier oder fünf Zephire ſahen einander an. Ein zweiter noch ſtärker zu lachen. Als er endlich noch immer auf ſeinem Ver
ſagte zu dem, der eben geſprochen hatte: langen beſtand, wurden ſie ungeduldig und ſchickten ihn zu einem
»Meiner Treu, das Haus iſt unſ er, wir dürfen wohl dar Offiziere, der in der Nähe auf und ab ſpazierte und ſeine Cigarre
über verfügen; Du darfſt alſo, Leroux, in unſerem Namen mit rauchte, mit den Worten: »Wenden Sie ſich an jenen Offizier
dem ſchätzbaren Coloniſten verhandeln. Was Du beſchließen wirſt, vom Geniecorps; er wird Ihnen am beſten Auskunft geben.«
heißen wir gut.« Indeß hatte Herr Jacques Lerour ſich unſichtbar gemacht.
Jacques Lerour nahm den Anſiedler unter den Arm, fing an Unſer Coloniſt ſuchte alſo den Offizier auf und ſagte ihm, er
mit ihm auf und ab zu gehen, ließ ihn das Dach, die dicken ſolle doch, da er die Aufſicht über die Arbeit habe, die Nagel
Mauern, die hübſchen kleinen Fenſter und vor Allem die ſichere ſpitzen nach außen und nicht nach innen ſetzen laſſen. Der Offizier
und ſtarke Thür bewundern, die in dieſem Lande die Hauptſache hieß ihn ganz kurz ſich packen und nicht um fremde Dinge küm
bei dem ganzen Gebäude ſey Nach dieſer mehr oder weniger mern. Jetzt gab es eine Weile die lächerlichſten Mißverſtändniſſe,
hochtönenden Einleitung ſchloß Jacques Lerour mit einem ſo be bis endlich dem armen Coloniſten klar wurde, er habe ein Stock
ſcheiden und winzig bemeſſenen Preiſe, daß der Coloniſt ſich wohl haus gekauft und ſey um ſein Angeld geprellt. In der That ſah
hütete, eine Einwendung zu machen, aus Furcht, ein ſo herrlicher er in ſeinem Leben keinen Heller mehr davon.
Kauf könnte ihm entgehen. Das Haus war die verlangte Summe Was Jacques Lerour betrifft, ſo können wir nicht dafür ſtehen,
vielleicht dreifach werth. Kurz, n-chdem die Kameraden zu Rathe daß er den Entſchluß faßte, ſich künftig ſolcher Späße zu enthal
gezogen worden, kam man überein, der Kauf ſey abgeſchloſſen, ten. Gewiß aber iſt, daß er es war, der das Luſthaus, deſſen
und ſolle auf der Stelle mit vierzig Franken Darangeld bekräftigt Eigenthümer zu ſeyn er vorgab, am nächſten Sonntage ein
werden, unter ehrlichen Leuten gelte ohnehin das Wort für eine weihte.
Schrift, und der Kaufpreis werde in zwei oder drei Tagen bei
der Aufſetzung der Ceſſion erlegt werden.
M o ſ a i k.
Als die vierzig Franken einmal in den Händen der Zephire
waren, wurden ſie am ſelben Adende noch – der Himmel weiß, Am 19. Juli fand zu Aachen eine großartige Aufführung von
zu welchem Gebrau.he – verwendet. Mendelſohn's Oratorium »Paulus« ſtatt. 180 Sänger und 60
Inſtrumentaliſten wirkten zuſammen. Die Aachener Zeitung ſpricht
Am andern Morgen kam der Coloniſt mit Tagesanbruch zu
ſeinem neuen Eigenthume mit dem feſten Vorſatze, nöthigen Falles ſich folgender Maßen darüber aus: »Den vollſten Dank des Pu
blikums verdient Herr Veit, der in ſeiner neuen Stellung als
den Arbeitern ſeinen Rath zu geben, denn es ſchien ihm nicht
mehr als billig, daß der Bau nach ſeinem und nicht nach fremdem ſtädtiſcher Kapellmeiſter mit dieſer Aufführung debutirt hat und
Geſchmacke geführt würde. Als er ankum, trug man eben, um den glücklicher war nicht möglich. Beſſer ließ ſich nicht zeigen, welchen
Gewinn die Stadt an dem tüchtigen Manne gemacht hat und was
Eingang zu ſchließen, eine dicke und maſſive Thüre herbei, die
ihm, von weitem geſehen, ſehr wohl gefiel.
wir uns noch von ihm verſprechen dürfen. Wir haben ſeinen
Eifer für das Gute geſehen, wir wiſſen jetzt, daß er den größten
»Gut,« ſprach er zu ſich ſelber, »die Verkäufer ſind Männer Leiſtungen vollkommen gewachſen iſt.« Dies Urtheil ſpricht der
von Ehre; ſie halten Wort. Das iſt eine Thüre, die dem Kar bekannte Schriftſteller Louis Lar aus, ein perſönlicher Freund
tätſchenfeuer widerſtehen würde.« des vorigen Aachner Kapellmeiſters Schindler, und gerade deßhalb
verdient es doppelt Glauben. Sollte alſo unſer geſchätzter Lands dreizehn Biſchöfe, vierzehn Ritter, – alle dieſe Figuren theils
mann ſeine dortige Stellung nach dem Probevierteljahre aufzuge zu Fuß, theils zu Pferde, genau in der damals üblichen Tracht
ben ſich bewogen finden, ſo hinterläßt er im Rheinlande den beſt gebildet, befinden. Dieſe merkwürdigen Schachfiguren befinden
begründeten muſikaliſchen Ruf. – – ſich gegenwärtig im britiſchen Muſeum. – –
Eine rieſenhafte Rübe iſt kürzlich in England angekommen. In der engliſchen Badeſtadt Brighton lebt ein uralter Mann,
Sie wurde auf Van Diemensland (Auſtralien) aus engliſchem Sehk Dihn Mahomend, ein Orientale, wie ſchon aus dem Namen
Samen gezogen und maß im Umfange fünf Fuß zwei Zoll. hervorgeht. Er trat in das britiſch indiſche Heer, focht in unzäh
Sie wog beim Einpacken 92 Pfund, wurde in ſtarkes Salzwaſſer ligen Schlachten, machte reiche Beute, verarmte aber durch Falli
gelegt und ſo nach England verſchifft, wo ſie beim Auspacken nur ment ſeines Banquiers. Hierauf wendete er ſich nach Europa,
noch 84 Pfund wog. Die Rübe war ganz geſund und ohne die wo er durch die Anwendung indiſter Hausmittel bei Kranken
mindeſte Höhlung. – – » einen großen Ruf und ein ſchönes Vermögen erwarb. In ſeinem
Zu Mailand wurde im Theatre Ré eine neue komiſche Oper Zimmer zeigt dieſer neunzigjährige Greis den Beſuchern ein gan
»Don Papirio Sindaco«, Tert von Damezzano, Muſik von Degola zes Muſeum von Krücken, Stelzfüßen und derlei Andenken von
gegeben. Die Muſik ſoll gefällig genug, aber (wie in allen neuen geheilten Kranken. Dieſer merkwürdige Greis lebt bereits ſeit
italieniſchen Opern) die hundertſte Wiederholung neun und neun vierzig Jahren in Brighton und ſah dieſe Stadt von acht
zigmal dageweſener Gemeinplätze ſeyn. Die Vorſtellungen im tauſend auf ſechszig tauſend Bewohner anwachſen. Er behauptet,
Scalatheater werden am 10. Auguſt wieder anfangen und zwar bei ſeinen Kuren nie ein anderes Mittel, als das Gliederkneten
mit Mercadantes »Veſtalin« und mit dem »Schloſſe von Kenil und ein gewiſſes Oel angewendet zu haben. – –
worth«, einem großen Ballet vom Choreographen Hrn. Hus, der
doch offenbar ein Landsmann von uns iſt, – – Die eilfte Verſammlung britiſcher Gelehrter hat ſich zu Ply
Das Verfertigen von Electrotypen iſt in England ein ausge mouth bereits verſammelt und in einer allgemeinen Sitzung con
dehnter Gewerbzweig geworden. Man kauft ein ſolches ſehr ver ſtituirt. Sie hat ſechs Sectionen: Phyſik und Mathematik, Chemie,
vollkommnetes Inſtrument, welches durch bloßes Eintauchen des Geologie und phyſiſche Geographie, Naturgeſchichte, Anatomie und
zu kopirenden Gegenſtandes (z. B. Medaillen, antike Gemmen, Medizin, Statiſtik und letztlich Mechanik. Die Geſellſchaft briti
Siegel c.) zwölf Copien auf einmal erzeugt, gegenwärtig um 12 ſcher Gelehrter hat bereits ein Vermögen von 70,000 fl. C. M. –
Schillinge (6 fl. C. M.) – – Vor die Aſſiſen von Wales wurde neulich, wie der Courier
Bekannt iſt es, daß das Schachſpiel ſehr alt iſt, minder be meldet, ein Kerl wegen Begehung eines groben Verbrechens ge
kannt aber, daß vor dem die Figuren ganz anders geſtaltet waren, ſtellt und bekannte ſich desſelben ſchuldig. Als der Richter die
als heutigen Tages. Auf der Inſel Lewis (einer der Hebriden bei gewöhnliche Frage an die Jury ſtellte, ſprach der Obmann nach
Schottland) wurden unlängſt viele alte Schachfiguren aus den Berathung mit ſeinen Collegen ein: »Nichtſchuldig«. Als der
früheſten Zeiten des Mittelalters gefunden, indem ein Bauer in Richter ihn fragte, wie die Jury einen ſolchen Ausſpruch fällen
einer Sandbank grub. Es ſind ihrer ſiebzig an der Zahl, aus könne, nachdem der Angeklagte die That eingeſtanden habe, ant
Bein verfertigt und von vortrefflicher Arbeit. Sie gehören etwa wortete der würdige Obmann, daß die Jury den Gefangenen von
ſechs Spielen an, die aber nicht ganz vollſtändig ſind, und unter Kindheit an kenne, und derſelbe Zeitlebens der größte Lügner im
welchen ſich außer neunzehn Pionen ſechs Könige, fünf Königinen, Kirchſpiele geweſen ſey. – –

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 7. Auguſt. Correſpondenz aus Böhmen.
Die zweite Gaſtrolle des Hrn. Wild war xSever« in Belli Beraun, 8. Auguſt.
ni's Norma. Uiber das, was dieſer gebildete Sänger noch leiſten Am 6. d. M. Abends 8 Uhr langte Seine kaiſ. Hoheit Erz
kann, und leiſtet, hat ſich die vorige Nummer d. B. erſchöpfend herzog Stephan hier an, und wurde vom Herrn Gubernialrath
ausgeſprochen. Auch am 7. wußte er den Mangel an Verbindung und Kreishauptmann Hawle, dem Magiſtrate und anderen Hono
der oberen Regiſter und an Beweglichkeit, dieſe beiden Hauptübel ratioren ehrfurchtsvoll empfangen. Am andern Tage (den 7. Aug.)
ſtände ſeiner Stimme, zu verdecken oder wenigſtens zu mildern. begab ſich Se. kaiſ. Hoheit um 7 Uhr früh, begleitet vom Herrn
Wo die Cantilene der Stimmlage entſpricht, die bei Hrn. Wild Gubernialrath und Kreishauptmann, in die hier befindliche Spinn
kräftig und volltönend iſt – der mittleren – leiſtete er Vortreff fabrik, in die Maſchinenbaufabrik, in die Stadtkirche, das Rath
liches und auch in den übrigen Stellen ließ er nirgend den gründ haus und von da aus zu der im Baue ſtehenden Kaiſer-Ferdi
lich geſchulten Künſtler verkennen. Daß ſein »Sever« anſprach, nands-Brücke, welche in jeder Beziehung ein würdiges architek
zeigte der laute und wiederholte Beifall des Publikums. Den toniſches Monument vaterländiſcher Kunſt ſeyn wird. Die Pächter
Preis des Abends aber gewann Dem. Groß er in der Titelrolle ſind die Herren Brüder Pollack und Hahn. -

einer der vorzüglichſten Ä dieſer Sängerin. Wie Demoiſelle, Se. kaiſ. Hoheit ließ ſich von dem den Bau leitender k. Bau
Groß er am 7. ſang, mit ſolcher Wahrheit des Ausdruckes, mit direktionsingenieur, Herrn Joſ. Pfohl, und k. Straßenkommiſſär,
ſolcher dem Momente entſprechenden Leidenſchaft, denken wir uns Herrn Robas, die Pläne vorlegen, beſprach ſich ſowohl mit dieſen
den dramatiſchen Geſang. Dem. Herrmann ſang die Adalgiſe Herren, als auch mit dem Brückenbauunternehmer, Herrn Joſ.
mit anerkennenswerther Reinheit und Geläufigkeit, aber ſo lange J. Pollack, genau und angelegentlich mit der Sr. k. Hoheit eigenen
ſie jene früher erwähnten Vorzüge ſich nicht eigen gemacht hat, läßt liebenswürdigen Humanität über die Details dieſes kühnen Rieſen
ſie von ihrer Aufgabe die wichtigere Hälfte ungelöſt. Hr. Stra werfes, und legte im dritten Bogen des rechtſeitigen Ufers unter
k a ty wurde als Oroviſt vom Publikum mit rauſchendem Beifalle Pöllerſchüßen und Jubelruf den erſten Schlußſtein. - -

ausgezeichnet und er verdiente ihn im vollen Maße. Um 9 Uhr Morgens (desſelben Tages) beſtieg Seine kaiſ.
B. Hoheit mit dem k. k. Herrn Hofrath Baron Buol, dem k. k. Hrn.
Oberſten von Anders und dem f. f. Herrn Kreishauptmann zwei
ſehr ſchön mit den Landesfarben dekorurte Kähne, und fuhren nach
der alten Veſte Karlſtein und von da nach Konigſaal. +

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bohemia, ein

Unterhaltungsblatt.
- -

Den 13. Auguſt M**- LP Ze 1S441.

