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Nr. 12 Dezember 2010 – Österreichische Post AG, Info.

Mail Entgelt bezahlt

Magazin der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck

Astronomiejahr 2009
Wann
Faszination ist wirklich
Universum
Weihnachten?

Afrika Sicherheit
Vergebene Chancen Helme verringern das
nach fünfzig Jahren Risiko von Kopfverletzun-
Unabhängigkeit. gen um bis zu 60 Prozent.

Seite 20 Seite 12

Beilage zur Tiroler Tageszeitung www.uibk.ac.at


Dienstag, 14. Dezember 2010 3

editorial

Foto: www.mariorabensteiner.com
inhalt DEZEMBER 2010

4 Unterricht der Zukunft


D a s „ Z e n t r u m f ü r L e h r e r I n n e n b i l d u n g“ i s t ze n t r a l e
Anlaufstelle für alle Fragen der Lehrerausbildung.
Liebe Leserin, lieber Leser!

8
6 Biodatenbank
Das Jahr neigt sich dem Ende zu und es bietet sich
D i e P i lz s a m m l u n g d e r U n i d i e n t W i s s e n s c h a f t l e r n
an, kurz zurückzublicken, aber auch nach vorne zu
i n a l l e r We l t a l s R e f e r e n z m a t e r i a l f ü r F o r s c h u n g e n . schauen. Das vergangene Jahr war für die Uni Inns-
bruck im Hinblick auf die Forschung und Lehre sehr
8 Zertifizieren oder nicht erfolgreich. Wir haben uns – trotz schwieriger Rah-
E s t h e r B l a n c o h a t Fa k t o r e n i d e n t i f i z i e r t , d i e f ü r menbedingungen – auf dem hohen Niveau der Vor-
d a s Ü b e r l e b e n v o n U m w e l t ze i c h e n w i c h t i g si n d . jahre weiterentwickelt. Ein sichtbarer Erfolg des-
sen war das gute Abschneiden beim renommierten
Times-Higher-Education-Ranking, bei dem unsere Uni
10 Wa n n g e n a u i s t We i h n a c h t e n ?
erstmals als beste in Österreich gewertet wurde. Um
Wa n n w i r d We i h n a c h t e n i m c h r i s t l i c h e n G l a u b e n
hier weiter voranzuschreiten, haben wir heuer sehr
g e f e i e r t u n d w a s si n d d i e H i n t e r g r ü n d e . offensiv daran gearbeitet, unsere wissenschaftliche
Expertise zu steigern. Im Gegensatz zu vielen ande-
12 S i c h e r a u f d e r P i s t e ren Universitäten haben wir versucht, möglichst viele
M i t H e l m l ä s s t si c h d a s Ko p f v e r l e t z u n g s r i si ko neue Professorinnen und Professoren zu berufen,
und alle Möglichkeiten ausgenutzt, unserem wissen-

18
beim Skifahren auf fallend reduzieren.
schaftlichen Nachwuchs entsprechende Perspektiven
14 B l u t r o t e r S c h n e e zu eröffnen. Wir haben damit unseren Teil dazu bei-
getragen, die Universität Innsbruck auf die Herausfor-
We n n si c h d e r S c h n e e i m S p ä t s o m m e r r ö t l i c h f ä r b t ,
derungen der kommenden Jahre vorzubereiten.
liegt das an so genannten Schneealgen.
Leider gibt es auch weniger erfreuliche Aspekte: Die
geplanten Sparmaßnahmen werden wohl das gesamte
16 L a w i n e n p r o g n o s e n Bildungssystem und damit auch die Unis in eine schwie-
Die Prognose eines Lawinenabgangs ist ein rige Situation bringen. Entgegen der Beteuerungen,
ko m p l e xe s G e f l e c h t a u s v e r s c h i e d e n e n P a r a m e t e r n . dass die Bildung die wesentliche Grundlage für den
Erfolg eines modernen Staates darstellt, fehlt es an
18 M u s i kg e s c h i c h t e guten Konzepten. Hier ist die Politik am Zug. Wir sind
jedenfalls bereit, an solchen Konzepten konstruktiv
Ve r e h r t , v e r l a c h t , v e r s t ü m m e l t : d a s K a s t r a t e n t u m
mitzuarbeiten, aber wir haben keine Zeit zu verlieren.
a l s d u n k l e Fa c e t t e d e r M u si kg e s c h i c h t e .
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen im Namen meiner
Kolleginnen und Kollegen besinnliche Weihnachts-
2 0 D e r ve r g e s s e n e Ko n t i n e n t tage und einen erfolgreichen Start ins neue Jahr.
A f r i k a s B i l a n z n a c h f ü n f z i g J a h r e n U n a b h ä n g i g ke i t

20 s p i e g e l t ke i n e E r f o l g s g e s c h i c h t e w i d e r. Univ.-Prof. Dr. Karlheinz Töchterle


Rektor der Universität Innsbruck

Impressum
wissenswert – Magazin der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – 14. Dezember 2010

Gründungsherausgeber: Komm.-Rat Joseph S. Moser, April 1993 †; Herausgeber: Gesellschafterversammlung der Moser Holding AG; Medieninhaber
(Verleger): Schlüsselverlag J. S. Moser Ges. m. b. H.; Hersteller: Intergraphik Ges. m. b. H.; Sonderpublikationen, Leitung: Stefan Fuisz;
Redaktion: Thorsten Behrens, Michaela Darmann, Eva Fessler, Christa Hofer, Patrizia Pichler, Susanne E. Röck, Uwe Steger, Christina Vogt; Covergestaltung: Stephanie Brejla,
Catharina Walli; Fotos Titelseite: iStock, AP, Shutterstock; Fotos Seite 3: iStock, EPA, Archiv.

Anschrift für alle: 6020 Innsbruck, Ing.-Etzel-Straße 30, Postfach 578, Tel. 53 54-0, Beilagen-Fax 53 54-3797.
4 Dienstag, 14. Dezember 2010

Freude am
Lehramt vermitteln
Mit dem „ Zentrum für L ehrerI nnenb ildung “ ( Z L B ) hat die Univer sit ät
I nn sbruck eine zentrale Einrichtung g e schaf fen , durch die da s
profe ssionelle Zu sammenwirken der ver schie denen D i sziplinen und
Einrichtungen in d er L ehrerb ildung g eför d er t und koor dinier t wer den soll.

Auch für den Reformpro-


zess in der LehrerInnen-
bildung, den das Unter-
richtsministerium mit der
Einsetzung einer Experten-
kommission gestartet hat,
ist das ZLB eine wichtige
Einrichtung an der Univer-
sität Innsbruck.
Nach den derzeitigen Vorschlä-
gen der Expertenkommission des
Unterrichtsministeriums soll die
LehrerInnenausbildung in Zukunft
in zwei Phasen zerlegt werden.
Die Grundbildungsphase schließt
mit dem Bachelor ab. Sie um-
fasst einen Kernbereich mit vor
allem pädagogisch-didaktischen
Inhalten, der für alle Lehramts-
studierende gleich ist, und einen
fachspezifischen Bereich, der auf
das jeweilige Unterrichtsfach vor-
bereitet. Danach folgt die „In-
duktionsphase“, in der die ange-
henden LehrerInnen zuerst min-
destens ein Jahr an einer Schule
unterrichten und ihre Ausbildung
dann berufsbegleitend mit einem
Masterstudium abschließen.
Bessere Durchlässigkeit
Gregor Weihs vom Institut für
Experimentalphysik an der Uni-
versität Innsbruck ist Vorsitzen-
der des „Zentrums für LehrerIn-
nenbildung“. Grundsätzlich sieht
er die Pläne der Expertenkom-
mission positiv: „Die Vorschläge
sind bolognakonform und da-
mit besser kompatibel mit den
jeweiligen Fachstudien, womit
hoffentlich auch die Durchlässig-
keit, also die Möglichkeit auf un-
Wie muss die Ausbildung von LehrerInnen konzipiert sein, damit Schüler danach kompetent und motivie- konventionellen Wegen in den
rend unterrichtet werden? Foto: AP Lehrberuf einzusteigen, verbes-
Dienstag, 14. Dezember 2010 5

Lehramts- und Fachstudierende in einer Vorlesung. Eine Herausforderung bei der Koordination der Studiengänge. Foto: Keystone

sert wird.“ Schwierig sieht er die nicht gegeben. Weihs hält daher gelegenheiten der Lehreraus- und versität Innsbruck, beteiligt sind,
Umsetzung der Vorschläge vor Lösungen, wie die verschiedenen fortbildung an der Universität so- soll den kulturellen und fach-
allem dadurch, dass Lehramtsstu- wie die Kontaktstelle für andere lichen Austausch fördern und das
dierende mindestens zwei Fächer Institutionen wie zum Beispiel die Themenfeld „globales Lernen“ fo-
studieren und gleichzeitig in den
«Die Vorschläge sind bo- Pädagogischen Hochschulen oder kussieren.
Studienbetrieb der Fachstudien lognakonform und damit den Landeschulrat sein. thorsten.behrens@tt.com
eingebunden werden müssen. besser kompatibel mit den „Gerade in Zeiten von knap-
Die Möglichkeit, reine Lehramts-
Fachstudien.»
pen Ressourcen müssen wir die zur pErSon
studien parallel und getrennt von vorhandenen Energien und Akti-
den Fachstudien anzubieten, ist Gregor Weihs vitäten in der LehrerInnenausbil-
aufgrund mangelnder Ressourcen dung bündeln und möglichst vie-
Studien effektiv miteinander ver- len Studierenden die Freude am
knüpft werden können, für un- Lehramt vermitteln“, so Weihs.
Lehramtsstudium an bedingt erforderlich. Die sieht er
allerdings in dem Vorschlag der
Dabei liegen die Tätigkeitsbe-
reiche des Zentrums für Lehre-
der Uni Innsbruck Expertenkommission noch nicht.
„Der Vorschlag, einen für alle
rInnenbildung auf verschiedenen
Ebenen: „Ein Schwerpunkt wird

A n der Universität Innsbruck Lehramtsstudien gemeinsamen die Koordination und Förderung uniV.-proF. GrEGor WEiHS
kann man 18 Unterrichtsfä- Kernbereich von 60 ECTS – das der LehrerInnenbildung an der

Faszination
cher studieren, von Bewegung ist ein ganzes Jahr – anzusetzen, Universität Innsbruck sein. Dafür
und Sport bis Spanisch oder würde ein vierjähriges Bachelor- werden fakultätsübergreifende
Musikerziehung in Kooperati- studium nötig machen. Das Ex- Projekte eingeleitet, die unter an-
on mit dem Mozarteum. Au-
ßerdem werden zwei Studien
angeboten, die in die Lehrtä-
pertenpapier streicht ganz zu
Beginn die Wichtigkeit der Fach-
kompetenz heraus, schlägt aber
derem den Aspekt der Qualitätssi-
cherung in den Blickwinkel neh-
men“, erklärt Klaus Reich, der für
Physik
tigkeit, aber auch in andere
Berufsfelder führen können:
Katholische Religionspädago-
andererseits mit der Ausweitung
des Kernbereichs eine massive
Kürzung der Fachausbildung vor.
die Administration des Zentrums
für LehrerInnenbildung zuständig
ist. „Daneben werden aber auch
G regor Weihs, 1971 in
Innsbruck geboren, war
bereits in seiner Jugend äu-
gik und Wirtschaftspädagogik. Diese Ziele erscheinen mir wider- die Optimierung des Informati- ßerst physikinteressiert. Schon
Im Wintersemester 2010 haben sprüchlich, fachlich kompetente onsangebots über das Lehramts- 1989 wurde er Sieger der ös-
491 Studierende mit einem Lehrer können unmöglich in zwei studium und die Adressierung terreichischen Physikolympi-
Lehramtsstudium begonnen, Jahren ausgebildet werden.“ geeigneter StudienanfängerInnen ade. 1994 schloss Weihs das
insgesamt sind 1910 gemeldet. wichtiges Aufgabengebiet des Physikstudium in Innsbruck
Die Absolventenzahl bewegte Zentrale Anlaufstelle Zentrums sein.“ mit „summa cum laude“ ab.
sich im Studienjahr 08/09 bei Um diesen Prozess innerhalb Ein erstes fakultätsübergreifen- Nach Aufenhalten in Wien,
101, dazu kamen 14 Bachelor der Universität Innsbruck zu ko- des Projekt konnte inzwischen Tokio und an Universitäten in
und 6 Master in Religionspäda- ordinieren, wurde im Oktober schon fixiert werden: Ein Aus- den USA kehrte er 2008 als
gogik und 73 Diplome in Wirt- das „Zentrum für LehrerInnen- tauschprojekt, an dem drei süd- Professor an die Universität
schaftspädagogik. bildung“ gegründet. Es soll die koreanische und vier europäische Innsbruck zurück.
zentrale Anlaufstelle für alle An- Universitäten, darunter die Uni-
6 Dienstag, 14. Dezember 2010

Pilzsammlung als Quelle


für Forscher aus aller Welt
D ie Mykolo gi sche Sammlung de s H erbarium s der Univer sit ät I nnsbruck
umfa sst mehr al s 2 8 .0 0 0 Kollek tionen und stellt eine der wer t voll sten
B io diver sit ät s - Datenbanken dar.

Mit den Innsbrucker Pil- Schatz der Universität Innsbruck nicht nur bei der Identifikation gischen Sammlung sind Univ.-
zen steht Wissenschaftlern befindet. Die Päckchen enthalten von (neuen) Pilzen, sondern auch Prof. Ursula Peintner und Dr.
28.000 Kollektionen aus mehr beim Lösen vieler ökologischer Regina Kuhnert-Finkernagel.
Vergleichsmaterial zur „Ei-
als 60 Jahren, darunter sind über Fragestellungen. Diese Tatsache Wie Peintner erklärt, benötigen
chung“ ihrer Funde zur 500 Aufsammlungen von „Typus- macht die Mykologische Samm- Wissenschaftler für ihre Untersu-
Verfügung. Material, also von Erstbeschrei- lung für Forscher aus aller Welt chungen Vergleichsmaterial, das
bungen neuer Pilzarten, wodurch interessant, die sich das Referenz- eine „Eichung“ ihrer Belege er-
Tiefe Schränke mit unzähli- diese Pilzsammlungen besonders material aus Innsbruck leihen, um möglicht. Dies gilt insbesondere
gen Schubladen und noch mehr wertvoll wird. Die „Mykologische ihre wissenschaftliche Arbeit vo- für Untersuchungen auf moleku-
sorgsam gefalteten Papierpäck- Sammlung des Herbariums der rantreiben zu können. larer und genetischer Ebene. Aus
chen, in denen sich ein wahrer Universität Innsbruck“ (IB) hilft Kuratorinnen der Mykolo- diesem Grund wurden in den

Der Begründer der Sammlung, Univ.-Prof. Meinhard Moser, befasste sich mit Blätterpilzen, die er auch selbst zeichnete und so optisch festhielt.
Dienstag, 14. Dezember 2010 7

letzten Jahren gigantische Gen-


Datenbanken aufgebaut, die über
das Internet allgemein zur Verfü-
gung stehen. „Eine Datenbank,
die sich von anderen Gen-Daten-
banken hervorhebt, ist die UNITE
Datenbank, da in dieser nur von
Spezialisten kontrolliertes Pilz-Re-
ferenzmaterial hinterlegt werden
kann. Das ermöglicht eine ver-
lässliche und schnelle Zuordnung
von Pilzen, die mit Hilfe moleku-
larer Methoden untersucht wor-
den sind“, erläutert Peintner. Aus
der Mykologischen Sammlung
des Herbariums IB wurden in den
letzten Jahren rund 700 Pilzbelege
sequenziert. „Von diesen Blätter-
pilzarten waren zuvor nur wenige
in öffentlichen Datenbanken ver-
treten“, ergänzt Peintner.
Bis zu 500 Anfragen
Das Interesse an dem Daten-
material ist enorm. Das zeigen
nicht nur die Zugriffe auf die Da-
tenbank, sondern auch die Anfra-
gen ans Institut. „Etwa 300 bis
500 Proben werden jedes Jahr an
Wissenschaftskollegen aus aller Univ.-Prof. Ursula Peintner (l.) und Dr. Regina Kuhnert-Finkernagel in den Räumen des Herbariums. Fotos: Hofer
Welt entliehen“, nennt Kuhnert-
Finkernagel konkrete Zahlen. Mit
dem Innsbrucker Material können Innsbrucker Forscher sammeln weltweit die umfangreichste und Sammlung des Herbariums der
neue Pilzarten genau von nahe weiter und bringen somit ständig am besten dokumentierte Samm- Universität Innsbruck entstehen
verwandten Arten abgegrenzt neues Material in das Herbarium lung von Großpilzen aus dem aber neue Herausforderungen
werden, es ermöglicht, die Ver- ein – im Schnitt etwa 600 Kol- südlichen Amerika ergeben“, be- für die Wissenschaftlerinnen: Die
breitung von Pilzen zu verfolgen lektionen pro Jahr. „Es gibt auch schreibt Peintner. Aber auch ita- Sammlung platzt zunehmend aus
oder sogar neue Formen von Pilz- Anfragen anderer Mykologen, lienische Forscher deponieren den Nähten, weshalb die Univer-
vergiftungen nachzuweisen. z. B. ob wir einen Teil der Samm- ihre Typusmaterial in Innsbruck, sitätsleitung bereits auf der Suche
lung des berühmten Spezialisten da sie hier die entsprechenden nach neuen Räumen ist, um sie
Die Sammlung wächst Prof. Egon Horak aus Zürich auf- Bedingungen vorfinden. Mit dem unterbringen zu können.
Die Belege in Innsbruck stam- nehmen könnten. Horak hat vor Wachsen der Mykologischen christa.hofer@tt.com
men nicht nur aus dem Alpen- allem in Südamerika, den Alpen,
raum und anderen Teilen Euro- Rocky Mountains und in Grön-
pas, sondern auch aus Nord- und land viel gesammelt, aber auch
Südamerika, Australien und Neu- in Argentinien und Chile. Legt
seeland. Und sie werden jedes man die Sammlungen von Horak
Jahr mehr. Denn nicht nur die und Moser zusammen, würde das

InFoRmatIon

B egründet wurde die My-


kologische Sammlung im
Herbarium der Uni Innsbruck
zel „Mikrobiologie“ und wurde
1972 Vorstand des in Innsbruck
errichteten ersten „Instituts für
durch Meinhard Michael Moser. Mikrobiologie“ in Österreich.
Moser (1924-2002) war schon Univ.-Prof. Ursula Peintner ar-
als Kind fasziniert von Pilzen, beitet seit 1998 an der Uni Inns-
denen er sein wissenschaftli- bruck und habilitierte sich 2001.
ches Leben widmete. Besonde- Sie befasst sich u. a. mit myko-
re Faszination übten auf ihn die logischer Systematik, Pilzen der
Haarschleierlinge (Cortinarien) alpinen Zonen und der Arktis
aus, eine der am schwierigsten sowie der Ökologie von Pilzen.
zu klassifizierenden Gattungen Dr. Regina Kuhnert-Finkernagel
von Blätterpilzen. Er habilitierte ist seit 25 Jahren mit der Betreu-
sich 1956 über „Pflanzliche Mi- ung des Herbariums befasst und
krobiologie“, übernahm 1967 auch für den Aufbau der Daten-
die neu geschaffenen Lehrkan- bank verantwortlich. In kleinen Päckchen befinden sich die wertvollen getrockneten Pilzbe-
lege. Sie enthalten auch Beschreibungen etwa zu Geruch oder Farbe.
8 Dienstag, 14. Dezember 2010

Zertifizieren oder nicht


– das ist hier die Frage
Esther B lanco vom I n stitut für Finanz wi ssen schaf t hat
Fak toren i d entifizier t , die für da s langfri stige Üb erleb en von
Umwelt zeichen au sschlag g eb end sind.

Foto: iStock
Dienstag, 14. Dezember 2010 9

Einige Umweltzeichen wie von Unternehmen auswirkt, öko-


etwa der Blaue Engel und logische Strategien zu verfolgen.
das österreichische Umwelt- Evolutionäre Spieltheorie
zeichen haben sich als Ga- Methodisch folgt Blanco da-
ranten für nachhaltige Pro- bei dem Ansatz der evolutionären
dukte etabliert. Aber nicht Spieltheorie, bei der es möglich
ist, dass im Rahmen von verschie-
alle Umweltzeichen überle- denen Szenarien Akteure, in ih-
ben langfristig. Grund da- rem Fall Unternehmen mit unter-
für sind unter anderem die schiedlichen Umwelt-Strategien,
Startbedingungen, unter auf einem Markt miteinander
konkurrieren. Ein Nebeneinan-
denen ein Umweltzeichen der, also das gleichzeitige Über-
kreiert wird. leben zweier Strategien, ist dabei
prinzipiell möglich. Die Szenarien
Umweltfreundliche Produkte werden durch Rechenmodelle re-
dürfen ruhig ein bisschen mehr präsentiert. Im Zentrum steht die
kosten. Beim Einkauf will der be- Frage, wie die unterschiedlichen
wusste Konsument aber in der Re- Strategien interagieren und wel-
gel sicher sein, dass er tatsächlich che letztendlich überleben. „Die
zu einem nachhaltigen Erzeugnis Attraktivität eines Umweltzeichens
greift. Aus diesem Grund kreieren ergibt sich aus der Kosten-Nutzen-
Regierungen, aber auch Umwelt- Relation. Das langfristige Überle-
schutzorganisationen oder Unter- ben hängt sehr stark davon ab,
nehmervereinigungen Umweltzei- wie viele Firmen freiwillige Aktivi-
chen, die ökologisch agierenden täten zugunsten der Umwelt un-
Firmen die Möglichkeit bieten, ternehmen“, betont Blanco. Da- Das Österreichische Umweltzeichen wird heuer 20 Jahre alt und kann
sich zertifizieren zu lassen und mit bei wird die Überlebenschance gemeinsam mit seinen über 460 LizenznehmerInnen auf eine Erfolgs-
dem jeweiligen Logo zu werben. des Umweltzeichens stark vermin- geschichte zurückblicken. Foto: http://www.umweltzeichen.at
Darüber hinaus können Zertifizie- dert, wenn zu Beginn der Einfüh-
rungsprogramme bestimmte An- rung viele Firmen aktiv sind, die
reize für konventionell agierende nicht in umweltschonende Maß-
Unternehmen darstellen, ihre Pro- nahmen investieren. Der Grund: ge wenige Firmen gerade begin- zUr pErson
duktionsstrategien künftig nach- Die Möglichkeit, sich durch das nen, umweltschonenende Aktivi-
haltig zu gestalten. Umweltzeichen preislich von den täten zu implementieren, wenn
Dr. Esther Blanco, gebürtige anderen abzuheben, ist zu gering. das Umweltzeichen also zu früh
Spanierin und Nachwuchswis- Das macht das Umweltzeichen ins Leben gerufen wird. „Stellen
senschaftlerin am Institut für Fi- uninteressant. Im Idealfall lassen wir uns ein Entwicklungsland vor,
nanzwissenschaft, untersucht in sich in der Gründungsphase eines in dem nur wenige Firmen freiwil-
einer kürzlich publizierten Studie Umweltzeichens viele Unterneh- lige umweltschonende Aktivitäten
gemeinsam mit Kollegen, unter men zertifizieren, die bereits grü- unternehmen. Kommt nun eine
welchen Voraussetzungen Um- ne Strategien verfolgen. „Je mehr internationale Organisation und
weltzeichen langfristig funktionie- desto besser“, unterstreicht Blan- schafft mit den besten Absichten
ren. Hand in Hand mit der Über- co dieses Ergebnis. ein Umweltzeichen, so ist dieses EsthEr bLanco
lebensfähigkeit eines Umwelt- zum Scheitern verurteilt, obwohl