Der Grund alles Uibels. tröſtete mich immer wieder. »Du haſt ja nun einen Bart,«
dachte ich, »es kann Dir nicht fehlen.« Und es ſollte
Von PMZ.
mir nicht fehlen.
III
Eines Tages erhielt ich ein Billet. Es war von einem
Wenn im Frühjahr die Spitzen der Saaten aus der Manne geſchrieben, der ein Freund meines Vaters war
Erde hervorbrechen, und ein Hälmchen nach dem andern und mir wohlwollte. Das Briefchen lautete:
erſcheint und ſich immer ſtolzer hebt, und der grüne »Der Herr Baron L* braucht einen Sekretär. Ich habe
Teppich immer dichter und dichter wird: dann beſucht der Sie ihm als einen gewandten, kenntnißreichen, verläßli
Landmann ſein Feld fleißiger als ſonſt, und ſieht Tag chen Mann empfohlen, und er beauftragte mich, Ihnen zu
für Tag nach, und freut ſich des ſteten, augenfälligen melden, Sie ſollten ſich Morgen um eilf Uhr bei ihm
Wachſens der jungen Sproßen. Warum ſollte nicht auch einfinden. Sie werden an ihm einen trefflichen, humanen
ich, jenem wackeren Landmanne gleich, ſobald auf meinem Herrn finden, und ich zweifle nicht im Geringſten, daß
– ich kann leider ſagen einzigen – Grunde und Boden auch Sie ſeinen Wünſchen vollkommen entſprechen werden.«
die erſten Sproßen des Bartes ſich gezeigt hatten, warum - Wer war froher, wer glücklicher als ich! Endlich
ſollte nicht auch ich dieſelben von Stunde zu Stunde im wieder eine Ausſicht, rief ich, endlich ein Poſten, der
Spiegel beſchauen, und ſie Tag für Tag zählen und mich mich meiner drückenden Lage enthebt, und deſſen ich nicht
ihres Wachsthums und ihrer ſichtlichen numeriſchen Ver um des Bartmangels willen enthoben zu werden fürchten
mehrung freuen? Ich, der ſo lange bartlos, vom Un muß! Meine Freude war um ſo größer, als man mir
glücke verfolgt wurde und nun endlich hoffen durfte, daß von allen Seiten den Baron als einen dem Geiſte und
beim Anblicke meines, wenn auch jungen Bartes das Herzen nach trefflichen, und gründlich gebildeten Mann
Mißgeſchick viel zu viel Reſpekt vor mir haben würde, ſchilderte.
als daß es mich noch ferner verfolgen ſollte! Ich hielt die mir anberaumte Stunde pünktlich ein.
Und wie ein Ehepaar das nach jahrelangem Harren Der Baron trat mir freundlich, herzlich, entgegen, aber
und Sehnen endlich erſchienene Pfand ſeiner Zärtlichkeit wie erſtaunte ich, als ich bemerkte, daß ſeine Geſichts
mit aller erdenklichen Liebe hegt und pflegt, ſo hegte züge plötzlich kälter, ſein Benehmen gemeſſener wurde,
und pflegte auch ich den mir endlich von der Natur ver und er mich nach einigen ziemlich gleichgiltigen Worten
liehenen Lippenſchmuck. Doch genug der Vergleiche. eben ſo kalt als höflich entließ.
Der Grund alles Uibels war gehoben, meine Geſund Verwundert über den ganz unerwarteten Empfang
heit kräftigte ſich immer mehr, ich blickte hoffnungsvoll machte ich ſogleich dem Freunde meines Vaters, der mich
in die Zukunft und ließ mir den Schnurrbart ſtehen, ſo dem Baron empfohlen, meinen Beſuch. Dieſer begriff
viel mir nur deſſen die Vorſehung beſcherte. Ja, der eben ſo wenig, wie ich ſelbſt, die froſtige Aufnahme, die
junge Schnurrbart hob meinen Stolz, mein Selbſtbewußt ich gefunden. Nach einigen Tagen löſte ſich indeß ihm
ſeyn ſo ſehr, daß ich alle zweifelhaften Complimente, alle und durch ihn mir das Räthſel.
Stichelreden, alle Neckereien und Spöttereien meiner Kame »Keine Solidität« – ſagte ihm der Baron, als er
raden über denſelben mit vornehmer Verachtung überhörte. ein Wörtchen von mir fallen ließ – »der junge Mann
Aber nicht ſo erwünſcht, als mein Schnurrbart (– an mag Kenntniſſe haben, mag brav ſeyn, aber dies burſchi
dere nannten ihn freilich nur ein Diminutiv- Schnurr koſe Schnurrbärtchen – das verſpricht wenig Solidität!«
bärtchen –) gediehen meine äußern Verhältniſſe. Meine »Und ich muß geſtehen, junger Freund,« ſchloß mein
Lage wurde um ſo drückender, um ſo peinlicher, als ich Gönner, als er mir den Ausſpruch des Barons mittheilte,
ein behaglicheres Leben ſchon verkoſtet hatte. Doch ich »ich ging ſchon längſt mit dem Entſchluße um, Ihnen an
zurathen, daß Sie dieſe unnütze Verunſtaltung Ihrer und aufrichtig gemeinten Rufe: 2 Kommen Sie bald
Lippen abſcheren. Sie wird Ihnen wenig Glück bringen.« wieder!« ſchnell ab, drückte die vier Stück fünf und
Unnütze Verunſtaltung, dachte ich, wie philiſterhaft! zwanzig Gulden- Banknoten jede einzeln und alle zuſam
Und mir kein Glück bringen! Mir, dem der Nichtbart ſo men an's Herz und machte mich haſtig an die Durch
viel Unglück gebracht, mir ſollte der Bart kein Glück leſung des vortrefflichen Briefes. Der Brief war wirklich
bringen! Und vollends ein ſo ſchmucker, ſo liebenswürdi noch köſtlicher als die beſchwerende Beilage. Die Brief
ger Bart! ſtellerin war eine Tante, die ich bisher kaum dem Namen
Und mitleidig über die Vorurtheile der Herren lachend, nach gekannt, weil ſie ſich nie um meine Familie ge
ſtellte ich mich zu Hauſe vor den Spiegel und bewun kümmert hatte, die aber jetzt, nachdem ſie vor Kurzem
derte meinen Liebling, meinen Bart. Ja, ſo ſind wir ihren einzigen Sohn verloren, ſich nach andern – nicht
Menſchen vom größten bis zum kleinſten; unſere Schwä leiblichen, denn ſie war ſchon dem ſechsten Altersdecennium
chen lieben und bewundern wir oft gerade am allermeiſten. ſehr nahe – nach andern Erben umſah. O göttliche
So that ſich Göthe auf ſeine Farbenlehre und ſeine mi Tante, die Du bei dieſem Sichumſehen Deine Augen
neralogiſchen und geologiſchen Aufſätze ſehr viel zu gute, auf mir Unwürdigem weilen ließeſt! Der Schluß des
ſo bewundert manche Dame, die treffliche Strümpfe Briefes, welcher mir das Vorgeſagte mit aller bei Frauen
ſtrickt und ſchlechte Gedichte macht, doch dieſen letzteren beliebten Weitſchweifigkeit auseinanderſetzte, lautete be
Theil ihrer Erzeugniſſe und ſo bewunderte auch ich meinen ſonders zärtlich:
Schnurrbart, und nannte alle, welche ihn nicht auch be »Nimm die Kleinigkeit, die ich beigelegt habe, als ein
wunderten, Ignoranten oder Neider. Draufgeld meiner Liebe, oder noch lieber als ein Reiſe
Die Natur iſt generis feminini und hat folglich geld an und komme recht bald zu mir. Du wirſt Fanni,
Launen. So ſpröde ſie mir Anfangs ihre Gunſt in Betreff Deine Couſine, die Du, glaube ich, noch gar nicht kennſt,
eines Bärtchens verweigert hatte, ſo freigebig überſchüttete bei mir finden. Sie iſt ein allerliebſtes Mädchen. Komme
ſie mich jetzt mit Gaben. Dem Schnurrbärtchen folgte alſo bald. Ich ſehne mich nach Deinem Anblicke. Ich
Knebel-, Backen-, Kinnbart, alle Sorten von Bärten. ſah Dich nur einmal, vor etwa zwanzig Jahren; damals
Mein Geſicht wurde immer eſau-artiger, ich wichste emſig warſt Du ein kleines Bürſchlein, das viel mit Studieren
den Schnurrbart, kämmte ſorgfältig den Backenbart, ſtrich geplagt wurde, jetzt ſollſt Du ein hübſcher Mann gewor
den Zwickelbart in hübſche Triangelformen, und ſtudierte jedes den ſeyn, und wie ich höre, ein niedliches Schnurrbärt
bärtige Antlitz, um zu ſehen, ob ich nicht neue Verſchö chen tragen. Komme bald!«
nerungen und Verbeſſerungen mit meinen verſchiedenen O holde Tante, köſtliche Tante, göttliche Tante,
Bärten vornehmen könnte. Ich betrieb den Eultus meines Ideal aller Tanten, ja ich werde bald, recht bald kommen.
Bartes wie eine Wiſſenſchaft. Darüber kam freilich Und wie freut ſie ſich darüber, daß ich ein niedliches
Griechiſch und Latein in Vergeſſenheit, und auch die Schnurrbärtchen trage – O Tante, wie ungeheuer wird
Brodſtudien wurden nicht mit ſolchem Eifer betrieben Deine Freude erſt ſeyn, wenn Du ſehen wirſt, wie aus
wie früher. dem niedlichen Schnurrbärtchen ein ſolches Prachteremplar
Uiber ſolchen Studien vergingen Jahre, und ich wun von Bart geworden iſt.
derte mich, daß ſich trotz aller erdenklichen Bärte meine Und unter ſolchen Erklamationen der Begeiſterung
finanzielle Lage nicht günſtiger geſtaltete. Meine Kennt kleidete ich mich ſchnell an, eilte zu meinen Freunden,
niſſe hatten mir bisher ohne Bart wenig geholfen, ſollte ihnen die frohe Nachricht mitzutheilen, und ein kleines
mein Bart mir auch nicht helfen? Abſchiedsfeſt mit ihnen zu feiern. »Seht!« rief ich, »das
Eines Tages ſtand ich gerade vor dem Spiegel, und hat mein Bart gethan! Noch eh' ihn meine Tante geſe
hielt große Bart-Revue, da trat Jemand ohne Umſtände hen, hat er ihr Herz mir erobert – Drum haltet meinen
in mein Zimmer. Ich wollte den Unartigen etwas un Bart in Ehren, denn jetzt könnt Ihr's nicht mehr läugnen:
höflich begrüßen, ließ meinen Vorſatz aber ſogleich fallen, mein Bart macht mein Glück. D’rum vivat meinem
als ich ſah, daß es der Geldbriefträger ſey. Barte!«
»Entſchuldigen Sie,« ſagte er, »daß ich anzuklopfen Und die Freunde brachten einen ſchallenden, begeiſter
vergaß.« ten Toaſt auf das Wohl meines Bartes aus, und wünſchten
»Ah . . ah . .« ſtammelte ich freudig, »ich bin über Ihren ſich alle, ſolche Bärte, und ſolche Tanten zu haben.
Anblick ſo entzückt, daß ich mich über das gewöhnliche Wonneberauſcht, und wenn ich nicht irre, auch etwas
Ceremoniell hinwegſetze.« Champagner - berauſcht, riß ich mich aus den Umarmun
Und haſtig ergriff ich den Brief und – o Himmel, gen meiner Freunde los und eilte auf die Poſt, um
ſchildre Du ſelbſt mein Entzücken, als ich auf der Adreſſe ſchnurſtracks zu meiner Tante zu fahren.
des Briefes las: »Beſchwert mit hundert Gulden!« Der Die Pferde galopirten mit mir von dannen, ich ſank
Anblick des erſten Barthärchens auf meiner Oberlippe in einen ſüßen Halbſchlummer, umarmte im Traume
hatte mich nicht ſo elektriſch durchzuckt, wie dieſe vier meine Tante, die bei meinem Anblicke vor Entzücken in
Worte. Ich fertigte den Briefträger mit dem ehrlich Ohnmacht fiel, küßte Fanni, ein allerliebſtes, küßliches
Kind, das noch allerliebſter, küßlicher geweſen wäre, Er öffnete den Kutſchenſchlag, ich beſtieg den Wagen
hätten es nicht die neckiſchen Traumgötter mit einem tritt. Da faßte mich Jemand am Arme. Es war wieder
Schnurrbärtchen geſchmückt, luſtwandelte mit ihr auf den der Diener, der mich aus dem Boudoir der Tante hinaus
Beſitzungen meiner Tante, erſchrak, als ich plötzlich ſtatt gezaubert hatte.
Fanni meine vergeſſene Karoline an meiner Seite ſah – »Verzeihen Sie . . .« ſagte er.
wachte darüber auf und ſchlummerte wieder ein, und »Sie ſind ein Schlingel . . .« ſagte ich.
träumte da capo von Tanten, Fanni's, Karolinen und »Es war vielleicht ein Irrthum . . .« ſtammelte er.
Schnurrbärten. »Ein Irrthum, daß Sie mich . . .« Ich ſprach es
Nach ſechs und dreißigſtündigem Gerütteltwerden hielt nicht aus, was mir auf der Zunge lag, ſondern ſprang
ich vor dem Hauſe meiner Tante. Ich hatte die letzten in den Wagen.
Augenblicke, die ich in der Kutſche ſaß, dazu verwendet, Er aber wich nicht von meiner Seite.
meinen Bart zu kämmen, zu bürſten und aufzuputzen, und »Sind Sie nicht der Neffe der gnädigen Frau von **«,
warf nun ſchnell einen Blick in den Taſchenſpiegel, und fragte er. -

fand, daß ich recht hübſch, recht männlich ausſehe. Zu »Freilich bin ich's. Eine liebenswürdige Tante, die
frieden mit mir ſelbſt, ſprang ich vom Wagen, und eilte ihre Neffen nur einladet, um ſie durch ihre Diener hin
in die Arme meiner Tante. aus . . . Fahr' zu, Schwager !« ſchrie ich, immer grim
Als ich in's Vorzimmer trat, hörte ich in dem Ge miger werdend.
mache meiner Tante eine eben nicht melodiſch klingende Der Bediente hielt aber den Schwager zurück und
Stimme. Es ſchien die Gebieterin des Hauſes zu ſeyn, fuhr fort: - -

denn ſie keifte mit ihrer Umgebung. »Da komme ich eben »Herr, wie ich dachte, es iſt ein Mißverſtändniß.
zu gelegener Stunde,« dachte ich, »die Tante iſt übelge Meine gnädige Gebieterin iſt nicht Ihre Tante . . .«
launt, aber mein Anblick wird ſie ſogleich heiterer ſtimmen.« »Was? Und Fanni, meine Couſine . . .«
Und ohne mich anmelden zu laſſen, riß ich haſtig die »Die, Ihre Couſine? Unſer Kammermädchen Ihre Cou
Thüre auf und ſtürzte zu den Füßen einer Dame, die ſine?« rief er lachend. »Doch ja, richtig, Ihr Fräulein
in einem Lehnſtuhle ſaß und deren Antlitz ungefähr ſo Couſine heißt auch Fanni. Sie wohnt bei Ihrer gnädigen
hell leuchtete, wie ein gewitterſchwangerer Himmel, und Frau Tante, im erſten Stock. Wir haben das Erdgeſchoß
deren Augen gleich Blitzen funkelten. dieſes Garten-Pavillons für den Sommer gemiethet!«
»Wer ſind Sie mein Herr!« rief ſie mit einer Stimme, »Ach ſo!« rief ich, und ſtieg mit Hilfe des Bedienten
die beinahe klang, wie ein Geigenton ober dem Steg, vom Wagen. »Schwager, warte, ich ſende ſogleich um
»wer ſind Sie und was wollen Sie hier?« . mein Gepäck. Alſo einer fremden Dame, einer Nichttante,
»Tante, liebe Tante – Sie beriefen mich ja hieher!« bin ich zu Füßen gelegen ! thut mir leid. Und eine andere
ſagte ich, noch immer zu ihren Füßen liegend. Fanni habe ich geküßt? Thut mir – nein, nein, thut mir
»Ich, Sie hieher berufen – ich Ihre Tante – Sind nicht leid, denn dieſe Fanni war hübſch, wenn nur nicht
Sie ein Wahnſinniger ? Fanni, ſchaffe mir dieſes Orang der Flegel von Bedienten . . .«
Utang-Geſicht aus den Augen!« -
Und mit ſolchen Gedanken ſchritt ich, etwas langſamer,
»Orang-Utang-Geſicht?« rief ich aus und ſprang als das erſte Mal, in’s Haus zurück, und ſtatt wieder
grimmig auf. Aber mein Grimm legte ſich ſchnell, denn in die Erdgeſchoßſäle, die Treppe hinauf, in den erſten
ich bedachte, daß wenn auch die Worte der Tante ſehr Stock. Die Fama war mir dorthin ſchon vorangeeilt.
hart und ihre Stimme ſehr disharmoniſch – dafür die (Der Beſchluß folgt.)
Saiten ihres Herzens, und (ich glaube wenigſtens, daß
ich dies auch bedachte) ihre Dukaten deſto melodiſcher
klangen. »Nein, meine Tante, zürnen Sie mir nicht . . .«
Die Tante ließ mich nicht ausreden, ſondern kreiſchte: M of a i k.
»Fanni, wird mein Befehl vollzogen?« Alphons Karr erzählt in ſeinen »Wespen«: »Madame D*
Ein Mädchen, ein wunderhübſches, roſenwangiges, hatte eine prächtige Katze; – Herr von C* machte ſich eines
blauäugiges Mädchen nahte mir ſchüchtern, warf mir Tages den Spaß, ſie zu erſchießen. In Ermanglung der Droſſeln
ſchießt man Amſeln, in Ermanglung der Amſeln, Katzen.
einen halbverwunderten, halb bittenden Blick zu und wollte Madame D* läßt in ihrem Hauſe und in den Häuſern aller
etwas ſagen, aber ich ließ ſie nicht zu Worte kommen, ihrer Freunde alle Arten Mäuſefallen aufſtellen; und als ſie drei
ſondern verſchloß ihr den Mund mit einem Kuſſe. bis vier hundert Mäuſe beiſammen hatte, läßt ſie dieſelben in
eine Kiſte einſperren und dieſe an Frau von E* adreſſiren. –
Meine Couſine kreiſchte auf, die Tante kreiſchte auch Die Kiſte kommt an , Frau von C* öffnet ſie ſelbſt in der Hoff
auf ein Papagei, der im Käfig neben der Tante ſtand, nung, einige neue Moden darin zu finden – die Mäuſe ſpringen
kreiſchte ebenfalls, Alles kreiſchte, bis ein Diener herein heraus und verbreiten ſich im ganzen Hauſe. Am Boden der
trat, mich – ob höflich, weiß ich nicht recht – beim Kiſte lag ein Billet an Frau von C*: .
»Madame! - -

Arme faßte, und . . . Ihr Gemal hat meine Katze getödtet, ich ſende Ihnen meine
Nach wenigen Sekunden ſah ich mich verwundert vor Mäuſe.« – – - -

dem Hauſe, wo noch die Poſtkutſche ſtand, erwartend, Zu Orford ſtand kürzlich ein Individuum wegen eines am 19.
daß_ Jemand mein Gepäck (das freilich bloß in einem Juni an einem ſechzigjährigen Manne begangenen höchſt grau
Kofferchen beſtand) abholen werde. Zwar hätte der Po ſamen Raubmordes vor den Aſſiſen. Alle Zeugen-Ausſagen und
ſonigen Beweiſe überführten ihn des Mordes; die Jury jedoch
ſtillon wohl den Koffer brevi manu in's Haus geſchafft, erklärte ihn zum großen Erſtaunen des Gerichtshofes für nicht
aber ich hatte auch ein Trinkgeld ihm zu geben vergeſſen, ſchuldig. Der Angeklagte geſtand hierauf in der Freude über die
und dies mochte wohl der eigentliche Grund ſeines War unverhoffte Losſprechung, daß er den Mord wirklich begangen
habe, kann aber nach dem engliſchen Geſetze jetzt bloß noch wegen
tens ſeyn. Er zog den Hut und hielt die Hand zum des dabei begangenen Raubes veſtraft werden. Er wurde zu die
Nehmen offen . . . ich warf ihm raſch ein Geldſtück hin ſem Ende in's Gefängniß zurückgebracht. - -
und rief:
Bei dem Sturme vom 18. Juli brach in der Gegend von
»Schwager! wir fahren alſogleich wieder zurück.« Uſingen ein Aſt von einer Buche, der 1. Klafter Holz und ein
halbes Hundert Wellen lieferte. Dieſe Buche iſt über vierhundert und ſie führt daher auch mit Recht in der ganzen Gegend den
Jahre alt, nicht hoch, aber dick, denn ihr Umfang beträgt 15 Fuß Namen: dicke Buch f. - –