E
zeichens geht in einem weiteren Ungünstige Startphase alle umweltbewusst agierenden sther Blanco, geboren
Schritt auch die Frage einher, wie Aus diesem Grund kann es Firmen daran teilnehmen“, er- 1981 in Spanien, schloss
sich die Einführung von Umwelt- manchmal sogar schädlich sein, läutert die Wissenschaftlerin. Das im Jahr 2005 ihr Masterstudi-
zeichen unter verschiedenen Be- wenn man ein Umweltzeichen in Umweltzeichen kollabiert und die um Tourismus und Umwelt-
dingungen auf die Bereitschaft einem Land einführt, in dem eini- Anreize für freiwillige Aktivitäten ökonomie an der Universidad
verschwinden zur Gänze. de las Islas Baleares (Palma de
Neben diesem hat die For- Mallorca) ab. Von 2005 bis
Evolutionäre man daher meist dann, wenn das
Verhalten der Spieler nicht durch
scherin viele weitere Szenarien
erforscht, die Aufschluss über
2009 absolvierte sie dort ihr
Doktoratsstudium der Wirt-
Spieltheorie rationale Entscheidungskalküle die Entwicklung eines Umwelt- schaftswissenschaften. Seit
abgeleitet wird, sondern als Er- zeichens geben. So sollten alle Jänner 2010 ist Esther Blanco

I n der Spieltheorie werden Ent-


scheidungssituationen mo-
delliert, in denen sich mehrere
gebnis von kulturellen oder ge-
netischen Evolutionsprozessen
begründet wird. Die Grundidee
Regierungen, NGOs und ande-
re Organisationen, die Zertifizie-
rungsprogramme forcieren, die
Assistenzprofessorin am Insti-
tut für Finanzwissenschaft der
Universität Innsbruck. Zu ihren
Beteiligte gegenseitig beeinflus- ist, dass erfolgreiche Verhaltens- möglichen Startbedingungen und Forschungsinteressen zählen
sen. Eine neuere Entwicklung im muster dominieren und weni- Dynamiken auf den Zielmärkten unter anderem evolutionäre
Bereich der Spieltheorie stellen ger erfolgreiche sich ausdünnen. berücksichtigen, empfehlen Blan- Spieltheorie, experimentelle
evolutionäre Spiele dar. Der Ur- Ein Nebeneinander von Verhal- co und ihre beiden Kollegen am Ökonomik, öffentliche Öko-
sprung dieser Art von Spieltheo- tensmustern in einem stabilen Ende ihrer Studie mit dem Titel nomik, Industrieverbände,
rie stammt aus der Biologie. Von Gleichgewicht ist allerdings nicht „Can Ecolabels survive on the Umwelt- und Naturressour-
evolutionärer Spieltheorie spricht ausgeschlossen. long run?“ cenökonomik.
eva.fessler@uibk.ac.at
10 Dienstag, 14. Dezember 2010

Wann ist Weihnachten? Fotos: iStock

A m 25 . D ezemb er, Dr. Liborius Olaf Lumma die diese Kirchen benutzen.
vom Institut für Bibelwis-
6 . Jänner o d er 7. Jänner – Anpassungsprobleme
senschaften und Histo-
Bereits 46 v. Chr. führte der
wann wir d Weihnachten rische Theologie erklärt, römische Kaiser Julius Caesar
im chri stlichen G laub en g e - warum nicht alle Christen den nach ihm benannten „ju-
am selben Tag Weihnach- lianischen“ Kalender ein, den
feier t und wa s sind ten feiern.
schon bald auch die christliche
Kirche benutzte. Da dieser Ka-
die Hintergründ e. lender nicht exakt mit den astro-
Weihnachten ist in allen christ- nomischen Gegebenheiten über-
lichen Kirchen ein bedeutender einstimmte, kam es im Laufe der
Feiertag. In der römisch-katho- Jahrhunderte zu Abweichungen
lischen Kirche wird dieser am zwischen Kalender und Natur-
25. Dezember begangen, in der gegebenheiten. „Der wichtigste
orthodoxen Kirche jedoch am 7. Feiertag im christlichen Glauben
Jänner. Der Grund für diesen Un- – die Auferstehung Jesu Christi,
terschied liegt in den Kalendern, also Ostern – wurde endgültig
Dienstag, 14. Dezember 2010 11

im 4. Jahrhundert auf den Sonn- des „Sol invictus“ – des unbe- Christentum – im Nahen Osten
tag nach dem ersten Vollmond siegbaren Sonnengottes. „Es ist und im östlichen Mittelmeerraum
nach der Frühjahrs-Tagundnacht- eine verbreitete Theorie, dass die – eher der 6. Jänner. „Die Ent-
gleiche fixiert. Nachdem dieses Christen einen ihrer wichtigsten wicklung führte schließlich dazu,
astronomische Ereignis aber im Feiertage diesem heidnischen Fei- dass sowohl im lateinischen als
Kalender immer weiter von dem ertag bewusst entgegengesetzt auch im griechischen Raum beide
ihm zugedachten Datum abwich, haben“, erläutert Lumma. Dieser Tage gefeiert werden“, erläutert
korrigierte Papst Gregor XII. 1582 Erklärungsansatz wird aber in ak- Lumma. In den Kirchen der latei-
die Ungleichheit durch die Ein- tuellen Fachdebatten angezwei- nischen Tradition – katholisch, lu-
führung des „gregorianischen“ felt, da die Christen anderen heid- therisch, reformiert, anglikanisch,
Kalenders“, erklärt der Theologe nischen Feiertagen eher mit Buß- altkatholisch – feiert man am 25.
Dr. Liborius Olaf Lumma. Papst übungen, z. B. durch bewusstes Dezember die Geburt Jesu Christi
Gregor regelte die Schaltjahre neu «Aufgrund des julianischen Fasten, begegneten. und am 6. Jänner die Anbetung
und hielt fest, dass auf den 4. Ok- Christi durch die drei Weisen. Die
tober 1582 sofort der 15. Oktober
Kalenders feiert die ortho- Traditionsunterschiede Kirchen der griechischen Traditi-
1582 folgen sollte, um den Kalen- doxe Kirche Russlands Weih- Ein weiteres Datum, das mit on – zum Beispiel die Orthodo-
der wieder an die astronomischen nachten, wenn unser Kalen- Weihnachten verbunden ist, ist xie – gedenken am 25. Dezember
Gegebenheiten anzupassen. Die- der 6. Jänner. „Dass in manchen sowohl der Geburt als auch der
ser neue gregorianische Kalender der den 7. Jänner zählt.» Ländern, wie zum Beispiel in Spa- Anbetung durch die drei Weisen
wurde aber nicht überall sofort Liborius Olaf Lumma Foto: Lumma nien, die Bescherung am 6. Jän- und am 6. Jänner schon der Tau-
angenommen: „Vor allem in den ner gefeiert wird, ist einfach im fe Jesu. Eine Besonderheit ist die
protestantischen und orthodoxen die, warum die Geburt Jesu Chris- regionalen Brauchtum begrün- sehr alte Tradition Armeniens, die
Gebieten Europas, die sich – selbst ti auf den 25. Dezember datiert det“, weiß Liborius Olaf Lumma. nur den 6. Jänner als Festtag be-
wenn sie die Präzision des neuen wird. „In der Bibel gibt es keinerlei „In einer frühen Zeit – etwa bis in geht – und zwar nach julianischer
Kalenders erkannten – nicht ei- Angaben zum Datum der Geburt das 5. Jahrhundert – standen aber Zählung, so dass dieser Tag auf
ner willkürlichen päpstlichen Vor- Jesu Christi. Umso spannender der 25. Dezember und der 6. Jän- „unseren“ 19. Jänner fällt. Lum-
schrift anpassen wollten, wurde ist für uns die Frage, warum sich ner im Kirchenkalender in mas Fazit: „Viel wichtiger als das
der julianische Kalender zunächst dieses Datum durchgesetzt hat“, einer gewissen Kon- konkrete Datum und die all-
beibehalten“, so Lumma. Die- beschreibt Lumma. Der Theologe kurrenz.“ Im la- gegenwärtige Konsum-
se Verwendung zweier Kalender kennt einige Erklärungsansätze für teinischen haltung, die Weih-
führte dazu, dass dort, wo man die Festlegung des Geburtstages nachten mitt-
dem gregorianischen Kalender Jesu Christi auf den 25. Dezem- lerweile
folgte, am 25. Dezember Weih- ber. Eine wichtige Version dieser umgibt,
nachten gefeiert wurde – dort, Erklärungen sei, so Lumma, der ist die
wo der julianische Kalender galt, Zusammenhang zur Winterson-
dann aber erst der 15. Dezember nenwende, die in der Antike
war. „Wenn die Kirchen, die dem auf den 25. Dezember da-
julianischen Kalender folgten, am tiert war. „Ab diesem Da-
25. Dezember Weihnachten fei- tum werden die Ta-
erten, zählte der gregorianische ge immer länger;
Kalender bereits den 4. Jänner. es ist der Tag,
In den folgenden Jahrhunderten an dem der
wuchs der Unterschied auf 13 Ta- Siegeszug
ge an: Der 25. Dezember im ju- des Lichtes
lianischen Kalender fällt jetzt auf über die
den 7. Jänner im gregorianischem Dunkelheit
Kalender“, erläutert Lumma. beginnt. Da
Mit der Zeit übernahmen aber die Sym-
immer mehr Länder den grego- bolik des
rianischen Kalender: In den pro- Lichtes
testantischen Gebieten Europas auch im
etablierte er sich endgültig im 18. Neuen
Jahrhundert; die orthodoxen Re- Testa-
gionen übernahmen ihn später. ment
„In Russland wurde der gregori- vielfach
anische Kalender auf staatlicher auf Chris- Glaubensüber-
Ebene 1918 eingeführt – die or- tus bezogen zeugung, die in
thodoxe Kirche Russlands blieb wird, liegt diesem Fest zum
allerdings dem julianischen Kalen- es nahe, an Ausdruck kommt: Gott
der treu, deshalb wird das Weih- diesem Tag Chris- wird Mensch unter
nachtsfest dort auch heute noch ti Geburt zu feiern“, erläutert Menschen. In einem
an dem Tag gefeiert, an dem un- Lumma. Bild, das schon in der
ser gregorianischer Kalender den Ein weiterer Versuch, das frühen Kirche verbreitet war,
7. Jänner zählt“, so Lumma. Weihnachtsdatum zu begründen, Christentum – al- kann man sagen: Gott neigt sich
hat mit einem wichtigen Tag in so in Westeuropa und im aus Liebe zum Menschen herab,
Datum mit Symbolkraft der heidnisch-römischen Kultur westlichen Nordafrika – war eher um die Menschen zu ihm hin auf-
Eine Frage, mit der sich die zu tun. Dort feierte man am 25. der 25. Dezember als Festtag etab- zurichten.“
Theologie auch beschäftigt, ist Dezember den Festtag zu Ehren liert, im Griechisch sprechenden susanne.e.roeck@uibk.ac.at
12 Dienstag, 14. Dezember 2010