am sms

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 9. Auguſt. aene Geldgeſchäft aus. Natürlich, daß nun Argunt ſeinem Sohne
Die dritte Gaſtrolle des Herrn Wild war die Titelrolle in Friedrich mehr zürnt, als zuvor, und da er erfahren hat, daß der
Roſſini's »Otello«. Gerade mit dieſer Partie hat Herr Wild ungerathene Ludwig, dem er Stadt und Haus verboten hat, ſich
ſeine größten Triumphe gefeiert und auch in dem gegenwärtigen mit ſeinem Weibe eingeſchlichen habe: ſo faßt*er den Entſchluß,
Rollencyclus iſt ihr unter den bisherigen der Preis zuzuerkennen. ſeine Familie und ſeine Geſchäfte zu verlaſſen, und einen fern
Allerdings ſind manche Stellen aus bereits früher erwähnten Ur gelegenen Landſitz zu beziehen. Aber die ſunftmüthige Veronika
ſachen unter dem geblieben, was Hr. Wild früher bieten konnte weiß ihn durch Bitten und Schmeicheleien zurückzuhalten, und als
und was viele jugendliche Sänger jetzt leiſten; aber den aller er nun vollends erfährt, daß Ludwig die 300 Stück Dukaten zu
großten Theil des Geſanges beherrſchte er vollkommen, und ſein rückgegeben und das Pfand ausgelöſt habe, vergibt er ſeinen Söh
Spiel war vortrefflich, voll Gluth und Kraft und mit wohl ange nen und nimmt die zweite Schwiegertochter auch in Gnaden auf.
brachter Steigerung angelegt. Wie Herr Wild den Otello auch Eine der thätigſten Mittelperſonen iſt Argunt's Jugendfreund
jetzt noch ſingt, wird er wenige Nebenbuhler zu ſcheuen haben, Pankratius Froſt (gleichfalls ein alter, wohlhabender Kaufmann)
zumal da dieſe Partie keine von denen iſt, welche die friſche, ju und der zweite nach ihm Servatius, ein alter Diener in Ar
gendliche Blüthe der Stimme und der Geſtalt nothwendig voraus gunt's Hauſe; aber wer am klügſten und glücklichſten in die Hand
ſetzen, und da der melismatiſche Theil der Muſif gerade in dieſer lung eingreift, iſt doch die liebenswürdige Schwiegertochter Vero
Roſſiniſchen Rolle hinter den deklamatoriſchen zurücktritt. Dem. nika. Argunt und Froſt ſollen die geſtrengen Herren vorſtellen,
Großer ſang und ſpielte die Desdemona ausgezeichnet, ihr Glanz wie es aber aus der voranſtehenden Inhaltsanzeige klar geworden,
punkt aber war das Finale des erſten Aktes. Demoiſelle Allram iſt Argunt keinesweges ſo ſtreng, als er thut und ausſieht, und
ſang die weniger bedeutende Partie der Emilie recht gut. Herr ſein Freund Pankratius Froſt tritt ſogar als vermittelndes Prin
Emminger wußte ſelbſt neben und mit Herrn Wild den leb cip ein. »Die Zeiten ändern ſich« kann nach Idee und Fabel des
hafteſten Beifall zu gewinnen, und auch die übrigen kleineren neuen Luſtſpieles nichts anderes bedeuten, als daß in unſeren
Rollen wurden mit Luſt und Liebe gegeben; kurz, die Vorſtellung Zeiten mancher Kaufmannsſohn dem Vater durchgeht, oder ſtatt
vom 9. war eine recht gelungene. Das Haus war nur mittel im Comptoir und bei ſeiner jungen Frau zu ſitzen, ausfahrt,
mäßig beſucht, aber das Publikum war mit dem Beifalle nicht ſpielt oder trinkt, was in den Zeiten der Perücken und dreieckigen
zurückhaltend, der zumeiſt dem geſchätzten Gaſte und der Dem. Hüte auch der Fall geweſen ſeyn ſoll. Mit Ausnahme der ziemlich
Großer galt. B. froſtigen Erpoſition und der zu gedehnten Begütigungsſcene im
dritten Akte bewegt ſich der Dialog raſch und natürlich, die Situa
tionen ſind gut gezeichnet und entwickeln ſich folgerecht, ſo daß
Theaterbericht vom 10. Auguſt. man das neue Luſtſpiel den beſſeren dramatiſchen Lebensgemälden
Am 10. Auguſt wurde zum erſten Male gegeben: »Tempora beizählen kann.
mutantur«, oder »die geſtrengen Herren,« frei nach der Idee des Die Aufführung verdient alles Lob und es zeichneten ſich ins
Luſtſpiels »Cosi faceva mio padre«, bearbeitet von Karl Blum, beſondere Demoiſelle Frey als Veronika und die Herren Bayer,
und ſo hätten wir denn für das neue Stück einen lateiniſchen und Polawſky und Walter in den Rollen des Argunt, des Froſt
deutſchen Namen, und als Zugabe noch eine italieniſche Uiber und des Servatius aus; aber auch die weniger dankbaren Rollen
ſchrift. Die Worte fremder Sprachen klingen gelehrt und vor der Adelaide und der beiden Söhne Friedrich und Ludwig wurden
nehm; hierin, wie in vielen anderen Stücken haben ſich die Zeiten durch Dem. Allram und durch die Herren Ä Nerking
nicht geändert und es wiederholen ſich in jeder Generation Fälle, mit aller Sorgfalt gegeben. Auch gegen das Arrangement der
wo der Sohn dasſelbe thut, was einſt der Vater gethan hat. Ich Gruppen und des Auftretens und Abgehens läßt ſich nichts ein
bin zwar nicht gewohnt, über den Titel eines neuen Stückes zu wenden. Da kein Schauſpieler über die Gebühr hervortrat und
rechten; diesmal aber mußte ich mit einer Bemerkung über die die Hauptperſonen angemeſſen unterſtützt wurden, ſo gefiel das
lateiniſche und deutſche Uiberſchrift beginnen, weil keine von beiden neue Stück und es wurden nicht nur Einzelne durch lebhaften
das Weſen der Handlung bezeichnet, welche ich ſo kurz, als mög Beifall ausgezeichnet, ſondern auch Alle insgeſammt gerufen. Hrn.
lich, erzählen will. Bayer's »Argunt« kann ſeinem »Lorenz Stark« an die Seite
Mamertus Argunt iſt ein wohlhabender Kaufmann von etwa geſtellt werden und wie wir keinen Zug und keinen Farbenton
60 Jahren, dem der Himmel ein bedeutendes Vermögen und zwei ſeiner Darſtellung anders wünſchen, ſo müſſen wir auch ſeinem
Sohne beſchert hat. Der ältere, Namens Friedrich, iſt vermält. würdigen Collegen Herrn Polawſky zugeſtehen, daß ohne ſein
führt aber trotz der Flitterzeit ſeiner Ehe außer dem Hauſe ein meiſterhaftes Eingreifen Herr Bayer und das ganze Stück nicht
burſchikoſes Leben. Der jüngere, Namens Ludwig, iſt dem Vater in ſo hohem Grade gefallen haben würden. Dem... Frey gab
förmlich durchgegangen und hat ſich hinter ſeinem Rücken verhei alle Momente, wo ſich die gutmüthige Schmeichelkunſt durch
ratet. Argunt mag natürlich keinen von beiden; deſto lieber iſt Bitten, Nachgeben und Schmollen geltend machen kann, ausge
ihm ſeine Schwiegertochter, Veronika, welche den Alten durch zeichnet; dennoch dürfte der ganze Charakter an ſittlichem Werthe
findliche Zärtlichkeit und gute Laune vcherrſcht, ohne daß er es ewinnen, wenn ſie alle Anläſſe zur entſchiedenen Offenheit in
weiß. Sie darf etwas wagen und ſo nimmt ſie den verlorenen chärferen Umriſſen bemerkbar machen wollte. Ihre Rolle gehört
Sohn ſammt ſeiner Gattin Adelaide in ihre Wohnung oder viel zu jenen, welche dem Schauſpieler die eben nicht angenehme Ver
mehr in Argunt's Haus auf, wo ſie mit ihrem Manne lebt. pflichtung auflegen, dic Fehler des Dichters zu verbeſſern oder
Adelaide gibt ſie für ihr Kammermädchen aus, und Ludwig ſoll wenigſtens zu verhüllen. Der alte Argunt fordert am Ende die
ſich vor dem Antlitze ſeines Vaters verbergen, bis er etwa eine gewiſſenhafte Erklärung, ob ſich Veronika oder ſonſt irgend ein
Änſtellung erlangt hat. Leider gelingt dies nicht, und ſo muß ſich Mitglied der Familie je über ihn luſtig gemacht habe. Und Vero:
nika muß dieſe Frage entſchieden verneinen. Dieſe Antwort darf
Ludwig entſchließen, mit ſeiner Gattin den Wanderſtab weiter
fortzuſetzen. Ludwig hat keinen Heller und Friedrich wird von nicht als Lüge erſcheinen und doch dreht ſich ein Theil des Humors
ſeinem Vater ſo knapp gehalten, daß ihm, um ſeinem Bruder zu der Rolle um die Lächerlichkeiten des mürriſchen Schwiegervaters.
helfen, kein anderes Mittel übrig bleibt, als Geld aufzunehmen. In allen dieſen Momenten kann »Veronika« nicht delikat genug
Unter dem Vorwande, er habe eine Spiel- oder ſogenannte Ehren gegeben werden. Die Beſchwichtigungsſcene des dritten Aktes
ſchuld zu bezahlen, erhält er von ſeiner Gattin einen koſtbaren könnte vielleicht ſo gekürzt werden, daß der Schlußeffekt raſcher
Schmuck und verſetzt ihn bei einem Juden für die Summe von und natürlicher herbeigeführt s Herr Walter war als
300 Dukaten. Dieſer Jude iſt aber ein ehrlicher Mann und drückt Servatius durchaus
ch lobenswerth. Prof. Ant. Müller.
in einem Schreiben an Argunt ſein Bedenken über das eingegan
-T-T-T- -mg.

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
oh em i a, ein

Unterhaltungsblatt.
Den 15. Auguſt N“ PS. 1S41.

D er Q u a ck ſ a l b er. ſtand. Er enthielt mehre bewohnbare Kammern und


tiefe Kellergewölbe, in welchen nach der feſten Uiberzeu
Novelle von Franz Schuſelka.
gung der Dorfbewohner gräuliche Unholde hausten. Seit
Daß die Natur es zuweilen liebt, Heilkünſtler zu er undenklicher Zeit war der Geiſterthurm unbewohnt geſtan
zeugen, die ohne Gelehrtenprivilegium die Gelehrſamkeit den, von allen gefürchtet und gemieden, als aber der
auf neue Bahnen leiten, iſt ſelbſt in unſerer doktorſeligen
Quackſalber im Dorfe ankam, erkor er ſich ungeachtet
Zeit durch ein nahezu wunderähnliches Beiſpiel bewieſen. der dringendſten Abmahnung den Thurm zu ſeinem Wohn
Eben ſo allgemein bekannt iſt der mediziniſche Zug im orte und lebte nun ſchon durch einige Jahre mit den
Charakter alter Weiber, die in ihrer reichhaltigen Haus Geſpenſtern in friedlichſter Nachbarſchaft. Dies, ſein
mittellehre gar manches höchſt ſchätzenswerthe Arkanum ſonderbares Ausſehen und Benehmen, ſo wie die wun
beſitzen und nebſtbei durch die geheimnißvolle Sympathie dervollen Kuren, die er mittelſt geheimnißvoller Ceremo
eine ſehr intereſſante Reliquie der Herenperiode in unſer nien machte, erwarben ihm den Ehrennamen: der Teu
bis zur Durchſichtigkeit aufgeklärtes Jahrhundert herüber felsdoktor.
gebracht haben. In kleineren Kreiſen bekannt und wirkſam Er war von rieſiger Größe und vierſchrötigem Kno
ſind die eigentlichen Quackſalber, größtentheils Männer chenbau, der durch fleiſchloſe Magerkeit ein wahrhaft
aus dem ehrſamen Bauernſtande, die mittelſt gewaltiger grauenerregendes Ausſehen bekam. Sein Kopf war auf
Brillen in alten dickmächtigen Büchern leſen, den mitter fallend groß und breit und faſt völlig kahl, während
mächtigen, mondbeglänzten Saft und Duft wunderthätiger Augenbrauen und Kinn mit üppigſtem Haarwuchſe bedeckt
Kräuter ſammeln und aus Ungezieferblut Lebenseſſenzen waren. Sein Geſicht war von außerordentlicher abſchrecken
brauen, durch welche zweifelsohne ſelbſt die Todten leben der Häßlichkeit und nur der Blick ſeines großen feurigen
dig gemacht würden, wenn ſie dieſelben nur noch mit der Auges machte einen gewinnenden, verſöhnenden Eindruck.
gehörigen Doſis feſten Glaubens einnehmen könnten. Ob Er trug beſtändig einen langen ſchwarzen Talar und einen
die böſe Welt mit ihrer ſatyriſchen Behauptung vom gleichfärbigen Gürtel, worauf geheimnißvolle Zeichen in
Daſeyn graduirter Quackſalber recht oder unrecht habe, Gold geſtickt waren. Er ſtützte ſich auf einen langen
kann hier nicht einmal unterſucht, geſchweige denn ent Stab, deſſen Knopf den heidniſchen Gott der Aerzte
ſchieden werden, und ob mehr Opfer der ſympathetiſchen darſtellte, während der untere Theil künſtlich in Schlan
Quackſalberei oder der gelehrten Erperimente gefallen genform geſchnitzt war.
ſind, das wird vielleicht offenbar – bis die Todten auf Seine Ankunft im Dorfe ſah man nicht ohne Miß
erſtehen. trauen und Beſorgniß. Viele Leute waren ſehr geneigt,
Dieſe kleine Einleitung dünkte uns nothwendig, um alle zukünftigen und nächſtvergangenen Unglücksfälle ohne
auf den Quackſalber zu kommen, der um die Mitte des weiters auf ſeine Rechnung zu ſchreiben; man wich ihm
ſiebzehnten Jahrhunderts in einem kleinen Dorfe des ſüd allenthalben ſcheu und unfreundlich aus; die Kinder ver
lichſten Böhmens lebte. krochen ſich vor ihm und die Eltern benützten ihn zur
Sein eigentlicher Name iſt verloren gegangen, weil lärmſtillenden Drohung. -

ihn ſeine Zeit - und Ortsgenoſſen immer nur den Thurm Bald aber verwandelte ſich dieſer Abſcheu in tiefe
bader, oder wenn ſie ihren Reſpekt vor ihm recht leb Ehrfurcht und Dankbarkeit, als der Fremde in raſtloſer
haft äußern wollten, gar den Teufelsdoktor nannten. Dienſtfertigkeit ſeine wundervolle Heilkunſt zum Wohle
Erſterer Name des Quackſalbers kam von ſeinem Wohn aller Menſchen und Hausthiere der ganzen Gegend zu
orte. Es war dies ein halbverfallner Thurm, der als entwickeln begann. Bald verbreitete ſich der Ruf von
letzter Uiberreſt einer kleinen Burg mitten im Dorfe der beiſpielloſen Geſchicklichkeit des Thurmbaders in einem
weiten Kreiſe, und es verging kein Tag mehr, an dem »Ja wohl, ein Mißverſtändniß, ich irrte mich nämlich
ſeine Hilfe nicht in Anſpruch genommen worden wäre. in meinem Neffen . . .«
Dieſe raſtloſe Thätigkeit, weit entfernt den Quackſalber »Und ich,« rief ich, um die Erklärung einzuleiten,
zu ermüden und undienſtwillig zu machen, übte einen »ich irrte mich in meiner Tante . . .«
ſichtbar verjüngenden und begeiſternden Einfluß auf ihn. Aber die Tante mißverſtand den Sinn meiner Ein
Keine Jahrszeit, keine Stunde bei Tag und Nacht, kein leitung.
noch ſo gräuliches Unwetter war ihm ungelegen, und »Mein Herr, kamen Sie hieher mich zu beleidigen ?«
je ſchwieriger der Fall, je dringender die Gefahr ge fiel ſie mir in’s Wort. »Wenn das iſt, dann werden Sie
ſchildert wurde, deſto freudiger, ſehnſüchtiger eilte er zu wohl thun, Ihren Beſuch ſehr abzukürzen, damit Ihnen
Hilfe. Er übte ſeine Kunſt mit wahrer Leidenſchaft; man hier nicht ein Gleiches widerfahre . . .« -

ſah es ihm an, daß er ſich ihr mit dem vollſten Ernſte »Tante, leben Sie wohl!« rief ich empört und mit
eines männlichen Lebens gewidmet habe, und kein ande einer ſehr froſtigen Verbeugung empfahl ich mich und
res Ziel des Ehrgeizes, ja keinen andern Lebensgenuß verließ das Haus.
kenne, als die Vervollkommnung und kräftige Ausübung Der Koffer wurde eben von der Kutſche herunter ge
ſeines Wiſſens. Dieſe Richtung ſeines Geiſtes beherrſchte hoben, ich befahl ihn wieder hinaufzuſchnallen, ſetzte mich
ihn in ſo überwiegender Einſeitigkeit, daß er die Menſch ein, und rief:
heit überhaupt nur inſofern einer näheren Beachtung und »Fahr' zu Schwager!«
Schätzung werth zu halten ſchien, als ſie einen Gegen Und der Schwager blies ein luſtiges Poſtillonslied,
ſtand ärztlicher Behandlung abgibt. Gegen die Geſunden, ich aber verwünſchte die alten Damen und das Geſchick,
die ſeiner Hilfe noch niemals bedurft, war er zurück das nicht aufhörte, mich zu verfolgen. Unter ſolchen Ver
ſtoßend mürriſch und verſchloſſen. Niemand aus ihnen wünſchungen ließ ich mich abermals ſechs und dreißig
konnte ſich rühmen, von dem Thurmbader eines Grußes, Stunden durchrütteln.
ja nur eines freundlichen Blickes gewürdigt worden zu Als ich mein Stübchen wieder betrat, waren die vier
ſeyn. Näherte ſich ihm aber irgend ein Hilfsbedürftiger, fünfundzwanzigguldigen Banknoten mit dem Abſchieds
ſo erwärmte und verklärte ſich das ganze Weſen des ſelt feſte und mit der Hin- und Rückreiſe auf einen Kreuzer
ſamen Mannes. Sein ſonſt düſtrer Blick gewann die aufgegangen.
leutſeligſte Offenheit, ſeine Wortkargheit wich der freund »Und was iſt Schuld an all' meinem Unglück!« rief ich,
lichſten Redſeligkeit; er faßte die Hand des Flehenden, wüthend in meinem Zimmer auf und nieder rennend,
fragte mit wohlthuender Theilnahme und Vorausſicht um »was reißt mich von Unglück zu Unglück? – Wieder
jeden Umſtand des Uibels und wußte durch kräftigſten, mein Bart! Er brachte mich um einen guten Sekretärs
mit prophetiſcher Zuverſicht ausgeſprochenen Troſt auch poſten, er half mich um die Gunſt einer Tante bringen
das zaghafteſte Gemüth zu ſtärken und aufzurichten. d O Bart, verwünſchter Bart ! Du Grund alles
(Die Fortſetzung folgt.) Uibels!«
So ermüdet ich war, vermochte ich dennoch nicht einzu
Der Grund alles Uibels. ſchlafen. Die ganze Nacht quälten mich meine Bart
gedanken, ich rekapitulirte mein ganzes Leben von dem
(Beſchluß).
Momente an, wo ich, weil die Kinder einen bärtigen
»Gnädige Tante,« ſagte ich, mich vor der einzig Hofmeiſter wünſchten, eine Erzieherſtelle verlor, bis zu
ächten Tante verbeugend (– es wird wohl die Leſer dem Augenblicke, wo mein Bart mir den Titel eines
nicht wundern, daß meine Freude jetzt etwas gemeſſene Orang-Utang- Geſichts verſchaffte und die Tante in ihrem
res hatte) – – »Gnädige Tante, erlauben Sie Ihrem Vorurtheile beſtärkte . . .
Neffen, Ihre Hand zu küſſen.« Erſt gegen Morgen ſchlief ich ein, und ſchlief, von
»Dies iſt ſehr überflüſſig Herr Neffe,« ſagte die den Strapazen der Reiſe ermüdet, feſt und lang.
Tante kalt. »Sie benehmen ſich gleich bei Ihrem Ein Es war etwa zehn Uhr, als ich aufwachte. Ich
tritte in’s Haus auf eine Weiſe, welche mich bereuen ſprang auf, und warf zufällig einen Blick in den Spiegel.
läßt, Sie berufen zu haben. Ich erwartete, einen ver Meine Liebe für meinen Bart war in meinem Herzen
nünftigen, gebildeten Mann in meinem Neffen zu ſehen gänzlich erſtorben. -

– aber leider ſind Sie . . . Schon dieſer abſcheuliche Die alte Dame hatte mit ihrem Orang-Utang nicht
Bart, deſſen Anblick allein mir Krämpfe verurſachen ganz Unrecht, dachte ich. Und ſoll ich mich noch länger
könnte, verräth zum Theile Ihre Geckenhaftigkeit. Wirk der Verfolgung des Schickſals Preis geben, um einer
lich, es thut mir leid, daß ich Sie hieher berief.« ſolchen Verunſtaltung Willen? Nein! fallen muß er!
»Aber gnädige Tante . .« Fallen muß er! Geſagt, gethan! Ich nahm eine
»Kein Wort, Ihre Thaten und Ihr Ausſehen ſprechen Scheere, ſchor die dicken Büſche von Lippen, Backen
ſo laut für Ihren Charakter, daß . . .« und Kinn ab, und begann hierauf die Stoppeln mit einem
»Aber es waltet ein Mißverſtändniß ob . . .« der mir einſt aus Spott geſchenkten Meſſer abzuraſiren.
Schon war der Schnurrbart verſchwunden, ſchon der Traurig und zu Fuße (denn es waren mir von der
Zwickelbart ihm gefolgt, ſchon die Backen eingeſeift, und Anleihe nur wenige Gulden übrig geblieben) kehrte ich
auch an dieſe das Raſirmeſſer angeſetzt. Mein Grimm nach der Univerſitätsſtadt zurück und ſchor mir dort den
gegen den Bart war in dem Maße gewachſen, je mehr Reſt meines Bartes, denn ich fühlte, daß ſo lange ein
desſelben unter dem vernichtenden Meſſer verſchwunden Härchen noch ſtünde, das Unglück nicht müde werden
war. Ich ſetzte alſo grimmig das Raſirmeſſer an die würde, mich zu verfolgen.
eingeſeifte Wange an, da pochte Jemand an die Thüre, Ich erfuhr erſt ſpäter, was mich mein Bart gekoſtet:
ich rief ärgerlich»Herein!« und zuckte in meinem Aerger – Die Hand meiner Couſine – eines bildhübſchen,
mit der rechten Hand, daß mein Raſirmeſſer einen halben trefflichen Mädchens – und ein Vermögen von fünfzig
Zoll tief in die Wange einſchnitt und das Blut mit Seife Tauſend Thalern!
vermiſcht, mir über Wange und Hals herunterſtrömte.
Ich wuſch mich, vor Schmerz und Wuth aufſchreiend, Seitdem ſchere ich mir alle Tage ſorgfältigſt den
ſchnell mit warmem Waſſer und bemerkte nicht gleich, Bart, damit ja nirgend ein Härchen ſtehen bleiben oder
daß ein Diener eingetreten war. Erſt als er zu ſprechen zu unglückbringender Größe aufwachſen könne. Auch hat
anfing, gewahrte ich ſeine Anweſenheit. das Schickſal ſeitdem aufgehört, mich zu verfolgen, und
»Ich komme von Ihrer Tante,« ſagte er, und reichte nur, wenn manchmal mein Raſirmeſſer, ſtatt über die
mir ein Schreiben. Haut, in das Fleiſch fährt, wenn das Meſſer ſtumpf oder
Ich ſchleuderte den Brief fort, und rief: »Der Teufel das Waſſer nicht warm genug iſt, da ſeufze ich auf und
hole alle Tanten.« denke, es ſey mit dem Barte, wie mit der Ehe: man
»Mein Herr, ich ſoll doch nicht dies Ihrer Tante kann. Beides nicht erwarten, und wenn man es endlich
ausrichten?« erſehnt hat, möchte man des Einen wie des Andern ſo
»Thu' was Du willſt,« ſchrie ich, »und packe Dich!« gerne wieder los werden.
Der Diener entfernte ſich, durch meinen Ton erſchreckt, Sie ſehen meine Damen, daß ich etwas miſogyn gewor
eiligſt, ich ließ den Brief auf der Erde liegen und fuhr den bin; und ich werde es bleiben, bis ich eine Braut
fort mich mit meiner Wunde zu beſchäftigen. Erſt nach finde, mit der es mir nicht ſo ergeht, wie mit Karoline
dem ich das Blut geſtillt, fiel mein Blick auf den Brief. oder mit Fanni.
Trotz meines Unmuthes etwas neugierig brach ich ihn
auf. Ich las:
M o ſ a i k.
»Theurer Couſin!
In allen geſchichtlichen Werken iſt zu leſen, daß der große
Die Tante hat das Mißverſtändniß eingeſehen, und Seefahrer Chriſtoph Columbus in der Republik Genua geboren
ſendet Ihnen ſogleich einen Boten mit dieſen flüchtigen wurde, aber um die Ehre, ſeine Vaterſtadt zu ſeyn, ſtreiten ſich
Zeilen nach. Kehren Sie ſchnell zurück zu uns. Ich ver fünf Städte. Die Revue de Paris behauptet dagegen in ihrer
neueſten Nummer, daß Columbus gar nicht auf dem Feſtlande
zeihe Ihnen den Kuß, der mir galt. Fanni.« Italiens geboren worden. In der Pfarreiregiſtratur der Stadt
»Verwünſchter Bart!« rief ich, als ich dieſe Zeilen Calvi auf der Inſel Corſica*) ſoll der Taufſchein von Chriſtoph
geleſen, und mit Recht, denn, hätte ich nicht den Bart Columbus aufgefunden worden ſeyn. Der größte Seefahrer
wäre auf dieſe Art der Landsmann des größten Kriegshelden,
gehabt, ſo hätte ich mich nicht raſirt, mich nicht geſchnitten, Napoleons. – –
nicht die Tante zu allen Teufeln gewünſcht, nicht den In Corſica war kürzlich eine ſehr einträgliche Stelle leer,
Boten fortgejagt. Aber was nun thun? die ihren Mann reichlich nährte, – die des Henkers. Aber auf
dieſer Inſel, wo ſo vieles Blut den Vorurtheilen der Familien
Ich forſchte dem Diener überall nach – er hatte ſich
ehre und Rache fließt, wo jedem Hauſe auf den Tod eines
bereits aus der Stadt entfernt. Sollte ich ihm nach Feindes geſonnen wird, auf indieſer Inſel konnte man nicht einen
reiſen, ſollte ich zu meiner Tante eilen? Nichts war ver einzigen Mann finden, der für das Geld getödtet hätte. Kein
nünftiger. Aber das Geld hiezu ?! Corſe wollte Henker werden und man mußte einen aus dem Dau
Ich lief zu meinen Freunden, und nach langem und phiné kommen laſſen, den die Kanzlei unter mehr als achtzig
vielem Laufen und Beſuchen brachte ich endlich ſo viel Candidaten, welche ſich in Frankreich meldeten, gewählt hatte. –
Die Liebhaberei für die ſogenannten Waſſerſchlittſchuhe, die
zuſammen, um die Poſt nehmen zu können. Aber dar gegenwärtig in Stockholm allgemein iſt, hat dort ein Unglück ver
über war ein Tag verloren gegangen, und dieſer Ver anlaßt. Ein junger Tapezierer machte mit dieſem abenteuerlichen
luſt war ein unerſetzlicher Verluſt! Fahrzeuge Verſuche, bei denen er ertrank. Mehre andere Waſſer
Einige Stunden vor mir langte der Diener an, und treter in der Nähe konnten nicht ſchnell genug herbei kommen,
ſchilderte meiner Tante in vielleicht etwas ſtark aufgetra um ihn noch zu retten. Der Verunglückte hatte ſich ütrigens nicht
der patentirten Waſſerſchuhe des Lieutenants Höökenberg bedient,
genen Farben den Empfang, den er und Fanni's Brief ſondern nur eines Paares zuſammengenagelter Bretter. - -
bei mir gefunden. Der Zorn meiner Tante war unbe Zu Neuenburg in der Schweiz lebte ein Geizhals, der im
ſchreiblich, und als ich endlich mit der Poſt anlangte Beſitze von 100.000 Franken war und dabei doch ſchon zehn Jahre
und in das Haus eilte, wurde ich – abgewieſen. Man
*) Im Jahre 141, in welchem Columbus geboren wurde, gehörte die Inſel
ließ mich durchaus zu keiner Erklärung kommen. Corſica wirlich den Genueſern.
in einem finſtern, ungefegten Zimmer lebte und taglich nicht mehr hatte Zamor die Frau erſtochen und auch der Sohn walzte ſich bald
als 6 Kreuzer (5 kr. C. M.) für Milch und Brod ausgab. Allen in ſeinem Blute. Zwei Carabiniers eilten auf das Hilfegeſchrei
Bitten ſeiner Verwandten gelang es nicht, ihn zu einer andern herbei, Zamor ergriff ein Gewehr, das in der Nähe ſtand, ſchoß
Lebensart zu bewegen. Neulich hat ſich dieſer Sonderling aus den Einen nieder, fiel aber faſt zugleich, von einem Schuße des
ganz unbekannter Urſache um Mitternacht erſchoſſen; am Tage zweiten Carabiniers hingeſtreckt. Die Juſtiz hatte ſechs Mord
zuvor hatte er beim Einkaufe der dazu nöthigen Piſtole über eine thaten zu konſtatiren und ſechs Leichen zu begraben. – –
halbe Stunde um den Preis gefeilſcht. – – Die junge und liebenswürdige Gattin des holländiſchen
Vor einer Woche verkündigten zu Mainz Kanonenſchüße die Finanzminiſters Rochuſſen hat durch einen traurigen Zufall
Ankunft eines Dampfbootes. Es war »der Adler«, welcher den das Leben eingebüßt. Seit kurzem war ſie erſt vom Wochenbette
LOberrhein befährt. Dieſer Dampfer war morgens früh um halb aufgeſtanden und fühlte ſich noch ſehr ſchwach, als einer ihrer
ſechs Uhr von Baſel abgegangen und hatte die Strecke bis Mainz Brüder, den ſie zehn Jahre nicht geſehen hatte, und wahrſchein
in einem Tage zurückgelegt ! ! – – lich für todt hielt, unangemeldet in's Zimmer trat. Die geiſtige
Eine italieniſche Stadt ſoll kürzlich – laut franzöſiſcher Jour Erſchütterung der armen Frau war ſo ſtark, daß ſie in tiefe
nale – der Schauplatz folgender ſchauderhaften Geſchichte geweſen Ohnmacht fiel, und ehe noch ihr Gemal aus dem anſtoßenden
ern: Kabinette herbeieilen konnte, den Geiſt aufgegeben hatte. – –
»Ein Fürſt hatte unter ſeinen Dienern einen Neger, Zamor, Ein Engländer aus einer angeſehenen Familie machte vor
der ſich zur mohamedaniſchen Religion bekannte, und in Maria Kurzem, nachdem er viele Jahre lang der ſeltſamſten firen Idee
Nunciata Goldoni, eine Chriſtin, verliebt war. Der Neger hatte nachgehangen, ſeinem Leben ein Ende. Seit zwanzig Jahren ließ
ein kleines Vermögen erſpart und die Eltern Maria’s wollten er ſich jedes halbe Jahr einen neuen Sarg machen, den er jedes
1hm ihre Tochter zum Weibe geben, wenn er Chriſt würde. Doch mal verſuchte, aber der ihm niemals recht war. Brachte ihm der
dazu war Zamor nicht zu bewegen. Eines Tages wurde Za Tiſchler den beſtellten Sarg, ſo mäfelte der Engländer daran, wie
mor zu einem kleinen Feſte bei der Familie ſeiner Geliebten ein Stutzer an dem neuen Frack. Er legte ſich in den Sarg hin
geladen. Das Mahl war fröhlich, Zamor ſpeiſte einen Teller ein, doch dieſer paßte niemals, war bald zu lang, bald zu weit,
Fleiſch mit Reis; als ihm aber Nunciata ein Glas Wein vorſetzte, drückte ihn bald an den Achſeln – furz, etwas war immer daran
ſtieß er dieſes mit Verachtung zurück. Lachend ſagte das Mädchen: auszuſetzen. Zwölf Tiſchler hatten ſchon für den wunderlichen
Du biſt kein Mohamedaner mehr, Du haſt Schweinefleiſch gegeſſen. Mann gearbeitet und feinem war es gelungen, ihn zufrieden zu
Dieſe Worte machten den Neger wüthend, er ergriff ein Meſſer ſtellen. Endlich gelang es dem letzten und der Engländer zeigte
und ſtieß es in das Herz ſeiner Geliebten. Die Eltern eilten ſeinen Freunden an, nun ſcheide er gern aus dem Leben. Er lud
Uhrem Kinde zu Hilfe, Zamor ſtürzte auf den Vater und ſtieß ihn ſie alle zu ſich, und nachdem er Gift genommen, legte er ſich vor
nieder, und warf ſich nun auf die Mutter. Der Sohn verthei ihren Augen in den Sarg und ſtarb. – –
digte dieſe, ſo kräftig er konnte, und rief um Hilfe. Aber ſchon
- Miº.

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 12. Auguſt. ſie gelegentlich aufmerkſam, den Mitlaut S nicht durchgängig ſcharf
Am 12. trat Dem: Wimmer zum zweiten Male als »Leo auszuſprechen. In ihrer Aktion ſollten eckige Bewegungen des
poldine in Kotzebue's vieraktigem Drama »die Unvermälte« rechten Armes und ein gewiſſes Schweben und Schwimmen der
auf. Auch in dieſem Charakter wurde ſie wegen einiger ſchönen Schultern mit vorgeneigtem Haupte nicht ſo oft wiederkehren, als
Einzelheiten gerufen, wenn auch nicht ſo lebhaft, als im »Alpen es am 12. der Fall war. Die Auseinanderſetzung der Empfin
Idslein«. Wir wollen hoffen, daß Demoiſelle Wimmer in ihren dungsmomente wurde auch am 12. übereilt, und wem dieſes
Studien weniger den erlangten Beifall, als die Schwierigkeit der Urtheil zu hart erſcheint, der wolle bedenken, was ich in dem
Aufgabe vor Augen haben wird, ihn für die Folgezeit zu verdienen Artikel vom 4. geſagt habe. Man muß vom Kleinen beginnen,
und zu ſteigern; denn gerade jener Theil des Publikums, welcher aus wenn man groß werden will. Dem. Wimmer iſt den Partien
vorgefaßter Meinung applaudirt und durch möglichſt laute Zeichen einer »Liesli« und einer »Leopoldine« noch nicht gewachſen; ſie
des Beifalls die Mehrzahl beſtechen und beſtimmen will, gerade hätte uns alſo lieber ſpäter, oder in kleineren Rollen aufgeführt
dieſer Theil des Publikums iſt in jedem Theater der ÄÄ werden ſollen.
In Kunſtſachen entſcheidet immer die unwandelbare Meinung der Dem. Herbſt gab die Haupt- und Titelrolle der »Unvermäl
Mehrzahl, und je kühner ſich die beſtellten und unbeſtellten Cla ten« ſehr gut, und wurde durch Herrn Dietz (Lieutenant Loring)
queurs erheben, deſto feiger treten ſie zurück, wenn ſie mit der und Herrn Fiſcher (Graf Rebenſtein) lobenswerth unterſtützt.
geſunden Vernunft (welche die beſonnene Mehrzahl repräſentirt) Auch die übrigen Schauſpieler wirkten ſorgfältig mit. Die Zimmer
in Widerſpruch gerathen. Ich habe mich nie geſchämt, dieſer dekoration in der Wohnung der reichen 2 Unvermälten« iſt ſo
Mehrzahl anzugehören, mich auch nie geſcheut, den Anmaßungen abgenützt und ſchmutzig, daß ſie entweder kaſſirt oder renovirt
verletzter Eitelkeit und kritiſcher Parteigängerei entgegen zu wirken, werden muß. Prof. Ant. Müller.
und o wird es Dem. W immer gewiß beachten und begreiflich
finden, wenn ich ſie auf einige Mängel aufmerkſam mache, die
ihr zwar als einer Anfängerin nachgeſehen werden können, aber Nachricht vom Lande.
eben darum ſo bald als möglich abgelegt werden müſſen, denn
die Anfängerſchaft dauert nicht lange, und wenn ſie vorüber iſt, Aus Reichenberg wird gemeldet: »Die Leitung unſeres Thea
urheilen gerade diejenigen, welche eine Debutantin mit ſtürmi ters, welches ſeit längerer Zeit ſchon von nur mittelmäßigen
ſchem Beifalle empfangen und entlaſſen haben, am härteſten. Ich Geſellſchaften bezogen wurde, iſt ſicherem Vernehmen nach, dem
wiederhole alſo auf die Grundlage meines erſten Berichtes vom Theaterunternehmer Herrn Walburg anvertraut worden. Dem
4. Auguſt, daß Dem. Wimmer vor Allem zu hohe Töne und ſelben geht ein ſehr guter Ruf voran, und wir können ihm gute
ſtehende Sprechformen, (die immer an ein Frag oder Ausrufungs Geſchäfte verbürgen, wenn er uns Mitglieder vorführt, welche
Zeichen mahnen) vermeiden und nicht nach eingelernter Weiſe dekia den nicht geringen Anforderungen des hieſigen Publikums genügen.
mir en, ſondern ſo reden ſolle, wie es das dem Momente an Wir zweifeln nicht, daß er dieſen gut gemeinten Wink beachten
gemeſſene und tief empfundene Gefühl erfordert. Auch mache ich werde.« S....r

-TT-T-T----

Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.


Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bohemia,
Unterhaltungsblatt.
Den 17. Auguſt M“ P9. 11S41.

D e r Q u a ck ſ a l b e r. auch in der ganzen Gegend kaum eine Familie mehr, der


er noch keine Wohlthat erwieſen hätte, und doch konnte ihm
C Fortſetzung.)
niemand ſeine Dankbarkeit durch die That beweiſen. Die
Immerwährend ging er in tiefen grübelnden Ernſt Reichen wußten, daß er ihr Geld ſogleich wieder ver
verſunken, an keinem Vergnügen nahm er Antheil, kein ſchenkte, und die Armen durften es nicht wagen, ihm
Freudenausdruck erheiterte ſeine finſtern Züge; nur wenn mit dankſagenden Lobſprüchen und Ehrenbezeugungen zu
er an einem ſeiner Patienten die kräftigen Wirkungen nahe zu kommen. Jede ſolche Aeußerung nahm er mit
ſeiner Arzeneien ſah, oder wenn er einen aus ſchwerer Unwillen auf, jedes auch noch ſo zarte Geſchenk wies er
Krankheit Geretteten zum erſten Male wieder friſch und mit wahrhaft kränkender Unbeugſamkeit zurück. Es blieb
geſund auf dem Felde arbeiten ſah, dann erglühte ſein daher den guten Leuten nichts anderes übrig, als ihren
Antlitz in ſtolzſeliger Wallung, triumphirend blickte er rauhen Wohlthäter im ſtillen Gemüthe zu ſegnen und
zum Himmel auf, ſeine Bruſt hob und breitete ſich, ſeine den Lohn des Himmels für ihn zu erflehen. Es wurden
ganze Geſtalt ſchien rieſiger, majeſtätiſcher zu werden. auch gewiß in der ganzen Gegend wenig Vaterunſer
Den ſtolzeſten Genuß aber gewährte es ihm, wenn gebetet, in denen des Freundes und Helfers aller Armen
er als letzter Rettungsanker zu reichen und vornehmen und Kranken nicht dankbar gedacht worden wäre. Wenn
Leuten der nahen Städte und Edelſitze berufen wurde. er über die Gaſſe ging, entblößten ſich alle Häupter, die
Den Weg dahin machte er gewöhnlich zu Pferde. Dann Weiber und Jungfrauen verbeugten ſich mit ſegnenden
traten die Dorfbewohner an die Fenſter und unter die Blicken vor ihm, die Kinder liefen ihm voll ſcheuer
Thüren, und die im Felde Arbeitenden richteten ſich auf Ehrfurcht nach und küßten, wenn ſie zu ſeinen Händen
und bewunderten den Thurmbader in ſeiner vollen Herr nicht hinaufreichen konnten, den Saum ſeines Kleides.
lichkeit. Hoch zu Roß, ſeinen Stab in der Rechten in Er aber erwiederte all' dieſe Grüße kaum durch ein
die Höhe haltend, flog er im ſauſenden Galop dahin, leichtes Nicken des Kopfes, blickte trüb und ernſt vor ſich
ſein faltiges Gewand flatterte im Winde, und das Roß hin und eilte mit faſt ängſtlicher Geſchwindigkeit, um
ſchien es zu fühlen, welchen Wundermann es trage, und aus dem Dorfe in’s Freie zu kommen, wo er ſich wohli
Roß und Reiter ſchienen von zauberiſchen Mächten ge ger zu ergehen ſchien, Pflanzen betrachtete und ſammelte,
tragen und begeiſtert zu ſeyn. ſich auch zuweilen an einem verſteckten Schattenplätzchen
Die Zurückkunft des Heilkünſtlers war dann ein Freu in's Gras ſtreckte und ſeinen Gedanken nachhing.
denfeſt für alle Armen des Dorfes und der Nachbarſchaft, Durch ſeine Unfreundlichkeit fühlte ſich niemand mehr
die bei der jedesmaligen Kunde von einem ſolchen Ritte verletzt. »Der Mann hat freilich keine Zeit auf unſer
des Thurmbaders von nah und fern herbeiſtrömten und dummes Grüßen zu achten,« – dachten ſich die Leute.
ſich voll freudiger Hoffnung um den Geiſterthurm ver »Wieviel muß der nicht zu ſtudiren und zu grübeln haben!
ſammelten. Der Quackſalber vertheilte nämlich jedesmal Und für wen plagt er ſich denn als für uns!« –
den ganzen Ehrenſold, den er nur von reichen Leuten, Wenn ihn derbere Geſellen den Teufelsdoktor nannten,
von dieſen aber in reichem Maße verlangte, bis zum ſo geſchah dies keineswegs in böſem, argwöhniſchem
letzten Pfennig unter die Armen, die er überdies immer Sinne, ſondern war eben nur ein Ausdruck tiefſter
unentgeltlich kurirte und aus eigenen Mitteln reichlich Ehrfurcht vor ſeiner Zauberthätigkeit, durch die er gute
unterſtützte. und böſe Geiſter zum Wohle der Menſchen leiten und
Natürlich mußte dieſer ſeltene Edelmuth den Mann bändigen könnte; wie man denn auch allgemein überzeugt
ungeachtet ſeines unheimlichen abſchreckenden Aeußeren war, daß er die Geſpenſter des Thurmes entweder ge
zum Abgotte der ganzen Bevölkerung machen. Bald war bannt oder ſich dienſtbar gemacht habe,
Das Schlimmſte, was einige ſpintiſirende Seelen von Wagniſſen ſpornen. Sie hatte daher – wie ſie wenig
dem Thurmbader vermutheten und mit eng zuſammenge ſtens immer ausſchließlich nur einer ſehr vertrauten
ſteckten Köpfen zu flüſtern wagten, war, daß er vielleicht Freundin erzählte – nicht unterlaſſen können, wenn der
in ſeinen jungen Jahren irgend eine ſchwere Schuld auf Herr ins Gewölbe hinabgeſtiegen war, an der Thür zu
ſein Gewiſſen geladen habe, die er jetzt durch unermü horchen. Da wollte ſie nun jedesmal einen Lärm gehört
dete Wohlthätigkeit und freudenloſes Büßerleben zu ſüh haben, als ob wenigſtens zehn Perſonen aus allen Lei
nen ſtrebte. -
beskräften etwas gerieben, geſtoßen und gehackt hätten.
Der Glaube an eine geheimnißvolle Verbindung des Aus allem Getöſe heraus aber vernahm ſie die mächtige
Thurmbaders mit der Geiſterwelt erhielt überdies noch Stimme ihres Gebieters, wie er in feierlicher Weiſe leider
eine ſtarke Bekräftigung durch die menſchenſcheue Abſper in einer ihr unverſtändlichen Sprache eifrig redete. Von
rung desſelben in ſeiner verrufenen Wohnung. Durch Zeit zu Zeit ſollte er wie in heftigſtem Entſetzen laut
aus niemanden geſtattete er den Eintritt in die inneren aufgeſchrien, manchmal dagegen, doch ſehr ſelten, mit
Behältniſſe des Thurmes. In einem Kämmerchen nahe heller Stimme gelacht haben. -