Die Helmtragequote ist besonders bei Kindern hoch. Erwachsene hinken hier noch hinterher. Foto: Shutterstock
Dienstag, 14. Dezember 2010 13

Mit Helm sicher auf


der Piste unterwegs
Kinder und J u g endliche g ehören zu den fleißig sten H elmträgern
auf heimi schen Skip i sten. B ei Er wach senen hing e g en or tet d er
Sp or t wi ssenschaf ter G erhar d Ru e dl no ch einig en N achholb e dar f.
Mit Helm lässt sich das Kopf- sätzlich kann gesagt werden, dass Dass das Tragen eines Helms seit einigen Jahren mit großem
verletztungsrisiko beim Ski- die Bereitschaft, einen Skihelm zu wichtig ist, belegen Analysen Erfolg durchgeführt werden. Eine
tragen, in den letzten Jahren ge- verschiedener Helmstudien. Um Lösung für Skiurlauber sieht Ruedl
fahren bis zu 60 Prozent re-
stiegen ist. Dazu haben einerseits bis zu 60 Prozent kann das Risi- in der Ergänzung des Ausrüstungs-
duzieren. Besonders Kinder Sicherheitskampagnen beigetra- ko einer Kopfverletzung bei Kin- angebots. Da Skiurlauber ihre
profitieren davon. gen, andererseits auch Medien- dern unter 13 Jahren durch das Ausrüstung vermehrt ausleihen,
diskussionen nach spektakulären Tragen eines Helms reduziert sollte dieses Paket bereits einen
Auf Österreichs Skipisten sind Unfällen“, erläutert der Sportwis- werden. Bezieht man alle Alters- Skihelm enthalten. „Derzeit sieht
jedes Jahr etwa acht Millionen senschafter. Aktuelle Zahlen aus gruppen, Frauen und Männer, es nämlich so aus, dass gerade
Skifahrer unterwegs. Das Verlet- der vergangenen Wintersaison Anfänger und erfahrene Skiläufer beim Helm die zusätzliche Ent-
zungsrisiko liegt bei unter zwei zeigen, dass die Helmtragequote bzw. Snowboarder ein – liegt die lehngebühr gespart wird – und
Verletzten pro 1000 Skitage, bei Kindern unter 16 Jahren be- Gesamtreduktion des Kopfverletz- das auf Kosten der Sicherheit“, so
wobei das Kniegelenk mit rund reits bei über 90 Prozent liegt. tungsrisikos bei etwa 35 Prozent, das Resümee Ruedls.
einem Drittel aller Verletzungen Bei welchen Unfallszenarien wie eine internationale Metaana- christa.hofer@tt.com
am häufigsten betroffen ist. Der es am häufigsten zu Kopfverlet- lyse zeigt. Für die Experten ist das
Anteil an Kopfverletzungen liegt zungen kommt, haben weitere eine klare Empfehlung zum Tra- zur Person
in Österreich und Deutschland in Studien untersucht. Vergleicht gen eines Helms.
den vergangenen Jahren konstant man etwa das Risiko einer Kopf- Ob eine Helmpflicht sich auf
bei etwa zehn Prozent. Von den verletzung nach einem selbst ver- das Tragen des Kopfschutzes po-
jährlich rund 40 Todesfällen auf schuldeten Sturz mit jenem bei sitiv auswirkt, dazu fehlen laut
den heimischen Skipisten werden einer Kollision mit einem anderen Ruedl derzeit noch wissenschaft-
über die Hälfte auf Herz-Kreislauf- Skisportler, so ist dieses bei letz- liche Studien. „Zwar ist die Helm-
Versagen zurückgeführt. „Kopf- terer vier Mal höher. Immerhin tragequote in Bundesländern
verletzungen sind hingegen nur noch um das 1,7-fache ist das wie Niederösterreich mit einer
zu rund 20 Prozent die primäre Kopfverletzungsrisiko in Fun- und Helmpflicht für Kinder und Ju-
Todesursache“, erklärt Dr. Ger- Snowparks erhöht, was vermut- gendliche klar gestiegen – aller-
hard Ruedl vom Institut für Sport- lich mit der größeren Zahl an dings lag die Ausgangsrate dort
gerHard ruedl
wissenschaft der Uni Innsbruck. Sprüngen in Verbindung steht. um einiges niedriger als etwa in
Internationale Studien früherer Tirol. Vergleicht man aktuell die

G
Hohe Quote in Tirol Jahre zeigen, dass Kinder ein dop- Helmtragequote in den beiden erhard Ruedl beschäf-
Ruedl untersucht seit Jahren pelt so hohes Risiko für eine Kopf- Bundesländern, so liegt sie in et- tigt sich am Institut für
das Unfallgeschehen auf Skipisten verletzung haben wie Erwachse- wa gleich bei über 90 Prozent“, Sportwissenschaft vor allem
und befasst sich in diesem Zu- ne. Dies wird einerseits auf das schildert Ruedl. Wissenschaftliche mit Wintersportunfällen. Ne-
sammenhang auch mit der Helm- geringere Skikönnen der kleinen Zahlen zu Italien, wo seit 2005 ben Untersuchungen zu Kopf-
tragequote. Was diese betrifft, Wintersportler zurückgeführt, an- die Helmpflicht für unter 15-Jäh- verletzungsrisiko und Helm-
schneiden Tirol und Vorarlberg dererseits auch auf die im Ver- rige vorgeschrieben ist, gebe es tragequote auf heimischen
sehr gut ab. „Besonders hoch gleich zur Körpergröße überpro- ebenfalls keine – und zwar weder Skipisten stellen Knieverlet-
ist die Helmtragequote bei unter portionale Kopfgröße. Besonders zur Helmtragequote vor Inkraft- zungen beim Skifahren, von
16-Jährigen. Bei Untersuchungen hoch ist für Kinder das Risiko ei- treten der Verordnung noch für denen vorwiegend Frauen
im März 2009 lag sie bei über 85 ner Kopfverletzung, wenn sie mit danach. betroffen sind, einen weiteren
Prozent. Allerdings sinkt die Quo- einer anderen Person zusammen- Forschungsschwerpunkt dar.
te mit zunehmendem Alter auffal- stoßen. In einer aktuellen Stu- Gezielte Kampagnen Die Forschungsarbeit findet
lend, bei den über 60-Jährigen auf die konnten Ruedl und Kollegen Ruedl und seine Kollegen vom dabei in Kooperation mit dem
etwa 53 Prozent“, berichtet Ruedl zeigen, dass auf heimischen Ski- Institut für Sportwissenschaft Österreichischen Skiverband,
von Untersuchungen in vier Tiro- pisten das Kopfverletzungsrisiko empfehlen jedem das Tragen dem Kuratorium für alpine
ler Skigebieten. Weiteres Ergebnis der unter 16-Jährigen nicht mehr eines Helms. Für jene Personen- Sicherheit und mit anerkann-
der Studie: Gute Skifahrer tragen signifikant erhöht ist, was die Stu- gruppen, die noch weniger häufig ten Kniespezialisten der Med-
häufiger einen Helm als weniger dienautoren auf eine deutlich ge- einen Helm tragen, sollten zielge- alp Imst und der Sportsclinic
gute und Österreicher häufiger stiegene Helmquote in dieser Al- richtete Helm-Kampagnen gestar- Austria statt.
als ausländische Gäste. „Grund- tersklasse zurückführen. tet werden, wie sie in der Schweiz
14 Dienstag, 14. Dezember 2010

Weltweit sind etwa 350 Schneealgenarten bekannt. Manche davon färben den Schnee rötlich, andere wiederum gelb oder grün. Fotos: Remias

Wie kommt das Blut


in den Schnee?
Wenn sich der Schne e im Spät sommer rötlich färbt , lie gt das nicht an Verun -
reinigungen o der angewehtem Saharast aub. Schuld daran sind so genannte
Schne ealgen – winzige L eb ewesen, die wahre Üb erleb enskünstler sind.

Schnee und Eis sind ganz seine Studentenjahre. „Die Pro- dass die winzigen Lebewesen für extreme Temperaturen, starke
und gar keine sterilen und fessoren haben uns dann darü- eine unglaubliche Farbenpracht UV-Strahlung und einen Mangel
ber aufgeklärt, dass im Schnee auf spätsommerlichen Schnee- an Nährstoffen. Um sich zu
farblosen Flächen, weiß
lebende Algen dafür verantwort- feldern sorgen, sind Schneealgen vermehren, brauchen sie lediglich
der Biologe Daniel Remias, lich sind.“ Als ihm sein damaliger auch Überlebenskünstler, die Licht, Wasser und Kohlendioxid
der kälteliebende Lebens- Betreuer, Professor Cornelius Lütz zwar bescheiden, andererseits aus der Atmosphäre – Bedin-
formen wie die Schneeal- vom Institut für Botanik, vor- aber überaus hart im Nehmen gungen, die im Spätsommer,
schlug, die Überlebensstrategien sind. wenn auch der Altschnee im
gen schon seit Jahren ge- dieser kälteangepassten Mikro- Hochgebirge dahinschmilzt, am
nauer erforscht. organismen im Rahmen einer Dip- Schneealgenblüte idealsten sind. Bereits im Frühjahr,
lomarbeit zu untersuchen, sei er Schneealgen sind einzellige wenn der Schnee zu schmelzen
„Bei Exkursionen ins Hochge- sofort mit Begeisterung bei der Mikroorganismen, die sich in den beginnt und flüssiges Wasser
birge habe ich zum ersten Mal Sache gewesen. Eine Begeiste- Jahrmillionen der Entwicklung vorhanden ist, fangen die Algen
pink-rosa gefärbten Schnee ge- rung, die ihn bis heute nicht los- perfekt an ihren Lebensraum an zu keimen. Sie steigen als
sehen“, erinnert sich Remias an lässt. Denn abgesehen davon, angepasst haben. Sie überstehen einzelne, grüne Zellen in der
Dienstag, 14. Dezember 2010 15