an der Pforte wohnte eine alte Frau, die er als Haus Dies alles war gewiß ſchon mehr als hinreichend, um
hälterin bei ſich hatte, und nur dort empfing und hörte auch eine viel aufgeklärtere Bevölkerung, als die Bewoh
er die Beſuchenden. ner eines abgelegenen Dörfchens im ſiebzehnten Jahrhun
Die alte Haushälterin that natürlich nach angeborner derte ſeyn konnten, mit myſtiſchen Vermuthungen und
Sitte unter dem feſteſten Siegel der Verſchwiegenheit Ahnungen zu erfüllen; aber das Leben des geheimnißvollen
ihr Möglichſtes, um die Geheimniſſe ihres Herrn unter Thurmbaders bot überdies noch eine Seite, wodurch
die Leute zu bringen; aber bei ihrem beſten Willen, bei Neugierde und Theilnahme auf eine andere und zwar
lebhafteſter Einbildungskraft und eben nicht allzu ängſt viel lieblichere Art angeregt und genährt wurden.
licher Wahrheitsliebe konnte ſie doch der unerſättlichen Der finſtere Wunderdoktor hatte nämlich eine Jung
Neugierde nur wenig Nahrung geben. frau bei ſich, die ſeine rauhe Geſtalt wie ein verklärender
Nach ihrer Erzählung bewohnte der Quackſalber die Genius umgab und durch ihre Lieblichkeit und Engelsgüte
oberſte Kammer des Thurmes, deren Fenſterchen nach wie ein freundlich tröſtendes Sternlein am dunklen Le
allen Himmelsgegenden gingen. Alle Räume des Gema benshimmel des trübſinnigen Mannes leuchtete.
ches waren mit großen Büchern, Pergamentrollen, Men Die holde Lisbet mochte ungefähr zehn Jahre gezählt
ſchen- und Thiergerippen, Flaſchen und Büchſen, getrock haben, als der Heilkünſtler mit ihr im Dorfe ankam. Die
neten Pflanzen und mannigfachem todten und lebendigen Un argwöhniſchen, gegen den rauhen Fremdling eingenomme
geziefer angefüllt. Mitten darunter ſchlief der Quackſal nen Leute behaupteten damals geradezu, das Mädchen
ber auf bloßer Erde, ſich nur ein moosgefülltes Kopf ſey ein geſtohlenes Kind, welches der verdächtige Mann
kiſſen und im Winter eine Bärenhaut als Decke gönnend. zu irgend einem gottloſen, gewinnſüchtigen Zwecke auf
Niemals, auch im ſtrengſten Winter nicht, wurde ſeine erziehen wollte. Aber im erſten Augenblicke ſchon mußte
Kammer geheizt, und nur bei der grimmigſten Kälte man allgemein das liebevolle Zartgefühl bewundern, wo
hüllte er ſich auch bei Tage in das Bärenfell. Er aß mit der ſonſt ſo rückſichtsloſe Mann das Mädchen behan
Jahr aus Jahr ein keinen Biſſen Fleiſch, nahm nie ein delte. Mit wahrhaft ängſtlicher Sorgfalt wachte er über
geiſtiges Getränk zu ſich und ſchlief nie mehr als drei ihr Wohl, als ob ſein eigenes Leben an das des Kindes
Stunden, in vielen Nächten aber gar nicht. Solche ſchlaf gefeſſelt wäre. Hauptſächlich nur zu ihrer Pflege nahm
loſe Nächte aber brachte er nicht in ſeiner Kammer, ſon er gleich anfangs eine Haushälterin auf, und dieſe konnte
dern in einem tiefen Kellergewölbe zu, welches er immer bald nicht genug erzählen von ſeiner aufopfernden rühren
ſorgfältig verſchloſſen hielt, ſo daß ſelbſt die Haushälte den Vaterſorge. Sein ganzes Weſen ſchien verändert,
rin noch niemals hineingekommen war. Als ſie ihn das ſeine ernſten Züge klärten ſich, ſeine Stimme klang wei
erſtemal um Mitternacht die ſchwere Eiſenthür aufſchließen cher und milder, wenn er mit ſeiner Lisbet ſprach. Oft
hörte, ſprang ſie dienſtwillig hinaus, um anzufragen, ob ſaß er ſtundenlang an ihrem Bette und belauſchte ihren
ihre Dienſte nicht nöthig wären. Der Herr aber warf Athem und ſegnete ſie betend; ja, die Haushälterin wollte
ihr einen grimmig drohenden Blick zu, ſchleuderte die dabei manchmal ſogar Thränen in ſeinen Augen bemerkt
Gewölbthür zu und ging dieſe Nacht nicht mehr hinunter. haben. Mit unermüdlicher Geduld widmete er ſeine weni
Des andern Morgens verwies er der Haushälterin mit gen freien Stunden dem Unterrichte des Mädchens und
den ſtrengſten Worten ihre naſeweiſe Aufdringlichkeit und ſo oft er in die Stadt kam, brachte er gewiß irgend
verbot ihr bei Strafe augenblicklicher Entlaſſung, ihm ein ſchönes Geſchenk für ſein Töchterchen mit.
je wieder in den Weg zu treten, oder ſein nächtliches Lisbet nannte ihn Großvater und hing mit kindlicher
Treiben wie immer zu belauſchen. Je ſtrenger nun dieſes Zärtlichkeit an ihm. Ihre Liebkoſungen ſchienen dem
Verbot war, deſto mächtiger mußte es nach uralten Manne, der ſonſt einen Widerwillen gegen alle Zärtlich
Grundſätzen der weiblichen Erfahrungsſeelenlehre die keit äußerte, unendlich wohl zu thun. Oft ſchaukelte er
Neugierde der guten alten Frau ſteigern und zu kühnen ſie mit ſeligem Wohlgefallen auf den Knien und duldete
demüthig, daß ſie in kindiſchem Uibermuthe ſeinen Bart ertragen und wäre gern in dem ſtillen Dörfchen geblie
zerzauſte. Häufig nahm er ſie auf ſeine Ausflüge in die ben, wenn ſie der Großvater nur manchmal in die Ort
Wälder und Klüfte mit, wo er Heilpflanzen ſammelte. ſchaften der Umgebung mitgenommen hätte, aber ſelbſt
Dabei bemerkte man oft, wie er manche Pflanze nur von dieſe Gunſt konnte ſie ungeachtet des zärtlichſten Flehens
Lisbet pflücken ließ, wie er ſie oft auf ſeinen Armen nicht erhalten. Der Großvater ſchlug es ihr zwar nicht
ſteile Höhen hinantrug, um irgend eine Wurzel durch geradezu ab, aber er bat ſie immer ſo dringend, ſo
ihre Hände ausnehmen zu laſſen. Dadurch gewöhnten ängſtlich, von ihrem Verlangen abzuſtehen, daß Lisbet's
ſich die Leute alsbald, das zarte Mädchen als den Genius kindlich frommes Gemüth unmöglich widerſtehen konnte.
zu verehren, der den Heilmitteln des Thurmbaders die Für jede ſolche Aufopferung ſuchte ihr der Großvater
wohlthätige Weihe verliehe, und da Lisbet an freundli wieder eine Freude zu machen. Er brachte ihr die ſchön
cher Leutſeligkeit das gerade Gegenſtück ihres Großvaters ſten Kleider und Schmuckſachen, und wenn Lisbet traurig
war, an Dienſtfertigkeit und Wohlthätigkeit aber mit ihm klagte, daß ſie ſich immer nur für die Neugierde der
wetteiferte, ſo hing Jung und Alt mit innigſter Liebe Bauern und für die ſtummen Tannen des Waldes ſchmücken
und Verehrung an ihr. müßte, ſo tröſtete ſie der Vater mit der Verheißung
Lisbet war ein Mädchen von unausſprechlich zarter einer glänzenden Zukunft, wo ihr alle Entbehrungen
Schönheit. Wenn ſie neben dem Großvater ging, war reichlich vergolten und alle Schönheiten der Welt eröffnet
es, als ob eine luftige Elfe eine Rieſeneiche umſchwebte. werden würden. Bis es ihm aber möglich würde, ſie in
Allein ihr feiner Gliederbau gewährte wohl das Zauber dies neue Leben einzuführen, bis dahin möchte ſie ſich
bild ſeltener Anmuth, erregte aber zugleich die bange geduldig und heiter in das Unabänderliche fügen, wovon
Beſorgniß, dies zarte Weſen werde den Stürmen des ſein und ihr Lebensglück abhinge.
Lebens nicht lange widerſtehen können, um ſo weniger, Lisbet fügte ſich nun wohl in Demuth und Geduld
da dieſen ſchwächlichen Körper eine Seele belebte, die in ihr Schickſal, aber die Heiterkeit, die ihr der beſorgte
durch frühreifes glühendes Geiſtesleben mit faſt unheim Großvater ſo dringend empfahl, konnte ſie aus ſeinen
licher Bewunderung erfüllte. Der Großvater ſchien dieſe unbeſtimmten, dunklen Verheißungen nicht gewinnen.
Beſorgniß um das Leben ſeines Lieblings auch tief zu Vielmehr ſteigerte das Geheimnißvolle ſeines Benehmens
empfinden, und that alles, was Kunſt und liebevollſte ihren Hang zu ſchwermüthiger Grübelei, ſie verirrte ſich
Sorgfalt vermochten, um das ſchnell verzehrende Lebens in die abenteuerlichſten Ahnungen, ſo daß ſie für die
flämmchen zu nähren und zu ſänftigen. Jedes noch ſo Wirklichkeit gar nicht, ſondern ganz und gar in einer
leichte Unwohlſeyn des Mädchens erfüllte ihn mit einer vermutheten Vergangenheit und erſehnten phantaſtiſchen
Angſt, die bei dem ſonſt ſo kalten und gehärteten Cha Zukunft lebte.
rakter nicht zu begreifen war. Nothwendigerweiſe mußte dieſe beſtändige ſchwärme
Seine ärztliche Sorgfalt für die arme Lisbet wurde riſche Aufregung ihres Geiſtes auf ihren ſchwächlichen
endlich nicht nur beläſtigend für ſie, ſondern wirkte auch Körper von nachtheiligſtem Einfluße ſeyn. Die ohnehin
gerade gegen die Abſicht des Großvaters dadurch im zu raſche Lebensgluth, die in ihren Aederchen tobte, wurde
hohen Grade nachtheilig, daß ſie das Mädchen ängſtlich durch dieſe unruhvolle Sehnſucht noch mehr angefacht;
machte und mit der bangen Ahnung eines baldigen Todes und wie ſie das Ende keines Tages erwarten konnte,
erfüllte. Je älter Lisbet wurde, deſto mehr grübelte ſie um nur dem freudigen Lebenswechſel näher zu kommen,
ſelbſt über ihren Zuſtand, deſto aufmerkſamer belauſchte mußte man an jedem Tage mit tieferem Herzleide bemer
ſie ihr Befinden, wodurch ſie alsbald eingebildet krank ken, wie ihre zarte Geſtalt mehr und mehr verfiel und
wurde, und in eine Schwermuth verfiel, welche bei ihrem in ihren Augen und auf ihren Wangen jenes verzehrende
einſamen Leben in dem abgelegenen Dorfe um ſo betrü Feuer glühte, in welchem ſo viele der holdeſten Lebens
bender wirken mußte. blümchen hinwelken und verdorren müſſen.
Ein wirkſames Erheiterungs- und Stärkungsmittel Lisbet ſelbſt fühlte das Troſtloſe ihres Zuſtandes und
wäre bei dieſen Umſtänden in einer gänzlichen Lebens fragte den Großvater oft ſchmerzlich lächelnd, ob denn
veränderung oder wenigſtens in theilweiſem zerſtreuendem die verheißene Freudenzeit noch immer nicht gekommen
Wechſel gelegen. Die gute Lisbet fühlte dies ſelbſt und ſey; und wenn es der Großvater immer wieder wehmü
flehte oft voll rührender Sehnſucht zu ihrem Großvater, thig verneinte, dann füllten ſich Lisbet's Augen mit
er möchte ſie doch einmal über die engen Berge hinaus Thränen und ſie ſeufzte: »Großvater, ich fürchte, die
in die weite Welt führen; aber ihr Flehen war jedesmal Freudenzeit wird für mich zu ſpät kommen !« –
vergeblich. So liebreich ſie der Großvater auch ſonſt in In ſo traurigem Leben war Lisbet ſechzehn Jahre
allen Stücken behandelte, ſo freudig er ihr jeden Wunſch alt geworden. An ihrem Geburtstage brachte ihr der
zu erfüllen ſtrebte, ja vielen Wünſchen voll wacher Auf Großvater ein reiches Geſchenk und ſprach mit ungewöhn
merkſamkeit zuvorkam: in dieſem einen Punkte war er licher Aufregung ſeinen glückwünſchenden Segen. Lisbet's
unbeugſam und verharrte mit einer unerklärlichen Härte ahnende Sehnſucht las forſchend in ſeinen Blicken und er
bei ſeinem erklärten Willen. Lisbet hätte dies leichter ſchloß das bebende Mädchen in ſeine Arme und ſprach:
ſeit einem Monate ſich zugetragen. Der erſte Conſul befiehlt, in
»Wir ſind nahe am erſehnten Ziele, meine gute den Tagesbefehl der Garde zu ſetzen: Daß ein Soldat den Schmerz
Tochter, und noch heute ſoll Dir Erklärung meines Thuns und die Melancholie der Leidenſchaften muß zu überwinden wiſſen;
und Laſſens und Deines Berufes werden. Drum ſey daß eben ſo viel wahrer Muth darin liegt, ein Seelenleiden mit
heiter und ſtandhaft, meine gute Lisbet, entreiße Dich Ausdauer zu ertragen, als unter dem Feuer einer Batterie un
dieſer verzagenden Schwermuth, welche Dein und mein gerührt zu bleiben. Dem Harm ſich ohne Widerſtand überlaſſen,
Leben zerſtört und die Hoffnung von Tauſenden vereitelt. ſich den Tod geben, um ihm zu entgehen, heißt ſo viel, als das
Schlachtfeld verlaſſen, ehe man beſiegt worden.
Lisbet, Du biſt berufen, Großes zu vollbringen. In Gez. Bonaparte.
der Stunde der Mitternacht, in der Du vor ſechzehn Contraſignirt: Beſſières.
Jahren zur Welt gekommen, ſollſt Du erfahren, auf Der Tagesbefehl that ſeine Wirkung; von dem Tage an kam
welche herrliche Weiſe Du ein Segen der Welt ſeyn kein Selbſtmord wieder in der Armee vor. – –
kannſt!« Dem. Lutzer iſt in Wien nach ihrer Urlaubsreiſe zum erſten
Male wieder aufgetreten und zwar in der Oper »Marino Fa
Mit dieſen Worten, die der Greis mit lauter Stimme liero.« – – -

und glühender Begeiſterung ſprach, küßte er die Stirn des Liszt gibt gegenwärtig in Köln am Rhein Concerte. – –
Mädchens und eilte aus der Stube. Unter den Wundern der neueſten Zeit ſind nicht das geringſte
(Die Fortſetzung folgt.) – gläſerne Glocken. Eine ſolche wurde in Schweden ge
goſſen; ſie hat ſechs Schuh im Durchmeſſer und ihr Ton iſt ſchö
ner, als von den beſten Metallglocken. – –
M o ſ a i k. Nächſtens ſoll in Paris Meyerbeer's neue Oper, »der Pro
phet« zum Einſtudieren kommen. Sie in die Scene zu ſetzen, er
(Ein Tagesbefehl Napoleon's gegen den Liebes fordert einen Aufwand von 250,000 Franken. – –
harm.) Ein tapferer Soldat von der erſten Compagnie der Garde Der neueſte Cenſus in England ergibt eine überraſchende Zu
Grenadiere, Namens Jerome Gerdau, hatte ſich am 11. Mai nahme der Bevölkerung in den großen Fabrikſtädten. So hat
1801, kurz nachdem das Heer von einem ſiegreichen Feldzuge zu Mancheſter 308,893 Einwohner (Zunahme in den letzten zehn Jah
rückgekehrt war, durch einen Flintenſchuß den Tod gegeben, weil ren 72,730), Liverpool 293,963 Einwohner (Zunahme in zehn Jah
er bei ſeiner Rückkehr die Geliebte, die er in der Heimat ver ren 98,000), Glasgow 280,676 (Zunahme in zehn Jahren 78,250).
laſſen, mit einem Andern verheiratet fand. Es wurde darauf bei Im Jahre 1801 hatte Mancheſter nur 94,753, Liverpool 77,653,
der Garde Folgendes bekannt gemacht: Glasgow 78,250 Einw. – Leider hat ſich mit dieſer außerordent
Tag es be fehl. lichen Anhäufung der Bevölkerung nicht auch der Wohlſtand in
St. Cloud, 22. Floréal, Jahr IX der Republik (13. Mai 1801.) gleichem Maße vermehrt. Die Keller - und Bodenräume, in denen
Der Grenadier Gerdau hat ſich in Folge eines Liebesverhält die armen Arbeiter ohne Unterſchied des Alters und Geſchlechtes
niſſes den Tod gegeben. Er war im Uibrigen ein gutes Subjekt. zuſammengedrängt ſind, ſind der Sitz des tiefſten Elends und
Es iſt dies das zweite Ereigniß dieſer Art, das beim Armeecorps leider auch die Pflanzſchule des Laſters. – –

Kunſt und Leben in Böhmen.