de UVA-Strahlung absorbieren. Institut in Berlin ergeben, dass


Das Schutzpigment für die sehr kälteaktive Enzyme der Schneeal-
schädliche UVB-Strahlung hinge- gen für die so genannte weiße
gen ist bisher noch unbekannt.“ Biotechnologie eingesetzt werden
Unter anderem diesen Aspekt könnten. Zum Beispiel als Ersatz
will Remias fortan am Institut für für chemische Substanzen in
Pharmazie bei Professor Hermann Waschmitteln, die auch bei
Stuppner weiter untersuchen. niedrigeren Temperaturen wirk-
„Nachdem ich die letzten Jahre sam sind. „Das Problem bei diesen
vor allem Grundlagenforschung großtechnischen Anwendungen
betrieben habe, steht nun die ist aber, dass man die Zellen dafür
Frage im Vordergrund, was man züchten müsste“, gibt Remias zu
mit diesen Organismen machen bedenken. Weil die Schneealgen
kann.“ Das bedeutet, welche In- ganz besondere Lebensbedin-
haltsstoffe der Schneealgen man gungen brauchen, lassen sie sich
Daniel Remias ist den Schneealgen nicht nur in den heimischen Alpen, für praktische Anwendungen nämlich in Zellkulturen im Labor
sondern auch in Spitzbergen in der Arktis (Bild) auf der Spur. Foto: S. Aigner nutzbar machen kann. kaum vermehren. Darüber hinaus
komme hier auch der Um-
Schneedecke hoch, bis sie den Schnee grün, andere gelb Praxistauglich weltschutzgedanke zum Tragen,
genügend Sonnenlicht für die oder orangefarben. Jene, die ro- Weltweit haben sich nur wenige weil Schneealgen nicht unbegrenzt
Photosynthese und ihr Wachstum te Sporen produzieren, sind in Arbeitsgruppen der Erforschung verfügbar und bereits durch die
zur Verfügung haben. Mit Tirol aber am häufigsten.“ Ge- der Schneealgen verschrieben. Klimaerwärmung gefährdet seien.
zunehmender UV-Strahlung nau genommen werde die rote Dabei haben die winzigen In Tirol gebe es zwar einige gute
beginnen sie dann rote Sporen Färbung durch sekundäre Caro- Lebewesen auch für uns Men- Standorte, wo diese Algen zu
zu bilden – es kommt zur tinoide hervorgerufen, die von finden seien. Diese seien allerdings
eigentlichen Schneealgenblüte. den Zellen gebildet werden. „Im «Viele glauben, dass in nicht für großtechnische An-
Und wenn die Sporen mit Fort- Prinzip muss man sich das vor- wendungen, sondern nur für
schreiten der Schneeschmelze an stellen wie beim Fruchtfleisch
Schnee und Eis kein Leben Forschungszwecke einsetzbar.
die Oberfläche gelangen, färbt einer Wassermelone. Darin sind existiert. Tatsächlich gibt es Nichtsdestotrotz faszinieren
sich der Schnee – je nach ganz ähnliche Verbindungen überall Leben – wenn auch die Eigenschaften der winzigen
Schneealgenart und Zelldichte – enthalten.“ Konkret handelt es Schneealgen nicht nur die Wis-
von Rosa bis hin zu Blutrot. sich dabei um ein Provitamin A, nur auf einfachem Niveau.» senschaftler. Sei es deren Merk-
Apropos Schneealgenart: Lan- das übrigens wie alle Carotinoi- Daniel Remias mal, selbst unter widrigsten Be-
ge Zeit wurde das Phänomen de völlig harmlos ist. dingungen überleben zu können
des roten Schnees nur einer Art Die Carotinoide haben aber schen einiges zu bieten. Die oder den Schnee rot zu färben.
und zwar der „Chlamydomonas nicht nur die Eigenschaft, den bereits erwähnte Produktion von Übrigens: Schneealgen kann
nivalis“ zugeschrieben. Neue- Schnee rot zu färben. Sie sind für Carotinoiden etwa, die als man nicht nur sehen, sondern
re Forschungen, darunter auch die Schneealgen überlebenswich- Radikalfänger eingesetzt werden im Spätsommer auch riechen.
jene der Innsbrucker Wissen- tig, weil sie sich damit vor starker könnten. Remias zufolge hat eine „Wenn man den rosa gefärbten
schaftler, haben aber ergeben, UV-Strahlung schützen. „Das australische Firma bereits ein Schnee zu einem Schneeball
dass es viele – bekannt sind welt- war lange Zeit über nicht wirk- Patent darauf angemeldet, diese formt, riecht er ganz leicht nach
weit 350 – Arten gibt. „Tatsäch- lich bekannt“, fügt der Wissen- Substanzen als hautverträglichen Wassermelone“, verrät Remias.
lich existiert eine ganze Fami- schaftler hinzu. „In den letzten Naturstoff für Sonnenschutz- Darum nenne man ihn auch
lie von Schneealgen“, bestätigt Jahren haben wir aber nachwei- cremes zu verwenden. Weiters „Water Melon Snow“.
Remias. „Manche davon färben sen können, dass die Carotinoi- haben Forschungen am Fraunhofer michaela.darmann@tt.com

Im Volksmund wird der durch Schneealgen rötlich gefärbte Altschnee Unter dem Mikroskop ist gut erkennbar, dass es sich bei Schneealgen
auch „Blutschnee“ oder „Water Melon Snow“ genannt. um einzellige Mikroorganismen handelt.
16 Dienstag, 14. Dezember 2010

Lawinen: Nichts ist


fix, aber alles möglich
Die Prognose eines L awinenab gangs ist ein komplexes G eflecht aus ver schie -
denen Parametern. G enau vorher zusagen, wann eine L awine losgeht und wie
groß sie wird, ist nach Einschät zung von Wolfgang Fellin äußer st schwierig.

Die Lawinenforschung hat


Fortschritte gemacht, eine
exakte Prognose ist und
bleibt dennoch ein schwie-
riges Unterfangen.
„Eine Lawine exakt voraus-
zusagen ist nahezu unmög-
lich“, erläutert der außeror-
dentliche Professor für Geo-
technik und Tunnelbau Wolfgang
Fellin. „Bei der Lawinenbeurteilung
müssen sehr viele Faktoren mitein-
bezogen werden. Um zum Beispiel
einen Gefahrenzonenplan zu er-
stellen, werden Prognosen mit ver-
schiedenen Berechnungsmodellen
durchgeführt und dann geht man
noch ins Gelände und macht sich
schlau, was überhaupt möglich ist.
Gibt es stumme Zeugen, wie zum
Beispiel Totholz? Wie schauen die
Bäume aus? Man liest in Chro-
niken nach und führt Befragungen
durch. So erhält man in Summe
mögliche Gefahrenszenarien. Auf
eine Berechnung alleine stützt man
sich nicht, da diese wegen der not-
wendigen Vereinfachnungen und
Unsicherheiten der Eingangsdaten
nicht exakt ist.“ Dennoch ver-
suche man diesen, zumindest mit
exakteren Berechnungen immer
näher zu kommen. Gehe es doch
auch darum, Schneemassen so zu
berechnen, dass herausgefunden
werden kann, wieviel Schnee über-
haupt anbrechen könnte.
Schnee ist nicht homogen
„Von der Schneemasse allein
hängt aber ein Lawinenabgang
nicht ab, sondern vor allem auch
vom Aufbau der Schneedecke. Ei-
ne Schneedecke ist kein homo-
gener Körper, zwischen den ein-
Je nach Typ erreicht eine Lawine eine Geschwindigkeit von 10 bis über 300 Stundenkilometer und einen zelnen Schneefällen passiert ja
Druck von 1000 Tonnen pro Quadratmeter. Foto: Dan Lund immer etwas mit dem Schnee. Er
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zur pErson

Wolfgang fEllin

W olfgang Fellin, gebo-


ren 1966 in Innsbruck,
studierte Bauningenieurwe-
sen, vertiefend die Bereiche
Grundbau, Wasserwirtschaft
und Wasserbau. Neben seiner
Tätigkeit am Arbeitsbereich
für Geotechnik und Tunnel-
bau der Universtät Innsbruck
engagiert sich Fellin in der
Lawinenforschung wie etwa
bei einem Projekt im Wat-
lawinensprengungen sind keine hundertprozentigen gefahrenverhinderer. Foto: D. Stiplovsek tental, das mit Laserscannern
die Schneemenge eines Lawi-
nenabgangs nachstellte. Sei-
ändert sich und diese Änderung ist wenig Schnee nicht unbedingt werden können – und zwar mit al- ne Forschungsschwerpunkte
sehr komplex und kann dazu füh- gut, da es sich um ein irrsinnig len Parametern wie Hangneigung, umfassen Rütteldruckverdich-
ren, dass die Schneedecke – auch komplexes Wechselspiel handelt. Hangexposition, meteorologische tung, Zeitintegration und nu-
wenn sie lediglich 30 Zentimeter Deshalb ist es sehr schwierig, im Daten, Schneedeckenaufbau und merische Implementierung
dick ist – instabil sein kann“, erklärt Voraus zu wissen, was passieren so weiter. Dieses Verfahren lebt von geotechnischen Materi-
Fellin, und weiter: „Viel Schnee ist wird. Genau zu sagen, wann eine davon, dass man auf gute Daten- almodellen, Zuverlässigkeits-
also nicht unbedingt schlecht und banken und Beobachtungen zu- theorie, Schnee- und Eisme-
rückgreifen kann und ist vor allem chanik.
«Meiner Erfahrung nach ist in Skigebieten, wo man eben viel
man noch relativ weit davon beobachten kann, nicht schlecht.“
entfernt, eine Jahresprogno- Letztlich verlässt man sich in Ös-
terreich auf eine Mischung aus Restrisiko kann aber durch verant-
se stellen zu können.» historischem Wissen, Statistiken, wortungsvolle, fachgerechte und
Wolfgang Fellin Foto: Fellin Berechnungsmodellen und Er- umfassende Prognosen auf ein ak-
fahrung. „Ein gewisses Restrisiko zeptables Minimum reduziert wer-
Lawine losgeht, wie groß sie dann gibt es aber immer. Man kann es den“, schließt Fellin ab.
wirklich ist, ist extrem schwierig – nie ganz genau voraussagen. Das patrizia.pichler@tt.com
meiner persönlichen Einschätzung
nach derzeit beinahe unmög-
lich.“ Deshalb arbeiten laut Fellin
Lawinenexperten sehr oft mit
„worst-case-Szenarien“, um sich
Wortherkunft und Lawinenarten
damit auseinander zu setzen, was
schlimmstenfalls passieren könnte.
„Das funktioniert im Gegensatz zu
D as Wort Lawine leitet sich aus dem Lateinischen für „rutschen,
gleiten“ ab. Zunächst übernahmen die Alemannen der Schwei-
zer Kantone Uri oder Glarus den Ausdruck von den damals noch dort
Prognosen von Einzelereignissen lebenden Romanen als Láui oder Láuine, Láuene, was sich dann in der
relativ gut.“ Auch wiederkehrende ganzen Deutschschweiz verbreitete. Erst im späten 18. Jahrhundert
Gefahrenmuster werden in die Be- wurde der Ausdruck durch Reiseliteratur und vor allem durch Fried-
obachtungsdaten miteingeplant. rich Schillers Wilhelm Tell im übrigen deutschen Sprachraum bekannt
gemacht, wobei die Betonung des unbekannten Wortes auf die vor-
Spezielle Modelle letzte Silbe verlegt wurde.
„Die nearest-neighbourhood
Modelle versuchen, Situationen
in der Vergangenheit zu finden,
die möglichst mit einer entspre-
G rundsätzlich unterscheidet man Schneelawinen aufgrund ihres An-
bruches in Schneebretter und Lockerschneelawinen. Diese können
dann als Fließ- oder Staublawinen zu Tal gehen oder als Mischformen.
oft missachtet: Warnschilder. Foto: Böhm chenden Jetzt-Situation assoziiert
18 Dienstag, 14. Dezember 2010

Verehrt, verlacht,
verstümmelt
Da s Ka stratentum i st ein dunkle s Kap itel d er europäi schen Mu sikge -
schichte. Tau send e K nab en wur den ver stümmelt , um ihnen eine groß e
G e sang skarriere zu ermö glichen. I n d en mei sten Fällen g elang die s nicht .

In Kirchen und Opern er-


klangen ihre fabelhaften
Stimmen. Aber auch auf
Jahrmärkten oder in der
Prostitution konnte man
Kastraten finden.

Bereits im Altertum wusste


man um die stimmverändernde
Wirkung der Kastration. Erste
Nachweise gibt es bereits aus
dem 3. Jahrhundert nach Chris-
tus. Im 4. Jahrhundert sangen die
ersten Kastraten in den Chören
der Ostkirche. Im 12. Jahrhun-
dert schließlich lauschte man ih-
nen auch in den regulären Chör-
en Konstantinopels.
Kastraten in der Oper
Das Aufkommen der höfischen
Kultur und der Oper verhalf dem
Kastratentum im ausklingenden
16. Jahrhundert zu seiner Blüte.
„Ab 1556 finden sich Spuren in
den Akten der Höfe von Ferrara

Gaetano Baerenstadt, Francesca Cuzzoni und Senesino (l.) in einer Szene aus Händels „Flavio“. F.:public domain

und Mantua, deren Herrscher sich wöhnlich lang, der Stimmklang tertausch perfekt machen“, er-
um die Anstellung von Kastraten konnte an- und abschwellen. Ihre klärt Fink die Faszination, die von
für die Ausführung anspruchs- Geschlechtslosigkeit verlieh ihnen diesen Menschen ausging.
voller vokaler Kammermusik be- männliche und weibliche Merk-
mühten“, berichtet Musikwissen- Einsatz im Vatikan
schaftlerin Monika Fink. Ab 1599 singen die ersten offi-
„Besonders beliebt waren die «Mit der künstlichen Stim- ziellen Kastraten auch im Chor der
Stimmen der Kastraten in der me der Kastraten trieb man Sixtinischen Kapelle. „Der Grund
Ende des 16. Jahrhunderts ent- die Künstlichkeit der Oper für den Einsatz von Kastraten ist
stehenden Oper. Mit der artifizi- zumindest für den Raum der Kir-
ellen Stimme der Kastraten, die es auf die Spitze.» che auf das Verbot der Mitwir-
in der Natur so nicht gab, trieb Monika Fink kung von Frauen im Kirchenge-
man die Künstlichkeit der Oper sang zurückzuführen“, führt Fink
auf die Spitze“, erklärt Fink. „Die male. Darüber hinaus hatten sie aus. Papst Clemens XI. bekräftigte
Kastraten hatten eine jahrelange, manchmal eine geradezu kind- im 18. Jahrhundert dieses Verbot
Farinelli (1705-1782) war der be- harte Ausbildung hinter sich brin- liche Stimme. Sie konnten den in von Sixtus V. mit der Begrün-
rühmteste Kastrat. gen müssen. Ihr Atem war unge- der Oper so beliebten Geschlech- dung, „dass keine Weibsperson
Dienstag, 14. Dezember 2010 19

bei hoher Strafe Musik aus Vorsatz Risikos waren Kastrationen keine
lernen solle, um sich als Sängerin Einzelfälle. Voltaire kolportiert in
gebrauchen zu lassen.“ seinem Roman „Candide“, dass
So beschäftigte der Vatikan allein in Neapel jährlich 3000
Kastraten bis ins 20. Jahrhundert Knaben kastriert wurden. Die tat-
hinein. Alessandro Moreschi, der sächlichen Zahlen lassen sich aber
letzte bekannte Kastrat, stand bis nur schätzen, da der Eingriff offizi-
1913 in den Diensten des Papstes. ell verboten war.
Von ihm existieren Tondoku- Viele Kastraten, denen die
mente, die seine Stimme jedoch große Karriere verwehrt blieb,
nur unzureichend wiedergeben. verdienten ihren Lebensunter-
Die Aufnahmen sind schlecht, zu- halt als Kirchenmusiker. Doch der
dem war Moreschi zum Zeitpunkt Großteil schlug sich eher schlecht
der Aufzeichnung schon älter und durchs Leben. Sie wurden zu Stra-
hatte seinen Zenit deutlich über-
schritten. Vereinzelt wird berich-
tet, dass auch Domenico Mancini,
«Die berühmtesten Kast-
der erst 1959 in Ruhestand trat, raten zählten zu den Spit-
ein Kastrat war. Er selbst betonte zenverdienern im opern-
jedoch stets, nur mit Falsett-Stim-
me zu singen. Metier.»
Monika Fink
Ärmliche Herkunft William Hogarth, A Rake‘s Progress, 1734: In einer Satire nahm Ma-
Die meisten Kastraten ßenmusikern, Attraktionen auf ler Hogath dem Kult um den „primo uomo“, vermutlich Farinelli, aufs
stammten aus armen Familien. Jahrmärkten oder gingen in die Korn. Eine lange Liste reiht wertvolle Geschenke auf, die dem Sänger
Ihre Eltern hofften, dem eigenen Prostitution. für einen einzigen Auftritt überreicht wurden.
Sohn und der gesamten Fami-
lie durch die Kastration ein Le- Hohe Gagen Aber auch Farinelli wurde mit Eh- ratentums war Ende des 18. Jahr-
ben in Reichtum zu verschaffen. Zirka 250 Kastraten sind heu- rungen und Geschenken nur so hunderts aufgrund des gesell-
Meist wusste man bei den Kna- te namentlich bekannt. Einigen überschüttet. Vor allem bei sei- schaftlichen und ästhetischen
ben jedoch noch nicht, wie sich wenigen von ihnen gelang der nen Auftritten in London löste er Wandels und des hiermit verbun-
ihre Stimme entwickelte. So wur- Sprung an die großen Opernhäu- die schiere Hysterie des Publikums denen Wandels der Opernstoffe
de nicht jeder Kastrat ein guter ser. Sie wurden zu umjubelten aus. Die detailliert überlieferten sowie des Aufstieges der Männer-
Sänger und damit war auch der Stars mit hohen Gagen. „Der be- Jahresgagen der Dresdner Musi- stimmen vergangen.
Traum vom Reichtum geplatzt. rühmteste Kastrat war wohl Fari- ker des Jahres 1719 geben wei- christina.vogt@tt.com
Zunächst galt es aber, den Ein- nelli. Er gehörte zu den Spitzen- tere Auskunft über das Einkom-
griff und seine Folgen zu überle- verdienern im Opern-Metier“, er- men der Kastraten. „Francesco
ben. „70 bis 80 Prozent der Kna- klärt Fink. Zu den höchstdotierten Bernardi, einer der insgesamt drei zuR PERSon
ben starben an den Folgen des zählte neben Farinelli auch Caf- unter dem Pseudonym Senesino
barbarischen Eingriffs“, berichtet farelli, der im Gegensatz zu Fari- bekannt gewordenen Kastraten,
Monika Fink. Denn die hygie- nelli aber als launenhaft, arrogant erhielt um ein Drittel mehr Ga-
nischen Bedingungen waren ka- und zänkisch beschrieben wurde. ge als die Primadonna der italie-
tastrophal. Doch trotz des hohen Dies brachte ihm den Spitzna- nischen Oper“, berichtet Fink.
men „Capriccioso Caffarelli“ ein.
Seiner Beliebtheit tat das offen- Ende des Kastratentums
Wie Kastration bar keinen Abbruch. Er erhielt
im Jahr 1740 in Venedig mit 700
Die Ausbildung von Kastraten
war in Europa ein auf Italien be-
verändert Zechinen für einen einzigen Auf-
tritt die höchste Einzelgage, die
schränktes Phänomen. Und auch
nicht alle umjubelten ihre überir-
MonIKA FInK

K astraten nennt man Män-


ner, die vor Einsetzen der
Pubertät kastriert wurden. Dies
ein Sänger bisher erhalten hatte. dischen Stimmen. Der Maler und
Grafiker William Hogarth nahm
sich den Kult um Farinelli zum
Kennerin
verhinderte, dass während der
wichtigen pubertären Entwick-
lungsphase die sekundären Ge-
Anlass für eine Satire. Auch in der
Musikliteratur finden sich kritische
Stimmen. Der Musiktheoreti-
der Musik
schlechtsmerkmale ausgeprägt
wurden, da der Testosteron-
spiegel zu niedrig war. Entschei-
ker Giovanni Battista Doni stell-
te 1647 fest, dass die weibliche
Stimme sehr viel schöner sei als
M onika Fink ist Leiterin
des Instituts für Mu-
sikwissenschaft der Philoso-
dend war jedoch, dass den Kast- die eines Kastraten. Und Ludovi- phisch-Historischen Fakultät.
raten eine hohe, knabenhafte co Muratori übte 1706 in seinen Ihre Schwerpunkte in Lehre
Stimme erhalten blieb, da kein Traktaten Kritik am künstlichen und Forschung liegen in der
Stimmbruch einsetzte. Außer- Klang der Stimmen. Programmmusik, Klavier-
dem wurde das Längenwachs- Naturgemäß hatte insgesamt musik, historischer Tanzfor-
tum nicht rechtzeitig gestoppt. die Kritik am Kastratengesang in schung und Sozialgeschichte.
Viele Kastraten waren also Rie- dem Maße an Heftigkeit zuge- Letzteres hat sie auch dazu
sen. Im fortgeschrittenen Alter nommen, in welchem sich die bewogen, sich näher mit der
neigten sie zur Leibesfülle. Auch ein Spitzenverdiener: Sene- Gedanken der Aufklärung durch- sozialen Stellung von Kastra-
sino (1690-1759). setzten. Die Blütezeit des Kast- ten zu beschäftigen.
20 Dienstag, 14. Dezember 2010

Eine Goldmine im Kongo: Die Arbeitsbedingungen vieler Afrikaner sind in Europa unvorstellbar. Foto: AP

Vergebene Chancen für


verlorenen Kontinent
Afrika s B ilanz nach fünf zig Jahren Unab hängigkeit sp ie g elt keine Er folg s -
g e schichte wid er. D ie koloniale Vergang enheit trägt dab ei ab er nicht
alleine die Schul d an d er wenig er freulichen Situation.
Von der Situation in Afrika Reißbrett gezogenen Staatsgren- turen und auf die Hauptstädte be- Auch die Wirtschaft wollte man
profitiert vor allem der rei- zen aber ohne Bevölkerung, die schränkte Staatsgewalt machten voranbringen“, erklärt Spielbüch-
sich als „Staatsvolk“ fühlte. „Die einen Neuanfang problematisch. ler. Das Ergebnis fünfzig Jahre
che Norden. Ohne fairen Menschen identifizierten sich Dennoch verfolgten die afrika- später ist ernüchternd: „Man hat
Handel schafft der Konti- über ethnische Gruppenzuge- nischen Regierungen zu diesem das Ziel bis auf ganz wenige Aus-
nent den Anschluss nicht. hörigkeit – früher oft ‚Stämme’ Zeitpunkt ein gemeinsames Ziel: nahmen nicht erreicht“, bilanziert
genannt. Staaten als Basis eines Sie wollten die Modernisierung, der Historiker. „22 der 53 Staaten
Vor fünfzig Jahren verließen Wir-Gefühls spielten keine große die Angleichung an das reiche gelten heute als gescheitert oder
Frankreich und Großbritannien Rolle“, bringt es der Afrika-Ex- Europa. „Die Staatschefs ver- stark gefährdet, zu scheitern. Sie
17 afrikanische Kolonien. Zurück perte Thomas Spielbüchler auf suchten, die Gesellschaft und das können die Grundfunktionen
blieben „Rumpfstaaten“ mit am den Punkt. Schwache Staatsstruk- politische System zu stabilisieren. eines Staates nicht mehr erfüllen.“
Dienstag, 14. Dezember 2010 21