Zu der Anfrage in der 93. Nummer der deln wiſſen und mindeſtens im Chore mitſingen können. Die Bil
Bohemia. dungsanſtalt des Herrn Prokſch umfaßt ihrem Zwecke nach zwar
nur das Knabenalter, aber er lehrt ſeinen Zöglingen den vera
Als ich in der 93. Nummer dieſer Blätter die Frage ſtellte, nommenen oder ſelbſt hervorgebrachten Ton leſen, ſchreiben und
warum gerade in dem muſikaliſchen Prag kein Muſikfeſt im größe mit anderen combiniren, wobei er natürlich den Geſang nicht
ren Style gefeiert werde, hoffte ich auf eine Antwort, die jedoch umgehen kann und wenigſtens indirekt die Luſt und Fähigkeit zur
bisher nicht erfolgt iſt, wiewohl dieſe Hauptſtadt Muſikkenner ausübenden Muſik auf anderen Inſtrumenten erweckt und nährt.
und Tongelehrte zählt, welche das In- und Ausland kennen und Herr Kinderfreund läßt bekanntlich im Geſange und auf
eben ſo gut Noten zum Terte, als Tert zu den Noten ſchrei mehren Inſtrumenten Unterricht ertheilen, und die Sophienakade
ben können. Ohne Jemanden vorgreifen zu wollen, erlaube mie hat eine impoſante Anzahl von Dilettanten in den Kreis ihres
ich mir einige Erläuterungen zu den Schlußworten meiner An Wirkens gezogen. Bedenken wir ferner, daß jeder beſoldete
frage. Ich ſagte, daß wir im Beſitze aller Kräfte und Mittel Chorregent wenigſtens zum Geſangsunterrichte verpflichtet iſt, daß
ſind, um jedes Jahr ein großartiges Muſikfeſt zu veranſtalten. unſer Theater in jeder Opernprobe auf die muſikaliſche Tüchtig
Wir brauchen, um dieſe Worte wahr zu finden, nur die Anſtalten keit des Orcheſters und Chores Einfluß nimmt, daß die Kapellen
zu zählen, welche unter öffentlicher Genehmigung und Aufſicht den der hier garniſonirenden Regimenter in ihren Produktionen nichts
Zweck der muſikaliſchen Bildung verfolgen. Was unſer Conſer zu wünſchen übrig laſſen, und daß von zahlreichen Privatlehrern
vatorium geleiſtet hat und zu leiſten fortfährt, iſt jedem gebilde, tüchtige Dilettanten gebildet werden: ſo können die Worte, mit
ten Bewohner Prags bekannt. An dieſes Inſtitut ſchloß ſich in welchen ich die Anfrage vom 3. Auguſt ſchloß, Niemanden, als
letzter Zeit der Verein für Kirchenmuſik, dann die Ä übertreibende Phraſe auffallen. Ich bin überzeugt, daß ſich zu
Bildungsanſtalten des Herrn Prokſch und des Herrn Kinder einem Muſikfeſte in der Hauptſtadt auch die beſten Kräfte des
freund und ſeit einem Jahre die Sophienakademie an. So weit Landes bereitwillig einfinden würden. Gemeinſinn und Aufopfe
es der Zweck eines ordnungsmäßigen Unterrichtes erlaubt, hat ſich rung egoiſtiſcher Anſprüche und Vorausſetzungen iſt nirgends nö
das Conſervatorium der Muſik nie geweigert, ſeinen wohlver thiger und leichter, als in Sachen der Kunſt und Wiſſenſchaft,
dienten Ruf auch durch die Theilnahme an außergewöhnlichen denn wer ſein Ich höher anſchlägt, als die Kunſt, iſt kein wahrer
muſikaliſchen Produktionen zu bewähren. Der Verein für Kirchen Künſtler, und wer den Mitkünſtler drückt und verfolgt, ſteht ſich ſelbſt
Ät jetzt nur im Dreſpiele unterricht ertheilen; allein die im Wege; und ſo hoffe ich noch immer, daß ein prager Muſikfeſt
Äehah wo nicht die Geſammtheit der Schüler beſteht aus nicht zu den poetiſchen Ideen gehöre, welche die Wirklichkeit
Jünglingen, welche mehr als ein muſikaliſches Inſtrument zu behan widerlegt. Prof. Ant. Müller.
-
=mms
Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.
Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
--

Bo he mia, e in

Unterhaltung öblatt.
-

Den 20. Auguſt N** 11CDO. 1S4 K.

D e r Q u. a ck ſ a l b er. entgegen zu eilen. Sie hörte ihn nach ihrem Befinden


fragen und dann in ſeine Kammer hinaufſteigen. Endlich
(Fortſetzung.)
nach langen Stunden qualvollſter Spannung nahte die
Lisbet war durch dieſe Rede des Großvaters im Mitternacht, und Lisbet hörte die Tritte des Großvaters
innerſten ergriffen. Was ſo lange der Gegenſtand ihrer auf der Treppe. Sie zitterte in höchſter Aufregung.
heißeſten Sehnſucht geweſen, überwältigte ſie mit banger Bald darauf trat der Großvater in ihre Stube, ſchritt,
Beklommenheit, da es nun nahe bevorſtand. Ihre Pulſe ſie beſorgt betrachtend, auf ſie zu und fragte freundlich:
flogen in fieberhafter Wallung, der Schweiß ſtand in »Iſt Dir wohl, Lisbet?«
lichten Tropfen an ihrer Stirn, ſie preßte beide Hände »Ja, Vater!« preßte Lisbet heraus und drückte ſeine
an das klopfende Herz und war nicht im Stande, die Hand an ihre Lippen.
Stelle zu verlaſſen, auf der ſie die verhängnißvolle »So folge mir!« ſprach der Greis und ging mit einer
Kunde vernommen. Leuchte ſchweigend voran die Treppe hinab.
»Ich ſoll Großes vollbringen!« ſeufzte ſie endlich und Lisbet folgte faſt athemlos, im Schwindel heftigſter
ſchüttelte mit ſchmerzlichem Lächeln das Haupt. »Wo Beklemmung. Ihr Blut gerann zu Eis, als ſie den
werde ich krankes – todtkrankes Mädchen die Kraft Vater die Thüre des geheimnißvollen Gewölbes öffnen
dazu hernehmen? – O Gott, warum iſt dieſer Tag nicht ſah, welches ihr von Kindheit an ein Gegenſtand ſcheuer
früher gekommen !« Furcht geweſen. Sie zögerte einzutreten, bis der Groß
Hier brach ein Thränenſtrom aus den Augen des ver vater ihre Hand faßte und ſie ſchweigend in den dämmern
zagenden Mädchens, ſie ſtürzte auf die Knie nieder und den Raum zog. -

lag lange in ſchmerzlicher Verſunkenheit, bis ſich der Hierauf verriegelte er die ſchwere Eiſenthür auf's
Troſt eines kindlichen Gebetes in ihre Seele ſenkte. – ſorgfältigſte, zündete eine von der Decke hängende Lampe
Lisbet verlebte dieſen Tag in qualvoller Spannung, an, umfaßte dann den Leib des zitternden Mädchens
er dünkte ihr länger und ſchleichender als alle früher und trug ſie faſt zu einem Armſeſſel, wo er ſie liebreich
erlebten zuſammen. Der Großvater war nicht zu Hauſe; niederließ.
die Haushälterin bot vergebens all' ihre Kräfte auf, Lisbet war in einem Zuſtande halber Bewußtloſigkeit.
Lisbet zu erheitern. Als dieſe mittags nicht einmal die Krampfhaft hielt ſie die Hand des Großvaters feſt und
Lieblingsſpeiſe aß, welche ihr die treue Pflegerin köſtlich ihrer fliegenden Bruſt entquollen ängſtliche Seufzer. Der
bereitet hatte, da mußte die gute alte Frau ſchnell in Greis ſank vor ihr in die Knie nieder, faßte ihre beiden
die Küche hinauseilen, um ſich ungeſehen ausweinen zu Hände und ſprach liebreich flehend:
können, denn ſie hielt dieſen Mangel an Eßluſt nur für »Lisbet, ſey ſtark, ſammle alle Kraft Deiner Seele,
ein Zeichen wachſender Verſchlimmerung jenes Uibels, Dein Großvater bittet Dich auf ſeinen Knien darum! –
welches ſichtlich die Lebensblüthe ihres geliebten Pfleglings Höre mich, Lisbet, wenn Du ſchwach biſt und erliegeſt,
zerſtörte. – Lisbet blieb einſam in ihrem Stübchen und bevor Deine Sendung erfüllt iſt, ſo habe ich umſonſt
träumte mit raſtloſer Einbildungskraft hundert und hun gelebt, ſo bin ich um den ſtolzeſten Preis all' meiner
dert Möglichkeiten von den Dingen, die ihr in dieſer Mühen betrogen. Auf Dir, Lisbet, beruht die höchſte,
Nacht bevorſtanden. einzige, letzte Hoffnung meines Lebens! Schweres, Schmerz
Endlich wurde es Abend und Lisbet hörte den Groß liches wirſt Du hören und ertragen müſſen, aber der
vater nach Hauſe kommen. Sie ſprang auf und zur Preis iſt überſchwänglich glorreich, und Du biſt ja mit
Thür hin, und nur die lange Gewohnheit des Gehor ſeltener Geiſteskraft geſegnet, Du biſt ja Zeugin geweſen
ſams hielt ſie zurück, ihm wider ſein ſcharfes Verbot meiner Kämpfe und Mühen, Du biſt ja meine Enkelin,
Du wirſt als muthige Jungfrau ausdauern und das lullender Bequemlichkeit, ein Sklave hundertgliedriger
mühevolle Lebenswerk Deines Großvaters mit der herr Gewohnheitsfeſſeln iſt. Ich warf alles von mir, womit
lichſten Vollendung krönen!« die Menſchen ihr Leben vertändeln. Ich knechtete meinen
Da ſank Lisbet an ſeine Bruſt, umklammerte ihn mit Leib und zwang ihn durch Entziehung jedes Sinnenkitzels,
fieberiſcher Heftigkeit und rief: daß er dem Geiſte ruhig diene und ihn durch keine über
»Beginnt, Vater, ich bin gefaßt und bereit zu Allem! müthige Gierlichkeit ſtöre. Ich warf all' die hunderterlei
Aber beginnt ſchnell! Sprecht, ſprecht, Vater, und wäre Nebenwünſche und Nebenſorgen von mir, womit die
es das Schrecklichſte, was ich hören ſoll, es kann nicht Menſchen ihre Kraft zerſplittern. Mich beſeelte, beunru
ſchrecklicher ſeyn, als dieſe folternde Ungewißheit und higte und ſpornte nur der eine Gedanke, das Höchſte in
Spannung!« meinem Berufe zu leiſten. Das Streben nach dieſem
Der Großvater lehnte ſie zart in den Seſſel zurück, einen Ziele war mein einziges Sorgen und Kämpfen, die
ließ ſich ihr gegenüber nieder und begann: Freude über ſtufenweiſes Gelingen und Weiterſchreiten
»Du weißt, Lisbet, welchem Zwecke ich mein ganzes war meine einzige Erholung. – Vieles und Freudiges
Leben gewidmet, Du ſahſt es ſeit einer Reihe von Jahren, habe ich durch dieſes beharrliche Streben errungen. Du
wie ich keinen andern Lebensgenuß kenne, als die Er weißt es, meine gute Lisbet, daß man mich den Wohl
füllung des Berufes, zu welchem mich ſeit früheſtem thäter dieſer Gegend nennt; und ich konnte es um ſo
Knabenalter ein unwiderſtehlicher Seelendrang beſtimmte. leichter werden, da ich meine Kunſt nicht zum gewinnſüch
– Der Mutter Natur die Mittel abzulauſchen, wodurch tigen Gewerbe zu machen brauche, und ſelbſt das, was
ihre allheilende Wirkung beſchleunigt und auf einzelne ich nach vorgefaßtem Plane von reichen Leuten nehme,
Leidensfälle geleitet, ihre vernichtende Zerſtörung aber nur dazu benütze, um von den armen Ständen die grim
gehemmt werden kann, dies erſchien mir als das höchſte migſte Helfershelferin der Krankheit, die Noth, zu ver
glorreichſte Ziel eines männlichen Lebens. Frühzeitig bannen. Vieles hab' ich errungen, aber das Höchſte,
erkannte ich aber, daß die Natur nicht in den Dispu Kühnſte, wornach ſo viele meiner Vorgänger fruchtlos
tir- Sälen von Salerno oder Paris, noch auf irgend gekämpft, dies bleibt auch mir noch zu erringen übrig. –
einer Hochſchule der Welt das Privilegium ertheile in Höre mich aufmerkſam, meine Lisbet ! – Allen Geſchöpfen
ihre Geheimniſſe einzudringen, ſie dem menſchlichen Ver der Natur iſt durch ewige Geſetze regelmäßige Dauer
ſtändniſſe zu erſchließen und zur Bezwingung des hun ihres Daſeyns beſtimmt, und nur gewaltthätige Zufälle
dertgeſtaltigen Dämons Krankheit anzuwenden; daß ſie ſtören im allgemeinen dieſe ewige Ordnung. Die Pflanze
vielmehr gerade unter den ſchlichteſten ungelehrten Men keimt, ſproßt, blüht und welkt im ewig gleichen Zeitmaße,
ſchen am liebſten ihre Prieſter erküre, deren Geiſt mit das Thier erfreut ſich der vollen Lebenskraft, altert und
wundervoller Eingebung erleuchte, ihr Auge zu zauber vergeht in natürlicher vorherbeſtimmter Dauer. Und je
hafter Beobachtung ſchärfe, ihre Hand ſegne und leite, niedriger und unvollkommener die Weſenklaſſe, deſto un
daß ſchon die Berührung derſelben mehr Heilkraft äußere, geſtörter iſt die Regelmäßigkeit dieſer Entwicklung des
als unzählige nach gelehrten Analyſen präparirte Medika Lebens in die Verwandlung des Todes. Nur der allge
mente. Die Beſtimmung zu einem ſolchen Naturarzte meine raſtloſe Krieg in allen Reichen der Natur, in
empfand ich mit ſtolzer Seligkeit, es im vollſten Sinne welchem die Schwächeren von den Stärkeren verſchlungen
des Wortes zu werden, war, ſeit mein Geiſt zu männ werden und Milliarden von Pflanzen und Thieren ihr
lichem Entſchluße gereift, der höchſte und einzige Strebe Daſeyn opfern müſſen, um das von andern Milliarden
punkt meines Lebens. Voll gläubiger Kindlichkeit lauſchte vollenden zu helfen, nur dieſer ewige Naturkrieg macht
ich den leiſeſten Offenbarungen der Natur, deren Sturm große, gewaltſamſte Eingriffe in dieſe Lebensordnung.
und Donnerſtimme wohl oft tauben Ohren predigt, die Aber die Natnr macht ſeine grauſame Gefräßigkeit - durch
aber erwählten Geiſtern im Säuſeln der Blätter, im den unermeßlichen Reichthum ihrer Schöpfungen unbemerk
Wehen der Blumenhalme, im Gaukeln der Sonnenſtäub bar und macht es möglich, daß unzählbare Millionen von
chen heilige Geheimniſſe enträthſelt. Ich lauſchte jeder Pflanzen und Thieren ſterben, ohne daß ihr Tod etwas
Ahnung meines Geiſtes, ich vertiefte mich in die Lehren, anderes iſt, als eben ein natürliches Stadium ihres
welche ruhmvolle Meiſter in der Eingebung hoher Natur Lebens. Nicht alſo ergeht es dem Könige der Schöpfung.
begeiſterung niedergeſchrieben, und der herrlichſte Erfolg Je vollkommener überhaupt die Geſchöpfe werden, deſto
belohnte mein Streben, bald war es mir vergönnt, die mächtigern Einfluß übt auf ihr Daſeyn der boshafte
Natur in ihrer geheimſten Werkſtätte belauſchen und nach Dämon der Krankheit, ſo daß endlich das vollkommenſte
ahmen zu dürfen und ihre Weiſungen und Rathſchläge Geſchöpf der Erde, der gottähnliche Menſch, in jedem
zu hören, welche dem profanen, dünkelvollen, glaubens Augenblicke ſeines Lebens von einem Heere ſcheuslicher
leeren Spürſinne der auf Entdeckungen ausgehenden Ge Uibel bedroht wird! – Weit entfernt ſey es von mir,
lehrſamkeit ewig unverſtändlich bleiben werden. – Längſt hiedurch die heilige Gerechtigkeit der Natur zu tadeln,
war mir auch klar geworden, daß niemand je Großes die den Ausſchweifenden die vernichtenden Folgen ſeiner
erreichen und vollbringen könne, der ein Schoßkind ein Sünde empfinden läßt; aber im mäßigſten, unſchuldvoll
ſten Menſchen entwickeln ſich plötzlich unerklärliche Uibel, ſchauer. Die Adminiſtration gab eben den Befehl, die Thuren zu
ſchließen, weil man vor den leeren Banken doch nicht ſpielen
martern ihn bei Tag und Nacht, lähmen den Flug ſeines könne, da kam die Meldung, daß ein Zuſchauer erſchienen ſey.
Geiſtes, rauben ihm die flüchtigen Tage ſeines kurzen Und in der That ſah man durch das Guckloch einen Herrn, der
ſich im Parterre den beſten Platz ausſuchte, und den Anfang des
Daſeyns und morden ihn in der Blüthe ſeiner Zeit. Stückes erwartete. Der Vorhang geht auf, der Regiſſeur ver
beugt ſich dreimal vor dem Herrn und redet ihn an:
Nicht genug, daß tauſend feindliche Zufälle das Leben »Mein Herr, im Augenblicke, wo Sie eintraten, wollten wir
des Menſchen von außen bedrohen, in ihm ſelbſt geht die Thore ſperren laſſen, und die Theaterzettel abreißen. Sie
der Keim des qualvollen Todes in unzählbaren Giftge ſehen, daß Sie hier allein ſind; wir konnen nicht für einen
einzigen Zuſchauer ſpielen.«
ſtalten auf und macht den Herrn der Schöpfung zum »Thut mir ſehr leid,« erwiedert der Herr, »aber ich bin von
Saint Germain en Laye eigends darum gekommen, um die Zare
ohnmächtigſten elendeſten Wurme. Wie wenige Menſchen zu ſehen, ich ſah ihre Theaterzettel angeſchlagen, Ihre Thuren
bleiben durch ihr ganzes Leben von Krankheit verſchont, offen, ich bezahlte und erhielt ein Billet bei der Kaſſa , und ver
wie wenige genießen auch nur an einem einzigen ganzen Ä alſo, daß die Vorſtellung vor ſich gehe. Ich bin in meinem
echte.«
Tage ihres Lebens die Seligkeit vollkommener Geſund Die Adminiſtration fragte die Behörde um Rath und erhielt
heit, wie wenige ſterben den ſchönen, ſchmerzloſen Tod den Beſcheid, das Recht ſey auf der Seite des Zuſchauers, und
es müſſe geſpielt werden.
des ruhigen natürlichen Erlöſchens der Lebenskraft. – Der Vorhang geht alſo zum zweiten Male auf und die Tragö
Welch' eine Aufgabe nun für den Naturgeweihten, welch' die beginnt. Die Schauſpieler ſind wüthend darüber. Sie ſpielen
alles verkehrt und chargiren auf eine furchtbare Weiſe. Kaltblütig
ein hohes, begeiſterndes Ziel des Forſchens, ein Mittel zieht der Zuſchauer einen hohlen Schlüſſel aus der Taſche und er
zu finden, welches der Menſchheit dieſes Glück gewährt, mahnt die Schauſpieler durch einen ausgiebigen Pfiff zur Ordnung.
Die Tragödie wird weiter geſpielt; ſo oft die Schauſpieler ſia,
aus den überſtrömenden Heilquellen der Natur einen vergeſſen, zieht der Zuſchauer ſeinen Hohlſchlüſſel und pfeift, bis
Balſam zu ſammeln, der allen, die nicht ſelbſtmörderiſch endlich der fünfte und letzte Akt zu Ende iſt.
Nun ſollte noch »der Geizige« aufgeführt werden. »Vielleicht«,
auf ihr Leben einſtürmen, vor dem meuchleriſchen Dämon dachten die Schauſpieler, welche hierin beſchäftigt waren, »vielleicht
der Krankheit Schutz gewähren und ihnen das höchſte wird er gehen, und wir brauchen nicht zu ſpielen.« Der Zuſchauer
verließ auch richtig nach dem erſten Stücke den Saal, nahm aber
Erdengut, ungetrübte Geſundheit, erhalten könnte! – eine Contre - Marke und kehrte nach einigen Augenblicken zurück.
Dies hohe Ziel, Lisbet, hat ſich Dein Großvater geſetzt. Er wolle von ſeinen zehn Akten nicht das Geringſte herunterlaſſen.
Die Schauſpieler kleideten ſich alſo an. Dem Zuſchauer war aber
Raſtlos habe ich darnach gerungen, vieles iſt erreicht; ihr Zögern nicht entgangen, und als nun der Vorhang aufging,
aber die Vollendung fehlt noch und zu ihr, Lisbet, brauche nahm er das Wort und ſagte:
»Ich kam eigentlich nur, um die Zaire zu ſchen; weil man
ich Deine Hilfe!« mir aber mein Recht ſtreitig machen wollte, und mich auch wäh
»O Gott! was kann ich ſchwaches Mädchen zu dieſem rend des Stücks durch ſchlechtes Spiel chikanirte, ſo bleibe ich,
und Sie werden auch das Luſtſpiel aufführen!«
hohen Ziele wirken?« rief Lisbet, in ängſtlicher Ungeduld Bei dieſen Worten tritt - der Polizeicommiſſär auf unſern
die Hände faltend. Zuſchauer zu, und ſagt ihm: »Sie haben das Schauſpiel geſtört,
(Die Fortſetzung folgt.) indem Sie laut zu den Schauſpielern auf der Bühne ſprachen,
Sie müſſen das Theater verlaſſen!«
»Aber,« wendet der Angeredete ein, »indem ich das Schauſpiel
MT o ſ a i k. ſtörte, ſtörte ich ja nur mich!«
»Möglich,« erwiederte der Beamte, »aber ſo eben haben Sie
Am 13. Auguſt ſtarb in Königsberg der bekannte Philoſoph Ihr Recht ſo ſtreng gegen das Theater gebraucht, ich gebrauche
Herbart, ganz unerwartet in Folge eines Bruſtkrampfes. Noch es jetzt gegen Sie. Sie haben die Vorſtellung unterbrochen und
Tags vorher hatte er Vorleſungen gehalten. – – müſſen daher das Schauſpielhaus verlaſſen.«
Das pariſer Odéontheater ſpielte ſonſt nicht ſelten vor ziemlich Der Zuſchauer mußte gehorchen. Das Luſtſpiel wurde nicht
leeren Häuſern. Eines Tages waren »Zaire«, und »der Geizige« geſpielt. So triumphirten nacheinander Theater und Publi
angekündigt; die Theaterzeit kam, jedoch nicht ein einziger Zu fum in dieſem ſeltſamen Streite. – –