Afrika blickt heute auf eine Reihe Land mitverantwortlich zu ma-


gewaltsamer Ausschreitungen zu- chen. Nelson Mandela erinnerte
rück, die viele Menschenleben for- 1994 auf dem OAU-Gipfel in Tu-
derten: darunter der Völkermord nis an die afrikanische Selbstver-
in Ruanda, die Kongokriege oder antwortung. Sinngemäß erklärte
jüngst die Krise in Darfur. Die afri- er: „Wenn wir verantwortlich für
kanischen Regierungen waren in unsere Zukunft sein wollen, müs-
den letzten fünfzig Jahren vielfach sen wir auch Verantwortung für
nicht demokratisch legitimiert, die Gegenwart und vergangene
es gab über dreihundert Putsche Fehler übernehmen. Und wir wol-
oder Putschversuche. Und die len verantwortlich für die Zukunft
Spirale drehte sich immer weiter. sein und der Welt zeigen, dass
„Löste ein neuer Staatschef die al- Afrika es schaffen kann.“
te Regierung ab, musste er selbst
einen Umsturz fürchten. Der Unfaire Bedingungen
Machterhalt war also meist nur Man darf auch die Rahmenbe-
über Repressionen zu sichern“, dingungen, unter denen Afrika
erläutert Spielbüchler. „Zwar gab wirtschaftete, nicht außer Acht Eine Frau vor einem verunstalteten Wahlplakat in Südafrika: Das Ver-
es in der afrikanischen Geschichte lassen. Denn neben der Geschich- trauen vieler Afrikaner in die Regierung ist gering. Foto: EPA
auch positive Beispiele wie Julius te, Kolonialisierung, Ausbeutung
Nyerere oder Leopold Senghor. und Sklaverei, die heute nicht Erbes. Die Pessimisten verweisen pass der Zeithistoriker spiegelte
Tansania oder Senegal geht es mehr beeinflusst werden kann, ist hingegen auf die verschenkten den Ost-West-Konflikt wider, Inns-
aber heute nicht wirklich besser Afrika noch immer ein Spielball Jahrzehnte. Ihrer Meinung nach bruck hat als erstes Institut in
externer Interessen. Nicht nur die wiegen vereinzelte positive Ent- Österreich auf die Änderung zu
«Verantwortungsvolle ehemaligen Kolonialmächte ver- wicklungen die Grundtendenz Nord-Süd reagiert“, erklärt Spiel-
suchen, ihre Interessen im Land nicht auf. Der Soziologe und Au- büchler. Ein Vorsprung, den man
politik, good governance, zu wahren. Dabei geht es in erster tor Jean Ziegler drückte die Situa- nun wahrscheinlich wieder aufge-
konnte nur im Rahmen der Linie um Rohstoffe, aber auch um tion bereits vor 20 Jahren so aus: ben muss, denn wenn sein Ver-
möglichkeiten betrieben Wasser, Land und Energie. Und in „Afrika verschwindet, wie ein Floß trag demnächst ausläuft, könnte
diesem Punkt machten die Mäch- in der Nacht, von den Radarschir- wohl auch die zeitgeschichtliche
werden.» tigen des Nordens in der Vergan- men der Welt.“ Afrikaforschung in Innsbruck zum
Thomas Spielbüchler genheit oft mit den Mächtigen Erliegen kommen.
des Südens gemeinsame Sache. Sinnvolle Hilfe christina.vogt@tt.com
als vielen ihrer Nachbarstaaten. Was im Norden „Interessenssi- Die Situation in Afrika ist teuer.
Verantwortungsvolle Politik, good cherung“ hieß, wurde im Süden Große Summen für die zuR pERSon
governance, konnte nur im Rah- zu „Kleptokratie“. „Eliten im Sü- Entwicklungshilfe fließen in das
men der Möglichkeiten betrieben den haben sich zusammen mit Land. 75 Prozent der Mittel für
werden“, führt er weiter aus. den Eliten im Norden auf Kosten UN-Blauhelm-Einsätze gehen nach
Afrika. Eine EU-geführte Flotte
Frage der Schuld kreuzt vor der Küste von Somalia,
Und hier knüpft die Schuldfra- «Eliten im Süden haben sich um die Piraterie einzudämmen.
ge an. Natürlich war die koloni- zusammen mit den Eliten im „Dabei sagen auch afrikanische
ale Vergangenheit ein schweres norden auf Kosten der mas- Experten, dass der Kontinent keine
Erbe. Doch für die Misswirtschaft Entwicklungshilfe benötigte, wenn
der meisten Staaten, und beson- sen im Süden bereichert.» die Rahmenbedingungen fair ThomAS SpiElbüchlER
ders für die verantwortungslose Thomas Spielbüchler wären“, berichtet Spielbüchler.

Der Experte
Regierungsführung in den letzten
Jahrzehnten, sind Spitzenpolitiker der Massen im Süden bereichert“, Bedeutung für Österreich
und ranghohe Militärs im eigenen fasst Thomas Spielbüchler zusam- Welche Bedeutung hat dieser
men. „Chancen wurden verge-
ben und Afrika bekam das Image
eines ‚verlorenen Kontinents‘.“
Kontinent nun für Österreich?
„Vernetzung und Globalisierung
bedeutet nicht nur grenzenlose
für Afrika
Afrika: 50 Jahre
Dekolonialisierung
Zwei Lager
Dennoch beurteilen Forscher
Kommunikation und billige Ur-
laubsflüge. Dies bedeutet auch,
dass wir direkt in Verbindung ste-
S eit 2007 lehrt und forscht
Thomas Spielbüchler am
Institut für Zeitgeschichte an
die afrikanische Situation völlig hen zu Vorgängen tausende Ki- der Universität Innsbruck.

B eleuchtet man das Jubiläum


„50 Jahre Dekolonialisierung
Afrikas“ genauer, so stellt man
unterschiedlich und es ist ein re-
gelrechter Streit zwischen Afro-
Optimisten und Afro-Pessimisten
lometer weiter im Süden. Afrika
ist ein sehr reicher Kontinent und
beherbergt Rohstoffe und Res-
Sein Forschungsschwerpunkt
dreht sich rund um das The-
ma Afrika – von der Entkolo-
fest, dass dieses Bild nicht ganz entbrannt. Die Kritiker, Afro-Op- sourcen, die man in den indust- nialisierung über Konflikte bis
stimmt. Zwar war das Jahr 1960 timisten, verurteilen den Pessi- rialisierten Ländern braucht“, er- zur Zeit des Kalten Krieges
der Höhepunkt der Entkolonia- mismus als Verleugnen der Fort- klärt Spielbüchler. Daher sei auch und seinen Auswirkungen auf
lisierungswelle, doch wurden schritte in Afrika. Sie betonen die die heimische Afrika-Forschung den Kontinent. Forschungs-
nur 17 Staaten wirklich entko- positiven Entwicklungen in einzel- von Bedeutung. Das Institut für und Rechercheaufenthalte
lonialisiert. 28 weitere blieben nen Staaten trotz der nachteiligen Zeitgeschichte in Innsbruck hat führten ihn u. a. in die USA,
noch einige Zeit unter kolonia- strukturellen Rahmenbedingun- früh versucht, dieses in Österrei- nach Angola, Südafrika und
ler Kontrolle. gen (Globalisierung, Wirtschaft) ch vernachlässigte Themenfeld zu den Sudan.
und des schweren kolonialen besetzen. „Der klassische Kom-
22 Dienstag, 14. Dezember 2010

Symposium
über Haiti „Oskars“ für engagierte
Hochschullehrer
„Vergessenes Land zwischen
Europa und den Amerikas?“ Un-
ter diesem Titel beschäftigte sich
Anfang Dezember ein internatio-
nales Symposium an der Uni Inns- Mit Lehreplus! honoriert
bruck mit Haiti. Ziel war es, die
vielfältige und reiche Kultur Hai- das Vizerektorat für Lehre
tis abseits der Katastrophen dar- und Studierende der Uni
zustellen, aber auch Haitis aktu- Innsbruck alle zwei Jahre
elle Situation zu beleuchten. Als
besonders herausragende
SprecherInnen konnten namhafte
VertreterInnen des Landes und re- Initiativen im Rahmen des
nommierte WissenschaftlerInnen regulären Lehrbetriebs.
gewonnen werden. Veranstaltet
wurde das Symposium vom Zent- Mit universitärer Lehre werden
rum für Kanadastudien gemein- derzeit insbesondere überfüllte
sam mit dem Zentrum für Intera- Hörsäle und schlechte Betreu-
merikanische Studien, dem Frank- ungsverhältnisse assoziiert. Dem-
reichschwerpunkt und Südwind. gegenüber stehen jedoch zahl-
reiche Lehrende, die der Situation Laudator Prof. Wolfgang Stadler, Vizerektorin Margret Friedrich, Preisträge-
mit überdurchschnittlichem Enga- rin Muyrel Derlon und Laudatorin Rosmarie Geißler. Foto: Eva Fessler
gement, Begeisterung und inno-
vativen Lehrmethoden begegnen. von Fakultätsstudienleiterinnen Hubert Huppertz wurde für seine
„Gerade in Zeiten wie diesen sind und -leitern. Eine Fachjury ent- anschaulichen, experimentreichen
engagierte Lehrende ein unbe- schied schließlich über die Gewin- Chemie-Lehrveranstaltungen aus-
zahlbarer Schatz. Mit Lehreplus! nerinnen und Gewinner, die im gezeichnet, bei denen er mit un-
wollen wir ein Zeichen der Dank- Rahmen der Verleihung bekannt zähligen Knalleffekten Aha-Erleb-
barkeit und Anerkennung setzen“, gegeben wurden. nisse bei seinen Studierenden er-
erklärt Margret Friedrich, Vizerek- In diesem Jahr gingen die zeugt. Muryel Derlon erhielt den
torin für Lehre und Studierende an Hauptpreise an o. Univ.-Prof. Lehreplus!-Award für ihre umfang-
der Universität Innsbruck. Dipl.-Chem. Dr. Hubert Huppertz reichen Übersetzungsprojekte, bei
Die Vorschläge für die Nomi- von der Fakultät für Chemie und denen Studierende u. a. Audio-
nierungen kamen von Studieren- Pharmazie und an Frau Lic. Mu- guidetexte für das Kunsthistorische
Eine Tagung beleuchtete u. a. Hai- denvertreterinnen und -vertretern, ryel Derlon von der Philologisch- Museum oder Schloss Ambras ins
tis Kultur. Foto: Alphonse, Fritzner. Blue Dekaninnen und Dekanen sowie Kulturwissenschaftliche Fakultät. Französische übersetzten.
Beauty. 1990 (Ausschnitt). www.HaitianArt.com

Anerkennung für
Nobelpreisträger
Frauenforschung
sprach an der Uni Dr. Alexandra Weiss vom Bü-
Am 28. und 29. Oktober war ro für Gleichstellung und Gender
der Physik-Nobelpreisträger des Studies der Universität Innsbruck
Jahres 2001, Wolfgang Ketterle, wurde Ende Oktober mit dem
für zwei Tage zu Gast in Tirol. In Käthe-Leichter-Preis für Frauenfor-
einem öffentlichen Vortrag an der schung, Geschlechterforschung
Universität Innsbruck berichtete und Gleichstellung in der Arbeits-
er über neue Formen von ultrakal- welt ausgezeichnet.
ter Materie. Im Rahmen des Jun- Der Preis wird in Geden-
gen Industrieforums diskutierte er ken an die Nationalökonomin
dann am darauf folgenden Tag
mit mehr als 500 Schülerinnen
Auszeichnung für Rolf Steininger Käthe Leichter für hervorragende
Leistungen um die Frauen- und
und Schülern und versuchte da- Em.o.Univ.-Prof. Dr. Rolf Steininger, Gründer und langjähriger Leiter des Geschlechterforschung im Bereich
bei, sie für die Technik und Natur- Instituts für Zeitgeschichte, wurde am 30. November mit dem Tiroler Lan- der Sozial-, Geistes- und Kultur-
wissenschaften zu begeistern. despreis für Wissenschaft 2010 ausgezeichnet; Priv.Doz. Dr. Dirk Rupnow wissenschaften wie auch um die
Wolfang Ketterle war einer und Dr. Hüseyin Cicek erhielten den Förderpreis. Laudatorin und Jurymit- Frauenbewegung sowie die Her-
Einladung des Institut für Quan- glied Univ.-Prof. Petra Schmidt-Braselmann hob Steiningers internationales stellung von Geschlechtergerech-
tenoptik und Quanteninforma- Standing, seine außerordentlichen Verdienste um die Uni Innsbruck, seine tigkeit verliehen.
tion (kurz IQOQI) gefolgt, das Medienpräsenz, insbesondere aber die Themen seiner Forschung und den Alexandra Weiss erhielt den
gemeinsam mit der Industriellen- „voll umfänglich garantierten“ Tirolbezug seiner Arbeit hervor. Im Bild Lan- von der Arbeiterkammer Wien ge-
vereinigung Tirol den Nobelpreis- desrätin Beate Palfrader mit den Preisträgern Dirk Rupnow, Rolf Steininger stifteten Preis für ihre im Bereich
träger nach Innsbruck gebeten und Hüseyin Cicek (von links). Foto: Land Tirol/Sidon der Frauen- und Geschlechterfor-
hatte. schung geleisteten Arbeiten.
Dienstag, 14. Dezember 2010 23

Moderne Die Idee vom


Mythen „guten Leben“
Was können die Kirchen, was
Das Europäische Forum Alp- können die Religionen zum guten
bach und die Gedächtnisstiftung Leben möglichst aller beitragen?
Peter Kaiser luden von 10. bis 12. Dieser Frage gingen internationa-
November zur Tagung „Neue le ExpertInnen in einem vom Ins-
Mythen in Kultur und Wirtschaft“ titut für Praktische Theologie der
an die Uni Innsbruck ein. Was ver- Uni Innsbruck veranstalten Sym-
raten die aktuellen Mythen über posium Mitte November nach.
unsere Sehnsüchte, Wünsche und Als Hauptreferent konnte der
Befindlichkeiten? Wer gilt in un- brasilianische Missionswissen-
serer Gesellschaft als Heldin oder schaftler Paulo Suess gewonnen
Held, und warum? Wen wollen wir werden, der das rechte und gu-
verehren, wie wollen wir sein, und te Leben aller als keine natürliche
welchen „Märchen“ hören wir Gegebenheit bezeichnete, son-
gerne zu? So lauteten die Leitfra- dern als eine „kulturelle Konstruk-
gen des dreitägigen Symposiums,
die renommierte Referentinnen
Wissen schafft Zukunft tion.“ Inmitten einer Situation,
die von globaler Unübersichtlich-
und Referenten unter anderem Unter dem Motto „Zukunftswelten“ veranstaltete die Junge Uni Innsbruck keit und Ratlosigkeit gekennzeich-
auch prominente Persönlichkeiten in diesem Jahr ihren 8. Aktionstag. Über 2000 Schülerinnen und Schüler aus net sei, schien ihm das Paradigma
wie Fernsehmoderatorin Barbara ganz Tirol und auch Südtirol bekamen am 5. November die Möglichkeit, „sumak kawasay“ (gut leben), das
Stöckl oder Sportdirektor Markus Forschung und Wissenschaft hautnah zu erleben. Das Programm führte quer – aus der andinen Vorstellungs-
Prock beschäftigten. Rund 260 durch alle Wissenschaftsdisziplinen: So verblüfften unter anderem die Physi- welt der Aymara und Ketschua
interessierte Besucherinnen und ker mit erstaunlichen Experimenten, Biologen untersuchten das Wasser von stammend – in die Verfassungen
Besucher nahmen an den Dis- Bergseen und der Linguistische Arbeitskreis der Uni lud die die BesucherIn- Boliviens und Ekuadors eingegan-
kussionspanels teil, darunter zahl- nen zu Minisprachkursen in Sprachen wie Russisch, Französisch, Türkisch gen ist, ein Hoffnungsstreifen am
reiche Studierende. oder Koreanisch. Foto: Uni Innsbruck Horizont zu sein. Diese Vorstel-
lung vom „guten Leben“ ruht
auf der Grundlage von kultureller
Verschiedenheit und sozialer Ge-

Universität begrüßte
rechtigkeit.

Zentrum für
Neuberufene Markenforschung
Am 2. Dezember eröffnete die
Uni Innsbruck gemeinsam mit
Mit einem akademischen der D. Swarovski KG das neue
Festakt begrüßte die Uni- Forschungszentrum „Brand Re-
versität Innsbruck im Ok- search Laboratory” am Institut
für Strategisches Management,
tober ihre insgesamt 21 im Marketing und Tourismus der Uni
vergangenen Studienjahr Innsbruck mit einem Vortrag des
neu berufenen Professo- Swarovski Gastprofessors Sidney
rinnen und Professoren. J. Levy, einem der weltweit re-
nommiertesten Markenforscher.
Zu den neuen ProfessorInnen Ziel des neuen von der D. Swa-
kommen neun Berufungen von rovski KG gestifteten Forschungs-
Universitätsdozentinnen und -do- zentrums ist es, das internationa-
zenten, die auf Grund einer No- Im Rahmen eines Festaktes begrüßte die Universität ihre neuberufe- le Wissen über Marken weiter zu
velle des Universitätsgesetzes in nen Professorinnen und Professoren. Foto: Eva Fessler entwickeln und über die universi-
die Professorenschaft aufgenom- tären Grenzen hinaus in der Regi-
men werden konnten. „Wir haben Rahmen der Novelle möglichen len wurden bereits eingerichtet. on zu verbreiten. In jährlich sechs
die Zahl der Berufungen deutlich Aufwertung von Dozentinnen und Dieses ambitionierte Programm öffentlichen Vorträgen – den so
steigern können und dabei in der Dozenten einen sehr offensiven sei der einzige Weg, eine ohnehin genannten Brand Ventures – wer-
Qualität nicht nachgegeben“, be- Weg. Österreichweit führend ist schon leistungsstarke Universität den internationale Experten ein-
tonte Rektor Prof. Karlheinz Töch- die Universität auch bei den so ge- noch besser zu machen und die geladen, um über die neuesten
terle im Rahmen des Festaktes. nannten Qualifizierungsvereinba- Lehrqualität durch bessere Betreu- Erkenntnisse in verschiedenen
Dies sei in Zeiten von Sparpro- rungen, die jungen Wissenschaft- ungsverhältnisse zu optimieren. markenrelevanten Disziplinen
grammen und begrenzten Mitteln lerinnen und Wissenschaftlern im „Dies ist auch eine Vorgabe für zu sprechen und im Anschluss
nicht immer einfach. Die Universi- Rahmen von Laufbahnstellen den den Bund“, betonte der Rektor. in Workshops mit ausgewählten
tät geht aber sowohl bei den Neu- Aufstieg in die Professorenschaft „Wir strengen uns sehr an, unter- Studierenden und Praktikern zu
berufungen als auch bei der im ermöglichen. Über 100 solche Stel- stützt uns dabei tatkräftig!“ diskutieren.
ve ra n s t a l t u n g s t i p p s

14. Dezember, 20 Uhr von emeritierenden bzw. in den Univ.-Prof. Dr. Peter Miglus bis ins 20. Jahrhundert“
50 Jahre Innsbrucker Ruhestand tretenden Professo- von der Universität Heidelberg Ort: Saal University of New
Zeitungsarchiv (IZA) rInnen und DozentInnen stellt spricht über die archäologischen Orleans, Universitätshauptge-
Ein Abend mit Christa Gürtler, einen traditionellen Fixpunkt im Untersuchungen in Assur bäude, 1. Stock
Sigrid Löffler, Erika Wimmer, akademischen Jahr der Universi- Ort: Seminarraum 1, Zentrum
Markus Hatzer, Michael Klein, tät Innsbruck dar. für Alte Kulturen, Langer Weg 11 26. Jänner 2011, 18 Uhr
Stefan Neuhaus und Martin Ort: Aula, Universitätshauptge- Vortrag: „Reiche Zechen.
Sailer, an dem an die Anfänge bäude, 1. Stock 17. Jänner 2011, 9 Uhr Kulturelle Wandlungen der
des Innsbrucker Zeitungsarchivs Montagsfrühstück: Wirtschaft erzgebirgischen Bergbauregi-
erinnert wird. Im Rahmen einer 16. Dezember, ab 9 Uhr am Wendepunkt on im 20. Jahrhundert“
Podiumsdiskussion soll zudem Tagung: Die Unabhängigkeits- Welchen Stellenwert nimmt die PD Dr. Sönke Friedreich hält
die Bedeutung der Literaturkritk erklärung des Kosovo – Das vorherrschende Form des kapi- seinen Vortrag auf Einladung des
heute beleuchtet werden. Gutachten des IGH vom 22. Juli talistischen Wirtschaftens in un- Spezialforschungsbereichs HiMAT
Ort: Literaturhaus am Inn, Josef- 2010 und seine Auswirkungen serem Handeln und Denken ein (The History of Mining Activities
Hirn-Straße 5-7, 10. Stock auf das geltende Völkerrecht und macht diese Form langfristig in the Tyrol and Adjacent Areas)
Die einzelnen Vorträge finden überhaupt noch Sinn? Gespräch der Universität Innsbruck.
14. Dezember, 20.15 Uhr Sie unter: http://www.uibk.ac.at/ zwischen dem Schriftsteller und Ort: Seminarraum 52U109SR,
Vortrag: Ephesos in der events/2010/12/16/die-unabha- Unternehmer Ernst-Wilhelm GeiWi-Turm, 1. UG
Spätantike. Verwaltungssitz engigkeitserklaerung-des-kosovo Händler und dem Wirtschaftswis-
– Handelszentrum – Pilgerhei- Ort: Aula, Universitätshauptge- senschaftler Ekkehard Kappler. 27. Jänner 2011, 17 Uhr
ligtum bäude, 1. Stock Moderation: Herbert Salzmann. Semesterabschlussveran-
Priv.-Doz. Mag. Dr. Sabine Eine Kooperation zwischen Lite- staltung des EU-Projekt-
Ladstätter, die neue Direktorin 12. Jänner 2011, 18.30 Uhr raturhaus am Inn, Denkpanzer seminars VinoLingua
des Österreichischen Archäolo- Vortrag: Edoardo Winspeare und der Abteilung für Verglei- Neben der Vorstellung des
gischen Instituts und Leiterin der Der italienische Regisseur und chende Literaturwissenschaft der Projekts, bei dem Lehrmaterial
bedeutendsten österreichischen Filmautor spricht im Rahmen der Uni Innsbruck. für europäische Weinbauern
Auslandsgrabung in Ephesos, Ringvorlesung: „Das italienische Ort: Literaturhaus am Inn, Josef- entwickelt wird, und der Präsen-
hält auf Einladung des Instituts Kino lebt!“ zum Thema „ Il cine- Hirn-Straße 5, 10. Stock tation eines Projektfilmes findet
für Archäologien und der Archä- ma italiano lontano dal centro“. auch eine Weinverkostung statt.
ologischen Gesellschaft Inns- Weitere Termine und nähere 19. Jänner 2011, 18.30 Uhr Veranstaltet wird der Abend von
bruck einen Gastvortrag. Informationen: www.uibk.ac.at/ Vortrag: „Die große Angst“ Studierenden mit Hilfe von Prof.
Ort: Raiffeisensaal Innsbruck, italienzentrum/kultur/veranstal- und „Die falschen Nachrich- Dr. Eva Lavric und Dr. Angelo
Adamgasse 3/II, 6020 Innsbruck tungskalenderdeutsch.html ten“: Die Revolution von Pagliardini
Ort: Claudiasaal, Herzog-Fried- 1848/49 im Trentino. Ort: Italienzentrum der Uni-
14. Dezember, 15.30 Uhr rich-Straße 3/II Ein Vortrag von Marco Bella- versität Innsbruck, Claudiana,
Akademischer Festakt: barba (Universität Trient) im Herzog-Friedrich-Straße 3/II
Verabschiedung von 14. Jänner 2011, 18 Uhr Rahmen des Internationalen
Universitätsprofessoren Vortrag: Assur. Gott, Stadt, Graduiertenkollegs „Politische Weitere Veranstaltungen finden
Die feierliche Verabschiedung Staat. Kommunikation von der Antike Sie unter www.uibk.ac.at/events