Kunſt und Leben in Böhmen.


Theaterbericht vom 18. Auguſt. vorhinein nachſichtig und beifallsluſtig iſt; für ein öffentliches
Als Clauren's Schriften in wiederholten Auflagen erſchienen Theater haben ſie aber einen ſehr zweideutigen Sinn, weil gleich
und auf jedem Näh- und Putztiſchchen zu finden waren, gab ich hinter dem Wagſtücke die Bitte um Nachſicht ſteht und weil für
mich der angenehmen Hoffnung hin, daß ſich der Enthuſiasmus ſein baares Geld Niemand in das Theater geht, um mit einem
für den hochgefeierten Schriftſteller binnen fünf Jahren legen Wagſtücke Nachſicht zu haben. Ein öffentliches Theater iſt kein
werde, und wirklich hatte ich die Dauer der Blüthe und Flitter Prüfungsſaal, und unſere Direktion würde mehr gewinnen, wenn
zeit Clau ren's errathen. Von Clauren ſpricht Niemand mehr, ſie es vorzöge, die leeren Rollenfächer durch tüchtige Individuen
als etwa ein Antiquar, welcher verlegene Waare abſetzen will, und zu beſetzen, als durch Anfänger und Anfängerinen die Neugierde
ein Theaterzettel mit großen Buchſtaben. Wir haben gute ältere des Publikums in Anſpruch zu nehmen. Da ſo viele Anfänger
Stücke von Kotzebue, Iffland und Schröder, die mit dem und Anfängerinen von unſerer Bühne verſchwunden ſind, ſo läßt es
gegenwärtigen Perſonale leicht zu beſetzen und einzuüben ſind, und ſich kaum begreifen, wie man erwarten kann, daß das Publikum
ich habe es nie unterlaſſen, ſolche Stücke darum zur Aufführung auf die Nachricht »3 oder M wird die Ehre haben, den erſten,
anzurathen, weil ſie bei dem Wuſte von mittelmäßigen oder offen zweiten oder dritten theatraliſchen Verſuch zu wagen und bittet
bar ſchlechten Novitäten der Kunſt der Schauſpieler und dem Ge um Nachſicht« in das Theater eilen werde. Am 18. Auguſt war
ſchmacke des Publikums eine beſſere Richtung geben können. Was das Haus nur mittelmäßig beſetzt und der Beifall, welcher der
NV (IT NUN !!! Ä Zeit die Folge meines wohlgemeinten Vor Debutantin gezollt wurde, war den Worten der Bitte um Nach
ſchlages? – Es wurde das ſehr mittelmäßige und langweilige ſicht angemeſſen; denn Dem. W immer ſprach, ging und bewegte
Rührſtück »die Unvermältes (das iſt »die alte Jungfer«) und »das ſich in den verſchiedenartigſten Momenten immer in gleicher Form
Alpenröslein«, dann »der Bräutigam aus Merico« gegeben, damit und Weiſe. »Liesli«, »Leopoldine«, und »Suschen« ſind verkün
eine angehende Schauſpielerin den erſten, zweiten und dritten ſtelte Perſonen, die nur durch eine Art von geiſtreicher und ge
theatraliſchen Verſuch wagen und um Nachſicht bitten könne. Dieſe müthlicher Sophiſterei einige Geltung gewinnen können. »Suschen«
mit großen Buchſtaben gedruckten Redensarten ſind für ein Lieb iſt aber, gegen »Leopoldine« und »Liesli« gehalten, die ſchwierigſte
habertheater überflüßig, weil man als nicht zahlender Gaſt ſchon Rolle, oder mit andern Worten die Aufgabe zu einem Kunſt
"d

ſtücke; und wie kann man einer Anfängerin ein Kunſtſtück zu fen Kolowrat, welcher unmittelbar auf die Monumentsfeierlichkeit
trauen? – Ich bedaure, daß Dem. Wimmer uns gerade in Rollen einige Tage hier verweilte. Die plötzliche, an dieſem Tage nicht
vorgeführt wurde, welche für ſie durchaus nicht inſtruktiv ſind, erwartete Ankunft Sr. kaiſ. Hoheit am 11. Auguſt Abends verur
denn man kann die Kunſt nie begreifen, wenn man von Künſtelei ſachte eine freudige Uiberraſchung. Der Prinz beſah die Stadt und
beginnt; auch bin ich weit entfernt, ihr für die Folgezeit ein un deren Merkwürdigkeiten, wobei er den Badeanſtalten und den Mi
günſtiges Prognoſtikum zu ſtellen, ſondern ich wiederhole, was ich litär - und Civilſpitälern eine beſondere Aufmerkſamkeit widmete,
in jedem ähnlichen Falle wiederholen werde, daß man nämlich vom beſuchte die umliegenden Orte: Bilin, Dur, Oſſegg, Mariuſchein,
Kleinen beginnen müſſe, um groß zu werden. Nur außerordent Graupen, die Wilhelmshöhe und das Schlachtfeld von Kulm, und
liche Talente feſſeln bei ihrem erſten Eintritte in die Oeffentlichkeit reiſte am 15. Vormittags in der Richtung von Tetſchen ab. Der
und auch dieſe wagen den gefuhrvollen Schritt nicht ohne mehr Prinz von Preußen hat Teplitz am 13. verlaſſen.
oder weniger gründliche Vorbereitung. Herr Camillo Sivori, ein Schüler Paganini's, ließ ſich nach
Die ganze Vorſtellung ſtand gegen die früheren an Friſche einander, am 6., 9. und 11. d. M. auf der Violine hören. Der
und guter Rundung zurück, und in Bezug auf die Zimmerdefora ſelbe ſpielte zwei Concertſtücke von eigener Comroſition und mehre
tion des Herrn von Prahlenſtein muß ich die Schlußbemerkung Tonſtücke von Paganini, unter welchen vorzüglich das herrlche
meines vorletzten Berichtes wiederholen. Auch ſehe ich nicht ein, Gebet des Moiſes auf der G-Saite und der Carneval
warum Suschen mit ihrer Muhme gerade in einer Scheuer woh von Venedig, eine ſehr gefällige Compoſition, im Charakter
nen ſollen. Prof. Ant. Müller. eines gemüthlichen Scherzo gehalten, das Publikum anſprachen. Da
ich mich nicht erinnere, in den Blättern d. B. ein näheres Urtheil
über dieſes neue Geſtirn, das am muſikaliſchen Himmel aufgegan
Telegraph von Prag. gen, geleſen zu haben, ſo erlaube ich mir hier einige Bemerkun
gen. Hr. Sivori kann ſchon jetzt mit den erſten Künſtlern ſeines
Die von Sr. Erc. dem Hrn. Oberſtburggrafen, Grafen Cho Jnſtrumentes fühn in die Schranken treten, wenn wir aber beden
tek, eingeführte Sitte des Loſens von Entſchuldigungskarten ſtatt fen, daß Hr. Sivori dem Ausſehen nach in den erſten Zwanziger
der läſtigen Neujahrsgratulationen hat die reichſten Früchte getra Jahren ſteht, und daß die Ausbildung eines Künſtlers bis zum 30.
gen. Die diesjahrigen Entſchuldigungskarten für das Land, über Jahre ſeines Alters fortſchreitet, ſo läßt ſich nicht abſehen, wie
deren Trefflichkeit d. B. ſich bereits ausſprach, und die Entſchul weit es derſelbe noch bringen werde. Seine techniſche Fertigkeit
digungskarte für Prag haben einen Ertrag von 40,178 fl. W. W. iſt ſchon jetzt eine außerordentliche, und wird von ihm in dem ge
gegeben, und ſeit dem Jahre 1828 ſind im ganzen Lande für Ent wagteſten pizzicato col arco, das ihm gleichwohl immer gelingt,
ſchuldigungskarten 421,789 fl eingegangen, – gewiß eine groß auf die höchſte Spitze getrieben. Aber auch die rührendſten Töne
artige Unterſtützung für die Armen ! – – A. weiß er ſeinem Inſtrumente zu entlocken, und allgemeine Bewun
derung erregte ſein ſchmelzendes Flöten-Arpeggio. Was ſeine
Compoſitionen anbelangt, ſo iſt nicht zu läugnen, daß Hr. Sivori
in dem ſprudelnden Uibermuthe der Jugend ſich vorzugsweiſe in
Correſpondenz aus Böhmen. der Vorführung von Schwierigkeiten gefällt, die als ſolche weder
Teplitz, den 18. Auguſt. Herz noch Verſtand beſchäftigen, aber, was uns von einem Italie
ner angenehm überraſchte, wir bemerkten auch manchen Gedanken,
Ich verſprach den Leſern der Bohemia einige Worte über das der an den großen Mozart mahnte. – Von dem zweiten Flöten
Monument. Auf einem Piedeſtale, zu dem einige Stufen führen, Concerte des Herrn Briccialdi habe ich nachzutragen, daß Herr
erhebt ſich, zu der Höhe von beiläufig 20 Fuß, ein maſſiver, vier Kummer, Kammermuſikus des Königs von Sachſen, ein Andante
eckiger, abgeſtumpfter Obelisk; auf demſelben ruht die Weltkugel, mit Variationen auf dem Fagotte vortrug, das den lebhafteſten
die ihrerſeits einen Genius mit dem Siegeskranze trägt. Auf der
dem Herrenhauſe oder der Wohnung des hochſeligen Königs zu
Ä
agen.
erntete. – Von unſerem Theater läßt ſich leider nichts
gewendeten Fläche des Obeliskes erblickt man das in Eiſen gegoſſene
und vergoldete Bruſtbild desſelben, umgeben von dem Symbole
Ä Ewigkeit, und unter dieſem lieſt man in vergoldeten Buch
(lben : Nachricht vom Lande.
Honori et Memoriae Nach einem Berichte der immer friſcher aufblühenden »böhmiſchen
Friderici Guilielmi III.
Blüthen« iſt die Waſſer heil- und Bade-Anſtalt in Groß
reg. Boruss. ſkal bei Turnau – deren wir, als ſie noch im Werden war, er
grata Teplitz wähnten – bereits eröffnet. Sie ſteht unter der Leitung des
dedicavit
MDCCCXLI.
Herrn Dr. Slechta, und ſoll, wie uns Augenzeugen verſicherten,
ein eben ſo koſtſpieliges als großartiges Unternehmen ſeyn.
Die Weltkugel trägt die gleichfalls vergoldete Umſchrift: Suum
Luiquº; sincere et constanter. Das Bruſtbild, die Weltkugel und
der Genius ſind, wie bereits früher erwähnt, auf dem fürſtlich Elbe - Dampfſchiffahrt in Böhmen.
von Metternich'ſchen Eiſenwerke Plaß in Eiſen gegoſſen, und die
letztern beiden mit Bronzefarbe überſtrichen. Der Piedeſtal, ſo Lange hatte man geglaubt, daß die Elbe in Böhmen mit
wie der Obelisk ſind in Sandſtein gearbeitet, und mit grünlich Dampfſchiffen nicht befahren werden könne. Die Grundloſigkeit
grauem Firniß überzogen. Das Ganze erreicht ungefähr die Höhe dieſes Glaubens hat das Dampfboot »Bohemia« dadurch hinrei
von 28 Fuß. chend erwieſen, daß es nun bereits ſeit drei Monaten regelmäßige
Die Badeliſte enthält bis zum 14. Auguſt 2343 Parteien und Fahrten zwiſchen Dresden und Obriſtwj macht. Die Einnahme
3837 Perſonen ſammt Begleitung. Zu den bereits angeführten für dieſe Fahrten übertrifft, wie wir aus ſicherer Quelle verneh
Motabilitäten ſind hinzugekommen: Ihre Durchl. die verwittwete men, alle Erwartung, und die Zahl der Paſſagiere iſt ſo ge
Frau Fürſtin Reuß-Greiz, mit zwei Prinzeſſinen Töchtern; Se. ſtiegen, daß aus Prag allein an hundert Perſonen jede dieſer
hochfürſtl. Durchl. Heinrich LXVII., Prinz Reuß-Schleiz mit Frau Fahrten mitmachen. Durch dieſe ſtarke Frequenz ergibt ſich das
Gemalin; Se: Erc. Herr von Jordan, F. preuß. Geſandter am Bedürfniß mehrer Dampfboote mit ſolcher Evidenz, daß wir nicht
ſächſ. Hofe; Herr Camillo Freiherr von Schmidburg, jud. Gou ohne Grund glauben, es werde ſich mit nächſtem eine Geſellſchaft
verneur von Illyrien; Se. Erc. Freiherr v. Wagemann, k. k. Land zu dieſem Behufe bilden. Auch zweifeln wir nicht im Geringſten
rechtspräſident in N Oe.; Lord Mount-Edgecumbe, Pair von daran, daß unſere Capitaliſten ſich für ein ſolches, eben ſo nationa
Großbritannien und Irland; Herr Freiherr v. Paumgarten, k. k. les als gewinnbringendes Unternehmen thätigſt intereſſiren werden.
Feldmarſchall-Lieutenant; Se. Erc. Herr v. Weyrach, k.preuß. Man verſichert uns, daß der gegenwärtige Unternehmer dieſe
Generallieutenant und kommandirender General des 3. Armeecorps; Dampfboote für jährliche zwölf Procent von dem ausgelegten
die k, ruſſ. Generäle: Ritter von Howen, von Löſchern und von Kapital von den Eigenthümern auf mehre Jahre miethen will.
Sabloukoff; dek. bair. Generäle: Graf von Lieven und S. Erc. Wir dürfen dieſe Bemerkungen nicht ſchließen, ohne dem aus
von Braum. Morgen wird die Herzogin von Angouleme erwartet. gezeichneten Erbauer der »Bohemia« ſowohl für die Conſtruktion
Von den hohen Perſonen, deren Aufenthalt nur von kurzer Dauer als für die geſchickte Führung derſelben den wärmſten und ver
Är, „nenne ich Se. kaiſ: Hoheit, den Erzherzog Stephan, und
Se. Erc. den k. öſterreichiſchen Staatsu Conferenzminiſter, Gra
dienteſten Beifall im Namen aller unſrer Landsleute zu sens
m amº,
Redaktion und Verlag von Gottlieb Haaſe Söhne.
Papier aus der k. k. landesbefugten Papierfabrik derſelben in Wran.
Bo he m i a, ein

Unterhaltung öblatt.
Den 22. Auguſt M“ 11CD « 1S411.

D e r Q u a ck ſ a l b e r. gens nicht gekommen. Von heut' in zwei Jahren um


dieſe mitternächtige Stunde haſt Du das achtzehnte Jahr
(Fortſetzung.)
Deines Lebens vollendet und biſt nach der übereinſtimmen
»Lisbet, eben weil Du Dich ſchwach fühlſt, biſt Du den Weiſung aller Meiſter fähig, das Wunderbare zu
ſtärker als die Stärkſten!« ſprach der Großvater feierlich. bewirken. Und nicht Dein Blut, gute Lisbet, nur Deine
»Höre mich geduldig zu Ende und Du wirſt Alles begrei Nähe heiſcht das Gelingen meines Werkes; denn alſo
fen. – Vieles und Großes vermag der Mann, wenn es lautet die Weiſung meines größten Meiſters: »Was die
darauf ankommt, mit ſcharfem Verſtande, mit ausdauern Jungfrau durch ihre Nähe heiligt, was ihre reinen Hände
der Kraft, mit ſtürmender Verwegenheit zu wirken; aber weihen, was das Wort ihrer unentweihten Lippen ſegnet,
im wundervollen Gebiete des Glaubens, der Ahnung, der das dient zur Heilung aller Leiden.«
hellſehenden Geiſtererkenntniß übertrifft ihn das Weib »O wie leicht iſt dann, was ich zu leiſten habe, und
durch die Zauberkraft ihres Gefühles, durch die Allmacht unwürdig bin ich des großen Vertrauens!« rief Lisbet,
ihrer demüthigen Ergebung. Eben weil die Natur in in demüthiger Scham erröthend.
dem weiblichen Gemüthe einen unerſchöpflichen Schatz »Leicht iſt, was Du leiſten ſollſt, Tochter, aber ſchwer
ſüßeſter Geheimniſſe verſchloß, iſt auch der weiblichen ſind die Opfer, welche Du bringen mußt, um dieſer
Seele ein tieferer und klarerer Blick in die Geheimniſſe Leiſtung würdig zu ſeyn,« ſprach der Greis. »Wie über
der Natur verſtattet. Zu allen Zeiten haben Frauen die haupt, wer etwas Ganzes, Vollendetes erreichen will, ſich
heiligſten Ahnungen im Buche der Natur geleſen, ſind auch mit ganzer Lebenskraft ſeinem Zwecke opfern muß;
als begeiſterte Seherinen verehrt worden, haben wunder ſo fordert das Werk, welches Du mit mir vollbringen
thätige Heilkraft an Leib und Seele geübt. Immerdar ſollft, Dein ganzes Leben. Allem, was die Freuden
und überall wirkt ſelbſt der kräftigſte Heiltrank in volle Deines Geſchlechtes ausmacht, mußt Du entſagen, mit
rer Durchdringung und Segnung, wenn eine liebreich freithätigem Bewußtſeyn und Beſchluße entſagen. – Lisbet,
pflegende weibliche Hand es iſt, die ihn reichet. – Am höre und verſtehe mich recht, faſſe die ſchwere Bedeutung
reichlichſten aber enthält und ſpendet dieſen Zauber die dieſes Opfers! Du mußt entſagen für immer der ſchön
Seele der Jungfrau, welche in makelloſer Reinheit himm ſten Beſtimmung des Weibes, als Gattin und Mutter
liſchen Eingebungen offen iſt, wie die Blume, welche den glücklich zu ſeyn und zu beglücken; ja noch mehr, Du
reinen Kelch dem erſten Sonnenkuſſe erſchließet. Dies mußt jeden Wunſch nach dieſer Erdenſeligkeit wie eine
erkannten alle großen Meiſter der geheimnißvollen Kunſt, Sünde fliehen; jede Liebesregung, und wäre ſie auch
welcher ich diene; mit jungfräulicher Hilfe haben ſie die nur einem Ideale gewidmet, mußt Du im Keime erſticken,
herrlichſten Erfolge erzielt, und mit Deiner Hilfe, Lisbet, und dieſes ſchwere Opfer mußt Du bringen, nicht getäuſcht,
wenn Du ſie freiwillig gewährſt, hoffe auch ich, den überredet oder gezwungen, ſondern nach freier Wahl,
höchſten Triumph meiner Kunſt zu feiern.« aus Liebe für die geheime Kunſt, aus Begeiſterung und
»Wenn Ihr an meiner Kraft nicht zweifelt, Vater! Verehrung für den hohen Zweck derſelben! – Lisbet, Du
mein gehorſamer Wille iſt Euch gewiß!« ſprach Lisbet biſt frei, Du biſt Deines Geiſtes in ſeltener Vollkraft
mit feierlicher Betheuerung. »Und wenn Ihr mein Herzblut mächtig – Lisbet, Dein Großvater fragt Dich in dieſer
hrauchet, ich will es mit Freuden fließen ſehen! Sagt, ernſten Stunde: kannſt Du dieſes Opfer noch bringen
was ſoll ich beginnen?« -
und willſt Du es bringen?«
»Gott ſegne Dich für Deine Bereitwilligkeit und »Ich kann, ich will es, und ſchwöre es in dieſem
Stärke, meine edle Lisbet!« ſprach der Greis mit freu Augenblicke!« rief das Mädchen in glühender Erregung
diger Rührung. »Aber noch iſt die Stunde des Vollbrin und hob die Hände betheuernd hochauf.
Haſtig ſchritt jetzt der Quackſalber zu einem Schranke, Flügel. Um ſeine Blumen in Zukunft vor dieſen Verheerern zu
öffnete ihn, und ein künſtlich aufgerichtetes Todtengerippe ſchützen, ſchrieb er ſchnell einige Zeilen, band dieſe an den Hals
der Taube und ließ ſie dann los. Das Thierchen, noch ganz
grinſte aus demſelben. zitternd von dem Abenteuer, flog ſchnell in ſeinen Taubenſchlag
»So ſchwöre es, Lisbet, hier bei den Gebeinen Deiner zurück und Madame Tonnard bemerkte bald, daß einer ihrer
Mutter!« ſprach der Quackſalber, und das geängſtete Lieblinge ein Briefchen am Halſe trage; ſie nahm es der Taube
Mädchen ſtürzte mit einem Schrei des Entſetzens zu ab und las darin folgende Worte:
Boden. – »An den unbekannten Eigenthümer dieſer Taube !
Wer Sie auch immer ſeyn mögen, haben Sie die Güte, Ihren
Erſt nach langen angſtvollen Bemühungen gelang es
Tauben wohl einzuſchärfen, daß ſie meinen kleinen Garten künf
dem Großvater, das ohnmächtige Mädchen in's Leben tig in Ruhe laſſen, denn wenn ich ſie noch einmal darin erwiſche,
zurückzubringen, und als ſie zu klarem Bewußtſeyn des ſo laſſe ich ſie braten, und verſpeiſe ſie mit grünen Erbſen.
Vorgefallenen erwachte, und der Großvater mit weh Ihr ergebenſter Diener
müthigem Vorwurfe ſprach: »Lisbet, Du haſt mir ver Lebuis.«
ſprochen, ſtark zu ſeyn!« da raffte ſie ſich mit Anſtrengung Aufgebracht, wüthend über dieſe Drohung, ergreift Madame
Tonnard mit vor Zorn zitternder Hand eine Feder und ſchreibt
aller Kräfte auf, ging feſten Schrittes zu dem offenen in ihrer Aufregung ein Briefchen, das eben kein Liebesbriefchen
Schranke, fiel vor den Gebeinen ihrer Mutter auf die iſt, und hängt es an den Hals der Taube.
Knie nieder und ſprach mit lauter Stimme: Andern Tages zur gewohnten Stunde, beſucht die Taube das
»Ich ſchwöre Alles – Alles – und ich werde es Duodez - Gärtchen des Comptoiriſten. Dieſer iſt gerade zu Hauſe,
vollbringen! – und« – ſetzte ſie in Thränen zerfließend und wie er den Vogel erſieht, greift er ihn mit dem feſten Ent
ſchluße, diesmal keinen Pardon zu geben. Aber in dem Augen
hinzu – »und Du, Mutter, wirſt mich dann zu Dir in blicke, wo er der Taube den Hals umdrehen will, fühlt er ein
die Ruhe des Todes rufen!« Papier unter ſeiner Hand. Es iſt das Antwortſchreiben; er
»Nein, nein!« rief der Großvater voll freudiger Zu nimmt es und lieſt:
verſicht, »Du wirſt leben, meine Lisbet, Du wirſt leben »Herr Lebuis!
und den Ruhm Deines Werkes ernten und in den ſegens Ich finde es ſehr unverſchämt von Ihnen, daß Sie es wagen,
meinen lieben, ſchönen Tauben ſo etwas zu drohen. Tödten Sie
reichen Wirkungen desſelben den herrlichſten Lohn für ſie nur . . . . . Sie . . . Sie alter Mörder Sie!
Dein heldenmüthiges Opfer genießen!« Jhre Dienerin
(Die Fortſetzung folgt.) Wittwe Tonnard.«
Herr Lebuis war über das markirte Epitheton alt um ſo
mehr ergrimmt, je wahrer es ſeyn mochte, er ergriff ſofort die
D ie T a u b e n p o ſt. Feder, und ſchrieb:
Die Damen müſſen einen Gegenſtand haben, dem ſie ihre »Madame Tonnard!
Zärtlichkeit weihen: in Ermanglung der Kinder übertragen ſie ſelbe Sie ſind eine alte Närrin, und wenn Ihre Tauben heute
auf ihren Mops, ihre Katze, ihren Kanarienvogel. Madame wieder kommen, werden ſie morgen gewiß verſpeiſt ſeyn.
Tonnard weihte ihre ganze Zärtlichkeit ihren Tauben. Sie hatte Nicht Ihr Diener
eine kleine Wohnung in der Vorſtadt Saint Martin gemiethet, Lebuis.«
und ließ in einem Fenſter, das in's Hintergebäude ging, einen Madame Tonnard blieb natürlich die Antwort nicht ſchuldig,
Taubenſchlag errichten, der zwei Familien Tauben beherbergen konnte. und ließ es eben ſo wenig an biſſigen Seitenhieben fehlen. Herr
Nie wurden dieſe allerliebſten Vögel ſorglicher, mütterlicher ge Lebuis ſuchte ſeine Gegnerin hierin noch zu übertreffen, und ſo
pflegt; früh Morgens kehrte Madame Tonnard den Taubenſchlag flog die Taube mehre Tage lang mit Briefchen zwiſchen Tauben
aus, ſtreute den Tauben ihr Frühſtück vor und öffnete dann die ſchlag und Garten hin und her. Da aber Madame Tonnard
Thüre des Taubenſchlags und ſagte zärtlich: »So fliegt nun aus, ſowohl als Herr Lebuis ihrem Grimme beim jedesmaligen Brief
meine lieben Kleinen, fliegt aus, macht einen kleinen Spazierflug, empfange laut Luft machten, ſo hörte dieſe Fehde durch Taubenpoſt
aber hütet Euch vor den Katzen und Katern, die auf den Dächern bald auf, den beiderſeitigen Nachbarn ergötzlich zu ſeyn und ſie über
herumlungern; Ihr habt Urlaub bis zum Sonnenuntergange!« redeten die ſtreitenden Parteien, ihrem Streite vor Gerichte ein
Und die Tauben flogen aus und ließen ſich auf den Schiefer Ende zu machen. Der Rath wurde befolgt, und an einem ſchönen
dächern der Nachbarſchaft nieder, ohne je weder den Taubenſchlag, Morgen erſchienen Madame Tonnard und Herr Lebuis, bewaffnet
noch ihre Gebieterin, welche ihnen aus dem Fenſter von Zeit zu mit den erhaltenen grimmigen Briefchen, vor dem Commiſſär.
Zeit Kußhändchen zuwarf, aus dem Geſichte zu verlieren. Herr Lebuis hatte ſeine Gegnerin bis dahin nie geſehen. Als
Nicht weit von der Wittwe Tonnard wohnte ein Hageſtolz, er nun vor dem Polizeicommiſſär den zornblitzenden Blicken der
von bedeutend reifem Mannesalter, ein leidenſchaftlicher Blumen Wittwe Tonnard begegnete, ſenkte er unwillkürlich die Augen und
freund. Sein Fenſter ſtak voll Blumentöpfe, und vor dem Fenſter dieſe fielen eben ſo unwillkürlich auf die blitzenden Goldringe an
hatte er nech einen Verſchlag für Blumen angebracht. Monſieur den Fingern der Madame Tonnard. Und Herr Lebuis dachte:
Lebuis – dies war der Name des würdigen Mannes – pflegte ſeine »MadameTonnard ſcheint mehr zu beſitzen, als bloß ihre Tauben!«
Blumen mit nicht geringerer Zärtlichkeit, als die Wittwe Ton und ward in dieſem ſeinem Gedanken durch den Anblick der gol
nard ihre Tauben. denen Doſe beſtärkt, welche Madame Tonnard eben hervorzog,
Wie groß war daher der Schmerz des Herrn Lebuis, als er um durch eine Priſe Tabak ihrem Grimme friſche Nahrung zu
ſeit einiger Zeit jeden Abend bei ſeiner Rückkehr aus ſeinem geben. Und als nun Herrn Lebuis' Blicke der Bewegung der
Comptoir bemerken mußte, daß ſein Blumenbeet mehr oder min Hand folgten, kam er zu der Uiberzeugung, daß Wittwe Tonnard
der ſchreckliche Verwüſtungen erlitten hatte. Eines Sonntags eben keine ſo alte Närrin ſey, als er ihr in einem der Briefchen
lauerte er im Hinterhalte und überraſchte in flagranti zwei Tauben. geſchrieben und in den andern betheuert hatte. Wir wiſſen nicht,
»Das alſo ſind die Verbrecher !« rief er und ſprang aus ſei was Alles Herr Lcbuis noch ferner dachte, bis ihn die Stimme
nem Hinterhalte hervor, und erwiſchte die eine Sünderin beim des Polizeicommiſſärs aus ſeinen Gedanken weckte.
- »Ihre Klage, Herr Lebuis?« fragte der Polizeicommiſſär. Erbſen beſchäftigte, ſetzte Herr Lebuis ſich nieder und ſchrieb auf
»Mei ... meine Kla . . . Klage,« ſtotterte Herr Lebuis duftendes Seidenpapier die Wörtchen:
verlegen, »ver . . . verzeihen Sie, ich ha ... habe keine.« - - »Dürfte ich es wagen, dieſen einfachen Goldreif an Ihre
»Aber weßhalb ſind Sie hier?« zarte . . .«
a »Ich . . . ich . . . ver . . verzeihen Sie, ich habe mi . . mich Er konnte es nicht ausſchreiben, denn die Taube wurde un
ver . . . verirrt.« ruhig und machte Miene, fortzufliegen. Ohne ſein Billet zu
»Verirrt? fragte der Polizeicommiſſär verwundert, aber Herr beendigen, nahm es Herr Lebuis, wand es zierlich um einen ele
Lebuis hatte ſich ſchon mit einer leichten Verbeugung gegen ihn, ganten, werthvollen Goldring, und band dieſen an den Hals der
und einer ſehr tiefen gegen Madame Tonnard entfernt. Madame Taube. Dieſe flog damit fort, zu ihrer Gebieterin hinüber.
Tonnard war nicht minder verwundert, als der Commiſſär, und Lebuis' Herz pochte wie ein Pochhammer, als er wieder am
vergaß in ihrer Verwunderung ihre Tauben, ihren Zorn und Fenſter ſtand und der Rückkehr der Botin harrte. Und die Botin
ihre Klage. kehrte bald wieder, und an ihrem Halſe erblickte Lebuis ein Billet,
Als Madame Tonnard nach Hauſe kam und Stück für Stück das er aufriß, und – –
ihre Halskette, ihre Corallenſchnur, ihre Armbänder, ihren Hut, »Ach!!!!«
ihren Shawl, ihre Goldringe und alle die andern Beſtandtheile Dies »Ach« mit vier Ausrufungszeichen war Alles, was auf
ihres überreichen Schmuckes ablegte, flog eben eine ihrer Tauben dem Billet ſtand. Aber für Lebuis war es genug.
durch's Fenſter herein.
»Gewiß wieder bei Lebuis geweſen, Du . . .« Sie wußte in Acht Tage ſpäter flog die Taube nicht mehr in Lebuis' Minia
der Eile kein zärtliches Scheltwort zu finden, denn ſie bemerkte turgärtchen, denn Herr Lebuis hatte eine andere Wohnung ge
am Halſe des Vogels ein roſafarbnes Briefchen, das ſie, neuer miethet, die er mit der ehemaligen Wittwe Tonnard, nunmehr
Schmähungen gewärtig, ſchnell aufbrach und las: Madame Lebuis, bewohnte. G.
»Madame!
Ich nehme meine Beleidigungen. Alle zurück. Verzeihen Sie,
wenn Sie verzeihen können, Ihrem fußfällig um Gnade bittenden M o ſ a i f.
Diener Herr J. F. Kittl iſt zu dem Reichenberger Muſikfeſte, wo
Lebuis.« der Schlußſatz ſeiner Jagd-Symphonie – ſtatt der im Pro
Gerührt von einem ſo reuigen Erkenntniß ſeiner Fehler, er gramm angekündigten Ouverture von Lindpaintner – gegeben
griff Madame Tonnard ſchnell die Feder und ſchrieb: wird, abgereiſt. – –
»Verzeihung gegen Verzeihung. Meine Tauben ſollen nicht In Paris hat Jemand ein Brevet auf eine Erfindung nach-,
mehr Ihre Blumen verwüſten. Zu jedem Dienſte bereit geſucht, welche er die Lignexsiccatechnic nennt. Dies furchtbare
Jhre Wort heißt auf gut Deutſch: Die Kunſt, Holz zu trocknen. – –
Tonnard.« Heine iſt in Folge der bekannten Ohrfeigengeſchichte von Cau
Das Billetchen wurde der Taube ſchnell an den Hals gebun terets nach Paris geeilt, und da er den Empfang der Ohrfeige
den und dieſelbe in's Freie gelaſſen. Die arme Taube, wie viele noch immer läugnet, ſo wird es zu einem Duelle kommen. Heine
Botſchaften hatte ſie heute zu beſorgen ! . Schon nach einem Vier hat ſich hiezu bereit erklärt, doch ſtreitet er mit ſeinen Gegnern
telſtündchen war ſie wieder zurück in der Wohnung ihrer Gebie noch darüber, wer eigentlich der Beleidigte ſey und wer folglich
terin, mit einem neuen Briefchen, welches lautete: die Waffen zu wählen habe. – –
»Theure Madame ! Am 13. Auguſt iſt Schumann mit ſeiner Oper und dem Or
Laſſen Sie Ihren Tauben das unſchuldige Vergnügen, ſich in cheſter nach Mainz zurückgekehrt. Er ſoll mit den Geſchäften, die
meinem Gärtchen zu erluſtigen. Ich Verblendeter, daß ich nicht er in London gemacht, ſehr zufrieden ſeyn. – –
früher ſah, welch ſchöne, niedliche, liebe Täubchen es ſind. Und Der Großherzog von Sachſen-Weimar wird Ende dieſes oder
wie glücklich ſie ſind, von ſolchen zarten Händen gepflegt und gelieb Anfang des nächſten Monats nach Karlsbad kommen. – –
koſt zu werden! Wer an der Stelle dieſer Tauben wäre!« Lablache beſitzt Tabaksdoſen aller Art, von hohem und gerin
Madame Tonnard ſchluchzte laut auf, als ſie dies Briefchen gem Werthe. Kürzlich wurde ihm eine mit Rubinen eingefaßte
geleſen hatte, und ihr Herz pochte ſo ungeſtüm vor Rührung, Doſe von der Königin von England als Zeichen der Anerkennung
daß ſie nicht vermochte, auf die gefühlvollen Zeilen zu antworten. ſeiner Künſtlerſchaft überreicht mit dem Bemerken, ſich derſelben
Sie hielt den ganzen Tag ihr Köpfchen geſenkt und hätte am einen Tag des Jahres zu bedienen. »Ihre Majeſtät werden
andern Morgen beinahe vergeſſen, den Tauben ihr Frühſtück vor gnädigſt verzeihen,« antwortete der Künſtler in tiefſter Devotion,
zuſtreuen. Aber die Tauben in's Freie zu laſſen, vergaß ſie nicht, »daß ich den hohen Wünſchen nicht nachkommen kann, bereits ſind
enur gab ſie ihnen heute nicht Urlaub bis Sonnenuntergang, alle Jahrstage beſetzt; ich habe dreihundert fünf und ſechzig Tabak
ſondern rief ihnen zu: »Kommet bald, bald, ach, recht bald doſen.« – »In dieſem Falle«, verſetzte die Königin mit liebens
wieder!« würdigem Lächeln, »wird Ihnen die Meinige nur für die Schal